/ Language: Deutsch / Genre:detective

Im Anfang war der Mord

Elizabeth George

Ein exklusiver Cocktail aus dem Besten, was weibliche Kriminalliteratur zu bieten hat! Erstmals präsentiert sich hier Bestsellerautorin Elizabeth George,»die Meisterin des englischen Kriminalromans «als Herausgeberin: 26 spannende und raffinierte Kriminalgeschichten von den besten Autorinnen der Welt, wie Dorothy L. Sayers, Ruth Rendell, Sara Paretsky, Minette Walters, Marcia Muller, Nadine Gordimer, Joyce Carol Oates und vielen anderen. Mit einer Einführung von Elizabeth George!

Elizabeth George

Im Anfang war der Mord

Buch

Elizabeth George,»die herausragende Vertreterin des modernen englischen Kriminalromans«(Chicago Tribune), hat in diesem Buch eine einmalige Auswahl von Kriminalgeschichten großer Autorinnen zusammengestellt. Das Ergebnis: eine hochkarätige Sammlung aus dem Besten, das die Geschichte der Spannungsliteratur zu bieten hat! Und Elizabeth George selbst bereichert den Band um eine hinreißend kluge und pointierte Einführung:

«Die Kriminalliteratur ist ein weites Feld, so breit und vielfältig wie das Verbrechen an sich. Weil es keine absolut strikten Regeln gibt und weil die wenigen tatsächlich vorhandenen Regeln dazu da sind, gebrochen zu werden, kann sich die Autorin jeden erdenklichen Schauplatz aussuchen, um ihn dann mit den ausgefallensten Spürnasen zu bevölkern.

Wenn dies der Grundsatz der Kriminalliteratur ist, sollte die Frage eigentlich nicht lauten, wieso so viele Frauen Kriminalgeschichten schreiben, sondern wieso eigentlich nicht alle Kriminalgeschichten schreiben … Dieser Band versucht nicht, eine Antwort auf diese Frage zu geben. Stattdessen stellt er Ihnen zu Ihrer Unterhaltung ein ganzes Jahrhundert an Krimigeschichten und spannenden Erzählungen von Frauen vor.

Ihnen wird auffallen, dass in dieser Sammlung einesteils Namen vertreten sind, die mit der Kriminalliteratur eng verbunden sind — Dorothy L. Sayers, Minette Walters, Sara Paretsky und andere –, aber auch Namen auftauchen, die man normalerweise nicht mit Kriminalliteratur in Verbindung bringt, etwa Nadine Gordimer und Joyce Carol Oates. Ich habe versucht, eine möglichst breite Auswahl an Autorrinnen zusammenzustellen, weil sich darin meine grundlegende Überzeugung widerspiegelt: Kriminalliteratur muss nicht als Genreliteratur betrachtet werden!«

Autor

Akribische Recherche, präziser Spannungsaufbau und höchste psychologische Raffinesse zeichnen die Bücher der amerikanischen Bestsellerautorin Elizabeth George aus. Die Schriftstellerin und Herausgeberin lebt in Huntington Beach, Kalifornien. Alle ihre Bücher erscheinen in Deutschland exklusiv im Blanvalet Verlag, zuletzt eine Sammlung ihrer besten Kriminalerzählungen:

«Vergiss nie, dass ich dich liebe«.

Mittlerweile wurden einige ihrer Bestseller von der BBC verfilmt und auch im deutschen Fernsehen mit größtem Erfolg ausgestrahlt.

Einführung

von ELIZABETH GEORGE

Ob es sich nun um eine Detektivgeschichte handelt, einen Thriller, eine psychologische Studie von Charakteren, die sich mit einem zerstörerischen Ereignis konfrontiert sehen, ob um einen Gerichtskrimi, die öffentliche Aufdeckung eines Verbrechens, einen Polizeikrimi oder den wahrheitsgetreuen Bericht über eine tatsächliche Straftat, die Frage bleibt immer die gleiche: Wieso Verbrechen? Ob es sich bei den Beteiligten um FBI-Agenten handelt, um Polizisten, Gerichtsmediziner, Journalisten, Militärangehörige, den Mann oder die Frau von der Straße, Privatdetektive oder die kleine alte Dame von nebenan, die Frage bleibt die gleiche: Wieso Verbrechen? Es mag um Mord gehen (Einzeltaten, Serien- oder Massenmord), um Körperverletzung, Raub, tätlichen Angriff, Entführung, Einbruch, Wucher oder Erpressung — wir wollen es wissen: Wieso Verbrechen? Wieso übt das Verbrechen eine derartige Faszination aus, und — vor allem — wieso übt es diese Faszination auf Schriftstellerinnen aus?

Ich glaube, auf diese Fragen gibt es mehrere Antworten.

Das Schreiben von Kriminalliteratur ist praktisch ebenso alt wie das Schreiben an sich und gehört deshalb sehr wohl zu unserer literarischen Tradition. Die frühesten Kriminalgeschichten kennen wir aus der Bibel: Kain tötet Abel in rasender Eifersucht; in einem Akt eifersüchtiger Verschwörung verkaufen seine Brüder Josef nach Ägypten in die Sklaverei und täuschen ihrem gramgebeugten Vater seinen Tod vor; in lüsterner Eifersucht sendet David Batsebas Gatten an die vorderste Kampflinie, damit er selbst die liebreizende Frau für sich hat; in unerwiderter Begierde legen zwei geachtete Älteste falsches Zeugnis gegen die tugendsame Susanna ab, womit sie sie zum Tod wegen Ehebruchs verdammt hätten, wenn nicht jemand vorgetreten wäre und die Geschichte der beiden widerlegt hätte; Väter wohnen im verbrecherischen Akt des Inzests ihren Töchtern bei; Brüder töten ihre Brüder, kämpfen gegen sie, verleugnen und misshandeln sie; Frauen verlangen, den Kopf von Männern auf einer Schüssel präsentiert zu bekommen; Judith enthauptet den Holofernes; Judas verrät Jesus von Nazareth; König Herodes lässt die neugeborenen Knäblein der Hebräer erschlagen … Schauerlich geht es zu im Alten und im Neuen Testament, und aus dieser Quelle trinken wir von frühester Kindheit an.

Beim Verbrechen findet sich der Mensch in einer Grenzsituation wieder, in extremis, ja mehr noch — beim Verbrechen befindet sich der Mensch außerhalb der Norm.

Auf jeden Kain kommen eine Milliarde Brüder, die durch die Jahrhunderte hindurch zusammengelebt haben. Auf jeden David kommen zehn Millionen Männer, die von einer Frau abließen, als sie erfuhren, dass sie zu einem anderen gehört. Aber gerade das macht Verbrechen ja so interessant. Es ist nicht das, was Leute normalerweise tun.

Gerne würde man glauben, dass Autos, wenn sich auf der Autobahn ein Unfall ereignet hat, aus erhöhter Vorsicht langsamer fahren: Jeder sieht die blinkenden Lichter vor sich, den Rauch, die Feuersignale, die Krankenwägen, die Feuerwehrautos, und tritt auf die Bremse, um nicht so zu enden wie die Unglücklichen, die da gerade aus dem Metallgewirr befreit werden. Aber das ist normalerweise nicht der Grund, weshalb die Leute das Tempo drosseln. Sie fahren langsamer, um zu gaffen, ihre Neugier ist angestachelt. Warum? Weil ein Unfall etwas Anormales ist, und Anomalien interessieren uns. Sie interessieren uns seit Anbeginn der Zeit und werden es bis zu deren Ende tun.

Brutale Mordfälle schaffen es auf die Titelseite.

Entführungen, Fälle von rätselhaftem Verschwinden, Krawalle, tödliche Autounfälle, Flugzeugabstürze, terroristische Bombenattentate, bewaffnete Raubüberfälle, Heckenschützen, die auf Ahnungslose schießen … das alles drängt sich in unseren Alltag, führt uns die Brüchigkeit unserer Existenz vor Augen und macht uns gleichzeitig Appetit darauf, mehr zu erfahren. Wir kommen als Nation abrupt zum Stillstand, um im Fall von O.J. Simpson dem Urteil zu lauschen, denn bei dem, was sich auf dem Bundy Drive zugetragen hat, geht es um niedrige Triebe, und die niedrigen Triebe jenes Doppelmörders erwecken die niedrigen Triebe in uns selbst. Vergossenes Blut schreit nach noch mehr Blutvergießen, um die Tat zu sühnen. Wir suchen für jedes Verbrechen nach der passenden Strafe. Verbrechen ist so alt wie die Menschheit. Die Sensationslust auch. Und die Rachsucht.

Kriminalliteratur verschafft uns eine Art Genugtuung, die uns im wirklichen Leben oft versagt bleibt. Im wirklichen Leben werden wir nie Gewissheit haben, wer Nicole und Ron nun tatsächlich umgebracht hat; wir können bloß vermuten, dass es auf der grassbewachsenen Hügelkuppe einen zweiten Schützen gab; wir werden über Dr. Shepards Frau und Jeffrey MacDonalds Fähigkeit zur Wahrheit oder Selbsttäuschung im Unklaren gelassen. Der Green River Killer verschwindet in dem Urschleim, aus dem er aufgetaucht war, zu ihm gesellt sich der Zodiac Killer, und uns bleibt nur die Frage: Wer waren diese Leute, und wieso haben sie gemordet? In der Kriminalliteratur jedoch werden die Mörder mit der Gerechtigkeit konfrontiert. Es kann reale Gerechtigkeit sein, poetische Gerechtigkeit oder psychologische Gerechtigkeit. Aber sie werden damit konfrontiert. Sie werden demaskiert, und die Normalität ist wiederhergestellt. Darin liegt eine immense Genugtuung für den Leser, ganz sicher mehr Genugtuung als jene, die aus der Ermittlung und Bestrafung eines tatsächlichen Verbrechens erwächst.

Für den Autor, der die Psyche seiner Figuren ausloten will, gibt es nichts so katastrophal Katalytisches wie das Eindringen eines Verbrechens in eine ansonsten friedliche Umgebung. Bei einem Verbrechen geraten sämtliche Beteiligten in eine Konfliktsituation, der sie sich nicht entziehen können: die Ermittler, der Täter, die Opfer und diejenigen, die mit den Ermittlern, dem Täter und den Opfern in Verbindung stehen. Konfrontiert mit monströsen, traumatischen Erlebnissen, werden Mut und Seelenstärke der Figuren auf die Probe gestellt. An diesem Punkt, wenn die Überzeugungen, der Seelenfrieden, die geistige Gesundheit und die Lebensart einer Figur in ihren Grundfesten erschüttert werden, geschieht es, dass sich ein krankhafter Zug offenbart. Und aus dem Zusammenprall der Krankhaftigkeit des Einzelnen mit der Krankhaftigkeit aller anderen Figuren erwachsen Dramatik und Katharsis.

Einige der größten Werke der Literatur spielen sich vor dem Hintergrund eines abscheulichen Verbrechens ab.

Hamlets monumentaler innerer Kampf, mit dem er sein Gewissen zu überwinden und den Part der Nemesis zu spielen trachtet, hätte nicht stattfinden können, wenn sein Vater nicht in einem brutalen Akt von Brudermord vergiftet worden wäre. Ödipus konnte sein Schicksal nicht erfüllen, ohne zuvor König Laios auf der Straße nach Theben zu töten. Medea wäre nicht in der Lage, in der sie sich in Korinth befindet — eine Ausgestoßene, die vom nervösen Kreon aufs Neue ausgestoßen werden soll, da er sich ihrer Fähigkeiten als Zauberin nur zu bewusst ist —, wäre ihr der Ruf als treibende Kraft beim Tod von König Pelias nicht vorausgeeilt. Jeden, der liest, dürfte es daher kaum überraschen, dass Schriftsteller nicht bloß weiterhin vom Verbrechen fasziniert sind, sondern es auch weiterhin als Rückgrat eines Großteils ihrer Prosa verwenden.

Das Verbrechen erfüllt in einem literarischen Werk eine Doppelfunktion. Erstens dient es als Handlungsfaden für die Geschichte: Das Verbrechen muss untersucht und im Rahmen der Verwicklungen und Wendungen des Plots gelöst werden. Zweitens — was vielleicht noch wichtiger ist — fungiert das Verbrechen auch als Gerüst, quasi als Skelett für den Körper der Geschichte, die erzählt werden soll. Über dieses Skelett kann die Autorin je nach Belieben viel oder wenig stülpen. Sie kann das Skelett nur aus Knochen belassen und eine Geschichte erzählen, die knapp, präzise und ohne Umschweife und Ausschmückungen zur Auflösung und zum Schluss kommt. Oder sie kann das Skelett mit Muskeln, Gewebe, Adern, Organen und Blut ausstatten, also mit so unterschiedlichen Erzählelementen wie Thema, tiefer gehender Charakterisierung, literarischen Symbolen und Nebenhandlungen sowie den spezifisch krimibezogenen Erzählelementen wie Hinweisen, falschen Fährten, Spannung und einer ganzen Reihe von altbewährten Motiven der Kriminalliteratur: die hermetisch verschlossene Todeskammer (oder der abgeschlossene Raum), der offensichtlichster Tatort, die vom wahren Mörder ausgelegten falschen Spuren, die fixe Idee. Auf diese Weise können ihre Figuren Hand in Hand in Richtung der unausweichlichen Auflösung marschieren oder sich von den unzähligen Möglichkeiten ablenken lassen, die sich ihnen mittels erweiterter Handlung und komplizierterer Erzählstruktur bieten.

Wieso sollte eine Schriftstellerin sich also überhaupt mit etwas anderem befassen wollen? Ich sehe keinen Anlass dazu. Denn solange sie der Überzeugung folgt, die einzige Regel sei die, dass es keine Regeln gibt, sind ihr auf diesem Gebiet keine Grenzen gesetzt.

Das beantwortet aber noch nicht die Frage, wieso die Kriminalliteratur eine derartige Anziehungskraft auf Autorinnen ausübt. Es ist in der Tat eine Frage, die Journalisten mir mit ziemlich nervtötender Regelmäßigkeit immer wieder stellen.

In Großbritannien und dem Commonwealth wird das Goldene Zeitalter des Kriminalromans — das sich meines Erachtens von den zwanziger bis in die fünfziger Jahre erstreckt — von Frauen beherrscht. Ihre Namen stellen tatsächlich ein Pantheon dar, in das jede moderne Autorin aufgenommen zu werden strebt. Agatha Christie, Dorothy L. Sayers, Ngaio Marsh, Margery Allingham … Man kann sich unschwer vorstellen, weshalb Schriftstellerinnen während des gesamten zwanzigsten Jahrhunderts bemüht waren, in diesen erlauchten Kreis vorzustoßen: Sobald sich eine auf einem literarischen Gebiet etablierte, folgten andere rasch nach. Die Faszination, die die Kriminalschriftstellerei auf Frauen ausübte, lässt sich daher leicht erklären: Frauen beschlossen, Kriminalgeschichten zu schreiben, weil sie darin erfolgreich waren. Der Erfolg der einen zieht das Erfolgsstreben einer anderen nach sich.

