/ Language: Deutsch / Genre:prose_contemporary

Einen bessern findst du nicht

Andreas Engermann


Einen bessern findst du nicht

Andreas Engermann

1963

Inhaltsverzeichnis

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Personen— und Ortsnamen sind da und dort geändert worden, jedoch wurde nichts geändert an der Lebensechtheit der Gestalten und an der Wahrheit der geschilderten Ereignisse.

1

Wir haben heute morgen die Abzüge unserer Gruppenaufnahme bekommen. Und jeder kann sich nun genau betrachten, wie er als feldmarschmäßiger Landser aussieht.

Wir sind auf dem Bild zu sehen mit geöffnetem Kragen und bis zum Ellenbogen aufgekrempelten Ärmeln, am Koppel tragen wir die Patronentaschen, die wir der Echtheit wegen, obwohl man es nicht sieht, mit scharfen Patronen gefüllt haben. Auch hängt da der Stahlhelm. An einem Jackenknopf ist die neue Taschenlampe zu sehen und darüber bei einigen Angebern ein neues Fernglas. Jeder hat am linken Handgelenk die Uhr. Und in der Hand haben wir das Gewehr mit langgemachtem Riemen.

Wir hausen seit einigen Tagen im Wirtschaftsgebäude eines großen Gutes in Ostpreußen. Die Latrinenparole von »großen Manövern« haben wir, ohne zu mucksen, gefressen.

Alle acht Männer auf dem Foto sind erst seit einigen Wochen eingezogen. Und wir haben allerhand hinter uns. Man hat uns ganz anständig gebügelt und geschliffen. Wir wissen natürlich, daß wir in den Krieg gegen Polen ziehen. Warum und wieso auf einmal, hat man uns auch gesagt. Der Leutnant hat bei den alten Germanen angefangen und uns auf Grund aller Jahrhunderte bewiesen, daß wir nun eben gegen Polen Krieg führen müssen. Klar, daß wir dazu weder ja noch nein sagen konnten. Innerlich vielleicht, wenn wir uns unsere eigenen Gedanken machten. Aber das nützt natürlich keinem etwas. Und außerdem hatten wir keine Zeit, eigenen Gedanken viel nachzuhängen. Wir wurden gehetzt wie Kaninchen, von einem Appell zum anderen und von einem Bandwurmmarsch zum anderen. Nun, wir machten uns alles so leicht als möglich. Wir waren unter uns ganz vergnügt, aber eigentlich nur unter uns.

Sonst war so eine Art ungemütliche Gewitterstimmung. Ein bißchen Krampf war in allem. Warum, weiß ich nicht.

Alle acht haben wir vor drei Jahren die Zweimonat-Ausbildung mitgemacht. Wir gehören also nicht zu einer aktiven Truppe. Aber das ist jetzt alles gleich, wir gehören zur Infanterie, und es wird gesagt, daß die Infanterie die Königin der Waffen sei. Wir können uns an den fünf Fingern abzählen, daß diesmal die Luftwaffe die Königin der Waffen ist. Klarer Fall.

Wir acht Mann verstehen uns vorzüglich.

Auf dem Gruppenbild stehen wir der Größe nach, und der kleinste von uns am linken Flügel ist der Matthias Krumbhaar. Ein Stöpsel. Aber ein Stöpsel mit Sprengstoff im Hintern. Er hat eine kohlrabenschwarze Haartolle, auf die der Spieß wild ist wie ein Amokläufer. Als wir den Krumbhaar kennenlernten, war die Tolle turmhoch und gerollt wie ein Wellblechdach, und bei seinem verrückten Haarwuchs standen auch seine Augenbrauen ab wie Husarenschnurrbärte aus dem Dreißigjährigen Krieg. Der Spieß hat Krumbhaar dann befohlen, seine Tolle auf ein »menschenwürdiges Augenmaß« zu kürzen. Daraufhin hat der Krumbhaar die Sache um die Hälfte gekürzt. Das war so gut wie gar nichts. Er ist Friseur in Dresden-Neustadt, und er geht lieber vors Kriegsgericht, als seine Reklametolle zu opfern. Er ist verheiratet und hat einen dreijährigen Sohn. Er ist nicht gern Soldat, und noch weniger gern zieht er in den Krieg. Aber er sagt, daß, wenn er schon Soldat sein muß, er kein schlechter sein will. Auf diesem Standpunkt stehen übrigens wir alle acht Mann. Der Krumbhaar hatte gerade in der Sandsteingasse sein neues Geschäft eingerichtet, vier Sessel für Herren, und einen Gehilfen und einen Lehrjungen, einen Damensalon mit zwei Sesseln, wo seine Frau allein bediente, da wurde er eingezogen. Wir mögen ihn gern. Er ist immer blitzsauber und in beständiger Aufregung über irgend etwas; natürlich rasiert und frisiert er uns, und schneidet unsere Haare, und seine Instrumente sind eine Sehenswürdigkeit. Er geht uns höchstens auf die Nerven, wenn er unsere Körperpflege bemängelt, und das tut er. Er redet, auch wenn nicht von Friseurdingen gesprochen wird, immer als Friseur mit uns. »Empfehle, über die Sache nachzudenken, der Herr«, sagt er, oder: »Der Spieß hat Haare in den Ohren, trägt der Herr von heute nicht.« Und so.

Der zweite von links auf unserem Gruppenbild ist Rolf Weinrich, Bäcker aus Andernach am schönen Rhein. Als wir zum ersten Male seine Riesenhände und seine dicken Armmuskeln sahen, dachten wir, nur keinen Krach mit dem da. Aber in Wirklichkeit ist er ziemlich schwächlich, wenn auch sein weißes Käsegesicht mit der Zeit braun wurde. Er sieht immer müde aus. Sein Mund schlappt tief herunter, seine scharfen Falten von der Nase zum Kinn hängen schlaff, auch das Kinn selber hängt immer ein bißchen, und sein dünner Mund steht immer ein bißchen offen. Er redet nicht viel, aber eigentlich könnte er am vergnügtesten und sorglosesten von uns allen sein, denn er läßt nichts zurück als seine Stellung in Andernach am schönen Rhein. Er hat keine Eltern, keine Frau, kein Kind, keine Braut und nichts. Daher kommt es wohl auch, daß er ein bißchen schmuddlig ist. Wir hatten es schnell heraus, daß er einfach nicht damit fertig wird, Soldat sein zu müssen und auch noch gegen Polen in den Krieg zu ziehen. Er sagt das alles ganz offen, wenn wir unter uns sind. Er sagt: »Hat dir vielleicht Polen etwas getan? Mir nicht. Na also.« Und er sagt, wir seien nichts weiter als Würmer, die »unterm Absatz zu Mus zermantscht« würden. Vielleicht ist es genauso. Aber es hat nur keinen Zweck, sich das immer vorzuheulen. Weinrich hat Hundeangst, zu fallen. Das ist die ganze Geschichte. Und wenn wir alle zusammen auch daran dächten, hätten auch wir alle acht, alle tausend und hunderttausend Mann Angst. In dieser Hinsicht geht uns Weinrich auf die Nerven.

Der dritte von links ist Kurtchen Zech. Auf den ersten Blick hat er tatsächlich das dümmste Gesicht unter uns, vorausgesetzt, daß ich nicht eventuell das dümmste habe und man mir das vorsichtshalber nicht sagt. Kurtchen hat eine enge und zu kleine Unterlippe, und die Oberlippe hängt gewaltig abwärts, und das gibt ihm ein schafsmäßiges Aussehen. Dazu hat er auch noch eine etwas schwere Zunge, und zuerst machte sich der Spieß ein Fressen daraus, sich als Privatvergnügen ellenlange Sätze (aus der Schießvorschrift zum Beispiel) von Kurtchen aufsagen zu lassen. Aber der Spieß war in diesem Fall kein Menschenkenner. Denn Kurtchen ist seines Zeichens, und wir haben alle gebrüllt, als wir es erfuhren, Kurtchen Zech ist Dr. phil. Kurt Zech. Privatdozent für orientalische Sprachen an der Universität Göttingen. Und er ist ein wahnsinniger Redner. Es braucht nur einer etwas von sich zu geben, was nicht genau stimmt, wie der Meier III kürzlidn, der behauptete, er habe den Jupiter im achten Haus und deshalb werde er niemals fallen, dann legt Kurtchen los und hält Vorträge. Und die Schießvorschriften, mit denen der Spieß ihn im Anfang komisch machen wollte, leierte Kurtchen herunter wie der Niagara. Kurtchen gefällt uns allen. Er ist der, der oben bleibt, wenn alles zum Kotzen aussieht. »Kommilitonen«, sagt er stets, »die innere Harmonie macht’s, darauf könnt ihr Gift nehmen. Und was die innere Harmonie ist, werdet ihr über kurz oder lang genau wissen.« Kurtchen Zech ist verlobt, und das ist seine einzige schwache Seite. Wenn ein Brief von ihr kommt, ist er stundenlang schief gelaunt.

Als vierter vom linken Flügel kommt jetzt Heinz-Otto Brügmann. Sein Vater ist Bankier in Stuttgart, und Heinz-Otto ging zu ihm ins Geschäft. Er hat die teuerste Extrauniform, die teuerste Extramütze, das teuerste Extrakoppel, die teuersten Extraschuhe, die teuerste Taschenlampe, das teuerste Fernglas, er trägt die feinsten Hemden, er ist der beste Kunde von Krumbhaar, und noch seine Knobelbecher sind unauffällig nach Maß gemacht. Kurz und auf Anhieb gesagt, ein feiner Pinkel. Aber es täuscht. Er hat ein richtiges Filmgesicht, schöne Zähne, blonde, schöne Haare und blaue Augen, und wir dachten zuerst, er wäre ein Homo. Aber es täuscht. Meier III, der überall seine gottverlassene Schnauze ’reinhängt, sagte ihm gleich am ersten Tag, als er zu uns kam: »Mensch, wenn mein Vater Bankier in Stuttgart oder in Buxtehude wäre, wär’ ich nicht hier in diesem Sauladen.« Heinz-Otto sah ihn aus den Augenwinkeln an und sagte: »Und wo wärst du dann?« Und Meier III grinste verächtlich: »Bei meinem Alten, Mann! Im Geschäft natürlich! Unabkömmlich!« Und Heinz-Otto sagte nur: »Du vielleicht. Ich nicht.« Und damit wußten wir, was er war. Kein feiner Pinkel, sondern ein feiner Mann. Ihm machen auch alle Plagen, die über uns verhängt sind, wie Dauermärsche und so weiter, am wenigsten aus. Wenn man ihn unter der Brause oder im Schwimmbad sieht, weiß man, warum. Er ist nicht nur ein bildschöner Kerl, sondern auch durdtrainiert. Jeder Muskel sitzt in der richtigen Form an der richtigen Stelle. Wir mögen ihn. Dazu kommt‘, daß er eine gewisse Art hat, mit Vorgesetzten umzugehen, die ihm keiner von uns nachmachen kann, ich will nicht sagen hochmütig, das bekäme ihm wahrscheinlich schlecht, und trotzdem ist es eine Art Hochmut, die nicht zu fassen ist. Merkwürdigerweise hat der Spieß, ein fürchterliches Rauhbein, einen Narren an ihm gefressen, und zwar auf den ersten Blick, als er noch nicht wissen konnte, daß er einen reichen Pinkel vor sich hatte. Also ist der Spieß am Ende doch ein Menschenkenner. »Der ist nicht lange bei uns«, sagte Kurtchen Zech eines Morgens, »der wird bald Offizier.« Und Heinz-Otto hörte es und sagte: »Nein. Nie.« Und er sagte es messerscharf. Warum, weiß ich nicht.

Der fünfte von links ist dann Meier III, mit Vornamen Max. Mit ihm haben wir es am schwersten. Er trägt dem Leutnant zuliebe, der dafür ulkigerweise was übrig hat, millimeterkurzen Haarschnitt und ist immer wie ein Wiesel dahinter her, es allen recht zu machen und aller Wohlgefallen zu erringen. Deshalb sitzt er dann zwischen sämtlichen Stühlen und begreift nicht, wieso. Und deshalb ist er immer gekränkt. Sein mageres Gesicht ist von Sommersprossen dicht überkleckert, und er hat einen Urwald brand-roter Haarbüschel auf der Brust und sonstwo. Er ist unser allerbester Meckerer. Seines zivilen Zeichens ist er Buchhalter in einer Chemiefabrik, ich glaube in Höchst am Main. Er ist seit vier Jahren verheiratet. Kind hat er kein eigenes, aber sie haben eins angenommen. Das spricht nun wieder für ihn. Oder wenigstens für seine Frau. So ganz klug werden wir nicht aus ihm. Aber wir wissen eines, und das hat er unzählige Male bewiesen: er ist ein Waffengenie. Ich habe so etwas noch nicht erlebt. Es ist nichts dagegen zu machen und zu sagen. Er nimmt das Gewehr oder die Maschinenpistole in nullkommanichts auseinander und setzt sie in nullkommanichts wieder zusammen. Und das Maschinengewehr, das nicht ohne ist und seine verdammten Mucken hat, behandelt er genauso leichthin. Es gibt kaum eine Ladehemmung, die er nicht beseitigt hat, bevor man überhaupt hinsah. Er braucht nur sein Spitzmausgesicht über das Ding zu beugen und seine langen Finger in die Nähe zu bringen, und schon ist die Waffe wieder in Ordnung. Daß dieser Buchhalter unter uns acht Männern noch zusätzlich der beste Schütze ist, macht die Sache rund. Davon wird später noch viel zu erzählen sein.

Der sechste von links heißt Fritz Kirchhofer. Er ist immer noch ganz ordentlich dick, obwohl ihm ein paar Pfund weggeschmolzen sind, seit er bei uns ist. Er ist immer traurig und niedergeschlagen, und es ist nichts in dieser Hinsicht mit ihm zu machen. Er war der unter uns, den wir als einzigen einmal weinen hörten. Mitten in der Nacht, und ich glaube, wir wachten alle auf. Aber keiner rührte sich. Es war scheußlich. Am anderen Morgen wollte Meier III eine Bemerkung machen und hatte schon seine dreckige Schnauze dazu geöffnet, als ihn Heinz-Otto etwas heftig auf die Seite zog, und ich hörte, daß er halblaut sagte: »Du wolltest was zu Kirchhofer sagen, wie? Wenn du auch nur piepst, hast du eine von mir in der Fresse, und wenn es mich drei Tage kostet, verstanden?« Das wirkte. Kirchhofer war Pianist und hatte in Kabaretts, Nachtlokalen und so gespielt. Manchmal spielte er uns, wenn im Quartier ein Klavier stand, etwas vor. Und merkwürdigerweise nicht traurige Sachen, wie wir erwartet hatten, sondern lauter Filmschlager und in dieser Richtung. In der Schreibstube munkelten sie, er habe mal versucht zu desertieren, in Königsberg, wo wir einige Tage in Quartier lagen. Uns ist nichts bekannt davon, und ich glaube auch kaum, daß etwas Wahres an der Sache ist, sonst wäre er bei irgendeiner Strafeinheit. Wenn ich mir alles recht überlege, so wissen wir eigentlich wenig von ihm.

Der siebente dann auf dem Bild von links ist Martin Koegel aus Dessau. Er ist ein Zimmermann, und wir nennen ihn Josef, wie den Mann der Jungfrau Maria. Das kommt daher, daß er uns gleich am Anfag eine Aufnahme seiner Familie zeigte. Darauf trug er einen kurzen Vollbart, und seine Frau saß wahrhaftig, das kleine Kind im Arm, auf einem Esel. Damals besuchten sie das Niederwalddenkmal bei Rüdesheim, wo man auf Eseln hinaufreiten kann. Auf dem Foto sahen sie aus wie die Heilige Familie. Auch sonst stimmt der Name Josef auf ihn. Er ist so gutmütig, daß man ihm eine kleben könnte. Und zuerst hielten wir ihn alle für idiotisch oder schwachsinnig, bis wir dahinterkamen, daß er der beste Kerl von uns allen war. Ich habe wahrhaftigen Gottes diese Heiligenfigur nicht ein einziges Mal lügen hören bis jetzt. Neugierig aber bin ich, wie dieser Zimmermann sein wird, wenn es Blitz, Donner und Eisen schleudert. Wie aber, um Himmels willen, werde ich dann selber sein? Und damit komme ich zu dem Mann ganz auf dem rechten Flügel unserer Gruppenaufnahme, zu mir selber.

Und ich frage dich, der du dich hier aufspielst und der du hier angibst wie drei Lokomotiven und über die anderen urteilst… wie wirst du sein in den Schlachten, die dich erwarten?

Da wäre noch unser Zugführer, Leutnant Meßner. Auch kein Aktiver. Rechtsanwalt aus Waren an der Müritz. Der Mann ist beinahe zwei Meter lang, und als wir diesen Turm zuerst von ferne erblickten, dachten wir, er müsse eine Kommandostimme haben wie eine Kirchenglocke. Er hat aber eine Fistelstimme. Er dringt nicht durch. Und wenn er vor der Front loslegt, müssen wir die Zähne aufeinanderbeißen, den Bauch einziehen und die Hinterbacken zusammenkneifen, um nicht herauszuplatzen. Er dringt nicht durch. Und auf dem Kasernenhof und im Gelände hat er unseren ganzen Zug manchmal schwer ’reingeritten. Wir hörten das Gefistel nicht und machten Blödsinn, und der ganze Sauhaufen kam wild durcheinander. Dann kam prompt der Kompaniechef und tauchte uns unter. Und es dauerte lange Zeit, bis Hauptmann Distelmann merkte, woher der Hase kam. Wir hätten es ihm ja kinderleicht früher beibringen können, aber so komisch Leutnant Meßner auch manchmal zu uns war, wir hielten dicht. Bis der Kompaniechef selber dahinterkam. Später erfuhren wir, daß Leutnant Meßner frühmorgens schon bei Sonnenaufgang in die einsame Natur hinauspilgerte und dort Sprechübungen machte. Kurtchen Zech bekam es heraus.

Kurtchen Zech kam aus einem Nachturlaub und spazierte querfeldein, um den Weg abzukürzen. Da pfiff ihn hinter einem Busch eine wohlbekannte hohe Sopranstimme hintereinander mit einer Breitseite von Befehlen an: »Stiiistannn! — Dassss Kiwihrr ibrrrr! — Kiwihrr abbb! — Hiriktsss immmm! — Lihinksss immmm — Gnnnzzzzeee Ibtillllung kihrrrrrt! —« Kurtchen Zech stand wie vom Donner gerührt und sah perplex um sich. Und wieder zwitscherte es durch den stillen Morgen. »Stiiiiiiiiistannnnn . . .« Bis Kurtchen Zech es wagte und näher schlich. Er erblickte Leutnant Meßner, einsam auf einem kleinen Hügelchen hinter einer Buschgruppe stehend und Stimmübungen in den Morgen und in die leere Luft hinein krähend. Natürlich wurde Leutnant Meßners Stimme nicht kräftiger, sondern stockheiser. Übrigens mochten wir ihn gut leiden. Mit Offizieren ist es überhaupt so eine Sache.

Ich weiß nicht, wie das alles werden wird.

Hauptmann Distelmann, unser Kompaniechef, ein breitschultriger Bulle mit immer rotentzündeten kleinen Augen und rotgeäderten prallen Wangen, sagte in Lüneburg, wo wir eine Woche lang lagen und er bei der Instruktion zuhörte, plötzlich: »Machen Sie sich mit Ihrer Knarre vertraut, meine Herren (das ›meine Herren‹ meinte er natürlich spöttisch), ich rate euch gut. Die Polen werden laufen. Und vielleicht laufen einige andere auch. Aber dann werden euch welche begrüßen, die nicht laufen. Ob das in einem Monat oder in zehn Jahren der Fall sein wird, weiß ich nicht. Aber einmal wird es der Fall sein. Lernt eure Knarre auswendig, verdammt und zugenäht!«

Wir waren damals nach dieser doch etwas sonderbaren Ansprache ziemlich still. Und ich glaube, es war das erstemal, daß ich weiter dachte als bis morgen. Es war zum erstenmal, daß ich irgend etwas roch, was mir nicht gefiel.

Ich könnte nicht sagen, ob bei uns eine schlechte oder eine gute Stimmung herrschte. Es herrschte eigentlich gar keine. Weder so noch so. Ich glaube, wir sind nervös. Irgend etwas macht jedem von uns das Herz schwer. Und das ist nicht so, weil wir Soldaten werden mußten. Und auch nicht, weil wir den Krieg vor uns haben. Oder die Angst, scheußlich verwundet oder verkrüppelt zu werden oder zu fallen. Nein, es geht nebenher noch etwas vor. Es liegt etwas ganz Scheußliches in der Luft. Ich glaube sogar, über der ganzen Welt. Irgendwo stimmt etwas nicht.

2

Seit vorgestern sind wir dabei, aber noch nicht mittendrin. In der Nacht vorher hatte uns der Leutnant gesagt, daß es in der Frühe losginge. Und wenn unsere Flugzeuge nicht gewesen wären, die hoch über uns weg nach Osten, nach Polen hinein zogen, könnten wir sagen, daß es ziemlich sang- und klanglos losgegangen ist.

Wir tippelten kurz vor Sonnenaufgang, eingefädelt in das Regiment, schon auf der Landstraße. Natürlich hatte der Kompaniechef beim Antreten eine kurze Ansprache gehalten, aber wir hörten kaum hin. Wir waren alle zusammen nicht recht ausgeschlafen. Einige hatten endlose Gespräche während der Nacht miteinander geführt. Und immerzu drehte einer wieder das Licht an, um an seinen Sachen zu murksen. Und uns war allen fad im Magen.

Unterwegs hieß es, daß die Panzer vor uns seien, aber wir haben keine gesehen. Wir sahen bis jetzt auch keinen polnischen Soldaten, und auch kein einziger Schuß ist gefallen. Bis jetzt wenigstens.

Gestern mittag in der größten Hitze wurde Gott sei Dank eine Marschpause eingelegt, und zuerst fielen wir um wie die Fliegen. Dann kam der Befehl durch, daß wir bis zum Abend hier liegenbleiben sollten. Der Leutnant sagte, wir sollen es uns nicht zu gemütlich machen, denn er persönlich glaube nicht daran.

Kaum hundertfünfzig Meter rechts von der Straße sahen wir auf einem behelfsmäßigen Feldflugplatz Stukas stehen, es waren zwölf Stück. Die Dinger sahen tatsächlich ziemlich bösartig aus. Die beiden weit vorgestreckten Beine des Fahrgestells kamen mir vor wie zwei enorme Krallen.

Heinz-Otto Brügmann und ich bummelten in einem großen, vorsichtigen Bogen hinüber. Die Flieger lagen und saßen im Gras, sie waren fertig für den Start und warteten. Sie sahen glänzend aus. Piekfeine Burschen. Brügmann und ich trauten uns zuerst nicht recht heran. Wir hätten gerne einen von ihnen angequatscht, aber einer sah aus wie der andere, und einen Offizier anquatschen konnte peinlich werden.

Wir quatschten also keinen an und legten uns nur wie zufällig in die Nähe einer Gruppe von vier Mann, die mit untergeschlagenen Beinen dasaßen, rauchten und sich unterhielten. Sie hatten anscheinend wegen irgend etwas einen kleinen Krach miteinander. Einer von ihnen kaute wütend an einem Grashalm und war dabei, etwas zu erzählen.

Wir hatten bald heraus, daß er gestern abend mit zwei Kameraden noch einmal über dem Feind gewesen war. Und sie stritten sich über etwas, was der mit dem Grashalm dabei erlebt hatte.

»Also entschuldige«, sagte einer, »das verstehe ich nicht. Und wenn du nun statt der Tiere ein ganzes polnisches Regiment ausgemacht hättest, na und dann?«

»Und dann?« knurrte der mit dem Grashalm. »Da hätte es kein ›Und dann‹ gegeben. Das ist etwas ganz anderes.«

»Erlaube mal«, sagte der dritte, »erlaube mal, bitte. Das ist doch Brühe mit Nudeln, was du da vorbringst. Ich gebe zu, durchaus … nein, eigentlich gebe ich gar nichts zu.«

Sie waren sich über irgend etwas nicht einig. Es schien nicht etwas sehr Wichtiges zu sein, aber es beschäftigte sie doch. Und wenn man mir garantiert hätte, daß ich an keinen Offizier gerate, hätte ich glattheraus gefragt. Ich hätte vielleicht gesagt: »Kinder, laßt die Königin der Waffen, die Infanterie, einen Schiedsspruch machen.«

Aber der mit dem Grashalm streckte jetzt die Beine lang von sich, zuckte die Schultern und sagte mürrisch: »Na also. Ist einer von euch Reiter, passionierter Reiter? Nee. Na also. Dann könnt ihr gar nicht mitreden. Ich bin auf einem Gut aufgewachsen, seit dreihundert Jahren lebt meine Familie auf dem Lande. Ich habe schon als Fünfjähriger mein Pony gehabt. Und später bin ich tagsüber kaum vom Pferd heruntergekommen. Kennt ihr Pferde? Nee. Na also. Blödsinn, euch die Sache noch einmal auseinanderzusetzen.«

Sie schwiegen. Und dann setzte der mit dem Grashalm die Sache doch noch einmal auseinander, und so erfuhren Heinz-Otto und ich, was ihm passiert war. Er war also in der Abendstunde noch einmal gestartet. Er kreiste über einem riesigen Waldgebiet, von dem es hieß, daß große polnische Truppenteile darin versteckt lägen. Jedoch fand er lange keine Anzeichen dafür, bis er mitten in den Wäldern eine umfangreiche Lichtung entdeckte. Zuerst fiel ihm nichts auf. Erst nach einigen Runden sah er eine gelbbraune Masse sich in der Lichtung bewegen. Es sah so aus, als ob sie unaufhörlich im Kreise quirle. Da schon die Abenddämmerung hereingebrochen war, konnte er aus seiner Höhe nicht genau sehen, was es war. Deshalb ging er tief herunter. Und dann sah er es.

In der Lichtung, eng zusammengedrängt, standen Hunderte und Hunderte von gesattelten Pferden. Wahrscheinlich die Pferde einer ganzen Kavalleriebrigade. Und der mit dem Grashalm versuchte nun, seinen Kameraden klarzumachen, was er in diesem Augenblick durchmachte. Durchmachen ist sicher das richtige Wort. Er sagte, daß ohne jeden Zweifel eines der besseren Ziele für einen Flieger ein Kavallerieregiment sei, das aufgesessen auf der Landstraße dahinpreschte oder irgendwo haltmachte oder so. In diesem Falle, sagte er, gäbe es überhaupt keine andere Überlegung als eben die, daß dies ein prima Ziel sei. Aber dieses hilflose Knäuel von Hunderten und Hunderten Kreaturen im Walde, aus dem einzelne erschrockene Tiere beim Donnern des Flugzeuges hochgingen und die anderen sich in Todesangst aneinanderdrängten!

Und nun waren Brügmann und ich im Bilde, worüber sie sich stritten. Sie stritten sich darüber, ob es erlaubt sei, auch nur einige Sekunden zu zögern, wenn es darum ging, etwas zu vernichten, was gefährlich werden konnte. Auch wenn der Mann, in dessen Hand die Vernichtung gegeben war, ein passionierter Reiter, der Pferde sein Leben lang geliebt hatte, war und wenn das Ziel einige hundert wehrlose Pferde darstellte.

Um diese wenigen Sekunden Zögern stritten sie sich.

Der mit dem Grashalm erzählte dann noch einmal, wie er wieder hochgezogen habe, wieder heruntergegangen sei, dann ausgeholt und gekippt zum Sturzflug auf die Lichtung. Er traf mitten in den Knäuel.

»Na also«, sagte einer der Flieger befriedigt.

Aber der mit dem Grashalm kaute mit gerunzelter Stirn und sagte nichts mehr weiter.

Das war die eine Sache, die wir, Heinz-Otto und ich, bei diesen vier Fliegern erlebten.

___________

Die andere kam gleich hinterher.

Wahrscheinlich werde ich mich zeit meines Lebens an sie erinnern müssen. Was uns noch alles blüht, weiß ich nicht, aber das werde ich kaum vergessen können.

Zwischen den vier Fliegern, die da im Gras saßen, hatte nämlich minutenlanges Schweigen geherrscht. Sie schienen alle vier nicht recht zu wissen, wie sie möglichst schnell von der Sache mit den Pferden wegkommen und auf ein anderes Thema gelangen könnten.

Jetzt unterhielten sie sich über ihren nächsten Start, und wir hörten, daß in jedem Augenblick der Startbefehl zum Stukaangriff auf militärische Ziele bei Warschau, der polnischen Hauptstadt, gegeben werden müsse.

Dann schwiegen sie wieder.

Und nun sprang einer von ihnen auf, ging in eines der nahen Zelte und kam mit einem Kofferapparat zurück. Er setzte sich hin, nahm das Radio zwischen seine Knie und fing an, mit schief geneigtem Kopf, auf der Skala zu suchen. Die anderen sahen ihm zerstreut zu.

Ein Militärmarsch kam aus dem Lautsprecher.

Der Flieger drehte weiter.

Wieder ein Militärmarsch.

Er drehte weiter, aber aus allen deutschen Sendern bekam er nur Militärmärsche. Den anderen schien es egal, es sah so aus, als ob sie mit ihren Gedanken ohnehin ganz woanders weilten.

Aber der Flieger mit dem Radio neigte den Kopf noch schiefer und drehte nun ganz langsam den Knopf weiter, hin und her und zurück, ohne auf die Skala zu blicken.

Und zwischen dem Quietschen, Brummen und Heulen und Pfeifen war plötzlich einige Sekunden lang ein Choral oder so etwas Ähnliches zu hören, ein Choral von vielen Stimmen, von mächtigen Orgelklängen begleitet.

Und verschwand wieder.

Der Flieger drehte gedankenlos weiter.

»Laß das doch mal«, sagte der mit dem Grashalm.

»Was, Mensch!« sagte der am Koffer entrüstet, »wir wollen doch keine Kirchenmusik!«

»Warum nicht?« sagte ein dritter. »Laß doch mal sehen. Ist mal was anderes.«

»Na schön«, knurrte der am Koffer, sah über die Landschaft hinweg und drehte langsam zurück.

Und da war es wieder.

Der Flieger brachte mit einem ironischen Lächeln den Lautsprecher auf seine möglichste Stärke.

Es war ein guter und teurer Apparat, und nun hörten wir ganz lautrein und mit aller Kraft den Choral aus vielen Hunderten von Männer- und Frauenstimmen. Und die mächtigen Orgelklänge.

Eine ganz sonderbare Sache. Heinz-Otto Brügmann saß mit geschlossenen Augen. Mir selber wurde ganz merkwürdig zumute. Auch die vier Flieger sahen alle in Gedanken verloren auf den Apparat.

Und langsam durch das Gras schlendernd, kamen andere Flieger heran, blieben stehen und lauschten.

Eine ganz sonderbare Stimmung.

Ich weiß nicht, wie lange es her war, daß ich einen Choral gehört hatte. Und jedenfalls war es sehr lange her, daß mich ein Choral beinahe schwermütig machte, wie dieser hier, den ich auf polnischer Erde mitten im Kriege hörte.

»Sieh mal nach, wo das ist«, sagte jetzt der mit dem Grashalm im Mund.

Der am Radio beugte sich über die Skala.

Und wir alle sahen ihm neugierig zu.

Er zog jetzt mit einem Ruck die Stirne hoch, und in sein dunkelbraungebranntes, hageres und straffes Gesicht trat plötzlich ein Ausdruck von Spannung.

Und nun sah er auf und blickte sich etwas ratlos um.

»Warschau« sagte er heiser.

Es ist kein Märchen, wenn ich sage, daß wir alle, wir zwei Infanteristen und die Flieger, einer wie der andere, einige Sekunden völlig bewegungslos verharrten und den Apparat anstarrten.

Keiner sprach ein Wort.

Heinz-Otto drückte seine Fingerspitzen aneinander und hatte dünne Lippen bekommen.

Und jetzt erst kapierte ich alles. Bis dahin war ich lediglich etwas gerührt gewesen. Wahrscheinlich hatte ich mich an meine Kinderzeit erinnert und an einiges, was damit zusammenhing.

Jetzt aber ging mir erst auf, was eigentlich ich in diesem Augenblick erlebte. Hier, um mich herum, standen und saßen und lagen, fertig zum Start, Flieger. Und wenige Schritte weiter standen ihre Flugzeuge, die schrecklichsten Maschinen des Krieges, die es gab. Sie trugen die schwersten Bomben, die hergestellt werden konnten, Bomben mit der furchtbarsten Wirkung, die bisher erreicht worden war.

Und über kurz oder lang, nein, nicht über kurz oder lang, wahrscheinlich in wenigen Minuten würde der Startbefehl kommen. Der Startbefehl zum Stukaangriff auf militärische Ziele bei Warschau.

Und in Warschau knieten sie, beteten und sangen und flehten zu Gott, daß ihr Land gerettet würde. Und mein Kopf wurde heiß bei dem Gedanken, daß Warschau gar nicht so weit weg lag, und daß die Stukas, wenn der Startbefehl bald kam, ihre Bomben herunterheulen ließen, während in ihren Kirchen die Menschen noch auf den Knien lagen.

