/ Language: Deutsch / Genre:prose_contemporary

Sturmjahre

Barbara Wood


Sturmjahre

Barbara Wood

1983

1

Samantha hat es schwer im London des Jahres 1860. Der Vater, ein unerbittlicher und bigotter Prediger, verzeiht ihr nicht, dass ihre Mutter bei der Geburt gestorben ist. Ein von der Gesellschaft geächteter Heilkundiger nimmt sie schließlich als Zögling auf. Nach dem Tod des Vaters lernt sie eine der wenigen Ärztinnen kennen. Diese erkennt die Fähigkeiten Samanthas und drängt sie, in New York ein Medizinstudium aufzunehmen. Hier beginnt der dramatische Kampf der jungen Frau in der Männerwelt der Medizin. Mit Energie und ihrem unbändigen Willen setzt sie sich trotz der damals noch ganz selbstverständlichen Dominanz und Arroganz der Männer durch, um Ärztin zu werden. In San Francisco eröffnet Samantha eine Klinik nur für Frauen. Sie will den notleidenden Frauen helfen, indem sie zwielichtigen Arzneimittelhändlern den Kampf ansagt.

Obwohl ihr privates Glück immer wieder von Trauer überschattet wird, verhilft sie den Frauen zu einem bis dahin nicht gekannten Selbstbewusstsein.

Inhaltsverzeichnis

Prolog

I  England, 1860

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II  New York, 1878

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III  New York, 1881

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IV  San Francisco, 1886

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V  San Francisco, 1895

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Prolog

New York, 1881

Sie hatte einen merkwürdigen Traum gehabt. Sein Inhalt hatte sich verflüchtigt, aufgelöst im morgendlichen Sonnenlicht, das durch das Fenster strömte, aber die düster beklemmende Stimmung wirkte noch nach. Vor irgend etwas hatte sie große Angst gehabt, aber sie konnte sich nicht mehr erinnern, was es gewesen war. Vorahnungen? Ein Blick in die Zukunft?

Ach was, sagte sie sich, Träume sind Schäume. Kopfschüttelnd, wie um sich von den dunklen Schleiern zu befreien, setzte sie sich auf und glitt aus dem Bett. Ehe sie ins Badezimmer lief, trat sie zum Fenster, um einen Blick hinauszuwerfen. Schamhaft im Verborgenen bleibend, schob sie den Chintzvorhang zur Seite. Die Straße war belebt, wie es in dem verschlafenen kleinen Lucerne nur äußerst selten vorkam. Kutschen rollten vorüber, Pferde trabten mit klirrenden Eisen über das Kopfsteinpflaster, Kinder und Hunde jagten umher, ehrwürdige Herren in Gehrock und Zylinder bevölkerten die Bürgersteige.

Aber keine Frauen waren zu sehen.

Stirnrunzelnd zog sich Samantha vom Fenster zurück. Die Frauen würden also nicht kommen …

Bei ihrer Ankunft vor zwei Jahren hatten sich die Frauen von Lucerne gegen sie zusammengeschlossen. Sie hatten ihr Unterkunft verweigert und sie auf der Straße geschnitten. In jenen ersten einsamen Tagen war Samantha für die Frauen des Städtchens ein Objekt kalter Verachtung gewesen, für die Männer der Gegenstand frivoler Spekulation. Welche junge Frau setzte sich schließlich in einen Unterrichtsraum voller junger Männer und hörte sich mit ihnen gemeinsam Vorträge über Dinge an, die für die Ohren anständiger Frauen wahrhaftig nicht geeignet waren? Es war klar, daß Samantha Hargrave eine Bedrohung für die Moral der einheimischen Jugend darstellte.

Samantha hatte gehofft, diese Vorurteile und Ängste hätten sich im Verlauf der vergangenen zwei Jahre gelegt. Wenn aber die Frauen auch der Abschlußfeier an diesem Tag fernblieben, so konnte das nur bedeuten, daß sie an ihrer Mißbilligung Samanthas festhielten.

Tief getroffen, aber entschlossen, sich durch den Boykott den Tag nicht verderben zu lassen, holte Samantha Hargrave einmal tief Atem und begann mit der Morgentoilette.

Nachdem sie Wasser aus dem Porzellankrug in die Schüssel gegossen hatte, hielt sie einen Moment inne und musterte ihr Bild im Spiegel über dem Waschtisch. Es wunderte sie beinahe, daß sie nicht anders aussah als am Tag zuvor, obwohl doch mit dem neuen Tag auch ein neuer Lebensabschnitt für sie begann. Sonst durchaus zufrieden mit ihrem Aussehen, dachte sie jetzt mit einem Anflug von Ironie: zu hübsch. Und nicht alt genug.

Wagte man es als Frau, den Arztberuf zu ergreifen, so mußte man ständig um Anerkennung kämpfen; war die Frau dazu noch jung und hübsch, so hatte sie kaum eine Chance. Während Samantha vor dem Spiegel stand, versuchte sie, sich wie eine Fremde zu betrachten, ihr Gesicht objektiv zu sehen: die hohe, gewölbte Stirn, die schmale Nase, der weiche Mund mit den leicht aufgeworfenen Lippen — lauter Hemmnisse für eine junge Frau, die ihren Weg in einer Männerwelt machen wollte. Wird man mich als Ärztin je ernst nehmen, fragte sie sich zweifelnd.

Ihre Augen, das wußte sie, waren das Ungewöhnlichste und Faszinierendste an ihrem Gesicht. Von langen, dunklen Wimpern umkränzt, lagen sie wie Katzenaugen unter den schön geschwungenen Brauen. Das helle, beinahe durchsichtige Grau der Iris, von einem schwarzen Ring umrandet, erweckte bei vielen Menschen den Eindruck, sie könne klarer und tiefer sehen als die meisten.

Samantha nahm ihre morgendliche Reinigung wie viele Frauen vor. Auf einer Gummimatte stehend, rieb sie ihren Körper mit Seife ein und wusch mit Wasser aus der Schüssel nach. Eine Sitzbadewanne, wie in den Häusern der Wohlhabenden und Fortschrittlichen, gab es hier noch nicht. Nachdem sie sich abgetrocknet hatte, nahm sie ihr Korsett aus Baumwolltwill und schnürte es mit flinken Händen, aber nicht so fest, daß es ihr die Luft nahm. Samantha konnte sich glücklich preisen: von Natur aus schlank und zierlich gebaut, hatte sie es nicht wie viele andere Frauen nötig, sich um der modischen Wespentaille willen so gewaltsam einzuschnüren, daß nachher nur noch eine Dosis Morphium gegen die Schmerzen half.

Als sie in ihre Spitzenhose stieg und sie an den langen, wohlgeformten Beinen emporzog, fiel ihr plötzlich etwas ein, und sie mußte lächeln. Damals allerdings hatte sie nicht gelächelt.

Vor zwei Jahren, an ihrem ersten Tag am Lucerne Medical College, hatten ihre männlichen Kommilitonen sie mit grausamem Gesang empfangen.

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Wie lange schien das her zu sein! Zwei kurze Jahre, und so vieles hatte sich verändert. Die größte Veränderung hatte sie selber durchgemacht. Zaghaft und voller Ängste war sie gewesen, als sie an einem Oktobertag des Jahres 1879 zum erstenmal den Hörsaal betreten hatte. Unter den unverschämten Blicken der jungen Männer, die bereits Platz genommen hatten, wäre sie am liebsten in den Boden versunken. Die Grausamkeiten, die sie ihr angetan hatten! In der Rückschau konnte Samantha kaum glauben, daß sich das alles wirklich zugetragen hatte. Ja, es hatte sich viel verändert seither.

Sie begann, ihr Leinenhemd zuzuknöpfen. Wie herrlich wäre dieser Tag, wenn er käme. Sie ließ die Hände sinken und erlaubte sich, einen Moment sein Bild heraufzubeschwören und von ihm zu träumen. Nein, Joshua würde nicht kommen. Ebensogut hätte sie das Paradies herbeiwünschen können.

Ein Kleid, wie das, welches sie an diesem Tag anziehen würde, hatte sie nie zuvor besessen. Sie war ihr Leben lang arm gewesen, hatte, solange sie denken konnte, jeden Penny zweimal umdrehen müssen. Die Hoffnung, daß sich alle ihre Opfer eines Tages lohnen würden, hatte ihr die Kraft und die Zuversicht gegeben, dieses armselige Leben auszuhalten. Und nun war dieser Tag gekommen. Die Schneiderin in Canandaigua hatte ein wahres Traumkleid für sie genäht.

Sie hatten ein zartes Perlgrau gewählt, das mit der Farbe ihrer Augen in Einklang stand, und hatten alle Modejournale nach einem Modell durchgesehen. Schließlich hatten sie sich für eine Kreation Worths entschieden, des derzeit berühmtesten Modeschöpfers, und es beim Zuschnitt so verändert, daß es Samanthas schlanke Anmut voll zur Geltung brachte. Die Turnüre, die in den modisch eleganten Kreisen Europas immer stärker betont wurde, spielten sie etwas herunter; den Rock, den die Damen der Pariser Gesellschaft schockierenderweise inzwischen nur noch knöchellang trugen, hatten sie bodenlang gelassen. Das knapp sitzende Mieder reichte bis zu den Hüften, der füllige Rock darunter war vorn gerafft und hinten über einem Drahtgestell zur Turnüre hochgezogen. Die schmalen Ärmel und der hohe Kragen waren mit gerüschten Valenciennesspitzen besetzt.

Mit Knopfstiefelchen und einem Federhütchen auf dem hochgesteckten schwarzen Haar komplettierte Samantha ihr elegantes Kostüm. Jetzt brauchte sie nur noch die Handschuhe überzustreifen und zur Tür hinauszugehen.

Doch sie blieb noch. Sie faltete die Hände, schloß die Augen und sprach leise ein Methodistengebet ihrer Kindheit. Mit flüchtiger Trauer dachte sie an ihren Vater, bedauerte, daß er diesen Tag nicht erleben konnte, und dankte Gott für seinen Beistand auf ihrem Weg zu diesem Tag.

Ruhiger jetzt, nahm sie die grauen Wildlederhandschuhe und ging zur Tür hinaus.

__________

Professor Jones erwartete sie im Salon. Seit einer halben Stunde marschierte er im Zimmer auf und ab, wie ein aufgeregter Brautvater. Als er endlich Samantha an der offenen Tür stehen sah, strahlte er.

Sie lächelte. Auch für ihn war dies ein großer und besonderer Tag. Aller Aufmerksamkeit war auf diesen stattlichen Mann mit der rosigen Glatze und den Koteletten gerichtet, der den Konventionen seiner Gesellschaft so mutig getrotzt hatte. Zum erstenmal in der Geschichte der Hochschule hatten sich Vertreter der Presse zur Abschlußfeier angesagt. Der Dekan des Lucerne Medical College war in diesem Moment so nervös, daß er keine Worte fand.

Samantha erlöste ihn. »Wollen wir gehen, Doktor?« sagte sie.

Als sie vor das Haus traten, blieb Samantha plötzlich stehen und legte die Hand über die Augen, als wolle sie sie vor der blendenden Sonne schützen. In Wahrheit brauchte sie einen Moment der Besinnung, um sich gegen die neugierigen Blicke der Männer auf der Straße zu wappnen. Aber ihre Geste wirkte durchaus natürlich: Der Canandaigua See jenseits der grünen Hänge über der Main Street lag in gleißendem Licht. Als Samantha die Hand von den Augen zog, sah sie den See und die ihn umgebende Landschaft im Frühlingsglanz vor sich liegen. Lichtgrüne Felder und Weinpflanzungen bedeckten die Hänge der sanft gewellten Hügel, zwischen denen der See eingebettet lag. Einen Moment war Samantha wie verzaubert, dann bemerkte sie die Blicke der Männer, und der Bann war gebrochen.

Ach, wären die Frauen doch auch gekommen, dachte Samantha, während sie am Arm von Professor Jones dem Collegegebäude entgegenging. Warum können sie diesen Tag nicht als unseren gemeinsamen Triumph sehen, einen Sieg aller Frauen?

Es hatte keinen Sinn, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Die Frauen würden nicht kommen; nicht einmal kleine Mädchen waren auf den Straßen zu sehen.

Als sie auf die kleine Holzbrücke trat und in das Wasser des Bachs hinunterschaute, der das Collegegelände vom Ort trennte, überkam sie plötzlich Wehmut. Das letztemal ging sie heute diesen Weg. Während Jones in der versammelten Menge unruhig nach einem Mann Ausschau hielt, den er nirgends entdecken konnte, erinnerte sich Samantha mit leiser Trauer an den Tag, als sie das erstemal hierher gekommen war.

Das imposante Hauptgebäude der Schule, das keine hundert Meilen von der Grenze zum Gebiet der Mohawk-Indianer stand, nahm sich neben den Holzschindelhäusern des Grenzstädtchens deplaciert aus. Es war ein wuchtiger weißer Bau mit einer Giebelfassade über einer tiefen Säulenhalle. Den Mittelpunkt bildete die gewaltige Rotunde, um die sich Hörsäle, Aula, Labors, Bibliothek und Verwaltungsräume gruppierten. Es hieß, Thomas Jefferson, der eine Vorliebe für den massiven Baustil der Römer gehabt hatte, hätte den Bau entworfen. Samantha fand ihn monströs.

Zwei Jahre zuvor hatte sie hier an diesem Ort gestanden und Professor Jones zugehört, der die indianische Sage erzählt hatte. Ein irokesisches Liebespaar, dessen Liebe unter einem Unstern stand, hatte an diesem Ort auf tragische Weise den Tod gefunden. Ihre Geister, so hieß es, irrten bei Nacht durch die Räume, ewig auf der Suche nach Vereinigung.

Es war nichts Merkwürdiges daran, daß sie gerade in diesem Augenblick an Geister denken mußte; sie war ja von ihnen umgeben. Sie waren alle gekommen, diesen Tag des Triumphs mit ihr zu feiern: ihr Vater, Samuel Hargrave, der strenge und unversöhnliche Diener Gottes; ihre Brüder, rastlos und unglücklich; Isaiah Hawksbill; Freddy, der Freund ihrer Kindheit. Und ihre Mutter, war sie auch gekommen?

Sie dachte an Hannah Mallone, und einen Moment lang überfiel sie tiefe Traurigkeit. Das ist für dich, liebste Freundin, das ist unser Erfolg.

Die Studenten, die sich im Schatten der tiefen Säulenhalle vor dem Hauptgebäude versammelt hatten, waren unruhig. Wie junge Pferde, die gerade erst gelernt haben, am Zügel zu gehen. Sie wollten lachen und schreien und in wildem Überschwang ihre Hüte in die Luft werfen, aber die ernste Feierlichkeit des Augenblicks und die Forderungen der Tradition verboten es ihnen.

Nun versammelten sich auch die Dozenten, und einige stutzerhafte Reporter in großkarierten Jacketts mischten sich in die Menge. Professor Jones entschuldigte sich mit einer Bemerkung über einen Mr. Kent, mit dem er etwas zu besprechen habe, und Samantha gesellte sich zu einer Gruppe Studenten, die in ruhigem Gespräch beieinander stand.

Händeringend drängte sich Professor Jones auf der Suche nach Simon Kent durch das Gewühl. Wo konnte der Mann nur geblieben sein?

Samantha war an Professor Jones’ Dilemma schuld, obwohl sie davon keine Ahnung hatte. Einige Wochen zuvor hatte einer der Dozenten den Dekan darauf aufmerksam gemacht, daß die übliche Urkunde, die den Studenten beim erfolgreichen Abschluß ihres Studiums ausgehändigt wurde, für Samantha nicht taugte. Die Urkunden waren in lateinischer Sprache abgefaßt und einzig auf männliche Absolventen bezogen. Der neue Titel der Absolventen lautete Domine, was etwa gleichbedeutend war mit Meister. Müsse man nicht, hatte der Dozent gemeint, einen entsprechenden Titel für Miss Hargrave schaffen? Das gesamte Kollegium hatte sich zur Beratung zusammengesetzt, und man hatte sich schließlich auf den Titel Domina geeinigt.

Das nächste Problem war die Erstellung einer passenden Urkunde gewesen. Üblicherweise wurden die Urkunden serienmäßig hergestellt, so daß man vor der Übergabe nur noch den Namen des jeweiligen Absolventen einzusetzen brauchte. Jetzt mußte dringend einer mit schöner Handschrift her, der eine entsprechende Urkunde mit den nötigen Änderungen abfassen konnte. Man hatte den Auftrag Simon Kent gegeben, einem Bauern aus der Umgebung. Er hätte die Urkunde am Tag vor der Feier liefern sollen, doch aus unerfindlichem Grund war er bis jetzt nicht bei Professor Jones erschienen.

Nicht nur peinlich, verheerend würde es sein, wenn Kent nicht kommen sollte! Das Lucerne Medical College machte an diesem Tag Geschichte. Die Augen der Welt waren auf Professor Henry Jones gerichtet. Sogar aus Michigan war ein Reporter gekommen. Dieser Tag würde über Erfolg oder Mißerfolg seines kühnen und viel kritisierten Experiments — eine Frau an einem Männer-College zuzulassen — entscheiden. Seine Kritiker würden sich diebisch freuen, wenn der Tag mit einer Blamage für ihn enden sollte. In höchster Verzweiflung setzte Professor Jones seine Suche fort.

»Entschuldigen Sie!«

Samantha drehte sich um. Ein großer, bulliger Mann, den Hut auf den Hinterkopf geschoben, drängte sich zu ihr durch.

»Miss Hargrave! Kann ich Sie einen Moment sprechen?« Er hielt einen Stift in der einen und einen Schreibblock in der anderen Hand. »Jack Morley vom Baltimore Sun. Ich hätte Ihnen gern einige Fragen gestellt.«

»Die Prozession fängt gleich an, Mr. Morley.«

»Wie fühlt man sich als erste Medizinerin, die von einem Männercollege abgeht?«

»Ich bin nicht die erste, Sir. Dr. Elizabeth Blackwell war mir dreißig Jahre voraus.«

»Ja, sicher, sie war die allererste, aber seitdem hat es so was nicht mehr gegeben. Dr. Blackwell ist eigentlich nur durch einen glücklichen Zufall ‘reingekommen, und nachdem sie ihr Studium abgeschlossen hatte, wurden an diesem College keine Frauen mehr zugelassen. Ich hörte, daß Sie erbittert darum gekämpft haben, in Harvard aufgenommen zu werden.«

»Ich habe mich in Harvard beworben und wurde abgelehnt.«

»Darf ich fragen, warum Sie gerade in ein Männercollege wollten? Es gibt doch genug Frauencolleges.«

Samantha legte einen Finger an ihr Kinn. »Mir lag daran, die bestmögliche medizinische Ausbildung zu bekommen, Sir. Da wir in einer Männerwelt leben, in der das Beste den Männern vorbehalten ist, sagte ich mir, daß ich eine solche Ausbildung nur in einem Männercollege bekommen würde. Vielleicht wird sich das eines Tages ändern.« Sie ging davon.

»Sie reden wie eine Lucy Stoner«, rief der Reporter ihr nach.

Der Zug bildete sich schon; in Zweierreihen sollten sie in die Kirche einziehen. Über Samanthas Position innerhalb des Zuges hatte es viele Diskussionen gegeben. Schließlich war man überein gekommen, daß sie an Professor Jones’ Arm an der Spitze des Zuges gehen sollte. Doch Samantha hatte es abgelehnt, aufgrund ihres Geschlechts in eine Sonderstellung gedrängt zu werden. Sie war drittbeste Absolventin ihres Jahrgangs, also würde sie auch in der Prozession an dritter Stelle gehen.

Während Dozenten und Studenten Aufstellung nahmen, hielt Henry Jones noch einmal verzweifelt nach Simon Kent Ausschau, konnte ihn aber nirgends entdecken.

Die Hörner schmetterten, und Henry Jones begab sich eilig an die Spitze des Zugs, um das Zeichen zum Aufbruch zu geben. Die Indianer, Angehörige des Stammes der Senecas in Stammestracht, stimmten auf Trompeten und Posaunen ein blechernes ‘America’ an, und der Zug setzte sich in Bewegung.

__________

Die presbyterianische Kirche, wo alle Gemeindeversammlungen abgehalten wurden, stand am Ortsrand, keine halbe Meile von der Rotunde entfernt. Die Prozession brauchte zehn Minuten, um den Weg zurückzulegen, und in dieser Zeit fand Samantha ihre Ruhe wieder. Doch als die Menge der Männer vor der Kirche in Sicht kam, befiel neue Unsicherheit sie.

Kutschen und Fuhrwerke aller Art hielten auf dem Platz, Pferde schnaubten ungeduldig, Hunde und kleine Kinder tollten herum, Reporter warteten, Fotografen mit ihren großen Stativkameras; es war wie auf dem Rummelplatz. Viele waren nur Samanthas wegen gekommen. Sie war eine Sensation für die Leute. Aus weitem Umkreis waren sie zusammengelaufen, um dieses kuriose Frauenzimmer zu begaffen, das unter lauter Männern Medizin studiert hatte.

Vor der Treppe hielt der Zug an, um den Fotografen Gelegenheit zu geben, ihre Aufnahmen zu machen. Den Kopf unbewegt, das Gesicht nach vorn gerichtet, ließ Samantha den Blick über die Menge schweifen und zuckte plötzlich zusammen. Joshua!

Aber nein — der Mann auf der Treppe drehte sich um, und sie sah, daß es nicht Joshua war; nur ein Mann gleicher Größe und gleicher Haarfarbe. Wie albern von ihr, auch nur einen Moment lang zu glauben, er könnte gekommen sein. Mehr als eineinhalb Jahre waren vergangen, seit sie sich gelobt hatte, ihn nie wiederzusehen.

Samantha straffte die Schultern. Sie hörte, wie das Portal der Kirche geöffnet wurde, und dachte, wenn ich ihn nicht haben kann, will ich überhaupt keinen Mann.

Während sie mit klopfendem Herzen darauf wartete, daß der Zug sich in die Kirche hineinbewegte, dachte sie, daß es so ähnlich sein müsse, wenn man heiratete. Und in gewisser Weise heirate ich ja auch wirklich, sagte sie sich. Als Miss Hargrave gehe ich in die Kirche hinein und als Dr. Hargrave werde ich wieder herauskommen. Dies ist mein Hochzeitstag, einen anderen wird es nicht geben.

Während sie nun dort stand, hatte sie das Gefühl, am Ufer eines weiten, von Nebeln verdunkelten Meeres zu stehen, das zu erreichen sie Hunderte von Meilen gegangen war, nur um zu entdecken, daß sie weiter mußte. Vieles hatte sie erreicht, viele Kämpfe hatte sie gewonnen, viele Hindernisse überwunden, und doch hatte sie noch lange nicht das Ende ihres Wegs erreicht. Wohin würde dieser Weg sie führen?

Wenn nur die Frauen gekommen wären!

Teil I

England, 1860

1

Wohl zum dreißigsten Mal in dieser einen Stunde schrie die Frau laut auf. Ihr Schrei zerriß den feingesponnenen Frieden des Frühlingsabends und drang durch alle Mauern des Hauses. Die Hebamme, eine schwarze Silhouette im trüben Licht, beugte sich über die wimmernde Felicity Hargrave.

»Da stimmt was nicht«, murmelte sie vor sich hin. Sie drückte sich ihre Hand ins Kreuz, richtete sich auf und streckte sich ausgiebig. Dann nahm sie die Flasche mit dem Stärkungsmittel, das sie für Felicity mitgebracht hatte, und nahm einen kräftigen Schluck.

Diese Geburt ließ sich gar nicht gut an, und der Ehemann, der unten saß, war auch keine Hilfe. Man sollte meinen, ein Mann würde seiner leidenden Frau einen Schluck Arznei gönnen, wenn das die Schmerzen linderte. Aber nicht Samuel Hargrave. Der hatte die Anwendung jeglicher Medizin bei der Entbindung ausdrücklich verboten. Jammerschade, wahrhaftig, zumal Mrs. Cadwalladers Köfferchen besser bestückt war als das der meisten Hebammen in London. Sie führte Opium und Belladonna mit sich; Mutterkorn, um die Wehen einzuleiten und die Blutungen zu stillen; ein Sortiment von Kräutern und volkstümlichen Heilmitteln; und dazu eine Flasche starken Wacholderschnaps.

Sie korkte die Flasche wieder zu und stellte sie zu Boden, ehe sie sich wieder vornüber neigte und mit ihren kräftigen Händen über den angeschwollenen Leib strich. »Kommen Sie, Kindchen«, schmeichelte sie. »Kommen Sie, lassen Sie’s los.«

Felicity stöhnte auf und schrie erneut, so markerschütternd, daß Mrs. Cadwallader meinte, man müsse den Schrei bis nach Kent hinunter gehört haben.

Sie richtete sich auf und schnalzte leise mit der Zunge. »Zwanzig Stunden geht das jetzt schon so«, brummte sie. »Und dabei ist es ihr drittes. Da kann was nicht stimmen.« Sie seufzte tief. »Wird wohl nichts anderes übrig bleiben als die Feder.«

Schnaufend hob sie ihr Köfferchen vom Boden auf und nahm eine Feder und ein Fläschchen heraus. Nachdem sie das Fläschchen geöffnet hatte, tauchte sie die Feder ganz in das weiße Niespulver und schob sie dann Felicity tief ins Nasenloch.

»Schön hochziehen, Kindchen. So ist’s gut.«

Mrs. Cadwallader ließ sich zwischen Felicitys gespreizten Beinen wieder auf die Knie sinken und machte sich auf die unvermeidliche Konsequenz ihrer Aktion gefaßt — ein explosives Niesen und die jähe Ausstoßung des Kindes.

Felicity Hargrave stöhnte laut, als die nächste Wehe sich ankündigte. Sie holte einmal tief Atem, hielt einen Moment die Luft an und nieste dann so gewaltsam, daß es ihren Körper in die Höhe schleuderte. Gleichzeitig schoß ein kleines Beinchen aus dem Geburtskanal, den Mrs. Cadwallader eine Stunde zuvor mit Gänseschmalz eingefettet hatte.

Die dicke Hebamme zog die Brauen hoch. »So ist das also. Tja, da kann ich beim besten Willen nichts mehr tun.«

__________

Der Mann und die beiden Jungen saßen mit düsteren Gesichtern um den Eßtisch. Ihre Köpfe waren gesenkt, und die Hände hatten sie vor sich gefaltet. Das Geschirr war abgeräumt; nichts stand auf dem Tisch außer der Öllampe, die die drei Gesichter in gelbliches Licht tauchte. Samuel Hargrave, Felicitys Mann, betete; Matthew, der Sechsjährige, starrte mit kohlschwarzen Augen in das Licht der Lampe; James, der Neunjährige, knetete seine Hände und kaute auf der Unterlippe. Immer wieder sah er seinen Vater hilfesuchend an, doch er bekam keinen Beistand.

Samuel Hargrave, in tiefer Zwiesprache mit Gott, hatte die Hände so fest ineinander gekrampft, daß die Knöchel weiß hervortraten. Seit vier Stunden saß er nun schon so, ohne auch nur ein Anzeichen von Ermüdung zu zeigen. Er war so versunken, daß er nicht einmal Mrs. Cadwallader die Treppe herunterkommen hörte.

»Vater«, flüsterte James, voller Angst beim Anblick des ernsten Gesichts der Hebamme.

Samuel hatte Mühe, aus seiner Versunkenheit herauszufinden. Langsam kehrte sein Blick aus transzendenten Bereichen zurück und richtete sich auf die Hebamme.

»Wir schaffen’s nicht, Sir. Das Kind hat Steißlage, noch dazu die schlimmste. Ein Bein unten, das andere oben beim Kopf.«

»Können Sie das Kind nicht drehen?«

»In dem Fall nicht, Sir. Da muß ich mit der ganzen Hand rauf, und das schaff’ ich nicht, weil Ihre arme Frau sich so verkrampft. Sie braucht einen richtigen Arzt, Sir.«

»Nein«, entgegnete Samuel so rasch und entschieden, daß die Hebamme ihn erschreckt ansah. »Ich erlaube nicht, daß ein Mann meine Frau in ihrer Scham sieht.«

Mrs. Cadwallader fixierte ihn mit scharfem Blick. »Wenn Sie verzeihen, Sir, es ist keine Sünde, Ihre Frau von einem Arzt anschauen zu lassen. Das sind anständige Herren, Sir, die interessieren sich überhaupt nicht für so was, wenn Sie verstehen, was ich meine —«

»Kein Arzt, Mrs. Cadwallader.«

Die Hebamme warf sich in die Brust. »Nehmen Sie’s mir nicht übel, Sir, aber zu langem Hin und Her haben wir jetzt keine Zeit. Ihre Frau und das Baby sind in großer Gefahr. Wir müssen uns beeilen, Mr. Hargrave.«

Samuel stand von seinem Stuhl auf. Seine große Gestalt warf lange Schatten. Matthew und James starrten stumm zu ihm auf. Sein Rücken, seit langem schon gekrümmt von der täglichen Arbeit am Schreibpult auf dem Standesamt, wirkte an diesem Abend noch runder, wie von einer schweren Last gebeugt. Samuel zog ein Taschentuch heraus und tupfte sich die Stirn.

Mrs. Cadwallader wartete ungeduldig. Sie mochte Samuel Hargrave nicht — kaum jemand mochte ihn; seine strenge Methodistenfrömmigkeit schreckte fast jeden ab. Die Hebamme war nur Felicitys wegen gekommen.

Samuel sprach, als stünde er auf der Kanzel. »Mrs. Cadwallader, es wäre eine tödliche Demütigung für meine Frau, wenn ein Mann ihr christliches Schamgefühl verletzte. Es ist ebensosehr ihr Wunsch wie der meine —«

»Dann fragen Sie sie doch jetzt mal, Mr. Hargrave, ob sie nicht einen Arzt haben will!«

Samuel sandte einen gequälten Blick zur Zimmerdecke und zuckte zusammen, als von oben ein neuerlicher Schmerzensschrei erklang.

Der neunjährige James starrte mit klopfendem Herzen zu seinem ehrfurchtgebietenden Vater auf, der selbst zu Hause noch den schwarzen Gehrock und das weiße Hemd mit der gestärkten weißen Halsbinde trug. Nie zuvor hatte er seinen Vater unschlüssig gesehen.

Während die Hebamme einen Schritt näher trat und sich breitbeinig, die Hände in die ausladenden Hüften gestemmt, vor Samuel Hargrave hinstellte, glitt James lautlos und unbemerkt von seinem Stuhl.

»Sie können’s mir glauben, Mr. Hargrave. Ihre Frau braucht einen Arzt. Ich weiß einen guten, anständigen Mann in der Tottenham Court Road gleich bei der Great Russell Street. Dr. Stone ist ein Ehrenmann, glauben Sie mir. Ich hab’ oft genug gesehen, wie er —«

»Nein, Mrs. Cadwallader.«

Während die Hebamme Samuel Hargrave mit mühsam unterdrückter Empörung anstarrte, schlich sich James leise in den dunklen Flur hinaus.

»Wirklich, Mr. Hargrave, Ihre Frau braucht Hilfe.«

Samuel senkte den Kopf und funkelte die Hebamme so zornig an, daß diese zurückwich. »Dann würde ich vorschlagen, Mrs. Cadwallader, daß Sie wieder auf Ihren Posten gehen und ihr helfen.« Er wandte sich abrupt ab und zog sich seinen Stuhl heran. »Und ich werde beten.«

Mrs. Cadwallader stapfte wütend die Treppe wieder hinauf, und Samuel senkte den Kopf über seine gefalteten Hände. Niemand merkte, daß James verschwunden war.

Als einige Zeit später die Haustür leise geöffnet wurde, und von einem Hauch feuchter Nachtluft begleitet, der kleine James in den Flur schlüpfte, betete Samuel immer noch. James blieb stocksteif stehen und betrachtete ängstlich das schweißnasse, in sich gekehrte Gesicht seines Vaters.

»Vater«, flüsterte er schließlich.

Samuel hob die schweren Lider und zwinkerte mehrmals, ehe er den Blick auf das ungewöhnlich bleiche Gesicht seines Sohnes richtete. James keuchte, denn er war den ganzen Weg gerannt.

»Vater, ich hab’ Hilfe geholt.«

Samuel zwinkerte wieder. »Was hast du gesagt, James?«

»Ich habe den Doktor geholt. Er kommt gleich.«

Als Samuel begriff, was der Junge getan hatte, vergaß er seine ganze christliche Frömmigkeit und geriet in unfaßbare Wut. Langsam stand er von seinem Stuhl auf.

»Du hast einen Arzt geholt?«

James wich zurück. »Ja, Vater. Du hast doch nicht gewußt, was du tun sollst, und —«

Mit einem Riesensprung kam Samuel hinter dem Tisch hervor. James sah noch die große Hand, die zum Schlag ausholte, dann klatschte ihm diese Hand mit solcher Wucht ins Gesicht, daß ihm Hören und Sehen verging. Er schrie auf, mehr vor Schreck als vor Schmerz, und drückte sofort eine Hand auf sein linkes Ohr. Samuel packte ihn beim Arm, riß die schützende Hand weg und verabreichte ihm noch einen Schlag auf die Kopfseite. Vergeblich versuchte James, seinem Vater zu entkommen, während dieser immer wieder auf ihn einschlug, aber er wurde erst erlöst, als von der Tür her jemand sagte: »Bin ich hier richtig bei der Familie Hargrave?«

James hob den schmerzenden Kopf und sah durch Tränen den Arzt, Dr. Stone, im Flur stehen.

»Wir brauchen keinen Arzt, Sir«, erklärte Samuel kurz.

Die scharfen Augen hinter den Brillengläsern blitzten, als Dr. Stone den Blick auf James’ blutendes Ohr richtete. »Mir scheint, ich bin genau im rechten Moment gekommen.«

Samuel sah zu seinem Sohn hinunter und schien einen Moment lang verwirrt. Dann ließ er den Jungen los, der augenblicklich unter den Tisch kroch, und richtete sich kerzengerade auf.