Dies trifft auch auf die Vereinigten Staaten zu. Der Unterschied dort besteht aber darin, dass das Goldene Zeitalter des Kriminalromans von Männern dominiert wird und Frauen erst später nachzogen. Wenn wir an das Goldene Zeitalter in Amerika denken, fallen uns Dashiell Hammett und Raymond Chandler ein, Geschichten mit einem Ich-Erzähler, hart gesottenen Privatdetektiven, die rauchen, Whisky trinken, in heruntergekommenen Apartments wohnen und Frauen abschätzig als» Weiber« bezeichnen. Sie setzen Schusswaffen und ihre Fäuste ein und verfügen über jede Menge Arroganz. Sie sind einsame Wölfe und gefallen sich in dieser Rolle.

In diese männlich dominierte Welt einzubrechen verlangte von den Schriftstellerinnen gehörigen Mumm und Zielstrebigkeit. Einige von ihnen entschieden sich dafür, freundlichere, sanftere Kriminalromane zu schreiben, die der Empfindsamkeit der Leserinnen entsprachen, die sie anzuziehen hofften. Andere beschlossen, sich ohne Umschweife unter die Männer zu mischen, indem sie Detektivinnen schufen, die ebenso knallhart waren wie die Männer, an deren Stelle sie treten wollten. Sue Grafton und Sara Paretsky erbrachten den unwiderlegbaren Beweis, dass eine weibliche Spürnase von einem männlichen wie von einem weiblichen Publikum akzeptiert werden konnte, und nun traten plötzlich zahlreiche andere Autorinnen in Graftons und Paretskys Fußstapfen. Die Szene erweiterte sich also auch in den Vereinigten Staaten und bot Frauen ein zusätzliches Ventil für ihre kreativen Energien.

Die Kriminalliteratur ist ein weites Feld, so breit und vielfältig wie das Verbrechen an sich. Weil es keine absolut strikten Regeln gibt und weil die wenigen tatsächlich vorhandenen Regeln dazu da sind, gebrochen zu werden (man denke nur an den Aufruhr 1926 beim Erscheinen von Agatha Christies The Murder of Roger Ackroyd), kann sich die Autorin jeden erdenklichen Schauplatz aussuchen, um ihn dann mit den ausgefallensten Spürnasen zu bevölkern: Teenagern, Kindern, alten Damen, Tieren, Stubenhockern und Leuten mit Platzangst, Lehrerinnen, Ärzten, Astronauten und so fort, so weit die Fantasie sie tragen kann. Wenn dies der Grundsatz der Kriminalliteratur ist, sollte die Frage eigentlich nicht lauten, wieso so viele Frauen Kriminalgeschichten schreiben, sondern wieso eigentlich nicht alle Kriminalgeschichten schreiben.

Dieser Band versucht nicht, eine Antwort auf diese Frage zu geben. Stattdessen stellt er Ihnen zu Ihrer Unterhaltung ein ganzes Jahrhundert an Kriminalgeschichten und spannenden Erzählungen von Frauen vor. Ihnen wird auffallen, dass in dieser Sammlung einesteils Namen vertreten sind, die mit der Kriminalliteratur eng verbunden sind — Dorothy L. Sayers, Minette Walters, Sara Paretsky und andere —, aber auch Namen erscheinen, die man normalerweise nicht mit Kriminalliteratur in Verbindung bringt, etwa Nadine Gordimer und Joyce Carol Oates. Ich habe versucht, eine möglichst breite Auswahl an Autorinnen zusammenzustellen, weil sich in so einer breiten Auswahl meine grundlegende Überzeugung widerspiegelt: Kriminalliteratur muss nicht als Genreliteratur betrachtet werden. Sie ist nicht auf ein paar durchschnittlich begabte Praktikerinnen beschränkt. Und was das Wichtigste ist – sie ist tatsächlich etwas, was die Zeit überdauern kann, sie überdauern wird und bereits überdauert hat.

Was mich als Autorin mit am meisten irritiert, ist die Tatsache, dass viele Menschen Kriminalliteratur für eine minderwertige Form schriftstellerischer Betätigung erachten. In all den Jahren, die ich nun Kriminalromane schreibe, habe ich zahlreiche Gespräche mit Leuten geführt, die diesen höchst seltsamen Standpunkt vertreten.

Auf einem Schriftstellerkongress sagte mir einmal jemand, er wolle zur Übung erst einmal Kriminalromane schreiben und später dann einen» richtigen Roman«. (»Sie fabrizieren also Tacos, bevor Sie sich an selbst gemachten Schokoladenkuchen wagen?«, fragte ich ihn ganz unschuldig.) Eine Journalistin in Deutschland wollte einmal wissen, was ich davon hielte, dass meine Romane nicht in einer bestimmten angesehenen Zeitung rezensiert würden, von der ich noch nie gehört hatte. (»Ach je, keine Ahnung. Die Zeitung hat vermutlich keinen besonderen Einfluss auf die Verkaufszahlen«, erwiderte ich.) Mehrmals sind während der Diskussion nach meinen Vorträgen Leute aufgestanden, um mich zu fragen, wieso «eine Schriftstellerin wie Sie eigentlich keine ernsthaften Romane schreibt«. (»Ich betrachte Kriminalliteratur als ernsthaft«, entgegne ich ihnen.) Und doch hält sich bei manchen Lesern und Kritikern die unterschwellige Ansicht, Kriminalliteratur sei etwas, das man nicht ernst zu nehmen brauche.

Das ist eine bedauerliche Einstellung. Zwar trifft es zu, dass manche Krimis anspruchslos, formelhaft und ohne großen Wert sind, doch lässt sich das auch über andere Veröffentlichungen sagen. Manche Bücher sind gut, manche mittelmäßig und manche ausgesprochen schlecht.

In Wirklichkeit ist es jedoch so, dass ein Großteil der Kriminalliteratur etwas geschafft hat, wovon die etablierte «literarische «Prosa nur träumen kann: Sie hat die Zeiten überdauert. Für jeden Sir Arthur Conan Doyle, dessen Sherlock Holmes über hundert Jahre nach seiner Entstehung immer noch Verehrung und Begeisterung auslöst, gibt es Tausende von Schriftstellern, deren vermeintlich literarisches Werk völlig in Vergessenheit geraten ist. Vor die Wahl gestellt, als» literarische« Autorin etikettiert zu werden und zehn Jahre nachdem ich den Stift für immer weggelegt habe, in der Versenkung zu verschwinden, oder aber» bloß eine Krimiautorin« genannt zu werden, deren Geschichten und Romane noch in hundert Jahren gelesen werden, weiß ich schon, welche Wahl ich treffen würde. Und ich kann nur vermuten, dass jeder vernünftige Autor dieselbe träfe.

Ich bin der Auffassung, Literatur ist das, was Bestand hat. Zu seiner Zeit hätte keiner William Shakespeare bezichtigt, große Literatur zu schreiben. Er war ein beliebter Stückeschreiber, der seine Produktionen mit Figuren bevölkerte, die jedes erdenkliche Bildungs- und Erfahrungsniveau in seinem Publikum befriedigten.

Charles Dickens schrieb Fortsetzungsromane für die Zeitung, und das, so schnell er konnte, um seine sich ständig vergrößernde Familie ernähren zu können. Und Arthur Conan Doyle war ein junger Augenarzt, der sich gerade eine eigene Praxis aufbaute und Detektivromane schrieb, um sich die Zeit zu vertreiben, während er in seiner Sprechstunde auf Patienten wartete. Keiner dieser Schriftsteller hat sich Gedanken über die Unsterblichkeit gemacht. Keiner hat sich beim Schreiben gefragt, ob man sein Werk als Literatur betrachten würde, als kommerzielle Prosa oder als Schund. Jeder von ihnen war darauf bedacht, eine gute Geschichte zu erzählen, sie gekonnt zu erzählen und sie einem Publikum zugänglich zu machen. Alles andere überließen sie — wie alle klugen Männer und Frauen — der Zeit.

Diese Anthologie spiegelt die gleiche Auffassung: zu schreiben, was man schreiben will, und es gut zu schreiben. Einige der Autorinnen haben es getan, sind gestorben und haben eine gewisse Unsterblichkeit erreicht.

Die Übrigen bleiben auf der Erde, schreiben noch und warten ab, wie die Zeit mit ihnen verfahren wird. Allen gemeinsam ist das Verlangen, die Menschen in einer Grenzsituation auszuloten. Diese Grenzsituation entspricht dem begangenen Verbrechen. Wie die Figuren mit der Situation umgehen, davon handelt die Geschichte.

Geschworene von ihresgleichen

von SUSAN GLASPELL

Susan Keating Glaspell (1876–1948) wurde in Davenport/Iowa geboren, studierte an der Drake University und der University of Chicago und arbeitete zunächst als Journalistin, bevor sie sich 1901 ganz der Schriftstellerei widmete. Ihr erster Roman The Glory of the Conquered erschien 1909, 1912 dann ihre erste Sammlung von Erzählungen mit dem Titel Lifted Masks, den größten Ruhm erlangte sie jedoch als Dramatikerin, gipfelnd im umstrittenen Pulitzer-Preis für Alison’s House (1930), ein von Emily Dickinsons Leben inspiriertes Stück. Von 1914 bis 1921 gehörte sie den Provincetown Players an, einer avantgardistischen, von ihrem idealistischen Ehemann George Cram Cook gegründeten Theatertruppe. Zu deren Mitgliedern zählten auch Edna St. Vincent Millay, Djuna Barnes, Edna Ferber, John Reed und ein Autor, der zum bedeutendsten amerikanischen Dramatiker jener Zeit werden sollte — Eugene O’Neill.

Nach einigen frühen Erzählungen — regional gefärbten populären Liebesgeschichten — entwickelte Glaspell unter dem Einfluss ihres Ehemanns und Floyd Dells einen naturalistischeren Ansatz und sozialistische Ansichten. Die Rebellion der Frauen gegen die Dominanz einfältiger Männer war ihr Dauerthema. Auf einem ihrer Stücke, dem Einakter Trifles (1916), basiert ihre berühmteste Erzählung» Geschworene von ihresgleichen«(1917). Es handelt sich zwar unverkennbar um eine Detektivgeschichte — hier sind es übrigens ganz zeitgemäß die Amateure, die viel aufmerksamer beobachten als die professionellen Spürnasen —, allerdings um eine höchst unkonventionelle, einzigartige Detektivgeschichte, in der durch die Art der Aufdeckung ein sehr wichtiges Statement gemacht wird.

Als Martha Hale die Sturmtür aufmachte und ihr der Nordwind schneidend ins Gesicht fuhr, lief sie schnell wieder hinein, um ihren dicken Wollschal zu holen.

Während sie ihn sich hastig um den Kopf wand, ließ sie den Blick schockiert über ihre Küche gleiten. Nichts Gewöhnliches war es, was sie von hier fortrief – wahrscheinlich weiter entfernt vom Gewöhnlichen als alles, was sich im Dickson County je zugetragen hatte.

Doch ihr Blick registrierte bloß die Tatsache, dass sich ihre Küche nicht in einem Zustand befand, in dem man sie zurücklassen konnte: Ihr Brotteig war bereit zum Mischen, das Mehl halb gesiebt, halb ungesiebt.

Sie hasste den Anblick von halbfertigen Dingen. Doch war sie gerade mitten in der Arbeit gewesen, als das Gespann aus der Stadt vorgefahren war, um Mr. Hale abzuholen, und dann kam der Sheriff auch noch hereingerannt und sagte, seine Frau hätte Mrs. Hale gern dabei — wobei er grinsend hinzufügte, sie hätte vermutlich Angst und wollte deshalb noch eine andere Frau mitnehmen. Also hatte sie einfach alles stehen und liegen lassen.

«Martha!«, war nun die ungeduldige Stimme ihres Gatten zu hören.»Lass doch die Leute hier draußen in der Kälte nicht warten.« Sie öffnete wieder die Sturmtür, diesmal um sich zu den drei Männern und der Frau zu gesellen, die in dem geräumigen Einspänner auf sie warteten.

Nachdem sie die wärmenden Decken um sich festgestopft hatte, musterte sie die Frau etwas genauer, die neben ihr auf dem Rücksitz saß. Sie hatte Mrs. Peters im Jahr zuvor auf dem Jahrmarkt kennen gelernt und wusste noch, dass sie überhaupt nicht wie die Frau eines Sheriffs aussah. Sie war klein und schmal und hatte keine kräftige Stimme. Mrs. Gorman, die Frau von Peters’ Vorgänger, hatte eine Stimme, die das Gesetz mit jedem Wort zu untermauern schien. Dass Mrs. Peters nicht wie die Frau eines Sheriffs aussah, machte Peters dadurch wett, dass er wie ein Sheriff aussah. Er war haargenau die Sorte Mann, die zum Sheriff gewählt würde — ein schwergewichtiger Mann mit einer mächtigen Stimme, der sich gesetzestreuen Bürgern gegenüber ausnehmend jovial gab, als wollte er deutlich machen, dass er den Unterschied zwischen Verbrechern und Nicht-Verbrechern kannte.

Und in dem Moment schoss Mrs. Hale der Gedanke durch den Kopf, dass dieser Mann, der hier zu allen so freundlich und aufgeräumt war, in seiner Eigenschaft als Sheriff zu den Wrights fuhr.

«In dieser Jahreszeit ist es auf dem Land nicht besonders angenehm«, ließ Mrs. Peters sich schließlich vernehmen, als hätte sie das Gefühl, sie sollten sich wie die Männer ebenfalls unterhalten.

Mrs. Hale brachte ihre Antwort kaum zu Ende, denn inzwischen waren sie einen kleinen Hügel hinaufgefahren, von dem aus sie das Anwesen der Wrights sehen konnten, und bei dem Anblick war ihr nicht nach Reden zumute. Es sah an diesem kalten Märztag sehr einsam und verlassen aus. Das Gehöft hatte schon immer einsam und verlassen gewirkt. Es lag unten in einer Senke, und auch die Pappeln, die es säumten, sahen einsam und verlassen aus.

Die Männer warfen einen Blick hinüber und sprachen über das, was passiert war. Der Bezirksstaatsanwalt lehnte sich über eine Seite des Einspänners und hielt den Blick unverwandt auf das Haus gerichtet, während sie heranfuhren.

«Ich bin froh, dass Sie mitgekommen sind«, sagte Mrs. Peters nervös, als die beiden Frauen den Männern durch den Hintereingang nach innen folgten.

Als sie den Fuß schon auf der Schwelle und die Hand am Türknauf hatte, verspürte Martha Hale kurz das Gefühl, die Schwelle nicht überschreiten zu können. Der Grund, weshalb sie sie jetzt nicht überschreiten konnte, bestand schlichtweg darin, dass sie sie vorher noch nie überschritten hatte. Immer wieder war es ihr durch den Kopf gegangen:»Ich sollte mal rüber und Minnie Foster besuchen. «Für sie war sie immer noch Minnie Foster, obwohl sie schon seit zwanzig Jahren Mrs. Wright hieß.

Doch es war immer irgendetwas zu tun gewesen, worüber sie Minnie Foster dann wieder vergaß. Jetzt aber konnte sie kommen.

Die Männer gingen zum Herd hinüber. Die Frauen standen dicht nebeneinander an der Tür. Henderson, der junge Bezirksstaatsanwalt, wandte sich um und sagte:

«Kommen Sie doch ans Feuer, meine Damen.« Mrs. Peters tat einen Schritt vorwärts und blieb dann stehen.

«Mir ist nicht — kalt«, sagte sie.

