/ Language: Deutsch / Genre:prose_contemporary

Liebes Leben

Alice Munro


Liebes Leben

Alice Munro

2013

1

Finale

Die letzten vier Stücke in diesem Buch sind keine üblichen Erzählungen. Sie bilden eine gesonderte Einheit, die vom Gefühl her autobiographisch ist, auch wenn manchmal nicht alles den Tatsachen entspricht. Ich glaube, sie sind die ersten und letzten — und die persönlichsten — Dinge, die ich über mein Leben zu sagen habe.

Inhaltsverzeichnis

I  Japan erreichen

II  Amundsen

III  Abschied von Maverley

IV  Kies

V  Heimstatt

VI  Stolz

VII  Corrie

VIII  Zug

IX  Mit Seeblick

X  Dolly

XI  Das Auge

XII  Nacht

XIII  Stimmen

XIV  Liebes Leben

Teil I

Japan erreichen

Kaum hatte Peter ihr den Koffer in den Zug getragen, schon schien er es eilig zu haben, wieder auszusteigen. Aber nicht, um wegzugehen. Er erklärte ihr, es sei nur sein dummes Gefühl, der Zug könnte sich in Bewegung setzen. Dann stand er draußen auf dem Bahnsteig, schaute zu ihrem Fenster hoch und winkte. Lächelte und winkte. Das Lächeln für Katy war weit offen, ohne den leisesten Zweifel, als glaubte er, sie werde für ihn immer ein Wunder bleiben, wie auch er für sie. Das Lächeln für seine Frau war eher zuversichtlich und vertrauensvoll, mit einer gewissen Entschlossenheit. Nicht leicht in Worte zu kleiden, vielleicht auch gar nicht. Hätte Greta das zur Sprache gebracht, hatte er gesagt: Sei nicht albern. Und sie hätte ihm beigepflichtet, der Überzeugung, dass es für Menschen, die sich tagein, tagaus sahen, unnatürlich war, sich mit irgendwelchen Erklärungen abzumühen.

Als Peter noch ein Baby war, hatte seine Mutter ihn über mehrere Berge getragen, deren Namen Greta immer wieder vergaß, um ihn aus der kommunistischen Tschechoslowakei hinaus nach Westeuropa zu schaffen. Natürlich waren auch noch andere dabei. Peters Vater hatte vorgehabt, sie zu begleiten, wurde aber kurz vor dem Datum ihrer geheimen Abreise in ein Sanatorium eingeliefert. Er sollte nachkommen, sobald er konnte, doch stattdessen starb er.

»Ich habe solche Geschichten gelesen«, sagte Greta, als Peter ihr zum ersten Mal davon erzählte. Sie erklärte, wie die Babys in den Geschichten anfingen zu weinen und unweigerlich erstickt oder erwürgt werden mussten, damit der Lärm die Flüchtlinge nicht in Gefahr brachte.

Peter erwiderte, solch eine Geschichte hätte er nie gehört, und wollte nicht sagen, was seine Mutter unter solchen Umständen getan hätte.

Was sie tat, war, nach British Columbia zu gehen, wo sie ihr Englisch verbesserte und sich eine Stellung als Lehrerin an einer Highschool besorgte, für ein Fach, das damals Handelskunde hieß. Sie zog Peter allein groß, schickte ihn aufs College, und jetzt war er Ingenieur. Wenn sie zu Besuch kam, in die Wohnung und später in das Haus, saß sie immer im Wohnzimmer und kam nie in die Küche, außer Greta forderte sie dazu auf. So war sie. Sie trieb es auf die Spitze damit, nichts wahrzunehmen. Nichts wahrzunehmen, sich in nichts einzumischen, nichts vorzuschlagen, obwohl sie ihre Schwiegertochter in jeder Haushaltsfertigkeit oder -kunst weit hinter sich ließ.

Außerdem kündigte sie die Wohnung, in der Peter aufgewachsen war, und zog in eine kleinere ohne Schlafzimmer, nur mit Platz für eine Schlafcouch. Also kann Peter nicht mehr nach Hause zu Mutter?, neckte Greta sie, aber das schien sie zu bestürzen. Witze peinigten sie. Vielleicht war es ein Sprachproblem. Doch Englisch war inzwischen ihre gewohnte Sprache, dazu die einzige, die Peter beherrschte. Er hatte Handelskunde gebüffelt — wenn auch nicht bei seiner Mutter —, während Greta sich mit dem Verlorenen Paradies auseinandersetzte. Sie mied alles Nützliche wie die Pest. Wie es schien, tat er das Gegenteil.

Mit der Fensterscheibe zwischen ihnen und mit Katy, die nicht zuließ, dass das Winken ermattete, schwelgten sie in Mienen von komischem oder sogar groteskem Wohlwollen. Greta dachte, wie gut er aussah und wie wenig ihm das bewusst zu sein schien. Er trug einen Bürstenschnitt, im Stil der Zeit — besonders, wenn man so was wie ein Ingenieur war —, und seine helle Haut rötete sich nie wie ihre, wurde nie fleckig von der Sonne, sondern war zu jeder Jahreszeit gleichmäßig braun.

Seine Ansichten glichen in manchem seinem Teint. Wenn sie ins Kino gingen, wollte er hinterher nie über den Film reden. Er sagte dann, der Film sei gut oder ganz gut oder passabel. Alles Weitere fand er sinnlos. In ganz ähnlicher Weise sah er sich Fernsehsendungen an, las er ein Buch. Er hatte mit solchen Dingen Geduld. Die Leute, die sie herstellten, taten wahrscheinlich ihr Bestes. Greta wollte immer diskutieren, fragte unüberlegt, ob er dasselbe von einer Brücke sagen würde. Die Leute, die sie bauten, taten ihr Bestes, aber ihr Bestes war nicht gut genug, also brach sie zusammen.

Statt zu diskutieren, lachte er einfach.

Das ist nicht dasselbe, sagte er.

Nein?

Nein.

Greta hätte sich klarmachen müssen, dass diese Einstellung — entspannt, tolerant — für sie ein Segen war, denn sie war Dichter, und es gab Dinge in ihren Gedichten, die überhaupt nicht fröhlich oder leicht zu erklären waren.

(Peters Mutter und seine Arbeitskollegen — jene, die davon wussten — sagten immer noch Dichterin. Ihn hatte sie dazu erzogen, es nicht zu sagen. Weitere Erziehungsarbeit war nicht notwendig. Die Verwandten, die sie in ihrem Leben hinter sich gelassen hatte, und die Leute, die sie jetzt in ihrer Rolle als Hausfrau und Mutter kannten, wussten nichts von dieser Besonderheit.)

Später in ihrem Leben ließ sich nur schwer erklären, was eigentlich zu jener Zeit gebilligt wurde und was nicht. Sie konnte sagen, Feminismus jedenfalls nicht. Aber dann musste sie erklären, dass das Wort Feminismus damals noch gar nicht in Gebrauch war. Also behalf sie sich damit, zu sagen, irgendeinen ernsthaften Gedanken zu haben — geschweige denn Ehrgeiz — oder vielleicht sogar ein richtiges Buch zu lesen, konnte dich verdächtig machen und mit der Lungenentzündung deines Kindes in Verbindung gebracht werden, und eine politische Bemerkung auf der Firmenfeier konnte deinen Mann die Beförderung kosten. Es kam gar nicht darauf an, für oder gegen welche Partei. Eine Frau hatte den Mund zu weit aufgemacht, das war’s.

Worauflain die Leute lachten und sagten: Sie machen bestimmt Witze, und sie nur sagen konnte: Na ja, nicht so ganz. Sie setzte hinzu, wenn man jedoch Gedichte schrieb, dann war es etwas sicherer, eine Frau zu sein und kein Mann. Dafür stand nämlich das Wort Dichterin zur Verfügung, wie ein Gespinst aus Zuckerwatte. Peter hätte bestimmt nicht so gedacht, sagte sie, doch man durfte nicht vergessen, er war in Europa geboren. Er hätte allerdings verstanden, warum seine Arbeitskollegen so dachten.

In jenem Sommer sollte Peter einen Monat lang oder vielleicht länger Arbeiten beaufsichtigen, die in Lund ausgeführt wurden, weit oben im Norden, sogar so weit nördlich, wie es auf dem Festland nur ging. Dort gab es keine Unterbringungsmöglichkeit für Katy und Greta.

Aber Greta war mit einer jungen Frau in Verbindung geblieben, mit der sie in der Stadtbibliothek von Vancouver zusammengearbeitet hatte und die inzwischen verheiratet war und in Toronto lebte. Sie und ihr Mann wollten in jenem Sommer einen Monat in Europa verbringen — er war Lehrer —, und sie hatte Greta geschrieben und gefragt, ob Greta mit ihrer Familie ihnen einen Gefallen tun — sie war sehr höflich — und das Haus in Toronto für einen Teil dieser Zeit hüten könnte, damit es nicht leer stand. Und Greta hatte ihr zurückgeschrieben, ihr von Peters Arbeit erzählt, aber das Angebot für Katy und sich angenommen.

Deshalb standen sie jetzt und winkten unablässig vom Bahnsteig und aus dem Zug.

___________

Es gab damals eine Zeitschrift namens The Echo Answers, die unregelmäßig in Toronto erschien. Greta hatte sie in der Bibliothek entdeckt und einige Gedichte an die Redaktion geschickt. Zwei der Gedichte waren abgedruckt worden, und als der Herausgeber der Zeitschrift dann im letzten Herbst nach Vancouver kam, war sie zusammen mit anderen Schriftstellern zu einem Empfang eingeladen worden, um ihn kennenzulernen. Der Empfang fand im Haus eines Schriftstellers statt, dessen Name ihr vom Gefühl her seit ihrer Kindheit vertraut war. Er war für den späten Nachmittag angesetzt, eine Zeit, zu der Peter noch arbeiten musste, also engagierte sie einen Babysitter und fuhr im North-Vancouver-Bus über die Lions Gate Bridge und durch den Stanley Park. Dann musste sie vor der Hudson’s Bay Station warten, auf die lange Fahrt hinaus zum Universitätsviertel, wo der Schriftsteller wohnte. Sie verließ den Bus an der Endhaltestelle, fand die Straße, ging sie hinauf und hielt nach der Hausnummer Ausschau. Sie trug Schuhe mit hohen Absätzen, die sie beträchtlich verlangsamten. Außerdem ihr elegantestes schwarzes Kleid, das einen Reißverschluss auf dem Rücken hatte, die Taille lose umspielte und um die Hüften immer ein bisschen zu eng war. Sie sah darin ein wenig lächerlich aus, dachte sie, während sie die gewundene Straße ohne Bürgersteig entlangstakste, als Einzige unterwegs im dunkelnden Nachmittag. Moderne Häuser, Panoramafenster wie in jedem aufstrebenden Vorort, überhaupt nicht die Umgebung, die sie erwartet hatte. Sie begann sich zu fragen, ob sie sich in der Straße geirrt hatte, und der Gedanke machte sie nicht unglücklich. Sie konnte zu der Bushaltestelle zurücklaufen, wo es eine Bank gab. Konnte die Schuhe ausziehen und in Ruhe auf die lange, einsame Heimfahrt warten.

Aber dann sah sie die parkenden Autos, die Hausnummer, zur Umkehr war es zu spät. Lärm drang aus der geschlossenen Haustür, und sie musste zwei Mal klingeln.

Sie wurde von einer Frau begrüßt, die offenbar jemand anderen erwartet hatte. Begrüßt war das falsche Wort — die Frau machte die Tür auf, und Greta sagte, hier sei doch wohl der Empfang.

»Wonach sieht’s denn aus?«, fragte die Frau und lehnte im Türrahmen. Sie versperrte den Weg, bis Greta sagte: »Darf ich reinkommen?«, dann trat sie beiseite, als bereitete ihr die Bewegung beträchtliche Schmerzen. Sie bat Greta nicht, ihr zu folgen, also tat Greta es unaufgefordert.

Niemand sprach sie an oder nahm von ihr Notiz, aber nach kurzer Zeit streckte ein junges Mädchen ihr ein Tablett entgegen, auf dem Gläser mit so etwas wie rosa Limonade standen. Greta nahm eins und trank es durstig aus, dann nahm sie noch eins. Sie dankte dem Mädchen und versuchte, ein Gespräch über den langen, heißen Anmarsch anzufangen, aber das Mädchen war nicht interessiert und wandte sich ab, tat seine Arbeit.

Greta schlenderte weiter. Sie lächelte unentwegt. Niemand der Gäste sah sie mit irgendeinem Zeichen von Wiedererkennen oder Freude an, und warum sollten sie auch? Ihre Blicke glitten an ihr vorbei, dann setzten sie ihre Gespräche fort. Sie lachten. Alle außer Greta waren mit Freunden, Witzen und vertraulichem Wissen ausgestattet, alle schienen jemanden gefunden zu haben, dem sie willkommen waren. Alle bis auf das Mädchen und den Jungen, die weiterhin verdrossen und unerbittlich ihre rosa gefüllten Gläser anboten.

Sie gab jedoch nicht auf. Das Getränk half ihr, und sie beschloss, sich noch eins zu nehmen, sobald ein Tablett vorbeikam. Sie hielt nach einer Gesprächsrunde Ausschau, die eine Lücke zu bieten schien, in die sie schlüpfen konnte. Sie meinte, eine gefunden zu haben, als sie hörte, wie Titel von Filmen erwähnt wurden. Von europäischen Filmen, die zu jener Zeit allmählich in die Kinos von Vancouver gelangten. Sie hörte den Titel von einem Film, den sie mit Peter zusammen gesehen hatte. Sie küssten und sie schlugen ihn. »Ah, den hab ich gesehen!«, kam es laut und begeistert aus ihr heraus, so dass alle sie anschauten und eine, offenbar die Wortfuhrerin, sie fragte: »Ach ja?«

Greta war natürlich betrunken. Pimm’s No. 1 und rosa Grapefruitsaft, hastig hinuntergestürzt. Sie nahm sich diese Abfuhr nicht so zu Herzen, wie sie es unter normalen Umständen getan hätte. Sondern segelte einfach weiter, merkte, dass sie irgendwie die Orientierung verloren hatte, bekam aber das Gefühl, dass in den Räumen eine schwindelig machende Atmosphäre von Freizügigkeit herrschte und dass es nicht darauf ankam, Bekanntschaften zu schließen, sie konnte einfach umherschlendern und sich ihre eigene Meinung bilden.

Ein Grüppchen von wichtigen Leuten stand in einem Torbogen. Sie sah unter ihnen den Gastgeber, den Schriftsteller, dessen Name und Gesicht sie seit so langer Zeit kannte. Er unterhielt sich laut und hektisch und schien, zusammen mit noch zwei anderen Männern, Gefahr auszustrahlen, als würden sie eher eine Beleidigung austeilen als jemanden wie sie anschauen. Ihre Ehefrauen, so nahm sie jedenfalls an, vervollständigten den Kreis, in den sie sich zu drängen versucht hatte.

Die Frau, die ihr die Tür aufgemacht hatte, stand nicht in einer der Gruppen, denn sie war selbst Schriftstellerin. Greta sah, wie sie sich umwandte, als jemand ihren Namen rief. Ein Name, vertraut aus der Zeitschrift, die Gretas Gedichte veröffentlicht hatte. War es aus diesen Gründen nicht möglich, auf sie zuzugehen und sich vorzustellen? Wie einer Gleichrangigen, trotz des kühlen Empfangs an der Tür?

Aber jetzt schmiegte die Frau den Kopf an die Schulter des Mannes, der sie gerufen hatte, und eine Unterbrechung wäre den beiden kaum willkommen.

Diese "Überlegung zwang Greta, sich hinzusetzen, und da sie keine Stühle sah, setzte sie sich auf den Fußboden. Ein Gedanke kam ihr in den Sinn. Wenn sie mit Peter zu einer Cocktailparty von Ingenieuren ging, war die Atmosphäre angenehm, auch wenn die Gespräche langweilig waren. Weil nämlich der Status jedes Einzelnen feststand, zumindest für den Augenblick. Hier dagegen war niemand sicher. Urteile konnten hinter dem Rücken gefällt werden, sogar über die, die bekannt waren und gedruckt wurden. Es herrschte eine Aura von Anmaßung oder Nervosität, ganz egal, wer man war.

Und hier hatte sie sich verzweifelt nach jemandem umgeschaut, der ihr einen Strohhalm für ein Gespräch hinhielt! Als sie ihre Theorie der unguten Spannungen aufgestellt hatte, fühlte sie sich wesentlich besser und legte keinen Wert mehr darauf, ob jemand mit ihr redete oder nicht. Sie zog die Schuhe aus, und die Erleichterung war ungeheuer wohltuend. Sie lehnte sich an die Wand und streckte die Beine aus auf einem der weniger begangenen Wege. Sie mochte nicht riskieren, ihr Glas auf den Teppich zu verschütten, also trank sie es hastig aus.

Ein Mann beugte sich über sie. Er fragte: »Wie sind Sie hergekommen?«

Ihr taten seine armen eingesperrten Füße leid. Ihr tat jeder leid, der stehen musste.

Sie sagte, sie sei eingeladen.

»Ja. Aber sind Sie mit dem Auto hier?«

»Ich bin gelaufen.« Aber das genügte nicht, und nach einer Weile gelang es ihr, das zu vervollständigen.

»Ich bin mit dem Bus gekommen, dann bin ich gelaufen.«

Einer der Männer aus dem erlauchten Kreis stand jetzt hinter dem Mann in den Schuhen. Er sagte: »Großartige Idee.« Er schien sogar bereit, mit ihr zu reden.

Der erste Mann mochte den anderen nicht besonders. Er hatte Gretas Schuhe aufgesammelt, aber sie wies sie zurück und erklärte, dass sie zu weh taten.

»Dann nehmen Sie sie in die Hand. Oder ich nehme sie. Können Sie aufstehen?«

Sie sah sich hilfesuchend nach dem wichtigen Mann um, aber der war nicht mehr da. Jetzt fiel ihr ein, was er geschrieben hatte. Ein Theaterstück über die Duchoborzen, das einen Skandal ausgelöst hatte, weil die Duchoborzen darin nackt auftreten mussten. Natürlich waren es keine echten Duchoborzen, sondern Schauspieler. Und die durften schließlich doch nicht nackt auftreten.

Sie versuchte das dem Mann zu erklären, der ihr aufhalf, aber es interessierte ihn überhaupt nicht. Sie fragte ihn, was er schrieb. Er sagte, er sei kein Schriftsteller, sondern Journalist. Zu Besuch hier mit seinem Sohn und seiner Tochter, den Enkelkindern der Gastgeber. Sie — die Kinder — hatten die Getränke herumgereicht.

»Tödlich«, sagte er und meinte die Getränke. »Kriminell.«

Jetzt waren sie draußen. Greta lief auf Strümpfen über den Rasen und verfehlte nur knapp eine Pfütze.

»Jemand hat sich hier übergeben«, teile sie ihrem Begleiter mit.

»Allerdings« sagte er und half ihr ins Auto. Die frische Luft hatte ihre Stimmung verändert, von einer unbestimmten Euphorie zu etwas wie Verlegenheit, sogar Scham.

»North Vancouver«, sagte er. Sie musste ihm das erzählt haben. »Ja? Fahren wir los. Richtung Lions Gate.«

Sie hoffte, er würde sie nicht fragen, wieso sie auf dem Empfang war. Wenn sie zugab, dass sie Gedichte schrieb, musste er ihre gegenwärtige Situation, ihre Trunkenheit, für nur allzu typisch halten. Es war noch nicht dunkel, aber schon Abend. Sie schienen in die richtige Richtung zu fahren, am Wasser entlang, dann über eine Brücke. Die Burrard Street Bridge. Danach weiter im Strom der Autos, sie schlug immer wieder die Augen auf und sah Bäume vorbeisausen, dann fielen sie ihr wieder zu, ohne dass sie es wollte. Als das Auto anhielt, wusste sie allerdings, dass sie noch nicht zu Hause sein konnten. Das heißt, bei ihr zu Hause.

Diese großen, dicht belaubten Bäume über ihnen. Man konnte keine Sterne sehen. Aber ein Glitzern auf dem Wasser, zwischen ihrem Standort, wo immer der war, und den Lichtern der Innenstadt.

»Bleiben Sie einfach sitzen und besinnen Sie sich.«

Das Wort entzückte sie.

»Besinnen.«

»Darauf, wie Sie ins Haus gehen werden, zum Beispiel. Schaffen Sie das würdevoll? Übertreiben Sie nicht. Ungezwungen? Ich vermute, Sie sind verheiratet.«

»Ich muss mich erst mal dafür bedanken, dass Sie mich nach Hause fahren«, sagte sie. »So, und jetzt müssen Sie mir sagen, wie Sie heißen.«

Er sagte, das habe er ihr schon gesagt. Vielleicht schon zwei Mal. Aber gut, noch einmal. Harris Bennett. Bennett. Er war der Schwiegersohn der Leute, die den Empfang gegeben hatten. Seine Kinder hatten die Getränke herumgereicht. Er war mit ihnen aus Toronto zu Besuch hier. War sie nun zufrieden?

»Haben die Kinder eine Mutter?«

»Ja, allerdings. Aber sie ist in einer Klinik.«

»Das tut mir leid.«

»Nicht nötig. Es ist eine recht angenehme Klinik. Für geistige Störungen. Oder man könnte auch sagen, für seelische Störungen.«

Sie beeilte sich ihm zu sagen, dass ihr Mann Peter hieß und Ingenieur war und dass sie eine Tochter namens Katy hatten.

»Das ist doch sehr schön«, sagte er und setzte aus der Parklücke heraus.

Auf der Lions Gate Bridge sagte er: »Entschuldigen Sie meine Redeweise. Ich habe darüber nachgedacht, ob ich Sie küssen soll oder nicht, und beschlossen, es nicht zu tun.«

Sie meinte herauszuhören, sie habe etwas an sich, was nicht ganz die Ansprüche für einen Kuss erfüllte. Die Demütigung machte sie mit einem Schlag wieder nüchtern.

»Wenn wir von der Brücke runterkommen, müssen wir dann rechts zum Marine Drive?«, fuhr er fort. »Ich verlasse mich auf Ihre Anweisungen.«

___________

Im folgenden Herbst und Winter und Frühling gab es kaum einen Tag, an dem sie nicht an ihn dachte. Es war, als fiele man sofort nach dem Einschlafen in immer denselben Traum. Sie pflegte den Kopf an das Rückenpolster des Sofas zu lehnen und sich vorzustellen, dass sie in seinen Armen lag. Man sollte meinen, dass sie sich nicht an sein Gesicht erinnern konnte, doch es erstand in allen Einzelheiten, das verknitterte Gesicht eines recht müde aussehenden Mannes, der zu Spott neigte und nur wenig Zeit im Freien verbrachte. Auch sein Körper fehlte nicht, war zwar nicht mehr jung, aber kundig und unendlich begehrenswert.

Sie weinte fast vor Verlangen. Doch dieser Tagtraum verschwand, ging in Winterschlaf, wenn Peter nach Hause kam. Alltägliche Zärtlichkeiten traten dann in den Vordergrund, zuverlässig wie immer.

Der Traum ähnelte in vielem dem Wetter von Vancouver — eine trübe Sehnsucht, eine regnerische, träumerische Traurigkeit, eine Schwere ums Herz.

Was war denn nun mit der Weigerung, sie zu küssen, die ein ungalanter Hieb sein konnte?

Sie strich sie einfach aus. Vergaß sie völlig.

Und was war mit ihren Gedichten? Keine Zeile, kein Wort. Keine Spur davon, dass ihr das je am Herzen gelegen hatte.

Natürlich gab sie diesen Anfällen nur Raum, wenn Katy ein Schläfchen hielt. Manchmal sprach sie seinen Namen laut aus, überließ sich Hirngespinsten. Dem folgten brennende Schamgefühle und Selbstverachtung. Hirngespinste, jawohl. Hirnrissig.

Dann gab es einen Ruck, die Aussicht auf den Auftrag in Lund, schließlich die Gewissheit, dazu das Angebot des Hauses in Toronto. Ein klarer Wetterwechsel, ein Anflug von Beherztheit.

___________

Ohne es fest vorzuhaben, schrieb sie einen Brief. Er fing nicht mit irgendeiner üblichen Floskel an. Kein Lieber Harris, kein Erinnerst Du Dich an mich.

Diesen Brief schreiben ist wie einen Zettel in eine Flasche stecken

Und hoffen,

Er wird Japan erreichen.

Was einem Gedicht seit geraumer Zeit noch am nächsten kam.

Sie wusste die Adresse nicht. Sie war kühn und töricht genug, die Leute anzurufen, die den Empfang gegeben hatten. Aber als die Frau sich meldete, wurde ihr Mund schlagartig trocken und fühlte sich so groß an wie die Tundra, und sie musste auflegen. Dann karrte sie Katy zur Stadtbibliothek und fand dort ein Telefonbuch von Toronto. Es gab viele Bennetts, aber keinen einzigen Harris oder H. Bennett.

Da hatte sie den schrecklichen Einfall, in der Zeitung bei den Todesanzeigen nachzusehen. Sie konnte sich nicht davon abbringen. Sie wartete, bis der Mann, der das Bibliotheks-exemplar las, fertig war. Sie bekam die Zeitung von Toronto sonst kaum zu Gesicht, da man über die Brücke fahren musste, um sie zu kriegen, und Peter brachte immer die Vancover Sun mit nach Hause. Beim Durchblättern entdeckte sie seinen Namen über einer Kolumne. Er war also nicht tot. Ein Journalist mit eigener Kolumne. Natürlich wollte er nicht von irgendwelchen Leuten zu Hause angerufen werden.

Er schrieb über Politik. Sein Artikel schien intelligent zu sein, aber daran lag ihr nichts.

Sie schickte ihren Brief an ihn dorthin, an die Zeitung. Sie konnte nicht sicher sein, dass er seine Post selber öffnete, und sie dachte, Privat auf den Umschlag zu schreiben machte es nur schlimmer, also schrieb sie lediglich das Datum ihrer Ankunft und die Ankunftszeit des Zuges hin, nach den Zeilen über die Flasche. Keinen Namen. Sie dachte, ganz egal, wer den Umschlag aufmachte, er würde wohl an eine ältere Verwandte denken, die zu schrulligen Formulierungen neigte. Nichts, was ihn kompromittieren konnte, nicht einmal, falls so merkwürdige Post den Weg zu ihm nach Hause fand und seine Frau, inzwischen aus der Klinik entlassen, sie öffnete.

___________

Katy hatte offenbar nicht begriffen, was es bedeutete, dass Peter draußen auf dem Bahnsteig stand, nämlich, dass er nicht mitfuhr. Als sie sich in Bewegung setzten, er aber nicht, und als sie ihn mit zunehmender Geschwindigkeit ganz hinter sich ließen, nahm Katy den Verlust sehr schwer. Aber nach einer Weile beruhigte sie sich und verkündete Greta, dass er am Morgen wieder da sein würde.

Als diese Zeit kam, war Greta ein wenig besorgt, aber Katy sagte kein Wort von seiner Abwesenheit. Greta fragte sie, ob sie Hunger habe, und sie sagte ja, erklärte dann ihrer Mutter — wie Greta es ihr erklärt hatte, noch bevor sie überhaupt in den Zug eingestiegen waren —, dass sie jetzt ihre Schlafanzüge ausziehen und zum Frühstück in ein anderes Zimmer gehen mussten.

»Was möchtest du zum Frühstück?«

»Beißies.« Das bedeutete Rice Krispies.

»Mal sehen, ob es die hier gibt.«

Es gab sie.

»Sollen wir jetzt gehen und Daddy suchen?«

___________

Es gab zwar ein Kinderspielabteil, aber es war ziemlich klein. Ein Junge und ein Mädchen — Bruder und Schwester, nach ihrer zueinander passenden Häschenkleidung zu urteilen — hatten es vereinnahmt. Ihr Spiel bestand daraus, kleine Autos aufeinander zuzusteuern und im letzten Moment Ausweichmanöver zu versuchen. KRACH BUM KRACH.

»Das ist Katy«, sagte Greta. »Ich bin ihre Mutter. Wie heißt ihr?«

Die Zusammenstöße wurden heftiger, aber die beiden schauten nicht auf.

»Daddy ist nicht hier«, sagte Katy.

Greta beschloss, dass es besser war, wenn sie zurückgingen, Katys Christopher Robin-Buch holten und damit den Aussichtswagen aufsuchten, um es dort zu lesen. Wahrscheinlich würden sie niemanden stören, denn das Frühstück war noch nicht vorbei und die spektakuläre Gebirgslandschaft hatte noch nicht angefangen.

Das Problem war, sobald Christopher Robin zu Ende war, wollte Katy sofort wieder von vorn anfangen. Beim ersten Vorlesen war sie still gewesen, doch jetzt begann sie, das Ende der Zeilen mitzusprechen. Beim nächsten Mal sang sie Wort für Wort mit, obwohl sie noch nicht bereit war, es allein zu versuchen. Greta konnte sich vorstellen, dass den Leuten das lästig sein würde, sobald der Aussichtswagen sich fullte. Kinder in Katys Alter hatten kein Problem mit Monotonie. Sie stürzten sich geradezu darauf und tauchten hinein, schleckten an den vertrauten Worten, als seien es unerschöpfliche Bonbons.

Ein junger Mann und eine junge Frau kamen die Treppe herauf und nahmen gegenüber von Greta und Katy Platz. Sie sagten recht munter guten Morgen, und Greta erwiderte die Begrüßung. Katy missbilligte offenbar, dass sie die beiden zur Kenntnis nahm, schaute wieder ins Buch und fuhr fort, leise aufzusagen.

Von drüben war die Stimme des jungen Mannes zu hören, fast so leise wie Katys:

Beim Wachwechsel vor dem Buckingham-Palast

Ist Christopher Robin mit Alice zu Gast.

Nachdem er damit fertig war, fing er mit etwas anderem an. »Ich mag das nicht, denn ich bin Sam.«

Greta lachte, aber Katy nicht. Greta merkte ihr an, dass sie etwas empörte. Lustige Wörter, die aus einem Buch kamen, das verstand sie, aber nicht, wie Wörter ohne Buch aus jemandes Mund kamen.

»Tut mir leid«, sagte der junge Mann zu Greta. »Wir sind Vorschüler. Das ist unser Lesestoff.« Er beugte sich vor und sprach leise und ernsthaft auf Katy ein.

»Das ist ein schönes Buch, nicht wahr?«

»Er meint, wir arbeiten mit Vorschülern« sagte die junge Frau zu Greta. »Aber manchmal kommen wir durcheinander.«

Der junge Mann redete weiter mit Katy.

»Vielleicht kann ich jetzt raten, wie du heißt. Wie heißt du? Heißt du Rufus? Heißt du Rover?«

Katy kniff die Lippen zusammen, konnte dann aber nicht widerstehen, streng zu antworten.

»Ich bin kein Hund«, sagte sie.

»Nein. Das war dumm von mir. Ich bin ein Junge, und ich heiße Greg. Das Mädchen hier heißt Laurie.«

»Er hat dich auf den Arm genommen«, sagte Laurie. »Soll ich ihm eine kleben?«

Katy bedachte das und sagte dann: »Nein.«

»Alice heiratet mal einen Wachsoldat« fuhr Greg fort, »Das Soldatenleben ist desolat«, sagt Alice.

Katy fiel leise bei der zweiten Alice mit ein.

Laurie erzählte Greta, dass sie von Kindergarten zu Kindergarten getahren waren und Sketche aufgeführt hatten. Das nannte sich Leseförderungsprogramm. Eigentlich waren sie Schauspieler. Sie, Laurie, war auf dem Weg nach Jasper, wo sie für den Sommer einen Job als Kellnerin mit komischen Einlagen hatte. Nicht direkt Leseförderung. Erwachsenenunterhaltung nannte sich das.

»Großer Gott«, sagte sie und lachte. »Nimm, was du kriegen kannst.«

Greg war frei und wollte in Saskatoon vorbeischauen. Seine Familie wohnte dort.

Beide waren ausgesprochen schön, dachte Greta. Groß, geschmeidig, fast unnatürlich schlank, er mit krausen dunklen Haaren, sie schwarzhaarig und makellos wie eine Madonna. Als Greta ein wenig später ihre Ähnlichkeit zur Sprache brachte, sagten beide, sie hätten das manchmal ausgenutzt, wenn es ums Schlafquartier ging. Das machte alles viel einfacher, aber sie durften nicht vergessen, um zwei Betten zu bitten und dann beide zu verwühlen.

___________

Und jetzt, erzählten sie ihr, brauchten sie sich nicht mehr in Acht zu nehmen. Nichts mehr, was Anstoß erregte. Sie waren dabei, sich zu trennen, nach drei Jahren zusammen. Sie lebten seit Monaten keusch, zumindest miteinander.

»Jetzt ist Schluss mit dem Buckingham-Palast«, sagte Greg zu Katy. »Ich muss meine Übungen machen.«

Greta dachte, das bedeutete, dass er hinuntergehen oder sich zumindest in den Gang stellen musste, um Gymnastik zu machen, doch stattdessen warfen er und Laurie den Kopf zurück, reckten den Hals und begannen zu trällern und tirilieren in merkwürdigem Singsang. Katy war entzückt, fasste es als Angebot auf, als Darbietung zu ihrer Unterhaltung. Sie benahm sich auch wie ordentliches Publikum — ganz still, bis es zu Ende war, dann brach sie in Gelächter aus.

Einige Leute, die die Treppe heraufommen wollten, waren am Fuß stehen geblieben, weniger begeistert als Katy und ratlos, was es damit auf sich hatte.

»Entschuldigung«, sagte Greg ohne Erklärung, aber im Ton freundlicher Vertrautheit. Er streckte Katy die Hand hin.

»Mal sehen, ob es ein Spielabteil gibt.«

Laurie und Greta folgten ihnen. Greta hoffte, dass er nicht einer von diesen Erwachsenen war, die sich mit Kindern hauptsächlich anfreunden, um ihren eigenen Charme auszuprobieren, sich dann langweilen und unwirsch werden, wenn ihnen klar wird, wie unermüdlich die Zuneigung eines Kindes sein kann.

Zur Mittagszeit oder schon früher wusste sie, dass sie sich keine Sorgen zu machen brauchte. Nicht nur, dass Katys Zuwendung Greg nicht ermüdete, sondern etliche andere Kinder hatten sich dem Wettkampf angeschlossen, und er zeigte keinerlei Zeichen von Erschöpfung.

Dabei veranstaltete er keinen Wettkampf. Es gelang ihm, dass die Kinder ihre Aufmerksamkeit, die er anfangs auf sich gelenkt hatte, einander zuwandten und dann den Spielen, die lebhaft oder sogar wild waren, aber nicht verbiestert. Es gab keine Wutausbrüche. Süßigkeiten und Stofftiere landeten in Ecken. Dafür war einfach keine Zeit — wesentlich Interessanteres ging vor sich. Es war ein Wunder, wie sich auf so kleinem Raum Wildheit friedlich austobte. Und die verausgabte Energie versprach Mittagsschläfchen.

»Er ist großartig«, sagte Greta zu Laurie.

