/ Language: Deutsch / Genre:thriller

Der Präsident

David Baldacci


Der Präsident

David Baldacci

1996

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Es sieht aus wie eine todsichere Sache: Eine leerstehende Villa in einem Vorort von Washington wie geschaffen für einen nächtlichen Raubzug. Doch dann, als Luther Whitney gerade beim Ausräumen des Schlafzimmers ist, fährt ein Wagen vor, und Luther wird aus einem Versteck heraus Zeuge eines dramatischen Geschehens:

Ein distinguirter Herr und ein junges Flittchen. Eine heiße Liebeszene. Es kommt zum Streit. Er würgt sie. Sie wehrt sich. Die Tür geht auf, zwei Leibwächter stürzen herein, zwei Schüsse treffen die junge Frau. Das junge Flittchen ist die Frau eines milliardenschweren Großindustriellen. Und der ältere Herr ist der Präsident der Vereinigten Staaten.

Luther braucht jetzt vor allem eines: einen guten Anwalt. Seine Wahl fällt auf den jungen Jack Graham, den Ex-Freund seiner Tochter, der in einer angesehenen Washingtoner Kanzlei arbeitet. Denn Luther weiß genau, daß der Präsident und seine Leute alles daransetzen werden, diese Geschichte zu vertuschen. Und Luther hat nicht die Absicht, die Mörder so einfach davonkommen zu lassen.

Nur ahnt Jack nicht, in was er sich da eingelassen hat: den einsamen Kampf eines cleveren Mannes gegen einen Gegner, der absolute Macht besitzt…

Inhaltsverzeichnis

Danksagung

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Epilog

Für Michelle, meine beste Freundin,

meine geliebte Frau, meine Komplizin:

Ohne dich wäre dieser Traum

nur ein Funke in einem müden Auge geblieben.

Für meine Mutter und meinen Vater:

Keine Eltern hätten mehr tun können als ihr.

Für meinen Bruder und meine Schwester:

Ihr habt eine Menge von eurem

kleinen Bruder aushalten müssen und wart

doch immer für mich da.

Danksagung

Mein Dank gilt Jennifer Karas für ihre Freundschaft und großartige Unterstützung, die seinerzeit den Ball ins Rollen brachte. Ferner Karen Spiegel, meinem größten Fan an der Westküste; möge es viele große Filme und kleine Oscars in ihrer Zukunft geben. Und Jim und Everne Spiegel für ihre Unterstützung und Ennutigung.

Außerdem Aaron Priest, dem Mann, der mich entdeckte, meinem Agenten und Freund auf Lebenszeit — und ein netter Kerl obendrein —, und seiner Assistentin Lisa Vance, die gewissenhaft all meine Fragen beantwortete, so seltsam sie auch sein machten. Sowie Francis Jane Miller, Mitarbeiterin der Priest Agency, deren wohlüberlegte Anmerkungen und Kommentare mir Anlaß gaben, mich in meine eigenen Figuren zu vertiefen, und den Roman dabei viel besser machten.

Meiner Lektorin Maureen Edge, daß sie meine erste Buchveröffentlichung zu so einer schmerzlosen und erfreulichen Erfahrung werden ließ. Und für Larry Kirschbaum, der sehr spät in der Nacht etwas las und mein Leben dadurch grundlegend veränderte.

Stephen Wilmsen, einem Schriftstellerkollegen, der weiß, wie schwer das Schreiben ist, und der mir die ganze Zeit guten Rat und jede Menge Ermutigung zuteil werden ließ. Danke, mein Freund!

Steve und Mary Jenings für technischen Rat, Recherche und dafür, daß sie die besten Freunde waren, die man sich wünschen kann. Richard Marvin und Joe Barry für technische Hinweise zu Sicherheitssystemen.

Und Art, Lynette, Ronni, Scott und Randy für ihre Liebe und Unterstützung.

Hier fehlen mir wirklich die Worte.

»Absolute Macht korrumpiert absolut.«

Lord Acton

1

Locker umfaßte er das Lenkrad, als der Wagen mit abgeschalteten Lichtern langsam zum Stehen kam. Ein paar Schotterkörner sprangen noch aus dem Reifenprofil, danach umgab ihn Stille. Er ließ sich einen Augenblick Zeit, um sich an die Umgebung zu gewöhnen, dann holte er ein abgewetztes, aber noch brauchbares Fernglas hervor. Langsam kam das Haus in den Blick. Gelassen, ruhig drehte er sich auf dem Sitz herum. Die Muskeln seiner hageren Gestalt waren so straff wie immer. Auf dem Vordersitz neben ihm lag ein Sportbeutel. Das Innere des Wagens war ausgebleicht, aber sauber.

Der Wagen war außerdem gestohlen. Und seine Herkunft war schwer zurückzuverfolgen.

Vom Rückspiegel hing ein Paar Miniaturpalmen. Er lächelte verkniffen, als sein Blick darauf fiel. Bald schon würde er selbst ins Land der Palmen reisen. Ruhiges, blaues, klares Wasser, lachsfarbene Sonnenuntergänge, langes Ausschlafen. Er mußte aufhören. Die Zeit war reif. Das hatte er sich zwar schon oft gesagt, aber diesmal war er sicher.

Luther Whitney war sechsundsechzig Jahre alt und hatte somit offiziell Anspruch auf Rente oder eine staatliche Unterstützung. Die meisten Männer seines Alters hatten bereits eine zweite Berufung als Großväter gefunden, ließen als Teilzeiteltern für die Kinder ihrer Kinder die alten Knochen in vertraute Ruhesessel sinken, während sich die Arterien mit den im Laufe eines Lebens angesammelten Ablagerungen verschlossen.

Luther war sein ganzes Leben lang nur einem Beruf nachgegangen. Dieser bestand darin, in anderer Leute Wohnungen oder Geschäfte einzusteigen — meist bei Nacht, so wie jetzt — und soviel von ihrem Eigentum mitzunehmen, wie er tragen konnte.

Wenngleich er eindeutig auf der falschen Seite des Gesetzes stand, hatte er doch nie in Wut oder Angst eine Pistole abgefeuert oder ein Messer geschleudert, außer in einem ziemlich undurchschaubaren Krieg, der im Grenzgebiet zwischen Nord- und Südkorea ausgetragen worden war. Selbst Schläge hatte er ausschließlich in Bars ausgeteilt, und dann nur zum Selbstschutz, wenn der Alkohol Männer mutiger machte, als gut für sie war.

Und er stahl nur von jenen, die den Verlust ohne weiteres verschmerzen konnten. Er sah keinen Unterschied zwischen sich und den Heerscharen, deren täglich Brot es war, um die Reichen herumzuscharwenzeln und sie ständig zu überreden, Dinge zu kaufen, die sie gar nicht brauchten.

Einen nicht unbeträchtlichen Teil seines Lebens hatte er in verschiedenen Besserungsanstalten mittlerer und später hoher Sicherheitsstufe entlang der Ostküste verbracht. Wie Fußfesseln hingen ihm drei Vorstrafen in drei verschiedenen Staaten an. Jahre waren aus seinem Leben gerissen worden — wichtige Jahre. Doch daran konnte er nichts mehr ändern.

Seine Fähigkeiten hatte er soweit verfeinert, daß er hoffen durfte, keine vierte Verurteilung mehr zu erleben. Die Folgen eines weiteren Fehltritts lagen klar auf der Hand: Er würde die vollen zwanzig Jahre bekommen. Und in seinem Alter bedeuteten zwanzig Jahre die Todesstrafe. Ebensogut konnten sie ihn auf dem elektrischen Stuhl braten, wie es der Staat Virginia mit seinen schwärzesten Schafen zu tun pflegte. Die Bürger dieses überaus geschichtsträchtigen Staates waren durch und durch gottesfürchtige Menschen, und eine Religion, die auf dem Prinzip von Schuld und Sühne beruhte, forderte konsequent die Höchststrafe. Der Staat konnte sich rühmen, mehr Anwärter auf die Todesstrafe zu haben als alle anderen Staaten, mit Ausnahme von zweien. Und diese, nämlich Texas und Florida, teilten die moralischen Ansichten ihres Südstaatennachbarn. Bei schlichtem Einbruch war man da im guten, alten Virginia geradezu noch gnädig.

Doch selbst angesichts aller Risiken konnte er den Blick nicht von diesem Haus abwenden. Von diesem Anwesen, besser gesagt. Schon seit einigen Monaten ließ es ihn nicht mehr aus seinem Bann.

Middleton, Virginia. Fünfundvierzig Autominuten westlich von Washington, D. C. Ein Ort riesiger Landsitze, wo ein Jaguar nichts Besonderes war, ebensowenig wie Pferde, deren Wert die Bewohner eines Großstadt-Apartmenthauses ein Jahr lang hätte ernähren können. Die Häuser in diesem Gebiet erstreckten sich über so viel Land und waren so prunkvoll, daß sie eigene Namen rechtfertigten. Die Ironie des Namens dieses speziellen Anwesens — The Coppers — war ihm nicht entgangen. »Coppers« hießen im Slang die Polizisten.

Nichts, was er je erlebt hatte, kam dem Adrenalinstoß gleich, der einen Einbruch wie diesen begleitete. Er stellte sich vor, daß sich ein Schlagmann beim Baseball so fühlen mußte, wenn er lässig über die Male trottet und sich dafür alle Zeit der Welt läßt, nachdem das soeben geschlagene Leder irgendwo draußen auf der Straße gelandet ist. Die Menge ist aufgesprungen, fünfzigtausend Augenpaare sind auf einen einzigen Menschen gerichtet, alle Luft der Welt scheint eingesogen und angehalten zu sein, bis sie schließlich, dem grandiosen Schwung des Schlägers folgend, wieder freigesetzt wird.

Luthers immer noch scharfe Augen suchten die Gegend gründlich ab. Nur ein vereinzeltes Glühwürmchen blinkte ihm zu. Davon abgesehen, war er allein. Einen Augenblick lauschte erdem an- und abschwellenden Zirpen der Grillen, dann jedoch verblaßte der Chor ins Unterbewußtsein, so allgegenwärtig war er für jemanden, der längere Zeit in diesem Gebiet gelebt hatte.

Er fuhr ein Stück weiter die geteerte Straße hinab und setzte das Auto dann rückwärts in einen kurzen Feldweg, der in einer kleinen Gruppe dicht gewachsener Bäume endete.

Sein stahlgraues Haar war von einer schwarzen Skimütze verdeckt, in das lederne Gesicht hatte er Tarnfarbe geschmiert. Ruhige, grüne Augen blickten über der breiten Kinnlade in die Dunkelheit. Er sah aus wie der Army Ranger, der er einst gewesen war. Luther stieg aus dem Wagen.

Hinter einen Baum geduckt, beobachtete er sein Ziel. Wie viele Landsitze, die über keine echten Farmhäuser und Scheunen verfügten, hatte auch The Coppers ein riesiges, reich verziertes Eisentor zwischen zwei gemauerten Pfeilern. Einen Zaun um das Grundstück gab es jedoch nicht. Es war direkt von der Straße oder den umliegenden Wäldern aus zugänglich. Luther wählte letzteren Weg.

Er brauchte zwei Minuten, um das Maisfeld zu erreichen, das an das Haus grenzte. Offenbar benötigte der Eigentümer kein selbst angebautes Getreide, nahm seine Rolle als Gutsbesitzer aber ernst. Darüber konnte sich Luther nicht beklagen; schließlich verschaffte ihm dieser Umstand praktisch einen verborgenen Weg zur Eingangstür.

Er verharrte einen Augenblick, dann verschwand er im hohen Dickicht der Maisstauden.

Glücklicherweise war der Boden frei von Geröll, und seine Tennisschuhe verursachten kein Geräusch, was hier sehr wichtig war, da man jeden Laut weithin hörte. Die Augen hielt er starr geradeaus gerichtet, während seine Füße sich vorsichtig einen Weg durch die schmalen Reihen suchten. Die Nachtluft war nach der lähmenden Hitze eines weiteren drückenden Sommers kühl, aber nicht annähernd kalt genug, um Atemwölkchen entstehen zu lassen, die aus der Entfernung von aufmerksamen oder schlaflosen Augen hätten wahrgenommen werden können.

Den Zeitplan dieser Operation war Luther während des letzten Monats immer und immer wieder in Gedanken durchgegangen, wobei er stets am Rand des Feldes anhielt, bevor er das Grundstück vor dem Gebäude betrat und das Niemandsland durchquerte. In seinem Kopf war jede Einzelheit Hunderte Male abgelaufen, wie ein Film, bis sich seinem Gedächtnis eine genaue Abfolge aus Gehen, Warten und Weitergehen eingeprägt hatte.

Am Rand des Grundstücks vor der Villa kauerte er sich nieder und ließ einen weiteren langen Blick über das Gelände schweifen. Er hatte keinen Grund zur Eile. Es gab keine Hunde, wegen denen er sich Sorgen machen mußte, und das war gut so. Ganz gleich wie jung und flink ein Mensch auch sein mochte, einem Hund entkam keiner. Doch es war vor allem der Lärm, den Hunde machten, der Männern wie Luther einen Strich durch die Rechnung machte. Es gab auch keine automatischen Bewegungsmelder, wahrscheinlich wegen der unzähligen Fehlalarme, die Rotwild, Eichhörnchen und Waschbären verursacht hätten, welche das Gebiet scharenweise durchstreiften. Dennoch würde er sich in Kürze einer höchst raffinierten Alarmanlage gegenüber sehen. Nur dreiunddreißig Sekunden hatte er, um sie außer Betrieb zu setzen, ungerechnet der zehn Sekunden, die er allein brauchen würde, um die Schalttafel abzumontieren.

Der private Sicherheitsdienst war vor zwanzig Minuten vorbeigekommen. Diese Pseudo-Polizisten sollten eigentlich die Route ständig wechseln, die Überwachungsbereiche stündlich kontrollieren. Aber nach einem Monat Beobachtung hatte Luther mühelos ein bestimmtes Muster ausmachen können. Drei Stunden blieben ihm mindestens, bevor sie das nächste Mal vorbeikommen würden. Das war weit mehr Zeit, als er brauchte.

Ringsum war es stockfinster, und dichte Sträucher, für Luther und seinesgleichen so wichtig wie die Luft zum Atmen, reihten sich entlang der mit Kopfsteinen gepflasterten Auffahrt wie Raupenkokons am Ast eines Baumes. Er überprüfte jedes Fenster des Hauses. Alle waren dunkel, alles ruhig. Er hatte die Wagenkolonne beobachtet, mit der die Bewohner des Hauses vor zwei Tagen Richtung Süden gefahren waren. Sorgfaltig hatte er sowohl die Bewohner als auch das Personal gezählt, um sicherzugehen, daß keiner mehr übrig blieb. Und das nächste Anwesen lag eine gute Meile entfernt.

Tief atmete er ein. Luther hatte alles vorausgeplant, Tatsache aber war, daß man in diesem Beruf niemals mit allem rechnen konnte.

Er lockerte den Griff um seinen Rucksack und erhob sich. In langen, zügigen Schritten überquerte er den Rasen. Zehn Sekunden später stand er vor der robusten Holztür mit verstärktem Stahlrahmen, mit einem Schloß, das auf der Hitliste der einbruchssicheren Schlösser ganz oben stand. Nichts davon bereitete Luther auch nur die geringsten Sorgen.

Er holte eine Nachbildung des Schlüssels der Eingangstür aus der Jackentasche und steckte ihn ins Schlüsselloch, ohne ihn jedoch herumzudrehen.

Abermals lauschte er einige Sekunden. Dann nahm er den Rucksack ab und wechselte die Schuhe, damit er keine Dreckspuren hinterließ. Er zog den batteriebetriebenen Schraubendreher hervor, der ihm den Schaltkreis, den es zu überlisten galt, zehnmal schneller offenlegen konnte, als es von Hand möglich war.

Der nächste Ausrüstungsgegenstand, den er vorsichtig aus dem Rucksack holte, wog genau hundertsiebzig Gramm, war etwas größer als ein Taschenrechner und — neben seiner Tochter — die beste Investition seines Lebens. Das kleine Gerät mit Spitznamen »WIT« hatte Luther bei den letzten drei Einsätzen geholfen, ohne ihn auch nur einmal im Stich zu lassen.

Die fünf Zahlen, aus denen sich der Sicherheitscode dieses Hauses zusammensetzte, waren Luther bereits zugetragen worden und in seinem Computer programmiert. Die richüge Abfolge war ihm noch ein Rätsel, doch dieses Hindernis würde kurzerhand von seinem Kumpel aus Metall, Draht und Mikrochip beseitigt werden müssen, wenn er das ohrenbetäubende Schrillen vermeiden wollte, das sofort an allen vier Ecken dieser knapp tausend Quadratmeter großen Festung aus den Lautsprechern ertönen würde. Danach würde der namenlose Computer, mit dem Luther in wenigen Augenblicken in den Clinch gehen mußte, einen Anruf bei der Polizei tätigen. Außerdem verfügte das Haus über druckempfindliche Fenster und Bodenplatten, des weiteren über manipulationssichere Türmagneten. All das war bedeutungslos, wenn Luther diesen einen Kampf gewann.

Während er auf den Schlüssel in der Tür stame, hakte er WIT mit einer geübten Bewegung in den Werkzeuggurt, so daß er locker an seiner Seite hing. Dann streifte er sich ein Paar Plastikhandschuhe mit einer zusätzlichen Gummischicht an Fingerspitzen und Handballen über. Beweise zu hinterlassen war nicht sein Stil.

Tief durchatmend wappnete sich Luther gegen das nächste Geräusch, das er hören würde, nämlich den tiefen Ton der Alarmanlage, der den Eindringling vor einem verhängnisvollen Schicksal warnte, sollte die korrekte Antwort nicht innerhalb der vorgesehenen Zeit — und keine Zehntelsekunde später — eingegeben werden.

Der Schlüssel ließ sich widerstandslos im Schloß drehen. Dann stemmte Luther sich gegen die Tür.

Sogleich setzte ein Summton ein. Jetzt ging es um Sekunden. Rasch schlüpfte er in das riesige Foyer und wandte sich nach rechts, dem Schaltkasten zu.

Der automatische Schraubendreher drehte sich geräuschlos, die sechs Schrauben fielen in Luthers Hand und verschwanden in einer Tragetasche am Gürtel. Mondlicht drang durch das Fenster neben der Tür und schien auf dünne Drähte, die von WIT herabbaumelten. Dann fand Luther, nachdem er kurz das Innere des Kastens untersucht hatte wie ein Chirurg die Brusthöhle seines Patienten, die richtige Stelle, steckte dort die Litzen an und schaltete seinen Kumpel ein.

Aus der Eingangshalle stame ein roter Schlitz auf Luther herab. Der Infrarotmelder hatte bereits auf seine Wärmeenergie angesprochen. Während die Sekunden verstrichen, wartete er geduldig darauf, daß ihm das »Gehirn« der Alarmanlage mitteilte, ob es sich bei dem Eindringling um Freund oder Feind handelte.

Schneller, als das Auge folgen konnte, flimmerten die Zahlen neongelb über WITs Anzeige; die verbleibenden Sekunden wurden in einem kleinen Kästchen am rechten oberen Rand heruntergezählt.

Fünf Sekunden verstrichen, dann erschienen die Zahlen 5, 13, 9, 3 und 11 auf WITS kleinem Bildschirm und verharrten.

Unvermittelt brach das Summen ab. An die Stelle des roten Lichts trat ein freundliches Grün; Luther war im Geschäft. Er entfernte die Drähte, schraubte die Schalttafel wieder an, verstaute seine Ausrüstung und schloß die Eingangstür sorgfältig hinter sich ab.

Das Schlafzimmer der Hausbesitzer befand sich im dritten Stock, wohin man vom Erdgeschoß über einen Aufzug gelangen konnte, der sich rechts von der Eingangshalle befand. Luther entschied sich statt dessen für die Treppe. Je weniger er sich von etwas abhängig machte, das er nicht völlig unter Kontrolle hatte, desto besser. Mehrere Wochen lang in einem Aufzug festzusitzen gehörte eindeutig nicht zu seinem Schlachtplan.

Er blickte zum Detektor an der Decke, der mit seinem rechteckigen Mund auf ihn herabgrinste, doch der Überwachungsmechanismus war nun außer Funktion. Dann ging Luther die Treppe hinauf.

Die Schlafzimmertür war nicht verschlossen. Innerhalb weniger Sekunden war die batteriebetriebene Niedervoltlampe einsatzbereit, und Luther sah sich einen Augenblick um. Der grüne Schimmer einer zweiten Schaltafel, die neben der Schlafzimmertür montiert war, durchbrach die Dunkelheit.

Das Haus selbst war innerhalb der letzten fünf Jahre errichtet worden. Luther hatte die Daten im Amtsgericht überprüft; es war ihm sogar gelungen, Zugang zu einem Satz Planpausen aus dem Büro des Bauinspektors zu bekommen. Das Haus war so groß, das es von der örtlichen Verwaltung gesondert hatte genehmigt werden müssen. Als ob die den Reichen je einen Wunsch abgeschlagen hätte!

Die Pläne enthielten keine Überraschungen. Es war ein großes, solides Haus, das den mehrfachen Millionenbetrag allemal wert war, den der Besitzer dafür auf den Tisch gelegt hatte.

Luther war schon einmal in diesem Haus gewesen, am hellichten Tag; überall waren Leute umhergelaufen. Genau in diesem Zimmer hatte er sich aufgehalten und dabei alles gesehen, was er sehen mußte. Und deshalb war er heute nacht hier.

Fünfzehn Zentimeter breite Deckengesimse starrten auf ihn herab, als er sich neben das riesige Himmelbett kniete. Neben dem Bett stand ein Nachttisch, auf dem sich eine kleine silberne Uhr, der neueste Roman von Jackie Collins und ein antiker, versilberter Brieföffner mit dickem Ledergriff befanden.

Alles in dem Raum war groß und teuer. In diesem Zimmer gab es drei begehbare Schränke, jeder so groß wie Luthers Wohnzimmer. Zwei waren vollgestopft, mit Damenbekleidung und -schuhen, Handtaschen und allen möglichen anderen Accessoires, für die man — sinnvoll oder auch nicht — Geld ausgeben konnte. Luther erblickte die gerahmten Bilder auf dem Nachttisch und betrachtete belustigt die zierliche Frau in den Zwanzigern neben ihrem Gatten, der hart auf die Achtzig zuging.

Es gab viele Arten von Lotterien auf der Welt, und nicht alle betrieb der Staat.

Einige der Fotos betonten die Proportionen der Hausherrin beinahe bildfüllend, und eine rasche Überprüfung des Schrankes offenbarte ihm, daß auch ihr Geschmack für Kleider nicht sehr zurückhaltend war.

Er sah zu dem Ganzkörperspiegel an der Wand und betrachtete die geschnitzte Leiste an dessen Rändern. Als nächstes untersuchte er die Seiten. Es war eine feine, eine tolle Arbeit, dem äußeren Anschein nach in die Wand eingelassen, doch Luther wußte, daß in den leichten Einbuchtungen, fünfzehn Zentimeter vom oberen und unteren Rand entfernt, versteckte Türangeln montiert waren.

Er wandte sich wieder dem Spiegel zu. Luther verfügte über den klaren Vorteil, ein solches Ganzkörpermodell schon bei einem Einbruch vor einigen Jahren gesehen zu haben, wenngleich er damals nicht vorgehabt hatte, es aufzubrechen. Aber man ließ ein zweites goldenes Ei nicht links liegen, nur weil man schon eines in der Hand hielt, und in jenem Fall war das zweite Ei fünfzigtausend Dollar wert gewesen. Der Preis auf der anderen Seite dieses unauffälligen Spiegels würde vermutlich etwa zehnmal so hoch sein.

Mit brutaler Gewalt und einer Brechstange war der Schließmechanismus in der Zierleiste des Spiegels sicher zu überwinden, doch ein solches Unterfangen würde wertvolle Zeit kosten. Darüber hinaus würden deutliche Zeichen eines Einbruchs zurückbleiben. Zwar dürfte das Haus, soweit er wußte, während der nächsten paar Wochen leer stehen, doch man konnte nie vorsichtig genug sein. Wenn er ging, würde es keinen offensichtlichen Beweis dafür geben, daß er je hier gewesen war. Selbst bei ihrer Rückkehr würde man den Tresor vermutlich erst nach einiger Zeit überprüfen. Wie auch immer, er mußte nicht den harten Weg nehmen.

Rasch ging Luther hinüber zu dem Großbildfernseher, der an einer Wand des gewaltigen Zimmers stand. Dieser Bereich war als Wohnzimmer eingerichtet, mit zum Raum passenden brokatbezogenen Stühlen und einem großen Kaffeetisch. Sein Blick fiel auf die drei Fernbedienungen, die dort lagen. Eine war für den Fernseher, eine für den Videorecorder und eine würde seine Arbeit heute nacht um neunzig Prozent erleichtern. Jede trug einen Markennamen, und eine sah der anderen ziemlich ähnlich, doch ein kurzer Versuch ergab, daß zwei die entsprechenden Geräte steuerten und eine nicht.

Er ging durch das Zimmer zurück, wies mit der Fernbedienung auf den Spiegel und drückte den einzelnen roten Knopf am unteren Ende des Geräts. Normalerweise trat dadurch ein Videorecorder in Bereitschaft, oder ein Bildschirm leuchtete auf. Heute nacht, in diesem Zimmer, öffnete mit diesem Knopfdruck die Bank ihre Pforten für den einzigen, glücklichen Kunden.

Luther sah zu, wie die Tür auf den nun bloßgelegten wartungsfreien Angeln sanft und leise aufschwang. Aus alter Gewohnheit legte er die Fernbedienung genau dorthin zurück, wo sie gewesen war, holte einen zusammenfaltbaren Sportbeutel aus dem Rucksack und betrat den Tresor.

Als der Schein seiner Lampe durch die Dunkelheit strich, erblickte er zu seiner Überraschung in der Mitte des etwa zwei mal zwei Meter großen Tresorraums einen ledergepolsterten Sessel. Auf der Lehne lag dieselbe Fernbedienung, offenbar als Schutz dagegen, unbeabsichtigt eingesperrt zu werden. Dann ließ er den Blick über die Regale an beiden Seiten schweifen.

Zuerst wanderten seine Augen über das feinsäuberlich gebündelte Bargeld, dann über den Inhalt kleiner Schatullen, der eindeutig kein Modeschmuck war. Luther zählte Anleihen im Wert von etwa zweihunderttausend Dollar sowie andere Wertpapiere, des weiteren zwei kleine Kassetten mit antiken Münzen und eine dritte mit Briefmarken, darunter ein Fehldruck, bei dessen Anblick Luther kräftig schluckte. Er ließ die Blankoschecks und die Fächer mit Dokumenten außer acht, die für ihn wertlos waren. Die rasche Bestandsaufnahme endete bei fast zwei Millionen Dollar, vielleicht auch mehr.

Noch einmal sah er sich um und vergewisserte sich, daß er keinen Winkel übersehen hatte. Die Wände waren dick. Vermutlich waren sie feuerfest, zumindest so feuerfest, wie Wände überhaupt sein konnten. Der Raum war nicht hermetisch verschlossen, denn die Luft war frisch, nicht abgestanden. Hier konnte man sich tagelang verschanzen.

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Zügig fuhr die Limousine, gefolgt von einem Kastenwagen, die Straße entlang. Die beiden Lenker waren erfahren genug, dieses Kunststück ohne Scheinwerferlicht zu vollbringen.

Im geräumigen Fond der Limousine befanden sich ein Mann und zwei Frauen. Eine der Frauen war ziemlich beschwipst und gab sich alle Mühe, den Mann und sich selbst an Ort und Stelle zu entkleiden, ungeachtet der sachten, aber nicht ungeschickten Abwehrversuche ihres Opfers.

Die andere Frau saß ihnen schweigend gegenüber und gab vor, diesem lächerlichen Schauspiel, das von mädchenhaftem Kichern und heftigem Gekeuche begleitet wurde, keine Beachtung zu schenken. Doch in Wahrheit entging ihr nicht die kleinste Einzelheit, die sich zwischen dem Paar abspielte. Ihre Aufmerksamkeit wechselte ständig zwischen einem großen Buch voller Termine und Notizen, das aufgeschlagen in ihrem Schoß lag, und dem Mann, der ihr gegenübersaß. Er nutzte gerade die Gelegenheit, sich einen weiteren Drink einzugießen, während seine Gefährtin die hochhackigen Schuhe von den Füßen streifte. Was er an Alkohol vertragen konnte, war enorm. Er konnte die doppelte Menge trinken, die er heute nacht schon konsumiert hatte, und trotzdem gäbe es keine äußeren Anzeichen — kein undeutliches Artikulieren, keine Beeinträchtigung seiner Bewegungen —, wie sie für einen Mann in seiner Position tödlich sein konnten.

Sie mußte ihn einfach bewundern, seine Triebhaftigkeit, seine Schwächen, die ihn doch nicht daran hinderten, der Welt ein Bild vorzugaukeln, das Ehrlichkeit und Stärke, Normalität und zugleich Größe vermittelte. Jede Frau in Amerika war verliebt in ihn, ganz gleich, welcher Altersschicht sie angehörte. Sie alle waren hingerissen von seinem zeitlos guten Aussehen, seinem immensen Selbstbewußtsein und dem, was er für sie alle darstellte. Und er erwiderte diese allgemeine Bewunderung mit einer Leidenschaft, die sie immer wieder in Erstaunen versetzte.

Leider war sie selbst nie Ziel dieser Leidenschaft gewesen, ungeachtet der versteckten Andeutungen, der Berührungen, die ein klein wenig zu lange dauerten; ungeachtet dessen, daß sie es stets so einfädelte, daß sie ihn gleich morgens traf, wenn sie am besten aussah; ungeachtet der sexuellen Anspielungen während ihrer Lagebesprechungen. Sie war lediglich einer seiner Laufburschen. Doch es war noch genug Zeit. Bis ihre Zeit kam — und sie würde kommen, das hielt sie sich ständig vor Augen —, würde sie geduldig sein.

Sie sah aus dem Fenster. Das alles dauerte zu lang. Solche Improvisationen haßte sie, denn sie brachten alles andere durcheinander. Mißfällig verzog sie den Mund.

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Luther hörte die Autos die Auffahrt heraufkommen. Seine Augen bestätigten ihm, was die Ohren ihm bereits mitgeteilt hatten. Ihm war sofort klar, daß der Rückweg abgeschnitten war und daß er sich etwas einfallen lassen mußte.

Er wechselte an ein anderes Fenster, um dem Weg der Wagen um die Ecke zu folgen. Luther zählte vier Personen, die aus der Limousine stiegen; eine weitere stieg aus dem Kastenwagen. Wer waren diese Leute? Die Gruppe war zu klein, als daß es sich um die Bewohner des Hauses handeln konnte, andererseits so groß, daß es kaum jemand sein konnte, der nur im Haus nach dem Rechten sehen wollte. Gesichter auszumachen war unmöglich. Einen Augenblick kam Luther der ironische Gedanke, daß in das Haus zweimal in der selben Nacht eingebrochen werden sollte; dann jedoch schüttelte er den Kopf. Das wäre ein gar zu großer Zufall gewesen. In diesem Geschäft, wie auch in vielen anderen, vermied man Zufälle tunlichst. Außerdem fuhren Einbrecher nicht mit mehreren Fahrzeugen vor und trugen Kleider, die eher für einen Streifzug durch das Nachtleben einer Großstadt geeignet waren.

Seine Gedanken rasten, als Lärm zu ihm drang, offenbar von der Hinterseite des Hauses her.

Luther zwang sich zur Ruhe, ergriff den Sportbeutel, aktivierte, voll stummer Dankbarkeit für die zweite Schalttafel im Schlafzimmer, die Alarmanlage des Hauses, schlich durch das Zimmer in den Tresorraum und zog vorsichtig die Tür hinter sich zu, bis sie einschnappte. Dann kauerte er sich in die hinterste Ecke des kleinen Raumes. Nun mußte er abwarten.

Er fluchte auf sein Pech, nachdem alles so glatt gegangen war. Dann schüttelte er den Kopf, um die Gedanken zu ordnen, und zwang sich, gleichmäßig zu atmen. Es war wie beim Fliegen. Je öfter man flog, desto größer war die Wahrscheinlichkeit, daß etwas passierte. Luther konnte nur abwarten und hoffen, daß die soeben angekommenen Gäste des Hauses keine Einlage bei der Privatbank vorzunehmen hatten, die er jetzt besetzte.

Ein Schwall Gelächter, gefolgt von Stimmengewirr, drang zu ihm. Gleichzeitig setzte das laute Summen ein, das sich anhörte, als brauste ein Jet unmittelbar über seinen Kopf hinweg. Anscheinend gab es leichte Probleme mit dem Sicherheitscode. Schweißperlen traten auf Luthers Stirn, als er sich vorstellte, was wäre, wenn der Alarm losginge und die Polizei käme, um jeden Winkel des Hauses zu durchsuchen, nur um ganz sicherzugehen. Angefangen bei seiner kleinen Kammer.

Luther fragte sich, wie er wohl reagieren würde, wenn er hörte, wie die verspiegelte Tür sich öffnete und ein Lichtstrahl hereindrang, der ihn unmöglich verfehlen konnte. Fremde Gesichter, die hereinstarrten, gezückte Waffen, das Verlesen seiner Rechte. Es war lachhaft. Er saß in der Falle wie eine gottverdammte Ratte, ohne jeden Ausweg. Fast dreißig Jahre lang hatte er keine Zigarette mehr geraucht, jetzt aber sehnte er sich verzweifelt nach einem Zug. Leise legte er den Beutel auf den Boden und streckte langsam die Beine aus, damit sie nicht einschliefen. Dann wartete er.

Schwere Schritte ertönten auf den Eichenstufen der Treppe. Wer immer auch kam, gab sich keine Mühe, unbemerkt zu bleiben, was gut und schlecht war. Er zählte vier, möglicherweise fünf Personen. Sie wandten sich nach links und bewegten sich in seine Richtung.

Mit leisem Knarren wurde die Schlafzimmertür geöffnet. Luther überlegte fieberhaft. Er hatte alles mitgenommen oder wieder an seinen Platz gelegt. Außer der Fernbedienung hatte er nichts berührt, und die hatte er genau in Übereinstimmung mit dem Staubmuster zurückgelegt. Jetzt vernahm er nur drei Stimmen, einen Mann und zwei Frauen. Eine der Frauen klang betrunken, die andere durch und durch geschäftsmäßig. Dann verschwand Ms. Geschäftsmäßig, die Tür wurde geschlossen, aber nicht abgesperrt, und Ms. Betrunken und der Mann blieben allein zurück. Wo waren die anderen? Wohin war Ms. Geschäftsmäßig verschwunden? Das Kichern ging weiter. Schritte näherten sich dem Spiegel. Luther drückte sich, so tief er konnte, in die Ecke und hoffte, daß der Stuhl ihn verdecken würde, wenngleich er wußte, daß dies unmöglich war.

Dann traf ihn eine Lichtexplosion genau in die Augen. Seine winzige, völlig finstere Welt war so plötzlich von grellem Licht erfüllt, daß es ihm beinahe den Atem verschlug. Hastig blinzelte er, um die Augen der neuen Helligkeit anzupassen; die Pupillen verengten sich in Sekundenschnelle auf Stecknadelgröße. Doch da war nichts außer Licht. Das Licht blieb, aber es gab keine Schreie, keine Gesichter, keine Waffen.

Schließlich, nachdem eine volle Minute verstrichen war, lugte Luther an dem Stuhl vorbei. Ein neuer Schock traf ihn. Die Tresortür war nicht mehr da! Er starrte direkt in das verfluchte Zimmer. Beinahe wäre er nach hinten umgekippt, konnte sich aber noch fangen. Schlagartig begriff Luther, wozu der Sessel diente.

Er erkannte die beiden Leute im Raum. Die Frau hatte er heute nacht schon auf den Fotos gesehen. Es war die zierliche Frau mit der Vorliebe für gewagte Kleider von zweifelhaftem Geschmack.

Den Mann kannte er aus einem ganz anderen Grund; um den Hausherrn handelte es sich eindeutig nicht. Langsam und verblüfft schüttelte Luther den Kopf und stieß den Atem aus. Seine Hände zitterten, Übelkeit legte sich über ihn. Er kämpfte das Gefühl nieder und schaute in das Zimmer.

Die Tresortür diente auch als Einwegfenster. Da draußen das Licht eingeschaltet und die kleine Kammer dunkel war, wirkte die Spiegeltür wie ein gigantischer Fernsehbildschirm.

Dann erblickte er die Halskette der Frau, und die Luft blieb ihm weg. Sein erfahrener Blick schätzte sie auf zweihunderttausend Dollar, vielleicht auch mehr. Und es war die Sorte Klunker, die man normalerweise im Heimtresor verstaute, bevor man zu Bett ging. Schließlich entspannte er sich, als er sah, wie sie das gute Stück abnahm und achtlos auf den Boden warf.

Seine Angst legte sich soweit, daß er es wagte aufzustehen, zu dem Sessel vorzuschleichen und sich hineinzusetzen. Hier also pflegte der alte Mann zu sitzen und zu beobachten, wie seine zierliche Frau sich mit strammen jungen Burschen, die noch von der großen Freiheit träumten, die Seele aus dem Leib vögelte.

Luther sah sich um, entspannte sich ein wenig, ließ die Ohren aber gespitzt für jedes Geräusch der anderen Personen im Haus. Aber was konnte er schon machen? In den über dreißig Jahren seiner Laufbahn als Dieb war ihm noch nie etwas Derartiges widerfahren; also beschloß er, das einzig Mögliche zu tun. Obwohl ihn nur zwei Zentimeter Glas vom völligen Untergang trennten, machte er es sich in dem ledergepolsterten Stuhl bequem und wartete.

2

Drei Blocks vom strahlend weißen Gebäudekomplex des Kapitols der Vereinigten Staaten entfernt, öffnete Jack Graham die Tür zu seiner Wohnung, warf den Mantel auf den Boden und ging schnurstracks zum Kühlschrank. Mit einem Bier in der Hand ließ er sich auf die abgewetzte Couch im Wohnzimmer fallen. Prüfend wanderte sein Blick durch das kleine Zimmer, während er die Flasche ansetzte.

Es bestand ein ziemlicher Unterschied zu dem Ort, an dem er gerade gewesen war. Er behielt das Bier einen Augenblick im Mund und schluckte es dann hinunter. Die Kiefermuskulatur spannte und lockerte sich. Langsam verflogen die nagenden Zweifel, aber sie würden wiederkommen; das taten sie immer.

Jack Graham kam von einer weiteren bedeutenden Dinnerparty bei seiner zukünftigen Frau, deren Familie und dem Kreis ihrer gesellschaftlichen und geschäftlichen Bekannten. Menschen auf diesem Niveau hatten anscheinend keine einfachen Freunde, mit denen sie nur herumhingen. Jeder erfüllte eine bestimmte Funktion, wobei das Ganze mehr ergab als die Summe der einzelnen Teile. Zumindest war es so gedacht, wenngleich Jack seine eigene Meinung zu dem Thema hatte.

Die Industrie- und Finanzwelt war ausgiebig vertreten und warf mit Namen um sich, die Jack im Wall Street Journal las, bevor er auf die Sportseiten umblätterte, um zu sehen, wie es bei den Skins oder Bullets lief. Politiker waren eifrig unterwegs, um Stimmen für die Zukunft und Dollars für die Gegenwart abzustauben. Die Gruppe wurde abgerundet durch die allgegenwärtigen Anwälte, zu denen auch Jack gehörte, einen Arzt, der etwas konservatives Flair einbringen sollte, und ein paar Vertreter öffentlicher Einrichtungen, was zum Ausdruck bringen sollte, daß die Mächtigen auch Mitgefühl für die Nöte der Durchschnittsbürger besaßen.

Nachdem Jack das Bier ausgetrunken hatte, stellte er den Fernseher an. Er streifte die Schuhe ab und warf die gemusterten Vierzig-Dollar-Socken, die ihm seine Verlobte gekauft hatte, achtlos über den Lampenschirm. Mit der Zeit würde sie ihm vermutlich Zweihundert-Dollar-Hosenträger und dazu passende handbemalte Krawatten umhängen. Scheiße!

Während er sich die Zehen rieb, zog er ernsthaft ein zweites Bier in Erwägung. Dem Fernseher gelang es nicht, seine Aufmerksamkeit zu fesseln. Jack strich sich das dichte, dunkle Haar aus den Augen und machte sich zum tausendstenmal Gedanken darüber, in welche Richtung sich sein Leben neuerdings bewegte — und zwar mit der Geschwindigkeit eines Space-Shuttles.

Die Firmenlimousine hatte ihn und Jennifer Baldwin in ihre Stadtwohnung im Nordwesten von Washington gebracht, wohin Jack nach der Hochzeit wahrscheinlich ziehen würde; denn Jennifer haßte seine Wohnung. Irgendwie hatte er sich herausgeredet, um nicht über Nacht bleiben zu müssen, weil er sie einfach keine Minute länger hatte ertragen können. Die Hochzeit lag nur noch sechs Monate in der Zukunft, was für ein Brautpaar überhaupt keine Zeit zu sein schien, und er saß hier und fragte sich, ob das wirklich alles so richtig war.

