/ Language: Deutsch / Genre:prose_contemporary

Meistererzählungen

Carl Zuckmayer


Meistererzählungen

Carl Zuckmayer

1922–1959

Zwölf Geschichten aus vier Jahrzehnten, ausgewählt aus Carl Zuckmeyers unvergleichlich kraftvollem und vitalem erzählerischem Werk. Fesselnd und in farbenreicher Sprache sind Verflechtungen von Liebe und Schicksal, von persönlichen und gesellschaftlichen Zuständen dargestellt. Im Mittelpunkt stehen Menschen, eigenartig und widersprruchlich, schwach und stark. Zuckmayers Gestalten und Charaktere kommen uns in ihrer Wahrhaftigkeit nahe; wie in der Geschichte vom Bauern aus dem Taunus, »der alles verlassen hatte und durch das kriegsdröhnende Land gegangen war, unberührt von den Gewalten der Vernichtung, um ein kleines Lebenslicht, das er einst fast im Dunkel entzündet hatte, vor dem Verlöschen zu retten.«

Inhaltsverzeichnis

I  Geschichte von einer Geburt (1922)

II  Die Geschichte von einer Entenjagd (1923)

III  Die Geschichte eines Bauern aus dem Taunus (1925)

IV  Die Geschichte vom Tümpel (1926)

V  Eine Weihnachtsgeschichte (1931)

VI  Die Affenhochzeit (1932)

VII  Eine Liebesgeschichte (1933)

VIII  Herr über Leben und Tod (1938)

IX  Der Seelenbräu (1945)

1

2

3

4

X  Die wandernden Hütten (1948)

XI  Engele von Loewen (1952)

XII  Die Fastnachtsbeichte (1959)

Teil I

Geschichte von einer Geburt (1922)

Eine Märznacht, rauh, regnerisch, mitten im Weltkrieg, und Frankreichs Erde hing in Klumpen, Brocken, Krusten an Soldatenbeinen, Pferdebäuchen, Wagen, Waffen, Geschirr. Da machte die leichte Feldbatterie Quartier in einem Dörfchen dicht hinter der Front, das keine zehn Häuser an der Straße hatte und eine Handvoll Hütten ringsum zwischen Rübenfeldern ins öde Land verstreut. Libercourt-le-petit, so hieß es wohl, oder Couchy-les-champs oder Le Mesnil, oder weiß der Teufel wie sonst. Damals war jedes verzwickte Wort für uns ein Markstein der Ewigkeit, heute schmeißen wir alles durcheinander, Namen, Gestalten, Daten, Landschaften, Bilder, Gerüche, das zerfließt alles im Gedächtnis wie die Gesichter rasch gefallener Kameraden — was wieder aufersteht, hat Schicht und Farbe gewechselt —, vielleicht auch das Blut, den Herzschlag, den Atem, die Knochen, das Hirn — bleibt nur zu hoffen, daß die unsterbliche Seele jeder Verwandlung trotzt und daß sie wahrhaftig lebt in jeder Wiedergeburt. Die Soldaten, welche in den verstreut umherliegenden Hütten Quartier nehmen mußten, waren übel daran, die kleinen Pfade versanken im Schlamm, es war stichdunkel, man irrte leicht vom Wege ab — in Belgien war einer beim Kaffeeholen in den Schacht eines halbabgerissenen, unbedeckten Ziehbrunnens gestürzt, tagelang vermißt worden und erst gefunden, als es aus dem Brunnen stank. Die drei Soldaten, denen das Los zufiel, mit ihrem Zeug die äußerste Hütte zu beziehen, kamen daher recht unfroh in ihr Quartier, besonders der Jüngste, denn er war zur Parkwache eingeteilt und mußte also in der gleichen Nacht den Weg noch viermal zurücklegen. Jeder mit einem Bund Stroh auf dem Rücken, dessen stichelnde Halmspitzen den Nacken zerkratzten, Gepäck und Woilach übern Arm gehängt, so stapften sie mit ihren schweren Reiterstiefeln durch den Schlamm, die Augen angestrengt auf den zitternden Lichtkreis von der Taschenlaterne des Quartiermachers geheftet. »Sind Zivilisten drin?« fragte einer. »Zwei Weiber.« Aufhorchen! »Was für Weiber?« »Junge?« Keine Antwort. Und schon kreischt der Schlüssel im Schloß, Lichtschein und qualmiger Dunst, Stalldunst, dicke Luft zum Schneiden zwischen Tür und Regennacht. Die öffnet, ist ein altes Weib, mit dem Gesicht einer verwesten Eidechse, Händen wie starre Hühnerklauen. Aus ihrem : Mund kommt ein gleichförmig röchelnder, pfeifender Laut, den man zu riechen glaubt. Noch aus der dunklen Ecke, in die sie sich verkriecht — das wäre wie in einer Tierhöhle —, die Ecke zum Winterschlaf, wenn nicht am Holz ein flackernd Öllämpchen hinge, ein Kruzifix darüber, frische Buchsbaumzweige darauf gesteckt, und der erste Gedanke ist, daß gestern Palmsonntag war, ein schöner Empfang beinahe. Jetzt aber schaut man in die andere Ecke, wo kein Lämpchen brennt, und im Schein der Knipslaternen wird ein niedres Lager sichtbar, halb eingesunken, ein fahles Lappenzeug von alten Decken, darunter wälzt sich etwas, wälzt, wellt, hügelt, bäumt sich, windet sich, lautlos zuerst — und man sieht nichts als die unruhig bewegten Lumpenhaufen. Da, da gibt es einen Laut, das verkrochene, vergrabene Tier, da bekommen die Lumpen Stimmen, da stöhnt uns das verschmutzte Lager an, schrecklich, gepreßt, qualvoll — und dann brüllt es plötzlich stoßweise unter den zuckenden Fetzen heraus, zweimal, dreimal, fünfmal, anschwellend, zerschellend, verstummt —, und das Bett liegt wie tot. Die Soldaten im Kriege sind Schreie gewöhnt, einer von den dreien lag schon einmal auf dem Verbandplatz in einer großen Schlacht, dieses Geschrei war aber von einer Art, daß alle zuerst blöde und ratlos standen, jeder den anderen anstarrte, keiner voranging. Der Quartiermacher war inzwischen hurtig verschwunden, vermutlich wollte er Vorwürfen und Beschwerden aus dem Wege gehen. Die drei standen gottverlassen am Eingang ihrer Tierhöhle und räusperten sich, bis dem Jungen, dem der Arm eingeschlafen war, sein Strohbund von der Schulter fiel, den anderen gegen die Beine, und somit endlich der erlösende geisterbannende Fluch erscholl. Es war nun auch alles ganz friedlich, das alte Weib unterm Öllämpchen sah man kaum, der Lumpenhügel schwieg und rührte sich nicht, eine Kerze war schnell aufs Wandbrett geklebt, man sah ein paar Holzscheite, warf sie auf Glutreste im schwarzen Kamin, schichtete das Stroh in die Nähe, fand einen Kessel voll Wasser, setzte ihn auf die Flammen und suchte die Kaffeebüchsen hervor. Aber das Feuer wollte nicht richtig ziehen, und der Junge, der niedergekniet war, um es anzublasen, hob gerade zum Atemholen den Kopf und beugte sich zurück, da fuhr er so zusammen, daß er beinahe den Kessel vom Rost gestoßen hätte. Auch die anderen standen, wo sie gerade waren, starr und hielten den Atem an. Aus den fahlen Lumpen ragte reglos, geräuschlos, ein Gesicht: breit, von braunen Zotteln umfranst, bleich, unförmig, verquollen, dicke Lippen, die offenstanden, wie zum Schrei geformt, Augen, die nichts Menschliches hatten und keinen Schimmer von Begreifen, aber auch nicht wie Tieraugen, nicht wie Glasaugen, nicht wie Totenaugen — solche Augen, wie alle drei sie kannten, die Augen des besinnungslos wütenden Schmerzes. Gleich darauf wölbte sich der ganze Bettberg langsam, aber krampfhaft hoch, eine Decke fiel herunter, ein Stück Leib, ein Stück nackte Schulter stieß hervor, das Gesicht fiel in Schatten, Haarflechten flackerten wild, und ausbrechend, austobend wieder der schreckliche, brüllende, schnaubende Schrei. Dann Stille. Beklemmend. Alle drei gingen plötzlich, wie auf gleichen Befehl, in kurzen Schritten dem Lager zu, dann standen sie zögernd: Der erste, Weigel, ein älterer Bergmann aus dem Westerwald, der zweite, Bopp, ein Bierkutscher aus Hanau, der dritte, Thomas, ein 18jähriger Student. Schließlich streifte Weigel ein Stück Decke zurück und hielt die Taschenlampe sehr hoch über das Unbekannte, was da unten massig lag und in kurzen Stößen zu atmen schien. Dann wurde er kühner, sah sich die Sache gründlich an, und machte sich an den Decken zu schaffen. »Geburtswehen«‘ sagte er, »das kommt und geht« — und die anderen fühlten sich sonderbar beruhigt beim sachverständigen Klang seiner Stimme. Bopp, der Schorsch, der lachte sogar und ging ganz nahe heran, Thomas spürte kühl im Leib, hob sich aber auf die Zehnspitzen und schaute über Weigels Schulter, und auf einmal geschah es, daß das Weib ganz ruhig seinen Kopf erhob, alle drei mit gesunden Augen ansah und übers ganze Gesicht zu grinsen begann. »Red sie an«, sagte Weigel zu Thomas, der hatte aber kein Glück damit, die Frau schien sein Französisch nicht zu verstehen oder wollte nicht, sie machte die Augen zu, gähnte laut und drehte sich langsam, schwer, wie ein schwangeres Tier, zur Wand, und dabei sah man, wie ungeheuer dick ihr Bauch sein mußte.

Es war in diesem Landstrich mit der Witterung im Frühjahr so, daß gewöhnlich die Wärme zu früh quoll, im Februar vorzeitig blasse Pflanzen und Schößlinge trieb, die nasse unreife Erde mit schalem Knospendunst überschwemmte, schlüpfrige Saatspitzen aus den Schollen lockte und all das gierig und schüchtern Keimende schutzlos den grimmigen Rückstößen der Frostkanonen preisgab. Die hatten drei Tage gewütet, mit tödlichen Sturmattacken der Hagelschloßen, Schneegewitter und Platzregen. Jetzt aber, als Thomas die zweite Wache stand, zwischen dritter und fünfter Morgenstunde, ebbte der Angriff zurück, bei plötzlicher Windstille am Boden jagten die Wolken hoch in zerfetzten Fluchtscharen, am Vollmond vorbei, und es mischte sich seltsam das Frösteln naßkalter Schwärze mit einerlau gärenden, erdwürzig riechenden, nebelhaft steigenden Bodenluft. Im Westen flackerte wechselnd ein rötlicher Schein, große blasse Streiflichter zuckten über den Horizont, ein dumpfes, leises Gebrodel, von lautlos schütternden Luftstößen unterbrochen, ein ruhiges, verhaltenes Gedröhn, das die Stille der Nacht stiller machte, erscholl von der Front. Die Rohre der Kanonen glänzten feucht zwischen den Rippen und Wirbeln kleiner Weidenbäume, das flüchtige Mondlicht troff in verödete Pfützen, aus der Stallbaracke schnaubte oder stampfte ein Gaul, die Nacht war unruhig und ihre hohle Stummheit von dem Tritt und Gerassel vieler marschierender Truppen durchbebt, die unsichtbar südlich und nördlich auf den zermatschten Landstraßen frontwärts zogen. Etwas Dröhnendes, Grausames, Unerbittliches lag in der Luft, man sprach von geplanten Offensiven, man spürte die Schauer einer Schlacht voraus, der geheime Befehl zum Angriff, zum Schrecken, zum Tode — fern im Dunkel hinterhältig ausgeheckt — fing schon lebendig zu rumoren an, die Gespenster der Truppenverschiebung, des Marsches nach unbekanntem Ziel, umflatterten jeden einzelnen preisgegebenen Mann und würgten ihm plötzlich die Kehle. Thomas stand an einen Baum gelehnt, in seinen feuchten Mantel vergraben, den Helm im Genick, in seine Nüstern stieg ein Geruch wie von blühenden Kätzchen, Primeln, Anemonen und Osterkraut. Der Vogel Kiwi schrie bald nahe, bald fern, eine kleine Eulenart, die in manchen Gegenden Frankreichs in Massen vorkommt, man hörte sie in den ersten Monaten des Jahres auf jeder Nachtwache schreien. Bei uns zulande, wo sie seltener ist, heißt sie der Totenvogel, und der wird auch in Frankreich jedesmal für einen Soldaten geschrien haben. Heute vielleicht für den Wachkameraden, der am anderen Ende des Geschützparks steht, dachte Thomas. Oder für Schorsch Bopp, der in der Tierhöhle auf dem Stroh so gewaltig schnarcht. Für das Weib womöglich, oder für sein ungeborenes Kind. Für mich nicht. Für mich sicher nicht. Und er begann auf- und abzuschreiten, da das Gesinge einer fern vorbeiziehenden Truppe ihn frostig überfiel und aus dem pferdehaften Halbschlaf des Wachestehens weckte. Während er so auf- und abschritt, sah er plötzlich aus der Gegend seines Quartiers herschwankenden Lichtschein, hörte einen unverständlichen Ruf, irgendwo in einer anderen Hütte wurden die Läden aufgestoßen, Lampen angesteckt, ein kurzes Hin und Her von Stimmen erscholl, ein Getrabe, ein Fluch, dann kamen zwei Kerle im Laufschritt am Park vorbei, von denen der eine, am Husten kenntlich, der alte Weigel war. Der andere, ein blonder Mensch mit Bärtchen und schmaler Drahtbrille, trug einen Drillichanzug mit der Rote-Kreuz-Binde um den Arm, hatte einen Sanitätskasten in der Hand, sah verschlafen aus, spuckte dauernd und lief in Holzpantinen. Ehe man sie anreden konnte, waren sie beide vorbei. Gleichzeitig aber schnaubte und schnaufte ein furchtbarer Ton durch die Nacht, viel wilder, lauter und verzweifelter, als es am Abend in der Hütte selbst geklungen hatte, unmenschlich, unwirklich, wie das Geblöke der Wahnsinnigen im Irrenhaus. Dann wieder war alles still. Thomas begann rastlos hin- und herzulaufen. Bald sah er auf die Leuchtuhr am Arm, bald verbohrte er den Blick in das fahle Dämmerlicht, das am östlichen Himmel hochkroch. Eine ganz fremde Erregung, die nichts mit Furcht, nichts mit Neugier, nichts mit Verlangen zu tun hatte, ging in seinen Adern um. Es war ihm plötzlich, als stünde er vor ungeheurem Neuland, aufgerissenen Wolken, vor der offenen Ferne, und etwas wie Lust und Schwindel machte ihn bewußtlos, trieb Dinge, Wellen, Geräusche durch sein Hirn, daß er, die Lippen gleichgültig bewegend, Worte sagte, Sätze kaute, Namen rief und nicht mehr fühlte, wie ihm geschah. »Geburt, Geburt«, sagte er und lief um eine Pfütze herum mit der Haltung eines Schwimmers, der den Kopfsprung machen will — und — »es wird schon Tag« — sagte er — »zum Teufel« — sagte er — »Kein Krümel Tabak« — und, die Zähne verbissen, die Arme ausgestreckt — »Herrgott, wie die Zeit vergeht« — dabei war ihm, als schrumpfte sein Leib, als schnurrten seine Glieder und Muskeln ein, als krümme sich sein Körper zum Hocksitz des Embryo, und nur der Kopf bleibe groß, schwer, erwachsen. »Geburt, Geburt« — sagte er und spürte aus der Luft etwas Heißes, Brennendes, Elektrisches in Funkenschwärmen auf sich niederregnen — und starrte tiefgebückt in den Erdschlamm, den Lehm, den zähbraunen Brei um die Wurzeln der Weiden, starrte zu Boden, indem er den Himmel meinte — warf den Kopf himmelwärts und ihm war, als grabe er sein Gesicht über und über ins feuchte Erdreich, während der laue Wind über seine Stirn schleifte — und alles fiel ihm ein, was den Frühling macht — dies ungeheure Wehen der Weidenruten, wenn sie gelb schimmern und leuchten von künftigem Knospengrün — das Geheimnis eines auskriechenden Schmetterlings — das tolle zaubervolle Erwachen der Tümpel und Teiche — der wilde heisere Liebesruf nestbauender Vögel — und jetzt?! Jetzt aber?! was war das —:

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Der rüde Gesang zweier in verschiedener Richtung marschierender Truppenkörper, rechts und links im Gelände, fast schon verhallend, hatte sich ganz vermischt, das gab in der Ferne harmonisch und groß eine klare Musik, und Thomas stand und lauschte mit offenem Mund, heiß stieg’s ihm in die Kehle, seine Arme sanken herab, alles strömte über ihn zusammen, der Himmel ertrank in Sternen, der Kiwi schwieg. Jene Musik, die damals aus dem Gesinge fern marschierender Regimenter, aus dem »Haltet aus« und »Siegreich wollen wir« grölender Muskoten aufstieg, hörte Thomas viele Jahre später untrüglich wieder, es war der Anfang des zweiten Satzes von Beethovens letzter Sonate, Opus 111. Damals kannte er sie nicht, aber er vernahm sie gläubig und andachtsvoll. Dann begann er zu frieren; die Ablösung stampfte heran; ein Hahn krähte prophetisch.

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Was in der Höhle vorging, glich einem verzweifelten Kampf. Das Weib hatte längst alle Decken und Fetzen mit den furchtbaren Stößen ihres massigen Körpers heruntergeschleudert. Das Hemd aus schlechtem, gelblichem Stoff war quer überm Bauch zerrissen, nackt lag sie da, die Hügel und Berge ihres Leibes bebten, die Schenkel zogen sich hoch und streckten sich wieder aus, die geballten Fäuste schlugen den Bettrand, das große bleiche Gesicht mit rollenden Augen war aufwärts gedreht, der Atem ging keuchend aus ihrer Brust. Rechts und links vom Lager standen in Hemdsärmeln mit unwirschen Mienen Bopp und Weigel, während der Sanitäter am Boden kniete, ratlos in seinem Kasten herumfingernd, und das alte Weib in der Ecke allerlei Zeug murmelte, das wie Flüche und Verwünschungen klang. Sie meinte es auch im Ernst so, sagte der Sanitäter, denn der Vater des Kindes war ein deutscher Ulan gewesen, und die Alte wollte ihre Tochter lieber krepieren sehen, als einen kleinen Boche gebären. Keine Hand rührte sie, noch nicht einmal zum Wasserholen war sie zu bewegen, in der Ecke hockte sie mit dem Gesicht einer verwesten Eidechse und lallte bös. Es war auch kein Arzt im Ort, das Stabsquartier in der Dunkelheit nicht zu finden — so mußten drei Artilleristen und der Sanitäter, der sich furchtbar genierte (er war von Beruf protestantischer Theologe), Geburtshelfer und Hebammen sein. Eine Viertelstunde lang schien es, als wolle der Engel noch einmal gnädig vorübergehen, dann aber setzte es ein mit dem Furioso eines ausbrechenden Vulkans: Erdbeben, Gedonner, Gebrüll und feurige Lava: Blut! Die zittrigen Finger des Sanitäters versagten, Weigel griff zu mit ruhiger, erfahrener Bergmannsfaust, nachdem er sie in den Eimer gewärmten Wassers getunkt hatte, den Thomas herbeischleppte. Aber das Weib, wiehernd wie eine angeschossene Stute, schlug mit den Beinen aus, trat ihn vor die Brust, daß er zurücktaumelte. Bopp und der Sanitäter packten jetzt jeder ein Bein und hielten es mit aller Macht umklammert nach auswärts gedreht, denn die Stunde war da, und man konnte nichts mehr machen als rücksichtslos zugreifen, auf die Gefahr hin, daß alles falsch war, was man tat, Mutter und Kind unter den groben Händen draufgingen. Von schweren krampfigen Stößen geschüttelt, preßte und drückte das Weib, und Weigel, in der Linken die Taschenlampe, versuchte mit der Rechten dem lebendigen Geschöpf, das aus der Enge kam, seinen Weg zu erleichtern. »Es kommt köpflings«‘ sagte er, »das stimmt, aber es ist zu dick, glaube ich. Wo das viele Blut herkommt, weiß der Teufel.« Und Bopp mußte sich mit aller Kraft seines Brustkastens auf den Schenkel der Frau legen, so zuckte, zerrte und zog sie. Es war wie beim Pferdebeschlagen. Plötzlich warf sie den Oberkörper hoch, schrie gurgelnd und schlug mit beiden Fäusten nach Weigels Kopf. »Halt ihr die Arme und die Schultern runter«, sagte er zu Thomas. Aber der Widerstand war so kräftig, daß der Junge sich mit den Knien auf ihre Schultern stemmen und mit beiden Händen ihre Arme packen mußte. Ihr Kopf lag jetzt wieder aufwärts gedreht dicht unter seinem Gesicht, die Stöße ihres Atems berührten ihn, und er stierte wie gebannt, benommen, versunken, in ihre weit offenen Augen, deren Ausdruck übernatürlich war. Gleichzeitig lockte ihn der Vorgang am unteren Ende dieses Leibes ungeheuer und schrecklich, und das letzte wahnsinnige Gerüttel, das letzte unmenschliche Gebrüll, das letzte Aufbäumen und Abwehren, dem große drückende Stille folgte, sah er schon wie hinter Glas, hörte er wie aus anderer Luftschicht, kalt, wach, gefühllos. Kaum spürte er, daß sie ihre Zähne in seinen Finger schlug und ein Fetzen Haut beim Wegreißen herunterging. Minuten folgten, die fast lautlos waren, und man hörte wieder das ekelhafte Röcheln und Pfeifen des alten Weibes. Die Brust der Gebärenden ging ruhig, Weigel stand mit seiner Taschenlampe unbeweglich, die anderen spürten ein tiefes, rieselndes Ermatten des Körpers in ihren Händen, sie hielten ihn nur noch aus Vorsicht fest. Plötzlich erschrak Thomas wild, die beiden Hände des Weibes fuhren an seinen Armen hoch, er wollte fest zupacken, spürte aber im nächsten Moment etwas Unerhörtes, Unerwartetes, fast Unmögliches: diese Hände suchten seine Hände, faßten sie an, schlangen die Finger in seine Finger und preßten sie in leichtem zärtlichem Druck. Die Augen der Frau waren auf einmal geschlossen, das aufgewölbte Gesicht schien eingefallen, die Lippen blaß und schmal, ein sonderbarer Glanz lag auf ihrer feuchten Stirn, und Thomas durchzuckte es, als sei dies der Tod, obwohl er den warmen lebendigen Druck der beiden Hände fühlte. Rasch blickte er auf und sah, wie Weigel mit einem Gesicht, unter dessen Stoppeln allerlei fragwürdige Falten liefen, etwas Lebendiges, Rötliches in die Höhe hob —, und er sank fast vornüber auf die Brust der Frau, die jetzt ruhig atmete, und es schwankte, tanzte alles um ihn her, und der Tag brach herein oder war schon längst hereingebrochen, Dienstag war’s in der Karwoche, und in diesem Augenblicke schrie das Kind.

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Sonderbar: die Alte war plötzlich still geworden, kam aus ihrer Ecke hervor, nahm das Kind in die Arme, wusch es, wickelte es in ein Tuch und war wie eine Gluckhenne um den kleinen Boche herum. Die drei Artilleristen gingen hinab ins Dorf und putzten ihre Gäule. Der Sanitäter hatte aufgehört sich zu genieren, war sehr stolz und schrieb einen Rapport. Am Nachmittag kam Thomas allein ins Quartier zurück, um das Geschirr zu packen, zum Abend war Aufbruch in Feuerstellung befohlen. Als er hereinkam — da stand dasjunge Weib mitten in der Stube — sie hatte eine Art Mantel umgehängt, sie stand breitbeinig, ihr Gesicht war rot und frisch, die beiden Brüste groß und strotzend nackt, an der einen lag ihr Kind. Während Thomas sein Zeug packte, kam sie langsam heran und setzte sich dicht vor ihm auf den Tisch. Er hielt ein und betrachtete sie. Die Alte war nicht im Haus. Die Fenster standen offen. Warme Luft roch herein. Die Frau sah ihn an, mit dicken, geschürzten Lippen, auf denen die Zunge spielte, aber mit großen ernsthaften Augen unter der tierischen Stirn. Dann nahm sie seine Hand und legte sie minutenlang auf ihre freie Brust, die kühl war und so fest wie ein voller kräftiger Arm.

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»An die Pferde! Batterie aufgesessen!« Jetzt ist der Abend nah, und die Röte im Westen schüttert von dumpfen Donnerschlägen. Die Gäule sind unruhig, der Frühling sticht in der Luft. Die ist hoch oben blaß, der Mond wie eine verblasne Wolkenfeder darin verloren, dann stürzt die Nacht schnell, der Kiwi schreit, marschierende Truppen grölen in der Ferne.

Teil II

Die Geschichte von einer Entenjagd (1923)

In der Frühe kam Thomas zurück, mit kleinen leisen Ruderschlägen dem Ufer zusteuernd, machte sehr langsam das Boot fest, schöpfte es noch aus, denn es zog bei jeder größeren Fahrt etwas Wasser, und ging zur Hütte hinauf, aus der schon Rauch aufstieg: Söri kochte Kaffee.

Er trat ein, die beiden großen Enten baumelten wie Skalpe an seinem Gürtel, mit schwärzlich verklebten Augen, ein paar Tropfen geronnenen Blutes vorm Schnabel, an den Brustfedern, am Hals. Er tat so, als habe er vergessen, daß die Enten an seinem Gürtel hingen — er machte sich nichts wissend —, es schien ihm selbstverständlich zu sein. Söri stieß einen kleinen hellen Schrei aus — sie hatte die Kaffeemühle zwischen den Knien und trug, wahrhaftig, einen rotseidenen Morgenrock, das Haar hatte sie schräg über ein Ohr gekämmt, so daß die andere Gesichtshälfte groß, nackt und klar erschien wie der Spiegel des Fischsees draußen — und unter dem seidenen Morgenrock hatte sie hellgraue Jagdbreeches an — aber rote Pantoffel an den nackten Füßen — so hockte sie auf einem Kistenstuhl in der groben, klotzigen Holzhütte — die Kaffeemühle zwischen den Knien — im Herd krachte und knarzte brennendes Kiefernholz — sie lachte Thomas mit blanken Zähnen an und wies auf die Enten, deren zusammengebundene Füße, in der Todesstarre verkrallt, seine Windjacke kratzten.

Wieder kam ihm die Wut über seine Faulheit und seinen Unverstand — zwei Monate schon im Nordland zu leben und nicht Norwegisch zu können — und sein dummes Schulenglisch reichte kaum aus, um von einem Tabak festzustellen, daß er gut sei. Nun band er langsam und mit etwas klammen Fingern die toten Enten los, wog sie spielend in der Hand und legte sie dann in ihren Schoß, oberhalb der Kaffeemühle, wo die grauen Breeches unter dem Schlafrock hervorschauten, wo die Schenkel einander leicht und zart berühren würden, wenn sie nackt wären — das ging ihm dabei durch den Sinn, während er wortlos die Kaffeemühle aus ihren Knien zog, rückwärts das Kreuz an den Tischrand lehnend, und zu mahlen begann. Mit den Fingerspitzen tastete sie über Rücken, Bauch und Schwungfedern der Enten hin: die waren von baum- und moosfarbenem Graugrün, seltsam mit rötlichem Braun unterlegt, schwärzlich gerillt, und das tiefe Blaugrün der Brust von wolkigen, schmutzweißen Flaumwellen gesäumt. Söri betrachtete sie mit einer stillen, tierischen Aufmerksamkeit, ihre Wimpern, die viel dunkler waren als das Haar, ließen einen schmalen Schlitz der lichtgrünen Augen frei, sie lagen etwas schräg zur stumpfen Nase, der Mund, breit, mit dünnen, leicht aufwärts gebogenen Winkeln, von der Zungenspitze befeuchtet, stand wenig offen, ihre Haut war hell, ihr Gesicht zart und kräftig, mit einer leisen Andeutung der finnländischen Abkunft. Thomas mahlte Kaffee und war abwechselnd in den Anblick Söris und der Enten versunken.

Im Nebenraum, hinter der hängenden Zeltbahn, hustete Henrik, Söris Mann. Der Kaffee war fertig gemahlen. Thomas gab ihr die Mühle und nahm seine Enten zurück, hängte diese an einer Leiste des Fensters auf, während Söri den Kaffee aufgoß, dessen Geruch sich warm und kräftig im Raum verdickte. Jetzt trat Henrik heraus, in Hemd und Hose; sein breites, rundes Gesicht war von dunklen Bartstoppeln bedeckt und sah noch verschlafen aus. Er hatte am Abend vorher gefischt und war erst nach Mitternacht heimgekommen, gerade als Thomas in die weiße flirrende Nacht hinausging, um Enten zu schießen, deren beste Stunde die der ersten Sonnenstrahlen ist. »Kaffee, Kaffee!« rief Henrik und langte den Buttertopf vom Wandbrett. Dann sah er die Enten. »Hallo«, rief er, »holla, gute Jagd!« und hieb Thomas seine schwere Pratze auf die Schulter. Henrik hatte in Darmstadt Maschinenbau studiert, er sprach Deutsch, sogar die Mundart von Thomas’ Heimatgegend. Beide betasteten sachlich und prüfend die toten Enten, nickten ernsthaft dazu und setzten sich dann zu Tische, Söri goß den Kaffee ein, sie schnitten mächtige Ranken von einem breiten Brotlaib, klatschten mit Lappenmessern Butter darauf und stocherten in den kalten Resten eines gebratenen Lachses herum, den Henrik zwei Tage vorher am Wasserfall gefangen hatte.

»Es ist Sonntag«, sagte Henrik plötzlich, »es wird gut sein, wenn wir uns rasieren. Wir kriegen Besuch.« Dann redete er Norwegisch mit Söri, beide sahen Thomas an und lachten; der verstand kein Wort, sagte »All right« und lachte mit.

So etwa unterhielten sie sich bereits seit zwei Wochen, seit sie zu dritt auf Hallers einsamer Jagdhütte am Skjürvanten hausten, um Lachse zu fischen, Enten zu schießen, Schneehühner auszumachen. Es ging friedlich und geruhsam zu in ihrem Wigwam. Henrik flickte den ganzen Tag Netze, die ewig schadhaft waren, oder er hackte Holz, oder er entwirrte unwahrscheinlich verknotete Angelschnüre. Thomas trieb sich viel allein an den Seeufern oder mit dem Boot in den abgelegenen Schilfbuchten herum, oder er schoß mit Rehposten nach einer birkenrindenen Scheibe, oder er kletterte auf einen der weglosen Berge, wo es viele Raubvögel gab, sogar Schnee-Eulen und Steinadler, und wo man im Hochmoor manchmal ein paar silbergrauen Rentieren begegnete, die sich von einer Lappenherde verlaufen hatten. Söri lag gewöhnlich in ihren Breeches und ihrer weichen Lederjacke in den Heidelbeeren und machte sich Mund, Hände und . Kleider blau. Abends spielten sie ein Würfelspiel mit hölzernen Pferden, lachten furchtbar, wenn einer verkehrte Zahlen warf, und qualmten die Hütte voll.

Jetzt aber stand Thomas plötzlich auf, obwohl der Kaffee noch gar nicht ausgetrunken war, glotzte mit offenem Mund seine Enten an und spürte: »Es geht nicht mehr so weiter.« Nichts hatte sich ereignet, nicht das Geringste war passiert. Aber es ging nicht mehr so weiter. Nein, es ging nicht mehr.

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Nämlich, wo Frauen rar sind, beginnen sie plötzlich eine Rolle zu spielen, die ihnen im allgemeinen Leben keineswegs zukommt. Nicht daß die Männer gleich wie Hirsche mit gesenkten Hörnern aufeinander losgingen, auch Haß, Mißtrauen, Eifersucht und Bosheit sind unter Kameraden nicht an der Tagesordnung. Hier war erst recht gar keine Rede von alledem. Nur: es beginnt sich unmerklich alles um die Frau zu drehen. Man macht sich zwar zur unausgesprochenen Vorschrift, im Sport, auf der Jagd, im Hüttenleben die Frau durchaus als gleichartiges Geschöpf zu behandeln, läßt alle überflüssige Galanterie beiseite, hilft ihr nicht beim Einsteigen ins Boot, trägt ihre Angel nicht, macht keine Versuche, sie zu unterhalten, wenn man sich lieber mit seiner Shagpfeife unterhält, und sieht behaglich zu, wenn sie die schlammbedeckten Wasserstiefel reinigt. Aber trotz alledem: plötzlich merkt man, daß sich alles um sie dreht. Ob man einen Lachs fischt, Enten schießt, das Boot abdichtet, einen Wurzelknorz zu Feuerholz zerhackt — jede Art von Leistung geschieht ihr zu Gefallen. Das ist ärgerlich, besonders wenn man sie noch nicht einmal etwa liebt. Wenn man noch nicht einmal den Gedanken erwägt, sie zu küssen, während ihr Mann seine Netze flickt. Wenn der Mann noch nicht einmal zögert, die halbe Nacht allein auf dem See herumzustreichen, während seine Frau schon im Bett liegt und, hinter einer gähnenden Zeltbahn hervor, Solveigs Sang pfeift. Kurzum: wenn sich gar nichts ereignet, und man läßt plötzlich seinen halbausgetrunkenen Kaffee stehen, dann geht es wirklich nicht so weiter.

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Nun aber war Sonntag, und um die Mittagszeit standen Henrik, Thomas und Söri einträchtig am Ufer, sahen um die Waldkuppe herum, im dichtbesetzten Boot, ihren Besuch kommen, den Besitzer dieser Hütte, der mit seiner Familie vier Stunden über Land fuhr, um nach seinen Jagdgästen zu sehen, und dessen »Hallo« und »Huzza« von den Bergwänden ein ungewohntes Echo weckte. Haakon Haakonson, der zwei Stunden unterhalb des Sees, am Fluß, sein einsames Alphaus hatte, saß auf der Ruderbank, bärtig und ernst, mit bloßem Kopf. Haller selbst trug einen hellen Strohhut, seine Frau ein Lodencape, seine Schwägerin ein Sommerkleid, sein Sohn eine scharf blitzende Brille.

Während der langen norwegischen Begrüßungen betrachtete Thomas unausgesetzt den großen Strohkorb, den Haakon stöhnend nend aus dem Kahn hob: Flaschenhälse lugten heraus und verdeckte Töpfe standen darin, ein Steinkrug voll frischer Sahne, eine angebratene Rentierkeule, ein halber Hummer war da zu sehen, und er griff freudig zu beim Auspacken, Hinauftragen und Zubereiten all dieser Kostbarkeiten. Das war eine heitere Abwechslung, über die man vergaß, daß es nicht so weiterging — zwischendurch wurden die toten Enten wieder betastet, gewogen, bewundert. Als dann alle um den breiten hölzernen Tisch herumsaßen, kräftig zulangend, jeder ein großes Glas voll Rotwein vor sich, sagte Söri etwas und deutete lachend auf Thomas, worauf ihm alle zutranken, weil er die Enten erlegt hatte.

Satt und behaglich rauchend, saß er nach dem Essen vorm Bau. Mit Aquavit, Bordeaux, Hummer, Rentierfleisch und geschlagenem Rahm war die Empfindung, es ginge nicht so weiter, tief in die unbewachten, schlummernden Abgründe seines Innern hinabgeglitten. Eine breite, gleichmäßig atmende Ruhe lag mit dem klaren Mittagslicht über der Landschaft: Baumkronen tranken Sonne, die Erde trank langsam das Wasser der trocknenden Regentümpel, und der Himmel trank in stillen Zügen den feuchten Dunst, der zögernd aus dem See stieg. In der Hütte drinnen lachte Söri mit den andern Frauen. Thomas hörte es nicht anders als das Lachen einer Taube im Wald, das ferne Gezeter eines Rohrspatzen, das Geräusch einer großen Libelle, deren gläserne Flügel im Vorbeistreichen wie trockenes Papier knisterten. »Die Welt«, spürte er, »ist gut und schön gemacht, es lohnt sich, in ihr zu leben, ja, es verlohnt jede Mühe und Plage, jeden Schmerz und Schlag, vielleicht sogar am Ende den Tod. Nichts gibt es, was die Treue dieser Erde erschüttern könnte, wenn man sie einmal mit allen Kräften geliebt hat. Nichts gibt es, was die Gnade dieses Himmels trüben könnte, wenn man sie einmal mit allen Fasern empfangen hat. Der Tod aber ist ohne Schrecken, wenn man bedenkt, er müsse genug haben, nachdem er mit allen Waffen des großen Krieges durch vier wehrlose Jahre hindurch nichts erreicht hat, als daß man ihm immer wieder um Haarbreite entging — und wenn man hofft, sehr alt zu werden in Kraft, und dann zu sterben, wenn alles erfüllt und gerundet ist, an einem Tage wie diesem, mit einem letzten Strom Licht im Auge, an einem Tage wie diesem, wo das Versinken eines Leichnams im grünen See keinen Bruchteil der Lust und des Jubels der Schöpfung beschweren könnte.« Solches spürend, schloß Thomas die Augen halb und sah gleichzeitig mit dem blauen Strahl zwischen dem Birkengelaub die schwarzgrüne Kuppel der Herbstnacht, das Verrosten metallischer Wolken an einem Winterabend, das reißende Schwarz eines stürmenden Gewitters, und hörte gleichzeitig mit dem leisen Geläute des Uferwassers die krachende Brandung an längst vergangenen Meerklippen, den Tropfengesang duftenden Sommerregens, das Knirschen verharschter Schneekrusten unterm Schuh. Die Gerüche des Waldbodens und des zarten Holzrauchs, der aus dem Hüttenrohr zitterte, verschwammen mit dem Geschmack von Gravens Tabak, dem Hauch von Lederzeug und dem Dunst des eigenen Körpers zu einer seligen Wolke von Gegenwart und traumzerlöster Erinnerung. Er saß lange, ohne zu denken, und dämmerte, glücklich ein- und ausatmend.

Da trat der alte Haller heraus. Den Strohhut im Genick, die Virginia im Mundwinkel, den steifen Kragen vorn am Hals geöffnet, die stark behaarten Fäuste in die Seite gestemmt, klein, gedrungen, breitbeinig, mit braunem, faltigem Gesicht und einer Fuchsnase, so stand er da, ein Selfmademan durch und durch, mit einem zugekniffenen, einem weit gesperrten Auge, so blickte er über Wald und See, im vollen Bewußtsein, alleiniger Besitzer der Fischereihoheit und des Jagdrechts in dieser Gegend zu sein. »Es gibt wieder Lommen dies Jahr«, sagte er, und Haakon, der abseits auf einem Baumstumpf hockte und aus einer Tonschüssel Grütze aß, nickte ernst und sorgenvoll. »Mehrere Paare«, sagte er, »und eine junge Brut.« — »Verdammte Fischräuber«, rief Haller, dann zwinkerte er mit seinen Fuchsaugen Thomas an: »Wie wär’s — zwei Kronen pro Kopf!« Thomas lachte. »Heute noch?« fragte er. »Je schneller, desto besser«, sagte Haller. »Wenn wir abends wegfahren, will ich die Köpfe mitnehmen.« »Well«, rief Thomas, den der Ehrgeiz packte (und der außerdem noch nicht wußte, woher er das Reisegeld für die Heimfahrt im Herbst nehmen sollte). »Der Staat zahlt eine Krone fürs Stück. Ich setze zwei aus!« drängte Haller.

Schon hatte Thomas das Gewehr in der Hand, steckte Patronen ein, »Hinter der Insel im Schilf müssen sie nisten«, meinte Haakon. »Ich weiß«, sagte Thomas, »ich bring’ sie auf.« Da streckte Henrik den Kopf zum Hüttenfenster heraus. »Schießen Sie?« rief er Thomas an, der schon zum Boot hinabschritt. Und gleich darauf: »Warten Sie ab. Meine Frau will mitfahren!« — »Well«, schrie Thomas, machte schon die Bootskette los. Und sah, wie Söri ihre Lederjacke locker um die Schultern warf, ihre Zigarette austrat und ihren kleinen grauen Filzhut aufsetzte. Dann fuhren sie zusammen hinaus, während der alte Haller und Henrik am Ufer standen, jeder einen Fernstecher in der Hand, um seine Jagd zu beobachten. Thomas ruderte, das Gewehr über die Schenkel gelegt, Söri saß ihm gegenüber, die Steuerleine in der Hand, die dunkelblonden Haare aus der Stirn gestrichen, mit einer weißen Bluse unter der Lederjacke und einem Blick voll ruhiger, tierischer Wachsamkeit, der abwechselnd sein Gesicht und sein Gewehr streifte.

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Es gilt nun, die Mißgeschicke dieser Jagd zu verzeichnen, ohne nachträglichen Ärger, denn nicht alle Jagden dürfen glücklich sein, und die beste ist manchmal die, von der man ohne Beute heimkehrt, aber mit einer neuen Erfahrung im Schädel, einem neuen Gefühl im Zwerchfell, einem neuen Antrieb im ganzen Leib. Lommen sind große Raubenten, die mit ihrem scharfen krummen Schnabel die stärksten. Fische packen. Daher führen die Nordlandfischer einen Vernichtungskrieg gegen sie. Thomas hatte noch keine geschossen, da man sie nicht essen kann, und da er nicht wuß te, daß man ihre Skalpe prämiiert.

Jetzt, als er sein Boot mit leisen Ruderschlägen um die Spitze der Insel trieb, die es den Fernstechern der Zuschauer entzog, ergriff ihn, der längst über die Zeit des Jagdfiebers hinaus war, eine leise Unruhe. Er wußte nicht recht, ob dies wegen des ungewohnten Wildes war, wegen der Prämie, oder weil es doch nicht so weiterging. Söri saß unbeweglich, und sie sprachen kein Wort. Plötzlich tippte sie ihn an und deutete über seine Schulter. Er fuhr herum: mitten auf dem See dunkle Punkte. Das mußten die Lommen sein, denn Wildenten waren um diese Zeit kaum zu vermuten. Sie bewegten sich ziemlich rasch auf das waldige Ufer zu.

Thomas wendete das Boot so hastig, daß er mit beiden Rudern krebste. Seine Unruhe begann ihn zu ärgern. Er zog gewaltig los, indem er Söri auf englisch zu erklären versuchte, daß er jenseits der Insel an Land wolle, über die Waldkuppe laufen, um so den Lommen vom Ufer aus schußnah zu kommen. Die Fernstecher arbeiteten erregt. Man schien sein Manöver nicht zu verstehen, winkte hin und her. Er kümmerte sich nicht darum, hielt gerade aufs Land zu. Söri rang nach einem Wort, sagte es dann norwegisch, er verstand nicht, sie machte ein verzweifeltes Gesicht und unverständliche Zeichen. Er schüttelte den Kopf, legte den Finger auf den Mund, sah sie drohend an; sie schwieg, zuckte die Achseln. Da streifte die Bootspitze Land, er stieg heraus, zum Glück erst mit einem Fuß, und sank sofort bis zur Hüfte ein.

Jetzt hatte Söri ihr Wort gefunden: »Swamp«, sagte sie, »very swamp«, aber es war zu spät. Thomas mußte sich mühsam wieder ins Boot ziehen. Sein rechtes Bein war bis hoch hinauf voll schwarzen Morasts, und das Wasser troff in seine Stiefel. Wütend stieß er das Boot wieder ab, während von der Fernstechergruppe ein deutlich hörbares Gelächter herüberwehte, und es war noch ein Glück, daß Söri nicht mitlachte, sondern ihn ernsthaft und aufmerksam ansah.