»Er ist einfach ganz da«, sagte Laurie. »Er spart sich nicht auf. Verstehst du? Wie viele Schauspieler. Besonders Schauspieler. Abseits der Bühne wie tot.«

Greta dachte: Genau das tue ich. Ich spare mich auf, fast immer. Achtsam mit Katy. Achtsam mit Peter.

In dem Jahrzehnt, das vor kurzem begonnen hatte, ohne dass zumindest sie davon recht Notiz genommen hätte, sollte diesen Dingen viel Aufmerksamkeit geschenkt werden. Da sein sollte etwas bedeuten, was es vorher nicht bedeutet hatte. Spontan sein. Sich echt einbringen. Manche Menschen brachten sich echt ein, andere nicht so. Die Mauern zwischen dem Innen und dem Außen des Kopfes mussten eingerissen werden. Die Echtheit verlangte das. So etwas wie Gretas Gedichte, alles, was nicht spontan rüberkam, war verdächtig, sogar verpönt. Natürlich machte sie einfach so weiter wie bisher, beharrlich erkundend, insgeheim im Hader mit der Gegenkultur. Aber momentan hatte sie ihr Kind Greg und allem, was er tat, anvertraut und war ihm sehr dankbar.

Am Nachmittag, wie Greta vorausgesehen hatte, legten die Kinder sich schlafen. Ihre Mütter in einigen Fällen auch. Andere spielten Karten. Greg und Greta winkten Laurie hinterher, als sie in Jasper ausstieg. Sie warf ihnen vom Bahnsteig aus Kusshände zu. Ein älterer Mann erschien, nahm ihren Koffer, küsste sie zärtlich, sah zum Zug hoch und winkte Greg zu. Greg winkte zurück.

»Ihre neue Zweierkiste«, sagte er.

Weiteres Winken, als der Zug sich in Bewegung setzte, dann brachte er zusammen mit Greta Katy zurück ins Abteil, wo sie zwischen ihnen einschlief, mitten in einer steilen Steigung. Sie zogen den Vorhang auf, um mehr Luft zu haben, da nun keine Gefahr bestand, dass das Kind aus der Koje hinausfiel.

»Gigantisch, ein Kind zu haben«, sagte Greg. Ein weiterer Ausdruck, der zu der Zeit neu oder zumindest für Greta neu war.

»Kommt vor«, sagte sie.

»Du bist so ruhig. Gleich sagst du ›So ist das Leben‹.«

»Bestimmt nicht«, sagte Greta und sah ihm in die Augen, bis er den Kopf schüttelte und lachte.

Er erzählte ihr, dass er durch seine Religion zur Schauspielerei gekommen war. Seine Familie gehörte einer christlichen Sekte an, von der Greta noch nie gehört hatte. Diese Sekte war nicht groß, aber sehr wohlhabend, oder zumindest einige ihrer Mitglieder waren es. Sie hatten in einer Stadt in der Prärie eine Kirche erbaut mit einem Theater darin. Dort hatte er seine ersten Auftritte, bevor er zehn Jahre alt war. Sie führten Parabeln aus der Bibel auf, aber auch aus der Gegenwart, über die schrecklichen Dinge, die Menschen widerfuhren, die nicht das glaubten, was sie glaubten. Seine Familie war sehr stolz auf ihn, und er natürlich auch auf sich selbst. Er dachte nicht im Traum daran, ihnen alles zu erzählen, was vorging, wenn die reichen Konvertiten kamen, um ihr Gelübde zu erneuern und in ihrer Frömmigkeit wiedererweckt zu werden. Jedenfalls gefiel es ihm sehr, so viel Anerkennung zu erhalten, und er mochte das Theaterspielen.

Bis ihm eines Tages die Idee kam, dass man Theater spielen konnte, ohne all diesen Kirchenkram über sich ergehen zu lassen. Er versuchte, es ihnen in höflicher Form beizubringen, aber sie sagten, das ist der Teufel, der da krallt. Er sagte: Haha, ich weiß, wer da krallt.

Und tschüss.

»Du musst nicht denken, dass alles schlecht war. Ich glaube immer noch ans Beten und alles. Aber ich könnte meiner Familie nie sagen, was da vorging. Schon die halbe Wahrheit würde sie umbringen. Kennst du solche Leute?«

Sie erzählte ihm, als sie mit Peter nach Vancouver gezogen war, hatte ihre Großmutter, die in Ontario wohnte, sich mit einem Geistlichen ihrer Kirche in Vancouver in Verbindung gesetzt. Er stattete Greta einen Besuch ab, und sie behandelte ihn sehr von oben herab. Er sagte, er werde für sie beten, und sie gab ihm zu verstehen, dass sie darauf keinen Wert legte. Ihre Großmutter lag zu der Zeit im Sterben. Daraufhin schämte Greta sich, und jedes Mal, wenn sie daran dachte, ärgerte sie sich darüber, dass sie sich schämte.

Peter verstand das alles nicht. Seine Mutter ging nie in die Kirche, obwohl sie ihn vermutlich auch über das Gebirge getragen hatte, damit sie katholisch bleiben konnten. Er sagte, katholisch zu sein hatte wahrscheinlich einen Vorteil, man konnte sich nach allen Seiten hin absichern, bis man starb.

Zum ersten Mal seit einer ganzen Weile hatte sie an Peter gedacht.

Es war nämlich so, dass sie mit Greg zusammen etwas trank, während dieses selbstquälerische, aber auch etwas tröstliche Gespräch stattfand. Er hatte eine Flasche Ouzo hervorgeholt. Sie ging sehr vorsichtig damit um, wie mit jedem alkoholischen Getränk seit dem Literatenfest, aber es stellte sich doch Wirkung ein. Genug dafür, dass sie anfingen, einander die Hände zu streicheln, und dann zu Küssen und Zärtlichkeiten übergingen. All dies musste neben dem Körper des schlafenden Kindes vor sich gehen.

»Lass uns lieber aufhören« sagte Greta. »Sonst werden wir es bereuen.«

»Das sind nicht wir« sagte Greg. »Das sind zwei andere.«

»Dann sag ihnen, sie sollen aufhören. Weißt du, wie sie heißen?«

»Moment. Reg. Reg und Dorothy.«

Greta sagte: »Lass das sein, Reg. Was ist mit meinem unschuldigen Kind?«

»Wir können in mein Abteil gehen. Das ist nicht weit weg.«

»Ich hab keine…«

»Ich aber.«

»Etwa dabei?«

»Natürlich nicht. Für was für ein Tier hältst du mich?«

Also ordneten sie, was an Kleidung in Unordnung geraten war, schlossen sorgfältig jeden Knopf der Koje, in der Katy schlief, stahlen sich aus dem Abteil und machten sich mit gespielter Unbekümmertheit auf den Weg von Gretas Wagen zu seinem. Das war kaum nötig — sie begegneten niemandem. Die Fahrgäste, die nicht im Aussichtswagen waren und Fotos von den ewigen Bergen machten, saßen im Salonwagen oder schlummerten.

In Gregs unordentlicher Koje machten sie dort weiter, wo sie aufgehört hatten. Es war nicht genug Platz für zwei, um sich richtig hinzulegen, aber sie schafften es, sich übereinanderzuwälzen. Anfangs ersticktes Gelächter ohne Ende, dann die tiefen Schocks der Lust, ohne Raum, woanders hinzuschauen als in die geweiteten Augen des anderen. Einander beißend, um sich wilde Laute zu verkneifen.

»Stark«, sagte Greg. »Echt stark.«

»Ich muss zurück.«

»Schon?«

»Katy kann aufwachen, und ich bin nicht da.«

»Gut. Gut. Ich muss mich sowieso für Saskatoon fertigmachen. Was, wenn wir mittendrin ankommen? Hallo, Mama. Hallo, Papa. Entschuldigt mich kurz, ich muss eben noch Ja—haa!«

Sie zog sich ordentlich an und verließ ihn. Dabei war es ihr ziemlich egal, wer ihr begegnete. Sie fühlte sich schwach, war geschockt, aber in Hochstimmung, wie ein Gladiator — sie malte sich das sogar aus und lächelte darüber — nach einer Runde in der Arena.

Jedenfalls begegnete sie niemandem.

Der unterste Verschluss des Vorhangs war offen. Sie war sich sicher, ihn zugemacht zu haben. Obwohl Katy, auch wenn er offen war, kaum hinausgelangen konnte und es bestimmt nicht versuchen würde. Zuvor, als Greta sie eine Minute allein lassen wollte, um auf die Toilette zu gehen, hatte sie ausführlich erklärt, dass Katy auf keinen Fall versuchen durfte, ihr zu folgen, und Katy hatte gesagt: »Mach ich nicht«, mit dem Vorwurf, dass sie wie ein Baby behandelt wurde.

Greta packte die Vorhänge, um sie ganz aufzuziehen, und als sie das getan hatte, sah sie, dass Katy nicht da war.

Sie drehte durch. Sie riss das Kissen hoch, als könnte ein Kind von Katys Größe sich damit zudecken. Sie klopfte mit den Händen die Decke ab, als könnte Katy sich darunter verbergen. Sie beherrschte sich und versuchte sich daran zu erinnern, wo der Zug gehalten hatte und ob er überhaupt gehalten hatte, während sie mit Greg zusammen war. Falls er gehalten hatte, hätte da ein Kidnapper in den Zug einsteigen und sich irgendwie mit Katy davonmachen können?

Sie stand auf dem Gang und überlegte, was sie tun musste, um den Zug anzuhalten.

Dann dachte sie, zwang sich zu denken, dass nichts dergleichen geschehen sein konnte. Sei nicht albern. Katy musste aufgewacht sein, gemerkt haben, dass sie nicht da war, und sie suchen gegangen sein. Ganz allein hatte sie sich auf die Suche gemacht.

Ganz in der Nähe. Sie musste ganz in der Nahe sein. Die Türen an beiden Enden des Wagens gingen viel zu schwer, als dass Katy sie öffnen konnte.

Greta vermochte sich kaum zu bewegen. Ihr ganzer Körper, ihr Kopf völlig leer. Das konnte nicht geschehen sein. Zurückkehren, zurück zu dem Augenblick, bevor sie mit Greg wegging. Da anhalten. Halt.

Auf der anderen Seite des Ganges war ein zur Zeit unbesetzter Platz. Der Pullover einer Frau und eine Zeitschrift lagen da, um ihn zu reservieren. Weiter vorn ein Platz, dessen Verschlüsse alle zu waren — so wie bis eben bei ihrem, ihrem und Katys. Sie zog die Vorhänge mit einem Ruck auseinander. Der alte Mann, der dort schlief, drehte sich auf den Rücken, wachte aber nicht auf. Völlig unmöglich, dass er jemanden versteckte.

Was für ein Unsinn.

Dann eine neue Angst. Angenommen, Katy hatte sich auf den Weg zum einen oder anderen Ende des Wagens gemacht und es tatsächlich geschafft, eine Tür aufzukriegen. Oder war jemandem gefolgt, der sie vor ihr aufgemacht hatte. Zwischen den Wagen war ein kurzer Gang, wo man über die Stelle ging, an der die beiden Waggons miteinander verbunden waren. Dort spürte man plötzlich und erschreckend die Bewegung des Zuges. Eine schwere Tür hinter sich und eine weitere davor, und dazwischen klirrende Metallplatten. Die bedeckten die Stufen, die heruntergelassen wurden, wenn der Zug hielt.

Man beeilte sich immer, diese Durchgänge hinter sich zu lassen, wo das Krachen und Schwanken daran erinnerte, dass alles vielleicht doch nicht so fest zusammengefügt war. Fast zu locker und viel zu schnell für dieses Krachen und Schwanken.

Die Tür am Ende ließ sich sogar für Greta nur schwer öffnen. Oder die Angst hatte sie ausgelaugt. Sie stemmte sich mit der Schulter dagegen.

Und dort, zwischen den Waggons, auf einer dieser unablässig lärmenden Metallplatten — da saß Katy. Augen weit offen, Mund leicht offen, verwirrt und allein. Sie weinte überhaupt nicht, aber als sie ihre Mutter sah, fing sie an.

Greta packte sie, hob sie auf ihre Hüfte und taumelte wieder zu der Tür, die sie gerade geöffnet hatte.

Jeder der Wagen hatte einen Namen, zum Gedenken an Schlachten oder Entdeckungen oder berühmte Kanadier. Ihr Wagen trug den Namen Connaught. Das würde sie nie vergessen.

Katy hatte sich überhaupt nicht weh getan. Ihre Kleidung hatte sich auch nicht an den scharfen Kanten der hin und her gleitenden Metallplatten verfangen.

»Ich bin dich suchen gegangen‘« sagte sie.

Wann? Eben erst? Oder gleich nachdem Greta sie verlassen hatte?

Bestimmt nicht. Jemand hätte sie dort entdeckt, sie hochgehoben, Alarm geschlagen.

Der Tag war sonnig, aber nicht sehr warm. Ihr Gesicht und ihre Hände waren eiskalt.

»Ich dachte, du bist auf der Treppe«, sagte sie.

Greta deckte sie in ihrer Koje mit der Decke zu, und in diesem Augenblick fing sie selbst an zu zittern, als hätte sie Fieber. Ihr war übel, und sie schmeckte auch wirklich Erbrochenes in der Kehle. Katy sagte: »Schubs mich nicht« und rückte von ihr ab.

»Du riechst schlecht«, sagte sie.

Greta zog ihre Arme zurück und legte sich auf den Rücken.

Ganz entsetzlich, zu denken, was hätte passieren können, entsetzlich. Das Kind war immer noch starr vor Protest, hielt sich von ihr fern.

Irgendjemand hätte Katy bestimmt gefunden. Ein anständiger Mensch, kein böser Mensch, hätte sie dort entdeckt und in Sicherheit gebracht. Greta hätte die bestürzende Durchsage gehört, dass ein Kind allein im Zug gefunden worden sei. Ein Kind, das angab, sein Name sei Katy. Sie wäre losgestürzt von da, wo sie gerade war, hätte ihr Äußeres, so gut sie konnte, in Ordnung gebracht und wäre losgestürzt, um ihr Kind abzuholen, hätte gelogen und gesagt, dass sie nur auf die Toilette gegangen sei. Sie hätte sich furchtbar erschrocken, aber ihr wäre das Bild erspart geblieben, das sie jetzt im Kopf hatte, von Katy, die an diesem lauten Ort saß, hilflos zwischen den Waggons. Nicht weinte, nicht jammerte, als müsste sie für immer dort sitzen, ohne je eine Erklärung zu bekommen, ohne jede Hoffnung. Ihre Augen waren seltsam ausdruckslos, und ihr Mund hing einfach offen in dem Augenblick, bevor sie ihre Rettung begriff und anfangen konnte zu weinen. Erst da eroberte sie sich ihre Welt zurück, ihr Recht, zu leiden und sich zu beklagen.

Jetzt sagte sie, sie sei nicht müde, wolle aufstehen. Sie fragte, wo Greg sei. Greta sagte, er mache ein Nickerchen, er sei müde.

Katy und Greta gingen zum Aussichtswagen, um dort den Rest des Nachmittags zu verbringen. Sie hatten ihn fast ganz für sich. Die Leute mit den Fotoapparaten mussten sich an den Rocky Mountains abgearbeitet haben. Und die Prärie, wie Greg angemerkt hatte, war ihnen zu platt.

Der Zug hielt kurz in Saskatoon, und mehrere Leute stiegen aus. Darunter Greg. Greta sah, wie er von einem Paar in Empfang genommen wurde, offenbar seinen Eltern. Auch von einer Frau in einem Rollstuhl, wahrscheinlich eine Großmutter, und dann von mehreren jungen. Leuten, die warteten, fröhlich und verlegen. Niemand von ihnen wirkte wie ein Sektenmitglied oder wie jemand, der sittenstreng und unleidlich war.

Aber wie konnte man das jemandem mit Sicherheit ansehen?

Greg ging einen Schritt von ihnen weg und suchte die Fenster des Zuges ab. Greta winkte vom Aussichtswagen, er erblickte sie und winkte zurück.

»Da ist Greg«, sagte sie zu Katy. »Sieh mal, da unten. Er winkt. Willst du zurückwinken?«

Aber Katy fiel es zu schwer, nach ihm zu schauen. Zumindest versuchte sie es nicht. Sie wandte sich mit artiger und leicht gekränkter Miene ab, und Greg wandte sich nach drolligem letzten Winken auch ab. Greta überlegte, ob das Kind ihn bestrafte, weil es verlassen worden war, und sich weigerte, ihn zu vermissen oder auch nur von ihm Notiz zu nehmen.

Also gut, wenn es so sein soll, dann soll es so sein.

»Greg hat dir zugewinkt«, sagte Greta, als der Zug abfuhr.

»Ich weiß.«

___________

Während Katy an dem Abend neben ihr schlief, schrieb Greta einen Brief an Peter. Einen langen Brief, der komisch sein sollte, über all die unterschiedlichen Menschen im Zug. Wie sie es vorzogen, in ihre Kamera zu gucken, statt mit eigenen Augen hinzuschauen und so weiter. Katys im Allgemeinen verträgliches Verhalten. Nichts von ihrem Verschwinden natürlich oder dem Schreck. Sie gab den Brief auf, als die Prärie schon weit hinter ihr lag, die dunklen Fichten sich endlos erstreckten und der Zug aus irgendeinem Grund in dem verlorenen kleinen Städtchen Hornepayne hielt.

All ihre wachen Stunden wurden auf diesen Hunderten von Meilen Katy gewidmet. Sie wusste, dass solche Hingabe ihrerseits sich noch nie zuvor gezeigt hatte. Es stimmte, dass sie für das Kind gesorgt hatte, es angezogen, gefüttert und mit ihm geredet hatte, im Laufe der Stunden, die sie zusammen verbrachten, wenn Peter seiner Arbeit nachging. Aber Greta hatte dann auch andere Dinge im Haus zu tun, und ihre Zuwendung war sporadisch, ihre Zärtlichkeiten oft taktisch.

Und das nicht nur wegen der Hausarbeit. Andere Gedanken hatten das Kind verdrängt. Sogar noch vor den sinnlosen, ermüdenden, idiotischen Träumereien von dem Mann in Toronto war die andere Arbeit da gewesen, die Arbeit an Gedichten, die sie, so schien es, fast ihr Leben lang im Kopf . getan hatte. Das kam ihr jetzt vor wie ein. weiterer Verrat — an Katy, an Peter, am Leben. Und jetzt, wegen des Bildes in ihrem Kopf von Katy, wie sie ganz allein mitten in dem metallischen Lärmen zwischen den Waggons saß, war das noch etwas, was sie, Katys Mutter, aufgeben musste.

Eine Sünde. Sie hatte ihre Aufmerksamkeit auf anderes gerichtet. Hatte sich willentlich mit aller Kraft auf etwas anderes konzentriert als das Kind. Eine Sünde.

___________

Sie kamen am späten Vormittag in Toronto an. Der Tag war dunkel. Ein Sommergewitter ging mit Blitz und Donner nieder. Katy hatte solch einen Tumult an der Westküste noch nie gesehen, aber Greta sagte ihr, sie brauche keine Angst zu haben, und sie hatte offenbar keine. Auch nicht vor der noch größeren, elektrisch beleuchteten Dunkelheit, die ihnen in dem Tunnel begegnete, in dem der Zug hielt.

Sie sagte: »Nacht.«

Greta sagte, nein, nein, sie mussten nur bis zum Ende des Tunnels gehen, jetzt, wo sie aus dem Zug ausgestiegen waren. Dann eine Treppe hinauf, oder vielleicht gab es eine Rolltreppe, und dann würden sie in einem großen Gebäude sein und dann draußen, wo sie sich ein Taxi nehmen würden. Ein Taxi war ein Auto, weiter nichts, und das würde sie zu ihrem Haus bringen. Ihrem neuen Haus, wo sie eine Weile lang wohnen würden. Sie würden dort eine Weile lang wohnen, und dann würden sie zurückfahren zu Daddy.

Sie gingen eine Schräge hinauf, und da war eine Rolltreppe. Katy blieb stehen, also blieb Greta auch stehen, bis die Leute an ihnen vorbei waren. Dann hob Greta Katy hoch und setzte sie sich auf die Hüfte, mit der anderen Hand packte sie den Koffer und zog ihn rumpelnd auf die gleitenden Stufen. Oben setzte sie das Kind ab, und sie konnten sich wieder bei den Händen halten, im hellen, prächtigen Licht der Union Station.

Dort begannen die Leute, die vor ihnen gegangen waren, auseinanderzustreben, um von den Wartenden in Empfang genommen zu werden, die ihre Namen riefen oder einfach auf sie zugingen und ihre Koffer nahmen.

Wie jemand jetzt ihren Koffer nahm. Ihn an sich nahm, Greta an sich nahm und sie zum ersten Mal küsste, auf entschlossene und feierliche Weise.

Harris.

Anfangs ein Schock, wirres Durcheinander in Gretas Innerem, dann ungemeine Beruhigung.

Sie versuchte, Katy festzuhalten, aber die riss sich in diesem Augenblick los.

Sie versuchte nicht, fortzulaufen. Sie stand einfach da und wartete darauf, was nun kam.

Teil II

Amundsen

Ich saß auf der Bank beim Bahnhof und wartete. Das Bahnhofsgebäude war offen gewesen, als der Zug ankam, aber jetzt war es abgeschlossen. Am Ende der Bank saß noch eine Frau, zwischen den Knien hielt sie ein Einkaufsnetz voller Päckchen, die in Ölpapier gewickelt waren. Fleisch — rohes Fleisch. Man konnte es riechen.

Auf dem hinteren Gleis stand die leere Elektrobahn und wartete.

Keine weiteren Fahrgäste erschienen, und nach einer Weile streckte der Stationsvorsteher den Kopf heraus und rief: »San.« Anfangs dachte ich, er riefe einen Männernamen, Sam. Und tatsächlich kam ein Mann in einer Art Uniform um die Ecke des Gebäudes. Er überquerte die Gleise und stieg in den Zug. Die Frau mit den Päckchen stand auf und folgte ihm, also tat ich es auch. Von der anderen Straßenseite erscholl plötzlich lautes Stimmengewirr, die Tür eines Gebäudes mit einem Flachdach und dunklen Schindeln an den Wänden tat sich auf und entließ mehrere Männer, die sich Mützen auf den Kopf stülpten und an deren Gürteln klappernde kleine Eimer mit ihrem Mittagessen baumelten. Der Lärm, den sie veranstalteten, erweckte den Eindruck, der Zug könne ihnen jeden Augenblick vor der Nase wegfahren. Aber dann ließen sie sich auf den Sitzen nieder, und nichts passierte. Der Zug stand, während sie einander abzählten, feststellten, dass einer fehlte, und dann dem Zugfuhrer sagten, er könne noch nicht losfahren. Dann fiel jemandem ein, dass der fehlende Mann seinen freien Tag hatte. Der Zug setzte sich in Bewegung, obwohl sich nicht sagen ließ, ob der Zugführer hingehört hatte oder ob es ihm egal war.

Alle Männer stiegen bei einem Sägewerk im Wald aus — zu dem sie zu Fuß höchstens zehn Minuten gebraucht hätten —, und gleich danach kam der schneebedeckte See in Sicht. Davor ein langgestrecktes weißes Holzhaus. Die Frau rückte ihre Fleischpäckchen zurecht und stand auf, ich folgte ihr. Der Zugführer rief wieder »San«, und die Türen gingen auf. Zwei Frauen warteten, um einzusteigen. Sie grüßten die Frau mit dem Fleisch, und die sagte, ein rauher Tag.

Alle vermieden es, mich anzuschauen, als ich hinter der Fleischfrau ausstieg.

An diesem Ende gab es offenbar niemanden, auf den gewartet werden musste. Die Türen knallten zu, und der Zug fuhr zurück.

Dann trat Stille ein, die Luft wie Eis. Zerbrechlich aussehende Birken mit schwarzen Flecken auf der weißen Rinde und irgendeine Sorte niedriger, wuscheliger Nadelhölzer, zusammengerollt wie schlafende Bären. Der zugefrorene See nicht eben, sondern aufgeworfen entlang des Ufers, als hätten sich die Wellen im Augenblick des Niedersinkens in Eis verwandelt. Dann das Gebäude mit seinen ostentativen Fensterreihen und den verglasten Veranden an beiden Enden. Alles karg und nördlich, schwarzweiß unter dem hohen Gewölbe der Wolken.

Aber die Birken doch nicht weiß, wenn man näher kam. Graugelb, graublau, grau.

Ungeheure, verzauberte Stille.

»Wo wolln Sie denn hin?«, rief die Fleischfrau mir zu. »Besuchszeit ist nur bis drei.«

»Ich bin keine Besucherin«, sagte ich. »Ich bin die Lehrerin.«

»Dann dürfen Sie sowieso nicht zur Vordertür rein«, sagte sie mit einiger Befriedigung. »Kommen Sie lieber hier lang mit. Haben Sie keinen Koffer?«

»Der Stationsvorsteher hat gesagt, er bringt ihn später vorbei.«

»So, wie Sie gerade dastanden, haben Sie ausgesehen, als hätten Sie sich verirrt.«

Ich sagte, ich sei stehen geblieben, weil es hier so schön sei.

»Finden vielleicht manche. Falls sie nicht zu krank sind oder zu viel zu tun haben.«

Weiter fiel kein Wort, bis wir die Küche am einen Ende des Gebäudes betraten. Deren Wärme ich bereits brauchte. Ich erhielt keine Gelegenheit, mich umzuschauen, denn ich wurde auf meine Stiefel aufmerksam gemacht.

»Die ziehn Sie mal besser aus, bevor Sie damit den Fußboden einsauen.«

Ich zerrte mir die Stiefel von den Füßen — es gab keinen Stuhl zum Hinsetzen — und stellte sie auf die Matte zu denen der Frau.

»Lassen Sie die nicht da, nehmen Sie sie mit, ich weiß nicht, wo Sie untergebracht sind. Behalten Sie auch lieber den Mantel an, in der Kleiderablage gibt’s keine Heizung.«

Keine Heizung, kein Licht, bis auf das wenige aus einem kleinen Fenster, zu dem ich nicht hinaufreichte. Es war wie Strafe kriegen in der Schule. Ab in die Kleiderablage. Ja. Derselbe Geruch nach nie richtig getrockneten Wintersachen, nach Stiefeln, durchweicht bis zu schmutzigen Socken und ungewaschenen Füßen.

Ich stieg auf eine Bank, konnte aber trotzdem nicht hinausschauen. Auf dem Bord mit den Mützen und Schals fand ich eine Tüte mit Feigen und Datteln. Jemand musste sie gestohlen und dort versteckt haben, um sie mit nach Hause zu nehmen. Ganz plötzlich hatte ich Hunger. Seit morgens nichts gegessen bis auf ein trockenes Käsesandwich im Ontario Northland. Ich überlegte, was es hieß, einen Dieb zu bestehlen. Aber die Feigenreste würden in meinen Zähnen hängenbleiben und mich verraten.

Ich stieg gerade noch rechtzeitig herunter. Jemand kam in die Kleiderablage. Keine von den Küchenhilfen, sondern ein Schulmädchen in einem unformigen Wintermantel mit einem Schal über den Haaren. Sie kam hereingestürzt — warf die Bücher auf die Bank, so dass sie sich auf dem Fußboden verteilten, riss den Schal herunter, so dass die Haare in einem Busch hervorsprangen, und gleichzeitig, so schien es, streifte sie die Stiefel einen nach dem anderen so heftig ab, dass sie quer durch den Raum schlidderten.

»He, ich wollte Sie nicht treffen«, sagte sie. »Es ist so dunkel hier drin nach dem Licht draußen, dass man nicht weiß, was man tut. Sind Sie nicht am Erfrieren? Warten Sie auf jemanden, der hier arbeitet?«

»Ich warte auf Dr. Fox.«

»Na, dann brauchen Sie nicht lange zu warten, ich bin gerade aus der Stadt mit ihm hergefahren. Sie sind doch nicht krank? Wenn Sie krank sind, können Sie nicht hierherkommen, Sie müssen ihn in der Stadt aufsuchen.«

»Ich bin die Lehrerin.«

»Ach ja? Sind Sie aus Toronto?«

»Ja.«

Eine kleine Pause, vielleicht aus Respekt.

Doch nein. Eine Musterung meines Mantels.

»Der ist wirklich hübsch. Was ist das für ein Pelz auf dem Kragen?«

»Persianer. Allerdings kein echter.«

»Hätt ich nie gemerkt. Ich weiß nicht, warum man Sie hier reingesteckt hat, Sie werden sich den Hintern abfrieren. Entschuldigung. Sie wollen zum Doktor. Ich kann Ihnen den Weg zeigen. Ich weiß, wo alles ist, ich wohne hier praktisch seit meiner Geburt. Meine Mutter führt die Küche. Ich heiße Mary. Wie heißen Sie?«

»ViVi. Vivien.«

»Wenn Sie Lehrerin sind, muss es dann nicht Miss heißen? Miss wie?«

»Miss Hyde.«

»Und ich bin Dr. Jekyll«, sagte sie. »Tut mir leid, war nur so’n Einfall. Wär schön, wenn Sie meine Lehrerin sein könnten, aber ich muss in der Stadt zur Schule gehen. So sind die blöden Regeln. Weil ich keine TB habe.«

Während sie redete, führte sie mich durch die Tür am anderen Ende der Kleiderablage und dann einen ganz normalen Krankenhausflur entlang. Gebohnertes Linoleum. Mattgrüne Farbe, antiseptischer Geruch.

»Wo Sie jetzt hier sind, vielleicht kriege ich Reddy dazu, dass er mich wechseln lässt.«

»Wer ist Reddy?«

»Reddy Fox. Das ist aus einem Buch. Anabel und ich, wir hatten gerade angefangen, ihn so zu nennen.«

»Wer ist Anabel?«

»Jetzt niemand mehr. Sie ist tot.«

»Oh, tut mir leid.«

»Nicht Ihre Schuld. Das kommt hier vor. Ich bin dieses Jahr in der Highschool. Anabel konnte nie richtig zur Schule gehen. Als ich eingeschult wurde, hat Reddy die Lehrerin in der Schule überredet, mich viel zu Hause zu lassen, damit ich ihr Gesellschaft leisten konnte.«

Sie blieb vor einer halboffenen Tür stehen und pfiff.

»He, ich bring die Lehrerin.«

Eine Männerstimme sagte: »Ist gut, Mary. Für heute genug von deinen Sprüchen.«

»Geht klar. Verstanden.«

Sie schlenderte davon, und ich stand einem schmalen Mann von normaler Größe gegenüber, dessen rotblonde Haare sehr kurz geschnitten waren und im Neonlicht des Flures glänzten.

»So, nun kennen Sie Mary«, sagte er. »Sie hat immer viel zu sagen. Sie wird nicht in Ihrer Klasse sein, also müssen Sie das nicht jeden Tag über sich ergehen lassen. Entweder man mag sie oder nicht.«

Er musste meinem Eindruck nach etwa zehn bis fünfzehn Jahre älter als ich sein, und anfangs redete er mit mir auch genauso, wie ein älterer Mann es tun würde. Ein vielbeschäftigter zukünftiger Arbeitgeber. Er erkundigte sich nach meiner Reise, nach den Vorkehrungen für meinen Koffer. Er wollte wissen, wie es mir gefallen würde, hier oben in den Wäldern zu leben, nach Toronto, ob ich mich langweilen würde.

Nicht im mindesten, sagte ich und fügte hinzu, dass es hier schön sei.

»Es ist — es ist wie mitten in einem russischen Roman.«

Er sah mich zum ersten Mal aufmerksam an.

»Tatsächlich? Welcher russische Roman?«

Seine Augen waren von hellem, strahlendem Graublau. Eine Augenbraue hatte sich gehoben, wie eine kleine spitze Kappe.

Nicht, dass ich keine russischen Romane gelesen hatte. Einige hatte ich ganz gelesen und andere ein Stück weit. Aber wegen dieser Augenbraue und seines amüsierten, aber herausfordernden Gesichtsausdrucks fiel mir kein Titel außer Krieg und Frieden ein. Den wollte ich nicht nennen, weil es der war, der jedem einfallen würde.

»Krieg und Frieden.«

»Tja, hier haben wir nur den Frieden, würde ich sagen. Aber wenn es der Krieg war, nach dem Sie Verlangen hatten, nehme ich an, Sie hätten sich einer dieser Frauenorganisationen angeschlossen und wären nach Übersee gegangen.«

Ich ärgerte mich und schamte mich, weil ich eigentlich gar nicht angegeben hatte. Oder nicht nur. Ich hatte sagen wollen, welche wunderbare Wirkung diese Landschaft auf mich hatte.

Er war offenbar so jemand, der Fragen stellte, die Fallen waren, in die man gehen sollte.

»Vermutlich habe ich eigentlich eine Pensionärin erwartet, die hinter ihrem Ofen hervorgekrochen ist«, sagte er ein wenig entschuldigend. »Als würde jeder im richtigen Alter und mit der richtigen Qualifikation heutzutage sofort unterkommen. Sie haben doch nicht studiert, um Lehrerin zu werden? Was wollten Sie anfangen, sobald Sie Ihren B. A. hatten?«

»Mich auf meinen M. A. vorbereiten«, sagte ich kurz.

»Und was hat Sie umgestimmt?«

»Ich dachte, ich sollte mal Geld verdienen.«

»Vernünftige Idee. Obwohl ich fürchte, Sie werden hier nicht viel verdienen. Verzeihen Sie meine Neugier. Ich wollte nur sichergehen, dass Sie nicht gleich wegrennen und uns im Stich lassen. Sie haben doch nicht vor, zu heiraten?«

»Nein.«

»Schon gut. Schon gut. Jetzt sind Sie aus dem Schneider. Ich habe Sie doch nicht entmutigt?«

Ich hatte den Kopf abgewandt.

»Nein.«

»Gehen Sie den Flur hinunter zum Büro der Oberin, und die wird Ihnen alles sagen, was Sie wissen müssen. Sie werden Ihre Mahlzeiten zusammen mit den Krankenschwestern einnehmen. Sie wird Ihnen sagen, wo Sie schlafen. Sehen Sie bloß zu, dass Sie sich keine Erkältung holen. Ich nehme an, Sie haben noch keine Erfahrungen mit Tuberkulose?«

»Na ja, ich habe Thomas Mann …«

»Ich weiß. Ich weiß. Sie haben den Zauberberg gelesen.« Wieder eine Falle, er saß wieder auf seinem Thron. »Seitdem sind wir ein Stückchen weiter, hoffe ich. Da, ich habe Ihnen ein bisschen was über die Kinder hier aufgeschrieben und ein paar Gedanken, was Sie vielleicht mit ihnen tun könnten. Manchmal drücke ich mich lieber schriftlich aus. Die Oberin wird Sie ausführlich informieren.«

___________

Ich war noch keine Woche da, bevor mir alle Ereignisse des ersten Tages einmalig und unwahrscheinlich vorkamen. Die Küche und deren Kleiderablage, wo das Küchenpersonal die Überkleidung aufbewahrte und die Diebstähle versteckte, waren Räume, die ich nicht wiedersah und wahrscheinlich auch nie wiedersehen würde. Das Sprechzimmer des Doktors war ähnliches Sperrgebiet, der richtige Ort für alle Fragen, Beschwerden und Terminpläne war das Sprechzimmer der Oberin. Sie selbst war klein und fullig mit rosigem Gesicht, randloser Brille und schwerem Atem. Was immer man von ihr erbat, schien sie in Erstaunen zu versetzen und Schwierigkeiten zu bereiten, wurde aber im Endeffekt geregelt oder zur Verfügung gestellt. Manchmal aß sie im Essraum der Krankenschwestern, wo sie eine spezielle Quark-Speise erhielt und Beklommenheit auslöste. Meistens blieb sie in ihren eigenen Räumlichkeiten.