Jennifer Ryce Baldwin war so wunderschön, daß sich Frauen ebensooft nach ihr umdrehten wie Männer. Darüber hinaus war sie klug und ehrgeizig, stammte von altem Geldadel ab und hatte die Absicht, Jack zu heiraten. Jennifers Vater leitete eine der größten Baufirmen des ganzen Landes. Einkaufszentren, Bürogebäude, Radiostationen, ganze Parzellenareale — es gab nichts, in dem er nicht die Finger hatte. Ihr Urgroßvater väterlicherseits war einer der echten Industriemagnaten des Mittelwestens gewesen, und der Familie ihrer Mutter hatte einst ein beträchtlicher Teil der Bostoner Innenstadt gehört. Die Götter meinten es schon in jungen Jahren überaus gut mit Jennifer Baldwin. Jack kannte keinen aus seiner Altersklasse, der ihn nicht zutiefst beneidete.

Er rutschte auf dem Sofa hin und her und massierte sich die steife Schulter. Seit einer Woche hatte er nicht mehr trainiert. Die Muskeln seines einsfünfundachtzig großen Körpers waren auch mit zweiunddreißig Jahren noch genauso klar definiert wie während der High-School-Zeit, wo er den anderen in praktisch jeder Sportart überlegen gewesen war, und der Zeit am College, wo die Konkurrenz dann um einiges härter wurde, er aber als Schwergewichtsringer noch gut genug für das zweite All-American- und das erste All-Academic-Team war. Diese Kombination hatte Jack an die Juristische Fakultät der Universität von Virginia gebracht. Dort schloß er als einer der besten seiner Klasse ab und wurde gleich darauf Pflichtverteidiger für Strafrecht im Gerichtsbezirk District of Columbia.

All seine Studienkollegen hatten sich nach der Uni für große Firmen entschieden. Mehr als einer von ihnen hatte ihn angerufen und ihm einen guten Psychiater empfohlen, der ihn von seiner geistigen Verwirrung heilen sollte. Jack lächelte. Fünf Jahre als Pflichtverteidiger. Er holte sich noch ein Bier. Nun war der Kühlschrank leer.

Die meisten Menschen waren sich der Tatsache nicht bewußt, daß die Pflichtverteidigerschaft aus höchst fähigen Anwälten bestand. Jack hatte Glück gehabt, gleich nach der Ausbildung in ihre Reihen aufgenommen zu werden. Wenn also ein erfahrener Pflichtverteidiger im Gerichtssaal gegen einen Anklagevertreter der Vereinigten Staaten antrat, standen sich meist zwei nahezu ebenbürtige Gegner gegenüber.

Jacks erstes Jahr, in dem er lernte, wie alles ablief, war hart gewesen. Er verlor mehr Fälle, als er gewann. Mit der Zeit ging er zu schwereren Delikten über. Und da er all seine jugendliche Energie, seine natürliche Befähigung und sein gesundes Urteilsvermögen in jeden dieser Fälle einbrachte, begann das Blatt sich zu wenden.

Und dann fing er an, einigen Leuten im Gericht heftig auf die Zehen zu steigen.

Bald entdeckte Jack, daß er ein Naturtalent für diese Rolle war, daß er für Kreuzverhöre genauso viel Begabung mitbrachte wie damals, als er viel größere Männer über eine fünf Zentimeter dicke Matte wirbelte. Er fühlte sich in die High-School-Zeit zurückversetzt, war wieder allen überlegen, sogar den erfahrensten Staatsanwälten. Die Richter wurden auf ihn aufmerksam. Sie brachten ihm, einem Anwalt, Respekt und Sympathie entgegen, das mußte man sich mal vorstellen!

Dann hatte er bei einem Empfang der Anwaltskammer Jennifer getroffen. Sie war Stellvertretende Leiterin für Entwicklung und Marketing bei Baldwin Enterprises. Unschwer war zu erkennen, daß sie ihre Sache hervorragend machte. Neben ihrer dynamischen Erscheinung besaß sie die Gabe, jedem, mit dem sie sprach, das Gefühl zu vermitteln, daß seine Meinung wichtig sei, auch wenn sie sich ihr nicht unbedingt anschloß. Kurz, sie war eine Schönheit, die sich nicht ausschließlich auf dieses Attribut verlassen mußte.

Unter dem aufsehenerregenden Äußeren lag noch mehr verborgen. Zumindest schien es so. Jack wäre kein Mann gewesen, hätte er sich nicht von ihr angezogen gefühlt. Und sie hatte bereits sehr bald deutlich zu erkennen gegeben, daß diese Anziehung auf Gegenseitigkeit beruhte. Dabei zeigte sie sich zunächst beeindruckt von dem Idealismus, den er für die Benachteiligten der Gesellschaft aufbrachte, die in der Bundeshauptstadt eines Verbrechens angeklagt wurden; doch Schritt für Schritt hatte sie ihn davon überzeugt, daß er seinen Teil für die Armen, die Dummen und die Pechvögel geleistet hatte und vielleicht anfangen sollte, sich um sich selbst und die eigene Zukunft zu kümmern, und daß sie vielleicht Teil dieser Zukunft sein könnte. Als Jack schließlich als Pflichtverteidiger zurücktrat, gab das Büro der Staatsanwaltschaft ihm zu Ehren eine Abschiedsfeier mit allem Drum und Dran, ein deutliches Zeichen dafür, daß man froh war, ihn loszuwerden. Das allein hätte ihm damals zeigen müssen, daß es noch eine Menge Armer, Dummer und Pechvögel gab, die seine Hilfe benötigten. Er erwartete nicht, daß sich das erregende Gefühl, das er als Pflichtverteidiger empfunden hatte, noch steigern ließ; solche Abschnitte gab es wohl nur einmal im Leben, danach nie wieder. Aber man konnte nicht immer auf der Stelle treten. Sogar kleine Jungs wie Jack Graham mußten eines Tages erwachsen werden. Vielleicht war die Zeit wirklich reif.

Er schaltete den Fernseher aus, griff sich eine Tüte Chips und trottete ins Schlafzimmer. Dabei mußte er über einen Haufen schmutziger Wäsche hinwegsteigen, der vor der Tür lag. Daß sie seine Wohnung nicht mochte, konnte er Jennifer nicht verübeln. Er war nun mal ein Chaot. Was ihn aber störte, war die Gewißheit, daß Jennifer auch dann nicht hier wohnen würde, wenn alles blitzsauber wäre. Ein Grund dafür war die Gegend. Natürlich lag die Wohnung in Capitol Hill, aber nicht im kultivierten Teil davon, weit gefehlt.

Dann war da noch die Größe. Ihre Wohnung mußte knapp fünfhundert Quadratmeter groß sein, ohne dabei die Dienstunterkünfte für die Hausmädchen und die Doppelgarage zu berücksichtigen, in der ihr Jaguar und ihr brandneuer Range Rover untergebracht waren. Als ob man in den verkehrsüberlasteten Straßen von Washington, D. C., ein Auto brauchte, das in gerader Linie einen Sechstausender erklimmen konnte!

Jacks Wohnung verfügte über vier Zimmer, wenn man das Badezimmer mitzählte. Er betrat das Schlafzimmer, zog sich aus und ließ sich ins Bett fallen. An der gegenüberliegenden Wand hing eine kleine Plakette, die seinen Eintritt bei Patton, Shaw & Lord verkündete. Sie hatte zuvor in seinem Büro gehangen, bis es ihm zu beschämend geworden war, sie anzuehen. PS&L war in der Bundeshauptstadt die Nummer eins unter den Anwaltskanzleien für Körperschaftsrecht. Die Gesellschaft betreute Hunderte von Firmen besten Rufes, einschließlich der seines künftigen Schwiegervaters, die für das Unternehmen ein Honorarvolumen von mehreren Milionen bedeutete. Es war Jack zu verdanken, daß der Baldurin-Konzern nun bei PS&L war, und als Gegenleistung winkte ihm bei der nächsten Gehaltsüberprüfung die Teilhaberschaft. Die Teilhaberschaft bei Patton, Shaw & Lord war durchschnittlich mindestens eine halbe Million Dollar pro Jahr wert. Für die Baldwins war das ein Trinkgeld, aber schließlich war er kein Baldwin. Zumindest noch nicht.

Er zog die Decke hoch — die Wärmedämmung des Gebäudes ließ ziemlich zu wünschen übrig —, steckte ein paar Aspirin in den Mund und spülte sie mit dem Rest einer Cola hinunter, der noch auf dem Nachttisch stand. Dann sah er sich im Durcheinander des kleinen Schlafzimmers um. Es erinnerte ihn an das Zimmer, in dem er aufgewachsen war; eine warme, angenehme Erinnerung. Ein Zuhause sollte das Gefühl vermitteln, daß darin gelebt wurde; es sollte immer an die Rufe von Kindern erinnern, mit denen sie von Raum zu Raum stürmten, auf der Suche nach neuen Abenteuern und neuen Dingen, die sie kaputtmachen konnten.

Auch das war so eine Sache mit Jennifer: Sie hatte unmißverständlich klargestellt, daß das Tapsen von Kinderfüßchen fürs erste nicht geplant und überhaupt ungewiß sei.

An erster Stelle stand für sie die Karriere in der Firma ihres Vaters, und Jack hatte das Gefühl, daß er selber auf ihrer Werteskala noch ein gutes Stück weiter hinten rangierte. Aber er wollte die Baseball-Spiele seiner Kinder nicht erst vom Rollstuhl aus miterleben.

Als er sich zur Seite drehte und gerade die Augen schließen wollte, blies der Wind gegen das Fenster. Jack schaute in diese Richtung. Sofort versuchte er, den Blick wieder abzuwenden, doch dann ließ er die Augen resignierend zurück zu der Schachtel wandern.

Darin befand sich ein Teil der Sammlung von Trophäen und Auszeichnungen aus der High-School und dem College. Doch es war etwas anderes, das seine Aufmerksamkeit gefangen hielt. Im Halbdunkel streckte er einen Arm danach aus, entschied sich dagegen, und überlegte es sich dann wieder anders.

Nicht zum erstenmal zog er das gerahmte Foto heraus. Es war fast schon ein Ritual geworden, insbesondere seit er mit Jennifer Baldwin verlobt war. Er mußte sich keine Sorgen darüber machen, daß seine Verlobte je über diesen besonderen Besitz stolperte, denn sie weigerte sich standhaft, mehr als eine Minute in seinem Schlafzimmer zuzubringen. Wenn sie gemeinsam unter die Laken schlüpften, dann entweder in ihrer Wohnung, wo Jack immer auf dem Bett lag und an die über drei Meter hohe Decke starte, die Gemälde mit mittelalterlichen Reitern und jungen Mädchen zierten. Unterdessen vergnügte sich Jennifer auf ihm, bis sie nicht mehr konnte und rollte sich dann nach unten, damit er es auf ihr zu Ende brachte. Oder sie taten es im Landhaus ihrer Eltern, wo die Decken noch höher und die Gemälde aus einer römischen Kirche des dreizehnten Jahrhunderts kopiert waren. Dies alles vermittelte Jack das Gefühl, daß Gott dabei zusah, wie die wunderschöne und splitternackte Jennifer Ryce Baldwin auf ihm ritt, und daß er für diese wenigen Augenblicke fleischlichen Genusses auf ewig in der Hölle schmoren würde.

Die Frau auf dem Foto hatte seidiges braunes Haar, das sich an den Spitzen leicht wellte. Ihr Bild lächelte ihn an, und Jack erinnerte sich an den Tag, an dem er es aufgenommen hatte.

Es war auf einer Fahrradtour in die ländliche Umgebung des wunderschönen Albemarle County gewesen. Er hatte gerade mit dem Studium begonnen; sie war im zweiten Collegejahr an der Jefferson-Universität. Es war erst ihre dritte Verabredung, doch schien es, als hätten sie schon ihr ganzes Leben miteinander verbracht.

Kate Whitney.

Fast andächtig sprach er den Namen aus, fuhr dabei mit der Hand unbewußt die Kurve ihres Lächelns nach, bis hin zu dem einzelnen Grübchen gleich über der linken Wange, das ihr Gesicht ein wenig schief wirken ließ. Die mandelförmigen Wangenknochen grenzten an eine zierliche Nase über einem Paar sinnlicher Lippen. Das scharfe Kinn ließ unmißverständlich erkennen, daß sie stur sein konnte. Jack fuhr das Gesicht wieder hinauf und hielt an den tropfenförmigen Augen inne, die stets ein kleines bißchen schelmisch blickten.

Jack drehte sich wieder auf den Rücken und stellte das Foto auf die Brust, so daß sie ihn direkt ansah. Er konnte nicht an Kate denken, ohne gleichzeitig das Bild ihres Vaters vor Augen zu haben, mit seinem lebhaften Charme und dem schiefen Lächeln.

Jack hatte Luther Whitney oft in dem kleinen Reihenhaus besucht, in einer Gegend von Arlington, die bessere Tage erlebt hatte. Stundenlang tranken sie Bier und erzählten Geschichten, wobei Luther meist erzählte und Jack zuhörte.

Kate besuchte ihren Vater nie, und er versuchte nicht, mit ihr in Kontakt zu treten. Eher zufällig hatte Jack von ihm erfahren und hatte trotz Kates heftiger Einwände den Mann kennenlernen wollen. Selten sah man auf ihrem Gesicht etwas anderes als ein Lächeln, doch darüber lächelte sie nie.

Nachdem Jack seinen Abschluß gemacht hatte, zogen sie nach Washington, wo Kate sich an der Juristischen Fakultät von Georgetown einschrieb. Das Leben war eine Idylle. Sie kam zu seinen ersten paar Prozessen, bei denen er noch mit den Schmetterlingen im Bauch kämpfte und dem Piepsen, das aus seiner Kehle drang; bei denen er stets krampfhaft versuchte, sich zu erinnern, an welchen Anwaltstisch er sich zu setzen hatte. Doch mit der Schwere der Vergehen, deren man seine Klienten beschuldigte, schwand ihre Begeisterung.

Noch in seinem ersten Jahr als Anwalt hatten sie sich getrennt.

Die Gründe lagen auf der Hand: Kate konnte nicht begreifen, warum er sich der Aufgabe verschrieben hatte, Menschen zu vertreten, die das Gesetz brachen. Außerdem kam sie nicht darüber hinweg, daß er ihren Vater gut leiden konnte.

Jack erinnerte sich an die allerletzten Augenblicke ihres gemeinsamen Lebens, als sie genau in diesem Zimmer saßen und er sie gebeten, ja, angefleht hatte, ihn nicht zu verlassen. Doch sie war gegangen. Das war vor vier Jahren gewesen; seither hatte er sie weder gesehen noch etwas von ihr gehört.

Er wußte, daß sie einen Job im Büro der Staatsanwaltschaft in Alexandria, Virginia, angenommen hatte, wo sie zweifelsohne rastlos seine früheren Klienten hinter Gitter brachte, weil sie das Gesetz ihrer Wahlheimat mit Füßen traten. Abgesehen davon war Kate Whitney eine Fremde für ihn.

Aber während er so dalag, und ihr Lächeln ihm Millionen Dinge erzählte, die er von der Frau, die er in sechs Monaten heiraten sollte, nicht wußte, fragte sich Jack, ob er sich damit abfinden mußte, wo sein Leben nun doch viel komplizierter zu werden drohte, als er es je gedacht hatte. Er griff zum Telefon und wählte.

Nach viermaligem Läuten hörte er die Stimme. Eine Schärfe lag darin, an die er sich nicht erinnern konnte; vielleicht war sie auch neu. Der Piepton erklang, und er wollte eine Nachricht hinterlassen, etwas Witziges, einfach so aus dem Stegreif, doch dann, ganz unvermittelt, wurde er nervös und legte auf. Seine Hände zitterten, sein Atem ging heftig. Jack schüttelte den Kopf. Verdammt! Fünf Mordfalle hatte er hinter sich gebracht, und nun zitterte er wie ein dummer Sechzehnjähriger, der allen Mut zusammennimmt, um seinen Schwarm zur ersten Verabredung einzuladen.

Jack legte das Bild beiseite und stellte sich vor, was Kate wohl gerade machte. Wahrscheinlich war sie noch im Büro und brütete darüber, wie viele Jahre sie aus irgend jemandes Leben reißen sollte.

Dann dachte Jack an Luther. Befand er sich im Augenblick auf der falschen Seite einer Hausschwelle? Oder verließ er gerade eine Wohnung mit einem Bündel hübscher Dinge im Gepäck?

Was für eine Familie, Luther und Kate Whitney! Beide so unterschiedlich und doch so gleich. Beider Leben so zielgerichtet, wie man es selten fand; aber— zwischen ihren jeweiligen Zielen lagen Welten. An jenem letzten Abend, als Kate aus seinem Leben trat, war er zu Luther gegangen, um ihm Lebewohl zu sagen und ein letztes Bier mit ihm zu trinken.

Sie hatten in seinem gepflegten Garten gesessen und die Klematis und den Efeu betrachtet, die an der Ziegelmauer emporrankten. Der Duft von Flieder und Rosen hing wie eine schwere Wolke über der Terrasse.

Der alte Mann hatte es ruhig aufgenommen, wenig Fragen gestellt und Jack alles Gute gewünscht. Manche Dinge sollten einfach nicht sein. Luther verstand das so gut wie jeder andere. Aber als Jack an jenem Abend ging, hatte er einen feuchten Schimmer in den Augen des Alten bemerkt, und dann war die Tür hinter diesem Teil seines Lebens zugefallen.

Schließlich schaltete Jack das Licht aus und schloß die Augen, in der Gewißheit, daß ihn bald ein neuer Morgen erwartete. Sein goldener Topf, die einmalige Chance seines Lebens, war der Wirklichkeit wieder einen Tag näher gekommen. Nur war auch das noch keine Garantie für einen ruhigen Schlaf.

3

Während Luther durch das Glas starrte, kam ihm plötzlich der Gedanke, daß die beiden ein äußerst attraktives Paar abgaben. Unter den gegebenen Umständen war dies eine absurde Überlegung; nichtsdestoweniger empfand er es so. Der Mann war groß, gutaussehend, ein sehr gepflegter Mittvierziger. Die Frau konnte nicht viel älter als zwanzig sein; sie hatte volles, goldenes Haar, ein rundes, liebliches Gesicht und unglaublich tiefblaue Augen, die nun verzückt zu dem eleganten Antlitz des Mannes emporblickten. Er berührte ihre glatte Wange, sie schmiegte die Lippen an seine Hand.

Der Mann hielt zwei Gläser, die er aus einer Flasche vollschenkte, welche er mitgebracht hatte. Ein Glas reichte er der Frau. Nachdem sie angestoßen hatten, sahen sie einander tief in die Augen. Er leerte das Glas in einem Zug, sie brachte nur einen kleinen Schluck hinunter. Sie stellten die Gläser ab und umarmten sich inmitten des Zimmers. Seine Hände glitten über ihren Rücken, dann wieder hinauf zu den nackten Schultern. Ihre Arme und Schultern waren gleichmäßig sonnengebräunt. Bewundernd streichelte er über ihre Arme, als er sich hinabbeugte, um ihren Hals zu küssen.

Luther wandte die Augen ab. Es war ihm peinlich, diese sehr persönliche Begegnung mit anzusehen. Ein seltsames Gefühl angesichts der Tatsache, daß er immer noch in Gefahr schwebte, entdeckt zu werden. Doch er war noch nicht so alt, daß ihn die Zärtlichkeit und Leidenschaft, die sich vor ihm entfalteten, nicht bewegt hätten.

Als er die Augen aufschlug, mußte er lächeln. Das Pärchen tanzte mittlerweile eng umschlungen durch den Raum. Offenbar hatte der Mann einige Übung darin; seine Partnerin wirkte eher unbeholfen, doch er führte sie sanft durch die einfachen Schritte, bis die beiden schließlich neben dem Bett landeten.

Der Mann hielt inne, um sein Glas nachzufüllen, und trank es dann zügig aus. Die Flasche war nun leer. Als er die Arme erneut um sie schlang, schmiegte sie sich an ihn, zerrte an seiner Jacke und begann, seine Krawatte zu lösen. Die Hände des Mannes wanderten zum Reißverschluß ihres Kleides und dann langsam Richtung Süden. Das schwarze Kleid glitt zu Boden; genüßlich stieg sie heraus, wodurch sie einen schwarzen Slip und hohe Seidenstrümpfe entblößte, jedoch keinen BH.

Sie besaß einen jener Körper, der weniger gut gebaute Frauen vor Neid erblassen ließ. Jede Kurve saß, wo sie hingehörte. Luther hätte ihre Taille mit den Händen umfassen können. Als sie sich zur Seite wandte, um aus den Strümpfen zu schlüpfen, bemerkte Luther, daß ihre Brüste groß, rund und voll waren. Die Beine waren schlank und durch zahlreiche Tennis- und Aerobicstunden wohlgeformt.

Rasch entkleidete der Mann sich bis auf die Boxershorts. Am Bettrand sitzend sah er der Frau zu, wie sie langsam die Unterwäsche abstreifte. Ihr Hinterteil war rund und fest und hob sich cremig-hell gegen den dunklen Hintergrund der zwanzigtausend Dollar teuren Hawaii-Sonnenbräune ab. Nachdem sie das letzte Kleidungsstück abgelegt hatte, huschte ein Lächeln über das Gesicht des Mannes. Die weißen Zähne waren gerade und gesund. Trotz des Alkohols wirkten seine Augen klar und aufmerksam.

Sie lächelte über den bewundernden Blick und bewegte sich anmutig auf ihn zu. Als sie vor ihm stand, packte er sie mit den langen Armen und zog sie an sich. Sie streichelte seine Brust.

Abermals wollte Luther den Blick abwenden. Mehr als alles andere wünschte er, das Schauspiel möge bald vorbei sein und die Leute würden gehen. In ein paar Minuten könnte er beim Wagen sein, und diese Nacht würde als absolut einmalige, wenngleich um ein Haar verhängnisvolle Erfahrung in seine Erinnerung eingehen.

In diesem Augenblick sah er, wie der Mann kraftvoll den Hintern der Frau umfaßte. Dann schlug er zu, wieder und wieder. Luther zuckte angesichts der wiederholten Schläge mitfühlend zusammen. Die weiße Haut leuchtete nun rot. Entweder war die Frau zu betrunken, um den Schmerz zu fühlen, oder sie genoß eine solche Behandlung; denn ihr Lächeln verschwand nicht. Luther fühlte, wie sich sein Magen zusammenkrampfte, als der Mann die Finger in das weiche Fleisch bohrte.

Die Zunge des Mannes glitt über ihre Brüste; mit den Fingern fuhr sie durch sein dichtes Haar, als sie sich zwischen seine Beine schob. Sie warf den Kopf zurück und schloß die Augen; ihre Lippen formten ein wollüstiges Lächeln. Dann schlug sie die Augen wieder auf und küßte ihn leidenschaftlich auf den Mund.

Die kräftigen Finger ließen von ihrem mißhandelten Hinterteil ab und begannen, sanft ihren Rücken zu massieren. Dann gruben sie sich tiefer hinein, bis sie schließlich zusammenzuckte und von ihm zurückwich. Halb lächelte sie, und er hielt inne, als sie seine Finger mit den ihren berührte. Wieder wandte er die Aufmerksamkeit ihren Brüsten zu und begann, daran zu saugen. Abermals schloß sie die Augen, ihr Atem wurde zu einem tiefen Stöhnen. Erneut beugte der Mann sich über ihren Nacken; sein Blick stierte in Luthers Richtung, ohne etwas von dessen Anwesenheit zu ahnen.

Luther sah den Mann an, sah in diese Augen, und ihm gefiel nicht, was er dort sah. Er blickte in rotgeränderte Tiefen, in denen ein Schatten lauerte, einem finsteren Planeten gleich, den man durch ein Teleskop erspäht. Plötzlich überkam ihn das Gefühl, daß sich die nackte Frau in Händen befand, die nicht so liebevoll und zärtlich waren, wie sie sich das wahrscheinlich vorstellte.

Schließlich wurde die Frau ungeduldig und drückte ihren Liebhaber aufs Bett. Rittlings kletterte sie auf ihn und offenbarte Luther dadurch einen Anblick, der eigentlich ihrem Gynäkologen und ihrem Mann vorbehalten sein sollte. Sie richtete sich auf, aber in einem plötzlichen Energieausbruch stieß er sie grob zur Seite und bestieg sie, ergriff ihre Beine und hievte sie nach oben, bis sie senkrecht zum Bett standen.

Luther stockte der Atem, als er sah, was der Mann des weiteren tat. Er packte die Frau am Hals, zerrte sie hoch und zog ihren Kopf zwischen seine Beine. Die Plötzlichkeit der Geschehnisse ließsie nach Luft schnappen; ihr Mund war kaum zwei Zentimeter von seinen Genitalien entfernt. Dann lachte er und stieß sie wieder aufs Bett. Einen Augenblick lang war sie völlig verwirrt, doch schließlich gelang ihr ein unsicheres Lächeln. Sie stützte sich auf die Ellbogen, während er über ihr aufragte. Mit einer Hand umfaßte er sein steifes Glied, mit der anderen spreizte er ihre Beine. Als sie sich entspannt zurücklehnte und sich für ihn bereit machte, starrte er wirr auf sie hinab.

Doch anstatt sich zwischen ihre Beine zu stürzen, umfaßte er ihre Brüste und drückte sie, offenbar zu fest, denn Luther vernahm einen Schmerzensschrei, und die Frau versuchte, den Mann abzuwehren. Er ließ sie los und schlug brutal zurück, und Luther sah, wie Blut aus ihrem Mundwinkel tropfte und über die vollen, mit Lippenstift geschminkten Lippen rann.

»Du mieser Scheißkerl!« Sie glitt vom Bett und blieb am Boden sitzen, rieb sich den Mund und schmeckte das Blut. Ihr alkoholumnebelter Verstand war einen Augenblick klar. Die ersten deutlich ausgesprochenen Worte, die Luther in dieser Nacht hörte, trafen ihn wie ein Schmiedehammer. Er stand auf und trat ein Stück auf den Spiegel zu.

Der Mann grinste. Luther erstarrte, als er dieses Grinsen sah. Es glich mehr der Fratze eines wilden Tieres, das zu töten bereit ist.

»Mieser Scheißkerl«, wiederholte sie, diesmal etwas leiser und undeutlicher.

Als sie aufstand, ergriff er ihren Arm und drehte ihn herum, daß sie hart zu Boden fiel. Der Mann saß auf dem Bett und schaute triumphierend auf sie hinab.

Luther, auf der anderen Seite des Spiegels, atmete heftig, wobei er unwillkürlich die Fäuste ballte. Während er weiter zusah, fragte er sich, wohin die anderen gegangen waren. Er hoffte, daß sie zurückkämen. Er spähte zur Fernbedienung auf dem Stuhl, dann wandte er die Augen wieder dem Schlafzimmer zu.

Die Frau kam allmählich wieder zu Atem und raffte sich halb auf. Jedwede Romantik, die sie empfunden hatte, war verflogen, das erkannte Luther an ihren vorsichtigen und kontrollierten Bewegungen. Ihr Gefährte bemerkte die Veränderung und das wütende Blitzen ihrer Augen offenbar nicht, andernfalls hätte er sich nicht erhoben und ihr die Hand hingestreckt, die sie auch ergriff.

Das Lächeln des Mannes löste sich abrupt auf, als ihr Knie ihn genau zwischen die Beine traf. Er krümmte sich, die Erektion erschlaffte. Außer dem angestrengten Atmen drang kein Laut über seine Lippen, als er sich auf dem Boden wand. Sie hob ihre Unterwäsche auf und begann, sich anzuziehen.

Als sie das Höschen halb hochgezogen hatte, packte er ihren Knöchel und zog sie zu Boden.

»Du kleine Fotze«, stieß er mühevoll hervor, während er versuchte, wieder zu Atem zu kommen, dabei ihren Knöchel festhielt und sie näher zu sich zog.

Sie trat nach ihm, traf seine Rippen, doch er ließ nicht los. »Du billige, kleine Hure«, zischte er.

Der drohende Unterton, der die Worte begleitete, trieb Luther dazu, noch näher auf den Spiegel zuzugehen. Seine Hand legte sich auf die glatte Fläche, als könnte er hindurchgreifen, den Mann packen und ihn zwingen aufzuhören.

Mühsam kam der Mann auf die Beine. Bei seinem Anblick lief Luther ein kalter Schauer über den Rücken.

Die Hände des Mannes schlossen sich um die Kehle der Frau.

Ihr vom Alkohol umnebelter Verstand arbeitete plötzlich wieder auf Hochtouren. Die nun völlig von Angst erfüllten Augen rasten suchend nach links und rechts, während der Druck um ihre Kehle stärker wurde und ihr die Luft abschnürte. Ihre Finger kratzten über seinen Arm, zogen tiefe Furchen.

Luther sah, wie das Blut in den Kratzern aufwellte, doch der Mann ließ nicht locker.

Sie trat um sich, krümmte und wand sich, aber ihr Peiniger war beinahe doppelt so schwer wie sie und rührte sich nicht von der Stelle.

Abermals blickte Luther auf die Fernbedienung. Er konnte die Tür öffnen. Er konnte all dem ein Ende bereiten. Doch seine Beine wollten sich nicht bewegen. Hilflos starrte er durch die Scheibe, Schweiß stand ihm auf der Stirn, schien aus jeder Pore seines Körpers zu dringen; sein Atem kam in kurzen Stößen. Er legte beide Hände auf das Glas.

Luther hielt den Atem an, als die Augen der Frau kurz an dem Nachttisch verharrten. Dann ergriff sie mit einer verzweifelten Bewegung den Brieföffner und traf mit einem blinden Hieb den Arm des Mannes.

Der stöhnte auf, ließ sie los und faßte sich an den blutigen Arm. Einen schauerlichen Augenblick lang starrte er ungläubig auf die Wunde; er konnte nicht fassen, daß diese Frau ihn derart verletzt hatte.

Als der Mann wieder hochblickte, fühlte Luther das mordlüsterne Knurren beinahe, bevor es von den Lippen des Mannes drang.

Dann schlug er zu, härter, als Luther je einen Mann eine Frau hatte schlagen sehen. Die geballte Faust prallte auf das weiche Fleisch; Blut spritzte aus Nase und Mund.

Luther wußte nicht, ob es an all dem Alkohol lag, den sie getrunken hatte, aber der Schlag, der einen Menschen normalerweise außer Gefecht gesetzt hätte, machte sie nur noch rasender. Mit der Kraft der Verzweiflung gelang es ihr aufzustehen. Als sie sich dem Spiegel zuwandte, erkannte Luther in ihrem Gesicht das plötzliche Entsetzen über den Verlust ihrer Schönheit. Ungläubig betastete sie die geschwollene Nase, dann fuhr sie mit einem Finger in den Mund und befühlte ihre Zähne. Von einer perfekten Ikone war sie plötzlich zu einem verschmierten Porträt geworden.

Als sie sich wieder zu dem Mann hindrehte, sah Luther die Muskeln in ihrem Rücken so deutlich hervortreten, als wären sie aus Holz geschnitzt. Sie rammte den Fuß in den Unterleib des Mannes. Sofort knickte er wieder zusammen. Die Beine versagten ihm den Dienst; Übelkeit übermannte ihn. Er ging zu Boden, rollte sich mit angezogenen Knien auf den Rücken, die Hände schützend über den Genitalien, und wimmerte.

Mit blutüberströmtem Gesicht, aus dessen Augen plötzlich nicht mehr schiere Angst, sondern Mordlust sprach, ließ sich die Frau neben ihm auf die Knie sinken und hob den Brieföffner hoch über den Kopf.

Luther ergriff die Fernbedienung und machte, mit dem Finger auf dem Knopf, einen Schritt auf die Tür zu.

Als der Mann den Brieföffner erblickte, der auf seine Brust niederstieß, um seinem Leben ein Ende zu bereiten, schrie er mit aller noch verbleibender Kraft. Der Schrei blieb nicht ungehört.

Luthers Blick fuhr zu der Schlafzimmertür, die urplötzlich aufgerissen wurde.

Zwei Männer mit kurzem Haar und saloppen Anzügen, die den stattlichen Körperbau nicht verbergen, stürmten mit gezückten Waffen in das Zimmer. Bevor Luther noch einen Schritt tun konnte, hatten sie die Lage erkannt und eine Entscheidung getroffen.

Beide Waffen feuerten fast gleichzeitig.

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Kate Whitney saß in ihrem Büro und ging die Akte noch einmal durch.

Der Kerl hatte vier Vorstrafen und war bei sechs anderen Gelegenheiten verhaftet, aber nicht verurteilt worden, weil die Zeugen zu verängstigt gewesen waren, um auszusagen, oder in Müllcontainern geendet hatten. Dieses Ekel war eine wandelnde Zeitbombe, die jederzeit ein weiteres Opfer in Stücke reißen konnte. Alle Opfer waren Frauen gewesen.

Die aktuelle Anklage lautete auf Mord in Tateinheit mit Raubüberfall und Vergewaltigung, was nach den Gesetzen von Virginia die Kriterien für ein Kapitalverbrechen erfüllte. Und sie war fest dazu entschlossen, es diesmal zu Ende zu bringen: Todesstrafe. Noch nie hatte sie dieses Strafmaß beantragt, aber wenn es jemand verdiente, dann dieser Kerl; und der Staat verhielt sich nicht zimperlich bei der Verhängung von Todesstrafen. Warum sollte gerade so einer weiterleben dürfen, der auf grausame und brutale Weise dem Leben einer neunzehnjährigen Collegestudentin ein Ende gesetzt hatte, nur weil sie den Fehler beging, am hellichten Tage in ein Einkaufszentrum zu gehen, um sich Nylonstrümpfe und ein Paar neue Schuhe zu kaufen?

Kate rieb sich die Augen und band sich die Haare mit einem Gummiband von ihrem Schreibtisch zu einer Art Pferdeschwanz zusammen. Ihr Blick wanderte durch das kleine, überfüllte Büro. Überall im Zimmer stapelten sich Aktenberge, und zum unzähligsten Male fragte sie sich, ob es je besser werden würde. Natürlich nicht. Höchstens schlimmer, und sie konnte nur ihr Möglichstes tun, um wenigstens den Versuch zu machen, dem Blutvergießen Einhalt zu gebieten. Mit dem Tod von Roger Simmons jr. wollte sie beginnen, der mit seinen zweiundzwanzig Jahren einer der schlimmsten Gewohnheitsverbrecher war, mit denen sie sich je befaßt hatte. Und das waren in ihrer noch kurzen Laufbahn bereits wahre Horden gewesen. Sie erinnerte sich an den Blick, den er ihr vor Gericht zugeworfen hatte. Das Gesicht des jungen Mannes hatte weder Reue noch Mitgefühl oder eine andere positive Regung erkennen lassen. Es drückte nur Hoffnungslosigkeit aus, und seine Lebensgeschichte, die sich wie der Alptraum einer Kindheit las, untermauerte diesen Eindruck. Aber das war nicht ihr Problem. Sie hatte genug andere Probleme.

Kate schüttelte den Kopf und sah auf die Uhr: Schon nach Mitternacht. Da ihre Konzentration nachließ, stand sie auf, um sich noch Kaffee zu holen. Der letzte Staatsanwalt war vor fünf Stunden gegangen, das Reinigungspersonal vor drei. Auf Strümpfen ging sie den Flur hinab zur Küche. Wäre Charles Manson dieser Tage unterwegs, um sein Unwesen zu treiben, so wäre er einer der harmloseren Fälle; ein Amateur im Vergleich zu den Monstren, die heutzutage frei herumliefen.

Mit einer Tasse Kaffee in der Hand ging sie ins Büro zurück und hielt einen Augenblick inne, um ihr Spiegelbild im Fenster zu betrachten. Für ihre Arbeit spielte das Aussehen keine Rolle; Teufel noch mal, sie hatte seit über einem Jahr keine Verabredung gehabt. Doch sie konnte den Blick nicht abwenden. Sie war groß und schlank, an manchen Stellen wahrscheinlich sogar ein wenig zu dünn, aber sie joggte nach wie vor jeden Tag vier Meilen, während die tägliche Kalorienzufuhr beständig abnahm. Hauptsächlich ernährte sie sich von ungesundem Kaffee und Crackern, obwohl sie zumindest ihren Zigarettenkonsum auf zwei pro Tag eingeschränkt hatte und hoffte, mit ein bißchen Glück ganz aufhören zu können.

Kate war sich klar über den Raubbau, den sie ihrem Körper zumutete; die endlosen Stunden und den Streß, den sie in einen schrecklichen Fall nach dem anderen investierte. Doch was sollte sie tun? Kündigen, weil sie nicht wie die Frauen auf dem Titelblatt des Cosmopolitan aussah? Sie tröstete sich damit, daß deren Arbeit darin bestand, vierundzwanzig Stunden am Tag gut auszusehen, während sie damit beschäftigt war, sicherzustellen, daß Menschen bestraft wurden, die das Gesetz brachen. Aus welchem Blickwinkel sie es auch betrachtete, sie kam zu dem Schluß, daß sie mit ihrem Leben etwas weitaus Produktiveres anstellte.

Sie fuhr sich durch die Mähne; die Haare mußten geschnitten werden, aber woher sollte sie die Zeit dafür nehmen? Ihr Gesicht, stellte sie fest, hatte die vier Jahre mit neunzehnstündigen Arbeitstagen und zahllosen Prozessen noch einigermaßen gut überdauert. Aber vermutlich würde dies nicht so bleiben. Sie seufzte. Im College hatte sie stets die Aufmerksamkeit ihrer gesamten männlichen Kommilitonen auf sich gezogen — das reizvolle Ziel vieler Blicke, der Auslöser für schneller pochende Herzen und kalte Schweißausbrüche. Aber nun, da sie auf die Dreißig zuging, wurde ihr bewußt, daß ihr dieses Attribut, eine Gabe, die sie viele Jahre als selbstverständlich erachtet hatte, nicht mehr lange erhalten bleiben würde. Und wie bei so vielen Dingen, die man als selbstverständlich betrachtete oder als unwichtig abtat, wußte sie, daß sie die Fähigkeit vermissen würde, einen Raum durch bloßes Betreten in Schweigen zu versetzen.

Angesichts der Tatsache, daß sie während der letzten paar Jahre verhältnismäßig wenig für ihr Aussehen getan hatte, war es bemerkenswert, wie gut sie sich gehalten hatte. Gute Gene, das war wohl der Grund; ein Glück für sie. Dann jedoch mußte sie an ihren Vater denken, und sie kam zu dem Schluß, daß sie in Sachen Erbanlagen wohl doch nicht das große Los gezogen hatte. Ein Mann, der von anderen stahl und dennoch vorgab, ein ganz normales Leben zu führen. Ein Mann, der jeden täuschte, einschließlich seiner Frau und seiner Tochter. Ein Mann, der nie da war, wenn man ihn wirklich brauchte.

Kate setzte sich an den Schreibtisch, nahm einen kleinen Schluck von dem heißen Kaffee, warf mehr Zucker hinein und betrachtete Mr. Simmons, während sie in den schwarzen Tiefen ihres nächtlichen Aufputschmittels herumrührte.

Dann griff sie zum Telefon und rief bei sich zu Hause an, um die Nachrichten auf dem Anrufbeantworter abzuhören. Es waren fünf. Zwei von anderen Anwälten, eine von einem Polizisten, den sie gegen Mr. Simmons in den Zeugenstand rufen wollte, und eine von einem Ermittler der Staatsanwaltschaft, der sie mit Vorliebe zu den unmöglichsten Zeiten anrief, um ihr überwiegend nutzlose Informationen zu geben. Sie sollte ihre Telefonnummer ändern lassen. Bei der letzten Nachricht wurde aufgelegt. Aber sie konnte am anderen Ende der Leitung tiefes Atmen hören, außerdem glaubte sie ein oder zwei Worte wahrzunehmen. Irgend etwas daran klang vertraut, doch sie konnte es nicht zuordnen. Vermutlich irgend so ein Typ, der nichts Besseres zu tun hatte.

Der Kaffee strömte in ihre Blutbahnen, und sie konnte sich wieder auf die Akte konzentrieren. Kurz fiel ihr Blick auf das kleine Bücherregal. Darauf stand ein Foto, das ihre verstorbene Mutter und die elfjährige Kate zeigte. Luther Whitney war aus dem Bild herausgeschnitten. Eine große Lücke neben Mutter und Tbchter. Ein großes Nichts.

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»Verdammte Scheiße!« Der Präsident der Vereinigten Staaten setzte sich auf. Mit einer Hand bedeckte er die schlaffen und übel zugerichteten Genitalien, in der anderen hielt er den Brieföffner, der noch einen Augenblick zuvor als Werkzeug seines Todes gedacht war. Nun war darauf mehr als nur sein Blut. »Verdammt noch mal, Bill, du hast sie umgebracht!«

Die Zielscheibe seiner Schimpfkanonade bückte sich, um ihm aufzuhelfen, während sein Kollege den Zustand der Frau überprüfte; eine sinnlose Geste, wenn man bedachte, daß zwei schwerkalibrige Geschosse ihr Gehirn durchschlagen hatten.