»Das ist Frauensache, Sir. Ich dulde keinen Mann am Wochenbett.«

Ohne auf eine Aufforderung zu warten, trat Dr. Stone in den Wohnraum. Er war ein kleiner, drahtiger Mann von gut sechzig Jahren, mit einer langen, scharfen Nase und einem buschigen Schnauzbart. Er schlug seinen Zylinder gegen seinen Oberschenkel, um die Feuchtigkeit abzuklopfen und sagte: »Der Junge hat mir gesagt, das Kind hätte Steißlage und Mrs. Cadwallader könne nichts tun.«

Die Hebamme, die James’ Geschrei gehört hatte, stand bereits am Fuß der Treppe.

»Gut, daß Sie gekommen sind, Dr. Stone«, sagte sie. »Sie liegt jetzt schon seit fast vierundzwanzig Stunden in den Wehen, und es ist ihr drittes Kind. Das ist nicht normal. Es ist eine Steißlage, und außerdem hat das Kind die Nabelschnur um den Hals. Ich kann’s nicht drehen, weil die arme Frau sich sofort verkrampft, wenn ich zupacken will.«

Der Arzt nickte. »Ich will sehen, was ich tun kann.«

»Einen Augenblick, Sir«, rief Samuel. »Ich möchte nicht, daß Sie meine Frau behandeln.«

»Dann stirbt sie«, sagte die Hebamme.

Die Stimme des Arztes war freundlich. »Ich habe schon vielen Kindern auf die Welt geholfen, Mr. Hargrave. Ich respektiere Ihre Empfindungen, aber —«

»Wir bauen auf den Herrn. Er wird uns helfen.«

»Ich diene dem Herrn, Mr. Hargrave. Hat nicht Jesus die Kranken und Siechen geheilt?«

Samuels Gesicht nahm einen gehetzten Ausdruck an. Das Wimmern und Schreien seiner Frau zerriß ihm fast das Herz.

»Vielleicht«, sagte der Arzt tröstend, »sind Ihre Gebete durch mich erhört worden. Vielleicht hat der Herr mich zu Ihnen gesandt. Lassen Sie mich wenigstens nach Ihrer Frau sehen.«

Samuel holte zitternd Atem. »Also gut«, sagte er widerstrebend. »Mrs. Cadwallader, bitte sehen Sie zu —«

»Aber ja, Mr. Hargrave. Ich bleibe bei Ihrer Frau, keine Sorge.«

Dr. Stone legte Samuel die Hand auf die Schulter. »Es wird schon gutgehen, glauben Sie mir. Heute, wo wir das neue Betäubungsmittel haben, geht es immer gut.« Er wandte sich der Hebamme zu. »Also, Mrs. Cadwallader, gehen wir hinauf.«

Samuels Gesicht verdunkelte sich. »Was sagten Sie da? Ein neues Betäubungsmittel?«

Dr. Stone hob sein schwarzes Lederköfferchen hoch. »Ich gehe mit der Zeit, Mr. Hargrave. Ich verwende Chloroform. Das wird Ihrer Frau allen Schmerz ersparen.«

»Was!« Samuel trat einen Schritt zurück.

Der Arzt erschrak. Er hatte nicht geglaubt, daß es noch Leute dieses Schlags gab, seit selbst die Königin sieben Jahre zuvor bei der Geburt ihres Sohnes sich hatte Chloroform geben lassen.

»Sie brauchen nichts zu fürchten, Mr. Hargrave. Ich gebe das Chloroform, Ihre Frau wird einschlafen und sich entspannen, und dann kann ich das Kind ohne Mühe drehen. So wird das heute überall gemacht.«

»Aber nicht bei meiner Frau!«

»Es ist die einzige Möglichkeit, Mr. Hargrave. Sonst verlieren Sie beide, Ihre Frau und Ihr Kind.«

Samuels Stimme zitterte. »Der Geburtsschmerz ist uns vom Herrn auferlegt. Ihn zu verhindern ist Gotteslästerung, und Ihr Schlafgas, Doktor, ist Machwerk des Teufels. Der Geburtsschmerz ist die Strafe Gottes an der Frau für die Sünde, die sie im Garten Eden begangen hat, und keine gottesfürchtige Frau würde sich dieser gerechten Strafe entziehen, die alle Frauen auf sich genommen haben, seit Eva Adam mit der verbotenen Frucht verlockte.« Er hob einen zitternden Finger himmelwärts. »‘Und zum Weibe sprach er: Unter Schmerzen sollst du deine Kinder gebären.«’

Dr. Stone bemühte sich, seine Ungeduld zu verbergen. Er hatte geglaubt, dieses Argument, das einst wie ein rasendes Feuer London überzogen hatte, sei tot und begraben. Noch vor zehn Jahren hatte es unter den Ärzten heiße Debatten darüber gegeben, ob man das Chloroform bei Entbindungen verwenden dürfe. Eine Zeitlang hatte es ausgesehen, als würde das Alte Testament den Sieg davontragen; dann jedoch hatte John Snow Königin Victoria unter Anwendung von Chloroform von ihrem Sohn Leopold entbunden, und es war ein allgemeiner Sinneswandel eingetreten. Dieser Mann allerdings schien ihn nicht mitgemacht zu haben.

»‘Da ließ Gott der Herr«’, sagte Dr. Stone ruhig, »‘einen tiefen Schlaf fallen auf den Menschen, und er schlief ein. Und er nahm eine seiner Rippen und schloß die Stelle mit Fleisch.«’

»Wie können Sie es wagen, in meinem Haus derartige Gottlosigkeiten zu äußern, Doktor! Jehova zum stümperhaften Chirurgen zu degradieren, der Chlorofom braucht, um einen Menschen in Schlaf zu versenken. Der Vergleich ist absurd. Außerdem vergessen Sie, Doktor, daß die wunderbare Erschaffung der Frau aus Adams Rippe geschah, noch ehe Gott den Schmerz in die Welt gebracht hatte; in der Zeit der reinen Unschuld.«

Wieder zerriß ein markerschüttender Schrei aus dem oberen Stockwerk die Stille der Nacht.

»Die Schreie einer Gebärenden«, fuhr Samuel bitterernst fort, »sind Musik in den Ohren des Herrn. Sie erfüllen sein Herz mit Freude. Sie sind die Schreie des Lebens und des christlichen Willens zum Leben. Mein Kind wird nicht in dieses Leben eintreten, während seine Mutter schläft und sich der heiligen Handlung, die sie vollzogen hat, nicht bewußt ist. Damit ist die Sache für mich erledigt, Dr. Stone.«

Neville Stone betrachtete einen Moment lang den Mann, der ihm gegenüberstand, taxierte ihn und kam zu dem Schluß, daß es ihm niemals gelingen würde, die versteinerten Überzeugungen dieses Erzmethodisten ins Wanken zu bringen. »Nun gut«, sagte er darum nur und wandte sich mit brüsker Bewegung zur Treppe.

Was er oben sah, ließ ihn einen Augenblick innehalten: Keuchend vor Erschöpfung und stöhnend vor Schmerz lag die Frau auf dem Bett, der gewölbte Leib in zuckender Bewegung, die Beine blutverschmiert. Hastig zog Dr. Stone seinen Gehrock aus und krempelte die Hemdsärmel auf.

Nachdem er sich zwischen die Beine der Gebärenden aufs Bett gekniet hatte, schob er behutsam zwei Finger in die Vagina und folgte mit ihnen dem Verlauf des dünnen Beinchens, das aus dem Gebärmutterhals herabhing. Nach einer raschen Untersuchung setzte er sich zurück. »Es ist so, wie Sie gesagt haben, Mrs. Cadwallader.«

Neville Stone öffnete sein Köfferchen, nahm die Instrumente heraus und legte sie aufs Bett: die Geburtszange, die dazu vorgesehen war, den Kopf des Kindes zu umfassen; ein lange, gebogene Spritze aus Metall, die er von Mrs. Cadwallader mit Wasser füllen ließ, für den Fall, daß er gezwungen sein sollte, das Kind in utero zu taufen; mehrere scharfe Skalpelle falls er — was Gott verhüten möge! — gezwungen sein sollte, einen Kaiserschnitt durchzuführen; und schließlich ein hakenförmiges Instrument, das dazu bestimmt war, den Fötus im Mutterleib zu töten und aus dem Geburtskanal zu entfernen.

Vom keuchenden Atmen der Gebärenden begleitet, arbeitete Neville Stone rasch und konzentriert. Seine Besorgnis und sein Unbehagen vertieften sich. Schon die erste Untersuchung hatte ihm gezeigt, daß das Kind nicht ohne weiteres gedreht werden konnte. Da Samuel Hargrave jedoch die Verwendung von Chloroform ausdrücklich verboten hatte, sah er sich nun vor eine Entscheidung gestellt, vor der er zurückschreckte. Es gab nur zwei Möglichkeiten: Mit einem Kaiserschnitt konnte er das Kind retten, doch die Mutter würde sterben; wollte er die Mutter retten, so mußte er das Kind töten.

Er spürte die ängstliche Besorgnis der dicken Hebamme, die erregt atmend neben ihm stand. Er hörte die röchelnden Atemstöße der Gebärenden und fühlte ihren flatternden Puls. Er dachte an den Mann, der unten saß und betete, und er dachte an seine eigene Schwachheit und Vergänglichkeit.

Sein Blick wanderte zu dem schwarzen Köfferchen.

Vor zehn Jahren hätte es keine Möglichkeit gegeben, dem Konflikt auszuweichen; da hätte er einen der gleichermaßen schrecklichen Wege einschlagen müssen und hätte es mit der stoischen Ruhe getan, die er sich in langen Jahren medizinischer Praxis angeeignet hatte. Unzählige Frauen waren im Kindbett gestorben, ehe es das Chloroform gegeben hatte. Jetzt aber, an diesem Tag, gab es eine einfache, lebensrettende Lösung, die ihn von der bedrückenden Last der grausamen Entscheidung befreien konnte. Wenige Tropfen des Wundermittels genügten, und beide, Mutter wie Kind, konnten leben …

Kurzentschlossen griff Neville Stone in sein Köfferchen und entnahm ihm eine Flasche. Während sich die Hebamme näher zu ihm neigte, zog er ein Taschentuch heraus und rollte es zu Trichterform.

»Sie nehmen das Chloroform, Sir?« flüsterte die Hebamme, als er die Flasche aufschraubte.

Er nickte entschlossen. Dann stieg er vom Bett und trat neben die stöhnende Frau. Behutsam legte er das breite Ende des trichterförmig gerollten Taschentuchs über Mund und Nase seiner Patientin und gab einige Tropfen Chloroform darauf.

»Und wie wirkt das?« flüsterte die Hebamme fasziniert, während ein ekelhaft süßlicher Geruch sich im Zimmer ausbreitete.

»Die Flüssigkeit verdampft schon bei Körpertemperatur, und wenn Mrs. Hargrave die Dämpfe einatmet, fällt sie in einen tiefen Schlaf.«

»Und wie nennt man so was?«

Neville Stones Stimme war sanft und beruhigend. Seine Worte galten mehr der Beschwichtigung der Patientin als der Belehrung der Hebamme.

»Vor vier Jahren lieferte uns ein Amerikaner namens Oliver Wendell Holmes das Wort, das wir brauchten, um diesen Tiefschlaf zu beschreiben. Er nannte es Anästhesie.«

»Ach, ein Yankee?« Mrs. Cadwallader schniefte mit einiger Geringschätzung. »Also, ich weiß nicht, Sir —«

»Pst!« Er richtete sich auf, ohne das Taschentuch von Felicitys Gesicht zu nehmen. »Sie schläft jetzt ein. Sobald sie tief schläft, hole ich das Kind.«

__________

Der Schweiß fiel in schweren Tropfen von seiner Stirn auf die Tischplatte; seine Hände waren so fest ineinander gekrampft, daß sie zitterten. Mit aller Kraft und Konzentration, die ihm zu Gebote standen, mühte er sich, alles körperliche Empfinden hinter sich zu lassen, um einzig als geistiges Wesen zu existieren. Er spürte nicht das harte Holz des Stuhls auf dem er saß; er dachte nicht an den kleinen Jungen, der unter dem Tisch hockte und die Hand auf sein blutendes Ohr drückte; er nahm nicht einmal wahr, daß oben im Schlafzimmer plötzlich alle Geräusche verstummt waren. Er konzentrierte sich ausschließlich auf die Zwiesprache mit dem Herrn.

Doch Samuels Konzentration war nicht so stark wie sein Wille. Immer wieder schweiften seine Gedanken vom Gebet ab: wie schwierig würde es sein, noch ein drittes Kind durchzubringen; wo sollte er eine vertrauenswürdige Haushälterin finden, die während Felicitys Rekonvaleszenz die Familie versorgen konnte; woher sollte er das Geld für die Grundsteuer auf das Haus nehmen, die demnächst fällig war.

Er schluckte krampfhaft. Das Undenkbare: Wenn Felicity sterben sollte …

Er schluchzte laut auf und brach plötzlich über dem Tisch zusammen. Die Arme seitlich ausgestreckt wie der Gekreuzigte, eine Wange auf die Tischplatte gedrückt, die Augen geschlossen, blieb er liegen. Seine Gedanken schweiften in alle Richtungen. Er ließ sie fliehen, zu schwach, sie weiter in Fesseln zu halten. Sie flogen, kaum verwunderlich, direkt zum Ursprung seiner Qual. Er hatte sich dagegen gewehrt, der unerträglichen Wahrheit ins Auge zu sehen. Er hatte sich, das war ihm wohl bewußt, weniger um Felicitys Rettung als um seines eigenen Seelenheils willen ins Gebet gestürzt. Das, was er jetzt klar und deutlich sah, war die nackte, unausweichliche Tatsache, daß er, Samuel Hargrave, allein die Schuld trug an dieser Unglücksnacht.

Er versuchte jetzt nicht mehr, vor der Wahrheit davonzulaufen. Er stellte sich der Erinnerung an jene Nacht vor neun Monaten, durch die er sich und Felicity zu dieser heutigen Nacht, die die Hölle war, verdammt hatte.

Niemals hatte Samuel in den Jahren, seit er ein Mann geworden war, Lust und Begierde nachgegeben. Als Junge hatte ihm sein erster und einziger Versuch der Selbstbefriedigung eine äußerst schmerzhafte Tracht Prügel von seinem Vater eingetragen. Als Halbwüchsiger und junger Angestellter auf dem Standesamt hatte er unwillkürlichem Erguß während der Nacht vorgebeugt, indem er allabendlich seinen Penis abgebunden hatte; wenn sein lüsternes Fleisch ihn dann des Nachts verraten wollte, weckte ihn der Schmerz der eng gebundenen Schnur, die in sein Glied einschnitt, und er konnte sich mit kalten Güssen ernüchtern.

Die Hochzeitsnacht mit Felicity hatte ihm höchstes Maß an Selbstkontrolle abverlangt, doch er hatte auch diese Prüfung bestanden. Er hatte seinen ehelichen Pflichten schnell und automatisch Genüge geleistet. Nicht einen einzigen Moment lang hatte er die Freuden des Fleisches genossen, Freude allein in dem Wissen gefunden, daß durch diesen Akt ein neuer Mensch geschaffen wurde, dem Herrn zu dienen. Felicity, die Fügsame, war ihm — Gott sei gelobt — niemals Versuchung gewesen. Nur zweimal hatten sie den Akt vollzogen, und beidemale war sie danach guter Hoffnung gewesen. So einfach erschien Samuel die Enthaltsamkeit, daß er die fleischlichen Begierden anderer nicht verstehen und nicht tolerieren konnte.

Doch nach neun Jahren gottesfürchtigen und keuschen ehelichen Lebens war die Katastrophe hereingebrochen.

Felicity veränderte sich besorgniserregend. Sie wurde teilnahmslos, entwickelte einen Hang, vor sich hin zu träumen, vernachlässigte ihre Pflichten. Nachts warf sie sich rastlos im Bett hin und her und weckte Samuel mehr als einmal mit ihrem Seufzen und Stöhnen. Nach einer Weile entschloß er sich, die Kosten auf sich zu nehmen und einen Arzt zu konsultieren. Der Spezialist in der Harley Street jedoch schüttelte nur ratlos den Kopf, unfähig, für Felicitys Mattigkeit eine Erklärung zu finden.

Wenig später riß ihn eines Nachts unerklärliche Erregung aus dem Schlaf. Als er die Augen öffnete, sah er über sich das wie trunken lächelnde Gesicht Felicitys. Ihr Atem roch nach Laudanum. Er wollte etwas sagen, doch sie legte ihm die Fingerspitzen auf die Lippen, während sie mit der anderen Hand seine nackte Brust streichelte. Samuel wehrte sich gegen die Versuchung, schüttelte Felicity, um sie wieder zu Verstand zu bringen, doch die berauschende Kraft des Opiumtrunks hatte von ihr Besitz ergriffen, und der betörende Anblick ihres weißen Busens, auf den dunkel die schwarzen Locken herabfielen, raubte ihm die Sinne.

An das, was dann geschah, erinnerte sich Samuel nur bruchstückhaft: die Feuchtigkeit ihrer weichen Lippen, der süße Geschmack ihres Mundes, die Hitze ihres anschmiegsamen Körpers, die erregenden Berührungen ihrer Hände, dann ein schwarzer Strudel der Leidenschaft und der Ekstase.

Am nächsten Morgen war Felicity wieder die, die er neun Jahre gekannt hatte. Es war, als sei der Teufel ausgetrieben worden. Ruhig und zufrieden ging sie ihrer täglichen Arbeit nach, widmete sich geduldig ihren beiden kleinen Söhnen, saß am Abend züchtig mit ihrem Gebetbuch am Kamin. Doch Samuel hatte sich verändert. Entsetzt über seine Schwachheit, sich mit dem unglückseligen Adam vergleichend, der unwillentlich von Eva zur Sünde verführt worden war, suchte er Rettung in der Hingabe an seinen Glauben. Jeden Abend ging er zu den Versammlungen, hielt häufig auch Predigten. Er begann, Traktate zu schreiben und verteilte sie unter die Armen: Abhandlungen über die Übel des Alkohols, des Glücksspiels und der Fleischeslust. Er wurde seinen Söhnen gegenüber unerbittlich streng in dem Bemühen, sie gegen alle teuflische Versuchung zu stählen. Als Felicity ihm einige Wochen nach jener gottlosen Nacht eröffnete, daß sie guter Hoffnung sei, war Samuel bis ins Innerste entsetzt.

Jetzt also strafte ihn der Herr. Es hätte eine leichte Geburt werden müssen; nach dem ersten Kind waren weitere Geburten im allgemeinen kaum mehr als eine Unbequemlichkeit. Dieser Alptraum ließ sich nur mit der rächenden Hand Gottes erklären. In jener Nacht vor neun Monaten hatte der Herr seinen Diener Samuel Hargrave einer Prüfung unterzogen, an der dieser jämmerlich gescheitert war. Nun folgte die Strafe.

Schwerfällig und mit unendlicher Mühe richtete sich Samuel vom Tisch auf und rieb sich das tränennasse Gesicht. Und da wurde ihm plötzlich bewußt, daß es im Haus völlig still geworden war.

__________

Mit ungläubigem Staunen hatte die Hebamme Neville Stone bei seiner Arbeit zugesehen. Ohne Mühe hatte er, nachdem Felicity sich endlich entspannt, die Vagina sich geöffnet hatte, das Kind gedreht und ans Licht der Welt befördert. Nun lag das Neugeborene rot und feucht zwischen Felicitys Beinen.

Seltsamerweise schrie das Kind nicht.

Nachdem Stone die Nabelschnur abgeklemmt und durchtrennt hatte, hob die Hebamme das Kind vom Bett. Gerade, als sie sich abwenden wollte, hörte sie die erstickte Stimme des Arztes. »Oh, mein Gott!«

Sie riß entsetzt die Augen auf, als sie das Blut sah, das hellrot und klar aus dem Schoß der Bewußtlosen strömte.

Stone griff hastig zu seinem Köfferchen und kramte eine Klemme heraus, während er mit der anderen Hand ein Tuch in den blutenden Schoß stopfte. »Es ist der Mutterkuchen, Mrs. Cadwallader. Er liegt falsch.«

»Gott im Himmel!« Unwillkürlich drückte die Hebamme das Kind wie schützend an die Brust. »Dann verblutet sie uns.«

»Nicht, wenn’s nach mir geht.« Neville Stone schob eine Hand in den Geburtskanal und drückte die andere in den Unterleib seiner Patientin, um die Gebärmutter zu massieren.

__________

Der Klang schwerer Schritte auf der Treppe riß Samuel aus dem Strudel seiner wirbelnden Gedanken. Tief verzweifelt stand er auf.

Neville Stone trat in die Stube und blieb vor Samuel stehen. »Wir haben das Menschenmögliche getan.«

Das Kind ist tot, schoß es Samuel durch den Kopf.

»Es tut mir leid, Mr. Hargrave, aber Ihre Frau war nicht zu retten.«

Samuel starrte den Arzt in dumpfem Unverständnis an, während dieser weitersprach. »Der Mutterkuchen befand sich in unnatürlicher Lage und dadurch wurden starke Blutungen ausgelöst. Aber —« Er legte Samuel die Hand auf den Arm — »das Kind konnten wir retten.«

Samuel zwinkerte wie ein langsam Erwachender. »Meine Felicity — ist tot?«

»Sehen Sie es nicht als Unglück, Mr. Hargrave. Der Tod Ihrer Frau war nicht umsonst. Sie haben immer noch das Kind.«

Mit heftiger Bewegung schlug Samuel die Hand des Arztes von seinem Arm und rannte an ihm vorbei die Treppe hinauf. Im Schlafzimmer fiel er neben Felicitys Bett auf die Knie.

Sie sah aus, als schliefe sie nur, das Gesicht still und unschuldig wie das eines Engels. Dunkel lagen die Wimpern auf den schönen grauen Augen, die sich für immer geschlossen hatten. Das Weiß des Kissens leuchtete wie ein Heiligenschein um das rabenschwarze Haar. Sie sah so friedlich aus und so unglaublich jung.

Samuel stöhnte auf vor Qual und hob hastig die Hand, um sich die Tränen aus den Augen zu wischen. Um wieder Fassung zu gewinnen, holte er tief Atem und fühlte sich einen Moment lang wie berauscht. Dann nahm er einen merkwürdigen Geruch im Zimmer wahr, den er nicht identifizieren konnte. Mit gerunzelter Stirn sah er zum Nachttisch und versuchte im dünnen Licht der Öllampe die Gegenstände zu erkennen, die dort lagen. Plötzlich sah er sie ganz klar; eine Flasche mit einer Flüssigkeit und ein Taschentuch.

Mit einem Sprung war er auf den Beinen. Er zitterte am ganzen Leib.

»Es war die einzige Möglichkeit, das Kind zu retten, Mr. Hargrave«, sagte Neville Stone hastig. »Hätten wir nicht das Chloroform gehabt, so hätten beide sterben müssen. Der Trost des Kindes wäre Ihnen versagt geblieben.«

»Sie haben sie getötet!«

»Das habe ich bestimmt nicht getan, Sir. Ihre Frau war nicht zu retten. Und ohne das Betäubungsmittel müßten Sie jetzt auch das Kind zu Grabe tragen.«

Samuels Gesicht verzerrte sich. Röte überflutete sein Gesicht bis zum Haaransatz, und die Venen traten dick aufgeschwollen hervor. Neville Stone erschrak; Samuel Hargrave sah aus, als stünde er kurz vor einem Schlaganfall. Aber dann verblich die Röte, das Zittern hörte auf, Samuel Hargrave schien in sich zusammenzusinken.

»Nein«, sagte er tonlos, »es ist nicht Ihre Schuld, Doktor. Ich allein trage die Schuld am Tod meiner Frau. Sie, Doktor, haben sich nur eines Verstoßes gegen das Gebot des Herrn schuldig gemacht. Sie haben dem Willen Gottes getrotzt. Beide hätten sie sterben sollen. Das hatte Er mir als Strafe zugemessen. Das Kind ist die Ausgeburt meiner Sündhaftigkeit. Sie, Doktor, haben einem Kind das Leben gerettet, das kein Recht hat zu leben.«

»Einen Augenblick, Sir!« begann der Arzt heftig, doch die Hebamme brachte ihn mit einer warnenden Geste zum Schweigen.

»Ohne Ihr eigenmächtiges Eingreifen, Doktor, wären meine Sünden getilgt gewesen. So aber wird mich, dank Ihrer Eigenmächtigkeit und Ihrem teuflischen Chloroform, für immer die lebendige Erinnerung an jene Nacht begleiten …«

Einen Moment lang starrte Neville Stone den Mann entsetzt an, dann wandte er sich dem kleinen Bündel zu, das die Hebamme in den Armen hielt. Ahnte das Kind, in was für eine Unglückswelt es gekommen war? War das der Grund, weshalb es bis jetzt noch nicht einen Laut von sich gegeben hatte?

»Verzeihen Sie, Mr. Hargrave«, sagte der Arzt ruhiger, »aber wir müssen dem Kind noch seinen Namen geben. Es war der letzte Wunsch Ihrer Frau, daß das Kind Ihren Namen erhält. Meine Pflicht als Arzt und als Mensch gebietet mir, dafür zu sorgen, daß ihr Wunsch erfüllt wird, ehe ich heute nacht dieses Haus verlasse.«

Samuel wandte sich ab und blickte auf das stille weiße Gesicht seiner toten Frau.

»Gut, dann soll das Kind Samuel heißen.«

»Aber genau da liegt das Problem, Mr. Hargrave. Ihre Frau glaubte, das Kind wäre ein Junge.«

Als Samuel Hargrave sich wieder umdrehte, sah Neville Stone mit Schrecken den Haß und den Abscheu in seinen dunklen Augen. Aber wem galten diese Gefühle?

»Dann wird sie eben meinen Namen tragen, Doktor.«

»Das kann nicht Ihr Ernst sein, Sir!«

Mit einem Aufschrei fuhr Samuel herum und fiel wieder neben dem Bett auf die Knie. Er warf die Arme über Felicitys Oberkörper und drückte seinen Kopf an ihre Brust. Sein gekrümmter Rücken zuckte in lautlosem Schluchzen.

Der Arzt und die Hebamme zogen sich in eine dunkle Ecke des Zimmers zurück. »Das arme kleine Wurm«, murmelte die Hebamme. »Erst verliert es die Mutter und nun auch noch den Vater.«

»Er wird sich schon wieder fassen. Ich habe schon oft in der Stunde des Schmerzes Verwünschungen gehört, die bald danach vergessen waren. Unsere Pflicht ist es jetzt, dem armen Mann zu helfen, den letzten Wunsch seiner Frau zu erfüllen.«

»Aber was kann man denn tun, Sir? Der Mann ist besinnungslos vor Schmerz, und wer weiß, wie lang es dauert, ehe er wieder zu Verstand kommt. Und inzwischen hat das arme kleine Seelchen nicht mal einen Namen.«

Neville Stone zupfte geistesabwesend an seinem weißen Schnauzbart, während er den schluchzenden Mann betrachtete. Dann war ihm, wie durch eine Erleuchtung, plötzlich klar, was er zu tun hatte.

»Wir werden unsere Christenpflicht tun, Mrs. Cadwallader. Bitte holen Sie mir frisches Wasser, damit ich das Kind taufen kann.«

Er ging aus dem Zimmer, die Treppe hinunter in die Wohnstube, wo die zwei vergessenen kleinen Jungen warteten. Der eine stand mit großen Augen beim Kamin, in dem das Feuer fast erloschen war, der andere kauerte noch immer wie ein geschlagener Hund unter dem Tisch.

Neville Stone nahm die Familienbibel, die auf dem Tisch lag, und schlug sie auf. Als er die mit goldenen Schnörkeln verzierte Seite gefunden hatte, die das Familienregister enthielt, griff er zur Feder. Unter die Eintragung vom 14. Juni 1854, die die Geburt Matthew Christopher Hargraves bezeugte, schrieb er: ‘Geboren am 4. Mai 1860, Samantha Hargrave, Tochter des Samuel Hargrave und seiner seligen Frau Felicity (Am selben Tag verschieden) …’

2

Als der vierte Geburtstag der kleinen Samantha herankam, hatte sie noch immer kein einziges Wort gesprochen.

Sie war in ein düsteres Haus ohne Fröhlichkeit und ohne Lachen hineingeboren worden. Einzige Begleiter ihrer Kindheit waren der strenge, immer schwarz gekleidete Vater, der morgens in aller Frühe aus dem Haus ging und abends erst spät heimkehrte, ihre beiden geduckten, immer mürrischen Brüder und eine griesgrämige Haushälterin. Der war das kleine Mädchen nicht geheuer, das dauernd irgendwo in einer schattigen Ecke zu stehen schien und sie mit großen Katzenaugen anstarrte. Sie hielt das Kind für zurückgeblieben und meinte, es verdiene nicht die gleiche Fürsorge wie ein normales Mädchen. Um es aus dem Weg zu haben, pflegte sie es auf den Treppenabsatz vor dem Haus zu setzen und kümmerte sich nicht weiter um das Kind.

Der St. Agnes Crescent war eine häßliche, halbmondförmig gebogene Straße zwischen Charing Cross und High Holborn. Als Samuel Hargrave sich vor Jahren mit seiner jungen Frau hier niedergelassen hatte, war es ein anständiges Viertel der unteren Mittelklasse gewesen, mit kleinen Reihenhäusern, in denen fleißige und rechtschaffene Protestanten wie die Hargraves wohnten. Die Einwandererwellen aus dem hungernden Irland jedoch, die später ganz London überschwemmten, hatten bewirkt, daß sich die Einwohnerzahl im St. Agnes Crescent innerhalb weniger Jahre verfünffacht hatten. Die Folge war, daß aus dem adretten Kleinbürgerviertel schnell ein von Armen und Arbeitslosen wimmelndes Elendsquartier geworden war.

Zu beiden Enden der Straße standen Gasthäuser, das King’s Coach und das Iron Lion. Im Erkerfenster des den Hargraves benachbarten Hauses hing ein Schild mit der Aufschrift ‘Wäschemangel — Zwei Pence pro Stück’, aber die Leute, denen die Mangel gehört hatte, waren längst weggezogen, und niemand hatte sich die Mühe gemacht, das Schild aus dem Fenster zu entfernen. Auf der anderen Straßenseite war eine verräucherte Imbißstube, wo sich Erdarbeiter und Prostituierte herumtrieben, und straßauf, straßab wimmelte es zwischen Gemüsekarren und fliegenden Händlern von Bettlern und Horden von Gassenjungen.

Die Haushälterin, deren liebste Tageszeit der späte Nachmittag war, wenn sie mit einer Waschfrau aus der Nachbarschaft ihren Tee trank, pflegte sich in vorwurfsvollem Ton darüber zu wundern, daß Mr. Hargrave, der doch beim Standesamt ein anständiges Gehalt bekam, in diesem heruntergekommenen Viertel blieb, anstatt wie viele seiner alten Nachbarn das Haus zu verkaufen und in eines der hübschen neuen Häuser in der Brixton Road zu ziehen. Das war nur eine Klage, die sie zu führen hatte; die zweite bezog sich auf das Kind.

»Halten Sie die Kleine sauber, sagt er zu mir«, berichtete sie eines Tages bei Tee und Butterbrötchen. »Ausgerechnet er, der er sich benimmt, als wär’ sie überhaupt nicht vorhanden. Als ich vor fast vier Jahren bei ihm anfing, sagte er, ihm käm’s vor allem auf zwei Dinge an: daß ich dafür sorge, daß die Kleine ruhig ist und ihm nicht in die Quere kommt, und daß ich sie sauberhalte. Ruhig halten kann ich sie leicht; sie redet ja sowieso keinen Ton. Die ist nicht ganz richtig im Kopf, wenn Sie mich fragen. Ein richtiges unheimliches kleines Ding ist die. Schleicht dauernd irgendwo im Dunklen rum, ohne daß man’s merkt. Soundsooft ist mir’s passiert, daß ich mich ganz ahnungslos umgedreht hab’, und da stand sie direkt hinter mir und starrte mich an, als hätte sie mich noch nie gesehen. So richtig durchdringend, wissen Sie. Unheimlich, wirklich. Und ich frag’ Sie, wie ich die Kleine sauberhalten soll, wenn der Herr so sparsam ist, daß er mir nicht mal erlaubt, ihr neue Sachen zu kaufen. Sie hat genau zwei Kleider, und die muß ich dauernd flicken und rauslassen, weil sie so schnell wächst. Ich hab’ ihn schon ein paarmal um Geld gefragt, damit ich Stoff kaufen und ihr was Neues machen kann, aber der Mann rückt keinen Penny raus.«

Die Freundin schnalzte teilnahmsvoll mit der Zunge.

»Die Kleine hat noch so eine Marotte«, fuhr die Haushälterin fort, des Interesses ihrer Zuhörerin gewiß. »Sie läßt mich um keinen Preis an ihre Haare. Ich brauch’ nur den Kamm zu nehmen, und schon fängt sie an zu brüllen wie eine Wilde. Es ist fast so, als ob sie weiß, daß mit ihrem Kopf was nicht in Ordnung ist, und nicht will, daß jemand ihn anrührt. Also kämm’ ich sie eben nicht. Aber ich frag’ Sie, wie ich das Kind unter diesen Umständen sauberhalten soll!«

Sie schaffte es nicht. Für Samantha war das von Vorteil: Als sie unternehmungslustig und mutig genug geworden war, sich den Straßenkindern anzuschließen, wurde sie dank ihrem verlotterten Äußeren sofort in die Horde aufgenommen. Vom Vater und den Brüdern, die den ganzen Tag zur Schule gingen und abends mit dem Vater über ihren Schulbüchern oder der Bibel saßen, alleingelassen, fand Samantha ihre Familie auf der Straße. Sie lernte schnell. In das Rudel eingegliedert, erforschte sie unter der Führung der älteren, pfiffigeren Kinder Hinterhöfe und Abfalltonnen, kletterte auf Bäume, machte Klimmzüge an Wäscheleinen, spielte Fangen und Verstecken. Sie lernte ungezügelte Freiheit kennen, entwickelte sich zu einem wahrhaften kleinen Haudegen und flinken Kletterer und erwarb sich, obwohl niemand ihren Namen wußte, da sie nicht sprach, rasch die Anerkennung ihrer wilden Gefährten.