Außer der Oberin gab es drei staatlich geprüfte Krankenschwestern, von denen jede mindestens dreißig Jahre älter war als ich. Sie waren aus dem Ruhestand zurückgekehrt, um während des Krieges ihre Pflicht zu tun. Dann gab es noch die Schwesternhelferinnen, die in meinem Alter oder sogar jünger waren, meistens verheiratet oder verlobt, oder sie arbeiteten an ihrer Verlobung, meistens mit Männern in den Streitkräften. Sie schwatzten ununterbrochen, wenn die Oberin und die Schwestern nicht da waren. Für mich interessierten sie sich überhaupt nicht. Sie wollten nicht wissen, wie es in Toronto war, obwohl einige von ihnen welche kannten, die auf ihrer Hochzeitsreise dorthin gefahren waren, und es war ihnen egal, wie ich mit meinem Unterricht vorankam oder was ich vor meiner Arbeit im San gemacht hatte. Nicht, dass sie unhöflich waren — sie reichten mir die Butter (sie wurde Butter genannt, aber es war eigentlich orangegelb gestreifte Margarine, in der Küche eingefärbt, wie es damals nicht anders zugelassen war), und sie warnten mich vor dem Hackfleischauflauf, in dem, wie sie sagten, Murmeltiere drin waren. Nur, dass alles, was an Orten geschah, die sie nicht kannten, oder mit Menschen, die sie nicht kannten, oder zu einer Zeit, die sie nicht kannten, nicht in Betracht kam. Es war ihnen im Weg und ging ihnen auf die Nerven. Sie stellten die Nachrichten im Radio ab, wann immer sie konnten, und versuchten, einen Musiksender reinzubekommen.

»Tanz mit ’ner Puppe mit ’nem Loch im Strumpf …«

Sowohl die Schwestern als auch die Helferinnen mochten den CBC nicht, während ich in dem Glauben aufgewachsen war, dass dieser Sender Kultur in die Provinz brachte. Trotzdem hatten sie Ehrfurcht vor Dr. Fox, auch, weil er so viele Bücher gelesen hatte.

Sie sagten außerdem, dass es niemanden gab, der einen so zur Minna machen konnte wie er, wenn ihm danach war.

Ich stieg nicht dahinter, ob es für ihr Gefühl einen Zusammenhang gab zwischen dem Lesen vieler Bücher und dem Zur-Minna-Machen.

Übliche pädagogische Grundsätze hier fehl am Platz. Einige von diesen Kindern werden in die Welt oder den Alltag zurückkehren, andere nicht. Besser nicht viel Stress. Also Klassenarbeiten, Auswendiglernen, Noten geben, alles Unsinn. Lassen Sie die ganze Zensurengeschichte sein. Die, für die das eine Rolle spielt, können es später nachholen oder auch so weiterkommen. Eigentlich nur einfache Fähigkeiten, Grundwissen usw. für das Hinausgehen in die Welt. Was ist mit sogenannten Hochbegabten? Scheußlicher Ausdruck. Wenn sie auf fragwürdige akademische Weise gescheit sind, können sie es leicht nachholen.

Vergessen Sie die Flüsse Südamerikas, ebenso die Magna Charta.

Malen, Musik, Geschichten, vor allem.

Spiele gehen, aber vermeiden Sie zu große Aufregung oder zu viel Wetteifer.

Herausforderung: der Mittelweg zwischen Stress und Langeweile. Langeweile Fluch des Sanatoriums.

Wenn die Oberin nicht besorgen kann, was Sie brauchen, hat der Hausmeister es manchmal irgendwo gebunkert.

Bon Voyage.

Die Zahl der Kinder, die erschienen, änderte sich ständig. Fünfzehn bis hinunter zu einem halben Dutzend. Nur vormittags, von neun Uhr bis zur Mittagszeit, Ruhepausen eingeschlossen. Kinder blieben fern, wenn ihre Temperatur gestiegen war oder wenn sie zu Untersuchungen mussten. Wenn sie da waren, waren sie still und folgsam, aber nicht sonderlich interessiert. Sie hatten von Anfang an mitbekommen, dass dies eine Schule war, die nur so tat als ob, die sie frei ließ von allen Anforderungen, etwas zu lernen, wie auch frei von Stundenplänen und Hausaufgaben. Diese Freiheit machte sie nicht übermütig, langweilte sie nicht so, dass sie aufsässig wurden, nur fügsam und verträumt. Sie sangen leise Kanons. Sie spielten Schiffe versenken. Ein Schatten von Hoffnungslosigkeit lag auf dem improvisierten Klassenzimmer.

Ich beschloss, den Doktor beim Wort zu nehmen. Oder bei einigen seiner Worte wie denen über Langeweile als dem Feind.

In der Abstellkammer des Hausmeisters hatte ich einen Globus gesehen. Ich ließ ihn hervorholen. Ich fing mit einfacher Geographie an. Die Ozeane, die Kontinente, die Klimazonen. Warum nicht die Winde und die Meeresströmungen? Die Länder und die Städte? Der nördliche und der südliche Wendekreis? Warum nicht doch die Flüsse Südamerikas?

Einige Kinder hatten solche Dinge schon einmal gelernt, aber fast völlig vergessen. Die Welt hinter dem See und dem Wald war versunken. Ich fand, es munterte sie auf, als freundeten sie sich wieder mit etwas an, was sie einmal gewusst hatten. Natürlich überschüttete ich sie nicht mit allem auf einmal. Und ich musste es langsam angehen lassen bei denen, die solche Dinge nie in ihrem Leben gelernt hatten, weil sie zu früh erkrankt waren.

Aber das ging gut. Es konnte ein Spiel sein. Ich teilte sie in Mannschaften auf, richtete den Zeigestock hierhin und dorthin, damit sie mir Antworten zuriefen. Ich achtete darauf, dass die Aufregung nicht zu lange anhielt. Aber eines Tages kam der Doktor hereinspaziert, direkt aus der Vormittagssprechstunde, und erwischte mich kalt. Ich konnte nicht alles sofort abbrechen, aber ich versuchte, den Wetteifer einzudämmen. Er setzte sich hin, sah etwas müde und in sich gekehrt aus. Er erhob keine Einwände. Bald begann er, bei dem Spiel mitzumachen, rief völlig lächerliche Antworten, Namen, die nicht nur falsch waren, sondern die es gar nicht gab. Dann ließ er langsam seine Stimme ersterben. Leiser, immer leiser, anfangs zu einem Murmeln, dann zu einem Flüstern, dann, bis nichts mehr zu hören war. Gar nichts. So, auf diese absurde Weise, brachte er den Raum unter seine Kontrolle. Die ganze Klasse formte die Worte nur noch unhörbar mit den Lippen, um es ihm gleichzutun. Aller Augen hingen an seinem Mund.

Plötzlich ließ er ein leises Knurren vernehmen, das alle zum Lachen brachte.

»Warum zum Teufel schaut ihr mich alle an? Hat euch das eure Lehrerin beigebracht? Leute anzustarren, die niemandem etwas tun?«

Die meisten lachten, und einige konnten auch danach nicht den Blick von ihm lassen. Sie waren gierig auf weitere Mätzchen.

»Los, haut ab und seid woanders ungezogen.«

Er entschuldigte sich bei mir, dass er den Unterricht unterbrochen hatte. Ich fing an, ihm meine Gründe dafür zu nennen, die Stunden mehr wie richtigen Schulunterricht zu gestalten.

»Obwohl ich mit Ihnen in Hinsicht auf Stress einer Meinung bin …«, sagte ich ernsthaft. »Ich stimme ganz überein mit dem, was Sie in Ihren Anweisungen geschrieben haben. Aber ich dachte …«

»Welche Anweisungen? Ach, das waren nur so Gedanken-Splitter, die mir durch den Kopf gegangen sind. Es war überhaupt nicht meine Absicht, dass die in Stein gemeißelt werden.«

»Ich meine, solange sie nicht zu krank sind …«

»Bestimmt haben Sie recht, wahrscheinlich spielt es keine Rolle.«

»Sie wirkten auf mich sonst so teilnahmslos.«

»Sie brauchen keinen Elefanten daraus zu machen«, sagte er und schritt davon.

Drehte sich dann um zu einer angedeuteten Entschuldigung.

»Wir können bei anderer Gelegenheit darüber reden.« Diese Gelegenheit, dachte ich, würde nie kommen. Er hielt mich offensichtlich für eine Plage und eine dumme Kuh.

Ich erfuhr beim Mittagessen von den Hilfsschwestern, dass jemand am Vormittag eine Operation nicht überlebt hatte. Also erwies sich mein Ärger als nicht gerechtfertigt, ein Grund mehr, mich wie eine dumme Kuh zu fühlen.

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Nachmittags hatten wir frei. Meine Schüler legten sich zu einem langen Mittagsschlaf hin, und ich hatte manchmal Lust, das auch zu tun. Mein Zimmer war kalt — überall in dem Gebäude kam es mir kalt vor, weitaus kälter als in der Wohnung in der Avenue Road, obwohl meine Großeltern die Heizkörper aus patriotischen Gründen herunterregelten. Und die Bettdecken waren dünn — bestimmt brauchten Menschen mit Tuberkulose etwas Molligeres.

Natürlich hatte ich keine Tuberkulose. Vielleicht knauserten sie bei der Versorgung von Leuten wie mir.

Ich fühlte mich schläfrig, konnte aber nicht schlafen. Über mir rumpelten die Krankenbetten, die zur eisigen Nachmittagsliegekur auf die offenen Veranden hinausgerollt wurden.

Das Gebäude, die Bäume, der See waren für mich nie mehr so wie an jenem ersten Tag, als sie mich mit ihrer geheimnisvollen Macht in Bann schlugen. An jenem Tag hatte ich mich für unsichtbar gehalten. Jetzt schien das alles nie gewesen zu sein.

Da ist die Lehrerin. Was hat sie vor?

Schaut auf den See.

Wozu?

Hat nichts Besseres zu tun.

Manche Menschen haben eben Glück.

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Dann und wann ließ ich das Mittagessen aus, obwohl es Teil meines Gehalts war. Ich machte mich auf den Weg nach Amundsen, wo ich in einem Cafe etwas aß. Der Kaffee war aus geröstetem Getreide, und bei den Sandwiches war die beste Wahl Dosenlachs, wenn sie welchen hatten. Der Geflügelsalat musste sorgfaltig auf Haut- und Knorpelstückchen untersucht werden. Trotzdem fühlte ich mich dort wohler, als wüsste niemand, wer ich war.

In dieser Hinsicht befand ich mich wahrscheinlich im Irrtum.

Das Cafe besaß keine Toilette, also musste man in das Hotel nebenan gehen und dort vorbei an der offenen Tür der Bar, die immer dunkel und laut war und den Geruch nach Bier und Whisky verströmte sowie eine Wolke aus Zigaretten- und Zigarrenrauch, die einem den Atem nehmen konnte. Trotzdem fühlte ich mich dort einigermaßen wohl. Die Holzfäller vom Sägewerk pflaumten einen nie so an wie die Soldaten und Piloten in Toronto. Sie steckten tief in einer Männerwelt, grölten sich ihre eigenen Geschichten zu und waren nicht da, um nach Frauen Ausschau zu halten. Wahrscheinlich eher darauf aus, von denen wegzukommen, ein für alle Mal.

Der Doktor hatte eine Praxis auf der Hauptstraße. Nur ein kleines eingeschossiges Haus, also musste er woanders wohnen. Ich hatte von den Hilfsschwestern aufgeschnappt, dass es keine Ehefrau gab. In der einzigen Seitenstraße fand ich das Haus, das ihm gehören konnte — ein verputztes Haus mit einem Gaubenfenster über der Haustür, auf dessen Brett sich Bücher reihten. Das Ganze machte einen kargen, aber ordentlichen Eindruck, deutete auf minimale, aber penible Behaglichkeit, wie sie ein alleinstehender Mann — einer mit geregelter Lebensweise — zustande bringen mochte.

Die Schule am Ende dieser einzigen reinen Wohnstraße hatte zwei Geschosse. Unten wurden die Schüler bis zur achten Klasse unterrichtet, im Obergeschoss die bis zur zwölften. Eines Nachmittags entdeckte ich dort Mary, sie beteiligte sich an einer Schneeballschlacht. Anscheinend ging es Mädchen gegen Jungen. Als Mary mich sah, rief sie laut: »He, Lehrerin«, verfeuerte die Schneebälle in beiden Händen auf gut Glück und schlenderte über die Straße. »Bis morgen«, rief sie über die Schulter, mehr oder weniger eine Warnung, damit ihr niemand nachkam.

»Auf dem Weg nach Hause?«, fragte sie. »Ich auch. Bin sonst immer mit Reddy gefahren, aber der ist mir inzwischen zu spät dran. Was machen Sie, nehmen Sie die Elektrische?«

Ich sagte ja, und Mary sagte: »Ich kann Ihnen den anderen Weg zeigen, und Sie können Ihr Geld sparen. Den Waldweg.«

Sie führte mich eine schmale, aber befahrbare Straße mit Blick auf die Stadt hinauf, dann durch den Wald und am Sägewerk vorbei.

»Den Weg fährt Reddy immer«, sagte sie. »Der ist weiter oben, aber kürzer, wenn man zum San runter will.«

Wir gingen am Sägewerk vorbei, unter uns hässliche Schneisen im Wald und einige Hütten, offenbar bewohnt, mit Holzstapeln, Wäscheleinen und Rauchfahnen. Aus einer davon kam mit heftigem Knurren und Bellen ein großer, wolfsartiger Hund angerannt.

»Du halt die Schnauze«, brüllte Mary. Im Nu hatte sie einen Schneeball geformt und so geworfen, dass er das Tier zwischen die Augen traf. Es schoss herum, und sie zielte schon mit einem weiteren Schneeball auf seinen Rumpf. Eine Frau in einer Schürze kam heraus und schrie: »Du hättst ihn umbringen können.«

»Dann wär das Mistvieh endlich weg.«

»Ich hol meinen Alten, der kriegt dich.«

»Das wird mein Glückstag. Dein Alter trifft nicht mal das Scheißhaus.«

Der Hund folgte in einiger Entfernung mit unaufrichtigen Drohungen.

»Keine Angst, ich werde mit jedem Hund fertig«, sagte Mary. »Ich würde sogar mit einem Bär fertig werden, falls mir einer über den Weg läuft.«

»Halten Bären zu dieser Jahreszeit nicht Winterschlaf?«

Ich hatte ziemliche Angst vor dem Hund gehabt, aber Sorglosigkeit vorgetäuscht.

»Klar, aber man kann nie wissen. Einer ist mal früh aufgewacht und hat sich über den Müll beim San hergemacht. Meine Mama hat sich umgedreht, und da war er. Reddy hat sein Gewehr geholt und ihn erschossen.

Reddy hat mich und Anabel immer auf dem Schlitten mitgenommen, manchmal auch andere Kinder, und er hatte einen besonderen Pfeifton, der Bären abschreckt. Der war zu hoch für die Ohren von Menschen.«

»Ist wahr? Hast du die Pfeife mal gesehen?«

»Was für ’ne Pfeife? Ich meine, er machte das mit dem Mund.«

Ich dachte an die Vorstellung im Klassenzimmer.

»Ich weiß nicht, vielleicht hat er das nur gesagt, damit Anabel es nicht mit der Angst kriegte. Sie konnte nicht laufen, er musste sie auf dem Schlitten ziehen. Ich ging direkt hinter ihr, und manchmal bin ich auf den Schlitten aufgesprungen, und er hat gesagt, was ist denn mit dem Ding los, das wiegt ja eine Tonne. Dann hat er versucht, sich rasch umzudrehen und mich zu erwischen, aber das ist ihm nie gelungen. Und er hat Anabel gefragt, was macht das Ding so schwer, was hast du denn zum Frühstück gegessen, aber sie hat mich nie verpetzt. Wenn andere Kinder mit waren, hab ich’s nicht gemacht. Am besten war’s nur mit mir und Anabel, sie war die beste Freundin, die ich je haben werde.«

»Was ist mit den Mädchen in der Schule? Sind das nicht deine Freundinnen?«

»Mit denen bin ich nur zusammen, wenn sonst keiner da ist. Die sind gar nichts.

Anabel und ich hatten im selben Monat Geburtstag. Im Juni. An unserm elften Geburtstag ist Reddy mit uns in einem Boot auf den See rausgefahren. Er hat uns Schwimmen beigebracht. Na ja, mir. Anabel musste er immer halten, sie konnte es nicht richtig lernen. Einmal ist er allein rausgeschwommen, und wir haben seine Schuhe mit Sand gefüllt. Und dann an unserem zwölften Geburtstag konnten wir so was nicht mehr machen, aber wir waren in seinem Haus und kriegten einen Kuchen. Sie konnte nicht mal ein kleines Stück davon essen, also hat er uns in seinem Auto mitgenommen, und wir haben Stücke aus dem Auto geworfen und die Möwen gefüttert. Die haben gekreischt und gekämpft wie wild. Wir haben uns schlapp gelacht, und er musste anhalten und Anabel stützen, damit sie keinen Blutsturz kriegte.

Und danach«, sagte sie, »danach durfte ich sie nicht mehr sehen. Meine Mama wollte sowieso nie, dass ich mit Kindern zusammen bin, die TB haben. Aber Reddy hat sie überredet, er hat gesagt, er wird’s verbieten, wenn er muss.

Das hat er dann getan, und ich war wütend. Aber es hätte sowieso keinen Spaß mehr gemacht, sie war zu krank. Ich würde Ihnen ihr Grab zeigen, aber da ist noch kein Kreuz oder so. Reddy und ich werden eins machen, sobald er Zeit hat. Wenn wir weiter geradeaus auf der Straße gegangen wären, statt den Weg bergab zu nehmen, wären wir zu ihrem Friedhof gekommen. Der ist nur für welche, die niemanden haben, der sie nach Hause holt.«

Inzwischen waren wir auf ebenem Gelände angelangt und näherten uns dem San.

Sie sagte: »Ach, hätt ich fast vergessen« und holte eine Handvoll Eintrittskarten hervor.

»Für den Valentinstag. Wir führen in der Schule so ein Stück auf, es heißt Die Seemannsbraut. Die hier soll ich alle verkaufen, und Sie können mir die erste abnehmen. Ich spiel darin mit.«

Ich hatte recht mit dem Haus in Amundsen, der Doktor wohnte wirklich dort. Er nahm mich zum Abendessen dahin mit. Die Einladung schien ganz spontan zu erfolgen, als er mir auf dem Flur begegnete. Vielleicht fiel ihm ein, dass er gesagt hatte, wir sollten uns mal zusammensetzen und über pädagogische Konzepte reden.

Der Abend, den er vorschlug, war derjenige, für den ich eine Karte für die Seemannsbraut gekauft hatte. Ich erzählte ihm das, und er sagte: »Ich übrigens auch. Was nicht heißt, dass wir hingehen müssen.«

»Ich habe das Gefühl, ich hätte es ihr versprochen.«

»Nun, Sie können ja Ihr Versprechen zurücknehmen. Die Vorstellung wird schrecklich, glauben Sie mir.«

Ich tat wie geheißen, obwohl ich nicht nach Mary Ausschau hielt, um es ihr zu sagen. Ich wartete da, wo er es mir angegeben hatte, auf der Terrasse vor dem Haupteingang. Ich trug mein bestes Kleid aus dunkelgrünem Krepp mit den kleinen Perlknöpfen und dem Kragen aus echter Spitze und hatte meine Füße in hochhackige Wildlederschuhe gezwängt, bevor ich die Schneestiefel überzog. Ich wartete über die angegebene Zeit hinaus — besorgt, erstens, dass die Oberin aus ihrem Büro kommen und mich entdecken könnte, und zweitens, dass er es völlig vergessen hatte.

Doch dann erschien er, knöpfte im Gehen seinen Mantel zu und entschuldigte sich.

»Immer ist noch Kleinkram zu erledigen«, sagte er und führte mich unter den hellen Sternen um das Gebäude herum zu seinem Auto. »Sind Sie sicher auf den Beinen?«, fragte er, und als ich ja sagte — obwohl ich wegen der Wildlederschuhe im Zweifel war —, bot er mir nicht den Arm an.

Das Auto war alt und klapprig wie die meisten Autos zu jener Zeit. Es hatte keine Heizung. Als er sagte, dass wir zu seinem Haus fuhren, war ich erleichtert. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie wir im überfüllten Hotel zurechtkommen sollten, und ich hatte gehofft, nicht mit den Sandwiches im Cafe vorliebnehmen zu müssen.

Im Haus empfahl er mir, nicht den Mantel auszuziehen, bis es ein bisschen wärmer war. Er begann sofort damit, Feuer im Holzofen zu machen.

»Ich bin Ihr Hausmeister, Ihr Koch und Ihr Kellner«, sagte er. »Bald ist es hier gemütlich, und für das Essen brauche ich nicht lange. Bieten Sie keine Hilfe an, ich ziehe es vor, allein zu arbeiten. Wo möchten Sie warten? Wenn Sie wollen, können Sie sich die Bücher im Wohnzimmer anschauen. Mit dem Mantel an sollte es dort nicht zu unerträglich sein. Das Haus hat überall Ofenheizung, und wenn ich ein Zimmer nicht benutze, dann heize ich es nicht. Der Lichtschalter ist gleich neben der Tür. Es macht Ihnen doch nichts aus, dass ich die Nachrichten höre? Das habe ich mir so angewöhnt.«

Ich ging ins Wohnzimmer, in dem Gefühl, dass es mir mehr oder weniger befohlen worden war, und ließ die Küchentür auf. Er kam und schloss sie mit den Worten: »Nur bis wir es in der Küche ein bisschen warm haben«, und kehrte zu der düster dramatischen, fast gottesfürchtigen Stimme vom CBC zurück, die die Nachrichten dieses letzten Kriegsjahres verkündete. Ich hatte diese Stimme nicht mehr gehört, seit ich die Wohnung meiner Großeltern verlassen hatte, und ich wäre eigentlich lieber in der Küche geblieben. Aber es gab haufenweise Bücher anzuschauen. Nicht nur auf Bücherborden, sondern auf Tischen und Stühlen und Fensterbrettern und dem Fußboden. Nachdem ich mir einige angeschaut hatte, kam ich zu dem Schluss, dass er es vorzog, Bücher im Dutzend zu kaufen und wahrscheinlich Mitglied mehrerer Buchclubs war. Die Harvard-Klassiker. Die Kulturgeschichte der Menschheit von Will und Ariel Durant — eben die, die auf den Borden meines Großvaters zu finden waren. Romane und Gedichte schienen Mangelware zu sein, obwohl es ein paar überraschende Kinderklassiker gab.

Bücher über den amerikanischen Bürgerkrieg, den Krieg in Südafrika, die Napoleonischen Kriege, den Peloponnesischen Krieg und die Feldzüge von Julius Cäsar. Expeditionen zum Amazonas und in die Arktis. Shackeleton im Grifi des Eises. Franklins Verhängnis, Die Donner-Expedition, Die verlorenen Stämme: Versunleene Städte in Zentralafrika, Newton und die Alchemie, Geheimnisse des Hindukusch. Bücher, die auf jemanden deuteten, der bestrebt war, sich Wissen anzueignen, sich große, verstreute Wissensbrocken einzuverleiben. Nicht unbedingt jemand, dessen Vorlieben fest ausgeprägt waren.

Als er mich gefragt hatte: »Welcher russische Roman?«, konnte es also gut sein, dass er gar nicht auf so festem Boden stand, wie ich gedacht hatte.

Als er »Fertig« rief und ich die Tür aufmachte, war ich mit dieser neuen Skepsis bewaffnet.

Ich sagte: »Wer hat Ihrer Meinung nach recht, Naphta oder Settembrini?«

»Wie bitte?«

»Im Zauberberg. Wer gefällt Ihnen besser, Naphta oder Settembrini?«

»Um ehrlich zu sein, ich habe sie immer für zwei Schwätzer gehalten. Und Sie?«

»Settembrini ist humaner, aber Naphta ist interessanter.«

»Hat man Ihnen das in der Schule beigebracht?«

»In der Schule kam das Buch nie dran«, sagte ich gleichmütig.

Er warf mir einen kurzen Blick zu, mit gehobener Augenbraue.

»Verzeihen Sie. Wenn da drüben irgendetwas ist, was Sie interessiert, bitte. Sie können jederzeit herkommen und in Ihrer Freizeit lesen. Ich habe ein elektrisches Heizgerät, das ich aufstellen kann, denn ich denke mal, Sie sind mit Holzöfen nicht vertraut. Wäre das was? Ich kann Ihnen einen Schlüssel organisieren.«

»Danke.«

Schweinekoteletts zum Abendessen, Kartoffelbrei, Dosenerbsen, Die Nachspeise war gedeckter Apfelkuchen aus der Bäckerei, der besser gewesen wäre, wenn er daran gedacht hätte, ihn warm zu machen.

Er fragte mich nach meinem Leben in Toronto, meinen Seminaren an der Universität, meinen Großeltern. Er sagte, er nehme an, ich sei zum Pfad der Tugend erzogen worden.

»Mein Großvater ist ein liberaler Pfarrer, so in der Richtung von Paul Tillich.«

»Und Sie? Liberale kleine christliche Enkeltochter?«

»Nein.«

»Touché. Halten Sie mich für unhöflich?«

»Kommt drauf an. Wenn Sie mich als Arbeitgeber befragen, nein.«

»Also mache ich weiter. Haben Sie einen Freund?«

»Ja.«

»Bei den Streitkräften, nehme ich an.«

»Bei der Marine«, sagte ich. Das fand ich eine gute Wahl, denn es erklärte, warum ich nie wusste, wo er war, und warum ich nicht regelmäßig Post bekam. Ich konnte vortäuschen, dass er keinen Landurlaub erhielt.

Der Doktor stand auf und holte den Tee.

»Auf was für einem Schiff ist er?«

»Einer Korvette.« Wieder eine gute Wahl. Nach einer Weile konnte ich behaupten, er sei torpediert worden, wie es Korvetten andauernd passierte.

»Tapferer Bursche. Milch oder Zucker für Ihren Tee?«

»Beides nicht, danke.«

»Das ist gut, weil ich beides nicht dahabe. Man sieht Ihnen übrigens an, wenn Sie lügen, Sie werden rot im Gesicht.«

Spätestens da, falls nicht vorher, wurde ich rot. Die heiße Röte stieg von meinen Füßen auf, und Schweiß rann aus meinen Achseln herunter. Hoffentlich ruinierte das nicht mein Kleid.

»Mir wird immer heiß, wenn ich Tee trinke.«

»Verstehe.«

Schlimmer konnte es nicht werden, also beschloss ich, ihn in die Schranken zu weisen. Ich wechselte das Thema und erkundigte mich nach seinen Operationen. Entfernte er Lungenflügel‘ wie ich es gehört hatte?

Er hätte das mit weiteren Sticheleien, weiterer Überlegenheit — womöglich seine Vorstellung von einem Flirt — beantworten können, und ich glaube, wenn er es getan hätte, hätte ich meinen Mantel angezogen und wäre in die Kälte hinausmarschiert. Und vielleicht wusste er das. Er fing an, von Thorakoplastik zu reden, und erklärte, sie sei jedoch für den Patienten nicht so leicht wie die Entleerung und Ruhigstellung eines Lungenflügels. Was interessanterweise schon Hippokrates bekannt war. Natürlich ging man in letzter Zeit auch immer mehr dazu über, den Lungenflügel zu entfernen.

»Aber verlieren Sie nicht einige?«, fragte ich.

Er musste gedacht haben, es sei wieder an der Zeit für Witze.

»Aber selbstverständlich. Rennen weg und verstecken sich im Wald, wir haben keine Ahnung, wo sie hinlaufen Ob sie in den See springen Oder meinten Sie, sterben sie nicht? Es gibt Fälle, wo es nicht klappt. Ja.«

Aber große Dinge seien im Kommen, sagte er. Die Operationen, die er vornahm, würden bald so überholt sein wie der Aderlass. Ein neues Medikament war auf dem Weg. Streptomycin. Schon in der Erprobung. Einige Probleme, natürlich würden Probleme auftreten. Toxisch für das Nervensystem. Aber man werde einen Weg finden, damit fertig zu werden.

»Wird die Knochenschuster wie mich arbeitslos machen.«

Er wusch das Geschirr, ich trocknete es ab. Er band mir ein Geschirrtuch um die Taille, um mein Kleid zu schonen. Als die Enden fest verknüpft waren, legte er die Hände auf meinen Rücken. Der feste Druck, die gespreizten Finger — es hätte beinahe eine berufliche Bestandsaufnahme meines Körpers sein können. Als ich an jenem Abend zu Bett ging, konnte ich immer noch diesen Druck spüren. Ich spürte, wie dessen Intensität vom kleinen Finger bis zum harten Daumen wanderte. Ich genoss es. Das war eigentlich wichtiger als der Kuss, den er mir später auf die Stirn drückte, direkt bevor ich aus seinem Auto stieg. Ein Kuss mit trockenen Lippen, kurz und förmlich, hastig und von Amts wegen verabreicht.

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Der Schlüssel zu seinem Haus lag eines Tages auf dem Fußboden in meinem Zimmer, unter der Tür durchgeschoben, als ich nicht da war. Aber ich konnte ihn dann doch nicht benutzen. Wenn mir irgendjemand anders dieses Angebot gemacht hätte, wäre ich bereitwillig darauf eingegangen. Besonders, da es ein Heizgerät einschloss. Aber in seinem Fall hätte sein bisheriges und künftiges Verhalten der Situation alle normale Gemütlichkeit genommen und sie durch einen Reiz ersetzt, der eher beengend und nervenaufreibend war als befreiend. Ich hätte nicht aufhören können zu frösteln, auch wenn es gar nicht kalt war, und ich bezweifelte, ob ich fähig gewesen wäre, auch nur ein Wort zu lesen.

Ich dachte daran, dass Mary wahrscheinlich auf den Plan treten würde, um mir vorzuwerfen, dass ich die Seemannsbraut versäumt hatte. Ich dachte daran, zu sagen, dass ich nicht auf dem Posten gewesen sei, eine Erkältung gehabt hätte. Aber dann fiel mir ein, dass Erkältungen hier eine ernste Angelegenheit waren, verbunden mit Atemmasken, Desinfizierung und Quarantäne. Und bald verstand ich auch, dass es ohnehin hoffnungslos war, meinen Besuch im Haus des Doktors zu verheimlichen. Er war niemandem verborgen geblieben, sicherlich nicht einmal den Krankenschwestern, die nichts sagten, entweder, weil sie zu diskret waren oder weil es sie nicht mehr interessierte. Aber die Hilfsschwestern neckten mich.

»Schönes Essen gestern Abend?«

Ihr Ton war freundlich, sie schienen es gutzuheißen. Es sah so aus, als hätte sich meine spezifische Eigenart mit der vertrauten und geachteten Eigenart des Doktors zusammengetan, und das war von Vorteil. Meine Aktien waren gestiegen. Jetzt, egal, was ich sonst noch war, kam ich zumindest in Betracht als eine Frau mit einem Mann.

Mary ließ sich die ganze Woche über nicht blicken.

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»Nächsten Samstag« waren die Worte, die fielen, unmittelbar bevor er mir den Kuss verabreichte. Also wartete ich wieder auf der vorderen Terrasse, und diesmal kam er nicht zu spät. Wir fuhren zum Haus, und ich ging ins Vorderzimmer, während er Feuer machte. Dort fiel mein Blick auf das verstaubte elektrische Heizgerät.

»Sie haben von meinem Angebot keinen Gebrauch gemacht«, sagte er. »Dachten Sie, ich hab’s nicht ernst gemeint? Ich meine immer, was ich sage.«

Ich sagte, ich hätte nicht in die Stadt kommen wollen aus Angsß Mary zu begegnen.

»Weil ich ihre Aufführung versäumt habe.«

»Das heißt, Sie wollen sich in Ihrem Leben ganz nach Mary richten«, sagte er.

Die Zusammensetzung der Mahlzeit war ziemlich unverändert. Schweinekoteletts, Kartoffelbrei, Dosenmais statt der Erbsen. Diesmal ließ er mich in der Küche helfen, bat mich sogar, den Tisch zu decken.

»Schauen Sie ruhig, wo die Sachen sind. Es ist alles recht logisch, glaube ich.«

Das bedeutete, ich konnte ihm beim Hantieren am Herd zusehen. Seine unangestrengte Konzentration, seine sparsamen Bewegungen lösten bei mir eine Prozession von Funken und Schauern aus.

Wir hatten gerade zu essen begonnen, als es an die Tür klopfte. Er stand auf, zog den Riegel zurück, und Mary platzte herein.

Sie trug einen Karton, den sie auf den Tisch stellte. Dann warf sie den Mantel ab und präsentierte sich in einem rot-grünen Kostüm.

»Späte Glückwünsche zum Valentinstag«, sagte sie. »Sie sind gar nicht gekommen, um mich in der Aufführung zu sehen, also komme ich mit der Aufführung zu Ihnen. Und ich hab Ihnen in dem Karton ein Geschenk mitgebracht.«

Ihr guter Gleichgewichtssinn erlaubte ihr, jeweils auf einem Bein zu stehen, während sie erst den einen, dann den anderen Stiefel abstreifte. Sie stieß beide aus dem Weg und fing an, um den Tisch zu tänzeln, dabei sang sie mit klagender, aber kräftiger junger Stimme.

Man nennt mich fleißiges Lieschen,

Armes fleißiges Lieschen,

Ich weiß überhaupt nicht, warum.

Ich bleibe das fleißig Lieschen,

Das arme fleißige Lieschen,

Dabei bin ich doch gar nicht so dumm…

Der Doktor war aufgestanden, noch bevor sie anfing zu singen. Er stand am Herd und kratzte die Pfanne aus, in der die Schweinekoteletts gelegen hatten.

Ich klatschte Beifall. Ich sagte: »Was für ein prächtiges Kostüm.«

Das war es wirklich. Roter Rock, hellgrüner Unterrock, flatternde weiße Schürze, besticktes Mieder.

»Meine Mama hat’s gemacht.«

»Sogar die Stickerei?«

»Klar. Am Abend davor ist sie bis vier Uhr aufgeblieben, damit es fertig wird.«

Weiteres Herumwirbeln und -stampfen, um das Kostüm vorzuführen. Das Geschirr klirrte auf den Borden. Ich klatschte noch einmal. Beide wollten wir nur eins. Wir wollten, dass der Doktor sich umdrehte und aufhörte, uns zu ignorieren. Dass er, wenn auch widerwillig, ein einziges höfliches Wort sagte.

