/ Language: Deutsch / Genre:prose_contemporary

Haus der Erinnerungen

Barbara Wood


Haus der Erinnerungen

Barbara Wood

1987

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Andrea, eine junge Frau aus Los Angeles, wird von ihrer Mutter nach England geschickt, um den sterbenden Großvater zu besuchen. Die Reise kommt ihre gerade reht, da sie Abstand gewinnen will, um über die Trennung von ihrem Freund nachzudenken. Andererseits fühlt sie sich unbehaglich bei der Vorstellung, jetzt ihrer Familie kennenzulernen, von der sie fast nichts weiß, die sie nur aus Briefen kennt. Als sie das Haus ihrer Großeltern betritt, wird sie überschwenglich von ihrer Großmutter willkommen geheißen, und dennoch ist ihr unheimlich zumute. — Sie sieht am Fenster Kinder, die nur sie erkennt; sie hört Klavierspiel, das andere nicht wahrnehmen. Wird sie von der Gegenwart in die Vergangenheit versetzt? Wer ist sie: Andrea, die jungen Frau aus Los Angeles, oder Jennifer, eine viktorianische Lady, die an gebrochenem Herzen starb?

Auf ihre Fragen gibt die Familie keine Antwort. Doch Andrea kann den Bann lösen.

Nachdem das Haus in der George Stree seine Geheimnisse preisgegeben hat, kehrt Andrea, reich an Erinnerungen, nach Los Angeles zurück.

Inhaltsverzeichnis

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In dem Haus in der George Street stimmte etwas nicht. Ich spürte es sofort, als ich es betrat.

Ich blieb an der Haustür stehen und blickte den dämmerigen Flur hinunter, der Frau entgegen, die auf mich zukam. Im Halbdunkel sah ich, daß sie groß war, von kerzengerader Haltung und anmutig in ihren Bewegungen. Sie trug ein altmodisches bodenlanges Kleid, und das volle schwarze Haar war hochgesteckt. Mit ausgestreckten Armen eilte sie mir entgegen, und ich starrte sie einen Moment lang an, ehe ich mich nach meiner Tante umdrehte, die soeben ins Haus gekommen war und jetzt neben mir stand.

»Andrea«, sagte sie, »das ist deine Großmutter.«

Ich wandte mich wieder der Frau im Flur zu und traute meinen Augen nicht — eine ganz andere kam mir da entgegen, eine schmächtige, gebeugte Frau in einem einfachen Hauskleid mit einer Wolljacke darüber.

»Hallo«, sagte ich perplex.

Die alte Frau faßte meine Hand und trat näher, um mir einen Kuß zu geben. Mir wurde plötzlich bewußt, daß ich völlig übermüdet sein mußte. Der Flug von Los Angeles hatte elf Stunden gedauert, dann war ich noch einmal eine Stunde von London nach Manchester geflogen. Die Zeitverschiebung hatte mich wohl gründlich durcheinander gebracht.

Wir umarmten uns, und im schwachen Licht des Flurs musterte eine die andere. Es fällt mir schwer, mich zu erinnern, was für einen Eindruck ich in jenem ersten kurzen Augenblick von meiner Großmutter hatte. Ihr Gesicht schien mir in fließender Bewegung zu sein, bald häßlich, bald strahlend schön. Ihre Gesichtszüge, die zu flackern und zu wabern schienen, waren nicht festzuhalten, und es wäre unmöglich gewesen, ihr Alter zu schätzen. Ich wußte, daß sie dreiundachtzig war, doch ihre Augen strahlten soviel jugendliche Kraft aus, daß ich mich von ihrem Blick nicht lösen konnte. Die Spuren vergangener Schönheit, die die Zeit nicht hatte auslöschen können, ließen mich beim Anblick dieses Gesichts an eine Rose denken, die man in einem Buch gepreßt hat.

Auch als sie mich mit sich zum Wohnzimmer zog, konnte ich diese Verwirrung, die mich befallen hatte, nicht abschütteln. Als ich später am Abend dann im Bett lag, kam mir der Gedanke, daß es das Haus sein mußte, das diese eigenartige Wirkung auf mich ausübte. Es hatte eine ganz eigene Atmosphäre, der ich mich nicht entziehen konnte; beinahe, als gingen Energiewellen von ihm aus, die mich augenblicklich umfingen.

Mit meinem ersten Eintreten in das Haus schien sich eine Veränderung vollzogen zu haben, wie ein plötzliches Umschlagen der Atmosphäre. Ich hatte es von jenem ersten Moment an gespürt, als ich mir die englische Feuchtigkeit von den Schultern geschüttelt und in der Kälte kurz geschaudert hatte. Jetzt begriff ich, daß dieses unheimliche Frösteln nicht von der Kälte draußen kam, sondern von etwas anderem, von etwas ganz anderem.

Ich redete mir ein, daß das Hirngespinste seien, aber das Gefühl, daß das Haus mich in seinen Sog hineinzog, war so übermächtig, daß ich in der Dunkelheit fest die Augen zudrückte, als könnte ich mich auf diese Weise schützen. Um gegen die aufsteigende Panik anzukämpfen, dachte ich an die Gründe, die mich veranlaßten, hierherzukommen. Ich hoffte, daß ich vielleicht ruhiger werden und eine Erklärung für meine Stimmung finden würde.

Ich versuchte mir einzureden, sie wäre auf den plötzlichen Ortswechsel in eine fremde Stadt in einem fremden Land zurückzuführen; auf den langen Flug, die merkwürdigen Umstände meiner Ankunft, die jüngsten Erschütterungen in meinem Privatleben, meine innere Unrast und Unausgeglichenheit.

Aber so sehr ich mich bemühte, ich konnte das Gefühl nicht loswerden, daß dieses Haus auf mich gewartet hatte.

Ich sagte mir, es sei alles Einbildung, dieser seltsame Zustand habe sich in Wirklichkeit schon in Los Angeles eingestellt, als ich beschlossen hatte, überhaupt hierherzureisen.

Drei Tage zuvor hatte meine Mutter in Los Angeles zwei Briefe bekommen. Der erste war von meiner Großmutter, der zweite von meiner Tante. Beide schrieben, ihr Vater, mein Großvater, läge schwer krank im Städtischen Krankenhaus von Warrington, und es sei mit seinem Tod zu rechnen.

Meine Mutter nahm die Nachricht sehr schwer; vor allem deshalb, weil es ihr aus gesundheitlichen Gründen unmöglich war, nach England zu reisen, um ihren Vater noch einmal zu sehen. Sie quälte sich mit heftigen Schuldgefühlen.

Fünfundzwanzig Jahre zuvor waren meine Eltern mit meinem Bruder, der damals sieben Jahre alt war, und mir, die ich gerade zwei war, in die USA ausgewandert, um sich dort ein besseres Leben aufzubauen. Als meine Eltern die amerikanische Staatsbürgerschaft angenommen hatten, waren auch wir Kinder automatisch Amerikaner geworden. Unser Zuhause war Los Angeles, unsere Sprache war die der Amerikaner, unser Herz gehörte Kalifornien. Bis zur Ankunft der beiden Briefe hatte ich kaum über England nachgedacht oder darüber, daß meine Wurzeln in England waren. Keiner von uns hatte je zurückgeblickt.

In den letzten Jahren hatten meine Eltern gelegentlich von einer Reise in die ‘alte Heimat’ gesprochen, einem Wiedersehen mit der Familie, aber es war bei Plänen geblieben, und nun, so schien es, war es zu spät.

Die Briefe kamen zu einem höchst ungünstigen Zeitpunkt. Meine Mutter war gerade erst aus dem Krankenhaus entlassen worden, wo sie am Fuß operiert worden war, und konnte sich nur mühsam mit Hilfe der beiden Krücken fortbewegen, ohne die sie in den nächsten sechs Wochen nicht würde auskommen können. So lange, fürchtete sie, würde ihr Vater nicht mehr leben.

Zunächst war ich erstaunt, als sie mich bat, nach England zu reisen, um der Familie in dieser schweren Zeit beizustehen. Aber dann erschien es mir beinahe wie eine Fügung des Schicksals, daß meine Mutter die Reise nicht machen konnte und mich an ihrer Stelle schicken wollte; gerade in diesen Tagen hatte ich den starken Wunsch und das Bedürfnis, meinem Alltagsleben eine Weile zu entfliehen.

»Einer von uns sollte rüber fliegen«, sagte sie immer wieder. »Dein Bruder kann nicht. Er ist in Australien. Dein Vater kann seine Arbeit nicht im Stich lassen. Außerdem ist er ja kein Townsend. Ich weiß, es wäre an mir rüberzufahren, aber ich kann mich ja kaum bewegen. Für dich ist es vielleicht gut, deinen Großvater noch einmal zu sehen, Andrea. Du bist in England geboren. Deine ganze Verwandtschaft lebt dort.«

Danach ging alles so schnell, daß ich nur noch vage Erinnerungen habe: Ich sprach mit dem Börsenmakler, bei dem ich arbeitete, und ließ mir freigeben, kramte meinen Reisepaß aus einer Schachtel mit Souvenirs von einer Reise nach Mexiko, buchte einen Flug auf der Polarroute und war bei all diesen Vorbereitungen ständig getrieben von dem heftigen Wunsch, dem Schmerz und der Bitterkeit über das Ende einer Liebe zu entkommen.

Während die Maschine den Nordpol überflog, dachte ich an alles, was ich hinter mir gelassen hatte, und fragte mich gespannt, was vor mir lag. Ich dachte an die quälenden Schuldgefühle meiner Mutter, die sich Vorwürfe machte, daß sie niemals nach England zurückgekehrt war und ihr Vater nun sterben würde, ohne sie noch einmal gesehen zu haben. Und ich dachte auch an Doug und die Schmerzen, die wir uns gegenseitig bei unserer Trennung zugefügt hatten.

Kein Wunder, daß ich das Gefühl hatte, neben mir zu stehen, während ich im Flughafengebäude von Manchester auf meine Verwandten wartete und mich fragte, ob ich das Richtige getan hatte.

Tante Elsie und ihr Mann sollten mich abholen, das wußte ich, und wir hatten auch keine Schwierigkeiten, einander zu finden. Tante Elsie hatte eine so ausgeprägte Ähnlichkeit mit meiner Mutter, daß ich sie sofort erkannte, und ich vermute, meine eigene Ähnlichkeit mit meiner Mutter machte es Tante Elsie leicht, mich unter den Wartenden gleich zu entdecken.

Alle Townsends unserer Linie haben ein besonderes körperliches Merkmal, das, wie mir erzählt wurde, schon unsere Vorfahren auszeichnete — eine steile kleine Falte zwischen den Augenbrauen direkt über dem Nasenrücken, die unseren Gesichtern einen trotzigen, beinahe zornigen Zug verleiht. Ich hatte sie seit meiner Kindheit, und ich sah sie jetzt im Gesicht der Frau, die durch das Gewühl auf mich zukam.

»Andrea!« rief sie, schloß mich impulsiv in die Arme und trat dann mit Tränen in den Augen zurück. »Mein Gott, hast du eine Ähnlichkeit mit Ruth! Wie deine Mutter. Schau doch, Ed, könnte sie nicht Ruth sein?«

Ed, nicht besonders groß, zurückhaltend und etwas unsicher, stand abseits. Er lächelte, machte eine undeutliche Bemerkung und gab mir dann die Hand. »Willkommen zu Hause«, sagte er.

Als wir aus dem Flughafengebäude gingen, traf mich die Kälte wie ein Schock. In Los Angeles hatten wir knapp 30 Grad warm gehabt, und in Manchester war es jetzt, im November, schon winterlich kalt.

Onkel Edouard, von Geburt Franzose, eilte zum Parkplatz, um den Wagen zu holen, während seine Frau und ich mit meinem Koffer draußen vor dem Gebäude stehenblieben. Hin und wieder tauschten wir einen Blick und gaben beide unserer Hoffnung Ausdruck, daß Edouard bald erscheinen würde.

Ich fühlte mich fremd und befangen. Ich hatte nie erfahren, wie es ist, Verwandtschaft zu haben. Meine ganze Familie hatte bis zu diesem Tag aus meinen Eltern und meinem Bruder bestanden. Sprüche wie Familienbande und Blut ist dicker als Wasser, sagten mir nichts. Für mich hatten immer nur Freunde gezählt, Menschen, denen man sich aus Zuneigung näherte und an denen man festhielt, weil man sie mochte, nicht weil es Verpflichtung war.

Jetzt sollten plötzlich fremde Menschen, mit denen ich noch nie etwas zu tun gehabt hatte, ein Recht auf meine Zuneigung haben, nur weil ich zufällig in ihre Familie hineingeboren war? Obwohl ich von dieser Frau und diesem Mann nichts wußte und auch die anderen, die mich erwarteten, nicht kannte, sollte ich sie mit Wärme und Herzlichkeit und ganz ohne Frage annehmen. Diese Vorstellung behagte mir gar nicht.

»Wie war der Flug, Kind?« fragte die Frau mit dem Gesicht meiner Mutter. Sie sprach den breiten Dialekt der Leute von Lancashire, eine Mischung aus schottischer und walisischer Mundart, und anfangs hatte ich Schwierigkeiten, sie zu verstehen.

»Völlig problemlos«, antwortete ich, hinten auf dem Rücksitz von Edouards kleinem Renault, die Knie fast bis zur Brust hochgezogen.

»Du bist sicher sehr müde.«

Ich nickte, ohne meiner Tante ins Gesicht zu sehen. Die Ähnlichkeit ihres Gesichts mit dem meiner Mutter störte mich. Eine Fremde mit unserem Gesicht. Ich konzentrierte mich lieber auf den Verkehr, der mich vor allem deshalb faszinierte, weil hier alles links fuhr.

»Es ist schön, daß du gekommen bist, Andrea. Dein Großvater wird sich freuen, dich zu sehen. Es ist fast so, als wäre Ruth selber hier, nicht wahr, Ed?«

Ich schluckte. Meine Person schien gar nicht zu zählen.

Ich lehnte mich zurück und schloß einen Moment die Augen. Ich hatte mich darauf gefaßt gemacht, daß es ein anstrengender Besuch werden würde, aber in welchem Maß, das konnte ich nicht ahnen. Meine Mutter und ich hatten nicht einmal über eine zeitliche Begrenzung gesprochen. Wie lange ich bleiben würde, war mit keinem Wort erwähnt worden. Ich rechnete mit einer Woche, vielleicht zwei. Lang genug, um alte Verbindungen neu zu knüpfen.

Und um über Doug hinwegzukommen. Wenn das überhaupt möglich war.

Willkommen zu Hause, hatte Edouard am Flughafen gesagt. Aber mein Zuhause war Los Angeles.

»Andrea!«

Ich öffnete die Augen.

»Schau mal da, Andrea.« Meine Tante wies zum Fenster hinaus. »Weißt du, was das ist?«

Ich starrte zu dem riesigen schwarzen Gebäude hinaus, in dem hier und dort trübe Lichter schimmerten, und hatte keine Ahnung, was es war.

»Das ist das Städtische Krankenhaus«, sagte Elsie. »Da bist du zur Welt gekommen.«

Ich drehte den Kopf und sah es mir noch einmal an, aber bald schon verschwand es in der Dunkelheit, und wir fuhren jetzt zwischen endlos langen Zeilen von Reihenhäusern hindurch. Die Straßen der kleinen englischen Stadt wirkten kalt und verlassen im trüben Licht der viktorianischen Straßenlaternen. Der kleine Wagen rumpelte über das alte Kopfsteinpflaster, und mir war, als führe ich in eine lang vergangene Zeit zurück.

»Du mußt entschuldigen, daß ich nicht sonderlich gesprächig bin, Tante Elsie, aber der Flug von Los Angeles hat elf Stunden gedauert, und dann hatte ich in Heathrow noch einmal zwei Stunden Aufenthalt…«

»Aber natürlich«, sagte sie. »Kein Wunder, daß du müde bist. Und ich spiele hier die Fremdenführerin! Aber mach dir keine Sorgen, heute abend erwartet keiner mehr etwas von dir. Du trinkst jetzt einen schönen warmen Tee und dann schläfst du dich richtig aus. — Ah, da sind wir schon.«

Edouard hielt so ruckartig an, daß wir alle nach vorn fielen. Ich sah neugierig zum Fenster hinaus. Die Straße sah aus wie all die anderen, durch die wir gefahren waren: zwei endlose Zeilen Reihenhäuser aus rotem Klinker in winzigen Vorgärten.

»Wo sind wir hier?«

»Bei deiner Großmutter«, antwortete Elsie und stieg aus dem Wagen. »Wir hielten es für das Beste«, fügte sie hinzu, während ich mit einiger Mühe aus dem ungewohnt kleinen Auto kroch, »daß du bei ihr wohnst. Sie ist ja jetzt ganz allein, und ein bißchen Gesellschaft wird ihr guttun. William oder ich hätten dich gern bei uns aufgenommen, und für dich wäre es sicher auch komfortabler gewesen, wir haben wenigstens Zentralheizung, aber deine Großmutter wollte nichts davon wissen. Kaum hatte Ruth angerufen und uns gesagt, daß du kommst, da hat Mutter schon das vordere Gästezimmer gerichtet. Es ist ein hübsches Zimmer, du wirst dich bestimmt wohl fühlen.«

Ich richtete mich auf und starrte offenen Mundes das Haus an, ein einstöckiger Kasten aus schmutzigem Klinker mit einem ungepflegten Vorgarten, über dem ein dunkles Erkerfenster hing. Das ganze Haus war finster, wie ausgestorben.

Am liebsten hätte ich auf der Stelle kehrtgemacht und Elsie gebeten, mich mit zu sich und ihrer Zentralheizung zu nehmen. Aber Edouard stapfte schon mit meinem Koffer in der Hand den Gartenweg hinauf und schob den Schlüssel in das Schloß der Haustür. Elsie stieß mich sachte vorwärts. »Komm, Kind. Eine warme Tasse Tee, und dann ins Bett. Das hast du jetzt dringend nötig. Und morgen fühlst du dich wie neugeboren.«

Ich setzte mich in Bewegung, steif vom langen Sitzen in Flugzeug und Auto, erschöpft von Anspannung und Ungewißheit; mein Kopf schmerzte, und ich war hungrig. So betrat ich das Haus meiner Großmutter in der George Street.

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Die Ähnlichkeit meiner Großmutter mit meiner Mutter war unglaublich. Als ich ihr in das alte Gesicht sah, war es beinahe, als blickte ich in die Zukunft und sähe meine Mutter, wie sie in sechsundzwanzig Jahren aussehen würde. Wie meine Mutter hatte sie die hochrückige Nase der Dobsons — eine ‘aristokratische’ Nase, sagten manche —, und sie hatte die gleichen ungewöhnlichen grauen Augen, deren Iris schwarz umrandet waren. Ihre Augenbrauen waren schmal und schön geschwungen. Die Wangen unter den hohen Wangenknochen waren eingefallen, das Kinn trat ein wenig spitz hervor. Unter der schlaffen, von tausend Fältchen durchzogenen Haut waren die Linien und Konturen ihres Gesichts auch jetzt noch erkennbar, und je nachdem, wie das Licht auf ihnen spielte, gewannen die Züge etwas von der früheren Schönheit wieder.

Sie faszinierte mich augenblicklich, und lange konnte ich den Blick nicht von ihr wenden. Ihre grauen Augen wurden feucht, und sie sagte mit brüchiger Stimme: »Andrea…«

Auf ihren Stock gestützt, umschlang sie mich mit einem Arm. »Gott sei Dank, daß du gekommen bist«, murmelte sie dicht an meiner Wange, und ich dachte, so werde ich in sechsundfünfzig Jahren aussehen. Mich fröstelte plötzlich, und mir war, als hätte ich einen Schritt in die Zukunft getan.

Aber das Ironische ist, daß ich, wie ich heute weiß, in eben dem Moment, als mir dieser Gedanke durch den Kopf schoß, in die umgekehrte Richtung ging. Nicht in die Zukunft schaute ich, sondern in eine Zeit, die lang vergangen war.

Das Haus meiner Großmutter war klein und eng. Als diese Reihenhäuser gebaut worden waren, waren die Möglichkeiten, sich vor der Kälte des englischen Winters zu schützen, begrenzt. Wärme spendeten nur die offenen Kamine in den einzelnen Zimmern, daher waren die Räume klein, und alle Durchgangsräume, wie Flur oder Treppenhaus, beklemmend eng und niedrig. Mich überraschte das. Ich hatte mir die alten viktorianischen Häuser Englands immer großzügig und elegant vorgestellt. Aber solche Häuser hatten sich nur die Reichen leisten können. Die breite Mittelklasse, die sich mit der Industrialisierung herausgebildet hatte, hatte sich mit diesen kleinen, weit praktischeren Häuschen begnügt, und das Townsend Haus in der George Street war nur eines von Hunderttausenden seiner Art, die damals überall in England gebaut worden waren.

»Gefällt dir mein kleines Häuschen?« fragte meine Großmutter, nachdem Elsie und Ed gegangen waren und wir es uns im Wohnzimmer gemütlich gemacht hatten. Sie hatte einen Teller auf ihrem Schoß und war dabei, eine Scheibe Brot mit Butter zu bestreichen.

Ich sah mich im Zimmer um. Alte, klobige Möbel, schmutzige Wände, von denen die Farbe abblätterte, verblichene Fotografien auf einem Büffet, in schwarzes Leder gebundene Bücher mit Goldschrift auf dem Rücken, schwere Samtvorhänge. Ein kleines, überladenes viktorianisches Wohnzimmer. Vor langem schon schien für meine Großmutter die Zeit einfach stehengeblieben zu sein.

»Es hat sicher eine lange und interessante Geschichte«, sagte ich.

»O ja, das kann man sagen. Dein Onkel William will mich dauernd überreden, hier auszuziehen und eine Sozialwohnung zu nehmen. Aber ich möchte nicht auf Staatskosten leben. So wie die meisten anderen. Ich hab mein Häuschen, und ich möchte es behalten. Und eine Zentralheizung brauch ich auch nicht. Wir sind zweiundsechzig Jahre lang mit unseren Kaminen ausgekommen, warum soll das jetzt auf einmal nicht mehr möglich sein?«

»Das Haus ist zweiundsechzig Jahre alt?« Trotz der Wärme der Gasheizung, die in den Kamin eingebaut worden war, spürte ich die Kälte in meinem Rücken.

»Aber nein! So lang habe ich hier gelebt. Als ich deinen Großvater heiratete, brachte er mich hierher.«

»Und wie alt ist das Haus?«

»Es wurde 1880 gebaut. Es ist also über hundert Jahre alt.«

»Ist es irgendwann einmal modernisiert worden?«

»Natürlich, das mußte sein. Wir haben elektrisches Licht, wie du siehst.« Sie tauchte das Messer in das Glas mit Zitronenmarmelade, das neben ihr auf einem kleinen Tisch stand, strich die Marmelade dick auf das Brot und biß kräftig ab. Während sie sich die Hände an ihrer Wolljacke abwischte, sagte sie: »Und oben haben wir eine Toilette. Irgendwann waren wir hier in der Straße die einzigen, die noch ein Plumpsklo hatten. Da haben wir dann Rohre legen lassen. Aber die Toilette ist ziemlich altersschwach, man muß sie zartfühlend behandeln. Eine Badewanne ist auch da.«

Fröstelnd vor Kälte, obwohl mir Gesicht und Schienbeine von der Hitze der Gasheizung fast brannten, stellte ich mir das archaische Badezimmer meiner Großmutter vor und vermißte schon jetzt meine komfortable kleine Wohnung in Los Angeles.

Während ich noch über meine neue, mir so fremde Umgebung nachdachte und höflich den viel zu süßen Tee hinunterwürgte, geschahen plötzlich mehrere seltsame Dinge.

Ein Luftzug fuhr ins Zimmer, so kalt, daß ich zitterte. Meine Großmutter, die ihn nicht zu bemerken schien, drehte sich nach dem alten Kofferradio um, das neben ihr auf dem Tisch stand, und schaltete es ein. Ich glaubte sie sagen zu hören: »Jetzt kommt gleich mein Lieblingsprogramm.« Aber ich verstand ihre Worte nicht richtig, weil sie mir den Rücken zugewandt hatte, und das, was sie sagte, wie Gebabbel klang.

Aus dem kleinen Radio scholl das durchdringende Wimmern schottischer Dudelsäcke, und im selben Moment bekam ich einen so heftigen Schüttelfrost, daß ich beinahe meinen Tee vergossen und meinen Teller fallengelassen hätte.

Großmutter drehte sich erschrocken um. Ich zitterte am ganzen Körper.

»Dir muß ja eiskalt sein!« Mühsam stand sie aus ihrem Sessel auf. »Das ist diese fürchterliche Kälte hier. Und du hast nur die dünnen Sachen an.«

Ich wollte etwas sagen, aber meine Zähne schlugen so unkontrollierbar aufeinander, daß ich kein Wort herausbrachte.

Stumm sah ich zu, wie Großmutter mir Teller und Teetasse abnahm, beides auf den Tisch stellte und zum Sofa ging, um eine gefaltete Wolldecke zu holen. Sie breitete sie um mich aus und hüllte mich fest darin ein, wobei sie in beruhigendem Ton sagte: »Wenn ich mittags ein Schläfchen mache, nehme ich oft die Decke. Sie ist aus Shetlandwolle. Da wird dir gleich wieder warm werden.« »L-lieber G-gott«, stieß ich zähneklappernd hervor. »Ich v-versteh g-gar nicht —« Und dann begann ich noch heftiger zu zittern.

Es war nicht die äußere Kälte. Ich spürte genau, woher es kam, und hätte Großmutter sagen können, daß ihre schöne Decke nichts helfen würde. Es kam von innen heraus, ein eisiger Hauch, der irgendwo in den Tiefen meines Körpers entsprang und jede seiner Zellen durchströmte. Mein Gesicht wurde heiß, meine Haut warm und trocken, aber immer noch schüttelte mich diese alles durchdringende Kälte.

Dann hörte ich ganz schwach, wie aus weiter Ferne, die Klänge eines Klaviers. Geisterhaft zart hob sich die Melodie, die mir vertraut war und der ich dennoch keinen Namen geben konnte, vom plärrenden Gewimmer der Dudelsäcke ab. Ich starrte erst das Radio an und dann Großmutter, doch die schien nichts wahrzunehmen. Ich drehte den Kopf hierhin und dorthin, um festzustellen, woher die sanft perlenden Töne kamen, aber es gelang mir nicht. Sie schienen aus allen Richtungen zugleich zu kommen.

Dann wußte ich plötzlich, was für eine Melodie das war, ‘Für Elise’ von Beethoven.

Sie schien von ungeschickter, ungeübter Hand gespielt zu werden, und gewisse Passagen wurden immer wieder gespielt, wie zur Übung, während der oder die Spieler/in an schwierigen Stellen stockte und stolperte. Es klang fast so, als spielte ein Kind.

»Großmutter«, sagte ich.

Sie strich Marmelade auf ihr Brot und summte dabei das Lied der Dudelsackpfeifer mit.

Plötzlich fiel mir noch etwas auf. Die Uhr über dem Kaminsims tickte nicht mehr. Ich sah zu ihr hinauf. Sie schien stehengeblieben zu sein.

Das Zimmer war vom Wimmern der Dudelsäcke erfüllt, durch das wie traumhaft die Melodie von ‘Für Elise’ hindurchklang.

»Großmutter«, sagte ich lauter. »Deine Uhr ist stehengeblieben.«

Sie sah auf. »Was?«

»Die Uhr. Sie tickt nicht mehr. Hör doch.«

Wir starrten beide auf die Uhr über dem Kamin. Sie tickte wieder.

Meine Zähne schlugen jetzt wieder heftiger aufeinander, und so sehr ich mich bemühte, etwas zu sagen, ich konnte nicht. Doch plötzlich, im nächsten Moment schon, so unerwartet, wie es begonnen hatte, hörte das Zittern und Zähneklappern auf. Mein ganzer Körper war wieder ruhig.

»Nein, nein«, sagte Großmutter. »Die Uhr ist nicht stehengeblieben. Du hast nur das Ticken bei der Musik nicht gehört.«

»Und wegen des Klavierspiels wahrscheinlich.« Ich zog die Decke fester um mich.

»Wegen des Klavierspiels?«

Ich sah meine Großmutter an. Es war so alt, dieses Gesicht, und doch war die frühere Schönheit immer noch deutlich erkennbar. »Ja, es spielt jemand«, sagte ich laut. »Horch!«

Wir horchten beide. Dann schaltete Großmutter das Radio aus. Nichts als das feine Ticken der Uhr war zu hören.

»Da spielt niemand Klavier.«

»Aber ich hab’s doch gehört.«

»Woher kam das Geräusch?«

Ich zuckte die Achseln. »Ich weiß nicht genau.«

»Vielleicht war es Mrs. Clarks Fernseher. Sie sitzt praktisch Wand an Wand mit uns. Abends kann ich sie manchmal hören.«

»Nein, das war kein Fernseher. Es klang, als spielte jemand im nächsten Zimmer. Hat Mrs. Clark ein Klavier?«

»Keine Ahnung. Aber sie ist genauso alt und arthritisch wie ich.«

»Wer wohnt in dem Haus auf der anderen Seite, Großmutter?«

»Das steht leer. Seit Monaten schon. Heutzutage will kein Mensch kaufen. Jeder schaut nur, daß er eine Sozialwohnung kriegt, die nichts kostet. Ich sag dir, das Sozialsystem in England ist eine Schande. Da lassen sie diese ganzen Pakistanis rein —«

»Ich war überzeugt, ich hätte etwas gehört…«, sagte ich ratlos.

»Du bist einfach müde, Kind.« Großmutter beugte sich zu mir herüber und tätschelte mir beschwichtigend das Knie. »Dir fehlt nur der Schlaf. Ich bin froh, daß du gekommen bist, Andrea. Dein Großvater wird sich freuen.«

»Was fehlt ihm eigentlich?«

»Er ist alt, Andrea. Er hat ein erfülltes und manchmal schweres Leben hinter sich. Aber es waren gute Jahre. Wir haben viel gemeinsam durchgestanden, dein Großvater und ich.«

Als sie mich ansah, waren ihre Augen feucht, und ihre Lippen bebten. »Ich habe mit diesem Mann ein gutes Leben gehabt, und dafür werde ich immer dankbar sein. Es gibt nicht viele Frauen, denen es so gut ergangen ist wie mir. Nein, weiß Gott nicht. Und dabei hatte er im Krieg soviel durchgemacht…« Sie schüttelte bekümmert den Kopf.

»Er war auch im Krieg?« Das war ein Teil der Familiengeschichte, mit dem ich vertraut war. Mein Vater hatte oft vom Krieg erzählt, als er bei der Luftwaffe gewesen war und in der Luftschlacht um England mitgekämpft hatte.

Sie sah mich eine Weile schweigend, mit umflorten Augen an, dann blitzte Erheiterung in diesen Augen auf. »Ja, aber nicht im Zweiten Weltkrieg, Kind. Ich habe vom Ersten Weltkrieg gesprochen. Er war beim Pioniercorps, dein Großvater. Er hat in Mesopotamien gedient.«

Ich machte große Augen. Davon hatte ich nie etwas gehört.

»Das wußtest du nicht, hm? Ich seh’s deinem Gesicht an. Hat deine Mutter dir nie von uns erzählt? Nein? Hm…« Sie sah auf ihre Hände nieder. »Irgendwie kann ich’s verstehen. Die Townsends hatten eine schreckliche Geschichte, bevor dein Großvater und ich heirateten.«

»Schrecklich? Wieso?«

Sie fuhr fort, als hätte sie meine Frage nicht gehört. »Deine Mutter hat dir wahrscheinlich nur aus ihrer eigenen Kindheit erzählt. Von sich und Elsie und William. Ja, das kann ich gut verstehen. Aber du mußt auch etwas von deinen Großeltern wissen, nicht wahr, Kind? Schließlich bist du auch ein Teil von uns. Ach, dein Großvater und ich hatten oft ein aufregendes Leben, glaub mir. Stell dir vor, genau an dem Tag, an dem wir 1915 heirateten, wurde er nach Übersee geschickt. Danach habe ich ihn zwei Jahre lang nicht mehr gesehen, und als er endlich nach Hause kam, war er so verändert, daß er praktisch ein Fremder für mich war. Er war als junger Bursche fortgegangen, und als er nach Hause kam, war er ein Mann.«

Ich starrte auf ihre runzligen alten Lippen, während sie mir in diesem schwer verständlichen Dialekt ihrer Heimat erzählte.

»Ja, er war ein ganz anderer geworden. Und als wir mit zwei Jahren Verspätung unsere Hochzeitsnacht nachholten, da war es für mich, als läge ich bei einem völlig Fremden.«

Ich versuchte, mir diesen Mann vorzustellen, den ich nie gesehen hatte, den Vater meiner Mutter, der jetzt im nahen Krankenhaus im Sterben lag und der zweiundsechzig Jahre in diesem Haus gelebt hatte. Und dann versuchte ich, mir Großmutter als junges Mädchen vorzustellen, einundzwanzig Jahre alt, wie sie schamhaft und scheu das erstemal mit ihrem Mann zu Bett ging.

