/ Language: Deutsch / Genre:det_police / Series: Inspector Lynley (de)

Doch die Sünde ist scharlachrot

Elizabeth George

Es ist Ende April. Durch das wechselhafte Frühlingswetter wandert ein Mann die Küste Corn-walls entlang. Seit Wochen hat er nicht mehr in einem Bett geschlafen, sich gewaschen, sich rasiert. Als er über der Klippe bei Polcare Cove innehält, bleibt sein Blick an etwas Rotem hängen.In der Tiefe liegt ein zerschmetterter Körper. Was zunächst wie ein Unfall aussieht entpuppt sich als Sabotageakt und Mord, und dieörtliche Ermittlerin Bea Hannaford steht schon bald einem ganzen Dutzend Verdächtigengegenüber. Darunter auch der Wanderer, der von sich behauptet, Thomas Lynley zuheißen - doch ausweisen kann er sich nicht. Als Hannaford bei New Scotland YardInformationen einfordert, bekommt sie seine Dienstmarke übermittelt, die keineswegsvernichtet wurde, als Lynley nach dem tragischen Tod seiner Frau den Dienst quittierthatte. Hannaford bezieht den Detective Superintendent, der er nicht mehr zu sein behauptet, inihre Ermittlungen ein. Und tatsächlich hat Lynley bereits einen ersten Verdacht. Nur einePerson, weiß er, kann ihm auf unbürokratischem Weg mehr Informationen beschaffen.Und er ruft Barbara Havers an …

Elizabeth George

Doch die Sünde ist Scharlachrot

Zum Gedenken an Stephen Lawrence, der am 22. April 1993 in Eltham, South-East London, ermordet wurde. Die Täter - fünf Männer - wurden bis zum heutigen Tage nicht verurteilt.

Wenn du wirklich mein Vater bist, Dann hast du dein Schwert mit dem Blut deines Sohnes befleckt. Und das hast du nur deinem Starrsinn zu verdanken. Denn ich habe versucht, in dir die Liebe zu wecken.

aus demSchāhnāme

1

Er fand die Leiche am dreiundvierzigsten Tag seiner Wanderung. Der April neigte sich bereits dem Ende zu, auch wenn der Mann sich dessen kaum bewusst war. Wäre er in der Lage gewesen, seine Umgebung wahrzunehmen, hätte die Flora entlang der Küste ihm einen unschwer zu deutenden Hinweis auf die Jahreszeit gegeben. Bei seinem Aufbruch war das einzige Anzeichen wiedererwachenden Lebens der gelbe Schleier der Ginsterknospen gewesen, die sporadisch oben auf den Klippen sprossen. Inzwischen hatte sich dort ein wahres Farbenmeer ausgebreitet, und hier und da rankte Angelika um die geraden Stämme der Hecken. Nicht mehr lange, und auch der Fingerhut würde die Straßenränder säumen und Breitwegerich seine feurigen Köpfe aus den Bruchsteinmauern recken, die in diesem Teil der Welt die Felder begrenzten. Doch so weit war es noch nicht, und all diese Tage, die sich zu Wochen aufgereiht hatten, war er in dem Bemühen gewandert, nicht vorauszublicken, geschweige denn an die Vergangenheit zu denken.

Er trug praktisch nichts bei sich, lediglich einen uralten Schlafsack, einen Rucksack mit ein wenig Proviant, den er aufstockte, wenn er gerade einmal daran dachte, und eine Flasche, die er morgens mit Wasser füllte, falls in der Nähe seines Schlafplatzes welches zu finden war. Alles Übrige trug er am Leib: eine wetterfeste Jacke, eine Kappe, ein kariertes Hemd, eine Hose. Stiefel, Socken, Unterwäsche. Er war völlig unvorbereitet zu dieser Wanderung aufgebrochen, und das war ihm gleichgültig gewesen. Er hatte nur eines gewusst: Er konnte lediglich auf Wanderschaft gehen oder aber zu Hause bleiben und schlafen, und wäre er zu Hause geblieben, hatte er erkannt, dann hätte er irgendwann nicht mehr den Willen aufgebracht, wieder aufzuwachen.

Also wanderte er. Er hatte keine Alternative gesehen. Er hatte die steilen Aufstiege zu den Klippen bewältigt, während der Wind und die scharfe, salzige Luft ihm ins Gesicht peitschten. Dann wieder war er über Strände gelaufen, wo bei Ebbe Felsen aus dem nassen Sand ragten. Er war außer Atem geraten, der Regen hatte seine Hosenbeine durchweicht, spitze Steine hatten sich in seine Schuhsohlen gebohrt, und all dies hatte ihn daran gemahnt, dass er lebte und weiterleben sollte.

So hatte er also mit dem Schicksal eine Wette abgeschlossen. Falls er die Wanderung überlebte, dann sollte es wohl so sein. Falls nicht, lag sein Ende in der Hand der Götter. Ja: Götter, entschied er. Er konnte sich einfach nicht vorstellen, dass es da draußen nur ein einziges übergeordnetes Wesen geben sollte, das auf eine göttliche Tastatur einhämmerte, hier etwas einfügte oder dort etwas für immer löschte.

Seine Familie hatte ihn gebeten, nicht zu gehen. Sie hatten gesehen, in welchem Zustand er sich befand. Doch wie in so vielen Familien seines Standes hatte dies niemand offen ausgesprochen. Seine Mutter hatte lediglich gesagt: »Bitte, tu es nicht, Liebling.« Und sein Bruder hatte ihn gebeten: »Lass mich mitkommen«, das Gesicht bleich, und wie immer hing die Drohung eines neuerlichen Rückfalls über ihm und über ihnen allen. Seine Schwester hatte den Arm um ihn gelegt und gemurmelt: »Irgendwann kommt man darüber hinweg, du wirst sehen.« Aber keiner von ihnen hatte ihren Namen ausgesprochen oder das Wort, das schreckliche, definitive, endgültige Wort.

Und er selbst sprach es ebenso wenig aus. Er hatte überhaupt nichts gesagt, nur dass er auf Wanderschaft gehen müsse.

Der dreiundvierzigste Tag war genauso verlaufen wie die zweiundvierzig zuvor. Er war an der Stelle aufgewacht, wo er sich am Vorabend hatte hinfallen lassen - ohne die geringste Ahnung, wo er sich befand. Er wusste nur, dass er dem Küstenwanderweg folgte. Er hatte sich aus dem Schlafsack geschält, Jacke und Stiefel angezogen, den Rest seines Wassers getrunken und war wieder losgelaufen. Das Wetter, das schon den ganzen Tag über launisch gewesen war, verschlechterte sich am frühen Nachmittag. Blauschwarze Wolken jagten über den Himmel. Immer höher türmte der Wind sie auf, zog sie zu einem Sturm zusammen. Es schien, als hielte ein riesiger Schild sie davon ab, sich zu zerstreuen.

Gegen den Wind kämpfte er sich die Klippe hinauf. Unter ihm lag die schmale Bucht, wo er vielleicht eine Stunde gerastet und die Wellen betrachtet hatte, die mit ungeheuerlicher Wucht gegen die steil aufragenden Schieferfelsen brandeten. Dann hatte die Flut eingesetzt, und er hatte zugesehen, dass er wieder nach oben kam, um Schutz vor dem Wetter zu suchen.

Als er die Klippe fast erklommen hatte, musste er sich hinsetzen. Er war außer Atem. Es war verwunderlich, dass die wochenlange Wanderung ihm inzwischen nicht genügend Ausdauer für die vielen Kletterpartien entlang der Küste verliehen hatte. Er hielt inne, um wieder zu Atem zu kommen, verspürte ein Ziehen, das er als Hunger identifizierte, und nutzte die Pause, um das letzte Stück der getrockneten Wurst zu verzehren, die er erstanden hatte, als er vor unbestimmter Zeit an einem Weiler vorübergekommen war. Dann stellte er fest, dass er auch durstig war, und stand auf, um sich nach irgendeiner Form menschlicher Behausung umzusehen: Dorf, Fischerhütte, Ferienhaus oder Farm.

Doch es gab nichts dergleichen. Aber der Durst tat gut, dachte er resigniert. Der Durst war genau wie die spitzen Steine, die er durch die Schuhsohlen hindurch spürte, wie der Wind, wie der Regen. All das erinnerte ihn an die Dinge, an die er sich erinnern musste.

Er wandte sich wieder der See zu und entdeckte einen einsamen Surfer jenseits der Linie, wo die Wellen sich brachen. Er hätte nicht sagen können, ob es ein Mann oder eine Frau war, denn die Gestalt war von Kopf bis Fuß in schwarzes Neopren gehüllt - zu dieser Jahreszeit die einzige Möglichkeit, den eiskalten Temperaturen zu trotzen. Vom Surfen verstand er nichts, doch er erkannte in der Gestalt dort auf dem Wasser einen Seelenverwandten, einen Zönobiten. Es hatte nichts mit religiöser Einkehr zu tun, doch waren sie beide allein an einem Ort, wo sie nicht allein sein sollten. Außerdem hatten sie beide sich hier draußen einem Wetter ausgesetzt, das ihrem Unterfangen unangemessen war. Der Regen - und es bestand kein Zweifel daran, dass es bald anfangen würde zu regnen - würde den Wanderweg entlang der Küste gefährlich aufweichen. Und auch der Surfer hätte sich angesichts der freiliegenden Riffs die Frage stellen müssen, wieso er sich dort draußen überhaupt herumtrieb.

Doch der Wanderer hatte wenig Interesse daran, die Antwort auf diese Frage zu finden. Nachdem er sein karges Mahl beendet hatte, nahm er seinen Weg wieder auf. Hier waren die Klippen bröckelig, ganz anders als dort, wo er seinen Weg begonnen hatte. Dort hatten sie großteils aus Granit bestanden, aus Eruptivgestein, das vulkanische Kräfte zwischen Lava, Kalkstein und Schiefer emporgepresst hatten. Und obwohl Zeit, Wetter und die rastlose See daran nagten, waren die Klippen massiv, sodass ein Wanderer sich bis an die Kante wagen konnte, um übers Wasser zu blicken oder die Möwen zu beobachten, die Landeplätze in den Felsspalten suchten. Hier jedoch bestanden sie aus Weichgestein: Schiefer und Sandstein, und am Fuß der Klippen häuften sich die Gesteinsbrocken, die immer wieder von den Kanten brachen. Wenn man sich zu nah an den Rand wagte, riskierte man abzustürzen; und womöglich riskierte man sogar den Tod.

Schließlich erreichte er den Punkt, wo sich entlang der Klippe eine Ebene von gut einhundert Metern erstreckte. Ein Pfad führte weg von der See, war an einer Seite von Ginster und Grasnelken begrenzt, an der anderen von einem Zaun, der eine Weide einfriedete. Der Wanderer stemmte sich gegen den Wind und ging weiter. Seine Kehle war inzwischen völlig ausgetrocknet, und hinter den Augen hämmerte ein dumpfer Kopfschmerz. Als er das Ende des Plateaus erreichte, überkam ihn heftiger Schwindel. Wassermangel, dachte er. Er würde nicht mehr allzu weit gehen können, ohne etwas dagegen zu tun.

Ein Zauntritt markierte den Übergang zur Weide. Er setzte an hin- überzuklettern, musste jedoch innehalten, bis die Welt für einen Moment aufhörte, sich zu drehen - gerade lange genug, dass er den Abstieg zur nächsten Bucht finden konnte. Er hätte nicht zu sagen vermocht, wie viele solcher Buchten er auf seiner Wanderung bereits passiert hatte. Und er hatte auch keine Ahnung, wie diese oder die anderen zuvor hießen.

Als der Schwindel nachließ, hob er den Blick und entdeckte ein einsames Cottage am Rand der Wiese, die sich vor ihm erstreckte. Es stand keine zweihundert Meter von der Klippe entfernt am Ufer eines mäandrierenden Baches. Und es verhieß Trinkwasser.

Noch während er den Zauntritt überwand, trafen ihn die ersten Regentropfen, und er schlüpfte aus den Gurten des Rucksacks und fischte seine Kappe hervor. Er zog sie tief in die Stirn - eine alte Baseballmütze seines Bruders mit der Aufschrift >Mariners< -, als er aus dem Augenwinkel etwas Rotes aufblitzen sah. Er sah genauer hin und entdeckte am Fuß der Klippe, die die jenseitige Begrenzung der Bucht unter ihm bildete, einen roten Farbklecks auf einem breiten Schieferblock, dem landseitigen Ende eines Riffs, das sich ins Meer hinaus erstreckte.

Konzentriert musterte er den roten Fleck. Aus dieser Entfernung hätte von Abfall bis Lumpen alles dahinterstecken können, aber er wusste intuitiv, dass es sich um etwas anderes handelte. Denn auch wenn es eine undefinierbare Masse bildete, sah ein Teil davon aus wie ein ausgestreckter Arm, der sich nach einem unsichtbaren Wohltäter reckte - einem Wohltäter, der nicht da war und auch nie mehr kommen würde.

Er ließ eine volle Minute verstreichen, zählte einzeln die Sekunden. Vergebens wartete er darauf, dass die Gestalt sich rührte. Dann machte er sich an den Abstieg.

Ein leichter Regen fiel, als Daidre Trahair in den holprigen Weg nach Polcare Cove einbog. Sie schaltete die Scheibenwischer ein. Sie würde alsbald die Wischblätter ersetzen lassen müssen, selbst wenn der Frühling bald in den Sommer überging und Scheibenwischer dann überflüssig würden. Der April war bislang so unbeständig gewesen, wie sein Ruf besagte, und auch wenn der Mai in Cornwall oft sonnig war, konnte der Juni ein meteorologischer Albtraum sein. Daidre überlegte, wo sie sich neue Wischblätter würde besorgen können. So musste sie nicht darüber nachdenken, dass sie hier, am Ende ihrer Reise gen Süden, rein gar nichts fühlte: weder Entsetzen noch Verwirrung, Wut, Unmut oder Mitgefühl - und nicht einen Funken Trauer. Letzteres machte ihr inzwischen nicht einmal mehr Sorgen. Wer könnte ernstlich erwarten, dass sie Trauer empfand? Aber der Rest … So gänzlich emotionslos zu sein - wo doch wenigstens ein Mindestmaß an Gefühl angemessen gewesen wäre -, gab ihr zu denken. Zum einen erinnerte es sie an das, was sie zu oft von zu vielen Liebhabern gehört hatte. Zum anderen deutete es auf einen Rückschritt zu ebenjenem Selbst hin, das sie längst überwunden zu haben glaubte.

So boten ihr das nutzlose Hin und Her der Scheibenwischer und der Schmierfilm, den sie hinterließen, eine willkommene Ablenkung. Wo befand sich denn nun der nächste Autozubehörhandel? In Casvelyn? Möglicherweise. Alsperyl? Wohl kaum. Vielleicht würde sie bis Laun- ceston fahren müssen.

Gemächlich rollte sie auf das Cottage zu. Die Straße war schmal, und auch wenn Daidre nicht mit Gegenverkehr rechnete, war es doch immer möglich, dass jemand auf diesem Weg vom Strand heraufkam und es eilig hatte, ins Trockene zu kommen, und davon ausging, dass niemand sonst bei diesem Wetter hier unterwegs war.

Zu ihrer Rechten erhob sich ein Hügel, der ungleichmäßig von Ginster und Bitterling bedeckt war. Links erstreckte sich das Tal von Pol- care, ein riesiger grüner Fingerabdruck aus Weideland, den ein Bach durchmaß, der vom höher gelegenen Stowe Wood herabfloss. Dieser Ort sah vollkommen anders aus als die typischen Anhöhen Cornwalls, und das war auch der Grund, warum sie sich dafür entschieden hatte. Eine geologische Laune hatte das Tal so breit geformt, als wäre es durch einen Gletscher entstanden - obschon Daidre wusste, dass dies nicht der Fall sein konnte -, und es war nicht wie so viele andere Täler von Flüssen gekerbt, deren Wasser über Äonen den harten Stein hinfortgenagt hatten. So kam es, dass sie sich in Polcare Cove nie eingeengt fühlte. Ihr Cottage war klein, aber die Umgebung weitläufig, und offenes Gelände war eine entscheidende Voraussetzung für ihren Seelenfrieden.

Als sie auf den kleinen Flecken aus Kies und Gras einbog, der ihr als Einfahrt diente, sah sie sofort, dass etwas nicht stimmte. Das Tor stand offen. Es war zwar nicht verriegelt gewesen, aber sie wusste genau, dass sie es bei ihrem letzten Besuch hinter sich zugezogen hatte. Nun stand es weit genug auf, um einen Menschen hindurchzulassen.

Daidre hielt an und zögerte einen Moment, ehe sie sich einen Ruck gab. Sie stieg aus, stieß das Tor ganz auf und fuhr hindurch.

Als sie geparkt hatte und zurückging, um das Tor zu schließen, entdeckte sie den Fußabdruck. Er hatte sich tief in die lockere Erde gedrückt, dort wo sie ihre Primeln gepflanzt hatte. Der Abdruck eines großen Fußes, eines Stiefels vielleicht. Eines Wanderstiefels. Das warf ein völlig neues Licht auf die Situation.

Ihr Blick wanderte von dem Fußabdruck zum Cottage. Die blaue Eingangstür schien unbeschädigt, doch als sie eilig das Gebäude umrundete, um nach weiteren Spuren eines Eindringlings zu suchen, entdeckte sie die zerbrochene Scheibe im Fenster gleich neben der Hintertür, die sich zum Bach hin öffnete, und die Tür selbst stand einen Spaltbreit offen. Ein frischer Lehmklumpen lag auf der Schwelle.

Sie wusste, eigentlich hätte sie ängstlich oder zumindest vorsichtig sein sollen, doch stattdessen empfand Daidre Zorn über das zerbrochene Fenster. Aufgebracht riss sie die Tür auf und trat durch die Küche ins Wohnzimmer - und blieb wie angewurzelt stehen. Im schwachen Licht des dämmrigen Tages sah sie einen Mann aus dem Schlafzimmer kommen. Er war groß, bärtig und so ungepflegt, dass sie ihn über die gesamte Tiefe des Zimmers hinweg riechen konnte.

»Ich habe keine Ahnung, wer Sie sind oder was Sie hier suchen, aber Sie werden auf der Stelle gehen! Wenn nicht, werde ich Gewalt anwenden, und ich versichere Ihnen, dass Sie das nicht wollen.« Dann tastete sie hinter sich nach dem Schalter für die Küchenlampe. Sie fand ihn, und helles Licht fiel bis ins Wohnzimmer, bis zu den Füßen des Mannes. Er kam einen Schritt auf sie zu, trat ins Licht, und sie konnte sein Gesicht sehen.

»Mein Gott«, stieß sie hervor. »Sie sind verletzt. Ich bin Ärztin. Kann ich Ihnen helfen?«

Er zeigte in Richtung Meer. Wie immer konnte sie die See von hier aus hören, aber sie schien irgendwie näher zu sein als sonst - das Rauschen verstärkt vom auflandigen Wind. »Am Strand liegt eine Leiche«, stammelte er. »Auf den Felsen, am Fuß der Klippe. Sie ist … Er ist tot. Ich bin hier eingebrochen. Es tut mir leid. Ich ersetze Ihnen den Schaden. Ich habe ein Telefon gesucht, um die Polizei zu verständigen. Wo sind wir hier?«

»Eine Leiche? Bringen Sie mich hin!«

»Er ist tot. Es gibt nichts .«

»Sind Sie Arzt? Nein? Ich aber. Also: Bringen Sie mich hin! Wir verlieren kostbare Zeit, statt vielleicht ein Leben zu retten.«

Der Mann sah aus, als wollte er Einwände erheben. Sie fragte sich, ob er ihr nicht glaubte.Du? Ärztin? Viel zu jung! Doch schließlich schien er ihre Entschlossenheit zu erkennen. Er nahm die Mütze ab, fuhr sich mit dem Ärmel über die Stirn und verteilte unbemerkt Schlamm auf seinem Gesicht. Sein helles Haar war zu lang, stellte sie fest. Aber er war vom gleichen Typ wie sie: beide schlank und blond. Sie hätten Geschwister sein können; sogar seine Augen waren so braun wie die ihren.

»Meinetwegen«, sagte er. »Kommen Sie mit.« Er durchquerte den Raum, ging an ihr vorbei und hinterließ seinen säuerlichen Körpergeruch: Schweiß, ungewaschene Kleidung, ungeputzte Zähne, Hautfett und irgendetwas anderes, was untergründiger und beunruhigender war. Sie wich zurück und blieb auf Distanz, als sie das Cottage verließen und den Weg hinabgingen.

Der Wind war schneidend. Sie stemmten sich dagegen, genau wie gegen den Regen, während sie eilig zum Strand hinunterstiegen. Sie kamen zu der Stelle, wo der Bach sich zu einem Teich verbreiterte, ehe er sich über eine natürliche Felsbarriere zum Meer hinab ergoss. Hier begann Polcare Cove, bei Ebbe ein schmaler Strandstreifen, bei Flut lediglich Felsen und Klippen.

»Dort drüben«, rief der Mann gegen den Wind an und führte sie zum nördlichen Ende der Bucht. Jetzt sah sie es selbst. Eine menschliche Gestalt lag dort auf dem Schieferfelsen: eine leuchtend rote Windjacke, eine dunkle, weite Hose, in der man sich bequem bewegen konnte, dünne und extrem flexible Schuhe. Sie trug eine Art Geschirr um die Hüften, von dem alle möglichen Metallgegenstände baumelten, dazwischen ein leichter Stoffbeutel, aus dem sich eine weiße Substanz über den Felsen ergossen hatte. Kreide für die Hände, dachte Daidre. Sie trat näher, um in das Gesicht der Gestalt zu sehen.

»O mein Gott … Das ist … Er ist geklettert! Sehen Sie, da liegt sein Seil.« Das Seil - eine lange Nabelschnur, die noch mit dem Körper verbunden war - schlängelte sich von dem Gestürzten bis zum Fuß der Klippe und bildete dort einen ungleichmäßigen Haufen. Der Karabinerhaken am Ende schien auf den ersten Blick fachkundig angeknotet.

Daidre tastete nach dem Puls, obschon sie wusste, dass sie keinen mehr finden würde. An dieser Stelle war die Klippe über sechzig Meter hoch. Wenn er von dort oben gestürzt war, und das war höchstwahrscheinlich passiert, hätte nur ein Wunder ihn retten können.

Doch das war nicht eingetreten. »Sie hatten recht«, sagte sie zu ihrem Begleiter. »Er ist tot. Und die Flut kommt. Hören Sie, wir müssen ihn wegschaffen, sonst .«

»Nein!« Die Stimme des Fremden klang streng.

Daidre war plötzlich verunsichert. »Bitte?«

»Die Polizei muss das sehen. Wir müssen sie anrufen. Wo ist das nächste Telefon? Haben Sie ein Handy? Im Cottage war nichts …« Er wies in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Er hatte in ihrem Cottage kein Telefon finden können.

»Ich habe mein Handy nicht dabei«, antwortete sie. »Ich nehme es nie mit, wenn ich herkomme. Und wozu sollte das auch noch gut sein? Er ist tot, und es ist ziemlich eindeutig, wie es passiert ist. Die Flut steigt, und wenn wir ihn nicht bewegen, wird das Wasser es tun.«

»Wie lange?«

»Wie bitte?«

»Die Flut. Wie viel Zeit bleibt uns?«

»Ich weiß es nicht.« Sie blickte aufs Wasser. »Vielleicht zwanzig Minuten? Eine halbe Stunde?«

»Wo ist das nächste Telefon? Sie haben doch einen Wagen.« Und wie eine Variation ihrer eigenen Worte fügte er hinzu: »Wir verschwenden kostbare Zeit. Ich kann hier bei ihm bleiben, wenn Ihnen das lieber ist.«

Es war ihr nicht lieber. Er würde ganz sicher entschwinden wie ein Geist, wenn sie ihm die Gelegenheit dazu gäbe. Er würde darauf setzen, dass sie den Anruf tätigte, an dem ihm so gelegen war, aber er selbst würde sich davonmachen und es ihr überlassen …was zu tun? Sie hatte so eine Ahnung, und diese Ahnung gefiel ihr ganz und gar nicht.

»Kommen Sie mit«, sagte sie.

Sie fuhr zum Salthouse Inn. Es war die einzige Adresse im Umkreis von Meilen, die ihr einfiel, wo sie sich mit Sicherheit Zugang zu einem Telefon verschaffen konnten. Die einsame Gaststätte stand an der Kreuzung dreier Straßen: ein weißes, gedrungenes Gebäude aus dem dreizehnten Jahrhundert, das ein Stück landeinwärts von Alsperyl gelegen war, südlich von Shop und nördlich von Woodford. Daidre fuhr in halsbrecherischem Tempo, aber der Mann protestierte nicht und schien auch nicht besorgt, dass sie einen Abhang hinunterrasen oder in einer Hecke landen könnten. Weder schnallte er sich an, noch hielt er sich fest.

Sie schwiegen beide. Eine spürbare Spannung hatte sich zwischen ihnen aufgebaut, weil sie Fremde waren, aber ebenso wegen der vielen offenen Fragen. Daidre war erleichtert, als sie die Gaststätte erreichten. An der frischen Luft zu sein und seinen Gestank nicht mehr in der Nase zu haben, war ein Segen - und eine sinnvolle Aufgabe vor sich zu haben, ein Gottesgeschenk.

Er folgte ihr über die gekieste Freifläche, die als Parkplatz herhielt, zu einer niedrigen Tür. Sie mussten beide den Kopf einziehen, um einzutreten. Sie gelangten in einen Vorraum, wo ein Durcheinander aus Regenjacken und tropfenden Schirmen herrschte. Sie verschwendeten keinen Gedanken daran, ihre Jacken abzulegen, sondern schritten direkt auf die Bar zu.

Die Stammgäste, die hier schon nachmittags gern ein Gläschen nahmen, saßen an ihren üblichen Plätzen um die verschrammten Tische am Feuer. Die Kohlen strahlten eine angenehme Wärme ab. Die Flammen erhellten die ihnen zugewandten Gesichter und überzogen die rußigen Wände mit einem sachten Schimmer.

Daidre nickte den Gästen zu. Sie kam selbst gelegentlich hierher, sodass man einander flüchtig kannte. »Dr. Trahair«, grüßten die Männer murmelnd, und einer fügte hinzu: »Sind Sie fürs Turnier runtergekommen?« Aber die Frage verhallte, als die Blicke auf ihren Begleiter fielen und von ihm zurück zu ihr glitten, neugierig und verwundert. Fremde waren in dieser Gegend weiß Gott keine Seltenheit. Gutes Wetter lockte sie scharenweise nach Cornwall. Aber sie kamen und gingen als Fremde und erschienen für gewöhnlich nicht in Begleitung bekannter Gesichter.

Sie trat an die Theke. »Brian, ich brauche Ihr Telefon«, sagte sie. »Es ist ein furchtbarer Unfall passiert. Dieser Mann hier …« Sie wandte sich an den Fremden. »Ich weiß Ihren Namen nicht.«

»Thomas.«

»Thomas. Und wie weiter?«

»Thomas«, beharrte er.

Sie runzelte die Stirn, fuhr aber, an den Wirt gerichtet, fort: »Dieser Mann hier, Thomas, hat in Polcare Cove einen Toten gefunden. Wir müssen die Polizei rufen.« Dann fügte sie mit gesenkter Stimme hinzu: »Brian, ich glaube … Ich glaube, es ist Santo Kerne.«

Constable Mick McNulty war auf Streife, als sein Funkgerät ihn aus dem Halbschlaf riss. Er konnte von Glück sagen, dass er überhaupt im Streifenwagen gesessen hatte, als der Funkspruch kam. Er war gerade erst von einem Mittagsquickie mit seiner Frau zurück, gefolgt von einem zufriedenen Nickerchen, sie beide nackt unter der Tagesdeсke, die sie zuvor vom Bett gerissen hatten. (»Wir dürfen keine Flek- ken draufmachen, Mick, es ist die einzige, die wir haben!«) So kam es, dass er erst seit fünfzig Minuten wieder an der A39 Jagd auf Verkehrssünder und andere Übeltäter machte. Doch die Heizung, der Rhythmus der Scheibenwischer und die Tatsache, dass sein zweijähriger Sohn ihn fast die ganze Nacht wach gehalten hatte, hatten seine Lider schwer werden lassen, und so hatte er sich eine Haltebucht für ein Päuschen gesucht. Er war gerade eingedöst, als ihn das Funkgerät aufstörte.

»Leiche am Strand. Polcare Cove. Bitte umgehend hinfahren. Sichern Sie den Fundort, und erstatten Sie Bericht.«

»Wer hat das gemeldet?«, wollte er wissen.

»Ein Wanderer und eine Ferienhausbesitzerin. Sie erwarten Sie am Polcare Cottage.«

»Und das ist wo?«

»Herrgott noch mal, Mann, schalten Sie Ihr Hirn ein!«

Mick zeigte dem Funkgerät den bösen Finger. Dann ließ er den Motor an, rollte auf die Straße und schaltete das Warnlicht und die Sirene ein, was sonst nur im Hochsommer vorkam, wenn ein eiliger Tourist auf der Straße einen folgenschweren Fahrfehler beging. Das einzig Spannende, das Mick zu dieser Jahreszeit für gewöhnlich erlebte, waren die Surfer, die es nicht erwarten konnten, sich in die Wellen der Widemouth Bay zu stürzen: mit zu viel Schwung auf den Parkplatz, zu spät abgebremst, und ab über die Böschung auf den Strand. Nun, Mick konnte diesen Überschwang verstehen. Er verspürte ihn selbst, wenn die Wellen gut waren, und das Einzige, was ihn dann von seinem Neo- prenanzug und seinem Board fernhielt, war die Uniform, die er trug und die er auch bis zur Rente hier in Casvelyn zu tragen gedachte. Seine Pension zu verspielen, gehörte nicht zu seinem Karriereplan. Nicht umsonst nannte man den Posten in Casvelyn in Kollegenkreisen den >samtgepolsterten Sarg<.

Trotz Sirene und Warnlicht brauchte er immer noch zwanzig Minuten bis zum Polcare Cottage, dem einzigen Haus an der Straße zur Bucht hinab. Luftlinie war es nur eine Strecke von fünf Meilen, doch die Sträßchen waren nicht breiter als anderthalb Autos und schlängelten sich weitschweifig um Felder, Wälder, Weiler und Dörfer.

Das Cottage war senfgelb gestrichen, wirkte wie ein Leuchtfeuer im dämmrigen Nachmittagslicht - ganz und gar unüblich für diese Gegend, in der fast alle Bauwerke weiß waren. Auch die beiden Außengebäude in leuchtendem Purpur und Limonengrün trotzten der lokalen Tradition. In beiden war es dunkel, aber durch die Fenster des Cottages strömte Licht in den umliegenden Garten.

Mick schaltete die Sirene aus und parkte, ließ aber Scheinwerfer und Warnlicht an. Das fand er cool. Er trat durch das Tor und ging an dem alten Vauxhall in der Auffahrt vorbei. Dann klopfte er vernehmlich an die leuchtend blaue Tür. Sofort erschien eine Gestalt auf der anderen Seite des bleiverglasten Türfensters, ganz so als hätte sie in der Nähe gestanden und gewartet. Sie trug enge Jeans und einen Rollkragenpullover. Ihre Ohrringe klimperten, als sie Mick ins Haus winkte.

»Mein Name ist Daidre Trahair«, stellte sie sich vor. »Ich habe angerufen.«

Sie führte ihn in eine kleine Diele, die mit Gummistiefeln, Wanderschuhen und Windjacken vollgestopft war. Ein riesiger eiförmiger Eisenkessel, den Mick als Erzförderkorb identifizierte, stand in einer Ecke und war mit Schirmen und Wanderstöcken gefüllt. Eine grob gezimmerte schmale Bank diente zum An- und Ausziehen von Stiefeln. Man konnte sich in der Enge kaum bewegen.

Mick schüttelte die Regentropfen von seiner Jacke und folgte Daidre ins Herz des Cottages: das Wohnzimmer. Dort hockte ein ungepflegter bärtiger Mann vor dem Kamin und mühte sich ungeschickt mit einer Handvoll Kohlebriketts ab. Der Schürhaken, mit dem er hantierte, hatte einen Griff in Form eines Entenkopfes. Er sollte eine Kerze unter die Kohlen halten, bis das Feuer in Gang kommt, dachte Mick. So hatte seine Mum das immer gemacht, und es hatte immer wunderbar funktioniert.

»Wo ist der Tote?«, fragte er. »Und ich brauche Ihre Personalien.« Er zückte sein Notizbuch.

»Die Flut steigt«, sagte der Mann. »Die Leiche liegt auf dem … Ich weiß nicht, ob es ein Teil des Riffs ist, aber das Wasser … Sicher wollen Sie sich zuerst die Leiche ansehen. Bevor Sie sich den Formalitäten widmen, meine ich.«

Derartige Vorschläge von Zivilisten, die all ihre Kenntnisse der Polizeiarbeit aus den Krimiserien auf irgendeinem Privatsender bezogen, gingen Mick mächtig auf den Zeiger. Und das galt auch für die Stimme des Mannes, deren Tonfall, Timbre und Akzent in auffälligem Widerspruch zu seiner Erscheinung standen. Er sah aus wie ein Penner, aber er redete nicht so. Vielmehr erinnerte der Mann ihn an das, was seine Großeltern >die gute alte Zeit< nannten, als die sogenannten feineren Leute in ihren Nobelkarossen nach Cornwall heruntergekommen und in schicken Hotels mit riesigen Veranden abgestiegen waren. Damals, als Auslandsreisen noch nicht ansatzweise so populär gewesen waren. »Die wussten noch, was ein anständiges Trinkgeld ist«, hatte sein Großvater immer gesagt. »Natürlich war das Leben damals auch noch nicht so teuer. Für einen Schilling kam man bis nach London!« Er hatte schon immer gern ein bisschen übertrieben, Micks Großvater - Teil seines Charmes, behauptete seine Mutter.

»Ich wollte den Toten vom Riff wegschaffen«, erklärte Daidre Tra- hair. »Aber er war dagegen.« Sie nickte zu dem Mann hinüber. »Es war ein Unfall. Ich meine, natürlich muss es ein Unfall gewesen sein, darum sah ich keinen Grund, warum . Ich war besorgt, dass das Meer ihn mitnimmt.«

»Wissen Sie, wer es ist?«

»Ich . Nein«, antwortete sie. »Ich habe sein Gesicht kaum sehen können.«

Mick widerstrebte es, ihnen nachzugeben, aber sie hatten recht. Er nickte zur Tür hinüber. »Dann woll'n wir ihn uns mal ansehen.«

Sie traten hinaus in den Regen. Der Mann brachte eine zerschlissene Baseballkappe zum Vorschein und setzte sie auf. Die Frau streifte sich eine Regenjacke über und zog die Kapuze über ihr sandfarbenes Haar.

Mick machte am Streifenwagen halt und holte die kleine Kamera heraus, die man ihm genehmigt hatte. Die Anschaffung war genau für einen Moment wie diesen gedacht gewesen. Denn falls er den Leichnam bewegen musste, würden sie wenigstens einen fotografischen Nachweis haben, wie der Fundort ausgesehen hatte, bevor das Wasser anstieg und den Toten fortzuspülen drohte.

Unten am Strand wehte es mächtig, und die Brandung kam gleichzeitig von links und rechts. Draußen auf dem Meer baute sich eine verführerische Dünung auf. Die Wellen bildeten sich schnell und brachen noch schneller - genau die Art Seegang, die einen Anfänger hinauslocken und umbringen konnte.

Der Tote indes war kein Surfer gewesen. Mick war überrascht. Er hatte angenommen . Wie hatte er sich nur dazu hinreißen lassen können! Er war froh, dass er seine voreiligen Schlüsse für sich behalten und nichts zu dem Mann und der Frau gesagt hatte.

Es war genau, wie Daidre Trahair es beschrieben hatte: Es sah wie ein Unfall aus. Ein junger Kletterer - eindeutig tot - lag auf einem Schieferfelsen am Fuß der Klippe.

Mick fluchte leise, als er die Leiche in Augenschein nahm. Das hier war nun wirklich nicht die beste Stelle zum Klettern, weder allein noch mit Partner. Zwar gab es in der Felswand Schieferschichten, wo man mit Händen und Füßen gut Halt finden konnte, und genügend Spalte, um Friends und Klemmkeile zur Sicherung einzusetzen, aber ebenso gab es Sandsteinflächen, die zerbröselten wie mürbes Gebäck, wenn man den entsprechenden Druck darauf ausübte.

So wie es aussah, war der Tote allein geklettert. Er hatte sich von der Klippe abgeseilt, um anschließend wieder nach oben zu steigen. Das Seil schien intakt, und der Karabiner war immer noch mit einem Achterknoten daran befestigt. Der Kletterer selbst war über ein Grigri mit dem Seil verbunden. Sein Abstieg hätte eigentlich problemlos funktionieren müssen.

Materialfehler oben an der Klippe, schloss Mick. Sobald er hier unten fertig war, würde er über den Küstenpfad nach oben kraxeln, um dort nach dem Rechten zu sehen.

Er machte seine Aufnahmen. Die Wellen krochen immer näher an den Toten heran. Mick fotografierte ihn und seine Umgebung aus jedem möglichen Winkel, dann nahm er das Funkgerät von der Schulter und bellte hinein. Doch er bekam nur statisches Rauschen zur Antwort. »Verflucht!« Er ging zum höchsten Punkt des Strandes hinüber, wo der Mann und die Frau warteten. Zu dem Mann sagte er: »Ich brauche Sie gleich«, dann ging er noch ein paar Schritte und versuchte erneut, eine Funkverbindung herzustellen. »Rufen Sie den Coroner an«, trug er dem Sergeant auf, der den Funkdienst in der Wache in Cas- velyn versah. »Wir müssen den Leichnam wegschaffen. Hier kommt eine verdammt hohe Flut, und wenn wir den Kerl nicht bewegen, wird er weggespült.«

Und dann warteten sie, zur Untätigkeit gezwungen; die Minuten verstrichen, das Wasser stieg, bis endlich das Funkgerät fiepte. »Co- roner . einverstanden . von der Flutlinie . Straße«, krächzte die Stimme. »Welche … Fundort … gebraucht?«

»Kommen Sie hier raus, und bringen Sie Ihre Regenjacke mit! Irgendjemand soll die Wache besetzen, während wir weg sind.«

»Kennen . Toten?«

»Irgendein Junge. Keine Ahnung, wer es ist. Sobald wir ihn von der Klippe geholt haben, sehe ich nach, ob er einen Ausweis bei sich hatte.«

Mick trat auf den Mann und die Frau zu, die in sich gekehrt ein paar Schritte voneinander entfernt standen und dem Wind und Regen den Rücken zugewandt hatten. Zu dem Mann sagte er: »Ich weiß zwar nicht, wer Sie sind, aber wir haben einen Job zu erledigen, und ich will nicht, dass Sie irgendwas anderes machen als das, was ich Ihnen jetzt sage. Kommen Sie mit!« An die Frau gerichtet, fügte er hinzu: »Und Sie auch.«

Sie suchten sich einen Weg über die Felsbrocken. Die Flut hatte den Sand bereits bedeckt. Im Gänsemarsch überquerten sie den ersten Schieferfelsen. Auf halbem Weg blieb der Mann stehen und streckte Daidre Trahair die Hand entgegen, um ihr behilflich zu sein. Doch sie schüttelte den Kopf. Es gehe schon, versicherte sie ihm.

Als sie den Leichnam erreichten, leckte die Flut bereits an dem Felsen, auf dem er lag. Zehn Minuten später, und er wäre fortgespült worden. Mick gab seinen beiden Begleitern Anweisungen. Der Mann solle ihm helfen, die Leiche zum Strand zu tragen, und die Frau alles aufsammeln, was herumliegen mochte. Das war im Sinne der Spurensicherung nicht optimal, aber sie hatten keine Wahl. Es blieb keine Zeit, um auf die Profis zu warten.

2

Cadan Angarrack war der Regen egal. Ebenso egal war ihm der An. blick, den er der kleinen Welt von Casvelyn bot. Er trat in die Pedale seines Freestyle-BMX. Seine Knie hoben sich bis auf Hüfthöhe, und seine Ellbogen standen ab wie Warndreiecke. Er wollte nur nach Hause kommen, um die Neuigkeiten zu verkünden. Pooh hockte auf seiner Schulter, protestierte kreischend und schrie dann und wann >Scheiß Landratte< in Cadans Ohr - immer noch besser, als wenn er auf sein Ohrläppchen eingehackt hätte, was in der Vergangenheit gelegentlich vorgekommen war, ehe er den Vogel Manieren gelehrt hatte. Also versuchte Cadan gar nicht erst, ihn zum Schweigen zu bringen. Stattdessen antwortete er: »Ja, gib's ihnen, Pooh«, woraufhin der Papagei krakeelte: »Spreng Löcher im Speicher« - eine Redewendung, auf die Cadan sich überhaupt keinen Reim machen konnte.

Hätte er sein Fahrrad zu Trainingszwecken gefahren und nicht als Transportmittel, hätte er den Vogel nicht bei sich gehabt. Zu Anfang hatte er Pooh immer mitgenommen und ihm einen Platz in der Nähe des leeren Swimmingpools gesucht, während er sein Programm absolvierte und nicht nur seine Tricks verbesserte, sondern auch seine Trainingsstrecke ausbaute. Aber irgendeine dämliche Lehrerin von der Grundschule neben dem Freizeitzentrum hatte sich über Poohs Vokabular beklagt und insbesondere darüber, was es den zarten Kinderseelen antun mochte, die sie mühevoll zu formen versuchte, und Cadan war zurechtgewiesen worden: Lass den Vogel zu Hause, wenn er nicht den Schnabel halten kann und du weiterhin den leeren Pool nutzen willst. Es war ihm nichts anderes übrig geblieben. Er konnte nur den Pool benutzen, weil er bei der Stadtverwaltung niemanden für seine Idee hatte gewinnen können, am Binner Down eine Airjump-Strecke einzurichten. Sie hatten ihn dort nur angeglotzt, als wäre er nicht ganz dicht, und Cadan hatte gewusst, was sie dachten - dasselbe, was sein Vater nicht nur dachte, sondern auch aussprach: »Zweiundzwanzig Jahre alt, und du spielst immer noch mit deinem Fahrrad herum? Was ist eigentlich los mit dir?«

Nichts, dachte Cadan. Absolut gar nichts. Wenn ihr denkt, es wäre einfach - Tabletop, Tailwhip -, dann versucht es doch mal selbst.

Natürlich taten sie das nicht. Weder die Verwaltungstypen noch sein Vater. Sie gafften ihn nur an, und ihr Ausdruck war unmissverständlich: Mach was aus deinem Leben. Beschaff dir endlich einen Job, Herrgott noch mal.

Und genau das war es, was er seinem Vater zu berichten hatte: Er hatte sich eine bezahlte Arbeit gesucht. Trotz Pooh auf der Schulter war es ihm tatsächlich gelungen, einen neuen Job zu finden. Sein Dad musste natürlich nicht unbedingt erfahren, wie er das angestellt hatte. Cadan hatte eigentlich nur bei den Leuten von Adventures Unlimited angefragt, ob ihnen überhaupt klar sei, was sich mit dem verfallenen Minigolfplatz anfangen lasse. Und am Ende hatten sie ihm angeboten, ihnen bei der Instandsetzung des alten Hotels zu helfen. Als Gegenleistung durfte er den Minigolfplatz als Trainingsstrecke zur Perfektionierung seiner Fahrradakrobatik nutzen. Allerdings würde er vorher die kleinen Häuschen und Hindernisse abbauen müssen. Lew An- garrack musste nur eines wissen: Nachdem er seinen Sohn für dessen zahllose Unzulänglichkeiten aus dem Familienunternehmen gefeuert hatte - aber wer wollte schon Surfbretter bauen? -, hatte dieser nichtsnutzige Sohn es tatsächlich fertiggebracht, Job A binnen zweiundsiebzig Stunden mit Job B zu ersetzen. Das war rekordverdächtig, fand Ca- dan. Meistens gab er seinem Dad mindestens fünf oder sechs Wochen lang Gelegenheit, stinksauer auf ihn zu sein.

Er rumpelte den unbefestigten Pfad hinter der Victoria Road entlang und wischte sich den Regen aus den Augen, als sein Vater ihn im Auto überholte. Lew Angarrack schaute ihn zwar nicht an, aber der säuerliche Gesichtsausdruck verriet Cadan, dass er sehr wohl wahrgenommen hatte, was für einen Anblick sein Sohn bot. Und wahrscheinlich erinnerte er sich auch gerade an den Grund, warum dieser Versager mit dem Rad durch den Regen fuhr, statt hinter dem Steuer seines Autos zu sitzen.

Cadan sah seinen Vater aus dem RAV4 steigen und das Garagentor öffnen. Rückwärts setzte er den Toyota hinein, und als Cadan sein Rad durch das Törchen in den Garten schob, hatte Lew sein Surfboard bereits abgespritzt. Er holte den Neoprenanzug aus dem Wagen, um ihn ebenfalls abzuspülen, während der Schlauch auf dem Rasen lag und gluckernd Wasser von sich gab.

Cadan betrachtete seinen Vater einen Moment. Er wusste, dass er ihm äußerlich nachschlug, aber damit endete alle Ähnlichkeit. Sie hatten die gleiche untersetzte Statur, Schultern und Brust breit, sodass sie wie Keile gebaut waren, und das gleiche Übermaß an dunklem Haar, welches sich bei seinem Vater zunehmend auch am Körper zeigte. Er wurde dem Spitznamen >Gorillamann<, den Cadans Schwester ihm insgeheim gegeben hatte, zunehmend gerecht. Aber das war auch schon alles. In jeder anderen Hinsicht waren sie so verschieden wie Feuer und Wasser. Für seinen Vater war die Welt in Ordnung, wenn alles an seinem zugewiesenen Platz war und sich niemals irgendetwas änderte, und zwar bis ans Ende seiner Tage. Wohingegen Cadan … Nun, er selbst hatte ganz andere Vorstellungen. Für seinen Vater bestand die ganze Welt aus Casvelyn. Niemals würde er es bis an den Nordstrand von O'ahu schaffen. Träum nur weiter, Dad. Das wäre das größte Wunder, das die Welt je gesehen hätte. Cadan hingegen hatte große Pläne, und die beinhalteten seinen Namen in riesigen Leuchtbuchstaben, die X-Games, Goldmedaillen und sein grinsendes Konterfei auf dem Cover vonRide BMX.

Er wandte sich an seinen Vater: »Auflandiger Wind heute. Warum warst du draußen?«

Lew antwortete nicht. Er ließ das Wasser über den Anzug laufen, schlug ihn um und tat das Gleiche mit der Rückseite. Er wusch die Stiefel, Kapuze und Handschuhe aus, ehe er ganz gemächlich den Blick erst auf Cadan und dann auf den mexikanischen Papagei auf dessen Schulter richtete. »Sieh lieber zu, dass du den Vogel aus dem Regen schaffst.«

»Der macht ihm nichts aus. Da, wo er herkommt, regnet es andauernd. Du hattest keine guten Wellen, was? Die Flut steigt ja gerade erst. Wo warst du?«

»Ich brauchte keine Wellen.« Sein Vater las den Neoprenanzug vom Rasen auf und hängte ihn an seinen angestammten Platz über die Rük- kenlehne eines alten Gartenstuhls aus Aluminium, dessen geflochtene Sitzfläche vom Gewicht unzähliger Hinterteile eingedellt war. »Ich wollte nachdenken. Zum Denken braucht man keine Wellen, oder?«

Warum dann all die Mühe, die Ausrüstung zusammenzusuchen und zum Strand runterzuschaffen?, wollte Cadan fragen, hielt sich dann aber zurück, denn hätte er gefragt, hätte er auch eine Antwort bekommen und erfahren, worüber sein Vater nachgedacht hatte. Da gab es drei Möglichkeiten, und weil eine davon Cadan selbst und die Liste seiner Fehltritte war, beschloss er, diesen ganzen Themenkomplex zu meiden. Er folgte seinem Vater ins Haus, wo Lew sich das Haar mit einem schlaffen Handtuch frottierte, das nur zu diesem Zweck an einem Haken hinter der Tür hing. Dann ging er zur Anrichte und schaltete den Wasserkocher ein. Jetzt kam also der Nescafé. Ein Löffel Zuk- ker, keine Milch. Immer in demselben Kaffeebecher, dem mit der Aufschrift >Newquay Invitational<. Während er seinen Kaffee trank, stand er am Fenster und starrte hinaus in den Garten, und war der Becher geleert, wurde er umgehend gespült. Sein Vater war die Spontaneität in Person.

Cadan wartete, bis Lew den Becher in der Hand hielt und wie üblich ans Fenster trat. Er nutzte die Zeit, um Pooh im Wohnzimmer auf seinen Stammplatz zu setzen. Dann kehrte er in die Küche zurück und verkündete: »Ich hab 'nen Job, Dad.«

Sein Vater trank einen Schluck. Völlig lautlos. Kein Schlürfen von heißem Kaffee, kein zustimmender Brummlaut. Als er sich schließlich entschloss zu sprechen, fragte er: »Wo ist deine Schwester?«

Cadan gedachte nicht, sich ablenken zu lassen. »Hast du gehört, was ich gesagt hab?«, fragte er. »Ich habe einen Job. Einen vernünftigen.«

»Und hast du gehört, was ich dich gefragt habe? Wo ist Madlyn?«

»Es ist ein normaler Werktag. Ich nehme an, sie ist bei der Arbeit.«

»Da bin ich vorbeigefahren. Da war sie nicht.«

»Dann weiß ich auch nicht, wo sie ist. Vermutlich sitzt sie irgendwo und heult in die Suppe, statt sich zusammenzureißen, wie jeder andere es täte. Man könnte glatt meinen, es wäre das Ende der Welt.«

»Ist sie in ihrem Zimmer?«

»Ich hab dir doch gesagt …«

»Wo?«

Lew hatte sich immer noch nicht vom Fenster abgewandt, was Ca- dan auf die Palme brachte. Am liebsten hätte er ein halbes Dutzend Pints vor den Augen seines Vaters geleert, nur damit der ihm endlich seine Aufmerksamkeit schenkte. »Ich sag doch, ich weiß nicht, wo …«

»Wo hast du einen Job bekommen?« Lew wandte sich um. Nicht nur eine Drehung des Kopfes, sondern des ganzen Körpers. Er lehnte sich an die Fensterbank. Sein Blick ruhte auf seinem Sohn, und Cadan wusste, er wurde gelesen, abgeschätzt und für unzulänglich befunden. Auf dem Gesicht seines Vaters lag ein Ausdruck, den er kannte, seit er sechs war.

»Adventures Unlimited«, antwortete er. »Ich soll das Hotel auf Vordermann bringen, bis die Saison anfängt.«

»Und was dann?«

»Wenn alles klappt, werde ich Trainer.« Dies zu behaupten, war zwar ein bisschen voreilig, aber es stand immerhin zu hoffen; schließlich waren sie im Moment ja wirklich dabei, Trainer für den Sommer auszuwählen. Abseilen, klettern, Kajak fahren, schwimmen, segeln … Er konnte all das, und selbst wenn sie ihn dafür nicht wollten, hatte er ja immer noch das Freestyle-BMX-Fahren in der Hinterhand und seinen Plan, den Minigolfplatz umzugestalten. Doch das erzählte er seinem Vater nicht. Eine Silbe über Freestyle, und Lew würde das Wort >Hintergedanken< hineininterpretieren, als stünde es auf Cadans Stirn tätowiert.

»Wenn alles klappt.« Lew stieß die Luft durch die Nase aus. Das war seine Version eines verächtlichen Schnaubens, und es sagte mehr aus, als ein dramatischer Monolog es vermocht hätte. »Und wie willst du dort hinkommen? Auf dem Ding da draußen?« Womit er das Fahrrad meinte. »Denn deinen Autoschlüssel bekommst du von mir nicht zurück, und auch nicht deinen Führerschein. Also bild dir ja nicht ein, ein Job würde daran etwas ändern.«

»Hab ich dich vielleicht um den Schlüssel gebeten?«, konterte Cadan. »Oder um den Führerschein? Ich geh zu Fuß. Oder wenn's sein muss, nehm ich das Rad. Mir ist egal, wie das aussieht. Heute bin ich ja auch mit dem Rad hingefahren.«

Wieder dieses Schnauben. Cadan wünschte sich, sein Vater würde einfach sagen, was er dachte, statt es mit Mimik und nicht sonderlich subtilen Lauten auszudrücken. Hätte Lew Angarrack geradeheraus gesagt: »Du bist ein Versager, Junge«, dann hätte Cadan wenigstens etwas gehabt, worüber er mit ihm streiten konnte: sein Versagen als Sohn gegenüber Lews andersgeartetem Versagen als Vater. Aber Lew wählte immer den indirekten Weg, nämlich den des Schweigens, vielsagender Atemgeräusche oder, wenn gar nichts anderes half, den Vergleich zwischen Cadan und seiner Schwester: der heiligen Madlyn, einer Weltklassesurferin auf dem Weg nach ganz oben. Jedenfalls bis vor Kurzem.

Cadan bedauerte seine Schwester um das, was ihr passiert war, aber ein kleiner, hässlicher Teil in ihm jauchzte vor Freude. Für ein so kleines Mädchen hatte sie einen viel zu langen Schatten geworfen, und das jahrelang.

Er fragte: »Und das ist alles? Kein >Gut gemacht, Cadan<? Oder >Glückwunsch<? Oder wenigstens Jetzt hast du mich aber echt mal überrascht<? Ich habe einen Job gefunden, übrigens sogar einen gut bezahlten, aber das ist dir scheißegal, weil . Warum eigentlich? Ist er nicht gut genug? Oder weil er nichts mit Surfen zu tun hat? Er ist .«

»Du hattest einen Job, Cadan. Du hast ihn vermasselt.« Lew trank den letzten Schluck Kaffee und stellte den Becher in die Spüle. Dort schrubbte er ihn gründlich, wie er es mit allen Dingen tat. Keine Flek- ken, keine Keime.

»Das ist doch Blödsinn«, entgegnete Cadan. »Es war von Anfang an eine miserable Idee, für dich zu arbeiten, und das haben wir beide gewusst, selbst wenn du's nicht zugeben willst. Ich bin eben nicht so detailversessen. Das war ich noch nie. Ich hab dafür einfach nicht … ich weiß nicht … die Geduld oder was auch immer.«

Lew trocknete Becher und Löffel ab und räumte beides weg. Dann wischte er die verschrammte alte Edelstahlspüle aus, obwohl nicht ein einziger Krümel darin zu entdecken war. »Das Problem mit dir ist: Du erwartest, dass alles im Leben Spaß machen soll. Aber so ist das Leben einfach nicht, und das willst du nicht einsehen.«

Cadan wies auf den Garten und die Surfausrüstung hinaus, die sein Vater gerade vom Salzwasser gereinigt hatte. »Unddabei geht's nicht um Spaß? Du hast jede freie Minute deines ganzen Lebens damit zugebracht, Wellen zu reiten. Ist das denn was anderes? Eine Art nobles Streben, wie die Suche nach einem Aids-Medikament? Oder der Kampf gegen die weltweite Armut? Du machst mich fertig, weil ich tue, was ich tun will, aber hast du nicht immer genau das Gleiche getan? Nein, warte! Antworte nicht! Ich weiß schon. Bei allem, was du tust, geht es nur darum, einen zukünftigen Champion zu fördern. Ein Ziel zu haben. Während das, was ich tue …«

»Gegen ein Ziel ist nichts einzuwenden.«

»Nein, das stimmt. Und ich hab meins. Es ist eben nur ein anderes als deines. Oder Madlyns. Oder was einmal Madlyns war.«

»Wo ist sie?«, fragte Lew.

»Ich hab dir doch gesagt …«

»Ich weiß, was du gesagt hast. Aber du wirst doch zumindest eine Ahnung haben, wo deine Schwester stecken könnte, wenn sie nicht zur Arbeit gegangen ist. Du kennst sie. Undihn kennst du mindestens genauso gut.«

»Hey. Häng mir das nicht an! Sie wusste, was er für einen Ruf hat. Das weiß doch jeder. Aber sie wollte ja auf niemanden hören. Außerdem geht es dir gar nicht darum, wo sie sich gerade aufhält, sondern allein um die Tatsache, dass sie aus der Bahn geworfen ist. So wie du.«

»Sie ist nicht aus der Bahn geworfen.«

»Das ist sie sehr wohl! Und was bleibt dir jetzt, Dad? Du hast deine Träume auf sie projiziert, statt deine eigenen zu leben.«

»Sie wird wieder anfangen.«

»Darauf würde ich nicht wetten.«

»Untersteh dich .« Lew unterbrach sich abrupt.

Sie starrten einander über die Küche hinweg an. Es waren nur drei Meter, aber gleichzeitig war es eine Kluft, die von Jahr zu Jahr breiter wurde. Jeder stand auf seiner Seite am Rand des Abgrunds, und Cadan kam es so vor, als würde einer von ihnen über kurz oder lang hineinstürzen.

Selevan Penrule ließ sich auf dem Weg zum Clean-Barrel-Surfshop alle Zeit der Welt, denn er war zu dem Schluss gekommen, es wäre unziemlich gewesen, Hals über Kopf aus dem Salthouse Inn zu stürzen, sowie das Gerücht über Santo Kerne die Runde machte. Er hätte Grund genug dafür gehabt, aber er wusste, es hätte nicht gut ausgesehen. Außerdem war er in einem Alter, da man überhaupt nirgendhin mehr Hals über Kopf stürzte. Zu viele Jahre hatte er Kühe gemolken und die blöden Rindviecher von einer Weide zur anderen getrieben, sodass sein Rücken jetzt für alle Zeit krumm war und seine Hüften im Eimer. Mit achtundsechzig fühlte er sich wie achtzig. Er hätte fünfunddreißig Jahre eher verkaufen und den Caravanpark eröffnen sollen, und das hätte er auch getan, wenn er das Geld, den Schneid, die Vision, keine Frau und keine Kinder gehabt hätte. Sie alle waren jetzt fort, das Haus abgerissen und die Farm umfunktioniert. >Sea Dreams< hatte er es getauft: vier ordentliche Reihen von Feriencaravans, die wie Schuhkartons auf den Klippen über der See standen.

Er fuhr vorsichtig. Gelegentlich liefen Hunde über die engen Landsträßchen. Auch Katzen. Kaninchen. Vögel. Selevan hasste die Vorstellung, ein Tier zu überfahren, nicht wegen des schlechten Gewissens, das er verspüren würde, wenn er ein Leben beendete, sondern wegen der Unannehmlichkeiten, die dies mit sich brächte. Er würde anhalten müssen, und er verabscheute es anzuhalten, wenn er einmal einen Kurs eingeschlagen hatte. In diesem Fall führte sein Kurs ihn hinüber nach Casvelyn zu dem Surfshop, wo seine Enkelin arbeitete. Er wollte derjenige sein, der Tammy die Nachricht überbrachte.

Als er in die Stadt kam, parkte er am Kai, die Nase seines altersschwachen Landrovers auf den Casvelyn Canal gerichtet, einen schmalen Wasserlauf, der früher einmal Holsworthy und Launceston mit dem Meer verbunden hatte, heute aber nur noch sieben Meilen landeinwärts mäandrierte, ehe er abrupt endete wie ein unterbrochener Gedanke. Selevan hatte auf der falschen Seite angehalten; das Stadtzentrum und der Surfshop befanden sich am gegenüberliegenden Ufer, aber dort drüben gab es keine Parkplätze, ganz gleich zu welcher Jahreszeit. Außerdem kam der kurze Spaziergang ihm gelegen. Das Wetter und die Jahreszeit waren ihm egal. Auf dem Weg die halbmondförmige Straße entlang, die den südwestlichen Stadtrand markierte, würde er Zeit zum Nachdenken haben. Er musste sich eine Strategie zurechtlegen, wie er die Neuigkeiten wohldosierte und gleichzeitig ihre Reaktion darauf ablesen konnte. Denn was Tammy war und was Tam- my zu sein behauptete, stand nach Selevan Penrules Meinung in krassem Gegensatz zueinander. Das war ihr nur noch nicht bewusst.

Als er ausstieg, nickte er ein paar Fischern zu, die im Regen zusammenstanden und rauchten, ihre Boote am Kai vertäut. Sie waren durch die Kanalschleuse am entlegenen Ende des Kais vom Meer hereingekommen, und sie sahen so ganz anders aus als die Boote und Bootsführer, die mit Beginn des Sommers nach Casvelyn kommen würden. Selevan zog diese Gruppe hier eindeutig vor. Sicher, er verdiente sein Auskommen mit dem Fremdenverkehr, aber das musste ihm ja nicht gefallen.

Er ging in Richtung Stadtzentrum, vorbei an einer Reihe Läden. Er machte bei Jill's Juices halt, um sich einen Kaffee zu holen, und erstand ein Päckchen Dunhill und eine Rolle Pfefferminzbonbons bei Pukkas Pizza Etcetera (wobei der Schwerpunkt auf dem Etcetera lag, denn die Pizza war ungenießbar). Dann stieß er auf die Promenade, die in Richtung Stadtzentrum ein wenig anstieg. Der Clean-Barrel-Surfshop befand sich an einer Straßenecke, und auf dem Weg dorthin passierte er einen Frisör, einen schmuddeligen Nachtclub, zwei extrem heruntergekommene Hotels und einen Fish-and-Chips-Laden.

Bis er am Surfshop ankam, hatte er seinen Kaffee ausgetrunken. Er konnte keinen Mülleimer entdecken, also faltete er den Pappbecher zusammen und steckte ihn sich in die Jackentasche. Ein paar Schritte entfernt stand ein junger Mann mit Haaren von undefinierbarer Farbe. Er war offenbar in ein ernstes Gespräch mit Nigel Coyle vertieft, dem Inhaber von Clean Barrel. Das dürfte Will Mendick sein, dachte Selevan. Er hatte große Hoffnungen in Will gesetzt, aber bislang war nichts daraus geworden.

Selevan hörte, wie Will zu Nigel Coyle sagte: »Ich geb ja zu, dass es ein Fehler war, Mr. Coyle. Ich hätte es ihm nicht vorschlagen sollen. Aber es ist ja nicht so, als hätt ich so was früher schon mal gemacht.«

»Du bist kein besonders guter Lügner«, erwiderte Coyle, und dann stapfte er davon und ließ den Wagenschlüssel in seiner Hand klimpern.

Will murmelte finster vor sich hin: »Scheiß auf dich, Mann.« Und als Selevan zu ihm trat: »Hallo, Mr. Penrule. Tammy ist drinnen.«

Selevan traf seine Enkelin im Laden an, als sie gerade dabei war, einen Ständer mit bunten Prospekten zu füllen. Er betrachtete sie, so wie er sie immer betrachtete, nämlich wie eine Art Säugetier, das ihm nie zuvor untergekommen war. Er missbilligte das meiste dessen, was er sah: Sie war nur Haut und Knochen und ganz in Schwarz gekleidet. Schwarze Schuhe, schwarze Nylons, schwarzer Rock und schwarzer Pulli. Das Haar zu dünn und zu kurz geschnitten, und sie tat nicht einmal mehr etwas von diesem Klebezeug hinein, um es in Form zu bringen. So hing es lediglich schlaff an ihrem Schädel herunter.

Selevan hätte mit der Magerkeit und der Vorliebe für schwarze Kleidung leben können, wäre das Mädchen in anderer Hinsicht wenigstens ansatzweise normal gewesen. Er hätte es verstanden, wenn sie ihre Augen mit Kohlestift geschwärzt und Silberringe in ihren Augenbrauen und Lippen oder einen Stecker in der Zunge getragen hätte. Nicht dass ihm das gefiel, aber er hätte es verstanden. Das war nun einmal die Mode bei gewissen Leuten in ihrem Alter, und man konnte nur hoffen, dass sie zu Verstand kamen, ehe sie sich vollkommen entstellten. Waren sie erst einmal einundzwanzig oder vielleicht fünfundzwanzig und stellten fest, dass ihnen gut bezahlte Jobs nicht gerade vor die Füße fielen, dann besannen sie sich schon wieder selbst eines Besseren. So wie Tammys Vater. Und was war der jetzt? Lieutenant Colonel in der Army und in Rhodesien stationiert oder wo auch immer - denn Selevan kam bei den häufigen Versetzungen nicht mehr mit, und für ihn würde es immer Rhodesien bleiben und auch so heißen, ganz egal wie es sich heutzutage nannte. Jedenfalls hatte er eine glänzende Karriere eingeschlagen.

Aber Tammy? »Können wir sie zu dir schicken, Dad?«, hatte ihr Vater Selevan gefragt. Seine Stimme am Telefon hatte so deutlich geklungen, als stünde er im Nachbarzimmer und nicht in irgendeinem afrikanischen Hotel, wo er seine Tochter geparkt hatte, nur um sie wenig später in den Flieger nach England zu setzen. Was hätte ihr Großvater da noch tun können? Sie hatte ihr Ticket bereits in der Tasche. Sie war quasi schon unterwegs. »Wir können sie dir doch schicken, Dad, oder? Das hier ist nicht die richtige Umgebung für sie. Sie sieht hier zu viel. Wir glauben, das ist das Problem.«

Selevan hatte seine eigene Theorie, was das Problem war, aber ihm gefiel der Gedanke, dass ein Sohn sich auf die Weisheit seines Vaters berief. »Schick sie mir«, hatte er also zu David gesagt. »Aber wenn sie bei mir wohnt, lasse ich mir nicht auf der Nase herumtanzen. Sie muss ordentlich essen und ihr Zeug aufräumen und …«

Das sei doch selbstverständlich, versicherte sein Sohn ihm.

Und so war es auch. Das Mädchen hinterließ kaum eine Spur irgendwo. Selevan hatte geglaubt, sie würde ihm Kummer bereiten, aber er hatte gelernt, dass der Kummer, den sie ihm machte, darin bestand, dass sie ihm nicht einen Hauch von Kummer machte. Das war nicht normal, und das war der Kern des Problems. Denn, verdammt noch mal, sie war doch seine Enkelin. Und das hieß, sie sollte normal sein.

Sie schnipste den letzten Prospekt an seinen Platz, rückte dann den ganzen Stapel gerade und trat einen Schritt zurück, so als wollte sie ihr Werk begutachten, als Will Mendick eintrat. »Hat nichts genützt«, eröffnete er Tammy. »Coyle stellt mich nicht wieder ein.« Und an Sele- van gewandt: »Sie sind heute früh dran, Mr. Penrule.«

Tammy fuhr herum. »Grandpa! Hast du meine Nachricht nicht bekommen?«

»Ich war noch nicht zu Hause«, erklärte Selevan.

»Oh. Ich wollte … Will und ich hatten vor, nach Feierabend noch einen Kaffee trinken zu gehen.«

»Ach, wirklich?« Selevan war erfreut. Vielleicht hatte er sich ja doch getäuscht, was Tammys Einstellung zu dem jungen Mann betraf.

»Er fährt mich anschließend nach Hause.« Dann runzelte sie die Stirn, als ihr aufging, dass es noch viel zu früh war, um von ihrem Großvater abgeholt zu werden. Sie sah auf die Uhr, die locker um ihr dürres Handgelenk schlackerte.

»Ich komme gerade vom Salthouse Inn«, erklärte Selevan. »Draußen in Polcare Cove hat es einen Unfall gegeben.«

»Geht es dir gut?«, fragte sie. »Du hast dich doch nicht verletzt?« Sie klang besorgt, und das freute Selevan. Tammy liebte ihren alten Großvater. Er war streng mit ihr, aber das nahm sie ihm nicht übel.

»Hatte nichts mit mir zu tun«, stellte er klar, und als er fortfuhr, ließ er sie nicht aus den Augen: »Es war Santo Kerne.«

»Santo? Was ist mit ihm?«

Hatte ihre Stimme sich gehoben? Hörte er Panik? Ein Sich-Wappnen gegen schlechte Neuigkeiten? Selevan hätte das gerne geglaubt, aber er brachte ihren Tonfall nicht in Einklang mit dem Blick, den sie mit Will Mendick tauschte.

»Soweit ich weiß, ist er von der Klippe gestürzt«, sagte er. »Unten in Polcare Cove. Dr. Trahair kam mit irgend so einem Wanderer in den Pub, um die Polizei zu rufen. Dieser Kerl - der Wanderer - hat den Jungen gefunden.«

»Geht es ihm gut?«, erkundigte sich Will Mendick, und im selben Moment fragte Tammy: »Aber Santo ist nichts passiert, oder?«

Das gefiel Selevan außerordentlich: die überstürzte Art, wie Tammy die Worte hervorbrachte und was das über ihre Gefühle aussagte - auch wenn man kaum einen Kerl finden konnte, der die Zuneigung eines jungen Mädchens weniger verdiente als Santo Kerne. Wenn denn Zuneigung bestand, war das ein gutes Zeichen, und aus genau diesem Grund hatte Selevan Penrule Santo Kerne in jüngster Zeit Zutritt zum Gelände von Sea Dreams gewährt. Er hatte ihm die Erlaubnis erteilt, die Abkürzung zu den Klippen und zum Meer zu nehmen; und wer mochte schon wissen, was daraufhin in Tammys Herz gedieh? Und das war doch das Ziel gewesen, oder? Dass Tammy gedieh und Ablenkung fand.

»Ich weiß es nicht«, antwortete Selevan. »Ich weiß nur, dass Dr. Trahair reingekommen ist und zu Brian vom Salthouse Inn gesagt hat, dass Santo Kerne unten auf den Felsen in Polcare Cove liegt. Mehr weiß ich nicht.«

»Das klingt nicht gut«, meinte Will Mendick.

»War er draußen zum Surfen, Grandpa?«, fragte Tammy. Aber es war nicht ihr Großvater, den sie bei der Frage ansah. Ihr Blick war auf Will gerichtet.

Das bewog Selevan, den jungen Mann ein wenig genauer in Augenschein zu nehmen. Will atmete ein bisschen komisch, stellte er fest, wie ein Sprinter, aber sein Gesicht war bleich geworden. Von Natur aus hatte er eine frische Farbe, darum fiel es auf, wenn ihm das Blut aus den Wangen wich.

»Keine Ahnung, was er dort getrieben hat«, gab Selevan zurück. »Aber fest steht: Irgendetwas ist ihm passiert. Und es sieht schlimm aus.«

»Wieso?«, fragte Will.

»Weil sie den Jungen kaum allein dort auf den Felsen hätten liegen lassen, wenn er nur verletzt gewesen wäre und nicht .« Er hob die Schultern.

»Doch nicht etwa tot?«, fragte Tammy leise.

»Tot?«, wiederholte Will.

»Du gehst jetzt besser, Will«, fuhr Tammy herum.

»Aber wie soll ich .«

»Dir fällt schon was ein. Los jetzt. Wir gehen ein andermal Kaffee trinken.«

Das war anscheinend alles, was er hören wollte. Will nickte Selevan zu und wandte sich zur Tür. Im Vorbeigehen berührte er Tammy an der Schulter. »Danke, Tammy«, murmelte er noch. »Ich ruf dich an.«

Selevan versuchte, das als gutes Zeichen zu werten.

Das Tageslicht schwand rasch, als Detective Inspector Bea Hannaford in Polcare Cove eintraf. Als ihr Handy geklingelt hatte, war sie gerade dabei gewesen, für ihren Sohn ein Paar Fußballschuhe zu erwerben, und hatte daraufhin den Kauf schnellstmöglich abgewickelt, ohne Pete Gelegenheit zu geben, jedes weitere verfügbare Paar anzuprobieren, wie er es sonst üblicherweise tat. Sie hatte ihm angedroht: »Entweder wir kaufen sie jetzt, oder du kommst ein andermal mit deinem Vater wieder.« Das hatte gewirkt. Sein Vater hätte ihm das preiswerteste Paar aufgezwungen, und zwar ohne auch nur die Spur einer Debatte zuzulassen.

Eilig hatten sie das Schuhgeschäft verlassen und waren durch den Regen zum Auto gehastet. Unterwegs hatte sie Ray angerufen. Er war heute Abend zwar nicht mit Pete an der Reihe, aber Ray war flexibel. Er war selbst Polizist und wusste, welche Anforderungen dieser Job stellte. Er werde sie in Polcare Cove treffen, hatte er vorgeschlagen. »Ist einer gesprungen?«, fragte er.

»Weiß ich noch nicht«, antwortete sie.

In diesem Teil der Welt waren Leichen am Fuß der Klippen leider keine Seltenheit. Dummköpfe wählten sich bröckelige Steilwände zum Klettern, andere traten zu nah an den Rand und stürzten, und wieder andere sprangen. Bei Flut kam es vor, dass die Leichen niemals gefunden wurden. Bei Ebbe hatte die Polizei wenigstens die Chance herauszufinden, wie sie dort unten gelandet waren.

»Da ist bestimmt alles blutüberströmt«, plapperte Pete aufgeregt. »Wahrscheinlich ist der Kopf aufgeplatzt wie ein faules Ei, und sein Hirn und die Gedärme sind überall verteilt.«

»Peter!« Bea warf ihm einen strengen Blick zu. Er lehnte lässig gegen die Beifahrertür, die Einkaufstasche mit den Schuhen an die Brust gepresst, als fürchtete er, irgendwer könnte sie ihm wieder entreißen. Er hatte Pickel im Gesicht - der Fluch der Pubertät, erinnerte sich Bea, obwohl ihre eigene schon vierzig Jahre zurücklag - und trug eine Zahnspange. Wenn sie sich den vierzehnjährigen Jungen so betrachtete, war es ihr unmöglich, den Mann in ihm zu sehen, der er eines Tages werden würde.

»Was denn? Du hast doch selbst gesagt, da ist einer ab über die Klippen. Ich wette, er ist mit dem Kopf voraus gefallen, und sein Schädel ist geplatzt. Ich wette, er ist gesprungen. Ich wette …«

»So würdest du nicht reden, wenn du auch nur ein einziges Mal jemanden gesehen hättest, der von der Klippe gestürzt ist.«

»Krass«, flüsterte Pete.

Das macht er absichtlich, dachte Bea. Er versucht, einen Streit vom Zaun zu brechen. Er war wütend, weil er zu seinem Vater musste, und noch wütender darüber, dass ihre Pläne für den Abend zunichte waren: einen Abend mit Pizza und einer DVD. Er hatte sich einen Fußballfilm ausgesucht, aber im Gegensatz zu seiner Mutter würde sein Vater kein Interesse daran haben. Wenigstens wenn es um Fußball ging, waren Bea und ihr Sohn sich einig.

Sie beschloss, sich nicht von dem Jungen provozieren zu lassen. Sie hatte jetzt keine Zeit, sich um seine Befindlichkeiten zu kümmern, und außerdem musste er lernen, damit fertig zu werden, wenn Pläne sich änderten. Kein Plan war je in Stein gemeißelt.

Als sie sich Polcare Cove näherten, goss es in Strömen. Bea Hannaford war nie zuvor an diesem Ort gewesen, also sah sie konzentriert zwischen den Scheibenwischern hindurch und kroch aufmerksam die Serpentinen durch den Wald entlang, ehe sie aus dem Schatten der knospenden Bäume tauchten. Ab hier stieg der Weg wieder an und schlängelte sich an Feldern vorüber, die von dichten Hecken gesäumt waren. Dann führte er ein letztes Mal abwärts zur See, und das Land öffnete sich zu einer Wiese, an deren nordwestlichem Rand ein senffar- benes Cottage mit zwei Außengebäuden stand - die einzige menschliche Behausung weit und breit.

Ein Streifenwagen stand halb auf der Straße, halb in der Einfahrt des Cottages, Stoßstange an Stoßstange mit einem weiteren Polizeifahrzeug, das seinerseits gleich hinter einem weißen Vauxhall vor dem Haus parkte. Bea hielt nicht an, denn damit hätte sie die Straße vollends blockiert, und sie wusste, es würden noch jede Menge Fahrzeuge kommen, die möglichst nah an den Strand heranmussten, ehe sie hier heute fertig wurden. Also fuhr sie weiter in Richtung Meer, bis sie etwas fand, was als Parkplatz herhalten konnte: einen Flecken unbewachsener Erde, der von Schlaglöchern durchsiebt war. Dort parkte sie den Wagen.

Pete tastete nach dem Türgriff, doch sie hielt ihn zurück: »Du wartest hier.«

»Aber ich will doch sehen .«

»Pete, du hast mich gehört. Warte hier! Dein Vater ist unterwegs. Wenn er herkommt, und du bist nicht im Auto … Muss ich mehr sagen?«

Pete warf sich zurück in den Sitz, seine Miene missmutig. »Ich will doch nur mal kurz gucken! Und außerdem bin ich heute gar nicht dran, bei Dad zu schlafen.«

Ah. Da hatten sie's. Er verstand es, den perfekten Moment zu wählen - genau wie sein Vater. »Flexibilität, Pete«, sagte sie. »Wie du weißt, ist sie der Schlüssel zu jedem Spiel, und das gilt auch für das Spiel des Lebens. Und jetzt warte hier.«

»Aber, Mum .«

Sie zog ihn an sich und verpasste ihm einen ruppigen Kuss auf die Schläfe. »Du wartest«, befahl sie.

Ein Klopfen am Wagenfenster ließ sie herumfahren. Ein Constable in Regenkleidung stand dort draußen, Wassertropfen in den Wimpern und eine Taschenlampe in der Hand. Die Taschenlampe war nicht eingeschaltet, aber bald würden sie sie brauchen. Bea stieg aus, schloss den Reißverschluss ihrer Jacke gegen den stark böigen Wind und den Regen, zog die Kapuze hoch und stellte sich vor: »Detective Inspector Hannaford. Was haben wir?«

»Einen Jugendlichen. Tot.«

»Ist er gesprungen?«

»Nein. Er war klettern. Ich schätze, er ist beim Abseilen gestürzt. Das Grigri klemmt noch am Seil.«

»Wer ist drüben im Cottage? Da steht ein Streifenwagen.«

»Der diensthabende Sergeant von Casvelyn. Er vernimmt die beiden, die den Toten gefunden haben.«

»Bringen Sie mich hin. Wer sind Sie überhaupt?«

Er stellte sich als Mick McNulty vor, Constable der Polizeiwache Casvelyn. Ein Constable, ein Sergeant - mehr Beamte gab es auf dieser Wache nicht; es war ein Arrangement, wie es auf dem Land typisch war.

McNulty ging voraus. Der Leichnam lag knapp dreißig Meter oberhalb der Wasserlinie, aber ein gutes Stück von der Klippe entfernt, von der er gestürzt sein musste. Der Constable hatte die Geistesgegenwart besessen, ihn mit einer leuchtend blauen Plastikplane abzudecken und diese mithilfe von Felsbrocken so anzuheben, dass sie den Leichnam nicht berührte. Bea nickte ihm zu, und McNulty lüpfte die Plane ein wenig, sodass der Tote sichtbar, aber weiterhin vor dem Regen geschützt war. Die Folie knisterte und schlug wie ein blaues Segel im Wind. Bea hockte sich hin, verlangte nach der Taschenlampe und richtete den Strahl auf den jungen Mann, der auf dem Rücken lag. Er hatte sonnengebleichtes blondes Haar, das sein Gesicht in feinen Locken umrahmte wie einen Cherub. Die Augen waren blau und blicklos, die Haut durch den Sturz abgeschürft. Blutergüsse hatte er auch - und ein Veilchen, doch das schien schon älter zu sein. Es hatte sich bereits gelblich verfärbt und war am Abklingen. Er trug Kletterkleidung und hatte ein Sicherheitsgeschirr umgeschnallt, von dem mindestens zwei Dutzend Metallteile und -gerätschaften baumelten. Ein Seil, das an einen Karabiner geknotet war, lag zusammengerollt auf seiner Brust. Doch woran der Karabiner befestigt gewesen war … Das war die Frage.

»Wissen wir schon, wer es ist?«, fragte Bea. »Haben wir seinen Ausweis?«

»Er hatte nichts bei sich.«

Sie schaute zum Riff hinüber. »Wer hat ihn bewegt?«

»Ich und der Kerl, der ihn gefunden hat.« Er fuhr hastig fort, ehe sie ihn zurechtweisen konnte: »Ohne seine Hilfe hätt ich ihn schleifen müssen, Chef. Allein konnte ich ihn nicht tragen.«

»Wir werden Ihre Kleidung brauchen. Seine auch. Sie sagten, er ist oben im Cottage?«

»Meine Kleidung?«

»Was dachten Sie denn, Constable?« Sie zückte ihr Handy und klappte es auf. Ein kurzer Blick auf das Display, und sie seufzte. Kein Empfang.

Doch Constable McNulty trug ein Funkgerät über der Schulter, und sie wies ihn an, dafür zu sorgen, dass so schnell wie möglich ein Rechtsmediziner herkam. Ihr war klar, dass das eine Weile dauern würde, denn der Rechtsmediziner würde aus Exeter anreisen müssen, und das auch nur dann, wenn er oder sie sich tatsächlich gerade in Exeter aufhielt und nicht in einem anderen Fall andernorts im Einsatz war. Es würde ein langer Abend und eine noch längere Nacht werden.

Während McNulty wie befohlen den Funkspruch absetzte, wandte sie sich wieder dem Leichnam zu. Ein Teenager. Er sah gut aus: fit, athletisch und muskulös. Wie so viele Kletterer seines Alters hatte er keinen Kopfschutz getragen. Der hätte ihn vielleicht retten können - vielleicht aber auch nicht. Das konnte nur die Obduktion klären.

Ihr Blick wanderte von dem Toten zu der Klippe, die der junge Mann hinabgestürzt war. Der Küstenpfad - jener Wanderweg, der auf dem kornischen Küstenabschnitt von Marsland Mouth bis Cremyll verlief - beschrieb einen verschlungenen Weg von einem Parkplatz zu dieser Anhöhe hinauf. Der Kletterer zu ihren Füßen musste dort oben irgendetwas hinterlassen haben. Es war zu hoffen, dass Ausweispapiere dabei waren. Ein Auto, ein Motorrad oder Fahrrad. Sie waren hier mitten im Nirgendwo, und es war höchst unwahrscheinlich, dass er zu Fuß hergekommen war. Sie würden schon herausbekommen, um wen es sich handelte. Aber einer von ihnen musste dort hinaufklettern, um nachzuschauen.

»McNulty, sehen Sie mal nach, was Sie oben an der Klippe von ihm finden. Aber seien Sie vorsichtig. Der Pfad ist bestimmt mörderisch im Regen.«

Sie tauschten einen Blick, als ihnen beiden ihre Wortwahl bewusst wurde. Es war noch zu früh, aber bald würden sie wissen, ob hier mörderische Absichten im Spiel gewesen waren.

3

Da Daidre Trahair allein lebte, war sie Stille gewöhnt. Und weil es bei ihrer Arbeit meistens sehr laut zuging, hatte sie überhaupt nichts dagegen, hin und wieder irgendwo zu sein, wo sie nur natürliche Umgebungsgeräusche vernahm, und sie empfand keine Nervosität in einer Gruppe von Menschen, die einander nichts zu sagen hatten. Abends schaltete sie kaum je das Radio oder den Fernseher ein. Wenn zu Hause das Telefon klingelte, ignorierte sie es oft. So machte es ihr also nichts aus, dass mindestens eine Stunde vergangen war, ohne dass einer ihrer Gäste auch nur ein Wort gesprochen hatte.

Sie saß mit einem Buch über Gertrude Jekylls Gärten am Feuer und bestaunte die Pläne. Sie waren in Aquarellen entworfen, und dort, wo sie verwirklicht worden waren, komplettierten Fotografien die Ansichten der Pläne. Diese Frau hatte wahrhaft etwas von Form, Farben und Komposition verstanden, und darum bewunderte Daidre sie. Ihr Traum war es, das Grundstück rund um das Polcare Cottage in einen Garten zu verwandeln, den Gertrude Jekyll hätte ersonnen haben können. Aufgrund der Winde und des Wetters war das zwar eine gewaltige Herausforderung, und wahrscheinlich würden all ihre Pflanzen auf dem Kompost landen, aber Daidre wollte es trotzdem versuchen. Daheim in Bristol hatte sie keinen Garten, doch sie liebte Gärten. Genau wie die Arbeit: bis zu den Ellbogen im Dreck, doch am Ende wuchs daraus zur Belohnung etwas Lebendiges hervor. Die Gartenarbeit sollte ihr Ventil werden. Ihr anstrengender Job war offensichtlich nicht anstrengend genug.