»Es tut mir leid, Sir, ich hatte keine Wahl. Tut mir leid, Sir.«

Bill Burton war seit zehn Jahren Agent beim Secret Service. Davor war er acht Jahre lang bei der Staatspolizei von Maryland gewesen. Er hatte einen Collegeabschluß in Geschichte und den Magister in Strafrecht, und eine seiner Kugeln hatte soeben den Kopf einer wunderschönen jungen Frau zerfetzt. Trotz seiner intensiven Ausbildung zitterte er wie ein kleines Kind, das gerade aus einem Alptraum erwacht ist.

Schon einmal hatte er in Ausübung seiner Pflicht getötet, bei einer routinemäßigen Verkehrskontrolle, die aus den Fugen geriet. Aber der damals Verstorbene war ein vierfach vorbestrafter Verbrecher gewesen, mit einer tiefgreifenden Abneigung gegen uniformierte Polizisten; außerdem hatte er eine halbautomatische Pistole auf ihn gerichtet gehabt, unverkennbar in der Absicht, ihm den Kopf von den Schultern zu pusten.

Burton schaute hinunter auf die zierliche, nackte Gestalt und glaubte, sich übergeben zu müssen. Sein Partner, Tim Collin, sah zu ihm herüber und faßte ihn am Arm. Schwer schluckend nickte Burton. Er würde nicht zusammenklappen.

Behutsam halfen die beiden dem Mann auf die Beine, dem ihre ganze Aufmerksamkeit galt: Alan J. Richmond, vierundvierzigster Präsident der Vereinigten Staaten, politischer Held und Leitfigur für Menschen aller Altersklassen, im Augenblick aber bloß nackt und betrunken. Der Präsident sah zu ihnen auf. Das anfängliche Entsetzen schwand, als der Alkohol wieder Oberhand gewann. »Ist sie tot?« Die Worte kamen undeutlich, die Augen schienen wie Murmeln nach hinten in den Kopf zu rollen.

»Ja, Sir«, antwortete Collin knapp. Eine Frage des Präsidenten, ob betrunken oder nicht, ließ man nicht unbeantwortet.

Burton trat einen Schritt zurück. Er warf einen zweiten Blick auf die Frau, dann wieder auf den Präsidenten. Das war ihr Job, sein Job. Den gottverdammten Präsidenten zu beschützen. Ganz gleich, was es kostete, dieses Leben durfte nicht enden, schon gar nicht auf diese Weise. Wie ein Schwein aufgeschlitzt von irgendeinem betrunkenen Flittchen!

Der Präsident verzog den Mund. Es sah fast aus wie ein Lächeln, obwohl weder Collin noch Burton es als solches in Erinnerung behalten sollten. Der Präsident erhob sich.

»Wo sind meine Sachen?« fragte er.

»Gleich hier, Sir.« Burton, der wieder voll da war, bückte sich und hob die Sachen auf. Sie waren über und über mit Blut befleckt. Wie alles in dem Zimmer, überall. Mit ihrem Blut.

»Helft mir schon hoch und zieht mich an, verdammt noch mal. Ich muß doch sicher irgendwo vor irgendwem ’ne Rede halten, oder nicht?« Schrill lachte er auf. Burton sah Collin an, Collin sah Burton an. Dann sahen beide zum Präsidenten, als er auf das Bett kippte.

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Als die Schüsse ertönten, hatte sich Stabschefin Gloria Russell in der Toilette im ersten Stock befunden, so weit enfernt vom Schlafzimmer wie nur möglich.

Sie hatte den Präsidenten bei vielen Eskapaden dieser Art begleitet, doch anstatt sich daran zu gewöhnen, fand sie es nur jedes Mal abstoßender, sich vorzustellen, wie ihr Boß, der mächtigste Mann auf Erden, mit all diesen Edelnutten, diesen politischen Groupies, ins Bett stieg. Es ging über ihren Verstand hinaus, doch sie hatte beinahe gelernt, darüber hinwegzusehen. Beinahe.

Russell hatte sich die Strumpflaose wieder hochgezogen, die Tür aufgerissen, war den Flur entlanggelaufen und die Treppen hochgerannt, wobei sie trotz der Stöckelschuhe zwei Stufen auf einmal nahm. Als sie die Schlafzimmertür erreichte, hielt Agent Burton sie auf.

»Sie wollen das bestimmt nicht sehen, Ma’am, es ist kein schöner Anblick.«

Sie drängte sich an ihm vorbei. Dann blieb sie aus eigenen Stücken stehen. Ihr erster Gedanke war, wieder hinauszulaufen, die Stiegen hinunter und in die Limousine, weg von hier, weg aus diesem Staat, weg aus diesem elenden Land. Mitleid für Christy Sullivan empfand sie nicht; diese kleine Nutte verdiente ein solches Ende. Sie wollte vom Präsidenten gevögelt werden. Schon seit zwei Jahren war das ihr erklärtes Ziel gewesen. Nun, manchmal bekam man nicht, was man wollte; manchmal mehr als das.

Russell faßte sich und trat Agent Collin gegenüber.

»Was ist passiert?«

Tim Collin war jung, zäh und dem Mann ergeben, zu dessen Schutz er abgestellt war. Er war dafür geschult worden, in Verteidigung des Präsidenten sogar sein Leben zu opfern, und für ihn stand außer Frage, daß er es auch tun würde, sollte es einst nötig werden. Vor nunmehr beinahe vier Jahren hatte er schon einmal einen Angreifer überwältigt, auf dem Parkplatz eines Einkaufszentrums, wo der damalige Präsidentschaftskandidat Alan Richmond einen Wahlkampfauftritt absolvieren sollte. Collin hatte den potentiellen Attentäter zu Boden gezwungen und bewegungsunfähig gemacht, bevor der Kerl die Waffe ganz aus der Tasche ziehen konnte — bevor überhaupt irgend jemand reagiert hatte. Collin betrachtete es als Lebensaufgabe, Alan Richmond zu beschützen.

Innerhalb einer Minute schilderte er Russell das Geschehen in kurzen, zusammenhängenden Sätzen. Burton bestätigte die Darstellung mit ernster Miene.

»Es hieß er oder sie, Ms. Russell. Es gab keine andere Möglichkeit einzuschreiten.« Instinktiv blickte Burton zum Präsidenten hinüber, der immer noch auf dem Bett lag, und dem im Augenblick alles egal war. Die heikleren Zonen seines Körpers hatten sie mit einer Decke verhüllt.

»Wollen Sie mir erzählen, Sie hätten nichts gehört? Keine Anzeichen von Gewalt, bevor das da passiert ist?« Sie deutete auf die Schweinerei im Zimmer.

Die Agenten sahen einander an. Sie hatten schon vielerlei Geräusche aus Schlafzimmern gehört, in die sich ihr Boß verirrt hatte. Manche konnte man vielleicht mit Gewalt in Verbindung bringen, andere wiederum nicht. Aber bisher waren mmer alle Beteiligten gesund und munter wieder herausgekommen. Die Frauen kamen stets die Treppe herunter, zupften ihre Blusen und Röcke zurecht und hatten dabei ein so seliges Lächeln auf den Lippen, als hätten sie soeben den Papst berührt. Dann stolzierte der Präsident mit geschwellter Brust heraus, wie der Hahn im Hühnerhof.

»Nichts Ungewöhnliches«, antwortete Burton, »aber dann hat der Präsident geschrien, und wir sind hineingestürmt. Das Messer war vielleicht noch zehn Zentimeter von seiner Brust entfernt. Nur eine Kugel war schnell genug.«

Er richtete sich zu voller Größe auf, stand so gerade, wie er konnte, und sah ihr unmittelbar in die Augen. Collin und er hatten ihre Arbeit getan, und diese Frau würde sie nicht vom Gegenteil überzeugen. Ihm würde sie nichts anhängen.

»In diesem Zimmer war ein gottverdammtes Messer?« Ungläubig starrte sie Burton an.

»Wenn es nach mir ginge, gäbe es keine solchen … solchen Abenteuer. Meistens erlaubt uns der Präsident nicht, daß wir vorher alles überprüfen. Wir hatten keine Möglichkeit, das Zimmer zu durchsuchen.« Er blickte sie an. »Schließlich ist er der Präsident, Ma’am«, fügte er sicherheitshalber hinzu, als rechtfertigte die Tatsache alles und jedes. Und für Russell traf dies meist auch zu, ein Umstand, dessen sich Burton voll bewußt war.

Russell sah sich im Zimmer um, prägte sich alles genau ein. Sie war ordentliche Professorin für Politikwissenschaften an der Stanford-Universität gewesen, als die Anfrage von Alan Richmond gekommen war, der damals seinen Stab zusammenstellte. Er war der Mann der Stunde gewesen, jung, erfolgreich, dynamisch; jeder hatte auf seinen Zug aufspringen wollen. Da hatte sie ihre Chance genutzt.

Seit drei Jahren war sie nun Stabschefin des Weißen Hauses, mit vielversprechenden Aussichten auf den Posten des Außenministers, wenn Richmond wiedergewählt wurde, wobei man allgemein erwartete, daß ihm das mit Leichtigkeit gelingen sollte. Wer konnte schon vorhersagen, wie sich alles entwickelte? Vielleicht war sogar ein gemeinsames Team Richmond-Russell im Entstehen begriffen. Sie ergänzten einander hervorragend. Russell war die Strategin; er war unübertroffen, was die Öffentlichkeitsarbeit anging. Ihre Zukunft schien mit jedem Tag strahlender zu werden. Und jetzt? Jetzt hatte sie eine Leiche und einen betrunkenen Präsidenten in einem Haus, das eigentlich leerstehen sollte.

Im Geiste sah sie den Expreßzug ihrer Karriere stoppen. Doch dann schaltete ihr Verstand um. Nicht wegen dieser kleinen Nutte, dieses. Haufens menschlichen Abfalls. Niemals!

Burton meldete sich zu Wort. »Soll ich jetzt die Polizei anrufen, Ma’am?« Russell glotzte ihn an, als hätte er den Verstand verloren.

»Burton, darf ich Sie daran erinnern, daß es Ihr Job ist, die Interessen des Präsidenten immer und überall zu schützen, und daß nichts, aber rein gar nichts, Vorrang vor dieser Aufgabe hat. Ist das klar?«

»Ma’am, die junge Dame ist tot. Ich glaube, wir—«

»Riizhtig. Sie und Collin haben die Frau erschossen, und jetzt ist sie tot.« Die Worte hingen in der Luft. Collin rieb sich die Hände, instinktiv wanderte eine Hand zu der Waffe im Schulterhalfter. Er blickte zu der verstorbenen Mrs. Sullivan, als könnte er sie durch bloße Willenskraft wieder zum Leben erwecken.

Burton spannte die mächtigen Schultern und trat einen Schritt näher an sie heran, so daß der Größenunterschied voll zum Tragen kam.

»Hätten wir nicht geschossen, wäre der Präsident jetzt tot. Das ist unsere Aufgabe. Für seine Sicherheit und Gesundheit zu sorgen.«

»Wieder richtig, Burton. Und nun, da Sie seinen Tod verhindert haben, wie wollen Sie der Polizei, der Frau des Präsidenten, Ihren Vorgesetzten, den Anwälten, den Medien, dem Kongreß, den Finanzmärkten, dem Land und dem Rest der ganzen verfluchten Welt erklären, warum der Präsident hier war? Und was er hier wollte? Und die Umstände, die dazu geführt haben, daß Sie und Agent Collin die Frau eines Mannes erschossen haben, der zu den wohlhabendsten und einflußreichsten Männern der Vereinigten Staaten zählt? Denn wenn Sie die Polizei anrufen, wenn Sie überhaupt irgend jemanden anrufen, dann werden Sie genau das tun müssen. Wenn Sie also bereit sind, die volle Verantwortung für alles zu übernehmen, dann gehen Sie zum Telefon und rufen Sie an.«

Burtons Gesicht wechselte die Farbe. Er wich einen Schritt zurück. Die körperliche Überlegenheit nützte ihm nichts mehr. Collin beobachtete versteinert den stummen Zweikampf der beiden. Noch nie hatte er erlebt, daß jemand so mit Bill Burton gesprochen hatte. Der große Kerl hätte Russells Genick mit einer einzigen Handbewegung brechen können. Doch diese besondere Eigenschaft war hier und jetzt völlig wertlos für ihn.

Abermals schaute Burton auf die Leiche hinab. Wie konnte man das so erklären, daß sie alle heil aus der Sache herauskamen? Die Antwort war einfach: Gar nicht.

Aufmerksam musterte Russell sein Gesicht. Burton blickte wieder auf, doch seine Augen flackerten merklich; sie sahen nicht mehr direkt in ihre. Sie hatte gewonnen. Zufrieden lächelnd nickte sie. Von nun an hatte sie das Ruder in der Hand.

»Gehen Sie jetzt und machen Sie Kaffee, eine ganze Kanne«, befahl sie Burton, wobei sie den Wechsel der traditionellen Machtverhältnisse in vollen Zügen genoß. »Dann beziehen Sie an der Eingangstür Posten, nur für den Fall, daß wir nächtliche Besucher bekommen.

Collin, Sie gehen zum Wagen und reden mit Johnson und Varney. Erzählen Sie nichts von dem hier. Sagen Sie vorerst nur, daß es einen Unfall gegeben hat, daß der Präsident aber wohlauf ist. Mehr nicht. Und daß sie sich bereit halten sollen. Verstanden? Ich melde’ mich, wenn ich Sie brauche. Ich muß erst einmal nachhdenken.«

Burton und Collin nickten und gingen hinaus. Keinem der beiden war beigebracht worden, derartige Befehle von höherer Stelle zu mißachten. Außerdem wollte Burton bei dieser Sache nicht das Kommando übernehmen. Dafür konnte ihm niemand genug bezahlen.

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Seit die Schüsse den Kopf der Frau in Stücke rissen, hatte Luther sich nicht bewegt. Er hatte einfach Angst. Der Schock war schließlich vorübergegangen, doch seine Augen wanderten immer wieder auf den Boden, wo etwas lag, das vor kurzem noch ein lebendiges, atmendes menschliches Wesen war. In all den Jahren als Krimineller hatte er nur einmal miterlebt, wie jemand umgebracht worden war. Dabei hatte es sich um einen dreifach verurteilten Kinderschänder gehandelt, dem von einem Mithäftling eine zehn Zentimeter lange Klinge in den Rücken gejagt wurde. Die Empfindungen, die ihn jetzt überschwemmten, waren völlig anderer Natur. Er fühlte sich wie der einzige Passagier eines Schiffes, das einen fremden Hafen anlief. Nichts wirkte auch nur im mindesten vertraut oder bekannt. Jedes Geräusch konnte tödlich für ihn sein; dennoch ließ Luther sich wieder langsam auf den Stuhl nieder, bevor die zitternden Beine unter ihm wegknicken konnten.

Er beobachtete, wie Russell im Zimmer umherging, sich neben der toten Frau bückte, sie aber nicht berührte. Als nächstes hob sie den Brieföffner auf, wobei sie ihn mit einem Taschentuch am Ende der Klinge hielt. Lange und eindringlich betrachtete sie den Gegenstand, der beinahe dem Leben des Präsidenten ein Ende bereitet hätte und der letztendlich beim Tod eines anderen Menschen eine entscheidende Rolle gespielt hatte. Vorsichtig legte sie ihn auf den Nachttisch und steckte das Taschentuch wieder ein. Sie warf einen flüchtigen Blick auf das verrenkte Gebilde, das noch kurz zuvor Christine Sullivan gewesen war.

Russell konnte nicht anders, als Richmond dafür zu bewundern, wie er seine außerplanlichen Aktivitäten abwickelte. All seine »Gespielinnen« waren reiche und gesellschaftlich hoch angesehene Frauen, und alle waren verheiratet. Dadurch war sichergestellt, daß seine Seitensprünge nie in der Boulevardpresse erscheinen würden. Die Frauen, mit denen er ins Bett stieg, hatten ebensoviel zu verlieren wie er selbst, wenn nicht noch mehr, und sie waren sich dieser Tatsache sehr wohl bewußt.

Überhaupt, die Presse. Russell lächelte. Heutzutage, in diesem Zeitalter, wurde der Präsident auf Schritt und Tritt beobachtet. Weder konnte er auf den Lokus gehen, noch eine Zigarre rauchen oder rülpsen, ohne daß die Öffentlichkeit jede Einzelheit darüber erfuhr. Zumindest glaubte die Öffentlichkeit das. Hauptgrund dafür war, daß die Presse und deren Fähigkeit, jedes noch so winzige Detail einer Story zum Vorschein zu bringen, weit überschätzt wurde. Etwas wurde nämlich übersehen: Zwar hatte das Amt des Präsidenten über die Jahre hinweg einen Teil der enormen Macht eingebüßt, da die Probleme einer aus den Fugen geratenen Welt zu groß geworden waren, als daß ein einzelner Mensch sie wirkungsvoll hätte bewältigen können. Doch der Präsident war von absolut loyalen und überaus fähigen Leuten umgeben, die, was verdeckte Operationen anging, in einer höheren Liga spielten als die großkotzigen Journalisten, für die das Aufspüren einer tollen Story darin bestand, einen Kongreßabgeordneten mit Allerweltsfragen zu überhäufen, der für das Privileg, in den Abendnachrichten erwähnt zu werden, mehr als bereit war, mit ihnen zu reden.

Tatsache war, daß sich der Präsident, wenn ihm der Sinn danach stand, frei bewegen konnte, ohne fürchten zu müssen, daß irgend jemand seinen Aufenthaltsort in Erfahrung bringen konnte. Es war ihm sogar möglich, sich den Augen der Öffentlichkeit zu entziehen, solange er wollte, wenngleich dies dem genauen Gegenteil dessen entsprach, was ein erfolgreicher Politiker als sein Tagewerk betrachtete. Und dieses Privileg lief auf einen gemeinsamen Nenner zusammen.

Den Secret Service. Sie waren die Besten der Besten. Das hatte diese Elitetruppe über die Jahre hinweg wiederholt bewiesen. Wie auch bei der Planung dieser jüngsten Eskapade.

Kurz nach zwölf Uhr mittags hatte Christy Sullivan den Schönheitssalon im Nordwesten von Upper Washington verlassen. Nachdem sie einen Block weit gegangen war, betrat sie das Foyer eines Apartmenthauses und verließ es einige Augenblicke später wieder, allerdings in einen knöchellangen Mantel gehüllt, den sie in der Tasche gehabt hatte. Eine dunkle Brille verdeckte ihre Augen. Sie ging ein paar Blocks weiter und nahm dann die U-Bahn zum Metro-Center. Nachdem sie die U-Bahn verlassen hatte, schlenderte sie noch zwei Blocks weiter und verschwand in einer Gasse zwischen zwei Gebäuden, die noch dieses Jahr abgerissen werden sollten. Zwei Minuten später fuhr ein Wagen mit getönten Scheiben aus der Gasse. Collin saß am Steuer, Christy Sullivan auf dem Rücksitz. Dann war sie von Bill Burton an einem »sicheren« Ort verwahrt worden, bis der Präsident später am Abend zu ihr stoßen konnte.

Das Anwesen der Sullivans hatte man als perfekte Bühne für das Zwischenspiel gewählt, weil ironischerweise ihr Landsitz der letzte Ort war, an dem man Christy Sullivan vermutet hätte. Russell wußte außerdem, daß es gerade leerstand und die Alarmanlage kein Hindernis für ihre Pläne darstellte.

Russell ließ sich auf einem Stuhl nieder und schloß die Augen. Ja, sie hatte zwei der fähigsten Leute des Secret Service hier in diesem Haus. Und zum allererstenmal bedauerte die Stabschefin diesen Umstand. Der Präsident persönlich hatte die vier Agenten, die ihn und Russell begleiteten, aus über hundert zu seinem Schutz abgestellten Männern für seine kleinen Abenteuer ausgewählt. Sie alle waren durch und durch loyal und höchst kompetent. Sie kümmerten sich um den Präsidenten und hielten den Mund, gleichgültig, was von ihnen verlangt wurde. Bisher hatte Präsident Richmonds Leidenschaft für verheiratete Frauen noch keine größeren Schwierigkeiten hervorgerufen. Doch die Ereignisse dieser Nacht stellten alles Bisherige in Frage. Russell schüttelte den Kopf.

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Luther musterte das Gesicht. Es war ein intelligentes, attraktives, gleichzeitig aber auch sehr hartes Gesicht. Man konnte die Gedankengänge beinahe sehen, als sich die Stirn abwechselnd runzelte und glättete. Die Zeit verging, doch sie rührte sich nicht. Endlich schlug Gloria Russell die Augen auf und ließ sie durch das Zimmer wandern, studierte jede Einzelheit.

Unwillkürlich zuckte Luther zusammen, als ihr Blick über ihn hinwegstreifte wie ein Suchscheinwerfer über einen Gefängnishof. Dann schaute sie zum Bett und verharrte dort. Eine lange Minute starrte sie auf den schlafenden Mann. Danach trat ein Ausdruck in ihr Gesicht, den Luther nicht zu deuten vermochte. Es war eine Mischung aus Lächeln und Grimasse.

Russell stand auf, trat ans Bett und sah auf den Mann hinab. Ein Mann des Volkes; zumindest glaubte es das Volk. Ein großer Mann, ein Jahrhundertmann. Im Augenblick sah er nicht so groß aus. Mit gespreizten Beinen lag er halb auf dem Bett, die Füße berührten fast den Boden; für einen nackten Mann war das, gelinde ausgedrückt, eine peinliche Stellung.

Ihre Augen begutachteten den Körper des Präsidenten, wobei sie an einigen Stellen verweilten. Dieses Verhalten versetzte Luther in Anbetracht der Leiche auf dem Fußboden in Erstaunen. Er hatte Sirenen erwartet, Polizisten, Ermittlungsbeamte, Gerichtsmediziner und vielleicht sogar Pressesprecher, die hier überall herumschwirrten, während sich draußen die Wagenkolonnen der Journalisten stauten. Offenbar hatte diese Frau einen anderen Plan.

Luther hatte Gloria Russell auf CNN und den anderen wichtigen Sendern gesehen, unzählige Male in der Zeitung und einmal in Person bei einer Veranstaltung zum 4. Juli. Sie hatte einprägsame Gesichtszüge. Eine lange Adlernase zwischen hohen Wangenknochen war das Erbe eines Cherokee-Vorfahren. Das glatte, pechschwarze Haar fiel bis auf die Schultern. Die Augen waren groß und von so intensivem Blau, daß sie den tiefsten Stellen des Meeres ähnelten; zwei Seen, in denen Unvorsichtige und Unachtsame ertrinken konnten.

Langsam, leise, regte sich Luther auf dem Stuhl. Diese Frau vor einem schmucken offenen Kamin in einem antiken Ohrensessel im Weißen Haus zu sehen, wie sie über die jüngsten politischen Probleme dozierte, war eine Sache. Eine völlig andere Sache war es, sie dabei zu beobachten, wie sie durch ein Zimmer ging, in dem eine Leiche lag, und einen betrunkenen, nackten Mann anstierte, der als Führer der Freien Welt galt. Es war ein Schauspiel, das Luther nicht länger mit ansehen wollte, doch konnte er die Augen nicht davon abwenden.

Russell warf einen Blick zur Tür, durchschritt rasch das Zimmer, holte ein Taschentuch hervor, schloß die Tür und sperrte sie ab. Flink ging sie zurück, um erneut auf den Präsidenten hinabzustarren. Sie streckte die Hand aus; ahnungsvoll zuckte Luther zusammen, doch sie streichelte nur sein Gesicht. Luther atmete auf, doch dann sah er, wie ihre Hand auf seine Brust sank, auf der dichten Behaarung verweilte, dann noch weiter auf den flachen Bauch wanderte, der sich in festem Schlaf gleichmäßig hob und senkte.

Danach glitt ihre Hand noch tiefer. Langsam zog sie die Decke weg und ließ sie auf den Boden fallen. Sie faßte zwischen seine Beine und verharrte. Als nächstes spähte sie abermals zur Tür und kniete sich vor dem Präsidenten nieder. Schließlich mußte Luther die Augen schließen. Die voyeuristischen Vorlieben des Hausbesitzers teilte er nicht.

Einige lange Minuten verstrichen, dann öffnete Luther die Augen. Der Präsident war nicht annähernd bei Bewußtsein; seine Augen waren immer noch geschlossen, doch ein wesentlicher Teil seiner Anatomie war hellwach. Nun streifte Gloria Russell die Strumpfhose ab und legte sie ordentlich auf einen Sessel. Danach stieg sie auf das Bett und ließ sich über dem Präsidenten nieder.

Erneut schloß Luther die Augen. Er fragte sich, ob man unten das Bett quietschen hörte. Wahrscheinlich nicht; es war in ziemlich großes Haus. Und selbst wenn, was konnten die Agenten schon tun?

Die Zeit verging, und endlich vernahm Luther ein kurzes, unwillkürliches Keuchen des bewußtloseh Mannes und ein tiefes Stöhnen der Frau. Doch Luther ließ die Augen geschlossen. Er wußte nicht genau warum. Es schien eine Mischung aus blanker Angst und Abscheu zu sein, Abscheu über die Pietätlosigkeit gegenüber der toten Frau.

Als er schließlich die Augen aufschlug, blickte ihn Russell direkt an. Einen Augenblick lang blieb ihm das Herz stehen, bis ihm der Verstand mitteilte, daß alles in Ordnung war. Rasch schlüpfte sie in die Strumpfhose. Danach trug sie mit selbstsicheren, gleichmäßigen Strichen im Spiegel den Lippenstift wieder auf.

Um ihre Lippen spielte ein Lächeln, die Wangen waren gerötet. Sie wirkte jünger. Luther schaute zum Präsidenten. Er war wieder in tiefen Schlaf verfallen. An die letzte halbe Stunde würde er sich vermutlich als besonders realistischen und angenehmen Traum erinnern. Luther wandte den Blick zurück zu Russell.

Es war beklemmend, daß ihm die Frau direkt ins Gesicht sah, in diesem Zimmer des Todes, ohne zu wissen, daß er hier war. Aus dem Gesicht der Frau sprach Macht. Und Luther erkannte einen Blick, den er in diesem Raum bereits gesehen hatte. Diese Frau war ebenfalls gefährlich.

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»Ich will, daß alles im Zimmer desinfiziert wird, ausgenommen das da.« Russell deutete auf die verstorbene Mrs. Sullivan. »Nein, warten Sie. Wahrscheinlich war er auf ihr. Burton, ich will, daß Sie jeden Millimeter ihres Körpers absuchen und alles beseitigen, was auch nur im entferntesten so aussieht, als ob es nicht hingehört. Danach ziehen Sie sie wieder an.«

Mit behandschuhten Händen machte sich Burton daran, den Auftrag auszuführen.

Collin saß neben dem Präsidenten und flößte ihm eine weitere Tasse Kaffee ein. Das Koffein würde helfen, die Benommenheit zu überwinden, aber nur die Zeit konnte den Rausch völlig vertreiben. Russell setzte sich neben ihn. Sie nahm die Hand des Präsidenten in die ihre. Mittlerweile war er vollständig angezogen, lediglich sein Haar war noch zerzaust. Sein Arm schmerzte, aber sie hatten ihn, so gut es ging, verbunden. Er war in ausgezeichneter Verfassung; die Wunde würde rasch heilen.

»Mr. President? Alan? ALAN?« Russell nahm sein Gesicht zwischen die Hände und drehte es zu sich.

Hatte er gespürt, was sie mit ihm getan hatte? Sie bezweifelte es. So sehnlich hatte er sich eine heiße Nummer für die Nacht gewünscht, hatte in eine Frau eindringen wollen. Unaufgefordert hatte sie ihm ihren Körper dargebracht. Technisch gesehen, hatte sie ihn vergewaltigt. Rein technisch. Tatsächlich aber wußte sie zuversichtlich, daß sie ihm den Traum vieler Männer erfüllt hatte. Es spielte keine Rolle, wenn er sich an ihr Opfer nicht erinnerte. Dafür würde sie verdammt sicher stellen, daß er mitbekam, was sie nun für ihn tat.

Die Augen des Präsidenten blickten mal klar, mal wieder verschwommen. Collin rieb sich den Nacken. Langsam kam der Mann wieder zu sich. Russell spähte auf die Uhr. Zwei Uhr morgens. Sie mußten zurückfahren. Sie schlug ihn ins Gesicht, zwar nicht fest, aber doch hart genug, um seine Aufmerksamkeit zu erlangen. Dabei bemerkte sie, wie Collin zusammenzuckte. Gott, diese Kerle waren so einfältig.

»Alan, hast du Sex mit ihr gehabt?«

»Was …«

»Hast du Sex mit ihr gehabt?«

»Was … nein. Glaub’ ich nicht. Weiß nicht …«

»Geben Sie ihm noch mehr Kaffee, mit Gewalt, wenn es sein muß, aber machen Sie ihn nüchtern!« Collin nickte und tat, wie ihm geheißen.

Russell ging zu Burton, der mit behandschuhten Händen sorgfältig jeden Fingerbreit der verblichenen Mrs. Sullivan untersuchte.

Burton war bei zahlreichen Polizeiermittlungen dabei gewesen. Er wußte ganz genau, wonach Polizeibeamte suchten und wo sie danach suchten. Nie hätte er sich träumen lassen, dieses besondere Wissen einmal einsetzen zu müssen, um Ermittlungen zu behindern; aber schließlich hätte er sich auch nie träumen lassen, daß er in eine derartige Lage schlittern konnte.

Er sah sich im Zimmer um und überlegte, welche Bereiche er noch bearbeiten mußte, welche anderen Räume sie benutzt hatten. Gegen die Male am Hals der Frau konnten sie nichts unternehmen, ebenso wenig gegen andere mikroskopisch kleine Beweise, die sich zweifellos in ihrer Haut finden würden. Der Gerichtsmediziner würde sie aufspüren, ganz gleich, was sie versuchten. Aber realistisch betrachtet, konnte keiner dieser Beweise in Richtung des Präsidenten zurückverfolgt werden, sofern die Polizei ihn nicht als Verdächtigen betrachtete. Das jedoch lag weit jenseits des Denkbaren.

Einen Zusammenhang zwischen der versuchten Strangulierung einer zierlichen Frau und dem tatsächlichen Tod durch Kugeln herzustellen blieb der Vorstellungskraft der Polizei überlassen.

Burton wandte sich wieder der Leiche zu und begann vorsichtig, ihr das Unterhöschen über die Beine zu streifen. Er spürte, wie ihm jemand auf die Schulter klopfte.

»Sehen Sie nach!«

Burton blickte nach oben. Er wollte etwas erwidern.

»Sie sollen nachsehen!« Russell zog die Augenbrauen hoch. Schon Tausende Male hatte Burton gesehen, wie sie mit dem Stab des Weißen Hauses so verfahren war. Alle hatten höllischen Respekt vor ihr. Zwar hatte er selber keine Angst, doch er war klug genug, sich zurückzuhalten, wenn sie anwesend war. Zögernd tat er, was ihm befohlen wurde. Dann legte er den Körper wieder genauso hin, wie er gefallen war. Er teilte Russell seine Erkenntnisse durch ein einziges Kopfschütteln mit.

»Sind Sie sicher?« Russell wirkte nicht überzeugt, obwohl sie durch ihr Zwischenspiel mit dem Präsidenten wußte, daß er höchstwahrscheinlich keinen Verkehr mit der Frau gehabt oder den Akt zumindest nicht vollendet hatte. Aber es könnten Spuren zurückgeblieben sein. Was man heutzutage aus den geringsten Samenspuren ablesen konnte, war einfach teuflisch.

»Verdammt noch mal, ich bin kein Frauenarzt. Ich habe nichts gefunden, und ich glaube, das hätte ich, aber ich trage nicht ständig ein Mikroskop mit mir herum.«

Russell mußte es dabei bewenden lassen. Es gab noch soviel zu tun und nur wenig Zeit dafür.

»Haben Johnson und Varney etwas gesagt?«

Collin blickte herüber. Er saß noch neben dem Präsidenten, der gerade die vierte Tasse Kaffee hinunterspülte. »Sie fragen sich natürlich, was hier los ist, wenn Sie das meinen.«

»Sie haben doch nicht …«

»Ich habe ihnen gesagt, was Sie angeordnet haben, mehr nicht, Ma’am.« Er sah sie an. »Das sind gute Männer, Ms. Russell. Sie sind seit dem Wahlkampf beim Präsidenten und werden keine Probleme machen, okay?«

Russell belohnte Collin mit einem Lächeln. Ein gutaussehender Junge. Und, was viel wichtiger war, ein loyales Mitglied des persönlichen Stabs des Präsidenten. Collin würde ihr sehr nützlich sein. Burton konnte ein Problem werden. Er war älter, weiser und Russell hielt ihn für einen Klugscheißer. Aber sie hatte einen starken Trumpf. Er und Collin hatten abgedrückt, vielleicht in Ausübung ihrer Pflicht, aber wer konnte das schon so genau sagen? Auf jeden Fall steckten die beiden bis zum Hals mit in der Sache drin.

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Luther beobachtete das Treiben mit einer Hochachtung, die ihm unter den gegebenen Umständen geradezu Schuldgefühle bereitete. Diese Männer waren gut; sie gingen methodisch und gewissenhaft vor und übersahen nichts. Qualifizierte Gesetzeshüter und professionelle Verbrecher waren gar nicht so verschieden. Die Fähigkeiten und Verfahren waren ziemlich ähnlich, lediglich der Einsatzzweck war ein anderer; doch gerade der machte letztendlich den ganzen Unterschied aus. Oder etwa nicht?

Die Frau war inzwischen vollständig angezogen und lag genau an der Stelle, an der sie gefallen war. Collin wurde gerade mit ihren Fingernägeln fertig. Unter jeden hatte er eine Flüssigkeit gespritzt, und ein kleines Sauggerät hatte sämtliche Hautpartikel und andere belastende Spuren beseitigt.

Das Bett war frisch überzogen und gemacht worden; das beweisträchige Laken war bereits in einem Beutel verstaut und blickte seinem letzten Bestimmungsort, einem Verbrennungsofen, entgegen. Das Erdgeschoß war Collin bereits durchgegangen.

Alles, was sie berührt hatten, war abgewischt worden, mit Ausnahme eines Gegenstandes. Burton bearbeitete gerade Teile des Teppichs mit einem Staubsauger. Er sollte der letzte sein, der rückwärts den Raum verlassen und peinlich genau alle restlichen Spuren verwischen würde.

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Luther sah zu, wie sie den Raum durchstöberten. Ihre augenscheinliche Absicht brachte ihn trotz allem zum Lächeln. Einbruch. Die Halskette verschwand mitsamt der Unmenge an Ringen in einem Beutel. Es würde so aussehen, als hätte die Frau einen Einbrecher überrascht, der sie ermordet hatte. Bei all dem wußten sie nicht, daß knapp zwei Meter entfernt ein echter Einbrecher alles sah und hörte, was sie taten.

Ein Augenzeuge!

Luther war noch nie Augenzeuge eines Einbruchs gewesen, abgesehen von denen, die er selbst begangen hatte. Verbrecher haßten Augenzeugen. Auch diese Leute würden Luther hassen, wüßten sie, daß er hier war. Sie würden ihn töten, das stand außer Frage. Es ging um den Präsidenten. Eine Menge stand auf dem Spiel. Ein alter Krimineller, ein dreifach Verurteilter, war in diesem Fall kein großes Opfer. Nicht im Vergleich zum Idol des Volkes.

Der immer noch benommene Präsident kam mit Burtons Hilfe auf die Beine und taumelte die Treppe hinunter. Russell beobachtete, wie die beiden hinausgingen. Vorsichtig hob Collin den Brieföffner auf und wollte ihn gerade abwischen. Unwillkürlich zuckte Luther zusammen, als er sah, wie Russell die Hand des jungen Agenten ergriff.

»Tun Sie das nicht!«

Collin war nicht so gerissen wie Burton, und ganz gewiß spielte er nicht in Russells Liga. Verwirrt glotzte er sie an.

»Aber überall auf dem Ding sind seine Fingerabdrücke, Ma’am. Auch die der Frau, außerdem noch andere Beweise, Sie wissen schon. Es ist Leder, hat sich alles vollgesaugt.«

»Agent Collin, ich wurde vom Präsidenten als Strategie und Taktikexpertin geholt. Was für Sie ganz offensichtlich erscheint, bedarf meiner Meinung nach reiflicher Überlegung. Bis das geschehen ist, werden Sie diesen Gegenstand nicht abwischen. Stecken Sie ihn in einen eigenen Beutel und geben Sie ihn mir.«

Collin wollte protestieren, doch Russells drohender Blick ließ ihn davon Abstand nehmen. Pflichtbewußt steckte er den Brieföffner in einen Plastikbeutel und gab ihn ihr.

»Seien Sie bitte vorsichtig damit, Ms. Russell.«

»Tim, ich bin immer vorsichtig.«

Abermals belohnte sie ihn mit einem Lächeln. Er lächelte zurück. Noch nie hatte sie ihn beim Vornamen genannt. Er war gar nicht sicher gewesen, ob sie ihn überhaupt kannte. Außerdem fiel ihm zum erstenmal auf, daß die Stabschefin eine äußerst gutaussehende Frau war.

»Ja, Ma’am.« Er machte sich daran, die Ausrüstung zu verstauen.

»Tim?«

Er blickte zurück zu ihr. Russell ging auf ihn zu, schlug die Augen nieder, dann trafen sich ihre Blicke. Sie sprach mit leiser Stimme. Für Collin wirkte sie beinahe beschämt.

»Tim, wir sind mit einer ziemlich außergewöhnlichen Situation konfrontiert. Ich muß mir erst über alles klarwerden. Verstehen Sie das?«

Collin nickte. »Ich würde auch sagen, daß es eine außergewöhnliche Situation ist. Ich hatte eine Höllenangst, als ich sah, wie dieses Messer auf die Brust des Präsidenten zuging.«

Die Stabschefin berührte ihn am Arm. Ihre Fingernägel waren erstaunlich lang und perfekt manikürt. Sie hielt den Brieföffner hoch. »Das hier muß unter uns bleiben, Tim, in Ordnung? Weder der Präsident noch Burton erfahren davon.«

»Ich weiß nicht recht …«

Sie ergriff seine Hand. »Tim, ich brauche hierbei wirklich Ihre Unterstützung. Der Präsident hat keine Ahnung, was passiert ist. Und ich glaube, Burton steht der ganzen Sache augenblicklich nicht sehr rational gegenüber. Ich brauche jemanden, auf den ich mich verlassen kann. Ich brauche Sie, Tim, Das hier ist einfach zu wichtig. Sie verstehen das doch, nicht wahr? Wäre ich nicht sicher, daß Sie dem gewachsen sind, würde ich Sie nicht darum bitten.«

Er lächelte über das Kompliment und sah sie offenherzig an.

»Okay, Ms. Russell. Was immer Sie sagen.«

Russell betrachtete das etwa achtzehn Zentimeter lange Metallstück, das beinahe ihre politischen Ambitionen zerstört hätte. Wäre der Präsident getötet worden, es hätte keine Möglichkeit gegeben, die Sache zu vertuschen. Vertuschen, das war ein häßliches Wort, aber oft unvermeidlich in der Welt der Spitzenpolitik. Beim Gedanken an die Schlagzeilen schauderte sie leicht. »Präsident tot aufgefunden, im Schlafzimmer des Hauses eines guten Freundes. Frau wegen Mordes verhaftet. Stabschefin Gloria Russell wird von den Parteiführern dafür verantwortlich gemacht.« Aber das war nicht geschehen. Und es würde nicht geschehen.

Der Gegenstand, den sie in der Hand hielt, war mehr wert als ein ganzer Berg waffentaugliches Plutonium, mehr als die gesamte Ölproduktion Saudi-Arabiens.

Wer konnte sagen, was mit diesem Gegenstand in ihrem Besitz alles möglich war? Vielleicht eine gemeinsame Russell-Richmond-Kandidatur? Die Möglichkeiten waren nahezu uneingeschränkt.

Sie lächelte, ließ den Beutel in der Handtasche verschwinden und legte sie auf den Nachttisch.

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Der Schrei ließ Luther herumfahren.

Schmerz schoß durch seinen Nacken, und er hätte sich beinahe durch einen Laut verraten. Der Präsident stürmte ins Schlafzimmer. Die Augen waren weit aufgerissen, aber immer noch halb vom Alkohol umwölkt. Die Erinnerung an die letzten Stunden war wie eine Boeing 747 in seinem Gehirn gelandet.

Burton tauchte hinter ihm auf. Der Präsident rannte auf die Leiche zu. Russell und Collin stoppten ihn auf halbem Weg.

»Gottverdammt! Sie ist tot. Ich hab’ sie umgebracht. O gütiger Jesus, hilf mir. Ich habe sie getötet!« Brüllend, schluchzend, ehemals brüllend versuchte er die Mauer vor sich zu durchbrechen, doch er war noch zu schwach. Burton hielt den Präsidenten von hinten zurück.

Mit einer verzweifelten Anstrengung riß Richmond sich los, raste durch das Zimmer und krachte gegen die Wand. Er fiel gegen den Nachttisch, und schließlich stürzte der Präsident der Vereinigten Staaten zu Boden und blieb, zusammengekrümmt wie ein Embryo, wimmernd neben der Frau liegen, mit der er die Nacht hatte verbringen wollen.