»Und schauen Sie mal, was noch«, sagte Mary. »Zum Valentinstag.« Sie riss den Karton auf, und er war voller Valentinskekse, alle in Herzform und mit dickem roten Zuckerguss.

»Wie herrlich«, sagte ich, und Mary hüpfte wieder umher.

Ich bin der Käpt’n Hagestolz,

Die See ist meine Braut,

Mein Schiff das ist aus Eichenholz

Und Messingzeug gebaut.

Der Doktor drehte sich endlich um, und sie salutierte ihm.

»Ist gut«, sagte er. »Das reicht.«

Sie beachtete ihn nicht.

Ich hab auch fünf Kanonen,

Darinnen Kugeln wohnen,

Die schießen auf Piraten

»Ich sagte, das reicht.«

»Und andre Höllenbraten …«

»Mary. Wir essen gerade. Und du bist nicht eingeladen. Verstehst du das? Nicht eingeladen.«

Sie war endlich still. Aber nur für einen Augenblick.

»Dann Pfui über Sie. Sie sind gar nicht nett.«

»Und du könntest sehr gut auch ohne diese Kekse auskommen. Du könntest ganz und gar aufhören, Kekse zu essen. Du bist dabei, so dick zu werden wie ein kleines Schwein.«

Marys Gesicht war aufgequollen, als würde sie gleich zu weinen anfangen, aber stattdessen sagte sie: »Sie müssen reden! Ihr eines Auge steht ganz schief zum anderen.«

»Das reicht.«

»Stimmt aber.«

Der Doktor griff sich ihre Stiefel und stellte sie vor sie hin.

»Zieh die an.«

Sie tat es, mit Tränen in den Augen und mit laufender Nase. Sie zog lautstark hoch. Er brachte ihr den Mantel und half ihr nicht, als sie sich hineinstocherte und die Knöpfe suchte.

»So ist’s gut. Wie bist du denn hergekommen?«

Sie weigerte sich zu antworten.

»Du bist also gelaufen? Wo ist deine Mutter?«

»Spielt Whist.«

»Dann werde ich dich nach Hause fahren. Damit du keine Gelegenheit bekommst, dich in eine Schneewehe zu stürzen und aus Selbstmitleid zu erfrieren.«

Ich sagte kein Wort. Mary würdigte mich keines Blickes. Der Augenblick war zu angespannt für einen Abschiedsgruß.

Als ich das Auto abfahren hörte, fing ich an, den Tisch abzuräumen. Wir waren nicht zum Nachtisch gelangt, der wieder aus gedecktem Apfelkuchen bestand, vielleicht kannte er keinen anderen, oder vielleicht war das alles, was die Bäckerei zu bieten hatte.

Ich nahm mir einen der herzförmigen Kekse und aß ihn. Der Zuckerguss war schrecklich süß. Kein Obstgeschmack, nur Zucker und rote Lebensmittelfarbe. Ich aß einen nach dem anderen.

Ich wusste, dass ich zumindest hätte auf Wiedersehen sagen sollen. Ich hätte danke sagen sollen. Aber darauf wäre es nicht angekommen. Redete ich mir ein. Die Vorführung war nicht für mich bestimmt. Oder vielleicht war nur ein kleiner Teil davon für mich bestimmt.

Er war grausam gewesen. Es erschreckte mich, wie grausam er gewesen war. Zu jemandem, der so bedürftig war. Aber er hatte es in gewisser Weise für mich getan. Damit seine Zeit mit mir nicht verringert wurde. Dieser Gedanke schmeichelte mir, und ich schämte mich, dass er mir schmeichelte. Ich wusste nicht, was ich zu ihm sagen sollte, wenn er zurückkam.

Er wollte nicht, dass ich irgendetwas sagte. Er ging mit mir ins Bett. Hatte das die ganze Zeit über in der Luft gelegen, oder war es für ihn fast so eine Überraschung wie für mich? Meine Jungfräulichkeit zumindest schien keine Überraschung zu sein — er sorgte für ein Handtuch und ein Kondom —, und er machte weiter, so sanft, wie er konnte. Meine Leidenschaftlichkeit war vielleicht für uns beide eine Überraschung. Phantasie, so stellte sich heraus, konnte eine ebenso gute Vorbereitung sein wie Erfahrung.

»Ich habe vor, dich zu heiraten«, sagte er.

Bevor er mich nach Hause brachte, warf er alle Kekse, all die roten Herzen, hinaus in den Schnee, als Futter für die Wintervögel.

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Also war sie ausgemacht. Unsere plötzliche Verlobung — er scheute vor dem Wort ein wenig zurück — war eine nur zwischen uns beiden ausgemachte Tatsache. Ich durfte meinen Großeltern kein Wort davon schreiben. Die Hochzeit sollte stattfinden, sobald er ein paar Tage hintereinander freimachen konnte. Eine schlichte Hochzeit, sagte er. Er gab mir zu verstehen, dass die Vorstellung von einer Zeremonie, abgehalten in Gegenwart von anderen, deren Vorstellungen er ablehnte und die uns mit all diesem Gekicher und Geschniefe behelligen würden, über das hinausging, was er zu ertragen bereit war.

Auch Brillantringe kamen nicht in Frage. Ich sagte ihm, dass ich noch nie einen haben wollte, was stimmte, weil ich noch nie daran gedacht hatte. Er sagte, das sei gut, er habe gewusst, ich sei nicht diese blöde, konventionelle Art von Mädchen.

Es war besser, mit dem gemeinsamen Abendessen aufzuhören, nicht nur wegen des Geredes, sondern auch, weil es schwer war, auf nur eine Lebensmittelkarte genug Fleisch für zwei zu bekommen. Meine Karte stand nicht zur Verfügung, da ich sie der Küchenleitung — also Marys Mutter — ausgehändigt hatte, als ich im San anfing.

Besser kein Aufsehen erregen.

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Natürlich vermuteten alle etwas. Die älteren Schwestern wurden freundlich, und sogar die Oberin schenkte mir ein gequältes Lächeln. Natürlich brüstete ich mich auf bescheidene Weise, fast ohne es zu wollen. Ich gewöhnte mir an, in mich gekehrt zu sein, mit samtener Stille und gesenktem Blick. Mir war nicht recht klar, dass diese älteren Frauen auf der Lauer lagen, um zu sehen, welche Wendung die Beziehung nehmen würde, und dass sie bereit waren, sich zu empören, sollte der Doktor beschließen, mich fallenzulassen.

Die Schwesternhelferinnen dagegen waren rückhaltlos auf meiner Seite und neckten mich, sie sähen Hochzeitsglocken in meinen Teeblättern.

Der Monat März war grimmig und hinter den Türen der Heilstätte geschäftig. Das war immer der schlimmste Monat für schwere Rückschläge, sagten die Hilfsschwestern. Aus irgendeinem Grund setzten sich etliche in den Kopf, dann zu sterben, nachdem sie es durch die Attacken des Winters geschafft hatten. Wenn ein Kind nicht zum Unterricht erschien, wusste ich nicht, ob sich sein Zustand arg verschlechtert hatte oder ob es nur wegen des Verdachts einer Erkältung vorübergehend das Bett hüten musste. Ich hatte mir eine aufstellbare Schultafel beschafft und die Namen der Kinder rundum auf den Rand geschrieben. Jetzt brauchte ich nie die Namen der Kinder abzuwischen, deren Abwesenheit von Dauer sein würde. Andere Kinder taten das für mich, ohne es zu erwähnen. Sie hatten die Verhaltensregeln begriffen, die ich noch lernen musste.

Der Doktor fand jedoch Zeit, einige Vorkehrungen zu treffen. Er schob mir einen Zettel unter der Tür meines Zimmers durch, ich sollte mich für die erste Aprilwoche bereitmachen. Falls keine schwere Krise eintrat, konnte er dann ein paar Tage erübrigen.

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Wir fahren nach Huntsville.

Nach Huntsville fahren — unser Geheimwort für heiraten.

Für uns hat der Tag begonnen, den ich ganz bestimmt mein Leben lang in Erinnerung behalten werde. Ich habe mein grünes Kreppkleid aus der chemischen Reinigung geholt und sorgfältig aufgerollt in meine Reisetasche gepackt. Meine Großmutter hatte mir den Trick beigebracht, Kleider fest zusammenzurollen, was viel besser als zusammenlegen war, um Knitterfalten zu verhindern. Vermutlich werde ich mich irgendwo auf einer Damentoilette umziehen müssen. Ich halte Ausschau nach frühen Wildblumen am Straßenrand, die ich für einen Strauß pflücken kann. Wird er damit einverstanden sein, dass ich einen Brautstrauß habe? Aber sogar für Sumpfdotterblumen ist es zu früh. Entlang der leeren, gewundenen Straße ist nichts weiter zu sehen als dürre schwarze Fichten, Inseln aus Wacholdergestrüpp und Sumpflöcher. Und in den Straßengraben ein wirres Durcheinander der Gesteine, die mir hier inzwischen vertraut sind — blutfleckiges Eisenerz und schieferiger Granit.

Das Autoradio lauft und spielt triumphale Musik, denn die Alliierten kommen Berlin immer näher. Der Doktor — Alister — sagt, dass sie sich zurückhalten, um die Russen als Erste reinzulassen. Er sagt, dass es ihnen leidtun wird.

Jetzt, wo wir aus Amundsen so weit fort sind, merke ich, dass ich ihn Alister nennen kann. Das ist die längste Fahrt, die wir je zusammen unternommen haben, und mich erregt seine männliche Missachtung — die sich, wie ich inzwischen weiß, jäh ins Gegenteil verwandeln kann — und seine unauffällige Geschicklichkeit als Fahrer. Ich finde es aufregend, dass er Chirurg ist, obwohl ich das nie zugeben würde. Im Augenblick glaube ich, für ihn könnte ich mich in irgendein Sumpf- oder Schlammloch legen oder spüren, wie meine Wirbelsäule gegen irgendeine Felswand entlang der Straße gedrückt wird, falls er eine aufrechte Stellung bevorzugt. Ich weiß auch, dass ich diese Gefühle für mich behalten muss.

Ich wende meine Gedanken der Zukunft zu. Sobald wir in Huntsville ankommen, werden wir uns, nehme ich an, einen Geistlichen suchen und nebeneinander in einem Wohnzimmer stehen, das etwas von dem bescheidenen Wohlstand der Wohnung meiner Großeltern haben wird, von den Wohnzimmern, die ich seit meiner Kindheit kenne. Ich erinnere mich daran, wie mein Großvater auch noch, nachdem er im Ruhestand war, zu Hochzeitszwecken aufgestöbert wurde. Meine Großmutter rieb sich dann ein wenig Rouge auf die Wangen und holte ihre dunkelblaue, mit Spitzen besetzte Jacke hervor, die sie als Trauzeugin für solche Gelegenheiten bereithielt.

Aber ich entdecke die Möglichkeit von anderen Formen der Trauung und eine weitere Abneigung meines Bräutigams, die mir bisher entgangen ist. Er will nichts mit einem Geistlichen zu tun haben. Im Rathaus von Huntsville füllen wir Formulare aus, in denen wir versichern, dass wir ledig sind, und darum ersuchen, am Nachmittag von einem Friedensrichter getraut zu werden.

Zeit zum Mittagessen. Alister hält vor einem Restaurant, das ein Vetter ersten Grades von dem Cafe in Amundsen sein könnte.

»Recht so?«

Aber nach einem Blick in mein Gesicht überlegt er es sich anders.

»Nein?«, sagt er. »Na gut.«

Wir landen schließlich im frostigen Wohnzimmer eines der Bürgerhäuser, die Reklame für Mahlzeiten mit Hühnerfleisch machen. Die Teller sind eiskalt, es gibt keine anderen Gäste, es gibt keine Radiomusik, nur das Klappern unseres Bestecks, während wir versuchen, Teile von dem zähen Huhn abzulösen. Ich bin sicher, er denkt, wir wären in dem Restaurant, das er als Erstes vorschlug, besser aufgehoben gewesen.

Trotzdem habe ich den Mut, mich nach der Damentoilette zu erkundigen, und dort, in kalter Luft, noch bedrückender als die im Wohnzimmer, schüttle ich mein grünes Kleid aus und ziehe es an, male die Lippen nach und ordne meine Haare.

Als ich herauskomme, steht Alister auf, um mich lächelnd zu empfangen, drückt meine Hand und sagt mir, wie hübsch ich aussehe.

Wir gehen steif zum Auto, halten uns bei den Händen. Er öffnet mir die Autotür, geht herum und steigt ein, setzt sich zurecht und dreht den Zündschlüssel um, dann stellt er die Zündung wieder ab.

Das Auto steht vor einem Eisenwarengeschäft. Schneeschaufeln gibt es zum halben Preis. Im Schaufenster hängt immer noch ein Schild, auf dem steht, dass hier Schlittschuhe geschliffen werden.

Auf der anderen Straßenseite steht ein Holzhaus, das mit gelber Ölfarbe angestrichen ist. Die Treppe zu seiner Tür ist nicht mehr sicher und mit zwei gekreuzten Brettern vernagelt.

Der Laster, der vor Alisters Auto steht, ist ein Vorkriegsmodell mit Trittbrettern und einem Rostrand um die Stoßstangen. Ein Mann in einem Overall kommt aus dem Geschäft und steigt ein. Nach einigen Motorproblemen, dann einigem Rattern und Rumpeln auf der Stelle wird der Laster weggefahren. Jetzt versucht ein Lieferwagen mit dem Schriftzug des Geschäfts, in den frei gewordenen Platz einzuparken. Der Platz reicht nicht ganz. Der Fahrer steigt aus, kommt heran und klopft an Alisters Fenster. Alister ist überrascht — wenn er nicht so ernst geredet hätte, wäre ihm das Problem aufgefallen. Er kurbelt das Fenster herunter, und der Mann fragt, ob wir da stehen, weil wir vorhaben, etwas in dem Geschäft zu kaufen. Wenn nicht, würden wir dann bitte weiterfahren?

»Sind schon weg«, sagt Alister, der Mann, der neben mir sitzt und vorhatte, mich zu heiraten, aber mich jetzt nicht mehr heiraten wird. »Wir sind schon weg.«

Wir. Er hat »wir« gesagt. Für einen Augenblick klammere ich mich an dieses Wort. Dann denke ich, das ist das letzte Mal. Das letzte Mal, dass ich in sein »wir« eingeschlossen bin.

Dabei kommt es auf das »wir« gar nicht an, es ist nicht das »wir«, das mir die Wahrheit sagt. Es ist sein Mann-zu-Mann-Ton zu dem Fahrer, seine ruhige und vernünftige Entschuldigung. Ich könnte mir jetzt wünschen, zu dem zurückzukehren, was er vorher gesagt hat, als er den Lieferwagen, der einparken wollte, nicht einmal bemerkte. Was er in jenen Minuten sagte, war schrecklich, aber in seinem festen Griff um das Lenkrad, in diesem Griff und in seiner Konzentration und in seiner Stimme lag dabei Schmerz. Ganz egal, was er sagte und meinte, er sprach in jenen Minuten aus demselben innersten Ort heraus, aus dem er gesprochen hatte, als er mit mir im Bett war. Aber jetzt, nachdem er mit einem anderen Mann gesprochen hat, ist es nicht mehr so. Er kurbelt die Fensterscheibe hoch und widmet sich ganz dem Auto, um aus der engen Lücke zu scheren und dabei nicht den Lieferwagen zu streifen.

Und wenig später wäre ich froh, sogar zu jenem Augenblick zurückkehren zu können, als er den Hals reckte, um nach hinten zu schauen. Besser als die Hauptstraße von Huntsville hinunterzufahren, wie er es jetzt tut, als gäbe es nichts mehr zu sagen oder zu regeln.

Ich kann es nicht, hat er gesagt.

Er hat gesagt, er kann das nicht tun.

Er kann es nicht erklären.

Nur, dass es ein Fehler ist.

Ich glaube, ich werde nie fähig sein, ein verschlungenes S wie das auf dem Schlittschuh-Schild zu sehen, ohne seine Stimme zu hören. Oder rohe, kreuzweise vernagelte Bretter wie die vor der Treppe des gelben Hauses gegenüber dem Geschäft.

»Ich werde dich jetzt zum Bahnhof fahren. Ich werde dir eine Fahrkarte nach Toronto kaufen. Ich bin ziemlich sicher, dass am Nachmittag noch ein Zug nach Toronto geht. Ich werde mir eine sehr plausible Geschichte ausdenken und dafür sorgen, dass jemand deine Sachen packt. Du musst mir deine Adresse in Toronto geben, ich glaube, ich habe Sie nicht aufgehoben. Ach, und ich werde dir eine Empfehlung schreiben. Du hast gute Arbeit geleistet. Du hättest das Semester sowieso nicht zu Ende bringen können — ich habe es dir noch nicht gesagt, aber die Kinder sollen verlegt werden. Große Veränderungen stehen an.«

Ein neuer Ton in seiner Stimme, fast unbekümmert. Ein fideler Ton der Erleichterung. Er versucht, ihn zu unterdrücken, die Erleichterung nicht herauszulassen, bevor ich fort bin.

Ich beobachte die Straßen. Es ist ein bisschen, als würde man zum Hinrichtungsplatz gefahren. Noch nicht. Noch eine kleine Weile. Noch höre ich seine Stimme nicht zum letzten Mal. Noch nicht.

Er braucht sich nicht nach dem Weg zu erkundigen. Ich überlege laut, ob er schon andere Mädchen zum Zug gebracht hat.

»Sei nicht so«, sagt er.

Jede Abbiegung ist wie eine Scheibe, die von meinem Leben abgeschnitten wird.

Es gibt einen Zug nach Toronto um fünf Uhr. Er hat mich gebeten, im Auto zu warten, während er sich erkundigt. Er kommt heraus, mit der Fahrkarte in der Hand, und, wie ich finde, mit federnden Schritten. Er muss das gemerkt haben, denn als er auf das Auto zukommt, wird sein Gang gesetzter.

»Es ist schön warm im Bahnhof. Es gibt einen Warteraum nur für Damen.«

Er hat mir die Autotür aufgemacht.

»Oder wäre es dir lieber, wenn ich warte und dich zum Bahnsteig bringe? Vielleicht gibt es was, wo wir ein anständiges Stück Kuchen kriegen. Dieses Essen war scheußlich.« Das bringt mich in Bewegung. Ich steige aus und gehe vor ihm in den Bahnhof. Er zeigt mir den Warteraum für Damen. Er zieht die eine Augenbraue hoch und rafft sich zu einem letzten Scherz auf.

»Vielleicht wirst du das irgendwann für den glücklichsten Tag deines Lebens halten.«

___________

Im Damenwarteraum wähle ich eine Bank mit Sicht auf die Eingangstüren des Bahnhofs. Damit ich ihn sehen kann, falls er zurückkommt. Er wird mir sagen, dass alles nur ein Scherz war. Oder eine Prüfung, wie in einem mittelalterlichen Mysterienspiel.

Oder vielleicht hat er seine Meinung geändert. Auf der Fahrt über den Highway beim Anblick des blassen Frühlingslichts auf den Felsen, das wir erst vor kurzem zusammen gesehen haben. Plötzlich wird ihm klar, wie töricht er war, er wendet mitten auf der Straße und kommt zurückgerast.

Es dauert noch mindestens eine Stunde, bis der Zug kommt, aber diese Zeit vergeht wie im Nu. Und sogar jetzt noch wimmeln mir Tagträume durch den Kopf. Ich steige in den Zug, als hätte ich Ketten an den Füßen. Ich presse mein Gesicht ans Fenster, um den Bahnsteig entlangzuspähen, während die Pfeife für unsere Abfahrt gellt. Sogar jetzt noch kann es nicht zu spät sein, um aus dem Zug zu springen. Hinauszuspringen und durch den Bahnhof zu rennen zur Straße, wo er gerade das Auto geparkt hat und die Stufen heraufläuft mit dem Gedanken, nicht zu spät, bitte, nicht zu spät.

Und ich renne ihm entgegen, nicht zu spät.

Aber was ist das für ein Toben, Schreien, Kreischen, nicht nur ein Nachzügler, eine ganze Gänseschar, die zwischen den Sitzen herumtrampelt. Schulmädchen in Sportkleidung, die über die Scherereien, die sie gemacht haben, johlen. Der verärgerte Schaffner scheucht sie vor sich her, während sie sich um die Plätze balgen.

Eine von ihnen, und vielleicht die lauteste, ist Mary.

Ich wende den Kopf ab und schaue nicht wieder zu ihnen hin.

Aber da ruft sie schon meinen Namen und will wissen, wo ich gewesen bin.

Eine Freundin besuchen, sage ich ihr.

Sie plumpst auf den Platz neben mir und erzählt mir, dass sie gegen Huntsville Basketball gespielt haben. Es war die Hölle. Sie haben verloren.

»Wir haben also verloren?«, ruft sie offenbar ganz begeistert, und die anderen stöhnen und kichern. Sie nennt den Punktestand, der wirklich beschämend ist.

»Sie haben sich feingemacht«, sagt sie. Aber es ist ihr nicht wichtig, meine Erklärung scheint sie nicht zu interessieren.

Sie geht kaum darauf ein, als ich sage, dass ich nach Toronto fahre, um meine Großeltern zu besuchen. Lässt nur fallen, dass sie wirklich sehr alt sein müssen. Kein Wort über Alister. Nicht mal ein böses Wort. Sie kann es nicht vergessen haben. Kann nur die Szene aufgeräumt und weggepackt haben, in einen Schrank mit ihren früheren Ichs. Oder vielleicht ist sie wirklich jemand, der unbekümmert mit Demütigungen umgehen kann.

Inzwischen bin ich ihr dankbar, auch wenn ich es damals ganz anders empfand. Wäre ich mir selbst überlassen geblieben, was hatte ich womöglich getan, als wir in Amundsen ankamen? Wäre womöglich aufgesprungen, aus dem Zug gestiegen, zu seinem Haus gerannt und hätte wissen wollen, warum, warum. Ewige Schande. So jedoch ließ der kurze Halt der Mannschaft kaum Zeit, sich aufzurappeln und an die Fenster zu klopfen, um die Leute auf sich aufmerksam zu machen, die gekommen waren, um sie abzuholen, während der Schaffner ihnen drohte, wenn sie sich nicht beeilten, würden sie nach Toronto fahren.

Jahrelang dachte ich, irgendwann wurde er mir begegnen. Ich wohnte und wohne immer noch in Toronto. Es kam mir so vor, als landete jeder irgendwann zumindest für eine Weile in Toronto. Natürlich bedeutet das kaum, dass man diese Person auch zu sehen bekommt, vorausgesetzt, man würde das irgend wollen.

Schließlich geschah es. Beim Überqueren einer belebten Straße, wo man nicht einmal langsamer gehen konnte. Unterwegs in entgegengesetzte Richtungen. Wir starrten uns gleichzeitig an, mit nacktem Schock auf unseren von der Zeit beschädigten Gesichtern.

Er rief: »Wie geht’s dir?«, und ich antwortete: »Gut.« Dann setzte ich noch hinzu: »Glücklich.«

Zu dem Zeitpunkt war das nur bedingt wahr. Ich führte gerade einen längeren Streit mit meinem Mann um unsere Übernahme von Schulden, die eines seiner Kinder angehäuft hatte. Ich war an jenem Nachmittag zu einer Vernissage in eine Galerie gegangen, um mich in eine angenehmere Gemütsverfassung zu versetzen.

Er rief mir hinterher:

»Schön für dich.«

Es schien immer noch so, als könnten wir aus der Meng ausscheren, könnten im nächsten Augenblick zusammen sein. Aber auch, als könnten wir unseren jeweiligen Weg fortsetzen. Was wir dann taten. Kein atemloser Zuruf, keine Hand auf meiner Schulter, als ich den Bürgersteig erreichte. Nur dieses Aufblitzen, das ich für einen Moment wahrgenommen hatte, als eines seiner Augen sich weiter öffnete. Es war das linke Auge, immer das linke, erinnerte ich mich. Und es sah dann so seltsam aus, aufgeschreckt und verwundert, als sei ihm etwas vollkommen Unmögliches eingefallen, etwas, das ihn fast zum Lachen brachte.

Für mich war es wieder so, wie es war, als ich Amundsen verließ und der Zug mich, immer noch benommen und ungläubig, forttrug.

An Liebe ändert sich nie etwas.

Teil III

Abschied von Maverley

Vor Jahr und Tag, als es noch in jeder Kleinstadt ein Kino gab, gab es auch eins in diesem Städtchen, in Maverley, und es hieß Capitol, wie damals viele Lichtspielhäuser. Morgan Holly war der Besitzer und der Vorführer. Er mochte nichts mit dem Publikum zu tun haben — er zog es vor, oben in seinem Kabuff zu sitzen und die Geschichte auf die Leinwand zu bringen —, also war er natürlich verärgert, als die Kassiererin ihm sagte, dass sie aufhören musste, weil sie ein Kind bekam. Er hätte damit rechnen können — sie hatte vor einem halben Jahr geheiratet, und zu jener Zeit wurde von Frauen erwartet, dass sie aus der Öffentlichkeit verschwanden, bevor etwas zu sehen war —, aber er hegte eine solche Abneigung gegen Veränderungen und die Vorstellung, andere könnten ein Privatleben haben, dass er völlig überrascht war.

Zum Glück schlug sie eine Nachfolgerin vor. Ein Mädchen, das in ihrer Straße wohnte, hatte davon gesprochen, gerne abends arbeiten zu wollen. Tagsüber konnte sie nicht, da sie ihrer Mutter helfen musste, für die jüngeren Kinder zu sorgen. Sie war aufgeweckt genug, allerdings schüchtern.

Morgan sagte, das mache nichts — eine Kassiererin sei nicht dazu da, um mit den Zuschauern zu plaudern.

Also kam das Mädchen. Sie hieß Leah, und Morgans erste und letzte Frage an sie lautete, was das für ein Name war. Sie sagte, der sei aus der Bibel. Da fiel ihm auf, dass sie nicht geschminkt war und dass ihre Haare unvorteilhaft an den Kopf geklatscht und dort mit Spangen festgehalten waren. Er fragte sich einen Augenblick lang, ob sie wirklich schon sechzehn war und damit legal arbeiten durfte, aber von nahem sah er, dass es wahrscheinlich stimmte. Er sagte ihr, an Werktagen müsse sie eine Vorstellung machen, die um acht anfing, und an Samstagen zwei, die erste fing um sieben an. Nach Schluss sei sie dafür verantwortlich, die Einnahmen zu zählen und wegzuschließen.

Es gab nur ein Problem. Sie sagte, an Werktagen könne sie abends allein nach Hause gehen, aber samstags dürfe sie das nicht, und ihr Vater konnte sie nicht abholen, da er an Wochenenden nachts in der Fabrik arbeiten musste.

Morgan sagte, er wüsste nicht, was es in einer Stadt wie dieser zu fürchten gab, und wollte sie schon wegschicken, als ihm der Nachtwachtmeister einfiel, der seine Runden oft unterbrach, um ein Stück vom Film zu sehen. Vielleicht konnte der es übernehmen, Leah nach Hause zu bringen.

Sie sagte, sie werde ihren Vater fragen.

Ihr Vater war einverstanden, stellte aber noch andere Bedingungen. Leah durfte nicht auf die Leinwand schauen oder die Dialoge mit anhören. Die Religion, der seine Familie angehörte, erlaubte das nicht. Morgan sagte, dass er seine Kassiererinnen nicht einstellte, damit sie sich umsonst Filme anschauten. Was die Dialoge anging, da schwindelte er und behauptete, der Kinosaal sei schalldicht.

Ray Elliot, der Nachtwachtmeister, hatte diesen Dienst übernommen, damit er seiner Frau wenigstens während eines Teils der Tageszeit zur Hand gehen konnte. Er kam mit fünf Stunden Schlaf am Morgen und einem Nickerchen am späten Nachmittag aus. Oft wurde aus dem Nickerchen nichts, weil es im Haus etwas zu tun gab oder einfach, weil er mit seiner Frau — sie hieß Isabel — ins Gespräch vertieft war. Sie hatten keine Kinder und konnten jederzeit über allerlei ins Gespräch kommen. Er erzählte ihr die Neuigkeiten aus der Stadt, die sie oft zum Lachen brachten, und sie erzählte ihm von den Büchern, die sie las.

Ray hatte sich zum Militär gemeldet, sobald er achtzehn war. Er entschied sich für die Luftwaffe, die, wie es hieß, die meisten Abenteuer und den schnellsten Tod versprach. Er war Rückenturmschütze gewesen — ein Posten, den Isabel nie recht verorten konnte —, und er hatte überlebt. Kurz vor Ende des Krieges war er zu einer neuen Flugzeugbesatzung versetzt worden, und innerhalb von zwei Wochen wurde seine alte Besatzung, die Männer, mit denen er so oft geflogen war, abgeschossen und fand den Tod. Er kam mit dem vagen Gedanken nach Hause, etwas Sinnvolles mit dem ihm auf so unerklärliche Weise verbliebenen Leben anfangen zu müssen, aber er wusste nicht, was.

Als Erstes musste er die Highschool abschließen. In der Kleinstadt, in der er aufgewachsen war, gab es neuerdings eine Spezialschule für Kriegsveteranen, die genau das taten und hofften, danach aufs College gehen zu können, mit finanzieller Hilfe der dankbaren Bürger. Die Lehrerin für Englische Sprache und Literatur war Isabel. Sie war dreißig Jahre alt und verheiratet. Ihr Mann war ebenfalls Veteran und stand im Rang wesentlich höher als die Schüler in ihrem Englischunterricht. Sie plante, aus allgemeinem Patriotismus dieses eine Jahr lang zu unterrichten, sich dann zurückzuziehen und Kinder zu bekommen. Sie besprach das offen mit ihren Schülern, die knapp außerhalb ihrer Hörweite sagten, manche Burschen haben mehr Glück als Verstand.

Ray mochte solches Gerede nicht hören, aus dem einfachen Grunde, dass er sich in sie verliebt hatte. Und sie sich in ihn, was wesentlich erstaunlicher war. Alle außer den beiden selbst fanden das grotesk. Es kam zur Scheidung — ein Skandal für ihre angesehene Familie und ein Schock für ihren Mann, der sie hatte heiraten wollen, seit sie Kinder waren. Ray kam leichter damit durch, da er kaum Verwandte hatte, und diese wenigen verkündeten, sie nähmen an, dass sie jetzt, wo er so hoch hinauf heiratete, nicht mehr gut genug seien, und sie würden ihm in Zukunft einfach aus dem Weg gehen. Falls sie daraufhin ein abstreitendes oder begütigendes Wort von ihm erwarteten, so erhielten sie es nicht. Soll mir recht sein, war mehr oder weniger das, was er sagte. Zeit für einen Neuanfang. Isabel sagte, sie könne weiter unterrichten, bis Ray das College abgeschlossen und seinen Platz gefunden hatte, um zu tun, was immer ihm zu tun vorschwebte.

Aber der Plan musste geändert werden. Es ging ihr nicht gut. Anfangs dachten sie, es seien die Nerven. Der ganze Wirbel. Das blödsinnige Tamtam.

Dann kamen die Schmerzen. Schmerzen jedes Mal, wenn sie tief Luft holte. Schmerzen unter dem Brustbein und in der linken Schulter. Sie kümmerte sich nicht darum. Sie witzelte über Gott, der sie für ihr Liebesabenteuer bestrafte, und sagte, dass er, Gott, seine Zeit verschwendete, da sie nicht mal an ihn glaubte.

Sie hatte etwas namens Perikarditis. Es war ernst, und sie hatte es zu ihrem Schaden ignoriert. Sie konnte davon nicht geheilt werden, aber damit weiterleben, wenn auch unter Schwierigkeiten. Sie durfte nie mehr unterrichten. Jede Ansteckung war lebensgefährlich, und wo schwirrten mehr Erreger herum als in einem Klassenzimmer? Jetzt war es an Ray, für sie zu sorgen, und er übernahm den Posten eines Wachtmeisters in dieser Kleinstadt namens Maverley, gleich jenseits der Grey-Bruce-Grenze. Er hatte nichts gegen die Arbeit, und sie hatte — nach einer Weile — nichts gegen ihr zurückgezogenes Leben.

Nur über eines sprachen sie nicht. Jeder von ihnen fragte sich, ob es dem anderen etwas ausmachte, dass sie keine Kinder bekommen konnten. Ray kam der Gedanke, dass diese Enttäuschung vielleicht etwas mit Isabels Wunsch zu tun hatte, alles über das Mädchen zu hören, das er an Samstagabenden nach Hause bringen musste.

»Das ist ungeheuerlich«, sagte sie, als sie von dem Filmverbot hörte, aber sie war noch empörter, als er ihr erzählte, dass das Mädchen aus der Highschool genommen worden war, um zu Hause zu helfen.

»Und du sagst, sie ist intelligent.«

Ray konnte sich nicht erinnern, das gesagt zu haben. Er hatte gesagt, dass sie unheimlich schüchtern war, so dass er sich auf dem Weg mit ihr den Kopf nach einem Gesprächsthema zerbrechen musste. Einige Fragen, die ihm einfielen, gingen gar nicht. Zum Beispiel: Was ist dein Lieblingsfach in der Schule? Das gehörte der Vergangenheit an, und jetzt war nicht mehr wichtig, ob ihr etwas gefallen hatte. Oder: Was wollte sie mal machen, wenn sie erwachsen war? In vieler Hinsicht war sie bereits erwachsen, und ihr Weg war ihr vorgezeichnet, ob sie wollte oder nicht. Auch die Frage, ob es ihr in dieser Stadt gefiel und ob sie sich nach dem Ort zurücksehnte, wo sie vorher gelebt hatte — sinnlos. Und sie waren schon ohne Ausschmückungen die Namen und das Alter ihrer jüngeren Geschwister durchgegangen. Als er sich nach Haustieren erkundigte, einem Hund oder einer Katze, berichtete sie, dass es keine gab.

Schließlich richtete sie eine Frage an ihn. Sie fragte, worüber die Leute im Kino an dem Abend gelacht hatten.

Er war der Meinung, er sollte sie nicht daran erinnern, dass sie eigentlich nichts gehört haben durfte. Aber ihm fiel nicht ein, was komisch gewesen sein konnte. Also sagte er, dass es etwas Blödes gewesen sein musste — man konnte nie wissen, was die Leute zum Lachen brachte. Er sagte, dass er nicht so vertraut mit den Filmen war, da er immer nur kurze Ausschnitte sah. Er verfolgte selten die Handlung.

»Handlung«, sagte sie.