Sie sah von dem Buch auf und betrachtete die beiden Männer in ihrem Wohnzimmer. Der Polizeibeamte aus Casvelyn hatte sich als Sergeant Paddy Collins vorgestellt, und sein Belfaster Akzent deutete darauf hin, dass er den irischen Namen zu Recht trug. Er saß kerzengerade auf einem der Küchenstühle, den er ins Wohnzimmer gebracht hatte, als hätte es ein Pflichtversäumnis dargestellt, sich in einem der bequemeren Sessel niederzulassen. Sein Notizbuch lag nach wie vor aufgeschlagen auf seinem Knie, und er betrachtete den anderen Mann so, wie er ihn vom ersten Moment an betrachtet hatte: mit unverhohlenem Misstrauen.

Das konnte man ihm kaum verübeln, dachte Daidre. Der Wanderer war eine äußerst fragwürdige Erscheinung. Sein Auftauchen auf dem Küstenweg allein hätte das Misstrauen der Polizei nicht erweckt; es handelte sich schließlich um eine beliebte Wanderstrecke, jedenfalls bei gutem Wetter. Doch sein Äußeres und sein Geruch standen in keinem Verhältnis zu seiner Sprechweise. Er war offensichtlich gebildet und wahrscheinlich aus einer feinen Familie, und Paddy Collins hatte ungläubig die Augenbrauen gehoben, als der Mann behauptete, keine Ausweispapiere bei sich zu haben.

»Was heißt das?«, hakte Collins nach. »Haben Sie keinen Führerschein, Mann? Kreditkarte? Gar nichts?«

»Gar nichts«, beteuerte Thomas. »Es tut mir sehr leid.«

»Sie könnten also Gott weiß wer sein, ja?«

»Vermutlich, ja.« Thomas hörte sich an, als wünschte er, genau das wäre der Fall.

»Und ich soll einfach glauben, was immer Sie von sich behaupten?«, setzte Collins nach.

Thomas hatte die Frage offenbar als rhetorisch aufgefasst, denn er hatte nicht geantwortet. Der drohende Tonfall in Collins' Stimme schien ihn nicht im Geringsten zu beeindrucken. Er war lediglich an das kleine Fenster getreten und hatte in Richtung Strand geblickt, wenngleich man den von hier aus nicht sah. Dort am Fenster war er dann geblieben, vollkommen reglos, und fast hätte man meinen können, er atmete nicht einmal.

Daidre wollte ihn fragen, an welcher Art von Verletzung er litt. Als sie in ihrem Cottage über ihn gestolpert war, waren es nicht Blut auf Gesicht oder Kleidung oder sonst irgendwelche äußerlichen Anzeichen gewesen, die sie bewogen hatten, ihm ärztliche Hilfe anzubieten. Es war vielmehr der Ausdruck in seinen Augen gewesen. Er litt unermessliche Qualen - eine seelische Verletzung, keine körperliche. Das sah sie jetzt. Sie kannte die Anzeichen.

Als Sergeant Collins sich rührte, aufstand und in Richtung Küche ging - vermutlich, um sich eine Tasse Tee zu machen, denn sie hatte ihm gezeigt, wo alles Notwendige stand -, ergriff Daidre die Gelegenheit, den Wanderer anzusprechen: »Wie kommt es, dass Sie allein und ohne Ausweispapiere hier unterwegs sind, Thomas?«

Er wandte sich nicht vom Fenster ab und gab auch keine Antwort, doch sein Kopf bewegte sich ein klein wenig, was darauf hindeutete, dass er zuhörte.

Sie fuhr fort: »Was, wenn Ihnen etwas zugestoßen wäre? Es kommt immer wieder vor, dass Menschen von den Klippen stürzen. Sie machen einen falschen Schritt, rutschen aus …«

»Ja«, erwiderte er. »Ich habe die Mahnmale gesehen.«

Man fand sie überall entlang der Küste: manchmal nur in vergänglicher Form, wie etwa einem Strauß welker Blumen an der Stelle, wo sich ein tödlicher Sturz ereignet hatte, manchmal auch als Sitzbank mit einem passenden Spruch, dann wieder als etwas so Dauerhaftes wie ein Gedenkstein mit dem Namen des Verstorbenen. Ein jedes erinnerte an das Ende eines Surfers, Kletterers, Wanderers oder Selbstmörders. Es war unmöglich, den Küstenpfad entlangzuwandern und sie nicht zu sehen.

»Da war ein sehr kunstvolles darunter«, fuhr Thomas ruhig fort, als wäre dies das vordringliche Thema, das sie mit ihm erörtern wollte. »Ein Tisch und eine Bank aus Granit. Granit ist übrigens die richtige Wahl, wenn das Gedenken gegen die Zeit bestehen soll.«

»Sie haben mir nicht geantwortet«, bemerkte sie.

»Ich war der Ansicht, das hätte ich gerade getan.«

»Wenn Sie gestürzt wären …«

»Das könnte immer noch passieren«, erwiderte er. »Wenn ich weiterziehe. Sobald das hier vorüber ist.«

»Würden Sie nicht wollen, dass Ihre Angehörigen davon erfahren? Sie haben doch Angehörige, nehme ich an?« Sie fügte bewusst nicht hinzu: Selbst bei Leuten Ihrer Sorte ist das für gewöhnlich der Fall. Ihr Tonfall sagte dies bereits unmissverständlich.

Er reagierte nicht. Mit einem lauten Klick schaltete der Kessel in der Küche sich aus. Dann hörte sie Wasser in eine Tasse plätschern. Sie hatte sich also nicht getäuscht: ein Tee für den Sergeant.

Sie fragte: »Was ist mit Ihrer Frau, Thomas?«

Er verharrte vollkommen reglos und wiederholte nur: »Meine Frau.«

»Sie tragen einen Ehering, darum nehme ich an, Sie sind verheiratet. Und ich könnte mir vorstellen, sie würde erfahren wollen, wenn Ihnen etwas zustieße, oder?«

In dem Moment kam Collins aus der Küche. Aber Daidre hatte das Gefühl, der Wanderer hätte auch dann nicht geantwortet, wenn der Sergeant nicht eingetreten wäre.

Collins vollführte eine Geste mit der Tasse, sodass Tee auf die Untertasse schwappte, und sagte: »Ich hoffe, Sie haben nichts dagegen.«

»Nein, nur zu«, antwortete Daidre.

Vom Fenster kam Thomas' Stimme: »Da kommt die Kripo.« Er klang, als wäre ihm vollkommen gleichgültig, dass ihr Thema vorerst aufgeschoben war.

Collins trat zur Tür. Daidre hörte ihn ein paar Worte mit einer Frau wechseln. Als diese schließlich ins Wohnzimmer trat, war Daidre erstaunt.

Bislang kannte sie Detectives nur aus dem Fernsehen, wenn es gelegentlich vorkam, dass sie eine der unzähligen Krimiserien schaute, die den Äther verseuchten. Sie waren immer distanziert professionell und steckten alle in der gleichen langweiligen Einheitskleidung, die entweder ihre Psyche oder ihr Privatleben widerspiegeln sollte: die Frauen zwanghaft gepflegt und wie aus dem Ei gepellt in maßgeschneiderten Kostümen. Und die Männer schlampig. Erstere mussten sich in der Männerwelt durchsetzen, Letztere befanden sich auf der Suche nach dem weiblichen Engel, der sie retten würde.

Diese Frau jedoch, die sich als Detective Inspector Beatrice Hannaford vorstellte, passte überhaupt nicht in diese Schablone. Sie trug einen Anorak, schlammige Turnschuhe und Jeans. Ihr Haar war von einem so flammenden Rot, dass man fast hätte meinen können, es eilte ihr in den Raum voraus und riefe: »Gefärbt! Was dagegen?« Und es stand trotz des Regens in gegelten Igelstacheln vom Kopf ab. Sie fing Daidres Blick auf und bemerkte, noch bevor diese etwas gesagt hatte: »Sobald jemand >Oma< zu Ihnen sagt, betrachten Sie dieses ganze In- Würde-Altern-Geschwafel mit anderen Augen.«

Daidre nickte versonnen. Das war einleuchtend. »Sind Sie denn eine Oma?«

»Allerdings.« An Collins gewandt, fuhr sie fort: »Gehen Sie nach draußen, und holen Sie mich, wenn der Rechtsmediziner aufkreuzt. Halten Sie alle anderen Personen fern. Nicht dass es bei dem Wetter wahrscheinlich wäre, dass irgendwer hierherkommt, aber man weiß nie. - Ich höre, die Nachricht hat schon die Runde gemacht?«, fragte sie Daidre, als Collins verschwunden war.

»Wir haben das Telefon im Salthouse Inn benutzt, also weiß man dort Bescheid«, antwortete Daidre.

»Und inzwischen zweifellos in der ganzen Umgebung. Kannten Sie den toten Jungen?«

Daidre hatte die Möglichkeit in Betracht gezogen, dass diese Frage ihr nochmals gestellt würde. Sie hatte ihre eigene Definition des Wortes >kennen<, und entsprechend antwortete sie: »Nein. Ich wohne nicht hier, wissen Sie. Das Cottage gehört mir, ja, aber es ist nur meine Wochenendzuflucht. Ich wohne eigentlich in Bristol und komme nur dann hierher, wenn ich mal frei habe.«

»Was machen Sie beruflich in Bristol?«

»Ich bin Ärztin. Na ja, Tierärztin, um genau zu sein.« Daidre spürte Thomas' Blick auf sich, und ihr wurde heiß. Nicht dass sie sich schämte, Tierärztin zu sein - im Gegenteil, sie war unbändig stolz darauf, zumal es alles andere als einfach für sie gewesen war, dieses Ziel zu erreichen. Doch sie hatte ihn glauben gemacht, Humanmedizinerin zu sein, als sie ihn angetroffen hatte. Sie wusste nicht recht, warum sie das getan hatte, nur dass es ihr lächerlich erschienen war, dem Mann, den sie für verletzt gehalten hatte, ihre Hilfe als Veterinärin anzubieten. »Ich behandele hauptsächlich größere Tiere.«

DI Hannaford zog die Brauen zusammen. Sie schaute von Daidre zu Thomas und schien sich zu fragen, welche Verbindung zwischen den beiden bestand. Oder vielleicht fragte sie sich auch, ob Daidres Antwort der Wahrheit entsprach. Trotz der unmöglichen Frisur sah sie aus wie jemand, der das gut einschätzen konnte.

Thomas sagte: »Da war ein Surfer draußen. Ich konnte nicht ausmachen, ob Mann oder Frau. Ich habe ihn - ich sage jetzt einfach mal >er< - von der Klippe aus gesehen.«

»Was? Vor Polcare Cove?«

»Eine Bucht weiter. Aber ich nehme an, es ist möglich, dass er von hier kam.«

»Aber auf dem Parkplatz stand kein Wagen«, warf Daidre ein. »Er muss also von Buck's Haven gestartet sein. So heißt die Bucht südlich von hier. Oder meinten Sie die nächste Bucht im Norden? Ich habe Sie gar nicht gefragt, aus welcher Richtung Sie gekommen sind.«

»Von Süden«, antwortete er. Und an Hannaford gewandt, fügte er hinzu: »Das Wetter schien mir kaum geeignet. Zum Surfen. Außerdem hatte die Flut die Riffe noch nicht ganz bedeckt. Wenn der Surfer ihnen zu nahe gekommen wäre … hätte er verunglücken können.«

»Jemandist verunglückt«, erinnerte Hannaford ihn. »Jemand ist gestorben.«

»Aber nicht beim Surfen«, wandte Daidre ein. Dann fragte sie sich, wieso sie diese Bemerkung gemacht hatte, denn es klang, als wollte sie Thomas in Schutz nehmen, was nicht der Fall war.

Hannaford fragte sie beide: »Sie spielen wohl gern Detektiv, was? Ist das ein Hobby?« Sie schien keine Antwort zu erwarten, sondern fuhr - an Thomas gewandt - fort: »Constable McNulty hat mir erzählt, dass Sie ihm geholfen haben, den Toten zu tragen. Ich brauche Ihre Kleidung für die kriminaltechnische Untersuchung. Ihre Oberbekleidung. Was immer Sie zu dem Zeitpunkt getragen haben. Ich nehme an, dieselben Sachen wie jetzt.« Sie fragte Daidre: »Haben Sie den Toten auch berührt?«

»Ich habe nach seinem Puls getastet.«

»Dann brauche ich Ihre Oberbekleidung ebenfalls.«

»Ich fürchte, ich habe keine Sachen dabei, um mich umzuziehen«, sagte Thomas.

»Gar nichts?« Wieder schaute Hannaford von dem Mann zu Daidre. Sie hatte angenommen, die beiden wären ein Paar, ging Daidre auf. Die Annahme entbehrte wohl nicht einer gewissen Grundlage: Sie hatten zusammen Hilfe geholt und waren jetzt zusammen in ihrem Haus. Keiner von ihnen hatte etwas gesagt, um die Vermutung der Polizistin zu widerlegen. »Wer genau sind Sie beide eigentlich?«, fragte Hannaford. »Und was bringt Sie in diesen Teil der Welt?«

Daidre erwiderte: »Wir haben dem Sergeant unsere Personalien schon gegeben.«

»Tun Sie mir trotzdem den Gefallen.«

»Wie ich Ihnen schon sagte. Ich bin Tierärztin.«

»Wo ist Ihre Praxis?«

»Im Zoo von Bristol. Ich bin heute Nachmittag hierhergekommen, um ein paar Tage auszuspannen. Für eine Woche, um genau zu sein.«

»Seltsame Jahreszeit für Urlaub.«

»Für manche Leute mag das zutreffen. Aber ich ziehe es vor, dann Urlaub zu machen, wenn keine Touristenmassen da sind.«

»Wann sind Sie in Bristol losgefahren?«

»Das weiß ich nicht. Ich habe nicht auf die Uhr gesehen. Es war Vormittag. Vielleicht neun oder zehn. Halb elf.«

»Haben Sie unterwegs irgendwo angehalten?«

Daidre überlegte, wie viel die Polizistin wissen musste. »Einmal kurz, ja«, antwortete sie. »Aber das hat wohl kaum mit dieser Sache .« »Wo?«

»Bitte?«

»Wo haben Sie haltgemacht?«

»Zum Mittagessen. Ich hatte nicht gefrühstückt. Das tue ich selten. Frühstücken, meine ich. Ich hatte also Hunger, darum habe ich angehalten.«

»Wo?«

»An einem Pub. Nirgends, wo ich für gewöhnlich Pause mache. Nicht dass ich normalerweise überhaupt unterwegs Pause mache, aber da war dieser Pub, ich hatte Hunger, draußen stand: >Mittagstisch<, also hab ich angehalten. Das war, nachdem ich von der M5 abgefahren bin. An den Namen des Pubs erinnere ich mich nicht mehr. Tut mir leid. Ich glaube, ich hab den Namen nicht einmal gelesen. Es muss irgendwo vor Crediton gewesen sein, glaube ich.«

»Glauben Sie. Interessant. Was haben Sie gegessen?«

»Ein Ploughman's Lunch.«

»Was für Käse?«

»Das weiß ich nicht mehr. Ich habe nicht darauf geachtet. Ein Ploughman's Lunch eben: Käse, Brot, Mixed Pickles, Zwiebeln. Ich bin Vegetarierin.«

»Natürlich sind Sie das.«

Daidre spürte Wut in sich aufsteigen. Sie hatte absolut nichts verbrochen, aber die Polizistin machte ihr ein schlechtes Gewissen. »Ich finde es problematisch, Tiere einerseits zu behandeln und mich andererseits an ihnen gütlich zu tun, Inspector«, sagte sie so gelassen, wie sie konnte.

»Natürlich«, wiederholte DI Hannaford knapp. »Kannten Sie den toten Jungen?«

»Auch diese Frage habe ich bereits beantwortet.«

»Dann ist es mir wohl entfallen. Sagen Sie's mir noch mal.«

»Ich fürchte, ich habe sein Gesicht nicht deutlich sehen können.«

»Und ich fürchte, das ist nicht, wonach ich Sie gefragt habe.«

»Ich bin nicht aus dieser Gegend. Wie gesagt, das hier ist mein Ferienhaus. Ich komme hin und wieder übers Wochenende. Feiertage. Urlaub. Ich kenne ein paar Leute hier, aber hauptsächlich die, die in der Nähe wohnen.«

»Und dieser Junge wohnte nicht hier in der Nähe?«

»Ichkenne ihn nicht.« Daidre spürte, wie sich der Schweiß in ihrem Nacken sammelte, und fragte sich, ob er ihr auch auf der Stirn stand. Sie war den Umgang mit der Polizei nicht gewohnt, und unter diesen Umständen war er besonders zermürbend.

Jemand klopfte vernehmlich an die Tür, doch noch ehe irgendwer hingehen und öffnen konnte, hörten sie schon zwei Männerstimmen - eine davon Sergeant Collins' -, und unmittelbar darauf trat er ein. Daidre hatte angenommen, dass es sich bei seinem Begleiter um den Rechtsmediziner handelte, den DI Hannaford angefordert hatte, aber das war offenbar nicht der Fall. Der groß gewachsene, grauhaarige und gut aussehende Ankömmling nickte in die Runde und fragte dann grußlos die Polizistin: »Wo steckt er?«

Worauf sie antwortete: »Ist er nicht im Auto?«

Der Mann schüttelte den Kopf. »Anscheinend nicht.«

»Dieser elende Bengel«, schimpfte Hannaford. »Also wirklich. Danke, dass du so kurzfristig gekommen bist, Ray.« Dann wandte sie sich an Daidre und Thomas. »Ich brauche Ihre Kleidung, wie gesagt, Dr. Trahair. Sergeant Collins wird sie in Empfang nehmen, also gehen Sie sich bitte umziehen.« Und zu Thomas: »Wenn die Kriminaltechnik eintrifft, bekommen Sie einen Overall. Unterdessen, Mr. … Ich weiß Ihren Namen gar nicht.«

»Thomas«, antwortete er.

»Mr. Thomas, ja? Oder ist Thomas Ihr Vorname?«

Er zögerte. Daidre glaubte einen Moment, er würde lügen, denn danach sah es aus. Und das konnte er ja auch, da er keine Ausweispapiere bei sich hatte. Er konnte behaupten, Gott weiß wer zu sein. Er blickte ins Kohlefeuer, als meditierte er über die verschiedenen Möglichkeiten. Dann sah er Detective Hannaford wieder an. »Lynley«, sagte er. »Thomas Lynley.«

Hannaford sah ihn schweigend an. Daidres Blick wanderte von Thomas zu Hannaford, und sie stellte erstaunt fest, wie deren Ausdruck sich veränderte, ebenso wie der des Mannes, den sie Ray genannt hatte. Seltsamerweise war er es auch, der das Wort ergriff. Was er sagte, verwirrte Daidre vollends: »New Scotland Yard?«

Thomas Lynley zögerte erneut. Dann schluckte er. »Bis vor Kurzem«, antwortete er. »Ja. New Scotland Yard.«

»Natürlich weiß ich, wer er ist«, erklärte Bea Hannaford ihrem Exmann schroff. »Ich lebe ja nicht hinterm Mond.« Es sah Ray ähnlich, sie derart herablassend aufzuklären. Er war ja so was von stolz auf sich. Devon and Cornwall Constabulary. In Middlemore. Dort war er Assistant Chief Constable - eigentlich ein Schreibtischtäter, fand Bea, aber nie zuvor hatte eine Beförderung das Verhalten eines Menschen in so nervtötender Weise verändert. »Die Frage ist nur, was er ausgerechnet hier zu suchen hat«, fügte sie hinzu. »Collins sagt, er kann sich nicht einmal ausweisen. Also könnte er auch jemand ganz anderes sein, oder?«

»Könnte. Ist er aber nicht.«

»Woher willst du das wissen? Kennst du ihn?«

»Ich muss ihn gar nicht kennen.«

Wieder dieser Ausdruck von Selbstzufriedenheit. War er schon immer so gewesen? Hatte sie es einfach nicht gesehen? Hatte die Liebe oder was auch immer sie so blind gemacht, dass sie diesen Mann bedenkenlos geheiratet hatte? Es war ja nicht so gewesen, dass sie sich der gefährlichen Altersgrenze genähert hätte und Ray ihre letzte Chance auf Heim und Familie gewesen wäre. Sie war erst einundzwanzig gewesen. Und glücklich - oder etwa nicht?

Bis Pete gekommen war, war ihr Leben in Ordnung gewesen: Sie hatten ein Kind - eine Tochter -, und auch wenn es eine kleine Enttäuschung war, hatte Ginny ihnen doch gleich nach ihrer Heirat ein Enkelkind geschenkt, und das nächste war bereits unterwegs. Bea und Ray hatten in nicht allzu ferner Zukunft dem Pensionsalter entgegengesehen und all den verlockenden Dingen, die sie sich für die Zeit nach dem Berufsleben vorgenommen hatten. Doch dann hatte Pete sich angekündigt - eine totale Überraschung. Eine freudige für Bea; unliebsam für Ray. Der Rest war Geschichte.

»Tatsächlich ist es so, dass ich in der Zeitung über ihn gelesen habe«, sagte Ray in diesem aufrichtigen Tonfall, mit dem er immer seine Geständnisse ablegte und der sie jedes Mal veranlasste, ihm selbst seine schlimmsten Anfälle von Blasiertheit zu verzeihen. »Dort stand, dass er aus dieser Gegend stammt. Der Familiensitz liegt in Cornwall. In der Gegend von Penzance.«

»Also ist er nach Hause gekommen.«

»Hm. Tja. Nach dem, was passiert ist, kann man ihm wohl kaum vorwerfen, dass er die Nase von London voll hat.«

»Aber Penzance ist ziemlich weit weg von hier.«

»Vielleicht hat er zu Hause bei der Familie nicht gefunden, was er brauchte. Armes Schwein.«

Bea warf Ray einen Blick zu. Sie gingen Seite an Seite vom Haus hinüber zum Parkplatz und kamen an seinem Porsche vorbei, den er halb auf der Straße abgestellt hatte. Sie fand das unklug, aber ihr konnte es ja gleich sein; sie war für sein Fahrzeug nicht verantwortlich. Seine Stimme war ebenso missmutig wie seine Miene, das sah sie selbst im Dämmerlicht.

»Die ganze Geschichte hat dich berührt, wie?«, fragte sie.

»Ich hab auch ein Herz, Beatrice«, entgegnete er.

Das stimmte. Und Beas Problem war, dass seine bestechende Menschlichkeit es unmöglich machte, ihn zu hassen. Denn sie hätte es vorgezogen, Ray Hannaford zu hassen. Ihn zu verstehen, war viel zu schmerzlich.

»Ah«, machte Ray. »Ich glaube, wir haben unseren verlorenen Sohn gefunden.« Er wies zur Klippe hinüber, die rechts von ihnen jenseits des Parkplatzes aufragte. Der Küstenpfad sah aus wie ein schmaler Streifen, der wie mit dem Messer in das ansteigende Gelände geschnitten war, und zwei Gestalten kamen von der Anhöhe herab. Die vordere beleuchtete den Pfad durch die Dämmerung und den Regen mit einer Taschenlampe. Die kleinere zweite suchte sich vorsichtig einen Weg zwischen den regennassen Steinen, die den Boden dort übersäten, wo der Pfad nur unzureichend geräumt war.

»Dieser schreckliche Junge«, sagte Bea. »Er bringt mich noch ins Grab.« Dann rief sie: »Komm sofort da runter, Peter Hannaford! Ich hatte doch gesagt, du sollst im Auto bleiben! Und das war mein Ernst, wie du verdammt gut weißt! Und Sie, Constable: Was denken Sie sich eigentlich dabei, einem Kind zu erlauben …«

»Sie können dich nicht hören, Liebes«, unterbrach Ray. »Lass es mich mal versuchen.« Er brüllte Petes Namen und gab einen Befehl, den nur ein Dummkopf ignoriert hätte. Pete hastete den Pfad hinab und hatte seine Ausrede schon parat, als er zu ihnen stieß.

»Ich bin nicht mal in der Nähe der Leiche gewesen«, beteuerte er. »Du hast gesagt, ich soll nicht hingehen, und das bin ich auch nicht. Frag Mick! Ich bin nur den Pfad mit ihm raufgeklettert. Er war .«

»Haarspalterei«, fiel Ray ihm ins Wort.

»Du weißt genau, was ich davon halte, wenn du so etwas tust, Pete«, sagte Bea. »Jetzt begrüß deinen Vater, und dann verschwinde von hier, ehe ich dich verdresche, wie du's verdient hättest.«

»Hallo«, sagte Pete. Er streckte die Hand aus. Ray schlug ein. Bea wandte den Blick ab. Sie hätte einen Händedruck nicht zugelassen. Sie hätte den Jungen gepackt und geküsst.

Mick McNulty trat auf sie zu. »Tut mir leid. Ich wusste ja nicht …«

»Es ist ja nichts passiert.« Ray legte Pete die Hände auf die Schultern und schob ihn in Richtung Porsche. »Ich hab mir gedacht, wir holen uns beim Thai etwas zu essen«, schlug er seinem Sohn vor.

Peter verabscheute asiatisches Essen, aber Bea überließ es den beiden, das auszudiskutieren. Sie warf ihrem Sohn einen unmissverständlichen Blick zu, der besagte:Nicht hier. Pete schnitt eine Grimasse.

»Pass auf dich auf«, sagte Ray und küsste Bea zum Abschied auf die Wange.

»Fahr vorsichtig«, erwiderte sie. »Die Straßen sind rutschig.« Und weil sie sich nicht bremsen konnte, fügte sie hinzu: »Du siehst gut aus, Ray.«

»Nur hab ich davon nichts«, erwiderte er und ging mit ihrem Sohn davon. Pete hielt an Beas Wagen und holte seine Fußballschuhe heraus. Bea unterdrückte den Drang, ihm nachzurufen, er solle sie liegen lassen. Stattdessen fragte sie Constable McNulty: »Also? Was haben wir?«

McNulty wies zur Klippe hinauf. »Da oben liegt ein Rucksack, den die Spurensicherung einpacken sollte. Ich schätze, er gehört dem Jungen.«

»Sonst noch was?«

»Indizien, wie der arme Tropf abgestürzt ist. Hab ich auch für die Spurensicherung liegen lassen.«

»Was ist es?«

»Da oben ist ein Zauntritt, vielleicht drei Meter von der Felskante entfernt. Er markiert die Westgrenze einer Kuhweide. Der Junge hat eine Schlinge darumgelegt, an der sein Karabiner und das Seil für den Abstieg befestigt waren.«

»Was für eine Schlinge?«

»Aus Nylonnetz. Sieht aus wie ein Fischernetz, wenn man nicht weiß, wofür's gedacht ist. Man formt eine lange Schlinge daraus, legt sie um ein feststehendes Objekt und verbindet die Enden mit einem Karabiner. Dann knotet man das Seil an den Karabiner, und ab geht's.«

»Klingt vernünftig.«

»Wär's an sich auch gewesen. Aber die Schlinge war mit Klebeband ausgebessert, vermutlich um eine Schwachstelle zu stärken, und genau da ist sie gerissen.« McNulty sah zurück in die Richtung, aus der er gekommen war. »So ein Vollidiot! Warum hat er sich nicht einfach eine neue Schlinge besorgt?«

»Was für eine Art Klebeband hat er denn verwendet?«

McNulty schaute sie an, als überraschte ihn die Frage. »Isolierband.«

»Ich hoffe, Sie haben die Finger davon gelassen?«

»'türlich.«

»Und der Rucksack?«

»Ist aus festem Segeltuch.«

»Das hab ich mir schon gedacht«, erwiderte Bea geduldig. »Wo hat er gelegen? Und woher wissen Sie, dass er dem Jungen gehörte? Haben Sie reingeschaut?«

»Er lag gleich neben dem Zauntritt, darum hab ich angenommen, es ist seiner. Wahrscheinlich hatte er seine Ausrüstung da drin. Jetzt ist er leer - bis auf einen Schlüsselring.«

»Autoschlüssel?«

»Vermutlich.«

»Haben Sie sich nach dem Fahrzeug umgesehen?«

»Ich dachte, es ist besser, Ihnen erst mal Bericht zu erstatten.«

»Dann denken Sie noch mal scharf nach, Constable. Ab nach oben mit Ihnen, und finden Sie den Wagen!«

Er sah zur Klippe hinüber. Sein Ausdruck verriet ihr, wie wenig Lust er verspürte, ein zweites Mal im Regen dort hinaufzusteigen. »Na los«, ermunterte sie ihn liebenswürdig. »Die Bewegung kann Ihnen nur guttun.«

»Ich dachte, ich sollte vielleicht lieber die Straße nehmen. Es sind ein paar Meilen, aber …«

»Sie gehen schön zu Fuß«, teilte sie ihm mit. »Und halten Sie auf dem Pfad die Augen offen. Vielleicht gibt es Fußabdrücke, die der Regen noch nicht vernichtet hat.«Oder du, fügte sie in Gedanken hinzu.

McNulty sah nicht gerade glücklich aus, aber er sagte: »Okay, Detective.« Er machte kehrt und schlug den Weg ein, den er mit Pete gekommen war.

Kerra Kerne war vollkommen erledigt und durchnässt, weil sie ihre oberste Regel gebrochen hatte: Gegenwind auf dem Hinweg, Rückenwind auf dem Weg nach Hause. Doch sie hatte es so eilig gehabt, aus Casvelyn hinauszukommen, dass sie es zum ersten Mal seit Ewigkeiten versäumt hatte, im Internet nachzusehen, ehe sie ihre Montur übergezogen hatte und aus der Stadt geradelt war. Sie hatte nur die Ly- crakombi und den Helm getragen, und sie hatte so emsig in die Pedale getreten, dass sie schon zehn Meilen außerhalb von Casvelyn war, ehe sie aufblickte, um festzustellen, wo genau sie sich befand. Und auch dann war es allein die Strecke, die sie beachtete, und nicht die Windverhältnisse. Sie war einfach immer weiter in östlicher Richtung geradelt. Und als das Unwetter aufzog, war sie so weit draußen gewesen, dass ihr, um ihm zu entgehen, nur geblieben wäre, einen Unterstand aufzusuchen, und das hatte sie nicht gewollt. So hatte sie sich also die fünfunddreißig Meilen nach Hause gequält, nass bis auf die Haut und müde bis in die Knochen.

Daran war einzig und allein Alan schuld, befand sie. Alan Cheston - blind, dämlich und angeblich ihr Lebensgefährte, mit allem Drum und Dran, was der Begriff >Lebensgefährte< einschließen mochte. Der jedoch eine Entscheidung getroffen hatte, die sie niemals würde gutheißen können. Und auch ihrem Vater gab sie die Schuld. Er war ebenso blind und dämlich, wenn auch in völlig anderer Weise und aus ganz anderen Gründen.

Schon vor fast einem Jahr hatte sie zu Alan gesagt: »Bitte tu es nicht. Es wird nicht klappen. Es wird …«

Und er war ihr ins Wort gefallen. Das kam selten vor, hätte ihr aber etwas über ihn verraten sollen, was sie noch nicht wusste. Doch sie hatte die Zeichen nicht erkannt. »Warum sollte es nicht klappen? Wir werden uns nicht einmal oft sehen, falls es das ist, was dir Sorgen macht.«

Doch das war nicht der Grund für ihre Sorge gewesen. Sie wusste, was er sagte, entsprach der Wahrheit. Er würde das tun, was immer man in einer Marketingabteilung tat, die weniger eine Abteilung als vielmehr ein alter Konferenzraum hinter der einstigen Rezeption des heruntergekommenen Hotels war. Sie selbst würde die angehenden Trainer ausbilden. Er würde das Chaos beseitigen, das ihre Mutter als angebliche Direktorin jener nicht existenten Marketingabteilung hinterlassen hatte, während sie - Kerra - auf der Suche nach geeigneten Mitarbeitern wäre. Vielleicht würden sie sich hin und wieder in der Frühstücks- oder Mittagspause treffen, vielleicht aber auch nicht. Es stand also nicht zu befürchten, dass sie tagsüber aufeinanderhängen und dann später am Abend aufeinanderliegen würden.

Er hatte gefragt: »Siehst du denn nicht ein, Kerra, dass ich hier in Casvelyn eine vernünftige Arbeit brauche? Und genau das ist dieser Job! Sie hängen hier ja nicht gerade an den Bäumen, und es war ziemlich anständig von deinem Vater, ihn mir anzubieten. Geschenkter Gaul und so weiter.«

Ihr Vater war wohl kaum ein geschenkter Gaul, dachte sie, und es war erst recht nicht der Anstand, der ihn bewogen hatte, Alan die Stelle anzubieten. Sie brauchten jemanden, der Adventures Unlimited in der Öffentlichkeit publik machte, und sie brauchten einen ganz bestimmten Jemand dafür. Alan Cheston schien genau dieser Jemand zu sein, nach dem ihr Vater gesucht hatte.

Ihr Vater ließ sich in seinen Entscheidungen gerne vom äußeren Anschein leiten. In seiner Vorstellung entsprach Alan einem bestimmten Typus. Oder, genauer gesagt, er entsprach einem gewissen Typus eben nicht. Ihr Vater glaubte, der Typus, den sie bei Adventures Unlimited nicht brauchen konnten, war der Maskuline: Dreck unter den Fingernägeln, ein Kerl, der eine Frau aufs Bett warf und es ihr besorgte, bis sie Sterne sah. Was er nicht begriff - und nie begriffen hatte -, war, dass es keinen derartigen Typus gab. Es gab nur Männer. Und trotz der abfallenden Schultern, der Brille, trotz des vorstehenden Adamsapfels und der zarten Hände mit den langen, tastenden, spachtelför- migen Fingern war Alan Cheston ein Mann. Er dachte wie ein Mann, handelte wie ein Mann, und - das war das Entscheidende - er reagierte wie ein Mann. Und genau deshalb hatte Kerra auf stur geschaltet, doch es hatte nicht gefruchtet, weil sie eben auch nicht mehr gesagt hatte als: »Es wird nicht funktionieren.« Da das nichts nützte, hatte sie den einzigen Weg gewählt, der ihr in dieser Situation noch offenstand, und ihm gesagt, dass sie ihre Beziehung dann wohl würden beenden müssen, woraufhin er in aller Seelenruhe und ohne den leisesten Hauch von Panik in der Stimme erwidert hatte: »Ist es das, was du tust, wenn du nicht bekommst, was du willst? Du servierst die Menschen einfach ab?«

»Ja«, hatte sie erklärt. »Genau das ist es, was ich tue. Aber nicht dann, wenn ich nicht bekomme, was ich will. Sondern dann, wenn die Menschen nicht auf das hören, was ich ihnen zu ihrem eigenen Besten rate.«

»Wie kann es zu meinem Besten sein, diesen Job nicht anzunehmen? Er bringt Geld. Er bietet eine Zukunft. Ist es nicht das, was du willst?«

»Anscheinend nicht«, antwortete sie.

Trotzdem war sie nicht in der Lage gewesen, ihre Drohung wahrzumachen, was zum Teil daran lag, dass sie sich nicht vorstellen konnte, wie es wäre, tagsüber mit Alan zu arbeiten, ihn aber abends nicht mehr zu sehen. Sie war schwach in dieser Hinsicht, und sie verabscheute ihre Schwäche, zumal sie ihn sich doch vornehmlich ausgesucht hatte, weil er der Schwache zu sein schien: rücksichtsvoll, was sie für unterwürfig, und behutsam, was sie für zaghaft gehalten hatte. Doch seit er bei Adventures Unlimited arbeitete, hatte er bewiesen, dass er genau das Gegenteil davon war, und das machte ihr eine Himmelangst.

Ein Weg, diese Angst loszuwerden, war, sie zu konfrontieren, doch das hätte geheißen, Alan selbst zu konfrontieren. Nur wie? Sie hatte anfangs gegrollt, dann hatte sie abgewartet, beobachtet und zugehört. Das Unvermeidliche war genau das: unvermeidlich. Und wie sie es auch früher immer schon getan hatte, hatte sie die Zeit genutzt, um sich zu stählen. Sich innerlich zu distanzieren, während sie äußerlich Selbstsicherheit zur Schau trug.

An dieser Rolle hatte sie bis heute festgehalten, genau bis zu dem Moment, da er ihr eröffnete: »Ich muss für ein paar Stunden weg, runter an die Küste.« Das hatte Alarmsirenen in ihrem Hirn ausgelöst. Und an dem Punkt war ihr nichts anderes mehr übrig geblieben, als sich aufs Rad zu schwingen und schnell und weit weg zu fahren. Sich so zu verausgaben, dass sie nicht mehr denken konnte und somit auch nicht mehr leiden. Darum hatte sie sich all ihren Verpflichtungen zum Trotz auf den Weg gemacht. Sie war den St. Mevan Crescent entlanggefahren, dann hinüber zum Burn View, die Lansdown Road und The Strand hinab und von dort aus der Stadt hinaus.

Sie war immer weiter in Richtung Osten gefahren, auch noch lange nachdem sie hätte kehrtmachen sollen. So kam es, dass es bereits dunkel wurde, als sie zum letzten Anstieg The Strand hinauf den Gang herunterschaltete. Die Geschäfte hatten schon geschlossen, die Restaurants waren geöffnet, wenn auch zu dieser Jahreszeit schwach besucht. Wimpelleinen hingen lustlos und tröpfelnd über der Straße, und die einsame Ampel auf der Kuppe des Hügels warf ihr einen roten Lichtkegel entgegen. Kein Mensch war auf dem nassen Bürgersteig unterwegs, aber das würde sich in zwei Monaten ändern, wenn die Sommergäste in Casvelyn einfielen, um sich an seinen zwei weiten Stränden zu vergnügen, an der Brandung, dem Meerwasserpool, dem Vergnügungspark und, so stand zu hoffen, an den Aktivitäten, die Adven- tures Unlimited feilbot.

Es war der Traum ihres Vaters gewesen: das leer stehende, 1933 erbaute Hotel zu kaufen, das auf einer Landzunge oberhalb von St. Me- van Beach lag, und es in ein Sporthotel zu verwandeln - ein enormes Risiko für die Kernes, und wenn es nicht klappte, würden sie vor dem Ruin stehen. Aber ihr Vater war ein Mann, der auch schon in der Vergangenheit Risiken eingegangen war, und sie hatten immer Früchte getragen, denn das Einzige im Leben, wovor er keine Angst hatte, war harte Arbeit. Was all die anderen Dinge im Leben ihres Vaters betraf … Kerra hatte zu viele Jahre damit zugebracht, nach dem Warum zu fragen, und keine Antwort bekommen.

Als sie die Hügelkuppe erreichte, bog sie wieder in den St. Mevan Crescent ein. Vorbei an alten Bed & Breakfasts und noch älteren Hotels, einem chinesischen Schnellimbiss und einem Zeitungskiosk gelangte sie zur Einfahrt dessen, was einmal das King-George-Hotel gewesen und heute Adventures Unlimited war. Das alte Hotel war nur schwach erleuchtet, und die Front lag hinter einem Gerüst verborgen. Im Erdgeschoss brannte Licht; oben, wo die Familie ihre Wohnung hatte, war alles dunkel. Vor dem Eingang parkte ein Streifenwagen. Kerra runzelte die Stirn, als sie ihn entdeckte.Alan!, schoss ihr durch den Kopf. Ihr Bruder kam ihr überhaupt nicht in den Sinn.

Ben Kernes Büro bei Adventures Unlimited lag im ersten Stock des Hotels. Es war ein umgebautes Einzelzimmer, das vermutlich einst die Zofe einer feinen Dame beherbergt hatte, denn direkt daneben befand sich eine Suite, zu der es einmal eine Verbindungstür gegeben hatte. Die Suite hatte Ben in ein Familienzimmer umgewandelt, denn Familien waren die Zielgruppe, auf die er seine finanzielle Zukunft verwettet hatte.

Die Zeit war ihm genau richtig für diese Sache erschienen - für sein bislang größtes Unternehmen. Seine Kinder waren inzwischen erwachsen, und zumindest Kerra war selbstständig und absolut in der Lage, auch anderswo ihren Lebensunterhalt zu verdienen, sollte das Unternehmen in die Binsen gehen. Mit Santo lagen die Dinge anders - aus den verschiedensten Gründen, über die Ben lieber nicht nachdenken wollte. Aber Gott sei Dank war der Junge in letzter Zeit zuverlässiger geworden, ganz so als hätte er die ganze Tragweite des Unterfangens endlich begriffen. Also hatte Ben das Gefühl gehabt, die Familie unterstützte ihn. Die Verantwortung würde nicht allein auf seinen Schultern lasten. Ganze zwei Jahre hatten sie jetzt schon investiert. Der Umbau war bis auf den Fassadenanstrich und ein paar Kleinigkeiten in der Innenausstattung abgeschlossen. Bis Mitte Juni sollte der Betrieb in Schwung gekommen sein. Seit einigen Wochen nahmen sie Buchungen entgegen.

Ben war gerade dabei gewesen, sie durchzusehen, als die Polizei gekommen war. Wenngleich die Buchungen die Früchte ihrer vereinten Bemühungen darstellten, hatte er sie nie als solche betrachtet oder sich auch nur einen flüchtigen Gedanken über die Auslastung gemacht. Woran er stattdessen gedacht hatte, war Rot. Nicht im Sinne von >in den roten Zahlen stehen<, was in der Tat der Fall war und auch in absehbarer Zukunft bleiben würde, bis das Hotel einbrachte, was Ben hineingesteckt hatte. Er dachte an Rot als die Farbe eines Nagellacks oder Lippenstifts, eines Schals, einer Bluse oder eines eng anliegenden Kleides.

Seit fünf Tagen trug Dellen Rot. Mit dem Nagellack hatte es angefangen. Der Lippenstift war gefolgt. Dann ein verwegenes Barett auf dem blonden Schopf, wenn sie das Haus verließ. Er rechnete damit, dass bald ein roter Pullover mit großzügigem Ausschnitt zu einer engen schwarzen Hose hinzukommen würde. Und irgendwann würde sie auch das Kleid tragen, das noch mehr Dekolleté zeigte und ihre Beine, und wenn es so weit war, würde nichts sie mehr halten. Seine Kinder würden ihn ansehen, wie sie es seit jeher getan hatten, und ihre Blik- ke würden ihn auffordern, etwas zu unternehmen; dabei war dies eine Situation, in der er rein gar nichts tun konnte. Obwohl sie inzwischen achtzehn und zweiundzwanzig Jahre alt waren, hielten Santo und Ker- ra unbeirrbar an ihrer Überzeugung fest, ihr Vater müsste ihre Mutter doch ändern können. Und wenn er das nicht tat - zumal er bei dem Versuch bereits gescheitert war, als er noch jünger gewesen war als seine Kinder heute -, sah er das Warum in ihren Augen. Zumindest in Kerras.Warum lässt du dir das von ihr bieten?

Als er die Autotür schlagen hörte, dachte er an Dellen. Er trat ans Fenster, erkannte, dass es ein Streifenwagen war und nicht ihr alter BMW, und dachte trotzdem gleich wieder an Dellen. Später gestand er sich ein, dass es nähergelegen hätte, an Kerra zu denken, war sie doch seit Stunden mit dem Rad unterwegs, und das bei einem Wetter, das seit dem frühen Nachmittag kontinuierlich schlimmer geworden war. Doch es war nun einmal Dellen, die seit achtundzwanzig Jahren im Mittelpunkt all seiner Gedanken stand, und da sie seit Mittag verschwunden war, nahm er an, dass sie sich in irgendwelche Schwierigkeiten gebracht hatte.

Er verließ sein Büro und ging ins Erdgeschoss hinunter. An der Rezeption stand ein uniformierter Constable, der sich suchend umschaute und zweifellos verwundert war, das Portal zwar unverschlossen, die Rezeption jedoch verwaist vorgefunden zu haben.

Der Polizist war jung und kam Ben vage bekannt vor. Er musste wohl hier aus dem Ort stammen. Allmählich wusste Ben, wer in Casvelyn lebte und wer aus der Umgebung kam.

Der Constable stellte sich vor: »Mick McNulty. Und Sie sind … Sir?«

»Benesek Kerne. Ist irgendetwas passiert?« Ben knipste ein paar zusätzliche Lampen an. Die zeitgesteuerten hatten sich zwar bei Beginn der Dämmerung eingeschaltet, aber sie warfen überall Schatten, und Ben hatte unwillkürlich das Bedürfnis, diese Schatten zu vertreiben.

»Ah«, sagte McNulty. »Kann ich Sie einen Moment sprechen, Mr. Kerne?«

Ben wusste, der Constable meinte, ob sie irgendwohin gehen konnten, wo sie ungestört waren. Also führte er ihn nach oben ins Wohnzimmer. Von dort hatte man einen Blick auf St. Mevan Beach, wo die Wellen heute eine anständige Größe hatten und sich in rascher Folge an den Sandbänken brachen. Sie kamen von Südwesten, aber der Wind verdarb sie. Es war niemand draußen, nicht einmal die Süchtigsten der einheimischen Surfer.

Das Gelände zwischen Strand und Hotel hatte sich seit den Glanzzeiten des King-George-Hotels beträchtlich verändert. Der Pool war noch da, aber die Bar und das Außenrestaurant waren einer Free- climbing-Wand gewichen. Und den Kletterseilen, Hängebrücken, Flaschenzügen, Gerätschaften, Drähten und Kabeln für eine Canopy-Seil- bahn. Eine solide gebaute Hütte beherbergte die Kajaks, eine zweite die Tauchausrüstungen. Constable McNulty betrachtete all das oder erweckte zumindest den Anschein, sodass Ben Kerne Zeit blieb, sich für das zu wappnen, was der Polizist ihm zu sagen hatte. Er dachte an Dellen und rote Accessoires, an die nassen Straßen und Dellens Absichten, die sie vermutlich aus der Stadt hinausgeführt hatten, die Küste entlang, zu einer der Buchten. Doch bei diesem Wetter dorthin zu gelangen, bedeutete, sich Gefahren auszusetzen, vor allem wenn sie nicht auf den Hauptstraßen geblieben war. Nun war zwar Gefahr genau das, was sie liebte und was sie suchte - aber nicht die Sorte, bei der Autos von der Straße abkamen und die Klippen hinabstürzten.

Als die Frage kam, war es nicht diejenige, die Ben erwartet hatte.

»Ist Alexander Kerne Ihr Sohn?«

»Santo?«, fragte Ben und dachte: Gott sei Dank! Es war Santo, der sich in Schwierigkeiten gebracht hatte. Vermutlich war er wegen unbefugten Betretens irgendeines Geländes verhaftet worden. Ben hatte ihn immer wieder gewarnt. »Was hat er angestellt?«

»Er ist verunglückt«, antwortete der Constable. »Ich bedaure, Ihnen mitteilen zu müssen, dass ein Leichnam gefunden worden ist, bei dem es sich um Alexander zu handeln scheint. Wenn Sie ein Foto von ihm hätten .«

Ben hörte das Wort >Leichnam<, doch sein Verstand weigerte sich, es aufzunehmen. »Ist er im Krankenhaus?«, fragte er. »In welchem? Was ist passiert?« Er dachte daran, dass er es Dellen würde sagen müssen und was es in ihr auszulösen vermochte.

»… furchtbar leid«, hörte er den Constable sagen. »Wenn Sie ein Foto hätten, könnten wir .«

»Was sagen Sie da?«

Constable McNulty wirkte nervös. »Ich fürchte, er ist tot. Der Junge. Den wir gefunden haben.«

»Santo? Tot? Aber wo? Wie?« Ben blickte hinaus auf die rastlosen Wellen, und in diesem Moment schlug eine Windbö gegen die Fenster und ließ sie in den Rahmen erzittern. »O mein Gott. Er ist da rausgegangen! Er war surfen!«

»Nicht surfen«, entgegnete McNulty.

»Was ist denn dann passiert?«, fragte Ben. »Bitte. Was ist Santo passiert?«

»Er ist beim Klettern abgestürzt. Materialfehler. In den Klippen bei Polcare Cove.«

»Er warklettern?«, wiederholte Ben verständnislos. »Santo warklettern? Mit wem? Wo .«

»Im Moment sieht es so aus, als sei er allein gewesen.«

»Allein? In Polcare Cove? Bei diesem Wetter?« Ben kam es vor, als könnte er nur mehr Informationen nachplappern wie ein sprechender Roboter. Mehr zu tun, hätte geheißen, es wahrzuhaben, und das konnte er nicht ertragen, denn er ahnte, was Wahr haben bedeutete. »Antworten Sie«, befahl er. »Antworten Sie mir, Mann, verflucht noch mal!«

»Haben Sie ein Foto von Alexander?«

»Ich will ihn sehen. Ich muss. Vielleicht ist es nicht .«

»Das ist im Augenblick leider nicht möglich. Darum brauche ich das Foto. Der Leichnam … ist nach Truro ins Krankenhaus gebracht worden.«

Ben stürzte sich auf das Wort >Krankenhaus<. »Also ist er doch nicht tot.«

»Mr. Kerne. Es tut mir leid. Erist tot. Der Leichnam .« »Sie sagten >Krankenhaus<.«

»In die Rechtsmedizin. Zur Autopsie«, erklärte McNulty. »Es tut mir furchtbar leid.«

»O mein Gott.«

Unten wurde die Eingangstür geöffnet. Ben schnellte aus dem Wohnzimmer und rief: »Dellen?«

Schritte näherten sich der Treppe. Aber es war Kerra und nicht Bens Frau, die in der Wohnzimmertür erschien. Regenwasser triefte von ihrer Kleidung auf den Fußboden, und sie hatte den Helm abgenommen. Ihr Scheitel schien der einzig trockene Teil ihres Körpers zu sein.

Ihr Blick fiel auf den Constable, dann sah sie Ben an und fragte: »Ist etwas passiert?«

»Santo.« Bens Stimme klang rau. »Santo ist tot.«

»Santo.« Und dann:»Santo?« Kerra blickte sich panisch im Zimmer um. »Wo ist Alan? Wo ist Mum?«

Ben konnte ihr nicht in die Augen sehen. »Deine Mutter ist nicht da«, murmelte er.

»Was ist passiert?«

Ben berichtete ihr das wenige, das er wusste.

Genau wie er fragte auch sie: »Santo warklettern?«, und der Ausdruck, mit dem sie ihn ansah, spiegelte exakt seine Gedanken wider: Wenn Santo zum Klettern gegangen war, dann wahrscheinlich seinetwegen.

»Ja«, antwortete Ben. »Ich weiß. Ich weiß! Du brauchst es nicht zu sagen.«

»Sie wissenwas, Sir?«, erkundigte sich der Constable.

Ben wurde klar, dass diese ersten Minuten in den Augen der Polizei entscheidend waren, da sie ja anfangs nie wusste, womit genau sie es zu tun hatte. Die Polizei hatte einen Leichnam gefunden und ging davon aus, dass es sich um einen Unfall handelte, aber falls es kein Unfall war, musste sie in der Lage sein, mit dem Finger auf irgend jemanden zu zeigen und die richtigen Fragen zu stellen … Wo um Himmels willen blieb Dellen?

Ben rieb sich die Stirn. Das Meer war an allem schuld, dachte er. Immer lief alles auf das Meer hinaus. Nie war er wirklich im Einklang mit sich, wenn er das Rauschen des Meeres nicht hörte, und doch war er all die Jahre gezwungen gewesen, im Einklang mit sich zu sein. Aber all die Jahre hatte er sich unablässig nach dem Meer gesehnt, nach dessen riesiger, wogender Weite, nach dem Klang, nach der Erregung. Und jetzt das.

Nein, er allein war daran schuld, dass Santo tot war.Nicht surfen, hatte er gesagt.Ich will nicht, dass du surfst. Weißt du eigentlich, wie viele ihr Leben damit vertun, an irgendeinem Strand herumzuhängen und aufdie perfekte Welle zu warten? Es ist verrückt. Pure Verschwendung.

»… schicken einen Kollegen vorbei«, sagte Constable McNulty.

»Wie bitte?«, fragte Ben. »Was war mit Ihrem Kollegen?«

Kerra betrachtete ihn, die blauen Augen verengt. Ihr Blick war forschend, und das war das Letzte, was Ben sich im Moment von seiner Tochter wünschte. Sie sagte behutsam: »Der Constable hat gesagt, dass ein Kollege von ihm hier vorbeikommt, sobald sie das Foto von Santo bekommen und sich vergewissert haben …« Und dann fragte sie McNulty: »Wieso brauchen Sie das Foto?«

»Er hatte keinen Ausweis dabei.«

»Woher wollen Sie dann .«

»Wir haben seinen Wagen gefunden. In einer Haltebucht in der Nähe von Stowe Wood. Sein Führerschein lag im Handschuhfach, und der Schlüssel aus seinem Rucksack passte ins Türschloss.«

»Also ist das hier eine reine Formalität«, stellte Kerra klar.

»Im Grunde genommen ja. Aber es muss gemacht werden.«

»Dann gehe ich Ihnen ein Foto holen.«

Ben staunte. Kerra war so geschäftsmäßig. Sie trug ihre Sachlichkeit wie eine Rüstung. Es brach ihm das Herz.

»Wann kann ich ihn sehen?«, fragte er.

»Erst nach der Obduktion, fürchte ich.«

»Warum?«

»So sind die Vorschriften, Mr. Kerne. Es ist nicht zulässig, dass vorher irgendwer in die Nähe der … in seine Nähe kommt. Aus spurentechnischen Gründen, verstehen Sie.«

»Sie schneiden ihn auf.«

»Sie werden nichts davon sehen. Es ist nicht so, wie Sie vielleicht glauben. Die machen ihn anschließend wieder zurecht. Darauf verstehen die sich. Sie werden nichts sehen.«

»Er ist kein verdammtes Stück Fleisch!«

»Natürlich ist er das nicht. Es tut mir leid, Mr. Kerne.«

»Wirklich? Haben Sie Kinder?«

»Einen Jungen, ja. Ich habe einen Jungen, Sir. Ihr Verlust ist das Schlimmste, was einem passieren kann. Ich weiß das, Mr. Kerne.«

Ben starrte ihn an; seine Augen brannten. Der Constable war jung, vermutlich keine fünfundzwanzig. Der denkt wohl, er kennt die Welt, aber er hat keine Vorstellung - nicht den Schimmer einer Ahnung, was dort draußen alles vor sich geht und was alles passieren kann. Er weiß nicht, dass es keine Möglichkeit gibt, sich vorzubereiten oder Kontrolle auszuüben. Das Leben kommt im gestreckten Galopp auf einen zu, und dann hat man zwei Möglichkeiten: aufspringen oder niedergeritten werden. Und wenn man versucht, einen Mittelweg zu finden, dann geht man unter.

Kerra kam mit einem Schnappschuss in der Hand zurück. Sie überreichte ihn Constable McNulty und sagte: »Das ist Santo. Mein Bruder.«

McNulty schaute das Foto an. »Hübscher Junge« sagte er.

»Ja«, erwiderte Ben finster. »Er kommt nach seiner Mutter.«

4

»Bis vor Kurzem.« Daidre wählte den Moment, da sie allein mit Thomas Lynley war. Sergeant Collins war in der Küche verschwunden, um sich die nächste Tasse Tee zu kochen. Vier hatte er bereits in sich hineingeschüttet. Daidre hoffte, er hatte nicht die Absicht, in dieser Nacht zu schlafen, denn wenn ihre Nase sie nicht trog, hatte er sich von ihrem besten Russian Caravan Tea bedient.

Thomas Lynley regte sich. Er hatte am Kamin gesessen und ins Feuer gestarrt, nicht mit ausgestreckten Beinen, wie man es bei einem Mann erwarten würde, der die Wärme genoss, sondern die Ellbogen auf den Knien, mit kraftlos herabhängenden Händen. »Wie bitte?«, fragte er.

»Als er gefragt hat, haben Sie gesagt: bis vor Kurzem. Er fragte: New Scotland Yard? Und Sie haben geantwortet: bis vor Kurzem.«

»Ja«, erwiderte Lynley. »Bis vor Kurzem.«

»Haben Sie Ihren Job gekündigt? Sind Sie deswegen in Cornwall?«

Er schaute sie an. Wieder sah sie in seinen Augen die Verletztheit, die sie zuvor schon bemerkt hatte. Er sagte: »Ich weiß es nicht so recht. Vermutlich habe ich das, ja. Gekündigt, meine ich.«

»Was haben Sie … Wenn die Frage Sie nicht stört: Was haben Sie für einen Job gemacht bei der Polizei?«

»Einen einigermaßen guten, glaube ich.«

»Tut mir leid, ich meinte … Es gibt da doch die verschiedensten Abteilungen. Spezialeinheiten, Personenschutz für die Royals, Sitte, Streife .«

»Mordkommission«, erwiderte er.

»Sie haben in Mordfällen ermittelt?«

»Ja. Genau das habe ich getan.« Er blickte wieder ins Feuer.

»Das muss . schwierig gewesen sein. Deprimierend.«

»Die Unmenschlichkeit der Menschen zu erleben? Ja, das war es.«

»Haben Sie deshalb gekündigt? Entschuldigen Sie. Ich bin zu neugierig. Aber … War es so, dass Sie zu viel mit sich herumtragen mussten?«

Er antwortete nicht.

Die Haustür öffnete sich mit einem Poltern, und Daidre fühlte den eisigen Wind hereinwehen. Collins kam mit der Teetasse in der Hand aus der Küche, als Detective Inspector Hannaford zu ihnen trat. Sie trug einen weißen Overall über dem Arm, den sie Lynley entgegenstreckte. »Hose, Stiefel und Jacke«, sagte sie in unmissverständlichem Befehlston. Und zu Daidre: »Wo sind Ihre Sachen?«

Daidre wies auf die Plastiktüte, in die sie ihre Oberbekleidung gestopft hatte, nachdem sie sich umgezogen hatte und in Jeans und einen gelben Pulli geschlüpft war. »Aber er hat keine anderen Schuhe dabei«, sagte sie.

»Ist schon in Ordnung«, versicherte Lynley.

»Das ist es nicht. Sie können doch nicht ohne …«

»Ich werde mir neue besorgen.«

»So bald wird er sie ohnehin nicht brauchen«, warf Hannaford ein. »Wo kann er sich umziehen?«

»In meinem Schlafzimmer. Oder im Bad.«

»Dann kümmern Sie sich darum.«

Lynley hatte sich bereits erhoben, als die Beamtin hereingekommen war. Es schien weniger damit zu tun zu haben, dass er wusste, weswegen sie gekommen war, sondern vielmehr mit guten Manieren. Detective Hannaford war eine Frau, und man stand auf, wenn eine Frau den Raum betrat.

»Ist das KTU-Team schon da?«, fragte Lynley nun.

»Und der Pathologe. Wir haben auch ein Foto des toten Jungen. Sein Name ist Alexander Kerne. Er wohnte in Casvelyn. Kannten Sie ihn?«

Die Frage war an Daidre gerichtet. Sergeant Collins drückte sich in der Küchentür herum, als wäre er nicht ganz sicher, ob er während der Dienstzeit Tee trinken dürfe.

»Kerne? Der Name kommt mir bekannt vor, aber ich weiß nicht, woher. Ich glaube nicht, dass ich ihn kannte«, antwortete Daidre.

»Sie haben hier unten einen großen Bekanntenkreis, ja?«

»Wie meinen Sie das?« Daidre hatte die Fingernägel in die Handflächen gebohrt und kämpfte dagegen an. Sie wusste, die Polizistin versuchte, sie aus der Reserve zu locken.

»Sie sagen, Sie glauben nicht, dass Sie ihn kannten. Das ist eine seltsame Art, es auszudrücken. Mir scheint, entweder man kennt jemanden oder nicht. - Gehen Sie sich jetzt umziehen?« Die Frage galt Lynley, ein plötzlicher Richtungswechsel, der einen ebenso aus der Fassung bringen konnte wie ihr steter, forschender Blick.

Er sah kurz zu Daidre und wandte dann den Blick ab. »Ja, sicher«, sagte er und trat mit eingezogenem Kopf durch den Türbogen, der das Wohnzimmer mit einem schmalen Flur verband. Am anderen Ende lagen ein winziges Bad und ein Schlafzimmer, das gerade groß genug war für ein Bett und einen Kleiderschrank. Das Cottage war klein und sicher und behaglich. Es war genau so, wie Daidre es wollte.

Sie antwortete der Polizistin: »Ich glaube, man kann jemanden vom Sehen kennen, vielleicht sogar eine Unterhaltung mit ihm führen, ohne je seinen Namen zu erfahren. Oder seine Adresse, Lebensum- stände oder was auch immer. Ich nehme an, Ihr Sergeant hier könnte das Gleiche sagen, und er stammt aus dieser Gegend.«

Collins fand sich mit der Teetasse auf halbem Weg zum Mund erwischt. Er hob die Schultern. Es war unmöglich zu sagen, ob die Geste Zustimmung oder Ablehnung ausdrücken sollte.

»Das stelle ich mir aber anstrengend vor«, bemerkte Hannaford.

»Ich habe festgestellt, dass die Anstrengung sich lohnt«, gab Daid- re zurück.

»Sie kannten Alexander Kerne also vom Sehen?«

»Möglicherweise. Aber wie bereits gesagt, wie ich schon Ihrem anderen Kollegen und Sergeant Collins hier und auch Ihnen erklärt habe, konnte ich den Toten nicht gut sehen.«

In diesem Moment kam Thomas Lynley zurück und rettete Daidre vor weiteren Fragen und DI Hannafords durchdringendem Blick. Er reichte der Polizistin die erbetenen Kleidungsstücke. Das sei doch absurd, fand Daidre. Er werde sich den Tod holen, wenn er so herumlaufe. Keine Jacke, keine Schuhe und nur ein dünner weißer Overall, wie Kriminaltechniker sie am Tatort trugen, um sicherzustellen, dass sie selbst dort keine Spuren hinterließen. Es war einfach lächerlich.

DI Hannaford sagte zu ihm: »Ich will Ihren Ausweis sehen, Mr. Lynley. Das ist eine Formalität, und es tut mir leid, aber es führt kein Weg daran vorbei. Können Sie ihn besorgen?«

Er nickte. »Ich muss telefonieren .«

»Gut. Lassen Sie ihn herschicken. In den nächsten Tagen müssen Sie ohnehin hierbleiben. Es sieht zwar aus wie ein Unfall, aber ehe wir nicht sicher sind … Na ja, ich nehme an, Sie kennen die Vorschriften. Ich will, dass Sie sich irgendwo aufhalten, wo ich Sie finden kann.«

»Ja.«

»Sie brauchen etwas zum Anziehen.«

»Ja.« Er klang, als wäre es ihm gleichgültig. Er war wie ein Blatt im Wind, nicht Fleisch und Knochen und Entschlusskraft, sondern geradezu immateriell, ausgedörrt und hilflos den Gewalten der Natur ausgesetzt.

Detective Hannaford sah sich im Wohnzimmer des Cottages um, so als suchte sie sowohl nach passenden Kleidungsstücken als auch nach einer Unterbringungsmöglichkeit für ihn. Daidre sagte hastig: »Er kann in Casvelyn einkaufen. Allerdings nicht mehr heute Abend. Die Geschäfte haben schon zu. Aber morgen. Dort kann er auch wohnen. Oder im Salthouse Inn. Da gibt es einen kleinen Hotelbetrieb. Nicht viele Zimmer. Nichts Besonderes. Aber sie sind in Ordnung. Und es ist näher als Casvelyn.«

»Gut«, befand Hannaford, und zu Lynley: »Ich will, dass Sie in das Hotel ziehen. Ich werde sicher noch Fragen an Sie haben. Sergeant Col- lins kann Sie hinfahren.«

»Ich fahre ihn«, entgegnete Daidre. »Ich nehme doch an, Sie brauchen hier jedes verfügbare Paar Hände. Für das, was immer Sie vor Ort tun müssen, wenn jemand stirbt. Ich weiß, wo das Salthouse Inn ist, und wenn dort keine Zimmer frei sind, bringe ich ihn nach Casvelyn.«

»Bitte machen Sie sich keine Umstände …«, begann Lynley.

»Es sind keine Umstände«, versicherte Daidre. Ihr Anliegen war vor allem, Sergeant Collins und Detective Inspector Hannaford aus ihrem Haus zu befördern, und das ließ sich nur bewerkstelligen, indem sie selbst das Haus verließ.

Nach einem kurzen Zögern stimmte Hannaford zu: »In Ordnung.« Sie reichte Lynley ihre Karte. »Rufen Sie mich an, wenn Sie Ihr Zimmer bezogen haben. Ich will wissen, wo ich Sie finden kann, und ich komme vorbei, sobald hier alles geregelt ist. Das kann allerdings ein Weilchen dauern.«

»Ich weiß«, antwortete er.

»Ja. Natürlich wissen Sie das.« Mit einem Nicken wandte sie sich ab und nahm die Tüten mit, in denen die Kleidungsstücke verstaut waren. Sergeant Collins folgte ihr. Polizeifahrzeuge versperrten den Weg zu Daidres Vauxhall. Sie mussten umgeparkt werden, ehe Daidre Thomas Lynley zum Salthouse Inn fahren konnte.

Nachdem die Polizeibeamten hinausgegangen waren, senkte sich Stille auf das Cottage herab. Daidre fühlte Thomas Lynleys Blick auf sich, aber sie hatte genug davon, sondiert zu werden. Sie ging in die kleine Diele und sagte über die Schulter hinweg: »Sie können nicht auf Socken da raus. Ich habe hier Gummistiefel.«

»Ich bezweifle, dass sie passen. Es ist aber wirklich kein Problem. Ich ziehe fürs Erste einfach die Socken aus. Und wieder an, wenn ich ins Hotel komme.«

Sie hielt inne. »Das ist eine vernünftige Idee. Das wäre mir nicht eingefallen. Wenn Sie so weit sind, können wir von mir aus fahren. Es sei denn, Sie möchten irgendetwas .? Ein Sandwich? Suppe? Brian hat auch eine Küche im Salthouse Inn, aber wenn Sie lieber nicht im Schankraum essen möchten .« Sie verspürte wenig Lust, dem Mann ein Essen zu kochen, aber es erschien ihr richtig, es zumindest anzubieten. Irgendwie steckten sie zusammen in dieser Geschichte, vielleicht weil sie beide verdächtigt wurden. So kam es ihr zumindest vor, denn sie hatte Geheimnisse - und er ganz offensichtlich ebenfalls.

»Ich nehme an, ich kann mir dort etwas aufs Zimmer kommen lassen«, erwiderte Lynley. »Vorausgesetzt, dass überhaupt eines frei ist.«

»Dann lassen Sie uns fahren«, schlug Daidre vor.

Dieses Mal fuhren sie langsamer zum Salthouse Inn. Es gab keinen Anlass zur Eile. Unterwegs kamen ihnen zwei weitere Streifenwagen und ein Rettungsfahrzeug entgegen. Sie sprachen nicht, und als Daidre zu ihrem Beifahrer hinüberschaute, stellte sie fest, dass seine Augen geschlossen waren und die Hände entspannt auf den Oberschenkeln lagen. Es sah aus, als schlafe er, und vermutlich war es so. Er hatte erschöpft gewirkt. Sie fragte sich, wie lange er schon auf Wanderschaft war.

Als sie auf dem Parkplatz des Gasthofs anhielt, rührte Lynley sich nicht. Sie tippte ihm sacht an die Schulter.

Er öffnete die Augen und blinzelte benommen, als müsse er sich aus einem Traum befreien, um den Kopf klar zu bekommen. Er sagte: »Danke. Es war sehr freundlich …«

»Ich wollte Sie nicht in den Klauen der Polizei lassen«, unterbrach sie ihn. Und dann fügte sie hinzu: »Tut mir leid. Ich habe vergessen, dass Sie dazugehören.«

»In gewisser Weise.«

»Nun, wie auch immer . Ich dachte, Sie hätten vielleicht gern eine Pause von ihnen. Obwohl, nach dem, was sie gesagt hat, die Beamtin, werden Sie wohl nicht lange Ihre Ruhe haben.«

»Nein. Sie wollen heute Abend noch ausführlich mit mir reden. Die erste Person am Tatort ist immer verdächtig. Sie wollen so viele Informationen wie möglich zusammentragen, und das so schnell wie möglich. So wird es nun einmal gemacht.«

Sie schwiegen einen Moment. Eine Windbö - die stärkste bislang - traf den Wagen und rüttelte daran. Sie bewog Daidre, wieder zu sprechen: »Also, ich hole Sie morgen ab.« Sie machte diesen Vorschlag, ohne wirklich zu überdenken, welche Folgen sich daraus ergeben mochten, was es bedeuten und wie es aussehen könnte. Das sah ihr nicht ähnlich, und sie schärfte sich ein, sich zusammenzureißen. Aber nun waren die Worte einmal heraus, und sie tat nichts, um sie zurückzunehmen. »Sie müssen doch nach Casvelyn, um einzukaufen, meine ich. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie länger als nötig in diesem Overall herumlaufen wollen. Außerdem brauchen Sie Schuhe und so weiter. Casvelyn ist die nächste Einkaufsmöglichkeit.«

»Das ist sehr nett von Ihnen«, versicherte Lynley. »Aber ich will Ihnen keine Mühe machen.«

»Das sagten Sie bereits. Aber weder ist es besonders nett von mir, noch macht es mir Mühe. Es ist seltsam, aber ich habe irgendwie das Gefühl, dass wir zusammen in dieser Geschichte stecken, was immer diese Geschichte sein mag.«

»Ich habe Ihnen ein Problem aufgebürdet«, hielt er dagegen. »Mehr als eines. Das Fenster im Cottage. Jetzt die Polizei. Und das tut mir leid.«

»Was hätten Sie denn sonst tun sollen? Sie hätten ja schlecht einfach weitergehen können, nachdem Sie ihn gefunden hatten.«

»Nein. Ich hätte nicht weitergehen können.«

Er saß einen Moment reglos da. Es sah aus, als beobachtete er das Spiel, das der Wind mit dem Türschild trieb.

»Kann ich Sie etwas fragen?«, erkundigte er sich schließlich.

»Sicher«, antwortete sie.

»Warum haben Sie gelogen?«

Ein unerwartetes Summen erhob sich in ihren Ohren. Sie wiederholte das letzte Wort, als hätte sie ihn nicht verstanden; dabei hatte sie ihn nur allzu gut gehört.

»Als wir vorhin hier waren, haben Sie dem Wirt gesagt, der Junge in der Bucht sei Santo Kerne. Sie kannten seinen Namen: Santo Kerne. Aber als die Polizistin Sie gefragt hat .« Er vollführte eine Geste, die zu sagen schien: Den Rest kennen Sie ja.

Die Frage rief Daidre die Tatsache in Erinnerung, dass dieser Mann - so ungepflegt und schmutzig er auch war - selbst zur Polizei gehörte, obendrein ein Detective war. Von jetzt an musste sie extrem vorsichtig sein.

»Habe ich das gesagt?«, fragte sie.

»Allerdings. Leise, aber nicht leise genug. Und dann haben Sie Detective Inspector Hannaford mindestens zweimal versichert, Sie hätten den Jungen nicht erkannt. Als sie seinen Namen sagte, haben Sie behauptet, ihn ebenfalls nicht zu kennen. Ich frage mich, wieso.«

Er schaute sie an, und auf einmal bereute sie ihr Angebot, ihn am nächsten Morgen zum Einkaufen nach Casvelyn zu fahren. Er war mehr als die Summe seiner Teile, und das hatte sie nicht rechtzeitig gemerkt. Sie sagte: »Ich bin hergekommen, um ein paar Tage Urlaub zu machen. In dem Moment, als ich der Polizistin geantwortet habe, schien es mir der beste Weg, um zu gewährleisten, dass ich auch wirklich Urlaub habe. Eine Auszeit.«

Er erwiderte nichts.

Sie fügte hinzu: »Danke, dass Sie mich nicht verraten haben. Natürlich kann ich Sie nicht daran hindern, das nachzuholen, wenn Sie später noch einmal mit der Polizei reden. Aber ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie berücksichtigen . Es gibt Dinge, die die Polizei nicht über mich wissen muss. Das ist alles, Mr. Lynley.«

Er sagte immer noch nichts. Aber er wandte den Blick nicht von ihr ab, und sie spürte die Hitze über den Hals bis in die Wangen aufsteigen.

Die Tür der Gaststätte öffnete sich mit einem Poltern. Ein Mann und eine Frau torkelten in den Wind hinaus. Die Frau knickte um, und der Mann legte ihr einen Arm um die Taille und küsste sie. Sie stieß ihn weg. Es war eine spielerische Geste. Er fing sie wieder ein, und zusammen kämpften sie sich auf eine Reihe geparkter Autos zu.

Daidre beobachtete das Paar, während Lynley die Augen auf sie gerichtet hielt. Schließlich sagte sie: »Ich hole Sie um zehn ab. Passt Ihnen das, Mr. Lynley?«

Es dauerte eine Weile, bis er antwortete. Daidre kam in den Sinn, dass er ein guter Polizist sein musste.

»Thomas«, sagte er schließlich. »Bitte nennen Sie mich Thomas.«

Es war wie in einem alten Western, dachte Lynley. Als er die Gaststube des kleinen Hotels betrat, wo die Stammgäste beieinandersaßen, wurde es mucksmäuschenstill. Dies hier war ein Teil der Welt, in dem man so lange als Fremder galt, bis man sich hier dauerhaft niederließ, und als Zugezogener, bis die Familie über mindestens zwei Generationen hier gelebt hatte. Also ordneten sie ihn als Fremden ein. Doch er war mehr als nur das: Er war ein Fremder in einem weißen Overall mit nichts als Socken an den Füßen. Kein Mantel schützte ihn vor Kälte, Wind und Regen, und wenn das immer noch nicht ausreichte, um ihn als sonderbar zu etikettieren, so hatte überdies seit Menschengedenken niemand außer einer Braut dieses Etablissement von Kopf bis Fuß in Weiß gekleidet betreten.

Die Decke hing keine dreißig Zentimeter über Lynleys Kopf und war vom Ruß des Feuers und von Zigarettenqualm verschmutzt. Die schwarzen Eichenbalken waren mit Messingplaketten verziert. Die Wände zeigten eine Auswahl alter Landwirtschaftsgeräte, vornehmlich Sensen und Heugabeln, und Steinfliesen bedeckten den Boden. Letztere waren uneben, pockennarbig, geriffelt und verschrammt. Die Schwellen bestanden aus dem gleichen Material und wiesen Vertiefungen auf, wo die Laufspuren der Jahrhunderte sich eingegraben hatten. Die Gaststube selbst war klein und in zwei Bereiche unterteilt, von denen jeder mit einem Kamin ausgestattet war, einer groß, einer klein, und beide Feuerstellen schienen eher dazu zu dienen, die Luft zu verpesten, als den Raum zu heizen. Dafür sorgte die Körperwärme der zahlreichen Gäste.

Als er früher am Tag zum ersten Mal im Salthouse Inn gewesen war, hatten nur einige wenige Nachmittagstrinker die Bar bevölkert. Inzwischen waren die Abendgäste in Scharen erschienen, und Lynley musste sich durch die Reihen und ihr Schweigen zum Tresen vorkämpfen. Er wusste, es war mehr als nur seine äußere Erscheinung, die ihn interessant machte. Zum Beispiel sein Geruch: seit sieben Wochen von Kopf bis Fuß ungewaschen. Unrasiert und ungeschoren überdies.

Der Wirt - den Daidre Trahair Brian genannt hatte, wie er sich entsann - erinnerte sich offenbar an seinen früheren Besuch, denn er fragte in die Stille hinein: »War's Santo Kerne da draußen auf den Klippen?«

»Ich fürchte, ich weiß nicht, um wen es sich handelt. Aber es war ein junger Mann. Ein Teenager. Das ist alles, was ich Ihnen sagen kann.«

Ein Raunen erhob sich und verebbte wieder. Lynley hörte mehrfach den Namen Santo. Er warf einen Blick über die Schulter. Dutzende Augenpaare - jung, alt und irgendwo dazwischen - waren auf ihn gerichtet.

Er fragte Brian: »Dieser Junge, Santo, ist er bekannt in der Gegend?«

»Er lebt hier«, lautete die wenig hilfreiche Antwort. Das war offenbar alles, was Brian einem Fremden zu eröffnen bereit war. »Wollen Sie etwas trinken?«, erkundigte er sich.

Als Lynley stattdessen um ein Zimmer bat, stellte er fest, dass Brian ausgesprochen zögerlich war, dem Wunsch nachzukommen. Lyn- ley deutete dies - vermutlich zu Recht - als Unwillen, eine heruntergekommene Gestalt wie ihn in Kontakt mit den Laken und Kissen des Hotels kommen zu lassen. Gott allein mochte wissen, welches Ungeziefer er da anschleppte. Doch der Unterhaltungswert, den er als fremdes Gesicht im Salthouse Inn hatte, sprach für ihn. Seine Erscheinung stand in völligem Widerspruch zu seinem Akzent und seiner Wortwahl, und das verlieh ihm eine unwiderstehliche Faszination, ganz zu schweigen von dem Umstand, dass er den Toten gefunden hatte, der vermutlich vor seinem Eintreten das Gesprächsthema der Gäste gewesen war.

»Nur ein kleines Zimmer«, antwortete der Wirt. »Aber das sind sie alle. Klein. Als das Haus gebaut wurde, waren die Menschen noch nicht so anspruchsvoll.«

Lynley versicherte, dass die Größe belanglos und er für alles dankbar sei, ganz gleich was das Hotel ihm zu bieten habe. Er wisse nicht, wie lange er das Zimmer benötigen werde, fügte er hinzu. Anscheinend bestehe die Polizei darauf, dass er hierbleibe, bis die Angelegenheit mit dem jungen Mann in der Bucht entschieden sei.

Wieder erhob sich Gemurmel. Es war das Wort >entschieden< und alles, was es implizierte.

Brian schob mit der Schuhspitze eine Tür am hinteren Ende des Tresens auf und sprach ein paar Worte in den angrenzenden Raum. Daraufhin kam eine Frau mittleren Alters heraus - die Köchin, nach der fleckigen weißen Schürze zu urteilen, die sie hastig abnahm. Darunter trug sie einen schwarzen Rock und eine weiße Bluse. Und bequeme Schuhe.

Sie werde ihn nach oben zu seinem Zimmer bringen, sagte sie. Sie verhielt sich geschäftsmäßig, so als fände sie nichts Merkwürdiges an ihm. Das Zimmer liege über dem Restaurant, nicht über der Bar, fuhr sie fort; er werde also seine Ruhe haben. Man könne dort gut schlafen.

Sie wartete keine Antwort ab. Seine Meinung interessierte sie nicht. Seine Anwesenheit bedeutete Kundschaft, und die war vor dem späten Frühling und Sommer schwer zu finden. Man musste nehmen, was man kriegen konnte, ohne Fragen zu stellen.

Sie ging auf eine weitere Tür am anderen Ende der Gaststube zu. Diese führte auf einen eisigen Flur. Das Restaurant - menschenleer - lag auf der anderen Seite dieses Korridors. Eine Treppe am Ende, die etwa so breit war wie ein Koffer, führte ins Obergeschoss. Kaum vorstellbar, wie jemals Möbel nach oben geschafft worden waren.

Es gab nur drei Zimmer im ersten Stock, und Lynley hatte die freie Auswahl, auch wenn seine Begleiterin - die sich als Siobhan Rourke und Brians langjährige und anscheinend leidgeprüfte Partnerin vorstellte - das kleinste empfahl, denn es sei dasjenige über dem Restaurant, von dem sie gesprochen habe. Für sämtliche Zimmer gebe es nur ein Gemeinschaftsbad, teilte sie ihm mit, aber das sei nicht weiter relevant, da derzeit keine anderen Gäste hier seien.

Lynley war es gleichgültig, welches Zimmer er bekam, also wies er auf das erste, und Siobhan öffnete die Tür. Es sei vollkommen ausreichend, versicherte er ihr. Das Zimmer passte zu ihm: Es war nicht wesentlich größer als eine Gefängniszelle, möbliert mit einem Einzelbett, einem Schrank und einer Frisierkommode unter einem winzigen Flügelfenster mit Bleiverglasung. Die einzigen Zugeständnisse an moderne Zeiten waren ein Waschbecken in der Ecke und ein Telefon auf der Kommode. Letzteres wirkte beinah schon wie ein störender Anachronismus in diesem Kämmerchen, das vor zweihundert Jahren eine Dienstmagd beherbergt haben mochte.

Nur in der Zimmermitte konnte Lynley wirklich aufrecht stehen. Als Siobhan das auffiel, bemerkte sie: »Damals waren die Leute kleiner. Vielleicht ist das hier doch nicht so ganz das Richtige, Mr. …«

»Lynley«, antwortete er. »Das Zimmer ist vollkommen in Ordnung. Funktioniert das Telefon?«

»Aber selbstverständlich. Kann ich Ihnen irgendetwas bringen? Handtücher sind im Schrank, Seife und Shampoo im Bad.« Der letzte Satz klang, als wolle sie ihn ermutigen, davon Gebrauch zu machen. »Und wenn Sie etwas essen möchten, lässt sich das auch einrichten. Hier oben. Oder natürlich auch unten im Restaurant, wenn Sie das wünschen«, fügte sie noch hastig hinzu, doch es war offensichtlich, was sie meinte: Je seltener er sich unten blicken ließe, umso glücklicher wären der Wirt und die Wirtin.

Er wiegelte ab, er sei nicht hungrig, was auch mehr oder minder der Wahrheit entsprach. Daraufhin verabschiedete sie sich.

Als die Tür sich geschlossen hatte, schaute er auf das Bett hinab. Es war fast zwei Monate her, seit er zuletzt in einem gelegen hatte, auch wenn er darin nicht gerade viel Schlaf gefunden hatte. Wenn er schlief, träumte er, und ihm graute vor seinen Träumen. Nicht weil sie so erschütternd waren, sondern weil sie irgendwann ein Ende nahmen. Er hatte festgestellt, dass es erträglicher war, überhaupt nicht zu schlafen.

Weil es keinen Sinn hatte, es vor sich herzuschieben, griff er zum Telefon und tippte die Nummer ein. Er hoffte, dass niemand zu Hause sein und der Anrufbeantworter sich einschalten würde, sodass er eine kurze Nachricht hinterlassen konnte. Doch nach dem fünften Läuten hörte er ihre Stimme. Ihm blieb nichts anderes übrig als zu sprechen.

»Mutter. Hallo.«

Zuerst herrschte Stille am anderen Ende, und er wusste genau, was sie tat: Sie stand am Telefon im Salon oder vielleicht in ihrem Morgenzimmer oder wo auch immer in dem riesigen herrschaftlichen Haus, welches sein Geburtsrecht und mehr noch sein Fluch war, hob eine Hand an die Lippen und sah denjenigen an, der sich mit ihr im Raum befand: wahrscheinlich sein jüngerer Bruder oder vielleicht der Gutsverwalter oder womöglich gar seine Schwester, falls sie entgegen aller Wahrscheinlichkeit noch nicht nach Yorkshire zurückgekehrt war. Und ihre Augen - die Augen seiner Mutter - verkündeten die Nachricht, noch ehe sie seinen Namen aussprach.Es ist Tommy! Er hat angerufen! Gott sei Dank, er lebt.

»Liebling. Wo bist du? Wie geht es dir?«

Er erwiderte: »Ich bin da in etwas hineingeraten … oben in Casvelyn.«

»Mein Gott, Tommy! Bist du so weit gelaufen? Weißt du eigentlich, wie .« Dann unterbrach sie sich. Was sie hatte fragen wollen, war, ob er wüsste, wie besorgt sie gewesen seien. Aber sie liebte ihn, und darum wollte sie ihm keine weitere Bürde auferlegen.

Weil er sie ebenso liebte, antwortete er trotzdem. »Ich weiß. Wirklich. Bitte versteh das. Es ist einfach so, dass ich unfähig scheine, meinen Weg zu finden.«

Sie wusste natürlich, dass er nicht von mangelndem Orientierungssinn sprach. »Mein Junge, wenn ich irgendetwas tun könnte, um dir das abzunehmen .«

Er konnte die Wärme in ihrer Stimme, ihr unerschöpfliches Mitgefühl kaum ertragen, vor allem da sie selbst im Laufe der Jahre so viele Tragödien hatte erdulden müssen. »Tja …« Er räusperte sich.