Ich dachte an Doug, an unsere letzte gemeinsame Nacht, an die verletzenden Worte, die wir einander ins Gesicht geschleudert hatten. Aber als sein vertrautes, lächelndes Gesicht vor mir erschien, vertrieb ich augenblicklich die Erinnerung. Es war vorbei. Doug und ich waren fertig miteinander. Dieser Schmerz würde vergehen, die Erinnerungen verblassen, und ich würde wieder frei sein.

»Wenn man jung ist, denkt man nicht viel über die Vergangenheit nach, nicht?« meinte Großmutter. Sie rieb die Hände aneinander und hielt sie in die Wärme der Gasheizung. »Ich habe es jedenfalls nicht getan. Ich glaubte, ich würde ewig leben. In der Jugend denkt man nie an den Tod. Man hat noch keine Vergangenheit, auf die man zurückschauen kann, und man ist vom Tod so weit entfernt, daß man glaubt, er wird nie zu einem kommen. Aber wenn man alt wird, Andrea, und der Tod nicht mehr weit ist, dann ist die Vergangenheit das einzige, was einem bleibt.«

Sie blickte einen Moment gedankenverloren vor sich hin, dann stand sie plötzlich aus ihrem Sessel auf, als wäre ihr etwas eingefallen. »Ich möchte dir etwas zeigen.«

Sie ging schwerfällig zum Büffet, stützte sich dabei auf die Rückenlehne des Sessels und auf ihren Stock. Ihre Beine waren nach außen gekrümmt, und ihre Schultern waren unter dem runden Rücken weit nach vorn gezogen.

Sie kramte in einer Schublade und sagte dann: »Hier hab ich etwas, das du nie gesehen hast.«

Sie reichte mir eine Fotografie. Es war eine sehr alte Aufnahme, die das Gesicht einer strahlend schönen Frau zeigte, das wie unter verblichenem Sepia verschleiert schien. »Wer ist das?« fragte ich.

»Das war die Mutter deines Großvaters«, antwortete sie.

Ich konnte den Blick nicht von diesem schönen Gesicht wenden. »Seine Mutter? Hat Großvater Ähnlichkeit mit ihr? Wie alt ist das Bild?«

»Oh, das weiß ich nicht genau. Laß mich nachdenken. Es wurde aufgenommen, bevor Robert — das ist dein Großvater — geboren war, und sie war, glaub ich, zwanzig, als sie ihn bekam…«

Ich spürte, wie mich diese traurigen braunen Augen in ihren Bann zogen. Das Lächeln der Frau, die das Haar züchtig zum Knoten gesteckt hatte und am hochgeschlossenen Kragen ihres Kleides eine Kamee trug, schien mir süß und schwermütig zugleich, und ich hatte den Eindruck, als hätte sie dem Fotografen nur widerstrebend für dieses Porträt gesessen. Ein Blick der Verlorenheit lag in den jungen Augen, eine Schwermut, die von stiller Zurückgezogenheit sprach. Ich stellte mir vor, wie sie gewesen sein mußte. Eine scheue, traurige, verwirrte junge Frau.

»Vielleicht 1893«, sagte Großmutter. »Ist sie nicht eine Schönheit?«

Ich nickte. Die Mutter meines Großvaters. Meine Urgroßmutter.

»Sie war eine geborene Adams. Sie wohnte in der Marina Avenue. Aber ursprünglich kam ihre Familie aus Wales. Aus Prestatyn, glaube ich.«

»Und Großvaters Vater? Wie sah der aus — ihr Mann? Hast du von ihm auch ein Bild?«

Sie antwortete nicht.

»Großmutter?« Ich sah auf. Ihr Gesicht schien mir hart. Ich wiederholte : »Hast du von meinem Urgroßvater auch ein Bild?«

Großmutter beugte sich zu mir herunter und nahm mir das Foto aus den Händen. Mit einem Kopf schütteln ging sie zum Büffet zurück und legte das Bild wieder in die Schublade.

Als sie zu ihrem Sessel zurückkam und ein wenig näher an den Kamin rückte, gab sie dem Gespräch eine andere Wendung. »Die Jubiläumsfeiern für die Königin in diesem Jahr waren wirklich wunderschön…«

2

Es war noch nicht halb elf an diesem ersten Abend, aber ich konnte kaum noch die Augen offenhalten. Ich spürte eine leichte Berührung an der Schulter und sah, daß Großmutter aufgestanden war. Und mit schlechtem Gewissen sah ich, daß sie Teller und Tassen hinausgetragen hatte.

»Bin ich eingeschlafen? Entschuldige, Großmutter, ich wollte dir doch helfen —«

»Unsinn! Ich werd dich doch nicht arbeiten lassen, wo du hier zu Besuch bist. Es war egoistisch von mir, dich nach der langen Reise so lange wachzuhalten. Du mußt doch todmüde sein. Marsch jetzt, ins Bett mit dir.«

Sie hatte recht. Ich war unglaublich müde, ja, ich fühlte mich, als ob meinem Körper auch das letzte Fünkchen Energie entzogen worden wäre.

Sobald ich in den Flur trat, überkam mich wieder dieses bizarre Gefühl, nur noch stärker diesmal. Es war beinahe, als läge greifbare Feindseligkeit in der Luft. Ich zögerte am Fuß der schmalen Treppe und blickte in die Finsternis über mir.

»Ist was?« fragte Großmutter, die mein Zögern bemerkte.

»Ich — äh, ich weiß gar nicht, wo mein Zimmer ist.«

»Ich hab dir das Vorderzimmer gerichtet. Ed hat deinen Koffer schon raufgebracht, und Elsie hat dir eine Wärmflasche ins Bett gelegt. Es tut mir leid, daß das Zimmer keine Heizung hat. Aber weißt du, es ist viele Jahre nicht mehr benutzt worden. Seit Williams Auszug nicht mehr. Das muß jetzt gut zwanzig Jahre her sein. Also, Kind, rauf mit dir.«

Vorsichtig stieg ich die steile Treppe hinauf und stützte mich dabei mit den Händen an den Seitenwänden ab. Ich verkniff es mir, in die Schwärze des oberen Stockwerks hinaufzusehen, und versuchte so zu tun, als mache mir die Kälte nichts aus.

Aber das gelang mir nicht, und je höher ich stieg, desto kälter wurde mir. Ich fing an zu zittern. Der Atem stieg mir in kleinen Dampfwölkchen aus dem Mund. Hinter mir, ein paar Stufen tiefer, quälte sich Großmutter schwerfällig die Treppe hinauf, und ich fragte mich, ob sie mich überhaupt vor sich sehen konnte.

Oben begann ich wieder zu schnattern. Ich biß die Zähne zusammen und suchte nach einem Lichtschalter. Ich tastete mit einer Hand über die klamme Wand.

Ich berührte etwas und drückte.

»Hast du das Licht gefunden?« fragte Großmutter keuchend hinter mir.

»Ich — nein —«

Sie streckte den Arm aus, und augenblicklich ging die Deckenbeleuchtung an. Ich schaute auf die Wand. Das Ding, das ich berührt hatte, war der Lichtschalter.

»Na also. Jetzt geh nach rechts«, sagte sie außer Atem und lehnte sich an die Wand.

Der Treppe direkt gegenüber war das Badezimmer und daneben Großmutters Zimmer. Um die Ecke jedoch, einen kurzen Gang entlang, war noch eine Tür.

»Wenn du in der Nacht raus mußt, dann weißt du jetzt, wo es ist. Vergiß nicht, immer das Licht auszumachen. Gute Nacht, Kind.«

Ich rieb mir die eiskalten Arme und eilte durch den Flur zum vorderen Zimmer. Die Tür knarrte, als ich sie aufstieß, und Schwärze gähnte mir entgegen. Hastig hob ich die Hand zur Wand und fand den Lichtschalter.

Ich lächelte erleichtert. Wirklich ein hübsches Zimmer. Ein behagliches Doppelbett mit großen, weichen Kissen und einer bunten Steppdecke. Auf dem Boden ein schon fadenscheiniger, aber freundlicher Perserteppich. An einer Wand ein alter Schrank, dessen eine Tür offenstand. Gegenüber ein offener Kamin, der jetzt vernagelt war, und darüber ein großer alter Spiegel in geschwungenem Rahmen. Neben dem Bett ein kleines Tischchen mit einem Spitzendeckchen und der Bibel darauf.

Es sah alles sehr gemütlich aus, und meine Beklemmungen auf der Treppe kamen mir plötzlich recht albern vor. Ich drehte mich um, schloß die Tür und schob die ‘Wurst’ vor die Ritze, das längliche Polster, das verhindern sollte, daß die Kälte aus dem Flur ins Zimmer drang. Dann mußte ich schnell machen. Das bißchen Wärme, das ich von unten mitgenommen hatte, war jetzt ausgekühlt, und die eisige Kälte des Zimmers drang auf mich ein. Schon begannen meine Finger steif zu werden, so daß ich Mühe hatte, die Schlösser meines Koffers zu öffnen. Ich fror erbärmlich.

Noch nie hatte ich so etwas erlebt. Wenn es vor einigen Stunden draußen um null Grad gewesen war, wie weit war die Temperatur dann in der Zwischenzeit noch gesunken? Dieses alte, schlecht isolierte Haus kam mir vor wie ein Tiefkühlschrank.

Nachdem ich meine Jeans und das T-Shirt im Schrank aufgehängt hatte, zog ich meinen Bademantel über den Schlaf anzug und ging zum Fenster. Ich zog die Vorhänge ein wenig auseinander und blickte durch die bereiften Scheiben in pechschwarze Nacht hinaus. Kein Mond, kein Stern war am Himmel, nur eine ferne Straßenlampe spendete etwas trübes Licht. Die Häuser gegenüber, eines am anderen, alle gleich, aufgereiht wie die Zinnsoldaten, waren dunkel und still. Das abgeschliffene Kopfsteinpflaster der Straße, auf der die wenigen geparkten Autos fremd wirkten, glänzte eisig.

Ich ließ die Vorhänge wieder zufallen. Mittlerweile war ich so durchgefroren, daß ich beschloß, im Bademantel zu schlafen. Erst knipste ich das Licht aus, dann sprang ich im Dunklen mit einem Riesensatz zum Bett, warf mich hinein und zog die Decken bis zum Kinn. Die Wärmflasche, die noch warm war, drückte ich an meinen Bauch und rollte mich auf der Seite zusammen.

Es war so still im Haus, daß ich meinen eigenen Herzschlag hörte. Ich war überzeugt, daß ich in diesen arktischen Verhältnissen niemals einschlafen würde. Immer noch schlugen mir die Zähne aufeinander, meine Hände und Füße waren starr vor Kälte, ich zitterte am ganzen Körper. Mindestens eine Stunde lang muß ich wachgelegen und in die Finsternis gestarrt haben, und die ganze Zeit dachte ich an Doug und bemühte mich, das Unbehagen abzuschütteln, das mir dieses Haus einflößte.

Ich weiß nicht, wann ich endlich eingeschlafen bin, aber plötzlich war ich wieder hellwach, ohne zu wissen, was mich geweckt hatte. Ich starrte mit offenen Augen ins Dunkle und hielt mit verkrampften Fingern die Decke umklammert. Ich war schon mit Angst erwacht; die Angst hatte mich schon im Schlaf überfallen, sie hatte mich geweckt. Es war eine Angst vor etwas, das ich nicht sehen konnte. Während ich angestrengt versuchte, mit den Augen die Schwärze der Nacht zu durchdringen, wurde mir klar, daß es nicht die Dunkelheit war, die mich so ängstigte, sondern etwas anderes; etwas, das in diesem Zimmer war. Eine unsichtbare Gegenwart…

Ich kämpfte um meinen Verstand. Ich versuchte, mich zu erinnern, wer ich war, wo ich mich befand, was ich hier tat. Aber mein Geist war gefangen in einem Käfig des Vergessens. Ich erinnerte mich an nichts. Mein Gedächtnis war ausgelöscht. In schwarzer Nacht versunken.

Mitten in meinem verzweifelten Kampf, meinem ohnmächtigen Bemühen, meine Erinnerungen zu finden, entdeckte ich das Schreckliche, das mich aus dem Schlaf gerissen hatte.

Ein ungeheurer Druck lastete auf meinem Körper. Eine Kraft, die nicht zu greifen war und keine Substanz besaß, stieß mich tief in die Kissen und drohte, mich zu ersticken. Ich wollte schreien, aber ich konnte nicht. Ich bekam keine Luft.

Aus Angst und Entsetzen wurde kopflose Panik. Wie eine Rasende begann ich, mich gegen den grauenvollen Druck zu wehren. Ich rang krampfhaft um Atem und empfand jeden eisigen Luftzug, der in meine Lunge drang, wie einen Messerstich.

Ich mußte zum Licht.

Meine Gedanken überschlugen sich. War ich vielleicht gelähmt?

Wie konnte eine solche erstickende Kraft mich niederdrücken, ohne daß ich fähig war, sie zu fassen?

Ich konzentrierte mich ganz darauf, einen Arm freizubekommen. Mein Atem flog in kurzen Stößen. Ich mußte sehen.

Ich mußte sehen!

Plötzlich war mein Arm frei. Ich griff hastig nach oben und umklammerte das Kopfende des Betts. Mit einer gewaltigen Kraftanstrengung gelang es mir, mich sq weit hochzuziehen, daß ich mich aufsetzen konnte. Aber immer noch lastete der beklemmende Druck auf mir. Er war wie ein gewaltiger Sog. Ich kämpfte dagegen an, schnappte gierig nach Luft, um den Alp abzuwehren. Weit aus dem Bett hängend, fuchtelte ich in der Finsternis herum, traf mit einer Hand die Wand und schlug rein zufällig auf den Lichtschalter.

Im selben Moment, als das Licht anging, wich schlagartig der Druck von mir, und ich fiel zu einem keuchenden, japsenden Bündel zusammen.

Ich hatte so stark geschwitzt, daß mein Pyjama ganz feucht war. Und jetzt begann ich zu frieren, begann vor Erschöpfung und Kälte so heftig zu zittern, daß das Bett wackelte. Lange hockte ich an das Kopfende des Betts gelehnt, rieb mir die Arme und stampfte mit den Füßen, um wieder warm zu werden, und überlegte dabei, was eigentlich geschehen war.

Ich konnte mich nicht erinnern, was mich geweckt hatte; ob es ein Traum gewesen war oder die Kälte oder einfach die ungewohnte Umgebung.

Oder etwas anderes.

Und dieser schreckliche Druck. Hatte ich ihn mir eingebildet? War vielleicht alles nur ein Traum gewesen, der bis zu dem Moment gedauert hatte, als ich im Schlaf den Lichtschalter gefunden hatte?

Ich konnte es nicht glauben. Es war mir nicht vorgekommen wie ein Traum. Es war von einer unheimlichen Realität gewesen.

Als ich die Decken bis zu Schultern und Hals heraufzog, spürte ich, wie schwer sie waren. Mehrere Wolldecken, eine Steppdecke und ein großes Federbett — kein Wunder, daß ich mich wie erdrückt gefühlt hatte.

Natürlich! Das war es! Ich lachte leise, um mir selbst Mut zu machen. Zu Hause schlief ich immer nur mit einer leichten Decke; unter dem Gewicht dieses Bettzeugs mußte ich geträumt haben, daß eine unheimliche Macht mich ersticken wollte.

Wie seltsam ist diese Dämmerzone zwischen Schlafen und Wachen. Wie beängstigend war es gewesen, zu erwachen und nicht zu wissen, wer ich war und wo ich mich befand. Aber jetzt verständlich im Licht der Deckenlampe. Ich hatte einen Alptraum gehabt; er war mir nur realer erschienen als die meisten. Selbst jetzt noch, während ich im hellen Zimmer im Bett saß, spürte ich Reste der Furcht, die mich beim Erwachen überfallen hatte.

Aber alles Einbildung. Nichts real.

Ich griff zum Schalter, um das Licht auszumachen, und hielt inne. Ohne zu wissen warum, drehte ich den Kopf und blickte über die Schulter.

Der Spiegel über dem Kamin.

Was hatte er Merkwürdiges an sich?

Lange blieb ich so sitzen und blickte stirnrunzelnd zum Spiegel; fragte mich, was mich veranlaßt hatte, zu ihm hinüberzusehen, warum ich den Blick jetzt nicht von ihm wenden konnte. Und während ich ihn unverwandt anstarrte, war mir, als hörte ich eine feine Stimme, die mir zuflüsterte, ich dürfe nicht wegsehen.

Aber warum? Es war doch ein ganz gewöhnlicher Spiegel. Alt, eine Antiquität vielleicht, mit einem glanzlosen vergoldeten Rahmen. Nichts Ungewöhnliches war an ihm. Und er zeigte nichts als ein Bild dieses Zimmers mit der offenen Schranktür im Mittelpunkt.

Und doch hielt er mich fest, und ich schaute ihn so fasziniert an, als wüßte ich, was ich in ihm suchte. Als schwebe die Antwort auf die Frage, was für eine zauberische Macht dieser Spiegel besaß, am innersten Rand meines Bewußtseins. Beinahe konnte ich sie fassen…

Endlich schüttelte ich abwehrend den Kopf, befreite mich aus dem Bann und glitt wieder unter die Decken, ohne das Licht zu löschen. Der lange Flug und die Zeitverschiebung hatten mir mehr zugesetzt, als ich geglaubt hatte.

Ich zwang mich zu einem Lächeln und versicherte mir, während ich mich im tröstlichen Schein des Lichts ausstreckte, daß morgen alles wieder ganz normal sein würde.

__________

Als ich am Morgen erwachte, roch ich den Duft von gebratenem Speck und frischem Kaffee, und nach einem Blitzbesuch im eiskalten Badezimmer sauste ich in Jeans und Pullover nach unten, wo mich ein angenehm warmes Wohnzimmer und ein gedeckter Tisch erwarteten. Zwar vertrieb das Sonnenlicht, das freundlich durch das Fenster strömte, alle Hirngespinste der vergangenen Nacht, doch es blieb ein Gefühl unerklärlichen Unbehagens. Ich hatte kaum geträumt und konnte mich nur an wenige zusammenhängende Traumfetzen erinnern. Als ich im sonnenhellen Zimmer erwacht war, hatte ich mich erfrischt und ausgeruht gefühlt; um so bestürzender war es zu entdecken, daß das Haus mich noch immer nicht aus seinem unheimlichen Bann entlassen hatte.

»Ist das hier das einzige Zimmer im Haus, das ihr bewohnt, Großmutter?« fragte ich, während ich Butter auf meinen Toast strich.

»Ja, Kind. Dieses Zimmer und unser Schlafzimmer. Den früheren Salon benützen wir schon seit Jahren nicht mehr. Wir brauchen ihn nicht. Er dient uns eigentlich nur noch als Abstellraum.«

Ich nickte. Es war ein gemütliches Zimmer. Wir saßen an dem kleinen Eßtisch vor dem Fenster, das zum Garten hinausblickte. Aber ein Garten war das eigentlich gar nicht. Vom Fenster bis zu der hohen Mauer am anderen Ende konnten es höchstens zehn Schritte sein. Man hätte mit einem einzigen großen Sprung über den ganzen Garten setzen können. Der Boden war holprig mit Backstein gepflastert.

Es gab keinen Rasen und keine Blumenbeete, nur am Fuß der beiden Mauern je einen Streifen Erde, aus der Rosenbüsche wuchsen — oder einmal gewachsen waren; jetzt waren sie nur noch dürre Skelette. In die Mauer am Ende des Gartens war ein Tor eingelassen, das in eine kleine Gasse und zu dem auf der anderen Seite liegenden freien Feld führte.

»Blühen die Rosen im Sommer, Großmutter?«

»Nein, Kind. In diesem Garten will einfach nichts gedeihen. Das war schon immer so. Von Anfang an. Diese Rosenbüsche waren schon hier, als wir hier einzogen.«

»Hast du mal versucht, sie zum Blühen zu bringen?« Ich führte meine Tasse zum Mund und blickte geistesabwesend zu den kahlen Büschen hinaus.

»Ja, sicher, am Anfang schon, aber es war sinnlos. Es ist wahrscheinlich schlechter Boden.« Sie sah mich an. »Weißt du, es ist komisch, jetzt, wo ich darüber nachdenke — nie ist uns in diesem Garten etwas gewachsen. Und uns ist auch kein Haustier geblieben, ob Hund oder Katze. Immer sind sie uns weggelaufen. Das muß am Boden liegen, sagte dein Großvater immer.«

Ihre Worte weckten ein seltsames Gefühl in mir, aber ich schüttelte es ab und sagte: »Wie lange lebt ihr hier schon allein, du und Großvater?«

»Dein Onkel William ist als letzter ausgezogen. Das muß jetzt zwanzig Jahre her sein oder länger. Danach brauchten dein Großvater und ich die anderen Räume nicht mehr. Aber die Möbel sind noch alle da, so wie sie waren, als ich vor zweiundsechzig Jahren hier eingezogen bin.«

»Im Ernst? Das alles hier ist noch von damals?«

»Jedes Stück. Auch das Bett, in dem du heute nacht geschlafen hast. Das kam alles so um 1880 ins Haus.«

»Du hast ein paar wertvolle alte Dinge hier, Großmutter.«

»Ja, ich weiß. Und da liegen mir Elsie und William dauernd in den Ohren, daß ich alles verkaufen und in eine Wohnung ziehen soll. Das kann ich doch nicht! Das Haus steckt für mich voller Erinnerungen. Niemals könnte ich einfach von hier fortgehen. Das Haus ist ein Teil von mir, Andrea.«

Ich sah wieder zum Fenster hinaus, betrachtete den leuchtend blauen Himmel und versuchte mir vorzustellen, wie es sein mußte, zweiundsechzig Jahre lang im selben ’Haus zu leben. Die längste Zeit, die ich mit meinen Eltern irgendwo gelebt hatte, waren zehn Jahre gewesen, in einem Haus in Santa Monica, und wir hatten gemeint, es wäre eine Ewigkeit.

»Dieses Haus hat viel erlebt, Andrea, und es hat auch an Unglück nicht gefehlt.«

Ich wandte mich wieder meiner Großmutter zu.

Sie wich meinem Blick aus. »Aber es hat natürlich auch viel Freude gesehen. In jeder Familie gibt es beides, nicht wahr?«

Der Rest des Morgens verging mit Aufräumen, Abwaschen und Großmutters Gesprächen über die Misere der britischen Wirtschaft. Um ein Uhr kamen Elsie und Ed, durchgefroren und mit roten Nasen.

»Es wird wieder kälter«, bemerkte Elsie und eilte zum Kamin. »Hoffentlich frierst du nicht, Andrea.«

»Nein, nein, ich hab mich warm angezogen. Wie lang ist die Besuchszeit?«

»Nachmittags nur eine Stunde. Aber das ist auch genug für deinen Großvater. Wir wollen ihn nicht ermüden. Und abends kann man anderthalb Stunden bleiben.«

»Geht ihr beidemale?«

»Nein, Kind. Abends geht William mit seiner Frau. Wir können nachmittags gehen, weil Ed schon in Rente ist. William und May gehen abends nach dem Essen. Manchmal geht auch Christine nach der Arbeit zu Großvater.«

Über Christine wußte ich ein wenig. Sie war sieben Jahre jünger als ich und arbeitete als Stenotypistin in einer Fabrik in der Nähe. Elsies Kinder, mein Vetter Albert und meine Cousine Ann, lebten nicht mehr in Warrington. Ann war nach Amsterdam gegangen, und Albert hatte geheiratet und lebte jetzt in Morecambe Bay an der Irischen See.

Geradeso wie meine Mutter ihren Verwandten über besondere Ereignisse in unserer Familie geschrieben hatte, meinen College-Abschluß zum Beispiel und Richards Entschluß, nach Australien zu gehen, hatte unsere englische Verwandtschaft uns über die Jahre von ihrem Leben berichtet. Aber ich kannte Christine, Albert und Ann natürlich nur von Fotos, und abgesehen von einigen Äußerlichkeiten — daß Ann in Amsterdam als Malerin arbeitete, Albert und seine junge Frau eine kleine Tochter hatten und Christine hier in Warrington in ihrer eigenen kleinen Wohnung lebte — wußte ich nichts über sie.

Und ich wollte auch gar nichts wissen. Ich war so lange ohne Verwandtschaft ausgekommen, da hatte ich jetzt keinerlei Bedürfnis, Beziehungen herzustellen. In wenigen Tagen würde ich sowieso nach Los Angeles zurückkehren, und diese Menschen hier würden wieder aus meinem Leben verschwinden.

»Deine Mutter und ich waren zwei schlimme Mädchen«, sagte Elsie, als ich mich zu ihr an den Kamin setzte. »Mir ist schleierhaft, wie der arme William es mit uns ausgehalten hat. Wir waren beide älter, weißt du, und wir haben ihn furchtbar tyrannisiert.« Sie lachte. »Ach, wie schade, daß Ruth nicht mitkommen konnte. Aber so eine Fußgeschichte ist langwierig und schmerzhaft, nicht wahr? Weißt du eigentlich, Andrea, daß ich dich als Baby eine Weile versorgt habe? Deine Mutter wurde kurz nach deiner Geburt krank und mußte noch einmal ins Krankenhaus, und da hab ich mich um dich gekümmert. Das war schön. Es war, als wärst du mein Kind. Ich hatte damals noch keine Kinder. Albert wurde erst ein Jahr später geboren.«

So erzählte sie eine Weile weiter, bis es Zeit war zu gehen. Dankbar für die Wollmütze und die Handschuhe, die Elsie mir mitgebracht hatte, mummelte ich mich richtig ein und wappnete mich gegen die Kälte, die uns draußen erwartete.

»Und wenn du zurückkommst, gibt es einen guten Fisch, Kind«, sagte Großmutter, die uns zur Tür begleitete. »Ich kann heute nicht mitkommen, Andrea. Es ist zu kalt für meine alten Knochen. Vielleicht am Sonntag, wenn ich mich wohl genug fühle.« Als ich Elsie und Ed hinterhergehen wollte, die schon auf dem Weg zum Wagen waren, hielt sie mich fest. »Er ist ein Fremder für dich, Andrea, aber daran solltest du dich nicht Stören. Er ist ein Townsend genau wie du eine Townsend bist. Denk immer daran, daß er der Vater deiner Mutter ist. Er ist dein Großvater, und er braucht dich jetzt. Er braucht uns alle.«

Ich nickte stumm und lief zum Wagen hinaus.

__________

Das Städtische Krankenhaus von Warrington wirkte bei Tag genau so mächtig und bedrohlich wie am Abend zuvor, als Elsie es mir gezeigt hatte. Hier, zwischen diesen dicken roten Backsteinmauern, hatte ich meinen ersten Schrei getan. Und nun, siebenundzwanzig Jahre später, war ich zurückgekehrt, auf einer Art unfreiwilliger Pilgerfahrt zu meinen Wurzeln.

Das erste, was ich wahrnahm, als wir durch die Schwingtür des Krankenhauses traten, war der entsetzliche Geruch. Er war so ekelhaft und durchdringend, daß mir beinahe übel wurde. Ed und Elsie schienen ihn gar nicht zu bemerken. Sie waren ganz damit beschäftigt, Handschuhe, Mützen und Schals abzulegen und ihre Mäntel aufzuknöpfen. Ich machte es ihnen nach und bemühte mich, den Gestank zu ignorieren, während ich ihnen durch den langen Korridor zur Station folgte.

Hier erwartete mich der nächste Schock: Das Krankenzimmer war ein großer düsterer Raum mit nacktem Holzfußboden und kahlen weißen Wänden. Zwanzig Betten standen nebeneinander an jeder der beiden Längswände, am einen Ende des Raums war ein Waschbecken, am anderen ein altmodischer Fernsehapparat. Die Vorhänge an den Fenstern waren trist, in einer Ecke stand ein Stapel Klappstühle.

Dort nahm Ed drei Stühle, klappte sie auf und stellte sie zu beiden Seiten des Betts auf, das der Tür am nächsten stand.

»Komm, Kind«, sagte er zu mir. »Setz dich zu deinem Großvater.«

Ich näherte mich langsam dem Bett, den Blick auf das Gesicht des alten Mannes gerichtet, der darin schlief. Einen Moment lang blieb ich an seiner Seite stehen und betrachtete die eingefallenen Züge, die durchsichtig scheinende Haut, die dünnen Büschel weißen Haars, die von seinem Kopf abstanden. Er lag da wie aufgebahrt, so ruhig, so tief. Mein Großvater schlief in inniger Ruhe, als hätte er schon den letzten Frieden gefunden.

Ich zog mir einen Stuhl heran. So laut wie unsere Stimmen und unsere Schritte tönte das Kratzen der Stuhlbeine auf dem Holzboden durch den ganzen Krankensaal. Elsie und Ed setzten sich auf der anderen Seite des Betts nieder, und Elsie fing sofort an, in ihrer großen Handtasche zu kramen, um allerhand Leckerbissen für ihren Vater zum Vorschein zu bringen. Eine Packung Kekse. Eine Flasche Orangensaft. Eine Rolle Pfefferminztaler. Dabei redete sie auf den Schlafenden ein, als wäre er hellwach, erzählte endlos vom Rugbyspiel zwischen Warrington und Manchester, vom Pferderennen, wo mein Großvater offenbar häufig sein Glück versucht hatte, von den Fernsehsendungen über die königlichen Jubiläumsfeiern und von Alberts kleiner Tochter.

Ed saß lächelnd dabei, verteilte die Geschenke auf dem Nachttisch und unterstützte Elsie mit bestätigenden Kommentaren.

Mich verblüffte das Verhalten der beiden. Wäre nicht die leichte Auf- und Abwärtsbewegung der Brust unter der Decke gewesen, man hätte den alten Mann im Bett für tot halten können. Sein Körper lag so reglos, als wäre er schon ohne Leben.

Ich suchte in dem fremden Gesicht nach vertrauten Zügen. Zu Hause, in meinem Album, hatte ich Fotos von meinem Großvater. Sie zeigten einen kräftigen, robusten Mann mit dichtem schwarzen Haar und einem etwas derben, aber gut geschnittenen Gesicht. Doch es waren Bilder eines Fremden, eines Mannes, der mir nichts bedeutete. Und auch jetzt, da ich ihn vor mir hatte, blieb er mir fremd. Und doch war da, kaum erkennbar in dem im Schlaf entspannten Gesicht, die steile kleine Falte über der Nase, das besondere Merkmal der Townsends.

Ich schluckte und schob die Hände auf meinem Schoß fest ineinander.

»Du wunderst dich wahrscheinlich, wieso wir mit ihm sprechen«, sagte Elsie plötzlich.

Mit einem Ruck hob ich den Kopf. Ich hatte ihre Anwesenheit vergessen.

»Weißt du, der Arzt hat uns gesagt, daß ein Mensch, auch wenn er schläft, immer noch hört. Stimmt’s, Ed? Er hat gesagt, das Gehör versagt als letztes, wenn jemand stirbt, darum können Kranke, auch wenn sie bewußtlos sind, noch hören. Und auch wenn Vater überhaupt nicht reagiert, kann es sein, daß er unsere Stimmen wahrnimmt und daß es ihn tröstet, daß wir da sind. Deshalb rede ich immer mit ihm. Ich meine, das ist doch das mindeste, was man tun kann, nicht?« Sie sah mich erwartungsvoll an, und ich wußte, was sie wollte.

Ich blickte wieder auf das alte wächserne Gesicht hinunter, die schlaffen Lippen, die in den zahnlosen Mund eingezogen waren, und auf die wie verwischt wirkende steile kleine Falte zwischen den weißen Brauen. Ich neigte mich leicht über das Bett und legte vorsichtig eine Hand auf die Decke, unter der ich einen mageren, knochigen Arm fühlte. »Hallo, Großvater. Ich bin’s, Andrea.«

Meine Worte hingen in der Luft. Wir beugten uns alle drei über das Bett.

Dann sagte Elsie leise: »Er hat dich gehört, Kind. Er weiß, daß du hier bist.«

Während ich unverwandt in das schon vom Tod gezeichnete Gesicht sah, versuchte ich, mir den schneidigen jungen Pionier vorzustellen, der 1915 nach Mesopotamien gezogen war. Ich versuchte, unter der verfallenen Hülle eine Spur des jungen Mannes zu erkennen, der meine Mutter auf den Knien gehalten hatte.

Aber es gelang mir nicht. Ich wollte es erzwingen. Ich wollte wenigstens ein Fünkchen Zuneigung zu diesem sterbenden alten Mann heraufbeschwören. Aber ich empfand nichts. Er war und blieb mir fremd, nichts weiter als ein sterbender alter Mann.

Ich hob den Kopf und sah Elsie an und zwang mich zu einem Lächeln. Mit ihr und den anderen Verwandten ging es mir nicht anders. Wie sollte ich die Zuneigung geben, die sie suchten, wenn ich sie nicht empfand?

