/ Language: Deutsch / Genre:prose_contemporary

Wer Unrecht tut

Danielle Steel


Wer Unrecht tut

Danielle Steel

1996

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Wenn die Vergangenheit ein Feind ist, hat man nur die Gegenwart.

Für meine außergewöhnlichen, liebevollen, sehr bemerkenswerten Kinder Beatrix, Trevor, Todd, Nick, Samantha, Victoria, Vanessa, Maxx und Zara. Ihr macht mein Leben lebenswert, ihr seid alles, was mein Leben wertvoll gemacht hat. Ihr seid mein Leben und mein Herz. In Dankbarkeit und Liebe, mit der Bitte um Entschuldigung für den Kummer, den ich euch vielleicht mit diesem bösartigen Ding namens “Ruhm” bereitet habe. Ich liebe euch so sehr.

d.s.

Inhaltsverzeichnis

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Orgelmusik schwebte zum blauen Himmel über Wedgwood empor. An einem milden Sommermorgen zwitscherten die Vögel in den Zweigen der Bäume, in der Ferne rief ein Kind nach seinem Freund. Die Stimmen in der Kirche erhoben sich in kraftvollem Einklang zu vertrauten Hymnen, die Grace seit ihrer Kindheit kannte.

Aber an diesem Morgen konnte sie nicht singen und sich kaum bewegen, als sie vor dem Sarg ihrer Mutter stand. Jeder wußte, daß Ellen Adams bis zu ihrem Lebensende eine gute Mutter gewesen war, eine wunderbare Ehefrau, ein angesehenes Mitglied der Gemeinde. Vor Graces Geburt hatte sie an derSchule unterrichtet. Sie wünschte sich vergeblich weitere Kinder, doch gesundheitlich war sie schon immer anfällig gewesen. Mit achtunddreißig Jahren erkrankte sie an Gebärmutterkrebs, und nach der Totaloperation mußte sie sich einer Chemotherapie und einer Strahlenbehandlung unterziehen. Aber der Krebs breitete sich immer weiter aus, in die Lymphknoten, die Lungen und schließlich in die Knochen. Der Kampf dauerte viereinhalb Jahre, und mit zweiundvierzig war sie in ihrem Haus gestorben.

Grace hatte sie allein gepflegt, und nur für die letzten beiden Monate hatte der Vater zwei Pflegerinnen engagieren müssen. Trotzdem saß Grace immer noch stundenlang am Krankenbett, nachdem sie von der Schule nach Hause gekommen war. Wenn ihre Mutter nachts vor Schmerzen schrie, lief Grace zu ihr, half ihr, sich im Bett umzudrehen, trug sie ins Bad und verabreichte ihr die Medikamente. Die Schwestern arbeiteten nur tagsüber, weil der Vater sie nachts nicht im Haus haben wollte. Wie jeder wußte, war es ihm sehr schwergefallen, die Krankheit seiner Frau zu akzeptieren. Jetzt stand er neben Grace in der Kirchenbank und weinte wie ein Kind.

Mit seinen sechsundvierzig Jahren war John Adams ein attraktiver Mann, einer der besten Anwälte in Watseka und zweifellos der beliebteste. Nachdem er aus dem Zweiten Weltkrieg heimgekehrt war, hatte er an der Universität von Illinois studiert. Danach ließ er sich in seiner Heimatstadt Watseka nieder, hundert Meilen südlich von Chicago. In dieser blitzsauberen, kleinen Stadt lebten nur ehrbare Leute. Er kümmerte sich um alle ihre juristischen Probleme und hatte immer ein offenes Ohr für ihre Sorgen. Er bearbeitete Scheidungsfälle und Erbschaftsstreitigkeiten, stiftete Frieden zwischen verfeindeten Verwandten. Da er stets fair blieb, mochten ihn alle. Er betreute Klienten, die schwere Körperverletzungen erlitten hatten oder Ansprüche an den Staat stellten, setzte Testamente auf und erledigte die Formalitäten bei Adoptionen. Abgesehen von seinem Freund, dem populärsten Arzt in der Stadt, war John Adams der angesehenste Bürger von Watseka.

In seiner Jugend war er ein Footballstar am College gewesen, und schon damals hatte er die Sympathien aller Leute in seiner Umgebung genossen. Mit sechzehn Jahren hatte er seine Eltern verloren, die bei einem Autounfall gestorben waren. Seine Großeltern lebten schon lange nicht mehr, und mehrere Familien stritten buchstäblich um die Ehre, den liebenswerten, stets hilfsbereiten Jungen bis zu seinem High-School-Abschluß bei sich aufzunehmen. Schließlich lebte er nacheinander bei zwei Familien, die ihn innig liebten.

Er kannte alle Stadtbewohner, und nach Ellens Erkrankung warfen einige geschiedene Damen und junge Witwen ein Auge auf ihn. Aber er begegnete ihnen mit höflicher Distanz und erkundigte sich bestenfalls nach ihren Kindern. Niemals schaute er den Frauen nach. Auch das gehörte zu seinen allseits geschätzten Vorzügen. »Obwohl er, weiß Gott, ein Recht dazu hätte«, betonte einer seiner älteren Freunde. »Wo Ellen doch so krank ist, sollte man meinen, er würde woanders Trost suchen. Aber John? Niemals! Wirklich, ein vorbildlicher Ehemann.« Er war anständig und freundlich, fair und erfolgreich. Meistens übernahm er nur kleinere Fälle, aber er hatte erstaunlich viele Klienten. Manchmal hänselte ihn Frank Wills, sein Partner in der Anwaltskanzlei, warum alle Leute erst nach John fragen würden, bevor sie sich mit Frank begnügten?

»Wie machst du das?« fragte Frank. »Steckst du den Leuten hinter meinem Rücken Lebensmittel für ein ganzes Jahr zu?« Juristisch nicht so versiert wie John, konnte Frank gut recherchieren und Kontakte knüpfen, er befaßte sich penibel mit allen Details, und Verträge nahm er genau unter die Lupe. Aber John heimste den ganzen Ruhm ein, und viele Klienten kamen sogar aus weit entfernten Städten zu ihm. Frank war ein unscheinbarer kleiner Mann, ohne den Charme seines Partners, doch die beiden arbeiteten gut zusammen und kannten einander seit ihrem Studium. Jetzt stand auch er in der Kirche, mehrere Reihen hinter John und Grace, und er litt mit ihnen.

So wie immer würde John wieder auf den Füßen landen, das wußte Frank, und spätestens in einem Jahr noch einmal heiraten, obwohl er behauptete, nicht daran interessiert zu sein.

Grace starrte völlig verzweifelt auf das Blumenmeer vor dem Altar.

Mit ihren siebzehn Jahren war sie sehr hübsch, oder sie wäre es, wenn sie etwas mehr auf ihr Äußeres achten würde. Groß und schlank, hatte sie anmutige Schultern, dünne Arme, wohlgeformte lange Beine, eine schmale Taille und volle Brüste. Bedauerlicherweise verbarg sie ihre Figur unter formlosen Kleidern und weiten Pullovern, die sie bei der Heilsarmee kaufte. John war nicht reich, aber er hätte sich’s leisten können, seine Tochter besser anzuziehen, wäre es ihr Wunsch gewesen. Im Gegensatz zu anderen Mädchen ihres Alters interessierte sie sich nicht für Mode oder Jungs und versuchte, ihre Schönheit eher zu verstecken als zu betonen. Sie benutzte kein Make-up, meistens fiel ihr das kupferrote Haar glatt über den Rücken, und lange Ponyfransen überschatteten die großen, kornblumenblauen Augen. Niemals sah sie die Leute direkt an, niemals verwickelte sie irgend jemanden in ein Gespräch. Die Trauergäste staunten über ihre attraktive Erscheinung, die allerdings nur auffiel, wenn man zweimal hinschaute. Sie trug ein altes, schwarzes Kleid ihrer Mutter, das wie ein Sack an ihr hing. Das Haar zu einem strengen Knoten gesteckt, sah sie wie eine Dreißigjährige aus, während sie leichenblaß neben ihrem Vater stand.

»Armes Kind«, flüsterte Franks Sekretärin und beobachtete, wie Grace an Johns Seite dem Sarg ihrer Mutter folgte, der aus der Kirche getragen wurde. Arme Ellen, armer John… Soviel hatten sie durchgemacht.

Die Bewohner der Stadt wunderten sich, weil Grace so scheu und verschlossen war. Vor ein paar Jahren hatte man sogar gemunkelt, sie sei zurückgeblieben. Aber ihre Schulkameraden wußten, daß das nicht stimmte. Sie war klüger als die meisten, doch nur selten sah man sie mit anderen reden oder lachen. Offenbar wagte sie nicht, aus sich herauszugehen, was man angesichts ihrer geselligen Eltern seltsam fand. Schon als kleines Mädchen war sie eine Einzelgängerin gewesen, und mehr als einmal hatte sie auf dem Heimweg von der Schule Asthmaanfälle erlitten.

Eine Zeitlang standen John und Grace im Licht der Mittagssonne, schüttelten die Hände ihrer Freunde, dankten ihnen für den Besuch der Totenmesse und umarmten sie. Grace erweckte den Eindruck, nur ihr Körper wäre anwesend und ihre Seele woanders. Und in ihrem tristen Kleid wirkte sie erbärmlicher denn je, was ihr ihr Vater auf dem Weg zum Friedhof energisch vorwarf.

Die abgetragenen, schwarzen Pumps ihrer Mutter waren ebenso altmodisch wie das Kleid. Anscheinend versuchte Grace, der Toten näherzukommen, indem sie deren Sachen trug, oder sie versuchte, sich zu tarnen — zu schützen, doch zu einem jungen Mädchen paßte diese Aufmachung nicht. Sie glich Ellen, die allerdings vor ihrer Erkrankung viel robuster gewesen und deren Garderobe für die gertenschlanke Grace um drei Nummern zu groß war.

»Hättest du dich nicht zur Abwechslung mal anständig anziehen können?« fragte John irritiert, während sie zum St.-Mary’s-Friedhof am Stadtrand fuhren, von drei Dutzend Autos begleitet. Immerhin hatte er einen gewissen Ruf zu verteidigen, und es ärgerte ihn, daß sein einziges Kind wie ein Waisenmädchen aussah.

»Mom erlaubte mir nicht, Schwarz zu tragen. Und ich dachte …« Hilflos verstummte sie und drückte sich in die Ecke des alten Cadillac, den ihnen das Bestattungsinstitut zur Verfügung gestellt hatte. Vor ein paar Monaten hatten ihn ein paar Schüler für den Abschlußball gemietet, zu dem Grace nicht eingeladen worden war. Da sie ihre kranke Mutter pflegen mußte, wäre sie ohnedies nicht hingegangen. Sie zeigte Ellen das Diplom und verschob ihr Studium an der Illinois University um ein Jahr. Damit erfüllte sie den Wunsch des Vaters, der ihr erklärte, Ellen würde sich lieber von ihrer Tochter betreuen lassen als von fremden Pflegerinnen. Grace widersprach ihm nicht, was zudem sinnlos gewesen wäre, da er seinen Willen immer und überall durchsetzte. Seit Jahren an seinen Erfolg und die Wirkung seines guten Aussehens gewöhnt, erwartete er, daß sich daran auch in Zukunft nichts ändern würde.

»Hast du zu Hause alles vorbereitet?« fragte er, und sie nickte. Seit ihre Mutter erkrankt war, führte sie den Haushalt vorbildlich. Vor dem Trauergottesdienst hatte sie das Buffet hergerichtet und die Platten mit dem Essen in den Kühlschrank gestellt. Einige Speisen stammten von Freunden. Am vergangenen Abend hatte sie einen Truthahn gebraten. Mrs. Johnson steuerte einen großen Schinken bei, andere Leute hatten den Hinterbliebenen Salate, Kasserollen, Würste, zwei Platten mit Hors d’œuvres, frisches Gemüse und verschiedene Kuchen gebracht. Nun glich die Küche einer Picknickwiese auf der landwirtschaftlichen Ausstellung. Keiner der zahlreichen Gäste, die der toten Frau des angesehenen Anwalts die letzte Ehre erwiesen, würde hungern müssen.

Die Anteilnahme der Leute und das Blumenmeer im Bestattungsinstitut waren überwältigend gewesen. »Wie bei einem königlichen Begräbnis «, bemerkte der alte Mr. Peabody und überreichte dem Witwer das Kondolenzbuch.

»Ja, sie war ein ganz besonderer Mensch«, hatte John leise erwidert.

Als er in der Limousine saß, dachte er an Ellen und betrachtete seine Tochter. Sie war so ein hübsches Mädchen und sehr darum bemüht, dies nicht zu zeigen. Das akzeptierte er meistens, um lästige Diskussionen zu vermeiden. In anderer Hinsicht konnte er sich nicht über sie beklagen, und während der langen Krankheit ihrer Mutter war sie ein Geschenk des Himmels gewesen. Nun würden sie beide ein leichteres Leben führen und Ellens Qualen nicht mehr mitansehen müssen.

Er schaute aus dem Fenster, dann wandte er sich wieder seiner Tochter zu. »Gerade habe ich mir überlegt, wie seltsam es sein wird — ohne Mom. Aber vielleicht…« Welche Worte sollte er wählen? Er wollte sie nicht verletzen. »Vielleicht ist es jetzt einfacher für uns. Die Ärmste hat so schrecklich gelitten.«

Schweigend starrte Grace vor sich hin. Was ihre Mutter erduldet hatte, wußte sie besser als sonst jemand.

Die Zeremonie auf dem Friedhof dauerte nicht lange. Nach einer teilnahmsvollen Ansprache las der Priester ein paar Verse aus dem Buch Salomon und Psalter vor, dann begleiteten alle Trauergäste die Adams zum Leichenschmaus. Etwa hundertfünfzig Freunde drängten sich in dem kleinen, weißgestrichenen, von einem Lattenzaun umgebenen Haus mit den dunkelgrünen Fensterläden. Im Vorgarten wuchsen Oleander, an die Rückfront grenzte der Rosengarten, den Ellen so geliebt hatte.

Beinahe erinnerte die Zusammenkunft der redseligen Leute an eine Cocktailparty. Während Frank Wills im Wohnzimmer hofhielt, stand John mit ein paar Freunden draußen im heißen Julisonnenschein. Grace servierte Limonade und Eistee, und ihr Vater hatte ein paar Flaschen Wein aus dem Keller geholt. Aber das üppige Essen wurde kaum angerührt.

Um vier Uhr verabschiedeten sich die letzten Gäste, und Grace ging mit einem Tablett durchs Haus, um Gläser und Geschirr einzusammeln.

»Wir haben viele gute Freunde«, meinte John und lächelte voller Stolz. Im Lauf der Jahre hatte er viel für seine Klienten getan, und in der Stunde der Not waren sie für seine Tochter und ihn dagewesen. Er beobachtete Grace, die still und in sich gekehrt ihre Arbeit erledigte. Jetzt würden sie ganz allein hier leben, doch er neigte nicht dazu, Trübsal zu blasen. »Ich schaue mal nach, ob noch Gläser im Garten stehen«, erbot er sich.

Eine halbe Stunde später trug er ein voll beladenes Tablett in die Küche, sein Jackett über dem Arm, die Krawatte gelockert. Hätte Grace auf solche Dinge geachtet, wäre ihr aufgefallen, daß ihr Vater besser aussah denn je. Anderen Leuten war es nicht entgangen. Verständlicherweise hatte er in den letzten Wochen abgenommen und wirkte jugendlich und topfit. Im Sonnenlicht ließ sich nicht erkennen, ob sein Haar grau oder rotblond war. Beides traf zu, und er hatte die gleichen kornblumenblauen Augen wie seine Tochter.

»Sicher bist du müde«, sagte er zu Grace.

Sie zuckte die Achseln und stellte das Geschirr und die Gläser in die Spülmaschine. Mühsam kämpfte sie mit den Tränen. Es war ein schrecklicher Tag gewesen — ein schreckliches Jahr. Vier schreckliche Jahre. Manchmal wünschte Grace, sie könnte sich in Luft auflösen, doch das war unmöglich. Neue Tage und Jahre erwarteten sie, neue Pflichten. Wäre sie doch an Stelle ihrer Mutter begraben worden…

Während sie mechanisch den Geschirrspüler vollpackte, spürte sie, daß ihr Vater neben ihr stand. »Soll ich dir helfen?«

»Danke, ich schaff’s schon. Willst du zu Abend essen, Dad?«

»Wahrscheinlich bringe ich keinen Bissen hinunter. Ruh dich ein wenig aus. Das war ein langer, anstrengender Tag.«

Ohne ihre Tätigkeit zu unterbrechen, nickte Grace, und er verschwand in seinem Schlafzimmer. Nach einer Stunde hatte sie das übriggebliebene Essen weggeräumt und die Küche in Ordnung gebracht, auch das Wohnzimmer sah makellos aus. Nur wenn sie sich beschäftigte, konnte sie vergessen, was geschehen war.

Auf dem Weg zu ihrem Zimmer ging sie an der geschlossenen Tür des Zimmers ihres Vaters vorbei und glaubte, ihn telefonieren zu hören. Erschöpft sank sie auf ihr Bett. Ihr schwarzes Kleid war voller Flecken, ihr Haar fühlte sich strähnig an, ihr Mund wie Watte, ihr Kopf wie Blei. Unter den geschlossenen Lidern quollen zwei Tränen hervor und rannen über ihr Gesicht.

»Warum, Mom? Warum hast du mich verlassen?«

Welch ein gräßlicher Verrat… Was sollte sie jetzt tun? Wer würde ihr helfen? Wenigstens konnte sie im September aufs College gehen. Vielleicht. Wenn sie dann noch den Studienplatz bekam, den man ihr zugesichert hatte, und wenn es ihr Vater zuließ. Aber sie sah keinen Grund, hierzubleiben, sie wollte nur noch weg.

Sie hörte, wie ihr Vater seine Tür öffnete und in den Flur trat. Als er nach ihr rief, antwortete sie nicht, sie war zu müde, um mit ihm zu reden. Sie lag auf ihrem Bett und trauerte um ihre Mutter.

Nach einer Weile wurde seine Tür wieder geschlossen, und es dauerte lange, bis sie sich aufraffte und ins Bad ging. Das eigene Badezimmer war ihr einziger Luxus, und ihre Mutter hatte ihr erlaubt, die Wände rosa zu streichen. Wie stolz war Mom auf das kleine Haus mit den drei Schlafräumen gewesen… den dritten hatte sie dem vergeblich ersehnten Sohn zugedacht. Seit Grace denken konnte, war es als Nähzimmer benutzt worden.

Sie ließ heißes Wasser in. die Wanne laufen. Bevor sie das schwarze Kleid auszog und die alten Pumps von den Füßen streifte, versperrte sie die Schlafzimmertür.

Langsam setzte sie sich in die Wanne und schloß die Augen. Sie wußte nicht, wie schön sie war mit ihren langen, schlanken Beinen, den sanft geschwungenen Hüften und runden Brüsten. Das alles nahm sie nicht wahr, und es interessierte sie auch nicht. Sand schien ihren Kopf zu füllen. Keine Bilder, keine Leute tauchten in ihrer Phantasie auf, denn sie wollte nichts sehen, an nichts denken, einfach nur in leerer Finsternis schweben. Irgendwann kühlte das Wasser ab, und sie hörte ihren Vater an die Tür klopfen. »Was machst du da drin, Gracie? Alles in Ordnung?«

»Ja!« rief sie und tauchte aus ihrer Trance auf. Draußen war es dunkel geworden, und sie hatte sich nicht die Mühe gemacht, das Licht einzuschalten.

»Komm heraus! Du mußt dich einsam fühlen.«

»Nein, mir geht’s gut.« Ihre Stimme klang monoton, ihre blicklosen Augen hielten alles fern von jenem Ort, wo sie wirklich lebte, in den Tiefen ihrer Seele. Niemand konnte sie dort finden und ihr weh tun.

Aber der Vater ließ nicht locker, und sie versprach, in ein paar Minuten herauszukommen. Sie trocknete sich ab, schlüpfte in Jeans und ein T-Shirt. Darüber zog sie trotz der Hitze einen weiten Pullover, dann eilte sie in die Küche, um die Geschirrspülmaschine auszuräumen.

Ihr Vater stand am Fenster und betrachtete die Rosen ihrer Mutter. Als Grace eintrat, drehte er sich. lächelnd um. »Setzen wir uns in den Garten? Die Nacht ist so schön. Das alles kannst du auch später erledigen.«

»Nein, ich bring’s lieber hinter mich.«

Er zuckte die Schultern und goß sich ein Bier ein. Dann ging er hinaus, setzte sich auf die Küchentreppe und beobachtete die Glühwürmchen. Grace wollte die schöne Nacht nicht sehen und sich später nicht daran erinnern — ebensowenig an den Todestag ihrer Mutter, die sie kurz vor ihrem letzten Atemzug angefleht hatte, gut für den Vater zu sorgen. Nichts anderes war für Mom jemals wichtig gewesen — nur das Glück ihres Mannes.

Nachdem Grace das Geschirr in den Schrank gestellt hatte, kehrte sie in ihr Zimmer zurück und legte sich aufs Bett, ohne das Licht einzuschalten. Sie konnte sich immer noch nicht an die Stille gewöhnen. Seit zwei Tagen wartete sie auf die klagende Stimme ihrer Mutter. Aber nun empfand Ellen Adams keine Schmerzen mehr, endlich hatte sie ihren Frieden gefunden. Tiefes Schweigen blieb zurück.

Um zehn Uhr zog Grace ihr Nachthemd an und ließ die Jeans, den Pullover und das T-Shirt am Boden liegen. Sie versperrte ihre Tür und ging ins Bett. Sonst gab es nichts zu tun, sie wollte weder lesen noch fernsehen. Und sie mußte sich um niemanden kümmern. Einfach nur schlafen, alles vergessen — das Begräbnis, die Trauergäste, den Blumenduft, die Worte des Priesters … Niemand hatte die Mutter wirklich gekannt. Auch Grace kannten die Leute nicht, und im Grunde war sie ihnen egal. Sie interessierten sich nur für ihre Illusionen.

»Gracie?« Leise klopfte der Vater an ihre Tür. »Bist du noch wach, Schätzchen?« Sie antwortete nicht. Was gab es zu sagen? Wie sehr sie Mom vermißten? Wieviel sie ihnen bedeutet hatte? Warum sollten sie sich die Mühe machen? Das würde sie nicht wieder zum Leben erwecken. Reglos lag Grace da,l in ihrem alten rosa Nylonnachthemd.

Als er auf die Klinke drückte, rührte Grace sich nicht. Wie immer hatte sie die Tür versperrt. In der Schule hatten die Mädchen über Graces Schamgefühle gespottet, denn überall verschloß sie die Türen. Nur so konnte sie sicher sein, daß sie allein bleiben, und daß’ man sie in Ruhe lassen würde.

»Gracie?« Er stand immer noch draußen. So leicht gab er sich nicht geschlagen. »Komm, Baby, sprich mit mir«, bat er in sanftem, freundlichem Ton. »Heute abend leiden wir beide, und ich möchte dir helfen.« Sie schwieg — beharrlich, und er begann an der Klinke zu rütteln. »Zwing mich nicht, die Tür aufzubrechen! Lafs’ mich rein!«

»Ich kann nicht, mir ist schlecht«, log sie. Wie schön sie im Mondlicht war, das Gesicht und die Arme bleich wie Marmor, sah er vorerst nicht.

»Nein, dir ist nicht schlecht.« Er kannte sie besser. Während er mit ihr sprach, knöpfte er sein Hemd auf. Auch er war müde.Trotzdem wollte er nicht, daß sie sich einsam in ihrer Trauer vergrub. Wozu hatte sie ihn? »Gracie!« rief er gebieterisch. Sie saß im Bett, von wachsender Angst erfaßt, und starrte die Tür an, als könnte sie ihn dahinter sehen.

»Komm nicht herein, Dad!« flehte sie mit zitternder Stimme. Er war so groß und stark, und sie fürchtete ihn. »Nein, Dad!« Sie hörte, wie er sich gegen die Tür stemmte, und schwang die Beine über den Bettrand. Dann entfernten sich seine Schritte.

Aber so schnell würde er nicht aufgeben. Bald kehrte er zurück, steckte ein Stemmeisen zwischen die Tür und den Rahmen, und wenige Sekunden später betrat er das Zimmer, mit nackter Brust und bloßen Füßen.

»Du hättest dich nicht einsperren dürfen«, stieß er ärgerlich hervor. »Jetzt sind wir nur mehr zu zweit. Du weißt doch, daß ich dir nicht weh tue.«

»Ja, Dad Ich konnte nicht anders …Verzeih mir…«

»So gefällst du mir schon besser.« Er ging zu ihr und musterte sie mit strenger Miene. »Warum sitzt du allein hier herum und versinkst in deinem Elend? Komm in mein Zimmer, und wir unterhalten uns ein bißchen?« Er schaute sie väterlich an, enttäuscht über ihren Ungehorsam, und sah sie zittern.

»Nein, ich — ich habe Kopfschmerzen.«

»Nun komm schon!« befahl er, packte ihren Arm und zog sie vom Bett hoch.

»Ich will nicht …Nein!« Mit aller Kraft riß sie sich los. »Ich kann nicht!« schrie sie, und das machte ihn wütend. Dieses Spiel würde er nicht mehr mit ihr spielen. Nicht jetzt. Nicht in dieser Nacht. Es war überflüssig. Nur zu gut wußte sie, was ihre Mutter gesagt hatte. Sein Blick schien sie zu durchbohren, und er packte sie wieder am Arm.

»Doch, du kannst es, und du wirst es tun, verdammt noch mal! Gehen wir in mein Zimmer.«

»Bitte, Dad!« Widerstrebend folgte sie ihm. »Bitte! Mom…« Ihre Brust verengte sich. Keuchend rang sie nach Luft.

»Hast du die letzten Worte deiner sterbenden Mutter nicht gehört?« fauchte er.

»Das ist mir egal.« Zum erstenmal in ihrem Leben wehrte sie sich. Früher hatte sie gejammert und geweint und gebettelt, aber niemals gegen ihn gekämpft. Der ungewohnte Widerstand mißfiel ihm gründlich. »Jetzt ist Mom nicht mehr da.« Sie bebte am ganzen Körper und versuchte, aus ihrer Seele etwas hervorzuholen, was nie zuvor existiert hatte — den Mut, ihrem Vater zu widerstehen.

»Nein, nicht wahr?« Er lächelte. »Und deshalb müssen wir uns nicht mehr verstecken, wir beide. Wir können tun, was wir wollen, unser eigenes Leben führen, und niemand wird’s erfahren…« Als er zu ihr ging, glitzerten seine Augen. Sie wich zurück, aber er griff nach ihr und zerriß das rosa Nachthemd. »Ah, das ist besser. Diesen Fetzen brauchen wir nicht mehr. Gar nichts brauchen wir. Nur dich brauche ich, kleine Gracie —— mein Baby, das mich so innig liebt, und das ich liebe.« Mit einer Hand hielt er sie fest, mit der anderen zog er seine Hose und die Shorts aus. Nackt und erregt stand er vor ihr.

»Bitte, Dad…« Beschämt und verzweifelt wandte sie sich von diesem Anblick ab, der ihr nur allzu vertraut war. »Dad, ich kann nicht…« Tränen rollten über ihre Wangen.

Was in ihr vorging, verstand er nicht. Nur ihrer Mutter zuliebe war sie dazu bereit gewesen, weil Mom sie darum gebeten hatte. Vier Jahre lang, seit der ersten Krebsoperation Vorher hatte er die Mutter geschlagen. Nacht für Nacht hörte Grace das wilde Schluchzen, und am Morgen versuchte Mom, ihre blauen Flecken zu erklären — sie sei gestürzt oder gegen die Badezimmertür gerannt. Aber Grace wußte es besser. Niemand hätte John Adams für gewalttätig gehalten, das Geheimnis blieb in der Familie. Auch seine Tochter hätte er verprügelt, doch das verhinderte Ellen, indem sie sich selbst anbot und Grace beschwor, ihre Zimmertür zu versperren.

Zweimal erlitt die Mutter wegen der Mißhandlungen eine Fehlgeburt, das letzte Mal im sechsten Schwangerschaftsmonat, und danach konnte sie keine Kinder mehr bekommen. John schlug sie brutal, aber mit Bedacht, so daß sich die Ursache der Spuren stets bemänteln ließ, solange Ellen dazu bereit war. Und sie tat alles, um ihn zu schützen. Seit der Schulzeit liebte sie ihn, den hübschesten Jungen in der Stadt. Sie war ein schönes Mädchen, aber ohne John würde sie keine Chance in dieser Welt haben. Das behauptete er, und sie glaubte es. Auch ihr Vater hatte sie geschlagen. Was John tat, erschien ihr zunächst normal und nicht so schrecklich. Doch es wurde mit den Jahren immer schlimmer, und manchmal drohte er, sie zu verlassen, weil sie nichts tauge. Um ihn an sich zu binden, tat sie alles, was er wollte. Während Grace heranwuchs und immer schöner wurde, erkannte Ellen, was er begehrte — was er von ihr verlangte. Die Chemotherapie und die Strahlenbehandlung hatten sie dramatisch verändert, und er erklärte unverblümt, falls sie die Ehe aufrechterhalten wolle, müsse sie ihn glücklich machen. Sie selbst sei dazu zwar nicht mehr imstande, aber Grace könne diese Aufgabe übernehmen. Damals war Grace dreizehn Jahre alt gewesen — und bildschön.

So behutsam wie nur möglich erklärte ihr die Mutter, was John erwartete. Mit diesem Geschenk würde die Tochter ihn beglücken, ihrer Mom helfen, und ihr Dad würde sie noch inniger lieben. Zunächst verstand Grace nicht, worum es ging, und dann weinte sie. Was würden ihre Freundinnen denken, wenn sie’s erführen? Wie könnte sie so etwas mit ihrem Vater machen? Das sei sie den Eltern schuldig, betonte Ellen. Wennsie sich weigere, würde Dad seine Familie verlassen. Wer würde dann für sie beide sorgen? Und so bürdete sie ihr die Last einer bleischweren Verantwortung auf, ohne eine Antwort abzuwarten.

Am selben Abend kamen sie in Graces Zimmer, und die Mutter half ihm, hielt ihre Tochter fest, flüsterte ihr zu, sie sei ein braves Mädchen und die Eltern würden sie sehr lieben. Danach, im Ehebett, nahm John seine Frau in die Arme und dankte ihr.

Seit diesem Ereignis führte Grace ein einsames Leben. Ihr Vater kam nicht jede Nacht zu ihr, aber sehr oft. Immer wieder glaubte sie, vor Scham zu sterben, und manchmal tat er ihr weh. Ellen begleitete nach einer Weile ihren Mann nicht mehr ins Zimmer ihrer Tochter. Grace wußte, was von ihr erwartet wurde, und mußte es akzeptieren. Wenn sie sich wehrte, schlug er sie und machte ihr klar, sie habe keine Wahl. Und so fügte sie sich in ihr Schicksal. Jedesmal, wenn sie ihm etwas verweigerte, verprügelte er die Mutter, trotz der schweren Krankheit und der gräßlichen Schmerzen. Nachdem sie Moms Qualen ein paarmal miterlebt hatte, versprach sie, alle Wünsche des Vaters zu erfüllen. Und sie hielt ihr Wort. Vier Jahre lang war sie seine Liebessklavin gewesen, und um eine Schwangerschaft zu verhindern, hatte Ellen ihr die Pille gegeben.

Grace brach alle Kontakte zu ihren Mitschülerinnen ab. Schon vor der sexuellen Beziehung mit ihrem Vater war sie nur mit wenigen Mädchen befreundet gewesen, vor lauter Angst, sie könnte sich verplappern und ausplaudern, Dad würde ihre Mutter schlagen. Die Familie mußte geschützt werden. Seit sie mit ihrem Vater schlief, war sie kaum mehr fähig, mit den anderen Schulkindern oder den Lehrern zu reden. Sie glaubte, man würde ihr die Sünde ansehen wie einen bösartigen Tumor, den sie —– im Gegensatz zu Ellen — nicht im Körper verbarg, sondern zur Schau trug. Es war die Sünde des Vaters gewesen. Doch das hatte sie bis zu diesem Tag nicht verstanden.

Jetzt wußte sie’s besser. Und nach dem Tod der Mutter mußte sie Dads Wünsche nicht mehr erfüllen, schon gar nicht in diesem Raum. Früher hatte er immer an Graces Tür geklopft und sie gezwungen, ihn einzulassen. Aber nun schien er zu erwarten, sie würde die Rolle seiner Ehefrau übernehmen.

Als er ihre schöne, verlockende Gestalt betrachtete, schien ihre Bitte sein Verlangen noch zu steigern, und in seine Augen trat ein unheimlicher Glanz. Er warf sie aufs Bett, genau an die Stelle, wo seine sterbende Frau vor zwei Tagen gelegen hatte — und in all den letzten Ehejahren.

Diesmal kämpfte Grace mit ihm. Nie wieder würde sie kapitulieren. Warum hatte sie geglaubt, sie könnte weiterhin unter diesem Dach wohnen und dem Alptraum entrinnen? Sie mußte ihn abwehren, davonlaufen und versuchen, das Leid zu überleben, das er ihr angetan hatte. Noch einmal würde sie’s nicht ertragen, obwohl Mom sie angefleht hatte, gut für ihn zu sorgen. Aber während sie hilflos um sich schlug, hielt er sie mit starken Armen fest, das Gewicht seines Körpers drückte sie in die Matratze. Seine Knie schoben ihre Beine auseinander, und er bezwang sie — schmerzhafter denn je. Sekundenlang dachte sie, er würde sie töten. So qualvoll war es noch nie gewesen — als wollte er ihr beweisen, daß sie ihm gehörte und da er mit ihr machen konnte, was er wollte. Ihre Sinne drohten zu schwinden, ringsum begann sich das Zimmer zu drehen. Immer wieder stieß er zu, bis sie den Tod herbeisehnte.

Doch dann siegte ihr Lebenswille. Sie durfte nicht über den Rand jenes gefährlichen Abgrunds stürzen, sie mußte kämpfen. Irgendwie waren sie zu Ellens Nachttisch gerollt, auf dem jahrelang ein Wasserkrug und ein Glas zwischen diversen Pillenschachteln gestanden hatten. Grace hätte ihrem Peiniger Wasser ins Gesichtschütten oder den Krug auf den Kopf schlagen können. Aber der Krug war verschwunden, ebenso wie die Medikamente.

Blind tastete sie über den Tisch, während sie von ihrem ächzenden Vater vergewaltigt wurde. Ein paarmal hatte er sie geohrfeigt, doch jetzt interessierte ihn nur mehr seine sexuelle Kraft, mit der er sie bestrafte. Die Schläge hatten sie fast betäubt, ihr Blick war immer noch verschleiert, doch ihre Finger fanden den Griff der Schublade, und sie öffnete sie. Dann berührte sie den kalten Stahl des Revolvers, den ihre Mutter darin versteckt hatte, um sich vor Einbrechern zu schützen. Niemals hätte Ellen gewagt, auf ihren Mann zu schießen oder ihn auch nur mit einer Waffe in Schach zu halten. Was immer er ihrer Tochter und ihr selbst zugemutet hatte — ihre Liebe war nie erloschen.

Grace umklammerte den Revolver und hob ihn hoch. Zunächst wollte sie den Vater nur bewußtlos schlagen, um die Tortur zu beenden. Aber sein Höhepunkt stand kurz bevor, und er durfte sie nie wieder mißbrauchen. Es mußte aufhören, für immer, denn ein weiteres Mal würde sie’s nicht überstehen. Und diese Nacht führte ihr deutlich vor Augen, welches Schicksal ihr in den nächsten Jahren drohte, wenn sie nichts dagegen unternahm. Er würde sie nicht gehen lassen, weder aufs College noch sonst wohin. Und so wartete sie, die Waffe in der zitternden Hand, und erduldete voller Ekel seinen Höhepunkt. Allein schon sein Stöhnen weckte einen abgrundtiefen Haß in ihr.

Als er aufblickte, sah er die Waffe, die auf ihn gerichtet war. »Du kleines Biest!« schrie er, noch von Zuckungen geschüttelt. Keine Frau hatte ihn jemals so erregt wie Grace, und er wollte sie nehmen in einem fort, ihr Innerstes nach außen kehren und sie ganz und gar verschlingen, jeden Tag, jede Nacht.

Und sie bekämpfte ihn immer noch. Er griff nach dem Revolver, und sie erriet seine Absicht, sie damit zu schlagen, um sich erneut zu erregen. In wilder Panik drückte sie ab, schmerzhaft gellte die Explosion in ihren Ohren. Ein paar Sekunden lang blinzelte er verblüfft, dann quollen seine Augen vor, und er sank bleischwer auf sie herab. Die Kugel hatte ihn in den Hals getroffen, er rührte sich nicht mehr.

Sie versuchte, sich von seinem Gewicht zu befreien, und konnte kaum atmen. In ihrem Mund schmeckte sie sein warmes. Blut. Verzweifelt rang sie nach Luft, stemmte sich mit aller Kraft gegen seine Schultern und stieß ihn weg. Er rollte von ihr herab, landete auf dem Rücken und starrte sie an. Aus seiner Kehle war ein grausiges gurgelndes Geräusch zu hören.