»Alle möglichen Leute haben angerufen«, erzählte sie. »Ich habe eine Liste erstellt. Und sie hören nicht auf anzurufen, wie man es doch erwarten würde. Du weißt, was ich meine: Ein Anruf, und damit ist die Pflicht getan. So war es nicht. So viele Menschen sind in Sorge um dich. Du wirst so geliebt, mein Junge.«

Er wollte das nicht hören, und das musste er ihr begreiflich machen. Es war nicht so, dass er die Anteilnahme seiner Freunde und Bekannten nicht zu schätzen wüsste. Nur rührte diese Anteilnahme - und schlimmer noch: derAusdruck dieser Anteilnahme - an eine Stelle in seinem Innern, die bereits so wund war, dass jede weitere Bekundung an Folter grenzte. Deswegen hatte er sein Zuhause verlassen, denn im März war der Küstenpfad menschenleer, und auch im April waren dort nur wenige unterwegs, und selbst wenn er jemandem begegnete, so wusste dieser Mensch doch nichts von ihm oder davon, was er tat, warum er Tag für Tag weiterlief oder was ihn zu dieser Entscheidung getrieben hatte.

»Mutter .«

Wie immer hörte sie aus seiner Stimme alles heraus. »Mein Liebling, es tut mir leid. Reden wir nicht mehr davon.« Ihr Tonfall veränderte sich, wurde geschäftsmäßiger, und dafür war er dankbar. »Was ist passiert?«, fragte sie. »Du bist doch unversehrt, oder? Nicht verletzt?«

Nein, er sei nicht verletzt, versicherte er, aber er habe jemanden gefunden, der einen Unfall erlitten hatte. Er sei anscheinend der Erste am Unfallort gewesen. Das Opfer sei ein Junge. Er sei von einer Klippe zu Tode gestürzt. Jetzt ermittele die Polizei. Und er habe alles zu Hause gelassen, womit er sich ausweisen könne. »Würdest du mir bitte meine Brieftasche schicken? Es ist eine reine Formsache, nehme ich an. Sie untersuchen die näheren Umstände. Es sieht aus wie ein Unfall, aber ehe das nicht sicher ist, will die Polizei natürlich nicht, dass ich weiterziehe. Und ich muss beweisen, dass ich derjenige bin, für den ich mich ausgebe.«

»Wissen sie, dass du Polizist bist, Tommy?«

»Einer weiß offenbar davon. Ich habe ihnen lediglich meinen Namen gesagt.«

»Nichts sonst?«

»Nein.« Es hätte die ganze Geschichte in ein viktorianisches Melodrama verwandelt: Mein guter Mann - oder in diesem Fall Frau -, wissen Sie eigentlich, wen Sie hier vor sich haben? Er hätte seinen Rang genannt, und wenn das nicht ausgereicht hätte, um Eindruck zu schinden, seinen Titel. Und der hätte gewiss alle strammstehen lassen, wenn auch sonst nichts dabei herausgekommen wäre. Allerdings schien Detective Inspector Hannaford nicht unbedingt der Typ zum Strammstehen zu sein.

»Sie sind nicht gewillt, mir einfach zu glauben, was ich sage, und das kann man ihnen wohl kaum verübeln. Ich würde mir auch nicht glauben. Schickst du mir bitte meine Brieftasche?«

»Natürlich. Sofort. Soll Peter morgen früh damit zu dir fahren?«

Er glaubte nicht, dass er die ängstliche Besorgnis seines Bruders würde ertragen können. »Aber nein, es ist nicht nötig, dass er sich die Mühe macht«, versicherte er. »Schick sie einfach mit der Post.«

Er nannte ihr die Adresse, und sie fragte, wie es typisch für sie war, ob das Hotel wenigstens ansprechend sei, das Zimmer behaglich und das Bett lang genug. Er sagte, es sei alles in Ordnung. Und er freue sich auf ein Bad.

Das beruhigte seine Mutter ein wenig, auch wenn es sie nicht gänzlich zufriedenstellte, bewies der Wunsch nach einem Bad vielleicht auch nicht unbedingt den Entschluss weiterzuleben, so doch zumindest seine Bereitschaft, sich noch ein Weilchen länger mit dem Leben herumzuplagen. Das genügte ihr fürs Erste. Sie verabschiedete sich, nachdem sie ihm aufgetragen hatte, sich ein langes, gemütliches Bad zu gönnen, und seine Versicherung gehört hatte, dass genau dies seine Absicht sei.

Er stellte das Telefon zurück auf die Kommode. Dann wandte er sich um, und weil ihm nichts anderes übrig blieb, nahm er das Zimmer in Augenschein: das Bett, das winzige Waschbecken in der Ecke. Er musste feststellen, dass seine Schutzwälle eingerissen waren. Das Telefonat mit seiner Mutter hatte dazu geführt - und plötzlich hörte er ihre Stimme. Nicht die seiner Mutter, sondern Helens.Nun, es ist ein wenig … monastisch,Tommy, findest du nicht? Ich fühle mich schon wieeine Nonne: entschlossen, keusch zu bleiben, aber der unwiderstehlichen Versuchung ausgesetzt, sehr, sehr unartig zu sein …

Er hörte sie so deutlich. Diese unverwechselbare Helen-Eigenart. Den Unfug, der ihn von sich selbst ablenkte, wenn es am nötigsten war. Sie hatte immer intuitiv gewusst, wann dieser Zeitpunkt gekommen war. Ein Blick in sein Gesicht, wenn er abends heimkam, und sie wusste, was er brauchte. Das war ihr Talent gewesen: Beobachtungsgabe und die Fähigkeit, sich in ihr Gegenüber hineinzuversetzen. Manchmal waren es die Berührung ihrer Hand auf seiner Wange und die vier Worte: »Erzähl es mir, Liebling.« Dann wieder war es die gespielte Frivolität, die seine Anspannung vertrieb und ihn zum Lachen brachte.

In die Stille hinein flüsterte er: »Helen.« Aber das war auch schon alles, was er sagen konnte. Weiter war er mit der Anstrengung, seinen Verlust zu begreifen, noch nicht gekommen.

Daidre kehrte nicht zu ihrem Cottage zurück, nachdem sie Thomas Lynley am Salthouse Inn abgesetzt hatte. Stattdessen fuhr sie nach Osten. Die Straße, die sie wählte, schlängelte sich wie ein verworrenes Stück Garn durch die diesige Landschaft. Sie führte durch mehrеre Weiler, wo Lichter durch die Fenster der Höfe schienen, durch zwei Waldstücke und schließlich zwischen einem Farmhaus und seinen Nebengebäuden hindurch und mündete am Ende in die A388. Dieser folgte sie in südlicher Richtung, bog dann auf eine Nebenstraße nach Osten ab, die durch Weideland führte, wo Schafe und Milchkühe grasten. Sie nahm die Abfahrt, an der ein Schild in Richtung Cornish Gold wies. Unter dem Namen stand: >Besucher willkommene

Cornish Gold war eine Farm, die eine halbe Meile den engen Feldweg hinunter lag und hauptsächlich aus Wiesen voller Apfelbäumen bestand, welche von Pflaumenbäumen umgeben waren, die man vor vielen Jahren als Windschutz angepflanzt hatte. Die Obstwiesen begannen auf der Kuppe eines Hügels und erstreckten sich in einem Fächer von beeindruckender Größe hügelabwärts. Davor erhoben sich zwei alte Scheunen aus Bruchstein, denen eine Ciderkelterei und ein kopfsteingepflasterter Hof gegenüberlagen. Mitten auf diesem Hof befand sich ein exakt quadratischer Pferch, aus dem ein Schnaufen und Schnüffeln zu vernehmen waren. Der Quell dieser Laute war der vorgebliche Grund für Daidres Besuch, sollte irgendwer außer der Farmbesitzerin sich danach erkundigen. Es handelte sich um ein großes und ganz entschieden unfreundliches Schwein der Rasse Gloucester Old Spot, das der ursprüngliche Anlass für Daidres Bekanntschaft mit der Eigentümerin der Ciderfarm gewesen war, kurz nachdem die Frau sich in diesem Teil der Welt niedergelassen hatte - am Ende einer dreißigjährigen Odyssee, die sie von Griechenland über London und St. Ives auf diese Farm geführt hatte.

Das Schwein wartete bereits am Rand des Pferchs auf Daidre. Sein Name war Stamos - benannt nach dem Exmann seiner Besitzerin. Sta- mos, das Schwein, war ein unverbesserlicher Optimist und alles andere als töricht. Sowie Daidre auf den Hof fuhr, tapste es erwartungsvoll zum Zaun hinüber. Doch heute hatte sie nichts für das Schwein dabei. In ihrem Cottage eine geschälte Orange einzupacken, war ihr nicht ratsam erschienen, solange die Polizei noch dort gewesen war und mit Argusaugen jede ihrer Bewegungen verfolgt hatte.

»Tut mir leid, Stamos«, entschuldigte sie sich. »Aber lass mich trotzdem einen Blick auf dein Ohr werfen. Ja, ja, das ist doch nur Getue! Du bist völlig wiederhergestellt, und das weißt du genau. Du bist cleverer, als gut für dich ist, stimmt's?«

Das Schwein biss gern in die Hand, die sich ihm entgegenstreckte; also ließ Daidre Vorsicht walten. Und sie schaute sich im Hof um, um zu sehen, ob jemand sie beobachtete. Es konnte nicht schaden, wachsam zu sein. Aber es war weit und breit niemand in Sicht - was auch nicht weiter verwunderlich war, denn der Tag neigte sich unübersehbar dem Ende zu, und die Farmarbeiter waren längst nach Hause gegangen.

»Das sieht perfekt aus«, versicherte sie dem Schwein, und dann durchquerte sie den Hof und gelangte durch einen Torbogen in einen kleinen, regendurchtränkten Gemüsegarten. Hier folgte sie einem Ziegelpfad - uneben, überwuchert und voller Pfützen - zu einem gepflegten weißen Cottage. Klassische Gitarrenklänge empfingen sie. Aldara übte also. Das war gut, denn es bedeutete, dass sie höchstwahrscheinlich allein war.

Das Spiel verstummte augenblicklich, als Daidre an der Tür klopfte. Eilige Schritte näherten sich auf dem Dielenboden im Innern.

»Daidre! Was in aller Welt …?« Aldara Pappas wurde durch das Licht aus dem Cottage von hinten angestrahlt, sodass Daidre ihr Gesicht kaum erkennen konnte. Aber sie wusste: Trotz des Tonfalls drückten die großen, dunklen Augen vermutlich eher Neugier als Erstaunen aus.

Aldara trat von der Tür zurück. »Komm rein! Schön, dass du da bist. Was für eine wunderbare Überraschung, dass du kommst, um mir den langweiligen Abend zu versüßen. Warum hast du mich nicht von Bristol aus angerufen? Bleibst du länger hier?«

»Es war eine spontane Entscheidung.«

Im Cottage war es warm, so wie Aldara es gernhatte. Die Wände waren weiß gestrichen und mit farbenfrohen Gemälden behängt, die schroffe, karge Landschaften zeigten, durchbrochen von Ansammlungen kleiner, ziegelrot gedeckter weißer Häuschen mit Blumenkästen vor den Fenstern, in denen die Blütenpracht geradezu zu explodieren schien. Esel standen duldsam im Schatten der Häuser, und braunäugige Kinder spielten vor den Türen.

Aldaras Mobiliar hingegen war schlicht und spärlich. Doch die wenigen Sitzgelegenheiten waren in leuchtendem Blau und Gold bezogen, und ein roter Teppich bedeckte einen Teil des Holzbodens. Nur die Geckos fehlten, deren winzige Körper sich an jedwede Oberfläche schmiegten, wo ihre Saugnapffüße Halt finden konnten.

Auf dem Sofatisch standen eine Obstschale und ein Teller mit gebratenen Paprikaschoten, Oliven und Käse - zweifellos Feta. Eine Flasche Rotwein wartete darauf, geöffnet zu werden. Zwei Weingläser, zwei Servietten, zwei Teller und zwei Gabeln waren mit Sorgfalt arrangiert. Sie straften Aldara Lügen. Daidre sah zu ihr hinüber und zog eine Braue in die Höhe.

»Nur eine kleine Höflichkeitslüge.« Aldara zeigte wie üblich nicht das geringste Anzeichen von Scham, dass sie überführt worden war. »Wärst du hereingekommen und hättest das hier gesehen, hättest du dich unwillkommen gefühlt, oder? Aber du bist in meinem Haus immer willkommen.«

»So wie heute Abend offenbar auch noch jemand anderes.«

»Du bist viel wichtiger als jemand anderes.« Als wolle sie ihrer Behauptung Nachdruck verleihen, ging Aldara zum Kamin, wo Holz aufgeschichtet war und Streichhölzer bereitlagen. Sie riss eines an der Unterseite des Kaminsimses an und hielt die Flamme in das zusammengedrückte Papier unter dem Holz. Es war Apfelholz, das nach dem Rückschnitt der Bäume für diesen Zweck aufgehoben und getrocknet worden war.

Aldaras Bewegungen waren sinnlich, aber nicht einstudiert. Daid- re hatte schon lange erkannt, dass Aldara sinnlich war, weil sie eben einfach Aldara war. »Es liegt mir im Blut«, hatte sie einmal lachend erklärt, als bedeutete Griechin zu sein automatisch, verführerisch zu sein. Aber es lag nicht allein in ihrem Blut. Ihre Ausstrahlung kam von ihrer Selbstsicherheit, Intelligenz und der völligen Furchtlosigkeit. Diese letzte Eigenschaft bewunderte Daidre am meisten an dieser Frau - abgesehen von ihrer Schönheit. Denn Aldara war fünfundvierzig, sah jedoch zehn Jahre jünger aus. Daidre war einunddreißig, aber nicht der südländische Typ wie ihre Freundin, und sie wusste, dass ihr in vierzehn Jahren solch ein Glück ganz sicher nicht beschieden sein würde.

Sobald das Feuer brannte, öffnete Aldara die Weinflasche, als wollte sie damit unterstreichen, dass Daidre ebenso geschätzt und wichtig war wie der Gast, den sie tatsächlich erwartete. Sie schenkte ihnen beiden ein und bemerkte: »Er wird ein bisschen beißen. Nicht wie dieses weiche französische Gesöff. Du weißt, ich schätze Weine, die den Gaumen herausfordern. Iss ein bisschen Käse dazu, sonst wird der Wein dir vermutlich den Zahnschmelz wegätzen.«

Sie streckte ihr ein Glas entgegen und griff mit der anderen Hand nach einem Stück Käse, das sie sich in den Mund warf. Dann leckte sie sich langsam über die Finger und zwinkerte Daidre zu, als wollte sie sich über sich selbst lustig machen. »Köstlich«, erklärte sie. »Mama hat ihn aus London geschickt.«

»Wie geht es ihr?«

»Sie ist immer noch auf der Suche nach jemanden, den sie mit Sta- mos' Ermordung beauftragen kann. Niemand kann eine solche Wut entwickeln wie meine Mama, und dabei ist sie schon siebenundsechzig! Neulich sagt sie zu mir: >Feigen. Ich schicke diesem Teufel Feigen. Denkst du, er wird sie essen, Aldara? Ich fülle sie mit Arsen. Was hältst du davon?< Ich sage ihr immer, sie soll ihn einfach vergessen, so wie ich es getan habe.Verschwende deine Energie nicht auf diesen Mann<, sage ich ihr. >Es sind jetzt neun Jahre, Mama, und das ist lange genug, um jemandem die Pest an den Hals zu wünschen.< Und dann sagt sie, als hätte sie mich überhaupt nicht gehört: >Ich schicke deine Brüder hin, um ihn umzubringen.< Und dann verflucht sie ihn ausgiebig auf Griechisch, und ich muss das natürlich alles bezahlen, dennich bin ja diejenige, diesie anruft. Viermal pro Woche, wie man es von der pflichtschuldigen Tochter, die ich seit jeher bin, erwarten kann. Und wenn sie fertig ist, sage ich ihr, sie möge wenigstens Nikko schicken, wenn sie wirklich die Absicht hat, Stamos umbringen zu lassen, denn Nikko ist der Einzige meiner Brüder, der einigermaßen mit einem Messer und einer Schusswaffe umgehen kann. Und dann lacht sie. Sie fängt mit einer Geschichte über eines von Nikkos Kindern an, und damit ist die Sache erledigt.«

Daidre lächelte. Aldara ließ sich aufs Sofa fallen, streifte die Schuhe ab und schlug die Beine unter. Sie trug ein mahagonifarbenes Kleid mit spitzenbesetztem Saum und einem großzügigen V-Ausschnitt. Es war ärmellos, und der Stoff schien eher für den kretischen Sommer geeignet als für den Frühling in Cornwall. Kein Wunder, dass der Raum so überheizt war.

Wie angewiesen, kostete Daidre Wein und Käse. Aldara hatte recht: Der Wein war sauer.

»Sie ist von jetzt auf gleich alt geworden«, fuhr Aldara fort. »Du kennst ja die Griechen.«

»Um ehrlich zu sein, bist du die einzige Griechin, die ich kenne«, bekannte Daidre.

»Das ist schade. Aber griechische Frauen sind wesentlich interessanter als griechische Männer, also hast du mit mir ohnehin das richtige Los gezogen. Aber du bist nicht wegen Stamos gekommen, oder? Ich meine Stamos, das tierische Schwein, nicht Stamos, das menschliche Schwein.«

»Ich habe bei ihm vorbeigeschaut. Seine Ohren sind wieder frei.«

»Natürlich. Ich hab schließlich getan, was du gesagt hast. Er ist fit wie ein Turnschuh. Er will eine Freundin, aber das Letzte, was ich derzeit brauchen kann, sind Dutzende kleiner Ferkel zwischen den Füßen. Du hast mir übrigens nicht geantwortet.«

»Nein?«

»Nein. Ich freue mich wie immer, dich zu sehen, aber irgendetwas in deinem Gesichtsausdruck verrät mir, dass du aus einem bestimmten Grund gekommen bist.« Sie griff nach einem weiteren Stück Käse.

»Wen erwartest du?«, fragte Daidre.

Aldaras Hand mit dem Käse verharrte in der Bewegung. Sie neigte den Kopf zur Seite und musterte Daidre. »So eine Frage sieht dir überhaupt nicht ähnlich«, sagte sie schließlich.

»Tut mir leid. Aber .« »Was?«

Daidre war verwirrt, und sie verabscheute dieses Gefühl. Ihre Lebenserfahrung konnte sich mit Aldaras nicht messen - ganz zu schweigen von den sexuellen und emotionalen Erfahrungen -, und das verunsicherte sie. Sie nahm einen erneuten Anlauf und verkündete unverblümt, denn Direktheit war ihre einzige Waffe: »Aldara, Santo Kerne ist tot.«

»Was sagst du da?«, fragte Aldara.

»Hast du mich nicht verstanden, oder willst du es nicht verstehen?«

»Was ist passiert?«

Daidre verspürte Befriedigung, als sie sah, wie Aldara das Stück Käse zurück auf den Teller legte. »Anscheinend war er an den Klippen klettern«, berichtete sie.

»Wo?«

»In Polcare Cove. Er ist abgestürzt. Ein Wanderer auf dem Küstenpfad hat die Leiche gefunden. Er ist zum Cottage gekommen.«

»Warst du da, als es passiert ist?«

»Nein. Ich bin erst heute Nachmittag aus Bristol gekommen. Aber als ich am Cottage ankam, war dieser Mann dort, auf der Suche nach einem Telefon. Ich hab ihn überrascht.«

»Du bist in dein Cottage gekommen und hast einen Fremden vorgefunden? Mein Gott. Du musst einen furchtbaren Schreck bekommen haben! Wie ist er …? Hat er den Ersatzschlüssel gefunden?«

»Er hat ein Fenster eingeschlagen, um hineinzukommen. Er hat mir gesagt, da liege ein Junge auf den Felsen, und ich bin mit ihm nachsehen gegangen. Ich habe behauptet, ich wäre Ärztin …«

»Aber das bist du ja auch! Du hättest ihm vielleicht …«

»Nein. Das ist es nicht. Oder vielleicht doch, denn ichhätte etwas tun können, nehme ich an.«

»Wieso nimmst du das nur an, Daidre? Du hast eine gute Ausbildung, bist qualifiziert, du hast einen Job mit enorm großer Verantwortung, und du kannst doch nicht sagen .«

»Aldara. Ja, in Ordnung, ich weiß. Aber es ging nicht nur darum, dass ich helfen wollte. Ich musste ihn sehen. Ich hatte so eine Ahnung.«

Aldara schwieg. Harz knisterte in einem der Scheite, und das Geräusch erregte ihre Aufmerksamkeit. Sie starrte einen Moment lang ins Feuer, ganz so als wollte sie sichergehen, dass das Holz dort blieb, wo sie es aufgeschichtet hatte. Schließlich fragte sie: »Du hattest eine Ahnung, es könnte Santo Kerne sein? Warum?«

»Das ist doch wohl offensichtlich, oder?«

»Wieso ist es offensichtlich?«

»Aldara. Das weißt du genau.«

»Das weiß ich nicht. Du musst es mir sagen.«

»Wirklich?«

»Bitte.«

»Du bist .«

»Ich bin gar nichts. Sag mir, was immer du mir darüber erzählen willst, warum die Dinge in deinen Augen so offensichtlich sind.«

»Selbst wenn man denkt, dass man alles bedacht, jede Eventualität ausgeschlossen und wirklich gründlich seine Hausaufgaben gemacht hat .«

»Du wirst ein bisschen weitschweifig«, warf Aldara ein.

Daidre zog scharf die Luft ein. »Jemand ist gestorben. Wie kannst du da bloß so reden?«

»Na schön. >Weitschweifig< war eine unglückliche Wortwahl. >Hyste- risch< trifft es wohl besser.«

»Wir reden hier über ein menschliches Wesen! Einen Teenager! Nicht einmal neunzehn Jahre alt. Tot auf den Felsen.«

»Jetzt bist du wirklich hysterisch.«

»Wie kannst du nur so sein? Santo ist tot!«

»Und das tut mir leid. Ich will gar nicht daran denken, dass ein so junger Mensch von einer Klippe stürzt und …«

»Falls er gestürzt ist, Aldara.«

Aldara griff nach ihrem Weinglas. Daidre bemerkte nicht zum ersten Mal, dass die Hände das einzig Unschöne an ihrer griechischen Freundin waren. Aldara selbst nannte sie Bauernhände, wie geschaffen dafür, Kleidungsstücke in einem Bach gegen Felsen zu schlagen, Brotteig zu kneten und auf dem Feld zu arbeiten. Kräftige, dicke Finger und breite Handflächen. Sie schienen nicht für diffizile Betätigungen geschaffen. »Was soll das heißen:falls er gestürzt ist<?«

»Du weißt die Antwort selbst.«

»Aber du hast doch gesagt, er ist zum Klettern rausgefahren. Du kannst doch nicht glauben, irgendwer …«

»Nicht irgendwer, Aldara. Santo Kerne? Polcare Cove? Es ist nicht schwer zu erraten, wer da seine Hand im Spiel gehabt haben könnte.«

»Du redest Unsinn! Du gehst zu oft ins Kino! Menschen benehmen sich nicht so, als wären ihre Rollen in Hollywood erdacht worden! Die Tatsache, dass Santo beim Klettern abgestürzt ist .«

»Und ist nicht gerade das ein bisschen seltsam? Warum würde er bei so einem Wetter klettern gehen wollen?«

»Du stellst die Frage, als würdest du erwarten, dass ich die Antwort kenne.«

»Oh, um Himmels willen, Aldara …«

»Genug.« Aldara stellte entschlossen ihr Weinglas ab. »Ich bin nicht du, Daidre. Ich hatte nie diese . diese . oh, wie soll ich es nennen? DieseEhrfurcht vor Männern wie du, dieses Gefühl, als wären sie tatsächlich bedeutender, als sie es wirklich sind - dass sie lebensnotwendig sind, unerlässlich für die Vollständigkeit einer Frau. Es tut mir schrecklich leid, dass der Junge tot ist, aber das hat nichts mit mir zu tun.«

»Nein? Und das hier?« Daidre zeigte auf die zwei Weingläser, die zwei Teller und Gabeln, die Manifestation dessen, was die Zahl zwei implizieren mochte, was hier aber nicht der Fall war. Und dann Aldaras Aufmachung: das duftige Kleid, das bei jeder Bewegung ihre Hüften umspielte, die Schuhe, die vorne zu offen und deren Absätze zu hoch waren, um sich damit auf einer Farm umherzubewegen, die Ohrringe, die ihren langen Hals betonten. Daidre hatte keinen Zweifel daran, dass Aldaras Bett frisch bezogen war, die Laken nach Lavendel dufteten und Kerzen im Schlafzimmer parat standen und nur darauf warteten, angezündet zu werden.

Ein Mann war auf dem Weg zu ihr. Vielleicht malte er sich gerade in diesem Moment aus, wie er ihr die Kleider auszog. Überlegte, wie bald nach seiner Ankunft er zur Sache kommen würde. Und womöglich, wie er sie zu nehmen gedachte - hart oder zärtlich, im Stehen, auf dem Fußboden oder im Bett und in welcher Position, ob er es mehr als zweimal schaffen würde, denn er wusste, nur zweimal wäre nicht genug, nicht für eine Frau wie Aldara Pappas: triebhaft, sinnlich, bereit. Er musste ihr verdammt noch mal geben, was sie wollte, denn wenn er das nicht schaffte, würde er achtlos weggeworfen, und das durfte er nicht riskieren.

Mit fester Stimme fuhr Daidre fort: »Ich glaube, du wirst feststellen, dass das nicht stimmt, Aldara. Du wirst herausfinden, dass diese … was Santo passiert ist … was immer es ist …«

»Blödsinn«, fiel Aldara ihr ins Wort.

»Wirklich?« Daidre legte die Hand auf den Tisch zwischen ihnen und wiederholte ihre Frage: »Wen erwartest du?«

»Das geht dich nichts an.«

»Bist du vollkommen verrückt geworden? Die Polizei war in meinem Cottage.«

»Und das macht dir Sorgen? Warum?«

»Weil ich mich verantwortlich fühle. Du etwa nicht?«

Aldara schien über die Frage nachzudenken, denn es dauerte einen Moment, ehe sie antwortete: »Kein bisschen.«

»Also ist die Sache damit für dich erledigt?«

»Ich schätze, ja.«

»Deswegen? Der Wein, der Käse, das anheimelnde Feuerchen? Ihr beide? Wer immer er sein mag?«

Aldara erhob sich. »Du musst jetzt gehen«, sagte sie. »Ich habe wieder und wieder versucht, dir zu erklären, wie ich bin. Aber du siehst meinen Lebenswandel als ein moralisches Problem und nicht als das, was er ist: nämlich die einzige Art und Weise, wie ich funktionieren kann. Also. Ja, es ist jemand unterwegs hierher, und nein, ich werde dir nicht sagen, um wen es sich handelt, und mir wäre ganz recht, wenn du bei seiner Ankunft nicht mehr hier wärst.«

»Du lässt dich wohl von gar nichts berühren, was?«, fragte Daidre.

»Das musst du gerade sagen, meine Liebe.«

5

Cadan war guter Dinge, dass er Pooh mit den Schinkenchips zu einem Kunststück würde bewegen können. Schinkenchips waren das bevorzugte Leckerchen des Papageis, und in der Regel spornten sie ihn zu Höchstleistungen an. Allein dass Cadan die Tüte in die Hand nahm, reichte normalerweise bereits aus, um die Aufmerksamkeit des Vogels zu erregen. Er führte artig sein Repertoire vor, selbst wenn er den knusprigen Inhalt der Tüte noch gar nicht zu Gesicht bekommen hatte. Pooh mochte ein Papagei sein, aber wenn es ums Fressen ging, war er alles andere als dumm.

Doch heute Abend war er abgelenkt. Er war nicht allein mit Cadan im Zimmer, und die anderen drei Personen waren offenbar interessanter als die Chips. Auf einem kleinen Gummiball den Kaminsims ent- langzubalancieren, war einfach weniger verlockend als der Lutscher in der Hand eines sechsjährigen Mädchens. Denn wenn man den Papagei mit dem Lutscherstiel an der richtigen Stelle liebkoste, nämlich dort, wo man seine Ohren vermutete, garantierte das Ekstase. Ein Schinkenchip hingegen versprach lediglich eine kurze Gaumenfreude. So kam es, dass Cadan sich zwar heldenhaft, aber vergebens bemühte, Ione Soutar und ihre zwei Töchter zu unterhalten, weil Pooh sich störrisch weigerte, besagte Unterhaltung zu liefern.

»Warum will er denn nicht, Cadan?«, fragte Jennie Soutar. Sie war die Jüngere der beiden. Ihre große Schwester Leigh, die mit zehn Jahren schon Glitzerlidschatten, Lippenstift und Haarverlängerungen trug, sah so aus, als hätte sie ohnehin nicht daran geglaubt, dass der Vogel überhaupt irgendetwas Besonderes könnte - und es kümmerte sie auch nicht, denn er war ja schließlich kein Popstar und würde auch nie einer werden. Statt der missglückten Papageienvorstellung zu folgen, blätterte sie in einer Modezeitschrift und betrachtete mit zusammengekniffenen Augen die Bilder; sie weigerte sich stur, eine Brille zu tragen, und versuchte beharrlich, ihre Mutter zu überreden, ihr Kontaktlinsen zu kaufen - bislang jedoch ohne Erfolg.

»Es liegt an dem Lutscher«, erklärte Cadan. »Er hat ihn genau gesehen. Er will damit gekitzelt werden.«

»Darf ich ihn streicheln? Kann ich ihn halten?«

»Jennifer, du weißt, was ich von diesem Vogel halte.« Das war ihre Mutter. Ione Soutar stand am Erkerfenster und schaute auf die Victoria Road hinaus. Das tat sie seit dreißig Minuten, und sie sah nicht so aus, als wollte sie bald damit aufhören. »Vögel übertragen alle möglichen Krankheiten und Ungeziefer.«

»Aber Cadan fasst ihn doch auch an!«

Ione warf ihrer Tochter einen Blick zu, der zu sagen schien: Und schau dir Cadan doch bitte einmal an!

Jennie interpretierte den Gesichtsausdruck ihrer Mutter genau so, wie diese es beabsichtigt hatte. Sie warf sich zurück ins Sofa, die Beine vor sich ausgestreckt, und machte einen Schmollmund - die Mimik, so stellte Cadan verblüfft fest, eine unbeabsichtigte Imitation ihrer Mutter. Zweifellos war das Gefühl, das ihr zugrunde lag, ebenfalls das gleiche: Enttäuschung. Cadan war versucht, Ione Soutar zu erklären, dass sie auch weiterhin enttäuscht würde, so lange sie die Absicht hatte, seinen Vater zu heiraten. Oberflächlich betrachtet, sah es so aus, als passten die beiden perfekt zusammen: zwei unabhängige Geschäftsleute mit Werkstätten, die nicht weit auseinander am Binner Down lagen, beides Eltern, die seit Jahren ohne Partner lebten, beide surften, sie hatten jeweils zwei Kinder, zwei davon Mädchen, die sich ebenfalls fürs Surfen interessierten, und ein drittes, älteres Mädchen, das als Vorbild und Lehrerin fungieren konnte, sie waren familienorientiert … vermutlich hatten sie obendrein guten Sex, aber darüber wollte Cadan lieber nicht nachdenken, denn die Vorstellung von seinem Vater in leidenschaftlicher Umarmung mit Ione verursachte ihm eine Gänsehaut. Der äußere Anschein hätte tatsächlich den Schluss nahegelegt, dass diese Beziehung nach nunmehr drei Jahren zu einer gewissen Bindungswilligkeit bei Lew Angarrack hätte führen können. Aber das war nicht der Fall, und Cadan hatte genug Telefonate mitangehört - jedenfalls was den Part seines Vaters anging -, um zu wissen, dass Ione mit der Situation nicht länger zufrieden war.

Gerade jetzt war sie außerdem auch noch sauer. Zwei Pukka-Pizzas standen in der Küche und waren längst kalt geworden, während sie auf Lews Heimkehr wartete. Ihr Warten erschien Cadan von Minute zu Minute sinnloser. Sein Vater hatte geduscht, sich umgezogen und war zu einer ganz und gar vergeblichen Mission aufgebrochen.

Cadan hatte den Eindruck, dass der Grund für Lews plötzlichen Aufbruch Will Mendicks Besuch gewesen war. Will war in seinem asthmatischen, alten Käfer die Victoria Road heraufgekommen, und als er seine schlaksige Gestalt aus dem Wagen geschält und an der Haustür geklopft hatte, hatte Cadan ihm schon an seinem geröteten Gesicht angesehen, dass ihm etwas auf der Seele lag.

Will hatte ohne Umschweife nach Madlyn gefragt, und als Cadan entgegnete, sie sei nicht zu Hause, fragte Will: »Wo ist sie denn dann? In der Bäckerei war sie auch nicht.«

»Noch haben wir sie nicht mit einem Peilsender versehen, Will«, erklärte Cadan. »Das machen wir erst nächste Woche.«

Will war anscheinend nicht nach Scherzen zumute. »Ich muss sie finden.«

»Warum?«

Also erzählte Will, was er im Clean-Barrel-Surfshop erfahren hatte: Santo Kerne war tot, sein Schädel zermatscht oder was immer passierte, wenn man beim Abseilen stürzte.

»Er ist allein geklettert?« Dass er überhaupt klettern gewesen war, schien merkwürdig; Cadan wusste, was Santo Kerne in Wirklichkeit am liebsten tat, nämlich surfen und vögeln und vögeln und surfen, und beides fiel ihm mühelos zu.

»Ich hab nichts davon gesagt, dass er allein war«, entgegnete Will scharf. »Ich weiß nicht, ob jemand bei ihm war, und wenn ja, wer. Wie kommst du darauf, dass er allein war?«

Cadan musste nicht antworten, denn Lew hatte offenbar Wills Stimme gehört und aus dem Tonfall herausgelesen, dass irgendetwas Schreckliches passiert sein musste. Er war aus dem rückwärtigen Teil des Hauses gekommen, wo er am Computer gearbeitet hatte, und Will setzte auch ihn ins Bild. »Ich bin hier, um es Madlyn zu sagen«, erklärte er.

Oh, klar doch, dachte Cadan. Jetzt war der Weg zu Madlyn frei, und Will war kein Typ, der an einer offenen Tür achtlos vorüberging.

»Verdammt«, murmelte Lew nachdenklich. »Santo Kerne.«

Die Nachricht hat keinen von uns übermäßig erschüttert, gestand Cadan sich im Stillen ein. Er selbst war vielleicht noch am meisten betroffen, aber das lag daran, dass für ihn dabei am wenigsten auf dem Spiel stand.

»Dann mach ich mich mal auf die Suche nach ihr«, hatte Will Mendick gesagt. »Habt ihr eine Ahnung, wo …«

Wer konnte das schon wissen? Madlyn hatte seit der Trennung von Santo eine Achterbahnfahrt der Gefühle durchgemacht. Zuerst war sie untröstlich gewesen, dann war der Kummer einem blinden und rasenden Zorn gewichen. Cadan war in dieser Zeit dankbar gewesen für jeden Augenblick, den er nicht mit seiner Schwester hatte verbringen müssen, bis sie die obligatorische letzte Phase - Rachedurst - durchlaufen hatte und wieder normal geworden war. Sie konnte gerade überall sein und alles Mögliche tun: Banken ausrauben, Fenster zertrümmern, Männer in Pubs aufreißen, sich die Augenlider tätowieren lassen, kleine Kinder verprügeln oder surfen in unbekannten Gefilden. Bei Madlyn konnte man das einfach nie wissen.

»Seit dem Frühstück haben wir sie nicht mehr gesehen«, murmelte Lew.

»Mist.« Will knabberte an seinem Daumen. »Aber irgendwer muss ihr doch sagen, was passiert ist.«

Wieso eigentlich?, dachte Cadan, aber er sprach es nicht aus. Stattdessen fragte er: »Und du meinst, das solltest ausgerechnet du tun?« Und unklugerweise fügte er hinzu: »Wach endlich auf, Mann. Wann kapierst du es endlich? Du bist nicht ihr Typ.«

Wills Teint wurde zusehends dunkler, was seine Pickel unvorteilhaft betonte.

»Cadan«, mahnte Lew.

»Ist doch wahr«, protestierte Cadan. »Komm schon, Mann …«

Will hatte keine Lust, sich den Rest von Cadans Tirade auch noch anzuhören. Er war aus dem Zimmer und zur Tür hinaus, noch ehe Cadan ein weiteres Wort sagen konnte.

»Herrgott noch mal!«, schimpfte Lew - sein väterlicher Kommentar zu Cadans Taktgefühl. Dann ging er nach oben, um zu duschen.

Nach dem Surfen war er noch nicht unter der Dusche gewesen, darum hatte Cadan angenommen, sein Vater wollte sich wie üblich erst mal Sand und Salz von der Haut waschen. Aber dann hatte er das Haus verlassen und war bislang nicht wieder zurückgekommen. Das hatte Cadan in die Verlegenheit gebracht, Ione und ihre Töchter bei Laune halten zu müssen, während sie auf seinen Vater warteten.

»Er sucht Madlyn«, hatte Cadan der Freundin seines Vaters erklärt. Er hatte sie knapp über Santo in Kenntnis gesetzt, aber mehr hatte er nicht gesagt. Ione war über die Sache mit Madlyn und Santo längst im Bilde. Mit Lew Angarrack zusammen zu sein und das nicht mitzubekommen, wäre ein Ding der Unmöglichkeit gewesen. Das verhinderte allein schon Madlyns überentwickelte Neigung zu dramatischen Auftritten.

Ione war in die Küche gegangen, hatte die Pizza abgelegt, den Tisch gedeckt und einen gemischten Salat angerichtet. Dann war sie ins Wohnzimmer zurückgekommen. Nach vierzig Minuten wählte sie Lews Handynummer. Wenn er das Telefon bei sich trug, war es jedenfalls nicht eingeschaltet.

»Wie kann man nur so blöd sein«, bemerkte sie. »Was, wenn Madlyn nach Hause kommt, während er noch unterwegs ist, um sie zu suchen? Wie sollen wir ihn dann erreichen?«

»Daran hat er wahrscheinlich nicht gedacht«, erklärte Cadan. »Er ist Hals über Kopf losgestürmt.«

Das stimmte nicht ganz, aber es schien … na ja, glaubwürdiger, dass ein besorgter Vater überstürzt aufbrach, und nicht so wie Lew es getan hatte, nämlich in aller Seelenruhe, als wäre er in irgendeiner Frage zu einem düsteren Schluss gekommen oder wüsste irgendetwas, was sonst niemand wusste.

Leigh hatte inzwischen ihre Zeitschrift durchgeblättert und meldete sich zu Wort - mit diesem bizarren Tonfall, den nur Teenager beherrschen, die sich zu viele schlechte Serien im Fernsehen anschauen. »Mum, ich hab Hunger«, verkündete sie. »Ich bin total ausgehungert, okay? Guck mal auf die Uhr, ja? Essen wir vielleicht mal bald?«

»Willst du Schinkenchips?«, bot Cadan an.

»Igitt!«, erwiderte Leigh. »Junkfood?«

»Und was genau ist Pizza?«, fragte Cadan höflich.

»Pizza hat einen hohen Nährwert,okay?«, belehrte Leigh ihn. »Sie enthält mindestens zwei Nahrungsgruppen, und außerdem hatte ich nicht vor, mehr als ein Stück davon zu essen,okay?«

»Verstehe«, antwortete Cadan. Er hatte schon des Öfteren Gelegenheit gehabt, Leigh bei der Nahrungsaufnahme zu beobachten, und er wusste genau, wenn es um Pizza ging, vergaß sie regelmäßig, dass sie die neue Kate Moss werden wollte. Der Tag, an dem sie sich auf ein einziges Stück Pizza beschränkte, würde der Tag sein, da die Schweine scharenweise das Fliegen lernten.

»Ich hab auch Hunger«, sagte Jennie. »Können wir schon mal essen, Mummy?«

Ione warf einen letzten, resignierten Blick auf die Straße. »Meinetwegen«, antwortete sie.

Sie ging in die Küche. Jennie hüpfte vom Sofa, folgte ihrer Mutter und kratzte sich unterwegs am Hintern. Leigh bildete das Schlusslicht, und als zöge sie auf einem Catwalk ihre Kreise, bedachte sie Cadan im Vorbeigehen mit einem vernichtenden Blick. »Was für ein dämlicher Vogel! Der kann ja nicht mal sprechen. Was für 'n Papagei ist denn das, der nicht mal spricht?«

»Einer, der sich sein Vokabular für intelligentere Unterhaltungen aufspart«, teilte Cadan ihr mit.

Leigh streckte ihm die Zunge heraus und verließ das Wohnzimmer.

Nach einer freudlosen Mahlzeit aus Pizza, die zu lange herumgestanden hatte, und einem Salat, den eine Köchin, die in Gedanken mit anderen Dingen beschäftigt gewesen war, mit zu viel Essig verdorben hatte, erbot sich Cadan, den Abwasch zu übernehmen. Er hoffte, Ione und ihre Brut auf diese Weise loszuwerden. Doch weit gefehlt. Sie blieb noch volle neunzig Minuten, setzte Cadan während dieser Zeit Leighs schnippischen Kommentaren zu seinen Spülkünsten aus und rief weitere viermal auf Lews Handy an, ehe sie endlich mitsamt ihren Töchtern verschwand.

Cadan blieb sich selbst und seinen Gedanken überlassen, und er fühlte sich dabei nicht sonderlich wohl in seiner Haut. Er war mehr als erleichtert, als das Telefon klingelte und er endlich erfuhr, wo Madlyn steckte. Weniger erleichtert war er indes darüber, dass der Anrufer mitnichten sein Vater war. Und er war regelrecht beunruhigt, als er mit einer beiläufig eingestreuten Frage in Erfahrung brachte, dass sein Vater auf der Suche nach Madlyn noch nicht einmal bei dem Anrufer vorbeigeschaut hatte. Er war kurz davor, die Nerven zu verlieren - ein Zustand, über den er lieber gar nicht nachdenken wollte. Als sein Vater kurz nach Mitternacht nach Hause kam, war Cadan entsprechend sauer auf ihn, weil er dieserart Gefühle in ihm hervorgebracht hatte.

Er hatte vor dem Fernseher gesessen, als die Küchentür geöffnet und wieder geschlossen wurde. Dann war Lew an der Wohnzimmertür erschienen, aber im Schatten des Flurs stehen geblieben.

Ohne sich nach ihm umzudrehen, sagte Cadan knapp: »Sie ist bei Jago.«

»Was?«

»Madlyn«, erwiderte Cadan. »Sie ist bei Jago. Er hat angerufen. Er sagt, sie schläft.«

Sein Vater zeigte keinerlei Reaktion. Cadan überlief ein eisiger Schauer, ohne dass er so recht verstand, warum. Um nicht weiter über die Teilnahmslosigkeit seines Vaters nachdenken zu müssen, griff er nach der Fernbedienung und schaltete den Fernseher aus.

»Du wolltest sie doch suchen, oder nicht?« Er wartete keine Antwort ab. »Übrigens, Ione war hier. Mit den Mädchen. Also ehrlich, diese Leigh ist vielleicht ein Früchtchen, wenn du mich fragst!«

Schweigen. Also hakte Cadan nach: »Duhast sie doch gesucht?«

Lew wandte sich ab und ging in die Küche zurück. Cadan hörte die Kühlschranktür, dann wurde etwas in einen Topf gegossen. Sein Vater setzte offenbar die Milch für seine allabendliche Ovaltine auf. Für einen Augenblick verspürte auch Cadan Lust darauf - bis ihm dämmerte, dass er vielmehr daran interessiert war, seinen Vater zu beobachten und zu durchschauen. Oder vielleicht lieber doch nicht? Zögerlich begab er sich ebenfalls in die Küche.

»Ich habe Jago gefragt, was sie bei ihm verloren hat. Du weißt schon, einfach: >Was zum Geier tut sie bei dir?<, denn erstens: Warum sollte sie die Nacht bei Jago verbringen wollen? Er ist … was? Siebzig? Das find ich ein bisschen krass, wenn du weißt, was ich meine. Klar, er ist schon irgendwie in Ordnung, aber eben kein Verwandter oder so … Und zweitens …«

Doch ihm fiel kein Zweitens mehr ein. Er schwafelte nur noch, weil das beharrliche Schweigen seines Vaters ihn immer nervöser machte. »Jago hat erzählt, dass er oben im Salthouse Inn war, mit Mr. Pen- rule, als dieser Typ reinkam, zusammen mit der Frau, der das Cottage in Polcare Cove gehört. Sie hat gesagt, da draußen liege eine Leiche, und Jago hat gehört, wie sie gesagt hat, sie glaube, es sei Santo. Darum ist Jago zur Bäckerei gegangen, um Madlyn abzuholen und es ihr schonend beizubringen. Er hat nicht eher hier angerufen, weil … Keine Ahnung. Wahrscheinlich ist sie total ausgerastet, als er's ihr gesagt hat, und er hatte alle Hände voll mit ihr zu tun.«

»Hat er das gesagt?«

Cadan war so erleichtert, seinen Vater endlich reden zu hören, dass er erwiderte: »Wer? Was?«

»Hat Jago das gesagt? Dass Madlyn ausgerastet ist?«

Cadan dachte kurz nach; nicht so sehr darüber, ob Jago Reeth das tatsächlich gesagt hatte, sondern eher warum sein Vater ausgerechnet diese Frage stellte. Es schien ein derart seltsames Detail, dass Cadan seinerseits wiederholte: »Du warst sie doch suchen, oder? Ich meine, das hab ich Ione jedenfalls gesagt. Wie gesagt, sie war hier, mit den Mädchen. Zum Pizzaessen.«

»Ione!«, murmelte Lew. »Das hatte ich völlig vergessen . Ich nehme an, sie ist stinkwütend?«

»Sie hat versucht, dich anzurufen. Aber du hattest dein Handy .«

»Es war ausgeschaltet.«

Die Milch auf dem Herd fing an zu dampfen. Lew stellte seinen Ne- wquay-Becher bereit und löffelte reichlich Ovaltinepulver hinein, dann reichte er es Cadan, der inzwischen seine eigene Tasse vom Bord über der Spüle geangelt hatte.

»Ich rufe sie gleich an«, sagte Lew pflichtschuldig.

»Es ist schon nach Mitternacht«, klärte Cadan ihn unnötigerweise auf.

»Glaub mir, besser spät als morgen.« Und damit verließ Lew die Küche und ging in sein Zimmer. Cadan verspürte einen unbezähmbaren Drang herauszufinden, was da vor sich ging - teils aus Neugier, teils um sich zu beruhigen, ohne hinterfragen zu müssen, warum er derart beunruhigt war. Er folgte seinem Vater die Treppe hinauf, um an seiner Tür zu lauschen, doch er stellte fest, dass das gar nicht nötig war. Kaum hatte er die oberste Stufe erreicht, hörte er dessen erhobene Stimme und wusste, dass das Gespräch keinen sehr glücklichen Verlauf nahm. Lews Beitrag bestand großteils aus: »Ione … bitte hör mir zu . so viel um die Ohren . total überlastet . völlig vergessen . stecke mitten in der Herstellung eines Surfboards, Ione, und zwei Dutzend weitere … ja, ja. Es tut mir wirklich leid, aber du hast mir nicht gesagt … Ione …«

Das war alles. Dann Stille. Cadan trat näher an die Tür heran. Lew saß auf der Bettkante. Seine Hand ruhte noch immer auf dem Telefonhörer, den er gerade zurück auf die Gabel gelegt hatte. Er sah auf, blickte Cadan ins Gesicht, sagte aber nichts. Stattdessen stand er auf und holte seine Jacke, die er über einen Rattanstuhl in der Ecke geworfen hatte, und streifte sie über. Anscheinend wollte er noch einmal weg.

»Was ist los?«, fragte Cadan.

Lew sah ihn nicht an, als er antwortete: »Sie hat Schluss gemacht.«

Er klang . Cadan sann darüber nach. Bedauernd? Müde? Niedergeschlagen? Resigniert ob der Tatsache, dass, solange man sich nicht änderte, die Vergangenheit immer die Zukunft bestimmte? Cadan bemerkte vorsichtig: »Na ja, du hast den Karren ganz schön in den Dreck gefahren. Euer Date einfach zu vergessen und so.«

Lew klopfte seine Taschen ab, als suchte er nach etwas Bestimmtem. »Tja. Vielleicht. Aber sie wollte nicht zuhören.«

»Was hättest du ihr denn sagen wollen?«

»Es war nur ein Pizzaessen, Cadan. Das war alles. Eine Pizza! Wie kann sie erwarten, dass ich an so etwas denke?«

»Das ist ziemlich kaltschnäuzig«, pflichtete Cadan ihm bei.

»Außerdem geht es dich nichts an.«

Cadan verkrampfte sich unwillkürlich. »Klar. Vermutlich hast du recht. Aber deine Freundin bei Laune zu halten, während du dich irgendwo rumtreibst und Gott weiß was machst, das geht mich schon etwas an, ja?«

Lew ließ die Hand sinken, die seine Taschen abgesucht hatte. »Gott … Es tut mir leid, Cadan. Ich stehe ziemlich unter Strom. Es ist … Ich weiß nicht, wie ich dir das erklären soll.«

Das ist es ja gerade, dachte Cadan. Was genau war hier eigentlich los? Sicher, sie hatten von Will Mendick gehört, dass Santo Kerne tot war, und das war bedauerlich, keine Frage. Aber warum sollte diese Nachricht sie ins Chaos stürzen - wenn sie denn tatsächlich ins Chaos gesunken waren?

Der Geräteraum von Adventures Unlimited befand sich in einem ehemaligen Speisesaal. Dieser Speisesaal war in der Glanzzeit des KingGeorge-Hotels einmal ein Tanztee-Pavillon gewesen. Die Glanzzeit - das war zwischen den beiden Weltkriegen gewesen, und wenn Ben Kerne sich im Geräteraum aufhielt, stellte er sich oft vor, wie es ausgesehen haben musste, als der Parkettboden noch blank poliert war, die Decke im Glanz der Kronleuchter erstrahlte und Frauen in duftigen Sommerkleidern in den Armen von Männern in Leinenanzügen ein- herschwebten. In glückseliger Ahnungslosigkeit hatten sie ihre Runden gedreht, überzeugt, dass der Krieg, der alle weiteren Kriege beenden sollte, tatsächlich seinen Zweck erfüllt hatte. Gar zu bald waren sie eines Besseren belehrt worden. Aber der Gedanke an diese Menschen hatte für Ben immer etwas Besänftigendes gehabt, genau wie die Musik, die in seiner Vorstellung ein Orchester zum Besten gab, während weiß behandschuhte Kellner winzige Sandwiches auf Silbertabletts herumreichten. Er stellte sich die Tänzer vor, meinte fast, ihre Geister sehen zu können, und spürte ein schmerzliches Bedauern über das Verrinnen der Zeit. Gleichzeitig fühlte er sich seltsam getröstet. Menschen kamen und gingen im King-George-Hotel, aber die Erde drehte sich weiter.

Dieses Mal verschwendete er im Geräteraum jedoch keinen Gedanken an den Tanztee der Dreißigerjahre. Er stand vor einer Schrankreihe und hatte eine der Türen geöffnet. Üblicherweise hing hier Kletterausrüstung an diversen Haken, lag ordentlich in Plastikbehältern oder zusammengerollt auf den Regalen. Seile, Gurte, Schlingen, Friends und Grigris, Klemmkeile, Karabiner . alles Mögliche. Seine eigene Ausrüstung bewahrte er an einem anderen Ort auf, denn es war ihm zu lästig, hier herunterzukommen, wenn er einmal einen freien Nachmittag zum Klettern hatte. Hier hatte Santos Equipment gelagert, und Ben selber hatte voller Stolz ein Schild an die Schranktür geklebt: »Bitte nicht benutzen!« Trainer und Gäste sollten wissen, dass diese Ausrüstung heilig war. Sie hatte über drei Weihnachtsbescherungen und vier Geburtstage einen stattlichen Umfang erreicht.

Doch jetzt war der Schrank leer. Ben wusste, was das bedeutete. Die fehlende Kletterausrüstung war Santos Abschiedsnachricht an seinen Vater. Ben spürte die Monstrosität dieser Nachricht, ihre Bürde, und ihm wurde erschreckend klar: Seine eigenen Worte hatten dies heraufbeschworen - Worte, die er gedankenlos ausgesprochen hatte, getrieben von sturer Selbstgefälligkeit. Trotz aller Bemühungen, trotz der Tatsache, dass er und Santo nicht verschiedener hätten sein können, sowohl was ihr Erscheinungsbild als auch den Charakter betraf, trotz alledem hatte die Geschichte sich wiederholt, jedenfalls in ihrer äußeren Beschaffenheit, wenn auch nicht in ihrer Substanz. Seine eigene Geschichte sprach von falschen Entscheidungen, Verbannung und Jahren der Entfremdung. Santos hingegen sprach nun von Denunziation und Tod. Nicht in Worten, sondern mit der offenen Zurschaustellung seiner Enttäuschung hatte Ben die Frage herausgeschleudert, so deutlich, als hätte er sie geschrien:Was für ein Jammerlappen bist du nur, dass du so etwas tun konntest? Und du willst ein Mann sein?

Natürlich hatte Santo diese ungestellte Frage genau verstanden und so reagiert, wie jeder Sohn eines jeden Vaters reagiert hätte, nämlich mit der Empörung, die ihn schließlich auf die Klippen hinausgetrieben hatte. Ben selbst hatte auf seinen Vater im gleichen Alter in gleicher Weise reagiert:Ausgerechnet du willst mir erklären, was es heißt,ein Mann zu sein? Ich zeig dir, was ein Mann ist.

Während das oberflächliche Warum ihrer Auseinandersetzung nicht ergründet werden musste, weil Santo genau wusste, was dahintersteckte, blieb der wahre Grund dafür unerforscht. Es wäre viel zu furchteinflößend gewesen, ihn verstehen zu wollen. Stattdessen hatte Ben sich lediglich wieder und wieder vorgebetet, dass Santo eben einfach der war, der er war.

»Es ist einfach so passiert«, hatte Santo seinem Vater gestanden. »Hör mal, ich will nicht .«

»Du?«, hatte Ben ihn ungläubig unterbrochen. »Den Rest kannst du dir sparen, denn wasdu willst, interessiert mich nicht. Was du getan hast, hingegen schon. Was du zustande gebracht hast. Das Ergebnis deiner verdammten Selbstsucht .«

»Warum regst du dich eigentlich so auf? Was kümmert es dich? Wenn es etwas zu regeln gegeben hätte, hätte ich das getan, aber das war ja überhaupt nicht der Fall. Es gibt nichts.Nichts. Okay?«

»Menschliche Wesenregelt man nicht«, hatte Ben entgegnet. »Sie sind keine Maschinen. Keine Handelsware.«

»Du verdrehst mir das Wort im Mund.«

»Und du verdrehst das Leben anderer Menschen.«

»Das ist ungerecht. Das ist so was von ungerecht!«

So wie Santo das ganze Leben ungerecht finden würde, war es Ben durch den Kopf gefahren. Nur hatte er nicht lange genug gelebt, um das herauszufinden. Und wessen Fehler ist das, Benesek?, fragte er sich. War der Moment den Preis wert, den du nun zahlst?

Jener Moment hatte aus einer einzigen Bemerkung bestanden, die teils der Zorn, vor allem jedoch die blanke Angst hervorgebracht hatte: »Ungerecht ist es, ein wertloses Stück Dreck zum Sohn zu haben.« Einmal ausgesprochen, hingen die Worte da wie schwarze Farbe, die über eine weiße Wand geschleudert worden war. Seine Strafe für diesen Ausbruch würde die Erinnerung an diese erbärmlichen Worte sein - und die Erinnerung daran, was sie nach sich gezogen hatten: Santos kalkweißes Gesicht und die Tatsache, dass ein Vater seinem Sohn den Rücken gekehrt hatte.Du willst mir erklären, was es heißt, ein Mann zusein? Ich zeig's dir. Tausendfach, wenn's sein muss. Aber ich zeig's dir.

Ben wollte nicht daran denken, was er gesagt hatte. Am liebsten wollte er nie wieder an überhaupt irgendetwas denken. Er wünschte, sein Geist würde völlig leer und bliebe es auch, sodass er sein Leben wie ein Roboter beschließen könnte, bis sein Körper den Dienst einstellte und er sich zur ewigen Ruhe betten durfte.

Er schloss den Schrank und hängte das Vorhängeschloss wieder ein. Er atmete langsam durch den Mund, bis er die Beherrschung wiedererlangt hatte und seine Eingeweide sich entkrampften. Dann ging er zum Aufzug und drückte den Rufknopf. Die Kabine schwebte mit vornehmer, antiquierter Langsamkeit herab. Sie kam knarrend zum Stehen, und Ben schob das Eisengitter beiseite, stieg zu und fuhr ins Obergeschoss, wo die Wohnung der Familie lag und wo Dellen wartete.

Doch statt zu seiner Frau ging er erst einmal in die Küche. Dort saß Kerra mit ihrem Freund. Alan Cheston sah sie unverwandt an, und Kerra selbst lauschte, den Kopf in Richtung Schlafzimmer gewandt. Ben wusste, sie wartete auf ein Zeichen, das ihr verriet, wie die Dinge standen.

Als Ben durch die Tür trat, musterte sie ihn kurz und beantwortete die Frage, die er noch nicht einmal hatte stellen müssen: »Still.«

»Gut«, erwiderte er.

Dann ging er zum Herd hinüber. Kerra hatte den Kessel aufgesetzt, bei kleiner Flamme, sodass der Dampf lautlos entwich und das Wasser heiß blieb, aber nicht kochte. Sie hatte vier Becher aus dem Schrank geholt. In jedem lag ein Teebeutel. Ben füllte zwei mit Wasser, stand dann da und sah zu, wie der Tee zog. Seine Tochter und ihr Freund schwiegen, doch er spürte ihre Blicke auf sich und die Fragen, die sie stellen wollten. Nicht nur ihm, sondern auch einander. Allenthalben lauerten unausgesprochene Fragen.

Er konnte den Gedanken an eine Unterhaltung nicht ertragen. Als der Tee dunkel genug war, gab er daher Milch und Zucker in den einen Becher, ließ den anderen, wie er war, und trug beide aus der Küche. Im Flur stellte er einen kurz ab, damit er Santos Zimmertür öffnen konnte, und trat dann in die Dunkelheit, zwei Becher Tee in Händen, den keiner von ihnen würde trinken können oder wollen.

Sie hatte kein Licht angemacht, und da Santos Zimmer zur Rückseite des Hotels lag, drängte auch keine der Straßenlaternen die Dunkelheit zurück. Jenseits der halbmondförmigen Bucht von St. Mevan Beach funkelten zwar Lichter auf einem Wellenbrecher und an der Kanalschleuse im Regen, aber sie waren zu weit weg, um bis hierher zu reichen. Nur aus dem Flur fiel ein milchiger Lichtstreifen auf den Flickenteppich am Boden. Dort lag seine Frau, zusammengekauert in embryonaler Stellung. Sie hatte die Laken und Decken von Santos Bett gerissen und sich darin eingewickelt. Der Großteil ihres Gesichts lag im Schatten, aber Ben sah genug, um zu erkennen, dass es völlig versteinert war. Er fragte sich, ob der Gedanke in ihrem Kopf war: Wäre ich nur hier gewesen … Wäre ich nur nicht den ganzen Tag fortgeblieben …

Er hatte Zweifel. Reue war nie Dellens Stil gewesen.

Mit dem Fuß schloss Ben die Tür. Dellen regte sich. Für einen kurzen Augenblick dachte er, sie wollte etwas sagen, aber stattdessen zog sie die Laken nur bis zu ihrem Gesicht hoch, drückte sie sich an die Nase und sog Santos Geruch ein wie ein Muttertier, und genau wie ein Tier war sie von Instinkten getrieben. Das hatte von dem Tag an, da er ihr begegnet war, ihren Reiz ausgemacht: zwei Heranwachsende, er lüstern, sie willig.

Alles, was sie bislang wusste, war, dass Santo tot war, die Polizei sie heimgesucht hatte, ein Sturz ihn umgebracht und dieser Sturz sich während einer Kletterpartie in den Klippen ereignet hatte. Weiter war Ben mit seinem Bericht nicht gekommen. Sie hatte ihn unterbrochen: »Er war klettern?« Und dann hatte sie die Miene ihres Mannes gelesen, wie sie es schon seit so langer Zeit vermochte, und hinzugefügt: »Das hast du ihm angetan.«

Das war alles. Sie hatten in der Rezeption des alten Hotels gestanden, denn er hatte sie nicht bewegen können, mit nach oben zu kommen. Bei ihrer Heimkehr hatte sie sofort gemerkt, dass etwas nicht stimmte, und sie hatte zu wissen verlangt, was geschehen war. Nicht um von der naheliegenden Frage abzulenken, wo sie all die Stunden gesteckt hatte - sie war nicht der Meinung, dass dies irgendwen etwas anging -, sondern weil etwas passiert war, was jedwede Neugier bezüglich ihres Tagesablaufs überschattete. Er hatte sich bemüht, sie nach oben ins Wohnzimmer zu führen, doch sie hatte sich nicht von der Stelle gerührt. Also war er dort, an Ort und Stelle, mit der Sprache herausgekommen.

Sie war zur Treppe gegangen. Auf der untersten Stufe hatte sie kurz innegehalten und das Geländer umklammert, als brauchte sie Halt. Dann war sie hinaufgestiegen.

Ben stellte den Tee mit Milch und Zucker neben sie auf den Fußboden, ehe er sich auf die Bettkante setzte.

Sie sagte: »Du gibst mir die Schuld. Ich kann es förmlich riechen, Ben.«

»Ich gebe dir nicht die Schuld«, widersprach er. »Ich weiß nicht, wie du darauf kommst.«

»Weil wir hier sind. In Casvelyn. Das war doch nur meinetwegen.«

»Nein. Das war für uns alle. Außerdem hatte ich auch die Nase voll von Truro. Das weißt du doch.«

»Du wärst bis in alle Ewigkeit in Truro geblieben.«

»Das stimmt nicht, Dellen.«

»Und wenn du die Nase voll hattest - was ich nicht glaube -, hatte es nichts mit dir zu tun. Oder mit Truro. Oder irgendeiner anderen Stadt. Ich kann deinen Abscheu spüren, Ben. Er stinkt wie eine Kloake.«

Er schwieg. Eine Windbö erfasste das Gebäude und ließ die Fenster klirren. Ein Sturm braute sich zusammen. Ben kannte die Anzeichen. Der Wind war auflandig und würde schwereres Wetter vom Atlantik hereinbringen. Sie hatten die Sturmsaison noch nicht hinter sich.

»Ich selbst trage die Schuld«, gestand er. »Wir haben gestritten. Ich habe Dinge zu ihm gesagt …«

»Oh, das kann ich mir vorstellen. Du Heiliger. Du verfluchter Heiliger.«

»Es ist nichts Heiliges daran, konsequent zu sein und zu akzeptieren .«

»Das war nicht das Problem zwischen dir und Santo. Denk nicht, ich wüsste das nicht! Du bist doch wirklich ein Drecksack!«

»Du weißt genau, wie es dazu gekommen ist.« Ben stellte seinen Becher auf den Nachttisch. Dann schaltete er die Lampe ein. Sollte sie ihn anschauen, wollte er, dass sie sein Gesicht sah und seinen Blick las. Sie sollte wissen, dass er die Wahrheit sagte. »Ich habe ihn gewarnt. Er hätte vorsichtiger sein müssen. Ich habe ihm erklärt, dass Menschen real sind und kein Spielzeug. Ich wollte ihm vor Augen führen, dass sein Leben nicht nur daraus besteht, seinem Vergnügen nachzujagen.«

Ihre Stimme war voller Verachtung. »Als ob er das getan hätte.«

»Du weißt, dass er das tut. Er kann gut mit Menschen umgehen, mit allen Menschen. Aber er darf diese … Gabe nicht missbrauchen, um ihnen Unrecht zu tun oder sie auszunutzen. Aber er will nicht einsehen .«

»Will? Er ist tot, Ben. Es gibt keinwill mehr.«

Ben dachte, sie würde anfangen zu weinen, aber das tat sie nicht. »Es ist keine Schande, seine Kinder zu lehren, das Richtige zu tun, Dellen«, erklärte er.

»Das, was du für das Richtige hältst, ja? Nicht seine Definition, sondern deine. Er sollte dein Abbild werden, nicht wahr? Aber er war nicht wie du, Ben. Und nichts hätte ihn je zu deinem Abbild machen können.«

»Das weiß ich.« Ben spürte das unerträgliche Gewicht dieser Worte. »Glaub mir, das weiß ich.«

»Das weißt du nicht, und das hast du auch nie gewusst. Und damit konntest du nicht umgehen. Du musstest ihn unbedingt zu dem formen, was du haben wolltest.«

»Dellen, ich weiß, dass ich schuld bin. Denkst du, das wäre mir nicht klar? Ich trage die Schuld hierfür ebenso wie …«

»Nein!« Sie setzte sich auf die Knie auf. »Wage es ja nicht!«, schrie sie. »Fang jetzt bloß nicht wieder damit an, denn wenn du das tust … Ich schwöre, wenn du das tust . Wenn du es auch nur erwähnst . davon anfängst … wenn du versuchst … wenn du …« Sie konnte nicht weitersprechen. Völlig unvermittelt griff sie nach dem Becher, den er auf den Boden gestellt hatte, und warf ihn nach Ben. Der Becherrand traf sein Brustbein, und heißer Tee brannte auf seiner Haut. »Ich hasse dich!«, schrie sie. Und dann noch lauter und immer lauter: »Ich hasse dich!Ich hasse dich! Ich hasse dich!«

Er ließ sich vom Bett auf den Boden fallen und packte sie. Sie schrie ihm immer noch ihren Hass entgegen, als er sie an sich zog, und ihre Fäuste trommelten auf seine Brust, sein Gesicht und den Hals nieder, ehe es ihm gelang, ihre Arme festzuhalten.

»Warum konntest du ihn nicht einfach so sein lassen, wie er war? Er ist tot, und das Einzige, was du je hättest tun müssen, war, ihn in Frieden zu lassen! War das zu viel verlangt?«

»Sch-sch«, murmelte Ben. Er hielt sie, wiegte sie, vergrub die Finger in ihrem dichten blonden Haar. »Dellen. Dellen. Del. Wir können um ihn weinen. Das können wir. Das müssen wir.«

»Ich will nicht! Lass mich los!Lass mich los!«

Sie versuchte, sich zu befreien, aber er hielt sie fest. Er wusste, er konnte sie nicht aus dem Zimmer lassen. Sie stand am Rande des Abgrunds, und wenn sie stürzte, würde sie sie alle mitreißen. Das durfte er nicht zulassen. Nicht jetzt, nicht nach Santo.

Er war stärker als sie, darum begann er, sie niederzudrücken, noch während sie sich wehrte. Er zwang sie zu Boden und hielt sie mit seinem Körpergewicht fest. Sie wand sich und versuchte, ihn abzuwerfen.

Dann bedeckte er ihren Mund mit seinem. Einen Moment spürte er noch ihren Widerstand, doch mit einem Mal war er verschwunden, als hätte es ihn nie gegeben. Sie zerrte an ihm, an seiner Kleidung: Sie riss an seinem Hemd, der Gürtelschnalle, sie schob seine Jeans ungeduldig abwärts.

Ja!, dachte er, und es war keine zärtliche Geste, mit der er ihr den Pullover über den Kopf zog. Er schob ihren BH hoch und fiel über ihre Brüste her. Sie keuchte und zog den Reißverschluss ihrer Hose auf. Roh schlug er ihre Hand weg. Er würde es tun. Er würde sie besitzen.

In wütender Hast zog er sie aus. Sie wölbte sich ihm entgegen und schrie, als er sie nahm.

Danach weinten sie beide.

Kerra hatte alles gehört. Was hätte sie dagegen tun sollen? Die Privatwohnung war so kostengünstig wie möglich aus einer Flucht ehemaliger Gästezimmer im obersten Stock des Hotels entstanden. Weil das Geld anderweitig gebraucht worden war, hatten sie auf die Schallisolierung der Wände nicht allzu viel verwendet. Die Wände waren zwar nicht eben papierdünn, aber es kam einem so vor.

Zuerst hörte sie ihre Stimmen - die ihres Vaters leise, dann die ihrer Mutter anschwellend - und dann das Geschrei, das sie nicht ignorieren konnte, schließlich den Rest. Heil dem siegreichen Eroberer, dachte sie.

Teilnahmslos sagte sie zu Alan: »Du gehst jetzt besser.« Und ein Teil von ihr fragte ihn gleichzeitig: Begreifst du jetzt?

»Nein«, widersprach Alan. »Wir müssen reden.«

»Mein Bruder ist gestorben. Ich glaube nicht, dass wir irgendetwas müssen.«

»Santo«, verbesserte Alan leise. »Der Name deines Bruders war Santo.«

Sie waren immer noch in der Küche, allerdings saßen sie nicht mehr am Tisch, wo Ben zu ihnen gestoßen war. Als der Radau aus Santos Zimmer immer unüberhörbarer wurde, war Kerra aufgestanden und neben die Spüle geflüchtet. Dort hatte sie das Wasser aufgedreht und einen Topf gefüllt, ohne zu wissen, was sie damit anfangen würde.

Sie war stehen geblieben, nachdem sie den Hahn abgedreht hatte. Durch das Fenster sah sie den höher gelegenen Teil von Casvelyn, wo die St. Issey Road auf den St. Mevan Crescent stieß. Ein unansehnlicher Supermarkt mit dem Namen >Blue Star Grocery< hatte sich wie ein hässlicher Gedanke in der V-förmigen Einmündung breitgemacht, ein Bunker aus Ziegel und Glas, und Kerra fragte sich, warum moderne Zweckarchitektur immer so hässlich sein musste. Der Supermarkt war für die späten Einkäufer noch erleuchtet, und dahinter zeigten weitere Lichtpunkte, wo Autos sich behutsam die Straßen nordwestlich und südöstlich des St. Mevan Down entlangtasteten. Arbeitnehmer fuhren nach Feierabend heim in die zahllosen Weiler, die im Lauf der Jahrhunderte entlang der Küste wie Pilze aus dem Boden geschossen waren. Schmugglerhäfen, dachte Kerra. Cornwall war seit jeher ein gesetzloser Ort gewesen.

»Bitte geh«, sagte sie.

Alan entgegnete: »Willst du mir nicht sagen, worum es hier geht?«

»Hier geht es um Santo«, antwortete sie, und sie sprach den Namen mit übertriebener Sorgfalt aus.

»Du und ich, wir sind ein Paar, Kerra. Wenn Menschen …«

»Ein Paar«, unterbrach sie. »O ja. Wie wahr.«

Er ignorierte den Sarkasmus in ihrer Stimme. »Wenn Menschen ein Paar werden, meistern sie die Dinge gemeinsam. Ich bin hier. Ich bleibe. Und ich überlasse es dir, was du gemeinsam mit mir meistern willst.«

Sie warf ihm einen Blick zu und hoffte, er würde den Spott darin erkennen. Alan hatte kein Recht, so zu sein - in dieser Situation schon gar nicht. Sie hatte ihn nicht als Partner gewählt, damit er ihr nun eine Seite von sich zeigte, die ihr offenbarte, dass sie ihn eigentlich gar nicht kannte. Ihr Alan, ihr Alan Cheston, war ein bisschen schwach auf der Brust, sodass die Winter ihm zu schaffen machten, und manchmal so extrem vorsichtig, dass er einen in den Wahnsinn treiben konnte, Kirchgänger, gehorsamer Sohn, unsportlich. Ein Schaf, nicht der Hir- te. Obendrein respektvoll. Und respektabel. Er war der Typ, der fragte: »Darf ich …?«, bevor er ihre Hand nahm. Doch jetzt …

Dieser Mensch hier war nicht der Alan, der kein einziges Sonntagsessen bei Mum und Dad versäumt hatte, seit er die Universität und die verfluchte London School of Economics verlassen hatte. Der käsige Alan mit dem schütteren Haar, der Yoga machte und Essen auf Rädern ausfuhr und niemals in den Meerwasserpool von St. Mevan Be- ach springen würde, ohne zuvor einen Zeh hineinzustecken, um die Wassertemperatur zu prüfen. Eigentlich sollte nichter derjenige sein, derihr sagte, wie die Dinge liefen.

Doch nun stand er hier und tat genau das. Er stand da, vor dem Edelstahlkühlschrank, und wirkte … unnachgiebig, dachte Kerra. Bei diesem Anblick bekam sie ein Gefühl, als hätte sie Eis in den Adern.

»Sprich mit mir«, verlangte er. Seine Stimme klang fest.

Das gab ihr den Rest. Darum antwortete sie: »Ich kann nicht.«

Es war nicht einmal das, was sie hatte sagen wollen. Doch sein Blick, der für gewöhnlich so unterwürfig war, war nun unerbittlich. Sie wusste, es kam von Macht, Wissen und Furchtlosigkeit, und eben das be- wog Kerra, sich abzuwenden. Sie würde kochen, entschied sie. Sie mussten schließlich alle etwas essen.

»Na schön«, sagte Alan zu ihrem Rücken. »Dann rede ich eben.«

»Ich muss etwas zu essen auf den Tisch bringen«, erklärte sie. »Wir müssen zusehen, dass wir bei Kräften bleiben, sonst wird alles nur noch schlimmer. In den nächsten Tagen wird viel zu regeln sein. Vorkehrungen, Telefonate. Irgendjemand muss meine Großeltern anrufen. Santo war ihr Liebling. Ich bin das älteste von ihren Enkelkindern - wir sind übrigens siebenundzwanzig alle zusammen, und ist das nicht obszön, wenn man an die Bevölkerungsexplosion und all so was denkt? -, aber Santo war ihr Liebling. Wir waren oft bei ihnen, Santo und ich. Manchmal für einen Monat. Einmal sogar neun Wochen. Sie müssen es irgendwann erfahren, und mein Vater wird sie nicht anrufen. Er und Granddad reden nicht mehr miteinander. Nicht, wenn es nicht unbedingt sein muss.«

Sie griff nach einem Kochbuch. Sie besaß eine ansehnliche Sammlung davon, die zwischen Buchstützen auf der Arbeitsplatte stand und die sie bei ihren zahlreichen Kochkursen angehäuft hatte. Einer der Kernes hatte schließlich lernen müssen, gesunde, preiswerte und schmackhafte Mahlzeiten für die großen Besuchergruppen von Adventures Unlimited zusammenzustellen. Natürlich würden sie beizeiten einen Koch einstellen, aber es war günstiger, wenn jemand anderes als er den Speiseplan erstellte. Kerra hatte sich für diese Aufgabe freiwillig gemeldet. Sie interessierte sich nicht für die Dinge, die in einer Küche vonstatten gingen, aber sie wusste, auf Santo konnten sie nicht bauen, und sich auf Dellen zu verlassen, wäre lächerlich gewesen. Er- sterer konnte zwar in bescheidenem Maßstab passabel kochen, doch er ließ sich zu leicht ablenken, sei es von einem Popsong im Radio oder dem Anblick eines Tölpels, der in Richtung Sawsneck Down flog. Und was Letztere betraf: Alles an Dellen konnte sich von einer Sekunde auf die andere komplett ändern, einschließlich ihrer Bereitschaft, sich in familiären Angelegenheiten zu engagieren.

Kerra schlug das Kochbuch auf und blätterte nach etwas Kompliziertem. Etwas, was ihre gesamte Aufmerksamkeit erfordern würde. Sie suchte nach einer imposanten Zutatenliste; was sie nicht im Haus hatten, würde sie Alan bei Blue Star holen schicken. Und wenn er sich weigerte, würde sie selbst gehen. So oder so würde sie beschäftigt sein, und genau das brauchte sie jetzt.

»Kerra«, sagte Alan.

Sie ignorierte ihn. Sie entschied sich für Jambalaya mit Naturreis und grünen Bohnen, gefolgt von einem süßen Auflauf. Es würde Stunden dauern, das zuzubereiten. Hühnchen, Würstchen, Krabben, grüne Paprika, Muschelfond … Die Liste war schier endlos. Kerra beschloss, genug für die ganze Woche zu kochen. Die Ablenkung würde ihr guttun, und sie alle würden sich eine Portion davon in der Mikrowelle aufwärmen können, wenn sie Hunger verspürten. War die Mikrowelle nicht eine großartige Erfindung? Hatte sie das Leben nicht vereinfacht? Gott, wäre es nicht die Antwort auf die Gebete jeder jungen Frau, wenn es eine Mikrowelle gäbe, in die man auch Menschen stekken könnte? Nicht um sie aufzuwärmen, sondern um sie zu verändern. Wen hätte sie wohl zuerst hineingesteckt?, überlegte sie. Ihre Mutter? Ihren Vater? Santo? Alan?

Santo natürlich. Ganz ohne Zweifel Santo. Rein mit dir, Bruder. Ich programmiere den Timer, stelle die Wattzahl ein und warte, bis jemand Neues dabei herauskommt …

Aber das war nun nicht mehr nötig. Santo war jetzt ganz entschieden verändert. Er würde nie mehr wieder wie ein Irrlicht durch die Welt ziehen, sich sorglos treiben lassen und in seiner unendlichen Gedankenlosigkeit alles das tun, was seinem Vergnügen diente. Es gibt Wichtigeres im Leben als das, und ich schätze, jetzt hast du's endlich begriffen, Santo. Im letzten Moment hast du es gewusst. Du hast es einfach wissen müssen. Du bist abgestürzt, die Felsen kamen immer näher, und als im letzten Augenblick kein Wunder geschah, hast du erkannt, dass die anderen Leute in deinem Leben tatsächlich menschliche Wesen sind und du verantwortlich bist für den Schmerz, den du ihnen zufügst. Aber da war es schon zu spät, um dich zu bessern, wo doch gerade bei Selbsterkenntnis der Grundsatz gilt: Besser spät als nie.

Kerra fühlte sich, als stiegen Blasen in ihr auf. Sie waren heiß, wie die Blasen des kochenden Wassers, die sich ihren Weg suchten, hinaus aus dem kochenden Wasser, und zwar um jeden Preis. Kerra unterdrückte den Impuls, sie hinauszulassen, und holte eine Flasche Olivenöl aus dem Schrank, wandte sich wieder zur Arbeitsplatte, griff nach dem Messlöffel und überlegte: Wie viel Olivenöl .?, als ihr die Flasche aus der Hand rutschte. Sie zerschellte am Boden, und das Öl spritzte in alle Richtungen, über den Herd, den Schrank und Kerras Kleidung. Sie sprang zur Seite, aber sie entkam ihm nicht.

»Verflucht!«, schrie sie und spürte plötzlich, wie ihr Tränen in die Augen stiegen. Sie sagte zu Alan: »Würdest du bitte endlich verschwinden?« Dann rollte sie mehrere Blätter Küchenpapier ab und legte sie in die Ölpfütze. Sie waren sofort vollkommen durchweicht.

»Lass mich das machen, Kerra«, bat Alan. »Setz dich hin. Ich mach das.«

»Nein«, protestierte sie. »Ich hab die Schweinerei angerichtet, also werde ich sie auch beseitigen.«

»Kerra .«

»Nein! Ich sagte: Nein! Ich brauche deine Hilfe nicht. Und ich will deine Hilfe auch nicht. Ich will, dass du gehst. Verschwinde!«

In einem Zeitungsständer nahe der Tür lagen mehrere Ausgaben des Watchman. Alan nahm sich einen Stapel und führte Casvelyns Lokalzeitung einer sinnvollen Anwendung zu. Kerra sah einfach nur reglos zu, während das Öl in die bedruckten Seiten sickerte. Alan tat es ihr gleich. Sie standen sich gegenüber, die Pfütze zwischen ihnen. Für Kerra war diese Pfütze eine unüberwindbare Kluft, für ihn jedoch, wusste sie, höchstens eine vorübergehende Unannehmlichkeit.

»Mach dir keine Vorwürfe, weil du wütend auf Santo warst«, riet Alan. »Du hattest ein Anrecht auf deine Wut. Er mag es irrational gefunden haben, sogar dumm, dass du dich mit etwas belastet hast, was ihm nebensächlich erschien. Aber es gab einen Grund für deine Gefühle, und du warst im Recht. Davon abgesehen, hast du ein Anrecht auf alles, was du fühlst. So liegen die Dinge.«

»Ich hatte dich gebeten, die Stelle hier nicht anzunehmen.« Ihre Stimme war ausdruckslos; innerlich war sie vollkommen leer.

Er schien verwirrt. Ihr war klar, dass es ihm vorkommen müsse, als stehe diese Bemerkung in keinerlei Zusammenhang zu der momentanen Situation, aber ihre Worte umfassten alles, was sie empfand und nicht ausdrücken konnte.

»Kerra, Jobs fallen nicht vom Himmel. Ich bin gut in dem, was ich mache. Ich habe es geschafft, dass dieses Unternehmen Aufmerksamkeit erregt. Wir waren sogar in derMail on Sunday! Seit dieser Artikel erschienen ist, kommen Tag für Tag neue Buchungen rein. Es ist nicht leicht hier draußen, und wenn wir uns eine Lebensgrundlage in Corn- wall aufbauen wollen …«

»Das wollen wir nicht«, entgegnete sie. »Wir können nicht. Jetzt nicht mehr.«

»Wegen Santo?«

»Ach, hör doch auf, Alan.«

»Wovor hast du denn Angst?«

»Ich habe keine Angst. Ich habe niemals Angst.«

»Blödsinn. Du bist wütend, weil du Angst hast. Aber Wut ist einfacher. Sie kommt dir näherliegend vor.«

»Du hast doch keine Ahnung, wovon du redest.«

»Mag sein. Aber dann erklär es mir.«

Sie konnte nicht. Zu viel stand auf dem Spiel, um zu reden.Zu viel gesehen, zu viel passiert, über zu viele Jahre. Sie war einfach unfähig, Alan das alles zu erklären. Er musste ihr einfach glauben und entsprechend handeln.

Dass er das nicht getan hatte und sich auch jetzt noch weigerte, es zu tun, bedeutete, dass die Totenglocke für ihre Beziehung läutete. Kerra redete sich ein, dass schon allein aus diesem Grund nichts mehr von dem, was heute passiert war, eine Rolle spielte.

Noch während sie das dachte, erkannte sie, dass sie sich selbst belog. Aber auch das spielte keine Rolle mehr.

Selevan Penrule hielt das alles für Humbug. Trotzdem nahm er seine Enkelin bei den Händen. Sie saßen sich an dem schmalen Tisch im Caravan gegenüber, und Tammy schloss die Augen und begann zu beten. Selevan hörte nicht richtig hin, aber er erfasste in etwa, worum es ging. Er richtete seine Aufmerksamkeit auf die Hände seiner Enkelin. Sie waren trocken und kühl, aber so dürr, dass es ihm vorkam, als könnte er sie zermalmen, wenn er nur ein wenig fester zupackte.

»Sie isst nicht richtig, Vater Penrule«, hatte seine Schwiegertochter ihm erklärt. Er hasste es, wenn sie ihn so nannte. >Vater Penrule< hörte sich an, als wäre er ein Priester auf Abwegen. Aber er hatte Sally Joy nicht korrigiert. Er war froh, dass sie überhaupt mit ihm redeten. Weder sie noch ihr Mann hatte sich seit Ewigkeiten die Mühe gemacht. Also hatte er gebrummelt, er würde das Mädchen schon aufpäppeln. »Es liegt an Afrika, Sally Joy, verstehst du das denn nicht? Wenn ihr das Kind nach Rhodesien verschleppt .«

»Simbabwe, Vater Penrule. Wir sind derzeit in …«

»Mir ist egal, wie die es nennen. Wenn ihr sie nach Rhodesien verschleppt und sie wer weiß welchen Erlebnissen aussetzt, müsst ihr euch nicht wundern, dass es ihr den Appetit verschlägt.«

Selevan ahnte, dass er zu ruppig gewesen war, denn Sally Joy schwieg für einen Moment. Er stellte sie sich vor, da unten in Rhodesien oder wo immer sie steckten; er sah sie mit lang ausgestreckten Beinen in Rattansesseln auf der Veranda sitzen, auf dem Beistelltisch ein Glas . vermutlich Limonade, Limonade mit Schuss . Was ist es, Sally Joy? Was ist in dem Glas, womit du dir Rhodesien schöntrinkst?

Er räusperte sich vernehmlich und sagte: »Na ja, es ist ja auch egal. Schickt sie mir. Ich bring sie schon wieder auf Vordermann.«

»Du achtest darauf, dass sie isst?«

»Mit Argusaugen«, versprach er.