Es machte mich ganz krank, das zu denken.

Und ich fuhr auf, als eine heisere Stimme von den Zelten her kam.

Die Flieger sprangen aus dem Gras hoch, der Radiomann ergriff seinen Koffer und rannte mit ihm weg.

Wir sahen die Männer des Bodenpersonals zu den Maschinen jagen.

Der Startbefehl war gekommen.

Unwillkürlich waren auch Brügmann und ich in grenzenloser Aufregung auf die Beine gesprungen.

Das alles war wie ein böser Traum. Denn der Flieger mit dem Koffer hatte vergessen, ihn abzustellen. Und so kam es, daß wir ihm nachstarrten, als sähen wir einer gespenstigen; Vision nach. Es kam uns vor, als ob dieser Stukaflieger über das Gras weg zu seiner Maschine rannte, eine Kathedrale in der Hand, die von einem tausendstimmigen Choral und wuchtigen Orgeltönen angefüllt war, mit Menschenstimmen der Angst und des Flehens. Und je weiter er rannte und sich entfernte, desto schwächer und hilfsloser wurde dieses Flehen und Singen.

Wir sahen jetzt, daß ein Mann des Bodenpersonals ihm entgegeneilte und ihm den Koffer abnahm. Der Mann rannte zu einem Zelt, und auch er vergaß, das Radio abzustellen, so daß auch in seiner Hand der Choral weiter ertönte, bis er hinter der Zeltwand verschwand. Und noch von dort her hörten wir, wenn auch sehr schwach, den Gesang und die Orgel.

Und dann endlich verstummte der Koffer.

Wie leblos sahen wir dem Start zu.

Die Propeller wurden angeworfen. Das Gras vor ihnen schäumte weithin auf.

Der Donner der Motoren machte uns beinahe taub.

Dann rollten die Maschinen dahin, eine nach der anderen, zwölf an der Zahl, mit ihren bösartig vorgestreckten Krallen.

Wir sahen, wie sie sich hoben und schwebten.

Und Warschau war ihr Ziel.

Langsam gingen wir zurück.

Unterwegs sah ich von der Seite Brügmann an. Er war ganz blaß. Und plötzlich blieb er stehen und sagte: »Nun sag mal!«

Was sollte ich groß sagen.

Ich zuckte die Schultern. Was sollte ich groß sagen.

Schließlich fragte ich: »Wollen wir’s erzählen?«

Heinz-Otto lächelte mich trüb an.

»Kannst du’s erzählen?« fragte er heiser. »Ich kann’s nicht. Das kann gar keiner erzählen. Kein Mensch. Und wenn du es erzählst, glaubt dir niemand. Kein Mensch glaubt dir.« Ich überlegte.

»Wenn du mir hilfst«, sagte ich dann, »könnten wir es sagen.«

Heinz-Otto fuhr wütend auf.

»Warum denn, Mann?« pfiff er mich an. »Warum denn überhaupt? Kannst du nicht mal was für dich behalten? Nein? Mußt du immer quatschen?« Nun, das war aber zuviel.

Heinz-Otto spielte darauf an, daß ich gerne erzählte und daß ich besonders gerne gemeinsame Erlebnisse erzählte, die ich in meinem Tagebuch aufgeschrieben hatte und die von den anderen längst vergessen worden waren und mit denen ich immer großen Erfolg hatte.

Warum sollten wir die Sache mit den Pferden … nun, auf die Sache mit den Pferden konnten wir schließlich gut verzichten. Aber die Geschichte mit dem Kofferapparat, dem Choral aus Warschau und dem Start der Stukas …, das war doch etwas, was man gar nicht erfinden konnte, das schrie vor Wahrheit.

»Es schreit doch vor Wahrheit«, sagte ich zornig.

»Und wenn«, antwortete Brügmann im Weitergehen. »Und wenn. Ich will dir was sagen, Mensch. Es glaubt dir niemand. Es ist gar keiner überhaupt imstande, es zu kapieren. Keiner. Nicht einmal Kurtchen Zech …oder doch, der vielleicht. Aber nur der. Alle anderen …«

Heinz-Otto schwieg plötzlich. Ich dachte, also so denkt er über uns! Also doch ein hochmütiger Pinkel!

»Hör mal«, sagte ich, »wenn ich’s nicht miterlebt hätte, glaubst du, ich würde es kapieren, wenn du es mir erzählen würdest?«

»Nein«, entfuhr es Brügmann.

Ich schwieg. So also dachte er auch über mich. Es war ganz gut, das zu wissen. O Warschau, dachte ich dann unvermittelt, o Warschau!

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Gestern haben wir vier Schocks erlebt. Einen kleinen in der Abenddämmerung, einen mittleren gleich hinterher, einen größeren, als die Nacht kam, und einen ganz großen in der Nacht.

Also der Reihe nach.

An dem kleinen Schock war der Martin Koegel schuld, den wir Josef nannten. Als die Sonne nämlich langsam unterging und es ein schönes Abendrot gab, das mich persönlich ein bißchen traurig machte, hielten wir an einem kleinen Flüßchen. Hier fädelte sich anscheinend die ganze Division über eine Pontonbrücke ans jenseitige Ufer.

Wir mochten eine Stunde gestanden haben, als wir immer noch nicht dran waren und ein Kraftfahrer angewetzt kam und einen Wirbel machte. Der Kompaniechef fluchte sich eins, und dann marschierten wir etwa vierhundert Meter flußabwärts am Ufer entlang, und hier gab es eine längere Marschpause.

Nun hatten wir bisher jeden winzigen Bach, beinahe noch jede Pfütze benützt, um uns zu baden, wenn Zeit genug war. Dieses Flüßchen hier aber war zum erstenmal etwas, was man wirklich ein fließendes Gewässer nennen konnte, und so stiegen wir im Handumdrehen aus den Kleidern, zogen unsere Badehosen an und hinein ging’s. Jeder von hatte eine Badehose in seinem Gepäck. Nur der Josef nicht.

So hüpfte denn der Josef ohne Badehose mit uns ins Wasser, wir schwammen, tosten und spritzten wie die Seeteufel. Der Josef stand etwa zwei Meter vom Ufer entfernt und seifte sich von oben bis unten ein.

Plötzlich hörten wir die schrille Fistelstimme von Leutnant Meßner: »He da! Der Mann da! Wie heißt der Mann da? Der Mann da ohne Badehose! Der Koegel mal herkommen, der Koegel!«

Wir hörten auf, zu plantschen und zu brüllen.

Josef watete vorsichtig ans Ufer zurück, die Hände komischerweise weit vorgestreckt, weil er halb blind vor Seifenschaum war, Seifenschaum hing auf seinem Kopf, an seiner zottigen Brust und unterhalb des Nabels, und er triefte von oben bis unten.

Dann versuchte er herauszubekommen, wo der Leutnant stand und ruderte in der Gegend hin und her und wischte sich die Seife aus den Augen, wir lachten, und Leutnant Meßner wurde immer wütender.

»Sie sind wohl bei den Botokuden aufgewachsen, wie?« heulte er. »Wie kommen Sie dazu, ohne Badehose zu erscheinen? Wo ist Ihre Badehose? Haben Sie keinen Anstand im Leibe, nein?«

Das Geschrei des Zugführers gab dem Josef nun endlich die Richtung, er stolperte, sich immer wieder die Augen wischend, hin und baute sich auf und fuhr sich wieder über die Augen, in die unabwendbar die Seife rann.

»Schütze Koegel«, würgte er heraus, legte die Hände an die nassen Schenkel, um sofort wieder mit verzerrtem Gesicht über seine Augen zu fahren.

Das nahm der Leutnant nun ganz krumm.

»Stehen Sie still, wenn ich mit Ihnen rede!« weinte er auf. »Sind wir bei den Zulus oder unter anständigen Soldaten? Wir kommen Sie dazu, ohne Badehose … haben Sie keine Badehose, Mann?«

»Ich dachte«, würgte der Josef heraus und schluckte Seifenschaum, »ich dachte, wo wir lauter Männer …«

Irgendwo schien es jetzt Leutnant Meßner selber ulkig vorzukommen, daß er wegen einer Badehose Zinnober machte, denn er sagte knurrend: »Ziehen Sie sich an!« Und mit seinem bekannten heftigen Ruck drehte er sich um und ging zur Baumgruppe zurück, woher er gekommen war.

Wir lachten.

Wir waren uns nicht ganz einig darüber, ob Leutnant Meßner nur der Ordnung wegen gekränkt, weil wir alle eine Badehose hatten und nur der Josef nicht, oder ob er tatsächlich sittlich entrüstet war.

Irgendwo war er immer penibel gewesen, das wußten wir. Wir hatten das schon ein paarmal gemerkt. Schon einmal in der Kaserne. Der Meier III hatte da mal abends einige Wirtinnenverse zum besten gegeben, und Leutnant Meßner hatte plötzlich unter der Tür gestanden, und er muß schon eine ganze Weile da gestanden haben. Meier III setzte gerade zu einem Glanzstück an, als der Leutnant vor uns auftauchte und ganz gleichmütig, aber mit etwas Ärger in der Stimme sagte: »Lassen Sie das, Meier III. Behalten Sie Ihre Schweinereien für sich, verstanden?«

Und dann war er mit seiner berühmten viereckigen Kehrtwendung aus der Stube gegangen.

Dies also war der Schock Nummer eins an diesem Abend.

Nun also, um Himmels willen, schön und gut. Leutnant Meßner war also penibel. Aber daß er so eine alte Jungfer sein konnte, hatten wir bis heute noch nicht gewußt.

Wir lachten noch immer, als der Josef noch einmal schnell ins Wasser stieg, um die Seife abzuspülen, und Kurtchen Zech, wehleidig wie ein Pastor, sagte: »Wir wußten gar nicht, daß du so ein unsittlicher Bruder bist, Josef. Das hätten wir denn doch nie und nimmer von dir geglaubt.«

Der Josef nahm es ernst und antwortete schwer gekränkt: »Das kann man ansehen, wie man will. Komisch, daß Leutnant Meßner das krumm nimmt. Ist nun wirklich nichts dabei. Ich habe mir wirklich nichts dabei gedacht. Meine Frau und ich sind in einem Schönheitsklub, und wir …«

»Was sagst du da?« unterbrach ihn der Krumbhaar perplex, »in was seid ihr?«

»In einem Schönheitsklub«, wiederholte Josef. »In einem Verein für Nacktkultur. Da finden wir nichts dabei. Wir sind jeden Sonntag auf dem Freigelände.«

»Erzähl mal ein bißchen, Mensch«, sagte Meier III lüstern, »da hab’ ich schon mal was von gehört. Da lauft ihr einfach so ’rum, alle durcheinander?«

»Da gibt’s nichts zu erzählen«, sagte der Josef, »das ist einfach so. Da fällt keinem was drüber ein. Komisch von Leutnant Meßner. Wo hier doch lauter Männer sind.«

Der Josef war sichtlich schwer angeschlagen. Und er hätte wahrscheinlich noch weitergezetert, wenn nicht der Schock Nummer zwei gekommen wäre.

Und da vergaßen wir die Badehose von Josef, die Nacktkultur und alles. Der Schock Nummer zwei bestand aus einem pfeifenden Heranheulen, wenn ich das so sagen darf, und dann fegte was ins Wasser, kaum fünfzig Meter von uns entfernt, und es gab einen dumpfen Wumms und einen Wasserwirbel. Wir standen wie die Ölgötzen.

Und dann kam es wieder, und diesmal flog hinter uns am Ufer eine Dreck- und Staubfontäne auf, gleichzeitig schmetterte es einen Krach hin, daß es im ganzen Kopf weh tat. Und dann brüllte eine Stimme vom Ufer her: »Wir werden beschossen! Wir werden beschossen! In Deckung, marsch, marsch!«

Wir rannten wie die Wilden zu unseren Kleidern, rafften sie auf und stürzten querfeldein irgendwohin.

Und jetzt hörten wir die weithintragende Stimme des Kompaniechef: »In Deckung! Hinlegen! Wir werden von einem Infanteriegeschütz beschossen! Legt euch hin, wo ihr seid!«

Einige taten es.

Die meisten aber, auch ich war dabei, rannten blindlings und nackt und bloß, wie wir waren, weiter. Wir wollten zu einer Buschgruppe kommen, die hundert Meter halbrechts lag.

Und hinter uns gab es einen dritten Donnerschlag und gleich darauf einen vierten.

Wir sahen uns nicht um, wir rannten.

Das eigentümliche Gefühl, das einem wie viele Gänsehäute über den ganzen Leib läuft, wenn man in nacktem und bloßem Zustand beschossen wird, kann ich gar nicht genau beschreiben. Es ist ein sehr scheußliches Gefühl. Man ist einfach aufgeschmissen. Und man kommt sich so wehrlos und gefährdet vor wie niemals sonst. Es machte einen der Gedanke ganz hysterisch, daß zwischen unserer nackten, unbedeckten, dünnen Haut und den heranheulenden Fetzen aus Eisen gar nichts mehr war, gar nichts. Und es war in diesen Augenblicken ein ganz und gar widerwärtiges Gefühl, daran zu denken, daß dicht unter dieser unserer dünnen Haut unzählige Adern liefen, in denen der Lebenssaft strömte, und da wirbelten diese scharfen, zackigen Stahlbrocken blindlings herum. Und sie konnten wahllos und blindlings herunterhauen, zwischen unsere Eingeweide, in unser Herz, in unsere Leber, in unsere Galle, in unsere Nieren, in all das, was ohnehin so empfindlich war, wenn eine Kleinigkeit daran und darin nicht in Ordnung war.

Ein Nadelstich in unsere dünne Haut tat schon weh, ein Messerstich konnte schon tödlich sein, und da liefen wir nun nackt und bloß, und Klumpen und Splitter und Keulen und Fetzen aus Stahl wurden auf uns geschleudert.

Wir verspürten diesen wirklich scheußlichen Zustand rasender Angst zum ersten Male, und keiner hat das jemals vergessen: die jämmerliche Verletzbarkeit unserer dünnen Haut.

Wir liefen wie die Teufel.

Und als wir endlich die Büsche erreichten und atemlos und keuchend in unsere Kleider fuhren und unsere Haut wieder bedeckt war, wenn auch lediglich mit ein bißchen Stoff, fühlten wir uns doch merkwürdigerweise gesicherter, ja geradezu gepanzert.

Das war der Schock Nummer zwei.

Dann hörte die Schießerei plötzlich auf. Leutnant Meßner holte seinen Zug zusammen und sagte, ein polnisches leichtes Infanteriegeschütz hätte uns aus kaum zwei Kilometer Entfernung beschossen. Und zwar aus einem Waldstück links hinter uns, und wir könnten von Glück sagen.

Wir konnten wirklich von Glück sagen, denn es hatte niemand erwischt. Nur der Krumbhaar, der am Wasser natürlich seine Friseurstube aufgemacht hatte, vermißte eine vernickelte Haarbürste.

Und Heinz-Otto sagte zu Kurtchen Zech: »Na, wie war das denn nun mit deiner inneren Harmonie, Kurtchen?«

»Wieso?« fragte Kurtchen mißtrauisch.

»Ich habe dich laufen sehen«, sagte Heinz-Otto, »und du bist nicht gerade mit innerer Harmonie gelaufen.«

Und er setzte boshaft hinzu: »Nicht mal mit äußerer.«

Das hätte dann wieder einmal eine längere Unterhaltung gegeben, aber nun kam der Schock Nummer drei.

Die Kompanie bekam den Befehl, im Regimentsverband jenes Waldstück einzuschließen, aus dem das Geschütz gefeuert hatte. Die Polen, durch die Wucht der deutschen Angriffskeile auseinandergesprengt, hatten sich in vielen kleineren und größeren Einheiten in ihre gewaltigen Wälder gerettet. Und von da aus versuchten sie nun, und immer in der Nacht, da es tagsüber ganz aussichtslos war, auszubrechen. Im Nachtkampf, hatte man uns gesagt, seien sie Meister. Entweder versuchten sie, sich still davonzuschleichen, oder sie griffen aus den Wäldern heraus verzweifelt an, um sich zu irgendeiner ihrer anderen größeren Einheiten durchzuschlagen.

Der Kompaniechef erklärte uns die Sache ohne Umschweife. »Wenn sie angreifen«, sagte er, »dann ist das nicht nur ein Angriff, sondern ein verzweifelter Angriff. Hoffentlich kapiert das jeder. Es gibt da Unterschiede, die ihr noch kennenlernen werdet. Vielleicht schon heute nacht. Da kommen keine lahmen Hühner an und heben die Hände, wenn sie euch sehen. Da kommen Berserker. Ich sage euch das nicht, um euch Angst zu machen, ich sage das nur, damit auch ihr Berserker seid. Sie dürfen nicht durchkommen. Das ist das Wichtigste. Alles andere ist unwichtig.«

Diesmal hörten wir mit größter Aufmerksamkeit zu. Es war das zweitemal, daß Hauptmann Distelmann eine Ansprache hielt. Das erstemal, als wir ausrückten, da hörte vor Aufregung niemand recht zu.

Jetzt aber, da die Abenddämmerung schon in Nacht übergegangen war und wir in dem weiten Kreis, den die Kompanie um den Hauptmann bildete, nicht mehr die Gesichter gegenüber erkennen konnten, war es eine andere Sache.

Ein Nachtangriff der Polen.

Ein verzweifelter Nachtangriff.

Es wird wohl jedermann kapiert haben, was das auf sich hatte.

Das war der Schock Nummer drei.

Wir hatten noch eine halbe Stunde Zeit, bis wir abmarschierten, querfeldein, auf den Wald zu.

Manchmal blickten wir hinüber. Wir redeten wenig.

Dann lag ich mit Unteroffizier Knauf, dem Josef, Heinz-Otto, Meier III, Weinrich und Kurtchen hinter einer Hecke. Wir waren kaum 150 Meter vom Waldrand entfernt. Meier III mit dem lMG. Ich mit der Leuchtpistole.

Die Nacht war ziemlich dunkel.

Unteroffizier Knauf schickte Heinz-Otto mit seinem guten Fernstecher weiter nach vorne, hinter ein winziges Hügelchen.

Weithin war alles still, und wir lauschten vergeblich nach dem Waldstück hin. Es war nichts zu hören. Aber beim winzigsten Geräusch wurde uns heiß.

Meier III beschnuffelte unaufhörlich sein MG, und Meier III war plötzlich für uns, die bei ihm waren, ein ganz anderer Mensch. Wir nahmen ihn nie sehr ernst. Er war eine komische Figur. Aber wenn ich mir jetzt diese zusammengekauerte Gestalt betrachtete, die unaufhörlich das MG abknutschte, dachte ich, es sei großartig, daß Meier III bei uns war. Manchmal flossen in der Finsternis Mann und Waffe unauflöslich ineinander, als seien sie aus einem Stück. Wir wußten, daß er ernst zu nehmen war, sobald er sich mit der Waffe beschäftigte.

Es war tatsächlich beruhigend, daß er bei uns war.

Unteroffizier Knauf hatte uns vorher alles gesagt, was zu sagen war. Er war ein schmales, kleines, etwas nervöses Kerlchen, aber er war bei allen beliebt.

Und nun drängte er sich an Meier III, den Josef und mich heran und flüsterte heiser: »Also ’rankommen lassen … immer ’rankommen lassen … und dann rechtzeitig zu uns absetzen, verstanden?«

Und flüsternd kroch er weiter zu den nächsten.

Na ja. Wir wußten, was wir so weit vorne sollten. Wir lagen als stehender Spähtrupp. Und wir sollten sie herankommen lassen. Und wenn sie ungefähr auf gleicher Höhe mit uns waren, sollten wir nach hinten abhauen.

Die Kompanie würde uns dann »aufnehmen«.

Das hörte sich tadellos an.

»Noch eine Frage?« hörten wir Unteroffizier Knauf flüstern. Und da hörte ich doch tatsächlich Heinz-Otto zurückflüstern: »Jawohl, Herr Unteroffizier. Wie kommen wir wieder nach Hause?«

Mensch, dachte ich, das ist überhaupt der Kern der ganzen Sache. Das ist der Kern aller derzeitigen Probleme: die Frage aller Fragen für alle, für uns, für die Polen, die Franzosen, die Engländer und wer sonst noch unterwegs war in dieser verrückt gewordenen Welt. —

So lagen wir denn vor dem Feind.

Zum erstenmal wirklich dicht und nah und direkt vor dem Feind.

Ich lag neben Meier III und sah in den klaren Sternenhimmel hinauf. Ich war traurig, und aus unbegreiflichen Gründen machte dieser Anblick mein Herz zentnerschwer. Wie verlogen, dachte ich melancholisch, wie durch und durch verlogen ist die Behauptung, daß die Natur den Menschen tröste. Tröste mich nun bitte, Sternenhimmel, dachte ich wütend. Er tröstete keineswegs, ganz im Gegenteil. Dieser herrlich sprühende und glitzernde Sternenhimmel machte mich verrückt. Diese ungeheuere Zahl von ungeheueren Welten, die seit Jahrtausenden und wer weiß, ob nicht länger, da oben schwebten, brachten mich auf einen niederträchtigen Gedanken. Ausgerechnet in diesen Augenblicken, wo es auf meine ganze Fassung ankam. Ich dachte auf einmal, wie unwichtig ich war. Es war doch ganz egal, ob ich da war oder ob ich nicht da war. Es war ganz egal. Die paar Menschen, denen ich nicht egal war, denen würde ich bald egal sein, wenn ich nicht mehr da war. Und es, so dachte ich grimmig, und es würde, sagen wir mal in zehn Jahren, auf alle Fälle egal sein, ob ich überhaupt auf der Welt gewesen war oder nicht … wenn ich jetzt, in einigen Minuten, in einer Stunde, in dieser Nacht fallen würde.

Jemand stieß mich in die Seite und flüsterte auf mich ein. Es war Unteroffizier Knauf, der ruhelos wie ein Wiesel hin und her kroch und unaufhörlich instruierte.

»Ja nicht zapplig werden«, flüsterte er, und seine Stimme war vom ewigen Wispern schon ganz rauh geworden. »Die Leuchtkugeln erst hoch, wenn ich rufe.«

Wir waren gar nicht zapplig. Aber jetzt packte mich die Unruhe, ob die Leuchtpistole auch handgerecht hing und ob ich sie mit der notwendigen Sekundenschnelligkeit hoch bekäme. Und ob die Leuchtpatronen auch … und ob, und ob. Unteroffizier Knauf verbreitete seine eigene Zappligkeit wie die Masern, ich hörte ihn rechts und dann hinter uns dann links wispern und hörte wispernd antworten. Dann schien er endlich seine heisere Stimme ganz verloren zu haben.

Wir lagen schweigend und gespannt.

Und Stille nah und fern.

Aber es war eine bösartige Stille. Manchmal kamen aus weiter Entfernung zu uns die weichen, dumpfen Paukenschläge von schweren Kalibern und erschütterten ganz leicht die Nachtluft um uns her, und am östlichen Horizont flackerte ununterbrochen ein lautloses Wetterleuchten von Abschüssen und Einsdnlägen.

Und dann waren wir mittendrin.

Es ist mir unmöglich, genau und im einzelnen zu beschreiben, wie es kam, wie es dann wurde und wie es dann verlief.

Ich weiß nur, daß Heinz-Otto plötzlich vor uns aus der Finsternis wie ein riesiger Schatten auftauchte und sich mit einem Plumps zwischen uns fallen ließ.

»Sie kommem«, sagte er halblaut.

Mit einem unterdrückten Aufstöhnen umklammerte neben mir Meier III sein Maschinengewehr, Kurtchen Zech hörte ich hart und kurz aufhusten, was die anderen machten, konnte ich nicht sehen.

»Wo, Mann Gottes?« krächzte jetzt Unteroffizier Knauf halblinks vor uns und suchte mit seinem Glas in der Dunkelheit herum.

»Am ganzen Waldrand vor uns«, antwortete Heinz-Otto, und seine Stimme hatte plötzlich einen hohen, nervösen Ton. »Wenn Sie geradeaus…«

In diesem Augenblick jagte Meier III, ohne einen Befehl abzuwarten, den ersten Feuerstoß aus seinem Maschinengewehr. Und das rettete wahrscheinlich dem ganzen Spähtrupp das Leben.

»Ich sah sowenig wie ihr«, sagte Meier III später, »gar nichts sah ich. Aber das MG schwitzte auf einmal zwischen meinen Händen, und da wußte ich Bescheid.«

Kaum fünfzig Meter vor uns erhoben sich aus dem Gras die Umrisse aufbrüllender Gestalten, die auf uns zustolperten, und eine unübersehbare Reihe kleiner Blitze zuckte mit schnellem, trockenem Geknatter bei ihnen auf. Und zum ersten Male hörten wir das häßliche »Hurrä Polski!«

Ich hob, ohne den Befehl von Unteroffizier Knauf abzuwarten, die Pistole und schoß die drei Leuchtkugeln in den Himmel. Und mit einer gewissen Genugtuung sah ich, daß meine Leuchtkugeln die ersten waren, dann aber stand die Dunkelheit über dem ganzen Gelände voll der schwebenden Dinger, die dann noch im Fallen ihr grelles Licht gehässig umhersprühten.

Und das ist alles, was ich an Einzelheiten berichten kann. Höchstens erinnere ich mich noch, daß ich als nächstes eine Handgranate abriß, ausholte und sie hinausschleuderte.

Dann ging alles in einem höllischen Durcheinander unter.

Wir befanden uns in einem Hexenkessel von hundertstimmigem Brüllen, Schreien, Knallen, Bersten und Pfeifen.

Wir brauchten keinen Befehl, um nach hinten abzuhauen. Sie waren links und rechts schon beinahe an uns vorbei, und bei Tageslicht wäre es schiefgegangen.

Wie wir zurückgekommen sind, weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur noch, daß wir der Reihe kleiner, zuckender Blitze vor uns den Rücken drehten und auf eine andere Reihe kleiner, zuckender Blitze hinter uns zurasten. Das war die Kompanie. Und daß wir nicht alle, von beiden Seiten wie Siebe durchlöchert, zwischen den Fronten liegenblieben, ist mir heute noch ganz unbegreiflich.

Wir ließen uns atemlos irgendwo zwischen die Gruppen fallen, und da wir, trotzdem wir kaum Luft bekamen, während der letzten Schritte wie die Löwen gebrüllt hatten, um nicht angeschossen zu werden, steckten wir nun mit unserem Geschrei die ganze Kompanie an.

Ein Indianergeheul brauste und tobte nach links und rechts weiter, und einige Augenblicke lang übertönte das Gebrüll den tosenden Lärm des Feuers, das aus allen Gewehren knatterte.

Die Granaten unserer Werfer barsten am Waldrand und ließen die Baumreihen für eine Sekunde grell aufleuchten in einem merkwürdig fahlen und leblosen Kulissengrün. Hinter uns hörten wir den hastigen, grimmigen Knall der Abschüsse der Panzerabwehr-Kanonen und sahen die Leuchtspurgeschosse mit gespenstiger Hast zum Waldgelände streben. Dazwischen peitschten die rasenden (und sehr beruhigenden) Hammerschläge der schweren Maschinengewehre.

Und dann war plötzlich alles zu Ende.

Es kam mir vor, als habe die ganze Sache höchstens eine Minute gedauert. In Wirklichkeit waren beinahe drei Viertelstunden vergangen.

Wir standen herum und redeten aufeinander ein wie im Fieber. Außer Meier III, der am Boden kauerte und sich am Verschluß seines MG zu schaffen machte, kannte ich keinen Menschen. Lauter wildfremde Männer. Wie es eigentlich ausgegangen war, ob es den Polen gelungen war, durchzukommen, oder ob sie abgefangen wurden, ob alle zusammen abgefangen wurden oder nur Teile und wo sie sich jetzt befanden, wußte kein Mensch.

Ich versuchte, meine Leute zu finden.

Bei einem Feldwebel blieb ich stehen, der seinen Männern erzählte, daß die Polen schon am Spätnachmittag im Walde von einem Jägerregiment aufgestöbert worden seien und daß nur deshalb die Polen in der Nacht und in letzter Verzweiflung nach vorne ausgebrochen seien, daß es allerhöchstens nur ein Bataillon war, und zwar ein abgekämpftes Bataillon, und daß wir deshalb keine besondere Heldentat vollbracht hatten.

Es war auch ganz egal.

Später sammelten wir am Waldrand.

Wir kamen auf dem Wege dorthin an vielen leblosen Gestalten vorüber. Und auch an solchen, die sich mühselig aufrichteten und um irgend etwas baten. Es waren tapfere Burschen gewesen. Und wir sahen, daß unsere Sanis sich um sie bemühten.

Was uns acht betraf, so waren wir alle wieder zusammen.

Mit unserem Spähtrupp waren sie sehr zufrieden. Wir hätten tadellos funktioniert. Das Komische war, daß jetzt Unteroffizier Knauf auftauchte und sich Meier III vornahm, der ohne Befehl zu feuern begonnen hatte. »Sie haben keine Disziplin im Leibe«, hörten wir Unteroffizier Knauf sagen, »Warum haben Sie ohne Befehl gefeuert?« Meier III gab entgegen seiner Gewohnheit gar keine Antwort. Dann schlich Unteroffizier Knauf weiter, sah jedem aus der Nähe ins Gesicht und blieb natürlich bei mir hängen.

»Und Sie?« knurrte er, »warum haben Sie ohne Befehl …« Und jetzt passierte noch etwas Komischeres. Unteroffizier Knauf wurde von der lauten Stimme Hauptmann Distelmanns unterbrochen.

»Die Kompanie sammelt halblinks an der hohen Baumgruppe! Die Kompanie hat sich tadellos gehalten. Den Leuten vom Spähtrupp Knauf werde ich nachher meine besondere Anerkennung aussprechen. Herr Leutnant Meßner, lassen Sie sammeln!«

Unteroffizier Knauf, den die Stimme des Kompaniechefs geradezu an den Boden genagelt hatte, starrte mich noch eine Sekunde an, dann öffnete er den Mund, schloß ihn wieder und machte sich davon.

An der Baumgruppe saßen wir acht zusammen.

Keinem war auch nur das geringste passiert. Ob die Kompanie überhaupt Verluste hatte, würde sich erst am Morgen herausstellen.

Es war unser erstes Gefecht.

Nach den erregten gegenseitigen Berichten lagen wir schweigend im Gras.

Ich dachte an jemand Bestimmten in der Heimat. Und als ob alle miteinander in diesem Augenblick ungefähr dasselbe gedacht hätten, sagte Fritz Kirchhofer plötzlich? »Wenn das die zu Hause wüßten.«

Rolf Weinrich, der Bäcker aus Andernach am schönen Rhein, sagte: »Die? Die amüsieren sich, darauf könnt ihr euch verlassen.«

Das Stichwort aller Stichworte war gefallen.

»Deine vielleicht«, knurrte Meier III bösartig, »du mit deinem Käsegesicht kannst auch gar nichts anderes verlangen.«

Ein Weile herrschte erbittertes Schweigen.

In diesem Augenblick wurde ich mir wie niemals zuvor bewußt, welche Rolle die Gedanken an die Frauen zu Hause in jedem von uns spielten. Sie spielten eine übermächtige Rolle.

Und meiner größten Verwunderung sagte jetzt Kurtchen Zech langsam: »Der Weinrich hat ja gar keine. Deshalb hat er gut reden.«

Heinz-Otto sagte ebenso langsam: »Was meinst du mit gut reden? Machst du dir vielleicht Gedanken, Kurtchen?«

Wir alle wußten, daß immer, wenn Kurtchen Zech einen Brief von seiner Braut oder seiner Freundin oder was er daheim haben mochte, bekam, schlecht gelaunt wurde.

Kurtchen Zech gab keine Antwort.

Aber das Thema war angeschnitten, und obwohl zunächst niemand weiterredete, lag es doch drückend schwer in der Luft.

Heinz-Otto Brückmann ließ nicht locker. Es war seine Art, nicht lockerzulassen, wenn er seinen Spott spielen lassen konnte.

»Da wir gerade davon sprechen, Kurtchen«, begann er jetzt, »du bist doch ein gebildeter Mensch. Und du redest immer von der inneren Harmonie. Was meinst du Kurtchen, was hälst du davon?«

»Wovon?« fragte Kurtchen Zech mürrisch zurück.

»Von unseren lieben kleinen Frauen zu Hause, Kurtchen. Nimm mal an, der Krieg dauert ein paar Wochen. Es sieht so aus, als ob er nur ein paar Wochen dauert. Na, nehmen wir an. Aber nehmen wir mal an, der Krieg dauert ein paar Jahre. Und du kriegst alle Jahre einmal acht Tage Urlaub, wenn sie dir nicht ein Heimatschüßchen verpassen oder wenn du nicht mit militärischen Ehren beigesetzt wirst. Na und dann? Was hältst du davon?«

Wir saßen alle auf einmal aufrecht, aber jeder tat so, als ob das Thema nicht besonders interessiere.

»Wovon?« fragte Kurtchen Zech störrisch.

Krumbhaar, der Friseur aus Dresden, lachte ungeduldig auf. »Keine Antwort, der Herr? Na ja. Ich hab ’n Geschäft. Und meine Irma ist eine Geschäftsfrau. Wir machen um achte morgens auf und abends um sechse zu. Und jetzt hat sie neben dem Damensalon noch den Herrensalon. Hauptsache, sie hat keine Langeweile. Damit hat sich’s, meine Herren.« Heinz-Otto war in Fahrt.