»Oh, mein Gott«, flüsterte sie und griff sich an den Hals, überall Blut.

Wie aus weiter Ferne hörte sie die Stimme ihrer Mutter. »Sei lieb zu Daddy…Du mußt gut für ihn sorgen …« Das hatte sie getan — und auf ihn geschossen.

Sein Blick irrte durchs Zimmer, doch sein Körper bewegte sich nicht. Mühsam beugte sie sich über die Bettkante und erbrach sich zitternd und würgend.

Nach einer Weile zwang sie sich, aufzustehen und zum Telefon zu taumeln. »Ich brauche — eine Ambulanz. Gerade habe ich auf meinen Vater geschossen …« Sie holte tief Atem und nannte die Adresse.

Dann wandte sie sich zum Bett und betrachtete ihn.

Reglos lag er da. Hin und Wieder stöhnte er, während das — Blut aus seinem Hals quoll. Was sie verbrochen hatte, wußte sie. Aber es war unvermeidlich gewesen. Den Revolver immer noch in der bebenden Hand, kauerte sie nackt in einer Ecke, als der Krankenwagen und die Polizei eintrafen,gund kämpfte mit einem Asthmaanfall.

»Um Himmels willen…«, murmelte der erste Beamte, der das Zimmer betrat. Dann entdeckte er Grace und entwaffnete sie. Seine Kollegen folgten ihm, der jüngste hüllte sie in eine Decke, sah die Blutflecken auf ihrer Haut, ihren flackernden, wilden Blick. Offensichtlich war sie durch die Hölle gegangen.

Ihr Vater lebte noch. Doch die Kugel hatte die Wirbelsäule durchbohrt, und die Sanitäter vermuteten, daß sie auch in die Lunge gedrungen war. Er war gelähmt und konnte nicht sprechen. Bevor sie ihn wegbrachten, schaute er Grace nicht mehr an. Er hatte die Augen geschlossen und wurde künstlich beatmet.

»Wird er’s schaffen?« fragte der ranghöchste Polizist einen der Sanitäter, während die anderen bereits die Sirene einschalteten.

»Schwer zu sagen — wohl kaum.« Und dann rasten sie davon. Der Beamte schüttelte den Kopf. Seit der Schulzeit kannte er John Adams. Der Anwalt hatte ihn bei seiner Scheidung vertreten. Ein tüchtiger, allseits beliebter Mann…

Wieso, um alles in der Welt, hatte das Mädchen auf ihn geschossen? Beide waren nackt gewesen. Aber das mußte nichts bedeuten. Offenbar war’s geschehen, nachdem sie sich bereits in ihre Zimmer zurückgezogen hatten, und John pflegte wahrscheinlich ohne Pyjama zu schlafen. Warum auch seine Tochter nackt war — das stand auf einem anderen Blatt. Sie sah völlig verwirrt aus. Vermutlich konnte sie den Tod ihrer Mutter nicht verkraften. Wie auch immer, die Ermittlungen würden ergeben, was sich ereignet hatte.

»Wie geht’s ihr?« fragte er einen seiner Untergebenen. Inzwischen war ein Dutzend Polizisten am Tatort angekommen. Ein so schreckliches Unglück war in Watseka nicht mehr geschehen, seit der Sohn des Pastors vor zehn Jahren LSD genommen und Selbstmord begangen hatte. Das war eine Tragödie gewesen. Aber dieser Fall würde sich zum Skandal entwickeln. Niemand würde es für möglich halten, daß Grace ihren hochangesehenen Vater erschossen hatte. »Steht sie unter irgendwelchen Drogen?« fragte der Beamte, während der Polizeifotograf Aufnahmen vom Schlafzimmer machte. Der Revolver steckte bereits in einer Plastiktüte.

»Das bezweifle ich«, erwiderte der junge Polizist. »Sie ist ziemlich verängstigt. Und sie hat einen Asthmaanfall.«

»Wie bedauerlich«, meinte sein Vorgesetzter sarkastisch und schaute sich im ordentlich aufgeräumten Wohnzimmer um. Erst vor wenigen Stunden, nach dem Begräbnis, war er hiergewesen. Kaum zu fassen, was ihn wenig später erneut in dieses Haus geführt hatte… Vielleicht war das Mädchen einfach verrückt geworden. »Ein Asthmaanfall! Ihren Vater hat’s viel schlimmer getroffen.«

»Was haben die Sanitäter gesagt?« fragte der junge Officer besorgt. »Wird er’s überleben?«

»Vermutlich nicht. Unsere kleine Schützin hat ganze Arbeit geleistet. Die Wirbelsäule, vielleicht die Lunge. Weiß Gott, was sonst noch. Oder warum.«

»Glauben Sie, er hat’s mit ihr getrieben?«

Allein schon dieser Gedanke des jungen Polizisten brachte den älteren in Wut.

»John Adams? Sind Sie übergeschnappt? Kennen Sie ihn? Der beste Anwalt in dieser Stadt — und der anständigste Mann, den man sich nur vorstellen kann! Meinen Sie, so einer würde sich an seiner eigenen Tochter vergreifen? Wenn Sie das glauben, sind Sie genauso verrückt wie das Mädchen — und ein schlechter Polizist.«

»Also, ich weiß nicht recht… Beide waren nackt, sie wirkt völlig verstört — und sie hat blaue Flecken am Arm…« Nur zögernd fuhr der junge Beamte fort, denn er wollte seinen Vorgesetzten nicht verärgern. Aber das Beweismaterial durfte nicht ignoriert werden. »Außerdem haben wir auf dem Leintuch nicht nur Blutflecken gefunden, sondern noch was, das wie Sperma aussieht.«

»Wie’s aussieht, ist mir verdammt egal, O’Byrne. Ein Samenerguß kann verschiedene Ursachen haben. Vor zwei Tagen ist seine Frau gestorben. Vielleicht fühlte er sich einsam und spielte gerade an sich selber herum, als Grace mit dem Revolver hereinkam. Sie verstand nicht, was er da machte, und geriet in Panik. Jedenfalls lasse ich mir nicht einreden, John Adams sei über seine eigene Tochter hergefallen. Vergessen Sie’s!«

»Tut mir leid, Sir.«

Die Kollegen rollten das Bettzeug zusammen und verstauten es in Plastiktüten. Währenddessen wurde Grace in ihrem Schlafzimmer verhört. Sie saß auf ihrem Bett, immer noch in die Decke gewickelt. Da sie ihren Inhalationsapparat benutzt hatte, konnte sie etwas leichter atmen, aber sie war leichenblaß. Der Beamte, der sie vernahm, fragte sich, ob sie die Tragweite der Ereignisse erfaßte. Wie betäubt blickte sie vor sich hin. Verstand sie überhaupt, was er herausfinden wollte? Sie erklärte, sie würde sich nicht entsinnen, auf welche Weise der Revolver in ihre Hand gelangt war. Plötzlich sei er explodiert, sie erinnere sich an den Lärm, und ihr Vater habe sie mit seinem Blut bespritzt.

»Wieso? Wo waren Sie in diesem Augenblick? « Am Tatort hatte er denselben Eindruck gewonnen wie O’Byrne, obwohl es ihm schwerfiel, John Adams ein solches Verbrechen zuzutrauen.

»Keine Ahnung«, erwiderte sie tonlos. Sie zitterte am ganzen Körper.

»Sie wissen nicht, wo Sie waren, als Sie auf Ihren Vater schossen?«

»Nein.« Sie schaute durch ihn hindurch. »In der Tür«, log sie, denn sie wußte, da8 sie ihren Vater schützen mußte — ihrer Mutter zuliebe.

»Also haben Sie von der Tür aus geschossen?« Das war unmöglich. »Oder glauben Sie, jemand anderer hat die Kugel abgefeuert?« Wollte sie darauf hinaus? Ein Einbrecher? Das erschien ihm unglaubwürdig.

»Nein, ich schoß auf ihn. Von der Tür aus.«

Es stand eindeutig fest, daß die Kugel ihren Vater aus nächster Nähe getroffen hatte. Aber wo waren die beiden gewesen?

»Lagen Sie mit ihm im Bett?« fragte er unverblümt, und sie antwortete nicht. Statt dessen starrte sie ins Leere und seufzte leise. Als er die Frage wiederholte, zögerte sie sehr lange.

»Da bin ich mir nicht sicher. Wohl kaum …«

»Nun, wie kommen Sie voran?« Der Vorgesetzte steckte seinen Kopf durch die Tür.

Mittlerweile war es drei Uhr morgens geworden, und sie hatten die ersten Ermittlungen am Tatort abgeschlossen. Der Polizist, der Grace verhört hatte, zuckte hilflos die Achseln. Was das Mädchen aussagte, ergab keinen Sinn, und weil sie so verstört wirkte, glaubte er, sie würde sich tatsächlich nicht an die Ereignisse erinnern.

»Wir nehmen Sie mit, Grace«, erklärte der leitende Beamte. »Ein paar Tage lang müssen Sie in Untersuchungshaft bleiben. Man wird Sie noch mehrmals verhören.« Schweigend nickte sie und saß reglos da, voller Blut, in die Decke gehüllt. »Vielleicht sollten Sie sich waschen und anziehen.« Als sie sich noch immer nicht rührte, wiederholte er: »Wir müssen Sie mitnehmen und verhören.« War sie verrückt? Davon hatte John nichts erwähnt. Aber solche Dinge pflegte ein Anwalt seinen Klienten auch nicht zu verraten. »Wahrscheinlich werden wir Sie für zweiundsiebzig Stunden festhalten. Das hängt von den weiteren Ermittlungen ab.« Hatte sie vorsätzlich auf John geschossen? War es ein Unfall gewesen? Was mochte hinter der Tragödie stecken? Jedenfalls mußte man herausfinden, ob sie unter dem Einfluß von Drogen gestanden hatte.

Sie stellte keine Fragen, zog sich nicht an, wirkte völlig desinteressiert. Damit bestärkte sie den leitenden Beamten in seinem Verdacht, sie wäre geistesgestört. Schließlich ließ er eine Polizistin kommen, die sich um das Mädchen kümmerte. Die Frau bemerkte die blauen Flecken an Graces Körper und schlug ihr vor, das Blut abzuwaschen. Erstaunlich bereitwillig tat Grace. alles, was ihr aufgetragen wurde. Aber die Polizistin konnte ihr keine weiteren Informationen entlocken.

»Haben Sie mit Ihrem Dad gestritten?« Schweigend schlüpfte Grace in ihre alten Jeans und das T-Shirt. Doch sie fröstelte immer noch, als würde sie mitten in der Arktis stehen. »Waren Sie ihm böse?« Keine Antwort. Grace wirkte nicht feindselig, sondern völlig apathisch.

Wie in Trance ging sie ins Wohnzimmer und fragte kein einziges Mal nach ihrem Vater. Offenbar wollte sie nicht wissen, wohin man ihn gebracht hatte und was mit ihm geschah. Während sie mit den Beamten den Raum durchquerte, blieb sie kurz stehen und betrachtete ein Foto von ihrer Mutter. Auf diesem Bild hielt Ellen ihre Tochter im Arm. Damals war Grace zwei oder drei Jahre alt gewesen, und beide lächelten. Grace entsann sich, wie schön Mom gewesen war und wieviel sie von ihr verlangt hatte, zuviel. Jetzt wollte sie ihrer Mutter versichern, daß es ihr leid tat. Aber das konnte sie nicht. Sie hatte Mom im Stich gelassen und nicht für Dad gesorgt, weil es nicht mehr möglich gewesen war. Nun hatte man ihn weggebracht, und sie mußte nicht mehr für ihn sorgen.

»Vermutlich ist sie nicht bei Verstand«, meinte die Polizistin in Hörweite des Mädchens. Grace beachtete sie nicht und starrte das Foto an. Dieses Bild mußte sie sich einprägen, denn sie ahnte, daß sie’s vorerst nicht wiedersehen würde. Warum, wußte sie nicht. »Werden Sie einen Psychiater hinzuziehen?«

»Ja, vielleicht«, erwiderte der leitende Beamte. Auch er glaubte, Grace wäre zurückgeblieben. Oder sie spielte Theater, und es gab Dinge, die man mit bloßem Auge nicht erkannte. Schwer zu sagen. Nur der Himmel mochte wissen, was wirklich geschehen war.

Als Grace in die Nachtluft hinaustrat, wimmelte der Vorgarten von Polizisten. Vor dem Zaun parkten sieben Streifenwagen. Die meisten Beamten waren nur hierhergekommen, um herauszufinden, was sich ereignet hatte, die anderen sicherten Spuren. Überall blitzten Lichter, und uniformierte Männer rannten umher.

O’Byrne half Grace in den Fond eines Autos, und die Polizistin, die nicht allzuviel Mitgefühl empfand, setzte sich zu ihr. Solche Mädchen hatte sie schon oft gesehen — unter dem Einfluß von Drogen oder raffiniert genug, um Schwachsinn vorzutäuschen und den Konsequenzen ihrer Missetaten zu entrinnen. Eine Fünfzehnjährige hatte ihre Familie getötet und behauptet, sie sei von Stimmen im Fernsehen dazu gezwungen worden. Aufgrund ihrer Erfahrungen glaubte die Polizistin, Grace wäre ein schlaues kleines Biest und würde sich verrückt stellen. Andererseits gewann sie den Eindruck, daß mit diesem Mädchen irgendwas nicht stimmte. Nun, immerhin hatte sie ihren Vater beinahe umgebracht, und so etwas würde die meisten Menschen aus der Fassung bringen. Zunächst würde man feststellen müssen, ob sie geisteskrank war oder nicht.

Um diese Zeit dauerte die Fahrt zum Revier nicht lange. Im grellen Neonlicht der Central Station sah Grace elender aus denn je. Sie wurde in eine Zelle gebracht, und dort wartete sie, bis ein kräftig gebauter Polizist eintraf.

»Sind Sie Grace Adams?« fragte er, und sie nickte nur. Sie fühlte sich so schwach, als würde sie jeden Augenblick in Ohnmacht fallen. Oder vielleicht würde sie sterben. Der Tod erschien ihr wie eine Gnade, denn das Leben war ein Alptraum. »Ja oder nein?« schrie der Mann.

»Ja.«

»Soeben ist ihr Vater im Krankenhaus gestorben. Wir verhaften Sie wegen Mordes.« Dann las er der Gefangenen ihre Rechte vor und übergab einer Polizistin, die ihm in die Zelle gefolgt war, ein paar Papiere. Ohne ein weiteres Wort verließ er den Raum. Klirrend fiel die Metalltür ins Schloß. Eine Zeitlang herrschte tiefe Stille, bis Grace aufgefordert wurde, sich auszuziehen.

»Warum?« fragte sie heiser und glaubte, in einem schlechten Film mitzuspielen.

»Weil ich Sie untersuchen muß«, erklärte die Polizistin. Langsam, mit bebenden Fingern, begann sich das Mädchen auszukleiden. Die Prozedur war gräßlich und demütigend. Danach nahm man ihr Fingerabdrücke ab, und sie wurde fotografiert.

»Ein schlimmer Fall«, bemerkte eine andere Polizistin in kühlem Ton und reichte ihr ein Papiertuch, damit sie sich die schwarze Farbe von den Fingern wischen konnte. »Wie alt sind Sie?« fragte sie beiläufig. Grace versuchte immer noch, die Tatsachen zu begreifen. Inzwischen war ihr Vater tot — es war vorbei.

» Siebzehn.«

»Pech für Sie. In Illinois kann man wegen Mordes vor Gericht gestellt werden, wenn man über dreizehn ist. Falls Sie für schuldig befunden werden, kriegen Sie mindestens vierzehn oder fünfzehn Jahre. Auch die Todesstrafe wäre möglich.«

Nichts erschien Grace real, als man ihr Handschellen anlegte. Dann führte man sie in eine Zelle, die sie mit vier Frauen teilte. Eine offene Toilette stank nach Urin, die Gefangenen lagen auf schmutzigen Matratzen, unter schäbigen Decken. Nur zwei Frauen waren wach und starrten den Neuankömmling an. Aber sie schwiegen. Man nahm ihr die Handschellen ab, gab ihr eine Decke, und sie setzte sich auf die einzige freie Matratze.

Gedankenverloren schaute sie sich um. Wie tief war sie gesunken Aber es hatte keinen anderen Ausweg gegeben. Der Alptraum war unerträglich gewesen. Einen Mord hatte sie nicht geplant, aber sie bereute nichts. Ihr Leben oder seines — darum war es gegangen. Letzten Endes wäre sie gestorben, hätte sie ihn nicht getötet.

2

Als sie auf der dünnen Matratze lag, spürte sie die stechenden Metallfedern nur vage. Sonst fühlte sie gar nichts, zitterte nicht mehr, starrte ins Leere und dachte nach. Jetzt hatte sie niemanden mehr, keine Eltern, keine Freunde. Was würde mit ihr geschehen? Würde man sie wegen Mordes zum Tod verurteilen? Sie konnte nicht vergessen, was die Polizistin gesagt hatte. In diesem Staat würde man sie wie eine Erwachsene vor Gericht stellen. Vielleicht war die Todesstrafe der Preis, den sie zahlen mußte. Wenigstens würde er sie nie mehr anrühren und quälen. Die Hölle, die Vier Jahre gedauert hatte, war beendet.

Kurz nach sieben Uhr morgens rief eine Stimme: »Grace Adams?« Sie war seit drei Stunden hier und hatte die ganze Nacht nicht geschlafen. Aber sie fühlte sich nicht mehr so körperlos wie zuvor. Sie wußte, was geschehen war. Deutlich erinnerte sie sich, daß sie auf ihren Vater geschossen hatte, daß er gestorben war und warum. Das wußte sie am besten, und sie bereute nichts.

Ohne eine Erklärung abzugeben, führte man sie in einen schmuddeligen kleinen Raum mit schweren, verschlossenen Türen zu beiden Seiten, und sie blieb an der Wand stehen. Eine grelle Deckenlampe beleuchtete einen Tisch und vier Stühle. Fünf Minuten später öffnete sich die Tür am anderen Ende, und eine große blonde Frau trat ein. Sie lächelte nicht. Wortlos musterte sie Grace.

Auch Grace schwieg. Wie ein verängstigtes Reh drückte sie sich an die Wand, auf dem Sprung zu fliehen. Doch das konnte sie nicht, sie war gefangen. Trotz ihres schlichten T-Shirts und der schäbigen Jeans strahlte sie eine gewisse Würde aus — als hätte sie viel gelitten und einen hohen, aber gerechtfertigten Preis für den Verlust ihrer Freiheit bezahlt. Was sie zu empfinden schien, war nicht Zorn, sondern die Resignation einer längst erprobten Geduld. In ihren jungen Jahren hatte sie zuviel gesehen, Leben und Tod und Verrat, und das zeigte sich in ihren Augen. Molly sah es sofort, und der unverhohlene Schmerz bewegte ihr Herz.

»Molly York«, stellte sie sich vor. »Ich bin Psychiaterin. Wissen Sie, warum ich mit Ihnen sprechen muß?«

Grace schüttelte den Kopf und rührte sich nicht.

»Erinnern Sie sich an die Ereignisse der letzten Nacht?« Langsam nickte Grace.

»Warum nehmen Sie nicht Platz?« Molly zeigte auf die Stühle, und sie setzten sich einander gegenüber.

Ob sie der Frau leid tat, wußte Grace nicht. Eine Freundin war sie wohl kaum. Offensichtlich unterstützte sie die Polizeibeamten bei den Ermittlungen, also würde sie ihr vielleicht schaden. Aber Grace wollte die Wahrheit sagen — solange sie nicht allzu eingehend nach ihrem Vater befragt wurde. Von diesen Dingen durfte niemand erfahren. Sie würde ihn nicht bloßstellen, das war sie ihm und auch ihrer Mutter schuldig. Und außerdem — welche Rolle würde es noch spielen? Er war tot. Sie kam gar nicht auf den Gedanken, einen Anwalt zu verlangen oder sich zu verteidigen. Das war unwichtig.

»Woran erinnern Sie sich?« begann die Psychiaterin und beobachtete jede Regung im Gesicht des Mädchens, jede Geste.

»Ich habe auf meinen Vater geschossen.«

»Wissen Sie, warum?«

Grace zögerte und beschloß zu schweigen.

»Waren Sie ihm böse? Hatten Sie schon vor einiger Zeit geplant, ihn zu erschießen?«

Heftig schüttelte sie den Kopf. »Daran dachte ich kein einziges Mal. Plötzlich lag der Revolver in meiner Hand — keine Ahnung, wieso. Meine Mom war sehr krank, und sie verwahrte ihn in ihrem Nachttisch, weil sie sich fürchtete, wenn sie allein im Haus war. Aber sie hat ihn nie benutzt.« Sie wirkte jung und unschuldig, aber —- im Gegensatz zur Ansicht der Polizisten — weder verrückt noch zurückgeblieben, nicht im mindesten gefährlich, sondern höflich und wohlerzogen. Trotz der schlaflosen Nacht und der schockierenden Tragödie war sie erstaunlich gefaßt.

»Hielt Ihr Vater den Revolver in der Hand? Versuchten Sie ihn zu entwaffnen?«

»Nein, ich zielte auf ihn. Ich erinnere mich, daß ich das Metall spürte. Und — dann schoß ich…« Grace schaute auf ihre Hände hinab.

»Wissen Sie, warum? Waren Sie wütend auf ihn? Hat er Ihnen was angetan? Mußten Sie ihn bekämpfen?«

»Nein — nun ja …« Es war ein Kampf ums Überleben gewesen. »Aber — das war nicht wichtig.«

»Es muß sogar sehr wichtig gewesen sein«, betonte die Psychiaterin. »Wichtig genug, daß sie deshalb auf ihn geschossen haben, Grace. Und er ist an seinen Verletzungen gestorben. Haben Sie schon früher eine Waffe benutzt?«

Traurig und müde schüttelte Grace den Kopf. Vielleicht hätte sie’s tun sollen, doch dann wäre das Herz ihrer Mutter gebrochen. »Nein, ich habe nie zuvor geschossen.«

»Und was hat Sie letzte Nacht dazu veranlaßt?«

»Vor zwei Tagen starb meine Mom Nein, jetzt sind’s drei Tage. Gestern wurde sie begraben.«

Offensichtlich war Grace nach diesem traurigen Ereignis völlig durcheinander gewesen. Aber warum hatte sie mit ihrem Vater gekämpft? Fasziniert beobachtete Molly die junge Gefangene, die irgend etwas zu verbergen schien. Etwas, das ihr selbst oder dem Andenken des Vaters schaden würde? Es war nicht die Aufgabe der Psychiaterin, über Schuld oder Unschuld des Untersuchungshäftlings zu befinden, sondern seinen Geisteszustand zu beurteilen. Wußte Grace, was sie getan hatte? Und was mochte sie bewogen haben, auf den Vater zu schießen? »Kam es zu einem Streit — vielleicht wegen Ihrer Mom? Hinterließ sie Ihrem Vater Geld oder etwas anderes, das Sie selbst haben wollten?«

Grace lächelte, viel zu weise für ihr Alter und keineswegs zurückgeblieben. »Da sie niemals Geld verdiente, hatte sie nichts zu vererben. Für unseren Lebensunterhalt kam mein Vater auf. Er ist — er war Anwalt«, verbesserte sie sich in ruhigem Ton.

»Hat er Ihnen etwas hinterlassen?«

»Vermutlich.« Grace wußte noch nicht, daß eine Mörderin ihr Opfer nicht beerben konnte. Aber Habsucht war keinesfalls ihr Motiv gewesen.

»Worüber haben Sie mit Ihrem Vater gestritten?« beharrte Molly York, und Grace mißtraute ihr. Sie fühlte sich bedrängt, die Fragen erschienen ihr grausam, und in den Augen der Psychiaterin las sie eine hellwache Intelligenz, die ihr Angst einjagte. Gewiß würde diese Frau zuviel sehen, zuviel verstehen, und dazu war sie nicht berechtigt. Was John Adams in all den Jahren getan hatte, ging niemanden etwas an. Nicht einmal, wenn die Wahrheit seine Tochter retten würde. Niemals durfte die ganze Stadt erfahren, was geschehen war. Was würde man von Graces Familie halten? Wie sollte sie das ertragen?

»Wir haben nicht gestritten.«

»Doch«, widersprach Molly sanft. »Sie müssen gestritten haben. Oder sind Sie einfach in sein Zimmer gegangen, um ihn zu töten?« Ohne zu antworten, schüttelte Grace den Kopf. »Die Kugel traf ihn aus nächster Nähe. Was dachten Sie, als Sie schossen?«

»Keine Ahnung — gar nichts — ich versuchte nur… Das spielt keine Rolle.«

»Unsinn!« entgegnete Molly energisch und beugte sich vor. »Grace, Sie werden des Mordes angeklagt. Wenn er Sie irgendwie verletzt hat, wäre es Notwehr oder Totschlag — kein Mord. Offenbar glauben Sie, daß Sie nichts verraten dürfen. Trotzdem müssen Sie mir erzählen, was passiert ist.«

»Warum muß ich irgendwas sagen? Warum sollte ich?« Jetzt wirkte sie wie ein Kind. Aber dieses Kind hatte seinen Vater umgebracht.

»Weil Sie sonst für viele Jahre im Gefängnis landen werden. Und das wäre falsch, wenn Sie sich nur verteidigen wollten. Was hat er Ihnen angetan, Grace?«

»Das weiß ich nicht. Vielleicht war ich nur aufgeregt wegen meiner Mutter.« Grace rutschte unbehaglich auf ihrem Stuhl umher und schaute zur Seite.

»Hat er sie vergewaltigt?«

»Nein. Nie.« ‘

»Hatten Sie jemals Geschlechtsverkehr mit Ihrem Vater?«

Entsetzt schnappte Grace nach Luft und haßte diese Frau, die viel zu nahe an die Wahrheit herankam. Wollte sie alles noch schlimmer machen und Schande über die ganze Familie bringen. »Natürlich nicht!« Sie schrie beinahe und runzelte nervös die Stirn.

»Sind Sie sicher?«

Jetzt erwiderte Grace den Blick der Psychiaterin. Nach einer langen Pause antwortete sie: »Völlig sicher.«

»Hatten Sie letzte Nacht Geschlechtsverkehr mit Ihrem Vater, bevor Sie auf ihn schossen?«

Entschieden schüttelte Grace den Kopf, aber ihre Erregung entging Molly nicht. »Warum stellen Sie mir solche Fragen?« flüsterte sie unglücklich und lauschte ihrem eigenen asthmatischen Atem.

»Weil ich herausfinden will, ob er Sie verletzt und Ihnen einen Grund gegeben hat, eine Kugel abzufeuern.«

Grace schüttelte nur den Kopf. »Waren Sie beide ein Liebespaar? Hat es Ihnen gefallen, mit ihm zu schlafen?«

Diesmal konnte Grace ehrlich antworten. »Nein.« Ich haßte esDoch sie brachte diese Worte nicht über die Lippen.

»Haben Sie einen Freund?« Grace schüttelte den Kopf. »Hatten Sie jemals Geschlechtsverkehr mit einem Jungen?«

Grace seufzte. Wie hätte sie das ertragen sollen? »Nein.«

»Sind Sie Jungfrau?« Schweigen. »Ich habe gefragt, ob Sie Jungfrau sind.«

Nun wurde sie wieder bedrängt, und das mißfiel ihr. »Keine Ahnung. Wahrscheinlich.«

»Was heißt das? Haben Sie mit irgend jemandem herumgespielt?«

»Vielleicht…« Jetzt glich sie wieder einem naiven Kind, und Molly lächelte. Beim Petting würde man wohl kaum die Jungfräulichkeit verlieren.

»Mit siebzehn hatten Sie doch sicher schon einen Freund.« Das Mädchen schüttelte erneut den Kopf. »Möchten Sie mir irgend etwas über die letzte Nacht erzählen, Grace? Wie fühlten Sie sich, bevor Sie auf Ihren Vater schossen? Was hat Sie dazu bewogen?«

»Das weiß ich nicht.«

Natürlich durchschaute Molly all die Lügen. So verwirrt Grace auch zur Tatzeit gewesen sein mochte, jetzt war sie bei klarem Verstand und fest entschlossen, nichts zu verraten. Die attraktive blonde Frau musterte das Mädchen. Dann klappte sie ihr Notizbuch zu. »Ich wünschte, Sie wären ehrlich. Glauben Sie mir, ich kann Ihnen helfen.« Wenn sie wüßte, daß die Verdächtige in Notwehr gehandelt hatte und mildernde Umstände vorlagen, wäre es einfacher. Aber Grace lieferte ihr keine Anhaltspunkte. Molly mochte sie, trotz der unerfreulichen Situation. In diesen großen, ausdrucksvollen blauen Augen las die Psychiaterin viel Kummer und Leid. Wie sollte sie dem schönen, sichtlich verzweifelten Mädchen helfen? Bald würde sie Mittel und Wege finden, aber im Augenblick ließ Grace niemanden an sich heran.

»Ich habe Ihnen alles erzählt, woran ich mich erinnere.«

»Nein. Vielleicht sind Sie ein andermal etwas mitteilsamer.« Molly gab dem Mädchen ihre Visitenkarte. »Wenn Sie mich sehen wollen, rufen Sie mich an. Eine weitere Untersuchung wird sich ohnehin nicht vermeiden lassen, bevor ich meinen Bericht schreibe.«

»Einen Bericht?« fragte Grace beunruhigt. »Worüber?«

»Über Ihren Geisteszustand, die Umstände, die nach meiner Ansicht zu Ihrer Tat geführt haben. Bis jetzt habe ich zu wenig erfahren, um meine Schlüsse zu ziehen.«

»Mehr gibt’s nicht zu sagen. Plötzlich lag der Revolver in meiner Hand, und ich drückte ab.«

»Einfach so.« Das glaubte Molly keine Sekunde lang.

»Ja«, bestätigte Grace entschieden, als versuchte sie, sich selbst zu überzeugen. Aber sie konnte Molly nicht täuschen.

»Ich glaube Ihnen nicht, Grace«, entgegnete die Psychiaterin und schaute ihr direkt in die Augen.

»Jedenfalls war’s so, ob Sie’s glauben oder nicht.«

»Und jetzt? Wie fühlen Sie sich nach dem Verlust Ihres Vaters?« Innerhalb von drei Tagen war Grace zur Vollwaise geworden — eine schwerer Schlag für eine Siebzehnjährige, noch dazu, wenn sie einen Elternteil getötet hatte.

»Natürlich trauere ich um ihn —- und Mom. Aber sie hatte so schreckliche Schmerzen. Sicher war der Tod eine Erlösung.«

Welche Schmerzen hatte Grace erlitten? Diese Frage mußte geklärt werden. Nach Mollys Meinung war das kein Kind, das in einem Wutanfall seinen Vater ermordet hatte, sondern ein intelligentes Mädchen, das die Tatsachen zu verschleiern suchte. In ihrem Frust hätte sie am liebsten gegen das Tischbein getreten. »Ist der Tod auch für ihren Vater eine Befreiung gewesen?«

»Nein, er war nicht krank«, erwiderte Grace, ohne Molly anzusehen.

»Und Sie? Ist es für Sie besser, allein zu leben?«

»Vielleicht.« Diesmal gab Grace eine ehrliche Antwort.

»Warum?«

»Es ist einfacher.« Bei dieser Erklärung hatte Grace das Gefühl, sie wäre tausend Jahre alt.

»Das bezweifle ich. Die Welt da draußen ist ziemlich kompliziert, und ein alleinstehendes junges Mädchen wird mit vielen Schwierigkeiten konfrontiert. Wenn Sie Ihre Einsamkeit trotzdem vorziehen, muß es in Ihrem Elternhaus einige Probleme gegeben haben. Stimmt das?«

»Da war alles in Ordnung«, behauptete Grace, verschlossen wie eine Auster, und Molly verbarg ihre Skepsis.

»Waren Ihr Vater und Ihre Mutter glücklich?«

»O ja.« Solange ich Moms Wünsche erfüllte und für Dad gesorgt habe

»Und Sie waren auch glücklich?«

»Klar.« Grace kämpfte mit den Tränen. Warum stellte diese kluge Psychiaterin so viele schmerzhafte Fragen? »Ich war sehr glücklich, und ich liebte meine Eltern.«

»So sehr, daß Sie lügen, um die beiden zu schützen? Daß Sie verschweigen, warum Sie auf Ihren Vater geschossen haben?«

»Da gibt’s nichts zu vertuschen.«

»Okay.« Molly stand langsam auf. »Übrigens, heute lasse ich Sie in die Klinik einweisen.«

»Warum?«

Graces unverhülltes Entsetzen interessierte Molly.

»Weil’s zur Routine gehört. Ihr Gesundheitszustand muß untersucht werden.«

»Das will ich nicht!« rief Grace, einer Panik nahe, und Molly beobachtete sie aufmerksam.

»Wieso nicht?«

»Warum soll ich das ertragen?«

»Im Augenblick haben Sie keine Wahl, Grace. Sie befinden sich in einer äußerst schwierigen Lage und in polizeilichem Gewahrsam. Haben Sie schon einen Anwalt hinzugezogen?«

Grace blinzelte verwirrt. Diesen Vorschlag hatte man ihr bereits gemacht. Außer Frank Wills, dem Partner ihres Vaters, kannte sie keinen Juristen, und sie war sich nicht sicher, ob sie mit ihm reden wollte. Was könnte sie ihm sagen? Ohne ihn würde sie besser zurechtkommen.

»Nein, ich habe keinen Anwalt.«

»Wenden Sie sich an die Kanzlei Ihres Vaters. Oder hatte er keinen Partner?«

»Doch… Aber es wäre mir unangenehm, ihn anzurufen …«

»Trotzdem sollten Sie’s tun, Grace. Sie brauchen einen Anwalt. Natürlich würde man Ihnen notfalls einen Pflichtverteidiger zur Verfügung stellen. Aber es wäre besser, wenn Sie sich von jemandem vertreten lassen, der Sie kennt.«

»Ja, vermutlich«, stimmte Grace beklommen zu. So vieles stürmte auf sie ein, und alles war so kompliziert. Warum konnte man sie nicht einfach erschießen oder aufhängen, statt die Prozedur in die Länge zu ziehen und auf einer ärztlichen Untersuchung zu bestehen? Was sich dabei herausstellen würde, flößte ihr kalte Furcht ein.

»Wir sehen uns ßpäter — oder morgen«, sagte die Psychiaterin sanft und mitfühlend. Was mußte das arme Mädchen durchmachen… Molly bezweifelte nicht, daß irgend etwas Schreckliches geschehen war, das Grace zu ihrer Tat veranlaßt hatte. Das Motiv würde bald ans Licht kommen.

Nach diesem unergiebigen Gespräch ging Molly zu Stan Dooley, der die Ermittlungen leitete. Er war ein erfahrener Detective, den eigentlich nichts mehr überraschen konnte. Aber dieser Fall gab ihm einige Rätsel auf. Im Lauf der Jahre hatte er John Adams ein paarmal getroffen, einen liebenswerten, anständigen Mann. Und nun war er von seiner Tochter erschossen worden.

»Ist sie verrückt oder ein Junkie?« fragte Detective Dooley, als Molly um acht Uhr morgens vor seinen Schreibtisch trat. Eine ganze Stunde hatte sie mit Grace verbracht und war keinen Schritt weitergekommen. Aber sie würde die Wahrheit herausfinden, mochte sich das Mädchen auch noch so verbissen wehren.

»Weder noch. Sie ist schockiert und verängstigt, aber bei klarem Verstand. Jetzt muß sie in die Klinik gebracht werden. So schnell wie möglich.«

»Wozu?«

»Ich möchte ihren Unterleib untersuchen lassen.«

Verblüfft hob er die Brauen. »Worauf wollen Sie hinaus?« Er kannte Dr. York. Meistens war sie vernünftig und sachlich. Aber manchmal entwickelte sie ein persönliches Interesse an ihren Patienten und ließ sich von Gefühlen hinreißen.

»Ich will wissen, ob sie in Notwehr gehandelt hat. Normalerweise laufen siebzehnjährige Mädchen nicht herum und erschießen ihre Väter. Nicht in einem solchen Elternhaus.«

»Was für ein Unsinn, Dr. York! Erinnern Sie sich an die Vierzehnjährige, die letztes Jahr ihre ganze Familie erschoß, ihre Großmutter und vier jüngere Schwestern eingeschlossen? War das auch Notwehr?«

»Diese beiden Fälle lassen sich nicht miteinander vergleichen. Wie ich dem Bericht entnehme, waren John Adams und seine Tochter nackt. Auf dem Leintuch wurde Sperma gefunden. Also dürfen Sie die Möglichkeit einer Vergewaltigung nicht ausschließen.«

»Doch, wenn’s um John Adams geht. Ich kannte ihn. Ein hochanständiger, netter Kerl. Sicher hätten Sie ihn gemocht.« Er warf ihr einen Blick zu, den sie ignorierte. Hin und wieder machte er sich einen Spaß daraus, sie ein bißchen zu hänseln. Sie sah sehr gut aus, entstammte einer vornehmen Familie aus Chicago, und manchmal betonte er scherzhaft, sie würde sich »unters Volk mischen«. Aber sie war überaus tüchtig in ihrem Job und, soviel wußte er, mit einem Arzt liiert. Dooley respektierte sie und bewunderte nicht nur ihre Schönheit, sondern auch ihre Intelligenz. »Glauben Sie mir, Molly, der Mann hätte es niemals mit seiner eigenen Tochter getrieben. Vielleicht hat er sich selber einen runtergeholt. Wer kann das schon wissen?«

»Und warum hat sie ihn erschossen?« fragte sie kühl.