Also blieben die beiden Frauen an der Tür stehen und sahen sich zunächst nicht einmal in der Küche um.

Die Männer redeten erst darüber, wie gut es doch gewesen sei, dass der Sheriff seinen Stellvertreter in der Frühe zum Feuermachen hergeschickt hatte, dann trat Sheriff Peters vom Herd zurück, knöpfte seinen Mantel auf und stützte die Hände auf dem Küchentisch auf, so dass es aussah, als wollte er nun den offiziellen Teil einleiten.»Also, Mr. Hale«, sagte er in halb amtlichem Ton,»bevor wir hier anfangen herumzuräumen, erzählen Sie Mr. Henderson bitte, was genau Sie gesehen haben, als Sie gestern früh hierher kamen.« Der Bezirksstaatsanwalt sah sich in der Küche um.

«Übrigens«, sagte er,»wurde hier irgendetwas verändert?«Er wandte sich an den Sheriff.»Ist alles so, wie Sie es gestern zurückgelassen haben?« Peters blickte vom Küchenschrank zum Spülbecken und von dort zu einem kleinen, durchgesessenen Schaukelstuhl seitlich am Küchentisch hinüber.

«Es ist noch genau so.« «Man hätte gestern jemanden hier postieren sollen«, sagte der Bezirksstaatsanwalt.

«Ach — gestern«, entgegnete der Sheriff mit einer leichten Geste, wie um zu sagen, an gestern wolle er lieber gar nicht mehr denken.

«Da musste ich Frank ins Morris Center schicken wegen dem durchgedrehten Kerl — glauben Sie mir, gestern hatte ich alle Hände voll zu tun. Ich wusste ja, dass Sie bis heute aus Omaha zurück sein könnten, George, und nachdem ich hier alles selbst untersucht hatte …« «Nun, Mr. Hale«, sagte der Bezirksstaatsanwalt, wie um das Thema abzuschließen,»erzählen Sie doch mal genau, was passiert ist, als Sie gestern früh hier ankamen.« Mrs. Hale, die immer noch an der Tür lehnte, bekam vor Aufregung weiche Knie wie eine Mutter, deren Kind gleich etwas aufsagen muss. Lewis kam oft vom Hundertsten ins Tausendste und brachte Sachen durcheinander. Sie hoffte, er würde es direkt und ohne Umschweife erzählen und keine unnötigen Dinge sagen, die es für Minnie Foster nur noch schwerer machten. Er fing nicht gleich an, und ihr fiel auf, dass er merkwürdig aussah — als würde ihm fast schlecht davon, dass er in der Küche stehen und erzählen musste, was er gestern früh dort gesehen hatte.

«Nun, Mr. Hale?«, forderte der Staatsanwalt ihn auf.

«Harry und ich waren mit ’ner Fuhre Kartoffeln auf dem Weg in die Stadt«, begann Mrs. Hales Mann.

Harry war Mrs. Hales Ältester. Er war jetzt nicht dabei, aus dem guten Grund, dass die Kartoffeln gestern nicht in die Stadt gelangt waren und er sie heute früh hinbrachte.

Er war also nicht zu Hause gewesen, als der Sheriff eintraf, um Mr. Hale zu den Wrights mitzunehmen, damit er dem Bezirksstaatswalt seine Geschichte dort erzählte, wo er alles zeigen konnte. Zu Mrs.

Hales anderen Gefühlen gesellte sich nun noch die Sorge, Harry könnte vielleicht nicht warm genug angezogen sein — keiner von ihnen hatte bemerkt, wie scharf dieser Nordwind tatsächlich blies.

«Wir sind die Straße da entlanggekommen«, erzählte Hale soeben mit einer Handbewegung auf die Landstraße, auf der sie gerade hergefahren waren,»und wie wir das Haus sehen, sag ich zu Harry, ›mal schaun, vielleicht kriege ich John Wright dazu, sich ein Telefon anzuschaffen.‹ Wissen Sie, das ist nämlich so«, wandte er sich erklärend an Henderson,»wenn ich keinen dazu kriege, dass er mitmacht, kommen die auch nicht raus auf so ’ne Nebenstraße, oder bloß zu ’nem Preis, den ich mir nicht leisten kann. Ich hatte mit Wright schon mal drüber geredet, aber der hat nichts davon wissen wollen; er hat gemeint, die Leute reden sowieso schon zu viel und dass er seine Ruhe haben will — Sie wissen wahrscheinlich auch, wie viel der selber geredet hat. Aber ich hab mir gedacht, wenn ich ins Haus geh und mit ihm spreche, wenn seine Frau dabei ist, und sage, dass die Frauen doch immer fürs Telefon sind und dass es hier draußen an der abgelegenen Straße doch gut wär — also, zu Harry hab ich gesagt, dass ich vorhätte, das zu sagen — obwohl andererseits hab ich auch gesagt, ich wüsste nicht, ob John viel drauf gäbe, was seine Frau will …« Und schon ging’s wieder los — schon sagte er lauter unnötiges Zeug. Mrs. Hale versuchte, den Blick ihres Mannes aufzufangen, als ihn der Staatsanwalt zum Glück unterbrach:»Darüber reden wir später noch, Mr. Hale. Ich will schon noch darüber sprechen, aber jetzt liegt mir doch daran zu hören, was passiert ist, als Sie hier ankamen.« Als er diesmal anfing, klang es entschlossen und wohl überlegt:»Ich hab nichts gesehen oder gehört. Ich hab angeklopft, aber drinnen war alles still. Dass sie auf sein mussten, wusste ich — es war ja schon nach acht. Also hab ich noch mal geklopft, lauter diesmal, und glaubte, ich hörte jemand ›Herein‹ sagen. Ich war mir nicht sicher – bin ich mir immer noch nicht. Ich hab aber die Tür aufgemacht — die Tür da«— er deutete energisch auf die Tür, neben der die beiden Frauen standen —,»und da drüben, in dem Schaukelstuhl«— er deutete hin —»saß Mrs. Wright.« Alle Anwesenden blickten auf den Schaukelstuhl.

Mrs. Hale kam der Gedanke, dass dieser Schaukelstuhl eigentlich überhaupt nicht zu Minnie Foster passte — zu der Minnie Foster von vor zwanzig Jahren. Er war schmutzig rot und hatte Holzstreben in der Rückenlehne, die mittlere Strebe fehlte, und der Sitz hing auf einer Seite herunter.

«Wie sah sie — denn aus?«, wollte der Staatsanwalt wissen.

«Hm«, sagte Hale,»ziemlich komisch.« «Komisch? Wie meinen Sie das?« Während er fragte, zog er Notizblock und Bleistift hervor. Der Anblick des Bleistifts behagte Mrs. Hale ganz und gar nicht. Sie hielt den Blick starr auf ihren Gatten geheftet, als wollte sie ihn davon abhalten, unnötige Dinge zu sagen, die auf den Notizblock gelangen und Ärger machen würden.

Hale sprach jedoch ganz bedächtig, als hätte ihn der Bleistift ebenfalls schwer beeindruckt.

«Na ja, wie wenn sie nicht wusste, was sie als Nächstes tun soll. Und irgendwie — geschafft.« «Wie schien Sie Ihr Kommen denn zu empfinden?« «Hm, ich glaub nicht, dass es ihr was ausgemacht hat – so oder so. Sie hat mich nicht groß beachtet. Ich hab gesagt: ›Wie geht’s, Mrs. Wright? Ganz schön kalt, was?‹ Und sie hat gesagt: ›Ach ja?‹ — und weiter an ihrer Schürze rumgefaltet.

Also, ich hab mich gewundert. Sie hat mich nicht aufgefordert, zum Herd rüberzukommen oder mich zu setzen, sie hat bloß da gesessen und hat mich nicht mal angeschaut. Also habe ich gesagt: ›Ich will John sprechen.‹ Und dann — dann hat sie gelacht. Ja, man könnte es wohl lachen nennen.

Ich hab an Harry und das Gespann draußen gedacht und deswegen ein bisschen scharf gesagt: ›Kann ich John mal sprechen?‹ — ›Nein‹, sagt sie — irgendwie so abgestumpft.

›Ist er denn nicht zu Hause?‹, frag ich. Da schaut sie mich an. ›Doch‹, sagt sie, ›er ist zu Hause.‹ — ›Wieso kann ich ihn dann nicht sprechen?‹, frag ich sie. Da war ich schon ziemlich ungeduldig. ›Weil er tot ist‹, sagt sie, wieder genauso ruhig und abgestumpft und faltet wieder an ihrer Schürze rum. ›Tot?‹, sag ich, wie man halt so sagt, wenn man nicht fassen kann, was man grade gehört hat.

Sie hat bloß mit dem Kopf genickt, kein bisschen aufgeregt, und ist vor und zurück geschaukelt.

›Wieso — wo ist er denn?‹, sag ich, weil ich nicht so recht wusste, was ich sagen soll.

Sie hat bloß nach oben gedeutet — so«— er wies mit dem Finger zu dem Raum im Obergeschoss hinauf.

«Da bin ich aufgestanden, um selber mal raufzugehen.

Inzwischen wusste ich gar nicht mehr, was ich tun soll. Ich bin ein bisschen auf und ab gegangen, und dann hab ich gefragt: ›Na, woran ist er denn gestorben?‹

›An ’nem Strick um den Hals ist er gestorben‹, sagt sie und faltet bloß weiter an ihrer Schürze rum.« Hale hörte auf zu reden und starrte den Schaukelstuhl an, als könnte er die Frau, die am vorherigen Morgen darin gesessen hatte, immer noch sehen.

«Und was haben Sie dann gemacht?«, unterbrach der Bezirksstaatsanwalt schließlich das Schweigen.

«Ich bin raus und hab Harry gerufen. Ich dachte, ich brauchte — vielleicht Hilfe. Ich hab Harry reingeholt, und wir sind nach oben.« Seine Stimme senkte sich fast zu einem Flüstern.»Und da — ist er über dem — « «Ich glaube, das lasse ich Sie lieber oben erklären«, unterbrach ihn der Staatsanwalt,»wo Sie alles zeigen können. Jetzt erzählen Sie aber noch den Rest der Geschichte.«

«Äh, also mein erster Gedanke war, den Strick abzumachen. Es hat noch so — «Mit zuckendem Gesicht hielt er inne.

«Aber Harry, der ist zu ihm hin und hat gesagt: ›Nein, der ist wirklich tot, lass uns lieber nichts anfassen.‹ Also sind wir wieder runtergegangen.

Sie hat immer noch genauso dagesessen. ›Ist schon jemand verständigt worden?‹, hab ich gefragt. ›Nein‹, sagt sie vollkommen gleichgültig.

›Wer hat das getan, Mrs. Wright?‹, hat Harry wissen wollen. Er hat ganz nüchtern gefragt, und sie hat aufgehört, an ihrer Schürze rumzufalten. ›Weiß ich nicht‹, sagt sie. ›Das wissen Sie nicht?‹, sagt Harry. ›Haben Sie denn nicht bei ihm im Bett geschlafen?‹ ›Doch‹, sagt sie, ›aber auf der Innenseite.‹ — ›Jemand hat ihm ’nen Strick um den Hals gelegt und ihn erdrosselt, und Sie sind davon nicht aufgewacht?‹, sagt Harry. ›Ich bin nicht aufgewacht‹, sagt sie ihm nach.

Wir haben wohl so ausgesehen, als könnten wir uns das nicht so recht vorstellen, wie das geh’n soll, denn nach

’ner Weile sagt sie: ›Ich hab einen festen Schlaf.‹ Harry wollte sie noch paar Sachen fragen, aber ich hab gesagt, dass uns das vielleicht nichts anginge, wir sollten sie die Geschichte vielleicht erst dem Coroner oder dem Sheriff erzählen lassen. Also ist Harry so schnell er konnte rüber nach High Road gefahren — zu den Rivers, wo sie ein Telefon haben.« «Und was tat sie, als sie wusste, dass Sie den Coroner holen wollten?«Der Anwalt hatte den Bleistift schon zum Schreiben gezückt.

«Sie hat sich von dem Stuhl rüber in diesen hier«— Hale deutete auf einen kleinen Stuhl in der Ecke —»gesetzt, und dann hat sie da gesessen, mit zusammengelegten Händen, und hat auf den Boden geschaut. Ich hatte das Gefühl, dass ich mich ein bisschen mit ihr unterhalten sollte, also hab ich ihr erzählt, ich wär gekommen, um John zu fragen, ob er ein Telefon anschließen lassen will. Darauf hat sie angefangen zu lachen, und dann hat sie aufgehört und mich angestarrt — voller Angst.« Beim Geräusch des schreibenden Bleistifts hob der Mann, der die Geschichte erzählte, den Blick.

«Ich weiß nicht — vielleicht war es auch keine Angst«, meinte er hastig.»Ich möchte das nicht so direkt behaupten. Bald war Harry wieder da, und dann ist Dr. Lloyd gekommen und dann Sie, Mr. Peters, und das ist, glaub ich, alles, was ich weiß und Sie noch nicht.« Letzteres sagte er voller Erleichterung und bewegte sich ein wenig, wie um sich zu lockern. Die anderen begannen sich ebenfalls zu regen. Der Bezirksstaatsanwalt trat auf die Tür zur Treppe zu.

«Dann gehen wir jetzt erst mal nach oben — und dann raus in die Scheune und sehen uns dort um.« Er hielt inne und blickte in der Küche umher.

«Sie sind überzeugt, dass hier nichts Wichtiges war?«, fragte er den Sheriff.»Nichts, was auf ein — Tatmotiv hindeuten würde?« Der Sheriff blickte ebenfalls umher, wie um sich selbst erneut davon zu überzeugen.

«Hier ist nichts außer Küchenkram«, sagte er und lachte leise über die Bedeutungslosigkeit von Küchenkram.

Der Bezirksstaatsanwalt betrachtete den Schrank — ein merkwürdiges grobes Möbel, halb Wandschrank und halb Küchenschrank, das Oberteil in die Wand eingebaut, das untere Teil ein einfaches, altmodisches Küchenbüfett. Wie von dessen seltsamem Aussehen angezogen, holte er sich einen Stuhl, öffnete das obere Teil und sah hinein. Gleich darauf zog er seine Hand klebrig wieder heraus.

«So eine Schweinerei«, sagte er verärgert.

Die beiden Frauen waren näher getreten, und nun sagte die Frau des Sheriffs etwas.

«Ach — ihr Obst«, sagte sie und sah Mrs. Hale dabei um Verständnis bittend an. Sie wandte dem Bezirksstaatsanwalt den Rücken zu und erläuterte:»Sie hat sich Sorgen darum gemacht, als es gestern Nacht so kalt wurde. Sie sagte, wenn das Feuer ausgeht, könnten ihre Gläser platzen.« Mrs. Peters’ Gatte brach in Gelächter aus.

«Ha, ist die Frau denn zu fassen! Sitzt in Haft wegen Mord und macht sich Sorgen um ihr Eingemachtes!« Der junge Anwalt kniff die Lippen zusammen.

«Ich glaube, bis wir mit ihr fertig sind, wird sie sich über was Ernsteres Sorgen machen müssen als über ihr Eingemachtes.« «Ach, was soll’s«, sagte Mrs.

Hales Gatte voll gutmütiger Überheblichkeit,»Frauen sind es ja gewohnt, sich um die geringsten Sachen Sorgen zu machen.« Die beiden Frauen rückten etwas näher zusammen.