Er musste ihr erklären, was das bedeutete — nämlich Geschichten erzählen. Von da an gab es keine Probleme mit dem Gesprächsstoff. Er brauchte sie auch nicht zu warnen, dass es unklug sein könnte, etwas davon zu Hause zu berichten. Sie verstand. Es wurde ihm nicht abverlangt, irgendeine bestimmte Geschichte zu erzählen — was er ohnehin kaum gekonnt hätte —, sondern ihr zu erklären, dass die Geschichten oft von Ganoven und Unschuldigen handelten und dass es den Ganoven im Allgemeinen anfangs recht gut gelang, ihre Verbrechen zu begehen und Leute reinzulegen, die in Nachtclubs (die waren so was wie Tanzdielen) sangen oder manchmal, Gott weiß, warum, auf Berggipfeln oder in anderen unwahrscheinlichen Landschaften und damit den Fortgang der Handlung aufhielten. Hin und wieder waren die Filme in Farbe. Mit prachtvollen Kostümen, falls die Geschichte in der Vergangenheit spielte. Verkleidete Schauspieler, die viel davon hermachten, einander umzubringen, Glyzerintränen auf den Wangen der Damen. Dschungeltiere, die wahrscheinlich aus Zoos gebracht und aufgestachelt worden waren, sich wild zu gebärden. Menschen, die wieder aufstanden, nachdem sie auf verschiedenste Weise umgebracht worden waren, sobald die Kamera nicht mehr lief. Lebendig und wohlbehalten, obwohl man gerade gesehen hatte, wie sie erschossen wurden oder auf dem Richtblock ihren Kopf verloren, der dann in einen Korb rollte.

»Du solltest behutsamer sein«, sagte Isabel. »Sonst kriegt sie noch Albträume.«

Ray sagte, das würde ihn sehr wundern. Denn wirklich machte das Mädchen Miene, sich alles selbst zusammenzureimen, ohne verängstigt oder verwirrt zu sein. Zum Beispiel fragte sie gar nicht nach, was ein Richtblock war, auch die Vorstellung von Köpfen darauf schien sie nicht zu verwundern. In ihr war etwas, bemerkte er gegenüber Isabel, was sie drängte, alles, was man ihr erzählte, zu verarbeiten, statt sich einfach nur zu gruseln oder Mund und Nase aufzusperren. Eine Eigenart, durch die sie sich seiner Einschätzung nach schon von ihrer Familie abgenabelt hatte. Nicht, um sie zu verachten oder abzulehnen. Das Mädchen war einfach ungeheuer nachdenklich.

Aber was er dann sagte, bedrückte ihn, ohne dass er wusste, warum.

»Sie hat keine großen Aussichten, so oder so.«

»Wir könnten sie ja entfuhren«, sagte Isabel.

Da warnte er sie. Sei vernünftig.

»Daran ist gar nicht zu denken.«

___________

Kurz vor Weihnachten (obwohl die strenge Kälte noch nicht eingesetzt hatte) kam Morgan eines Abends mitten in der Woche gegen Mitternacht auf die Polizeiwache, um zu sagen, dass Leah verschwunden war.

Soweit er wusste, hatte sie wie üblich die Karten verkauft, das Kassenfenster zugemacht, das Geld dahin getan, wo es hingehörte, und sich dann auf den Heimweg begeben. Er selbst hatte alles abgeschlossen, als der Film aus war, aber als er rauskam, war eine Frau aufgetaucht, die er nicht kannte, und hatte gefragt, wo Leah steckte. Es war die Mutter — Leahs Mutter. Der Vater war noch in der Fabrik, und Morgan hatte die Vermutung geäußert, dass das Mädchen sich vielleicht in den Kopf gesetzt hatte, ihn dort zu besuchen. Die Mutter schien gar nicht zu wissen, wovon er redete, also sagte er, sie könnten zur Fabrik fahren und nachschauen, ob das Mädchen dort war, worauf sie — die Mutter — weinte und ihn anflehte, das auf gar keinen Fall zu tun. Also fuhr Morgan sie heim, in der Hoffnung, das Mädchen könnte inzwischen zu Hause eingetroffen sein, doch nein, und dann dachte er, besser, er informierte Ray.

Der Gedanke, dem Vater das Verschwinden beibringen zu müssen, gefiel ihm gar nicht.

Ray sagte, sie sollten sofort zur Fabrik fahren — es bestand eine geringe Chance, dass sie dort war. Aber als sie den Vater auftrieben, hatte er sie natürlich nicht zu Gesicht bekommen, und er kriegte einen Wutanfall, weil seine Frau einfach weggegangen war, obwohl sie keine Erlaubnis von ihm hatte, das Haus zu verlassen.

Ray erkundigte sich nach Freundinnen und war nicht überrascht, zu erfahren, dass Leah keine hatte. Dann ließ er Morgan nach Hause gehen und fuhr selbst zu dem Haus, wo die Mutter sich ziemlich genau in dem aufgelösten Zustand befand, den Morgan beschrieben hatte. Die Kinder waren noch auf, oder zumindest einige von ihnen, und auch sie brachten kein Wort heraus. Sie zitterten, entweder vor Angst und vor Mißtrauen gegenüber dem Fremden im Haus oder vor Kälte, die, so fiel Ray auf, langsam zunahm, auch drinnen. Vielleicht erließ der Vater auch Regeln für das Heizen.

Leah hatte ihren Wintermantel angehabt — so viel bekam er aus ihnen heraus. Er kannte das ausgebeulte, braunkarierte Kleidungsstück und meinte, dass es sie zumindest eine Weile lang warm halten würde. Einige Zeit nach Morgans Erscheinen auf der Wache hatte schwerer Schneefall eingesetzt.

Als seine Schicht um war, fuhr Ray nach Hause und erzählte Isabel, was passiert war. Dann fuhr er wieder weg, und sie versuchte nicht, ihn aufzuhalten.

___________

Eine Stunde später war er zurück, ohne Ergebnisse und mit der Nachricht, dass die Straßen wahrscheinlich für den ersten großen Schneesturm des Winters gesperrt werden würden.

Am Morgen war das dann eingetreten; die Stadt war zum ersten Mal im Jahr abgeschnitten, und die Schneepflüge versuchten nur noch, die Hauptstraße offen zu halten. Fast alle Geschäfte hatten zu, in dem Stadtteil, in dem Leahs Familie wohnte, war der Strom ausgefallen, und daran war nichts zu machen, bei dem Sturm, der die Bäume peitschte und niederbeugte, bis sie aussahen, als würden sie den Boden auffegen.

Der Tageswachtmeister hatte eine Idee, die Ray nicht eingefallen war. Er gehörte der vereinigten Kirche an, und in ihm — oder seiner Frau — war bekannt, dass Leah jede Woche für die Frau des Pfarrers bügelte. Ray und er gingen zum Pfarrhaus, um sich zu erkundigen, ob irgendjemand dort etwas wusste, was Leahs Verschwinden erklären konnte, doch ohne Ergebnis, und nach diesem kurzen Hoffnungsschimmer schien sich die Spur gänzlich zu verlieren.

Ray war ein wenig überrascht, dass das Mädchen noch eine andere Arbeit angenommen und nichts davon gesagt hatte. Obgleich das, verglichen mit dem Kino, kaum so etwas wie ein Aufbruch in die große weite Welt war.

Er versuchte, nachmittags zu schlafen, und brachte es auf ungefähr eine Stunde. Isabel bemühte sich, beim Abendessen eine Unterhaltung in Gang zu bringen, aber nichts verfing. Ray kam immer wieder auf den Besuch bei dem Pfarrer zu sprechen, dass die Frau, soweit sie konnte, hilfsbereit und besorgt gewesen war, aber dass er — der Pfarrer — sich nicht ganz so benommen hatte, wie man es von einem Pfarrer eigentlich erwartete. Er hatte ungeduldig die Tür aufgemacht, als wäre er gerade beim Schreiben seiner Predigt oder so etwas unterbrochen worden. Er hatte seine Frau gerufen, und als sie kam, musste sie ihm in Erinnerung rufen, wer das Mädchen war. Du weißt doch, das Mädchen, das kommt und beim Bügeln hilft? Leah? Dann hatte er gesagt, dass er hoffte, es würde sich bald etwas ergeben, und dabei versucht, die Tür zentimeterweise gegen den Wind zu schließen.

»Was hätte er denn sonst tun sollen?«, fragte Isabel.

»Beten?«

Ray dachte, das hätte nicht geschadet.

»Das hätte alle nur in Verlegenheit gebracht und die Sinnlosigkeit offenbart«, sagte Isabel. Dann fugte sie hinzu, dass er Vermutlich ein sehr moderner Pfarrer war, der das Symbolische bevorzugte.

Irgendwie musste man sich nach ihr auf die Suche machen, trotz des Wetters. Hinterhofschuppen und ein alter, seit Jahren unbenutzter Pferdestall mussten aufgebrochen und durchstöbert werden, falls sie Schutz gesucht hatte. Nichts kam zum Vorschein. Der örtliche Radiosender wurde alarmiert und verbreitete eine Beschreibung.

Falls Leah versucht hatte zu trampen, dachte Ray, konnte sie mitgenommen worden sein, bevor der Schneesturm einsetzte, was gut oder schlecht sein konnte.

Der Rundfunk verkündete, dass sie von etwas unterdurchschnittlicher Größe war — Ray hätte gesagt, von etwas überdurchschnittlicher — und dass sie glatte mittelbraune Haare hatte. Er hätte gesagt, dunkelbraune, fast schwarze.

Ihr Vater beteiligte sich nicht an der Suche; auch keiner von ihren Brüdern. Allerdings waren sie jünger als Leah und hätten ohne die Erlaubnis ihres Vaters sowieso nicht aus dem Haus gedurft. Als Ray zu Fuß zu dem Haus ging und sich zur Haustür durcharbeitete, wurde sie kaum geöffnet, und der Vater verschwendete keine Zeit, ihm zu sagen, dass das Mädchen höchstwahrscheinlich durchgebrannt war. Ihre Strafe läge nun nicht mehr in seinen Händen, sondern in denen Gottes. Ray erhielt keine Einladung, hereinzukommen und sich aufzuwärmen. Vielleicht wurde im Haus immer noch nicht geheizt.

Der Sturm legte sich schließlich, um die Mitte des nächsten Tages. Die Schneepflüge fuhren los und räumten die Straßen der Stadt. Die Kreispflüge übernahmen die Landstraße. Den Fahrern wurde gesagt, die Augen offen zu halten nach einer erfrorenen Person in den Schneewehen.

Am Tag danach kam der Postwagen durch, und ein Brief traf ein. Er war nicht an jemanden in Leahs Familie gerichtet, sondern an den Pfarrer und seine Frau. Er war von Leah, mit der Nachricht, dass sie geheiratet hatte. Der Bräutigam war der Sohn des Pfarrers, der in einer Jazzband Saxophon spielte. Er hatte am Ende der Seite die Worte »Da staunt ihr!« hinzugefügt. So hieß es zumindest, obwohl Isabel fragte, wie konnten die Leute das wissen, außer sie hatten im Postamt die Angewohnheit, Briefumschläge mit Dampf zu öffnen.

Der Saxophonspieler war nicht in dieser Stadt aufgewachsen. Sein Vater hatte damals eine andere Pfarrei. Und er kam nur sehr selten zu Besuch. Die meisten‘Leute hätten nicht einmal sagen können, wie er aussah. Er ging nie zum Gottesdienst. Er hatte vor ein paar Jahren eine Frau nach Hause gebracht. Sehr geschminkt und aufgetakelt. Es hieß, sie sei seine Ehefrau gewesen, aber offenbar stimmte das nicht.

Wie oft war das Mädchen im Haus des Pfarrers, um Zubügeln, während der Saxophonspieler da war? Einige Leute hatten es sich an den Fingern ausgerechnet. Nämlich nur ein einziges Mal. So hörte es Ray auf der Polizeiwache, wo Klatsch genauso gut gedieh wie unter Frauen.

Isabel fand, das war eine großartige Geschichte. Und nicht die Schuld der beiden Ausreißer. Schließlich hatten sie den Schneesturm nicht bestellt.

Es erwies sich, dass sie den Saxophonspieler flüchtig kannte. Sie war ihm einmal auf dem Postamt begegnet, als er zufällig zu Besuch war und sie eine der Phasen hatte, in der sie kräftig genug war, um aus dem Haus zu gehen. Sie hatte eine Schallplatte bestellt, aber die war noch nicht da. Er hatte sie gefragt, was für eine es war, und sie hatte es ihm gesagt. Etwas, woran sie sich jetzt nicht mehr erinnern konnte. Er hatte ihr von seiner eigenen Beschäftigung mit einer anderen Art von Musik erzählt. Irgendetwas hatte ihr bereits verraten, dass er nicht von hier war. Seine Art, sich zu ihr vorzubeugen, und sein starker Geruch nach Juicy-Fruit-Kaugummi. Er erwähnte das Pfarrhaus nicht, aber jemand anders erzählte ihr von der Verbindung, nachdem er sich von ihr verabschiedet und ihr alles Gute gewünscht hatte.

Ein kleiner Charmeur, oder überzeugt, bei Frauen gut anzukommen. Irgendein Gerede von einem Besuch, um sich die Platte bei ihr anzuhören, falls sie je eintraf. Hoffentlich nicht ernst gemeint.

Sie neckte Ray mit der Überlegung, ob es seine Beschreibungen der großen weiten Welt mit Hilfe der Filme waren, die das Mädchen auf die Idee gebracht hatten.

Ray sagte nichts dazu und konnte selbst kaum glauben, wie verzweifelt er in der Zeit gewesen war, als das Mädchen vermisst wurde. Natürlich war er sehr erleichtert, als er erfuhr, was geschehen war.

Trotzdem, sie war fort. Auf nicht völlig ungewöhnliche oder hoffnungslose Art war sie fortgegangen. Absurderweise kränkte ihn das. Als hätte sie wenigstens eine Andeutung machen können, dass es in ihrem Leben noch etwas anderes gab.

Ihre Eltern und die übrigen Kinder waren bald ebenfalls fort, und anscheinend wusste niemand, wo sie abgeblieben waren.

___________

Der Pfarrer und seine Frau verließen die Stadt nicht, als er in den Ruhestand ging.

Sie konnten ihr bisheriges Haus behalten, und die Leute nannten es oft noch immer das Pfarrhaus, obwohl es das eigentlich nicht mehr war. Die junge Frau des neuen Pfarrers hatte etliches an dem Haus auszusetzen gehabt, und statt das alles in Ordnung zu bringen, hatte die Kirchenleitung beschlossen, ein neues Haus zu bauen, damit sie sich nicht mehr beschweren konnte. Das alte Pfarrhaus wurde dann billig an den alten Pfarrer verkauft. Es bot Platz für den Musikersohn und seine Frau, wenn sie mit ihren Kindern zu Besuch kamen.

Es waren zwei, ihre Namen erschienen in der Zeitung, als sie geboren wurden. Ein Junge und dann ein Mädchen. Hin und wieder kamen sie zu Besuch, meistens nur mit Leah; der Vater war unterwegs zu seinen Tanzveranstaltungen oder dergleichen. Weder Ray noch lsabel waren ihnen bei diesen Besuchen begegnet.

Isabel ging es besser, fast normal. Sie kochte so gut, dass beide zunahmen, und sie musste damit aufhören oder wenigstens die üppigeren Gerichte weniger oft auftischen. Sie tat sich mit anderen Frauen in der Stadt zusammen, um Bücher der Weltliteratur zu lesen und zu besprechen. Ein paar hatten nicht verstanden, was das mit sich brachte, und blieben fern, aber von denen abgesehen war es ein erstaunlicher Erfolg. lsabel lachte über das Theater, das es im Himmel geben würde, sobald sie sich den armen alten Dante vorknöpften.

Dann fiel sie ein paarmal in Ohnmacht oder hatte Schwächeanfalle, weigerte sich aber, zum Arzt zu gehen, bis Ray mit ihr schimpfte und sie behauptete, es sei sein Jähzorn, der sie krank machte. Sie entschuldigte sich, und beide versöhnten sich, aber ihr Herz ließ so stark nach, dass sie eine Frau einstellen mussten, eine sogenannte Hilfsschwester, die bei ihr blieb, wenn Ray nicht zu Hause sein konnte. Zum Glück war etwas Geld da — ihrerseits aus einer Erbschaft und seinerseits von einer kleinen Gehaltserhöhung —, das zur Verfügung stand, doch er blieb aus eigener Entscheidung bei der Nachtschicht.

Eines Sommermorgens schaute er auf seinem Heimweg beim Postamt vorbei, um zu sehen, ob die Post fertig zum Austragen war. Manchmal war sie um diese Zeit schon sortiert, manchmal nicht. An diesem Morgen nicht.

Und jetzt kam auf dem Bürgersteig im hellen Licht des frühen Tages Leah auf ihn zu. Sie schob einen Kinderwagen mit einem etwa zwei Jahre alten kleinen Mädchen darin, das gegen die Fußstütze aus Metall strampelte. Ein weiteres Kind ging die Dinge ernster an und hielt sich am Rock seiner Mutter fest. Oder was eigentlich eine lange orangegelbe Hose war. Sie trug dazu ein weites, weißes Oberteil, etwas wie ein Unterhemd. Ihre Haare hatten mehr Glanz als früher, und ihr Lächeln, das er bisher noch nie zu sehen bekommen hatte, durchwärmte ihn mit Entzücken.

Sie hätte fast eine von Isabels neuen Freundinnen sein können, die in der Mehrzahl entweder jünger oder erst seit kurzem in dieser Stadt waren, obwohl es auch ein paar ältere, früher eher zurückhaltende Ortsansässige gab, die, von dieser hellen neuen Ära emporgetragen, ihre einstigen Standpunkte fallengelassen und ihre Sprache geändert hatten, sich Mühe gaben, flott und forsch zu sein.

Es hatte ihn ein wenig enttäuscht, keine neuen Zeitschriften im Postamt vorzufinden. Nicht, dass Isabel jetzt noch viel daran lag. Früher hatte sie für ihre Zeitschriften gelebt, die alle seriös und voller Denkanstöße waren, aber auch mit witzigen Karikaturen, über die sie lachte. Sogar die Anzeigen für Pelze und Juwelen hatten sie zum Lachen gebracht, und er hoffte immer noch, dass diese Zeitschriften sie beleben würden. Jetzt hatte er ihr wenigstens etwas zu erzählen. Über Leah.

Leah begrüßte ihn mit einer neuen Stimme und gab vor, erstaunt zu sein, dass er sie erkannt hatte, da sie seitdem wie sie sich ausdrückte — fast schon zu einer alten Frau geworden sei. Sie stellte ihm das kleine Mädchen vor, das nicht aufschauen mochte und weiter auf die Fußstütze eintrampelte, und den Jungen, der in die Ferne sah und vor sich hin murmelte. Sie neckte den Jungen, weil er ihre Kleidung nicht losließ.

»Wir sind jetzt über die Straße, Bärchen.«

Sein Name war David, und der des Mädchens war Shelley. Ray hatte diese Namen aus der Zeitung nicht in Erinnerung behalten. Ihm war, als seien beide Namen in Mode.

Sie sagte, dass sie bei ihren Schwiegereltern wohnte.

Nicht bei ihnen zu Besuch war. Sondern bei ihnen wohnte. Ihm fiel das erst später auf, und vielleicht hatte es ja nichts zu bedeuten.

»Wir sind auf dem Weg zum Postamt.«

Er sagte ihr, dass er gerade von dort kam, aber dass noch nichts sortiert war.

»Ach, schade. Wir dachten, es könnte ein Brief von Papa da sein, nicht wahr, David?«

Der kleine Junge hielt sich wieder an ihr fest.

»Warten wir, bis alles sortiert ist«, sagte sie. »Vielleicht ist dann einer da.«

Es fühlte sich an, als wollte sie sich noch nicht von Ray verabschieden, und Ray wollte es auch nicht, aber ihm fiel nichts Rechtes zu sagen ein.

»Ich bin auf dem Weg zur Apotheke«, sagte er.

»Ach ja?«

»Ich muss für meine Frau ein Rezept einlösen.«

»Ach, ich hoffe, sie ist nicht krank.«

Da überkam ihn das Gefühl, einen Verrat begangen zu haben, und er sagte kurz angebunden: »Nein. Nichts Schlimmes.«

Sie schaute jetzt an Ray vorbei und grüßte jemand anders mit derselben erfreuten Stimme, mit der sie noch vor wenigen Augenblicken ihn begrüßt hatte.

Es war der Pfarrer der vereinigten Kirche, der neue oder ziemlich neue, der, dessen Frau das modernisierte Haus verlangt hatte.

Sie fragte die beiden Männer, ob sie einander kannten, und sie antworteten, ja, schon. Beide sprachen in einem Ton, der andeutete, nicht gut, und der vielleicht eine gewisse Zufriedenheit durchscheinen ließ, dass es so war. Ray fiel auf, dass der Mann nicht seinen Stehkragen trug.

»Er musste mich noch nicht wegen irgendwelcher Gesetzesverstöße einbuchten«, sagte der Pfarrer, und vielleicht dachte er dabei, er hätte humoriger sein sollen. Er schüttelte Ray die Hand.

»Das trifft sich wirklich gut«, sagte Leah. »Ich wollte Ihnen schon immer einige Fragen stellen, und da sind Sie!«

»Da bin ich«, sagte der Pfarrer.

»Nämlich wegen der Sonntagsschule«, sagte Leah. »Ich habe hin und her überlegt. Ich hab hier die beiden Kleinen, die heranwachsen, und ich hab mir den Kopf zerbrochen, wie bald und wie das geht und überhaupt.«

»Ah ja«, sagte der Pfarrer.

Ray merkte, dass er einer von denen war, die ihren seelischen Beistand nicht gern in aller Öffentlichkeit erteilen. Nicht jedes Mal, wenn sie aus dem Haus gehen, deswegen angesprochen werden möchten. Aber der Pfarrer verbarg sein Unbehagen, so gut er konnte, und es musste ihn ein wenig entschädigen, mit einer jungen Frau zu reden, die so aussah wie Leah.

»Wir sollten das besprechen«, sagte er. »Machen Sie jederzeit einen Termin.«

Ray gab zu verstehen, dass er losmusste.

»War schön, Sie zu sehen«, sagte er zu Leah und nickte dem Geistlichen zu.

Er ging weiter, im Besitz von zwei kleinen Neuigkeiten. Wenn sie versuchte, Vereinbarungen für die Sonntagsschule zu treffen, hatte sie vor, einige Zeit hierzubleiben. Und sie hatte sich doch nicht ganz von all der Frömmigkeit verabschiedet, die ihr in ihrer Kindheit eingetrichtert worden war.

Er freute sich darauf, ihr wieder zu begegnen, aber das ergab sich nicht.

Als er nach Hause kam, erzählte er Isabel, wie sich das Mädchen verändert hatte, und sie sagte: »Das hört sich ja dann doch ziemlich nach dem Üblichen an.«

Sie schien ein bißchen gereizt zu sein, vielleicht, weil sie darauf gewartet hatte, dass er ihr Kaffee machte. Ihre Hilfe kam erst um neun, und ihr war, nachdem sie sich dabei verbrüht hatte, streng verboten, es selber zu versuchen.

___________

Es ging bergab, mit mehreren Schrecknissen für beide bis zur Weihnachtszeit, danach nahm Ray sich Urlaub. Sie brachen auf in die Großstadt wegen der Spezialisten, die es dort gab. Isabel wurde sofort ins Krankenhaus aufgenommen, und Ray gelang es, in einem der Zimmer unterzukommen, die für Angehörige von außerhalb zur Verfügung standen. Plötzlich hatte er keine Pflichten, außer Isabel jeden Tag viele Stunden lang zu besuchen und darauf zu achten, wie sie auf die verschiedenen Behandlungen ansprach. Anfangs versuchte er, sie mit lebhaften Gesprächen über die Vergangenheit abzulenken oder mit seinen Beobachtungen im Krankenhaus und seinen flüchtigen Eindrücken von anderen Patienten. Er unternahm jeden Tag Spaziergänge, trotz des Wetters, und erzählte ihr auch alles darüber. Er brachte eine Zeitung mit und las ihr die Nachrichten vor. Schließlich sagte sie: »Liebling, das ist so gut von dir, aber es ist wohl vorbei.«

»Was ist vorbei?«, entgegnete er, aber sie sagte: »Ach, bitte«, und danach begnügte er sich damit, stumm ein Buch aus der Krankenhausbücherei zu lesen. Sie sagte: »Mach dir keine Sorgen, wenn ich die Augen zuhabe. Ich weiß, du bist da.«

Sie war vor einiger Zeit von der Intensivstation in ein Zimmer mit vier Frauen verlegt worden, die mehr oder weniger im gleichen Zustand wie sie waren, obwohl eine sich gelegentlich aufraffte, um Ray zuzurufen: »Gib uns einen Kuss.«

Dann kam er eines Tages herein und fand in Isabels Bett eine andere Frau vor. Einen Augenblick lang dachte er, sie sei gestorben, und niemand habe es ihm gesagt. Aber die redselige Patientin im Bett schräg gegenüber krähte: »Oben.« Mit einem Anflug von Fröhlichkeit oder Triumph.

Und das war passiert. Isabel war an jenem Morgen nicht aufgewacht und in ein anderes Stockwerk verlegt worden, wo anscheinend die Patienten verstaut wurden, bei denen keine Aussicht auf Besserung bestand — noch weniger Ausssicht als im vorigen Zimmer —, die sich aber weigerten, zu sterben.

»Sie können ruhig nach Hause gehen«, wurde ihm gesagt. Man würde ihn informieren, sobald eine Veränderung eintrat.

Das leuchtete ein. Er hatte nicht nur alle ihm zustehende Zeit in den Angehörigenzimmern aufgebraucht, sondern auch mehr als den ihm zustehenden Urlaub von der Polizei in Maverley. Alles sprach dafür, dorthin zurückzukehren.

Stattdessen blieb er in der Stadt. Er fand Arbeit beim Putzdienst des Krankenhauses, räumte auf, wienerte und wischte. Er besorgte sich eine möblierte Einzimmerwohnung, mit nur dem Notwendigsten darin, nicht weit weg.

Er fuhr nach Hause, aber nur für kurze Zeit. Sobald er angekommen war, traf er Vorkehrungen zum Verkauf des Hauses mit allem, was darin war. Er suchte sich dafür geeignete Immobilienmakler und überließ ihnen das Feld, sobald er konnte; er mochte niemandem irgendetwas erklären. Ihm lag nichts mehr an dem, was dort geschehen war. All die Jahre in der Stadt, alles, was er über sie wusste, schien einfach von ihm abzufallen.

Ihm kam allerdings etwas zu Ohren, als er da war, etwas wie ein Skandal über den Pfarrer der vereinigten Kirche, der versuchte, seine Frau dazu zu bewegen, sich von ihm wegen Ehebruchs scheiden zu lassen. Ehebruch mit einem Gemeindemitglied zu begehen war schlimm genug, aber statt damit so diskret wie möglich umzugehen und sich davonzuschleichen, um rehabilitiert zu werden oder in irgendeiner gottverlassenen Gemeinde in der finstersten Provinz Dienst zu tun, hatte sich der Pfarrer dazu entschieden, es von der Kanzel auszuposaunen. Er hatte es mehr als eingestanden. Alles war nur Heuchelei gewesen. Sein Herunterbeten des Evangeliums und der Gebote, an die er nicht voll und ganz glaubte, und besonders seine Predigten über Liebe und Sexualität, seine konventionellen, furchtsamen und ausweichenden Ratschläge: alles Heuchelei. Jetzt war er ein befreiter Mann, frei, ihnen zu sagen, was für eine Erleichterung es war, das Leben des Körpers zusammen mit dem Leben der Seele zu feiern. Die Frau, die das an ihm vollbracht hatte, war offenbar Leah. Ihr Mann, der Musiker, so hörte Ray, war einige Zeit zuvor gekommen, um sie zu holen, aber sie hatte nicht mit ihm gehen wollen. Er hatte dem Pfarrer die Schuld daran gegeben, aber er war ein Trunkenbold — der Ehemann —, also hatte niemand gewusst, ob man ihm glauben konnte oder nicht. Seine Mutter jedoch musste ihm geglaubt haben, denn sie hatte Leah hinausgeworfen und die Kinder dabehalten.

Für Ray war das alles widerlicher Klatsch. Ehebrüche und Trunkenbolde und Skandale — wer hatte recht und wer nicht? Was lag schon daran? Das Mädchen war herangewachsen, um sich aufzutakeln und herauszumachen wie alle anderen. Wie sie ihre Zeit verschwendeten, wie sie ihr Leben verschwendeten, die Menschen, die alle immer neuen Reizen nachjagten und sich nicht um das kümmerten, worauf es ankam.

Natürlich war früher, als er noch mit Isabel reden konnte, alles anders. Nicht, dass Isabel nach Antworten gesucht hätte — eher hätte sie ihm das Gefühl vermittelt, dass mehr an einer Sache war, als er bisher in Erwägung gezogen hatte. Und am Schluss hätte sie gelacht.

Bei der Arbeit kam er ganz gut zurecht. Die Kollegen fragten ihn, ob er in der Bowling-Mannschaft mitmachen wollte, und er dankte ihnen, sagte aber, er habe keine Zeit. Eigentlich hatte er viel Zeit, aber die musste er bei Isabel verbringen. Ausschau halten nach jeder Veränderung, jeder Erklärung. Sich nichts entgehen lassen.

»Sie heißt Isabel«, ermahnte er die Schwestern, wenn sie sagten: »Na dann, meine Dame«, oder: »So, junge Frau, jetzt drehn wir uns auf die andre Seite.«

Dann gewöhnte er sich daran, sie so mit ihr reden zu hören. Es gab also doch Veränderungen. Wenn nicht bei Isabel, so bei ihm selbst.

Eine ganze Zeit lang hatte er sie einmal am Tag besucht.

Dann ging er jeden zweiten Tag zu ihr. Dann zwei Mal in der Woche.

___________

Vier Jahre. Er dachte, das musste an einen Rekord herankommen. Er fragte die Pflegerinnen, ob das stimme, und sie sagten: »Na ja, nicht weit weg.« Es war bei ihnen üblich, auf alles nur vage zu antworten.

Er hatte sich von der hartnäckigen Vorstellung verabschiedet, dass sie noch dachte. Er wartete nicht mehr darauf, dass sie die Augen aufschlug. Er brachte es nur nicht fertig, fortzugehen und sie alleinzulassen.

Sie hatte sich von einer sehr dünnen Frau nicht in ein Kind verwandelt, sondern in ein staksiges, schlecht zusammengefugtes Knochenhäufchen mit einem vogelartigen Haarschopf, und sie konnte bei ihren unregelmäßigen Atemzügen jeden Augenblick sterben.

Im Krankenhaus gab es einige große Räume für Rehabilitation und Krankengymnastik. Meistens sah er sie nur, wenn sie leer waren, alle Gerätschaften weggeräumt und das Licht aus. Aber eines Abends, als er fortging, nahm er aus irgendeinem Grund einen anderen Weg durch das Gebäude und sah noch Licht brennen.

Und als er nachschauen ging, sah er, dass noch jemand dort war. Eine Frau. Sie saß breitbeinig auf einem der aufblasbaren Gymnastikbälle, ruhte einfach aus oder versuchte vielleicht, sich daran zu erinnern, wohin sie als Nächstes musste.

Es war Leah. Auf den ersten Blick erkannte er sie nicht, aber dann schaute er noch einmal hin, und es war Leah. Er wäre vielleicht nicht hineingegangen, wenn er sie gleich erkannt hätte, aber jetzt war er schon auf halbem Wege zum Lichtschalter. Sie sah ihn.

Sie glitt von ihrem Sitz. Sie war für irgendeinen Sport gekleidet und hatte tüchtig zugenommen.

»Ich dachte immer, irgendwann werde ich Ihnen begegnen«, sagte sie. »Wie geht es Isabel?«

Es überraschte ihn ein wenig, dass sie Isabel beim Vornamen nannte oder überhaupt von ihr sprach, als hätte sie sie gekannt.

Er teilte ihr kurz mit, wie es Isabel ging. Das ließ sich inzwischen nur noch kurz mitteilen.

»Reden Sie mit ihr?«, fragte sie.

»Nicht mehr so viel.«

»Sollten Sie aber. Man darf nicht aufhören, mit ihnen zu reden.«

Wieso bildete sie sich ein, über alles Bescheid zu wissen?

»Sie sind wohl gar nicht überrascht, mich zu sehen? Sie haben es also gehört?«, fragte sie.

Er wusste nicht, was er darauf antworten sollte.

»Nun«, sagte er.

»Schon eine Weile her, seit ich hörte, Sie sind hier und so, also hab ich wohl einfach gedacht, Sie wüssten auch von mir hier.«

Er verneinte.

»Ich mache Entspannungsübungen«, erzählte sie ihm. »Ich meine, für die Krebspatienten. Wenn ihnen danach ist.«

Er sagte, vermutlich sei das eine gute Idee.

»Prima. Ich meine, für mich auch. Mir geht’s so weit gut, aber manchmal kriege ich die Krise. Ich meine, besonders zur Abendbrotzeit. Da kann’s sein, dass es schlimm wird.«

Sie merkte, dass er nicht wusste, wovon sie redete, und erklärte es ihm, vielleicht sogar bereitwillig.

»Ich meine, ohne die Kinder und so. Sie haben nicht gewusst, dass ihr Vater sie hat?«

»Nein«, sagte er.

»Ach so. Weil die nämlich meinten, seine Mutter kann für sie sorgen. Er ist ja bei den Anonymen Alkoholikern und so, aber die hätten nicht so entschieden, wenn sie nicht gewesen wäre.«

Sie schniefte und wischte fast achtlos Tränen weg.

»Keine Sorge — ist nicht so schlimm, wie’s aussieht. Ich weine einfach automatisch. Weinen tut ganz gut, solange man’s nicht zum Beruf macht.«

Der Mann bei den Anonymen Alkoholikern musste der Saxophonspieler sein. Aber was war mit dem Pfarrer, und was war überhaupt passiert?

Geradeso, als hätte er sie laut gefragt, sagte sie: »Ach ja. Carl. Das Geschwafel von wegen, alles ganz großartig und so? Ich muss nicht ganz richtig im Kopf gewesen sein.«

»Carl hat wieder geheiratet«, fuhr sie fort. »Damit hat er sich besser gefühlt. Ich meine, weil er irgendwie drüber weg war über das, was er mit mir hatte. Es war wirklich komisch. Er hat doch tatsächlich einen anderen Pfarrer geheiratet. Sie wissen, dass Frauen jetzt Pfarrer werden dürfen? Na, sie ist einer davon. Er ist also so was wie die Frau des Pfarrers. Ich finde das zum Brüllen.«

Dies lächelnd und mit trockenen Augen. Er wusste, es kam noch etwas, hatte aber keine Ahnung, was es sein könnte.

»Sie müssen schon ganz schön lange hier sein. Haben Sie ’ne eigene Wohnung?«

»Ja.«

»Sie kochen sich jeden Tag was und alles?«

Er bejahte.

»Ich könnte das hin und wieder für Sie machen. Wär das eine gute Idee?«

Ihre Augen hatten sich aufgehellt, blickten ihn an.

Er sagte, vielleicht, aber eigentlich gebe es in seiner Wohnung nicht genug Platz für zwei Personen, um sich gleichzeitig darin zu bewegen.

Dann sagte er, dass er schon seit zwei Tagen nicht mehr bei Isabel vorbeigeschaut hatte und es jetzt tun musste.