Endlich, endlich war die Stunde um. Ich hatte geglaubt, sie würde niemals vergehen. Menschen waren gekommen, um die anderen Patienten in diesem schrecklichen Krankenzimmer zu besuchen. Ihre Stimmen hallten zwischen den kahlen Wänden wider, das Dröhnen ihrer Schritte störte die Stille. Schwestern und Pfleger eilten geschäftig hin und her. Jemand schaltete das Fernsehgerät ein. Der alte Mann im nächsten Bett bekam einen heftigen Hustenanfall.

Doch mein Großvater lag ruhig und reglos. Wo immer er auch war, er befand sich anscheinend an einem Ort, der ungleich schöner und friedlicher war als dieser Saal.

Ich bemühte mich, meine Erleichterung nicht zu zeigen, als wir uns verabschiedeten. Ich war froh, daß niemand von mir erwartete, William und seine Frau am Abend nochmals hierher zu begleiten.

»Diese Kälte bekommt dir gar nicht, Kind«, sagte Elsie, als wir zum Wagen gingen. »Du kennst ja auch nur Südkalifornien. Ich kann mir vorstellen, wie unwohl du dich in diesem Wetter fühlst. Aber es war lieb von dir, daß du mitgekommen bist. Vater wird nicht mehr lange leben, und dann ist es vorbei.«

Ich sah die Tränen in ihren Augen und berührte leicht ihren Arm.

»Du tust uns allen gut«, sagte sie mit brüchiger Stimme. »Vater hätte sich sicher gewünscht, in seinen letzten Stunden Ruth noch einmal zu sehen. Aber du bist ja genau wie deine Mutter. Du hast das gleiche Lächeln. Wenn man dich ansieht, meint man, deiner Mutter ins Gesicht zu schauen, wie sie damals war, als sie von hier fortging.«

Ich wandte mich ab und stieg schnell ins Auto.

Elsie setzte sich nach vorn neben Ed, ohne mit dem Sprechen aufzuhören. »Es wäre so schön gewesen, wenn deine Mutter schon früher einmal auf Besuch gekommen wäre. Wahrscheinlich macht sie sich jetzt Vorwürfe.«

»Ja, das tut sie.«

»Ich kann’s verstehen. Mir würde es genauso gehen. Aber die Zeit verstreicht, und die Jahre vergehen, und eines Tages erkennt man plötzlich, daß kein Mensch ewig lebt.«

Ed fuhr den Wagen vom Parkplatz.

Ich war nie mit dem Tod in Berührung gekommen, hatte nie einen Sterbenden erlebt, nie eine Leiche gesehen, nie einen nahestehenden Menschen durch Tod verloren. Der Tod war ein abstrakter Begriff für mich, der mit mir nichts zu tun hatte.

Wenn man unter Palmen und ewiger Sonne lebt, wenn man siebenundzwanzig ist und das ganze Leben noch vor sich zu haben glaubt, dann denkt man nicht an die eigene Vergänglichkeit. Man denkt nicht an das Ende der Dinge, an die Vergangenheit, an die vielen Leben, die vor einem gelebt worden sind.

Wir rumpelten über das Kopfsteinpflaster die Straße hinunter. Elsie machte mich auf Orte aufmerksam, die mir als kleines Kind vertraut gewesen waren, und mein Herz blieb kalt. Ich war nichts weiter als eine Fremde unter Fremden, und mein Zuhause war auf der anderen Seite der Erde.

__________

Kaum traten wir durch die Tür, war er wieder da, dieser bedrückende Schatten, den das Haus auf mich zu werfen schien. Diesmal jedoch führte ich ihn auf die Stimmung zurück, in die der Besuch bei meinem Großvater mich versetzt hatte. Geruch nach Fisch und Bratkartoffeln empfing uns, als wir die Tür zum Wohnzimmer öffneten. Großmutter stand in ihrer kleinen Küche und bereitete für uns das Mittagessen. Es war fast halb drei.

Elsie und Ed blieben zum Essen.

»Wie war er heute?« fragte Großmutter, nachdem wir uns alle vom panierten Fisch, den Erbsen und den Kartoffeln genommen hatten.

»Ganz gut, Mama. Er hat geschlafen.«

»Er wirkte sehr friedlich«, sagte Ed.

Großmutter nickte beruhigt. »Er bekommt gute Pflege im Krankenhaus. Er hat es immer warm, und das Essen ist ausgezeichnet. Hat er sich gefreut, Andrea zu sehen?«

»Ich glaube schon«, murmelte Elsie.

»Weißt du, Kind«, sagte Großmutter, sich mir zuwendend, »als dein Großvater vor ein paar Wochen krank wurde und nicht mehr gehen konnte und die Sanitäter ihn wegbrachten, da hätte ich mich am liebsten gleich zum Sterben niedergelegt. Es war, als wäre mir ein Teil von mir weggerissen worden. In den ersten Tagen habe ich schrecklich gelitten. Aber als ich sah, wie gut es ihm im Krankenhaus ging, wie liebevoll die Schwestern waren, wußte ich, daß es das Beste für ihn war. Ich habe Gott um Kraft gebeten, und allmählich konnte ich mich mit dem abfinden, was geschehen war.« Ihre ruhigen grauen Augen hielten mich fest. Dann sagte sie leise: »Er kommt da nie wieder raus, Andrea.«

»Aber Mama!« Elsie sprang auf. »Was redest du da? Er kommt bestimmt wieder nach Hause, du wirst schon sehen.«

»Kein Mensch lebt ewig, Elsie.«

Als Elsie und Ed sich etwas später zum Gehen bereit machten, blieb ich am Tisch vor dem Fenster sitzen, schaute hinaus in den blauen Novemberhimmel und fragte mich, was mich das alles anging.

Ich hörte, wie Großmutter, die die beiden zur Tür gebracht hatte, die Polsterrolle wieder vor die Ritze schob und die schweren Vorhänge zuzog. Dann kehrte sie ins Wohnzimmer zurück.

»Ich weiß, es war schwer für dich, deinen Großvater so zu sehen, Andrea. Aber er hat seinen Frieden, Andrea, daran mußt du denken.«

Ich mied ihren Blick. Ich fürchtete, sie könnte in meinen Augen die Wahrheit sehen, und die Wahrheit war, daß ich für meinen Großvater so wenig empfand wie für die anderen alten Männer, die krank oder sterbend in diesem Saal lagen. Die Realität des Todes, dem keiner von uns entgehen kann, war es, die mir so auf die Stimmung drückte. Diese Unausweichlichkeit, über die ich vorher nie nachgedacht hatte, und die mich nun plötzlich an Doug denken ließ.

»Ich weiß, was du brauchst«, sagte Großmutter aufmunternd. »Ich mach dir ein paar heiße scones, die werden dir schmecken. Ich habe schon lange keine mehr gebacken, aber ich habe alle Zutaten da. Na, wie war’s? Hättest du Lust darauf?«

Während sie auf ihren Stock gestützt in die Küche humpelte, stand ich vom Stuhl auf und versuchte, die schwarze Stimmung abzuschütteln.

»Kann ich — dir was helfen?« rief ich.

»Kommt nicht in Frage. Du brauchst gar nicht erst reinzukommen. Setz dich ans Feuer und mach’s dir gemütlich.«

Ich ging ein Weilchen im Zimmer umher und blieb schließlich vor der Glasvitrine in der Ecke stehen. Auf einem der Borde standen mehrere Bücher. Ich las die Titel, entdeckte eines, das mich interessierte, und öffnete die Tür, um es herauszunehmen. Es war eine in schwarzes Leder gebundene Ausgabe von Rider Haggards She. Auf der Innenseite war ein Ex Libris eingeklebt. »Naomi Dobson«, stand darauf, »zur Belohnung für fleißigen Schulbesuch und guten Fortschritt. 31. Juli 1909.«

Ich schlug das Buch auf und blätterte darin herum. Ich hatte diese Abenteuergeschichte über eine Gruppe von Forschern, die ins finsterste Afrika gezogen waren und dort eine unsterbliche Königin entdeckten, vor langer Zeit in der Highschool gelesen. An einer Stelle, die mir noch im Gedächtnis war, hielt ich inne und las. »Schwach und bedrückt wird der Sterbliche angesichts des Staubs, der ihn an seinem Ende erwartet.«

Wie wahr, dachte ich. Wie sehr hatte mich der Anblick meines sterbenden Großvaters bedrückt, da er mir bewußt gemacht hatte, daß auch mich eines Tages dieses Ende erwartete.

Als ich das Buch zurückstellte, überkam mich plötzlich ein Gefühl, als sträubten sich mir buchstäblich die Haare im Nacken. Es war ein unheimliches Gefühl, das langsam vom Nacken zum Kopf hinaufkroch. Ich stand ganz still. Ich hatte den Eindruck, daß die Luft um mich herum sich verändert hatte. Und daß es im Zimmer dunkler geworden war.

Ich hob den Kopf und sah mich um. Das Wohnzimmer sah aus wie immer. Und doch — es war merkwürdig, irgend etwas war tatsächlich anders. Ich hätte nicht sagen können, was es war, aber mir fiel auf, daß es unheimlich still geworden war.

Langsam drehte ich den Kopf zum Fenster und fuhr zusammen.

Ein Junge stand draußen, nicht älter als vierzehn oder fünfzehn Jahre. Gesicht und Hände an die Scheiben gedrückt, spähte er zu mir herein. Eine Sekunde lang starrte ich ihn erstaunt an, wobei mir der Gedanke durch den Kopf schoß, daß er etwas Vertrautes an sich hatte, dann rief ich laut: »Großmutter!«

Der Junge blieb am Fenster stehen, den Blick mit einem Ausdruck unverhohlener Neugier auf mich gerichtet. Er hatte schwarzes Haar und dunkle Augen. Seine Miene wirkte trotzig durch die kleine steile Falte zwischen seinen Augenbrauen.

»Großmutter!«

Ich zwang mich, von der Vitrine weg zur Küche zu gehen.

»Was ist denn?« rief Großmutter zurück.

»Da draußen ist ein —« Ich drehte den Kopf zum Fenster. Der Junge war verschwunden.

»Was denn, Kind?«

Sich die mehlweißen Hände an der Schürze wischend, kam sie zur Tür. Aus der Küche konnte ich das Zischen des Fetts in der Pfanne hören.

»Eben hat ein Junge durch das Fenster geschaut.«

»Was? Diese frechen Bengel!« Sie packte ihren Stock, machte unsicher kehrt und humpelte in die Küche zurück. Ich folgte ihr am kleinen Tisch vorbei, wo alles voller Mehl war und der Teig halb ausgerollt unter dem Nudelholz lag, zur Hintertür. Die ganze Zeit schimpfte Großmutter halblaut vor sich hin.

Sie öffnete die Tür, und die arktische Kälte schlug uns entgegen. Vorsichtig stieg sie auf das holprige Backsteinpflaster hinunter.

»Diese Früchtchen! Machen sich einen Spaß daraus, alte Leute zu ärgern. Drum haben wir nie eine Türglocke einbauen lassen. Da klingeln sie nur und laufen dann davon. Also, wo ist der Bursche?« Ich sah mich in dem kleinen Hinterhof um und wußte, daß wir vergeblich suchen würden. »Er muß durch das Tor hinausgelaufen sein«, sagte ich kleinlaut.

»Was? Nie im Leben. Das Tor ist schon seit einer Ewigkeit nicht mehr benutzt worden. Schau nur selbst nach, es rührt sich überhaupt nicht.«

Fröstelnd inspizierte ich Schloß und Türangeln. Alles für immer zugerostet. Dann musterte ich die Mauer, die schmalen Erdstreifen mit den dürren Rosenbüschen darunter, um zu sehen, ob er Fußabdrücke hinterlassen hatte. Dann stellte ich mich auf die Zehenspitzen und spähte in Mrs. Clarks kleinen Garten und sah die endlose Kette von Mauern und Gärten und schmutzigen alten Häusern.

»Was ist da hinten, Großmutter?«

»Eine Gasse, die kein Mensch benützt. Und auf der anderen Seite das große Feld. Newfield Heath, das reicht bis zum Kanal runter. Der Bengel ist längst über alle Berge.«

»Ja…«Ich rieb mir die Arme. Die Rosenbüsche waren unberührt. Wenn jemand über die Mauer geklettert wäre, hätte er jedoch unweigerlich in ihnen landen müssen.

Ich fröstelte.

»Komm wieder rein, Kind. Vergiß die Geschichte. Es war nur ein Dummejungenstreich.«

Ich folgte ihr wieder ins Haus und sperrte die Hintertür ab. Immer noch fröstelnd setzte ich mich ins Wohnzimmer. Weder die Wärme der Gasheizung noch der heiße Tee konnten die Erinnerung an das unheimliche Gefühl vertreiben, das mich befallen hatte, ehe ich den Jungen am Fenster gesehen hatte. Und ebenso wenig den Eindruck, ihn schon einmal gesehen zu haben.

__________

Unser Abendessen bestand aus Butterbroten und heißer Milch. Danach setzten wir uns wieder an den Kamin. Ich kuschelte mich tief in den Sessel und ließ mich von der Wärme des Zimmers einlullen. Ich war unglaublich müde und wäre am liebsten sofort zu Bett gegangen, aber ich spürte, wie sehr Großmutter meine Gesellschaft genoß, wieviel Freude es ihr machte, mich zu umsorgen, und zwang mich deshalb, wach zu bleiben.

Sie schwatzte eine Weile über dieses und jenes, über das Ausländerproblem in England, über lang vergangene glückliche Tage, erzählte mir aus der Kindheit meiner Mutter, von William, Elsie und Ruth, die in diesem Haus aufgewachsen waren, von dem Tag, als meine Mutter der Familie ihren zukünftigen Mann vorgestellt hatte. Ich hörte ihr gern zu, auch wenn ich vieles, was sie erzählte, schon von meiner Mutter gehört hatte. Nach einer Weile jedoch fiel mir auf, daß sie es sehr bewußt vermied, von der ferneren Vergangenheit zu sprechen. Als gäbe es da eine Tür, die sie nicht zu öffnen wagte.

Dann sagte sie: »Ich hab hier irgendwo einen Karton mit Fotografien. Die mußt du dir ansehen.«

Ich blieb mit geschlossenen Augen in meinem tiefen Sessel sitzen, gab mich der Stille und dem Frieden des Raums hin und versuchte, eine Mauer aufzurichten gegen die Erinnerungen, vor denen ich hierher geflohen war. Ich hoffte, es würde nicht mehr lang dauern, bis ich ohne Schmerz an Doug denken konnte.

»Na bitte, da sind sie schon.« Großmutter hatte den Karton mit den Fotos gefunden und setzte sich wieder zu mir. »Das sind alles Bilder von deiner Mutter und Elsie und William, als sie noch klein waren.« Sie kramte in der Schachtel. »Hier ist eine von uns allen, als wir am Meer waren. Das muß so um 1935 gewesen sein. Deine Mutter war damals fünfzehn, Elsie sechzehn, und William war noch ein richtiger kleiner Lauser.«

Ich sah mir die unscharfe Aufnahme an und beugte mich dann neugierig über den Karton. Die Fotografien lagen kunterbunt durcheinander, lauter Schwarzweißaufnahmen, die alle etwa aus der gleichen Zeit zu stammen schienen.

Aber am Rand des Durcheinanders, an die Wand des Kartons gedrückt, so daß eine Ecke in die Höhe ragte, entdeckte ich ein Foto, das größer war als die anderen und, nach dem zu urteilen, was von ihm zu sehen war, beträchtlich älter. Während Großmutter weiter schwatzte, griff ich in den Karton und zog das Bild heraus.

Ich hatte recht gehabt. Sie war wirklich älter als die anderen. Viel älter. Eine sepiabraune, leicht verblaßte Fotografie mit einem Knick in der Mitte, die drei Kinder auf einer Treppe vor einem Haus zeigte.

Wie gebannt starrte ich auf das Foto. Einen Moment stockte mir der Atem.

»Großmutter«, sagte ich dann.

Sie blickte auf das Foto in meiner Hand. »Was ist das für eines?«

»Wer sind die Kinder, Großmutter?«

»Warte, da muß ich erst meine Brille aufsetzen.« Sobald sie ihre Bifokalbrille auf der Nase hatte und die Gesichter der drei Kinder erkennen konnte, verzog sie unwillig den Mund. »Oh«, sagte sie wegwerfend. »Das da! Das sind die Townsends, Andrea. Die Familie deines Großvaters. Das sind Harriet, Victor und John. Komm, gib her, das ist nichts —« Und sie griff nach dem Foto, um es mir wegzunehmen.

Aber ich hielt es fest. Ich sah, daß meine Hand zitterte. »Wer —« Ich mußte meine Lippen befeuchten. »Wer ist wer, Großmutter?«

»Wie?«

»Wer ist welches Kind, Großmutter? Zeig es mir.«

»Hm, warte mal.« Sie beugte sich vor und tippte mit dem Finger der Reihe nach auf die drei Gesichter. »Das ist Harriet. Das ist Victor. Und das ist John.«

Der Junge in der Mitte. Der zwischen dem Mädchen mit den Korkenzieherlocken und dem kleineren Jungen im Matrosenanzug. Der, den Großmutter Victor genannt hatte. Dieser Junge hatte am Nachmittag durch das Fenster hereingesehen.

3

»Aber das ist doch unmöglich«, protestierte sie. »Das hast du dir eingebildet.«

»Nein, bestimmt nicht. Das ist der Junge, den ich am Fenster gesehen habe.«

»Es war vielleicht einer, der ihm ähnlich sah —«

»Nein. Er war genauso angezogen. Es ist mir in dem Moment nicht aufgefallen, aber er hatte altmodische Sachen an, die gleichen Sachen, die er hier auf dem Foto trägt. Ich kann mir das gar nicht eingebildet haben, Großmutter. Da hatte ich das Foto doch noch gar nicht gesehen. Er war so lebendig, wie du jetzt vor mir sitzt.«

Großmutter schüttelte beinahe mitleidig den Kopf. »Andrea, das sind deine Nerven. Du bist überreizt. Das ist ja auch kein Wunder, wo du kurz vorher bei deinem Großvater warst —«

»Was hat das denn damit zu tun?« Ich krampfte die Hände ineinander, um sie am Zittern zu hindern. Ein Gefühl schrecklicher Vorahnung ängstigte mich.

»Als Kind hat dein Großvater Victor sehr ähnlich gesehen. Du bist sehr niedergedrückt aus dem Krankenhaus heimgekommen, das habe ich wohl bemerkt, und du hast dir Gedanken gemacht. Du hattest deinen Großvater vor dir, hattest sein Gesicht noch im Gedächtnis, und in deiner Phantasie hast du ihn als jungen Mann gesehen, vielleicht weil du so traurig warst. Du hast die Jahre einfach ausgelöscht und ihn wieder jung gemacht. Und dann hast du geglaubt, du siehst ihn am Fenster.«

Ich bemühte mich, ruhig zu bleiben. Ich wollte nicht mit Großmutter streiten, die dieses Gespräch sichtlich erregte. Aber ich mußte eine Antwort finden.

»Großmutter«, sagte ich langsam, »wie ist Großvater mit diesem Victor Townsend verwandt?«

Ich sah, daß meine Frage sie quälte, aber sie antwortete.

»Victor Townsend«, sagte sie, »war der Vater deines Großvaters.«

Mein Blick kehrte zu dem Foto zurück.

»Victor Townsend war dein Urgroßvater.«

Ich konnte den Blick nicht von dem Bild wenden, und während ich das junge, schon männlich schöne Gesicht unter dem vollen schwarzen Haar betrachtete, den trotzigen Zug wahrnahm, den ihm die feine Furche zwischen den Brauen gab, fühlte ich mich wie unter einem Bann. Die alte Fotografie übte den gleichen hypnotischen Zwang auf mich aus wie in der Nacht zuvor jene unbekannte Kraft, die mich veranlaßt hatte, zum Spiegel über dem Kamin zu blicken.

Die drei Kinder standen auf einer Treppe vor einem Haus, das ich nicht kannte. Das kleine Mädchen, vielleicht fünf oder sechs Jahre alt, wirkte unscheinbar, obwohl man sich offensichtlich größte Mühe gegeben hatte, sie herauszuputzen. Das gerüschte Kleidchen und die Schleifen im Haar konnten die Schlichtheit ihres Gesichts nicht vertuschen, sondern hoben sie eher noch hervor. Der zweite Junge, jünger als Victor, mit sanfteren Zügen, stand verlegen neben seinem Bruder.

Victor Townsend, der Älteste, dominierte.

»Das ist vor ihrem Haus in London aufgenommen«, bemerkte Großmutter in einem Ton, der deutlich sagte, daß sie lieber nicht davon sprechen würde. »Das muß also etwa 1880 gewesen sein, kurz bevor sie das Haus hier kauften. Victors Vater, dein Ururgroßvater, war bei einer Londoner Firma beschäftigt und wurde nach Warrington geschickt, um eine neue Niederlassung zu eröffnen. Als die Familie hierher kam, war das Haus gerade fertig geworden. Sie waren die ersten, die einzogen.«

»Ich habe nie von ihm gehört. Von Victor, meine ich«, sagte ich. »Meine Mutter hat nie etwas von ihm erzählt, obwohl er doch ihr Großvater war.«

»Und sie wird dir auch nichts von ihm erzählen.« Großmutters Stimme hatte einen ominösen Ton.

»Warum nicht? Hat sie ihn nicht gekannt? Wenn er ihr Großvater war, dann muß sie doch —«

»Victor Townsend ist vor langer, langer Zeit spurlos verschwunden.« Großmutter blickte in die blauen Flammen des Gasfeuers. »Ich habe ihn auch nie gekannt, obwohl er der Vater meines Mannes war. Er verschwand eines Tages noch vor der Geburt deines Großvaters und wurde nie wieder gesehen.«

Ich blickte immer noch fasziniert auf das Gesicht auf der Fotografie. Die noch unausgebildeten Züge des Jungen zeigten schon erste Anzeichen der Willenskraft und der Charakterstärke, die später den Mann auszeichnen würden.

»Und niemand weiß, was aus ihm geworden ist?« fragte ich.

»Ach, da gibt es alle möglichen Geschichten. Die einen behaupten, er wäre zur See gefahren. Andere sagen, er hätte sich in Norfolk mit einer anderen Frau zusammengetan. Und wieder andere…« Als sie nicht weitersprach, hob ich den Kopf. »Ja? Was sagen die?«

Doch sie schüttelte ärgerlich den Kopf. »Ich hab schon zuviel geschwatzt. Lassen wir das. Ich kann dir nur eines sagen: Victor Townsend war ein schlechter und böser Mensch. Er war der Teufel in Person, und als er verschwand, weinte ihm keiner eine Träne nach.«

Ich sah noch eine Weile schweigend auf das Bild, bis plötzlich ein kalter Luftzug durch das Zimmer fuhr und mich in die Gegenwart zurückholte. Widerstrebend legte ich das Foto wieder in den Karton. »Hast du noch andere Bilder von ihnen, Großmutter? Von den Townsends.«

»Ja, es gibt ein ganzes Album.«

»Kann ich es mir ansehen?«

Sie vergrub das Foto in den Tiefen des Kartons und klappte den Deckel so heftig darüber, als hätte sie Angst, es könnte herausspringen. »Ich hab keine Ahnung, wo das Album rumliegt. Das letztemal hab ich es vor Jahren gesehen. Aber es ist sicher noch irgendwo im Haus.«

»Ist es das Familienalbum der Townsends?«

Sie nickte.

Ich überlegte einen Moment. »Großmutter, das Porträt, das du mir gestern abend gezeigt hast, das von der jungen Frau — du hast gesagt, sie war meine Urgroßmutter.«

»Richtig. Jennifer Townsend, das arme Ding.«

»Wieso arm?«

»Weil Victor Townsend ihr Schreckliches angetan hat. So, und jetzt ist es genug.«

__________

Ich lief in meinem Zimmer hin und her. Ich redete mir ein, ich täte es, um mich warmzuhalten, aber in Wirklichkeit war es reine Nervosität.

Ich hielt mir vor, daß ich übermüdet sei, daß dieser Besuch nicht nur körperlich, sondern auch seelisch anstrengend sei und eine Menge Kraft koste, und es fiel mir nicht schwer, die seltsamen Begebenheiten — den Jungen am Fenster, die Erstickungsangst der vergangenen Nacht — als Ausgeburten der Erschöpfung abzutun.

Aber diese Dinge waren es nicht, die mich jetzt beschäftigten. Es war etwas anderes, eine Ahnung, die sich mit Vernunft und Logik nicht vertreiben ließ. Immer stärker wurde das Gefühl, daß es mit diesem Haus etwas besonderes auf sich hatte. Am vergangenen Abend, nach meiner Ankunft, und den ganzen folgenden Tag lang hatte ich mir vorzumachen versucht, es sei nur meine Einbildung; aber diesmal wußte ich es. In diesem Haus stimmte etwas nicht. Und das war der Grund, weshalb ich jetzt rastlos wie ein Tier im Käfig hin und her lief.

Kurz zuvor hatte ich zu meiner Bestürzung und Enttäuschung erfahren, daß meine Großmutter kein Telefon hatte. Ich hatte plötzlich das Bedürfnis gehabt, meine Mutter anzurufen, ich brauchte sie; ich brauchte den Kontakt mit ihr und meiner wahren Realität, die Tausende von Kilometern entfernt war. Außerdem war dies hier ihre Familie, und dies war ihr Haus.

Was hatte denn ich mit alldem zu tun?

Ohne Telefon fühlte ich mich isoliert, von der Welt abgeschnitten. Ein merkwürdiges Einsamkeitsgefühl, das ich nicht kannte, bemächtigte sich meiner. Ich fühlte mich verwaist, verlassen, allein gelassen mit einer fremden alten Frau in diesem beklemmenden Haus.

Hinzu kam, daß ich ständig an Doug denken mußte. Ich hatte die Reise hierher als Möglichkeit gesehen, Abstand von Doug zu bekommen und ihn zu vergessen. Tatsächlich jedoch beschäftigte ich mich mehr denn je mit ihm. Und das Verrückte war, daß meine Erinnerungen nicht um den letzten bitteren Abend kreisten, sondern um die glücklichen Stunden, die wir miteinander verlebt hatten. Sosehr ich mich bemühte, ich konnte meiner Gedanken nicht Herr werden.

Ich konnte nicht verstehen, woher das kam. Siebenundzwanzig Jahre lang hatte ich mich stets perfekt unter Kontrolle gehabt. Wieso schaffte ich das jetzt plötzlich nicht mehr? Es war, als hätten sich meine Gedanken selbständig gemacht und trieben ihr Spiel mit mir.

Es war fast Mitternacht, als es klopfte. Erschrocken fuhr ich herum.

»Andrea, Kind, kannst du nicht schlafen?« fragte meine Großmutter hinter der Tür.

»Doch, doch — es ist alles in Ordnung, Großmutter.« Ich trat zögernd zur Tür und blieb stehen. Sie hatte wahrscheinlich meine Schritte und das Knarren der Bodendielen gehört. »Es ist alles in Ordnung, Großmutter«, wiederholte ich. »Ich hab nur noch ein bißchen Gymnastik gemacht. Geh ruhig wieder zu Bett.«

»Möchtest du einen Becher warme Milch?« fragte sie. Gewissensbisse plagten mich. Ich sah sie in ihrem Flanellnachthemd zitternd draußen im eisigen Flur stehen.

»Nein, danke, Großmutter. Ich kriech jetzt gleich ins Bett.«

»Ist es dir auch warm genug, Kind? Möchtest du vielleicht noch eine Wärmflasche?«

»Nein, nein, nicht nötig.«

»Na gut. Vergiß nicht, die Wurst vor die Tür zu schieben, damit du keinen Zug bekommst. Gute Nacht, Kind, schlaf gut.« Ich hörte sie mühsam durch den Flur zu ihrem Zimmer humpeln und die Tür schließen. Dann war es wieder still im Haus.

Widerstrebend schob ich die Polsterrolle vor die Türritze, knipste das Licht aus und kroch ins Bett.

Innerhalb von Sekunden war ich eingeschlafen. Es begann wie in der vergangenen Nacht. Es riß mir förmlich die Augen auf, und ich war mit einem Schlag hellwach, ohne zu wissen wieso. Dann der Moment totalen Gedächtnisverlusts. Danach der erstickende Druck auf meinen Körper.

»Nein«, stöhnte ich und kämpfte gegen die aufsteigende Panik. Ich blieb ganz still liegen und versuchte, das Gefühl zu analysieren, festzustellen, ob ich wirklich wach war oder nur träumte, ob es vielleicht lediglich die schweren Decken waren, die den Alptraum heraufbeschworen.

Doch je länger ich so lag, desto wacher und aufmerksamer wurde ich, und mit der wachsenden Wachheit wuchs auch die Angst. Das war kein bloßer Traum. Es befand sich wirklich eine unsichtbare Kraft im Raum, die meinen Körper in die Matratze drückte und mir die Brust einengte, so daß jeder Atemzug zur Qual wurde. Aber ich wollte der Angst nicht nachgeben. Ich versuchte, sie zu beherrschen und mich zur Ruhe zu zwingen. Ich atmete so langsam ich konnte und füllte bei jedem schmerzhaften Atemzug meine Lunge mit der eiskalten Luft und merkte nach einer Weile, daß ich den furchtbaren Druck aushaken konnte, wenn ich ganz still lag.

Plötzlich nahm ich eine Veränderung wahr. Obwohl nicht der geringste Lichtschimmer die schwarze Finsternis durchdrang, die mich einhüllte, wußte ich, daß ich nicht mehr allein im Zimmer war. Ich wollte schreien, aber ich konnte nicht. Wo im Raum das geisterhafte Wesen sich befand, konnte ich nicht feststellen; es schien sich von allen Seiten zu nähern. Es durchdrang die Luft und sickerte durch die Wände und stieg durch die Bodendielen auf. Es umgab mich, schwebte über mir, erfüllte den ganzen Raum mit Grabeskälte.

Rechts von mir hörte ich ein Geräusch.

Ich hatte Angst hinzusehen und ich hatte Angst, nicht hinzusehen. Unendlich langsam drehte ich den Kopf zur Seite und sah zu meinem Entsetzen die Schlafzimmertür weit offenstehen. Wieder versuchte ich zu schreien, aber es wurde nur ein jämmerliches, atemloses Wimmern.

Die Tür stand weit offen. Und aus einer unsichtbaren Quelle, vielleicht aus dem Flur, strömte geisterhaftes Licht ins Zimmer. Plötzlich sah ich Victor Townsend an meinem Bett stehen.

Da konnte ich endlich schreien.

__________

»Andrea! Andrea!« Meine Großmutter trommelte mit schwachen Fäusten an die Tür.

Blind griff ich zur Wand und fand wie durch ein Wunder sogleich den Lichtschalter. Ich setzte mich kerzengerade auf.

»Andrea, was ist?« rief meine Großmutter besorgt. Die Tür war geschlossen, und die Polsterrolle lag fest vor der Ritze.

Ich schlotterte an allen Gliedern.

»Andrea?« Großmutter stieß die Tür auf und streckte den Kopf herein. »Was ist denn los?« Sie starrte mich erschrocken an. »Ach, du lieber Gott!« rief sie. »Was ist dir denn passiert?«

Mit gekrümmtem Rücken humpelte sie auf ihren Stock gestützt durch das Zimmer. Ihr dünnes Haar stand wirr von ihrem Kopf ab.

»Du bist ja weiß wie die Wand! Was ist denn passiert?«

Die Arme fest um den Oberkörper geschlungen, saß ich da. Meine Zähne schlugen aufeinander. Sagen konnte ich nichts.

»Du bist ja klatschnaß!« Sie drückte mir die Hand auf die Stirn. »Du hast Fieber. Das muß ja ein schrecklicher Alptraum gewesen sein.«

»G-g —«, stammelte ich, aber ich konnte nicht sprechen.

»Und wie du zitterst. Komm, Kind, du gehörst ans Feuer. Hier oben bleibst du mir nicht. Ich mach dir unten das Sofa zurecht —«

»Großmutter!« stieß ich hervor.

»Was denn, Kind?«

»Ich hab ihn gesehen.« Meine Stimme klang wie ein erstickter Schrei.

»Wen? Wovon redest du?«

»Er war es wirklich. Ich hab es nicht geträumt. Meine Zimmertür stand weit offen, und er stand genau da, wo du jetzt stehst.«

Großmutter runzelte die Stirn. Sie zog die Steppdecke vom Bett und wickelte sie fest um meinen Körper. »Komm jetzt. Du hast einen bösen Traum gehabt, weiter nichts. Du brauchst jetzt erst mal einen Schluck warmen Kirschlikör, und dann legst du dich unten hin, wo es warm ist.«

Ich war zu verwirrt, um Widerstand zu leisten. Brav folgte ich ihr in den Flur hinaus und zum Wohnzimmer hinunter. Dort drückte sie mich in den Sessel, packte mich fest in die Decke und murmelte dabei: »Ich würde es mir nie verzeihen, wenn du hier krank wirst. Ich bin schuld. Ich hätte dich nicht in dem eiskalten Zimmer schlafen lassen sollen. Von jetzt an schläfst du hier unten. Da ist es so warm, wie du es gewöhnt bist.«

Sie ging in die Küche, und ich lehnte den Kopf zurück und starrte zur Decke hinauf. Ich war am ganzen Körper schweißnaß, aber mein Mund war wie ausgetrocknet, und ich zitterte heftiger denn je.