Ihr bester Freund und treuer Beschützer war ein neunjähriger Junge namens Freddy, den seine Mutter gleich nach seiner Geburt in eine Zeitung gewickelt in einer Abfalltonne deponiert hatte. Ein alter Katzenschinder, der das Wimmern des Säuglings hörte und meinte, auf einen guten Fang gestoßen zu sein, fand das ausgesetzte Kind, hatte Mitleid und nahm es zu sich. Der Alte, der sein mageres Leben mit dem Verkauf der Felle der von ihm gefangenen Katzen fristete, zog den Findling auf und lehrte ihn sein Gewerbe. Er starb an Lungenentzündung, als Freddy sieben Jahre alt war. Auf sich selbst gestellt, fand Freddy Unterschlupf in einem verlassenen, alten Schuppen und ernährte sich, so gut es ging, mit Betteln und Stehlen sowie vom Katzenfang. Fast jeden Abend ging er mit Stock und Sack bewaffnet auf Beute und zog den Katzen, wie der Alte es ihn gelehrt hatte, dann bei lebendigem Leib das Fell ab, da für solche Felle das meiste Geld zu bekommen war. Oft prahlte er damit, daß er eines Tages sein eigenes Gasthaus eröffnen würde.

Freddy war es, der die vierjährige Samantha endlich zum Sprechen brachte.

Als die Kinder eines Tages gegen Abend vom benachbarten Markt zurückkehrten, wo sie Zwiebeln und Würste gestohlen hatten, blieb Freddy so plötzlich stehen, daß Samantha gegen ihn prallte.

»Horch!« flüsterte er und drehte den Kopf erst in die eine, dann in die andere Richtung.

Samantha spitzte die Ohren und hörte von irgendwoher leises Wimmern.

»Das ist eine Katz!« rief Freddy. »Komm, die fangen wir uns und häuten sie und verkaufen das Fell. Für das Geld kauf ich dir ein paar Schweinsfüße. Na, wär’ das was?«

Verwundert folgte ihm Samantha, als er vorsichtig zu einem Loch in der Umzäunung schlich. Er kroch auf alle Viere und spähte hinein.

»Recht hab’ ich gehabt. Eine Katze. Und verletzt ist sie auch. Da erwischen wir sie mit Leichtigkeit und können ihr gleich das Fell abziehen.«

Während er an seinen Gürtel griff, um das Messer herauszuholen, kniete auch Samantha nieder und spähte durch das Loch im Zaun. Eine rotscheckige alte Katze lag dort leise klagend auf der Seite, in einem Bein eine große Wunde.

Als Freddy den Arm ausstrecken wollte, um zuzupacken, faßte Samantha ihn hastig am Handgelenk. Überrascht von der Kraft ihres Zugriffs, hielt er inne. »Was ist denn los?«

Samantha schüttelte den Kopf so heftig, daß die Locken flogen.

Er wollte sich losreißen. »Ach, komm schon. Für das Geld können wir uns was Richtiges zu essen kaufen.«

Sie öffnete den Mund und stieß einen heiseren Laut aus.

»Was sagst du?«

»Krank.« Es war nur ein kratziges Flüstern.

Freddy sah sie erstaunt an. »Du kannst ja reden!«

»Krank!« sagte sie wieder, immer noch die Hand an seinem Arm.

»Ja, ich weiß, daß die Katze krank ist. Das ist ja gerade das Gute. Da können wir sie leicht —«

»Helfen, Freddy! Helfen!«

Er riß die Augen auf. »Was? Ich soll der ollen Katze helfen?«

Sie nickte heftig.

»Du spinnst ja!«

Sie fing an zu weinen. »Hilf der Katze. Bitte!«

Er starrte ihr in das schmutzige kleine Gesicht und merkte, wie er weich wurde. »Ach, ich weiß nicht. Ich wollt’ nur schnell reinlangen und ihr eins mit dem Messer verpassen. Aber anfassen läßt die sich von uns bestimmt nicht. Die kratzt uns höchstens. Das ist bei kranken Tieren immer so.«

Wieder schüttelte Samantha den Kopf und beugte sich tiefer. Sie sah lächelnd in die leuchtenden gelben Augen der Katze und streckte langsam den Arm nach ihr aus. Die alte Katze ließ sich ruhig von ihr streicheln.

Freddy war baff. »Also da kriegst du wirklich die Motten.«

Sie brauchten eine Woche, um die Katze gesundzupflegen. Jeden Morgen, nachdem Samanthas Vater aus dem Haus gegangen war, trafen sie sich und rannten zu dem Hinterhof, um die Katze zu versorgen. Samantha stahl Milch aus der Speisekammer und fütterte das Tier damit, und sie nahm mehrmals etwas von dem grünen Brotschimmel mit, den die Haushälterin in einer Dose in der Küche verwahrte, um das verletzte Bein der Katze damit zu betupfen. Wozu das gut war, wußte sie nicht, aber sie hatte gesehen, wie die Haushälterin Matthew einmal das grüne Zeug aufgelegt hatte, als dieser mit einer tiefen Rißwunde am Arm nach Hause gekommen war. Freddy, von dem die Katze sich nicht anrühren ließ — sie hatte ihn gekratzt, als er es einmal versuchte —, pflegte an den Zaun gelehnt ungeduldig zu warten, während seine kleine Freundin das Tier streichelte und versorgte. So ging das acht Tage lang, dann war die Katze eines Morgens spurlos verschwunden.

Freddy war es auch, der Samantha als erster vor Isaiah Hawksbill warnte.

Nicht weit von der Straßenecke stand ein dunkles, stilles Haus, gruslig und geheimnisvoll. Mehrere seiner Fenster waren mit Brettern vernagelt, doch es war bewohnt. Ein alter Mann lebte dort, ganz allein, der sich niemals auf der Straße zeigte. Seine Lebensmittel ließ er sich wöchentlich liefern; die Lieferanten mußten die Pakete auf der Treppe ablegen, wo die Bezahlung in einer Blechdose bereitstand. Ein paar ganz Mutige hatten es sich nicht nehmen lassen, im Verborgenen zu warten, um den alten Hawksbill doch einmal zu Gesicht zu bekommen, und was sie darüber zu erzählen wußten, klang wahrhaft abschreckend: Schlohweiß und bucklig wäre er, und sein Gesicht so häßlich, daß einem die Augen stehenblieben, wenn man ihn direkt ansähe. Während der Name Hawksbill bei den Kindern vom St. Agnes Crescent Grusel und Angst auslöste — sie gingen immer auf die andere Straßenseite hinüber, wenn sie an seinem Haus vorbei mußten —, war er den Erwachsenen Anlaß zu Argwohn und Mißtrauen. Es kursierte das Gerücht, daß der alte Hawksbill vor Jahren ein schreckliches Verbrechen an einem kleinen Mädchen begangen hatte.

Oft stand Samantha, von Freddys schützendem Arm umfangen, auf der Straße und starrte zu dem Haus mit den blinden Fenstern hinüber.

Als Samantha sechs Jahre alt war, trat ihr Vater in ihr Leben. Sie hockte in einem schmutzigen Kleid, das ihr zu eng und viel zu kurz war, mit nackten, schmutzverkrusteten Füßen und zerzaustem Haar auf der Treppe vor dem Haus und zeichnete mit dem Finger ein Muster in den Staub an der Haustür, als Samuel, wegen der Geburtstagsfeierlichkeiten früher als sonst aus dem Büro zurück, die Treppe heraufkam. Er fuhr Samantha, die er für ein Nachbarskind hielt, barsch an und wollte sie mit dem Fuß aus dem Weg stoßen, als sie plötzlich den Kopf hob und ihm direkt in die Augen sah. Beide erstarrten einen Moment, er groß und finster, die Hand schon am Türknauf, sie zusammengekauert und schmutzig zu seinen Füßen. Reglos starrten sie einander an, so als sähe jeder den anderen zum erstenmal. Ein Schwall jahrelang aufgestauter Emotionen überschwemmte Samuel. Er sah direkt in das Gesicht seiner unvergessenen Felicity.

Schwankend zwischen Schmerz und Abscheu sah Samuel, wie das Kind mit kleiner schmutziger Hand nach seinem Hosenbein greifen wollte, und wich unwillkürlich einen Schritt zurück. Dann fuhr er herum, stürzte so hastig ins Haus, daß er über die Türschwelle stolperte, und brüllte nach der Haushälterin. Es folgte eine wütende Auseinandersetzung.

»Sie ist so verdreckt wie der schlimmste Straßenbengel.«

»Wieso kümmert Sie das plötzlich? Sie achten doch sowieso nicht auf sie.«

»Ich bezahle Sie dafür, daß Sie sich um sie kümmern.«

»Für fünf lumpige Schilling die Woche können Sie von mir nicht erwarten, daß ich —«

Die Haushälterin wurde noch am selben Tag entlassen.

Samuel holte eine Nachbarsfrau, Mutter von zwölf Kindern, gab ihr einen Schilling als Lohn dafür, daß sie das Kind gründlich wusch und frisierte, und etwas Geld, um ihr Kleider und Schuhe zu kaufen. Wortlos und ohne Klage ließ Samantha die gründliche Wäsche mit der harten Bürste über sich ergehen, ließ es sich sogar ohne Widerstand gefallen, daß die Frau ihr Haar kämmte. Sie war wie verzaubert von dem Wunder, das geschehen war.

Ihr Vater hatte sie bemerkt.

3

Samuel stellte eine neue Haushälterin ein und setzte sich nun jeden Abend mit Samantha an den Kamin, um ihr Religionsunterricht zu erteilen.

Samantha war selig. Sie betrachtete diesen strengen, düsteren Mann als ihren Retter und Wohltäter; denn hatte er sie nicht von der Straße hereingeholt, um sich mit väterlicher Fürsorge ihrer anzunehmen? Von dem heftigen Wunsch getrieben, ihm zu gefallen, bemühte sich Samantha mit höchstem Eifer, alles zu behalten, was er ihr beibrachte, und Samuel war insgeheim beeindruckt, wie rasch sie lernte. Er behandelte seine Tochter wie fremder Leute Kind, ja, wie ein Findelkind, das zu nähren und zu lehren er aus seinem christlichen Glauben heraus verpflichtet war. Ihre beiden verschlossenen Brüder, die sie kaum kannte, pflegten an den abendlichen Bibelstunden teilzunehmen und dann zu Bett zu gehen, ohne von ihrer Existenz Notiz zu nehmen.

Tagsüber trieb sich Samantha weiterhin mit der Rotte ihrer wilden Freunde in Straßen und Gassen herum, doch abends lief sie jetzt früher nach Hause, um sich zu waschen und die Kleider zu wechseln, ehe der sehnsüchtig erwartete Vater heimkehrte.

In einem wesentlichen Punkt unterschied sich Samantha von den Straßenkindern des Viertels: Sie bewahrte sich trotz aller mutwilligen Streiche und kleiner Gaunereien, an denen sie sich beteiligte, ihre Ehrlichkeit. Verbunden damit war ihre vertrauensvolle Überzeugung, daß jeder Mensch im Grunde seines Herzens gut war. Alle anderen sahen nur die äußere Person; Samantha aber sah hinter die Fassade und erkannte die gute Seele, den Menschen, der ins Unglück geraten war. Samantha glaubte fest daran, daß die Menschen durch die Umstände zum Bösen gezwungen wurden, daß kein Mensch aber von Natur aus böse war.

Freddy meinte, sie wäre dumm, und er sagte es ihr oft genug. Als sie Mitleid mit den Wursthändlern äußerte, die sie gemeinsam bestahlen, versuchte er, ihr das einfache Gesetz vom Überleben des Gewitztesten zu erklären. Als sie den armamputierten Veteranen aus dem Krimkrieg, die am Piccadilly Circus bettelten, alles gab, was sie an einem Tag zusammengestohlen hatte, versuchte Freddy ihr klarzumachen, daß viele von ihnen nur Theater spielten; daß sie ihre Arme unter dem Hemd verbargen und mit dem, was sie von weichherzigen Dummköpfen wie ihr erbettelten, ein flottes Leben führten. Doch mit der Zeit sah er ein, daß es ihm nicht gelingen würde, sie zu seinen Ansichten zu bekehren, und er gab alle Versuche auf. Er mochte sie einfach so, wie sie war.

Und da Samantha an den Leuten, die im Crescent lebten, nichts Böses sehen konnte, war es nur natürlich, daß ihr Vater, ihr Retter, in ihren Augen die reine Verkörperung alles Guten war. Ihr brennendster Wunsch war es, seine Anerkennung zu finden. Doch als selbst nach Wochen heißesten Bemühens bei den abendlichen Unterrichtsstunden jedes Lob von ihm ausblieb, meinte Samantha, sie müsse wohl ein anderes Mittel finden, ihm zu gefallen.

Sie schleppte gerade einen Eimer Wasser von der Pumpe am Ende der Straße zu ihrem Haus, in dem es kein fließendes Wasser gab, als Freddy über die Straße gelaufen kam und mit anpackte. Mit einem breiten Grinsen sah er sie an.

»Dich kriegt man ja fast überhaupt nicht mehr zu sehen, Prinzessin.«

Samantha zuckte nur die Achseln, während sie, den schwappenden Eimer zwischen sich, weiter die schmutzige Straße hinuntergingen. Freddy hatte ja keine Ahnung, wie das mit einem Vater war.

Als sie vor dem Haus angekommen waren, erzählte Freddy ihr prahlerisch, er hätte sich in den letzten Tagen einen ganzen Sack voll Pennies verdient.

»Und wo kann einer wie du soviel Geld verdienen?« fragte sie.

»Beim Gerber drüben.« Er hob den Arm und zeigte ihr das Haus. »Der zahlt pro Eimer einen halben Penny. Er braucht das Zeug für seine Arbeit.«

»Was für Zeug?«

Freddy drückte beide Hände in seinen Magen und lachte laut heraus. »Was für Zeug? Warum fragst du ihn nicht selber, Prinzessin?« Damit rannte er, immer noch lachend, davon.

Samantha sah ihm verwundert nach, und plötzlich hatte sie eine Idee: wenn sie sich auch ein bißchen Geld verdiente, konnte sie ihrem Vater ein Geschenk kaufen.

Der Gerber brauchte, wie sich herausstellte, Hundekot für seine Arbeit und zahlte pro Eimer, wie Freddy gesagt hatte, einen halben Penny. Es war harte Arbeit, einen ganzen Eimer zu füllen, und die Konkurrenz war erbittert, da viele Kinder sich auf diese Weise Geld verdienten. Mit Eimer und Schäufelchen bewaffnet, die der Gerber ihr gestellt hatte, wanderte Samantha den ganzen Tag durch Straßen und Gassen und langte schließlich bei Sonnenuntergang todmüde wieder vor der Werkstatt des Gerbers an, wo ihre alten Freunde sie mit Spott und Gelächter empfingen. »He, bei uns zu Haus’ gibt’s immer Butter aufs Brot!«

Samantha drängte sich mit stoischer Miene durch die Meute, aber als nachher einer der Rowdys ihr den halben Penny aus der Hand riß, den sie vom Gerber erhalten hatte, und damit davonlief, brach sie in Tränen aus. Die Kinder lachten sie aus, und Freddy lief grinsend auf Samantha zu.

Auf dem Heimweg hörte er sich ihren Jammerbericht über den Verlauf des Tages an, und vor ihrem Haus blieb er, die Hände in die Hüften gestemmt, stehen.

»Du bist blöd, Samantha, da nützt dir das ganze Schreiben und Lesen nichts. Die andern machen sich nicht soviel Arbeit. Es gibt ja gar nicht genug Hundescheiße für alle. Du hättest den Eimer mit deiner eigenen vollmachen können und dann für obendrauf noch ein paar Haufen sammeln können. Der Gerber hätt’s bestimmt nicht gemerkt. Du bist wirklich dumm, Prinzessin!«

Dann rannte er lachend davon.

Fünf Minuten später musterte Samuel Hargrave naserümpfend seine Tochter, inspizierte die braunen Flecken an ihren Händen und ihrem Kleid und übergab sie der schockierten Haushälterin, die ihr erst eine Tracht Prügel verpaßte und sie dann ohne Abendessen ins Bett schickte.

Zwei Tage später reiste James, ihr Bruder, nach Rugby ab.

Am Morgen seiner Abreise kam der Sechzehnjährige in seinem Sonntagsanzug und mit einem abgeschabten alten Koffer in der Hand die Treppe herunter. Nachdem er steif und förmlich von seinem Vater Abschied genommen hatte, ging er zur Tür hinaus und verschwand fürs erste aus Samanthas Gesichtskreis.

Im Lauf des Jahres kamen Briefe von ihm, kurze Schreiben, die nicht mehr enthielten als lakonische Beschreibungen seines Internatsalltags.

Als er nach einem Jahr zurückkehrte, groß und gut gewachsen, seinem Vater sehr ähnlich, blieb er nur kurze Zeit. Sobald die Ferien zu Ende waren, reiste er nach Oxford, und diesmal begleitete sein Vater ihn.

Am Morgen ihrer Abreise hockte Samantha, das Kinn in die Hand gestützt, auf der Treppe vor dem Haus, als plötzlich Freddy auftauchte.

»Warum machst du so ein miesepetriges Gesicht?« fragte er und ließ sich, lang und schlaksig, neben ihr auf die Treppe fallen.

»Mein Vater und mein Bruder sind mit der Eisenbahn weggefahren, und ich wär’ so gern mitgefahren.«

»Wohin sind sie gefahren?«

»Nach Oxford.«

»Und was tun sie da?«

»Keine Ahnung. James hat was davon gesagt, daß er die Medizin studieren will. Aber ich versteh’ das nicht. Wie kann man denn eine Medizin studieren?«

»Das heißt, daß dein Bruder Doktor werden will.«

»Wozu muß er denn da nach Oxford fahren? Das kann doch jeder. Den Leuten Arznei geben, die wie Gift schmeckt.«

»Ja, aber das ist nicht alles, was ein Doktor tut.« Freddy neigte sich näher zu ihr. »Die machen noch ganz andere Sachen«, erklärte er in vertraulichem Ton. »Die schneiden die Leute in Stücke, verstehst du. So richtig in Scheiben wie ein Stück Schinken.«

Samantha schüttelte den Kopf. »Ist ja gar nicht wahr. Mein Bruder würde so was nie tun.«

»Muß er aber, wenn er ein Doktor werden will.«

»Und woher weißt du das alles?«

»Ich zeig’s dir.« Freddy sprang auf und sah sie lachend an. »Kommst du mit, Prinzessin?«

Sie sah ihn mißtrauisch an. »Wohin denn?«

»Da, wo sie den Leuten die Bäuche aufschneiden.«

4

Sie folgte ihm quer durch London, die Charing Cross Road hinunter bis zur Tottenham Court Road und von da durch die University Street zum North London Hospital. Das Krankenhaus war ein dreistöckiger Bau von beeindruckender Größe. Vor dem Hauptportal ging es an diesem Morgen um zehn Uhr sehr geschäftig zu. Freddy winkte Samantha und führte sie um das Gebäude herum in einen Hinterhof, wo Fuhrwerke und Kutschen warteten.

Nicht weit von der Hintertür stand eine Gruppe Medizinstudenten, frische junge Männer, die sich mit gesenkten Stimmen unterhielten. »Die machen das gleiche wie dein Bruder«, flüsterte Freddy. »Die studieren alle auf Doktor. Genau wie James.«

Samantha und Freddy duckten sich hinter einem schweren Rollwagen, um die Medizinstudenten zu beobachten, und sahen wenig später drei sichtlich aufgeregte junge Frauen in den Hof huschen. Nervös kichernd eilten sie den jungen Männern entgegen. Einer von ihnen legte mahnend den Finger auf seine Lippen, nahm dann eines der Mädchen beim Arm und zog sie mit sich durch die Tür. Als alle im Krankenhaus verschwunden waren, krochen Samantha und Freddy hinter dem Fuhrwerk hervor und schlüpften ebenfalls durch die Hintertür.

Sie gelangten in einen düsteren, schmalen Korridor mit vielen Türen auf beiden Seiten. Eine der Türen stand halb offen. Samantha spähte neugierig hinein und fuhr entsetzt zurück. Auf einem langen Tisch lag nackt und wächsern die Leiche eines jungen Mannes. Vier Männer standen mit aufgerollten Hemdsärmeln um den Tisch herum, während ein fünfter, ein hünenhafter Mann mit grauem Haar und einer blutverschmierten Fleischerschürze, mit leiser Stimme etwas erklärte.

»Na, willst du wieder heim, Angsthase?« flüsterte Freddy neben ihr.

Sie schüttelte nur stumm den Kopf und folgte ihm durch den Korridor zu einer kleineren Tür, durch die die Medizinstudenten verschwunden waren. Auf Zehenspitzen huschten sie über die Fliesen, zogen die Tür auf und fanden sich am Fuß einer dunklen Treppe. Oben war wieder eine Tür, durch die Licht und Stimmengemurmel ins Treppenhaus drangen.

»Freddy, das dürfen wir doch nicht«, wisperte Samantha.

Er stand hinter ihr, die Hand auf ihrer Schulter. »Ich hab’ ja gleich gewußt, daß dir der Mumm fehlt. Du bist eben doch ein Angsthase.«

»Bin ich nicht!«

»Pst, sonst erwischen sie uns und schmeißen uns raus. Na los, wenn du nicht bange bist, dann geh’ doch rauf.«

Langsam stieg Samantha die Treppe hinauf. Oben hielt sie an und pirschte sich an den Türpfosten heran, um in den Raum dahinter sehen zu können. Sie befand sich in der obersten Sitzreihe eines Operationssaals. In den drei unteren Reihen drängten sich Schulter an Schulter Medizinstudenten, Ärzte und chirurgische Assistenten. An Metallgeländer gelehnt, schauten sie gespannt zu dem leeren Operationstisch hinunter. Es war, als warteten sie auf den Beginn einer Theatervorstellung. In der obersten Reihe, weit weg von der Tür, saßen die Medizinstudenten mit ihren nervösen Freundinnen.

Dicht an Freddy gedrückt blieb Samantha in der Ecke stehen und sah, wie unten eine Flügeltür aufgestoßen wurde. Als erster trat der mächtige grauhaarige Mann ein, der immer noch die blutige Fleischerschürze um den Leib hatte. Augenblicklich wurde es mucksmäuschenstill im Saal. Ihm folgten die vier Assistenten mit blutbefleckten Händen und Armen und zwei Träger, die den Weidenkorb mit der Patientin in den Operationssaal trugen.

Sie war ein mageres kleines Ding, zart wie ein Vögelchen, und sie zitterte vor Angst. Die Träger halfen ihr auf den Tisch, ihr Blick flog gehetzt über die Gesichter der vielen fremden Menschen, die ohne eine Gefühlsregung zu ihr hinunterstarrten, und während einer der Assistenten daran ging, ihr Kleid aufzuknöpfen, wandte sich der Professor für klinische Chirurgie, Mr. Bomsie, mit dröhnender Stimme an sein Publikum.

»Die Patientin ist fünfundzwanzig Jahre alt, Dienstmädchen in Notting Hill. Ihr Arbeitgeber schickte sie zu Dr. Murray, weil sie über starke Schmerzen in der rechten Brust klagte. Bei der Untersuchung wurden ein Knoten von der Größe eines Apfels und eine eingezogene Brustwarze festgestellt, die ständig blutete. Ohne Operation wird die Patientin ohne Zweifel innerhalb eines Jahres sterben.«

Bomsie nickte einem seiner Assistenten zu. Der junge Mann ging zu einem Schrank an der Wand und wählte Mr. Bomsies Lieblingsinstrumente aus: zwei Skalpelle, ein Tenakel, einige Klemmen, eine Schere. Er legte sie auf einen Instrumententisch beim Kopf der Patientin.

Die Frau, deren Brust jetzt entblößt war und die verzweifelt darum bat, gehen zu dürfen, wurde angeschnallt.

Das North London Hospital war das erste Krankenhaus in England, wo mit Narkose operiert wurde. Das hieß jedoch nicht, daß Anästhesie eine Selbstverständlichkeit war; vielmehr lag es im Ermessen jedes einzelnen Chirurgen, Chloroform einzusetzen. Mr. Bomsie zog es vor, ohne Narkose zu arbeiten. Seine Begründung dafür wurde von vielen seiner Kollegen geteilt: Allzu viele Patienten starben unter der Einwirkung von Chloroform und Äther. Das Risiko, daß sie aus der Operation nicht mehr erwachten, nur weil man ihnen ein paar Minuten Schmerz hatte ersparen wollen, war unverhältnismäßig hoch. Das war die Erklärung, die Mr. Bomsie der Öffentlichkeit gab. Tatsächlich lag der Grund für seine Abneigung gegen die Narkose in seinem Alter — er war über sechzig — und auch darin, daß er ein herausragender Operateur von beinahe schon legendärem Ruf war.

In den Tagen vor der Narkose — und die lagen noch nicht lange zurück — galt derjenige als der beste Operateur, der am schnellsten arbeitete und den Patienten dem geringstmöglichen Schmerz aussetzte. Nun jedoch, wo es die Narkose gab, wo der Patient nicht mehr vor Schmerz schreiend versuchte, sich aus den Gurten zu befreien, sondern friedlich schlummerte, konnte der Operateur sich Zeit lassen. Nicht mehr der Chirurg, der am schnellsten arbeitete, heimste die Lorbeeren ein, sondern der, welcher das meiste Geschick bewies, und wenn auch Gerald Bomsie an Schnelligkeit kaum zu schlagen war, fehlte es ihm doch an Finesse. Die Anästhesie drohte ihn seines Glorienscheins zu berauben. Da viele der älteren Chirurgen ihre Operationen noch nach alter Weise durchführten, ohne Narkose nämlich, stellte keiner der an diesem Maimorgen im Saal Anwesenden Mr. Bomsies Methode in Frage.

Gerald Bomsie klemmte sich das Skalpell zwischen die Zähne, um sich mit beiden Händen noch einmal durch seine Löwenmähne zu fahren, dann beugte er sich über die angstvoll schreiende Patientin, straffte mit der einen Hand die Haut der erkrankten Brust und setzte mit der anderen einen schnellen sauberen Schnitt.

Die Zuschauer zogen ihre Taschenuhren, um die Zeit zu nehmen. Samantha hörte, wie jemand leise sagte: »Er ist der schnellste Mann seit Liston. Ich hab’ mal gesehen, wie er mit einem einzigen Schnitt Bein und Hoden des Patienten, drei Finger seines Assistenten und den Rockzipfel eines Zuschauers abgetrennt hat.«

Samantha starrte in grauenvoller Faszination zum Operationstisch hinunter.

Donnernder Applaus riß Samantha aus ihrer Erstarrung. Sie sah, daß die Patientin gnädigerweise das Bewußtsein verloren hatte und die drei Freundinnen der Medizinstudenten ebenfalls.

Während man die Patientin hinaustrug, wusch sich Mr. Bomsie die Hände und wandte sich wieder seinem Publikum zu. Doch Samantha und Freddy blieben nicht, um sich seine Ausführungen anzuhören. Sie schlüpften wieder hinaus, rannten die Treppe hinunter zum Korridor, um zu sehen, wohin die Patientin gebracht wurde.

Niemand beachtete die beiden verwahrlost aussehenden Kinder, die hinter den Trägern mit ihrem Weidenkorb durch den Gang liefen. Sie gelangten in einen Vorraum, der voller Leute war: Ärzte und Medizinstudenten, Patienten, die schwach an den Wänden lehnten oder auf dem Boden hockten, Besucher in Zylindern und raschelnden Krinolinen. Durch eine der Türen, die von dem Vorraum abgingen, trugen die Träger den Weidenkorb.

Freddy sah Samantha mit einem leicht boshaften Grinsen an. »Du schaust ein bißchen käsig aus, Prinzessin. Du hast wohl genug, was?«

Sie hatte Mühe, überhaupt einen Ton hervorzubringen. »Soviel wie du halt’ ich leicht aus.«

Unbemerkt huschten sie in den Krankensaal.

Solch durchdringender Gestank schlug ihnen entgegen, daß sie abrupt stehenblieben. Samantha drückte einen Zipfel ihres Halstuchs an die Nase, während sie sich mit großen Augen umsah. Vor ihr dehnte sich ein langer schlauchförmiger Raum mit Betten zu beiden Seiten und einem offenen Kamin am hinteren Ende. Den aufsteigenden Brechreiz unterdrückend, ließ Samantha den Blick über die Betten schweifen, in denen nur Frauen lagen. Manche stöhnten, manche schrien, einige flehten Gott an, sie sterben zu lassen, einige lagen noch in gnädiger Bewußtlosigkeit. Es waren lauter Frauen, die vor kurzem operiert worden waren.

An einem Tisch beim Kamin saß eine Schwester des Allerheiligen-Ordens im schlichten braunen Kleid und weißer Haube und trank Tee. Mehrere Krankenhelferinnen waren im Saal bei der Arbeit, leerten Toiletteneimer, betteten Patientinnen um, legten Kompressen auf, fegten den Boden.

Samantha hätte nicht sagen können, was schlimmer war, der atemberaubende Gestank oder das gräßliche Schreien und Klagen, das ihr so grauenvoll erschien wie das sprichwörtliche Heulen und Zähneklappern der Hölle. Doch sie konnte sich die Ohren nicht zuhalten, da sie ihr Tuch an die Nase drücken mußte. Nicht einmal aus den verkommensten Hinterhöfen des Elendsviertels um den St. Agnes Crescent kannte sie solchen Gestank. Woher er kam, war leicht zu sehen: aus schwärenden Wunden und von brandigem Fleisch. Es war der Gestank bei lebendigem Leib verfaulender Menschen.

Der Weidenkorb war jetzt leer. Die bedauernswerte Frau, deren Brust immer noch nackt und blutig war, hatte man in ein Bett gelegt. Am Nachbarbett standen ein Chirurg und drei Medizinstudenten und untersuchten ein hübsches junges Mädchen, dem man das Bein abgenommen hatte. Der Stumpf ruhte auf einer flachen Schale, in die der Eiter abfloß. Während der Chirurg seinen Studenten einen Vortrag hielt, nahm er dem Mädchen den Verband ab, ein Stück mit einem Monogramm versehener Damast — wohltätige Spende irgendeiner reichen Familie. Er schälte das Tuch vom Stumpf, riß, wo es klebte, und warf es ans Fußende des Bettes. Eine der Schwestern nahm es, sobald es dort niedergefallen war, trug es zum Nebenbett, wo schluchzend die junge Frau mit der Brustamputation lag, und befestigte das schmutzige Tuch mit Pflastern über der Operationswunde.

Eine zweite Schwester, die zu Hilfe kam, entdeckte die beiden Kinder und rief barsch: »He, ihr beiden da! Raus mit euch!«

Freddy und Samantha ergriffen die Flucht, rannten durch den Vorraum voller Menschen und stürmten die Treppe hinunter auf die Straße. Mit fliegenden Haaren jagten sie weiter, sprangen über Zäune und Rinnsteine, bis sie schließlich vor Erschöpfung keuchend an eine Mauer fielen.

Freddy fing an zu lachen. »Junge, Junge, das hätte ich dir nicht zugetraut, Sam.«

Samantha starrte stumm auf die rußige Backsteinmauer auf der anderen Seite der Gasse. Erst als Freddy wieder ernst wurde, sagte sie: »Es ist nicht recht, Freddy.«

»Ach, tu doch nicht so, Sam. Da ist doch nichts dabei, wenn man sich mal ins Krankenhaus schleicht —«

»Das mein’ ich ja gar nicht.« Sie sah ihn mit ihren großen grauen Augen eindringlich an. »Ich mein’, was die da drin machen. Ein Doktor soll den Leuten doch helfen. Aber die quälen die Leute ja.«

»Sie meinen’s gut, Sam. Vielleicht können sie’s einfach nicht besser.«

Sie wandte sich ab und zog sich in ihre eigenen Gedanken zurück.

__________

Wochenlang hatte Samantha nach diesem Tag Alpträume. Nacht für Nacht wurde sie von den schrecklichsten Bildern heimgesucht. Aber es waren nicht Furcht oder Ekel, die sie peinigten, sondern das Gefühl, daß Ärzte und Schwestern in den Krankenhäusern sich an ihren Patienten auf furchtbare Weise vergingen.

Als Samantha die innere Beschäftigung mit dem Krankenhaus schon fast zur Besessenheit geworden war, geschah etwas, das sie ablenkte.

Mit dem Übergang des Sommers in einen feuchtkalten Winter, der London mit rußschwarzem Schnee zudeckte, steigerte sich Samuel Hargraves religiöser Eifer zum missionarischen Fanatismus. Samantha mußte nun Abend für Abend die frommen Traktate, die er wieder eifrig schrieb, zu kleinen Heftchen binden, mit denen er dann in die finstersten Gegenden Londons lief, um Gauner und Prostituierte zur Umkehr zu ermahnen. Hand in Hand mit seinem wachsenden Fanatismus ging eine persönliche Veränderung Samuels, die Samantha in ihrer blinden Liebe nicht bemerkte.

Eines Abends tat Samuel etwas Seltsames. Während Samantha im dämmrigen Lampenschein über den Tisch gebeugt saß und an den Traktaten stichelte, spürte sie plötzlich den Blick ihres Vaters auf sich. Sie hob den Kopf und war bestürzt über den Ausdruck wilder Gefühlsbewegtheit in seinen Augen. Lange sah sie ihn verwundert, aber ohne Furcht an, bis er, wie ungewollt, sehr leise »Felicity« sagte.