Und das hatte er getan. Sie hatte heute Abend neununddreißig Bissen gegessen. Neununddreißig Löffel einer Grütze, die selbst Oliver Twist zu einer bewaffneten Rebellion verleitet hätte. Keine Milch, keine Rosinen, kein Zimt, kein Zucker. Nur wässrigen Porridge und ein Glas Wasser. Nicht einmal die Koteletts und das Gemüse ihres Großvaters hatten sie in Versuchung führen können.

»… denn Dein Wille ist es, den wir suchen. Amen«, sagte Tammy, und als er die Augen öffnete, fand er ihren Blick auf sich ruhen. Ihr Ausdruck verriet Zuneigung. Hastig ließ er ihre Hände los.

»Das ist verdammter Blödsinn«, erklärte er barsch. »Das weißt du hoffentlich, oder?«

Sie lächelte. »Du hast es mir oft genug gesagt.« Sie lehnte sich bequem zurück, als wartete sie darauf, dass er es ihr noch einmal sagte, und stützte das Kinn auf eine Hand.

»Wir beten doch schon vor dem verfluchten Essen«, schimpfte er. »Warum müssen wir danach noch mal beten?«

Sie leierte ihre Standardantwort herunter, aber nichts wies darauf hin, dass sie dieser Diskussion müde wurde, die sie mindestens zweimal wöchentlich führten, seit sie zu ihm gekommen war. »Zu Beginn sprechen wir ein Dankgebet. Wir danken Gott für unser Essen. Und dann am Ende beten wir für diejenigen, die nicht genug zu essen haben, um sich zu ernähren.«

»Wenn sie noch leben, haben sie ja offenbar doch genug, um sich zu ernähren«, konterte er grantig.

»Granddad, du weißt genau, was ich meine. Es gibt einen Unterschied zwischen so gerade noch am Leben sein und ausreichender Ernährung. Ausreichende Ernährung bedeutet mehr. Es bedeutet, genügend Nährstoffe zu sich zu nehmen, um handlungsfähig zu sein. Nimm zum Beispiel den Sudan .«

»Jetzt warte mal, Missy! Und rühr dich nicht vom Fleck!« Er glitt von der Bank und trug seinen Teller den kurzen Weg zur Spüle, um vorzugeben, mit dem Abwasch beginnen zu wollen. Doch stattdessen nahm er ihren Rucksack vom Haken an der Tür und sagte: »Lass uns mal hier reingucken.«

»Granddad«, sagte sie geduldig. »Du kannst mich nicht davon abhalten, das weißt du doch.«

»Ich weiß nur, dass ich deinen Eltern gegenüber eine Verpflichtung habe. Das ist alles, was ich weiß.«

Er trug den Rucksack zum Tisch, leerte ihn aus, und da war sie auch schon: eine Zeitschrift, von deren Titelseite ihm eine junge schwarze Mutter in Stammestracht mit einem Kind auf dem Arm entgegensah. Ihr Blick war kummervoll; beide sahen hungrig aus. Verschwommen im Hintergrund sah man weitere Menschen, die hin- und hergerissen zwischen Hoffnung und Verwirrung auf irgendetwas warteten. Die Zeitschrift hießCrossroads. Selevan rollte sie auf und ließ sie in seine Handfläche klatschen.

»Also«, sagte er. »Du isst noch eine Portion Porridge. Entweder das - oder ein Kotelett. Du kannst es dir aussuchen.« Er steckte die Zeitschrift in die hintere Tasche seiner ausgebeulten Hose. Er würde sie später entsorgen, wenn Tammy schlafen gegangen war.

»Ich bin satt«, gab sie zurück. »Ehrlich. Granddad, ich esse genug, um gesund und am Leben zu bleiben, und das ist es, was Gott will. Wir haben kein Recht, überflüssiges Gewicht mit uns herumzutragen. Abgesehen davon, dass es ungesund ist, ist es auch Unrecht.«

»Oh, eine Sünde, ja?«

»Na ja . Das kann es sein, richtig.«

»Also ist dein Granddad ein Sünder? Er kommt geradewegs in die Hölle - auf einem Teller Bohnen, während du mit den Engelchen Harfe spielst?«

Sie lachte. »Du weißt, das ist es nicht, was ich glaube.«

»Was du glaubst, ist ein Karren voll Mist! Was ich weiß, ist, dass diese Phase, die du durchmachst .«

»Eine Phase? Und woher willst du das wissen, wenn du und ich doch erst - wie lange ist es? Zwei Monate? - zusammenleben? Vorher hast du mich nicht mal gekannt, Granddad. Nicht richtig, jedenfalls.«

»Wie lange wir schon zusammenwohnen, spielt keine Rolle. Ich kenne die Frauen. Und du bist eine Frau, trotz allem, was du tust, um wie ein zwölfjähriger Rotzlöffel auszusehen.«

Sie nickte versonnen, und er sah an ihrer Miene, dass sie im Begriff war, ihm das Wort im Munde zu verdrehen und gegen ihn zu richten, was sie so virtuos beherrschte. »Also, lass mich mal überlegen«, sagte sie. »Du hast vier Söhne und eine Tochter, und deine Tochter - also Tante Nan - ist mit sechzehn von zu Hause ausgezogen und außer zu Weihnachten und hier und da mal zu einem Feiertag nie zurückgekommen. Somit bleiben Gran und die Freundinnen oder Ehefrauen, die deine Söhne mit heimgebracht haben, richtig? Also, wie kommt es, dass du die Frauen kennst, wo du doch nur so begrenzte Erfahrungen mit ihnen hast, Granddad?«

»Werd mir ja nicht neunmalklug! Ich war sechsundvierzig Jahre mit deiner Großmutter verheiratet, ehe die arme Frau tot umgefallen ist. Ich hatte reichlich Zeit, deine Sorte kennenzulernen.«

»Meine Sorte?«

»Die Frauen. Und was ich weiß, ist, dass Frauen Männer brauchen, so wie Männer Frauen brauchen, und jeder, der etwas anderes behauptet, sollte besser mal seinen Kopf untersuchen lassen.«

»Und was ist mit Männern, die Männer brauchen, und Frauen, die Frauen brauchen?«

»Darüber müssen wir gar nicht erst reden.« Er war empört. »In meiner Familie gibt es keine Perversen, schreib dir das hinter die Ohren!«

»Ah. Das ist es also, was du denkst. Es ist pervers.«

»Ichdenke das nicht, dasweiß ich.« Er hatte ihre Habseligkeiten zurück in den Rucksack gestopft und diesen wieder an seinen Haken gehängt, ehe ihm aufging, wie sie ihn von seinem Thema abgelenkt hatte. Dieses verflixte Mädchen war wie ein frisch gefangener Fisch, wenn man mit ihm reden wollte: Es zappelte und schlug Purzelbäume, um dem Netz zu entgehen. Aber heute Abend würde es nicht damit durchkommen. Er war Tammys Gerissenheit gewachsen. Die Schläue in ihren Adern war verdünnt - verwässert, weil Sally Joy ihre Mutter war. Seine hingegen war dies nicht.

»Eine Phase«, wiederholte er. »Und damit Punkt. Mädchen in deinem Alter haben alle ihre Phasen. Diese hier sieht vielleicht anders aus als bei anderen Mädchen, aber eine Phase bleibt eine Phase. Und du kannst mir glauben, ich erkenne eine Phase, wenn sie mir ins Auge blickt.«

»Ach wirklich?«

»Wirklich. Es gibt eindeutige Anzeichen, falls du glauben solltest, ich erfinde das nur. Ich habe dich mit ihm gesehen.«

Sie antwortete nicht. Stattdessen trug sie ihr Glas und die Schale zur Spüle und begann mit dem Abwasch. Sie schob die Knochen von seinem Teller in den Abfall und stapelte Töpfe, Teller, Besteck und Gläser in der Reihenfolge auf die Arbeitsplatte, in der sie sie zu spülen gedachte. Dann ließ sie das Wasser ein. Dampf stieg auf. Manchmal fürchtete er, sie würde sich verbrühen, aber die Wassertemperatur schien ihr nie etwas auszumachen.

Er trat neben sie und nahm sich ein Geschirrtuch. »Hast du mich gehört, Missy? Ich hab dich mit ihm gesehen, also versuch nicht, deinem Granddad zu erzählen, du hättest kein Interesse. Ich weiß, was ich gesehen habe, und ich weiß, was ich weiß. Wenn eine Frau einen Mann anguckt, so wie du ihn angeguckt hast … Es verrät mir, dass du nicht weißt, was du willst, ganz egal was du mir erzählst.«

»Und wo genau soll diese Sichtung stattgefunden haben, Grand- dad?«, fragte sie.

»Was spielt das für eine Rolle? Ihr hattet die Köpfe zusammengesteckt und die Arme umeinandergelegt - so wie ein Liebespaar es tut .«

»Und hat dich das beunruhigt? Dass wir ein Liebespaar sein könnten?«

»Fang ja nicht so an, Missy! Versuch das bloß nicht noch mal! Einmal am Abend ist genug, und dein Granddad ist kein solcher Dummkopf, dass er zweimal darauf reinfällt.« Sie hatte ihr Wasser- und sein Bierglas gespült, und nun schnappte er sich Letzteres, stopfte das Geschirrtuch hinein und wischte es von innen aus. »Du warst an ihm interessiert, erzähl mir nichts«, fuhr er fort.

Sie hielt inne. Sie blickte aus dem Fenster auf die vier Reihen von Caravans, die sich unterhalb des ihren zur Klippe und zum Meer hin erstreckten. Nur einer war zu dieser Jahreszeit bewohnt - der direkt an der Klippe -, und das Küchenlicht war eingeschaltet. Es blinzelte in die Regennacht hinaus.

»Jago ist zu Hause«, bemerkte Tammy. »Wir sollten ihn mal wieder zum Essen einladen. Es ist nicht gut für ältere Menschen, so viel allein zu sein. Und er ist jetzt bestimmt … Er wird Santo furchtbar vermissen, auch wenn er's vermutlich nie zugeben würde.«

Ah. Na bitte. Der Name war heraus. Jetzt konnte Selevan ungehindert von dem Jungen sprechen. »Du willst behaupten, es war nichts. Eine vorübergehende Laune. Ein kleiner Flirt. Aber ich habe euch gesehen, und ich weiß, dass du willig warst. Wenn er den ersten Schritt gemacht hätte .«

Sie griff nach einem Teller und spülte ihn gründlich. Ihre Bewegungen waren bedächtig. Alles, was Tammy tat, tat sie mit Ruhe. »Grand- dad, du ziehst falsche Schlüsse«, erklärte sie. »Santo und ich waren Freunde. Er hat mit mir geredet. Er brauchte jemanden, mit dem er reden konnte, und seine Wahl ist auf mich gefallen.«

»Also ging es von ihm aus.«

»Quatsch! Ich hab mich darüber gefreut. Ich kam prima mit ihm zurecht. Ich war froh, diejenige zu sein … na ja, an die er sich wenden konnte.«

»Pah! Lüg mir nichts vor.«

»Warum sollte ich lügen? Er hat geredet, ich hab zugehört. Und wenn er zu irgendetwas meine Meinung hören wollte, hab ich sie ihm gesagt.«

»Ich hab euch Arm in Arm gesehen, Kind.«

Tammy betrachtete ihn mit zur Seite geneigtem Kopf. Eingehend studierte sie sein Gesicht, und dann lächelte sie. Sie nahm die Hände aus dem Wasser und schlang sie tropfnass, wie sie waren, um seinen Hals. Er versteifte sich und wollte sich losmachen, aber da drückte sie ihm schon einen Kuss auf und sagte: »Liebster Granddad! Arm in Arm bedeutet heute nicht mehr das, was es früher vielleicht mal hieß. Es bedeutet Freundschaft. Und das ist die Wahrheit, ehrlich.«

»Ehrlich? Pah!«

»Aber es stimmt! Ich versuche immer, ehrlich zu sein.«

»Auch zu dir selbst?«

»Ganz besonders zu mir selbst.« Sie wandte sich wieder dem Abwasch zu, spülte sorgfältig ihre Porridgeschale aus und begann mit dem Besteck. Erst als sie damit fertig war, sprach sie wieder, und das mit so leiser Stimme, dass Selevan es vielleicht überhört hätte, wenn er nicht in der Erwartung, etwas ganz anderes zu hören, die Ohren gespitzt hätte. »Ich habe ihm geraten, auch ehrlich zu sein«, murmelte sie. »Vielleicht hätte ich das nicht tun dürfen, Granddad . Ich mach mir ziemliche Sorgen deswegen.«

6

Wir wissen beide, dass du es sehr wohl einrichten kannst, Ray. Das ist alles, worum ich dich bitte.« Bea Hannaford hob den Becher mit ihrem Morgenkaffee und betrachtete ihren Exmann über den Rand hinweg, um zu ergründen, ob sie noch mehr sagen sollte. Ray hatte aus den verschiedensten Gründen ein schlechtes Gewissen, und Bea hatte keine Bedenken, die entsprechenden Knöpfe zu drücken, wenn es ihrer Sache dienlich war.

»Es geht nicht«, entgegnete er. »Selbst wenn es möglich wäre, kann ich die nötigen Strippen nicht ziehen.«

»Als Assistant Chief Constable? Also, ich bitte dich!« Sie konnte sich nur mit Mühe zurückhalten, die Augen zu verdrehen. Sie wusste genau, dass er das verabscheute, und wenn sie es täte, würde er punkten. Es gab Gelegenheiten, da es sich als ausgesprochen nützlich erwies, jemanden aus zwanzig Jahren Ehe zu kennen, und dies war eine solche Gelegenheit. »Du kannst doch nicht allen Ernstes erwarten, dass ich dir das abkaufe.«

»Das kannst du halten, wie du willst«, erwiderte Ray. »Aber wie dem auch sei. Du weißt noch überhaupt nicht, womit du es hier eigentlich zu tun hast, und das wirst du auch nicht wissen, ehe du aus der Rechtsmedizin gehört hast. Du bist voreilig. Das bist du übrigens oft, nebenbei bemerkt.«

Das ging unter die Gürtellinie, dachte sie. Es war eine dieser Exmann- Bemerkungen, die Sorte, die zu einem Streit führte, in dessen Verlauf Dinge gesagt wurden, die verletzten. Sie gedachte nicht, sich darauf einzulassen, sondern ging zur Kaffeemaschine und schenkte sich nach. Sie hob die Glaskanne in seine Richtung. Wollte er noch eine Tasse? Er wollte. Er trank seinen Kaffee schwarz, genau wie sie - und das machte die Dinge so einfach, wie sie zwischen einem Mann und einer Frau eben sein konnten, die seit beinahe fünfzehn Jahren geschieden waren.

Um zwanzig nach acht hatte er vor ihrer Tür gestanden. Bea hatte in der Erwartung geöffnet, den Kurier aus London früher als angekündigt vorzufinden, doch stattdessen stand dort ihr Exmann auf der Matte. Er sah stirnrunzelnd zum Wohnzimmerfenster hinüber, wo auf einem Gestell mit drei Etagen eine Ansammlung von Topfpflanzen stand, die sich im Endstadium eines Todeskampfes der Vernachlässigung befanden. Ein Schild darüber informierte: >Spendenkasse. Erlös für Pflegebedürftige. Geld bitte in Kasten legen.< Doch von Bea konnten die armen Pflegebedürftigen wohl keinen größeren Beitrag für ihre Sache erwarten.

»Du hast immer noch keinen grünen Daumen, wie ich sehe«, hatte Ray bemerkt.

»Ray! Was willst du denn hier? Wo ist Pete?«

»Wo soll er schon sein? In der Schule. Und zutiefst unglücklich darüber, dass er heute Morgen zwei Eier essen musste anstelle von . Seit wann kriegt er bei dir kalte Pizza zum Frühstück?«

»Er lügt dich an. Na ja … Es war wirklich nur ein einziges Mal. Das Problem ist, dass er ein unfehlbares Gedächtnis hat.«

»Wir wissen, von wem er das hat.«

Sie war zurück in die Küche gegangen, ohne zu antworten. Er war ihr gefolgt, eine Plastiktüte in der Hand, die er auf dem Tisch abstellte. Sie enthielt den Grund für seinen Besuch: Petes Fußballschuhe. Sie wolle doch wohl nicht, dass der Junge seine Schuhe im Haus seines Vaters ließ? Oder dass er sie mit zur Schule nahm? Darum habe besagter Vater sie vorbeibringen wollen.

Sie hatte ihm einen Kaffee angeboten. »Du weißt ja, wo die Becher stehen.« Und sofort hatte sie das Angebot bereut, denn die Kaffeemaschine stand gleich neben dem Kalender, der nicht nur Petes Termine enthielt, sondern auch ihre eigenen. Letztere waren zwar kryptisch formuliert, aber Ray war kein Idiot. Als er mit leicht gerunzelter Stirn die Eintragungen betrachtete, wusste sie genau, was er sah:MotorMaul- Wichser undProblemBärWichser. Hätte Ray die letzten drei Monate durchgeblättert, wäre er noch auf mehr gestoßen. Fünfzehn Wochen Internetdating: Es mochte Millionen von Fischen in diesem Männermeer da draußen geben, aber in Beas Netz verfingen sich immer nur rostige Töpfe und Seetang.

Um von ihrer Partnersuche abzulenken, hatte sie angefangen, über die Vorteile zu sprechen, die eine Einsatzzentrale in Casvelyn böte. Mit Bodmin wäre natürlich wesentlich weniger Aufwand verbunden. Aber Bodmin war eben auch meilenweit von Casvelyn entfernt, und nur schmale, gewundene Landsträßchen, auf denen man so gut wie nicht von der Stelle kam, verbanden die beiden Orte miteinander. Bea brauchte eine Einsatzzentrale, die näher am Tatort lag.

»Du weißt doch nicht einmal, ob es sich um einen Tatort handelt«, gab er zu bedenken. »Vielleicht war es wirklich nur ein tragischer Unfall. Was um aller Welt lässt dich annehmen, dass es ein Verbrechen war? Doch nicht etwa eines deinerGefühle?«

Sie wollte schon erwidern: Ich habe keine Gefühle, wie du vielleicht noch weißt - aber sie hielt sich zurück. Im Laufe der Jahre war sie ein wenig besser darin geworden, die Dinge loszulassen, über die sie keine Kontrolle hatte. Und die Meinung, die ihr Exmann sich von ihr machte, gehörte dazu.

»Die Blessuren. Der Junge hatte ein blaues Auge, das schon am Abheilen war. Wahrscheinlich war er letzte Woche oder vielleicht noch früher in eine Schlägerei verwickelt. Und dann ist da noch diese Schlinge: dieses Netz, das Kletterer benutzen, um es um einen Baumstamm oder ein anderes unbewegliches Objekt zu schlingen.«

»Daher der Name«, murmelte Ray.

»Hab Nachsicht mit mir, Ray. Ich weiß absolut nichts über Klettersport.« Bea versuchte, sich nicht zur Unsachlichkeit hinreißen zu lassen.

»Tut mir leid.«

»Wie auch immer. Diese Schlinge ist gerissen, und deswegen ist er abgestürzt, aber sie könnte sehr wohl auch manipuliert worden sein. Constable McNulty - der übrigens keinerlei Zukunft in der Verbrechensaufklärung hat - hat darauf hingewiesen, dass ein Riss in der Schlinge mit Isolierband überklebt gewesen und es da ja kein Wunder wäre, dass der arme Junge abgeschmiert ist. Aber dieses Isolierband klebte an jedem einzelnen Teil seiner Ausrüstung, und ich gehe davon aus, dass er es einfach dazu benutzt hatte, seine Sachen zu markieren. Wenn das der Fall ist, wie schwierig wäre es dann gewesen, das Klebeband zu entfernen, die Schlinge auf welche Art auch immer zu sabotieren und das Band wieder anzubringen, ohne dass der Junge etwas davon bemerkte?«

»Hast du dir das restliche Equipment denn schon angesehen?«

»Es ist alles bei der Kriminaltechnik, aber ich kann mir schon vorstellen, was die mir sagen werden. Und das ist der Grund, warum ich hier eine Einsatzzentrale brauche.«

»Aber es muss doch nicht direkt in Casvelyn sein.«

Bea leerte ihren Kaffeebecher und stellte ihn zu der Schale in der Spüle - ein weiterer Vorteil am Leben ohne Ehemann: Wenn ihr nicht nach Abwasch zumute war, machte sie ihn eben auch nicht, nur um Rays zwanghafte Persönlichkeit zufriedenzustellen.

»Dort sind einfach alle Beteiligten, Ray: in Casvelyn, nicht in Bodmin, nicht einmal hier in Holsworthy. Und in Casvelyn gibt es eine Polizeidienststelle - klein, aber vollkommen ausreichend, mit einem Konferenzraum in der ersten Etage, der ebenfalls ausreichen würde.«

»Du hast dich schlaugemacht.«

»Ich versuche, es für dich einfacher zu machen. Ich liefere dir Argumente, um meinen Antrag zu unterstützen. Ich weiß, dass du das kannst.«

Er betrachtete sie. Sie vermied es, ihrerseits das Gleiche mit ihm zu tun. Ray war attraktiv. Sein Haar wurde allmählich ein bisschen dünn, aber das störte nicht weiter. Sie wollte ihn lieber erst gar nicht mitMo- torMaulWichser und all den anderen vergleichen. Er sollte einfach kooperieren oder verschwinden. Oder noch besser: kooperierenund verschwinden.

»Und wenn ich das für dich arrangiere, Beatrice?«, fragte er schließlich.

»Was dann?«

»Was kriege ich dafür?« Er streifte den Kalender mit einem schnellen Blick.»ProblemBärWichser«, las er vor.»MotorMaulWichser. Komm schon, Beatrice!«

»Danke, dass du Petes Fußballschuhe vorbeigebracht hast«, antwortete sie. »Hast du ausgetrunken?«

Er ließ einen Moment verstreichen. Dann nahm er den letzten Schluck, streckte ihr den Becher hin und sagte: »Es muss doch preiswertere Schuhe gegeben haben.«

»Er hat einen teuren Geschmack. Da fällt mir ein, wie läuft der Porsche?«

»Der Porsche ist ein Traum«, erwiderte er.

»Ein Porsche ist ein Auto«, rief sie ihm in Erinnerung. Sie hob die Hand, um seine Einwände abzuwehren. »Was mich zum Auto des Opfers bringt.«

»Was soll damit sein?«

»Was fällt dir zu einer ungeöffneten Schachtel Kondome im Wagen eines Achtzehnjährigen ein?«

»Ist das eine rhetorische Frage?« »Die Schachtel war in seinem Auto. Zusammen mit einer Bluegrass- CD, einem Blanko-Rechnungsformular einer Firma namens LiquidEarth und einem zusammengerollten Poster von einem Musikfestival in Cheltenham letztes Jahr. Und zwei eselsohrigen Surfzeitschriften. Das werde ich alles genau unter die Lupe nehmen - bis auf die Kondome .«

»Na, Gott sei Dank«, entgegnete Ray grinsend.

»… und ich frage mich, ob er anschließend noch eine Verabredung hatte oder vielleicht auch nur hoffte, später noch ein Mädchen abzuschleppen.«

»Oder sich vielleicht nur wie ein ganz normaler Achtzehnjähriger verhielt«, warf Ray ein. »Ich wünschte, alle Jungen in dem Alter wären für den Fall der Fälle mit Kondomen ausgerüstet. - Was war mit Lyn- ley?«

»Kondome? Lynley? Was hat das eine mit dem anderen zu tun?«

»Wie war euer Gespräch?«

»Man kann kaum erwarten, dass er sich durch die Anwesenheit einer Polizistin einschüchtern lässt, also würde ich sagen, das Gespräch verlief zufriedenstellend. Ganz gleich wie ich die Fragen gestellt habe, seine Antworten hatten Hand und Fuß. Ich glaube, er sagt die Wahrheit.«

»Aber …?«, hakte Ray nach. Er kannte sie viel zu gut, ihren Tonfall und den Ausdruck, den sie offenbar vergebens von ihrem Gesicht fernzuhalten versuchte.

»Die andere Zeugin macht mir Sorgen.«

»Ah, die Frau im Cottage. Wie hieß sie doch gleich?«

»Daidre Trahair. Veterinärin aus Bristol.«

»Und was genau macht dir Sorgen an der Veterinärin aus Bristol?«

»Ich hab ein Gespür für solche Sachen.«

»Das weiß ich nur zu gut. Und was sagt dein Gespür dir dieses Mal?«

»Dass sie an irgendeinem Punkt gelogen hat. Ich will wissen, wo genau.«

Daidre parkte ihren Vauxhall ordentlich an der stadtzugewandten Seite des Parkplatzes am St. Mevan Crescent, der in einer langen Kurve am alten King-George-Hotel vorbei zum St. Mevan Beach hinab verlief. Jenseits des Hotels stand eine Reihe baufälliger blauer Strandhütten. Als sie Thomas Lynley am unteren Ende der Belle Vue Lane abgesetzt und ihm den Weg zu den Geschäften gewiesen hatte, hatten sie sich auf zwei Stunden verständigt.

»Ich hoffe, ich mache Ihnen nicht zu viele Umstände«, hatte er ein wenig verlegen gesagt.

Keineswegs, hatte sie versichert. Sie habe selber allerhand in der Stadt zu erledigen. Er solle sich Zeit lassen und all das kaufen, was er benötigte.

Zuerst hatte er gegen diesen Vorschlag protestiert, als sie ihn am Salthouse Inn abgeholt hatte. Obwohl er wesentlich besser duftete als am Tag zuvor, trug er immer noch den grässlichen Overall und hatte nichts als Socken an den Füßen. Diese hatte er in weiser Voraussicht ausgezogen, ehe er den schlammigen Pfad zu ihrem Wagen eingeschlagen hatte, und als sie ihm zweihundert Pfund aufzwingen wollte, hatte er versucht, ihr weiszumachen, die Anschaffung neuer Kleidung könnte warten.

»Bitte«, hatte sie gesagt. »Seien Sie nicht albern, Thomas. Sie können hier nicht durch die Gegend laufen wie jemand von der Seuchen- schutzbehörde oder wie immer das heißt. Zahlen Sie mir das Geld irgendwann zurück.« Und lächelnd hatte sie hinzugefügt: »Ich bedau- re, dass ich diejenige sein muss, die Ihnen den Hinweis gibt, aber Weiß steht Ihnen ganz und gar nicht.«

»Wirklich nicht?« Er schmunzelte leicht.

Er hatte ein nettes Lächeln, bemerkte sie, und ihr ging auf, dass es das erste Mal war, dass sie es gesehen hatte. Es hatte am Vortag aber auch nicht allzu viel gegeben, worüber man sich hätte freuen können. Trotzdem … Ein Lächeln war für die meisten Menschen doch etwas ganz Natürliches, bedeutete nichts weiter als eine Geste der Höflichkeit, und darum erschien es ihr ungewöhnlich, dass jemand so ernst war.

»Kein bisschen«, antwortete sie. »Also, kaufen Sie sich etwas Passendes.«

»Danke«, hatte er gesagt. »Sie sind sehr freundlich.«

»Ich habe ein Herz für Verletzte«, hatte sie entgegnet. Daraufhin hatte er versonnen genickt und einen Moment durch die Windschutzscheibe auf die schmale, zum höher gelegenen Teil der Stadt ansteigende Belle Vue Lane geblickt. Schließlich hatte er gesagt: »Zwei Stunden also«, war ausgestiegen, und sie rätselte, was ihm auf der Seele liegen mochte.

Während er barfüßig auf ein Outdoor-Bekleidungsgeschäft zuging, fuhr sie davon. Sie hatte gewinkt, als sie ihn passierte, und im Rückspiegel gesehen, dass er ihr nachsah, bis eine Kurve sie von seinem Blick abschnitt, die Straße sich gabelte und von dort aus in eine Richtung zum Parkplatz, in die andere zum St. Mevan Down führte.

Dies war der höchste Punkt in Casvelyn. Von hier aus konnte man die ganze Reizlosigkeit der Kleinstadt überblicken. Ihre Glanzzeit lag mehr als siebzig Jahre zurück in einer Epoche, da es Mode gewesen war, zur Sommerfrische an die See zu fahren. Heute lebte sie hauptsächlich von den Surfern und anderen Outdoor-Sportlern. Die Cafés waren schon vor langer Zeit in T-Shirt-Läden, Souvenirgeschäfte und Surfschulen umgewandelt worden, und die post-edwardianischen Wohnhäuser dienten heute als billige Pensionen für jene Wandervögel, die dem Sommer und den Wellen rund um den Globus folgten.

Dem Parkplatz gegenüber an der Belle Vue Lane lag das Toes-on-the- Nose-Café, wo die einheimischen Surfer sich an diesem Morgen scharenweise versammelt hatten. Zwei hatten ihre Autos widerrechtlich am Straßenrand abgestellt, als hätten sie die Absicht, beim ersten Anzeichen eines Wetterumschwungs umgehend davonzubrausen. Dicht an dicht bevölkerten sie das Café. Diese Surfer waren immer im Pulk unterwegs und klebten förmlich aneinander wie Pech und Schwefel. Daidre verspürte einen kleinen Stich des Vermissens. Wie anders es sich anfühlte als der Schmerz des Verlusts!, fuhr es ihr durch den Kopf. Im Vorbeigehen sah sie die Surfer an den Tischen beisammenhocken. Zweifellos berichteten sie einander gerade von ihren Heldentaten auf dem Wasser.

Sie machte sich auf den Weg zur Redaktion desWatchman, die in einem hässlichen, blau verputzten Gebäude Ecke Princes Street und Queen Street untergebracht war. Die Einheimischen nannten dieses Viertel spaßeshalber >das königliche T<. Die Princes Street bildete den Querbalken des T, die Queen Street die Versalhöhe. Unterhalb davon lag die King Street, und Duke Street und Duchy Row befanden sich ebenfalls in der Nähe. In viktorianischer Zeit und schon davor hatte Casvelyn sich um den Namenszusatz >Regis< bemüht, und diese Straßennamen waren die historischen Zeugnisse dieser Kampagne.

Als sie Thomas Lynley gesagt hatte, sie habe allerhand in der Stadt zu erledigen, hatte sie nicht gelogen. Nicht wirklich jedenfalls. Sie musste sich bei Gelegenheit um die Reparatur des zerbrochenen Fensters kümmern, aber erst einmal war da die nicht gerade unbedeutende Sache mit Santo Kernes Tod. DerWatchman würde über seinen Absturz in Polcare Cove berichten, und da Daidre hier keine Zeitung abonniert hatte, war es ein durchaus glaubhaftes Ansinnen, wenn sie in der Redaktion nachfragte, ob bald eine Ausgabe mit dem entsprechenden Artikel erscheinen würde.

Sie entdeckte Max Priestley sofort. Das war in der kleinen Redaktion nicht verwunderlich. Sie bestand lediglich aus Max' Büro, einem Layout-Raum, einem winzigen Newsdesk und dem Empfangsbereich, der gleichzeitig als Archiv diente. Max war mit einem der beiden fest angestellten Redaktionsmitarbeiter im Layout. Sie standen über den Entwurf einer Titelseite gebeugt, die Max offenbar ändern, seine Redakteurin - die aussah wie ein zwölfjähriges Mädchen in Flipflops - hingegen beibehalten wollte.

»Die Leutewollen das«, insistierte sie. »Das hier ist eine Gemeindezeitung, und er war ein Mitglied dieser Gemeinde.«

»Es gibt einen Zweispalter, wenn die Queen stirbt«, erwiderte Max. »In anderen Fällen lassen wir uns zu so etwas nicht hinreißen.« Dann sah er auf, und sein Blick fiel auf Daidre.

Zögernd hob sie die Hand und betrachtete ihn so eingehend, wie ihr möglich war, ohne dass es gar zu offensichtlich wurde. Der Mann hielt sich gern im Freien auf, das sah man ihm an. Sein wettergegerbtes Gesicht ließ ihn älter als seine vierzig Jahre wirken, das dichte Haar war sonnengebleicht, und die regelmäßigen Wanderungen auf dem Küstenpfad hielten ihn in Form. Er wirkte ruhig und ausgeglichen. Daid- re wunderte sich darüber.

Die Dame am Empfang, die gleichzeitig als Korrektorin und Sekretärin des Chefredakteurs fungierte, erkundigte sich höflich nach Daidres Begehr, als Max aus dem Layout kam und seine Goldrandbrille an seinem Hemd polierte. »Vor nicht einmal fünf Minuten habe ich Steve Teller zu dir geschickt, um dich zu interviewen«, sagte er zu Daidre. »Es wird Zeit, dass du dir ein Telefon anschaffst wie der Rest der Welt.«

»Ichhabe ein Telefon«, erwiderte sie. »Es steht nur nicht in Corn- wall.«

»Dann nützt es uns nichts, Daidre.«

»Ihr arbeitet also an einer Story über Santo Kerne?«

»Ich kann die Sache wohl kaum ignorieren, wenn ich mich auch weiterhin einen Zeitungsmann nennen will, oder?« Er nickte zu seinem Büro hinüber und bat die Sekretärin: »Versuch, Steve auf dem Handy zu erreichen, Janna. Sag ihm, Dr. Trahair ist in der Stadt, und wenn er schnell genug zurückkommt, wird sie vielleicht bereit sein, ihm ein Interview zu geben.«

»Ich habe ihm nichts zu sagen«, erklärte sie Priestley.

»>Nichts< ist unsere Geschäftsgrundlage«, erwiderte er holdselig. Er wies Daidre zu seinem Büro.

Unter seinem Schreibtisch hielt ein Golden Retriever ein Nickerchen. Daidre hockte sich neben der Hündin auf den Boden und strich ihr über den seidigen Kopf. »Sie sieht gut aus«, sagte sie über die Schulter. »Die Behandlung hat angeschlagen?«

Er brummte bejahend. »Aber das hier ist kein Hausbesuch, oder?«, fragte er.

Daidre untersuchte oberflächlich den Bauch des Tieres - eher eine Formsache als eine Notwendigkeit. Alle Anzeichen der Hautinfektion waren verschwunden. Daidre stand auf und sagte: »Lass es beim nächsten Mal nicht so lange schleifen. Lily könnte büschelweise Fell verlieren. Das willst du doch sicher nicht.« »Es wird kein nächstes Mal geben. Ich lerne schnell, auch wenn meine persönliche Geschichte das kaum ahnen lässt. Also: Warum bist du hier?«

»Du weißt, wie Santo Kerne gestorben ist, nehme ich an.«

»Daidre, du weißt, dass ich es weiß. Also ist die eigentliche Frage wohl, warum du fragst. Oder feststellst. Oder was immer du machst. Was willst du? Was kann ich heute Morgen für dich tun?«

Sie hörte seine Ungeduld, und sie wusste, was sie bedeutete: Daidre war nur eine gelegentliche Urlauberin in Casvelyn. In manche Bereiche gewährte man ihr Einlass; in andere nicht. Sie versuchte es anders. »Ich war gestern Abend bei Aldara. Sie wartete auf jemanden.«

»Ach, wirklich?«

»Ich dachte, vielleicht auf dich.«

»Wohl kaum.« Er sah sich in seinem Büro um, als wäre er auf der Suche nach einer Beschäftigung. »Ist das wirklich der Grund, warum du gekommen bist? Um Aldara zu kontrollieren? Oder mich? Beides sieht dir nicht ähnlich, aber wie du weißt, bin ich kein besonders guter Frau- enversteher.«

»Nein, deswegen bin ich nicht gekommen.«

»Also … Was gibt es noch? Denn wir wollen die Zeitung heute früher ausliefern …«

»Ich wollte dich eigentlich um einen Gefallen bitten.«

Er wurde schlagartig misstrauisch. »Und zwar?«

»Deinen Computer. Das Internet, um genau zu sein. Ich habe keinen anderen Zugang, und ich möchte lieber nicht den in der Bücherei benutzen. Ich muss recherchieren .« Sie zögerte. Wie viel sollte sie preisgeben?

»Was?«

Sie redete einfach drauflos, und das, was herauskam, war die Wahrheit, wenn auch die unvollständige: »Die Leiche . Santo . Max, Santo wurde am Küstenpfad von einem Wanderer gefunden.«

»Das wissen wir bereits.«

»Ja. In Ordnung. Natürlich wisst ihr das. Aber wisst ihr auch, dass dieser Wanderer ein Detective von New Scotland Yard ist?« »Ach ja?« Max klang interessiert.

»Das behauptet er jedenfalls. Ich möchte herausfinden, ob es stimmt.«

»Warum?«

»Warum? Ja, du meine Güte, denk doch mal nach! Welche Schutzbehauptung könnte besser sein, wenn man vermeiden will, dass man allzu genau unter die Lupe genommen wird?«

»Willst du jetzt selbst anfangen zu ermitteln? Oder dich bei mir um einen Job bewerben? Denn andernfalls wüsste ich nicht, was es dich angeht, Daidre.«

»Ich habe diesen Mann in meinem Cottage überrascht. Ich wüsste gerne, ob er derjenige ist, für den er sich ausgibt.« Sie berichtete, wie sie Thomas Lynleys Bekanntschaft gemacht, erwähnte allerdings nicht, welchen Eindruck sie von ihm gewonnen hatte. Wie jemand, der ein Joch mit vorstehenden Nägeln auf den Schultern trug.

Der Zeitungsmann fand die Erklärung offenbar einleuchtend. Er ruckte mit dem Kinn zu seinem Computer hinüber. »Dann nur zu. Druck aus, was du findest, denn es könnte sein, dass wir es gebrauchen könnten. Und jetzt muss ich wieder zurück an die Arbeit. Lily wird dir Gesellschaft leisten.« Er wollte gehen, hielt aber noch einmal inne, eine Hand am Türpfosten. »Übrigens, du hast mich nicht gesehen.«

Sie war an den Computer getreten und schaute stirnrunzelnd auf. »Was?«

»Falls jemand fragt, hast du mich nicht gesehen. Ist das klar?«

»Du weißt, wie sich das anhört, oder?«

»Offen gestanden, ist es mir völlig egal, wie es sich anhört.«

Damit ging er hinaus, und sie ließ sich durch den Kopf gehen, was er gesagt hatte. Nur Tieren konnte man gefahrlos seine Hingabe schenken, schloss sie.

Sie ging online und gab die Adresse einer Suchmaschine ein. Dann tippte sie Thomas Lynleys Namen.

Er wartete am unteren Ende der Belle Vue Lane auf Daidre. Er sah vollkommen anders aus als der bärtige Fremde, den sie in die Stadt gefahren hatte. Trotzdem hatte sie keine Schwierigkeiten, ihn wiederzuerkennen, hatte sie doch die letzte Stunde damit verbracht, ein gutes Dutzend Pressefotos von ihm zu betrachten, die während der Ermittlungen in einer Mordserie in London entstanden waren und infolge der Tragödie, die über sein Leben hereingebrochen war. Jetzt wusste sie, warum er ihr so verletzt erschienen war. Sie wusste nur nicht, was sie mit diesem Wissen anfangen sollte. Oder mit dem Rest: Wer er war, was sein soziales Umfeld ausmachte - der Titel, das Geld, die Insigni- en einer Welt, die sich von der ihren so grundlegend unterschied, dass sie von verschiedenen Planeten hätten stammen können, nicht nur aus unterschiedlichen Milieus in unterschiedlichen Regionen ein und desselben Landes.

Er hatte sich rasieren und die Haare schneiden lassen. Er trug eine Regenjacke über einem T-Shirt und Pullover. Er hatte feste Schuhe und eine Cordhose gekauft. Und in der Hand hielt er einen gewachsten Regenhut - nicht gerade die Aufmachung, die man von einem Aristokraten erwarten würde, dachte sie grimmig. Doch genau das war er. Lord Sowieso mit einer Frau, die auf offener Straße von einem Zwölfjährigen erschossen worden war. Obendrein war sie schwanger gewesen. Kein Wunder, dass Daidre Lynley als versehrt empfunden hatte. Ein Wunder war allenfalls, dass der Mann überhaupt noch in der Lage war zu funktionieren.

Als sie am Straßenrand hielt, stieg er ein. Er habe auch noch ein paar Sachen in der Drogerie besorgt, berichtete er und zeigte ihr eine Plastiktüte, die er aus der großräumigen Innentasche seiner Jacke hervorholte. Rasierer, Zahnbürste, Zahnpasta, Rasierschaum …

»Sie müssen mir nicht Rechenschaft ablegen«, versicherte sie. »Ich bin nur froh, dass das Geld gereicht hat.«

Er wies auf seine Kleidung. »Schlussverkauf. Echte Schnäppchen. Es ist sogar noch etwas übrig.« Er steckte die Hand in die Tasche und förderte ein paar Scheine und Münzen zutage. »Ich hätte nie gedacht, dass ich …« Er brach ab.

»Was?« Sie stopfte das Wechselgeld in den unbenutzten Aschenbecher. »Dass Sie einmal selber für sich einkaufen würden?«

Er sah sie an, und sein Blick sagte, dass er wusste, was ihre Worte verrieten. »Nein«, erwiderte er. »Ich hätte nie gedacht, dass es mir Spaß machen würde.«

»Ach so. Na ja. Das ist die sogenannte Shopping-Therapie. Aufheiterung garantiert. Irgendwie wissen Frauen das von Geburt an. Männer müssen es erst lernen.«

Er schwieg einen Moment, und sie ertappte ihn dabei, wie er wieder durch die Windschutzscheibe auf die Straße hinausstarrte, eine andere Zeit und einen anderen Ort erblickte. Ihr wurde bewusst, was sie gesagt hatte, und sie biss sich auf die Unterlippe. Hastig fügte sie hinzu: »Wollen wir Ihre Erfahrung irgendwo mit einem Kaffee krönen?«

Er dachte darüber nach. Dann antwortete er langsam: »Ja. Ich glaube, ich hätte gern einen Kaffee.«

Detective Inspector Hannaford wartete bei ihrer Rückkehr zum Salt- house Inn bereits auf sie. Lynley schloss, dass die Beamtin nach Daidres Wagen Ausschau gehalten hatte, denn kaum waren sie in den unge- pflasterten Parkplatz des kleinen Hotels eingebogen, kam sie zur Tür heraus. Es hatte wieder zu regnen begonnen; das schlechte Wetter hielt nun schon seit März ununterbrochen an. Hannaford streifte die Kapuze ihrer Regenjacke über und marschierte entschlossenen Schrittes auf sie zu.

Sie klopfte an Daidres Seitenfenster, und als es herabglitt, sagte sie: »Ich hätte Sie gern gesprochen. Alle beide.« Und dann an Lynley gewandt: »Sie sehen menschlicher aus. Das ist ein Fortschritt.« Sie machte kehrt und flüchtete sich zurück ins Gasthaus.

Lynley und Daidre folgten. Sie fanden Hannaford im Schankraum, wo sie, so mutmaßte Lynley, an einem Fensterplatz gesessen hatte. Sie zog die Regenjacke aus, warf sie auf eine der Bänke und bedeutete ihnen, ihrem Beispiel zu folgen. Dann führte sie sie zu einem der größeren Tische, wo ein Straßenverzeichnis von der Größe einer Zeitschrift aufgeschlagen lag.

Ihr Auftreten Lynley gegenüber war leutselig, und das stimmte ihn schlagartig misstrauisch. Er wusste nur zu gut: Wenn Cops freundlich waren, dann aus einem bestimmten Grund, und nicht zwangsläufig war es ein guter. Sie fragte, wo er am Tag zuvor seine Küstenwanderung aufgenommen habe. Ob er ihr die Stelle im Straßenatlas zeigen könne? »Sehen Sie, hier, der Pfad ist als grün gepunktete Linie gekennzeichnet. Wenn Sie so freundlich wären, mir die Stelle zu zeigen . Es geht nur darum, ein paar lose Enden Ihrer Geschichte abzuklären. Sie wissen ja, wie das läuft.«

Lynley beugte sich über den Straßenatlas. Die Wahrheit war, dass er nicht den Schimmer einer Ahnung hatte, wo er am Vortag seine Wanderung begonnen hatte. Falls eine Landmarke in der Nähe gewesen war, hatte er sie nicht wahrgenommen. Er erinnerte sich an die Namen verschiedener Dörfer und Weiler, durch die er gekommen war, aber wann, hätte er nicht zu sagen vermocht. Außerdem sah er auch nicht, welche Rolle das spielen sollte, doch DI Hannaford ließ keinen Zweifel daran, dass ihr an einer Antwort gelegen war. Er entschied sich dafür, einen Punkt rund zwölf Meilen südwestlich von Polcare Cove auszuwählen. Er hatte keine Ahnung, ob das zutraf.

Hannaford sagte: »In Ordnung«, machte sich aber keinerlei Notizen bezüglich seines Ausgangspunktes. Stattdessen wandte sie sich ebenso liebenswürdig an Daidre: »Und was ist mit Ihnen, Dr. Trahair?«

Lynley sah aus dem Augenwinkel, dass die Tierärztin sich versteifte. »Ich sagte Ihnen doch schon, ich bin aus Bristol gekommen.«

»Ja, das sagten Sie. Wären Sie so nett, mir die Route zu zeigen? Und kann ich davon ausgehen, dass Sie jedes Mal dieselbe Strecke nehmen?«

»Nicht zwingend.«

Lynley bemerkte, wie sie das letzte Wort in die Länge zog, und er wusste, es würde auch Hannaford nicht entgangen sein. Eine Antwort in dieser Weise herauszuzögern, bedeutete in der Regel, dass der Befragte im Geiste durch verschiedene Reifen sprang. Welcher Art diese Reifen waren und warum sie existierten … Hannaford würde es herausfinden wollen.

Lynley nahm sich einen Moment, um die beiden Frauen einzuschätzen. Sie hätten kaum verschiedener sein können: Hannafords flammender Schopf war zu wilden Stacheln hochgegelt, Daidres mittelblondes Haar war aus dem Gesicht gekämmt und wurde von einer Perlmuttspange zu einem Pferdeschwanz zusammengehalten. Hannaford trug Bürokleidung, bestehend aus Kostüm und Pumps, Daidre Jeans, Pullover und Stiefel. Daidre war schlank wie eine Frau, die regelmäßig Sport trieb und darauf achtete, was sie aß. Hannaford war anzusehen, dass ihr Berufsalltag regelmäßige Mahlzeiten ebenso verhinderte wie jedwedes Fitnessprogramm. Außerdem trennten sie mehrere Jahrzehnte im Alter. Die Beamtin hätte Daidres Mutter sein können.

Doch gerade trat sie mitnichten mütterlich auf. Sie wartete auf die Antwort, während Daidre den Atlas studierte, um ihre Route von Bristol nach Polcare Cove zu rekonstruieren. Lynley wusste, warum die Polizistin sich danach erkundigt hatte. Er überlegte, ob Daidre die gleichen Schlüsse gezogen hatte.

»Die M5 runter bis Exeter«, erklärte sie schließlich. »Hinüber nach Okehampton und von dort in nordwestlicher Richtung.« Es gebe keine schnellere Strecke nach Polcare Cove, erklärte sie. Meistens fahre sie über Exeter, manchmal komme sie aber auch von Tiverton herüber.

Hannaford studierte die Karte eingehend, ehe sie fragte: »Und von Okehampton?«

»Wie meinen Sie das?«

»Man kommt nicht eben von Okehampton nach Polcare Cove, Dr. Trahair. Sie sind doch sicher nicht mit dem Helikopter herübergeflogen, oder? Welche Strecke sind Sie gefahren? Den exakten Verlauf bitte.«

Lynley sah, dass Daidres Hals sich rötete. Sie konnte von Glück sagen, dass sie Sommersprossen hatte, andernfalls hätte ihre Haut wohl eine purpurne Tönung angenommen.

Sie fragte: »Wollen Sie das wissen, weil Sie glauben, ich hätte etwas mit dem Tod des Jungen zu tun?« »Haben Sie denn etwas damit zu tun?«

»Nein.«

»Dann macht es Ihnen doch bestimmt nichts aus, mir Ihre Route zu zeigen.«

Daidre presste die Lippen zusammen. Sie strich sich eine lose Haarsträhne hinter das linke Ohr. Das Ohrläppchen war dreimal durchstochen, bemerkte Lynley. Eine winzige Kreole, ein Stecker, sonst nichts.

Sie fuhr die Strecke mit dem Finger nach: A3079, A3072, A39 und dann eine Reihe kleinerer Sträßchen bis nach Polcare Cove, das lediglich ein Pünktchen im Straßenatlas war. Während Daidre die Route erläuterte, machte Hannaford sich Notizen. Sie nickte versonnen, und als Daidre ihre Ausführungen beendete, bedankte sie sich.

Daidre sah aus, als lege sie keinen gesteigerten Wert auf den Dank der Polizistin. Sie wirkte vielmehr zornig und als sei sie bemüht, ihren Groll unter Kontrolle zu bringen. Das verriet Lynley, dass Daidre wusste, was Detective Inspector Hannaford im Schilde führte. Was es ihm hingegen nicht verriet, war, gegen wen dieser Zorn sich richtete: gegen Hannaford oder sie selbst.

»Sind wir jetzt entlassen?«, fragte Daidre.

»Sie schon, Dr. Trahair«, antwortete Hannaford. »Aber Mr. Lynley und ich haben noch etwas zu erledigen.«

»Sie können doch nicht glauben, dass er …« Sie brach ab. Ihr Gesicht hatte sich erneut gerötet. Sie schaute zu Lynley und wandte dann hastig den Blick ab.

»Dass erwas?«

»Er ist fremd in dieser Gegend. Woher sollte er den Jungen gekannt haben?«

»Heißt das, dass Sie ihn kannten, Dr. Trahair? Diesen Jungen? Er hätte doch selbst ein Fremder in dieser Gegend sein können. Es wäre doch immerhin möglich, dass unser Mr. Lynley hier eigens zu dem Zweck angereist ist, Santo Kerne - so hieß er übrigens - von der Klippe zu stoßen.«

»Das ist doch lächerlich. Hat er nicht gesagt, er sei Polizist?« »Das hat er gesagt, ja. Aber noch habe ich keinerlei Beweis dafür. Sie vielleicht?«

»Ich … Ach, egal.« Sie hatte ihre Schultertasche auf einem Stuhl abgestellt und nahm sie nun auf. »Sie haben gesagt, dass Sie fertig mit mir sind, Inspector. Ich gehe dann jetzt.«

»Ja, ich bin fertig mit Ihnen«, versicherte Bea Hannaford höflich. »Fürs Erste.«

Während der anschließenden Autofahrt tauschten sie nur wenige Sätze. Lynley fragte Hannaford, wohin sie ihn bringe, und sie antwortete: »Nach Truro. Ins Royal Cornwall Hospital, um genau zu sein.«

»Sie wollen die Pubs entlang der Route überprüfen, richtig?«

»Alle Pubs auf dem Weg nach Truro?«, entgegnete sie verschmitzt. »Wohl kaum, mein Lieber.«

»Ich rede nicht von dem Weg nach Truro, Inspector«, gab er zurück.

»Ich weiß. Und erwarten Sie im Ernst, dass ich Ihre Frage beantworte? Sie haben den Leichnam gefunden. Sie wissen doch, wie es läuft, wenn Sie wirklich derjenige sind, für den Sie sich ausgeben.« Sie warf ihm einen kurzen Blick zu. Sie hatte eine Sonnenbrille aufgesetzt, obwohl keine Sonne schien, es vielmehr immer noch regnete. Er rätselte, was es damit auf sich hatte, und sie beantwortete seine ungestellte Frage: »Sehhilfe. Ich brauche zum Fahren eine Brille. Die andere ist zu Hause. Oder vielleicht auch im Schulrucksack meines Sohnes. Oder womöglich hat einer der Hunde sie gefressen, ich weiß es nicht.«

»Sie haben Hunde?«

»Drei schwarze Labradore. Hund Eins, Zwei und Drei.«

»Interessante Namen.«

»Zu Hause halte ich die Dinge gern einfach. Als Ausgleich dafür, dass sie im Job niemals einfach sind.«

Das war alles, was sie zueinander sagten. Den Rest der Fahrt verbrachten sie schweigend, die Stille nur unterbrochen von Satzfetzen aus dem Funkgerät und zwei Anrufen, die Hannaford auf dem Handy entgegennahm. Der erste kam offenbar aus Truro, wo man ihre ungefähre Ankunftszeit in Erfahrung bringen wollte, immer vorausgesetzt, dass sie in keinen Stau geriet. Der zweite Anrufer machte eine kurze Mitteilung, worauf sie barsch erwiderte: »Ich hatte ihm doch gesagt, er soll es zumir bringen. Was zum Henker hat er bei dir in Exeter verloren? … Und wie soll ich … Das ist absolut nicht nötig, und ja, bevor du es sagst: Du hast recht. Ich will nicht in deiner Schuld stehen … Oh, super. Mach doch, was du willst, Ray.«

In Truro führte Hannaford Lynley in die Pathologie des Krankenhauses, wo der Geruch nach Desinfektionsmittel so intensiv war, dass er einem sofort zu Kopf stieg. Ein Assistent war gerade dabei, eine Rollliege abzuspritzen, auf der zuvor ein Leichnam aufgeschnitten worden war. Der Rechtsmediziner - schmal wie die Heiratschancen einer alternden Jungfer - stand über eine Edelstahlspüle gebeugt und leerte ein großes Glas Tomatensaft. Der Mann musste einen Magen aus Eisen und die Sensibilität eines Felsbrockens besitzen, dachte Lynley.

»Das ist Gordie Lisie«, stellte Hannaford vor. »Niemand auf der Welt macht den Y-Schnitt so zackig wie er, und Sie wollen gar nicht wissen, wie schnell er Rippen zersägt.«

»Zu viel der Ehre«, sagte Lisie.

»Ich weiß. Das hier ist Thomas Lynley. - Was haben wir?«

Lisie stellte sein Saftglas beiseite, trat an seinen Schreibtisch und nahm ein Blatt Papier auf, das er überflog, und begann seinen Bericht. Die Verletzungen stammten eindeutig von einem Sturz, sagte er einleitend. Er zählte sie auf: gebrochene Hüfte, der rechte Malleolus medialis zertrümmert. »Für den Laien: Das ist der Knöchel«, fügte er hinzu.

Hannaford nickte wissend.

»Rechtes Schien- und Wadenbein gebrochen«, fuhr Lisie fort. »Mehrfache Brüche der rechten Elle und Speiche. Ebenfalls rechts sechs Rippenbrüche. Und die rechte Scapula zertrümmert, beide Lungen durchstoßen, Milzriss.«

»Was zum Henker ist eine Scapula?«, wollte Hannaford wissen.

»Schulterblatt«, erklärte er.

»Böse Sache, aber hätte das ausgereicht, um ihn umzubringen? Was hat ihn denn nun ins Jenseits befördert? Schock?«

»Ich habe uns natürlich das Beste für den Schluss aufgehoben: eine massive Fraktur des Schläfenbeins. Sein Schädel ist aufgeplatzt wie ein Ei. Sehen Sie hier.« Lisie legte das Schriftstück auf den Tisch und schlenderte zur Wand hinüber, wo eine großformatige Darstellung des menschlichen Skeletts hing. »Er muss während seines Sturzes an einen vorstehenden Felsen angeschlagen sein. Er wurde mindestens einmal herumgeschleudert, nahm im Lauf des Sturzes weiter Tempo auf, landete hart auf der rechten Seite und schlug sich den Schädel auf dem Schiefer ein. Als der Knochen brach, ist er wie ein Messer in die Schädelbasisarterie gestoßen. Das hat ein akutes epidurales Hämatom hervorgerufen. Es entstand Druck auf das Gehirn, der nirgendwohin entweichen konnte, ohne den Jungen umzubringen. Er dürfte innerhalb von fünfzehn Minuten gestorben sein, war aber sicher die ganze Zeit bewusstlos. Lag denn kein Helm in der Nähe? Irgendeine andere Kopfbedeckung?«

»Kinder«, entgegnete Hannaford. »Sie glauben, sie sind unsterblich.«

»Dieses hier war es nicht. Wie dem auch sei. Die Schwere der Verletzungen deutet darauf hin, dass er abgestürzt ist, sowie er begann, sich abzuseilen.«

»Was wiederum bedeutet, die Schlinge ist gerissen, sowie sie mit seinem Gewicht belastet wurde.«

»Dem stimme ich zu.«

»Was ist mit dem blauen Auge? Es war schon abgeheilt, oder? Womit passt das zusammen?«

»Mit einem verdammt gut platzierten Fausthieb. Irgendwer hat ihm ein ordentliches Ding verpasst, das ihn zu Boden geschickt haben dürfte. Man kann die Knöchelabdrücke immer noch sehen.«

Hannaford nickte. Sie blickte zu Lynley, der aufmerksam zugehört und sich gleichzeitig gefragt hatte, warum Hannaford ihn hieran Anteil nehmen ließ. Das war vollkommen ungewöhnlich - obendrein sogar unverantwortlich, wenn man seine Rolle in diesem Fall berücksichtigte. Und sie machte eigentlich nicht den Eindruck, als wäre sie eine verantwortungslose Frau. Sie hatte irgendeinen Plan. Darauf hätte er gewettet.

»Wann?«, fragte Hannaford.

»Der Faustschlag?«, erwiderte Lisie. »Ich würde sagen, vor einer Woche.«

»Sieht es so aus, als hätte er eine Schlägerei gehabt?«

Lisie schüttelte den Kopf.

»Warum nicht?«

»Er weist keine weiteren Blessuren auf, die zur selben Zeit entstanden sein könnten«, mischte Lynley sich ein. »Irgendwer hat ein einziges Mal ordentlich hingelangt, und das war alles.«

Hannaford sah ihn an, als hätte sie völlig vergessen, dass sie ihn mitgebracht hatte. Lisie stimmte zu: »Das würde ich auch sagen. Jemand hat für einen Moment die Kontrolle verloren oder wollte ihn bestrafen. Entweder war die Angelegenheit damit erledigt, oder ihm ist die Lampe ausgegangen, oder er war einfach nicht der Typ, der sich provozieren ließ, nicht einmal durch einen Fausthieb ins Gesicht.«

»Wie steht es mit Sadomasochismus?«, fragte Hannaford.

Lisie wirkte nachdenklich, und Lynley antwortete: »Ich glaube nicht, dass Sadomasochisten eine Vorliebe für Faustschläge ins Gesicht hegen.«

»Hm. Ja«, stimmte Lisie zu. »Ich schätze, der handelsübliche SM- Freak lässt sich lieber in die Genitalien zwicken. Oder den Hintern versohlen oder obendrein auspeitschen. Aber wir haben keinerlei Spuren an der Leiche, die auf dergleichen hindeuten.« Er kehrte zu seinem Sandwich zurück. Sie standen alle drei einen Moment da und betrachteten die Schautafel mit dem Skelett. Völlig unvermittelt fragte Lisie Hannaford: »Wie sieht es an der Datingfront aus? Hat das Internet Ihre Träume schon erfüllt?«

»Täglich«, versicherte sie ihm. »Sie müssen es unbedingt noch einmal probieren, Gordie. Sie haben viel zu schnell das Handtuch geworfen.«

Er schüttelte den Kopf. »Damit bin ich fertig. Das Internet ist nicht der richtige Ort, um nach der Liebe zu suchen.« Er schaute sich betrübt in der Pathologie um. »Das hier schreckt sie einfach ab, da muss man gar nicht drumherumreden. Sobald ich damit herausrücke, ist alles gelaufen.«

»Was meinen Sie?«

Er umschrieb den Raum mit einer Geste. Eine weitere von einem Laken bedeckte Leiche mit einem Schild am Zeh wartete bereits auf ihn. »Wenn sie erfahren, was ich beruflich mache. Darauf stehen sie nicht besonders.«

Hannaford tätschelte ihm die Schulter. »Das macht nichts, Gordie. Sie stehen darauf, und das allein zählt.«

»Wie wär's denn mit uns zwei Hübschen?« Er sah sie mit musterndem Blick an, abschätzend und abwägend.

»Führen Sie mich nicht in Versuchung, mein Lieber. Sie sind viel zu jung, und außerdem bin ich im Grunde meines Herzens eine Sünderin. - Ich brauche den schriftlichen Bericht hierüber so schnell wie möglich.« Mit dem Kinn wies sie auf die frisch gesäuberte Rollliege.

»Ich werde dafür eine der Schreibkräfte bestechen«, versprach Lisie.

Als sie die Pathologie hinter sich gelassen hatten, schritt Hannaford auf einen Lageplan des Krankenhauses in der Vorhalle zu, studierte ihn kurz und führte Lynley dann in die Cafeteria. Er konnte sich nicht vorstellen, dass sie nach dem Besuch im Sektionssaal etwas essen wollte, und wie sich herausstellte, hatte er recht. Hannaford blieb am Eingang stehen und sah sich um, bis sie an einem Tisch einen Mann entdeckte, der eine Zeitung las.

Lynley erkannte den Mann, der am Abend zuvor in Daidre Trahairs Cottage aufgetaucht war und ihn nach New Scotland Yard gefragt hatte. Gestern hatte er sich nicht vorgestellt, aber Hannaford holte das nun nach: Dies sei Assistant Chief Constable Ray Hannaford von der Polizei in Middlemore, erklärte sie. Der Mann erhob sich und streckte Lynley höflich die Hand entgegen.

»Ja«, fügte Detective Inspector Hannaford erklärend hinzu.

»Ja?«, fragte Lynley verdutzt.

»Familie«, warf sie ein.

»Ehemals«, ergänzte Ray Hannaford. »Bedauerlicherweise.«

»Du schmeichelst mir, Liebling«, frotzelte sie.

Keiner von beiden ging näher darauf ein, doch das Wort >ehemals< räumte alle Zweifel aus. Mehr als ein Cop in der Familie, schloss Lyn- ley. Das dürfte nicht einfach gewesen sein.

Ray Hannaford griff nach einem großen Umschlag, der auf dem Tisch gelegen hatte. »Hier ist er«, sagte er zu seiner Exfrau. »Wenn du das nächste Mal auf einem Kurier bestehst, lass ihn wissen, wo er dich findet, Beatrice.«

»Das hab ich ihnen gesagt«, entgegnete sie. »Offenbar hatte der Mistkerl, der diesen Umschlag aus London gebracht hat, keine Lust, bis nach Holsworthy oder Casvelyn zu fahren. Oder hattest du auch noch mal angerufen und die Sachen angefordert?«, fragte sie argwöhnisch. Sie wedelte mit dem Umschlag.

»Nein«, versicherte er. »Aber wir sollten langsam über eine Art Gegenleistung reden. Dein Schuldensaldo wächst. Die Fahrt von Exeter hierher war die Hölle. Jetzt schuldest du mir in zweierlei Hinsicht etwas.«

»Zweierlei? Wofür denn noch?«

»Dafür, dass ich Pete gestern Abend abgeholt habe. Klaglos, wie ich mich erinnere.«

»Musstest du dich zu dem Zweck aus den Armen irgendeiner Zwanzigjährigen reißen?«

»Ich glaube, sie war mindestens dreiundzwanzig.«

Bea Hannaford lachte leise. Sie öffnete den Umschlag und spähte hinein. Dann sagte sie: »Gut. Ich nehme an, du hast selbst einen Blick hineingeworfen, Ray?«

»Schuldig im Sinne der Anklage.«

Sie zog den Inhalt hervor. Lynley erkannte seinen Polizeiausweis von New Scotland Yard auf einen Blick.

»Den habe ich zurückgegeben«, sagte er. »Er hätte eigentlich … Was passiert mit diesen Dingern, wenn jemand kündigt? Sie werden vernichtet, nehme ich an.«

Es war Ray Hannaford, der antwortete: »Anscheinend war man nicht gewillt, ihn zu vernichten.« »>Voreilig< nannten sie es«, fügte Bea hinzu. »Eine überstürzte Entscheidung, die zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt gefällt wurde.« Sie hielt Lynley den Scotland-Yard-Ausweis hin.

Doch er nahm ihn nicht entgegen. Stattdessen sagte er: »Mein Pass ist mit der Post unterwegs. Das habe ich Ihnen doch erklärt. Meine Brieftasche mitsamt Inhalt wird morgen hier sein. Dies hier«, er blickte auf den Dienstausweis hinab, »war überflüssig.«

»Ganz im Gegenteil«, widersprach Detective Inspector Hannaford. »Es war absolut notwendig. Sie wissen selber, dass gefälschte Ausweispapiere heutzutage leicht zu beschaffen sind. Wer weiß, vielleicht haben Sie den Vormittag damit verbracht, sich welche zu besorgen.«

»Warum sollte ich das tun?«

»Ich nehme an, das können Sie sich selbst beantworten, Superintendent Lynley. Oder ziehen Sie den Adelstitel vor? Und was zum Henker hat jemand wie Sie überhaupt bei der Polizei verloren?«

»Dort bin ich ja nicht mehr.«

»Erzählen Sie das mal Scotland Yard. Sie haben nicht geantwortet. Wie wollen Sie angesprochen werden? Mit dem beruflichen oder mit dem Adelstitel?«

»Mit >Thomas<. Und jetzt, da Sie wissen, dass ich derjenige bin, für den ich mich gestern Abend ausgegeben habe - was Sie vermutlich schon vorher wussten, denn warum hätten Sie mich sonst mit in die Pathologie genommen -, darf ich davon ausgehen, dass es mir freisteht, meine Wanderung wieder aufzunehmen?«

»Das ist das Allerletzte, wovon Sie ausgehen dürfen. Sie gehen nirgendwohin, bis ich es Ihnen erlaube. Und wenn Sie damit liebäugeln, sich bei Nacht und Nebel davonzuschleichen, rate ich Ihnen, sich das noch einmal gut zu überlegen. Sie können sich nützlich machen, jetzt da ich den Beweis habe, dass Sie derjenige sind, der zu sein Sie behauptet haben.«

»Nützlich als Polizist oder als Privatperson?«, fragte Lynley.

»Was immer besser funktioniert, Detective.«

»Funktioniert in Bezug worauf?«

»Auf unsere Tierärztin.« »Bitte?«

»In Bezug auf Dr. Trahair. Sie und ich wissen, dass sie lügt. Und Ihr Job wird es sein herauszufinden, warum.«

»Sie können unmöglich von mir verlangen .«

Hannafords Handy klingelte. Sie hob eine Hand, um ihn zum Schweigen zu bringen, fischte das Telefon aus der Tasche und entfernte sich ein paar Schritte. »Ich höre«, sagte sie, als sie das Handy aufgeklappt hatte. Sie senkte den Kopf, während sie lauschte, und tippte mit der Fußspitze auf den Boden.

»Die Arbeit ist ihr Lebensinhalt«, erklärte Ray Hannaford. »Früher war das anders. Aber jetzt ist sie es, die ihr das Gefühl gibt, am Leben zu sein. Ziemlich dumm, oder?«

»Dass der Tod jemandem das Gefühl gibt, lebendig zu sein?«

»Nein. Dumm von mir, dass ich sie habe gehen lassen. Sie wollte eine Sache, ich etwas anderes.«

»Das kommt vor.«

»Hätte ich nur einen Funken Verstand gehabt!«

Lynley betrachtete Hannaford. Vorhin hatte er seinen Status als Exmann der Polizistin als bedauerlich bezeichnet. »Vielleicht sagen Sie es ihr einmal«, schlug Lynley vor.

»Das habe ich bereits getan. Aber manchmal, wenn man sich in den Augen eines anderen herabgewürdigt hat, kann man es nicht wiedergutmachen. Ich gäbe etwas darum, wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte.«

»Ja«, erwiderte Lynley. »Da geht es uns beiden ähnlich.«

Bea Hannaford kehrte zu ihnen zurück. Ihre Miene war grimmig. Sie fuchtelte mit dem Handy herum und sagte zu ihrem Exmann: »Es war Mord. Ray, ich will diese Einsatzzentrale in Casvelyn. Mir ist egal, was du tun musst, um das für mich zu regeln, und mir ist auch egal, welche Gegenleistung du dafür forderst. Ich will Zugang zur HOL- MES-Datenbank und ein ausgebildetes Ermittlerteam als Mordkommission. Und einen Beamten für die Aktenführung. Kapiert?«

»Das ist ja auch alles andere als zu viel verlangt, nicht wahr, Beatrice?« »Ganz im Gegenteil, Raymond«, erwiderte sie gelassen. »Wie du sehr wohl weißt.«

»Wir besorgen Ihnen einen Wagen«, teilte Bea Hannaford Lynley mit. »Den werden Sie brauchen.«

Sie standen vor dem Portal des Royal Cornwall Hospital. Ray hatte sich mit den Worten verabschiedet, er könne ihr nichts versprechen. Nur zu wahr, hatte sie geantwortet. Sie wusste, das war unfair, aber sie hatte es dennoch gesagt, denn sie hatte vor langer Zeit gelernt, dass in einem Mordfall der Zweck einer Verhaftung und Anklage jedes notwendige Mittel heiligte.

»Ich glaube nicht, dass Sie dies von mir verlangen können«, sagte Lynley in einem Tonfall, der so etwas wie Vorsicht auszudrücken schien.

»Weil Sie ranghöher sind als ich? Das spielt hier bei uns in der Provinz keine Rolle, Superintendent.«

»Das war nur eine Interimslösung.«

»Was?«

»Ich war lediglich >Acting Superintendent. Es war keine Beförderung auf Dauer. Ich habe nur in einer Notlage ausgeholfen.«

»Wie reizend von Ihnen. Genau die Sorte Mann, die ich brauche. Sie können auch jetzt bei einer ziemlich dringenden Notlage aushelfen.« Sie spürte seinen Blick auf sich, während sie den Parkplatz überquerten, und sie lachte laut auf. »Nichtso eine Notlage«, versicherte sie ihm. »Obwohl ich schätze, dass Sie ganz ordentlich im Bett sind, wenn eine Frau Ihnen die Pistole auf die Brust setzt. Wie alt sind Sie?«

»Das hat man Ihnen bei Scotland Yard nicht verraten?«

»Stillen Sie doch einfach meine Neugier.«

»Achtunddreißig.«

»Sternzeichen?«

»Wie bitte?«

»Zwilling? Stier? Jungfrau? Was?« »Ist das irgendwie wichtig?«

»Wie ich sagte: Stillen Sie meine Neugier. Es kostet doch nichts, sich einfach auf den Moment einzulassen, Thomas.«

Er seufzte. »Fische.«

»Da haben Sie's. Es würde niemals klappen mit uns. Außerdem sind Sie zwanzig Jahre jünger als ich, und auch wenn ich jüngere Männer gernhabe, sollten sie doch nicht gleich so viel jünger sein. Sie sind also absolut sicher in meiner Gesellschaft.«

»Das ist irgendwie kein beruhigender Gedanke.«

Sie lachte wieder und schloss den Wagen auf. Sie stiegen beide ein, aber Bea steckte den Schlüssel nicht gleich ins Zündschloss. Stattdessen sah sie ihn ernst an. »Sie müssen das für mich tun«, erklärte sie. »Sie will Sie beschützen.«

»Wer?«

»Sie wissen genau, von wem ich rede. Dr. Trahair.«

»Wohl kaum. Ich bin in ihr Haus eingebrochen. Sie will mich im Auge behalten, bis ich den Schaden bezahlt habe. Außerdem schulde ich ihr Geld für diese Kleidungsstücke.«

»Stellen Sie sich nicht dumm. Sie ist vorhin in die Bresche gesprungen, um Sie zu verteidigen, und dafür gibt es einen Grund. Sie hat einen wunden Punkt. Vielleicht hat er mit Ihnen zu tun. Vielleicht auch nicht. Ich weiß nicht, wo er liegt oder warum es ihn gibt, aber Sie werden ihn finden.«

»Wieso?«

»Weil Sie es können. Weil das hier eine Mordermittlung ist und all die schönen Benimmregeln vollkommen belanglos werden, sobald wir einen Mörder suchen. Und das wissen Sie so gut wie ich.«

Lynley schüttelte den Kopf, aber Bea Hannaford schien es weniger eine Verneinung zu sein als vielmehr die unwillige Anerkennung einer unverrückbaren Tatsache: Sie hatte ihn am Wickel. Wenn er davonlief, würde sie ihn zurückholen, und das war ihm klar.

Schließlich fragte er: »Wurde die Netzschlinge eingeschnitten?«

»Was?«

»Der Anruf, den Sie vorhin bekamen. Als Sie auflegten, sagten Sie, es handele sich um Mord. Also frage ich mich, ob die Schlinge manipuliert wurde oder ob die Kriminaltechnik etwas anderes gefunden hat.«

Bea überlegte, ob sie ihm antworten sollte und was es ihm signalisieren würde, wenn sie es täte. Sie wusste so gut wie nichts über diesen Mann, aber sie verließ sich auf ihre Intuition. »Sie wurde eingeschnitten«, sagte sie.

»War es offensichtlich?«

»Unter dem Mikroskop war es deutlich sichtbar.«

»Es war also nicht so ohne Weiteres zu erkennen, jedenfalls nicht mit bloßem Auge. Wieso glauben Sie, dass es Mord war?«

»Und nicht was?«

»Ein Selbstmord, der nach Unfall aussehen sollte, um der Familie zusätzlichen Schmerz zu ersparen.«

»Was wissen wir bisher, was Sie zu dieser Annahme führen könnte?«

»Er wurde niedergeschlagen. Der Fausthieb.«

»Und weiter?«

»Es ist nur so eine Idee, aber vielleicht war er nicht in der Lage, sich zu verteidigen. Er wollte, aber er konnte nicht. Wer weiß, warum. Er war unfähig oder zumindest unwillig, was zu einem Gefühl des Versagens führte. Dieses Versagen projiziert er auf sein gesamtes Leben und all seine Beziehungen, ganz gleich wie unlogisch diese Projektion sein mag …«

»Und schwups - er bringt sich um? Das glaube ich nicht und Sie ebenso wenig.« Bea steckte den Schlüssel ins Zündschloss und dachte darüber nach, was diese Bemerkungen ihr verrieten, nicht so sehr über das Opfer, sondern über Thomas Lynley selbst. Sie warf ihm einen argwöhnischen Blick zu und fragte sich, ob sie ihn falsch eingeschätzt hatte. »Wissen Sie, was ein Klemmkeil ist?«, fragte sie.

Er schüttelte den Kopf. »Sollte ich? Was ist es?«

»Es ist das, was aus dieser Sache eine Mordermittlung macht.«

7

Nicht lange nach Mittag hörte es in Casvelyn auf zu regnen, und dafür war Cadan Angarrack dankbar. Seit seiner Ankunft am Morgen war er damit beschäftigt gewesen, die Heizkörper in den Gästezimmern von Adventures Unlimited zu streichen, und von den Lackdämpfen hämmerte ihm der Schädel. Er konnte ohnehin nicht verstehen, warum sie ihn die Heizungen anstreichen ließen. Wer würde das schon merken? Wer bitte schön achtete denn darauf, ob die Heizkörper seines Hotelzimmers gestrichen waren? Kein Schwein, außer vielleicht ein Hoteltester, und was würde es schon bedeuten, wenn ein Hoteltester ein bisschen Rost am Radiator entdeckte? Gar nichts. Absolut überhaupt nichts. Und außerdem war es doch nicht so, als sollte das heruntergekommene King-George-Hotel in seinem alten Glanz erstrahlen, oder? Es wurde doch nur bewohnbar gemacht für die Massen von Touristen, die einen Pauschalurlaub am Meer mit Spaß, Action, Vollpension und Trainer für alle möglichen Sportarten buchen wollten. Und den Typen war es doch völlig egal, wo sie nachts schliefen, Hauptsache es war sauber, es standen Pommes frites auf der Speisekarte, und es war nicht allzu teuer.

Darum beschloss Cadan, als der Himmel aufklarte, ein bisschen frische Luft wäre genau das Richtige. Er wollte sich den Minigolfplatz ansehen, die zukünftige BMX-Bahn, wo bald BMX-Kurse stattfinden würden, die, da war Cadan guter Dinge, man ihn hier geben lassen würde, sobald er sein Können unter Beweis gestellt hatte. Doch wem gegenüber sollte er es derzeit beweisen? Das war momentan das Problem. Er war nicht mehr sicher. Er war nicht einmal sicher gewesen, ob er heute zur Arbeit kommen sollte oder überhaupt noch einen Job hatte, nach dem, was mit Santo passiert war. Zuerst hatte er sich überlegt, einfach nicht aufzukreuzen. Er hatte ein paar Tage verstreichen lassen wollen, dann anrufen und das bisschen Beileid ausdrücken, wozu er fähig war, und schließlich fragen, ob sie ihn immer noch für die Instandsetzungsarbeiten benötigten. Aber dann war ihm klar geworden, dass solch ein Anruf ihnen bloß die Chance gegeben hätte, ihn rauszuwerfen, ehe er auch nur Gelegenheit hatte zu zeigen, wie wertvoll er für sie sein konnte. Also hatte er entschieden, zur Arbeit zu gehen und so trübsinnig wie möglich dreinzuschauen, sollte er irgendeinem Kerne begegnen.

Bisher hatte Cadan allerdings weder Ben noch Dellen Kerne - San- tos Eltern - zu Gesicht bekommen. Aber er war gleichzeitig mit Alan Cheston eingetroffen. Als Cadan Alan davon in Kenntnis gesetzt hatte, dass er inzwischen bei Adventures Unlimited angestellt war, hatte Alan versprochen, er werde umgehend jemanden holen, der Cadan sagte, was er tun solle. Dann hatte er die Eingangstür aufgesperrt, um sie beide hineinzulassen, und war davongeeilt. Den Schlüssel hatte er im Gehen mit einer Geste zurück in die Tasche gesteckt, die besagte, dass er sich seiner Rolle bei Adventures Unlimited und seiner Unverzichtbarkeit nur allzu bewusst war.

In dem alten Hotel war es so still wie auf einem Friedhof gewesen. Außerdem war es kalt. Cadan hatte geschaudert und gefühlt, wie Pooh auf seiner Schulter das Gleiche tat. Er hatte in der Rezeption gewartet, wo auf einem Wandbord stand: >Ihre Kursleiter<, darunter die Porträtfotos der sechs Trainer, die bereits eingestellt worden waren. Die Fotos waren pyramidenförmig angeordnet, und die Spitze bildete Kerra Kerne, die als Sportdirektorin ausgewiesen wurde.

Kein übles Bild von Kerra, fand Cadan. Sie war keine große Schönheit: unauffälliges braunes Haar, unauffällige blaue Augen und stämmiger, als Cadan es bei einer Frau gefiel. Aber sie war ohne Zweifel die fitteste Frau in ganz Casvelyn. Es war einfach Pech, dass Kerra bei der Auslosung der Gene das Aussehen ihres Vaters erwischt hatte und nicht das ihrer Mutter. Das wiederum hatte Santo geerbt, ein Umstand, den manch einer als Glücksfall bezeichnet hätte. Cadan hingegen war der Überzeugung, dass die meisten Kerle gar nicht wild darauf waren, so hübsch zu sein wie Santo. Es sei denn, man wusste, wie man sein Äußeres zu seinem Nutzen einsetzen konnte.

»Cadan?«

Er war herumgefahren. Pooh hatte gekrächzt und war seitwärts über Cadans Schulter getippelt.

Wie aus dem Boden gestampft, hatte Kerra vor ihm gestanden. Alan war bei ihr gewesen. Cadan wusste, sie waren ein Paar, aber in seinen Augen passten die beiden mitnichten zusammen. Kerra war eine kerngesunde Sportskanone, leider mit Fesseln wie Baumstämmen. Alan hingegen sah aus wie jemand, der nur unter Androhung der Todesstrafe Sport treiben würde.

Mit ein paar Worten hatten sie alles geklärt. Auf den ersten Blick mochte Alan wie ein Weichei wirken, aber es stellte sich heraus, dass er derjenige war, der hier fast alle Entscheidungen traf. Ehe Cadan also auch nur auf die Idee kommen konnte, empfindliche Bronchien und eine Allergie gegen Farbdünste vorzuschützen, hatte er sich mit Abdeckplane und Pinsel in der einen und einem riesigen Eimer leuchtend weißen Heizkörperlacks in der anderen Hand wiedergefunden. Alan hatte Cadan ein paar knappe Anweisungen gegeben und sich dann verzogen.

Vier Stunden später befand Cadan, dass er sich eine Pause an der frischen Luft verdient hätte. Pooh war geradezu unheimlich still geworden, war ihm aufgefallen. Vielleicht hatte der Papagei ebenfalls Kopfschmerzen.

Die Erde auf dem Minigolfplatz war immer noch klatschnass, aber davon ließ Cadan sich nicht abschrecken. Er schob sein Rad zum ersten Loch und musste erkennen, dass es ein Hirngespinst gewesen war, hier jetzt ein paar Tabletops vollführen zu wollen. Er stellte das Rad ab, setzte Pooh auf die Lenkstange und unterzog den Minigolfplatz einer Inspektion.

Es würde kein einfaches Projekt werden. Die Anlage sah aus, als wäre sie mindestens sechzig Jahre alt und als wäre in den letzten dreißig Jahren kein Strich daran getan worden. Das war irgendwie schade, denn selbst Minigolf hätte eine bescheidene Geldquelle für Adventures Unlimited sein können. Andererseits war es aber auch ein Pluspunkt, denn eine heruntergekommene Anlage verbesserte die Chancen, dass wer immer hier die Entscheidungen über die Zukunft traf, sich von Cadans Vorschlag würde überzeugen lassen. Aber um Vorschläge unterbreiten zu können, musste man erst einmal Pläne haben, und Cadan gehörte nicht zu der Sorte Mensch, die Pläne machte. Also spazierte er zwischen den ersten fünf Löchern umher und überlegte, was getan werden müsste, abgesehen vom Herausreißen der kleinen Windmühlen, Scheunen und Schulhäuser und dem Auffüllen der Löcher.

Er war immer noch in Gedanken an die BMX-Bahn, als er einen Streifenwagen vom St. Mevan Crescent auf den Parkplatz des alten Hotels einbiegen sah. Der Fahrer - ein uniformierter Constable - stieg aus und ging hinein. Wenige Minuten später fuhr er wieder davon.

Kurz darauf kam Kerra aus dem Gebäude. Sie blieb auf dem Parkplatz stehen, stemmte die Hände in die Hüften und sah sich um. Ca- dan hockte gerade neben einem kleinen Bootswrack, das als Hindernis am sechsten Loch diente, und ihm ging auf, dass Kerra nach jemandem Ausschau hielt, möglicherweise nach ihm. Unter anderen Umständen hätte er sich wie üblich versteckt gehalten, denn wenn jemand nach ihm suchte, dann in aller Regel, weil er etwas vermasselt hatte und von seinen Missetaten in Kenntnis gesetzt werden sollte. Doch eine schnelle Revision seiner heutigen Lackiererleistung brachte ihn zu der Erkenntnis, dass er hervorragende Arbeit abgeliefert hatte, also richtete er sich auf und zeigte sich.

Kerra kam umgehend in seine Richtung. Sie hatte sich umgezogen, war von Kopf bis Fuß in Lycra gehüllt, und Cadan erkannte das Outfit: Sie trug ihre Langstrecken-Fahrradmontur. Seltsame Tageszeit für eine Fahrradtour, fand er, aber wenn man die Tochter des Chefs war, konnte man sich seine Regeln selber setzen.

Als Kerra die Ruine des Minigolfplatzes erreichte, sagte sie ohne Vorrede: »Ich habe auf der Farm angerufen, aber man hat mir gesagt, sie arbeitet dort nicht mehr.« Sie klang geschäftsmäßig. »Dann habe ich es bei euch zu Hause probiert, aber da ist sie auch nicht. Weißt du, wo sie steckt? Ich muss sie sprechen.«

Cadan nahm sich einen Moment Zeit, um ihre Ausführungen und die Frage zu überdenken und was das alles implizierte. Er versuchte, Zeit zu schinden, indem er zu seinem Fahrrad trat, Pooh von der Lenkstange nahm und auf seine Schulter setzte. »Spreng Löcher im Speicher«, bemerkte Pooh.

»Cadan.« Kerras Stimme war beherrscht, enthielt aber eine gewisse Schärfe. »Würdest du mir bitte antworten? Und zwar jetzt gleich und nicht irgendwann einmal?«

»Es ist nur … Es ist komisch, dass du fragst«, erwiderte Cadan. »Ich meine, es ist ja nicht so, als wärt du und Madlyn noch befreundet, darum frag ich mich …« Er neigte den Kopf, sodass seine Wange Poohs Federn berührte. Er fand das Gefühl angenehm.