Angewidert beobachtete Luther die Szene. Er rieb sich den Nacken und drehte den Kopf hin und her. Die Unglaublichkeit der Ereignisse wurde langsam zu viel für ihn.

Unbeholfen setzte sich der Präsident auf; er machte einen völlig verwirrten Eindruck. Burton sah so aus, wie Luther sich fühlte, schwieg aber. Collin schaute zu Russell und wartete auf Anweisungen. Russell bemerkte den Blick und nahm die subtile Wachablösung wie selbstverständlich zur Kenntnis.

»Gloria?«

»Ja, Alan?«

Luther hatte gesehen, wie Russell das Messer anstarrte. Nun wußte er etwas, was sonst niemand im Raum wußte.

»Kommt wieder alles in Ordnung? Du bringst doch alles in Ordnung, Gloria, nicht wahr? Bitte! O Gott, Gloria!«

Sie legte ihm die Hand auf die Schulter, so beruhigend, wie sie es bei unzähligen Gelegenheiten während des Wahlkampfes getan hatte. »Es ist alles unter Kontrolle, Alan. Ich habe alles im Griff.«

Der Präsident war viel zu betrunken, um die Bedeutung ihrer Worte zu begreifen, doch das war ihr einerlei. Was er dachte, interessierte sie eigentlich nicht mehr.

Burton faßte an seinen Ohrempfanger und lauschte einen Augenblick angestrengt. Er wandte sich an Russell.

»Wir sollten besser Schleunigst von hier verschwinden. Varney hat gerade einen Streifenwagen gesehen, der die Straße runterkommt.«

»Die Alarmanlage …?« Fragend sah Russell ihn an.

Burton schüttelte den Kopf. »Wahrscheinlich ist es nur ein privater Wachdienst auf Routinefahrt, aber wenn er was Verdächtiges sieht …« Er mußte nichts weiter hinzufügen.

Ironischerweise war es in dieser reichen Gegend vermutlich die beste Tarnung, in einer Limousine wegzufahren. Sie dankte Gott für die Routine, die sie entwickelt hatte. Stets mietete sie Limousinen ohne Fahrer für Ausflüge dieser Art. Selbst wenn sie gesehen wurden, die Namen auf den Formularen waren allesamt falsch, Leihgebühr und Kaution waren bar bezahlt, und der Wagen wurde nach Dienstschluß abgeholt und zurückgegeben. Mit der ganzen Abwicklung ließen sich keine Gesichter in Verbindung bringen. Das Auto mußte natürlich desinfiziert werden. Es würde sich für die Polizei als Sackgasse erweisen, sollte sie überhaupt je diese Spur verfolgen, was höchst zweifelhaft war.

»Gehen wir!« Russell wurde nun doch von leichter Panik ergriffen.

Sie halfen dem Präsidenten auf. Russell führte ihn hinaus. Collin packte die Beutel. Dann hielt er inne.

Luther schluckte schwer.

Collin drehte sich um, griff sich Russells Handtasche vom Nachttisch und eilte hinaus.

Burton nahm den kleinen Staubsauger in Betrieb, schloß seine Arbeit in dem Zimmer ab und verließ es, wobei er die Tür zumachte und das Licht abdrehte.

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Luthers Welt wurde wieder pechschwarz.

Nun war er zum erstenmal mit der toten Frau allein im Zimmer. Die anderen hatten sich offenbar an den blutigen Körper auf dem Boden gewöhnt; achtlos stiegen sie über das leblose Objekt hinweg oder daran vorbei. Luther aber hatte sich noch nicht mit der Anwesenheit der Toten abfinden können, die kaum zweieinhalb Meter entfernt lag.

Zwar konnte er die blutbefleckten Kleider und den leblosen Körper nicht mehr sehen, doch er wußte, daß beides da war. »Eine reiche Schlampe weniger«, würden manche auf der Straße denken, wenn auch nicht laut sagen. Ja, sie hatte ihren Mann betrogen, was ihn im übrigen nicht zu stören schien. Aber sie hatte es nicht verdient, auf diese Weise zu sterben. Richmond hätte sie umgebracht, daran bestand kein Zweifel. Hätte sie nicht ihren überraschenden Gegenangriff gestartet, der Präsident wäre zum Mörder geworden.

Den Männern vom Secret Service konnte er eigentlich keine Schuld geben. Sie hatten nur ihre Aufgabe erledigt. Christine Sullivan hatte sich einfach den falschen Mann ausgesucht, den sie in der Hitze des Gefechts töten wollte. Vielleicht war es besser so. Wäre sie ein wenig schneller gewesen oder hätten die Agenten ein wenig langsamer reagiert, sie hätte vermutlich den Rest ihres Lebens hinter Gittern verbracht. Wahrscheinlich stand sogar die Todesstrafe auf Ermordung des Präsidenten.

Luther setzte sich auf den Stuhl. Seine Beine fühlten sich an wie Gummi. Er zwang sich zur Ruhe. Bald würde er sich auf die Socken machen müssen, als wäre der Teufel hinter ihm her.

Es gab eine Menge zu überdenken. Schließlich war Luther Whitney nichtsahnend zum Verdächtigen Nummer eins bei einem Verbrechen geworden, das zweifellos als abstoßend und grauenvoll angesehen werden mußte. Der Reichtum des Opfers würde einen gewaltigen Ermittlungsaufwand bedingen, der für die Ergreifung des Übeltäters bürgen sollte. Aber die Aussichten, daß man in der Pennsylvania Avenue 1600 nach dem Mörder suchte, waren gleich Null. Man würde in eine andere Richtung ermitteln, und trotz Luthers ausgeklügelter Vorbereitungen war es durchaus möglich, daß sie ihn aufspürten. Er war gut, sehr gut sogar, doch er war auch noch nie mit den Kräften konfrontiert gewesen, die man auf dieses Verbrechen ansetzen würde.

Rasch ging er den gesamten Plan durch, der zu dieser Nacht geführt hatte. Dabei stieß er auf keine offensichtlichen Fehler, aber für gewöhnlich waren es die weniger offensichtlichen, über die man stolperte. Luther schluckte, beugte und dehnte die Finger und streckte die Beine, um sich zu beruhigen. Eins nach dem anderen. Noch war er nicht hier raus. Vieles konnte schiefgehen, und das eine oder andere davon würde schiefgehen.

Zwei Minuten wollte er noch warten. In Gedanken zählte er die Sekunden, stellte sich vor, wie sie in den Wagen stiegen. Gewiß würden sie auf ein Geräusch oder Zeichen der Streife warten, ehe sie losfuhren.

Leise öffnete Luther den Sack, der einen Großteil des Inhalts dieses Raumes enthielt. Beinahe hatte er vergessen, daß er hergekommen war, um zu stehlen, und auch gestohlen hatte. Sein Wagen stand gut eine Viertelmeile weit entfernt. Gott sei Dank hatte er schon vor vielen Jahren mit dem Rauchen aufgehört; jeden Kubikzentimeter Luft in den Lungen würde er jetzt dringend brauchen. Wie viele Agenten des Secret Service hatte er als Gegner? Mindestens vier. Scheiße!

Die verspiegelte Tür schwang auf, und Luther betrat das Zimmer. Nochmals betätigte er die Fernbedienung und warf sie zurück auf den Stuhl, während die Tür zuglitt. Sein Blick fiel auf das Fenster. Er hatte bereits einen zweiten Fluchtweg durch diese Öffnung geplant. In seinem Sack befand sich eine Dreißig-Meter-Rolle extrem starken Nylonseils, mit Knoten in Abständen von fünfzehn Zentimetern.

Um die Leiche machte er einen weiten Bogen, sorgsam darauf bedacht, nicht in die Blutflecken zu treten, deren Lage er sich genau eingeprägt hatte. Nur einen einzigen, flüchtigen Blick warf er auf die Überreste von Christine Sullivan. Ihr Leben war dahin, unwiederbringlich. Luther mußte sich darum kümmern, sein eigenes zu retten.

In wenigen Sekunden erreichte er den Nachttisch und faßte dahinter.

Luthers Finger fanden den Plastikbeutel. Als der Präsident gegen das Möbelstück geprallt war, hatte er dadurch Gloria Russells Handtasche umgeworfen. Der Plastikbeutel und sein ungemein wertvoller Inhalt waren herausgefallen und hinter den Nachttisch gerutscht.

Durch das Plastik betastete Luther die Klinge des Brieföffners, bevor er ihn in seinem Sportbeutel verschwinden ließ. Rasch ging er ans Fenster und schaute abwägend hinaus. Die Limousine und der Kastenwagen waren immer noch da. Das war nicht gut.

Er durchquerte das Zimmer, holte das Seil hervor und sicherte es unter einem Bein der unglaublich schweren Kommode. Dann zog er das Seil zu dem Fenster, welches auf die hintere Seite des Hauses führte, die von der Straße aus auch nicht einzusehen war. Behutsam öffnete Luther das Fenster und betete um ein gut geöltes Scharnier. Das nahezu geräuschlose Aufgleiten war seine Belohnung.

Er warf das Seil hinaus und beobachtete, wie es sich entlang der Ziegelmauer des Hauses nach unten wand.

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Gloria Russell blickte die massive Front der Villa empor. Dahinter steckte eine Menge Geld. Geld und eine Stellung, die Christine Sullivan nicht verdient hatte. Beides hatte sie durch ihre Titten erlangt, den kunstvoll zur Schau gestellten Hintern und ihr wertloses Geschwätz. Es mußte den alternden Walter Sullivan irgendwie beeindruckt, ein Gefühl in ihm geweckt haben, das lange Zeit in den Tiefen seiner Seele geschlummert hatte. In einem halben Jahr würde er sie nicht mehr vermissen. Seine Welt unantastbaren Reichtums und unglaublicher Macht würde sich weiterdrehen.

Dann traf es sie wie ein Blitz.

Sie war bereits halb aus der Limousine gesprungen, als Collin sie am Arm packte. Er hielt die Ledertasche hoch, die sie in Georgetown für hundert Dollar gekauft hatte und die nun für sie unvergleichbar mehr wert war. Sie sank zurück in den Sitz, ihre Atmung beruhigte sich. Beinahe beschämt lächelte sie Collin an.

Der Präsident, der wie ein Mehlsack in sich zusammengesunken war, bemerkte den Blickwechsel nicht.

Russell lugte in die Tasche, nur um sicherzugehen. Sie riß den Mund weit auf, die Hände durchwühlten panisch den Inhalt der Tasche. All ihre Willenskraft mußte sie aufbieten, um nicht laut aufzukreischen, als sie den jungen Agenten entsetzt anstarrte. Der Brieföffner war nicht da. Er mußte noch im Haus sein.

Collin rannte die Treppen zum Haus zurück; der völlig verwirrte Burton hetzte hinter ihm her.

Luther befand sich auf halbem Weg die Mauer hinunter, als er sie kommen hörte.

Noch drei Meter.

Sie rissen die Tür auf.

Noch eineinhalb Meter.

Verblüfft starrten die beiden Agenten des Secret Service auf das Seil. Burton hechtete danach.

Noch ein halber Meter. Luther ließ das Seil fahren und sprintete los.

Burton stürzte ans Fenster. Collin stieß den Nachttisch zur Seite: Nichts. Er hetzte zu Burton ans Fenster. Luther war bereits um die Ecke verschwunden. Burton wollte gerade aus dem Fenster klettern, doch Collin hielt ihn zurück. Der Weg, den sie gekommen waren, würde schneller sein.

Sie stürmten zur Tür hinaus.

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Luther preschte durch das Maisfeld. Er achtete nicht mehr darauf, ob er Spuren hinterließ, es ging nur noch darum, den Rest der Nacht zu überleben. Der Sportbeutel behinderte ihn ein wenig, doch er hatte während der letzten Monate zu hart gearbeitet, um nun mit leeren Händen abzuziehen.

Er brach aus der schützenden Deckung der Maisstauden hervor und sah sich in die gefährlichste Phase seiner Flucht katapultiert: etwa hundert Meter offenes Gelände. Der Mond war zwar hinter dichten Wolken verschwunden, und es gab keine Straßenbeleuchtung auf dem Land; es sollte nahezu unmöglich sein, ihn in der schwarzen Kleidung auszumachen. Doch das menschliche Auge war meisterlich darin, Bewegungen in der Dunkelheit aufzuspüren, also rannte er, so schnell er konnte.

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Die zwei Agenten des Secret Service hielten einen Augenblick bei dem Kastenwagen an. Gemeinsam mit Agent Varney starteten sie wieder los und hetzten weiter.

Russell ließ das Fenster hinunter und sah ihnen nach. Bestürzung stand ihr ins Gesicht geschrieben. Sogar der Präsident merkte, daß etwas vor sich ging, doch sie beruhigte ihn rasch, und er verfiel wieder in seinen Halbschlaf.

Collin und Burton setzten Nachtsichtgeräte auf; sofort ähnelte ihr Blickfeld einer Art von Computerspiel. Wärmeenergiefelder erschienen rot, alles andere war dunkelgrün.

Agent Travis Varney, ein großer, langbeiniger Bursche, wußte nur vage, worum es ging. Er lief vor ihnen, mit den geübten Bewegungen des Tausendfünfhundertmeter-Läufers, der er am College gewesen war.

Varney war seit drei Jahren beim Secret Service. Er war ungebunden, gab sich ganz seinem Beruf hin und betrachtete Burton als Ersatz für den Vater, der aus Vietnam nicht wieder zurückgekommen war. Sie verfolgten jemanden, der etwas in diesem Haus angerichtet hatte. Etwas, das den Präsidenten betraf; deshalb betraf es auch Varney. Er bewunderte und respektierte Alan Richmond, und sollte es ihm gelingen, den Unbekannten einzuholen, dann gnade ihm Gott …

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Luther hörte die Geräusche der hinter ihm herjagenden Männer. Sie hatten die Verfolgung schneller aufgenommen, als er gedacht hatte. Sein Vorsprung war zwar geschwunden, dennoch sollte er ausreichen. Einen schweren Fehler hatten sie begangen, indem sie nicht in den Kastenwagen gesprungen und hinter ihm hergefahren waren. Sie mußten schließlich damit rechnen, daß er ein Fahrzeug hatte und nicht etwa mit dem Hubschrauber eingeschwbt war. Es war nicht so, daß er den Fehler bedauerte. Vielmehr war Luther dankbar, daß sie nicht ganz so ausgebufft waren, wie sie hätten sein müssen. Andernfalls dürfte er den nächsten Sonnenaufgang wohl nicht mehr erleben.

Er nahm eine Abkürzung über einen Waldweg, den er bei seiner letzten Begehung des Geländes entdeckt hatte. Das brachte ihm etwa eine Minute ein. Sein Atem ging stoßweise, wie Maschinengewehrfeuer. Die durchgeschwitzten Kleider klebten schwer an ihm; die Beine schienen sich in Zeitlupe zu bewegen, wie in einem Alptraum.

Endlich brach er aus dem Wald hervor, erblickte den Wagen und war erneut dankbar dafür, daß er sich die Zeit genommen hatte, ihn hier abzustellen.

Hundert Meter hinter ihm sahen Burton und Collin erstmals eine andere Wärmeenergie auf dem Bildschirm als jene Varneys. Es war ein Mann, der rannte, verzweifelt rannte. Ihre Hände flogen an die Schulterhalfter. Keiner trug eine Waffe, die für große Entfernungen konstruiert war, doch sie hatten im Augenblick keine Zeit, sich darüber Gedanken zu machen.

Ein Motor brüllte auf; Burton und Collin liefen, als klebte ein Tornado an ihren Fersen.

Varney war immer noch links vor ihnen. Er hatte die bessere Schußposition, aber würde er auch feuern? Etwas sagte den beiden, daß er es nicht tun würde; es war nicht Teil seiner Ausbildung gewesen, auf einen Flüchtenden zu schießen, der keine Gefahr für den Mann darstellte, den zu beschützen er geschworen hatte. Doch Varney wußte auch nicht, daß hier weit mehr auf dem Spiel stand als das Leben eines Menschen. Es ging um eine ganze Institution, die unwiderruflich zusammenbrechen konnte. Darüber hinaus war die Karriere zweier Secret-Service-Agenten gefährdet, die überzeugt waren, nichts falsch gemacht zu haben, aber auch intelligent genug, um zu wissen, daß man ihnen einen Großteil der Schuld in die Schuhe schieben würde.

Burton war nie ein großer Läufer gewesen, aber bei diesen Gedanken beschleunigte er die Schritte, daß der jüngere Collin nur noch mühevoll mithalten konnte. Dennoch wußte Burton, daß es zu spät war. Er wurde bereits langsamer, als der Wagen losschoß und von ihnen wegraste. Augenblicke später war er bereits zweihundert Meter die Straße hinuntergebraust.

Burton hielt an, fiel auf die Knie, zielte mit der Waffe, doch alles, was er noch sehen konnte, war der Staub, den das davonpreschende Fahrzeug aufwirbelte. Dann gingen die Rücklichter aus, und Sekunden später hatte er das Ziel aus den Augen verloren.

Er wandte sich um und erblickte Collin, der neben ihm stand und auf ihn herabstarrte, während ihm die ganze Tragweite des Geschehens zu Bewußtsein kam. Langsam erhob sich Burton und steckte die Waffe weg. Er nahm die Nachtsichtgläser ab. Collin tat es ihm gleich.

Sie sahen einander an.

Burton holte tief Luft; seine Knie zitterten. Nun, da der Adrenalinfluß versiegte, reagierte der Körper auf die eben durchgemachte Anstrengung. Es war vorbei, oder etwa nicht?

Dann kam Varney gelaufen. Burton war nicht zu müde, um mit einem Anflug von Neid — und auch ein bißchen Stolz zu bemerken, daß der junge Mann noch nicht einmal außer Atem war. Er würde dafür sorgen, daß Varney und Johnson nicht mit ihnen untergingen. Sie hatten es nicht verdient.

Für ihn und Collin gab es keine Rettung, aber das war’s dann auch. Es tat ihm leid wegen Collin, doch daran konnte er nichts ändern. Als jedoch Varney die Stimme erhob, drang in Burtons düstere Zukunftsvisionen ein kleiner Funken Hoffnung.

»Ich habe das Kennzeichen, Boß.«

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»Wo, zum Teufel, hat er sich versteckt?« Ungläubig sah sich Russell im Schlafzimmer um. »War er etwa unter dem verfluchten Bett?«

Sie versuchte, Burton in Grund und Boden zu starren. Der Kerl war nicht unter dem Bett gewesen, ebensowenig in einem der Schränke. Burton hatte überall dort nachgesehen, als er das Zimmer desinfizierte. Das teilte er Russell unmißverständlich mit.

Burton betrachtete das Seil, dann das offene Fenster.

»Himmel, es scheint, als hätte uns der Kerl die ganze Zeit beobachtet, als hätte er genau gewußt, wann wir das Haus verlassen haben.« Burton beendete den Satz, dann sah er sich nach weiteren unerwünschten Gästen um, die sich möglicherweise irgendwo versteckt hielten. Sein Blick fiel auf den Spiegel, wanderte weiter, hielt inne, und wanderte zurück.

Er starrte auf den Teppich vor dem Spiegel.

Immer und immer wieder war er mit dem Staubsauger darübergefahren, bis er glatt gewesen war. Der teure Plüschteppich war gut einen halben Zentimeter dicker gewesen, als er damit fertig war, vielleicht sogar mehr. Niemand war dort aufgetreten, seit sie ins Zimmer zurückgekommen waren.

Und dennoch, als er sich hinunterbeugte, entdeckte er grobe Fußspuren. Vorher hatte er sie nicht bemerkt, da der ganze Bereich niedergedrückt schien, als ob etwas herausgeschwungen wäre … Er streifte die Handschuhe über, lief zum Spiegel, und zerrte und fummelte an dessen Rändern herum. Dann brüllte er Collin zu, er sollte Werkzeug holen, während Russell verblüfft zusah.

Burton setzte die Brechstange etwa in der Mitte der Seitenleiste des Spiegels an. Collin und er stemmten sich mit voller Kraft dagegen. Das Schloß war nicht übermäßig stark. Das Schutzprinzip beruhte mehr auf Täuschung denn auf Widerstandsfähigkeit.

Ein quietschendes Geräusch ertönte, gefolgt von einem Krachen, dann schwang die Tür auf.

Burton stürmte hinein, gleich hinter ihm Collin. An der Wand befand sich ein Lichtschalter. Das Licht ging an, und die Männer sahen sich um.

Russell spähte hinein und entdeckte den Stuhl. Als sie sich umwandte, versteinerte ihr Blick. Dort, wo der Spiegel gewesen wäre, starrte sie genau auf das Bett. Das Bett, auf dem sie vor kurzem … Sie rieb sich die Schläfen, als ein plötzlicher Schmerz durch ihren Kopf zuckte.

Ein Einwegspiegel.

Sie drehte sich um. Burton schaute über ihre Schulter hinweg auf die Spiegeltür. Seine Bemerkung darüber, daß jemand sie beobachtet haben mußte, hatte sich soeben als prophetisch erwiesen.

Hilflos starte er Russell an. »Er muß die ganze Zeit über hier gewesen sein. Die ganze verdammte Zeit. Scheiße, das ist kaum zu glauben. Wahrscheinlich hat er eine Menge mitgehen lassen, Bargeld und Wertsachen.«

»Wen interessiert das!« fuhr Russell ihn an und deutete auf den Spiegel. »Dieser Kerl hat alles gehört und gesehen, und Sie haben ihn entwischen lassen.«

»Wir haben sein Autokennzeichen.« Collin hoffte auf ein weiteres Lächeln als Belohnung. Er bekam es nicht.

»Und? Glauben Sie, er legt jetzt die Hände in den Schoß und wartet, bis wir seine Adresse herausgefunden haben und bei ihm an die Tür klopfen?«

Russell setzte sich auf das Bett. Ihre Gedanken wirbelten durcheinander. Wenn der Kerl da drin gewesen war, hatte er alles gesehen. Sie schüttelte den Kopf. Eine ernste, aber kontrollierbare Lage hatte sich plötzlich in eine unzusammenhängende Katastrophe verwandelt, die sie ganz und gar nicht mehr unter Kontrolle hatte. Besonders angesichts der Information, die Collin ihr anvertraut hatte, als sie ins Schlafzimmer gekommen war.

Der Kerl hatte den Brieföffner! Fingerabdrücke, Blut, alles, alles wies geradewegs auf das Weiße Haus.

Sie schaute zum Spiegel hinüber, vor dem sie kurz zuvor den Präsidenten bestiegen hatte. Instinktiv zog sie die Jacke enger. Plötzliche Übelkeit ergriff Besitz von ihr; sie klammerte sich an den Bettpfosten.

Burton trat aus dem Tresorraum. »Hey, er hat ein Verbrechen begangen. Er kann ziemlichen Ärger bekommen, wenn er zu den Bullen geht.« Dieser Gedanke war Burton gekommen, als er sich im Tresorraum umsah.

Er hätte besser zweimal darüber nachdenken sollen.

Russell unterdrückte den starken Drang, sich zu übergeben. »Er muß sich nicht unbedingt stellen, um ihnen das hier zu erzählen, Burton. Verflucht noch mal, haben Sie schon mal etwas von Telefon gehört? Wahrscheinlich ruft er gerade die Washington Post an. VERDAMMT! Und danach die Boulevardpresse, und Ende der Woche können wir ihn vermutlich bei Talkshows erleben, die ihn mit verdecktem Gesicht von irgendeiner kleinen Insel einspielen, auf die er sich zurückgezogen hat. Dann kommt das Buch und dann der Film. SCHEISSE!«

Russell sah vor sich, wie ein gewisses Päckchen in Donald Grahams Büro bei der Post ankam oder beim FBI im J. Edgar Hoover Building oder im Büro der Bundesstaatsanwaltschaft oder im Büro des Minderheitssprechers des Senats. All das waren mögliche Adressen, die ein Maximum an politischem Schaden anrichten konnten, ganz zu schweigen vom rechtlichen Nachspiel.

Die beiliegende Nachricht würde dazu auffordern, die Fingerabdrücke und das Blut mit Gewebeproben des Präsidenten der Vereinigten Staaten zu vergleichen. Wie ein Witz würde es sich anhören; trotzdem würden sie es tun. Selbstverständlich würden sie es tun. Richmonds Fingerabdrücke waren bereits archiviert. Die DNA würde übereinstimmen. Man würde die Leiche finden, das Blut überprüfen und sie mit Fragen überhäufen, auf die sie unmöglich Antworten finden konnten.

Sie waren erledigt; sie waren so gut wie tot. Und dieser Mistkerl hatte einfach hier gesessen und auf seine Chance gewartet. Dabei hatte er noch gar nicht gewußt, daß ihm diese Nacht den größten Erfolg seines Lebens bescheren sollte. Nicht bloß Dollars. Er konnte einen Präsidenten mit wehenden Fahnen in den Untergang schicken, ihn ohne Hoffnung auf Überleben zur Erde krachen lassen. Wie oft bot sich eine derartige Gelegenheit? Bernstein und Woodward waren zu Helden geworden, nachdem sie den Watergate-Skandal aufgedeckt hatten. Das hier war Watergate in vielfacher Potenz. Es war verdammt noch mal zu viel, um damit fertig zu werden.

Nur mit Mühe schaffte es Russell bis ins Badezimmer. Burton betrachtete die Leiche, dann sah er Collin an. Keiner sprach ein Wort. Ihre Herzen schlugen schneller, während sich die Erkenntnis über das Ausmaß der Situation wie eine bleierne Wolke auf sie senkte. Da ihnen nichts anderes einfiel, holten Burton und Collin pflichtbewußt die Desinfektionsausrüstung wieder hervor, während Russell sich übergab. Innerhalb einer Stunde hatten sie wieder alles verpackt und waren verschwunden.

___________

Leise zog Luther die Tür hinter sich zu.

Vermutlich hatte er bestenfalls ein paar Tage, vielleicht auch weniger. Er ging das Risiko ein, Licht anzumachen. Rasch flogen seine Augen über die Einrichtung des Wohnzimmers.

Sein zuvor normales — oder annähernd normales — Leben hatte sich in einen Alptraum verwandelt.

Luther nahm den Rucksack ab, schaltete das Licht aus und schlich ans Fenster.

Nichts; alles war ruhig. Die Flucht aus dem Haus war die nervenaufreibendste Erfahrung seines Lebens gewesen, schlimmer noch als der Ansturm schreiender Nordkoreaner im Krieg. Immer noch zuckten seine Hände. Auf dem Rückweg schien jedes Auto die Scheinwerfer direkt in sein Gesicht zu bohren, um dort nach dem entsetzlichen Geheimnis zu fahnden. Zweimal war ein Streifenwagen an ihm vorbeigefahren; der Schweiß war ihm von der Stirn geströmt, und seine Kehle war wie zugeschnürt gewesen.

Er hatte den Wagen wieder zum Verwahrungsparkplatz für sichergestellte Fahrzeuge gebracht, von wo er ihn zuvor »geliehen« hatte. Das Kennzeichen würde sie nicht weiterbringen, aber vielleicht irgend etwas anderes.

Luther bezweifelte, daß sie ihn richtig gesehen hatten. Selbst wenn, wären ihnen nur seine Größe und Statur bekannt. Alter, Rasse und Gesichtszüge mußten ihnen verborgen geblieben sein, und ohne das hatten sie nichts in der Hand. Und nach der Geschwindigkeit, mit der er gerannt war, nahmen sie wahrscheinlich an, er wäre ein jüngerer Mann. Es gab nur ein Leck, und er hatte auf der Rückfahrt darüber nachgedacht, wie er es stopfen konnte. Für den Augenblick begnügte er sich damit, so viel aus den letzten dreißig Jahren zusammenzupacken, wie in zwei Taschen Platz fand; hierher würde er niemals zurückkehren.

Morgen früh wollte er sein Konto leerräumen. Mit dem Geld konnte er sich ziemlich weit absetzen. In seinem langen Leben hatte er mehr als genug Gefahren getrotzt. Aber die Wahl zwischen Untertauchen und einem Kampf gegen den Präsidenten der Vereinigten Staaten bedurfte keiner langen Überlegung.

Die Beute dieser Nacht hatte Luther an einem sicheren Ort versteckt. Drei Monate Arbeit für einen Preis, der ihn das Leben kosten konnte.

Er schloß die Tür hinter sich ab und verschwand in der Nacht.

4

Um sieben Uhr morgens öfineten sich die vergoldeten Lifttüren, und Jack betrat das aufwendig dekorierte Areal, das Patton, Shaw & Lord als Empfang diente.

Lucinda war noch nicht da, deshalb war die zentrale Empfangstheke unbesetzt, ein Stück aus solidem Teakholz, das gut tausend Pfund wiegen mochte, wobei jedes Pfund etwa zwanzig Dollar gekostet hatte.

Er schlenderte unter dem sanften Licht der Wandleuchten den hellen Flur entlang, wandte sich nach rechts, dann nach links, und öffnete eine Minute später die massive Eichentür zu seinem Büro. Im Hintergrund kündete das Läuten unzähliger Telefone davon, daß die Stadt zu einem weiteren Arbeitstag erwachte.

Sechs Stockwerke und gut zehntausend Quadratmeter Nutzfläche in einer der besten Adressen der Innenstadt beherbergten über zweihundert hochbezahlte Anwälte; außerdem gab es eine zweistöckige Bibliothek, einen vollständig ausgestatteten Fitneßraum, eine Sauna, Duschen und Umkleideräume für Männer und Frauen, zehn Konferenzräume, Hilfspersonal im Umfang von mehreren hundert Personen sowie — und das war am wichtigsten — eine Klientenliste, die sich jede größere Firma im Land gewünscht hätte. Das war das Imperium von Patton, Shaw & Lord.

Die Firma hatte die magere Zeit gegen Ende der achtziger Jahre überdauert und nach der Rezession kräftig zugelegt. Nun lief das Geschäft auf vollen Touren, denn viele der Mitbewerber hatten zwischenzeitlich Personal abgebaut. Für jeden Rechtsbereich — zumindest für die lukrativsten — verfügte man über die besten Anwälte. Viele hatte man anderen führenden Firmen abgeworben, indem man sie mit Eintrittsprämien köderte, außerdem mit dem Versprechen, nicht zu sparen, wenn es um die Werbung neuer Klienten ging.

Drei ranghohe Teilhaber waren von der derzeitigen Regierung in Spitzenpositionen gehievt worden. Die Firma hatte ihnen Abfindungen in Höhe von über zwei Millionen Dollar gezahlt, unter anderem für die stillschweigende Vereinbarung, daß sie nach ihrer Amtszeit in die Firma zurückkehrten und zig Millionen Dollar aus Rechtsgeschäften mitbrächten, die ihre neu erworbenen Kontakte im In- und Ausland versprachen.

Die ungesthriebene, aber strikt befolgte Regel der Firma war, keine Klienten anzunehmen, deren Anliegen nicht mindestens Honorarnoten über hunderttausend Dollar rechtfertigten. Die Geschäftsführung hatte entschieden, daß alles darunter nur Zeitverschwendung für die Firma wäre. Und trotz Einhaltung dieser Regel florierte das Geschäft. Die Leute kamen in die Hauptstadt der Nation, weil sie die Besten suchten, und sie waren bereit, für dieses Privileg zu bezahlen.

Die Firma hatte nur eine Ausnahme von der Regel gestattet, und ironischerweise handelte es sich dabei um Jacks einzigen Klienten neben Baldwin. Er hatte im Sinn, die Regel zunehmend auf die Probe zu stellen. Wenn er bei dieser Firma blieb, dann sollte es zu seinen eigenen Bedingungen geschehen, soweit das möglich war. Er war sich bewußt, daß er diesbezüglich fürs erste nur mit kleinen Erfolgen rechnen konnte, aber damit konnte er leben.

Er setzte sich an den Schreibtisch, öffnete den mitgebrachten Kaffeebecher und sah die Post durch. Patton, Shaw & Lord hatte fünf Küchen und drei ganztags beschäftigte Hauswirtschafterinnen, die sogar über eigene Computer verfügten. In der Firma wurden täglich vermutlich fünfhundert Kannen Kaffee konsumiert, aber Jack brachte sich den seinen von dem kleinen Kiosk an der Ecke mit, denn er konnte das Zeug nicht leiden, das er hier bekam — eine importierte Spezialmischung, die ein Vermögen kostete und wie Pferdemist mit Seetang schmeckte.

Jack lehnte sich auf dem Sessel zurück und betrachtete sein Büro. Für das Büro eines Sozius einer großen Firma war es ziemlich geräumig, etwa viereinhalb mal viereinhalb Meter, und es bot einen hübschen Ausblick auf die Connecticut Avenue.

Bei der Pflichtverteidigerschaft hatte Jack ein Büro mit einem anderen Anwalt geteilt. Es hatte kein Fenster gegeben, nur ein riesiges Poster, das einen Strand in Hawaii zeigte. Jack hatte es an einem entsetzlich kalten Morgen aufgehängt. Aber der Kaffee hatte dort besser geschmeckt.

Sobald man ihn zum Teilhaber machte, würde er ein neues Büro bekommen, zweimal so groß. Vielleicht noch kein Eckbüro, doch selbst das war absolut möglich. Mit Baldwin als Klient war er nun der viertgrößte Devisenbringer der Firma, und die obersten drei waren bereits über fünfzig beziehungsweise sechzig Jahre alt und verbrachten mehr Zeit auf dem Golfplatz als im Büro. Er sah auf die Uhr. Zeit, sich in die Arbeit zu stürzen.

Normalerweise war Jack einer der ersten im Büro, aber bald schon würde reges Treiben herrschen. Patton, Shaw & Lord zahlten Gehälter, die denen der besten New Yorker Unternehmen entsprachen; dafür erwarteten sie jedoch auch uneingeschränkten Einsatz. Die Firmen, die sie vertraten, waren von enormer Größe, ebenso ihre juristischen Ansprüche. Auf diesem Niveau konnte ein Fehler zur Folge haben, daß ein Rüstungsauftrag über vier Milliarden Dollar den Bach hinunter ging oder eine ganze Stadt den Bankrott erklären mußte.

Jeder ihm bekannte Sozius und Juniorpartner der Firma klagte über Magenbeschwerden, ein Viertel von ihnen unterzog sich der einen oder anderen Therapie. Oft betrachtete Jack die bleichen Gesichter und schlaffen Körper, wenn sie Tag um Tag durch die makellosen Gänge von PS&L schlurften, gebeugt unter der Last einer weiteren juristische Schwerstaufgabe. Das war der Preis für eine Gehaltsstufe, die sie bundesweit unter die obersten fünf Prozent aller Berufsgruppen reihte.

Ihm allein blieb das Buhlen um die Teilhaberschaft erspart. Die Klientel, die man anwarb, war der große Gleichmacher im juristischen Gewerbe. Zwar war er erst seit etwa einem Jahr bei PS&L, ein Neuling im Körperschaftsrecht, doch man zollte ihm genausoviel Respekt wie den ranghöchsten und erfahrensten Mitarbeitern der Firma.

Eigentlich müßte er sich deshalb schuldig fühlen, dieser unverdienten Gunst halber. Und das hätte er auch, wäre er nicht so restlos unglücklich über sein übriges Leben gewesen.

Jack steckte den letzten Mini-Doughnut in den Mund, beugte sich auf dem Sessel vor und schlug eine Akte auf. Vertragsangelegenheiten waren oft eintönig, und angesichts seiner juristischen Qualifikationen mochten solche Aufgaben nicht unbedingt besonders aufregend erscheinen. Pachtverträge prüfen, Einträge ins Handelsregister vorbereiten, Gesellschaften mit beschränkter Haftung errichten, Vertragsvereinbarungen abklopfen und Papiere für finanzielle Transaktionen aufsetzen — all das gehörte zur täglichen Arbeit, und die Tage wurden immer länger; aber er lernte schnell. Das mußte er auch, um zu überleben; denn seine Kenntnisse aus dem Gerichtssaal waren hier praktisch nutzlos.

Aus alter Tradition übernahm die Firma keine Rechtsstreitigkeiten. Man zog es vor, sich auf die lukrativeren und weniger riskanten Körperschafts- und Steuerangelegenheiten zu beschränken. Tauchte ein Rechtsstreit auf, so wurde er an eine von mehreren ausgewählten, hochrangigen Kanzleien übergeben, die sich ausschließlich mit derlei Dingen beschäftigten. Diese wiederum verwiesen sämtliche Klienten, die keinen Prozeßbeistand benötigten, an Patton, Shaw & Lord. Es war eine Übereinkunft, die sich über die Jahre hinweg hervorragend bewährt hatte.

Bis mittag hatte Jack zwei Aktenstapel aus dem Eingangspostkorb in den Ausgangspostkorb transferiert, drei letzte Checklisten für vertragsreife Abschlüsse sowie ein paar Briefe diktiert — und vier Anrufe von Jennifer entgegengenommen, die ihn an das Dinner im Weißen Haus erinnerte, an dem sie heute abend teilnehmen würden.

Ihr Vater sollte von irgendeiner Organisation zum Geschäftsmann des Jahres gekürt werden. Es sprach Bände über die enge Beziehung des Präsidenten zur Geschäftswelt, daß in solches Ereignis einen Empfang im Weißen Haus wert war. Zumindest aber bot sich Jack auf diese Weise die Gelegenheit, den Mann einmal aus der Nähe zu sehen. Zwar würde er ihn wohl kaum persönlich kennenlernen, aber man konnte ja nie wissen.

»Haben Sie eine Minute Zeit?« Barry Alvis steckte den zunehmend kahler werdenden Kopf zur Tür herein. Er war Leitender Sozius, was bedeutete, daß er bei der Vergabe der Teilhaberschaft bereits dreimal übergangen worden war. Tätsächlich würde er niemals die nächste Sprosse der Karriereleiter erklimmen. Er war intelligent und arbeitete hart; jede Firma konnte sich glücklich schätzen, einen Anwalt wie ihn in den Reihen zu haben. Doch seine Redegewandtheit und damit die Fähigkeit, Kunden zu werben, war gleich Null. Pro Jahr verdiente Alvis hundertvierzigtausend Dollar, und er arbeitete hart genug, um weitere fünfzehntausend jährlich an Prämien zu kassieren. Seine Frau war nicht berufstätig, die Kinder besuchten Privatschulen, er fuhr einen einigermaßen neuen BMW; er hatte somit wenig, worüber er sich beklagen konnte.

Alvis war ein überaus erfahrener Anwalt, der auf zehn Jahre intensiver und hochkarätiger Vertragsarbeit zurückblickte, und er hatte allen Grund, Jack seine Position übelzunehmen. Was er auch tat.

Jack winkte ihn herein. Er wußte, daß Alvis ihn nicht mochte, wußte warum und ließ es dabei bewenden. Er konnte genausoviel einstecken wie alle anderen auch, wenngleich mit dem Bewußtsein, daß er sich zur Wehr setzen könnte, wenn es nicht mehr anders ginge.

»Jack, wir müssen die Bishop-Fusion ankurbeln.« Verblüfft sah Jack ihn an. Diese Transaktion, eine äußerst lästige Angelegenheit, war abgeblasen worden. Zumindest hatte er das angenommen. Mit zitternden Händen zog er einen Notizblock hervor.

»Ich dachte, Raymond Bishop wollte sich nicht mit TCC einlassen.«

Alvis nahm Platz, legte die fast vierzig Zentimeter dicke Akte, die er bei sich trug, auf den Tisch und lehnte sich zurück.

»Manche Geschäfte sterben und stehen dann aus dem Grab wieder auf. Wir brauchen Ihre Stellungnahme über die Unterlagen zur Sekundärfinanzierung bis morgen nachmittag.«

Jack ließ beinahe den Kugelschreiber fallen. »Das sind vierzehn Verträge und über fünfhundert Seiten, Barry. Wann haben Sie das erfahren?«

Alvis stand auf. Jack glaubte, ein verstohlenes Lächeln auf dem Gesicht des Mannes zu erkennen.

»Fünfzehn Verträge, die offizielle Seitenzahl beträgt sechshundertdreizehn, einzeilig geschrieben. Anlagen nicht mitgezählt. Danke, Jack, PS&L weiß es zu schätzen.« Er drehte sich um. »Oh, viel Spaß beim Präsidenten heute abend. Und grüßen Sie Ms. Baldwin.«

Alvis ging hinaus.

Jack betrachtete den Stapel und rieb sich die Schläfen. Er fragte sich, wann der kleine Mistkerl tatsächlich erfahren hatte, daß die Bishop-Fusion wieder zum Leben erweckt worden war. Irgend etwas sagte ihm, daß es nicht erst heute morgen geschehen sei.

Er sah auf die Uhr. Über das Sprechgerät wies er seine Sekretärin an, alle Termine für den Rest des Tages abzusagen; dann packte er die vier Kilo schwere Akte und machte sich auf den Weg zu Konferenzraum Nummer neun. Es war der kleinste und abgelegenste Konferenzraum der Firma, ideal, um sich zurückzuziehen. Wenn er sich dort sechs Stunden in die Arbeit hineinkniete, zu dem Empfang ging, danach das Weite suchte, die Nacht durchrackerte, sich im Dampfbad duschte und rasierte und dann seine Stellungnahme abfaßte, würde er es gerade noch schaffen, sie bis drei, spätestens vier Uhr auf Alvis’ Schreibtisch zu packen. Der kleine Dreckskerl!