Samantha, die niemanden dieses Namens kannte, verstand nicht, was er meinte. »Was hast du denn, Vater?« fragte sie.

Der Klang ihrer Stimme schien eine Tür aufgeschlossen zu haben. Zum erstenmal seit zehn Jahren wurde Samuels Gesicht weich und traurig, und Feuchtigkeit verschleierte seine Augen. Mit einem unterdrückten Aufschrei sprang Samantha von ihrem Stuhl auf und lief zu ihm. Sie warf die Arme um seinen Hals und drückte ihr Gesicht an seine Brust. Eine kleine Weile ließ er sich von ihr umschlungen halten, auch wenn er die Umarmung nicht erwiderte, dann zog er ihre Arme von seinem Hals und gebot ihr, an ihren Platz zurückzukehren. Ohne ein weiteres Wort über den Vorfall zu verlieren, setzte er sich wieder an seine Predigt.

Zwei Tage später erklärte er Samantha in dem Ton, den er anzuschlagen pflegte, wenn er sich über eine mißlungene Mahlzeit beschwerte, es wäre an der Zeit, daß sie die Bedeutung christlicher Arbeit und den Wert des Geldes kennenlerne. Sie sei schließlich bereits zehn Jahre alt und stünde an der Schwelle der Entwicklung zur erwachsenen Frau. Er wisse von einem Witwer, der dringend ein Dienstmädchen brauche, das für ihn koche und ihm das Haus sauberhalte. Samantha hätte ihm gern entgegengehalten, daß es unsinnig sei, sie in einen fremden Haushalt zu schicken, wo sie doch ihm, ihrem Vater, die Haushälterin ersetzen könne, doch sie sah seiner strengen Miene an, daß jeder Widerspruch zwecklos gewesen wäre. Er hätte mit dem Herrn vereinbart, erklärte Samuel kurz und bündig, daß Samantha jeden Morgen pünktlich um sieben ihren Dienst antreten, im Haus das Mittag- und das Abendessen einnehmen solle und zur Nacht nach Hause zurückkehren würde.

Schon am folgenden Tag sollte sie ihre Arbeit aufnehmen. Der Herr, der ihrer Dienste so dringend bedurfte, war Isaiah Hawksbill.

5

Das erste, was Samantha vermerkte, war der Gestank, der aus der offenen Tür strömte; das zweite die abschreckende Häßlichkeit des alten Mannes. Stumm starrte sie ihn an und mühte sich, ihren Schrecken zu verbergen, da Freddy sie gewarnt hatte, daß sie für immer in Hawksbills Gewalt sein würde, wenn sie auch nur ein einziges Mal Furcht zeigen sollte.

»Komm rein«, sagte er unwirsch. »Du bist ja wohl die kleine Hargrave, wie?«

Samantha nickte nur und trat ins Haus. Die Tür führte direkt in die Küche, einen düsteren Raum, wo das schmutzige Geschirr in Stapeln herumstand, verkrustete Töpfe, in denen Essensreste verfaulten, Becher mit sauer gewordener Milch neben angeschlagenen Tellern, auf denen verschimmelte Brotkanten lagen.

»Du kannst gleich hier anfangen«, sagte der alte Hawksbill, und Samantha fiel auf, daß er anders sprach als die Leute aus dem Viertel; als käme er aus einer anderen Gegend oder einem fremden Land. »Ich habe keine Zeit, mich mit diesem Kram hier abzugeben, aber ich habe keinen einzigen sauberen Löffel mehr im Schrank, und von meiner eigenen Kocherei habe ich mittlerweile mehr als genug.«

Die kleinen grünen Augen lagen blitzend unter buschigen weißen Brauen. Das weiße Haar stand dem Alten wild und zerzaust um den Kopf, Kinn und Wangen waren von weißen Bartstoppeln bedeckt. Er trug einen zerknitterten Rock, sein Halstuch saß schief, das weiße Hemd hatte einen grauen Schimmer und war voller Flecken. Im Grund war er einfach ein ungepflegter alter Mann, aber auf Samantha wirkte er wie der Unhold, vor dem Freddy sie so eindringlich gewarnt hatte.

Am liebsten hätte sie auf der Stelle kehrt gemacht und wäre davongelaufen, aber das konnte sie nicht. Es war der Wunsch ihres Vaters, daß sie diesem schrecklichen alten Mann das Haus führte, und wenn sie die Gründe für diesen Wunsch auch nicht verstehen konnte, ihrem Vater zuliebe würde sie bleiben.

»Damit wirst du zweifellos den ganzen Tag zu tun haben«, fuhr Hawksbill fort. »Mittags bringst du mir einen Becher Milch und ein paar Scheiben Brot dazu und stellst mir die Sachen vor die Tür. Mein Zimmer ist am Ende des Flurs, gegenüber vom Wohnzimmer. Die Tür ist abgeschlossen. Stell’ das Essen einfach hin und geh’ dann wieder in die Küche. Laß dir ja nicht einfallen zu klopfen. Fürs Abendessen liegt da in der Speisekammer ein kaltes Huhn. Nimm dir einen Flügel und bring mir den Rest. Stell den Teller vor die Tür und geh’ nach Hause, wenn du gegessen hast. Wir sprechen uns morgen wieder. Wenn du Fragen hast, heb’ sie dir für morgen auf.«

Einen Moment lang musterte Isaiah Hawksbill sie noch mit seinen, wie ihr schien, böse schillernden grünen Augen, dann wandte er sich ab und schlurfte hinaus.

Die Aufgaben, die Samantha erwarteten, waren von wahrhaft herkulanischem Ausmaß, aber sie ließ sich davon nicht abschrecken, sondern stürzte sich mit Feuereifer in die Arbeit. Sie war entschlossen, sich Hawksbills Lob zu verdienen, um es ihrem Vater zum Zeichen dafür, daß sie seiner Liebe würdig war, als Geschenk zu bringen. Unverdrossen säuberte sie Schränke und Borde, putzte Becken und Anrichte, fegte und schrubbte, warf die verrotteten Abfälle in die Mülltonne hinter dem Haus und wusch Berge von Geschirr. Zur Mittagszeit trug sie Hawksbills karges Mahl durch den langen dunklen Gang und stellte Becher und Teller vor der verschlossenen Tür nieder. Ehe sie zur Küche zurückging, lauschte sie einen Moment, hörte aber nichts als gedämpftes Scharren und Schlurfen. Als sie am Abend das kalte Huhn zu Hawksbills Zimmer trug, fand sie vor der Tür das geleerte Mittagsgeschirr. Durch die verschlossene Tür drang nicht ein einziger Laut.

Das Haus war dunkel und verstaubt, die Möbel waren sämtlich mit Leintüchern zugedeckt. Eine Treppe führte in bedrohliche Schwärze hinauf. Als es draußen zu dunkeln begann, packte Samantha eine solche Furcht, daß sie nicht einmal mehr ihr Essen wollte. Sie warf den Hühnerflügel in den Mülleimer, schlug die Haustür hinter sich zu und rannte wie gejagt nach Hause.

Am nächsten Morgen erwartete Hawksbill sie schon.

»Mein Bett muß frisch bezogen werden. Zieh es ab, wasch die Leintücher und häng sie draußen auf. Frische Wäsche findest du irgendwo in einem Schrank, Mittag bringst du mir Milch und Brot wie gestern und zum Abendessen ein paar Wurstbrote. Aber streich die Wurst ja nicht zu dick. Stelle mir das Essen wieder wie gestern vor die Tür.«

Er trat einen Schritt näher und packte sie beim Arm. »Merk dir eines, kleines Fräulein — das abgeschlossene Zimmer geht dich nichts an.« Er neigte sich so dicht zu ihr hinunter, daß sein Haar beinahe ihr Gesicht berührte. »Wenn ich dich auch nur ein einzigesmal dabei erwische, daß du an der Klinke herumfummelst, kannst du was erleben. Hast du mich verstanden?«

Als das Ende der ersten Arbeitswoche herankam, war Samantha so müde, daß sie sich kaum noch auf den Beinen halten konnte. Die Arbeit, die es in Hawksbills finsterem Haus zu erledigen gab, hätte zwei kräftige Dienstmädchen den ganzen Tag auf Trab gehalten. Morgens mußte Feuer gemacht und der Kessel aufgesetzt werden; das Kamingitter mußte geputzt und poliert werden, ebenso der Rost; Leintücher und Schonbezüge mußten von den Möbeln genommen, ausgeschüttelt und wieder aufgelegt werden; die Böden mußten gefegt, die Teppiche geklopft, Simse und Regale abgestaubt werden. Dazu mußte sie täglich spülen und Hawksbills Mahlzeiten zubereiten. Zum Einkaufen gab er ihr neun Pence; davon mußte sie Milch, Brot und Fleischpasteten, die schon angegangen waren, bezahlen. Doch als der alte Hawksbill ihr am Ende der Woche drei Shilling in die Hand drückte, war alle Müdigkeit wie weggeblasen. Sie war selig. Ein Geschenk für ihren Vater.

»Na, wie ist es denn so?« erkundigte sich Freddy, der sich auf ihrem Heimweg zu ihr gesellte.

»Ach, geht schon. Nichts Besonderes.«

»Macht er keine schlimmen Sachen?«

Samantha dachte an die abgeschlossene Tür. »Ich hab’ nichts davon gemerkt.«

Freddy kickte mit dem Fuß einen Stein vor sich her. Er war fast fünfzehn, hochaufgeschossen und schlaksig, ein hübscher Halbwüchsiger.

»Harry Passwater hat mir erzählt, der Alte hätte mal mit einem kleinen Mädchen was ganz Schlimmes angestellt. Er wär’ beinah’ dafür aufgehängt worden, aber dann hat er die Zeugen verzaubert, und keiner konnte ihm was nachweisen.«

»Du kannst Harry Passwater ausrichten, er soll nicht solche Geschichten erzählen.«

»He, jetzt setz dich bloß nicht aufs hohe Roß, Samantha Hargrave! Du bist vielleicht in Stellung, aber darauf brauchst du dir noch lange nichts einzubilden.«

Vor dem Haus der Hargraves angelangt, faßte Freddy Samantha impulsiv bei den Schultern. Mit einem Ernst, den sie nie zuvor an ihm gesehen hatte, sagte er: »Wenn der alte Kerl dir auch nur ein Härchen krümmt, Sam, schlag ich ihm seinen grauslichen Schädel ein. Das schwör’ ich dir.«

Sie sah ihm nach, bis er verschwunden war, dann lief sie ins Haus. Ihr Vater nahm die drei Shilling ohne ein Wort.

__________

Der Sommer ging zur Neige, ein regnerischer Herbst folgte und wurde von einem trüben, grauen Winter abgelöst. Für Samantha, die nun nicht mehr nach Herzenslust auf der Straße herumspringen konnte, reihten sich die Tage in ereignisloser Eintönigkeit aneinander, die nur ab und zu von einem Brief ihres Bruders James aus Oxford unterbrochen wurde. Tagsüber erledigte sie ihre Arbeit in Isaiah Hawksbills stillem, finsteren Haus, abends saß sie in der freudlosen Wohnstube unter dem strengen Blick ihres Vaters beim Bibelstudium. Mit der Zeit regte sich eine immer stärker werdende Neugier in ihr.

Was trieb Mr. Hawksbill Tag für Tag hinter der verschlossenen Tür?

6

Isaiah Hawksbill hatte zwei streng gehütete Geheimnisse: Dem einen wäre man auf den Grund gekommen, wenn man die Dielenbretter im kleinen Vorsaal seines Hauses hochgehoben hätte; dem anderen, wenn man seiner Herkunft nachgespürt hätte. Er war Jude.

Isaiah Rubinowitsch, in Weißrußland geboren, war der Sohn eines armen Hausierers und seiner schwindsüchtigen Frau. Er hatte eines Nachts aus dem Getto fliehen müssen, als die bewaffneten Horden des Zaren ihn abholen wollten. Zar Nikolaus hatte verfügt, daß alle Juden männlichen Geschlechts zwischen zwölf und achtzehn Jahren zu fünfundzwanzig Jahren Wehrdienst eingezogen werden sollten. Isaiah war mit einem Laib Brot und dem Versprechen geflohen, daß er eines Tages zurückkehren würde. Seitdem waren fünfundvierzig Jahre vergangen.

Das Schicksal hatte ihn erst nach Polen, dann nach Deutschland verschlagen, wo die Juden größere Freiheit genossen und das akademische Leben blühte. In Gießen wurde er von entfernten Verwandten aufgenommen und begann an der Universität Gießen bei Justus von Liebig das Studium der Pharmakologie.

So sehr der junge, einsame Isaiah sich danach sehnte, eines Tages in seine Heimat zurückzukehren, wußte er doch, daß dies nur ein schöner Traum war; in den Jahren seit seiner Flucht hatten sich die Lebensbedingungen der Juden in Rußland weiter verschlechtert; sie wurden verfolgt und waren größter materieller Not ausgesetzt. In Westeuropa hingegen bot sich Isaiah ein Leben in Freiheit und die Aussicht auf Wohlstand und Ansehen.

Nach Beendigung seines Studiums ließ Isaiah sich als Apotheker nieder und genoß die Wertschätzung vieler ausgezeichneter Ärzte. Infolge seines jähzornigen Temperaments und gewisser radikaler Ansichten jedoch fiel er bei der Regierung in Ungnade. Wieder brach er seine Zelte ab und gelangte über Paris in die explosionsartig wachsende Hauptstadt des Britischen Empire. Er nahm einen anderen Namen an und baute sich eine neue Existenz auf. Ein Jahr später lernte er eine schöne englische Jüdin namens Rachel kennen und heiratete sie. Es folgten einige Jahre ungetrübten Glücks, bis im Jahr 1848 die Cholera-Epidemie ihm seine Familie raubte.

Er schloß seine florierende Apotheke, zog in das Haus am St. Agnes Crescent und lebte fortan in völliger Abgeschlossenheit von der Gesellschaft.

Er erwartete Samantha, wie das seine Gewohnheit war, Punkt sieben an der Hintertür seines Hauses. An diesem Morgen jedoch saß ein angestaubter Zylinder auf seiner schlohweißen Mähne, und er trug einen Ulster über dem Gehrock.

»Ich muß ausgehen. Zwar widerstrebt es mir, aber diese Angelegenheit kann ich nur persönlich erledigen.«

Obwohl Samantha sich sogleich nach seinem Weggang mit Energie in ihre Arbeit stürzte und obwohl sie es gewöhnt war, allein zu arbeiten, war ihr gar nicht wohl bei dem Gedanken, daß sie nun tatsächlich mutterseelenallein in diesem unheimlichen Haus war. Um sich selber Mut zu machen, summte sie vor sich hin, während sie fegte und wischte, flüsterte kleine Monologe beim Abspülen, ging mit künstlich schwerem Schritt durch Zimmer und Gänge. Irgendwann stand sie ganz unvermeidlich vor der verbotenen Tür.

Wie so oft schon zuvor, drückte sie vorsichtig das Ohr an die Füllung. An manchen Tagen hatte sie merkwürdige Kratz- und Schabgeräusche gehört, ab und zu auch mal ein Poltern und erst gestern ein Klirren, als würde eine schwere Kette über den Boden gezogen. An diesem Morgen war es totenstill.

Sie trat einen Schritt zurück und musterte die Eichentäfelung.

Das Gehörige wäre es gewesen, jetzt umzudrehen und in die Küche zurückzukehren. Aber sie stand wie angewurzelt. Immer heftiger drängte die kindliche Neugier sie, zu erforschen, was sich hinter der verbotenen Tür befand, bis sie schließlich ganz langsam die Hand ausstreckte und vorsichtig die Klinke berührte. Zu ihrem Schrecken bewegte sich die Tür nach innen.

Sie riß die Hand zurück, als hätte sie etwas gebissen. Er hatte das Zimmer nicht abgesperrt.

Samantha schluckte einmal, dann legte sie die Hand flach auf die Türfüllung und drückte behutsam. Die Tür schwang langsam auf. Von der anderen Seite gähnte ihr schwarze Finsternis entgegen. Mit angstvoll aufgerissenen Augen trat Samantha einen Schritt vor. Dann noch einen. Und noch einen, bis sie schließlich in dem geheimnisvollen Zimmer stand.

Es war eiskalt. Nirgends schimmerte ein Licht. Zwischen den schweren Samtportieren stahl sich ein dünner Strahl grauen Morgenlichts in die Dunkelheit. Langsam gewöhnten sich ihre Augen an die Düsternis, und sie konnte verschiedene Gegenstände erkennen.

Nie in ihrem Leben hatte sie ein so vollgepfropftes und unordentliches Zimmer gesehen.

Dicke Bücher und Folianten stapelten sich zu wackeligen Türmen, die aussahen, als könnte der leiseste Windhauch sie umstoßen; an den Wänden standen große Holzkisten; Berge von Papieren häuften sich auf einem Tisch, an den Wänden hingen Bilder und graphische Darstellungen; ausgestopfte Eulen und Falken hockten auf dem Kaminsims, und im Kamin selbst stand eingezwängt eine große, noch ungeöffnete Kiste. Im ganzen Zimmer war kaum genug Platz, um einen Fuß vor den anderen zu setzen.

An der einen Wand stand ein langer Arbeitstisch voller Flaschen und Dosen und vielerlei Glasgegenständen, denen Samantha keinen Namen geben konnte. Über dem Tisch bogen sich Holzborde unter der Last weiterer Bücher, Papiere und Flaschen.

Dann sah sie es plötzlich. Ein Glasgefäß, in das ein kleiner Mensch eingesperrt war.

__________

Isaiah Hawksbill eilte durch die Hintertür ins Haus und schüttelte sich die Regentropfen von Schultern und Armen. Er schälte sich aus dem langen Schal, den er sich um die untere Gesichtshälfte gewickelt hatte, und säuberte sich die Schuhe auf dem Abtreter.

Fasziniert neigte sich Samantha näher zu dem Glasbehälter und starrte offenen Mundes den kleinen Gefangenen mit den winzigen ausgebreiteten Armen an. Er wollte offensichtlich hinaus.

Hawksbill ging tief in Gedanken durch den dunklen Flur und blieb abrupt stehen, als er die Tür zu seinem Arbeitszimmer offenstehen sah.

Samantha hob sich auf die Zehenspitzen und streckte die Arme nach dem Glasbehälter aus. Vorsichtig schloß sie die Finger darum und zog ihn an den Rand des Bordes. Als sie ihn herunterheben wollte, hörte sie an der Tür ein Geräusch. Sie drehte sich um. Er stand auf der Schwelle. Samantha schrie erschrocken auf und ließ den Glasbehälter fallen, der auf dem Boden in tausend Scherben zersprang.

Wie ein riesiger schwarzer Vogel in seinem flatternden Cape stürzte er sich auf sie. Sie schrie laut, als er sie mit knochigen Händen packte und schüttelte.

»Bitte, Sir, ich wollte ihn doch nur freilassen. Ich hab’ sonst nichts angefaßt. Bestimmt nicht. Bitte schlagen Sie mich nicht, Mr. Hawksbill.«

Immer noch schüttelte er sie. »Ich habe dich gewarnt, du ungezogenes Ding!«

»Er wollte doch raus!« schrie sie. »Ich wollte ihn nur rauslassen.«

»Ich werde dich lehren, meine Verbote zu mißachten!«

Samantha schaffte es, sich loszureißen und deckte schützend einen Arm über ihr Gesicht. »Bitte, bitte, Mr. Hawksbill, schlagen Sie mich nicht.«

Er sagte nichts. Als Samantha vorsichtig unter dem Schutz ihres Armes zu ihm aufsah, bemerkte sie, daß er verwirrt war.

»Was redest du da?« fragte er. »Wen wolltest du freilassen?«

Jetzt erst begann Samantha zu weinen. »Den kleinen Mann da«, antwortete sie schluchzend. »Warum haben Sie ihn in der Flasche eingeschlossen? Er wollte raus, und ich wollte ihm helfen.«

Zu ihrer Überraschung trat der alte Hawksbill einen Schritt von ihr weg und richtete sich auf. »Hör auf zu weinen!« befahl er.

Samantha schniefte und schnüffelte.

»Ich habe gesagt, du sollst aufhören zu weinen. Also, was hat das Gerede zu bedeuten?«

»Der kleine Mann da!« Sie deutete auf die Scherben auf dem Boden.

Hawksbill zog eine kleine Schachtel aus seiner Rocktasche, riß ein Schwefelhölzchen an und entzündete die Petroleumlampe. Dann bückte er sich zu der Bescherung auf dem Boden.

»Meine Alraunwurzel«, sagte er in überraschend ruhigem Ton. »Aber es ist nichts passiert, sie ist nicht beschädigt.« Er sah zu Samantha auf. »Habe ich dir wehgetan?«

»N-nein, Sir.«

Er blickte wieder zum Boden hinunter und schob mit seinen knorrigen Fingern vorsichtig die Glasscherben zusammen. »Wird mühsam werden, das aufzufegen. Es hatte genau die richtige Größe. Wer weiß, ob ich nochmal so eines finde …«

Samantha schaute erstaunt zu ihm hinunter. Sie sah den gekrümmten alten Rücken, die gebogenen Schultern, den rosigen Scheitel inmitten des Kranzes ungebärdiger weißer Haare und sagte mit kleiner Stimme: »Es tut mir leid, Mr. Hawksbill. Wirklich, es tut mir so leid.«

Er richtete sich schwerfällig auf. »Es macht nichts. Kinder sind nun mal neugierig.« Seine Stimme wurde weich. »Habe ich dir auch wirklich nicht wehgetan?«

»Überhaupt nicht, Mr. Hawksbill.«

»Weißt du, sie war genau in deinem Alter …«

__________

»So eine Alraunwurzel ist ein seltsames Ding, weißt du. Weil sie so eine Ähnlichkeit mit einem winzigen Menschen hat, glaubte man jahrhundertelang, sie hätte besondere, geheimnisvolle Kräfte.«

Sie saßen in dem Durcheinander des Arbeitszimmers und tranken Tee. Samantha hatte die Glasscherben aufgefegt, und Mr. Hawksbill hatte einen neuen Behälter für seine Wurzel gefunden.

»Man glaubte, die Alraune klammere sich so fest in die Erde, daß sie, wenn man sie herausriß, schreie und wimmere wie ein gequälter kleiner Mensch, und daß jeder, der ihr Schreien hört, auf der Stelle sterben müsse. Das ist der Grund, warum die Alraune immer von extra darauf abgerichteten Hunden herausgezogen wurde.«

Samanthas Blick wanderte zu dem Glasgefäß, in dem die Wurzel nun wieder eingesperrt war. Jetzt war sie wirklich nichts weiter als eine Wurzel. Aber vorher hätte Samantha schwören können …

»Sie nannte die Alraune auch immer ein kleines Männchen.«

»Wer?«

»Meine kleine Ruth. Sie war etwa in deinem Alter, als sie —« er schluckte — »an der Cholera starb. Ich habe alles versucht, um sie zu retten, aber mein ganzes Wissen war nutzlos. Ich konnte ihr nicht helfen. Das war vor mehr als zwanzig Jahren. Als ich Ruth und Rachel verloren hatte, gab ich meine Apotheke auf und zog mich hierher zurück.«

»Und was tun Sie hier?«

»Du bist ein neugieriges kleines Ding, wie? Aber Ruth war genauso. Immer stellte sie mir Fragen …« Die Stimme des Alten verklang und einen Moment lang sah er Samantha schweigend an. »Wo ist deine Mutter, Kind?« fragte er dann.

»Weiß ich nicht.«

»Erinnerst du dich an sie?«

»Nein.«

»Betest du für sie?«

»Ich bete jeden Abend für die gefallenen Frauen vom Haymarket.«

»Wozu denn das?«

»Vater will es so.«

»Und er hat dir nie gesagt, daß du für deine Mama beten sollst? Hast du dir nie Gedanken über sie gemacht?«

»Nein, ich hab’ nie an sie gedacht. Das ist sicher nicht richtig, weil ja jeder eine Mutter hat, sogar Freddy. Ich glaub’, ich hab’ immer gedacht, ich hätte nie eine Mutter gehabt. Aber das kann ja nicht sein, oder?«

»Nein, das kann nicht sein …«

Dies war ein neues Geheimnis, dem Samantha sich nun zuwenden konnte, da das Rätsel um das verbotene Zimmer des alten Mr. Hawksbill nun gelöst war. Er sei ein Kräuterkundiger, erklärte er ihr, und arbeite täglich an einem umfassenden Buch über Pflanzen- und Kräutermedizin. Da das Schreiben eines solchen Werkes viel gründliche Forschung und Disziplin erfordere, müsse er alle seine Energien darauf konzentrieren. Nun wollte Samantha wissen, was mit ihrer Mutter geschehen war.

Die Antwort auf ihre Frage fand sie eines Abends in der Bibel, auf der Seite mit der Überschrift ‘Familienregister’. Am nächsten Morgen bat sie Isaiah Hawksbill um Erläuterung.

»Was heißt ‘verschieden’?«

Er hatte gerade aus der Küche hinausgehen wollen. »Warum fragst du?«

»Weil meine Mutter das ist. Es steht neben ihrem Namen.«

»Das heißt gestorben.«

»Meine Mutter ist tot?«

»Ja, das heißt es.« Er wandte sich ab.

»Sie ist an meinem Geburtstag gestorben. Wie ist sie gestorben?«

»Warum fragst du das nicht deinen Vater?«

»Oh, den darf ich nicht stören.«

»Aber mich darfst du stören!« rief er ärgerlich.

Samantha fuhr zurück. »Entschuldigen Sie, Mr. Hawksbill —«

»Ich bin mit meiner Arbeit sowieso schon spät dran. Ich bin kein junger Mann mehr. Ich muß mich dranhalten, wenn das Buch noch veröffentlicht werden soll, ehe ich verschieden bin.«

Als er auf dem Absatz kehrt machte, rief Samantha hastig: »Warum stellen Sie dann nicht jemanden an, der Ihnen hilft?«

Die grünen Augen blitzten zornig. »Was soll das heißen, du impertinentes Ding? Erst schnüffelst du in meinen Sachen herum und jetzt willst du mir auch noch sagen, wie ich meine Arbeit tun soll!«

»Aber es ist doch soviel Arbeit, Mr. Hawksbill. Das haben Sie selbst gesagt. Und es wäre so schade, wenn Sie nicht fertigwerden würden, ehe Sie sterben. Ein Junge, der Kraft hat und Ihre Bücher rumschleppen könnte und Besorgungen —«

»Himmel!« schimpfte er, doch dann hielt er nachdenklich inne. »So dumm ist der Gedanke gar nicht.«

Samantha, die an Freddy dachte, sagte eilig: »Wenn Sie einen Jungen anstellen, der Ihnen Gläser und Flaschen kaufen kann, der Ihre Bücher sortiert, damit Sie leichter rankommen, und der Ihnen allerhand unwichtige Sachen abnehmen kann, damit Sie mehr zum Schreiben kommen —«

»Brauch’ ich nicht«, entgegnete er kurz. »Ich hab schließlich dich.«

Sie riß die Augen auf. »Mich, Sir?«

7

Noch am selben Tag machte er sie zu seiner Gehilfin. Sie mußte Kisten auspacken, Behälter mit getrockneten Kräutern und Blütenblättern und Samen sortieren, Federkiele spitzen, Bücher abstauben. Als der Alte entdeckte, daß sie lesen konnte, ließ er sie die Stapel von Büchern über Wesen und Art Hunderter von Pflanzen alphabetisch ordnen; und als er entdeckte, daß sie auch schreiben konnte, mußte sie für ihn Etiketten mit den lateinischen Namen der Pflanzen beschriften.

Samanthas erste Arbeitswoche als Gehilfin des alten Hawksbill war noch nicht vorüber, da begann er immer häufiger, ihr Erklärung und Unterweisung zu geben. Sie lernte, daß Lakritze auf lateinisch Glycyrrhiza glabra hieß, daß die Kerne der Wassermelone gegen Bandwurm wirkten, daß centranthus ruber ein ausgezeichnetes Beruhigungsmittel war. Ihr Lerneifer wuchs mit jedem neuen Wort, das sie erfuhr; je mehr er ihr beibrachte, desto größer wurde ihr Wissensdurst. Isaiah Hawksbill, der von sich selbst vermutet hätte, daß ihre begierigen Fragen ihn irritieren würden, stellte mit Erstaunen fest, daß er die Geduld in Person war. Ja, mit dem nicht nachlassenden Wunsch des Kindes zu lernen, erwachte in dem versteinerten Alten ein intensiver Wunsch, sein eigenes Wissen weiterzugeben.

Die Beziehung zwischen dem alten Mann und dem kleinen Mädchen bekam ein völlig neues Gesicht. Immer weniger Zeit brachte Samantha in der Küche zu, vielmehr saß sie im Arbeitszimmer an Hawksbills Seite, hörte seinen Belehrungen zu, stellte Fragen, prägte sich alles ein, was er ihr erzählte. Als er ihr über die Heilkraft des Ginseng-Tees berichtete und entdeckte, daß sie noch nie von China gehört hatte, kramte er ein verstaubtes Geographiebuch heraus und zeigte ihr Kontinente und Ozeane der Erde. Als er merkte, daß ihr Vater ihr nicht einmal die Grundbegriffe der Mathematik beigebracht hatte, begann er, mit ihr das Rechnen zu üben. Ihr Lerneifer und ihre rasche Auffassungsgabe freuten und beflügelten ihn.

Den ganzen kalten Winter hindurch saß Isaiah Hawksbill Tag für Tag mit Samantha am lodernden Feuer und lehrte sie alles, was er wußte. Sein großes Werk über die Heilkraft der Kräuter und Pflanzen, an dem er viele Jahre lang mit solcher Besessenheit gearbeitet hatte, verlor an Bedeutung für ihn; jetzt fand er seine größte Befriedigung darin, diesem aufgeschlossenen und wißbegierigen kleinen Mädchen ein guter Lehrer zu sein. Als der Frühling kam, und Samanthas elfter Geburtstag sich näherte, erweiterte er den Unterricht auf Astronomie, Zoologie und antike Geschichte. Jeder Tag wurde Samantha zu einem neuen Abenteuer an der führenden Hand des alten Hawksbill.

Ihrem Vater sagte Samantha kein Wort von diesen Lehrstunden.

8

Der alte Hawksbill hob eine Majolikadose hoch und drehte sie langsam im Licht.

»Das ist smilax officinalis, Samantha, etwas ganz besonders Wertvolles.«

Sie musterte die kleinen dornigen Ranken mit den langen dünnen Wurzeln. »Woher kommt es?«

»Oh, das findet sich an vielen Orten der Erde. Das graue wächst in Mexiko, das braune in Honduras, und das hier —« Er klopfte leicht an die Dose — »stammt von den westlichen Hängen der Anden. Es ist sehr schwer zu bekommen.«

»Und wozu braucht man es?«

»Wozu man es braucht, Kind? Es ist ein uraltes Mittel zur Linderung der Geburtsschmerzen. Und es hilft bei einem Brustleiden, das man Angina pectoris nennt. Die Wilden Nordamerikas glauben außerdem, daß es gegen Impotenz hilft.«

Samantha versuchte, den schwierigen lateinischen Namen auszusprechen.

»Du kannst es auch Stechwinde nennen, Kind. Das ist —«

Lautes Getöse auf der Straße störte unversehens die beschauliche Ruhe des Junimorgens. Isaiah Hawksbill rutschte von seinem hohen Hocker und trat ans Fenster. Der Anblick, der sich ihm bot, war chaotisch: Ein Fuhrwerk, dessen Kutscher die Gewalt über das Pferd verloren hatte, war die schmale Straße hinuntergedonnert, hatte Gemüsekarren umgerissen und Passanten in die Flucht geschlagen. Zwei unerschrockene Bauarbeiter sprangen auf das Fuhrwerk zu, dem eine schreiende Menge hinterherrannte, bekamen die Zügel des Pferdes zu fassen und kämpften mit dem verschreckt wiehernden Tier, bis sie es schließlich direkt vor Hawksbills Haus zum Stillstand brachten.

Samantha lief neugierig ebenfalls zum Fenster und spähte hinaus. Am Rand der laut diskutierenden Menge sammelte sich jetzt eine kleine Menschengruppe.

»Was ist denn passiert, Mr. Hawksbill?«

»Sieht aus, als sei jemand verletzt worden.«

Sie sah ihn an. »Wollen wir da nicht helfen?«

Er schüttelte den Kopf. »Das ist nicht unsere Sache.«

»Aber Sie haben doch die vielen guten Arzneien.«

»Nichts da. Ich will damit nichts zu tun haben.«

Samantha schaute wieder hinaus. Zwei Männer, die zwischen sich wie eine Bahre eine Tür trugen, kamen die Straße heruntergelaufen. Samantha wirbelte herum und rannte zur Hintertür, da die Haupttür des Hauses stets verschlossen war. Sie flitzte die Hintergasse entlang, bog um die Ecke und blieb am Rand der Menge atemlos stehen. Der Fuhrmann stand händeringend da und sagte immer wieder: »Der Junge wollte den Gaul ganz allein aufhalten. Ich konnte nicht mehr ausweichen.«

Die Menge teilte sich, um die Männer mit der Tür durchzulassen, und da sah Samantha, daß es Freddy war, der da stöhnend auf der Straße lag. Mit einem Aufschrei lief sie zu ihm und fiel neben ihm auf die Knie. Er drehte den Kopf stöhnend und wimmernd von einer Seite auf die andere, doch die Augen öffnete er nicht.

»Aus dem Weg, Fräuleinchen. Wir müssen ihn auf die Trage laden.«

Die beiden Männer packten den verletzten Jungen grob an den Füßen und unter den Armen und warfen ihn wie einen Sack auf die Tür. Samantha starrte entsetzt auf Freddys rechtes Bein: Die beiden gesplitterten Enden eines gebrochenen Knochens stießen durch das Fleisch, das von Blut und Straßenschmutz verschmiert war.