»Vielleicht wollte er ihr den Autoschlüssel nicht geben. Wenn ich meinen Kindern so was zumute, drehen sie durch. Oder er haßte ihren Freund. Jedenfalls war es keine Notwehr. Sie hat ihn einfach umgebracht.«

»Das werden Wir noch sehen, Stan. Tun Sie mir den Gefallen und lassen Sie Grace innerhalb einer Stunde ins Mercy General bringen. Ich stelle den Überweisungsschein aus.«

»Okay. Sind Sie jetzt zufrieden?«

»Überglücklich«, erwiderte sie lächelnd. »Sie sind ein großartiger Junge.«

»Erzählen Sie das dem Chef.« Er grinste sie an. Obwohl er sie mochte, zweifelte er an ihrer Theorie. Niemand in Watseka würde John Adams ein solches Verbrechen zutrauen.

Eine halbe Stunde später gingen zwei Polizistinnen in Graces Zelle, legten ihr erneut Handschellen an und fuhren sie in einem kleinen Wagen mit vergitterten Fenstern zum Mercy General. Sie sprachen nicht mit ihr und unterhielten sich über die Gefangenen, die sie am Vortag zur Klinik gebracht hatten, über den Film, den sie am Abend sehen wollten, über den Urlaub in Colorado, für den eine der Frauen gerade sparte. Darüber war Grace froh. Sie hatte ihnen ohnehin nichts zu sagen, und sie fragte sich, was man ihr in der Klinik antun würde. In einer verschließbaren Liftkabine wurde sie direkt von der Garage zu einer oberen Etage hinaufgebracht. Dort nahmen ihr die Polizistinnen die Handschellen ab, überließen sie der Obhut eines Arztes und einer Schwester und erklärten ihr, falls sie sich nicht anständig benehme, würde man sie sofort wieder fesseln und einen Wachtposten rufen.

»Haben Sie das verstanden?« fragte die Schwester unfreundlich, und Grace nickte.

Man erklärte ihr nichts und führte die Tests durch, die Dr. York angeordnet hatte. Zunächst wurde ihre Temperatur gemessen, dann der Blutdruck. Der Arzt untersuchte ihre Augen und Ohren, den Hals, horchte ihr Herz ab.

Nach gründlichen Urin— und Bluttests wurde sie auf diverse Krankheiten und Drogensucht untersucht. Dann mußte sie sich ausziehen. Nackt stand sie vor dem Arzt und der Schwester, die sich für die blauen Flecken an ihren Brüsten, Armen und Hinterbacken interessierten.

Einen besonders schlimmen Fleck entdeckten sie an der Innenseite eines Schenkels, obwohl sie ihn zu verbergen suchte. Diese Spur führte zu einer Verfärbung weiter oben, die noch größeres Staunen erregte. Obwohl Grace protestierte, wurden alle Verletzungen fotografiert und notiert. Inzwischen weinte sie und sträubte sich gegen alles, was man ihr zumutete. »Warum machen Sie das? Das ist nicht nötig. Ich habe doch zugegeben, daß ich ihn erschossen habe. Wozu brauchen Sie diese Fotos?«

An ihren Schamlippen fand man krankhafte Gewebsveränderungen, die ebenfalls fotografiert wurden. Als sie sich wehrte, drohte man, sie festzubinden, und hilflos mußte sie die Demütigung erdulden.

Schließlich verlangte der Arzt, sie solle auf den gynäkologischen Stuhl steigen. Bis jetzt hatte er kaum ein Wort mit ihr gesprochen, und die meisten Anweisungen hatte sie von der mißmutigen Schwester erhalten. Beide ignorierten Graces Persönlichkeit und erörterten die einzelnen Körperteile, als würde sie in einer Metzgerei begutachtet.

Nachdem der Doktor Gummihandschuhe angezogen und seine Finger in sterile Flüssigkeit getaucht hatte, zeigte er auf die Beinhalter und reichte Grace ein Papiertuch, mit dem sie sich bedecken konnte. Dankbar nahm sie es entgegen. Aber sie stieg nicht auf den Stuhl. »Was machen Sie?« flüsterte sie verängstigt.

»Wurde Ihr Unterleib noch nie untersucht?« fragte er erstaunt. Immerhin war sie siebzehn, ein hübsches Mädchen und vermutlich keine Jungfrau mehr. Nun, das würde er bald feststellen.

»Nein, ich …« Vor vier Jahren hatte ihr Mom die Pille besorgt, aber sie war nie bei einem Frauenarzt gewesen. Warum sollte sie jetzt untersucht werden? Ihr Vater war tot, sie hatte die Tat gestanden. Wieso tat man ihr das alles an? Welches Recht hatten sie dazu? Sie fühlte sich wie ein Tier, begann wieder zu weinen, umklammerte das Papiertuch und starrte die Schwester an, die ihr erneut drohte, man würde sie fesseln. Und so blieb ihr nichts anderes übrig, als auf den Stuhl zu steigen. Zitternd preßte sie die Knie zusammen, legte sich zurück und legte ihre Füße in die Halter. Dabei versuchte sie, sich mit dem Gedanken zu beruhigen, daß ihr während der letzten Jahre viel Schlimmeres widerfahren war.

Der Arzt machte sich Notizen, schob mindestens vier- oder fünfmal seine Finger in ihren Körper und leuchtete mit einer Lampe hinein, deren Wärme sie auf der Haut spürte. Dann steckte er verschiedene Instrumente in sie hinein und machte einen Abstrich. Was er festgestellt hatte, verriet er nicht. »Okay«, sagte er gleichmütig. »Sie können sich wieder anziehen.«

»Danke«, erwiderte sie heiser. Er hatte ihre verlorene Unschuld nicht erwähnt, und sie war immer noch naiv genug, um zu glauben, man würde nichts dergleichen bemerken.

Fünf Minuten später war sie angezogen. Diesmal wurde sie von zwei Männern in die Zelle der Central Station gebracht und bis nach dem Abendessen mit ihren Mitgefangenen allein gelassen. Inzwischen waren zwei Frauen auf Kaution freigekommen, die man wegen Drogenhandels und Prostitution festgenommen hatte, und deren Zuhälter sie herausgeholt hatten. Die dritte war wegen Diebstahls und die Vierte wegen Kokainbesitzes eingesperrt worden. Nur Grace wurde des Mordes verdächtigt, und die anderen Frauen hielten sich von ihr fern. Vielleicht spürten sie, da8 sie nicht behelligt werden wollte.

Während sie einen winzigen, halbverkohlten Hamburger auf nassem Spinat aß, bemühte sie sich, den Uringestank zu ignorieren. Später kam ein Wärter in die Zelle und führte sie in den kleinen Raum, in dem sie am Morgen mit Molly gesprochen hatte.

Inzwischen waren zwölf Stunden vergangen. Die junge Psychiaterin hatte einen langen Tag in der Klinik hinter sich, und jetzt trug sie Jeans und einen Pullover.

»Hallo«, sagte Grace zögernd. Es war erfreulich, ein bekanntes Gesicht zu sehen, aber sie spürte immer noch die Gefahr, die von der Ärztin ausging.

»Wie war’s?« Grace zuckte die Achseln und lächelte schwach. Wie sollte es schon gewesen sein? »Haben Sie den Partner Ihres Vaters angerufen?«

»Noch nicht«, erwiderte Grace fast unhörbar, »Weil ich nicht weiß, was ich ihm sagen soll. Er war ein guter Freund meines Vaters.«

»Bezweifeln Sie, daß er Ihnen helfen möchte?«

»Keine Ahnung …«

Bei der nächsten Frage schaute Molly das Mädchen eindringlich an. »Haben Sie Freunde? Gibt’s irgend jemanden, an den sie sich wenden könnten?« Sie kannte die Antwort, noch bevor Grace den Kopf schüttelte. Wenn es Freunde gäbe, hätte sich das alles wohl kaum ereignet. Grace war völlig isoliert gewesen, immer nur in Gesellschaft der Eltern, die alles getan hatten, um das Leben ihrer Tochter zu zerstören — zumindest der Vater. »Hatten Ihre Eltern keine Freunde, die auch Ihnen nahestehen?«

»Nein«, erwiderte Grace nachdenklich. Allzu eng waren Mom und Dad mit niemandem befreundet gewesen, denn sie hatten das dunkle Geheimnis hüten müssen. »Mein Vater kannte viele Leute, aber meine Mom war ziemlich schüchtern …« Und niemand hatte erfahren dürfen, daß sie regelmäßig geschlagen worden war. »Alle liebten meinen Dad. Aber erließ kaum jemanden an sich heran.«

Seltsam, dachte Molly. »Und Sie? Hatten Sie Schulfreundinnen?« Grace schüttelte den Kopf. »Warum nicht?«

»Keine Ahnung… wahrscheinlich hatte ich keine Zeit. Ich mußte meine kranke Mom pflegen«, erklärte Grace, ohne die Psychiaterin anzuschauen.

»Ist das der wahre Grund? Oder hatten Sie ein Geheimnis?«

»Natürlich nicht.«

So leicht gab sich Molly nicht geschlagen. »In jener Nacht hat er sie vergewaltigt, nicht wahr?«

Entsetzt zuckte Grace zusammen, starrte Molly an und hoffte, ihr Zittern würde unbemerkt bleiben. »O nein…« Ihr Atem stockte, und sie fürchtete einen Asthmaanfall, der sie verraten würde. Diese Frau wußte ohnehin schon viel zuviel. »Wie können Sie so etwas sagen?« Sie versuchte, Empörung zu heucheln, aber sie empfand nur kalte Angst. Wenn die Wahrheit ans Licht kam? Was dann? Alle würden das häßliche Geheimnis erfahren. Auch nach dem Tod der Eltern fühlte sie sich verpflichtet, die beiden zu schützen, und sie selbst war nicht schuldlos. Was würden die Leute denken, wenn sie alles wüßten?

»In Ihrer Vagina Wurden Verfärbungen und kleine Rißwunden gefunden«, erklärte Molly in sanftem Ton. »Bei einem normalen Geschlechtsverkehr entstehen solche Verletzungen nicht. Der Arzt im Mercy General teilte mir mit, er hätte den Eindruck gewonnen, Sie wären von einem halben Dutzend Männer vergewaltigt worden — oder von einem einzigen, brutalen Mann. Offensichtlich tat er Ihnen sehr weh. Und deshalb haben Sie auf ihn geschossen, nicht wahr?« Keine Antwort. »War es das erste Mal nach dem Begräbnis Ihrer Mutter?« Tränen brannten in Graces Augen und rollten über die Wangen, obwohl sie dagegen ankämpfte.

»Nein — so etwas hätte er nie getan — alle liebten meinen Dad…« Nachdem sie ihn getötet hatte, mußte sie sein Andenken verteidigen, damit niemand herausfand, wie er wirklich gewesen war.

»Hat Ihr Vater Sie geliebt, Grace, oder nur mißbraucht?«

»Natürlich liebte er mich«, entgegnete Grace tonlos und haßte ihre Tränen.

»In jener Nacht hat er sie vergewaltigt, nicht wahr?«

Diesmal gab Grace keine Antwort. Wenigstens stritt sie’s nicht ab. »Wie oft hat er’s vorher getan? Das müssen Sie mir erzählen.« Das Leben des Mädchens hing davon ab. Aber es widerstrebte der Psychiaterin, dieses Argument vorzubringen.

»Nein!« protestierte Grace erbost »Gar nichts muß ich Ihnen erzählen. Und Sie können nichts beweisen.«

»Warum verteidigen Sie ihn?« fragte Molly frustriert. »Verstehen Sie denn nicht, was mit Ihnen geschieht? Man klagt Sie des Mordes an, vielleicht sogar des vorsätzlichen Mordes, weil man glaubt, Sie hätten aus verwerflichen Motiven gehandelt. Deshalb müssen Sie alles tun, um sich zu retten. Lügen Sie nicht, Grace! Wenn er Sie vergewaltigt und Ihnen Schmerzen bereitet hat, liegen mildernde Umstände vor. Die Anklage könnte auf Totschlag reduziert werden, und wenn die Verteidigung auf Notwehr plädiert, würde sie sogar einen Freispruch erwirken. Wollen Sie für zwanzig Jahre ins Gefängnis wandern, nur um einen Mann zu schützen, der Ihnen das alles angetan hat. Denken Sie doch nach! Hören Sie auf mich!«

Aber Grace wußte, daß die Mutter ihr niemals verzeihen würde, wenn sie das Andenken des Vaters beschmutzte. Mom hatte ihn blindlings geliebt, dringend gebraucht und sogar ihre dreizehnjährige Tochter im Bett festgehalten, um sich seine Liebe zu sichern. Dafür war ihr kein Preis zu hoch gewesen. Sogar den Seelenfrieden ihres Kindes hatte sie geopfert. »Ich kann Ihnen nichts sagen«, erwiderte Grace tonlos.

»Warum nicht? Er ist tot. Wenn Sie die Wahrheit gestehen, werden Sie ihn nicht verletzen. Und wenn Sie auf Ihrer Lüge beharren, schaden Sie sich selbst. Überlegen Sie doch mal! Wieso wollen Sie einem Toten Ihre Loyalität beweisen — jemandem, der Sie so grausam mißhandelt hat?« Molly berührte Graces Hand, die auf dem Tisch lag. Irgendwie mußte sie das Mädchen aus diesem unseligen Schneckenhaus herausholen. »Denken Sie heute nacht darüber nach. Morgen komme ich wieder. Was immer Sie mir erzählen, ich werde es niemandem verraten. Ich bitte Sie nur um eines — seien Sie ehrlich. Nun? Werden Sie darüber nachdenken?« Es dauerte eine Weile, bis Grace nickte. Gewiß, sie würde nachdenken — und bei ihrer Aussage bleiben.

Schweren Herzens verließ Molly das Mädchen. Wie sollte sie den schwarzen Abgrund überbrücken? Seit Jahren kümmerte sie sich um mißbrauchte Kinder und Ehefrauen, und alle waren bestrebt, die Vergewaltiger zu schützen. Dieses familiäre Band mußte die Psychiaterin zerreißen. Meistens gelang es ihr, aber Grace kam ihr keinen Zentimeter entgegen.

Im Büro des Detectives studierte sie noch einmal den ärztlichen Bericht und die Fotos. Bei diesem Anblick wurde ihr fast übel. Stan Dooley kam herein, sichtlich erstaunt, sie nach ihrem Vierzehnstundentag immer noch hier anzutreffen. »Haben Sie heute abend nichts Besseres zu tun?« fragte er freundschaftlich. »Ein Mädchen wie Sie sollte mit einem netten Jungen ausgehen oder in Bars herumhängen, um die Zukunft zu planen.«

»Genau«, bestätigte sie lachend. Wie Seide lag ihr blondes Haar auf ihren Schultern. »Übrigens, Sie waren heute morgen auch schon hier, Stan.«

»Weil’s meine Pflicht war — Ihre nicht. In zehn Jahren lasse ich mich pensionieren. Aber Sie werden wahrscheinlich noch mit hundert als Seelenklempnerin schuften.«

»Danke für Ihr Vertrauen in meine Fähigkeiten.« Seufzend schloß sie den Aktenordner. »Haben Sie den ärztlichen Bericht über die kleine Adams gelesen?«

»Ja — und?« fragte er ungerührt.

»Behaupten Sie etwa, Sie hätten’s nicht herausgefunden?« Sein gleichmütiges Achselzucken ärgerte sie.

»Was gibt’s da herauszufinden? Jemand hat’s mit ihr getrieben. Das muß keine Vergewaltigung gewesen sein. Und wer sagt denn, daß es ihr Vater war?«

»Scheiße! Was glauben Sie, wer’s mit ihr getrieben hat? Sechs Gorillas aus dem Zoo? Haben Sie die Wundmale in der Vagina gesehen?«

»Okay, es gefällt ihr eben, wenn sie hart angefaßt wird. Außerdem versichert sie unentwegt, sie sei nicht vergewaltigt worden. Was wollen Sie von mir?«

»Ein bißchen Logik, verdammt noch mal!« fauchte sie. »Eine Siebzehnjährige schützt ihren Vater, weil sie sich aus irgendwelchen idiotischen Gründen einbildet, sie müßte seinen guten Ruf retten. Aber Sie wissen ebensogut wie ich, daß sie in Notwehr gehandelt hat.«

»Um ihn zu schützen, hat sie ihn ermordet? Mit dieser Theorie kommen Sie nicht durch, Doktor. Vielleicht hatte sie sadistischen Sex — mehr konnten wir nicht feststellen. Die Schuld ihres Vaters läßt sich nicht beweisen. Nicht einmal das Mädchen klagt ihn an. Das tun nur Sie.«

»Und wieso, zum Teufel, wissen Sie, was er getan oder nicht getan hat?« schrie sie den Detective an, ohne in aus der Reserve zu locken. Er wollte sie einfach nicht ernst nehmen. »Weil sie’s Ihnen erzählt hat? Oder weil Sie’s vermuten? Auf diesen Fotos sehe ich die Beweise. Und ich kenne ein junges Mädchen, das so isoliert gelebt hat wie auf einem anderen Planeten.«

»Soll ich Ihnen ein Geheimnis verraten, Dr. York. Grace Adams ist kein Marsmensch, sondern eine Mörderin, schlicht und einfach. Interessieren Sie sich für meine Theorie? Wahrscheinlich ist sie am Abend nach dem Begräbnis ihrer Mutter ausgegangen und hat sich flachlegen lassen. Das mißfiel ihrem Vater. Als sie heimkam, machte er ihr die Hölle heiß, sie wurde wütend und knallte ihn ab. Sicher ist der Samenerguß auf seinem Laken reiner Zufall. In dieser Stadt können Sie niemandem einreden, John Adams — ein hochangesehener Jurist — habe seine Tochter vergewaltigt und sei von ihr in Notwehr erschossen worden. Übrigens, heute sprach ich mit Frank Wills, seinem Partner, und der denkt genauso wie ich. Ich informierte ihn nicht über die Beweislage und fragte, wie er den Fall beurteilen würde. Allein schon der Gedanke, sein Freund könnte über das Kind hergefallen sein, erschien ihm völlig absurd. Frank Wills versicherte, John habe seine Frau und seine Tochter vergöttert, jeden Abend mit den beiden verbracht und Ellen nie betrogen. Dann erklärte er, Grace sei sehr seltsam gewesen, unfreundlich und verschlossen, und sie habe sich mit niemandem richtig angefreundet.«

»Wie paßt das zu Ihrer Theorie von dem Freund, mit dem sie’s getrieben hat?«

»Um ein bißchen Sex zu genießen, braucht man keinen Freund.«

»Sie wollen’s einfach nicht begreifen, was?« entgegnete Molly wütend. Wie konnte er nur so blind und borniert sein? Er verließ sich auf den guten Ruf des Anwalts und sah nicht, was sich dahinter verbergen mochte.

»Was soll ich denn begreifen? Eine Siebzehnjährige hat ihren Vater erschossen. Vielleicht ist sie durchgedreht, oder sie fürchtete sich vor ihm. Wie auch immer, sie hat ihn getötet. Und sie behauptet nicht, er habe sie vergewaltigt.«

»Weil sie das Geheimnis hüten will.« Solche Fälle hatte Molly hunderte Male erlebt.

»Und wenn’s gar kein Geheimnis gibt? Vielleicht erfinden Sie nur eines, um Grace zu retten, da sie Ihr Mitleid erregt hat. Was weiß ich?«

»Nicht viel, allem Anschein nach!« erwiderte sie bissig. »Diesen Bericht und die Fotos von den blauen Flecken habe ich wohl kaum erfunden.«

»Vielleicht ist sie die Treppe runtergefallen. Jedenfalls sind Sie die einzige, die auf dieser Vergewaltigungstheorie beharrt, und die können Sie niemandem verkaufen.«

»Wird John Adams’ Partner das Mädchen verteidigen?«

»Das bezweifle ich. Er hat sich nach einer etwaigen Freilassung gegen Kaution erkundigt, und ich erklärte, in einem Mordfall sei das kaum möglich — höchstens, wenn die Anklage auf Totschlag reduziert würde, womit man allerdings nicht rechnen könne. Da meinte er, vermutlich sei’s so am besten, weil Grace niemanden habe, bei dem sie wohnen könne. Er ist Junggeselle und nicht bereit, sie bei sich aufzunehmen, da ihm die Verantwortung zu groß wäre. Und es würde ihn auch überfordern, das Mädchen zu verteidigen. Deshalb sagte er, mit dieser Aufgabe sollten wir lieber einen Pflichtverteidiger betrauen. Das nehme ich ihm nicht übel, denn der Verlust seines Freundes hat ihn tief getroffen.«

»Und wenn er Adams’ Vermögen verwendet, um einen Privatanwalt zu bezahlen?« Frank Wills’ Verhalten enttäuschte Molly. Aber Grace hatte bereits vermutet, daß er ihr nicht helfen würde.

»Das hat er nicht vorgeschlagen —- wahrscheinlich, weil John ihm eine Menge Geld schuldig war. Ellens Krankheit muß Unsummen verschlungen haben. Nur der Anteil an der Kanzlei und das Haus sind übriggeblieben, und das ist bis unters Dach mit einer Hypothek belastet. Und Wills wird wohl kaum aus eigener Tasche einen Anwalt bezahlen. Morgen rufe ich das Büro der Pflichtverteidigung an.«

Sie nickte bedrückt. Wie einsam das Mädchen war …Viele Jugendliche wurden dieser oder jener Verbrechen angeklagt, doch die meisten stammten aus einem anderen Milieu. Grace war in einer guten, angesehenen Mittelstandsfamilie aufgewachsen, die ganze Stadt hatte ihren Vater respektiert. Und jetzt wollte ihr niemand helfen? Molly beschloß, Frank Wills noch an diesem Abend anzurufen, und notierte sich die Nummer.

»Was macht Ihr Freund Dr. Haverson?« fragte Dooley, als sie vom Schreibtisch aufstand.

»Er rettet Menschenleben und arbeitet mindestens genausoviel wie ich«, erwiderte sie lächelnd. Obwohl sie sich über den Detective ärgerte, fand sie ihn immer noch sympathisch, weil sie wußte, daß er im Grunde ein gutes Herz besaß.

»Wie schade… Wenn er mehr Zeit für Sie fände, würde er Sie vor einigen Schwierigkeiten bewahren.«

»Ja‘ ich weiß.« Sie warf sich ihre Tweedjacke über die Schultern und ging zur Tür.

In ihrer Wohnung angekommen, rief sie Frank Wills an und erschrak über seine kaltblütige Reaktion. Nach seiner Ansicht verdiente Grace die Todesstrafe. »Wie konnte sie ihren Vater ermorden?« klagte er. »So ein netter, anständiger Mann…« Irgendwie glaubte sie ihm nicht. »Fragen Sie, wen Sie wollen. In Watseka gibt’s niemanden, der ihn nicht gemocht hatte — abgesehen von ihr!« An diesem Morgen hatte er einen Gedenkgottesdienst für seinen Freund arrangiert. Zweifellos würde die ganze Stadt daran teilnehmen — alle außer Grace. Aber diesmal würde kein Leichenschmaus in Johns Haus stattfinden, da seine Familie gewissermaßen nicht mehr existierte. Als Wills darauf hinwies, brach seine Stimme.

»Was könnte Grace Ihrer Ansicht nach dazu bewogen haben, auf ihren Vater zu schießen, Mr. Wills?« fragte Molly höflich, nachdem er sich Wieder gefaßt hatte. Sie wollte ihn nicht aufregen, aber sie hoffte, neue Erkenntnisse zu gewinnen.

»Vermutlich ging’s um Geld. Sie glaubte, selbst wenn er kein Testament gemacht hätte, würde sie als einzige Hinterbliebene alles bekommen. Offenbar wußte sie nicht, daß eine Mörderin ihr Opfer nicht beerben kann.«

»Hat er denn ein so großes Vermögen hinterlassen?« fragte Molly unschuldig, um nicht zu verraten, was sie von Detective Dooley erfahren hatte. »Sicher ist sein Anteil an der Kanzlei, die von zwei so hervorragenden Anwälten aufgebaut wurde, einiges wert.« Sie nahm an, das würde er gern hören, und sie behielt recht. Jetzt erwärmte er sich für das Thema.

»Ja, die Kanzlei ist nicht zu verachten. Aber er hatte Schulden bei mir und versprach, mir seinen Anteil zu hinterlassen. Nicht, daß er erwartet hätte, schon so früh zu sterben, der arme Teufel.«

»Wurde seine Absicht schriftlich hinterlegt?«

»Davon weiß ich nichts. Jedenfalls hatten wir eine mündliche Vereinbarung, und ich lieh ihm immer wieder Geld für Ellens kostspielige Therapien.«

»Und das Haus?«

»Das ist mit einer Hypothek belastet — aber wertvoll genug, um dafür einen Mord zu begehen.«

»Glauben Sie wirklich, eine Siebzehnjährige würde wegen eines Hauses ihren Vater erschießen, Mr. Wills? Das kann ich mir nicht vorstellen.«

»Vielleicht wollte sie’s verkaufen und mit dem Erlös ihr Studium an einem schicken College im Osten finanzieren.«

»Hatte sie das vor?« fragte Molly überrascht. Solche Ambitionen traute sie der stillen, in sich gekehrten Grace nicht zu.

»Keine Ahnung, Doktor. Ich weiß nur, daß sie ihren Vater getötet hat und dafür büßen müßte. Glücklicherweise wird sie von diesem Mord nicht profitieren, da hat das Gesetz vorgesorgt. Nichts wird sie kriegen, weder Johns Anteil an der Kanzlei noch das Haus — keinen Cent!«

Der Haß, der in seiner Stimme mitschwang, verblüffte Molly und gab ihr zu denken. Freute er sich aus persönlichen Gründen über Graces Festnahme? »Und wer wird das Erbe antreten? Hatte John Adams Verwandte?«

»Nein. Aber mir war er eine Menge schuldig. Immer wieder half ich ihm über seine finanziellen Schwierigkeiten hinweg, und wir haben zwanzig Jahre lang zusammengearbeitet. So was kann man nicht so leicht ignorieren.«

»Natürlich nicht. Das verstehe ich.« Sie verstand es viel besser, als er es ahnen oder wünschen mochte, und es gefiel ihr nicht. Sie bedankte sich für das Gespräch und legte auf. An diesem Abend dachte sie noch lange über Grace nach. Als ihr Freund nach Hause kam, erzählte sie ihm von ihren Problemen. Nach einem Vierundzwanzigstundentag in der Notaufnahme und einer Serie von Schußwunden und Autounfällen war er erschöpft, trotzdem hörte er geduldig zu.

Seit zwei Jahren lebte sie mit dem attraktiven, ebenfalls blonden Richard Haverson zusammen, und sie überlegten immer wieder, ob sie heiraten sollten. Aber irgendwie kam es nie dazu — vielleicht, weil sie ihr derzeitiges Arrangement perfekt fanden.

»Wenn du mich fragst, die Kleine ist total verkorkst. Und wenn sie nicht zugibt, daß sie von ihrem Vater vergewaltigt wurde — wie Willst du ihr helfen?«

Frustriert nippte sie an ihrem Kaffee. »Das weiß ich noch nicht. Aber mir wird schon was einfallen. Wenn sie bloß die Wahrheit erzählen Würde! Verdammt, sie stand doch nicht mitten in der Nacht auf, hielt plötzlich eine Waffe in der Hand und beschloß, ihn zu erschießen! Ihr Nachthemd lag zerrissen am Boden, und das will sie mir auch nicht erklären. Um Himmels willen, alle Beweise sind da! Und sie weigert sich, ihren Nutzen daraus zu ziehen.«

»Sicher wirst du sie bald zum Reden bringen«, meinte er zuversichtlich, aber sie runzelte skeptisch die Stirn. Noch nie war es ihr so schwergefallen, an jemanden heranzukommen. Grace erstarrte in ihrer selbstzerstörerischen Isolation und kannte nur einen einzigen Gedanken — die Eltern zu schützen, die ihr Leben ruiniert hatten. »Bis jetzt hast du’s immer geschafft.« Lächelnd strich er über ihr langes blondes Haar, bevor er in die Küche ging, um eine Dose Bier zu holen. Beide nahmen ihren Beruf sehr ernst, aber das schadete ihrer Beziehung nicht. Sie waren glücklich miteinander.

Als sie am nächsten Morgen um sechs Uhr aufstanden, dachte Molly sofort wieder an Grace. Ehe sie mit dem Mädchen sprach, wollte sie was anderes erledigen. Um halb acht betrat sie das Büro der Pflichtverteidigung.

»Ist David Glass schon da?« fragte sie die Empfangsdame. Er gehörte zu den jüngsten Juristen in dieser Behörde. Molly hatte neulich in zwei Fällen mit ihm zusammengearbeitet und war von seiner Kompetenz tief beeindruckt. Clever, unorthodox und unerschütterlich hatte er sich aus dem Getto der New Yorker South Bronx emporgearbeitet und schreckte vor keiner Herausforderung zurück. Er würde vor niemandem kapitulieren, besaß ein Herz aus Gold und kämpfte wie ein Löwe für seine Klienten. Genau der Mann, den Grace Adams brauchte …

»Wahrscheinlich ist er irgendwo da hinten«, antwortete die Empfangsdame.

Molly eilte durch die Korridore. Schließlich fand sie ihn in der Bibliothek, wo er in einem Buch blätterte und eine Tasse Kaffee trank. »Hi, Doc!« Lächelnd blickte er auf. »Wie läuft das Geschäft?«

»Ganz normal. Und bei Ihnen?«

»Ich versuche immer noch, meinen Axtmörder rauszupauken.«

»Interessieren Sie sich für einen neuen Fall?«

»Seit wann verteilen Sie die Klienten?« fragte er belustigt. Er war kleiner als Molly, hatte dunkelbraune Augen und schwarze Locken. Auf seine Art sah er recht attraktiv aus, aber die stärkste Wirkung erzielte seine Persönlichkeit. Und wie sein strahlendes Gesicht verriet, bewunderte er Molly.

» Okay, okay, ich wollte nur Wissen, ob Sie dazu bereit wären. Ich befasse mich gerade mit einem besonderen Fall. Heute wird man entscheiden, welcher Pflichtverteidiger ein siebzehnjähriges Mädchen vertreten soll. Und ich würde gern wieder mit Ihnen zusammenarbeiten.«

» Oh, ich fühle mich geschmeichelt. Wie schlimm ist’s denn?«

»Sehr schlimm. Möglicherweise vorsätzlicher Mord. Meine Patientin hat ihren Vater erschossen, und nun droht ihr die Todesstrafe.«

»Großartig. Solche Fälle liebe ich. Hat sie seinen Kopf mit einer Schrotflinte weggeblasen?« In New York hatte er häßliche Dinge gesehen, aber hier draußen ging’s normalerweise etwas gemäßigter zu.

»Ganz so pittoresk war es nicht, die Situation ist trotzdem sehr kompliziert. Können wir irgendwo in Ruhe reden?«

»Klar«, stimmte er bereitwillig und sichtlich fasziniert zu. »Gehen wir in mein Büro — wenn’s Ihnen nichts ausmacht, auf meinen Schultern zu stehen.« Sie folgte ihm in sein winziges Büro, wo er ein paar Bücher auf den Schreibtisch legte und die Kaffeetassen daneben stellte. »Also, was ist passiert?«

Seufzend sank sie auf den einzigen Stuhl. Nun mußte sie ihr Bestes tun, um ihn für den Fall zu interessieren. Da Grace sich nicht selber helfen wollte, brauchte sie einen Anwalt wie David. »Sie schoß aus nächster Nähe auf ihren Vater, mit einem Revolver, der plötzlich ‘in ihrer Hand lag’. Aus keinem besonderen Grund, zumindest behauptet sie das. Am selben Tag hatten sie die Mutter beerdigt. Ansonsten gab es keine Probleme in der Familie.«

»Ist sie geistesgestört?« fragte David teilnahmsvoll. Er liebte Kinder. Auch das war ein Grund, warum Molly ihn für den Fall gewinnen wollte. Ohne ihn hatte Grace keine Chance. Das mochte ihr egal sein, aber Molly hatte beschlossen, das Mädchen zu retten — warum, wußte sie selber nicht genau. Vielleicht, weil Grace so hoffnungslos wirkte und keinen Wert mehr auf ihr Leben zu legen schien. Und das mußte Molly ändern.

»Nein, sie ist bei klarem Verstand — nur deprimiert und neurotisch, aus gutem Grund. Ich glaube, ihr Vater hat sie mehrmals vergewaltigt.« In knappen Worten beschrieb sie die Verletzungen, die auf den Fotos zu sehen waren, und Graces seelischen Zustand. »Trotz allem behauptet sie, ihr Vater habe sie nicht angerührt. Aber ich glaube ihr kein Wort. In jener Nacht muß er sie vergewaltigt haben — nicht zum erstenmal. Da ihre Mutter nicht mehr da war, fühlte sie sich seiner Brutalität schutzlos ausgeliefert und geriet in Panik. Deshalb erschoß sie ihn, als er erneut über sie herfiel. Offenbar lag er auf ihr, denn die Kugel traf ihn aus kürzester Entfernung.«

»Und was halten die Bullen von dieser Theorie?«

»Darin liegt ja das Problem — sie wollen nichts davon hören. Der Vater des Mädchens war Mr. Perfect, ein angesehener Anwalt, in der ganzen Stadt beliebt. Natürlich glaubt niemand, daß er seine Tochter gezwungen hat, mit ihm zu schlafen. Vielleicht bedrohte er sie mit dem Revolver, den sie ihm irgendwie entwand. Wie’s passiert ist, will sie mir nicht erzählen. Offenbar führte sie ein ziemlich einsames Leben, denn niemand scheint sie näher zu kennen. Jahrelang pflegte sie ihre schwerkranke Mutter, die vor ein paar Tagen starb. Und jetzt ist auch noch der Vater tot. Sie hat keine Verwandten, keine Freunde — und ganz Watseka wird schwören, dieser hochanständige Mann hätte seiner Tochter niemals etwas so Schreckliches angetan.«

»Und warum glauben Sie das Gegenteil?« Bei der Zusammenarbeit in zwei Fällen hatte David gelernt, Mollys Instinkten zu vertrauen.

»Weil ich weiß, daß sie lügt. Sie ist völlig verängstigt. Und sie verteidigt ihren Vater immer noch, als könnte er von den Toten zurückkehren und ihr die Hölle heiß machen.«

»Sagt sie denn gar nichts?«

»Fast nichts. Sie erstarrt in ihrem Leid und will nicht verraten, was sie durchgemacht hat.«

»Noch nicht«, erwiderte er lächelnd. »So wie ich Sie kenne, werden Sie ihr die Wahrheit bald entlocken.«

»Danke, daß Sie meine Fähigkeiten zu schätzen wissen. Aber viel Zeit bleibt uns nicht mehr. Heute morgen wird ihr ein Pflichtverteidiger zugeteilt.«

»Kein Familienanwalt? Ihr Vater hatte doch sicher einen Partner, der sich um sie kümmern müßte.«

Zu seiner Verblüffung schüttelte Molly den Kopf. »Dieser Partner behauptet, er habe ihrem Vater zu nahe gestanden, um sie verteidigen zu können. Und wegen der langen, kostspieligen Krankheit ihrer Mutter sei kein Geld für einen anderen Privatanwalt übrig. Ihr Vater habe Schulden bei ihm gemacht, das Haus sei mit einer Hypothek belastet und Adams’ Anteil an der Kanzlei die einzige nennenswerte Hinterlassenschaft. Jedenfalls weigert sich der Mann, dem armen Mädchen zu helfen. Deshalb bin ich zu Ihnen gekommen, David. Ich mag den Kerl nicht, und ich mißtraue ihm. Offenbar hält er seinen toten Partner für einen Heiligen, und er meint, das Mädchen würde die Todesstrafe verdienen.«

»Eine Siebzehnjährige? Wie nett… Weiß sie, daß dieser Mann ihr nicht helfen und den Nachlaß ihres Vaters für sich beanspruchen wird, um die angeblichen Schulden zu decken?«

»Wohl kaum. Aber das wird sie auch nicht interessieren. Für sie zählt nur eines: Sie hält beharrlich den Mund, weil sie sich einbildet, sie müßte ihre Eltern vor übler Nachrede schützen.«

»Offenbar braucht sie eine gute Seelenklempnerin genauso dringend wie einen Anwalt«, meinte er und lächelte Molly an. Er freute sich auf eine neuerliche Zusammenarbeit und hoffte sogar auf eine Romanze, die er — realistisch betrachtet — allerdings für unwahrscheinlich hielt. Aber er konnte wenigstens davon träumen.

»Nun, was halten Sie davon?« fragte sie besorgt.