Nach vier Verträgen aß Jack die letzten Chips, trank die Cola aus, zog die Jacke an und rannte die zehn Stockwerke zur Lobby hinunter.

Vor seiner Wohnung sprang er aus dem Taxi. Er blieb abrupt stehen, als er sah, was auf der Straße parkte.

Es war ein Jaguar. Das Wunschkennzeichen »SUCCESS« bestätigte, daß seine künftige Angetraute oben auf ihn wartete. Wahrscheinlich war sie wütend auf ihn. Jennifer Baldwin ließ sich niemals dazu herab, in seine Wohnung zu kommen, wenn sie nicht über irgend etwas verärgert war und ihn das wissen lassen wollte.

Die Uhr verriet ihm, daß er zwar ein wenig spät dran war, es aber immer noch leicht schaffen konnte. Während Jack die Eingangstür aufsperrte, rieb er sich das Kinn; vielleicht konnte er sich eine Rasur sparen, um so zusätzlich Zeit zu gewinnen.

Jennifer saß auf der Couch, über die sie vorsorglich eine Decke gebreitet hatte. Er mußte zugeben, daß sie umwerfend aussah; ein echtes Blaublut, was auch immer das heutzutage heißen mochte. Sie stand auf und musterte ihn mit unbewegter Miene.

»Du bist spät dran.«

»Ich weiß. Aber ich bin nun mal nicht mein eigener Herr.«

»Das ist keine Entschuldigung. Schließlich arbeite ich auch.«

»Sicher, der Unterschied ist nur, daß dein Boß denselben Nachnamen hat und sich von seiner hübschen kleinen Tochter um den Finger wickeln läßt.«

»Meine Eltern sind schon vorausgefahren. Die Limousine kommt in zwanzig Minuten.«

»Das schaffe ich leicht.« Jack zog sich aus und sprang unter die Dusche. Er schob den Vorhang zur Seite. »Jenn, kannst du mir den blauen Zweireiher raushängen?« Sie kam ins Badezimmer und sah sich unverhohlen angewidert um.

»Auf der Einladung steht aber schwarzer Abendanzug.«

»Schwarzer Abendanzug erwünscht«, verbesserte er sie und rieb sich die Seife aus den Augen.

»Jack, tu das nicht. Wir gehen ins Weiße Haus, um Himmels willen. Wir treffen den Präsidenten.«

»Man darf selbst entscheiden, ob man einen schwarzen Abendanzug anziehen will. Ich nehme mein Recht wahr, es nicht zu tun. Außerdem habe ich keinen Smoking.« Grinsend zog er den Vorhang zu.

»Du solltest dir doch einen besorgen.«

»Hab’ ich vergessen. Komm schon, Jenn! Niemand wird mich ansehen, niemanden wird interessieren, was ich anhabe.«

»Danke. Danke vielmals, Jack Graham. Ich habe dich nur um einen kleinen Gefallen gebeten.«

»Weißt du, was die Dinger kosten?«

Die Seife brannte in den Augen. Er dachte an Barry Alvis und daran, daß er die ganze Nacht würde arbeiten müssen und wie er es Jennifer und danach ihrem Vater erklären sollte, und plötzlich schwang Wut in seiner Stimme mit. »Und wie oft werde ich den verdammten Petzen tragen? Binmal oder zweimal im Jahr?«

»Nach der Hochzeit werden wir an vielen Veranstaltungen teilnehmen, wo ein schwarzer Abendanzug nicht wahlfrei sondern verpflichtend ist. Es ist eine gute Investition.«

»Lieber investiere ich in Baseball-Sammelkarten.« Er schob den Kopf heraus, um ihr zu zeigen, daß er scherzte, doch sie war nicht da.

Jack rieb sich mit dem Handtuch durch die Haare, schlang es um die Taille und ging in das kleine Schlafzimmer, wo ein neuer Smoking an der Tür hing. Lächelnd kam Jennifer herein.

»Mit den besten Wünschen von Baldwin Enterprises. Es ist ein Armani. Er wird dir hervorragend stehen.«

»Woher weißt du meine Größe?«

»Du bist ein Musterbeispiel für Größe 42; du könntest Dressman sein. Jennifer Baldwins privater Dressman.« Sie schlang die parfümierten Arme um seine Schultern und preßte sich an ihn. Als er ihre Brüste im Rücken spürte, fluchte er innerlich, daß die Zeit nicht reichte, um die Gunst der Stunde zu nutzen. Vielleicht wäre es ganz anders, einmal ohne diese verdammten Deckenmalereien, ohne Engel und Streitwagen.

Sehnsüchtig blickte er auf das kleine, unordentliche Bett.

Und er mußte die ganze Nacht durcharbeiten, wegen dieses Idioten Barry Alvis und des wankelmütigen Raymond Bishop.

Warum nur wünschte er sich jedesmal, wenn er mit Jennifer zusammen war, daß die Dinge zwischen ihnen anders sein könnten? Wobei anders für besser stand. Daß sie sich ein bißchen änderte; oder er. Oder daß sie sich irgendwo in der Mitte treffen würden? Sie war so wunderschön; die ganze Welt schien ihr zu Füßen zu liegen. Gott, was stimmte bloß nicht mit ihm?

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Mühelos bahnte sich die Limousine den Weg durch die Ausläufer des Berufsverkehrs. Nach sieben Uhr abends war die Innenstadt von Washington an Wochentagen ziemlich verlassen.

Jack betrachtete seine Verlobte. Ihr leichter, aber exorbitant teurer Mantel verhüllte nicht den tief ausgeschnitten Kragen. Die makellose Haut rundete die feinen Gesichtszüge ab, über die gelegentlich ein makelloses Lächeln blitzte. Das dichte, rotbraune Haar hatte sie hochgesteckt. Für gewöhnlich trug sie es offen. Jennifer sah aus wie eines jener Supermodels ohne Nachnamen.

Er rückte näher zu ihr. Sie lächelte ihn an, überprüfte ihr perfektes Make-up und tätschelte seine Hand.

Zärtlich streichelte er ihren Schenkel und schob das Kleid hoch, doch sie stieß ihn weg.

»Später vielleicht«, flüsterte sie, damit der Fahrer sie nicht hören konnte.

Jack lächelte und bedeutete ihr, daß er später vielleicht Kopfschmerzen haben könnte. Sie lachte; dann erinnerte er sich, daß es heute nacht kein »später« geben würde.

Er ließ sich in den weich gepolsterten Sitz zurücksinken und starte aus dem Fenster. Im Weißen Haus war er noch nie gewesen. Jennifer schon zweimal. Sie wirkte nicht nervös; er schon. Als sie auf den Executive Drive bogen, zupfte er an der Fliege herum und glättete sein Haar.

Das Wachpersonal des Weißen Hauses überprüfte sie routinemäßig. Alle Anwesenden, Männer wie Frauen, bedachten Jennifer wie üblich mit einem zweiten oder gar dritten Blick. Als sie sich bückte, um ihren Stöckelschuh zu richten, wogte sie beinahe aus dem fünftausend Dollar teuren Kleid und ließ die Herzen einiger Mitarbeiter des Weißen Hauses höher schlagen. Jack wurde wie gewöhnlich zugewinkt und -genickt; einige Männer bedachten ihn mit den üblichen neidischen Blicken. Dann betraten sie das Gebäude und zeigten ihre Einladungskarten einem Marinesergeant vor, der sie durch die Eingangshalle im Erdgeschoß geleitete und dann die Treppe hinauf in den East Room.

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»Verdammt!« Der Präsident hatte sich gebückt, um eine Kopie seiner Rede für den Empfang des Abends aufzuheben, und der Schmerz fuhr ihm bis in die Schulter. »Ich glaube, eine Sehne ist angerissen, Gloria.«

Gloria Russell saß auf einem der breiten Plüschsofas, mit denen die Gattin des Präsidenten das Oval Office ausgestattet hatte.

Die Frau hatte einen guten Geschmack, das mußte man ihr lassen. Sie war zudem hübsch anzusehen, wenn auch etwas unterbemittelt auf intellektuellem Gebiet. Keine Gefahr für die Macht des Präsidenten, aber ein Plus bei den Meinungsumfragen.

Ihr familiärer Hintergrund war tadellos: alter Geldadel, beste Beziehungen. Die Nähe des Präsidenten zu den Vertretern des konservativen Wohlstandes und Einflusses im Land hatte sein Ansehen bei der liberalen Wählerschaft nicht im mindesten beeinträchtigt. Hauptsächlich war das auf sein Charisma und sein Talent für Kompromißlösungen zurückzuführen. Und auf sein gutes Aussehen, das weit mehr ausmachte, als man gemeinhin zugeben wollte.

Ein erfolgreicher Präsident mußte eindrucksvolle Reden schwingen können, und Alan Richmond schwang seine so gut wie Ted Williams, die amerikanisohe Baseball-Legende, den Schläger.

»Ich glaube, ich brauche einen Arzt.« Der Präsident war nicht unbedingt bester Laune, aber das war Russell auch nicht.

»Und wie willst du den Schreiberlingen, die über das Weiße Haus berichten, eine Schnittwunde erklären, Alan?«

»Was ist bloß aus dem Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient geworden!«

Russell rollte mit den Augen. Trotz aller rhetorischen Fähigkeiten konnte er manchmal ziemlich dumm sein.

»Du bist wie eines der Top-Unternehmen des Landes, Alan. Alles, was dich betrifft, ist von öffentlichem Interesse.«

»Nicht alles.«

»Das wird sich noch zeigen, nicht wahr? Die Sache ist noch lange nicht ausgestanden.« Seit letzter Nacht hatte Russell drei Packungen Zigaretten geraucht und zwei Kannen Kaffee getrunken. Ihr Leben, ihre Karriere, alles konnte jeden Augenblick zusammenbrechen. Vielleicht stand die Polizei schon vor der Tür. Sie mußte sich mit Gewalt zusamenreißen, um nicht schreiend aus dem Zimmer zu laufen. Eine Art Übelkeit schwappte ständig in Wellen über sie hinweg. Sie biß die Zähne zusammen und umklammerte die Sofalehne. Das Bild wollte nicht aus ihrem Kopf weichen.

Der Präsident überflog den Zettel, prägte sich das eine oder andere ein, den Rest würde er aus dem Stegreif halten. Er hatte ein phänomenales Gedächtnis; eine Gabe, die ihm schon so manchen wertvollen Dienst.erwiesen hatte.

»Dafür habe ich doch dich, Gloria. Damit du alles in Ordnung bringst.«

Er sah sie an.

Einen Augenblick überlegte sie, ob er es wußte. Ob er wußte, was sie mit ihm angestellt hatte. Sie erstarrte, entkrampfte sich dann aber wieder. Er konnte es nicht wissen, das war unmöglich. Sie erinnerte sich noch an sein betrunkenes Gebrabbel; oh, wie sehr doch eine Flasche Whiskey einen Menschen verändern konnte.

»Natürlich, Alan. Aber es müssen einige Entscheidungen getroffen werden. Je nachdem, was auf uns zukommt, müssen wir uns verschiedene Vorgehensweisen überlegen.«

»Meinen Terminplan kann ich nicht gut absagen. Außerdem glaube ich kaum, daß uns der Kerl was anhaben kann.«

Russell schüttelte den Kopf. »Da wäre ich mir nicht so sicher.«

»Denk doch mal nach! Er müßte einen Einbruch gestehen, um überhaupt glaubhaft zu machen, daß er dort war. Kannst du dir vorstellen, wie er mit der Geschichte in den Abendnachrichten auftritt? Die stecken ihn doch in die Klapsmühle, bevor er nur Piep sagt.« Der Präsident schüttelte den Kopf. »Nein, Gloria, der Bursche kann mich nicht zu Fall bringen; nicht in einer Million Jahren.«

Schon auf dem Rückweg in die Stadt hatten sie in der Limousine eine Übergangsstrategie festgelegt. Sie würden schlicht und einfach alles kategorisch bestreiten und die Absurdität der Beschuldigung — falls es überhaupt je dazu kommen sollte — für sich nutzen. Und es war eine absurde Geschichte, abgesehen davon, daß sie absolut der Wahrheit entsprach. Das Weiße Haus würde Mitleid für den armen, gestörten Kerl zeigen, der zudem erwiesenermaßen ein Verbrecher war. Und für seine vor Scham im Erdboden versinkende Familie.

Natürlich gab es noch eine andere Möglichkeit, aber Russell hatte sich entschlossen, diese nicht ausgerechnet jetzt mit dem Präsidenten zu erörtern. Tatsächlich betrachtete sie es als das wahrscheinlichere Szenario.

»Es sind schon merkwürdigere Dinge pässiert.« Sie sah ihn an.

»Das Zimmer wurde desinfiziert, oder? Es gibt dort nichts zu finden außer ihr, richtig?«

»Richtig.« Russell fuhr mit der Zunge über die Lippen. Der Präsident wußte nicht, daß sich der Brieföffner mit seinen Fingerabdrücken und seinem Blut nun im Besitz ihres verbrecherischen Augenzeugen befand.

Die Stabschefin erhob sich und schritt im Zimmer auf und ab. »Über gewisse Spuren sexuellen Kontakts kann ich natürlich nichts sagen. Aber das würde man ohnehin nicht mit dir in Verbindung bringen.«

»Gott, ich kann mich gar nicht erinnern, ob wir es getan haben oder nicht. Ich glaube, wir haben.« Bei dieser Bemerkung mußte Russell unwillkürlich lächeln. Der Präsident wandte sich um und blickte sie an.

»Was ist mit Burton und Collin?«

»Was meinst du?«

»Hast du mit ihnen gesprochen?« Die Botschaft war unmißverständlich.

»Sie haben genausoviel zu verlieren wie du, Alan, findest du nicht?«

»Wie wir, Gloria, wie wir.« Er band sich im Spiegel die Krawatte. »Schon irgendeinen Hinweis auf unseren kleinen Spanner?«

»Noch nicht; sie überprüfen gerade das Kennzeichen.«

»Wann glaubst du, wird man sie vermissen?«

»Nachdem es den ganzen Tag so warm war, schätze ich bald.«

»Sehr witzig, Gloria.«

»Man wird sie vermissen und Nachforschungen anstellen. Man wird ihren Mann benachrichtigen, er wird zum Haus kommen. Morgen, vielleicht übermorgen, allerspätestens in drei Tagen.«

»Und dann wird die Polizei ermitteln.«

»Dagegen können wir nichts machen.«

»Aber du wirst doch am Ball bleiben?« Eine Spur von Besorgnis huschte über die Stirn des Präsidenten, als er die verschiedenen Möglichkeiten durchdachte. Hatte er Christy Sullivan gevögelt? Er hoffte es. Dann wäre die Nacht zumindest kein völliges Debakel gewesen.

»Soweit es möglich ist, ohne zuviel Verdacht zu erregen.«

»Das ist nicht allzu schwierig. Als Vorwand kannst du angeben, daß Walter Sullivan mein enger Freund und politischer Verbündeter ist. Es wäre völlig normal, daß ich persönliches Interesse an dem Fall hätte. Nachdenken, Gloria, dafür bezahl’ ich dich!«

Und du hast mit seiner Frau geschlafen, dachte Russell. Ein schöner Freund.

»Die Idee ist mir schon gekommen, Alan.«

Sie zündete eine Zigarette an und blies den Rauch langsam aus. Das tat gut. In dieser Angelegenheit mußte sie ihm einen Schritt voraus bleiben. Nur einen winzigen Schritt, dann war alles in Ordnung. Es würde nicht einfach sein; er war gerissen. Aber er war auch arrogant. Arrogante Menschen neigten dazu, die eigenen Fähigkeiten überzubewerten, die aller anderer hingegen zu unterschätzen.

»Und niemand hat gewußt, daß sie dich treffen wollte?«

»Ich glaube, wir können davon ausgehen, daß sie diskret war, Gloria. Christy hatte nicht viel im Oberstübchen, ihre Gaben waren etwas tiefer gesät, aber selbst sie wußte, was auf dem Spiel stand.« Der Präsident zwinkerte seiner Stabschefin zu. »Sie hatte etwa achthundert Millionen zu verlieren, wenn ihr Mann dahinterkam, daß sie durch die Gegend hurte, und sei’s mit dem Präsidenten.«

Russell mußte an den Spiegel und den Sessel dahinter denken, was Walter Sullivans Vorstellungen von ehelicher Treue in etwas anderem Licht erscheinen ließ. Dennoch konnte man nicht sagen, wie er auf Seitensprünge reagieren würde, von denen er nicht gewußt, die er nicht beobachtet hatte. Gott sei Dank war es nicht Sullivan gewesen, der dort in der Dunkelheit gesessen hatte.

»Alan, ich habe dich gewarnt, daß uns deine kleinen Eskapaden eines Tages in Schwierigkeiten bringen würden.«

Richmond musterte sie mißbilligend. »Hör mal, glaubst du, ich bin der erste, der dieses Amt innehat und sich nebenbei etwas Spaß gönnt? Tu doch nicht so naiv, Gloria! Zumindest bin ich sehr viel diskreter als einige meiner Vorgänger. Ich nehme die Pflichten dieses Amtes wahr und die Vergünstigungen. Verstanden?«

Russell rieb sich nervös den Hals. »Vollkommen, Mr. President.«

»Es geht also nur um diesen einen Kerl, der eigentlich gar nichts in der Hand hat.«

»Einer reicht, um das Kartenhaus zum Einsturz zu bringen.«

»Ja? Nun, in diesem Haus leben eine Menge Leute. Vergiß das nicht!«

»Das tue ich niemals, Boß.«

Es klopfte an der Tür. Russells Assistent lugte herein. »Noch fünf Minuten, Sir.« Der Präsident nickte und winkte ihn hinaus.

»Ein großartiges Timing für diese Veranstaltung.«

»Ransome Baldwin hat viel zu deinem Wahlkampf beigetragen, wie all deine Freunde.«

»Über politische Schulden brauchst du mir nichts zu erzählen, Herzchen.«

Russell stand auf und ging auf ihn zu. Sie ergriff seinen gesunden Arm und blickte ihn eindringlich an. Auf der linken Wange hatte er eine kleine Narbe. Die Erinnerung an einen Granatsplitter, den er während eines kurzen Einsatzes bei der Armee gegen Ende des Vietnamkriegs abbekommen hatte. Als seine politische Karriere ins Rollen kam, war sich die Frauenwelt darüber einig, daß die kleine Unvollkommenheit seine Attraktivität noch steigerte.

»Alan, ich tue, was nötig ist, um deine Interessen zu wahren. Du wirst es überstehen, aber wir müssen zusammenarbeiten. Wir sind ein Team, Alan, ein verdammt gutes Team. Niemand kann uns zu Fall bringen, nicht wenn wir an einem Strang ziehen.«

Einen kurzen Augenblick musterte der Präsident ihr Gesicht, dann belohnte er sie mit einem Lächeln, wie es sonst immer die Schlagzeilen auf den Titelseiten begleitete. Er küßte sie leicht auf die Wange und drückte sie an sich. Sie erwiderte die Umarmung.

»Ich liebe dich, Gloria. Du bist ein treuer Soldat.« Richmond nahm seine Rede. »Es ist Showtime.«

Damit wandte sich der Präsident um und ging aus dem Zimmer.

Russell starrte dem breiten Rücken nach, rieb sich einmal über die Wange und folgte ihm hinaus.

___________

Jack betrachtete den übertriebenen Prunk des gewaltigen East Room. In dem Saal befanden sich einige der mächtigsten Männer und Frauen des Landes. Überall wurden hochkarätige Kontakte geknüpft und gepflegt, und Jack konnte nichts tun als dazustehen und zu gaffen. Er sah, wie sich seine Verlobte auf der anderen Seite des Raumes an einen Kongreßabgeordneten aus irgendeinem westlichen Staat heranmachte. Zweifellos trug sie ihm vor, wie wichtig die Unterstützung des geschätzten Gesetzgebers für das dringende Anliegen von Baldwin Enterprises hinsichtlich der Uferanliegerrechte wäre.

Jennifer verbrachte einen Großteil ihrer Zeit damit, Verbindungen zu Leuten aus allen Schichten aufzubauen, die Macht besaßen. Egal, ob es sich um Bezirksräte oder Senatsvorsitzende handelte, Jennifer schmeichelte den richtigen Egos, schüttelte die richtigen Hände, und stellte sicher, daß jeder die richtige Position einnehm, wenn Baldwin Enterprises ein weiteres Mammutgeschäft über die Bühne bringen wollte. Die Kapitalverdoppelung des Firmenimperiums ihres Vaters innerhalb der letzten fünf Jahre war in erheblichem Maße darauf zurückzuführen, daß Jennifer ihre Aufgabe hervorragend löste. Aber welcher Mann war schon gegen sie gefeit?

Ransome Baldwin war eins sechsundneunzig groß, hatte dichtes weißes Haar und eine Baritonstimme. Er absolvierte gerade eine Begrüßungsrunde. Selbstsicher schüttelte er die Hände von Politikern, die er bereits für sich gewonnen hatte und machte sich derweil an die paar heran, die es noch zu überzeugen galt.

Die Verleihungszeremonie war gnadenvoll kurz gewesen. Jack blickte auf die Uhr. Bald mußte er ins Büro zurück. Auf der Fahrt hierher hatte Jennifer eine private Party im Willard Hotel um elf Uhr erwähnt. Er fuhr sich durchs Gesicht. Ausgerechnet jetzt noch!

Gerade wollte er sein Glas austrinken und Jennifer beiseite nehmen, um ihr zu erklären, warum er gehen mußte, als er sah, wie der Präsident auf sie zutrat. Ihr Vater kam hinzu, und einen Augenblick später waren alle drei auf dem Weg in Jacks Richtung.

Er stellte das Glas weg und räusperte sich, damit er nicht wie ein völliger Idiot dastand, wenn er den Mund aufmachte. Jennifer und ihr Vater sprachen mit dem hohen Herrn wie mit einem alten Bekannten. Sie lachten, redeten und benahmen sich, als handle es sich um Cousin Ned aus Oklahoma. Aber das war nicht Cousin Ned, es war der Präsident der Vereinigten Staaten!

»Sie sind also der Glückliche?« Das Lächeln des Präsidenten war direkt und einnehmend. Sie reichten einander die Hände. Er war genauso groß wie Jack, und Jack bemerkte bewundernd, daß es ihm selbst bei diesem Job gelang, sich fit zu halten.

»Jack Graham, Mr. President. Es ist eine Ehre für mich, Sir.«

»Ich habe das Gefühl, Sie bereits zu kennen, Jack. Jennifer hat mir so viel von Ihnen erzählt. Überwiegend Gutes.« Er grinste.

»Jack ist Partner bei Patton, Shaw & Lord.« Jennifer hakte sich beim Präsidenten ein. Sie sah Jack an und schenkte ihm ein zuckersüßes Lächeln.

»Nun, Partner noch nicht gerade.«

»Nur eine Frage der Zeit«, warf Ransome Baldwin ein. »Mit Baldwin Enterprises als Klienten kann man jeder Firma des Landes seinen Preis diktieren. Vergiß das nicht. Laß dich von Sandy Lord bloß nicht über den Tisch ziehen.«

»Hören Sie auf ihn, Jack. Der Mann spricht aus Erfahrung.« Der Präsident erhob das Glas und zuckte unwillkürlich zusammen. Jennifer taumelte und ließ seinen Arm los.

»Tut mir leid, Jennifer. Zuviel Tennis. Der verdammte Arm macht mir wieder Probleme. Nun, Ransome, scheint so, als hätten Sie da einen vielversprechenden Zögling gefunden.«

»Na, er wird mit meiner Tochter um das Imperium kämpfen müssen. Vielleicht kann Jack Königin und Jenn König werden. Wie wäre das für die Gleichberechtigung?« Ransome lachte dröhnend, alle stimmten mit ein.

Jack fühlte, wie er errötete. »In erster Linie bin ich Rechtsanwalt, Ransome; ich suche nicht unbedingt nach einem leeren Thron, den ich besteigen kann. Es gibt auch andere Ziele im Leben.«

Jack nahm Sein Glas. Die Unterhaltung entwickelte sich nicht so, wie er es sich vorgestellt hatte. Er fühlte sich in der Defensive. Jack biß auf einen Eiswürfel. Was mochte Ransome Baldwin tatsächlich von seinem künftigen Schwiegersohn halten? Vor allem jetzt im Augenblick? Der springende Punkt war, daß es Jack eigentlich überhaupt nicht interessierte.

Ransome hörte auf zu lachen und musterte ihn scharf. Jennifer legte den Kopf schief, wie sie es immer tat, wenn er etwas sagte, das sie für unpassend hielt. Was häufig der Fall war. Der Präsident sah alle drei an, lächelte unverbindlich und entschuldigte sich. Er ging hinüber in die Ecke, wo eine Frau stand.

Jack schaute ihm nach. Wie ganz Washington hatte auch er die Frau im Fernsehen gesehen, wie sie die Standpunkte des Präsidenten zu Millionen verschiedenen Themen verteidigte. Gloria Russell sah im Augenblick nicht übermäßig glücklich aus, doch bei all den Krisen auf der Welt war Glück wahrscheinlich ein seltenes Gut im Zuge ihrer Arbeit.

Das war das Stichwort. Jack hatte den Präsidenten getroffen, hatte ihm die Hand geschüttelt. Mehr konnte er nicht erwarten. Er zog Jennifer zur Seite und entschuldigte sich für den Rest des Abends. Sie war alles andere als begeistert.

»Das ist unmöglich, Jack. Hast du eigentlich daran gedacht, daß es für Daddy ein ganz besonderer Tag ist?«

»He, ich bin nur ein kleiner Angestellter. Weißt du das nicht? Nach Stunden bezahlt.«

»Das ist doch lächerlich! Und du weißt es. Niemand in der Firma kann das von dir verlangen, schon gar keine Null von einem Sozius.«

»Jenn, das ist keine große Sache. Es war ein toller Abend. Dein Dad hat seine Auszeichnung erhalten. Jetzt ist es an der Zeit, daß ich mich wieder an die Arbeit mache. Alvis ist ganz in Ordnung. Er tritt mir zwar ein wenig auf die Zehen, aber er arbeitet genauso hart wie ich, wenn nicht noch härter. Durch so was muß jeder mal durch.«

»Das ist nicht okay, Jack. Das paßt mir nicht.«

»Jenn, das ist mein Job. Ich hab’ dir gesagt, du sollst dir keine Gedanken darüber machen, also laß es gut sein. Wir sehen uns morgen. Ich nehme ein Taxi zurück.«

»Daddy wird sehr enttäuscht sein.«

»Daddy wird mich bei all den Industriekapitänen, die Lobeshymnen auf ihn singen, nicht einmal vermissen. He, trink einen für mich mit. Und erinnerst du dich, was du wegen später gesagt hast? Das können wir auf ein andermal verschieben. Vielleicht zur Abwechslung mal bei mir?«

Sie ließ sich von ihm küssen. Aber gleich nachdem Jack gegangen war, stürmte sie zu ihrem Vater.

5

Kate Whitney stellte ihren Wagen vor dem Haus ab. Die Einkaufstasche schlug gegen ein Bein, die vollgestopfte Aktentasche gegen das andere, als sie die vier Treppen zu ihrer Wohnung hinauflief. Gebäude dieser Preisklasse verfügten zwar über Aufzüge, allerdings über keine, die ununterbrochen funktionierten.

Rasch zog sie den Jogginganzug an, hörte die Nachrichten auf dem Anrufbeantworter ab und lief wieder hinaus. Vor der Statue von Ulysses S. Grant machte sie erst ein paar Streckübungen, um sich aufzuwärmen, dann begann sie ihre Runde.

Kate trabte Richtung Westen, vorbei am Luft- und Raumfahrt-Museum und am Smithsonian Castle, das mit seinen Türmen und Zinnen und seiner italienischen Architektur im Stil des zwölften Jahrhunderts am ehesten wie das Haus eines verrückten Wissenschaftlers aussah. Ihr lockerer, gleichmäßiger Laufschritt führte sie über die breiteste Stelle der Mall, danach umkreiste sie zweimal das Washington Monument.

Mittlerweile ging ihr Atem etwas schneller. Schweiß begann durch das T-Shixt zu sickern und das Georgetown-Law-Sweatshirt zu benetzen, das sie trug. Als sie sich den Weg am Rand des Tidal Basin vorbei bahnte, wurde die Menschenmenge dichter. Der Frühherbst brachte aus dem ganzen Land Flugzeuge, Busse und Autos voller Menschen, die hofften, so um den Sommeransturm der Touristen und die berüchtigte Hitze von Washington herumzukommen.

Als sie einen Bogen lief, um einem verirrten Kind auszuweichen, stieß sie mit einem Jogger zusammen, der aus der anderen Richtung kam. Die beiden stürzten in einem Knäuel von Armen und Beinen zu Boden.

»Mist.« Der Mann rollte sich behende zur Seite und sprang wieder auf die Beine. Sie wollte gerade aufstehen und sah mit einer Entschuldigung auf den Lippen zu ihm auf, als sie sich unvermittelt wieder hinsetzte. Ein langer Augenblick verstrich, während kameraschwingende Horden aus Arkansas und Iowa um sie herumschwirrten.

»Hallo, Kate.« Jack hielt ihr die Hand hin und half ihr unter einen der nun kahlen Kirschbäume, die rings um das Tidal Basin wuchsen. Groß und majestätisch thronte das Jefferson Memorial über dem ruhigen Wasser, die riesige Silhouette des dritten Präsidenten des Landes war in dem Rundbecken deutlich sichtbar.

Kates Knöchel schwoll an. Sie zog Schuh und Socke aus und begann, ihn zu massieren.

»Ich hätte nicht gedacht, daß du noch Zeit zum Joggen hast, Jack.«

Sie sah ihn an: kein zurückweichender Haaransatz, kein Bauch, keine Falten im Gesicht. Die Zeit war für Jack Graham stillgestanden. Großartig sah er aus, das mußte sie gestehen. Sie dagegen war ein völliges Fiasko.

Heimlich fluchte sie, daß sie die Haare noch nicht hatte schneiden lassen; gleich darauf verfluchte sie sich für diesen Gedanken. Auf ihrer Nase bildete sich ein Schweißtropfen, den sie gedankenverloren mit der Hand wegwischte.

»Dasselbe habe ich von dir gedacht. Ich hätte nicht geglaubt, daß Staatsanwälte vor Mitternacht nach Hause dürfen. Du läßt wohl nach, was?«

»Genau.« Sie rieb sich den Knöchel, der ziemlich weh tat. Jack sah es ihr an, beugte sich vor und nahm den Fuß in die Hände. Sie zuckte zurück. Er sah sie an.

»Weißt du noch, ich habe das fast berufsmäßig gemacht, und du warst mein bester und einziger Kunde. Noch nie habe ich eine Frau mit so schwachen Knöcheln gesehen, dabei siehst du sonst kerngesund aus.«

Sie entspannte sich und ließ ihn den Fuß bearbeiten. Bald erkannte sie, daß er das richtige Gefühl nicht verloren hatte. Ob er wohl ernst meinte, was er über ihr Aussehen sagte? Sie runzelte die Stirn. Schließlich hatte sie mit ihm Schluß gemacht. Und damit das einzig Richtige getan.

»Ich habe von der Sache mit Patton, Shaw & Lord gehört. Glückwunsch.«

»Ach, Quatsch. Jeder Anwalt mit einem millionenschweren Klienten an der Hand hätte dasselbe geschafft.« Er lächelte.

»Ja, von der Verlobung habe ich auch in der Zeitung gelesen. Nochmals meinen Glückwunsch.« Darüber lächelte er nicht. Sie fragte sich, wieso.

Schweigend zog Jack ihr Socke und Schuh wieder an und schaute ihr ins Gesicht. »Er ist ziemlich geschwollen, du wirst einen oder zwei Tage lang nicht laufen können. Mein Wagen steht gleich da drüben. Ich nehm’ dich mit.«

»Ich kann ein Taxi rufen.«

»Du vertraust einem Washingtoner Taxifahrer mehr als mir?« Er tat beleidigt. »Außerdem sehe ich keine Hosentaschen. Willst du eine Gratisfahrt aushandeln? Viel Glück.«

Kate blickte auf die Turnhose hinunter. Den Schlüssel trug sie in einer Socke. Die Ausbuchtung hatte er bereits bemerkt. Er grinste über ihr Dilemma. Sie preßte den Mund zusammen und fuhr mit der Zunge über die Unterlippe. An diese alte Gewohnheit erinnerte er sich. Obwohl er das jahrelang nicht gesehen hatte, schien es ihm vollkommen vertraut.

Er streckte die Beine aus. »Ich würde dir ja was leihen, aber ich bin selber gerade pleite.«

Sie stand auf und legte ihm einen Arm um die Schultern, als sie versuchte, mit dem Knöchel aufzutreten.

»Ich dachte, in der Privatwirtschaft gäbe es mehr zu holen.«

»Stimmt, aber du weißt doch, mit Geld konnte ich noch nie umgehen.« Das war nur allzu wahr. Das Haushaltsgeld hatte ausschließlich sie verwaltet. Auch wenn es damals nicht viel zu verwalten gegeben hatte.

Jack stützte sie an einem Arm, als sie auf den Wagen zuhumpelte, einen zehn Jahre alten Subaru Kombi. Verblüfft betrachtete Kate das Auto.

»Du hast das alte Ding immer noch?«

»Hey, der ist noch für eine Menge Meilen gut. Außerdem steckt er voller Erinnerungen. Siehst du den Fleck dort drüben? Das war das Karameleis, mit dem du in der Nacht vor meiner Abschlußprüfung in Steuerrecht gekleckert hast, 1986. Du konntest nicht schlafen, ich konnte nicht mehr lernen. Weißt du noch? Du hast die Kurve zu schnell genommen.«

»Du hast ein lausiges Gedächtnis. Soweit ich mich erinnere, hast du mir deinen Milchshake über den Rücken gegossen, weil ich mich über die Hitze beschwert habe.«

»Oh, das auch.« Lachend stiegen sie ins Auto.

Kate untersuchte den Fleck eingehender und betrachtete das Innere des Wagens. So viele Erinnerungen brachen plötzlich über sie herein. Als sie auf den Rücksitz schaute, zog sie die Augenbrauen hoch. Wenn dieser Ort sprechen könnte! Sie wandte sich wieder um, bemerkte, daß er sie anstarrte, und errötete.

Die beiden reihten sich in den nicht sehr dichten Verkehr ein und fuhren Richtung Osten. Kate war nervös, aber das Gefühl war nicht unangenehm. Es war, als wäre das Rad der Zeit vier Jahre zurückgedreht worden, als wären sie bloß ins Auto gesprungen, um einen Kaffee trinken zu gehen, die Zeitung zu holen, oder im Corner in Charlottesville oder einem anderen der über Capitol Hill verstreuten Cafés zu frühstücken. Aber sie rief sich ins Gedächtnis, daß dies alles Vergangenheit war. Die Gegenwart sah völlig anders aus. Sie kurbelte das Fenster ein wenig herunter.

Mit einem Auge achtete Jack auf den Verkehr, mit dem anderen auf sie. Es war kein Zufall gewesen, daß sie sich getroffen hatten. Seit sie beide nach Washington gezogen waren, wo sie in dem kleinen Apartmenthaus ohne Aufzug im Südwesten nahe Eastern Market gelebt hatten, lief sie auf der Mall, tatsächlich sogar genau diese Route.

Heute morgen war Jack mit einer Verzweiflung aufgewacht, die er nicht mehr empfunden hatte, seit Kate ihn vor vier Jahren verlassen hatte und ihm nach etwa einer Woche klar geworden war, daß sie nicht zurückkommen würde. Nun, da seine Hochzeit bevorstand, hatte er beschlossen, daß er Kate irgendwie sehen mußte. Er würde und konnte die Flamme nicht verlöschen lassen, noch nicht. Aller Wahrscheinlichkeit nach war er von ihnen beiden der einzige, in dem der Funke noch glomm. Zwar hatte er nicht den Mut aufgebracht, auf dem Anrufbeantworter eine Nachricht zu hinterlassen, doch er war sicher, daß er mit ihr reden konnte, wenn es ihm nur gelänge, sie auf der Mall unter all den Touristen und Einheimischen ausfindig zu machen. Er hatte es darauf ankommen lassen.

Vor dem Zusammenstoß war Jack eine Stunde gelaufen, hatte die Menschenmenge beobachtet und nach dem Gesicht aus dem Bilderrahmen Ausschau gehalten. Etwa fünf Minuten vor der abrupten Begegnung hatte er sie entdeckt. Hätte sich sein Herzschlag nicht schon durch das Laufen verdoppelt, so spätestens in dem Augenblick, als er sie mühelos durch die Menge laufen sah. Den Knöchel wollte er ihr nicht verrenken, aber eigentlich saß sie nur deshalb in seinem Wagen. Nur deshalb durfte er sie nach Hause fahren.

Kate strich die Haare zurück und band sie mit einem Gummiband, das sie ums Handgelenk getragen hatte, zu einem Pferdeschwanz.

»Wie läuft es denn bei der Arbeit?« fragte sie.

»Ganz gut.« Er wollte nicht über Arbeit reden. »Wie geht es deinem alten Herrn?«

»Das müßtest du doch besser wissen als ich.« Sie wollte nicht über ihren Vater reden.

»Ich habe ihn seither nicht mehr gesehen …«

»Ein Glück für dich.« Sie verfiel in Schweigen. Jack schüttelte den Kopf über seine eigene Dummheit, daß er das Thema zur Sprache gebracht hatte. Er hatte gehofft, daß es vielleicht im Laufe der Jahre zu einer Versöhnung zwischen Luther und Kate gekommen war. Offenbar war das jedoch nicht der Fall.

»Man hört großartige Dinge über deine Arbeit bei der Staatsanwaltschaft.«

»Ach, ja?«

»Ich meine es ernst.«

»Seit wann?«

»Jeder wird einmal erwachsen, Kate.«

»Nicht Jack R. Graham. Alles, nur das nicht!«

Er bog nach rechts auf den Constitution Drive und fuhr auf die Union Station zu. Dann besann er sich eines Besseren. Er wußte zwar, welche Richtung er nehmen mußte, wollte aber nicht, daß Kate das merkte. »Ich fahre im Moment einfach so durch die Landschaft, Kate. Wo muß ich lang?«

»Tut mir leid. Um das Kapital herum, Richtung Maryland, dann nach links in die Third Street.«

»Magst du die Gegend?«

»Für mein Gehalt lebt es sich dort ganz gut. Laß mich raten, du wohnst wahrscheinlich in Georgetown, in einem der großen Apartmenthäuser mit eigenem Quartier für das Personal, richtig?«

Er zuckte die Schultern. »Ich bin nicht umgezogen. Ich habe noch dieselbe Wohnung wie früher.«

Ungläubig staute sie ihn an. »Jack, was machst du bloß mit dem ganzen Geld?«

»Ich kaufe mir, was ich will. Ich will bloß nicht allzu viel.«

Er starrte zurück. »Wie wäre es mit einem Dairy-Queen-Karameleis?«

»So etwas gibt es in dieser Stadt nicht, ich habe schon alles abgesucht.«

Grinsend über die hupenden Fahrer machte Jack kehrt und brauste los.

»Anscheinend, Frau Staatsanwältin, haben Sie nicht genügend recherchiert.«

___________

Eine halbe Stunde später rollten sie auf Kates Parkplatz. Er rannte um den Wagen herum, um ihr herauszuhelfen. Der Knöchel war noch dicker angeschwollen. Das Karameleis hatte sie fast aufgegessen.

»Ich helfe dir.«

»Nicht nötig.«

»Ich hab’ dir den Knöchel verrenkt. Laß mich für einen Teil der Schuld Buße tun.«

»Ich schaffe es schon, Jack.« Der Tonfall war ihm auch nach vier Jahren noch vertraut. Mit einem matten Lächeln trat er einen Schritt zurück. Sie hatte sich vorsichtig die Hälfte der Treppe hinaufgekämpft, und er wollte gerade in den Wagen steigen, als sie sich umdrehte.

»Jack?« Er schaute zu ihr hinauf. »Danke für das Eis.« Damit verschwand Kate im Haus.

Als Jack losfuhr, sah er nicht den Mann, der sich neben der kleinen Baumreihe an der Einfahrt zum Parkplatz verbarg.

Luther Whitney trat aus dem Schatten der Bäume und blickte das Apartmenthaus hoch.

Sein Aussehen hatte sich innerhalb von zwei Tagen drastisch gewandelt. Glücklicherweise wuchs sein Bart rasch. Die Haare waren kurzgeschoren, darüber trug er einen Hut. Eine Sonnenbrille verdeckte die wachsamen Augen, ein schwerer Mantel verhüllte die hagere Gestalt.

Er hatte gehofft, sie noch einmal zu sehen, bevor er untertauchte. Als er Jack erblickte, war er überrascht gewesen; doch es war ihm keineswegs unlieb. Er mochte Jack.

Luther zog den Mantel enger. Der Wind wurde stärker; es war kälter, als man es im September in Washington gewohnt war. Er schaute zum Fenster seiner Tochter hinauf.