Ein Schatten fiel auf sie, und die Leute rundherum wichen zurück. Sie sah auf. Isaiah Hawksbill stand neben ihr. »Wohin bringen sie ihn, Mr. Hawksbill?«

Er blickte mit zusammengekniffenen Augen auf Freddys verletztes Bein. »Ins Krankenhaus.«

Erinnerungen an den Besuch im North London Hospital wurden wach, gräßliche Bilder wurden plötzlich wieder lebendig.

»Nein!« rief sie. »Das dürfen sie nicht.« Sie warf sich schützend über Freddy.

»Beruhige dich«, sagte Hawksbill und faßte nach ihrer Hand.

»Nein!« schrie sie laut. »Nicht ins Krankenhaus. Nicht ins Krankenhaus!«

»Na los, Mister«, sagte der eine der Männer mit der Tür. »Tun Sie die Kleine da weg. Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit.«

Isaiah Hawksbill sah stumm zu dem kleinen Mädchen hinunter, das mit dünnen Armen die kräftigen Schultern des verletzten Jungen umschlungen hielt und ihn mit tränennassem Gesicht flehend anblickte. Gefühle, die er längst tot geglaubt hatte, rührten sich in ihm.

»Ich kümmere mich um den Jungen«, hörte er sich sagen. »Kommen Sie mit.«

Einen Moment lang leuchtete Samanthas Gesicht auf. Sie sprang auf, nahm Freddys Hand und ging neben den beiden Männern, die die Tür trugen, durch die Hintergasse bis zum Haus des alten Hawksbill. Drinnen befahl ihnen der Alte, den Jungen in die Wohnstube zu tragen. Er zog ein Leintuch von einem breiten Sofa und sagte: »Legen Sie ihn hier hin.«

Die Männer kippten Freddy wie eine Ladung Kohlen von der provisorischen Trage und machten sich davon. Der alte Hawksbill legte den bewußtlosen Jungen auf den Polstern gerade und beugte sich über ihn, um ihn zu untersuchen.

»Ich weiß nicht, ob ich da was tun kann, Kind«, sagte er, sich aufrichtend.

»Jetzt hol erstmal ein frisches Leintuch und reiß es in Streifen, und dann bring mir heißes Wasser.«

Beim Waschen der Wunde hatte Hawksbill mit seinen von der Gicht verkrümmten Fingern große Mühe.

»Warten Sie, das kann ich doch machen«, sagte Samantha, und als er ihr das Tuch gab, kniete sie neben Freddy nieder und säuberte mit liebevoller Behutsamkeit die Wunde.

Hawksbill ging in sein Arbeitszimmer und kam mit mehreren Behältern mit zerstoßenen Kräutern und Wurzelsud zurück. Samantha gab die Arzneien vorsichtig auf den bloßgelegten Knochen und die zerrissenen Muskelfasern. Isaiah Hawksbill, der neben ihr stand und ihr zusah, war erstaunt, mit welcher Geschicklichkeit und ruhiger Fürsorge sie zu Werke ging.

Gemeinsam unternahmen sie es, den gebrochenen Knochen zu schienen. Sie zogen das Bein der Länge nach auseinander und schoben es dann, zwischen zwei starre Bretter eingeklemmt, vorsichtig wieder zusammen. Danach zog Samantha unter der Anleitung des Alten das Fleisch und die Haut zusammen und klebte Pflaster darüber, damit die Wunden nicht wieder aufreißen konnten.

Als sie fertig waren, sank Hawksbill erschöpft in einen Sessel, während Samantha sich das feuchte Gesicht wischte und in die Küche ging, um eine Kanne Tee aufzugießen. Draußen war es dunkel geworden, und in der ganzen langen Zeit hatte Freddy nicht ein einziges Mal das Bewußtsein wiedererlangt.

»Wir haben das Menschenmögliche getan, Kind«, sagte Hawksbill müde.

»Nun können wir nur noch auf Gottes Hilfe vertrauen.«

Samantha trank einen Schluck Tee. »Er wird doch wieder gesund, oder?«

Hawksbill schüttelte bedenklich den Kopf. »Ich will dich nicht belügen, Samantha. Es steht schlecht um ihn. Die meisten Menschen sterben an komplizierten Knochenbrüchen.«

»Aber wieso? Wir haben doch die Knochen eingerichtet und geschient und die Wunde zugemacht.«

»Weil sich ganz sicher eine Sepsis entwickeln wird, und dagegen gibt es kein Mittel.«

»Was ist Sepsis?«

»Gift, Kind, Entzündung. Niemand weiß, wodurch sie hervorgerufen wird und darum weiß auch niemand, was man gegen sie unternehmen kann.« Hawksbill schwieg. Er hatte kürzlich von einem jungen Quäker aus Schottland gehört, einem gewissen Joseph Lister, der behauptete, ein Heilmittel gefunden zu haben. Der Alte schüttelte den Kopf. Er konnte nicht recht daran glauben.

Samantha schaute zu Freddy hinüber, der sachte atmend mit geschlossenen Augen auf dem Sofa lag. »Ich passe auf ihn auf«, sagte sie leise.

Die folgenden Tage waren ein einziger Angsttraum. Freddy bekam hohes Fieber und warf sich im Delirium rastlos auf dem Sofa herum. Samantha saß stundenlang bei ihm, ihre kühle Hand auf seiner brennenden Stirn, und es schien wirklich, als wirke ihre Gegenwart, ihr leises tröstendes Sprechen beruhigend auf ihn. Sie bestand darauf, die von Eiter durchtränkten Verbände jeden Tag zu wechseln, obwohl der alte Hawksbill das für sinnlos hielt, und legte bei jedem Verbandwechsel frische Salbe und neuen Brotschimmel auf. Sie kümmerte sich mit so selbstverständlicher Fürsorge und soviel behutsamer Geschicklichkeit um ihn, daß Hawksbill den Eindruck hatte, die kleine Elfjährige wüßte genau, was sie zu tun hatte.

Sie blieb jetzt immer bis in die Nacht hinein. Ihr Vater merkte es gar nicht. Hawksbill verstand die Gleichgültigkeit dieses Vaters nicht. Hätte er eine so schöne und intelligente Tochter gehabt, er hätte sie soviel wie möglich um sich haben mögen. Er war froh und dankbar dafür, Samantha jeden Tag so lang in seinem Haus haben zu dürfen, auch wenn sie einzig wegen des kranken Jungen blieb, der fieberlallend, mit dick angeschwollenem Bein in seiner Wohnstube lag. Bald, das wußte der Alte nur zu gut, würde es vorüber sein.

__________

Samantha trug die Schmalzbrote, die sie zum Abendessen gestrichen hatte, ins Arbeitszimmer. In den letzten Monaten war der alte Hawksbill großzügiger geworden und pflegte Samantha Geld genug für anständiges Essen zu geben. Sie aßen jetzt regelmäßig Kohl und Kartoffeln, Bratwürste, Marmelade oder Käse auf dem Brot und zum Nachtisch ab und zu eine süße Pastete.

»Er ist heut’ so ruhig, Mr. Hawksbill. Den ganzen Tag schon. Das macht mir angst.«

Hawksbill, der an seinem Arbeitstisch saß und getrocknete Schwarzwurzblätter von ihren Stengeln trennte, murmelte: »Vielleicht wäre es am besten gewesen, ihn ins Krankenhaus bringen zu lassen. Er hätte einen Chirurgen gebraucht.«

»Nein«, entgegnete sie leise, aber entschieden. »Im Krankenhaus machen sie alles nur schlimmer. Die Leute, die dahin kommen, sterben fast alle.«

Dem konnte er nicht widersprechen. Im St. Bartholomew’s Hospital, das wußte er, verlangte man bei Einlieferung eines Patienten eine Beerdigungsgebühr, die im Fall der Genesung des Patienten zurückerstattet wurde.

»Auch wir werden deinen Freund nicht retten können, Samantha«, sagte er, ihr fest in die Augen schauend. »Es ist ausgeschlossen, daß er durchkommt. Seit mehr als einer Woche hat er keinen Bissen gegessen. Von dem bißchen Wasser, das wir ihm eingeflößt haben, kann er nicht zu Kräften kommen. Er ist, seit er hier liegt, nicht einmal eine Sekunde lang zu Bewußtsein gekommen —«

Hawksbill brach plötzlich ab und sank in sich zusammen. Was half es schon, ihr die Wahrheit einbleuen zu wollen? Sie war so eigensinnig und störrisch, hielt unerschütterlich an der Illusion fest, daß —

Lautes Poltern ließ ihn zusammenfahren. Samantha sprang auf und stürzte in die Wohnstube hinüber. Hawksbill folgte ihr, so schnell er konnte. Als er die offene Tür erreichte, sah er Samantha in verzweifeltem Kampf mit dem tobenden Freddy, dessen glasige Augen weit geöffnet, aber völlig blicklos waren.

»Es ist ja gut, Freddy«, beteuerte Samantha immer wieder, während der Junge sie in seinem Fieberwahn herumschleuderte, als hätte sie überhaupt kein Gewicht. »Ich bin bei dir, Freddy. Du brauchst keine Angst zu haben. Du wirst wieder gesund.«

Fasziniert beobachtete der Alte, wie es Samantha schaffte, den Jungen so weit zu beruhigen, daß sie ihn wieder in die Kissen drücken konnte. Als er still lag, gab sie ihm einen Kuß auf die Stirn und sah dann mit glänzenden Augen zu Hawksbill auf. »Er ist aufgewacht«, flüsterte sie glücklich.

Freddys Genesung ging nur sehr langsam voran. Doch nach einer Weile gab es keinen Zweifel mehr daran, daß er es schaffen würde. Er begann zu essen und ließ sich Samanthas treue Fürsorge dankbar gefallen. Dem alten Hawksbill war klar, daß der Junge nur dank Samanthas liebevoller Pflege mit dem Leben davongekommen war, und er bewunderte die Kraft und den Mut des kleinen Mädchens. Samantha selbst dankte jeden Abend, wenn sie in ihrem Bett lag, Gott für die wunderbare Rettung ihres Freundes.

Schwül und stickig kam der Sommer. Die Luft über der Zwei-MillionenStadt verdichtete sich vom Rauch aus unzähligen Fabrikschornsteinen und Dampfbooten zum schwefelgelben, stinkenden Dunst. Im Stadtteil Marylebone brach der Typhus aus und raffte vor den Augen der hilflosen Ärzte Tausende dahin. Doch während der Sommer sich langsam zum kühleren Herbst neigte und dann winterliche Kälte den Himmel über der Stadt reinigte, bis er in frostigem Blau leuchtete, machte Freddys Genesung langsam, aber sicher Fortschritte. Als der November kam, konnte er endlich sein Bein wieder belasten und ohne Hilfe in der Wohnstube umherhumpeln, und er hatte sich rettungslos in Samantha verliebt. Wie übrigens auch der alte Isaiah Hawksbill.

9

Samantha stellte das Tablett mit dem Tee, den warmen Brötchen und der Johannisbeermarmelade auf den Tisch beim Kamin. Freddy stocherte mit dem Schürhaken im Feuer herum und sah ihr zu, während sie Zucker in die beiden Tassen gab.

»Wo ist denn der Alte?« fragte er.

»Ysop kaufen gegangen. Wir haben alles für dein Bein verbraucht. Jetzt muß er neues besorgen.« Samantha setzte sich in einen der Sessel, denen sie schon vor Monaten die Leintücher abgezogen hatte, und stellte ihre Füße auf das Fußbänkchen. »Komm, Freddy, der Tee ist fertig.«

Freddy stellte den Schürhaken weg und humpelte zum anderen Sessel. Die Bretter zum Schienen der Knochen waren inzwischen entfernt worden, aber das Bein war so verkrümmt, daß Freddy beim Gehen schlingerte wie ein alter Seebär.

»Prima, der Tee. Ich hab’s mein ganzes Leben nie so gut gehabt, wie in den Monaten hier beim Alten. Tut mir richtig leid, daß ich ihm immer die Hundekacke an die Haustür geknallt hab’.«

Samantha lächelte.

»Sam, ich muß dir was sagen.«

Sie starrte weiter ins Feuer.

»He, Sam, schau mich an.«

Sie hob den Blick. Freddys hübsches Gesicht mit der hohen Stirn und den tiefliegenden braunen Augen war von der Röte des Feuerscheins übergossen und auf seinem nußbraunen, immer zerzausten Haar spielten rötliche Lichter.

»Was ist denn, Freddy?«

»Sam, ich muß fort.«

Einen Moment lang starrte sie ihn erschrocken an, dann stellte sie die Teetasse nieder. »Warum?«

»Weil’s an der Zeit ist. Ich bin jetzt fünf Monate hier und praktisch wieder ganz gesund. Ich kann für mich selber sorgen. Es wird Zeit, daß ich geh’.«

Sie sah ihn bestürzt an. »Wie meinst du das?«

»Ich muß weg von hier. Weg aus dem Viertel.«

»Aber das kannst du nicht. Das brauchst du doch gar nicht, Freddy. Du kannst so lange hierbleiben, wie du willst. Für immer. Mr. Hawksbill mag dich.«

»Ja, aber ich will hier nicht bleiben. Es wird Zeit, daß ich selber was auf die Beine stell’.«

»Ich versteh’ dich nicht —«

»Jetzt hör’ mir mal zu, Sam.« Er neigte sich zu ihr und nahm impulsiv ihre Hand. »Ich bin dem Tod gerade nochmal von der Schippe gesprungen, Sam. Ich war schon mit einem Bein drüben auf der anderen Seite. Wenn du nicht gewesen wärst, hätt’s mich bestimmt erwischt. Und dadurch hab’ ich jetzt zum erstenmal was begriffen. Daß ich selber meinen Weg machen muß; daß ich was werden muß. Verstehst du, Sam, ich bin kein kleiner Junge mehr. Ich bin erwachsen, und ich kann nicht den Rest meines Lebens auf der Straße leben und Äpfel klauen. Ich brauch’ eine richtige Arbeit, damit ich mir ein richtiges Leben aufbauen kann.«

»Aber ich will nicht, daß du fortgehst, Freddy«, rief sie mit Tränen in den Augen. »Du bist doch der einzige, den ich hab’.«

»Unsinn, Sam. Du hast deinen Papa und Mr. Hawksbill und deinen Bruder, der bald ein vornehmer Doktor ist. Außerdem verschwind’ ich ja nicht für immer, Sam. Ich komm’ zurück. Schneller als du glaubst, warte nur.«

»Aber wohin willst du denn?« fragte sie weinend.

»Ich weiß noch nicht, aber wenn ich das Richtige gefunden hab’, merk’ ich’s bestimmt. Ach, Sam.« Ungeschickt und ein bißchen verlegen streichelte er ihre kleine Hand. Er hätte ihr gern noch viel mehr gesagt — daß er erkannt hatte, daß er für ein Mädchen wie Samantha nicht gut genug war, daß er ein Mensch werden wollte, auf den sie stolz sein konnte, daß er sie liebte und für sie sorgen wollte —, aber er hatte nicht den Mut, ihr das alles zu sagen; darum blieb es unausgesprochen.

»Schau mal, Sam, du hast vom lieben Gott die Gabe mitgekriegt, andere gesund machen zu können. Wie damals die alte Tigerkatze. Als ich da auf dem Sofa lag, hab ich oft geträumt, daß du mit mir redest und daß du durch einen dicken Nebel, der mir die Luft abschnürte, auf mich zukämst und mich bei der Hand nähmst, um mich rauszuziehen. Ich weiß jetzt, daß das keine Träume waren, sondern daß es wirklich passiert ist. Du hast mir das Leben gerettet, Sam, und das werd’ ich nie vergessen.«

Sie umschlang Freddy mit ihren mageren Armen. »Du bist doch mein einziger Freund, Freddy! Ohne dich werd’ ich bestimmt schrecklich einsam sein. Ich werde jeden Tag, wo du weg bist, für dich beten.«

Er hielt sie fest an sich gedrückt und spürte eine neue fremde Erregung in sich hochsteigen. Die alte brüderliche Zuneigung hatte einem neuen, aufregenden Gefühl Platz gemacht. Sie war noch keine zwölf Jahre alt, aber in ein paar Jahren, wenn er sein Glück gemacht hatte und als Gentleman zu ihr zurückkehrte, würde sie eine Schönheit sein, und dann würde sie ihm gehören. Freddy drückte sein Gesicht in ihr weiches Haar und murmelte:

»Wart’ auf mich, Sam. Geh’ ja nicht von hier fort, eh’ ich wieder da bin.«

10

Es war zwei Tage vor Ostern, ein grauer, regnerischer Morgen. Samantha stand in der eiskalten Küche und blies in die Hände, während sie darauf wartete, daß das Wasser endlich kochen würde.

Isaiah Hawksbill stand an der Tür und beobachtete sie, ohne daß sie es bemerkte.

In wenigen Wochen würde sie zwölf Jahre alt werden; der kindlich magere Körper begann schon, sich auszufüllen und zu runden. Bei ihrem Anblick erwachten Gefühle in ihm, die er längst tot geglaubt hatte; ein brennendes Verlangen und eine tiefe Sehnsucht, sie in die Arme zu nehmen und an sich zu drücken. Nur einmal, vor vier Monaten, an dem Tag, als Freddy fortgegangen war, hatte sie ihm erlaubt, sie zu umarmen. Sie war außer sich gewesen vor Schmerz, hatte schluchzend gedroht, dem Jungen zu folgen; da hatte Hawksbill sie tröstend in die Arme genommen und ihr immer wieder versichert, daß Freddy sein Versprechen halten und eines Tages zurückkehren würde. Ganz langsam hatte sie sich beruhigt.

Aber seit jenem Tag hatte sie sich verändert. Sie war still und verschlossen geworden und gestattete ihm keinerlei Zärtlichkeiten mehr.

»Mr. Hawksbill!« rief sie. »Der Tee ist gleich fertig. Ach, da sind Sie, Sir. Ich hab’ Sie gar nicht gesehen.«

Er trat in die Küche. »Laß ihn noch ein bißchen ziehen, Kind, und gib ein bißchen Kamille dazu. Ich spüre heute meine Gelenke.«

Nachdem er gegangen war, schlang Samantha ihre Arme fest um ihren Körper und stampfte mit den Füßen, um sich warm zu machen. Sie spürte ein merkwürdiges schmerzhaftes Ziehen im Bauch, das sie schon seit dem frühen Morgen beunruhigte. Zweimal war sie schon zum stinkenden Plumsklo hinausgelaufen, weil sie meinte, Durchfall zu haben, aber es war gar nichts passiert. Das Rumoren in ihrem Unterleib wurde so stark jetzt, daß sie ein drittesmal hinausrannte; wieder vergeblich. Doch als sie aufstand, spürte sie eine warme Feuchtigkeit zwischen ihren Schenkeln. Verblüfft schaute sie hinunter und sah im spärlichen Licht, das durch die Ritzen der Bretter sickerte, einen Blutfleck auf dem Boden.

In hellem Entsetzen rannte sie zum Haus zurück, stürzte ins Arbeitszimmer und schrie: »Ich bin krank. Ich sterbe.«

Erschrocken rutschte der alte Hawksbill von seinem Hocker. »Was ist geschehen?«

»Ich muß sterben, Mr. Hawksbill.« Sie klammerte sich an ihn. »Bitte bringen Sie mich nicht ins Krankenhaus.«

Der Alte sagte einen Moment lang gar nichts. Er war sich nur des warmen jungen Körpers bewußt, der sich an seinen alten schmiegte. Dann legte er Samantha die Hände auf die Schultern und schob sie ein wenig zurück.

»Was ist denn los, Kind?«

Ihr Gesicht war kreideweiß. »Ich verblute.«

»Du was?«

»Ich hab’s gerade erst gemerkt. Auf dem Klo. Bitte, bitte geben Sie mir eine Arznei, Mr. Hawksbill. Geben Sie mir was gegen die Blutungen.«

Er wandte sich ab. Seine Stimme klang erstickt, als er sagte: »Du mußt nach Hause gehen, Kind.«

»Aber warum denn?« Sie schluchzte jetzt ganz offen.

Hawksbill lehnte sich an seinen Arbeitstisch und sah sie mitleidig an. »Ihr habt doch eine Haushälterin, nicht wahr? Geh zu ihr und sprich mit ihr, Kind.«

»Aber sie schickt mich bestimmt ins Krankenhaus.«

»Nein, Samantha. Geh nach Hause. Rede mit der Frau. Sie weiß, was zu tun ist. Glaub mir, Kind, es ist nichts Schlimmes.«

Isaiah Hawksbill wußte, daß die Leute vom St. Agnes Crescent ihn einen Kinderschänder nannten. Etwas Gemeineres als einen erwachsenen Mann, der sich an unschuldigen Kindern verging, gab es auf der ganzen Welt nicht, und das Schlimme war, daß er in Anbetracht dessen, was er einmal getan hatte, den Leuten ihre Angst nicht verübeln konnte, obwohl sie ungerechtfertigt war.

Während er jetzt allein in der Küche am Feuer saß, eine Decke über den Knien, eine Schale warmer Milch auf dem Schoß, erinnerte er sich jenes längst vergangenen schrecklichen Tages.

Immer noch in tiefer Trauer um Rachel und seine kleine Tochter Ruth, war er eines Morgens im Frühjahr ausgegangen, um Bücher und Pflanzen zu besorgen. Er war durch den Hyde Park gewandert und hatte sich, soweit ihm das in seinem Schmerz möglich war, am hoffnungsfroh grünen Erwachen der Natur gefreut. Auf einer Bank saß eine junge Frau in Reifrock und Schute und las in einem Buch: nicht weit von ihr stand ein kleines Mädchen von höchstens acht Jahren am Wasserrand und schlug mit einem Stock ins Wasser.

Er konnte sich jetzt so wenig wie damals erklären, was in diesem Augenblick in ihm vorgegangen war. Der dünne Faden der Vernunft war beim Anblick des Kindes, dessen Gesicht ihm vertraut schien, gerissen. »Ruth!« rief Isaiah Hawksbill laut und stürzte, jünger und beweglicher damals, auf das kleine Mädchen zu. Er riß es in seine Arme und wollte mit ihm davonlaufen.

Was dann geschehen war, daran konnte er sich auch heute nicht erinnern. Er wußte nur, daß plötzlich empörte und erregte Stimmen um ihn laut wurden, daß dunkle, verschwommene Gestalten ihn umringten. Ein Polizist drängte sich durch die Menge, während die Gouvernante vor dem weinenden kleinen Mädchen niederkniete und es schützend an sich drückte. Voller Entsetzen war Isaiah Hawksbill klargeworden, was er getan hatte.

Später, auf der Polizeidienststelle, als Hawksbill sich wieder etwas gefaßt hatte, verteidigte er sich mit einer Lüge: »Das Kind wäre beinahe ins Wasser gefallen. Ich habe es zurückgerissen. Mehr war es nicht.«

Die erschrockene Gouvernante, die im Beisein ihrer Arbeitgeber vernommen wurde, scheute sich zuzugeben, daß sie gelesen und daher von den Vorgängen nichts gesehen hatte; sie bestätigte Hawksbills Aussage im eigenen Interesse. Man sah von einer Anzeige gegen Hawksbill ab, und die Sache wäre vergessen gewesen, wäre nicht zufällig im kritischen Moment eine Bewohnerin vom St. Agnes Crescent — eine Gemüsehändlerin, die auf dem Weg zu den Lagerhäusern in Billingsgate gewesen war — im Park zugegen gewesen. Die hatte den Vorfall ganz anders gesehen. Das kleine Mädchen war überhaupt nicht so nahe am Wasser gewesen, daß es hätte hineinfallen können, als Hawksbill plötzlich wie ein Wilder dahergekommen war, die Kleine gepackt hatte und zweifellos mit ihr durchgebrannt wäre, hätte nicht ein Spaziergänger ihn aufgehalten.

Die Frau, die ihre eigenen Gründe hatte, den Kontakt mit den Hütern des Gesetzes zu scheuen, berichtete zwar der Polizei nicht, was sie gesehen hatte, doch sie hatte nichts Eiligeres zu tun, als ihre Geschichte im ganzen Viertel herumzuerzählen, so daß die Leute, als Isaiah Hawksbill schließlich niedergeschlagen nach Hause zurückkehrte, ihr Urteil über ihn bereits gefällt hatten.

Wie konnte er unter diesen Umständen auch nur daran denken, Samuel Hargrave um die Hand seiner Tochter zu bitten?

__________

Fünf Tage blieb sie weg. Isaiah Hawksbill litt Qualen. Er würde sie auf Händen tragen; er würde sie vor Leid und Unrecht schützen und sie vor der freudlosen Zukunft bewahren, die sie erwartete, wenn sie im Haus ihres Vaters blieb, wo sie im Dienst an einem Mann, der ihre Liebe gar nicht zu schätzen wußte, langsam zur alten Jungfer verkümmern würde, die am Ende, wenn ihr Vater schließlich starb, kein Mann mehr haben wollte. Vor diesem Los wollte Isaiah Hawksbill sie retten; er wollte ihr seinen Namen und ein Zuhause geben, das sie nach ihrem Geschmack einrichten sollte. Er würde ihr ein Piano kaufen und sie das Klavierspiel lehren. Abends würden sie am Feuer Karten spielen und das Gespräch pflegen. Er würde sie weiterhin unterrichten und ihr seine ganze Liebe geben.

Als Samantha wiederkam, wirkte sie sehr gedämpft. »Sie hatten recht, Mr. Hawksbill«, sagte sie, den Blick zu Boden gerichtet. »Ich bin nicht ins Krankenhaus gekommen. Mrs. Scoggins hat gar nichts gesagt. Sie hat nur ein Laken zerrissen und hat es mir umgebunden. Jetzt ist es vorbei. Aber sie hat gesagt, in einem Monat kommt es wieder.«

Der alte Hawksbill sah sie nachdenklich an. »Samantha, empfängt dein Vater manchmal Besuch?«

»O nein, Sir. Er arbeitet ja immer an seinen Schriften.«

»Ich würde aber gern einmal mit ihm sprechen.« Er zog sein Taschentuch heraus und tupfte sich die Oberlippe.

»Hab’ ich was angestellt?«

»Aber nein, Kind, nein. Es ist eine geschäftliche Angelegenheit, weißt du. Ich habe seit fast zwei Jahren nicht mehr mit deinem Vater gesprochen. Ich hätte nur gern gewußt — ach, laß mal, es ist schon gut«, sagte er leise. »Ich werde schon Gelegenheit finden, mit ihm zu sprechen. Also, was wollen wir heute beim Tee lesen?« Er griff nach einem geologischen Lehrbuch.

»Mr. Hawksbill?«

»Ja, Kind.«

»Können Sie mir nicht erklären, warum ich jetzt jeden Monat bluten muß?«

Er erstarrte. »Vielleicht wenn du älter bist.«

»Aber warum denn? Da passiert doch was mit meinem Körper. Hab’ ich vielleicht kein Recht darauf zu wissen, was es ist?«

Er seufzte. Dieses Dilemma hatte er sich selbst zuzuschreiben. Er hatte sie in ihrem Wissensdurst stets ermutigt und ihr nie eine Erklärung verweigert.

»Na schön, dann setz dich erstmal, Kind, und ich werde versuchen …«

Am Ende seiner Erklärung angekommen, war Hawksbill unzufrieden und frustiert. Im Jahr 1872 war es der Wissenschaft noch nicht gelungen, das Geheimnis des weiblichen Zyklus zu enträtseln. Es gab viele Theorien, die fast alle auf Aberglauben gründeten. Die unter den Ärzten gängigste besagte, daß die Menstruation, Entschädigung dafür, daß es bei der Frau keinen Samenerguß gab, von den magischen Kräften des Mondes ausgelöst werde. Man vermutete, daß die Menstruation in direktem Zusammenhang mit der Gebärfähigkeit stünde, da ihr Einsetzen ein Zeichen der Furchtbarkeit war und ihr Ausbleiben den Beginn einer Schwangerschaft markierte; die genauen Zusammenhänge jedoch hatte bisher niemand durchschaut.

»Warum haben Männer so was nicht?« fragte Samantha mit zweifelnd gerunzelter Stirn.

»Weil sie — äh — etwas anderes haben, etwas Ähnliches, das sich bei der Zeugung eines Kindes abspielt.«

»Ach das!«

Er merkte, wie er rot wurde. »Darüber brauchst du dir noch lange keine Gedanken zu machen, Kind«, sagte er und fügte im stillen hinzu, wahrscheinlich niemals.

Da durchzuckte es ihn plötzlich wie ein Messerstich. Was, um alles in der Welt, hatte er sich nur gedacht? Wie hatte er auch nur einen Moment lang wahnsinnig genug sein können zu glauben, er könne dieses Kind zu seiner Frau machen? Gewiß, er konnte Samantha beschützen, er konnte für sie sorgen und sie lieben, aber das kostbarste Geschenk, das ein Mann seiner Frau machen konnte, das konnte er ihr nicht geben. Er war zu alt, um noch Kinder zu zeugen. Welches Recht hatte er, ihr das Erlebnis der Mutterschaft zu verwehren? Woher wollte er wissen, daß sie niemals heiraten würde? Hawksbill, du alter Narr!

»Ist Ihnen nicht gut, Mr. Hawksbill?«

Er sah ihr in die klaren grauen Augen und dachte: Wie konnte ich nur so egoistisch sein, mir einzureden, es ginge mir einzig um ihr Wohl? Wie konnte ich mir einbilden, ich besäße das Recht, sie zu meinem Eigentum zu machen und einzusperren wie eine Porzellanpuppe, die kein anderer anfassen darf?

Entsetzt über sich selbst, senkte er den Kopf. Samantha berührte mit einer Hand sachte seinen Arm. »Es geht Ihnen heut’ nicht gut, stimmt’s? Ich mach Ihnen jetzt erstmal einen starken Weißdorntee.«

Hawksbill rührte sich nicht, als sie aus dem Zimmer ging. Er würde sie bis ans Ende seiner Tage lieben, das wußte er, aber um ihretwillen würde er niemals darüber sprechen.

11

Niemand, nicht einmal Matthew selbst, merkte, daß er am Rand des Zusammenbruchs stand.

Matthew Christopher Hargrave, achtzehn Jahre alt, arbeitete seit fast vier Jahren als Schreiber in einem Kontor, und ein Tag war wie der andere. Er arbeitete sechseinhalb Tage jede Woche — frei war nur der Sonntagmorgen für den Kirchgang — und bekam nicht einen Tag Urlaub im Jahr. Jeden Morgen marschierte er in aller Frühe zum Fluß, um mit dem Dampfer die Themse hinunter zur Tower-Brücke zu fahren und von dort aus zu Fuß zu der Wagenbauerei in Bermondsey zu gehen. Nachdem er Hut und Rock in einer Ecke des muffigen Kontors aufgehängt hatte, fegte er zusammen mit den anderen Schreibern die Böden, staubte die Möbel ab, füllte die Petroleumlampen und spitzte die Federkiele, die er für seine Schreibarbeit brauchte. Das Kontor war dreizehn Stunden pro Tag geöffnet, mittags und abends hatten die Angestellten je eine halbe Stunde Essenspause. Junge Männer, die verlobt waren, bekamen einen freien Abend pro Woche. Das Rauchen von spanischen Zigarren, der Genuß von Alkohol, der Besuch von Billardsalons waren Grund zur fristlosen Entlassung. Die Angestellten wurden zum Bibelstudium angehalten, und jeder, der fünf Jahre tadellosen Verhaltens ohne einen einzigen Fehltag nachweisen konnte, bekam eine Gehaltserhöhung von fünf Pence pro Tag.

Im Gegensatz zu seinen Kollegen, die gewissenhaft und im allgemeinen gutgelaunt ihrer Arbeit nachgingen und jeden Penny für den Tag zurücklegten, an dem sie einmal heiraten würden, fühlte sich Matthew Hargrave mit seinen achtzehn Jahren bis zum Ersticken eingeengt. Er kam sich vor wie lebendig begraben.

Sein Leben zu Hause war so grau und freudlos wie die Tage im Kontor. Sein Bruder James war in Oxford; sein Vater hatte keine Zeit für ihn; seine kleine Schwester war ihm fremd. Freunde hatte er keine, und vor Frauen hatte er Angst. Sein einziges Vergnügen war der kurze Moment der Selbstbefriedigung, die er allabendlich in seinem Bett praktizierte.

Matthew spürte, daß mit ihm etwas nicht in Ordnung war, und litt schwer unter den inneren Spannungen, die ihn zu zerreißen drohten. Er glaubte, sie seien die Strafe für die Sünde der allabendlichen ‘Selbstbeschmutzung’; er war sich nicht bewußt, daß sie ihren Ursprung in seiner rasenden Eifersucht auf seinen älteren Bruder James hatten.

Während Matthew von früh bis spät in dem verhaßten Kontor schuftete wie ein Sklave und jeden sauer verdienten Penny seinem Vater übergab, der ihm das nicht einmal mit einem Wort des Lobes dankte, führte James als Student ein flottes Leben. Nachdem er in Oxford sein Grundstudium mit dem Bakkalaureat abgeschlossen und sich an den medizinischen Fakultäten mehrerer Universitäten in und um London beworben hatte, würde er nun wieder zu Hause leben, Matthews ständige, marternde Erinnerung daran, daß er seinem Vater nichts, James ihm hingegen alles galt.

Im Haus merkte niemand, was sich da zusammenbraute; nur Mrs. Scoggins, die Haushälterin, hatte düstere Ahnungen und machte es sich zur Gewohnheit, abends ihre Zimmertür zu verriegeln.

Am Abend des Guy-Fawkes-Tages geschah es dann. Überall in London zündeten die jungen Leute zur Feier der Aufdeckung der sogenannten Pulververschwörung im Jahr 1605 riesige Freudenfeuer an.