»Zweifellos steckt das Mädchen in ernsthaften Schwierigkeiten. Wie lautet die genaue Anklage?«

»Das weiß ich noch nicht, vermutlich vorsätzlicher Mord. Aber damit werden sie nicht durchkommen. Es gibt kein nennenswertes Erbe, das als Tatmotiv herhalten könnte.«

»Vielleicht wußte sie das nicht. Und in Unkenntnis der Gesetze könnte sie geglaubt haben, sie würde ihren Vater trotz eines Mordes beerben.«

»Wenn sie den Vorsatz bestreitet, wird man sie vielleicht nur wegen Totschlags anklagen«, erwiderte Molly hoffnungsvoll. »Dann würde man sie schlimmstenfalls zu fünfzehn Jahren Gefängnis verurteilen, und die Todesstrafe bliebe ihr erspart.«

»So oder so, der Fall ist verdammt schwierig.«

»Können Sie erreichen, da8 Sie damit betraut werden?«

»Vielleicht. Man glaubt wahrscheinlich, das Mädchen wäre chancenlos, und da der Vater ein prominentes Gemeindemitglied war, dürfen wir nicht mit einem fairen Prozeß rechnen. Sicher wär’s am besten, einen anderen Verhandlungsort zu beantragen. Aber ich will’s versuchen.«

»Wollen Sie das Mädchen erst einmal kennenlernen?«

»Allerdings. Und sie muß endlich erzählen, was passiert ist.«

»Nun, ich hoffe, sie wird ihr Schweigen brechen, wenn sie Ihnen vertraut. Heute nachmittag gehe ich wieder zu ihr. Ich muß meinen Bericht schreiben und entscheiden, ob sie einen Prozeß verkraften würde. Das steht außer Frage, und ich habe mir nur ein bißchen Zeit gelassen, weil ich öfter mit ihr reden wollte — und weil ich glaube, daß sie zwischenmenschliche Kontakte braucht.«

»Gut, dann werde ich Sie heute begleiten, wenn man mich mit der Verteidigung beauftragt. Rufen Sie mich mittags an.« Er notierte sich den Namen des Mädchens und die Nummer des Falls. Erleichtert dankte sie ihm und verabschiedete sich. Einen besseren Anwalt konnte sie ihrem Schützling nicht verschaffen, und wenn es Mittel und Wege gab, Grace zu retten — David würde sie finden. Sie kam erst um zwei Uhr dazu, ihn anzurufen, und da erreichte sie ihn nicht in seinem Büro. Um vier versuchte sie es noch einmal, in wachsender Besorgnis. In der Zwischenzeit hatte sie mehrere eilige Gutachten geschrieben und einen Fünfzehnjährigen therapiert, der nach einem fehlgeschlagenen Selbstmordversuch an Thetraplegie litt. Er war von einer Brücke auf Beton hinabgesprungen, doch die Widerstandskraft seiner Jugend hatte ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht. Aber sogar Molly fragte sich, ob er nicht besser gestorben wäre, statt die nächsten sechzig Jahre gelähmt im Rollstuhl zu verbringen, außerdem waren seine Stimmbänder auch angegriffen.

Diesmal erreichte sie David und entschuldigte sich für die Verspätung.

»Ich bin selber eben erst ins Büro zurückgekommen.«

»Und?«

»Alles okay, man hat mir die Verteidigung übertragen. Angeblich ist’s ein glasklarer Fall. Sie wollte sich das Geld ihres Vaters aneignen, ohne zu ahnen, daß die Krankheit ihrer Mutter die ganzen Ersparnisse aufgebraucht hatte und daß sie ihn als seine Mörderin nicht beerben kann. Deshalb geht man von einem vorsätzlichen Mord aus — oder sie verlor während eines Streits die Beherrschung und erschoß ihn. Also schlimmstenfalls vorsätzlicher Mord, bestenfalls Totschlag. Alles zwischen fünfzehn Jahren und lebenslänglich. Oder sie drehen durch und plädieren für die Todesstrafe.«

»Aber sie ist doch noch ein Kind.« Tränen brannten in Mollys Augen. Natürlich sollte sie sich nicht so engagieren, das wußte sie. Doch sie konnte nicht anders. »Wie wär’s mit Notwehr?«

»Nach der Beweislage hat Adams seine Tochter nicht bedroht. Es sei denn, Ihre Vergewaltigungstheorie trifft zu. Geben Sie mir ein bißchen Zeit. Ich habe den Fall erst vor zwei Stunden übernommen, und ich kenne das Mädchen noch gar nicht. Immerhin wurde die Anklageerhebung auf morgen früh um neun verschoben, damit ich erst mal mit meiner Klientin reden kann. Wenn ich hier rechtzeitig wegkomme, gehe ich um fünf zu ihr. Begleiten Sie mich? Vielleicht wird der Anblick eines vertrauten Gesichts das Eis brechen.«

»Ich weiß nicht, ob sie mich mag. Ständig stelle ich unangenehme Fragen nach ihrem Vater, und das mißfällt ihr.«

»Sicher wird ihr die Todesstrafe noch weniger gefallen. Treffen wir uns um halb sechs vor der Central Station?«

»Einverstanden. Und — David?«

»Ja?«

»Vielen Dank, daß Sie den Fall übernommen haben.«

»Nun, wir alle tun unser Bestes. Bis dann.«

Als Molly den Hörer auf die Gabel legte, wußte sie, daß sie nicht nur ihr Bestes tun, sondern um ein Wunder beten mußten.

3

Molly York und David Glass trafen sich pünktlich um halb sechs vor dem Tor des Untersuchungsgefängnisses und gingen hinein, um Grace zu besuchen. Inzwischen hatte der Anwalt alle Polizeiberichte erhalten. Molly gab ihm ihre Notizen sowie den ärztlichen Bericht, und diese Unterlagen sah er durch, während sie im Lift nach oben fuhren.

Beim Anblick der Fotos hob er die Brauen. »Sieht fast so aus, als wäre sie mit einem Baseballschläger verprügelt worden.«

»Trotzdem behauptet sie, es wäre nichts passiert.« Molly schüttelte den Kopf und hoffte, Grace würde David etwas mehr erzählen, denn davon hing ihr Leben ab, was sie offenbar noch immer nicht verstand.

Sie wurden in das Sprechzimmer mit den beiden Türen geführt. Hier hatte sich Grace schon zweimal mit Molly getroffen, und die Umgebung würde ihr vertraut sein. Sie setzten sich und mußten warten. David zündete sich eine Zigarette an und hielt Molly die Packung hin, aber sie lehnte ab.

Nach fünf Minuten erschien ein Vollzugsbeamter am vergitterten Fenster der Gefängnistür, sperrte sie auf, und Grace überquerte die Schwelle. Zögernd blieb sie stehen. Da ihr niemand frische Kleider gebracht hatte, trug sie immer noch die alten Jeans und dasselbe T-Shirt wie in der Todesnacht ihres Vaters.

Langsam kam sie näher, und David beobachtete sie aufmerksam. Groß und dünn und anmutig, dachte er, naiv und scheu. Aber als sie ihn anschaute, erkannte er, wie alt ihre Augen wirkten, voller Trauer und Resignation. Verwirrt starrte sie die Psychiaterin und den jungen Mann an, nicht sicher, was sie von diesem Besuch halten sollte. An diesem Tag war sie vier Stunden lang von der Polizei vernommen worden und war erschöpft. Man hatte ihr erklärt, während des Verhörs sei die Anwesenheit ihres Anwalts zulässig. Aber sie hatte die Tat bereits gestanden und glaubte, es würde ihr nicht schaden, die Fragen ohne Rechtsbeistand zu beantworten.

Mittlerweile hatte sie erfahren, David Glass würde sie vertreten und wolle später mit ihr sprechen. Von Frank Wills hatte sie nichts gehört und ihn auch nicht angerufen. Sonst gab es niemanden, an den sie sich wenden konnte. Vor kurzem hatte sie eine Zeitung gelesen. Die Titelstory und mehrere Artikel befaßten sich mit dem Mord, der bewundernswerten Karriere ihres Vaters und seiner Popularität. Über Grace wurde nicht viel berichtet, nur daß sie siebzehn Jahre alt war, die Jefferson High School besucht und ihren Vater getötet hatte. Was den Ablauf der Ereignisse betraf, stellte man verschiedene Theorien auf, aber keine kam der Wahrheit auch nur nahe.

»Grace, das ist David Glass von der Pflichtverteidigungsbehörde«, unterbrach Molly das Schweigen, »und er wird Sie vertreten.«

»Hallo, Grace.« Seit ihrer Ankunft ließ er sie nicht aus den Augen, und er bemerkte ihre Verzweiflung. Trotzdem schüttelte sie ihm höflich die Hand. Er spürte, wie ihre Finger bebten. Als sie den Gruß erwiderte, hörte er ihre atemlose Stimme und dachte an die Asthmaanfälle, die Molly erwähnt hatte. »Wir müssen einiges besprechen«, begann er. »Setzen Sie sich. Heute nachmittag habe ich Ihre Akten gelesen. Im Augenblick sieht’s nicht gut für Sie aus, und ich brauche genauere Informationen. Was ist geschehen und warum? Woran erinnern Sie sich? Danach lassen wir die Fakten von einem Detektiv abchecken. Wir werden alles tun, um Ihnen zu helfen«, versicherte er, lächelte ihr aufmunternd zu und hoffte, ihr die Angst zu nehmen.

»Da gibt’s nichts abzuchecken.« Kerzengerade saß sie auf ihrem Stuhl und schaute ihm in die Augen. »Ich habe meinen Vater getötet.«

»Ja, das weiß ich«, entgegnete er scheinbar unbeeindruckt und fand bestätigt, was Molly in ihr sah — ein nettes Mädchen, dem man übel mitgespielt hatte. Sie war so distanziert, daß man glauben mußte, niemand könnte ins Versteck ihrer Seele eindringen, und sie glich eher einem Geist als einem Menschen aus Fleisch und Blut oder einem Teenager, der voller Lebensfreude in die Welt blicken müßte. »Wissen Sie, was passiert ist?« fragte er leise.

»Im großen und ganzen …« Gewisse Einzelheiten waren ihr immer noch unklar, zum Beispiel, zu welchem Zeitpunkt sie beschlossen hatte, nach dem Revolver in der Nachttischschublade zu tasten. Aber sie entsann sich, wie sie die Waffe umklammert und abgedrückt hatte.

»Ich schoß auf meinen Vater.«

»Woher nahmen Sie den Revolver?« Davids Fragen klangen beiläufig und seltsam harmlos, und Molly bewunderte seinen ungezwungenen Stil. Hoffentlich würde er sein Ziel erreichen.

»Aus dem Nachttisch meiner Mutter.«

»Haben Sie einfach hineingegriffen?«

»Ja.«

»War ihr Vater überrascht?«

Grace nickte. »Zuerst sah er den Revolver nicht. Dann wollte er ihn aus meiner Hand reißen, und dabei löste sich ein Schuß.« Sekundenlang schloß sie die Augen.

»Also müssen Sie in seiner Nähe gewesen sein. Ungefähr so weit entfernt?« David zeigte auf den etwa einen Meter breiten Tisch, der sie von ihm trennte. Obwohl er wußte, daß die Kugel das Opfer aus viel geringerer Entfernung getroffen hatte, wollte er Graces Anwort hören.

»Nein — näher…«

Er nickte, als wäre das völlig normal, und Molly versuchte Desinteresse zu heucheln. Aber sie registrierte fasziniert, daß Grace ihm zu vertrauen und ihre Abwehrhaltung aufzugeben schien. »Wie nahe waren Sie ihm?« fuhr er fort. »Dreißig Zentimeter?«

»Viel näher …« Plötzlich erkannte sie, was er denken mußte, und wich seinem Blick aus. Hatte Molly ihm von ihrem Verdacht erzählt? »Sehr nahe.«

»Wieso? Was haben Sie gemacht?«

»Wir unterhielten uns«, erwiderte sie heiser und atemlos, und er wußte, daß sie log.

»Worüber?«

Der gleichmütige Klang seiner Frage brachte sie aus dem Konzept. »Eh — ich — ich glaube, über meine Mutter«, stammelte sie.

Wieder nickte er, als wäre diese Erklärung plausibel. Dann lehnte er sich nachdenklich zurück und starrte zur Zimmerdecke hinauf. In seinen Ohren rauschte das Blut. Ohne Grace anzuschauen, fragte er: »Wußte Ihre Mom, was er Ihnen antat?« Seine sanfte Stimme trieb Tränen in Mollys Augen. Langsam wandte er sich zu Grace und sah auch an ihren Wimpern Tränen hängen. »Das können Sie mir unbesorgt anvertrauen. Niemand außer uns wird’s erfahren, wenn Sie das nicht wünschen. Aber wenn ich Ihnen helfen soll, dann müssen Sie mir die Wahrheit sagen. Nun? Wußte sie’s?«

Sie wollte es bestreiten, die Tatsachen verschleiern, doch das konnte sie plötzlich nicht mehr. Und so nickte sie. Tränen rollten über ihre Wangen.

Beruhigend ergriff er ihre Hand. »Okay, Grace, Sie konnten es nicht verhindern.«

»Nein …« Aus ihrer Kehle rang sich ein leises Schluchzen. Sie wünschte, sie würde den Mut aufbringen, in ihrem Schweigen zu verharren. Aber alle bedrängten sie und stellten so viele Fragen, die Psychiaterin, die Polizei, jetzt dieser Anwalt. Und aus unerfindlichen Gründen vertraute sie ihm. Obwohl sie auch Molly mochte — es war David, an den sie sich wandte. »Sie wußte es.«

Noch nie hatte er so traurige Worte gehört. Wäre John Adams noch am Leben, würde er diesen Mann, den er nicht gekannt hatte, liebend gern ermorden. »War sie ihm böse? Oder Ihnen?«

Zu seiner und Mollys Verblüffung schüttelte Grace den Kopf. »Sie wollte es — und sie erklärte mir, ich müsse es tun…« Mühsam bekämpfte sie einen Asthmaanfall. »Ich müsse nett zu ihm sein…« Mit einem flehenden Blick beschwor sie die beiden, ihr zu glauben, und sie zweifelten nicht an ihrer Aussage. Ihre Herzen flogen ihr entgegen.

»Wie lange hat’s gedauert?« fragte er behutsam.

»Sehr lange.« Sie sah so müde aus, so schwach, und er fürchtete, sie würde das alles nicht verkraften. »Vor vier Jahren zwang sie mich zum erstenmal dazu.«

»Was war in jener Nacht anders?«

»Irgendwie konnte ich’s nicht mehr …Sie war tot. Ihr zuliebe mußte ich’s nicht mehr tun. Er warf mich in ihr Bett und schlug mich — und machte noch andere Dinge mit mir.« Was er ihr alles zugemutet hatte, wollte sie nicht schildern. Doch das wußten sie ohnehin, weil es die Fotos verrieten. »Da erinnerte ich mich an die Waffe. Eigentlich wollte ich ihn nicht töten — und nur erreichen, daß er mich in Ruhe ließ.« Das war ihr gelungen. Für immer. Endlich hatte sie die Wahrheit ausgesprochen, und in gewisser Weise fühlte sie sich erleichtert. Und erschöpft. Mit den polizeilichen Vernehmungen ließ sich diese Situation nicht vergleichen, denn Molly und David glaubten ihr, während die Ermittlungsbeamten ihrem Vater ein solches Verhalten niemals zutrauen würden. Die meisten hatten ihn gut gekannt und sogar Golf mit ihm gespielt.

»Sie sind ein tapferes Mädchen«, sagte David, »und ich bin froh, daß sie’s uns erzählt haben.«

Nun hatte sich Mollys Verdacht bestätigt. Es war sogar noch schlimmer gewesen als befürchtet, weil Ellen Adams ihre dreizehnjährige Tochter zum Geschlechtsverkehr mit dem Vater gezwungen hatte. Bei diesem Gedanken wurde ihm fast übel. Der Bastard hat den Tod verdient, überlegte David. Aber wie sollte er den Geschworenen klarmachen, da8 Grace vier höllische Jahre widerstandslos erduldet und dann plötzlich in Notwehr auf ihren Peiniger geschossen hatte? Davon konnte auch Molly die Polizeibeamten nicht überzeugen, die sich von John Adams’ öffentlichem Image täuschen ließen. Würde die Jury dem gleichen Irrtum unterliegen?

»Grace, wären Sie bereit, das alles auch der Polizei mitzuteilen?« Entschieden schüttelte sie den Kopf. »Warum nicht?«

»Man würde mir ohnehin nicht glauben. Und — ich darf’s meinen Eltern nicht antun.«

»Jetzt sind sie beide tot«, betonte er. Auch Grace würde womöglich sterben, wenn sie sich weigerte, die Wahrheit zu gestehen. Er mußte beweisen, daß sie um ihr Leben gebangt und in Notwehr gehandelt hatte — das war ihre einzige Chance. Schlimmstenfalls würde er auf Totschlag plädieren. »Verstehen Sie doch — Sie müssen der Polizei endlich erklären, wie’s wirklich war.«

»Das kann ich nicht. Was wird man von mir denken? Es ist so schrecklich…«

Als sie wieder zu weinen begann, stand Molly auf und legte einen Arm um ihre Schultern. »Dafür sind Sie nicht verantwortlich, Grace. Die Schuld liegt einzig und allein bei Ihren Eltern. Wollen Sie für ihre Sünden büßen? David hat recht. Erzählen Sie der Polizei, was Sie durchgemacht haben.«

Sie redeten noch lange auf das Mädchen ein. Schließlich versprach Grace halbherzig, darübernachzudenken, und sie verließen das Untersuchungsgefängnis. Molly staunte immer noch, weil es David so schnell gelungen war, seiner Mandantin die Wahrheit zu entlocken. »Vielleicht sollten wir die Jobs tauschen«, seufzte sie und fühlte sich wie eine Versagerin.

»Beurteilen Sie sich nicht zu streng. Sie ist nur aus sich herausgegangen, weil sie vorher von Ihnen weichgeklopft wurde. Außerdem mußte sie endlich jemandem ihr Herz ausschütten, nachdem sie vier Jahre lang stillschweigend gelitten hatte. Jetzt wird sie erleichtert aufatmen.« Molly nickte, und David schüttelte bedrückt den Kopf. »Hätte sie ihn bloß schon früher erschossen! Was für ein elender, kranker Hurensohn! Und die ganze Stadt glaubt, er wäre ein perfekter Ehemann und Vater gewesen. Da wird einem richtig schlecht, nicht wahr? Ein Wunder, daß dieses Mädchen immer noch bei klarem Verstand ist!« Grace war seelisch gestört und zutiefst verletzt, doch sie hatte sich im Griff. Den Schaden, den ihr eine Gefängnisstrafe von fünfzehn oder sogar zwanzig Jahren zufügen mochte, wollte er sich nicht vorstellen.

Am nächsten Morgen, kurz vor der Anklageerhebung, sah er sie wieder, und sie weigerte sich immer noch, die Polizei über die Tatsachen zu informieren. Wenigstens sah sie ein, daß sie sich bei der Verhandlung für unschuldig erklären mußte. Die Anklage lautete auf vorsätzlichen Mord, und der Richter lehnte eine Freilassung gegen Kaution ab, was irrelevant war, da niemand die geforderte Summe bezahlt hätte.

Während der nächsten Tage bemühte sich David vergeblich, Grace klarzumachen, daß sie die jahrelangen Vergewaltigungen ihres Vaters zugeben müsse. Und nach zwei frustrierenden Wochen drohte er, das Handtuch zu werfen. Molly besuchte sie immer noch. Inzwischen hatte sie ihr Gutachten beim Gericht abgeliefert und die Angeklagte für zurechnungsfähig erklärt. Außerdem hatte sie entschieden, Grace sei imstande, den Prozeß zu verkraften.

David stand seiner Mandantin bei den Vorverhandlungen bei. Unterdessen befragte sein Detektiv zahlreiche Stadtbewohner, um herauszufinden, ob irgend jemand John Adams des Inzests verdächtigt hatte. Die Reaktionen der Leute reichten von milder Überraschung bis zu heller Empörung, und niemand glaubte, daß der hochgeschätzte Anwalt eines solchen Verbrechens fähig gewesen wäre. Statt dessen nahm man an, die Verteidigung würde diese verrückte Theorie nur aufstellen, um einen kaltblütigen Mord zu bemänteln. David sprach mit den Lehrern in der High School, die Grace als scheu und verschlossen bezeichneten. Sie sei etwas seltsam gewesen, aber stets höflich und eine gute Schülerin. Natürlich wisse man, welch ein schweres Leben sie geführt und wie aufopfernd sie ihre kranke Mutter gepflegt habe. Daß sie eine so schreckliche Tat verübt hatte, schien niemanden zu verblüffen. Fast alle Lehrer glaubten, sie wäre nach dem Tod ihrer Mom durchgedreht. Wie die Polizei vermuteten auch die meisten Stadtbewohner, Grace hätte ihren Vater ermordet, um ihn zu beerben. Man hielt es für ausgeschlossen, John Adams könnte seine Frau jahrelang geschlagen und sich an seiner Tochter vergangen haben.

Obwohl niemand Graces Aussage bestätigte, zweifelte David keine Sekunde lang an ihrer Glaubwürdigkeit. Entschlossen suchte er Beweismaterial, das zu ihren Gunsten sprechen würde und auf dem er die Verteidigung aufbauen konnte. Grace erklärte sich endlich bereit, der Polizei die Wahrheit zu erzählen, aber die Beamten nahmen an, dies wäre nur ein cleverer Trick, den sich der Pflichtverteidiger ausgedacht hätte. In seiner Verzweiflung ging David zum Bezirksstaatsanwalt, um wenigstens zu erwirken, daß die Anklage auf vorsätzlichen Mord fallengelassen und die drohende Todesstrafe abgewendet würde. Doch der Staatsanwalt glaubte ebensowenig an die Geschichte des Mädchens wie die Polizisten.

In der ersten Septemberwoche begann die Gerichtsverhandlung. Grace hatte ihren achtzehnten Geburtstag im Untersuchungsgefängnis begangen. Mittlerweile saß sie allein in einer Zelle. Den ganzen Sommer lang war sie von Journalisten belagert und um Interviews gebeten worden. Einige Vollzugsbeamte ließen sich von den Reportern bestechen und erlaubten ihnen, die Gefangene zu fotografieren. Einmal flammte sogar ein Blitzlicht auf, während sie die Toilette benutzte. Was sie der Polizei erzählt hatte, war längst in allen Zeitungen erschienen, und genau das hatte sie vermeiden wollen. ‘Sie glaubte, sie hätte ihren Eltern und sich selbst geschadet. Aber David hatte ihr überzeugend erklärt, nur die Wahrheit könne sie vor der Todes- und einer jahrelangen Gefängnisstrafe retten. Nun liege die Entscheidung bei den Geschworenen. Er hoffte zuversichtlich, sie würden erkennen, daß Grace ihren Vater nur getötet hatte, um den qualvollen Vergewaltigungen ein Ende zu bereiten. Allein schon der Anblick des jungen, schönen, verletzlichen Mädchens dürfte keinen Zweifel zulassen.

Dann erlitt er die erste Niederlage, als sein Antrag auf einen anderen Verhandlungsort abgelehnt wurde. Er hatte das Gesuch mit der Begründung eingereicht, in Watseka könne Grace nicht mit einem fairen Prozeß rechnen, weil die meisten Stadtbewohner zugunsten ihres Vaters voreingenommen seien. Seit Monaten wurde Grace von den Zeitungen angeprangert. Man nannte sie einen »sexbesessenen Teenager«, der den Mord an John Adams geplant habe, um sich sein Vermögen anzueignen. Daß fast kein Geld übrig war, entging der allgemeinen Aufmerksamkeit.

In einer anderen Version behauptete ein Reporter, Grace habe sich ihrem Dad in sexueller Absicht genähert und ihn wegen seines Desinteresses erschossen. Natürlich schadeten ihr all diese Artikel, und deshalb glaubte David, eine faire Verhandlung wäre nicht gewährleistet.

Die Auswahl der Geschworenen dauerte eine ganze Woche. Wegen des schwierigen Falls gab der Richter dem Antrag des Verteidigers statt und sequestrierte die Jury, was bedeutete, daß sie völlig isoliert wurde. Er war ein bärbeißiger alter Mann, der im Gerichtssaal alle Parteien gleichermaßen anzuschreien pflegte. Früher hatte er mit John Adams Golf gespielt, betonte aber, er fühle sich keineswegs befangen, weil sie nicht befreundet gewesen seien. Was das betraf, war David etwas skeptisch. Wenigstens würde er das Urteil, sollte es zu Graces Ungunsten ausfallen, wegen gewisser Verfahrensmängel anfechten oder dieses Argument in der Berufung vorbringen können. Da er sich ernsthafte Sorgen machte, bereitete er sich schon jetzt auf solche Eventualitäten vor.

Zunächst brachte die Staatsanwaltschaft ihre vernichtende Anklage vor, derzufolge Grace nach dem Tod der Mutter den Mord an ihrem Vater geplant hatte, um sein geringfügiges Vermögen zu erben, bevor er es ausgeben oder wieder heiraten konnte. Daß einer Mörderin das Geld des Opfers nicht zustehe, habe sie nicht gewußt. Als Beweismaterial wurden Fotos vorgelegt, die den attraktiven John Adams zeigten, und der Bezirksstaatsanwalt behauptete wiederholt, Grace sei in ihren Vater verliebt gewesen. Deshalb habe sie ihn in jener Nacht, von der störenden Gegenwart der Mutter endlich befreit, zu verführen versucht und ihr Nachthemd zerrissen, um sich zu entblößen. Nach dem Mord habe sie ihn der Vergewaltigung bezichtigt. Wie man dem ärztlichen Bericht entnehmen könne, habe sie in derselben Nacht geschlechtlich mit einem Mann verkehrt. Aber nichts weise darauf hin, daß es ihr Vater gewesen sei. Vermutlich habe sie sich vor dem Mord davongeschlichen und jemanden getroffen. Bei der Heimkehr sei sie von John Adams getadelt worden, und dann habe sie ihn nach der mißlungenen Verführungsaktion erschossen. Der Ankläger verlangte eine Verurteilung wegen vorsätzlichen Mordes, die eine hohe Gefängnis- oder sogar die Todesstrafe erfordern würde. Für dieses gemeine Verbrechen, erklärte er den Geschworenen, dem Publikum und der Presse aus allen Landesteilen, müsse Grace Adams angemessen bestraft werden. Eine junge Frau, die ihren Vater in voller Absicht getötet und danach sein Andenken beschmutzt habe, dürfe keine Gnade erwarten.

Bedrückt lauschte Grace den zahlreichen Zeugenaussagen und gewann den Eindruck, man würde nicht über sie reden, sondern über einen fremden Menschen. Alle Leute sangen Loblieder auf ihren Vater, und die meisten erklärten, sie sei sonderbar oder scheu.

Am schwersten wurde sie von John Adams’ Partner belastet, der behauptete, nach dem Begräbnis habe sie ihn nach den finanziellen Verhältnissen ihres Vaters gefragt und sich erkundigt, wieviel Geld nach der langen Krankheit ihrer Mutter übriggeblieben sei. »Weil ich ihr keine Sorgen bereiten wollte, verschwieg ich, welche Unsummen die Arztrechnungen verschlungen hatten, und versicherte, ihr Vater besitze immer noch genug Geld.« Unglücklich wandte er sich zu den Geschworenen. »Wenn ich das nicht gesagt hätte, würde er vielleicht noch leben.« Dann starrte er vorwurfsvoll zu Grace hinüber, die seinen Blick in wachsendem Entsetzen erwiderte.

»Danach habe ich ihn nie gefragt«, flüsterte sie David zu, der neben ihr am Tisch der Verteidigung saß. Warum erzählte Frank dem Gericht solche Lügen?

»Das bezweifle ich nicht«, seufzte David und gab Molly recht — der Mann war eine falsche Schlange und versuchte, das Mädchen ins Gefängnis zu bringen. Wie David inzwischen wußte, hatte John seinen Partner im Fall von Graces Tod zum Alleinerben eingesetzt. Also würde Frank Wills das Haus, die Kanzlei und das restliche Geld erhalten. Vermutlich war noch mehr übrig, als er verraten wollte. Wenn Grace freigesprochen wurde, konnte sie das Erbe antreten, und das versuchte Frank zu verhindern. »Natürlich glaube ich Ihnen«, beteuerte David.

Aber wer würde ihr sonst glauben? Darin lag das Problem. Sie gab zu, daß sie ihren Vater getötet hatte. Und Frank Wills’ Auftritt wirkte sehr überzeugend.

Nun rief David seine Zeugen auf, die Graces Charakter beurteilen sollten. Nur wenige Leute kannten sie, ein paar Lehrer und Freundinnen aus früheren Zeiten. Die meisten sagten aus, sie sei schüchtern und in sich gekehrt gewesen, und David betonte, so habe sie sich nur verhalten, um das schreckliche Geheimnis ihres Elternhauses zu hüten.

Schließlich trat der Arzt aus dem Mercy General in den Zeugenstand und erläuterte in allen Einzelheiten Graces Verletzungen, die er bei der Untersuchung entdeckt hatte.

»Geht daraus hervor, daß Miss Adams vergewaltigt wurde?« fragte der Staatsanwalt im Kreuzverhör.

»Nicht mit absoluter Gewißheit. Aber sie wurde massiven sexuellen Aktivitäten ausgesetzt, über einen längeren Zeitraum hinweg. Neben den neuen Wundmalen fand ich auch mehrere Narben älteren Ursprungs.«

»Kann es auch bei normalem Geschlechtsverkehr zu solchen ’massiven Aktivitäten‘ kommen? Mit anderen Worten, ist Miss Adams masochistisch veranlagt? Ließ sie sich gern von ihren diversen Freunden ‘bestrafen’? Könnte das diese Wunden verursacht haben?« Ungeniert überging der Ankläger die Tatsache, daß kein einziger Zeuge behauptet hatte, Grace sei jemals mit einem Freund gesehen worden.

»Das wäre möglich«, antwortete der Doktor. »Aber das müßte ziemlich brutaler Sex gewesen sein«, fügte er nachdenklich hinzu, und der Staatsanwalt lächelte die Geschworenen sarkastisch an.

»Nun, manchen Mädchen gefällt so was.«

Sofort erhob David Einspruch. Er tat sein Bestes, doch der Kampf gegen die Anklage wegen vorsätzlichen Mordes erschien aussichtslos. Er rief Molly in den Zeugenstand und schließlich Grace, die eine bewegende Aussage machte. In jeder anderen Stadt hätte sie alle Herzen erobert. In dieser nicht. Die Bewohner von Watseka hatten John Adams geliebt, und deshalb hielten sie seine Tochter für eine Lügnerin. Überall wurde der Prozeß diskutiert, in den Geschäften, in den Restaurants, in den Zeitungen. Auch das Lokalfernsehen brachte täglich Berichte über die Verhandlung und blendete Fotos von Grace ein.

Drei Tage lang berieten die Geschworenen. David, Grace und Molly saßen von morgens bis abends im Gerichtssaal und warteten. Um sich die Zeit zu vertreiben, wanderten sie manchmal, von Wachtposten gefolgt, durch die Korridore. Mittlerweile hatte sich Grace an die Handschellen gewöhnt und spürte sie nur, wenn sie ihr absichtlich zu eng angelegt wurden. Das geschah manchmal, wenn der diensthabende Polizist ihren Vater gekannt und geschätzt hatte. Hin und wieder überlegte sie, wie seltsam es wäre, freigesprochen zu werden und ins Leben zurückzukehren, als wäre das alles nicht geschehen.

Aber während die Stunden verstrichen, kam ihr ein Freispruch immer unwahrscheinlicher vor. Verzweifelt dachte David an die Hindernisse, die er nicht überwunden hatte. Molly saß neben Grace und hielt ihre Hand, in diesen letzten zwei Monaten waren sich die drei sehr nahe gekommen. Die Psychiaterin und der Anwalt waren die einzigen Freunde, die es in Graces Leben jemals gegeben hatte, sie vertraute ihnen, und allmählich gewann sie die beiden sogar lieb.

Wie der Richter den Geschworenen erklärt hatte, konnten sie sich bei der Urteilsfindung zwischen vier Möglichkeiten entscheiden. Vorsätzlicher, geplanter Mord würde die Todesstrafe nach sich ziehen. Vorsätzlicher Totschlag würde bedeuten, Grace hätte ihren Vater töten wollen, dies allerdings nicht geplant und zur Tatzeit irrtümlich geglaubt, sie wäre berechtigt, ihn umzubringen, weil sie sich von ihm bedroht fühlte. In diesem Fall mußte sie mit einer Gefängnisstrafe bis zu zwanzig Jahren rechnen. Bei nicht vorsätzlichem Totschlag wäre sie von ihrem Vater angegriffen worden, und sie hätte sich gewehrt, und zwar nicht in der Absicht, ihn zu töten. Aber ihr »leichtsinniges« Verhalten hätte seinen Tod verursacht. Das würde eine Gefängnisstrafe von einem bis zehn Jahren bedeuten. Schließlich kam noch Notwehr in Frage, wenn die Geschworenen glaubten, John Adams hätte seine Tochter in jener Nacht und während der vergangenen vier Jahre tatsächlich vergewaltigt, und sie wäre gezwungen gewesen, sich vor einer möglicherweise lebensbedrohlichen Attacke zu schützen. Eindringlich hatte David der Jury erklärt, nur dies sei die reine Wahrheit, und verlangt, der jungen Frau müsse Gerechtigkeit widerfahren, nachdem die Eltern sie so lange gequält hatten. Von David aufgefordert, hatte Grace den Geschworenen die ganze Geschichte erzählt, und jetzt konnte sie nur noch hoffen, daß sie beeindruckt waren.

An einem Nachmittag im September kehrten die Geschworenen endlich in den Gerichtssaal zurück. Als Grace das Urteil hörte, fiel sie beinahe in Ohnmacht.

Feierlich erhob sich der Sprecher der Geschworenen und verkündete, man habe ein Urteil gefällt. Die Angeklagte sei des vorsätzlichen Totschlags schuldig. Die Geschworenen glaubten, John Adams hätte seiner Tochter irgend etwas angetan — allerdings keine Vergewaltigung. Möglicherweise hatte er ihr weh getan, und zwei weibliche Geschworene vertraten die Ansicht, sogar gute, anständige Männer würden manchmal dunkle Geheimnisse verbergen. Jedenfalls hegten sie alle hinreichende Zweifel, um vor einem Urteil wegen vorsätzlichen Mordes und der Todesstrafe zurückzuschrecken. Sie nahmen an, Grace hätte irrtümlich geglaubt, der Vater wollte ihr etwas antun, und ihn deshalb vorsätzlich getötet. Wegen des hervorragenden Rufs, den er in der Gemeinde genoß, akzeptierten die Geschworenen nicht, daß er Grace tatsächlich angegriffen hatte. Aber sie mußte es geglaubt haben. Und nun drohte ihr, je nach dem Ermessen des Richters, eine Gefängnisstrafe bis zu zwanzig Jahren.

Wegen ihrer Jugend wurde sie zu zwei Jahren Gefängnis und zwei Jahren auf Bewährung verurteilt, und angesichts der anderen Möglichkeiten war das eine milde Entscheidung. Aber während sie dem Richter zuhörte und sich zwang, seine Worte zu begreifen, hatte sie das Gefühl, sie müßte für eine halbe Ewigkeit hinter Gitter wandern. Aufgrund ihrer Jugend war er sogar bereit, die Strafe nicht registrieren zu lassen, um ihr nach der Entlassung aus dem Gefängnis keine Steine in den Weg zu legen.

Aber Grace dachte nur an die unmittelbare Zukunft. Was würde man ihr im Gefängnis antun? In der Untersuchungshaft hatten ihr die anderen Frauen manchmal Zeitschriften oder die Zahnpasta weggenommen, die sie von Molly erhalten hatte. Widerstrebend war Frank Wills bereit gewesen, ihr einige hundert Dollar vom Geld ihres Vaters zur Verfügung zu stellen, nachdem David ihn darum gebeten hatte.

Im Untersuchungsgefängnis, wo die Frauen alle paar Tage gekommen und gegangen waren, hatte sich Grace niemals ernsthaft bedroht gefühlt. Und nun mußte sie zwei Jahre in einem richtigen Gefängnis verbringen, wo sie Mörderinnen begegnen würde. Unglücklich starrte sie den Richter an. Warum machte sie sich überhaupt noch Gedanken? Ihr Leben war längst verwirkt. Von Anfang an hatte sie keine Chance bekommen, und jetzt war alles vorbei. Auch Molly sah den leidvollen Blick und drückte Graces Hand.

Wieder in Handschellen und diesmal auch mit Fußfesseln, verließ Grace den Gerichtssaal. Sie war keine Angeklagte mehr, sondern ein verurteilter Sträfling.

An diesem Abend besuchte Molly sie im Untersuchungsgefängnis, bevor sie am nächsten Morgen ins Dwight Correctional Center gebracht werden sollte. Es gab wenig zu sagen, aber die Psychiaterin wollte Grace beschwören, die Hoffnung nicht aufzugeben. Eines Tages würde ein neues Leben beginnen, und bis dahin mußte sie durchhalten.