Als er um die Landzunge herumkam, stieß er mit seinem Boot fast auf die Lommen, die mit Schrei und knatterndem Flügelschlag hochgingen, Kurs quer über den See. Er riß das Gewehr hoch, zielte, drückte ab — das Ausbleiben des Schusses warf ihn fast um. Er hatte nicht geladen. Nun sah er Söri schon mit einem beinah haßerfüllten Blick an. Ohne weiteres trug sie die Schuld an alledem. Und es war ganz sonderbar, unglaublich fast, daß sie nicht lachte, sondern nach wie vor sein Gesicht, seine Hände und sein Gewehr mit ruhigen, aufmerksamen Augen streifte. Hastig, obwohl es zu spät war und seine Zweikronenköpfe bereits weit überm See verschwanden, lud er das Gewehr und hörte die Fernstechertruppe am Ufer, denen sein Nichtschießen unbegreiflich war, schreien und zetern. Er sandte ihnen einen empörten Blick, da sah er, daß sie immer in einer bestimmten Richtung winkten, immer ein bestimmtes Wort riefen. Jetzt war auch Söri aufmerksam geworden, faßte ihn am Arm und flüsterte aufgeregt: »Young lommers, young lommers!«

Wahrhaftig, in einiger Entfernung schwamm eine einzelne ausgewachsene Lomme in erregten Kreisen, tauchend, wieder hochschnellend, treibend, hastend, hetzend, in Todesangst, da sie das Boot zwischen sich und dem Ufer liegen und immer näher kommen sah. Dicht um sie geschart schwamm die junge Brut. Die Mutter trieb, jagte, stieß, ihr langer Hals war flach übers Wasser weit vorgestreckt und wie von Verzweiflung gezerrt. Jetzt hatte Thomas sie schon beinah erreicht, er ließ die Ruder streichen, hielt das Gewehr schußbereit und kniete im Boot.

Die Jungen tauchten unter, von der Mutter geführt. Gespannt starrte Thomas auf den Wasserspiegel. Da kam das erste hoch, es hatte die Richtung unter Wasser falsch bemessen, dicht beim Boot kam es herauf, gleich daneben ein zweites, ein drittes, gelbwollige, flaumige, kuglige Federbälle, die mit schwachen Schwimmfüßen das Wasser schlugen, traten, peitschten, und deren winzige Flügelstümpfe zuckten und zitterten. Deutlich sah man die krummen Raubschnäbel, die aus den verängstigten Kückengesichtern recht hilflos ragten, wie wenn man einem zweijährigen Kind ein Dolchmesser zwischen die Zähne gesteckt hätte. Da: mit einem gewaltigen Schwung tauchte die Mutter auf, aus der Flut hochschnellend wie ein Torpedogeschoß, die Augen weit aufgerissen, in Angst und Sorge um die Jungen, doch die waren verschwunden, der breite Leib des Bootes hatte sich dazwischen geschoben, verdeckte sie ihrem Blick, lag drohend und würgend zwischen ihr und ihrem Leben, starrte sie kalt an mit dem grausamen Rohr des Gewehrs, dem sie jetzt ein unfehlbares Ziel bot.

Eine alte erfahrene Lomme weiß, was ein Boot ist. Was ein Jäger ist. Was ein Gewehr heißt. Sie weiß, daß es den sicheren Tod bedeutet, einem solchen Feind zu nahe zu kommen, und daß es kein Mittel gibt, ihn zu bekämpfen. Jetzt aber, als habe sie all das vergessen, als sei das Boot ein kleines, schwach bewehrtes Wassertier, oder als spüre sie in sich die Kraft, Wunder zu wirken, das Pharaonenheer ertrinken zu lassen, die Mauern von Jericho umzuhauchen, bäumte sie sich hoch auf überm Wasser, die Federn gesträubt, die Schwingen kampfmutig gespreizt, mit den scharfkralligen Füßen die Wellen schlagend, den Schnabel weit geöffnet zu wutheiserem Schrei, die Augen blutunterlaufen, grell funkelnd, vor Haß und Verzweiflung — so ging sie das Boot an, das zwischen ihr und ihren Jungen lag, vorstoßend mit gerecktem Hals, und ergriff erst die Flucht, als Thomas mit dem Ruder nach ihr schlug. Da ging sie mit schwerem Leib und ermatteten Flügeln hoch, langsam in Kreisen abstreichend, und bot noch lange ein unfehlbares Ziel für des Jägers Gewehr. Der aber kniete noch immer und legte nicht an. Vom Ufer, wo die Feldstecher fuchtelten, wildes Geschrei. Jetzt war das erschöpfte Tier außer Schußweite. Die Jungen, von der Führerin verlassen, schwammen hilflos durcheinander und umkreisten das Boot, als suchten sie in ihm die Mutter, tauchten unter und kamen wieder hoch; mit zwei Schrotschüssen hätte man sie alle erledigt.

Vom Ufer schallten deutliche Rufe, schon schnappten die Stimmen über vor Eifer und Wut: »Feuern! Feuern!«

Aber Thomas schoß nicht.

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Langsam, ohne ein Wort zu sagen, mit einem fast verbissenen Zug um den Mund, Söris Blick meidend, drehte er das Boot mit der Spitze zum Ufer, ruderte zurück. Wie er dann anlegte, das Gewehr an Land warf, die Bootskette um einen vorstehenden Wurzelast schlang und das Schöpfgefaß ergriff, überfielen sie ihn von obenher mit wüstem Geschrei und Geschimpfe. »Drei Kronen hätte ich für die Alte gezahlt«, schrie Haller, »vier Kronen! und für jedes Junge den Preis eines ausgewachsenen Lachses! Diese Fehljagd«, schrie er in einem für Thomas’ Ohr widerwärtigen Gemisch von Deutsch, Englisch, Norwegisch — »kostet mich den halben Fischfang eines Sommers!« Auch Henrik schimpfte und fragte, der junge Haller, die Frauen, sogar Haakon Haakonson wiegte mißbilligend und betrübt den ernsthaft behaarten Schädel. Thomas drehte ihnen den Rücken zu im gleichmäßigen Auf und Nieder des Ausschöpfens, er vertiefte sich so in diese Arbeit, als sei sie das Wichtigste auf der Welt, und gab keine Antwort. Was sollte er auch sagen. Es war sinnlos. Völlig sinnlos. Ein Gefühl grenzenloser Vereinsamung stieg um ihn auf, während er das letzte Wasser aus dem Boden des Kahns kratzte. Kann man diesen Menschen, kann man den Menschen sagen, warum man etwas tut oder läßt? »Nein«, sagte er sich kurz, »und nicht einmal stillschweigenden Respekt vor unseren Handlungen können wir von denen verlangen, die nicht das gleiche verspüren wie wir.« Er sagte sich das nicht so genau, aber er wußte im Augenblick, als er das Schöpfgefäß zu Boden warf, den Rücken langsam gerade machte, seine Jacke zuknöpfte, an Land sprang (wobei ihm noch auffiel, wie grell sich das Licht im Wasser der tief in den schwarzen Moorgrund getretenen Fußstapfen spiegelte), er wußte in diesem Augenblick fürs ganze Leben, daß es am besten sei, fremde Leute, die etwas nicht begreifen, einfach klipp und klar ohne Umschweife oder Bedenken anzulügen.

So kam es, daß er mitten in das allgemeine Gezeter hinein laut und vernehmlich sagte: »Was wollt ihr, es waren keine Lommen, es waren Enten!« Es entstand ein verblüfftes Stillschweigen über diese offensichtliche Lüge, und ihm schoß das Blut zu Kopf, da ihm jählings einfiel, daß er ja eine Zeugin habe, die ihn im nächsten Augenblick entlarven werde. »Enten?« schrie Haller plötzlich, und seine Stimme kippte um vor Empörung. »Enten — um diese Zeit«‘ sagte Henrik achselzuckend. »Enten!« schrie alles durcheinander. — »Enten!« schrie Thomas aufstampfend, »Enten, Enten!« brüllte er in Hallers Gesicht. »Junge Enten, die man nicht schießen darf!« log er verzweifelt. — Da ertönte hinter ihm Söris Stimme, ruhig und gleichgültig fast, aber so, daß alle darauf hörten: »Ja — es waren Enten«, sagte sie. »Es waren keine Lommen, da hat er recht«, sagte sie. Thomas drehte sich nicht um. Ihm war, als ginge ein heißer Strom über seinen Rücken. Langsam schritt er an der ganzen Gesellschaft vorbei, an der Hütte vorbei, am Holzstall vorbei und verschwand bergaufwärts im Wald. Man rief ihm nach, er hörte es nicht mehr. Feuchter Wacholder und Pilze rochen ihm entgegen. Irgendwo machte er halt, setzte sich auf einen vermoosten Felsblock und pfiff leise vor sich hin.

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Als er zurückkam, war die Gesellschaft längst verschwunden. Die fahle Nordnacht machte den See schon matt und silbern. Henrik stieß gerade von Land, die frischgeflickten Netze im Boot, um sie weit drüben am Schilfufer auszulegen. Söri stand an eine Kiefer gelehnt und sah ihm nach. Thomas trat neben diese Kiefer, machte den Finger krumm und klopfte an, wie man an eine Zimmertür klopft. Söri schaute noch auf den See, wo gerade das Boot hinter der Insel verschwand. Thomas versenkte seinen Blick sehr tief in die Kiefernrinde: rötliche Schalen blätterten wie spröde Haut von der braunen, rissigen Borke. Dazwischen das zarte Gewebe einer kleinen Spinne, die dürre Kruste einer leeren Schmetterlingspuppe, der schimmelgrüne Ansatz einer Flechte.

Sehr tief schaute er in die Rindenrisse dieser Kiefer, sehr dicht war sein Kopf bei ihr, und sie umhauchte ihn mit einem Geruch, die Kiefer, der zärtlich war und bereit, lockend und von großer Wärme geschwellt. Jetzt Strich eine Sumpfeule tief und nah vorüber, und beide folgten mit den Augen ihrem Fluge. Die Eule verschwand im Röhricht, dessen Halme sich lang und zitternd bewegten. Vereinzelt stiegen Blasen aus dem Schlammboden des Uferwassers auf, da und dort sprang ein Fisch, die Nacht blieb warm und hell. Endlich sah sie ihn an. Lächelnd. Mit unruhigen Mundwinkeln. Er, Thomas, umfaßte ihr ganzes Gesicht mit großem, vollem Blick. Alle Unruhe war von ihm gewichen. Warm und stark rann es durch seinen Körper. Plötzlich faßte er ihre Hand und sagte: »Tak« — das fiel ihm ein. Ihre Augen lachten. »Es waren keine Enten«, sagte sie, »es waren Lommen.« — »Ja«, sagte er. »Aber ganz junge Lommen.« Sie nickte ernsthaft und gab keinen Laut, als er sie langsam an sich zog.

Teil III

Die Geschichte eines Bauern aus dem Taunus (1925)

Schorsch Philipp Seuffert, seit der großen Frühlingsschlacht im Jahre 1918 zu dringender Feldarbeit reklamiert, bemerkte Mitte Juni, daß sein Weib Anna Barbara guter Hoffnung war.

Schreck war das erste, was er empfand.

Draußen in Frankreich tobte noch der Krieg, viel fruchtbares Ackerland lag da noch brach, und die verharschten Rübenfelder wurden immer noch von Stahlsplittern, Kupferbolzen, Bleikugeln gepflügt, die Saatfurchen mit Blut und Leichenfäule gedüngt. In Fuchstanz, so hieß Seufferts Heimatsort, las man, wie überall, die Heeresberichte mit blasser, stumpfer Verdrießlichkeit, die Kommunalnachrichten über Abgaben und Rationierung mit angstvoller Spannung. Nachts, auch manchmal am Tage, brummten die Flieger niedrig übers Gebirg’, wie zornige Hornissen, von denen drei Stück einen Gaul umbringen. Aber die gingen auf die Stadt oder die Industrie, man hatte hier nichts zu fürchten und hörte von Bombenabwürfen und Zerstörung mit der gleichen lüsternen Gruseligkeit wie früher von einer fernen Feuersbrunst.

Die Zeiten bös — das Kriegsende weit wie immer — der Erntestand recht mager — all das hätte nicht vermocht, die Angst in Seufferts Herzen über jede Wallung von Stolz und Vaterfreude siegen zu lassen, die heimlich aufmuckte, wenn er die Brust und den kaum erst geschwellten Leib seines jungen Weibes abends beim Ausziehen oder in der Arbeit unterm Kittel sich straffen sah.

Aber der Sommer ging immer weiter ins Land, die frühen Kartoffeln wurden schon ausgemacht, bald sollte der dritte Heuschnitt sein. Da geschah es in einer klaren Mondnacht, daß aus dem tiefsten Schlaf Schorsch Philipp Seuffert sein Weib weckte. Zuerst starrte sie ihn mit verschleierten Augen an, rappelte sich hoch, schwergliedrig, im Glauben, es sei etwas los im Stall oder in der Scheuer und sie müsse helfen. Dann bemerkte sie ohne Begreifen, daß der Mann vor ihr in voller Uniform stand, den Stahlhelm auf dem Kopf, den Tornister auf dem Rücken, neue Unteroffizierstressen hatte er sich auf den verblichenen Waffenrock genäht, und die Stiefel waren dick mit Fett beschmiert. »Wach auf«, sagte er mehrere Male, und es war etwas sonderbar Fremdes in seinem Ton, dem sie blind zuhorchen mußte, ja sie vergaß ganz den Schreck und die Sorge, die ihr schon lang sein stummes Wesen machte, sondern lauschte auf seinen Stimmklang benommen, wie auf das Kyrie und die anderen Gesänge des Pfarrers im Hochamt. Und wie bei einer Predigt verfiel sie wieder in einen bang wohligen Halbschlaf, als er, leise und unverständlich vor sich hinredend, seine Tabakspfeife mit viel Umstand in Brand setzte. Der brenzlige Geruch des Rauchtabaks für Heer und Flotte vermischte sich in der Kammer mit Zimmerdunst und einströmendem Heugeruch, der Tabaksrauch zu so ungewohnter Stunde wirkte auf die Frau wie ein berauschender unheimlicher Weihrauch, sie starrte ihn an, erkannte ihn kaum. Das Mondlicht troff so gelbwächsern über sein Gesicht, die gerade, harte Stirn, die kurze Nase, die eckigen Backen und das breite Kinn, daß er wie ein Kopf aus gehauenem Stein aussah, oder wie ein Toter, und nur das kleine Schnurrbärtchen, schwarzstoppelig über den starken Lippen, zuckte und bebte ein sonderbares Leben. Ein Luftzug schleifte den Duft der weißen Nachtfalterblüten durchs Zimmer, süß und schwer stieg Schlafsucht durch die Nase und den offenen Mund der Frau ins Hirn — wenn er doch sich ausziehen wollte und ins Bett kommen — dachte sie dunkel und wagte sich nicht zu bewegen.

Plötzlich aber schrak sie wild in die Höhe. In sein Gesicht war dieser Ausdruck gefahren, der sie seit Wochen schon erschreckte und krank machte, dieses schwere geplagte Kauen, wie wenn einer reden will und zu reden glaubt, und es ist keine Sprache in seinem Mund; auch im Schlaf hatte sie es oft an ihm gesehen, und dann war er aufgesprungen und hatte sie angefaucht: »Ich muß fort« — das war es immer —, »ich muß fort« — und jetzt stand er mit diesem wilden Angesicht wie beim Erwachen dicht vor ihrem Bett, nur viel härter war es jetzt und fest entschlossen klang die Stimme, als er ihr die Hand hinhielt und sagte: »Ich geh’.« Dann zog er die Hand noch einmal zurück, ging zur Tür und stippte die Finger ins geweihte Wasser, daß es aufspritzte. Seine Augen glänzten matt und undurchsichtig wie schwarze Kohlen, als er ganz ruhig wieder an ihr Bett ging. Er tropfte das Wasser ab. »Es schad weiter nix«‘ sagte er dabei und dachte einen Augenblick nach. »Ich komm’ bald wieder«, sagte er dann, drückte ihr die schlaffe warme Hand und schritt mit klappernden Absatzeisen zur Tür hinaus.

Ihr war wie einem, der im Schlaf einen schweren Druck verspürt, eine Faust an der Gurgel oder ein Knie auf der Brust, und will schreien, sich wehren, sich erheben, aber der ganze Leib liegt wie in Totenstarre, die Glieder haben keinen Willen, der Mund keine Stimme, nur der Kopf ist wach mit all seinen schreckhaften Gesichten.

Als sie endlich den ersten Laut ausstieß, glaubte die Viehmagd unterm Dach, die Kuh würde kalben, fuhr hoch und rannte in den Stall. Der Nachbar, Bürgermeister, ein alter Mann, den der Mond nicht schlafen ließ, stürzte im Hemd ans Fenster. »Wo brennt’s«, schrie er, »wo brennt’s?!« Da sah er die Frau aus der Tür jagen und wie verrückt, immer hell schreiend, im Kreis um sich selbst rennen. »Der Schorsch«, verstand er nur immer, »der Schorsch!« Der Bürgermeister sprang hinunter, weckte seinen Bruder. Beide trabten wie scheue Ackergäule in den Hof. »Was«, schrie der Bruder, der noch besser hörte, »der Schorsch ist fort?!« — »Er muß schon am Wäldche sein«, greinte und jammerte die Frau, »gleich ist er fort!!« — Zwei Mägde und ein altes Weib hatten sich dazugesellt, jetzt lief alles los, auf die fahl schimmernde Landstraße hinaus, von der ein Fußpfad abschwenkte in den schwarz ragenden Hochwald. Die Greise vorne dran, in lang flatternden Nachthemden, dann die Weiber, zuletzt, von lautlosem Schluchzen geschüttelt, die Frau. Keiner wußte recht, worum es ging, aber als gleich hinter der ersten Wegbiegung Seufferts hohe Gestalt sichtbar wurde, begannen sie alle zu schreien, wie wenn ein Stück Vieh ausbrechen will, und rannten auf ihn zu.

Seuffert drehte sich drohend um. »Kehrt, marsch, marsch!!« schrie er, als hätte er Rekruten vor sich. Aber der Bürgermeister hatte ihn schon am Rockzipfel erwischt. »Willst du heimkomme!« schrie er —, »willst du heimkomme!!« Seuffert schüttelte ihn ab. »Geht niemand was an«‘ sagte er leise. »Hab’ ich dich dazu reklamiert!« zeterte der Bürgermeister, und verstummte plötzlich vor Seufferts wildem Gesicht. »Ihr Saubauern«, sagte der knurrend. »Ihr versteht nix.« Dann fuhr er der zitternden Anna Barbara übers Haar. »Geh heim«‘ sprach er ruhig. »Leg dich schlafe.« Sprach’s und setzte seinen Weg fort, ohne sich noch einmal umzudrehen. Die ganze Gesellschaft glotzte ihm stumm und verdutzt nach. Anna Barbara, mit dem Rücken an einen Baum gelehnt, hatte aufgehört zu weinen und hielt mit blasser Hand ihre Nachtjacke über der Brust zu. Zwischen den beiden riesigen Tannen, die den Abstieg zur Brücke säumten, stolperte Schorsch Philipp Seuffert über eine Wurzel. Er stolperte wirklich wie ein leibhaftiger Mensch, daß der Stahlhelm schief rutschte, stampfte mit dem Fuß auf, setzte den Helm gerad und verschwand. Das war das letzte, was man von ihm sah. Sommer, Herbst und Winter strichen hin.

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Ja, die Nüsse wurden reif und die Äpfel geerntet, bald gab es Treibjagd mit fernem, dünnem Klappern und gelbem Gejohl, die Stoppelfelder lagen stachlig verödet, von blau zitterndem Rauch überschwelt, der Buchenwald verrostete, flammte feurig auf, sank raschelnd herunter, klaffte schon kahl. Die Blätter fielen, manche schwebten herab in leise schaukelnder Drehung, andere fegten in dürren, knatternden Scharen ein trockenes böses Sturmhusten. Wilde Kastanien fielen herab und kullerten glänzend braun aus der stachligen Hülle. Die letzten Kartoffeln waren bald aus der Erde gebuddelt. Dicke Nebel begannen den Tag, bis die Sonne sich durchfraß und Baumkronen, Hausgiebel, Bergränder mit zarter Klarheit in die rauchige Luft hob. Die Tannen standen unverändert, schwarzgrün und kühl. Dann kam der November, mit schweren Regengüssen und wildem Rüttelwind, der Bach hatte schlammgelbes Wasser, und die Blätter auf den Wegen verfaulten schon. Der Krieg war aus. An den Mauern des Spritzenhauses klebten Anschläge mit gedruckten Aufschriften, Männer in dicken Mänteln kamen von der Stadt und versuchten Vorräte zu kaufen, mehr denn je, mit denen die Bauern gierig und mißtrauisch hinterm Berg hielten; einmal auch war ein Mann da, der redete vor dem Gemeinderat und dann auf dem Dorfplatz in einem schrillen Ton mit vorgeschobenen Zähnen und mit einem Dialekt von drüben, jenseits des Rheines. Den hörten die Bauern mißtrauisch und blinzelnd an, indem sie bei den gemarkungsfremd ausgesprochenen Wörtern boshaft unter sich schielten.

Nach und nach kam der und jener heim, mit seinem Entlassungsschein in der Tasche, andere waren schon ohne Schein gekommen, und niemand hatte darnach gefragt. Sogar ein paar Pferde kamen wieder ins Dorf, die Äcker wurden zur Wintersaat von richtigen Männern gepflügt, und manche Frau, deren Mann unterm Holzkreuz verscharrt lag, ging jetzt mit einem, dem die Frau an der Grippe weggestorben war, oder mit einem der Jungen, die als Erben heimkamen. Kurz nach Weihnachten kam Anna Barbara nieder, sie nannte den Jungen Schorsch und trug ihn an ihrer Brust, die kaum genug Milch geben konnte für seinen prachtvollen Durst. Draußen knirschte der Schnee unterm Schuh. Von Schorsch Philipp Seuffert keine Spur.

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Als der im Sommer den Jägerweg vom Gebirge herabschritt, standen die Dämmerwolken reglos über der Mainebene wie eine schiefergraue Wand. Nach und nach wurden die Landstraßen wach, Wagen kamen vorbei, ein Trupp blasser übernächtiger Soldatengesichter von der Übung oder vom Wachdienst, dann ratternde Lastautos, vollbepackt mit verdeckter Ladung in der Nähe des Fabrikstädtchens, bei Höchst die stumpf trottenden Scharen der Arbeiter, grünwangige Männer auf dem Weg zur chemischen Fabrik, viele Frauen mit hohlen Gesichtern, und dann, in der Nähe der großen Stadt Frankfurt, jagten schlanke Kraftwagen vorbei, Staub und Schottersteine spritzend, in denen lässig zurückgelehnt, in Silbergrau und graugünen Mänteln, Stabsoffiziere und Ordonnanzen saßen. Am Fuß der Eisenbahnbrücke machte Schorsch Philipp halt. Seitab vom Weg setzte er sich hinter einen Strauch, wo ihn niemand beobachten konnte, holte aus dem Brustbeutel einen älteren Urlaubs- und Fahrschein heraus und kratzte mit dem Federmesser einige Daten herunter, die er dann mit befeuchtetem Tintenstift umständlich und vorsichtig nachmalte.

Dann ging er weiter, ohne sich in der Vorstadt irgendwo aufzuhalten, geradeswegs zum Hauptbahnhof, wo er sich erkundigt, wann der nächste Urlauberfrontzug nach Südosten abging. Bis gegen Abend, sagte man ihm, müsse er warten, und er setzte sich in den heißen staubigen Wartesaal dritter Klasse, kaute an seinem mitgenommenen Brot und dämmerte vor sich hin. Unentwegt gingen und kamen Soldaten den Tag über, viele schliefen langhingestreckt auf den harten Bänken, andere tranken zusammen aus den Flaschen, die man ihnen zu Hause eingepackt hatte, und redeten miteinander laut und scheinbar unbekümmert. Wieder andere, die auf der Durchreise warten mußten, liefen ruhlos umher und stießen fluchend an die überall abgelegten Gepäckstücke. Von Zeit zu Zeit wurde ein Zug ausgerufen, es klang wie der scharfe Ton des morgendlichen Weckens in der Kaserne, dann fuhren Paare, die in den Ecken saßen, wie ertappt auseinander, Hände verklammerten sich, während die Körper der Frauen zuckend neben den schwer schreitenden, breitrückigen Körpern der Soldaten gingen. Auch Bahren und verhängte hölzerne Kisten wurden vorbeigeschleppt, kurz abgesetzt, weitergetragen, von Sanitätern und Schwestern begleitet. Einmal marschierte draußen ein ausziehendes Regiment auf, mit einer starren, klappernden Musik und blechernem Gesinge. Die Stimmen der Knaben und älteren Männer hatten etwas Breiiges, knochenlos Verweichtes, viele waren heiser und ohne Ton. Züge stampften, fauchten, verschnauften fern. All dieses Geschehen drang in Seufferts Auge und Ohr kaum ein, ging gleichgültig an ihm vorüber. Indem er in langen Pausen die Namen fremdsprachiger Bahnstationen aus seinem Gedächtnis klaubte, lautlos im Mund formte — Namen, die immer näher und deutlicher zu seinem erstrebten Ziel führten —, sah er hinter halb geschlossenen Lidern und hörte mit tief gesenktem Kopf die Vorgänge und Ereignisse eines dumpfwachen Stück Lebens, das lang hinter ihm lag, aber in Traum und Wachen ihn verfolgte, wie etwas, das angefangen und nicht zu Ende ist, sondern wächst und wächst, unaufhörlich, bis es abgetan und vollbracht wird. Sich selbst sah er in der fremden, hell umlichteten Überdeutlichkeit der Träume, und das, was aus ihm kam als Tun und Werden, das, was vorging, und das, was blieb, was bestand wie er selbst, drängend und fordernd solang er lebte, was ihn verfolgte in seinen wolkigen Gedanken und in seiner stillen, klaren Überlegung, was er nicht sagen konnte und was ihn nicht ruhig werden ließ. Eine Zeitlang war es ganz in ihm verschüttet, das war nach seiner ersten Reklamation, als er damals wieder verspürte, was die Arbeit in den eigenen Feldern war, und als er dann zum zweitenmal fort mußte, zu einem fremden Regiment, auf einen anderen Kriegsschauplatz, wo jeder in dem ewig gleichen Lehm und der ewigen Todesangst vor den Geschossen sein Gesicht verlor und stier dahinlebte.

Jetzt aber, seit er ganz zu Hause war und wohl nicht wieder fort gemußt hätte, und seit er das entdeckte an seinem Weib, was er früher oftmals erfleht hatte, ging es ihm gewaltig wieder auf und ließ ihn nicht los. Da war auch niemand, mit dem er es hätte besprechen können, denn die Beichte wollte er nicht mehr besuchen, seit ihm ein Geschoß seinen Bruder zerfleischt hatte. Und das Weib, Anna Barbara, durfte wohl noch nichts wissen von alledem, während sie trug und es in ihr wuchs und das alles noch dunkel und ohne Frieden war. Manchmal kam eine Karte von einem Kameraden seines alten Landwehrregiments, das stand immer noch an der gleichen Stelle, dort, wo das große Rußland in waldigen Steilgebirgen an den zersplitterten Balkan stieß. Auf der Karte stand der immer gleichbleibende Gruß der Soldaten, aber für Seuffert klang noch etwas anderes, Geheimes, mit, wenn er da las: »Hier geht alles noch gut —.«

Dann sah er, wie heut im Wartesaal, sich selbst deutlich einhergeben, durch das kleine Dorf, kaum erobert, das so seltsam dem heimischen glich und doch fremd war in jedem Stein am Weg und jeder Ackerkrume. Sah sich in diesem Haus, wo er Quartierältester war und wo eine breite junge Frau abends die Suppe vom Feuer trug, eine Frau mit Händen und Haaren, ähnlich wie die seiner eigenen Frau zu Haus und noch ähnlicher denen seiner toten Mutter, und bäurisch wie diese, bäurisch wie er selbst, bis in die Haltung des Löffels beim Mahl und in den Tonfall beim Singen und Reden in der fremden Sprache. Was dann kam, sah er nicht, denn es war ein Leben, wie er es lebte von Jugend auf: die Feldarbeit durch einen Lenz und einen Sommer, und nur im Herbst ward es anders, weil der Frost früher einsetzte und härter fiel. Dann aber, gegen das zweite Frühjahr, das Kind in den Armen der Frau, nach einer langen Wehnacht, und später das Kind in seinen Armen, wenn er am Bett saß, und er hörte das helle Schreien des Kindes in dieser Hütte, die viel ärmer und kleiner war als die seine im Taunus — hörte es noch draußen auf der Landstraße durch den Wald, als er dann abzog, ohne Abschied, zum erstenmal reklamiert nach Hause. Das war im Frühjahr des sechzehner Jahres, und der zweite Sommer ging seitdem zur Neige. Schorsch Philipp Seuffert wußte nichts mehr von dem fremden Dorf außer den Feldpostkarten, die manchmal kamen, und auf denen stand; »Hier noch alles gut«, oder »Hier noch alles beim alten.« Jetzt mußte er hin. Er hatte keinen Plan dabei, und keine Absicht wußte er deutlich. Aber er mußte hin, mußte dorthin und nach dem Rechten sehen, eh’ er sich freuen durfte an der guten Hoffnung zu Haus. Wie er nun saß und alle die Namen kaute, die ihn im Weg näher brachten dorthin, war er zum erstenmal wieder leicht und ungeplagt. Auch den Namen dieser Frau schob er auf seine Zunge, aber ihr Gesicht sah er nicht mehr, kaum noch ihr Bett, nur das Kind, das noch kein Gesicht hatte, aber sein Blut und seinen Atem.

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Am Nachmittag war Schorsch Philipp Seuffert etwas eingeschlafen auf seinem Stuhl, aber plötzlich wurde er wach, mit einem schreckhaften Gefühl, als ob sein Zug jetzt ginge oder ein Unglück draußen passiere. Aber es war noch früh, und er stand auf und reckte die Glieder. Da hörte er, wie wohl schon vorher dunkel im Schlaf, ganz nah und deutlich seinen Namen sagen. Und gleich darauf war er umringt von Männern, die er anstarrte, als stiegen sie im Leichenhemd aus der Erde, als sprängen sie im Traum aus seinem Kopf. Das waren die Männer, von denen die Postkarten manchmal kamen, die Karten mit den immer gleichen Worten aus dem fremden Dorf, aus diesem Dorf, in das er hin mußte.

Und wie sie ihn lachend umdrängten, mit Fragen, Zurufen, Anreden, auf die er nicht antworten konnte, pfiff draußen ein Zug, und alle sprangen auf, schoben, zogen und stießen ihn mit, den sie noch für schlaftrunken oder für weintaumelig hielten, schleppten ihn hinaus in die große Bahnhofshalle, wo noch mehr ihn empfingen mit Zuruf und Geschrei, und wo ein Offizier ihm auf die Schulter klopfte und ihn willkommen hieß.

»Einsteigen!!« schrie plötzlich einer, und alle stürzten auf die offenen Abteile zu, rissen ihn mit. »Nein, nein«‘ stammelte er, ohne all das noch zu fassen, und plötzlich wild aufstampfend: »Nein, nein, ich will nicht, ich fahr nicht mit!!« Aber schon hatten ihn ein paar Arme gepackt, hinaufgezogen übers Trittbrett, unter dem schon die Steinkante des Bahnhofs verschwand. Gesichter, die eben noch gelacht hatten, wurden ernst, finster. »Mach’ kei’ Sache, Schorsch!« sagte einer leise, begütigend. Die anderen starrten verbissen vor sich hin. Beklommenes Schweigen herrschte, die Räder stampften, und Schorsch, der mit steifen Gliedern auf eine Holzbank gesunken war, begriff langsam: sein altes Regiment war auf dem Durchmarsch, fort aus dem fernen Dorf in eine andere Front, gerad heute kam es durch diesen Bahnhof, und man hatte sein Erscheinen in voller Ausrüstung und zu dieser Stunde so gedeutet, als sei er zum Regiment zurückkommandiert und solle es befehlsgemäß heute und hier treffen. Dann, seinen plötzlichen Widerstand, das kannten alle diese Männer, die hier um ihn saßen und schwiegen und in sich selbst etwas bohren und schneiden spürten. Das kannten sie, und das würgten sie ab, bei den anderen wie in sich selbst, und so saßen sie um ihn her, um ihn, dem sie die Postkarten geschrieben hatten, als Kameraden und als Fremde, unter denen er verlassen war und fern von seinem Ziel. Der Zug stampfte in eine ruhlos durchblitzte Nacht. Sie fuhren gegen Westen, an vielen Bahnhöfen vorbei.

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Als man sie auslud irgendwo vor einem leise rollenden brodelnden Himmel, von dem der Regen wie dünner Sand herabrann, war Seuffert schon fest in die Kompanie eingereiht und hatte seine Korporalschaft wie einst. Er wehrte sich nicht und lehnte sich nicht mehr auf. Auf seinem Schein, dessen Datum er selbst auf den jetzigen Monat verändert hatte, stand: »Zum Regiment zurück.« Da gab es kein Ausweichen und keine Erklärung. Aber er bedachte das kaum. Ihm war, als habe ihn etwas umkrallt in der Brust innen und er mußte schweigen. Nur um seine Lippen saß ein verstockter Trotz, und manchmal irrten seine Augen vom Wege ab, den er seine Korporalschaft frontwärts führte, als suchten sie in den zerstampften Feldrändern und Häusertrümmern eine Lücke zur plötzlichen Flucht. Aber der erste Abend kam, und sie lagen im Biwak einige Kilometer hinter der Front in einer Landschaft, die schon zwei Jahre vorher die Schlacht kahl gefressen hatte, auf den Grundmauern eines Dorfes, die nur noch an einigen umherliegenden Backsteinen zu erkennen waren, und an den Stümpfen der beim ehemaligen Rückzug gefällten Obstbäume. Auf den Trümmern einer Baracke lagen sie, die in der Nacht vorher eine Fliegerbombe zerschmissen hatte, samt all ihren Insassen, und auch in dieser Nacht dröhnten die Motore niedrig über der stetig zitternden Erde, krachten und schütterten da und dort krepierende Bomben, bellten die Abwehrgeschütze und ließen ihre Schrapnells fern, hohl, in der rauchigen Luft zerplatzen, meckerten abgehackt die Maschinengewehre. Die ganze Nacht über waren die Straßen erfüllt von rasend marschierenden Truppen, die sich den Weg versperrten, vor- und zurückeilend, Geschütze donnerten immer näher, Geschrei und Getöse war, manchmal grundlos verstummend, manchmal entsetzlich aufbrüllend. Nur wenige Männer fanden in dieser Nacht den Schlaf, obwohl sie den ganzen Tag marschiert waren. Gegen Morgen wurden sie von atemlos herbeistürzenden Ordonnanzen alarmiert, alles rannte durcheinander nach Zeug und Waffen, kaum fanden sich die Korporalschaften zusammen, wie man war, wurde man vorwärtsgetrieben von wild verstörten, unsicheren Kommandos, mitten durch zurückflutende keuchend abgekämpfte Truppenreste rannte man über die aufgeweichten Felder, irgendwo war eine Stellung angedeutet, quer übers Land gezogen eine kaum einen Spatenstich tief ausgehobene Furche, da begann man mit fliegender Eile zu schanzen, Erde zum Wall aufzuwerfen, sich einzuwühlen, jeder, wo er stand, indes schon Kugeln wie blinde ziellose Vögel sirrend und schrillend umherirrten.

Dann ging die Sonne auf, das Donnern der Geschütze schwoll furchtbar an, mächtige Erd- und Rauchkrater wirbelten überall empor, sonst war das Land weithin plötzlich wie ausgestorben, wie eine tote Landschaft auf einem längst verglühten Gestirn, indessen gasiger Luftschicht kein lebendiges Wesen zu atmen vermag. Dünn gesät lagen die deutschen Soldaten in den flüchtig aufgeworfenen Erdlöchern, wußten kaum, wo Freund oder Feind war, einige Batterien fuhren aufs Geratewohl auf, um sofort von mörderischstem Granatfeuer überhagelt zu werden, und von den Fliegern wie von wilden Wespenschwärmen überfallen, indes auf der Seite des Gegners, kaum gestört durch den maßlos unterlegenen Apparat der deutschen Truppen, ungezählte frische Regimenter und Massen ungenutzter, ungeschwächter Maschinen in den Kampf zogen. Dies war der erste Tag des großen entscheidenden Durchbruchs durch die deutsche Westfront. Seufferts Landwehrregiment, das seit mehr als drei Jahren in friedlicher Stellung im Südosten gelegen hatte, geriet mitten in dieses todgeladene Verderben, in dieses wahnsinnige Zertrommeln aller menschlichen Widerstandskraft, das die frischsten und abgestumpftesten Nerven gleichermaßen zerriß. Bleich und käsig wie Leichen lagen die Männer in ihren kläglichen Deckungen, von denen eine nach der anderen zusammengestampft und in ein schwärzlich rauchendes Grab verwandelt wurde. Ersatzleute, die zu ihnen stießen, waren berelts von wochenlangen Kämpfen zermürbt, vom Hunger geschwächt, von Verzweiflung und Ingrimm entmutigt. So stieben sie, als am Nachmittag plötzlich wie riesige Käfer erdgraue Tanks von allen Seiten den Horizont überkletterten, die Äcker überschwemmten und fauchend heranstampften, wie Spreu vorm Sturm auseinander und rasten, taumelten, stolperten, stürzten zurück, jeder allein, in einer hilflosen, haltlosen Einsamkeit, um zerbrochen niederzufallen, wo irgendeine rückwärtig verteidigte Stellung sie aufnahm oder der nachdrängende Feind sie ereilte.

Seuffert selbst erlebte das alles kaum. Er schwankte mit wie ein Betrunkener in einer Reihe von Kranken, er blieb, wo er lag, und grub sich ein, schoß oder lud sein Gewehr, war einige Stunden hindurch mit einem Trupp übermenschlich sich verteidigender Männer zusammen in eine Grubenenge gepfercht, aus der es kein Entrinnen gab, und wurde mit all diesen von Offizieren der siegreich vordringenden Feindesmassen entwaffnet. Dann lag er in einer Art von Starrschlaf, der die meisten befallen hatte, Wie ein Toter auf der Erde, bis man sie auftrieb und in einer Reihe mit vielen anderen Gefangenen hinwegführte. Man brachte sie nicht weit, die meisten brachen bald wieder zusammen, auch die Soldaten der Gegner waren zu Tode erschöpft, der Abend sank schon herab, der Schlachtlärm verebbte langsam und nur noch wenige Granaten heulten, man umgab sie in einer verlassenen Artilleriestellung mit Stacheldraht und verteilte Brot und Wasser unter sie. Plötzlich bemerkte Seuffert unter seinen Mitgefangenen, die er zuvor kaum angeschaut hatte, einen der Kameraden aus dem Dorf in der Ferne, es war der, von dem er die Postkarten bekommen hatte und der damals mit ihm in der gleichen Hütte gelebt hatte, in der dann das Kind schrie. Seuffert trat zu ihm hin, der auf dem Gesicht lag und schnarchte, rüttelte ihn auf, drehte ihn um, beugte sich zu ihm nieder und sagte zu ihm: »Ich muß fort.« Er sagte es so, wie er es vor Tagen zu seinem Weib in der Kammer gesagt hatte, so hart und bestimmt, daß der gefangene Soldat Schlacht und Erschöpfung vergaß, sein Gesicht ihm voll zuwendete und ihn fragend ansah. Und Seuffert, als sei in ihm ein Damm gebrochen, eine Wand geborsten — wie ein Stummer, dem ein Schreck oder eine Freude plötzlich die Sprache gibt —, sagte hier als gefangener Soldat dem gefangenen Kameraden die Geschichte seines Aufbruchs und all seiner Not. Der hörte ihn ganz zu Ende, als begreife er alles. Dann sagte er, indem er sich enttäuscht und ermüdet abwandte: »All das wegen dem russischen Weibsbild.« Seuffert verstummte, sein Gesicht wurde trüb und bös.

Er schlief nicht ein. Inmitten dieser Schlacht und ihres Verderbens saß er da, ganz in sein eigenes Schicksal vergraben und verwühlt. Er starrte auf den fahlen flackernden Streif der mählich beruhigten Front. Die lag jetzt im Osten.

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Mitten in der Nacht entfloh er. Die Wachmannschaft war eingeschlafen. Es dachte auch wirklich kein anderer Soldat an Flucht unter diesen zu Tode gehetzten Schlachtopfern. Durch die vielfach zerrissene, kaum erst gezogene Frontlinie kam er unbemerkt. Auch durch die eigene Front, in der es von versprengten und zurückflutenden Soldaten wimmelte. Der fortschreitende Rückzug und das Debakel kamen ihm zugut. Wer wußte noch, wo die Reste seines Regiments steckten, wer dachte noch daran, ihn zu fragen? Auf rückwärts dampfenden Materialzügen, auf den Dächern der Lazarettwagen, an Puffer und Trittbrette geklammert kam er durch Frankreich. In Belgien wurde er auf einer Sammelstelle für Versprengte, in die ihn der Hunger getrieben hatte, zu einer Ersatzabteilung eingeteilt, entfloh in der gleichen Nacht. Mit einigen Deserteuren zusammen fuhr er auf einer herrenlosen Lokomotive ostwärts. Landstraßen, Städte, von Truppen überschwemmt, Lager in wilder Auflösung, Kolonnen in Flucht, Meuterei in verluderten Etappenbataillonen, die frontwärts fahrende Verpflegungszüge überfielen, plünderten, Aufziehen der roten Fahnen über einem Gefangenenlager, all das zog und flog an ihm vorüber, haftete nicht, bannte kaum Sekundenlang das Bild und den Drang aus seinem Innern. Durch Deutschland kam er mit Papieren, für die er einem Regimentsschreiber sein letztes Geld gegeben hatte. Der letzte Zug, der deutsche Soldaten nach Südosten fuhr, trug ihn dem Ziel entgegen. Beinah zwei Monate waren vergangen, seit er aus dem Heimatort und von seinem Weib aufgebrochen war. Jetzt wurden die Namen, die er im Bahnhof damals aus seinem Gedächtnis erweckt hatte, leibhaftig und wuchsen vor ihm auf.

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In den ersten Wochen, als Anna Barbara Seuffert ihr Kind stillte, kam eines Tages ein Mann vom nächsten Dorf herübergewandert und klopfte an ihre Tür. Er war gerade aus der Gefangenschaft zurückgekehrt, und sie erkannte ihn als einen der Kameraden, die einst mit Seuffert zusammen ausgerückt waren. Er sollte ein guter Hufschmied sein, auch Ackergeräte besserte er aus und hatte mehrere Gesellen.