Matthew stand am Fenster und schaute zur Straße hinaus. Die Leute waren außer Rand und Band. Lockere Mädchen flogen von einem Arm in den anderen und verschenkten freigebig ihre Küsse, alte und junge Männer tanzten zum wilden Gefiedel einiger Musikanten ausgelassen die Gigue, Feuerwerkskörper krachten wie Gewehrschüsse, Bier- und Schnapskrüge machten die Runde. Wie unter einem Bann ging Matthew zur Haustür und zog sie auf. Die Feuershitze, die ihm entgegenschlug, brachte sein Blut in Wallung. Unwiderstehlich angezogen von dem übermütigen Treiben, stieg er die Treppe hinunter, und als ihm jemand einen Bierkrug in die Hand drückte, trank er herzhaft daraus. Es dauerte nicht lang, da war Matthew, der nie vorher einen Tropfen Alkohol angerührt hatte, völlig betrunken.

Als Samuel, der wieder einmal in der Gegend um den Haymarket gepredigt und seine Schriften verteilt hatte, nach Hause kam und müde die Treppe zu seiner Haustür hinaufstieg, sah er Samantha mit großen, erschrocken blickenden Augen an der offenen Tür stehen. Er drehte sich um, sein Auge folgte ihrem Blick, und da sah er seinen jüngsten Sohn mitten im grölenden Getümmel in den Armen einer Hure.

Laut lachend hing Matthew am Hals des Mädchens und trank in vollen Zügen aus einem Bierkrug. Dann zog er sich seinen schwarzen Rock vom Leib, wirbelte ihn ein paarmal über seinem Kopf durch die Luft und schleuderte ihn mitten ins Feuer. Im selben Augenblick gewahrte er seinen Vater. Den Arm über den Kopf erhoben, den Mund lachend geöffnet, erstarrte er, wie gelähmt vom strafenden Blick seines Vaters. Das Lärmen der Menge verklang, die Glut des Feuers erkaltete, der lodernde Schein der Flammen verdunkelte sich. Er fühlte sich wie aufgespießt vom anklagenden Blick dieser verhaßten Augen.

Plötzlich raste er wie ein Wahnsinniger die Treppe hinauf, schleuderte seinen Vater zur Seite und stürzte in die Wohnstube. Blindwütend riß er die schwere Bibel vom Lesepult und rannte, sie mit beiden Händen haltend, wieder auf die Straße. Er hörte verworrene Geräusche, sah flüchtig ein entsetztes weißes Gesicht, Arme, die ihn festhalten wollten, und wieder die strafenden Augen, deren Blick ihn durchbohrte. Er warf den Kopf zurück und heulte wie ein schmerzgequältes Tier, während die Bibel aus seinen Händen in die Luft flog und ins Feuer fiel.

Samuel rappelte sich hoch, stieß seinen Sohn zur Seite und stürzte sich ins Feuer. Während erschrockene Menschen ihn packten und aus den Flammen zerrten, sah er, wie das geliebte Buch in Flammen aufging.

Gesang und Gelächter verstummten. Einige Männer, die eben noch getanzt hatten, rannten dem rasenden Matthew nach, der wie im Amoklauf die Straße hinunterjagte. Zu viert gelang es ihnen schließlich, ihn zu überwältigen. Als er zu Boden stürzte, blieb er mit zuckendem Körper und schaumweißem Mund auf dem Pflaster liegen.

Ohne seiner schweren Verbrennungen an Gesicht und Händen zu achten, ohne die ungeheuren Schmerzen wahrzunehmen, lief Samuel Hargrave taumelnd zu seinem Sohn. In die Stille hinein, in der nur das Knistern des Feuers zu hören war, sagte er mit blutenden, von Blasen aufgeschwollenen Lippen: »Du bist auf immer und ewig zur Hölle verdammt, Matthew Christopher, und von diesem Tag an nicht mehr mein Sohn.« Dann stürzte er bewußtlos zu Boden.

Man trug ihn ins Haus. Der Arzt, den man geholt hatte, erklärte, er würde die Nacht nicht überleben. Samantha blieb Tag und Nacht an seiner Seite und pflegte ihn. James, der inzwischen seinen Dienst im North London Hospital angefangen hatte, löste sie ab, so oft er konnte, und linderte die Schmerzen des Schwerkranken mit häufigen Verabreichungen von Morphium.

Erst im Frühjahr konnte Samuel, immer noch sehr schwach und hilfebedürftig, das erste Mal aufstehen. Doch er war bis zur Unkenntlichkeit entstellt, nur noch ein Schatten seiner selbst. Gott schien er vergessen zu haben. Er schrieb keine Traktate mehr, hielt nie wieder eine Predigt. Tag für Tag saß er von früh bis spät in seinem Zimmer und starrte mit leerem Blick vor sich hin. Häufig nahm er nicht einmal von Samanthas Kommen oder Gehen Notiz. Um ihm weiteren Schmerz zu ersparen, sagte sie ihm nichts von James.

Nach kurzer Dienstzeit im North London Hospital war James dort entlassen worden und hatte eine Praktikantenstelle im Guy’s Krankenhaus gefunden. Aber auch dort hatte man ihn nach sechs schwierigen Monaten nicht mehr haben wollen, und so war er nun im St. Bartholomew’s Krankenhaus gelandet. Weit besorgniserregender jedoch als diese berufliche Unbeständigkeit war das neue Leben, das er führte: Er trank und spielte und brachte seine Nächte in der Gesellschaft leichter Mädchen zu.

Samantha fühlte sich einsam und alleingelassen. Ihr Vater und ihre Brüder waren ihr verloren. Freddy, fürchtete sie, würde sie nie wiedersehen. Der einzige Mensch, den sie noch hatte, war Isaiah Hawksbill.

12

An einem Morgen im Herbst, als schon Reif auf den Dächern lag, fand Samantha das Haus Isaiah Hawksbills zu ihrer Verwunderung kalt und dunkel vor. In den viereinhalb Jahren, die sie nun für ihn arbeitete, hatte er sie morgens stets erwartet. Zögernd trat sie in die Küche und hörte aus dem oberen Stockwerk gedämpftes Stöhnen und einen leisen Ruf. Erschrocken lief sie hinauf.

Isaiah Hawksbill lag seitlich zusammengekrümmt in seinem Bett und keuchte leise. »Hol einen Arzt, Kind«, sagte er mühsam. »Ich brauche einen Arzt.«

Voller Angst um ihren alten Freund rannte Samantha zu Dr. Pringle, dessen Praxis nicht weit entfernt war. In Morgenrock und Pantoffeln hörte sich der Arzt ihren atemlosen Bericht an und sagte, er würde nach dem Frühstück vorbeikommen.

Als er zwei Stunden später eintraf, hatte sich der Zustand des alten Hawksbill beängstigend verschlechtert. Keuchend und stockend berichtete er dem Arzt, er sei in der Nacht mit starken Schmerzen auf der rechten Bauchseite erwacht und nicht fähig gewesen aufzustehen. Jetzt hatte er offensichtlich hohes Fieber; seine Wange glühte und seine Augen glänzten wie grünes Glas.

Der Arzt zog die Bettdecke herunter und betastete vorsichtig den Unterleib des alten Mannes. Dann sagte er kopfschüttelnd: »Sie haben eine Entzündung am kleinen Darmfortsatz, Sir. Ich werde tun, was ich kann.« Samantha stand am Fußende des Bettes und sah mit wachsender Beklemmung zu, wie der Arzt ein Glas mit Blutegeln aus seinem Köfferchen nahm, Isaiah Hawksbills Nachthemd hochzog und die schleimigen schwarzen Tiere auf seine weiße Haut fallen ließ. Während sie sich vollsogen, bis sie von selber herabfielen, mischte der Arzt einen mit Strychnin versetzten Trank und flößte ihn dem alten Mann ein. Beinahe unverzüglich übergab sich der Alte; Samantha hielt eine Schüssel neben seinen Kopf, um das Erbrochene aufzufangen. Diese Behandlung wurde den ganzen Tag über wiederholt, bis der alte Mann vom Blutverlust und Erbrechen so geschwächt war, daß er nur noch um Gnade flehen konnte. Um sechs Uhr erklärte Dr. Pringle, mehr könne er für den Patienten nicht mehr tun.

Isaiah Hawksbill bot einen erschreckenden Anblick: totenbleich, völlig ausgelaugt, das Gesicht uralt und verfallen.

»Ich sterbe, Kind«, flüsterte er.

Samantha saß auf dem Rand seines Bettes und drückte ihm ein feuchtes Tuch auf die Stirn. »Nein, Sir. Sagen Sie so was nicht.«

»Ich habe nicht viel — Zeit. Ich habe gespürt, wie der Eiterherd geplatzt ist. Das Gift ist jetzt in meinem Blut. Aber ich muß dir noch etwas sagen, Kind.«

»Sprechen Sie jetzt nicht, Mr. Hawksbill. Sparen Sie Ihre Kraft. Wir können morgen reden.«

»Für mich — gibt es kein Morgen.«

Sie war so verzweifelt, daß sie kein Wort sagen konnte. Dieser Pfuscher von einem Arzt! Er hatte alles nur schlimmer gemacht.

Mit schwacher Gebärde hob der alte Hawksbill die Hand, um Samanthas Wange zu streicheln, doch ihm fehlte die Kraft. »Ich muß dir etwas sagen.« Sein Atem ging röchelnd. »Du sollst versorgt sein. Du sollst nicht von deiner Familie abhängig sein, Kind. Du mußt selbständig sein …«

Er stöhnte vor Schmerzen. Sein Mund war so trocken, daß ihm die Zunge am Gaumen klebte. »Nimm es«, flüsterte er heiser. »Es gehört jetzt dir. Wenn sie es finden, fällt es an die Krone. Das will ich nicht. Du bist das einzige, was ich habe …«

Samantha beugte sich über ihn und umfaßte seine Schultern. »Bitte, bitte, sterben Sie nicht!«

Hawksbill verdrehte die Augen. Einen Moment lang sah er aus wie ein Wahnsinniger. »Meine Bücher! Meine Pflanzen!« rief er heiser, dann fielen ihm die Augen zu, und er starb.

Hin und her gerissen zwischen Schmerz und Zorn blieb Samantha bis tief in die Nacht hinein an seinem Bett sitzen. Später, als die Leichenträger kamen und ihn holten, wartete sie auf der Straße, bis der Wagen mit dem Toten fort war, dann ging sie nach Hause.

Das Haus des alten Juden stand mehrere Jahre lang leer. Dann kaufte es jemand der Krone ab und machte eine Gastwirtschaft daraus. Vierzig Jahre nach Isaiah Hawksbills Tod verwüstete ein Feuer den St. Agnes Crescent. Als die Häuser ausgeschlachtet wurden, fand man unter den eingestürzten Dielenbrettern im Haus des alten Hawksbill eine verkohlte Eisenkassette. Das Geld, das sie enthalten hatte — Isaiah Hawksbills gesamte Ersparnisse, an die fünfzigtausend Pfund —, war in der Hitze der Feuersbrunst zu schwarzer Asche zerfallen.

__________

Das zweite Unglück folgte dem ersten so dicht auf dem Fuß, daß Samantha kaum Zeit blieb, um ihren alten Freund zu trauern.

Eine Woche vor dem Guy-Fawkes-Tag 1874, fast genau zwei Jahre nach Matthews Amoklauf und seinem darauffolgenden spurlosen Verschwinden, hörte Samuel Hargrave zu essen auf. Samantha und Mrs. Scoggins konnten ihn weder mit Bitten noch mit Drohungen dazu bewegen, Nahrung zu sich zu nehmen. Vom Fasten geschwächt, zog er sich eine Lungenentzündung zu und starb am Abend des Feiertags im flackernden Licht der Freudenfeuer, das durch die Fenster seines Zimmers fiel.

Samantha und James saßen ernst und still in der Wohnstube, während der Abgesandte der Anwaltskanzlei Welby & Welby das Testament ihres Vaters verlas. James sollte für die Dauer seiner medizinischen Ausbildung einen monatlichen Wechsel erhalten. Nach erfolgreichem Abschluß der Ausbildung und Eröffnung einer eigenen Praxis würde ihm der Rest des hinterlassenen Vermögens übergeben werden. Auch das Haus samt allem Inventar erbte James, mit der Auflage allerdings, daß er es vor Abschluß seiner Ausbildung nicht verkaufen durfte.

Samantha sollte Playells Pensionat für junge Damen in Kent besuchen.

13

Sie war wie erstarrt. In ihrem Sonntagskleid, dem Mrs. Scoggins in aller Eile etwas schwarze Spitze an Kragen und Ärmelbündchen genäht hatte, saß sie stumm und reglos im Zug, der aus London hinausfuhr. Mrs. Scoggins, nicht James, der seine Fortbildung am Middlesex Krankenhaus aufgenommen hatte, hatte sie zum Victoria-Bahnhof gebracht, ihr ein kleines Bündel mit Brot und Käse für die Reise in die Hand gedrückt und dann mit förmlicher Umarmung von ihr Abschied genommen.

In Chislehurst wurde sie von einem sauertöpfischen alten Mann namens Humphrey mit einem Einspänner abgeholt. Ohne ein Wort zu wechseln, fuhren sie durch das sanfte Licht des späten Nachmittags. Die Luft roch nach lehmschwerer Erde und feuchtem Herbstlaub. Zu beiden Seiten der von Hecken begrenzten Landstraße konnte Samantha weit zurückgesetzt, am Ende langer Alleen stattliche Landhäuser erkennen, über denen mächtige alte Bäume ihre Äste ausbreiteten.

Durch eine eben solche Allee lenkte schließlich der alte Humphrey den Einspänner zu einem hochherrschaftlichen Landsitz im Tudorstil. Samantha hatte das Gefühl, daß hundert Augenpaare sie durch die bleiverglasten Fenster beobachteten, als sie aus der Kutsche stieg und zaghaft zum hohen Portal ging, wo eine stattliche Frau von etwa vierzig Jahren im schwarzen Bombassinkleid sie erwartete. Mrs. Steptoe, die Vorsteherin des Pensionats, musterte sie mit einem so mißbilligenden Blick, daß Samantha sich erschrocken fragte, was sie angestellt haben könnte, um sich so bald schon das Mißfallen der formidablen Matrone zugezogen zu haben.

Später erfuhr sie, daß es nichts und niemanden gab, an dem Mrs. Steptoe Gefallen finden konnte. Mit zweiundzwanzig Jahren zur mittellosen Witwe geworden, hatte Mrs. Steptoe sich in der mißlichen und demütigenden Lage gesehen, mit eigener Hände Arbeit für ihren Lebensunterhalt sorgen zu müssen. Sie hatte als Lehrerin in Playells Pensionat angefangen und sich im Lauf der Jahre mit diplomatischem Geschick und einigen Intrigen zur Vorsteherin hochgearbeitet. Die Damen Playell waren längst tot, das Pensionat wurde aus dem Vermögen eines Treuhandfonds und mit den von den höheren Töchtern bezahlten Schulgeldern betrieben; Mrs. Steptoe verfügte über unumschränkte Macht.

»Komm mit«, sagte sie kurz, nachdem Samantha sie begrüßt hatte, machte auf unsichtbarem Absatz kehrt und glitt so geschmeidig über den glänzenden Parkettboden, daß Samantha flüchtig der Verdacht kam, sie liefe auf Rädern.

Das Haus, in der Zeit der Königin Elisabeth erbaut, hatte den Grundriß eines E. Vom großen Vorsaal aus, an den sich Aufenthaltsräume, Bibliothek und Wirtschaftsräume anschlossen, schwang sich eine imposante Steintreppe in den ersten Stock hinauf, wo sich im Nordflügel die Unterrichtsräume und im Südflügel die Schlafzimmer befanden. Mrs. Steptoe führte Samantha in ein prunktvolles altes Schlafgemach mit dunkler Holztäfelung, dicken Teppichen und einem großen offenen Kamin aus grauem Stein. In dem Raum standen vier Betten, zwei Schreibtische, zwei Sessel, ein Schrank und ein Waschtisch.

Einen Moment lang war Samantha wie erschlagen von der Pracht, dann ließ sie ihren abgewetzten Koffer fallen und rannte zum Fenster, um hinunterzuschauen.

Ein harter Schlag traf sie am Hinterkopf. Sie schrie auf und fuhr zornig herum. Mrs. Steptoe maß sie mit eisigem Blick. Damenhaftes Benehmen zu jeder Zeit und respektvolles Verhalten dem Lehrkörper gegenüber, erklärte sie kalt, gehöre zu den unumstößlichen Regeln des Pensionats. Wer dreimal gegen die Regeln verstieße, müsse zur Strafe eine Woche lang die Toiletten säubern.

In den folgenden Wochen und Monaten mußte Samantha oft die Toiletten säubern, und mit jedem Tag wuchs ihre Abneigung gegen das Pensionat und Mrs. Steptoe. Als der Frühling kam, begann sie Fluchtpläne zu schmieden.

Ungeschliffen wie sie war und aus ärmlichen Verhältnissen stammend, blieb Samantha unter ihren Mitschülerinnen eine Außenseiterin. Vom abendlichen Getuschel und Gekicher, das einsetzte, sobald die Lampen gelöscht waren, blieb sie ausgeschlossen. Aber sie hörte zu. Die heimlichen Gespräche ihrer drei Zimmergenossinnen drehten sich immer um dasselbe Thema.

Es gab nur eine männliche Lehrkraft in Playells Mädchenpensionat, und das war Mr. Roderick Newcastle. Er war gerade zwei Monate vor Samantha eingetroffen. Alle Mädchen waren rettungslos in den kahlköpfigen kleinen Mathematiklehrer verliebt, der beim Mittag- und Abendessen den Ehrenplatz zu Mrs. Steptoes Rechten einzunehmen pflegte.

»Ich hätte überhaupt nichts dagegen, mich Mr. Newcastle hinzugeben«, gestand eine von Samanthas Zimmergenossinnen eines Abends, nachdem Miss Tomlinson, die Lehrerin für Hygiene und Körperpflege, ihnen einen Vortrag über die ehelichen Pflichten gehalten hatte, die jede Frau ihrem Mann zuliebe erfüllen müsse, auch wenn es ihr keinerlei Genuß bereite.

»Ja, und dann kriegst du ein Kind.«

»Wie kommt so ein Kind eigentlich raus?«

»Durch den Nabel.«

Samantha, die in ihrem Bett lag und lauschte, hätte am liebsten laut gelacht. Im St. Agnes Crescent aufgewachsen, hatte sie sehr früh gelernt, was es mit der Sexualität auf sich hatte.

Das älteste der Mädchen, siebzehn Jahre alt, beendete die Diskussion, indem sie in sachlichem Ton erklärte: »Es ist überhaupt nichts Besonderes. Man muß es einfach über sich ergehen lassen und dabei an was Schönes denken.«

Die Mädchen schwiegen, und Samantha zog sich die Decke über die Ohren, um ihre Lieblingsphantasie zu spinnen: Durchbrennen.

Gleich morgen würde sie sich davonmachen, den Zug nach Liverpool nehmen und sich auf die Suche nach Freddy machen. Dann würden sie sich ein schönes Haus kaufen, heiraten und miteinander glücklich sein bis an ihr Lebensende. Oder sie würde warten, bis James seine eigene Praxis aufmachte, und dann zu ihm in die Harley Street ziehen und als Krankenschwester bei ihm arbeiten. Am genußvollsten allerdings war die Vorstellung, daß eines Tages eine prächtige Kutsche vorfahren und Freddy in Gehrock und Zylinder ihr entsteigen würde, um der verdatterten Mrs. Steptoe und den Mädchen mitzuteilen, er sei gekommen, Samantha auf sein Schloß in Cheshire zu holen.

Dumpfes Poltern, das wie ferner Donner klang, riß sie aus ihren Träumereien. Sie hörte einen Schrei und dann ein Krachen und fuhr hoch.

»Was war das?« flüsterte eines der Mädchen im Zimmer.

Draußen rannte jemand durch den Flur.

Samantha war als erste aus dem Bett. Sie lief zur Tür und spähte hinaus. Auch die anderen Türen im Gang hatten sich geöffnet. Überall standen die Mädchen in ihren langen Flanellnachthemden und schauten neugierig zum östlichen Ende des dunklen Korridors. Miss Tomlinson eilte im Morgenrock und mit fliegenden Zöpfen vorüber.

Die Mädchen tuschelten aufgeregt miteinander. Als sie Miss Tomlinson aufschreien hörten, liefen einige der wagemutigeren Mädchen, Samantha unter ihnen, zu ihr.

Miss Tomlinson lag ohnmächtig auf dem Treppenabsatz. Über das Geländer konnte man im trüben Licht der Nachtlampen unten Mrs. Steptoe sehen, die zusammengekrümmt am Fuß der Treppe lag und sich nicht rührte.

Eines der Mädchen sank mit einem Seufzer neben Miss Tomlinson zu Boden, die anderen hielten sich krampfhaft am Treppenpfosten fest. Samantha jedoch rannte so schnell sie konnte die Treppe hinunter und kam gleichzeitig mit Miss Whittaker, der Handarbeitslehrerin, bei der ohnmächtigen Vorsteherin an. Ohne zu überlegen, kniete sie neben Mrs. Steptoe nieder und nahm ihr Handgelenk, um den Puls zu fühlen, wie sie das James bei ihrem Vater hatte tun sehen.

»Sie lebt«, sagte sie, und Miss Whittaker begann zu weinen.

»Sie braucht einen Arzt!« rief jemand.

Oben an der Treppe, wo Miss Tomlinson sich jetzt schwerfällig aufrichtete, hatten sich weitere Mädchen eingefunden. Roderick Newcastle, in Hemdsärmeln und Hosenträgern, drängte sich zwischen ihnen durch. Er blickte zu Mrs. Steptoe und wurde kalkweiß. »O Gott!« sagte er nur.

Irgend jemand weckte Humphrey und schickte ihn nach Chislehurst, den Arzt holen. Roderick Newcastle und Miss Whittaker trugen die immer noch bewußtlose Mrs. Steptoe in ihr Schlafzimmer im Erdgeschoß und legten sie behutsam aufs Bett. Während Miss Whittaker in einen Sessel sank und Roderick Newcastle sich die schweißfeuchte Stirn wischte, zog Samantha Mrs. Steptoe die Stiefel aus und legte eine Decke über sie.

Der Arzt kam lange nicht. Derry Newcastle machte im Kamin Feuer, und Miss Whittaker kochte eine Kanne Tee. Samantha blieb am Bett sitzen und überprüfte immer wieder Mrs. Steptoes Puls. Einmal hob sie die Decke hoch und sah, daß sich auf Mrs. Steptoes Kleidern ein großer Blutfleck ausgebreitet hatte.

Endlich klopfte es. Miss Whittaker sprang aus dem Sessel und öffnete die Tür. Verdutzt starrte sie die zierliche, etwa fünfzigjährige Frau an, die neben Humphrey auf der Schwelle stand.

Die Frau ging wie selbstverständlich an ihr vorüber, nahm ihr Cape ab und trat ans Bett.

»Wer sind Sie?« fragte Newcastle scharf.

»Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie hinausgingen, Sir«, entgegnete die Frau ruhig. »Das ist hier nichts für Männer.« Sie beugte sich über Mrs. Steptoe und griff nach ihrem Handgelenk, wie Samantha es vorher getan hatte.

Widerstrebend ging Newcastle hinaus und schloß die Tür hinter sich. Die Frau hob die Decke hoch, sah den Blutfleck und sagte: »Ich brauche heißes Wasser und saubere Tücher.« Sie hob den Kopf und sah Samantha an. »Außerdem brauche ich hier Hilfe.«

Miss Whittaker stürzte schon zur Tür. »Ich hole das Wasser und die Tücher!« Und schon war sie auf und davon.

Die Frau sah Samantha über das Bett hinweg an. »Mir scheint, es hat dich getroffen. Schaffst du das?«

Samantha schlug das Herz bis zum Hals. »Ja, Madam, ich hab’ ein bißchen Erfahrung.«

»Gut. Krempel deine Ärmel hoch. Es wird hart werden.«

Während Samantha ihre langen Zöpfe hinten ins Nachthemd stopfte und die Ärmel aufrollte, musterte sie die Frau auf der anderen Seite des Betts. Das blonde Haar, das schon grau zu werden begann, war in der Mitte des Kopfes gescheitelt und im Nacken zu einem Knoten gedreht. Die Frau mußte ungefähr fünfzig Jahre alt sein, aber sie wirkte jugendlich und trotz ihrer Zierlichkeit robust und energisch. Samantha beobachtete fasziniert, wie sie sich über Mrs. Steptoe beugte, erst das eine Augenlid hochzog, dann das andere und aufmerksam das stille Gesicht betrachtete.

»Ich bin Dr. Blackwell«, sagte sie, ohne aufzusehen. »Wie heißt du?«

»Samantha Hargrave, Madam.« Sie wurde rot. »Ich meine, Mrs. Blackwell. Ich meine Frau Doktorin —«

Elizabeth Blackwell lächelte sie flüchtig an. »Sag einfach Dr. Blackwell. Hilf mir jetzt, sie auszuziehen.«

Während sie die vielen kleinen Knöpfe öffneten und Mrs. Steptoe behutsam aus ihrem Mieder schälten, sprach Elizabeth Blackwell mit leiser Stimme. Sie hatte einen fremdartigen Akzent, wie Samantha ihn noch nie gehört hatte.

»Ich war in Chislehurst, um alte Freunde zu besuchen«, berichtete sie. »Als euer Kutscher in das Gasthaus kam und nach einem Arzt fragte, erbot ich mich mitzukommen. Der arme Mann, er wußte gar nicht, was er tun sollte. ‘Ich suche einen Arzt’, erklärte er. ‘Keine Hebamme.’«

Sie öffneten die Bänder von Mrs. Steptoes Unterröcken, die alle von Blut durchtränkt waren, und zogen sie ihr über die Beine herunter.

»Es ist nicht so schlimm, wie es aussieht, Samantha«, sagte Elizabeth Blackwell in beruhigendem Ton, ehe sie zum Waschtisch ging, Wasser in die Schüssel goß und sich gründlich die Hände wusch.

»Die meisten Ärzte«, bemerkte sie, als sie wieder ans Bett kam, »waschen sich die Hände erst hinterher. Meiner Meinung nach kann es nicht schaden, wenn man’s schon vorher tut. — Also, mal sehen, was wir hier haben.«

Mit ihren kleinen Händen betastete sie Mrs. Steptoes Unterleib, drückte hier und dort ein wenig, schob dann sachte die Beine auseinander und nahm eine gründliche innere Untersuchung vor. Ihr schöngeschnittenes Gesicht zeigte tiefe Konzentration. Als sie fertig war, wischte sie sich die Hand an dem Handtuch, das sie vom Waschtisch mitgebracht hatte.

»Die arme Frau hatte eine Fehlgeburt.«

Samantha sperrte Mund und Augen auf. »Mrs. Steptoe kriegt ein Baby?«

Elizabeth Blackwell griff nach ihrem Köfferchen.

»Ja, sie war schwanger. Durch den Sturz kam es zu einer Fehlgeburt. Nach der Größe der Gebärmutter zu urteilen, war sie ungefähr im vierten Monat.«

Samantha sah in das blasse, reglose Gesicht und dachte, zum erstenmal, solange sie sie kannte, sähe die Vorsteherin so aus, als wäre sie mit sich in Frieden.

»Ich möcht’ wissen, wie das passiert ist«, sagte Samantha nachdenklich. »Sie kennt doch jede einzelne Stufe, so oft, wie sie die Treppe rauf- und runtergelaufen ist …«

Elizabeth Blackwell warf ihr einen scharfen Blick zu. »Jetzt müssen wir uns erst einmal an die Arbeit machen. Bring mir die Lampe her und stell sie zwischen ihre Beine.«

Miss Whittaker kam auf Zehenspitzen hereingetrippelt, deponierte Wasserkrug und Tücher neben dem Bett und ging ohne ein Wort wieder hinaus. Als Samantha die Lampe aufs Bett gestellt hatte, half sie der Ärztin, die Beine der immer noch bewußtlosen Frau so weit wie möglich zu spreizen, schob sie in angewinkelte Haltung hoch und hielt sie so fest.

»Was machen Sie jetzt?«

»Das Kind ist nicht zu retten. Wir müssen es jetzt herausholen, sonst stirbt die arme Frau auch noch.«

Elizabeth Blackwell entnahm ihrem Köfferchen ein silbernes Instrument, das Samantha der Form nach an einen Entenschnabel erinnerte.

»Beobachte genau ihr Gesicht, Samantha«, sagte sie und rückte die Lampe ein wenig zurecht, um mehr Licht zu bekommen. »Beim kleinsten Anzeichen dafür, daß sie aufwacht, mußt du mir Bescheid sagen. Dann höre ich sofort auf. Jetzt muß ich schnell machen. Solange sie bewußtlos ist, kann ich ohne Narkose arbeiten. Das ist gut; denn die Narkose ist nicht ungefährlich. Bitte versuche ihre Beine ruhigzuhalten.«

Weit über die Bewußtlose gebeugt, bemühte sich Samantha, mit beständigem Druck die angewinkelten Beine auseinanderzuhalten. Ihr Blick flog beständig zwischen dem stillen Gesicht der Vorsteherin und Dr. Blackwells geschickt arbeitenden Händen hin und her. Nachdem die Ärztin eine Schale unter das rinnenförmige Spekulum geschoben hatte, ergriff sie ein merkwürdiges Instrument, eine lange Nadel, an deren Ende eine scharfkantige silberne Scheibe befestigt war.

»Was ist denn das?« flüsterte Samantha.

»Eine Kürette.« Die Ärztin führte die silberne Scheibe behutsam ein und schloß einen Moment die Augen, als wolle sie im Geist seinen Weg verfolgen. »Ich muß sicher sein, daß ich in der Gebärmutter bin und nicht statt dessen in die Bauchhöhle eingedrungen bin.«

Mit angehaltenem Atem sah Samantha zu, wie die Ärztin das Instrument ganz vorsichtig und tastend immer tiefer einschob, bis nur noch einige Zentimeter der Nadel zu sehen waren.

»So«, sagte Elizabeth Blackwell leise und öffnete die Augen wieder. »Schau ihr Gesicht an, Samantha. Irgendwelche Anzeichen?«

»Nein. Sie ist immer noch bewußtlos. Und sie atmet ganz regelmäßig. Man sieht es an ihrer Brust.«

Die Ärztin warf Samantha einen kurzen Blick der Überraschung zu, dann begann sie mit der Ausschabung.

Samantha sah unter ihrem ausgestreckten Arm das Zucken des Leibes, während Elizabeth Blackwell mit der Kürette arbeitete.

»Wie geht es ihr?« fragte die Ärztin.

Samanthas Stimme war ein Piepsen. »Gut —«

»Weißt du, Samantha, ich muß die Gebärmutter ganz sauber machen. Wenn das nicht geschieht, gibt es hinterher Komplikationen. Dann kann es zu Blutungen kommen, zu Entzündungen und starken Schmerzen. Verstehst du das, Samantha?«

»Ja, Madam.« Samantha wandte den Kopf und sah das ruhige, entschlossene Gesicht der Ärztin an, dessen Züge im gelben Lampenschein wie gemeißelt wirkten.

»So, das wär’s.« Elizabeth Blackwell legte die Kürette aus der Hand und nahm eine lange silberne Zange, an deren Ende ein Ring befestigt war. Sie nahm eines der kleinen sauberen Tüchter, stopfte es in den Ring und führte das Instrument ein.

»Die Gebärmutter ist sauber. Jetzt tupfen wir sie aus. Schon Anzeichen, daß sie wach wird?«

»Ihre Augenlider zucken.«

»Gut. Wir sind fast fertig.«

Nachdem Elizabeth Blackwell den Ring mehrmals eingeführt hatte, führte sie den Alaunstift ein. »Das stillt kleinere Blutungen«, erklärte sie und packte dann den Unterleib ihrer Patientin in saubere Tücher.

Eine halbe Stunde später saßen sie am Feuer und tranken Tee. Mrs. Steptoe war erwacht, als sie sie gewaschen hatten. Sie hatten ihr eine Dosis Laudanum verabreicht, und nun schlief sie friedlich in ihrem frisch bezogenen Bett.

»Glauben Sie, es ist alles gutgegangen, Frau Doktor?«

»Ich denke schon. Du hast deine Sache sehr gut gemacht, Samantha. Ohne deine Hilfe wäre es für mich viel schwieriger gewesen.«

Samantha senkte scheu die Lider und starrte in ihre Teetasse. Sie war erschöpft und doch auch auf seltsame Weise erregt und glücklich. Sie fühlte sich der Frau, mit der sie Hand in Hand gearbeitet hatte, um Mrs. Steptoe zu helfen, so nahe, daß es sie beinahe verlegen machte. Es war ein ihr fremdes Gefühl, das sie nicht in Worte fassen konnte; zum erstenmal in ihrem Leben verspürte sie das Gefühl tiefer Gemeinschaft mit einer Frau. Und ein Lob von dieser Frau, die sie vor zwei Stunden noch nicht gekannt hatte, bedeutete ihr plötzlich unendlich viel.

Elizabeth Blackwell musterte das schweigsame junge Mädchen nachdenklich. Ein ausgesprochen schönes junges Mädchen und dabei doch gänzlich natürlich und unaffektiert. Das erlebte man selten. Wie war dieses einfache Ding, dem es sichtlich an gesellschaftlichen Manieren fehlte — man brauchte nur zu sehen, wie sie ihre Tasse hielt, und zu hören, wie sie den Tee schlürfte —, unter die höheren Töchter geraten? Ein Bild kam Elizabeth Blackwell unversehens: Samantha Hargrave war ein ungeschliffener Diamant unter glänzend polierten Glassteinen.

»Gefällt es dir hier, Samantha?«

»Nein, Frau Doktor.«

»Warum nicht?«

»Ich weiß nicht, was ich hier soll. Ich hab’ keine Freundinnen. Sie mögen mich nicht. Dauernd knuffen sie mich. Und morgens darf ich immer erst als letzte an die Waschschüssel, wenn das Wasser schon ganz schmutzig ist.«

»Deine Eltern haben aber doch sicher ihre Gründe dafür, dich hierher zu schicken«, meinte Elizabeth Blackwell freundlich.