Sie nickte nur zustimmend. Sie schien nicht verletzt zu sein oder sich abgewiesen zu fühlen.

»Also bis dann.«

»Bis dann.«

___________

Sie hatten ihn überall gesucht. Isabel war schließlich fortgegangen. Sie sagten »fortgegangen«, als sei sie aufgestanden und habe das Krankenhaus verlassen. Noch vor einer Stunde hatte jemand nach ihr geschaut, und da war sie wie immer, und nun war sie fortgegangen.

Er hatte sich oft gefragt, welchen Unterschied es machen würde.

Aber die Leere an ihrer Stelle war bestürzend.

Er schaute die Schwester verwundert an. Sie dachte, er fragte sie, was er als Nächstes tun musste, und begann es ihm zu sagen. Ihn zu informieren. Er verstand sie gut, war aber in Gedanken woanders.

Er hatte gedacht, das mit Isabel sei schon vor langem passiert, doch nein. Erst jetzt war es passiert.

Sie hatte existiert, und jetzt existierte sie nicht mehr. Überhaupt nicht mehr, als hatte sie nie existiert. Und nun eilten Leute umher, als könnte diese ungeheuerliche Tatsache durch vernünftige Maßnahmen aus der Welt geschafft werden. Doch auch er unterwarf sich den Gepflogenheiten, unterschrieb, wo es von ihm verlangt wurde, bezüglich des Verbleibs der — wie sie sagten — Überreste.

Was für ein denkwürdiges Wort — »Überreste«. Wie etwas, das in einem Speiseschrank vergessen worden war, um zu schwarzlichen Schichten auszutrocknen.

Gar nicht lange, und er fand sich draußen auf der Straße wieder, tat so, als hätte er einen ebenso normalen und guten Grund wie alle anderen, einen Fuß vor den anderen zu setzen.

Was er mit sich trug, alles, was er mit sich trug, war ein Mangel, etwas wie ein Mangel an Luft, am korrekten Funktionieren seiner Lunge, eine Beschwernis, die wahrscheinlich nie aufhören würde.

Das Mädchen, die junge Frau, mit der er geredet hatte, und die er von früher kannte — sie hatte von ihren Kindern gesprochen. Dem Verlust ihrer Kinder. Sich daran zu gewöhnen. Ein Problem zur Abendbrotzeit.

In Sachen Verlust routiniert, konnte man von ihr sagen — er selbst im Vergleich dazu ein Neuling. Und jetzt konnte er sich nicht mehr an ihren Namen erinnern. Er war ihm abhandengekommen, obwohl er ihn gut gekannt hatte. Verloren, Verlust. Ein Scherz auf seine Kosten, wenn man so wollte.

Er stieg gerade seine Treppe hoch, da fiel er ihm ein.

Leah.

Eine Erleichterung über alle Maßen, sich an sie zu erinnern.

Teil IV

Kies

Zu jener Zeit wohnten wir neben einer Kiesgrube. Keiner großen, von riesigen Maschinen ausgehöhlten, nur einer kleineren, mit der sich ein Farmer vor Jahren etwas Geld verdient hatte. Sie war so flach, dass man meinen konnte, es habe eine andere Absicht dahinter gestanden — Ausschachtungen für ein Haus vielleicht, zu dem es dann nie gekommen war.

Meine Mutter war es, die beharrlich darauf aufmerksam machte. »Wir wohnen bei der alten Kiesgrube draußen an der Straße mit der Tankstelle«, erzählte sie den Leuten und lachte, weil sie so glücklich war, alles losgeworden zu sein, was mit dem Haus, der Straße, dem Ehemann verbunden war, mit dem Leben, das sie zuvor geführt hatte.

Ich kann mich kaum an jenes Leben erinnern. Das heißt, ich erinnere mich deutlich an Teile davon, aber ohne die Verbindungen, die man braucht, um sich ein richtiges Bild zu machen. Alles, was ich von dem Haus in der Stadt behalten habe, ist die Tapete mit Teddybären in meinem alten Zimmer. In diesem neuen Haus, das eigentlich ein Wohnwagen war, hatten meine Schwester Caro und ich schmale Pritschen übereinander. Nach dem Umzug redete Caro anfangs viel mit mir über unser altes Haus, wollte mich dazu bringen, mich an dies oder jenes zu erinnern. Sie tat das, wenn wir im Bett lagen, und unser Gespräch endete meistens damit, dass ich mich nicht erinnern konnte und sie böse auf mich wurde. Manchmal meinte ich mich zu erinnern, aber aus Widerborstigkeit oder aus Angst, mich zu irren, stritt ich es ab.

Es war Sommer, als wir in den Wohnwagen umzogen. Wir nahmen unseren Hund mit. Blitzee. »Blitzee gefallt es hier«, sagte meine Mutter, und das stimmte. Welchem Hund würde es nicht gefallen, eine Straße in der Stadt, sogar eine mit großzügigen Rasenflächen und geräumigen Häusern, gegen das weite offene Land einzutauschen? Sie gewöhnte sich an, jedes Auto anzubellen, das vorbeifuhr‘ als wäre die Straße ihr Eigentum, und hin und wieder brachte sie ein Eichhörnchen oder ein Murmeltier an, das sie getötet hatte. Anfangs fand Caro das ganz entsetzlich, und Neal redete auf sie ein, sprach von der Natur eines Hundes und der Nahrungskette des Lebens, in der einige Wesen andere Wesen essen mussten.

»Sie kriegt doch ihr Hundefutter«, argumentierte Caro, aber Neal sagte: »Und was, wenn nicht? Wenn wir eines Tages alle verschwinden, und sie für sich selbst sorgen muss?«

»Das werd ich nicht«, sagte Caro. »Ich werde nicht verschwinden, und ich werde mich immer um sie kümmern.«

»Meinst du?«, fragte Neal, und unsere Mutter mischte sich ein, um ihn davon abzubringen. Neal war stets bereit, über die Amerikaner und die Atombombe loszulegen, und unsere Mutter fand, wir seien für das Thema noch zu klein. Sie wusste nicht, dass ich, wenn er es zur Sprache brachte, dachte, er redete von einer Atompumpe. Ich wusste, dass an dieser Deutung etwas nicht stimmte, aber ich hütete mich davor, Fragen zu stellen und ausgelacht zu werden.

Neal war Schauspieler. In der Stadt gab es ein Sommertheater, zu der Zeit etwas Neues, was bei einigen Begeisterung auslöste und bei anderen die Besorgnis, es könnte Gesindel in die Stadt bringen. Meine Mutter und mein Vater hatten zu denen gehört, die dafür waren, meine Mutter engagierter, denn sie hatte mehr Zeit. Mein Vater war Versicherungsvertreter und viel unterwegs. Meine Mutter hatte diverse Spendenaktionen für das Theater ins Leben gerufen und ihre Dienste als Platzanweiserin kostenlos zur Verfügung gestellt. Sie war jung und hübsch genug, um für eine Schauspielerin gehalten zu werden. Sie hatte auch angefangen, sich wie eine Schauspielerin zu kleiden, in Tücher und lange Röcke und baumelnde Halsketten. Sie ließ ihre Haare wild wachsen und hörte auf, sich zu schminken. Natürlich hatte ich diese Veränderungen zu der Zeit nicht verstanden, sie waren mir nicht einmal besonders aufgefallen. Meine Mutter war meine Mutter. Aber Caro hatte sie sicher bemerkt. Und mein Vater sowieso. Obwohl ich nach allem, was ich von seinem Charakter und seinen Gefühlen für meine Mutter weiß, denke, es kann sein, dass er stolz darauf war, wie gut sie in dieser befreienden Kleidung aussah und wie gut sie zu den Theaterleuten passte. Als er später über diese Zeit sprach, sagte er, er habe die schönen Künste immer gutgeheißen. Ich kann mir jetzt vorstellen, wie peinlich es meiner Mutter gewesen wäre, wie verlegen sie gewesen wäre und wie sie gelacht hätte, um ihre Verlegenheit zu verbergen, wenn er das vor ihren Theaterfreunden verkündet hätte.

Dann kam eine Entwicklung, die vielleicht oder wahrscheinlich vorhersehbar war, allerdings nicht für meinen Vater. Ich weiß nicht, ob das noch irgendeiner der anderen Theaterbegeisterten widerfuhr. Ich weiß aber, auch wenn ich mich nicht daran erinnern kann, dass mein Vater weinte und einen ganzen Tag lang meiner Mutter im Haus hinterherlief, sie nicht aus den Augen ließ und sich weigerte, ihr zu glauben. Und statt ihm irgendwas zu sagen, damit es ihm besserging, sagte sie ihm etwas, womit es ihm noch schlechter ging

Sie erzählte ihm, dass das Baby von Neal war.

War sie sicher?

Absolut. Sie hatte es nachgerechnet.

Was geschah dann?

Mein Vater gab das Weinen auf. Er musste wieder zur Arbeit. Meine Mutter packte unsere Sachen und zog mit uns zu Neal in den Wohnwagen, den er draußen auf dem Land gefunden hatte. Sie sagte hinterher, dass sie ebenfalls geweint hatte. Aber sie sagte auch, dass sie sich lebendig gefühlt hatte. Vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben wahrhaft lebendig. Sie fühlte sich, als hätte sie eine Chance bekommen; sie hatte ihr Leben ganz von vorn angefangen. Hatte sich von ihrem Tafelsilber getrennt und von ihrem Porzellan, von ihrem Einrichtungsstil und ihrem Blumengarten und sogar von den Büchern in ihrem Bücherschrank. Jetzt wollte sie leben und nicht lesen. Sie hatte ihre Kleider im Kleiderschrank gelassen und ihre hochhackigen Schuhe auf den Schuhspannern. Ihren Brillantring und ihren Ehering auf der Frisierkommode. Ihre seidenen Nachthemden in der Schublade. Sie hatte vor, auf dem Land nackt herumzulaufen, zumindest solange das Wetter warm blieb.

Das ging nicht gut, denn als sie es versuchte, lief Caro weg und versteckte sich in ihrer Pritsche, und sogar Neal sagte, dass er von der Idee nicht begeistert war.

___________

Was hielt er von alldem? Neal. Seine Philosophie, wie er es später ausdrückte, war, alles willkommen zu heißen, was geschah. Alles ist ein Geschenk. Wir geben und wir nehmen. Ich misstraue Menschen, die so reden, aber ich kann nicht sagen, dass ich ein Recht dazu habe.

Er war kein richtiger Schauspieler. Die Schauspielerei, sagte er, sei für ihn ein Experiment gewesen. Um mal zu sehen, was er über sich selbst herausfinden konnte. Im College, bevor er es hinschmiss, hatte er als einer der Männer des Chors in König Odipus auf der Bühne gestanden. Ihm hatte das gefallen — das Sich-Hingeben, mit anderen eins werden. Dann stieß er eines Tages in Toronto auf einen Freund, der auf dem Weg war, für ein Sommerengagement bei einer neuen Kleinstadt-Theatertruppe vorzusprechen. Er ging mit, weil er nichts Besseres zu tun hatte, und am Ende bekam er das Engagement und der andere nicht. Er sollte Banquo spielen. Manchmal ist Banquos Geist auf der Bühne zu sehen, manchmal nicht. Diesmal sollte er zu sehen sein, und Neal hatte die passende Größe. Gerade richtig. Ein kräftiger Geist.

Er hatte ohnehin daran gedacht, in unserer Stadt zu überwintern, noch bevor meine Mutter ihren überraschenden Entschluss fasste. Er hatte bereits den Wohnwagen besorgt. Er besaß genug handwerkliche Kenntnisse, um bei der Renovierung des Theaters mitzuarbeiten, was ihn bis zum Frühjahr über Wasser halten würde. Weiter vorausplanen mochte er nicht.

Caro brauchte nicht einmal die Schule zu wechseln. Sie konnte am Ende des kurzen Feldweges, der an der Kiesgrube entlangführte, in den Schulbus steigen. Sie musste sich mit den Kindern vom Land anfreunden und vielleicht den Kindern aus der Stadt, mit denen sie im Jahr davor befreundet war, einiges erklären, aber falls sie damit Schwierigkeiten hatte, so erfuhr ich davon nichts.

Blitzee wartete immer an der Straße darauf, dass sie nach Hause kam.

Ich ging nicht in den Kindergarten, weil meine Mutter kein Auto hatte. Aber es machte mir nichts aus, nicht mit anderen Kindern zusammen zu sein. Caro, wenn sie nach Hause kam, genügte mir. Und meine Mutter war oft zu Spielen aufgelegt. Sobald es in dem Winter schneite, baute sie mit mir einen Schneemann, und sie fragte: »Sollen wir ihn Neal nennen?« Ich sagte ja, und wir steckten alles Mögliche in ihn hinein, damit er komisch aussah. Dann kamen wir überein, dass ich, wenn sein Auto kam, aus dem Haus rennen und rufen sollte: Da ist Neal, da ist Neal!, aber auf den Schneemann zeigen sollte. Was ich tat, aber Neal stieg wütend aus dem Auto und brüllte, er hätte mich überfahren können.

Das war eins der wenigen Male, wo ich erlebte, dass er sich wie ein Vater verhielt.

Diese kurzen Wintertage müssen mir sonderbar vorgekommen sein — in der Stadt gingen in der Dämmerung die Laternen an. Aber Kinder gewöhnen sich an Veränderungen. Manchmal fragte ich mich, was wohl mit unserem anderen Haus war. Nicht, dass ich es vermisste oder wieder dort wohnen wollte —, ich wunderte mich nur, wo es geblieben war.

Die schönen Stunden meiner Mutter mit Neal dauerten bis in die Nacht. Wenn ich wach wurde und auf die Toilette musste, rief ich nach ihr. Dann kam sie, glückstrahlend, aber gar nicht in Eile, hatte irgendein Stück Stoff oder Tuch um sich gewickelt und verströmte einen Geruch, den ich mit Kerzenlicht und Musik in Verbindung brachte. Und mit Liebe.

___________

Etwas geschah, das nicht gerade beruhigend war, aber zu der Zeit versuchte ich nicht, dahinterzusteigen. Blitzee, unser Hund, war nicht sehr groß, aber eigentlich auch nicht klein genug, um unter Caros Mantel zu passen. Ich weiß nicht, wie Caro es fertigbrachte. Nicht ein Mal, sondern zwei Mal. Sie versteckte den Hund unter ihrem Mantel und nahm ihn mit in den Schulbus, und dann, statt direkt in die Schule zu gehen, brachte sie Blitzee zurück zu unserem alten Haus in der Stadt, das nicht mal eine Querstraße weit weg war. Dort fand mein Vater den Hund, im Wintergarten, der nicht abgeschlossen war, als er zu seinem einsamen Mittagessen nach Hause kam. Alle staunten, wie Blitzee dorthin gelangt war, den Weg nach Hause gefunden hatte wie ein Hund in einer Geschichte. Caro machte am meisten davon her, behauptete, den Hund den ganzen Morgen über nicht gesehen zu haben. Aber dann beging sie den Fehler, es noch einmal zu versuchen, vielleicht eine Woche später, und diesmal wurde sie zwar von niemandem im Bus oder in der Schule verdächtigt, aber von unserer Mutter.

Ich kann mich nicht erinnern, ob unser Vater uns Blitzee zurückbrachte. Ich kann ihn mir nicht im Wohnwagen vorstellen oder an der Tür des Wohnwagens oder auch nur auf der Straße dorthin. Vielleicht fuhr Neal zu dem Haus in der Stadt und holte den Hund ab. Nicht, dass sich das leichter vorstellen lässt.

Falls sich das so anhört, als wäre Caro die ganze Zeit über unglücklich gewesen oder hätte ständig etwas ausgeheckt, so entspricht das nicht der Wahrheit. Wie ich schon erwähnte, versuchte sie zwar, mich abends im Bett zum Reden zu bringen, aber sie nörgelte nicht andauernd herum. Es entsprach nicht ihrem Naturell, lange zu schmollen. Sie war viel zu sehr darauf aus, einen guten Eindruck zu machen. Sie wollte von allen gemocht werden; es gefiel ihr, die Luft in einem Raum aufzuwirbeln mit dem Versprechen von etwas, das man sogar Ausgelassenheit nennen konnte. Sie machte sich darüber mehr Gedanken als ich.

Sie kam wesentlich mehr nach unserer Mutter, denke ich heute.

Es muss einiges Nachbohren gegeben haben, was sie mit dem Hund gemacht hatte. Ich glaube, ich kann mich an einiges davon erinnern.

»Ich wollte einen Streich spielen.«

»Willst du lieber bei deinem Vater leben?«

Ich glaube, das wurde gefragt, und ich glaube, sie sagte nein.

Ich fragte sie nichts. Was sie getan hatte, kam mir nicht merkwürdig vor. So ist es wahrscheinlich bei jüngeren Geschwistern — nichts, was das seltsam stärkere ältere Kind tut, scheint ungewöhnlich zu sein.

Unsere Post wurde in einem Blechkasten auf einem Pfosten deponiert, unten an der Straße. Meine Mutter und ich gingen jeden Tag dorthin, außer bei besonders schlechtem Wetter, um nachzuschauen, was für uns da war. Wir taten das, wenn ich von meinem Mittagsschläfchen aufstand. Manchmal war das das einzige Mal am Tag, dass wir hinausgingen. Vormittags sahen wir uns Serien im Kinderfernsehen an — oder sie las, Während ich zusah. (Sie hatte das Lesen doch nicht sehr lange aufgegeben.) Zum Mittagessen machten wir uns eine Dosensuppe heiß, dann hielt ich mein Mittagsschläfchen, und sie las weiter. Sie war inzwischen sehr dick, und das Baby bewegte sich in ihrem Bauch, so dass ich es fühlen konnte. Es sollte Brandy heißen, hieß schon Brandy, ob es nun ein Junge oder ein Mädchen wurde.

Eines Tages, als wir den Weg zum Briefkasten hinuntergingen und gar nicht mehr weit davon weg waren, blieb meine Mutter reglos stehen.

»Still«, sagte sie zu mir, obwohl ich kein Wort gesagt hatte und nicht mal mit meinen Stiefeln im Schnee gescharrt hatte.

»Ich war doch still«, sagte ich.

»Psst. Dreh um.«

»Aber wir haben die Post nicht geholt.«

»Egal. Geh einfach.«

Dann fiel mir auf, dass Blitzee, die uns immer begleitete, kurz vor oder hinter uns, nicht mehr da war. Ein anderer Hund war da, auf der anderen Straßenseite, nicht weit vom Briefkasten.

Sobald wir zurück waren, rief meine Mutter im Theater an und ließ Blitzee herein, die auf uns wartete. Im Theater meldete sich niemand. Sie rief in der Schule an und bat jemanden, dem Busfahrer aufzutragen, Caro bis zur Haustür zu fahren. Wie sich herausstellte, ging das nicht, denn es hatte wieder geschneit, seit Neal zuletzt den Weg geräumt hatte, aber der Fahrer passte auf, bis Caro den Wohnwagen erreicht hatte. Inzwischen war kein Wolf mehr zu sehen.

Neal war der Meinung, dass es nie einen gegeben hatte. Und wenn ja, sagte er, wäre er keine Gefahr für uns gewesen, derart geschwächt vom Winterschlaf.

Caro sagte, dass Wölfe keinen Winterschlaf hielten. »Das haben wir in der Schule gelernt.«

Unsere Mutter wollte, dass Neal sich ein Gewehr besorgte.

»Du denkst, ich werde mir ein Gewehr besorgen und hingehen und eine verdammt arme Wölfin erschießen, die wahrscheinlich draußen im Wald einen Haufen kleine Babys hat und nur versucht, sie zu beschützen, so wie du versuchst, deine zu beschützen?«, sagte er leise.

Caro sagte: »Nur zwei. Sie haben immer nur zwei auf einmal.«

»Ja, ja. Ich rede mit deiner Mutter.«

»Das weißt du doch gar nicht«, sagte meine Mutter. »Du weißt doch gar nicht, ob das Tier hungrige Junge hat oder was.«

Ich hätte nie gedacht, dass sie so mit ihm reden würde.

Er sagte: »Sachte, sachte. Denken wir einfach mal nach. Gewehre sind etwas Schreckliches. Wenn ich jetzt hingehe und mir ein Gewehr besorge, was würde ich damit sagen? Dass Vietnam in Ordnung ist? Dass ich genauso gut nach Vietnam hätte gehen können?«

»Du bist kein Amerikaner.«

»Ich lass mich von dir nicht provozieren.«

Das ist mehr oder weniger, was sie sagten, und es endete damit, dass Neal sich kein Gewehr zu besorgen brauchte. Den Wolf, falls es einer war, sahen wir nie wieder. Ich glaube, meine Mutter hörte auf, die Post zu holen, aber sie kann auch zu dick und unbeholfen dafür geworden sein.

Der Schnee verschwand langsam wie von Zauberhand. Die Bäume waren noch kahl, und meine Mutter zwang Caro, morgens ihren Wintermantel anzuziehen, aber wenn sie von der Schule nach Hause kam, schleifte sie ihn hinter sich her.

Meine Mutter sagte, das Baby, das mussten Zwillinge sein, aber der Arzt sagte nein.

»Na großartig«, sagte Neal, ganz angetan von der Zwillingsidee. »Was wissen schon die Ärzte.«

Die Kiesgrube hatte sich bis zum Rand mit geschmolzenem Schnee und Regenwasser gefüllt, so dass Caro auf ihrem Weg zum Schulbus einen Bogen darum machen musste. Um einen Teich, still und gleißend unter dem klaren Himmel. Caro fragte ohne große Hoffnung, ob wir darin spielen dürften.

Unsere Mutter fragte, ob wir verrückt seien. »Der muss sechs Meter tief sein.«

Neal sagte: »Drei vielleicht.«

Caro sagte: »Direkt am Rand nicht.«

Unsere Mutter sagte, doch. »Er fällt steil ab«, sagte sie. »Das ist nicht wie am Strand hineingehen, verdammt noch mal. Bleibt ja davon weg.«

Sie hatte sich angewöhnt, ziemlich oft »verdammt noch mal« zu sagen, vielleicht sogar öfter als Neal und in gereizterem Ton.

»Sollen wir auch den Hund davon fernhalten?«, fragte sie ihn.

Neal sagte, das sei kein Problem. »Hunde können schwimmen.«

___________

Ein Samstag. Caro schaute mit mir Der gute Riese an und machte Bemerkungen, die alles verdarben. Neal lag auf der Couch, die ausgeklappt das Bett für ihn und meine Mutter ergab. Er rauchte seine Sorte Zigaretten, die er bei der Arbeit nicht rauchen durfte und deshalb am Wochenende in vollen Zügen genoss. Caro piesackte ihn manchmal und fragte, ob sie mal probieren dürfte. Einmal hatte er sie daran ziehen lassen, ihr aber eingeschärft, es nicht unserer Mutter zu sagen.

Ich war jedoch dabei, also erzählte ich es ihr.

Es gab Aufregung, wenn auch keinen richtigen Krach.

»Du weißt, er würde die Kinder hier im Nu rausholen«, sagte unsere Mutter. »Nie wieder.«

»Nie wieder«, sagte Neal versöhnlich. »Und was, wenn er sie mit diesem giftigen Rice-Krispies-Mist futtert?«

Am Anfang hatten wir unseren Vater überhaupt nicht gesehen. Dann, nach Weihnachten, war ein Plan für die Samstage ausgearbeitet worden. Unsere Mutter erkundigte sich hinterher immer, ob wir es gut gehabt hatten. Ich sagte immer ja und meinte es auch so, denn ich dachte, wenn man ins Kino ging oder an den Huron-See fuhr oder im Restaurant aß, dann hatte man es gut. Caro sagte auch ja, aber in einem Ton, der zu verstehen gab, dass es meine Mutter nichts anging. Dann flog mein Vater nach Kuba in den Winterurlaub (was meine Mutter etwas überraschend fand und vielleicht auch ganz gut), und kam mit einer hartnäckigen Grippe zurück, deretwegen die Besuche erst einmal ausfielen. Sie sollten im Frühjahr wiederaufgenommen werden, aber bisher hatte sich nichts ergeben.

Nachdem der Fernseher ausgestellt worden war, wurden Caro und ich rausgeschickt, um rumzulaufen und, wie unsere Mutter sagte, ein bisschen frische Luft zu schnappen. Wir nahmen den Hund mit.

Als wir draußen waren, befreiten wir uns als Erstes von den Schals, die unsere Mutter uns um den Hals gebunden hatte. (Auch wenn wir vielleicht die beiden Dinge nicht zusammenbrachten, aber je weiter die Schwangerschaft meiner Mutter fortschritt, desto mehr glitt sie zurück in das Verhalten einer normalen Mutter, zumindest, wenn es um Schals, die wir nicht brauchten, oder um regelmäßige Mahlzeiten ging. Das tolle Treiben wurde nicht mehr so verfochten wie im Herbst.) Caro fragte mich, was ich machen wollte, und ich sagte, weiß nicht. Das war von ihrer Seite eine Formalität und von meiner die reine Wahrheit. Jedenfalls ließen wir uns von dem Hund fuhren, und Blitzee fand, wir sollten uns die Kiesgrube anschauen. Der Wind peitschte das Wasser zu kleinen Wellen auf, und sehr bald fingen wir an zu frieren, also wickelten wir uns die Schals wieder um den Hals.

Ich weiß nicht, wie viel Zeit wir damit zubrachten, einfach am Rand des Wassers entlangzulaufen, im Bewusstsein, dass wir vom Wohnwagen aus nicht zu sehen waren. Nach einer Weile merkte ich, dass ich Anweisungen erhielt.

Ich sollte zum Wohnwagen gehen und Neal und unserer Mutter etwas sagen.

Dass der Hund ins Wasser gefallen war.

Blitzee ist ins Wasser gefallen, und Caro hat Angst, sie ertrinkt.

Blitzee. Am Ertrinken.

Ertrunken.

Aber Blitzee war doch gar nicht im Wasser.

Konnte sie aber sein. Und Caro konnte hineinspringen, um sie zu retten.

Ich glaube immer noch, ich hatte Einwände, etwa wie, sie ist doch nicht, du bist doch nicht, es kann passieren, ist aber nicht. Ich erinnerte mich auch daran, dass Neal gesagt hatte, Hunde ertrinken nicht.

Caro wies mich an, zu tun wie befohlen.

Warum?

Es kann sein, dass ich das fragte, es kann aber auch sein, dass ich einfach dastand, nicht gehorchte und nach weiteren Einwänden suchte.

In meiner Erinnerung kann ich sehen, wie sie Blitzee hochhebt und wirft, obwohl Blitzee versucht, sich an ihren Mantel zu klammern. Dann, wie sie zurückweicht, um Anlauf auf das Wasser zu nehmen. Losrennt, springt, sich ganz plötzlich ins Wasser stürzt. Aber ich kann mich nicht an das Geräusch des Aufldatschens erinnern, als sie nacheinander im Wasser landeten. Weder an einen kleinen Platsch noch an einen großen. Vielleicht war ich da schon auf dem Weg zum Wohnwagen — es muss so gewesen sein.

Wenn ich davon träume, renne ich immer. Und in meinen Träumen renne ich nicht zum Wohnwagen, sondern zurück zur Kiesgrube. Ich sehe Blitzee im Wasser herumpaddeln und Caro auf sie zuschwimmen, mit kräftigen Zügen, auf dem Weg, sie zu retten. Ich sehe ihren hellbraunen karierten Mantel und ihren Schal in buntem Schottenkaro und ihren stolzen, erfolgssicheren Gesichtsausdruck und ihre rötlichen Haare, am Ende der Locken dunkel vom Wasser. Ich brauche nichts weiter zu tun als zuzuschauen und glücklich zu sein — mehr wird nicht von mir verlangt.

In Wirklichkeit stiefelte ich die kleine Anhöhe zum Wohnwagen hoch. Und als ich dort anlangte, setzte ich mich hin. Geradeso, als hätte es da eine Veranda oder eine Bank gegeben, dabei besaß der Wohnwagen weder das eine noch das andere. Ich setzte mich hin und wartete auf das, was als Nächstes geschah.

Ich weiß das, weil es eine Tatsache ist. Ich weiß jedoch nicht, was mein Plan war oder was ich dachte. Vielleicht wartete ich auf den nächsten Akt in Caros Drama. Oder in dem des Hundes.

Ich weiß nicht, ob ich dort fünf Minuten lang saß. Länger? Kürzer? Es war nicht allzu kalt.

Ich ging deswegen einmal zu einer Therapeutin, und sie überzeugte mich — zumindest für eine Weile —, dass ich versucht haben musste, die Tür des Wohnwagens aufzumachen, und sie abgeschlossen fand. Abgeschlossen, weil meine Mutter und Neal miteinander schliefen und nicht gestört werden wollten. Wenn ich an die Tür geklopft hätte, wären sie böse geworden. Die Therapeutin war zufrieden, mich zu dieser Schlussfolgerung gebracht zu haben, und ich war es auch. Eine Zeitlang. Aber ich glaube nicht mehr, dass es so war. Ich glaube nicht, dass sie die Tür abgeschlossen hatten, denn ich weiß noch, dass sie es einmal nicht getan hatten, und Caro spazierte hinein, und sie lachten über ihren Gesichtsausdruck.

Vielleicht war mir eingefallen, dass Neal gesagt hatte, Hunde können nicht ertrinken, was bedeutete, dass Caros Rettung von Blitzee gar nicht notwendig war. Deswegen war es ihr gar nicht möglich, ihr Spiel in die Tat umzusetzen. Caro und ihre Spiele.

Dachte ich, dass sie schwimmen konnte? Mit neun können das viele Kinder schon. Und tatsächlich stellte sich heraus, dass sie im Sommer zuvor eine Stunde Schwimmunterricht gehabt hatte, aber dann waren wir in den Wohnwagen gezogen, und so hatte sie keine weiteren genommen. Sie mag gedacht haben, sie käme gut zurecht. Und ich mag wohl gedacht haben, dass sie alles schaffen konnte, was sie sich vornahm.

Die Therapeutin deutete nicht an, dass ich es vielleicht leid war, Caros Befehle auszuführen, aber der Gedanke kam mir von allein. Er scheint jedoch nicht ganz richtig zu sein. Wenn ich älter gewesen wäre, vielleicht. Zu jener Zeit erwartete ich von ihr immer noch, dass sie meine Welt gestaltete.

Wie lange saß ich da? Wahrscheinlich nicht lange. Und es kann sein, dass ich wirklich anklopfte. Nach einer Weile. Nach ein oder zwei Minuten. Auf jeden Fall machte meine Mutter dann doch irgendwann die Tür auf, ohne bestimmten Grund. Eine Vorahnung.

Dann bin ich im Wohnwagen. Meine Mutter schreit Neal an und versucht, ihm etwas begreiflich zu machen. Er erhebt sich, steht da und redet auf sie ein, fasst sie an, voller Milde und Sanftheit und Trost. Aber das ist überhaupt nicht das, was meine Mutter will, sie reißt sich von ihm los und rennt zur Tür hinaus. Er schüttelt den Kopf und schaut auf seine nackten Füße. Seine großen, hilflos aussehenden Zehen.

Ich glaube, er sagt etwas zu mir, mit traurigem Singsang in der Stimme. Seltsam.

Darüber hinaus sind mir keine Einzelheiten geblieben.

___________

Meine Mutter stürzte sich nicht ins Wasser. Trotz des Schocks setzten die Wehen nicht ein. Mein Bruder Brent wurde erst eine Woche oder zehn Tage nach der Beerdigung geboren, und er war keine Frühgeburt. Wo sie war, während sie auf die Geburt wartete, weiß ich nicht. Vielleicht wurde sie im Krankenhaus behalten und so weit, wie es unter den Umständen möglich war, ruhiggestellt.

Ich erinnere mich recht gut an den Tag der Beerdigung.

Eine sehr angenehme und freundliche Frau, die ich nicht kannte — sie hieß Josie —, machte mit mir einen Ausflug. Wir besuchten mehrere Schaukeln und eine Art Puppenhaus, groß genug, dass ich hineinkrabbeln konnte, und zum Mittagessen gab es meine Lieblingsspeisen, aber nicht so viel davon, dass mir schlecht wurde. Josie war eine Frau, die ich später gut kennenlernte. Mein Vater hatte sich auf Kuba mit ihr angefreundet, und nach der Scheidung wurde sie meine Stiefmutter, seine zweite Frau.

Meine Mutter erholte sich. Sie musste. Sie hatte Brent zu versorgen und lange Zeit auch mich. Ich glaube, ich war bei meinem Vater und Josie, als sie sich in dem Haus einrichtete, in dem sie den Rest ihres Lebens verbringen sollte. Ich kann mich nicht daran erinnern, mit Brent dort gewesen zu sein, bevor er groß genug war, um in seinem Kinderstühlchen zu sitzen.

Meine Mutter kehrte zu ihren alten Pflichten am Theater zurück. Anfangs mag sie gearbeitet haben wie zuvor, als ehrenamtliche Platzanweiserin, aber als ich dann in die Schule kam, hatte sie richtige Arbeit, mit Bezahlung, das ganze Jahr über. Sie war die Geschäftsführerin. Das Theater überlebte, durch verschiedene Höhen und Tiefen, und existiert immer noch.

Neal glaubte nicht an Beerdigungen, also ging er nicht zu der von Caro. Brent sah er nie. Er schrieb einen Brief — was ich wesentlich später herausfand —, in dem stand, da er nicht die Absicht habe, Vater zu spielen, sei es besser für ihn, gleich am Anfang auszusteigen. Ich sprach mit Brent nie über ihn, weil ich dachte, das würde meine Mutter aufregen. Auch, weil Brent so gar nicht nach ihm kam — nach Neal — und derart viel Ähnlichkeit mit meinem Vater hatte, dass ich mich wirklich fragte, was wohl zur Zeit seiner Zeugung vor sich gegangen war. Mein Vater hat nie etwas dazu gesagt und wird es auch nie tun. Er behandelt Brent genauso, wie er mich behandelt, aber er ist einer von den Männern, die das ohnehin tun würden.

Er und Josie haben nie eigene Kinder bekommen, aber ich glaube nicht, dass sie darunter leiden. Josie ist die Einzige, die je von Caro spricht, und sogar sie tut es nicht oft. Sie sagt, dass mein Vater meiner Mutter nicht die Schuld gibt. Er hat auch gesagt, dass er ein ziemlicher Muffel gewesen sein muss, als meine Mutter sich nach einem aufregenderen Leben sehnte. Er brauchte einen kräftigen Stoß, und den bekam er. Es hat keinen Sinn, sich deswegen Vorwürfe zu machen. Ohne den Stoß hätte er Josie nie gefunden, und sie zwei wären jetzt nicht so glücklich.

»Welche zwei?«, fragte ich dann manchmal, um ihn zu verunsichern, aber er antwortete unerschütterlich: »Josie und ich. Josie natürlich.«

Meine Mutter will sich an nichts aus dieser Zeit erinnern, und ich plage sie nicht damit. Ich weiß, dass sie den Weg entlanggefahren ist, an dem wir früher wohnten, und alles stark verändert fand, mit schicken Häusern, wie man sie jetzt sieht, errichtet auf unfruchtbarem Boden. Sie berichtete davon mit der leisen Verachtung, die solche Häuser in ihr auslösen. Ich bin selbst den Weg entlanggelaufen, aber ich erzählte niemandem davon. All dieses Ausweiden, das heutzutage in Familien betrieben wird, halte ich für einen Fehler. Sogar da, wo die Kiesgrube war, steht jetzt ein Haus, der Grund darunter ist aufgefüllt.