Apartment Nummer vierzehn. Er kannte es gut, war schon des öfteren dort gewesen. Natürlich wußte seine Töchter nichts davon. Das Standardschloß der Eingangstür war ein Kinderspiel für ihn. Jemand mit einem Schlüssel brauchte länger, um es zu öffnen. Meist hatte er dann auf dem Sofa im Wohnzimmer gesessen und hundert verschiedene Dinge betrachtet, die allesamt Erinnerungen aus vielen Jahren in sich trugen. Manche davon waren angenehm, die meisten jedoch ernüchternd.

Manchmal schloß er auch einfach die Augen und nahm die verschiedenen Gerüche in sich auf. Er wußte, welches Parfüm sie benutzte; es war ein unaufdringlicher Duft, und sie trug nur sehr wenig auf. Die Möbel waren groß, stabil und ein wenig abgenutzt. Der Kühlschrank war stets leer. Beim Anblick des kärglichen und ungesunden Inhalts der Vorratsschränke war er jedesmal entsetzt gewesen. Sie hielt die Wohnung in Ordnung, war aber nicht penibel; es war ein Ort, wo jemand hauste, mehr nicht.

Und sie bekam jede Menge Anrufe. Manche hörte er sich an, und manche ließen ihn wünschen, sie hätte einen anderen Beruf ergriffen. Da er selbst auf der anderen Seite des Gesetzes stand, wußte er, wie viele wirklich verrückte Mistkerle da draußen herumliefen. Aber es war zu spät, um seinem einzigen Kind einen Laufbahnwechsel zu empfehlen.

Luther war sich bewußt, daß es eine seltsame Beziehung zwischen Vater und Töchter war, doch er sagte sich, daß er es selbst nicht besser verdiente. Das Bild seiner Frau drängte sich in seine Gedanken; einer Frau, die ihn geliebt und all die Jahre zu ihm gehalten hatte, und wofür? Nur für Schmerz und Elend. Und dann, nachdem sie zur Vernunft gekommen war und sich von ihm hatte scheiden lassen, war sie viel zu früh gestorben. Abermals, wohl zum hundertstenmal, fragte er sich, warum er all die Jahre Verbrechen verübt hatte. Gewiß nicht des Geldes wegen. Er hatte stets ein einfaches Leben geführt; einen Großteil der Beute aus den Einbrüchen hatte er über die Jahre hinweg verschenkt. Die Wahl, die er für sein Leben getroffen hatte, hatte seine Frau vor Sorge fast in den Wahnsinn, seine Tohter aus seinem Leben getrieben. Und zum hundertstenmal wußte er keine wirkliche Antwort auf die Frage, was ihn dazu trieb, von den wohlbehüteten Reichen zu stehlen. Wahrscheinlich tat er es nur, um zu zeigen, daß er es konnte.

Erneut blickte Luther zum Apartment seiner Tbchter hinauf. Er war nicht für sie da gewesen, warum also sollte sie für ihn da sein? Aber er konnte die Verbindung nicht ganz abbrechen lassen, auch wenn sie das getan hatte. Wenn sie es wollte, würde er für sie da sein; aber das war nur eine Hoffnung, und er glaubte selbst nicht daran.

Rasch ging Luther die Straße hinunter, verfiel dann schließlich in Laufschritt, um den Metro-Bus zu erwischen, der zur U-Bahn an der Union Station fuhr. Er war immer ein sehr selbständiger Mensch gewesen, der sich nie übermäßig auf andere verlassen hatte. Er war ein Einzelgänger und wollte es nicht anders. Nun fühlte Luther sich einsam, und diesmal war das Gefühl nicht so angenehm.

Es begann zu regnen. Als der Bus abfuhr, saß Luther auf der hinteren Bank und starrte zurück. Das Wasser perlte die glatte Oberfläche der Heckscheibe hinab und ließ die Sicht auf Kates Haus verschwimmen. Er wußte, er würde es nie wieder sehen, so sehr er es auch wollte.

Luther drehte sich auf dem Sitz herum, zog den Hut tiefer ins Gesicht und schneuzte sich in ein Taschentuch. Dann hob er eine weggeworfene Zeitung auf und überflog die alten Schlagzeilen. Wann würde man sie wohl finden? Wenn es soweit war, würde er es erfahren. Wenn reiche Leute starben, waren das Nachrichten für die Titelseite. Arme Leute und Durchschnittsbürger kamen nicht über die Lokalnachrichten hinaus. Christine Sullivan würde gewiß auf Seite eins erscheinen, oben in der Mitte.

Luther warf die Zeitung auf den Boden und drückte sich tiefer in den Sitz. Er mußte noch einen Anwalt aufsuchen, danach wollte er verschwinden. Der Bus brummte weiter, und schließlich schloß Luther die Augen, aber er schlief nicht. Im Geiste befand er sich im Wohnzimmer seiner Tochter, und diesmal war sie bei ihm.

6

Luther saß an dem kleinen Konferenztisch eines sehr schlicht möblierten Zimmers. Die Stühle und der Tisch waren alt und ziemlich zerkratzt. Der Teppich war mindestens ebenso alt und alles andere als sauber. Außer seiner Akte befand sich auf dem Tisch lediglich ein Kartenständer. Er nahm eine der Karten zwischen die Finger. »Legal Services, Inc.« Diese Leute gehörten nicht zu den Top-Leuten der Branche; sie waren weit entfernt von den Hallen der Macht in der Innenstadt.

Sie alle hatten ihren Abschluß an drittklassigen Universitäten gemacht, hatten somit keinerlei Aussicht, in einer namhaften Firma unterzukommen, und mußten nehmen, was sie kriegten, in der Hoffnung, irgendwo in der Zukunft einen Zipfel des großen Glücks zu erhaschen. Doch mit jedem Jahr, das verstrich, verblaßten die Träume von großen Büros, großen Klienten, und — vor allem — vom großen Geld ein bißchen mehr. Luther aber brauchte nicht die Besten. Er brauchte nur jemanden, der eine Zulassung als Anwalt und die richtigen Formulare hatte.

»Es ist alles in Ordnung, Mr. Whitney.« Der Junge sah aus wie fünfundzwanzig, noch voller Hoffnung und Energie. Dieser Ort war nicht sein endgültiges Ziel. Daran glaubte er noch unverkennbar. Das erschöpfte, verhärmte, schwammige Gesicht des älteren Mannes hinter ihm brachte keine derartige Hoffnung mehr zum Ausdruck. »Das ist Jerry Burns, der geschäftsführende Anwalt. Er wird als zweiter Zeuge für Ihren Letzten Willen fungieren. Wir haben Ihre rechtsgültige, eigenhändige Vollmacht, wir müssen also nicht vor Gericht erscheinen, um klären zu lassen, ob wir das Testament bezeugt haben oder nicht.« Eine etwa vierzigjährige Frau betrat mit ernster Miene den Raum. Sie hatte Füllfeder und Notariatssiegel bei sich. »Phyllis ist unser Notar, Mr. Whitney.« Alle nahmen Platz. »Möchten Sie, daß ich Ihnen die Bedingungen des Testaments vorlese?«

Jerry Burns hatte am Tisch gesessen, tödlich gelangweilt in die Luft gestarrt und von all den Plätzen geträumt, an denen er jetzt lieber wäre. Jerry Burns, der geschäftsführende Anwalt. Er vermittelte den Eindruck, als würde er lieber auf einer Farm im Mittelwesten Kuhmist schaufeln. Nun bedachte er seinen jungen Kollegen mit einem verächtlichen Blick.

»Ich habe sie gelesen«, antwortete Luther.

»Gut«, meinte Jerry Burns. »Können wir also anfangen?«

Eine Viertelstunde später verließ Luther Legal Services, Inc., mit zwei Kopien seines Testaments in der Manteltasche.

Verdammte Juristen. Man konnte ohne sie weder leben noch sterben. Weil nämlich alle Gesetze von Juristen gemacht wurden. So hatten sie den Rest der Welt fest im Griff. Luther dachte an Jack und lächelte. Jack war nicht wie sie. Jack war anders. Dann dachte er an seine Tochter, und das Lächeln verschwand. Auch Kate war nicht wie sie. Aber Kate haßte ihn.

In einem Fotogeschäft kaufte er eine Polaroid-Kamera und eine Packung Filme. Luther hatte nicht vor, irgend jemand die Bilder entwickeln zu lassen, die er machen wollte. Dann kehrte er zurück zum Hotel. Eine Stunde später hatte er insgesamt zehn Fotos geschossen. Er wickelte sie in Papier, danach legte er sie in eine Kartonmappe, die er tief in seinem Rucksack verstaute.

Er setzte sich und schaute aus dem Fenster. Beinahe eine Stunde verstrich, bevor er sich wieder bewegte, zum Bett wankte und sich hineinfallen ließ. Was für ein zäher Kerl er doch war. Zu einfühlsam, um beim Anblick des Todes nicht zusammenzuzucken, um nicht entsetzt zu sein von einem Ereignis, bei dem einem Menschen das Leben geraubt wurde, der noch viel länger auf Erden hätte wandeln sollen. Und der Gipfel war, daß der Präsident der Vereinigten Staaten darin verwickelt war. Ein Mann, den Luther respektiert, dem er seine Stimme gegeben hatte. Ein Mann, der das höchste Amt des Landes bekleidete und der in betrunkenem Zustand mit bloßen Händen beinahe eine Frau ermordet hätte. Selbst der Anblick seines nächsten Verwandten, der kaltblütig jemanden zu Tode prügelte, hätte Luther nicht schwerer treffen können. Es war, als wäre er selbst das Opfer gewesen, als hätte er die mörderischen Hände um den eigenen Hals gespürt.

Doch noch etwas anderes ließ ihn nicht los. Etwas, das er nicht wahrhaben wollte. Er wühlte das Gesicht in die Kissen und schloß die Augen in dem vergeblichen Versuch einzuschlafen.

___________

»Es ist toll, Jenn.« Jack betrachtete die Villa aus Ziegel und Stein, die von einem Ende zum anderen mehr als sechzig Meter maß und über mehr Zimmer als ein College-Internat verfügte. Er fragte sich, warum sie überhaupt hier waren. Die kurvenreiche Auffahrt endete hinter dem massiven Bau in einer Garage für vier Autos. Der Rasen war so perfekt gepflegt, daß er in Jacks Augen einem mit Jade gefüllten Swimmingpool glich. Das Grundstück hinter dem Haus war in drei Terrassen angelegt, auf jeder befand sich ein eigener Pool. Das Anwesen entsprach dem Standard der Reichsten: Tennisplätze und Reitställe sowie 200 Hektar Grund, auf dem man umherstreifen konnte — das alles kam im nördlichen Virginia einem wahren Grundstücksimperium gleich.

Die Immobilienmaklerin wartete an der Eingangstür. Ihr neuer Mercedes parkte neben einem großen Springbrunnen aus Stein, den faustgroße Rosen aus Granit zierten. In ihrem Kopf rotierten bereits die Provisionssummen. Waren die beiden nicht ein fantastisches junges Paar? Das hatte sie so oft wiederholt, daß Jacks Schläfen inzwischen pochten.

Jennifer Baldwin nahm ihn am Arm; zwei Stunden später hatten sie den Rundgang beendet. Jack schlenderte zum Rand des großzügig angelegten Rasens und bewunderte die stämmigen Bäume; in einer zusammengewürfelten Gruppe rangten sich Ulmen, Fichten, Ahornbäume, Pinien und Eichen um die Vorherrschaft. Die Blätter begannen bereits, sich zu verfärben, und Jack betrachtete das erste Laub, das sich rot, gelb und orange leuchtend über das Anwesen verteilte, das zum Kauf angeboten wurde.

»Also, wieviel?« Er fühlte sich berechtigt, diese Frage zu stellen. Aber das hier mußte über ihre Verhältnisse hinausgehen. Zumindest über seine. Er mußte gestehen, daß es günstig gelegen war. Nur fünfundvierzig Minuten in der Hauptverkehrszeit von seinem Büro entfernt. Aber der Preis? Erwartungsvoll sah er seine Verlobte an.

Jennifer wirkte nervös und spielte mit ihrem Haar. »Drei Millionen achthundert.«

Jack wurde bleich. »Drei Millionen achthunderttausend Dollar?«

»Jack, es ist dreimal so viel wert.«

»Warum verkaufen sie es dann für drei Millionen achthunderttausend? Wir können es uns nicht leisten, Jenn. Vergiß es.«

Sie antwortete, indem sie die Augen verdrehte. Beschwichtigend winkte sie der Immobilienmaklerin zu, die im Wagen saß und den Vertrag vorbereitete.

»Jenn, ich verdiene hundertzwanzigtausend im Jahr. Du kassierst genauso viel, vielleicht ein bißchen mehr.«

»Wenn du erst Teilhaber bist —«

»Stimmt. Ich bekomme mehr Gehalt, aber nicht genug für das da. Wir können die Hypothek nicht bezahlen. Ich hatte ohnehin angenommen, wir würden zu dir ziehen?«

»Das ist nicht der passende Ort für ein Ehepaar.«

»Nicht der passende Ort? Es ist ein verdammter Palast.«

Jack ging zu einer waldgrün gestrichenen Bank und setzte sich.

Mit verschränkten Armen und entschlossenem Blick baute sie sich vor ihm auf. Ihre Sonnenbräune begann zu verblassen. Sie trug einen hellbraunen Hut, unter dem ihr das lange Haar um die Schultern wehte. Die maßgeschneiderte Hose war exakt der eleganten Form der schlanken Beine angepaßt. Die Füße steckten in polierten Lederstiefeln, die unter den Hosenbeinen verschwanden.

»Wir brauchen keine Hypothek, Jack.«

Er sah zu ihr auf. »Wirklich? Schenken sie uns das Haus, weil wir ein so fantastisches junges Paar sind?«

Sie zögerte, dann sagte sie: »Daddy bezahlt bar dafür, und wir zahlen es ihm zurück.«

Darauf hatte Jack gewartet.

»Wir zahlen es ihm zurück? Wie zur Hölle sollen wir es ihm zurückzahlen, Jenn?«

»Er bietet uns einen sehr großzügigen Rückzahlungsplan an, der zukünftige Einkommenserwartungen berücksichtigt. Um Himmels willen, Jack, ich könnte das Haus mit den aufgelaufenen Zinsen aus einem meiner Fonds bezahlen, aber ich wußte, daß dir das nicht recht wäre.« Jennifer setzte sich neben ihn. »Ich dachte, wenn wir es so machen, könntest du dich bei der ganzen Sache besser fühlen. Ich weiß, wie du über das Geld der Baldwins denkst. Wir müssen es Dad zurückzahlen. Es ist kein Geschenk. Es ist ein Darlehen, mit Zinsen. Ich verkaufe meine Wohnung. Dafür bekomme ich etwa achthunderttausend. Du wirst auch Geld beisteuern müssen. Wir kriegen es nicht gratis.« Spielerisch piekte sie ihn mit dem Finger in die Brust, um die Wirkung ihrer Worte zu unterstreichen. Sie blickte über die Schulter zum Haus zurück. »Ist es nicht wundervoll, Jack? wir werden hier so glücklich sein. Wir sind dafür bestimmt, hier zu leben.«

Jack schaute ebenfalls zur Vorderseite des Hauses, ohne sie wirklich zu sehen. Alles, was er sah, war Kate Whitney, in jedem einzelnen Fenster des verdammten Klotzes.

Jennifer drückte seinen Arm und lehnte sich an ihn. Jacks Kopfschmerzen steigerten sich ins Unerträgliche. Der Verstand verweigerte den Dienst. Seine Kehle fühlte sich trocken an, die Beine steif. Sanft löste er sich von seiner Verlobten, stand auf und ging schweigend zurück zum Wagen.

Jennifer blieb noch einen Augenblick sitzen. Ungläubigkeit war das vorherrschende Gefühl, das ihr Gesicht widerspiegelte. Wütend folgte sie ihm.

Die Immobilienmaklerin, die in ihrem Mercedes saß und das Gespräch der beiden aufmerksam beobachtet hatte, hörte auf, an dem Vertrag zu schreiben. Mißbilligend verzog sie den Mund.

___________

Es war früher Morgen, als Luther das kleine Hotel verließ, das zwischen den dicht aneinandergebauten Häuserreihen im Nordwesten Washingtons verborgen lag. Er nahm ein Taxi zur U-Bahn-Station Metro Center und bat den Fahrer, einen Umweg zu nehmen. Als Vorwand gab er an, einen Blick auf eine Reihe von Sehenswürdigkeiten werfen zu wollen. Der Wunsch überraschte den Taxifahrer nicht. Ohne nachzudenken, schlug er die Route ein, die er tausendmal fuhr, ehe die Touristensaison offiziell zu Ende ging, sofern das in dieser Stadt je tatsächlich der Fall war.

Der Himmel drohte mit Regen, was jedoch nichts bedeuten mußte. Das unberechenbare Wetter wirbelte und peitschte nur so durch die Region; entweder ging es an der Stadt vorbei, oder aber es ließ seine ganze Naturgewalt an ihr aus, bevor es weiter gen Atlantik zog. Luther blickte hinauf in das dunkle Gewölk, gegen das die aufgehende Sonne vergeblich ankämpfte.

Würde er in sechs Monaten überhaupt noch am Leben sein? Vielleicht nicht. Es war durchaus denkbar, daß sie ihn trotz aller Vorsichtsmaßnahmen aufspürten. Aber er hatte vor, die Zeit zu genießen, die ihm noch blieb.

Mit der U-Bahn fuhr er zum Washington National Airport, wo er einen Zubringerbus zum Hauptterminal nahm. Das Gepäck hatte er bereits im voraus für den Flug der American Airlines aufgegeben, der ihn nach Dallas/Forth Worth bringen sollte. Dort würde er die Fluglinie wechseln und nach Miami weiterreisen, wo er übernachten wollte, um am nächsten Morgen einen weiteren Flug nach Puerto Rico zu nehmen. Ein letzter Flug schließlich würde ihn nach Barbados bringen.

Alles war bar bezahlt. Sein Reisepaß wies ihn als Arthur Lanis aus, 65 Jahre alt, aus Michigan, USA. Er besaß ein halbes Dutzend solcher Ausweise; alle waren feinste Handarbeit, wirkten hochoffiziell und waren doch ausnahmslos gefälscht. Der Reisepaß war noch acht Jahre gültig und zeigte, daß er häufig reiste.

Luther setzte sich in die Wartehalle und gab vor, eine Zeitung zu lesen. Die Halle war erfüllt von Lärm und Getriebe, wie es für einen gewöhnlichen Werktag auf dem viel frequentierten Flughafen üblich war. Gelegentlich spähte Luther über die Zeitung, um sich zu vergewissern, daß ihm niemand mehr als nur zufällige Aufmerksamkeit schenkte, doch er bemerkte nichts dergleichen. Und mittlerweile war er lange genug im Geschäft, daß sich etwas in ihm geregt hätte, wäre ein Grund zur Sorge vorhanden gewesen. Sein Flug wurde aufgerufen, man überreichte ihm die Bordkarte, und er trottete die Treppe hinab auf das schlanke Geschoß zu, das ihn in drei Stunden im Herzen von Texas absetzen sollte.

Das Ziel Dallas/Ft. Worth war einer der häufig gebuchten Flüge der American Airlines, überraschenderweise aber fand Luther einen leeren Sitz neben sich vor. Er legte seinen Mantel darauf ab, um niemanden in Versuchung zu führen, dort Platz zu nehmen. Dann setzte er sich und schaute aus dem Fenster.

Als das Flugzeug auf die Startbahn zurollte, konnte er durch den dichten, wirbelnden Nebel des kaltfeuchten Septembermorgens die Spitze des Washington Monument erkennen. Nur knapp eine Meile entfernt würde seine Tochter bald aufstehen, um zur Arbeit zu gehen, während ihr Vater in die Wolken abhob, um notgedrungen und nicht unbedingt leichten Herzens ein neues Leben zu beginnen.

Während die Maschine sich in die Lüfte erhob, schaute er nach unten und betrachtete den Potomac, der sich durch die Landschaft schlängelte, bis er außer Sicht geriet. Einen Moment lang schweiften Luthers Gedanken zu seiner vor langer Zeit verstorbenen Frau, dann zurück zu seiner überaus lebendigen Tochter.

Luther blickte in das freundliche, aufmerksame Gesicht der Flugbegleiterin, bestellte Kaffee und nahm eine Minute später auch das einfache Frühstück an, das sie ihm reichte. Er stürzte das heiße Getränk hinunter, dann griff er ans Fenster hinüber und berührte die mit seltsamen Streifen und Kratzern übersäte Oberfläche. Als er die Brille putzte, erkannte er, daß seine Augen heftig tränten. Rasch sah er sich um; die meisten Passagiere beendeten gerade das Frühstück oder lehnten sich zurück, um vor der Landung noch ein kurzes Nickerchen zu halten.

Er klappte das Tablett hoch, öffnete den Gurt und ging auf die Toilette, wo er sich im Spiegel betrachtete. Seine Augen waren geschwollen und blutunterlaufen. Die Tränensäcke hingen schlaff nach unten; innerhalb der letzten sechsunddreißig Stunden war er merklich gealtert.

Lüther ließ sich Wasser über das Gesicht laufen, wartete, bis sich die Tropfen unter dem Kinn sammelten, und benetzte es ein zweites Mal. Abermals rieb er sich die Augen. Sie schmerzten. Er lehnte sich gegen das winzige Waschbecken und versuchte, die zuckenden Gesichtsmuskeln unter Kontrolle zu bekommen.

Trotz aller Willensanstrengung wanderten die Gedanken zurück zu jenem Zimmer, wo er gesehen hatte, wie eine Frau brutal geschlagen wurde. Der Präsident der Vereinigten Staaten war ein Säufer, ein Ehebrecher, und er prügelte Frauen. Er grinste in Pressekameras, küßte Babys und flirtete mit alten Damen, die bezaubert von ihm waren; er nahm an bedeutenden Konferenzen teil, flog als oberster Repräsentant seines Landes in alle Welt — und er war ein verdammtes Arschloch, das verheiratete Frauen vögelte, sie zusammenschlug und umbringen ließ.

Was für eine Kombination!

Es war mehr Wissen, als ein einzelner Mensch mit sich herumschleppen sollte.

Luther fühlte sich sehr einsam. Und stinksauer.

Das Traurigste daran war, daß der Mistkerl damit durchkommen würde.

Die ganze Zeit hatte Luther sich eingeredet, daß er den Kampf aufgenommen hätte, wenn er dreißig Jahre jünger gewesen wäre. Aber das war er nicht. Noch immer hatte er stärkere Nerven als die meisten, doch wie Flußgestein waren sie über die Jahre hinweg erodiert; sie waren nicht mehr, was sie einst gewesen waren. In seinem Alter überließ man solche Schlachten anderen, die sie entweder gewannen oder verloren. Seine Zeit war nun endlich gekommen. Luther Whitney war zu alt für die Herausforderung. Sogar er mußte diese Tatsache einsehen und sich damit abfinden.

Abermals betrachtete er sich im Spiegel. Ein Schluchzen staute sich in der Kehle, bis es schließlich herausdrang und den kleinen Raum erfüllte.

Es gab keine Entschuldigung, die rechtfertigen konnte, was er nicht getan hatte. Er hatte die verspiegelte Tür nicht geöffnet. Er hatte den Mann nicht von Christine Sullivan heruntergezerrt. Er hätte den Tod der Frau verhindern können; das war die einfache Wahrheit. Hätte er gehandelt, sie wäre noch am Leben. Seine Freiheit, wahrscheinlich sogar sein Leben, hatte er gegen ein anderes eingehandelt. Gegen das Leben eines Menschen, der Hilfe gebraucht hätte, der gegen den Tod ankämpfte, während Luther nur zusah. Ein menschliches Wesen, das knapp ein Drittel von Luthers Zeit auf Erden verbracht hatte. Er war zu feige gewesen, und diese Erkenntnis umklammerte ihn wie eine wilde Anakonda, die ihn zu zerquetschen drohte.

Tief beugte er sich zum Waschbecken hinunter, als die Beine unter ihm nachgaben. Er war geradezu dankbar dafür. Er konnte sein Gesicht im Spiegel nicht länger ansehen. Als die Maschine durch ein Luftloch sackte, wurde ihm speiübel.

Einige Minuten verstrichen; er tränkte ein Papierhandtuch mit kaltem Wasser und wischte sich damit über Gesicht und Nacken. Schließlich gelang es ihm, an seinen Platz zurückzutaumeln. Während das Flugzeug weiterdröhnte, schien sein Schuldgefühl mit jeder Meile zu wachsen.

___________

Das Telefon klingelte. Kate sah auf den Wecker. Elf Uhr. Normalerweise ließ sie Anrufe um diese Zeit aufzeichnen. Aber irgend etwas veranlaßte sie, die Hand auszustrecken und den Hörer abzunehmen, bevor die Maschine sich einschalten konnte.

»Hallo.«

»Warum bist du nicht mehr bei der Arbeit?«

»Jack?«

»Wie geht’s deinem Knöchel?«

»Weißt du eigentlich, wie spät es ist?«

»Ich muß mich doch nach meiner Patientin erkundigen. Ärzte schlafen nie.«

»Der Patientin geht es gut. Danke für die Fürsorge.« Sie mußte unwillkürlich lächeln.

»Karameleis. Diese Medizin hat mich noch nie im Stich gelassen.«

»Aha, es gab also auch andere Patientinnen?«

»Mein Anwalt hat mir geraten, auf diese Frage nicht zu antworten.«

»Ein guter Anwalt.«

Jack konnte sich genau vorstellen, wie sie dasaß und mit einem Finger an den Haarspitzen spielte, wie damals, wenn sie gemeinsam gelernt hatten; er hatte Sicherheitsvorschriften gepaukt, sie Französisch.

»Dein Haar wellt sich auch ohne Hilfe an den Enden.«

Sie zog den Finger zurück, lächelte, dann runzelte sie die Stirn. Diese Bemerkung rief eine Menge Erinnerungen wach. Nicht alle davon waren angenehm.

»Es ist spät, Jack. Ich habe morgen einen Gerichtstermin.«

Jack stand auf und schritt mit dem schnurlosen Hörer auf und ab. Blitzschnell überlegte er, wie er sie noch ein paar Sekunden am Telefon halten konnte. Er fühlte sich schuldig, als schnüffelte er herum. Unwillkürlich blickte er über die Schulter. Aber da war niemand, zumindest niemand, den er sehen konnte.

»Tut mir leid, daß ich so spät noch angerufen habe.«

»Schon in Ordnung.«

»Und überhaupt, daß ich dir den Knöchel verrenkt habe.«

»Dafür hast du dich doch schon entschuldigt.«

»Ja. Wie geht’s dir so? Ich meine, abgesehen vom Knöchel?«

»Jack, ich brauche wirklich ein bißchen Schlaf.«

Er hatte gehofft, daß sie das sagen würde.

»Gut, dann erzähl es mir morgen beim Mittagessen.«

»Ich hab’ dir doch gesagt, daß ich einen Gerichtstermin habe.«

»Nach dem Gerichtstermin.«

»Jack, ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist. Eigentlich bin ich ziemlich sicher, daß es eine lausige Idee ist.«

Er fragte sich, was sie damit wohl meinte. Es war schon immer eine seiner schlechten Angewohnheiten gewesen, zuviel aus ihren Bemerkungen herauszulesen.

»Ach, komm, Kate. Es ist nur ein Mittagessen. Ich bitte dich doch nicht, mich zu heiraten.« Er lachte, wußte aber bereits, daß er voll ins Fettnäpfchen getreten war.

Kate spielte nicht mehr mit ihrem Haar. Auch sie stand auf. Sie betrachtete im Spiegel auf dem Flur, wie sie am Kragen des Nachthemdes zupfte. Falten traten deutlich auf der Stirn hervor.

»Es tut mir leid«, rief er rasch. »Es tut mir leid, das habe ich nicht so gemeint. Hör zu, ich lade dich ein. Für irgend etwas muß ich mein Geld schließlich ausgeben.« Jack sprach in tiefe Stille hinein. Tatsächlich war er nicht sicher, ob sie überhaupt noch dran war.

Die letzten zwei Stunden lang hatte er die Unterhaltung geprobt. Jede mögliche Antwort, jeden Wortwechsel, jede Abweichung. Er betont unbekümmert, sie verständnisvoll. Sie hätten sich prima verstanden. Bisher jedoch war überhaupt nichts nach Plan verlaufen. Also griff er auf Plan B zurück. Er beschloß zu betteln.

»Bitte, Kate. Ich möchte wirklich mit dir reden. Bitte.«

Kate setzte sich wieder hin, verschränkte die Beine und rieh sich die langen Zehen. Sie holte tief Luft. Die Jahre hatten sie doch nicht so sehr verändert, wie sie glaubte. War das gut oder schlecht? Im Augenblick konnte sie sich darüber nicht den Kopf zerbrechen.

»Wann und wo?«

»Morton’s?«

»Zum Mittagessen?«

Er sah sie vor sich, ihr ungläubiges Gesicht bei dem Gedanken an das ultrateure Restaurant. Wie sie sich fragte, in welchen Kreisen er mittlerweile verkehrte. »Na gut, wie wär’s mit dem Bistro in Old Town, am Pounders Park, so gegen zwei? Dann kommen wir nicht in den Mittagstrubel.«

»Schon besser. Aber ich kann dir nichts versprechen. Wenn ich es nicht schaffe, rufe ich dich an.«

Langsam blies er den Atem aus. »Danke, Kate.«

Er legte den Hörer rasch auf, bevor sie es sich anders überlegen konnte, und warf sich auf die Couch. Nun, da sein Plan funktioniert hatte, überlegte er, was er sich eigentlich vorstellte. Was würde er sagen? Was würde sie sagen? Streiten wollte er nicht mit ihr. In dieser Hinsicht hatte er sie nicht belogen; er wollte einfach mit ihr sprechen, sie sehen. Das war alles. Zumindest redete er sich das ein.

Jack ging ins Badezimmer, ließ das Waschbecken mit kaltem Wasser vollaufen und steckte den Kopf hinein. Dann holte er sich ein Bier und ging nach oben zum Dachpool; dort saß er in der Dunkelheit und beobachtete, wie Flugzeuge über den Potemac hinweg in Richtung National Airport flogen. Die beiden grellroten Lichter des Washington Monument blinkten tröstend zu ihm herüber. Die Straßen, acht Stockwerke unter ihm, waren ruhig, abgesehen von vereinzelten Polizei- und Rettungssirenen.

Während er die ruhige Oberfläche des Pools betrachtete, streckte er den Fuß in das mittlerweile abgekühlte Wasser und schaute zu, wie sich die Wellen verteilten. Jack trank das Bier aus, ging nach unten und schlief auf einem Stuhl im Wohnzimmer ein; der Fernseher dröhnte weiter. Das Telefon läutete, aber er hörte es nicht; es wurde auch keine Nachricht hinterlassen. Fast zweitausend Meilen entfernt legte Luther Whitney den Hörer auf und rauchte die erste Zigarette seit über dreißig Jahren.

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Langsam fuhr der Laster des Federal Express die abgelegene Landstraße entlang; der Fahrer suchte auf den rostigen, schief stehenden Briefkästen nach der richtigen Adresse. Noch nie hatte er hier draußen eine Lieferung zugestellt. Der Wagen schien die schmale Straße vollständig auszufüllen.

Er bog in die Auffahrt des letzten Hauses ein und wollte gerade zurücksetzen. Zufällig sah er sich um und entdeckte die Adresse auf einem kleinen Holzschild neben der Tür. Kopfschüttelnd lächelte er. Manchmal war es wirklich nur Glück.

Das Haus war klein und in keinem besonders guten Zustand. Die verwitterten Markisen aus Aluminiumblech über den Fenstern, die etwa zwanzig Jahre vor der Geburt des Fahrers modern gewesen waren, neigten sich nach unten, als wären sie inzwischen müde und wollten sich ausruhen.

Die alte Frau, die an die Tür kam, trug ein geblümtes Kleid und hatte sich einen dicken Pullover um die Schultern gebunden. Ihre dicken, roten Knöchel ließen auf Durchblutungsstörungen und zahlreiche andere Gebrechen schließen. Sie wirkte überrascht, als habe sie das Päckchen nicht erwartet, unterschrieb aber bereitwillig dafür.

Der Fahrer warf einen Blick auf die Unterschrift auf dem Block: Edwina Broome. Dann stieg er in den Wagen und fuhr Weg. Sie sah ihm nach, bevor sie die Tür schloß.

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Das Sprechfunkgerät knisterte.

Fred Barnes hatte diesen Job seit mittlerweile sieben Jahren. Er fuhr durch die Wohngegenden der Reichen, sah protzige Häuser und von Gärtnern gepflegte Grundstücke; gelegentlich beobachtete er auch, wie teure Autos mit mannequinähnlichen Insassen die sauber asphaltierte Auffahrt herunter und durch die wuchtigen Tore brausten. Noch nie hatte er eines der Häuser betreten, für deren Bewachung er bezahlt wurde; er erwartete auch nicht, daß dies je geschehen werde.

Fred blickte an dem eindrucksvollen Gebäude hinauf. Vier bis fünf Millionen Dollar, schätzte er. Mehr Geld, als er in fünf Leben verdienen konnte. Manchmal war die Welt einfach nicht gerecht.

Über das Funkgerät gab er eine Meldung durch. Er sollte hier nach dem Rechten sehen. Was los war, wußte er nicht genau. Ihm war lediglich bekannt, daß der Hausbesitzer angerufen und gebeten hatte, man möge einen Wagen zur Überprüfung losschicken.

Die kalte Luft, die ihm ins Gesicht wehte, ließ Barnes an eine Tasse heißen Kaffee und Plundergebäck denken, gefolgt von acht Stunden Schlaf, bevor er wieder hinaus mußte, um eine weitere Nacht lang seine Runden zu drehen und die Besitztümer der Reichen zu beschützen. Die Bezahlung war nicht übel, die Sozialleistungen jedoch unter aller Kritik. Auch seine Frau hatte eine Ganztagsarbeit, und bei drei Kindern kamen sie mit dem gemeinsamen Einkommen gerade über die Runden. Aber schließlich hatten es alle schwer. Barnes schaute zu der fünftorigen Garage auf der Hinterseite, betrachtete den Swimmingpool und die Tennisplätze. Nun, manche vielleicht nicht ganz so.

Als er um die Ecke rollte, entdeckte er das herabhängende Seil, und die Gedanken an Kaffee und Plundergebäck verpufften. Er duckte sich, und seine Hand fuhr automatisch nach der Waffe im Schulterhalfter.

Über das Mikrofon erstattete er Bericht, wobei seine Stimme sich vor Aufregung fast überschlug. In ein paar Minuten würde die echte Polizei hier sein. Er konnte auf sie warten oder selbst nach dem Rechten sehen. Aber für acht Dollar die Stunde, sagte er sich, war das entschieden zuviel verlangt.

Als erster traf Barnes’ Vorgesetzter in dem grellweißen Lieferwagen mit dem Firmenlogo ein. Eine halbe Minute später kam der erste von fünf Streifenwagen die Asphaltauffahrt heraufgefahren, bis die Autos schließlich wie ein wartender Zug vor dem Haus parkten.

Zwei Beamte sicherten das Fenster. Wahrscheinlich hatten die Einbrecher den Tatort schon lange verlassen, doch Mutmaßungen waren im Polizeialltag gefährlich.

Vier Polizisten gingen zur Vorderseite, zwei weitere deckten die Hinterseite. Paarweise drangen die vier Beamten in das Haus ein. Sie bemerkten, daß die Eingangstür unversperrt und die Alarmanlage ausgeschaltet war. Sie überprüften das Erdgeschoß und stiegen vorsichtig die breite Treppe hinauf, alle Sinne in höchster Alarmbereitschaft auf jedes Zeichen eines Geräusches oder einer Bewegung.

Als sie den Treppenabsatz zum zweiten Stock erreichten, witterte die Nase des verantwortlichen Sergeants, daß es sich hierbei um keinen gewöhnlichen Einbruch handelte.

Vier Minuten später standen die Polizisten im Kreis um die Überreste einer ehemals jungen, hübschen Frau. Die gesunde Gesichtsfarbe der Männer war einem fahlen Weiß gewichen.

Der Sergeant, ein dreifacher Familienvater, der die Fünfzig bereits überschritten hatte, schaute dankbar zum offenen Fenster hinüber. Doch selbst mit der frischen Luft von draußen war der Gestank im Zimmer betäubend. Nach einem weiteren Blick auf die Leiche schritt er rasch ans Fenster und sog gierig die klare Luft ein.

Er hatte eine Tochter in etwa demselben Alter. Einen Augenblick lang stellte er sich vor, sie läge dort auf dem Fußboden, mit kaum mehr erkennbarem Gesicht, das Leben brutal ausgelöscht. Die Angelegenheit fiel nun nicht mehr in seinen Zuständigkeitsbereich, dennoch hatte er einen Wunsch: Er wollte dabei sein, wenn derjenige geschnappt wurde, der dieses abscheuliche Verbrechen begangen hatte.

7

Lieutenant Seth Frank kaute an einem Stück Toast und versuchte gleichzeitig, seiner sechsjährigen Tochter die Zöpfe für die Schule zurechtzumachen, als der Anruf kam. Der Blick seiner Frau sagte ihm alles. Sie übernahm die Haarbänder. Seth klemmte den Hörer zwischen Ohr und Schulter, während er die Krawatte band und den ruhigen, knappen Worten des Anrufers lauschte. Zwei Minuten später saß er bereits im Wagen. Obwohl überflüssig, war das Einsatzlicht auf dem Dach des Ford befestigt, der ihm als Dienstwagen zur Verfügung stand, und verstreute weithin sichtbar sein unheilverkündendes Blau, als er durch die nahezu verlassenen Landstraßen des County brauste.

Franks großer, schwerknochiger Körper wies bereits erste Anzeichen der unvermeidlichen Erschlaffung auf, auch die schwarzen Locken waren nicht mehr so dicht wie einst. Er war einundvierzig, Vater dreier Töchter, die jeden Tag komplizierter und befremdlicher wurden, und er hatte inzwischen gelernt, daß nicht alles im Leben einen Sinn ergab. Aber insgesamt betrachtet, war er ein glücklicher Mann. Das Leben hatte ihn mit keinen allzu schweren Schicksalsschlägen gestraft. Noch nicht. Er war lange genug Gesetzeshüter, um zu wissen, daß sich das schlagartig ändern konnte.

Frank wickelte einen Streifen Juicy Fruit aus, den er gemächlich kaute, während dichte Reihen von Pinien am Fenster vorbeiflogen. Er hatte seine Laufbahn als Streifenpolizist in den schlimmsten Vierteln von New York City begonnen, wo der Begxiff »Wert des Lebens« ein Widerspruch in sich war und wo er praktisch jede mögliche Art gesehen hatte, wie Menschen einander umbringen konnten. Schließlich war er Detective geworden; seine Frau war vor Freude ganz aus dem Häuschen gewesen. Zumindest würde er nun am Ort des Verbrechens eintreffen, wenn die bösen Jungs bereits verschwunden waren. Sie schlief nachts besser, seit sie wußte, daß der gefürchtete Anruf, der ihr Leben zerstören konnte, wahrscheinlich ausbleiben würde. Das war das Höchste, was sie als Frau eines Polizisten erhoffen durfte.

Schließlich war Frank dem Morddezernat zugeteilt worden, was in seinem Beruf vermutlich die größte Herausforderung darstellte. Nach ein paar Jahren war er zu dem Schluß gekommen, daß er die Arbeit und die Herausforderung mochte, nicht aber im Ausmaß von sieben Leichen pro Tag. Also war er in den Süden gezogen, nach Virginia.

Hier durfte er sich Leiter des Morddezernats von Middleton County nennen, was sich tatsächlich besser anhörte, als es eigentlich war, denn er war zugleich der einzige Ermittler in Mordfällen, den das County sich leistete. Aber in dem relativ harmlosen ländlichen Gebiet waren über die Jahre hinweg nicht viele anspruchsvolle Aufgaben auf ihn zugekommen. Dazu waren die Bewohner in der Regel einfach zu gut betucht. Zwar wurden Menschen ermordet, doch abgesehen von Frauen, die ihre Ehemänner erschossen und umgekehrt, und erbgierigen Kindern, die ihre Eltern um die Ecke brachten, gab es nichts Aufregendes. Die Täter waren in diesen Fällen ziemlich offensichtlich; es handelte sich weniger um geistige als vielmehr um Laufarbeit. Der Anruf von vorhin konnte das alles möglicherweise ändern.

Die Straße wand sich durch bewaldetes Gebiet und erstreckte sich dann zwischen umzäunten, grünen Weiden, auf denen langbeinige Vollblutpferde träge dem neuen Morgen entgegenblickten. Hinter eindrucksvollen Touren und langen, gewundenen Auffahrten befanden sich die Residenzen der Reichen, von denen es in dieser Gegend nur so wimmelte. Frank kam zu dem Schluß, daß er von den Nachbarn bei diesem Fall nicht viel Hilfe erwarten konnte. Hatten sie sich erst in ihren jeweiligen Festungen verschanzt, sahen und hörten sie vermutlich nichts mehr von dem, was draußen vor sich ging. Zweifellos wollten sie es so und zahlten teuer für dieses Privileg.