»Ich hab’ gar keine Eltern. Meine Mutter ist bei meiner Geburt gestorben, und mein Vater —« Sie schluckte.

»Und was willst du anfangen, wenn du hier wieder weggehst? Hast du darüber schon einmal nachgedacht?«

Elizabeth Blackwell sprach so freundlich, mütterlich beinahe, daß Samantha instinktiv spürte, daß sie ihr vertrauen konnte.

»Ehrlich gesagt, Frau Doktor, will ich überhaupt nicht hierbleiben. Ich würd’ am liebsten abhauen. Ausreißen.«

»Und wohin würdest du dann gehen?«

»Keine Ahnung.«

»Weißt du, Samantha, mir ist aufgefallen, daß du mit Kranken sehr gut umgehen kannst. Ohne Angst und ohne Scheu. Du hast mich heute abend richtig beeindruckt. Du hast da wohl Erfahrung?«

Samanthas Gesicht hellte sich auf. »O ja, die hab’ ich. Ich hab’ Freddy gepflegt, wissen Sie, und dann meinen Vater. Der hatte ganz schlimme Verbrennungen.«

»Aha …« Elizabeth Blackwell schien zu überlegen, dann sagte sie: »Hast du einmal daran gedacht, so einen Beruf zu erlernen, wo du mit Kranken umgehen mußt?«

»Sie meinen, als Krankenschwester?«

»Hm, vielleicht, aber ich dachte eigentlich an den Arztberuf. Du könntest Ärztin werden.«

Samantha stellte ihre Teetasse nieder. »Ärztin? Frauen können doch gar keine Ärzte werden.«

»Aber natürlich können sie. Schau mich an!«

»Aber — Sie sind doch kein richtiger Arzt, oder?«

Elizabeth Blackwell lachte erheitert. »Und ob ich das bin.«

»Aber Ärzte schneiden doch an den Leuten rum. Das tut eine Dame nicht.«

»Liebes Kind, am Studium der Natur ist nichts Abstoßendes oder Undamenhaftes. Jeder Muskel, jede Sehne und jeder Knochen ist ein göttliches Kunstwerk.«

Samantha sah sie aufmerksam an. »Wie ist denn das, wenn man eine Ärztin ist?«

»Ich will dir ein Beispiel geben. Neulich kam ein Mann mit einem Leiden zu mir, das ich heilen konnte. Als ich ihm danach mein Honorar nannte, sagte er: ‘Für das Geld hätte ich mir einen richtigen Arzt leisten können.«’

Samantha starrte einen Moment nachdenklich in die Ferne. »Eine Frau, die Arzt ist. So was …« Sie beugte sich in ihrem Sessel vor. »Und wie wird man Arzt?«

»Vor allem muß man den Wunsch dazu haben, und ich glaube, den hast du. Dann braucht man eine gute Schulbildung. Und man muß Manieren lernen und sich wie eine Dame benehmen.«

Samantha verzog das Gesicht. »Sie meinen, ich muß hierbleiben und lernen, wie man seine Teetasse hält und das alles?«

»Ja, denn das gehört auch dazu. Um an einer Universität aufgenommen zu werden, braucht man das Bakkalaureat. Das kannst du hier bekommen, wenn du nicht wegläufst. Und es ist auch wichtig, richtig sprechen zu lernen.«

»Ach, da hab’ ich immer meine Schwierigkeiten gehabt. Freddy hat gesagt, ich hätt’ kein einziges Wort rausgelassen, bis er mal eine alte Katze aufschlitzen wollte. Da war ich vier Jahre alt. Und wenn ich jetzt fremde Leute treffe, geht’s mir immer noch so, daß mir erstmal die Spucke wegbleibt. Dann bin ich stumm wie ein Fisch.«

»Das mußt du überwinden, denn Ärzte müssen mit ihren Patienten sprechen können.«

Während Samantha sich in ihre eigenen Gedanken vertiefte, stand Elizabeth Blackwell auf und nahm aus ihrem Köfferchen eine Visitenkarte, die sie Samantha gab.

»Ich würde mich sehr freuen, wenn du mich einmal besuchst. Das ist meine Adresse in London. Denk noch einmal gründlich darüber nach, was du mit deinem Leben anfangen willst, und wenn du mit mir darüber sprechen willst, brauchst du dich nur zu melden.«

__________

Als Samantha wieder in ihrem Bett lag, konnte sie lange nicht einschlafen. Ihr ganzer Körper kribbelte vor Erregung, und die Gedanken wirbelten ihr wie Schneeflocken durch den Kopf. Während sie den ruhigen Atemzügen ihrer Zimmergenossinnen lauschte, entfaltete sich ein ganzer Bilderbogen vor ihren Augen: Mrs. Steptoe, wie sie bewußtlos am Fuß der Treppe gelegen hatte; sie selbst, wie sie ohne Überlegung zu ihr hinuntergelaufen war; das Eintreffen der Ärztin; die blitzenden Instrumente; das Blut; die beeindruckende Ruhe und Gelassenheit der Ärztin. Samantha versuchte, das alles zu verstehen. Obwohl sie zu Tode erschrocken gewesen war, nicht weniger in Panik als Miss Whittaker, war sie nicht davongelaufen. Was hatte sie als einzige die Treppe hinuntergetrieben? Was hatte sie veranlaßt, der Ärztin trotz ihrer Angst zu assistieren?

Bin ich wirklich so anders? Und wenn ja, in welcher Hinsicht? War es so einfach, wie Dr. Blackwell es ausgedrückt hatte, daß sie mit Kranken gut umgehen konnte? Sie dachte an die alte Tigerkatze, an Freddys zerquetschtes Bein, an ihren Vater, wie er dem Tode nahe in seinem Bett gelegen hatte.

Lag da die Antwort? Vielleicht, ja. Abgesehen von diesem bisher ungekannten, schönen Gefühl, das sie Dr. Blackwell entgegenbrachte, war noch etwas anderes in Samantha wach geworden, etwas, das sie kannte, aber nie zu deuten gewußt hatte. Jetzt wußte sie, was es war. Während sie der Ärztin assistiert hatte, hatte ein unerschütterliches Zielbewußtsein alle Ängste verdrängt. Das Gefühl war ihr vertraut, weil sie es schon früher empfunden hatte, wenn auch nicht in so starkem Maß. Sie kannte es aus den Tagen, als sie Freddy gesundgepflegt, als sie Tag um Tag am Bett ihres Vaters gesessen und sich um ihn gekümmert hatte. Und vielleicht war es auch damals schon die Kraft gewesen, die sie getrieben hatte, die verletzte alte Tigerkatze vor dem Tod zu retten …

Samantha holte einmal tief Atem und hielt die Luft so lange an, daß sie meinte, ihre Lunge würde platzen. Ärztin werden, dachte sie aufgeregt. Eine Ärztin wie sie. Das tun, was sie an diesem Abend getan hat!

Samantha war so kribbelig und aufgedreht, daß sie am liebsten aus dem Bett gesprungen wäre. Heute nachmittag noch war alles trüb und dunkel, und ich sah keinen Weg für mich, dachte sie. Jetzt ist alles hell und klar, und ich habe meinen Weg gefunden.

14

Mrs. Steptoe erholte sich rasch, und im Pensionat kehrte wieder der Alltag ein. Doch einiges hatte sich verändert. Derry Newcastle war noch in der Nacht des Unfalls mit Sack und Pack verschwunden, und es kam ein neuer Mathematiklehrer. Mrs. Steptoe wurde viel freundlicher und toleranter und verlor den Blick eisiger Mißbilligung, der allein schon die Mädchen zittern gemacht hatte.

Und Samantha Hargrave war wie umgewandelt. Sie stürzte sich von einem Tag auf den anderen mit Feuereifer in die schulische Arbeit, die, wie sie rasch entdeckte, keine übermäßig hohen Anforderungen stellte, da die Lehrerinnen die allgemeine Überzeugung teilten, daß allzuviel Wissen einer Frau nur schaden könne. Viel Wert wurde auf schöngeistige Literatur, gepflegte Sprache und Musik gelegt; man lernte Französisch und Deutsch und bekam Grundkenntnisse in Lateinisch und Griechisch. Die naturwissenschaftlichen Fächer — Botanik, Chemie und Zoologie — waren für Samantha dank ihrer Zeit bei Isaiah Hawksbill leicht zu bewältigen. Sie gab sich größte Mühe, sich gute Manieren anzueignen und erarbeitete sich mit Dr. Blackwells Hilfe, die sie so oft wie möglich in London besuchte, gesellschaftlichen Schliff. Als sich das Slummädchen Samantha im Lauf der Monate zur wohlerzogenen jungen Dame mauserte, wandelte sich die frühere Geringschätzung ihrer Mitschülerinnen allmählich in freundliche Bewunderung und Kameradschaftlichkeit.

In den folgenden drei Jahren fuhr Samantha mehrmals nach Hause. Wenn sie James überhaupt antraf, so war er unweigerlich angetrunken und feindselig, beschwerte sich über die Arbeit, die ihm sein Studium abverlangte, und über ständigen Geldmangel aufgrund seiner Spielschulden. Meistens jedoch war er nicht da, wenn sie kam. In den Weihnachtsferien des dritten Jahres, als sie sich gerade fertigmachte, um zu Dr. Blackwell zum Abendessen zu gehen, torkelte James völlig betrunken mit der Nachricht ins Haus, daß man ihn im Westminster Krankenhaus an die Luft gesetzt hatte.

Eine Woche vor ihrem siebzehnten Geburtstag erhielt Samantha ein Schreiben, in dem ihr mitgeteilt wurde, daß James wegen Mordes verurteilt worden war und im Zuchthaus Newgate seine Hinrichtung erwartete.

Er bat sie flehentlich zu kommen.

Am Abend vor der Hinrichtung setzte sich Samantha in den Zug nach London, nahm sich dort eine Droschke und kam am Abend in Newgate an. Nachdem sie den Kutscher gebeten hatte, auf sie zu warten, stieg sie aus.

Als sie den abschreckenden grauen Steinbau sah, wäre sie am liebsten auf der Stelle umgekehrt. Dann aber raffte sie entschlossen ihre Röcke und ging die finstere Straße entlang zu der unauffälligen kleinen Tür. Sie würde nach links und rechts Bestechungsgelder verteilen müssen, hatte James ihr geschrieben, und so war es auch. Die Wärter, abstoßend gemein und nach Gin stinkend, maßen sie mit lüsternen Blicken, ehe sie ihr Geld nahmen und sie mit klirrenden Schlüsselbunden durch klamme Steinkorridore führten. Es war wie ein Abstieg zur Hölle — Gestank, Moder und Fäulnis, bedrückende Düsternis.

Ganz unten, wo die Luft kaum noch zu atmen war und einzig flackernde Fackeln trübes Licht spendeten, blieb der letzte der Wärter endlich stehen. Sein alkoholgeschwängerter Atem schlug ihr ins Gesicht, als er sagte: »Einer, der zum Tod verurteilt ist, darf eigentlich keinen Besuch kriegen. Ich kann mir da ‘n Hauf’n Ärger einhandeln.«

Samantha griff in ihren Beutel und legte mehrere Shilling-Münzen in die schmutzige geöffnete Hand.

»Fünf Minuten«, sagte er brummig und wandte sich ab.

Vor sich sah sie die Gittertür einer Zelle. Dahinter gähnte undurchdringliche Finsternis. Vorsichtig, als nähere sie sich dem Käfig eines wilden Tieres, trat Samantha heran. Sie hörte eine schwere Kette klirren, dann erschien ein geisterhaftes Gesicht vor ihr.

»Sam«, flüsterte James heiser. »Du bist wirklich gekommen.«

Sie war wie betäubt. Konnte dieser heruntergekommene, bis zum Skelett abgemagerte Mensch wirklich ihr flotter, gutaussehender Bruder sein? Sie ging dicht an die Gittertür heran und streckte den Arm aus.

»Tu das nicht«, sagte James leise, »sonst glaubt das Schwein da drüben, du willst mir etwas geben, und schmeißt dich raus. Wir haben nicht viel Zeit, und ich habe dir soviel zu sagen.«

Er drückte das Gesicht an die Eisenstangen. Es war uralt.

»Morgen werde ich gehängt, Sam.«

Es bereitete ihr Schwierigkeiten zu sprechen. »Was ist denn geschehen, James?«

»Ich war auf einen Schluck im Iron Lion, da ging er plötzlich auf mich los, so ein bulliger Ire, der auf mein Mädchen scharf war. Ich hörte ihn wegen meines kaputten Ohrs nicht kommen und war so überrascht, daß ich mit aller Wucht zugeschlagen habe. Ich habe ihn so unglücklich getroffen, daß er auf der Stelle tot war. Ich schwöre es dir, Sam, wenn ich ihn gehört hätte, wäre ich vorsichtiger gewesen. Es war reine Notwehr, aber der Kerl hatte zu viele Freunde, und die haben alle gegen mich ausgesagt.«

Samantha umklammerte die Stangen.

»Du hast nie gehört, wovon ich taub geworden bin, nicht, Sam? Ich werd’s dir erzählen.«

Stumm lauschte sie seinem leisen, emotionslos vorgetragenen Bericht von den Ereignissen am Abend ihrer Geburt. »Ist das nicht Ironie des Schicksals?« meinte er zum Schluß. »Was ich getan habe, um dein Leben zu retten, hat letztlich meines zerstört. Mein ganzes Leben war deinetwegen ein einziges Elend. Wegen meiner Taubheit konnte ich keinen Sport treiben, und in der Schule und an der Universität mußte ich doppelt so hart arbeiten wie alle anderen, weil ich in den Stunden und Vorlesungen immer nur die Hälfte mitbekam. Wenn die anderen ausgingen, hockte ich auf dem Zimmer und lernte. Manchmal habe ich mich gefragt, ob du das alles wert bist, Sam.«

»Ach, James, das tut mir so leid«, hörte sie sich murmeln.

»Wahrscheinlich konnte es gar nicht anders kommen. Von dem Abend an, als unsere Mutter starb, waren wir alle verloren. Du brauchst nur an Matthew zu denken, wo immer der jetzt sein mag. Was glaubst du, warum ich zu trinken anfing, als ich aus Oxford zurückkam? Warum ich mich so veränderte? Einzig Vaters wegen. Ich schuftete und lernte wie ein Verrückter, um nur ein kleines bißchen Anerkennung von ihm zu bekommen, ein kleines Zeichen nur, daß er mir mein eigenmächtiges Handeln am Abend deiner Geburt verziehen hatte, aber er hielt es nicht einmal für nötig, zu meiner Doktorfeier zu kommen. Da war’s bei mir aus, Sam. Zum Teufel mit ihm, sagte ich mir, ich will endlich auch mal was vom Leben haben.« James senkte den Kopf. »Er hat uns immer gehaßt, Sam, weil wir unsere Mutter getötet haben. Wir sind zum Verderben verurteilt. Das Urteil wurde vor siebzehn Jahren gesprochen, und meines wird morgen vollzogen. Aber glaub mir, Sam, auch du kommst an die Reihe.«

Sie schloß die Augen. Ihr war, als wehte ein eiskalter Wind sie an.

James hob den Kopf. Der Schmutz auf seinem Gesicht war von Tränenspuren durchzogen. »Ich hab’ morgen früh eine Verabredung mit dem Sensenmann, Sam. Bete für mich.«

»He, Sie da!« belferte es aus dem Schatten.

Samantha drehte sich um.

»Die Zeit ist um.« Der Wärter kam auf sie zu wie ein schwerfälliger Bär und schlug mit seinem Knüppel an die Eisenstangen.

»Aber das waren doch keine fünf Minuten!«

»Wenn ich sag’, es waren fünf Minuten, dann stimmt’s auch. Also, machen Sie, daß sie weiterkommen.«

»Gib ihm noch etwas Geld, Sam«, rief James.

»Aber ich habe keines mehr.«

»Wenn Sie kein Geld haben, gibt’s auch keine Zeit.«

»Bitte, Sir, nur noch eine Minute. Ich kann Ihnen nichts mehr geben.«

Der Wärter grinste. »Wirklich nicht?« Sein Blick wanderte langsam an ihr hinab.

»Lauf, Sam«, rief James. »Schnell! Lauf!«

Sie wich vor dem Wärter zurück und rutschte auf dem glitschigen Boden aus. Er blieb vor James’ Zelle stehen, wippte auf seinen großen Füßen hin und her und lachte dröhnend. Samantha floh.

Am nächsten Morgen suchte Samantha den Gefängnisdirektor auf und flehte ihn weinend an, ihr James’ Leiche freizugeben. Doch der Mann lehnte ab; James hatte bestimmt, daß seine Leiche der Universitätsklinik zu Forschungszwecken zur Verfügung gestellt werden solle. Ohne den Trost eines Begräbnisses kehrte Samantha in das leere Haus am St. Agnes Crescent zurück.

15

Mrs. Steptoe, in Schwarz wie immer seit dem frühen Tod ihres Mannes, saß beim Tee im Salon und blickte sinnend in den strahlenden Maitag hinaus. Sie dachte an jenen Tag vor vier Jahren, als ein mageres kleines Mädchen mit langen Zöpfen aus Humphreys Einspänner gestiegen und mit großen verschreckten Augen auf sie zugegangen war. Damals hatte sie Samantha nicht gemocht, und wäre nicht Mr. Welby, der Rechtsanwalt der Familie Hargrave, so hartnäckig gewesen, sie hätte Samantha gar nicht im Pensionat aufgenommen. Sie war frech und unerzogen gewesen, kam aus übelsten Verhältnissen und war von niedrigster Herkunft. Doch in den vergangenen vier Jahren hatte sich Mrs. Steptoes negative Meinung über Samantha völlig gewandelt, und in der letzten Woche hatte eine glückliche und bis in die Fingerspitzen wohlerzogene Samantha Hargrave ihre Bakkalaureatsurkunde in Empfang genommen.

Kein Mädchen, dachte Mrs. Steptoe, war ihr je so ans Herz gewachsen wie Samantha, die ihr an jenem schicksalhaften Abend Beistand geleistet und sich rührend um sie gekümmert hatte, bis sie wieder ganz gesund gewesen war. Sie würde es Samantha nie vergessen, daß sie ihr Geheimnis niemals ausgeplaudert hatte. Doch die ganze Wahrheit dieses Geheimnisses kannte selbst Samantha nicht — daß sie sich, von Derry Newcastle zurückgewiesen, absichtlich die Treppe hinuntergestürzt hatte, um ihrem Leben ein Ende zu machen. Später, als sie ihre Gesundheit wiedergewonnen und ihr törichtes Handeln in der Rückschau betrachtet hatte, war Mrs. Steptoe Samantha unendlich dankbar dafür gewesen, daß sie der Ärztin bei ihren Bemühungen, ihr — Amalia Steptoes — Leben zu retten, so beherzt zur Seite gestanden hatte. Von diesem Tag an hatte sie Samantha in ihr Herz geschlossen, und jetzt graute ihr vor dem Augenblick, wo sie fortgehen würde.

Aber Amalia Steptoe hatte einen Plan. Sie wußte von Samanthas Wunsch, Ärztin zu werden, aber sie glaubte, ihr diesen Wunsch ausreden zu können. Sie hatte schließlich beträchtlichen Einfluß auf das Mädchen, und sie wollte ihr ein Angebot machen, das sie gar nicht zurückweisen konnte: den Posten der Vorsteherin in Playdells Pensionat für junge Damen.

Sie selbst würde mit Freuden zurücktreten, wenn dieser Verzicht Samantha zum Bleiben veranlassen würde. Und wie könnte Samantha wohl ein solches Angebot ausschlagen, eine Gelegenheit, wie sie sich einer Frau nur selten im Leben auftat! Amalia war sicher, daß sie ihre beruflichen Pläne ohne Zögern aufgeben und als Vorsteherin am Pensionat bleiben würde, um Seite an Seite mit ihrer Freundin Amalia Steptoe die Schule zu leiten.

Es klopfte leise. Alice, das Mädchen, öffnete die Tür und sagte: »Mrs. Steptoe? Es ist jemand für Samantha Hargrave hier.«

Amalie Steptoe stellte ihre Tasse nieder. »Wie bitte?« In den vier Jahren ihres Aufenthalts im Pensionat hatte Samantha nicht ein einzigesmal Besuch bekommen.

»Es ist ein junger Mann, und er hat nach Miss Hargrave gefragt.«

Amalia runzelte die Stirn. Samantha war für den Tag nach London gefahren, um Dr. Blackwell zu besuchen. »Führen Sie ihn herein, Alice.«

Gleich darauf erschien er an der offenen Tür: ein großgewachsener, kräftiger junger Mann mit grobgeschnittenem, aber gutaussehendem Gesicht und ungebärdigem kastanienbraunem Haar. Er trug die Uniform der Handelsmarine.

»Bitte treten Sie näher«, sagte Amalia kühl.

Mit seltsam schlingerndem Gang kam er auf sie zu.

»Danke, Madam. Ich hätte gern Samantha gesprochen. Vielleicht sagen Sie ihr, daß Freddy hier ist.«

16

»Ich kann mich einfach nicht entscheiden, Dr. Blackwell.«

Elizabeth lächelte. In den dreieinhalb Jahren ihrer Bekanntschaft hatte sie ihre junge Freundin nicht dazu überreden können, sie beim Vornamen zu nennen.

»Ich kann dir nur raten, Kind. Entscheiden mußt du ganz allein.«

Samantha wäre jetzt, wo sie ihr Abschlußzeugnis hatte, zum Studium am liebsten in London geblieben. Aber sie wußte von Elizabeth, daß eine Frau kaum eine Chance hatte, an einer Londoner Universität zum Medizinstudium angenommen zu werden. Elizabeth hatte ihr geraten, ins Ausland zu gehen. Aber hier, in dieser Stadt, die ihr vertraut war und die sie liebte, lebten alle ihre Freunde; außerdem hatte sie Freddy versprochen, auf ihn zu warten.

Samantha hatte das Haus am St. Agnes Crescent vermietet und ihre Mieter gebeten, jedem, der nach ihr fragen sollte, die Adresse des Pensionats anzugeben. Wenn sie sich entschließen sollte, England zu verlassen, mußte sie das Haus verkaufen und würde für Freddy nicht mehr auffindbar sein.

Aber vielleicht war das sowieso eine Illusion. Freddy war wahrscheinlich inzwischen längst verheiratet, oder er war in Australien, vielleicht auch irgendwo im Gefängnis, möglicherweise sogar tot. Sieben Jahre waren vergangen, seit er fortgezogen war. Er hatte ihr sein Versprechen im jugendlichen Überschwang gegeben. Vermutlich hatte er sie längt vergessen.

Der Haken war nur, daß Samantha ihn nicht vergessen hatte.

Elizabeth schenkte den Tee ein und reichte Samantha eine Tasse. »Ich könnte dich beinahe beneiden, Kind, daß du jetzt anfängst. Die Medizin steht vor einer revolutionären Entwicklung, und ich werde wohl ihren großen Siegeszug nicht mehr erleben. Aber du, Samantha, wirst an dieser Revolution teilhaben.«

Samantha lächelte, dankbar für den Themawechsel.

»Am King’s College ist ein neuer Mann«, fuhr Elizabeth fort, »der in Medizinerkreisen für eine Menge Aufsehen gesorgt hat. Und Mr. Lister behauptet, er hätte am Königlichen Krankenhaus in Edinburgh wahre Wunderheilungen bewirkt. Er sagt, Wunden, die er behandelt hatte und von denen er erwartete, daß sie brandig werden und zum Tod des Patienten führen würden, seien innerhalb weniger Wochen verheilt, nachdem er sie mit Karbol ausgewaschen hatte.

Ich habe vom Fall eines zehnjährigen Jungen gehört, dessen Arm von einer Maschine in einer Fabrik so übel zugerichtet wurde, daß die Ärzte im Krankenhaus eine Amputation für unvermeidlich hielten. Aber Joseph Lister wollte davon nichts wissen. Er sagte, er wolle einen Versuch machen, und tat etwas, das keiner vor ihm gewagt hat. Er schiente die Knochen, nähte die Wunde und packte den Arm in einen Gipsverband, der mit Karbol getränkt war. Alle meinten, er hätte unverantwortlich gehandelt; mit einer sofortigen Amputation, sagten sie, hätte der Junge eine Chance gehabt, so aber würde er garantiert am Wundbrand sterben. Aber es geschah ein Wunder. Als Mr. Lister den Verband abnahm, stellte er fest, daß der Arm geheilt war. Sieben Wochen nach dem Unfall wurde der Junge mit einem völlig gesunden Arm nach Hause geschickt.«

»Aber wie ist das möglich? Sie haben mir doch immer gesagt, daß eine Wunde nur an frischer Luft heilen kann.«

»Vielleicht habe ich mich geirrt, Samantha. In Frankreich hat Louis Pasteur angegorenen Wein und angegorene Milch unter dem Mikroskop untersucht und behauptet, winzige, mit bloßem Auge nicht sichtbare Organismen entdeckt zu haben, die die Gärung verursachen. Und Dr. Koch in Deutschland behauptet, den mikroskopisch kleinen Erreger des Milzbrands entdeckt zu haben. Mr. Lister bezeichnet diese Mikro-Organismen als Bakterien. Seiner Meinung nach sind sie die Verursacher von Wundentzündungen. Durch sein Karbol, sagt er, würden sie abgetötet, so daß die Wunde sauber und ohne Eiter heilen kann.«

»So was habe ich noch nie gehört. Eine Wunde muß doch eitern, um richtig heilen zu können.«

»Vielleicht haben wir Ärzte unsere Patienten jahrelang falsch behandelt.« Mit raschelnden Röcken stand Elizabeth aus ihrem Sessel auf und ging durch das Zimmer. Am Kamin blieb sie stehen. »In der Medizin wird es sehr bald große Veränderungen geben, mein Kind. Und ich bin überzeugt, ein Teil der Veränderung wird sich im Zuwachs an weiblichen Ärzten spiegeln. Ärztinnen gibt es heute kaum, Samantha. Dr. Garrett und ich sind die einzigen Frauen, die in Großbritannien im Ärzteregister eingetragen sind. Die medizinischen Fakultäten der Universitäten sind uns verschlossen, aber sie werden sich öffnen, und zwar schon bald, da bin ich sicher.«

Sie seufzte. »Die neue Krankenpflege ist uns bei unserem Kampf leider keine Hilfe.«

Dies alles war Samantha nicht neu. Sie wußte, daß Florence Nightingales revolutionäre neue Art der Krankenpflege Frauen anlockte, die sonst vielleicht ernsthaft um einen Studienplatz an einer medizinischen Fakultät gekämpf hätten. Die Nightingale Schule am St. Thomas Krankenhaus bot alleinstehenden Frauen zum erstenmal eine reguläre Berufsausbildung, und das Experiment war gelungen, auch wenn es viele Widersacher und Kritiker hatte.

Samantha hatte Florence Nightingale persönlich kennengelernt. Elizabeth hatte sie im vergangenen Sommer einmal ins St. Thomas Krankenhaus am Albert Embankment mitgenommen, und dort hatte Samantha mit eigenen Augen gesehen, welche Demütigung und Beschämung es für viele Frauen bedeutete, sich von einem Mann untersuchen lassen zu müssen. Elizabeth hatte ihr bei dieser Gelegenheit erzählt, daß viele Frauen es vorzogen, zu Hause zu bleiben und zu versuchen, ihre weiblichen Leiden mit Hausmitteln zu kurieren.

Nach dem Besuch im Krankenhaus hatten sie der berühmten Frau selbst ihre Aufwartung gemacht. Leidend infolge der aufopfernden Arbeit, die sie auf der Krim geleistet hatte, war sie permanent ans Bett gefesselt, doch sie hatte ihre Freundin Elizabeth und deren Schützling wie eine Königin empfangen. Eine widersprüchliche Frau, fand Samantha: körperlich klein und zart, beseelt jedoch von ungeheurer Entschluß- und Willenskraft. Sie hatten den ganzen Nachmittag lebhaft über das Thema ‘Frau in der Medizin’ diskutiert, und Samantha hatte freimütig ihre Meinung dazu gesagt. Zum Abschied hatte Florence Nightingale ihnen einen Kuchen mitgegeben.

Elizabeth riß sich aus ihren Gedanken und sah Samantha an. »Du mußt dich bald entscheiden, Kind. Viel länger kannst du jetzt nicht mehr im Pensionat bleiben.«

Samantha seufzte. »Ich weiß ja, daß Amerika wahrscheinlich das Beste für mich wäre, aber es fällt mir so schwer, aus London wegzugehen.«

Elizabeth Blackwell hatte in Amerika Medizin studiert und war der Meinung, daß dies auch für Samantha die beste Möglichkeit wäre. Jetzt sah sie Samantha nachdenklich an. »Ist es ein Mann, der dich hier hält, Kind?«

Samantha riß erstaunt die Augen auf.

Elizabeth lachte. »Ich kenne diesen Blick, Samantha. Von meinem eigenen Spiegelbild. Ich will dir etwas erzählen, worüber ich bis heute mit keinem Menschen gesprochen habe.« Sie kehrte zum Sofa zurück und setzte sich wieder. »In meiner Jugend hatte ich gar nicht den Wunsch, Ärztin zu werden. Mein Entschluß war nur vom Verstand diktiert, und ich traf ihn, weil ich genau wußte, daß ich mich für einen Mann restlos aufgeben würde, wenn ich mich nicht von Anfang an auf eigene Füße stellte. Ich habe diese Neigung früh bei mir entdeckt und erkannte, daß ich einen starken Schutz brauchte, wenn ich jemals eigenständig werden wollte. Darum beschloß ich ganz bewußt, auf Ehe und Familie zu verzichten und meine Erfüllung anderswo zu suchen. Und das Medizinstudium war eine gute Wahl, denn kein Mann will eine Ärztin zur Frau.«

»Ist das wirklich wahr?«

»In Amerika, diesem riesigen Land, gibt es nicht einmal fünfhundert Ärztinnen, und nur ganz wenige von ihnen sind verheiratet. Durchweg mit Ärzten.«

»Wie kommt denn das?«

»Unüberwindliches Vorurteil, Kind. Wir leben in einem Zeitalter männlicher Dominanz. Die Frauen sind eine Bedrohung für die Herrschaft der Männer. Warum die Männer vor uns Angst haben, kann ich nicht sagen; ich weiß nur, daß ich in den dreißig Jahren meiner Tätigkeit als Ärztin nicht einem einzigen Mann begegnet bin, bei dem sich diese Angst vor der Frau nicht in irgendeiner Form äußerte. Sie bekämpfen uns mit Spott, Samantha. Ein bekannter Chirurg sagte einmal, die Menschen auf der Welt seien in drei Gruppen eingeteilt: Männer, Frauen und Medizinerinnen. Um von ihnen überhaupt akzeptiert zu werden, muß man besser sein als sie. Aber wenn man sie dann überflügelt hat, wollen sie einen als Frau nicht mehr haben. Die Entscheidung, Ärztin zu werden, bedeutet, sich für ein Leben ohne Mann zu entscheiden, Samantha.«

__________

Amalia Steptoe hatte größte Mühe, ihre Wut zu unterdrücken. Wie konnte dieser ungehobelte Bursche es wagen, hier einzudringen, um ihre Samantha zu entführen! Diese Anmaßung!

»Tja, wie ich schon sagte, Mr. Hawksbill«, erklärte sie äußerlich ruhig. »Samantha hat das Pensionat vor einer Woche verlassen und keine Adresse hinterlassen.«

Freddy hockte auf der Kante des brokatbezogenen Sessels, als hätte er Angst, er könnte ihn beschmutzen.

»Und sie kommt auch nicht wieder her?«

»Wohl kaum, Mr. Hawksbill. Sie sprach von einer Reise nach Frankreich.«

»Aber sie schreibt Ihnen doch bestimmt.«

Amalia Steptoe preßte die schmalen Lippen zu einer dünnen, harten Linie zusammen. Verschwinde endlich, du gräßlicher Kerl, dachte sie. »Es kann natürlich sein, daß sie schreibt.«

Freddy griff in seine Jackentasche und zog einen verschlossenen Briefumschlag heraus. »Wenn Sie von ihr hören sollten«, sagte er und reichte ihr den Umschlag, »würden Sie ihr dann diesen Brief zusenden? Ich hab’ ihr darin meine Adresse in London aufgeschrieben. Ich hab’ augenblicklich eine Arbeit am Hafen und bleibe sechs Monate. Sagen Sie ihr, daß ich auf sie warte.«

Amalia Steptoe nahm den Brief mit spitzen Fingern und stand auf. Freddy Hawksbill, der den Nachnamen des Mannes angenommen hatte, der ihm das Leben gerettet hatte, verstand das Signal und erhob sich ebenfalls. Grüßend legte er die Hand an die Stirn.

»Besten Dank, Madam. Ich danke Ihnen für Ihre Hilfe.«

Nachdem er gegangen war, trat Amalia Steptoe zum Kamin und warf den Brief ins Feuer.

17

Der Wagen schwankte sachte, und der rhythmische Hufschlag des Pferdes wirkte einschläfernd, aber Samantha döste nicht vor sich hin, wie sie das sonst auf der Rückfahrt vom Bahnhof in Chislehurst immer tat. Sie war rastlos.

Sie mußte sich entscheiden. Wohin?

Stimmen dröhnten in ihrem Kopf. Freddy: ‘Warte auf mich, Sam. Ich komm’ zurück und hol’ dich, das versprech’ ich dir.’

Elizabeth Blackwell: ‘Ich wollte auf eigenen Füßen stehen.’

Und James: ‘Wir sind zum Verderben verurteilt. Glaub mir, Sam, auch du kommst an die Reihe.’

Sie drückte krampfhaft die Augen zu. Zum Verderben verurteilt … Ja, Vater, das könnte dir so passen, nicht wahr? Erst Matthew, dann James, jetzt ich. Dann hättest du deine Rache.