»Matthias«, sagte er, »nicht jeder von uns hat einen Doppelsalon. Aber da du grade von dir sprichst, du hast doch Gehilfen oder nicht? Und du hast doch Kunden. Und bei dir gehn also Männer aus und ein. Und du bist nicht da. Na, was hältst du davon?«

»Das ist mir zu dämlich«, sagte Krumbhaar ärgerlich.

»Du hast ganz recht«, ließ sich auf einmal Martin Koegel aus der Dunkelheit vernehmen, »du hast ganz recht. Fall nicht auf das Gesabbere von Brügmann ’rein, Mensch.«

»Nee«, sagte Krumbhaar wütend.

Heinz-Otto lachte. Aber es klang ein bißchen dünn. Zum ersten Male hatten wir den sanften Josef mit Zorn reden hören, und das machte Eindruck.

»Darüber müssen wir mal reden«, sagte Heinz-Otto zäh.

»Fertig machen!« kam es jetzt vom Kompanietrupp her.

Schweigend rappelten wir uns auf.

Im Morgengrauen überschritten wir die Pontonbrücke.

Und dann sahen wir die Sonne dunkelrot und riesengroß im Herbstnebel stehen. Ihr marschierten wir entgegen.

Und der Zug Meßner war es, der mit Macht anstimmte: »Auf der Heide blüht ein kleines Blümelein… und das heißt… Erika…«

3

An diesem Tage begegneten wir dem ersten endlosen Zug polnischer Gefangener. Eine unübersehbare Kolonne junger Gesichter, es mag wohl eine Brigade gewesen sein.

»Nur nicht gefangen werden«, sagte Kurtchen Zech plötzlich, »alles andere, nur nicht gefangen werden.«

»Was heißt denn das, du Dussel«, fuhr ihn Meier III an, »wenn sie dich schnappen, sagen wir mal auf Spähtrupp. Na, und dann? Was heißt das, alles andere? Oder bringst du dich vorher um?«

Und da begann Kurtchen Zech seinen Vortrag über Kriegsgefangene, der uns noch lange in den Ohren lag und an den wir uns später immer wieder erinnern sollten und nicht nur bis zum bitteren Ende, sondern über das bittere Ende weit hinaus.

Aber wir wußten damals Gott sei Dank nichts von dem, was kam, und das war gut so.

»Die Jungens da«, sagte Kurtchen Zech und deutete mit dem Kinn hinüber zu den polnischen Kolonnen, »die Jungens da werden es verhältnismäßig gut haben, unsere Gefangenen wurden in allen Kriegen ganz anständig von uns behandelt, wenn sie auch keinen Kaviar zu fressen bekamen. Aber umgekehrt würde ich mich tatsächlich lieber gleich umbringen, als bei ihnen in Gefangenschaft geraten. Es sind abgesprungene Flieger von uns gefunden worden, und das war nicht mehr schön. Die Polen haben ihnen die Augen ausgestochen, den Mund mit Sägespänen gefüllt, daß sie erstickten, und ihnen die Geschlechtsteile …«

»Jetzt hör’ auf Mann«, unterbrach ihn Heinz-Otto, »wo willst du denn das herwissen?«

»Das hat mir ein Melder vom Regimentsstab erzählt, mein lieber Heinz-Otto, und diesen Melder kenne ich, und der lügt nicht. Es gibt nämlich Leute, die das Lügen nicht nötig haben, so komisch es klingt.«

»Wie heißt dein Melder?« fragte Kirchhofer kurz.

»Franz Lutz heißt er, Theologiestudent aus Göttingen, wenn du es genau wissen willst, wir wohnten in der gleichen Etage.«

»Hat der den Flieger selber gesehen?« fragte Heinz-Otto. »Ja, das hat er. Mit seinen eigenen Augen.«

Jetzt sagte niemand mehr etwas, und Kurtchen Zech redete weiter.

»Als ich das hörte«, sagte er, »habe ich mir doch allerhand Gedanken gemacht. Ich habe mir über Kriegsgefangene überhaupt Gedanken gemacht. In früheren Zeiten, ich meine ganz früher im Altertum, hat man Kriegsgefangene umgebracht. Dann so, soviel ich mich im Augenblick erinnere, im Mittelalter hat man sie einfach in die eigene Truppe gesteckt. Und später, sagen wir mal im napoleonischen Zeitalter hat man sie auch ganz anständig behandelt, auf beiden Seiten. Und dann noch später, so im Siebziger-Krieg, hat man sie auch anständig behandelt. Und 1914 ging dann die große Sauerei los.«

»Wieso«, fragte der Stöpsel Krumbhaar, »das kann aber nicht stimmen. Mein Onkel Rudolf war Landstürmer und hat Wache in einem Kriegsgefangenenlager geschoben 14 bis 17, dann bekam er die Ruhr, kam nach Hause, und nachher machte er einen Konkurrenzladen auf und …«

»Du wolltest etwas über die Kriegsgefangenen erzählen«, fiel ihm Kurtchen Zech geduldig ins Wort.

»Ja, ach so. Da gibt’s nicht viel zu erzählen. Sie wurden anständig behandelt. Das kann dir aber jeder sagen, der damals …«

»Ich habe ja noch gar nicht ausgeredet«, sagte Kurtchen Zech, »1914 hat also die Sauerei begonnen, und sie hat in Rußland begonnen. Das müßt ihr doch auch wissen, verdammt noch mal, habt ihr denn nie etwas darüber gelesen? Der Zar war noch an der Regierung, dieser weiche, scheue Mann, der keiner Fliege etwas zu leide tat. Und zu seinen Zeiten schon wurden die Gefangenen nach Sibirien gebracht. Und alles andere ist mit einem Satz gesagt: dort verreckten sie zu Hunderttausenden jämmerlich. Und von da ab, glaube ich, war die Genfer Konvention einen Dreck wert. Meine persönliche Meinung, meine Herren. Und als ich da vorgestern von den deutschen Fliegern hörte, dachte ich mir, lieber alles andere, als gefangengenommen werden.«

»Nun«, sagte Heinz-Otto, »die Deutschen sind immer anständig zu den Gefangenen gewesen.«

»Aber das könnte sich ja ändern«, sagte Weinrich. »Wenn die anderen gemein sind, können wir ja auch gemein werden.«

»Und damit hätten wir dann den Kreis, der nicht aufhört«, sagte der Zimmermann Josef wütend, und zum ersten Male sahen wir ihn aufgeregt. »Du bist ja wohl das größte Rindvieh, Weinrich. Du hast wohl Stroh im Kopf?«

Wir sahen den Josef perplex an.

»Wenn die andern gemein sind, werden wir auch gemein«, fuhr Josef erbittert fort, »und weil wir auch gemein wurden, werden wiederum die anderen gemein, und dann werden wir wieder gemein, weil sie gemein waren. Und wer gerade die Oberhand hat, der wird gemein, nicht wahr?«

»Na hör’ mal«, erklärte Weinrich verletzt, »wenn du so denkst, dann brauchst du wenigstens nicht zu mir gemein zu werden.«

»Sehr gut!« rief Heinz-Otto, »gut, der Weinrich! Ausgezeichnet!«

»Einen Moment«, sagte Kurtchen, »einen kleinen Moment, meine Herrschaften. Der Josef hat recht. Das ganze Elend liegt darin, daß keiner einen Strich machen kann. Die gute, alte, hübsche Blutrache, hoch soll sie leben!«

An dieses Gespräch auf unserem Marsche an diesem Tage haben wir noch lange gedacht und später uns immer wieder daran erinnert.

Wir bekamen nämlich zu Kurtchen Zechs Vortrag von der Blutrache und der im Kreis rotierenden Gemeinheit, die niemals aufhört, wenn man nicht einmal irgendwo einen Strich macht, einen Beitrag geliefert.

Wir sahen Bromberg.

Bromberg hatten Truppen vor uns eingenommen, und das war schon eine Woche her.

Kirchhofer und ich standen in einer Straße, deren Namen ich nicht mehr weiß, auf Posten vor irgendeinem Magazin, und zwar von zwölf bis zwei in der Nacht. Wir waren morgens einmarschiert.

Kirchhofer stand kaum zehn Schritte von mir entfernt, es mag so gegen halb eins gewesen sein, als es aus allernächster Nähe knallte und uns um die Ohren pfiff.

Im Bruchteil einer Sekunde lagen wir auf dem Boden und drückten die Gesichter auf die Arme. Es war stockdunkel, aber der, der schoß, wußte anscheinend genau, in welche Richtung er zu schießen hatte.

Man hatte uns auf so etwas vorbereitet. In der Stadt hielten sich noch polnische Heckenschützen versteckt.

Und noch während einzelne Schüsse über uns hinwegknallten, hörten wir auch schon unsere alarmierten Streifen an uns vorbeihasten und in die Finsternis hineinschießen.

Wir selber durften uns von unserem Posten nicht entfernen. Nun, das gehörte sozusagen zum Betrieb.

Was in Bromberg geschehen war, gehörte in die Hölle.

Die Polen haben unter der deutschen Bevölkerung der Stadt so gewütet, getötet und gemordet, daß uns alle ein Grauen ankam. Wir sprachen einen Sanitäter, der bei den ersten Truppen gewesen war, die in die Stadt kamen.

Es war ein älterer, ruhiger Mann, er war, als er gerade einem deutschen Zivilisten, dem der Kiefer zerschlagen und die Nase gebrochen war, aus einem Keller half, angeschossen worden, und er trug noch den Arm in der Binde. Er war Hesse, aber noch in seinem behaglichen, zutraulichen Dialekt klang das, was er erzählte, schauerlich.

»Sie habe die Zuchthäusler logelasse«, sagte er, »und sie habe ihne Waffe gegebe. Und sie habe von der Großmutter bis zum sechsjährige Kind alles hingeschlachtet. Anders kann man es nicht nenne. Hingeschlachtet. Es müsse Wahnsinnige gewese sein. Wir habe einen gefunde von den Deutsche in der Küch. Dem habe sie den Kopf gespalte, den Bauch aufgeschlitzt, und dann habe sie ihm die Lung ’rausgerisse und das Herz, und habe es in eine Waschschüssel geschmisse und …«

»Hör auf, Mann, hör auf«, sagte Heinz-Otto.

»Warum soll ich denn aufhöre?« fragte der Sanitäter verwundert. »Es ist doch alles bis aufs Wort wahr. Und ich hab’s selber alles gesehe. Und das ist noch lang nicht alles. Und warum sollt ihr das nicht wisse? Drübe im Waldstück nebe dem große, weiße Haus habe sie 28 Männer hingeschlachtet. Geht nur ’nüber, wir habe sie gestern abend erst gefunde, und sie liege noch da, weil ausländische Journaliste komme, die das sehe wolle und fotografiere.«

Wir starrten ihn schweigend an.

»Gucket nur«, sagte er gleichmütig, aber sein Gesicht war grau und ausgehöhlt, »guckt mich nur an. Ich bin kein Märcheerzähler.«

»Und warum«, fragte der Josef stockend, »warum glaubst du, daß sie es taten?«

Eine lange Weile betrachtete uns der Hesse wortlos.

Dann sagte er: »Warum? Vielleicht, weil Krieg ist und weil sie glaube, sie wäre von uns überfalle worde. Sie sind ja auch von uns überfalle worde, aber nur deswege, weil sie sonst uns überfalle hätte. Da kennt sich niemand mehr aus. Das sind keine Christenmensche, das sind Heide.«

Heinz-Otto hob abwehrend die Hand.

»Rede keinen Quatsch«, sagte er grimmig, »du hast doch selber gesagt, es seien Zuchthäusler gewesen. Also Verbrecher, nicht wahr, Menschen, die ohnehin Verbrecher waren, nicht wahr?«

»Du kannst mir nicht das Wort im Maul ’rumdrehe«, antwortete der Sanitäter verärgert und deutete mit seinem Zeigefinger auf Heinz-Otto. »Ich hab nix davon gesagt, daß es nur Zuchthäusler ware.« Und jetzt wurde er erregt. »Die polnische Truppe habe sich das mitangesehe, verstande? Sie habe die Deutsche selber aus den Häusern geholt und habe sie den Zuchthäuslern übergebe, verstande? In meine Auge sind sie alle Verbrecher, verstande?«

»Reg dich ab«, sagte ich, »reg dich ab. Wir glauben dir schon, Mensch. Aber du wirst ja wohl begreifen können, daß uns das mitnimmt und daß wir es einfach, ja, daß wir es menschenunmöglich finden.«

»So«, sagte der Hesse, »aber jetzt wißt ihr’s. Und jetzt wißt ihr auch, mit wem ihr es zu tun habt, verstande?«

»Du meinst«, sagte Kurtchen Zech langsam, »du meinst, jetzt sollen wir es auch so machen! Zum Beispiel in der nächsten rein polnischen Stadt mit den polnischen Zivilisten, das meinst du doch, ja?«

»Ich mein gar nix«, antwortete der Sanitäter hitzig. »Ich mein bloß, wenn man sich das gefalle läßt, meine die Brüder, sie könne es immer so mit uns mache.«

»Es gibt Schuldige und Unschuldige«, mischte sich jetzt der Josef ein. »Und sag mir mal, wie du die auseinanderhalten kannst? Sag mir das mal, bitte. Du schnappst den einen und den andern auf frischer Tat, für den ist das Exekutionskommando fällig, klare Sache. Aber dann sind ringsumher noch tausend Schuldige unter zehntausend Unschuldigen. Na, und nun? Und was dann, Mann Gottes?«

Der Hesse sah uns der Reihe nach mitleidig an.

»Ihr seid wohl alle Pastore und Pfarrer? Wenn euch alle mitnander, wenn ihr das gehört und gesehe habt …ach was, ich verplemper mei Zeit. Ihr seid komische Brüder.«

Jetzt versuchte Kurtchen Zech, den zornigen Mann zu beruhigen.

»Hör mal zu, du blinder Hesse. Wir sind gar keine komischen Brüder. Wir sind nur völlig aufgeschmissen, wenn wir so etwas hören und sehen, verstehst du? Glaube ja nicht, daß wir so etwas entschuldigen. Wir …«

»Ach, halt’s Maul«, fiel ihm der Sanitäter müde ins Wort, »ihr seid wohl Bibelforscher? Aufgeschmisse sind wir so und so. Und in fünfzig Jahr oder in hundert Jahr sind wieder andere aufgeschmisse. Das Volk ist immer aufgeschmisse.« Und mit dieser unerwarteten Eröffnung wandte er sich zum Gehen.

»Na, siehst du«, rief ihm Kurtchen Zech nach. »Aber sag das nicht so laut. Sonst bist du der erste, der aufgeschmissen ist.«

Der alte Sanitäter drehte sich um.

»Alleweil habe Sie recht«, sagte er und deutete mit dem Finger auf Kurtchen. Und verschwand schleppend um die Ecke.

Wir blieben nur zwei und einen halben Tag in dieser Stadt, Gott sei Dank!

___________

Die Russen marschieren von der anderen Seite her in Polen ein, und das wird dann wohl das Ende sein.

Wir haben die Russen gesehen.

In einem brennenden Dorf sahen wir die ersten.

Bis dahin haben wir wenig erlebt. Wir marschierten, und dann und wann gab es im Gelände eine Knallerei.

»Sie heben uns auf, weil wir eine Elitetruppe sind, die noch woanders gebraucht wird«, erklärte Meier III spöttisch. »Und mir kann’s recht sein.«

»Sie lassen uns nicht ’ran, weil wir keine Elitetruppe sind«, erklärte Heinz-Otto. »Und wenn der Feldzug vorbei ist, schicken sie uns nach Hause. Das kann uns nur recht sein.«

Also die Russen. Als wir sie sahen, sagte der Krumbhaar: »Mensch, wenn der Stalin den Führer ’reingelegt hat, und die Russen marschieren einfach weiter, was dann?«

Wir starrten ihn entgeistert an.

Jeder von uns hatte dasselbe gedacht. Jeder von uns hatte plötzlich dieses Angstgefühl.

Keiner gab dem Krumbhaar Antwort.

Sie standen mit drei Panzern vor dem Dorf, das sie in Brand geschossen hatten. Ein Offizier von ihnen kam heran, er sprach mit Leutnant Meßner, sie redeten französisch zusammen, und wir konnten ihn aus nächster Nähe betrachten. Er war kleingewachsen und trug einen kurzen Ledermantel und einen breiten Gürtel. Als er den Lederhelm abnahm, sahen wir die kurzgeschorenen Haare. Sein glattes, kleines Gesicht war ziemlich ausdruckslos, und wenn er lachte, lachte er etwas künstlich und ließ die Lippen dabei nicht auseinandergehen.

Ein langweiliger Bursche.

Wir schlängelten uns zu den Panzern. Hier standen die Russen an die Wagen gelehnt. Wir schüttelten ihnen der Reihe nach die Hand, und sie grinsten übers ganze Gesicht. Und dann führten wir die große Pantomime auf: ob sie Zigaretten von uns wollten, ob sie uns mal ihre Zigaretten schmecken lassen wollten, ob sie Kognak wollten, und ob sie vielleicht Wodka hätten, nur zum Probieren und so.

Sie lachten ununterbrochen übers ganze Gesicht, sahen bisweilen zu dem Offizier hin, der mit Leutnant Meßner sprach, klopften uns auf die Schultern, und wir stießen sie in die lederne Seite.

Und dann entdeckte einer von ihnen die wunderbare Armbanduhr von Heinz-Otto Brügmann. Sie war aus Gold und eingebettet in Platin. Und über das Zifferblatt spannte sich ein hauchdünnes Gitter aus Golddraht, und befestigt am Handgelenk war sie von einem breiten Riemen aus Krokodilleder. Sie zeigte außer den Stunden und Minuten auch die Monate und Tage, und sie war auch als Stoppuhr zu gebrauchen.

Sie starrten, sichtlich außer sich vor Staunen, zuerst stumm auf das kostbare Ding, dann nahm Heinz-Otto sie ab, öffnete das Gitterchen und zeigte ihnen das Zifferblatt mit seinen unwahrscheinlichen Einrichtungen.

Und dann versuchte er, ihnen das Ganze zu erklären.

Er gab sie einem von ihnen, einem stämmigen, überbreiten Burschen in die Hand, und der wagte nicht mehr, sich zu rühren, hielt sie, den Arm ausgestreckt, in seinem ölverkrusteten Handteller, und die anderen beugten sich darüber.

Jeder von uns trug eine Armbanduhr, wenn auch keiner ein solches Ausstellungsstück. Von den Russen hatte keiner eine Uhr.

Und jetzt entdeckten sie noch andere Dinge.

Sie entdeckten das Prachtstück von Taschenlampe an der Brust von Heinz-Otto, und sie entdeckten das monumentale Zeiß-Glas. Wir zeigten ihnen unsere Taschenfeuerzeuge und den Kompaß, den einige von uns bei sich hatten, wir zeigten ihnen unsere Universaltaschenmesser mit unzähligen Kinkerlitzchen daran, wir zeigten ihnen Taschenbestecke, wir zeigten ihnen alles, was wir hatten.

Keiner von ihnen besaß etwas Gleiches oder Ähnliches. Und sie standen wie um einen Weihnachtsbaum.

Das mochte so zehn Minuten gedauert haben, da hörten wir hinter uns russische Worte. Und sie klangen ziemlich barsch. Die Panzerleute wichen zurück, drehten sich um und gingen an ihre Wagen. Keiner warf mehr einen Blick auf uns.

Und als wir abmarschierten, sahen sie an uns vorbei.

»Das waren sie also«, sagte nach einer Weile der Krumbhaar, »glattgeschoren wie Zuchthäusler.«

»Keinen guten Kunden für den Salon Krumbhaar«, sagte Meier III.

»Aber Disziplin haben sie«, sagte Weinrich, »habt ihr gesehen, wie sie flitzten, als der Offizier sie anschnauzte?«

»Ja«, äußerte Kurtchen Zech, »das haben wir gesehen. Und warum, meinst du, hat er sie angeschnauzt? Schließlich hatten sie eine Marschpause wie wir. Und schließlich war es doch ein festliches Ereignis, mit verbündeten Truppen zum erstenmal zusammenzutreffen, oder nicht? Na also, warum wird er sie wohl angeschnauzt haben?«

»Darüber brauchst du uns keinen Vortrag zu halten«, erklärte Max Meier III ironisch. »Der Offizier wollte keine Verbrüderung.«

»Sehr gut der Manm«, sagte Kurtchen Zech. »Und warum nicht?«

»O Gott«, stöhnte Heinz-Otto, »mußt du immer Schulstunde halten, Kurtchen? Das weiß doch jedes Kind bei uns!«

»So«, antwortete Kurtchen, »wetten, daß es nicht jedes Kind weiß. Also sag mal Meierchen, warum wollte er keine Verbrüderung?«

»Du willst mich wohl für dumm verkaufen«, knurrte Meierchen. »Du meinst, weil ich nur in die Volksschule gegangen bin, was? Die Verbrüderung ist doch bei denen verboten, Mensch!« ’

»Und warum? Sag’s schon, Meierchen.«

»Wegen des Einflusses«, erklärte Max stolz, »Wegen unseres Einflusses.«

»Und wegen unserer Armbanduhr, unserer Taschenlampen, unserer Feuerzeuge, unserer Taschenmesser, unserer Kompasse, unserer Taschenbestecke.«

»Wieso?« fragte Meier III erstaunt. »Wieso denn das?«

»Siehst du, Heinz-Otto!« sagte Kurtchen befriedigt, »nicht jedes Kind weiß es.«

Die Bogenlampe in Meier III ging strahlend auf.

»Ach so!« rief er, »du meinst, sie haben das alles nicht.«

»Nein«, sagte Kurtchen, »sie haben es nicht. Und deswegen dürfen sie es nicht sehen. Sie dürfen nicht wissen, daß es so etwas anderswo gibt.«

»Du machst mich ganz krank mit deinen Vorträgen«, sagte ich jetzt. »Du machst mich ganz müde und krank. Du kannst doch nicht immer und immer bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit Vorträge halten, Mensch. Es wird einem ja ganz trocken im Halse.«

Ich war wütend.

»Sag mal Kurtchen«, fragte der Josef, »du sprichst doch Französisch. Hast du gehört, was der Russe zum Leutnant sagte?«

»’n paar Sätze habe ich gehört«, antwortete Kurtchen, »ganz interessant, was er sagten.«

Wir wurden alle neugierig.

»Erzähl mal, Kurtchen«, bat ich.

Kurtchen Zech sah mich von der Seite an.

»Ich bin ganz krank vom Vorträgehalten«, sagte er. »Ich bin ganz krank und müde davon. Ich kann doch nicht bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit Vorträge halten. Mir ist schon ganz trocken im Halse.«

»Da hast du’s«, sagte Meier III zu mir.

»Du hängst dich überhaupt immer in alles hinein«, sagte Heinz-Otto zu mir.

»Du bist ein rechter Klugscheißer«, sagte Rolf Weinrich zu mir.

»Manche Leute können es nicht vertragen, wenn ein anderer klüger ist«, sagte Krumbhaar zu mir.

»Fauler Kopp«, äußerte sich Kirchhofer.

»Du hättest ihm nicht über den Mund fahren dürfen«, sagte der Josef bekümmert zu mir.

Und Kurtchen Zech ging hocherhobenen Auges fürbaß und schwieg.

Und erst nach einer ganzen Weile sagte er leichthin: »Der Russe sagte zum Leutnant, sie hätten den Befehl, noch neun Kilometer nach Westen vorzurücken, und da würden sie dann bleiben, und wahrscheinlich würden sie für immer bleiben. Und dann wollte er dem Leutnant die Armbanduhr abkaufen. Der Leutnant sagte, es sei ein Erinnerungsstück, und außerdem könne er Rubel nicht verwenden, und da sagte der Russe, er habe genügend Zlotys und auch deutsche Mark bei sich. Dann sagte der Leutnant, er solle versuchen, bei uns eine Uhr zu kaufen. Dann sagte der Russe wieder etwas, aber das konnte ich nicht mehr hören.«

»Und der Russe sprach perfekt Französisch?« erkundigte sich der Josef neugierig.

»Beinahe so gut wie ich selber«, antwortete Kurtchen bescheiden.

»Dann haben sie also auch gebildete Leute«, sagte Weinrich. »Haben sie«, sagte Kurtchen Zech.

»Na also«, meinte der Josef befriedigt.

»Genau wie wir auch«, sagte Heinz-Otto.

»Ihr ahnungslosen Armleuchter«, fuhr uns Kurtchen Zech an. Das war unsere erste Begegnung mit den Russen. Sie dauerte kaum eine halbe Stunde.

___________

Uns allen acht war nicht gut zumute, wenn wir an die Russen dachten.

Alle Erfordernisse der hohen Politik meinetwegen in allen Ehren, und bitte sehr, es mag da Umwege geben und plötzliche Wendungen.

Aber, mochte es sein wie es wollte, wir waren zu lange Jahre überzeugt davon gewesen, daß aus dem Osten vielleicht einmal das ungeheuerlichste Unheil kommen könnte, wenn kein Damm gebaut würde. Seit 1917 waren Mord und Verschleppung, Tod und Verbannung, Verelendung und Unfreiheit im Osten in allergrößtem Stil gang und gäbe. Ganze Völkerschaften waren ausgerottet worden, und das kostbarste Gut jeder Nation, die nicht von allen guten Geistern verlassen war, die Intelligenz, war unterdrückt, erniedrigt und dann ebenfalls ausgerottet worden. Lüge und Heuchelei in grandiosem Ausmaß und Umfang walteten von oben nach unten und von unten nach oben.

In über zwanzig Jahren war es einer Regierung dort drüben, die alle Machtmittel in ihren Händen hatte, nicht gelungen, ihren Völkern auch nur den Hauch eines bescheidenen Wohlstandes zu bringen, und diese Regierung vermochte diese ihre Völker nur dadurch von der Richtigkeit ihrer Methode zu überzeugen, indem sie sich vom Westen hermetisch abschloß. Von jenem Westen, dem es gut ging, in Freiheit gut ging.

Dies alles waren für uns Binsenweisheiten.

Nun lasen wir es plötzlich anders.

Es war nichts zu machen.

Nach der Begegnung mit den Russen waren wir sehr niedergedrückt.

Wir haben unter uns eigentlich niemals viel über Politik gesprochen. Wir waren zu vorsichtig dazu.

Dann und wann fiel irgendein Satz leichthln und nebenbei, und dann sahen wir aus den flüchtigen Blicken, die zwischen uns im Bruchteil von Sekunden hin und her wischten, daß wir uns verstanden und einer Meinung waren.

»Also ich verstehe die Burschen einfach nicht«, sagte der Krumbhaar eines Abends. Es war einer der wenigen Abende, an denen wir ein Lagerfeuer machten.

»Keiner versteht sie, aber wir können Gott danke«, sagte Weinrich.

Jeder von uns wußte sofort, wovon die Rede war.

Als England und Frankreich uns den Krieg erklärten, gab es für jeden von uns gar keinen Zweifel, daß sie in der ersten Stunde nach ihrer Kriegserklärung losmarschieren würden.

Sofort, unverzüglich, in der ersten Stunde.

Meiner Meinung nach mußten sie nun doch allmählich wissen, wohin der Hase bei uns lief. Da war Österreich. Nun, darüber ließe sich sprechen, das war letzten Endes an sich keine Perversität. Zwei deutschsprechende Länder kamen zusammen. Schön und gut.

Aber dann waren da die anderen Länder, über denen es sich zusammenzog.

Kurz und gut, wir dachten, die Franzosen gingen augenblicklich los über den Rhein, koste es, was es wolle, und die Engländer, glaubten wir, kämen sofort über den Kanal, koste es, was es wolle.

Sie kamen nicht. Und das verstanden wir nicht.

Dann hatte Adolf wieder einmal recht behalten.

Übrigens war der einzige Parteigenosse unter uns Kurtchen Zech. Klar, warum. Er stieg einer Staatsstellung nach, und da mußte er denn wohl.

Ja also, über Politik wurde kaum einmal gesprochen. Wir freuten uns nicht an ihr, man konnte sich ja wohl nicht recht an ihr freuen, aber wir zogen auch nicht über sie her. Vor allem aus Vorsicht.

Deshalb waren wir etwas perplex, als eines Nachmittags ein Geländewagen an unserer Kolonne entlangfuhr und ein SD-Mann, der neben dem Fahrer aufrecht an der Windschutzscheibe stand, in die Reihen hineinrief: »Schütze Rolf Weinrich! … Schütze Rolf Weinrich! …«

Und als Weinrich automatisch brüllte: »Hier!« und zugleich ein Halt für die Truppe kam und Weinrich aus der Kolonne trat, stutzte er und sagte überrascht: »Mein Bruder!«

Und sein Bruder, der aus dem Wagen sprang und Weinrich heftig auf die Schultern klopfte, trug die Uniform eines SS-Gruppenführers.

Wir sahen uns an, und jeder überlegte, wie wir uns später eingestanden, ob er vielleicht irgendwann einmal eine Äußerung getan haben könnte, die einen SS-Gruppenführer dazu veranlassen mochte, sich den Mann näher anzusehen.

Und jetzt konnten wir uns auch erklären, warum Weinrich derjenige unter uns war, der ziemlich aufrichtige Bemerkungen über dies und jenes zu machen pflegte. Kein Wunder, er hatte Rückendeckung.

Als Weinrich nach einer Stunde etwa zurückkam, muß er gemerkt haben, daß wir etwas gehemmt waren. Er lachte.

»Ihr seid alle verhaftet«, sagte er »wegen staatsgefährlichen Verhaltens und Zerrüttung der Wehrmacht. Macht euch fertig. Abschnallen!«

Ein dummer Witz.

»Wir unterstehen nicht dem SD«, sagte Heinz-Otto verdrießlich. »Und nicht einmal ein SS-Gruppenführer kann uns festnehmen.«

»Seid nicht komisch«, sagte Weinrich etwas kleinlaut. »Man wird noch einen Ulk machen können.«

»Einen solchen nicht«, bemerkte ich.

»Ihr werdet Egon noch kennenlernen«, teilte uns Weinrich mit. »Egon ist beim SD und hat Sonderaufgaben in Polen.« Kein Mensch antwortete was.

Übrigens war Weinrichs Bruder der erste SD-Mann, den wir in Polen sahen. Die Waffen-SS war als sogenannte SX-Verfügungstruppe mit nach Polen gekommen, aber in unserer Nähe war sie noch nicht in Erscheinung getreten.

»Egon sagt, es wäre jetzt Schluß hier.«

»Und dann?« fragte ich.

»Und dann knöpfen wir uns die anderen Herrschaften vor.«

Wir sahen Weinrich stumm an.

Komisch, seit er mit seinem Bruder, dem SS-Gruppenführer, gesprochen hatte, war er ein ganz anderer und führte eine forsche Sprache.

»Knöpfen wir uns vor«, wiederholte Heinz-Otto nachdenklich, und wir anderen verstanden ganz gut, was er damit ausdrücken wollte.

Das »knöpfen wir uns vor« gehörte zum Sprachschatz der SA, der SS und der Hitlerjugend, und diese Sprache war auch bisweilen in den Kasinos der Wehrmacht zu hören.

Der Landser hat seit alters her eine gewisse schnoddrige Ausdrucksweise. Das macht nichts.

Aber irgend etwas lag in der Luft, was mit einier schnoddrigen Ausdrucksweise nicht aus der Welt zu schaffen war.

Zum Beispiel lag bei uns allen immer noch Bromberg in der Luft.

Hatten jene polnischen Zuchthäusler und vertierten Menschen sich etwa die Volksdeutschen »vorgeknöpft«?

Kaum. Kaum. Mit dieser Bezeichnung kam man nicht mehr aus. Und wahrscheinlich, wenn die Dinge in diesem Stil weitergingen, würde man niemals wieder mit Schnoddrigkeit auskommen.

»Wieso bist du eigentlich immer noch Bäcker, wenn dein Bruder SS-Gruppenführer ist?« fragte aus heiterem Himmel Heinz-Otto.

Aber diesmal hatte Weinrich eine gute Antwort zur Hand.

»Du bist ja auch Schütze Brückmanna«, sagte er heiter, »obwohl dein Vater ein Riesentier von Bankier ist.«

»Stimmt«, antwortete Heinz-Otto.

Von diesem Augenblick an waren wir mit Weinrich wieder in Ordnung.

4

Wir liegen in einem polnischen Schloß. Und wenn ich sage: »Wir liegen«, so kann man das ruhig wörtlich nehmen. Wir liegen nämlich herum, und außer diesem und jenem Appell ist nichts los. Wir wissen nicht, ob der Feldzug in Polen nun zu Ende geht oder zu Ende ist. Der Spieß sagt, er sei zu Ende, und man hätte, was uns betrifft, ziemlich wenig Gebrauch von uns gemacht. »Nach menschlichem Augenmaß wenigstens«, sagte er. Und er konnte es, weil er ein Spieß war, nicht lassen, hinzuzufügen, das läge wahrscheinlich daran, daß wir »nach menschlichem Augenmaß« nicht die Qualität einer Gardetruppe aufgewiesen hätten.

Uns konnte es recht sein.