Der setzte sich auf die Bank ihr gegenüber und blieb lange da, er sprach nicht viel, starrte nur vor sich hin und nickte manchmal mit dem Kopf. Sie saß mit Näharbeit, blickte kaum davon auf. Plötzlich nahm er das Bild, das vor ihr auf dem Tisch in einem Rahmen stand: Seuffert war es in seiner Friedensuniform, mit Helm und Gewehr. Er betrachtete es genau und blies etwas Staub vom Rahmen. »Schade«, sagte er dann. »Schade um den.« Anna Barbara sah auf, es war, als lächle sie, ihr Gesicht war ganz ruhig. »Der kommt wieder«, sagte sie fest. »So, so«, sagte der Mann nachdrücklich. Dann, nach einer langen Pause, fuhr er fort: »Ich hab’ ihn gesehen zuletzt.« Die Frau fuhr auf. Wortlos starrte sie ihn an. Und langsam, schwer nach dem Wort suchend, erzählte der Mann ihr von der gemeinsamen Gefangennahme an jenem Durchbruchstag und wie er dann in derselben Nacht verschollen sei. »So ist es«, sagte er zum Schluß. »Und wer ihm wohl will, der tut gut, wenn er die Totenmesse bezahlt.« Aber die Frau, die ihn mit keinem Laut unterbrochen hatte, sagte wieder ruhig: »Der kommt wieder.« Der Mann begann noch einmal ausführlich alle Chancen aufzuzählen, die für Seufferts sicheren Tod sprachen. Die Frau schien ihm kaum zuzuhören. »Er lebt«, wiederholte sie nur manchmal, und ihr Gesicht wurde immer ruhiger, fast freudiger. Dem Mann wurde es kühl und unheimlich im Innern. Stumm saß er da und fand nur das Wort nicht, um zu gehen. Später stand sie auf und holte das Kind herein, machte die Bluse auf und legte es sich an die Brust. Er wagte kaum hinzusehen, tat es aber doch verstohlen. Schließlich stand er auf. »Ja«, sagte er, »vielleicht lebt er doch noch.« Die Frau lächelte mit vollem, nacktem Gesicht. Da ging er schnell.

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Seuffert fuhr mit dem Zug der Karpaten- und Balkantruppen bis zu jener kleinen Bahnstation unweit der russischen Grenze, von der er damals, im Frühjahr vor zwei jahren, abgereist war. Es war nur noch ein kleiner Rest der deutschen Besatzung dort vorhanden. Diese wenigen in erhöhter Alarmbereitschaft, denn man hatte schlechte Nachrichten, die ehemaligen Bundesgenossen waren abgefallen, die Bevölkerung ringsum feindlich, der Abmarschbefehl in die Heimat wurde täglich erwartet, da und dort waren Gefechte mit plötzlich auftauchenden fremden Abteilungen im Gang.

Seuffert kümmerte sich wenig um all diese Nachrichten, ließ sich auf dem Bahnhof verpflegen und setzte sich in Marsch, zu Fuß, nach dem ziemlich weit abgelegenen Dorf. Am nächsten Tag erst kam er an die Stelle, wo sie damals gekämpft hatten und wo der Waldweg direkt zur Ortsgemarkung führte. Dort setzte er sich nieder und rastete kurz. Eine seltsam fiebrige Erregung war über ihn gekommen. Und zu gleicher Zeit eine tiefe entnervende Ermattung. So dicht vorm Ziel, stieg in ihm langsam, noch ohne klares Wissen darum, die Frage auf nach diesem Ziel und nach seinem Zweck und Ende. Wieder überkam ihn jenes eisig heiße Rieseln, das er damals als Gefangener verspürte, nachdem er dem Kameraden alles erzählt hatte. Etwas von Angst war darin und eine dumpfe Lust. Das Weib, dessen Namen er kaum mehr aussprechen konnte, und das Weib in der Heimat, Anna Barbara, das auf ihn wartete jetzt, all das war eines für ihn, wie die Äcker, die er hier oder dort gepflügt hatte. Und das Kind, das damals schrie, und das Kind, das die im Taunus von ihm trug, beides brannte in ihm und ließ ihn nicht los und mußte zusammenkommen. Er stand auf und ging langsam weiter. Als er in den Wald einbog, wehte der Klang von Schüssen an sein Ohr. Gleich darauf das Rattern eines Maschinengewehrs, dann das Brodeln lebhaften Infanteriefeuers. Bestürzt blieb er stehen. Da schlug ein roter Schein durch die Baumschatten, aus der Richtung des Dorfes, ein flammender roter Brandschein, und Seuffert begann wie ein Rasender zu laufen. Da, wo der Wald zurücktrat und die Felder begannen, kamen ihm deutsche Soldaten entgegen mit rauchenden Gewehren. Er lief an ihnen vorbei, ohne sie zu fragen. Das Dorf stand in hellen Flammen. Dunkle Gestalten rannten vorm Feuerschein, grell überflackt, schrien, warfen sich nieder, schossen Gewehre ab. Ein vorüberlaufender Soldat packte ihn am Arm. »Nicht ins Dorf!« schrie er. »Sie haben uns überfallen!« Aber Seuffert riß sich los, hatte schon die ersten Häuser erreicht, lief mitten durch ein brennendes Gehöft und stand vor der Hütte, deren Strohdach schwelte. Unter der Tür lag ausgestreckt auf dem Gesicht der starre Körper einer Frau. Ihre Hand hielt ein großes Holzbeil umklammert. Aus dem Hinterkopf überm Genick sickerte Blut. Seuffert setzte mit einem Sprung über die Leiche weg. Aus dem Innern der Hütte hörte er einen Laut. Das Kind saß am Boden, fast unbekleidet, als solle es schlafen gehn, weinte vor sich hin. Er nahm es auf den Arm, es wehrte sich nicht. Draußen begann das Feuer aufjohlend über die Dachbalken abwärts zu springen. Seuffert raffte ein paar Kleider und Decken zusammen, die verstreut umherlagen. Dann verließ er, ohne zu laufen, mit dem Kind das brennende Dorf.

Im Wald stieß er wieder auf fliehende Soldaten. »Wirf den Balg fort, lauf, sie sind uns auf den Fersen!« rief ihm einer zu. Aber Seuffert ging ruhig und stetig weiter, als gebe es für ihn und das Kind keinen Feind. Jetzt aber pfiffen Kugeln um seinen Kopf, und gleich darauf streifte ein Schuß seinen Arm, daß das Blut herabtroff und er das Kind kaum noch halten konnte. Da ging er seitwärts von der Straße ins Gebüsch, setzte sich nieder. Von dort sah er, wie einer der letzten fliehenden Soldaten von zerlumpten Kerlen eingeholt wurde, zu Boden gerissen, mit Messern zerstochen. Da schlich er sich tiefer in den Wald, immer weiter, bis er das ferne Geschrei und das Gebrodel der Schüsse nicht mehr vernahm. Die Richtung hatte er längst verloren, immer dichter und wegloser stieg der Wald zu Wüsten Bergkuppen an. Es dunkelte, und er kroch mit dem Kind in ein Dickicht, wiegte es in Schlaf. Er hob seine karge Ration auf, um es in der Frühe zu nähren, und schlug es in seine Decken. In dieser Nacht fiel der erste Schnee.

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Gegen Morgen schrie das Kind, und Seuffert gab ihm zu essen, was er hatte, rieb seine Glieder warm und trug es an seinem Leib unter dem Waffenrock. Der Schnee hatte alles gleichgemacht im Wald, jede Spur war verwischt, keine Richtung zu merken. Mittags taute ein föhniger Wind und kurze schwüle Sonne ihn weg, aber die verschwand bald. wieder hinter schleppendem Nebel, und der zweite Abend kam, ohne daß Seuffert einen Ausweg aus dem Wald gefunden hätte oder eine Spur von Menschen. Aber Tiere sah er in großer Zahl, Hasen, Hirsche und Rehe liefen ihm über den Weg, fast ohne ihm auszuweichen, und in der kurzen Sonnenstunde kam er zum Schuß, traf und briet am Abend Fleisch für sich und das Kind. Als dieses ermattet eingeschlafen war, kroch Seuffert in eine nah gelegene Schlucht, die er vor Dämmerung gesehen hatte, aber mit dem Kind nicht mehr erreichen konnte. Ein Kienspan leuchtete ihm und die Sterne, die plötzlich knisternd und frostig aufsprangen. Er fand da die Reste einer hastig verlassenen älteren Truppenstellung, in den halb zerfallenen Geschützeinschnitten fand er einige Kisten zurückgebliebener Infanteriemunition, ein Unterstand mit festen Balken war in die felsige Erde gegraben, ein alter Herd darin, ein paar Bund fauligen Strohs, Holzscheite, ein Beil und Notkonserven in verrosteten Büchsen. Ratten fuhren rasselnd in die Ecken, Staub bröckelte mehlig herab. Dorthin brachte Seuffert das Kind, machte ihm ein Lager und zündete Feuer an. Dann legte er sich selbst zur Ruhe. Und es verging Tag auf Tag, der Schnee fiel herab in lautlosen Wolken, dick und feucht, fror in den Nächten zusammen und ballte sich höher in neuen rieselnden Tagen. Bald gab es Seuffert auf, nach Wegen oder Menschen zu forschen. Es war auch längst kein Mann mehr in diesem Land, der seine Sprache verstanden hätte, und kaum einer, der ihm geholfen hätte oder sein Leben geschont. Aber die Tiere gaben ihm reichlich Nahrung, er hatte genug Munition und lernte auch bald sie in Schlingen und selbstgebauten Fallen zu fangen, wie er als Kind im Taunus die wilden Kaninchen erjagt hatte. Das Kind aß von allem, was er brachte, und schlief nachts in seinem Arm. Zuerst hatte er kaum ein Wort von seiner stammelnden Sprache verstanden, und das Kind nur stumm und verstört seinen fremden Lauten gelauscht. Dann sagte er dem Kind den Namen des verbrannten Dorfes, den er noch wußte, und später den Namen dieser Frau. Da nickte das Kind und sagte ihm ein Wort, von dem er verspürte, daß es Mutter bedeutete. Und er sagte »Mutter« und lehrte das Kind dieses Wort, aber das Kind glaubte, daß er das sei und nannte ihn so. Oft weinte es anfangs, aber mehr und mehr vergaß es den dumpfen Kummer und was ihm fehlte, nur abends und wenn es fror, rief es oft klagend das Wort in seiner Sprache, das auch Seuffert bitter verspürte und voll Verlangen, denn es hieß Frau, wie es Mutter hieß. Sonst war das Kind heiter und von gesunder Kraft und wurde männlich weit über sein Alter durch die Nähe des Mannes, lief mit ihm durch den Schnee und lauerte an seiner Seite auf Wild, wie die jungen Füchse mit den Alten auf Beute lauern. Im Anfang sagte ihm Seuffert viele Worte für das, was es brauchte und empfand in seiner deutschen Sprache. Bald aber begannen sie beide, der Mann und das Kind, in einer eigenen Sprache zu reden miteinander, die es sonst nicht gab, sondern nur zwischen diesen beiden Menschen gesprochen wurde in der winterlichen Wildnis. So hatten sie viele Worte, und auch Spiele gab es da, sie brachen die glitzernden Eiszapfen ab vom Rand ihres Unterstandes und bauten Weiler damit auf den hartgefrorenen Schnee, bis die Sonne das Zaubergebäude in feurige Tropfen zerrinnen ließ.

Erst gegen Ende des Winters begann die Not. Seufferts Munition wurde knapp und gleichzeitig begann das Wild immer mehr zu verschwinden, teils durch die dauernde Jagd vorsichtig geworden, teils von der Kälte und dem Mangel an Nahrung verscheucht. Der Wind stand jetzt fast immer scharf von Nordost, wehte Eisnadeln in schneidenden Schloßen von den verharschten Bergrücken. Wölfe heulten bald nah, bald fern, und eines Tages liefen die Spuren schon dicht um den versteckten Unterschlupf. Da legte sich Seuffert nachts auf den Anstand, mit einem großen Vorrat seiner schwindenden Munition, schoß die kühnsten Tiere ab und verjagte die übrigen auf längere Zeit. Die erlegten Wölfe warenihm eine willkommene Beute, denn die mitgeschleppten Kleider des Kindes wie auch sein eigener Waffenrock hingen bereits in kaum mehr zu flickenden Fetzen herab. Aus den Wolfspelzen, die er mit dem Messer zerschnitt und mit Sehnen der Wolfsknochen zusammennähte, wie die wilden Völker der Nordlande es taten, machte er warme Kleidung für sich und das Kind. So half er sich, wie er konnte, und sie kämpften beide voll Mut, das Kind mit seinen schwachen Kräften, er mit aller Stärke eines Mannes, gegen die Entbehrung. Aber je weiter der Winter vorrückte, desto schwerer wurde das Leben für die Natur des Kindes, und als die Nächte begannen mählich kürzer zu werden, und der Orion am Abend tiefer stand, ging sein Atem oft schwer und keuchend, sein Körper war heiß und feucht im Schlaf, seine Augen lagen tief gehöhlt und der Puls flackerte fiebrig. Eines Nachts hockte Seuffert lange wach neben seinem Lager, starrte über den unruhig atmenden Leib hin. Der harte verbissene Zug von Trotz und Nichtredenkönnen war j etzt ganz aus seinem Gesicht gewichen. Offen und ohne Druck lag jeder Gedanke und jede Regung auf seiner klaren Stirn. Er sprach nichts, wenn er allein war, aber er dachte deutlich und mühelos.

»Das alles hat sein müssen«, spürte er, »damit dieses Kind lebt. Und damit ich selbst lebe und mein Weib und das Kind, das sie nährt, Jetzt aber darf der Tod nicht über uns kommen, wie er über die fremde Mutter kam.« Diese tote Frau, kaum kam es vor, daß er an sie dachte, war für ihn nicht anders wie der Feldrain, den man im Frühjahr pflügt, der Saat trägt im Sommer und der im Winter zerfällt. Und die dunkle schwindlige Lust, die ihn früher oft durchrieselt hatte, war von dem Kind und diesem Winter ganz aus ihm herausgebrannt. Er stand auf, reckte die Glieder, packte das Zeug zusammen. »Jetzt müssen wir gehen!« sagte er laut und beugte sich über das schlafende Kind. Tags zuvor war er auf einer weiten Jagdstreife zum erstenmal auf eine alte Wagenspur gestoßen, die durch den vom Wind locker gefegten Schnee schimmerte. Zwei starke Tragriemen hatte er sich aus Leder gemacht. Die hielten das Kind auf seinem breiten Rücken. Es lag wie ein künftiger Märzhauch in der klaren Morgenluft, als sie aufbrachen.

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Der Mann aus dem Nachbardorf blieb vor Anna Barbara Seufferts Haus lange stehen, dann kehrte er um, ging bis zum Wald zurück, trat vom Weg abseits unter die Tannen und holte die Karte wieder aus seiner Brusttasche heraus, um sie aufs neue halblaut und Wort für Wort skandierend zu lesen. Die Karte war ihm endlos nachgewandert, vom englischen Gefangenenlager zur deutschen Austauschstelle und endlich in die Heimat, wo sie ihn erreicht hatte an diesem hellen klirrenden Wintertag. Und es war ihm, als könnten aus der frostharten Erde gespenstische Pflanzen brechen oder böse Worte tönen aus den Brunnen am Weg, seit er diese Karte las.

»Bin entkommen. Fahre jetzt dorthin. Alles Gute. Seuffert.«

So stand es da in etwas verwischter, doch leibhaftiger Schrift, Poststempel von einer kleinen deutschen Stadt am Niederrhein. ‘ Oktoberende neunzehnhundertundachtzehn.

Er faltete die Karte in vielfache kleine Quadrate zusammen, daß sie ganz in die Ecke seiner Brieftasche verschwinden konnte, dann schritt er langsam und unschlüssig wieder zu Seufferts Haus zurück. Seit einigen Wochen kam er oft in dieses Haus, sah nach dem Vieh, half auch der Frau manchmal in der Arbeit, sprach wenig und nannte nie Seufferts Namen. Auch die Frau sprach nie von ihm, aber ihr. Gesicht war immer von der gleichen klaren Gewißheit erfüllt. Jetzt, als er über die Wiese kam, trat sie vor die Tür, als habe sie ihn erwartet, und winkte ihm zu. Der Glanz dieses Wintertages lag auf ihrem Haar und in ihren Augen, die über ihn wegschauten oder durch ihn hindurch, als stünde einer hinter ihm, der ihren Blick empfange. So stark war dieser Blick, daß der Mann unwillkürlich herumfuhr und verstört in die leere Luft starrte. Dabei zuckte seine Hand nach der Brustseite, wo die Karte verborgen war, aber er ballte die Faust fest zusammen und griff nicht in die Tasche.

Aber die Frau näherte sich ihm, legte die Hand auf seine Schulter, daß er heftig zusammenfuhr, und hing sich dann in seinen Arm, von einer ungewohnten zarten Frühlingsröte war ihr Gesicht überhaucht, eine leichte schwebende Lauflust sprang aus ihren Gliedern, wie ein junges Tier war ihr Leib, wiedergeboren und neu erstanden in doppelter Jugend nach den schweren Lasten der Geburt, ein Duft ging von ihr aus, wie von den Spitzen der Tannen, die von tauendem Schneewasser tropften, so lief sie dem Wald entgegen, wortlos, mit lachenden Augen, und der Mann, fast gezogen Von ihrer Hand, folgte ihr wie berauscht.

Es kam aber gegen Abend Nebel auf, plötzlich aus der Erde gurgelnd wie Kraterdampf, und als die Sonne rasch versunken war, quirlte es wie Rauch verwirrend, kreisend, zwischen den dunklen Bäumen.

Über Anna Barbara kam es wie heiße pressende Angst. Es war in der Nähe eines Wildfutterhauses, mitten im Wald, und es knackte überall im schwarzen Gebüsch, fern in der Suhle, in den vereisten Moorlachen, rumorten die wenigen Wildsäue, die noch in diesen Wäldern standen und deren Rauschzeit jetzt war. Sie klammerte sich an den fremden Mann wie an einen Baumstamm im Sturmwind und flüsterte ein Wort, das er nicht verstand, aber vor dem er sich fürchtete wie vor der Karte in seiner Tasche. Durch die Kleider und Röcke fühlte er ihren bebenden Leib, spürte er die fliegende Hitze ihrer Haut, und die Spitzen ihrer Finger bohrten ins Fleisch seiner Arme. Fester zog er sie an sich, und aus den ruhlos bewegten Büschen sprang etwas Böses, Grausames, Gewaltsames wie die fernen Brunstlaute der kämpfenden Keiler. Seine Hände schlossen sich krampfliaft um ihre Brust. Da sagte sie, und wieder erschrak er so furchtbar in seinem Rücken, als berühre ihn da ein glühender Atem — sagte sie deutlich und jedes Wort langsam hochhebend: »Jetzt seh’ ich ihn —!«

Der Mann fuhr von ihr zurück und lachte plötzlich laut, gezwungem künstlich, wie einer singt, der sich im Dunkeln fürchtet.

Sie schien es nicht zu hören.

»Ich seh’ ihn« — sagte sie und hob sich auf die Zehen, als müsse sie über ein Bollwerk wegsehen.

»Er ist im Wald«, sagte sie, »er wandert — das Kind auf seinem Arm —«

Der Mann wich zurück, mit vorgestreckten Fingern, als gelte es, einen Spuk zu bannen, bekreuzigte sich dreimal, rannte davon. Die Frau stand noch eine Zeitlang ganz still, alle Angst schien von ihr gewichen, nichts war auf ihrem Antlitz mehr übrig von den Schauern des. zweiten Gesichtes. Sie war nur müde vom Laufen, sah sich nach dem Manne um, dessen Arm sie jetzt nicht mehr halten konnte, und ging nach Hause, um ihr Kind zu stillen.

Der Mann verbrannte in dieser Nacht ein kleines, hartes, zusammengefaltetes Papier in der riesigen Glut seines Schmiedeofens.

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Unterm heulenden, jaulernden Tauwind, der in den Riesenwipfeln der Tannen ritt, erreichte Seuffert mit dem Kind den Rand des großen Waldes. Vor ihm lag eine gelbe, wellige Steppe, von einigen mageren Buschinseln durchsprengt, eine Wagenspur zog sich endlos über versandete Heidestrecken, ein feuchter Sprühregen fröstelte herab.

Kein Haus, kein Schutz vor Wind und Wetter weit und breit.

Aber in ihm drängte etwas, lieber auf dem offenen unbarmherzigen Plan dieser Steppe umzukommen, als noch länger das scheue dunkle Leben im feuchten Schoße der Wälder zu fristen. Er füllte sich kleines Holz in einen Sack, um Feuer machen zu können, setzte das Kind wieder auf seine Schulter und schritt mächtig aus. Bald war es ihm, als zittere fern über den dunstigen Himmelsrand ein Glimmen von heißer Luft, wie es große Feuer auftreiben. Auch glaubte er im schleifenden Wind Stimmen zu vernehmen, wie von fernem Geschrei und Gesinge. Aber zu sehr war sein Auge und Ohr an die tausend Truggebilde der Wildnis gewöhnt, zu oft hatten die Menschenstimmen knarzender Bäume, sickernder Bäche, gebrochener Winde ihn getäuscht und grausam verhöhnt. So schritt er still weiter, ohne Hoffen und ohne Verzweiflung, und wunderte sich kaum, als nach einer Stunde wirklich dunkle Gestalten am Horizont heraufjagten, die weder Wolkentrug waren, noch flüchtiges Wild, sondern wirklich und leibhaftig Männer auf Pferden, Männer mit dicken Mänteln, die Lanzen quer überm Sattel, Männer, wie er sie von den ersten Monaten des großen Krieges her kannte, wo ihr Erscheinen Kampf bedeutete, wildes erbittertes Schießen und erbarmungslose Wut: Kosaken.

Einer schien ihn bemerkt zu haben, winkte mit der Lanze, und sofort brauste ein Trupp geschlossen auf ihn zu, umringte ihn in einiger Entfernung, ritt dann, von allen Seiten ihn einkreisend, im leichten Trab heran. Seuffert legte sein Gewehr zur Erde, dabei berührte seine Hand den Boden, streichelte ihn kurz wie segnend, dankend, zärtlich fast, dann richtete er sich auf, nahm das Kind fest an seine Brust und sah den Ankömmlingen froh entgegen.

Aufkärungspatrouillen waren dies von den mächtigen Reiterscharen des roten Generals, die nach Süden zu das russische Land durchstreiften, dessen Grenze Seuffert schon überschritten hatte. Unweit von hier, inmitten der Steppe, war das Lager eines Hauptteils seiner Truppen, sie rasteten hier wochenlang auf dem Vormarsch zum Schwarzen Meer, wo noch große Landstrecken von der Herrschaft der weißen Gegengenerale befreit werden mußten. Kosaken waren das, wie sie im Schreckensjahr des Weltkriegsbeginns über die Ostpreußengrenze geschwärmt waren. Reiter auf Tod und Leben, Kämpfer aus Trieb und Beruf, aber sie standen nicht mehr im Dienst einer raubgierigen Macht, für die man kämpfte und für die man begeistert war, wenn sie den Sold erhöhte — sondern sie ritten und jagten jetzt gegen den Feind im Dienste des Volkes, das wußte und verspürte der letzte säbelbeinige Pferdebursch, der dumpfeste, rauflustigste Saufbruder — sie gingen gegen den Feind und hatten Lust an Treibjagden auf rennende Menschen, auf Plündern und Beute und Fraß und bezwungene Weiber, wie stets, aber sie spürten im Innern, wo der Stolz saß beim letzten noch und der Gehorsam und der treibende Ehrgeiz, daß es das Volk war, das mit ihren Waffen Krieg führte, Krieg so wild und roh, so hart und ungerecht, so hungrig und wutblind wie Kriege sind, aber es führte ihn nicht, um zu rauben, sondern es führte ihn, um zu leben. Das wußten sie.

Solche Männer waren es, die Seuffert umringten, und die mit einem Gemisch von Mißtrauen, Neugier, Staunen und Mitleid den fremden abgemagerten bärtigen Mann im Wolfspelz betrachteten, jenen seltsamen Christopher mit dem blassen Kind, an dessen Beinen noch die Stiefel und Kleider der deutschen Kriegstruppen waren und zu dessen Füßen die Soldatenflinte lag. Ein Unterführer nahm den Mann mit dem Kind zu sich aufs Pferd, er ließ es gern geschehen, obwohl sie ihm nicht sagen konnten wohin und er ihnen nicht sein Ziel nennen konnte. Aber alles war besser als die Verlassenheit und dies Wandern ohne Hilfe mit dem schwachen Kind.

Also kam Schorsch Philipp Seuffert und sein Kind zu den Truppen des Generals Budj onni. Der selbst war nicht bei diesem Heerlager, sein Hauptquartier war damals weitab in einer großen Stadt. Aber dem Lagerkommandanten, einem übergetretenen Offizier der alten Armee, führte man Seuffert vor. Der verstand nun Deutsch, aber aus den abgehackten Sätzen Seufferts konnte er nicht klug werden. Im Glauben, es handle sich um einen der entflohenen Gefangenen aus dem Weltkrieg, ließ er ihn zwar in Freiheit und wies ihm Verpflegung zu, fühlte aber keine Pflicht, seinen Weitermarsch zu unterstützen, sondern hatte Lust, den kräftigen Kerl in seine Truppe einzureihen, die für die kommenden Kämpfe skrupellos Kanonenfutter anwarb.

Seuffert seinerseits wurde aus den Äußerungen der Soldaten nicht klar, war aber von einer harten Entschlossenheit erfüllt, sich um keinen Preis, was man auch mit ihm vorhabe, von dem Kinde zu trennen.

Als man ihm das Kind nehmen wollte, zunächst nur in der guten Absicht, es den Schwestern bei der Sanitätskolonne zur Pflege zu übergeben, setzte er sich verzweifelt zur Wehr, war durch nichts zu bewegen, das Kind aus seinen Armen zu lassen, auch den halb scherzhaft, aber mit gefahrvollem Ausdruck auf ihn gerichteten Gewehrläufen hielt er stand, und bald sprach sich im ganzen Lager die Geschichte herum von dem wilden Mann und seinem Kinde. Neugierige drängten sich an das Zelt, in dem man mit Seuffert zu verhandeln versuchte, ein Kosak riß Witze über ihn und sang ein altes Lied vom Mann, der schwanger war und Mutter wurde, das Gelächter wollte nicht aufhören, und Seuffert stand, wie ein Tier im Käfig, mit trotzigen Lippen, entschlossen und unbeugsam, inmitten des Geschreis und Gejohles. Da trat ein kleiner weißbärtiger Mann durch die Menge, der die Uniform der einfachen Sanitätssoldaten trug, aber vor dem wichen alle zurück und zeigten Respekt vor ihm, mehr als vor einem hohen Offizier. Sein stilles, vielfach zerfurchtes Gesicht, das eines alten jüdischen Weisen, erfüllte auch Seuffert mit einem Gemisch aus Ehrfurcht und Vertrauen, und er ergriff die dargebotene Hand des Greises.

Dieser Mann, der einstmals Rabbiner in einer kleinen südöstlichen Gemeinde war, die bei einem der Pogrome zu Anfang des Krieges zugrunde gegangen war, lebte als Arzt, Pfleger und Dolmetsch bei den Reiterscharen des Volksheeres. Er hatte einen großen Einfluß auf die Führer der Soldatenräte und auf die einzelnen Männer dieses Heerbanns. Jeder, der sich nicht auskannte in einer Sache und den eine Not oder ein Zweifel packte, kam zu ihm und sagte ihm alles von sich. So ward dieser alte Mann immer weiter und klarer in seinem Wissen und Erkennen der menschlichen Dinge. Als nun dieser Mann lange Zeit allein mit Seuffert gesprochen hatte und von ihm alles gehört und genau erfahren, was zu seiner Geschichte gehörte — obwohl er nur das unreine Deutsch der östlichen Juden sprach und Seuffert nur den Tonfall seiner westlichen Heimat —, rief er am Abend noch den Rat der Soldaten dieses Lagers zusammen und erzählte ihnen von dem Mann, »der alles verlassen hatte und durch das kriegsdröhnende Land gegangen war, unberührt von den Gewalten der Vernichtung, um ein kleines Lebenslicht, das er einst fast im Dunkel entzündet hatte, vor dem Verlöschen zu retten. Und daß dieser bärtige, hellblickende Mann wie ein Heiliger sei unter den dumpfen, bösartigen Bauern, der weit über Land gehe und das Saatkorn trage, das Saatkorn des Lebens, das die Äcker der Menschen fruchtbar macht.«

Während er all dieses sprach, schlief Schorsch Philipp Seuffert gut und fest, satt und warm, sein sattes und ruhig atmendes Kind im Arme, unter der Pferdedecke eines verlausten Kosaken. Am andern Morgen war er sehr erstaunt, daß einige Männer sich tief vor ihm verneigten, als er sie freundlich und bescheiden grüßte. Er hielt es für neuen Spott und ging erbittert abseits. Aber die Männer sangen heute das Lied von dem Manne, der fruchtbar ward, mit einem anderen Ton. Er hörte ihn nicht und hätte ihn auch nicht verstanden. Aber er begriff gut und jubelte in seinem Herzen vor Glück, als man ihm später Papiere gab, die ihm sicheres Geleit und freie Reise durch die Länder aller befreiten Russen gewährleisteten, und schied noch am gleichen Tage, von einem Kosakentrupp geführt, die ihn und sein Kind bis zur nächsten Niederlassung brachten. Von da war sein Weg noch weit und von wechselndem Schicksal begleitet, Hunger und Durst, Kälte und hartes Lager mußte er oft verwinden, aber es focht ihn wenig an, denn immer sorgte ein gutes Glück und seine kräftige Hand für das Kind, daß es ohne Not und Krankheit die lange Wanderung und all die Fahrten überstand. Im ersten Frühjahrsstrahl sahen sie eine Stadt mit grünen Kuppeln, wehenden Türmen und Dächern. Von dort fuhren sie lange Tage in dem warmen Holzwagen einer mächtigen Eisenbahn.

Graue Steppen, von denen der letzte Schnee taute, rasend geschwollene Flüsse, unendliche Wälder, die sie mit vertrautem und doch angstvollem Schauer erfüllten, schwankten an ihnen vorbei. Auf regenüberglänzten Bahnstationen, in silbern schimmernden Wellblechbaracken, tranken sie heißen Tee, den man ihnen schenkte. Viele Menschen, Männer, Frauen und Kinder, gingen damals elend zugrunde in diesem Land. Diese beiden aber, Kind und Vater, blieben bewahrt.

Am ersten Mai führte man im kurländischen Gebiet Schorsch Philipp Seuffert über die Grenze. Alle Häuser waren geflaggt, man feierte das Fest des Volkes, die Fahnen glänzten in der Sonne.

Seuffert wußte nicht, warum man ihn da ein Stück Wegs über Land führte. Dann stand da ein Mann in grauem Rock, der ihm sagte, dies sei nun deutscher Boden, auf dem er stehe. Seuffert kniete nieder und küßte diesen Boden. Das Kind, von seinem Beispiel ergriffen, berührte ihn auch mit seinen Knien, Händen und Lippen. Dann schämte sich Seuffert, meinte, das richtige Deutschland fange doch erst zwischen Rhein und Main an, ließ sich zur Abschubstation für zurückgekehrte Gefangene bringen und sprach nicht mehr Viel, bis er in der großen Stadt Frankfurt aus dem Zuge stieg.

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Als Seuffert endlich, nach seiner letzten Heimwanderung mit dem Kinde auf dem Rücken, zwischen den beiden riesigen Tannen stand, die den Weg von der Brücke zum letzten Anstieg säumten, setzte er sich nicht nieder und ermattete nicht, wie damals am Waldrand vor dem fremden Dorfe. Er hielt noch nicht einmal an, um sich den Schweiß zu wischen, ja er sprang und lief und stolperte, wie ein leibhaftiger Mensch stolperte er über die Hohe Wurzel. Dann stand er hinter der Hecke seines Hauses. Die Obstblüte war längst vorüber, die Kirschbäume hatten mächtig angesetzt und die Beerenbüsche standen alle in starker Fruchtbarkeit. Drüben sein Stück Feld, die Ackerfurchen lagen zum Teil noch ohne Grün, ockergelb glänzte das aufgerissene Fleisch der Erde, die Strahlen der vollen Morgensonne brausten hinein, regneten sichtbar herab wie blitzende Pfeile, gatteten die offenen Furchen mit gewaltiger Kraft, schäumten mit dem braunen, schwerflüssigen Bodendunst zusammen in breiten Wellen übers atmende Land. Die Stare flöteten langgezogen und süß. Eine Tür knarrte sommerlich in verrosteten Angeln. Da trat Anna Barbara aus dem Haus, den Korbwagen mit dem Kind vor sich herschiebend. Ihr Gesicht war hell und ohne Schatten. Sie hob das Kind aus der Wiege und setzte wie spielend seine kleinen unbekleideten Füße auf die nackte, warme Erde. Die zuckten prüfend, tasteten mit gestreckten Zehen, dann strampelten sie stark und traten mit fester Sohle klatschend auf den Boden.

Schorsch Philipp Seuffert stand da hinter seiner Hecke, das Kind an seiner Hand starrte wie er mit großen Augen durch den Zaun.

Einen Augenblick sah Seuffert unschlüssig auf das Haupt des Kindes herab. Dann faßte er seine Hand fester und trat durch die Pforte. Reglos sah die Frau ihm entgegen. Als er sehr nah gekommen war, setzte sie zuerst ihr Kind sorgsam in den Wagen, bevor sie mit beiden Armen, offenen Händen, ihn und das neue Kind empfing.

Teil IV

Die Geschichte vom Tümpel (1926)

Den langen bläulichen Riß, der sich im Zickzack über die krustige Eisfläche zog, hatte die frühe Märzsonne in vielen scharf glitzernden Mittagsstunden genagt. Nachts schob ihn der Frost wieder zusammen und füllte ihn auf mit körnigen Reifbrocken.

Als aber der Föhn durchs Hochtal schnaufte, die schmutzig-weißen Gesichter der nebligen Berge schreckhaft und drückend nah heranholte, die Wälder blaugrün und braun aus den fahlen Schneefeldern wusch, verbiß die plötzliche Wärme sich in die schmalste Bresche, bohrte und sprengte und fraß und rammte sich wütend ein, mit gierigem Finger, brennender Zunge saugend, stoßend, bis die ersten bräunlichen Blasen wie dunkles Wundblut hervorquollen und langsam, siegreich, undämmbar das trübe Wasser des Tümpels über die schmelzenden Schollenränder stieg. Bald lag der kleine Tümpel glatt und klar inmitten der schneefreien Wiese, deren gelbes Herbstgras schon von den saftigen Jungspitzen übersproßt wurde, und nur zwischen den harten, altgrauen Schilfrohren spann sich noch in der Frühe klamm und glasig die letzte dünnschalige Eiskruste wie Haut auf gekochter Milch.

Tag auf Tag baute sich dem Frühling entgegen.

Die Luft, erst noch kälteklar wie harter geruchloser Kristall, ward bald von Bodendämpfen beschwert, von Ackerdünsten durchquirlt, von herben und süßen Duftwellen durchrollt und durchronnen, da roch es plötzlich betäubend nach den stäubenden Blüten des Seidelbast, da stank es vom Seegrund herauf, wo die Bauern ihr spärliches Feld düngten, da schmeckte der laue schleifende Wind und der frische rüttelnde Wind nach Laub, Sauerampfer, Maikraut, daß man ihn schlürfend zwischen die Zähne sog, und über dem Tümpel stand ein Hauch von verdunstendem Wasser und leise durchwärmtem mehlig morastigem Schlamm.

Und am oberen Ende, wo der Bach in ihn einfloß, war bis zum Grund eine so hellbraune Klarheit, daß jedes winzige Steinchen und die um krustige Gehäuse alter Entenmuscheln wehenden Fäden von Tang und Algen unendlich zerteilt und verästelt und vielfach gespalten erschienen, wie behaarte Insektenfühler oder der Fuß einer Spinne unterm Mikroskop. Flüstern im grauen, zottigen Schilf. Knarzen im Weidenholz, unter den gelblich hängenden Ruten. Glucksen im sickernden Schlamm. Reglos das Wasser im Tümpel.

Da quoll aus dem glatt ruhenden Teichgrund eine lichtbraune Wolke auf, zuerst wie zarter Rauch durch die Grundwässer wehend, dann in mächtigem Strudel hochwirbelnd. Gleich darauf wellte und hügelte der Schlammboden, wie von unterirdischen Vulkanen bewegt, riß auf, klaffte breit, spaltete sich nach oben, und es war, als werde ein zweites, tieferes Erdreich, ein winziger Bergrücken, mählich hochschwellend, aus ihm geboren. Aber der kleine graubraune Hügel zuckte und zitterte wie von Krämpfen und inneren Stößen geschüttelt, dehnte sich plötzlich aus und hob sich vom Boden auf, langsam im Wasser hochsteigend, reckte die winzigen Stümpfe morastverklebter Beine aus, tauchte empor über die Wasserfläche mit einem runden warzigen Kopf, aus dem sich in schmalen Schlitzen erst, dann groß und hell werdend, goldgelb leuchtende Augen gebaren, atmete lang und bebend, füllte den faltigen Bauch mit quellender Luft, ruderte in kurzen Stößen, und dann kroch die erste Kröte dieses Frühlings ans trockene Land.

Lange Zeit lag sie da in großer Erschöpfung, spürte die leichte Berührung der schrägen Sonnenstrahlen auf ihrem Körper und den Hauch von den Flügeln einiger kleiner Sumpfmücken, die sie sorglos umschwirrten. Ihre Haut hing schlaff rechts und links am Leib, die Knochen des Kreuzes und der Hüften standen spitzig heraus, die Beine lagen reglos ausgestreckt in der gleichen Haltung, mit der sie kriechend den ersten festen Grund erfaßt hatten. Von Zeit zu Zeit ging ein kurzer Atemruck durch ihre Flanken. Unmerklich, wie ein schwächlicher Puls zuerst, begannen die Luftbewegungen des weißlichen Kehlsacks, und all das war wie die matten Regungen eines entkräftet hinsterbenden Geschöpfes. Auch die Augen, die sich im Wasser schon mit goldener Iris und schwarzem Sehschlitz geregt und durchhellt hatten, sanken wieder müde zusammen, als wollten sie in ihren Höhlen verdorren. Die lange Entbehrung und furchtbare Starre des Winterschlafs schien zu groß, um noch einmal zu wachem Leben aufgerüttelt zu werden. Der Leib lag fühllos und ohne Trieb, als wolle er in die Erde versinken. Aber unmerklich, wie aus einem unsichtbaren Keim wuchernd, wuchs in den Höhlen dieses erstorbenen Körpers der große, grausam unerbittliche Gott: Hunger! — der peitschende Treiber und der wachsame Erhalter aller lebendigen Wesen. Und wie ein wild rasender Schmerz jäh in die Eingeweide des stumpfen Tieres biß, sprang da ein mächtiger Widerstand auf und straffte alle Nerven, weit riß es die Augen auf und spannte die Muskeln am Hals und in den Gelenken, schnellte den Bauch vorwärts und ließ die Kiefer aufklaffen, Ziel suchen, zuschnappen und den Regenwurm, der gerade vorbeikroch, im letzten Augenblick, bevor er pfeilschnell in die Erde verschwinden konnte, am Ende seines glatten Leibes packen. Während die Kröte noch langsam schmatzend den Wurm fraß und ihr Leib bis in die Warzen der Haut von wiederkehrender Kraft durchrollt wurde, regte sich der Boden des Tümpels an vielen Stellen, und an vielen Ecken des Uferrandes regte sich das Schilf und der seichte Schlamm, die schwarzen Kohleaugen einer Unke funkelten schon räuberisch nach den niedrig tanzenden Mücken, ein magerer Bergmolch schleppte sein faltig überspanntes Skelett an Land und schoß plötzlich wild hinter einer lahm kriechenden Schnecke her, ein großer Grasfrosch wagte die ersten Sprünge auf zitternden Schenkeln, und überwinterte Kaulquappen, Wasserkäfer, Blutegel kreuzten wie prüfend in der braunen Flut hin und her. Plötzlich löste sich vom harten Stengel eines Schilfrohrs, dicht unter der Wasserfläche, ein Geschöpf, das wie ein Stück vertrockneter Weidenborke daran geklebt hatte, reckte sich kurz, riß furchtbare fahle Gespensteraugen auf, entrollte, gräßliche Fangkrallen und ein großgezahntes, skorpionartiges Scherengebiß: die Raublarve einer Libelle, die schon zwei Jahre wie ein Tiger in diesem Tümpel wütete, und jetzt zu ihrem furchtbarsten Mordjahr, vor der Verwandlung, erwachte. Einen Augenblick dehnte sie die Schwimm-, Fang- und Freßglieder, dann schnellte sie in peitschendem Ruck durchs Wasser und packte ein zappelndes Körperbündel, eine große, schon mit Füßen bewehrte Krötenquappe, zerrte und zog sie hinab in die dunkel quirlenden Grundwasser, zwischen die fauligen Stümpfe geknickter Rohre und überschwemmter Weidenbüsche, schlug ihre Zähne immer tiefer in die Weichen des verzweifelt kämpfenden Tieres und begann das Blut und alle Säfte aus dem langsam ersterbenden Körper zu saugen.

Immer wärmer durchstrahlte die Sonne das kleine Gewässer, immer ruhloser und drängender wachte das tausendfache Leben auf. Schon wuchs Entengrün wie ein zarter Schleim über die Fläche des Tümpels, schon stampften in der Frühe die ersten frei weidenden Kühe vorbei, neigten die Köpfe zu langen schlürfenden Zügen, ließen tief in den Schlamm gebohrte Löcher zurück, wenn sie die schweren Füße heraushoben. Tiere wanderten dem Tümpel zu aus den mählich austrocknenden Schmelzbächen. Bergmolche, Feuersalamander, die unter Steinen und in morsche Baumstrünke verwühlt überwintert hatten, kamen im Paarungstrieb weither gewandert und suchten das Wasser als das mächtige Element ihrer Zeugung und Geburt. Alle fanden sie vielfache Nahrung und Platz, soviel sie brauchten. Die Rückenschwimmer und viele kleine Wasserinsekten schossen in unerschöpflichen Scharen über die Flut, die Myriaden kleiner Käfer- und Mückenlarven nahmen kein Ende, obwohl unzählige Mäuler sie verschlangen; die furchtbaren Räuber, auch mit Fangarmen und tückischer Schnelligkeit bewehrt, fraßen nur dünne Lücken in dies endlos wuchernde Leben.

Die Kröte, vor geringer Zeit noch kaum aus der Totenstarre des Winterschlafs erwachend — die Unken, Frösche und weiblichen Molche krochen und schwammen schon mit breiten hängenden Bäuchen, in denen der Laich quoll, während die Männer, zu wilder, kämpferischer Gier erwacht, einander bedrängend, bis jeder seinen Drang gestillt hatte, oft Beute und Fraß vergaßen, tagelang in stummen Kämpfen oder im Krampf der verkrallten Begattungssprünge auf die Rücken der Weiber geklemmt, verharrten. Nachts im Schilf das Keckern und Ächzen der Frösche, das Gesinge der Kröten, das dünne Geläut der Unken. Molchmänner standen mit bebendem Kamm, mit der Pracht ihrer erregten Hautfarben prunkend, senkrecht im Wasser vor den träge rudernden fruchtschweren Weibern.