Keine von beiden sagte etwas. Der Bezirksstaatsanwalt schien sich plötzlich wieder an seine guten Manieren zu erinnern — und an seine Zukunft zu denken.

«Und doch«, sagte er in der galanten Art eines jungen Politikers,»trotz all ihrer Sorgen, was täten wir bloß ohne die Damen?« Die beiden Frauen sagten nichts, blieben reserviert. Er trat ans Spülbecken und begann sich die Hände zu waschen. Dann wollte er sie sich an dem Rollhandtuch abtrocknen — suchte es nach einer sauberen Stelle ab.

«Schmutzige Handtücher! Keine besonders gute Hausfrau, was meinen Sie, meine Damen?« Er stieß mit dem Fuß gegen ein paar schmutzige Töpfe unter dem Spülbecken.

«Auf einer Farm gibt’s ’ne Menge Arbeit«, sagte Mrs. Hale steif.

«Aber sicher. Und doch«— mit einer leichten Verbeugung in ihre Richtung —»weiß ich, dass es im Dickson County ein paar Höfe gibt, wo solche Rollhandtücher nicht hängen. «Er zog daran, um es in voller Länge vorzuführen.

«Solche Tücher werden furchtbar schnell dreckig. Und Männerhände sind auch nicht immer besonders sauber.« «Aha, solidarisch mit Ihren Geschlechtsgenossinnen, ich verstehe!«, lachte er. Dann hielt er inne und musterte sie aufmerksam.

«Sie und Mrs. Wright waren doch Nachbarinnen. Dann waren Sie ja wohl auch befreundet, nehme ich an.« Martha Hale schüttelte den Kopf.

«Ich hab sie in den letzten Jahren selten gesehen. In diesem Haus war ich — schon über ein Jahr nicht mehr.« «Wie das? Konnten Sie sie nicht leiden?« «Ich konnte sie recht gut leiden«, gab sie energisch zurück.»Farmerfrauen haben alle Hände voll zu tun, Mr. Henderson. Außerdem — «Sie blickte in der Küche umher.

«Ja?«, fragte er aufmunternd.

«Ich fand es hier nie besonders anheimelnd«, sagte sie mehr zu sich selbst als zu ihm.

«Nein«, pflichtete er ihr bei.»Anheimelnd kann man es bestimmt nicht nennen. Ich würde sagen, ihr fehlt’s ein bisschen am Nestbauinstinkt.« «Na, Wright aber auch, würde ich sagen«, murmelte sie.

«Wollen Sie damit andeuten, sie vertrugen sich nicht besonders gut miteinander?«, beeilte er sich zu fragen.

«Nein, damit will ich überhaupt nichts andeuten«, entgegnete sie nachdrücklich. Etwas von ihm abgewandt, fügte sie hinzu:»Ich glaub aber nicht, dass John Wrights Gegenwart dazu angetan war, ein Haus heimeliger zu machen.« «Darüber möchte ich mit Ihnen später reden, Mrs. Hale«, sagte er.»Jetzt will ich unbedingt das obere Stockwerk in Augenschein nehmen.« Er ging auf die Tür zur Treppe zu, gefolgt von den beiden Männern.

«Ich nehme an, was Mrs. Peters macht, ist in Ordnung?«, erkundigte sich der Sheriff.»Sie soll ihr nämlich ein paar Kleider mitbringen — und ein paar andere Kleinigkeiten.

Wir mussten gestern so überstürzt weg.« Der Bezirksstaatsanwalt betrachtete die beiden Frauen, die sie nun inmitten des Küchenkrams allein ließen.

«Ja — Mrs. Peters«, sagte er, und sein Blick verweilte auf der Frau, die nicht Mrs. Peters war, auf der grobknochigen Farmerfrau, die hinter der Frau des Sheriffs stand.

«Mrs. Peters ist natürlich eine von uns«, sagte er in einem Ton, der ihr Verantwortung auferlegte.»Und, Mrs. Peters, haben Sie doch auch ein Auge auf alles, was uns eventuell nützlich sein könnte. Man kann nie wissen, ihr Frauen entdeckt vielleicht einen Hinweis auf das Tatmotiv — und das ist genau das, was wir brauchen.« Mr. Hale rieb sich das Gesicht wie ein Alleinunterhalter, der gleich einen Witz machen will.

«Würden die Frauen denn einen Hinweis erkennen, wenn sie darauf stoßen?«, fragte er, bevor er den anderen durch die Tür zur Treppe folgte.

Die Frauen blieben reglos und schweigend stehen und lauschten den Schritten, erst auf der Treppe, dann im Zimmer über ihnen.

Und dann, als wollte sie sich von etwas Fremdem befreien, begann Mrs. Hale die schmutzigen Töpfe unter dem Spülbecken wieder ordentlich hinzustellen, die der verächtliche Fußtritt des Staatsanwalts durcheinander gebracht hatte.

«Ich könnte es nicht ausstehen, wenn Männer in meine Küche kommen«, sagte sie gereizt,»und rumschnüffeln und meckern.« «Sie tun natürlich nur ihre Pflicht«, sagte die Frau des Sheriffs in scheuer Ergebenheit.

«Pflicht ist ja schön und gut«, erwiderte Mrs. Hale schroff,»aber ich finde, der Hilfssheriff, der hier war, um das Feuer zu machen, hätte ruhig ein bisschen aufräumen können. «Sie zog an dem Rollhandtuch.»Wenn mir das bloß früher eingefallen wäre! Ist doch gemein, so über sie zu reden, weil sie hier nicht alles blank geputzt hatte, wo sie doch so überstürzt weg musste.« Sie blickte in der Küche umher.»Blank geputzt «war sie bestimmt nicht. Ihr Blick fiel auf ein Eimerchen mit Zucker in einem der unteren Regale. Von dem Holzeimer war der Deckel abgenommen, und daneben lag eine Papiertüte — halb voll.

Mrs. Hale ging darauf zu.

«Sie wollte das hier einfüllen«, sagte sie nachdenklich bei sich.

Das Mehl zu Hause in ihrer eigenen Küche fiel ihr ein – halb gesiebt, halb nicht gesiebt. Sie war unterbrochen worden und hatte die halb fertige Arbeit liegen lassen.

Wovon war Minnie Foster unterbrochen worden? Warum war diese Arbeit bloß halb fertig gemacht? Sie wollte sie gerade zu Ende bringen — unfertige Dinge störten sie immer —, als sie plötzlich bemerkte, dass Mrs. Peters sie beobachtete — und sie wollte nicht, dass Mrs. Peters denselben Eindruck gewann wie sie, von einer Arbeit, die angefangen und dann — aus irgendeinem Grund — nicht beendet worden war.

«Das mit ihrem Obst ist ein Jammer«, sagte sie und ging auf den Küchenschrank zu, den der Bezirksstaatsanwalt geöffnet hatte, stieg auf den Stuhl und murmelte:»Ob wohl alles hin ist?« Es war ein ziemlich trauriger Anblick.»Hier ist noch ein Glas in Ordnung«, sagte sie schließlich. Sie hielt es gegen das Licht.»Es sind Kirschen. «Sie sah noch einmal hin.

«Ich glaube fast, es ist das Einzige.« Mit einem Seufzer stieg sie vom Stuhl und trat ans Spülbecken, um das Glas abzuwischen.

«Das wird ihr arg sein, nach der ganzen harten Arbeit bei dem heißen Wetter. Ich erinnere mich noch gut an den Nachmittag im letzten Sommer, als ich meine Kirschen eingemacht habe.« Sie stellte das Glas auf den Tisch und wollte sich mit einem weiteren Seufzer im Schaukelstuhl niederlassen.

Doch dann setzte sie sich doch nicht hin. Etwas hielt sie davon ab, sich auf jenen Stuhl zu setzen. Sie richtete sich auf — trat zurück und betrachtete ihn halb abgewandt, während sie sich die Frau vorstellte, die dort gesessen und «an ihrer Schürze rumgefaltet «hatte.

Die Frau des Sheriffs platzte mit ihrer dünnen Stimme in ihre Gedanken:»Ich muss ja noch die Sachen aus dem Schrank im Wohnzimmer holen. «Sie öffnete die Tür zum Nebenzimmer, wollte schon hineinstürzen und wich zurück.»Sie kommen doch mit, Mrs. Hale?«, fragte sie nervös.»Sie — Sie könnten mir dabei helfen.« Sie waren gleich wieder da — in der strengen Kälte des selten genutzten Raumes hielt man sich nicht gern auf.

«Meine Güte!«, sagte Mrs. Peters, indem sie die Sachen auf den Tisch fallen ließ und zum Herd hinübereilte.

Mrs. Hale stand da und begutachtete die Kleider, die die Frau, die sie in der Stadt festgesetzt hatten, verlangt hatte.

«Wright war ganz schön knauserig!«, rief sie aus und hielt einen schäbigen schwarzen Rock hoch, der Spuren von häufigem Ausbessern zeigte.»Vielleicht hat sie deswegen so zurückgezogen gelebt. Kann doch sein, dass sie das Gefühl hatte, sie könnte nicht recht mithalten. Es ist schließlich kein Spaß, wenn man so schäbig daherkommt. Früher hat sie hübsche Kleider getragen und war fröhlich — als sie noch Minnie Foster war, eins von den Mädels in der Stadt, und im Chor gesungen hat. Aber das — ach, das ist schon zwanzig Jahre her.« Mit einer Behutsamkeit, die auch etwas Liebevolles an sich hatte, faltete sie die schäbigen Kleider zusammen und stapelte sie an einer Ecke des Tisches aufeinander. Sie sah zu Mrs. Peters hinüber. Im Blick der anderen lag etwas, was sie irritierte.

Es ist ihr egal, sagte sie bei sich. Ihr ist es doch gleich, ob Minnie Foster als junges Mädchen hübsche Kleider hatte.

Dann sah sie wieder hin und war sich nicht mehr so sicher; sie war sich eigentlich nie recht sicher gewesen, was Mrs. Peters anging. Die gab sich so unscheinbar und hatte dabei einen Blick, als könnte sie ganz tief in die Dinge hineinsehen.

«Ist das alles, was Sie ihr mitbringen sollen?«, fragte Mrs. Hale.

«Nein«, sagte die Frau des Sheriffs,»sie sagte, sie wolle eine Schürze. Komisch«, bemerkte sie auf ihre nervöse leise Art,»im Gefängnis kann man sich doch eigentlich nicht schmutzig machen, weiß der Himmel. Aber sie will sich vielleicht einfach normaler fühlen. Wenn man dran gewöhnt ist, eine Schürze zu tragen … Sie hat gesagt, sie sind hier im Schrank in der untersten Schublade. Ach, da sind sie ja. Und dann noch ihr kleines Umschlagtuch, das immer an der Treppentür hängt.« Sie holte das kleine graue Umschlagtuch hinter der Tür hervor, die nach oben führte, und betrachtete es eine Weile.

Plötzlich trat Mrs. Hale einen Schritt auf die andere Frau zu.

«Mrs. Peters!« «Ja, Mrs. Hale?« «Glauben Sie, sie — hat es getan?« Ein ängstlicher Ausdruck verschleierte alles andere in Mrs. Peters’ Augen.

«Ach, ich weiß nicht«, sagte sie mit einer Stimme, als wollte sie dem Thema ausweichen.

«Also, ich glaub nicht, dass sie’s war«, behauptete Mrs. Hale fest.»Wo sie doch nach einer Schürze verlangt, nach ihrem kleinen Umschlagtuch. Und sich um ihr Obst Sorgen macht.« «Mr. Peters sagt — «Im oberen Zimmer waren Schritte zu hören. Sie hielt inne, sah nach oben und fuhr dann mit gesenkter Stimme fort:»Mr. Peters sagt — es sieht schlecht für sie aus. Mr. Henderson drückt sich immer furchtbar sarkastisch aus, er wird sich darüber lustig machen, dass sie behauptet, nicht — aufgewacht zu sein.« Eine Zeit lang wusste Mrs. Hale nicht, was sie darauf sagen sollte. Dann meinte sie:»Na, ich nehm an, dass John Wright auch nicht aufgewacht ist — als man ihm den Strick unterm Hals durchgeschoben hat«, murmelte sie.

«Nein, ist doch merkwürdig«, hauchte Mrs. Peters.»So eine — komische Art, jemanden umzubringen, sagen sie.« Sie fing an zu lachen und hielt beim Geräusch des Gelächters abrupt inne.

«Genau das hat Mr. Hale auch gesagt«, sagte Mrs. Hale mit entschlossen natürlicher Stimme.»Sie hatten doch ein Gewehr im Haus. Er sagt, das kapiert er einfach nicht.« «Mr. Henderson hat auf dem Herweg gesagt, was in dem Fall fehlt, ist das Tatmotiv. Etwas, was auf Wut hindeutet — oder einen plötzlichen Gefühlsausbruch.« «Na, ich seh jedenfalls keinerlei Anzeichen für einen Wutausbruch hier«, sagte Mrs. Hale.»Ich kann keine — « Sie hielt inne. Es war, als ob ihre Gedanken über etwas gestolpert wären. Ihr Blick fiel auf ein Geschirrtuch mitten auf dem Küchentisch. Langsam ging sie auf den Tisch zu.

Die eine Hälfte war sauber gewischt, die andere schmutzig. Ihr Blick wanderte langsam, fast widerstrebend zu dem Zuckereimerchen und der halb leeren Tüte daneben. Etwas angefangen — und nicht zu Ende geführt.

Nach einer Weile trat sie zurück und sagte, wie um sich innerlich zu lösen:»Was die dort oben wohl entdecken?

Ich hoffe, sie hatte es oben ein bisschen ordentlicher.

Wissen Sie«— sie machte eine Pause, um sich zu sammeln «es kommt einem doch wie Schnüffeln vor, sie erst in der Stadt einzusperren und dann hier rauszukommen, um ihr eigenes Heim gegen sie zu verwenden!« «Aber, Mrs. Hale«, sagte die Frau des Sheriffs,»Gesetz ist Gesetz.« «Das schon«, entgegnete Mrs. Hale knapp.

Sie wandte sich zum Herd und sagte etwas über das Feuer, mit dem es nicht weit her sei. Sie machte sich eine Weile daran zu schaffen, und als sie sich wieder aufrichtete, meinte sie herausfordernd:»Gesetz ist Gesetz — und ein schlechter Herd ist ein schlechter Herd. Hätten Sie denn Lust, auf dem Ding zu kochen?«Dabei deutete sie mit dem Schürhaken auf die kaputte Umrandung. Sie öffnete die Backofentür und begann, sich über den Ofen auszulassen, verfiel dann jedoch in Gedanken, überlegte, was es wohl bedeutete, sich jahraus, jahrein mit diesem Herd abkämpfen zu müssen. Dachte daran, wie Minnie Foster in diesem Ofen zu backen versuchte — und daran, dass sie nie herübergekommen war, um Minnie Foster einen Besuch abzustatten …

Sie schreckte hoch, als sie Mrs. Peters sagen hörte:

«Davon kann man sich schon entmutigen lassen — bis man nicht mehr will.« Die Frau des Sheriffs hatte vom Herd zum Spülbecken gesehen — zu dem Eimer Wasser, der von draußen hereingetragen worden war. Schweigend standen die beiden Frauen da, über ihnen die Schritte der Männer, die nach Beweismaterial gegen die Frau suchten, die in dieser Küche gearbeitet hatte. Dieser gewisse Blick, der in die Dinge hineinsah, der durch ein Ding hindurch auf ein anderes sah, lag nun in den Augen der Frau des Sheriffs.