Aber du wirst sie nicht bekommen. Ich werde nicht untergehen. Ich werde meinen Weg machen und ohne Männerhilfe. Freddy ist fort, er hat mich vergessen. Ich werde meinen Weg allein gehen. In Amerika …

Teil II

New York, 1878

1

»Der Kreis muß fest geschlossen sein«, sagte Louisa mit ihrer rauchigen Stimme. »Und ihr dürft die Augen nicht aufmachen. Wir müssen uns konzentrieren. Wir müssen uns der Geisterwelt öffnen. Wir müssen alle aufnahmebereit sein. Konzentriert euch!«

Samantha widerstand tapfer der Versuchung, die Augen zu öffnen und sich umzuschauen. Sie wußte, was sie sehen würde. Fünf junge Frauen, die einander an den Händen haltend um den Speisetisch saßen, in dessen Mitte eine Kerze stand, die die Gesichter mit flackerndem Schein beleuchtete. Und dahinter Dunkelheit.

Vorher hatten sie in Mrs. Chathams gutbürgerlichem Salon gesessen, um an ihrem einzigen freien Abend in der Woche die Flickarbeiten zu erledigen, zu denen sie bisher nicht gekommen waren, Briefe zu schreiben oder gierig die neueste Ausgabe des Illustrated Newspaper zu verschlingen. Die fünf Mädchen hatten lange Arbeitszeiten, Louisa saß sogar vierzehn Stunden jeden Tag in ihrem Büro. Helen war in der Bibliothek beschäftigt; die Schwestern Wertz waren Verkäuferinnen in einem eleganten Geschäft in der Fifth Avenue; die rundliche Naomi lernte bei einer Putzmacherin; und die hübsche grünäugige Louisa hatte eine beneidenswerte Stellung als Tippmamsell bei der neuen Telefongesellschaft Bell.

Samantha spürte das Zucken von Louisas Hand, die in der ihren lag, und hörte Louisa im Singsang verkünden: »Ich fühle, wie die Grenzen sich auflösen. Die Geister nähern sich …«

Eine halbe Stunde zuvor hatte Louisa ihre Modezeitschrift gelangweilt weggeworfen und vorgeschlagen, eine spiritistische Sitzung zu halten. Erst im vergangenen Monat, erklärte sie Samantha, hätte die Gruppe den Geist der Heiligen Johanna beschworen. Louisas Enthusiasmus war so ansteckend gewesen, daß es Samantha nicht fertiggebracht hatte abzulehnen. Erst jetzt, wo sie in der Dunkelheit saß und Louisas beschwörenden Singsang hörte, gestand sie sich ein, daß sie überhaupt keine Lust hatte ausgerechnet jetzt, wo sie gerade in diesem neuen Land angekommen war, irgendwelche Toten herbeizuzitieren.

»Ich spüre das Fluidum eines Geistes!« rief Louisa dramatisch.

Eines der Mädchen schnappte erschrocken nach Luft, und Samantha spürte, wie sich Naomis Finger fester um ihre Hand schlossen.

»Wer ist da?« fragte Louisa mit hohler Stimme. »Wer ist zu uns gekommen? Gib uns ein Zeichen!«

Samanthas Herz klopfte schneller.

Erst vor zwei Tagen war sie mit der Servia in New York angekommen. Dank Elizabeth Blackwells Rat, zweiter Klasse zu reisen, waren ihr die demütigende Quarantäne und ‘Desinfizierung’, denen sich Einwanderer dritter Klasse unterziehen mußten, erspart geblieben. Das Billett hatte sie eine Menge Geld gekostet — beinahe die Hälfte des Erlöses aus dem Verkauf des Hauses am St. Agnes Crescent —, aber es hatte sich gelohnt. Nach einer flüchtigen Inspektion ihres Gepäcks und ihrer Papiere hatte Samantha New Yorker Boden betreten können. Doch auf der anderen Seite des Zauns hatte sie das Gewimmel der Einwanderer gesehen, die wie eine Viehherde vorangetrieben wurden. Das Quarantäneverfahren nahm, wie Samantha gehört hatte, Stunden in Anspruch, manchmal sogar Tage.

Von der Battery aus war Samantha in dieses Stadtviertel zwischen Greenwich Village und der Lower East Side gefahren, das Elizabeth Blackwell ihr als sauber und anständig, aber nicht teuer empfohlen hatte. Schon nach einem kurzen Spaziergang die Houston Street entlang war sie auf Mrs. Chathams Haus gestoßen und hatte das Schild im Fenster gesehen: ‘Zimmer zu vermieten. Juden und Italiener unerwünscht’.

Das zweistöckige typische New Yorker Stadthaus aus braunem Sandstein wurde von Mrs. Chatham, einer vollbusigen Witwe in den sechzigern, einem dreizehnjährigen Dienstmädchen von schlichtem Verstand und den fünf jungen Mieterinnen bewohnt. Samantha teilte sich ein Zimmer mit Louisa Binford, die in ihrem Alter war.

In der ersten Nacht hatte Samantha kaum geschlafen, obwohl sie todmüde gewesen war. Während sie dem Knacken der Heizkörper und dem Rattern der Hochbahn gelauscht hatte, hatte sie an zu Hause gedacht und Mühe gehabt, die Tränen des Heimwehs zurückzudrängen.

Beim Frühstück am nächsten Morgen hatten sich die anderen Mädchen, alle in langen dunklen Röcken und hochgeschlossenen weißen Blusen, vorgestellt und waren dann aus dem Haus geflitzt, um rechtzeitig zu ihren Arbeitsstellen zu kommen. Samantha hatte sich in den Salon gesetzt und die New Yorker Zeitungen gelesen. Gegen Mittag hatte sie sich zu Fuß auf den Weg zum New York Infirmary gemacht, das, wie sich herausstellte, gar nicht weit weg in der Second Avenue war. Dort hatte sie für den folgenden Montag einen Gesprächstermin mit Dr. Emily Blackwell, Elizabeths Schwester, vereinbart.

»Wer bist du?« rief Louisa mit Grabesstimme. »Wessen Geist ist zu uns gekommen?«

Es war mucksmäuschenstill im Speisezimmer. Lächerlich, dachte Samantha und umfaßte doch instinktiv Louisas Hand fester. Die Toten können nicht erweckt werden.

»Der Geist ist gekommen, um mit einer von uns zu sprechen. Er versucht, Kontakt aufzunehmen.«

Samantha atmete schneller.

Louisas Stimme wurde schrill. »Gib uns ein Zeichen, Gast aus dem Jenseits! Mit welcher von uns möchtest du in Verbindung treten?«

Samantha hörte ein leises Stöhnen. Sie neigte den Kopf nach rückwärts und öffnete ihre Augen einen Spalt. Auf der anderen Seite des Tisches sah sie ein schwaches Leuchten und schrie leise auf.

»Was ist?« rief Louisa, die sich auf ihrem Stuhl sachte hin und her wiegte. »Zu wem bist du gekommen? Sprich zu uns, Geist aus der anderen Welt —«

Eines der Mädchen schrie auf, dann folgte ein Krachen. Samantha riß die Augen auf und sah, daß Edith Wertz aufgesprungen war und sich zum Boden hinunterneigte.

Jetzt sprangen alle auf. Louisa zündete hastig die Gaslampen an, während Samantha um den Tisch herumrannte. Helen lag auf dem Boden, der umgestürzte Stuhl neben ihr. Ihr lockiges platinblondes Haar umgab ihren Kopf wie eine Wolke. Samantha wußte plötzlich, was für ein Leuchten das gewesen war, das sie gesehen hatte.

»Sie ist in Ohnmacht gefallen. Schnell, Mrs. Chathams Riechsalz.«

Ein paar Minuten später lag Helen ausgestreckt auf dem roten Samtsofa, und eines der Mädchen drückte ihr ein feuchtes Tuch auf die Stirn. Verwirrt blickte sie in die über sie geneigten Gesichter. »Was ist passiert?«

»Der Geist wollte mit dir in Verbindung treten«, erklärte Louisa, die auf der Sofakante saß. »Aber du warst nicht stark genug, um ihn einzulassen.«

Samantha, die Helens aschfahles Gesicht sah, die winzig zusammengezogenen Pupillen, die seltsame Färbung der Lippen, vermutete einen anderen Grund hinter dem Ohnmachtsanfall.

Louisa stand auf und strich ihren Rock glatt. »Jetzt ist der Bann auf jeden Fall gebrochen. Es hat keinen Sinn, noch mal anzufangen.«

»Vielleicht nächste Woche«, meinte Naomi mit erregt blitzenden Augen.

»Ich würde zu gern wissen, wer dich erreichen wollte, Helen.«

Helen schüttelte schwach den Kopf. »Ich kenn überhaupt keine Toten …«

Samantha brachte Helen in ihr Zimmer und blieb an ihrem Bett sitzen, bis sie sich so weit erholt hatte, daß sie wieder aufstehen konnte. Dann kochte Helen auf dem Spirituskocher Tee. »Sehr stark ist er nicht«, sagte sie schüchtern, »aber er reicht für zwei.«

Samantha machte es sich in dem einzigen Lehnstuhl, der im Zimmer stand, bequem.

»Das ist schon das zweitemal, daß ich diese Woche ohnmächtig geworden bin«, sagte Helen bedrückt und setzte sich aufs Bett. »Neulich wollte ich Bücher ins Regal stellen und plötzlich lag ich da. Mr. Grant, der Bibliothekar, war wütend.«

Samantha wartete stumm, während Helen nervös an ihrem Rock zupfte.

»Ich kann es mir nicht leisten, die Arbeit in der Bibliothek zu verlieren. Was anderes kann ich nicht. Ich bin froh, daß ich die Stellung bekommen habe. Es gibt viele Frauen in New York, die sofort zugreifen würden, wenn ich hinausfliege. Und zu meinem Vater zurück kann ich nicht. Er — er …« Sie senkte den Kopf.

Samantha trank einen Schluck Tee. Er war so dünn wie Spülwasser. Sie hätte gern eine Prise von ihrem eigenen Tee dazugegeben, aber das konnte sie aus Höflichkeit nicht tun.

»Ich habe nichts gespart«, murmelte Helen niedergeschlagen. »Ich bin erst seit drei Monaten in Manhattan. Wenn an den Büchern Schäden festgestellt werden, wird mir das von meinem Gehalt abgezogen. Ich muß immer anständig gekleidet sein, und du weißt ja, wie teuer das ist.«

Samantha betrachtete einen Moment lang das blasse, hoffnungslose Gesicht, dann fragte sie behutsam: »Was bedrückt dich denn, Helen?«

Helen starrte in ihre Tasse und schüttelte stumm den Kopf.

»Ich — ich glaube, ich bin krank«, sagte Helen schließlich leise und sah Samantha angstvoll an.

»Wie kommst du darauf?«

Helen errötete. »Ich — es-« Sie preßte die Lippen zusammen.

»Ist es eine Frauensache?« fragte Samantha.

Helen nickte. »Es hört nicht mehr auf«, flüsterte sie. »Es geht immer weiter.«

Samantha stellte ihre Tasse weg und setzte sich zu Helen aufs Bett. »Und wie lange geht das schon?«

»Zwei Wochen. Normalerweise dauert es höchstens vier Tage. Aber diesmal hört es einfach nicht auf.«

»Und was tust du dagegen?«

Helen beugte sich vor und holte hinter der Lampe, die auf ihrem Nachttisch stand, eine Flasche hervor. Samantha las das Etikett: ‘Mrs. Lydia Pinkhams Gemüsemixtur’.

»Auf der Flasche steht«, erklärte Helen, »daß das gegen alle Frauenleiden hilft.«

»Wie lange nimmst du das schon?«

»Über eine Woche. Aber bis jetzt hat es noch nicht geholfen.«

Samantha stellte die Flasche weg. »Helen, du mußt zum Arzt gehen.«

»Nein!«rief sie so laut und nachdrücklich, daß Samantha sie erstaunt ansah. »Das könnte ich nicht ertragen. Ich meine, ein Mann — ich würde mich in Grund und Boden schämen …«

»Aber Ärzte sind doch keine gewöhnlichen Männer, Helen. Sie sind extra dafür ausgebildet —«

Helen schüttelte heftig den Kopf. »Das ist mir ganz gleich. Mann ist Mann. Ich kann nicht mit einem Mann über die intimsten Dinge —«

»Vielleicht kannst du dir eine Ärztin suchen, wenn es dir peinlich ist, mit einem Mann zu sprechen —«

Wieder schüttelte Helen den Kopf. »Einer Ärztin würde ich nicht vertrauen. Die meisten sind Pfuscherinnen.« Helen warf Samantha einen scheuen Blick zu. »Kannst du mir nicht helfen?« flüsterte sie.

»Ich? Ich bin keine Ärztin.« Samantha hatte den Mädchen in Mrs. Chathams Haus nicht erzählt, warum sie nach Amerika gekommen war. »Du brauchst fachliche Hilfe. Die Flasche da heilt dich bestimmt nicht.«

»Aber es steht doch auf dem Etikett.«

»Helen, Papier ist geduldig, das weißt du doch. Ein Etikett kann alles mögliche versprechen. Wenn du daran glaubst, machst du dir nur etwas vor.«

»Dann wird es schon von selber wieder gut werden. Es war wahrscheinlich nur die Anstrengung. Jeden Tag zwölf Stunden auf den Beinen und nur eine Viertelstunde Mittagspause. Dazu brauche ich noch eine Stunde für die Hin- und die Rückfahrt. Und der Pferdebus ist immer so voll, daß ich nie einen Platz kriege. Das muß einen ja krank machen.«

»Helen, es hilft dir nichts —«

»Zu einem Arzt gehe ich nicht, Samantha. Niemals!«

__________

Louisa war schon im Bett und las begierig einen Liebesroman. Nachdem Samantha sich rasch gewaschen hatte, schlüpfte sie in ihr Nachthemd.

»Geht’s ihr wieder gut?« fragte Louisa und legte ihr Buch nieder.

Samantha kroch zwischen die kühlen, sauberen Leintücher. »Ja.«

Louisa musterte sie verstohlen. Ziemlich rätselhaft bis jetzt, diese Samantha Hargrave. »Hast du Heimweh?« fragte sie.

Samantha knüllte das Kissen unter ihrem Kopf zusammen und nickte. Aber das Heimweh war nicht das Schlimmste. Schlimmer war die Angst, die ihre Zuversicht zu zerstören drohte; die Angst, daß sie es nicht schaffen würde. Sie war achtzehn Jahre alt, hatte nichts gelernt, war mutterseelenallein in einer wildfremden gigantischen Stadt und wußte, daß ihr Geld nur begrenzte Zeit reichen würde. Der Teufel mußte sie geritten haben, als sie beschlossen hatte, diesen Schritt zu wagen.

»Am Anfang geht es jedem so«, sagte Louisa ruhig. »Als ich vor einem Jahr aus Cincinnati hierher kam, habe ich einen Monat lang jede Nacht in mein Kissen geheult.«

Samantha drehte den Kopf, um sie anzusehen. Sie konnte sich kaum vorstellen, daß dieses lustige Mädchen mit den unternehmungslustig blitzenden grünen Augen vor irgend etwas Angst hatte.

»Aber nach einer Weile merkte ich, was für ein aufregendes Abenteuer es ist, ganz allein in einer großen Stadt zu leben«, fuhr Louisa ihrem Naturell getreu fort. »Kein strenger Vater, der dauernd die Augenbrauen hochzieht, keine ängstliche Mutter, die einem ständig Ermahnungen mitgibt.«

Samantha war bei ihrer Ankunft in Mrs. Chathams Haus tatsächlich erstaunt gewesen zu sehen, daß hier lauter junge Mädchen lebten, die sich auf durchaus rechtschaffene Weise ihren eigenen Lebensunterhalt verdienten und von keinem männlichen Wesen, sei es nun Vater, Bruder oder Ehemann, abhängig waren. In England, wo jede Frau, die allein lebte, entweder als alte Jungfer oder als zweifelhaftes Geschöpf abgetan wurde, wäre so etwas kaum möglich gewesen. Obwohl sich Samantha unter diesen jungen Frauen fehl am Platz fühlte, bewunderte sie ihre Entschlossenheit und ihren Willen zur Selbständigkeit.

»Aber New York ist natürlich nicht für jedes Mädchen der richtige Ort«, plauderte Louisa weiter. »Es gibt eine ganze Menge, die besser zu Hause geblieben wären.«

»Wieso?«

»Weil jungen Mädchen, die nicht vorsichtig sind, die schrecklichsten Dinge passieren. Das Geld geht ihnen schneller aus als sie berechnet haben, und ehe sie wissen, wie ihnen geschieht, landen sie in den schlimmsten Kreisen. Die Police Gazette ist voll von solchen traurigen Geschichten. Aber mir passiert so was nicht.« Sie warf den Kopf in den Nacken, daß die blonden Locken flogen. »Ich heirate mal einen reichen Mann und dann fahr ich im Vierspänner spazieren, mit seidenen Polstern von der gleichen Farbe wie mein Haar.« Sie lachte. »Warum bist du eigentlich nach New York gekommen?«

»Ich möchte hier studieren.«

»Was denn?«

»Medizin.«

Einen Moment blieb es still, dann platzte Louisa heraus: »Das ist ja absolut hinreißend!«

Samantha sah sie verblüfft an.

»Hier tobt nämlich gerade ein erbitterter Kampf«, erklärte Louisa dramatisch. »Sie wollen die Harvard Universität zwingen, an der medizinischen Fakultät Frauen zuzulassen. Sämtliche Zeitungen sind voll davon. Himmel, da wirst du ja bald mittendrin sein.«

Samantha lächelte beinahe entschuldigend. »Ich habe nicht vor, mich bei Harvard zu bewerben. Ich möchte am New York Infirmary studieren.«

Louisa war sichtlich enttäuscht. »Ach so.«

»Warum sagst du das so?«

»Na ja, ich dachte, du wolltest eine richtige Ärztin werden.«

»Will ich ja auch.«

»Ja, aber die Absolventinnen vom Infirmary werden von vielen Leuten nicht als richtige Ärztinnen betrachtet. Wenn sie es rechtlich gesehen wahrscheinlich auch sind.«

»Das verstehe ich nicht.«

»In England ist es vielleicht anders, Samantha, aber hier in Amerika gibt es zwei Sorten von Ärzten: die richtigen Ärzte, und die, die sich so nennen. Weißt du, hier kann jeder sich Doktor nennen und ein schönes Messingschild an seine Tür kleben. Man braucht kein Diplom dazu. Jeder Gesundheitsapostel oder Quacksalber kann sich Doktor nennen. Man kann sie auf den ersten Blick von den richtigen Ärzten, die an einer Universität studiert haben, überhaupt nicht unterscheiden. Du hast keine Ahnung, was das für ein Durcheinander gibt.«

»Aber jeder Kranke möchte doch bestimmt einen richtigen Arzt.«

»Natürlich, aber woher soll man vorher wissen, ob der Mann, zu dem man geht, ein richtiger Arzt ist? Man geht hin und mitten in der Behandlung merkt man, daß man es mit einem Quacksalber zu tun hat. Und jetzt auch noch Ärztinnen!«

»Aber wenn sie ein Diplom von einer anerkannten Universität haben?«

»Das ist gar nicht möglich. An den anerkannten Universitäten sind Frauen nicht zugelassen. Ich hab’ dir doch gerade von dem Kampf an der Harvard Universität erzählt.«

»Aber Dr. Blackwell erzählte mir, daß es in Amerika viele Universitäten gibt, die Frauen zulassen.«

»Klar, aber das sind alles Frauenuniversitäten. Und die Leute sagen sich, wenn man an einer solchen Universität studiert hat, kann man nicht sehr gut sein, weil man sich mit zweiter Klasse begnügt hat. Also kann man selber auch nur zweitklassig sein.«

Samantha nickte nur zerstreut und zog sich in ihre eigenen Gedanken zurück. Was Louisa ihr da über das Infirmary und die Frauenuniversitäten erzählt hatte, gab ihr zu denken. Stimmte das alles wirklich? Und wurden Ärztinnen hier tatsächlich als minderwertig und nicht vertrauenswürdig betrachtet? Elizabeth Blackwell hatte davon nichts gesagt.

Die Angst kehrte zurück. Was, wenn ich es nicht schaffe?

2

»Die Gründung unserer Lehranstalt entsprang einem dringenden Bedürfnis, Miss Hargrave. Auf jede einzelne Frau, die es schafft, zum Medizinstudium an einer Männeruniversität zugelassen zu werden, kommen Hunderte, die abgelehnt werden. Meine Schwester gründete das Infirmary im Jahr 1855; 1864 wurde uns vom Gesetz das Recht zugestanden, den Doktorgrad zu verleihen. Vor neun Jahren hielten wir unsere erste Promotionsfeier. Damals hatten wir fünf Doktorandinnen.«

Sie saßen in Dr. Emily Blackwells kleinem Büro. Die Frau hatte viel Ähnlichkeit mit ihrer Schwester. Sie hatte sich die Zeit genommen, Samantha durch den ganzen Komplex zu führen — zwei benachbarte alte Stadthäuser, die in ein Krankenhaus mit Krankensälen, Operationsräumen, Ambulanz und Unterrichtsräumen umgebaut worden waren. Samantha hatte die blitzsauberen Säle gesehen und einige der Ärztinnen und Studentinnen kennengelernt.

»Das Krankenhaus wurde gegründet, um mittellosen Frauen und solchen Frauen, denen es unerträglich ist, sich von einem Mann untersuchen oder behandeln zu lassen, die Möglichkeit zu geben, sich hier sachkundige medizinische Hilfe zu holen. Im ersten Jahr behandelten wir dreitausend Patientinnen, Miss Hargrave. Heute, dreiundzwanzig Jahre später, ist die Zahl auf das Zehnfache angestiegen.«

Emily lächelte stolz. »Da ergab sich die Gründung einer Lehranstalt zur Ausbildung zukünftiger Mitarbeiterinnen eigentlich ganz von selbst. Unsere Studentinnen sehen die Patientinnen in der Ambulanz, beraten sie und schicken sie mit Medikamenten und Anweisungen zur Körper- und Gesundheitspflege wieder nach Hause. Wir befinden uns mitten in einem Einwandererviertel, Miss Hargrave, und viele dieser Frauen haben sehr eigenartige Vorstellungen von Hygiene und Reinlichkeit. Aus diesem Grund machen unsere Pflegerinnen regelmäßig Hausbesuche, um sich um die Kranken zu kümmern und sie, wenn möglich, mit den Grundsätzen der Hygiene vertraut zu machen. Wie Sie selbst gesehen haben, bekommen alle unsere Studentinnen die Möglichkeit, gründliche klinische Erfahrung zu sammeln.«

Samantha äußerte ihre Skepsis über den Wert des Diploms vom New York Infirmary.

»Ich will gar nicht bestreiten, daß es starke Vorurteile gegen uns gibt und daß die wenigen Frauen, die das Diplom einer Männeruniversität vorweisen können, weit mehr Ansehen genießen, aber ich bin überzeugt, daß man uns mit der Zeit, wenn wir unsere Kompetenz bewiesen haben, anerkennen wird. Die Leute mögen über uns sagen, was sie wollen, Miss Hargrave, wir sind eine wissenschaftliche Hochschule.«

Samantha war im Zwiespalt, als sie wieder ging. Das Infirmary hatte sie beeindruckt; an einem so fortschrittlichen Institut zu lernen, mit hervorragenden Ärztinnen wie der berühmten Mary Putnam Jacobi zusammenzuarbeiten, das war verlockend. Aber die Frau, die sie am meisten bewunderte, Elizabeth Blackwell, hatte an einer Männeruniversität studiert.

Doch Samantha würde hinreichend Zeit haben, sich zu entscheiden, auch wenn das gar nicht in ihre Pläne paßte. Im Augenblick nämlich waren alle Studien- und Laborplätze am Infirmary belegt. Emily Blackwell hatte ihr jedoch zugesagt, daß man sie im Januar aufnehmen würde, und hatte ihr geraten, sich in der Zwischenzeit eine Praktikumsstelle bei einem praktizierenden Arzt zu suchen. Samantha, die wußte, daß auch Elizabeth vor Beginn ihres Studiums ein Praktikum absolviert hatte, nahm dankbar die Liste empfohlener Ärzte, die Emily Blackwell ihr vorlegte.

Voller Optimismus machte sie sich gleich am folgenden Tag auf die Suche nach einer geeigneten Stelle, aber sie hatte kein Glück. Mit jeder Absage, die sie bekam, wurde sie mutloser. Einige der vorgeschlagenen Ärzte hatten bereits Praktikanten; die anderen meinten, ihre Praxen wären nicht groß genug, um eine Praktikantin zu tragen.

Spät abends, allein in ihrem Zimmer, zählte Samantha ihr Geld und rechnete sich aus, daß es bei äußerster Sparsamkeit drei Monate reichen würde. Sie mußte schleunigst etwas unternehmen, wenn sie nicht gleich zu Beginn ihres Wegs scheitern wollte.

__________

Am nächsten Tag nahm sie sich die Zeitungen vor und strich sich alle Annoncen von Ärzten an, die Praktikanten suchten. Mehrere Tage lang marschierte sie kreuz und quer durch Manhattan und bot ihre Dienste an. Die Reaktionen reichten von unverhohlener Erheiterung zu lautstarker Entrüstung. Die meisten waren schockiert über ihren Vorschlag, nannten ihn unmoralisch; einige lachten gutmütig, überzeugt, daß sie es nicht ernst meinte.

Sie fing im vornehmen Teil Manhattans an und arbeitete sich langsam und mit einigem Widerstreben hinunter in den zehnten Bezirk, auch unter dem Namen Schweinemarkt oder Typhusbezirk bekannt, das am dichtesten bevölkerte Elendsviertel Manhattans. Sie versuchte ihr Glück in Little Italy, wo sich Kindergeschrei mit den lauten Rufen der Straßenverkäufer mischte. Sie versuchte es im jüdischen Viertel, wo ihr auf Schritt und Tritt strengblickende Rabbis begegneten und vollbärtige Trödler an den Straßenecken ihre Waren feilboten. Leute aller Altersklassen bettelten sie an, dreiste Straßenkinder und schüchterne junge Frauen, die die Fülle ihres schwangeren Leibes züchtig unter großen Tüchern zu verbergen suchten. Ärzte gab es hier wenige, und die, zu denen sie vordrang, sprachen entweder kein Englisch oder schickten sie mit ernster Ermahnung, daß ein junges Mädchen nach Hause gehörte, wieder fort.

Eine Woche lang nahm sie jeden Tag wieder neuen Anlauf, eilte durch fremde Straßen, treppauf und treppab, handelte sich eine Absage nach der anderen ein, kam abends todmüde nach Hause, badete ihre geschwollenen Füße in kaltem Wasser und fiel dann erschöpft in ihr Bett. Aber trotz aller Enttäuschungen ließ sie den Mut nicht sinken. Im Gegenteil, mit jeder Zurückweisung wuchs ihre Entschlossenheit. Irgendwo in dieser großen Stadt mußte es einen Arzt geben, der sie aufnehmen würde.

3

Der Unfall ereignete sich genau an der Ecke 8. Straße und Second Avenue. Samantha wollte gerade die Fahrbahn überqueren, als ein junger Mann auf seinem blitzenden Hochrad vorüberflitzte. Als er sie sah, lüftete er lächelnd seine modische blaue Polomütze und drehte sich, schon an ihr vorüber, winkend nach ihr um. Samantha sah den Wagen um die Ecke biegen und öffnete den Mund, um dem jungen Mann eine Warnung zuzurufen. Doch es war zu spät. Die Pferde scheuten laut wiehernd, das blitzende Fahrrad und der elegante Phaeton prallten klirrend aufeinander. Die Pferde bäumten sich in panischem Schrecken auf, und der Wagen stürzte um, direkt auf eine unbesetzte Droschke, deren Kutscher von der Wucht des Aufpralls vom Bock geschleudert wurde.

Innerhalb von Sekunden war es vorüber. Die Kreuzung bot ein chaotisches Bild. Die Pferde lagen schreiend auf der Straße und versuchten, wieder auf die Beine zu kommen; Räder drehten sich lautlos an gebrochenen Achsen; andere Wagen bremsten vor der Unfallstelle ab oder versuchten erfolglos, sie zu umrunden, und im Nu staute sich der gesamte Verkehr. Passanten rannten zu dem umgestürzten Wagen; Samantha war als erste dort.

Der Droschkenkutscher war tot. Er war mit dem Kopf direkt an einen Telegrafenmasten geprallt. Die vier Insassen des Zweispänners lagen an verschiedenen Stellen auf der Straße; einer war bewußtlos, zwei jammerten stöhnend nach Hilfe, der vierte bemühte sich aufzustehen. Ihr Kutscher kroch benommen und mit verschrammtem Gesicht unter dem Wagen hervor. Der junge Radfahrer war unter der Kutsche eingeklemmt, den rechten Arm, der in unnatürlichem Winkel vom Körper abstand, zwischen den verbogenen Speichen seines Hochrads.

Während mehrere Männer sich bemühten, die schwere Droschke hochzuhieven, um den jungen Mann zu befreien, riß Samantha sich ihren weißen Seidenschal vom Hals und band ihn in aller Eile fest um den blutenden Oberarm des jungen Mannes. Mit der Droschke bewegte sich auch das Fahrrad, und der junge Mann heulte laut auf vor Schmerz. Samantha untersuchte den Jungen hastig nach weiteren Verletzungen, prüfte seine Pupillen und fühlte seinen Puls, der sehr schnell schlug. Aus der Wunde am Arm floß trotz der Abbindung ein stetiger Blutstrom.

»Wir brauchen einen Krankenwagen«, rief Samantha laut. »Kann jemand einen Krankenwagen holen?«

Um die Unfallstelle hatte sich eine gaffende Menge gesammelt. Eine junge Frau war in Ohnmacht gefallen und wurde von zwei Männern befächelt. Mehrere andere Männer bemühten sich, den Insassen des Phaeton auf die Beine zu helfen. Der junge Radfahrer war schweißgebadet; zum Glück war er ohnmächtig geworden.

Als die Männer die Droschke endlich aufgestellt hatten, fingen zwei von ihnen an, an dem Fahrrad zu zerren.

»Nein!« rief Samantha. »Nicht so. Sie müssen ganz vorsichtig sein. Sonst verliert er den Arm.«

»Hören Sie mal, junge Frau —«

»Versucht jemand, einen Krankenwagen zu holen?«

»Ich glaub’ schon. Wer sind Sie überhaupt?«

Der Junge stöhnte qualvoll. Samantha beugte sich über ihn und legte ihm eine Hand auf die Stirn. Immer noch sickerte Blut aus der Armwunde auf die Straße.

Ein Mann im schwarzen Gehrock und Zylinder bahnte sich einen Weg durch das Getümmel. Bei jedem Opfer beugte er sich nieder und untersuchte es hastig. Als er Samantha und den verletzten Jungen erreichte, kniete er nieder und beugte sich über den Bewußtlosen. Zuerst untersuchte er den Arm, dann Kopf und Hals. Er klappte das schwarze Köfferchen auf, das er bei sich hatte, und entnahm ihm ein Stethoskop.

Samantha musterte ihn neugierig. Das Gesicht unter dem Zylinder war markant: sehr dunkle Augen unter dichten Brauen, eine große, gerade Nase, schmaler Mund, ein kantiges, energisches Kinn. Die leicht ergrauten Schläfen ließen sie vermuten, daß er um die Vierzig sein müsse.

Als er sich aufrichtete und das Stethoskop wieder einsteckte, sagte Samantha: »Die anderen —«

»Sie sind glimpflich davongekommen. Ihre Verletzungen können warten, bis der Krankenwagen kommt. Aber dieser Junge muß sofort versorgt werden.«

Ein Polizist drängte sich durch die Menge. »Das St. Brigid’s schickt einen Sanitätswagen, Dr. Masefield.«

»Wir müssen den Jungen hier in meine Praxis bringen. Sofort. Ich brauche jemand, der mir beim Tragen hilft.«

»He, Sie beide da!« rief der Polizist mit dröhnender Stimme zwei Männer an. »Kommen Sie her!«

Jetzt erst sah der Fremde Samantha an. Sie fand das ernste Gesicht sehr schön. »Halten Sie seinen Arm«, sagte er, »dann versuche ich, das Rad wegzuziehen. Wenn Sie spüren, daß der gebrochene Knochen sich verschiebt, geben Sie mir sofort Bescheid.«

Der Polizist kniete nieder und umfaßte die Felge des Rades. Während er und der Arzt vorsichtig zu ziehen begannen, hielt Samantha den Arm des Jungen. Er stöhnte leise, doch er erwachte nicht aus seiner Ohnmacht. Fest hielt sie die Enden des gebrochenen Knochens bewegungslos, während das Rad langsam weggezogen wurde.

Dann sprang der Arzt auf. »Seien Sie sehr vorsichtig, wenn Sie ihn jetzt tragen. Wenn Sie stolpern, kann es passieren, daß die Enden des gebrochenen Knochens Nerven oder Blutgefäße zerfetzen. Wenn wir Glück haben, können wir den Arm retten.«

Während die beiden Männer den Jungen vorsichtig hochhoben und sich dann in Bewegung setzten, stand Samantha auf. Der Arzt wollte schon gehen, drehte sich aber noch einmal um und sagte kurz: »Kommen Sie mit?«

Seine Praxis war nicht weit. Sie gingen durch einen Vorsaal in das Behandlungszimmer, in dem es nach Karbol roch. Während die Männer den Jungen vorsichtig auf den Untersuchungstisch legten, gab der Arzt Samantha knappe Anweisungen.

»Klemmen finden Sie in dem Schrank da. Ich brauche Darm und Seide. Ziehen Sie sie erst durch die Säure. Eine Schürze hängt hinter der Tür.«

Während Samantha, die keine Ahnung hatte, was von ihr erwartet wurde, das Nahtmaterial herausholte, nahm der Arzt seinen Zylinder ab, schlüpfte aus dem Rock