Mächtige Gelbrandkäfer schossen wie Granaten und Torpedos hintereinander her, um sich mit den umhörnten Endspitzen der Leiber bohrend zu erfüllen. Feuersalamander, im seichten Uferwasser zappelnd, preßten die walzigen schwarzgelb gefleckten Leiber zusammen, in wilden Zuckungen und Peitschenschlägen des Schwanzes die Wollust der Samenvereinigung erzeugend. Teichfrösche mit vorquellenden Augen befruchteten in stummem Versickern den Laich, der aus den schmerzhaften Bäuchen der weiblichen Tiere drang. Und bald war der Tümpel erfüllt bis in die letzten Wassertropfen am Binsengras von jung keimender, atmender, wachsender, schwellender Brut. Unsichtbar die Milliardenheere der ewig sich teilenden Urtiere! Unfühlbar leise die erwachende Bewegung in den schwärzlichen Eizellen durchsichtiger Laichmassen! Unhörbar das erste wilde Gezappel und hilflose Schnappen der umhertaumelnden Larven! Winzige Kaulquappen, wie Kommas einer verschnörkelten Schrift, hingen zu einer seltsamen zitternden Traube geballt an einem versunkenen algenbehaarten Baumast. Junge Bergmolche, lebendig geboren, mit ihren feinverästelten Kiemenbündeln tastend, jagten schon in der Tiefe auf kleine Würmer und Wasserflöhe. Manche Brut wurde, kaum geboren, von den im Rausch der Laichzeit ausgehungerten Erzeugern verschlungen. Aber die meisten Mütter trieben, im dunkeln Drang der Bruterhaltung selbst von der Geburtsstätte forteilend, auch die grausamen Väter hinweg. Die Sonne goß täglich Fluten von zeugender Wärme in die trächtigen Wasser. Mückenschwärme sangen schon abends um die sumpfigen Ufer. Das Riedgras wucherte so hoch, daß es den Tümpel wie ein Urwald umstand. Weiße und gelbe Seerosen öffneten die breiten saftigen Schalen. Das Schilf schoß hoch empor, rauschte und bog sich im Wind. Kleine Rohrsänger nisteten und brüteten darin. Eine Wasserratte, aus dem See im Tal von Reusenflschern vertrieben, kam todesmutig emporgeklettert, ihre Jungen im Maul schleppend, barg sie im Röhricht. Immer früher am Tag, immer später am Abend berührte die Sonne den steilen buschigen Uferrand. Alles strotzte und schwoll von Fruchtbarkeit.

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Aber die Sonne kroch täglich mit stärkerem Brand in diesem Jahr ihre Bahn, die niemals von Wolkenzügen oder feuchten Nebelschwaden durchkreuzt wurde. Manchmal hing sie morgens hinter dünnen Dunstschleiern, wie ein gefräßiges Spinnentier im fahlen Netz. Dann aber brach sie stets wieder durch mit gewaltigem, fressendem Feuer, immer härter wölbte sich die bedrohte Erdkruste ihr entgegen, immer tiefer bohrte sie ihre Hitzepfeile in die berstenden Schollen, immer dörrender kroch sie den durstigen Fasern der Wurzeln nach bis in die letzte haarfeine Verzweigung, sengte die Gräser gelb, daß sie vorzeitig ermattet niedersanken, ließ die jung treibenden Laubhölzer vor Durst erstarren, und saugte, schlürfte, trank, soff, selbst von unendlich höhlendem Durste durchrast, Tag für Tag größere Massen Wasser aus dem längst faulig stehenden, unbewegt wehrlosen Tümpel. Da waren die ehemals feucht überwucherten Schlamm- und Sumpfränder längst zu schalig blätternden, mehlig stäubenden Krusten erstarrt. Da hingen die äußeren Weiden schon mit schlaffen Zweigen ersterbend und krank. Da ragten die holzigen Schilfrohre, ohne zu wachsen, täglich höher aus dem sinkenden Spiegel der Flut. Da wurden die Uferflächen immer weiter und kahler, die Wassertiefe immer versumpfter und enger, die Brut- und Wachsräume der unzähligen Tierscharen immer trüber, durchwölkter und bedrängter. Ja die große Hitze, von Mensch und Tier und Pflanze des festen Landes verflucht, doch bekämpft von all diesen durch Flucht in den Schatten oder tieferes Eindringen der Notwurzeln in die noch bewahrte Tiefe, schuf hier im Tümpel, aus dem es weder Flucht noch Rettung gab, ein furchtbares, unentrinnliches, mörderisches Würgen und ein schweres kampfloses Erliegen.

Und sie verteilte sonderbar, gnadlos und ohne Gerechtigkeit Leben und Sterben nach der Willkür einzelner Nöte und Kräfte, Zuerst nährte sie Massen gieriger Larventiere gewaltig durch das in der warmen stehenden Flut ungeheuer wuchernde Kleinzeug. Dann ließ sie Massen vorzeitig fett gewordener, schwer beweglicher Larventiere in einer plötzlich austrocknenden Schlammpfütze am Ufer hilflos verzappeln. Erst nährte sie die alten, im Wasser beheimateten ausgewachsenen Tiere zu mächtiger Kraft, indem sie ihnen die immer enger zusammengedrängten Herden der jungen Brut preisgab. Dann aber gab sie die also erstarkten selbst ihren noch mächtiger erstarkten Feinden preis. Immer noch lagen Unken flach wie halbversunkene braune Blätter auf der ruhenden Fläche, dämmerten friedlich hin. Doch es kam vor, daß sie plötzlich von einem Maul aus der Tiefe gepackt wurden wie Schwimmer von einem Haifisch, hinabgezerrt, verschlungen. Furchtbar tobte der Kampf in den Tiefen zwischen den grausamen Räubern, den fangzahnbewehrten Libellenlarven, den Blutegeln und den alten fraßgierigen, über ihr Maß gewachsenen männlichen Molchen. Viele lebten mit zerfetzten, langsam nachwachsenden Gliedern, schwärenden Wunden, rissiger Haut. Täglich trieben Leichen solcher Tiere, die von ihren siegreichen Mördern nicht mehr gefressen werden konnten, mit gedunsenem Körper, bauchaufwärts, verwesend auf der Tümpelfläche, dienten Milliarden von Keimen als Brutstätte und versanken schließlich im heißen trocknenden Uferschlamm. Täglich lagen auf Schlammbergen, die neu aus dem schwindenden Wasser aufragten, wie dunkle Schleimschichten, die noch kurze Zeit verhauchend zuckten, Massen sterbender Kiemenatmer. Die Wasserpflanzen, die Stengel der Seerosen, die Stümpfe zerknickter Schilfrohre, auf immer engeren Grund zusammengedrängt, verwuchsen miteinander zu undurchdringlichem Dickicht, versumpften den Teichgrund gänzlich, saugten das Wasser, das von oben her die Sonne in vollen Zügen wegtrank, nach unten in die sickernde wurzelverwucherte Erde. Und es kam der Tag, da unter einem lautlos brütenden Himmel, der mittags wie erhitzte Metallplatten auf die Erde preßte, die nackte braune Fläche des mittleren Tümpelbodens, nur noch von wenigen Pfützen durchfleckt, zwischen den starrenden Lanzenschäften der Schilfrohre offen dalag, rasch von den glühenden Wellen der Hitze gedörrt und getrocknet. So sehr war dieser Fleck brauner Erde von Leichen gedüngt, daß die Spitzen des wuchernden Grases, die rasch hervorschossen, schwarzlich und welk ans Licht kamen, wie vor der Geburt verwest.

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Täglich gingen die Kühe auf dem Weg zur Weide an diesem Tümpel vorbei. Im Frühjahr hatten sie ihre breiten Mäuler ruhig und langsam in die kühle Flut getaucht, in den ersten Tagen des Sommers kamen sie oft von plötzlichem Durst getrieben in hastigen Sprüngen und soffen mit kurzem Atem, zitternden Flanken. Als aber die Dürre begann und die furchtbare Tageshitze ihre Euter schlaff und ihre Mäuler fiebrig machte, umstanden sie oftmals in stummen, ermatteten Scharen die Ufer des mehr und mehr verschwindenden Teiches und nahmen ihren Weg mitten durch sein sumpfiges Bett. Jeder Schritt ihrer schweren mächtigen Füße ward da zum Tod unzähliger Tiere, die in der Enge keinen Platz mehr fanden, dem zermalmenden Huftritt auszuweichen. Manchmal zerstampfte der achtlos nachgeschleifte Hinterfuß eines lahmenden Rindes die Frühjahrsbrut mehrerer Geschlechter in einem einzigen Augenblick. Je mehr der Tümpel austrocknete, desto tiefer sanken die Beine der schweren Tiere in den Grund ein, oft standen sie stundenlang knietief im weichen Morast, der ihre Knöchel kühlte, ihre Beine vor den Bremsen schützte.

Jetzt, als der Grund des Tümpels nackt und dörrend in der Sonne lag, waren diese tiefen, von den Kühen in den Sumpf getretenen und immer wieder nachgestampften Löcher die letzten Oasen des Wassers, die letzten Zufluchtsstätten des Lebens vor der endgültigen Vernichtung. Hier, in den mörderischen Fußstapfen, die vorher den Tod und die Zermalmung bedeutet hatten, klammerte sich noch immer eine verzweifelte Schar ans dumpfe schmerzende Leben. In einer Flüssigkeit, die nicht mehr zur Hälfte Wasser war, in einem trübe brodelnden Gemisch aus flüssigem Schlamm, Säften verfaulender Pflanzen und dem Urin der Rinder, krochen und zuckten noch atmende Larven, eng ineinandergepreßt Feind und Freund, Verfolger und Beute, Räuber und Opfer, zu schwach und zu sehr von der gleichen Not entkräftet, um sich zu fressen oder zu bekämpfen. Und bald sanken auch diese letzten Rettungshöhlen, eine nach der anderen, von der Hitze zermahlen zusammen. Kaum eine oder zwei waren es noch, die sich mit spärlichen Wasserresten hielten, als dieser Abend bleiern niedersank, hinter dessen rötlich brandigem Verschwelen zum erstenmal dunkel geballte Wolken ihre schwangeren Bäuche in die Nacht wölbten.

In dieser Nacht war die Luft über dem Sumpf von einem leisen singenden Klagen erfüllt, in das sich aus der Ferne langgezogen und weh, dann trillernd und wie erlöst, das Brüllen ahnungsvoller Tiere in Ställen und auf der Weide mischte.

In dieser Nacht hörten die gelben und bläulichen Lichter nicht auf, wie heimliche Wunderzeichen über die Erdränder zu sprühen.

In dieser Nacht mengte sich seltsam und ahnungsvoll ein Duft keimender Gräser mit einem schweflig geladenen Hauch, und das leise Rollen ferner Gewitter schien aus den Rissen und Spalten des dürren Erdbodens zu dringen. Gegen Morgen fielen die ersten Tropfen, schwer und hart, zerplatzten spritzend auf den staubüberkrusteten Steinen wie stählerne Aufschlaggeschosse. Dann, als es hell ward, und die Sonne ging an diesem Tag nicht auf, jubelte brausend der Regen.

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Gegen Herbst, als es nachts kühler wurde, lag der Tümpel im milderen Licht voll klaren hellbraunen Wassers. Die Kühe, heimkehrend, tauchten langsam ihre breiten Mäuler hinein. Manche Tiere, die sich vor der Dürre in moosverwühlte Verstecke gerettet hatten, auch manche, die den letzten Kampf im Schlamm vergraben überdauert hatten, waren in ihn zurückgekehrt. Von den Larven und Jungtieren wuchsen nur wenige auf in diesem Jahr. Die aber waren groß und stark und lebten lange.

Teil V

Eine Weihnachtsgeschichte (1931)

Könnt ihr euch an den Heiligen Abend des vorletzten Jahres erinnern? Den ganzen Tag über hing schon Schnee auf der Stadt, aber vormittags strich die Luft noch aus Nordnordwest, schleppte Frost mit und kalten Dunst, der wie eine Mauer nach oben stand und den Schnee in die Wolken zurückpreßte. Man roch ordentlich, wie der Schnee im Himmel stockte, und wie der Boden unter dem vielen Stein und in den hartgefrorenen Gärten nach ihm verlangte, und wie die niedrigen Wolken ganz voll Drang waren, ihn zu gebären und ihre schweren Bäuche auszuflocken.

Aber das Licht an diesem Tag blieb streng, kalt, glasig, und die Straßenverkäufer traten von einem Fuß auf den anderen, klapperten mit harten Sohlen auf dem Pflaster wie Tänzer auf einer Rollplatte und schlugen sich mit den Armen unter die Achselhöhlen. Erst gegen Dämmerung flaute die kalte Luft ab; es war, als ob von den vielen Lichtern und Laternen, die im Zwielicht milchig und kugelig erstrahlten, ein dünner Wärmestrom aufzitterte wie von Kastanienöfen an den Straßenecken. Als es dunkel ward, rieselte ganz lichter strähliger Schnee herunter, vor den Bogenlampen schien er unbeweglich zu stehen wie ein feinmaschiges weißes Netz, und er blieb auf der Erde wie Sand ohne Feuchtigkeit liegen, klebte an den Sohlen der Fußgänger und polierte die Reifen der langsam gleitenden Autos gefährlich blank und glatt.

Um diese Zeit, als in den Läden noch die letzten Einkäufe gemacht wurden und die heiseren Straßenverkäufer im Westen das Bündel Lametta, Restbestand, schon um drei Pfennige ausschrien, als man ältere Herren in ihren Privatwagen, mit unförmigen Paketen umstellt, so daß sie sich kaum vorbeugen konnten, um die angelaufene Scheibe zu wischen, in Richtung Dahlem oder Grunewald nach Hause fahren sah, als in den Fenstern der Parterre-Wohnungen da und dort schon die Lichterbäume aufstrahlten und die Glocken der wenigen Kirchtürme, mit unwahrscheinlicher Feierlichkeit inmitten all der kleinen und großen Stadtgeräusche, die Christnacht einläuteten, wälzte sich ein dunkler, sonderbar unförmiger Menschenzug von Osten und Norden her, irgendwo stromartig zusammenmündend — langsam, schwerfällig, in einem müden, aber unbrechbar gleichmäßigen Takt der Schritte, in die westlichen Stadtviertel hinein. Die Trambahnen und Autobusse stauten sich an den großen Kreuzungen, und Schutzleute, die die Spitze des Zuges flankierten, hielten Radfahrer und Passanten auf, die aus Eiligkeit oder Ungeduld den Strom durchbrechen wollten. »Weiterjehn, laßt se nur weiterjehn«, sagten die Schutzleute mit einem fast väterlichen Ton in der Stimme, denn sie wollten nicht, daß es irgend etwas gäbe, und bangten vor jedem Aufenthalt als vor dem Einfallstor des Unvorhergesehenen. Und der Menschenstrom, von den Fenstern oberer Stockwerke anzusehen wie ein grauer, gekerbter, mühsam kriechender Riesenwurm, aus der Nähe mehr wie ein still geschlossener Ausbruch aus den Geschäftsstraßen der Altkleiderhändler, wie ein filziger Zopf aus abgeschabten Mänteln, Umschlagtüchern, Rockkragen, runden Hüten, Schirmmützen und Wolljacken, all das fast ohne Gesichter und von Schneegeriesel und Kältedunst umschwankt, schob sich mit schlurfenden Sohlen unaufhaltsam voran. Einzelne Schildträger da und dort in der freien Straßenmitte schleppten an Stangen genagelt große Bretter, deren Aufschriften man nicht lesen konnte, nur manchmal im stechenden Strahl eines Scheinwerfers einzelne Worte wie »…Nieder mit…« oder »…Volksbetrüger…« oder ähnliches, was mit dem Schnee und der Nacht und den vielen feuchten Kleidern zusammen nur einen dumpfen, bedrückenden Sinn ergab. Von Zeit zu Zeit drang von sehr weit hinten aus dem Zug — die Vordersten marschierten stumm und gleichsam widerstandslos dahin — eine belegte, knarrende Stimme, die ein Kommando zu formen suchte, und dann murmelten viele Stimmen, mit hoffnungsloser Bemühung um Gleichklang, in einem unsicheren Rhythmus: »Hunger, Hunger, Hunger.« —

In den Seitenstraßen flatterten die Gerüchte auf, schwirrten wie Dohlenschwärme nach allen Seiten in die stilleren Stadtviertel hinaus. Dienstmädchen und Portiersleute, etwa im bayrischen Viertel oder im westlichen Charlottenburg, schienen in heimlicher Funkverbindung mit den belebten Hauptstraßen zu stehen, wußten immer Neues, noch bevor das Alte widerlegt worden war. »In Jrunewald steht ’ne ganze Villenstraße in Flammen«, hieß es, als irgendwo, eines Zimmerbrandes wegen, das Läutezeichen des Feuerwehrautos gellte. »Am Wittenbergplatz is jeschossen worden«, hieß es. »Zwanzig Tote liegen am Wittenbergplatz.« Aber am Wittenbergplatz fiel kein Schuß.

Hingegen stand am Wittenbergplatz, dicht bei einem der geschlossenen Portale des Kadewe, um diese Zeit ein junger Mensch von etwa dreißig Jahren, der dadurch auffiel, daß er am Kinn ein blondes krauses Bärtchen trug, und hielt unter einer Art Radmantel, wie sie in früheren Zeiten von Droschkenkutschern oder Naturfreunden getragen wurden, eine menschliche Gestalt eng an sich gepreßt, von der man nichts sah als das stoßweise Beben des verhüllten Körpers. Es war ungewiß, ob sie schmerzhaft atmete, schluchzte oder nur fror.

Der Blick des Mannes folgte mit wachem, etwas erstauntem Ausdruck dem Ende des Hungerzuges, das eben in den Lichtschächten zwischen Gedächtniskirche und Kinopalästen verschwand, von einigen großen offenen Kraftwagen langsam gefolgt, über deren niedrige Seitenwände steif wie Spielzeugpuppen die Uniformen und Helmtöpfe der Schutzpolizisten unbeweglich ragten.

Es standen jetzt außer diesen beiden nur noch wenige Menschen an derselben Ecke, denn die Straßenverkäufer und Zeitungsausrufer hatten Feierabend gemacht; ein Wächter des Kaufhauses, als Weihnachtsmann gekleidet mit weißem Wattebart, stapfte ungehalten hin und her, eine kleine Gruppe von Chauffeuren, deren Droschken drüben an der Trottoirkante des Platzes hielten, hatte sich debattierend an der Straßenecke gesammelt, ein Mädchen in einem zu kurzen, sehr angeschabtem Kalbfellmantel und roten Glanzlederstiefeln, die bis zum Knie hinaufreichten, beschrieb in kurzen Schritten einen Kreis von ganz engem Radius, und einige Leute mit hochgeschlagenen Mantelkragen warteten auf den Autobus. Niemand schien das fremdartige Paar zu bemerken, und keiner kümmerte sich um die beiden, bis plötzlich die Gestalt unter dem Radmantel, lautlos und ohne Heftigkeit, am Körper des jungen Mannes herunter aufs Pflaster glitt.

Der Mann beugte sich über sie und versuchte, sie an den Schultern hochzuziehen. Als ihm dies nicht gleich gelang, drehte er sich ohne Hast zur Gruppe der Chauffeure um, die nun alle, zunächst unberührt und ohne besonderes Interesse, zu ihm hinschauten, und lächelte ein wenig. Gleichzeitig war das Mädchen mit den hohen roten Stiefeln hinzugetreten und starrte mit hängender Unterlippe auf die unbeweglich am Boden liegende Frau hinab.

Nun löste sich aus der Chauffeurgruppe ein älterer Mann mit grauem Schnurrbart, kam langsam herbei, von zwei jüngeren gefolgt, schüttelte den Kopf, räusperte sich und spuckte gegen die Glasscheibe des Warenhauses. »Wat hat’n die?« sagte er dann mit ziemlich klarer Stimme. »Wat wird se haben«, knautschte das Mädchen mit den Stiefeln, das sehr durch die Nase sprach, »Hunger wird se haben!« — »Die’s dot«, meinte einer der jüngeren Chauffeure, die dazugekommen waren, »die’s dot. Man sieht’s an de Lippen. Da kenn ich mir aus mit von Weltkriech.« Der junge Mann im Radmantel lächelte immer noch vor sich hin und antwortete nichts, und in diesem Augenblick richtete sich die Gestalt am Boden halb auf und sagte leise: »Ach« — und dann lächelte sie auch. »Na pack doch man zu!« schrie der ältere Chauffeur plötzlich ganz aufgeregt. Er und der Fremde griffen ihr unter die Oberarme, und sie ließ sich ganz leicht emporstützen. Sie lehnten sie an die Glasscheibe, und man sah nun im elektrischen Licht, daß es eine junge Frau war, der rechts und links dunkle Haarsträhnen unter einem kleinen, kecken Hütchen auf die Schläfen fielen, und deren zartes, stumpfnäsiges Gesicht, mit leicht umschatteten, weit geöffneten und wie von Belladonna flackrig vergrößerten Augen man lange ansehen mußte, um zu merken, daß es sehr schön war. Sie hatte einen losen, cremefarbenen Frühlingsmantel an, der eher auf eine elegante Hotelterrasse im Süden gepaßt hätte, um den Hals trug sie einen groben grauen Wollschal, der offenbar von ihrem Begleiter stammte, und an den Beinen hatte sie schwarze Seidenstrümpfe. Auf dem rechten Schienbein war ein kreisrundes Loch, wohl von einem Sturz oder Stoß, unter dem ein wenig geronnenes Blut zu sehen war. Darüber deckte sie jetzt beim Aufstehen rasch die eine Hand. Und ihre Hände, schmal und durchsichtig und trotz der Kälte gar nicht rot, streckte sie wie abwehrend ein kleines Stück vor den Leib.

Inzwischen war der als Weihnachtsmann verkleidete Wächter herangekommen und musterte die Gruppe, die nun etwas verlegen beisammenstand und auch, nachdem die Frau aufgerichtet war, schon gar keine Gruppe mehr darstellte, sondern in lauter fremde Leute zerfiel. »Hier könnse nich bleiben mit die kranke Frau«, sagte der Wächter nach einer Weile zu dem jungen Mann. Der antwortete nicht und schien den großen Christbaum im Schaufenster zu betrachten, der mit künstlichem Reif bedeckt und mit vielen elektrischen Birnen behaftet war und zu dessen Füßen weiße Wäsche lag. »Ick jeh mal rin«, sagte der Weihnachtsmann nach kurzer Pause, »und telephoniere nach der Rettungswache.« Da aber verzerrte sich das Gesicht der jungen Frau ängstlich, und sie hob wie bittend beide Hände. »Nein«, sagte sie mit etwas zu heller Stimme, »ich geh schon weiter!« Und sie machte eine kurze Bewegung von der Scheibe weg, wankte aber, und der Fremde mit dem Bärtchen, immer noch auf den Christbaum schauend, nahm sie am Arm und stützte sie unter der Achsel. »Lasse man’n Schluck heißen Kaffee trinken«, plötzlich der eine jüngere Chauffeur, ein schwarzhaariger Mensch mit einem übermäßig breiten Mund. Er sagte das zu dem Fremden und bot auch, in einer unbewußten Scheu davor, sich mit der Frau selbst in Verbindung zu setzen, dem Fremden seine Thermosflasche. Der nahm sie, schraubte sie auf, füllte etwas in den Verschlußbecher und setzte es der Frau an die Lippen. Es war so still, daß man sie leise schlürfen hörte, und keiner sagte ein Wort.

Das Mädchen mit den Stiefeln hatte sich geschneuzt und malte sich nun die Lippen nach, und eine andere, die zu ihr getreten war, stierte ihr über die Schultern in den im Innenleder ihrer Tasche angebrachten Spiegel. Dann setzte die Frau den Becher ab, hielt ihn dem schwarzhaarigen Chauffeur hin und sagte — wobei man zum erstenmal bemerkte, daß sie eine nicht hiesige, eher etwas ausländisch klingende Mundart sprach —: »Dank schön, das war gut!« — »Na, ’s jut«, sagte der Chauffeur und schraubte seine Flasche zu. Der Wächter hatte sich den beiden Mädchen zugewandt. »Kein Jeschäft heute, wat?« sagte er brummig. »Kommt noch«, meinte das Stiefelmädchen, »wenn de Lokale schließen. Weihnachtsfeier für Junggesellen, mit Gemüt und Zaster.« Einige lachten, und die Mädchen schlenkerten mit ihren Taschen um die Ecke. Jetzt aber hatte der ältere Chauffeur mit dem grauen Schnurrbart, nach einigem Räuspern und Spucken, etwas überlegt. »Wo wollt ihr denn hin, ihr beide?« sagte er zu dem fremden jungen Mann. »Hier is nischt los heite, ick bring euch’n Stück.« — »Wo wollen Sie denn hin?« sagte der Fremde freundlich. »Ich meine, in welche Richtung?« Er schien aber nur aus Höflichkeit zu fragen und ohne eine besondere Absicht. »Ich«, sagte der Chauffeur, »mach in de Standkneipe an Stadtpark. Ick bin unverheiratet«, fügte er hinzu, und gleichsam sich entschuldigend sagte er noch: »Mit Fuhre is nischt mehr los heite.« Nun aber war der schwarzhaarige Chauffeur mit dem breiten Mund, der vorher seine Thermosflasche gegeben hatte, plötzlich sehr lebhaft. »Weißte was, Fritze«, sagte er zu dem älteren, »wir nehmen se mit in de Standkneipe und stiften se ’ne heiße Wurst«, und dann sagte er mit einer formellen Wendung zu dem Fremden: »Ick lade det Fräulein uff ’ne Bockwurscht in.«

»Bockwürschte könnse an der Ecke Passauer ooch haben«, sagte der Alte. »Aber nich von mir«, lachte der Schwarzhaarige, der immer munterer wurde. »Beijahnke hab ick unbegrenzten Kredit. Kommense, Fräulein«, sagte er und faßte die Frau, die sich noch mit dem einen Arm auf ihren Begleiter stützte, an der freien Hand. Die sah den Blondbärtigen unschlüssig fragend an, aber der nickte und sagte zu dem älteren Chauffeur, von dem die ganze Einladung eigentlich angeregt worden war: »Dann fahren wir wohl alle zusammen?« — »Meintswegen«, erwiderte der und stapfte zu seinem Wagen, während der Schwarzhaarige schon der Frau in den seinen half und den fremden jungen Mann nicht daran hinderte, leichtfüßig hinterherzusteigen und sich an ihrer Seite im Wagen zurückzulehnen. Dann ließ er anspringen und fuhr los, so flott, daß sie auf dem schneeglatten Asphalt bedenklich schleuderten, während der ältere bedächtiger folgte. Am Stadtpark schlossen sie ihre Wagen an die Reihe der wartenden Droschken an und gingen, die Frau in der Mitte, wie alte Bekannte alle vier in die kleine Kneipe am Eck, unter deren Schild »Schultheiß—Patzenhofer« ein Adventskranz aus Fichtenzweigen mit roter Schleife und niedergebrannten Wachslichtern hing.

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Es war sehr warm in Jahnkes kleiner Bierstube, denn das lange Ofenrohr ging mitten durchs Lokal. Drei oder vier Holztische standen teils an der Wand, teils an der nach innen offenen Auslage, die nach der Straße zu durch einen Rolladen verschlossen war und in der man, außer zwei leeren kupferbeschlagenen Bierfäßchen und einigen etikettierten Flaschen, mehrere Teller mit kalten Schweineschnitzeln, Sülzkoteletten, Bouletten, Käsebrötchen und sogenannten illustrierten Gurken sah.

Das gefrorene Fett an den kalten Speisen und auf dem Porzellan der Teller sah talgig weiß aus, wie von Stearinkerzen abgetropft. Zigaretten- und Tabakrauch übertäubte nicht ganz den Geruch des Tröpfelbiers und des schlechten Fettes aus der Küche. Aber es roch auch ein wenig nach verschüttetem Grog aus Rumverschnitt und nach den Lederwesten und Schmierstiefeln der Chauffeure. Etwa fünf Chauffeure saßen herum, drei davon spielten Karten, und die anderen tranken kleine Bierschlucke und stierten in die Abendzeitung. Am Büfett, das blank metallisch glänzte und immer von einer schaumigen Wasserflut überspült schien, lehnte ein Mensch, der offenbar kein Chauffeur war, zigarettenrauchend, und beobachtete die Tätigkeit von Jahnkes Schankmamsell. Die trug eine Art weißen Laborkittels über Rock und Bluse, mit aufgekrempelten Ärmeln, und sah so frisch und glanzbäckig aus, als stünde sie nicht Tag und Nacht in einer rauchigen Bierkneipe, sondern verbringe ihre Zeit mit Freiluftturnen und Wintersport. Sie schenkte wundervoll ein, indem sie die Gläser schräg unter die Siphonkranen hielt, und schnitt mit einem flachen Stück Holz den überstehenden Schaum glatt am Glasrand ab. Jahnke selbst trat gerade aus der Küche ins Lokal und kaute auf beiden Backen. Er trug eine Art Litewka aus graugrünem Sackleinen, die unterhalb seines heftig vorgewölbten Bauches in einem Gürtel steckte, und hielt den grauen Lockenkopf immer etwas vorgeneigt, als wollte er jemanden hirschartig mit der Stirne forkeln. Gewohnt, von seinen Gästen zuerst gegrüßt zu werden, sah er den Neuankömmlingen schweigend entgegen und nickte kaum auf ihr zuvorkommendes Gutenabend. »Laß man vier Paar Heiße anfahren«, rief der Schwarzhaarige, nachdem sie sich alle an einen freien Tisch nahe beim Büfett gesetzt hatten.

»Und vier Mollen vonet jute Dortmunder Union.« — »Dortmunder Union nur gegen bar«, knirschte Jahnke kauend, »für Kreide jenügt ooch det scheene helle Schultheiß.« — »Dortmunder Union«, wiederholte der Chauffeur und kramte ein Fünfmarkstück aus der Hosentasche. Er legte es hart auf den Tisch und sagte: »Wenn det alle is, können wir immer noch det scheene helle Schultheiß jenießen. Oder wat?« Er sprach dies alles immer halb zu der jungen Frau gewandt, die ihn blaß und verschwommen anlächelte. Inzwischen hatte der Fremde mit dem Bärtchen seinen komischen Radmantel abgelegt und sah darunter aus wie ein normaler konfektionsbekleideter Stadtbewohner. Er sah mit dem immer gleichen, stets wachen und etwas erstaunten Blick vor sich hin und schien mit dem Zeigefinger der rechten Hand auf der Tischplatte zu zeichnen. Die Frau weigerte sich trotz der großen Wärme, ihren Mantel abzulegen. Sie öffnete ihn nur obenher, und man sah, daß sie darunter seltsamerweise eine leichte sommerliche Spitzenbluse anhatte, die den Ansatz einer schönen runden Brust freiließ. Der schwarze Chauffeur schaute unablässig dahin und rückte ihr langsam näher, was sie gar nicht zu bemerken schien, aber Sie ließ sich gern und dankbar von ihm die Bockwurst, die nun kam, zerschneiden und Senf darauf schmieren und Brot brechen und aß, wie auch ihr Begleiter, der auf ihrer anderen Seite saß, recht heißhungrig und mit Genuß. Fast übersehen hätten wir aber bei der Betrachtung dieses Ausschanks, daß in einer freien Ecke, neben der Telephonzelle, ein sehr kleines Christbäumchen stand, mit etwas Watte als Schnee und einigen Strähnen drahtig glitzernden Engelshaars behangen, von sechs langen farbigen Wachskerzen verziert, die jetzt noch brannten und in die Blumenscherbe, in der das Bäumchen saß, hineintropften.

»Soll ja ’ne Schießerei jewesen sein«, sagte Jahnke und kam leutselig an den Tisch heran, »an Wittenberch.« — »Wir kommen ja von Wittenberch«, antwortete der Ältere. »Na und?« — »Na wenn da wat jewesen wäre, denn hätten wa längst schon jeredet von.« — »Kann ich nich wissen«, sagte Jahnke, »ob ihr von redet, wenn da wat war.«

»Nischt war«, sagte nun der Schwarze, »Wie soll’n da wat sind, waren ja mehr Jrüne bei als Proleten.« — »Wat wolln die’n ooch an Christabend auf n Wittenberch«, brummte Jahnke. »Jar nichts auf’n Wittenberch«, rief der Schwarze. »Demonstrieren hamse wolln gegen de Arbeitslosigkeit und de Hungerlöhne, det is et jute Recht von de Proleten.« — »Aber doch nich an Christabend auf’n Wittenberch«, beharrte Jahnke eigensinnig. »Nee, an Kaisers Jeburtstach auf n Tempelhofer, wat?« schnauzte der andere. »Halt die Klappe, Karl!« sagte der ältere Chauffeur und warf ihm einen Blick zu.

»Nee, Fritze«, rief Karl aufgeregt, »det willste nich glauben, der Jahnke, det is’n Reaktionär.« — »Ick bin’n Jastwirt«, sagte Jahnke gewichtig, »und wenn’s dir nich paßt, denn mach deine Rechnung glatt und jeh bein andern.« — »Deswejn noch lange nich«, meinte Karl bedeutend ruhiger. Und dann wandte er sich plötzlich an den fremden jungen Mann mit dem Spitzbärtchen. »Organisiert?« sagte er zu ihm. Der schien nicht gleich aus seinem Geschaue zu erwachen, gab sich aber Mühe, sein Gesicht höflich zu konzentrieren. »Wie?« fragte er. »SPD? KPD?« drängte Karl in ihn. Der Fremde lächelte. »Ich bin nicht von hier«, sagte er nach einer Weile. »Ach so«, machte Karl und sah ihn verständnislos an.

»Aber Sie, Fräulein«, rückte er der jungen Frau auf den Leib, »ick meine, wat Ihnen betrifft, wenn ick mir heflichst erkundigen dürfte.« — Auf den durchsichtigen Jochbeinen in dem kindhaften Frauengesicht erschienen plötzlich hektische rote Flecke, die Augen verschwärzten sich böse. »Was geht das Sie an?« sagte sie fast schrill — wobei der fremdländische Akzent in ihrer Aussprache noch stärker zu hören war —, »sind Sie vielleicht von der Polizei?« — »Entschuldigense mal, Fräulein«, stotterte Karl betroffen, »ick wollte ja nur nach Ihren Vornamen jefragt haben —« Da passierte etwas Merkwürdiges. Nämlich die junge Frau ließ ihr Gesicht langsam niedersinken, ganz tief, daß es fast den Hals und die Brust berührte, ihre Hände öffneten und schlossen sich mehrfach, und dann, als sie mit einer plötzlichen, fast wilden Bewegung das Gesicht wieder hob, war es von Tränen überglänzt, die tropften, rannen, liefen, strömten, als könnten sie nie mehr aufhören. Dabei war sie ganz lautlos, und ihr Mund völlig unbewegt. Die Männer saßen eine Weile in tiefer Beklommenheit. Jahnke hatte beide Fäuste auf den Tisch gestützt und starrte der Frau, vornübergebeugt, mit offenem Mund ins Gesicht. Fritz, der ältere Chauffeur, zuckte die Achseln und machte ein Gesicht, als ob er sich vor sich selbst geniere, und die Schankmamsell kam neugierig und mitleidsvoll hinterm Büfett vor. »Was hat se denn? Was hat se denn?« fragte sie, aber keiner antwortete, bis Karl schließlich zu stammeln begann. »Aber Frollein«, sagte er, »aber Sie, Frollein« — — weiter kam er nicht, denn jetzt passierte etwas noch Merkwürdigeres. Der fremde junge Mann stand nämlich auf und machte Karl ein ziemlich heftiges Schweigezeichen. Dann trat er an das Christbäumchen neben der Telephonzelle, machte mit den Händen ein paar taktierende Bewegungen in der Luft, schnupperte einen Augenblick in den Duft der wenigen Kerzenstümpfe, die knisternd niederbrannten, legte den Kopf weit zurück und begann zu singen.

Er sang mit einer tiefen und doch recht hellen Stimme und sang so laut und kunstlos und unbekümmert, als ob er ganz allein wäre. Ohne darauf zu achten, daß inzwischen die Tür klingelnd aufging und andere Gäste kamen, und daß wieder Bier ausgeschenkt wurde und sogar ein paar laute Stimmen dazwischenquarrten, sang er Weihnachtslieder, die kaum einer von in denen in der Kneipe je gehört hatte. »Auf dem Berge, da wehet der Wind«, sang er, und »Josef, liebster Josef mein«, und viele andere, und schließlich, in einem fast hüpfenden Takt, rasch, munter, frohlockend und mit dem Fuß den Rhythmus mitstampfend, sang er: »Kommet ihr Hirten, ihr Männer und Frau’n«; er sang es und tanzte es, daß die Gläser klirrend wackelten und das Ofenrohr schepperte und das Deckenlicht im Rauch zu schwanken schien — »fürchtet euch nicht« — und dann hörte er plötzlich auf und setzte sich wieder neben die Frau, die zu weinen abgelassen hatte, und sah alle andern mit lachenden Augen an, während er den Rest seines Bieres austrank und sich den Mund abwischte. »Wat heißt hier Hofsänger, in’n anständiges Lokal«, brüllte ein baumlanger, breiter Mensch in dickem, uniformartigem Wintermantel, in dessen Schnurrbart Eiszapfen hingen. Er war gerade während des letzten Liedes eingetreten und stapfte an den Tisch der Fremden heran. — »Der is wohl von de Zeltmission, is der Junge wohl«, schrie er den Fremden an, »’n bisken doof, Junge, wat?« Aber die Chauffeure, die Schankmamsell und sogar Jahnke persönlich nahmen den Fremden sofort einmütig in Schutz. »Du, Parkbulle«, sprach Jahnke mit seiner absolutistischen Stimme, die jeden Widerstand sinnlos machte, »kümmer du dir mal um deine eigenen Anjelegenheiten. Wenn hier bei mir eener ’n Jesang riskiert, dann jeht et nur mir an, det is mein Hausrecht und meine private Jeschmacksache.« — »Von mir aus kannste hier’n Cäcilienverein blöken lassen«, sagte der Wächter. »Ich mecht’n Helles.« Er bekam’s, verschärfte es durch zwei doppelte Korn und blieb verärgert am Büfett stehen, während am Tisch, von den anderen umsitzenden Chauffeuren durch Zwischenbemerkungen und Zurufe befeuert, ein lebhaftes und sonderbares Gespräch mit dem fremden krausbärtigen Jüngling entstanden war.

»Singe, wem Jesang jejeben«, rief ein Chauffeur namens August Schmöller, ein blonder Mensch mit einer Narbe auf der Stirn, indem er an den Tisch der Fremden herantrat. »Wenn ick zu Hause komme und habe mir unterwejens an ’ne verstopfte Düse jeärjert oder an de Verkehrsordnung, denn dreh ’ck mir ’n Radio uff und laß een schmettern. Det hilft.« — »Sag det nich zu dem«, meinte Fritz und deutete mit dem Kopf auf den Fremden. »Bei uns war neulich einer von de Heilsarmee, der hat jesagt, det Radio sei Teufelswerk und gegen de Religion.« — »Das ist Unsinn«, sagte der Fremde vergnügt, »wenn einer so was sagt. Das Radio ist Menschenwerk, wie das Bierglas oder die Schnapsflasche. Es kommt nur auf den Inhalt an!« — und da Fritz ihn verständnislos ansah, fügte er wie entschuldigend hinzu: »Wir wissen einfach noch nichts damit anzufangen!« — »Na hörnse mal«, ließ Karl sich vernehmen, »bei die technische Höchstleistung! Wir in unsre Zelle ham jeden Abend Moskau janz klar, und wir ham ooch Amerika jekriegt, wie Schmeling jeboxt hat.« — »Wir hören die Stimmen der Welt«, sagte der Fremde, »aber wir verstehen sie nicht.«

Diese Bemerkung ging in einer allgemeinen Radiodebatte unter, in der alle gleichzeitig redeten. »Ich zum Beispiel«, brach sich der alte Chauffeur Fritz allmählich Bahn, »ich interessiere mir für Fußball. Nu kann ick aber nie bein Matsch jehn, weil wir sonntags det beste Jeschäft ham. Da flitz ick denn immer zwischen zwei Fuhren mal rasch ins Haus Vaterland rin und hör de Erjebnisse, frisch wie ’ne Nachtschrippe. Ick kenn mir da ’n bisken aus, wissense, und wenn ick zum Beispiel höre: Concordia Spandau gegen Bohemia Prag zwo Mitteltore drei zu eins« — hierbei ahmte er die Stimme des Lautsprechers nach, ohne es zu merken —, »denn seh ’ck det vor mir, denn seh ’ck det janz genau vor mir!« sagte er ganz aufgeregt und wie zu sich selbst. Keiner hörte ihm zu, und er wendete sich an den Fremden. »Und deshalb sage ich, det is’n jesegneter Fortschritt, det war früher nich!« — »Da haben Sie recht«, sagte der, »Wenn’s Ihnen Freude macht!« Aber dann fing er plötzlich an zu reden, und zwar ziemlich leise, aber alle verstummten in ihrem Gespräch und hörten ihm zu. »Ich war einmal, auch an einem Weihnachtsabend«, sagte er, »in Holland. Es war in einer Villa, ziemlich nahe am Meer. Wir saßen zusammen und schraubten am Radio herum. Ich war da auch nur vorübergehend«, sagte er nebenbei mit einer höflich lächelnden, schrägen Kopfneigung zu der Frau neben ihm, die ganz lebhaft und mit geröteten Wangen allem lauschte. »Wir wollten die Übertragung des Christmettesingens hören, die im Programm angekündigt war, und hatten vorher viel Punsch getrunken und waren einfach voll Festesfreude, wißt ihr, so, daß alle sehr gern zusammen im Zimmer sind, auch wenn sie sich sonst kaum kennen.« Er sah dabei ’in den Gesichtern herum, und fast alle lachten mit den Augen, obwohl sie ernsthafte Mienen machten.

»Der Radiokundige unter uns suchte nach der richtigen Welle, und einen Moment lang hatte er sie auch schon, die fernen Glocken erklangen, von einem süddeutschen Dom, und man hörte einen hellen Hauch von Knabenstimmen, die gerade einsetzen — sooo —!« und er sang leise die ersten Töne von dieser Melodie. »Da aber drehte unser Radiobesitzer die Schraube noch einmal kurz zurück, vielleicht, um alles noch besser zu machen, und da gellte plötzlich ein Signal in unser Weihnachtszimmer hinein, es übertrug sich eigentlich nur ganz leise, aber es ging uns allen gellend ins Ohr. So!« Er klopfte den Rhythmus dieses Signals auf den Tisch und pfiff es zwischen den Zähnen — »SOS — SOS — Schiff in Seenot!! Die Brigg ›Zuidersee‹ bei Ebbe gestrandet, schwerer Flutgang, Leck im Schiff, höchste Gefahr für die Besatzung, 23 Seeleute in Lebensgefahr, zu Hilfe, zu Hilfe!«

Er schwieg. Alle schwiegen. Dann sagte August Schmöller: »Junge, Junge«, und Jahnke schnappte mit einem Laut wie wenn ein Pinscher Fliegen fängt, die Schaumkappe von seinem frischen Bier.

»Und wat habt’n ihr jemacht?« fragte Karl nach einer Weile.

»Wir haben dann die süddeutsche Welle gesucht und den Gesang der Regensburger Domspatzen gehört«, sagte der Fremde ernsthaft. »Es war sehr schön.«

Die Frau neben ihm hielt seine Hand in der ihren.

»Na ja«, sagte dann Karl wie zu seinem eigenen proletarischen Gewissen.