Auch David besuchte sie, empört über das Urteil, an dem er sich die Schuld gab. Aber Grace warf ihm nichts vor. So sah ihr Schicksal nun einmal aus. Er versprach ihr, in die Berufung zu gehen. Inzwischen hatte er mit Frank Wills eine ungewöhnliche Vereinbarung getroffen. Der Mann würde ihr fünfzigtausend Dollar vom Geld ihres Vaters übergeben, wenn sie sich verpflichtete, nach ihrer Entlassung nie mehr nach Watseka zurückzukehren oder ihm irgendwie in die Quere zu kommen. Demnächst würde er in Graces Elternhaus übersiedeln, und er ersuchte David, ihr nichts davon zu erzählen. Den Großteil ihrer Sachen hatte er bereits weggeworfen. Um sie ein für allemal loszuwerden, gab er ihr die fünfzigtausend Dollar. David hatte in ihrem Namen zugestimmt, denn nach ihrer Entlassung würde sie das Geld gut gebrauchen können.

Verzweifelt versuchte Molly, das Mädchen zu ermutigen. »Du darfst nicht aufgeben, Grace. Bis jetzt warst du so tapfer, und du wirst auch alles andere überstehen. Zwei Jahre sind keine Ewigkeit. Wenn du das Gefängnis verläßt, bist du erst zwanzig, und dein ganzes Leben liegt vor dir.« Das hatte auch David betont. Aber sie wußten alle, daß es ihr schwerfallen würde, diese beiden Jahre hinter Gittern zu ertragen.

Sie mußte stark sein, denn sie hatte keine Wahl. So lange war sie stark gewesen, und manchmal hatte sie gehofft, die Qualen nicht zu überleben. Sicher wäre der Tod einfacher gewesen als die jahrelange Tortur und die Gefängnisstrafe. Und an diesem Abend gestand sie der Psychiaterin, sie wünschte, sie hätte nicht den Vater erschossen, sondern sich selbst.

»Was soll das?« Aufgeregt lief Molly in der Zelle umher. »Willst du einfach resignieren und aufgeben? Okay, du mußt eine Gefängnisstrafe absitzen, aber diese zwei Jahre gehen vorbei. Und vergiß nicht — das Urteil hätte schlimmer ausfallen können.«

»Aber ich weiß nicht, was mich da drin erwartet…« Tränen glänzten in Graces Augen und rollten über ihre Wangen, zwei einsame, nasse Spuren.

Wie gern hätte Molly ihr die zwei Jahre erspart, aber im Augenblick konnte sie nichts mehr für Grace tun und ihr nur noch ihre Liebe schenken, ihren Beistand und ihre Freundschaft. Ebenso wie David hatte sie das Mädchen ins Herz geschlossen. Jetzt nahm sie Grace in die Arme und hoffte inständig, ihr Schützling würde die beiden nächsten Jahre heil überstehen.

»Wirst du mich besuchen?« flüsterte Grace.

In diesen letzten Monaten hatte Molly nur noch einen einzigen Gedanken gekannt — Graces Schicksal. Sogar Richard war es leid, ständig davon zu hören. Auch ihre Freunde und Kollegen wollten nichts mehr davon wissen. So Wie David war sie besessen von Grace, und nur er schien zu verstehen, was sie empfand. Das ungerechte Urteil und die Gefahr, in der Grace nun schwebte, bedrückten Molly und David gleichermaßen, und sie fühlten sich für sie verantwortlich. Irgendwie glaubten sie, Vater- und Mutterstelle bei ihr zu vertreten.

Beim Abschied weinte auch Molly und versprach, am nächsten Wochenende zum Dwight hinauszufahren. David wollte sich einen Tag freinehmen, um Grace ebenfalls zu besuchen, die Berufung mit ihr zu besprechen und sich zu vergewissern, daß sie — den Umständen entsprechend — einigermaßen menschenwürdig untergebracht war. Nach allem, was er gehört hatte, mußte im Dwight eine deprimierende Atmosphäre herrschen. Ebenso wie Molly machte er sich bittere Vorwürfe, weil es ihm nicht gelungen war, Grace davor zu bewahren. Aber so sehr er sich auch bemüht hatte — ihr schweres Los war schon vorher besiegelt gewesen.

»Danke für alles, David«, sagte sie leise, als er am nächsten Morgen um sieben Uhr zu ihr kam, um sich zu verabschieden. »Du hast wirklich alles getan, was du nur konntest.« Liebevoll küßte sie seine Wange, und er umarmte sie. Wenn sie sich dazu entschloß, würde sie diese beiden Jahre unbeschadet überstehen. Sie besaß eine große innere Kraft, die ihr geholfen hatte, den Alptraum in ihrem Elternhaus so lange zu erdulden.

»Tut mir leid, daß ich kein besseres Resultat erzielen konnte«, seufzte er. Wenigstens war sie nicht des vorsätzlichen Mordes und damit zum Tod verurteilt worden. Das hätte er nicht ertragen.

Als er sie jetzt betrachtete, gestand er sich etwas ein, das er in all den Monaten verdrängt hatte. Er könnte sie lieben, ihre starke Seele, ihre innere Schönheit. Aber sie war erst achtzehn, hatte soviel gelitten, und deshalb durfte er sie nicht mit seinen Gefühlen bedrängen und nur eine kleine Schwester in ihr sehen.

»Keine Bange, David, ich schaff’s schon«, versicherte sie lächelnd, um ihn zu beruhigen. Ein Teil von ihr war längst gestorben, und der Rest würde weiterleben, bis eine höhere Macht das Ende herbeiführte. Wie leicht wäre der Tod gewesen Sie hatte so wenig zu verlieren, so wenig, wofür sich das Leben lohnte. Aber sie wußte, daß sie es David und Molly schuldig war, weiterzuleben. Sie durfte die beiden nicht enttäuschen, die einzigen Menschen, die sich jemals um sie bemüht hatten.

Bevor sie abgeführt wurde, berührte sie Davids Arm, und er las in ihren Augen eine abgeklärte Weisheit, die nicht zu ihrem Alter paßte. Sie akzeptierte ihr Schicksal, und sie strahlte eine erstaunliche Würde aus, trotz ihrer Handschellen. Am Ende des Korridors warf sie einen letzten Blick über ihre Schulter. Tränen verschleierten seinen Blick, als er ihr nachschaute.

4

Um acht Uhr wurde sie in den Bus nach Dwight verfrachtet, mit Fußfesseln, in Handschellen und Ketten. So wurden die Gefangenen routinemäßig transportiert, und es stellte keine besondere, gegen Grace gerichtete Schikane dar. Seltsamerweise sprachen die Wärter nicht mehr mit ihr, sobald sie gefesselt war. Nun hatte sie als Person zu existieren aufgehört. Keiner verabschiedete sich von ihr, keiner wünschte ihr alles Gute. In ihrer Untersuchungshaft hatte sie ihnen keine Schwierigkeiten bereitet, und jetzt war sie einfach nur ein Sträfling von vielen — ein Gesicht, das sie im täglichen Kommen und Gehen der Gefangenen bald vergessen würden.

Nur eines erschien den Vollzugsbeamten denkwürdig, was Grace Adams betraf — daß die Zeitungen täglich über ihren Fall berichtet hatten, doch im Grunde war auch das nichts Besonderes. Wie so viele andere Häftlinge hatte sie ihren Vater getötet, und dafür wurde sie bestraft. Sie durfte von Glück reden, weil man sie nicht wegen vorsätzlichen Mordes verurteilt hatte, aber das Glück spielte in ihrem Leben keine Rolle.

Die Fahrt nach Dwight dauerte anderthalb Stunden. Während der Bus dahinholperte, klirrten die Ketten, Graces Hand- und Fußgelenke schmerzten — eine beschwerliche Reise zu einem furchterregenden Ziel. Zunächst saß sie allein im Bus. Eine Stunde vor der Ankunft stiegen vier weitere Gefangene aus einem anderen Untersuchungsgefängnis zu. Eine wurde auf den Sitz neben ihr festgekettet, eine Frau mit harten Gesichtszügen, etwa fünf Jahre älter als Grace.

Interessiert schaute sie das junge Mädchen an. »Waren Sie schon mal in Dwight?« Grace schüttelte den Kopf, nicht gewillt, ein Gespräch zu beginnen. Wie sie inzwischen herausgefunden hatte, ertrug man einen Gefängnisaufenthalt am besten, wenn man sich von den anderen distanzierte. »Warum kommen Sie rein?« Die Frau betrachtete sie und erkannte sofort den Neuling. Offenbar war die Kleine noch nie im Knast gewesen, und sie würde die Tortur wohl kaum verkraften. »Wie alt sind Sie, Kindchen?«

»Neunzehn«, log Grace und fügte ein Jahr hinzu, in der Hoffnung, die Frau würde sie für erwachsen halten.

»Was haben Sie verbrochen — Bonbons gestohlen?«

Grace zuckte nur die Achseln. Eine Zeitlang fuhren sie schweigend dahin. Es gab nichts zu sehen, denn durch die Fenster mit den Milchglasscheiben konnte man weder hinaus- noch hereinschauen, und die Luft war stickig.

»Haben Sie von der großen Drogenrazzia in Kankakee gelesen?« fragte die Frau nach einer Weile und musterte ihre Sitznachbarin wieder. Viel vermochte sie nicht zu entdecken — nur ein blutjunges Ding, das nicht hierher gehörte. Was Grace gelitten hatte, merkte man ihr nicht an. Seit der Trennung von Molly und David verbarg sie ihre Seele. Vielleicht würde man sie hinter Gittern in Ruhe lassen, wenn sie nichts preisgab.

Während ihrer Untersuchungshaft hatte sie gräßliche Geschichten von Vergewaltigungen und Messerstechereien in der Dwight-Anstalt gehört. Daran wollte sie jetzt nicht denken. Da sie die letzten vier Jahre verkraftet hatte, würde sie auch die beiden nächsten überstehen. Mollys und Davids ermutigende Worte weckten eine vage Hoffnung, und ihnen zuliebe würde sie’s irgendwie schaffen. Jetzt hatte sie zwei Freunde, die ersten richtigen Freunde ihres Lebens, zwei Verbündete.

»Nein, davon habe ich nichts gelesen«, erwiderte sie, und die Frau seufzte ärgerlich. Sie hatte gebleichtes blondes Haar, das so aussah, als wäre es an den Schultern mit einem Fleischmesser abgeschnitten und seit Jahren nicht mehr gekämmt worden. Widerstrebend schaute Grace in die kalten, harten Augen und bemerkte die muskulösen Arme.

»Die wollten mich als Kronzeugin präsentieren und forderten mich auf, gegen die großen Tiere auszusagen. Aber ich verpfeife niemanden. Sogar ich habe meine Ehre. Außerdem will ich nicht, daß die Bonzen im Dwight aufkreuzen und mir den Arsch verbrennen. Verstehen Sie, was ich meine?« Wie ihr Akzent bekundete, stammte sie aus New York, und sie entsprach genau dem Typ, den Grace im Gefängnis anzutreffen erwartete. Sie wirkte zornig und entschlossen — eine Frau, die für sich selber sorgen konnte. Offenbar brauchte sie jemanden, der ihr zuhörte, und so erzählte sie von den Turnstunden, die sie bei ihrem letzten Gefängnisaufenthalt zusammen mit anderen Sträflingen eingeführt hatte, und von ihrem Job in der Wäscherei. Zweimal hatte sie zu fliehen versucht und war jedesmal am selben Tag wieder geschnappt worden. »Das lohnt sich nicht. Wenn man’s probiert, brummen sie einem fünf weitere Jahre auf. Wie lange müssen Sie drinbleiben? Diesmal habe ich zehn Jahre gekriegt. In fünf bin ich wieder draußen.« Fünf Jahre — für Grace eine Ewigkeit… »Und Sie?«

»Zwei.« Mehr wollte Grace nicht verraten. Nach ihrer Ansicht war das viel zu lange.

»Kaum der Rede wert, Kindchen. Das haben Sie bald hinter sich.« Grinsend entblößte. die Frau ihre Zahnlücken. »Sind Sie noch Jungfrau?« Bei dieser Frage runzelte Grace nervös die Stirn, und ihre Mitgefangene fügte belustigt hinzu: »Ich meine, ob’s das erste Mal für Sie ist.« Sie selbst wurde bereits zum drittenmal ins Dwight eingeliefert, und sie war erst dreiundzwanzig. Eine erstaunliche, kriminelle Karriere …

»Ja«, antwortete Grace leise.

»Was haben Sie angestellt? Einbruch, Autodiebstahl, Drogendeals? Seit ich neun war, gehe ich mit Kokain hausieren. Eine Zeitlang saß ich im New Yorker Jugendknast. Ein beschissener Schuppen. Da war ich viermal. Danach zog ich hierher. Dwight ist gar nicht so übel«, fuhr sie fort, als würde sie über ein Hotel reden, in dem sie schon mehrmals abgestiegen war. »Dort gibt’s ein paar nette Mädchen — auch Gangs, zum Beispiel die Aryan Sisterhood. Vor denen müssen Sie sich hüten. Und dann sind noch ein paar stocksaure Schwarze da, die hassen die Aryans. Wenn Sie diesen Typen aus dem Weg gehen, haben Sie keine Probleme.«

»Und Sie?« fragte Grace vorsichtig, aber interessiert. Diese Frau war ein Phänomen, von dessen Existenz sie vor drei Monaten nichts geahnt hatte. »Was werden Sie im Dwight machen?« Irgendwie mußte man sich beschäftigen. Sie hatte gehört, man könne im Gefängnis Unterricht nehmen, und sie wollte studieren, nicht nur Besen oder Autonummernschilder produzieren. Vielleicht würde ihr ein College einen Fernkurs anbieten.

»Keine Ahnung. Wahrscheinlich hänge ich einfach nur rum. Ich hab da eine Freundin, die sitzt seit Juni. Mit der verstehe ich mich sehr gut.«

»Wie nett…« Es mußte tröstlich sein, an einem solchen Ort eine Freundin zu haben.

»Ja, nicht wahr?« entgegnete die Frau lachend. »Übrigens, ich heiße Angela Fontino. Es ist wirklich nett, wenn man aus der Wäscherei in die Zelle zurückkommt, und da wartet ein hübscher kleiner Arsch.« Solche beängstigenden Geschichten hatte Grace in der Central Station gehört, und sie hätte das Gespräch gern beendet. Aber ihre Scheu amüsierte Angela. Es machte ihr Spaß, kleine Unschuldslämmer zu hänseln. Im Lauf ihrer Knastkarriere hatte sie genügend sexuelle Erfahrungen gesammelt, und manchmal fand sie das Leben hinter Gittern sogar erfreulicher als in Freiheit. »Das kommt Ihnen gräßlich vor, nicht wahr, Kindchen? Glauben Sie mir, man gewöhnt sich an alles. Warten Sie’s ab. Nach zwei Jahren werden Sie merken, daß Sie nur Mädchen mögen.« Grace wußte keine Antwort. Außerdem wollte sie Angela, die in schallendes Gelächter ausbrach, nicht ermutigen. »Sie sind wirklich noch Jungfrau, was, Baby? Haben Sie’s noch nie mit einem Mann getrieben? Wenn nicht, werden Sie Ihren kleinen Hintern vielleicht niemals für einen Kerl hinhalten und bleiben für immer bei den Mädchen. So schlimm ist das gar nicht.«

Sie lachte wieder, und Graces Magen rebellierte. Genauso war ihr auf dem Heimweg von der Schule zumute gewesen, Tag für Tag, wenn sie die nächste Nacht gefürchtet hatte. Würde man sie im Dwight vergewaltigen? Wie sollte sie sich dagegen wehren, falls mehrere Frauen über sie herfielen? Schweren Herzens dachte sie an das Versprechen, das sie Molly und David gegeben hatte, an ihren Entschluß, diese beiden Jahre zu überstehen. Sie wollte sich bemühen, aber wenn es unerträglich war… Hoffnungslos starrte sie vor sich hin, während der Bus den Highway verließ und durch das Tor des Dwight Correctional Center fuhr. Die anderen Gefangenen johlten und stampften mit den Füßen. Nur Grace rührte sich nicht und versuchte zu vergessen, was die Frau an ihrer Seite erzählt hatte.

»Okay, Baby, wir sind zu Hause«, verkündete Angela grinsend. »Keine Ahnung, wo man Sie einquartieren wird. Aber ich werde bald mal nach Ihnen sehen und sie mit den anderen Mädchen bekannt machen. Denen werden Sie sicher gefallen.« Sie zwinkerte vielsagend, und Grace erschauerte.

Zwei Minuten später wurden sie aus dem Bus geholt. Nachdem Grace so lange gesessen hatte, konnte sie mit ihren gefesselten Füßen kaum gehen. Vor ihr ragte ein tristes Gebäude mit einem Wachturm auf, umgeben von einem Stacheldrahtzaun, hinter dem sich zahlreiche Frauen in blauen Baumwollanzügen bewegten. Grace fand keine Zeit, sich genauer umzuschauen. Zusammen mit ihren Mitgefangenen folgte sie einem langen Korridor, vorbei an vergitterten Zellen, und passierte mehrere schwere Metalltüren. Die Ketten rasselten, die wund gescheuerten Handgelenke schmerzten.

»Willkommen im Paradies!« rief eine der Insassinnen sarkastisch, und die drei schwarzen Wärterinnen starrten sie erbost an. »Freut mich, euch kennenzulernen!« Ein paar Frauen lachten.

»So ist’s immer, wenn neue Gefangene eingeliefert werden«, murmelte die Wärterin, die Graces am Arm festhielt. »In den ersten paar Tagen behandeln sie euch wie Scheiße, dann lassen sie euch in Ruhe. Die wollen euch nur klarmachen, wer hier der Boss ist.«

»Natürlich ich!« kreischte eine hochgewachsene Farbige. »Wenn die meinen großen schwarzen Arsch anrühren, rufe ich die National Association for the Advancement of Colored People an, die Nationalgarde und den Präsidenten. O ja, ich kenne meine Rechte. Ob ich ein Sträfling bin oder nicht, diese Weiber werden mich nicht anfassen.« Grace mußte lächeln und konnte sich nicht vorstellen, daß irgend jemand es wagen würde, die kräftig gebaute Frau zu attackieren.

»Hören Sie nicht auf den Unsinn, Mädchen«, seufzte eine andere Schwarze, und Grace wunderte sich, weil die meisten Gefangenen freundlich wirkten. Trotzdem herrschte eine bedrohliche Atmosphäre im Dwight. Die Vollzugsbeamten waren bewaffnet, und überall hingen Schilder, die vor Fluchtversuchen, Angriffen auf das Wachpersonal und Regelwidrigkeiten warnten und entsprechende Strafen ankündigten. Immer noch in ihrer Straßenkleidung, sahen die Neuankömmlinge ziemlich schäbig aus. Nur Grace trug saubere Jeans und einen hellblauen Pullover, ein Geschenk von Molly, und sie hoffte, man würde ihr erlauben, diese Sachen anzubehalten.

»Okay, Mädchen.« Eine schrille Pfeife erklang. Die neuen Gefangenen waren in einen großen Raum geführt worden und standen vor sechs uniformierten Aufseherinnen, die Coaches in einem Trainingszentrum für Ringerinnen glichen. »Zieht euch aus und legt euer Zeug auf den Boden.« Die Frau pfiff noch einmal, um Gespräche zu unterbinden, dann stellte sie sich als Sergeant Freeman vor. Einige Aufseherinnen waren farbig, andere weiß, was in etwa der Rassenmixtur im Dwight entsprach.

Grace streifte ihren Pullover über den Kopf und faltete ihn sorgsam zu ihren Füßen zusammen. Inzwischen hatte man den neuen Sträflingen die Fesseln abgenommen, und sie konnte mühelos aus ihren Schuhen und den Jeans schlüpfen. Wieder ertönte ein Pfiff, und die Gefangenen mußten Haarbänder, Spangen und Gummiringe abnehmen. Als Grace das Gummiband von ihrem Pferdeschwanz entfernte, fiel das kupferrote Haar wie Seide auf ihre Schultern.

»Hübsches Haar«, meinte eine Frau hinter ihr, aber Grace drehte sich nicht um. Es war ihr unangenehm, beobachtet zu werden, während sie ihre Unterwäsche auszog. Bald lagen vor jeder Gefangenen kleine Kleiderhaufen, mit Schmuck, Haarbändern, Spangen und Brillen. Splitternackt standen sie da, während die Wärterinnen ihnen befahlen, die Beine zu spreizen, die Arme zu heben und den Mund zu Öffnen. Hände glitten durch Graces Haar und drehten ihren Kopf unsanft hin und her, um nach verborgenen Gegenständen zu tasten, ein Stab wurde zwischen ihre Zähne geschoben und umherbewegt, so daß sie schmerzhaft würgte. Dann bedeutete man ihr, auf und ab zu hüpfen, damit man feststellen konnte, ob irgend etwas aus ihren Körperöffnungen fiel. Und schließlich mußte eine Gefangene nach der anderen auf einen gynäkologischen Stuhl steigen. Mit sterilen Instrumenten und grellen Taschenlampen wurde die Vagina untersucht. Als Grace wartete, bis sie an die Reihe kam, erschien ihr unfaßbar, was hier mit ihr geschah, aber jeder Protest war sinnlos. Eine verängstigte junge Frau versuchte, sich zu wehren, und erfuhr, da8 man sie notfalls am Stuhl festbinden und danach für dreißig Tage nackt in eine dunkle Einzelzelle sperren würde.

»Willkommen im Märchenland«, bemerkte eine Frau, die nicht zum erstenmal im Dwight war. »Hier ist’s wirklich nett, was?«

»Hör zu meckern auf, Valentine, dir wird man’s auch noch zeigen.«

»Ach, halt den Mund, Hartman.« Offenbar waren die beiden alte Freundinnen.

Bevor Grace auf den Stuhl kletterte, schlug ihr Herz wie rasend. Doch die Untersuchung war nicht schlimmer als alles, was sie bisher durchgemacht hatte — nur demütigend, noch dazu vor diesem interessierten Publikum. »Süfi, nicht wahr? Komm her, kleines Fischchen, schwimm zu Mama Wollen wir Doktor spielen?…Darf ich auch mal reinschauen?« Entschlossen ignorierte sie die spöttischen Stimmen. Nach der widerwärtigen ‘ Prozedur trat sie an eine Wand und wartete die weiteren Instruktionen ab.

Nun wurden sie in einen Duschraum geführt und mit Schläuchen abgespritzt, aus denen glühendheißes Wasser quoll. Danach desinfizierte man die Haare, sprühte sie noch einmal ab, und alle Frauen stanken nach Chemikalien.

Die Habseligkeiten wurden in Plastiktüten mit Namensschildern verstaut. Verbotene Gegenstände mußten die Gefangenen auf eigene Kosten nach Hause schicken, oder die Sachen wurden sofort vernichtet, zum Beispiel Graces Jeans. Zum Glück durfte sie den Pullover behalten. Sie erhielten Uniformen und Bettwäsche, teilweise mit Blut- und Urinflecken, und Zettel mit den Zellennummern. Schließlich erklärte man ihnen die Hausordnung. Am nächsten Morgen sollten sie erfahren, welche Jobs sie erledigen mußten. Je nachdem würden sie zwischen zwei und vier Dollar pro Monat verdienen. Wenn sie nicht zur Arbeit erschienen, drohte ihnen eine einwöchige Dunkel- und Einzelhaft, und wenn sie die Arbeit generell verweigerten, eine sechsmonatige Isolation.

»Macht euch das Leben leicht, Mädchen«, riet Sergeant Freeman. »Tut alles, was wir euch sagen, sonst werdet ihr das Dwight wohl kaum verkraften.«

»Scheiße«, wisperte die Stimme neben Grace.

Irgendwie entstand der Eindruck, das Gefängnisleben wäre ganz einfach. Man brauchte nur die Regeln zu befolgen, pünktlich zur Arbeit und zum Essen zu erscheinen und in die Zellen zurückkehren und Schwierigkeiten zu Vermeiden, dann würde man das Dwight planmäßig verlassen. Wenn man sich prügelte, einer Gang anschloß oder die Aufseherinnen attackierte, konnte man für immer drinbleiben. Und ein Fluchtversuch bedeutete, man wäre »ein Stück totes Fleisch am Stacheldraht«, wie sich Sergeant Freeman ausdrückte. Aber man mußte nicht nur mit dem Aufsichtspersonal, sondern auch mit den Mitgefangenen auskommen, und die stellten ihre eigenen Regeln auf.

»Kann man hier zur Schule gehen?« fragte ein Mädchen im Hintergrund, und alle johlten.

»Wie alt bist du denn?« fragte eine Frau, die neben ihr stand.

»Fünfzehn.« Ebenso wie Grace war sie eine Minderjährige, die als Erwachsene vor Gericht gestanden hatte. Auch sie war wegen vorsätzlichen Mordes angeklagt und dann wegen Totschlags verurteilt worden. Nachdem sie von ihrem Bruder vergewaltigt worden war, hatte sie ihn getötet. Nun wollte sie Kurse belegen und ihrem Getto entrinnen.

»Sicher hast du in deinem Leben schon genug gelernt«, meinte eine Mitgefangene. »Wozu brauchst du eine Schule?«

»In neunzig Tagen kannst du dich für einen Kurs bewerben«, erklärte Sergeant Freeman. Dann erläuterte sie, mit welchen Repressalien die Frauen rechnen mußten, wenn sie sich an einem Aufstand beteiligten. Entsetzt hörte Grace zu. Bei der letzten Revolte waren zweiundvierzig Insassinnen getötet worden. Und wenn sie unschuldig inmitten eines Aufruhrs ertappt wurde? Wenn man sie als Geisel nahm? Oder wenn sie von einer anderen Gefangenen umgebracht wurde? Wie sollte sie das alles überleben?

Während sie zu ihrer Zelle gebracht wurde, schwirrte ihr der Kopf. Von einem halben Dutzend Aufseherinnen bewacht, gingen die Neuankömmlinge im Gänsemarsch durch einen Korridor. Hinter den Gittern standen lachende, schreiende Insassinnen. »He, schaut euch die kleinen Fischchen an! Wie süß!« Kreischend warfen sie ihnen Kußhände zu, und ein Mädchen wurde von einem Tampon getroffen. Bei diesem Anblick mußte sich Grace beinahe übergeben. So etwas hatte sie sich nicht einmal in ihren schlimmsten Träumen vorgestellt. Würde sie dieser Hölle jemals entkommen? Sie roch immer noch das Desinfektionsmittel in ihrem Haar, und als sie vor ihrer Zelle stehenblieb, spürte sie den Beginn eines Asthmaanfalls.

»Adams, Grace. B-214.« Eine Wärterin drehte den Schlüssel im Schloß herum und bedeutete ihr einzutreten. In der nächsten Sekunde fiel die Tür klirrend ins Schloß. Wieder knirschte der Schlüssel. Der Raum maß etwa zweieinhalb Meter im Quadrat. In einer Ecke standen Stockbetten, an den Wänden hingen Fotos von nackten Frauen, aus dem Playboy und dem Hustler ausgeschnitten. So unglaublich es auch erscheinen mochte — offenbar lasen die Insassinnen des Dwights solche Zeitschriften, oder zumindest Graces Zellengenossin. Das untere Bett war ordentlich gemacht. Mit zitternden Händen breitete sie ihre Bettwäsche auf dem oberen aus. Dann stellte sie ihren Pappbecher in ein kleines Regal und legte ihre Zahnpasta daneben. Wie man ihr erklärt hatte, mußte sie ihre Zahnpasta und Zigaretten selbst bezahlen. Wegen ihres Asthmas durfte sie ohnehin nicht rauchen.

Sie saß auf ihrem Bett, starrte zur Tür und fragte sich, was nun geschehen mochte. Wer würde ihre Zelle teilen? Nach den Fotos an den Wänden mußte sie mit dem Schlimmsten rechnen. Aber zu ihrer Verblüffung wurde zwei Stunden später eine mürrische, fast fünfzigjährige Frau hereingeführt. Wortlos musterte sie das schöne junge Mädchen und war nicht sonderlich beeindruckt. Erst nach einer halben Stunde sagte sie: »Hallo, ich bin Sally. Hier drin dulde ich keinen Unsinn. Keine Bandenmitglieder, keine sonderbaren Besuche, keine Pornos, keine Drogen. Seit sieben Jahren bin ich hier und habe meine festen Freundinnen, und ich bleibe immer sauber. Wenn du meinem Beispiel folgst, werden Wir gut miteinander auskommen. Aber wenn du mich ärgerst, trete ich dich so kräftig in deinen Hintern, daß du bis in den D-Block fliegst. Alles klar?«

»Ja«, keuchte Grace. Allmählich verengte sich ihre Brust, und zur Essenszeit konnte sie kaum atmen.

Bei ihrer Ankunft hatte man ihr den Inhalationsapparat weggenommen und erklärt: »Wenn Sie Hilfe brauchen, rufen Sie eine Aufseherin.« Diesen Rat wollte sie nur befolgen, wenn es unumgänglich war. Lieber würde sie sterben, ehe sie Aufmerksamkeit erregte. Mühsam stieg sie aus ihrem Bett und kletterte hinunter. Als ein schriller Pfiff die Gefangenen zum Abendessen rief, bemerkte Sally, wie schlecht es ihrer neuen Zellengenossin ging.

»Großer Gott, die haben ein Baby bei mir einquartiert! Ich hasse Kinder. Ich hatte nie welche, und ich will keine. Jetzt auch nicht. Hier mußt du für dich selber sorgen.«

Grace beobachtete, wie Sally ein sauberes Hemd anzog, und entdeckte Tätowierungen am Rücken, an der Brust und den Armen. Wenigstens schien sich die Frau nur um ihren eigenen Kram zu kümmern, und das war eine gewisse Erleichterung.

»Keine Bange — ich bin okay«, stammelte Grace und rang nach Luft.

»Klar, das sehe ich. Setz dich, ich kümmere mich drum. Dieses eine Mal…« Ärgerlich knöpfte Sally ihr Hemd zu und behielt das leichenblasse Mädchen im Auge, bis ein Aufseher die Tür aufschloß. Dann zeigte sie auf Grace, die schwankend in einer Ecke stand. »Offenbar hat das Fischchen ein kleines Problem. Sieht nach Asthma aus. Soll ich sie in den Krankentrakt bringen?«

»Natürlich, wenn Sie wollen, Sally. Oder macht sie uns nur was vor?« Aber dann sahen sie, wie sich Graces Lippen blau verfärbten, und zweifelten nicht mehr an ihrem bedrohlichen Zustand. »Nett von Ihnen, Krankenschwester zu spielen, Sal«, hänselte der Wärter.

Wegen zweifachen Mordes verurteilt, zählte Sally zu den hartgesottensten Insassinnen des Dwight. Erst hatte sie ihre Freundin umgebracht, dann die Frau, mit der sie betrogen worden war. Allen, mit denen sie sich einließ, pflegte sie mitzuteilen: »Ich sage immer, was ich denke.« Seit drei Jahren hatte sie dieselbe Liebhaberin, die ihre Strafe im C-Block verbüßte. Die beiden galten als Ehepaar, und niemand kam Sally in die Quere.

»Komm!« rief sie über die Schulter und schob Grace ungeduldig aus der Zelle. »Jetzt bring ich dich in den Krankentrakt. Aber in Zukunft mußt du mich mit diesem Quatsch verschonen. Wenn du ein Problem hast, mußt du’s selber lösen. Glaub bloß nicht, ich werde dir den Arsch abwischen, nur weil wir in derselben Zelle sitzen.«

»Tut mir leid«, flüsterte Grace, und in ihren Augen brannten Tränen. Das war kein vielversprechender Anfang, offensichtlich hatte sie sich den Zorn der Frau zugezogen. Das glaubte sie zumindest, aber in Wirklichkeit erregte sie Sallys Mitgefühl. Sogar diese kaltschnäuzige Gefangene merkte, daß das Mädchen nicht hierhergehörte.

Fünf Minuten später betrat sie mit Grace, die immer noch nach Atem rang, die Krankenstation. Eine Schwester verabreichte ihr Oxygen und erlaubte ihr nach kurzem Zögern, den Inhalationsapparat zu behalten, weil sie keine Komplikationen riskieren wollte. Diesmal brauchte Grace noch zusätzliche Medikamente, denn der Asthmaanfall dauerte schon ziemlich lange und sie wußte, daß sie ohne ihre Medizin ersticken könnte. Aber Vielleicht wäre das sogar ein Segen.

Bleich und zitternd, mit halbstündiger Verspätung, betrat sie den Speisesaal. Inzwischen war der Großteil des genießbaren Essens konsumiert worden, und es gab fast nur noch Knorpel und Fett und Knochen, aber sie verspürte ohnehin keinen Hunger. Nach dem Asthmaanfall und der starken Medikation fühlte sie sich ziemlich schwach. Sie wollte sich bei Sally bedanken, die sie in den Krankentrakt gebracht hatte, wagte aber nicht, sie anzusprechen. Ihre Zellengenossin saß mit anderen tätowierten älteren Frauen zusammen und nahm keine Notiz von ihr.

»Was darf’s sein? Filet Mignon oder gebratene Ente?« fragte ein hübsches schwarzes Mädchen hinter der Theke und lächelte Grace an. »Da hinten habe ich noch ein paar Scheiben Pizza übrig — falls Sie sich dafür interessieren.«

»Ja, bitte.« Grace lächelte gezwungen. »Vielen Dank.« Das Mädchen reichte ihr einen gefüllten Teller und beobachtete, wie sie zu einem Tisch ging, an dem drei junge Frauen saßen. Doch keine gönnte ihr auch nur einen Blick. Am anderen Ende des Raums entdeckte sie Angela, in ein lebhaftes Gespräch mit mehreren Gefangenen vertieft. Grace war froh, daß sich niemand um sie kümmerte. Während sie zu essen begann, fiel ihr das Atmen immer noch schwer.

Später trank sie eine Tasse Kaffee. »Was für ein hübsches Fischchen habt ihr denn da?« erklang eine Stimme hinter ihr. Sie rührte sich nicht, aber dann wurde sie angestoßen. Eisern starrte sie vor sich hin und gab vor, nichts zu bemerken. Die jungen Frauen an ihrem Tisch wurden sichtlich nervös. »Seid ihr alle auf den Mund gefallen? Großer Gott, was für ungehobelte Biester!«

»Entschuldigen Sie…«, murmelte eines der Mädchen und ergriff die Flucht. Plötzlich spürte Grace, wie sich ein warmer Körper an ihren Hinterkopf preßte. Da ihr nichts anderes übrigblieb, drehte sie sich um und erblickte eine große Blondine mit spektakulärer Figur, die der Hollywood-Version eines Flittchens glich, stark geschminkt, in einem hautengen, durchsichtigen T-Shirt. So ähnlich sahen Sallys Pin-ups aus.

»Was für eine hübsche Kleine!« Die Blondine musterte sie von oben bis unten. »Bist du einsam, Baby?« gurrte sie sinnlich und schob die Hüften vor. Deutlich zeichneten sich unter dem feuchten T-Shirt ihre Brustwarzen ab. »Willst du mich mal besuchen? Ich heiße Brenda. Und jeder weiß, wo ich wohne«, fügte sie grinsend hinzu.

»Danke«, erwiderte Grace, immer noch atemlos.

»Und Wie heißt du? Marylin Monroe? Ich meine nur, weil du so lispelst…«

»Tut mir leid — mein Asthma …«

»Oh, du armes Baby! Nimmst du nichts dagegen?« Brendas Besorgnis wirkte echt, und Grace wollte die große, selbstsichere Blondine, die etwa dreißig Jahre alt war, nicht verärgern.

»Ja — ich habe einen Inhalationsapparat«, erklärte sie, zog das Gerät aus der Tasche und zeigte es ihr.

»Paß gut drauf auf!« Lachend kniff Grace sie in eine Brust und schlenderte zu ihren Freundinnen.

Zitternd starrte Grace ihre Kaffeetasse an. In welches Inferno war sie da geraten?

»Vor der mußt du dich in acht nehmen«, flüsterte eines der Mädchen, die an ihrem Tisch saßen, und ging davon.

Wenig später kehrte Grace in ihre Zelle zurück. An diesem Abend wurde ein Film gezeigt, aber sie interessierte sich nicht dafür. Erleichtert sank sie in ihr Bett. In dieser Nacht mußte sie den Inhalationsapparat noch zweimal benutzen, bevor sie endlich etwas freier atmen konnte.

Um zehn Uhr war der Film beendet, und Sally kam in die Zelle. Grace richtete sich auf, um ihr zu danken. »In Zukunft kann ich mir selber helfen. Die Schwester hat mir einen Inhalationsapparat gegeben.«

»Den darfst du niemandem zeigen«, mahnte Sally.

»Die Leute machen sich hier einen Spaß daraus, einem so was wegzunehmen. Also benutz ihn nur, wenn du allein bist.« Das würde wohl nicht immer möglich sein. Aber es war sicher ein guter Rat, und Grace nickte. Sally löschte das Licht, legte sich in ihr Bett und sagte im Dunklen: »Vorhin sah ich Brenda Evans mit dir reden. Von der mußt du dich fernhalten. Sie ist gefährlich. Solange du nicht lernst, wie ein flinker kleiner Fisch zu schwimmen, mußt du dir stets den Rücken freihalten. Das Dwight ist kein Spielplatz.«

»Danke«, wisperte Grace und blieb noch lange wach. Tränen rannen über ihre Wangen, während sie klirrende Geräusche, schrille Schreie und Sallys tröstliches leises Schnarchen hörte.