Kerra verengte die Augen. »Was fragst du dich?«

»Santo. Die Polizei war hier. Und jetzt kommst du hier raus, um mit mir zu reden. Fragst mich nach Madlyn. Hängt das alles irgendwie zusammen?«

Kerra trug die Haare in einem Pferdeschwanz, aber jetzt zog sie das Gummi heraus, und das Haar fiel ihr auf die Schultern. Sie schüttelte es, dann fasste sie es wieder zum Zopf zusammen. Es schien ebenso eine Methode, Zeit zu gewinnen, wie Cadan es eben getan hatte, indem er Pooh von seinem Fahrrad holte. Dann sah sie ihn wieder an und schenkte ihm ihre ungeteilte Aufmerksamkeit. »Was ist mit deinem Gesicht?«

»Einfach Glück gehabt. Es ist das, mit dem ich zur Welt gekommen bin.«

»Mir ist nicht nach Scherzen zumute, Cadan. Du weißt genau, was ich meine. Die Blutergüsse und Abschürfungen.«

»Ich bin ausgerutscht. Berufsrisiko. Ich hab einen No-Foot Can-Can ausprobiert und bin auf den Beckenrand geknallt. Drüben im Freizeitzentrum.«

»Beim Schwimmen?«, fragte sie ungläubig.

»Der Pool ist leer. Ich hab dort trainiert. Mit dem Bike.« Er fühlte, wie er rot anlief, und das ärgerte ihn. Er hatte sich geschworen, sich seiner Leidenschaft niemals zu schämen, und er wollte lieber nicht darüber nachdenken, wieso er jetzt verlegen war. »Was ist denn eigentlich los?«, fragte er und nickte zum Hotel hinüber.

»Er ist nicht einfach nur abgestürzt. Er wurde ermordet. Deswegen war die Polizei da. Sie schicken uns ihren . wie immer man das nennt. Opferbetreuer. Ich glaube, seine Aufgabe soll sein, bei uns zu bleiben und Tee zu kochen, um uns daran zu hindern … keine Ahnung … Was machen Menschen in der Regel, wenn ein Familienmitglied ermordet wird? Rasten sie aus und nehmen Rache? Laufen sie Amok in der Stadt? Knirschen sie mit den Zähnen? Und was zum Geier soll das eigentlich sein, Zähneknirschen? - Wo ist sie, Cadan?«

»Sie weiß schon, dass er tot ist.«

»Dass er tot ist oder dass er ermordet wurde? Wo ist sie? Er war mein Bruder, und da sie seine . Freundin war .«

»Und deine Freundin auch«, erinnerte Cadan sie. »Jedenfalls früher mal.«

»Hör auf«, sagte sie. »Hör einfach auf damit, okay?«

Cadan hob die Schultern. Er richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf den Minigolfplatz und bemerkte: »Diese Anlage hier … Das alles muss verschwinden. Vermutlich könnte man einen Teil davon sogar noch reparieren, aber ich schätze, die Kosten wären höher als der Profit. Kurzfristig gesehen. Langfristig … wer weiß?«

»Alan kennt sich damit aus. Gewinn und Verlust, langfristige Investitionen. Er weiß über all das Bescheid. Aber darüber brauchen wir uns jetzt wohl keine Gedanken mehr zu machen.«

»Worüber?«

»Über Adventures Unlimited. Ich bezweifle, dass mein Vater die nötige Energie aufbringt, um das Hotel zu eröffnen, nach dem, was mit Santo passiert ist.«

»Was soll denn werden, wenn ihr nicht eröffnet?«

»Alan würde vorschlagen, dass wir einen Käufer suchen, um unsere Investition zurückzubekommen. Aber so ist Alan. Ein Kopf für Zahlen, wenn auch für nichts anderes.«

»Klingt, als wärst du sauer auf ihn.«

Sie ging nicht darauf ein. »Ist sie zu Hause und geht einfach nur nicht ans Telefon? Ich könnte vorbeifahren, aber wenn sie nicht da ist, würde ich mir die Mühe lieber sparen. Also, wärst du vielleicht gewillt, mir wenigstens das zu verraten?«

»Ich schätze, sie ist noch bei Jago«, antwortete Cadan.

»Wer ist Jago?«

»Jago Reeth. So 'n Typ, der für meinen Vater arbeitet. Sie war die ganze Nacht bei ihm. Soweit ich weiß, ist sie immer noch da.«

Kerra lachte kurz auf. Es war ein humorloser Laut. »Na, da hat sie sich ja schnell getröstet. Die Wunderheilung eines gebrochenen Herzens. Wie entzückend.«

Cadan wollte sie fragen, was es sie eigentlich anging, ob seine Schwester einen neuen Freund hatte oder nicht. Doch stattdessen entgegnete er: »Jago Reeth ist ungefähr siebzig Jahre alt. Er ist so was wie ein Großvater für sie, okay?«

»Was macht er dann für deinen Vater, wenn er schon so alt ist?«

Sie ging ihm wirklich auf den Wecker. Sie führte sich auf wie die verzogene Tochter des Chefs, frei nach dem Motto: Sei ja höflich zu mir - und das ging Cadan gegen den Strich. »Spielt das irgendeine Rolle, Kerra?«, erkundigte er sich. »Warum zum Henker willst du das wissen?«

Von einer Sekunde zur nächsten schlug ihre Stimmung um. Sie räusperte sich ganz komisch, und er sah Tränen in ihren Augen glitzern. Dieses Glitzern rief ihm ins Gedächtnis, dass ihr Bruder gestorben war, und zwar erst gestern, und gerade eben erst hatte sie erfahren, dass er ermordet worden war.

Er sagte: »Kunstharzgießer.« Und als sie ihn verwirrt anschaute: »Jago Reeth. Er beschichtet die Boards. Er ist ein alter Surfer, den mein Vater vor etwa sechs Monaten aufgegabelt hat. Jago ist genauso detailversessen wie er. Und - das ist das Wichtigste - nicht so wie ich.«

»Sie hat die Nacht bei einem Siebzigjährigen verbracht?«

»Jago hat angerufen und Bescheid gesagt, dass sie bei ihm ist.«

»Wann war das?«

»Kerra .«

»Es ist wichtig, Cadan.« »Wieso? Glaubst du, sie hätte deinen Bruder umgebracht? Wie sollte sie das denn angestellt haben? Indem sie ihn über den Rand der Klippe schubst?«

»Seine Ausrüstung wurde manipuliert. Das hat der Polizist gesagt.«

Cadan riss die Augen auf. »Augenblick mal, Kerra. Nie im Leben … Ich meine, nie und nimmer … Sie war vielleicht von der Rolle wegen all dem, was zwischen ihnen gelaufen ist, aber meine Schwester ist doch keine …« Er unterbrach sich. Nicht weil er an Madlyns Unschuld zweifelte, sondern weil sein Blick zum Strand hinuntergewandert war, wo ein Surfer vorüberlief. Er hatte sich das Brett unter den Arm geklemmt, und die Leine schleifte hinter ihm durch den Sand. Er steckte in einem Neoprenanzug, wie es um diese Jahreszeit bitter nötig war - und bei den derzeitigen Wassertemperaturen. Er war von Kopf bis Fuß in Schwarz gehüllt. Auf diese Entfernung konnte man nicht einmal ausmachen, ob der Surfer männlich oder weiblich war.

»Was?«, hakte Kerra nach.

Cadan schauderte. Er sagte leise: »Madlyns Reaktion auf die Sache mit ihr und Santo war vielleicht ein bisschen extrem. Das geb ich ja zu.«

»Das kannst du wohl laut sagen.«

»Aber den Exfreund einfach kaltmachen gehört nicht zu ihrem Repertoire, klar? Mein Gott, Kerra, sie hat geglaubt, er durchliefe nur eine Phase!«

»Zu Anfang«, schränkte Kerra ein.

»Okay. Vielleicht hat sie das nur zu Anfang geglaubt. Aber das heißt nicht, dass sie irgendwann erkannt hat, wie die Dinge wirklich lagen, und zu dem Schluss gekommen ist, die einzig vernünftige Lösung wäre, ihn umzubringen, verstehst du?«

»Liebe kann man nicht verstehen«, erwiderte sie. »Die Menschen tun die verrücktesten Dinge, wenn sie jemanden lieben.«

»Ach ja?«, fragte Cadan. »Ist das so? Und was ist mit dir?«

Sie antwortete nicht.

»Keine weiteren Fragen«, erklärte er und fügte dann hinzu: »Sea Dreams, wenn du's genau wissen willst.«

»Was ist das?«

»Da steckt sie. Jago hat einen Wohnwagen in dem Caravanpark, wo früher mal die Molkerei war. Drüben hinter Sawsneck Down. Wenn du sie verhören willst, tu's da. Aber du verschwendest nur deine Zeit.« »Wie kommst du auf die Idee, dass ich sie verhören will?« »Na ja, irgendwas willst du auf jeden Fall«, entgegnete Cadan.

Sobald Bea Hannaford Lynley einen Leihwagen beschafft hatte, wies sie ihn an, ihr zu folgen. »Ich nehme an, das ist nicht Ihre gewohnte Wagenklasse«, bemerkte sie in Bezug auf den Ford. »Aber wenigstens passen Sie hinein.«

Unter anderen Umständen hätte Lynley ihr vielleicht versichert, sie sei überaus großzügig. Tatsächlich war diese Art von Bemerkung dank seiner Erziehung geradezu ein Automatismus. Doch unter den derzeitigen Umständen erklärte er lediglich, dass sein eigener Wagen im Februar einen Totalschaden erlitten, er noch keinen Ersatz beschafft habe und der Ford daher völlig ausreichend sei.

»Gut«, sagte sie und schärfte ihm ein, anständig zu fahren, da er bis zum Eintreffen seiner Brieftasche ohne Führerschein unterwegs sein werde. »Das soll unser kleines Geheimnis bleiben«, fügte sie hinzu. Und dann wollte sie ihm etwas zeigen.

Gehorsam folgte er ihr nach Casvelyn. Er versuchte, sich auf das Fahren zu konzentrieren, aber er spürte, wie seine Kraft allein durch diesen Willensakt schwand.

Er hatte sich eingeredet, er sei ein für alle Mal fertig mit Mord und Totschlag. Man sah nicht den Tod einer geliebten Frau mit an - Opfer einer sinnlosen, willkürlichen Tat auf offener Straße - und sagte sich dann einfach: Morgen ist ein neuer Tag. Morgen war vielmehr etwas, was man ertragen musste. Bisher hatte er die endlose Abfolge von Tagen nur ertragen, indem er das getan hatte, was unmittelbar vor ihm lag, und sonst nichts.

Zuerst Howenstow. Er hatte sich um verschiedene Angelegenheiten des Landsitzes gekümmert, der sein Erbe war, und das große Haus inmitten dieses Landsitzes. Er hatte nicht darüber nachgedacht, dass seine Mutter, sein Bruder und ein Verwalter diese Aufgabe jahrelang ohne ihn gemeistert hatten. Er hatte sich in Arbeit vergraben, um zu verhindern, dass er gänzlich abstürzte, bis die eine Hälfte seiner Projekte im Chaos versank und die andere im Desaster geendet hatte. Der behutsame Tadel seiner Mutter: »Lass mich das erledigen, Liebling« oder: »John Penellin ist seit Wochen mit dieser Sache befasst, Tommy« und ähnliche Bemerkungen fegte er mit einer solchen Schroffheit beiseite, dass sie lediglich seufzte, seine Schulter drückte und ihn gewähren ließ.

Doch er hatte festgestellt, dass Howenstow und seine Belange ihm Helen ins Gedächtnis riefen, ob er wollte oder nicht: Das halbfertige Kinderzimmer musste leer geräumt werden. Die Kleidungsstük- ke, die Helen dort deponiert hatte, galt es auszusortieren. Eine Gedenktafel für ihre Ruhestätte in der Kapelle - die Ruhestätte, die sie mit ihrem ungeborenen Sohn teilte - musste entworfen werden. Und dann all die Dinge, die ihn an sie erinnerten: der Pfad, den sie gemeinsam vom Haus durch den Wald und hinüber zur Bucht genommen hatten. Die Ahnengalerie, wo sie vor den Gemälden gestanden und seine Züge scherzhaft mit denen einiger seiner fragwürdigeren Vorfahren verglichen hatte. Die Bibliothek, wo sie alte Ausgaben von Country Life durchgeblättert, sich mit einer dicken Biografie über Oscar Wilde aufs Sofa gelegt hatte und schließlich darüber eingeschlummert war …

Weil er sich überall in Howenstow an Helen erinnert fand, hatte er seine Wanderung begonnen. Den Südwestküstenpfad entlangzuwandern, wäre das Letzte gewesen, was Helen sich vorgenommen hätte. (»Du meine Güte, Tommy, du musst den Verstand verloren haben! Was für Schuhe sollte ich tragen, die nicht absolut schauderhaft aussähen?«) Er wusste also, dass er diese Wanderung gefahrlos antreten konnte. Nichts auf dem Weg würde ihn an sie erinnern.

Doch er hatte nicht mit all den Orten des Gedenkens gerechnet. Nichts, was er vor seinem Aufbruch über diesen Wanderweg gelesen hatte, hatte ihn darauf vorbereitet. Von schlichten, verwelkenden Blumensträußen bis hin zu den Sitzbänken, in die die Namen der Verstorbenen geschnitzt waren, begegnete er dem Tod tagaus, tagein. Er hatte New Scotland Yard verlassen, weil er dem plötzlichen, brutalen Ende eines menschlichen Lebens nicht mehr ins Auge sehen konnte, aber hier war er damit in einer Regelmäßigkeit konfrontiert, die all seine Mühen zu verspotten schien.

Und nun das. Detective Inspector Hannaford bezog ihn vielleicht nicht direkt in die Mordermittlung ein, aber sie brachte ihn in deren Nähe. Das wollte er nicht, aber er wusste nicht, wie er es hätte verhindern können, denn Hannaford schien ihm eine Frau zu sein, die meinte, was sie sagte: Wenn er sich aus der Umgebung von Casvelyn davonstahl, würde sie nicht rasten, ehe sie ihn zurückgeholt hatte.

Und das, was zu tun sie ihn gebeten hatte . Genau wie DI Hannaford war er überzeugt, dass Daidre Trahair bezüglich der Route, die sie am Vortag von Bristol nach Polcare Cove genommen hatte, log. Und im Gegensatz zu Hannaford wusste Lynley überdies, dass Daidre Tra- hair auf die Frage, ob sie Santo Kerne gekannt habe, sogar mehr als einmal gelogen hatte. Es musste Gründe für diese Lügen geben, die weit über jene hinausgingen, die die Tierärztin angeführt hatte, als er sie damit konfrontiert hatte, und er war sich nicht sicher, ob er diese Gründe kennen wollte. Ihre Motive waren zweifellos persönlicher Natur, und die arme Frau war schwerlich eine Mörderin.

Aber wieso glaubte er das eigentlich, fragte er sich. Er wusste besser als die meisten, dass es Mörder in jeglicher Gestalt gab. Mörder konnten Männer oder Frauen sein. Oder - wie er zu seinem Entsetzen hatte erfahren müssen - Kinder. Und ganz gleich wie widerwärtig die Opfer gewesen sein mochten: Niemand hatte das Recht, sie vorzeitig aus dem Leben in die ewige Seligkeit oder Verdammnis zu schicken. Die Überzeugung, dass Mord falsch war, gehörte zu den Grundfesten der Gesellschaft. Genau wie die, dass der Gerechtigkeit Genüge getan werden musste, damit die ganze Angelegenheit zu einem Abschluss kam, auch wenn dies niemals Befriedigung, Erleichterung oder gar das Ende der Trauer bedeuten konnte. Gerechtigkeit bedeutete, den Täter zu finden und zu verurteilen, und diese Gerechtigkeit war den Hinterbliebenen der Opfer geschuldet.

Ein Teil von Lynley wollte vehement einwenden, dass das alles nicht sein Problem sei. Der andere Teil wusste, dass es das immer und inzwischen mehr denn je sein würde.

Bis sie Casvelyn erreichten, hatte er sich mit der Situation vielleicht nicht gerade abgefunden, aber doch zumindest arrangiert. In einer Ermittlung musste man allem nachgehen. Und Daidre Trahair hatte sich mit der ersten Lüge zu einem Teil von >allem< gemacht.

Die Polizeiwache von Casvelyn lag im Stadtzentrum zwischen Lans- down Close und Belle Vue Lane am höchsten Punkt des Ortes. Vor dem schlichten grauen zweistöckigen Gebäude parkte Bea Hannaford. Lynley glaubte, sie wollte ihn mit hineinnehmen und den Kollegen vorstellen, doch stattdessen sagte sie: »Kommen Sie mit!«, legte eine Hand auf seinen Ellbogen und führte ihn zurück in die Richtung, aus der sie gekommen waren.

Wo Lansdown Close und Belle Vue Lane ineinandermündeten, überquerten sie eine dreieckige Grünfläche. Bänke, ein Brunnen und drei Bäume bildeten hier Casvelyns einzigen Freiluftversammlungsort. Von dort gelangten sie zur Queen Street, die genau wie die Belle Vue Lane von Geschäften gesäumt war: Von Möbelhäusern bis hin zu Apotheken war hier alles zu finden. Bea Hannaford hielt inne, sah in beide Richtungen die Straße entlang, bis sie offenbar entdeckte, wonach sie gesucht hatte. »Ja. Dort drüben. Ich wollte sehen, womit wir es zu tun haben.«

>Dort drüben< verortete ein Sportgeschäft, das sowohl Ausrüstung als auch Bekleidung für alle möglichen Outdoor-Aktivitäten feilbot. Hannaford erkundete den Laden in bewundernswert kurzer Zeit, fand, wonach sie suchte, versicherte dem Verkäufer, sie benötige keine Hilfe, und führte Lynley zu einer Wand im hinteren Teil des Ladens. Dort hingen unterschiedliche Metallgegenstände, die meisten aus Edelstahl und - unschwer zu erraten - für den Klettersport bestimmt.

Sie wählte einen Gegenstand aus, der aus drei Komponenten bestand: aus einem dicken Bleikeil, in der Länge doppelt durchbohrt, und durch die beiden parallelen Löcher verlief ein stabiles Stahlkabel von etwa einem halben Zentimeter Stärke, das hinter dem Keil zu einer flachen Schlaufe gelegt war, auf der freiliegenden Seite jedoch eine längere, bewegliche Schlinge bildete. Der Kabelstrang wurde von einer dicken Kunststoffummantelung fest zusammengehalten.

»Das hier ist ein Klemmkeil«, erklärte Hannaford Lynley. »Wissen Sie, wie man ihn anwendet?«

Lynley schüttelte den Kopf. Nun, offensichtlich war er zum Klettern gedacht. Und ebenso offensichtlich war, dass die Schlinge dazu dienen sollte, ihn mit einem anderen Hilfsmittel zu verbinden. Aber mehr konnte er sich nicht erschließen.

»Heben Sie die Hand, Innenfläche dem Körper zugedreht. Finger ausgestreckt und zusammen. Ich zeige es Ihnen.«

Lynley tat, worum sie gebeten hatte. Sie schob das Kabel zwischen seinen ausgestreckten Zeige- und Mittelfinger, sodass der Keil in seiner Handfläche lag und die Schlaufe über seinen Handrücken fiel.

»Ihre Finger sind ein Felsspalt«, erklärte sie. »Oder ein Schlitz zwischen zwei Felsblöcken. Ihre Hand ist die Klippe selbst. Beziehungsweise der Felsblock. Klar so weit?« Sie wartete sein Nicken ab. »Das Blei - der eigentliche Klemmkeil - wird, so weit es geht, in den Felsspalt gesteckt, und das Seil schaut heraus. In die Schlaufe …« Sie unterbrach sich, suchte mit den Augen die Wand ab, bis sie gefunden hatte, was sie benötigte, und griff danach, »… haken Sie einen Karabiner. So.« Sie führte es vor. »Dann befestigen Sie Ihr Seil mit einem Knoten an dem Karabiner. Wenn Sie nach oben klettern, benutzen Sie ein bis zwei Klemmkeile pro Meter oder was immer Ihnen behagt. Beim Abseilen können Sie sie oben anstatt einer Schlinge benutzen, um Ihr Seil an dem Fixpunkt zu befestigen, der Ihr Gewicht beim Abstieg halten soll.«

Sie nahm ihm den Klemmkeil ab und hängte ihn zusammen mit dem Karabiner zurück an die Wand. Dann wandte sie sich zu ihm um und sagte: »Kletterer kennzeichnen jedes Teil ihrer Ausrüstung, weil sie oft zu mehreren klettern. Sagen wir, Sie und ich wollen klettern. Ich benutze sechs Klemmkeile, Sie zehn. Wir nehmen meine Karabiner, aber Ihre Schlingen. Wie bekommen wir all das am Ende wieder ohne Streitereien auseinandersortiert? Indem wir jedes einzelne Teil mit etwas markieren, das sich nicht leicht ablöst. Farbiges Klebeband zum Beispiel ist perfekt. Santo Kerne hat schwarzes Isoliertape benutzt.«

Lynley erkannte, worauf sie mit alledem hinauswollte. »Wenn also jemand mit der Ausrüstung eines Kletterers Schindluder treiben will, muss er sich nur das gleiche Klebeband beschaffen.«

»Und Zugang zu der Ausrüstung selbst. Ja, genau. Man kann den Gegenstand beschädigen, identisches Klebeband verwenden, um den Schaden zu überdecken, und niemand merkt etwas.«

»Wie offenbar im Fall der Schlinge. Sie wäre wohl am einfachsten zu manipulieren - obwohl der Schnitt sichtbar sein würde. Wenn nicht für das bloße Auge, so doch unter dem Mikroskop.«

»Und genau das ist passiert. Wie wir schon besprochen haben.«

»Aber das war noch nicht alles, richtig? Sonst hätten Sie mir das hier nicht gezeigt.«

»Die Kriminaltechnik hat Santos gesamte Ausrüstung untersucht«, berichtete Hannaford. Mit der Hand an seinem Ellbogen führte sie ihn wieder aus dem Geschäft. Sie hielt die Stimme gesenkt. »Zwei der Klemmkeile waren manipuliert. Unter dem schwarzen Isolierband waren sowohl die Kunststoffummantelung als auch das Stahlseil beschädigt. Die Ummantelung war durchgeschnitten, genau wie der Stahldraht selbst. Das Seil hing nur noch am sprichwörtlichen seidenen Faden. Das Schicksal des Jungen war im Grunde besiegelt. Er ist zwar noch zum Klettern gefahren, aber eigentlich war er schon so gut wie tot. Es war nur eine Frage der Zeit, bis er das manipulierte Ausrüstungsteil im denkbar schlechtesten Moment benutzte.«

»Fingerabdrücke?«

»Jede Menge«, antwortete Hannaford. »Aber ich weiß nicht, wie viel sie uns nützen werden, denn die wenigsten Kletterer klettern allein, und vermutlich werden wir feststellen, dass das auch für Santo galt.«

»Es sei denn, es gibt einen Fingerabdruck auf einem der beschädigten Ausrüstungsteile, der sich auf keinem anderen findet. Da hätte jemand seine liebe Mühe, das zu erklären.« »Hm. Ja. Aber die ganze Sache gibt mir Rätsel auf, Thomas.«

»Welche Sache genau?«, fragte Lynley.

»Drei manipulierte Ausrüstungsteile statt einem. Was schließen Sie daraus?«

Er zögerte einen Augenblick, dann sagte er nachdenklich: »Ein einziges beschädigtes Ausrüstungsteil hätte ausgereicht, um ihn umzubringen. Aber er trug drei bei sich. Das könnte bedeuten, dass es dem Mörder gleichgültig war, wann es geschah oder ob der Sturz sein Opfer überhaupt tötete, denn Santo hätte die Klemmkeile ja auch ganz weit unten an einer Felswand benutzen können.«

»Irgendwelche weiteren Schlüsse?«

»Wenn der Junge sich grundsätzlich zuerst abseilte und anschließend wieder nach oben kletterte, könnten drei manipulierte Teile auch darauf hindeuten, dass der Mörder es eilig hatte, ihn loszuwerden. Oder, so unglaublich es auch scheinen mag .« Er grübelte einen Augenblick über die letzte Möglichkeit und welche Konsequenzen sich daraus ergaben.

Sie ermunterte ihn: »Ja?«

»Drei Ausrüstungsteile zu manipulieren … könnte auch bedeuten: Der Mörder wollte alle Welt wissen lassen, dass es Mord war.«

Sie nickte. »Verrückt, nicht wahr? Aber genau das habe ich auch gedacht.«

Es war die schiere Verrücktheit der Liebe, die Kerra aus dem Hotel und auf ihr Fahrrad trieb. Sie allein hatte sie dazu bewogen, ihre Lycraklei- dung anzulegen. Kerra hatte beschlossen, dass zwanzig Meilen ausreichen mussten, den Gedanken daran aus ihrem Kopf zu vertreiben. Für zwanzig Meilen würde sie nicht allzu viel Zeit brauchen, nicht wenn das Wetter sich weiterhin besserte und erst recht nicht bei ihrer Kondition. An einem guten Tag und wenn das Wetter ihr keinen Strich durch die Rechnung machte, schaffte sie problemlos sechzig Meilen, also waren zwanzig ein Kinderspiel.

Doch die Ankunft des Polizisten hatte sie aufgehalten. Es war derselbe Mann gewesen wie am Abend zuvor, Constable McNulty, und sein kummervoller Gesichtsausdruck hatte Kerra bereits verraten, dass er schlechte Nachrichten brachte, noch ehe er sie aussprach.

Er hatte darum gebeten, ihre Eltern sprechen zu dürfen.

Sie erklärte ihm, das sei unmöglich.

»Sind sie nicht da?« Die Frage kam nicht überraschend.

»Doch, doch, sie sind zu Hause. Aber sie sind nicht zu sprechen. Sie können mir sagen, was Sie herführt. Meine Eltern haben darum gebeten, nicht gestört zu werden.«

»Ich fürchte, ich muss darauf bestehen, dass Sie sie holen«, hatte der Beamte entgegnet.

»Und ich fürchte, das ist ausgeschlossen. Sie wollen in Ruhe gelassen werden. Das haben sie klipp und klar gesagt. Sie haben endlich ein bisschen Ruhe gefunden. Ich bin sicher, dafür haben Sie Verständnis. Haben Sie Kinder, Constable? Denn wenn man ein Kind verliert, wird man vollkommen aus der Bahn geworfen. Und siesind aus der Bahn geworfen.«

Das entsprach nicht exakt der Wahrheit, doch die Wahrheit hätte wohl kaum sein Mitgefühl erregt. Der Gedanke daran, dass ihre Mutter und ihr Vater es in Santos Zimmer miteinander trieben wie notgeile Teenager, zog ihr den Magen zusammen. Sie wollte im Moment nichts mit ihnen zu tun haben. Vor allem nicht mit ihrem Vater, den sie von Stunde zu Stunde mehr verachtete. Sie verachtete ihn schon seit Jahren, aber nichts, was er je getan oder zu tun versäumt hatte, reichte auch nur annähernd an das heran, was derzeit vor sich ging.

Constable McNulty hatte seine Information zögernd preisgegeben, nachdem Alan aus dem Marketingbüro gekommen war, wo er sich ein Werbevideo angesehen hatte. »Was gibt es denn, Kerra?«, hatte Alan gefragt. »Kann ich helfen?« Er hatte sicher und selbstbewusst geklungen, als hätten die vergangenen sechzehn Stunden eine Verwandlung in ihm bewirkt. »Ich bin Kerras Verlobter«, hatte er den Polizisten aufgeklärt. »Kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein?«

Verlobter?, hatte Kerra gedacht.Verlobter? Was war das denn auf einmal?

Ehe sie die Chance bekam, ihm zu widersprechen, hatte der Con- stable seine Mitteilung gemacht: Mord. Verschiedene Gegenstände in Santos Kletterausrüstung waren manipuliert worden. Zwei Klemmkeile und eine Schlinge. Die Polizei wolle die Familie zuerst verhören.

Alan wartete mit der angemessenen Reaktion auf: »Sie wollen doch nicht etwa andeuten, dass jemand aus der Familie …?«, und er brachte es fertig, gleichzeitig erstaunt und entrüstet zu klingen.

Jeder, der Santo gekannt habe, werde verhört, erklärte Constable McNulty. Die Aussicht schien ihn in Wallung zu bringen, und Kerra war aufgegangen, wie eintönig und langweilig das Leben des Polizisten in Casvelyn außerhalb der Saison sein musste, wenn drei Viertel der Sommerpopulation fort waren und die Verbliebenen sich entweder zu Hause gegen die atlantischen Stürme verbarrikadierten oder höchstens mal ein kleines Verkehrsdelikt begingen. McNulty erklärte, dass San- tos persönliche Gegenstände ausnahmslos untersucht werden müssten. Die Familiengeschichte müsse zusammengestellt werden und …

Das war genug für Kerra. Familiengeschichte? O ja, die wäre mit Sicherheit erhellend. Die würde alles ans Licht bringen: die Leichen im Keller und die schmutzige Wäsche. Menschen, die unwiderruflich entfremdet waren, und Menschen, die sich einfach nur befremdlich verhielten.

All das lieferte ihr einen weiteren Grund, sich aufs Rad zu schwingen. Und dann waren da auch noch Cadan und die Unterhaltung mit ihm gewesen, die ihr das Gefühl gegeben hatte, ihr würde in irgendeiner Art und Weise Schuld zugewiesen.

Nachdem sie mit ihm gesprochen hatte, holte sie ihr Fahrrad. Ihr Vater wartete draußen auf sie, und Alan kam ebenfalls heraus. Sein Ausdruck verriet, dass er die Informationen über Santo weitergegeben hatte. So war es völlig überflüssig, dass er mit den Lippen die WorteEr weiß Bescheid formte, doch genau das tat er. Kerra wollte ihm vorhalten, er habe kein Recht, ihrem Vater irgendetwas zu sagen. Alan war schließlich kein Familienmitglied.

»Wo willst du hin?«, fragte Ben Kerne Kerra. »Ich möchte, dass du hierbleibst.«

Er klang erschöpft. Und er sah auch so aus.

Hast du sie wieder gevögelt?, hätte Kerra am liebsten gefragt. Hat sie ihr winziges rotes Negligé angezogen und mit dem Finger geschnipst, und bist du dahingeschmolzen und hast nichts anderes mehr gesehen? Nicht einmal, dass Santo tot ist? Gute Methode, um es für ein paar Minuten zu vergessen, he? Hat ja prima geklappt. Immer schon.

Doch sie sagte nichts von alldem, obwohl es sie drängte, ihm wehzutun. Stattdessen erklärte sie: »Ich muss ein Stück fahren. Ich brauche …«

»Du wirst hier gebraucht.«

Kerra sah zu Alan. Er beobachtete sie. Zu ihrer Überraschung ruckte er mit dem Kopf in Richtung Straße, um ihr zu bedeuten, sie solle ihre Radtour machen, ganz gleich was ihr Vater wünschte. Obwohl sie sich dagegen sträubte, war sie dankbar für sein Verständnis. Zumindest in diesem Punkt war Alan auf ihrer Seite.

»Braucht sie irgendwas von mir?«, fragte Kerra ihren Vater.

Er wandte sich um und schaute zu den Fenstern der Wohnung hinauf. Die Vorhänge des Elternschlafzimmers sperrten das Tageslicht aus. Dahinter verbarg sich Dellen und verarbeitete ihren Kummer auf ihre unnachahmliche Dellen-Art: auf dem zertrümmerten Rückgrat ihrer Lieben.

»Sie trägt Schwarz«, sagte Kerras Vater.

»Das wird eine ganze Reihe von Leuten bestimmt schwer enttäuschen«, gab Kerra zurück.

Ben Kerne sah sie an, und in seinen Augen stand ein solcher Schmerz, dass Kerra ihre Worte für einen Moment bereute.Es ist nicht seine Schuld, fuhr es ihr durch den Kopf. Und doch gab es Dinge, die seine Schuld waren - nicht zuletzt die Tatsache, dass sie überhaupt über ihre Mutter sprachen und dabei gezwungen waren, ein sorgsam gewähltes Vokabular zu verwenden, eine Art Geheimsprache zwischen Vater und Tochter - zwischen zwei unendlich weit voneinander entfernten Kommunikatoren.

Sie seufzte, denn sie hatte das Gefühl, hier die gekränkte Partei zu sein, und war unwillig, sich zu entschuldigen. Dass auch er gekränkt war, wollte sie nicht gelten lassen. Sie fragte: »Oder du?« »Was?«

»Brauchst du irgendetwas? Denn sie bestimmt nicht. Sie braucht dich. Und umgekehrt ist es zweifellos genauso.«

Ben gab keine Antwort. Er ging ohne ein weiteres Wort zurück ins Hotel, drängte sich an Alan vorbei, der ein Gesicht machte wie jemand, der versucht, die Qumran-Rollen zu entziffern.

»Das war ein bisschen hart, Kerra, meinst du nicht?«, merkte er an.

Das Letzte, was Kerra Alan demonstrieren wollte, war Dankbarkeit für sein soeben bekundetes Verständnis, darum kam seine Kritik ihr gerade recht. »Wenn du dich entschlossen hast, weiterhin hier zu arbeiten, solltest du ein bisschen mehr über deine Rolle hier lernen, okay?«, erwiderte sie.

Wie zuvor ihr Vater wirkte Alan getroffen. Es freute sie, dass ihre Worte ihn schmerzten. »Ich weiß, dass du wütend bist«, erwiderte er. »Was ich nicht verstehe, ist das Warum. Nicht das Warum der Wut selbst, sondern das Warum der Furcht, die dahintersteckt. Diese Furcht begreife ich nicht. Ich hab's versucht. Ich hab letzte Nacht stundenlang wach gelegen und versucht, es zu verstehen.«

»Du Ärmster.«

»Kerra, das alles sieht dir überhaupt nicht ähnlich. Wovor hast du solche Angst?«

»Vor gar nichts«, gab sie zurück. »Ich habe überhaupt keine Angst. Du versuchst, über Dinge zu reden, die du nicht verstehst.«

»Dann hilf mir, sie zu verstehen!«

»Das ist nicht mein Job«, sagte sie. »Ich habe dich gewarnt.«

»Du hast mich davor gewarnt, hier zu arbeiten. Das hier - du, das, was mit dir passiert und was mit Santo passiert ist - hat nichts mit meiner Stellung hier zu tun.«

Sie lächelte freudlos. »Bleib nur noch ein Weilchen. Dann wirst du schon noch herausfinden, was alles zu deiner Stellung gehört, falls du das nicht schon längst weißt. Und wenn du mich jetzt bitte entschuldigst, ich würde gerne losfahren. Ich bezweifle, dass du noch hier bist, wenn ich zurückkomme.«

»Kommst du heute Abend rüber?«

Sie zog die Brauen in die Höhe. »Ich glaube, dieser Teil unserer Beziehung ist vorbei.«

»Was soll das heißen? Irgendetwas ist passiert seit gestern. Mal ganz abgesehen von Santo. Irgendetwas ist passiert.«

»Oh, das weiß ich.« Sie stieg aufs Rad, legte den geeigneten Gang ein, um die steile Auffahrt zu bewältigen, und fuhr in Richtung Stadt.

Sie nahm die südöstliche Flanke des St. Mevan Down, wo das un- gemähte Gras sich unter dem Gewicht der Regentropfen bog und ein paar Hunde umhertollten, dankbar für die Regenpause. Auch sie war dankbar und beschloss, in Richtung Polcare Cove zu fahren. Sie hatte keineswegs die Absicht, die Stelle aufzusuchen, wo Santo gestorben war, aber wenn der Zufall sie dorthin verschlagen sollte, würde sie es als eine Fügung des Schicksals betrachten. Eigentlich wollte sie der Strecke überhaupt keine Beachtung schenken. Einfach radeln, so schnell sie konnte, abbiegen, wenn ihr danach war, und geradeaus fahren, wann immer sie wollte. Doch sie wusste, sie brauchte irgendetwas, was ihr die nötige Energie für diesen Kraftakt verschaffte, darum hielt sie rechter Hand an der Ecke Burn View Lane bei der Großbäckerei Casvelyn of Cornwall an - einem riesigen Betrieb, der Restaurants, Geschäfte, Pubs und kleinere Bäckereien entlang der ganzen Küste mit den herzhaften Pasteten belieferte, für die Cornwall so berühmt war. Im hinteren Teil befand sich die beinahe fabrikgroße Bäk- kerei, die zehn Bäcker beschäftigte, vorne der Laden, wo zwei Verkäuferinnen bedienten.

Kerra lehnte ihr Rad ans Schaufenster - ein beeindruckendes Monument aus Pasteten, Brotlaiben, Törtchen und süßen Brötchen. Während sie eintrat, entschied sie sich für eine Steak-und-Bier-Pastete, die sie auf der Fahrt stadtauswärts vertilgen wollte.

An der Ladentheke gab sie ihre Bestellung bei einem jungen Mädchen auf, dessen gewaltige Oberschenkel die Vermutung nahelegten, dass es nur allzu häufig selbst von seiner Ware kostete. Die Pastete wurde eingetütet und der Preis gerade in die Kasse getippt, als die zweite Verkäuferin mit einem Blech frischen Gebäcks für die Glastheke in den Laden trat. Kerra hörte, wie die rückwärtige Tür zufiel, und schaute auf. In dem Moment, als sie die junge Frau mit dem Tablett entdeckte, blickte diese in Kerras Richtung. Ihr Schritt stockte. Sie stand mit ausdrucksloser Miene da, das Blech vor sich ausgestreckt.

»Madlyn«, sagte Kerra. Erst viel später ging ihr auf, wie dämlich sie sich anhörte. »Ich wusste gar nicht, dass du hier arbeitest.«

Madlyn Angarrack ging zu einer der Glastheken, öffnete und befüllte sie mit den frischen Teigtaschen. Sie fragte das andere Mädchen, das dabei war, Kerras Pastete zu verpacken: »Was für eine ist das, Shar?« Ihre Stimme klang barsch.

»Steak und Bier.« Es war Kerra, die antwortete. Und dann: »Madlyn, ich habe vor kaum zwanzig Minuten mit Cadan über dich gesprochen. Wie lange bist du schon .«

»Gib ihr eine von denen hier, Shar. Die sind frischer.«

Shar blickte von Madlyn zu Kerra, als nähme sie die Witterung der Spannung auf, die plötzlich im Raum lag, und fragte sich, woher sie kam. Doch sie tat, worum Madlyn gebeten hatte.

Kerra ging einen Schritt auf Madlyn zu, die ihre Ware in Reih und Glied anrichtete. »Seit wann arbeitest du hier?«

Madlyn warf ihr einen flüchtigen Blick zu. »Was interessiert dich das?« Sie ließ die Tür der Glastheke geräuschvoll zuschnappen. »Würde das irgendetwas für dich ändern?« Mit dem Handrücken strich sie sich die Haare aus dem Gesicht. Sie waren kurz geschnitten, dunkel und lockig. Die kupferfarbenen Strähnen, die die Sommersonne im vergangenen Jahr hineingebleicht hatte, waren verschwunden. Kerra ging auf, wie ähnlich Madlyn und Cadan sich sahen. Die gleichen Lokken, der gleiche dunkle Teint, dunkle Augen, die gleiche Gesichtsform. Mit den Kerne-Geschwistern verhielt es sich hingegen völlig anders. Äußerlich wie auch in jeder anderen Hinsicht waren Kerra und Santo vollkommen verschieden gewesen.

Der plötzliche Gedanke an Santo zwang Kerra, heftig zu blinzeln. Sie wollte ihn nicht - nicht in ihren Gedanken und ganz sicher nirgendwo in der Nähe ihres Herzens. Madlyn verstand dies als Reaktion auf ihre Frage und deren feindseligen Tonfall, denn sie fügte hinzu: »Ich habe das mit Santo gehört. Tut mir leid, dass er abgestürzt ist.«

Doch es klang förmlich, so als erfüllte sie lediglich eine Pflicht. Darum erwiderte Kerra schonungsloser, als sie es sonst vielleicht getan hätte: »Er ist nicht abgestürzt. Er wurde ermordet. Die Polizei war eben da, um es uns zu sagen. Als er gefunden wurde, wussten sie es nicht gleich. Man konnte es nicht sehen.«

Madlyns Mund öffnete sich, und ihre Lippen formten die erste Silbe des Wortesermordet, aber sie sprach es nicht aus, sondern fragte nur: »Warum?«

»Weil sie erst noch seine Ausrüstung untersuchen mussten. Unter dem Mikroskop oder so. Ich schätze, den Rest kannst du dir denken.«

»Ich meinte, warum sollte irgendwer Santo ermorden?«

»Ich kann kaum glauben, dass ausgerechnet du diese Frage stellst.«

»Willst du etwa sagen …« Madlyn stemmte das leere Backblech auf ihre Hüfte. »Wir waren befreundet, Kerra.«

»Ich glaube, ihr wart sehr viel mehr als befreundet.«

»Ich rede nicht von Santo. Ich meine dich und mich. Wir waren Freundinnen. Enge Freundinnen. Man könnte sagen, beste Freundinnen. Wie kannst du nur glauben, ich würde je .«

»Du hast unsere Freundschaft beendet.«

»Ich hatte eine Beziehung mit deinem Bruder. Das war alles, was ich getan habe. Punkt.«

»Tja.«

»Und von da an hast du alles bestimmt.Niemand ist mit meinem Bruder zusammen und gleichzeitig meine Freundin. Das war deine Position. Nur hast du das nicht einmal klar und deutlich gesagt. Du hast einfach einen Schnitt mit einer rostigen Schere gemacht, und das war's dann. Wenn jemand etwas tut, was dir nicht passt, ist es aus mit der Freundschaft.«

»Es war zu deinem Besten.«

»Ach wirklich? Was genau? Plötzlich abgeschnitten zu sein von … von einerSchwester? Denn das warst du für mich, eineSchwester, kapiert?«

»Du hättest …« Kerra wusste nicht, wie sie fortfahren sollte. Sie verstand auch nicht, wie sie an diesen Punkt gelangt waren. Es stimmte, sie hatte mit Madlyn reden wollen. Darum war sie zu Cadan gegangen und hatte ihn nach seiner Schwester gefragt. Aber die Unterhaltung, die sie in ihrer Fantasie mit Madlyn Angarrack geführt hatte, war eine völlig andere als die, welche sich nun hier entwickelte. Ihre Fantasieunterhaltung hatte beispielsweise nicht vor einer Zeugin stattgefunden, die ihren Streit mit der gierigen Aufmerksamkeit verfolgte, die normalerweise eine Mädchenschlägerei auf dem Schulhof begleitete.

Kerra sagte leise: »Es ist nicht so, als hätte ich dich nicht gewarnt.«

»Wovor?«

»Davor, worauf du dich mit meinem Bruder eingelassen hast …« Kerra sah zu Shar hinüber, deren Augen ein Glitzern angenommen hatten, das einen schier aus der Fassung bringen konnte. »Du weißt genau, was ich meine. Ich habe dir gesagt, wie er war.«

»Aber was du mir nicht gesagt hast, war, wiedu warst. Wie dubist. Gehässig und rachsüchtig. Sieh dich doch an, Kerra. Hast du überhaupt geweint? Dein Bruder ist tot, und da stehst du, als wäre nichts, und radelst fröhlich durch die Gegend.«

»Du raufst dir auch nicht gerade die Haare«, konterte Kerra.

»Wenigstens wollte ich nicht, dass er stirbt.«

»Wirklich nicht? - Warum arbeitest du hier? Was ist mit der Farm?«

»Ich hab auf der Farm gekündigt, okay?« Ihr Gesicht hatte sich gerötet. Der Griff, mit dem sie das Backblech umklammerte, war jetzt so fest, dass ihre Knöchel weiß hervortraten. »Bist du jetzt glücklich, Kerra? Hast du erfahren, was du wissen wolltest? Ich hab die Wahrheit rausgekriegt. Und willst du wissen, wie ich das angestellt habe? Er hat natürlich behauptet, er wäre immer ehrlich zu mir gewesen, aber als es zu dieser Sache kam … Ach, verschwinde einfach. Raus hier!« Sie hob das Blech, als wollte sie es werfen.

»Hey, Madlyn …«, begann Shar nervös. Vermutlich hatte sie noch nie gesehen, zu welchem Zorn Madlyn Angarrack fähig war, dachte Kerra. Zweifellos hatte Shar noch nie ein Päckchen geöffnet und darin Fotos von sich mit abgeschnittenem Kopf gefunden, Fotos, auf denen ihre Augen mit einer Bleistiftspitze ausgestochen waren. Oder handgeschriebene Briefe und Geburtstagskarten, einst liebevoll aufbewahrt, aber jetzt mit Kot beschmiert. Einen Zeitungsartikel über die Chef- trainerin von Adventures Unlimited, auf den mit Rotstift die Worte >Dreck< und >Scheiße< geschmiert waren. Ohne Absenderadresse, aber die war auch gar nicht nötig gewesen. Ebenso wenig wie irgendein Begleitschreiben, waren die Absichten der Absenderin doch durch den Inhalt der Sendungen offensichtlich.

Diese Eigenschaft ihrer einstigen Freundin war ein weiterer Grund, warum Kerra mit Madlyn Angarrack hatte sprechen wollen. Kerra hatte ihren Bruder vielleicht gehasst, aber irgendwie hatte sie ihn auch geliebt. Es hatte nichts damit zu tun, dass Blut dicker war als Wasser. Aber es hatte auf alle Fälle etwas mit Blut zu tun.

8

Ich weiß, es ist gerade kein guter Zeitpunkt, um darüber zu reden«, sagte Alan Cheston. »Es wird lange keinen guten Zeitpunkt geben, um irgendetwas zu besprechen, und ich schätze, das wissen wir beide. Aber die Sache ist die … Diese Jungs haben einen engen Terminplan. Wenn wir ihnen den Auftrag geben wollen, müssen wir es sie bald wissen lassen, sonst gucken wir in die Röhre.«

Ben Kerne nickte mechanisch. Er konnte sich nicht vorstellen, irgendein Thema rational zu erörtern, ganz zu schweigen von einem geschäftlichen Thema. Das Einzige, was er sich vorstellen konnte, war, seine Wanderung durch die Flure des King-George-Hotels wieder aufzunehmen, eine Schulter an der Wand, den Kopf gesenkt, um den Fußboden zu studieren. Einen Flur hinunter, den nächsten hinauf, durch eine Feuertür und die Treppe nach oben, um mit einem neuen Flur zu beginnen. Weiter und immer weiter, wie ein Gespenst, bis in alle Ewigkeit. Manchmal dachte er daran, wie viel sie ausgegeben hatten, um das alte Hotel umzubauen, und er fragte sich, welchen Sinn es hatte, noch mehr zu investieren. Er fragte sich, welchen Sinn überhaupt irgendetwas noch hatte, und dann versuchte er, gar nicht mehr zu denken.

So hatte er es am gestrigen Abend getan. Dellen hätte Tabletten gehabt, aber er weigerte sich, sie zu nehmen.

Ben sah Alan an. Er nahm ihn wie durch einen Nebel wahr, so als existierte ein Schleier zwischen seinen Augen und dem Hirn. Er hörte den jüngeren Mann, war jedoch unfähig zu verarbeiten, was er da hörte. Also sagte er: »Sprich weiter. Ich verstehe«, obwohl er Ersteres nicht wollte und Letzteres nicht der Wahrheit entsprach.

Sie befanden sich im Marketingbüro, das einmal ein kleiner Konferenzraum gewesen war und hinter der Rezeption lag. Vermutlich war es für Dienstbesprechungen genutzt worden, als das Hotel noch in Betrieb war. Eine uralte Tafel hing an der Wand, und darauf waren noch immer geisterhafte Spuren einer Handschrift zu erkennen - zweifellos die eines Managers, der seine Mitarbeiter gern auf Kurs gebracht hatte, indem er einzelne Worte emphatisch unterstrich. Unterhalb der Tafel und umlaufend an allen vier Wänden befand sich eine verschrammte Holztäfelung, darüber eine Tapete mit verblassten Jagdszenen. Als sie das Hotel übernommen hatten, hatten die Kernes beschlossen, den Raum so zu belassen. Niemand außer ihnen würde ihn je zu Gesicht bekommen, und sie waren übereingekommen, dass man das Geld anderweitig profitabler anlegen konnte.

Und das war auch der Grund für diese Besprechung mit Alan. Ben konzentrierte sich auf das, was der junge Mann ihm erzählte: »… müssen die Kosten als gewinnträchtige Investition betrachten. Außerdem fallen diese Kosten nur einmalig an, aber wir haben die Möglichkeit einer mehrmaligen Nutzung, also wird es sich schnell amortisieren. Wir müssen nur darauf achten, alles zu vermeiden, was das Entstehungsdatum verrät. Du weißt, was ich meine: Aufnahmen von Autos oder andere Motive, die in fünf Jahren anachronistisch erscheinen könnten. Vielmehr sollten wir zeitlos historische Motive wählen. So was in dieser Art. Hier. Dieses Beispiel haben sie vor ein paar Tagen geschickt. Ich habe es Dellen schon gezeigt, aber wahrscheinlich hat sie … Nun, verständlicherweise hat sie nicht mit dir darüber gesprochen.« Alan stand vom Konferenztisch auf - einem verschrammten Kiefernholzmöbel mit zahllosen Brandflecken von vergessenen Zigaretten - und schritt zum Videorekorder hinüber. Sein Gesicht war wie von Fieber gerötet, und nicht zum ersten Mal fragte sich Ben, welche Art Beziehung seine Tochter mit diesem Mann hatte. Er nahm an, er wusste den Grund, warum Kerra Alan gewählt hatte, aber er war einigermaßen sicher, dass sie sich in mehr als einem Punkt in ihm irrte.

Ben war unfähig gewesen, die nötige Willenskraft aufzubringen, um das Marketingmeeting abzusagen. Schweigend saß er nun da und fragte sich, wer von ihnen beiden der herzlosere Bastard war: Alan, weil er scheinbar weitermachte, als wäre nichts passiert, oder er selbst, weil er jetzt hier war. Dellen hätte eigentlich auch an dem Meeting teilnehmen sollen, weil sie ebenfalls im Marketing arbeitete, aber sie war nicht einmal aufgestanden.

Auf dem Fernsehschirm begann ein Werbefilm über eine Ferienanlage auf den Scilly-Inseln: ein Luxushotel mit Wellnessbereich und Golfplatz. Es sprach nicht dieselbe Klientel an wie Adventures Unlimited, aber das war ja auch nicht der Grund, warum Alan es ihm vorführte.

Eine sonore Stimme sprach die Kommentare, die das Hotel dem Publikum schmackhaft machen sollten. Während die Stimme die Vorzüge der Anlage aufzählte, zeigten die Bilder das Hotel oberhalb eines weißen Strandes, Besucher des Wellnessbereichs, die sich von geschickten, sonnengebräunten Masseurinnen verwöhnen ließen, Golfer, die auf Bälle eindroschen, Restaurantgäste auf Terrassen oder in kerzenbeleuchteten Sälen. Dies sei die Art Film, die auf Reisemessen gezeigt werde, erklärte Alan. Das könnten sie auch, wobei sie ein wesentlich breiteres Publikum anzusprechen vermochten. Das war es also, was Alan wollte: Bens Zustimmung, im Marketing für Adventu- res Unlimited neue Wege einzuschlagen.

»Wie du sagtest, kommen jetzt verstärkt Buchungen rein«, bemerkte Alan, als der Film zu Ende war. »Und das ist großartig, Ben. Der Bericht, den dieMail on Sunday über dich und deine Pläne gebracht hat, war eine enorme Verkaufshilfe. Aber es wird Zeit, dass wir uns dem Potenzial für einen größeren Markt zuwenden.« Er zählte die Möglichkeiten an den Fingern ab. »Familien mit Kindern zwischen sechs und sechzehn. Privatschulen, die ihre Schüler auf einwöchige Erlebnisfreizeiten schicken. Singles auf Partnersuche. Rüstige Rentner, die ihren Lebensabend nicht in irgendeinem Schaukelstuhl verbringen wollen. Und dann gibt es da noch Drogenentzugsprogramme, Rehabilitation für jugendliche Straftäter und Programme für Großstadtkinder. Wir haben einen riesigen Markt da draußen, und ich kann dafür sorgen, dass er sich uns öffnet.«

Alans Gesicht leuchtete, seine Ohren waren rot, seine Augen strahlten. Enthusiasmus und Hoffnung, dachte Ben. Entweder das - oder Nervosität. »Du hast große Pläne«, bemerkte er.

»Ich hoffe, das ist der Grund, warum du mich eingestellt hast. Ben, was ihr hier habt … Dieses Objekt. Seine Lage. Deine Ideen. Mit den richtigen Investitionen in lohnenden Bereichen könnte dies die Gans werden, die goldene Eier legt, ich schwör's.«

Dann schien Alan sein Gesicht zu studieren, so wie Ben es zuvor mit Alans getan hatte. Er holte die Kassette aus dem Rekorder und reichte sie Ben, legte ihm einen Moment die Hand auf die Schulter. »Sieh es dir noch einmal mit Dellen an, wenn ihr beide euch dazu in der Lage fühlt«, sagte er. »Wir müssen die Entscheidung nicht heute treffen. Aber … bald.«

Bens Finger schlossen sich um das Plastikgehäuse. Er fühlte, wie die feinen Rillen sich in seine Haut drückten. »Du machst deine Sache gut«, sagte er. »Diesen Artikel in derMail on Sunday zu lancieren … Das war genial.«

»Ich wollte dir zeigen, wozu ich in der Lage bin«, erwiderte Alan. »Ich bin dankbar, dass du mich eingestellt hast. Andernfalls hätte ich wahrscheinlich nach Truro oder Exeter ziehen müssen, was ich nicht besonders reizvoll gefunden hätte.«

»Es sind aber viel größere Städte als Casvelyn.«

»Zu groß für mich, wenn Kerra nicht da ist.« Alan lachte, und es klang verlegen. »Sie wollte nicht, dass ich hier arbeite, weißt du. Sie hat gesagt, es würde nicht klappen, aber ich habe die Absicht, ihr das Gegenteil zu beweisen. Diese Anlage .« Er vollführte eine Geste, die das gesamte Hotel einschloss. »Diese Anlage hier bringt mich auf immer neue Ideen. Alles, was ich brauche, ist jemand, der mir zuhört und seine Zustimmung gibt, wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist. Ich meine, hast du je darüber nachgedacht, was dieses Hotel in der Nebensaison alles leisten könnte? Es hat Platz genug für Tagungen, und wenn wir mit einem Promotionfilm ein bisschen nachhelfen .«

Ben blendete die Stimme aus, nicht weil es ihn nicht interessierte, sondern weil die Diskrepanz ihn schmerzte, die er zwischen Alan Che- ston und Santo erkannte. Hier war der Eifer, den Ben sich von Santo erhofft hatte: vorbehaltloses Engagement für das, was Santos Erbe und das seiner Schwester hätte werden können. Aber so hatte der Junge die Dinge nicht gesehen. Er hatte sich danach gesehnt, das Leben einfach nur zu erfahren, statt es sich mühsam aufzubauen. Und das war auch der grundlegende Unterschied zwischen ihm und seinem Vater gewesen. Sicher, er war erst achtzehn gewesen. Mit zunehmender Reife wären vielleicht auch Interesse und Einsatz in ihm erwacht. Doch wenn man von der Vergangenheit auf die Zukunft schließen konnte, war es dann nicht wahrscheinlicher, dass Santo einfach immer mit dem weitergemacht hätte, was seine Persönlichkeit bereits definierte? Charme und Eroberung, Charme und Vergnügen, Charme und Enthusiasmus für das, was sein Enthusiasmus ihm einbringen, nur nicht für all das, was dieser Enthusiasmus zu erschaffen vermochte.

Ben fragte sich, ob Alan all das durchschaut hatte, als er sich um die Anstellung bei Adventures Unlimited beworben hatte. Denn Alan hatte Santo gekannt, mit ihm gesprochen, ihn beobachtet. Vielleicht hatte Alan erkannt, dass hier eine Lücke klaffte und er der richtige Mann war, um sie zu füllen.

Alan hob erneut an: »Also, wenn wir unsere Vorteile richtig nutzen und der Bank einen Plan vorlegen …«, als Ben ihn unterbrach, weil das Wort >unser< in seine Gedanken eingedrungen war wie ein lautes Klopfen.

»Weißt du, wo Santo seine Kletterausrüstung aufbewahrt hat?«

Alan hielt mitten im Satz inne. Verwirrt sah er Ben an. Ob diese Verwirrung gespielt war oder nicht, vermochte Ben nicht zu sagen.

Alan fragte: »Wie bitte?« Und als Ben die Frage wiederholte, schien Alan seine Antwort genau abzuwägen, ehe er sie gab: »Ich nehme an, er hat sie in seinem Zimmer aufbewahrt? Oder vielleicht da, wo du deine verwahrst?«

»Weißt du denn, wo meine ist?«

»Woher sollte ich das wissen?« Alan machte sich daran, den Videorekorder abzubauen. Schweigen breitete sich zwischen ihnen aus, sodass sie das Herannahen eines Wagens hören konnten. Alan trat ans Fenster und sagte: »Es sei denn …« Aber seine Antwort verlor sich, als draußen zwei Autotüren zuschlugen. »Polizei«, bemerkte er. »Es ist wieder dieser Constable. Der vorhin schon mal hier war. Diesmal hat er eine Frau dabei.«

Ben verließ das Marketingbüro umgehend und betrat gerade den Eingangsbereich, als die Tür aufging und Constable McNulty hereinkam. Neben ihm ging eine energische Frau mit fast schon purpurroten Haaren, die zu Igelstacheln gegelt waren, ganz so als wäre sie ein Bandmitglied der Sex Pistols. Sie war nicht mehr jung, aber sie war auch nicht alt. Sie sah ihm direkt in die Augen, jedoch nicht ohne Mitgefühl.

»Mr. Kerne?«, fragte sie, stellte sich als Detective Inspector Hannaford vor und erklärte, sie sei gekommen, um die Familie zu befragen.

»Dieganze Familie?«, fragte Ben. »Denn meine Frau liegt im Bett, und meine Tochter ist mit dem Fahrrad unterwegs.« Er hatte das Gefühl, das könnte Kerra herzlos wirken lassen, darum fügte er schnell hinzu: »Stress. Wenn sie unter Druck steht, braucht sie ein Ventil.« Und dann schien es ihm, als hätte er bereits zu viel gesagt.

Sie werde die Tochter später befragen, erwiderte Hannaford. Unterdessen würden sie warten, während er seine Frau weckte. Es gehe erst einmal nur um einige Formalitäten. Es werde nicht lange dauern.

Erst einmal hieß, dass sie wiederkommen würden. Bei der Polizei war das, was angedeutet wurde, zumeist wichtiger als das, was ausgesprochen wurde.

»Wie weit sind Sie mit Ihren Ermittlungen?«, fragte er.

»Das hier ist der erste Schritt, Mr. Kerne, abgesehen von der Kriminaltechnik. Sie fangen mit Fingerabdrücken an: seine Kletterausrüstung, sein Wagen und alles, was sich im Auto befand. Von da geht es weiter.« Sie vollführte eine Geste über die Hotelhalle. »Sie alle müssen Ihre Fingerabdrücke nehmen lassen. Aber zunächst habe ich nur einige Fragen. Wenn Sie also Ihre Frau holen würden …«

Er hatte keine Wahl. Alles andere hätte unkooperativ gewirkt; er konnte keine Rücksicht auf Dellens Zustand nehmen. Ben nahm die Treppe, nicht den Aufzug. Er brauchte einen Moment Zeit zum Nachdenken. Es gab so vieles, was er vor der Polizei verbergen wollte, Dinge, die entweder tief begraben - oder sehr privat waren.

An der Schlafzimmertür klopfte er leise an, wartete aber nicht darauf, die Stimme seiner Frau zu hören. Er betrat den dunklen Raum, ging zum Bett hinüber und schaltete eine Lampe ein. Dellen lag noch genauso da wie zuvor, als er sie zuletzt gesehen hatte: auf dem Rücken ausgestreckt, einen Arm über die Augen gelegt. Auf dem Nachttisch standen zwei Röhrchen mit Pillen und ein Wasserglas mit einem roten Lippenstiftabdruck.

Er setzte sich auf die Bettkante. Dellen blieb reglos liegen, obwohl ein Zucken ihrer Lippen ihm verriet, dass sie nicht schlief. »Die Polizei ist hier«, sagte er. »Sie wollen mit uns reden. Du musst mit nach unten kommen.«

Ihr Kopf bewegte sich fast unmerklich. »Ich kann nicht.«

»Du musst.«

»Ich kann nicht zulassen, dass sie mich so sehen. Das weißt du doch.«

»Dellen .«

Sie nahm den Arm vom Gesicht, blinzelte gegen das Licht und wandte dann den Kopf ab. »Ich kann nicht, und das weißt du auch«, wiederholte sie. »Willst du vielleicht, dass sie mich so sehen? Ist es das?«

»Wie kannst du so etwas nur sagen, Del.« Er legte die Hand auf ihre Schulter und spürte die Spannung, mit der ihr Körper auf die Berührung reagierte.

»Bestimmt willst du, dass sie mich so sehen«, beharrte sie und wandte sich ihm zu. »Denn wir wissen doch, dass du es so vorziehst. Du hast mich so am liebsten. So willst du mich haben. Man könnte fast glauben, du hast Santos Tod herbeigeführt, um mich auf Kurs zu bringen. Das kommt dir ja so entgegen, nicht wahr?«

Ben stand abrupt auf. Er wandte sich ab, damit sie sein Gesicht nicht sah.

Sofort sagte sie: »Es tut mir leid. O Gott, Ben! Ich weiß gar nicht, was ich rede! Warum verlässt du mich nicht? Ich weiß, dass du das willst. Das willst du schon seit Ewigkeiten. Du trägst unsere Ehe wie ein härenes Gewand.Warum?«

»Bitte, Del«, erwiderte er, ohne zu wissen, worum er sie bat. Er wischte sich die Nase am Ärmel seines Hemdes ab und ging zu ihr zurück. »Lass mich dir helfen. Sie werden nicht gehen, ehe sie mit uns gesprochen haben.« Wohlweislich verschwieg er, dass die Beamten sicher noch einmal wiederkommen würden, um mit Kerra zu sprechen, und ebenso gut dann mit Dellen würden reden können. Doch das durfte nicht passieren, beschloss er. Er musste dabei sein, wenn sie Dellen vernahmen, und kamen sie später zurück, bestand die Gefahr, dass sie sie allein antrafen.

Er trat an den Schrank und holte Kleidungsstücke für sie heraus. Schwarze Hose, schwarzer Pulli, schwarze Sandalen. Er suchte Unterwäsche zusammen und trug alles zum Bett hinüber.

»Lass mich dir helfen«, sagte er.

Es war der Imperativ all ihrer gemeinsamen Jahre gewesen: Er lebte, um ihr zu dienen. Sie lebte, um sich bedienen zu lassen.

Er schlug Decke und Laken zurück. Dellen war nackt, ihr Geruch säuerlich, und er betrachtete sie ohne das geringste Flackern der Begierde. Sie hatte nicht mehr die Figur der Fünfzehnjährigen, mit der er zwischen den Dünen im Strandhafer herumgetollt war. Ihr Körper drückte den Abscheu aus, den ihre Stimme nicht aussprach. Sie war angespannt, das Haar gebleicht, das Gesicht bemalt - sie war im selben Maße beinahe irreal und gar zu körperlich. Sie war die fleischgewordene Vergangenheit, Verstrickung und Entfremdung.

Er schob einen Arm unter ihre Schultern und richtete sie auf. Sie hatte zu weinen begonnen. Es war ein stummes Weinen, hässlich anzusehen. Es verzerrte ihren Mund, rötete ihre Nase und ließ ihre Augenlider anschwellen.

Sie sagte: »Das willst du doch. Also tu es. Ich halte dich nicht hier. Ich habe dich nie gehalten.«

Er murmelte: »Sch-sch. Zieh das an.« Er streifte ihr die BH-Träger über die Arme. Trotz seiner Ermunterung half sie ihm nicht. Ihm blieb nichts anderes übrig, als ihre schweren Brüste zu umfassen und in die Körbchen zu führen, ehe er den BH hinter ihrem Rücken zuhaken konnte. So zog er sie an, und als er fertig war und sie auf die Füße hob, erwachte sie endlich zum Leben.

Sie sagte wieder: »Ich kann nicht zulassen, dass sie mich so sehen.« Aber ihr Tonfall hatte sich geändert. Sie trat an die Frisierkommode und zog aus dem Wirrwarr von Kosmetika und Modeschmuck eine Bürste hervor. Damit fuhr sie sich emsig durch das lange blonde Haar, bis es entwirrt war. Dann schlang sie es zu einem passablen Knoten zusammen. Sie schaltete die kleine Messinglampe ein, die Ben ihr vor vielen Jahren zu Weihnachten geschenkt hatte, und beugte sich vor, um ihr Gesicht zu begutachten. Sie legte Puder und ein bisschen Mascara auf, dann wühlte sie in den Lippenstiften, fand die Farbe, die sie wollte, und trug sie auf.

»In Ordnung«, sagte sie, als sie sich zu ihm umwandte.

Von Kopf bis Fuß in Schwarz, aber ihre Lippen waren rot. Rosenrot. Blutrot.

Während sie gemeinsam mit Constable McNulty und Sergeant Collins die Ermittlungen vorbereitete, war Bea Hannaford schnell zu dem Schluss gekommen, dass sie es bei diesen beiden mit den polizeilichen Äquivalenten von Stan Laurel und Oliver Hardy zu tun hatte. Diese Erkenntnis war relativ plötzlich über sie hereingebrochen, als Constable McNulty ihr mit kummervoller Miene eröffnet hatte, er habe die Familie darüber informiert, dass es sich bei Santo Kernes Tod wahrscheinlich um einen Mord handelte. Das an sich war noch keine miserable Polizeiarbeit, wohl aber die Tatsache, dass er den Angehörigen bedenkenlos die Fakten bezüglich der Kletterausrüstung des toten Jungen offenbart hatte.

Bea hatte den Constable ungläubig angestarrt. Dann hatte sie erkannt, dass sie ihn nicht missverstanden hatte, sondern er tatsächlich entscheidende Informationen an Personen weitergegeben hatte, die zum Kreis der Verdächtigen zählten. Zuerst war sie explodiert. Dann hatte sie den Wunsch verspürt, ihn zu erwürgen. Schließlich hatte sie sich in schneidendem Tonfall erkundigt: »Was genau tun Sie eigentlich den ganzen Tag? Sich auf öffentlichen Toiletten einen runterholen? Denn Sie sind das traurigste Exemplar eines Polizeibeamten, das mir je unter die Augen gekommen ist. Ist Ihnen eigentlich klar, dass es jetzt kein Detail mehr gibt, das ausschließlich wir und der Mörder kennen? Verstehen Sie, in welche Situation uns das bringt?« Danach hatte sie ihm befohlen, sie zu begleiten und den Mund zu halten, bis ihm ausdrücklich Redeerlaubnis erteilt wurde.

Wenigstens in dieser Hinsicht hatte er Verstand bewiesen. Von dem Moment an, da sie zum King-George-Hotel gekommen waren - einem baufälligen Art-déco-Kasten, der nach Beas Ansicht reif für die Abrissbirne war -, hatte Constable McNulty kein Wort gesprochen. Er hatte sich sogar Notizen gemacht und kein einziges Mal von seinem Schreibblock aufgesehen, als sie sich mit Alan Cheston unterhalten hatte, während sie auf Ben Kernes Rückkehr wartete. In Begleitung seiner Frau, stand zu hoffen.

Cheston geizte nicht mit Details. Er sei fünfundzwanzig, Partner der Kerne-Tochter, in Cambridge als einziges Kind einer Physikerin und eines Unibibliothekars aufgewachsen. Er hatte an der Trinity Hall studiert, dann weiter an der London School of Economics, in Birmingham bei einer Unternehmensberatung gearbeitet, bis seine Eltern sich in Casvelyn zur Ruhe gesetzt hatten und er ebenfalls nach Cornwall gezogen war, um in ihrer Nähe zu sein, wenn sie älter wurden. Er besaß ein Reihenhaus am Lansdown Close, das derzeit saniert wurde, auf dass es eines fernen Tages für die Frau und die Kinder angemessen sei, die er sich erhoffte. Bis es jedoch so weit war, wohnte er in einem Apartment am Ende der Breakwater Road.

»Nun ja, Apartment ist nicht ganz richtig«, fügte er hinzu, nachdem er Constable McNultys emsiges Kritzeln einen Moment lang beobachtet hatte. »Es ist eher ein möbliertes Zimmer in dem großen rosa Cottage am Ende der Straße, gegenüber dem Kanal. Ich kann die Küche mitbenutzen und … Na ja, die Vermieterin ist sehr großzügig.«

Womit er sicherlich meinte, die Vermieterin habe moderne Ansichten, nahm Bea an. Was wiederum wohl hieß, dass er und das KerneMädchen es dort nach Herzenslust trieben.

»Kerra und ich wollen heiraten«, fügte er hinzu, als befürchtete er, Bea wäre in Sorge um die Tugend der jungen Frau.

»Ah. Wie nett. Und Santo?«, fragte sie. »Welche Art von Beziehung hatten Sie zu ihm?«

»Großartiger Junge«, lautete Alans Antwort. »Es war schwer, ihn nicht zu mögen. Er war vielleicht kein Intellektueller, aber er strahlte so etwas Glückliches aus. Etwas Unbekümmertes. Das hatte eine ansteckende Wirkung, und soweit ich sehen konnte, waren die Menschen gern in seiner Nähe. Menschen ganz allgemein.«

Joie de vivre, dachte Bea. Sie hakte nach. »Und wie stand es mit Ihnen im Besonderen? Waren Sie auch gern in seiner Nähe?«

»Wir waren nicht oft zusammen. Ich bin Kerras Freund, Santo und ich waren also … eher so etwas wie Schwäger, nehme ich an. Herzlich und verbindlich, wenn wir uns unterhalten haben, aber nicht viel mehr. Wir hatten keinerlei gemeinsame Interessen. Er war sehr körperlich. Ich bin eher . ein Kopfmensch.«

»Ich schätze, das bedeutet, Sie sind eher geeignet, ein Unternehmen zu führen«, bemerkte Bea.

»Ja, natürlich.«

»Dieses Unternehmen, zum Beispiel.«

Der junge Mann war kein Idiot. Anders als die Laurel- und Hardy- Imitate, mit denen sie geschlagen war, erkannte Alan Cheston messerscharf, worauf sie hinauswollte. Er erklärte: »Tatsächlich war Santo ein bisschen erleichtert, als er erfahren hat, dass ich hier arbeiten würde. Es befreite ihn von unliebsamem Druck.«

»Was für ein Druck?«

»Er hätte mit seiner Mutter zusammenarbeiten müssen, und das wollte er nicht. Oder zumindest hat er mich das glauben lassen. Er war für diesen Bereich des Unternehmens nicht geeignet.«

»Aber Sie schon? Ihnen gefällt dieser Bereich? Und die Tatsache, dass Sie mit ihr zusammenarbeiten?«

»Absolut.« Er sah Bea in die Augen, während er das sagte, und hielt seinen Körper vollkommen reglos. Sie fragte sich unwillkürlich, welcher Art die Lüge war, die er soeben offenkundig ausgesprochen hatte.

»Ich würde mir gern Santos Kletterausrüstung ansehen. Wenn Sie sie mir zeigen könnten, Mr. Cheston«, bat sie.

»Tut mir leid. Ich habe keine Ahnung, wo er sie aufbewahrt hat.«

Auch das musste sie infrage stellen. Die Antwort war so prompt gekommen, als hätte er mit der Bitte gerechnet.

Sie war im Begriff, noch einmal nachzuhaken, als er sagte: »Da kommt Ben - mit Dellen.« Sie hörten die alte Liftkabine herunterkommen. Bea stellte dem jungen Mann in Aussicht, dass sie sich bestimmt noch einmal sprechen würden.

»Jederzeit«, antwortete er. »Wann immer Sie wünschen, Inspector.«

Er kehrte in sein Büro zurück, noch ehe der Aufzug das Erdgeschoss erreichte und die Kernes ausspuckte. Ben trat zuerst heraus und streckte die Hand aus, um seiner Frau behilflich zu sein. Sie kam langsam, wirkte wie eine Schlafwandlerin. Medikamente, dachte Bea. Die Frau hatte Beruhigungsmittel eingenommen; bei der Mutter eines toten Kindes kaum überraschend.

Unerwartet war hingegen ihre Erscheinung. Die höfliche Umschreibung hätte >verblasste Schönheit< gelautet. Dellen Kerne war irgendwo Mitte vierzig und litt unter dem Fluch üppiger Frauen: Die Kurven und Rundungen ihrer Jugend waren mit den Jahren aus dem Leim gegangen. Außerdem hatte sie geraucht oder tat es womöglich immer noch, denn sie hatte deutliche Krähenfüße um die Augen und Furchen um den Mund. Sie war nicht dick, aber sie hatte auch nicht den durchtrainierten Körper ihres Mannes. Zu wenig Sport und Selbstbeherrschung, schloss Bea.

Und trotzdem achtete diese Frau auf ihr Äußeres: pedikürte Füße. Manikürte Hände. Volles blondes Haar mit einem hübschen Glanz, große veilchenblaue Augen mit dichten, dunklen Wimpern und eine Art, sich zu bewegen, die um Hilfe bettelte. Troubadoure hätten sie eine Maid genannt. Für Bea war sie eine tickende Zeitbombe, und sie war entschlossen herauszufinden, warum.

»Mrs. Kerne. Danke, dass Sie sich Zeit für uns nehmen«, sagte sie. Und an Ben Kerne gewandt, fügte sie hinzu: »Können wir irgendwo in Ruhe reden? Es sollte nicht gar zu lange dauern.« Letzteres war typischer Polizeijargon. Es würde genau so lange dauern, bis Bea zufrieden war.

Ben Kerne schlug vor, in den ersten Stock des Hotels hinaufzugehen. Die dortige Gästelounge sei wohl am geeignetsten.

Das war sie in der Tat. Der Raum bot einen Ausblick auf St. Me- van Beach und war mit plüschigen, aber strapazierfähigen neuen Sofas ausgestattet, einem Großbildfernseher, einem DVD-Player, Stereoanlage, einem Billardtisch und einer Kochnische. Letztere sollte wohl vornehmlich zum Teekochen dienen und verfügte außerdem über eine glänzende Cappuccinomaschine aus Edelstahl. Die Wände zierten Poster mit alten Sportszenen aus den Zwanziger- und Dreißigerjahren: Skifahrer, Wanderer, Radfahrer, Schwimmer und Tennisspieler. Die Einrichtung war gut durchdacht und ansprechend ausgeführt. Hier war viel Geld hineingesteckt worden.

Bea hätte gerne gewusst, woher das Geld für dieses Projekt gekommen sein mochte, und sie scheute sich nicht, danach zu fragen.

Statt zu antworten, erkundigte Ben Kerne sich jedoch, ob die Beamten einen Kaffee wünschten. Bea lehnte für sie beide ab, noch ehe Constable McNulty, der hoffnungsvoll von seinem Notizblock aufgeblickt hatte, das Angebot annehmen konnte. Kerne trat trotzdem an die Maschine und sagte: »Wenn Sie nichts dagegen haben …« Er drückte einen Knopf, es brauste, und dann drängte er das Gebräu seiner Frau auf. Teilnahmslos nahm sie die Tasse entgegen. Er bat sie, einen Schluck zu trinken, und er klang besorgt. Dellen erwiderte, sie wolle nichts, aber Ben beharrte: »Du musst.« Sie sahen sich an, und in ihren Blicken lag für einen Moment ein Ausdruck von Kräftemessen. Dellen war diejenige, die als Erste blinzelte. Sie führte die Tasse an die Lippen und setzte nicht wieder ab, ehe sie sie ganz geleert hatte. Ein verstörend roter Abdruck blieb dort zurück, wo ihre Lippen das Steingut berührt hatten.

Bea fragte, wie lange sie schon in Casvelyn lebten, und Ben antwortete, seit zwei Jahren. Vorher hätten sie in Truro gewohnt, wo er zwei Sportgeschäfte besessen habe. Die habe er zusammen mit ihrem Privathaus verkauft, um wenigstens teilweise das nötige Startkapital für Adventures Unlimited zusammenzubringen. Natürlich habe er weiteres Geld von der Bank geliehen. Ein solches Projekt stemme man nicht mit nur einer Finanzquelle. Mitte Juni wollten sie eröffnen, erklärte er. »Zumindest war das unsere Absicht. Jetzt … weiß ich nicht mehr.«

Bea ging für den Moment nicht darauf ein. »Sind Sie in Truro aufgewachsen, Mr. Kerne?«, fragte sie. »War die Sache mit Ihnen und Ihrer Frau eine Sandkastenliebe?«

Er zögerte aus irgendeinem Grund und sah zu Dellen hinüber, als überlegte er, wie er seine Antwort am besten formulieren sollte. Bea fragte sich, was genau ihn ins Stocken gebracht hatte: die Frage nach Truro oder die nach der Sandkastenliebe.

»Nicht in Truro, nein«, antwortete er schließlich. »Aber was die Sandkastenliebe betrifft …« Er sah wieder zu seiner Frau, und sein Ausdruck war unzweifelhaft liebevoll. »Wir sind mehr oder weniger seit unserer Jugendzeit zusammen. Fünfzehn und sechzehn waren wir, oder, Del?« Er wartete ihren Kommentar nicht ab. »Aber es ging wie bei den meisten Kids. Ein Weilchen zusammen, dann ein Weilchen getrennt. Dann kam die Versöhnung, und wir waren wieder zusammen. So ging es sechs oder sieben Jahre lang, ehe wir geheiratet haben, stimmt's nicht, Del?«

Dellen sagte: »Ich weiß es nicht. Ich habe das alles vergessen.« Sie hatte eine raue Stimme - eine Raucherstimme. Sie passte zu ihr. Alles andere wäre überraschend gewesen.

»Wirklich?« Er sah von ihr zu Bea. »Es schien ewig zu gehen, das Drama unserer Teenagerzeit. Wie das eben so ist, wenn man an jemandem hängt.«

»Was für ein Drama?«, fragte Bea, während Constable McNulty an ihrer Seite mit befriedigendem Eifer vor sich hin kritzelte.

»Ich hab rumgevögelt«, erklärte Dellen unverblümt.

»Del .«

»Sie wird die Wahrheit vermutlich sowieso rausfinden, also können wir sie ihr auch gleich sagen«, entgegnete Dellen. »Ich war die Dorfschlampe, Inspector.« Und dann zu ihrem Mann: »Kannst du mir noch einen Kaffee machen, Ben? Aber bitte heißer. Der hier war nur lauwarm.«

Bens Miene hatte sich versteinert, während sie sprach. Nach einem winzigen Zögern stand er von dem Sofa auf, wo er neben seiner Frau gesessen hatte, und ging zurück zur Cappuccinomaschine. Bea ließ zu, dass das Schweigen sich in die Länge zog, und als Constable McNulty sich räusperte, als wollte er etwas sagen, trat sie ihn auf den Fuß, damit er die Klappe hielt. Sie hatte ganz und gar nichts einzuwenden gegen Spannungen während eines Verhörs, vor allem dann, wenn einer der Verdächtigen den anderen damit unbeabsichtigt unter Druck setzte.

Dellen sprach schließlich weiter, aber es war Ben, den sie dabei ansah, als beinhalteten ihre Worte eine geheime Botschaft an ihn: »Wir haben unten an der Küste gelebt, Ben und ich, nicht in Newquay oder so, wo einem wenigstens ein bisschen was geboten worden wäre. Wir stammen aus einem Dorf, wo es nichts anderes gab als den Strand im Sommer und Sex im Winter. Manchmal auch Sex im Sommer, wenn das Wetter nicht gut genug war für den Strand. Wir waren immer in einer Gruppe unterwegs, einer Jugendclique, und da ging es eben ziemlich hoch her. Mal war man mit dem zusammen, mal mit jenem. Das heißt, bis wir nach Truro kamen. Ben ist zuerst gegangen, und ich kluges Mädchen bin ihm nachgefolgt. Von da an war alles anders. In Tru- ro hat sich das Leben für uns verändert.«

Ben kam mit ihrem Kaffee zurück. Er brachte auch eine Schachtel Zigaretten mit, die er irgendwo in der Kochnische gefunden hatte, zündete eine an und reichte sie ihr. Dann setzte er sich ganz nah neben sie.

Dellen schüttete den Kaffee ebenso hinunter wie den ersten, als wäre ihr Mund mit Asbest ausgepolstert. Dann zog sie tief an der Zigarette. Sie inhalierte doppelt, bemerkte Bea: Sie zog den Rauch ein, ließ ein bisschen wieder heraus und sog alles wieder ein. An Dellen Kerne sah es aus wie ein Kunststück. Bea versuchte, sich auf die Frau zu fokussieren. Dellens Hände bebten.

»Die Großstadtlichter?«, fragte Bea die Kernes. »War es das, was Sie nach Truro gelockt hat?«

»Wohl kaum«, entgegnete Dellen. »Ben hatte einen Onkel, der ihn bei sich aufgenommen hat, als er achtzehn war. Ben hatte immerzu Streit mit seinem Vater. Meinetwegen. Dad dachte - Bens Dad, meine ich, nicht meiner -, wenn er seinen Sohn aus dem Dorf schafft, würde er ihn auch aus meinen Fängen befreien. Oder mich aus seinen. Er hat nicht damit gerechnet, dass ich Ben folgen würde. War's nicht so, Ben?«

Ben legte seine Hand über ihre. Sie sagte zu viel, und das war ihnen allen klar, aber allein Ben und seine Frau wussten, warum sie das tat. Bea überlegte, was all das wohl mit Santo zu tun hatte, als Ben den Versuch unternahm, das Gespräch wieder unter seine Kontrolle zu bringen, indem er erklärte: »Das ist nicht ganz richtig. Vielmehr war es so, dass mein Vater und ich nie besonders gut miteinander ausgekommen sind. Sein Traum war es, völlig autark nur von dem zu leben, was das Land zu geben hatte, und nach achtzehn Jahren hatte ich die Nase voll davon. Also bin ich zu meinem Onkel nach Truro gezogen. Dellen folgte mir … ich weiß nicht mehr. Wie lange war es? Acht Monate später?«

»Mir kam es vor wie acht Jahrhunderte«, erwiderte Dellen. »Bei allem, was man mir vorwerfen kann, aber ich konnte eine Chance erkennen, wenn sie sich mir bot. Das kann ich immer noch.« Sie hielt den Blick auf Ben gerichtet, während sie zu Bea sagte: »Ich habe einen wundervollen Mann, dessen Geduld ich jahrelang auf die Probe gestellt habe, Inspector Hannaford. - Kann ich noch einen Kaffee haben, Ben?«

»Bist du sicher, dass das klug ist?«, fragte er.

»Aber mach ihn bitte noch heißer. Ich glaube, die Maschine funktioniert nicht richtig.«

Und Bea ging ein Licht auf. Sie verstand plötzlich, was der Kaffee symbolisierte. Dellen hatte ihn nicht gewollt, aber er hatte darauf bestanden. Der Kaffee war eine Metapher, und Dellen Kerne ließ ihren Mann nicht vergessen, wofür er stand.

»Ich hätte gern das Zimmer Ihres Sohnes gesehen«, bat Bea. »Natürlich erst, wenn Sie Ihren Kaffee getrunken haben.«

Daidre Trahair kam entlang der Klippe zurück nach Polcare Cove, als sie ihn entdeckte. Ein frischer Wind wehte, und sie war stehen geblieben, um ihr Haar mit der Perlmuttspange zu bändigen. Den Großteil hatte sie erwischt, die restlichen Strähnen steckte sie sich hinter die Ohren. Und da sah sie ihn, vielleicht hundert Meter südlich von ihr. Offenbar kam er gerade von der Bucht herauf, sodass sie annahm, er wollte seine Wanderung wieder aufnehmen, nachdem Detective In- spector Hannaford jeden Verdacht gegen ihn hatte fallen lassen. Das war ja auch kein Wunder: Sowie er gesagt hatte, er sei von New Scotland Yard, war er über jeden Zweifel erhaben gewesen. Wäre sie selbst nur auch so schlau gewesen …

Doch sie musste ehrlich sein, wenigstens sich selbst gegenüber. Thomas Lynley hatte nie behauptet, er sei von New Scotland Yard. Es waren die beiden Polizisten selbst gewesen, die diesen Schluss gezogen hatten, nachdem er seinen Namen preisgegeben hatte.

»Thomas Lynley«, hatte er gesagt. Und da hatte einer von ihnen - sie wusste nicht mehr, wer - gefragt: »New Scotland Yard?« In einem Tonfall, der Bände zu sprechen schien. Er hatte etwas gesagt, was darauf hindeutete, diese Annahme sei korrekt, und damit war die Sache erledigt gewesen.