»Helfen hätten se ja sowieso nich können.«

»Nein«, lächelte der Fremde. »Aber das waren die Stimmen der Welt.«

Ein Dienstmädchen stürzte plötzlich herein, es hatte einen Mantel mit Pelzkragen über die Schultern geworfen und darunter noch die Serviertracht, schwarzes Kleid mit weißer Trägerschürze. »Raus«, rief sie ins Lokal, »bei Meyers is Schluß. Fünf Taxen werden jebraucht.« Einige Chauffeure sprangen auf und liefen hinaus, während man schon die sonoren und fülligen Motorstimmen abfahrender Privatwagen hörte. Das Mädchen war ans Büfett zur Schankmamsell getreten und zählte Geldstücke, die sie lose in einer Schürzentasche trug. »Die reichen Kantoreks, mit’n Mercedes-Kompressor«, sagte sie zur Mamsell, »haben mir achtzig Fennje jejeben, und dabei warnse vier Personen hoch. Ihrn Schofför ham se zu Weihnachten ’ne Jarnitur Netzhemden jeschenkt, aus’n Ollen sein Engrosgeschäft. Wat sagt man!« — Sie stützte sich dabei mit dem Ellbogen auf die Schulter des Mannes, der als einziger Nichtchauffeur schon den ganzen Abend über am Büfett saß, und küßte ihn nun unvermittelt aufs Ohr. »Na, Männe«, sagte sie, »haste dir jelangweilt?« — »Nee«, antwortete ihr Freund. »Langeweile kenn wir nich. Habe immer ne schöne Aussicht jehabt«, sagte er und blinzelte zu der Schankmamsell, die rot wurde. »Du Schlimmer«, sagte das Dienstmädchen gleichgültig und zwickte ihn in die Backe. Indessen war am Tisch der Fremden wieder etwas Merkwürdiges geschehen.

Der Mann mit dem blonden Krausbärtchen hatte nämlich alle Bierfilze gesammelt, deren er habhaft werden konnte, einige Bleistifte aus der Tasche gezogen, und nun war er damit beschäftigt, während sein Gesicht einen so gedankenlosen und fast blöden Ausdruck zeigte, wie das eines mit sich allein spielenden Kindes, die Rückseiten der Bierfilze mit Strichen und Schraffierungen zu bedecken. Seine Hand fuhr so hastig hin und her, daß man sich kaum vorstellen konnte, es werde dabei etwas Erkennbares herauskommen. Plötzlich aber überreichte er Herrn Jahnke einen Bierfilz, auf dem, in groben Zügen zwar, aber deutlich im Ausdruck getroffen, Jahnkes selbstsichere Physiognomie zu sehen war, mit allen menschlichen Reserven und aller heimlichen Helligkeit des Jahnkeschen Eigenwesens. Und schon war er dabei, den Chauffeur Fritz zu porträtieren. Die andern merkten, was los war, schauten ihm über die Schulter und machten Gesichter wie beim Photographieren, wodurch sich aber der junge Mann nicht stören ließ. Nur Karl interessierte sich wenig für die künstlerischen Ereignisse, die er wohl als den beiläufigen kulturellen Überbau des Abends auffaßte. Seine fünf Mark waren längst in Dortmunder Union aufgelöst, und er genoß nun schon das schöne helle Schultheiß auf Pump. Aber weit weg von diesen ökonomischen Tatsachen schlug ihm das Herz grundlos und bang im Halse; die Frau neben ihm, die immer noch den Mantel trug, hatte dessen Kragen oben sehr weit zurückgeschlagen, und mit zunehmender Scheu starrte Karl auf die Haut an ihren Schlüsselbeinen, die von ganz zarten bläulichen Adern durchzeichnet war. Plötzlich beugte er sich, rabiat vor unbekannter Schüchternheit, weit vor und küßte sie einfach auf die Schulter, dicht neben dem Halsansatz und den Haaren, die ihr vom Ohr herabfielen. Und nun kam das Merkwürdigste, nämlich die Frau nahm ihr Hütchen ab und Strich ihr schönes, volles, etwas kupfriges Haar zurück und neigte ihr Gesicht mit einem zauberischen, undurchsichtigen Lächeln sehr nah dem ganz erschreckten Karl zu und wühlte ihm ein wenig in den Haaren und legte ihm ihren Arm um die Schulter. Schon malte sich etwas wie ein törichtes Besitzerlächeln auf Karls einfachem und männlichem Gesicht, da begann der Fremde, freundlich vorgeneigt, ihn auf den Bierfilz zu zeichnen, und sofort wurden Karls Züge wieder kindlich und leise verstört.

»Wie kannste det aber nu auf der Welt zusammenbringen«, sagte der Chauffeur Fritz plötzlich laut, längst Gesprochenes und Vergessenes aus seinem Kopf wieder aufgreifend. »Wenn auf der einen Welle Amerika is und auf der andren Deutschland, und eener funkt Notsignale und der andere Tanzmusik, so kannste das doch nich alles auf einmal hören, sondern erst det eene und nachher det andre, und wenn man sich det alles zu jleicher Zeit vorstellt, wie will denn’n Mensch da Ordnung reinbringen, wat?« — »Ja, siehst du«, sagte der Fremde, den er hilflos fragend anstarrte, »es läßt sich doch auf der Welt nicht alles in Ordnung bringen. Ordnung ist eine Nebensache. Ordnen läßt sich immer nur ein kleiner Teil! Und wenn du alles das besser und richtiger ordnest, was jetzt falsch geordnet ist« — sagte er zu Karl, der unsicher blinzelte — »dann fängt doch das Leben und sein Geheimnis überhaupt erst an!« — »Ordnung muß sein«, brüllte da auf einmal der Parkwächter vom Büfett her und kam schwankend und drohend näher. »Ich sage: Ordnung muß sein!« wiederholte er sichtlich herausfordernd.

Als ihm aber keiner widersprach, fuhr er, scheinbar zusammenhanglos, fort: »Jetzt in Winter, da is ja nischt los in der Beziehung. Aber in Sommer, da könnt ihr wat erleben!« Er lachte blöd und setzte sich dem Fremden gegenüber. »So in de warmen Julinächte«, sagte er, »wenn sich de Liebespaare in Park auf de Bänke rumdrücken, denn pürsch ick mir janz leise von hinten ran, und wennse denn jrade mitten bei sind, denn nehm ick ’n Jummiknüppel raus und hau den Herrn Bräutijam von oben runter uff’n Kopp. Denn sinse jeheilt, kann ick Ihn’n sa’n.« — Der Fremde sprang auf und hatte plötzlich rote Flecke im Gesicht. »Aber das ist doch nicht wahr, was Sie da erzählen!« rief er laut. »Das können Sie doch gar nicht tun!« — »Det kann ick nich?« wiederholte der Parkbulle geringschätzig. »Wenn’s ’ne jute Nacht is, komm ick manchmal uff zehn, fuffzehn Stück.« — »Und warum machen Sie denn das?« fragte der Fremde fassungslos. »Warum?« schrie der Wächter und schlug auf den Tisch. »Na — Ordnung muß sein, sag ick!!« Der Fremde war wieder ganz ruhig geworden. »Wenn das wahr ist, was Sie da erzählen«, sagte er, »dann sind Sie ein ganz gemeiner Kerl.« Alle waren still und erwarteten eine Katastrophe. »Was bin ick?« fragte der Parkbulle lauernd. »Ein ganz gemeiner Patron«, bekräftigte der Fremde voll Überzeugung, »und außerdem direkt gottlos! Geheilt! Haben Sie denn nie bedacht, was Sie da tun? Sie verletzen ja …« — und er verstummte kopfschüttelnd. Der Wächter hob den Arm, und die Chauffeure spannten schon die Muskeln, denn jeder glaubte, es käme ein Faustschlag. Es kam aber nichts.

Der Wächter schnaufte, völlig außer Fassung gebracht. Dann drehte er sich auf dem Gesäß um, ohne aufzustehen. »Noch ’n Helles!« rief er, und in diesem Augenblick fing die Frau am Tisch hell und heiter zu lachen an. Plötzlich lachten die andern auch. Irgendeiner sagte was Komisches, Jahnke schlug sich knallend auf den Schenkel, und ehe man sich’s versah, hatte der Fremde wieder zu singen begonnen, diesmal am Tisch sitzend, mit seiner tiefen, aber lichten Stimme sang er das Trinklied der Nonnen im Rosenhaag »Schenket ein den Cypernwein«, und bei der zweiten Strophe schon sangen die Chauffeure die Melodie mit! Der Parkbulle kaute nachdenklich an seinem Bier und schüttelte den Kopf zu alledem, und mittenin der Schlußstrophe sah man auf einmal, daß Karl ganz steif und merkwürdig verkrampft dasaß und vergeblich durch Grimassen die andern zum Schweigen zu bringen suchte. Es wurde allmählich still, der Fremde hatte zuerst aufgehört, und jetzt sahen alle, was los war: die Frau lag mit dem Kopf seitlich an Karls Schulter, ihre Augen waren geschlossen und ihre Haut ganz weiß, man wußte nicht recht, ob sie schlief oder ob ihr das Herz stillstand. Während nun aber alle zu ihr hinsahen, verzog sich plötzlich der Mund wie von einem grausam reißenden Schmerz, das ganze Gesicht zuckte und flog, ohne daß die Augen sich öffneten, die Wangen fielen jählings ein und bekamen schwarze Löcher, und gleich darauf schlug sie die Augen wieder auf, atmete tief, bekam Farbe ins Gesicht und lächelte ein wenig. Milly, das Dienstmädchen von Meyers, war hinzugetreten und sah ihr mit einem schwimmenden und zärtlichen Blick auf die Hände. »Wat für Hände«, sagte sie dann mehrmals und streichelte vorsichtig die Fingerspitzen der Frau. »Laßt se doch ins Vereinszimmer auf det scheene Sofa liegen«, riet die Schankmamsell, die auch herzugetreten war und die Ratlosigkeit der Männer spürte. »Nich wahr, Herr Jahnke«, sagte sie, »warum soll se nich in Vereinszimmer auf det Sofa liegen, wenn se müde is.« — »Meinetwegen«, sagte Jahnke wie erlöst, »schafft se man rüber, da kann se pennen bis in die Puppen. Jeputzt wird nich an Feiertag!« Der Fremde verbeugte sich dankbar vor Herrn Jahnke und reichte der Frau die Hand. Sie stand zögernd auf, während Karl steif und ein wenig enttäuscht sitzenblieb, und ging mit leicht schwankenden Knien, von dem Fremden geführt und von Milly und dem Schankmädchen gefolgt, in das verdunkelte kleine Hinterzimmer. An der Tür blieb der junge Mann zurück, die beiden Mädchen gingen mit der Frau hinein und schlossen die Tür hinter sich. Eine Zeitlang blieb es still, und von dem Fremden sah man nur den Rücken. Er stand mit etwas gesenktem Kopf und schien ins Leere zu sehen. Kurz darauf kam das Schankmädchen zurück. »Nu jeht’s ihr besser«, sagte es. »Sie liegt längelang, de Milly bleibt bei ihr drinnen.« — »Ich danke Ihnen«, sagte der junge Mann und begab sich zum Tisch zurück.

»Sag mal, wer bist denn du eigentlich«, wandte sich Karl plötzlich an ihn. »Ich meine — nichts für ungut — weil du so ’ne komische Kruke bist…«

»Ich bin«, sagte der Fremde in einem Tonfall, von dem man nicht wußte, ob er sich über die anderen oder sich selbst lustig mache, oder ob er es vielleicht ganz ernst meine, »ich bin ein seltsamer Mensch. Ich vertrage nämlich kein Eisbein und erst recht kein Sauerkraut. Als ich sehr jung war, hielt ich dies jedoch für das Beste.« Die Chauffeure nickten verständnisvoll. »Da ich aber nicht auf Lebenszeit mit Sodbrennen herumlaufen wollte, machte ich mich auf, das Land zu finden, wo man Nektar und Ambrosia speist.« — »Wat?« fragte Fritz. »Schlampanjer und Austern«, meinte der Parkbulle verächtlich. »Nein«, sagte der Fremde ernsthaft, »die Götterspeisen, die ja bestimmt leicht verdaulich sind. Und ich kam an die Grenze eines fremden Landes, da stand ein Erzengel Wache, in grüner Uniform, und fragte mich nach meinem Begehr, und als ich es genannt hatte, sagte er zu mir: Was du wirklich suchst, ist ›Jugend ohne Alter und Leben ohne Tod‹. Da ward ich sehr fröhlich, denn genau das war es, was ich suchte, ich hätte es aber selbst nie nennen können. Sechs Mal wirst du in die Irre gehn, sagte der Engel und hob den Grenzpfahl auf, beim siebten Mal magst du dein Ziel erreichen. Bei diesen Worten zeigte er auf einen nahgelegenen Friedhof. Ich aber machte mir nichts daraus und zog wohlgemut weiter. Da kam ich in einen finsteren Wald, der war voll von bösen Geistern und Ungeheuern, und da ich bald meinen Weg verloren hatte und auf ihre Gnade angewiesen war, verführten sie mich, böse Dinge zu tun, so böse und so verworfen, wie ihr es euch gar nicht denken könnt. Denn ihr wart ja noch nicht in der Gewalt böser Geister.

Eines Tages hörte ich leises Weinen an einem Felsenquell, und da saß eine verstoßene Prinzessin, die schon lange über Land gelaufen war, und versuchte die Läuse in ihrem seidenen Hemd zu knicken. Und die Stimme des Engels sagte zu mir: Hilf ihr, dann hast du den ersten Ausweg gefunden. Da half ich ihr Läuse knicken und wanderte weiter mit ihr, und so sind wir entkommen. Aber noch sind sie hinter uns her.« — »Wer?« fragte einer, »die Grünen?« — »Die bösen Geister«, sagte der junge Mensch, »die wird man nicht so leicht los.«

Der Parkbulle hatte ihn die ganze Zeit über höhnisch betrachtet, aber nicht gewagt, die allgemeine Stille des Zuhörens zu unterbrechen. Nun sagte er mit biederem Ton: »Na, Mensch, wenn de wirklich so’n Rübezahl bist, denn tu doch man jefalligst ’n Wunder. Det möcht ick besehn hier, verstehste?« Der Fremde nickte nur und zuckte dabei die Achseln. »Haste verstanden?« sagte der Parkbulle schon bedeutend angriffslustiger, da Karl leise gelacht hatte. »’n Wunder sollste tun. Kannste det?« — »Jeder kann Wunder tun«, sagte der Fremde ziemlich unbeirrt, »also auch ich.« — »Na denn laß man ’ne Runde Schnaps auf’n Tisch erscheinen, für jeden ’n doppelten Korn, det wär’n Wunder«, sagte der Parkbulle, dem trotz einer Pause des Nachdenkens kein ungewöhnlicheres Wunder eingefallen war.

»Das will ich«, sagte der Fremde und strich sich über sein krausblondes Bärtchen. »So«, rief der Bulle, »und wie machst’n det?« — »Indem ich den Wirt bitte, uns eine Runde Schnaps zu schenken«, sagte der junge Mann bescheiden und ohne Spott. Jahnke, der an seinem Schanktisch eingenickt war, sah ihn mit merkwürdig verträumten Augen an, die anderen grinsten. »Ich bitte Sie, Herr Jahnke«, sagte der Fremde mit gleichmütiger Stimme zu ihm, »schenken Sie uns eine Runde Schnaps. Für jeden einen doppelten Korn.« Jahnke glotzte einen Augenblick wie hypnotisiert, und es griff plötzlich eine große Spannung um sich. Auf einmal warf jahnke gebieterisch den Kopf herum zur Schankmamsell, die in der Ecke beim Ofen mit dem Freund des Dienstmädchens flüsterte. »Laß man anfahren«, befahl er. »Sechs doppelte Korn!« Jetzt aber brach, wie wenn ein Druck von allen Lungen, ein heimlicher Griff von jeder Kehle gewichen wäre, ein allgemeines tobendes Hallo aus, man ließ Jahnke hochleben und noch mehr den Wundertäter, denn daß es sich um ein offensichtliches Wunder handelte, dem jahnke, der noch nie in seinem Leben einen ausgegeben hatte, zum Opfer gefallen war, lag klar zutage. Der Schnaps kam rasch und wuchs wie von selbst auf den Tisch, denn es waren jetzt alle so mit Lachen, Reden, Schreien beschäftigt, daß kaum einer gemerkt hatte, wie er gebracht und hingestellt wurde. Plötzlich hatte man ihn in der Hand und im Mund und durch Gurgel und Speiseröhre hinab wohlbrennend im Gekröse, und als der Fremde nun wieder zu singen anhub, brauchte er nicht lange um Teilnahme zu werben: gleich fielen allein das Lied ein, das er anstimmte und das alle kannten: »Wenn du denkst, der Mond geht unter, er geht nicht unter, er tut nur so.« Es war ein blödsinniges Lied vielleicht, aber es war dieser Stunde voll angemessen, und wer von uns hat nicht einmal so eine Stunde erlebt? Und gerade als das Lied im schönsten Anschwellen war, da kam das Dienstmädchen Milly aus dem Vereinszimmer heraus und sagte Herrn Jahnke ganz aufgeregt etwas ins Ohr. Herr Jahnke stand schweigend auf und ging ohne weiteres sehr rasch zur Telephonzelle. Von dort winkte er nach rückwärts den Fremden herbei, der den Vorgang stumm beobachtet hatte, und zog ihn mit in die Zelle hinein. Und während die Männer vorn eine neue Lage Schnaps ausknobelten, hörte man Herrn Jahnke im Hintergrund laut und erregt eine Telephonnummer verlangen.

Eine halbe Stunde später war der Arzt da. »Wo liegt sie?« fragte er und winkte dem Dienstmädchen Milly, ihm zu folgen. In der Tür zum Vereinszimmer drehte er sich noch einmal um und befahl der Schankmamsell, kochendes Wasser vorzubereiten, und nach zehn Minuten kam er wieder aus dem Zimmer heraus, klappte seinen Handkoffer auf und trug ihn in die Küche, wo er Instrumente abkochte und sich eine Ewigkeit lang die Hände wusch. Dann trat er wieder ins Lokal, er war nun in Hemdsärmeln und hatte Gummihandschuhe an, blinzelte durch seine Goldbrille einen Augenblick mißtrauisch zu Jahnke und den Gästen hin und verschwand ins Vereinszimmer. Es wurde fast nichts mehr gesprochen am Tisch, wo alle wie vorher beisammensaßen und sich einander nicht anzuschauen trauten. Der Fremde zeichnete auf die Tischplatte Bäume, die sich im Wind bogen, kahle Bäume, verkrüppelte, niederbrechende Baumstrünke, Schößlinge, Zweige, Blätter und ragende Hochtannen. Es war sehr still, die Uhr tickte laut, und durch die offene Tür zur Küche hörte man das kochende Wasser singen.

Aus dem.Vereinszimmer keinen Laut. Nach gar nicht langer Zeit aber ging die Tür auf, und Milly lief stolpernd vor Aufregung durchs Lokal, sie hatte hochrote Backen, und alles flog an ihr. »Sie hat«, flüsterte sie unter lautem Atem zu den Männern am Tisch hin, »Krönchen in die Wäsche jestickt, sieben Zacken, det is ’ne Gräfliche, oder wenigstens ’n Freifräulein!« — »Selber Fräufreilein«, brummte Fritz ungläubig. »Aber nee doch!« rief Milly etwas lauter und verschwand in die Küche, »wie se nich bei sich war, da hatse ausländisch jesprochen. Mamma mia, hatse jesagt!« Der Fremde am Tisch barg sein Gesicht in den Händen. »Und man hat ihr so gut wie nischt anjesehn«, sagte Karl verbittert, »ich dachte die is ’n bisken mollig, dachte ick, untenrum.«

Als Milly mit einem Topf Wasser langsam aus der Küche zurückkam, räusperte sich Jahnke und wollte sie etwas fragen, aber in diesem Augenblick erscholl aus dem Vereinszimmer, dessen Tür Milly nur angelehnt hatte, ein zarter und doch durchdringender Laut, gleich darauf anschwellend, quäkend, quärrend, plärrend, gellend und dann in ein stockendes Gemauze übergehen. Kindergeschrei. Milly stolperte wieder und verschüttete etwas Wasser, bevor sie ins Zimmer verschwand. Der Parkbulle stand auf, streckte die Glieder, wollte einen Witz machen, verschluckte ihn und sagte dann: »Nu jeh ’ck mal ’n Rundgang. Morjn die Herrn.« — Er machte die Tür auf, blieb einen Moment auf der Schwelle stehen und knöpfte seinen Mantel zu. Von draußen fiel schon ein graugrieseliges Morgenlicht herein, in das der viele Rauch sich kräuselnd hinausdrehte. Durch die offene Tür sah man schattenhaft die kahlen Bäume und darunter, vom Licht der Laternen besprengt, das in der Dämmerung wesenlos zerflatterte, mit verhängten Kühlern die Kette der Autodroschken, wie Schafe, Rinder, Maultiere und schlummernd gekauerte Kamele.

Der Arzt trat heraus. »Macht mal die Tür zu!« herrschte er die Männer an. Dann ging er in die Küche, um sich schon wieder die Hände zu waschen. Jahnke trat, von den Männern gefolgt, in die Tür des Vereinszimmers. Er und der Fremde gingen hinein, die andern blieben auf der Schwelle stehen und schauten in einer engen Gruppe einander über die Schulter.

Plötzlich war auch der Parkbulle wieder da und winkte den beiden Chauffeuren Fritz und Karl heimlich mit einem Zeitungsblatt, es war die dicke Feiertagsausgabe, die er mit hereingebracht hatte. Mißtrauisch traten sie zu ihm an den Tisch. Die Seite »Aus aller Welt« und »Gerichtsteil« war aufgeschlagen, und der Parkbulle tippte mit seinem dicken Wollhandschuhfinger auf ein verschwommenes Photoporträt, unter dem ein fettgedruckter Bericht stand. Fritz, der schwer und langsam las, murmelte halb lautlos vor sich hin, einzelne Worte hoben sich wie Schreckschüsse heraus. »…gesucht…« — »…Großbetrug eines gewerbsmäßigen Kurpfu-Kurpf-« — »Kur-pfuschers…« sagte der Parkbulle. — »Entführungsverdacht und Sittlichkeits-« — »Aber nu man ocke«, sagte Karl, »bei denen, da is doch keene Sittlichkeit —« Er war ganz weiß, und der Schweiß stand ihm auf der Stirn. »Wat willst’n machen?« fragte Fritz leise den Parkbullen. »Ick weeß ja nich«, sagte der vor sich hin, »hier drinnen, det is nich mein Revier.« — »Und auf dem Photo, da hat er ooch keen Bart«, sagte Karl. »Den kann er jeklebt haben«, sagte der Parkbulle, »ick hab da nischt mit zu tun.«

Damit drehte er sich auf dem Absatz und ging so leise hinaus, wie er wohl noch nie im Leben irgendwo hinausgegangen war. Das Blatt blieb auf dem Tisch liegen.

Milly und das Schankmädchen hatten Millys Freund rechts und links untergefaßt und standen mit ihm im Vereinszimmer neben der Tür, eng an die Wand gepreßt. »Is’n Junge«, flüsterte Milly kaum hörbar zu den Chauffeuren hin.

Die Frau lag auf dem Sofa, und man hatte ein weißes Leintuch über sie gedeckt. Neben ihr, auf einem Stuhl, lagen ihre Kleider, am Boden standen zwei Waschbecken und ein Blecheimer, daneben die Tasche des Arztes, aus der Nickel blitzte. Das Kind lag in ihrem rechten Arm und quakte ein wenig. Und die Mutter hatte die Augen weit auf, und man sah, daß es tief schwarzblaue Augen waren in einem bleichen, schönen, irdischen Gesicht.

»Sie sind wohl der Vater von dem Kind?« sagte der Arzt zu dem Fremden und klappte ein Notizbuch mit Vordrucken und Registereinteilung auf.

»Ich?« erwiderte der mit einem ganz erstaunten Blick. »Wieso?«

»Na«, sagte der Arzt und zog seinen Rock an.

»Ich schicke dann jemanden her, der das aufnimmt«, sagte er. »Es genügt ja zunächst einer vom Revier —«, und dann, während er in seinen Mantel schlüpfte, rief er der Schankmamsell zu: »Fencheltee, aber nicht zu heiß!«

Dann ging er.

Jahnke war ziemlich lange fortgewesen und kam nun zurück, offenbar aus seiner Wohnung im Hochparterre. Er hatte Milly und ihren Freund mit hinaufgenommen, und die trugen nun einen Packen älterer Wäschestücke, windelartigen Kinderzeugs und Decken hinter ihm her. Während sie das alles ins Vereinszimmer schleppten, trat der Fremde zu Jahnke hin. »Verzeihen Sie«, sagte er, »haben Sie vielleicht einen Fahrplan?« Jahnke sah ihn an. »Jewiß«, sagte er dann und nahm ihn aus seiner Schublade des Büfetts heraus. »Wollen Se wech?« sagte er nach einer Weile. Aber der Fremde hörte es nicht, er saß mit abwesender Miene über den Fahrplan gebeugt und schrieb sich Züge heraus. Die Chauffeure hatten inzwischen nach ihren Wagen gesehen und kamen allmählich wieder herein. »Mal’n Kaffee kochen«, sagte Jahnke zur Schankmamsell und ging hinter ihr her in die Küche. Auch die Chauffeure gingen im Raum hin und her, denn es schien nicht mehr richtig zu sein, daß man sich wieder hinsetzte: es war alles aufgelöst, fremd und morgendlich.

Nach einiger Zeit stand der Fremde auf und sprach leise mit dem alten Chauffeur Fritz. »Ja, wird’n det jehn?« sagte der. »Natürlich«, antwortete der Fremde. »Von mir aus«, sagte Fritz, und dann zu Karl, der hinzutrat: »Zum Schlesischen Bahnhof.« — »So«, sagte Karl, und verstand. Der Fremde war ins Vereinszimmer gegangen und packte zusammen.

»Mit de Behörde woll’n die ooch nich aus die gleiche Schüssel essen«, sagte August Schmöller zu den beiden andern. »Det jeht mir nischt an«, sagte Karl. »Jewiß nicht«, bekräftigte August. »Ick meinte nur bloß.« Als Jahnke später die Küchentür öffnete, aus der ein dicker warmer Kaffeegeruch drang, sah er nur noch, wie Karl und August die Frau, die in einem Bündel das Kind an sich gepreßt hielt, auf gekreuzten Armen hinaustrugen. Fritz ging hinterher und schleppte zwei Decken mit. Um Jahnke kümmerte sich niemand, und der Fremde schien schon im Auto zu sein. Auf dem Tisch, zwischen verschüttetem Schnaps und Aschenresten, lag noch der Bierfilz mit Jahnkes Porträt. Darauf hatte der Fremde das Datum geschrieben, 24. 12. 1929, und ein Herz und eine Hand darunter gemalt.

Langsam ging Jahnke ins Vereinszimmer. Blieb stehen, schaute ins Lokal zurück. Draußen sprangen Motoren an, dann schlurrten die Wagen davon.

Im Vereinszimmer war aufgeräumt worden, das Leintuch lag zusammengefaltet überm Stuhl, und sonst erinnerte nichts mehr an das Geschehene.

Nur ein leiser Geruch von Jodoform und anderen Medikamenten, den der Arzt mit seinen Kleidern und seiner Tasche hereingeschleppt hatte, hing noch in der Luft.

Als aber nun Jahnke gedankenvoll das Fenster öffnete und die erste Sonnenhelle hereinließ, die draußen auf dem Rauhreif der Bäume und über der dünnen Eisschicht des Stadtparkteiches flimmerte, ging auch dieser Geruch hinaus, und es blieb von allem gar nichts mehr übrig.

Teil VI

Die Affenhochzeit (1932)

»Fährtensucher«, sagte Nikoline zu ihrem Mann, der gerade, hemdsärmelig, aus dem Atelier trat, »zieh deinen Rock an, du mußt jetzt gehn.« — »Wohin zum Teufel?« sagte Fährtensucher und stampfte mit dem Fuß, denn er wollte sich eigentlich nur Zündhölzer für die Pfeife holen und dann weitermalen. »Du wolltest das Geschenk kaufen«, sagte Nikoline, ohne sich davon einschüchtern zu lassen, daß er nun mit beiden Füßen stampfte und schreckliche Flüche ausstieß, untermischt mit wilden Drohungen gegen Frau, Kinder, Verwandte, Bekannte und die menschliche Gesellschaft überhaupt. Nikoline schüttelte nur a den Kopf. »Robert«, sagte sie, »sei doch nicht komisch!« — Das brachte ihn erst recht zur Raserei. »Wie kommst du dazu, mich mit Robert anzureden?!« schrie er. »Was habe ich dir denn getan?« — Dabei hieß er wirklich Robert, Robert Rottenbach, und hatte auch nichts Grundsätzliches gegen seinen Namen einzuwenden. Aber es war in dieser Ehe ein heimliches Gesetz, sich niemals mit dem richtigen Namen anzureden, und geschah es doch einmal, so galt es als Zeichen von Kälte und Unzärtlichkeit. Man rief sich mit den verschiedensten Kriegsnamen, die je nach Stimmung, Umgebung, Jahreszeit wechselten und die man im Lauf des Zusammenlebens sich selbst oder einander gegeben hatte. Größtenteils stammten diese Namen aus der Welt des kindlichen Abenteuers, doch hatten sie alle auch irgend etwas mit der Wirklichkeit zu tun. Auf Reisen zum Beispiel hieß Robert »Kartengänger«, da er seinen Ehrgeiz hineinsetzte, in fremden Städten und Geländen Weg und Steg nach der Karte zu finden, und lieber zwei Stunden in die Irre ging, als einen Schutzmann oder Chauffeur zu fragen. Auch der »Fährtensucher« war nicht ganz aus der Luft gegriffen, denn er konnte im feuchten Boden oder im Schnee jede Tierspur bestimmen und brachte damit bei Ausflügen oder Spaziergängen seine Frau zu leiser Verzweiflung. Sie wurde seltsamerweise Hieronymus, Jacobus oder Schnauzbart genannt, und man hatte sich so daran gewöhnt, daß man nichts Lächerliches oder Absonderliches mehr dabei fand. Und es braucht wohl jede Ehe und jede gute Gemeinschaft überhaupt einen Zug zu Albernheit, kindischen Geheimnissen und Lausbüberei. — Ebenso plötzlich, wie Roberts Wut— oder Verzweiflungsanfälle aufflackerten, pflegten sie zu verrauchen. »Es wird heute so nichts mit der Schmiererei«, sagte er und machte eine bockige Kopfbewegung zum Atelier hin, aus dessen angelehnter Tür, vermischt mit Pfeifenrauch, ein dünner Firnisgeruch drang. »Das Wetter ist nicht darnach. Es stinkt nach Frühling!« sagte er dann. — »Aha«, sagte Nikoline nur, denn sie wußte, daß jeder seiner Zornesausbrüche und überhaupt, was es an spärlichen Ärgernissen mit ihm gab, unmittelbar mit seiner Arbeit zusammenhing und mit ihrem Wachsen oder Stocken. »Es stinkt nach Frühling«, wiederholte Robert mit Wohlbehagen und schien seine Worte auf der Zunge zu schmecken. »Alles, was echt ist, stinkt«, sprach er weiter, indem er seinen Rock anzog. »Alles Großartige stinkt«, behauptete er noch und sah sehr vergnügt aus: »Zum Beispiel: der Mensch!« fuhr er fort. »Wenn einer was ist und was kann, dann stinkt er nach sich!« Er setzte seinen Hut auf. »Verstehst du?« — drängte er. »Natürlich«, sagte Nikoline und hatte einen zerstreuten Gesichtsausdruck. »Dann ist’s gut«, sagte Robert und wendete sich zur Tür. »Übrigens«, kam er nochmals ins Zimmer zurück, »wieviel soll ich denn ausgeben?« — »Es muß schon was Anständiges sein«, sagte Nikoline, »er hat deinen ganzen Unzuchtsprozeß geführt und macht unsere Wohnungssachen und alles und hat noch nie eine Rechnung geschickt.« — »Tausend Mark haben wir noch«, sagte Robert, »und wenn ich die widerliche Wand bemale, gibt’s dreitausend. Dann fahren wir weg«, sagte er und schnupperte zum offenen Fenster. »So, und die Kinder?« sagte Nikoline. »Die Kinder werden in den Schornstein gehängt und geräuchert«, antwortete Robert versonnen und sah Bergwälder im Schimmer des Vorfrühlings, windgerillte Seen, Föhnleuchten und stürzende Schmelzbäche. »Die Kinder werden eingepökelt und als Jungschweinernes verkauft«, wiederholte er und überzählte die Geldscheine, die er aus der Tasche zog. »Soll ich hundert ausgeben?« fragte er. — »Hundertfünfzig«, sagte Nikoline, »und wegfahren werden wir im Frühling auf alle Fälle. Die Kinder sollen froh sein, wenn sie uns einmal los sind!« — »Richtig«, sagte Robert, »sie leiden überhaupt schon an krankhaftem Familiensinn.« Damit ging er. Nikoline schloß die Flurtür hinter ihm, dann warf sie einen Blick ins Atelier, in dem eine Art von Unordnung herrschte, die keineswegs schlampicht, sondern eher zweckvoll, belebt und natürlich wirkte. In der Mitte war ein großer Rahmen gespannt, und die Leinwand war mit einigen skizzenhaften Andeutungen bedeckt. Quer darüber hatte Robert mit verwischbarer Kohle das Wort »Bockmist« geschrieben. Nikoline betrachtete es gedankenvoll. Es handelte sich um einen Auftrag: für das Klubhaus eines großen Industrieunternehmens die Wände auszumalen. Der Hauptentwurf sollte bis morgen abgeliefert werden. Aber es war noch nichts Faßbares zu erkennen. Man hatte ihm gewisse Richtlinien gegeben: Szenen aus dem Alltag der Industrieangestellten oder aber die Symbole des Wirtschaftslebens sollten freskenhaft dargestellt werden. Nikoline sah im Raum umher: überall lagen Blätter mit Pflanzen, Tieren, menschlichen Gestalten und Gesichtern, vorallem Bauern- und Kindergesichtern. An der Wand hingen Landschaften, wirkliche und geträumte. Manche waren wüstenhaft oder kahl wie polare Küsten, andre wucherten wie tropische Urwälder. Dazwischen sehr einfache Schildereien: ein Feldrand, ein Weg mit Holzstoß, eine Magd, die Kartoffeln schälte, ein apfelessendes Kind. Der Entwurfrahmen stand kühl und quadratisch, voll prätentiöser Nüchternheit, mitten in dieser vielbelebten Welt.

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Robert war schon ein ganzes Ende gegangen, ohne daß ihm der Zweck seines Weges zu Bewußtsein kam. Der Himmel war sonderbar milchig bewölkt, aber im Norden, wo es keine Wolken mehr gab, lag ein so klares, flüssiges Licht, als ob die weite, grüngläserne See ihren Widerschein emporstrahle. Auch roch die Luft, trotz vorzeitiger Wärmewellen, die, in die kühlere Wolkenzone streichend, sonderbare Lichtwirbel erzeugten, so frisch und salzig bitter, daß man glauben konnte, es begönne wirklich gleich am Rand der Stadt Berlin das große nördliche Meer. In dem Stadtteil, in dem Robert wohnte, war heute Markttag, und er schlenderte mitten durch die Verkaufsstände; Fisch, Gemüse, Kartoffeln, Fleisch und Blumen wurden ausgeboten wie auf dem Markt einer Kleinstadt. Auf der breiten Fahrstraße, rechts und links von den Trambahngleisen, hielten strohbedeckte Bauernwagen mit kleinen, struppigen Pferden, zwischen denen sich die Autos mühsam durchschlängelten. Aber viele Bauern brachten ihre Ware auch auf Lastkraftwagen oder in den Beiwagen ihrer Motorräder. Robert blieb stehen und sog sich die Augen voll mit Einzelheiten, Bögen, Bewegungen. Dann sah er wieder zum Himmel mit seiner kühlen weißen Flockigkeit. Er dachte daran, daß man, ohne irgend etwas von der Erde zu bemerken, nur einem Stückchen Wolkenhimmel und seinem Licht ansehen müsse, was für eine Jahreszeit und fast welche Stunde es sei. Und daß alle Kunstübung nur darauf ausgehe, das Licht nachzuschaffen und die Linie, die Quellen der Bewegung. »Wollense’n Hund koofen?« zischte ihm plötzlich jemand mit scharfer Flüsterstimme ins Ohr. Robert schrak zusammen und sah in ein paar stechende, hastige Augen. Ein unrasierter Mensch stand dicht neben ihm und lupfte einen weiten sackartigen Mantel: der Kopf eines ziemlich jungen, graumelierten Pinschers lugte hervor, mit feuchter schwarzer Gumminase und lustigem, nur jetzt etwas befremdetem Gesichtsausdruck. »Jelejenheit«, flüsterte der Mann aufgeregt. »Fuffzich Emm. Prima Rasse, garantiert stubenrein. Könnse gleich mitnehmen, Halsband hat er ooch.« Robert tätschelte den Kopf des Hundes, und dabei fiel ihm wieder ein, daß er weggegangen war, um für einen Freund ein Hochzeitsgeschenk zu kaufen. Hundertfünfzig Mark, hatte Nikoline gesagt. Doch ein bißchen viel eigentlich. Robert fand es, wenigstens für diesen Augenblick, sehr komisch, daß man jemandem, der heiratet, und noch dazu ein reiches Mädchen, und der schon allein nicht arm ist, auch noch Geschenke machen soll. Aber das ging gleich wieder vorbei, dafür tauchte blitzartig der Gedanke auf, den Hund zu kauffen: wenigstens für zwei Tage hätte man dann einen Hund, länger duldete Nikoline ihn doch nicht in der kleinen Stadtwohnung, und dann könnte man ihn als Hochzeitsgeschenk verwenden. Aber dem hastigen Hundeverkäufer waren alle diese Überlegungen zu umständlich. Mit einem Ruck, der Roberts Hand fortstieß, schloß er plötzlich wieder den Mantel über dem zurückzuckenden Hundeköpfchen. »Woll’nse oder woll’nse nich?« drängte er. — »Nein«, sagte Robert energisch. Es schien ihm doch richtiger, dem jungen Paar nicht mit einem Pinscher zum Polterabend zu kommen, und überhaupt waren die Eltern der Braut sehr konventionelle Leute, die wohl auch auf normale und übliche Hochzeitsgaben Wert legten. Der Mann mit dem Hund hatte kurz kehrtgemacht und verschwand im Gewühl, während schon ein Blauer langsam und mißtrauisch heranschritt. Robert schüttelte den kurzen Traum, mit einem kleinen Hund nach Hause ins Atelier zu gehen, von seiner Stirn und bestieg einen Autobus nach dem Kurfürstendamm. Auf dem offenen Verdeck des Autobusses sitzend, vom raschen Luftzug umknattert, hing er zunächst mit großer Ausführlichkeit dem Traum von einer Segelfahrt auf einem schwedischen Sund nach. Er stellte sich das Kreuzen vor frischer Brise so deutlich vor, daß er, in einer Kurve, den Kopf tiefer duckte, um nicht von der umschwingenden Segelstange getroffen zu werden. Als dann der Schaffner kam, gerann die flimmernde Wasserfläche des Sunds in den glattgefahrenen Asphalt des Wittenbergplatzes, und als der Wagen die Tauentzienstraße entlangfuhr, an den vielen Auslagen vorbei, bedachte Robert ernsthaft die Lage.

Es handelte sich also um ein Hochzeitsgeschenk für seinen Freund Georg, der, weil er aus Süddeutschland stammte, von all seinen näheren Bekannten Schorsch genannt wurde. Georg Kulp war ein verhältnismäßig junger Rechtsanwalt, der in Berlin rasch Karriere gemacht hatte und vor allen Dingen als besonders verständnisvoller Berater von Künstlern, Musikern, Malern, Dichtern und Schauspielern in ihren oft komplizierten Rechtsproblemen, denen die meisten ziemlich hilflos gegenüberstanden, bekannt geworden war. Robert wurde von ihm vor einigen Jahren in dem berühmten Unzuchtsprozeß verteidigt, der ihm damals viel Ärger bereitet, in der Folge aber seinen Namen und Ruf und vor allem die Anziehungskraft seiner Arbeiten ungemein erhöht hatte. Wie vielfach das Krautschießen eines äußeren Erfolges von Mißverständnissen gedüngt wird, war es auch hier: es gab eine Zeit, da es in gewissen Kreisen, für die Roberts Kunst am wenigsten geschaffen war, zum guten Ton gehörte, ein Blatt des unzüchtigen Malers im Salon zu haben. So war er seitdem aus den gröbsten Geldsorgen heraus, ja er verdiente sogar zeitweise recht gut, und er machte mit dem Geld das Klügste, was er tun konnte: er gab es aus, von seiner Frau und vielen unbemittelten Freunden freudig unterstützt, und legte es in guter Laune, Lebensfreude und angenehmen Erinnerungen auf lange Sicht und hohe Zinsen an. Die Blätter selbst, derentwegen man damals ihm und seinem Verleger den Prozeß gemacht hatte, waren alles eher als unzüchtig, himmelweit von Schlüpfrigkeit oder Zweideutigkeit entfernt: Zeichnungen und Aquarelle, aus dem leibhaftigen Dasein von Pflanze, Tier, Ding und Mensch, aus den elementaren Vorgängen der Natur, mit einer unmittelbaren, reinen Anschauung und mit einer fast religiösen Weltliebe erfaßt und gebannt. Georg Kulp hatte ihn damals herausgepaukt, und seitdem hielten sie gute Freundschaft, obwohl sie von Temperament und Lebensart völlig verschieden waren. Jede Woche einmal erschien Georg Kulp im Atelier droben und verbrachte einen Abend mit Robert und seiner Frau, manchmal auch mit Robert allein, und das waren die Abende, an denen sie, wie sie sagten, das Lagerfeuer anzündeten und endlose, zähe und heftige Männergespräche führten. Dann und wann waren einige Freunde Roberts dabei, die in Heizer, Oberheizer, Schürer, Bewacher und Beschauer des Lagerfeuers eingeteilt waren, es wurde dann unter Einzel- und Gruppengesprächen sehr viel Schnaps getrunken, und gegen Morgen sangen sie Soldatenlieder und störten die Bewohner der unteren Stockwerke aufs empfindlichste. Nikoline ging dann frühzeitig ins Bett und schlief mit »Oropax« in den Ohren, so gut es eben ging. Oft waren alle noch da, wenn sie und die Kinder morgens aufstanden, und sie deckte dann einen großen Frühstückstisch und kochte ungeheure Mengen von Kaffee und Eiern. Das ganze Lagerfeuer saß fromm und etwas abgekämpft nach Art braver Schulknaben um die Frühstückstafel herum. Mit der Zeit hatte es sich ganz von selbst herausgebildet, daß Georg Kulp alle praktischen Angelegenheiten Roberts, seine Kauf- und Mietverträge, seine Steuersachen und sogar die Balancierung seines Ausgabenbudgets betreute und verwaltete. Er gehörte sozusagen zur Familie, wie das Großhirn zum Kleinhirn, er war immer da, wenn man ihn brauchte, und hatte selten etwas ausgesprochen Wichtigeres vor. Daher wirkte seine Verlobung und nun die nicht mehr aufzuhaltende, endgültig festgesetzte Heirat ziemlich niederschmetternd auf die beiden, und besonders Robert haßte die Braut, noch bevor er sie kennengelernt hatte. Das Kennenlernen schmolz dieses Gefühl nicht um, und obwohl alle Leute, sogar Nikoline, sagten, sie sei nett, fand Robert sie schauderhaft und unerträglich. Sie war ein Mädchen aus sehr guter Familie, und wenn Robert auch keineswegs etwas gegen väterliches Geld und anständige Erziehung einzuwenden hatte, so desto mehr gegen eine gewisse Haltung, die das Aufwachsen in der »besseren« Gesellschaft des westlichen Berlin mit sich bringt. Rasches Urteil, immer bereit und allzu leicht sagbar, auch über Dinge, denen der eigne Horizont, die eigentliche menschliche Substanz längst nicht gewachsen ist, dazu eine Art von äußerer Sicherheit, hinter deren Schutzhülle man nicht erst vorzudringen brauchte, um zu ahnen, wie schwach ihr inneres Gerüst sei, und ein tierischer Mangel an Wissen jeder Art, überdeckt durch eine schwabblige Fülle von wahllos eingeschlungenem Bildungsgut, kennzeichneten sie. Daß die Braut, in einer bewußt ironischen Umbildung ihres richtigen Vornamens, Lenina genannt wurde, machte sie in Roberts Augen nicht anziehender, und ihre ehrlichen Versuche, in seiner Gegenwart natürlich, anspruchslos, liebenswürdig und schmiegsam zu sein — denn sie fühlte wohl seine Abneigung und wollte ihn als Freund ihres Mannes erobern —, wurden von ihm als eine Elementarstufe betrachtet, aus der sie sich erst in zwanzigj ähriger Bußübung empordienen müsse. Dabei bemerkte Robert oft einen Zug von Echtheit und gewinnender Frische in ihrem Wesen, und er schalt sich selbst einen Pharisäer, Zeloten, Dogmatiker. Aber mit der Vernunft und dem guten Willen ist in solchen Fällen, wo es nur um Neigung, Witterung, Empfindung geht, nichts auszurichten.