5

Nach zwei Wochen fand sich Grace im DWight zurecht. Man hatte ihr einen Job im Vorratslager zugewiesen, wo sie Handtücher, Kämme und dergleichen ausgab und die Neuankömmlinge mit Zahnbürsten versorgte. Diese Arbeit hatte ihr Sally verschafft, obwohl sie nach wie vor den Eindruck erweckte, sie wäre nicht im mindesten daran interessiert, ihr zu helfen. Trotzdem schien sie Grace aus der Ferne zu bewachen.

Inzwischen war Molly zu Besuch gekommen und über die Zustände im Gefängnis entsetzt gewesen. Grace versicherte, alles sei in Ordnung, und zu ihrer eigenen Verblüffung wurde sie vorerst in Ruhe gelassen. Ihre Mitgefangenen nannten sie »Fischchen«, und Brenda hatte sie nur ein paarmal im Speiseraum angesprochen, aber ansonsten nichts unternommen und sie nicht einmal mehr in die Brust gekniffen. Bisher konnte Grace von Glück reden, denn sie fühlte sich einigermaßen sicher, hatte einen angenehmen Job, und ihre Zellengenossin war zwar wortkarg, aber im Grunde recht freundlich. Niemand hatte Grace bedroht oder aufgefordert, einer Gang beizutreten. Wenn sich die gegenwärtige Situation nicht änderte, würde sie die zwei Jahre mühelos überstehen.

Als David zu ihr kam, war sie guter Dinge, was ihn sehr erleichterte. Natürlich wußte er, daß sie nicht hierhergehörte, doch sie schien sich mit ihrem Schicksal abzufinden und beteuerte, sie sei nicht in Gefahr — wenigstens ein kleiner Lichtblick. Eine Zeitlang saßen sie beisammen und unterhielten sich über Graces Zukunft.

Sie hatte bereits beschlossen, nach ihrer Entlassung aus dem Dwight in Chicago einen neuen Anfang zu wagen. Während der Bewährungsfrist von zwei Jahren durfte sie den Staat nicht verlassen, und mit den fünfzigtausend Dollar, die sie von Frank Wills erhalten hatte, würde sie zunächst ihren Lebensunterhalt bestreiten. Sie wollte tippen lernen, einen Job annehmen und dann möglichst bald ein College besuchen.

Wie David erklärte, würde er berechtigte Hoffnungen ins Berufungsverfahren setzen. Allerdings könne er ihr nichts versprechen.

»Mach dir deshalb keine Sorgen«, entgegnete sie sanft. »Ich komme schon zurecht, selbst wenn ich die ganze Strafe absitzen muß.« Als sie den Besuchsraum verließ, bewunderte er wieder einmal ihre ruhige, würdevolle Haltung, den hocherhobenen Kopf. Sie war noch dünner geworden, und sie sah schön und gepflegt aus. Bei ihrem Anblick konnte man kaum glauben, daß sie eine Gefängnisstrafe verbüßte. Sie wirkte eher wie eine Studentin oder die nette kleine Schwester eines fürsorglichen großen Bruders. Die schreckliche Vergangenheit sah man ihr nur an, wenn man in die umschatteten Augen schaute, und ihr Leid bedrückte ihn Tag für Tag. Traurig winkte er ihr zu, ehe er davonfuhr. Sie stand am Stacheldrahtzaun und schaute dem Auto nach, bis es in der Ferne verschwand. Für sie war der Abschied noch schwerer, denn sie hatte das Gefühl, David würde sie in einem Dschungel zurücklassen.

»Wer ist das?« fragte eine Stimme hinter ihr, und sie drehte sich zu Brenda um. »Dein Freund?«

»Nein, mein Anwalt.«

»Mit dem darfst du deine Zeit nicht verschwenden«, entgegnete Brenda lachend. »Das sind alles nur Schwänze. Die erzählen dir, was sie für dich tun und wie sie deinen Arsch retten werden, aber sie wollen dich nur bumsen. Also, ich hab noch keinen Anwalt getroffen, der wirklich was wert wäre — eigentlich keinen einzigen Kerl. Und du?« Sie trug wieder ein feuchtes T-Shirt, und Grace sah auf ihrem Arm eine tätowierte rote Rose mit einer Schlange. Unter ihren Augenwinkeln waren winzige Tränen tätowiert. »Hast du einen Freund?«

Inzwischen wußte Grace, daß man sich im Dwight gut überlegen mußte, was man sagte, sonst konnte man sich in gefährliche Situationen bringen. Unverbindlich zuckte sie die Achseln und wandte sich ab, um ins Haus zurückzukehren.

»Hast du’s eilig, Schätzchen?« gurrte Brenda.

»Nein, ich — ich wollte nur ein paar Briefe schreiben.«

»Ist das nicht süß? Wie im Ferienlager, was? Warten Mommy und Daddy daheim auf deine Briefe? Du hast mir immer noch nicht verraten, ob du einen Freund hast.«

»Nein…« Grace wollte Molly schreiben und von Davids Besuch erzählen.

»Wenn du willst, kannst du hier eine Menge Spaß haben. Oder es wird gräßlich öde. Das liegt ganz bei dir, Baby.«

»Schon gut, ich bin okay«, erwiderte Grace und fragte sich unbehaglich, wie sie der Frau entrinnen konnte, ohne sie zu beleidigen. Aber Brenda ließ nicht locker.

»Deine Zellengenossin ist ein richtiges Ekel, und ihre Freundin auch. Kennst du sie schon?« Grace schüttelte den Kopf. Was ihr Privatleben betraf, war Sally sehr diskret und sprach kaum mit ihr. Außerhalb der Zelle suchte sie niemals ihre Gesellschaft. »Ein großes schwarzes Biest. Und du? Gehst du gern auf Parties? Ein bißchen Gras?« Brendas Augen funkelten.

»Eigentlich nicht… Mein Asthma ist ziemlich schlimm.« Außerdem interessierte sich Grace nicht für Drogen, aber das behielt sie für sich. Sie durfte Brenda nicht ärgern. Wie sie von den anderen erfahren hatte, mußte man sich vor dieser Frau hüten. Sie gehörte einer Gang an, und angeblich handelte sie mit Drogen. Bald würde sie sich in arge Schwierigkeiten bringen.

»Was hat denn dein Asthma damit zu tun? Ich wohnte mal mit einem Mädchen aus Chicago zusammen, das nur mehr eine Lunge hatte und wie ein Schlot qualmte.«

»Also, ich weiß nicht …«

»Sicher gibt’s viele Dinge, die du noch nicht ausprobiert hast, Baby.« Brenda lachte wieder. Als Grace davonging, winkte sie ihr freundschaftlich zu. Dann eilte sie keuchend zu ihrer Zelle und berührte den Inhalationsapparat, der in ihrer Tasche steckte. Um freier zu atmen, mußte sie sich manchmal nur vergewissern, daß sie ihn bei sich trug.

An diesem Abend wurde wieder ein Film gezeigt, und Sally ging in den Vorführraum. Außer den Pin-ups waren Filme ihre einzige Schwäche — je brutaler, desto besser. Seit ihrer Ankunft im Dwight hatte Grace noch keinen einzigen Film gesehen, denn sie war froh, wenn sie allein in ihrer Zelle saß. Dann kam ihr der winzige Raum fast gemütlich vor. Nach dem Abendessen wurden die Zellen nur versperrt, wenn die Insassinnen darum baten. Von sechs bis neun besuchten die Gefangenen einander, spielten Karten, Schach oder Scrabble.

Grace lag auf dem Bett und schrieb einen Brief an Molly. Als sich die Tür öffnete, blickte sie nicht auf und nahm an, Sally wäre aus dem kleinen Kino zurückgekehrt.

Da ihre Zellengenossin nur selten sprach, wenn sie hereinkam, fand Grace das Schweigen nicht erstaunlich. Plötzlich spürte sie, wie sich jemand an ihr Bett lehnte, hob den Kopf und starrte in Brendas Augen. Die Frau hatte eine ihrer Brüste entblößt, und hinter ihr stand eine andere Gefangene mit groben Gesichtszügen.

»Hi, Baby…« Lächelnd streichelte Brenda ihre nackte Brustwarze. »Das ist Jane. Sie wollte dich mal kennenlernen.« Schweigend beobachtete Jane, wie Brenda die Brüste des jungen Mädchens berührte. Grace versuchte zurückzuweichen, aber Brenda packte sie am Arm und erinnerte sie sekundenlang an ihren Vater. Schmerzhaft verengte sich ihre Brust. »Willst du rauskommen und mit uns spielen?« Es war keine Einladung, sondern ein Befehl, und Brenda glich einer schönen, kampflustigen Amazone.

»Nein — ich bin müde …« Grace war noch zu unerfahren und wußte nicht, wie sie sich wehren sollte.

» Komm doch zu mir. Bis die Zellen zugesperrt werden, haben wir noch eine Stunde Zeit.«

»Nein, danke, das möchte ich nicht«, erwiderte Grace nervös.

»Oh, wie höflich du dich ausdrückst!« Brenda kniff unsanft in Graces Brustwarze. »Soll ich dir mal was sagen, Schätzchen? Was du möchtest, ist mir scheißegal. Du kommst jetzt mit uns.«

»Nein — bitte…« Plötzlich hörte Grace ein leises Klirren und sah ein Schnappmesser in Janes Hand. Die Frau trat näher und starrte sie drohend an.

»Ist das nicht nett?« fragte Brenda lächelnd. »Eine ganz besonders liebe Einladung von Jane. Dafür ist sie berühmt.« Beide lachten, und Brenda öffnete Graces Hemd, um durch den BH hindurch an ihrer Brustwarze zu lecken. »Gefällt dir das? Weißt du, ich will nicht, daß Jane sich aufregt und womöglich ein bißchen zu lieb wird. Manchmal macht sie einen kleinen Fehler, und das kann unangenehm werden. Verstehst du das? Also spring von deinem Bett und komm mit uns. Das wirst du sicher nicht bereuen.«

Davor hatte sich Grace gefürchtet. Eine Vergewaltigung — eine ganze Gang, die über sie herfiel… Würde man ihr Gesicht zerschneiden? Nicht einmal ihr Vater hatte sie auf ein solches Grauen vorbereitet. Atemlos kletterte sie von ihrem Bett hinunter, den Brief und den Kugelschreiber immer noch in den Händen. Dann wandte sie sich ab, als wollte sie beides hinlegen, schrieb hastig den Namen Brenda auf das Papier und ließ es auf Sallys Bett fallen. Womöglich war es schon zu spät, und vielleicht konnte Sally ihr nicht helfen, oder sie wollte es nicht. Wie auch immer, mehr konnte Grace nicht tun.

Von Brenda und Jane flankiert, verließ sie die Zelle. Obwohl sie genausogroß war wie die beiden, wirkte sie zwischen ihnen wie ein Kind, und so fühlte sie sich auch. Von solchen Frauen wußte sie nichts.

Zu ihrer Verblüffüng wurde sie nicht in Brendas Zelle geführt, sondern am Fitneßcenter vorbei und ins Freie. Die Wachtposten beobachteten sie. Aber drei Häftlinge, die vor der Sperrstunde noch ein bißchen frische Luft schnappen wollten, erregten kein Mißtrauen. Um diese Zeit kamen viele Frauen heraus, entspannten sich, gingen spazieren oder rauchten. Brenda scherzte mit den Männern, während sie an ihnen vorbeigingen. Freundschaftlich hatte Jane einen Arm um Graces Schultern gelegt, und niemand bemerkte das Messer, das sie ihr an den Hals hielt, und niemand sah die Angst in den Augen des Mädchens.

Dann schleuderte Brenda zu einem Schuppen, den Grace nie zuvor bemerkt hatte. Die Posten auf dem Wachturm schöpften keinen Verdacht. In diesem alten Verschlag wurden nur einige Geräte verwahrt, dort konnte nichts Schlimmes passieren. Brenda besaß einen Schlüssel, sperrte die Tür auf, und die drei traten ein. Drinnen lehnten vier Frauen an der Wand und rauchten im Licht einer Taschenlampe Zigaretten. Dieser Ort eignete sich perfekt, um Grace alles mögliche anzutun — oder sie vielleicht sogar zu töten.

»Willkommen in unserem kleinen Club!« Brenda lächelte sie spöttisch an, bevor sie sich zu den anderen wandte. »Ob ihr’s glaubt oder nicht, sie will wirklich mit uns spielen. Nicht wahr, Gracie? So ein hübsches, hübsches Baby«, flötete sie und begann das Hemd des Mädchens, das sich vergeblich wehrte, aufzuknöpfen. Notfalls hätte sie es zerrissen, aber sie wollte keinen Schaden anrichten, der die Aufmerksamkeit der Aufseherinnen erwecken würde. Und wenn Grace klug war, würde sie den Mund halten.

Sie spürte die Klinge an ihrem Hals, und Brenda zerrte den BH nach unten. »Nettes Frischfleisch, was?« Alle johlten, und eine der Frauen, die im Schuppen gewartet hatten, drängte zur Eile. Verdammt, bald mußten sie in die Zellen zurückkehren.

»O Gott, wenn ich esse, lasse ich mich nicht gern drängen«, klagte Brenda. Neues Gelächter brach aus. In wachsender Angst beobachtete Grace, wie zwei Frauen mit Stricken und einem Fetzen vortraten. Offenbar wollte man sie fesseln und knebeln.

»So, Kindchen, jetzt fängt die Show an«, verkündete eine der beiden älteren Frauen, packte sie am Arm, und die zweite umklammerte den anderen. Grace wurde so brutal zu Boden geworfen, daß ihr die Luft wegblieb. Während ihre Handgelenke an schwere Geräte gebunden wurden, riß ihr Brenda die Hose und die Unterwäsche vom Leib. Man schob ihre Beine auseinander und fesselte die Fußgelenke ebenfalls an irgendwelche Gegenstände. Grinsend setzte sich Jane auf einen Schenkel und hielt das Messer an den Bauch des hilflosen Opfers. In ihrer Panik wagte Grace nicht, sich zu wehren oder zu schreien. Vermutlich würden diese Frauen nicht einmal vor einem Mord zurückschrecken. Sie konnte kaum atmen und starrte verzweifelt zu ihrem Hemd hinüber, in dessen Tasche ihr Inhalationsapparat steckte. Auch Brenda erinnerte sich daran, zog ihn hervor und hielt ihn ihr herausfordernd hin.

Da Grace gefesselt war, konnte sie nicht danach greifen, und Brenda ließ ihn zu Boden fallen, wo er von Janes schwerem Stiefel zertrampelt wurde.

»Tut mir leid, Kindchen«, entschuldigte sich Brenda ironisch. »Okay? Kennst du die Spielregeln?« Sie warf ihr blondes Haar in den Nacken und schlüpfte aus ihrer Hose.

»Erst machen wir’s dir, dann machst du’s uns — einer nach der anderen. Wie’s geht und wie’s uns am besten gefällt, werden wir dir schon noch erklären.« Sie kniete nieder, biß Grace in eine Brustwarze und strich über ihren Venusberg. »Jetzt gehörst du uns. Verstehst du? Wann immer wir’s von dir verlangen, kommst du hierher und tust genau das, was wir sagen. Alles klar? Wenn du schreist, reißen wir dir die Zunge raus und schneiden deine Titten ab, kleines Biest, so wie bei einer Brustamputation.« Schrilles Gelächter belohnte den makabren Witz, während Grace keuchend und wehrlos am Boden lag.

»Warum — tut ihr das?« stammelte sie. »Ihr braucht mich doch gar nicht. Bitte …« Ihre Naivität amüsierte die Frauen. Und wenn sie sich nicht mit dem kleinen Neuling vergnügten, würden es die anderen tun.

»Nun bist du unser Schätzchen. Nicht wahr?« Brenda kniete zwischen Graces Beinen, beugte sich hinab und begann sie langsam zu lecken. Diesen Teil des Rituals liebte sie ganz besonders — ein Mädchen zu zähmen, jemanden zu besitzen, der noch keiner anderen gehört hatte, zu benutzen, zu erschrecken, zu beherrschen. Nach einer Weile hielt sie inne, zog ein Tablettenröhrchen aus ihrer Jackentasche, öffnete es und inhalierte weißes Pulver. Dann Strich sie eine winzige Menge auf ihren Daumen. Mit einer Fingerspitze verteilte sie das gleiche Quantum auf Graces Schamlippen und leckte es genüßlich ab. »Wunderbar…«, stöhnte sie, und die anderen drängten sie zur Eile. Nun schob sie mehrere Finger in die Vagina ihres Opfers, und Grace zuckte schmerzlich zusammen. Die anderen protestierten immer heftiger, sie wollten ebenfalls an die Reihe kommen. Immerhin hatten sie nicht die ganze Nacht Zeit.

»Das sind nicht deine Flitterwochen, Brenda«, fauchte eines der Mädchen.

»Vielleicht doch, du Fotze. Wenn sie gut ist, behalte ich sie für mich.«

Gepeinigt wand sich Grace und bemühte sich, der gnadenlosen Hand auszuweichen. Doch sie konnte den Fesseln nicht entrinnen. Aus Angst vor Janes Messer wagte sie nicht, zu schreien. Wenigstens hatte man sie nicht geknebelt — weil man ihren Mund später brauchen würde.

Sie senkte die Lider, versuchte sich einzubilden, sie wäre nicht wirklich hier, das alles würde nicht geschehen. Plötzlich hörte sie ein Klirren. Brenda schnappte nach Luft, zog ihre Finger zurück und sprang auf. Als Grace die Augen öffnete, sah sie ein schönes schwarzes Mädchen in der Tür stehen. Ein weiteres Mitglied der Gang? Offenbar nicht, denn der Anblick des Neuankömmlings schien den anderen zu mißfallen.

»Okay, ihr Närrinnen, bindet sie los«, befahl die schöne Farbige in kühlem Ton. Im Licht der Taschenlampe schimmerte das Weiß ihrer Augen. »Ihr habt drei Minuten Zeit, um ihr die Fesseln abzunehmen, oder Sally geht zu den Jungs. Wenn ich das Mädchen nicht in fünf Minuten zu ihr bringe, macht sie sich auf den Weg. Und dann könnt ihr bis Weihnachten im schwarzen Loch sitzen.«

»Scheiße, Luana, laß deinen schwarzen Arsch verschwinden, bevor wir dich kaltmachen!« zischte Jane und zückte das Messer.

Auch Brenda runzelte wütend die Stirn, wirkte aber etwas desorientiert. Das Kokain begann zu wirken, und sie wollte sich ungestört mit Grace amüsieren. »Könnt ihr euch nicht woanders streiten?« seufzte sie.

»Noch zwei Minuten«, konstatierte Luana eisig. Sie besaß muskulöse Arme und die langen sehnigen Beine einer olympischen Sprinterin. Im Karate- und Boxclub des Dwight war sie der unumstrittene Champion, und niemand legte sich freiwillig mit ihr an. Wenn Jane auch behauptete, sie würde sich nicht vor ihr fürchten und am liebsten ihr Gesicht zerschneiden, wußten die anderen, daß sie nur prahlte. Außerdem hatte Luana einflußreiche Kontakte.

Zögernd befreite eine der Frauen Graces Hände von den Fesseln, und eine andere band ihre Beine los, während Brenda frustriert stöhnte. »Verdammtes Biest! Du willst sie für dich selber haben, nicht wahr?«

»Was ich will, habe ich bereits. Seit wann treibst du’s mit Babys?« Aber Luana bemerkte Graces Schönheit, verstand die Gefühle der Frauen, las die Lust in ihren Augen.

»Sie ist alt genug!« stieß Brenda hervor. »Wer bist du eigentlich, Luana? Der edle Ritter in schimmernder Rüstung? Fick dich doch selber!«

»Danke …« Grace stand auf, zog sich an und knöpfte mit bebenden Fingern ihr Hemd zu. Den Kopf gesenkt, wagte sie nicht, die Frauen anzuschauen.

»So, die Party ist vorbei«, verkündete Luana lächelnd. »Und wenn ihr sie noch einmal anfaßt, bringe ich euch um.«

»Was soll das, zum Teufel?« protestierte Brenda erbost.

»Sie gehört mir. Verstanden?«

»Dir?« In diesem Ton hatte noch nie jemand mit Brenda gesprochen. »Und Sally?« fragte sie mißtrauisch.

»Wir sind dir keine Erklärung schuldig«‘ entgegnete Luana gleichmütig und schob Grace so unsanft zur Tür, daß sie beinahe stolperte. Keine der anderen Frauen mischte sich ein.

»Großer Gott, treibt ihr’s jetzt zu dritt?« rief Brenda.

»Hast du’s nicht begriffen? Jetzt gehört sie mir. Laßt sie in Ruhe, oder es gibt Ärger. Ist das klar?« Niemand antwortete. Nur zu gut wußten sie alle, wie gefährlich es war, Luanas Zorn zu erregen. Ein Wort von ihr genügte, und ein Aufstand würde ausbrechen. Zwei ihrer Brüder zählten zu den mächtigsten Black Muslims im Staat, zwei andere hatten die größten Revolten in der Geschichte von Attica und San Quentin organisiert.

Nachdem sie Grace aus dem Schuppen geführt hatte, ergriff sie ihren Arm und schwatzte unbefangen mit ihr, als wäre nichts geschehen. Zwei Minuten später betraten sie das Fitneßcenter, wo sie von Sally erwartet wurden. Ärgerlich musterte sie das leichenblasse Mädchen, das qualvoll nach Atem rang. »Warum, zum Teufel, hast du dich mit Brenda eingelassen?«

»Sie kam in unsere Zelle, und Jane bedrohte mich mit einem Messer.«

»Offenbar mußt du noch viel lernen.« Aber Sally war beeindruckt gewesen, nachdem sie das Briefpapier gefunden hatte, auf dem der Name Brenda stand. Immerhin hatte Grace eine gewisse Geistesgegenwart bewiesen.

»Ist sie okay?« fragte sie Luana.

»Ja, ziemlich blöd — aber okay. Allzuweit sind sie nicht mit ihr gekommen. Brenda war zu bekokst, um ihr was Schlimmes anzutun.«

Im Lauf der Jahre hatten sie vergewaltigte Mädchen gesehen, die mit Baseballschlägern und Besenstielen mißhandelt worden waren. Aber Luana ärgerte sich, weil Sally in die Affäre hineingezogen wurde. Sie hatte darauf bestanden, die Sache selber zu erledigen, und ihre Freundin beauftragt, nach fünf Minuten die Wachtposten zu verständigen. Seit sie zusammen waren, sorgte sie gut für Sally. Und weil Luana regelmäßig Besuch von ihren Brüdern bekam, wagte niemand, die beiden Frauen zu belästigen. Zwei ihrer Brüder lebten in Illinois, einer in New York, einer in Kalifornien. Zur Zeit hatten alle vier Hafturlaub, und jeder wußte, wozu sie imstande waren, wenn sie in Wut gerieten. Sogar Brendas Gang hielt sich wohlweislich von Sally und Luana fern, und ab sofort genoß Grace den Schutz der beiden Freundinnen.

»Was hast du ihnen gesagt, Luana?« fragte Sally im Konversationston, während sie zu der Zelle gingen, die sie mit Grace teilte.

»Daß sie jetzt uns gehört«, antwortete Luana und warf dem Mädchen einen vernichtenden Blick zu. Sie hatte Sally vor diesem Grünschnabel gewarnt, der ihr nur Schwierigkeiten bereiten würde.

Als sie die Zelle erreichten, begann Grace zu weinen. Sie keuchte immer noch, doch vor dem nächsten Morgen konnte sie um keinen neuen Inhalationsapparat bitten.

Luana nahm kein Blatt vor den Mund. »Hör mal, mir ist es scheißegal, wie krank oder verängstigt du bist. Wenn du Sally noch ein einziges Mal nervst, bringe ich dich um. Hinterlasse keine Nachrichten mehr, erzähl ihr nicht, wer dich gekidnappt hat. Jammere ihr nicht die Ohren voll wegen deiner Medizin, und beklag dich nicht, wenn dir jemand im Speisesaal in den Hintern kneift. Falls du wieder mal Probleme hast, komm zu mir. Warum du hier bist, weiß ich nicht, und es interessiert mich auch gar nicht. Aber eines kann ich dir sagen — die haben dich nicht eingelocht, weil du zuviel im Hirn hast. Und das solltest du schleunigst ändern, sonst wirst du abkratzen. So einfach ist das. Also sieh zu, daß du zur Vernunft kommst. Und in der Zwischenzeit tust du alles, was Sally sagt. Wenn sie dir befiehlt, den Boden abzulecken oder die Latrinen mit deinen Augenbrauen zu putzen, machst du’s. Ist das klar?«

»Ja, ja — und vielen Dank …« Grace wußte, daß sie bei diesen Frauen in Sicherheit war, das hatten sie bereits bewiesen. Und sie würden sie auch weiterhin beschützen, wenn sie ihnen treu ergeben war. Sie wollten nichts von ihr, keinen Sex, kein Geld, sie tat ihnen nur leid, weil sie nicht hierhergehörte. Das hatten sie sofort erkannt.

Mit dem nächsten Tag änderte sich die Situation. Die Gefangenen hielten sich von Grace fern, respektierten sie, verspotteten sie nicht mehr, und niemand pfiff ihr nach. Zwischen Löwinnen, Schlangen und Krokodilen ging sie in diesem Dschungel ihre eigenen Wege, und Sally und Luana waren ihre einzigen Freundinnen. Jetzt litt sie nur noch selten unter ihren Asthmaanfällen. Sie hatte einen Fernkurs an einem College begonnen, den sie in zwei Jahren beenden konnte. Nach der Entlassung aus dem Gefängnis wollte sie ihren Magister machen. Sie belegte auch einen Sekretärinnenkurs, um sich die Kenntnisse anzueignen, die sie für einen Job in Chicago brauchen würde.

Wenn David zu Besuch kam, bemerkte er die Veränderung, die allmählich in ihr vorging. Er spürte ihre ruhige Zuversicht, ihren inneren Frieden. Gelassen akzeptierte sie die Nachricht, er habe das Berufungsverfahren verloren und sie müsse die gesamten Zwei Jahre ihrer Gefängnisstrafe absitzen. Seit ihrer Verurteilung war ein Jahr verstrichen. Die neuerliche Niederlage bedrückte seine Seele, und Grace tröstete ihn. Es sei nicht seine Schuld, beteuerte sie, immerhin habe er sein Bestes getan. Jetzt müsse sie nur noch ein Jahr überstehen. Gewiß, das sei nicht einfach, aber sie würde hoffnungsvoll in die Zukunft blicken.

Gerührt und wehmütig hörte er ihr zu. Nach diesem Tag besuchte er sie seltener, weil er nicht an seine Fehlschläge erinnert werden wollte, doch sein Herz gehörte ihr immer noch. Sie war so schön, so jung, so rein. Und in ihrem kurzen Leben hatte sie schon soviel erlitten. Nachdem er unfähig gewesen war, ihr das Dwight zu ersparen, fühlte er sich wütend und hilflos und inkompetent. Manchmal fragte er sich, ob alles anders wäre, wenn er die Berufungsverhandlung gewonnen hätte. Würde er dann den Mut aufbringen, ihr seine Liebe zu gestehen? So, wie die Dinge standen, zog er es vor, zu schweigen, und sie ahnte nichts von seinen Gefühlen.

Um so besser wußte Molly, was er für Grace empfand, aber sie sprach nicht darüber. Doch die junge Anwältin, mit der er sich seit einiger Zeit traf, wies ihn auf seine Besessenheit hin. Unentwegt betonte sie, sein Verhalten sei ungesund und er solle sich lieber auf sein eigenes Leben konzentrieren, statt ständig an das Mädchen zu denken.

Im zweiten Jahr der Gefängnisstrafe besuchte er Grace immer seltener. Erstens wollte er nicht mit seinem Versagen konfrontiert werden, zweitens gab es nach dem Abschluß des Berufungsverfahrens nichts mehr zu besprechen. Sie vermißte ihn, verstand aber, daß er nichts mehr für sie tun konnte. Außerdem hatte er seine neue Freundin erwähnt, und Grace überlegte, ob die junge Frau vielleicht eifersüchtig auf sie war.

Molly besuchte sie, sooft es ihre Zeit erlaubte, und es gelang ihr jedesmal, Grace aufzuheitern.

Ihr zweites Weihnachtsfest im Dwight verbrachte Grace mit ihren einzigen anderen Freundinnen, Luana und Sally. Zu dritt verspeisten sie die Schokolade und die Kekse, die Molly ihr geschickt hatte.

»Warst du schon mal in Frankreich?« erkundigte sich Luana, und Grace schüttelte lächelnd den Kopf.

Manchmal stellten sie ihr komische Fragen, so als käme sie von einem anderen Planeten, und in gewisser Weise traf das zu. Luana war in den Gettos von Detroit aufgewachsen, Sally in Arkansas. »Nein, ich war noch nie in Frankreich«, erwiderte sie. Liebevoll musterte sie ihre beiden »Ersatzmütter«, die so gut für sie sorgten, sie beschützten, mit ihr schimpften und ihr alles beibrachten, was sie im Dwight zum Überleben brauchte. Und sie liebten Grace wie eine Tochter, hofften mit ihr auf eine bessere Zukunft und waren stolz, wenn sie in ihrem Fernkurs gute Noten bekam.

»Sicher wirst du eines Tages berühmt«, meinte Luana.

»Das bezweifle ich«, entgegnete Grace lachend.

»Was willst du machen, wenn du hier rauskommst?«

»Ich gehe nach Chicago und suche mir dort einen Job.«

Dieses Thema hatten sie schon oft erörtert, denn Luana sprach sehr gern darüber. Da sie lebenslänglich im Dwight bleiben mußte, wollte sie wenigstens an der Zukunft ihrer jungen Freundin teilnehmen. Sally sollte in drei Jahren entlassen werden, Grace in neun Monaten. Und dann lag ihr ganzes Leben noch vor ihr.

»An welchen Job denkst du denn?« Auch das war eine Frage, die Luana fast täglich stellte. »Vielleicht solltest du im Fernsehen auftreten. Oder du wirst eines von diesen schicken Models.«

Lachend verdrehte Grace die Augen. Sie hatte andere Pläne. Am liebsten würde sie Psychologie studieren und den jungen Mädchen helfen, die ein ähnliches Schicksal erlitten hatten wie sie selbst.

Drei Monate lang hatte sich David Glass nicht blicken lassen, aber eines Tages tauchte er wieder im Dwight auf und entschuldigte sich, weil er Grace kein Weihnachtsgeschenk geschickt hatte. Er schien sich unbehaglich zu fühlen. Besorgt runzelte sie die Stirn. Wollte er ihr eine unangenehme Nachricht mitteilen? War ihr Entlassungstermin verschoben worden? Als sie danach fragte, beruhigte er sie hastig: »Nein, nein, daran ändert sich nichts — es sei denn, du zettelst einen Aufstand an oder schlägst eine Aufseherin nieder. Und das ist unwahrscheinlich.« Zögernd schaute er sie an und gab seiner Verlobten recht — seine Besessenheit von Grace war wirklich verrückt. Was für ein Unsinn, dachte er, sie war meine Mandantin, und jetzt sitzt sie im Gefängnis. »Ich werde heiraten«, erklärte er unsicher, als müßte er sich dafür entschuldigen, und verfluchte seine albernen Gefühle.

»Wann?« Grace lächelte erfreut. So etwas hatte sie bereits geahnt.

»Im Juni. Der Vater meiner Braut hat uns vorgeschlagen, nach Kalifornien zu ziehen und in seine Anwaltskanzlei einzutreten. Nächsten Monat reise ich ab. Wir wollen ein Haus in L. A. kaufen, und vor der Hochzeit gibt’s noch viel zu tun.«

»Oh…« flüsterte Grace. Vermutlich würde sie ihn nicht wiedersehen — zumindest vorerst nicht. Während ihrer beiden Bewährungsjahre durfte sie den Staat nicht verlassen, und danach wurde sie wohl kaum nach Kalifornien reisen. »Das finde ich wunderbar.« Aber es war schmerzlich, einen guten Freund zu verlieren.

»Wenn du mich brauchst, bin ich immer für dich da, Grace«‘ beteuerte er und ergriff ihre Hände. »Bevor ich nach L. A. fliege, gebe ich dir meine Nummer. Kopf hoch, bald hast du’s hinter dir.« Sie nickte, dann saßen sie eine Zeitlang schweigend beisammen, dachten an ihre Vergangenheit und seine Zukunft, und in diesen Minuten erschien ihm seine Braut plötzlich unwichtig.

»Du wirst mir fehlen«, gestand Grace, und sein Herz krampfte sich zusammen. Wie gern hätte er beteuert, er würde stets an sie denken — an ihre Jugend und Schönheit, ihre großen ausdrucksvollen Augen…

»Auch ich werde dich vermissen. Ich kann mir das Leben in Kalifornien gar nicht vorstellen. Aber Tracy glaubt, es wird mir gefallen.« Plötzlich war er sich nicht mehr so sicher.

»Wenn sie dich dazu bringt, von hier wegzugehen, muß sie ein phantastisches Mädchen sein.« Grace schaute in seine Augen, und er mußte sich gegen ihren Zauber wappnen.

Lächelnd überlegte er, daß es nicht so schlimm war, Illinois zu verlassen, aber der Abschied von Grace fiel ihm viel schwerer. Obwohl er sie in letzter Zeit nur selten sah, war er doch in ihrer Nähe und konnte ihr helfen. Mit diesem Gedanken hatte er in all den Monaten sein Gewissen beruhigt. »Ruf mich in L. A. an, wenn du mich brauchst. Und Molly wird dich weiterhin besuchen.« Erst an diesem Morgen hatte er mit ihr gesprochen.

»Das weiß ich. Wahrscheinlich wird sie auch bald heiraten.«

Das wußte er bereits. Für sie beide war es an der Zeit, die Zukunft zu regeln. Und Grace würde in acht Monaten ein neues Leben beginnen.

An diesem Nachmittag blieb er besonders lange bei ihr, und er versprach, sie vor seiner Abreise noch einmal zu besuchen, aber sie ahnte, daß sie ihn nicht mehr sehen würde. Ein paarmal rief er sie an. Dann erhielt sie einen Brief aus Los Angeles, in dem er sich wortreich entschuldigte und erklärte, bedauerlicherweise habe er keine Zeit mehr gefunden, nach Dwight zu fahren.

Doch sie wußten beide, daß er nicht den Mut dazu aufgebracht hatte, und außerdem mußte ein Schlußstrich gezogen werden. Das fand auch seine Verlobte, was Grace natürlich nicht ahnen konnte. In diesem Frühling schrieb sie ihm einige Briefe, dann meldete sie sich nicht mehr. Instinktiv erkannte sie, daß ihre Beziehung zu David Glass beendet war.

»Ich vermisse ihn«, gestand sie Molly, »und es tut weh, einen guten Freund zu verlieren.«

»Manchmal muß man die Menschen ziehen lassen. Ich weiß, wieviel du ihm bedeutet hast — und wie unglücklich er war, weil er dich nicht vor dem Gefängnis bewahren konnte und das Berufungsverfahren schiefging.«

»Trotzdem hat er gute Arbeit geleistet«, erwiderte Grace loyal. Im Gegensatz zu den meisten Insassinnen des Dwight machte sie ihren Anwalt nicht für das Gerichtsurteil verantwortlich. »Er fehlt mir nur, das ist alles. Hast du seine Verlobte kennengelernt?«

»Ja, wir haben uns ein- oder zweimal getroffen«, sagte Molly lächelnd. Sie wußte, daß Grace noch immer nichts von Davids Gefühlsverwirrungen ahnte. Zweifellos war es ein kluger Schachzug seiner Braut gewesen, ihn nach Kalifornien zu entführen. »Sie ist sehr nett und intelligent«, fügte die Psychiaterin hinzu und verschwieg die Abneigung, die sie gegen Tracy hegte. Aber vielleicht paßte sie gut zu David, der eine feste Hand brauchte.

»Und du? Wann wirst du Richard heiraten?«

»Bald.« Im April setzten sie das Datum fest. Sie wollten am 1. Juli vor den Traualtar treten und dann die Flitterwochen auf Hawaii verbringen. Sechs Monate lang hatten sie versucht, ihre Ferien zu koordinieren. Und zweieinhalb Monate später würde Grace das Gefängnis verlassen.

Am Tag vor der Hochzeit fuhr Molly wieder zum Dwight hinaus und schlug Grace vor: »Willst du nicht eine Zeitlang bei uns wohnen, ehe du nach Chicago ziehst?«

Grace hatte bereits versprochen, das Erntedankfest und vielleicht auch Weihnachten zusammen mit dem frischgebackenen Ehepaar zu feiern. Am Hochzeitstag saß sie in ihrer Zelle, dachte an die beiden und wünschte ihnen viel Glück. Sie war genau über Mollys und Richards Pläne informiert, hatte Fotos vom Brautkleid gesehen und wußte, wen sie zum Empfang eingeladen hatten und wann sie abreisen würden. Um vier Uhr würde das Flugzeug in Chicago starten und um zehn Uhr Ortszeit in Honolulu landen. Dort würden sie im Outrigger Waikiki absteigen. Grace malte sich alles aus und hatte das Gefühl, am Hochzeitsfest teilzunehmen.