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Ich habe eine Lebensgefährtin, Ruthann, die jünger ist als ich, aber, glaube ich, etwas klüger. Oder wenigstens optimistischer in Hinsicht auf das, was sie die Austreibung meiner Dämonen nennt. Ich hätte mich nie mit Neal in Verbindung gesetzt, wenn sie mich nicht dazu gedrängt hatte. Natürlich hatte ich lange Zeit gar keine Möglichkeit, ebenso wenig wie den Gedanken daran, mit ihm in Verbindung zu treten. Er war es, der mir schließlich schrieb. Eine kurze Gratulation, nachdem er mein Foto inder Alumni Gazette, der Zeitschrift für die ehemaligen Absolventen, gesehen hatte. Wie er dazu kam, sich die Alumni Gazette anzuschauen, weiß ich nicht. Ich hatte eine von den akademischen Ehrungen empfangen, die in einem begrenzten Zirkel etwas bedeuten, aber anderswo wenig.

Er wohnte kaum fünfzig Meilen von dem Ort entfernt, in dem ich unterrichte und auch früher aufs College gegangen war. Ich fragte mich, ob er damals schon da wohnte. So nah. War er Dozent geworden?

Anfangs hatte ich nicht die Absicht, auf den Brief zu reagieren, aber ich erzählte Ruthann davon, und sie sagte, ich sollte darüber nachdenken, ihm zu antworten. Das Fazit war, ich schickte ihm eine E-Mail, und wir verabredeten uns. Ich sollte ihn in seiner Stadt treffen, im unbedrohlichen Ambiente einer Universitätsmensa. Ich sagte mir, falls er unerträglich aussieht — ich wusste nicht genau, was ich damit meinte —, kann ich einfach an ihm vorbeigehen.

Er war kleiner als früher, wie es Erwachsene, die wir aus der Kindheit in Erinnerung haben, häufig sind. Seine Haare waren dünn und kurz geschoren. Er holte mir eine Tasse Tee. Er selbst trank auch Tee.

»Was machte er beruflich?«

Er sagte, dass er Studenten bei der Vorbereitung auf Prüfungen Nachhilfe gab. Außerdem half er ihnen beim Schreiben ihrer Seminararbeiten. Manchmal schrieb er sogar die Arbeiten. Natürlich ließ er sich das bezahlen.

»Das ist kein Weg, Millionär zu werden, kann ich dir sagen.«

Er wohnte in einem Problemviertel. Oder in einem halbwegs anständigen Problemviertel. Ihm gefiel es da. Kleidung suchte er sich bei der Heilsarmee. Das war auch in Ordnung.

»Passt zu meinen Prinzipien.«

Ich sprach ihm für nichts davon meine Anerkennung aus, aber, um die Wahrheit zu sagen, ich bezweifle, dass er das von mir erwartete.

»Jedenfalls glaube ich nicht, dass meine Lebensweise so interessant ist. Ich glaube, du wirst wissen wollen, wie es passiert ist.«

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte.

»Ich war total bekifft«, sagte er. »Und außerdem kann ich nicht schwimmen. Da, wo ich aufgewachsen bin, gab’s nicht viele Swimmingpools. Ich wäre ertrunken. War es das, was du wissen wolltest?«

Ich sagte, dass er eigentlich nicht derjenige sei, über den ich mir Gedanken machte.

Dann stellte ich ihm als drittem Menschen die Frage: »Was hatte Caro deiner Meinung nach im Sinn?«

Die Therapeutin hatte geantwortet, das könne niemand wissen. »Wahrscheinlich wusste sie selbst nicht, was sie wollte. Aufmerksamkeit? Ich glaube nicht, dass sie vorhatte, sich das Leben zu nehmen. Aufmerksamkeit dafür, wie schlecht es ihr ging?«

Ruthann hatte geantwortet: »Damit deine Mutter machte, was sie wollte? Damit sie aufwachte und einsah, dass sie zu eurem Vater zurückkehren musste?«

Neal antwortete: »Spielt keine Rolle. Vielleicht dachte sie, sie konnte besser schwimmen, als es der Fall war. Vielleicht wusste sie nicht, wie schwer Winterkleidung werden kann. Oder dass keiner in der Lage war, ihr zu helfen.«

Er sagte zu mir: »Verschwende nicht deine Zeit. Du denkst doch nicht etwa, was gewesen wäre, wenn du gerannt wärst und was gesagt hattest? Willst doch nicht etwa mit dran schuld sein?«

Ich sagte, ich hätte tatsächlich darüber nachgedacht, aber nein.

»Wichtig ist nur, glücklich zu sein«, sagte er. »Alles andere ist egal. Das musst du versuchen. Du kannst es. Es wird immer leichter. Es hat nichts mit den Umständen zu tun. Du glaubst gar nicht, wie gut das tut. Nimm alles hin, und die Tragödie verschwindet. Oder sie wird jedenfalls leichter, und du bist einfach da, gehst entspannt durch die Welt.«

Jetzt leb wohl.

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Ich verstehe, was er meinte. Es so zu machen ist wirklich richtig. Aber in meiner Erinnerung rennt Caro immer noch aufs Wasser zu und stürzt sich hinein, wie im Triumph, und ich bin immer noch starr, warte auf ihre Erklärung, warte auf das Platschen.

Teil V

Heimstatt

All das geschah in den siebziger Jahren, obwohl in diesem Städtchen und in anderen ähnlichen Kleinstädten die Siebziger nicht so waren, wie wir sie uns heute vorstellen oder wie ich sie sogar in Vancouver erlebte. Die Haare der Jungen waren länger als früher, zottelten aber nicht bis auf den Rücken, und es schien nicht so ungewöhnlich viel Freisinn oder Trotz in der Luft zu liegen.

Mein Onkel hänselte mich als Erstes wegen des Tischgebets. Das ich nicht sprach. Ich war dreizehn Jahre alt und lebte für ein Jahr, das meine Eltern in Afrika verbrachten, bei ihm und meiner Tante. Ich hatte noch nie in meinem Leben vor einem Teller mit Essen den Kopf geneigt.

»Segne, Herrgott, diese Speise, uns zur Stärkung, dir zum Preise«, sagte Onkel Jasper, während ich die Gabel mitten in der Luft anhielt und es mir verkniff, das Fleisch und die Kartoffeln zu kauen, die sich schon in meinem Mund befanden.

»Überrascht?«, fragte er nach dem »In Jesu Namen. Amen«. Er wollte wissen, ob meine Eltern ein anderes Gebet sprachen, vielleicht am Ende der Mahlzeit.

»Sie sagen gar nichts«, gab ich ihm Auskunft.

»Wirklich nicht?«, fragte er mit gespieltem Erstaunen.

»Das willst du mir doch nicht erzählen? Menschen, die keine Tischgebete sprechen, gehen nach Afrika, um den Heiden den Glauben zu bringen — man stelle sich vor!«

In Ghana, wo meine Eltern an einer Schule unterrichteten, schienen ihnen nicht viele Heiden begegnet zu sein. Der christliche Glaube trieb rings um sie herum verwirrende Blüten, sogar auf Schildern hinten an Bussen.

»Meine Eltern sind Unitarier«, sagte ich und nahm mich selbst aus irgendeinem Grund davon aus.

Onkel Jasper schüttelte den Kopf und bat mich, das Wort zu erklären. Glaubten sie denn nicht an den Gott von Moses? Oder an den Gott von Abraham? Dann mussten sie Juden sein. Nein? Sie waren doch nicht etwa Mohammedaner?

»Vor allem hat jeder Mensch seine eigene Vorstellung von Gott«, sagte ich, vielleicht fester, als er erwartet hatte. Meine beiden Brüder waren auf dem College, und es sah nicht danach aus, dass sie sich zu Unitariern mausern würden, also war ich an intensive religiöse — und auch atheistische — Streitgespräche am Abendbrottisch gewöhnt.

»Aber sie glauben daran, gute Werke zu tun und ein gutes Leben zu führen«, fügte ich hinzu.

Ein Fehler. Nicht nur, dass ein ungläubiger Ausdruck auf das Gesicht meines Onkels trat — hochgezogene Augenbrauen, verwundertes Kopfschütteln —, sondern die Worte, die gerade aus meinem Mund herausgekommen waren, klangen für mich selbst fremd, hochtrabend und wenig überzeugend.

Ich war nicht einverstanden damit, dass meine Eltern nach Afrika gingen. Ich war dagegen, dass sie mich bei meinem Onkel und meiner Tante — meine Wortwahl — abluden. Vielleicht habe ich ihnen, meinen leidgeprüften Eltern, sogar ins Gesicht gesagt, dass ihre guten Werke ein Haufen Mist waren. Bei uns zu Hause durften wir uns ausdrücken, wie wir wollten. Obwohl ich nicht glaube, dass meine Eltern selbst von »guten Werken« gesprochen hätten oder davon, »Gutes zu tun«.

Mein Onkel war für den Augenblick zufrieden. Er sagte, dass wir das Thema fallenlassen mussten, da er wieder in seine Praxis musste, um seinerseits ab ein Uhr gute Werke zu tun.

Wahrscheinlich erst da griff meine Tante zu ihrer Gabel und begann zu essen. Es war typisch für sie, zu warten, bis der Disput vorbei war. Das mag aus Gewohnheit gewesen sein und nicht unbedingt aus Besorgnis wegen meiner Unverfrorenheit. Sie war es gewohnt, sich zurückzunehmen, bis sie sicher war, dass mein Onkel alles gesagt ,hatte, was er sagen wollte. Sogar wenn ich sie direkt ansprach, wartete sie und schaute zu ihm, um zu sehen, ob er es übernehmen wollte, mir zu antworten. Wenn sie etwas sagte, war es immer etwas Fröhliches, und sie lächelte, sobald sie wusste, dass es in Ordnung war zu lächeln, also fiel es schwer, sie für unterdrückt zu halten. Auch, sie für die Schwester meiner Mutter zu halten, weil sie wesentlich jünger, frischer und adretter aussah, dazu begabt mit diesem strahlenden Lächeln.

Meine Mutter fiel meinem Vater durchaus ins Wort, wenn sie etwas hatte, was sie unbedingt sagen wollte, und das war oft der Fall. Meine Brüder, sogar der, der sagte, er dächte daran, Moslem zu werden, damit er Frauen züchtigen konnte, hörten ihr immer zu als einer ebenbürtigen Autorität.

»Dawns Leben ist ihrem Mann gewidmet«, hatte meine Mutter gesagt, mit einem gewissen Bemühen um Neutralität. Oder, trockener: »Ihr ganzes Leben dreht sich um diesen Mann.«

Das war etwas, was zu jener Zeit gesagt wurde, und es war nicht immer herabsetzend gemeint. Aber ich hatte noch nie eine Frau gesehen, auf die das so zutraf wie auf Tante Dawn, Natürlich wäre es ganz anders gewesen, sagte meine Mutter, wenn sie Kinder gehabt hätte.

Man stelle sich vor. Kinder. Die Onkel Jasper in den Weg gerieten, die greinten, um ein bißchen von der Aufmerksamkeit ihrer Mutter zu erhaschen. Die kotzten, schmollten, Unordnung machten und Essen haben wollten, das er nicht mochte.

Ausgeschlossen. Das Haus war seins, die Wahl der Speisen, der Radio- und Fernsehprogramme, alles seins. Sogar wenn er in seiner Praxis nebenan war oder fort zu einem Hausbesuch, musste alles jederzeit seinen Wünschen entsprechen.

Nach und nach gelangte ich zu der Erkenntnis, dass solch ein Ordnungssystem ganz angenehm sein konnte. Blitzende Silberlöffel und -gabeln‘ glänzende dunkle Fußböden, frische Bettwäsche — all diese göttliche Vollkommenheit wurde von meiner Tante überwacht und von Bernice, dem Dienstmädchen, umgesetzt. Bernice kochte ohne Dinge aus Dosen, Tuben oder Tiefkühltruhen und bügelte sogar die Geschirrhandtücher. Alle anderen Ärzte in der Stadt gaben ihre Wäsche in die chinesische Wäscherei, während Bernice und Tante Dawn unsere auf die Wäscheleine hängten. Weiß von der Sonne, frisch vom Wind, alle Betttücher und Mullbinden sauber und duftend. Mein Onkel war der Meinung, dass die Schlitzaugen zu großzügig mit der Wäschestärke umgingen.

»Chinesen«, sagte meine Tante mit leiser, koketter Stimme, als müsste sie sich sowohl bei meinem Onkel als auch bei den Leuten von der Wäscherei entschuldigen.

»Schlitzaugen«, sagte mein Onkel übermütig.

Bernice war die Einzige, die das Wort ganz natürlich benutzen konnte.

Nach und nach stand ich weniger fest zu meinem Zuhause mit seiner intellektuellen Ernsthaftigkeit und materiellen Unordnung. Natürlich musste eine Frau für eine so behagliche Heimstatt ihre ganze Kraft aufbieten. Da konnte man keine unitarischen Manifeste abtippen oder sich nach Afrika davonmachen. (Anfangs sagte ich jedes Mal: »Meine Eltern sind nach Afrika gegangen, um zu arbeiten«, wenn jemand in diesem Haus davon sprach, dass sie sich davongemacht hatten. Dann wurde ich es leid, sie zu verbessern.)

Heimstatt war das Wort. »Die wichtigste Aufgabe einer Frau ist es, ihrem Mann eine Heimstatt zu bereiten.«

Sagte Tante Dawn das tatsächlich? Ich glaube nicht. Sie scheute sich vor Sentenzen. Ich habe das wahrscheinlich in einer der Hausfrauenzeitschriften gelesen, die ich dort vorfand. Und die bei meiner Mutter Brechreiz auslösten.

___________

Als Erstes erkundete ich die Stadt. Hinten in der Garage fand ich ein schweres altes Fahrrad und fuhr damit los, ohne daran zu denken, um Erlaubnis zu fragen. Als ich auf einer frisch geschotterten Straße über dem Hafen bergab rollte, verlor ich die Kontrolle. Ich schrammte mir ein Knie böse auf, und ich musste meinen Onkel in seiner Praxis neben dem Haus aufsuchen. Er versorgte fachmännisch die Wunde. Er war ganz der behandelnde Arzt, sachlich mit einer Sanftheit, die vollkommen unpersönlich war. Keine Scherze. Er sagte, er könne sich gar nicht daran erinnern, woher das Fahrrad stammte — ein heimtückisches altes Monstrum, und wenn mir viel daran lag, Fahrrad zu fahren, sollten wir schauen, mir ein anständiges zu besorgen. Als ich mich in meiner neuen Schule besser auskannte, auch mit den Regeln über das, was Mädchen dort taten, nachdem sie die Pubertät erreicht hatten, wurde mir klar, dass Radfahren gar nicht in Frage kam, also wurde nichts daraus. Was mich überraschte, war, dass mein Onkel keinerlei Fragen des Anstandes oder dessen, was Mädchen tun sollten und was nicht, zur Sprache brachte. Er schien in seiner Praxis vergessen zu haben, dass ich eine Person war, die in vieler Hinsicht zurechtgebogen werden musste oder die dazu angehalten werden musste, besonders am Esstisch, sich das Benehmen ihrer Tante Dawn zum Vorbild zu nehmen.

»Du bist ganz alleine da raufgefahren?«, fragte sie nur, als sie davon erfuhr. »Was hattest du denn da zu suchen? Keine Sorge, du wirst bald ein paar Freundinnen haben.«

Sie hatte recht, sowohl mit dem Erwerb von Freundinnen als auch damit, wie das die Dinge, die ich tun konnte, einschränken würde.

Onkel Jasper war nicht einfach ein Arzt, er war der Arzt. Er war die treibende Kraft hinter der Errichtung des städtischen Krankenhauses gewesen und hatte sich dagegen gewehrt, dass es nach ihm benannt wurde. Er war als armer, aber intelligenter Junge aufgewachsen und hatte als Lehrer gearbeitet, bis er sich das Medizinstudium leisten konnte. Er hatte in der Küche von Farmhäusern Babys auf die Welt geholt und Blinddärme operiert, nachdem er durch Schneestürme gefahren war. Sogar in den fünfziger und sechziger Jahren hatten sich solcne Dinge noch zugetragen. Er stand in dem Ruf, nie aufzugeben, Fälle von Blutvergiftung und Lungenentzündung anzupacken und die Patienten zu retten zu einer Zeit, als die neuen Medikamente noch völlig unbekannt waren.

Dennoch wirkte er, im Gegensatz zu seinem Verhalten zu Hause, in der Praxis sehr umgänglich. Als wäre im Haus eine ständige Aufsicht notwendig, die in der Praxis nicht erforderlich war, obwohl man meinen sollte, dass es eigentlich umgekehrt hätte sein müssen. Die Krankenschwester, die dort arbeitete, behandelte ihn nicht einmal mit besonderer Ehrerbietung — sie war völlig anders als Tante Dawn. Sie steckte den Kopf zur Tür des Zimmers herein, in dem er meine Schürfwunde behandelte, und sagte, dass sie früher nach Hause ging.

»Sie müssen ans Telefon gehen, Dr. Cassel. Sie wissen doch, ich hab’s Ihnen gesagt?«

»Mmmhmm«, antwortete er.

Natürlich war sie alt, vielleicht über fünfzig, und Frauen dieses Alters hatten oft etwas Gebieterisches an sich.

Was ich mir bei Tante Dawn überhaupt nicht vorstellen konnte. Sie schien in einer rosigen und schüchternen Jugend zu verharren. Am Anfang meines Aufenthalts, als ich dachte, ich hätte das Recht, überall hinzugehen, war ich in das Schlafzimmer meiner Tante und meines Onkels gegangen, um mir ein Foto von ihr auf seinem Nachttisch anzuschauen.

Die sanften Züge und das dunkle wellige Haar hatte sie immer noch. Aber eine unkleidsame rote Kappe bedeckte einen Teil des Haars, und sie trug ein violettes Cape. Als ich herunterkam, fragte ich sie, was das für ein Kostüm war, und sie sagte: »Welcnes Kostüm? Ach so. Das war meine Tracht als Lernschwester.«

»Du warst Krankenschwester?«

»Nein, nein.« Sie lachte, als sei es eine absurde Dreistigkeit, das zu behaupten. »Ich hab die Ausbildung abgebrochen.«

»Hast du so Onkel Jasper kennengelernt?«

»Nein, nein. Da hatte er sein Studium schon lange abgeschlossen. Ich habe ihn kennengelernt, als ich eine schwere Blinddarmentzündung hatte. Ich war bei einer Freundin zu Besuch — ich meine, bei der Familie einer Freundin hier oben —, und ich wurde ernsthaft krank, wusste aber nicht, was es war. Er hat es richtig erkannt und den Blinddarm herausgenommen.« Dabei errötete sie noch tiefer als gewöhnlich und fügte hinzu, ich sollte vielleicht nicht ins Schlafzimmer gehen, ohne um Erlaubnis zu fragen. Sogar ich begriff, das bedeutete, überhaupt nicht.

»Und ist deine Freundin noch hier?«

»Ach, weißt du. Sobald man heiratet, hat man nicht mehr so wie vorher Freundinnen.«

Um die Zeit, als ich das auskundschaftete, entdeckte ich auch, dass Onkel Jasper nicht völlig ohne Verwandte war, wie ich angenommen hatte. Er hatte eine Schwester. Sie war ebenfalls in der Welt erfolgreich gewesen, zumindest für meine Begriffe. Sie war Musikerin, eine Geigerin. Sie hieß Mona. Oder so nannte sie sich, obwohl sie auf den Namen Maud getauft war. Mona Cassel. Ich erfuhr zum ersten Mal von ihrer Existenz, nachdem ich schon ein halbes Schuljahr in der Stadt verbracht hatte. Als ich eines Tages von der Schule nach Hause ging, sah ich im Schaufenster des Zeitungsbüros ein Plakat von einem Konzert, das in zwei Wochen im Rathaussaal stattfinden sollte. Drei Musiker aus Toronto. Mona Cassel war die große weißhaarige Dame mit der Geige. Als ich nach Hause kam, erzählte ich Tante Dawn von der Namensgleichheit, und sie sagte: »Ach ja. Das muss die Schwester deines Onkels sein.«

Dann fügte sie hinzu: »Sag hier im Haus nichts davon.«

Nach einem Augenblick fühlte sie sich offenbar verpflichtet, mir mehr darüber mitzuteilen.

»Dein Onkel mag solche Musik nicht besonders, weißt du. Symphonische Musik.«

Und noch mehr.

Sie sagte, dass die Schwester ein paar Jahre älter war als Onkel Jasper und dass etwas passiert war, als sie noch Kinder waren. Irgendwelche Verwandte hatten gemeint, dass dieses Mädchen fortmusste, um eine bessere Chance zu bekommen, weil sie so musikalisch war. Also wuchs sie woanders auf, so dass Bruder und Schwester nichts miteinander gemein hatten, und das war wirklich alles, was sie — Tante Dawn — darüber wusste. Sie wusste nur, es würde meinem Onkel nicht gefallen, dass sie mir überhaupt davon erzählt hatte.

»Er mag diese Musik nicht?«, fragte ich. »Welche Musik mag er denn?«

»So altmodischere, könnte man sagen. Jedenfalls keine klassische.«

»Die Beatles?«

»Ach du meine Güte.«

»Doch nicht Lawrence Welk?«

»Wir sollten nicht darüber urteilen. Ich hätte nicht davon anfangen dürfen.«

Ich setzte mich darüber hinweg.

»Was gefällt dir denn eigentlich?«

»Mir gefällt so ziemlich alles.«

»Dir muss doch einiges besser gefallen als anderes.«

Sie gewährte mir nur eine Spielart ihres häufigen kurzen Lachens. Diesmal war es das nervöse Lachen, nicht viel anders, aber besorgter als zum Beispiel das Lachen, mit dem sie Onkel Jasper fragte, wie ihm das Abendessen schmeckte. Er äußerte sich fast immer beifällig, aber mit Einschränkungen. Ganz gut, aber ein bisschen zu pikant oder ein bisschen zu fade. Vielleicht ein wenig zu lange oder auch zu kurz gekocht. Einmal sagte er: »Gar nicht«, und verweigerte jede Begründung, und das Lachen verschwand in ihren zusammengepressten Lippen und ihrer heroischen Selbstbeherrschung.

Was mag das für ein Gericht gewesen sein? Ich möchte sagen, eins mit Curry, aber vielleicht, weil mein Vater Curry nicht mochte, obwohl er daraus kein Drama machte. Mein Onkel stand vom Tisch auf und bereitete sich ein Sandwich mit Erdnussbutter zu, mit so viel demonstrativem Getue, dass es einem Drama gleichkam. Was Tante Dawn auch aufgetragen haben mag, es war bestimmt keine absichtliche Zumutung. Vielleicht nur etwas ein wenig Ungewöhnliches, das in einer Zeitschrift gut ausgesehen hatte. Und er hatte, wie ich mich erinnere, alles aufgegessen, bevor er sein Urteil abgab. Also trieb ihn nicht der Hunger, sondern das Bedürfnis, etwas absolut Vernichtendes zu verkünden.

Heute kommt mir der Gedanke, dass an jenem Tag im Krankenhaus etwas schiefgegangen sein konnte, jemand war gestorben, der eigentlich nicht hätte sterben dürfen — vielleicht lag es überhaupt nicht am Essen. Aber ich glaube nicht, dass Tante Dawn dieser Gedanke kam — oder wenn doch, So ließ sie sich nichts davon anmerken. Sie zeigte nur Zerknirschung.

___________

Zu jener Zeit hatte Tante Dawn noch ein weiteres Problem, eines, das ich erst später verstand. Nämlich das Problem mit dem Ehepaar von nebenan. Die beiden waren ungefähr zur selben Zeit eingezogen wie ich. Er war der Kreisschulinspektor, sie Musiklehrerin. Sie waren vielleicht im selben Alter wie Tante Dawn, jünger als Onkel Jasper. Sie hatten ebenfalls keine Kinder, was sie frei für Geselligkeiten machte. Außerdem waren sie in dem Stadium, wo man sich einen neuen Bekanntenkreis erobert und die Aussichten hell und freundlich sind. In diesem Geist hatten sie Tante Dawn und Onkel Jasper zu einem Umtrunk zu sich gebeten. Das Gesellschaftsleben meiner Tante und meines Onkels hielt sich in sehr engen Grenzen, was die ganze Stadt wusste und respektierte, daher hatte meine Tante keine Übung darin, nein zu sagen. Und so fanden sie sich zu Getränken und Geplauder ein, wobei ich mir vorstellen kann, dass Onkel Jasper es genoss, ohne dass er meiner Tante den Schnitzer verzieh, die Einladung angenommen zu haben.

Jetzt steckte sie in der Zwickmühle. Ihr war klar, wenn Leute einen in ihr Haus eingeladen hatten und man hingegangen war, dann wurde erwartet, dass man die Einladung erwiderte. Alkoholisches für Alkoholisches, Kaffee für Kaffee. Keine Mahlzeit erforderlich. Aber sie wusste nicht einmal, wie sie diese geringen Anforderungen erfüllen sollte. Mein Onkel hatte nichts an den Nachbarn auszusetzen gehabt — es war ihm nur absolut zuwider, Leute im Haus zu haben.

Dann ergab Sich aus der Neuigkeit, die ich ihr überbrachte, eine mögliche Lösung des Problems. Das Trio aus Toronto — natürlich mit Mona — trat im Rathaussaal nur an einem einzigen Abend auf. Und wie es der Zufall wollte, war das genau der Abend, an dem Onkel Jasper außer Hauses war und erst spät heimkommen sollte. Es war der Abend der Allgemeinen Jahresversammlung der Kreisarzte mit anschließendem Abendessen. Kein Bankett — die Ehefrauen waren nicht eingeladen.

Die Nachbarn hatten vor, in das Konzert zu gehen. Das mussten sie auch, bei dem Beruf der Frau. Aber sie erklärten sich bereit, danach vorbeizuschauen, auf einen Kaffee und einen Imbiss. Und um — und damit übernahm sich meine Tante — die Mitglieder des Trios kennenzulernen, die auch auf ein paar Minuten vorbeischauen würden.

Ich weiß nicht, wie viel meine Tante den Nachbarn von der Beziehung zu Mona Cassel erzählte. Wenn sie auch nur ein bisschen gesunden Menschenverstand hatte, nichts. Und davon hatte sie eigentlich eine ganze Menge. Sie erklärte ihnen, da bin ich sicher, warum der Doktor an diesem Abend nicht dabei sein konnte, aber sie wäre nie so weit gegangen, ihnen zu sagen, dass sie das Treffen vor ihm geheim halten mussten. Und was war damit, es vor Bernice geheim zu halten, die zur Abendbrotzeit nach Hause ging und bestimmt etwas von den Vorbereitungen mitbekommen würde? Ich weiß es nicht. Und vor allem weiß ich nicht, wie Tante Dawn den Musikern die Einladung übermitteln wollte. Hatte sie mit Mona die ganze Zeit über in Verbindung gestanden? Ich glaube eher nicht. Sie war bestimmt nicht dazu fähig, meinem Onkel über einen langen Zeitraum hinweg etwas vorzumachen.

Ich stelle mir vor, Sie wurde einfach leichtsinnig und schrieb einen kurzen Brief und brachte ihn in das Hotel, in dem das Trio übernachten würde. Eine Adresse in Toronto hatte sie wohl nicht.

Sogar als sie das Hotel betrat, muss sie sich gefragt haben, von wem sie dabei gesehen wurde, und gefleht haben, dass sie nicht an den Empfangschef geriet, der ihren Mann kannte, sondern an die neue junge Frau, die aus dem Ausland kam und vielleicht gar nicht wusste, dass sie die Frau des Arztes war.

Sie hatte den Musikern zu verstehen gegeben, dass sie nicht von ihnen erwartete, länger als nur für eine kleine Weile zu bleiben. Konzerte sind anstrengend, und sie mussten sich am nächsten Morgen auf den Weg in eine andere Stadt machen.

Warum nahm sie das Risiko auf sich? Warum die Nachbarn nicht allein empfangen? Schwer zu sagen. Vielleicht hatte sie das Gefühl, sie sei nicht fähig, allein eine Unterhaltung zu bestreiten. Vielleicht wollte sie sich vor diesen Nachbarn ein wenig brüsten. Vielleicht — obwohl ich das kaum glaube — ging es ihr um eine kleine Geste der Freundschaft oder Annäherung gegenüber der Schwägerin, der sie, soweit ich weiß, noch nie begegnet war. Sie muss völlig benommen umhergegangen sein, überfordert von ihrem eigenen Komplott. Ganz zu schweigen von den immer wieder gekreuzten Fingern und den Stoßgebeten, in den Tagen davor, als die Gefahr bestand, dass Onkel Jasper zufällig davon erfuhr. Wenn er zum Beispiel der Musiklehrerin auf der Straße begegnete und sie ihn mit ihrem Dank und ihrer Vorfreude überschüttete.

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Die Musiker waren nach dem Konzert doch nicht so erschöpft wie erwartet. Oder so niedergeschlagen von dem geringen Publikumszuspruch im Rathaussaal, der wahrscheinlich keine Überraschung war. Die Begeisterung der Gäste von nebenan und die Wärme des Wohnzimmers (im Rathaussaal hatte empfindliche Kühle geherrscht) sowie das warme Kirschrot der Samtvorhänge, die bei Tageslicht ein stumpfes Kastanienbraun zeigten, aber nach Einbruch der Dunkelheit festlich aussahen — all diese Dinge müssen ihnen Auftrieb gegeben haben. Die unfreundliche Düsternis draußen bildete einen Kontrast dazu, und der Kaffee erwärmte die von weit her gekommenen und vom Wetter nicht verwöhnten Fremden. Ganz zu schweigen von dem Sherry, der auf den Kaffee folgte. Sherry oder Portwein in Kristallgläsern der korrekten Form und Größe, dazu mit Kokosraspel bestreute Petits Fours, Butterkekse in Stern- oder Mondsichelform und Schokoladenwaffeln. Ich hatte so etwas noch nie gesehen. Meine Eltern veranstalteten Feste, auf denen die Gäste Chili aus Tonnäpfen aßen.

Tante Dawn trug ein sittsam geschnittenes Kleid aus fleischfarbenem Krepp. Ein Kleid, wie eine ältere Frau es hätte tragen können und an der es etwas verspielt, aber korrekt gewirkt hätte, doch meine Tante sah darin aus, als nähme sie an einer etwas gewagten Festivität teil. Die Nachbarin hatte sich auch feingemacht, vielleicht ein bisschen mehr, als der Anlass erforderte. Der kleine. dicke Mann, der Cello gespielt hatte, trug einen schwarzen Anzug, in dem er nur wegen der Fliege nicht aussah wie ein Leichenbestatter, und die Pianistin, die seine Frau war, trug ein schwarzes Kleid, das für ihre üppige Figur zu viele Rüschen hatte. Aber Mona Cassel leuchtete wie der Mond in einer gerade geschnittenen Robe aus silbrigem Material. Sie war grobknochig mit großer Nase ganz wie die ihres Bruders.

Tante Dawn hatte offenbar das Klavier stimmen lassen, sonst hätten sie sich nicht damit abgegeben. (Und falls es seltsam anmutet, dass überhaupt ein Klavier im Haus war, im Hinblick auf die bald zutage tretenden Ansichten meines Onkels zum Thema Musik, so kann ich nur sagen, dass früher in jedem Haus mit einem bestimmten Lebensstil eines stand.)

Die Nachbarin wünschte sich Eine kleine Nachtmusik, und ich unterstützte sie angeberisch. Tatsächlich kannte ich die Musik gar nicht, sondern nur den Titel aus dem Deutschunterricht an meiner alten Schule in der Großstadt.

Dann bat der Nachbar um ein Stück, und es wurde gespielt, und als es zu Ende war, entschuldigte er sich bei meiner Tante für seine Unhöflichkeit, sich mit seinem Wunsch vorgedrängt zu haben, bevor die Gastgeberin Gelegenheit hatte, ihren zu äußern.

Tante Dawn sagte, nein, nein, man solle keine Rücksicht auf sie nehmen, ihr gefiele alles. Dann versank sie in tiefem Erröten. Ich weiß nicht, ob ihr überhaupt etwas an der Musik lag, aber es sah ganz danach aus, als regte sie irgendetwas auf. Vielleicht nur, persönlich verantwortlich zu sein für diese Augenblicke, diesen uneingeschränkten Genuss?

Konnte es sein, dass sie es vergessen hatte — wie konnte sie das vergessen haben? Die Jahresversammlung der Kreisärzte mit der Wahl des Vorstandes und dem Abendessen war normalerweise um halb elf zu Ende. Jetzt war es elf.

Zu spät, zu spät schauten wir beide auf die Uhr.

Jetzt geht die Windfangtür auf, dann die Tür zur Dile, und ohne die übliche Pause dort, um Stiefel, Wintermantel und Schal abzulegen, kommt mein Onkel ins Wohnzimmer marschiert.

Die Musiker, mitten in einem Stück, hören nicht auf zu spielen. Die Nachbarn begrüßen meinen Onkel fröhlich, aber mit Rücksicht auf die Musik leise. Er sieht mit dem immer noch zugeknöpften Mantel, dem langen Schal um den Hals und den Stiefeln an den Füßen doppelt so groß aus wie normal. Er zieht ein finsteres Gesicht, schaut aber niemanden an, nicht einmal seine Frau.

Und sie schaut ihn nicht an. Sie hat angefangen, die Teller auf dem Tisch neben ihr einzusammeln, sie stellt einen auf den anderen und bemerkt nicht einmal, dass auf einigen immer noch Petits Fours liegen, die nun zerquetscht werden.

Ohne Eile und ohne Zögern durchmisst er das große Wohnzimmer, dann das Esszimmer und geht durch die Schwingtür in die Küche.

Die Pianistin sitzt reglos da, die Hände auf den Tasten, und der Cellospieler hat auch aufgehört. Die Geigerin spielt allein weiter. Ich habe bis heute keine Ahnung, ob das der Komposition entsprach oder ob sie sich absichtlich über den Auftritt hinwegsetzte. Soweit ich mich erinnern kann, schaute sie überhaupt nicht auf, nahm keinerlei Notiz von diesem finsteren Mann. Ihr großes weißes Haupt, seinem ähnlich, aber verwitterter, zittert ein wenig, hat aber vielleicht schon die ganze Zeit über gezittert.

Er kommt zurück, mit einem Teller voller Bohnen mit Schweinefleisch. Er muss einfach eine Konservendose aufgemacht und den Inhalt kalt auf den Teller gekippt haben. Er hat sich nicht die Zeit genommen, den Wintermantel auszuziehen. Und immer noch ohne jemanden anzuschauen, aber unter großem Geklapper der Gabel isst er, als sei er völlig allein und hungrig. Man könnte meinen, beim Abendessen der Jahresversammlung seien nur leere Teller serviert worden.