Jetzt wusste sie, warum. Denn wenn er Thomas Lynley von New Scotland Yard war, dann war er auch der Thomas Lynley, dessen Frau auf offener Straße vor ihrem Haus in Belgravia erschossen worden war. Jeder Polizist im ganzen Land musste davon gehört haben. Schließlich war die Polizei doch so eine Art Bruderschaft. Daidre wusste, das bedeutete auch, dass landesweit sämtliche Beamten irgendwie miteinander in Verbindung standen. Das durfte sie nicht vergessen. Und sie musste sich in seiner Nähe vorsehen, ganz gleich wie groß sein Schmerz sein mochte oder ihr Drang, diesen Schmerz zu lindern. Jeder trug Schmerz in sich, das wusste sie. Damit fertig zu werden, das war es, worum es im Leben ging.

Er hob einen Arm und winkte. Sie winkte zurück. Sie gingen aufeinander zu. Der Küstenpfad hier oben auf der Klippe war schmal, uneben und mit Steinen übersät. Ginsterbüsche standen dicht an dicht auf der Ostseite, eine gelbe Phalanx, die sich tapfer gegen den Wind stemmte. Jenseits der Ginsterlinie erstreckte sich eine üppige Wiese. Das Gras war kurz, weil hier oft Schafe weideten.

Als sie sich nahe genug waren, um einander über den Wind hinweg hören zu können, fragte Daidre: »Sie brechen wieder auf?« Aber noch während sie sprach, erkannte sie ihren Irrtum und fuhr fort: »Aber Sie haben Ihren Rucksack gar nicht dabei. Also lautet die Antwort wohl: Nein.«

Er nickte ernst. »Sie gäben eine gute Polizistin ab.«

»Ich fürchte, das war eine ziemlich simple Schlussfolgerung. Alles darüber hinaus würde meiner Aufmerksamkeit entgehen. Machen Sie einen Spaziergang?«

»Ich habe Sie gesucht.« Der Wind zerzauste sein Haar genauso wie ihres, und er strich es sich aus der Stirn. Wieder fiel ihr auf, wie ähnlich seine Haarfarbe der ihren war. Vermutlich wurde er im Sommer hellblond.

»Mich?«, fragte sie. »Woher wussten Sie, wo ich zu finden bin? Nachdem Sie erfolglos am Cottage angeklopft hatten, meine ich. Ich hoffe zumindest, ich darf davon ausgehen, dass Sie dieses Mal angeklopft haben. Viel mehr Fenster habe ich nämlich nicht zu bieten.« »Ich habe angeklopft«, versicherte er. »Als niemand öffnete, habe ich mich umgeschaut und die frischen Fußspuren entdeckt, denen ich dann gefolgt bin. Es war ganz einfach.«

»Und hier bin ich«, bemerkte sie.

»Und hier sind Sie.«

Er lächelte und schien einen Moment zu zaudern. Das überraschte Daidre, denn er kam ihr nicht wie ein Mann vor, der jemals zauderte. »Und?«, fragte sie und neigte den Kopf zur Seite. Ihr fiel auf, dass er eine Narbe an der Oberlippe hatte, ein wohltuender kleiner Makel in seinem ansonsten so klassisch gut aussehenden Gesicht mit den ausgeprägten, markanten Zügen.

»Ich wollte Sie zum Essen einladen«, erklärte er. »Ich fürchte, ich kann Ihnen nur das Salthouse Inn anbieten, denn ich habe immer noch kein Geld und kann Sie schwerlich einladen, um Sie anschließend zu bitten, die Rechnung zu begleichen. Aber im Hotel kann ich es anschreiben lassen, und da das Frühstück gut war - nun, sagen wir, annehmbar -, nehme ich an, dass auch das Abendessen genießbar sein wird.«

»Was für eine zweifelhafte Einladung«, bemerkte sie.

Er schien darüber nachzudenken. »Meinen Sie das >genießbar<?«

»Ja. >Erlauben Sie mir, Sie zu einem genießbaren, wenn auch alles andere als schmackhaften Dinner einzuladen/ Das ist genau so ein galantes, postviktorianisches Ansinnen, auf das man nur antworten kann: >Es wäre mir beinahe ein Vergnügen.««

Er lachte. »Tut mir leid! Meine Mutter würde sich im Grabe umdrehen, wenn sie tot wäre, was allerdings zum Glück nicht der Fall ist. Also lassen Sie es mich so sagen: Ich habe mir die Speisekarte von heute Abend angeschaut, und sie scheint … wenn vielleicht nicht gerade sagenhaft, so doch immerhin . ganz schick.«

Dieses Mal lachte sie.»Schick? Wo in aller Welt kam das jetzt her? Egal. Sagen Sie nichts! Essen Sie einfach bei mir! Ich habe etwas vorbereitet, und für zwei reicht es allemal. Ich muss es nur noch aufbak- ken.«

»Aber dann werde ich doppelt in Ihrer Schuld stehen.«

»Und das ist genau, wo ich Sie haben will, Mylord.«

Sein Ausdruck veränderte sich; ihr Lapsus hatte alle Heiterkeit fortgewischt. Sie verfluchte sich für ihre mangelnde Umsicht. Hoffentlich verhieß diese Unachtsamkeit nicht, dass sie auch andere Dinge in seiner Gegenwart nicht für sich behalten konnte.

»Ah. Sie wissen es also«, sagte er.

Sie suchte nach einer Erklärung und entschied sich für eine, die selbst in seinen Augen plausibel klingen musste. »Als Sie gestern Abend sagten, Sie seien von Scotland Yard, wollte ich wissen, ob das stimmt. Also habe ich mich darangemacht, es herauszufinden.« Sie wandte einen Moment den Blick ab. Sie sah, dass die Möwen sich auf der nahen Klippe für die Nacht versammelten. Paarweise ließen sie sich auf Vorsprüngen und in Felsspalten nieder und sträubten die Federn, dicht zusammengedrängt gegen den Wind. »Es tut mir furchtbar leid, Thomas«, sagte sie.

Nach einem kurzen Schweigen, währenddessen weitere Möwen landeten und andere kreischend davonflogen, erwiderte er: »Sie haben keine Veranlassung, sich zu entschuldigen. Ich hätte in Ihrer Situation das Gleiche getan. Ein Fremder in Ihrem Haus, der behauptet, ein Polizist zu sein. Draußen ein Toter. Was sollten Sie da glauben?«

»Das meinte ich nicht.« Sie sah ihn wieder an. Er stand mit dem Gesicht, sie mit dem Rücken zum Wind, und trotz der Spange schlugen ihr die Haare ins Gesicht.

»Was sonst?«, fragte er.

»Ihre Frau«, antwortete sie. »Es tut mir so furchtbar leid, was mit ihr passiert ist. Grauenhaft, was Sie durchmachen mussten.«

»Ah«, sagte er. »Ja.« Sein Blick schweifte zu den Seevögeln. Daidre wusste, er betrachtete jene genauso wie sie selbst: Die Möwen schlossen sich zusammen, nicht weil sie sich in der Masse sicherer fühlten, sondern weil eine bestimmte zweite Möwe Geborgenheit versprach.

»Für sie war es noch weitaus grauenhafter als für mich«, bemerkte er.

»Nein«, entgegnete Daidre. »Das glaube ich nicht.«

»Wirklich nicht? Ich würde sagen, es gibt kaum etwas Grauenhafteres, als durch eine Schussverletzung zu sterben. Vor allem wenn der Tod nicht sofort eintritt. Das musste ich nicht durchmachen. Helen schon. Gerade steht sie noch da und versucht, ihre Einkäufe durch die Haustür zu bugsieren, und im nächsten Moment wird sie angeschossen. Ziemlich erschreckend, denken Sie nicht?« Er klang bitter, und er schaute sie nicht an, während er sprach. Aber er hatte sie missverstanden, und das wollte Daidre aufklären.

»Ich glaube, der Tod ist lediglich das Ende dieses Teils unserer Existenz, Thomas. Die menschliche Erfahrung des spirituellen Wesens. Dann verlässt der Geist den Körper und wandert zur nächsten Ebene. Und was immer diese nächste Ebene ist, sie ist besser als das hier, denn wo läge sonst der Sinn?«

»Glauben Sie das wirklich?« Sein Tonfall lag irgendwo zwischen verdrossen und ungläubig. »Himmel und Hölle und dieser ganze Unsinn?«

»Nicht Himmel und Hölle. Das kommt einem doch alles ziemlich albern vor. Gott oder wer auch immer soll da oben auf seinem Thron sitzen, die eine Seele hinabstürzen in die ewige Verdammnis, die andere emporheben, auf dass sie mit den Engelein jubiliere? Das kann es nicht sein, was all das hier zu bedeuten hat.« Sie wies über die Klippen und das Meer. »Aber dass es etwas gibt, was über das alles hier hinausgeht, was wir in diesem Moment begreifen können? Ja, daran glaube ich allerdings. Sie … Sie sind immer noch das spirituelle Wesen, das die menschliche Erfahrung durchläuft, während Ihre Frau jetzt weiß …«

»Helen«, unterbrach er. »Ihr Name war Helen.«

»Helen, ja. Entschuldigung. Helen weiß jetzt, was all das zu bedeuten hatte. Aber für Sie ist das ein schwacher Trost. Ich meine … zu wissen, dass Helen weitergezogen ist.«

»Es war nicht ihre Entscheidung«, wandte er ein.

»Ist es das denn jemals, Thomas?«

»Freitod.« Er sah ihr direkt ins Gesicht.

Sie schauderte. »Das ist kein Ausweg. Es ist eine Entscheidung, die auf der Überzeugung basiert, dass es keinen Ausweg gibt.«

»Gott.« In seiner Wange zuckte ein Muskel.

Sie bereute ihre Indiskretion bitterlich. Ein einziges Wort -Mylord - hatte ihn auf seinen Schmerz reduziert. So etwas brauche Zeit, wollte sie ihm sagen. Nur ein Klischee, aber es lag so viel Wahrheit darin.

Sie fragte: »Thomas, hätten Sie Lust, einen Spaziergang zu machen? Es gibt da etwas, was ich Ihnen gerne zeigen möchte. Es ist ein Stück zu laufen … vielleicht eine Meile den Küstenpfad entlang. Aber das macht uns ordentlichen Appetit aufs Abendessen.«

Sie dachte schon, er würde ablehnen, aber das tat er nicht. Stattdessen nickte er, und sie bedeutete ihm mit einer Geste, ihr zu folgen. Sie gingen in die Richtung, aus der sie gerade gekommen war, stiegen zuerst hinab in eine weitere Bucht, wo große Schieferflossen aus der Brandung ragten und sich einer tückischen Klippe aus Sandstein und Ton entgegenreckten. Der Wind und die Wellen machten das Sprechen schwierig, genau wie die Tatsache, dass sie hintereinander gingen, also sagte Daidre nichts, und auch Thomas Lynley schwieg. Es war besser so, befand Daidre. Einen Augenblick kommentarlos verstreichen zu lassen, war manchmal eine heilsamere Methode, als an eine frische Wunde zu rühren.

An einigen windgeschützten Stellen hatte der Frühling Wildblumen hervorgelockt. Der Pfad war vom Gelb des Jakobskrauts gesäumt, durchbrochen vom Rosa der Grasnelken und Erika. Traubenhyazinthen zeigten an, wo in grauer Vorzeit Wälder gestanden hatten. In unmittelbarer Nähe der Klippen, wo sie kletterten, gab es kaum Bauwerke. Doch in der Ferne duckten sich steinerne Farmhäuser neben einer Handvoll größerer Scheunen, und die dazugehörigen Rinder grasten auf Weiden, umgeben von Cornwalls typischen Hecken, in denen Wildröschen und Nabelkraut wuchsen.

Das nächstgelegene Dorf war Alsperyl, wo sich auch ihr Ziel befand. Das Örtchen bestand aus einer Kirche, dem Pfarrhaus, einer Ansammlung von Cottages, einer uralten Schule und einem Pub: allesamt aus dem typischen Stein dieser Gegend erbaut und unverputzt und etwa eine halbe Meile östlich des Küstenpfads jenseits einer buckligen Weide gelegen. Nur der Kirchturm war von ihrer derzeitigen Position aus sichtbar. Daidre zeigte in die Richtung und erklärte: »St. Morwenna. Aber wir gehen noch ein Stück weiter, wenn Sie können.«

Er nickte, und sie kam sich ob ihrer letzten Bemerkung albern vor. Er war kein Invalide; Trauer nahm einem schließlich nicht die Fähigkeit zu laufen. Sie nickte ihrerseits und führte ihn vielleicht noch zweihundert Meter weiter, wo eine Unterbrechung in der windzerzausten Heide auf der Seeseite des Pfades eine grob gehauene Steintreppe enthüllte.

»Es ist kein langer Abstieg, aber seien Sie vorsichtig«, mahnte sie. »Es ist ein tückischer Abgrund, und wir sind an die fünfzig Meter oberhalb der Wasserlinie.«

Die Treppe schmiegte sich an die Rundung der Klippe und führte zu einem weiteren schmalen Pfad, der mit Ginster und Mauerpfeffer überwuchert war, der hier trotz des Windes gedieh. Nach weiteren zwanzig Metern endete der Weg abrupt, jedoch nicht an einem plötzlichen Abgrund, wie man hätte annehmen können. Vielmehr war hier ein Unterstand in den Fels geschlagen worden. Die Vorderseite war aus dem Treibholz gesunkener Schiffe gezimmert, und die Seitenwände, die aus der Klippe ragten, waren aus kleinen Sandsteinblöcken aufgeschichtet worden. Die Holzfront war altersgrau. Die Scharniere der groben zweigeteilten Tür bluteten Rost auf die schartigen Bohlen.

Daidre wandte sich zu Thomas Lynley um, um seine Reaktion auszuloten. Solch ein Bauwerk an einem so entlegenen Ort? Seine Augen hatten sich geweitet, und ein Lächeln lauerte in seinen Mundwinkeln. Sein Ausdruck schien zu fragen: Was ist das hier?

Sie beantwortete seine ungestellte Frage und hob die Stimme, um den Wind zu übertönen, der immer noch an ihnen zerrte. »Ist sie nicht wunderbar, Thomas? Sie heißt >Hedras Hütte<. Den Aufzeichnungen von Reverend Walcombe zufolge steht sie hier schon seit dem Ende des achtzehnten Jahrhunderts.«

»Hat er sie erbaut?«

»Walcombe? Nein, nein. Er war kein Baumeister, sondern Chronist. Ein ziemlich guter, wenn Sie mich fragen. Er hat niedergeschrieben, was sich in und um Alsperyl zugetragen hat. Ich habe das Buch irgendwann einmal zufällig in der Bibliothek von Casvelyn gefunden. Er war … ich weiß nicht genau, vielleicht vierzig Jahre lang Vikar in St. Morwenna. Er hat versucht, die gequälte Seele zu erretten, die diese Hütte gebaut hat.«

»Ah. Das war dann wohl besagte Hedra?«

»Genau die. Sie war verwitwet. Ihr Mann - der in den Gewässern vor Polcare Cove fischte - geriet in einen Sturm und ertrank. Er ließ sie allein mit einem kleinen Sohn zurück. Wenn man Reverend Walcombe glauben will - und er neigte nicht dazu, seine Berichte auszuschmücken -, verschwand der Junge eines Tages. Vermutlich ist er zu nahe an den Rand einer Klippe geraten, die zu brüchig war, um sein Gewicht zu tragen. Statt den Verlust von Mann und Sohn innerhalb von sechs Monaten zu akzeptieren, beschloss die arme Hedra zu glauben, ein Selchie hätte den Jungen geholt. Sie redete sich ein, der Kleine wäre zum Wasser hinuntergegangen - Gott allein weiß, wie er das aus dieser Höhe geschafft haben sollte -, und dort hätte die Robbenfrau auf ihn gewartet und ihn ins Wasser gelockt, um ihn dem Rest der …« Sie runzelte die Stirn. »Mist. Ich habe vergessen, wie man eine Robbengruppe nennt. Herde kann nicht stimmen. Schule? Aber das sagt man bei Delfinen. Na ja, spielt ja im Moment keine Rolle. Das war es jedenfalls, was passiert ist. Hedra hat diese Hütte gebaut, um auf seine Rückkehr zu warten, und das tat sie für den Rest ihres Lebens. Eine ziemlich ergreifende Geschichte, was?«

»Ist sie wahr?«

»Wenn man diesem Walcombe glauben kann. Kommen Sie mit rein! Es gibt noch mehr zu entdecken. Wir sollten zusehen, dass wir aus dem Wind herauskommen.«

Die obere und untere Türhälfte wurden von rauen Holzriegeln verschlossen gehalten, die durch ebenso raue Holzgriffe gesteckt waren und auf Haken ruhten. Während Daidre sie zurückschob und die Türen öffnete, sagte sie über die Schulter: »Hedra wusste genau, was sie tat. Sie hat sich eine ziemlich solide Hütte gebaut, um auf ihren Sohn zu warten. Mit einer Rahmenkonstruktion aus Holz. Drinnen gibt es eine umlaufende Bank, das Dach liegt auf stabilen Balken, und der Boden ist aus Schiefer. Es ist, als hätte sie gewusst, dass ihr eine lange Wartezeit bevorstand.«

Sie ging voraus, doch dann hielt sie abrupt inne. Sie hörte, wie er hinter ihr durch die niedrige Tür kam. »O verdammt«, rief sie verärgert, und er sagte: »Was für ein Jammer.«

Die Wand genau vor ihnen war verunstaltet worden, und nach den frischen Kratzern und Einschnitten im Holz der kleinen Hütte zu urteilen, war es erst kürzlich geschehen. Die Überreste eines eingeritzten Herzens - welches zweifellos die Initialen eines Liebespaares enthalten hatte - bildeten jetzt einen gerundeten Rahmen für eine Reihe tiefer Kerben, die beinah wie eine Fleischwunde aussahen. Von den Initialen war nichts mehr zu sehen.

»Nun ja«, sagte Daidre und bemühte sich, gelassen zu klingen. »Es ist ja nicht so, als wären die Wände nicht vorher schon verunstaltet worden. Wenigstens sind es keine Graffiti. Aber trotzdem fragt man sich . Warum tut jemand so was?«

Thomas nahm den Rest der Hütte mit ihren Schnitzereien aus mehr als zweihundert Jahren in Augenschein: Initialen, Daten, noch mehr Herzen, dann und wann ein Name. »Wo ich zur Schule gegangen bin«, sagte er nachdenklich, »gibt es eine Mauer. Sie ist nicht weit vom Eingang entfernt, sodass kein Besucher sie übersehen kann. Schüler haben dort ihre Initialen eingeritzt seit . ich weiß nicht . ich nehme an, seit der Regentschaft von Henry VI. Wenn ich dorthin zu Besuch fahre - das tue ich hin und wieder, das tut wohl jeder -, dann suche ich nach meinen. Sie sind immer noch da. Irgendwie sagen sie mir, dass ich real bin. Ich existierte damals, ich existiere immer noch. Aber wenn ich all die anderen ansehe … und es sind Hunderte, wahrscheinlich Tausende . muss ich immer daran denken, wie flüchtig das Leben ist. Hier ist es dasselbe, finden Sie nicht?«

»Ich schätze schon.« Sie fuhr mit den Fingern über einige der älteren Schnitzereien: ein keltisches Kreuz, der Name Daniel, B.J. + S.R. »Ich komme gerne hierher, um nachzudenken«, gestand sie. »Manchmal frage ich mich, wer all diese Menschen waren, die sich so vertrauensvoll zusammengeschlossen haben. Und war ihre Liebe von Dauer? Das frage ich mich auch.«

Lynley berührte das entstellte Herz. »Nichts ist von Dauer«, sagte er. »Das ist unser Fluch.«

9

Bea Hannaford sah sich in Santo Kernes Zimmer um. Zum ersten Mal seit ihrem Aufeinandertreffen war sie froh, dass es Constable McNulty war, der als ihr Handlanger herhalten musste, denn die Wände in Santos Zimmer waren mit Surfpostern tapeziert, und Bea war zu der Überzeugung gelangt, was McNulty nicht über das Surfen wusste, über die Schauplätze der Fotos und die Surfer darauf, war auch nicht wissenswert. Sie konnte zwar nicht sagen, ob seine Expertise sich auch nur im Geringsten als relevant erweisen würde. Aber sie war erleichtert, dass er sich wenigstens mit irgendetwas auskannte.

»Jaws«, flüsterte er ehrfürchtig und betrachtete mit staunenden Augen einen Wasserberg, über den ein höchstens daumengroßer Irrer hinwegrauschte. »Verdammt noch mal, sehen Sie sich den Typen an! Das ist Hamilton. Vor Maui. Der Kerl ist wahnsinnig! Es gibt nichts, was er nicht täte. Gott, sieht das nicht aus wie ein Tsunami?« Er pfiff anerkennend durch die Zähne und schüttelte den Kopf.

Ben Kerne war mit ihnen nach oben gekommen, hatte aber an der Schwelle innegehalten. Dellen war unten in der Lounge geblieben. Bea hatte messerscharf erkannt, dass Kerne sie nicht hatte allein lassen wollen. Hin- und hergerissen war er zwischen der Polizei und seiner Frau. Doch er konnte nicht gleichzeitig Beas Anliegen nachkommen und Dellen im Auge behalten. Letztlich hatte er keine Wahl gehabt. Die Beamten hätten auf der Suche nach Santos Zimmer das gesamte Hotel durchstreift, während er seine Frau beaufsichtigte. Also hatte er sie selber hingeführt, aber es war unschwer zu sehen, dass er mit seinen Gedanken woanders war.

»Ich wusste gar nicht, dass Santo gesurft hat«, sagte Bea über die Schulter zu Ben Kerne, der noch immer an der Tür stand.

Er antwortete: »Er hat angefangen zu surfen, als wir nach Casvelyn kamen.«

»Ist seine Ausrüstung hier? Surfbrett, Neoprenanzug und was man sonst noch braucht …«

»Kapuze«, murmelte McNulty, »Handschuhe, Stiefel, Ersatzfinnen .«

»Das reicht, Constable«, fuhr Bea ihm über den Mund. »Mr. Kerne wird sicher wissen, was ich meine.«

»Nein. Er hat seine Ausrüstung an einem anderen Ort verwahrt«, erwiderte Ben Kerne.

»Ach, wirklich? Warum?«, fragte Bea. »Nicht gerade praktisch, oder?«

Ben betrachtete die Poster, während er antwortete: »Ich nehme an, er wollte sie nicht hier aufbewahren.«

»Warum nicht?«, wiederholte sie.

»Er hat wohl befürchtet . ich könnte irgendetwas damit anstellen.«

»Ah. - Constable?« Zufrieden nahm Bea zur Kenntnis, dass Mick McNulty ihren Wink auf Anhieb verstanden hatte und sich schleunigst wieder seinem Notizbuch widmete, auch wenn Ben Kerne auf Nachfrage nicht sagen konnte, wo Santo seine Ausrüstung denn nun verwahrt hatte. Bea hakte nach: »Wieso sollte Santo glauben, Sie würden irgendetwas damit …anstellen, Mr. Kerne? Oder meinten Sie mit >anstellen<manipulieren?« Und sie dachte: Erst die Surfausrüstung, dann die Kletterausrüstung?

»Er wusste, dass ich es nicht gern sah, wenn er surfte.«

»Wirklich nicht? Verglichen mit dem Klettern scheint es mir aber der harmlosere Sport zu sein.«

»Kein Sport ist wirklich harmlos, Inspector. Aber das war nicht der Grund.« Kerne schien nach Worten zu ringen, um zu erklären, was er meinte, und trat schließlich zu ihnen in den Raum. Versteinert starrte er auf die Poster.

»Surfen Sie selbst, Mr. Kerne?«, fragte Bea.

»Ich hätte mit Sicherheit nichts dagegen gehabt, dass Santo surft, wenn ich es selbst täte, oder?«

»Ich weiß es nicht. Ich verstehe immer noch nicht, warum Sie die eine Sportart billigen, nicht aber die andere.«

»Es geht um die Typen, verstehen Sie?« Kerne warf Constable McNul- ty einen entschuldigenden Blick zu. »Ich wollte nicht, dass er sich mit anderen Surfern herumtreibt, weil für so viele von ihnen der Sport das einzig Wichtige auf der Welt ist. Ich wollte nicht, dass er so wird: dieses ewige Herumlungern, immer nur auf die nächstbeste Gelegenheit zum Surfen warten - ein Leben, das nur von Isobarenkarten und Gezeitentabellen definiert wird. Ewig fahren sie nur die Küste auf und ab, um die perfekte Welle zu erwischen. Und wenn sie nicht surfen, dann reden sie darüber oder kiffen, und anschließend stehen sie in ihren Neoprenanzügen zusammen und reden immer noch darüber. Es gibt Jungs - und inzwischen sogar ein paar Mädchen, muss ich zugeben -, deren ganzes Leben sich einzig und allein darum dreht, Wellen zu reiten und rund um den Globus zu ziehen, um immer neue Wellen auszumachen. Ich wollte nicht, dass Santo so wird. Würden Sie das für Ihren Sohn oder Ihre Tochter wollen?«

»Und ein Leben, das sich ums Klettern dreht .«

»Das tat es ja gar nicht! Und wenigstens ist das ein Sport, bei dem man auf andere angewiesen ist. Es ist nicht so einsam, wie das Surfen es sein kann - und meistens ja auch wirklich ist. Ein Surfer allein auf den Wellen: Das sieht man immerzu. Ich wollte nicht, dass er allein dort draußen ist. Ich wollte, dass er mit anderen zusammen ist. Für den Fall, dass ihm etwas zustößt …« Sein Blick schweifte wieder zu den Postern, und was sie zeigten, war selbst für Beas ungeschultes Auge deutlich: Gefahr, allesbeherrschende und allgewaltige Gefahr, verkörpert durch unvorstellbare Wassermassen. Da konnte alles passieren - von Knochenbrüchen bis zum sicheren Tod durch Ertrinken. Sie fragte sich, wie viele wohl jedes Jahr ums Leben kamen, während sie einen beinahe vertikalen Abhang hinabrasten, der sich - im Gegensatz zu festem Boden mit berechenbaren Strukturen - von einer Sekunde zur nächsten radikal verändern und die Unachtsamen unter sich begraben konnte. »Und doch war Santo allein beim Klettern, als er abgestürzt ist«, fuhr sie fort. »So wie er es vielleicht auch gewesen wäre, wäre er zum Surfen gegangen. Davon abgesehen, sind Surfer doch gar nicht immer allein draußen, oder?«

»Auf der Welle schon. Der Surfer und die Welle, allein. Selbst wenn noch andere auf dem Wasser sind. Aber um die geht es in solchen Momenten nicht.«

»Und beim Klettern?«

»Von seinem Kletterpartner ist man abhängig. Der eine gewährleistet die Sicherheit des anderen.« Er räusperte sich und fügte hinzu: »Ist es nicht das, was jeder Vater sich wünscht? Eine gewisse Sicherheit für sein Kind?«

»Und wie hat Santo auf Ihre Haltung zum Surfen reagiert?«

»Wie meinen Sie das?«

»Was ist zwischen Ihnen beiden vorgefallen? Gab es Streit? Strafen? Neigen Sie zu Gewalttätigkeit, Mr. Kerne?«

Er wandte sich ihr zu, doch jetzt stand er mit dem Rücken zum Fenster, sodass sie sein Gesicht nicht länger lesen konnte. »Was für eine verdammte Frage soll das sein?«, verlangte er zu wissen.

»Eine Frage, die eine Antwort erfordert. Irgendjemand hat Santo erst kürzlich ein blaues Auge verpasst. Was wissen Sie darüber?«

Er ließ die Schultern hängen. Dann drückte er sich vom Fensterbrett ab und trat weg vom Licht auf die Zimmertür zu, zu deren Anschlagseite ein Computer mit Drucker auf einer schlichten Spanplatte stand, die quer über zwei Holzböcken liegend einen primitiven Schreibtisch bildete. Ein Papierstapel lag mit der Schrift nach unten darauf. Ben Kerne griff danach, doch Bea hielt ihn zurück, noch ehe seine Finger die Papiere berühren konnten. Sie wiederholte ihre Frage.

»Er wollte es mir nicht sagen«, antwortete Kerne. »Natürlich habe ich gesehen, dass ihn jemand geschlagen hatte. Es war ein böser Fausthieb. Aber der Junge hat sich geweigert, die Sache zu erklären, sodass ich nicht umhinkam zu denken …« Er schüttelte den Kopf. Er schien mehr zu wissen, war aber offenbar unwillig, sie daran teilhaben zu lassen.

»Wenn Sie irgendetwas wissen . Wenn Sie einen Verdacht haben …«, sagte Bea.

»Nein. Hab ich nicht. Es ist nur … Die Frauen mochten Santo einfach, und Santo mochte die Frauen. Er machte keine Unterschiede.«

»In Bezug worauf?«

»Zwischen verfügbar und nicht verfügbar. Zwischen gebunden und ungebunden. Santo war … Er war der reine, fleischgewordene Paarungsinstinkt. Vielleicht hat ihn ein wütender Vater niedergeschlagen. Oder ein eifersüchtiger Freund. Er wollte es mir nicht sagen. Aber er war verrückt nach Mädchen - und die Mädchen nach ihm. Und um die Wahrheit zu sagen: Er ließ sich leicht dahin bringen, wo eine entschlossene junge Frau ihn haben wollte. Er war . Ich fürchte, er war immer schon so.«

»Gab es jemand Bestimmten?«

»Die Letzte war eine junge Frau namens Madlyn Angarrack. Sie waren über ein Jahr lang zusammen.«

»Und ist sie zufällig auch eine Surferin?«, wollte Bea wissen.

»Eine hervorragende sogar, wenn man Santo Glauben schenkt. Angehende Landesmeisterin. Er war sehr beeindruckt von ihr.«

»Und sie von ihm?«

»Es war keine einseitige Sache.«

»Und was haben Sie dabei empfunden - zusehen zu müssen, wie Ihr Sohn mit einer Surferin anbandelte?«

Ben Kerne antwortete ruhig: »Santo bandelte ständig mit irgend- wem an, Inspector. Ich wusste, es würde vorübergehen. Wie ich schon sagte: Er liebte die Frauen. Er war noch nicht bereit, sich zu binden. Weder an Madlyn noch an sonst irgendjemanden. Unter keinen Umständen.«

Das war eine interessante Formulierung, fand Bea. Sie fragte: »Aber Sie wollten gerne, dass er sich bindet?«

»Wie jeder Vater wollte ich, dass er anständig bleibt und sich nicht in Schwierigkeiten bringt.«

»Das sind eher bescheidene Erwartungen. Hatten Sie keine größeren Pläne für Ihren Sohn?«

Ben Kerne antwortete nicht. Bea hatte das untrügliche Gefühl, dass er ihr etwas verheimlichte, und ihre Erfahrung sagte, wenn jemand das während einer Mordermittlung tat, dann für gewöhnlich aus Selbstschutz.

»Haben Sie Santo je geschlagen, Mr. Kerne?«, fragte sie.

Der Blick, den er auf sie gerichtet hielt, blieb stetig. »Diese Frage habe ich Ihnen bereits beantwortet.«

Sie ließ zu, dass das Schweigen sich in die Länge zog, aber dieses Mal trug es keine Früchte. Es blieb ihr nichts anderes übrig als fortzufahren, und das tat sie, indem sie ihre Aufmerksamkeit auf Santos Computer richtete. Den werde sie mitnehmen müssen, erklärte sie. Constable McNulty werde ihn abbauen und die einzelnen Teile zum Wagen hinuntertragen. Dann nahm sie sich den Papierstapel vor, den Kerne hatte zur Hand nehmen wollen. Sie drehte die Blätter um und legte sie behutsam nebeneinander. Jede Menge Skizzen, stellte sie fest, die alle in der einen oder anderen Weise den Namen >Adventures Unlimi- ted< enthielten. Ein Beispiel zeigte die beiden Wörter zu einer Welle geformt. Im nächsten bildete der Schriftzug ein rundes Logo, in dessen Zentrum das King-George-Hotel stand. Auf dem dritten war er das Fundament, auf dem angedeutete männliche und weibliche Silhouetten alle möglichen sportlichen Heldentaten vollbrachten. Auf wieder einer anderen Skizze bildeten die Wörter ein Klettergerät.

»Er . O mein Gott.«

Bea hob den Kopf und sah Kernes erschütterten Gesichtsausdruck. »Was ist denn?«, fragte sie.

»Er hat T-Shirt-Logos entworfen. Auf seinem Computer. Er hat … Anscheinend hat er an einer Marketingidee für unser Unternehmen gearbeitet. Ich hatte ihn nicht darum gebeten. Gott, Santo …«

Letzteres klang beinahe wie eine Entschuldigung. Bea fand, dies sei ein guter Zeitpunkt, um ihn erneut nach Santos Kletterausrüstung zu fragen. Kerne erklärte, sie sei samt und sonders verschwunden, jedes einzelne Grigri, jeder Klemmkeil, jedes Seil - einfach alles.

»Hätte er all das für seine Kletterpartie gebraucht? Die komplette Ausrüstung?«

Kerne verneinte. Entweder habe Santo beschlossen, die Ausrüstung ohne das Wissen seines Vaters andernorts aufzubewahren, oder aus unerfindlichen Gründen alles mitgenommen, als er am Vortag zu seiner tödlichen Klettertour aufgebrochen war.

»Aber warum hätte er das tun sollen?«, fragte Bea.

»Wir hatten uns gestritten. Vielleicht als Trotzreaktion darauf. Um es mir zu zeigen .«

»Eine Trotzreaktion, die zu seinem Tod geführt hat? Vielleicht zu aufgewühlt, um seine Ausrüstung mit der nötigen Sorgfalt zu überprüfen? War er der Typ für Hauruck-Aktionen?«

»Impulsiv, meinen Sie? Ob er impulsiv genug war, klettern zu gehen, ohne seine Ausrüstung zu checken? Ja«, räumte Kerne ein. »Er war genau der Typ, um so etwas zu tun.«

Der letzte Heizkörper! Gepriesen sei Gott - oder wen immer man pries, wenn eine Preisung angesagt war. Nicht der letzte Heizkörper im ganzen Hotel, aber zumindest der letzte, den er heute anstreichen musste. Wenn er eine halbe Stunde dafür veranschlagte, die Pinsel zu reinigen und die Lackdosen zu verschließen - und nach all den Jahren, die er für seinen Vater gearbeitet hatte, hatte Cadan reichlich Praxis darin, Tätigkeiten in die nötige Länge zu ziehen -, dann wäre es an der Zeit, Feierabend zu machen. Ein Glück! Sein unterer Rücken schmerzte, und sein Kopf hämmerte schon wieder von den Farbdünsten. Ganz offensichtlich war er für diese Art Arbeit nicht geschaffen.

Cadan hockte sich auf den Boden, lehnte sich ein wenig zurück und bewunderte sein Werk. Wie blöd konnte man sein, den Teppichboden verlegen zu lassen, bevor die Heizkörper angestrichen worden waren, fand Cadan. Aber er hatte es geschafft, auch die letzten Tropfen mit emsigem Rubbeln zu entfernen, und er nahm an, die Spritzerchen, die jetzt noch da waren, würden die Vorhänge verdecken. Außerdem waren es die einzigen ernsthaften Spritzer, die er heute gemacht hatte, und das allein war schon eine reife Leistung.

»Wir hauen ab, Pooh«, verkündete er.

Der Papagei lotete sein Gleichgewicht auf Cadans Schulter aus und antwortete mit einem Krächzen, gefolgt von: »Schießt Bolzen auf den Kühlschrank! Ruft die Bullen! Ruft die Bullen!« - einer weiteren Kostprobe seines seltsamen Zitatenschatzes.

Die Tür öffnete sich, gerade als Pooh mit den Flügeln schlug, was üblicherweise einem Flug zum Fußboden oder aber der Ausführung einer wesentlich unwillkommeneren Körperfunktion auf Cadans Schulter vorausging. »Wehe, Kumpel«, warnte Cadan, und gleichzeitig fragte eine weibliche Stimme: »Entschuldigung, aber wer sind Sie? Was tun Sie hier?«

Die Sprecherin entpuppte sich als eine Frau in Schwarz. Cadan ahnte, dass es sich um Santo Kernes Mutter Dellen handeln müsse. Ungeschickt rappelte er sich auf, und schon gab Pooh ein weiteres Sätzchen zum Besten: »Polly will vögeln! Polly will vögeln!« Er bewies damit nicht zum ersten Mal, wie tief er von einem Moment zum anderen sinken konnte.

»Was ist das denn?«, fragte Dellen Kerne, und es war offensichtlich der Vogel, den sie meinte.

»Ein Papagei.«

Ihr Ausdruck verriet Verärgerung. »Das sehe ich selbst«, erwiderte sie. »Ich bin weder blöd noch blind. Welche Art Papagei, was tut er hier, und davon ganz abgesehen, was tunSie hier?«

»Ein mexikanischer Papagei.« Cadan spürte, wie sein Gesicht heiß wurde, aber er wusste, die Frau würde sein Unbehagen nicht bemerken, denn sein dunkler Teint neigte nicht dazu zu erröten, wenn ihm das Blut ins Gesicht stieg. »Sein Name ist Pooh.«

»Wie in Pooh der Bär?«

»Nein, wie in: >Puh, du hast schon wieder auf den Wohnzimmerteppich gekackt!<«

Ein Lächeln huschte über ihre Lippen. »Warum kenne ich Sie nicht? Warum habe ich Sie hier bisher noch nie gesehen?«

Cadan stellte sich vor. »Ben . Mr. Kerne hat mich erst gestern eingestellt. Wahrscheinlich hat er vergessen, Ihnen das zu erzählen, wegen …« Er begriff zu spät, wohin seine Worte ihn führten, um es noch verhindern zu können. Er presste die Lippen zusammen und hätte sich am liebsten in Luft aufgelöst. Er hatte den ganzen Tag nicht nur damit zugebracht, Heizkörper anzupinseln und davon zu träumen, was sich aus der Minigolfanlage machen ließ, sondern ebenso damit, eine Begegnung wie diese zu vermeiden: Auge in Auge mit einem von Santo Kernes Eltern - und das in einem Moment, da ihr Verlust noch so allgegenwärtig war, dass ihm nichts anderes übrig blieb, als in irgendeiner Weise sein Beileid zu bekunden. Er sagte: »Tut mir leid, die Sache mit Santo.«

Sie wirkte gelassen. »Natürlich tut es Ihnen leid.«

Was immer das heißen sollte. Cadan trat von einem Fuß auf den anderen. Er hielt immer noch einen Pinsel in der Hand, und plötzlich kam er sich idiotisch vor und fragte sich, was er damit tun sollte. Oder mit den Farbdosen. Sie waren ihm gebracht worden, aber es hatte ihm niemand gesagt, wo er sie am Ende des Arbeitstages hinräumen sollte, und er hatte vergessen, danach zu fragen.

»Haben Sie ihn gekannt?«, fragte Dellen unvermittelt. »Haben Sie Santo gekannt?«

»Ein bisschen. Ja.«

»Und was haben Sie von ihm gehalten?«

Jetzt stand er auf dünnem Eis. Die einzige Antwort, die Cadan einfiel, lautete: »Er hat bei meinem Dad ein Surfboard gekauft.« Er erwähnte Madlyn nicht, wollte Madlyn nicht erwähnen, wollte nicht darüber nachdenken, warum er Madlyn nicht erwähnen wollte.

»Ich verstehe. Ja. Aber das ist nicht die Antwort auf meine Frage, oder?« Dellen trat tiefer in den Raum hinein. Aus irgendeinem Grund ging sie an den Einbauschrank, öffnete ihn und schaute hinein - sprach gleichsam in den Schrank hinein, als sie sagte: »Santo war mir sehr ähnlich. Das können Sie nicht wissen, wenn Sie ihn nicht kannten. Und Sie kannten ihn nicht, oder? Nicht richtig.«

»Wie gesagt. Flüchtig. Wir sind uns hin und wieder über den Weg gelaufen. Später nicht mehr so oft, aber als er mit dem Surfen anfing, häufiger.«

»Weil Sie selber surfen?«

»Ich? Nein. Na ja, ich meine, ich hab's natürlich mal versucht. Aber es ist nicht so, als wär's die einzige Sache … Ich meine, ich habe auch noch andere Interessen.«

Sie kehrte dem Schrank den Rücken. »Wirklich? Und zwar? Sport, nehme ich an. Sie sehen sehr fit aus. Und Frauen. Für junge Männer in Ihrem Alter gehören Frauen für gewöhnlich zu den Hauptinteressen. Sind Sie genauso wie andere junge Männer?« Sie runzelte die Stirn. »Können wir das Fenster öffnen? Der Farbgeruch .«

Cadan wollte schon sagen, es sei doch ihr Hotel, und sie könne schließlich tun und lassen, was sie wollte, doch stattdessen legte er behutsam den Pinsel ab, trat ans Fenster und zwang es mit einiger Kraftanwendung auf. Es musste neu justiert oder geölt werden - oder was immer man tat, um einem Fenster eine Verjüngungskur zu verpassen.

»Danke«, sagte sie. »Ich würde gerne eine Zigarette rauchen. Rauchen Sie? Nein? Das überrascht mich. Sie sehen aus wie ein Raucher.«

Cadan wusste, sie erwartete von ihm, dass er jetzt fragte, wie ein Raucher denn wohl aussehe. Wäre sie jünger gewesen, zwischen zwanzig und dreißig vielleicht, hätte er es getan, weil er ahnte, dass eine solche Frage mit einem gewissen metaphorischen Potenzial durchaus zu interessanten Antworten führen mochte, aus welchen sich wiederum interessante Entwicklungen ergeben konnten. Doch er hielt lieber den Mund, und als sie fragte: »Es stört Sie doch nicht, wenn ich rauche?«, schüttelte er nur stumm den Kopf. Er hoffte, sie erwartete nicht, dass er ihr die Zigarette anzündete, denn sie sah genau wie die Sorte Frau aus, um die Männer üblicherweise eilfertig herumsprangen. Aber weder hatte er Streichhölzer noch ein Feuerzeug bei sich. Ihr Eindruck hatte sie indes nicht getäuscht. Er war in der Tat Raucher, hatte aber seinen Konsum in letzter Zeit ein wenig eingeschränkt, denn er hatte sich einzureden versucht, es sei der Tabak, nicht der Alkohol, der seinen Problemen zugrunde lag.

Sie zupfte ein Streichholzbriefchen aus der Zellophanfolie, die ihre Zigarettenschachtel umschloss, steckte sich eine Zigarette an, zog daran und ließ langsam den Rauch durch die Nase entweichen.

»Giftgas, Giftgas«, krähte Pooh.

Cadan zuckte zusammen. »Tut mir leid. Das hat er ungefähr eine Million Mal von meiner Schwester gehört. Er imitiert sie. Er imitiert jeden. Tja, und sie hasst es, wenn jemand in ihrem Beisein raucht.« Und dann noch einmal: »Tut mir leid«, denn sie sollte nicht glauben, er wollte sie kritisieren.

»Sie sind nervös«, bemerkte Dellen. »Das liegt an mir. Und das mit dem Papagei ist schon in Ordnung. Er weiß ja nicht, was er sagt.«

»Na ja. Stimmt schon. Obwohl … Manchmal könnte ich schwören, er weiß es ganz genau.«

»Wie die Bemerkung über das Vögeln?«

Er blinzelte. »Was?«

»>Polly will vögeln<«, rief sie ihm in Erinnerung. »Das war das Erste, was er gesagt hat, als ich ins Zimmer gekommen bin. Ich will übrigens nicht. Vögeln, meine ich. Aber ich wüsste zu gerne, warum er das gesagt hat. Ich nehme an, Sie bedienen sich des Vogels, um Frauen aufzureißen. Haben Sie ihn deshalb mitgebracht?«

»Ich nehme ihn fast überall mit hin.«

»Das ist bestimmt nicht immer praktisch.«

»Wir kommen schon klar.«

»Tatsächlich?« Sie betrachtete den Vogel, doch Cadan hatte das Gefühl, dass es nicht wirklich Pooh war, den sie ansah. Er hätte nicht sagen können,was sie sah, aber ihre nächsten Worte verrieten ihm zumindest die vage Richtung ihrer Gedanken. »Santo und ich standen einander sehr nahe. Stehen Sie Ihrer Mutter nahe?«

»Nein.« Er fügte wohlweislich nicht hinzu, dass es nahezu unmöglich war, Wenna Rice Angarrack McCloud Jackson Smythe - alias >das Miststück< - nahezustehen. Sie war niemals lange genug am selben Ort geblieben, um Nähe auch nur ansatzweise zuzulassen.

»Santo und ich standen einander sehr nahe«, wiederholte Dellen nun. »Wir waren uns sehr ähnlich. Sinnenmenschen. Wissen Sie, was das ist?« Sie gab ihm keine Gelegenheit zu antworten - nicht dass er ihr eine Definition hätte geben können - und fuhr fort: »Wir leben für Sinneserfahrungen. Für das, was wir sehen und hören und riechen können. Was wir schmecken können. Was wir berühren können. Und für das, was uns berühren kann. Wir erfahren das Leben in all seiner Vielfalt, in seinem Reichtum - ohne Schuldgefühle, ohne Angst. So war Santo. Ich habe ihm beigebracht, so zu sein.«

»Okay .« Cadan hätte allerhand darum gegeben, das Zimmer zu verlassen, aber ihm fiel einfach nicht ein, wie er seinen Abgang bewerkstelligen sollte, ohne dass es nach Flucht aussah. Er redete sich ein, dass es doch eigentlich gar nicht notwendig sei, Fersengeld zu geben und zu verschwinden, und doch hatte er das beinah instinkthafte Gefühl, dass Gefahr lauerte.

»Was sind Sie denn für einer?«, fragte Dellen, und dann: »Kann ich Ihren Vogel mal anfassen, oder beißt er?«

»Er hat es gern, wenn man ihn am Kopf krault. Wo die Ohren wären, wenn Vögel Ohren hätten. Ich meine, Ohren wie unsere. Ohrmuscheln. Hören können sie natürlich.«

»Etwa so?« Sie kam näher. Er konnte ihren Duft riechen. Moschus, witterte er. Sie streichelte den Vogel mit dem leuchtend rot lackierten Nagel des rechten Zeigefingers. Pooh ließ sich ihre Liebkosung gefallen, wie er es immer tat. Er schnurrte sogar wie eine Katze - auch so ein Laut, den er von einem früheren Besitzer gelernt hatte. Dellen lächelte den Vogel an. Zu Cadan sagte sie: »Sie haben mir nicht geantwortet. Was für ein Mensch sind Sie? Ein Sinnenmensch? Der emotionale Typ? Ein Intellektueller?«

»Wohl kaum«, erwiderte er. »Wohl kaum ein Intellektueller, meine ich.«

»Ah. Also der emotionale Typ? Von Gefühlen beherrscht? Empfindsam?«

Er schüttelte den Kopf.

»Dann müssen Sie ein Sinnenmensch sein. So wie ich. Wie Santo. Das habe ich mir schon gedacht. Man kann es Ihnen irgendwie ansehen. Ich könnte mir vorstellen, dass Ihre Freundin das sehr zu schätzen weiß. Falls Sie eine haben. Haben Sie?«

»Im Moment nicht.«

»Schade. Sie sind durchaus attraktiv. Wie kommen Sie auf Ihre Kosten, was Sex angeht?«

Mehr denn je verspürte Cadan den Drang zu fliehen, dabei tat sie gar nichts, außer den Vogel zu kraulen und mit ihm - Cadan - zu sprechen. Trotzdem: Irgendetwas stimmte ganz und gar nicht mit dieser Frau.

Und dann ging ihm plötzlich auf, was es war: Ihr Sohn war tot. Nicht nur tot, sondern ermordet worden. Er war hinüber, um die Ecke gebracht, abgemurkst, was auch immer. Wenn der eigene Sohn starb - oder die Tochter oder der Ehemann -, sollte diese Frau sich nicht die Kleider zerreißen? Sich die Haare raufen? Eimerweise Tränen vergießen?

»… denn Sie haben doch bestimmt Sex. Ein junger, viriler Mann wie Sie! Sie können mir doch nicht weismachen, dass Sie wie ein Mönch leben.«

»Ich warte auf den Sommer«, erklärte er.

Überrascht zog sie ihre Hand zurück. Ihre Finger verharrten keine zwei Zentimeter vom grünen Kopf des Vogels in der Luft. Pooh machte einen Schritt zur Seite, um wieder in ihre Reichweite zu gelangen. »Auf den Sommer?«, fragte Dellen.

»Dann ist die Stadt voller Mädchen, die hier Ferien machen.«

»Ah. Sie bevorzugen also die Kurzzeitbeziehung. Sex ohne Bindungen.«

»Na ja«, räumte er ein. »Kann man so sagen. So ist's mir am liebsten.«

»Das kann ich mir vorstellen. Sie erfüllen ihre Bedürfnisse, die Mädchen erfüllen Ihre Bedürfnisse, und alle sind glücklich. Keine Erwartungen. Ich weiß genau, was Sie meinen. Obwohl Sie das vermutlich überrascht, nehme ich an. Eine Frau in meinem Alter. Verheiratet und Mutter. Die weiß, was das bedeutet.«

Er lächelte unsicher. Es war ein unaufrichtiges Lächeln, eine pure Höflichkeitsgeste, die ihm ersparte, auf das eingehen zu müssen, was sie gesagt hatte. Er blickte zur Tür. »Tja«, sagte er und bemühte sich, dabei entschlossen zu klingen, ganz so als meinte er: Das war's dann wohl. War nett, mit Ihnen zu reden.

»Warum sind wir uns eigentlich noch nie begegnet?«, fragte sie.

»Ich habe gerade erst angefangen, hier .«

»Das weiß ich doch. Aber ich verstehe trotzdem nicht, warum wir uns bisher nie über den Weg gelaufen sind. Sie sind doch ungefähr in Santos Alter .«

»Ich bin vier Jahre älter. Er ist eher im selben Alter …«

»… und Sie sind ihm so ähnlich! Darum kann ich mir gar nicht vorstellen, wieso Sie nie mit ihm hergekommen sind.«

»… wie meine Schwester, Madlyn«, beendete er den Satz. »Wahrscheinlich kennen Sie Madlyn. Meine Schwester. Sie und Santo waren . Na ja, sie waren . was immer Sie es nennen wollen.«

»Was?«, fragte Dellen verwirrt. »Von wem sprechen Sie?«

»Von Madlyn. Madlyn Angarrack. Sie . Santo und sie . waren ungefähr, ich weiß nicht, achtzehn Monate zusammen. Oder zwei Jahre. So was in der Richtung. Sie ist meine Schwester. Madlyn ist meine Schwester.«

Dellen sah ihn mit großen Augen an. Dann stierte sie an ihm vorbei, den Blick ins Leere gerichtet. Ihre Stimme klang vollkommen anders, als sie sagte: »Wie eigenartig. Madlyn, sagten Sie?«

»Genau. Madlyn Angarrack.«

»Und sie und Santo waren . was genau?«

»Freund und Freundin. Partner. Ein Liebespaar. Was auch immer.«

»Sie machen wohl Witze.«

Er schüttelte verwirrt den Kopf. Warum glaubte sie nur, er machte Witze? »Sie haben sich kennengelernt, als er bei meinem Dad ein Board kaufen wollte. Madlyn hat ihm das Surfen beigebracht. Santo, meine ich. Nicht meinem Dad. So sind sie sich nähergekommen. Und dann … Ich schätze, man kann sagen, von da an haben sie permanent zusammengesteckt, und daraus hat sich alles Weitere entwickelt.«

»Und Sie sagten, Madlyn war ihr Name?«, fragte Dellen.

»Ja. Madlyn.«

»Achtzehn Monate zusammen?«

»Ja, so was in der Richtung.«

»Warum habe ich sie dann nie getroffen?«

Als Detective Inspector Bea Hannaford mit Constable McNulty im Schlepptau zur Polizeiwache zurückkam, stellte sie erfreut fest, dass Ray ihren Wunsch nach einer Einsatzzentrale in Casvelyn erfüllt hatte. Darüber hinaus hatte Sergeant Collins begonnen, diese Einsatzzentrale mit einer professionellen Umsicht einzurichten, die sie geradezu verblüffte. Er hatte es irgendwie geschafft, den Konferenzraum in der ersten Etage aufzuräumen, der nun bereitstand, komplett mit Magnettafeln, an denen Fotos von Santo Kerne hingen - lebend ebenso wie tot - und wo die anstehenden Aktivitäten aufgelistet werden konnten. Des Weiteren gab es Schreibtische, Telefone, Computer mit Zugriff auf die HOLMES-Datenbank, Drucker, einen Aktenschrank und Büromaterial. Das Einzige, worüber diese Einsatzzentrale leider nicht verfügte, war der wichtigste Bestandteil einer jeden Ermittlung: ein Team ausgebildeter Kriminalbeamter.

Mangels Mordkommission befand sich Bea in einer Lage, um die sie wohl niemand beneidete: Sie musste die Ermittlungen allein mit McNulty und Collins führen, bis sie weitere Unterstützung zugeteilt bekam. Da diese Unterstützung allerdings zusammen mit der Einrichtung in der Einsatzzentrale hätte eintreffen sollen, befand Bea die Situation für inakzeptabel. Darüber hinaus war sie verärgert. Sie wusste genau, dass ihr Exmann binnen drei Stunden ein Ermittlerteam von Land's End bis nach London schaffen konnte, wenn Not am Mann war.

»Verdammt«, brummte sie. Sie befahl McNulty, anhand seiner Notizen einen Bericht zu tippen, dann ging sie zu einem der Schreibtische in der Ecke, wo sie sehr bald feststellte, dass die Anwesenheit eines Telefons noch lange nicht bedeutete, dass dieses auch an eine Leitung angeschlossen war. Sie warf Collins einen vielsagenden Blick zu, und der Sergeant entschuldigte sich mit den Worten: »British Telecom sagt, in ungefähr drei Stunden. Hier oben liegt kein Verteiler, darum müssen sie erst jemanden aus Bodmin schicken, der den Anschluss legt. Bis dahin müssen wir die Handys oder die Telefone unten benutzen.«

»Wissen die, dass es hier um eine Mordermittlung geht?«

»Ich hab's ihnen gesagt«, versicherte er, aber sein Tonfall implizierte, dass dies der Telefongesellschaft gleichgültig gewesen war.

Bea fluchte erneut und zog ihr Handy aus der Tasche. Sie tippte Rays Büronummer ein. »Irgendwer muss irgendwo etwas missverstanden haben«, kam sie sofort zur Sache, sowie sie ihn endlich am Apparat hatte.

»Beatrice. Hallo«, antwortete er. »Schön, deine Stimme zu hören. Das hab ich doch gern gemacht mit der Einsatzzentrale. Habe ich Pete heute Abend wieder?«

»Ich rufe nicht wegen Pete an. Wo ist mein Team?«

»Ach so. Das. Nun, da gibt es ein kleines Problem.« Und dann rückte er mit der Sprache heraus: »Klappt leider nicht, Liebes. Im Moment steht einfach kein Kripo-Team zur Verfügung, das ich nach Casvelyn schicken könnte. Du kannst natürlich in Dorset oder Somerset anrufen und fragen, ob sie jemanden entbehren können, oder ich kann es für dich tun. Für den Übergang hatte ich eine Taucherstaffel, die ich dir schicken könnte.«

»Eine Taucherstaffel?«, wiederholte sie. »EineTaucherstaffel, Ray? Das hier ist eine Mordermittlung! Mord! Kapitalverbrechen! Ich brauche ein ausgebildetes Ermittlerteam.«

»Nichts zu machen. Ich habe alles versucht. Ich habe dir ja gleich vorgeschlagen, deine Einsatzzentrale lieber in .«

»Willst du mir eigentlich irgendetwas heimzahlen?«

»Mach dich nicht lächerlich! Du bist doch diejenige, die …«

»Wage ja nicht, so anzufangen! Das hier ist rein beruflich.«

»Ich glaube, ich behalte Pete bei mir, bis ihr den Fall geklärt habt«, fuhr er liebenswürdig fort. »Du wirst sehr beschäftigt sein. Ich möchte nicht, dass er alleine ist. Das halte ich für keine gute Idee.«

»Du willst nicht, dass er …Du willst …« Sie war sprachlos, und das passierte ihr bei Ray so selten, dass allein die Tatsache sie umso mehr vor den Kopf stieß. Sie musste dieses Telefonat beenden. Wäre sie dazu fähig gewesen, hätte sie es in Würde und mit einer adäquaten Bemerkung getan, aber sie war nur mehr in der Lage, das Gespräch mit einem viel zu heftigen Knopfdruck zu unterbrechen und das Handy anschließend auf den Schreibtisch zu schleudern.

Als es Sekunden später zu klingeln begann, war sie überzeugt, es sei ihr Exmann, der sich entschuldigen wollte oder - was in seinem Fall wahrscheinlicher war - ihr einen Vortrag über die Regularien der Polizeiarbeit zu halten gedachte, über ihre Neigung zu kurzsichtigen Entscheidungen, darüber, dass sie ständig die Grenzen des Erlaubten überschritt und dann erwartete, dass irgendwer für sie intervenierte. Sie schnappte sich das Handy und fauchte hinein: »Was?Was?«

Doch es war das kriminaltechnische Labor. Ein gewisser Duke Clarence Washoe - was hatten seine Eltern sich nur dabei gedacht, ihm einen derart bizarren Namen zu geben? - meldete, dass die Untersuchung der Fingerabdrücke abgeschlossen sei.

»Ein totales Durcheinander, Ma'm«, sagte er.

»Chefin«, verbesserte sie. »Oder Detective Inspector Hannaford. Aber nicht Ma'm oder Madam oder irgendetwas in dieser Art, was sich so anhört, als wären Sie und ich verwandt oder als gehörte ich zur königlichen Familie. Ist das klar?«

»Oh. In Ordnung. Tut mir leid.« Pause. Es schien, als brauchte er einen Moment, um sich zu sammeln und seine Nachricht neu zu formulieren. »Wir haben Fingerabdrücke von Ihrem Kunden überall im Wagen .«

»Opfer«, fuhr Bea dazwischen. Welch ein Fluch amerikanische Fernsehserien doch für die normale zwischenmenschliche Kommunikation waren, dachte sie bei sich. »Nicht >Kunde<. Opfer. Oder Santo Kerne, wenn Sie das vorziehen. Wir wollen ihm doch wenigstens ein klein wenig Respekt zollen, Mr. Washoe.«

»Duke Clarence«, sagte er. »Sie können mich Duke Clarence nennen.«

»Es wird mir ein großes Vergnügen sein«, antwortete sie. »Fahren Sie fort.«

»Elf Sätze außen am Wagen. Im Innenraum sieben: von Ihrem Kun. von dem toten Jungen und von sechs weiteren Personen, die überdies Fingerabdrücke auf der Beifahrertür, dem Holm, den Fensterhebern und auf dem Handschuhfach hinterlassen haben. Wir haben auch Abdrücke auf den CD-Hüllen. Von dem Jungen und drei anderen.«

»Und auf der Kletterausrüstung?« »Die einzig brauchbaren Fingerabdrücke sind auf dem Klebeband. Aber sie stammen von Santo Kerne.«

»Verflucht«, brummte Bea.

»Und wir haben einen schönen, deutlichen Satz auf dem Kofferraumdeckel. Ich würde sagen, ziemlich frisch. Keine Ahnung, ob der Sie weiterbringt.«

Kein Stück, dachte Bea. Jeder, der in der Stadt irgendeine Straße überqueren wollte und dabei an der Mistkarre vorbeigegangen war, hätte unwillkürlich den Kofferraum berühren und sich darauf abstützen können. Sie würde von jeder Person, die auch nur im Entferntesten mit Santo Kerne zu tun gehabt hatte, die Fingerabdrücke nehmen lassen und sie in die Kriminaltechnik schicken müssen. Doch dann wurde ihr klar: Herauszufinden, wer seine Fingerabdrücke am Wagen des Jungen hinterlassen hatte, würde sie nicht wesentlich weiterbringen. Das war eine ziemliche Enttäuschung.

»Lassen Sie mich wissen, was Sie sonst noch herausbekommen«, bat sie Duke Clarence Washoe. »An diesem Auto muss sich doch irgendetwas finden lassen, was uns weiterhilft.«

»Wir haben ein paar Haare an der Kletterausrüstung gefunden. Vielleicht sind die ja brauchbar.«

»Mit Gewebe daran?«, fragte sie hoffnungsvoll.

»Allerdings.«

»Dann verwahren Sie sie gut! Weiter so, Mr. Washoe!«

»Duke Clarence«, erinnerte er sie.

»Ach, richtig. Das hatte ich ganz vergessen.« Und damit legte sie auf.

Sie ließ sich auf den Schreibtischstuhl fallen und sah Constab- le McNulty auf der anderen Seite des Raums einen Augenblick lang wie hypnotisiert dabei zu, wie er seinen Bericht tippte - bis ihr auffiel, dass er überhaupt nicht tippen konnte. Mit dem Zeigefinger kreiste er suchend über den Tasten, sodass nach jedem Buchstaben großzügige Pausen entstanden. Sie wusste, wenn sie ihm länger als dreißig Sekunden zusah, würde sie anfangen müssen zu schreien, also erhob sie sich und ging zur Tür.

Dort kam Sergeant Collins auf sie zu. »Telefon …«

»Gott sei Dank! Wo sind sie?«

»Wer?«

»British Telecom.«

»British Telecom? Die sind noch nicht hier.«

»Aber was .«

»Telefon. Unten. Ein Anruf für Sie. Es ist ein Kollege aus …«

»Middlemore«, beendete sie den Satz für ihn. »Das ist mein Exmann. Assistant Chief Constable Hannaford. Wimmeln Sie ihn ab! Ich habe jetzt keine Zeit.« Sie nahm an, dass Ray es in der Zwischenzeit auf ihrem Handy versucht hatte, und jetzt kam er übers Festnetz. Er hatte reichlich Zeit gehabt, sich in Rage zu bringen, und dem wollte sie sich nicht unbedingt aussetzen. »Sagen Sie ihm, ich bin gerade in einer wichtigen Sache unterwegs«, bat sie. »Er soll mich morgen zurückrufen. Oder später zu Hause.« Das war sie ihm wohl schuldig.

»Es ist nicht ACC Hannaford«, wandte Collins ein.

»Sie sagten, ein Kollege .«

»Jemand namens Sir David .«

»Was ist bloß los mit den Menschen?«, seufzte Bea. »Ich habe gerade mit einem Duke Clarence oben in Chepstow telefoniert, und jetzt haben wir einen Sir David?«

»Hillier heißt er«, erklärte Collins. »Sir David Hillier. Assistant Com- missioner bei Scotland Yard.«

»Scotland Yard?«, fragte Bea. »Das hat uns gerade noch gefehlt.«

Als seine übliche Zeit für ein Gläschen im Salthouse Inn gekommen war, hatte Selevan Penrule es bitter nötig. Und er fand, er hatte es sich überdies verdient. Irgendetwas Starkes von den Sixteen Men of Tain - oder wie viele es auch immer waren, die bei Glenmorangie den Whisky machten. Sich an einem einzigen Tag mit der Sturheit seiner Enkelin und der Hysterie seiner Schwiegertochter herumplagen zu müssen, hätte wohl jedem Kerl einiges abverlangt. Kein Wunder, dass David sie alle nach Rhodesien verfrachtet hatte. Er hatte sich wahrscheinlich gedacht, eine anständige Portion Hitze, Cholera, TB, Schlangen und Tsetsefliegen, was immer sie in diesem grauenhaften Klima auch haben mochten, würde die beiden schon zur Räson bringen. Aber nach Tam- mys Benehmen und Sally Joys Stimme am Telefon zu urteilen, war sein Plan nicht einmal ansatzweise aufgegangen.

»Isst sie denn vernünftig?«, hatte Sally Joy aus den Tiefen Afrikas gefragt, wo eine stabile Telefonverbindung anscheinend ähnlich wundersam gewesen wäre wie die spontane Verwandlung einer Katze in einen zweiköpfigen Löwen. »Betet sie immer noch, Vater Penrule?«

»Sie .«

»Hat sie endlich zugenommen? Wie viel Zeit verbringt sie auf den Knien? Was ist mit der Bibel? Hat sie eine Bibel?«

Quatschender, latschender Jesus!, dachte Selevan und verdrehte die Augen. Sally Joy machte ihn schon ganz schwindelig. »Ich hab euch doch gesagt, ich pass auf sie auf. Und das tu ich. Sonst noch was?«

»Ja, ich bin eine Nervensäge. Ich weiß. Aber du ahnst ja nicht, wie es ist, eine Tochter zu haben.«

»Ichhatte eine, erinnerst du dich? Und vier Söhne, falls du's vergessen haben solltest.«

»Ich weiß. Ichweiß. Aber in Tammys Fall …«

»Entweder überlässt du sie mir, oder ich schicke sie euch zurück.«

Damit war er durchgedrungen. Das Letzte, was Sally Joy und David wünschten, war, ihre Tochter zurück in Afrika zu haben, all dem Elend ausgesetzt und in der Überzeugung, sie könnte allen Ernstes irgendetwas tun, um es zu lindern.

»In Ordnung. Schon verstanden. Du tust, was du kannst.«

Und ich mache meine Sache besser als ihr, dachte Selevan. Aber das war, bevor er Tammy auf Knien erwischt hatte. Sie hatte sich etwas gebaut, was er als Gebetsbank identifiziert hatte - sie bezeichnete es als ein Prie-Dingsbums, aber Selevan hielt nichts von derart hochgestochenen Ausdrücken. Es stand in ihrer winzigen Schlafecke im Caravan, und zuerst hatte er gedacht, sie wollte ihre Kleidung darüber hängen, so wie es Geschäftsreisende in schicken Hotels mit ihren Anzügen taten. Kurz nach dem Frühstück hatte er sich auf die Suche nach ihr begeben, um sie zur Arbeit zu fahren, und da hatte er sie vor dem Bänkchen kniend vorgefunden, vertieft in ein Buch, das aufgeschlagen auf dem schmalen Bord vor ihr lag. Zu spät hatte er gesehen, dass sie nur las, denn zuerst hatte er gedacht, das Mädchen wäre schon wieder mit irgendeinem vermaledeiten Rosenkranz zugange, und das, obwohl er Tammy schon zwei von den Dingern weggenommen hatte. Er hatte sie bei den Schultern gepackt und zurückgerissen. »Schluss mit dem Unsinn«, hatte er befohlen, und erst da hatte er das Buch gesehen.

Es war nicht einmal eine Bibel. Aber viel besser war es auch nicht. Sie studierte die Schriften irgendeiner Heiligen. »Die heilige Theresa von Avila«, eröffnete sie ihm. »Granddad, das istPhilosophie.«

»Wenn es das Geschreibsel irgendeiner Heiligen ist, ist es religiöser Quatsch«, hatte er erklärt und ihr das Buch aus den Händen gerissen. »Du stopfst dir den Kopf voll Unsinn.«

»Das ist nicht fair«, hatte sie erwidert, und ihre Augen waren feucht geworden.

Schweigend waren sie anschließend nach Casvelyn gefahren. Tammy hatte sich von ihm abgewandt, sodass alles, was er von ihr sehen konnte, ihre trotzige, schmale Kinnlinie war und ihr glanzloses Haar. Sie schniefte. Ihm war klar, dass sie weinte, und er fühlte … Er wusste nicht so recht, was er fühlte. Er verfluchte ihre Eltern, dass sie sie ihm geschickt hatten. Er versuchte doch nur, dem Mädchen zu helfen, es zu dem bisschen Verstand zu bringen, das es noch hatte, ihm klarzumachen, dass es sein Lebenleben sollte, statt sich zu vergraben und immer nur über die Taten von Heiligen und Sündern zu lesen.

Es war Verärgerung, die er fühlte. Mit Trotz konnte er umgehen. Er konnte brüllen und streng sein. Aber Tränen …

»Das waren alles Lesben, weißt du das eigentlich?«

»Red doch kein dummes Zeug«, erwiderte sie leise und weinte noch ein bisschen heftiger.

Das erinnerte ihn an seine Tochter, Nan. An eine Autofahrt und Nan in genau dieser Position, abgewandt von ihm. »Es ist doch nur Exeter«, hatte sie gejammert. »Es ist nur eine Disco, Dad.« Und seine Antwort: »Solange du die Füße unter meinen Tisch stellst, gibt es solchen Unfug nicht. Also wisch dir die Tränen weg, oder es setzt was.«

War er wirklich so streng mit ihr gewesen, wo sie doch einzig und allein mit ihren Freundinnen hatte ausgehen wollen? Doch, das war er. Das hatte er sein müssen. Denn damit fing es immer an: ein Zug um die Häuser mit ein paar Freundinnen, und es endete in Schande.

All das kam ihm jetzt so unschuldig vor. Was hatte er sich nur dabei gedacht, Nan ein paar Stunden Spaß zu verwehren, nur weil er selbst keinen gehabt hatte, als er jung gewesen war?

Der Tag schleppte sich unerträglich langsam dahin, und Selevans Stimmungsbarometer fiel auf ein Rekordtief. Er war mehr als bereit für die sechzehn Männer von Tain, als endlich die Zeit kam, da er für gewöhnlich im Salthouse Inn einkehrte. Ebenso bereit war er für eine unkomplizierte Unterhaltung unter Männern, und genau die gedachte er mit seinem üblichen Trinkgefährten zu führen, der in der verräucherten Kaminecke im Schankraum des Salthouse Inn schon auf ihn wartete, als er am späten Nachmittag dort eintraf.

Es handelte sich um Jago Reeth. Er hatte beide Hände um sein Glas Guinness gelegt, die Füße um die Stuhlbeine geschlungen und saß vornüber gebeugt, sodass seine Brille - die an der Schläfe mit einem Stückchen Draht repariert war - auf die Spitze seiner knochigen Nase gerutscht war. Er trug seine übliche Montur aus speckigen Jeans und Sweatshirt, und seine Stiefel waren wie immer grau vom Polystyrolstaub, der in der Surfbrettwerkstatt anfiel. Er hatte das Rentenalter längst erreicht, aber wenn man ihn darauf ansprach, konterte er gerne: Alte Surfer sind eben nicht totzukriegen. Sie suchen sich nur einen anständigen Job, wenn ihre Tage auf dem Wasser vorüber sind.

Der Grund, warum diese Tage für Jago vorüber waren, war Parkinson. Selevan verspürte stets eine Art ruppiges Mitgefühl für seinen Altersgenossen, wenn er sah, wie dessen Hände zitterten. Aber Jago winkte immer nur ab. »Ich hatte meine gute Zeit«, sagte er gern. »Jetzt sind eben die jungen Leute dran.«

Darum war er der perfekte Beichtvater für Selevan, und auf die Frage: »Wie geht's?«, berichtete er, sowie er seinen Glenmorangie in Händen hielt, von seinem morgendlichen Zusammenstoß mit Tammy. Jago führte sein Glas an die Lippen. Er brauchte dazu beide Hände, bemerkte Selevan.

»Wenn das so weitergeht, wird noch eine Lesbe aus ihr«, schloss er seinen Bericht.

Jago zuckte die Schultern. »Na ja, Kumpel, Kinder muss man das tun lassen, was sie tun wollen. Alles andere bringt nichts als Kummer. Und ob's das wert ist …«

»Aber ihre Eltern .«

»Was wissen Eltern schon? Was wusstest du denn, wenn du mal ehrlich bist? Und du hattest - wie viele? Fünf Kinder? Und ich wette, du hattest von Tuten und Blasen keine Ahnung, als du sie großgezogen hast.«

Er hatte tatsächlich in vielerlei Hinsicht von Tuten und Blasen keine Ahnung gehabt, gestand Selevan sich ein - auch in Bezug auf seine Frau. Er war viel zu sehr damit beschäftigt gewesen, wütend darüber zu sein, dass er sich mit dem blöden Milchvieh herumplagen musste, statt das zu tun, was er wirklich wollte: zur Navy gehen, die Welt bereisen, nichts wie raus aus Cornwall. Er hatte seine Rolle als Vater genauso vermasselt wie die als Ehemann, und als Landwirt war er auch nicht viel besser gewesen.

Seine Stimme klang nicht unfreundlich, als er sagte: »Du hast leicht reden, Kumpel.« Denn Jago hatte keine Kinder, war nie verheiratet gewesen und hatte seine Jugend und seine mittleren Jahre damit verbracht, den Wellen nachzufolgen.

Als Jago lächelte, entblößte er Zähne, die viel gearbeitet, aber wenig Wartung erfahren hatten. »Hast ja recht«, lenkte er ein. »Ich sollte besser die Klappe halten.«

»Wie soll ein alter Knacker wie ich so ein junges Ding überhaupt verstehen?«, fragte Selevan.

»Ich glaube ja, man kann nicht viel mehr tun als dafür sorgen, dass sie nicht allzu früh schwanger werden.« Jago kippte den Rest seines Guinness hinunter und stand auf. Er war groß, und er brauchte einen Moment, um seine langen Stelzen von den Stuhlbeinen zu entflechten. Während Jago am Tresen auf ein frisches Bier wartete, dachte Selevan darüber nach, was sein Freund gerade gesagt hatte.

Es war ein guter Rat, nur ließ er sich auf Tammy nicht anwenden. Sie lief mitnichten Gefahr, schwanger zu werden. Sie hatte schließlich nicht das geringste Interesse an dem, was ein Mann zwischen den Beinen hatte. Wenn das Kind je schwanger würde, wäre dies ein Grund zum Feiern, kein Anlass zu der Entrüstung, die Eltern und andere Verwandte in einem solchen Fall üblicherweise an den Tag legten.

»Ich hab noch nie eine Lesbe im Haus gehabt«, sagte er, als Jago zurückkam.

»Warum fragst du sie denn nicht einfach danach?«

»Ach, und wie um Himmels willen soll ich das formulieren?«

»>Ist dir eine Muschi lieber als ein Schwanz, mein Kind? Oh, wirklich? Wie kommt's?<«, schlug Jago vor und grinste breit. »Sieh mal, Kumpel, du musst ihr die Tür aufhalten und vorgeben, das, was sich vor deiner Nase abspielt, gar nicht zu bemerken. Kinder sind heute ganz anders als zu der Zeit, als wir jung waren. Sie fangen zwar früh an, aber sie haben keine Ahnung, was sie da eigentlich treiben. Deine Aufgabe ist es, sie zu führen, ohne sie herumzukommandieren.«

»Das versuche ich ja«, erwiderte Selevan.

»Das Entscheidende ist eben,wie man es macht.«

Da konnte Selevan nicht widersprechen. Bei seinen eigenen Kindern hatte er alles falsch gemacht, und jetzt tat er mit Tammy nichts anderes. Er musste zugeben, dass Jago Reeth im Gegensatz zu ihm selbst ein Talent hatte, mit jungen Leuten umzugehen. Selevan hatte mehrfach beobachtet, wie beide Angarrack-Kinder Jago in seinem Caravan in Sea Dreams besucht hatten. Und als dieser Junge - Santo Kerne - bei Selevan vorbeigeschaut hatte, um ihn um Erlaubnis zu bitten, den Weg zum Strand über sein Gelände abkürzen zu dürfen, hatte er letztlich mehr Zeit mit dem alten Surfer verbracht als auf dem Wasser. Zusammen hatten sie Santos Board gewachst, die Finnen gesetzt, es auf Unebenheiten und Kerben untersucht, oder sie hatten in Liegestühlen auf dem Stückchen struppigen Rasen vor Jagos Caravan gesessen und sich unterhalten. Worüber nur?, fragte sich Selevan. Wie redete man mit einer anderen Generation?

Als hätte er die Frage laut gestellt, antwortete Jago: »Es hat mehr mit Zuhören zu tun als mit allem anderen. Man darf ihnen keine Vorträge halten, ganz egal wie sehr es einen dazu drängt. Oder eine Predigt. Mein Gott, wie gern ich ihnen manchmal eine Predigt halten würde! Aber ich warte, bis sie von selber kommen und mich fragen: >Also, was denkst du?< Und dann hat meine Stunde geschlagen. So einfach ist das.« Er zwinkerte. »Sie haben es aber auch nicht leicht. Verbring eine Viertelstunde mit ihnen, und das Letzte, was du zurückwillst, ist deine Jugend. Trauma und Tränen, ich sag's dir .«

»Du meinst das Mädchen«, sagte Selevan wissend.

»Ja, ja. Das Mädchen. Ist ordentlich auf die Nase gefallen. Hatte mich vorher nicht um Rat gefragt. Hinterher im Übrigen auch nicht.« Er nahm einen großzügigen Schluck aus seinem Glas und ließ ihn im Mund umherrollen - vermutlich die einzige Mundhygiene, die er je betrieb, mutmaßte Selevan. »Aber zu guter Letzt habe ich meine eigene Regel gebrochen.«

»Du hast ihr eine Predigt gehalten?«

»Ich habe ihr gesagt, was ich an ihrer Stelle täte.«

»Und zwar?«

»Den Bastard umbringen.« Jago sagte es leichthin, so als wäre Santo Kerne nicht so tot wie eine Weihnachtsgans auf der Festtagstafel. Selevan zog unwillkürlich die Brauen in die Höhe, doch Jago fuhr fort: »Aber weil das natürlich unmöglich war, habe ich ihr geraten, es quasi symbolisch zu tun: die Vergangenheit zu begraben. Sich davon zu verabschieden. Sie auf dem Scheiterhaufen zu verbrennen. Einfach alles ins Feuer zu werfen, was irgendwie an sie beide zusammen erinnert. Tagebücher. Briefe. Karten. Fotos. Geschenke zum Valentinstag. Teddybären. Gebrauchte Kondome von ihrer allerersten Nummer - falls sie diesbezüglich sentimentale Gefühle hätte. Einfach alles. Ich hab ihr gesagt, sie soll all das loswerden und mit ihrem Leben weitermachen.«

»Auch das ist leicht gesagt«, warf Selevan ein.

»Da hast du recht. Aber wenn es das erste Mal für ein Mädchen war und sie bis zum Äußersten gegangen sind, ist es der einzige Weg. Sie muss eine Art seelischen Hausputz machen, um den Kerl loszuwerden, wenn du mich fragst. Wozu sie sich letztlich sogar durchgerungen hatte, bis … Na ja, bis es passiert ist.«

»Schlimme Sache.«

Jago nickte. »Das macht es für das Mädchen noch schrecklicher. Wie soll sie sich jetzt im Nachhinein ein realistisches Bild von Santo Kerne machen? Nein. Sie wird alle Hände voll zu tun haben, über diese Sache hinwegzukommen. Ich wünschte mir, all das wäre nicht passiert. Er war kein übler Bursche, aber er hatte seine Macken, und sie hat das nicht rechtzeitig erkannt. Erst als der Zug längst Fahrt aufgenommen hatte. Und da blieb ihr nichts anderes mehr übrig, als beiseitezuspringen.«

»Verdammte Sache, die Liebe«, sagte Selevan.

»Ein Killer«, stimmte Jago zu.

10

Lynley betrachtete das Gertrude-Jekyll-Buch, die Fotos und Zeichnungen von Gärten, die in Frühlingsfarben leuchteten. Die Töne waren weich und beruhigend, und während er sie ansah, konnte er fast fühlen, wie es wäre, auf einer jener verwitterten Steinbänke zu sitzen und sich in der pastellfarbenen Blütenpracht zu ergehen. Gärten sollten so sein wie diese hier, dachte er. Nicht wie die formalen Parterres des elisabethanischen Zeitalters: zurechtgestutzte Büsche und beschnittene Vegetation. Sie sollten die üppige Imitation dessen sein, was die Natur hervorbringen würde, wenn alles Unkraut verbannt wäre, die übrigen Pflanzen sich jedoch frei entwickeln durften: Farbranken, die sich ungehindert auf Rasenflächen ergossen, Beeteinfassungen aus blühenden Kräutern und Pfade, die sich dazwischen hindurchschlängelten, wie sie es auch in freier Natur getan hätten. Ja, Gertrude Jekyll hatte gewusst, was sie tat.

»Sie sind wunderschön, nicht wahr?«

Lynley sah auf. Daidre Trahair stand vor ihm und streckte ihm ein Stielglas entgegen. Sie vollführte eine kleine, entschuldigende Geste, nickte auf das Glas hinab und sagte: »Ich habe nur Sherry als Aperitif. Ich glaube, er steht hier, seit ich das Cottage habe, und das sind … vier Jahre?« Sie lächelte. »Ich trinke nicht viel, darum weiß ich nicht . Kann Sherry überhaupt schlecht werden? Ehrlich gesagt, weiß ich nicht einmal, ob er trocken oder süß ist. Aber ich schätze mal, süß. Auf der Flasche stand >cream<.«

»Dann ist er süß«, bestätigte Lynley. »Danke.« Er nahm das Glas. »Sie trinken keinen?«

»Meiner steht in der Küche.«

»Und Sie erlauben wirklich nicht, dass ich Ihnen helfe?« Er nickte in die Richtung, wo eben noch Küchengeräusche zu hören gewesen waren. »Ich bin nicht besonders geschickt in diesen Dingen. Ehrlich gesagt, ich bin ein hoffnungsloser Fall. Aber ich könnte vielleicht irgendetwas schnippeln. Oder abmessen. Ich darf wohl mit Fug und Recht behaupten, dass ich das reinste Genie im Abmessen mit Tassen und Löffeln bin.«

»Das tröstet mich«, antwortete sie. »Sind Sie in der Lage, einen Salat zuzubereiten, wenn alle Zutaten vor Ihnen liegen und Sie keine kritischen Entscheidungen treffen müssen?«

»Solange ich kein Dressing anrühren muss. Sie sollten mir lieber keine Essig- und Ölflaschen anvertrauen oder was immer man auch braucht, um ein Salatdressing zuzubereiten.«

»So hoffnungslos können Sie doch gar nicht sein«, entgegnete Daid- re lachend. »Ich bin sicher, Ihre Frau …« Sie brach ab. Ihr Gesichtsausdruck veränderte sich - vermutlich, so nahm er an, weil der seine sich verändert hatte. Bedauernd senkte sie den Kopf. »Es tut mir leid, Thomas. Es ist schwierig, sie nicht zu erwähnen.«

Lynley erhob sich, das Jekyll-Buch noch immer in Händen. »Helen hätte diese Gärten geliebt«, sagte er. »In unserem Garten in London hat sie immer die verblühten Rosen zurückgeschnitten. Das fördere die Knospenbildung, hat sie gesagt.«

»Und damit hatte sie völlig recht. Mochte sie die Gartenarbeit denn?«

»Sie hielt sich gern in Gärten auf. Ich glaube, sie mochte eher die Ergebnisse als die Gartenarbeit selbst.«

»Aber Sie wissen es nicht genau?«

»Nein.« Er hatte sie nie danach gefragt. Manchmal war er nach Hause gekommen und hatte sie im Garten angetroffen, die Rosenschere in der Hand und einen Eimer mit abgeschnittenen Blüten zu ihren Füßen. Dann hatte sie ihn angesehen, sich das dunkle Haar aus dem Gesicht gestrichen und irgendetwas über Rosen gesagt, über Gärten im Allgemeinen, und was sie sagte, zwang ihn zu einem Lächeln. Und das Lächeln wiederum brachte ihn dazu, die Welt jenseits der Ziegelmauern ihres Gartens zu vergessen, eine Welt, die tunlichst vergessen und weggeschlossen werden musste, damit sie sich nicht in das Leben drängte, das er und Helen sich teilten. »Sie konnte übrigens auch nicht kochen«, erzählte er Daidre. »Sie kochte schauderhaft. Absolut grässlich.«

»Das heißt, es hat keiner von Ihnen beiden je gekocht?«

»Genau so war's. So etwas wie Eier auf Toast habe ich natürlich schon zustande gebracht, und Helen war unschlagbar darin, Konservendosen mit Suppe, Bohnen oder Räucherlachs zu öffnen, obwohl man anschließend damit rechnen musste, dass sie die Dose in die Mikrowelle stellte und einen Kurzschluss verursachte, der das ganze Haus lahmlegte. Nein, wir hatten jemanden eingestellt, der für uns gekocht hat. Das war die einzige Alternative zu Curry vom Inder an der Ecke - oder Verhungern. Und kein Mensch kann Tag für Tag Curry essen.«

»Bedauerlich«, sagte Daidre. »Kommen Sie! Vielleicht können Sie von mir noch etwas lernen.«

Sie ging zurück in die Küche, und er folgte ihr. Aus einem Schrank zauberte sie eine Holzschüssel, deren Rand mit primitiven Schnitzereien von Tänzerfiguren verziert war, fand ein Schneidebrett und eine Auswahl an Lebensmitteln, die selbst für ihn allesamt leicht zu identifizieren waren und die die Grundlage für den Salat bilden sollten, drückte ihm ein Messer in die Hand und hieß ihn, sich an die Arbeit zu machen. »Werfen Sie einfach alles zusammen. Das ist das Wunderbare an einem Salat. Und wenn die Schüssel voll ist, bringe ich Ihnen bei, wie man ein schlichtes Dressing zubereitet, das auch Ihre erbärmlichen Kochkünste nicht überfordern wird. Irgendwelche Fragen?«

»Ich bin überzeugt, sie werden sich während der Entstehung dieses Werkes ergeben.«

Sie arbeiteten in einträchtigem Schweigen. Lynley bereitete den Salat zu, Daidre ein Gericht aus grünen Bohnen und Minze. Aus dem Ofen duftete es bereits nach Pastete, während irgendetwas anderes auf dem Herd vor sich hinsimmerte. Nach einer Weile war das Essen fertig, und Daidre instruierte Thomas Lynley in der Kunst des Tischdek- kens. Er wäre dazu durchaus in der Lage gewesen, doch er ließ zu, dass sie es ihm vormachte; das gab ihm die Möglichkeit, sie zu beobachten und einzuschätzen.