Um neun Uhr abends, kurz vor der Sperrstunde, sah sie gemeinsam mit einigen anderen Gefangenen die TV-Nachrichten. Sie unterhielt sich gerade mit Luana über das morgige Fitneßtraining, als der Nachrichtensprecher von einem Flugzeugabsturz berichtete. Vor einer Stunde war eine TWA-Maschine über den Rockies explodiert. Über die Einzelheiten wußte man noch nichts, aber die Fluggesellschaft vermutete, eine Bombe hätte sich an Bord befunden. Alle Insassen waren gestorben.

»Was war das?« Grace wandte sich zu einer der Frauen. »Wo?«

»Wahrscheinlich in der Nähe von Denver. Ein Flug von Chicago nach Honolulu via San Francisco. Vielleicht haben irgendwelche Terroristen den Jet gesprengt.«

Grace begann zu frösteln. Nein, unmöglich… Nicht diese beiden — auf der Hochzeitsreise Nicht ihre Freundin, der einzige Mensch, auf den sie sich verlassen konnte… Ihre Brust begann zu schmerzen.

Als Sally beobachtete, wie ihre Zellengenossin den Inhalationsapparat hervorholte, ahnte sie sofort, was Grace befürchtete. »Reg dich nicht auf. Von Chicago nach Honolulu gibt’s ein Dutzend Flüge.«

Auch Sally wußte, daß Molly und Richard vor wenigen Stunden geheiratet hatten. Wochenlang war ihr Grace mit diesem Thema auf die Nerven gefallen, und nun sorgte sie sich um die beiden, doch das ließ sie sich nicht anmerken und versuchte, das Mädchen zu beruhigen.

Eine Woche später, nach sieben schlaflosenN’achten, erfuhr Grace die schreckliche Wahrheit. Sie hatte ans Krankenhaus geschrieben, um sich nach Molly zu erkundigen, und erhielt die Antwort. Dr. York und Dr. Haverson seien bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen, und das Klinikpersonal würde um die beiden trauern.

Verzweifelt sank Grace in ihr Bett und blieb drei Tage lang liegen. Sally und Luana kümmerten sich um sie und halfen ihr über zahlreiche Asthmaanfälle hinweg. Als eine Krankenschwester in die Zelle kam, erkannte sie, daß die Patientin nicht nur an Asthma litt. Grace starrte an die Wand und weigerte sich, aufzustehen oder Fragen zu beantworten.

Jetzt hatte sie nicht nur David, sondern auch Molly verloren. An wen sollte sie sich wenden, wenn sie Hilfe brauchte? Außer ihren beiden Freundinnen im Dwight hatte sie niemanden mehr.

Die Schwester erklärte, am nächsten Tag müsse Grace wieder arbeiten und sie dürfe sich glücklich schätzen, weil man sie nach ihrer zweitägigen, unentschuldigten Abwesenheit noch nicht ins schwarze Loch gesperrt habe.

Aber Grace stand auch am folgenden Morgen nicht auf, obwohl sie von Luana und Sally abwechselnd angefleht und bedroht wurde. Sie lag einfach nur da und wünschte, sie wäre tot, so wie Molly.

Wenig später wurde sie in die Dunkelhaft gebracht. Sie mußte nackt in der winzigen Zelle sitzen und erhielt nur eine einzige Mahlzeit pro Tag. Als sie nach einer Woche wieder auftauchte, war sie knochendürr und leichenblaß. Aber Sally sah ihr an, daß sie das Schlimmste überstanden hatte und ins Reich der Lebenden zurückgekehrt war.

Von diesem Tag an erwähnte sie Molly nicht mehr, versuchte, ihre leidvolle Vergangenheit zu begraben, und sprach nur noch von der Zukunft. Trotzdem wußte sie am Morgen ihrer Entlassung nicht, ob sie für die Freiheit gewappnet war. Da draußen warteten keine Freunde, sie besaß keine Kleider, nur ihr Geld und das Collegediplom, das sie nach dem Abschluß ihres Fernstudiums erhalten hatte. Wenigstens war sie im Gefängnis klug, geduldig und stark geworden.

Mit Luanas Hilfe hatte sie täglich im Fitneßcenter trainiert und ihre schlanke Figur in Form gebracht. Sie sah sehr schön aus in ihren alten Jeans und einem weißen Hemd, das kupferrote Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden, frisch und jung wie jede andere Studentin. Aber in ihrer Seele hatten sich die schrecklichen Erfahrungen ihres bisherigen Lebens eingenistet, und in ihrem Herzen wohnten die wenigen Menschen, die sie niemals vergessen wollte — David und Molly, Luana und Sally.

»Paßt gut auf euch auf«, bat sie mit gepreßter Stimme, als sie ihre Freundinnen zum Abschied umarmte.

Luana gab ihr einen Kuß auf die Wange wie einem kleinen Mädchen, das sie zum Spielen hinausschickte. »Sei vorsichtig und vertrau deinen Instinkten, dann wirst du’s schon schaffen.«

»Oh, ich liebe euch beide so sehr«, wisperte Grace.

»Ohne euch hätte ich diese beiden Jahre nicht überstanden.« Sie küßte auch Sally, die sich verlegen räusperte.

»Mach bloß keine Dummheiten.«

»Ich werde euch schreiben«, versprach Grace.

Aber Sally schüttelte den Kopf. Sie glaubte, es besser zu wissen. So viele Freundinnen hatte sie schon gehen sehen. Wenn man das Dwight verließ, war’s vorbei. Bis zum nächsten Mal.

»Nein«, protestierte Luana energisch, »wir wollen nichts von dir hören. Und du willst uns sicher nicht mehr kennen. Vergiß uns, Grace, fang ein neues Leben an. Geh hier raus und dreh dich nicht um.«

In Graces Augen glänzten Tränen. »Aber ihr seid meine Freundinnen.«

»O nein«, widersprach Luana, »wir sind nur Geister — und vielleicht vage Erinnerungen. Wenn du uns ab und zu hervorkramst, wirst du froh sein, daß du nicht mehr hier bist. Und komm nur ja nicht zurück, hörst du?« Drohend hob Luana einen Finger, und Grace lachte unter Tränen.

Vielleicht hatte ihr Luana einen guten Rat gegeben, aber wie sollte sie die beiden Frauen vergessen, die so gut zu ihr gewesen waren? Oder mußte man solche Erlebnisse hinter sich lassen, um voranzukommen? Sie wünschte, sie könnte Molly danach fragen.

»Und jetzt verschwinde!« Luana gab ihr einen sanften Stoß.

Wenig später ging Grace durch das Gefängnistor hinaus und stieg in den Bus. Als sie am Dwight vorbeifuhr, standen ihre Freundinnen am Stacheldrahtzaun und winkten, und sie winkte zurück, bis sie die beiden nicht mehr sah.

6

Die Busfahrt von Dwight nach Chicago dauerte knapp zwei Stunden. Bei ihrer Entlassung aus dem Gefängnis hatte sie hundert Dollar erhalten. Bevor David nach Westen übersiedelt war, hatte er ein Girokonto für Grace eröffnet und fünftausend Dollar eingezahlt. Die restlichen fünfundvierzigtausend, die sie von Frank Wills bekommen hatte, waren auf einem Sparkonto festgelegt.

In Chicago angekommen, wußte sie nicht, wo sie wohnen und wohin sie gehen sollte. Sie mußte der Polizei mitteilen, wo sie sich aufhalten würde, und man hatte ihr den Namen, die Adresse und die Telefonnummer eines Bewährungshelfers notiert, bei dem sie sich innerhalb von zwei Tagen melden sollte. Louis Marquez. Von einem der Mädchen im Dwight hatte sie erfahren, wo sie billige Hotels finden würde, nur wenige Häuserblocks von der Busstation an der Ecke Randolph und Dearborn entfernt. Als sie die Leute vor den Eingängen sah, zögerte sie. An den Hausmauern lehnten Prostituierte, und die meisten Gäste schienen die Zimmer nur stundenweise zu mieten.

Schließlich wagte sich Grace in eines der Hotels. Als sie nach dem Empfangschef läutete, huschte eine Küchenschabe schabe über die Theke. »Für einen Tag, eine Nacht, eine Stunde?« fragte er und fegte das Insekt beiseite. Sogar im Dwight war es sauberer gewesen.

»Was kostet eine Woche?«

»Fünfundsechzig Dollar«, erwiderte er, ohne mit der Wimper zu zucken. Das erschien ihr sehr teuer, aber sie wußte nicht, wo sie sonst absteigen sollte, und so mietete sie für sieben Tage ein Zimmer mit Bad im dritten Stock. Dann verließ sie das Hotel, um ein Restaurant zu suchen. Zwei Bettler sprachen sie an, und eine Prostituierte fragte sich, was so ein Mädchen in dieser Umgebung verloren habe. Natürlich ahnte sie nicht, daß »so ein Mädchen« eben erst aus dem Gefängnis entlassen worden war. Aber Grace genoß trotz der schäbigen Gegend ihre Freiheit. Endlich konnte sie wieder die Straßen entlangwandern, Zeitungen kaufen, ein Restaurant betreten. An diesem Abend fuhr sie mit dem Bus durch ganz Chicago, bewunderte die hell erleuchtete Stadt, und als es an der Zeit war, zum Hotel zurückzukehren, nahm sie ein Taxi und kam sich schrecklich extravagant vor.

Vor dem Eingang lungerten immer noch Prostituierte und Penner herum, aber Grace ignorierte sie, holte ihren Schlüssel und floh in ihr Zimmer. Sie las die Stellenanzeigen in den Zeitungen, und am nächsten Morgen ging sie auf Arbeitssuche. In drei Agenturen fragte man nach ihren beruflichen Erfahrungen. Sie erklärte, sie stamme aus Watseka, habe ein Diplom an einem Junior College gemacht und einen Sekretärinnenkurs absolviert, sei aber noch nicht berufstätig gewesen. Man erklärte ihr, ohne Referenzen könne man ihr keine Stelle als Sekretärin verschaffen, nur als Empfangsdame, Kellnerin oder Verkäuferin. Für eine Zwanzigjährige ohne Erfahrungen und Referenzen gebe es nicht allzu viele Angebote, teilte man ihr ohne Umschweife mit.

»Haben Sie schon mal daran gedacht, als Model zu arbeiten?« fragte eine Frau in der zweiten Agentur und notierte ihr zwei Adressen. »Das sind Modelagenturen. Stellen Sie sich da mal vor. Ich glaube, Ihr Look ist derzeit gefragt.« Lächelnd versprach sie, im Hotel anzurufen, falls sie ihr einen Job vermitteln könne, der keine Berufserfahrungen erfordere. Aber sie machte ihr keine Hoffnung.

Danach besuchte Grace den Bewährungshelfer. Bei seinem Anblick fühlte sie sich nach Dwight zurückversetzt, und diesmal wurde sie nicht von Sally oder Luana beschützt. Louis Marquez war ein schmieriger kleiner Mann mit stechenden Knopfaugen, schütterem Haar und Schnurrbart.

Als Grace vor seinem Schreibtisch stehenblieb, starrte er sie verblüfft an. Ein solches Mädchen war noch nie in sein Büro gekommen. Meistens hatte er mit Drogensüchtigen, Dealern und Prostituierten zu tun, nur selten mit jungen Leuten und noch seltener mit Mädchen, die so unschuldig aussahen wie Grace. An diesem Morgen hatte sie zwei Röcke gekauft, ein dunkelblaues Kleid für die Arbeitssuche und ein schwarzes Kostüm mit rosa Satin-kragen.

Jetzt trug sie das dunkelblaue Kleid, und ihre Füße in den hochhackigen Schuhen schmerzten.

»Kann ich Ihnen helfen?« fragte er verwirrt. Vermutlich war sie ins falsche Büro geraten, aber er freute sich über die nette Abwechslung.

»Mr. Marquez?«

»Ja?« Fasziniert beobachtete er, wie sie in ihre Handtasche griff und vertraute Formulare hervorzog. Er überflog die Papiere, dann fragte er ungläubig: »Sie waren im Dwight?« Sie nickte. »Da geht’s ziemlich übel zu. Wie konnten Sie das zwei Jahre lang aushalten?«

»Nun, ich habe mich bemüht, möglichst wenig Aufsehen zu erregen«, erwiderte sie lächelnd.

»Vorsätzlicher Totschlag, eh?« Der Bewährungshelfer runzelte verblüfft die Stirn. »Hatten Sie Streit mit Ihrem Freund?«

Der Klang dieser Frage mißfiel ihr. »Nein, mit meinem Vater«, entgegnete sie kühl.

»Ah! Offenbar darf man sich nicht mit Ihnen anlegen.« Sie gab keine Antwort, und er musterte sie mit seinen Knopfaugen, während er überlegte, wieviel er sich bei ihr erlauben konnte. »Haben Sie jetzt einen Freund?«

»Nein.«

»Lebt Ihre Familie hier in Chicago?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Und wo wohnen Sie?« Es stand ihm zu, solche Fragen zu stellen, das wußte Grace. Sie nannte den Namen des Hotels, den er sich notierte. »Ziemlich miese Gegend für ein Mädchen wie Sie. Eine Menge Nutten. Vielleicht haben Sie’s schon gemerkt.« In seinen Augen erschien ein boshafter Glanz. »Wenn Sie auffliegen, müssen Sie noch mal zwei Jahre im Dwight absitzen. Also versuchen Sie lieber nicht, nebenbei ein bißchen was zu verdienen.« Am liebsten hätte sie in sein grinsendes Gesicht geschlagen, aber sie hatte im Gefängnis gelernt, auf solche Beleidigungen nicht zu reagieren. »Suchen Sie einen Job?«

»Ja, ich war bei drei Agenturen, und ich lese die Stellenanzeigen. Ich habe noch ein paar andere Ideen, doch ich wollte erst mal mit Ihnen reden.« Hätte sie ihren Bewährungshelfer nicht rechtzeitig aufgesucht, wäre sie in Schwierigkeiten gekommen, und sie wollte nie mehr ins Dwight zurückkehren — nicht für zwei Jahre, nicht einmal für zwei Minuten.

»Ich könnte Ihnen hier im Büro einen Job verschaffen«, meinte er. Sicher wäre es erfreulich, ein so reizvolles Mädchen ständig in der Nähe zu wissen, und er befand sich in einer idealen Situation. Grace Adams würde eine Heidenangst vor ihm haben und alles tun, was er wollte. Je länger er darüber nachdachte, desto besser gefiel ihm dieser Gedanke.

Aber sie war kein naives Mädchen mehr, und auf solche Typen fiel sie nicht herein. »Nein, danke, Mr. Marquez. Ich sehe verschiedene Chancen, die ich erst einmal nutzen möchte. Sollte nichts dabei herauskommen, werde ich mich an Sie wenden.«

»Wenn Sie keinen Job finden, könnte ich Sie ins Dwight zurückschicken«, drohte er, und sie zwang sich zu schweigen. »Oder wenn Sie gegen andere Bewährungsbedingungen verstoßen. Da gibt’s viele Möglichkeiten.« Er griff in eine Schublade und nahm einen Plastikbecher mit Deckel heraus. »Bringen Sie mir eine Urinprobe. Auf der anderen Seite des Flurs finden Sie eine Damentoilette.«

»Jetzt?«

»Warum nicht? Oder sind Sie grade zugedröhnt?« fragte er bösartig und hoffnungsvoll.

»Nein«, erwiderte sie ärgerlich. »Wozu brauchen Sie eine Urinprobe? Ich habe niemals Drogen genommen.«

»Aber Sie wurden wegen Mordes angeklagt, waren zwei Jahre im Knast und sind auf Bewährung draußen. Also kann ich alles von Ihnen verlangen, was mir angemessen erscheint. Und jetzt will ich eine Urinanalyse haben. Sind Sie damit einverstanden? Oder soll ich Sie wieder hinter Gitter bringen?«

»Okay.« Bastard, dachte sie, ergriff den Becher und wandte sich zur Tür.

»Normalerweise müßte meine Sekretärin dabeisein, aber sie hat sich diesen Nachmittag frei genommen. Nächstes Mal wird sie aufpassen. Heute lasse ich ausnahmsweise Gnade vor Recht ergehen.«

»Besten Dank.« Grace warf einen wütenden Blick über die Schulter. Seit Jahren wurde sie manipuliert, erst von ihren Eltern, dann von der Polizei, vom Wachpersonal im Dwight, von Brenda und ihrer Gang — bis Sally und Luana sie beschützt hatten. Und jetzt mußte sie sich allein gegen Abschaum wie Louis Marquez wehren.

Fünf Minuten später stellte sie den gefüllten Becher mit locker zugeschraubtem Deckel auf seinen Schreibtisch und hoffte, der Inhalt würde sich über die Papiere ergießen.

»Kommen Sie in einer Woche wieder«, sagte er beiläufig und beobachtete, wie ihre schlanken Hüften und langen Beine aus seinem Büro verschwanden. Dann stand er auf und schüttete ihren Urin in sein Waschbecken. An einem Drogentest war er nicht interessiert. Er wollte sie nur demütigen und ihr klarmachen, daß er sie zwingen konnte, seine Wünsche zu erfüllen.

Erbost stieg sie in den Bus und fuhr zum Hotel. Louis Marquez repräsentierte alles, was sie bekämpft hatte, und sie würde nicht klein beigeben. Bevor sie sich von diesem Kerl ins Gefängnis zurückschicken ließ, würde sie lieber sterben.

Abends blätterte sie in den Gelben Seiten und suchte die Adressen aller Modelagenturen von Chicago heraus. Sie wollte sich zwar nicht für einen Modeljob bewerben, aber vielleicht brauchte man in einer dieser Agenturen eine Empfangsdame oder Büroangestellte. Angesichts der langen Liste bedauerte sie, daß sie nicht wußte, welches Unternehmen das beste war. Nun, sie mußte eben ihr Glück versuchen. Am nächsten Morgen stand sie um sieben Uhr auf.

Noch im Nachthemd, sie putzte gerade ihre Zähne, klopfte es an der Tür. Wer mochte das sein? Jemand, der sich im Zimmer geirrt hatte? Sie schlang ein Badetuch um ihr Nachthemd. Die Zahnbürste in der Hand, das kupferfarbene Haar leicht zerzaust, öffnete sie die Tür. Louis Marquez stand auf der Schwelle.

»Ja?« fragte sie. Zunächst erkannte sie ihn nicht, dann erinnerte sie sich an den unsympathischen Mann.

»Ich wollte mal sehen, wo Sie wohnen. Dazu ist ein Bewährungshelfer verpflichtet.«

»Wie nett!« erwiderte sie verärgert. »Offensichtlich sind Sie ein Frühaufsteher?« Was bildete er sich eigentlich ein? Unwillkürlich dachte sie an ihren Vater und begann zu zittern.

»Macht’s Ihnen was aus, wenn ich eintrete? Ich muß mich vergewissern, ob Sie tatsächlich hier wohnen.«

»Natürlich wohne ich hier«, entgegnete sie kühl, ohne ihn einzulassen, und hielt seinem stechenden Blick stand. »Und ob mir Ihr Besuch was ausmacht, hängt von Ihren Absichten ab.«

»Was meinen Sie?«

»Das wissen Sie ganz genau. Sie sind hergekommen, um festzustellen, in welcher Umgebung ich wohne. Nun, das haben Sie gesehen. Was wollen Sie sonst noch? Ich werde Ihnen kein Frühstück servieren.«

»Werden Sie bloß nicht frech, kleines Biest! Mit Ihnen kann ich alles tun, was ich will. Vergessen Sie das nicht!«

Wütend starrte sie ihn an. »So hat schon mal jemand mit mir geredet und die Drohung wahrgemacht. Diesen Mann habe ich erschossen, und das sollten Sie nicht vergessen, Mr. Marquez. Haben Sie mich verstanden?«

Mit einiger Mühe bezwang er seinen Zorn. Daß er seine Grenzen überschritt, wußte er, und er hatte Grace Adams nur aufgesucht, um herauszufinden, wieviel er sich erlauben konnte. Aber er jagte ihr keine Angst ein, nachdem sie bei Luana in eine gute Schule gegangen war. »Nehmen Sie sich in acht!« mahnte er. »Von einem unverschämten kleinen Ding, das seinen Alten abgeknallt hat, laß ich mir nicht auf den Kopf scheißen. Glauben Sie bloß nicht, ich würde zögern, Sie nach Dwight zurückzuschicken.«

»Dazu müßten Sie erst mal einen Grund haben, Mr. Marquez. Und es wird Ihnen nichts nützen, morgens um sieben vor meiner Tür aufzutauchen.« Warum er hier war, wußte sie, und sie fiel nicht auf den Bluff herein. Ihr Verhalten überraschte und enttäuschte ihn, denn er hatte erwartet, er könnte sie leichter einschüchtern. Aber es war einen Versuch wert gewesen, und wenn sie jemals auch nur die geringste Schwäche zeigte, würde er sich sofort auf sie stürzen. »Sonst noch was?« fragte sie. »Soll ich in ein Glas pinkeln?« Wortlos wandte er sich ab und eilte die Treppe hinunter. Zwei Jahre lang würde sie ihm ausgeliefert sein, und er hatte noch viel Zeit, um sie zu quälen.

Grace zog ihr schwarzes Kostüm mit dem rosa Kragen an und frisierte sich sorgfältig. Wenn sie die Modelagenturen besuchte, wollte sie cool, korrekt und selbstsicher wirken, aber nicht auffällig, da sie nicht beabsichtigte, mit den Models zu konkurrieren.

In den beiden ersten Agenturen erklärte man, derzeit sei keine Stelle frei, und gönnte ihr kaum einen Blick. Dann betrat sie das Gebäude der Swanson’s am Lake Shore Drive und nahm in einem luxuriösen Wartezimmer Platz. An den Wänden hingen große Fotos verschiedener Models, und als sie in Cheryl Swansons Büro geführt wurde, mußte sie ihre Nervosität bekämpfen. Ebenso wie ihr Ehemann Bob empfing Cheryl alle potentiellen Mitarbeiter persönlich, um festzustellen, ob sie den besonderen Swanson-Look repräsentieren würden. Sie beschäftigte die besten Models in der Stadt, für Laufsteg, Photos und Werbung gleichermaßen. Auch die Einrichtung der Agentur kündete von Erfolg und Stilgefühl. Grace war froh, da8 sie ihr Chanel-Kostüm angezogen hatte.

Nach wenigen Minuten trat eine große Frau mit einem strengen dunklen Nackenknoten ein, die ein elegantes schwarzes Kleid und eine modische Brille trug. Sie war nicht schön, sah aber sehr attraktiv aus. »Miss Adams?« Lächelnd musterte sie Grace: blutjung und etwas verängstigt, aber offensichtlich intelligent. »Ich bin Cheryl Swanson.«

»Guten Tag. Vielen Dank, daß Sie Zeit für mich finden.« Grace schüttelte ihr die Hand über den Schreibtisch hinweg, setzte sich wieder und hoffte, ihr Asthma würde sie verschonen. Sicherheitshalber holte sie tief Luft und versuchte, ihre Angst zu bezwingen. Wenn sie nicht bald einen Job bekam, würde ihr der Bewährungshelfer ernsthafte Schwierigkeiten bereiten.

»Wie ich höre, interessieren Sie sich für den Job einer Empfangsdame«, begann Cheryl und warf einen Blick auf den Notizzettel, den sie von ihrer Sekretärin erhalten hatte. »Das ist hier ein sehr wichtiger Job — das erste Gesicht, das ein Besucher sieht, die erste Stimme, die ihn anspricht. Also würden Sie uns repräsentieren. Kennen Sie unsere Agentur?« Cheryl nahm die Brille ab und betrachtete Grace etwas genauer. Ein makelloser Teint, große Augen, schönes Haar. Versuchte die Kleine, durch die Hintertür ins Rampenlicht zu gelangen? Vielleicht hatte sie das gar nicht nötig. »Möchten Sie als Model arbeiten, Miss Adams?«

Hastig schüttelte Grace den Kopf. Von Fotografen betatscht zu werden, die womöglich glaubten, sie wäre eine leichte Beute, und stundenlang im Badeanzug herumzustehen? Nein, danke. »Ein Job am Empfang oder im Büro würde mir besser gefallen.«

»Das sollten Sie sich gründlich überlegen. Stehen Sie mal auf.« Widerstrebend gehorchte Grace. Cheryl registrierte zufrieden die ideale Größe des Mädchens, die den Eindruck erweckte, sie würde jeden Augenblick in Tränen ausbrechen und schreiend davonlaufen.

»Bitte, Mrs. Swanson, ich will kein Model werden — nur Telefonanrufe entgegennehmen, tippen und Besorgungen für Sie erledigen…«

»Warum? Die meisten Mädchen würden sich für eine Modelkarriere umbringen.«

Aber Grace nicht. Sie wünschte sich einen reellen Job und später eine Familie, und ihr neues Leben sollte nicht auf einem Regenbogen anfangen. »Ich möchte…« Unsicher suchte sie nach dem richtigen Wort. »… was Solides machen.«

»Also gut«, seufzte Cheryl bedauernd, »so einen Job kann ich Ihnen anbieten. Aber ich finde, Sie vergeuden Ihre Vorzüge. Wie alt sind Sie?«

»Zwanzig. Ich habe ein Junior-College-Diplom, und ich kann tippen, allerdings nicht besonders schnell. Aber ich werde es noch lernen — und hart arbeiten, das schwöre ich.« Sie bettelte geradezu um den Job.

Unwillkürlich lächelte Cheryl. Wie schade, daß sich dieses sensationelle Mädchen an der Rezeption verkriechen wollte…Andererseits wäre Miss Adams ein gutes Aushängeschild für Swanson’s. »Wann können Sie anfangen?«

»Wann immer Sie wollen. Sofort. Ich bin eben erst nach Chicago gekommen.«

»Von wo?« fragte Cheryl interessiert.

Grace brachte es nicht über sich, die Wahrheit zu gestehen. »Aus Taylorville«, log sie. Diese Kleinstadt lag zweihundert Meilen von Chicago entfernt.

»Leben Ihre Eltern dort?«

»Nein, sie starben, als ich auf die High School ging.«

Bestürzt runzelte Cheryl die Stirn. »Haben Sie keine Angehörigen mehr?«

»Nein, niemanden.«

»Normalerweise frage ich nach Referenzen. Aber das wäre sinnlos, da meine Sekretärin erwähnt hat, sie seien noch nicht berufstätig gewesen. Außerdem sehe ich, aus welchem Holz Sie geschnitzt sind. Willkommen in der Familie, Miss Adams.« Graces neue Chefin stand auf und tätschelte ihren Arm. »Hoffentlich fühlen Sie sich wohl bei uns und bleiben uns möglichst lange erhalten — zumindest, bis Sie beschließen, als Model zu arbeiten«, fügte sie lachend hinzu. »Vorerst werden Sie hundert Dollar pro Woche verdienen.«

Sie führte ihre künftige Empfangsdame in mehrere Büros und machte sie mit den anderen Mitarbeiterinnen bekannt — sechs Agentinnen, drei Sekretärinnen, zwei Buchhalterinnen — und mit einigen Leuten, deren Funktion Grace nicht enträtseln konnte. Schließlich folgte sie Cheryl in einen verschwenderisch ausgestatteten Raum mit grauen Wildledermöbeln, wo sie Bob Swanson, dem Ehemann ihrer Chefin, vorgestellt wurde. Beide waren Mitte Vierzig, und Cheryl hatte bereits erklärt, sie seien seit zwanzig Jahren verheiratet und kinderlos. »Gewissermaßen sind die Models unsere Kinder.«

Als Bob Swanson die neue Mitarbeiterin mit einem warmherzigen Lächeln begrüßte, gewann sie den Eindruck, sie würde tatsächlich zur Familie gehören. Er kam hinter seinem Schreibtisch hervor und schüttelte ihr die Hand, fast einsneunzig groß, mit dunklem Haar und blauen Augen, attraktiv wie ein Filmschauspieler. Früher war er ein Kinderstar und ein Model in Hollywood gewesen, ebenso wie Cheryl in New York, dann hatten sie gemeinsam die Agentur in Chicago gegründet. »Hast du Empfangsdame gesagt — oder neues Model?« fragte er seine Frau.

»Ich habe ihr bereits erklärt, sie würde am Empfang ihre Vorzüge verschwenden«, erwiderte sie und lächelte ihn an. Wie sehr sie sich liebten, und wie gut sie zusammenarbeiteten, war offensichtlich. »Leider beharrt sie auf einem Schreibtischjob.«

»Kluges Mädchen!« Lachend wandte er sich wieder zu Grace. »Meine Frau und ich haben erst nach ein paar Jahren und auf die harte Tour herausgefunden, wo man am besten aufgehoben ist.«

»Sicher wäre ich kein gutes Model«, erwiderte Grace. »Ich arbeite lieber hinter den Kulissen.« So wie sie ihren Eltern den Haushalt geführt und im Vorratslager des Dwight gearbeitet hatte, denn sie besaß ein ausgeprägtes Organisationstalent.

»Nun, dann gehen Sie ans Werk, Grace. Willkommen an Bord.« Er setzte sich wieder an seinen Schreibtisch. Eine Zeitlang starrte er nachdenklich auf die Tür, die sich hinter den beiden Frauen geschlossen hatte. Irgend etwas an diesem Mädchen interessierte ihn. Was es war, wußte er noch nicht.

Cheryl bat zwei Sekretärinnen, Grace unter ihre Fittiche zu nehmen und ihr das Telefonsystem zu erklären, und zu Mittag hatte Grace das Gefühl, sie wäre schon immer hier gewesen. In der letzten Woche hatte ihre Vorgängerin gekündigt, und in der Zwischenzeit waren Aushilfskräfte beschäftigt worden. Jetzt freuten sich alle, weil endlich wieder eine kompetente Empfangsdame die Besucher begrüßte, Telefonanrufe entgegennahm, Termine vereinbarte und die Buchungen der Models registrierte. Der Job war ziemlich kompliziert, und manchmal mußte Grace mit verschiedenen Terminen jonglieren. Aber nach der ersten Woche hatte sie sich bei Swanson’s eingewöhnt und liebte ihre Arbeit.

Als sie sich wieder bei Louis Marquez meldete, gab sie ihm keinen Grund zur Klage. Sie hatte einen guten Job, verdiente genug Geld, und so bald wie möglich wollte sie in ein kleines Apartment ziehen. Am liebsten würde sie in der Nähe der Agentur wohnen, aber die Apartments um den Lake Shore Drive waren unglaublich teuer.

Eines Nachmittags studierte sie die Wohnungsannoncen in der Zeitung, während vier Models im Empfangsraum auf ihre nächsten Termine warteten. Immer wieder war sie überwältigt von der Schönheit dieser Mädchen. Sie hatten fabelhafte Haare, makellose Fingernägel, waren stets perfekt geschminkt und trugen Kleider, die Grace vor Neid erblassen ließen. Trotzdem wollte sie nicht mit ihnen tauschen, ihr Aussehen oder ihren Sexappeal verkaufen. Sie würde es nicht ertragen, im Mittelpunkt allgemeiner Aufmerksamkeit zu stehen. Das wußte sie. Nach allem, was sie durchgemacht hatte, hing ihr Überleben davon ab, keine Aufmerksamkeit zu erregen. Aber obwohl sie einer anderen Welt angehörte, unterhielten sich die Models gern mit ihr. Diesmal drehte sich das Gespräch um ein Haus, das sie Vielleicht mieten würden — für tausend Dollar. Darin gab es fünf Schlafzimmer, doch sie brauchten nur vier, Vielleicht noch weniger, denn eines der Mädchen würde möglicherweise heiraten.

»Möchtest du nicht zu uns ziehen, Grace?« fragte Divina, eine bildschöne Brasilianerin.

»Das könnte ich mir nicht leisten.«

»Wenn wir die Miete durch fünf teilen, müßtest du nur zweihundert Dollar bezahlen«, gab Brigitte zu bedenken, ein zweiundzwanzigjähriges Model aus Deutschland. »Das müßtest du doch hinkriegen.«

»Ja, wenn ich zu essen aufhöre«, seufzte Grace. Sollte sie ihr halbes Monatsgehalt für die Miete opfern? Es widerstrebte ihr, das Sparguthaben anzugreifen. Andererseits wäre es angenehm, in einer schönen Gegend zu wohnen, zusammen mit netten jungen Frauen. »Laßt mich darüber nachdenken.«

Lachend schaute eine der beiden Amerikanerinnen auf ihre Uhr. »Bis vier hast du Zeit, um dich zu entscheiden. Wir schauen uns das Haus noch mal an, und um halb fünf müssen wir dem Vermieter Bescheid geben. Kommst du mit?«

»Das würde ich gern tun, falls ich hier früher Schluß machen kann«, erklärte Grace. »Ich muß Cheryl fragen.« Bereitwillig gab ihr die Chefin frei. Sie war entsetzt gewesen, als sie erfuhr, in welchem Hotel ihre Empfangsdame wohnte, und hatte ihr vorgeschlagen, in ihr Haus am Lake Shore Drive zu ziehen, bis sie was Passendes finden würde. Aber dieses Angebot hatte Grace abgelehnt.

»Dem Himmel sei Dank!« rief Cheryl und schob sie praktisch zur Tür hinaus. Vielleicht würde sich Grace doch noch zu einer Modelkarriere entschließen, wenn sie mit den netten Mädchen zusammen wohnte. Diese Hoffnung hatte die Besitzerin der Agentur noch nicht aufgegeben, obwohl sie Graces unfehlbares Organisationstalent für ein Gottesgeschenk hielt.

Das Haus war spektakulär, mit fünf großen Schlafzimmern, drei Bädern, einer phantastischen Küche und einem Wohnzimmer mit Blick auf den See. Etwas Besseres konnten sich die Mädchen nicht wünschen, und so unterschrieben sie den Mietvertrag. Entzückt schaute sich Grace um und vermochte kaum zu fassen, daß sie hier wohnen Würde. Das Haus war nur teilweise eingerichtet, aber die Models versicherten ihr, sie würden genug Möbel besitzen. Grace müsse nur ein Bett und ein paar Sachen für ihr Schlafzimmer kaufen. Unglaublich…Sie hatte einen großartigen Job, ein wunderschönes Heim und neue Freundinnen. Während sie den See betrachtete, brannten Tränen in ihren Augen. Hastig floh sie in den Patio, denn die anderen sollten sie nicht weinen sehen.

Aber Marjorie, eine der beiden Amerikanerinnen, folgte ihr, weil sie Grace beobachtet hatte und sich Sorgen machte. Obwohl sie erst einundzwanzig Jahre alt war, war sie die Glucke der kleinen Schar. An diese Rolle hatte sie sich als das älteste von sieben Kindern gewöhnt. »Bist du okay?«

Grace seufzte und lächelte unter Tränen. »O Marjorie, es ist wie ein Traum.« Molly und David hatten recht behalten. Wenn sie stark war und lange genug durchhielt, würde sie die häßliche Vergangenheit begraben.

Vor ein paar Tagen hatte sie Luana und Sally eine Ansichtskarte geschickt und berichtet, sie würde sich in Chicago wohl fühlen. Vermutlich würden ihr die beiden nicht schreiben, aber sie sollten wissen, daß es ihr gut ging, da8 sie in einem sicheren Hafen gelandet war und ihre Freundinnen nicht vergessen hatte.

»Warum weinst du dann?« fragte Marjorie.

»Weil ich so glücklich bin«, erklärte Grace. .»Für mich ist ein Traum Wahrheit geworden.« Was ihr dieses neue Leben bedeutete und was sie erlitten hatte, würden ihre Mitbewohnerinnen niemals erfahren.

»Mir kommt’s auch wie ein Traum vor«, gestand Marjorie. »Meine Eltern waren schrecklich arm, und ich mußte meine einzigen guten Schuhe mit zwei Schwestern teilen. Die hatten kleinere Füße, und Mom kaufte immer Schuhe in ihrer Größe. In so einem Haus habe ich noch nie gelebt, aber jetzt kann ich’s mir leisten, dank Swanson’s.« Und dank ihrer Schönheit. Wenn ihr Vertrag auslief, wollte sie nach New York ziehen und später vielleicht in Paris arbeiten.

Die beiden Mädchen unterhielten sich noch eine Weile, dann kehrte Grace ins Hotel zurück und packte ihre Sachen. Es machte ihr nichts aus, auf dem Boden zu schlafen, bevor ihre Möbel geliefert wurden. In diesem schäbigen Hotel, wo sie dauernd Küchenschaben töten mußte und alte Männer husten hörte, wollte sie keine einzige Nacht mehr verbringen. Am nächsten Morgen zog sie aus. Auf dem Weg zur Arbeit brachte sie ihr Gepäck in ihr neues Heim, und in der Mittagspause ging sie zu John M. Smythe an der Michigan Avenue, um Möbel zu kaufen. Sie erstand sogar zwei kleine Gemälde. Am Samstag sollte alles geliefert werden, bis dahin würde sie auf dem Teppich schlafen.