Aus dem Wehrmachtsbericht durfte man annehmen, daß hier in Polen im allgemeinen alles zu Ende war.

Und Kurtchen Zech machte Bilanz.

Als wir mittags im Schloßpark lagen, ging die polnische Gräfin vorbei, eine kleine, pompöse Dame mit rotblondem Strudelhaar und ganz kurzen Schrittchen. So an die Dreißig. Sie war eine deutsche Adlige aus der Gegend von Neustrelitz. Das hatten wir von Krumbhaar. Dieser Stöpsel hatte wieder mal mit seinen Friseurmätzchen kolossalen Erfolg gehabt. Er hatte gestern der Gräfin tatsächlich eine Haarnadel aufgehoben. Und wir sahen, wie er mit gespitzten Lippen auf die Dame einredete. Und dann sperrten wir Maul und Nase auf, als er mit ihr ins Schloß ging. Er kam mit einer Flasche Schnaps zurück. Er hatte die Gräfin frisiert.

Das war allerhand.

Sie war als einzige mit einigen Dienstmädchen zurückgeblieben, weil sie Deutsche war, und hoffte, wir würden dem Schloß nichts tun. Kurtchen Zech sah also der Gräfin nach, und dann sagte er: »Jetzt ist die Sache rund und fertig. Jeder richtige Landser hat im Kriege mal in einem Schloß gelegen. Damit ist für uns Schluß. Der Vorhang fällt. Die Landser biwakieren im Hof, und die Herren Offiziere soupieren mit der Gräfin, indessen der Graf ruhelos und obdachlos durch die Lande irrt und um sein Vaterland weint.«

Ich fand ganz ulkig, was Kurtchen Zech da sagte, und lachte.

»Du kannst großartig Kitsch erzählen, Kurtchen«, sagte ich. »Und wenn ich«, fuhr Kurtchen Zech unbeirrt fort, »wenn ich die Bilanz des ganzen Feldzuges aufstelle, was uns hier betrifft, so hört mal zu. Wir haben gesiegt. Wir sind alle acht noch da. Keiner von uns ist gefallen. Keiner von uns ist verwundet. Keiner von uns hat schlapp gemacht. Das ist das eine, und das ist schon recht viel, Herrschaften. Das andere allerdings ist recht wenig. Keiner von uns hat einen Orden bekommen. Keiner von uns ist befördert worden. Keiner von uns hat die Augen seiner Vorgesetzten auf sich gelenkt. Keiner von uns ist ein Held.«

»Das walte Gott«, sagte Heinz-Otto heiter.

»Und keiner von uns«, sagte jetzt Meier III, »hat einen General gesehen.«

»Du Dussel«, sagte Kirchhofer ehrlich entrüstet. »Du Verleumder. Die hast du nicht gesehen, weil…«

»Einen Momang«, unterbrach ihn Meier III, »ich wollte gar nichts gegen die Generale sagen. Ich meine nur, so kannst du in alle Ewigkeit fortmachen. Das ist doch keine Bilanz.«

»Und jeder von uns hat einen umgebracht«, sagte plötzlich der Josef.

Wir waren einen Augenblick lang platt.

Es stimmte. Wenigstens konnte es stimmen. Im Nachtgefecht hatten wir in die Gegend geschossen.

Deshalb waren wir aber nicht platt. Wir waren platt, weil der Josef das so trocken herausbrachte und weil es bei ihm so eigentümlich klang, als ob wir einen Mord begangen hätten.

»Du bist aber komisch«, sagte ich, »so kannst du doch im Kriege nicht reden, Mensch!«

»So«, sagte der Josef, »warum nicht?«

Kurtchen Zech stand auf und bummelte zum Schloßgebäude. Wir anderen waren verstimmt.

»Mich wundert nur«, sagte Heinz-Otto, »mich wundert nur, daß du kein Kriegsdienstverweigerer bist oder ein Bibelforscher.«

»Woher weißt du, daß ich es nicht bin?« sagte der Josef ruhig.

Heinz-Otto starrte ihn an.

»Du bist wohl verrückt«, sagte er leise und sah sich erschrocken um. »Du bist wohl ganz und gar verrückt. Wenn dich einer hört …«

»Ihr hört mich ja«, antwortete der Josef eigensinnig.

Wir schwiegen verdattert. Wenn den Josef einer gehört hatte, der nicht zu uns gehörte, war er geliefert.

Auf einmal packte Heinz-Otto die blanke Wut.

»Ich will dir mal was sagen, du Hornochse«, sagte er, »wenn du das wirklich sein solltest, dann kommst du aber ein bißchen zu spät, dann bist du etwas zu spät auf den Trichter gekommen. Das hättest du dir vorher überlegen müssen. Verdammt und zugenäht.«

Und auch wir sahen zornig auf den Zimmermann.

Der lächelte bloß vor sich hin.

Dann sagte er friedlich: »Da habt ihr’s. Solange ihr nicht daran denkt, macht es euch nichts aus. Und wenn man es euch sagt, geht euch der Hut hoch.«

»Was sagt?«, knurrte Weinrich.

»Eben dieses«, antwortete der Josef.

Wir sagten nichts mehr. Aber jeder dachte sich seinen Teil. Wenn der Josef so einer war, dann mußte man sich in acht nehmen. Der konnte einem ja das Leben sauer machen, verdammt noch mal.

Und es war gut, daß Kurtchen Zech wieder bei uns auftauchte. Er hatte ein Buch in der Hand und sagte: »Die haben eine ganze Menge deutscher Bücher in ihrer Bibliothek.«

»Da bist du einfach ’reingegangen?« fragte der Krumbhaar perplex.

»Einfach nicht«, antwortete Kurtchen Zech. »Ich habe Hochwohlgeboren Frau Gräfin einen Besuch gemacht. Da saß schon Hauptmann Distelmann und ’n paar fremde Offiziere drin, und der Alte fuhr mich natürlich an, was ich wollte, und ich hätte mich wenigstens anmelden lassen können durch den Spieß und so. Ich ließ ihn erst mal zu Ende sprechen, dann sagte ich, ich hätte gar nicht ihn sprechen wollen, sondern die Frau Gräfin. Da sahen sie mich an wie das fünfzigste Weltwunder. Ich zwinkerte der Dame ein bißchen zu, und da mußte sie lachen und fragte mich, ob ich einen Wunsch hätte. Ja, sagte ich, wenn ich mal in die Bibliothek gehen dürfte …«

»Woher hast du denn gewußt«, erkundigte sich Krumbhaar, der mit ärgerlich gerunzelter Stirn zugehört hatte, »daß es überhaupt eine Bibliothek im Schloß gibt?«

»Du bist ein ganz Genauer«, antwortete Kurtchen Zech, »erstens kannst du dir merken, daß es in jedem Schloß eine Bibliothek gibt, auch wenn kein Mensch die Bücher liest. Das gehört dazu wie das Wappen zur Familie, wenn’s eine adlige Familie ist. Im frühen Mittelalter haben …«

»Hör auf!« rief ich ungeduldig. »Und was hat die Gräfin gesagt?«

»Ich könnte«, sagte Kurtchen Zedl. »Sie hat gesagt, ich könnte, wenn ich wollte und soviel ich wollte.«

Er warf sich neben uns hin.

»Und da hab’ ich was mitgebracht. Hört mal zu.«

Er schlug das Buch auf, das er in der Hand hatte.

»Ich les’ nur ein paar Stellen vor«, sagte er.

»Was ist es denn?« fragte Heinz-Otto.

Kurtchen Zech machte eine abwehrende Handbewegung, und dann begann er zu lesen.

»Mitten in der Nacht erwachen wir. Die Erde dröhnt. Schweres Feuer liegt über uns. Wir drücken uns in die Ecken des Unterstands. Geschosse aller Kaliber können wir unterscheiden. Jeder greift nach seinen Sachen und vergewissert sich alle Augenblicke von neuem, daß sie da sind. Der Unterstand bebt, die Nacht ist ein Brüllen und Blitzen. Wir sehen uns bei dem sekundenlangen Licht an und schütteln mit bleichen Gesichtern und gepreßten Lippen die Köpfe.

Jeder fühlt es mit, wie die schweren Geschosse die Grabenbrüstung wegreißen, wie sie die Böschung durchwühlen und die obersten Betonklötze zerfetzen. Wir merken den dumpferen, rasenderen Schlag, der dem Prankenhieb eines fauchenden Raubtieres gleicht, wenn der Schuß im Graben sitzt. Morgens sind einige Rekruten bereits grün und kotzen. Sie sind noch zu unerfahren. Langsam rieselt widerlich graues Licht in den Stollen und macht das Blitzen der Einschläge fahler. Der Morgen ist da. Jetzt mischen sich explodierende Minen in das Artilleriefeuer. Es ist das Wahnsinnigste an Erschütterung, was es gibt. Wo sie niederfegen, ist ein Massengrab.

Die Ablösungen gehen hinaus, die Beobachter taumeln herein, mit Schmutz beworfen, zitternd. Einer legt sich schweigend in die Ecke und ißt, der andere, ein Ersatzteservist, schluchzt, er ist zweimal über die Brustwehr geflogen durch den Luftdruck der Explosionen, ohne sich etwas anderes zu holen als einen Nervenschock.

Die Rekruten sehen zu ihm hin. So etwas steckt rasch an. Wir müssen aufpassen, schon fangen verschiedene Lippen an zu flattern. Gut ist, daß es Tag wird, vielleicht erfolgt der Angriff vormittags …

Wir können nicht schlafen, wir stieren vor uns hin und duseln. Gegen Morgen, als es noch dunkel ist, entsteht Aufregung. Durch den Eingang stürzt ein Schwarm flüchtender Ratten und jagt die Wände hinauf. Die Taschenlampen beleuchten die Verwirrung. Alle schreien und fluchen und schlagen zu. Es ist der Ausbruch der Wut und der Verzweiflung vieler Stunden. Die Gesichter sind verzerrt, die Arme schlagen, die Tiere quietschen, es fällt schwer, daß wir aufhören, fast hätte einer den anderen angefallen…«

Kurtchen Zech ließ das Buch sinken.

Wir hatten mit steigender Aufmerksamkeit zugehört, und nun sagten Heinz-Otto und ich zugleich: »Lies weiter.«

Und Kurtchen Zech las weiter.

»Der Ausbruch hat uns erschöpft. Wir liegen und warten wieder. Es ist ein Wunder, daß unser Unterstand noch keine Verluste hat. Er ist einer der wenigen tiefen Stollen, die es jetzt noch gibt.

Ein Unteroffizier kriecht herein, er hat ein Brot bei sich. Drei Leuten ist es noch geglückt, nachts durchzukommen und etwas Proviant zu holen. Sie haben erzählt, daß das Feuer in unverminderter Stärke bis zu den Artillerieständen läge. Es sei ein Rätsel, wo die drüben so viele Geschütze hernähmen.

Wir müssen warten, warten. Mittags passiert das, womit ich schon rechnete. Einer der Rekruten hat einen Anfall. Ich habe ihn schon lange beobachtet, wie er ruhelos die Zähne bewegte und die Fäuste ballte und schloß. Diese gehetzten, herausspringenden Augen kennen wir zur Genüge. In den letzten Stunden ist er nur scheinbar stiller geworden. Er ist in sich zusammengesunken wie ein morscher Baum.

Jetzt steht er auf, unauffällig kriecht er durch den Raum, verweilt einen Augenblick und rutscht dann dem Ausgang zu. Ich lege mich herum und frage: ›Wo willst du hin?‹

›Ich bin gleich wieder da‹, sagt er und will an mir vorbei. ›Warte doch noch, das Feuer läßt schon nach.‹

Er horcht auf, und das Auge wird einen Moment klar. Dann hat es wieder den trüben Glanz wie bei einem tollwütigen Hunde, er schweigt und drängt mich fort.

›Eine Minute, Kamerad‹, rufe ich. Kat wird aufmerksam. Gerade als der Rekrut mich fortstößt, packt er zu, und wir halten ihn fest.

Sofort beginnt er zu toben: ›Laßt mich los, laßt mich los, ich will hier ’raus!‹

Er hört auf nichts und schlägt um sich, der Mund ist naß und sprüht Worte, halbverschluckte, sinnlose Worte … Da er sehr wild ist und die Augen sich schon verdrehen, so hilft es nichts, wir müssen ihn verprügeln, damit er vernünftig wird. Wir tun es schnell und erbarmungslos. Die anderen sind bleich bei der Geschichte geworden …

Noch eine Nacht. Wir sind jetzt stumpf vor Spannung. Es ist eine tödliche Spannung, die wie ein schartiges Messer unser Rückenmark entlang kratzt. Die Beine wollen nicht mehr, die Hände zittern, der Körper ist eine dünne Haut über mühsam unterdrücktem Wahnsinn, über einem gleich hemmungslos ausbrechenden Gebrüll ohne Ende. Wir haben kein Fleisch und keine Muskeln mehr, wir können uns nicht mehr ansehen, aus Furcht vor etwas Unberechenbarem. So pressen wir die Lippen aufeinander … es wird vorübergehen … es wird vorübergehen … vielleicht kommen wir durch.«

Kurtchen Zech schloß das Buch mit einem Knall, und es war niemand unter uns mit Ausnahme von ihm, der nicht leicht zusammenfuhr.

»Na, ihr Helden?« knurrte Kurtchen Zech und betrachtete uns genießerisch der Reihe nach.

»Ich könnte euch noch die Stellen vom Gasangriff vorlesen«, sagte er, »damit ihr dann genau wißt, was Krieg ist.«

Keiner von uns gab ihm Antwort.

»Fünf Jahre Zuchthaus«, murmelte Heinz-Otto vor sich hin. Weinrich nahm das Buch auf und las laut den Titel: »‘Im Westen nichts Neues’ von Erich Maria Remarque.«

»Frau Gräfin hat auch einen Remarque«, grinste Meier III.

»Fünf Jahre Zuchthaus«, wiederholte Heinz-Otto.

»Na schön«, antwortete Kurtchen Zech ungerührt. »Ich wollte euch bloß mal ein bißchen klarmachen, was für einen hübschen Krieg ihr jetzt führt.«

Ich wurde wütend.

»Das ist doch kalter Kaffee«, fuhr ich ihn an. »Was soll das! Es hat ja erst angefangen, Mensch! Und außerdem ist mir der Herr Remarque nicht maßgebend. Da gäbe es doch einiges zu bemerken.«

»Interessant«, sagte Heinz-Otto ironisch, »sehr interessant. Was ist dir denn dann maßgebend? Und was hättest du noch zu bemerken? Weißt du, daß der Remarque in der ganzen Welt als das beste und ehrlichste Kriegsbuch gilt?«

»Schön«, sagte ich, »das ist wahr. Aber erlaube mal, ich habe was dagegen, wenn Kurtchen so tut, als ob der Remarque nun auch für jeden und alle Kriege maßgebend wäre. Ihr werdet euch noch wundern. Wartet mal ab.«

»Reichen Sie mir mal das Buch her«, hörten wir in diesem Augenblick die dünne Stimme von Leutnant Meßner.

Wir fuhren hoch und standen in Sekundenschnelle auf unseren Beinen und starrten in Leutnant Meßners unbewegliches Gesicht.

»Das Buch da her«, sagte er.

Der Krumbhaar bückte sich, nahm den Band auf und reichte ihn hin. Meine Blicke flatterten zu Kurtchen Zech, der, die Unterlippe leicht eingezogen, dem Offizier am nächsten stand.

Leutnant Meßner überflog den Titel, dann schlug er es auf und blätterte darin und, ohne aufzusehen, fragte er gleichmütig: »Wo haben Sie das Buch her?«

Ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, antwortete Kurtchen Zech: »Aus der Schloßbibliothek, Herr Leutnant.«

Immer noch blätterte der Offizier.

»Ich hörte Sie vorlesen, Schütze Zech«, sagte er. »Was haben Sie vorgelesen?«

»Die Stellen im Unterstand vor dem französischen Angriff, Herr Leutnant.«

Kurtchen Zechs Antworten kamen wie aus der Pistole geschossen. Wir hörten, wie der Krumbhaar scharf die Luft durch die Zähne einzog.

»Sie kennen das Buch gut, wie?«

»Jawohl, Herr Leutnant.«

Immer noch blätterte der Offizier, und immer noch sah er nicht auf.

»Und wie finden Sie es?«

»Es ist in der ganzen Welt berühmt«, antwortete Kurtchen Zech, und es war das erstemal, daß er auszuweichen versuchte.

»Das weiß ich«, sagte Leutnant Meßner. »Ich fragte, wie Sie es finden.«

»Als sachliche Schilderung des Krieges großartig«, antwortete Kurtchen.

»Richtig«, sagte Leutnant Meßner und sah immer noch nicht auf, sondern blätterte und blätterte wie gelangweilt. »Und wie finden Sie seine Tendenz?«

»Pazifistisch, Herr Leutnant«, antwortete Kurtchen, und atmete auf, es war eine verdammt geschickte Antwort.

»Pazifistisch«, wiederholte der Offizier: »Sehr richtig. Sie wissen, daß das Buch zu der verbotenen Literatur gehört?« »Jawohl, Herr Leutnant.«

»Also, Sie wissen es.«

Und nun hob Leutnant Meßner zum ersten Male seine Blicke, sie sahen uns der Reihe nach prüfend an, und er sagte: »Und Sie haben das Buch vor …«, er begann laut zu zählen, »zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben Leuten vorgelesen.«

Kurtchen Zech schwieg.

Er war etwas blaß geworden. Und wir wohl auch.

Und nun wog Leutnant Meßner den Band in seinen beiden Händen auf und ab. Er sagte nachdenklich: »Von einem gewissen Gesichtspunkt aus ist es ganz gut, wenn man Schilderungen wie diese hier aus dem ersten Weltkrieg sich zu Gemüte führt. Sie zeigen den Unterschied zwischen der Führung von damals und heute. Wir haben ja im Regiment nicht viel mitgemacht hier in Polen, wir sind immer nur hinterhergerannt. Das beweist das unerhörte Tempo der Führung. Und diese Führung hat uns solche Situationen wie die, die Sie soeben vorlasen, diese Hölle der Materialschlacht, erspart. Das müssen Sie sich in jedem Augenblick klarmachen. Natürlich war Remarque ein Literat, und seine schön-geistigen Nerven waren der Sache nicht ganz gewachsen. Deshalb sah er nur die dunklen Seiten. Aber das kann uns egal sein. Die Hauptsache ist und bleibt, daß der Führer uns das alles erspart hat, was hier beschrieben wird. Und wenn Remarque diesen Polenfeldzug mitgemacht hätte, wäre ein anderes Buch entstanden. Diese Bohemiens sind Stimmungsmenschen. Sie können nicht über sich selber hinaus.«

Immer wieder wog Leutnant Meßner, während er langsam und wie zu sich selber sprach, das Buch in beiden Händen auf und ab, und seine Blicke wanderten ruhig von einem zum andern.

Was uns betraf, so standen wir mit wachsendem Erstaunen wie die Bildsäulen. Wir starrten ihn ungläubig an.

Entweder, dachte ich beklommen, entweder ist das, was er jetzt tut und spricht, ganz verdammte Heimtücke oder … an das Oder glaubte ich nicht.

»Unter diesem Gesichtspunkt«, sagte Leutnant Meßner mit der gleichen, unbewegten und unveränderten Stimme, »unter diesem Gesichtspunkt verliert das ganze Buch natürlich auch seine Tendenz.«

Er schwieg, und seine Blicke gingen über uns hinweg.

Dann sah er Kurtchen Zech gerade in die Augen.

Jetzt mußte es kommen. Ich wagte nicht zu atmen. Es mußte nach so viel tückischen Vorbereitungen nunmehr die Mitteilung kommen, daß er die Sache dem Kompaniechef melden müsse. Und plötzlich hörte ich Heinz-Ottos Stimme von vorhin, es waren kaum fünf Minuten her: »Fünf Jahre Zuchthaus.«

Ich bekam keine Luft. Mit Zuchthaus war das kaum abgetan.

Wir standen alle zu Stein erstarrt.

Und Leutnant Meßner sagte gleichmütig: »Sie haben das sehr geschickt gemacht, Zech. Sie haben nur Stellen vorgelesen, die von der reinen Materialschlacht handelten, und Sie haben es streng vermieden, auch die pazifistischen Äußerungen des Remarque herauszusuchen. Sehr geschickt. Ich würde Ihnen jedoch empfehlen, es nicht zu wiederholen und überhaupt nicht davon sprechen, daß Sie Ihren Kameraden eine solche Vorlesung hielten.«

Wir starrten ihn aus aufgerissenen Augen an.

»Stellen Sie den Band wieder dorthin, wo Sie ihn herausgenommen haben.«

Und Leutnant Meßner warf das Buch nachlässig ins Gras, drehte sich um und ging.

Wir standen wohl eine ganze Minute regungslos.

Dann bückte sich Kurtchen Zech, nahm das Buch und ging zum Schloß, er sagte kein Wort und sah auch keinen von uns an.

Es war ein Todesurteil vorübergegangen.

Und es dauerte noch eine ganze Weile, bis lange nachher, als Kurtchen schon wieder bei uns saß, bis jemand sprach.

Und es war Josef, der etwas sagte.

»Da soll mir einer noch einmal etwas gegen die Menschheit sagen«, knurrte er.

»Ein tolles Ding«, sagte Weinrich fassungslos.

Dann sprang Heinz-Otto begeistert auf. »Wie er das hingelegt hat«, brach er los. »Wie er das hingelegt hat! Er ist im Zivilberuf Rechtsanwalt, und euch ist wohl gar nicht klargeworden, was er eben getan hat, was?«

»Als anständiger Kerl hat er sich benommen«, sagte Kirchhofer und sah sich ängstlich um, ob niemand zuhörte.

»Das sowieso«, erklärte Heinz-Otto hingerissen. »Und wer ihm das jemals vergißt, ist ein Sauhund. Ich meine aber was anderes. Er ist im Zivilberuf Rechtsanwalt, und wißt ihr, was er getan hat? Ihr habt keine Phantasie! Er hat wie Kurtchen Zechs Verteidiger vor dem Kriegsgericht gesprochen, ganz genauso wurde er gesprochen haben, wenn…«

Heinz-Otto brach ab, er wollte es nicht sagen.

Kurtchen Zech sagte es: »Wenn er mich gemeldet hätte und ich wäre vors Kriegsgericht gekommen.«

»Du wärst vors Kriegsgericht gekommen«, sagte ich.

»Und wenn man überlegt«, fuhr Kurtchen Zech, unnachsichtig mit sich selber, fort, »Wofür wegen weniger gefährlichen Geschichten Leute hingerichtet wurden, dann wär’s mit mir aus gewesen.«

Genauso wäre es gekommen.

Und erst viel später, als wir schon längst aus Polen zurück waren, fiel mir etwas auf, was ich nachträglich als nicht minder großartig fand. Wir alle acht kamen gar nicht auf die Idee, uns Stillschweigen zu schwören. Es war uns selbstverständlich.

Von diesem Nachmittag ab wußten wir, wer Leutnant Meßner, Rechtsanwalt aus Waren an der Müritz, war, und was wir an ihm hatten. Und von da ab wunderten sich Männer unserer Kompanie immer außerordentlich, daß wir wie die Teufel auf einen losfuhren, der über Leutnant Meßners Fistelstimme sich lustig machte.

Ja, mit dieser Vorlesung aus Remarques Buch war eigentlich der Polenfeldzug für uns zu Ende.

5

Was wir noch erlebten, ist nicht der Rede wert. Höchstens die kleine Geschichte, die uns ein Fahrer erzählte, ein Stabsfahrer, den Meier III aus Frankfurt am Main kannte und der vor Warschau dabei war. Nicht mittendrin, sondern nur bei einem hohen Stabe.

Da waren sich der polnische Kampfkommandant der Stadt, der Warschau ums Verrecken nicht übergeben wollte, was, komisch wie die Welt ist, bei uns als letzte Sturheit und drüben als letzter Heroismus galt, da waren sich also dieser Warschauer Kommandant und der deutsche Oberbefehlshaber vor Warschau wenigstens in einer Sache einig geworden.

Die Mitglieder der ausländischen Kolonie, die neutralen Diplomaten und so, sollten nicht länger der entsetzlichen Beschießung durch Stukas und Artillerie ausgesetzt werden. Sie sollten verabredungsgemäß in ihren Autos aus der Stadt ungehindert entlassen und zu unseren Truppen gebracht werden.

Der Fahrer erzählte: »Ich fuhr schon seit zu Hause Oberst Zimt. Generalstabsoberst. Piekfeiner Mann. Er hieß nur Oberst Zimt, weil er hundertmal am Tag zu allen möglichen Dingen und Leuten sagte, da fehle eben der Zimt. Na ja, also Oberst Zimt und eine Menge von Offizieren hatten sich hübsch zurechtgemacht, um die Diplomaten aus Warschau vornehm zu empfangen. Es waren, wie man uns angekündigt hatte, auch einige Damen dabei, auch Kinder und so. Na, und dann kamen die Autos, es winkte mit weißen Fahnen von fern, und dann waren sie da, und an einer Baumgruppe an der Straße stiegen sie aus. Sie hatten recht mitgenommene Gesichter. Und Oberst Zimt wiegte sich ein bißchen in den Hüften, wie immer, wenn er ganz vornehm war, und ging ihnen entgegen, hinter sich die Adjus und eine Menge Offiziere.

Und da, als er ungefähr auf zehn Schritt ’rangekommen war und seine Hand zuerst mal vornehm an den Mützenschirm legte, kam doch wie ein rasender kleiner Satan ein schwarzes Knäul angefegt, so ein wahnsinniger Köter, ein Scotch, sprang an Oberst Zimt hoch und riß ihm ein ganzes Stück der schnieken rotgestreiften Hose überm Knie weg, zerrte dran ’rum und fegte mit dem roten Tuch zurück. Na, ich kann euch sagen. Ich stand links hinter dem Oberst und sah die weiße Unterwäsche ’rausgucken. Und der Scotch raste wie ein Teufel zwischen den Ausländern an den Wagen und zwischen uns im Kreise herum, immer mit dem Stück roter Hose im Maul, das er hin und her schlenkerte.«

Der Fahrer lachte und schlug sich auf die Schenkel.

»Keine sehr feierliche Angelegenheit für deinen Oberst«, sagte Meier III.

Aber der Fahrer hörte auf zu lachen und sah seinen Bekannten kühl an. »Wieso?« sagte er steif. »Du glaubst wohl, der Alte hat sich albern machen lassen? Da kennste Oberst Zimt schlecht. Ne halbe Sekunde höchstens stand er da, als ob ihn ein Blitz gekitzelt hätte, dann ging er, als ob nichts gewesen sei, auf die Herrschaften zu, und nachher übersetzte uns einer von der Propaganda-Kompanie, was er sagte und was die anderen sagten.

Er blieb mit seiner zerhackten Hose drei Schritte vor den Ausländern stehen und sagte auf französisch und machte ein Gipsgesicht: ›Ich bin zu meinem Bedauern gezwungen, Sie zu bitten, mir mitzuteilen, wer diesen Hund auf mich gehetzt hat.‹

Na, ihr könnt euch denken! Da hatten diese Ausländer nun den ganzen Mist mit den Polen erlebt, die Rückzüge, die Stukas, und hielten uns wohl für Menschenfresser erster Klasse. Also sie standen da und dachten wohl, jetzt zieht der Oberst eine Peitsche ’raus. Und ein Herr mit hochgeschlagenem Mantelkragen drängt sich vor, aber bevor er noch was sagen kann, stößt ihn eine Dame im dunklen Pelz auf die Seite und geht auf Oberst Zimt zu, und sie hat einen verdammt feinen Gang, dunkles Gesicht, raben-schwarze Haare und ein Paar Augen, daß euch Hören und Sehen vergeht. Und sie sagt: ›Es ist meine Schuld, mein General…‹, mein General sagt sie auf französisch… also sie sagt: ›Er heißt Blacky, und er ist immer so. Verzeihen Sie, mein General…‹, mein General sagt sie auf französisch … also sagt sie weiter: ›Er hat auch bei mir alles zerrissen, ich kann Ihnen meine Strümpfe zeigen im Koffer …‹ Und sie sieht den Oberst ’n bißchen blaß an.

Und Oberst Zimt fragt: ›Welcher Nationalität gehören Sie an, Madame?‹

Und sie sagt: ›Ich bin Französin, mein General.‹

Und da sagt der Oberst Zimt: ›Frankreich hat Deutschland den Krieg erklärt, Madame. Ihr Blacky folgte dem Ruf des Vaterlandes, Madame. Blacky ist sozusagen Kriegsteilnehmer, Madame. Blacky ist völlig in Ordnung, Madame. Darf ich Ihnen mein Kompliment aussprechen. Wahrscheinlich ist mein Stück Beinkleid die erste Beute (nein, er hat gesagt die erste Trophäe), die ein französischer Kriegsteilnehmer aus einem deutschen Kriegsteilnehmer herausgebissen hat, Madame‹, sagte Oberst Zimt, ›mein Kompliment!‹«

Der Fahrer sah uns berstend vor Stolz an.

»Na, was? Wie? Das war glänzend gesagt, was? Und die Französin gab Oberst Zimt die Hand, und er lächelte, und Oberst Zimt küßte der Französin die Hand, und sie lächelte, und die ganzen Ausländer lächelten, und um das Ganze fuhr der kleine schwarze Teufel unaufhörlich im Kreis herum.«

»Na und dann?« fragte der Krumbhaar dumm.

Der Fahrer blickte ihn mitleidig an.

»Und dann, Mensch? Was denn und dann? Du hast wohl nicht zugehört? Oder haste nischt kapiert? Haste nicht kapiert, daß Oberst Zimts Hose kaputt war, und es ein französischer Hund war, und Oberst Zimt…«

»Das habe ich kapiert«, erklärte Krumbhaar ungeduldig. »Und dann? Ist dein Oberst dann die ganze Zeit zwischen den Ausländern und den anderen Offizieren und den Mannschaften so herumgelaufen, oder hast du ihm eine andere Hose gebracht?«

»Ach so«, sagte der Fahrer versöhnt und sah Krumbhaar wohlgefällig an. »Ach, das meinst du. Nee, Oberst Zimt lief die ganze Zeit so ’rum und tat so, als ob gar nischt sei. Und siehste, das bringt nur ein Kavalier fertig. Oder meinst du, du wärst mit zerhackter Hose zwischen ausländischen Damen und Herren herumgelaufen?«

»Nee«, sagte der Krumbhaar erschrocken, »um Himmels willen!«

»Na siehste«, sagte der Fahrer befriedigt.

»Und der Hund?« fragte ich neugierig.

»Blacky?« antwortete der Fahrer, »Blacky niußte ich ’n ganzes Stück, Rehbraten organisieren.«

Heinz-Otto fragte: »Und das Stück Hose?«

»Das Stück Hose«, sagte’der Fahrer leichthin, »Das nahm die Französin mit.«

Wir lachten.

___________

Und eines Morgens wurden wir auf Lastwagen verladen. Es war kein Geheimnis, wohin es ging. Es ging nach Königsberg. Was wir dort machen sollten, das war ein Geheimnis, aber wir dachten nicht viel darüber nach. Wir waren so allmählich mit Geheimnissen überfüttert. Wenn wir es recht überlegten, bestand eigentlich das meiste, was in hohen, mittleren und oft auch kleinen Kreisen geschah, aus Staatsgeheimnissen. Schon der Schreibstubenhengst hatte Staatsgeheimnisse. Und wenn wir erst das Wort »Gekados« hörten, ‘Geheime Kommandosache’, wurde uns ganz übel.

Unterwegs sagte Heinz-Otto plötzlich: »Sorgen hat man beim Kommiß jedenfalls keine.« Wir sahen ihn dumm an.

»Nee«, antwortete Kurtchen Zech, »außer um dein Leben und deine Gesundheit, dein Augenlicht, deine Knochen und Gedärme hast du beim Kommiß keine Sorgen.«

»Paß mal auf«, sagte Heinz-Otto friedlich, »du mußt aufpassen und hübsch zuhören. Nun paß mal auf. Du mußt doch zugeben, daß du in Zivil aus den Sorgen nicht ’rauskommst, nicht wahr? Ob du eine Stellung kriegst und wenn du eine hast, ob du sie auch behältst, nicht wahr? Und ob du dir einen Anzug leisten kannst, und wenn du einen hast, ob du dir noch einen leisten kannst, nicht wahr? Ob du genug hast für Frau, Kind und Familie und so und vor allen Dingen…«

»Hör auf«, sagte der Krumbhaar verdrossen, »hör auf, Mensch.«

»Und vor allen Dingen«, fuhr Heinz-Otto unbeirrt fort, »vor allen Dingen bekommst du beim Barras immer ganz genau gesagt, was du tun sollst, und das gibt’s im Zivil nicht. Da mußt du es selber wissen. Stimmt’s oder habe ich recht?«

Auf dieses Gequatsche einzugehen, lohnte sich denn doch nicht, und so gab ihm niemand Antwort.