Er war sich nur zu bewusst, welche Instruktionen DI Hannaford ihm mit auf den Weg gegeben hatte, und auch wenn ihm der Gedanke nicht gefiel, Daidre Trahairs Gastfreundschaft für seine Erkundungen zu missbrauchen, statt sie lediglich als Einladung in ihre Welt zu betrachten, so gewann der Ermittler in ihm doch die Oberhand. Also beobachtete er und wartete und blieb wachsam für etwaige Brosamen an Informationen, die er womöglich über sie würde sammeln können.

Es waren nicht viele. Daidre war äußerst umsichtig. Was an sich schon eine wertvolle Brosame war.

Sie nahmen ihr Mahl in dem winzigen Esszimmer zu sich, wo ein Stück Pappe über dem Fenster ihn daran erinnerte, dass er immer noch die Scheibe für sie reparieren musste. Daidre hatte ein Gericht zubereitet, das sie Portobello Wellington nannte, dazu gab es Kuskus mit getrockneten Tomaten, grüne Bohnen mit Knoblauch und Minze und seinen Salat, der mit Öl, Essig, Senf und italienischen Kräutern angemacht war. Wein gab es keinen, nur Zitronenwasser. Sie entschuldigte sich dafür, genau wie zuvor für den Sherry. Sie hoffe überdies, er habe nichts gegen ein vegetarisches Essen einzuwenden. Sie sei zwar keine Veganerin, erklärte sie; sie sehe weiß Gott keine Sünde darin, Tierprodukte wie Eier zu verspeisen. Aber was das Fleisch anderer Kreaturen betreffe, die diesen Planeten mit ihr teilten - das scheine ihr dann doch zu . na ja, kannibalisch. »Was immer den Tieren widerfährt, widerfährt auch den Menschen«, führte sie aus. »Alle Dinge sind miteinander verbunden.«

Irgendwie klang dies in seinen Ohren wie ein Zitat, und noch während er das dachte, erklärte sie ohne jede Verlegenheit, dass es dies tatsächlich sei. »Das sind nicht meine Worte. Ich weiß nicht mehr, wer es gesagt oder geschrieben hat, aber als ich vor Jahren zum ersten Mal darüber gestolpert bin, hatte es für mich irgendwie den Klang von Wahrheit.«

»Aber trifft das nicht auch auf Zoos zu?«

»Sie meinen, Tiere in Unfreiheit zu halten, führe zur Unfreiheit der Menschen?«

»So ungefähr. Ich … Entschuldigen Sie, aber ich habe für Zoos nicht sonderlich viel übrig.«

»Ich auch nicht. Sie sind ein Relikt aus viktorianischen Zeiten: die kompromisslose Beschlagnahme der Natur im vermeintlichen Dienste der Forschung - ohne den dazugehörigen Respekt dafür. Ich persönlich hasse Zoos, um ganz ehrlich zu sein.«

»Aber Sie haben sich dafür entschieden, in einem Zoo zu arbeiten.«

»Ich habe mich dafür entschieden, die Lebensbedingungen der Tiere zu verbessern.«

»Das System von innen zu unterwandern.«

»Es nützt mehr, als mit einem Protestplakat herumzulaufen, oder etwa nicht?«

»Etwa so, als ginge man auf Fuchsjagd und binde einen Hering an den Schweif seines Pferdes.«

»Mögen Sie Fuchsjagden?«

»Ich finde sie grauenhaft. Ich habe nur eine einzige miterlebt, an Weihnachten vor vielen Jahren. Ich muss ungefähr elf Jahre alt gewesen sein. Der gute alte Oscar Wilde hat mit seinem berühmten Tadel den Nagel wirklich auf den Kopf getroffen, auch wenn ich selbst es damals noch nicht in Worte fassen konnte. Ich wusste nur, dass es mir nicht behagte, wie eine Hundemeute einem verängstigten Tier nachjagte . und es in Stücke riss, sobald sie es aufspürte … Das war nichts für mich.«

»Das heißt, Sie haben ein Herz für die Tierwelt.«

»Ich bin jedenfalls kein Jäger, falls Sie das meinen. In grauer Vorzeit hätte ich als Mann sicherlich kläglich versagt.«

»Sie hätten es nicht fertiggebracht, plüschige Mammuts zu erlegen?«

»Ich fürchte, wäre ich ein Stammesführer gewesen, wäre die Evolution zum Stillstand gekommen.«

Sie lachte. »Sie sind wirklich drollig, Thomas!«

»Nur hin und wieder«, schränkte er lächelnd ein. »Erzählen Sie mir, wie Sie das System unterwandern.«

»Im Zoo? Nicht so effektiv, wie ich es gern täte.« Sie füllte sich grüne Bohnen auf, reichte ihm die Schüssel und sagte: »Nehmen Sie noch etwas! Das Rezept stammt von meiner Mutter. Das Geheimnis liegt in der Zubereitung der Minze. Man schmort sie gerade so lange in Olivenöl, bis sie weich wird. So entfaltet sich der Geschmack am besten.« Sie kräuselte die Nase. »Oder so was in der Art. Wie auch immer, die Bohnen darf man jedenfalls nur fünf Minuten lang kochen. Sonst werden sie matschig, und das darf auf keinen Fall passieren.«

»Es gibt nichts Schlimmeres als matschige Bohnen«, pflichtete er ihr bei und tat sich eine weitere Portion auf. »Kompliment an Ihre Mutter. Es schmeckt hervorragend. Sie haben ihr alle Ehre gemacht. - Wo wohnt Ihre Mutter eigentlich? Meine lebt ein Stück südlich von Pen- zance, unweit von Lamorna Cove. Und ich fürchte, ihre Kochkünste sind gleichermaßen unterentwickelt wie meine.«

»Ach, Sie stammen aus Cornwall?«

»Mehr oder minder. Und Sie?«

»Ich bin in Falmouth aufgewachsen.«

»Auch dort geboren?«

»Ich … na ja, annähernd. Ich war eine Hausgeburt, und meine Eltern lebten damals ein Stück weit außerhalb von Falmouth.«

»Eine Hausgeburt? Wie außergewöhnlich«, bemerkte Lynley. »Ich wurde übrigens auch zu Hause geboren. Wir alle.« »Sicherlich in gediegenerer Umgebung als ich«, erwiderte Daidre. »Wie viele Geschwister sind Sie denn, alle zusammen?«

»Drei. Ich bin der Mittlere. Ich habe eine ältere Schwester, Judith, und einen jüngeren Bruder, Peter. Und Sie?«

»Ich habe einen Bruder. Lok.«

»Ungewöhnlicher Name.«

»Er ist Chinese. Wir haben ihn adoptiert, als ich siebzehn war.« Sie schnitt einen säuberlichen kleinen Keil vom Portobello Wellington und balancierte ihn auf ihrer Gabel, während sie fortfuhr: »Er war damals sechs. Inzwischen studiert er Mathematik in Oxford. Er ist ein wahres Superhirn.«

»Wie kam es, dass Ihre Familie ihn adoptiert hat?«

»Wir haben ihn im Fernsehen gesehen - in einer Doku auf BBC über chinesische Waisenhäuser. Er war dorthin gekommen, weil er Spina bifida hat. Seine Eltern glaubten wohl, er würde sie im Alter nicht versorgen können - obwohl ich das nicht sicher weiß, ehrlich gesagt -, und sie selbst hatten nicht das nötige Kleingeld, um ihn zu versorgen. Also haben sie ihn abgegeben.«

Lynley betrachtete sie. Sie erschien ihm vollkommen ungekünstelt. Alles, was sie sagte, ließe sich problemlos überprüfen. Und doch .

»Das >Wir< gefällt mir«, sagte er.

Sie hatte eine Gabel voll Salat aufgespießt, doch nun verharrte ihre Hand auf halbem Weg zum Mund, und ihr Gesicht rötete sich. »Das >Wir<?«, wiederholte sie, und Lynley ging auf, sie glaubte, er spräche von ihnen beiden, von diesem Moment, da sie hier zusammen an ihrem kleinen Esstisch saßen. Bevor ihm selbst die Röte ins Gesicht steigen konnte, führte er aus: »Sie haben gesagt:>Wir haben ihn adoptiert.< Das gefällt mir.«

»Ach so. Nun ja, es war eine Familienentscheidung. Wichtige Entscheidungen haben wir immer gemeinsam getroffen. Sonntagnachmittags hielten wir Familienrat, gleich nach dem Roastbeef und dem Yorkshire Pudding.«

»Ihre Eltern waren also keine Vegetarier?«

»Um Himmels willen, nein. Es gab Fleisch und Gemüse. Lamm, Schwein oder Rind - jeden Sonntag. Manchmal Hähnchen. Dazu Rosenkohl. Mein Gott, wie ich Rosenkohl hasse! Habe ich immer schon und werde ich für alle Zeiten - zu Tode gekocht, genau wie Möhren und Blumenkohl.«

»Nur die Bohnen nicht.«

»Bohnen?« Sie sah ihn verständnislos an.

»Sie sagten, Ihre Mutter habe Ihnen beigebracht, wie man grüne Bohnen kocht.«

Ihr Blick streifte die Schüssel, in der noch zehn oder zwölf Bohnen lagen. »Ach so, ja. Die Bohnen. Das war nach ihrem Kochkurs. Mein Vater hat irgendwann seine Liebe zur mediterranen Küche entdeckt, und meine Mutter dachte, es müsse doch noch irgendetwas anderes als Spaghetti Bolognese geben, also hat sie sich auf die Suche gemacht.«

»In Falmouth?«

»Genau. Wie gesagt, dort bin ich aufgewachsen.«

»Sind Sie dort auch zur Schule gegangen?«

Sie sah ihn offen an. Ihr Ausdruck war freundlich, sie lächelte, aber ihr Blick war wachsam. »Ist das hier ein Verhör, Thomas?«

Er hob beide Hände zu einer Geste, die Aufrichtigkeit ebenso wie Kapitulation ausdrücken sollte. »Tut mir leid. Berufsrisiko. - Erzählen Sie mir mehr über Gertrude Jekyll.« Einen Moment lang zweifelte er, ob sie der Bitte entsprechen würde. »Ich habe gesehen, dass Sie mehrere Bücher über sie haben«, fügte er hinzu, um sie zu ermuntern.

»Sie ist sozusagen die Antithese zu Capability Brown«, antwortete sie, nachdem sie einen Moment überlegt hatte. »Ihr war bewusst, dass nicht jeder Gartenfreund ein weitläufiges Gelände zur Verfügung hatte. Das gefällt mir an ihr. Ich hätte selbst gern einen Jekyll-Garten, aber vermutlich bin ich hier zu Heide- und Wildkräutern verdammt. Bei diesem Wind und dem ruppigen Wetter … Na ja, in manchen Dingen muss man eben praktisch denken.«

»In anderen nicht?«

»Absolut.« Sie hatten beide ihre Mahlzeit beendet, und Daidre stand auf, um den Tisch abzuräumen. Wenn seine vielen Fragen sie verärgert hatten, wusste sie es gut zu verbergen, denn sie lächelte und hieß ihn, ihr zu folgen, weil er ihr beim Abwasch helfen sollte. »Und danach werde ich Ihre Seele läutern und Sie fix und fertig machen. Natürlich nur im metaphorischen Sinne.«

»Und wie gedenken Sie das zu bewerkstelligen?«

»An nur einem Abend, meinen Sie?« Sie nickte in Richtung Wohnzimmer. »Mit einer Partie Darts«, erklärte sie. »Ich muss für ein Turnier trainieren. Auch wenn ich annehme, dass Sie kein ernstzunehmender Gegner sein werden, sind Sie doch immer noch besser als gar kein Gegner.«

»Darauf bleibt mir natürlich nur zu erwidern, dass ich Sie haushoch schlagen und bis auf die Knochen demütigen werde«, konterte Lynley.

»Den Fehdehandschuh nehme ich auf. Wir spielen jetzt gleich, einverstanden? Der Verlierer macht den Abwasch.«

»Einverstanden.«

Ben Kerne wusste, er würde seinen Vater anrufen müssen. Es war ihm zwar klar, dass er angesichts dessen Alters eigentlich persönlich nach Pengelly Cove fahren und ihm die Nachricht von Santo schonend beibringen sollte, aber er war seit Jahren nicht dort gewesen und konnte einer Rückkehr im Moment auch nicht ins Auge sehen. Pengelly Cove hatte sich garantiert kein bisschen verändert - die abgeschiedene Lage zum einen, zum anderen die Entschlossenheit der Bürger, niemals irgendetwas zu ändern, erst recht nicht ihre Grundsätze und Prinzipien. Eine Fahrt dorthin würde ihn zurück in die Vergangenheit katapultieren, und sich der Vergangenheit zu stellen, erschien ihm schier unerträglich. Nur die Gegenwart war noch schlimmer. Er sehnte sich nach einem Ort des Vergessens, einem Fluss, in dem sein Geist schwimmen konnte und der seine Erinnerungen hinfortspülte, bis sie keine Macht mehr über ihn hatten.

Ben hätte die ganze Sache auf sich beruhen lassen, wäre Santo nicht der Lieblingsenkel seiner Großeltern gewesen. Er wusste genau, es war mehr als unwahrscheinlich, dass sie ihn - Ben - je von sich aus kontaktieren würden. Das hatten sie seit seiner Heirat nicht getan, und die einzige Gelegenheit, da er mit ihnen sprach, war, wenn er selbst sich bei ihnen meldete: entweder zu Weihnachten, um eine steife Konversation zu führen, oder gelegentlich ein offeneres Gespräch mit seiner Mutter, wenn er sie auf der Arbeit anrief. Oder wenn er verzweifelt auf der Suche nach einem Ort war, wohin er Kerra und Santo schicken konnte, wenn Dellen mal wieder eine ihrer schlechten Phasen hatte. Vielleicht hätten die Dinge anders gelegen, wenn er ihnen hin und wieder geschrieben hätte. Womöglich hätte er sie mit der Zeit sogar versöhnlich gestimmt. Aber er war kein guter Briefschreiber, und selbst wenn, hätte ihm stets die Loyalität im Wege gestanden, die er Dellen schuldete, und all das, was diese Loyalität ihm seit seiner Jugend abverlangt hatte. Also hatte er nie einen Versöhnungsversuch unternommen; seine Eltern allerdings ebenso wenig. Als seine Mutter mit Ende fünfzig einen Schlaganfall erlitten hatte, hatte Ben nur deshalb davon erfahren, weil Santo und Kerra sich zu dieser Zeit bei ihren Großeltern aufgehalten und die Nachricht bei ihrer Heimkehr mitgebracht hatten. Selbst Bens Geschwistern war untersagt worden, ihn darüber zu informieren.

Ein anderer Mann hätte es seinen Eltern vielleicht mit gleicher Münze heimgezahlt und zugelassen, dass sie durch irgendeinen dummen Zufall von Santos Tod erfuhren. Aber Ben hatte versucht - und war in so vieler Hinsicht gescheitert -, ein anderer Mann zu sein als sein Vater. Und das bedeutete, er musste eine Bresche in die Mauer sprengen, die sein Herz umgab, und sich ihrer erbarmen, obgleich doch sein einziger Wunsch war, sich an irgendeinem Ort zu verstecken, wo er allein und unbehelligt all das betrauern konnte, was er betrauern musste.

Außerdem würde die Polizei Eddie und Ann Kerne früher oder später ohnehin kontaktieren. Sie würde, wie es nun einmal ihre Aufgabe war, im Leben und in der Vergangenheit eines jeden herumstöbern, der mit dem Verstorbenen zu tun gehabt hatte - Gott, jetzt nannte er Santo schon einenVerstorbenen! Was sagte das wohl über seinen Gemütszustand aus? -, und sie würde nach allem suchen, was Anlass bot, irgendjemandem Schuld zuzuweisen. Sobald sein Vater von Santos Tod erfuhr, würde er seine Trauer zweifellos zunächst in Beschimpfungen und dann in Anklagen kleiden. Und es wäre keine Frau an seiner Seite, die in der Lage wäre, ihn zu besänftigen. Stattdessen würde Ann Kerne in der Nähe stehen, und ihre Miene würde die Qual offenbaren, die sie all die Jahre an der Seite eines Mannes erduldet hatte, den sie liebte, aber nicht bändigen konnte. Und obwohl es keinen Hinweis darauf gab, dass Ben die Schuld an Santos Tod trug, war es doch Aufgabe der Polizei, Schlüsse zu ziehen, Punkte zu verbinden, ganz gleich ob sie irgendetwas miteinander zu tun hatten. Darum wollte Ben nicht, dass die Ermittler mit seinem Vater sprachen, ehe dieser erfahren hatte, was mit seinem Lieblingsenkel passiert war.

Ben beschloss, den Anruf von seinem Büro aus zu tätigen und nicht aus der Wohnung. Er stieg die Treppe hinab, statt den Fahrstuhl zu nehmen, denn so konnte er das Unvermeidliche noch ein wenig länger aufschieben. Im Büro angelangt, griff er nicht sofort nach dem Telefon. Stattdessen betrachtete er die Magnettafel, auf der die Wochen vor und nach der Eröffnung von Adventures Unlimited in Kalenderform aufgeführt waren.

Sowohl Aktivitäten als auch Buchungen waren dort eingetragen. Der Anblick der Tafel führte ihm deutlicher denn je vor Augen, wie dringend sie Alan Cheston brauchten. In den Monaten vor Alans Ankunft hatte es Dellen oblegen, sich um das Marketing zu kümmern, aber sie hatte nicht allzu viel zustande gebracht. Sie hatte zwar Ideen gehabt, aber praktisch keine davon in die Tat umgesetzt. Organisation gehörte eben nicht zu ihren Stärken.

Und was ist ihre Stärke, wenn man fragen darf?, hätte sein Vater zu wissen verlangt.Vergiss es! Du brauchst nicht zu antworten. Das ganze verdammte Dorf weiß, was sie am besten kann, da mach dir mal nichts

Das stimmte natürlich nicht. Es war einfach die Art seines Vaters, ihn zu verhöhnen, weil er überzeugt war, man müsse dafür sorgen, dass Kinder nicht gar zu selbstbewusst würden. Er vertrat tatsächlich die Ansicht, Kinder dürften unter keinen Umständen Vertrauen in ihre eigenen Entscheidungen entwickeln. Er war kein schlechter Mensch, einfach nur festgefahren in seiner Art, und seine Art war nicht Bens, und so war es letztlich zum Konflikt gekommen.

Genau wie zwischen ihm selbst und Santo, ging Ben nun auf. Das Schlimmste daran, Vater zu sein, war die Erkenntnis, dass der eigene Vater einen Schatten warf, dem zu entkommen man niemals hoffen konnte.

Er betrachtete den Kalender. Noch vier Wochen bis zur Eröffnung. Und sie mussten öffnen, auch wenn er sich im Moment nicht vorstellen konnte, wie sie das bewerkstelligen sollten. Er war nicht mehr mit dem Herzen bei der Sache, aber sie hatten so viel Geld in dieses Unternehmen investiert, dass es außer Frage stand, die Eröffnung zu verschieben, ganz zu schweigen davon, überhaupt nicht zu öffnen. Außerdem betrachtete Ben die eingegangenen Buchungen als Verträge, die er nicht brechen durfte, und auch wenn es nicht so viele geworden waren, wie er es sich für diesen Zeitpunkt in der Unternehmensgründung einmal erträumt hatte, glaubte er doch daran, dass Alan Chestons Einstellung daran etwas zu ändern vermochte. Alan hatte Ideen und die Fähigkeit, sie wahr werden zu lassen. Er war clever, und er hatte Führungsqualitäten. Und das Wichtigste: Er war vollkommen anders als Santo.

Ben ahnte, dass dieser Gedanke ihn an die Grenze der Illoyalität führte. Indem er den Gedanken in sich trug, tat er ebendas, was er niemals hatte tun wollen: Er sorgte dafür, dass die Vergangenheit sich wiederholte.

Du denkst nur mit dem Schwanz, Junge, hatte sein Vater wieder und wieder zu ihm gesagt, und einzig seine wechselnden Gefühlsregungen variierten dabei: von Bedauern über Zorn bis hin zu Hohn und Verachtung. Mit Santo hatte es sich ganz genauso verhalten, und Ben wollte lieber nicht darüber nachdenken, was hinter der Neigung seines Sohnes zu sexuellen Eskapaden gesteckt hatte oder wohin diese Neigung ihn hätte führen können.

Statt es noch länger aufzuschieben, griff er nach dem Telefon auf dem Schreibtisch. Er tippte die Zahlen mit zu viel Kraft ein. Es bestand kein Zweifel, dass sein Vater noch wach war und durch das heruntergekommene Haus spukte. Eddie Kerne litt an Schlaflosigkeit, genau wie Ben. Vermutlich würde er noch stundenlang aufbleiben und all die Dinge tun, die es nachts eben zu tun gab, wenn man sich für einen grünen Lebensstil entschied, wie sein Vater es vor Jahren getan hatte. Eddie Kerne und seine Familie hatten immer nur dann Strom gehabt, wenn sie ihn durch Wind- oder Wasserkraft erzeugen konnten. Wasser gab es nur, wenn es von einem Bach umgeleitet oder aus einem Brunnen geschöpft wurde, und Wärme nur dann, wenn die Solarzellen sie lieferten. Sie züchteten und bauten an, was sie zum Essen brauchten, und ihr Heim war ein verfallenes Farmhaus gewesen, preiswert erstanden und von Eddie und seinen Söhnen vor dem endgültigen Verfall bewahrt: Granitblock für Granitblock gekalkt, das Dach neu gedeckt und Fensterscheiben eingesetzt - so dilettantisch, dass im Winter der Wind durch die Ritzen zwischen Mauer und Rahmen pfiff.

Wie üblich nahm sein Vater den Anruf mit einem gebellten »Ja, bitte?« entgegen. Und als Ben nicht sofort etwas sagte, blaffte er hinterher: »Wenn Sie da sind, reden Sie! Wenn nicht, verschwinden Sie aus der Leitung!«

»Hier ist Ben.«

»Welcher Ben?«

»Benesek. Ich hab dich doch nicht geweckt, oder?«

Nach einer kurzen Pause entgegnete Eddie: »Und was, wenn doch? Nimmst du neuerdings auf irgendwen Rücksicht außer auf dich selbst?«

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, wollte Ben schon kontern. Und ich hatte den besten aller Lehrer. Stattdessen sagte er jedoch: »Santo ist tot. Es ist gestern passiert. Ich dachte, du solltest das wissen, denn er hatte dich gern, und vielleicht beruhte das ja sogar auf Gegenseitigkeit.«

Wieder Schweigen. Diesmal währte es länger. Und dann: »Bastard.« Seine Stimme klang so angespannt, dass Ben dachte, sie würde brechen.»Bastard. Du änderst dich nie, was?«

»Willst du hören, was mit Santo passiert ist?«

»In was hast du ihn reingeraten lassen?«

»Was ich dieses Mal getan hab, meinst du?«

»Was ist passiert, verdammt? Was zum Teufel ist passiert?«

Ben berichtete so knapp wie möglich. Zum Schluss erwähnte er, dass es Mord gewesen sei; er nannte es vorsichtig einTötungsdelikt. »Jemand hat an seiner Kletterausrüstung herumgepfuscht«, sagte er.

»Gott verflucht!« Eddie Kernes Stimme drückte jetzt nicht mehr Wut, sondern Entsetzen aus. Aber der Zorn kehrte schnell zurück: »Und was zum Henker hast du getrieben, während er an irgendeiner verfluchten Klippe herumgekraxelt ist? Hast du ihm dabei zugesehen? Ihn angestachelt? Oder hast du's derweil mitihr getrieben?«

»Er war allein. Ich wusste nicht mal, dass er zum Klettern rauswollte. Ich weiß auch nicht, warum er's getan hat.« Der letzte Satz war gelogen, aber Ben konnte es nicht ertragen, seinem Vater zusätzliche Munition zu liefern. »Erst sah es nach einem Unfall aus. Aber als sie sich seine Ausrüstung genauer angesehen haben, war klar, dass jemand sie manipuliert hat.«

»Wer?«

»Das wissen sie noch nicht, Dad. Wenn sie es wüssten, würden sie jemanden verhaften, und die Sache wäre erledigt.«

»Erledigt? So sprichst du vom Tod deines Sohnes? Von deinem Fleisch und Blut? Von dem Menschen, der deinen Namen hätte weitertragen sollen?Erledigt? Die Dinge werden erledigt, und du machst einfach so weiter? Ist es das, Benesek? Du und Wieheißtsienochgleich spaziert einfach in die Zukunft und lasst die Vergangenheit hinter euch? Aber das kannst du ja hervorragend. Genau wie sie. Sie versteht sich ganz besonders gut darauf, wenn ich mich recht entsinne. Wie nimmt sie es auf? Kommt diese Geschichte ihrem … ihremLebensstil in die Quere?«

Ben hatte die boshaften Betonungen in der Sprechweise seines Vaters beinahe vergessen, die bedeutungsvollen Worte und rhetorischen Fragen, die allein dem Zweck dienten, das fragile Selbstwertgefühl seines Gegenübers zu untergraben. In Eddie Kernes Welt hatten Individuen keine Berechtigung. Familie bedeutete in seiner Welt bedingungslose Treue zu einer einzigen Überzeugung und einem einzigen Lebensentwurf - zuseinem Lebensentwurf. Wie der Vater, so der Sohn, dachte Ben. Wie gründlich hatte er doch seine eigene Vaterrolle vermasselt!

»Wir haben noch keinen Termin für die Beerdigung«, teilte er seinem Vater mit. »Die Behörden haben den Leichnam noch nicht freigegeben. Ich habe ihn noch nicht einmal gesehen.«

»Woher zum Henker weißt du dann, dass es Santo ist?«

»Da sein Wagen vor Ort war, sein Ausweis im Auto lag und er seither noch nicht wieder nach Hause gekommen ist, können wir es wohl als gesichert betrachten, dass es sich um Santo handelt.«

»Du bist ja so ein Dreckskerl, Benesek! Von deinem eigenen Sohn so zu sprechen!«

»Was, bitte schön, erwartest du, soll ich sagen, wenn dir doch nichts, was ich sage, je recht wäre? Ich habe angerufen, um es dir persönlich mitzuteilen, weil du es sonst von der Polizei erfahren hättest, und ich dachte .«

»Und das willst du natürlich nicht, oder? Dass ich mich mit den Cops unterhalte. Dass ich ihnen was erzähle und sie mit gespitzten Ohren lauschen.«

»Wenn du meinst«, erwiderte Ben lahm. »Was ich eigentlich sagen wollte, war: Ich dachte, du hörst es lieber von mir als von der Polizei. Sie werden kommen, um mit euch zu reden, mit dir und auch mit Mum. Sie werden mit jedem reden, der Kontakt mit Santo hatte. Ich dachte, du wüsstest vielleicht gern, was sie auf deinem Grund und Boden verloren haben, wenn sie irgendwann auftauchen.«

»Ich hätte sofort gewusst, dass du dahintersteckst«, gab Eddie Kerne zurück.

»Ja. Ich schätze, das hättest du.« Und dann legte er auf, ohne sich zu verabschieden.

Er hatte die ganze Zeit über gestanden, aber jetzt ließ er sich in den Schreibtischstuhl sinken. Er fühlte, wie sich in seinem Innern ein enormer Druck aufstaute, so als wüchse in seiner Brust ein Tumor, der ihm den Atem abschnürte. Das Büro schien zu schrumpfen. Bald würde alle Luft verbraucht sein.

Er musste das alles hinter sich lassen. Wie immer, hätte sein Vater gesagt. Sein Vater - ein Mann, der die Vergangenheit verfälschte, damit sie seinen momentanen Absichten zu dienen vermochte. Aber dieser Moment hier hatte keine Vorgeschichte. Diesen Moment allein, das Hier und Jetzt, galt es zu überstehen.

Er stand auf, verließ das Büro. Ging die Korridore entlang hin zum Geräteraum, wo er zuvor schon gewesen war und wohin er Detective Inspector Hannaford geführt hatte. Dieses Mal trat er jedoch nicht an die lange Schrankreihe, wo einmal Santos Kletterausrüstung gelagert hatte. Vielmehr ging er weiter in einen angrenzenden kleineren Raum und machte sich an einem Verschlag zu schaffen, der mit einem Vorhängeschloss gesichert war. Der einzige Schlüssel dazu war in Bens Besitz, und jetzt benutzte er ihn. Als die Türen aufschwangen, schlug ihm der starke Geruch von altem Gummi entgegen. Es ist über zwanzig Jahre her, dachte er. Noch vor Kerras Geburt. Wahrscheinlich würde das Ding auseinanderfallen, sobald er es in die Hand nahm.

Aber das tat es nicht. Bevor er auch nur einen Gedanken an das Warum verschwendet hatte, steckte er in dem Anzug, von den Schultern bis zu den Knöcheln in Neopren gehüllt, und er zog den Reißverschluss im Rücken an einer Kordel zu. Ein ordentlicher Ruck, der Rest ging einfach. Keine Korrosion. Ben hatte seine Ausrüstung immer schon gepflegt.

Können wir jetzt endlich nach Hause gehen, hatten seine Kumpels immer gemeckert.Kerne, du Wichser! Wir frieren uns hier draußendeinetwegen noch den Arsch ab!

Aber er hatte darauf bestanden, noch am Strand seine Sachen mit Leitungswasser abzuspülen. Und wenn er nach Hause kam, tat er dort das Gleiche noch einmal. Die Surfausrüstung hatte ihn eine Menge Geld gekostet, und er wollte keine neue kaufen müssen, nur weil er nicht verhindert hatte, dass das Salzwasser die alte zerfraß. Also spülte er seinen Neoprenanzug immer sofort gründlich ab - die Schuhe, Handschuhe und Kapuze ebenfalls - und zum Schluss das Board. Seine Freunde hatten gejohlt und ihn ein Weichei geschimpft, aber Ben hatte sich niemals beirren lassen.

Nicht in diesem und nicht in irgendeinem anderen Punkt, dachte er jetzt. Seine eigene Entschlossenheit kam ihm inzwischen vor wie ein Fluch.

Das Board lehnte seitlich an der Wand. Er zog es hervor, nahm es in Augenschein. Keine Macken, die Oberfläche immer noch gewachst. Nach heutigen Standards eine echte Antiquität, aber noch immer vollkommen ausreichend für seine Zwecke - was immer diese Zwecke sein mochten. Er wusste es selbst nicht genau. Er musste einfach raus aus dem Hotel. Er hob Schuhe, Handschuhe und Kapuze auf und klemmte sich das Surfbrett unter den Arm.

Vom Geräteraum öffnete sich eine Tür zur Terrasse, und von dort gelangte man zum immer noch leeren Swimmingpool. Eine Betontreppe führte von der gegenüberliegenden Seite hinauf zu der Stelle, von der aus sich ein Weg zum St. Mevan Beach hinabschlängelte. Eine Reihe Strandhütten war daran entlang in die Klippen gebaut worden, nicht die üblichen freistehenden Holzhäuschen, sondern ein zusammenhängender, lang gezogener Komplex, der aussah wie ein niedriges Stallgebäude mit schmalen blauen Türen. Ben folgte dem Weg, atmete gierig die kalte Seeluft ein und lauschte dem Rauschen der Wellen. Oberhalb der Strandhütten hielt er an, um die Neoprenkapuze überzuziehen; die Schuhe und Handschuhe wollte er sich erst unten am Strand überstreifen.

Er sah aufs Meer hinaus. Es war Flut, sodass die Riffe überspült waren. Es waren ebendiese Riffe, die die Wellen beständig machten. Aus der Entfernung schätzte er sie auf knapp zwei Meter. Sie brachen genau richtig im ablandigen Wind. Wäre es einigermaßen hell gewesen, und sei es nur in der Morgen- oder Abenddämmerung, hätte man die Bedingungen als gut bezeichnen können - selbst zu dieser Jahreszeit, da das Wasser noch eiskalt war.

Aber niemand surfte bei Nacht. Es gab zu viele Tücken, angefangen bei den Riffen und der Kabbelung bis hin zu dem sich gelegentlich hierher verirrenden Hai. Doch es ging ihm weniger ums Surfen als vielmehr um das Erinnern, und auch wenn Ben sich nicht erinnern wollte, hatte das Telefonat mit seinem Vater ihn doch gezwungen, es zu tun. Entweder das - oder er hätte im King-George-Hotel bleiben müssen, und das hätte er nicht ertragen.

Er stieg die Stufen zum Strand hinab. Der Pfad war hier unbeleuchtet, doch die Straßenlaternen oben auf der Anhöhe warfen ein bisschen Licht auf die Felsen und den Sand. Er suchte sich einen Weg zwischen Schieferplatten und Sandsteinbrocken hindurch - Bruchstücke von der Klippe, die das Fundament der Anhöhe darstellte.

Endlich erreichte er den Sand. Dies war nicht der feine, weiche Sand einer Tropeninsel, sondern vielmehr über Jahrmillionen entstandener Kies, wo der Permafrost am Ende der Eiszeit geschmolzen war und träge Moränen scharfkantige Geröllbrocken hinterlassen hatten, die das Wasser nach und nach zu harten, groben Körnern zermahlen hatte. Im Sonnenlicht funkelten sie manchmal ein wenig, üblicherweise jedoch wirkten sie stumpf, waren von gräulich brauner Farbe und scharfkantig genug, um sich Hautabschürfungen einzuhandeln, wenn man nicht achtgab.

Zu seiner Rechten lag die Sea Pit, der Meerwasserpool, den die Flut mit frischem Wasser füllte und inzwischen fast vollständig bedeckte. Zu seiner Linken lag die Flussmündung des Cas und jenseits davon das, was vom Casvelyn Canal noch übrig war. Und vor ihm die See. Rastlos und fordernd. Sie zog ihn magisch an.

Er legte das Board im Sand ab und zog sich Schuhe und Handschuhe über. Einen kurzen Moment lang blieb er hocken, eine zusammen- gekauerte schwarze Gestalt, die Casvelyn den Rücken kehrte. Er betrachtete das phosphoreszierende Leuchten der Wellen. Als Jugendlicher war er häufig nachts am Strand gewesen, aber nicht zum Surfen. Wenn sie für den Tag genug vom Wellenreiten gehabt hatten, hatten sie einen Feuerring gelegt. Und wenn das Feuer heruntergebrannt war, hatten sie sich paarweise davongestohlen. Bei Ebbe lockten die großen Höhlen von Pengelly Cove. Dort hatten sie sich geliebt. Auf einer Dek- ke oder auch nicht. Halb bekleidet oder nackt. Nüchtern, beschwipst oder volltrunken.

Sie war so viel jünger gewesen. Und sie hatte ihm gehört. Sie war alles gewesen, was er wollte. Das hatte sie gewusst, und dieses Wissen war zur Ursache aller Probleme geworden.

Er stand auf und ging mit dem Board unterm Arm auf das Wasser zu. Er hatte keine Halteleine dabei, aber das spielte keine Rolle. Wenn es davontrieb, trieb es eben davon. Das Board in seiner Nähe zu halten, wenn er herunterfiel, war derzeit wie so viele Dinge in seinem Leben ein Erfordernis, zu dem er keine Kraft aufbringen würde.

Seine Füße und Knöchel spürten den Kälteschock zuerst. Dann die Waden, Knie, Oberschenkel, der Rest seines Körpers. Es würde ein Weilchen dauern, bis seine Körpertemperatur das Wasser im Innern des Anzugs aufwärmte, und bis dahin gemahnte die Eiseskälte ihn daran, dass er lebte.

Als er tief genug ins Wasser gewatet war, legte er sich auf das Brett und paddelte hinaus zu dem Riff zu seiner Rechten, dorthin, wo die Wellen sich brachen. Die Gischt sprühte ihm ins Gesicht, und die Wellen spülten über ihn hinweg. Für einen Augenblick erwog er, einfach immer weiter zu paddeln, bis der Tag anbrach und er sich so weit von der Küste entfernt hatte, dass Cornwall nicht mehr als nur noch eine Erinnerung war. Doch er vermochte das Joch aus Liebe und Pflicht nicht abzustreifen. Also hielt er jenseits des Riffs inne und setzte sich rittlings auf sein Board. Zuerst saß er mit dem Rücken zum Strand und sah auf das endlose, wogende Meer hinaus. Dann drehte er das Brett und sah vor sich die Lichter von Casvelyn: die Reihe heller, weißer Laternen oben auf der Anhöhe, dann das orangefarbene Schimmern hinter den Vorhängen in den Häusern, wie Gaslichter im neunzehnten Jahrhundert oder die offenen Feuer früherer Zeitalter.

Die Wellen waren verführerisch, boten ihm einen hypnotischen Rhythmus, der ebenso tröstlich wie tückisch war. Wie die Rückkehr in den Mutterleib, dachte er. Man konnte sich auf dem Board ausstrek- ken, auf dem Meer schaukeln und schlafen, für immer. Aber Wellen brachen, sowie die Landmasse darunter zum Ufer hin anstieg. Dieses schiere Getöse von Wasser, das auf Wasser traf! Hier lauerte Gefahr ebenso wie Verführung. Wollte man sich nicht der Macht der Wellen unterwerfen, musste man das Schicksal in die eigenen Hände nehmen.

Er fragte sich, ob er nach all diesen Jahren noch den richtigen Moment erkennen würde: das Zusammentreffen von Form, Kraft und Krümmung, das dem Surfer bedeutete, dass es Zeit war aufzuspringen. Aber manche Dinge gingen einem in Fleisch und Blut über, und er stellte fest, eine Welle zu nehmen gehörte dazu. Wahrnehmung und Erfahrung verbanden sich zu Fertigkeit, und die hatte die Zeit ihm nicht nehmen können.

Eine Welle rollte heran, und er hob sich mit ihr: Eben noch paddelnd, richtete er sich auf. Er verharrte für eine Sekunde auf dem Wellenkamm. Dann pflügte er die Vorderseite hinab, nahm Fahrt auf, und die Erinnerung steuerte seine Muskeln wie ein Autopilot. Er erreichte die Barrel - den Hohlraum unter dem Wellenkamm -, und sie war clean. Eine spiegelglatte Oberfläche.Green Room, Kumpel!, hätten sie früher gebrüllt.Scheiße! Du bist im Green Room, Kerne!

Ben ritt die Welle, bis sie sich im weißen Flachwasser verlor, dann sprang er ab und stand wieder bis zu den Oberschenkeln im Wasser. Er bekam das Board zu fassen, noch ehe es davontreiben konnte, hielt inne und spürte, wie die kleinen Wellen diesseits des Riffs sich in seinem Rücken brachen. Sein Atem kam stoßweise, und er rührte sich nicht, bis sein rasender Herzschlag sich wieder beruhigt hatte.

Dann watete er zum Strand, das Meerwasser glitt an ihm hinab wie ein abgestreiftes Cape, und er ging auf die Treppe zu.

Eine Gestalt - eine mitternächtliche Silhouette - kam ihm entgegen.

Kerra hatte ihn das Hotel verlassen sehen. Zuerst hatte sie nicht gewusst, dass es sich um ihren Vater handelte. Tatsächlich hatte sie einen verrückten Moment lang geglaubt, es müsste Santo sein, der dort unten die Terrasse überquerte und die Treppe zum St. Mevan Beach nahm, um heimlich mitten in der Nacht surfen zu gehen. Sie hatte ihn von oben her beobachtet, hatte nur die schwarz gekleidete Gestalt gesehen und gewusst, dass diese Gestalt aus dem Hotel gekommen war … Sie hatte gar keinen anderen Schluss ziehen können.Es war alles bloß eine Verwechslung! Erleichterung durchflutete ihre Adern.Eine schreckliche, makabere, grauenhafte Verwechslung. Man hatte irgendjemand anderen tot am Fuß der Klippe in Polcare Cove aufgefunden, nicht ihren Bruder.

Also war sie die Treppe hinuntergehastet; der altersschwache Aufzug wäre viel zu langsam gewesen. Sie war durch den Speisesaal geeilt. Auch der öffnete sich - genau wie der Geräteraum - zur Terrasse hin. Sie überquerte sie und lief auf die Betontreppe zu. Als sie die Anhöhe erreicht hatte, sah sie die schwarze Gestalt am Strand neben dem Surfbrett hocken. Also wartete Kerra und beobachtete. Erst als die Gestalt von ihrem Ritt auf einer einzigen Welle zurückkehrte, erkannte sie ihren Vater.

Zahllose Fragen stiegen in ihr auf und dann Zorn, gepaart mit dem ewigen Warum, auf das es keine Antwort gab und das nichtsdestotrotz ihre Kindheit und Jugend definiert hatte. Warum hast du immer so getan, als ob .? Warum hast du mit Santo gestritten? Und darüber hinaus: das Wer. Wer bist du wirklich, Dad?

Als ihr Vater den Fuß der Treppe erreichte, stellte sie keine einzige dieser halb formulierten Fragen. Vielmehr versuchte sie, in der Dunkelheit seine Miene zu lesen.

Er hielt inne. Sein Gesicht schien einen geradezu sanften Ausdruck anzunehmen, und es sah beinahe so aus, als wollte er ihr etwas mitteilen. Doch dann war alles, was er herausbrachte: »Kerra. Liebes.« Und dann ging er weiter. Er stieg die Stufen zur Anhöhe hinauf. Kerra folgte ihm. Wortlos gingen sie auf das Hotel zu und zu dem leeren Schwimmbecken hinab. Am Beckenrand hielt ihr Vater an und spülte mit dem Schlauch das Salzwasser von seinem Surfboard. Dann betrat er das Hotel.

Im Geräteraum zog er den Neoprenanzug aus. Er trug nur Boxershorts darunter, und die Kälte verursachte ihm eine Gänsehaut. Doch sie schien ihm nichts auszumachen, denn er zitterte nicht einmal. Er trug den Neoprenanzug zu einer großen Plastikmülltonne in der Ecke und stopfte ihn achtlos hinein. Das tropfnasse Surfboard trug er in einen Nebenraum - ein Hinterzimmer, sah Kerra, das sie bislang noch nie unter die Lupe genommen hatte -, und dort räumte er es in einen Schrank. Diesen versperrte er mit einem Vorhängeschloss, und er vergewisserte sich, dass es auch wirklich eingerastet war, als gelte es, den Inhalt vor neugierigen Blicken zu schützen. Vor den Blicken der Familienmitglieder, ging Kerra auf. Vor ihren und vor Santos, denn ihre Mutter hatte ganz sicher davon gewusst.

Santo, dachte Kerra. Was für eine Heuchelei! Sie konnte es einfach nicht verstehen.

Ihr Vater trocknete sich mit einem T-Shirt behelfsmäßig ab, warf es beiseite und streifte einen Pullover über. Er bedeutete ihr, sich umzudrehen, und nachdem sie seinem Wunsch entsprochen hatte, hörte sie ihn die Shorts ausziehen, auf den Boden werfen und schließlich den Reißverschluss der Hose schließen. Dann sagte er: »In Ordnung.«

Sie wandte sich ihm wieder zu, und sie schauten einander an. Er schien auf ihre Fragen gefasst zu sein, sich für sie gewappnet zu haben.

Doch sie war entschlossen, ihn ebenso zu überraschen, wie er sie überrascht hatte.

»War es ihretwegen?«

»Wen meinst du?«

»Mum. Du konntest nicht surfen und gleichzeitig ein Auge auf sie haben, also hast du mit dem Surfen aufgehört. Das ist der Grund, oder? Ich hab dich gesehen, Dad. Wie lang ist es her? Zwanzig Jahre? Oder länger?«

»Ja. Vor deiner Geburt.«

»Und du ziehst einfach deinen Neoprenanzug an, fährst da raus und nimmst die erstbeste Welle, die anrollt, einfach so? Völlig problemlos? Es war ein Kinderspiel für dich. So einfach wie das Laufen. Oder Atmen.«

»Ja. Meinetwegen. Du hast recht.«

»Und das heißt … Wie lange hast du gesurft, ehe du aufgehört hast?«

Ihr Vater hob das T-Shirt auf und legte es ordentlich zusammen, obwohl es völlig durchfeuchtet war. »Fast mein ganzes Leben«, antwortete er. »Das war es eben, was wir damals gemacht haben. Es gab keine Alternativen. Du weißt doch, wie deine Großeltern leben. Wir hatten den Strand im Sommer und im restlichen Jahr die Schule. Zu Hause wartete immer nur Arbeit auf uns, weil wir ständig dagegen ankämpfen mussten, dass das verdammte Haus in sich zusammenfiel. Aber wenn wir einmal Freizeit hatten, sind wir runter zum Strand . Wir hatten kein Geld, um in Urlaub zu fahren. Es gab noch keine Billigflüge nach Spanien. Es war anders als heute.«

»Aber du hast aufgehört.«

»Ich habe aufgehört. Manchmal verändern sich die Dinge, Kerra.«

»Ja.Sie ist aufgetaucht. Das war die Veränderung. Du hast dich mit ihr eingelassen, und als du erkannt hast, wie sie wirklich war, war es bereits zu spät. Du kamst nicht mehr von ihr los. Du musstest eine Wahl treffen, und du hastsie gewählt.«

»So einfach ist es nicht.« Er ging an ihr vorbei, aus der kleinen Kammer zurück in den größeren Geräteraum. Er wartete, bis sie ihm folgte, und als sie neben ihm stand, schloss und verriegelte er die Tür.

»Wusste Santo davon?«

»Wovon?«

»Hiervon.« Sie wies auf die Tür. »Du warst ziemlich gut, oder? Ich habe genug Surfer gesehen, um das erkennen zu können. Also, warum .« Plötzlich war sie den Tränen näher als je zuvor in den vergangenen schrecklichen dreißig Stunden.

Er blickte sie unverwandt an. Sie sah, dass er unsagbar traurig war, und diese Traurigkeit führte ihr vor Augen, dass sie zwar eine Familie sein mochten - früher zu viert, jetzt nur noch zu dritt -, aber auch nur dem Namen nach. Abgesehen von diesem gemeinsamen Namen, waren sie nichts weiter als ein Hort der Geheimnisse, und das waren sie auch schon immer gewesen.

Sie hatte geglaubt, all diese Geheimnisse hätten mit ihrer Mutter zu tun, mit deren Problemen und Phasen bizarrer Persönlichkeitsveränderung. Es waren Geheimnisse, die auch sie selbst lange gehütet hatte, denn man konnte kaum darüber hinwegsehen, wenn jede Heimkehr von der Schule einen mitten hinein in eine Situation führen konnte, die mitunter gerne als >ein bisschen peinlich< bezeichnet wurde.Kein Wort zu Dad, Liebling! Aber Dad wusste es ohnehin. Sie alle wussten es, aufgrund der Kleidung, die sie trug, der Neigung ihres Kopfes, wenn sie sprach - sie erkannten es am Rhythmus ihrer Sätze, am Trommeln ihrer Finger auf dem Tisch beim Essen und an der Rastlosigkeit in ihrem Blick. Und am Rot. Das Rot verriet sie immer. Für Kerra und Santo war diese Farbe stets die Ankündigung eines längeren Besuchs bei ihren Großeltern gewesen. »Was treibt die Schlampe denn jetzt schon wieder?«, hatte Granddad dann gefragt. Aber ihr Marschbefehl hatte immer gelautet: »Sagt euren Großeltern nichts davon, verstanden?« Und Kerra und Santo hatten sich daran gehalten. Sie waren loyal geblieben, hatten das Geheimnis gehütet, und früher oder später war wieder Normalität eingekehrt, was immer Normalität im Hause Kerne bedeuten mochte.

Doch jetzt erkannte Kerra, dass es immer schon mehr Geheimnisse gegeben hatte als nur die ihrer Mutter. Ein verborgenes Wissen, das über Dellens verschlungene Psyche hinausging und auch Kerras Vater betraf. Und diese erschütternde Erkenntnis führte Kerra einmal mehr vor Augen, dass es in ihrem Leben nie festen Grund gegeben hatte, auf den sie ihren Fuß hätte setzen können, um der Zukunft entgegenzuschreiten.

»Ich war dreizehn«, sagte sie schleppend. »Da war dieser Junge, den ich mochte. Stuart. Er war vierzehn und hatte furchtbare Pickel. Ich hatte ihn trotzdem gern. Die Pickel machten ihn irgendwie … unantastbar, verstehst du? Irgendwie …sicher. Nur war er das leider nicht. Eigentlich ist es komisch, denn ich bin nur mal kurz in die Küche gegangen, um uns ein paar Kekse und etwas zu trinken zu holen. Es hat keine fünf Minuten gedauert, aber das hat gereicht. Stuart hat gar nicht kapiert, was da passierte. Aber ich wusste es natürlich, war ich doch mit diesem Wissen aufgewachsen. Genau wie Santo. Nur warer tatsächlich sicher, denn - sind wir doch mal ehrlich - er war genau wie sie.«

»Nicht in jeder Hinsicht«, widersprach ihr Vater. »Nein, nichtdas.«

»O doch«, gab sie zurück. »Und das weißt du auch.Das. Und auch in einer Art und Weise, die mich betraf.« »Du meinst Madlyn.«

»Sie war meine beste Freundin. Ehe Santo sie in die Finger bekam.«

»Kerra, Santo hatte nie die Absicht .«

»Doch. Genau das war seine Absicht. Und das Schlimmste daran war, dass er es gar nicht nötig hatte, hinter ihr her zu sein. Er war doch schon hinter … keine Ahnung … drei anderen Mädchen her. Oder war er mit den anderen dreien schon fertig?« Sie wusste, sie klang verbittert, und das war sie auch. Aber in diesem Moment kam es ihr so vor, als wäre nichts in ihrem Leben je vor Verwüstung sicher gewesen.

»Kerra, die Menschen sind eben so, wie sie sind«, sagte ihr Vater. »Du kannst nichts dagegen tun.«

»Glaubst du das wirklich? Ist das deine Entschuldigung für sie? Oder für ihn?«

»Ich entschuldige nicht .«

»Das tust du sehr wohl. Das hast du immer getan, jedenfalls soweit es sie betrifft. Sie hat dich zum Narren gehalten, so lange ich lebe, und ich wette, sie hat dich schon von dem Moment an zum Narren gemacht, als du ihr begegnet bist.«

Wenn ihre Worte Ben gekränkt hatten, so ließ er es sich zumindest nicht anmerken. »Ich rede nicht von deiner Mutter, Liebes«, erwiderte er stattdessen. »Und auch nicht von Santo. Ich meine diesen Jungen. Stuart. Und Madlyn Angarrack.« Er unterbrach sich kurz, ehe er fortfuhr: »Und Alan, Kerra. Ich meinejeden, jeder Mensch ist so, wie er eben ist. Du tust dir selbst einen Gefallen, wenn du sie gewähren lässt.«

»So wie du es gemacht hast, meinst du?«

»Ich kann es nicht besser erklären.«

»Weil es ein Geheimnis ist?«, fragte sie, und es war ihr gleichgültig, dass es sich so anhörte, als verhöhnte sie ihn. »So wie alles andere in deinem Leben? So wie das Surfen?«

»Wir können uns nicht aussuchen, wen wir lieben.«

»Das machst du mir nicht weis«, entgegnete sie. »Erklär mir, warum du nicht wolltest, dass Santo surft.«

»Weil ich geglaubt habe, dass nichts Gutes dabei herauskommen würde.«

»War es das, was dir passiert ist?«

Er antwortete nicht. Einen Moment lang glaubte Kerra, er würde überhaupt nichts mehr sagen. Doch schließlich kam genau das, was Kerra erwartet hatte: »Ja. Absolut nichts Gutes ist für mich dabei herausgekommen. Darum habe ich das Surfboard beiseitegelegt und mit meinem Leben weitergemacht.«

»Mitihr«, berichtigte Kerra.

»Ja. Mit deiner Mutter.«

11

Detective Inspector Bea Hannaford kam zu spät und übelgelaunt in der Polizeiwache an. Rays Abschiedsworte nagten immer noch an ihr. Sie wollte nicht, dass irgendetwas, was Ray sagte, Einzug in ihr Bewusstsein hielt. Aber er hatte einfach diese Art, ein >Auf Wiedersehen< von einer harmlosen Floskel in einen Armbrustbolzen zu verwandeln, und man musste schnell sein, um nicht getroffen zu werden. Wenn sie den Kopf frei hatte, war sie geschickt darin, seine verbalen Attacken zu parieren. Aber mitten in einer Mordermittlung war das unmöglich.

Was Pete anging, hatte sie nachgeben müssen; ein weiterer Grund, warum sie spät dran war. In Anbetracht der Tatsache, dass ihr keine Kriminalbeamten für den Fall zur Verfügung standen, sondern nur die Taucherstaffel - und wer zum Henker wusste schon, wann die wieder abgezogen würde? -, würde sie Überstunden machen müssen, und irgendjemand musste sich schließlich um den Jungen kümmern. Nicht weil Pete nicht in der Lage gewesen wäre, sich selbst zu versorgen. Er konnte schon seit Jahren kochen und hatte sogar gelernt, die Waschmaschine zu bedienen, nachdem seine Mutter einmal sein über alles geliebtes Arsenal-Trikot rosa eingefärbt hatte. Aber er musste von der Schule zum Fußballtraining und zu dieser und jener Verabredung kutschiert werden, und die Zeit, die er im Internet zubrachte, musste ebenso überwacht werden wie die Hausaufgaben, weil er die nämlich sonst überhaupt nicht machte. Kurz gesagt, er war ein völlig normaler vierzehnjähriger Junge, der regelmäßiger elterlicher Fürsorge bedurfte. Bea wusste, sie hätte dankbar sein sollen, dass ihr Exmann gewillt war einzuspringen. Nur war sie überzeugt, dass Ray diese ganze Situation zu genau diesem Zweck herbeigeführt hatte: um ungehinderten Zugang zu Pete zu erlangen. Er wollte engeren Kontakt zu ihrem Sohn und sah dies als die Gelegenheit, ebendiesen Kontakt aufzubauen. Dass Pete neuerdings mit Enthusiasmus reagierte, wenn er bei seinem Vater übernachten sollte, sprach dafür, dass Rays Kampagne erfolgreich war, und brachte Bea zu der Frage, welchen Erziehungsansatz ihr Exmann eigentlich verfolgte, angefangen von den Mahlzeiten, die er Pete vorsetzte, bis hin zu den Freiheiten, die er ihm einräumte.

Also hatte sie Ray einem Verhör unterzogen, während Pete im Gästezimmer verschwunden war - er nannte es bereits>sein Zimmer< -, um seine Tasche auszupacken. Ray hatte ihre Fragen in der ihm ureigenen, unnachahmlichen Weise unterminiert und war geradewegs zu deren Wurzel gelangt. »Er ist gerne hier, weil er mich liebt«, hatte seine Erklärung gelautet. »So wie er auch gerne bei dir ist, weil er dich liebt. Er hat zwei Elternteile, nicht nur einen, Beatrice. Das ist doch alles in allem ganz positiv, oder etwa nicht?«

Zwei Elternteile, hatte sie antworten wollen.Oh, das ist ja fantastisch, Ray! Stattdessen sagte sie jedoch: »Ich will nicht, dass er hier Dingen ausgesetzt ist wie …«

»Fünfundzwanzigjährigen Frauen, die unbekleidet im Haus umherlaufen?«, schlug er vor. »Keine Bange. Ich habe meinem Harem, der hier für gewöhnlich residiert, mitgeteilt, dass die Orgien bis auf Weiteres ausfallen müssen. Es hat ihnen das Herz gebrochen, genau wie mir, aber da kann man eben nichts machen. Pete geht vor.« Er lehnte an der Küchenanrichte und sah die Post vom Vortag durch. Es gab keinerlei Anzeichen, dass weitere Personen im Haus ein und aus gingen. Sie hatte das so diskret wie möglich überprüft, weil sie - so hatte sie es sich eingeredet - verhindern wollte, dass Pete Zeuge irgendwelcher oberflächlicher sexueller Beziehungen wurde. Nicht in seinem Alter, und nicht, bevor sie Gelegenheit gehabt hätte, ihm jede durch Körperkontakt übertragbare Krankheit eingehend zu beschreiben, die er sich würde einfangen können, wenn er sich nicht vorsah.

»Du hast wirklich merkwürdige Vorstellungen davon, womit ich meine äußerst begrenzte Freizeit verbringe«, merkte Ray an.

Sie ging nicht darauf ein. Stattdessen überreichte sie ihm eine Tüte mit Lebensmitteln, denn sie wollte verdammt sein, wenn sie auch noch in seiner Schuld stünde, nur weil er Pete aufgenommen hatte, obwohl er eigentlich nicht an der Reihe war. Dann befahl sie ihren Sohn herbei, umarmte ihn, verpasste ihm den lautesten Kuss auf die Wange, den sie zustande brachte, ohne sich von seinem Winseln und seinem »Ach,Mum!« abhalten zu lassen, und verließ das Haus.

Ray folgte ihr zum Wagen. Draußen war es grau und windig, und es hatte angefangen zu regnen, aber weder beeilte er sich, noch ging er vor dem Wetter in Deckung. Er wartete, bis sie eingestiegen war, und bedeutete ihr dann, das Seitenfenster zu öffnen. Als sie es heruntergefahren hatte, beugte er sich herab und fragte: »Was muss ich tun, Beatrice?«

»Was meinst du?«, entgegnete sie und machte sich keinerlei Mühe, ihre Ungeduld zu verbergen.

»Was muss ich tun, damit du mir verzeihst?«

Sie schüttelte den Kopf, setzte zurück und fuhr ohne ein weiteres Wort davon. Aber sie war nicht in der Lage, seine Frage aus ihrem Kopf zu verbannen.

So war sie also geneigt, ungnädig zu Sergeant Collins und Constable McNulty zu sein, als sie endlich die Polizeiwache betrat, aber die beiden erbärmlichen Tröpfe machten es ihr doch tatsächlich unmöglich, ihnen mit Verärgerung zu begegnen. Collins hatte es irgendwie geschafft, in ihrer Abwesenheit Initiative zu ergreifen, und hatte die Hälfte der Taucherstaffel ausgeschickt, um die Umgebung von Polcare Cove in einem Dreimeilenradius zu durchkämmen und herauszufinden, ob irgendeiner der Bewohner der verstreuten Weiler oder Farmen etwas Berichtenswertes zu Protokoll geben konnte. Den restlichen Beamten hatte er aufgetragen, Hintergrundinformationen zu allen Personen zusammenzutragen, die bislang mit dem Verbrechen in Verbindung standen: die Kernes - insbesondere Ben Kernes finanzielle Situation und die Frage, ob das Ableben seines Sohnes irgendeinen Einfluss auf diese Situation hatte -, Madlyn Angarrack, ihre Familie, Daidre Trahair, Thomas Lynley und Alan Cheston. Sie alle würden ihre Fingerabdrücke nehmen lassen müssen. Die Kernes waren überdies davon in Kenntnis gesetzt worden, dass in Truro nun alles bereit sei für die formelle Identifizierung von Santos Leichnam.

Derweil hatte Constable McNulty sich mit Santo Kernes Computer beschäftigt. Als Bea eintraf, war er gerade dabei, die gelöschten E-Mails zu sichten. (»Das wird etliche Stunden dauern«, teilte er ihr mit. Er hoffte wohl, sie würde erwidern, er solle sich die Mühe sparen, was sie jedoch nicht zu tun gedachte.) Zuvor hatte er dem Computer einige Dateien entlockt, die weitere T-Shirt-Designs zu enthalten schienen.

McNulty hatte sie in Kategorien unterteilt: örtliche Unternehmen, deren Namen er kannte, vornehmlich Pubs, Hotels und Surfshops. Dann Rockbands, sowohl berühmte als auch völlig obskure, und Events - von Musikfestivals bis hin zu Kunstmessen. Und zu guter Letzt eine Handvoll Entwürfe, bei denen er >so ein komisches Gefühl< hatte, was Bea vermuten ließ, dass er schlicht und ergreifend keine Ahnung hatte, was sie darstellten. Doch da irrte sie sich.

Der erste fragwürdige Entwurf war von LiquidEarth - ein Name, den Bea bereits auf einem Rechnungsformular in Santo Kernes Wagen gesehen hatte. Das sei die Firma eines Surfbrettbauers, erklärte McNulty. Der Inhaber heiße Lewis Angarrack.

»Verwandt mit Madlyn Angarrack?«, hakte sie nach.

»Ihr Vater.«

Das war interessant. »Und was ist mit den anderen?«

Cornish Gold war der zweite Entwurf, den er aussortiert hatte. Eine Obstfarm, wo Cider produziert wurde, berichtete McNulty.

»Und wieso liegt das auf diesem Stapel?«

»Es ist das einzige Unternehmen außerhalb von Casvelyn«, antwortete er. »Ich dachte, es könnte sich vielleicht lohnen, der Sache nachzugehen.«

McNulty war vielleicht doch kein völliger Blindgänger, wie sie anfangs geglaubt hatte. »Und der Letzte?« Sie betrachtete den Entwurf. Er schien zweiseitig angelegt zu sein. Die Vorderseite lautete: >Sei subversiv^ Der Schriftzug stand über einem Mülleimer, sodass man auf alle möglichen Gedanken kommen konnte, von Bomben auf offener Straße bis hin zur Durchsuchung der Mülltonnen von Promis, um so vielleicht an irgendwelche Informationen zu gelangen, die man der Boulevardpresse verkaufen konnte. Doch die Rückseite klärte alles auf: >Iss für nix!<, riet eine niedliche Comicfigur, die an Dickens' kleine Diebe inOliver Twist erinnerte und die mit dem Finger auf einen weiteren Mülleimer zeigte, der ausgekippt worden war, sodass der Inhalt sich auf die Straße ergoss.

»Was, glauben Sie, hat das zu bedeuten?«, fragte Bea Constable McNulty.

»Keine Ahnung«, gestand er. »Aber es schien mir wert, es unter die Lupe zu nehmen, denn es hat nichts mit einer Firma zu tun wie die anderen. Wie gesagt, ich hatte so 'n komisches Gefühl. Was man nicht identifizieren kann, muss man untersuchen.«

Der letzte Satz klang wie ein Zitat aus einem Lehrbuch. Es war das erste Mal, dass sie ihn etwas Kluges hatte sagen hören. Das machte ihr Hoffnung. »Vielleicht haben Sie ja doch eine Zukunft in diesem Geschäft«, bemerkte sie.

Der Gedanke schien ihn nicht sonderlich zu beglücken.

Tammy war an diesem Morgen noch schweigsamer als gewöhnlich, und das beunruhigte Selevan Penrule. Sie war ohnehin ein stilles Wasser, aber diese völlige Zugeknöpftheit hatte er bislang noch nie an ihr beobachtet. Bis jetzt war es dem Großvater immer so vorgekommen, als wäre das Mädchen einfach unnatürlich ruhig - ein weiterer Hinweis darauf, dass mit ihm irgendetwas nicht stimmte, denn in seinem Alter sollte es nicht ruhig sein. Es sollte eigentlich immerzu aufgeregt sein: wegen seiner Haut, seiner Figur, der richtigen Kleidung, des perfekten Haarschnitts und ähnlichen Unfugs. Aber heute Morgen sah Tammy so aus, als wälzte sie ein Problem. Selevan glaubte, genau zu wissen, worum es sich dabei handelte.

Er überlegte, wie er vorgehen sollte. Er dachte an seine Unterhaltung mit Jago Reeth und daran, was Jago gesagt hatte: dass man junge Leute lenken müsse, ohne sie dabei herumzukommandieren. Trotz Selevans gestriger Reaktion - »Du hast gut reden, Kumpel!« - musste er zugeben, dass Jagos Worte vernünftig klangen. Denn wo, bitte schön, lag der Sinn, einer Heranwachsenden seinen Willen aufzuzwingen, wenn diese Heranwachsende durchaus einen eigenen Willen besaß? Es war schließlich nicht so, dass alle Menschen immerfort so leben sollten wie ihre Eltern, oder etwa doch? Denn dann würde die Welt sich niemals mehr verändern, sich nicht weiterentwickeln, und sie wäre wahrscheinlich nicht mehr im Geringsten interessant. Eine endlose Wiederholung, Generation um Generation. Andererseits … War das denn wirklich so schlecht?

Selevan wusste es nicht. Was er indessen wusste, war, dass er selbst tatsächlich genau das Gleiche getan hatte wie seine Eltern - entgegen seinen eigenen Wünschen und nur aufgrund einer tückischen Laune des Schicksals. Sein Vater war erkrankt, und Selevan hatte pflichtschuldig die Milchviehzucht übernommen, der er als junger Mann doch nur schnellstmöglich hatte entfliehen wollen. Er hatte das immer als unfair empfunden, und jetzt fragte er sich, wie fair sie alle Tammy gegenüber waren, indem sie ihre Wünsche missachteten.

Was wäre allerdings, wenn ihre Wünsche gar nicht ihre Wünsche wären, sondern nur die Folge ihrer Ängste? Auf diese Frage brauchte er dringend eine Antwort. Aber sie würde nur dann beantwortet werden, wenn die Frage auch gestellt würde.

Doch erst einmal musste er sich in Geduld üben. Er musste das Versprechen einlösen, das er ihr und ihren Eltern gegeben hatte - und ihren Rucksack durchsuchen, bevor er sie zur Arbeit fuhr. Sie ließ es resigniert über sich ergehen. Schweigend sah sie ihm dabei zu. Er spürte ihren Blick auf sich, während er ihre Habseligkeiten auf der Suche nach verbotenen Gegenständen durchkämmte. Nichts. Eine karge Brotzeit. Ein Portemonnaie mit den fünf Pfund, die er ihr vor zwei Wochen als Taschengeld gegeben hatte. Lippenbalsam und ihr Adressbuch. Er fand auch ein Taschenbuch und wollte es schon als Beweismittel sicherstellen. Doch der Titel -In den Schuhen des Fischers - deutete darauf hin, dass sie endlich über Cornwall und ihre Herkunft las, also gab er ihr das Buch zurück. Dann reichte er ihr den Rucksack und grummelte: »Sorg dafür, dass es so bleibt.« Erst da fiel ihm auf, dass sie etwas trug, was er noch nie an ihr gesehen hatte. Kein neues Kleidungsstück - sie war noch immer von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidet, wie Queen Victoria nach Prinz Alberts Tod. Aber sie trug etwas um den Hals. Und zwar unter dem Pullover, sodass er davon nur ein Stück grüne Kordel sah.

»Was ist das denn?«, fragte er und zog es hervor. Es war keine Kette, erkannte er. Oder aber die merkwürdigste Kette, die er je gesehen hatte. Sie war nicht geschlossen, und die beiden losen Enden waren mit kleinen Stoffquadraten versehen, die mit einem verschnörkelten >M< und einer goldenen Krone darüber bestickt waren. Selevan betrachtete die Stoffquadrate argwöhnisch. »Was ist das?«, wiederholte er.

»Ein Skapulier«, erklärte sie.

»Skapu-was?«

»Ein Skapulier.«

»Und wofür steht das >M<?«

»Für Maria.«

»Mariawer?«, verlangte er zu wissen.

Tammy seufzte. »Ach, Granddad.«

Das beruhigte ihn nicht gerade. Er steckte sich das Skapulier in die Tasche und befahl ihr, ihren Hintern nach draußen ins Auto zu bewegen.

Als er zu ihr in den Wagen stieg, wusste er, die Zeit war reif, also fragte er: »Ist es die Angst?«

»Wovor?«

»Du weißt genau, was ich meine. Vor Männern«, sagte er. »Hat deine Mutter … Du weißt schon. Du weißt verdammt gut, worüber ich rede.«

»Ehrlich gesagt, nein.«

»Hat deine Mutter dir erklärt …?«

Die Mutter seiner Frau hatte es nicht getan. Die arme Dot hatte gar nichts gewusst. Sie war nicht nur als Jungfrau in sein Bett gekommen, sondern so ahnungslos wie ein neugeborenes Lamm. Und er hatte die Sache vermasselt, weil auch er unerfahren und schrecklich nervös gewesen war. Für sie aber hatte es lediglich nach Ungeduld ausgesehen, sodass sie schließlich vor Angst in Tränen ausgebrochen war. Aber waren Mädchen heutzutage nicht völlig anders? Die wussten doch schon über alles Bescheid, ehe sie zehn waren.

Andererseits würden, was Tammy anging, Unwissenheit und Angst eine Menge erklären. Denn sie waren möglicherweise der Grund dafür, wie das Mädchen momentan lebte, nämlich ganz in sich selbst zurückgezogen.

»Hat deine Mutter mit dir darüber gesprochen, Kind?«, fragte er.

»Worüber?«

»Blümchen und Bienchen. Hunde und Welpen. Hat deine Mutter dir das erklärt?«

»O Granddad«, sagte sie.

»Hör auf mit deinem >O Granddad<, und sag mir die Wahrheit. Denn wenn sie's nicht getan hat .« Arme Dot, dachte er. Arme, ahnungslose Dot. Als ältestes Mädchen in einer Familie mit lauter Töchtern hatte sie - außer vielleicht im Museum - nie zuvor einen nackten Mann gesehen, und so hatte die dumme Gans doch tatsächlich geglaubt, die männlichen Genitalien wären wie Feigenblätter geformt … Gott, was für ein Albtraum diese Hochzeitsnacht gewesen war, und was er daraus gelernt hatte, war, dass es für alle Beteiligten nur von Nachteil war, bis nach der Hochzeit zu warten . Wenn sie es vorher getan hätten, hätte Dot wenigstens gewusst, ob sie überhaupt heiraten wollte . Nur hätte sie in einem solchen Fall natürlich erst recht auf einer Heirat bestanden. Also ganz egal wie man es betrachtete, er hatte in der Falle gesessen. So wie er immer in der Falle saß: durch Liebe, durch Pflicht - und jetzt wegen Tammy.

»Also, was soll das heißen: >O Granddad<?«, wollte er wissen. »Dass du Bescheid weißt? Oder ist es dir peinlich? Was ist es?«

Sie ließ den Kopf hängen. Er dachte, sie würde vielleicht anfangen zu weinen, und weil er das nicht wollte, startete er den Motor. Sie rumpelten den Hügel hinauf und vom Gelände des Caravanparks. Er war sich inzwischen sicher, dass sie ihm nichts erzählen würde. Sie wollte es ihm schwer machen. Zur Hölle mit ihr! Sie war einfach ein sturköp- figes kleines Ding. Er konnte sich allerdings nicht vorstellen, woher sie das hatte. Aber dass sie ihre Eltern damit in die Verzweiflung getrieben hatte, war nun wirklich nicht sonderlich erstaunlich.

Nun, er hatte wohl keine andere Wahl, als sie weiter zu bearbeiten, wenn sie nicht antworten wollte. Also zog er, während sie sich auf den Weg nach Casvelyn machten, alle Register. »Es ist die natürliche Ordnung der Dinge«, erklärte er. »Mann und Frau vereint. Alles andere ist unnatürlich, und ich meinealles andere, kapiert? Es ist nichts, wovor man sich fürchten müsste, denn wir sind unterschiedlich gebaut, und diese unterschiedlichen Teile sind dafür gedacht, vereint zu werden. Der Mann liegt oben, die Frau unten. Mann und Frau vereinen ihre Körperteile, denn so soll es eben sein. Er gleitet hinein, und sie zappeln ein bisschen herum, und wenn sie fertig sind, schlafen sie ein. Manchmal kommt ein Baby dabei heraus, manchmal nicht. Aber so soll es sein, und wenn der Mann auch nur einen Funken Verstand hat, ist es eine schöne Sache, an der sie beide Spaß haben.« Da. Er hatte es gesagt. Aber er wollte einen Aspekt wiederholen, um sicherzustellen, dass sie es verstanden hatte. »Alles andere«, betonte er mit einem Trommeln auf dem Lenkrad, »ist wider die natürliche Ordnung, und wir sollen uns natürlich verhalten.Natürlich. Wie dieNatur. Und was es in der Natur niemals gibt, ist …«

»Ich habe mit Gott gesprochen«, unterbrach Tammy ihn.

Also, das ist jetzt wirklich ein Gesprächskiller, dachte Selevan. Es war einfach so aus heiterem Himmel gekommen, dabei war er doch so bemüht gewesen, dem Mädchen etwas wirklich Wichtiges zu vermitteln. »Ach ja?«, fragte er genervt. »Und was hat Gott so erzählt? Schön, dass er Zeit für dich hatte. Für mich hatte der Drecksack nie Zeit.«

»Ich hab versucht zuzuhören.« Tammy klang bekümmert. »Ich hab wirklich versucht, seiner Stimme zu lauschen.«

»Seiner Stimme? Gottes Stimme? Und woher kam die? Aus dem Ginster oder so?«

»Gottes Stimme kommt aus dem Innern«, erklärte Tammy und legte eine lose Faust an ihre magere Brust. »Ich habe versucht, die Stimme in meinem Innern zu verstehen. Sie ist leise. Es ist die Stimme dessen, was recht ist. Du erkennst es, wenn du sie hörst, Granddad.«

»Und du hörst sie oft, ja?«

»Wenn ich ganz ruhig werde, dann ja. Aber momentan kann ich es nicht.«

»Du bist Tag und Nacht ruhig, das seh ich doch.«

»Aber nicht in meinem Innern.«

»Wie kommt das?« Er schaute zu ihr hinüber. Ihr Blick war auf den verregneten Morgen draußen gerichtet, die tröpfelnden Hecken, an denen der Wagen vorbeikam, eine Elster, die gen Himmel zeterte.

»Mein Kopf ist voll Geplapper«, antwortete Tammy. »Und wenn es nicht still ist in meinem Kopf, kann ich Gott nicht hören.«

Geplapper?, dachte er. Wovon in Teufels Namen redete dieses Kind? Gerade hatte er noch gedacht, er hätte sie auf Spur gebracht, und jetzt war er wieder vollkommen ratlos. »Was hast du denn da oben drin?«, fragte er und tippte ihr an die Schläfe. »Kobolde und Unholde?«

»Mach dich nicht darüber lustig«, protestierte sie. »Ich versuche gerade, dir zu erklären . Aber es gibt nichts und niemanden, den ich fragen könnte, verstehst du? Also frage ich dich, denn soweit ich sehe, ist das meine einzige Möglichkeit. Ich schätze, ich will dich um Hilfe bitten, Granddad.«

Na endlich!, dachte er. Endlich kamen sie zum Kern der Sache. Das war der Moment, auf den ihre Eltern gehofft hatten. Die Zeit bei ihrem Großvater machte sich zu guter Letzt bezahlt. Er wartete, gab einen Brummlaut von sich, um ihr zu signalisieren, dass er gewillt war, ihr zuzuhören. Die Sekunden verrannen, während sie sich Casvelyn näherten. Doch sie sagte nichts mehr, bis sie in die Stadt kamen.

Und dann machte sie es kurz. Er hatte den Wagen bereits am Straßenrand vor dem Clean-Barrel-Surfshop abgestellt, als sie endlich den Mund aufmachte. »Wenn ich etwas weiß …«, begann sie, den Blick starr auf die Ladentür gerichtet. »Und wenn das, was ich weiß, jemanden in Schwierigkeiten bringen könnte … Was mache ich dann, Granddad? Das ist es, was ich Gott gefragt habe, aber er hat nicht geantwortet. Was soll ich nur tun? Ich könnte weiterfragen, denn wenn jemandem, den man gernhat, etwas Schlimmes passiert, dann scheint es .«

»Der Kerne-Junge«, unterbrach er. »Weißt du etwas über diese Sache, Tammy? Sieh mich an, Kind, nicht aus dem Fenster!«

Sie wandte sich zu ihm um. Sie war wesentlich verstörter, als ihm bis jetzt klar gewesen war. Also konnte es nur eine Antwort geben, und trotz der Komplikationen, die diese Antwort für sein eigenes Leben bedeuten könnte, schuldete er sie seiner Enkelin.

»Wenn du etwas weißt, musst du es der Polizei sagen. Und zwar noch heute.«

12

Sie war eine hervorragende Dartspielerin. Das hatte Lynley am Abend zuvor herausgefunden und es unter den mageren Informationen abgespeichert, die er bislang über Daidre Trahair hatte sammeln können. Sie hatte an der Rückseite ihrer Wohnzimmertür eine Dartscheibe aufgehängt, was ihm bislang entgangen war, weil sie diese Tür immerzu offen stehen ließ, statt sie gegen den eisigen Wind zu schließen, der aus der Diele hereinwehte, wenn jemand das Cottage betrat.

Er hätte wissen müssen, dass er in Schwierigkeiten steckte, als sie mit einem Maßband eine Entfernung von exakt 2,37 Metern bis zur geschlossenen Tür ermittelt und an der entsprechenden Stelle einen Schürhaken auf den Boden gelegt hatte, den sieOche nannte. »Okee- eh?«, hatte er verwirrt wiederholt, und sie hatte erklärt: »DasOche ist die Wurflinie, hinter der die Spieler stehen, Thomas.« Da schwante ihm zum ersten Mal, dass er sich womöglich ein bisschen zu weit aus dem Fenster gelehnt hatte. Aber wie schwierig kann es schon sein?, hatte er sich beruhigt und war wie das Lamm zur Schlachtbank gegangen, als er einem Spiel namens 501 zustimmte, von dem er nicht die geringste Ahnung hatte.

»Gibt es dafür irgendwelche Regeln?«, hatte er sich erkundigt.

Sie hatte ihn mit einem missfälligen Blick traktiert. »Natürlich gibt es Regeln. Es ist ein Spiel, Thomas.« Und sie hatte es ihm erklärt. Sie begann mit der Dartscheibe, und er verlor fast augenblicklich den Faden, als sie von Treble- und Double-Ringen sprach und ausführte, was es für seinen Punktestand bedeutete, wenn sein Pfeil dort auftraf. Er hatte sein Leben lang angenommen, wenn man in der Lage sei, das Bull's Eye zu identifizieren, wüsste man genug über Darts - aber schon nach wenigen Augenblicken war er hoffnungslos verwirrt.

Es sei ganz einfach, versicherte sie. »Wir beginnen beide mit einem Punktestand von jeweils fünfhunderteins. Ziel ist es, diesen Punktestand auf null zu reduzieren. Wir werfen je drei Darts. Ein Bull's Eye zählt fünfzig Punkte, ein Bull fünfundzwanzig, und alles im Doubleoder Treble-Ring bringt das Doppelte beziehungsweise Dreifache der dem Segment zugewiesenen Punktzahl. So weit klar?«

Er nickte. Er hatte nur eine nebulöse Vorstellung, wovon sie eigentlich sprach, aber er war überzeugt: Selbstvertrauen war der Schlüssel zum Erfolg.

»Gut. Wichtig ist noch, dass der letzte Wurf in einem Double oder im Bull's Eye landen muss. Und wenn Ihre Punktzahl auf eins oder unter null geht, ist die Runde ungültig, und der andere Spieler ist an der Reihe. - Kommen Sie noch mit?«

Er nickte wieder. Inzwischen war er zwar noch verwirrter, aber wie schwierig konnte es denn sein, eine Dartscheibe aus weniger als drei Metern Entfernung zu treffen? Außerdem war es ja nur ein Spiel, und sein Ego war stabil genug, um unbeschadet zu bleiben, sollte sie gewinnen. Denn dem ersten Spiel konnte ja ein weiteres folgen. Sie konnten über drei Sätze spielen. Oder über mehrere Gewinnsätze. Es spielte keine Rolle. Es war doch nur ein abendlicher Zeitvertreib, oder etwa nicht?

Sie gewann jede einzelne Partie. Sie hätten die ganze Nacht durchspielen können, und Daidre hätte wahrscheinlich immer weiter gewonnen. Und diese kleine Teufelin - denn als solche betrachtete er sie inzwischen - entpuppte sich nicht nur als Turnierspielerin, sondern ebenso als die Art Frau, die nicht daran glaubte, dass das Ego eines Mannes hin und wieder den Balsam der unangefochtenen Überlegenheit über das andere Geschlecht verdiente.

Sie zeigte jedoch so viel Anstand, wenigstens ein bisschen verlegen zu sein. »Oje«, sagte sie. »Ach du meine Güte. Es ist einfach . Ich lasse grundsätzlich niemanden absichtlich gewinnen. Das kommt mir immer so unehrlich vor.«

»Sie sind … sagenhaft«, erwiderte er. »Mir ist schon ganz schwindelig.«

»Nun ja. Ich hatte Ihnen verschwiegen, dass ich ziemlich häufig spiele. Aber ich zahle den Preis dafür, dass ich Ihnen die Wahrheit verheimlicht habe: Ich helfe Ihnen mit dem Abwasch.«

Sie hielt Wort, und in ungetrübter Eintracht brachten sie die Küche in Ordnung. Er spülte, sie trocknete ab. Dann hieß sie ihn, den Herd zu putzen. »Das ist nur fair«, frotzelte sie, fegte dann aber selbst den Boden und scheuerte die Spüle. Er stellte fest, dass er sich in ihrer Gesellschaft wohlfühlte, und das hatte zur Folge, dass seine Aufgabe ihm Unbehagen verursachte.

Er erfüllte sie trotzdem. Denn im Grunde war nur eine Sache wirklich wichtig: Er war Polizist, und es war jemand durch Mord zu Tode gekommen. Daidre hatte eine ermittelnde Beamtin angelogen, und ganz gleich wie sehr er diesen Abend genoss, er hatte für Detective In- spector Hannaford einen Job zu erledigen, und er hatte die Absicht, dies auch zu tun.

Er nahm seine Nachforschungen gleich am nächsten Morgen in seinem Zimmer im Salthouse Inn wieder auf und kam erstaunlich weit. Mit ein paar unkomplizierten Telefonaten fand er heraus, dass tatsächlich eine Frau mit Namen Daidre Trahair als Tierärztin im Zoo von Bristol arbeitete. Als er fragte, ob er sie denn sprechen könne, teilte man ihm mit, sie habe Sonderurlaub bekommen, um sich einer dringenden Familienangelegenheit in Cornwall anzunehmen.

Diese Information fand er nicht sonderlich eigenartig. Viele täuschten Familienprobleme vor, wenn sie in Wahrheit nur ein paar Tage weg wollten, um Abstand von einem stressigen Job zu gewinnen. Daraus konnte man ihr keinen Vorwurf machen.

Auch die Geschichte von ihrem adoptierten chinesischen Bruder hielt stand. Lok Trahair studierte in Oxford. Daidre selbst hatte einen Abschluss in Biologie von der Universität Glasgow, wo sie anschließend am Royal Veterinary College weiterstudiert und ihren Doktor gemacht hatte. So weit also alles in Ordnung. Sie mochte Geheimnisse haben, die sie vor DI Hannaford zu verbergen suchte, aber die betrafen weder ihre Identität noch die ihres Bruders.

Er forschte weiter bis in ihre Schulzeit zurück, und da stieß er auf die erste Ungereimtheit. Daidre Trahair hatte eine weiterführende Gesamtschule in Falmouth besucht, aber für die Zeit davor gab es keinerlei Belege. Ihr Name tauchte in keinem Schülerverzeichnis in Falmouth auf, weder in den staatlichen noch den privaten Schulen, Internaten oder Klosterschulen … Nichts. Entweder hatte sie diese Zeit nicht in Falmouth verbracht, oder sie war aus irgendeinem Grund anderswohin geschickt oder zu Hause unterrichtet worden.

Aber sie hätte es doch sicher erwähnt, wenn sie daheim unterrichtet worden wäre, hatte sie ihm doch auch erzählt, dass sie zu Hause zur Welt gekommen war. Wäre dies nicht eine naheliegende Fortführung gewesen?