Noch nie in ihrem Leben war sie glücklicher gewesen. Aber als sie sich am Freitag bei Louis Marquez meldete, machte es ihm wieder einmal großen Spaß, ihr Schwierigkeiten zu bereiten. »Sie sind ausgezogen!« Sobald sie sein Büro betrat, zeigte er anklagend mit dem Finger auf ihre Brust. Am Dienstag hatte er das Hotel aufgesucht und erfahren, sie habe ihr Zimmer am selben Morgen verlassen.

»Und? Wo liegt das Problem?«

»Darüber hätten Sie mich informieren müssen.«

»Wie meinen Bewährungsunterlagen zu entnehmen ist, muß ich mich nur alle fünf Tage bei Ihnen melden. Vor drei Tagen bin ich umgezogen, und jetzt bin ich hier.«

Natürlich wußte sie, daß er’s auf sie abgesehen hatte. Aber diesem Argument konnte er nicht widersprechen.

»Und wo wohnen Sie jetzt?« fauchte er.

»Wollen Sie mich etwa besuchen?« fragte sie sichtlich erschrocken, und er genoß ihr Unbehagen. Er genoß es in vollen Zügen, dieses Mädchen einzuschüchtern, das seine niedrigsten sexuellen Instinkte weckte.

»Vielleicht. Dazu bin ich berechtigt. Haben Sie etwas zu verbergen?«

»Ja — Sie!« Grace starrte ihn an und beobachtete, wie er bis zu den spärlichen Haarwurzeln errötete.

»Was heißt das?« Irritiert ließ er seinen Kugelschreiber fallen.

»Ich wohne mit vier Mädchen zusammen, und die brauchen nicht zu wissen, wo ich die letzten beiden Jahre verbracht habe.«

»Nämlich in Dwight — wegen Totschlags.« Endlich konnte er sie unter Druck setzen. Er mußte ihr nur androhen, er würde die Wahrheit verraten.

»Genau das meine ich.«

»Sicher würden sich die Mädchen für Ihre Vergangenheit interessieren. Was sind sie überhaupt? Vielleicht Callgirls?«

»Das würde Ihnen gefallen, nicht wahr?« Sie fürchtete sich nicht vor ihm. Aber er bereitete ihr einige Sorgen, und sie haßte ihn. »Sie sind Models.«

»Ja, das behaupten sie alle.«

»Sie stehen bei der Agentur unter Vertrag, für die ich arbeite.«

»Zu schade Jedenfalls brauche ich die Adresse. Oder soll ich Sie ins Dwight zurückschicken?«

»Großer Gott, Mr. Marquez …« Notgedrungen gab sie ihm die Information, die er verlangte, und er hob seine häßlichen dünnen Brauen.

»Lake Shore Drive? Wie wollen Sie das bezahlen?«

»Durch fünf geteilt, kostet mich die Miete zweihundert Dollar.« Das Geld, das sie von Frank Wills erhalten hatte, erwähnte sie nicht. Davon brauchte Louis Marquez nichts zu wissen. Und wenn sie sparsam lebte, konnte sie die Miete auch mit ihrem Gehalt bestreiten.

»Das muß ich mir mal ansehen.«

»Wollen wir einen Termin vereinbaren?« fragte sie hoffnungsvoll. Vielleicht konnte sie den unangenehmen Besuch in Abwesenheit ihrer Freundinnen hinter sich bringen, doch diesen Gefallen tat er ihr nicht.

»Nein, ich komme einfach mal vorbei.«

»Phantastisch! Würden Sie meinen Freundinnen verschweigen, wer Sie sind?« bat sie unglücklich.

»Was soll ich denn sagen?«

»Das ist mir egal. Daß Sie mir ein Auto verkaufen wollen. Oder irgendwas.«

»In Zukunft sollten Sie sich besser benehmen, Grace«, mahnte er. Was er damit ausdrücken wollte, mußte er nicht näher erklären. Wenn sie ihn ärgerte, würden ihre Mitbewohnerinnen erfahren, daß sie zwei Jahre im Gefängnis verbracht hatte. Obwohl er ihr nur symbolische Fesseln anlegte, erinnerte er sie an Brenda, und diesmal konnte Luana sie nicht retten.

7

Die Wohngemeinschaft funktionierte großartig. Niemals stritten sie über Rechnungen, alle bezahlten pünktlich die Miete. Sie kauften einander kleine Geschenke und teilten sich die Lebensmittel.

Jeden Tag fragte sich Grace, ob sie träumte oder dieses Glück tatsächlich wahr war. Die Mädchen wollten sie mit ihren Freunden bekanntmachen, aber das lehnte sie ab. Für Männer interessierte sie sich nicht, die würden ihr Leben nur komplizieren. Statt auszugehen, blieb sie lieber zu Hause, las ein Buch oder sah fern.

Die Freundinnen neckten sie anfangs wegen ihrer Häuslichkeit, dann vermuteten sie, sie würde ein Doppelleben führen. Zwei behaupteten sogar, sie sei mit einem verheirateten Mann liiert — vor allem, als sie dreimal pro Woche auszugehen begann. Unter der Woche ging sie direkt von der Arbeit zu ihrem geheimnisvollen Ziel, und manchmal kam sie erst nach Mitternacht nach Hause. Sie überlegte, ob sie ihren Mitbewohnerinnen die Wahrheit erzählen sollte, doch sie fand, es wäre besser, wenn sie weiterhin an den imaginären Liebhaber glaubten. Dann würden sie nicht mehr versuchen, ihr irgendwelche Bekanntschaften aufzudrängen.

In diesen geheimen Aktivitäten sah sie ihren Lebensinhalt. Sie glaubte, sie würde ihr Glück nur verdienen, wenn sie anderen Menschen half. Solche Pläne hatte sie bereits im Gefängnis geschmiedet, und es dauerte einen Monat, bis sie die richtige Stelle fand, wo sie als freiwillige Helferin ohne Bezahlung arbeiten konnte. Sie hatte ein TV-Special über das St. Mary’s gesehen, ein Krisenzentrum für Frauen und Kinder in einem alten Sandsteinhaus.

Bei ihrem ersten Besuch war sie über den Zustand der Räume entsetzt gewesen. Überall bröckelte der Putz von den Wänden, nackte Glühbirnen spendeten trübes Licht, schreiende Kinder rannten herum. Die meisten Frauen sahen elend aus, einige waren schwanger und alle verzweifelt. Und alle hatten das gleiche Schicksal erlitten: Sie waren mißbraucht worden und teilweise nur mit knapper Not dem Tod entronnen.

Nun wurden sie von Dr. Paul Weinberg betreut, einem jungen Psychologen, der das Krisenzentrum leitete und Grace an David Glass erinnerte. Nachdem sie im St. Mary’s zu arbeiten begonnen hatte, trauerte sie erneut um Molly. Wie gern hätte sie der Freundin von all den Problemen erzählt und sich von ihr beraten lassen… Außer den Freiwilligen waren nur wenige bezahlte Helfer im Frauenhaus beschäftigt, hauptsächlich Psychologiestudenten, die ein Praktikum absolvierten, und Krankenschwestern. Die Frauen und Kinder wohnten im St. Mary’s, und die meisten mußten ärztlich oder psychologisch behandelt werden, außerdem brauchten sie Kleider, doch in erster Linie liebevolle Zuwendung, eine Hand, an die sie sich klammern konnten, um aus ihrem Abgrund emporzutauchen.

Für Grace war es jedesmal beglückend, zu beobachten, wie eine arme Seele geheilt wurde. Indem sie anderen beistand, half sie sich selbst. Die drei Schichten, die sie allwöchentlich absolvierte, dauerten jeweils sieben Stunden, neben ihrem Job eine enorme Belastung. Aber wenn sie den bedauernswerten Menschen inneren Frieden schenkte, stärkte dies ihren eigenen. Viele Frauen und Kinder hatten das gleiche Leid erduldet wie sie selbst. Manchmal kümmerte sie sich um schwangere Vierzehnjährige, von Vätern, Brüdern und Onkeln vergewaltigt, um Siebenjährige mit glasigen Augen und um Frauen, die bezweifelten, daß sie sich jemals von ihren gewalttätigen Ehemännern befreien könnten. Einige waren schon in der Kindheit mißbraucht worden, und nun wurde bei ihren eigenen Kindern die grausige Tradition fortgesetzt, und die Mütter wußten nicht, wie sie aus dem Teufelskreis ausbrechen sollten. Das versuchten ihnen die mitfühlenden Helfer im St. Mary’s beizubringen.

Grace war unermüdlich. Am liebsten betreute sie die Kinder. Sie saßen auf ihrem Schoß, und sie erzählte selbsterfundene Geschichten oder las ihnen aus Büchern vor. Abends brachte sie ihre Schützlinge zum Arzt, der ihre Verletzungen inspizierte oder ihnen Injektionen verabreichte. Die Tätigkeit bereicherte Graces Leben, bedrückte sie aber auch, weil ihr dies alles so schrecklich vertraut war.

»Tag für Tag bricht’s einem das Herz, nicht wahr?« seufzte eine Krankenschwester in der Woche vor Weihnachten. Grace hatte soeben eine Zweijährige zu Bett gebracht, die von ihrem Vater mißhandelt worden war und schwere Gehirnschäden davongetragen hatte. Jetzt saß er im Gefängnis. Seltsam — ihr eigener Vater hatte sich fast genauso schlimm aufgeführt und war als Held gestorben.

»O ja. Aber die Kinder dürfen sich glücklich schätzen, weil sie hier sind. Ihre Qual hat ein Ende gefunden. Wenigstens vorerst …«

Bedauerlicherweise glaubten einige Frauen, sie müßten zu ihren brutalen Ehemännern zurückkehren, und nahmen die Kinder mit. Dann wurden sie erneut geschlagen oder auch getötet, und so manche seelische Wunden würden niemals heilen. Andere aber zogen die richtigen Lehren aus ihrem Leid und begannen ein neues Leben. Stundenlang sprach Grace mit ihnen über die diversen Möglichkeiten, über die Freiheit, die sie besaßen und die sie einfach nur nutzen mußten. Die meisten waren von wilder Panik und Schmerz geblendet. Vor zweieinhalb Jahren, in der Untersuchungshaft, hatte sie sich genauso gefühlt und war von Molly immer wieder ermutigt worden. In gewisser Weise arbeitete Grace auch ihr zuliebe im St. Mary’s, um ihr die Wohltaten zu vergelten.

»Wie läuft’s?« fragte Paul Weinberg eines späten Abends. Stundenlang hatte er gemeinsam mit Grace neue Hilfesuchende aufgenommen und sich ihre Leidensgeschichten angehört. Die meisten kamen nach Einbruch der Dunkelheit, übel zugerichtet und verängstigt.

»Nicht schlecht«, erwiderte sie lächelnd. Sie kannte ihn kaum, aber sie respektierte seine Arbeit. Vor kurzem war er mit zwei Frauen zum Krankenhaus gefahren, während sie deren acht Kinder betreut hatte. Jetzt lagen sie alle in ihren Betten. »Ein ereignisreicher Abend, nicht wahr?«

»Um die Weihnachtszeit ist immer viel los. Im Feiertagsstreß drehen viele Familienvater durch und verprügeln ihre Frauen und Kinder.«

»Lesen sie Vielleicht Zeitungsannoncen? ›Falls Sie Ihre Frau schlagen wollen, tun Sie’s jetzt. In sechs Tagen ist Weihnachten …‹« Trotz ihrer Müdigkeit war sie in guter Stimmung, weil sie ihre neue Tätigkeit liebte.

»So ähnlich.« Lächelnd schenkte er ihr eine Tasse Kaffee ein. »Haben Sie schon mal überlegt, ob Sie das hauptberuflich machen wollen, ich meine, als bezahlte Mitarbeiterin?«

»Eigentlich nicht«‘ antwortete sie wahrheitsgemäß und fühlte sich geschmeichelt. Während sie an ihrem dampfenden Kaffee nippte, musterte sie ihn. Wie David Glass hatte er dichtes Kraushaar und die gleichen freundlichen Augen. Aber er war größer und sah besser aus. »Früher hatte ich mal vor, Psychologie zu studieren, und jetzt weiß ich nicht mehr, ob ich dafür geschaffen bin. Wie auch immer, ich arbeite sehr gern in Ihrem Frauenhaus, und ich bin froh, wenn ich den armen Menschen helfen kann. Dafür muß ich nicht bezahlt werden.«

»Sie sind sehr tüchtig, Grace. Deshalb habe ich Ihnen diese Frage gestellt, und ich finde, Sie sollten wirklich über ein Psychologiestudiurn nachdenken.« Er war von ihr beeindruckt, und er mochte sie.

In dieser Nacht hatte sie bis zwei Uhr mit ihm zusammengearbeitet. Ein halbes Dutzend Frauen war mit mehreren Kindern ins Zentrum gekommen. Als Paul und Grace alle untergebracht hatten, erbot er sieh, sie nach Hause zu fahren, was sie gern annahm. Überrascht sah er, wo sie lebte. Die Leute, die am Lake Shore wohnten, pflegten nicht dreimal pro Woche im St. Mary’s zu arbeiten.

»Was für eine schicke Villa! Sind Sie eine reiche Erbin?«

Lachend schüttelte sie den Kopf. »Ich teile mir die Miete mit vier Freundinnen.« Wäre es nicht schon halb drei gewesen, hätte sie ihn zu einem Drink eingeladen. »Besuchen Sie mich, wenn Sie mal Zeit haben.« Sie war freundlich, aber er spürte, daß sie nicht mit ihm flirtete, sondern ihn eher wie einen großen Bruder behandelte, während er sich keineswegs nur platonisch für sie interessierte.

»Sehr gern. Sogar ich habe ab und zu ein bißchen Freizeit. Und was machen Sie, wenn Sie sich nicht um unglückliche Frauen und Kinder kümmern?« Obwohl sie zu dieser späten Stunde beide müde waren, wollte er mehr über sie wissen.

»Ich arbeite bei einer Modelagentur«, erklärte sie voller Stolz auf ihren Job.

»Sind Sie ein Model?« Das überraschte ihn angesichts ihrer Schönheit nicht, und er fand es nur erstaunlich, daß jemand, der in einer so glanzvollen Welt lebte, das Elend im St. Mary’s zu lindern suchte.

»Nein, ich arbeite im Büro, aber meine vier Mitbewohnerinnen sind Models. Wenn Sie mich besuchen, werden Sie die Mädchen kennenlernen.« Damit wollte sie ihm zu verstehen geben, daß er sie nicht interessierte — zumindest nicht als Mann.

Hatte sie einen Freund? Danach wollte er nicht fragen. »Ja, ich würde Sie gern mal besuchen.« In seiner Stimme schwang ein seltsamer Unterton mit.

Am Heiligen Abend übernahm sie eine Sonderschicht und beobachtete erstaunt, wie viele Frauen während dieser festlichen Stunden ins Krisenzentrum flüchteten. Unermüdlich arbeitete sie und kam erst gegen vier Uhr nachts nach Hause.

Obwohl sie nicht allzu lange geschlafen hatte, nahm sie am nächsten Tag an der alljährlichen Weihnachtsparty in den Räumen der Swanson’s-Agentur teil, wo sich sämtliche Mitarbeiter, Models und Fotografen einfanden. Zu ihrer eigenen Verblüffung amüsierte sie sich und war nur etwas beunruhigt, weil Bob mehrmals mit ihr tanzte und sie nach ihrer Ansicht etwas zu fest in den Arm nahm. Einmal glaubte sie seine Finger an ihrem Busen zu spüren, als er nach einer Platte mit Hors d’œuvres griff. Sicher war das nur ein Zufall gewesen, und er hatte es wohl gar nicht bemerkt.

Aber Marjorie, der stets beflissenen Glucke, war die kleine Szene nicht entgangen. Aufgrund eigener Erfahrungen kannte sie die kleinen Tricks des Chefs. »Hat sich Onkel Bobby für dich erwärmt?«

»Was soll das heißen?« fragte Grace veerirrt. »Er war nur freundlich. Immerhin ist Weihnachten.«

»Oh, du süße Unschuld!« stöhnte Marjorie. »Glaubst du das wirklich?«

»Sei nicht albern.« Grace konnte sich einfach nicht vorstellen, daß Bob seine Frau betrügen würde. Andererseits war er ständig diversen Versuchungen ausgesetzt.

»Wie naiv du bist!« mischte sich Divina ein. »Wenn du unseren Boss für einen treuen Ehemann hältst, irrst du dich ganz gewaltig. Bei der Party im Vorjahr lockte er mich in sein Büro, und ich brach mir fast das Knie an diesem verdammten Couchtisch, als ich den Kerl abwehrte. Jetzt hat er’s offenbar auf dich abgesehen.«

»O Scheiße!« Bestürzt starrte Grace ihre Freundinnen an. »Und ich dachte, ich hätte mir’s nur eingebildet.«

»Das dachte ich auch«, erklärte Marjorie lachend, »bis er mir die Kleider vom Leib reißen wollte.«

»Wie schrecklich… Wenn Cheryl das alles weiß…« Grace hatte nicht die Absicht, eine Affäre mit Bob Swanson anzufangen — auch mit keinem anderen Mann. Nicht jetzt. Vielleicht niemals.

Paul Weinberg rief sie an, um sie zum Dinner einzuladen, was sie ablehnte. Aber am Silvesterabend, als sie wieder im St. Mary’s arbeitete, bestand er darauf, daß sie sich wenigstens für zehn Minuten zu ihm setzte. »Warum gehen Sie mir aus dem Weg?« fragte er anklagend.

Da sie gerade in ihr Sandwich gebissen hatte, dauerte es eine Weile, bis sie antworten konnte. »Das tue ich doch gar nicht.«

»Doch. Sind Sie gebunden?«

»Ja«, erwiderte sie fröhlich, und er runzelte die Stirn: »Ans St. Mary’s, meinen Job, meine Freundinnen, und das genügt mir vollauf. Ich komme kaum noch dazu, Zeitungen oder ein Buch zu lesen und ins Kino zu gehen. Trotzdem gefällt mir dieses Leben.«

»Vielleicht sollten Sie sich mal Urlaub vom St. Mary’s nehmen«, meinte er und lächelte erleichtert, weil sie keinen Freund erwähnt hatte. Er fand sie wundervoll und wollte sie näher kennenlernen, denn eine solche Frau hatte er in seinem zweiunddreißigjährigen Leben noch nicht getroffen. Leidenschaftlich engagierte sie sich für die armen Frauen und Kinder, war klug und humorvoll, aber auch scheu und distanziert. In gewisser Hinsicht wirkte sie altmodisch, und gerade das schien ihm sympathisch. »Sie müßten sich wenigstens mal einen Film anschauen.« Auch ihm fehlte seit Monaten die Zeit für einen Kinobesuch. Eine Zeitlang war er mit einer Krankenschwester ausgegangen, doch das hatte nicht funktioniert. Und nun interessierte er sich für Grace.

»Vielen Dank, ich brauche keinen Urlaub. Ich bin sehr gern hier.« Lächelnd verspeiste sie den letzten Bissen ihres Sandwiches.

»Sogar heute? Was machen Sie am Silvesterabend in unserem Frauenhaus?«

»Dieselbe Frage könnte ich Ihnen stellen.«

»Ich arbeite hier.«

»Genau wie ich, Paul, ich werde nur nicht bezahlt.«

»Ich glaube immer noch, Sie sollten das hauptberuflich machen …« Ehe er weitersprechen konnte, wurden sie in verschiedene Räume gerufen, wo Probleme aufgetaucht waren.

Auch diesmal arbeitete Grace bis in die späte Nacht hinein, und sie sah Paul Weinberg erst am nächsten Donnerstag wieder. Er erbot sich erneut, sie nach Hause zu fahren. Aber sie nahm ein Taxi, weil sie ihn nicht ermutigen wollte; am Sonntag lauerte er ihr im St. Mary’s auf. »Gehen Sie mit mir zum Lunch?«

»Jetzt?« fragte sie erstaunt. Sie mußten mit vier Neuankömmlingen reden.

»Wann immer Sie wollen. Ich würde Sie so gern einmal privat sehen.« In diesem Augenblick glich er einem verlegenen kleinen Jungen.

»Warum?« Das Wort war ihr einfach herausgerutscht, und er mußte lachen.

»Machen Sie Witze? Haben Sie in dieser Woche schon mal in den Spiegel geschaut? Außerdem sind Sie intelligent und witzig, und ich möchte gern etwas mehr über Sie erfahren.«

»Da gibt’s nicht viel. Eigentlich bin ich furchtbar langweilig.«

»Versuchen Sie mich abzuwimmeln?«

»Vielleicht. Ich gehe niemals mit Männern aus.«

»Arbeiten Sie nur?« Belustigt hob er die Brauen, und sie nickte. »Großartig! Dann müßten wir gut miteinander auskommen, denn auch ich habe nur meine Arbeit im Kopf. Aber ab und zu braucht man eine kleine Abwechslung.«

»Wieso? Wenn wir uns im Frauenhaus wohl fühlen…« Plötzlich wirkte sie reserviert und ein bißchen ängstlich, was ihn verblüffte.

»Um Himmels willen, gehen Sie doch mit mir zum Lunch! Versuchen Sie’s mal! Sogar Sie müssen essen. Treffen wir uns, wo Sie wollen.«

Wie sollte sie ihm erklären, daß sie ihn zwar mochte, aber eine engere Beziehung scheute? Schließlich verabredeten sie sich für den nächsten Samstag, gingen ins La Scala und bestellten Pasta.

»Also, raus mit der Sprache! Was hat Sie zu unserem Zentrum geführt?« »Der Bus«, erwiderte sie lächelnd und sah wie ein mutwilliges Kind aus.

»Sehr komisch… wie alt sind Sie eigentlich?« Er hielt sie für fünf- oder sechsundzwanzig, weil sie eine erstaunliche Reife bewies, wenn sie sich um die mißhandelten Frauen und Kinder kümmerte.

»Zwanzig«, verkündete sie voller Stolz, als wäre das eine besondere Leistung, und Paul verdrehte die Augen. Das erklärte vieles, zumindest glaubte er das. »Nächsten Sommer werde ich einundzwanzig.«

»Großartig! Jetzt komme ich mir wie ein Kindesentführer vor. Im August werde ich dreiunddreißig.«

»Sie erinnern mich an einen Freund, einen Anwalt, der jetzt in Kalifornien lebt.«

»Lieben Sie ihn?« fragte er wehmütig, denn für ihre extreme Zurückhaltung mußte es irgendeinen Grund geben. Teilweise hing ihr distanziertes Benehmen vermutlich mit ihrer Jugend zusammen, aber sicher steckte noch mehr dahinter.

»Nein, er ist verheiratet und Vater eines kleinen Sohnes.«

»Und wer ist der Glückliche, dem Ihr Herz gehört?«

»Ich sagte doch, in meinem Leben gibt’s keinen Mann.«

»Mögen Sie Männer?« Die Frage klang etwas seltsam, aber er mußte sie stellen.

»Das weiß ich nicht«, antwortete sie wahrheitsgemäß. »Ich bin noch nie mit einem Mann ausgegangen.«

»Kein einziges Mal?« Ungläubig starrte er sie an.

»Noch nie.«

»Obwohl Sie schon zwanzig sind? Ein sonderbarer Rekord.« Und eine Herausforderung. »Gibt’s dafür einen bestimmten Grund?« Inzwischen waren die Spaghetti serviert worden, die sie genüßlich verspeisten.

»Oh, ein paar Gründe. Um den wichtigsten zu nennen — ich will’s nicht.«

»Grace, das ist verrückt.«

»Tatsächlich?« entgegnete sie zögernd. »Vielleicht ist das die Lebensart, die zu mir paßt. Kein anderer kann entscheiden, was für mich richtig ist.«

Er musterte sie aufmerksam, und in diesem Augenblick erkannte er, welch ein Narr er gewesen war. Natürlich — sie arbeitete im St. Mary’s, um Menschen zu helfen, die ein ähnliches Schicksal erlitten hatten wie sie selbst. »Haben Sie schlimme Erfahrungen gemacht?« fragte er sanft. Sie vertraute ihm, aber nur bis zu einem gewissen Grad. Alle ihre Geheimnisse würde sie nicht verraten.

»So könnte man’s nennen. Aber es war nicht schlimmer als das gräßliche Leid, das ich Tag für Tag im Frauenhaus beobachte.«

»Waren Sie in psychotherapeutischer Behandlung?«

»Ja, eine Psychiaterin hat mich betreut. Wir waren eng befreundet, und im letzten Sommer ist sie tödlich verunglückt.«

Sein Herz flog ihr entgegen, von heißem Mitgefühl erfüllt. Wie einsam sie aussah… »Und Ihre Familie? Konnte sie Ihnen nicht beistehen?«

Er wollte ihr helfen, das wußte sie, aber nur die Zeit konnte solche Wunden heilen. Außerdem mußte sie sich selbst helfen. »Ich habe keine Familie mehr — nur Freundinnen, einen wunderbaren Job und die netten Leute in St. Mary’s.«

»Wenn ich irgendwas für Sie tun kann …«

Doch die Therapie, an die er dachte, erschreckte sie zu sehr. Er wollte die Beziehung vertiefen, und dazu war sie nicht bereit.

»Sobald ich Hilfe brauche, werde ich mich bei Ihnen melden.« Sie lächelte ihn an. Dann bestellten sie Kaffee.

Sie verbrachten einen angenehmen Nachmittag, wanderten um den See herum und sprachen über viele Dinge. Wie er inzwischen wußte, durfte er ihr nicht zu nahe treten, denn das würde ihre Seele gefährden. Allein schon die Erkenntnis, daß sie ihn interessierte, hatte sie veranlaßt, noch größere Distanz zu wahren.

»Grace, ich würde Ihnen niemals weh tun«, versicherte er, als sein Auto vor ihrem Haus hielt. »Ich möchte nur für Sie dasein, wann immer Sie einen Freund brauchen. Wenn ich Ihnen etwas mehr bedeuten könnte, hätte ich nichts dagegen einzuwenden«, fügte er lächelnd hinzu. »Aber ich will Sie nicht bedrängen.«

»Danke. Das waren wunderbare Stunden.«

Danach gingen sie öfter miteinander essen. Er gab die Hoffnung noch nicht auf, und sie genoß seine Gesellschaft, doch sie brachte ihm nur freundschaftliche Gefühle entgegen. In gewisser Weise nahm er Davids Platz in ihrem Leben ein.

Bis zum Frühling gab es keine Probleme, doch dann wurde sie wieder von Louis Marquez belästigt. Er hatte sich von einer Freundin getrennt, und nun brauchte er jemanden, den er quälen konnte. Immer wieder tauchte er vor Graces Haustür auf, und die anderen Mädchen neckten sie seinetwegen. Er erklärte ihnen nicht, wer er war. Notgedrungen behauptete sie, er sei ein Freund ihres Vaters gewesen.

Bei jedem Besuch bestürmte er die Models mit Fragen. Nahmen Sie Drogen? Waren sie mit ihrem Job zufrieden? Kannten sie viele Männer? Einmal bat er Brigitte sogar um ein Rendezvous, und Grace machte ihm heftige Vorwürfe, als sie sich das nächste Mal in seinem Büro meldete.

»Warum tun Sie mir das an? Sie haben kein Recht, meine Freundinnen zu nerven.«

»Ich kann nerven, wen ich will. Außerdem hat sie mit mir geflirtet. Was solche Mädchen wollen, weiß ich sehr gut. Machen Sie sich nichts vor, Schätzchen, Brigitte ist keine Jungfrau mehr.«

»Und blind ist sie auch nicht«, fauchte Grace.

»Seien Sie froh, daß ich den Mädchen noch nichts von Ihrer Gefängnisstrafe erzählt habe!«

»Wenn Sie das tun, werde ich mich über Sie beschweren — und Sie verklagen, wegen Rufmord.«

»Den Teufel werden Sie …«

Natürlich wußte sie, daß sie ihn nicht vor Gericht bringen konnte, aber irgendwie mußte sie sich gegen ihn wehren. Wenigstens erzielte sie mit ihrer Drohung einen gewissen Erfolg, und er kam nicht mehr so oft in ihr Haus.

Im Mai flog Brigitte für drei Monate nach Tokio, wo sie mehrere Werbespots drehte. Während dieser Zeit wohnte ein anderes Model in ihrem Zimmer, die neunzehnjährige Mireille aus Nizza, die für den amerikanischen Lebensstil schwärmte. Sie mochte Popcorn und Hotdogs und amerikanische Jungs, und jeden Abend ging sie aus. So blieben Divina, Marjorie, Allyson und Grace unter sich, wenn sie nicht beschäftigt waren.

Um den 4. Juli zu feiern, gaben die Swansons eine Party in ihrem Landhaus in Barrington Hills. Alle Models fuhren hinaus, und Grace nahm Paul mit, der die hübschen Mädchen fasziniert anstarrte. Auf dem Heimweg erklärten ihre Mitbewohnerinnen, sie würden ihn sehr nett finden, und wollten wissen, ob er der Mann sei, den sie dreimal pro Woche traf.

»Mehr oder weniger«, antwortete sie ausweichend, und ihre Freundinnen lachten.

Wenig später, an Graces einundzwanzigstem Geburtstag, gaben sie eine Party. Alle Mitarbeiter von der Swanson’s-Agentur wurden eingeladen — und Paul natürlich auch. Nachdem die anderen Gäste gegangen waren, saß sie mit den Mädchen und Paul im Patio.

Welch eine erstaunliche Wendung hatte ihr Leben in diesem vergangenen Jahr genommen… ihre letzten zwei Geburtstage hatte sie im Gefängnis verbracht, und jetzt arbeitete sie für eine Modelagentur und bewohnte zusammen mit ihren Freundinnen ein wunderschönes Haus.

Als sie sich ihr unverhofftes Glück vor Augen führte, mußte sie an Luana und Sally denken. Traurig gab sie ihrer schwarzen Beschützerin recht — die beiden Frauen waren nur mehr geisterhafte Erinnerungen, die sie hin und wieder hervorholte, für flüchtige Augenblicke. So wie David waren sie aus ihrem Leben verschwunden, für immer. Seit sein Sohn im März zur Welt gekommen war, hatte sie nichts mehr von ihm gehört. Und da Luana und Sally ihre Briefe nicht beantworteten, hatte sie aufgehört, ihnen zu schreiben.

Sie blickte zum Nachthimmel hinauf und sah eine Sternschnuppe. Rasch schloß sie die Augen, dachte intensiv an Sally und Luana und David, und dann wünschte sie, eines Tages würde die Vergangenheit endgültig hinter ihr liegen. Vorerst war sie immer noch dem Bewährungshelfer ausgeliefert, der unentwegt drohte, ihr dunkles Geheimnis zu verraten. Wann würde sie endlich frei sein, zum erstenmal in ihrem Leben, ohne irgend jemanden fürchten zu müssen?

»Was haben Sie sich gewünscht?« fragte Paul, der sie beobachtete. In den letzten Monaten hatte er nicht mehr versucht, ihr näherzukommen, seine Hoffnungen aber noch nicht begraben. Beim Anblick der Sternschnuppe hatte er sich gewünscht, Grace würde seine Gefühle erwidern.

»Oh, ich dachte nur an alte Freundinnen.« Traurig lächelte sie ihn an. »Und ich habe mir eine Zukunft ausgemalt, in der die schlimmen Zeiten nur mehr ferne Erinnerungen sind.«

»Sie sind noch nicht verschwunden?« Wie weit ihre bösen Erfahrungen zurücklagen, wußte er nicht. Das hatte Sie ihm nie erzählt, und er wollte sie nicht danach fragen.

»Fast.« Sie war dankbar für seine Freundschaft. »Nur fast… Vielleicht ist’s nächstes Jahr soweit.«

8

Beharrlich versuchten die Swansons, Grace für eine Modelkarriere zu begeistern, doch statt dessen wurde sie Cheryls Sekretärin und bekam eine Gehaltserhöhung. Und bald behauptete das Ehepaar, im Grunde würde Grace den Betrieb leiten. Sie hatte sämtliche Models kennengelernt, die bei der Agentur unter Vertrag standen, auch die männlichen, und alle mochten sie.

Inzwischen war Brigitte aus Tokio zurückgekehrt, zog aber nicht mehr ins Haus am Lake Shore Drive, sondern zu einem Fotografen, und Allyson flog nach Hollywood, um eine Filmrolle zu übernehmen. Divina arbeitete als Model in Paris. Nur Grace, Marjorie und Mireille blieben zurück, die bereits angekündigt hatte, sie würde gemeinsam mit ihrem neuen Freund ein Apartment mieten. Zwei andere Mädchen quartierten sich im Haus ein, und zu Weihnachten gab Marjorie ihre Verlobung bekannt. Es fiel Grace nicht schwer, neue Mitbewohnerinnen zu finden, denn immer wieder kamen angehende Models nach Chicago, die eine Unterkunft brauchten.

Louis Marquez besuchte Grace regelmäßig, und alle paar Wochen zwang er sie zu einem Drogentest. Zu seiner Enttäuschung war sie jedesmal clean. Aus reiner Bosheit hätter er sie gern ins Gefängnis zurückgeschickt.

»Was für ein mieser kleiner Scheißkerl!« flüsterte Marjorie, als er nach Weihnachten auftauchte, um sich über die neuen Wohngenossinnen zu informieren. »Dein Vater hat seltsame Freunde.« Während er vorgab, den Aschenbescher zu ergreifen, tätschelte er ihr Hinterteil, und sie schlug seine Hand erbost wegt. Er stank nach Zigaretten und Schweiß und widerte sie an. »Warum sagst du ihm nicht, er soll abhauen?« fragte sie schaudernd, nachdem er gegangen war.

Nicht hätte Grace lieber getan. Aber sie mußte sich noch neuen Monate gedulden. Dann würde die Bewährungsfrist endlich ablaufen.

Im März wurde sie von den Swansons zu einer Reise nach New York eingeladen, die sie ablehnen mußte. Sie fragte ihren Bewährungshelfter, ob sie den Statt verlassen dürfe, doch das erlaubte er natürlich nicht, und so erklärte sie den Swansons, sie habe andere Verpflichtungen. Sie arbeitete immer noch dreimal wöchentlich im St. Mary’s. Inzwischen hatte Paul Weinberg die Hoffnung aufgegeben, ihr Herz zu erobergn, und sich in eine Krankenschwester verliebt.

Cheryl versuchte hin und wieder, ihre Sekretägin mit netten Männern zu verkuppeln, aber Grace zeigte kein Interesse. Sie war immer noch verängstigt, denn jedesmal, wenn sie mit einem Mann ausging, erinnerte sie sich an die Qualen, die ihr ihr Vater zugefügt hatte.

Daran änderte sich nicht — bis zu jenem Junitag, als der Fotogram Marcus Anders ins Büro kam, um Cheryl zu besuchen. Mit seinem blonden Haar, den Sommersprossen und dem jungenhaften Lächelen war er der attraktiste Mann, den Grace je gesehen hatte, und zunächst hielt sie ihn für ein Model.

Er war soeben aus Detroit eingetroffen und hatte eine imposante Aktentasche dabei. Seit einiger Zeit arbeitete er erfolgreich in der Werbung, und nun strebte er die absolute Spitze an, in New York oder L. A., doch er hatte klugerweise beschlossen, diesen Weg etappenweise zu gehen. Er war cool, clever und humorvoll. Nach seinem Gespräch mit Cheryl fragte er Grace, wo er ein Apartment finden könne. Sie empfahl ihm ein paar Immobilienagenturen und machte ihn mit einigen Models bekannt, aber die schienen ihn nicht sonderlich zu interessieren, denn er hatte jeden Tag mit Models zu tun.

Um so größeren Gefallen fand er an Grace, und er fragte, ob er sie fotografieren dürfe, nur so zum Spaß. Lachend schüttelte sie den Kopf. Solche Vorschläge hatte man ihr schon öfter gemacht.

»Nein, danke, ich halte mich lieber von der Kamera fern.«

»Warum? Müssen Sie sich verstecken? Werden Sie von der Polizei gesucht?«

»Klar, vom FBI.« Sie plauderte gern mit ihm, ließ sich aber nicht umstimmen. Immer wieder beobachtete sie, wie die Fotografen ihre Kameras benutzten, um schöne Frauen zu umgarnen. »Es wäre furchtbar, wenn plötzlich Fotos von mir auftauchen würden.«

»Kluges Mädchen …« Lächelnd saß er ihr am Schreibtisch gegenüber, in einem wuchtigen schwarzen Ledersessel. »Aber Sie wären unglaublich fotogen mit Ihren fabelhaften Wangenknochen und Ihren wunderbaren Augen.« Er musterte sie etwas genauer, und da entdeckte er noch mehr in ihrem Blick, als er vermutet hatte — eine seltsame Trauer, einen alten Schmerz, den sie vor der Welt verbarg. Nicht vor ihm. Sie wandte sich ab, zuckte betont gleichmütig die Achseln und spürte, daß er ihr zu nahe kam. »Wollen wir’s nicht versuchen und sehen, was dabei herauskommt? Sie würden all die Models mühelos übertrumpfen.« Er wußte, wovon er sprach, denn seit Jahren hatte er eine Liebesaffäre mit seiner Kamera.

»Nein, ich möchte den Mädchen keine Angst einjagen«, scherzte sie und schaute ihn wieder an. Sie trug einen engen schwarzen Rock und einen schwarzen Pullover. Während