Als Mrs. Hale wieder etwas zu ihr sagte, klang es sanft.

«Machen Sie sich’s doch ein bisschen bequemer in den Sachen, Mrs. Peters. Dann ist uns nachher wärmer, wenn wir wieder rausgehen.« Mrs. Peters ging in den hinteren Teil des Raumes, um den Pelzumhang aufzuhängen, den sie anhatte. Gleich darauf rief sie aus:»Ach, sehen Sie mal, sie hat einen Quilt zusammengesetzt. «Dabei hielt sie einen großen Nähkorb hoch, in dem sich die Quiltflicken häuften.

Mrs. Hale breitete ein paar fertig genähte Quadrate auf dem Tisch aus.

«Es ist das Blockhaus-Muster«, sagte sie und legte einige zusammen.»Hübsch, nicht?« Sie waren so mit dem Quilt beschäftigt, dass sie die Schritte auf der Treppe nicht hörten. Als die Tür aufging, sagte Mrs. Hale gerade:»Meinen Sie, sie wollte die Lagen zusammennähen oder bloß verknoten?« Der Sheriff konnte es nicht fassen.

«Die fragen sich, ob sie die Lagen zusammennähen oder bloß verknoten wollte!« Es wurde über den typischen Weiberkram gelacht, dann wurden die Hände über dem Herd gewärmt und dann sagte der Bezirksstaatsanwalt energisch:»So, und jetzt gehen wir hinaus in die Scheune und klären das.« «Ich weiß nicht, was daran komisch sein soll«, sagte Mrs. Hale verdrießlich, nachdem die Außentür hinter den drei Männern zugegangen war —»dass wir uns die Zeit mit Kleinigkeiten vertreiben, solange wir warten, bis die ihr Beweismaterial haben. Da gibt’s doch nichts zu lachen.« «Die haben natürlich schrecklich wichtige Sachen im Kopf«, erwiderte die Frau des Sheriffs entschuldigend.

Sie machten sich wieder an die Begutachtung der Quiltblöcke. Mrs. Hale betrachtete die feine, ebenmäßige Näharbeit und machte sich Gedanken über die Frau, die diese Näharbeit angefertigt hatte, als sie die Frau des Sheriffs plötzlich in merkwürdigem Tonfall sagen hörte:

«Ach, schauen Sie sich mal das an.« Mrs. Hale betrachtete den Quiltblock, der ihr hingehalten wurde.

«Wie der genäht ist«, sagte Mrs. Peters beunruhigt.

«Alle anderen waren so schön gleichmäßig — bis auf — den hier. Oje, sieht aus, als hätte sie nicht recht gewusst, was sie tat!« Ihre Blicke trafen sich, plötzlich entstand etwas, ging zwischen ihnen hin und her; und dann schienen sie sich fast gewaltsam voneinander loszureißen. Einen Augenblick lang saß Mrs. Hale da, die Hände über der Näharbeit gefaltet, die so ganz anders war als der Rest.

Und schon hatte sie einen Knoten gelöst und die Fäden herausgezogen.

«Aber was machen Sie denn da, Mrs. Hale?«, fragte die Frau des Sheriffs erschrocken.

«Bloß ein paar Stiche auftrennen, die nicht sehr gut gelungen sind«, sagte Mrs. Hale sanft.

«Ich finde, wir sollten nichts anfassen«, sagte Mrs. Peters ein wenig hilflos.

«Ich mach bloß diese Ecke fertig«, antwortete Mrs. Hale immer noch in diesem sanften, nüchternen Tonfall.

Sie fädelte eine Nadel ein und begann die schlecht genähte Stelle auszubessern. Eine Zeit lang nähte sie schweigend. Dann hörte sie die dünne, furchtsame Stimme sagen:»Mrs. Hale!« «Ja, Mrs. Peters?« «Warum, glauben Sie, war sie denn so — nervös?« «Ach, das weiß ich doch nicht«, sagte Mrs.

Hale wegwerfend, als hielte sie es für Zeitverschwendung, sich darüber Gedanken zu machen.»Ich weiß nicht, ob sie – nervös war. Ich nähe selber manchmal ganz komisch, wenn ich einfach bloß müde bin.« Sie schnitt einen Faden ab und sah aus dem Augenwinkel zu Mrs. Peters hoch. Das kleine, schmale Gesicht der Frau des Sheriffs wirkte plötzlich verkniffen.

In ihren Augen lag wieder dieser Blick, als spähte sie in etwas hinein. Gleich darauf rührte sie sich aber und sagte auf ihre zaghafte, unschlüssige Art:»Ich muss noch die Kleider einpacken. Die sind womöglich schneller fertig, als wir denken. Wo ich wohl ein Stück Papier — und Bindfaden finde.« «In dem Wandschrank da vielleicht«, schlug Mrs. Hale vor, nachdem sie sich umgesehen hatte.

Ein Stück der wirren Näharbeit blieb unaufgetrennt. Da Mrs. Peters ihr den Rücken zuwandte, begutachtete Martha Hale das Stück nun eingehend und verglich es mit der fein säuberlichen Arbeit an den anderen Quiltblöcken.

Der Unterschied war verblüffend. Wie sie den Block so in der Hand hielt, überkam sie ein merkwürdiges Gefühl, so als teilten sich ihr die zerstreuten Gedanken der Frau mit, die sich der Arbeit vielleicht zugewandt hatte, um Ruhe zu finden.

Mrs. Peters’ Stimme rüttelte sie auf.

«Hier ist ein Vogelkäfig«, sagte sie.»Hatte sie denn ein Vögelchen, Mrs. Hale?« «Hm, keine Ahnung, ob sie eins hatte oder nicht. «Sie sah den Käfig an, den Mrs. Peters hochhielt.»Ich war schon so lang nicht mehr hier. «Sie seufzte.»Letztes Jahr war mal einer da und hat billige Kanarienvögel verkauft – ich weiß aber nicht, ob sie einen genommen hat.

Vielleicht. Sie hat früher selber sehr hübsch gesungen.« Mrs. Peters blickte in der Küche umher.

«Einen Vogel kann man sich hier eigentlich nicht recht vorstellen. «Sie lachte ein wenig — als versuchte sie etwas abzuwehren.

«Aber sie muss ja einen gehabt haben — wieso hätte sie sonst einen Käfig? Ich möchte wissen, was aus dem geworden ist.« «Vielleicht hat ihn die Katze erwischt«, warf Mrs. Hale ein und nahm ihre Näharbeit wieder auf.

«Nein, sie hatte keine Katze. Sie war so, wie manche Leute bei Katzen sind — sie hatte Angst vor ihnen. Als sie sie gestern zu uns nach Hause brachten und meine Katze ins Zimmer kam, hat sie sich schrecklich aufgeregt und mich gebeten, sie rauszuschaffen.« «So war meine Schwester Bessie auch«, lachte Mrs. Hale.

Die Frau des Sheriffs gab keine Antwort. Auf ihr Schweigen drehte Mrs. Hale sich um. Mrs. Peters war dabei, den Vogelkäfig eingehend zu untersuchen.

«Sehen Sie sich mal dieses Türchen an«, sagte sie bedächtig.»Es ist kaputt. Da ist eine Angel abgerissen.« Mrs. Hale kam näher.

«Sieht so aus, als hätte jemand es — mit Gewalt getan.« Wieder trafen sich ihre Blicke — erschrocken, fragend, ängstlich. Einen Augenblick lang verharrten sie reglos.

Keine sagte etwas. Dann wandte Mrs. Hale sich ab und sagte brüsk:»Wenn die irgendwelche Beweismittel finden wollen, sollen sie sich jetzt mal ranhalten. Mir gefällt’s hier nicht.« «Ich bin furchtbar froh, dass Sie mitgekommen sind, Mrs. Hale. «Mrs. Peters stellte den Vogelkäfig auf den Tisch und setzte sich.»Ich käme mir einsam vor — so ganz allein hier zu sitzen.« «Ja, nicht?«, stimmte Mrs. Hale ihr in entschlossen natürlichem Ton zu. Sie nahm die Näharbeit zur Hand, ließ sie nun aber in den Schoß sinken und murmelte in verändertem Tonfall:»Aber wissen Sie was, Mrs. Peters?

Ich hätte doch mal herkommen sollen, als sie noch hier war. Ach, hätte ich es doch getan!« «Aber Sie waren doch so schrecklich eingespannt, Mrs. Hale. Ihr Haus — Ihre Kinder.« «Ich hätte schon kommen können«, gab Mrs. Hale knapp zurück.»Ich bin weggeblieben, weil es hier so freudlos war — und gerade darum hätte ich kommen sollen. Ich« – sie blickte umher —»ich habe dieses Haus noch nie leiden können. Vielleicht weil es in einer Mulde liegt und man die Straße nicht sehen kann. Ich weiß nicht, was es ist, aber es ist so einsam und abgelegen, immer schon. Ach, wär ich doch gekommen und hätte Minnie Foster mal besucht. Jetzt verstehe ich auch — «Sie sprach es nicht aus.

«Sie sollten sich keine Vorwürfe machen«, redete Mrs. Peters ihr gut zu.»Wir begreifen nicht, wie es um andere Leute steht, bis — etwas passiert.« «Ohne Kinder hat man zwar weniger Arbeit«, sinnierte Mrs. Hale nach kurzem Schweigen,»aber es ist so still im Haus — und Wright war ja den ganzen Tag draußen bei der Arbeit —, und wenn er da war, auch keine richtige Gesellschaft. Kannten Sie John Wright eigentlich, Mrs. Peters?« «Nicht so richtig. Ich hab ihn öfter in der Stadt gesehen.

Er war ein braver Mann, heißt es.« «Ja — brav«, räumte John Wrights Nachbarin grimmig ein.»Er hat nicht getrunken, hat zu seinem Wort gestanden wie wohl jeder andere auch und hat seine Schulden gezahlt. Aber er war ein harter, schroffer Mensch, Mrs. Peters. Nur mit ihm zu plaudern — «Sie hielt inne und erschauderte leicht.»Wie ein rauer Wind, der einem in die Knochen fährt. «Ihr Blick fiel auf den Käfig vor ihr auf dem Tisch, und sie fügte fast bitter hinzu:»Ich kann mir schon vorstellen, dass sie sich ein Vögelchen gewünscht hat!« Plötzlich beugte sie sich vor und betrachtete den Käfig interessiert.»Was glauben Sie, was mit ihm passiert sein könnte?« «Keine Ahnung«, entgegnete Mrs. Peters.»Vielleicht ist es krank geworden und eingegangen.« Doch nachdem sie das gesagt hatte, reichte sie über den Tisch und klappte das kaputte Türchen auf und zu. Beide Frauen starrten wie gebannt darauf.

«Sie kannten — sie also nicht?«, fragte Mrs. Hale, einen etwas freundlicheren Ton anschlagend.

«Nicht, bis sie sie gestern gebracht haben«, sagte die Frau des Sheriffs.

«Sie — wenn ich’s recht überlege, war sie selber so ein bisschen wie ein Vogel. Wirklich lieb und hübsch, aber ziemlich scheu und — flatterig. Wie — hat — sie — sich – doch — verändert!« Dem Gedanken hing sie lange nach. Dann, als wäre ihr gerade etwas Erfreuliches eingefallen, erleichtert, wieder von etwas Alltäglichem sprechen zu können, rief sie aus:

«Wissen Sie was, Mrs. Peters, bringen Sie ihr doch den Quilt mit! Das bringt sie vielleicht auf andere Gedanken.« «Ach, das finde ich aber eine schöne Idee, Mrs. Hale«, stimmte die Frau des Sheriffs zu, als wäre sie ebenfalls froh, dass es jetzt nur darum ging, jemandem etwas Gutes zu tun.»Dagegen kann doch niemand was haben, oder?

Also, was nehme ich denn mit? Ob ihre Stoffstreifen vielleicht hier drin sind — und ihr Nähzeug?« Sie wandten sich dem Nähkorb zu.

«Hier ist etwas Rotes«, sagte Mrs. Hale und brachte eine Stoffrolle zum Vorschein. Darunter befand sich eine Schachtel.»Hier, vielleicht ist hier ihre Schere drin — und ihr Nähzeug. «Sie hielt die Schachtel hoch.»Was für eine hübsche Schachtel! Die hat sie bestimmt schon sehr lange — seit sie ein Mädchen war.« Sie behielt sie ein Weilchen in der Hand, dann öffnete sie sie mit einem leisen Seufzer.

Unwillkürlich fuhr sie sich mit der Hand an die Nase.

«Ach je — !« Mrs. Peters kam näher — und wandte sich gleich ab.

«Da ist was in das Seidenfetzchen eingewickelt«, stammelte Mrs. Hale.

«Es ist aber nicht ihre Schere«, sagte Mrs. Peters mit ersterbender Stimme.

In der zitternden Hand hielt Mrs. Hale das seidene Stoffstückchen hoch.»O, Mrs. Peters!«, rief sie aus.»Es ist — « Mrs. Peters beugte sich vor.

«Es ist der Vogel«, flüsterte sie.

«Aber, Mrs. Peters!«, rief Mrs. Hale.» Sehen Sie doch!

Sein Hals — sehen Sie doch seinen Hals! Der ist ganz – verdreht.« Sie hielt die Schachtel von sich weg.

Die Frau des Sheriffs beugte sich noch näher.

«Jemand hat ihm den Hals umgedreht«, sagte sie mit gedehnter, tiefer Stimme.

Und da trafen sich die Blicke der beiden Frauen erneut – diesmal mit einem Ausdruck ahnungsvoller Erkenntnis, in wachsendem Entsetzen aneinander geklammert.

Mrs. Peters Blick wanderte von dem toten Vogel zum kaputten Käfigtürchen hinüber. Wieder sahen sie einander an. Und in diesem Moment war an der Außentür ein Geräusch zu hören.

Schnell schob Mrs. Hale die Schachtel in den Korb unter die Quiltflicken und ließ sich auf den Stuhl davor sinken.

Mrs. Peters blieb aufrecht stehen und hielt sich am Tisch fest. Der Bezirksstaatsanwalt und der Sheriff kamen von draußen herein.

«Nun, meine Damen«, sagte der Anwalt in einem Ton, als wollte er sich von den ernsthaften Dingen des Lebens nun dem scherzhaften Geplänkel zuwenden,»haben Sie sich jetzt darüber geeinigt, ob sie es zusammennähen oder verknoten wollte?« «Wir glauben«, begann die Frau des Sheriffs aufgeregt, «dass sie — Knoten knüpfen wollte.« Er war so beschäftigt, dass er nicht bemerkte, wie sich ihre Stimme am Ende veränderte.

«Aha, sehr interessant, muss ich sagen«, meinte er wohlwollend. Sein Blick fiel auf den Vogelkäfig.»Ist das Vögelchen weggeflogen?« «Wir glauben, die Katze hat es geholt«, versetzte Mrs. Hale in merkwürdig festem Ton.

Er ging auf und ab, als heckte er irgendetwas aus.