Als Frank sich dem Anwesen der Sullivans näherte, rückte er im Rückspiegel die Krawatte gerade und strich ein paar verirrte Strähnen aus der Stirn. Er empfand keine besondere Sympathie für die Reichen, aber auch keine ausgeprägte Abneigung. Sie waren Teile des Puzzles. Ein Rätsel, das längst nichts mehr mit einem Spiel zu tun hatte. Das wiederum führte zum befriedigendsten Aspekt seiner Arbeit. Denn zwischen all den unerwarteten Wendungen eines Falles, den Täuschungen, falschen Spuren und offensichtlichen Fehlern lauerte eine unumstößliche Wahrheit: Wer einen Menschen tötete, fiel in die Zuständigkeit von Seth Frank und wurde letztlich bestraft. Normalerweise interessierte er sich nicht dafür, wie diese Strafe aussah. Was ihn sehr wohl interessierte, war, daß solche Menschen vor Gericht kamen, und — im Falle einer Verurteilung — die über sie verhängte Strafe verbüßten. Ganz gleich, ob es sich nun um Reiche, Arme oder Mittelständler handelte. Seine Fähigkeiten machten ein wenig eingerostet sein, doch die Instinkte waren immer noch da. Alles in allem hatte er sich auf letztere stets verlassen können.

Als er in die Auffahrt bog, bemerkte Frank einen Mähdrescher, der sich durch ein angrenzendes Maisfeld wühlte. Der Fahrer beobachtete das rege Treiben der Polizei aufmerksam. Bald schon würde sich die Neuigkeit wie ein Lauffeuer in der Gegend verbreiten. Der Mann konnte nicht wissen, daß er gerade Spuren einer Flucht veimichtete. Ebensowenig wußte es Seth Frank, als er aus dem Wagen stieg, die Jacke anzog und durch die Eingangstür eilte.

Die Hände tief in den Hosentaschen vergraben, ließ der Kommissar den Blick langsam durch den Raum wandern, vom Boden über die Wände hinauf an die Decke; anschließend zurück zur verspiegelten Tür und an die Stelle, an der die Verstorbene während der letzten paar Tage gelegen hatte. Seine Augen nahmen jede Einzelheit auf.

»Ich will jede Menge Fotos, Stu«, sagte Seth Frank. »Sieht so aus, als könnten wir sie brauchen.«

Der Polizeifotograf schritt, ausgehend von der Leiche, in einem exakten Raster durch den Raum, um jeden Aspekt des Zimmers auf Film zu bannen, einschließlich des einzigen Bewohners. Danach würde eine vollständige Videoaufnahme des gesamten Tatorts mit Erläuterungen erfolgen. Das war zwar vor Gericht nicht unbedingt zulässig, doch es war von unschätzbarem Wert für die Ermittlungen. So wie Footballspieler sich auf Video Spiele ansahen, durchforschten Fahnder immer öfter Videos nach zusätzlichen Hinweisen, die sie erst nach der achten, zehnten, oder hundertsten Betrachtung entdeckten.

Das Seil war noch an der Kommode befestigt und hing aus dem Fenster. Nur war es mittlerweile mit schwarzem Fingerabdruckpulver bedeckt, wenngleich sie kaum etwas finden würden. Im Normalfall trug man Handschuhe, wenn man ein Seil hinunterkletterte.

Sam Magruder, der Einsatzleiter, trat an Frank heran, nachdem er gerade zwei Minuten aus dem Fenster gebeugt nach frischer Luft geschnappt hatte. Er war Mitte Fünfzig, mit einem buschigen roten Haarschopf über dem rundlichen, bartlosen Gesicht, und er hatte Mühe, das Frühstück im Magen zu behalten. Man hatte einen tragbaren Ventilator ins Zimmer gebracht, und die Fenster standen weit offen. Das gesamte Ermittlungspersonal trug geruchsfilternde Masken, dennoch war der Gestank unerträglich. Der Abschiedsgruß der Toten an die Lebenden. Wunderschön in einem Augenblick, im nächsten nur noch faules Fleisch.

Frank sah Magruders Notizen durch, als er die grünliche Gesichtsfarbe des Einsatzleiters bemerkte.

»Sam, wenn du vom Fenster wegbleibst, stellt sich dein Geruchssinn in etwa vier Minuten darauf ein. So machst du es nur schlimmer.«

»Ich weiß, Seth. Mein Verstand sagt es mir, aber meine Nase will nicht darauf hören.«

»Wann hat ihr Mann angerufen?«

»Heute morgen, 7 Uhr 45 Ortszeit.«

Frank versuchte, das Gekritzel des Polizisten zu entziffern. »Und wo ist er?«

»Auf Barbados.«

Frank sah hoch. »Wie lange schon?«

»Das überprüfen wir gerade.«

»Gut so.«

»Wie viele Visitenkarten haben sie hinterlassen, Laurie?« Frank wandte sich der Spurensicherungsexpertin, Laurie Simon, zu. Sie schaute auf, ohne ihm in die Augen zu sehen. »Viel finde ich nicht, Seth.«

Frank ging zu ihr hinüber. »Komm schon, Laurie. Sie muß überall im Zimmer gewesen sein. Was ist mit ihrem Mann? Dem Hausmädchen? Hier müssen überall verwertbare Abdrücke sein.«

»Ist aber nicht viel da.«

»Du willst mich wohl auf den Arm nehmen?« Simon, die ihre Arbeit sehr ernst nahm, war die beste Aufspürerin von Fingerabdrücken, mit der Frank je zusammengearbeitet hatte, das New York Police Department miteingeschlossen.

Beinahe entschuldigend sah sie ihn an. Überall war Karbonpulver, und es gab keine Abdrücke? Ganz im Gegensatz zum weit verbreiteten Glauben hinterließen zahlreiche Verbrecher Fingerabdrücke am Tatort. Man mußte nur wissen, wo man danach zu suchen hatte. Leider wußte Laurie Simon, wo sie zu suchen hatte, und meldete dennoch Fehlanzeige. Hoffentlich ergab sich nach der Laboranalyse etwas. Viele latente Abdrücke waren einfach mit bloßem Auge nicht zu erkennen, ganz gleich, aus welchem Winkel man Licht darauf warf. Deshalb nannte man sie auch latente Abdrücke. Man konnte nur alles bepulvern und abnehmen, von dem man annahm, die Täter könnten es berührt haben. Und vielleicht hatte man Glück.

»Ich hab’ ein paar Sachen zusammengepackt, die ich mir im Labor näher ansehen will. Wenn ich sie mit Ninhydrin präpariert und die Reste mit Super Glue bearbeitet habe, kommt vielleicht was dabei raus.« Pflichtbewußt machte sie sich wieder an die Arbeit.

Frank schüttelte den Kopf. Super Glue, ein Zyanoakrylat, war vermutlich das beste Dampfverfahren und konnte Fingerabdrücke zum Vorschein bringen, die man nicht für möglich halten würde. Das Problem war, daß es Zeit brauchte, bis der Zauber wirkte. Und Zeit hatten sie keine.

»Ach komm, Laurie, so wie die Leiche aussieht, haben die bösen Jungs ohnehin schon einen gehörigen Vorsprung.«

Sie sah ihn an. »Ich habe ein anderes Zyanoakrylester, das ich ausprobieren möchte. Es arbeitet schneller. Notfalls kann ich den Super Glue immer noch anzünden, um die Sache zu beschleunigen.« Sie lächelte.

Der Kommissar zog eine Grimasse. »Genau. Bei deinem letzten Versuch mußten wir das ganze verfluchte Gebäude evakuieren.«

»Nichts in dieser Welt ist vollkommen, Seth.«

Magruder räusperte sich. »Sieht so aus, als hätten wir es hier mit echten Profis zu tun.«

Seth bedachte den Einsatzleiter mit einem strengen Blick. »Das sind keine Profis, Sam, das sind Mörder. Die haben kein College besuchen müssen, um so etwas zu lernen.«

»Nein, Sir.«

»Ist es sicher, daß es die Hausherrin ist?« wollte Frank wissen.

Magruder wies auf das Foto auf dem Nachttisch. »Christine Sullivan. Natürlich lassen wir sie noch identifizieren.«

»Irgendwelche Zeugen?«

»Nicht, daß ich wüßte. Ich habe noch nicht mit den Nachbarn gesprochen. Das werd’ ich heute morgen machen.«

Frank begann, sich ausführliche Notizen über den Raum sowie den Zustand des Opfers zu machen; dann fertigte er eine genaue Skizze des Zimmers und des Mobiliars an. Ein guter Verteidiger konnte einen unvorbereiteten Zeugen der Staatsanwaltschaft wie den letzten Idioten aussehen lassen. Unvorbereitet zu sein bedeutete, daß schuldige Verbrecher freikamen.

Die einzige Lektion, die er zu dem Thema je brauchen sollte, hatte Frank bei einer Verhandlung wegen Einbruchs gelernt. Er war damals noch Anfänger und als erster am Tatort gewesen. Nie zuvor in seinem Leben war ihm beschämter oder deprimierter zumute gewesen als in dem Augenblick, als er den Zeugenstand verließ. Der Verteidiger hatte seine Zeugenaussage förmlich zerpflückt und auf dieser Grundlage am Ende einen Freispruch für den Angeklagten erwirkt. Hätte Frank im Gerichtssaal seine 38er tragen dürfen, gäbe es seit jenem Tag einen Anwalt weniger auf Erden. Frank ging durch das Zimmer zum Gerichtsmediziner, einem feisten, weißhaarigen Mann, der trotz der Morgenkälte, die draußen herrschte, heftig schwitzte. Er zog gerade den Rock der Leiche herunter. Frank kniete nieder und untersuchte eine der in Plastikbeutel gehüllten Hände, dann betrachtete er das Gesicht der Frau. Es sah so aus, als wäre sie grün und blau geschlagen worden. Die Kleidung war durchtränkt mit ihren Körperflüssigkeiten. Mit dem Tod ging die fast unverzügliche Entspannung der Schließmuskeln einher. Die daraus entstandene Geruchskombination war alles andere als angenehm. Glücklicherweise war der Insektenbefall trotz des offenen Fensters äußerst gering.

»Hast du schon den ungefähren Todeszeitpunkt?« fragte Seth Frank den Gerichtsmediziner.

»Das Rektalthermometer hilft mir hier nicht viel, wenn du verstehst, was ich meine. Zweiundsiebzig bis vierundachtzig Stunden. Genaueres kann ich sagen, sobald ich sie aufgemacht habe.« Der Gerichtsmediziner stand auf. »Schußwunden am Kopf«, fügte er hinzu, wenngleich für niemanden im Raum Zweifel hinsichtlich der Todesursache der Frau bestanden.

»Mir sind die Male am Hals aufgefallen.«

Der Leichenbeschauer musterte Frank einen Augenblick, dann zuckte er die Schultern. »Die sind da. Ich weiß noch nicht, was sie bedeuten.«

»Ich hätte gerne einen raschen Bericht über diesen Fall.«

»Den bekommst du. Hier draußen gibt’s nicht viele Morde. Die wenigen haben normalerweise Vorrang.«

Bei der sarkastischen Bemerkung zuckte der Kommissar zusammen. Der Gerichtsmediziner sah ihn an. »Ich hoffe, du schlägst dich gerne mit den Pressefritzen herum. Auf das hier stürzen sie sich bestimmt wie ein Bienenschwarm auf einen Topf Honig.«

»Eher wie ein Wespenschwarm.«

Abermals zuckte der Gerichtsmediziner die Schultern. »Besser du als ich. Für diesen Mist bin ich viel zu alt. Von mir aus könnt ihr sie wegschaffen.«

Der Leichenbeschauer verstaute seine Instrumente und ging.

Frank hielt die zierliche Hand zu seinem Gesicht hoch und betrachtete die professionell manikürten Nägel. Zwei der Nagelhäute waren mehrfach eingerissen, was darauf hindeuten mochte, daß es einen Kampf gegeben hatte, bevor man sie abknallte. Der Körper war aufgebläht; überall wüteten Bakterien, die den Verwesungsprozeß vorantrieben. Die Totenstarre hatte schon lange eingesetzt, was bedeutete, daß sie seit mindestens achtundvierzig Stunden tot war. Die Gliedmaßen fühlten sich geschmeidig an, da sich die weiche Hautschicht des Körpers auflöste. Frank seufzte. Sie lag tatsächlich schon eine ganze Weile hier. Das war gut für den Mörder, schlecht für die Polizei.

Vorsichtig hob er den Kopf der Leiche an und drehte jede Seite gegen das Licht. An der rechten Seite klafften zwei Eintrittswunden, an der linken ein großes, gezacktes Austrittsloch. Sie hatten es mit schwerkalibrigen Geschossen zu tun. Stu hatte die Wunden bereits aus allen möglichen Winkeln fotografiert, einschließlich direkt von oben. Die rundlichen Schürfränder und das Fehlen von Brand- oder Druckstellen an der Hautoberfläche ließen Frank darauf schließen, daß die Schüsse aus mehr als einem halben Meter Entfernung abgefeuert worden waren.

Kleinkalibrige Kontaktwunden, vemrsacht durch Schüsse aus weniger als fünf Zentimeter Distanz oder unmittelbare Mündungsberührung mit der Haut konnten vielerlei verschiedenartige Eintrittswunden am Opfer hinterlassen. Doch wenn sie es mit einer Kontaktwunde zu tun hatten, wären noch Pulverrückstände im Gewebe entlang der Geschoßbahn vorhanden. Die Autopsie würde in diesem Punkt Gewißheit bringen.

Als nächstes begutachtete er die Quetschung am rechten Kiefer. Teilweise wurde sie durch die natürliche Blasenbildung des verwesenden Körpers verdeckt, doch Frank hatte genug Leichen gesehen, um den Unterschied zu erkennen. Die Hautoberfläche an der Stelle war ein merkwürdiges Gemisch aus Grün, Braun und Schwarz. Nur ein gewaltiger Schlag konnte so etwas verursacht haben. Ein Mann? Das war merkwürdig. Er rief nach Stu, damit er von dem Bereich Fotos mit einer Farbskala machte. Dann legte er den Kopf mit der Ehrfurcht zurück, die der Verstorbenen gebührte, selbst unter den überwiegend klinischen Umständen.

Bei der nachfolgenden Autopsie würde man nicht soviel Pietät zeigen.

Langsam hob Frank den Rock hoch. Die Unterwäsche war unbeschädigt. Der Autopsiebericht würde die offensichtliche Frage klären.

Frank sah sich den Raum an, während die Mitglieder des Untersuchungsteams weiterarbeiteten. Es hatte etwas Gutes, in einer reichen, wenn auch eher ländlichen Gegend zu leben: Die Steuereinnahmen reichten problemlos aus, um eine kleine, aber erstklassige Untersuchungsmannschaft für den Tatort auszurüsten, mit der neuesten Technologie und allen Geräten, die es theoretisch erleichterten, Verbrecher zu fangen. Das Opfer war auf die linke Körperseite gefallen, von der Tür abgewandt. Die Knie waren teilweise angezogen, der linke Arm ausgestreckt, der rechte ruhte an der Hüfte. Das Gesicht wies nach Osten, weg von der rechten Bettseite; sie lag in beinahe fötaler Stellung. Frank rieb sich die Nase. Vom Anfang zum Ende, wieder zurück zum Anfang. Niemand konnte wissen, auf welche Weise man von Mutter Erde schied, nicht wahr?

Mit Simons Hilfe vermaß er die Lage des Leichnams; das Maßband quietschte, als es ausgezogen wurde. In diesem Raum des Todes klang es irgendwie blasphemisch. Er betrachtete die Tür und die Lage des Körpers. Dann nahmen Simon und er eine vorläufige Flugbahnbestimmung der Kugeln vor. Daraus ergab sich, daß die Schüsse höchstwahrscheinlich von der Tür aus abgegeben worden waren. Bei einem Einbruch, wenn der Täter auf frischer Tat ertappt wurde, hätte man das Gegenteil erwartet. Doch es gab noch ein Beweisstück, das mit großer Wahrscheinlichkeit bestätigen würde, welchen Weg die Kugeln zurückgelegt hatten.

Abermals kniete Frank sich neben die Leiche. Es gab keine Schleifspuren auf dem Teppich, auch die Blutflecken und Spritzmuster deuteten darauf hin, daß die Tote genau an dieser Stelle gefallen war. Sachte drehte Frank die Leiche um und hob erneut den Rock hoch. Nach Eintritt des Todes sammelte sich das Blut an den untersten Stellen des Körpers, ein Umstand, der Livor mortis genannt wird. Nach vier bis sechs Stunden bleibt der Livor mortis unverändert. Folglich führt eine Bewegung des Körpers zu keiner Änderung der Blutverteilung im Körper. Frank legte die Leiche zurück. Alles wies darauf hin, daß Christine Sullivan genau hier gestorben war.

Die Blutspuren erhärteten ferner den Schluß, daß die Verstorbene wahrscheinlich zum Bett hingesehen hatte, als der Tod sie ereilte. Wenn dem so war, wen oder was hatte sie angeschaut? Normalerweise würde jemand, der erschossen werden sollte, den Mörder anblicken und um Gnade flehen. Christine Sullivan hätte gebettelt, dessen war Frank sicher. Der Fahnder betrachtete das prunkvoll ausgestattete Zimmer. Sie besaß eine Menge, wofür es sich zu leben lohnte.

Eingehend untersuchte Frank den Teppich, wobei er mit dem Gesicht bis auf wenige Zentimeter an die Oberfläche heranging. Die Blutspritzer waren ungleichmäßig verteilt; als hätte etwas vor oder neben dem Opfer gelegen. Das konnte sich in weiterer Folge noch als wichtig erweisen. Über Spritzmuster war schon viel geschrieben worden. Frank sah sie als nützliche Indizien, versuchte aber, nicht zu viel daraus erkennen zu wollen. Aber wenn etwas den Teppich teilweise vor Blut geschützt hatte, dann wollte er wissen, worum es sich dabei gehandelt hatte. Verwirrend fand er auch, daß auf dem Kleid keinerlei Blutflecken waren. Das mußte er sich notieren; es konnte ebenfalls von Bedeutung sein.

Simon öffnete ihren Spezialkoffer und nahm mit Franks Hilfe einen Abstrich an der Vagina der Töten vor. Als näcstes kämmten sie sowohl durch ihr Kopf- als auch Schamhaar, wobei keine offensichtlichen Fremdkörper zu Tage traten. Schließlich stopften sie die Kleidung des Opfers in Plastikbeutel.

Frank betrachtete die Leiche eingehend. Er warf Simon einen Blick zu. Sie erriet den Gedanken.

»Es wird keine geben, Seth.«

»Tu mir den Gefallen, Laurie.«

Pflichtbewußt breitete Simon das Fingerabdruck-Set aus und trug Pulver auf, an den Handgelenken, Brüsten und Innenseiten der Oberarme. Nach ein paar Sekunden sah sie zu Frank auf und schüttelte den Kopf. Dann verstaute sie die Ausbeute ihrer Arbeit.

Frank beobachtete, wie der Leichnam in ein weißes Tuch gehüllt und in eine Leichentasche gepackt wurde. Danach wurde Christine Sullivan hinausgetragen, wo ein Rettungswagen sie ohne Sirenen an einen Ort bringen würde, den zu sehen sich niemand wünschte.

Danach untersuchte Frank den Tresorraum, wo ihm Stuhl und Fernbedienung ins Auge stechen. Auf dem Boden des Tresors waren Staubmuster aufgewirbelt. Simon hatte den Bereich bereits bearbeitet. Die Sitzfläche des Stuhls war voll mit dem schwarzen Pulver. Der Tresorraum war aufgebrochen worden, Tür und Wand wiesen Beschädigungen auf, wo das Schloß geknackt worden war. Sie würden den Hebelansatzpunkt als Beweisstück herausschneiden und versuchen, eine Werkzeugsbestimmung vorzunehmen. Nochmals blickte Frank durch die Tresortür und schüttelte den Kopf. Ein Einwegspiegel. Wie fein. Noch dazu im Schlafzimmer. Er konnte es kaum erwarten, den Hausbesitzer kennenzulernen.

Frank ging zurück ins Zimmer und betrachtete das Foto auf dem Nachttisch. Fragend schaute er zu Simon hinüber.

»Habe ich schon, Seth«, sagte sie. Er nickte und ergriff das Bild. Eine hübsche Frau, dachte er, wirklich hübsch auf eine gewisse Komm-und-fick-mich-Art. Das Foto war in diesem Zimmer geschossen worden, die kürzlich Verblichene saß auf dem Sessel neben dem Bett. Dann bemerkte er die Delle in der Wand. Es waren echte Stukkaturwände, nicht der übliche Schnellputz, dennoch war die Einbuchtung tief. Frank stellte außerdem fest, daß der Nachttisch bewegt werden war; der dicke Teppich zeigte noch die ursprüngliche Stellung. Er wandte sich zu Magruder um.

»Sieht so aus, als wäre jemand dagegengerannt.«

»Wahrscheinlich während des Kampfes.«

»Wahrscheinlich.«

»Habt ihr die Kugel schon gefunden?«

»Eine steckt noch in ihr drin, Seth.«

»Ich meine die andere, Sam.« Ungehalten schüttelte Frank den Kopf. Magruder deutete an die Wand neben dem Bett, in der sich ein kleines, kaum sichtbares Loch befand.

Frank nickte. »Schneidet den Bereich aus; die Jungs vom Labor sollen die Kugel herausholen. Fingert bloß nicht selbst daran herum.« Im letzten Jahr waren die ballistischen Tests zweimal nutzlos geworden, weil ein übereifriger Uniformierter ein Projektil aus der Wand gekratzt und dabei die Schleifspuren zerstört hatte.

»Hülsen?«

Magruder schüttelte den Kopf. »Wenn die Mordwaffe leere Hülsen ausgespuckt hat, dann hat sie jemand aufgehoben.«

Frank wandte sich Simon zu. »Irgend etwas aus dem E-Vak?« Der spezielle Hochleistungs-Staubsauger, den sie verwendeten, war ein höchst nützliches Gerät; er arbeitete mit einer Reihe von Filtern und wurde verwendet, um den Teppich und andere Materialien nach Fasern, Haaren und sonstigen winzigen Objekten zu durchforsten, die sich oftmals als große Hilfe erwiesen. Denn was der Täter nicht sah, konnte er auch nicht entfernen.

Magruder versuchte, witzig zu sein. »Ich wünschte, mein Teppich wäre so sauber.«

Frank wandte sich an das Untersuchungsteam. »Haben wir irgendeine Spur, Leute?« Alle sahen einander an und überlegten, ob Frank wohl scherzte oder nicht. Das fragten sie sich immer noch, als er den Raum verließ und die Treppe hinunterging.

An der Eingangstür sprach ein Vertreter der Alarmanlagenfirma mit einem Beamten. Ein Mitglied des Untersuchungsteams packte gerade die Abdeckplatte und die Drähte in Plastikbeutel für Beweisstücke. Man zeigte Frank, wo die Farbe leicht zerkratzt war, außerdem einen mikroskopisch kleinen Metallsplitter, der darauf hinwies, daß die Schalttafel abmontiert worden war. An den Drähten waren geringfügige zahnartige Einbuchtungen erkennbar. Bewundernd betrachtete der Fachmann für Alarmanlagen die Handarbeit des Einbrechers. Magruder trat zu ihnen; langsam kehrte Farbe in sein Gesicht zurück.

Der Vertreter nickte mit dem Kopf. »Sieht so aus, als hätten sie einen Zähler benutzt.«

Seth sah ihn an. »Was ist das?«

»Ein computerunterstütztes Verfahren, um Unmengen von Zahlenkombinationen in die Erkennungsbank des Systems zu schaufeln, bis man die richtige Kombination hat. Sie wissen schon, wie die Dinger, die zum Knacken von Geldautomaten verwendet werden.«

Frank blickte zu dem leergeräumten Schaltschrank, dann zurück zu dem Mann. »Überrascht mich, daß ein solches Haus über kein besseres System verfügt.«

»Es ist ein hervorragendes System.« Der Vertreter klang geradezu beleidigt.

»Eine Menge Gauner benützen heutzutage Computer.«

»Ja, aber der springende Punkt ist, daß dieses Baby hier fünfzehn Stellen hat, nicht zehn, außerdem ein Zeitlimit von dreiundvierzig Sekunden. Wenn man es nicht innerhalb der Zeit schafft, schnappt die Falle zu.«

Frank rieb sich die Nase. Er mußte nach Hause, um zu duschen. Der Gestank des Todes, der sich mehrere Tage lang in dem heißen Zimmer ausgebreitet hatte, hinterließ kaum entfernbare Rückstände in Kleidung, Haaren und Haut. Und in den Nasenhöhlen.

»Also?« fragte Frank.

»Also, die tragbaren Modelle, die man wahrscheinlich für einen Einbruch wie den hier verwenden würde, können einfach in dreißig Sekunden nicht genügend Kombinationen durchspielen. Bei einer fünfzehnstelligen Konfiguration hat man es mit über dreiunddreißig Trillionen Möglichkeiten zu tun! Und es ist ja nicht so, daß die Kerle PCs mit sich herumschleppen.«

Der Einsatzleiter schaltete sich ein. »Warum dreißig Sekunden?«

Frank antwortete. »Man braucht auch ein wenig Zeit, um die Abdeckung loszuschrauben, Sam.« Er wandte sich wieder dem Sicherheitspezialisten zu. »Was also wollen Sie damit sagen?«

»Ich will damit sagen, daß er bereits einige der möglichen Stellen ausgeschlossen haben muß, wenn er diese Anlage mit einem Nummernsucher überlistet hat. Vielleicht die Hälfte, vielleicht auch mehr. Ich meine, vielleicht haben sich die Typen ja selbst etwas zusammengebastelt, um diese Nuß zu knacken. Und wir reden hier auf keinen Fall von billiger Hardware und irgendwelchen Pennern, die in ein Elektrogeschäft gehen und mit einem Taschenrechner wieder herauskommen. Aber es bleibt ein Haken dabei: Die Computer werden zwar jeden Tag schneller und kleiner, doch man muß auch wissen, daß die Geschwindigkeit der eigenen Hardware das Problem nicht löst. Entscheidend ist, wie schnell der Computer der Alarmanlage auf die eingegebenen Kombinationen reagiert. Wahrscheinlich um einiges langsamer als die eigene Maschine. Kurz und gut, man braucht für so einen Job eine Rückversicherung, verstehen Sie? In dem Gewerbe kriegt man keine zweite Chance.«

Frank begutachtete die Montur des Mannes, dann die Schalttafel. Er wußte, was es bedeutete, sollte der Bursche recht haben. In diese Richtung hatte er schon selbst gedacht und zwar aufgrund der Tatsache, daß an der Eingangstür weder Gewalt angewendet, noch sonst irgendeine Spur hinterlassen worden war.

Der Vertreter der Alarmanlagenfirma redete weiter: »Tatsächlich könnten wir die Möglichkeit der Manipulation sogar ganz ausschließen. Wir haben Systeme, die sich weigern, auf riesige Zahlenmengen zu reagieren, die man hineinstopft. Das Problem ist nur, solche Anlagen sind so störungsempfindlich, daß sie auch immer wieder bei den Besitzern anschlagen, wenn die sich nicht beim ersten oder zweiten Versuch an die Kombination erinnern. Wir hatten so viele falsche Alarme, daß die Polizeireviere uns schon Rechnungen geschickt haben. Stellen Sie sich das mal vor …«

Frank dankte ihm und nahm sodann den Rest des Hauses in Augenschein. Wer immer das Verbrechen begangen hatte, wußte, was er tat. Dieser Fall würde sich nicht im Schnellverfahren lösen lassen. Gute Planung vor dem Verbrechen bedeutete meist ebenso gute Planung danach. Die Hausherrin umzupusten war jedoch vermutlich nicht vorgesehen gewesen.

Plötzlich lehnte sich Frank gegen den Türrahmen und dachte über das Wort nach, das sein Freund, der Gerichtsmediziner, gebraucht hatte: Schußwunden.

8

Er war zu früh dran. Die Uhr zeigte fünf nach halb zwei. Den Tag hatte er sich freigenommen und den ganzen Vormittag überlegt, was er anziehen sollte. Noch nie hatte er sich darüber Gedanken gemacht, heute aber schien es unglaublich wichtig zu sein.

Jack zupfte an der grauen Tweedjacke, fingerte an einem Knopf des weißen Baumwollhemdes herum und rückte zum zehntenmal die Krawatte zurecht.

Er spazierte zum Kai hinunter und beobachtete, wie die Deckshelfer die Cherry Blossom putzten, ein Rundfahrtschiff, das einem alten Mississippidampfer nachgebaut war. Kate und er waren in ihrem ersten Jahr in Washington einmal damit gefahren, an einem der seltenen freien Nachmittage. Es war ein warmer Tag gewesen, so wie heute, aber klarer. Nun zogen von Westen her dunkle Wolken auf. Um diese Jahreszeit mußte man täglich mit einem Nachmittagsgewitter rechnen.

Neben der kleinen Hütte des Hafenmeisters setzte Jack sich auf eine verwitterte Bank und betrachtete die Möwen, die träge über dem aufgewühlten Wasser kreisten. Von diesem Aussichtspunkt konnte man das Kapitol sehen. Lady Liberty thronte majestäüsch über der berühmten Kuppel. Man hatte sie erst kürzlich von dem Schmutz befreit, der sich in über hundertdreißig Jahren angesammelt hatte. In dieser Stadt bleibt niemand vom Dreck verschont, dachte Jack; es mußte wohl an der Umgebung liegen.

Seine Gedanken wanderten zu Sandy Lord. Er sorgte für die ergiebigsten Geldzuströme der Firma und war der größte Egozentriker, der je bei Patton, Shaw & Lord ein Büro besetzt hatte. In den Justiz- und Politkreisen von Washington, D. C., war Sandy fast schon etwas wie eine fixe Einrichtung geworden. Die anderen Teilhaber sprachen seinen Namen so ehrfurchtsvoll aus, als wäre er soeben vom Berge Zion herabgestiegen und hätte seine eigene Version der Zehn Gebote verkündet, beginnend mit den Worten: »Du sollst für Patton, Shaw & LORD soviel Geld wie möglich machen«. Ironischerweise hatte Sandy Lord einen Teil des Reizes ausgemacht, als Ransome Baldwin die Firma damals erwähnte. Wenn Lord nicht das allerbeste Beispiel für einen einflußreichen Anwalt in der Stadt war, dann zumindest eines der besten. Er spielte in der obersten Liga, die es für Anwälte gab. Lords Möglichkeiten waren grenzenlos. Jack wagte jedoch zu bezweifeln, ob das allein für ein glückliches Leben ausreichte.

Er war auch nicht sicher, was er sich von diesem Mittagessen erwartete. Sicher war nur, daß er Kate Whitney sehen wollte. Das wünschte er sich aus ganzem Herzen. Je näher die Hochzeit rückte, desto tiefer zog er sich in seine Gefühlswelt zurück. Und wo sonst konnte dieser Rückzug enden als bei der Frau, der er vor mehr als vier Jahren einen Heiratsantrag gemacht hatte? Rasch schüttelte Jack den Kopf, als die Erinnerung über ihn hereinbrach. Er hatte eine Heidenangst davor, Jennifer Baldwin zu heiraten. Eine Heidenangst davor, daß er sich vielleicht bald nicht mehr mit seinem Leben identifizieren konnte.

Irgend etwas brachte ihn dazu, sich umzudrehen; er wußte selbst nicht genau, was. Aber da stand sie am Rand des Piers und beobachtete ihn. Der Wind wehte den langen Rock um ihre Beine. Zwar brach die Sonne nur mühsam durch die Wolken, dennoch fielen einige Strahlen auf Kates Gesicht, während sie die langen Haarsträhnen aus den Augen strich. Ihre Waden und Knöchel waren sonnengebräunt. Die weite Bluse gab den Blick auf die Schultern frei, mit all den Sommersprossen und dem winzigen Halbmond, den Jack so gerne mit dem Finger nachzog, nachdem sie einander geliebt hatten. Wie gerne hatte er sie betrachtet, wenn sie schlief.

Als Kate auf ihn zukam, lächelte er. Sie mußte zu Hause gewesen sein, um sich umzuziehen. Das war zweifellos nicht die Kleidung, mit der sie vor Gericht auftrat. Was sie trug, offenbarte eine durch und durch feminine Seite von Kate Whitney, eine Seite, die ihre Gegner vor Gericht nie zu Gesicht bekommen würden.

Gemeinsam schlenderten sie die Straße zu dem kleinen Bistro hinunter. Sie bestellten und verbrachten die ersten paar Minuten damit, aus dem Fenster auf die Vorboten des nahenden Sturms zu starren, die durch die Bäume peitschten. Dazwischen tauschten sie verlegene Blicke aus, als wäre dies ihr erstes Rendezvous und jeder von ihnen zu schüchtern, dem anderen fest in die Augen zu schauen.

»Freut mich, daß du dir Zeit genommen hast, Kate.«

Sie zuckte die Schultern. »Ich bin schon lange nicht mehr hiergewesen. Ein bißchen Abwechslung tut ganz gut. Normalerweise esse ich am Schreibtisch.«

»Cracker und Kaffee?« Lächelnd betrachtete er ihre Zähne. Darunter war einer, der sich leicht nach innen neigte, als wollte er seinen Nachbarn umarmen. Den mochte Jack am liebsten. Es war der einzige winzige Schönheitsfehler, der ihm je an Kate aufgefallen war.

»Cracker und Kaffee.« Sie lächelte zurück. »Nur noch zwei Zigaretten pro Tag.«

»Gratuliere.« Der Regen setzte im selben Augenblick ein, als sie das Essen bekamen.

Sie schaute vom Teller auf, sah zum Fenster hinaus und dann plötzlich in Jacks Gesicht. Dabei ertappte sie ihn, wie er sie anstarrte. Jack lächelte verlegen; rasch trank er einen Schluck.

Kate legte die Serviette auf den Tisch.

»Ist schon merkwürdig, daß ausgerechnet wir zusammengestoßen sind. Die Mall ist ein ziemlich großer Platz, findest du nicht auch?«

Jack sah sie nicht an. »In letzter Zeit habe ich eine Glückssträhne.« Nun blickte er ihr ins Gesicht. Sie wartete. Schließlich sackten seine Schultern nach unten. »Na gut, es war kein reiner Zufall, ein wenig Planung war auch im Spiel. Aber du mußt zugeben, daß es nicht Umsonst war.«

»Wieso? Weil Wir jetzt zusammen mittagessen?«

»Ich schaue nicht voraus, nehme immer nur eine Stufe. Meine neue Lebensauffassung. Die Veränderung hat mir ganz gut getan.«

Unverhohlen sarkastisch meinte sie: »Na ja, zumindest verteidigst du keine Vergewaltiger und Mörder mehr.«

»Und Einbrecher?« schoß er zurück, bereute es aber sogleich. Kate wurde blaß.

»Tut mir leid, Kate. Das war nicht so gemeint.«

Sie holte Streichhölzer und Zigaretten aus der Tasche, zündete eine an und blies ihm den Rauch ins Gesicht.

Jack fächelte den Qualm beiseite. »Ist das heute deine erste oder zweite?«

»Die dritte. Irgendwie treibst du mich immer dazu, über die Stränge zu schlagen.« Sie starrte aus dem Fenster und schlug die Beine übereinander. Dabei berührte sie mit dem Fuß sein Knie und zog ihn hastig zurück. Dann drückte sie die Zigarette aus, stand auf und ergriff ihre Tasche.

»Ich muß zurück an die Arbeit. Wieviel bin ich dir schuldig?«

Verwirrt glotzte er sie an. »Ich habe dich zum Mittagessen eingeladen. Obwohl du gar nichts gegessen hast.«

Kate kramte eine Zehndollamote hervor und warf sie auf den Tisch, bevor sie zur Tür hinauslief.

Jack warf einen weiteren Schein dazu und rannte hinter ihr her.

»Kate!«

Vor der Tür holte er sie ein. Mittlerweile regnete es stärker. Obwohl er das Jackett über ihre Köpfe hielt, waren sie innerhalb kürzester Zeit naß bis auf die Knochen, was Kate gar nicht zu bemerken schien. Hastig stieg sie in den Wagen, er huschte auf der Beifahrerseite hinein. Sie schaute ihn an.

»Ich muß wirklich zurück.«

Jack holte tief Luft und wischte sich Wasser aus dem Gesicht. Der Regen trommelte heftig auf das Wagendach. Er fühlte, wie ihm alles aus den Händen glitt und hatte keine Ahnung, was in dieser Lage zu tun war. Aber irgend etwas mußte er sagen.

»Ach komm, Kate. Wir sind triefnaß, und es ist schon fast drei Uhr. Weißt du was? Wir ziehen uns um und gehen ins Kino. Besser noch, wir könnten aufs Land fahren. Erinnerst du dich noch an das Windsor Inn?«

Völlig verblüfft starrte sie ihn an. »Jack, alles was recht ist, hast du darüber mit der Frau gesprochen, die du bald heiratest?«

Jack schlug die Augen nieder. Was sollte er darauf antworten? Daß er Jennifer Baldwin nicht liebte, obwohl er sie gebeten hatte, seine Frau zu werden? Im Augenblick konnte er sich nicht einmal daran erinnern, sie überhaupt gefragt zu haben.

»Ich möchte nur ein wenig Zeit mit dir verbringen, Kate. Das ist alles. Was soll daran so falsch sein?«

»Alles, Jack. Alles.« Sie wollte den Schlüssel ins Zündschloß stecken, doch er hielt sie zurück.

»Ich will nicht mit dir streiten.«

»Jack, du hast deine Entscheidung gefällt. Für das hier ist es jetzt ein bißchen zu spät.«

Jack glaubte, nicht recht gehört zu haben. »Entschuldige mal, meine Entscheidung? Ich hatte vor vier Jahren beschlossen, dich zu heiraten. Das war meine Entscheidung. Deine war es, Schluß zu machen.«

Ungeduldig strich sie die nassen Haare aus den Augen. »Na gut, es war meine Entscheidung. Und?«

Er drehte sich ihr zu und packte sie an den Schultern.

»Hör zu, mir ist gestern nacht ein Licht aufgegangen. Ach, Quatsch, nicht erst gestern. Jede Nacht, seit du mich verlassen hast. Ich weiß, daß es ein verdammter Fehler war! Aber ich bin kein Pflichtverteidiger mehr. Du hast es selbst gesagt, ich verteidige keine Verbrecher mehr. Ich führe ein normales, rechtschaffenes Leben. Ich, wir …« Als er den erstaunten Ge- sichtsausdruck sah, wußte er plötzlich nicht mehr weiter. Seine Hände zitterten. Er ließ sie los und sackte in den Sitz.

Jack nahm die völlig durchnäßte Krawatte ab und steckte sie achtlos in die Tasche, dann stierte er auf die kleine Uhr an der Konsole. Kate betrachtete eindringlich den Tachometer, schließlich wanderte der Blick zu ihm. Obwohl Schmerz in ihren Augen lag, sprach sie mit sanfter Stimme.

»Jack, es war schön, mit dir zu Mittag zu essen. Es hat gut— getan, dich wiederzusehen. Aber mehr kann daraus nicht werden. Es tut mir leid.« Sie biß sich auf die Lippen, was er nicht mehr sah, denn er stieg bereits aus dem Wagen.

Noch einmal steckte Jack den Kopf herein. »Ich wünsche dir viel Glück, Kate. Wenn du je etwas brauchst, ruf mich an.«

Sie starrte den breiten Schultern nach, während er durch den heftigen Regen zu seinem Wagen ging, einstieg und losfuhr. Noch mehrere Minuten saß sie im Wagen. Eine Träne rollte ihr über die Wange. Wütend wischte Kate sie weg, startete das Auto und fuhr in entgegengesetzter Richtung davon.

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Am nächsten Morgen griff Jack zum Telefon, hob den Hörer, ließ ihn aber langsam zurücksinken. Was hatte es für einen Sinn? Heute morgen war er seit sechs Uhr im Büro, hatte die dringendsten Sachen bereits aufgearbeitet und machte sich nun an Projekte, die seit Wochen anstanden. Er starrte aus dem Fenster. Beton- und Ziegelsteingebäude reflektierten die Sonnenstrahlen. Er rieb sich die geblendeten Augen und ließ die Jalousien herunter.

Kate würde nicht Hals über Kopf in sein Leben zurückkehren, und damit mußte er sich abfinden. Die Nacht hatte er damit zugebracht, alle möglichen Entwicklungen durchzuspielen; die meisten davon waren gänzlich wirklichkeitsfremd. Jack zuckte die Schultern. So etwas passierte sowohl Männern als auch Frauen, in jedem Land der Erde, jeden Tag. Manchmal sollte es einfach nicht sein. Auch wenn man es sich noch so sehr wünschte. Man konnte niemanden zwingen, Liebe zu erwidern. Das Leben ging weiter. Eine strahlende Zukunft erwartete Jack. Vielleicht war es an der Zeit, sich mit dieser so viel greifbareren Zukunft anzufreunden.

Er setzte sieh an den Schreibtisch und ging die nächsten anstehenden Projekte durch: Ein Joint-Venture-Unternehmen, für das er niedrigste, anspruchsloseste Routinearbeit erledigte, und ein Projekt für Tarr Crimson, den einzigen Klienten, den er neben Baldwin hatte.