Was war das gewesen? Was hatte ich dort oben wahrgenommen, das selbst jetzt noch an mir hing? Es war nicht nur die Erscheinung Victor Townsends gewesen. Nein, es war noch etwas anderes gewesen — ein ganz besonderes Grauen, das den ganzen Raum erfüllt und mich wie eine todbringende Wolke umhüllt hat. Der Geist Victor Townsends war erschreckend gewesen, ja, aber dieses andere…

Etwas Böses… Übelwollendes…

Die Uhr auf dem Kaminsims tickte leise. Die Wärme des Gasfeuers stieg auf und umfing mich. Mein Körper entspannte sich. Meine Gedanken begannen zu treiben.

Woher hatte ich gewußt, daß es Victor Townsend war? Der da an meinem Bett gestanden hatte, war kein fünfzehnjähriger Junge gewesen, sondern ein erwachsener Mann. Dennoch hatte ich ihn instinktiv als Victor erkannt. Konnte es wirklich sein, daß einfach meine Nerven überreizt waren, wie Großmutter am Nachmittag gemeint hatte? Produzierte meine Phantasie einfach unterschiedliche Bilder meines eigenen Großvaters, wie er vielleicht in seiner Jugend gewesen war?

Aber wir war dann zu erklären, daß der Junge am Fenster genauso ausgesehen hatte wie der auf der alten Fotografie, daß selbst die Kleider die gleichen gewesen waren?

Und wieso hatte ich eben in meinem Zimmer sofort gewußt, daß der Mann an meinem Bett Victor war?

Irgendwo in den unbewußten Bereichen meines Geistes lag die Antwort; ich spürte, wie sie sich neckend regte, um entdeckt zu werden, aber ich war zu erschöpft, um ihr nachzuforschen. Ich war zu schwach zum Nachdenken. Es schien etwas mit dem Geist dieses Hauses zu tun zu haben. Mit der beunruhigenden Wirkung, die es auf mich hatte. Und mir schien, daß Victors Erscheinen ein Zeichen gewesen war, eine Botschaft, vielleicht eine Warnung. Aber wovor?

Großmutter stand plötzlich an meiner Seite. Ich fuhr in die Höhe.

»Diese Kälte hier tut dir nicht gut«, sagte sie und reichte mir ein Glas. »Ich weiß noch, im Krieg die Amerikaner, die haben sie auch nicht vertragen. Nicht einmal dein Vater, obwohl der aus Kanada kam, konnte sich daran gewöhnen. Es ist eine andere Art von Kälte, verstehst du, sie geht einem durch und durch. Das halten nur wir Engländer aus. Hier, Kind, trink. Heißer Kirschlikör.«

Ich nahm das Glas und trank unter ihrem mütterlich besorgten Blick. Nachdem sie sich vergewissert hatte, daß ich gehorsam meine Medizin nahm, machte sie sich daran, das Sofa für mich zu richten. Sie nahm die Kissen weg, holte Decken aus der Kommode und legte mir ein Sofakissen als Kopfkissen hin. Während ich ihr zusah, trank ich den warmen Likör und kehrte in Gedanken zu den Geschehnissen der Nacht zurück.

Die Angst war verflogen, aber eine starke Neugier war geblieben. Ich musterte aufmerksam die Wände und die Möbelstücke in diesem überladenen Zimmer und dachte, vielleicht war es schon so, als er hier lebte.

Dann dachte ich wieder an das schwermütige junge Gesicht Jennifers, das mich am Abend zuvor so bewegt hatte. Das Gesicht meiner Urgroßmutter. Was hatte sie erlebt? Hatte sie auch Victor keine Träne nachgeweint, als er verschwunden war? War sie vielleicht sogar froh gewesen, seiner ledig zu sein?

Ich beobachtete meine Großmutter, die mit gichtigen Händen die Decken auf dem Sofa zurechtzog, und sagte mir, daß sie weit mehr über die Townsends wissen mußte, als sie mir bisher erzählt hatte. Sie schien es zu scheuen, über die Familie ihres Mannes zu sprechen. Aber warum? Sie hatte ihren Schwiegervater nie gekannt, hatte nur von anderen von seinen Sünden gehört (und was waren das überhaupt für Sünden, fragte ich mich, jetzt beinahe erheitert. Hatte er gespielt? Getrunken? Im Beisein von Damen geflucht? Die spießigen viktorianischen Moralvorstellungen verletzt? So schlimm konnte er doch gar nicht gewesen sein!). Großmutter hatte ihn nicht persönlich gekannt, aber sie mußte eine Menge von meinem Großvater gehört haben. Und ich wollte alles erfahren, was sie wußte.

»So! Ist das nicht gemütlich, Kind? Wir lassen das Gasfeuer an, dann frierst du bestimmt nicht. Nun kriech unter die Decken, damit du schnell wieder warm wirst.«

Jetzt war nicht der geeignete Moment, Großmutter auszufragen. Wir waren beide todmüde. Morgen vielleicht, bei Tageslicht, würde ich nach der Familie Townsend fragen und nicht lockerlassen, bis ich die ganze Geschichte dieses Hauses kannte.

»Soll ich dir das Licht anlassen?« fragte sie, schon an der Tür. Sie sah in diesem Moment uralt aus und strahlte dennoch eine Schönheit aus, die mich ergriff.

»Ja, bitte«, antwortete ich. »Ich mach es dann später aus.«

Sie zog die Tür hinter sich zu, und gleich darauf hörte ich sie die Treppe hinaufhumpeln. Nach einer langen Weile waren das Schlurfen ihrer Füße und das Klopfen ihres Stocks in der ersten Etage zu hören, ihre Tür wurde geöffnet und geschlossen, dann war es still.

Ich streckte mich auf dem Sofa aus. Die Uhr tickte, das Gasfeuer machte kein Geräusch. Draußen, hinter den dicht verhüllten Fenstern, ging kein Wind. Rund um mich herum war drückende Stille.

Mein Blick wanderte wieder zur Decke hinauf und hielt an jener Stelle inne, an der die zwei Wände sich trafen. Lange starrte ich zu dem Punkt hinauf. Ich sah wieder die weit offene Zimmertür vor mir, durch die das gespenstische Licht strömte. Ja, sie war offen gewesen.

Aber als ich das Licht eingeschaltet hatte, war sie geschlossen gewesen, die Polsterrolle fest vor der Ritze. Das konnte nur eines bedeuten. Sie war von innen geschlossen worden.

Immer noch starrte ich zu der Stelle hinauf, an der Wand und Zimmerdecke zusammentrafen. Hier, im Erdgeschoß, trennte mich diese Wand vom unbenutzten früheren Salon. Oben, in der ersten Etage, trennte sie die beiden Schlafzimmer voneinander. Ich starrte zur Decke hinauf, als könnte ich auf die andere Seite sehen, und ich dachte, wer oder was auch immer meine Zimmertür geschlossen hat, befindet sich noch dort oben.

__________

Als ich am nächsten Morgen erwachte, flutete Sonnenlicht durch das Fenster und tauchte das ganze Zimmer in Helligkeit. Von meinem Platz auf dem Sofa aus konnte ich strahlend blauen Himmel zwischen grauen Wolken sehen und ein paar Spatzen, die auf der Backsteinmauer saßen und den schönen Tag genossen. Dann bemerkte ich, daß die Küchtentür offen war, und hörte Großmutter, die vor sich hin summte, während sie mit dem Geschirr hantierte.

Ich setzte mich auf und sah auf die Uhr. Es war fast Mittag. Großmutters Likör hatte Wunder gewirkt. Ich hatte herrlich geschlafen, fühlte mich so frisch und ausgeruht wie seit Tagen nicht. Das Sofa war sehr bequem gewesen, ich hatte nicht gefroren, und vor allem hatte ich keinen ‘Besuch’ bekommen.

Jetzt konnte ich über die nächtlichen Begebenheiten lächeln. Wie anders sehen doch die Dinge bei Tag aus! Bei Nacht sind alle Schatten bedrohlich, alle Geräusche unheimlich. Aber bei Tageslicht erkennen wir, daß diese Ängste nur Ausgeburten unserer Phantasie sind. Das Sonnenlicht vertreibt Schatten und Ängste und flößt gleichzeitig Mut ein. Ich konnte den nächtlichen Schrecken jetzt gelassen ins Auge sehen.

Träume jedoch hatte ich gehabt.

Nachdem ich meiner Großmutter guten Morgen gewünscht und ihr versichert hatte, daß ich gesund und munter sei, ging ich nach oben ins Schlafzimmer, wo ich, ganz ohne Angst und ein wenig beschämt ob meiner nächtlichen Hysterie, meine Toilettensachen und die Kleider auspackte, die ich an diesem Tag anziehen wollte.

Ja, ich hatte Träume gehabt. Nichts Greifbares, zusammenhanglose Szenen, Wortfetzen, verschwommene Gesichter, die vor mir auftauchten und sich wieder auflösten. Menschen, die mich umgaben, zu mir herunterblickten und flüsterten. Und im Hintergrund die Melodie von ‘Für Elise’, die jemand auf einem blechern klingenden Klavier spielte.

Aber Träume eben, nichts als Träume.

Als ich nach einem Abstecher ins eiskalte Badezimmer wieder hinunterging, fühlte ich mich wie neugeboren und bereit, dem neuen Tag ins Auge zu sehen. Großmutter hatte mir eine große Kanne Tee und warme Butterbrötchen auf den Tisch gestellt. Ich setzte mich und begann mit Heißhunger zu essen.

»Als ich heute morgen ins Zimmer kam«, bemerkte Großmutter lächelnd, »hast du so tief geschlafen, daß du, glaub ich, nicht mal aufgewacht wärst, wenn eine Bombe ins Haus eingeschlagen hätte.«

»Ja, weil du mich so gut versorgt hast, Großmutter.«

»Keine Alpträume mehr?«

Ich dachte an die vagen Träume und konnte mich ihrer nicht mehr erinnern. »Nein, keine Alpträume mehr.«

»Hör zu, Kind, heute koche ich nicht, denn du besuchst ja heute abend Onkel William und Tante May. Da gibt es sicher etwas Gutes zu essen. William ist schon so gespannt, dich wiederzusehen, daß er es kaum erwarten kann.«

Ich nickte und goß mir von dem süßen Tee ein. Merkwürdig klang das: Er würde mich wiedersehen, für mich jedoch würde es wie ein erstes Zusammentreffen sein.

»May gefällt dir bestimmt. Sie kommt aus Wales, eine feine Person. Du erinnerst dich wahrscheinlich nicht an sie. Du warst ja erst zwei, als ihr nach Amerika gegangen seid. Sie und deine Mutter haben sich sehr gut verstanden. Die beiden steckten fast immer zusammen. Sie kann dir sicher viel erzählen.«

Das erinnerte mich an etwas. Während ich Zitronenmarmelade auf mein Brötchen strich, betrachtete ich nachdenklich das Gesicht meiner Großmutter. Sie sah jünger aus heute morgen, ausgeruht. Und guter Stimmung. Vielleicht war das der richtige Moment.

»Ja, das kann ich mir vorstellen«, sagte ich, ohne sie anzusehen. »Aber kannst du mir jetzt nicht noch ein bißchen was von den Townsends erzählen?«

»Da gibt’s nicht viel zu erzählen. Sie kommen ursprünglich aus London. Eine gute Familie. Soviel ich weiß, lebt ein anderer Zweig der Familie oben in Schottland.«

»Das meinte ich eigentlich nicht. Ich wollte gern mehr über meinen Urgroßvater wissen, Victor Townsend.«

Sie stellte ihre Tasse nieder und sah mich so nachdenklich an, als wäre sie dabei, eine wichtige Entscheidung zu fällen. Schließlich sagte sie bedächtig: »Andrea, es gibt gewisse Dinge, die man am besten vergißt. Du hättest gar nichts davon, wenn ich dir erzählen würde, was in diesem Haus vorgefallen ist. Das waren Dinge, über die kein anständiger Christenmensch sprechen möchte. Ich weiß von ihnen und dein Großvater auch, aber unseren Kindern haben wir nie etwas davon gesagt. William, Elsie und deine Mutter wissen nichts von der Zeit damals. Und für dich ist es das Beste, wenn du auch nichts erfährst.«

»Heißt das, daß es bei den Townsends schwarze Schafe gab?«

Großmutters Blick war sehr ernst. »Wenn es nur das wäre! Ich weiß genau, was du denkst, Andrea — daß ich eine spießige alte Frau bin und mich die heutige Sittenlosigkeit schockiert. Gut, du hast recht, ich bin schockiert von der heutigen Lebensart. Aber ich weiß auch, daß sich die Zeiten nun mal ändern und daß es gewisse Dinge gibt, die man einfach akzeptieren muß. Zum Beispiel, daß junge Leute miteinander leben, ohne verheiratet zu sein. Aber es gibt auch Dinge, die zu jeder Zeit schlimm sind, gleich, in welchem Jahrhundert man ist, ja, schreckliche, unaussprechliche Dinge, Andrea. Und solche Dinge sind damals in diesem Haus vorgefallen.«

Der Ton meiner Großmutter erschreckte mich, dennoch sagte ich: »Aber ich möchte es trotzdem wissen, Großmutter.«

»Warum?«

»Weil…« Ich suchte nach einer Erklärung. Warum konnte ich die Sache nicht einfach fallenlassen und vergessen, wie sie das offensichtlich wünschte? Warum dieser Drang zu wissen? »Weil die Townsends auch meine Familie sind, genau wie du und Großvater und Elsie und William. Ich möchte euch kennenlernen, und ich möchte auch meine Vorfahren kennenlernen. Ich bin von so weit hergekommen, ich möchte etwas mit nach Hause nehmen.«

»Und was ist mit den Dobsons? Das ist meine Seite der Familie. Von denen kann ich dir erzählen.«

»Ja, von denen auch, Großmutter. Aber ich möchte alles wissen. Auch über die Townsends.«

»Ich kann nicht —«

»Ich habe keine Wurzeln, Großmutter«, unterbrach ich sie. »Meine Vergangenheit besteht aus fünfundzwanzig Jahren in Kalifornien und damit basta. Da hört sie einfach auf. Wie ein gerissener Film. Aber das kann doch nicht alles sein.«

Sie sah mich bekümmert an.

»Wenn ich eine Vergangenheit habe, dann möchte ich sie kennen — ganz! Ich möchte das Gute genauso wissen wie das Schlechte. Ich habe ein Recht darauf, finde ich.«

Über den kleinen Tisch hinweg starrten wir einander an, und meine Worte dröhnten mir in den Ohren. Was um alles in der Welt redete ich da? Nie zuvor hatte mich die Vergangenheit gekümmert. Nie zuvor hatte es mich interessiert, woher ich gekommen war, was für ein Erbe ich in mir trug. Bis zu diesem Moment waren mir sogar die lebenden Verwandten gleichgültig gewesen. Woher kam dieser plötzliche Drang zu wissen? Wozu sollte er gut sein?

Es ist dieses Haus, dachte ich.

»Natürlich hast du ein Recht, alles zu wissen, Kind, aber…«

Ich beobachtete aufmerksam ihr Gesicht. Es spiegelte deutlich, was in ihr vorging: den Widerwillen, von der Vergangenheit zu sprechen, den Abscheu über das, was sie wußte, den inneren Zwiespalt, ob sie sprechen oder schweigen sollte.

Schließlich sagte sie seufzend: »Also gut, Kind. Ich sag dir, was du wissen möchtest.«

Wir standen vom Tisch auf und setzten uns an den Kamin. Ich drängte sie nicht. Sie brauchte Zeit und Mut. Ich wartete schweigend.

»Alles, was ich weiß«, sagte sie schließlich, »weiß ich von Robert, deinem Großvater. Als ich ihn vor zweiundsechzig Jahren heiratete, lebte er allein in diesem Haus. Er war der einzige Überlebende der Familie, die seit dem Jahr 1880 in diesem Haus gelebt hatte. Ich habe seine Familie nie kennengelernt. Nicht einmal dein Großvater kannte sie, denn alle verschwanden oder starben sie, noch ehe er aus den Kinderschuhen heraus war. Robert wurde in diesem Haus von seiner Großmutter großgezogen, und sie starb kurz ehe er zum Pioniercorps ging. Auch sie habe ich nie kennengelernt. Aber sie war es, die ihm die Geschichten über die Townsends erzählt hat. Und er erzählte sie mir.«

Großmutter holte tief Atem, als müsse sie sich wappnen. »Er erzählte mir, daß sein Vater, Victor Townsend, ein nichtswürdiger Mensch war. Manche sagen, er hätte sich der Schwarzen Kunst verschrieben. Andere behaupten, er hätte mit dem Satan selbst in Verbindung gestanden. Wundern würde es mich nicht. Er hat schreckliche Dinge getan. Aber ich werde dir nicht sagen, was es war, Andrea. Nichts in der Welt wird mich dazu bringen, über die unsäglichen Scheußlichkeiten zu sprechen, die dieser Mensch — dieser Teufel begangen hat. Nur eines kann ich dir sagen: Solange Victor Townsend lebte, machte er den Menschen in diesem Haus das Leben zur Hölle.«

4

»Ja, das waren schlimme Zeiten. Also, hör zu — sie waren drei Kinder, Victor, der Älteste, dann John und die Jüngste war Harriet. 1880 übersiedelte der alte Townsend mit seiner Familie von London nach Warrington, und sie zogen in dieses Haus. Er war ein guter Mann, Roberts Großvater. Ein guter Christ und ein strenger Vater. Er war hier in Warrington sehr angesehen. Wie er zu einem Sohn wie Victor kam…«

Großmutter schüttelte den Kopf. Ich wollte sie nicht drängen, bemühte mich um Geduld, aber die Neugier ließ sich nicht zurückdrängen.

»Was hat Victor getan, Nana?«

Sie hob den Kopf. »Getan?«

»Ja. Ich meine, beruflich.«

»Ach so…« Großmutter legte die Hand an die Stirn. »Laß mich überlegen. Ich weiß gar nicht recht. Nein, ich weiß es nicht. Vielleicht weiß es dein Großvater, aber ich glaube, er hat es mir nie erzählt. John, der jüngere Bruder, arbeitete im Stahlwerk. Ich glaube in der Verwaltung.«

»War er auch verheiratet?«

Großmutter warf mir einen erstaunten Blick zu. »Wie meinst du das — auch? Natürlich war John verheiratet. Er war mit Jennifer verheiratet. Ich hab dir doch ihr Bild gezeigt.«

»Aber ich dachte, sie wäre Victors Frau gewesen.«

»Nein, nein. Jennifer war mit John verheiratet. Victor war nie verheiratet.«

»Aber du hast gesagt, sie wäre meine Urgroßmutter.«

»Andrea.« Die Stimme meiner Großmutter klang bedrückt. »Jennifer heiratete John Townsend und zog in dieses Haus. Aber eines Nachts —« Sie senkte den Blick. »Eines Nachts kam Victor nach Hause, und er — er überfiel Jennifer und zwang sie.«

Das Ticken der Uhr klang mir plötzlich überlaut. Ich weiß nicht, wie viele Sekunden oder Minuten vergingen, ehe ich den Blick wieder auf Großmutter richtete, aber als ich es tat, spürte ich sogar ein wenig Teilnahme. Großmutter sah so unglücklich aus.

»Verstehst du jetzt, Andrea?« fragte sie leise. »Dein Großvater wurde bei einer Vergewaltigung gezeugt.«

»Großmutter —«

»John — Jennifers Mann und Victors Bruder — ertrug es nicht, als er erfuhr, daß Jennifer schwanger war, und verließ sie. Beide Brüder verschwanden. Jennifer blieb allein zurück. Sie mußte ganz allein ihr Kind zur Welt bringen. Weder von John noch von Victor hörte sie je wieder. Ihre Schwiegermutter, die Mutter von Victor und John, zog das Kind groß, und nach dem, was dein Großvater mir erzählt hat, muß sie nicht ganz richtig gewesen sein, wenn du verstehst, was ich meine.«

»Und was war mit der Schwester, Harriet? Was wurde aus Jennifer selbst?«

»Was aus Harriet wurde, weiß ich nicht. Ich erinnere mich nur, daß an den Umständen ihres Todes etwas sehr Sonderbares oder Geheimnisvolles war. Und Jennifer starb, ehe dein Großvater aus den Windeln war. An gebrochenem Herzen, heißt es.«

»Ich verstehe…«

»Ja, aber noch lange nicht alles. Das Schlimmste ahnst du noch nicht einmal.«

Die Leidenschaft im Ton meiner Großmutter überraschte mich. Ihr Blick war voller Feuer, und sie gestikulierte heftig, als sie weitersprach. »Du hast keine Ahnung, wie dein Großvater sein Leben lang gelitten hat, nachdem er erfahren hatte, was für ein Mensch sein Vater gewesen war. Es machte ihn zu einem ewig gequälten Menschen. Immer hing dieser schreckliche Schatten über ihm, das Wissen, daß sein Vater ein grausamer und sadistischer Mensch gewesen war. Er hatte nicht eine einzige glückliche Erinnerung, war nie von jemandem geliebt worden, bis er mit mir zusammentraf. Ach, Andrea, wie oft hab ich ihn im Schlaf aufschreien hören, wenn er Alpträume hatte; wie oft hab ich ihn in diesem Sessel sitzen und weinen sehen über das furchtbare Erbe, das er mitbekommen hatte.«

Die Augen meiner Großmutter wurden feucht. Ihre Lippen zitterten. »Du wirst denken, ach was, das alles ist ewig her. Aber soll ich dir sagen, was dein Großvater glaubt? Er glaubt, daß Victor Townsend verrückt war. Und sein Leben lang hat er mit der Furcht gelebt, daß die Krankheit bei einem seiner Kinder wieder auftreten würde. Als ich Elsie erwartete, war dein Großvater wie ein Besessener. Er hatte Todesangst, das Kind könnte Victors Krankheit mitbekommen haben. Dann kam deine Mutter und danach William. Und alle drei entwickelten sich zu normalen gesunden Menschen. Aber dann begann dein Großvater zu fürchten, Victors schreckliches Erbe könnte sich bei einem seiner Enkelkinder zeigen. Er lebte in der ständigen Angst, Victor könnte in einem von euch wieder lebendig werden. Das ist das wahre Unglück, Andrea — was die Vergangenheit aus deinem Großvater gemacht hat! Und ich war bis jetzt der einzige Mensch, der davon wußte. Nun weißt du es auch. Dabei wollte ich, du hättest unbelastet bleiben können.«

Sie fing an zu weinen.

»Es war grauenvoll für deinen Großvater«, fuhr sie fort, »zu wissen, daß er nicht aus Liebe, sondern aus einem Gewaltakt entstanden war. Er sagte oft zu mir, seine Mutter müsse ihn gehaßt haben, da sein Anblick sie ja stets an Victors Grausamkeit hätte erinnern müssen. Er meinte, darum sei sie vielleicht gestorben, als er noch ein Säugling war; weil sie es nicht ertragen konnte, ihn zu sehen.«

»Großmutter —«

»Ja, Victor Townsend war ein böser und gemeiner Mensch. Er quälte die Menschen in diesem Haus. Und das ist der Grund, warum ich am liebsten kein Wort über ihn verlieren würde. Ich schäme mich genauso wie dein Großvater, mit ihm verwandt zu sein. Genauso, wie du dich schämen solltest.«

Ich sprang aus meinem Sessel und ging zum Fenster. Es war düster geworden, am Himmel war kein Fleckchen Blau mehr zu sehen, und die Spatzen waren fortgeflogen. Aus dunklen Wolken strömte Regen herab und schlug prasselnd gegen die Fensterscheiben.

Diese Fremden, die meine Verwandten waren, hatten Herzlichkeit und Zuneigung von mir erwartet, die ich nicht geben konnte. Jetzt erwarteten sie Verachtung und Abscheu gegen einen meiner Vorfahren von mir, nur weil er in ihrer aller Augen nichts anderes verdiente. Aber auch diese Gefühle konnte ich nicht aufbringen. Das einzige, was ich empfand, war Mitleid mit meinen Großeltern.

Ich drehte mich um und starrte die alte Frau an, die zusammengesunken in ihrem Sessel saß. Merkwürdig. Aus irgendeinem Grund konnte ich diesen Mann, von dem sie mir soviel Schlimmes erzählt, der den Menschen in diesem Haus das Leben zur Hölle gemacht hatte, nicht hassen. Warum nicht, fragte ich mich.

Meine Großmutter wischte sich die Augen und stand auf. Sie hatte sich rasch wieder gefaßt. »Weinen hat keinen Sinn«, sagte sie. »Das weiß ich aus allzu langer Erfahrung. Weinen ändert nichts. Aber ich möchte nie wieder über dieses Thema sprechen, Andrea. Ich habe dir genug gesagt, zuviel vielleicht. Aber jetzt kennst du wenigstens die Wahrheit.«

Eigentlich hätte ich das akzeptieren müssen, aber es blieb ein nagender Zweifel. Weiß ich sie wirklich? fragte ich mich.

__________

Diesmal erlebte ich die Fahrt zum Krankenhaus anders. Diesmal wußte ich etwas über den Mann, den ich besuchen wollte. Gestern hatte ich einen Sterbenden besucht, der mir fremd war. Heute würde ich den Sohn Victor Townsends besuchen. Das ließ alles in einem anderen Licht erscheinen.

Elsie, mit einer Schachtel Pralinen auf dem Schoß, die ihrem Vater zugedacht war, plauderte unaufhörlich über das Wetter, und Edouard gab hin und wieder seine bestätigenden Kommentare. Ich hockte auf dem Rücksitz und hörte nicht zu. Meine Gedanken kreisten einzig um das lange Gespräch mit meiner Großmutter.

Ich betrat das Krankenhaus mit gemischten Gefühlen. Einerseits hätte ich mit meinen Verwandten und ihrer Geschichte am liebsten überhaupt nichts zu tun gehabt und wünschte mich nur nach Hause. Andererseits jedoch fühlte ich mich magisch angezogen von dem Rätsel um die Ereignisse in dem Haus in der George Street und von dem alten Mann, dessen Leben sie bestimmt hatten. Gestern noch hatte er mir nichts bedeutet; heute wußte ich vielleicht mehr über ihn als seine eigenen Kinder.

Aus diesem Grund fühlte ich mich ihm in gewisser Weise verbunden; das Wissen über Victor Townsend war das Band zwischen uns.

Wir saßen wie am Tag zuvor auf den hölzernen Klappstühlen rund um das Bett. Mein Großvater war wach und lag hoch in den Kissen. Aber wenn auch seine Augen geöffnet waren, hatte ich doch den Eindruck, daß er uns gar nicht sah. Sein Blick war stumpf und leer.

»Hallo, Dad«, sagte Elsie, während sie die Pralinenschachtel aus der Cellophanhülle schälte. »Schau, ich hab dir Pralinen mitgebracht.«

Mein Großvater verzog die Lippen, als wollte er lächeln.

»Möchtest du eine?« fragte sie neckend.

Mein Großvater reagierte nicht. Der Mund blieb verzogen, und ich war mir nicht mehr sicher, ob er wirklich lächelte oder ob dies vielleicht eine Grimasse des Schmerzes war.

Elsie schob ihm eine Praline in den eingefallenen Mund, und er begann sofort zu saugen. Letzendlich sind wir wohl alle auf die elementaren Instinkte reduziert, mit denen wir geboren werden.

Es war, als hätte der Kreis sich geschlossen, als wäre mein Großvater wieder zum Säugling geworden.

»Sieh mal, wen wir mitgebracht haben.« Elsies Stimme schallte durch den ganzen Saal. »Andrea! Sie ist extra aus Amerika gekommen. Du hast sie gestern verpaßt, weil du geschlafen hast, als wir hier waren.«

Sein leerer Blick blieb weiter auf Elsie gerichtet, aber dann, als wäre die Neuigkeit plötzlich zu ihm durchgedrungen, wandte er mir sein Gesicht zu. Er lächelte mich an, während er an seiner Praline lutschte, aber dann verfinsterten sich seine Züge schlagartig, und er hörte auf zu suckeln.

Mir lief es eiskalt über den Rücken.

Der Ausdruck auf dem Gesicht meines Großvaters war erschreckend. Wer hätte es für möglich gehalten, daß ein so freundliches, infantiles Gesicht solchen Zorn zeigen konnte. Oder war es vielleicht Haß?

»Du bist heute anscheinend nicht gut aufgelegt, Dad«, bemerkte Elsie und griff in die Pralinenschachtel, um ihm noch ein Stück in den Mund zu schieben.

Mit einer so schnellen Bewegung jedoch, daß keiner von uns sie kommen sah, schlug mein Großvater Elsies Hand weg.

»Aber Dad!«

Sein Gesicht blieb bitterböse, und die wolkigen Augen, die nichts zu sehen schienen, hielten mich fest.

»Was ist nur in ihn gefahren?« fragte Elsie. »So hab ich ihn noch nie erlebt.«

»Er hält Andrea wahrscheinlich für jemand anderen«, meinte Ed, hob die Praline vom Boden auf, wischte sie ab und schob sie selbst in den Mund.

Ich saß wie erstarrt und versuchte, dem feindseligen Blick meines Großvaters standzuhalten. Erst nach einigen Sekunden gelang es mir, meine Bestürzung abzuschütteln und zu sagen: »Hallo Großvater, du weißt doch, daß ich es bin, nicht wahr? Andrea!«

Einen Moment noch blieb der finstere Ausdruck, dann löste er sich, und das Gesicht meines Großvaters entspannte sich wieder. »Ruth?« Stieß er mit zitterndem Kinn und gespitzten Lippen mühsam hervor.

»Ach Gott!« rief Elsie. »Er hält dich für deine Mutter.« Dann beugte sie sich über das Bett und sagte laut: »Nicht Ruth, Dad. Das ist Andrea. Deine Enkelin.«

Das Lächeln kehrte zurück. »Ruth! Du bist also wiedergekommen?«

»Dad —«

»Laß doch, Tante Elsie. Für ihn ist Andrea sicher immer noch zwei Jahre alt. Laß ihn doch in dem Glauben, daß ich seine Tochter bin. Schau, wie er lächelt.«

Ich ließ mir nichts davon merken, wie sehr mir diese Szene ans Herz ging. Ich konnte es selbst nicht fassen, daß dieser Mann so starke Gefühle in mir weckte. Ich blickte in sein altes, verbrauchtes Gesicht und dachte an das schreckliche Stigma, mit dem er hatte leben müssen, das Wissen über die Umstände seiner Zeugung und die Angst, daß das böse Erbe Victor Townsends in einem seiner Kinder oder Enkelkinder wiederkehren würde.

»Alles ist gut, Großvater«, sagte ich beschwichtigend und tätschelte ihm die Hand. »Es ist alles gut.«

Onkel William wohnte in einem Teil von Warrington namens Padgate. Sein hübsches, modernes Haus stand in einem gepflegten Garten und hatte natürlich, das war das beste, Zentralheizung.

Er selbst, ein großer, kräftiger Mann, korpulent und rotgesichtig, empfing mich mit stürmischer Herzlichkeit. Ohne viel Federlesens nahm er mich in die Arme, küßte mich auf beide Wangen und redete beinahe ebenso viel wie Elsie. May, seine Frau, stämmig wie er, war schlicht gekleidet und trug das graue Haar kurz, weil das am praktischsten war, wie sie sagte. Einfache Menschen, bescheiden und ohne große Ansprüche.

»Andrea! Wie schön!« rief May, als ich in die Küche bugsiert wurde, wo sie am Herd stand. »Du bist gewachsen, seit ich dich das letzte Mal gesehen habe.«

Wir lachten alle, schälten uns dann aus unseren warmen Sachen und setzten uns ins Wohnzimmer, das weit moderner eingerichtet war als das meiner Großmutter.

»Wie war Dad heute?« fragte William mit vollem Mund, während wir bei Tee und Kuchen saßen.

»Er hat aufgesessen und richtig mit uns geredet, stimmt’s, Ed? Und dazu hat er fast eine ganze Schachtel Pralinen vertilgt.«

»Na also! Ich wette, in ein paar Wochen ist er wieder zu Hause. Er brauchte nur ein bißchen Ruhe und Pflege.« William schob ein Törtchen in den Mund, und ich dachte, was für ein gemütlicher, Wohlbehagen ausstrahlender Mann er sei, der Bruder meiner Mutter.

Eine Weile drehte sich das Gespräch um meinen Großvater, dann kam die Fußoperation meiner Mutter an die Reihe, und schließlich wandte man sich, es war unvermeidlich, der Vergangenheit zu. Während William und Elsie in Erinnerungen an die Zeit mit meiner Mutter schwelgten, griff Edouard zur Times, May ging wieder in die Küche, und ich begnügte mich damit, zuzuhören und zu beobachten.