Ich habe ihn noch nie so essen sehen. Seine Tischmanieren sind sonst immer herrisch, aber ordentlich gewesen.

Das Musikstück, das seine Schwester spielt, geht zu Ende, wahrscheinlich zu seiner richtigen Zeit. Ein wenig vor den Bohnen mit Schweinefleisch. Die Nachbarn haben sich in die Diele verfügt, ihre Wintersachen übergeworfen und den Kopf nur einmal kurz hereingesteckt, um sich überschwenglich zu bedanken, inmitten ihrer Panik, so schnell wie möglich wegzukommen.

Und jetzt brechen die Musiker ebenfalls auf, wenn auch nicht so überhastet. Instrumente müssen schließlich ordentlich eingepackt werden; man wirft sie nicht einfach in ihren Kasten. Die Musiker machen es wie immer, gehen methodisch zu Werk, und verschwinden dann auch. Ich kann mich nicht an das erinnern, was gesagt wurde, auch nicht daran, ob Tante Dawn sich genug zusammenriss, um ihnen zu danken oder sie zur Tür zu begleiten. Ich kann nicht auf sie achten, denn Onkel Jasper ist dazu übergegangen, sehr laut zu reden, und ich bin diejenige, an die er sich wendet. Ich meine mich zu erinnern, dass die Geigerin ihm einen Blick zuwirft, gerade als er zu sprechen anfängt. Es ist kein zorniger Blick, wie man erwarten könnte, oder auch nur ein erstaunter. Sie ist einfach entsetzlich müde, ihr Gesicht bleicher, als man es sich vorstellen kann.

»Nun sage mir mal«, sagt mein Onkel, sich ausschließlich an mich wendend, als sei niemand sonst da, »sage mir mal, haben deine Eltern etwas übrig für so was? Ich meine, für solche Musik? Für Konzerte und so was? Bezahlen sie je Geld dafür, stundenlang dazusitzen, bis sie Schwielen am Hintern haben, und sich etwas anzuhören, was sie einen halben Tag später nicht mehr wiedererkennen würden? Bezahlen sie Geld dafür, einfach um einem Betrug auf den Leim zu gehen? Haben sie das deines Wissens je getan?«

Ich sagte nein, und das entsprach der Wahrheit. Ich konnte mich nicht daran erinnern, dass sie je ein Konzert besucht hatten, obwohl sie ganz allgemein Konzerte guthießen.

»Siehst du? Sie sind zu vernünftig, deine Eltern. Zu vernünftig, um sich diesen Leuten anzuschließen, die tun und machen und klatschen und sich aufführen, als wär’s das größte Weltwunder. Du weißt, welche Leute ich meine? Sie lügen. Ein Haufen Pferdemist. Alles in der Hoffnung, vornehm zu wirken. Oder sie geben wohl eher der Hoffnung ihrer Frauen nach, vornehm zu wirken. Denk immer daran, wenn du in die Welt hinausgehst. Ja?«

Ich versprach es. Das, was er sagte, überraschte mich eigentlich nicht. Viele Menschen dachten so. Besonders Männer. Es gab damals so einige Dinge, die Männer hassten. Oder mit denen sie nichts anfangen konnten, wie sie sagten. Und das stimmte. Sie konnten nichts damit anfangen, also hassten sie es. Vielleicht ging es ihnen so wie mir mit Algebra — ich bezweifelte stark, je etwas damit anfangen zu können. Aber ich ging nicht so weit, zu verlangen, sie sollte deswegen vom Antlitz der Erde getilgt werden.

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Als ich am Morgen hinunterging, hatte Onkel Jasper das Haus schon verlassen. Bernice wusch in der Küche das Geschirr ab, und Tante Dawn stellte die Kristallgläser in die Vitrine. Sie lächelte mir zu, aber ihre Hände zitterten ein wenig, so dass die Gläser warnend klirrten.

»Das Heim eines Mannes ist seine Feste«, sagte sie.

Mir fiel ein Wortspiel ein. »Feste muss man feiern, wie sie fallen«, sagte ich, um sie aufzuheitern.

Sie lächelte wieder, aber ich glaube nicht, dass sie überhaupt begriff, was ich sagte.

»Wenn du deiner Mutter schreibst, nach Ghana …«, sagte sie, »wenn du ihr schreibst, fände ich es besser, wenn du nichts ich meine, ich frage mich, ob du etwas von der kleinen Verstimmung hier gestern Abend erwähnen solltest. Wo sie doch so viel echte Not und hungernde Menschen und dergleichen sieht. Ich meine, es würde ihr ein bisschen kleinkariert und egozentrisch vorkommen.«

Ich verstand. Ich hielt es nicht für notwendig, ihr zu sagen, dass es bislang keine Berichte von einer Hungersnot in Ghana gab.

Ich hatte meinen Eltern ohnehin nur im ersten Monat lange Briefe mit Klagen und sarkastischen Schilderungen geschrieben. Inzwischen war alles zu kompliziert geworden, um es zu erklären.

Nach unserem Gespräch über Musik behandelte Onkel Jasper mich mit mehr Achtung. Er hörte sich meine Ansichten über ein staatliches Gesundheitssystem an, als wären es meine eigenen und nicht die von meinen Eltern übernommenen. Einmal sagte er, es sei ein Vergnügen, am Esstisch mit einer intelligenten Person reden zu können. Was meine Tante bekräftigte. Sie tat das nur, um nett zu sein, und als mein Unkel auf gewisse Art lachte, wurde sie rot. Das Leben war schwer für sie, aber am Valentinstag wurde ihr verziehen, mit einem Ohrgehänge aus Blutjaspis, das sie lächelnd entgegennahm, um sich sofort abzuwenden und ein paar Tränen der Erleichterung zu vergießen.

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Monas wachsbleiches Gesicht, ihre scharf hervortretenden, von dem Silberkleid nicht völlig kaschierten Knochen mögen Anzeichen einer Krankheit gewesen sein. In jenem Frühling berichtete die Lokalzeitung von ihrem Tod, erwähnte auch das Konzert im Rathaussaal. Ein Nachruf einer Zeitung aus Toronto wurde abgedruckt, mit einem kurzen Abriss ihrer Karriere, die offenbar zwar nicht brillant gewesen war, aber für ihren Lebensunterhalt gereicht hatte. Onkel Jasper drückte sein Erstaunen aus — nicht über ihren Tod, sondern über die Tatsache, dass sie nicht in Toronto beerdigt werden sollte. Die Trauerfeier und die Beisetzung sollten in der Hosianna-Kirche stattfinden, nur wenige Meilen nördlich von seiner Stadt, draußen auf dem Land. Das war die anglikanische Familienkirche gewesen, als Onkel Jasper und Mona/Maud klein waren. Onkel Jasper und Tante Dawn gingen jetzt in die vereinigte Kirche, wie die meisten wohlhabenden Leute in der Stadt. Die Anhänger der vereinigten Kirche waren fest in ihrem Glauben, fanden aber nicht, dass man jeden Sonntag erscheinen musste, und glaubten auch nicht, dass Gott etwas gegen einen ordentlichen Schluck hin und wieder einzuwenden hatte. (Bernice, das Dienstmädchen, besuchte eine andere Kirche und spielte dort Orgel. Diese Gemeinde war klein und seltsam — die Mitglieder hinterließen Pamphlete auf Türschwellen überall in der Stadt, mit Listen von Menschen, die in die Hohe kommen würden. Keine ortsansässigen, sondern allseits bekannte wie Pierre Trudeau.)

»In der Hosianna-Kirche werden gar keine Gottesdienste mehr abgehalten«, sagte Onkel Jasper. »Was soll das, sie hier hochzubringen? Womöglich ist das sogar verboten.«

Aber es stellte sich heraus, dass die Kirche immer noch genutzt wurde. Leute, die sie in ihrer Jugend besucht hatten, hielten dort gerne Trauerfeiern ab, und manchmal ließen ihre Kinder sich dort trauen. Sie war dank eines beträchtlichen Vermächtnisses gut instand gehalten, mit modernisierter Heizung.

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Tante Dawn und ich fuhren in ihrem Auto hin. Onkel Jasper hatte bis zur letzten Minute zu tun.

Ich war noch nie auf einer Beerdigung gewesen. Meine Eltern waren nicht der Meinung, dass ein Kind eine solche Erfahrung machen musste, obwohl das in ihren Kreisen — so meine ich mich zu erinnern — als eine Feier des Lebens galt.

Tante Dawn war nicht schwarz gekleidet, wie ich erwartet hatte. Sie trug ein Kostüm in dezentem Lila und eine Persianerjacke mit passender Pillbox-Kappe. Sie sah sehr hübsch aus und schien bester Laune zu sein, die sie kaum unterdrücken konnte.

Ein Dorn war entfernt worden. Ein Dorn war aus Onkel Jaspers Fleisch entfernt worden, und das machte sie einfach glücklich.

Einige meiner Vorstellungen hatten sich in der Zeit, die ich bei meiner Tante und meinem Onkel verbrachte, geändert. Zum Beispiel stand ich Menschen wie Mona nicht mehr völlig unkritisch gegenuber. Oder Mona selbst, ihrer Musik und ihrer Karriere. Ich glaubte nicht, dass sie ein verrücktes Schrapnell war — gewesen war, konnte aber verstehen, dass einige Leute so dachten. Es war nicht nur ihr grober Knochenbau und ihre große weiße Nase und die Geige und die etwas komische Art, wie man sie halten musste — es war die Musik selbst und ihre Hingabe daran. Hingabe an irgendetwas konnte damals einer Frau leicht zur Lächerlichkeit gereichen.

Ich meine damit nicht, dass ich mir Onkel Jaspers Ansichten völlig zu eigen machte — nur, dass sie mir nicht mehr so fremdartig vorkamen wie vorher. Als ich mich an einem Sonntagmorgen in aller Frühe an der geschlossenen Schlafzimmertür meiner Tante und meines Onkels vorbeischlich, um von den kleinen Zimtkuchen zu naschen, die Tante Dawn jeden Samstagabend buk, hörte ich Geräusche, wie ich sie noch nie von meinen Eltern oder irgend sonst jemandem gehört hatte — eine Art von wohligem Knurren und Quietschen, erfüllt von einem innigen Einvernehmen und einer Wonne, die mich verstörten und tief verunsicherten.

»Ich glaube kaum, dass viele Leute aus Toronto den Weg hier hinaus finden«, sagte Tante Dawn. »Nicht einmal die Gibsons werden es schaffen. Er hat eine Konferenz, und sie kann ihren Unterricht nicht verlegen.«

Die Gibsons waren die Nachbarn. Die Freundschaft bestand immer noch, allerdings in distanzierter Form, die gegenseitige Hausbesuche ausschloss.

Ein Mädchen in der Schule hatte zu mir gesagt: »Warte, bis sie dich zum Letzten Blick führen. Ich musste mir meine Oma anschauen, und ich bin in Ohnmacht gefallen.«

Ich hatte noch nichts vom Letzten Blick gehört, aber ich konnte mir etwas darunter vorstellen. Ich beschloss, die Augen zuzukneifen und nur so zu tun.

»Solange die Kirche nicht diesen moderigen Geruch hat«, sagte Tante Dawn. »Der geht deinem Onkel auf die Nebenhöhlen.«

Kein moderiger Geruch. Keine niederdrückende Feuchtigkeit, die aus den steinernen Wänden und dem Fußboden sickerte. Jemand musste früh aufgestanden und hergekommen sein, um die Heizung anzustellen.

Die Bänke waren fast voll.

»Etliche von den Patienten deines Onkels sind hergekommen«, sagte Tante Dawn leise. »Das ist schön. Es gibt keinen anderen Arzt in der Stadt, für den sie das tun würden.«

Die Organistin spielte einen Choral, den ich kannte. Ein Mädchen, mit dem ich in Vancouver befreundet gewesen war, hatte ihn in einem Osterkonzert gespielt. »Jesus, meine Zuversicht.«

Die Frau an der Orgel war die Pianistin des abrupt beendeten kleinen Hauskonzerts. Der Cellist saß auf einem der Chorstühle in der Nähe. Wahrscheinlich würde er später spielen.

Nachdem wir uns niedergelassen und ein Weilchen gelauscht hatten, gab es hinten in der Kirche etwas Unruhe. Ich drehte mich nicht um, denn mir war gerade die Kiste aus dunklem polierten Holz aufgefallen, die quer unter dem Altar stand. Der Sarg. Manche Leute nannten ihn Sarkophag. Er war geschlossen. Falls er nicht irgendwann geöffnet wurde, musste ich mir keine Sorgen um den Letzten Blick machen. Auch so stellte ich mir Mona darin vor. Ihre große, knochige Nase, die hochstand, das geschwundene Fleisch, die zugedrückten Augen. Ich stellte mir dieses Bild so intensiv wie möglich vor, bis ich das Gefühl hatte, dass mir davon nicht mehr schlecht werden wurde.

Tante Dawn drehte sich gleichfalls nicht um, um zu sehen, was hinter uns los war.

Die Quelle der leisen Unruhe kam den Mittelgang herauf und erwies sich als Onkel Jasper. Er blieb nicht bei der Bank stehen, in der Tante Dawn und ich ihm einen Platz freigehalten hatten. Er ging daran vorbei, gemessenen, aber unbeirrbaren Schrittes, und er hatte jemanden bei sich.

Das Dienstmädchen, Bernice. Sie hatte sich feingemacht. Ein marineblaues Kostüm und ein passender Hut mit Blumensträußchen daran. Sie sah weder uns noch irgendjemanden sonst an. Ihr Gesicht war gerötet, ihre Lippen fest zusammengepresst.

Tante Dawn sah auch niemanden an. Sie war gerade damit beschäftigt, in einem Gesangbuch zu blättern, das sie dem Fach im Sitz vor ihr entnommen hatte.

Onkel Jasper blieb nicht am Sarg stehen; er führte Bernice zur Orgel. Es gab in der Musik eine merkwürdige, überraschte Art von Rums. Dann ein Dudeln, ein Aushauchen und eine Stille, nur das Geraschel von Leuten, die sich rührten, um zu erspähen, was vor sich ging.

Jetzt waren die Pianistin, die auf der Orgel gespielt hatte, und der Cellist verschwunden. Dort oben muss eine Seitentür gewesen sein, durch die sie fliehen konnten. Onkel Jasper hatte Bernice auf den Platz der Frau gesetzt.

Als Bernice zu spielen begann, trat mein Onkel vor und machte eine Geste zur Trauergemeinde. Steht auf und singt, besagte diese Geste, und einige taten es. Dann mehr. Dann alle.

Sie blätterten in ihren Gesangbüchern herum, aber die meisten konnten zu singen anfangen, noch bevor sie den Text gefunden hatten. »Das alte schlichte Kreuz«.

Onkel Jaspers Arbeit ist getan. Er kann zurückkommen und den Platz einnehmen, den wir ihm freigehalten haben.

Bis auf ein Problem. Etwas, womit er nicht gerechnet hat.

Dies ist eine anglikanische Kirche. In der vereinigten Kirche, an die Onkel Jasper gewöhnt ist, kommen die Mitglieder des Chors durch eine Tür hinter der Kanzel herein und lassen sich nieder, bevor der Pfarrer erscheint, damit sie auf freundschaftliche Art, im Sinne von »Hier sind wir nun alle versammelt« zur Gemeinde hinüberschauen können. Dann kommt der Pfarrer, das Signal, dass es losgeht. Aber in der anglikanischen Kirche kommen die Mitglieder des Chors von hinten den Mittelgang herauf, sie singen und geben sich ernst, doch unpersönlich. Sie heben den Blick von ihren Büchern nur, um nach vorn zum Altar zu schauen, und sie wirken ein wenig entrückt, ihrer Alltagsidentität enthoben, nehmen kaum Notiz von ihren Verwandten oder Nachbarn oder sonst jemandem in der Gemeinde.

Jetzt kommen sie den Mittelgang herauf und singen »Das alte schlichte Kreuz« wie alle anderen — Onkel Jasper muss vorher mit ihnen geredet haben. Vielleicht hat er das zum Lieblingslied der Verstorbenen erklärt.

Das Problem besteht aus dem Missverhältnis von vorhandenem Platz und den vielen Anwesenden. Der Chor im Mittelgang versperrt Onkel Jasper den Weg zu unserer Bank. Er weiß nicht, wohin.

Es bleibt nur eins zu tun, und das schnell, also tut er es. Der Chor hat die allererste Bank noch nicht erreicht, also drängt er sich dort hinein. Die Leute, die dort stehen, sind überrascht, machen ihm jedoch Platz. Das heißt, so gut sie können. Zufällig sind sie alle beleibt, und er ist zwar ein magerer, aber breit gebauter Mann.

Ich will es stets bewahren, das alte schlichte Kreuz,

Bis alle Kunstjuwelen der Tod mir nehmen wird.

Ich will’s in Ehren halten, das alte schlichte Kreuz,

Bis eines lichten Tages es mir zur Krone wird.

Das sind die Worte, die mein Onkel singt, so kraftvoll, wie er kann bei dem wenigen Platz, den er hat. Er kann sich nicht dem Altar zuwenden, sondern muss sich die Profile der vorbeiziehenden Chorsänger ansehen. Er sieht ein wenig aus, als sitze er in der Falle. Alles hat geklappt, trotzdem ist es nicht ganz so, wie er es sich vorgestellt hat. Auch als der Gesang geendet hat, bleibt er, wo er ist, quetscht sich zwischen diesen Leuten auf die Bank. Vielleicht denkt er, es wäre falsch, jetzt aufzustehen und den Mittelgang hinunter zu uns zu gehen.

Tante Dawn hat nicht mitgesungen, weil sie im Gesangbuch nicht die richtige Seite gefunden hat. Anscheinend brachte sie es nicht fertig, nur die Lippen zu bewegen, wie ich es tat.

Oder vielleicht nahm sie den Anflug von Enttäuschung auf Onkel Jaspers Gesicht wahr, bevor sie ihm selbst bewusst wurde.

Oder vielleicht merkte sie, dass sie das alles zum ersten Mal nicht kümmerte. Nicht im mindesten.

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»Lasset uns beten«, sagt der Pfarrer.

Teil VI

Stolz

Manche Menschen machen alles falsch. Wie soll ich das erklären? Ich meine, es gibt welche, die alles gegen sich haben — ob sie nun zwanzig oder dreißig Schläge abkriegen —, und sie machen sich prima. Die früh Fehler begehen — sich zum Beispiel in der zweiten Klasse in die Hose machen — und dann bis an ihr Ende in einer Kleinstadt wie unserer weiterleben, in der nichts vergessen wird (keine Kleinstadt ist darin anders), und sie kommen zurecht, geben sich herzlich und jovial, behaupten aus Überzeugung, dass sie um nichts in der Welt irgendwo anders leben möchten als hier.

Bei anderen ist es anders. Sie ziehen nicht weg, obwohl man wünscht, sie hätten es getan. Zu ihrem eigenen Besten, möchte man sagen. Welche Grube sie auch angefangen haben, sich zu graben, als sie klein waren — gar nicht unbedingt so offensichtlich wie die eingeferkelte Hose —-, sie bleiben dabei, graben weiter, übertreiben es sogar, wenn die Gefahr besteht, dass es nicht wahrgenommen wird.

Natürlich hat sich vieles verändert. Es gibt Therapeuten die einem zur Seite stehen. Freundlichkeit und Verständnis. Das Leben ist für manch einen schwerer, heißt es heute. Nicht seine Schuld, auch wenn die Schläge reine Einbildung sind. Er spürt sie genauso hart, der Empfänger oder eben Nicht-Empfänger, je nachdem.

Doch alles kann von Nutzen sein, wenn man nur guten Willens ist.

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Oneida ging ohnehin nicht mit uns allen zur Schule. Ich meine, da kann nichts passiert sein, was sie fürs Leben geprägt hat. Sie ging auf eine Mädchenschule, eine Privatschule, deren Namen ich vergessen habe, falls ich ihn je wusste. Sogar im Sommer war sie kaum da. Ich glaube, die Familie besaß ein Haus am Lake Simcoe. Sie war sehr reich — so reich, dass keine andere Familie in der Stadt mithalten konnte, auch keine der wohlhabenden.

Oneida war ein ungewöhnlicher Name und ist es noch, hat sich hier in der Gegend nie durchgesetzt. Indianischer Herkunft, fand ich später heraus. Wahrscheinlich entschied sich ihre Mutter für diesen Namen. Die Mutter starb, als Oneida noch ein junges Mädchen war. Ihr Vater nannte sie, glaube ich, Ida.

Ich sammelte früher alle Zeitungen, viele Stapel, für die Stadtgeschichte, an der ich schrieb. Aber sogar darin gab es Lücken. Keine zufriedenstellende Erklärung dafür, wie das Geld verschwand. Was auch gar nicht nötig war. Denn das erzählte man sich damals haarklein von Mund zu Mund. Nur wird dabei immer vergessen, dass alle diese Münder eines Tages verstummen.

Idas Vater leitete die Bank. Auch schon zu jener Zeit kamen und gingen die Bankdirektoren, vermutlich, damit sie den Kunden gegenüber nicht zu nachsichtig wurden. Aber die Jantzens hatten in der Stadt schon zu lange den Ton angegeben, als dass solche Regeln galten, oder so schien es wenigstens. Horace Jantzen besaß jedenfalls ganz das Aussehen eines Mannes, dem es von Geburt an bestimmt war, Macht auszuüben. Ein dichter weißer Bart, auch wenn Fotos bezeugen, dass Bärte schon vor dem Ersten Weltkrieg aus der Mode gekommen waren, Größe und Leibesumfang beeindruckend, und ein nachdenklicher Gesichtsausdruck.

In den schweren Zeiten der dreißiger Jahre ließen sich die Leute immer wieder etwas einfallen. Gefängnisse wurden geöffnet, um den Männern Obdach zu geben, die die Eisenbahngleise abtippelten, aber sogar einige von denen, da kann man sicher sein, hatten insgeheim eine Idee, die ihnen eine Million Doller einbringen musste.

Eine Million Dollar war in jenen Tagen eine Million Dollar.

Es war jedoch kein Eisenbahntippelbruder, der in der Bank erschien, um mit Horace Jantzen zu reden. Wer weiß, ob es ein Einzelner war oder eine Clique. Vielleicht ein Fremder oder irgendwelche Freunde von Freunden. Gut gekleidet und vertrauenswürdig aussehend, darauf kann man sich verlassen. Horace legte Wert aufs Äußere und war kein Einfaltspinsel, aber vielleicht im Kopf nicht schnell genug, um den Braten zu riechen.

Die Idee war die Wiederbelebung der dampfgetriebenen Autos, wie es sie um die Jahrhundertwende gegeben hatte. Horace Jantzen mag selbst eins besessen und eine Schwäche dafür gehabt haben. Dieses neue Modell sollte in vielem verbessert sein und die Vorteile haben, sparsam zu sein und nicht so viel Krach zu machen.

Ich bin nicht mit den Einzelheiten vertraut, da ich zu der Zeit in der Highschool war. Aber ich kann mir die Gerüchte und das Gespött und die Begeisterung vorstellen und das Durchsickern der Neuigkeit, dass Unternehmer aus Toronto oder Windsor oder Kitchener sich bereitmachten, hier einzusteigen. Ganz hohe Tiere, sagten die Leute. Und andere fragten, ob sie überhaupt die nötigen Mittel hatten.

Die hatten sie, denn die Bank gewährte Kredite. Es war Jantzens Entscheidung, und es gab Unklarheiten, ob er auch sein eigenes Geld hineingesteckt hatte. Möglich, dass er es tat, aber später stellte sich heraus, dass er sich auch aus den Bankeinlagen bedient hatte, zweifellos mit dem Gedanken, alles zurückzuzahlen, ehe jemand etwas merkte. Vielleicht waren die Gesetze damals nicht so strikt. Tatsächlich wurden Männer eingestellt, und der alte Mietpferdestall wurde geräumt, um Platz für ihre Werkshalle zu machen. Und hier werden meine Erinnerungen löcherig, denn ich machte meinen Highschool-Abschluss und musste daran denken, Geld zu verdienen, falls das möglich war. Meine Behinderung, auch mit zusammengenähter Oberlippe, schloss alles aus, was vieles Reden mit sich brachte, also entschied ich mich für Buchhaltung, was bedeutete, außerhalb der Stadt bei einer Firma in Goderich in die Lehre zu gehen. Als ich wieder nach Hause kam, wurde über das Dampfauto-Unternehmen von den Leuten, die dagegen gewesen waren, mit Verachtung gesprochen, und von denen, die es befürwortet hatten, überhaupt nicht mehr. Die Besucher der Stadt, die sich dafür begeistert hatten, waren verschwunden.

Die Bank hatte viel Geld verloren.

Es war nicht von Betrug die Rede, aber von schlechter Geschäftsführung. Jemand musste bestraft werden. Jeder normale Bankdirektor wäre gefeuert worden, doch da es sich um Horace Jantzen handelte, wurde das vermieden. Was mit ihm geschah, war fast schlimmer. Er wurde als Bankdirektor in das Dörfchen Hawksburg versetzt, etwa sechs Meilen die Landstraße hoch. Zuvor hatte es dort überhaupt keinen Direktor gegeben, weil keiner nötig war. Es hatte nur eine Ober- und eine Unterkassiererin gegeben.

Sicherlich hatte er das ablehnen können, aber Stolz, war die Meinung, entschied anders. Stolz entschied, dass er sich jeden Morgen die sechs Meilen fahren ließ, um hinter einer Abtrennung aus dünnen, angestrichenen Brettern zu sitzen, nicht mal ein richtiges Büro. Dort saß er und tat nichts, bis es Zeit für ihn war, nach Hause gefahren zu werden.

Die Person, die ihn fuhr, war seine Tochter. Irgendwann in diesen Jahren des Fahrdienstes verwandelte sie sich von Ida in Oneida. Endlich hatte sie etwas zu tun. Sie besorgte nämlich nicht den Haushalt, denn sie konnten Mrs Birch nicht entlassen. Das war eine Möglichkeit, es auszudrücken. Eine andere war, sie hatten Mrs Birch nie genug gezahlt, um sie vor dem Armenhaus zu bewahren, falls sie sie je entlassen sollten.

Wenn ich mir Oneida und ihren Vater auf diesen Fahrten von und nach Hawksburg vorstelle, sehe ich ihn auf dem Rücksitz und sie vorn, wie ein Chauffeur. Es kann sein, dass er zu korpulent war, um neben ihr zu sitzen. Oder vielleicht brauchte sein Bart Platz. In meiner Vorstellung wirkt Oneida nicht bedrückt oder unglücklich darüber, auch ihr Vater wirkt nicht besonders unglücklich. Er hatte eben Würde, und zwar jede Menge. Sie hatte etwas anderes. Wenn sie einen Laden betrat oder auch nur die Straße entlangging, war es, als würden alle um sie herum Platz machen, in Erwartung ihrer Wünsche oder der Begrüßungen, die sie gleich austeilte. Sie wirkte dann ein wenig verlegen, aber wohlwollend, bereit, über sich selbst oder die Situation ein wenig zu lachen

Natürlich hatte sie ihre gute Figur und ihr strahlendes Aussehen, all diesen hellen Glanz von Haut und Haar. Also mag es seltsam anmuten, dass ich Mitleid mit ihr empfinden konnte, so obenauf und vertrauensselig, wie sie war.

Man stelle sich vor, ich und Mitleid.

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Der Krieg hatte angefangen, und alles schien sich über Nacht zu verändern. Tippelbrüder zogen nicht mehr den Zügen hinterher. Neue Arbeitsplätze entstanden, und die jungen Männer suchten nicht nach Arbeit oder Mitfahrgelegenheiten, sondern erschienen überall in ihren mattblauen oder khakigelben Uniformen. Meine Mutter meinte, ich könne von Glück sagen, dass ich so war, wie ich war, und ich glaubte, dass sie recht hatte, beschwor sie aber, das nicht außerhalb unseres Hauses zu sagen. Ich war aus Goderich zurück, fertig mit meiner Lehre, und fand sofort Arbeit in der Buchhaltung vom Warenhaus Krebs. Natürlich konnte man sagen und sagte es wahrscheinlich auch, dass ich die Stellung bekam, weil meine Mutter dort in der Textilienabteilung arbeitete, aber zufällig war auch gerade Kenny Krebs, der Hauptbuchhalter, der sich zur Luftwaffe gemeldet hatte, bei einem Übungsflug ums Leben gekommen.

Es gab solche traurigen Dinge und trotzdem überall aufkeimende Energie, und die Leute liefen mit Geld in der Tasche herum. Ich fühlte mich von den Männern meines Alters abgeschnitten, aber dieses Gefühl war nicht besonders neu. Und andere saßen im selben Boot. Die Söhne von Farmern waren vom Wehrdienst freigestellt, damit sie sich um die Ernte und die Tiere kümmern konnten. Ich kannte welche, die sich freistellen ließen, obwohl ein Knecht da war. Ich wusste, falls mich irgendwer fragte, warum ich nicht beim Militär war, dann nur zum Scherz. Und ich hatte die Antwort parat, dass ich mich um die Bücher kümmern musste. Die von Krebs und bald auch die von anderen. Mich um die Zahlen kümmern musste. Es herrschte noch die Meinung, Frauen könnten das nicht. Sogar am Ende des Krieges, als sie einiges davon schon eine Weile lang gemacht hatten. Wo es auf Zuverlässigkeit ankam, so immer noch die allgemeine Überzeugung, da brauchte man einen Mann.

Ich habe mich manchmal gefragt, warum eine Hasenscharte, ordentlich, wenn auch nicht sehr geschickt wegoperiert, und eine Stimme, die etwas seltsam klang, aber sich verständlich machen konnte, als ausreichend galten, um mich zu Hause zu lassen? Ich muss meine Einberufung erhalten haben, ich muss zum Arzt gegangen sein, um freigestellt zu werden. Ich weiß es einfach nicht mehr. Hatte ich mich schon so daran gewöhnt, von. diesem oder jenem freigestellt zu werden, dass es für mich, wie vieles andere auch, völlig selbstverständlich war?

Es kann sein, dass ich von meiner Mutter verlangte, über einige Dinge den Mund zu halten, obwohl ich auf das, was sie sagte, meistens nicht viel gab. Sie sah unweigerlich alles in rosigem Licht. Andere Dinge wusste ich, aber nicht von ihr. Ich wusste, dass sie meinetwegen Angst hatte, weitere Kinder zu kriegen, und von einem Mann, der mal an ihr interessiert war, verlassen wurde, als sie ihm das sagte. Aber es kam mir nicht in den Sinn, mit ihr oder mir Mitleid zu empfinden. Ich vermisste weder einen Vater, der gestorben war, bevor ich ihn überhaupt kennenlernen konnte, noch irgendeine Freundin, die ich vielleicht gehabt hätte, wenn ich anders ausgesehen hätte, noch das kurze Herumstolzieren, bevor es an die Front ging.

Meine Mutter und ich hatten Sachen, die wir gerne zu Abend aßen, und Radiosendungen, die wir gerne hörten, dazu immer die Überseenachrichten vom BBC, die wir hörten, bevor wir zu Bett gingen. Die Augen meiner Mutter glänzten, wenn der König sprach oder Winston Churchill. Ich nahm sie in den Film Mrs Miniver mit, und der ging auch ihr nahe. Dramen traten in unser Leben, die imaginären und die realen. Der Rückzug aus Dünkirchen, das tapfere Verhalten der königlichen Familie, die Bombardierung von London Nacht für Nacht und das Geläut von Big Ben zur Ankündigung düsterer Nachrichten. Kriegsschiffe, die untergingen, und dann, ganz furchtbar, ein Passagierschiff, eine Fähre, versenkt zwischen Kanada und Neufundland, so dicht vor unserer eigenen Küste.

In der Nacht konnte ich nicht schlafen und lief durch die Straßen der Stadt. Ich musste an die Menschen denken, die auf den Grund des Meeres gesunken waren. Alte Frauen, fast so alt wie meine Mutter, die an ihrem Strickzeug festhielten. Ein Kind mit Zahnweh. Andere, die ihre letzte halbe Stunde vor dem Ertrinken damit zugebracht hatten, über Seekrankheit zu klagen. Mich überkam ein ganz sonderbares Gefühl, das zum Teil Entsetzen war und zum Teil — genauer kann ich es nicht beschreiben — eine Art von schauriger Erregung. Die Vernichtung von allem, die Gleichheit — ich muss es sagen — die Gleichheit, ganz plötzlich, von Leuten wie mir und welchen, die noch schlimmer dran waren als ich, und von Leuten wie denen.

Natürlich verschwand dieses Gefühl, als ich mich an bestimmte Anblicke gewöhnte, später im Krieg. Nackte gesunde Hintern, dünne alte Hintern, alle in die Gaskammern getrieben.

Oder wenn es nicht ganz verschwand, lernte ich, es zu unterdrücken.

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Ich muss Oneida in diesen Jahren öfter begegnet sein und gewusst haben, was sich in ihrem Leben tat. Zwangsläufig. Ihr Vater starb unmittelbar vor dem Tag des Sieges in Europa, wodurch seine Beerdigung auf peinliche Art den Siegesfeiern ins Gehege kam. Ähnlich war’s beim Tod meiner Mutter, der sich im anschließenden Sommer ereignete, gerade als alle von der Atombombe hörten. Meine Mutter starb allerdings erschreckender und öffentlicher, bei der Arbeit, direkt nachdem sie gesagt hatte: »Ich muss mich mal hinsetzen.«

Von Oneidas Vater war in seinem letzten Lebensjahr kaum noch etwas zu sehen oder zu hören geWesen. Der Mummenschanz von Hawksburg war vorbei, aber Oneida schien mehr denn je zu tun zu haben. Oder vielleicht bekam man damals einfach den Eindruck, dass jeder, den man traf, viel zu tun hatte, man musste mit den Bezugsscheinheften hinterhersein, Briefe an die Front schreiben und aufgeben und von Briefen erzählen, die man von der Front erhalten hatte.

Und in Oneidas Fall war da dieses große Haus, um das sie sich jetzt ganz alleine kümmern musste.

Sie hielt mich eines Tages auf der Straße an und sagte, sie würde gerne meinen Rat haben für den Verkauf. Des Hauses. Ich sagte, ich sei eigentlich nicht derjenige, mit dem sie reden müsse. Sie sagte, vielleicht nicht, aber mich kenne sie. Natürlich kannte sie mich nicht besser als alle anderen in der Stadt, aber sie blieb dabei und kam zu mir nach Hause, um weiter darüber zu reden. Sie bewunderte meine Malerarbeiten und auch, wie ich die Möbel umgestellt hatte, und sagte dann, dass die Veränderungen mir geholfen haben mussten, meine Mutter nicht allzu sehr zu vermissen.

Was stimmte, aber die meisten Leute hätten das nicht so geradeheraus gesagt.

Ich war Gäste nicht gewohnt, also bot ich keine Erfrischungen an, gab ihr nur ernste und vorsichtige Ratschläge für den Verkauf und erinnerte sie immer wieder daran, dass ich kein Experte war.