»Und dann noch eins«, faselte Heinz-Otto fröhlich weiter, »du hast keine Verantwortung. Kein bißchen Verantwortung hast du. Die Verantwortung hat immer der, der dir gesagt hat, was du tun sollst. Du hast kein bißchen Verantwortung. Für nichts. Darüber müßt ihr erst einmal nachdenken, ihr Jammerkerle. Wenn einer kommt, der was zu sagen hat, und befiehlt dir, du sollst den oder jenen totschießen, und du schießt ihn tot, dann kann dir niemand etwas anhaben. Du hast keine Verantwortung. Ihr müßt doch zugeben, daß das wunderbar beim Kommiß eingerichtet ist. Im Zivil haste für alles die Verantwortung zu tragen, was du tust. Und wenn du da auf jemand schießt, dann …«

»Jetzt hör aber auf!« rief Meier III wütend. »Jetzt hör aber auf!«

»Gut«, sagte Heinz-Otto, »ich hör’ auf. Aber ich muß sagen, ihr seid als richtige Hornochsen in den Krieg gezogen.«

Wir gaben ihm gar keine Antwort.

Nach einer Weile sagte Heinz-Otto: »Dann noch eins. Beim Kommiß braucht man keine Sekunde zu überlegen, ob der, der einem etwas befiehlt, auch das Recht dazu hat. Du brauchst nur hinzusehen und weißt Bescheid. Das haben sie prima eingerichtet. Du siehst es schon von weitem, ob einer dir etwas zu befehlen hat oder nicht. Stellt euch nur mal den Unfug vor, wenn man erst fragen müßte, also zum Beispiel, wenn da einer käme …«

»Sag mal«, unterbrach ich ihn, »sag mal, Heinz-Otto, welche Blattlaus hat dich denn gebissen?«

Und Kurtchen Zech sagte: »Progressive Paralyse.«

Heinz-Otto sah uns verwundert an.

»Gut«, sagte er. »Schön. Aber was ich noch sagen wollte. Der gute Ton im Kameradenkreise läßt denn doch bei uns etwas zu wünschen übrig …«

Und dann lachte er schallend.

»Wenn ich erst Leutnant bin«, sagte er dann, »ich weiß, wie ich euch hochkriege.«

»Wenn du Leutnant bist«, sagte Meier III, »dann sind wir auch Leutnant. Und dann …« Er schwieg plötzlich.

»Und dann?« forschte Heinz-Otto, »und dann. Was und dann?«

Er bekam keine Antwort.

Wir fuhren in Königsberg ein.

Und Heinz-Otto hatte tatsächlich seinen verrückten Tag. Denn als wir in ein geräumtes Schulhaus kamen, das unser Quartier war, legte er wieder los, kaum hatten wir unsere Klamotten abgelegt. »Wenn ich Leutnant bin«, sagte er, »dann seid ihr alle schon …« Gott sei Dank wurde er unterbrochen, denn im Hof legte eine Luftwaffenkapelle los.

Nun waren wir durch die ewigen Märsche, die wir so lange Jahre hindurch vorgesetzt bekommen hatten, etwas abgebrüht. Aber es ist etwas anderes, ob du zu Hause sitzt, irgend etwas im Kopf hast, was dich beschäftigt, und hörst aus dem Lautsprecher einen Militärmarsch. Entweder du hörst gar nicht hin oder du stellst was anderes ein. Und wenn es ganz hoch kommt, summst du mit und denkst an etwas anderes.

Du kannst zu Hause Militärmärsche überkriegen.

Aber es ist etwas anderes, wenn du beim Kommiß bist. Das ist schwer zu erklären. Es geht dir in die Beine. Und das ist wahr. Wir haben ja alle Parademarsch geübt. Und wir sind mehr als einmal vor irgendwelchen hohen Tieren im Parademarsch vorbeigedonnert. Wenn ich darüber nachdachte, kam ich eigentlich nie zu einem Ende.

Aber wir kamen jetzt darauf zu sprechen, als die Luftwaffenkapelle im Hof der Schule anfing zu spielen. Der Heinz-Otto wollte gerade seine dämlichen Sprüche loslassen, da begannen sie draußen mit »Preußens Gloria«.

Und wenn man schon von Militärmärschen spricht, dann kann man ruhig sagen, daß dies einer der schönsten Märsche ist und bleibt. Und jetzt begann auch schon Heinz-Otto, der seinen Vortragstag hatte, auf uns einzureden.

»Und nun seht mal«, sagte er, indessen wir rund um einen Tisch saßen und die Beine ausstreckten und gefaßten Kaffee tranken, »und nun seht mal, diese Märsche da, wie? Ist das eine Sache oder nicht?«

»Es gibt noch andere Musik, bekanntermaßen«, sagte Kurtchen Zech.

»Nein«, sagte Heinz-Otto. »Nein, jetzt hört euch mal diesen Marsch an. Und wenn ich mit euch mal ausnahmsweise heute ernst sprechen könnte, so würde ich sagen: Wenn der Adolf die Militärmärsche nicht gehabt hätte, und weiter sag’ ich nichts.«

Nun, da mußten wir Heinz-Otto recht geben. Das stimmte. Aber da war noch etwas anderes. Ich komme auf den Parademarsch zurück. An sich, denke ich, an sich, zivilistisch betrachtet, ist er saukomisch. Im gleichen Schritt und Tritt gehen, in Ordnung. Das macht weniger müde und macht auch Spaß. Aber dabei die Beine werfen und im »Tempo 114« mit Augen rechts oder die Augen links wie an einer Schnur gezogen und wie eine Maschine…das ist an sich saukomisch. Und doch ist es nicht saukomisch.

Die Preußen wußten, was sie machten, denke ich, als sie den Parademarsch einführten.

»Es ist ein Drill, Mensch«, sagte Kirchhofer, als ich das jetzt äußerte. »Es ist stumpfsinniger Drill und weiter nichts.«

Ich hob den Finger. Die Sache war mir wichtig, weil ich mir selber nicht darüber klar war.

»Drill sagst du. Aber nun sag mal, Kirchhofer, wenn du da so mittendrin im Parademarsch mitmarschierst, hast du nicht irgendwo, vielleicht in deinen Beinen oder so, einen gewissen Ruckzuck, der dir Spaß macht?«

»Das ist Rhythmus, Mensch«, antwortete Kirchhofer, »stumpfsinniger Rhythmus und weiter nichts.« Kirchhofer mußte es wissen, er war Klavierspieler.

Aber Kurtchen Zech hieb sein Taschenmesser auf den Tisch und sagte: »Entschuldige, Fritzchen, einen stumpfsinnigen Rhythmus gibt es nicht.«

»Also nun hört mal zu«, mischte ich mich ein, »wir wollen ja keine Doktorfrage daraus machen. Ich meine nur, es ist was dran, an der Militärmusik, ich weiß nur nicht was.«

Und der Josef sagte plötzlich: »Und solange es Marschmusik gibt, wird es immer Kriege geben. Das ist ein wahres Wort, und es ist nicht von mir, sondern von einem Franzosen. Ich habe mal einen Vortrag über den gehört, und da stand die Geschichte, wie er draufgekommen ist.«

»Was für eine Geschichte?« fragte ich. Die Sache interessierte mich noch immer.

»Wenn es eine hübsche Geschichte ist«, sagte Meier III, »dann erzähl mal.«

»Es ist eine wahre Gesclaichte«, sagte der Josef, »ob sie hübsch oder nicht hübsch ist, könnt ihr selber ’rausfinden.«

»Erzähl mal«, sagte ich ungeduldig. »Aber es muß von Militärmärschen handeln.«

»Es handelt von Militärmärschen«, begann der Josef. »Und der Franzose, der das erzählte, machte den ersten Weltkrieg mit. Und er war auch in der Schlacht um Verdun. Da haben sich ja die Franzosen mit Zähnen und Krallen an jeden Meter Boden geklammert. Und an einem Abend kam die Kompanie wieder auf drei Tage in Ruhe. Sie waren alle ab, und es waren glaube ich, von der ganzen Kompanie noch zehn oder fünfzehn Mann übrig. Sie waren dreckig von oben bis unten und sahen aus wie der Tod, einer wie der andere. Sie konnten sich kaum noch schleppen. Und sie redeten kaum was zusammen. Und sie verfluchten sich und Frankreich und Deutschland und die ganze Welt. Und sie waren so herunter, daß einer wie der andere daran dachte, unter gar keinen Umständen wieder in die Scheiße hineinzugehen. Sie konnten nicht mehr. Ich kann euch das nicht so wiedererzählen, wie ich es gehört habe, aber es muß so gewesen sein, daß sie verzweifelt waren und nahe daran, Selbstmord zu begehen. Da schlitterten sie also die Straße nach rückwärts. Es war die einzige Straße, auf welcher der Nachschub an die Front gebracht werden konnte. Der Dreck lag haushoch. Es hatte tagelang geregnet. Und ihnen entgegen kamen Lastwagen um Lastwagen und bespritzten sie mit neuem Dreck, und das links ’ran und rechts ’ran hörte nicht mehr auf und machte sie ganz wahnsinnig. Und…«

»Wo bleiben deine Militärmärsche?« unterbrach der Krumbhaar verdrossen.

»Die kommen jetzt«, erzählte der Josef weiter, »die kommen jetzt. Sie waren also fertig. Sie konnten nicht mehr. Und wie sie da an die ersten Häuser des Dorfes herankamen, legte plötzlich links von ihnen auf einer nassen Wiese die Regimentskapelle los und schmetterte ihnen einen entgegen. Und die Kapelle setzte sich an ihre Spitze… ihr müßt euch das vorstellen, an die Spitze von vielleicht fünfzig fertigen, verzweifelten, zusammengebrochenen Männern, setzte sich an die Spitze und marschierte mit ihnen in das Dorf hinein. Und jetzt kommt’s. Der Franzose erzählte, daß es durch sie alle wie ein elektrischer Schlag ging, ob sie wollten oder nicht, und so kaputt sie auch alle waren. Er sagte, sie hätten auf einmal ihre verdreckten Gewehre wieder ordentlich über die Schultern genommen. Und sie hätten sich unwillkürlich aufgerichtet und die Zähne zusammengebissen, und sie hätten sich Mühe gegeben, ordentlich in Reih und Glied zu gehen.«

Der Josef schwieg.

»Na und?« fragte der Krumbhaar.

»Ja«, sagte der Josef still, »der Franzose sagt, in diesem Augenblick habe er so sicher wie das Amen in der Kirche gewußt, daß, solange es Militärmärsche gäbe, es auch immer Kriege geben würde.«

»Die deutschen Parademärsche haben mehr Wucht, findste nicht?« sagte der Weinrich.

Niemand gab ihm Antwort.

»Na ja, also«, sagte schließlich Heinz-Otto friedlich und hielt merkwürdigerweise keinen Vortrag über Parademärsche.

Und jetzt spielten sie draußen den Radetzkymarsch, und ich dachte, es ist wirklich wahr, was der Franzose erzählte, denn ich sah jeden von uns unwillkürlich auf und ab wippen.

___________

Am Abend hatten wir Ausgang.

Und da tat sich dann in Königsberg einiges.

Wir hatten da eine Kneipe aufgetan, der Krumbhaar, der Weinrich, Meier III, Kurtchen Zech und ich. Eine ganz verräucherte Bruchbude. Vor Qualm konnte man nichts sehen. Knüppeldickevoll. Wir quetschten uns noch in eine Ecke. Es war ja ganz egal, wohin man ging.

Kurtchen Zech sah sich befriedigt um. Er hat was übrig für Bruchbuden. »Goldrichtig«, sagte er, »haargenau richtig.«

Und dann wurde sein Blick plötzlich starr.

Er richtete sich auf, lehnte sich nach links über den Tisch und starrte auf zwei Bilder an der Wand. Nichts Besonderes. Auf jedem war eine Gestalt gemalt, ziemlich dick aufgetragen, hingeschmiert möchte ich sagen.

»Setz dich hin, Mensch, und verdirb mir nicht die Aussicht«, knurrte der Krumbhaar, der schon ein dutzendmal nach dem Kellner gebrüllt hatte.

»Das glaube ich nicht«, sagte Kurtchen Zech und starrte immer noch auf die Bilder. »Da laß ich mich erschießen. Ich glaub’ es nicht.«

Und da kam denn der Kellner, und wir machten eine bessere Bestellung, und Kurtchen Zech fragte: »Wo habt ihr denn die Bilder da her?«

Der Kellner sagte, er sei erst seit gestern hier, und wir sollten ihn nicht meschugge machen, und ob er nicht der Einfachheit halber gleich doppelt so viel Flaschen bringen könnte. Wir gestatteten es ihm, aber Kurtchen Zech verlangte kategorisch den Wirt zu sprechen.

»Machen Sie den Chef nicht meschugge«, sagte der Kellner schweißtriefend, »der weiß nicht, wo ihm der Kopp steht.«

»Laßt mich mal ’raus«, sagte Kurtchen Zech entschlossen. »Das muß ich wissen.«

»Mach uns nicht meschugge«, sagte der Krumbhaar, aber wir ließen ihn ’raus.

Und dann kamen die Flaschen mit prima Etiketten, Geld hatten wir genug.

Und wir tranken auf das Wohl von jedem von uns, dann auf das Wohl der Kompanie, dann auf das Wohl unserer Lieben zu Hause, dann auf das Wohl von Leutnant Meßner, dann auf das Wohl von Hauptmann Distelmann, dann auf das Wohl von Königsberg, und dann kam Kurtchen Zech zurück.

»Kinder, es ist nicht zu glauben«, sagte er. Jetzt tranken wir auf sein Wohl, und er trank auf unseres und ließ seine Blicke nicht von den Bildern. »Und nun seht mal hin«, sagte er feierlich, »die beiden Bilder da. Die sind von Lovis Corinth!«

Und er starrte uns erwartungsvoll an.

»Originale!« sagte er und wartete.

»Von ihm selbst signiert!« rief Kurtchen Zech und sah mit runden Augen von einem zum andern.

»Mach uns nicht meschugge«, sagte Weinrich ärgerlich. »Prosit auf deine Korinthen!«

»Hört mal zu, bitte, einen Moment«, sagte Kurtchen Zech. »Das sind Bilder von einem weltberühmten Maler. Corinth, Lovis Corinth! Und er gab sie dem Wirt hier, als er mal die Zeche nicht bezahlen konnte, stellt euch das vor! Zwei echte Corinths!!!«

»Prosit auf die unbezahlte Zeche«, sagte Krumbhaar.

Kurtchen Zech zuckte mit den Schultern.

»Banausen«, sagte er.

»Ein Prosit den Banausen«, sagte ich, ich hatte einen leichten in der Krone. Aber nur deshalb, weil der Wein ein ziemliches Kaliber hatte, der Wirt zu uns ein reeller Mann war und ich immer schnell einen in der Krone hatte.

Und da sahen wir in dem rauchigen Gewühle Heinz-Otto auftauchen, und wir brüllten ihn heran.

»Einen Vortrag über Korinthen!« schrie Weinrich. »Heinz-Otto, du hältst sofort einen Vortrag über Korinthen!«

Kurtchen Zech stand gekränkt auf.

»Ich will euch was sagen«, sagte er mürrisch, »ich …«

Aber Heinz-Otto unterbrach ihn. Heinz-Otto war ganz atemlos, und erst kippte er ein Glas aus, bevor er loslegte.

»Ich hab’ euch gesucht wie ’ne Stecknadel!«, sagte er und beugte sich weit über den Tisch zu unseren Gesichtern, »ihr wißt wohl gar nicht, was vor sich geht, nein?«

»Nee«, antwortete ich, »nicht im geringsten. Sind die Polen hinter uns her?«

»Quatsch nicht«, fuhr mich Heinz-Otto an, »ganz Königsberg ist ein Irrenhaus! Die ganze Stadt ist außer Rand und Band, und ihr Idioten sitzt hier in einem Mistlokal. Jedes Mädchen ist zu haben! Jedes Mädchen! Los, auf, ins Café Knigge!«

Wir blickten ihn wie die Ölgötzen an.

»Los!« kommandierte Heinz-Otto. »Zahlt euren Essig hier, und ins Café Knigge!«

Kurtchen Zech war der erste, der zur Sache kam.

»Entschuldige mal«, sagte er, »was heißt, jedes Mädchen ist zu haben? Hast du schon eines gehabt?«

Heinz-Otto verlor die Geduld.

»Hundertundfuffzig!« brüllte er, daß unsere Nachbarschaft hochfuhr. »Hundertundfuffzig hätte ich haben können. Aber ich Dussel wollte euch nicht im Stich lassen! Ich dachte mir’s doch! Faule Köppe! Wo sitzt ihr? Gleich um die Ecke ’rum im ersten besten Drecklokal! Anstatt ’rein in die Stadt! Los! Ins Café Knigge!!!«

Wir hatten Heinz-Otto selten so aufgeregt gesehen, und es mußte schon was Besonderes im Café Knigge los sein.

»Ich bleibe hier«, erklärte plötzlich Fritzchen Kirchhofer.

»Ich auch«, sagte Krumbhaar. »Ich bin verheiratet.«

»Ich bin auch verheiratet«, erklärte der Josef, der plötzlich hinter Heinz-Otto auftauchte. »Aber das tut nichts. Ich seh mir’s an, los, kommt mit!«

Und Heinz-Otto zerrte den Josef an den Tisch.

»Sag’s mal, Josef«, zeterte er, »nun sag’s ihnen, Mensch! So was war noch nie da! Ganz Königsberg ist ein Irrenhaus! Die ganze Stadt feiert, Mensch. Hast du’s gesehen oder nicht?«

Der Josef nickte.

Und tatsächlich, seine ruhigen Augen funkelten etwas.

Heinz-Otto heulte beinahe vor Grimm und Wut, daß wir uns nicht sofort mit ihm hinausstürzten. Er brüllte nach dem Kellner, und er ruhte nicht, bis wir bezahlt hatten und mit ihm durch die Straßen eilten.

Nun ja, und dann.

Auf den Straßen sahen wir beinahe nur Pärchen. Auf und ab strömten die Königsberger, Lachen, Scherzen, Rufen, Winken, Umarmungen mit wildfremden Menschen, die einem auf die Schulter klopften, einen einluden, aus allen Lokalen ertönte Musik und Gesang.

Und im Cafä Knigge tauchten ganze Rotten von Mädchen und Frauen auf und verließen den Raum wieder am Arm eines Soldaten, dafür erschienen ganze Schwärme von Solodaten und verließen den Raum mit einem Mädchen. Das Café Knigge war der Mittelpunkt und die Zentrale.

Tiefbefriedigt ließ sich Heinz-Otto im hintersten Winkel an einem Tisch nieder, von dem soeben Soldaten und Mädchen aufgebrochen waren. Und wir sahen uns um. Kein Karneval auf der Welt glich diesem Bild.

Kein Karneval.

In die Mädchen und Frauen mußte ein zehnfacher Satan gefahren sein. Sie saßen auf dem Schoß von Soldaten, umklammert von deren Händen und Armen, und sie kannten keine Grenze.

Keine Grenze.

»Na also!« rief Heinz-Otto und umfaßte mit einer Handbewegung das ganze Lokal. »Bitte sich zu bedienen!«

»Sieh mal an«, sagte ich zum Josef. »Du, das sind gar keine Nutten. Das sind lauter bessere Mädchen!«

Er nickte nur.

Aus der gegenüberliegenden Ecke schmetterte eine Ziehharmonika los, und nun tanzte alles. Das heißt, in dem erhitzten Raum standen enggedrängt und aneinandergeklammert Paar an Paar und bewegten sich nur wenig auf der Stelle hin und her.

Und nun tauchte plötzlich an unserem Tisch Feldwebel Möller auf mit einem Mädchen. Feldwebel Möller mochten wir nicht. Er war groß und drahtig, seine Haare waren von einem fahlen Blond und sein Gesicht immer wie mehlig. Feldwebel Möller zog ein Mädchen mit sich, und er war schon ziemlich blau. »Habt ihr noch einen Stuhl?« brüllte er. »Brauch nur einen Stuhl. Wo habt ihr eure Mädchen? Ihr habt noch keine Mädchen? Wieviel Mädchen wollt ihr? Hebt mir die Kleine da auf. Ich bringe euch Mädchen!«

Er setzte sein Mädchen Kurtchen Zech mit einem Ruck auf den Schoß. Es war eines der schönsten Mädchen, die wir jemals gesehen hatten, und das ist keine Lüge und keine Übertreibung. Feldwebel Möller wühlte sich in die tanzende Menge, und dann geschah folgendes.

Feldwebel Möller kam mit einem Mädchen, setzte es Heinz-Otto auf den Schoß, stürzte sich wieder in den Trubel, kam wieder mit einem Mädchen, und so ging es fort, bis jeder von uns ein Mädchen auf dem Schoß hatte. Und es war mit einer Höllengeschwindigkeit gegangen. Und Feldwebel Möller hatte eine Art im Leibe, daß man gar nicht zur Besinnung kam. Und nun setzte er sich hin, nahm sein schönes Mädchen auf den Schoß und begann zu singen.

Ich glaube, das Ganze dauerte weniger als eine Minute. Mit Ausnahme von Heinz-Otto waren wir ziemlich platt und wußten nicht recht, was wir mit unseren Mädchen reden sollten. Und diese Geschöpfe, die tatsächlich keinen verderbten Eindruck machten, sondern alles als einen ungeheuren Witz ansahen, benahmen sich ganz unbefangen.

Was meine betrifft, so mag sie zwanzig gewesen sein. Ihre kupferroten Haare standen ziemlich wirr um ein nettes Gesicht, sie lachte andauernd, und sie trank das Schnapsglas etwas rasch aus, etwas zu rasch. Dann auf einmal war ein Kellner aufgetaucht und hatte eine Flasche und kleine Gläser auf den Tisch gestellt.

»Geht auf meine Kappe!« schrie Feldwebel Möller. Der Mann war völlig außer Rand und Band. Alles war überhaupt außer Rand und Band, und ich habe weder vorher noch nachher etwas Ähnliches erlebt und mitgemacht.

Alles sagte du zueinander.

Und langsam begannen auch wir, als ob uns jemand angezündet hätte, frech zu werden. Zuerst hatte ich mir die anderen angesehen und wollte beobachten, was sie sprachen und machten. Der Josef! Auch der Josef hatte ein Mädchen auf dem Schoß und streichelte ihre Knie.

»Du machst dir wohl gar nichts aus mir?« fragte meine Kupferhaarige und riß mich am Ohr.

»Au!« sagte ich albern.

Dann begann ich irgendeine Unterhaltung.

»Wo bist du denn her?« fragte ich.

»Aber das ist doch ganz egal«, antwortete sie ungeduldig. »Ich frag’ dich ja auch nicht, wo du her bist. Komm, erzähl mir ein bißchen. Was Hübsches.«

Jetzt verschlug es mir die Sprache.

Sie blies eine kupferne Locke aus dem heißen Gesicht und sprang auf. »Komm, wir tanzen.«

Ich wollte gerade aufstehen, da sah ich, wie das schöne Mädchen Feldwebel Möller mit aller Kraft ins Gesicht schlug. Sein Kopf zuckte zurück. Und dann sah ich, wie das Mädchen seine Arme um seinen Kopf schlang und ihn wie wahnsinnig küßte.

Ein Irrenhaus.

Und wie in einem Nebel tauchte jetzt Krumbhaar auf, und der Stöpsel hatte seinen Arm um die Schultern seines Mädchens gelegt, das um einen viertel Meter größer war als er.

Er beugte sich zu uns herunter, Schweißperlen standen auf seinem Gesicht, und er sagte: »Geht mal in den Park! Ihr müßt mal in den Park gehen. Wir waren eben ein bißchen im Park.« Und sein Mädchen lachte grell und zog ihn mit sich auf die Tanzfläche.

Und jetzt schrie das schöne Mädchen von Feldwebel Möller mit aufgerissenen Augen: »Sie haben meinen Kurt erschossen! Sie haben meinen Kurt erschossen« Und sie riß sich los, schlug Feldwebel Möller wieder hart ins Gesicht und stürzte sich in das Gewühl.

Feldwebel Möller stand auf. Er schien mit einem einzigen Schlage nüchtern. Er streifte uns mit schnellen Blicken, dann sagte er zu mir: »Sie und Zech kommen mit mir.«

Wir sahen ihn kühl an. Wir hatten nichts mit ihm zu schaffen. Aber er fügte hinzu: »Bitte, helfen Sie mir. Los.«

Und ohne sich umzusehen, drängte er sich weg, und Kurtchen Zech und ich hinterher. Es dauerte etwas, bis wir uns durch das Lokal gepreßt hatten. Auf der Straße hörten wir schreien und rufen.

Und dann vernehmen wir von der Ecke her den Schrei: »Sie haben meinen Kurt erschossen!«

»Kommt mit, Jungens!« rief Feldwebel Möller und raste weg, und wir mit.

Wir fanden das Mädchen inmitten eines Rudels von Landsern, die sie festhielten und lachend auf sie einredeten. Feldwebel Möller imponierte mir.

»Einen Augenblick, liebe Leute«, sagte er ruhig, drängte die Männer zur Seite und nahm das Mädchen am Arm. Feldwebel Möller imponierte mir auch nachher, denn um es kurz zu machen: es war eine scheußliche Geschichte. Wir brachten das betrunkene Mädchen, das schließlich nur noch vor sich hinschluchzte, nach Hause. Ihre Eltern waren in Sorge gewesen. Sie sagten nicht viel. Sie bedankten sich. Und als die Mutter mit der Tochter in einem Zimmer verschwunden war und wir das erneute fassungslose Weinen des Mädchens hörten und wir etwas unsicher im Flur standen und nicht recht wußten, wie wir wegkommen sollten, ging der Vater, ein kleiner, grauhaariger Sechziger, in ein anderes Zimmer, ließ die Tür hinter sich offen und kam mit einem Stück Papier wieder. Er reichte es Feldwebel Möller.

»Sie macht sich kaputt«, flüsterte er.

Das Telegramm, morgens eingetroffen, teilte mit, daß der Schütze Soundso gefallen sei. Er war der Verlobte des schönen Mädchens.

Wir schlichen uns davon. Feldwebel Möller ging ins Café zurück. Himmlischer Vater, welch ein Mann! dachte ich.

Kurtchen Zech und ich hatten genug.

Wir zottelten durch die verrückte Stadt zurück in unsere Schule, und dort legten wir uns hin. Gegen Mitternacht kamen die anderen. Sie waren ziemlich angehaucht, und Kurtchen Zech und ich stellten uns schlafend.

Am andern Morgen herrschte während der halben Stunde Frühstück Schweigen, bis Kurtchen Zech in die Stille hinein grob sagte: »Nun, meine Herren, wer von euch hat gestern die Ehe gebrochen?«

Weinrich antwortete unverzüglich: »Rindvieh.«

»Ich weiß, Kindchen«, sagte Kurtchen Zech. »Du kannst sie nicht gebrochen haben, weil du nicht verheiratet bist. Und wie steht’s mit den anderen Herren?«

»Quatsch nicht so dämlich«, sagte Krumbhaar.

Und da hob unser aller Heinz-Otto seinen schweren Kopf, und trüb war sein Blick und heiser seine Stimme.

»Das ist das Thema«, sagte er, »und wir müßten jetzt alle beichten. Ich persönlich bin unfähig dazu. Ich weiß nichts mehr.«

Der Josef lächelte vor sich hin.

Die anderen taten so, als ob sie nichts hörten.

Und damit war unsere Königsberger Nacht erledigt.

Wir hatten am Vormittag Exerzieren, und wir sahen Feldwebel Möller vorbeigehen.

Er hatte links ein blaues Auge, und seine Lippe war geschwollen.

Nein, wir mochten ihn nicht. Und trotzdem hatte er Kurtchen Zech und mir imponiert.

Warum eigentlich?

Er hatte sich doch ganz unmöglich benommen.

»Das macht nichts«, erklärte mir Kurtchen Zech, als wir uns unter vier Augen darüber unterhielten, »darauf kommt es nicht an, Mensch. Das mußt du noch lernen. Natürlich hat er sich unmöglich benommen. Aber er hat es fertiggebracht, sich in einem entscheidenden Moment zusammenzureißen. Verstehst du, was das heißt? Bist du sicher, daß du so was kannst? Ich nicht.«

»Ja aber«, sagte ich, »er hätte sich vorher zusammenreißen müssen.«

»Das geht nicht immer«, antwortete Kurtchen Zech ungeduldig, »das geht wirklich nicht immer. Mensch, hast du denn gar keine Lebenserfahrung?«

»Nee«, sagte ich, »wenig.«

Und da sagte Kurtchen Zech: »Ich will dir was sagen, Freundchen. Dieser Krieg wird’s dich lehren. Und hoffentlich hast du dann immer einen Kurt Zech, der dir alles erklärt.«

»Na ja«, sagte ich, »und was hältst du wirklich von Feldwebel Möller?«

»O Mann«, antwortete Kurtchen Zech, »ich wollte, du hättest ein Stückchen von Feldwebel Möller.«

Und ließ mich stehen.

Es war ganz eigentümlich, daß ausgerechnet nach dieser Nacht mittags die Feldpost kam. Und zwar eine ganze Masse. Briefe und Paketchen, die hängengeblieben waren. jetzt kamen sie auf einmal. Wir machten alle dumme Gesichter. Am vorigen Abend hatten uns die Königsberger Mädchen verrückt gemacht. Ich will mich nicht besser hinstellen, als ich bin. Mich haben sie auch verrückt gemacht.

Sieh mal an, dachte ich, jetzt sind wir kaum ein paar Wochen von zu Hause weg, und schon geraten wir außer Rand und Band. Ich sah mir die paar Briefe an, die ich bekommen hatte, bevor ich sie aufmachte. Und ich dachte auf einmal, daß alles, was da drin stand, alles Liebe und Gute und alle Erinnerungen, einfach zu nichts werden konnten, wenn man durchgedreht war, ein hübsches Gesichtchen lebendig neben einem auftauchte.

Ich merkte, daß es den anderen so ähnlich ging. Sie hockten herum, drehten die Seiten etwas geniert hin und her, lasen, dösten vor sich hin, lasen wieder und stopften dann die Briefe in die Tasche. Sonst hatte es doch immer nach der Feldpost ein lautes Hin und Her gegeben, und jeder wußte was Neues von daheim.

Mich schikanierte zunächst wieder einmal das dumme Gefühl, für nichts und wieder nichts aus meinem ordentlichen Leben herausgerissen worden zu sein. Ich kann nicht sagen, daß ich mit einem besonderen Hochgefühl Soldat war. Ich hatte ein Hochgefühl, wenn ich ehrlich sein sollte, schon vor dem Polenfeldzug nicht gehabt und hatte es jetzt auch noch nicht. Mir saß das dumme Gefühl, daß irgend etwas an der ganzen Sache nicht stimmte, auf dem Herzen. Das vergaß sich dann natürlich immer wieder. Aber manchmal war es wieder da. Und es war immer wieder da, wenn die Feldpost kam. Oft war ich ganz trostlos. Und ich überlegte mir immer, wie ich damit fertig werden könnte.

Gewöhnlich wurde ich dann bald damit fertig, wenn ich an das allernächste dachte, was zu tun war. Oder, wie Kurtchen Zech immer sagte: »Am besten ist es, wir kümmern uns um nichts.« Dann sagte Heinz-Otto prompt: »Das ist ein guter Rat für die Dummen. Ich, was mich betrifft, wüßte ganz gerne, was mit uns gespielt wird. Zum Beispiel, warum ich in den Krieg mußte.«

Und dann knurrte Meier III, der, was Politik betraf, die unvorsichtigste Schnauze unter uns hatte: »Warum? Du liest wohl keine Zeitungen? Du hörst dir wohl keine Führerrede an? Du lebst wohl auf dem Mond, Mensch? Du mußt in den Krieg, weil du Lebensraum brauchst, verstehste?«

Und Meier III sah uns dann der Reihe nach so höhnisch an, daß wir nicht recht wußten, meint er es ernst oder nicht. Wir sagten dann nichts mehr, und das war wohl das beste.

6

Am Nachmittag passierte mir was Merkwürdiges. Kurtchen Zech nahm mich auf die Seite, und wir setzten uns hinter die Turnhalle ins Gras. Es war uns immer aufgefallen, daß Kurtchen Zech nach jeder Feldpost traurig und schweigsam wurde. Es stimmte wohl zu Hause etwas nicht ganz, und zwar mußte es seine Braut sein. Denn er bekam immer nur Briefe und Päckchen mit der gleichen Schrift.

Jetzt hatte er einige Blätter in der Hand, und nach einer Weile, als wir uns über irgendwelche Sachen unterhalten hatten, sagte er plötzlich: »Du, hör mal zu. Wo du zu Hause bist, habe ich eine Bekannte. Eine gute Bekannte, kapierst du? Und man kann ja nie wissen. Wenn mir was passiert, könntest du mir einen Gefallen tun. Ich geb’ dir hier was von ihr. Sie schreibt ein Tagebuch, verstehst du? Und jetzt schickt sie mir da den ersten Teil. Kolossaler Leichtsinn. Da stehen Dinge drin! Hör mal zu, nimm sie mit, wenn du in Urlaub fährst, und heb sie auf. Oder wir machen es so, daß du deine Adresse drauf schreibst, und wir geben sie dem Landser mit, der zuerst auf Urlaub fährt, und der steckt sie irgendwo zu Hause in den Kasten.«

Ich sagte: »Wird gemacht.«

Kurtchen Zech sah gedrückt in die Gegend, dann rückte er heraus: »Weißt du was, lies doch mal die Briefe. Ich hätte gern gewußt, was du davon denkst. Vielleicht kannst du dir was zurechtlegen, was ich tun soll.«

Ich sah ihn unsicher an. Es war mir ungemütlich. Mir wäre lieber gewesen, er wäre zu Heinz-Otto gegangen.