Es war sehr warm in Williams Haus, ganz anders als bei meiner Großmutter. Hier konnte man aus dem Zimmer gehen, ohne im Flur einen Kälteschock zu bekommen. Ich streifte meine Schuhe ab, zog die Beine hoch und machte es mir in meinem Sessel bequem.

Während ich mit halbem Ohr den Gesprächen lauschte, begannen meine Gedanken zu wandern. Ich versuchte nicht, sie zu kontrollieren, sondern ließ sie und die Bilder, die sie mitbrachten, frei durch mich hindurchziehen. Ich sah das Haus in der George Street und dachte flüchtig, wie harmlos es erschien, wenn ich fern von ihm war, wie albern die unheimliche Stimmung, die mich jedes Mal befiel, wenn ich über seine Schwelle trat.

Ich dachte über den schlimmen Traum der vergangenen Nacht nach, wie real Angst und Entsetzen da gewesen waren und wie fern und unwirklich sie jetzt schienen. Ich erinnerte mich an den Jungen, der mich durchs Fenster angestarrt hatte, sah wieder sein unverhohlen neugieriges Gesicht vor mir.

Zuletzt dachte ich an meinen Großvater und durchlebte noch einmal die erschreckenden Sekunden, als er mich mit finsterem Blick angestarrt hatte. Und ich fragte mich, was er gesehen hatte, als er mich angeblickt hatte.

»Andrea!«

»Ja?«

»Sie hat vor sich hin geduselt. Sie ist wohl todmüde.«

»Nein, ich habe nicht —«

»Es ist richtig schön, dich wieder hier zu haben«, sagte William. »Es ist schade, daß deine Mutter nicht auch kommen konnte, aber wenigstens bist du da. Hoffentlich bleibst du noch eine Weile. Läßt sich das mit deiner Arbeit vereinbaren?«

Ich versuchte, mir den Börsenmakler vorzustellen, für den ich arbeitete, aber ich konnte mir sein Gesicht nicht ins Gedächtnis rufen. »Ich hatte noch vier Wochen Urlaub, aber wie lange ich hier bleibe, weiß ich noch nicht.« Ich dachte an Doug, aber auch sein Gesicht blieb merkwürdigerweise im Dunkeln.

Etwas später setzten wir uns alle zum Essen in die Küche. Zum Kalbsbraten mit Gemüse tischte William einen spanischen Rotwein auf und hielt dann eine kurze Rede zu meinem Empfang.

»Und am Wochenende«, rief Elsie, als er zum Schluß gekommen war, »fahren wir alle zu Albert nach Morecambe Bay. Wir müssen doch das Kleine bewundern.«

Sie unterhielten sich ausgiebig über das geplante Familientreffen am kommenden Sonntag, erzählten mir von Albert und Christine, meinem Vetter und meiner Cousine, die ich dort kennenlernen würde, und waren sich einig darin, daß es Großmutter, die kaum je das Haus verließ, guttun würde, wieder einmal hinauszukommen. Und ich dachte dabei, daß es bestimmt auch mir guttun würde, eine Weile der bedrückenden Atmosphäre des Hauses in der George Street zu entkommen.

William wandte sich mir zu und sagte: »Na, Andrea, wie gefällt dir das Leben in Mutters Iglu?«

Alle lachten.

»Kannst du ihr nicht einen elektrischen Heizofen rüberbringen, William?« fragte May. »Andrea muß sich doch in dem vorderen Schlafzimmer zu Tode frieren.«

»Nein«, sagte ich und war selbst überrascht. »Ich meine, mir fehlt nichts. Wirklich nicht. Mit meiner Wärmflasche und den dicken Decken fühle ich mich ganz wohl. Wirklich!«

Was redete ich da! Das stimmte doch überhaupt nicht. Ich fühlte mich gräßlich in dem Zimmer und fror wie ein Schneider. Ein elektrischer Heizofen wäre ein wahres Gottesgeschenk gewesen. Und doch — ich versuchte mir klarzuwerden, warum ich etwas dagegen hatte… der Heizofen gehörte einfach nicht ins Zimmer, das war alles…

»Schläfst du wenigstens gut, Kind?« erkundigte sich May mit mütterlicher Besorgnis.

»O ja. Ich schlafe ausgezeichnet.«

»Das Zimmer war immer schon ekelhaft kalt«, bemerkte William, während er sich noch eine Ladung Kartoffeln nahm. »Aber der Rest des Hauses ist auch nicht viel besser. Trotzdem hab ich mich nie beschwert. Als ihr ausgezogen wart, du und Ruth«, sagte er zu Elsie, »hab ich das vordere Zimmer bekommen, und ich hab mir fast den Hintern abgefroren, aber beklagt hab ich mich nie. Ihr wart immer schon zwei richtige Zimperliesen.«

Ich lächelte, als William mich ansah.

»Zimperliesen, hm?« sagte er zwinkernd.

Ich lachte nur. »Es ist auszuhalten. Wirklich. Die Kälte, meine ich, Es ist ja schließlich auch ein altes Haus, nicht wahr? Kein Wunder, daß man da nachts merkwürdige Dinge hört. Das ist eigentlich der einzige —«

»Was sagst du da? Merkwürdige Dinge? Wovon redest du?«

»Ach, du weißt schon.« Ich spielte mit meiner Gabel. »Mitten in der Nacht wacht man von irgendwelchen komischen Geräuschen auf. Ist dir das nie passiert?«

Er zog die Brauen hoch. »Ich kann mich nicht erinnern. In dem Haus gibt’s keine Geräusche. Dazu ist es zu solide gebaut. Ganz im Gegensatz zu den Bruchbuden, die sie heute hochziehen. Vor hundert Jahren hat man noch für die Ewigkeit gebaut. Nein, mich haben nachts nie Geräusche geweckt. Hier, in unserem Haus, da knarrt und knackt es immer irgendwo, nicht wahr, May?«

»Aber ich meine«, fuhr ich hastig fort, »hast du dir nie Gedanken über das Haus gemacht? Hast du nie seltsame Geräusche gehört oder vielleicht — vielleicht etwas Merkwürdiges gesehen? Ich meine, irgend etwas Unerklärliches.«

Er starrte mich verständnislos an.

»Was willst du damit sagen, Andrea?« fragte Elsie, während sie sich Wein einschenkte. »Daß es im Haus spukt?«

Wieder lachten sie alle — William, Elsie, May. Ed lächelte nur und aß weiter.

»Nein, das meinte ich nicht«, erwiderte ich, obwohl ich genau das gemeint hatte. »Es hätte mich nur interessiert, ob —«

»Hast du denn etwas gesehen, Andrea?« fragte May.

»Nein, nein, natürlich nicht. Aber in Los Angeles, wißt ihr, wenn da ein Haus hundert Jahre alt ist, dann — na ja, dann gibt es immer irgendwelche Geschichten über es. Schauermärchen manchmal.«

»Nein, hier ist das nicht so«, sagte William, nahm sich das letzte Stück Braten, leerte die Soße aus der Schale auf seinen Teller und stellte die Schale krachend wieder weg. »Dazu gibt’s hier viel zu viele alte Häuser. Wenn da jedes sein eigenes Gespenst hätte — du lieber Schreck! Wenn du Spukgeschichten nach Amerika mitnehmen willst, mußt du nach Penketh fahren. Hier in der Gegend können wir mit so was nicht dienen. Wir haben keine Zeit für Gespenster.«

Elsie neigte den Kopf leicht zur Seite und sah mich über den Tisch hinweg an. »Enttäuscht, Andrea?«

»Ach wo! Keine Spur. Ich war nur neugierig.«

»Die Amerikaner haben komische Vorstellungen von England, hm?« meinte William.

»Als lebten wir alle in Gruselhäusern. Tut mir leid, Kind, keine Geister weit und breit. Denen ist es hier viel zu kalt.« Er lachte dröhnend, und ich wünschte, ich hätte das Thema nicht aufs Tapet gebracht.

»An unserem alten Haus ist nichts Geheimnisvolles, nicht wahr, Elsie?« sagte er, wieder ernst werdend. »Ich bin 1922 in dem Haus geboren und habe fast bis zu meinem dreißigsten Lebensjahr dort gelebt. Nicht ein einziges Mal habe ich was Ungewöhnliches gesehen oder gehört. Es war immer ein angenehm ruhiges Haus. Gut gebaut. Solide. Nicht wie diese windigen Dinger von heute. Christine spart schon eifrig, um sich irgendwann mal eines von diesen alten Häusern draußen in…«

Ich zog mich aus dem Gespräch zurück. Schweigend stocherte ich in meinem Essen. Ich war irritiert und enttäuscht. Ich hatte gehofft, meine unheimlichen Erlebnisse in dem alten Haus wären nichts Neues, und meine Verwandten könnten von ähnlichen Begebenheiten erzählen.

Aber sie hatten nichts zu erzählen. Gar nichts.

__________

Nach dem Essen, bevor William und May zum gewohnten Besuch im Krankenhaus aufbrachen, beschloß ich, meine Mutter anzurufen. Meine Verwandten waren sofort begeistert von der Idee und drängten sich begierig um mich, sobald das angemeldete Gespräch durchkam. Es war mir unmöglich, ein privates Wort mit meiner Mutter zu sprechen.

Jeder wollte einmal an den Apparat, um ihr guten Tag zu sagen, und als wir schließlich den Hörer auflegten, hatte ich nichts Wesentliches mit meiner Mutter gesprochen. Ich fühlte mich betrogen. So vieles hatte ich ihr sagen, so vieles hatte ich sie fragen wollen, aber ich war nur eben dazu gekommen, mich nach ihrem Befinden zu erkundigen, ein wenig von meinem Großvater und dem Alltag bei meiner Großmutter zu berichten und ihr dann zu sagen, daß hier vier Leute Schlange stehen, um mit ihr zu sprechen.

__________

William und May setzten mich auf der Fahrt zum Krankenhaus in der George Street ab. Sie kamen noch einen Moment mit ins Haus, um sich zu vergewissern, daß Großmutter sich wohl fühlte, und ihr zu erzählen, wie nett das Familienessen gewesen war, wie schade, daß sie nicht dabei gewesen war. Und während sie schwatzten, machte ich mir Vorwürfe, daß ich mich, kaum waren wir durch die Tür getreten, wieder von der Atmosphäre des Hauses hatte einfangen lassen.

Ich sollte mehr um das Befinden meines Großvaters besorgt sein, hielt ich mir vor, anstatt mich auf diese morbide Weise von dem Haus besetzen zu lassen. Um neun, als wir beide wieder vor dem Kamin saßen, in dem das Gasfeuer brannte, schaltete Großmutter das Radio ein, um sich die von ihr so geliebte ‘Stunde schottischer Musik’ anzuhören. Ungefähr fünf Minuten, nachdem die Dudelsäcke zu wimmern angefangen hatten, ging es wieder los.

Wir lehnten beide bequem in unseren Sesseln und hörten schweigend der Musik zu, als mir auffiel, daß die Uhr zu ticken aufgehört hatte.

Ich starrte sie an wie hypnotisiert.

Wie aus weiter Ferne vernahm ich dann die Klänge eines schlecht gestimmten Klaviers — wieder war es die Melodie von ‘Für Elise’, diesmal jedoch wurde sie von geübterer Hand gespielt als zwei Abende zuvor.

Ich drehte den Kopf und sah meine Großmutter an. Sie lehnte mit geschlossenen Augen in ihrem Sessel und summte leise das Lied der Dudelsäcke mit. Der Moment schien eine Ewigkeit anzudauern, als wäre die Zeit zum Stillstand gekommen und wir in einem Raum zwischen zwei Wirklichkeiten gefangen. Ich starrte meine Großmutter ungläubig an. Wie war es möglich, daß sie das Klavierspiel nicht hörte!

Mir wurde heiß im Gesicht. Das Zimmer schien immer enger zu werden. Ich bekam Angst, als mir klar wurde, was geschah.

»Großmutter!«

Sie öffnete die Augen nicht.

Das Klavierspiel wurde lauter. Es war jetzt sehr nah und umgab mich von allen Seiten. Das Pfeifen der Dudelsäcke rückte immer weiter in den Hintergrund.

»Großmutter…«

Endlich blickte sie auf. »Was ist denn, Kind?« In dem Moment, als sie die Augen öffnete, brach das Klavierspiel ab. Ich sah zur Uhr hinauf. Sie tickte wieder.

»Ich bin wahnsinnig müde, Großmutter.« Ich rieb mir mit beiden Händen das Gesicht. »Macht es dir was aus, wenn ich zu Bett gehe?«

»Aber gar nicht. Wie gedankenlos von mir, dich wachzuhalten.«

Sie griff nach ihrem Stock und wollte aufstehen.

»Bleib sitzen, Großmutter. Du brauchst nicht aufzustehen.«

»Na hör mal? Ich werd doch nicht hier unten sitzen bleiben, wenn du schlafen willst.«

»Wieso —«

»Dein Nachthemd und dein Morgenrock liegen schon unter dem Kissen. Ich wollte nicht, daß du erst wieder durchs kalte Treppenhaus nach oben mußt.«

Verwirrt blickte ich zum Sofa hinüber und sah, daß Kissen und Decken schon bereit lagen. Jetzt verstand ich, was sie meinte.

»Ich soll heute nacht hier unten schlafen?«

»Aber sicher. Du hast es hier so schön warm gehabt und so gut geschlafen, warum sollst du da wieder in das kalte Zimmer hinauf?«

»Ach, aber —« Ich wollte nicht hier unten schlafen, ich verstand es selbst nicht. Ich wollte wieder hinauf ins Vorderzimmer. Ich hätte mich fragen sollen, was hinter diesem widersinnigen Wunsch, oben zu schlafen, steckte, aber ich tat es nicht, sondern versuchte nur stockend, meiner Großmutter eine Erklärung zu geben.

»Das war gestern nacht was anderes«, sagte ich. »Da hatte ich einen Alptraum. Das passiert heute nacht bestimmt nicht wieder. Wirklich, Großmutter, ich fühl mich wohl da oben —«

»Gib dir keine Mühe, Kind. Ich weiß, es ist meine Schuld. Ich hab dir ständig vorgejammert, wie teuer das Gas ist und wie sparsam wir mit Gas und Strom umgehen müssen, und jetzt kannst du es nicht einmal genießen, hier unten in der Wärme zu schlafen. Aber ich sage dir, kümmre dich nicht um mein Genörgel. Wir lassen die Gasheizung an, solange du hier bist, und basta. Gute Nacht, Kind.«

Damit tappte sie auf ihren Stock gestützt aus dem Zimmer und schloß die Tür hinter sich.

Ich ließ mich aufs Sofa fallen. Was war das nun wieder gewesen? Warum hatte ich ihrem gutgemeinten Vorschlag widersprochen, obwohl ich ihr bei klarer Überlegung beipflichten mußte, daß hier unten der behaglichste Schlafplatz für mich war? Irgend etwas, eine Kraft, die etwas Verborgenes in mir ansprach, zog mich nach oben. Es war beinahe so gewesen, als wollte diese Kraft mich zwingen, gegen meinen Willen zu handeln.

Ich hob den Kopf und sah mich im Zimmer um. Ein ganz gewöhnliches Zimmer, vertraut schon und gemütlich. Warum konnte ich mich dann nicht entspannen? Zwei Tage war ich jetzt hier, da mußte ich die Zeitverschiebung doch verarbeitet, mich an meine neue Umgebung gewöhnt haben. Aber das unheimliche Gefühl, das mich beim ersten Betreten des Hauses überfallen hatte, war nicht, wie ich erwartet hätte, abgeflaut; im Gegenteil, es war stärker geworden.

Und das Klavierspiel. Es war klar, daß meine Großmutter es nicht gehört hatte. Wieso nicht? Woher war es gekommen? Konnte nur ich es hören? Aber wieso? Wie kam es, daß keiner meiner Verwandten je etwas Ungewöhnliches in diesem Haus erlebt hatte? Warum nur ich allein? Hatte ich diese seltsamen Geschehnisse vielleicht durch mein Kommen ausgelöst? Hatte ich etwas an mir, das die Geister dieses Hauses um ihre Ruhe brachte?

Mit einem Ruck hob ich den Kopf zur Zimmerdecke. Was war das für ein Geräusch? Ohne den Blick von der Decke zu wenden, stand ich langsam auf und lauschte angestrengt in die Stille.

Es klang, als weinte eine Frau.

»Großmutter?« flüsterte ich.

Ich vergaß mein eigenes Dilemma und rannte, tief besorgt um meine Großmutter, aus dem Zimmer in den finsteren Flur.

5

Die Finsternis im Treppenhaus machte mir angst. Das Herz klopfte mir so heftig, daß ich das gedämpfte Schluchzen kaum noch hören konnte. Dennoch hastete ich so schnell ich konnte die Treppe hinauf. Das Weinen meiner Großmutter erschreckte und besorgte mich.

Nachdem ich oben Licht gemacht hatte, näherte ich mich vorsichtig ihrer Zimmertür und drückte lauschend das Ohr an das Holz. In Großmutters Zimmer war alles still. Verwirrt trat ich einen Schritt zurück und blickte den Flur hinunter. Im trüben Schein der Deckenbeleuchtung konnte ich umrißhaft die Tür zum Vorderzimmer erkennen. Sie war geschlossen. Das Weinen schien von der anderen Seite zu kommen.

Auf Zehenspitzen huschte ich den Gang entlang. Je näher ich der Tür kam, desto lauter wurde das Weinen. Vor der Tür blieb ich stehen und lauschte. Die Luft um mich herum war eiskalt. Abgesehen von dem Weinen war alles still. So kalt und still wie in einem Grab, schoß es mir durch den Kopf. Mich schauderte. Am liebsten wäre ich stehenden Fußes umgekehrt und die Treppe hinunter geflohen, aber ich war nicht fähig, mich von der Stelle zu rühren. Eine Macht, die stärker war als ich, befand sich mit mir im dämmrigen Flur und zwang mich, die Hand zu heben und auf den Türknauf zu legen.

Er war hart und kalt. Lautlos öffnete ich die Tür und starrte in die undurchdringliche Schwärze des Zimmers. Ein kalter Hauch streifte mein Gesicht. Vorwärts gezogen von einer Macht, gegen die ich mich nicht wehren konnte, trat ich mit weit geöffneten suchenden Augen ins Zimmer und sah, daß die Mitte des Raums von einem bleichen Licht erleuchtet war, dessen Quelle ich nicht ergründen konnte. Die Außenzonen des Zimmers lagen in Dunkelheit, das geisterhafte Licht selbst, das auf das Bett gerichtet war, hatte einen hellen Mittelpunkt und verlor sich zu den Rändern hin in milchigem Dunst.

Ich blickte auf die Gestalt, die im Schein des Lichts auf dem Bett lag. Ein kleiner, weißgekleideter Körper, der von Schluchzen geschüttelt wurde.

Ich sah ein junges Mädchen, höchstens zwölf oder dreizehn Jahre alt, das bäuchlings quer über dem Bett lag. Sie trug ein knöchellanges Kleid aus weißer Baumwolle, das mit Schleifen und Rüschen verziert war. Um die schmale Taille lag eine breite Schärpe, die auf dem Rücken zu einer großen Schleife gebunden war. Unter dem weißen Rock konnte ich die gefältelten Unterröcke und die weißen Strümpfe sehen.

Den Kopf in die Arme gedrückt, weinte das Mädchen herzzerreißend.

Ich weiß nicht, wie lange ich reglos dastand und sie anstarrte. Ich hatte keine Angst, aber ich war völlig fasziniert. So gefangen war ich von dem Bild, das wie Realität schien und doch nur Täuschung sein konnte, daß ich erst erschrak, als das Mädchen den Kopf hob.

Was würde geschehen, wenn sie mich entdeckte?

Aber dann geschah etwas Seltsames. Das Mädchen richtete in der Tat ihren Blick auf mich, und ich erkannte fast im selben Moment, obwohl ich erschrocken zusammenfuhr, daß sie mich nicht sah. Nein, sie blickte einfach durch mich hindurch.

Mit hämmerndem Herzen starrte ich wie gebannt in das reizlose Gesicht des Mädchens und erkannte, daß es dasselbe Mädchen war, das ich auf dem Foto der drei Townsend-Kinder gesehen hatte. Nur älter war sie jetzt. Harriet Townsend, Schwester von Victor und John.

Langsam setzte sie sich auf. Die langen Locken fielen ihr über die Schultern. Ihr Gesicht war verschwollen vom Weinen, doch jetzt schien sie sich gefaßt zu haben und hielt den Blick auf etwas oder jemand gerichtet, der sich hinter mir befand.

Als sie zu sprechen begann, zuckte ich zusammen. So real die Szene erschien, das hatte ich nicht erwartet.

»Es ist mir gleich, was Vater sagt«, erklärte sie trotzig mit schmollend vorgeschobenen Lippen. »Ich bleibe hier oben und esse nichts mehr, bis ich verhungert bin. Ich bin ihm ja sowieso gleichgültig.«

Immer noch blickte sie durch mich hindurch, als lausche sie den Worten des unsichtbaren Gegenübers. Dann warf sie zornig den Kopf in den Nacken und sagte: »Warum mußte Victor fortgehen? Er mußte doch gar nicht. Vater wollte, daß er hier bleibt und im Werk arbeitet. Aber nein, Victor mußte seinen Kopf durchsetzen. Ich wünsche ihm nur, daß er in London schrecklich unglücklich wird. Und ich hoffe, er schneidet sich und stirbt an einem Gift.«

Bei der Antwort ihres Gegenübers verzog sie ärgerlich das kleine Gesicht. Ich hatte keine Ahnung, wer mit ihr sprach, aber es war nicht schwer, die Lücken des Dialogs zu füllen.

»Das ist mir egal! Du kannst Vater ausrichten, daß ich mich im Schrank einsperre und nie wieder einen Bissen zu mir nehme. Victor hat versprochen, daß er nie fortgehen würde. Er hat es mir versprochen!«

Harriet Townsend durchdrang mich mit herausfordernd blitzendem Blick. Doch schon im nächsten Moment wandelte sich ihr Trotz in Erschrecken und dann in Furcht. Ihre Augen weiteten sich, der Mund öffnete sich zum Schrei. »Schlag mich nicht!« flehte sie und kroch hastig zur anderen Seite des Betts. »Es tut mir leid. Ich hab’s nicht so gemeint. Bitte, bitte, schlag mich nicht.«

Sie hob abwehrend die Arme, während sie immer wieder schrie: »Nicht! Bitte, nicht!«

Ich stürzte zum Bett und rief: »Harriet —«

Das Licht an der Decke flammte auf. Ich drehte mich verwirrt um.

»Was tust du hier oben?«

Ich zwinkerte geblendet, dann sah ich meine Großmutter, die an der offenen Tür stand. Auf ihrem Gesicht lag ein merkwürdiger Ausdruck.

»Ich-ich-«

»Du solltest schlafen«, sagte sie.

Ich sah mit offenem Mund zum Bett hinüber. Dort lag mein aufgeklappter Koffer, sein Inhalt über der Steppdecke verstreut. Das gespenstische Licht war ebenso verschwunden wie Harriet, selbst die beißende Kälte im Zimmer schien etwas gemildert. Ungläubig sah ich wieder meine Großmutter an. Hatte sie denn nichts gesehen? Hatte sie nichts gehört?

»Meine — meine Hausschuhe«, erklärte ich verlegen. »Ich wollte meine Hausschuhe holen.«

»Ich hörte dich sprechen.«

»Ja.« Ich fuhr mir mit den Fingern durch das Haar. »Ich hab mir im Dunklen das Schienbein angestoßen. — Ach, da sind sie ja.« Ich bückte mich und hob meine Hausschuhe auf.

Wir gingen hinaus und knipsten das Licht aus. Ich fragte mich, wie lange meine Großmutter hinter mir gestanden, wieviel sie gesehen und gehört hatte. Als ich mich vor der Tür zu ihrem Zimmer von ihr trennte, gab sie mir einen Kuß auf die Wange.

»Gute Nacht, Kind. Schlaf gut. Und bleib unten, wo es warm ist, sonst holst du dir noch eine Erkältung.«

Bevor sie in ihrem Zimmer verschwand, schaltete sie das Flurlicht aus, und mit einem Schlag war das ganze Haus wieder in schwarze Finsternis getaucht. Ich stand an der Treppe, ohne die Stufen erkennen zu können, und fühlte mich noch ganz im Bann der rätselhaften Begegnung mit Harriet Townsend. Langsam, wie im Traum, stieg ich die Treppe hinunter und hatte dabei die ganze Zeit ihre klägliche kleine Stimme im Ohr.

Was hatte ich da gesehen? War es Einbildung gewesen? Die Ausgeburt einer überreizten Phantasie? Oder hatte ich diese Szene wirklich miterlebt?

Unten angekommen, tastete ich mich an der Wand entlang zum Wohnzimmer vor. Von weither vernahm ich ganz schwach die Klänge eines Klaviers. Mich fröstelte. Während ich in dem pechschwarzen, kalten Flur stand, hatte ich den Eindruck, in einer riesigen, klammen Höhle gefangen zu sein, aus der ich niemals hinausfinden würde. Und die zarte Melodie von Beethovens ‘Für Elise’ wehte aus dunklen Höhen zu mir herunter und lockte mich.

»Nein«, flüsterte ich unwillkürlich. Was immer dort oben wartete, ich hatte nicht den Mut, ihm ins Auge zu sehen.

In blinder Hast stolperte ich zum Wohnzimmer und atmete tief auf vor Erleichterung, als sie sich unter dem Anprall meines Körpers öffnete.

Aber ich war nicht allein.

Ein junger Mann stand an den Kaminsims gelehnt und lächelte mir entgegen. In der Hand hielt er ein Glas mit einer dunklen Flüssigkeit.

»Ein scheußlicher Abend«, sagte er und winkte mich zum Feuer.

Ich stand wie eine Idiotin an der Tür und starrte in den offenen Kamin, in dem ein prasselndes Feuer brannte. Es war ein richtiges Feuer, die Flammen leckten an den sorgsam aufgeschichteten Scheiten, und die Funken stoben.

Ich sah wieder den jungen Mann an, der mich mit gutmütiger Belustigung fixierte. »Du bist ja naß bis auf die Haut«, bemerkte er mit leichtem Spott. »Das geschieht dir recht.«

Verdutzt blickte ich an mir hinunter, musterte mein T-Shirt und meine Jeans, die völlig trocken waren. Erst dann drehte ich mich um und blickte über die Schulter nach rückwärts. Draußen im Flur war ein zweiter junger Mann, der eben einen klatschnassen Umhang am Garderobenständer aufgehängt hatte und die Nässe von seinem Zylinder schüttelte.

Automatisch wich ich zum Büffet zurück. Ich war plötzlich am ganzen Körper wie gelähmt; meine Glieder waren bleischwer und gehorchten mir nicht mehr. Mein Puls raste und dröhnte mir so laut in den Ohren, daß ich meinte, er müßte im ganzen Haus zu hören sein.

Ich weiß nicht mehr, ob Angst und Schrecken oder einfach maßlose Verwunderung mich in diesem Moment lahmten; jedenfalls war ich so gebannt, daß nicht einmal ein Frösteln mich befiel, als der kalte Luftzug mich streifte, den Victor Townsend bei seinem Eintritt ins Zimmer mitbrachte.

»Das reinigt die Luft, John«, sagte er mit volltönender Stimme, während er sich die Hände über dem Feuer rieb.

John Townsend ging zur Glasvitrine, holte ein Glas heraus und füllte es aus einer Karaffe mit der dunklen Flüssigkeit, die auch er trank. Dann prosteten die beiden Männer einander zu, tranken und lachten.

Verblüfft erkannte ich, daß sie meine Anwesenheit überhaupt nicht bemerkten.

Die beiden Brüder wirkten sehr gegensätzlich. John, der Jüngere, vielleicht zwanzig Jahre alt, war kleiner und nicht so gutaussehend wie sein Bruder. Dafür waren seine Gesichtszüge weicher, und er strahlte eine sanfte Freundlichkeit aus, die sofort für ihn einnahm.

Victor — mein Urgroßvater (welch seltsame Vorstellung) — hatte dichtes rabenschwarzes Haar und Koteletten, die fast bis zum Unterkiefer reichten. Die großen dunklen Augen lagen tief in den Höhlen, und zwischen den kräftigen Brauen trat die steile Falte über der Nasenwurzel stark hervor. Er war fast einen Kopf größer als sein jüngerer Bruder, kräftiger gebaut, mit breiteren Schultern, und wirkte dadurch imposanter.

Die Kleider, die sie trugen, dunkle Gehröcke und Nadelstreifenhosen, entsprachen ganz der Mode des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts. Sie sahen beide sehr elegant aus, wie sie da standen, und galten unter ihren Zeitgenossen zweifellos als Männer von Geschmack.

»Aha, daran hat dir London offensichtlich nicht den Geschmack verdorben«, bemerkte John, als er sah, daß Victor sich noch einmal aus der Karaffe einschenkte.

»Ich bin doch erst ein Jahr weg, John. Du redest, als hättest du großartige Veränderungen erwartet.«

»Ich habe jedenfalls erwartet, daß du gescheiter heimkommst, als du fortgegangen bist. Das King’s College hat einen großen Ruf. Was bringen sie euch denn an der medizinischen Fakultät alles bei?«

»Bettgeflüster«, antwortete Victor scherzhaft.

John warf den Kopf zurück und lachte. »Das, lieber Bruder, könntest doch du eher den Londonern beibringen. Aber jetzt mal im Ernst« — er neigte sich mit einem verschwörerischen Lächeln zu Victor hinüber — »macht es dir wirklich Spaß, Leichen zu sezieren?«

»Du bist schrecklich, John, und das gleich an meinem ersten Abend zu Hause.«

»Na schön, dann sprechen wir von angenehmeren Dingen. Durftest du schon mal junge Damen untersuchen?«

Victor schüttelte lächelnd den Kopf. »Du bist wirklich unverbesserlich, John. Man wird doch nicht aus Lust an Leichen und nackten jungen Frauen Arzt.«

»Aber nein, natürlich nicht!« John wedelte theatralisch mit einem Arm. »Dich treibt die Menschenliebe, das Mitgefühl mit allen, die leiden, der brennende Wunsch, allem Schmerz und Elend ein Ende zu machen.«

»So etwa«, murmelte Victor.

Einen Moment lang versiegte das Gespräch, und die beiden jungen Männer blickten schweigend in die Flammen im Kamin. Jetzt erst fiel mir auf, wie sich das Zimmer verändert hatte, Eine Tapete mit Blumenmuster bedeckte die Wände, und auf dem Boden lag ein dicker Perserteppich in satten Blau- und Rottönen. Die Glasvitrine stand neu und blitzblank in der Ecke, und dem Roßhaarsofa fehlte Großmutters Schonbezug. Auf dem Kaminsims stand eine Tischuhr auf geschwungenen Beinen, die von zwei Staffordshire-Hunden flankiert war. Gaslampen an den Wänden beleuchteten das Zimmer und mehrere oval gerahmte Porträts mir unbekannter Personen.

Ich war so fasziniert von der Szene, daß ich sie auf keinen Fall zerstören wollte. Aus diesem Grund machte ich auch nicht die kleinste Bewegung und wagte kaum zu atmen.

Ich hörte, wie hinter mir die Tür geöffnet wurde und eine dritte Person ins Zimmer trat. Ich spürte den kalten Luftzug, der hereinwehte, und sah, wie Victor sich umdrehte und mit strahlendem Lächeln beide Arme ausbreitete, als Harriet auf ihn zuging.

»Victor, ich freu mich so, daß du gekommen bist.«

Bruder und Schwester umarmten und küßten einander. Dann hielt er sie auf Armeslänge von sich ab und betrachtete sie von oben bis unten. »Du bist in dem einen Jahr ganz hübsch gewachsen«, sagte er.

Richtig, das war nicht mehr das eigensinnige kleine Mädchen, das noch vor wenigen Minuten oben im Schlafzimmer geweint und geklagt hatte. Harriet war eine junge Dame geworden. Sie trug ein langes Seidenkleid mit hohem Kragen und engem Mieder. Die langen Locken trug sie hochgekämmt und mit Nadeln festgesteckt.

Sie sah sehr elegant aus und wirkte im Feuerschein, der ihre Wangen rosig färbte, beinahe hübsch.

»Ich bin ja auch schon vierzehn«, erklärte sie stolz. »In dem einen Jahr habe ich mich sehr verändert.«

»Aber sie flennt immer noch soviel wie früher.«

»John!«

Victor unterdrückte ein Lächeln. »Ist das wahr, Harriet, weinst du viel?«

»Du hättest sie an dem Abend erleben sollen, als du abgereist bist, Victor! Das war wirklich ein Drama. Sie wollte sich in den Kleiderschrank einsperren und nie wieder etwas essen.«

Jetzt ließ Victor das Lächeln heraus. »Meinetwegen wolltest du das tun?«

Ich sah, wie Harriet errötete. »Es hat mich so gekränkt, daß du fortgegangen bist, Victor. Aber jetzt macht es mir nichts mehr aus. Jetzt bin ich stolz darauf, daß du Arzt wirst.«

»Wenn nur auch Vater stolz darauf wäre«, murmelte John unterdrückt.