Schon aus diesen Hintergründen heraus war es eine nicht ganz einfache Aufgabe für ihn, den beiden ein Hochzeitsgeschenk zu kaufen. Nikoline hatte sich, vielleicht aus pädagogischen Gründen, bestimmt aber in weiser Voraussicht, davor gedrückt: es handle sich um seinen Freund, sagte sie, und da müsse auch er selbst sich einmal anstrengen. Robert seinerseits haßte das Einkaufen, soweit es sich nicht um Dinge aus seinen speziellen Interessengebieten drehte: um Aquarien etwa oder Zimmerstutzen, Blumen, alte Glasflaschen und alkoholische Getränke — und wenn er einmal einkaufen ging, dann tat er es allein und auf keinen Fall in weiblicher Begleitung. Das hypnotisierte Hinstarren der Frauen auf ausgelegte Modeartikel, ihr abschätzender Blick auf die Preistafel, das konzentrierte und gleichzeitig zerstreute Auge, mit dem sie die Schaufenster großer Geschäftshäuser überfliegen, reizte seine Wut und seine Spottlust. Als er nun an der Gedächtniskirche ausstieg und auf der linken Seite des Kurfürstendamms stromaufwärts strich, ergriffen ihn Angst und Ekel vor seinem Unternehmen. »Die haben doch alles«, sagte er vor sich hin. »Die können doch gar nichts brauchen!« — Und er dachte mit Abscheu an die gediegene Wohnung im alten Westen und das solide Müggelseelandhaus der Kulpschen Schwiegereltern. »Sie werden sich einrichten«, dachte er, »und dann sind sie gerichtet.« Er blieb vor dem Ledergeschäft von Rosenhayn stehen, bestaunte den Portier, der ihn mit einer magischen Handbewegung in den Laden zu zaubern versuchte. »Es gibt nichts zu kaufen«, sagte er hartnäckig und verzweifelt. Auf die nächstliegende Idee, dem Freund ein Bild oder eine Zeichnung zu schenken, kam er gar nicht, weil sie eben viel zu nahe lag. Eine recht hübsche junge Frau, die rasch aus einem Auto stieg und ins Geschäft wollte, stolperte über seinen Fuß und knurrte leise. Er entschuldigte sich auf italienisch, und die Frau sah sich, merklich besänftigt, nach ihm um. Da streckte er ihr die Zunge heraus, worauf sie entsetzt die Flucht ergriff. Immerhin hatte ihn ihr Kleider- oder Haargeruch etwas aufgemuntert, und er ließ sich nun im Strom anderer Besucher in den Laden hineinspülen. Ziellos ging er umher, sah ungeheure Mengen aufgeschichteter Aktenmappen, Ledertaschen, Hutschachteln, Handkoffer, Zigarrenetuis, Schreibtischeinrichtungen und komplizierte Futterale für sehr kleine Bleistifte oder silberne Zahnstocher und begann müßige Betrachtungen über den Rhythmus von Angebot und Nachfrage, von Bedürfnis und Bedarfserzeugung anzustellen, die andere schon gründlicher und mit ebensowenig praktischem Resultat durchgeführt hatten. Der Geruch des jungen Leders begeisterte ihn sehr, aber die Stimmen, Geräusche und die animalische Wärme all der vielen Menschen machten ihn schläfrig und stumpf. Die Verkäuferinnen waren alle sehr beschäftigt und bemerkten gar nicht, Wenn jemand, der nicht laut nach ihnen schrie, lange an ihrem Warentisch herumstand. Einmal stieß ihn sogar eine, der er im Wege war, ziemlich barsch beiseite, indem sie ihm den Ellbogen, unter dessen Winkel sie, ein Paket hielt, in den Magen rammte. Er verbeugte sich tief vor ihr, worauf sie ganz rot wurde und wütend weiterlief. Gleich darauf fragte ihn ein gepflegter Herr mit unsagbar glattem Haupthaar und noch bedeutend glätterem Angesicht nach seinen Wünschen. Er suche einen frischen Lachs, sagte Robert, aber lebendig, stubenrein und ohne Gräten. Da sei er wohl falsch hier, sagte der glatte Herr, ohne eine Miene zu verziehen, auch ohne jedes Befremden, und wandte sich von ihm weg. Nach diesem entscheidenden Mißerfolg verließ Robert das Geschäft und betrat nebenan den vornehmen Laden von Scherk. Hier herrschte exklusive Ruhe. Ein mächtig aufgewölbter Persianermantel saß auf einem Stuhl und äußerte unerfüllbare Wünsche, die ganz bestimmte Schleifung von Kristallflakons und das ganz bestimmte orientalische Holz für einen Toilettenschrank mit eingebautem Zerstäuber betreffend. Ein älterer Herr sprach leise und begütigend mit dem Prachtstück, als ob er darinnen ein Gesicht oder eine Art Kopf oder Hirn vermute. Eine sehr streng angezogene Dame trat auf Robert zu und schaute ihn fragend an. Sie hatte schöne graue Augen, und Hände, die er am liebsten gleich gezeichnet hätte. Er nahm, ohne sich weiter umzuschauen, ein kleines Fläschchen Parfüm, Chanel Nr. 5, für seine Frau, und — ließ sich dann, nachdem er sich so als ernsthafter Käufer legitimiert hatte, ziemlich alles zeigen, was es in dem Laden gab. Aber er betrachtete nicht die Gegenstände, sondern immer nur die Hände dieser Frau, und als er schließlich, mit seinem Parfümfläschchen, hinausging, schien sie recht böse auf ihn, aber doch ein wenig geschmeichelt. Sie dankte hoheitsvoll für seinen Gruß und zog sich, als er, nochmals grüßend, an ihr und der geöffneten Tür vorbeischritt, ohne Not das straff sitzende Kleid zurecht. Und als Robert nun weiterging, bald rechts, bald links den Kurfürstendamm hinauf, mußte er, ob er wollte oder nicht, allen Vorübergehenden auf die Hände gucken, und er zeichnete im Geist ein Rembrandtsches oder Dürersches Lebenswerk an Händen, Greifern, Klauen, Flossen, zärtlichen, heftigen, begabten, vertrockneten, edlen und niedrigen Menschenhänden vor sich hin. So kam er immer weiter, dann und wann trat er in ein Geschäft, um nichts zu finden; in einem zauberischen Glasladen, Heller, auf der rechten Seite, erstand er sechs hellbraune, dünnschalige, achteckige Schnapsgläser für sich selbst, bei Staub auf der linken Seite kaufte er einen Badeanzug, für den Fall, daß er doch ans französische oder spanische Mittelmeer reisen sollte, und in einem Chinoiseriegeschäft japanische Papierblumen, die sich im Wasser auflösen, für die Kinder. Schließlich bog er in irgendeine Seitenstraße und dann in noch eine, nur von der Absicht getragen, die flüchtig aufgetauchte schräge Vorfrühlingssonne möglichst im Gesicht zu haben; ging immer rascher, pfiff, dachte an tausend Dinge zugleich und gar nicht mehr an das Hochzeitsgeschenk, den drohenden Polterabend und den Auftrag vom Industrieverein. Plötzlich stand er wie gebannt vor einem kleinen Laden, der mitten in einer stilleren Wohnstraße lag und auf dessen Tür in weißer Schrift »Zoologische Handlung« aufgemalt war. Im Schaufenster Aquarien, mit wehenden Wasserpflanzen und algenbehauchten Scheiben, Wärme- und Lichtanlagen für die Exoten und gleitendem, pfeilendem, schwebendem Getier. Er sah das weinrote, tiefblaudurchbänderte Geleucht eines Makropoden im Hochzeitsstaat, den Perlmutterglanz still schwärmender, zebrastreifiger Skalaras, die bebende, durchsichtig lichtgrüne Schweifspitze des kämpferischen Schwertträgers, das breitrunde, käuende Maul des opalisierenden Mondfischs. Dahinter die Vögel in großen und kleinen Bauern: Schmetterlingsfinken, dutzendweise auf einer Stange zusammengeschmiegt, mit himmelblauen und zartrosa Halsflecken, Dompfaffen, das schwarze Köpfchen selbstbewußt und mit liebenswürdigem Ernst über dem vorgewölbten schönroten Bauch und dem herrlichen Hellgrau des Rückens drehend, eine chinesische Nachtigall, aus glucksender Goldkehle schlagend, klugäugige Schamadrosseln, die sich schnalzend verbeugten, ruhlose Stieglitze mit bunt flitzendem Gefieder, kobaltblaue Sittiche, paarweise aneinandergepreßt und rastlos auf ihre Nachbarn und Mitbewohner schimpfend, und einen großen, weißen, gelbschopflgen Kakadu, der in das pausenlose Geschrille, das bis auf die Straße zu hören war, ein immer gleiches, unverständliches Wort schrie. Im Schaufenster war ein kleines Pappschildchen angebracht, auf dem handschriftlich zu lesen stand: »Lebendes Fischfutter, täglich frisch«. Es fiel Robert ein, daß er für seine Fischzuchten zu Hause nicht mehr genug Daphnien besitze, und er war froh, einen Grund zu haben, um das lockende Geschäft zu betreten. »Haben Sie Flöhe?« fragte er, als er hereinkam. Die Verkäuferin, eine ältliche, etwas verquollene Person in einem schmuddeligen Ärztekittel, verstand sofort. »Lebende Daphnien oder jetrocknete?« fragte sie zurück. »Lebendige«, sagte Robert, »und möglichst viele.« — »Habense’n Glas mit?« sagte die Frau. »Sonst kostet’s fuffzig Pfennije Pfand.« Robert antwortete nicht. Er hatte etwas entdeckt.

Langsam und wie gezogen ging er in die hinterste, ziemlich dunkle Ecke des Ladens. Ein paar Augen hatten von ihm Besitz ergriffen, ein Paar Augen mit heller, wäßrig grauer Iris und großen, dunklen Pupillen, von denen ein doppelter Blickstrahl, wie ein unsichtbares, federndes Gleis, schnurgerade in Roberts Augen ging. Und jetzt, als er nah herankam, streckte sich ihm ein kleines, braunes, weiches, sehr menschenhaftes Händchen mit einer gleichsam zerstreuten und doch ganz dringlichen Gebärde entgegen. Robert nahm das Händchen, das zuerst schlaff in der seinen lag und sich plötzlich mit dem Druck einer für seine Kleinheit unheimlichen Kraft, wie sie ähnlich in Säuglingshänden steckt, um seine Finger schlang. Gleichzeitig ein leiser, zwitschernder, langsam anschwellender Begrüßungslaut, dann ein kurzes lachendes Aufschnattern, und dann ein lautloser, weicher Satz: zur Schulter hinauf. Aber die Kette, an der das Äffchen an einem Halsband festgemacht war, reichte nicht aus: es wurde zurückgerissen, kam mit allen Vieren auf seine Stuhllehne, richtete sich auf den Hinterbeinen auf und begann jämmerlich zu rufen: »Zipp, zipp, zipp, zipp…« so ähnlich klang es und endete in einem ziemlich schrillen und äußerst verlangenden Schrei. Robert ging noch näher und begann, das Tier zu streicheln, das nun mit den Lippen an seinen Fingern schmatzte und eine Hand in seinen Rockärmel klammerte, als wolle es ihn nie mehr loslassen. »Ein Rhesusaffe?« fragte er über die Schulter. — »Is’n Weibchen«, sagte die Frau, während sie mit einer Art Kohlenschaufel Daphnien aus einer kleinen Wassertonne in ein Geleeglas scheppte. »Heißt Colombine.« — »Colombine!« sagte Robert und machte die Kette los. Im gleichen Augenblick saß das Tierchen auf seiner Schulter und kraulte ihn in den Haaren. »Sehnse«, sagte die Frau vorwurfsvoll, »wenn man se losmacht!« — »Bei mir kann sie suchen«, sagte Robert. — »Die sucht keine Läuse nich«, belehrte ihn mürrisch die Frau, »die sucht Schuppen. Das schmeckt denen.« — »Ich weiß«, sagte Robert. »Wie alt ist sie denn?« — »Die is jung!« antwortete die Frau mit einem rätselhaften Ton. »Zutraulich is se! Wennse sich mit die einlassen, die kriegense nich mehr los!« Die mürrische Stimme der Frau hellte sich ein wenig auf. »Colombine«, sagte sie. »Sei nich so zudringlich, laß man den Herrn seine Haare.« Aber Colombine hörte ihr gar nicht zu und war vollauf beschäftigt. Die Frau kam näher. »Ob de runtergehst!« sagte sie ziemlich freundlich zu dem Tier. Das aber klammerte sich plötzlich mit beiden Ärmchen um Roberts Hals und begann wieder jämmerlich zu ziepen und zu zwitschern. »Die will von Ihnen nich wech«, sagte die Frau, »die hat Ihnen nu mal erkannt!« — »Erkannt…« wiederholte Robert, und dann sagte er plötzlich: »Was soll’s denn kosten?« — »Eins fuffzig die Daphnien, es gibt ja noch keine draußen um die Zeit«, sagte die Frau, »und fuffzig Pfennije Pfand.« — »Nein«, sagte Robert mit etwas unsicherer Stimme, »ich meine: Colombine?!« — »Die?« sagte die Frau und wurde plötzlich gierig. »Die is so zahm, so zutraulich is die, mit der könnse alles machen!« — »Das liegt mir fern«, sagte Robert ernsthaft. »Ich möchte nur mal den Preis wissen. Nehmen kann ich sie nicht.« — »Fressen tut se, was Se ihr geben«, ratschte die Frau, »und jesund is se, fühlense mal die Fettpolster! Die is klug wie’n Hund, sag ick Ihnen, also jenau wie’n Mensch is die!« — »Und kosten tut sie gar nichts?« sagte Robert kopfschüttelnd. — »Hundertfuffzig«, sprach die Frau beiseite. »Aber mein Mann jibt se nich her. Der is janz verrückt mit dem Tier, rein verrückt is der. Nee, der jibt se nich her! Es ist dies der beste Affe, den wir hatten!« sagte sie plötzlich in steifem, gewähltem Hochdeutsch. — »Schade!« sagte Robert und machte eine kleine Bewegung mit dem freien Arm, als wolle er das Äffchen herunternehmen. In diesem Augenblick biß Colombine ihn mit ihren kleinen Schneidezähnchen ins Ohr. Sie knappte ihm von unten das Ohrläppchen zusammen und hielt es einen Moment lang fest, es tat aber gar nicht weh und war eher wie eine heimliche Zärtlichkeit oder ein Zeichen. Und statt das Tier von seiner Schulter zu nehmen, griff Robert mit der freien Hand in seine Rocktasche. »Packen Sie mir mal ein paar große Tüten voll Erdnüsse und Affenbrot«, sagte er, »und rufen Sie eine Taxe bei!« Er zählte drei Fünfziger ab und legte sie auf den Tisch. »Eine Decke können Sie mir vielleicht leihweise mitgeben? Wenn Sie wollen, zahle ich auch ein Pfand dafür!« — »Is nich nötig!« sagte die Frau hastig und strich das Geld ein. »Die kleene Schlafdecke könnse mit behalten, da is se dran jewöhnt!« Colombine nahm ihm die Schlafdecke, die er hochhob, aus der Hand, riß sie an sich und schlug ihm ihre zerfetzten Zipfel um die Nase. Dann legte sie ihre Lippen dicht an seine Ohrmuschel und schnatterte leise auf ihn ein.

Als er nach Hause kam und Nikoline ihm die Tür öffnete, war sein Mantel vorne sonderbar gebaucht. »Ruf mal die Kinder!« sagte er. — »Wieso?« sagte Nikoline und starrte ihn mit offenem Mund an. Er lupfte den Mantel unter dem ein schrill zwitschernder Laut hervordrang. »Sie heißt Colombine«, sagte er leise und schuldbewußt, »sie könnte deine Schwester sein. Georg wird sich sicher furchtbar freuen. Aber ich glaube«, fügte er etwas verschämt hinzu, »sie ist schon sehr verliebt in mich!«

Colombine wurde im Atelier untergebracht, und zwar setzte man sie zunächst auf ein kleines Schränkchen, in dem Robert Farbenkästen, Blöcke und sonstige Malgeräte aufbewahrte. Das Halsband mit dem Kettchen hatte man ihr vorläufig nicht abgenommen und den Karabinerhaken des Kettchens an dem Hebel des Heizkörpers, der sich dicht neben dem Schränkchen in gleicher Höhe befand, angehängt. Um sie herum häufte man eine Menge Futter, und man stellte eine kleine Schale mit warmer Milch vor sie hin, die Colombine sofort, ohne davon getrunken zu haben, in großem Bogen gegen ein frisches Ölgemälde schmiß. Die Schalen der Erdnüsse, die sie fleißig knackte, warf sie nach allen Seiten in den Raum, und als sie plötzlich ein menschliches oder vielmehr äffisches Bedürfnis ankam, hockte sie sich recht artig auf den äußersten Rand des Schränkchens und beschenkte die Heizung. Sie habe einen natürlichen Reinlichkeitssinn, erklärte Robert seiner staunenden Familie, was daraus hervorgehe, daß sie nicht auf das Schränkchen, das sie schon als ihre Wohnung begriffen habe, sondern von dem Schränkchen herunter mache, wo ja für sie die Außenwelt anfange und was nicht anders aufzufassen sei, als wenn ein Mensch eben austrete. Aber das Kästchen mit Sägemehl, das er dann rasch beschaffte, stülpte sie sich zuerst über den Kopf und warf es dann nach den Kindern. Überhaupt war ihr Verhalten zu den Kindern höchst feindselig. Sie schien in ihnen eine Art unlauterer Konkurrenz zu erblicken und fletschte die Zähne, sobald sie in die Nähe kamen. Als Roberts vierjähriges Töchterchen sie trotzdem streicheln wollte, wurde sie nur durch seinen hurtigen Zugriff daran gehindert, dem Kind mit vorgestreckten Nägeln und entblößtem Gebiß ins Gesicht zu springen. »Es ist ganz gut so«, sagte Robert, »die Kinder würden das Tier sonst küssen, und das ist ungesund!« Nikoline war seit dem Einzug des Äffchens ziemlich erstarrt und beharrte, ohne Widerspruch laut werden zu lassen, in einer Art passiver Opposition. Dieses Verhalten war vollauf gegenseitig. Colombine zeigte der Frau gegenüber zwar nicht die ausgesprochen eifersüchtige Abneigung, die sie den Kindern entgegenbrachte, aber sie wurde ganz still, steif und vornehm, sobald Nikoline in die Nähe kam, wie eben wohlerzogene Frauen, die sich nicht leiden können, nicht gleich aufeinander loskeifen, sondern sich ihre Verachtung durch eine königliche Haltung darzutun wissen. Ganz ohne Maß und von einer geradezu schauerlichen Eindringlichkeit war dagegen ihre Passion für Robert. Sie starrte ihn unentwegt an, ließ ihn keine Sekunde aus den Augen, beobachtete jede seiner Bewegungen und schaute bei allem, was sie selbst tat, sogar beim Fressen und beim Gegenteil, unablässig in sein Gesicht. Sie lachte und schwätzte mit ihm und geriet geradezu in Ekstase, wenn er sie streichelte oder zu sich nahm. Immer versuchte sie, seine Hand, seine Haare oder wenigstens einen Rockzipfel von ihm zu erwischen, und sobald er den Rücken drehte, begann sie jämmerlich zu schreien. Zum Mittagessen war Robert sowieso zu spät gekommen, aber es wäre auch nichts daraus geworden: bei seinem ersten Versuch, das Atelier aus irgendeinem Grund zu verlassen, sprang Colombine trotz der Halskette von dem Schränkchen herunter, baumelte, schrillend und gurgelnd, an der Heizung ein Stück über dem Boden und hätte sich beinahe erwürgt. Robert brachte sie daraufhin zu ebener Erde in der Ecke neben dem Sofa unter, von dem sie sofort einen Stoffstreifen und einige Quasten abriß. Auch dieser neue Standort nutzte ihm nichts: er mußte sich jetzt zu ihr auf die Erde setzen, sonst sprang sie wie eine Wahnsinnige hin und her, gegen die Wand, gegen das Sofa, ja sogar mit dem Kopf voran gegen den Fußboden, so daß Robert ernstlich Angst um sie bekam. Sobald er zu ihr zurückkam, beruhigte sie sich und tat, als ob nichts gewesen wäre. Sie blinzelte ihn dann vertrauensvoll an, indem sie die fleischfarbene Haut ihrer Lider mehrmals ganz rasch und kurz über die Pupille zog, und heftete einen so feuchten, unverhohlen beglückten, ja anbetenden Blick auf ihn, daß er nicht widerstehen konnte. Das Abendbrot nahm er allein im Atelier, auf einem niedrigen Hocker sitzend, in der rechten Hand die Gabel, während er mit der linken kleine Apfel— und Bananenstückchen an Colombine verabreichte. Nikoline hatte an diesem Abend eine Freundin da, und die beiden Frauen aßen im Wohnzimmer allein. Später kamen sie mit einer Flasche Wein herüber und setzten sich neben Robert und das etwas gekränkte Äffchen auf das Sofa. Um den Duft Colombines einigermaßen zu übertäuben, rauchten sie viele Zigaretten, während Robert, aus Furcht, es könne der schwere Rauch für die Lungen des Tieres ungesund sein, sich seine Brasilzigarre verkniff. Er saß nun auf der Sofakante, und das Affchen, von der Halskette befreit, auf seinem Schoß. »Du wirst wohl deinen Beruf aufgeben müssen«, sagte Nikoline nach einiger Zeit. — »Wieso?« fragte Robert gereizt. — »Wegen Colombine«, sagte sie. — »Unsinn«, sagte Robert. »Die muß sich nur erst ein bißchen eingewöhnen.« — »Aha«, sagte Nikoline, »du willst sie also tatsächlich behalten!« — »Sprich nicht mit mir wie mit einem Untersuchungsgefangenen«, sagte Robert, »und stelle keine Suggestivfragen. Colombine ist das Hochzeitsgeschenk für Georg und seine Braut.« — »Das junge Paar kann sich gratulieren«, sagte Nikoline. — »Kann es auch«, rief Robert. »Ich wollte, man hätte uns ein Affchen geschenkt statt einer geschmacklosen Blumenvase und einem Sektkühler!« — »Macht denn Georg keine Hochzeitsreise?« fragte nun die Freundin. — »Ich weiß nicht«, sagte Robert verlogen, »und wenn ja, dann nehmen wir eben das Äffchen solange in Pension!« — »So«, sagte Nikoline kühl und landete wieder beim Ausgang des Gespräches: »Dann kannst du solangedeinen Beruf aufgeben!« — Robert antwortete nicht und starrte auf seinen Entwurfsrahmen, auf dem immernoch unverändert das Wort »Bockmist« stand. — »Morgen muß ich sehr früh aufstehen«, sagte er nach einer Weile. »Am Nachmittag kommt der Kerl vom Industrie-Klub. Da muß wenigstens etwas angedeutet sein. Vielleicht«, sagte er und räusperte sich ein wenig, »vielleicht schlafe ich gleich hier!« — »Mit Colombine!« sagte die Frau, und die Freundin lachte. Robert überhörte es. »Ich möchte sie gern zeichnen«, sagte er nach einer Weile. — »Für den Industrie—Klub?« fragte Nikoline. — »Du bist unerträglich«, sagte er. »Aber vielleicht kann man wirklich auf dem Industriebild einen Affen anbringen!« — »Als Symbol der freien Wirtschaft!« sagte Nikoline. Das Äffchen schaute sie vorwurfsvoll an und murrte leise. Im übrigen saß es jetzt ganz ruhig und spielte nur manchmal mit zerstreuten Händchen an Roberts Krawatte herum, während es sich mit den Hinterhänden an seinem Gürtel hielt. Es wurde nicht mehr viel gesprochen, und die Freundin verabschiedete sich bald, denn sie spürte, wie sich die Luft im Raum, trotz der großen Dimensionen des Ateliers, in jeder Beziehung mehr und mehr verdickte. Nikoline begleitete sie hinaus, sah nach, ob die Kinder schliefen, und kam dann noch einmal zurück. »Fährtensucher«, sagte sie im Eintreten und wollte fortfahren, aber der machte ihr ein heftiges Zeichen mit dem Kopf und zischte: »Psst!« — Auf den Zehenspitzen kam Nikoline heran. Das Äffchen war eingeschlafen. Zusammengerollt, halb auf dem Rücken, die eine Hand unterm Köpfchen lag es in Roberts Arm, und sein Atem pfiff ganz leise bei jedem Zug. »Eigentlich«, flüsterte Nikoline, »ist es doch sehr lieb!« Robert antwortete nicht. Mit jener leicht komischen Behutsamkeit, die kräftigen Männern eigen ist, wenn sie etwas sehr Zartes tun, hob er Colombine, ohne ihre Lage zu verändern, auf beide Hände und legte’sie auf das zerschlissene Deckchen, dem man noch ein altes Kissen und vorsichtshalber eine Gummiplane untergeschoben hatte. Das Tier ließ es ganz still geschehen und rührte sich nicht. Beide betrachteten es eine Zeitlang, wie es kurz, aber regelmäßig atmete. Dann faßte Nikoline Roberts Hand. »Komm«, sagte sie leise, und Robert nickte, schon seinen Körper wendend. In diesem Augenblick schlug Colombine die Augen auf. Sie tat gar nicht erstaunt, und es sah überhaupt nicht nach Erwachen aus, sondern so, als habe sie sich nur schlafend gestellt und alles, was vorging, ganz genau beobachtet. Sie regte sich kaum und blieb in der gleichen Stellung liegen, aber sie heftete den großen, etwas traurigen Blick bittend, vertrauend und nicht ohne Vorwurf auf Roberts Gesicht. »Wir machen das Licht aus«, flüsterte Nikoline, »dann wird sie schon wieder einschlafen!« — Robert ging zum Schalter, drehte ab. Aber gleichzeitig mit dem Knipsen des Schalters schrie Colombine schrill und jämmerlich auf. Und ehe noch Robert das Licht wieder einschalten konnte, hörte er auch Nikoline aufschreien, der etwas rasend Bewegtes an den Beinen vorbeigefahren war, und im selben Moment spürte auch er schon etwas an seinem Bein, zerrend und reißend an seiner Hose, das Licht flammte auf, und schon sauste das Äffchen an seinen Kleidern in die Höhe, turnte ihm auf die Schulter und klammerte sich um seinen Hals. Vorsichtig, nach minutenlangem Streicheln, brachte er es auf sein Lager zurück und legte ihm nun doch wieder das kleine Halskettchen an. Colombine ließ es sich ruhig gefallen und lächelte ihm zu. Dreimal versuchte er, das Licht zu löschen und mit seiner Frau hinauszugehen: aber sofort begann wieder das Schreien, Weinen, Ziepen, Jammern und Winseln. Robert stand ratlos da. »Ich müßte wenigstens bleiben, bis es wirklich fest eingeschlafen ist«, sagte er. — »Kleine Kinder läßt man sich ruhig einmal ausschreien«, meinte Nikoline. »Sie hören dann schon von selbst auf!« — »Ja«, sagte Robert, »aber kleine Kinder haben mehr Geist und weniger Seele!« Nikoline ging hinaus und kam nach einigen Minuten mit Roberts Decken und Kissen zurück. »Übrigens«, sagte sie dann, während sie ihm auf dem Sofa das Bett zurechtmachte, »was schenken wir denen jetzt wirklich morgen zum Polterabend?« — »Ich weiß noch nicht«, sagte Robert, »vielleicht Colombine!« — Sie zuckte ungläubig die Achseln. »Gute Nacht, Fährtensucher«, sagte sie dann. — »Gute Nacht, Jacobus!« Sie ging. Er lag dann noch lange, beim Schein des Leselämpchens, ausgekleidet auf dem Sofa und beobachtete das Äffchen, das im Bewußtsein seiner Nähe ruhig atmete, zeitweise schlief und nur dann und wann noch mißtrauisch und sehnsuchtsvoll die Augen aufschlug. Schließlich schien es fest eingeschlafen, der Ausdruck seines Körpers und seines kleinen ältlichen Gesichtchens hatte etwas Gelöstes, Gestilltes, Hingegebenes. Nur die eine Hand hielt noch im Schlaf einen Zipfel von Roberts herunterhängender Bettdecke umschlossen. Robert betrachtete es lange, bevor er abdrehte. »Was hast du nur an mir?« sagte er leise und nicht ohne Rührung auf das atmende Körperbündel hinunterschauend. »Was denkst du dir in mich hinein?« sagte er — — »Täusche dich nicht, Colombine! Ich bin wie alle! In drei Tagen werde ich dich verleugnen.«

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Die ersten Stunden des nächsten Vormittags genügten, um die Wohnung in ein Schlachtfeld zu verwandeln, auf dem Colombine wie eine Gottesgeißel wütete. Die Morgenluft und das schöne helle Frühlingswetter draußen schienen alle Kräfte der Zerstörung in ihr zu entfesseln. Es begann damit, daß sie, als Robert rasch einmal zum Briefkasten ging, sein noch unbenutztes Frühstückstablett ziemlich gründlich abräumte und dann, bei einem Versuch, Fische zu fangen, das Aquarium, auf dessen Glasrand sie sich geschwungen hatte, von der Fensterbank schmiß. Robert trat gerade ein, und Colombine flog ihm sofort zärtlich und schuldlos an die Brust. Aber der Anblick der überall im Atelier umherschwimmenden Wasserpflanzen und der hilflos am Boden zappelnden Prachtfische brachten ihn zum Überkochen, er schüttelte Colombine wutentbrannt ab und rannte nach ihrer Kette, um sie festzulegen. Sie jedoch ahnte Verrat und entsprang zum erstenmal ihrem Freund, witschte durch die offene Ateliertür in die Wohnung und begann dort, mit ihren Verfolgern ein lustiges Fangspiel zu treiben. Um elf Uhr waren ein Wandbrett mit Küchengeschirr und die Glasflaschen auf Nikolines Toilettentisch zu beklagen, der Kronleuchter, der nicht die Elastizität einer windgeschaukelten Baumkrone hatte, heruntergestürzt, ein Kind in den Finger gebissen, das andere an den Haaren gezaust, mehrere Blumentöpfe vom Fenster gefegt, eine silberne Zuckerdose samt Inhalt in den Hof geworfen, und in der Küche heulte sich Anna, das Mädchen, die Augen ans. Schließlich war es Robert gelungen, Colombinens Verzeihung für alles Geschehene zu erlangen, und sie hatte sich denn auch freiwillig mit ihm ins Atelier zurückbegeben.

Als Nikoline gegen Mittag einmal ins Atelier schaute, war das erste, was sie sah, eine halbgeleerte Flasche Kognak auf dem Zeichentisch und daneben ein Wasserglas. Robert stand vor dem Entwurfrahmen, in einer recht gezwungenen Haltung, das Äffchen schaukelte auf seiner Schulter und wurde von ihm mit der linken Hand am Bein festgehalten. »Wenn ich’s an die Kette lege«, sagte er, und seine Stimme klang etwas rauh, »weint es, wenn ich’s freilasse, schmeißt’s das Aquarium hinunter, und wenn’s auf meiner Schulter sitzt, kann ich nicht arbeiten. — Aber«, fügte er hinzu, mit einem schrägen und leicht flackernden Blick, »es geht ihm gut.« — Das Äffchen zwitscherte dazu und zupfte ihn am Ohr und an den Haaren. Nikoline trat näher und sah flüchtig auf den Entwurfrahmen hin. Das Wort »Bockmist« hatte er nun weggewischt, aber sonst war nichts allzu Deutliches zu erkennen. Die Schraffierung im Hintergrund konnte Regen oder auch rußige Fabrikluft bedeuten, und die Umrisse eines Riesenschlots, eines Hochhauses und einer Lokomotive standen ohne Zusammenhang darin umher. »Um fünf kommt der Industrieverein«, sagte Robert mit einem verzweifelten Ton in der Stimme. »Sperr sie doch ein«, sagte Nikoline, »wenn es an ihr liegt. Vielleicht ins Badezimmer!« — »Es liegt nicht an ihr!« schrie Robert und stampfte. Er schrie ohne Rücksicht auf Colombine, die ihm entrüstet auf die Nase schlug. »Ich kann den Dreck nicht machen!« schrie er. »Es geht einfach nicht, ich kann das nicht auf Kommando, ich will auch gar nicht, was geht mich das alles an, ich huste auf die ganze Wirtschaft, ich habe nichts damit zu schaffen, was ist denn das für eine belämmerte Religion!« Er ging drohend auf Nikoline zu, das Äffchen fletschte die Zähne. »Ist das vielleicht eine Religion?« fragte er herausfordernd. — »Nein«, sagte Nikoline, »das behauptet auch niemand.« — »Doch!« fauchte Robert. »Die behaupten das! Für die ist Wirtschaft eine Religion! Für mich nicht!!« schrie er. —

»Dann laß es doch sein!« sagte Nikoline, immer noch sehr ruhig. — »Und die dreitausend Mark?!« rief Robert und warf sich rücklings auf das Sofa, strampelte mit den Beinen. Colombine war voll Entsetzen über diesen Ausbruch brutaler Verzweiflung von ihm weg und auf einen Stuhl gesprungen, dort richtete sie sich auf die Hinterhände auf, starrte ihn an und jammerte laut. Nikoline trat zu Robert hin. »Fährtensucher«, sagte sie sehr lieb. »Stell dich doch nicht so an. Wenn du’s nicht machen kannst, dann läßt du’s bleiben. Verreisen können wir trotzdem. Du machst dann einfach Zeichnungen für den ›Uhu‹ und die ›Illustrirte‹. Wahrscheinlich kauft auch Bergius deine ›Spielenden Fische‹. Er kommt doch nächste Woche her!« Robert richtete sich auf und sah düster vor sich hin. »Du, Schnauzbart«, sagte er nach einer Weile und sah auf das Äffchen hinab, das nun zu seinen Füßen saß und sich in unzweideutigem Liebesbedürfnis am Knöchel über seinem Halbschuh rieb. »Ich glaube, wir können sie doch nicht behalten. Sie macht mich ganz krank.« Er stand auf, ging, von Colombine auf dem Fuße gefolgt, zum Zeichentisch, schüttete Kognak in das Wasserglas und trank einen Schluck. »Sie hat mich zu gern«, sagte er. .»Es geht nicht. Ich müßte wirklich meinen Beruf aufgeben.« Colombine sprang auf den Tisch und versuchte, ihm das Glas aus der Hand zu nehmen. »Nein«, sagte Robert, »es geht nicht. Ich kann ihr nicht widerstehn. Sieh nur, wie sie mich anschaut!« — »Meinst du«, sagte Nikoline zögernd, »wir sollten sie denen wirklich als Hochzeitsgeschenk mitbringen?« — »Warum nicht?« sagte Robert. »Die haben noch keine Kinder, aber drei Dienstboten, und die Person« — damit meinte er die Braut seines Freundes —, »die Person hat ja überhaupt nichts zu tun! Dort wird sie’s gut haben.« — »Aber die Liebe!« sagte Nikoline. — »Die Liebe höret nimmer auf«, erwiderte Robert rätselhaft. »Außerdem können wir jetzt gar nichts anderes mehr kaufen. Sie hat hundertfünfzig Mark gekostet.« Er streichelte das Äffchen, das sich vertrauensvoll in seine Hand schmiegte. »Wie du meinst«, sagte Nikoline und lächelte ein wenig. — »Na«, meinte Robert, »ich werd mir’s noch überlegen. Das Essen läßt du mir rüberbringen, ich will durcharbeiten.« Er nahm Colombine auf die Schulter und schritt zum Entwurfrahmen zurück. »Ich kann sie auch nicht allein lassen«, fügte er noch hinzu. Dann packte er einen großen Kohlestift, als wolle er damit zum Bajonettangriff vorgehen.

Um fünf Uhr pünktlich schellte es bei Maler Robert Rottenbach an der Flurtür. Zwei Herren in dunklen Mänteln und mit runden harten Hüten auf dem Kopf standen draußen. Das Mädchen ließ sie gleich ins Atelier eintreten, ohne daß sie vorher ablegten, denn es gab drinnen einen Kleiderständer für kurzfristige Besucher. Nikoline hatte sich nicht blicken lassen, sie war damit beschäftigt, sich im Badezimmer die Haare zu waschen, um abends bei der Hochzeitsgesellschaft in besonders festlichem Blond zu strahlen. Nach kurzer Zeit schien es ihr, als höre sie aus dem Atelier laute, erregte Stimmen und seltsam heftige Geräusche, wie wenn auf den Tisch geschlagen oder mit harten Gegenständen geworfen werde. Neugier und Sorge trieben sie im Frisiermantel und mit offenen Haaren auf den Gang hinaus und vor die Tür des Ateliers. Drei Stimmen erschollen gleichzeitig, zwei davon in tiefen, begütigenden Untertönen, während die dritte, die Roberts, das Terzett beherrschte und allzu laut, etwas übertrieben, ja geradezu betrunken klang. Unbekümmert um die Wirkung, um Zustimmung oder Widerspruch, schien er von seinem eigenen Redestrom berauscht und war offenbar gerade auf einem rhetorischen Höhepunkt angelangt, den er durch Faustschläge gegen den Entwurfrahmen kenntlich machte. »Bitte sehr«, hörte man ihn brüllen, »wenn Sie von mir Ihre Wand bemalt haben wollen, dann kriegen Sie einen Wald voll Affen! Einen Urwald mit lebenden Affen kriegen Sie von mir, hier ist die Skizze, an der ich einen vollen Monat Tag und Nacht gearbeitet habe! Wenn Sie wollen, kann ich Ihnen auch noch die Lieblingsorchideen Ihrer Verhältnisse hineinmalen, oder den Wellensittich Ihrer Frau Gemahlin, das ist für Ihre Industrieangestellten erhebender als ihr bescheidenes Alltagsleben oder die traurigen Symbole eurer anrüchigen Wirtschaft! Jawohl!« Er hob die Stimme noch mehr, ja er schien jetzt mit Genuß zu predigen. »Bauen Sie doch endlich den finsteren Aberglauben ab«, donnerte er, »daß die Wirtschaft etwas Großartiges sei! Großartig ist der Mensch und die Natur, und die Wirtschaft hat eine untergeordnete, dienende Funktion! Sie hat überhaupt erst einen Sinn, wenn sie der menschlichen Freiheit dient! Jawohl!!!« In diesem Augenblick entstand drinnen ein furchtbares Gepolter und Gerumpel, von Ausrufen und Wutschreien und von dem lauten, sieghaften Kreischen Colombines durchgellt. Nikoline öffnete ein klein wenig die Tür und schaute durch den Spalt: drinnen bot sich der Anblick einer vollendeten Katastrophe. Der Entwurfrahmen war umgestürzt und lag am Boden, daneben die fast geleerte Kognakflasche und das zerbrochene Glas. Colombine sauste, mit einem runden, dunklen Gegenstand in der Hand, über Tische, Stühle, Schränke und Bilder, Robert und die beiden Herren im Tempo der wilden, verwegenen Jagd hinterher, und jetzt turnte das Äffchen mit rasender Schnelligkeit an der langen Gardinenschnur hoch, die vom geöffneten Oberlichtfenster herabhing. Gleich darauf prallte Nikoline zurück und wurde fast von den beiden Herren überrannt, die, ihre Mäntel auf dem Arm, in wutschnaubender Hast das Atelier verließen. Der zuerst Herausstürmende bemerkte sie gar nicht, während der zweite vor ihr, die nicht mehr rasch genug entweichen konnte und ihren Frisiermantel mit den Händen über der Brust zuhielt, eine verlegene Verbeugung machte und dann, unverständliche Worte murmelnd, dem Vorausgeeilten folgte. Nun trat Robert aus dem Atelier und hielt die immer noch aufgeregt schnatternde Colombine an die Brust gedrückt. Er strahlte. »Sie hat dem Speckhals seinen Hut weggerissen«, sagte er, »und durchs Oberlicht auf die Straße geworfen!« Er lachte dröhnend. »Die Brüder bin ich los!« — Nikoline schaute ihn an: sein Kopf war etwas getötet, und er schwitzte. »Schau«, sagte er, »was ich denen gemalt habe!« Er richtete den Entwurfrahmen wieder auf. An Stelle der Schlote und Hochhausgerüste war mit Farbstiften ein merkwürdiges Geflecht von Urwaldbäumen und Schlinggewächsen hingeworfen, darinnen sich Colombine in vier oder sechs verschiedenen Stellungen und Größen tummelte. »Colombine hat die Situation gerettet«, sagte er. »Ich habe nämlich furchtbare Reden geschwungen!« Erschöpft und leise schwankend, schritt er durchs Atelier, setzte sich auf einen Stuhl. »Die dreitausend Mark sind mir wurscht«, sagte er. »Aber…« Er redete nicht weiter und begann für das Äffchen eine Banane zu schälen.

Während der nächsten beiden Stunden verhielt sich Colombine ungewöhnlich ruhig. Es war, als spüre sie den drohenden Abschied, die Trennung, die Veränderung. Sie atmete kurz und schwer, sah Robert unablässig mit traurigen Augen an und schien in ihr Schicksal ergeben, wie wenn jemand weiß, daß es kein Handeln gibt und daß er den Mächten, auf die er vertraut, nur blindlings gehorchen kann oder am Widerstand zugrunde gehen. Robert wich nicht von ihr, er fütterte sie, streichelte sie, schwätzte mit ihr, und oftmals hatte er sie dicht an seinem Gesicht, bohrte den Blick in ihre Pupillen und lauschte an ihrem Herzschlag, als wolle er ihr Geheimnis herauszwingen. Schließlich stand er auf. »Schluß jetzt«, sagte er und ging hinüber, um seinen Smoking anzuziehen, denn es war schon halb acht, und auf acht Uhr war man zum Polterabend geladen. Colombine hockte still und verstört in ihrer Ecke.