Aber das hätte ihn gekränkt.

Und so las ich denn das Tagebuch von Kurtchen Zechs Braut, die ein Kind von ihm erwartete. Aber bevor ich anfing, sagte ich: »Zu dämlich. Es kommt mir tatsächlich vor, 11s ob es die Briefe meiner Braut seien. Ich habe aber keine. Aber ich lese das Tagebuch mit ’nem ganz verdammt schlechten Gewissen, ist das nicht komisch? Ich war doch gestern mit einem Mädchen im Park, verstehst du? Ich brauch’ da niemand Rede zu stehen. Aber ich hab’ jetzt ein schlechtes Gewissen. Komisch, nicht?«

Kurtchen Zech starrte mich an. »Ich war auch mit einem Mädchen im Park«, sagte er etwas bissig.

»Eben deshalb«, sagte ich, »eben deshalb, Kurtchen. Eben deshalb lese ich jetzt das Tagebuch deiner Braut mit schlechtem Gewissen.«

Kurtchen Zech legte sich schweigend zurück ins Gras, nahm einen Halm in den Mund und sah in den Himmel hinauf.

Das Tagebuch der Braut von Kurtchen Zech begann kurz vor unserem Ausmarsch nach Polen.

»Ich wartete vor der Kaserne und sah Kurt von weitem kommen. Ich sah ihn zum erstenmal in Uniform. Er hatte einen schweren Schritt und eine steife Haltung, die ich nicht an ihm kannte. Ich konnte zuerst gar nicht hinsehen. Er kam mir vor wie ein Sträfling. Wir hatten nur eine halbe Stunde in der Kantine, und es war trostlos. Wir sprachen beide wie gehetzt. Kurt war schon in einer ganz anderen Welt. Ich hatte es mehr als einmal auf der Zunge, ihm zu sagen, wie scheußlich ich alles fände, wie unsagbar scheußlich und verbrecherisch. Sie hatten unser Leben schon sowieso zerstört, und jetzt waren sie dabei, es ganz kaputt zu machen. Ich sagte nichts. Es war schon bisher alles hart gewesen mit uns. Nun war alles aus. Wenn ich die ersten Todesanzeigen in den Zeitungen mir auch vorstelle: ›… auf dem Felde der Ehre gefallen …‹, könnte ich wahnsinnig werden. Ich weiß, daß Kurt wiederkommen wird. Aber ich schlafe nachts vor Angst nicht. Wahrscheinlich sagen sich alle das gleiche: ich weiß, daß er wiederkommen wird. Und wahrscheinlich fallen sie zu Hunderttausenden.

Ich war am Zug. Unvergeßlich der dunkle Bahnsteig. Und Kurt vor mir, still, unwahrscheinlich bepackt, ernst. Einige seiner Kollegen waren mit an der Bahn. Sie standen mit Witzen in ihren schicken Anzügen und Mänteln vor Kurt, der, gebückt unter seinem ungeheuren Gepäck, wie ein Verdammter dastand und kaum Antwort gab. Und trotzdem hatte ich das Gefühl, daß er sich in diesen Augenblicken mit Männern besser verstand als mit mir. Sie mit ihren albernen Witzchen und ich mit meiner ungeheuren Niedergeschlagenheit und fand nicht die richtigen Worte.

Gleich neben uns stand ein Paar, und das machte es richtig. Der Mann war wie Kurt hochbeladen mit seinem Gepäck, und das junge Mädchen hing ›zuzüglich‹, hätte ich beinahe geschrieben, hing zusätzlich dieser Last wie eine Klette an ihm und heulte ununterbrochen und schluchzte und stieß unverständliche Worte heraus, und das schien genau das Richtige zu sein. Der stämmige Soldat drückte sie an sich, klopfte ihr auf den Rücken und sah über sie hinweg zu uns her mit einem Ausdruck höchsten Stolzes, als ob er sich bei uns rühmen wollte: seht, so werde ich geliebt.

Ich bewundere an Kurt maßlos, wie er, der verwöhnte Mann, alles hinnimmt, was sein muß. Aber am liebsten hätte ich ununterbrochen auf ihn eingeschrien, daß es ja gar nicht sein müsse! Und wenn hunderttausend jetzt schreien würden, es müsse nicht sein, dann … ja, was dann?

Ich kann mich nie von dem Gefühl losmachen, als habe Hitler uns alle miteinander in ein Labyrinth gehetzt, solche, die wollten, und solche, die nicht wollten, Schuldige und Unschuldige auf einen Haufen. Aus diesem Wirbel sah ich keinen Ausweg. Deshalb war es am besten für Kurt, er nahm es hin, als ob es sein müßte, obwohl ich glaube, es muß nicht sein.

Als mein Vater 1918 im Frühjahr aus dem Lazarett mit einem Bein entlassen wurde, sagte meine Mutter einmal in wildester Erbitterung: ›wir sind schuld, wir Frauen sind schuld. Wenn wir Frauen uns einfach vor die Truppenzüge auf die Geleise geworfen hätten, wäre alles nicht passiert.‹ Daran mußte ich denken, als ich mit Kurt auf dem Bahnsteig stand, um Abschied zu nehmen.

Uns vor die Truppenzüge werfen? Und dann? Dann wäre die Frauenschaft in Reih und Glied anmarschiert gekommen und der BdM und hätte uns mit Gewalt von den Schienen gezerrt …«

Als ich bis zu dieser Stelle in dem Tagebuch von Kurtchen Zechs Braut gekommen war, sah ich erschrocken auf und blickte mich erst einmal um. Dann sagte ich: »Mensch, das kann das Mädchen doch um Hals und Kragen bringen! Das kann sie dir doch nicht ins Feld schreiben! Das ist ja lebensgefährlich!«

Kurtchen nickte.

»Weiß ich. Lies nur weiter.«

Ich las weiter, aber dann und wann sah ich mich um, ob niemand um die Wege war. Ich stellte mir vor, wenn zum Beispiel jetzt Leutnant Meßner wieder plötzlich neben uns auftauchen und die Blätter, in denen ich las, verlangen würde. Das würde dann anders ausgehen, als die Sache mit Remarque im Park der polnischen Gräfin.

Ich las hastig weiter.

»Kurt hat sich eine Pistole gekauft, gerade so klein, um sie in die Uniformjackentasche stecken zu können. Ich sah, wie er auf dem Bahnsteig danach tastete. Und ich erinnerte mich, wie er, als er sie erstanden hatte, bei mir auf dem Bettrand saß und sie betrachtete und sie dann andächtig putzte, putzte, wischte und wischte. Ich lag daneben mit tausend Gedanken, und ich glaube, daß mir da zum erstenmal der schauerliche Gedanke gekommen ist, daß alle Männer an Waffen eine heimliche oder offene Freude haben. Und das bedeutete doch nicht mehr und nicht weniger, wenn ich logisch weiterdachte, daß alle Männer am Töten einen heimlichen oder offenen Genuß fanden. Todernst und völlig in sich versunken, beschäftigte er sich wohl über drei viertel Stunden mit seiner kleinen Pistole. Und zugleich, obwohl es mich geradezu erschütterte, zugleich sah es nett aus. Und zugleich packte mich der uralte Jammer und die uralte Unlogik der Frauen: Ich verfluchte und verdammte die Tatsache, daß er Soldat sein mußte, und doch fand ich es wiederum nett an ihm. Und ich fragte mich, was ich wohl getan oder gefühlt hätte, wenn Kurt, den ich über alles liebte und von dem ich ein Kind bekam, der jetzt, als ob es sein müßte, von mir weg in den Krieg ging, wenn er, so wie ich es mir heimlich wünschte, einfach nicht mitmachen würde, sondern desertieren. Irgendwohin sich verstecken. Mit mir. Ins Ausland. Nach Süddeutschland, in die Berge vielleicht.

Kurt als Deserteur. Mir und dem Kinde, das ich bekam, allein gehörend und nicht von diesen Wahnsinnigen zum Morden hinausgeschickt, zum Morden oder Gemordetwerden. Das stellte ich mir vor.

Was hätte ich gefühlt? Ich konnte es mir kaum vorstellen, was ich empfunden hätte. Aber ganz im Hintergrund aller meiner Wünsche und Gefühle stand es vernichtend geschrieben: der Mann, den ich liebte und von dem ich ein Kind, vielleicht einen Jungen bekommen sollte, dieser Mann durfte kein Deserteur sein.

Und damit saß ich in der Mausefalle. Es war die leibliche Verdammnis selber.«

Ich sah wieder auf und blickte Kurtchen Zech an. »Mensch«, sagte ich, »das ist aber eine Frau! Mit der käme ich nicht zu Rande. Die denkt ja wie ein Rasiermesser!« Und Kurtchen Zech sagte: »Lies weiter.«

Ich las weiter.

»Der Krieg macht die Menschen kalt wie Hundeschnauzen. Ich, die ich in allernächster Zeit ein Kind erwarte und vielleicht auf eine Kleinigkeit Rücksicht Anspruch erheben könnte, weiß davon zu erzählen. Gestern stand ich todmüde mit einem schweren Koffer an der Omnibushaltestelle und wartete über eine halbe Stunde. Das Stehen strengt mich entsetzlich an. Der Bus kam überfüllt, und der Schaffner wies mich zurück, als ich einsteigen wollte, und sagte, die älteren Herrschaften hätten das Vorrecht, und er stieß mich vom Trittbrett herunter. Das war mir zuviel, ich rief: ›Ich bin erst zwanzig, aber ich bin hochschwanger!‹ Und da ließ er mich einsteigen. Und nach zwei Haltestellen mußte ich wieder aussteigen, weil der Schaffner keine zehn Mark wechseln wollte. Dann stand ich in der Dunkelheit, mit meiner schweren Gestalt und den schmerzenden Gliedern und hundemüde und zerschlagen, gottverlassen mit meinem schweren Koffer. Für ein Taxi hatte ich nicht genügend Geld übrig. Und in diesen Augenblicken, als mir die hellen Tränen der Wut und Scham über das Gesicht liefen, dachte ich plötzlich wie eine Furie: wenn Kurt mich, während er von mir weg ist, betrügt, bringe ich ihn und mich und das Kind um.«

Ich ließ das Blatt sinken. Kurt hatte sich aufgerichtet im farblosen Wintergras und sah mich mit leicht geöffneten Lippen an. Er war erregt. »Lies weiter!« sagte er heiser und sank wieder zurück.

Ich las weiter.

»In dieser Zeit, als ich dreimal jeden Abend einen Koffer aus der Krausenstraße nach Hause schaffen mußte, tauchte mal einer neben mir in der Dunkelheit auf und sagte, und er sagte es eigentlich nicht unnett: ›Ich würde mir an Ihrer Stelle einen kleinen Kavalier anschaffen, wenigstens zum Koffertragen.‹ Das ergrimmte mich merkwürdigerweise heftig. Und dann machte ich eine umgekehrte Überlegung. Nun also, dachte ich, wenn es nun so käme, daß alle Briefe von Kurt aus dem Felde, und angenommen, er bekäme mal ein oder zwei Jahre keinen Urlaub, daß alle Briefe keine Macht mehr über mich hätten und ich ihn eines Tages betrügen würde? Aus Verlassenheit, aus Einsamkeit, in einer schwachen oder in einer verrückten Stunde, was weiß ich warum, was dann?

Eine dumme Überlegung, die denn auch sofort verflog. Frauen können leichter treu sein. Aber die Sache mit dem ›kleinen Kavalier‹ ging mir doch einige Zeit im Kopf herum. Es gibt einen ganz bestimmten Typ von Mann, der einem in unzähligen Kleinigkeiten gefällig ist und nichts dafür will. Jede Frau weiß das, und viele haben solche Pagen.

Auch das war mir zu läppisch.

Im übrigen war es ganz klar, daß man dauernd angesprochen wurde und am meisten von Soldaten. Sie waren die unbekümmertsten Casanovas. Und das wußten diese Burschen, die nicht immer plump und unverschämt waren und die von der Technik des Ansprechens allerlei wußten. Sie tauchten neben einem auf in der Verdunklung, man hörte zunächst nur ihre Stimme und sah neben sich den Umriß ihrer Figur. Und wer eine schöne Stimme hatte, war gut dran. Ich selber reagiere auf schöne Stimmen sofort, wenn ich auch niemals einem Tenor Liebesbriefe schrieb oder einen Schauspieler belästigte oder jetzt in diesen Tagen einer angenehmen Stimme nachgab.

Gestern abend sah ich vor dem Potsdamer Bahnhof eine gewaltige Schlägerei, und neugierig, wie ich bin, blieb ich in gebührender Entfernung stehen und sah der Sache zu, die sich da in der Abenddämmerung abspielte. Sie ging ziemlich komisch zu Ende. Einige Italiener hatten sich mit ihren sonoren Stimmen, ihrem Temperament und wohl auch Alkoholstimmung in eine Auseinandersetzung mit einigen Landsern eingelassen. Und durch irgendeine alberne Wendung hielten die erbosten Landser die Italiener für Franzosen und eröffneten eine Prügelei. Polizei und andere Soldaten warfen sich in das Gewühl und trennten die Kampfhähne, und nun schmetterten die Italiener ihre Proteste wie Arien über den Bahnhofsplatz. Die verdutzten Landser kapierten nun erst den Unterschied zwischen Italienisch und Französisch und gaben klein bei.

Ich mußte übrigens im Weitergehen plötzlich weinen. Und nachher wurde mir klar, daß ich mit meinen Nerven nicht nur meines Zustandes wegen so herunter war, sondern weil ich hungerte. Ich wurde nicht mehr satt. Und ich entdeckte, daß es anderen Leuten genauso ging. Ich versuchte es mit Obstessen, denn Obst hatte ich genug, aber es machte noch flauer.

Heute auf dem Nachhauseweg überholte mich ein Rotkreuzwagen. Sein Anblik war mir unheimlich, zumal er merkwürdig langsam und völlig lautlos vorüberglitt. Ich erschrak. entsetzlich. Und bekam sofort Schmerzen. Ich dachte an das Kind. Wie sollte das werden? Alle Krankenhäuser waren mit Verwundeten überfüllt. Auch die Frauenkliniken. ›Gebäre zu Hause, egal wie!‹ Ich habe mich heute in einem kleinen Privatheim angemeldet. Eine etwas robuste Ostpreußin macht hier die Sache, und ich denke, sie wird es schon recht machen. Nachher werde ich das Kind wohl in ein kleines katholisches Heim nach Pankow geben müssen, das man mir empfohlen hat. Aber wenn ich an all das denke, was mich erwartet, möchte ich wieder alles verfluchen, was geschieht. Frauen arbeiten Männerarbeit, Kinder werden ›untergebracht‹, die Männer sind an der Front, die Schieber und Bonzen bleiben daheim, und das Ganze heißt deutsche Familie.

Es geht diesen mechanisierten Seelen, die uns regieren, ja nicht um die Familie, auch nicht um die Moral oder sonst einen echten und schönen Begriff, es geht ihnen nur um die möglichst höchste Produktion von Menschen. Wir Frauen sind Gebärmaschinen, unsere Männer sind Kampfmaschinen und Zuchtmaschinen, wenn sie Urlaub haben, und unsere Kinder werden entweder das eine oder das andere.

Ich werde es nie fassen können, daß alles so kommen mußte, wie es kam, und daß alles um des Vaterlandes willen notwendig war. Ich bin oft nahe daran, zu schreien.

Das Kind ist da. Es heißt, wie Kurt und ich es uns ausdachten, Barbara. Es war schrecklich, und die Schmerzen waren schlimm. Ich konnte mich gerade noch rechtzeitig nachts gegen 1 Uhr in das Entbindungsheim schleppen. Ich war zwei Stunden in Lebensgefahr.«

So weit ging das Tagebuch von Kurtchen Zechs Freundin.

»Und was willst du, was ich dazu sagen soll?« fragte ich. Kurtchen Zech sah mich still an.

»Eigentlich nichts«, sagte er dann nach einer Weile, »eigentlich nichts. Ich kann nicht mal selber etwas dazu sagen. Ich dachte nur … sag mal, Mensch, sag mal, das denken also nun die zu Hause.«

»Wahrscheinlich denken nicht alle so«, antwortete ich. »Dieses Mädchen hier mußte ja den Kopf verlieren. Sie ist ganz allein, wie? Muß also alles allein ausfressen, nicht wahr? Und du bist im Feld. Na also. Oder erwartest du von ihr großartige Sprüche? Kannst du kaum verlangen. Gestatte aber eine kleine Anfrage: Warum hast du das Mädchen nicht geheiratet?«

Kurtchen Zech nickte.

»Ein wahres Wort. Ja, warum eigentlich? Vielleicht, weil ich keiner zum Heiraten bin.«

Ich wurde wütend.

»Na weißt du!« fuhr ich ihn an, »ich bin ja kein Moralist. Ich nehm’ auch, was ich kriegen kann. Aber, na weißt du! Wenn das Mädchen ein Kind von dir bekommt!«

Ich starrte ihn erbittert an.

Was das Mädchen geschrieben hatte, war doch sehr verzweifelt, und wahrscheinlich doch deshalb, weil sie niemand hatte außer Kurtchen, und der sie doch, genau betrachtet, im Stich ließ.

Ich stand auf.

Er lag im Gras und rührte sich nicht.

»Du mußt wissen, was du tust«, sagte ich, »gestern hasr du dich mit einer anderen im Park herumgetrieben. Das geht mich nichts an. Mußt du mit dir abmachen. Aber eins kann ich dir sagen: ich wollte, du hättest mir das Tagebuch nicht zu lesen gegeben.«

Kurtchen Zech gab keine Antwort.

Im Weggehen drehte ich mich noch einmal um und sagte: »Ich denke jetzt nämlich ein bißchen anders von dir als vorher.«

Und ich ließ ihn liegen.

Dann fiel mir plötzlich etwas ein, und ich ging noch einmal zurück.

»Die Blätter«, sagte ich, »die Blätter nehme ich an mich. Ich werde dafür sorgen, daß sie zu mir nach Hause kommen. Das mach’ ich aber nicht dir zu Gefallen, sondern um deines Mädchens willen. Ihr kommt beide um Kopf und Kragen, wenn diese Papiere in unrechte Hände kommen. Verdammt noch mal.«

Die Geschichte wurmte mich sehr.

___________

Als ich ins Schulhaus zurückkam, gab mit Heinz-Otto einen Brief.

»Der Spieß hat noch eine Nachsendung bekommen. Er war wenigstens so anständig, selber ’rumzurennen und die Herren Adressaten aufzusuchen.«

Der Brief war von meinem Vater. Es war der zweite Brief, den ich von ihm bekam, seit wir ausgezogen waren.

Er schrieb: »Aus deinem letzten Schreiben mußten wir leider erkennen, daß Du Dich von uns geradezu verlassen und vergessen fühlst. Wir bedachten uns dieserhalb mit unendlichen Vorwürfen, obwohl wir dabei dennoch schuldlos sind. Ich weiß es ja von mir selber, wie willkommen irgendein Lebenszeichen von daheim ist, wenn man draußen einsam und allein ist. Und Mutter und ich haben den Eindruck, daß Du Dich wirklich allein fühlst. Das ist nicht gut, mein Junge! Richtig wäre es natürlich gewesen, wenn Du uns immer geschrieben hättest, wo Du steckst, dann hätten wir wenigstens in Gedanken bei Dir sein können; und ich glaube wohl, daß Du das gefühlt hättest. So was gibt es. Es ist bestimmt so manches nicht in Deine Hände gekommen, was wir in Liebe Dir geschrieben oder verpackt hatten. Das bißchen, was wir für Dich ergattern konnten, ist an Dich abgegangen. Du hast lange geschwiegen, und ein kurzes Lebenszeichen von Dir hätte Mutter und mir viele Sorgen genommen. Dein Schweigen, wo Du doch mitten in den Schlachten warst, so kalkulieren wir wenigstens als saudumme Zivilistenschweine, hat uns Sorgen gemacht. Das all’ soll kein Vorwurf sein, beileibe nicht. Uns hat es weh getan, als wir nun vermuten mußten, daß Du Dich so verlassen fühlst. Ich verstehe es einfach nicht, daß Dich bisher nur ein Brief erreichte. Es ist mir peinlich, denn ich kann mir denken, daß Deine Kameraden, wenn sie beim Postempfang Dich leer dastehen sehen, nicht gut von Deinen Eltern denken mögen und sie als recht mangelhaft empfinden.

Ich kenne das. Wie oft bin ich damals 14—18 in ›meinem Kriege‹ kleinmütig und verdrossen in den Kahn gekrochen, wenn die Post wieder mal für mich nichts hatte. Es tut uns das alles so schrecklich leid. Deine Mutter hat so viel an Dich geschrieben. Oder stimmt an Deiner Feldpostanschrift etwas nicht? Denke nicht, daß wir in Gleichgültigkeit oder im bequemen heimatlichen Spießertum dahinleben. Wir denken an Dich mit großer Liebe und auch in großer Hochachtung. Das sollst Du wissen. Wir, die Mutter und ich, setzen uns nie an den Tisch oder legen uns abends in die Klappe, ohne daß nicht Deiner in lauten Worten gedacht wird. Ganz zu schweigen von den vielen Gedanken, die bei Dir und auf Deinen Wegen sind, wenn uns der Schlaf flieht und wir uns dabei ertappen, daß wir stundenlang wach nebeneinander liegen. So manche Stunde träumte ich wachend in der Nacht auf allen Deinen Wegen mit Dir.

Wir hoffen felsenfest, daß Du bei gutem Wohlbefinden bist. Auch wir sind hier wohlauf. Der Kriegsalltag ist natürlich nicht recht bequem, und wir haben leider die Erfahrung gemacht, daß der Krieg die Menschen zu Hause nicht edler macht. Im Gegenteil, sie werden klein und unendlich häßlich. Aber wir haben hier immer noch ein Dach über uns — sind einfach daheim. Ein großes Wort ist das, wenn wir an Dich denken.

Wie immer arbeite ich Sonntag morgens in meinem kleinen Garten, meiner ›Prärie‹. Das Fleckchen Erde hat es in sich. In letzter Zeit hatte ich viel Arbeit mit dem Laubrechen, der Wind blies mir immer wieder neue Divisionen von welken Blättern auf das gereinigte Terrain. Ich weiß, daß Du für diese Art Landwirtschaft kein Verständnis hast, aber in mir kreist doch viel bäuerliches Blut, und ich bin alles andere als ein gewandter und glücklicher Großstädter.

Wie ist es bei Dir mit Urlaub? Daß wir Dir hier Dein Nest warm gestalten, brauchen wir wohl nicht besonders zu erhärten. Herzlich Willkommen bei den Eltern! Zu jeder Stunde! Mutter hat Dir heute wieder mit glühenden Backen ein Paketchen gepackt, und ist wie eine Furie nach der Post geeilt, um es als Expreß aufzugeben, es hatte gar keinen Zweck, ihr klarzumachen, daß es Expreß als Feldpost nicht gibt.

An der Länge dieses Briefes magst Du erkennen, daß ich Deiner aus ganzem Herzen gedenke. Lasse niemals den Gendanken aufkommen, wir gedächten Deiner nicht. Wir sind immer bei Dir und mit Dir auf allen Wegen. Sei stets ein feiner Kamerad und stets ein ehrlicher und makelloser Soldat … aber das brauche ich Dir ja gar nicht zu sagen.

Mutter fügt ihre Zeilen an.

Ich bin immer Dein aufrichtiger Vater.«

Ich dachte lange über diesen Brief nach.

Aber ich wurde bald aus meinen Gedanken gerissen, denn der Weinrich rannte herum und fragte jeden von uns hilfeflehend um Rat. Es war beim Regiment ein Fernschreiben eingelaufen. Der Bruder Weinrichs, der SS-Gruppenführer, der uns auf dem Marsche überholt und seinen Bruder aus der Kolonne gefischt hatte, wollte ihn in seinen Stab zu einer SD-Einheit nehmen. Und Weinrich wollte nicht.

Und jetzt keilte er jeden von uns an, wie er sich davor drücken könnte. Rolf Weinrich war seines Zeichens Bäcker in Andernach am schönen Rhein, ein etwas schwächlicher Mann, der ohne weiteres zugab, daß er Angst hatte, in diesem Krieg zu fallen. Aber auf der anderen Seite war er derjenige, der von uns allen am offensten seine Meinung über dieses und jenes äußerte. Das heißt, er hatte Mut.

Wir gerieten jetzt seinetwegen in eine wilde Diskussion.

Der Krumbhaar war dafür. »Du wärst ein schönes Rindviech«, sagte er. »Zu einem Stab zu kommen! Wo der eigene Bruder ein großes Tier ist! Du wärst ein Rindvieh, wenn du da nicht zugreifen würdest.«

»Er kann ja gar nicht zugreifen oder nicht zugreifem«, sagte Heinz-Otto. »Das Fernschreiben ist ein Befehl. Er muß.« »Das ist noch nicht sicher«, sagte Meier III, »die Mitgliedschaft bei der Allgemeinen SS ist freiwillig.«

Rolf Weinrich sah unglücklich von einem zum anderen.

»Warum willst du eigentlich nicht?« fragte ich. »Erklär uns das einmal.«

Weinrich schmiß die Zigarette zum Fenster hinaus und sagte: »Ich denke gar nicht daran. Ich kenne Egon. Egon hat mich zeit meines Lebens schikaniert. Er ist ein Aas. Schon in der Schule ist er ein Aas gewesen. Und jetzt will er mich in die Finger kriegen.«

»Na hör’ mal!« sagte der Josef verwundert, »auf dem Marsch hat er dich aber doch sehr herzlich begrüßt.«

»Ihr kennt Egon nicht«, sagte Weinrich störrisch.

»Was war denn dein Egon früher?« erkundigte sich Heinz-Otto.

»Nichts«, erklärte der Weinrich, »er war nichts. Er war bei der SA. Schon ganz früh. Schon in München. Und dann ging er zur Allgemeinen SS.«

»Aha«, sagte Heinz-Otto vorsichtig und hielt dann die Schnauze.

»Was meinst du denn, was ich tun soll?« fragte Weinrich Kurtchen Zech.

Kurtchen Zech hatte sich bis dahin an der Diskussion nicht beteiligt, er saß schweigsam in einer Ecke.

Und er war also der einzige, der bisher Weinrich noch keinen Rat gegeben hatte.

Jetzt sagte er zerstreut: »Wenn du kannst, bleib hier, Mensch.« Es war die einzige ganz klare Antwort, die Weinrich bisher erhalten hatte, und wir waren alle verblüfft.

»Und warum soll er hierbleiben?« fragte Heinz-Otto.

Kurtchen Zech sah uns der Reihe nach an, dann blieb sein Blick merkwürdigerweise an mir hängen, und er sagte: »Man bleibt bei seinem anständigen Sauhaufen.«

Eine Weile herrschte Schweigen im Zimmer.

»Wie meinst du das?« fragte der Weinrich verwundert.

»So, wie ich es sage«, erklärte Kurtchen Zech grimmig. »Man bleibt bei seinem anständigen Sauhaufen.«

»Kurtchen«, sagte ich, »Kurtchen, sei vorsichtig.«

»Man bleibt bei seinem Sauhaufen«, wiederholte Kurtchen Zech stur. Und wieder war eine lange Weile peinliches Schweigen.

»Und das sagst du als Pg?« fragte Meier III perplex.

»Das sage ich als Pg«, antwortete Kurtchen Zech ruhig.

Der Weinrich nickte. »Das dachte ich auch«, sagte er nachdenklich, »und ihr kennt Egon nicht. Ich gehe jetzt zum Spieß.«

»Du gehst nicht zum Spieß«, sagte Kurtchen Zeeh plötzlich lebhaft, »du gehst zu Hauptmann Distelmann. Gleich zum Chef.«

»Und«, fragte Weinrich erleichtert, »was sage ich?«

»Die Wahrheit«, antwortete Kurtchen Zech. »Die Wahrheit sagst du. Du sagst, du willst nicht zum SD. Weil es dir bei uns besser gefällt.«

Und der Weinrich hieb ab.

7

Seit einigen Wochen liegen wir am Westwall. Es ist Dezember, es ist lausig kalt, und statt Schnee liegt Dreck. Leider befinden wir uns nicht am schönen Rhein, wo es sicher gemütlich ist, weil das Wasser zwischen uns und dem Feind fließt.

Wir hausen in einem Berg- und Waldgebiet, wohnen in evakuierten Dörfern und machen Dienst in nassen Bunkern. Hundertundfünfzigmal, über den Daumen gepeilt gerechnet, wurden wir bisher alarmiert, und hundertundfünfzigmal war es nichts.

Wir nehmen an, daß die ganze Sache in diesem Winter zu Ende gehandelt wird und wir im Frühjahr nach Hause können. Denn obwohl die Engländer nach der Führerrede geantwortet haben, sie wollten nicht, und die Franzosen dasselbe gesagt haben, sind das doch Kinkerlitzchen. Hinter den Kulissen wird schon allerhand los sein.

Es ist doch ganz klar, daß keiner will, wir nicht und die nicht. Sonst wäre es gleich nach dem Polenfeldzug über Frankreich hergegangen, oder die Franzosen und Engländer wären während des Feldzuges über uns hergefallen oder hätten wenigstens jetzt losgelegt.

Aber das alles geht uns nichts an.

Gestern morgen machten wir ein Spähtrupp-Unternehmen, und davon wollte ich eigentlich etwas aufschreiben und nicht von dem, was die Bonzen tun und lassen.

»Für das Wort Bonzen kriegst du vierundzwanzig Stunden geschärften Arrest«, sagte Kurtchen Zech kürzlich zu mir, und das fällt mir jetzt ein, da ich das Wort wieder hinschreibe.

»Wieso«, sagte ich. »Erlaube mal, bitte!«

»Bonze«, sagte Kurtchen Zech, »Bonze bezieht sich auf deine Vorgesetzten.«

»Quatsch«, antwortete ich, »Bonze bezieht sich auf die ganz oben.«

»Also auf deine höchsten Vorgesetzten, du Dussel«, sagte Kurtchen Zech mitleidig.

»Erlaube mal, bitte«, sagte ich, »ist zum Beispiel der Reichsbildberichterstatter mein Vorgesetzter?«

»Nee, der nicht.«

»Na also, dann kann ich doch zu dem Reichsbildberichterstatter …«

»Hör bloß auf«, sagte Heinz-Otto. »Mach uns nicht wahnsinnig. Die Sache ist so klar wie Nudelsuppe. Du darfst zu keinem Bonzen Bonze sagen, verstehste? Klar?«

Aber ich wollte ja von dem Spähtrupp schreiben.

Vor dem kleinen Zweimann-Bunkerchen auf dem Hügel, nach dem wir uns bei den Zotteleien durch die vorderste Frontlinie immer richteten, lagen so etwa zweihundert Meter weit Äcker. Und dann kam der Wald. In der Mitte direkt vor uns lag er flach, rechts stieg er langsam an, und dort, wo er steiler wurde, sah man die Lichtung mit dem großen Bauernhof, in Bäume hineingelegt wie ein Spielzeug. Entfernung etwa ein Kilometer. Der Hof war von unserer Artillerie zusammengeschossen. Er lag immer leblos und verlassen.

Am Vortag kam Feldwebel Möller zu uns ins Dorf, der Feldwebel aus Königsberg mit dem schönen Mädchen, dem der Bräutigam gefallen war und das Feldwebel Möller abwechselnd ins Gesicht geschlagen und geküßt hatte und das wir dann nach Hause gebracht hatten.

Seit der Zeit hatte Feldwebel Möller eine merkwürdige Vorliebe für uns. Er tauchte immer wieder mal auf und quatschte mit uns oder brachte irgend etwas an, Zigaretten oder eine Flasche Wein. Wir wußten immer noch nicht genau, ob wir ihn mochten oder nicht.

Also Feldwebel Möller kam in die Bauernstube, wo wir tüchtig eingeheizt hatten, wie Krokodile herumlagen und uns was erzählten. Wir erzählten uns eigentlich oft etwas. Heinz-Otto, Kurtchen Zech, Josef und Meier III konnten Sachen erzählen, daß wir uns bogen vor Lachen. Auch manchmal was Ernstes.

»Hört mal her«, sagte Feldwebel Möller, »was Dienstliches.« (Wenn er sonst auftauchte, hatte er die Gewohnheit zu sagen: »Feldwebel Möller privat«.)

»Was Dienstliches«, sagte Feldwebel Möller. »Der Chef soll einen Spähtrupp nach dem Waldhof schicken. Morgen früh. Führer Feldwebel Möller. Mit Freiwilligen. Zwölf Mann. Unteroffizier Krämer und Unteroffizier Matt hab’ ich, sind zwei. Sechs vom zweiten und dritten Zug hab’ ich. Vier von euch können mit.«

Es klingt natürlich wie Angabe, wenn ich sage, daß außer dem Krumbhaar, der nicht in der Stube war, alle auf die Beine sprangen. Das kam daher, daß Feldwebel Möller so was Frisches und Aufpulverndes an sich hatte, dann kam es daher, daß wir uns tatsächlich trotz des vielen Dienstes zu Tode langweilten, dann kam es daher, daß wir während der ganzen Zeit noch keinen Franzosen gesehen hatten, und es kam daher, daß wir auf etwas Scharfes scharf waren.