»Und ich bin froh, daß du das Stipendium bekommen hast. Weil du ja wirklich der klügste Mann von ganz Warrington bist, und ich —«

»Warrington ist ein kleines Städtchen«, warf John ein und griff zur Karaffe. »Noch ein Glas, Victor?«

Victor schüttelte den Kopf.

»Kann ich was haben?« fragte Harriet herausfordernd. »Damit du dir deinen hübschen Teint verdirbst? Du weißt, was Vater tun würde, wenn er dich dabei ertappte, daß du Brandy trinkst.«

»Brandy!« sagte Victor. »Du bist ja wirklich erwachsen geworden, hm, Harriet?«

»Mehr als du ahnst. Ich war auf den Tennisplätzen.«

»Harriet!« John warf ihr einen mißbilligenden Blick zu. »Das hat Vater dir doch verboten.«

»Ich spiele ja nicht. Ich sehe nur zu. Das hat er mir nicht verboten.«

»Aber er wird sicher böse werden, wenn er davon hört.«

»Und wer soll es ihm erzählen?«

»Tennis?« fragte Victor mit hochgezogenen Brauen. »Hier in Warrington?«

»Ja, stell dir vor. Meine Freundin Megan O’Hanrahan spielt sogar. Und sie raucht Zigaretten.«

»Diese Megan ist ein ganz lockeres Ding«, bemerkte John finster. »Du solltest dich von ihr lieber fernhalten.«

Doch Victor sagte: »In London findet man nichts dabei, wenn eine junge Dame Tennis spielt.«

»Aber wir sind hier nicht in London.«

»Ach, John, du bist so spießig.« Harriet umfaßte Victors Arm und begann schnell auf ihn einzureden. »Tennis interessiert mich gar nicht so besonders«, sagte sie. »Aber weißt du, was ich liebend gern hätte?«

Victor betrachtete seine kleine Schwester amüsiert. »Was denn?«

»Ein Fahrrad.«

John wirbelte herum. »Also, das ist doch wirklich —«

»Einen Augenblick, John, laß deine Schwester ausreden. Also, Harriet, warum möchtest du ausgerechnet ein Fahrrad haben?«

»Megan O’Hanrahan hat auch eines und —«

»Und jeder kann ihre Unterröcke sehen, wenn sie die Straße hinunterfährt!«

»John!« rief Harriet schockiert.

»Es ist unanständig. Vater wird niemals erlauben, daß seine Tochter sich so unschicklich zur Schau stellt. Und ich werde ebensowenig zulassen, daß meine Schwester —«

»Victor! Hilf mir doch!«

»Tja, ich…« Er kratzte sich am Kopf.

»Du bekommst kein Fahrrad, und damit Schluß. Auf der Straße herumfahren und sich unter die Röcke gucken lassen. Das schickt sich nicht für eine anständige junge Dame.«

»John Townsend, wie kannst du so gewöhnlich sein. Ich ziehe doch lange Pumphosen an —«

»Niemals würde Vater diese Dinger in seinem Haus dulden. Sollen die Amerikanerinnen sie anziehen, wenn sie wollen. Die haben sie ja erfunden. Aber du wirst dich nicht auf diese Weise zur Schau stellen.«

Harriet sah John einen Moment lang mit zornig blitzenden Augen an, dann wandte sie sich Victor zu. »Und was findest du?«

»Ich muß John da leider zustimmen, Harriet. Tennisspielen mag noch angehen, aber Radfahren ist etwas ganz anderes. Ich glaube, du schlägst dir das am besten aus dem Kopf.«

»Das sind nur diese Iren«, sagte John, während er wieder zur Karaffe griff und sein Glas füllte. »Vater hat ihr den Verkehr mit diesen O’Hanrahans verboten. Das sind üble Leute.«

»Gar nicht wahr! Es sind sehr anständige Leute.«

»Katholiken!«

»Sie sind genauso gottesfürchtig wie du und Vater —«

»Keine Widerworte, Harriet!« schrie John sie an. Einen Moment stand Harriet wie vom Donner gerührt und blickte ungläubig von einem Bruder zum anderen, dann schlug sie die Hände vor das Gesicht, drehte sich um und lief weinend aus dem Zimmer.

Als sie an mir vorüberstürmte, drehte ich mich um und öffnete den Mund, um zu sprechen. Aber sie war zu schnell an mir vorbei, und schon fiel krachend die Tür hinter ihr zu.

Zornig, Worte des Vorwurfs auf den Lippen, wandte ich mich wieder den Brüdern zu, aber als ich zum Kamin blickte, waren sie nicht mehr da.

__________

Verwirrt fragte ich mich, wohin sie so schnell hatten verschwinden können, dann fand ich in die Realität zurück und lachte nervös. Gespenster! Und ich hatte tatsächlich mit ihnen sprechen wollen!

Zögernd und furchtsam ging ich zur Mitte des Zimmers. Alles war wieder so, wie ich es von Anfang an gekannt hatte: die Möbel alt und glanzlos, die Wände schlicht weiß, im Kamin das Gasfeuer. Und die Uhr auf dem Sims tickte ruhig und gleichmäßig.

Mir zitterten plötzlich die Knie, und ich ließ mich in den nächsten Sessel fallen. Was hatte das alles zu bedeuten? Wie war es möglich, daß meine Phantasie mir eine solche Szene vorgaukelte? So lebensecht, so richtig bis ins kleinste Detail, so scheinbar real.

Ich war wie im Schock. Ich fühlte mich so schwach, als wäre meinem Körper alle Kraft entzogen worden. Mein Geist war stumpf, wie betäubt.

Was war das nun eben gewesen? Hirngespinste, die meinem erschöpften Geist entsprungen waren? Phantasien, die Großmutters Erzählungen in Verbindung mit der unheimlichen Atmosphäre des Hauses bei mir ausgelöst hatten? Oder…

Ich hätte den Gedanken gern lächerlich gefunden, aber es gelang mir nicht.

Oder hatte ich hier wirklich etwas gesehen und miterlebt? War ich von Gespenstern heimgesucht worden, oder war mir ein Blick in die Vergangenheit gewährt worden?

Ich sah zur Uhr hinauf. War es das gewesen? Ein kurzer Blick den Zeitschacht hinunter?

Nein, sagte ich mir, den Blick weiter auf die Uhr gerichtet, ein Spuk im üblichen Sinn war das nicht gewesen; vielleicht schien es so zu sein, daß ich Zeugin gewisser Ereignisse aus der Vergangenheit geworden war. Es war, als hätte ich durch Zufall ein Zeitfenster entdeckt, durch das ich die Geschehnisse beobachten konnte.

Eine Besonderheit fiel mir auf, während ich nachdachte, und das war die Abfolge der Ereignisse. Ich erinnerte mich des Abends meiner Ankunft in diesem Haus, als ich zum erstenmal die Klänge von ‘Für Elise’ gehört hatte. Sie hatten sich angehört, wie von Kinderhand geklimpert. Später jedoch hatte die Melodie flüssiger geklungen, wie von geübterer Hand gespielt. Und Victor war, als ich ihn das erste Mal am Fenster erblickt hatte, ein Junge von etwa fünfzehn Jahren gewesen. In der Nacht, als ich ihn an meinem Bett hatte stehen sehen, war er schon älter gewesen, aber noch nicht so alt wie in dieser letzten Szene, die ich soeben miterlebt hatte. Das gleiche galt für Harriet — oben im Schlafzimmer das weinende Kind und wenige Minuten später schon ein ganzes Jahr älter, eine junge Dame.

War die Uhr vielleicht zurückgedreht worden bis zu den ersten Tagen dieses Hauses im Jahr 1880, als die Familie Townsend hier eingezogen war? Und war sie dann wieder in Bewegung gesetzt worden, um die Ereignisse ihren Verlauf nehmen zu lassen? Wenn das so war, warum? Oder war vielleicht in Wirklichkeit alles nur meine Einbildung?

Ich hatte irgendwann einmal von einer Theorie gelesen, die besagte, daß Zeit in Wirklichkeit Gleichzeitigkeit sei, daß Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eins seien und daß wir nur aufgrund gewisser physikalischer Bedingungen des Universums andere Zeitalter nicht wahrnehmen könnten. Man glaubte, daß hochsensible Menschen, wie Medien oder Hellseher, die Fähigkeit besäßen, die Barrieren zu überwinden und die Zukunft oder die Vergangenheit zu sehen; daß dies möglicherweise das Phänomen des déja vu und der Vorahnung erklärte; daß wir möglicherweise gerade dann, wenn wir am unbewußtesten sind und die Abwehrmechanismen am schwächsten, versehentlich die Barriere durchstoßen und einen Blick in die Zukunft tun könnten. Oder in die Vergangenheit …

Uhren und Kalender sind Erfindungen des Menschen, doch die Zeit ist ewig. Wäre es möglich, daß sie ein Kreislauf ist — und immer wieder zum Ausgangspunkt zurückkehrt? Oder ist sie vielleicht ein Strom, in dem alle Zeitalter gemeinschaftlich in einem treiben? Wenn alle Geschichte heute existiert und ebenso die Zukunft, könnte es dann nicht möglich sein, daß man irgendwo durch Zufall auf eine Öffnung stößt, ein Fenster gewissermaßen, durch das man einen Blick auf die mitfließenden Ströme erhascht?

__________

Als ich erwachte, war es noch dunkel. Ich lag völlig angekleidet im Sessel, und die Hitze des Gasfeuers brannte auf meinen Beinen. Abrupt setzte ich mich auf. Einen Moment lang wußte ich nicht, wo ich war. Ich rieb mir die Augen und sah auf die Uhr. Es war vier.

Mein ganzer Körper war steif, und meine Glieder schmerzten, als ich vorsichtig aufstand, um mich im Zimmer umzusehen. Alles war wie immer. Ich war ganz einfach mit meinen Gedanken über den Besuch in der Vergangenheit eingeschlafen. Wenn es denn tatsächlich ein Besuch gewesen war. Vielleicht war es ja auch nur ein Traum gewesen. Es war möglich, daß ich schon vor Stunden am Gasfeuer eingeschlafen war und alles nur geträumt hatte. Aber nein, da standen meine Hausschuhe. Jene erste Periode zumindest, als ich dem Schluchzen folgend nach oben gegangen war und dort die weinende Harriet angetroffen hatte, war real gewesen. Und die zweite Szene, die mit Victor, John und Harriet?

Ich konnte nicht glauben, daß ich sie phantasiert hatte. Zu lebensecht war die Episode gewesen. Die drei hatten gesprochen und agiert wie Menschen aus Fleisch und Blut.

Aber eine Erklärung für diese Vorfälle wußte ich nicht.

Da ich nicht wieder einschlafen wollte, wanderte ich noch eine Weile im Zimmer umher und schlug mich dabei mit den Fragen herum, die mich bedrängten. Wenn ich sie sehen kann, wieso können dann sie mich nicht sehen? Ist dieses ‘Zeitfenster’ eine Art Einwegspiegel? Und wenn ich sie sehen und hören und den kalten Luftzug bei ihrem Eintritt ins Zimmer fühlen kann, kann ich sie dann vielleicht auch berühren? Was würde ich dabei zu fühlen bekommen? Würden sie die Berührung wahrnehmen? Und weiter — aus welchem Grund liefen die Ereignisse in ihrem Leben in chronologischer Folge ab? Hatte das einen bestimmten Sinn?

Völlig erschöpft ließ ich mich in den Sessel fallen. Ja, was hatte das alles für einen Sinn? Wozu wurden mir bestimmte Ereignisse gezeigt, ganz willkürlich, wie mir schien? Ich konnte nicht selbst bestimmen, was ich sehen wollte und was nicht, das lag auf der Hand. Ich hätte Harriet und ihre Brüder nicht herbeiholen können, wenn ich es jetzt versucht hätte. Aber wenn sie sich mir zeigten, würde ich der Begegnung höchstwahrscheinlich nicht ausweichen können. Das Geschehen lag ganz außerhalb meiner Kontrolle.

Andrerseits schienen sie meiner überhaupt nicht gewahr zu sein. In allen Spukgeschichten jedoch, die ich je gehört oder gelesen hatte, hatte immer der ‘Geist’ das Geschehen beherrscht und bestimmt, wem er sich zeigen wollte. Dies hier schien mir ein Spuk von ganz anderer Art zu sein. Zusammenhanglose Szenen aus der Vergangenheit, alle so real, als lebte ich in jenen Momenten wahrhaftig im England des neunzehnten Jahrhunderts.

Warum gerade ich? fragte ich mich immer wieder. Wenn dies alles keinen Sinn hat, keinem bestimmten Zweck dient, warum dann gerade ich? Warum nicht Christine oder Ann oder Albert? Warum nicht William oder Elsie oder Großmutter?

Ich hockte mit hochgezogenen Beinen im Sessel, den Kopf auf den Knien, als mir ein neuer, erschreckender Gedanke kam. Mit einem Ruck richtete ich mich auf und starrte mit zusammengekniffenen Augen auf die ruhig tickende Uhr. Alles läuft in der gleichen zeitlichen Reihenfolge ab wie vor hundert Jahren, dachte ich. Und das kann nur heißen —

Nein! Ich sprang auf. Großmutters Worte fielen mir wieder ein. »Victor Townsend war ein nichtswürdiger Mensch. Manche sagen, er hätte sich der Schwarzen Kunst verschrieben. Andere behaupten, er hätte mit dem Satan selbst in Verbindung gestanden. Nichts in der Welt wird mich dazu bringen, über die unsäglichen Scheußlichkeiten zu sprechen, die dieser Teufel begangen hat. Solange Victor Townsend lebte, machte er den Menschen in diesem Haus das Leben zur Hölle.«

»Nein…«, stöhnte ich.

__________

»Andrea!«

Ich bewegte stumm meinen schmerzenden Kopf hin und her.

»Andrea, Kind!«

Langsam öffnete ich die Augen und sah meiner Großmutter ins Gesicht.

»Andrea, fühlst du dich nicht wohl?«

»Doch, doch — es geht mir gut.«

»Es ist fast zehn«, sagte sie, während ich noch immer in das alte Gesicht blickte, das einmal frisch und schön gewesen war. »Möchtest du aufstehen oder lieber noch eine Weile schlafen?«

Stirnrunzelnd blickte ich an mir hinunter, sah das Nachthemd, das ich anhatte, die Decken, die auf mir lagen. Ich drehte den Kopf zur Seite. Meine Sachen lagen sauber gefaltet auf einem Stuhl.

Wann hatte ich sie ausgezogen?

»Ach, Großmutter…«, sagte ich seufzend und rieb mir die Augen. »Ich habe solche Kopfschmerzen.«

»Armes Kind. Warte, ich hol dir eine Tablette. Bleib ruhig liegen.«

Auf ihren Stock gestützt schlurfte sie zum Büffet und zog die oberste Schublade auf.

Ich dachte an die vergangene Nacht zurück. Ich erinnerte mich an die weinende Harriet, die oben auf dem Bett gelegen hatte, und an ihr Gespräch mit ihren beiden Brüdern. Und ich erinnerte mich, daß ich im Zimmer umhergegangen war und versucht hatte, mir klarzuwerden, was diese Visionen oder Besuche in die Vergangenheit, oder was es sonst war, zu bedeuten hatten. Aber was danach geschehen war, wußte ich nicht mehr. Ich hatte keinerlei Erinnerung daran, mich ausgekleidet und ins Bett gelegt zu haben.

»Hier, Kind.« Mit ihrer schmalen, von der Gicht verkrüppelten Hand reichte sie mir zwei weiße Tabletten und mit der anderen ein Glas Wasser. »Die helfen dir bestimmt.«

»Was ist das?«

»Ein Mittel gegen Kopfschmerzen. Nimm sie.«

»Danke.«

Ich setzte mich auf und schluckte die Tabletten. Es irritierte mich, daß ich mich nicht erinnern konnte, wie ich ins Bett gekommen war, und ich verstand nicht, weshalb ich so starke Kopfschmerzen hatte. Während meine Großmutter in die Küche hinüberging, stand ich müde auf, nahm meine Sachen und ging in den Flur hinaus. Die Kälte traf mich wie ein Schlag ins Gesicht. Fröstelnd stieg ich die Treppe hinauf.

Auf halbem Weg hielt ich inne.

Eine flüchtige Erinnerung blitzte in meinem Gedächtnis auf. Es war das Fragment eines Traums, den ich gehabt hatte. Nur ein Schatten war von ihm geblieben, und sosehr ich mich anstrengte, ihn zu erhellen, es gelang mir nicht. Ich konnte mich nicht an den Traum erinnern. Bis auf jenes eine dürftige Fragment. Es hatte mit dem Kleiderschrank in meinem Schlafzimmer zu tun.

Fröstelnd unter meinem dünnen Nachthemd, stand ich auf der Treppe und kämpfte einen fruchtlosen Kampf mit meinem widerspenstigen Gedächtnis. Irgendwann im Lauf der Nacht hatte ich etwas sehr Seltsames geträumt. Und es war in dem Traum um den Kleiderschrank gegangen.

Ich schüttelte verstimmt den Kopf. Der Traum war verloren und ließ sich nicht zurückholen. Ich stieg die letzten Stufen hinauf und ging ins Badezimmer.

Einige Zeit später trat ich etwas frischer und dank Großmutters Tabletten fast frei von Kopfschmerzen aus dem kalten Badezimmer und ging ins vordere Schlafzimmer. Mein Koffer lag aufgeklappt auf dem Bett, umgeben von Toilettenartikeln, Unterwäsche und frischen T-Shirts. Alles war genauso, wie ich es am Vortag zurückgelassen hatte. Das Zimmer war frühmorgendlich kalt, doch im gedämpften Tageslicht, das durch die Vorhänge fiel, hatte es nichts Unheimliches mehr. Es war nicht mehr als ein altes Schlafzimmer. Das Bettgestell aus Messing war angelaufen und hatte dringend eine Politur nötig. Eine feine Staubschicht bedeckte den Sims über dem Kamin. Die Wände waren feucht, an einigen Stellen blätterte der Anstrich. Der Kleiderschrank war alt und abgenützt.

Der Kleiderschrank.

Ich starrte das schwere Möbelstück aus dunklem Eichenholz so intensiv an, als könnte ich in ihm den verlorenen Traum wiederfinden. Aber nichts geschah. Mir fiel lediglich auf, daß eine der Türen einen Spalt offenstand.

Ich dachte an Harriet, die schluchzend auf dem Bett gelegen und gedroht hatte, sich in den Schrank einzusperren und Hungers zu sterben. Und ich erinnerte mich meiner ersten Nacht hier oben, als ich, nach jenem schrecklich beklemmenden Alptraum, zum Spiegel über den Kamin gesehen und aus irgendeinem Grund von dem Bild, das er wiedergab, gefesselt gewesen war: dem Schrank mit der offenen Tür.

Im kühlen Morgenlicht, das den Schatten keinen Raum ließ, faßte ich Mut und näherte mich dem Kleiderschrank mit einer Mischung aus Neugier und Scheu. Ich griff zur Tür und zog sie langsam auf. Drinnen hingen, wie ich sie aufgehängt hatte, die Blue Jeans und das T-Shirt, die ich auf der Reise getragen hatte. Sonst war nichts zu sehen. Als ich die zweite Tür öffnete, entdeckte ich nur gähnende Leere und ein paar alte Kleiderbügel.

Ein leerer alter Kleiderschrank, sonst nichts.

Ich räumte meine Sachen vom Bett und ging wieder zu meiner Großmutter hinunter.

__________

»So, so«, sagte meine Großmutter, als wir fertig gefrühstückt hatten, »du möchtest einen Spaziergang machen?«

»Ja. Ich möchte ein bißchen raus an die frische Luft.«

Sie blickte zum Fenster hinaus in den klaren blauen Himmel. »Es scheint ein schöner Tag zu sein, aber hier weiß man nie. Der November hat’s in sich, Kind. Es kann jederzeit umschlagen und sich zuziehen.«

»Ich zieh mich warm an, Großmutter. Aber ich brauch ein bißchen frische Luft. Und Onkel Ed und Tante Elsie kommen ja noch nicht so bald.«

Mein Vorhaben schien ihr nicht recht zu passen, aber sie sagte nichts mehr. Ich zog zwei von ihren Wolljacken über mein T-Shirt, zog mir eine Wollmütze über die Ohren und schlang mir einen dicken Schal um den Hals.

»Wohin willst du denn?« fragte sie.

Ich sah durch das Wohnzimmerfenster zu dem großen Feld hinaus, das sich jenseits der Hintergasse leicht gewellt in die Ferne dehnte. »Wohin kommt man da?«

»Das ist Newfeld Heath. Führt an einem Kanal entlang. Da kannst du nicht verlorengehen, wenn du da lang gehst. Geh einfach bis zum Ende der Straße und bieg dann an der Kent Avenue rechts ab. Dann bist du in fünf Minuten draußen auf dem Feld. Aber bleib nicht zu lang aus.«

Sie begleitete mich hinaus, erinnerte mich noch einmal an die Zeit und schloß dann die Tür hinter mir.

Während ich noch auf der kurzen Treppe vor dem Haus stand und die Enden des Schals unter den Kragen meiner Jacke schob, überkam mich ein merkwürdiges Gefühl. Die Sonne lockte, und der kühle Wind in meinem Gesicht war erfrischend, und dennoch zog es mich ins Haus zurück. Ich stieg die erste Stufe hinunter und blieb stehen. Ein Widerstreben erfaßte mich, ein plötzlicher Widerwille, das Haus zu verlassen.

Ich verstand mich selbst nicht mehr. Wieso dieses Zaudern? Vor fünf Minuten noch hatte ich nicht schnell genug aus dem Haus kommen können, und jetzt wäre ich am liebsten umgekehrt. Ich fühlte mich wie von sanfter Gewalt ins Haus zurückgedrängt. Es war beinahe so…

Ich schüttelte den Kopf und stieg entschlossen die Stufen hinunter.

… beinahe so, als wolle das Haus mich nicht gehen lassen.

Hirngespinste, sagte ich mir ärgerlich und marschierte zielstrebig den Gartenweg hinunter zum Tor, öffnete es und trat auf die Straße hinaus. Absurd! Das Haus mich festhalten wollen! Ich lachte etwas künstlich, um mir selbst zu zeigen, wie lächerlich ich mich benahm. Die Nase in den beißenden Wind gerichtet und ohne einen Blick zurückzuwerfen, machte ich mich auf den Weg.

Nach einigen Minuten verlor sich das Gefühl, und ich konnte mich, während ich gemächlich die George Street hinunterging, des frischen Tags und meiner Freiheit freuen. An der Kent Avenue bog ich ab, und ein paar Minuten später hatte ich die Stelle erreicht, wo das Kopfsteinpflaster der Straße in den Wildwuchs des Feldes überging.

Newfeld Heath ist ein brachliegendes Stück Land, das sich über mehr als anderthalb Kilometer an einem Seitenarm des Flusses Mersey entlangzieht. Flecken grünen Grases wechselten mit bemoosten Felsplatten und nackter brauner Erde ab, und überall wucherte üppig stachliger Ginster.

Die Hände tief in den Taschen meiner Jeans, schlug ich den Weg zum Kanal ein, hielt mein Gesicht in die Sonne und atmete tief die glasklare Luft. Es erstaunte mich, wie rasch meine Stimmung sich hob, nachdem ich dem Haus meiner Großmutter entronnen war. Es tat mir unglaublich gut, das bedrückende Unbehagen abschütteln zu können, das es in mir hervorrief, und ich genoß es, eine Weile mit mir und meinen Gedanken allein sein zu können.

Ich hatte gerade zwei Tage und drei Nächte im Haus meiner Großmutter zugebracht, aber es erschien mir wie eine Ewigkeit. Ich konnte nicht verstehen, weshalb ich mich so erschöpft fühlte und irgendwie völlig außer Kontrolle. Ich war nicht mehr Herrin meiner selbst; meine Gefühle, Gedanken, meine Phantasie und selbst mein Körper schienen mir entglitten zu sein.

Ich stapfte durch das Feld und achtete, ganz in mich selbst vertieft, kaum auf meine Umgebung.

Vergeblich suchte ich nach einer einleuchtenden Antwort auf die Frage, was in diesen zwei Tagen hier mit mir geschehen war. Ich mochte es drehen und wenden, wie ich wollte, immer wieder kam ich zu dem Haus zurück. Ganz gleich, in welche Richtung ich meine Gedanken lenkte, ich landete unweigerlich bei dem Schluß, daß das Haus meiner Großmutter eine seltsame und unerklärliche Macht über mich besaß.

Nicht weit vom Kanal blieb ich stehen. Am Ufer vertäut lag ein Hausboot, das sachte auf dem Wasser schaukelte. Die Wäsche, die an Deck aufgehängt war, flatterte im Wind. Zwei Jungen kauerten im Wasser und schlugen mit einem Stock nach irgend etwas.

Ich drehte mich um und blickte zurück zu der langen Reihe völlig gleich aussehender Häuser, die das Feld begrenzte. Die Gartentüren waren rostig, die Backsteinmauern an vielen Stellen abge-bröckelt. Welches der Häuser war das meiner Großmutter? Und was war der Grund für diese besondere, geheimnisumwitterte Atmosphäre, die es ausstrahlte? Es war beinahe so, als atmete es, als lebte etwas in ihm — etwas Unsichtbares…

Ich nahm meinen Weg wieder auf, und während ich automatisch einen Fuß vor den anderen setzte, dachte ich an meine Großmutter. Ich sah ihr Gesicht vor mir, das verwirrende Wechselspiel ihrer Züge, die sich bald jung und schön zeigten und im nächsten Moment schon wieder alt und alltäglich; bald frisch und strahlend und gleich wieder verbraucht. Ich bewunderte ihre Kraft, ihre Fähigkeit, ganz allein mit dem Leben fertigzuwerden, ihren Mut, den Kampf aufzunehmen, obwohl ihr das gerade jetzt besonders schwerfallen mußte, da der Mensch, mit dem sie zweiundsechzig Jahre ihres Lebens verbracht hatte, sie allein gelassen hatte.

Ich stemmte mich mit vorgezogenen Schultern gegen den kalten Wind. Er war erfrischend und belebend. Und Großmutters Tabletten hatten die Kopfschmerzen vertrieben.

Wie mochte es sein, zweiundsechzig Jahre lang mit demselben Mann zusammenzuleben? Ich dachte an Doug, an unsere erste gemeinsame Nacht und unsere letzte. Meine Großeltern hatten zweiundsechzig Jahre zusammengelebt, bis der Krankenwagen meinen Großvater fortgebracht hatte. Doug und ich hatten sechs Monate zusammengelebt, bis ich Schluß gemacht hatte.

»Du bekommst Angst, Andi«, hatte Doug an unserem letzten Abend zu mir gesagt. »Du spürst, daß eine Beziehung zu tief geht, daß sie zu ernst wird, und du kriegst Angst. Und darum steigst du aus. Du machst der Beziehung ein Ende, ehe sie so dicht wird, daß sie dir Schmerz bereiten kann. Du willst den Schmerz vermeiden.« »Will das nicht jeder?« hatte ich entgegnet.

»Sicher. Aber woher weißt du, daß Schmerz auf dich wartet? Ich liebe dich und ich glaube, daß du mich auch liebst, auch wenn du es nie gesagt hast. Wovor hast du solche Angst?«

Als ich vor vier Tagen in die Maschine nach London gestiegen war, hatte ich es mit der Überzeugung getan, daß meine Entscheidung, mich von Doug zu trennen, richtig gewesen war. Er hatte die richtige Diagnose gestellt: Ich wollte nicht die tiefe Verbundenheit, die er suchte. Ich wollte weder Heirat noch Familie. Ich wollte frei und ungebunden sein.

Genau diese Worte hatte ich gebraucht, als ich ihm meinen Entschluß mitgeteilt hatte. »Frei und ungebunden.«

»Und wo bleibt die Liebe?« hatte Doug gefragt.

»Die Liebe hat damit nichts zu tun«, entgegnete ich. »Ich spreche von Freiheit. Ich will mich nicht festlegen. Ich will mich nicht binden.«

Und er sagte: »Wovor hast du Angst?«

Das Gespräch hatte unbefriedigend und mit Bitterkeit geendet. Ich hatte eine kühle, sachliche Trennung gewollt. Ich hatte versucht, ihm mein Bedürfnis nach Freiheit begreiflich zu machen, er jedoch hatte nur von Liebe und Angst gesprochen. Als hätten diese beiden Dinge etwas mit dem zu tun, was ich ihm hatte klarmachen wollen.

Nach sechs aufregenden, glücklichen Monaten hatten wir uns zum erstenmal gestritten. Es wurde keine Trennung, wie ich sie gewünscht hatte. Unglücklich, bitter und in innerem Aufruhr waren wir auseinandergegangen. Die Reise nach England, hatte ich gehofft, würde mir Gelegenheit geben, Abstand zu gewinnen, mit mir ins reine zu kommen und meine Gefühle unter Kontrolle zu bringen.

Aber das war, wie es schien, eine Illusion gewesen.

Wieder blieb ich stehen und sah blinzelnd zum blendend blauen Himmel auf, an dem weiße Federwölkchen dahintrieben. Wie merkwürdig, hier zu stehen, so weit von zu Hause, und zu denken, daß ich hier zur Welt gekommen war; daß hier meine Anfänge waren.

»Du hast keine Wurzeln«, hatte Doug an unserem letzten Abend gesagt, und das vertraute Lächeln war einem Ausdruck gewichen, den ich vorher nie an ihm gesehen hatte. »Du hast keine Wurzeln, und du hast Angst davor, Wurzeln zu fassen. Keine Vergangenheit, keine Zukunft, Andi. Du bist so künstlich und hohl wie die Stadt, in der du lebst.«

Und so hatte es geendet. Wo war die Autonomie, auf die ich immer so stolz gewesen war? Wo waren die Willensstärke und der eigene Sinn, auf die ich mich immer hatte verlassen können? Ich hatte schon früher Beziehungen beendet und war über sie hinweggekommen. Warum konnte ich mich aus dieser nicht befreien?

Meine Wangen brannten im rauhen Wind, während ich wieder zu den Rückfronten der Häuser hinüberblickte, die das Feld säumten. Eines von ihnen das meiner Großmutter. Bei der Erinnerung an Doug und seine Frage, wovor ich Angst hätte, fiel mir etwas ein, das Großmutter zu mir gesagt hatte. »Dein Großvater lebte in der ständigen Angst, Victor Townsends schreckliches Erbe könnte in einem seiner Enkelkinder wieder lebendig werden.«

Ich fröstelte ein wenig, zog die Wolljacke fester um mich und machte mich auf den Rückweg zur Kent Avenue. Jetzt, da ich dem Haus eine Weile fern und mit mir selbst allein gewesen war, erkannte ich, daß all das Unheimliche, das mich in den letzten Tagen bedrückt hatte, nur Einbildung gewesen war, ein Produkt meiner überreizten Nerven. Blicke in die Vergangenheit — absurd! Das waren Träume gewesen. Ich war eingeschlafen, ohne es zu merken. Ich mußte mich nur an das Haus gewöhnen, dann würde ich mich in ihm so wohl fühlen wie meine Verwandten, und die Halluzinationen würden aufhören.

Aber kaum betrat ich das Haus, senkte sich wieder das Gefühl der Beklemmung über mich, hüllte mich ein wie ein dunkler Schleier, schnürte mich ein, daß mir der Atem stockte.

»Großmutter«, wollte ich rufen, aber meine Stimme gehorchte mir nicht. Ich lehnte mich an den Pfosten der Haustür und starrte in den düsteren Flur, unfähig, mich zu bewegen.

Nach einer langen Zeit, wie mir schien, wurde die Wohnzimmertür geöffnet, und freundliches Licht fiel auf den abgetretenen Teppich.

»Wieder da, Kind?« hörte ich meine Großmutter rufen. »Ich dachte mir doch, daß ich die Tür gehört habe. Komm herein. Elsie und Ed werden bald kommen, um dich abzuholen.«

Niedergeschlagen, daß es mir doch nicht gelungen war, mich gegen die unheimliche Atmosphäre dieses Hauses zu feien, folgte ich meiner Großmutter ins Wohnzimmer, legte die dicken Kleider ab und ging zum Kamin.

»Muß kalt sein draußen«, sagte meine Großmutter auf dem Weg in die Küche. »Du bist ganz rotgefroren. Du solltest noch etwas Warmes zu dir nehmen, ehe du wieder hinausgehst. Ich hol dir ein Glas von meinem Kirschlikör.«

»Wenn ich ehrlich sein soll, war mir ein Brandy lieber, Großmutter«, rief ich ihr nach.

»Tut mir leid«, gab sie zurück, »aber Brandy hab ich nicht im Haus.«

»Aber natürlich!« widersprach ich kopfschüttelnd über die Vergeßlichkeit des Alters und ging zur Vitrine.

Ich sah das alte Teeservice und die in Leder gebundenen Bücher, und da fiel es mir ein. Den Brandy hatte es damals gegeben. Ich drehte mich hastig um und sah meine Großmutter in der Küche verschwinden. Mir wurde ganz heiß im Gesicht. Begann ich schon, Illusion mit Wirklichkeit zu verwechseln? Eine erschreckende Vorstellung.