Crimson besaß eine kleine Audio-Video-Firma. Der Mann war ein Genie, was computergenerierte Graphiken und Bilder anging, und verdiente einen ordentlichen Batzen Geld damit, in verschiedenen Hotels im Land AV-unterstützte Konferenzen für Firmen zu arrangieren. Außerdem fuhr er Motorrad, trug abgeschnittene Jeans, rauchte alles und jedes — sogar ab und zu eine Zigarette — und sah aus wie der verkommenste Kiffer der Welt.

Jack und er hatten sich kennengelernt, als Tarr von einem Freund von Jack wegen Trunkenheit und Erregung öffentlichen Ärgernisses vor Gericht gestellt worden war. Und gewonnen hatte. Tarr war in einem dreiteiligen Anzug und mit Aktenkoffer aufgekreuzt, Haare und Bart frisch gestriegelt. Überzeugend brachte er vor, daß die Zeugenaussage des Polizisten nicht zulässig, da voreingenommen sei, weil die Verhaftung nach einem Konzert von Grateful Death stattgefunden hatte. Ferner führte er aus, daß der Alkoholtest unzulässig sei, weil der Beamte ihm seine Rechte nicht vorgelesen habe, und letztlich auch deshalb, weil das beim Test verwendete Gerät nicht ordnungsgemäß funktioniert habe.

Der Richter, der sich mit mehr als hundert Anklagen wegen Trunkenheit und Erregung öffentlichen Ärgernisses im Zuge des Konzertes herumschlagen mußte, wies die Klage ab. Nicht jedoch bevor er den Beamten ermahnt hatte, sich künftig strikt an die Verfahrensregeln zu halten. Jack verfolgte das Schauspiel fasziniert. Zutiefst beeindruckt verließ er mit Tarr gemeinsam das Gericht. An diesem Abend hatten sie miteinander ein Bier getrunken und sich rasch angefreundet.

Sah man von gelegentlichen, relativ harmlosen Reihereien mit dem Gesetz ab, war Crimson ein guter, wenn auch nicht sehr willkommener Klient. Jack hatte bei seinem Eintritt die Bedingung gestellt, daß Tarr, der seinen vorigen Rechtsanwalt gefeuert hatte, ihm zu Patton, Shaw & Lord folgen durfte. Selbstverständlich hatte die Firma dem neuen Vier-Millionen-Dollar-Mann diesen Wunsch nicht abgeschlagen.

Jack legte den Kugelschreiber hin und ging abermals ans Fenster, als die Gedanken zurück zu Kate Whitney wanderten. Eine Idee begann Gestalt anzunehmen. Als Kate ihn damals verlassen hatte, war Jack zu Luther gegangen. Der alte Mann hatte Jack weder mit Weisheiten überhäuft, noch eine Blitzlösung für das Problem gehabt. Tatsächlich war Luther Whitney wohl der letzte Mensch auf Erden, der einen Rat erteilen konnte, wie man das Herz seiner Tochter eroberte. Und dennoch hatte Jack immer mit Luther reden können. Über alles. Der Mann hörte wirklich zu. Er wartete nicht bloß auf eine Atempause, damit er den eigenen Kummer loswerden konnte. Jack war nicht sicher, was er erzählen sollte. Aber das spielte im Grunde keine Rolle; Luther würde sich alles anhören. Und das mußte ganz einfach reichen.

Eine Stunde später summte der Alarm von Jacks elektronischem Terminkalender. Er sah auf die Uhr und schlüpfte in das Jackett.

Jack eilte den Flur entlang. In zwanzig Minuten sollte er sich mit Sandy Lord treffen. Bei dem Gedanken, mit dem Mann allein zu sein, wurde ihm etwas flau im Magen. Um Sandy Lord rankten sich Legenden, und die meisten, vermutete Jack, entsprachen der Wahrheit. Er wollte mit Jack Graham zu Mittag essen. Jack hatte die Nachricht heute morgen von seiner Sekretärin erfahren. Und was Sandy Lord wollte, das bekam er auch. Leise hatte ihn seine Sekretärin an diese Tatsache erinnert, was Jack ein wenig verunsicherte.

Zwanzig Minuten, doch zuerst mußte Jack bei Alvis vorbeischauen, ob mit den Bishop-Unterlagen alles in Ordnung war.

Jack mußte lächeln bei dem Gedanken an Barrys Gesicht, als er die Entwürfe dreißig Minuten vor Ablauf der Frist ordentlich auf den Schreibtisch gelegt hatte. Mit unverhohlenem Erstaunen hatte Alvis die Akten durchgesehen.

»Das sieht nicht übel aus. Mir ist klar geworden, daß die Frist sehr knapp war. Ich tue so etwas nicht gerne.« Er wandte die Augen ab. »Ich weiß das wirklich zu schätzen, Jack. Es tut mir leid, wenn ich Ihre Pläne durcheinandergebracht habe.«

»Schon in Ordnung, Barry, dafür werde ich schließlich bezahlt.« Jack wollte gehen. Barry stand vom Schreibtisch auf.

»Äh, Jack, wir haben eigentlich noch keine Gelegenheit gehabt, miteinander zu reden, seit Sie hier sind. Die Firma ist so verdammt groß. Was halten Sie von einem Mittagessen in den nächsten Tagen?«

»Klingt großartig, Barry. Ihre Sekretärin soll meiner einen Termin geben.«

In dem Augenblick erkannte Jack, daß Barry Alvis gar kein so übler Kerl war. Er hatte Jack auf die Probe gestellt, na und? Verglichen damit, wie die leitenden Teilhaber mit ihren Untergebenen umsprangen, war Jack mit einem blauen Auge davongekommen. Außerdem war Barry ein erstklassiger Fachmann für Körperschaftsrecht, von dem Jack eine Menge lernen konnte.

Jack kam am Tisch von Barrys Sekretärin vorbei, doch Sheila war nicht da. Dann fielen ihm die Schachteln auf, die sich an der Wand stapelten. Die Tür zu Berrys Büro war geschlossen. Jack klopfte, bekam jedoch keine Antwort. Er blickte über die Schulter, dann öffnete er die Tür. Als er die leeren Regale erblickte, kniff er ungläubig die Augen zusammen. An der Wand hoben sich deutlich jene Stellen von der Tapete ab, die nicht von der Sonne ausgebleicht waren; Diplome und Zeugnisse hatten dort gehangen.

Was ging hier vor sich? Jack schloß die Tür, drehte sich um und stieß mit Sheila zusammen.

Seit zehn Jahren war Sheila Barrys Sekretärin. Normalerweise verhielt sie sich durch und durch geschäftsmäßig und korrekt. Jedes Haar saß, wo es hingehörte, die Brille ruhte stets gerade auf der Nase. Heute aber war Sheila völlig konsterniert. Sie starrte Jack an; Feuer blitzte in ihren blaßblauen Augen auf und war dann wieder verschwunden. Sie wandte sich um, ging in ihre Kabine zurück und begann, die Schachteln zu füllen. Fassungslos starrte Jack sie an.

»Sheila, was wird hier gespielt? Wo ist Barry?« Sie antwortete nicht. Statt dessen arbeitete sie schneller, bis sie die Sachen geradezu in die Schachteln schmiß. Jack ging zu ihr hinüber und schaute auf die zierliche Gestalt hinab.

»Sheila? Was ist los? Sheila!« Er packte ihre Hand. Sie schlug nach ihm und war darüber so erschrocken, daß sie sich unwillkürlich hinsetzte. Schwer sank ihr Kopf auf den Schreibtisch, wo er liegenblieb. Leise begann sie zu schluchzen.

Jack sah sich abermals um. War Barry etwa tot? Hatte es einen Unfall gegeben, von dem ihm niemand erzählt hatte? War die verdammte Firma wirklich so groß, so gefühllos? Würde er es erst aus einer Hausmitteilung erfahren? Er betrachtete seine Hände. Sie zitterten. Er ließ sich auf den Schreibtischrand nieder und berührte sanft Sheilas Schulter. Erfolglos versuchte er, sie zu beruhigen. Hilflos blickte Jack sich um, während das Schluchzen weiterging und immer heftiger wurde. Schließlich kamen zwei Sekretärinneh um die Ecke und führten Sheila schweigend weg. Beide warfen Jack einen Blick zu, den man nicht gerade freundlich nennen konnte.

Was, zum Teufel, hatte er denn getan? Er schaute auf die Uhr. In zehn Minuten sollte er Lord treffen. Plötzlich war er sehr erpicht auf dieses Mittagessen. Lord wußte über alles Bescheid, was in der Firma vor sich ging, für gewöhnlich sogar im voraus.

Dann keimte in seinem Hinterkopf ein Gedanke auf, ein wahrhaft entsetzlicher Gedanke. Das Dinner im Weißen Haus und seine aufgebrachte Verlobte fielen ihm ein. Er hatte ihr gegenüber Barry Alvis Namen erwähnt. Aber sie hatte doch nicht …?

Jack sprintete den Flur geradezu hinunter, daß seine Rocschöße hinter ihm her flatterten.

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Fillmore’s stellte eines der Wahrzeichen Washingtons aus der neueren Epoche dar. Die Türen waren aus massivem Mahagoni und mit dickem, schwerem Metall verziert. Die Teppiche und Gardinen waren handgewebt und überaus teuer. Jeder Tisch war ein in sich geschlossener Bereich, in dem man auch während des Essens uneingeschränkt dem Geschäft frönen konnte. Telefon, Faxgerät und Kopierer standen zur Verfügung und wurden auch weidlich genutzt. Rund um die kunstvoll geschnitzten Tische standen weichgepolsterte Stühle, auf denen die Elite der Wirtschafts- und Politkreise Washingtons zu thronen pflegte. Die Preise bürgten dafür, daß die Klientel unter sich blieb.

Zwar war das Restaurant gut besucht, dennoch gab es keine Hektik. Die Gäste waren nicht gewohnt, in irgendeiner Form bevormundet zu werden, und gaben selbst das Tempo vor. Manchmal reichte allein die Anwesenheit an einem bestimmten Tisch, eine hochgezogene Augenbraue, ein unterdrücktes Husten oder ein vielsagender Blick, um ihnen oder der Institution, die sie vertreten, gewaltige Einnahmen zu sichern. Geld und pure Macht wanderten beinahe sichtbar durch den Raum, kreuzten und entwirrten sich in einem verschlungenen Geflecht. Kellner in adretten Hemden und mit biederen Fliegen tauchten in unaufdringlichen Intervallen an den Tischen auf. Man verhätschelte die Gäste, bediente sie, hörte ihnen zu oder ließ sie allein, wenn die Umstände es erforderten. Und die Trinkgelder zeugten von der Zufriedenheit der Kundschaft.

Fillmore’s war Sandy Lords bevorzugtes Restaurant zum Lunch. Über die Speisekarte hinweg durchsuchten seine tiefgründigen, grauen Augen den riesigen Saal nach möglichen Geschäften oder anderweitig Interessantem. Er bewegte seine massige Gestalt, die dennoch einer gewissen Anmut nicht entbehrte, und rückte sorgfältig ein paar graue Haarsträhnen zurecht. Ärgerlich war, daß vertraute Gesichter mit der Zeit ausblieben. Entweder raffte der Tod sie hinweg, oder aber sie zogen sich in den Süden aufs Altenteil zurück. Er seufzte und entfernte einen Staubfleck von einem seiner gravierten Manschettenknöpfe. Lord hatte dieses Restaurant, vielleicht die ganze Stadt, gesäubert.

Er drückte einen Knopf auf dem Mobiltelefon, um die Nachrichten auf dem Anrufbeantworter abzuhören. Walter Sullivan hatte sich nicht gemeldet. Wenn Sullivan sein Geschäft durchzog, würde dies bedeuten, daß Lord eines der früheren Ostblockländer als Klienten gewonnen hätte.

Ein ganzes verdammtes Land! Wieviel konnte man einem Land für juristische Beratung in Rechnung stellen? Normalerweise eine ganze Menge. Das Problem war nur, daß die früheren Kommunisten kein Geld hatten, es sei denn, man meinte damit Rubel, Sloty und Kopeken oder was auch immer man dort als Zahlungsmittel benutzte. Ebensogut konnte man sich damit den Hintern abwischen.

Doch diese Tatsache bereitete Lord keinen Kummer. Die Ex-Kommunisten verfügten nämlich über Rohstoffe im Überfluß, und Sullivan geiferte danach, diese zu bekommen. Deshalb hatte Lord drei lausige Monate dort verbracht. Aber wenn Sullivan Erfolg hatte, war es das wert gewesen.

Lord hatte gelernt, über jedermann Zweifel zu hegen. Doch wenn jemand das Geschäft an Land ziehen konnte, dann war es Walter Sullivan. Alles, was er anfaßte, schien sich in Gold zu verwandeln. Und was dabei für seine Handlanger abfiel, war wirklich nicht zu verachten. Der Mann war fast achtzig Jahre alt und hatte noch keinen Deut zurückgesteckt. Er arbeitete fünfzehn Stunden am Tag und war mit einer knapp über Zwanzigährigen verheiratet, die er in irgendeinem Autokino aufgegabelt hatte. Derzeit befand sich Sullivan auf Barbados, wohin er mit drei höchstrangigen Politikern geflogen war, um ihnen einen Eindruck zu vermitteln, wie man im Westen Geschäfte abwickelte und sich vergnügte. Sullivan würde anrufen. Und auf Sandys kurzer, aber ausgewählter Klientenliste würde ein weiterer Name aufscheinen — und was für einer.

Lord wurde auf die junge Frau mit dem aufsehenerregend kurzen Rock und den hohen Stöckelschuhen aufmerksam, die durch den Speisesaal stolzierte.

Sie lächelte zu ihm herüber. Mit leicht hochgezogenen Augenbrauen erwiderte er den Blick. Das war eine seiner Lieblingsgesten, weil sie so mehrdeutig war. Die Frau unterhielt die Kontakte zum Kongreß für einen der großen Vereine aus der 16. Straße. Nicht daß ihn das besonders interessiert hätte. Sie war hervorragend im Bett; das interessierte ihn.

Der Anblick rief zahlreiche angenehme Erinnerungen wach. Er mußte sie in nächster Zeit anrufen. Rasch schrieb er eine diesbezügliche Anmerkung in sein elektronisches Notizbuch. Dann wandte er — wie auch die meisten der anwesenden Damen — die Aufmerksamkeit der großen, kantigen Gestalt von Jack Graham zu, der quer durch den Raum geradewegs auf ihn zumarschierte.

Lord erhob sich und streckte die Hand aus. Jack ergriff sie nicht.

»Sagen Sie, was ist mit Barry Alvis passiert?«

Lord begegnete der Konfrontation mit einem seiner Unschuldsblicke und nahm wieder Platz.

Ein Kellner steuerte auf den Tisch zu, zog sich aber nach einem kurzen Wink von Lord zurück. Lord musterte Jack, der nach wie vor stand.

»Sie verlieren wohl keine Zeit, was? Raus aus dem Mund und direkt rein ins Gesicht. Manchmal ist das eine gute Strategie, aber nicht immer.«

»Ich scherze nicht, Sandy, ich will wissen, was los ist. Barrys Büro ist leergeräumt, und seine Sekretärin schaut mich an, als hätte ich persönlich das Feuer auf ihn eröffnet. Ich will ein paar Antworten.« Jack wurde lauter und zog zunehmend Blicke auf sich.

»Was auch immer Sie auf dem Herzen haben, ich bin sicher, wir können das ein wenig stilvoller besprechen. Warum nehmen Sie nicht Platz und fangen an, sich wie ein Teilhaber der besten verdammten Anwaltskanzlei der Stadt zu benebmen?«

Ihre Blicke blieben noch ganze fünf Sekunden ineinander verhaftet, bevor Jack sich langsam setzte.

»Was zu trinken?«

»Bier.«

Der Kellner kam an den Tisch und zog mit einer Bestellung über ein Bier und Sandys Gin Tonic wieder ab. Sandy zündete sich eine Raleigh an und blickte beiläufig aus dem Fenster, dann zurück zu Jack.

»Sie wissen also schon über Bany Bescheid.«

»Ich weiß nur, daß er nicht mehr da ist. Den Grund dafür will ich von Ihnen erfahren.«

»Da gibt es nicht viel zu erzählen. Er wurde mit heutigem Datum entlassen.«

»Warum?«

»Was hat das mit Ihnen zu tun?«

»Barry und ich haben zusammengearbeitet.«

»Aber Sie waren nicht miteinander befreundet.«

»Wir hatten noch keine Gelegenheit, Freunde zu werden.«

»Wieso, um Himmels willen, sollten Sie Freundschaft mit Barry Alvis schließen? Der Mann war ein ewigerSozius, glauben Sie mir; von der Sorte habe ich schon reichlich kennengelernt.«

»Er war ein verdammt guter Anwalt.«

»Nein, technisch gesehen war er ein höchst kompetenter Sachbearbeiter für Körperschaftsrecht und Steuerangelegenheiten, mit Spezialkenntnissen im Bereich der Vorsorgeaufwendungen. Er hat keinen einzigen Cent an Geschäften hereingebracht, und hätte es auch nie getan. Deshalb war er kein ›verdammt guter Anwalt‹.«

»Sie wissen genau, was ich meine. Er war sehr wertvoll für die Firma. Man braucht auch jemanden, der die Drecksarbeit macht.«

»Wir haben rund zweihundert Anwälte, von denen jeder fähig ist, die Drecksarbeit zu machen. Dagegen haben wir nur etwa ein Dutzend Leute, die neue Klienten ins Haus bringen. Das ist nicht unbedingt ein wünschenswertes Verhältnis. Eine Unmenge Soldaten, aber zu wenige Anführer. Sie betrachten Barry Alvis als wertvolle Unterstützung, wir sahen ihn als hochbezahlte Verbindlichkeit. Er stellte genug Honorarnoten aus, um selbst reichlich zu verdienen. Aber damit machen wir, die Teilhaber, nicht das große Geld. Deshalb wurde die Entscheidung getroffen, die Zusammenarbeit zu beenden.«

»Sie wollen mir also weismachen, daß es keinen kleinen Anstoß von Baldwin gegeben hat?«

Lords Miene vermittelte echte Überraschung. Als Anwalt mit über fünfunddreißig Jahren Erfahrung, der den Leuten Rauch ins Gesicht blies, war er ein geübter Lügner. »Warum, um alles in der Welt, sollten sich die Baldwins für Barry Alvis interessieren?«

Eine ganze Minute lang musterte Jack das fällige Gesicht eingehend, bevor er leise den Atem ausstieß. Er sah sich im Restaurant um und kam sich plötzlich ziemlich dumm vor. Hatte er sich grundlos aufgespielt? Aber wenn Lord nun log? Abermals betrachtete er den. Mann, doch das Gesicht blieb unbewegt. Warum sollte er lügen? Jack fielen mehrere Gründe ein, doch keiner davon ergab einen Sinn. War es möglich, daß er sich irrte? Hatte er soeben vor dem mächtigsten Teilhaber der Firma einen kompletten Narren aus sich gemacht?

Lords Stimme klang nun sanfter, beinahe tröstlich. »Barry Alvis’ Entlassung war Teil eines Konzepts zur Lichtung der toten Bäume in Gipfelnähe. Wir wollen mehr Rechtsanwälte, die sowohl die Arbeit erledigen als auch Geld hereinbringen können. Leute wie Sie. So einfach ist das. Barry war nicht der erste und nicht der letzte. Wir arbeiten schon lange daran, Jack. Tatsächlich haben wir schon damit begonnen, bevor Sie überhaupt zur Firma gestoßen sind.« Lord setzte ab und musterte Jack eindringlich. »Ist da irgend etwas, das Sie mir verheimlichen? Wir sind bald Partner, und vor seinen Partnern soll man keine Geheimnisse haben.«

Innerlich kicherte Sandy. Die Liste von geheimen Geschäften, die er mit seinen Klienten getätigt hatte, war ziemlich lang.

Jack war dicht daran, mit der Sprache herauszurücken, entschied sich aber dagegen.

»Ich bin noch nicht Teilhaber, Sandy.«

»Reine Pormsache.«

»Man soll den Dingen nicht vorgreifen.«

Unbehaglich rutschte Lord auf dem Sessel hin und her und schwang die Zigarette wie einen Zauberstab. Also stimmten die Gerüchte vielleicht doch, wonach Jack vorhatte abzuspringen. Die Gerüchte waren der Grund dafür, warum Lord nun mit dem jungen Anwalt hier saß. Die beiden Männer musterten einander. Um Jacks Lippen spielte ein Lächeln. Jacks Vier-Millionen-Dollar-Etat war ein unwiderstehlicher Leckerbissen. Insbesondere weil dabei für Sandy Lord vierhundert Riesen heraussprangen. Nicht, daß er Sie unbedingt gebraucht hätte, aber er war ihnen auch alles andere als abgeneigt. Er stand im Ruf, einem ziemlich kostspieligen Lebenswandel zu frönen. Und Anwälte traten nicht in den Ruhestand. Sie arbeiteten, bis sie tot umfielen. Die besten verdienten eine Menge Geld, aber verglichen mit Spitzenpolitikern, Rockstars und Schauspielern spielten sie einkommensmäßig immer noch in der zweiten Liga.

»Ich dachte, Ihnen gefällt unser Laden.«

»Sicher.«

»Also?«

»Also was?«

Erneut schweifte Sandys Blick durch den Speisesaal. Er entdeckte eine weitere weibliche Bekannte. Sie trug ein gepflegtes pflegtes, teures Kostüm, und Sandy hatte berechtigten Grund zu der Annahme, daß sie nichts darunter trug. Er trank seinen Gin Tonic aus und wandte sich wieder Jack zu. Langsam wurde Lord ärgerlich. Dieser dumme, grüne Mistkerl.

»Sind Sie schon mal hiergewesen?«

Jack schüttelte den Kopf. In der umfangreichen Speisekarte suchte er nach einem Burger mit Pommes Frites, fand jedoch keinen. Dann wurde ihm die Speisekarte aus der Hand gerissen; Lord beugte sich zu ihm herüber und blies schweren, schalen Atem in Jacks Gesicht.

»Nun, warum sehen Sie sich dann nicht um?«

Lord hob einen Finger, und man brachte Whisky und Wasser. Jack nahm den Oberkörper zurück, doch Lord rückte näher und lag beinahe auf dem geschnitzten Tisch.

»Ob Sie es glauben oder nicht, ich war schon vorher in Restaurants, Sandy.«

»Nicht in diesem, oder? Sehen Sie die niedliche Lady dort drüben?« Lords erstaunlich dünne Finger wiesen die Richtung. Jacks Blick fiel auf die Kongreßbetreuerin. »Fünf Mal habe ich diese Frau in den letzten sechs Monaten gevögelt.« Lord konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen, als Jack die Dame abschätzend betrachtete und überaus angetan von ihr zu sein schien.

»Und nun überlegen Sie, warum ein so holdes Wesen sich dazu herabläßt, mit einem alten Fettsack wie mir ins Bett zu gehen.«

»Vielleicht hat sie Mitleid mit Ihnen.« Jack lächelte.

Lord lächelte nicht. »Wenn Sie das wirklich glauben, dann verfügen Sie über mehr Naivität, als die Polizei erlaubt. Glauben Sie tatsächlich, daß die Frauen in dieser Stadt auch nur eine Spur besser sind als die Männer? Warum sollten sie? Nur weil sie Titten haben und Röcke tragen, heißt daß noch lange nicht, daß sie sich nicht nehmen, was sie wollen und dafür jedes zur Verfügung stehende Mittel einsetzen.

Sehen Sie, mein Junge, sie tut es, weil ich ihr geben kann, was sie will, wenn auch nicht im Bett. Sie weiß es, ich weiß es. Ich kann ihr Türen öffnen, zu denen in dieser Stadt nur eine Handvoll Menschen Schlüssel hat. Quid pro quo. Als Gegenleistung darf ich sie ficken. Es ist eine rein geschäftliche Vereinbarung, die zwei intelligente, kultivierte Parteien miteinander eingehen. Was meinen Sie dazu?«

»Was soll ich dazu schon meinen?«

Lord setzte sich wieder hin, zündete eine neue Zigarette an und blies vollendete Rauchringe an die Decke. An seiner Lippe zupfend kicherte er.

»Was ist so komisch, Sandy?«

»Ich habe mir nur gerade vorgestellt, wie Sie sich über Leute wie mich an der Uni lustig gemacht haben. Wahrscheinlich haben Sie sich vorgenommen, niemals so zu werden wie ich. Lieber illegale Einwanderer zu verteidigen, die um politisches Asyl ansuchen, oder arme Idioten aus der Todeszelle freizukriegen, die ein paar Leute zuviel aufgeschlitzt haben und die Schuld darauf schieben, daß ihnen Mama immer den Hintern versohlte, wenn sie schlimm waren. Nun mal ehrlich, Jack, so war es doch, oder nicht?«

Jack lockerte die Krawatte und trank einen Schluck Bier. Er hatte Lord schon in Aktion erlebt, und er witterte eine Falle.

»Sie sind einer der besten Anwälte weit und breit, Sandy, das sagt jeder.«

»Quatsch, ich habe schon jahrelang nicht mehr praktiziert.«

»Weil Sie es so wollten.«

»Und was wollen Sie, Jack?«

Jack fühlte, wie sich sein Magen leicht, aber wahrnehmbar zusammenkrampfte, als er hörte, wie sein Name über Lords Lippen glitt. Es ließ eine künftige Intimität erahnen, die ihn erschreckte. Partner? Jack holte tief Luft und zuckte die Schultern.

»Wer weiß schon, was er mal tun will, wenn er erwachsen ist?«

»Aber Sie sind erwachsen, Jack, und es ist Zeit, Farbe zu bekennen. Also, was wollen Sie?«

»Ich weiß nicht, was Sie meinen.«

Lord beugte sich wieder herüber, mit geballten Fäusten, wie ein Schwergewichtsboxer, der auf einen Deckungsfehler des Gegners lauert. Tatsächlich schien er einen Augenblick lang zuschlagen zu wollen. Jack zog den Kopf ein.

»Sie halten mich für ein Arschloch, nicht wahr?«

Jack griff wieder zur Speisekarte. »Was empfehlen Sie?«

»Rücken Sie schon raus damit, Junge, Sie halten mich für ein gieriges, egozentrisches, machtverliebtes Arschloch, das sich einen Dreck um jeden schert, der nichts für mich tun kann. Ist es nicht so, Jack?« Lords Stimme schwoll an, der füllige Leib war halb aus dem Sessel erhoben. Er drückte die Speisekarte zurück auf den Tisch.

Nervös schaute Jack durch den Raum. Niemand schien sie zu beachten, was darauf schließen ließ, daß jedes Wort der Unterhaltung aufmerksam mitgehört wurde. Lords rote Augen starrten direkt in Jacks, zogen sie förmlich an.

»Sehen Sie, ich weiß, daß ich das bin. Genau das, Jack.«

Triumphierend ließ Lord sich auf den Sessel zurückfallen. Obwohl er sich angewidert fühlte, war Jack zum Lächeln zumute.

Fast, als hätte es dies gespürt und wollte ihm keinen Raum geben, sich zu entspannen, rutschte Lord mit dem Stuhl näher an Jack heran. Einen Augenblick lang dachte Jack ernsthaft darüber nach, dem älteren Mann eins aufs Auge zu geben. Was zuviel war, war zuviel.

»Genau so. ist es, Jack, all das bin ich, all das und noch einiges mehr. Aber wissen Sie was, Jack? So bin ich nun mal. Ich versuche weder, es zu verbergen, noch zu erklären. Jeder Hundesohn‘ der mir je über den Weg gelaufen ist, wußte genau, mit wem er eszu tun hatte. Ich glaube an das, was ich tue. Bei mir gibt es keine Heuchelei.« Lord holte tief Luft und blies sie langsam wieder aus. Kopfschüttelnd versuchte Jack seine Gedanken zu ordnen.

»Was ist mit Ihnen, Jack?«

»Was soll mit mir sein?«

»Wer sind Sie, Jack? Woran glauben Sie? Wenn Sie überhaupt an etwas glauben.«

»Ich war zwölf Jahre lang an einer katholischen Schule; an irgend etwas muß ich glauben.«

Müde schüttelte Lord den Kopf. »Sie enttäuschen mich. Ich habe gehört, Sie wären ein kluger Kopf. Entweder hat man mich schlecht informiert, oder Sie haben dieses dämliche Grinsen im Gesicht, weil Sie Angst haben, etwas Falsches zu sagen.«

Jack umklammerte Lords Handgelenk wie ein Schraubstock.

»Sagen Sie, was wollen Sie von mir?«

Lord lächelte und tätschelte sanft Jacks Hand, bis er den Griff lockerte.

»Mögen Sie Orte wie diesen? Mit Baldwin als Klienten werden Sie in solchen Restaurants speisen, bis Sie alt und grau sind. In etwa vierzig Jahren werden Sie vielleicht auf irgendeinem Golfplatz in der Karibik den Löffel abgeben und dadurch Ihre dritte, junge Frau reich machen. Aber Sie werden glücklich sterben, glauben Sie mir.«

»Für mich ist ein Ort wie der andere.«

Lords Hand krachte auf den Tisch. Diesmal drehten sich - mehrere Köpfe nach ihnen um. Der Oberkellner blickte in ihre Richtung, wobei er versuchte, seine Besorgnis hinter dem dichten Schnurrbart und der distanzierten Ausstrahlung zu verbergen.

»Genau darum geht es, mein Junge. Sie können sich nicht entscheiden!« Er senkte die Stimme, als er sich wieder hinsetzte, beugte sich aber weiterhin viel zu dicht zu Jack. »Ein Ort ist definitiv nicht wie der andere. Sie haben den Schlüssel zu Orten wie diesem in der Hand. Ihr Schlüssel ist Baldwin und seine hübsche Töchter. Zu klären ist nun: Werden Sie die Tür öffnen oder nicht? Was uns interessanterweise zu meiner ursprünglichen Frage zurückbringt. Woran glauben Sie, Jack? Denn wenn Sie nicht an das hier glauben« — Lord machte eine ausholende Bewegung —, »wenn Sie nicht der Sandy Lord der nächsten Generation werden möchten, wenn Sie nachts aufwachen und über meine Eigenart — meine Arschlöchrigkeit, wenn Sie so wollen — lachen oder fluchen, wenn Sie wirklich und fest glauben, Sie stehen darüber, wenn sie es wirklich nicht ertragen können, mit Ms. Baldwin zu rammeln, und Sie nicht ein verdammtes Gericht auf der Speisekarte finden, das Ihnen schmeckt, warum sagen Sie dann nicht einfach, ich soll mich zum Teufel scheren? Und stehen auf und gehen erhobenen Hauptes, reinen Gewissens und gestärkten Glaubens zur Tür hinaus? Denn ehrlich gesagt: Dieses Spiel ist zu bedeutsam und zu rücksichtslos für Unentschlossene.«

Lord sank zurück auf den Sessel. Seine Masse quoll nach außen, bis sie die Sitzfläche vollkommen ausfüllte.

Draußen vor dem Restaurant entfaltete sich ein wahrhaft wundervoller Herbsttag. Weder Regen noch übermäßig viele Wolken trübten den klaren Himmel. Eine sanfte Brise blies durch weggeworfene Zeitungen. Die Hektik der Stadt schien vorübergehend nachzulassen. Weiter unten in der Straße, im LaFayette-Park, lagen Sonnenanbeter im Gras und hofften, noch etwas Bräune abzubekommen, bevor der Herbst einsetzte. Radboten machten gerade Pause und schlenderten durch die Gegend, um vielleicht einen Blick auf unverhüllte Beine und leicht geöffnete Blusen zu erhaschen.

Im Restaurant starrten Jack Graham und Sandy Lord einander an.

»Sie reden nicht um den heißen Brei herum, was?«

»Dafür hab’ ich keine Zeit, Jack. Hatte ich in den letzten zwanzig Jahren nicht. Wenn ich nicht sicher wäre, daß man mit Ihnen unverblümt reden kann, hätte ich Ihnen irgendeinen Mist erzählt und es dabei belassen.«

»Was wollen Sie jetzt von mir hören?«

»Ich will nur wissen, ob Sie dabei sind oder nicht. Die Wahrheit ist, daß Sie mit Baldwin als Klienten zu jeder anderen Firma in der Stadt wechseln könnten. Ich nehme an, Sie haben sich für uns entschieden, weil Ihnen gefallen hat, was Sie sahen.«

»Baldwin hat Sie empfohlen.«

»Er ist ein kluger Mann. Viele Menschen würden seinem Rat folgen. Sie sind jetzt seit einem Jahr bei uns. Wenn Sie sich entschließen zu bleiben, machen wir Sie zum Teilhaber. Offen gesagt, war die Wartezeit von zwölf Monaten eine reine Formsache, um zu sehen, ob wir zueinander passen. Danach werden Sie niemals Geldsorgen haben, auch nicht ohne das beträchtliche Vermögen Ihrer künftigen Gattin. Ihre Hauptbeschäfügung wird darin bestehen, Baldwin bei Laune zu halten, diese Geschäftsbeziehung auszubauen und jede weitere an Land zu ziehen, die Sie kriegen können. Sehen wir der Wahrheit doch ins Gesicht, Jack, die einzige Sicherheit eines Anwalts ist sein Klientenstamm. An der Uni bringt einem das keiner bei, obwohl es die wichtigste Lektion ist, die man zu lernen hat. Vergessen Sie das niemals, wirklich niemals. Dem gegenüber sollte sogar die Arbeit Nachrang haben. Es wird immer jemanden geben, der die Arbeit erledigen kann. Sie haben freie Hand, um Klienten zu werben. Niemand macht Ihnen Vorschriften, ausgenommen Baldwin. Die Arbeit, die wir für Baldwin erledigen, müssen Sie nicht überwachen, dafür haben wir andere. Alles in allem kein so schlechtes Leben.«

Jack starrte auf seine Hände. Jennifers Gesicht erschien dort. So vollkommen. Er fühlte sich schuldig, da er angenommen hatte, sie hätte Alvis feuern lassen. Dann dachte er an die endlosen Stunden als Pflichtverteidiger. Schließlich wanderten die Gedanken zu Kate, wo sie unvermittelt zum Stillstand kamen. Was konnte er sich in dieser Richtung erhoffen? Die Antwort lautete: Gar nichts. Er blickte wieder auf.

»Eine dumme Frage: Kann ich weiterhin als Anwalt tätig bleiben?«

»Wenn Sie wollen.« Lord musterte ihn eindringlich. »Darf ich das nun als ›Ja‹ auffassen?«

Jack las in der Speisekarte. »Der Krabbencocktail hört sich verlockend an.«

Breit lächelnd blies Sandy Rauch an die Decke. »Ich liebe ihn, Jack. Verdammt noch mal, ich liebe ihn.«

___________

Zwei Stunden später stand Sandy Lord in seinem riesigen Büro und starrte auf den regen Verkehr hinunter, während er sich per Konferenzschaltung durch eine telefonische Besprechung quälte.

Dan Kirksen kam zur Tür herein. Die konservative Fliege und das gestärkte Hemd verhüllten den schlanken Körper eines regelmäßigen Joggers. Er hatte uneingeschränkte Kontrolle über jeden hier, ausgenommen Sandy Lord. Und nun wahrscheinlich Jack Graham.

Lord bedachte ihn mit einem gleichgültigen Blick. Kirksen nahm Platz und wartete geduldig, bis sich die Teilnehmer der Konferenzschaltung voneinander verabschiedet hatten. Lord schaltete den Lautsprecher aus und ließ sich auf dem mächtigen Ruhesessel nieder. An die Decke starrend, zündete er sich eine Zigarette an. Der Gesundheitsfanatiker Kirksen wich vom Schreibtisch zurück.

»Was gibt’s?« Endlich blickte Lord in Kirksens schmales, bartloses Gesicht. Der Mann brachte beständig Geschäfte im Wert von knapp unter sechshunderttausend Dollar pro Jahr, was ihm bei PS&L eine langfristige und ungefährdete Position sicherte. Für Lord jedoch waren solche Summen Hühnerdreck, und er gab sich keine Mühe zu verbergen, daß er den geschäftsführenden Teilhaber der Firma nicht ausstehen konnte.

»Wir haben uns gefragt, wie das Mittagessen verlaufen ist.«

»Kleine Fische, Danny. Ich habe keine Zeit für kleine Fische. Das ist was für Sie.«

»Wir hatten eben beunruhigende Gerüchte gehört, und dann mußte auch noch Alvis gekündigt werden, nachdem Ms. Baldwin anzief.«

Lord machte eine verächtliche Handbewegung. »Darum habe ich mich schon gekümmert. Es gefällt ihm hier, er bleibt. Und ich habe zwei Stunden verplempert.«

»Bei dem Betrag, der auf dem Spiel stand, Sandy, dachten wir alle, es wäre besser und würde ihn am ehesten beeindrucken, wenn Sie —«

»Ja. Ich weiß, um welche Beträge es geht, Kirksen. Besser als Sie. Okay? Jacky-Boy bleibt an Bord. Mit ein bißchen Glück verdoppelt er bis in zehn Jahren seinen Ertrag, und wir alle können uns früh zur Ruhe setzen.« Lord fixierte Kirksen, der unter dem Blick des massigen Mannes immer kleiner zu werden schien. »Der Bursche hat mehr auf dem Kasten als alle anderen, die ich hier kenne.«

Kirksen zuckte zusammen.

»Um ehrlich zu sein, ich mag den Jungen.« Lord schaute wieder aus dem Fenster und beobachtete, wie eine mit Schnüren aneinandergekettete Vorschulklasse zehn Stockwerke tiefer die Straße überquerte.

»Dann kann ich dem Vorstand einen positiven Bericht erstatten?«

»Sie können berichten, was Sie wollen. Merken Sie sich nur eines: Belästigen Sie mich nie wieder mit solchen Dingen, es sei denn, es ist wirklich ungemein wichtig, verstanden?«

Lord bedachte Kirksen mit einem weiteren, kurzen Blick, dann starrte er wieder aus dem Fenster. Sullivan hatte immer noch nicht angerufen. Das war nicht gut. Er fühlte, wie ihm das große Geschäft aus den Fingern glitt, so wie die Kinder um die Ecke verschwanden. Futsch.

»Danke, Sandy.«

»Ja.«

9

Walter Sullivan starrte in das Gesicht oder was davon übrig war. Der bloßliegende Fuß trug das offizielle Namensschild des Leichenschauhauses. Während seine Begleiter draußen warteten, saß erschweigend allein bei ihr. Die Identifizierung war bereits formell erfolgt. Die Polizisten waren weggefahren, um ihre Berichte zu ergänzen, die Reporter, um ihre Stories vorzubereiten.

Doch Walter Sullivan, einer der mächtigsten Männer der Gegenwart, der aus nahezu allem, was er seit dem vierzehnten Lebensjahr anpackte, ein Vermögen machte, fühlte sich mit einem Mal aller Energie, jedweder Willenskraft beraubt.

Für die Presse waren Christy und er ein gefundenes Fressen gewesen, nachdem seine erste Frau nach siebenundvierzig Jahren Ehe gestorben war. Aber mit fast achtzig Jahren wollte er einfach etwas Junges und Lebendiges an seiner Seite haben. Nach so vielen Todesfällen wollte er mit jemandem zusammensein, der ihn mit ziemlicher Sicherheit überleben würde. So viele seiner engen Freunde und nahen Verwandten waren in letzter Zeit verschieden; er hatte es einfach satt, ewig nur zu trauern. Alt zu werden war nicht einfach, nicht einmal für die Reichsten.

Doch Christy Sullivan hatte ihn nicht überlebt. Und das wollte er nicht ohne weiteres hinnehmen. Sie so im Gedächtnis zu bewahren, wie er sie gekannt hatte, das reichte nicht aus. Dazu blieb ihm zu wenig Zeit.

Es war gut, daß Walter Sullivan nicht wußte, was mit der Leiche seiner Frau geschehen würde, sobald er diesen Raum verließ. Der Beobachter hinter dem Einwegspiegel, der keinen Blick von ihm wandte, wußte es um so besser. Es war ein notwendiges Verfahren, doch eines, daß nicht im mindesten geeignet war, die Familie des Opfers zu trösten.

Als erstes würde ein Techniker hereinkommen, um die verstorbene Mrs. Sullivan in den Autopsiesaal zu bringen, wo eine schier endlose Prozedur folgen sollte: das Wiegen und Messen des Leichnams. Das Fotografieren, zunächst angekleidet, dann nackt. Dann Röntgen, Abnahme der Fingerabdrücke. Eine komplette äußerliche Untersuchung der Leiche, um möglichst viele brauchbare Beweise und Anhaltspunkte zu gewinnen. Entnahme von Proben der Körperflüssigkeiten für die Toxikologie, wo man diese nach Alkohol und Drogen untersuchen und andere Tests damit durchführte. Ein Y-Schnitt, der die Leiche von Schulter zu Schulter, von der Brust zu den Genitalien öffnete — selbst für den abgebrühten Beobachter ein grauenvoller Anblick. Eine Analyse und Wiegung sämtlicher Organe. Eine Untersuchung der Genitalien auf Anzeichen für Geschlechtsverkehr oder Verletzungen. Die Einsendung jedweder Spur von Samen, Blut oder fremden Haaren zu einer DNA-Analyse.

Eine äußere Untersuchung des Schädels, die Aufzeichnung der Wundmuster. Danach ein Schädeldeckenschnitt mit einer Säge rund um den Kopf, damit man die Schädeldecke