»Es geht noch ein Kriegsberichter mit«, sagte Feldwebel Möller. »Sonderführer Kurzbein. Scheint nicht viel loszuhaben. Drückte sich mächtig herum. Na also. Mit wem habe ich das Vergnügen?«

Es war nicht anders zu machen, wir würfelten.

Der Weinrich, Heinz-Otto, Kirchhofer und ich machten das Rennen. Und noch vor Morgengrauen am nächsten Tag gab uns Hauptmann Distelmann die letzte Politur.

»Sie sollen keine Schlacht schlagen«, sagte er abschließend. »Sie sollen gute Meldungen zurückbringen, was im Waldhof und darum herum los ist.«

Dann wandte er sich zu dem Mann von der Propagandakompanie.

»Herr Sonderführer«, sagte er etwas spöttisch, »ich hoffe, Sie machen meine Leute nicht übermütig und marschieren nach Frankreich hinein. Hauen Sie ab, Feldwebel Möller, Kopf- und Bauchschuß!«

Nun, der Sonderführer Kurzbein sah nicht so aus, als ob er uns übermütig machen würde, im Gegensatz zu seinem Namen war er hochaufgeschossen und dürr und trug eine Brille und hatte bisher noch kein Wort zu irgendwem gesagt. Auch hatte er die Gewohnheit, sich seine Lippen zu zerbeißen, mal die Unter-, mal die Oberlippe. Und das war kein gutes Zeichen. Er war nervös.

Wir kümmerten uns nicht viel um ihn, aber Feldwebel Möller sah ihn, bevor wir im Morgennebel loszitterten, zögernd an.

»Am besten halten Sie sich immer in meiner Nähe, Herr Kurzbein«, sagte er höflich. »Sie nehmen wohl noch Ihre Apparate mit?«

»Vielen Danke«, antwortete der Sonderführer etwas hastig, »vielen Dank. Ich habe keine Apparate. Ich bin Wortberichter. Ich fotografiere nicht, ich schreibe. Ich schreibe Berichte.«

»Ach so«, sagte Feldwebel Möller etwas enttäuscht. »Ich dachte, Sie könnten ein paar nette Aufnahmen von unserem Haufen machen.«

»Oh, das kann ich«, antwortete Herr Kurzbein zuvorkommend.

»Ich habe eine Leica bei mir.«

Und er zerrte aus seiner linken Jackentasche das kleine Etui und zeigte es eilig herum.

Ein komischer Kauz.

Und dann begann unser Feldzug.

An den entlaubten Büschen rechts vor dem Dorf glitten wir entlang, einer hinter dem andern. Wie jeden Morgen lag Winternebel auf den Fluren, und so kamen wir schnell und sicher ungesehen über die zweihundert Meter Äcker zum Waldrand.

Hier stand ein kleiner, verfallener Schuppen, kaum mannshoch. Von hier aus sollten wir in den Wald eindringen.

Die ganze Reihe blieb wie vom Blitz getroffen plötzlich stehen, denn vor dem Schuppen richtete sich eine Gestalt auf. Es war Leutnant Meßner.

»Soweit und bisher ganz gut«, sagte er leise, »aber bei einem von Ihnen scheppert etwas am Koppel. Kilometerweit zu hören.«

Wir sahen an uns hinunter, aber wir fanden bei keinem von uns etwas, was scheppern konnte.

»Gehen Sie weiter, Feldwebel Möller«, sagte Leutnant Meßner. »Wir werden es gleich heraus haben.«

Wir traten in den Wald ein, und wie das so ist: es war nicht das mindeste Scheppern mehr zu hören.

Als wir zurückblickten, sahen wir Leutnant Meßner bewegungslos neben dem Schuppen stehen.

Während wir langsam über das nasse, nachgebende Moos unter den ersten Waldbäumen gingen und dann und wann ein trockenes Ästchen mit einem winzigen Knall unter dem Stiefel brach und man erschrocken einhielt … ja, da wurde mir auf einmal bewußt, daß es gegen den Feind ging.

Es wurde recht unheimlich zwischen den schweigenden Stämmen, die wie graue, feuchte Säulen uns umgaben.

Hier war der Nebel nicht mehr so dicht, und wir konnten etwa hundert Meter weit sehen.

Feldwebel Möller ging rechts voraus. Und zwei Schritte hinter ihm trottete der lange Sonderführer.

Vor mir ging Unteroffizier Matt. Hinter mir Weinrich. Um die anderen kümmerte ich mich nicht.

Im übrigen hatten wir das alles unzählige Male geübt. Die Sache war keine Neuigkeit. Wir hatten den Spähtrupp in jeder Form geübt. Und also würde es auch wahrscheinlich keinen Schock für uns bedeuten, wenn es plötzlich irgendwo vor uns knallte. Auch bei den Übungen hatte es geknallt. Diesmal allerdings würde es, wenn es knallte, eine Kugel sein.

Nun, es war soviel wie sicher, daß keiner von uns aufgeregt war. Höchstens, wenn etwas unter den Stiefeln knackte, regte es uns auf, aber das war mehr Ärger als Aufregung. Wir gingen quer durch den Wald. Für den Fall, daß wir plötzlich in Deckung gegen Sicht gehen mußten, waren die einzelnen dürren Büsche genügend. Es mochten zwanzig Minuten vergangen sein, als wir an die Schneise kamen, die auf der Karte quer zu unserer Marschrichtung lief. Von uns aus konnten wir den Einschnitt nicht sehen, aber wir behielten, Wie es verabredet war, Feldwebel Möller scharf im Auge.

Jetzt sank er zusammen. Und wir alle tauchten lautlos hinter Büschen unter. Die Schneise lag dicht vor uns.

Eine große Stille herrschte rings um uns her.

Feldwebel Möller hob den Arm, und wir krochen langsam näher und verteilten uns links und rechts in weitem Zwischenraum neben ihm.

Und dann geschah alles so schnell, daß keiner von uns später imstande war, den Hergang genau zu erzählen.

Zwischen uns und der quer vor uns laufenden Schneise war noch eine Reihe von etwa fünf bis acht Bäumen, ein schmaler Gürtel also, der uns von dem Waldweg trennte, den wir auf unserem Marsch zum Bauernhof kreuzen mußten.

Und uns gegenüber, auf der anderen Seite der Schneise, zog sich ein dichter Streifen dürres Unterholz zwischen den Bäumen entlang. Und gerade hob Feldwebel Möller den Arm, um das Zeichen zum Weitergehen zu geben, als sich aus dem Streifen Unterholz jenseits der Schneise ein Franzose erhob, mit den Knien das Gesträuch zur Seite schob und auf die Schneise heraustrat. Es war ein gedrungener Bursche mit dem Stahlhelm auf, darüber die uns vertraute Feuerwehrhelmschiene lief, der Riemen saß unterm Kinn, darunter ein dunkelbraungebranntes Gesicht, der Wintermantel war an den Knien zurückgeschlagen, am Koppel hingen Pratronentaschen und das lange Seitengewehr. Er trug sein Gewehr lässig in der Hand.

Und nun sah er nach links und nach rechts die Schneise entlang.

Längst war der Arm von Feldwebel Müller gesunken. Wir lagen, jeder an seiner Stelle, wie an den Boden genagelt und hielten den Atem an. Es war der erste leibhaftige französische Soldat, den wir sahen.

Nun konnte es sich nur noch um die berühmten Sekunden handeln, und hinter diesem Franzosen würden noch andere auftauchen. Und was dann?

Natürlich waren wir prompt einem gegnerischen Spähtrupp in die Arme gelaufen. Weitergehen war unmöglich, ohne … ja, was ohne? Ich überlegte mir rasend schnell, was zu machen war. Zurück konnten wir nicht. Die Entfernung zwischen ihm und uns betrug kaum 15 Meter. Es würde also, kurz gesagt, eine Schießerei aus nächster Entfernung geben, vorausgesetzt, daß der Franzose auch nur einen oder zwei Schritte weiter über die Schneise hinweg machte, dann mußte er uns liegen sehen.

Was würde Feldwebel Möller machen?

Diesen da abschießen? Und dann? Auch die anderen abschießen, die dann aus dem gegenüberliegenden Schneisenrand brechen würden? Wie viele aber konnten es sein?

Dies alles ging im Bruchteil einer Sekunde durch meinen Kopf. Und ich entsicherte lautlos mein Gewehr und warf einen schnellen Blick nach links, wo das lMG war. Aber dann wurde ich allem weiteren Nachdenken enthoben, denn jetzt ereignete sich das, was nachher niemand mehr genau erzählen konnte.

Ich sah neben Feldwebel Müller wie aus dem Waldboden geschossen sich eine lange Gestalt erheben und wie ein Schatten lautlos auf die Schneise fegen. Ich sah, wie der Franzose sich mit einem Ruck zur Seite drehte, ich sah, wie er sein Gewehr hob, ich sah seinen Mund sich öffnen, und dann hörte ich einen matten sozusagen klebrigen Schlag. Der Schatten war dicht an ihm, ich sah den Franzosen zusammenknicken, das Gewehr entglitt seiner Hand, der Schatten griff mit der Hand nach dem Gewehr, schlang den andern Arm um das Genick des Franzosen, es gab einige schlurfende Geräusche, und dann sah ich, daß Feldwebel Möller und jemand anders sich um etwas zu schaffen machten.

Dann war Stille.

Ich glaube, wir erstarrten zu Stein.

Das war doch, verdammt und zugenäht, das war doch Sonderführer Kurzbein gewesen! Karl May persönlich! Es war nicht zu sagen.

Aber nun mußte doch jeglicher militärischer Vernunft nach da drüben jenseits der Schneise etwas geschehen. Der Franzose war doch nicht mutterseelenallein auf Spähtrupp gegangen. Jetzt mußten doch die anderen auftauchen. Und ihn vermissen. Und zum mindesten stutzig werden.

Der Schweiß lief mir unter der Uniform herunter, Feldwebel Möller, der unheimliche Sonderführer und der Franzose lagen völlig bewegungslos. Ich blickte wieder schnell nach links. Und nun sah ich unser lMG auf die Schneise gerichtet.

So lagen wir wohl eine Viertelstunde.

Es geschah nichts.

Niemand war zu sehen und niemand war zu hören. Am Ende, dachte ich schließlich, am Ende ist es ein Deserteur, und dann liegt die Sache natürlich ganz klar. Dann war niemand hinter ihm, und dann würde niemand kommen.

Und wieder verging eine endlose Viertelstunde.

Dann hörten wir plötzlich in der Ferne Stimmen, unterdrückte, halblaute Stimmen, wohl hundertfünfzig Meter jenseits der Schneise. Aber man täuscht sich im Walde mit Stimmen, Geräuschen und Entfernungen.

Nach weiteren zehn Minuten erhob sich Feldwebel Möller und winkte, es war das Zeichen zum Zurückgehen. Ich sah den Franzosen. Er trug das Halstuch von Feldwebel Möller über seinem Mund. Der Sonderführer trug sein Gewehr. Wir gingen lautlos und hocherregt etwa dreihundert Meter zurück, und hier winkte uns Feldwebel Möller zusammen.

Wir starrten den Sonderführer wie das achte Weltwunder sprachlos an. Niemals hätten wir so etwas für möglich gehalten. Er stand gleichmütig vor dem Franzosen und sprach mit ihm halblaut und schnell in dessen Sprache.

Ich glaube, ich habe niemals ein trostloseres Gesicht gesehen als bei diesem Franzosen. Sein Mund zuckte unaufhörlich, als ob er gleich zu weinen begänne. Seine dunklen, brennenden Augen wanderten von einem zum anderen. Und immer wieder blieben seine Blicke mit einem Ausdruck grenzenlosesten Erstaunens an dem ruhigen Gesicht des Sonderführers hängen. Dann und wann schoben seine Hände den Helm zurück und wischten über die Stirn. Das Tuch hatten sie ihm abgenommen. Und ebenso schnell und aufgeregt, wie der Sonderführer ruhig und gelassen blieb, gab er hastig hervorgestoßene Antworten.

Feldwebel Möller starrte abwechselnd Herrn Kurzbein, dann uns, dann den Franzosen, dann wieder den Sonderführer an. Dann zuckte der Sonderführer die Schultern.

»Er sagt natürlich nichts«, wandte er sich an Möller. »Er ist noch aufgeregt und plappert. Das einzige, was ich ’rauskriegen konnte, war, daß er mit vier anderen zu einem Blockhaus unterwegs war und sich verlief. Es muß also ein Blockhaus oder mehrere da vorne sein. Wir müssen aufpassen. Am besten, Sie schicken ihn jetzt zur Kompanie zurück.«

Der Franzose fuhr sich über den Mund, die Lippen waren blutig. Der Sonderführer sagte etwas zu ihm, und jetzt lächelte der Franzose ihn tatsächlich mit etwas verschwollenem Munde an.

»Es mußte natürlich sitzen«, sagte Sonderführer Kurzbein. »Und ich habe mich bei ihm entschuldigt. Es ging eben nicht anders. Abschießen wäre etwas schlimmer gewesen.«

Und jetzt erst kam anscheinend Feldwebel Möller dazu, sich Luft zu machen. »Herr Sonderführer«, sagte er, »nun sagen Sie mal!«

Und sofort blieb ihm die Luft wieder weg.

Und jetzt mußte ich etwas sagen, sonst wäre ich geplatzt. »Herr Sonderführen«, sagte ich, »Sie haben alle sechzig Bände von Karl May gelesen!« Herr Kurzbein schüttelte sich lautlos vor Lachen, dann tippte er mir auf die Schulter.

»Sehr richtig, der Herr«, sagte er, »Bärentöter, Henrystutzen und der berühmte Faustschlag an die Schläfe.«

»An die Schläfe?« sagte Weinrich, »Herr Sonderführer haben ihm die Zähne eingeschlagen!« Es war das erstemal, daß ich den Weinrich so ehrfürchtig mit einem Vorgesetzten sprechen hörte, und ich wollte gerade noch etwas sagen, als Feldwebel Möller sich zusammenriß.

»Wenn Sie den Gefangenen selber mit einem Begleiter zurückbringen wollen, Herr Kurzbein«, sagte er formell, »dann …«

Sonderführer Kurzbein hob die Hand.

»Nee«, unterbrach er salopp, »nee. Ich geh’ mit zum Waldhof.«

Feldwebel Möller sah sich im Kreise um. Dann nickte er mir zu. »Sie und Schütze Kammerer bringen den Gefangenen zu Hauptmann Distelmann. Melden Sie, daß der Gefangene noch nichts ausgesagt hat. Mit Ausnahme des Blockhauses. Der Spähtrupp führt seinen Auftrag aus.«

Es war riesig nett von Feldwebel Möller, an sich riesig nett, mich zurückzuschicken, denn jetzt war es klar, daß die Sache riskant wurde, und ich merkte, daß Feldwebel Möller seit der Geschichte mit dem schönen Mädchen mich besonders gut leiden konnte, merkte es jetzt wieder.

Aber ich wollte nicht zurück.

Ich suchte nach Worten, aber wieder entdeckte Feldwebel Möller etwas, worüber er sich Luft machen mußte.

»Sie haben den ersten französischen Gefangenen gemacht, Herr Kurzbein!« stieß er heraus. »Den ersten im ganzen Regiment!«

Das wäre nun noch eine ganze Weile hin und her gegangen, wenn nicht plötzlich fern im Walde ein Schuß gefallen wäre, Richtung Waldhof.

»Herr Feldwebel!« sagte ich schnell dicht neben ihm halblaut, »lassen Sie mich bitte mit dem Spähtrupp gehen.«

Er sah mich zerstreut an, dann sagte er: »Schütze Kammerer und Schütze…Sie da meine ich… wie heißen Sie?«

»Westphal, Herr Feldwebel«, antwortete ein kleines, ältlich aussehendes Männchen.

»Kammerer und Westphal, los, ab!«

Nach einer Viertelstunde überschreiten wir Mann um Mann an der gleichen Stelle die Schneise, wo wir den Gefangenen gemacht hatten. Der Wald lag still rings umher. Von Zeit zu Zeit blieb Feldwebel Möller stehen und wir mit und lauschten.

Nichts zu hören.

Wir waren nun anderthalb Stunden unterwegs. Und wenn wir die Richtung nicht verloren hatten, mußte bald der Waldhof in der Lichtung sichtbar werden. Kein Mensch weit und breit.

Mir war etwas unheimlich. Die Franzosen, die mit unserem Gefangenen zu dem Blockhaus unterwegs gewesen waren, mußten doch unter allen Umständen allmählich wenigstens dahinterkommen, daß ein Mann fehlte. Und wenn sie dahintergekommen waren, mußten sie doch unter allen Umständen noch ungefähr den Punkt wissen, von dem ab er verschwunden war. Und wenn sie das wußten, mußten sie doch, zum Teufel, suchen gehen. Sie konnten ihn doch nicht einfach im Stich lassen!

Weit und breit rührte sich nichts.

Ich sah immer wieder nach vorne. Und es schien mir ganz selbstverständlich, daß Sonderführer Kurzbein jetzt die Spitze hatte. Wie man sich in einem Menschen täuschen kann! Heute morgen hatte der Mann wie ein nervöses Bündel von Mensch vor Hauptmann Distelmann gestanden, und auch Hauptmann Distelmann hatte ihn anscheinend nicht ganz ernst genommen. Diese dürre Latte! Dieser magere Brillenhengst! Stand einfach auf, warf sich auf einen Franzosen und schlug ihn nieder! Nicht zu glauben!

Ohne Waffe. Mit der Faust.

Vorne sank der Sonderführer zusammen. Dann lagen wir hinter den Bäumen. Vor uns zwischen den Stämmen schimmerte die weißgekalkte Rückwand der Ruine des Bauernhauses.

Heinz-Otto neben mir sah durch sein Glas und schüttelte den Kopf. Dann gab er es mir. Nichts zu sehen von irgend etwas Auffälligem. Einige Hühner liefen herum. Das Haus war völlig zerschossen, nur zwei Wände standen noch. Auch die beiden Scheunen waren bis zum Sockel abgebrannt.

Eine Viertelstunde verging.

Dann hob Feldwebel Möller den Arm.

Der letzte Akt des Spähtrupps begann. Das lMG blieb liegen und deckte uns. Feldwebel Möller bog nach links aus und ging im Waldrand um die Lichtung herum. Dicht hinter ihm Sonderführer Kurzbein.

Wir umkreisten die ganze Lichtung, bis wir wieder dort ankamen, von wo wir ausgezogen waren.

Nichts zu sehen und nichts zu hören.

Wir lagen noch einige Minuten und beobachteten, und dann stand Feldwebel Möller auf und schlich sich gebückt zur rechten Scheune, wo ein Stapel halbverkohlter Balken Deckung geben konnte.

Und dann sahen wir es alle gleichzeitig.

In einer leeren Fensterhöhle der Rückwand des Bauernhauses erschien, wie durch Zauberhände hochgehoben, ein bösartig aussehendes Ding, und dann knallte es um unsere Ohren, daß uns die Trommelfelle zu platzen drohten.

Ein überschweres MG.

Da hatten wir’s.

Wo ein überschweres Maschinengewehr vorhanden ist, sind auch noch andere bösartige Dinger vorhanden und sind vor allem etwas mehr Gegner vorhanden als geschätzt wurde oder worden war.

Mit einem Wort: der Waldhof war schwer befestigt.

Das festzustellen, war der Auftrag gewesen. Der Befehl war ausgeführt. Auf ein Gefecht durften wir uns nicht einlassen. So fanden wir uns denn eine halbe Stunde später keuchend wieder, von allen Seiten kommend, an der Schneise zusammen. Der Weinrich fehlte.

Das Erstaunliche war, daß ihn niemand an der Waldlichtung gesehen hatte. Keiner konnte sich erinnern. Zunächst freuten wir uns wie die Schneekönige, daß wir so billig davongekommen waren. Es hätte auch anders kommen können. Vor allen Dingen hätte es Feldwebel Möller fassen können, der als einziger den Waldrand verlassen und sich auf freier Bahn befunden hatte. Wir andern brauchten schließlich nur im Schutz der Bäume wie die Kaninchen nach rückwärts zu hopsen.

»Wir warten«, sagte Feldwebel Möller.

Wir lagen still und lautlos und lauschten. Dann nickte mir Feldwebel Möller zu. Wir erhoben uns und rannten über die Schneise, dann schlichen wir uns von Baum zu Baum nach vorne.

Nichts zu sehen und nichts zu hören.

Wenn der Weinrich verwundet worden war und sie ihn gefangen hatten, war die Sache 1 :1 ausgegangen, und das wollte uns nicht gefallen. Gar nicht davon zu sprechen, daß er vielleicht gefallen war.

Plötzlich sagte Feldwebel Möller, der zwanzig Meter rechts von mir hinter einem Baum stand, ganz laut: »Das ist die Höhe.«

Es war wirklich die Höhe.

Wir sahen den Weinrich anspaziert kommen, das Gewehr umgehängt, sorglos, zimperlich, dem Unterholz ausweichend, und als er näher kam, hörten wir sogar, daß er vor sich hinsummte. Das Luder drehte sich nicht ein einziges Mal um, ob ihm niemand auf den Fersen wäre.

Feldwebel Möller und ich traten, als er so auf zehn Meter heran war, hinter unseren Bäumen vor, und er sah uns. Ohne ein Wort zu sagen, drehte sich Feldwebel Möller um und ging nach rückwärts, und ich machte es ebenso. Es sollte der Ausdruck unserer unsäglichsten Verachtung sein. So kamen wir drei schweigend an der Schneise an.

Und es war komisch: kein Mensch fragte den Weinrich, und niemand redete mit ihm, als ob wir es verabredet hätten. Wenn er mit einer Verwundung angekommen wäre, hätten wir ihn vor Freude umarmt und geküßt. So aber. Weinrich schien sich aus unserem Verhalten gar nichts zu machen. Auch er stellte seinerseits keine Fragen und machte auch keinen Versuch, sich mit uns zu unterhalten.

So kamen wir zurück bis zu dem kleinen Schuppen, wo Leutnant Meßner beim Eintauchen in den Wald plötzlich aufgetaucht war. Hier legte Feldwebel Möller eine Zigarettenpause ein.

Und hier griff der Weinrich in seine Jackentasche, holte die Leica von Sonderführer Kurzbein heraus und sagte: »Herr Sonderführer, Sie haben Ihren Fotoapparat verloren.« Der Berichtet starrte Weinrich an, als ob er hindustanisch spräche, dann sah er auf seine Leica und wieder auf Weinrich und nahm das Etui zögernd in die Hand.

Feldwebel Möller stieß vor Erschütterung einen überlangen Seufzer aus. Und wir saßen wie die Ölgötzen.

»Wie haben Sie das Ding gefunden?« fragte schließlich Sonderführer Kurzbein langsam.

Weinrich nahm die Hacken zusammen, riß die Zigarette aus seinen Lippen, hielt sie vorsichtig zwischen die an die Hosennaht gelegten Finger und antwortete leichthin: »Als Herr Sonderführer ausrückte, sah ich den Apparat aus Ihrer Tasche ins Unterholz fliegen. Ich mußte erst eine Weile herumsuchen.«

Sonderführer Kurzbein wechselte einen schnellen Blick mit Feldwebel Möller und sagte dann ungläubig: »Sie wollen doch nicht sagen, daß Sie in diesem wahnsinnigen MG-Feuer zurückgeblieben sind, um meine Leica zu suchen?«

»Ich dachte,« sagte der Weinrich trocken, »ich dachte, das Ding ist teuer, und im Kriege bekommen Sie so etwas nicht wieder.«

»Mensch«, sagte jetzt Feldwebel Möller, »dann hat das MG nur noch auf dich allein gefeuert, als wir längst ausgerissen waren, und du suchtest im Busch herum, bis du den Apparat gefunden hattest?«

»Jawohl, Herr Feldwebel«, antwortete Weinrich.

Wir grinsten ihn hocherfreut an und hoben heimlich unsere Fäuste, um ihm zu sagen, daß wir ihn gelegentlich aus Hochachtung verprügeln müßten.

»’n dolles Ding«, sagte Sonderführer Kurzbein, »nicht zu glauben. Dann werde ich mal ein paar Aufnahmen machen zur Feier des Tages.«

Und Sonderführer Kurzbein nahm seine Leica aus dem Etui und fotografierte erst mal uns alle zusammen, dann Feldwebel Möller extra, dann Weinrich dreimal extra, von vorne ganz nah, dann sein Gesicht ganz groß und dann die ganze Figur, dann mußte Feldwebel Möller nach Anweisung Herrn Kurzbeins uns alle mit dem Sonderführer und dann den Sonderführer allein mit Weinrich aufnehmen.

Dann zogen wir heim.

Wir mußten sofort zum Kompaniechef. »Herr Kurzbein«, sagte Hauptmann Distelmann, »Herr Oberst hat Ihnen das EK II verliehen. Sie haben ein Ding hingelegt wie die Janitscharen.«

Der ganze Spähtrupp bekam acht Tage Urlaub.

»Was sind Janitscharen?« fragte der Weinrich, als wir aus der Schreibstube kamen.

»Türken auf Urlaub«, antwortete Kurtchen Zech. »Und jetzt gibst du einen aus.«

8

Gestern war katholischer Feldgottesdienst. Meier III, der katholisch war und hinging, konnte als Buchhalter stenographieren und hatte die Predigt mitgeschrieben.

»Es war ein ganz junger Mann in Uniform«, sagte er. »Und wenn ihr wollt, lese ich euch die Predigt vor.«

»Warum?« fragte der Krumbhaar. »Wozu, Mensch? Ich kann Predigten nicht hören. Ich kann schon das Wort Predigt nicht hören.«

»Wir sind auch noch da«, sagte Weinrich ärgerlich. »Ich mache mir nichts aus Predigten, aber du hast nicht über uns zu bestimmen. Lies vor, Max.«

»Nee«, erklärte Meier III und steckte die Blätter wieder ein, »wenn ihr schon vorher meckert, hat’s keinen Zweck.«

»Hat auch keinen Zweck«, knurrte Krumbhaar verdrießlich. Heinz-Otto lachte laut auf.

»Ihr wollt wohl einen kleinen Religionskrieg machen, wie? Wenn du die Predigt vorlesen willst, Max, dann nehme ich an, es war eine kolossale Predigt, was?«

»Nee«, antwortete Meier III, »es war eine ganz einfache Predigt, aber sie hat’s in sich gehabt.«

»So«, sagte Weinrich gereizt, »Sie hat’s in sich gehabt. Ich will dir mal was sagen. Wenn man glaubt, eine Predigt hat’s in sich, dann muß man doch an Gott glauben, oder nicht?«

»Glaubst du nicht an Gott?« fragte der Josef ruhig.

»Ich?« antwortete Weinrich. »Nee. Warum auch.«

»Wer an Gott glaubt, rechte Hand hoch«, sagte Kurtchen Zech.

Keine Hand rührte sich.

Kurtohen Zech lachte.

»Sehr gut«, sagte er heiter, »sehr gut. Wer an Gott glaubt, geniert sich also. Ihr seid mir Helden.«

»Laßt mal den Max seine Predigt vorlesen«, schlug Heinz-Otto unbeirrt vor, »und dann werden wir sehen, ob sie es in sich hat.«

»Einen Moment«, sagte Krumbhaar, »einen Moment. Das hat doch nur für Katholiken Zweck, oder nicht?«

»Herr, du meine Güte«, rief Kurtchen Zech, »sind wir hier unter Schimpansen oder unter Senegalnegern! Eine schöne Predigt kannst du immer hören, Krumbhaar. Das ist wie gutes Buch, wenn die Predigt gut ist. Lies vor, Maxe. Fang an, Mensch.«

Meier III sah vor sich hin.

»Es war ein ganz junger Mann in Uniform«, sagte er nachdenklich.

»Lies vor«, sagte Heinz-Otto.

»Bist du eigentlich streng katholisch?« fragte Weinrich Meier III neugierig.

Und Meier III gab eine gute Antwort: »Wenn’s mir schlecht geht, dann bin ich streng katholisch.«

»Aha«, rief der Weinrich, »ach so!«

»Lies uns deine Predigt vor«, forderte Heinz-Otto. »Laßt ihn mal vorlesen. Und dann können wir ja mal abstimmen, wer an Gott glaubt oder so.«

»Also, ich lese jetzt vor«, sagte Meier III entschlossen.

Er ordnete die paar Norizbuchblätter in seiner Hand, räusperte sich ein paarmal und begann.

»Ich glaube nicht«, hatte der junge Priester gesagt, »ich glaube nicht, wenn ich euch so vor mir sehe, Jüngere und Ältere, daß ein einziger von euch ganz allein ist. Ich meine ganz allein und völlig verlassen. Ganz allein auf der Welt. Ich glaube auch nicht, daß ein einziger von euda allein und verlassen sein möchte. Aus freiem Willen heraus. Und doch sind wir hier, ihr alle und jeder von euch, in einem gewissen Sinne allein. Was zu uns gehörte, liegt hinter uns. Und die Menschen, zu denen wir gehören, sind fern von uns. Gewiß stehen wir mit ihnen in Verbindung, denn sie schreiben uns Briefe, und wir schreiben ihnen Briefe. Und trotzdem sind wir allein. Alle Soldaten auf der weiten Welt, die zum Kampf ausgezogen sind, sind allein. Sie sind allein mit sich und ihrem Schicksal, und dieses Schicksal ist ungewiß. Und wenn wir uns nichts vormachen, dann müssen wir sagen, daß dieses Schicksal in aller Ungewißheit doch etwas Gewißheit in sich trägt: es ist ein gefährliches und gefährdetes Schicksal. Das wissen wir, und wir haben uns damit abgefunden, weil es sein muß. Und deshalb meine ich, sind wir allein als Soldaten, allein wie noch nie in unserem Leben. Man könnte glauben, es sei am besten, gar nicht daran zu denken. Denn das Gefühl, allein zu sein, macht uns unsicher und schwach. Und jetzt sehe ich euern Gesichtern an, daß ihr von mir erwartet, daß ich euch sage: ihr seid trotzdem nicht allein, denn Gott ist mit euch. Ihr erwartet von mir, daß ich euch kurzerhand darauf hinweise, ihr möget euch an Gott halten. So einfach, Kameraden, ist das aber nicht. Da müßte ich zuerst überzeugt davon sein, daß ihr an Gott glaubt, und dann müßte ich überzeugt davon sein, daß ihr diesen Glauben nicht nur still in euch tragt, sondern auch ausübt. Und dann könnte ich kurzerhand sagen: haltet euch an Gott. Oder ich könnte noch kürzer sagen: also betet. Und wenn ich wüßte, daß dies so einfach wäre, würde ich mit euch beten und in mein Quartier zurückgehen. Es ist nicht so einfach.«

Meier III hob etwas verlegen den Kopf und sah uns der Reihe nach an. »Langweilt es euch?«

»Lies weiter«, sagte der Krumbhaar.

»Es ist deshalb nicht einfach«, las Meier III weiter, »weil Gott, zu dem ihr beten könntet, um alle eure Ängste zu erledigen, zuerst von euch gesucht werden muß. Er muß zuerst gesucht werden, versteht mich richtig, Kameraden, versteht mich genau. Ihr glaubt wohl, ich als Priester zum Beispiel, der ich ja wohl Gottes Diener bin, ich als Priester habe Gott zu jeder Sekunde, wann es mir einfällt, zur beliebigen Verfügung. So ist es nicht. Auch ich muß ihn zuerst suchen. Was heißt das, Gott suchen. Ihr alle habt es schon getan, aber vielleicht, ohne es zu wissen. Ihr habt Gort gesucht in Augenblicken, in denen ihr in Not wart, und da habt ihr Gott sofort, ohne Zögern, augenblicklich gefunden. Ihr habt ihn gespürt. Er war da. Und er war bei euch. Das heißt nichts anders, als daß ihr Gott im gleichen Moment erkannt habt, als ihr ihn brauchtet. Versteht mich recht, Kameraden, versteht mich genau, hört ganz genau zu: diese eure Angst, in der ihr verzweifelt nach einer Hilfe gesucht habt, braucht nicht einmal ausdrücklich in euren Worten oder Gedanken zu Gott gegangen zu sein. Sie ging zu Gott, eure Angst, auch ohne daß ihr ausdrücklich euch an Gott wandtet. Das ist das ganze Geheimnis. Ob ihr wollt oder nicht, ob ihr glaubt oder nicht. Gott ist bei euch. Nun könntet ihr mir antworten, dann wäre Gott auch automatisch bei den Schurken, den Übeltätern und Halunken. Sicher, auch bei ihnen ist Gott, aber dieses Gottes werden sie nicht froh. Darauf könnt ihr euch verlassen. Es ist ihnen in ihrer Schurkerei, in ihrer Übeltat und in ihrem Verbrechen nicht recht behaglich zumute. Darauf könnt ihr bauen. So läuft es also darauf hinaus, Kameraden, in aller Einsamkeit nicht verlassen zu sein, denn beides ist nicht dasselbe, wenn jemand einsam ist, so braucht er noch lange nicht verlassen zu sein. Ich kann es mit wenigen Worten sagen: bleibt anständig. Und betet. Beten heißt nicht immer, irgend etwas betteln oder fordern oder verlangen. Beten heißt auch, sich selber gegenüber und anderen gegenüber anständig zu bleiben. Dann seid ihr, ob ihr wollt oder nicht, im ewigen Zusammenhang mit Gott.«

Meier III ließ die Blätter sinken.