Als Großmutter wieder ins Zimmer kam, stand ich immer noch bei der Vitrine. Sicherlich verriet mein Gesicht meinen Schrecken, aber sie bemerkte es nicht. Sie reichte mir das Glas mit dem gewärmten Likör und wandte sich von mir ab.

Ich war erleichtert, als Elsie und Ed kamen. Sie waren die Gegenwart und die Vernunft. Ich mußte fort aus diesem Haus und dem Bannkreis seines unheimlichen Einflusses auf mich.

Als wir im Flur in unsere Mäntel schlüpften, sagte Elsie: »Pack dich nur richtig ein, Andrea. Wir bekommen schlechtes Wetter. Im Westen sieht’s nach Regen aus. Hoffentlich gibt es keinen Sturm.«

__________

Mein Großvater saß aufrecht im Bett, als wir kamen. Seine Augen waren weit geöffnet, und er wirkte etwas wacher als die letzten Male.

»Hallo, Dad«, sagte Elsie und nahm ihren gewohnten Platz ein.

»Ich hab heute eine Überraschung für dich. Schau mal!« Sie nahm eine grün-goldene Dose aus ihrer großen Handtasche. »Sirup. Für den Nachmittagstee.«

Mein Großvater lächelte beglückt.

Ed, immer sanft und zurückhaltend, fragte gedämpft: »Fühlst du dich heute ein bißchen besser?«

Mein Großvater nickte, als hätte er verstanden. Dann wandte er sich ganz überraschend mir zu. Mir wurde unbehaglich unter seinem Blick. Seine Augen waren so umflort, ihr Ausdruck so unergründlich, daß unmöglich zu erkennen war, was in ihm vorging.

Vielleicht hatte er sich in meine Richtung gewendet, weil er das Scharren meines Stuhls gehört hatte. Vielleicht war es einfach seine Gewohnheit, erst nach dieser, dann nach jener Seite zu sehen. Ganz gleich, als er mich ansprach, war ich überrascht.

»Ruth? Du bist also wieder da, hm?«

»Ja, Großvater, ich bin hier.« Vorsichtig griff ich nach seiner mageren, von Altersflecken übersäten Hand und tätschelte sie leicht.

»Ruth? Du bist also wieder da, hm?«

Elsie beugte sich über das Bett und sagte laut: »Das ist Andrea, Dad. Ruth ist in Los Angeles.«

Er nickte und lächelte selig wie ein Kind. »Ja, ich weiß. Das ist unsere Ruth, ja, ja.«

Elsie wollte erneut widersprechen, doch ehe sie etwas sagen konnte, kam eine der Schwestern, blieb am Fußende des Bettes stehen und betrachtete meinen Großvater mit gespielter Mißbilligung. »Er will einfach nicht auf die Beine«, sagte sie zu Elsie und Ed. »Er will einfach nicht aufstehen und gehen. Stimmt’s, Mr. Townsend?«

Mein Großvater nickte, ohne den Blick von mir zu wenden.

»Die Schwester redet mit dir, Dad, nicht mit Andrea«, sagte Elsie.

Er drehte den Kopf und sah seine Tochter an. Das Lächeln blieb unverändert, die Augen schienen blicklos.

»Die Schwester hat gesagt, daß du nicht gehen willst. Der Doktor möchte, daß du aufstehst und versuchst zu gehen. Wie willst du denn nach Hause zu Mama, wenn du nicht gehen kannst?«

Mein Großvater nickte ihr lächelnd zu, und Elsie wandte sich achselzuckend zur Schwester. »Er kann uns heute überhaupt nicht folgen, nicht?«

»Ach Gott«, meinte die Schwester, »es ist mal so, mal so mit ihm. Spät abends ist er immer sehr wach. Da spricht er so viel, daß wir ihn gar nicht zum Schweigen bringen können.«

Elsies Gesicht zeigte Besorgnis. »Spricht er wirr?«

»Das weiß ich nicht so recht. Ich verstehe meistens nicht, was er meint, aber Sie würden vielleicht wissen, wovon er spricht. Er unterhält sich mit Leuten, die nicht hier sind.«

Ich spitzte die Ohren, als ich das hörte, und richtete meine Aufmerksamkeit auf die Schwester. Sie war schon älter und trug einen dunkelblauen Kittel.

»Mit wem unterhält er sich denn?« fragte ich.

Elsie sagte: »Das ist meine Nichte aus Amerika. Die Tochter meiner Schwester. Als sie hörte, daß ihr Großvater krank ist, kam sie extra hergeflogen.«

»Können Sie mir sagen, mit wem er spricht, Schwester?«

»Nein, ich hab keine Ahnung. Was er sagt, ergibt keinen Sinn.«

»Hat er Namen genannt?«

»Andrea, was soll das?« fragte Elsie.

Ungeduldig über die Unterbrechung antwortete ich: »Ach, nichts, Tante Elsie. Ich dachte nur — er hätte vielleicht Mutters Namen erwähnt. Oder mit ihr gesprochen, weil er glaubte, sie sei hier. Dann hätte ich ihr vielleicht etwas von ihm ausrichten können, wenn ich wieder zu Hause bin.«

»Nein, mit Frauen spricht er nie«, warf die Schwester ein. »Einen Frauennamen hab ich nie von ihm gehört. Er spricht immer nur mit einem Mann.«

»Und hat er nie einen Namen genannt?« fragte ich wieder.

»Da muß ich erst mal überlegen. Er führt richtige Gespräche, wissen Sie. Meistens dreht sich’s um Pferderennen. Er bildet sich ein, daß er eine Wette placiert, verstehen Sie. Oder er bestellt ein Glas Bier. Aber Namen — warten Sie mal.« Sie rieb sich nachdenklich die Wange.

Ich rutschte gespannt bis zur äußersten Stuhlkante.

Endlich schnalzte sie mit dem Finger und sagte: »Ja, an einen erinnere ich mich. Erst neulich abend hat er ihn genannt. Und gestern abend auch wieder. Er redete mit einem Victor. Ja, genau. Victor.«

Ich rutschte auf meinem Stuhl wieder nach hinten.

»Victor!« wiederholte Elsie. »Großvater hat nie einen Victor gekannt. Das muß er sich ausgedacht haben.«

»Sicher«, meinte die Schwester und machte Anstalten zu gehen. »Das tun sie hier fast alle. Erfinden sich unsichtbare Besucher.«

Während sie zum nächsten Bett trat und sich über den dort liegenden Patienten beugte, starrte ich auf ihren kräftigen Rücken und dachte, er hat Victor auch gesehen.

6

Der Abend war endlos. Ich wurde von einer Ungeduld gequält, die ich mir nicht erklären konnte. Es war, als hätte sich alles Erleben des Tages in mir gestaut und drängte zu einer Explosion, die ich fürchtete. Den ganzen Tag hatte mich die schattenhafte Erinnerung an den Traum von dem alten Kleiderschrank verfolgt; der Zwischenfall mit dem Brandy, den ich gern als trivial und bedeutungslos abgetan hätte, war mir immer wieder durch den Kopf gegangen, nagende Erinnerung, daß ich einen Moment lang zwischen die Zeiten geraten war. Und dann hatte ich auch noch hören müssen, daß mein Großvater Abend für Abend mit seinem Vater sprach. Diese Neuigkeit hatte vielleicht den beunruhigendsten Eindruck hinterlassen.

Während ich jetzt am Kamin saß und dem Klappern der Stricknadeln in den Händen meiner Großmutter zuhörte, rief ich mir das Gespräch im Wagen auf der Heimfahrt ins Gedächtnis.

»Da scheint Dad sich tatsächlich eine Person ausgedacht zu haben, die ihn regelmäßig abends besucht«, hatte Elsie zu Ed und mir gesagt. »Wie die Kinder, die sich einen unsichtbaren Spielgefährten erfinden.«

»Ich glaube nicht, daß die Person erfunden ist, Tante Elsie«, hatte ich widersprochen.

»Wieso? Wie meinst du das?«

»Ich glaube, Großvater hat vielleicht die Vorstellung, daß sein Vater ihn besucht.«

»Sein Vater?« Elsie riß die Augen auf. »Du lieber Gott! Ich glaube, du hast recht, Andrea. Hieß Dads Vater nicht Victor? Victor Townsend, natürlich, ich erinnere mich.« Sie drehte sich nach mir um. »Aber Dad hat seinen Vater nie gekannt, Andrea. Soviel ich weiß, ließ er seine Frau sitzen und verschwand, ehe Dad geboren wurde.«

Ich zuckte nur die Achseln. Der kleine Wagen rumpelte über das Kopfsteinpflaster, und ich starrte zum Fenster hinaus, ohne etwas wahrzunehmen. »Vielleicht hat er ihm einen Körper und ein Gesicht gegeben, um mit ihm sprechen zu können«, sagte ich.

Meine Vermutung überzeugte Elsie, doch, mich überzeugte sie nicht. Eingedenk meiner seltsamen Erlebnisse in den vergangenen drei Tagen konnte ich den Gedanken, daß mein Großvater seinen Vater vielleicht wirklich gesehen hatte, nicht von der Hand weisen.

Das war das Beunruhigende. So einfach war es heute morgen auf dem Newfeld Heath gewesen, über meine ‘Träume’ zu lachen, das Melodram der vergangenen Nacht als Hirngespinst abzutun, Ausgeburt einer durch Zeitverschiebung und Kulturschock überreizten Phantasie, daß der Gedanke, meine ersten Ahnungen könnten vielleicht doch richtig gewesen sein, ich könnte tatsächlich einen Blick in die Vergangenheit getan haben, nun um so alarmierender war.

Nach dem Abendessen hatte Großmutter ihr Strickzeug herausgeholt, und ich hatte mich mit Block und Kugelschreiber ans Gasfeuer gesetzt, um nach Hause zu schreiben. Aber ich hatte mich nicht konzentrieren können; unaufhörlich kreisten meine Gedanken um das Geheimnis dieses alten Hauses und um die Frage, ob in dieser Nacht wieder etwas geschehen würde. Gegen neun war ich so rastlos, daß ich kaum noch ruhig sitzen konnte.

»Weißt du nicht ein paar lustige Geschichten, Andrea?« fragte Großmutter unerwartet.

Ich sah von meinem leeren Block auf. »Wie meinst du das?«

»Na, du weißt schon, etwas zum Lachen. Witze.« Sie hob den Kopf und sah mich über die Ränder ihrer Brillengläser an, ohne zu stricken aufzuhören. »Weißt du nicht ein paar gute Witze?«

»Ach so — hm…« Ich überlegte. »So auf Anhieb fällt mir nichts ein…«

»So geht’s mir auch immer. Ich kann mir wirklich keinen Witz merken. Kaum höre ich ihn, schon hab ich ihn vergessen.« Sie senkte den Blick wieder auf ihr Strickzeug. »Dein Onkel William, der konnte immer herrlich Witze erzählen, schon als kleiner Junge. Er muß das von meiner Familie haben. Ich glaub, bei den Townsends war’s mit dem Humor nicht so weit her. Wie soll man auch lachen, wenn man ständig unglücklich ist?«

Meine Gedanken wären gern ihre eigenen Wege gegangen, und es kostete mich Anstrengung, Großmutter und der Gegenwart meine Aufmerksamkeit zu geben. Sie sprach langsam, im Takt mit dem gleichmäßigen Klappern ihrer Nadeln. Ihre Hände bewegten sich flink, hielten nur gelegentlich inne, wenn sie etwas mehr Wolle vom Knäuel zog.

»Deine Mutter schrieb mir oft, dein Bruder hätte den Humor der Dobsons mitbekommen. So Familienähnlichkeiten sind schon was Eigenartiges, nicht? Du brauchst dich nur selber anzuschauen, Andrea. Du bist deinem Großvater fast wie aus dem Gesicht geschnitten. Natürlich kannst du das jetzt nicht mehr erkennen, weil er so alt ist. Aber als er ein junger Mann war… Also, ich hab gleich gesehen, daß du ihm nachgerätst. Dem Aussehen nach bist du eine richtige Townsend.«

Während sie sprach, sah ich zur Uhr auf dem Kaminsims. Sie tickte nicht mehr. Ich saß wie erstarrt, die Finger so fest in die Armlehnen des Sessels gedrückt, daß sie mir wehtaten.

»Ein Glück, daß du nur das Aussehen von den Townsends geerbt hast«, fuhr Großmutter fort.

Ihre Stimme klang plötzlich gedämpft, wie durch Watte. Obwohl ich mich an die Sessellehnen klammerte, spürte ich, wie das Zimmer schwankte und sich um mich zu drehen begann. Großmutter verschwamm vor meinem Blick. Ihre Stimme wurde immer schwächer, und bald konnte ich nur noch die Bewegungen ihrer Lippen sehen, ohne zu hören, was sie sprach. Ein kalter Lufthauch wehte ins Zimmer, Schatten tanzten an den Wänden. Ich starrte ungläubig meine Großmutter an, die ruhig in ihrem Sessel saß und schwatzte und strickte, während das ganze Zimmer in wilder Bewegung war und immer kälter wurde.

Der kalte Wind blies heftiger. Ich sah jetzt unbestimmte Gestalten aus den Wänden hervortreten. Sie umkreisten mich, kamen und gingen wie die Figuren eines Karussells. Sie wurden groß und schrumpften wieder, sie drängten zu mir und zogen sich wieder zurück, und die ganze Zeit drehte sich das Wohnzimmer schwankend um mich wie in einem verrückten Tanz.

Ich sah mich im Sog eines gewaltigen Strudels, der mich immer tiefer in sich hineinzog. Der Schweiß brach mir aus allen Poren, Schwindel und Übelkeit überwältigten mich. Wie eine Ertrinkende klammerte ich mich an den Sessel, und dennoch fiel ich taumelnd immer tiefer, hinunter in den Abgrund.

Die dunklen Gestalten drängten sich dichter um mich, umringten wie wartend meinen Sessel, während die Gefühle von Schwindel und Übelkeit immer stärker wurden. Ich wollte sprechen, nach meiner Großmutter rufen, aber sie war jetzt weit weg von mir — eine winzige Frauengestalt, die am anderen Ende dieses ungeheuer großen Raums in einem winzigen Sessel saß und strickte. Ich wußte, daß sie mich nicht hören würde.

Als die Schatten schließlich so nahe waren, daß ich glaubte, sie würden mich berührten, verschmolzen sie alle zu undurchdringlicher Schwärze, die sich wie ein erstickendes Tuch über mich legte.

__________

Als ich die Augen öffnete, sah ich als erstes, daß das Zimmer ruhig geworden war. Der wilde Tanz hatte aufgehört. Blinzelnd sah ich mich um. Alles war so wie immer, nichts hatte sich verändert. Mir gegenüber saß meine Großmutter, strickend und schwatzend. Neben uns war das Gasfeuer im offenen Kamin. Und auf dem Sims tickte die Uhr. Es war gerade fünf Minuten nach neun.

»Habt ihr auch etwas davon mitbekommen?« fragte meine Großmutter, ohne aufzublicken.

»Ich — wovon?« Ich wischte mir mit der Hand den Schweiß von der Stirn. Mein T-Shirt war feucht.

»Von den Jubiläumsfeierlichkeiten für die Königin. Haben sie die bei euch im Fernsehen gezeigt?« Großmutter sah auf. »Es würde mich interessieren, was du — Andrea, was ist denn? Geht’s dir nicht gut?«

»Doch, doch… Ich hab — ich war nur eingeschlafen. Darum habe ich dich nicht gehört.«

»Das macht doch nichts, Kind. Wir haben morgen noch Zeit genug zum Schwatzen. Es ist sowieso Zeit, schlafen zu gehen.«

Verzweifelt sah ich zu, wie sie schwerfällig aufstand. Ich wollte ihr sagen, was mir geschehen war, wollte mich samt meinen Ängsten ihr anvertrauen. Aber meine Zunge gehorchte mir nicht. Ich konnte nur dasitzen und sie stumm anstarren. Sie packte ihr Strickzeug weg, hängte den Beutel über die Sessellehne und kam zu mir, um mir einen Kuß auf die Wange zu geben.

»Es ist schön, daß du da bist«, sagte sie leise. »Gott segne dich dafür, daß du gekommen bist.«

»Gute Nacht, Großmutter«, sagte ich schwach.

»Gute Nacht, Kind. Du weißt, wie du das Gas höher drehen kannst, falls du frieren solltest?«

»Ja.« Ich stand auf und ging mit ihr bis zur Tür. Als sie draußen war, schloß ich die Tür fest hinter ihr und lehnte mich erschöpft dagegen, das Gesicht an das kalte Holz gedrückt.

Ich konnte nicht begreifen, was mir da eben geschehen war; was diesen beängstigenden Aufruhr verursacht hatte. Es war, als wäre ich in einen Zusammenprall der Zeiten geraten, als hätten sie zurückkommen wollen und wären, vielleicht durch die Anwesenheit meiner Großmutter, daran gehindert worden, so daß, wie bei einem rasch strömenden Fluß, dem sich plötzlich ein Damm entgegenstellt, ein Rückstau mit tausend Wirbeln und Strudeln entstanden war, in die ich hineingerissen worden war.

Mir war immer noch übel von den rasenden Kreisbewegungen, und meine Beine waren so schwach, daß ich fürchtete, ich würde nicht einmal den Weg zum Sessel zurück schaffen. Jetzt, da die Kälte aus dem Zimmer gewichen war, war mir noch heißer als zuvor, und mein Gesicht brannte wie im Fieber. Als ich mich von der Tür abwandte, um zum Kamin zu gehen und das Gas herunterzudrehen, fand ich mich unversehens John Townsend gegenüber.

Mit einem unterdrückten Aufschrei wich ich zur Tür zurück. Er rührte sich nicht. Mit einem Glas Brandy in der Hand stand er in der Mitte des Zimmers und sah immer wieder auf die Uhr. Er schien ungeduldig zu sein, als erwarte er jemanden.

Und welches Jahr haben wir jetzt? fragte ich mich, das Gesicht glühend heiß vom prasselnden Feuer, das im Kamin brannte. Die Scheite waren hoch aufgeschichtet und leuchteten weiß und rot im Spiel der Flammen, die bis in den Abzug hinauf loderten. Im Widerschein des flackernden Feuers wirkten Johns eigentlich weiche und sanfte Gesichtszüge schroffer als sonst. Sein Haar, das nicht so dunkel war wie Victors, hatte den Glanz polierter Kastanien, und in den warmen braunen Augen schimmerte es golden.

Ich war erstaunt, daß ich überhaupt keine Furcht verspürte, nur Neugier, was ich diesmal erleben würde. Das Zimmer sah aus wie am Abend zuvor; nichts hatte sich, soweit ich sehen konnte, inzwischen verändert. In der Vitrine standen dieselben Nippessachen, die Möbel wirkten neu, die Tapete war noch sauber und hell.

Als John plötzlich den Kopf hob und mich direkt ansah, stockte mir der Atem.

»Wo bist du gewesen?« fragte er ärgerlich.

Ich drehte den Kopf zur Seite und sah zu meiner Verblüffung Harriet neben mir stehen. Wie sie hereingekommen war, war mir schleierhaft, da ich doch immer noch an der Tür lehnte. Und dennoch stand sie neben mir, ein junges Mädchen aus Fleisch und Blut, das hätte ich schwören können. Sie war ein wenig älter als das letzte Mal, als ich sie gesehen hatte — fünfzehn, vielleicht sogar sechzehn, und der Schnitt ihres Kleides mit den Puffärmeln verriet mir, daß sich die Mode inzwischen geändert hatte.

»Eben war der Postbote hier«, sagte sie, und ihre Stimme klang so klar und deutlich, als hätte sie in der Tat direkt an meiner Seite gestanden. »Victor hat geschrieben.«

Ihr Gesicht und die Bewegungen ihrer Hände verrieten eine eigentümliche Erregung, aber ich hatte den Eindruck, daß John sie nicht bemerkte. Harriet hielt sich sehr steif und gerade, ihre Gesten wirkten abgehackt, und sie sprach, als hätte sie Mühe, ihre Stimme zu beherrschen.

»Victor? Gib mir den Brief.«

»Er ist an Vater adressiert.«

»Ich lese ihn vorher. Komm, Harriet, gib her.«

Sie ging zu ihm und reichte ihm den Brief. Mir fiel auf, daß sie gleichzeitig mit der anderen Hand eine Bewegung machte, sie verstohlen hinter ihren gebauschten Rock schob und dabei den Körper ein klein wenig drehte, als wolle sie etwas vor ihrem Bruder verbergen.

Dann sah ich es. In der anderen Hand hielt sie einen zweiten Brief, den sie jetzt, als John den Blick auf Victors Schreiben richtete, hastig in eine Tasche ihres Rocks schob.

»Was schreibt er?« fragte sie ein wenig zu laut.

John las schweigend weiter, dann reichte er Harriet den Brief. »Hier, lies selbst. Schreibst du ihm, Harriet?«

»Natürlich. Wenn es schon von euch keiner tut.« Sie nahm den Brief und las begierig. »Ach, John!« rief sie dann bestürzt. » Er will nach Edinburgh gehen.«

»Nur wegen dieses Lister«, sagte ihr Bruder und wandte sich zum Feuer. »Wegen dieses Emporkömmlings.«

»Mr. Lister ist ein großartiger Arzt, John. Er hat die Königin betreut, als sie sich der Armoperation unterziehen mußte. Er ist kein Emporkömmling.«

»Vor zehn Jahren war man in London noch bereit, ihn fallenzulassen, falls du dich erinnerst, wegen seiner Befürwortung der Vivisektion und der Unverschämtheit, die er sich der medizinischen Fakultät gegenüber erlaubte. Er hat das King’s College praktisch als mittelalterlich bezeichnet.«

»Dazu kann ich nichts sagen, John, aber diesem Brief nach zu urteilen hat Mr. Lister Victor davon überzeugt, daß es für ihn das beste sein wird, nach Schottland zu gehen.«

»Und außerdem ist er Atheist.«

Harriet schüttelte den Kopf, während sie weiterlas. »Mr. Lister ist Quäker, John. Nur weil man nicht der englischen Staatskirche angehört, ist man noch lange kein Atheist. Oh, aber hier schreibt Victor von Experimenten. Von Forschung!« Entsetzt sah sie John an. »Ich dachte, er wollte Arzt werden, nicht Wissenschaftler.«

»Heutzutage gibt es da kaum noch einen Unterschied. Glaub mir, Harriet, Victor weiß nicht, was er will. Wenn du mich fragst, diese ganze Karbolsäure hat ihm das Hirn vergiftet.«

»Aber John!« Sie sah wieder auf den Brief. »Er schreibt, daß er schon eine Anstellung hat und ein gutes Gehalt bekommen wird.«

John verschränkte mit geringschätziger Miene die Arme und lehnte sich an den Kaminsims. »Wird auch langsam Zeit. Er lebt jetzt immerhin seit drei Jahren von der Krone. Während ich in dem verflixten Stahlwerk schufte, hol’s der Teufel. Victor hatte immer schon einen Größenwahn. Ich glaube, er sieht sich bereits als zweiter Louis Pasteur.«

»Aber wäre es nicht wunderbar, wenn er ein Heilmittel gegen eine Krankheit finden würde, gegen die es bisher nichts gibt, John? Die Cholera zum Beispiel.«

»Jetzt verteidigst du ihn plötzlich. Entschließ dich endlich — willst du, daß er nach Schottland geht, oder willst du, daß er heimkommt?«

Sie ließ die Hand mit dem Brief sinken und seufzte. »Ich weiß es ja selbst nicht. Ich hatte gehofft, er würde nach Warrington zurückkommen und sich hier niederlassen. Aber wenn er in Schottland glücklicher ist —«

»Wer kann in dem gottverlassenen Land glücklich sein?«

Harriet drehte sich plötzlich um, als hätte sie ein Geräusch gehört. »Ich glaube, der Fotograf ist hier. Ich sag Mutter Bescheid.«

Sie lief aus dem Wohnzimmer in die Küche, aus der sie gleich darauf mit einer älteren Frau zurückkehrte. Mrs. Townsend, Victors Mutter, war eine stattliche Frau mit wogendem Busen. Ich dachte bei ihrem Anblick und ihren Bewegungen unwillkürlich an eine Dampfwalze. Sie trug ein schwarzes Kleid mit hohem Kragen und einer voluminösen Turnüre. Das Gesicht der Frau wirkte hart. Ihm fehlte jeder Reiz, und sie tat offensichtlich nichts, um es zu verschönern. Auf dem zum Knoten gedrehten vollen Haar saß ein kleines weißes Häubchen, das ihr das Aussehen einer Königin Victoria in Übergröße verlieh.

Ich hörte stolpernde Schritte und lautes Poltern an meiner Seite, und als ich den Kopf drehte, sah ich den Fotografen eintreten, einen maulwurfsähnlichen Mann mit buschigem Schnurrbart und ölgeglättetem Haar. Ächzend und stöhnend schleppte er mehrere unhandliche Kästen ins Wohnzimmer.

»Sie sind sehr pünktlich, Mr. Cameron«, sagte Mrs. Townsend lobend. »Mein Mann wird sofort herunterkommen.«

»Wir werden gleich alles vorbereitet haben, Madam. Heimporträts sind mein Geschäft, da habe ich Übung im schnellen Aufstellen der Geräte.«

Gemeinsam sahen wir zu, wie Mr. Cameron flink wie ein Wiesel seine Geräte in der Mitte des Zimmers aufstellte. Erst kam das dreibeinige Stativ, dann folgte die ziehharmonikaähnliche Kamera mit dem weit herabfallenden schwarzen Tuch. Nachdem er den Apparat auf dem Stativ befestigt hatte, klappte er einen zweiten Kasten auf, der Holzkassetten, Metallplatten und viele sauber etikettierte Flaschen enthielt. Mit Johns Hilfe rückte er dann das Sofa von der Wand weg und stellte seinen Fotoapparat ein.

»Wenn die Herrschaften sich jetzt bitte hinter dem Sofa aufstellen würden? Das Plakat gibt einen schönen Hintergrund ab. Es stammt wohl von der großen Ausstellung?«

»Ich höre meinen Mann kommen«, sagte Mrs. Townsend, während sie sich mit ihren voluminösen Röcken etwas mühsam in den kleinen Raum hinter dem Sofa zwängte.

Ich drehte mich gerade rechtzeitig um, um Victors Vater eintreten zu sehen, einen großen, schweren Mann, der noch dabei war, seinen steifen Kragen zu knöpfen. Er wirkte streng und furchterregend in seiner schwarzen Kleidung. Selbst das Halstuch unter dem weißen Kragen war schwarz. Das Auffallendste an seinem Gesicht waren der breit ausladende, steif gezwirbelte Schnauzbart, der wie aus Holz geschnitzt aussah, und die tiefe Furche zwischen den dunklen Augenbrauen. Es konnte keinen Zweifel daran geben, daß dies Victors Vater war, ein gutaussehender und imposanter Mann. »Dann mal los«, sagte er mit dröhnender Stimme in kaum verständlichem Londoner Cockney.

Die Familie stellte sich in Positur — Harriet und John vorn, die Eltern hinter ihnen, jedoch so postiert, daß keiner den anderen verdeckte. Hinter der Gruppe prangte farbenfroh das Reklameplakat von ‘Wylde’s Großem Globus’, der angeblich ein ‘Wunder moderner Zeiten’ war, fast zwanzig Meter im Durchmesser maß und zahlreiche Ausstellungsräume vorweisen konnte, so daß eine Besichtigung mehrere Stunden in Anspruch nahm. Das Plakat trug kein Datum, doch ich vermutete, daß es eine Erinnerung an glückliche Stunden war.

Mr. Cameron arbeitete schnell und geschickt, tauchte unter das schwarze Tuch, sprang wieder darunter hervor, bis er endlich mit der Schärfeneinstellung des Apparats zufrieden war. Dann schob er zwei Platten in den Apparat, tauchte ein letztes Mal unter das schwarze Tuch und sagte: »Ich lösche jetzt die Lichter. Bitte rühren Sie sich nicht. Bleiben Sie genauso, wie Sie sind. Keine — Bewegung jetzt…«

Nachdem Mr. Cameron eine genau bemessene Menge Magnesium in den Metallbehälter gestreut hatte, den er in einer Hand hielt, drehte er die Gaslampen herunter, bis der Raum fast im Dunkeln lag. Im schwachen Lichtschein, der sich zwischen den Vorhängen hindurchstahl, konnte ich sehen, wie er den Deckel vom Objektiv nahm, die Holzkassette aus der Kamera schob, ein Schwefelholz anriß und das Magnesiumpulver entzündete. Es gab einen hellen Blitz, dann erfüllte dichter, beißender Rauch das Zimmer. Die Townsends hüstelten ein wenig. Mr. Cameron drückte rasch den Deckel wieder auf das Objektiv, schob die Holzkassette wieder über die Kupferplatte und machte Licht.

Die vier hinter dem Sofa wischten sich Aschestäubchen mit Ärmeln und Taschentüchern von den Gesichtern, während Mr. Cameron die Kassette herumdrehte und noch einmal Pulver in den Metallbehälter gab.

»Noch eine Aufnahme, wenn die Herrschaften gestatten, damit wir sicher sein können, daß es gelingt. Ich glaube, bei der ersten haben sie alle die Augen zugekniffen. Bitte versuchen Sie, die Augen offenzuhalten, wenn der Blitz kommt.«

Er wiederholte die Prozedur, und als er fertig war, bemerkte Harriet zu ihrem Kummer, daß eine ihrer Haarlocken herabgefallen war und an ihrem Ohr herabhing.

»Soll ich noch eine Aufnahme machen, Mr. Townsend?« fragte der nervöse kleine Fotograf.

»Danke, Mr. Cameron. Diese eine kommt uns teuer genug zu stehen.«

»Aber Vater —«, protestierte Harriet.

»Gehorch deinem Vater«, sagte Mrs. Townsend. »Wenn die erste Aufnahme nichts wird, muß es eben die zweite tun — ob mit oder ohne Locke. Wir sind keine reichen Leute, Harriet.«

Während die Familiengruppe sich auflöste und Mr. Cameron seine Geräte einpackte, fragte ich mich, warum man das Porträt jetzt hatte anfertigen lassen, anstatt bis zu Victors nächstem Besuch zu warten. Es wirkte geradeso, als wollten sie alle Victor gar nicht dabeihaben…

Sie verließen mich jetzt, Gestalten und Kulisse verblaßten langsam, bis ich schließlich wieder allein im Wohnzimmer meiner Großmutter vor dem Gasfeuer stand. Ich fühlte mich so ausgelaugt wie nach einer schweren inneren Anstrengung und ließ mich schlaff in meinen Sessel fallen. Die Uhr auf dem Kaminsims zeigte zehn nach neun.

Ich setzte mich mit einem Ruck auf. Das war doch nicht möglich. Ich hatte mindestens eine halbe Stunde mit den Townsends verbracht, wenn nicht länger. Und doch war dieser Uhr zufolge Großmutter gerade erst hinausgegangen.

Ich drückte beide Hände auf die Augen und stöhnte laut. Was war nur mit mir los? War ich vielleicht einfach hier im Sessel eingeschlafen, hatte einen Traum gehabt und war dann mit dem Gefühl erwacht, er wäre real gewesen? Traumforscher, so erinnerte ich mich, behaupteten, der Durchschnittstraum dauere nur zwanzig Sekunden, auch wenn es dem Träumer danach schien, als hätte er viel länger gedauert. War es also ein Traum gewesen? Hatte sich meine Phantasie von Großmutters Erzählungen und ihren alten Fotografien anregen lassen? Waren all diese Geschehnisse, die mir so real erschienen, nichts als Träume?

Ich ließ die Hände in den Schoß sinken. Es mußte doch eine Möglichkeit geben, Gewißheit zu erlangen! Ich mußte wissen, ob ich an Halluzinationen litt oder ob das alles Wirklichkeit war. Aber wie sollte ich das zuwege bringen?

Ich starrte auf meine Hände und ging noch einmal alles durch, was ich soeben miterlebt hatte. Ich sah den wieselflinken Mr. Cameron vor mir, die stattliche Mutter, den imposanten Vater. Ich hatte noch den beißenden Geruch des verbrannten Magnesiumpulvers in der Nase. Während ich mir jedes Detail noch einmal ins Gedächtnis rief, kam mir plötzlich die Erleuchtung: Die Familie hatte sich fotografieren lassen!

Natürlich! Da lag die Antwort. Ich konnte sie im Familienalbum der Townsends finden, von dem Großmutter gesprochen hatte. War es möglich, daß das Gruppenbild, dessen Aufnahme ich soeben beobachtet hatte, sich in dem Album befand? Und wenn das der Fall war…

Plötzlich mußte ich unbedingt dieses Album finden. Auf der Stelle. Ich mußte es sehen. Die verblichenen braunen Aufnahmen lang verstorbener Menschen würden mir die Antworten geben, die ich suchte.