«Gibt’s hier denn eine Katze?«, fragte er zerstreut.

Mrs. Hale warf der Frau des Sheriffs einen raschen Blick zu.

«Na, jetzt nicht mehr«, sagte Mrs. Peters.»Die sind nämlich abergläubisch; die hauen ab.« Sie sank auf ihren Stuhl.

Der Staatsanwalt beachtete sie überhaupt nicht.

«Keinerlei Anzeichen, dass jemand von draußen hereingekommen wäre«, sagte er zu Peters, als wollte er eine unterbrochene Unterhaltung fortsetzen.»Der Strick ist von hier. Jetzt gehen wir noch mal hinauf und gehen alles Stück für Stück durch. Es muss jemand gewesen sein, der ganz genau wusste — « Dann ging die Tür zur Treppe hinter ihnen zu, und ihre Stimmen verloren sich.

Die beiden Frauen saßen reglos da, ohne einander anzusehen, als blickten sie in etwas hinein und hielten sich gleichzeitig davor zurück. Als sie schließlich sprachen, war es, als fürchteten sie sich vor dem, was sie sagten, könnten aber nicht umhin, es auszusprechen.

«Sie hatte den Vogel gern«, sagte Martha Hale leise und bedächtig.»Sie wollte ihn in der hübschen Schachtel begraben.« «Als ich klein war«, sagte Mrs. Peters im Flüsterton, «und mein Kätzchen — das hat ein Junge mit einer Hacke – vor meinen eigenen Augen — bevor ich dazukommen konnte …«Sie schlug die Hände vors Gesicht.»Wenn sie mich nicht zurückgehalten hätten, ich hätte«— sie fasste sich wieder, blickte nach oben, wo Schritte zu hören waren, und schloss matt —»ihm was angetan.« Danach saßen sie da, ohne zu sprechen oder sich zu rühren.

«Ich frage mich, wie es wohl ist«, begann Mrs. Hale schließlich zögernd, als tastete sie sich über unbekanntes Gelände voran,»wenn man nie Kinder um sich gehabt hat?«Ihr Blick schweifte langsam durch die Küche, als könnte sie sehen, was diese Küche all die Jahre bedeutet hatte.»Nein, Wright konnte den Vogel bestimmt nicht leiden«, sagte sie dann,»etwas, das singt. Sie hat früher so gern gesungen. Das hat er auch getötet. «Ihre Stimme versagte.

Mrs. Peters rutschte unbehaglich hin und her.

«Wir wissen natürlich nicht, wer den Vogel getötet hat.« «Ich habe John Wright gekannt«, lautete Mrs. Hales Antwort.

«In jener Nacht ist in diesem Haus etwas Schreckliches getan worden, Mrs. Hale«, sagte die Frau des Sheriffs.

«Einen Mann im Schlaf umbringen — ihm etwas um den Hals schlingen, so dass er erstickt.« Mrs. Hale streckte die Hand nach dem Vogelkäfig aus.

«Seinen Hals. Dass er erstickt.« «Wir wissen nicht, wer ihn umgebracht hat«, flüsterte Mrs. Peters aufgeregt.»Wir wissen es nicht.« Mrs. Hale hatte sich nicht gerührt.»Wenn da jahrelang, jahrelang — nichts war, und dann ein Vogel, der einem was vorsingt, dann war es bestimmt furchtbar — still —, nachdem der Vogel verstummt war.« Es war, als hätte irgendetwas in ihr gesprochen, das nicht sie selbst war, und in Mrs. Peters etwas angerührt, was sie nicht als sich selbst erkannte.

«Ich weiß, was Stille ist«, sagte sie mit seltsamer, monotoner Stimme.»Als wir in Dakota gesiedelt haben und mein erstes Baby gestorben ist — es war zwei Jahre alt — und ich noch kein anderes hatte …« Mrs. Hale regte sich.

«Was glauben Sie, wann die mit ihrer Suche nach Beweismitteln fertig sind?« «Ich weiß, was Stille ist«, wiederholte Mrs. Peters im gleichen Ton. Dann nahm auch sie sich wieder zusammen.

«Ein Verbrechen muss vom Gesetz bestraft werden, Mrs. Hale«, sagte sie in ihrer verkniffenen, leisen Art.

«Sie hätten Minnie Foster sehen sollen«, war die Antwort,»in dem weißen Kleid mit den blauen Bändern, wie sie da oben im Chor stand und sang.« Das Bild von diesem Mädchen und der Gedanke, dass sie zwanzig Jahre lang die Nachbarin dieses Mädchens gewesen war und es aus Mangel an Lebensfreude hatte eingehen lassen, war plötzlich mehr, als sie ertragen konnte.

«Ach, wäre ich doch ab und zu hergekommen!«, rief sie.

« Das war ein Verbrechen! Und wer bestraft das?« «Wir dürfen nicht so ein Theater machen.«Ängstlich sah Mrs. Peters zur Treppe hinüber.

«Ich hätte doch wissen müssen, dass sie Hilfe brauchte!

Wissen Sie, Mrs. Peters, das ist doch einfach seltsam. Da leben wir so nah beisammen und sind doch so weit voneinander entfernt. Wir machen alle dasselbe durch — es ist doch nur eine Spielart von derselben Sache! Wenn’s nicht so wäre — warum verstehen Sie und ich es dann?

Warum wissen wir — was wir in diesem Augenblick wissen?« Sie fuhr sich mit der Hand über die Augen. Dann, als sie das Glas mit dem Obst auf dem Tisch stehen sah, griff sie danach und stieß mühsam hervor:»Ich an Ihrer Stelle würde ihr nicht sagen, dass das Eingemachte verdorben ist! Sagen Sie’s ihr nicht. Sagen Sie, es ist in Ordnung – alles. Hier — nehmen Sie ihr das da als Beweis mit! Sie – sie erfährt ja vielleicht nie, ob es kaputtgegangen ist oder nicht.« Sie wandte sich ab.

Mrs. Peters griff nach dem Glas mit dem Eingemachten, als wäre sie froh, es an sich zu nehmen — als würde es sie von etwas anderem ablenken, wenn sie etwas Vertrautes berührte. Sie stand auf, sah sich nach etwas um, in das sie das Eingemachte einwickeln könnte, nahm von dem Kleiderstapel, den sie aus dem Vorderzimmer hereingebracht hatte, einen Unterrock und fing an, ihn nervös um das Glas zu wickeln.

«Ach je!«, hob sie mit hoher, gekünstelter Stimme an, «wie gut, dass uns die Männer nicht hören konnten! Da regen wir uns so auf über eine Kleinigkeit wie einen – toten Kanarienvogel. «Rasch redete sie weiter.»Als ob das was zu tun haben könnte mit — mit — ach je, die würden uns doch auslachen! « Auf der Treppe waren Schritte zu hören.

«Vielleicht schon«, murmelte Mrs. Hale.»Vielleicht aber auch nicht.« «Nein, Peters«, sagte der Staatsanwalt ungehalten,»es ist alles vollkommen klar, bis auf den Grund für die Tat.

Aber Sie wissen ja, wie Geschworene sind, wenn’s um Frauen geht. Wenn wir was Eindeutiges hätten – irgendetwas zum Vorweisen. Etwas, aus dem sich eine Geschichte bauen ließe. Was sich mit dieser plumpen, ungeschickten Vorgehensweise in Verbindung bringen ließe.« Mrs. Hale warf Mrs. Peters einen verstohlenen Blick zu.

Mrs. Peters sah sie an. Rasch wandten sie den Blick wieder voneinander ab. Die Außentür ging auf, und Mr. Hale trat ein.

«Ich bin jetzt vorgefahren«, sagte er.»Ganz schön kalt da draußen.« «Ich bleibe noch eine Weile allein hier«, verkündete der Anwalt unvermittelt.»Sie können doch Frank herschicken, dass er mich abholt, ja?«, fragte er den Sheriff.»Ich will noch mal alles durchgehen. Ich bin noch nicht überzeugt, dass wir es nicht besser hinkriegen.« Erneut trafen sich die Blicke der beiden Frauen für einen kurzen Augenblick.

Der Sheriff trat an den Tisch.

«Wollten Sie sehen, was Mrs. Peters für sie mitnimmt?« Der Staatsanwalt hob die Schürze hoch. Er lachte.

«Ach, es ist wohl nichts besonders Gefährliches, was die Damen da herausgesucht haben.« Mrs. Hales Hand lag auf dem Nähkorb, in dem die Schachtel versteckt war. Sie hatte das Gefühl, sie sollte die Hand vom Korb nehmen. Doch sie konnte es nicht. Der Bezirksstaatsanwalt nahm einen der Quiltblöcke hoch, die sie zur Tarnung auf die Schachtel gehäuft hatte. Ihre Augen brannten wie Feuer. Sie hatte das Gefühl, wenn er jetzt den Korb hochhob, würde sie ihn ihm entreißen.

Doch er hob ihn nicht hoch. Leise lachend wandte er sich ab und sagte:»Nein, Mrs. Peters muss nicht überwacht werden. Die Frau eines Sheriffs ist schließlich mit dem Gesetz verheiratet. Haben Sie das schon mal so betrachtet, Mrs. Peters?« Mrs. Peters stand neben dem Tisch. Mrs. Hale warf ihr einen Blick zu, konnte ihr Gesicht aber nicht sehen, denn Mrs. Peters hatte sich abgewandt. Als sie zu reden begann, klang ihre Stimme gedämpft.

«Nicht — nur so«, erwiderte sie.

«Mit dem Gesetz verheiratet!«, kicherte Mrs. Peters’ Gatte. Er ging auf die Tür zum Vorderzimmer zu und sagte zum Staatsanwalt:»Kommen Sie doch kurz hier rein, George. Wir sollten uns mal diese Fenster ansehen.« «Ach — die Fenster«, sagte der Anwalt spöttisch.

«Wir kommen gleich raus, Mr. Hale«, sagte der Sheriff zu dem Farmer, der immer noch an der Tür wartete.

Hale ging hinaus, um nach den Pferden zu sehen. Der Sheriff folgte dem Staatsanwalt ins andere Zimmer.

Wieder waren die beiden Frauen — für einen kurzen Moment — allein in der Küche.

Martha Hale sprang auf, die Hände fest aneinander gepresst, und sah die andere Frau an, bei der das Geheimnis ruhte. Erst konnte sie ihre Augen nicht sehen, denn die Frau des Sheriffs hatte sich seit der Bemerkung, sie sei mit dem Gesetz verheiratet, nicht wieder umgedreht. Doch nun zwang Mrs. Hale sie dazu, sich umzudrehen. Mit ihrem Blick zwang sie sie dazu.

Langsam, widerstrebend wandte Mrs. Peters den Kopf, bis ihre Augen auf die der anderen trafen. Eine Weile hielten sie einander in einem unverwandten, brennenden Blick fest, bei dem es kein Entrinnen oder Ausweichen gab.

Dann deuteten Martha Hales Augen auf den Korb hinüber, in dem das Ding versteckt war, das mit Sicherheit zur Verurteilung der anderen Frau führen würde — jener Frau, die nicht anwesend und doch während dieser ganzen Stunde bei ihnen gewesen war.

Eine Weile rührte Mrs. Peters sich nicht. Dann schritt sie zur Tat. Sie warf die Stoffteile beiseite, ergriff die Schachtel und versuchte, sie in ihre Handtasche zu stecken. Sie war zu groß. Verzweifelt klappte sie sie auf und wollte den Vogel herausnehmen. Doch dann konnte sie nicht weiter — sie war nicht imstande, den Vogel zu berühren. Hilflos stand sie da, töricht.

Das Geräusch des Türknaufs, der sich an der inneren Tür drehte, war zu hören. Martha Hale entriss der Frau des Sheriffs die Schachtel und stopfte sie in dem Moment in die Tasche ihres Wintermantels, als der Sheriff und der Bezirksstaatsanwalt wieder in die Küche traten.

«Also, Henry«, witzelte der Anwalt,»wenigstens wissen wir jetzt, dass sie es nicht zusammennähen wollte. Sie wollte es — wie nennen Sie das noch mal, meine Damen?« Mrs. Hale hielt die Hand auf die Tasche ihres Mantels gepresst.»Wir nennen es — Knoten knüpfen, Mr. Henderson.«

Der Mann, der wusste wie

von DOROTHY L. SAYERS

Dorothy L(eigh) Sayers (1893–1957) ist eine der bemerkenswertesten und einflussreichsten Persönlichkeiten in der Geschichte der Kriminalliteratur.

Geboren in Oxford, absolvierte sie das Somerville College in Oxford und arbeitete zunächst als Sprachlehrerin, Verlagslektorin und Werbetexterin, bevor sie sich ganz dem Schreiben zuwandte. In Whose Body? (1923; dt. Der Tote in der Badewanne) führte sie einen der berühmtesten» gentleman detectives «der Literaturgeschichte ein — Lord Peter Wimsey, eine Figur im Stil von P. G. Wodehouse, also etwas affektiert in Sprachstil und Gebaren und voll alberner und skurriler Allüren, den sie im Lauf seiner Karriere zu einer viel tiefgründigeren Figur entwickeln sollte. In Strong Poison (1930; dt. Geheimnisvolles Gift) begegnet Wimsey der Romanautorin Harriet Vane, die er erst einmal von einer Anklage wegen Mordes befreit, um ihr (in kühner Missachtung der Regel: keine Liebesgeschichten in den Kriminalromanen des Goldenen Zeitalters) durch mehrere Romane hindurch — darunter der Klassiker aus dem Universitätsleben Gaudy Night (1935; dt. Aufruhr in Oxford) — den Hof zu machen und sie in Busman’s Honeymoon (1937, dt. Lord Peters Hochzeitsfahrt), Sayers’ letztem Kriminalroman, schließlich zu ehelichen. Thrones, Dominations (dt. In feiner Gesellschaft. Lord Peters letzter fall), ein Fragment, sollte viele Jahre später von Jill Paton Walsh in bemerkenswerter Werktreue vollendet und 1998 unter gemeinsamer Urheberschaft veröffentlicht werden.

Über Sayers, die in den siebziger Jahren teils aufgrund ihrer persönlichen Unabhängigkeit, teils aufgrund ihrer Schöpfung von Harriet Vane zu einer Ikone des Feminismus wurde, wurden mehr Biografien und kritische Untersuchungen verfasst als über jede andere Kriminalautorin des Goldenen Zeitalters mit Ausnahme von Agatha Christie, und in ihrer Hingabe an die spielerischen Elemente des Kriminalromans fand sie kaum ihresgleichen. Dennoch wandte sie sich später von der Kriminalliteratur ab zugunsten anderer literarischer Bestrebungen, darunter einige hoch gerühmte religiöse Dramen und eine Dante-Übersetzung.

Dorothy L. Sayers schrieb eine Reihe von Kurzgeschichten über Lord Peter Wimsey, doch kommen ihre besten kürzeren Arbeiten ohne einen Seriendetektiv aus. In» Der Mann, der wusste wie «gelingt es Sayers, sich auf geistreiche Weise über ihre spezielle Art des Detektivromans zu äußern und dazu eine Situation zu entwickeln, die leicht den Titel einer anderen ihrer besten Kurzgeschichten hätte tragen können:»Suspicion«(1933; dt. Die Giftmischerin).