»Und dann«, sagte er langsam, »dann beteten wir das Vaterunser.«

Zunächst sagte niemand etwas.

»Nicht schlecht«, erklärte dann Kurtchen Zech und sah unsicher zu Heinz-Otto hinüber.

»Ja, aber wieso denn«, ließ sich Weinrich vernehmen. »Ich kann doch ein anständiger Kerl sein, ohne an Gott zu glauben.«

»Eben nicht«, sagte der Josef fröhlich und lachte vor sich hin, »eben nicht. Wenn du anständig bist, glaubst du an Gott, ob du willst oder nicht.«

»Nun, nun«, sagte Kurtchen Zech, »so billig ist das wieder nicht. Ich weiß nicht, oh es in eure dämlichen Holzköpfe hineingeht, wenn ich euch sage, es gibt auch so etwas wie ein Sittengesetz, hinter dem nicht Gott zu stehen braucht, sondern das Menschen aufgestellt haben.«

»Und auch dahinter steht Gott«, rief Meier III.

»So, meine Herren«, sagte jetzt Heinz-Otto, »ich glaube, der Fall liegt klar. Wir brauchen gar nicht mehr abzustimmen, wer an Gott glaubt. Nach der Theorie deines Pfarrers, Maxe, gibt es einen Gott, ob Wir wollen oder nicht und ob wir daran glauben oder nicht, also glauben wir unbewußt alle an ihn. Und jetzt hört auf, bitte. Das Thema ist zu dämlich.«

Fritz Kirchhofer knurrte: »Das Thema ist nicht dämlich. Wart mal ab, Heinz-Otto, wart mal ab, ob du nicht demnächst einen Querschläger ins Rückgrat bekommst und nach Gott schreist.«

Wir verstummten.

»Daran soll man nicht rühren«, sagte ich ehrlich erschrocken.

9

Inzwischen, seit dieser merkwürdigen Unterhaltung, sind Monate verflossen. Dänemark und Norwegen sind besetzt, in Narvik sitzen unsere Gebirgstruppen. Wer weiß, was demnächst kommt.

Vorläufig liege ich im Lazarett mit einer Gelbsucht.

Es fing damit an, daß ich immer müder und müder wurde und die ganze Welt mir immer schlechter schmeckte.

Jetzt muß ich liegen und Milch trinken.

Im zweiten Bett rechts von mir lag ein Gefreiter von einem Sonderstab, der auf dem Kreuzer gewesen war, der im Oslo-Fjord versenkt wurde. Er war mit einer leichten Gehirnerschütterung aus irgendwelchen Gründen sofort nach der Heimat geflogen worden, hatte drei Tage Urlaub bekommen, sich ein Bein gebrochen und war hierbei bei uns eingeliefert worden.

Wir waren acht Mann im Zimmer, und wir konnten nicht genug bekommen von dem, was er uns erzählte. Leider paßte Schwester Clotildis wie ein Schießhund auf, daß er nicht zu viel redete, seiner Gehirnerschütterung wegen. Schwester Clotildis war eine kleine, rundliche, rosige Person, eine Barmherzige Schwester mit der weißen Flügelhaube, und sie war unbarmherzig mit uns wie ein Spieß, der das Eiserne Kreuz haben möchte. Der Chef war ein Chirurg, zwei Meter groß, und wenn er von seinem Kirchturm herunter Anordnungen gab, und er gab sie immer, mochte es sein, was es wollte, mit Donnerstimme, wehten die Weißen Flügel von Schwester Clotildis’ Haube vor Aufregung und Gehorsam.

»Wenn ihr mir«, sagte sie gelegentlich immer wieder, »wenn ihr mir die Pflege schwermacht, mache ich euch das Leben schwer.«

Woraufhin der Schütze Keil vom vierten Bett zu sagen pflegte: »Schwester, das ist nicht christlich.« Worauf Schwester Clotildis die runden Kulleraugen aufriß und antwortete: »Reden Sie nicht von Dingen, die Sie nicht verstehen, Herr Keil.« Sie sagte zu uns allen »Herr«. Und sie verriet ihre weiche Seele, als eines Morgens Schütze Keil, den wir seiner abgehackten Redeweise wegen Schütze Keil nannten, als eines Morgens Schütze Keil, Zivilberuf Archivar in Charlottenburg, zu ihr sagte: »Schwester Clotildis, ein offenes Wort, wir möchten gerne wissen, wie Sie uns das Leben schwer machen. Wir haben bisher noch nichts davon gemerkt.« Woraufhin Schwester Clotildis den Schützen Keil lange ansah und antwortete: »Ich schließe Sie aus meinem Gebet aus, Herr Keil.«

Das machte tiefen Eindruck auf uns.

Aber nichtsdestotrotz waren wir scharf auf die Erzählungen des Gefreiten, Schurmann hieß er übrigens, wenn ich mich recht erinnere. Tagsüber waren wir selten allein. Der Chef, ein Universitätsprofessor, führte immerzu Besuch herum und hielt kleine Vorträge. Mit Donnerstimme wälzte er über uns einen Haufen lateinischer Fachausdrücke hinweg, und wir hielten still.

Er hatte den Tick, »die Intelligenz der Männer an der Behandlung zu beteiligen«.

Also erzählte der Gefreite Schurmann des Nachts, teils flüsternd, teils halblaut.

»Es war eine Torpedo-Batterie«, erzählte er, und er mußte es immer wieder erzählen, sobald ein Neuer in unseren kleinen Saal kam, wir anderen hörten es gerne, und wenn er es hundertmal erzählt hätte.

»Eine Torpedo-Batterie. Sie war getarnt am Ufer in den Fels eingebaut. Entfernung noch nicht mal zwohundert. Ihr könnt euch denken. Nee, ihr könnt’s euch nicht denken. Kein Mensch kann sich das vorstellen. Rechts das Ufer und links ganz nah so was wie Inseln, und das schwere Schiff dazwischen. Wir waren vollgeladen bis oben hin mit Landsern. Und uns war nicht mal unheimlich, wieso auch. Wenn einer am Ufer was wollte, brauchte der Kreuzer doch bloß ein bißchen seine schweren Türme nach Land hin drehen und dazwischenfunken.

Na ja, es kam umgekehrt. Ich stehe also mit Leutnant von Bergmann hinten am Geländer, achtern an. der Reling, würden die Matrosen sagen, der Leutnant hat das Glas an den Augen.

›Ne richtige Gondelfahrt‹, sagte er immer wieder ›’ne richtige Gondelfahrt. Nischt zu sehen und nischt zu hören. Dabei könnten sie uns mit der Pistole hier auf Deck abschießen.‹

Na ja, sie hatten bessere Sachen als Pistolen. Denn kaum hatte er das gesagt und wollte mir gerade sein Glas geben, gab es einen Ruck im Schiff, so als ob es uns ein bißchen hochheben würde. Und dann hörten wir einen dumpfen Schlag und nochmal und nochmal.

Und dann rasten Matrosen an uns vorbei. Und wir hörten von oben ’runter, von der Kommandobrücke etwas rufen. Wir sahen sie stehen da oben, den Admiral, den General und einen Haufen Offiziere.

Natürlich kapierten wir nischt. Wieso auch. Das große Ding konnte ja nicht sinken, ausgeschlossen.

Und dann kann ich mich an nischt mehr erinnern, als daß mir der Schreck übers Rückgrat fuhr, denn Leutnant von Bergmann fragte mich plötzlich, ob ich schwimmen könne. Ich nahm’s gar nicht ernst. Wieso auch. Natürlich konnte ich nicht schwimmen. Aber wir hatten ja Schwimmwesten gefaßt. Und in dem Augenblick, als mich Leutnant von Bergmann fragte, hatte ich meine Schwimmweste nicht. Ich weiß nicht warum, ich hatte sie nicht. Und der Leutnant sah mich ein bißdaen sonderbar an.

Und jetzt sah ich schon Boote hinuntergehen. Und ich sah Leute über Bord springen. Ich denke, ich bin irre. Und da sagte der Leutnant ruhig: ›Wir müssen aus dem verdammten Öl ’rauskommen, Schurmann.‹ Und er deutete hinunter auf das Wasser.

Das glänzte in allen Regenbogenfarben. Das Öl war irgendwo ausgelaufen. ›Schurmann‹, sagte Leutnant von Bergmann, ›Sie sind der letzte. Schwimmen können Sie nicht, und Ihre Schwimmweste haben Sie nicht um, trotz Befehl.‹ Und dabei sah er mich immer noch sonderbar an. Ging mir, offen gestanden, durch Mark und Bein, wie er mich so ansah. Und dann kapierte ich auf einmal, daß ich draufgehen würde. Ich sah nach dem Ufer ’rüber. Es war nicht weit. Ich sah schon einige Köpfe im Wasser und Arme, und die waren unterwegs nach dem Ufer.

Ich rannte weg, um mir eine Schwimmweste zu organisieren, aber nach einigen Schritten holte mich der Leutnant ein und packte mich am Arm.

Und sah mir ganz nah in die Augen, er hatte wasserhelle Augen, so wie der Hans Albers im Film, und es gab oft Momente, ob ihr’s glaubt oder nicht, da konnte ihm keiner von uns in die Augen sehen. Sie blendeten einen. Also er hielt mich fest, und mitten in dem Geschrei rings um uns sagte er ganz ruhig: ›Mach die Gäule nicht scheu, Mensch. Ich springe zuerst, und wenn ich wieder hochkomme, springst du. Ich paß auf dich auf, verstanden? Nur nicht zappeln im Wasser, wenn ich dich ’rannehme, verstanden? Wär gelacht, wenn wir nicht in zehn Minuten an Land wären.‹ Nee, ich konnte nicht. Ich konnte ja nicht schwimmen. Und die beinahe zwanzig Meter hoch ’runterspringen, nee. Ich wußte genau, daß ich draufgehen würde.

›Herr Leutnant‹, sag’ ich, ›ich such’ mir eine Schwimmweste, ich …‹

›Du Hornochse‹, fuhr mich Leutnant von Bergmann an, und er war wütend. ›Das hättest du vorher tun müssen. Los jetzt, du springst mir nach.‹

Ich stehe und zittere an allen Gliedern. Und plötzlich greift sich Leutnant von Bergmann an die Brust und macht seine Schwimmweste locker. Und er flucht vor sich hin. Er kriegt die Riemen nicht los.

Und jetzt schreit er mich an: ›Los, hilf mal! Die Riemen ’runter!‹

Ich steh und seh ihn an.

Nein, ich kann’s euch nicht beschreiben. Ausgeschlossen. Wie wir da so miteinander schreien, blitzt und donnert es überall, ein wildes Geschrei, und im Wasser seh’ ich immer mehr Leute, und das Öl ist breiter geworden, und das alles seh’ ich, als ob ich träume.

Und ich rühr’ mich nicht, und der Leutnant murkst immer noch wütend an seinen Riemen. Ihr könnt’s euch nicht vorstellen. Kein Mensch kann das. Jetzt wußte ich ganz genau, daß ich draufgehen würde. Und da habs ich mich an meine Mutter erinnert. Und wie das so ist, wenn es gar nichts mehr anderes gibt, da hab’ ich gebetet. Na ja. Kommt euch sicher komisch vor, aber es war so. Und es wird euch noch komischer vorkommen, wie ich mein Vaterunser fertig hatte, war’s in Ordnung.

Ich sah meinen Leutnant immer noch zerren und fragte: ›Herr Leutnant, können Sie denn sdnwimmen?‹

›Ich kann’s‹ sagte er, und der Schweiß lief ihm übers Gesicht. Er hörte jetzt auf, an seinen Riemen zu fummeln, riß das Schiffchen vom Kopf und feuerte es ins Wasser.

›Schurmann‹, sagte er, ›ich springe jetzt, und Sie springen sofort nach. Wir müssen aus dem Öl ’raus.‹ Das Öl im Wasser schien ihm Sorgen zu machen. Er ging dicht an die Reling, stützte sich auf und sah noch einmal zu mir zurück.

›Schurmann, Sie springen mir sofort nach, verstanden?‹

›Jawohl, Herr Leutnann‹, sagte ich, aber ich wußte, daß ich es nicht konnte. Ich war sonst ganz in Ordnung, versteht ihr? Ich wußte, daß ich draufgehen würde, aber, nun ja, wie soll ich das sagen, es machte mich nicht mehr wild wie vorher.

Aber über Bord springen konnte ich nicht. Wenn ich mir das vorstellte, die zwanzig Meter hoch ’runter und mit dem Bauch aufschlagen und zuerst mal unter Wasser kommen und dann, vielleicht einen Herzschlag kriegen und nie wieder ’raufkommen … ich kriegte es nicht fertig.

Aber ich nahm mich zusammen und sagte jetzt: ›Springen Sie, Herr Leutnant, ich springe nach.‹

›Du verdammtes Aas‹, sagte der Leutnant jetzt, dreht sich um, packt mich um die Hüften, hebt mich hoch, ich schrei’ wie ein Wahnsinniger, und wirft mich hinunter. Und ich brülle, bis ich aufschlage.

Ihr könnt’s euch einfach nicht vorstellen. Ein eiskalter Donnerschlag, und ich denke, es ist vorbei. Ich schlage um mich wie ein Verrückter, kriege gleich den Mund voll Wasser, ich denke, ich werde gleich ersoffen sein, nein, ich denke gar nichts. Und dann komm’ ich wieder hoch, beinahe erstickt, und schrei’ wieder und schlag’ um mich. Und in meine Augen läuft es wie flüssiges Feuer hinein. Es war das Öl. Aber das wußte ich erst nachher, als alles vorbei war. Ihr könnt’s euch nicht vorstellen.

Ringsum höre ich rufen und schreien, und dann packt mich etwas an den Schultern, ich kann die Augen nicht aufmachen, ich hör’ Leutnant von Bergmanns Stimme: ›Leg dich lang, Schurmann … langlegenl … langlegen! … Auf dem Rücken langlegen!‹

Und bei Gott, ich brachte es fertig. Ich brachte es tatsächlich fertig. Und es war ein Glück, daß der Leutnant seine Schwimmweste nicht ’runtergekriegt hatte. Nachher sahen wir, daß die meisten ihre schweren Bergschuhe im Wasser noch abgestreift hatten, um schneller vorwärts und vor allen Dingen aus dem Öl ’rauszukornmen.

So brachte mich der Leutnant von Bergmann ans Ufer. Auf den letzten paar Metern wurde ich ohnmächtig. Und erst nachher erfuhr ich, daß der Leutnant so kaputt war, daß er einfach sich und mich nicht mehr am Ufer auf die Steine hochziehen konnte. Wir rutschten beide wieder ins Wasser zurück, aber da kamen Kameraden und halfen ihm und mir heraus.

Ich lag lange ohnmächtig. Der Leutnant holte einen Matrosen, und der pumpte mich wieder ins Leben. Sie wuschen auch meine Augen aus, und ich konnte sie dann und wann ein paarmal aufmachen.

Wir froren ganz erbärmlich, aber die Jungens machten Feuer am Strand. Hunderte von Lagerfeuern. Und an einem von denen lagen Leutnant von Bergmann und ich. Meine Augen taten entsetzlich weh. Aber ich war nicht draufgegangen. Das kapierte ich aber erst nach und. nach.

Und als ich ganz kapiert hatte, war ich fertig. Ihr werdet mich für ’nen richtigen Waschlappen halten, aber ich sag’s euch, wie es war. Ich heulte auf einmal los. Und suchte mit meinen blinden Augen den Leutnant von Bergmann neben mir, faßte nach seiner Hand und sagte: ›Herr Leutnant, ich…ich…‹

›Halt die Schnauze‹, sagte der Leutnant. ›Heul dich aus und halt die Schnauze.‹ Na ja, das tat mir gut. Ich hörte auf zu heulen und konnte dann ein bißchen besser sehen. Neben dem Leutnant am Feuer saß mit gekreuzten Beinen und mit nischt an wie Hosen und Hemd einer, der mir bekannt vorkam. Er wärmte sich die Finger und wischte sich mit einem dreckigen Taschentuch von Zeit zu Zeit übers Gesicht und trocknete das Tuch wieder. Und sah vor sich hin und schüttelte immer wieder den Kopf.

›Nun sagen Sie mal, Bergmann…‹, sagte er dann und schwieg. Und schüttelte den Kopf.

Und dann nach einer Weile stand er auf und wiegte sich etwas wacklig von einem Bein auf das andere.

›Ich geh’ mal los, Bergmann‹, sagte er, ›mal sehen, was vom Sonderstab noch übrig ist. Sie bleiben hier, bis Sie sich besser fühlen.‹

›Jawohl, Herr General‹, sagte Leutnant von Bergmann, ›das linke Bein will noch nicht. Aber wenn Herr General das Feuer hier als Sammelpunkt bezeichen wollen, halte ich alles vom Sonderstab hier fest, was vorbeikommt.‹

Nun wußte ich, woher ich den Mann kannte. Es war der General, der unsern Sonderstab führte.

Wo aber war der Kreuzer?

Nirgends zu sehen. Untergegangen.

Allmählich konnte ich das Gewimmel am Steinstrand um mich herum sehen. Nackte und halbnackte Männer trockneten ihre Sachen am Feuer und lagen und standen oder spazierten oder rannten herum, um sich warm zu machen. Und dann und wann rasten zwei aufeinander zu, klatschten sich auf den Rücken und brüllten aufeinander ein oder fielen sich in die Arme oder schüttelten sich endlos die Hand.

Ich war nicht draufgegangen. Ihr könnt’s euch nicht vorstellen. Wieso auch. Wer’s nicht mitgemacht hat, hat keine Ahnung.

Na ja, und dann, so nach zwei Stunden, versuchte ich aufzustehen und ein bißchen auf und ab zu gehen. Und da fiel ich hin und schlug mit dem Kopf auf einen Stein. Gehirnerschütterung. Leichte.

Und von da ab duselte ich vor mich hin und wußte nicht mehr viel, was los war.

Na ja. So war’s.«

Wir hatten atemlos zugehört. Die Sache packte uns mächtig. »Na, und wie war’s dann mit eurem Sonderstab?« fragte einer.

Und der Gefreite Schurmann richtete sich in seinem Bett, soweit es das gegipste Bein zuließ, triumphierend auf und strahlte uns an.

»Der Sonderstab hat keine Verluste«, sagte er stolz. »Nicht mal einen Verwundeten. Nur Augenkranke. Vom Öl. Und ’n paar Lungenentzündungen. Von der Kälte.«

Wir sahen ihn vergnügt an. Wir gönnten es ihm. Und wir mochten ihn ganz besonders gerne, weil er eine so tolle Sache überstanden hatte.

»Und wo ist jetzt der Leutnant von Bergmann?« fragte ich.

»Beim Sonderstab in Norwegen.«

»Was ist denn das für ein Sonderstab?« erkundigte sich einer aus der Saalecke.

Gefreiter Schurmann sah ihn mitleidig an.

»Vielleicht«, antwortete er kühl, »vielleidnt hast du mal etwas von ›Feind hört mit‹ gehört, Mensch.«

»Ach so«, sagte der in der Ecke. »Entschuldige bloß.«

»Bitte«, antwortete Gefreiter Schurmann vornehm. Nach einer Weile ließ sich Schütze Keil vernehmen: »Sag mal, Mensch, du bist doch schätzungsweise ein Schwergewicht. Dann muß dein Leutnant ein Überschwergewicht gewesen sein, als er dich über Bord kippte.«

Schurmann sah nachdenklich zum Fenster hinaus.

»Das ist es ja eben«, antwortete er nach einer Weile. »Das ist ja das Komische an der Sache. Leutnant von Bergmann war ein Knirps. Der ging mir noch nicht mal an die Schulter. Ein Pfropfen. Dünn wie ’n Faden.«

Schütze Keil gab sich damit nicht zufrieden.

»Also muß er dich Elefanten mühselig über das Geländer gewälzt haben oder wie.«

»Nix oder wie«, sagte Schurmann ärgerlich. »Nix gewälzt. Er packte mich, hob mich hoch und schmiß mich im Bogen über die Reling, Reling heißt das und nicht Geländer.«

»Na schön«, sagte Schütze Keil. »Wie erklärst du dir das?«

Und die Antwort, die jetzt Schurmann gab, muß Schwester Clotildis gehört haben, denn Schurmann sagte durch den fahlen, blauen Mondschimmer, der im Zimmer lag, mit merkwürdig entschlossener Stimme: »Ich erkläre mir das so, daß mein Gebet dem Leutnant von Bergmann etwas genützt hat.«

Kaum hatte er ausgesprochen, glitt zu unserem Schrecken lautlos Schwester Clotildis zwischen die Betten, strich tatsächlich Schurmann still über den Kopf und sagte leise: »Und jetzt sdalafen Sie bitte alle.«

Und glitt wie ein Geist wieder hinaus.

Ich nehme beinahe an, sie hat alles gehört.

Wir warteten eine Weile, dann flüsterten wir weiter. Von Schlafen konnte noch keine Rede sein. Wir waren durch Schurmanns Erzählung zu aufgeregt. Und es gab da noch manches, was wir von ihm wissen wollten.

»Und wer ist auf die Idee gekommen, den Kreuzer in diese Sackgasse laufen zu lassen?« fragte einer.

»Frag Großadmiral Raeder«, antwortete SChurmann mürrisch.

»Man könnte vielleicht auch noch jemand anderen fragen«, sagte der in der Ecke.

»Frag nur«, sagte Schurmann. »Kannst ja morgen früh einen Fernspruch loslassen.«

Der Saal kicherte.

»Ich versteh’ die Marine nicht«, erklärte der in der Ecke. »Und wo blieb die Luftwaffe?«

»Frag Hermann«, antwortete Schurmann.

»Hört mal zu«, ließ sich jetzt Schütze Keil vernehmen. »Ihr solltet nicht so viel fragen. Jedenfalls haben wir Norwegen in der Tasche. Oder etwa nicht? Na also. Der Führer kann sich mit Kleinigkeiten nicht abgeben.«

»Frag mal Schurmanm«, sagte der in der Ecke eigensinnig. »Frag mal Schurmann, ob er sich für eine Kleinigkeit gehalten hat, als er über Bord sollte.«

»Quatsch«, sagte Schütze Keil laut.

»Frag ihn mal«, drängte der in der Ecke, wohin das Mondlicht nicht fiel. »Frag ihn mal, ob sich die anderen, die ins Wasser mußten, für Kleinigkeiten gehalten haben.«

»Wie süß!« sagte Schütze Keil. »Du scheinst mir ja einer zu sein. Du bist ein ganz Weicher! Ich bin ja auch nicht mit allem einverstanden, unter uns gesagt, aber so idiotisch habe ich noch nie jemand fragen hören.«

»Das kann schon sein«, antwortete der in der Ecke flink. »Sicher kann sich im Kriege niemand wichtig nehmen. Es kommt nur darauf an, ob es sich lohnt, sein Leben nicht wichtig zu nehmen. Es muß sich lohnen, verstehste? Man muß wissen, wozu und warum.«

»Frag die in Frankreich und die in England«, sagte Schütze Keil grimmig. »Frag sie, ob sie es wissen.«

Das wurde mir zu dumm.

»Ich werde morgen früh bei der Visite«, sagte ich, »dem Chefarzt melden, daß hier staatsgefährliche Reden geführt werden. Ich bin nämlich ein Spitzel, und ich möchte jetzt schlafen.«

Einige Sekunden herrschte Totenstille.

Und mir wurde selber plötzlich etwas beklommen zumute.

»So etwas solltest du nicht mal im Spaß sagen«, flüsterte Schurmann hörbar entsetzt.

»Verdammt noch mal«, sagte ich und schämte mich bis auf die Knochen, »ihr habt recht.«

In dieser Nacht schlief ich schlecht.

10

Auch die Lazarettzeit liegt nun lange hinter mir. Wer weiß, ob ich überhaupt wieder zur Kompanie zurückgekommen wäre, wenn Stabsarzt Lange mich nicht aufgefischt hätte.

Im Polenfeldzug hatte ich, als wir im Morgengrauen ein Dorf verließen, eine kleine Krokodilledertasche gefunden. Sie lag im Dreck neben der Straße an einem Bretterstapel. Und ausgerechnet auf diesen Bretterstapel setzte ich mich, um schnell den rechten Stiefel auszuziehen und den Strumpf, der mir zu groß war und Falten schlug, in Ordnung zu bringen.

Und da lag die Tasche.

Ich sah hinein, wem sie gehörte, fand ein Dutzend Fotos, Ausweispapiere und über viertausend Mark drin. Stabsarzt Lange. Ich rannte zum Spieß, der sah sich die Tasche an, und als er das viele Geld sah, pfiff er durch die Zähne.

»Die liefern Sie selber ab, Mann«, sagte er vorsichtig, »hinten im Schulhaus wird das persönlich abgeliefert, am besten gegen Quittung.« Und er klappte die Tasche wieder zu.

Kurz und gut, Stabsarzt Lange freute sich wie ein Schneekönig. Er war klein und etwas korpulent, herzensgut und fröhlich, aber er mimte immer den Menschenfresser.

Einige Tage vor Kriegsausbruch hatten der Weinrich und ich uns wundgelaufen und warteten vor der Revierstube, bis wir drankamen. Es war noch einer drin, sagte der Sanitätsunteroffizier. Na, wir hörten es, daß einer drin war. Wir hörten das Gebrüll von Stabsarzt Lange. Und dann schoß ein Landser heraus und an uns vorbei.

»O verdammt«, sagte der Weinrich, dann traten wir ein.

Stabsarzt Lange stand mit hochrotem Gesicht am Fenster und sah hinaus. Der Unteroffizier sagte: »Zwei Fußkranke, Herr Stabsarzt.«

Und da drehte sich der Stabsarzt Lange herum, sah uns an, sah schweigend unsere Füße an und sagte völlig friedlich und still: »Das darf nicht vorkommen, liebe Leute. Bei richtiger Fußpflege nicht.« Und dann überließ er uns dem Unteroffizier, der die Blasen aufstach, puderte, verband.

Als wir draußen waren, sahen wir uns perplex an. Und dann fragten wir einen Sanitäter, der aus dem Zimmer kam. »Entschuldige mal, hör mal zu. Ich dachte, er würde uns auffressen. Heute hat er wohl Geburtstag oder so, wie?«

Der Sanitäter lachte.

»Nee«, antwortete er, »aber ist ’ne Seele von einem Menschen. Aber wegen der Disziplin fällt er manchmal über irgendeinen her.«

»Ach so«, sagte ich, »er will wohl nicht, daß man glaubt, er sei ’n weicher Hund.«

Der Sanitäter starrte mich mit offenem Mund an.

»Tatsächlich«, sagte er dann verblüfft, »Mensch, auf die Idee bin ich noch gar nicht gekommen. Ich dachte, es wär’ wegen der Disziplin.«

Jetzt lachten wir.

So also war Stabsarzt Lange, dem ich sein Krokodiltäschen brachte.

Er holte aus und hieb mir auf die Schulter.

»Ich bitte, das Geld nachzuzählen, Herr Stabsarzt«, sagte ich vergnügt, denn ich freute mich, daß er sich so freute.

»Wozu, Mann?« antwortete er. »Sie glauben doch nicht, daß ich glaube …«, dann wurde er nachdenklich.

»Ach so«, sagte er nichtig. »Der Finderlohn. Zehn Prozent. Natürlich selbstverständlich. Warten Sie mal…«

»Herr Stabsarzt«, sagte ich, »ich nehme keinen Finderlohn. Ich hätte nur gerne gewußt, ob alles noch drin ist. Die Tasche lag ja sicher ’ne Weile an der Straße.«

»Ach so«, sagte er, »ach, das meinen Sie?« Er sah die Tasche durch. »Es ist alles drin. In Ordnung. Aber das geht doch so einfach nicht, Mann.«

Er sah mich nachdenklich an.

Und jetzt fand ich den Dreh nicht, abzuhauen. Kehrtmachen und loszacken war nicht gut möglich. Ich stand also wie ein Hornochse und wartete, bis mir was einfiel. Und auch Stabsarzt Lange fand die Kurve nicht. Er sah mich zerstreut an, schluckte, sah wieder in seine Tasche, sah mich wieder an.

Wahrscheinlich dachte er, ich warte doch auf eine Belohnung, und das war mir zu dämlich.

Ich richtete mich auf, hob den rechten Fuß, knallte ihn an den linken, zog das Kinn an die Binde, machte eine halbstarke Kehrtwendung und ging zur Türöffnung.

»Hören Sie mal!« rief Stabsarzt Lange mir nach. Ich blieb stehen, drehte mich um. Stabsarzt Lange sah mich unschlüssig an.

Dann sagte er: »Na ja, besten Dank.«

Ich hieb ab. Unterwegs lachte ich vor mich hin, denn wir hatten uns alle beide ziemlich dämlich benommen. Ich, weil ich glaubte, daß er glaubte, er müsse mir eine Belohnung geben, und er, weil… kurz und gut, ich war froh, als ich wieder bei der Kompanie war.

Aber ich wollte eigentlich etwas ganz anderes erzählen. Einen Tag, bevor ich mit der Gelbsucht im Lazarett gesund geschrieben werden sollte und wer weiß wohin gekommen wäre, tauchte Stabsarzt Lange auf.

Ich sah ihn im Flur vorbeigehen, wo ich am Fenster stand und die erste Zigarette nach der Gelbsucht rauchte, und ich dachte, ich rauche Stroh. Ich baute mich zackig hin. Hoffentlich sieht er dich, dachte ich mir. Denn die Sanitäter hatten mir gesagt, ich käme nicht zu meiner Truppe zurück, sondern auf irgendeine Sammelstelle.

Stabsarzt Lange sah mich flüchtig an, hob einen Finger an die Mütze, ging vorbei, blieb plötzlich stehen, drehte sich um, kam zurück.

»Wie heißen Sie?«

Ich sagte es.

»Ach so«, sagte er zerstreut. »Es kam mir so vor, als ob ich Sie kennen würde.«

»Die Krokodilledertasche in Polen, Herr Stabsarzt«, sagte ich hoffnungsvoll.

Er hob seinen Zeigefinger. »Aha«, sagte er, »richtig. Was fehlt Ihnen?«

Ich sagte es. Ich fragte auch, ob er mir behilflich sein könnte, zur Kompanie zurückzukommen.

Und Stabsarzt Lange zahlte mir nunmehr meinen Finderlohn auf Heller und Pfennig aus: er verschaffte sich die Papiere und nahm mich mit, und so kam ich wieder zur Kompanie.

___________

Vier Tage zuvor hatte der Vormarsch im Westen begonnen.

Man sagte, daß auch wir jetzt eingefädelt würden, aber es sah noch nicht so aus.

Vorläufig bewachten wir ein paar hundert Belgier.

Sie stammten alle aus den Stellungen am Albertkanal. Dann kamen auch Holländer dazu. Es kam mir so vor, als ob alle, einer wie der andere, noch ganz wie vor den Kopf geschlagen wären.

Sie lagen oder standen auf einer Wiese oder liefen ruhelos herum.

Kurtchen Zech unterhielt sich mit einigen. Und dann, gegen Abend am dritten Tag hatte er einen herausgefischt, der zur Besatzung des Forts Eben Emael gehört hatte.

Und Kurtchen Zech übersetzte uns, was er erzählte. Wir gaben ihm Kaffee und Zigaretten. Er sah aus wie ein Zigeuner. Rabenschwarze Haare und rabenschwarze, kleine flinke Augen, breitgebaut, er hielt immer die Oberarme etwas vom Leib weg wie ein Ringkämpfer, der seine Muskeln nicht unterbringen kann. Er war stockheiser.

Aber er erzählte die ganze Geschichte, wie er sie erlebte.

Kurtchen Zech übersetzte großartig.

»Es ging ja um die drei Brücken«, sagte der Belgier. »Die drei Brücken waren es. Und die ganze Menge Bunker waren dazu da, dafür zu sorgen, daß die drei Brücken rechtzeitig gesprengt wurden und ihr nicht über den Kanal konntet. Eben Emael war garantiert nicht zu nehmen. Das wußten wir alle. Es hatte schwere Geschütze, und das ganze Gelände war gespickt mit Maschinengewehren, und da war der Kanal, so tief eingeschnitten, daß nichts zu machen war.

Wir hörten natürlich am Morgen die Flugzeuge. Und wir dachten auch gleich, daß es jetzt losginge. Wir wunderten uns auch nicht, daß ihr das neutrale Belgien überfielt. Das habt ihr ja schon mal gemacht. Aber diesmal waren wir gescheiter gewesen. Die Ports konntet ihr nicht so einfach zusammenschießen wie damals Lüttich mit euren Zweiundvierzigern. Jetzt waren die Geschütze versenkbar. Und die Kuppeln kaum zu sehen.«

Der Belgier sah nachdenklich vor sich hin und stieß den Zigarettenrauch in einer langen, melancholischen Fahne in die Luft.