Nun hatte Roberts Frau die unwandelbare Eigenschaft, wenn man eingeladen war oder ins Theater wollte oder überhaupt bei abendlichen Anlässen irgendwelcher Art, mit dem Ankleiden nicht fertig zu werden, und zwar völlig unabhängig davon, ob sie zu einem frühen oder späten Zeitpunkt damit angefangen hatte. Nicht daß sie sich etwa in besonders übertriebener Weise herrichtete oder eine unmäßige Zeit vorm Spiegel verbrachte. Im Gegenteil: das eigentliche Fertigmachen, das Frisieren, Anziehen und der ganze äußere Aufputz, was Robert das »Überholen der Karosserie« nannte, ging in verhältnismäßig klar gegliederten und zielbewußt durchgeführten Etappen vor sich. Aber es waren unsichtbare Mächte am Werk, innere Widerstände, heimliche Geister der Opposition oder die Gespenster längst verblichener Gouvernanten, die sie mit der Gewalt von mystischen Erleuchtungen plötzlich dazu trieben, in Haarnetz und Strümpfen, sonst ziemlich unbekleidet, ihre Haushaltungsbücher durchzurechnen oder einen achtseitigen Brief zu schreiben. Merkte sie dann plötzlich, daß es viel zu spät war, dann brach eine furiose Tätigkeit aus, bei der alle Familienangehörigen, außer Robert, das Mädchen, die Kinder, ja sogar die Portiersfrau zu Dienstleistungen und Handreichungen herangezogen wurden. Die bösen Geister hatten in solchen Augenblicken viele notwendige Dinge auf raffinierte Weise versteckt, und es entstand ein wildes, regelloses Suchen in sämtlichen Schubladen und Schrankfachern der Wohnung, etwa nach dem einzigen Paar zu dem Kleid passender Handschuhe, dem Täschchen, der Bernsteinkette, den Überschuhen, der Haarspange, dem Schal und zum Schluß sogar nach dem Taschentuch und der Puderdose. Robert wurde in solchen Fällen militaristisch und erklärte seiner Frau mißbilligend, man merke wieder einmal, daß sie nicht gedient habe. Dauerte es sehr lang, begann er sogar den Weltkrieg zu preisen und den enormen erzieherischen Wert eines nächtlichen Alarms, eines feindlichen Durchbruchs und eines ungeregelten Rückzugs. Diese Gedankenverbindung lag allerdings nah, denn beim Verlassen der Wohnung glich das Ankleidezimmer einer unter Granatfeuer evakuierten Stadt: verstreute Kleidungsstücke, ausgeschütteter Puder und die aufgerissenen Schrank- und Kastentüren kennzeichneten den Fluchtweg. Im Lauf der Jahre war es zu einer starren Konvention geworden, daß Robert eine gute halbe Stunde vor dem notwendigen Zeitpunkt des Aufbruchs, ohne sich erst lange vom Stande der Dinge zu überzeugen, zu schimpfen und zu brüllen begann, er tat dies rein gewohnheitsmäßig und ohne Leidenschaft, so wie man einem Droschkengaul, auch wenn er von selbst läuft, »Hüh« zuruft, weil er nervös wird, wenn der gewohnte Laut ausbleibt. Nikoline rechnete so sicher mit diesem Gebrüll aus dem Nebenzimmer wie mit dem Amen in der Kirche, und es ersetzte ihr geradezu die Uhr: sie wußte, wenn Robert schrie, es seien nur noch fünf Minuten und er ginge jetzt, konnte man bequem mit einer kleinen halben Stunde rechnen. Heute blieb nun, obwohl das Suchen und Springen in ihrem Ankleidezimmer einen besonderen Grad von Turbulenz erreichte, das Gebrüll Roberts, der Ausbruch seines militärischen Wortschatzes und seiner versteckten Korporalsgelüste, vollständig aus. Nikoline war geradezu beunruhigt und begann sich wirklich zu eilen. Als sie, schon fertig angezogen, in Roberts Schlafzimmer schaute, sah sie ihn, im Smoking, mit dem Hut auf dem Kopf, auf seinem Bettrand sitzen, eine Flasche Mosel neben sich, aus der er ohne Glas getrunken hatte, und das Äffchen, das er in sein seidenes Halstuch gehüllt hatte, an seiner Brust. »Schau sie mal an«, sagte er. »Ich’ weiß nicht, was mit ihr ist. Glaubst du wirklich, daß sie es ahnt und deshalb trauert?« Colombine hockte ganz still und hatte ein merkwürdig versunkenes Gesicht, so als lausche sie auf Vorgänge in ihrem Innern. »Vielleicht hat sie Bauchweh«, sagte Nikoline, »du hast ihr sicher zuviel Obst gegeben.« In diesem Moment erscholl ein Geräusch, das Nikolinenes Theorie ohne jeden Zweifel bestätigte. Und gleichzeitig fuhr Robert hoch. »Verflucht!« sagte er. »Die Weste! Das Hemd auch! Ich muß das Hemd wechseln!« Er setzte Colombine mitsamt dem gleichfalls besudelten Seidenschal in ein Waschbecken, wo sich der bedauerliche Vorfall prompt wiederholte, und begann, mit den Zähnen knirschend, den Kragen und das mühsam festgezimmerte steife Hemd zu öffnen. »Wenn ich das gewußt hätte«, sagte Nikoline, ohne zu bedenken, daß es ohnehin schon um zwanzig Minuten zu spät war, »hätte ich mich nicht so furchtbar zu eilen brauchen.« — Robert arbeitete wie ein Klempner an seinem frischen Frackhemd. »Und ich dachte«, sagte er keuchend, »sie habe Seelenkummer! — Aber vielleicht ist es beides«, tröstete er sich. — »Es war kein edler Abschied, Colombine — aber du hast ihn mir immerhin erleichtert.«

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Am Nachmittag war es schon recht warm gewesen, und jetzt dampfte die Stadt aus allen Poren der Steine und des Asphalts in eine dunkelblaue, klare Nacht hinauf. Mitten im aufgelockerten Dunst von Benzin, Menschenbrodem, Parfüm und Straßenstaub roch es plötzlich nach Frühling. Feuchte Luftschauer mit Knospen- und Wurzelhauch strichen vom Tiergarten her. Die volle runde Mondscheibe, vom Stadtrauch. getrübt, schwamm dunkelfärbig wie eine durchgeschnittene Blutorange ganz tief und schwer über den westlichen Dächern. Die rasch abkühlende frühe Nacht verstärkte alle Geräusche und regte sie mächtig auf: die Stadt hallte von Autohupen, Zeitungsausrufern, Trambahnsignalen und dem Rollen der ober- und unterirdischen Bahnen, als stünde sie auf einem neuen, riesigen, weitschwingenden Resonanzboden. Selbst die Schritte der Fußgänger knallten lauter und pochten wilder durch die stilleren Straßen, ja die Erde schien unter dem Pflaster zu klopfen, zu hämmern, zu stoßen, zu rumoren. Es wäre kein Wunder, wenn an einem solchen Abend der Asphalt großer Plätze, von unten tausendfach durchbohrt und gesprengt, sich mit einer wuchernden Grasnarbe bedecken, Maulwurfshaufen zwischen den Gleisen der Trambahn aufspringen, Schmelzbäche, laternen- und pfeilerknickend, von den Treppen der Bahnhöfe herab über die Bürgersteige brausen würden, um in den Schächten der U-Bahn zu vergurgeln. Als Robert und Nikoline in einer Taxe durch den Tiergarten fuhren, schrien die Amseln, nur sich selbst hörend, unbekümmert um das Getöse der Stadt. Robert hatte das Fenster heruntergedreht und schnaufte die Luft ein. »Es ist ganz gleich«, sagte er zu Nikoline, »ob wir verreisen können oder nicht. Schön ist es überall, wo man gern ist. Wozu in die Natur? Wo du hinspuckst, ist lauter Natur! Diese Stadt ist herrlich! Mir ist ja so wohl«, sagte er und reckte die Glieder, »daß ich den Industrie-Klub los bin!« Er sang ein paar Töne von irgendeiner Melodie und schaute auf Colombine hinunter, die man nun vorsichtshalber in einer vom Portier rasch beschafften großen Weinkiste untergebracht hatte. Die Kiste stand im Auto vor ihren Füßen, und es war ein altes Tuch drübergespannt, an dessen Löchern Colombine schon eifrig herumbohrte. »Wart nur«, sagte Robert, »wenn wir dort sind, dann kommst du wieder raus!« Er lachte bübisch. — »Ich habe das Gefühl«, sagte Nikoline, »du wirst dich heute abend besaufen!« — »Nein«, sagte Robert, »bin schon besoffen!« Das stimmte aber nicht, er war nur etwas angerauscht und aufgeräumt. Um zu einem richtigen Rausch zu kommen, brauchte er schon einige Zeit und beträchtliche Mengen. Nikoline sah ihn besorgt von der Seite an. »Bitte«, sagte sie, »laß das Äffchen nicht gleich im Empfangszimmer los. Es wäre kein guter Witz. Das Tier muß es büßen!« Robert senkte beschämt den Kopf. »Du hast recht«, sagte er. »Ich habe mit dem Gedanken gespielt. Es wäre natürlich verfehlt. Man kann das dem Tier nicht antun. Nein«, sagte er und sprach wieder zu Colombine hinunter, »du bleibst an deinem Kettchen, und ich bringe dich irgendwo unter, wo du deine Ruhe hast.« Colombine hatte inzwischen ihr Ärmchen durch das größte Loch in dem Tuch gezwängt und streckte unter leisem, eindringlichem Ziepen die Hand nach ihm aus. Er reichte ihr seine Hand, und sie hielt sie nun, ohne sich weiter zu regen, heiß umklammert, bis sie vor dem festlich erleuchteten Haus in der alten Privatstraße ankamen. Ein Hausdiener stand vorm äußeren Eingang und regelte die Auffahrt der Autos. Die meisten schienen allerdings schon da zu sein, denn in stolzer Zeile parkten viele prachtvolle Privatwagen am Gitter der Vorgärten entlang. Einige wenige Nachzügler schlurrten noch herbei, stolperten eilig die hell beleuchtete Freitreppe hinauf und ließen sich von den weiß behaubten Mädchen in die Garderobenräume führen. Dieser Polterabend stellte die eigentliche gesellige Hochzeitsfeier des jungen Paares dar: die Trauung selbst wollte man anderntags draußen im Landhaus und nur im engsten Familienkreis begehen. So war heute alles geladen, was dem Bräutigam oder der Braut, ihren und seinen Eltern und Verwandten irgend nahestand, hauptsächlich aber, außer der näheren und ferneren Familie, die Leute, mit denen die Brauteltern gesellschaftlichen Verkehr pflegten, vermutlich also sehr feine Leute, bestimmt aber sehr reiche. Auch fehlten nicht einige Kapazitäten und Tetenreiter aus Georgs Berufskreisen, berühmte und berüchtigte Anwälte mit ihren berühmten und berüchtigten Gattinnen, sogar ein paar höhere Akademiker waren da, denn Georg hatte seine Laufbahn als Assistent eines großen Staats- und Völkerrechtslehrers begonnen. Georgs Eltern, die als kleine Wein- und Obstgutsbesitzer in einem pfälzischen Dörfchen lebten, waren auch herbeigeholt worden und hatten einige der nächsten Verwandten, vor allem Georgs verheiratete Schwester und deren Mann, mitgebracht. Vom Lagerfeuer waren außer Robert nur zwei der bedeutendsten Schürer und Oberheizer eingeladen, ein älterer, dicker und etwas verrückter Regisseur, der jedes Jahr in einem anderen Stadtteil eine Bühne übernahm und sofort verkrachte, weil er persönlich viel zu nett war, um ein Theater leiten zu können — und ein junger Arzt, der als riesig begabt galt, aber mit seiner Praxis nicht vorwärtskam, weil er mit seinen Patientinnen immer gleich Verhältnisse anfing und deshalb aus den Komplikationen und Wirrnissen gar nicht mehr herausfand. Der Regisseur hieß mit seinem Kriegsnamen (andere wurden am Lagerfeuer nicht gebraucht) nach einer berühmten Karl May-Figur »Tante Droll«, und den Arzt nannten sie »Yorrik, den Piraten«. Robert selbst wurde mit dem klingenden Häuptlingsnamen »Tokvi Kava, der schwarze Mustang« oder auch der »Schrecken der Bleichgesichter« gerufen. Zu bemerken ist noch, daß das Lagerfeuer nur aus gewichtigen Männern bestand: es wog kaum einer der Zugehörigen unter hundertsiebzig Pfund, die meisten aber mehr als hundertachtzig. Sie aßen und tranken gern, und dies war ein unentbehrliches Charakteristikum ihrer Sinnes- und Geistesart. Außer den Lagerfeuerfreunden waren als Outsider noch einige bekannte Musiker, die im Haus der Schwiegereltern verkehrten, und eine sehr hübsche und prominente Schauspielerin, der Georg ihre nie abreißenden Prozesse führte, unter den Gästen.

Das Haus stand im alten Westen und war eines jener noblen, stillen Gebäude aus der gediegenen reichen Bürgerzeit. Innen aber war es vor wenigen Jahren völlig renoviert worden, unter Hinzuziehung der modernsten Architekten, Maler, Einrichtungskünstler. Man hatte zwar übertriebene oder einseitige Stilexperimente vermieden, aber es war in geschickter Anordnung alles untergebracht, was in der letzten Zeit als modern oder geschmackvoll galt. Indirektes Licht, großflächige, helle Wände, glattpolierte Holzfüllungen, eingebaute Kamine, in denen man echte Buchenscheite verheizte, zweckhafte Möbel aus Holz, Glas oder Nickel, nur alle etwas zu groß in den Dimensionen; wenige Bilder, gut aufgehängt, hauptsächlich Originale von Slevogt und Kokoschka; in den Ecken lauerten gotische Madonnen, und der Wintergarten war von einem berühmten Meister phantastisch ausgemalt. Kurzum: es war, wie Robert sich auszudrücken pflegte, zum Kotzen geschmackvoll, und man konnte sich dem Eindruck nicht entziehen, daß man bei längerem Aufenthalt in diesen Räumen der unheilbaren Bleichsucht oder einer lebenslänglichen Melancholie verfallen müsse. Die Gäste hatten sich im vorderen Empfangszimmer versammelt, das an den Wintergarten anschloß, während in den hinteren Räumen die Speisetafeln, jede etwa für zehn Personen gedeckt, aufgestellt waren. Der Speiseraum wurde von dicken gelben Kerzen beleuchtet, und es lag ein sehr kostbarer Duft von verbrennendem Wachs und von den vielen Tulpen und Narzissen : der Tischdekoration, noch von keinem Speisengeruch verdorben, in der Luft. Obwohl Robert Colombine am Halskettchen festhielt und sie untenher jetzt in einen Plaid gewickelt hatte, gestaltete sich sein Auftritt mit ihr zu einer kleinen Sensation. Während die Herren mit hochgezogenen Augenbrauen und etwas peinlich berührt zu ihm hinschauten, drängten sich von allen Seiten die Damen herbei, um das Tier zu bewundern und zu liebkosen. Colombine, durch einen solchen Ansturm von Massenzärtlichkeit und fremden Gerüchen außer Fassung gebracht, verhielt sich zunächst still und hockte ganz erstarrt, aber gerade als Robert sich schließlich zum Brautpaar und den hausherrlichen Schwiegereltern durchgeschlagen hatte, machte sie einen entschlossenen Ausbruchsversuch und begann verzweifelt und durchdringend zu kreischen. Robert konnte sie zwar am Halskettchen festhalten, aber sie hielt auch ihn fest, und zwar an seiner Smokingkrawatte. »Ihr werdet Freude an ihr haben«, röchelte Robert, während sich die Krawatte in einen langen, halswürgenden Strick verwandelte. »Sie ist vollständig zahm!« Colombine bekräftigte das durch Kettenrasseln und wilde dämonische Grimassen, wobei es ihr gelang, sich von dem Plaid zu befreien und die Hinterhände in Roberts Weste einzukrallen. Robert schaute in die Gesichter der Beschenkten: Georg war ziemlich erstarrt, während Lenina, die Braut, in ein schallendes, etwas hysterisches Gelächter ausbrach. »Süß«, rief sie immer wieder, »einfach süß!« Beide hüteten sich wohlweislich vor einer sofortigen Übernahme der Morgengabe. »Ich glaube«, sagte Robert und deutete auf den großen Tisch im Hintergrund, auf dem Hochzeitsgeschenke in allen Größen und Werten aufgebahrt lagen, »hier ist sie nicht ganz am Platz. Habt ihr irgendeinen stillen Ort, wo man sie vorläufig unterbringen kann?« — »Komm«, sagte Georg nur und schritt energisch voraus. Robert folgte, durch das Zimmer mit den gedeckten Tafeln hindurch, an einer Reihe von Serviermädchen vorbei, die gerade mit gefüllten Sektbechern auf silbernen Tabletts aufmarschierten, dann durch einen langen Gang, der die vordere mit der rückwärtigen Wohnung verband und der von den vielfachen Gerüchen der Küche erfüllt war. »Neben der Küche ist ein Badezimmer fürs Hauspersonal«, sagte Georg. »Da wird er am besten bleiben.« — »Er? Wer?« fragte Robert. — »Der Affe«, sagte Georg mit einem erstaunten und etwas gereizten Ton. — »Es ist ein Weibchen«, belehrte ihn Robert. »Sie heißt Colombine.« — »Ach, wie nett«, erwiderte Georg und öffnete die Badezimmertür. Die Wanne war mit Wasser und schwimmendem Eis gefüllt, und es lagen viele Weinflaschen darin. »Die Leute müssen natürlich hier aus und ein gehen«, sagte Georg. — »Das macht nichts«, meinte Robert. »Du mußt ihnen nur sagen, daß sie sie nicht losmachen. Vielleicht binden wir sie an den Heizkörper fest und legen die Decke hierher!« Er brachte Colombine, die seinen Arm eisern umklammert hielt und absolut nicht von ihm lassen wollte, in der Ecke zwischen Klosett und Heizung unter. »Erdnüsse und Bananen haben wir mitgebracht«, sagte er und entleerte ein Paket, das er unter den Plaid geklemmt hatte. »Und ein Schälchen Wasser läßt du ihr hinstellen, aber nicht zu kalt!« — »Natürlich«, antwortete Georg etwas nervös, denn er wollte rasch zur Gesellschaft zurück. Robert sah Colombine an, die beide Hände nach ihm ausstreckte und schwieg. »Ich glaube, je rascher ich weggehe, desto besser ist es«, sagte er, »sie hängt nämlich schon sehr an mir, obwohl wir uns erst seit gestern kennen!« — »Ja, komm nur!« sagte Georg und zog ihn hinaus. Als sie die Tür hinter sich geschlossen hatten, ging drinnen ein schrilles Jammern und Klagen los. Sie schritten hastig den Flur entlang. »Übrigens«, sagte Georg unmittelbar vor ihrem Eintritt in die vorderen Räume, »ich dank dir schön!« Robert sah ihn an. »Es ist etwas Lebendiges«, sagte er, »und ich denke, solange ihr keine Kinder habt —« Georg lachte: »Es ist wenigstens eine ganz gute Vorbereitung darauf!« — »Oh«, sagte Robert, »Kinder sind gar nichts dagegen! Um das Äffchen muß man sich wirklich ein biß chen kümmern!«

Als sie hereinkamen, wurde gerade zu Tisch geführt. In feierlichem Aufzug betrat man paarweise den Speisesaal, die beiden Elternpaare, wechselseitig vertauscht, vornean. Der alte Kulp mit seinem frischen roten Gesicht unter dem weißen Haarschopf wirkte gar nicht bäurisch, sondern viel eher wie ein Edelmann von altem Schlag unter all den reichen Leuten aus der neuen Stadt. Er führte mit Grandezza die Brautmutter, die den feierlichen Gang durch einen tänzelnden, wiegenden Schritt ironisierte, um ja nicht etwa hausfraulich, unzeitgemäß oder gar bürgerlich zu wirken. Überhaupt galt merkwürdigerweise in diesen Kreisen das Wort und der Begriff »bürgerlich« als größter Schimpf, demgegenüber aber nicht mehr, wie in früheren Zeiten, als Wunschvorstellung der Adel des Blutes oder Geistes stand, sondern eine allgemeine, unklare und unverbindliche Libertinage, von der sich niemand ein ehrliches Bild machen konnte. Das Ideal dieser Gesellschaft war, aller Hüllen entkleidet, der erfolgreiche Hochstapler, und im Grunde genommen wollte jeder für sich allein, ganz ohne Bindung an das Gesetz und das Schicksal seiner Kaste, eine unabhängige »Persönlichkeit« darstellen. Gerade dadurch aber trug das Antlitz dieser Schicht einen so besonders unpersönlichen, charakterlosen und genormten Zug. Leute wie die Kulps aus der Pfalz, die noch sich selbst, ihre Gewohnheiten, Sitten und Wesensgrenzen ernst nahmen, stachen von der glatten, traditionslosen Oberfläche dieser Gesellschaft ab wie echte Bilder von glänzenden Öldrucken und hatten in der altväterlichen Würde ihrer Kleidung und Haltung etwas geradezu Junges, Frisches und Lebensvolles.

Der mittelste Tisch war für die jüngeren Leute bestimmt. Dort saß das Brautpaar mit Georgs Schwester und Schwager, und nach rechts und links gruppierte sich das Lagerfeuer. Der »Tante Droll« hatte man ein sehr junges und farbloses Mädchen aus reichem Hause beigesellt, das zur Bühne wollte und immer auf der Jagd nach Beziehungen war — Yorrik, der Pirat, führte eine junge Frau, Cousine der Braut, der das Bedürfnis nach deftigen Redensarten und lockeren Tischgesprächen im Gesicht geschrieben stand — Nikolinens Tafelnachbar war ein Cellist von der Staatsoper, der ihr gleich erzählte, er habe nicht zu Mittag gegessen, um jetzt mehr stopfen zu können — und Robert hatte die Schauspielerin Nona Schmitt, auf deren von illustrierten Blättern und von Premieren bekannte Erscheinung sich viele Blicke richteten.

Die Freunde vom Lagerfeuer hatten ihren Becher Sekt mit einem Zug geleert und schauten sich, während die klare Schildkrötensuppe serviert wurde, suchend und verlangend nach allen Seiten um. Robert, der Georg am nächsten saß, stieß ihn verschiedentlich mit der Stiefelspitze ans Schienbein und deutete dabei mit dem Todeszeichen der römischen Cäsaren — Daumen nach unten — der Reihe nach in die vielen schönen, aber leeren Gläser, die vor ihm standen. Georg jedoch schien nichts zu bemerken und unterhielt sich angelegentlich mit seinem Schwager aus der Pfalz. Schließlich ging Tante Droll zur direkten Methode über. »Sag mal, Georg«, sagte er, »wann bekommen wir nun endlich was zu trinken?« — »Es gibt vier verschiedene Weine und Pommery«, sagte Georg, »und ihr sollt heute überhaupt nicht so viel saufen!« — »Wieso«, sagte Robert, »wer heiratet hier, wir oder du? — Du sollst heute nicht so viel saufen, wir nicht!« Noch bevor Georg, der von einer auffälligen und ihm sonst gar nicht artverwandten Gereiztheit war, antworten konnte, beugte sich Lenina, die Braut, zu den Freunden vom Lagerfeuer vor. »Ich habe das kommen sehen«, sagte sie, »und habe dementsprechend vorgesorgt. Robert, nehmen Sie mal die mittelste der drei Wasserkaraffen und riechen Sie daran!« Robert tat’s, und sein Gesicht verklärte sich. »Helene«, sagte er, denn er vermied es, teils aus Bosheit, teils aus Taktgefühl, sie Lenina zu nennen, »Sie sind doch ein ganz famoses Mädchen.« — »Hast du etwa daran gezweifelt?« sagte Georg scherzhaft. — »Natürlich«, erwiderte Robert, während er sich, den Freunden und der Schauspielerin Nona Schmitt aus der Karaffe in die Wassergläser goß. »Wodka«, sagte er und setzte an. Er nahm einen Schluck und schnalzte befriedigt. »Das ist gut für die Nerven«, sagte er zu Nona Schmitt und prostete ihr zu. — »Nein«, sagte die Schauspielerin, der das alles zu glatt ging. »Ich möchte ein Pilsener Bier!« — »Hörst du, Georg!« sagte Robert und stieß mit den Freunden an. Georg tat, als höre er nichts. »Ich will ein Pilsener Bier haben«, sagte Nona Schmitt mit der Miene des schmollenden Trotzköpfchens. Da ihr nun aber wirklich niemand mehr zuhörte und sich das ganze Lagerfeuer in lauten sachverständigen Äußerungen über die Qualität des Wodkas erging, brach sie die Szene ab und ergab sich gleichfalls dem klaren Feuerwasser.

Mittlerweile war die Suppe abserviert worden, und die Moselgläser wurden gefüllt. Aus der rückwärtigen Tür strömte die feierliche Prozession der Serviermädchen — es war nämlich eine Besonderheit des Hauses, daß nur von Mädchen, niemals von Kellnern, bedient wurde. — Das heftige Rot der Hummerscheren und der zarte Fleischton aus den geöffneten Schalen leuchtete von den Schüsseln, die sie auf der flachen Linken trugen. In einem völlig unpassenden Augenblick klopfte der Hausherr ans Glas. Es entstand eine ärgerliche Stille, in der man die noch ungesättigten Mägen knurren zu hören glaubte.

»Liebe Freunde und Verwandte«, begann er im kühlen Tone eines Vorsitzenden und Mitglieds unzähliger Aufsichtsräte, »es ist mir eine herzliche Freude, euch alle an diesem unserem festlichen Vorabend in meinem Hause willkommen zu heißen. — In dieser Stunde der Not, die uns allen die schwersten Opfer auferlegt«, er stockte einen Moment und fixierte nervös die Serviermädchen, die wie zum Appell in Reih und Glied an der Wand standen, »in dieser Zeit der Weltwirtschaftskrise, die arm und reich in gleicher Weise heimsucht«, wieder stockte er eine Sekunde, und Robert äußerte schon zu seiner Nachbarin die Befürchtung, er sei in eine falsche Rede gekommen, »ist es«, fuhr der Redner fort, und seine Stimme bekam Fanfarenklang, »ein ungewöhnliches und ganz besonderes Glück, ein solches Freudenfest feiern zu können, wie es der Himmel uns heute beschieden hat. Denn was gibt es für uns Eltern Schöneres und Wünschenswerteres als das Glück und das Wohlergehen unserer geliebten Kinder?«…Im Verlauf der folgenden Sätze, die sein Ohr aufnahm, ohne sie dem Bewußtsein weiterzugeben, beobachtete Robert das Brautpaar. Während Georg mit leicht gerunzelter Stirn, ernsthafter Miene und etwas verträumten Augen vor sich hin schaute, hatte Lenina den Kopf tief gesenkt und schien sich zu schämen. Robert fand, nicht nur des Wodkas wegen, daß sie eigentlich ein sehr klares menschliches Gesicht habe und daß er ihr manches in Gedanken abbitten müsse. Plötzlich horchte er auf, und auch die andern hoben die Köpfe: in eine jener merkwürdig abrupten Pausen hinein, in denen der Redner sich auf den Gegenstand seiner Ansprache zu besinnen schien und die eine lastende Stille verursachten, hörte man einen fernen, leisen, doch ungewöhnlich penetranten Laut. Robert suchte Nikolinens Blick, die tröstend nickte, aber doch vorsichtshalber den Finger auf die Lippen legte. »Das arme Vieh«, dachte Robert und beschloß, sofort nach dem Hummer dem Äffchen einen Besuch abzustatten. Inzwischen hatte der Redner heimgefunden. Wie von einem Alpdruck befreit, ließ man die letzten Worte auf sich einströmen: »— mir ein dringendes Bedürfnis, euch allen im Namen meiner Familie für euer Kommen meinen Dank auszusprechen, indem ich mein Glas erhebe und in den Ruf ausbreche: unsere lieben Gäste, sie leben…« — Eine Musik, die sich jetzt erst im Nebenzimmer eingefunden hatte, ubertönte das Hoch, die Gläser klirrten, und der Hummer schwebte von allen Seiten den Harrenden entgegen.

Schon vor dem Eis waren die Freunde vom Lagerfeuer betrunken. Lenina hatte, über den Wodka hinaus, alles getan, was sie für ihre Pflicht als künftige Gattin einer Lagerfeuercharge ansah. Von jedem Wein, der eingeschenkt und für gewöhnlich höchstens einmal nachgegossen wurde, ließ sie noch zwei bis drei Flaschen extra an den Tisch bringen, und da es sich um ziemlich schwere Weine handelte und zwischendurch der Wodka lebhaft reihum ging, war der Erfolg durchschlagend. Der Cellist neben Nikoline, der offenbar am wenigsten trainiert war, hatte schon recht verglaste Augen und ein merkwürdig verschwollenes Gesicht, er erzählte ihr mit lallender Zunge zum fünftenmal denselben uralten Musikerwitz, lachte dazu mit einer hühnerartig gackernden Stimme und versank zwischendurch in einen Zustand völliger Gelähmtheit, vermutlich, wenn ihm einfiel, daß er nachher noch spielen sollte. Yorrik, der Pirat, schien seine Tischdame bedeutend besser zu unterhalten. Sie machten bereits den Eindruck, als säßen sie allein in der separierten Nische eines Nachtlokals. Ohne sich noch im geringsten um die übrige Gesellschaft zu kümmern, steckten sie die Köpfe und, wie man an den Bewegungen des Tischtuches merkte, auch die Knie immer enger zusammen und tuschelten so intensiv, wie wenn es im Tonfllm um den Verrat militärischer Geheimnisse geht. Von Zeit zu Zeit lachten sie schallend auf, stießen miteinander an und tranken ihre Gläser aus. Tante Droll glänzte übers ganze Gesicht vor Wohlbehagen, schlürfte und schmatzte kennerisch an den Weinen herum und zog die Pfälzer Verwandtschaft in ausgedehnte Fachgespräche über Jahrgänge, Lagen, Gewinge, Jugend, Alter, Entwicklung, Übergang, Flaschenkrankheit, Korkschäden und Temperaturfragen der Weine. Das ehrgeizige Mädchen neben ihm versuchte vergeblich, das Gespräch auf Kunst und Theater zu bringen, worauf er aber nur mit einem sehr häßlichen, jedoch in der Bühnenwelt alltäglichen Umgangswort reagierte. Nona Schmitt hingegen sprach Robert in Form von anekdotischen Erzählungen ihre sämtlichen Erfolgsrollen vor und schilderte ihm auf temperamentvolle Weise ihre Krachs mit Regisseuren, Theaterdirektoren und ungehorsamen Kollegen. Er hielt sich schadlos, indem er mächtig trank und ihr von Zeit zu Zeit in den Rückenausschnitt faßte. Georg hatte anfangs voll Entsetzen den Gang der Dinge beobachtet und durch Fortschicken erst halb geleerter Flaschen zu bremsen versucht, dann aber, da er die weitere Entwicklung als unaufhaltsam erkannte, faßte er den Beschluß, sie ihrer Eigengesetzlichkeit zu überlassen und wenigstens seinerseits Haltung zu bewahren. Sein Gesicht zeigte immer noch den teils besorgten, teils verträumten Ausdruck, den es bei der ersten Rede angenommen hatte, wozu mit der Zeit ein etwas gegenstandsloses, eingefrorenes Lächeln trat. Die Braut hingegen war ziemlich munter und beteiligte sich lebhaft an den Umtrünken und Zusprüchen des Lagerfeuers. Es waren zwischendurch noch mehrere Reden gehalten worden, die sich mit Liebe und Ehe beschäftigten und diese Zustände teils mit einer grünen Wiese, teils mit einer Baumschule oder auch mit einer Brutanstalt verglichen — man hatte auch schon ein von einem Vetter verfaßtes Couplet gesungen, in dem die Braut als diebisch, verlogen und naschhaft, der Bräutigam als sexueller Wüstling gekennzeichnet war, und die Onkels hatten ihm in zwinkerndem Einverständnis, als gehörten sie alle derselben Menschengattung an, mit »alter Junge« und ähnlichen Ausrufen zugetrunken. Jedesmal, wenn eine Rede stieg, eilten sämtliche Serviermädchen stoßtruppartig herbei, wohl um beim Schlußtoast hurtig die leeren Gläser nachzufüllen. Während der Rede oder des Vortrags aber standen sie in einer langen Reihe, Robert zählte vierzehn Stück, reglos und unbeteiligt an der Wand. Die Anführerin war eine magere ältliche Person, die aussah wie eine von ihrer Pension lebende Offizierswitwe, und die Queue bildeten zwei ganz junge Aushilfsmädchen, von denen die eine ungewöhnlich hübsch war, klein, zierlich, mit schlanken Fesseln und runden, brombeerfarbenen Augen. Diese Augen flogen immer wieder zu dem Tisch des Brautpaars hin und umtasteten es mit einer so forschen Eindringlichkeit, als seien hier die geheimen Sternenwege des menschlichen Lebens zu ergründen.

Jetzt aber, als schon der Pommery entkorkt wurde und die Kapelle nebenan, die bisher mit den innigsten und abgespieltesten Weisen der klassischen Musik dem Sinn des Festes Rechnung getragen hatte, auf den schrillen, mänadisch jauchzenden Befehl der Hausherrin Jazz und Tango zu spielen begann, jetzt schlug der Hausherr selbst wieder ans Glas und kündigte dem durchaus uninteressierten, größtenteils schläfrig angegessenen Publikum eine besondere Sensation an. Eine weltberühmte Persönlichkeit sei soeben eingetroffen, um dem Brautpaar einige rätselhafte Träume zu deuten und ein paar lebenswichtige Lehren mit auf den Weg zu geben. Es wurde verständnisinnig gelacht und gedruckte Textblätter wurden von Hand zu Hand gegeben, auf denen, gesperrt und rot unterstrichen, das Wort »Mitsingen!« stand. »Schauderhaft«, sagte Lenina, »das ist natürlich Tante Yulla!« — Tante Yulla, eine Schwester der Brautmutter, hatte Medizin und Psychologie studiert, eine Zeitlang in Wien gelebt und dann, nach kurzer Ehezeit, die mit kopfloser Flucht des gequälten Gatten endete, die pädagogische Laufbahn ergriffen. Sie wirkte in einem Heim für schwachsinnige Kinder, wo sie immerhin etwas weniger Schaden anrichten konnte, als es bei gesunden der Fall gewesen wäre, und galt in der Familie als eine unerhört kühne Persönlichkeit und eine geistige Kapazität. Lenina hatte mit der Hellsichtigkeit des Entwicklungsalters schon sehr früh ihre ungewöhnliche Minderwertigkeit durchschaut und haßte sie. Sie starrte in das Textblatt und wurde blaß bis in die Lippen vor Wut und Scham. Auch die Freunde vom Lagerfeuer waren aufmerksam geworden, und ihre Weinseligkeit wich jählings einer heftigen Trutzlaune. Nun spielte die Musik drinnen präludierend die Melodie: »Ich will euch was erzählen…«, nach der die Verse gedrechselt waren, und es erschien unter Applaus und Gelächter, während die Saaltöchter schon wieder ihre Front einnahmen, eine Gestalt von barbarischer Geschmacklosigkeit. Um die schlechte, aber unverkennbar weibliche Figur war ein schwarzer Gehrock mit langen Männerhosen gezwängt, und das Gesicht war mit Glatzperücke, Brille und weißem Spitzbärtchen in das eines greisen Gelehrten verwandelt. »Professor Freud«, jubelten die Gebildeten, und man versuchte ganz rasch, die Pfälzer Verwandtschaft über die dargestellte Person und ihre Bedeutung aufzuklären. »Ekelhaft!« sagte Lenina, und es sah aus, als wolle sie aufspringen und hinausrennen. Georg legte den Arm um ihre Schulter und wollte sie beruhigen, aber sie schüttelte ihn wütend ab. Da beugte sich Robert ernsthaft und kameradschaftlich zu ihr hinüber. »Sollen wir stören?« fragte er. Tante Droll und Yorrik hatten es gehört, nickten begeistert. Lenina reichte ihm freudig über den Tisch weg die Hand. »Um Gottes willen«, sagte Georg, »ihr werdet doch nicht — es geht doch vorüber — man muß doch schließlich — an diesem einen Abend…«

»Halt’s Maul, stinkender Coyote«, sagte Robert, und in diesem Augenblick hatte die Musik das Vorspiel vollendet, der erste Beifallssturm sich gelegt, und Tante Yulla begann, mit gezierten Kopf- und Armbewegungen, ihren Vortrag. Unter leiser Klavierbegleitung sang sie, noch ohne Beteiligung des Publikums, mit einer fetten und doch scharfen Stimme, die erste Strophe. Sie lautete:

»Die Psycho-Analyse,

Die hat es uns gelehrt,

Daß als Komplex man büße,

Was man als Kind entbehrt.

So haben viele Leutchen einen Ehestandskomplex,

Vielleicht hat unser Bräutchen auch ein ähnliches

Gewächs!«

An dieser Stelle, noch vor dem Einsatz des Refrains, begannen die Freunde vom Lagerfeuer, denen das Blut zu Kopf gestiegen war, mit schallenden Stimmen und unter Füßestampfen und Fäustetrommeln das unsterbliche Soldatenlied abzusingen:

»So leb denn wohl, wir müssen Abschied nehmen,

Die Kugel wird ins Flintenloch gesteckt,

Und unser allerschönstes junges Leben, Hurra, Hurra,

Liegt in dem Krieg wohl auf das Schlachtfeld

hingestreckt!«

Sie sangen brüllend die ganze Strophe durch und dann noch eine, ohne sich um das allgemeine Entsetzen und die ringsum entstehende Verwirrung zu kümmern. Dann aber erhob sich Tante Droll, trat mit dem Sektglas in der Hand vor und grölte, indem er mit spöttischen und boshaften Gesten auf Tante Yulla deutete:

»Freud — euch des Lebens, solang noch das Lämmchen glüht,

Pflegt die Neurose, eh sie verblüht!«

Begeistert fielen Robert und Yorrik ein, der Vers wurde mehrmals wiederholt. Nona Schmitt, die zwar nicht begriff, worum es ging, aber bei einer so wirkungssicheren Sache nichts zu riskieren glaubte, schmetterte mit, und sogar Lenina stimmte ein, während Georg mit hilflosen Gebärden den Schwiegereltern und der Gästewelt seine Unschuld und seine Bestürzung auszudrücken versuchte. Dort hatte die peinliche Szene ein allgemeines Durcheinander und eine große Ratlosigkeit ausgelöst. Manche Gäste glaubten zwar noch, es handle sich um ein abgekartetes Spiel, es gehöre dies alles mit zum lustigen Vortrag, und lachten gezwungen, aber andere hielten das explosive Ereignis für den Elementarausbruch einer in dieser Zeit und in diesen Kreisen übermäßig gefürchteten politischen Massenbewegung und wollten die Flucht ergreifen. Die meisten nahmen das Ganze als eine besoffene Ungezogenheit, eine Art rüpelhaften Studentenulks, und es bemerkte niemand, daß hier eine Revolution des guten Geschmacks, des Geistes und Herzens, des menschlichen Taktgefühls marschierte. Tante Yulla in ihrer schandmäßigen Maske stand zuerst wie vom Donner gerührt, und dann, nachdem sie eine Zeitlang mit aller ihr verfügbaren Stimmschrillheit vergeblich durchzudringen versucht hatte und ihre verzweifelten Schreie nach Ruhe und Ordnung ungehört verhallt waren, stürzte sie zu ihrer Schwester, der Hausherrin, und keifte mit krampfigen Gesten auf sie los, während ihr schon nervöse Tränen über die mit Leichnerfett und Puder beschmierten Wangen in den angeklebten Bart rollten. Hier nun erwies sich Leninas Mutter, die Hausfrau, als eine routinierte und den Wechselfällen des gesellschaftlichen Kriegsglücks vollauf gewachsene Strategin. Mit einem energischen Wink und scharfem Augenblitz brachte sie ihren Gatten zum Schweigen, der im allgemeinen Radau ohne jede Wirkung sein Glas fast zerklopfte und »Silentium!« schrie, gleichzeitig flüsterte sie der ältesten Servierdame, die sofort als Ordonnanz und Befehlsempfängerin zu ihr geeilt war, eine knappe Weisung ins Ohr, worauf diese in Richtung zur Musik davonstürzte, dann erhob sie sich ostentativ, nickte graziös nach allen Seiten, reichte ihren Tischnachbarn die Hände und löste die Tafel auf. Die Musik hatte unterdessen, auf ihre Anordnung, die von den Freunden immer noch siegreich behauptete Weise »Freut euch des Lebens« aufgenommen, und unter diesen Klängen, die sogar das Lagerfeuer beschwichtigten und seiner Kundgebung die Reibfläche und den Elan nahmen, zog man in regellosen Gruppen, plaudernd und lachend, in die Nebenräume, wo die Rauch-, Kaffee- und Likörtische aufgebaut waren. Die Hausherrin beobachtete mit dem kalten, undurchdringlichen Lächeln eines chinesischen Generals die Räumung der Kampfzone, im stolzen Bewußtsein, eine ernsthafte Komplikation oder gar einen spießbürgerlichen Krach vermieden zu haben. Ihrer Schwester im Freud-Kostüm, die mit erneuten Wutschreien Revanche fordern wollte, zischte sie nur ins Ohr: »Verschwinde!« — Dann folgte sie gelassen ihrem Gästeheer.

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Der Mokkageruch, der aromatische Rauch edler Zigarren, das wohligmilde Brennen guten alten Kognaks und die Klänge gedämpfter Tanzmusik erzeugten bald eine allgemeine harmonische Stimmung des Burgfriedens, der Nächstenliebe und des Gottvertrauens. Die Gespräche drehten sich um schöne, angenehme, weltfreundliche Gegenstände, um Landhäuser, Schiffsreisen, Wintersport, Mode, Musik und den neuen Emil Ludwig; nur einige ganz schlechte Menschen hielten noch mit heimtückisch verkniffenen Gesichtern an ihren Tischdiskussionen über Finanzwirtschaft, Reichsbankpolitik oder das Phantom der Abrüstung fest. Das Lagerfeuer hatte sich zunächst aufgelöst, und seine einzelnen Glieder wandten sich wieder individuellen Betätigungen zu, nur trafen sie sich von Zeit zu Zeit ganz von selbst am Standort der Schnäpse und des Whiskys. Robert nahm Lenina beiseite und reichte ihr ein großes Glas Kognak. »Komm«, sagte er, »du bist ein feiner Kerl, wir wollen du sagen!« — Sie schlangen die gebeugten Arme ineinander, leerten so ihre Gläser und gaben sich einen Kuß. »Lene«, sagte Robert und sah ihr in die Augen, »sorg mal dafür, daß unser Georg wieder ein Mann wird!« — »Es wird schon wieder werden«, sagte sie. »Schau dir mal seinen Vater an! Der ist noch richtig!« — Der alte Kulp, der nichts von Schnäpsen hielt, hatte sich sein Weinglas und eine besonders gute Flasche mit ins Rauchzimmer genommen und stand, weißbehaart und rotbäckig glühend wie ein Herbstapfel unter Schnee, mit Tante Droll zusammen, indem er einen Gesinnungsfreund gefunden hatte. Sie erzählten einander Geschichten von berühmten Weinproben und Kellerbesuchen, stießen von Zeit zu Zeit mit ihren Römern an und klopften sich lange gegenseitig auf die Schultern. Georg trat zu Robert und Lenina. »Eigentlich«, sagte er, »habt ihr ganz recht gehabt.« — »Das hättest du früher merken können«, sagte Lenina erzieherisch, und Georg nickte beschämt. Robert lenkte von dem Thema ab: »Was sagt ihr denn zu Colombine?« — »Zu wem?« fragte Georg verwundert. — »Nun, zu eurem Äffchen!« — Es entstand eine kleine Pause. Dann lachte Lenina. »Es war eine große Überraschung«, sagte sie. »Vielleicht wäre es draußen im Landhaus ganz gut aufgehoben!« — Robert nickte nur und ging dann langsam nach hinten.