«Der Mann, der wusste wie «ist die Art von Kriminalgeschichte, die sich ausgezeichnet für eine Rundfunkfassung eignet, so etwa in der denkwürdigen Adaption für die Hörfunkreihe Suspense mit Charles Laughton als Pender und Hans Conreid in der Titelrolle.

Mindestens zum zwanzigsten Mal, seit der Zug Carlisle verlassen hatte, sah Pender vom» Mord im Pfarrhaus «auf, und jedes Mal begegneten seine Augen denen des Mannes, der ihm gegenübersaß.

Er runzelte ein wenig die Stirn. Es war irritierend, so unablässig beobachtet zu werden; und immer mit diesem leichten, höhnischen Lächeln. Noch irritierender war, dass man sich dadurch derart stören ließ. Pender wandte sich wieder seinem Buch zu, fest entschlossen, sich auf den ermordeten Geistlichen in der Bibliothek zu konzentrieren.

Unglücklicherweise handelte es sich um eine dieser hochgestochenen Geschichten, in denen sich sämtliche aufregenden Ereignisse in dem ersten Kapitel zusammenballen, um sich dann in endlosen Schlussfolgerungen fortzusetzen und schließlich mit einer wissenschaftlichen Lösung zu enden. Der dünne Faden seines Interesses, auf dem Rad von Penders unkonzentriert arbeitendem Gehirn gesponnen, war endgültig abgerissen.

Zweimal hatte er entscheidende Wendungen in der Geschichte einfach überlesen. Schließlich wurde ihm bewusst, dass seine Augen drei Seiten lang Buchstaben für Buchstaben aufgenommen hatten, ohne das Geringste von ihrem Sinn seinem Verstand mitzuteilen. Seine Gedanken beschäftigten sich nicht im Entferntesten mit dem ermordeten Geistlichen — an die Oberfläche seines Bewusstseins trat immer klarer das Gesicht des anderen Mannes. Ein merkwürdiges Gesicht, dachte Pender.

Die Gesichtszüge an sich waren nicht außergewöhnlich; ihr Ausdruck war es, der Pender Furcht einflößte. Dieses Gesicht gehörte zu einem Menschen, der zum Schaden seiner Zeitgenossen eine ganze Menge wusste. Der leicht gekrümmte Mund presste sich in den faltigen Winkeln fest aufeinander, so, als ob er sich Mühe gäbe, ein geheimes Vergnügen zu verbergen. Die Augen hinter dem randlosen Kneifer glitzerten neugierig. Doch dieser Eindruck konnte sehr wohl durch Lichtreflexe auf den Gläsern entstanden sein. Pender versuchte zu erraten, was für einem Beruf der Mann nachgehen mochte. Er war mit einem dunklen Gesellschaftsanzug, einem Regenmantel und mit einem schäbigen, weichen Hut bekleidet.

Pender räusperte sich überflüssigerweise, rückte sich in seiner Ecke zurecht und hob seinen Kriminalroman hoch vor sein Gesicht, auf eine Art, als ob er eine Barriere zwischen sich und seinem Gegenüber errichten wollte.

Das war mehr als sinnlos. Er fühlte deutlich, dass der Mann dieses Manöver durchschaute und dass es ihn obendrein noch amüsierte. Ein unwiderstehliches Verlangen erfüllte ihn, unruhig auf seinem Platz hin und her zu rücken. Er wusste, dass es absurd war, doch in seiner Einbildung hätte das für seinen Quälgeist den Sieg bedeutet. Dieses Bewusstsein zwang ihn in einen so angespannten und verkrampften Zustand, dass es geradezu eine physische Unmöglichkeit für ihn wurde, seine Aufmerksamkeit auf das Buch zu konzentrieren.

Vor Rugby kam keine Station mehr, und es war unwahrscheinlich, dass irgendein Mitreisender vom Gang her das Abteil betreten würde, um diese unerfreuliche Zweisamkeit zu beenden. Aber irgendetwas musste geschehen. Das Schweigen hatte so lange zwischen ihnen gelastet, dass jede noch so triviale Bemerkung wie das Rasseln einer Alarmglocke in die gespannte Atmosphäre hineinplatzen würde. So empfand es jedenfalls Pender.

Man könnte natürlich einfach auf den Gang hinausgehen und nicht wieder zurückkehren, aber das würde ein klares Eingeständnis der Niederlage sein. Pender ließ den» Mord im Pfarrhaus «sinken.

«Genug davon?«, fragte der Mann.

«Nachtreisen sind immer ein bisschen langweilig«, gab Pender halb erleichtert, halb widerwillig zurück.

«Möchten Sie ein Buch?« Er holte» The Paper-Clip Clue «aus seiner Diplomatentasche heraus und hielt es ihm hoffnungsvoll entgegen. Der andere Mann warf einen flüchtigen Blick auf den Titel und schüttelte den Kopf.

«Vielen Dank«, sagte er,»aber ich lese niemals Kriminalromane. Sie sind so — unzulänglich, finden Sie nicht?« «Sicherlich fehlt ihnen manchmal Charakteristik und menschliches Interesse«, entgegnete Pender.»Doch auf einer Eisenbahnfahrt — « «Das ist es nicht, was ich meine«, fiel ihm sein Gegenüber ins Wort.»Ich bin nicht interessiert an der menschlichen Natur. Aber alle diese Mörder sind so unfähig — sie langweilen mich.« «Na, ich weiß nicht …«, widersprach Pender,»auf jeden Fall haben sie meist mehr Phantasie und Scharfsinn als die Mörder im wirklichen Leben.« «Als die Mörder, die im wirklichen Leben entdeckt werden — ja«, gab der Mann zu.

«Sogar einige von denen machten ihre Sache recht geschickt, bevor sie erwischt wurden«, wandte Pender ein.

«Grippen, zum Beispiel. Er wäre nie geschnappt worden, wenn er nicht den Kopf verloren hätte und nach Amerika durchgebrannt wäre. Dann — George Joseph Smith. Er lebte recht erfolgreich, sogar mit zwei Bräuten, bevor ihm das Schicksal und die News of the World ein Bein stellten.« «Das schon«, sagte der andere Mann.»Aber sehen Sie denn nicht die Unbeholfenheit, den ganzen komplizierten Aufbau, die Lügen, das überflüssige Drum und Dran?« «Aber ich bitte Sie!«, widersprach Pender.»Die können schließlich nicht erwarten, einen Mord zu begehen und dann so simpel weiterzuleben, als wäre nichts geschehen!« «Ah! Das ist also Ihre Meinung?«, fragte der Mann.

Pender wartete darauf, wie er diese Bemerkung weiter ausbauen würde, aber es folgte nichts mehr. Der Mann lehnte sich zurück und lächelte in seiner geheimnisvollen Art zur Decke des Abteils hinauf. Er machte den Eindruck, als ob er die Unterhaltung nicht für interessant genug hielte, um sie weiterzuführen. Pender, der wieder sein Buch aufnahm, ertappte sich dabei, wie er aufmerksam die Hände seines Reisegenossen betrachtete.

Sie waren blass und überraschend langfingrig. Fasziniert beobachtete er, wie sie sanft die Knie ihres Besitzers tätschelten. Er wandte resolut eine Seite seines Buches um — dann legte er das Buch wieder weg und sagte:»Gut, wenn es so leicht ist, wie würden dann Sie einen Mord arrangieren?« «Ich?«, wiederholte der Mann. Das Licht, das auf die Gläser seines Kneifers fiel, ließ seine Augen völlig ausdruckslos erscheinen, aber seine Stimme klang leicht amüsiert.»Das ist etwas anderes. Ich müsste nicht zweimal darüber nachdenken.« «Warum nicht?« «Weil ich zufällig weiß, wie man es macht.« «Ah! Tatsächlich?« «Oh, da gehört nicht viel dazu.« «Wie können Sie sich dessen so sicher sein? Ich nehme nicht an, dass Sie es ausprobiert haben?« «Das ist nicht eine Sache des Ausprobierens«, meinte der Mann.

«An meiner Methode ist nichts Aufregendes, das ist gerade das Schöne dabei.« «Das kann man leicht sagen«, winkte Pender spöttisch ab.

«Wollen Sie mir Ihre wundervolle Methode nicht verraten?« «Das können Sie wohl nicht im Ernst von mir erwarten, nicht wahr?«, sagte der Mann und musterte Pender fast neugierig.»Das könnte gefährlich sein. Sie sehen zwar harmlos aus, aber wer könnte noch harmloser als Crippen ausschauen? Niemand ist so beschaffen, dass man ihm die absolute Macht über das Leben anderer Menschen anvertrauen könnte.« «Unsinn!«, ereiferte sich Pender.»Ich würde nie auch nur daran denken, jemanden zu ermorden!« «O doch. Sie würden«, beharrte der Mann.»Wenn Sie wirklich daran glaubten, dass es ungefährlich für Sie wäre!

Sie und jeder andere. Warum denken Sie wohl, dass von Kirche und Staat um den Mord alle diese ungeheuer kunstreichen Barrieren aufgebaut wurden? Genau deshalb, weil es sich um ein Verbrechen handelt, zu dem jedermann fähig ist — das so natürlich ist wie das Atmen.« «Aber das ist doch absurd!«, rief Pender erregt.

«So? Meinen Sie? Genau das würden die meisten Leute sagen. Aber ich würde keinem von ihnen trauen. Nicht, wenn sie im Besitz von Sulfaten des Thanatol sind, das man übrigens für zwei Pence in jeder Drogerie kaufen kann.« «Sulfate von was?«, fragte Pender scharf.

«Oho! Sie bilden sich wohl ein, dass ich etwas verrate?

Nun, es ist eine Mischung von diesem und jenem oder zwei anderen Dingen — alle gleich gebräuchlich und billig.

Für neun Pence könnte man genug davon erwerben, um das gesamte Parlament zu vergiften. Aber das wäre natürlich dumm, die ganze Clique auf einmal zu beseitigen; es könnte ein bisschen komisch aussehen, wenn sie alle auf die gleiche Weise in ihren Badewannen sterben würden.« «Wieso in ihren Badewannen?« «Weil das die Art ist, wie es sie erwischen würde. Es ist die Funktion des heißen Wassers, das die Wirkung von dem Zeug hervorbringt, verstehen Sie? Jederzeit, zwischen ein paar Stunden und einigen Tagen, nachdem die Droge eingenommen wurde. Es ist eine völlig einfache, chemische Reaktion, und es gibt keine Möglichkeit der Entdeckung bei einer Untersuchung. Es würde genau wie ein Herzschlag aussehen.« Pender starrte ihn misstrauisch an. Er konnte dieses Lächeln nicht ausstehen. Es war nicht nur ironisch, es war blasiert, fast schadenfroh — triumphierend! Er konnte keine wirklich passende Bezeichnung dafür finden.

«Wissen Sie«, fuhr der Mann fort, nachdenklich eine Pfeife aus seiner Jackentasche holend. Er begann sie umständlich zu stopfen,»es ist eigentlich komisch, wie oft man liest, dass Leute tot in ihren Badewannen aufgefunden wurden. Es muss ein recht häufiger Unfall sein. Direkt verlockend. Letzten Endes hat ein Mord etwas Faszinierendes an sich. Die Idee wächst in einem — nimmt von dem ganzen Menschen Besitz … Das heißt, ich stelle es mir so vor, verstehen Sie?« «Sehr wahrscheinlich, dass es so ist«, sagte Pender lahm.

«Denken Sie an Palmer. Erinnern Sie sich an Gesina Gottfried. Denken Sie an Armstrong. Nein! Ich würde niemandem in der Welt trauen, der diese chemische Formel kennt. Nicht einmal einem so tugendhaften jungen Mann wie Ihnen.« Die langen weißen Finger klopften den Tabak nachdrücklich in den Pfeifenkopf und zündeten ein Streichholz an.

«Aber wie ist es mit Ihnen?«, fragte Pender verwirrt. Er war verärgert. Niemand legt Wert darauf, als tugendhafter junger Mann bezeichnet zu werden.»Wenn niemand so beschaffen ist, dass man ihm vertrauen kann — « «Dann bin ich es auch nicht, wie?«, beendete der Mann Penders angefangenen Satz.»Well — das ist richtig. Aber das hieße das Thema wiederkäuen, nicht wahr? Ich kenne die Formel, und das kann ich nicht ungeschehen machen.

Das ist ein Unglück — aber nun kann man es nicht mehr ändern. Auf jeden Fall haben Sie die Beruhigung, dass mir nicht so leicht etwas Unerfreuliches passieren kann. Du lieber Himmel! Das ist ja schon Rugby. Ich steige hier aus.

Habe hier eine geschäftliche Angelegenheit zu erledigen.« Er stand auf, schüttelte sich ein wenig und knöpfte den Regenmantel zu. Dann drückte er den schäbigen Hut tiefer über die rätselhaft funkelnden Gläser seines Kneifers. Der Zug verlangsamte seine Fahrt und hielt. Mit einem kurzen «Gute Nacht «und einem schiefen Lächeln stieg er aus.

Pender sah ihm nach, wie er schnell den Bahnsteig entlangging.

«Verrückt«, murmelte Pender, sonderbar erleichtert.

«Gott sei Dank, es sieht so aus, als ob ich nun das Abteil für mich alleine haben werde.« Er wandte sich wieder dem» Mord im Pfarrhaus «zu, doch seine Gedanken waren woanders.

Wie hieß doch gleich wieder das Zeug, von dem der Kerl geredet hatte? Nicht um alles in der Welt hätte er sich an den Namen erinnern können.

Es war am folgenden Nachmittag, dass Pender die Notiz im Standard las. Wenn sein Blick nicht an dem Wort» Badewanne «hängen geblieben wäre, hätte er sicherlich die kurze Nachricht überlesen: WOHLHABENDER FABRIKANT STIRBT IN DER BADEWANNE!

Ehefrau entdeckt die Tragödie Eine schreckliche Entdeckung machte heute Morgen Mrs. John Brittlesea, die Frau des bekannten Direktors der Brittleseas Engineering Werke in Rugby. Da ihr Ehemann, den sie noch vor einer Stunde wohlbehalten und gesund gesprochen hatte, nicht rechtzeitig zum gemeinsamen Frühstück erschien, suchte sie ihn im Badezimmer, wo sie ihn, nachdem man die verriegelte Tür aufgebrochen hatte, tot in der Badewanne liegend fand. Nach Feststellung des Arztes war Brittlesea bereits vor einer halben Stunde gestorben. Als Todesursache wird Herzschlag angegeben.

Der verstorbene Fabrikant …

Ein komischer Zufall, sagte sich Pender. Noch dazu in Rugby! Mein unbekannter Freund würde sich sehr dafür interessieren, wenn er noch dort ist, um seine geschäftliche Angelegenheit zu erledigen. Möchte eigentlich wissen, was für eine Art von Geschäften er betreibt …

Es ist eine sonderbare Sache, wie man dauernd auf die gleichen Umstände trifft, wenn die Aufmerksamkeit erst einmal darauf gelenkt ist. Diese Umstände scheinen dann direkt hinter einem her zu jagen. Angenommen man bekommt eine Blinddarmentzündung: Augenblicklich füllen sich die Spalten der Zeitungen mit Nachrichten über Staatsmänner, die an Blinddarmentzündungen erkranken, und Opfern, die daran sterben. Man erfährt, dass beinahe alle Bekannten, oder wenigstens ihre Freunde, daran gelitten haben oder daran gestorben sind — oder sich viel schneller davon erholten als man selbst. Es ist ausgeschlossen, eine Zeitschrift aufzuschlagen, ohne auf einen Artikel zu stoßen, der die Heilung davon als Triumph der modernen Chirurgie bezeichnet oder zumindest über einen wissenschaftlichen Vergleich des wurmförmigen Blinddarms von Männern und Affen berichtet. Wahrscheinlich war die Beachtung des Blinddarms zu allen Zeiten die gleiche; nur dass man das erst in diesem Augenblick bemerkt, da die eigene Aufmerksamkeit sich darauf richtet. Auf jeden Fall ging es Pender so, dass er plötzlich entdeckte, mit welcher außergewöhnlichen Häufigkeit Leute in ihren Badewannen zu sterben schienen.