Wenn dieses Gruppenbild der vier Townsends im Album zu finden war, würde mir das die Gewißheit geben, daß ich in der Tat ein Fenster in die Vergangenheit entdeckt hatte.

Obwohl es mir widerstrebte, in den Sachen meiner Großmutter herumzukramen, stand ich schließlich auf und ging zum Büffet. Und nachdem ich einmal die erste Schublade aufgezogen hatte, begann ich zu suchen wie eine Besessene.

Eine Viertelstunde lang wühlte ich zwischen Nähkästchen, Handschuhen, altem Silber und Unmengen von Souvenirs, die meine Großmutter im Laufe ihres Lebens gesammelt hatte. Dann hockte ich mich verzweifelt und mutlos auf den Boden neben dem Büffet.

Das Album war nirgends.

Aber damit wollte ich mich nicht zufrieden geben, und nachdem ich ein paar Minuten lang still vor mich hin gewütet hatte, begann ich von neuem zu überlegen und hatte bald einen Einfall. Aber willkommen war er mir nicht; eher machte er mir angst. Ich hob den Blick zu der Wand hinter dem Sofa und starrte sie so intensiv an, als könnte ich durch sie hindurch in das Zimmer auf der anderen Seite sehen. Gleichzeitig gingen mir Großmutters Worte vom ersten Abend durch den Kopf. »Den früheren Salon benutzen wir schon seit vielen Jahren nicht mehr. Mindestens zwanzig oder fünfundzwanzig Jahre. Seit William geheiratet hat und ausgezogen ist. Wir brauchen ihn nicht mehr. Wir können ihn nicht heizen, darum benutzen wir ihn als Abstellraum.«

Langsam stand ich auf. Erst am vergangenen Abend, als ich nach der Begegnung mit der weinenden Harriet im oberen Schlafzimmer wieder heruntergekommen war, hatte ich jemanden auf dem Klavier ‘Für Elise’ spielen hören. Die Klänge waren aus dem Salon gekommen. Kamen sie immer aus diesem Raum, wenn ich sie hörte? Und wenn ja, wer spielte auf dem Klavier?

Ich holte einmal tief Luft und wischte mir die feuchten Hände an den Jeans ab. So groß meine Furcht war, mein Verlangen, das Album zu finden, war stärker. Zögernd noch ging ich zur Tür und zog sie leise auf.

Vor mir lag wieder der finstere Flur wie eine unermeßlich große schwarze Höhle. Mit weit geöffneten Augen trat ich hinaus und hatte das unheimliche Gefühl, in einen Tunnel hineinzugehen, der kein Ende hatte. Hinter mir befanden sich die Wärme, das Licht und die Geborgenheit des Wohnzimmers; vor mir warteten bedrohliche Finsternis und Eiseskälte. Und dennoch war die Anziehungskraft des Nebenzimmers stärker als alle meine Bangnis. Im Familienalbum der Townsends würde ich endlich die Antworten finden, die ich suchte. Ich mußte es haben.

Es war merkwürdig, daß mir so bang war, das fiel mir selbst auf, während ich mich blind die klamme Wand entlangschob, denn bisher hatte ja nichts, was geschehen war, mir in irgendeiner Weise geschadet. Die beiden Familienszenen im Wohnzimmer waren nur freundlich gewesen, und ich hatte mich keine Sekunde bedroht gefühlt. Weshalb also war mir jetzt, als ich mich der Tür zum Salon näherte, eiskalt vor Angst? Weshalb hatte ich tief im Inneren das Gefühl, daß ich lieber die Hände von diesen Nachforschungen lassen sollte? Es war, als wäre die Luft um mich herum von drohendem Unheil geschwängert, als wäre ich im Begriff, in einen Bezirk einzudringen, der weit entfernt war von John und Harriet und dem warmen, hellen Feuer im Wohnzimmer. Eine Ahnung befiel mich, daß alles Unglück, das sich in diesem Haus zugetragen hatte, in diesem Raum enthalten war und daß es töricht und vorwitzig von mir war, dort einzudringen.

Das Gefühl drohenden Unheils war mir vertraut. Ich hatte es zwei Nächte zuvor empfunden, als ich plötzlich Victor an meinem Bett gesehen hatte. Auch da hatte es in der Luft gelegen, einer beängstigenden Aura gleich, die aus der Finsternis ausstrahlte, als lauerten in ihrer Schwärze die schlimmsten Dinge. Genau dieses Gefühl begleitete mich jetzt, als ich die Geborgenheit des Wohnzimmers hinter mir ließ und mich in die finstere Höhle des Flurs hinauswagte.

Es war beinahe so, als warte etwas auf mich.

7

Ich ertastete die Tür zum Salon und blieb stehen. Als ich über die Schulter zurückblickte, sah ich, daß die Wohnzimmertür nur noch einen Spalt offenstand — hatte ich sie nicht ganz offen gelassen? — und wie durch eine optische Täuschung weit entfernt schien. Eine ungewöhnliche Trockenheit lag mir in Mund und Kehle, und mein Rücken war schweißnaß.

Ich legte die Hand auf den eiskalten Türknauf. Das Herz schlug mir bis zum Hals, und die Angst lahmte mich fast, aber ich konnte nicht zurück. Ich mußte das Album finden.

Ich kann mich nicht erinnern, den Knopf gedreht, die Tür aufgestoßen zu haben, doch im nächsten Moment stand sie offen. Vor mir sah ich nichts als undurchdringliches Dunkel. Es roch nach Staub und Verfall. Die Luft war muffig wie in einem feuchten Keller oder in einer Gruft, in der es nur Tod und ewiges Vergessen gab.

Ehe ich eintrat, warf ich noch einmal einen Blick zurück zum Wohnzimmer. Die Tür war jetzt ganz geschlossen. Kein Lichtschimmer drang nach außen. Das hätte mich eigentlich erschrecken müssen, denn ich hatte die Tür ja weit offen gelassen, aber ich hatte jetzt für nichts anderes mehr Sinn als das Album. Und mein Körper schien allen eigenen Willens beraubt. Dieselbe unsichtbare Macht, die mich trieb, das Album zu suchen, zog mich jetzt in den alten Salon.

Als ich plötzlich das Klappern meiner aufeinanderschlagenden Zähne hörte, erschrak ich. Aber dann erkannte ich den Ursprung des Geräuschs und tappte vorwärts, anstatt zurückzuweichen. Der Raum, in dem ich mich befand, hatte keine Ecken, keine Wände, keine Grenze. Er dehnte sich ins Unendliche, in die ewigen Regionen von Nacht und Nichts und Hoffnungslosigkeit.

Was auch immer hier hauste, es war unglücklich.

Ohne zu überlegen, hob ich den Arm und streifte den Lichtschalter. Es kam mir vor wie ein Wunder, daß die Glühbirne an der Decke aufflammte. Ihr Licht zeigte mir einen seit vielen Jahren unbewohnten und vernachlässigten Raum. Weiße Laken lagen staubbedeckt über schweren Möbelstücken, von denen nur die Füße zu sehen waren. Der kahle Holzfußboden war zerkratzt, der Kamin mit Brettern vernagelt, die Vorhänge am Fenster waren brüchig. Zu meiner Linken stand unter dicken Staubschichten ein altmodisches Rollpult.

Ich näherte mich ihm vorsichtig, voller Sorge, daß meine Anwesenheit das Gleichgewicht des Raums stören könnte. Ich hatte das unheimliche Gefühl, beobachtet zu werden, obwohl das Fenster verhüllt war und keine Bilder an den Wänden hingen. Hirngespinste, sagte ich mir wieder einmal, umfaßte entschlossen die Kante des Rolldeckels und versuchte, ihn hochzuschieben. Es gelang mir nur mit großer Anstrengung und selbst dann nur teilweise. Der verborgene Mechanismus des Rolldeckels klapperte und ratterte laut, seine staubverklebten Leisten knarrten und quietschten unter meinen Händen. Auf halbem Weg klemmte er und war keinen Zentimeter weiter zu bewegen.

Ich neigte mich hinunter, um unter den herabhängenden Deckel zu spähen, und sah einen Schreibtisch voll alter Papiere, Hefte, Kästchen und anderem Kram. Die kleinen Fächer waren fast alle leer, nur in einigen steckten gelbe Briefumschläge. Ein Fotoalbum sah ich nicht.

Aber es waren ja auch noch Schubladen da. Eine, die die ganze Breite des Pults einnahm, und drei schmalere auf der einen Seite des Möbels. Die erste reagierte überhaupt nicht, als ich zog. Die zweite öffnete sich problemlos, aber sie war leer. Die dritte war voll alten Geschenkpapiers und bunter Bänder. Doch in der letzten Schublade lag endlich das Album.

__________

Als ich aus dem Salon trat, sah ich die Wohnzimmertür wieder weit offen, aber ich war zu aufgeregt über meinen Fund, um dieser erstaunlichen Tatsache mehr als einen flüchtigen Gedanken zu schenken. Wieder einmal hatte mir die Phantasie einen Streich gespielt, und zweifellos war auch das Bedrohliche, das ich im Salon zu spüren geglaubt hatte, nichts weiter als Einbildung gewesen. Ich schaltete das Licht im Salon aus und eilte ins Wohnzimmer.

Erst als ich die Tür fest hinter mir geschlossen hatte, wurde mir bewußt, wie besessen ich von dem Verlangen gewesen war, dieses Album zu finden, das ich jetzt an die Brust gedrückt hielt. Ich fühlte mich plötzlich völlig erschöpft. In diesem Buch war die Geschichte der Townsends niedergelegt. In diesem Buch würde ich meine Antwort finden.

Nachdem ich es mir im Sessel am Feuer bequem gemacht und meine Beine auf dem Sitzpolster ausgestreckt hatte, schlug ich langsam, als handle es sich um ein feierliches Ritual, das Buch auf. Moder und Feuchtigkeit hatten die ersten Seiten untrennbar miteinander verklebt und Papier und Fotografien in eine säuerlich riechende Masse verwandelt. Die Seiten zerbröckelten mir unter der Hand. Ich war enttäuscht und bestürzt. Wie viele der Bilder mochten zerstört sein, wieviel von der Geschichte der Townsends unwiederbringlich verloren sein? Sehr vorsichtig blätterte ich weiter und stellte zu meiner Freude fest, daß das Album ansonsten recht gut erhalten war. Verblichene, von Knicken durchzogene ovale Porträts zeigten mir die Gesichter noch älterer Townsends: Frauen in Krinolinen und mit Biedermeierfrisuren; Männer in steifen Stehkragen, das Haar nach romantischer Art schwungvoll in die Stirn gebürstet. Ich war jetzt noch tiefer in der Vergangenheit, blickte hier vielleicht in die Gesichter von Victors Großeltern, Fremden, in deren Zügen nichts Vertrautes zu erkennen war. Ich starrte in diese ausdruckslosen Gesichter, in diese hohlen Augen und versuchte, hinter die Fassade zu blicken, um vielleicht etwas von der Persönlichkeit dieser Menschen zu spüren, die ja auch zu meinen Vorfahren zählten.

Und dann sah ich es.

So vertieft war ich in die Betrachtung der Bilder meiner fernen Vorfahren gewesen, daß ich einen Moment lang mein Ziel ganz aus den Augen verloren hatte. Als ich auf das Bild stieß, versetzte mir das einen solchen Schock, daß ich einen Moment lang zu atmen vergaß.

Da waren sie. Mr. und Mrs. Townsend hinten mit dem Plakat von ‘Wylde’s Großem Globus’ über den Köpfen, John und Harriet vorn. Da war das voluminöse Kleid der Mutter, der elegante Schnauzbart des Vaters; Johns sanftes Gesicht mit der Andeutung eines Lächelns; Harriet mit einer widerspenstig herabhängenden Locke über dem Ohr.

Unter dem Foto stand in klaren Schriftzügen, die wie gestochen wirkten, ‘Juli 1890’.

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Wie war das möglich?

Achtlos ließ ich das Album von meinem Schoß auf den Boden gleiten. Hinter meinen Augen begann es zu pochen, und das Pochen wurde zu einem dumpf klopfenden Schmerz ähnlich dem, mit dem ich am Morgen erwacht war. Doch schlimmer als die Kopfschmerzen war für mich die Vergeblichkeit meiner Fragen.

Wie war das möglich?

Ich hatte keine Erklärung, ich wußte nur, daß es in der Tat möglich war. Die Fotografie in diesem Album war genau die, welche ich Mr. Cameron vor nur einer Stunde hatte aufnehmen sehen. Da war Harriet mit ihrer widerspenstigen Locke und dem dunklen, weiten Rock, in dessen linker Tasche ein geheimer Brief versteckt war.

Das Foto war Zeugnis eines kurzen Augenblicks im Leben dieser längst verstorbenen Menschen; Abbildung einer Szene, die tief in der Vergangenheit lag. Und doch hatte ich diesen Moment miterlebt, diese flüchtige Szene so beobachtet, wie sie wirklich gewesen war — real, lebendig, bestimmt von Menschen aus Fleisch und Blut.

Ich hatte den beißenden Geruch des verbrannten Magnesiums wahrgenommen! Dafür mußte es doch einen Grund geben. Die Townsends folgten dem Lauf der Zeit auf dem Weg zu ihrem unausweichlichen Schicksal, wie uns das allen aufgegeben ist, und aus irgendeinem Grund mußte ich ihnen dabei zusehen. Würden sich denn die Szenen, die sich vor meinen Augen entfalteten, letztendlich zu einer Geschichte gestalten?

Wenn dem so war, würde ich dann gezwungen sein, die schrecklichen Geschehnisse mitzuerleben, die sich bald in diesem Haus ereignen sollten — diese unsäglichen Scheußlichkeiten, die den Townsends ihr Haus in der George Street zur Hölle gemacht hatten?

Mit jeder unlösbaren Frage wurden meine Kopfschmerzen stärker. Ich massierte mir die Schläfen, aber ich konnte nicht zur Ruhe kommen.

Was für eine Lösung gab es für mich? Wenn es keine Antworten gab, keine Gründe dafür, warum oder wozu mir das widerfuhr, wäre es dann nicht die einfachste Lösung, das Haus meiner Großmutter zu verlassen und nicht wieder zurückzukommen?

Tief im Innersten wußte ich die Antwort. Erst an diesem Nachmittag, als ich aus dem Haus gegangen war, um einen Spaziergang zu machen, hatte ich sein Widerstreben gespürt, mich gehen zu lassen. Ich hatte es als Einbildung von mir abgetan. Aber jetzt wußte ich die Wahrheit. Ich konnte das Haus in der George Street nicht verlassen.

Es würde mich nicht gehen lassen.

__________

Ich spürte Großmutters Hand auf meiner Schulter und starrte sie verwirrt an. Ich hatte keine Ahnung, wann sie ins Zimmer gekommen war, verstand nicht, wieso ich sie nicht gehört hatte.

»Es ist bald Mittag«, sagte sie mit Besorgnis in der Stimme. »Ich war den ganzen Morgen sehr leise, um dich nicht zu wecken, aber du hast plötzlich angefangen zu stöhnen. Du siehst gar nicht gut aus, Kind. Andrea, kannst du mich hören?«

Ich drehte den Kopf hin und her, verzog das Gesicht vor Schmerzen und nahm wie durch Dunstschleier wahr, daß ich im Nachthemd war und unter den Decken auf dem Sofa lag. Es war unerträglich heiß im Zimmer.

»Ja, Großmutter, ich höre dich. Es ist nichts. Ich habe nur wieder solche Kopfschmerzen.« Ich griff mir mit der Hand an die Stirn. Ich fühlte mich wie betäubt.

»Armes Kind. Das ist bestimmt die Feuchtigkeit. Ich hol dir noch mal eine Tablette. Und ins Krankenhaus fährst du mir heute nicht!«

»Ach, aber Großmutter…« Ich stützte mich auf die Ellbogen und richtete mich auf. »Ich möchte aber fahren.«

»Kommt nicht in Frage.« Großmutter wandte sich ab und humpelte durch das Zimmer zum Fenster hinter dem kleinen Eßtisch. Mit einem Ruck zog sie die Vorhänge auf. »Da! Sieh dir das an.«

Verdutzt starrte ich auf das Fenster. Es sah aus wie mit weißer Farbe zugeschmiert.

»Was ist das?«

»Nebel. Mit freundlichen Grüßen aus Glasgow. Dort hatten sie ihn gestern — ich hab’s im Radio gehört. Und jetzt ist er zu uns runtergezogen. Wir sitzen mitten in der dicksten Suppe, Kind. Da bleibt man am besten zu Hause.«

»Nebel…«

»Der kommt jedes Jahr, so sicher wie das Amen in der Kirche. Erst kriegen sie ihn in Glasgow, dann zieht er zu uns runter. So, ich mach dir jetzt einen schönen heißen Tee, den kannst du gebrauchen, und was Gutes zu essen. Du bist diese Feuchtigkeit hier einfach nicht gewöhnt. Und oben im Norden braut sich ein Sturm zusammen. Drum ist die Luft so drückend.«

Nachdem ich drei von Großmutters Tabletten geschluckt hatte, nahm ich meine Sachen und ging hinauf ins kalte Badezimmer. Ich ließ mir ein heißes Bad einlaufen und stürzte mich, völlig durchgefroren, mit Wonne hinein, sobald die Wanne zur Hälfte gefüllt war. Während ich mich im dampfenden Wasser aalte, dachte ich weiter über die Geschehnisse der vergangenen Nacht nach.

Ein neuer Gedanke kam mir, und ich bedachte ihn sehr gründlich. Obwohl ich das Gefühl hatte — eine Art nebelhafter Ahnung —, daß das Haus mich nicht fortlassen wollte, fragte ich mich, was geschehen würde, wenn ich es versuchen sollte.

Die Besuche bei meinem Großvater gestattete es mir; sie schienen irgendwie in den größeren Plan hineinzugehören. Aber ich erinnerte mich einer inneren Rastlosigkeit, als ich in Williams Haus gewesen war — einer nagenden Ungeduld, hierher zurückzukehren —, und der Sog, den es auf mich ausgeübt hatte, als ich zu meinem Spaziergang auf dem Newfeld Heath aufgebrochen war, war unverkennbar gewesen.

Was aber würde geschehen, überlegte ich, während ich das heiße Bad genoß, wenn ich all meine Kraft und Entschlossenheit zusammennahm und versuchte, mich zu lösen? Würde es mich ziehen lassen?

Aber wie wollte es mich denn überhaupt aufhalten?

Unsinnige Spintisierereien, schalt ich mich, während ich mich in der Kälte des Badezimmers trockenfrottierte. Wie albern, mich als Gefangene dieses Hauses zu sehen. Selbstverständlich konnte ich gehen. Jederzeit. Wann immer ich wollte. Es wäre nur lieblos gewesen, Großmutter nach so kurzer Zeit und ausgerechnet jetzt wieder allein zu lassen. Und ich konnte nicht nach gerade vier Tagen schon wieder nach Los Angeles zurückkehren. Es gehörte sich einfach, daß ich noch eine Weile blieb, Großmutter Gesellschaft leistete, meinen Großvater besuchte und die alten Verwandtschaftsbande neu knüpfte.

Ich würde gehen, wenn ich dazu bereit war.

__________

Das Essen war gut, aber ich hatte keinen Appetit. Dennoch zwang ich mich, Großmutter zuliebe wenigstens ein wenig zu essen. Sie musterte mich immer wieder mit besorgtem Blick.

»Ist dein Haar schon trocken, Kind?«

Ich schob einen Finger unter das Frottiertuch, das ich mir um den Kopf gewickelt hatte. »Scheint so, ja.«

»Setz dich doch ans Gas, bis es richtig trocken ist. Nicht daß du mir eine Erkältung bekommst. Elsie und Ed kommen heute sicher nicht. Bei solchem Nebel gehen sie nie aus dem Haus.«

Ich sah wieder zum Fenster. Alles war Grau in Grau. Der kleine Garten, die Backsteinmauer, die rostige Pforte und die dürren Rosenbüsche waren verschwunden. Noch nie hatte ich so dicken Nebel erlebt. Es war, als wäre das Haus von einem Wattemeer umhüllt.

»Wann geht er denn wieder weg?«

»Heute abend wahrscheinlich. Komm jetzt, setz dich ans Feuer.«

Mit trägen Bewegungen bürstete ich mir am Gasfeuer das Haar. Lieber hätte ich mich weiter weg gesetzt, es war mir sowieso schon zu warm im Zimmer. Aber Großmutter war um mein Wohlbefinden besorgt, und da ich gerade aus der Wanne gestiegen war, mußte ich ihr recht geben. Ich starrte in die bläulichen Gasflammen, während ich bürstete, und hing meinen Gedanken nach, die sich um die vier Menschen drehten, die ich am vergangenen Abend hier beobachtet hatte.

Als ich Großmutter in der Küche das Geschirr spülen hörte — sie wollte nichts davon wissen, daß ich ihr half —, nahm ich das Familienalbum und schlug es auf. Unglaublich, daß ich die Entstehung dieses Familienfotos miterlebt haben sollte! Ein verrückter Gedanke, daß dieses Bild, vergilbt und brüchig jetzt, seit Jahrzehnten in diesem Album steckte und ich doch erst vor wenigen Stunden seine Entstehung beobachtet hatte.

Was war die Zeit für ein seltsames Ding. Die Wirbel und Strudel des gewaltigen Flusses Zeit waren mir ein Rätsel. Ich erinnerte mich, irgendwo gelesen zu haben: »Die Zeit vergeht, meinst du? Aber nein! Die Zeit bleibt, und wir vergehen.« War das die Erklärung? Daß nicht die Zeit in Bewegung ist, sondern vielmehr wir durch sie hindurchfliegen, während sie stillsteht?

Und wenn einem von uns es gelingen sollte, nur einen Moment stillzustehen, konnte er dann zurückblicken…

»Wo hast du das denn aufgestöbert?«

Ich fuhr in die Höhe. »Was?«

Großmutter ließ sich schwerfällig in den Sessel sinken und stützte sich dabei bis zur letzten Sekunde auf ihren Stock. Existierte sie jetzt, in diesem Moment, vielleicht als junge Frau in einem anderen Zeitabschnitt? Oder konnten wir nur zu den Toten zurückblicken? War es möglich, das Fenster zu unserer eigenen Vergangenheit zu finden und uns zu betrachten, wie wir gewesen waren, als wir jung waren?

»Ich habe es im Salon gefunden.«

»Im Salon?«

Und wenn ich zusehen konnte, wie sich die Leben von Harriet, John und Victor entwickelten, würde ich dann auch die Geburt meines eigenen Großvaters miterleben?

»Du glaubst hoffentlich nicht, daß ich in deinem Haus herumschnüffeln wollte, Großmutter, aber du hast neulich Abend von dem Album gesprochen, und ich war so neugierig. Ich habe mir gedacht, daß es vielleicht im Salon liegt —«

»Es ist das Familienalbum der Townsends. Ich habe es mir seit Ewigkeiten nicht mehr angesehen. Seit der Geburt meiner Kinder nicht mehr. Zeig mal.«

Ich reichte ihr das Buch, und meine Gedanken wanderten weiter. Würde ich wahrhaftig meinen Großvater als kleines Kind sehen, oder gestatteten diese Blicke in die Vergangenheit nur die zu sehen, die schon tot waren?

Ich beobachtete Großmutters alte Hände, die Seite um Seite umblätterten. Brüchige Ränder und Ecken bröckelten unter ihren Fingern ab. Bei der Gruppenaufnahme im Wohnzimmer hielt sie einen Moment inne, betrachtete sie aufmerksam durch die Brillengläser und dann über ihre Ränder hinweg. Sie blätterte weiter, besah sich die anderen Fotografien, auf denen sie, wie sie sagte, kaum jemanden kannte.

»Von deinen Urgroßeltern ist kein Foto dabei«, bemerkte sie, als sie mir das Album zurückreichte. »Keines von Victor und keines von Jennifer.«

»Ja, ich weiß.« Ich legte das Album auf meinen Schoß. »Es wundert mich.«

»Das wundert dich? Aber hör mal, nach dem, was er ihr angetan hat und wie unglücklich es sie gemacht hat! Aber Schluß damit. Ich mag nicht über die Townsends reden. Ich will nicht Erinnerungen aufwühlen, die deinen Großvater sein Leben lang gequält haben.«

Ich sagte nichts. Was, dachte ich, würde Großmutter tun, wenn sie wüßte, daß jene Ereignisse, die zu den quälenden Erinnerungen ihres Mannes gehörten, sich eben in diesen Tagen noch einmal in ihrer ganzen Lebendigkeit und bitteren Realität in diesem Haus abspielten?

__________

Gromutter nickte über ihrem Strickzeug ein. Ich hielt ein Buch in den Händen, das sie mir in der Hoffnung gegeben hatte, daß ich lesen würde, doch ich hatte es nicht einmal aufgeschlagen. Auch ich nämlich begann, die einschläfernde Wirkung des Nachmittags zu spüren. Der dichte Nebel vor dem Fenster, die drückende Wärme im Zimmer, das schwere Essen, das wir genossen hatten, und die Aufregung der vergangenen Nacht — das alles wirkte jetzt zusammen. Ich merkte, wie ich müde wurde, ließ den Kopf nach rückwärts an das Polster sinken und schloß die Augen.

Das sanfte, gleichmäßig Ticken der Uhr lullte mich ein. Als es aufhörte, erschrak ich nicht. Ich hob nur den Kopf und öffnete die Augen.

Victor Townsend war gekommen.

Ich sah zu meiner Großmutter hinüber. Das Kinn war ihr auf die Brust gesunken, ihre Lippen blähten sich und erschlafften im Rhythmus ihrer Atemzüge. Mein Blick kehrte zu Victor zurück, und wieder war ich beeindruckt von seiner imposanten Gestalt und seiner männlichen Schönheit. Wie war es möglich, daß er mir so lebendig und real erschien? Wie konnte diese Erscheinung aus der Vergangenheit soviel Substanz und Körperhaftigkeit besitzen, als wäre sie ein lebendiger, atmender Mensch? Ich registrierte jedes Detail: die dichten dunklen Wimpern seiner schwerlidrigen Augen; die breiten, geraden Schultern; den straffen Rücken und das volle, ungebärdige dunkle Haar. Lange sah ich in das markante Gesicht, das mir von Traurigkeit und Niedergeschlagenheit zu sprechen schien.

Victor lehnte am Kaminsims und blickte grüblerisch ins Feuer. Er schien bedrückt von seinen Gedanken, beunruhigt von dem, was er in den Flammen sah. Am liebsten hätte ich ihn angesprochen und gefragt, was ihn bekümmere.

Und angenommen, ich spreche ihn tatsächlich an? fragte ich mich plötzlich. Würde er mir antworten?

Ich bekam keine Gelegenheit, die Probe darauf zu machen. Im selben Moment nämlich hob Victor den Kopf und blickte zu einem Punkt im Zimmer, der sich hinter mir befand. Ich spürte einen kalten Luftzug, hörte das Klappen der Tür, die hinter mir geschlossen wurde. Es war jemand hereingekommen.

Ich blieb starr und steif in meinem Sessel vor Angst, daß eine Bewegung von mir die Szene stören, mich dieses Augenblicks mit Victor Townsend berauben könnte. Als sein Vater in Erscheinung trat und dicht neben mir stehenblieb, hielt ich den Atem an. Ernst und schweigend sahen die beiden Männer einander an. Jeder schien genau abzuwägen, was er sagen wollte, und beide Gesichter zeigten Traurigkeit.

Victor sprach schließlich als erster. »Ich bin gekommen, um Abschied zu nehmen, Vater, und dich um deinen Segen zu bitten.«

Der ältere Townsend stand gespannt, die Hände an seinen Seiten zu Fäusten geballt, wie um sich heftiger Gemütsbewegung zu erwehren. Ich blickte zu ihm auf, verwundert, daß er so dicht neben mir stand und mich doch nicht wahrnahm. Sein Gesicht war starr, die Lippen blutleer.

Ich sah wieder den Sohn an. Sein Blick hing an den Lippen seines Vaters, seine ganze Haltung drückte hoffnungsvolle Erwartung aus. Was ging hinter diesen dunklen Augen vor? Trug er einen ebenso erbitterten Kampf mit sich aus wie sein Vater? Mir erschienen sie beide wie verbissene Streiter, die in einen Machtkampf verstrickt waren, der nie hätte sein müssen. Wenn nur einer von ihnen seinen Stolz besiegt hätte, wenn nur einer von ihnen —

»Du wagst es, mich um meinen Segen zu bitten, obwohl du gegen meine Wünsche gehandelt hast?« Die Stimme des Vaters war heiser und gepreßt.

Doch Victor blieb hart. Während er seinen Vater ruhig und unverwandt ansah, fühlte ich mich plötzlich von einer Flut heftiger und starker Gefühle überschwemmt. Diese Leidenschaft, die sowohl von Victor als auch von seinem Vater ausging, erfüllte den ganzen Raum und senkte sich wie eine schwere Wolke über mich. Wellen von Liebe und Verehrung, von Enttäuschung und Zurückweisung überfluteten mich. Diese beiden stolzen Männer, die beide an den Qualen ihrer Liebe zum anderen litten, füllten mich mit ihrem schmerzlichen Konflikt. Am liebsten wäre ich aufgesprungen und hätte ihnen gesagt, daß ihr Eigensinn kindisch war, daß ihre gegenseitige Zuneigung das einzige war, was zählte, daß sie diesen Schmerz nicht ertragen müßten, wenn nur einer von ihnen einen Moment lang seinen Stolz vergessen könnte.

Aber ich konnte mich nicht einmischen, denn das, was hier geschah, war schon geschehen. Ich war Zeugin eines Ereignisses, das nahezu hundert Jahre zuvor stattgefunden hatte. Ich konnte es nicht ändern. Ich durfte beobachten, aber ich durfte nicht eingreifen.

»Es tut mir leid, daß du mich nicht verstehst, Vater«, sagte Victor, und seine Stimme verriet, daß er nicht mehr auf Verständnis hoffte. »Ich möchte ans Königliche Krankenhaus, um dort zu unterrichten und zu forschen, wie Mr. Lister das tat, denn ich bin der Überzeugung, daß ich an dieser Stelle gebraucht werde und daß das meine Berufung ist.«

»Gebraucht wirst du hier!« rief der ältere Townsend. »Hier, bei deiner Familie, in deinem Zuhause. Aber du willst nach Schottland und fremde Leben retten, wenn deine eigenen Leute dich brauchen.«

»Es gibt Ärzte genug in Warrington, Vater, und wenn ich mein Diplom bekomme, werde ich direkt —«

»Meinetwegen kannst du direkt zum Teufel gehen! Jemand, der sich keinen Deut um das Wohl seiner eigenen Familie schert, kann nicht mein Sohn sein! John ist geblieben und ist uns ein Segen des Herrn. Er allein gehorchte den Wünschen seines Vaters.«

»Ich muß mein eigenes Leben leben, Vater«, erwiderte Victor mit großer Selbstbeherrschung.

»Ja, und um das zu tun, mußt du deiner Familie den Rücken kehren. Ich war von Anfang an dagegen, daß du so ein Quacksalber wirst. Aber nun, wo du es doch durchgesetzt hast, solltest du wenigstens nach Hause kommen und bei denen bleiben, die dich lieben. Aber ich werde dich nicht bitten. O nein! Ich werde dich nicht bitten, und ich werde mich auch nicht weiter mit dir herumstreiten. Du wirst dich eines Tages dafür verantworten müssen, was du getan hast — Leichen aufschneiden und deine Nase in Dinge stecken —«

»Dann leb wohl, Vater.« Victor bot seinem Vater die Hand. Sein Gesicht war bleich und wirkte im flackernden Feuerschein sehr hart.

Der ältere Townsend schien einen Moment unschlüssig, hin und her gerissen zwischen Liebe und Stolz, dann machte er ohne ein weiteres Wort auf dem Absatz kehrt und stürmte aus dem Zimmer.

Victor stand da wie versteinert, den Arm noch ausgestreckt, um dem Vater die Hand zu reichen, das Gesicht sehr bleich.

Als er schließlich verschwand, und das lodernde Feuer wieder dem Gasgerät gewichen war, schlug ich überwältigt die Hände vor das Gesicht.

»Ja?« sagte Großmutter plötzlich und fuhr aus dem Schlaf. »Ja, was ist?«

Ich wandte mich von ihr ab und wischte mir die Augen.

»Oh, ich muß eingeschlafen sein. Lieber Gott, wie spät es schon ist! Ich kann doch nicht hier rumsitzen und dösen, da krieg ich ja die ganze Nacht kein Auge zu. Ach du lieber Schreck, ich hab mein Strickzeug fallenlassen, und die ganze Wolle hat sich verheddert. «

Ich drängte die Tränen zurück und tröstete mich mit dem Gedanken, daß Victors Leiden an der Zurückweisung des Vaters, den er so geliebt hatte, längst vorbei war. Mit einem etwas mühsamen Lächeln wandte ich mich meiner Großmutter zu.

»Wie ist das Buch?« fragte sie.

»Gut.« Meine Stimme war unsicher. »Ich glaube, ich bin auch eingenickt.«

Ich sah auf die Uhr. Nur eine Minute war vergangen über der