Im Speiseraum waren die Tische schon abgedeckt und wurden nun zusammengeschoben. Man fegte den Parkettboden ab, weil hier später getanzt werden sollte. Durch den langen Gang, der zur Küche führte, liefen Mädchen und Hausdiener hin und her. Es zog und roch nach Essen und Spülicht. Ein seltsames, stoßweises Schluchzen bebte und schepperte von rückwärts her, bald in hohem Diskant, bald in tiefen, gurgelnden Kehllauten. Eine Seitentür war nur angelehnt, Robert schob sie ein wenig auf und schaute hinein. Es war ein hell erleuchtetes Schlafzimmer. Auf dem Bett lag bäuchlings in konvulsivischen Zuckungen Tante Yulla, immer noch im professoralen Gehrock, aber ohne Perücke und mit wirren, verstrubbelten Haaren. Die Anführerin der Serviermädchen, die seit einer Ewigkeit in der Familie bedienstet war, stand neben ihr und streichelte behutsam ihre verkrampften Hände. »Beruhigense sich mal, Frau Yulla«, hörte man sie immer wieder sagen, »et is ja nich so schlimm, die Herrschaften haben Ihnen einfach nich verstanden! Das war zu hoch für so ’ne Tischjesellschaft!« Aber Yulla heulte immer wieder auf, biß in die Kissen und verwühlte sich in ihren Schmerz und ihre Schande. — Leise ging Robert weiter. Vor dem Badezimmer des Personals blieb er stehen, lauschte. Kein Ton war zu hören! Behutsam öffnete er die Tür. Da bot sich ihm ein merkwürdiger und unerwarteter Anblick. Eine alte Dame in schwarzem Seidenkleid kniete bei Colombine auf dem Boden, streichelte sie und hielt ihr eines Händchen in den ihren. Robert trat näher, Colombine sah flüchtig zu ihm auf, zwitscherte ein wenig, wandte sich aber sofort wieder der alten Dame zu. Die erhob sich, das Äffchen auf dem Arm haltend. Robert verbeugte sich vor ihr. Er kannte sie wohl, hatte sie aber vorher in der Gesellschaft nicht bemerkt und noch nicht begrüßt. Sie war die Gattin eines berühmten Staats- und Völkerrechtslehrers, der auch in der Politik und im öffentlichen Leben der Nation eine wichtige Rolle spielte. Robert sah ihn im Geist vor sich: gepflegt, nobel, sehr reserviert und eigentlich etwas zu gut aussehend, als daß man ihm ohne weiteres eine wirklich große wissenschaftliche Bedeutung zutraute. Er war nicht unter den Gästen des Polterabends, seine Frau war allein gekommen, denn sein vielbeschäftigtes Dasein brachte es mit sich, daß er zwar überall angesagt wurde, aber fast nirgends erschien, und vielleicht lag darin das Geheimnis seines ungewöhnlichen staatsmännischen Erfolges. Seine Frau hatte unter ihrem weißen Scheitel ein sehr merkwürdiges, ziemlich faltiges Gesicht, das mit den dunklen Brauen und dem etwas gelblichen Teint ein wenig exotisch wirkte und, besonders durch ihre großen, tiefliegenden Augen, fast schön aussah. Robert betrachtete ihre schmale, blasse, sehr zärtliche Hand, mit der sie das Äffchen streichelte. »Gefällt sie Ihnen?« sagte er dann. Die Dame nickte. »Ich habe ihr ein bißchen Gesellschaft geleistet«, sagte sie. »Ich glaube, man wird sich hier wenig um das Tier kümmern.« — »Ja«, sagte Robert. »Das fürchte ich auch. Es war wohl eine ziemliche Dummheit von mir.« — Die alte Dame sah ihn an und lächelte ein wenig. »Hatten Sie das Äffchen schon länger?« fragte sie. »Zwei Tage«, sagte Robert, »aber es hing schon schrecklich an mir. Jetzt«, lachte er, »scheint es mir untreu zu werden.« — »Wollen Sie’s nicht lieber wieder mitnehmen?« sagte sie und sah ihn an. »Nein«, antwortete Robert. »Es geht nicht. Ich kann sie nicht halten«, sagte er und schüttelte energisch den Kopf, »so gern ich möchte. Ich müßte meinen Beruf aufgeben!« — Colombine hatte beide Ärmchen um den Hals der Dame geklammert und steckte den Kopf in den Spitzenkragen ihres Kleides. — »Wollen Sie das Tier nicht mir überlassen?« sagte sie plötzlich. »Ich habe Platz und kann mich auch drum kümmern. Sie müßten mir natürlich sagen, was es gekostet hat«, fügte sie hinzu und lächelte. »Das ist ja nicht so wichtig«, sagte Robert, »aber es wäre wundervoll, wenn Sie sie wirklich nehmen könnten!« — »Ich nehm sie gern«, sagte die Dame. Robert sah sie dankbar und begeistert an. »Allerdings«, sagte er plötzlich, »dann hab’ ich ja wieder kein Hochzeitsgeschenk für Georg und Lene!« — »Warum schenken Sie ihnen nicht ein Bild oder ein Blatt von sich?« fragte die Dame. »Das würde ihnen sicher am meisten Freude machen.« — »Donnerwetter«, sagte Robert. »Wieso bin ich darauf nicht von selbst gekommen!« Es war wie eine späte Erleuchtung, und er schüttelte ganz betroffen den Kopf. »Ist es also wirklich abgemacht?« fragte die Dame. »Natürlich«, sagte Robert, »was werden die sich freuen, wenn sie das Kind wieder los haben!« Sie lachten, und Colombine schnatterte verträumt. »Ich möchte jetzt nach Hause gehen«, sagte die Dame, »und nehme sie am besten gleich mit!« — »Wenn es Ihnen recht ist«, sagte Robert, »begleite ich Sie! Wegen der Kiste und der Decke und der Futtertüten. Es ist überhaupt kein ganz leichter Transport.« — »Es ist nicht nötig«, sagte sie. »Ich habe meinen Chauffeur da.« — »Doch«, sagte Robert, »ich komme mit. Meine Frau wird sich freuen, wenn wir hier früher weggehen. Ich saufe sonst nämlich bis in den hellen Morgen. Und außerdem«, sagte er, »möchte ich so gerne sehen, wo sie dann zu Hause ist!« — »Ich freue mich, wenn Sie mitkommen«, sagte die Dame. »Waren Sie nicht früher schon einmal in unserem Hause?« — »Doch«, sagte Robert, »bei Ihrem Sohn. Das ist aber schon viele Jahre her, da studierte er noch.« Sie nickte. Robert ging auf den Gang und rief eines der Mädchen an, das er kannte. »Holen Sie mal unauffällig meine Frau«, sagte er. »Und dann rasch unsere Mäntel und die Affenkiste. Wir gehen gleich hinten raus, damit es niemand merkt!«

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Die großen Ebereschen vor dem Portal knisterten im Nachtwind. Zwei Chauffeure in dicken Mänteln stapften auf und ab. Der eine rauchte eine kurze Stummelpfeife, der andere ging sehr vornübergebeugt und kaute beständig an seinem hängenden Schnurrbart. »Na, Fritze, was meinste«, sagte der mit der Pfeife. »Ob’s unser oller Herr noch mal schaukelt?« — Der andere glotzte ihn verständnislos an. — »Na, bleibt er nu Reichspräsident oder nich?!« fragte der erste eifrig. »Mensch«, sagte der andere nur und schaute von ihm weg, »deine Sorjen!« — Hinter einem der hohen breitstämmigen Bäume, eng an die Rinde geschmiegt, standen zwei Gestalten fast unbeweglich im Dunkeln. Sie sprachen nichts miteinander, aber sie küßten sich auch nicht, starrten sich nur ins Gesicht und preßten ihre Körper zusammen. Plötzlich ein schriller Pfiff vom Portal her, und die Stimme des Hausmeisters: »Nummer siebzehn! Ankurbeln!!« Die Gestalten hinter dem Baum lösten sich hastig. Der Chauffeur stürzte, seinen Mantel zuknöpfend, zu seinem Wagen hin, das hübsche kleine Serviermädchen flitzte um die Hausecke zum Hintereingang. Sie prallte fast auf Robert, der mit Nikoline und der alten Dame eben vom hinteren Eingang her kam. Er schleppte die leere Kiste, und seine Taschen steckten voll Futter. Colombine hatte sich unter dem Pelzmantel ihrer neuen Liebe eingerichtet. So schritten sie rasch und wie auf einer romantischen Flucht dem schnurrenden Wagen zu. Das Mädchen blieb stehen und guckte ihnen nach.

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Das Haus der Dame lag im neuen Westen, nicht allzu weit von der Gegend, in der Robert wohnte. Nein, sie wollten nicht mehr ablegen, sagte Nikoline, nur noch bei der Unterbringung des Äffchens behilflich sein und dann gleich nach Hause gehen. Die Dame schien auch nichts anderes erwartet zu haben, in Mantel und Spitzenkopftuch schritt sie voraus in den ersten Stock. Colombine hatte sich während der Fahrt völlig ruhig verhalten und knautschte auch jetzt nur leise, aber befriedigt vor sich hin. »Sie ist wohl todmüde«, sagte Robert, nicht ohne einen leisen Anflug von Eifersucht. »Wenn sie ausgeschlafen hat, wird es schon wieder losgehen!« — »Hier kann sie sich austoben«, sagte die Dame und öffnete eine Tür. Sie trat mit dem Äffchen ein, während Robert und Nikoline auf der Schwelle stehenblieben. Das Zimmer war vollständig leer, die Rolläden heruntergelassen, hellere Flächen an den etwas nachgedunkelten Wänden bezeichneten die Stellen, an denen früher Bilder gehangen hatten. Robert, einen Schritt ins Zimmer tretend, betrachtete nachdenklich diese quadratischen Flecken, die mit den vorhanglosen Fenstern zusammen dem Raum einen besonderen Ausdruck von Leere und Verlassenheit gaben. »Wenn ich mich recht erinnere«, sagte er nach einer Weile, »hat doch Ihr Sohn in diesem Zimmer gewohnt. Ich habe ihm damals die Bilder gehängt!« — Die Dame antwortete nicht, drehte die Heizung auf, die leise zu zischen begann. »War das nicht sein Zimmer?« fragte Robert noch einmal. »Doch«, sagte die Dame, ohne sich zu ihm umzudrehen. »Mein Sohn ist vor einem halben Jahr gestorben.«

Sie stand mit dem Rücken zur Tür und streichelte das Äffchen, das ihren Hals mit beiden Armen umschlungen hielt. Robert hatte unwillkürlich Nikolinens Hand gepackt. Dann ging er hin, nahm die Futtertüten aus seinen Taschen, legte sie neben dem Heizkörper auf den Boden. »Am liebsten frißt sie Bananen«, sagte er. »Aber ich habe keine mehr da.« Sie nickte, antwortete nicht. Er dachte einen Augenblick nach, dann beugte er sich nieder, küßte ihr die Hand. Sie stand noch unbewegt und ohne sich umzudrehen, als die beiden das Zimmer verließen und die Tür leise hinter sich zumachten.

Der Mond war nun ganz hoch und strahlenklar, die klebrigen Knospen der Kastanienbäume funkelten wie lauter kleine Flammen. Draußen wartete noch das Auto, um sie nach Hause zu bringen. »Komm«, sagte Robert zu Nikoline. »Wir wollen zu Fuß gehen.« — »Ja«, sagte sie. »Es ist gar nicht kalt!« — Er hängte sich bei ihr ein, und sie schritten aus.

Teil VII

Eine Liebesgeschichte (1933)

Wissen Sie aber auch, was die Liebe sie lehrte,

dem Rittmeister zu sein?

LESSING

Der Rittmeister Jost Fredersdorff, der als junger Leutnant bei den Brandenburger Kürassieren Roßbach und Leuthen mitgekämpft hatte und am Tag nach dem Torgauer Sieg wegen Tapferkeit vorm Feind dekoriert und befördert worden war, verbrachte den Silvesterabend des Jahres 1767 in der Wohnung seines Regimentskameraden, eines Grafen von Prittwitz.

An diesem Abend lernte er die Schallweis kennen.

Lili Schallweis war nicht gerade mehr jung, aber sie gehörte zu der Art von Frauen, die sich von Mitte der Zwanzig bis in die Vierzig hinein an Gestalt und Angesicht kaum verändern. Von Natur aus zu leichter Fülle neigend, blieb doch ihr Körper stets straff und nervig gespannt, und um Fesseln und Kniekehlen, vor allem aber von den Hüften aufwärts zu Schultern und Nacken hin hatte sie etwas von der wendigen Biegsamkeit eines Reitpferdes aus guter Zucht. Manchmal, wenn sie müde oder verstimmt war, verschwammen ihre unteren Augenlider in bläuliche Schattentiefe, und es spielten kleine, flüchtige Falten um ihre Nasenflügel und um die Bögen der Stirn. Dann wieder, und besonders zu später Nachtstunde oder bei lebhafter Unterhaltung, zeigte ihr Gesicht, von den weich fallenden lichtblonden Haaren gerahmt, die Frische und den kräftigen Farbton eines gesunden Landkindes. Auch ihre Hände, schmalfingrig und schön geformt, waren in der Mitte mehr kraftvoll und fest als zart. Man wußte nicht viel über ihr Leben, nur, daß sie früher mit einer wandernden Theatertruppe aus Süddeutschland gekommen war und eine Zeitlang als Geliebte eines hohen Offiziers in Berlin gewohnt hatte. Später war sie mit einem andern Offizier, der eines Zweikampfs wegen versetzt worden war, nach Brandenburg gekommen. Der aber hatte dort geheiratet, und sie lebte seitdem ganz offensichtlich von den Zuwendungen ihrer häufig wechselnden Liebhaber. Jetzt war sie die erklärte Freundin des Grafen Prittwitz.

Graf Prittwitz, der an diesem Abend einige unverheiratete Kameraden zu Gast hatte, unter denen die Schallweis als einzige Frau den natürlichen Mittelpunkt bildete, war das, was man unter Frauen, damals wie heute, einen »interessanten Mann« zu nennen pflegt. Sein schmales dunkles Gesicht, das schon mit vierzehn Jahren etwas müde und lebenskühl gewirkt haben mochte, zeigte jene Mischung aus Weichheit und eigensüchtiger Härte, die immer eine dunkle, gefährlich verhaltne Hintergründigkeit, eine leidenschaftliche Unruhe des Gefühls auszudrücken scheint, auch wenn sich nichts dergleichen dahinter verbirgt. Er galt unter den Kameraden als feiner Kerl, als schneidig, amüsant und vorurteilslos. Aber es wäre doch nie einer auf den Gedanken gekommen, sich ihm etwa in einer schwierigen Situation anzuvertrauen, einen besonderen Freundschaftsdienst oder gar eine aufopfernde Tat von ihm zu erwarten. Das war es wohl, was ihn reizvoll und anziehend machte: man war sich seiner nicht ganz sicher, ohne doch Grund zu haben, ihm zu mißtrauen. Manchmal konnte er, ganz aus der Luft heraus, von einer kindlichen Herzlichkeit des Sichfreuens, Wohlbehagens, Genießens sein, von einer stürmischen und berauschten Heiterkeit, die mitriß und ansteckte. Besonders seine Erfolge bei Frauen trug er mit einer so heftigen Selbstbegeisterung zur Schau, mit so viel unverhohlener Freude am Triumph, am Besitz und an der Eitelkeit, daß man ihn glänzend und sympathisch fand und niemand ihm sein allzu leichtes Glück mißgönnte. Er bekleidete, obwohl auch noch ziemlich jung, die Charge eines Majors und galt, schon infolge seiner Familienbeziehungen, als Anwärter auf eine große Karriere.

Lili Schallweis spielte an diesem Abend bei ihm ein wenig die Hausfrau, sorgte für die Bewirtung der Gäste und auch für den Wein, denn ab elf hatte man den Burschen freigegeben, damit sie sich am Mitternachtsfest der Mannschaften beteiligen konnten. Es war schon recht viel getrunken worden, und es wurde laut geredet und gelacht, als die Uhrzeiger allmählich auf zwölf zu rückten und man schon da und dort aus den Straßen der kleinen Stadt das Aufzischen von Feuerwerkskörpern und das Johlen verfrühter Neujahrsgratulanten vernahm.

Obwohl alle Gäste, außer Fredersdorff, der selten zu Prittwitz kam, die Schallweis längst kannten — der eine oder andere sogar ziemlich gut —, gab doch die Tatsache ihrer Anwesenheit dem Abend ein besonderes und leicht erregtes Gepräge. Zwar versuchte niemand, mit ihr vertraulich zu werden, man fiel auch nicht in den Ton reiner Herrengeselligkeit, aber es herrschte doch keineswegs die Zurückhaltung in Rede und Benehmen, die im Beisein einer richtigen Dame üblich ist. Gerade dieses Gemisch von Ausgelassenheit und leiser Reserve, von Wahrung der äußeren Form und allgemein lächelndem Einverständnis lockerte die Stimmung mehr und mehr auf und erfüllte die Luft unmerklich mit Spannungen und prickelnder Geladenheit. Prittwitz trank seinen Gästen tüchtig zu und schien ein wenig zu gleichgültig, wenn sie Lili den Hof machten. Ging sie aber einmal in die Küche, um Getränke nachzuholen, beugte er sich rasch vor und lobte, von den andern sachverständig unterstützt, ihren Gang und ihre Figur, ihre Haut und ihre sonstigen Vorzüge.

Der junge Jost Fredersdorff saß ziemlich einsilbig dabei. Er war an sich kein allzu gesprächiger Mensch, obwohl seinem Alter entsprechend heiter und gern gesellig. An diesem Abend aber verschlug ihm etwas die Luft. Sooft er, mit oder ohne Absicht, die Schallweis anschaute, glaubte er seinen Blick erwidert zu fühlen, und zwar nicht in einer beziehungsvollen oder pikanten Art, sondern kühl, forschend, nachdenklich. Auch wenn er nicht hinsah, glaubte er oft den kühlen Strahl dieser Augen auf seiner Stirn oder seinen Lidern zu spüren. Das beunruhigte ihn so sehr, daß es ihm schwerflel, der Unterhaltung zu folgen. Sein Gesicht bekam etwas gezwungen Abweisendes, Steifes, Frostiges, und man fragte ihn schon gelegentlich scherzhaft, ob er sich fürs neue Jahr eine Audienz beim König oder den Beisitz beim Obersten Militärgerichtshof vorgenommen habe. Als die Schallweis einmal durchs Zimmer ging, um eines der Wandlichter zu putzen, konnte er sich nicht enthalten, ihr mit dem Blick zu folgen. Prittwitz unterbrach plötzlich das Gespräch der andern, lehnte sich in den Sessel zurück und deutete lachend auf ihn. »Jost fängt Feuer!« sagte er mit übertrieben amüsiertem Tonfall. Die andern grinsten. Fredersdorff verlor die Fassung nicht und wurde auch nicht rot. »Warum nicht?« — sagte er nach einer kleinen Pause, mit einer höflichen Kopfneigung zu Lili, die sich ihnen wieder zugewandt hatte und auf den Tisch zukam. Sie blieb vor Jost stehen und sah ihn wie geistesabwesend an.

In diesem Augenblick ertönte von der Garnisonkirche das Glockenspiel, das den Stundenschlag einleitete. »Achtung!« rief Prittwitz und füllte rasch die Gläser. Alle standen auf, auch Lili blieb stehen, wo sie stand. Von der Kaserne her schmetterte eine Signaltrompete mit scharfem, glänzendem Ton, und auf den ersten Schlag der zwölften Stunde begannen die Glocken zu brausen, Schüsse donnerten empor, und die Posaunen bliesen den Lobchoral nach der Schlacht. »Es lebe der König!« rief Prittwitz mit lauter, etwas knarrender Stimme, und alle Herren zogen ihre Degen, berührten die Spitzen der Klingen hoch in der Luft, die von blankem Metall und Kerzenschein funkelte. Lili war einen Schritt zurückgetreten und sah zum Fenster hin, bis die Stille im Zimmer und das Scheppern und Klappern der Waffen, die man in die Säbelscheiden zurückschob, verklungen war. Dann, als die Gläser klirrten unter lautem, lachendem Zuruf und alle sich, in einer freimaurerischen Gepflogenheit, die damals unter den preußischen Offizieren üblich war, umarmten und den Bruderkuß tauschten, trat sie zu Prittwitz und legte ihm die Hand auf die Schulter. Der nahm ihren Kopf und küßte sie auf die Lippen. Dann preßte er sie an sich und streichelte ihre Arme und ihren Hals, während ihr Kopf fast in seinen Rockaufschlägen verschwand. Die andern traten mit den Gläsern herzu und verlangten, mit ihr anzustoßen. Sie drehte sich herum, ihr Gesicht war ernst, bleich und verschattet. »Jetzt wird Lili euch den Schwesterkuß geben«, sagte Prittwitz lachend und schob sie dem Nächststehenden zu. Der faßte sie um die Hüften und küßte sie respektvoll auf beide Wangen, nicht anders, als eres mit einer Nichte oder Cousine aus gutem Haus getan hätte. Aber als er sie schon losgelassen hatte, schien er zu bereuen, beugte sich hastig noch einmal auf ihr Gesicht und küßte sie auf den Mund. »Bravo!« rief Prittwitz. »Courage, meine Herren!« Nun küßte sie jeder, wohin er wollte, und Lili lächelte schweigend dazu. Auch Fredersdorff küßte sie auf den Mund und spürte, daß sie die Lippen fest geschlossen hielt.

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Prittwitz hatte den Fenstervorhang aufgezogen und öffnete nun. Draußen war die Regimentskapelle aufmarschiert, die in dieser Stunde jedem der Offiziere vor seiner Wohnung ein Ständchen brachte. Die Herren traten ans Fenster und grüßten hinab, riefen wohl auch ihrem Tambourmajor ein paar Worte hinunter und taktierten, von der Nachtkälte berührt, mit den Körpern die hitzige Marschmusik. Jost war bei Lili im Zimmer stehengeblieben, er hielt sein Glas noch in der rechten Hand, schaute zu den andern hin, und plötzlich spürte er, wie sie mit beiden Händen seine herabhängende Linke ergriff und an ihre Brust preßte. Er sah ihr ins Gesicht. Sie hatte die Augen geschlossen, und ihre Lippen sagten lautlos ein Wort, das er nicht verstand. Das dauerte nur einen Herzschlag lang, dann ging sie rasch von ihm weg, und er trat ans Fenster.

Zufällig kam er neben Prittwitz zu stehen, und zufällig folgte sein Auge dessen Blick. Der haftete auf der zurückgelehnten Glasscheibe des Fensters, in deren blanker Schwärze sich groß, deutlich, mit allem Licht und Schatten, das Zimmer spiegelte. Fredersdorff starrte in die Scheibe, und ihm war, als sähe er darinnen noch sich selbst und neben sich Lili Schallweis, ihre Hand, ihren Mund und ihre geschlossenen Augen. Tatsächlich sah er nur noch einen Schimmer von ihrem Kleid, denn sie verließ jetzt den Raum durch die rückwärtige Flurtür. Nun drehte Prittwitz den Kopf zu Fredersdorff und sah ihm ins Gesicht. Der erwiderte seinen Blick voll und ruhig. Prittwitz sah aus wie immer, nur im samtigen Braun seiner Iris und in den großen schwarzen Pupillen schien ein dreieckiges, spitzes, grellweißes Licht zu stehn. So verharrten beide noch einen Augenblick, während die andern Herren schon zum Tisch zurücktraten, dann schlug Prittwitz mit der flachen Hand ganz leicht auf Fredersdorffs Rockärmel. »Komm«, sagte er und schloß das Fenster, zog den Vorhang vor. Von drunten Trommelwirbel und Marschtritte der abziehenden Musik. Sie gingen zum Tisch, setzten sich. Lili erschien in der Tür. Sie hielt einen großen Schöpflöffel in der Hand, und es wehte ein Geruch von heißem Rotwein und Rum ins Zimmer. »Jetzt kommt die Siebenjährige!« rief sie, und die Offiziere applaudierten begeistert. Die »Siebenjährige« nannten sie eine ganz besonders stark gebraute Feuerzangenbowle, mit der sie sich in den Quartieren der sieben Kriegswinter das ewige Warten auf Friedrichs säumige Zahlmeister und auf den Beginn der Frühjahrskämpfe verkürzt hatten. »Kommen Sie, Graf«, rief Lili zu Prittwitz hin. »Das Anbrennen trau ich mich nicht!« Die Bowle mußte brennend auf den Tisch gebracht werden, indem man draußen einen ganz und gar mit Arrak übergossenen, vorher in Rum getränkten Zuckerhut, der, in eine Zange geklemmt, über der dampfenden Flut lag, anzündete und dann bei verlöschten Lichtern die bläulich umflammte Schüssel hocherhoben hineintrug.

»Nein«, sagte Prittwitz. »Ich habe zuviel getrunken. Geh du, Jost.« — Der schüttelte den Kopf. »Ich kenn mich nicht aus mit dem Bowlemachen«, sagte er. — »Das ist mir neu«, sagte Prittwitz. »Oder du mußt seit Böhmen einiges verlernt haben!« — Beide blieben steif sitzen, sahen sich an. »Inzwischen verdampft der schöne Alkohol«, sagte ein anderer mißbilligend. — »Also bitte!« sagte Prittwitz, ohne sich zu rühren. — »Kommen Sie schon, Herr Rittmeister!« rief Lili von der Tür her. »Der Rum wartet nicht länger!« Fredersdorff stand auf. »Bravo«, rief einer, »Jost kann den Rum nicht warten lassen!« Er zog dabei das U von Rum in die Länge und lachte dann ganz allein über seinen spärlichen Witz. »Mach’s gut, Jost!« rief Prittwitz hinter ihm her, als der zur Tür ging. »Und nicht zu schwächlich! Viel Feuer! Viel Brennstoff! Nicht mit dem Pulver sparen!« brüllten die andern durcheinander. »Licht aus!« kommandierte Prittwitz, und der jüngste Leutnant sprang auf und löschte im Zimmer die Kerzen. Einen Augenblick lang ward es fast feierlich still. Man hörte ferne Musik und das Kreischen einer Weiberstimme von irgendwo. Dann ging die Tür auf, und mit starkem, schwerem Geruch schwebte die Bowle, von unsichtbaren Armen getragen, flackernd und züngelnd herein. In dem springenden, ungewissen Lichtschein, der nun am Tisch entstand, sah man das weiße Kleid der Schallweis schimmern und daneben in schwarzem Umriß Fredersdorffs hohe Gestalt.

»Wo bleibt das Lied?« sagte Prittwitz mit gelangweilter Stimme.

Ein tiefer Baß stimmte an, die andern fielen ein. Das Lied, das einmal in einer durchsoffenen Kriegsnacht lustig und jung gewesen sein mochte, schlappte wie ein bekrückter Veteran durch die Stube:

»Das Feuer muß brennen,

Und die Liebe brennt auch —«

Während des Liedes war Lili hinausgegangen, nun kam sie mit einem Span zurück und zündete wieder die Lichter an. Fredersdorff tauchte den Schöpflöffel in die mählich abflackernde Bowle und füllte die hohen, dicken Punschgläser.

»Hast du sie auch gekostet?« fragte Prittwitz. Jost antwortete nicht, vielleicht hatte er die Frage überhört. Er reichte eben der an den Tisch tretenden Lili ein volles Glas. Prittwitz hatte angesetzt, nippte. »Pfui Teufel!« brüllte er plötzlich und setzte das Glas hart auf den Tisch, so hart, daß die heiße Flüssigkeit im Bogen herausspritzte und Lilis weißes Kleid an der Brust, aber auch ihren Ausschnitt und ihren Arm traf. Sie schrie leise auf, fuhr zurück. Die andern sprangen auf. Alles fragte durcheinander. Jost stand bleich und still vor Prittwitz, der sich nun auch erhob. »Was tust du denn!« sagte er halblaut. — »Pfui Teufel!« schrie Prittwitz noch einmal. »Das ist bitter! Das ist Gift!« kreischte er völlig unbeherrscht. »Du bist verrückt«, sagte Jost und zuckte die Achseln. Dann wandte er sich zu Lili Schallweis, die sich mit einem Tuch betupfte. »Sie müssen Öl drauftun«, sagte er. Lili ging wortlos. Es leuchtete rot auf dem weißen Atlas ihres Kleides. Die andern standen betreten herum.

»Gute Nacht«, sagte Fredersdorff nach einer Pause, mit einer Verbeugung zu Prittwitz. Der antwortete nicht. Man versuchte ungeschickt, beiden Vernunft zu predigen, obwohl keiner von den andern ganz genau wußte, worum es ging. Jost drehte sich auf dem Absatz, ging hinaus. Drinnen bestürmte man den Grafen, der glasig in die Luft starrte, ihn zurückzuholen. Schließlich schien der auch einen Entschluß gefaßt zu haben, ging mit raschen Schritten ihm nach auf den Gang. Man erwartete allgemein eine prompte, männliche Versöhnung und blieb lachend, trinkend zurück. Jost hatte seinen Mantel umgeworfen und den Hut aufgesetzt. Er war im Begriff, die Wohnung zu verlassen, hielt schon die Türklinke in der Hand. Da trat Lili aus einer Nebentür, auch sie in Mantel und Hut. »Bringen Sie mich nach Hause«, sagte sie zu Jost. »Bitte —« fügte sie noch hinzu. Ehe der antworten konnte, kam Prittwitz heraus und blieb stehen. »Hast du Geld bei dir?« sagte er Jost. »Es kostet was.« —Jost machte einen halben Schritt auf ihn zu. »Pfui!« sagte er laut. Und dann, die Tür öffnend, Lili den Vortritt lassend, ging er mit ihr, ohne sich noch einmal umzudrehn.

Es war eine klare Winternacht, der Mond schon untergegangen, die Sterne zuckend und hell. Die Straßen waren schneefrei gefegt, nur kleine, zusammengefrorene schmutzgraue Hügel an Häuserecken und um Laternenpfahle gehäuft. In vielen Häusern brannte noch Licht, aber es war jetzt, nachdem die erste Jahresstunde vorüber war, schon wieder still geworden in der Stadt. Selten begegnete man ein paar von einem Fest nach Hause kehrenden vermummten Leuten. Dann und wann der ruhig hallende Tritt einer Wachpatrouille.

Fredersdorff wußte nicht, wo Lili Schallweis wohnte. Sie hatte seinen Arm untergefaßt, und er überließ ihr die Führung. Ihre Hände berührten sich im Gehen. Sie trugen beide keine Handschuhe, aber sie spürten den Frost nicht. Nach einiger Zeit schob Lili ihre Finger zwischen die seinen, die er nun fest über ihren Knöcheln schloß. Die inneren Handflächen hielten sie eng zusammengepreßt, und sie fühlten die Bewegung des Blutes bei jedem Schritt. So gingen sie lang, ohne zu reden. Schon waren sie in der Vorstadt, wo die Häuser vereinzelt zwischen kleinen Gemüsegärten lagen. Das Pflaster hörte auf, der Weg wurde schmal und holprig. Schließlich sah man gar keine Häuser mehr, ein zerbrochener Zaun lief noch ein Stück über Land — dann flache Felder, von dünner Schneeschicht bedeckt, leise flimmernd im Sternenschein. Eine Wagenspur zog sich schnurgerade vor ihnen her, auf die schwarzen Umrisse eines Kiefernwaldes zustrebend. Es knirschte und sang in der Stille unter den Stiefeln, und wenn man in die tiefe Radrinne trat, klirrte das trocken splitternde Eis. Von der Stadt her schlug die Kirchenuhr, es klang dünn und silbrig. Lili lauschte und blieb einen Augenblick stehn.

»Wohnen Sie noch weiter draußen?« fragte Jost plötzlich.

»Nein«, sagte sie lachend. »Ich wohne ganz woanders. Da drüben, wo wir herkommen!«

»Ich dachte es mir schon«, sagte er. »Aber es ist herrlich, zu gehen!« —

»Ja — es ist herrlich.«

»Sind Sie nicht müde?« fragte er dann, da sie immer noch stehenblieb.

»Noch bis zum Wald, bitte!« sagte sie. »Das ist nicht mehr weit.«

Sie gingen voran. Ihre Hände hatten sich nicht gelöst. Der Wald wuchs finster auf sie zu. Immer mehr vom Himmel versank hinter dem Wall seiner buckligen Baumkronen, die sich mählich voneinander schieden. Nun sah man den hellen Fleck, wo der Fahrweg zwischen die Stämme einmündete. Rechts davon stand ein Wegweiser, der wie ein Kreuz aussah. Sie gingen darauf zu, blieben stehn.

»Ich dachte, es wäre ein Gekreuzigter«, sagte Lili.

»Nein«, lächelte Jost, der jeden Feldstein in der Gegend kannte. »Das gibt es hier nicht.«

»Wo ich zu Haus bin, stehn sie überall«, sagte sie. »Auch Marien!«

»Hier gibt es das nicht«, wiederholte er. Dann sah er sie an. Sie blickte noch auf den Wegpfahl. Er legte den freien Arm um sie, preßte sie an sich. Sie sah zu ihm auf, beugte den Kopf zurück. Er küßte sie. Ihre Haut war kalt, auch ihre Lippen von der Luft überfroren. Er hielt seinen Mund lange auf dem ihren, bis er auftaute und sich an ihm festsog. Ihre Gesichter lagen aufeinander, bewegten sich nicht. Durch den Pelz und den schweren Mantel hindurch spürten sie ihre Körper und ihre klopfenden Herzen.

»Komm«, sagte sie nach einer langen Zeit. »Wir wollen heim.«

Er nahm jetzt ihren Arm, schob seinen drunter. Sie schritten rasch aus, stolperten manchmal auf den hartgefrorenen schartigen Sandfurchen, kamen immer wieder in gleichen Tritt. Über den Dächern der Stadt, die sich vor dem Anlauf der flachen Felderwellen duckten, sprang mächtig der strahlenblitzende Orion auf, der winterliche Himmelsjäger. Mit den gespreizten Füßen stand er breit überm Erdrand, die Hüfte mit dem blitzenden Gürtel schräg zur Seite gebeugt, das kurze Schwert flammte niederwärts, aber die Sternfauste spannten den Bogen weitzielend in die nördliche Nachtkuppel hinaus.

Bei Prittwitz, an dessen Haus sie wieder vorbeimußten, brannte noch Licht. Sie gingen vorüber, fast ohne es zu merken. Einige Straßen weiter, der andern Richtung nach, blieb Lili vor einer Haustür stehen, kramte den Schlüssel vor. »Hier ist es«, sagte sie. Jost half ihr beim Aufschließen, dann ging er hinter ihr die Treppe hinauf. Unten, neben der Haustür, befand sich ein Spezereiladen, und es roch im Treppengang nach gebranntem Kaffee, Zimt, Nelken, Muskatnuß und anderm scharfen Gewürz. Die beiden Stockwerke dienten völlig als Lagerräume, mit Ausnahme zweier Vorderstuben der oberen Etage, die Lili gemietet hatte. Nachts oder an Feiertagen war man ganz allein im Hause. Es wohnte auch keine Zofe oder Magd bei ihr, sondern eine Bedienerin kam des Morgens und ging, wenn ihre Arbeit getan war. Da es im Treppenhaus dunkel war, hatte Lili sich im Gehen halb umgedreht und führte ihn an der Hand. Droben schloß sie im Finstern die Flurtür auf, dann standen sie auf einem kleinen Vorplatz, der von einem fast heruntergebrannten blakenden Öllämpchen ein wenig Licht bekam. Lili schraubte den Docht höher, und man sah nun linker Hand eine Küche, zu der die Tür offenstand. Geradeaus ging es in ihr Zimmer, und sie ließ Jost, noch in Mantel und Hut, eintreten. Durch das Wohnzimmer, das im Dunkel lag und von dem man nichts erkannte als die Umrisse eines großen, die Wärme noch haltenden Kachelofens, führte sie ihn ohne Aufenthalt und wortlos in ihr Schlafzimmer und nahm ihm im Finstern den Mantel ab. Dann entfernte sie sich von ihm, und er hörte, wie sie beide Mäntel, ihren und seinen, irgendwohin hängte. Das Zimmer mußte durch sehr schwere Vorhänge verdunkelt sein, denn er sah nicht die Hand vor den Augen. Nun ging Lili hinaus und kam sehr rasch mit einer brennenden Kerze unter einem schmalen geschliffenen Windglas zurück. Sie stellte das Licht neben das Bett auf einen kleinen Tisch, dann kam sie zu ihm, strich ihm übers Haar. Er wollte sie küssen, aber sie entzog sich ihm, lief noch einmal hinaus. Er sah sich im Zimmer um: ein breites Bett aus schönem, dunkel poliertem Holz, die Kopf- und Fußenden in Schiffsform geschwungen, stand an der hinteren Wand. Den Boden bedeckte ein dicker samtiger Teppich in einfarbigem tiefem Rot. Der Kachelofen war zwischen die beiden Zimmer eingebaut, so daß er im Wohnzimmer geheizt wurde und seine Wärme noch ins Schlafzimmer hinübergab. Zwischen Bett und Fenster war ein Teil des Zimmers durch Vorhänge abgetrennt. Daher hatte man, wenn die geschlossen waren, gar kein Licht von außen. In der Ecke standen eine Art Spieltisch mit blanker, gemusterter Platte und zwei gepolsterte Backenstühle. Jost sog die Luft durch die Nüstern und spürte den sehr zarten, unverkennbar weiblichen Duft des Zimmers. Er schien von der seidenen Decke des Bettes und von einem Schrank, dessen Tür nur angelehnt war, auszugehen. Jost ging bis zur Schwelle. Aus dem Nebenzimmer roch es nach angewelkten Blumen und ein wenig nach Holzrauch. Lili schien in der Küche zu sein, er hörte sie gehen. Er schnallte seinen Degen ab und stellte ihn in die Ecke. Dann setzte er sich auf einen der Backenstühle, wartete. Gleich darauf kam Lili herein, mit einer Flasche Tokaier, die sie geöffnet hatte, und zwei Gläsern. Sie stellte Wein und Gläser vor ihn auf den kleinen Tisch, goß ein und setzte sich ihm gegenüber. Es war, seit sie das Haus betreten hatten, noch kein Wort gesprochen worden. Jost hob das Glas ihr zu, wollte etwas sagen. Aber sie legte rasch den Finger auf ihre Lippen, lächelte. Dann stieß sie mit ihm an und trank ein wenig. Sie saßen eine Weile und sahen sich an. Es war so still, daß man den eignen Atem hörte. Nach einiger Zeit schlug im Nebenzimmer eine Standuhr. Lili zählte mit den Lippen lautlos die Schläge mit. Die Uhr schlug drei. Sie stand auf, ging zum Schrank, kramte ein wenig, holte einen rotseidenen Schlafrock hervor, schloß die Schranktür und verschwand dann hinter den Vorhängen, indem sie das Licht mitnahm. Das Zimmer lag im Dämmer, und der Lichtschein zitterte gelblich durch die Spalte des Vorhangs. Jost hörte, wie sie sich auszog, und die Geräusche ihrer fallenden Kleider hatten etwas Traumhaftes und Ungewisses, das ihn tief erregte und gleichzeitig wieder die leise Unruhe seines Herzschlags seltsam beschwichtigte. Als sie zurückkam, auf nackten Füßen, den roten Mantel mit der Hand über der Brust haltend, ließ sie das Licht hinterm Vorhang stehen, so daß das Zimmer weiterhin fast im Dunkel lag. Sie ging zum Bett, ohne ihn anzusehen, deckte es auf. Nun ließ sie den Mantel fallen, legte sich nieder. »Komm«, sagte sie leise, fast flüsternd. Dann drückte sie den Kopf mit einer raschen Bewegung in die Kissen und blieb so, daß er nur ihr Haar und ihren nackten Arm sah. Er kleidete sich leise im Dunkel aus, trat an ihr Bett. Sie hob mit dem Arm die Decke ein wenig, ohne aufzusehen. Er legte sich neben sie, spürte ihre Wärme. Ganz leicht strich sie mit der Hand über seinen Arm und zog ihn etwas an sich. Sein Herz pochte, er atmete tief und küßte sie, als sie das Gesicht ein wenig hob, auf die geschlossenen Augen. Sie schlang die Arme um seinen Hals, und sie lagen beide unbewegt, eng zusammengeschmiegt und still atmend. Obwohl sein Puls rascher ging, fühlte er eine kostbare, kindhafte Müdigkeit, eine süß beklemmende, rieselnde Schwäche im ganzen Leib, wie er sie nie gekannt hatte. Es war ihm, wie wenn man im Traum zu schweben glaubt und als könne sein Körper nie mehr etwas anderes tun, als so schwerelos zu liegen und im gemeinsamen Atem zu vergehen. Er lag mit offenen Augen und sah den kleinen Widerschein des verborgenen Lichts auf der Decke, der immer schwächer wurde. Nach einer Weile merkte er, daß sie schlief. Noch etwas später fielen auch ihm die Augen zu, und er glitt in einen Schlaf, der schon im Wachen lösend und stillend auf ihn zu geflutet war.

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Dieser Schlaf schien bodenlos und ohne Ufer. Wachten sie einmal auf, so nur, um — ohne den Riß des Wach-Werdens — im Bewußtsein der Nähe und der Geborgenheit gleich wieder zu versinken. Es war, wie sich Kinder den Schlaf von Tieren in der Höhle denken, oder wie die Saat schläft unterm Schnee. Nur süßer, gnadevoller, beseelter. Kaum daß sie ihre Lage ein wenig veränderten. Sie blieben so hingegossen und so verzaubert, wie sie sich in die Wiege dieses Schlafs gefunden hatten.

Jost, der sich wie viele Soldaten den inneren Appell erworben hatte, zu der Stunde zu erwachen, die der Dienst von ihm verlangte, schlug die Augen auf, als die Standuhr im Nebenraum gleichzeitig mit dem Glockenspiel der Garnisonkirche den Morgen ansagte. Er fühlte sich klar, frisch, von einem Strom lebendiger Kraft durchronnen. In seinen Fingerspitzen spürte er ein Prickeln und Knistern, wie wenn Funkenbündel aus einem Stab springen. Er lag mit dem Kopf in ihrer Achselbeuge, und bei jedem Heben des Atems berührten seine Lippen den Ansatz ihrer Brust. Es war dunkel im Raum, die Kerze längst heruntergebrannt, nur ein dünner Streif opaligen Frühlichts quoll durch die Vorhangspalte. Sehnsucht und wilde Zärtlichkeit machten ihn plötzlich erzittern und betäubten ihn fast. Aber er blieb noch unbewegt und lauschte mit angehaltner Luft auf ihre leisen Atemzüge. Da hob sie die Schultern auf und stützte sich auf den freien Arm. »Du bist wach«, sagte sie, und er spürte, wie sie ihn im Finstern ansah. Er faßte nach ihrem Haar und bedeckte ihr Gesicht mit Küssen. Dann richtete er sich auf. »Was ist?« flüsterte sie. Er sagte ihr, daß er, durch Dienstorder verpflichtet, in die Kaserne müsse, um seine Schwadron zum Neujahrsgottesdienst zu führen. »Und was dann?« fragte sie ihn. Dann müsse er dem Kommandeur eine Neujahrsvisite machen und dann mit den andern Herren vom Dienst im Kasino speisen. »Aber dann?« wollte sie wissen. Dann sei er frei, bis zum Dritten früh, denn der Zweite fiel auf einen Sonntag. »Dann kommst du wieder!« sagte sie. Er küßte sie und stand