Er war sich nicht sicher. Er war sich auch nicht sicher, was er sonst noch tun konnte. Er überdachte seine Möglichkeiten, als ein Klopfen an der Tür ihn aus seinen Gedanken riss. Siobhan Rourke brachte ihm ein Päckchen. Es sei gerade mit der Post gekommen, sagte sie.

Er bedankte sich, und als er wieder allein war, öffnete er es und zog seine Brieftasche daraus hervor. Er klappte sie auf - ein Reflex, aber gleichzeitig ein bisschen mehr als das. Er war nicht darauf vorbereitet gewesen, doch mit einem Mal hatte er seine Identität zurück: Führerschein - zu einem Quadrat gefaltet -, Bankkarte, Kreditkarten, ein Foto von Helen.

Er nahm es in die Hand. Es war eine Aufnahme, die an Weihnachten entstanden war, keine zwei Monate vor ihrem Tod. Es waren hektische Feiertage gewesen, keine Zeit, um ihre oder seine Familie zu besuchen, weil er bis über beide Ohren in Ermittlungen gesteckt hatte. »Mach dir keine Gedanken, es wird weitere Weihnachtsfeste geben, Darling«, hatte sie gesagt. Das Bild zeigte sie am Frühstückstisch; das Kinn auf die Hand gelegt, sah sie ihn lächelnd an, ihr Haar noch ungekämmt, das Gesicht ungeschminkt - so wie er sie liebte.

Helen, dachte er.

Er musste sich zwingen, in die Gegenwart zurückzukehren. Behutsam steckte er das Foto zurück an seinen Platz in der Brieftasche. Diese legte er neben das Telefon auf den Nachttisch. Schweigend saß er da, hörte nichts als sein eigenes Atemgeräusch. Er dachte an ihren Namen. Er dachte an ihr Haar. Er dachte an nichts.

Schließlich nahm er seine Arbeit wieder auf. Er wägte die Alternativen ab. Weitere Nachforschungen über Daidre Trahair würden notwendig sein, aber er wollte nicht derjenige sein, der sie anstellte, ganz gleich ob er einer Kollegin Loyalität schuldete oder nicht. Denn er war doch gar kein Polizist - jedenfalls hier nicht und überhaupt nicht mehr. Und es gab andere.

Doch ehe er sich daran hindern konnte - dabei wäre es so einfach gewesen -, nahm er den Hörer wieder zur Hand und wählte eine Nummer, die ihm vertrauter war als seine eigene. Und eine Stimme, die vertraut war wie die eines Familienmitgliedes, meldete sich am anderen Ende der Leitung: Dorothea Harriman, Abteilungssekretärin bei New Scotland Yard.

Zuerst war er nicht sicher, ob er sprechen konnte, aber schließlich brachte er ein Wort heraus: »Dee.«

Sie erkannte ihn sofort. Mit gesenkter Stimme sagte sie: »Detective Superintendent . Detective Inspector . Sir?«

»Einfach Thomas«, erwiderte er. »Einfach nur Thomas, Dee.«

»Um Himmels willen, Sir, kommt nicht infrage!«, protestierte sie. Dee Harriman, die niemals irgendjemanden anders ansprach als mit seinem vollständigen Rang. »Wie geht es Ihnen, Detective Superintendent Lynley?«

»Es geht mir gut, Dee. Ist Barbara in der Nähe?«

»Detective Sergeant Havers?«, fragte sie. Derart nachzufragen, sah Dee überhaupt nicht ähnlich. Lynley überlegte, warum sie es wohl getan hatte.

»Nein. Sie ist nicht hier, Detective Superintendent. Aber Detective Sergeant Nkata ist im Büro. Und Detective Inspector Stewart. Und Detective Inspec…«

Lynley unterbrach sie: »Ich versuch's auf Barbaras Handy. Und, Dee …?«

»Detective Superintendent?«

»Sagen Sie niemandem, dass ich angerufen habe, in Ordnung?«

»Aber . Sind Sie .«

»Bitte.«

»Ja. Ja. Natürlich. Aber wir hoffen … Nicht nur ich … Ich spreche für alle hier, das weiß ich, wenn ich sage …«

»Danke.« Er legte auf. Er überlegte, ob er Barbara Havers, seine langjährige Partnerin und mitunter streitbare Freundin, wirklich anrufen sollte. Sie würde ihm bereitwillig ihre Hilfe anbieten, aber es wäre allzu bereitwillig. Selbst wenn sie mitten in einem Fall steckte, würde sie ihm trotzdem helfen wollen und die Konsequenzen tragen, ohne ein Wort darüber zu verlieren.

Und noch eine andere Gewissheit war in ihm aufgestiegen, als er Dorothea Harrimans Stimme gehört hatte: Es war offensichtlich noch viel zu früh. Und womöglich war die Wunde zu tief, um überhaupt je zu heilen.

Doch ein Junge war tot, und Lynley war, wer er war. Er griff erneut zum Telefon.

»Ja?« Das war typisch Havers. Sie sprach laut, und wenn er die Hintergrundgeräusche richtig deutete, steckte sie mit der Höllenmaschine, die sie ihr Auto nannte, irgendwo im Straßenverkehr.

Er atmete ein, immer noch unsicher.

»Hey«, blaffte sie. »Ist da jemand? Ich kann Sie nicht hören. Hören Sie mich?«

»Ja. Ich kann Sie hören. Ich bin da an etwas dran . Können Sie mir helfen, Barbara?«

Ein langes Schweigen. Er hörte ihr Radio und den vorüberrauschenden Verkehr. Offenbar war sie so klug gewesen, auf dem Seitenstreifen zu halten, um zu telefonieren. Aber sie sagte immer noch nichts.

»Barbara?«

»Schießen Sie los, Sir.«

LiquidEarth befand sich am Binner Down inmitten einer Ansammlung kleiner Betriebe auf dem Gelände eines vor langer Zeit stillgelegten Air-Force-Flugplatzes - ein Relikt aus dem Zweiten Weltkrieg, das nach all den Jahrzehnten nur noch aus verfallenen Gebäuden, tief gefurchten Wegen und Dornengestrüpp bestand. Es wirkte wie eine Müllkippe. Zerbrochene Hummerfallen und ausrangierte Fischernetze lagen neben Hügeln aus Betonbrocken, Altreifen und schimmelnden Möbeln um alte Gastanks herum, ausgemusterte Toiletten und Waschbecken dienten dem wilden Efeu als Kletterhilfen. Matratzen, schwarze Müllsäcke, die mit Gott weiß was prall gefüllt waren, dreibeinige Stühle, zersplitterte Türen und alte Fensterrahmen. Der perfekte Ort, um eine Leiche auf Jahrzehnte verschwinden zu lassen, schoss es Bea Hannaford durch den Kopf.

Die Ausdünstungen dieses Ortes drangen selbst durch die geschlossenen Türen und Fenster in den Wagen ein: Feuer und Kuhmist von der Milchviehwirtschaft am Rande des Plateaus. Und um die allgegenwärtige Abscheulichkeit perfekt zu machen, hatten sich in den Kratern des Asphalts Pfützen gebildet, die mit einer Ölschicht überzogen waren.

Sie hatte Constable McNulty als Navigator und Notizenschreiber mitgebracht. Seine Anmerkungen in Santo Kernes Zimmer am Vortag hatten sie hoffen lassen, er könne nützlicher sein als befürchtet, vor allem wenn es um das Thema Surfen ging, und als langjähriger Einwohner von Casvelyn kannte er sich überdies hier aus.

Sie waren auf dem Weg hierher an der Kaianlage vorbeigekommen, die das nordöstliche Ufer des Casvelyn Canal bildete. Über die Arundel- Verbindung waren sie zum Binner Down gelangt, von wo aus schließlich ein unebener Pfad vorbei an einem rußverschmierten Farmhaus zu dem einstigen Flugfeld führte. Jenseits davon stand in der Ferne ein verfallenes Haus, eine Bruchbude, die offenkundig einer Reihe von Surfern als Behausung gedient hatte. McNulty schien es gelassen zu nehmen. Was sollte man schon erwarten?, sagte sein Ausdruck.

Bea stellte bald fest, dass sie froh sein konnte, ihn mitgenommen zu haben, denn keiner der Betriebe auf dem einstigen Flughafengelände war über eine Hausnummer oder Ähnliches kenntlich gemacht. Es handelte sich um beinah fensterlose Betongebäude mit Dächern aus verzinktem Metall, von denen Efeu herabrankte. Rissige Betonrampen führten zu schweren Stahltoren hinauf.

McNulty dirigierte Bea einen schmalen Weg entlang zum nördlichen Ende des Flugplatzes. Nach etwa dreihundert Metern, die ihr fast das Kreuz brachen, verkündete er schließlich: »Wir sind da, Chef.« Er zeigte auf eine von drei Hütten, die, so behauptete er, einmal Marinehelferinnen beherbergt hatten - kaum zu glauben, dachte Bea. Aber es waren harte Zeiten gewesen. Verglichen mit einem Leben zwischen den zerbombten Trümmern Londons oder Coventrys war es ihnen hier wahrscheinlich wie im Paradies vorgekommen.

Bea war ausgestiegen und reckte sich, um ihre in Mitleidenschaft gezogene Wirbelsäule zu lockern, als McNulty sie darauf aufmerksam machte, wie viel näher sie hier dem verfallenen Surferhaus waren. Er nannte es >Binner Down House<, und es stand genau gegenüber am anderen Ende des Plateaus. Praktisch für die Surfer, bemerkte er. Wenn ihre Bretter reparaturbedürftig waren, konnten sie einfach hier herüberkommen und sie Lew Angarrack vorbeibringen.

Sie betraten LiquidEarth durch eine Tür, die mit nicht weniger als vier Schlössern gesichert war. Man gelangte direkt in einen kleinen Ausstellungsraum, wo an zwei Wänden in schmucklosen Gestellen Longboards und Shortboards mit der Nase nach oben standen. Eine dritte Wand war mit Postern behängt - Wellen so groß wie Kreuzfahrtschiffe -, während entlang der vierten Wand eine Ladentheke stand. Dahinter war allerlei Zubehör ausgestellt: Schutzhüllen für Surfbretter, Leinen und Finnen. Neoprenanzüge gab es nicht. Ebenso wenig wie T- Shirts mit Designs, die von Santo Kerne stammten.

Beißender Dampf, der in den Augen brannte, hing in der Luft. Er schien aus einem angrenzenden Raum herüberzuwabern, wo ein Mann in Overall mit einem langen grauen Pferdeschwanz und einer großen Brille eine zähflüssige Substanz aus einem Eimer über ein Surfbrett goss, das quer über zwei Holzböcken lag.

Der Mann arbeitete langsam, was an der Art seiner Tätigkeit liegen mochte, vielleicht aber auch an einer Gewohnheit, seinem Alter oder an einer Erkrankung. Er zitterte, stellte Bea fest. Parkinson, Alkohol oder was auch immer.

»Entschuldigen Sie - Mr. Angarrack?« Im selben Moment begann hinter einer geschlossenen Tür ein elektrisch betriebenes Werkzeug zu heulen.

»Das ist er nicht«, raunte Constable McNulty ihr von hinten zu. »Das da nebenan, das wird er wohl sein.«

Das da, schloss Bea, meinte offenbar, dass Lewis Angarrack derjenige war, der das Werkzeug betrieb, das den Radau verursachte. Während sie zu diesem Ergebnis kam, drehte der ältere Mann sich um. Sein Gesicht war tief gefurcht; seine Brille wurde von einem Stück Draht zusammengehalten.

»Tut mir leid, ich kann das hier gerade nicht unterbrechen.« Er nickte auf seine Arbeit hinab. »Aber kommen Sie nur rein. Sie sind von der Polizei?«

Da McNulty Uniform trug, war dieser Schluss naheliegend. Bea hingegen trat auf ihn zu, hinterließ Fußspuren auf dem Boden, der mit einer Schicht aus Kunststoffstaub bedeckt war, und zückte ihren Dienstausweis. Er warf einen flüchtigen Blick darauf, nickte und stellte sich als Jago Reeth vor. Der Kunstharzgießer. Er sei gerade dabei, die letzte Harzschicht auf ein neues Brett aufzubringen, und die müsse er glätten, ehe sie zu trocknen begann, sonst hätte er später beim Schleifen ein mächtiges Problem. Doch sobald er fertig sei, habe er Zeit, mit ihnen zu reden, wenn sie das wünschten. Sei es indes Lew, den sie suchten: Der schleife nebenan gerade die Rails eines Boards, und dabei sei er gern ungestört, da er es am liebsten in einem einzigen Arbeitsdurchgang mache.

»Wir werden uns ausdrücklich für die Unterbrechung entschuldigen«, versicherte Bea. »Könnten Sie ihn bitte holen? Oder sollen wir …?« Sie zeigte auf die Tür, hinter der das Kreischgeräusch andauerte und darauf hindeutete, dass ein weiteres Surfbrett Gestalt annahm.

»Warten Sie 'n Moment«, bat Jago. »Lassen Sie mich das hier auftragen. Dauert keine fünf Minuten, aber ich kann die Arbeit wirklich nicht unterbrechen.«

Sie sahen ihm zu, während er den Plastikeimer leerte. Das Harz breitete sich zäh aus, formte einen kleinen See, der sich der Kontur des Surfbretts anpasste, und Jago nahm einen Pinsel zur Hand, um es gleichmäßig zu verteilen. Wieder fiel Bea auf, wie stark seine Hände zitterten. Er schien ihre Gedanken in ihrem Blick zu lesen.

»Viele gute Jahre hab ich nicht mehr vor mir«, bemerkte er. »Ich hätte die großen Wellen nehmen sollen, solange ich noch dazu in der Lage war.«

»Sie surfen selber?«, fragte Bea.

»Heutzutage nicht mehr. Das wäre Selbstmord.« Über das Brett gebeugt, sah er zu ihr auf. Die Augen hinter den Brillengläsern - die ebenfalls mit weißem Staub bedeckt waren waren klar und scharf, trotz seines Alters. »Sie sind wegen Santo Kerne hier, nehme ich an. War also Mord, he?«

»Ach, das wissen Sie bereits?«, hakte Bea nach.

»Ich wusste's nicht«, entgegnete er. »Hab's mir nur gedacht.«

»Wieso?«

»Weil Sie hier sind. Warum sollten Sie herkommen, wenn es nicht Mord war? Oder machen Sie eine Runde, um jedem zu kondolieren, der den Jungen kannte?«

»Zählen Sie dazu?«

»Ja«, antwortete er. »Nicht lange, aber ich kannte ihn. Vielleicht sechs Monate. Seit ich für Lew arbeite.«

»Sie wohnen also noch nicht lange hier in der Stadt?«

Er zog mit dem Pinsel einen schwungvollen Strich über die gesamte Länge des Bretts. »Ich? Nein. Dieses Mal bin ich aus Australien gekommen. Ich bin seit Ewigkeiten immer der Saison nachgereist.«

»Dem Sommer oder dem Surfen?«

»Ist an vielen Orten ein und dasselbe. An anderen ist es der Winter. Es werden immer und überall Leute gebraucht, die Boards bauen können. Und da komm ich ins Spiel.«

»Ist es hier nicht noch ein bisschen früh dafür?«

»Überhaupt nicht. Nur noch ein paar Wochen. Gerade jetzt werd ich am meisten gebraucht, denn vor Saisonbeginn kommen die Bestellungen rein. Dann, während der Saison, werden die Bretter beschädigt und müssen repariert werden. Newquay, North Shore, Queensland oder Kalifornien - ich hab überall gearbeitet. Früher bin ich direkt nach der Arbeit surfen gegangen. Manchmal auch schon vor der Arbeit.«

»Aber heute nicht mehr.«

»Du meine Güte, nein. Das würde mich ziemlich sicher umbringen. Übrigens hat Santos Vater immer geglaubt, es würde den Jungen eines Tages umbringen, wussten Sie das? Aber er ist ein Idiot. Surfen ist ungefährlicher, als die Straße zu überqueren. Und es bringt die jungen Leute raus an die frische Luft und in die Sonne.«

»So wie das Klettern in den Klippen«, bemerkte Bea.

Jago warf ihr einen düsteren Blick zu. »Sie sehen ja, was ihm dabei passiert ist.«

»Sie kennen die Kernes also?«

»Santo. Wie ich schon sagte. Die anderen nur vom Hörensagen. Ich weiß nur, was Santo erzählt hat. Das ist alles.« Er legte den Pinsel in den Eimer, den er zuvor unter das Brett geschoben hatte, und dann nahm er sein Werk in Augenschein, ging hinter dem Board in die Hok- ke, um es vom Ende bis zur Spitze zu begutachten. Dann erhob er sich und trat an die Tür, hinter der ein neues Brett geformt wurde. Schob sich durch einen schmalen Spalt und schloss sie hinter sich. Gleich darauf verstummte das heulende Gerät.

Constable McNulty sah sich um, und zwischen seinen Augenbrauen hatte sich eine Falte gebildet, als dächte er angestrengt darüber nach, was er hier zu sehen bekam. Bea hatte keine Ahnung von der Herstellung von Surfbrettern, also fragte sie: »Was?«, und er tauchte aus seinen Gedanken auf.

»Irgendetwas …«, antwortete er. »Ich weiß noch nicht so richtig.«

»Hat es mit dieser Werkstatt zu tun? Mit Reeth? Mit Santo? Seiner Familie? Was?«

»Bin nicht sicher.«

Sie stieß hörbar die Luft aus. Wahrscheinlich würde der Mann ein verdammtes Ouijabrett brauchen.

Lew Angarrack betrat den Raum. Genau wie Jago Reeth trug auch er einen Overall aus steifem Papier, der perfekt zu seiner restlichen Erscheinung passte: Er war von Kopf bis Fuß weiß. Sein dichtes Haar hätte jede Farbe haben können wahrscheinlich war es grau meliert, denn er schien auf die fünfzig zuzugehen -, aber momentan sah er so aus, als trüge er eine Juristenperücke, so dicht war er mit Polystyrolstaub bepudert. Der Staub hatte sich wie eine dünne Patina auch auf seine Stirn und Wangen gelegt. Nur Mund und Augen waren frei davon, was wohl an der Schutzmaske und -brille lag, die um seinen Hals baumelten.

An ihm vorbei konnte Bea das Brett sehen, an dem er gerade gearbeitet hatte. Gleich dem, welches der Kunstharzgießer beschichtet hatte, lag es über zwei hohen Holzböcken: geformt aus einem Hartschaumblock, der durch eine längslaufende Holzleiste in zwei Hälften gespalten schien. Weitere Hartschaumblöcke standen aufgereiht an der Wand des Zuschnittraums. Eine weitere Wand, sah Bea aus dem Augenwinkel, beherbergte Regale mit Werkzeugen: Hobel, Schleifmaschinen und Feilen.

Angarrack war kein hochgewachsener Mann, nicht viel größer als Bea selbst. Aber sein Oberkörper wirkte kompakt, und Bea nahm an, er war sehr kräftig. Jago Reeth hatte ihn vermutlich über das Auftauchen der Polizeibeamten ins Bild gesetzt, aber ihre Anwesenheit schien Angarrack nicht zu beunruhigen. Er wirkte nicht einmal überrascht. Oder schockiert oder bekümmert.

Bea stellte sich selbst und Constable McNulty vor und erkundigte sich, ob sie ihm einige Fragen stellen dürften.

»Reine Höflichkeit, dass Sie fragen, oder?«, entgegnete er knapp. »Sie sind extra hier rausgekommen, also nehme ich an, das bedeutet, dass Sie mir Ihre Fragen stellen werden, ob ich nun will oder nicht.«

Bea ging nicht darauf ein. »Vielleicht können Sie uns währenddessen herumführen?«, schlug sie vor. »Ich habe nicht den Hauch einer Ahnung, wie Surfboards gebaut werden.«

»Man nennt es >Shaping<«, mischte Jago Reeth sich ein. Er hatte sich in eine Ecke des Ladens zurückgezogen.

»Es gibt nicht viel zu sehen«, sagte Angarrack. »Shaping, Lackieren, Versiegeln, Schleifen. Für jeden Arbeitsschritt habe ich einen Raum.« Er wies mit dem Daumen zur Lackiererwerkstatt hinüber. Die Tür stand offen, aber der Raum war unbeleuchtet. Angarrack legte einen altmodischen Lichtschalter um, und nach und nach sprangen grelle Deckenlampen an. Jetzt konnte Bea erkennen, dass auch dort ein Holzbock stand. Noch lag kein Surfboard darauf bereit. Allerdings waren an der Wand fünf Bretter aufgereiht, die offenbar lackiert werden mussten.

»Sie machen auch die künstlerische Gestaltung?«, fragte Bea.

»Nicht ich persönlich. Ein alter Bekannter hat eine Zeit lang die Designs für mich gemacht, bis er weitergezogen ist. Dann hat Santo das übernommen, sozusagen als Bezahlung für das Board, das er sich ausgesucht hatte. Aber jetzt suche ich jemand Neues.«

»Weil Santo gestorben ist?«

»Nein. Ich hatte ihn schon vorher rausgeworfen.«

»Warum?«

»Aus Solidarität, würde man wohl sagen.« »Mit wem?«

»Mit meiner Tochter.«

»Santos Freundin.«

»Das war sie eine Zeit lang. Aber diese Zeit war vorüber.« Er schritt zurück in den Verkaufsraum, wo hinter der Ladentheke zwischen Katalogen und einem Klemmbrett voller Formulare und Surfbrettplänen ein Wasserkocher auf einem Klapptisch stand. Angarrack stöpselte den Wasserkocher ein und fragte: »Kann ich Ihnen was anbieten?«, und als sie ablehnten, rief er: »Jago?«

»Schwarz und stark«, antwortete Jago.

»Erzählen Sie uns von Santo Kerne«, bat Bea, während Lew sich an dem Instantkaffee zu schaffen machte. Er löffelte reichlich in einen Becher und war sparsamer bei einem zweiten.

»Er hat ein Board bei mir gekauft. Vor zwei Jahren. Er hatte die Surfer am Strand unweit des Hotels gesehen und wollte das auch lernen. Zuerst war er unten bei Clean Barrel .«

»Der Surfladen«, murmelte McNulty, als glaubte er, Bea brauchte einen Übersetzer.

»… aber Will Mendick - ein Typ, der da gearbeitet hat - hat ihm wohl empfohlen, sich an mich zu wenden. Ich gebe hin und wieder ein paar Bretter bei Clean Barrel in Kommission, aber nicht viele.«

»Man verdient ja nichts mehr, wenn man den Profit mit einem Händler teilen muss«, grollte Jago von hinten.

»Nur zu wahr«, bestätigte Angarrack. »Jedenfalls hatte Santo dort ein Brett gesehen, das ihm gefiel. Aber es war zu schwierig für ihn, auch wenn er das damals noch nicht wusste. Ein Shortboard. Ein Thruster, mit drei Finnen. Er hatte sich das Brett zeigen lassen, aber Will wusste, dass er das Surfen darauf nicht gut würde lernen können - wenn er's denn überhaupt lernen würde. Also hat er ihn zu mir geschickt. Ich habe Santo ein leichteres Board gebaut: breiter, länger und mit nur einer Finne. Und Madlyn - das ist meine Tochter - hat ihn unterrichtet.«

»So hat es mit den beiden also angefangen.«

»Im Grunde genommen. Ja.«

Der Wasserkocher schaltete sich aus. Angarrack goss das Wasser in die Becher, rührte um und sagte über die Schulter: »Hier ist dein Kaffee, Kumpel.« Jago Reeth trat zu ihnen, nahm den Kaffee entgegen und schlürfte geräuschvoll den ersten Schluck.

»Wie standen Sie dazu?«, fragte Bea. »Zu der Beziehung der beiden?« Sie sah, dass Jago Lew nicht aus den Augen ließ. Interessant, dachte sie und setzte beide Namen auf ihre imaginäre Liste.

»Um ehrlich zu sein, es hat mir nicht gefallen. Sie hat darüber ihr Ziel aus den Augen verloren. Früher hat sie immer auf etwas hingearbeitet. Die Landesmeisterschaft. Internationale Wettbewerbe. Doch als sie Santo kennengelernt hat, spielte das alles auf einmal keine Rolle mehr. Es gab nur noch Santo für sie.«

»Die erste Liebe«, kommentierte Jago. »Kann sehr schmerzhaft sein.«

»Sie waren beide zu jung«, befand Angarrack. »Nicht einmal siebzehn, als sie sich begegnet sind. Keinen Schimmer, wie alt sie waren, als sie sich zum ersten Mal .« Er vollführte eine Geste, die ihnen bedeutete, den Satz selbst zu beenden.

»Geliebt haben«, schlug Bea vor.

»In dem Alter hat das nichts mit Liebe zu tun«, entgegnete Angar- rack. »Jedenfalls nicht bei den Jungs. Bei ihr war das anders. Leuchtende Augen und Watte im Hirn. Santo hier, Santo da. Ich wünschte, ich hätte etwas tun können, um es zu verhindern.«

»Das ist nun mal der Lauf der Welt, Lew.« Jago lehnte im Türrahmen zur Gießerwerkstatt, den Kaffeebecher mit beiden Händen umschlossen.

»Ich habe ihr nicht verboten, sich mit ihm zu treffen«, fuhr Angarrack fort. »Was hätte das schon genützt? Aber ich habe ihr eingeschärft, vorsichtig zu sein.«

»In welcher Hinsicht?«

»Das liegt doch wohl auf der Hand. Schlimm genug, dass sie an keinen Wettkämpfen mehr teilnahm. Aber was, wenn sie schwanger geworden wäre - oder Schlimmeres.«

»Schlimmeres?« »Wenn sie sich eine Krankheit eingefangen hatte.«

»Oh. Das hört sich an, als hielten Sie den Jungen für promiskuitiv.«

»Ich habe keine Ahnung, was er war, aber ich wollte es auch nicht herausfinden, indem ich Madlyn in irgendwelche Schwierigkeiten hineingeraten ließ - ganz egal welcher Art. Also habe ich sie gewarnt, und dann hab ich sie gewähren lassen.« Bislang hatte Angarrack seinen Kaffee nicht angerührt, doch jetzt hob er den Becher und trank einen großen Schluck. »Das war wahrscheinlich ein Fehler.«

»Warum? Ist sie …«

»Sie wäre schneller über ihn hinweggekommen, wenn es früher aus gewesen wäre. Aber so, wie die Dinge dann gelaufen sind, ist sie eben nicht über ihn hinweggekommen.«

»Ich schätze, jetzt wird sie es«, warf Bea ein.

Die beiden Männer tauschten einen Blick. Schnell, beinahe verstohlen. Bea bemerkte es trotz alledem und versah auf der imaginären Liste ihre beiden Namen mit einem nachdrücklichen Ausrufezeichen.

»Auf Santos Computer haben wir ein T-Shirt-Design für LiquidEarth gefunden.« Constable McNulty zückte den Ausdruck und reichte ihn an Lew Angarrack weiter. »Hatten Sie ihn damit beauftragt?«, fragte Bea.

Er schüttelte den Kopf. »Als Madlyn mit Santo Schluss gemacht hat, habe ich ebenfalls mit Santo Schluss gemacht. Vielleicht wollte er mit dem Design sein neues Board abbezahlen .«

»Noch ein Board?«

»Aus dem ersten war er längst herausgewachsen. Er brauchte ein neues, kein Anfängerbrett mehr, wenn er sich weiterentwickeln wollte. Aber nachdem ich ihn rausgeworfen hatte, hatte er keinerlei Möglichkeiten, dieses Brett zu bezahlen. Vielleicht deshalb dieser Entwurf.« Er gab McNulty das Blatt zurück.

»Zeigen Sie ihm das andere«, befahl Bea dem Constable, und McNulty förderte den >Sei subversiv!<-Entwurf zutage. Lew warf einen Blick darauf und schüttelte den Kopf. Er reichte ihn weiter an Jago, der mit den Fingerknöcheln seine Brille zurechtschob, das Blatt betrachtete und sagte: »Will Mendick. Das war für ihn.« »Der junge Mann vom Clean-Barrel-Surfshop?«, vergewisserte sich Bea.

»Das war einmal. Jetzt arbeitet er im Blue-Star-Supermarkt.«

»Was hat dieser Entwurf zu bedeuten?«

»Er ist Freeganer. So nennt er sich jedenfalls. Hat zumindest Santo mal gesagt.«

»Freeganer? Das habe ich noch nie gehört.«

»Er isst nur, was er umsonst bekommt. Zeug, das er anbaut, oder was er in den Müllcontainern vom Supermarkt oder hinter den Restaurants findet.«

»Wie appetitlich! Ist das irgendeine Bewegung oder so was?«

Jago zuckte die Schultern. »Keine Ahnung. Aber er und Santo waren befreundet, glaube ich, also war es vielleicht eine Gefälligkeit. Das Logo, meine ich.«

Bea hörte mit Zufriedenheit, dass Constable McNulty all das eifrig mitschrieb, statt die Surfposter an den Wänden zu begaffen. Weit weniger zufrieden war sie, als er Jago plötzlich fragte: »Haben Sie je eine der ganz großen Wellen gesehen?« Er errötete leicht, während er sprach, so als wüsste er ganz genau, dass er einen Fehltritt beging, könnte sich aber einfach nicht zurückhalten.

»Ja sicher. Ke Iki. Waimea. Jaws. Teahupoo.«

»Sind sie wirklich so gigantisch, wie es immer heißt?«

»Hängt vom Wetter ab«, antwortete Jago. »Manchmal so hoch wie … ein Bürohaus. Oder noch höher.«

»Wo? Wann?« Und als Entschuldigung fügte er, an Bea gewandt, hinzu: »Will ich auch mal sehen, wissen Sie. Mit meiner Frau und den Kindern … ist ein Traum … Und wenn wir fahren, will ich sicher sein, dass wir zur richtigen Zeit am richtigen Ort sind, verstehen Sie .«

»Ach, Sie surfen?«, fragte Jago.

»Bisschen. Nicht so wie ihr hier. Aber ich .«

»Das reicht, Constable«, beschied Bea.

Er wirkte kreuzunglücklich, als hätte sie ihn einer einmaligen Gelegenheit beraubt. »Ich wollte doch nur wissen .«

»Wo können wir Ihre Tochter finden?«, fragte sie Angarrack und brachte McNulty mit einer ungeduldigen Geste endgültig zum Schweigen.

Lew leerte seinen Becher und stellte ihn zurück auf den Klapptisch. »Was wollen Sie von Madlyn?«, fragte er.

»Ich denke, das liegt auf der Hand.«

»Das finde ich nicht.«

»Sie ist Santo Kernes Exfreundin, Mr. Angarrack. Sie muss wie jeder andere auch befragt werden.«

Es war offensichtlich, dass Lew Angarrack die Richtung nicht behag- te, in die Bea ermittelte, aber er verriet ihr nichtsdestotrotz, wo seine Tochter arbeitete. Bea gab ihm ihre Karte und kreiste ihre Handynummer ein. Falls ihm noch irgendetwas einfalle .

Er nickte, kehrte an seine Arbeit zurück und schloss die Tür zu seinem Werkraum hinter sich. Sekunden später war erneut das Heulen der Schleifmaschine zu hören.

Jago Reeth blieb bei Bea und dem Constable. Nach einem Blick über die Schulter sagte er: »Eine Sache noch . Mir liegt was auf der Seele, also, wenn Sie noch einen Moment Zeit hätten …« Und auf Beas Nik- ken hin fuhr er fort: »Ich wär dankbar, wenn Lew das nicht erfährt, versteh'n Sie? Er wär stinksauer, wenn er's wüsste.«

»Worum geht es denn?«

Jago verlagerte nervös das Gewicht von einem Fuß auf den anderen. »Ich hab's ihnen ermöglicht. Ich weiß, ich hätte das vermutlich nicht tun sollen. Nachher war mir das klar, aber da war das Kind schon in den Brunnen gefallen. Da konnt' ich's ja nicht mehr rausfischen …«

»So sehr ich Ihren virtuosen Umgang mit der Metapher auch bewundere, aber könnten Sie bitte etwas deutlicher werden?«, fragte Bea.

»Santo und Madlyn. Ich gehe fast jeden Nachmittag ins Salthouse Inn. Treff mich da mit 'nem Bekannten. Santo und Madlyn sind dann immer zu mir gegangen.«

»Um Sex zu haben?«

Er schien nicht gerade glücklich darüber, das einräumen zu müssen. »Ich hätte es ihnen selbst überlassen können, sich was zu suchen, aber es schien … Ich wollte, dass sie einen sicheren Ort haben, versteh'n Sie? Nicht irgendwo auf dem Rücksitz eines Autos. Nicht in … Was weiß ich.«

»Wenn man allerdings bedenkt, dass seinem Vater ein Hotel gehört …«, entgegnete Bea.

Jago fuhr sich mit dem Unterarm über den Mund. »Ja sicher. Schön. Sie hätten vielleicht eines der Zimmer im King George nehmen können. Aber das hieß ja nicht . Die beiden . Ich wollte nur . Oh, Mist. Wie hätte ich denn sonst sicher sein können, dass er benutzt, was er benutzen musste, um das Mädchen nicht in Gefahr zu bringen? Also hab ich sie für ihn liegen lassen. Gleich neben dem Bett.«

»Kondome.«

Er schien ein bisschen verlegen - ein alter Knabe, der eine so unverblümte Unterhaltung mit einer Frau führte, die er unter anderen Umständen vielleicht eine Dame genannt hätte. Eine Vertreterin des schönen Geschlechts, dachte Bea. Sie las diesen Gedanken in seinem Gesichtsausdruck.

»Er hat sie benutzt, aber nicht jedes Mal, versteh'n Sie?«

»Und woher wussten Sie, wann er sie benutzt hatte?«, bohrte Bea weiter.

Er wirkte aufrichtig entsetzt. »Du lieber Gott, Inspector!«

»Ich bin nicht sicher, ob Gott hiermit irgendetwas zu tun hat, Mr. Reeth. Wenn Sie mir bitte die Frage beantworten würden. Haben Sie die Kondome vorher und nachher gezählt? Im Müll nachgeschaut? Was?«

Seine Miene verriet sein Unbehagen. »Beides«, gestand er. »Verflucht noch mal, ich hab dieses Mädchen gern! Sie hat ein gutes Herz. Vielleicht geh'n ihr manchmal die Gäule durch, aber sie hat ein gutes Herz. Ich hab mir gedacht, es passiert sowieso mit den beiden, also kann ich auch dafür sorgen, dass es eine gute Erfahrung für sie wird.«

»Und wo wäre das? Ihr Haus, meine ich?«

»Ich wohne in einem Caravan drüben in Sea Dreams.«

Bea warf Constable McNulty einen Blick zu, und er nickte. Er wusste, wo das war. Gut.

»Möglicherweise werden wir ihn uns anschauen wollen«, sagte sie.

»Hab ich mir schon gedacht.« Jago schüttelte den Kopf. »Junge Leute. Wer denkt denn schon an die Folgen, wenn man jung ist?«

»Tja. Nun ja. Wer denkt im Eifer des Gefechts an die Folgen?«, wiederholte Bea.

»Manchmal sind es ja nicht einfach nurFolgen. Ich meine, sehen Sie sich das da an.« Er sprach jetzt anscheinend von einem der Poster an der Wand. Es zeigte ein Surfboard, das in die Luft schoss. Der Surfer hing wie gekreuzigt inmitten eines einzigartigen, monströsen Wipe- outs in der Luft, vor dem Hintergrund einer massiven Wasserwand. »Sie denken nicht über den Moment selbst nach, geschweige denn über die Folgen . dieses Moments. Und dann passiert so was.«

»Wer ist das?«, fragte McNulty und trat näher an das Poster heran.

»Ein Kerl namens Mark Foo. Eine Minute - wenn überhaupt - vor seinem Tod.«

McNultys Mund formte ein ehrfürchtiges »Oh«, und er wollte schon antworten. Bea sah, dass er sich auf einen ausführlichen Surf-Plausch einrichtete, und sie konnte sich vorstellen, wohin das führen würde. »Das sieht ein bisschen gefährlicher aus als Klettern«, ging sie dazwischen. »Vielleicht hatte Santos Vater ja doch recht, seinem Sohn das Surfen ausreden zu wollen.«

»Und den Jungen von dem fernzuhalten, was er liebte? Was sollte daran richtig sein?«

»Vielleicht wollte er einfach nur sicherstellen, dass ihm nichts zustößt.«

»Hat ja prima geklappt«, wandte Jago Reeth ein und räusperte sich. »Vielleicht ist das eine Sache, die wir für andere einfach nicht sicherstellen können.«

Daidre Trahair bat darum, wieder den Internetzugang in Max Priest- leys Büro in derWatchman-Redaktion benutzen zu dürfen, aber dieses Mal musste sie dafür bezahlen. Max verlangte allerdings kein Geld. Der Preis war ein Interview mit einem seiner Reporter. Steve Teller sei zufällig im Haus und arbeite an der Story über die Ermordung von Santo Kerne, erklärte er. Und sie, Daidre, sei das fehlende Puzzleteilchen. Das Verbrechen verlange nach einem Augenzeugenbericht.

»Ermordung?«, wiederholte Daidre, denn sie ahnte, dass dies die von ihr erwartete Reaktion war. Sie hatte den Leichnam gesehen und die Netzschlinge, was Max zwar nicht sicher wusste, aber womöglich vermutete.

»Die Cops haben uns heute Morgen informiert«, erklärte er. »Steve ist im Layout. Da ich den Computer im Moment selber brauche, kannst du dort mit ihm sprechen.«

Daidre glaubte nicht, dass Max seinen Computer gerade wirklich benötigte, aber sie erhob keine Einwände. Sie wollte mit der Sache nichts zu tun haben, wollte auch nicht, dass ihr Name, ihr Foto, die Lage ihres Cottages oder irgendwelche anderen persönlichen Informationen über sie in der Zeitung standen, aber sie sah keinen Weg, das zu verhindern, ohne Max' Argwohn zu wecken. Also willigte sie ein. Sie brauchte den Internetzugang, und hier hatte sie mehr Zeit und war ungestörter als an dem einzigen Computerarbeitsplatz in der Bücherei. Sie gestand sich ein, in dieser Hinsicht fast schon paranoid zu sein, aber ihrer Verfolgungsangst nachzugeben, schien ihr die klügste Vorgehensweise zu sein.

Sie begleitete Max also ins Layout und nutzte die Gelegenheit, ihm einen verstohlenen Blick zuzuwerfen. Sie wollte ergründen, was sich hinter seiner gelassenen Miene verbarg. Genau wie sie ging auch er gern auf dem Küstenpfad spazieren. Mehr als einmal war sie ihm auf dieser oder jener Klippe begegnet, der Hund seine einzige Begleitung. Beim vierten oder fünften Mal hatten sie darüber gewitzelt und vereinbart: »Wir sollten uns auch mal woanders treffen.« Und sie hatte ihn gefragt, warum er so oft die Küste entlangwanderte. Er hatte geantwortet, Lily habe Spaß daran, und er selbst sei gern allein. »Einzelkind«, hatte er erklärt. »Ich bin das Alleinsein gewöhnt.« Aber sie hatte nie geglaubt, dass das die ganze Wahrheit war.

An diesem Tag war sein Ausdruck unergründlich. Nicht dass er je sonderlich leicht zu lesen wäre. Wie üblich sah er aus, als wäre er einem Artikel in derCountry Life über das Leben in Cornwall entsprungen: Der Kragen seines gestärkten blauen Hemdes schaute aus einem cremeweißen Seemannspulli, er war glatt rasiert, und seine Brille funkelte im Licht der Deckenleuchten - so makellos wie alles andere an ihm. Ein Mann in den Vierzigern, tugendhaft und frei von Schuld.

»Hier hätten wir unsere Zielperson, Steve«, sagte er, als sie den Layout-Raum betraten, wo der Reporter an einem PC in der Ecke arbeitete. »Sie hat sich zu einem Interview bereit erklärt. Zeig keine Gnade mit ihr!«

Daidre warf ihm einen Blick zu. »Du klingst, als wäre ich irgendwie in die Sache verwickelt.«

»Du warst nicht gerade überrascht, geschweige denn entsetzt, als du gehört hast, dass es Mord war«, erwiderte Max.

Sie sahen einander in die Augen. Daidre wägte mögliche Antworten ab und sagte schließlich: »Ich habe den Leichnam gesehen, vergiss das nicht.«

»Und, war es denn so offensichtlich? Zuerst hieß es doch, er wäre abgestürzt.«

»Ich glaube, genau sosollte es auch aussehen.« Sie hörte Teller auf seine Tastatur einhämmern und fuhr ein wenig zu scharf fort: »Ich habe nichts davon gesagt, dass das Interview bereits begonnen hat.«

Max winkte ab. »Du befindest dich in Gesellschaft von Journalisten, meine Liebe. Wir stürzen uns auf jeden Happen. Du warst schließlich vorgewarnt.«

»Verstehe.« Sie nahm Platz, und sie wusste, es sah affektiert aus, wie sie auf der Kante eines Stuhls mit Sprossenlehne thronte, der kaum unbequemer hätte sein können. Sie hielt die Handtasche auf dem Schoß, die Hände darüber gefaltet. Wahrscheinlich sah sie aus wie eine Gouvernante oder eine hoffnungsvolle Bewerberin. Sie versuchte erst gar nicht, diesen Eindruck zu zerstreuen, und bemerkte: »Ich kann nicht sagen, dass ich besonders glücklich hierüber bin.«

»Das ist nie jemand - außer vielleicht zweitklassige Promis.« Damit verließ Max den Raum und wandte sich anderen Dingen zu. »Janna, haben wir schon den genauen Termin der Untersuchung?« Doch Daidre hörte Jannas Antwort nicht mehr, denn Steve Teller hatte sich vor ihr aufgebaut und kam sofort zur Sache. Zunächst wolle er die Fakten, dann ihre Eindrücke, erklärte er. Letztere werde sie mit Sicherheit niemandem anvertrauen, beschloss sie, erst recht keinem Journalisten. Aber wie ein Polizist war er wahrscheinlich darauf getrimmt, Ungereimtheiten und Widersprüche aufzuspüren. Sie musste sich also vorsehen, was sie sagte - und wie sie es sagte. Sie überließ nicht gerne irgendetwas dem Zufall.

Sie hielt sich insgesamt zwei Stunden in denWatchman-Räumen auf, etwa eine Stunde im Gespräch mit Teller und eine weitere in Internetrecherche vertieft. Als sie das, was sie suchte, gefunden und ausgedruckt hatte, um es später in Ruhe lesen zu können, gab sie als letzten Suchbegriff >Adventures Unlimited< ein. Sie zögerte kurz, ehe sie den Suchvorgang startete. War es besser, diese Dinge zu wissen oder sie nicht zu wissen? Und wenn sie sie wusste, wäre sie dann in der Lage, sie nicht preiszugeben - nicht einmal durch ein verdächtiges Stirnrunzeln? Sie war nicht sicher, wie weit sie wirklich gehen sollte. Dann klickte sie auf >Suchen<.

Die Trefferliste zu dem jungen Unternehmen war nicht allzu umfangreich. DieMail on Sunday hatte einen längeren Artikel darüber gebracht, sah sie, genau wie verschiedene kleinere Zeitungen in Corn- wall. Auch derWatchman zählte dazu.

Warum auch nicht, überlegte sie. Adventures Unlimited war schließlich eine Story aus Casvelyn. Und derWatchman war die Lokalzeitung. Das King-George-Hotel war gerettet worden -Jetzt komm schon, Daidre, es ist ein denkmalgeschütztes Gebäude, wäre also kaumvon der Abrissbirne bedroht gewesen! -, und hier hatte auch so etwas Nachrichtenwert … Sie überflog den Artikel und betrachtete die Fotos. Es war das Übliche: der architektonische Aspekt, der Businessplan, die Familie. Und da waren sie alle abgelichtet, auch Santo. Über jeden gab es ein paar Informationen, niemand war besonders hervorgehoben worden, denn es war ja schließlich ein Familienunternehmen. Zum Schluss las sie die Verfasserzeile: Max selbst hatte den Artikel geschrieben. Das war nicht ungewöhnlich, denn die Redaktion war winzig, sodass jeder mit anpacken musste. Trotzdem war es potenziell verdächtig.

Sie fragte sich, was all das denn eigentlich mit ihr zu tun hatte: Max, Santo Kerne, die Klippen und Adventures Unlimited. Ihr kam John Donnes berühmter Ausspruch in den Sinn -»Ich bin verbunden mit der Menschheit« -, jedoch verwarf sie den Gedanken gleich wieder. Im Gegensatz zu dem Dichter fühlte sie sich der Menschheit viel zu häufig überhaupt nicht zugehörig und blieb lieber allein.

Dann verließ sie die Zeitungsredaktion. Sie dachte an Max Priestley und die Dinge, die sie gelesen hatte, als plötzlich jemand ihren Namen rief. Sie fuhr herum und erkannte Thomas Lynley die Princes Street entlang auf sie zukommen, ein großes Stück Pappe unter dem Arm, und eine kleine Plastiktüte baumelte an seinem Finger.

Wieder kam ihr in den Sinn, wie verändert er doch aussah ohne den zotteligen Bart, neu eingekleidet und wenigstens ein bisschen ausgeruhter. »Sie sehen nicht allzu niedergeschlagen aus nach Ihrem Waterloo am Dartbrett gestern Abend. Darf ich davon ausgehen, dass Ihr Ego nicht übermäßig ramponiert ist, Thomas?«

»Sie werden's nicht glauben«, erwiderte er. »Ich war die ganze Nacht auf und habe am Dartbrett im Salthouse Inn trainiert. Wo Sie regelmäßig jeden Herausforderer in die Knie zwingen, wie ich gehört habe - notfalls sogar mit verbundenen Augen, munkelt man dort.«

»Man übertreibt dort auch, fürchte ich.«

»Ach, wirklich? Haben Sie eigentlich sonst noch etwas vor mir geheim gehalten?«

»Roller-Derby«, gestand sie lächelnd. »Schon mal gehört? Eine amerikanische Sportart, wo furchteinflößende Frauen auf Inlineskates einander über den Haufen fahren.«

»Mein Gott!«

»Wir haben oben in Bristol ein junges Team, und alsJammer bin ich die Hölle auf Rädern. Auf meinen Skates bin ich noch weitaus rücksichtsloser als mit den Darts. Wir heißen übrigens die Boudica-Bräute, und mein Name ist Kickarse Electra. Unsere Pseudonyme sind allesamt angemessen bedrohlich.« »Sie stecken voller Überraschungen, Dr. Trahair.«

»Das macht meinen Charme aus. - Was haben Sie denn da?«, fragte sie und nickte auf sein Paket hinab.

»Ah. Ein Glücksfall, dass wir uns hier getroffen haben. Darf ich das hier in Ihrem Wagen deponieren? Es ist die neue Scheibe für das Fenster, das ich zerschlagen habe. Und das Werkzeug, um sie einzusetzen.«

»Woher in aller Welt wussten Sie die Größe?«

»Ich bin rausgefahren und habe es ausgemessen.« Er wies vage in die Richtung, wo er ihr Cottage vermutete, irgendwo im Norden von Casvelyn. »Ich musste schon wieder einbrechen, nachdem ich festgestellt hatte, dass Sie nicht da waren«, gestand er. »Ich hoffe, Sie verzeihen mir.«

»Ich hoffe nur, dass Sie nicht schon wieder ein Fenster kaputt gemacht haben, um hineinzugelangen.«

»Das war nicht nötig, weil ja bereits eines kaputt war. Besser, wir reparieren es, ehe jemand anderes den Schaden entdeckt und sich unter den Nagel reißt, was immer Sie dort versteckt haben.«

»So gut wie nichts«, eröffnete sie ihm. »Es sei denn, irgendjemand möchte meine Dartscheibe stehlen.«

»Ich wünschte, jemand täte es«, seufzte er, und sie lachte.

»Jetzt da wir uns getroffen haben, darf ich die Sachen in Ihr Auto legen?«

Sie hatte den Wagen an derselben Stelle geparkt wie am Tag zuvor, gegenüber vom Toes on the Nose, wo sich die Surfergemeinde bereits wieder versammelt hatte. Heute standen die meisten jedoch draußen und hatten ein Auge auf St. Mevan Beach. Etwa dreihundert Meter vom Parkplatz entfernt ragte das King-George-Hotel auf. Daidre machte Lynley darauf aufmerksam. Dort habe Santo Kerne gewohnt, erklärte sie. Und dann fügte sie hinzu: »Sie haben gar nichts von Mord gesagt, Thomas. Sie müssen es gestern Abend schon gewusst haben, aber Sie haben es nicht mit einer Silbe erwähnt.«

»Wie kommen Sie darauf, dass ich es gewusst habe?«

»Sie sind gestern Nachmittag zusammen mit der Polizistin weggefahren. Sie sind selbst einer. Polizist, meine ich. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie es Ihnen nicht gesagt hat. Sie sind doch so gut wie Kollegen.«

»Sie hat es mir gesagt«, räumte er ein.

»Gehöre ich zu den Verdächtigen?«

»Wir alle sind verdächtig, ich selbst mit eingeschlossen.«

»Und haben Sie ihr gesagt …«

»Was?«

»Dass ich Santo Kerne kannte. Oder zumindest erkannt habe.«

Er ließ sich Zeit mit seiner Antwort, und sie fragte sich, warum. »Nein«, erwiderte er schließlich. »Ich habe es ihr nicht gesagt.«

»Warum nicht?«

Er gab ihr keine Erklärung. Stattdessen bemerkte er: »Da ist Ihr Auto«, als sie es erreichten. Sie wollte auf einer Antwort bestehen; andererseits wollte sie sie gar nicht hören, weil sie sich nicht sicher war, was sie damit anfangen würde.

Sie durchwühlte ihre Tasche auf der Suche nach dem Schlüssel. Die Ausdrucke, die sie beimWatchman gemacht hatte, glitten ihr aus der Hand und flatterten auf den Bürgersteig hinab. »Verflixt«, sagte sie, während die Blätter sich mit Regenwasser vollsogen. Sie wollte sich schon hinknien, um sie aufzuheben. »Erlauben Sie«, sagte Lynley, stellte - ganz Gentleman - sein Paket ab und begann, die Blätter einzusammeln.

Überdies ganz Polizist, warf er einen Blick darauf und sah überrascht zu Daidre hoch. Sie fühlte, wie ihr das Blut in die Wangen schoss.

»Hoffen Sie auf ein Wunder?«, fragte er.

»Mein Privatleben war in den letzten Jahren ziemlich unerfreulich. Ich finde, man sollte nichts unversucht lassen. - Darf ich fragen, warum Sie es mir nicht gesagt haben, Thomas?«

»Was habe ich Ihnen nicht gesagt?«

»Dass Santo Kerne ermordet wurde. Top secret kann es ja wohl kaum gewesen sein. Sogar Max Priestley wusste es.«

Er reichte ihr die Ausdrucke und hob sein eigenes Paket wieder auf, während sie den Kofferraum des Vauxhalls öffnete. »Wer ist Max Priestley?«

»Der Herausgeber desWatchman. Ich habe vorhin mit ihm gesprochen.«

»Ich nehme an, die Presse wurde von Detective Inspector Hannaford informiert. Sie ist diejenige, die entscheidet, wann Informationen öffentlich gemacht werden, denn ich habe Zweifel, dass es bei der hiesigen Polizei einen Pressesprecher gibt. Es sei denn, sie hat jemanden dazu ernannt. Mir hätte es nicht angestanden, davon zu sprechen, ehe Detective Inspector Hannaford die Information freigegeben hatte.«

»Verstehe.« Sie hätte schlecht sagen können:Aber ich dachte, wir sind Freunde, denn das entsprach nicht den Tatsachen. Es schien wenig sinnvoll, das Thema weiterzuverfolgen, also fragte sie stattdessen: »Wollen Sie jetzt gleich mit raus zum Cottage kommen, um das Fenster zu reparieren?«

Er habe noch einige Kleinigkeiten in der Stadt zu erledigen, erklärte er, aber wenn es ihr recht sei, wolle er anschließend nach Polcare Cove kommen und alles in Ordnung bringen. Sie fragte, ob er denn wisse, wie man ein Fenster reparierte. Irgendwie sei es kaum vorstellbar, dass ein Blaublut - ob nun im Polizeidienst oder nicht - wisse, was man mit einer Glasscheibe und Kitt anfing.

Er erwiderte, er sei zuversichtlich, dass er das schon irgendwie zufriedenstellend hinbekommen werde. Und dann fragte er - aus Gründen, die sie nicht verstand: »Führen Sie Ihre Recherchen immer in der Zeitungsredaktion durch?«

»Normalerweise recherchiere ich überhaupt nicht«, erwiderte sie. »Jedenfalls nicht, wenn ich in Cornwall bin. Aber wenn ich etwas nachschauen muss, ja. Dann gehe ich zumWatchman. Max Priestley hat einen Retriever, den ich mal behandelt habe, darum lässt er mich an seinen Computer.«

»Das wird doch nicht der einzige Internetzugang sein.«

»Vergessen Sie nicht, wo wir hier sind, Thomas. Ich kann froh sein, dass es in Casvelyn überhaupt Internet gibt.« Sie zeigte nach Süden auf den Hafen. »Ich könnte den Zugang in der Bücherei benutzen, aber dort bekommt man immer nur ein kurzes Zeitfenster. Nach fünfzehn Minuten ist der nächste Benutzer an der Reihe. Das macht einen wahnsinnig, wenn man irgendetwas Bedeutsameres tun will, als nur mal eben schnell seine E-Mails zu beantworten.«

»Und etwas Vertraulicheres, nehme ich an«, sagte Lynley.

»Auch das«, räumte sie ein.

»Wir wissen schließlich, wie viel Ihnen Ihre Privatsphäre bedeutet.«

Sie lächelte, aber sie wusste, es sah bemüht aus. Es war Zeit für einen Rückzug, geordnet oder nicht. Sie werde ihn wohl später sehen, wenn er vorbeikam, um ihr Fenster zu reparieren, sagte sie zum Abschied. Dann stieg sie ein.

Sie fühlte seinen stetigen Blick auf sich, als sie vom Parkplatz fuhr.

Lynley sah ihr nach. Sie war in mehr als nur einer Hinsicht ein Rätsel und hütete viele Geheimnisse. Manche hatten mit Santo Kerne zu tun, nahm er an. Aber nicht alle, hoffte er. Er wusste nicht so recht, warum, aber er gestand sich ein, dass er die Frau mochte. Er bewunderte ihre Unabhängigkeit und ihren Lebensstil, mit dem sie gegen den Strom zu schwimmen schien. Sie war anders als alle anderen Menschen, die er kannte.

Aber das an sich warf schon Fragen auf. Wer genau war sie, und warum schien es, als sei sie erst als Jugendliche ins Leben getreten, fertig geformt, wie Athene aus Zeus' Kopf geboren? Die Leerstellen in ihrem Leben waren zutiefst beunruhigend. Er musste gestehen, dass hundert rote Warnflaggen diese Frau umgaben, und nur einige davon hingen mit einem toten Jungen am Fuß der Klippe in der Nähe ihres Cottages zusammen.

Vom Parkplatz aus ging er zu Fuß zur Polizeiwache am Ende der Lansdown Road. Zu beiden Seiten der schmalen Kopfsteinpflasterstraße standen Reihen weißer Häuser mit kaputten Dächern und fleckigen Fassaden, an denen das Wasser aus löchrigen, verrosteten Regenrohren herablief. Die meisten Häuser vermittelten einen heruntergekommenen Eindruck, wie überall in den ärmeren Gegenden Cornwalls, die die Flutwelle der Immobiliensanierung noch nicht erreicht hatte. Ein einziges Haus wurde hier derzeit renoviert - das Gerüst ein Vorbote auf bessere Zeiten für zumindest einen Bewohner dieses Viertels.

Die Polizeiwache selbst war sogar in dieser Umgebung ein Schandfleck, ein grau verputzter Kasten ohne jeden architektonischen Charme, Fassade und Dach flach - ein Schuhkarton mit dem gelegentlichen Fenster und einem Schaukasten gleich neben der Tür.

Man betrat einen Eingangsbereich, der mit drei Plastikstühlen und einer Empfangstheke ausgestattet war. Dahinter saß Bea Hannaford, den Telefonhörer ans Ohr gepresst. Sie hob einen Finger zum Gruß und sagte zu ihrem Gesprächspartner: »Verstanden. Na ja, das ist keine große Überraschung, oder . Dann werden wir sie uns wohl noch mal vorknöpfen müssen.«

Sie legte auf und führte Lynley in die Einsatzzentrale im ersten Stock, die bis vor Kurzem als Konferenz-, Pausen- und Garderobenraum gedient zu haben schien. Inzwischen war sie zwar mit ein paar Magnettafeln und HOLMES-Computern ausgestattet worden, aber offensichtlich unzureichend bemannt. Der Constable und der Sergeant waren emsig bei der Arbeit, sah Lynley, und zwei weitere Beamte standen in einer Ecke zusammen und tauschten sich entweder über den Fall oder aber über die Rennergebnisse in Newmarket aus - schwer zu sagen. Aufgaben waren an einer Magnettafel aufgelistet: einige abgehakt, andere noch unerledigt.

Detective Inspector Hannaford wies Collins an: »Besetzen Sie den Empfang, Sergeant.« Und nachdem er den Raum verlassen hatte, fuhr sie, an Lynley gewandt, fort: »Sie hat gelogen, wie sich herausgestellt hat.«

»Wer?«, fragte er, auch wenn es seines Wissens nur eine >sie< gab, die Gegenstand der Ermittlungen war.

»Das ist doch wohl eine rhetorische Frage«, bemerkte Hannaford. »Unsere Frau Trahair natürlich. In keinem einzigen Pub auf der ganzen Strecke, die sie angeblich von Bristol hier herunter genommen hat, erinnert man sich an sie. Und zu dieser Jahreszeit hätte man sich an sie erinnert, wenn wir bedenken, wie wenig Verkehr derzeit in diesem Teil der Welt herrscht.«

»Vielleicht«, räumte er ein. »Aber es müssen doch mindestens hundert Pubs an der Strecke liegen.«

»Nicht da, wo sie entlanggefahren ist. Zu behaupten, das wäre ihre Route gewesen, war möglicherweise ihr erster Fehler. Und wer einen Fehler macht, macht weitere, glauben Sie mir. Was haben Sie über sie erfahren?«

Lynley berichtete, was er in Falmouth über Daidre Trahair herausgefunden hatte. Er fügte hinzu, was er über ihren Bruder, ihre Arbeit und ihre Ausbildung wusste. Alles, was sie über sich erzählt hatte, habe sich als zutreffend erwiesen. So weit, so gut.

»Und wieso habe ich das Gefühl, dass Sie mir nicht alles sagen, was Sie wissen?«, setzte Bea Hannaford nach, nachdem sie ihn einen Moment lang betrachtet hatte. »Verheimlichen Sie mir irgendetwas, Superintendent Lynley?«

Er wollte entgegnen, dass er nicht mehr Superintendent war. Er hatte überhaupt nichts mehr mit der Polizei zu tun, und deswegen war er auch nicht verpflichtet, ihr alles zu sagen, was er herausgefunden hatte. Doch stattdessen antwortete er: »Sie hat eine eigenartige Internetrecherche gemacht. Mir ist allerdings nicht klar, was das mit dem Mord zu tun haben könnte.«

»Was für eine Recherche?«

»Wunder«, sagte er. »Oder vielmehr Orte, an denen angeblich Wunder geschehen sind. Lourdes, zum Beispiel. Eine Kirche in New Mexico. Da war noch mehr, aber ich hatte nicht die Gelegenheit, alles durchzusehen, außerdem hatte ich meine Lesebrille nicht auf. Sie hat den Internetzugang beimWatchman benutzt. Das ist die Lokalzeitung. Anscheinend ist sie mit dem Herausgeber bekannt.«

»Max Priestley«, rief Constable McNulty von seinem Computer in der Ecke des Raumes herüber. »Er hatte übrigens Kontakt zu dem toten Jungen.«

»Ach, wirklich?«, fragte Bea Hannaford. »Das ist ja mal eine interessante Wendung.« Sie erklärte Lynley, der Constable gehe auf der Suche nach nützlichen Informationen Santo Kernes E-Mails durch. »Was hat er denn geschrieben?« »>Es raubt mir nicht den Schlaf. Bring du dich also nicht um deinen.< Ich nehme an, das kommt von Priestley; die Absenderadresse lautet jedenfalls >MEP at Watchman dot com<. Obwohl es natürlich jeder geschickt haben könnte, der sein Passwort kennt und Zugang zu einem Computer in der Redaktion hat, schätze ich.«

»Ist das alles?«, fragte Hannaford den Constable.

»Das ist alles von Priestley. Aber ich habe eine ganze Sammlung von dem Angarrack-Mädchen, mit dem Absender >at LiquidEarth<. Fast schon ein Protokoll ihrer Beziehung. Von locker über vertrauter, intim, heiß bis hin zu … plastisch. Und dann nichts mehr. Als wollte sie keine schriftlichen Spuren hinterlassen, nachdem sie einmal angefangen hatten, es miteinander zu treiben.«

»Interessant«, bemerkte Bea.

»Fand ich auch. Aber >verrückt nach ihm< kommt den Gefühlen, die sie für den Jungen hatte, nicht einmal ansatzweise nahe. Wenn Sie mich fragen: Als die Sache zwischen ihr und Santo in die Brüche ging, hätte sie ihm bestimmt am liebsten die Eier abgeschnitten. Wie war das doch gleich wieder mit den geschmähten Frauen?«

»Die Hölle kennt keine Rache wie die einer verschmähten Frau«, murmelte Lynley.

»Genau. Na ja. Ich würd sagen, wir nehmen sie mal unter die Lupe. Sie hatte bestimmt irgendwann Zugang zu seiner Kletterausrüstung. Oder wusste zumindest, wo er sie aufbewahrt hat.«

»Sie steht auf unserer Liste«, bestätigte Hannaford. »War das alles?«

»Ich hab hier noch ein paar E-Mails von jemandem, der sich >Free- ganman< nennt, und ich würde sagen, das ist Mendick. Ich glaube kaum, dass es in der Stadt noch mehr Leute mit seinem Fimmel gibt.«

Hannaford erklärte Lynley das Pseudonym, wie sie davon erfahren hatten und auf wen es verwies. »Und was teilt Mr. Mendick mit?«, fragte sie den Constable.

»>Können wir das für uns behalten?< Nicht besonders aufschlussreich, aber immerhin .«

»Ein guter Grund, mit ihm zu reden. Setzen wir den Blue-Star-Su- permarkt also auch auf die Liste.« »Okay.« McNulty wandte sich wieder dem Bildschirm zu.

Hannaford ging zu einem Schreibtisch hinüber und begann, eine Schultertasche zu durchwühlen, die recht schwer aussah. Schließlich förderte sie ein Handy zutage und warf es Lynley zu. »Der Empfang ist miserabel hier in der Gegend, hab ich festgestellt, aber ich möchte, dass Sie es bei sich tragen, und zwar eingeschaltet.«

»Und aus welchem Grund?«, fragte Lynley.

»Muss ich meine Gründe wirklich darlegen, Superintendent?«

Und sei es nur, weil ich ranghöher bin als Sie, wäre unter anderen Umständen seine Antwort gewesen. »Ich bin nur neugierig«, sagte er indes. »Es deutet darauf hin, dass Sie glauben, ich könne weiterhin von Nutzen sein.«

»Das ist korrekt. Wir sind unterbesetzt, und ich will, dass Sie sich mir zur Verfügung halten.«

»Ich bin aber kein …«

»Blödsinn! Einmal Bulle, immer Bulle. Hier ist Not am Mann, und wir wissen beide, dass Sie einer Situation nicht den Rücken kehren, wenn Ihre Hilfe gebraucht wird. Außerdem sind Sie ein wichtiger Zeuge, und bis ich Ihnen sage, dass Sie gehen dürfen, gehen Sie nirgendwohin. Also können Sie sich ebenso gut nützlich machen.«

»Schwebt Ihnen dabei etwas Bestimmtes vor?«

»Daidre Trahair. Details. Alles. Von der Schuhgröße bis zur Blutgruppe und alles dazwischen.«

»Aber wie soll ich .«

»Oh, bitte, Detective. Machen Sie mir nichts vor. Sie wissen genau, wie man das macht, und Sie haben Charme. Setzen Sie ihn ein. Graben Sie in ihrer Vergangenheit. Nehmen Sie sie mit zum Picknick. Führen Sie sie schick aus. Lesen Sie ihr Gedichte vor. Streicheln Sie ihr die Hand. Gewinnen Sie ihr Vertrauen. Mir ist verdammt noch mal egal, wie, aber tun Sie's! Und wenn Sie es geschafft haben, will ich alles erfahren. Ist das klar?«

Während sie sprach, war Sergeant Collins an der Tür erschienen. »Chef? Da will Sie jemand sprechen. Seltsames Vögelchen namens Tammy Penrule. Sie wartet unten. Sie sagt, sie hat Informationen für Sie.«

Hannaford redete weiter auf Lynley ein: »Und sorgen Sie dafür dass dieses Telefon immer aufgeladen ist. Machen Sie ich an die Arbeit! Tun Sie, was getan werden muss!« »Mir ist nicht wohl bei .«

»Das ist nicht mein Problem. Außerdem hat Mord nichts mit Wohlbefinden zu tun.«

13

Tammy Penrule saß auf einem der Plastikstühle am Empfang, die Füße fest auf den Boden gestellt, die Hände im Schoß gefaltet, ihr Rücken eine exakte Senkrechte zur Sitzfläche. Sie war vollständig in Schwarz gekleidet - aber sie war kein Goth, wie Bea auf den ersten Blick vermutet hatte. Das Mädchen trug weder Make-up noch diesen abscheulichen schwarzen Nagellack, und es war auch nicht gepierct. Vielmehr fehlte jeglicher Schmuck, sodass nichts das Schwarz ihrer Kleidung aufhellte. Sie sah aus, als sei sie in Trauer.

»Miss Penrule?«, fragte Bea überflüssigerweise.

Das Mädchen sprang auf die Füße. Es war so mager wie die Almosen eines Geizkragens. Der Gedanke an eine Essstörung drängte sich einem geradezu auf.

»Sie haben Informationen für mich?« Als das Mädchen nickte, forderte Bea es auf: »Dann kommen Sie mit.« Allerdings hatte sie noch nicht herausgefunden, wo sich in dieser Polizeiwache die Verhörzimmer befanden. Hier herumzuirren, würde wohl kaum vertrauensbildend wirken, also korrigierte Bea sich: »Warten Sie bitte einen Augenblick.«

Sie fand ein winziges Büro neben einem Abstellraum, das sie für ausreichend befand, bis eine genauere Begehung der Wache die bislang geheime Lage der Verhörzimmer enthüllen würde.

Nachdem sie Tammy Penrule dort auf einen Stuhl gesetzt hatte, fragte sie: »Also, was haben Sie mir zu erzählen?«

Tammy leckte sich über die spröden Lippen. Ein kleiner Schorf zeigte die Stelle an, wo die Unterlippe geblutet hatte. »Es geht um Santo Kerne«, begann Tammy.

»Das dachte ich mir schon.« Bea verschränkte die Arme vor der Brust. Unbewusst, so schien es, imitierte Tammy die Geste, auch wenn sie keine nennenswerte Brust besaß. Bea fragte sich, ob dieses Mädchen der Grund für das Ende der Beziehung von Santo Kerne und Madlyn An- garrack gewesen sein mochte. Madlyn war sie zwar noch nicht begegnet, aber allein die Tatsache, dass das Mädchen eine Wettkampfsurfe- rin gewesen war, legte den Schluss nahe, dass Madlyn doch eher einen durchtrainierten Sportlerkörper hatte. Dieses Mädchen hier hingegen wirkte flüchtig, beinahe durchscheinend, so als könnte es nur so lange körperlich bleiben, wie es die Kraft aufbrachte, an seiner menschlichen Gestalt festzuhalten. Bea konnte sich Tammy einfach nicht breitbeinig unter einem rammelnden Teenager vorstellen.

»Santo hat mit mir geredet«, begann das Mädchen zögernd.

»Aha.«

Sie schien auf mehr zu warten, also tat Bea ihr den Gefallen: »Woher kannten Sie ihn?«

»Vom Clean-Barrel-Surfshop«, antwortete Tammy. »Da arbeite ich. Er kam ab und zu vorbei, um Wachs zu kaufen und solche Dinge. Und um sich die Isobarenkarten anzuschauen, obwohl das wahrscheinlich nur ein Vorwand war, um mit den anderen Surfern rumzuhängen. Die Isobarenkarten stehen auch im Internet, und ich nehme mal an, da drüben im Hotel haben sie einen Internetzugang.«

»Bei Adventures Unlimited?«

Tammy nickte.

Unterhalb ihres Kehlkopfs lag eine tiefe Mulde im Schatten des künstlichen Oberlichts. Der Kragen ihres Pullovers ließ die Ansätze der Schlüsselbeine frei, die beinahe höckerartig hervorzustehen schienen. »So hab ich ihn kennengelernt. Und durch Sea Dreams.«

Das war dieser Caravanpark, erinnerte sich Bea, und sie legte den Kopf schräg. Vielleicht hatte sie sich getäuscht, was das Mädchen und Santo anging. »Haben Sie ihn dort getroffen?«, fragte sie.

»Nein, wie gesagt, bei Clean Barrel.«

»Entschuldigung. Ich meinte nicht, >getroffen< im Sinne von kennenlernen«, stellte Bea klar. »Ich meinte: Haben Sie sich dort mit ihm zu Verabredungen getroffen?«

Tammy lief rot an. So wenig Substanz lag zwischen ihrer Haut und den Blutgefäßen, dass ihre Schläfen beinahe einen Purpurton annahmen, und das rasend schnell.

»Sie meinen . ob Santo und ich . Sex hatten? Nein, nein. Ich wohne dort. In Sea Dreams. Der Caravanpark gehört meinem Großvater. Ich kannte Santo von Clean Barrel, wie gesagt, aber er kam ab und zu mit Madlyn nach Sea Dreams. Manchmal auch allein, denn es gibt da so eine Klippe, an der er trainiert hat, und Granddad hatte ihm erlaubt, über unser Grundstück dorthin zu gehen, wenn er klettern wollte. Bei solchen Gelegenheiten haben wir uns gesehen und manchmal auch miteinander gesprochen.«

»Er kam auch allein?«, hakte Bea nach. Diese Information war neu für sie.

»Wie ich schon sagte. Dann ging er klettern. Runter und wieder rauf. Manchmal auch nur rauf, dann kam er von unten … oder wahrscheinlich doch immer runter und wieder rauf, ich weiß es nicht mehr so richtig. Hin und wieder hat er auch Mr. Reeth besucht. Genau wie Madlyn. Mr. Reeth arbeitet bei Madlyns Vater in der …«

»Ja, ich weiß. Wir haben bereits mit ihm gesprochen.« Aber was sie nicht gewusst hatte, war, dass Santo auch allein nach Sea Dreams gegangen war.

»Santo war nett.«

»Besonders zu Mädchen, habe ich gehört.«

Tammys Gesichtsröte war abgeklungen. Beas Kommentar nahm sie hin, ohne sich daran zu reiben. »Ja, das stimmte wohl. Aber so war das nicht mit ihm und mir, weil ich … Na ja, das spielt keine Rolle. Wichtig ist nur, dass wir hin und wieder geredet haben. Wenn er mit dem Klettern fertig war oder von Mr. Reeth zurückkam. Oder manchmal, während er darauf wartete, dass Madlyn von der Arbeit kam.«

»Sie kamen also nicht zusammen an?«

»Nicht immer. Sie hatte einen weiteren Anfahrtsweg als er. Inzwischen arbeitet Madlyn in der Stadt, aber früher hat sie bei Brandis Corner auf einer Farm gejobbt. Die stellen Marmelade her.«

»Ich könnte mir vorstellen, dass sie lieber Surfunterricht gegeben hätte.«

»Sicher. Aber das geht eben nur während der Saison. Den Rest des Jahres muss sie ja auch irgendetwas tun. Sie arbeitet jetzt in der Bäckerei. In der Stadt. Sie machen Pasteten, hauptsächlich für den Großhandel, aber sie haben auch einen kleinen Laden.«

»Und was hat Santo mit alldem zu tun?«

»Santo. Natürlich.« Sie hatte gestikuliert, während sie sprach, aber jetzt verschränkte sie die Finger wieder im Schoß. »Wir haben uns hin und wieder unterhalten. Ich mochte ihn gern - nicht so, wie die meisten anderen Mädchen ihn wohl gern gemocht hätten, wenn Sie verstehen, was ich meine. Ich glaube, das machte mich in seinen Augen anders, irgendwie . sicherer oder so. Um sich Rat zu holen, zum Beispiel, denn er konnte weder seinen Vater noch seine Mutter fragen …«

»Warum nicht?«

»Sein Vater würde ihn nicht verstehen, hat er gesagt, und seine Mum … Ich kenne sie nicht, aber ich habe das Gefühl, dass sie … nicht besonders mütterlich ist.« Sie strich den Rock glatt. Der Stoff sah aus, als sei er kratzig auf der Haut. »Jedenfalls hat Santo mich in einer Sache um Rat gefragt . und ich dachte, davon sollten Sie wissen.«

»Worum ging es denn?«

Sie schien nach einem diplomatischen Weg zu suchen, um zu sagen, was als Nächstes kam, doch weil ihr offenbar keine Umschreibung einfiel, näherte sie sich der Wahrheit auf einem Umweg: »Er war … Er hatte jemanden kennengelernt . jemand Neues, verstehen Sie? Und die Situation waranormal. Das war das Wort, das er verwendet hat, als er mir davon erzählte:anormal. Und er wollte mich fragen, was er meiner Meinung nach tun sollte.«

»Anormal? Das hat er gesagt? Sind Sie da sicher?«

Tammy nickte. »Er sagte … Er glaubte, er liebe sie. Madlyn, meine ich. Aber diese andere Sache wollte er auch. Er war total fixiert darauf, hat er gesagt. Aber wenn er diese andere Sache so sehr wollte, hieß das dann, dass er Madlyn doch nicht wirklich liebte?«

»Er hat mit Ihnen also überLiebe gesprochen?«

»Nein, es war eher so, als hätte Santo mit Santo gesprochen. Er wollte wissen, was ich darüber dachte. Was er wegen der ganzen Sache tun sollte. Allen reinen Wein einschenken? Von A bis Z die Wahrheit sagen?«

»Und was haben Sie geantwortet?«

»Ich habe ihm geraten, ehrlich zu sein. Ich habe gesagt, man sollimmer ehrlich sein, denn wenn die Leute ehrlich zeigen, wer sie sind, was sie wollen und was sie tun, dann geben sie den anderen Menschen - ich meine diejenigen, die in irgendeiner Beziehung zu ihnen selbst stehen - die Chance zu entscheiden, ob sie wirklich etwas mit ihnen zu tun haben wollen.« Sie sah Bea ernst an. »Ich nehme an, er hat meinen Rat befolgt und war ehrlich«, sagte sie. »Und darum bin ich hergekommen. Vielleicht musste er genau deswegen sterben.«

»Es ist in erster Linie eine Frage der Ausgewogenheit«, resümierte Alan. »Das siehst du doch ein, oder, Liebling?«

Kerras Nackenhaare richteten sich auf. >Liebling< war einfach zu viel. >Liebling< gab es nicht. Sie war kein Liebling. Sie dachte, das hätte sie Alan klargemacht, aber dieser unmögliche Mensch weigerte sich einfach, es zu glauben.

Sie standen vor dem verglasten Schaukasten in der Eingangshalle des einstigen Hotels. Der Gegenstand ihrer Diskussion waren >Ihre Kurs- leiter< - oder vielmehr das Ungleichgewicht zwischen männlichen und weiblichen Kursleitern. Es lag in Kerras Zuständigkeit, die Trainer einzustellen, und sie hatte eine Überzahl an Trainerinnen verpflichtet. Das sei aus verschiedenen Gründen unvorteilhaft, hatte Alan ausgeführt. Aus Marketingsicht brauchten sie ebenso viele männliche wie weibliche Kursleiter für die verschiedenen Aktivitäten - vorzugsweise sogarmehr männliche als weibliche. Diese männlichen Trainer mussten ordentlich gebaut sein und gut aussehen, damit sie unverheiratete weibliche Gäste anlockten. Außerdem beabsichtige er, sie in einem Video einzusetzen. Er habe übrigens schon eine Filmcrew aus Plymouth gebucht, um das Video zu drehen, darum müssten alle Kursleiter, die Kerra einstellen wolle, in spätestens drei Wochen hier sein. Oder möglicherweise - dachte er laut - könnten sie Schauspieler nehmen … nein, Stuntmen. Ja, Stuntmen seien für das Video noch besser geeignet. Das werde zwar die Produktionskosten erhöhen, denn bestimmt würden Stuntmen nach einem festen Satz bezahlt, aber die Drehzeit mit Profis sei vermutlich kürzer, also wären die Kosten unterm Strich wohl gar nicht viel höher .

Er trieb sie in den Wahnsinn. Kerra hatte mit ihm streiten wollen, und sie hatten miteinander gestritten, aber er fand einfach auf jedes Argument eine Erwiderung.

»Die Publicity durch den Artikel in derMail on Sunday hat uns enorm geholfen«, erklärte er nun. »Aber das war vor Monaten, und wir werden mehr tun müssen, wenn wir in die schwarzen Zahlen kommen wollen. Das werden wir natürlich nicht so schnell schaffen, nicht dieses Jahr und womöglich auch nicht nächstes, aber es geht darum, die Schulden zu tilgen. Also muss ein jeder von uns darüber nachdenken, wie wir uns am besten aus den roten Zahlen herausarbeiten können.«

Das war das Stichwort: Rot. Rot hielt Kerra gefangen zwischen dem Verlangen zu fliehen und dem Drang zu streiten. »Es ist doch nicht so, als weigerte ich mich, Männer einzustellen, falls es das ist, Alan, was du andeuten willst. Aber du kannst mir nicht die Schuld dafür geben, wenn sie sich nicht gerade dutzendweise bewerben.«

»Es geht doch nicht um Schuld«, versuchte er, sie zu beschwichtigen. »Aber um ehrlich zu sein, habe ich mich tatsächlich gefragt, wie aggressiv du dich bemüht hast, männliche Bewerber zu finden.«

Natürlich überhaupt nicht aggressiv. Das konnte sie ja gar nicht sein. Aber hätte es etwa Sinn, ihm das zu erklären?

»Also schön«, sagte sie mit aller Höflichkeit, die sie aufbieten konnte. »Ich fange mit demWatchman an. Wie viel können wir für eine Stellenanzeige ausgeben?«

»Oh, wir brauchen eine wesentlich größere Reichweite«, entgegnete Alan liebenswürdig. »Ich bezweifle, dass eine Annonce imWatchman uns irgendetwas nützt. Wir müssen die Stellen landesweit ausschreiben, in Fachmagazinen. Mindestens eine Anzeige für jede Sportart.« Er betrachtete das schwarze Brett, wo die Bilder der Kursleiter hingen. Dann sah er Kerra an. »Du verstehst meine Argumente doch, Kerra? Die Trainer sind mehr als einfach nur Trainer - sie sind ein Lockmittel. Sie sollen einer der wesentlichen Gründe sein, Adventures Unlimi- ted überhaupt zu buchen. Wie die Tanzlehrer auf einem Kreuzfahrtschiff, verstehst du?«

»Kommen Sie zum Vögeln zu Adventures Unlimited«, schnaubte Ker- ra. »O ja, ich verstehe nur allzu gut.«

»Sex sells«, räumte Alan ein. »Das weißt du doch.«

»Natürlich. Letzten Endes läuft immer alles auf Sex hinaus«, erwiderte Kerra bitter.

Er starrte auf die Fotos. Entweder um sie einzuschätzen - oder um Kerra auszuweichen. Schließlich sagte er: »Ja, wahrscheinlich. So ist das Leben.«

Sie ließ ihn ohne eine Antwort stehen. Über die Schulter teilte sie ihm noch mit, sie sei beimWatchman, falls irgendjemand nach ihr fragen sollte - sie forderte ihn geradezu heraus, noch einmal darauf hinzuweisen, dass eine Annonce in diesem Blatt vollkommen sinnlos sei. Dann fuhr sie mit dem Fahrrad davon.

Dieses Mal hatte sie jedoch nicht die Absicht, so lange zu radeln, bis der Schweiß allen Kummer aus ihrem Körper herausgewaschen hatte. Ebenso wenig hatte sie die Absicht, zumWatchman zu fahren und dort eine Anzeige aufzugeben, um geile Männer anzuwerben, die gleichermaßen geilen Frauen tagsüber Unterricht erteilten und nachts ihre sexuellen Fantasien erfüllten. Das fehlte ihnen bei Adventures Unlimited gerade noch: ein Überschuss an Testosteron.

Kerra fuhr die Anhöhe hinab und am Toes on the Nose vorbei mitten hinein in das Einbahnstraßensystem der Stadt. Sie hielt sich hü- gelan, wo der St. Mevan Down von der See her aufstieg, dann weiter zur Queen Street, die auf beiden Seiten zugeparkt war, und schließlich bergab in Richtung Kanal. Jenseits seiner Kaianlage erhob sich eine Brücke und mündete in eine Straßengabelung. Hielt man sich links, gelangte man zur Widemouth Bay, fuhr man rechts entlang, kam man zur Mole. Die Mole verlief entlang der Südwestseite des Kanals, während die Kaianlage ihn im Nordosten begrenzte. Drüben erhob sich etwa fünf Meter oberhalb der Asphaltdecke eine Reihe Cottages, und ganz am Ende stand das größte der Häuschen, das nur ein Blinder hätte übersehen können: Es war flamingorosa angestrichen und mit einem Fuchsiaton abgesetzt. Es wurde Pink Cottage genannt - wie uninspi- riert! -, und die Besitzerin war eine unverheiratete Dame, die bei den Bewohnern von Casvelyn seit jeher nur Busy Lizzie hieß, und das nicht allein wegen der fleißigen Lieschen, die sie jedes Jahr im Frühsommer in farbenfroher Üppigkeit in ihren Garten pflanzte.

Kerra war Busy Lizzie als regelmäßige Besucherin bekannt. Darum ließ die alte Dame sie anstandslos ein, als sie klopfte.

»Ja, das ist aber eine nette Überraschung, Kerra! Alan ist nicht da, aber ich nehme an, das wissen Sie.«

Sie war höchstens eins fünfzig groß, und sie erinnerte Kerra immer an eine Schachfigur. Genauer gesagt, sah sie aus wie ein Bauer. Das weiße Haar trug sie in einer kunstvoll gelegten edwardianischen Rolle, und sie hatte eine Vorliebe für hochgeschlossene elfenbeinfarbene Blusen und bodenlange Glockenröcke in Marineblau oder Grau. Sie erweckte stets den Eindruck, als hoffte sie, für eine Rolle in einer Henry- James-Ver filmung entdeckt zu werden, aber soweit Kerra wusste - und das war nicht allzu weit, musste sie einräumen -, hatte Busy Lizzie keinerlei Ambitionen zur Bühne oder Leinwand.

Sie vermietete eines der Zimmer in ihrem Haus - die übrigen waren mit Objekten ihrer Sammlung bestückt: Carlton-Porzellan aus den Dreißigern. Sie hatte liberale Ansichten und zog junge Männer jungen Damen als Mieter vor, denn, so sagte sie, mit einem Mann im Haus fühle man sich doch irgendwie sicherer. Allerdings war ihr bewusst, dass ihre Untermieter gewisse Bedürfnisse hatten, deren Erfüllung sie ihnen nicht untersagen durfte. Sie räumte ihnen das Mitbenutzungsrecht der Küche ein, und wenn morgens eine junge Dame am Frühstückstisch erschien, erhob Busy Lizzie keine Einwände. Vielmehr offerierte sie Tee oder Kaffee und fragte: »Gut geschlafen, Kindchen?«, so als gehörte jedwede junge Dame zum Haushalt.

Während sein Haus am Lansdown Close umgebaut wurde, wohnte Alan im Pink Cottage. Er hätte zu seinen Eltern ziehen und somit Geld sparen können; andererseits wollte er, so hatte er Kerra erklärt, auf gewisse Freiheiten nicht verzichten - so sehr er seine Eltern auch liebte. Angesichts der verklärten Bewunderung, die seine Eltern ihm entgegenbrachten, war diese Entscheidung nicht sonderlich freudig zur Kenntnis genommen worden. Seine Eltern hätten eben ein gewisses Bild vom ihm, hatte er Kerra umständlich beizubringen versu