Die Fälle verfolgten ihn geradezu. Jedes Mal dieselbe Reihenfolge von Tatsachen: das heiße Bad, die Entdeckung der Leiche, die gerichtliche Untersuchung.

Und immer das gleiche medizinische Ergebnis: Herzschlag, infolge zu heißen Badens. Pender kam zu dem Schluss, dass es keineswegs ungefährlich war, in die mit heißem Wasser gefüllte Badewanne zu steigen. Er begann sein eigenes Bad jeden Tag ein wenig kälter zu nehmen, bis es geradezu ungemütlich wurde.

Jeden Morgen, noch bevor er sich hinsetzte, um in Ruhe die Nachrichten zu studieren, suchte er die Zeitung nach Schlagzeilen über einen Unfall im Badezimmer ab und war sofort erleichtert, aber gleichzeitig irgendwie enttäuscht, wenn eine Woche vorüberging, ohne dass sich eine Tragödie dieser Art ereignete.

Einer von diesen plötzlichen Todesfällen, von denen er auf solche Weise erfuhr, ereilte eine junge, schöne Frau, deren Ehemann, ein Chemiker, einige Monate vorher erfolglos versucht hatte, sich von ihr scheiden zu lassen.

Der staatliche Untersuchungsrichter schöpfte Verdacht und unterzog den Ehemann einer Reihe von Kreuzverhören. Es gelang ihm nicht, den medizinischen Befund des Arztes zu erschüttern. Pender, über die phantastische, unglaubliche Möglichkeit brütend, wünschte leidenschaftlich, wie jeden Tag seit seiner Begegnung mit dem Unbekannten in dem Zug, dass er sich an den Namen der Droge erinnern könnte, die der Mann erwähnt hatte.

Dann brach die Aufregung in Penders eigene Nachbarschaft ein. Der alte Mr. Skimmings, der allein mit seiner Haushälterin gerade um die Ecke wohnte, wurde tot in seinem Badezimmer aufgefunden. Sein Herz war nie sehr kräftig gewesen. Die Haushälterin sagte zu dem Milchmann, dass sie immer etwas dieser Art erwartet hatte, weil der alte Herr darauf bestand, sein Bad so heiß zu nehmen. Pender ging zu der gerichtlichen Untersuchung.

Die Haushälterin machte ihre Aussage. Mr. Skimmings war immer außerordentlich gut und freundlich zu ihr gewesen, und sie nahm es schwer, dass sie ihn nun für immer verloren hatte. Nein, sie hatte keine Ahnung gehabt, dass Mr. Skimmings ihr eine recht ansehnliche Summe Geldes hinterlassen würde, doch das zeigte, was für ein gütiges Herz er gehabt hatte. Der Wahrspruch lautete auf Tod durch Unglücksfall.

Wie gewöhnlich, machte Pender auch an diesem Abend seinen Spaziergang mit dem Hund. Eine besondere Neugier trieb ihn, an dem Haus des verstorbenen Mr.

Skimmings vorbeizugehen. Als er langsam vorbeischlenderte, verstohlen die leeren Fenster beobachtend, öffnete sich die Gartentür, und ein Mann kam heraus. In dem Lichtkreis einer Straßenlampe erkannte Pender ihn sofort.

«Hallo!«, sagte er.

«Ach, Sie sind’s«, antwortete der Mann.»Besehen sich wohl den Schauplatz der Tragödie, wie? Was denken Sie über diesen Fall?« «Was soll ich darüber denken? Nichts Besonderes«, sagte Pender.»Ich kannte ihn nicht persönlich. Komisch, dass wir uns auf diese Weise wieder begegnen.« «Ja, nicht wahr? Ich nehme an, dass Sie hier in der Nähe wohnen.« «Ja«, gab Pender zu und wünschte, er hätte es nicht getan.

«Wohnen Sie auch in diesem Viertel?« «Ich?«, fragte der Mann.»Nein. Habe hier nur eine geschäftliche Angelegenheit zu erledigen gehabt.« «Das letzte Mal, als wir uns trafen, waren Sie in Geschäften in Rugby«, bemerkte Pender. Sie gingen nun im gleichen Schritt nebeneinander her, sich langsam der Ecke nähernd, hinter der Penders Haus lag.

«Stimmt«, nickte der Mann.»Meine Geschäfte bringen mich im ganzen Land herum. Ich weiß nie vorher, wo ich am nächsten Tag benötigt werde.« «Sie müssten sich gerade in Rugby aufgehalten haben, als man den alten Brittlesea tot in seiner Badewanne fand, stimmt es?«, erwähnte Pender beiläufig.

«Ja. Komische Sache, der Zufall. «Der Mann blickte ihn von der Seite durch seine funkelnden Kneifergläser an.

«Hinterließ alles seiner Frau, glaube ich. Sie ist nun eine reiche Witwe. Sieht übrigens attraktiv aus. Sie war viel jünger als er.« Sie waren an Penders Haustür angelangt.»Kommen Sie auf einen Drink mit herein«, forderte ihn Pender auf und bereute sofort seine impulsive Einladung.

Der Mann war einverstanden, und sie gingen in Penders Bibliothek.

«In letzter Zeit sind auffallend viele dieser Unfälle beim Baden passiert, finden Sie nicht?«, begann Pender im leichten Unterhaltungston, während er Sodawasser in die Whiskygläser goss.

«Sie finden das auffallend?«, sagte der Mann in seiner irritierenden Weise, alles in Frage zu stellen, worüber immer man auch mit ihm redete.»Tja — ich weiß nicht.

Vielleicht ist es wirklich so. Aber es war immer schon ein ziemlich häufiger Unfall.« «Kann sein, dass ich seit unserer Unterhaltung damals im Zug mehr darauf achte. «Pender lachte ein wenig selbstbewusst.»Sie wissen, wie das ist. Ich habe mich nur gefragt, ob nicht etwa doch noch jemand anders diese – diese Formel — wie heißt sie gleich wieder — kennt?« Der Mann ignorierte die Frage.

«Das glaube ich nicht«, meinte er überzeugt.»Ich bilde mir ein, der einzige Mensch zu sein, der darüber Bescheid weiß. Ich bin selber nur zufällig darauf gekommen, als ich etwas anderes suchte. Es ist unwahrscheinlich, dass es gleichzeitig in so vielen Teilen des Landes entdeckt worden sein sollte. Übrigens — alle diese gerichtlichen Urteile zeigen deutlich, was für ein todsicherer Weg es wäre, wenn jemand einen Menschen beseitigen wollte.« «Sie sind also Chemiker?«, fragte Pender, in der Hoffnung, auf diese Weise etwas aus ihm herauszubringen.

«Oh — ich bin ein wenig von allem. Ein ›Hans-Dampf-in-allen-Gassen‹, gewissermaßen. Ich befasse mich mit allen möglichen Dingen. Sie haben hier einige recht interessante Bücher, wie ich sehe.« Pender fühlte sich geschmeichelt. Für einen Mann in seiner Position — er hatte in einer Bank gearbeitet, bevor er zu seinem kleinen Vermögen gekommen war — konnte man schon sagen, dass er sein Wissen beachtlich erweitert hatte. Er wusste, dass seine Sammlung von modernen Erstausgaben eines Tages wertvoll sein würde. Nicht ohne Stolz ging er zu seinem Bücherschrank hinüber und holte einige Werke heraus, um sie seinem Gast zu zeigen.

Der Mann gab vor, sich dafür zu interessieren, und trat an seine Seite.

«Habe ich Recht, wenn ich annehme, dass diese Ihren persönlichen Geschmack repräsentieren?«Er zog einen Band von Henry James heraus und warf einen Blick auf das Vorsatzblatt.»Ist das Ihr Name? E. Pender?« Pender bestätigte es.»Sie haben sich noch nicht vorgestellt«, fügte er hinzu.

«Ach so! Ich bin einer von der großen Smith-Familie«, erklärte der andere humorlos.»Bloß einer von den vielen, die sich ihr tägliches Brot verdienen müssen. Sie scheinen sich hier sehr nett eingerichtet zu haben.« Pender informierte ihn kurz über seinen Bankberuf und über die Erbschaft.

«Sehr angenehm, nicht wahr?«, sagte Smith.»Nicht verheiratet? Nein. Sie sind ein Glückspilz. Sieht nicht so aus, als ob Sie in nächster Zeit irgendein Sulfat von — oder eine andere nützliche Droge benötigen werden. Und Sie werden nie in die Verlegenheit kommen, wenn Sie sich an das halten, was Sie haben, und sich vor Frauen und Spekulationen in Acht nehmen.« Er lächelte Pender von unten herauf an. Jetzt, da er seinen Hut abgelegt hatte, war eine Menge klein gelockter grauer Haare zum Vorschein gekommen. Er wirkte älter als damals in dem Eisenbahnabteil.

«Nein. Ich denke, dass ich vorerst noch nicht um Ihren Beistand zu bitten brauche«, stimmte Pender lachend zu.

«Abgesehen davon — wie könnte ich Sie finden, für den Fall, dass ich es wünschte?« «Das haben Sie gar nicht nötig«, sagte Smith.» Ich würde Sie finden. Das ist keine Schwierigkeit. «Er grinste merkwürdig.

«Well, ich denke, es ist besser, wenn ich nun gehe.

Vielen Dank für die Gastfreundschaft. Ich nehme nicht an, dass wir uns noch einmal begegnen werden — aber es ist natürlich möglich.« Als er weggegangen war, kehrte Pender wieder zu seinem Sessel zurück. Er nahm das Glas mit Whisky in die Hand, das vor ihm auf dem Tisch stand. Es war noch beinahe voll.

«Komisch«, redete er laut mit sich selbst.»Ich kann mich nicht erinnern, dass ich es eingeschenkt habe. Ich muss es mechanisch getan haben. «Während seine Gedanken sich mit Smith beschäftigten, trank er langsam das Glas leer.

Was hatte Smith in Skimmings Haus zu tun gehabt?

Alles in allem eine merkwürdige Geschichte. Wenn nun Skimmings Haushälterin doch von dem Geld gewusst hatte … Aber sie hatte es nicht, und wenn, wie wäre sie dann an Smith und seine Sulfate des — der Name lag ihm nun auf der Zunge.

«Sie haben es nicht nötig, mich zu finden. Ich würde Sie finden.« Was der Mann nur damit gemeint hatte? Das ist ja purer Unsinn! Smith war aller Wahrscheinlichkeit nach nicht der Teufel persönlich. Doch wenn er tatsächlich über diese geheimnisvolle Zusammensetzung der Droge verfügte – wenn er sie um einen bestimmten Preis verriet …

Blödsinn!

Geschäfte in Rugby — eine kleine geschäftliche Angelegenheit in Skimmings Haus … Was für eine Idiotie!

«Niemand ist so beschaffen, dass man ihm trauen könnte. Absolute Macht über das Leben eines anderen Menschen … die Idee wächst in einem.« Das ist ja Wahnsinn! Und wenn etwas daran sein sollte, dann war dieser Mann irrsinnig, mit ihm darüber zu sprechen. Wenn er, Pender, sich einfallen ließe zu reden, dann konnte der Kerl aufgehängt werden. Seine Existenz wäre mehr als gefährlich für diesen Burschen.

Der Whisky!

Je mehr er darüber nachdachte, umso überzeugter wurde Pender, dass er ihn sich niemals selber eingegossen hatte.

Smith musste es in einem Moment getan haben, da er ihm den Rücken zugewandt hatte. Warum dieses plötzliche Interesse an dem Bücherschrank? Es hatte in keinem Zusammenhang mit der Unterhaltung vorher gestanden.

Nun, da Pender es sich überlegte, stellte er fest, dass es ein sehr starker Whisky gewesen war. War es nun Einbildung, oder hatte er tatsächlich einen seltsamen Nachgeschmack gehabt?

Auf Penders Stirn brach kalter Schweiß aus.

Eine Viertelstunde später, nachdem er ein großes Glas Milch getrunken hatte, ging Pender hinunter und setzte sich so nahe an das Kaminfeuer als möglich. Er fühlte sich kalt bis auf die Knochen. Mit knapper Not war er noch einmal davongekommen. Wenn er es wirklich war. Er hatte keine Vorstellung, wie das Zeug wirkte, aber er würde einige Tage kein heißes Bad nehmen. Man konnte nie wissen.

War es nun die Milch gewesen, die ihre Wirkung getan hatte, oder war es tatsächlich so, dass das heiße Bad ein unentbehrlicher Teil der Todbringenden Methode war – auf jeden Fall war Penders Leben für dieses Mal gerettet.

Aber er fühlte sich immer noch beunruhigt. Ängstlich sorgte er dafür, dass seine Haustür mit einer Sicherheitskette verschlossen blieb, und warnte außerdem noch seine Haushälterin, keine Fremden in das Haus zu lassen.

Er bestellte zwei Tageszeitungen mehr und obendrein noch die News of the World für den Sonntag. Mit Sorgfalt studierte er täglich die Berichte. Todesfälle im Badezimmer wurden für ihn zu einer fixen Idee. Er gewöhnte sich daran, bei den gerichtlichen Nachuntersuchungen dabei zu sein.

Drei Wochen später befand er sich in Lincoln. Ein Mann war in einer Sauna vom Herzschlag getroffen worden. Das Gericht hatte, nachdem es zu dem Schluss gekommen war, dass es sich um einen Unglücksfall gehandelt habe, noch hinzugefügt, es sei Pflicht der Direktion, die Badegäste künftig einer genaueren Kontrolle zu unterziehen und außerdem dafür zu sorgen, dass sich niemals jemand unbeaufsichtigt in dem heißen Raum aufhalte.

Als Pender sich seinen Weg durch die Menschenmenge im Flur bahnte, entdeckte er plötzlich in einiger Entfernung vor sich einen schäbigen Hut, der ihm bekannt vorkam. Er drängte sich durch und erwischte Mr. Smith gerade in dem Augenblick, da er in ein Taxi einsteigen wollte.

«Smith!«, schrie er, ein wenig nach Luft schnappend. Er griff hart nach seiner Schulter.

«Was, schon wieder Sie?«, sagte Smith.»Sie haben sich wohl mit diesem Fall beschäftigt, wie? Kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein?« «Sie — Sie Teufel!«, kreischte Pender.»Sie haben die Finger dabei im Spiel! Sie versuchten mich damals zu ermorden!« «Was Sie nicht sagen? Warum sollte ich das tun?« «Dafür werden Sie hängen!«, schrie Pender drohend.

Ein Polizist bahnte sich einen Weg durch den Menschenauflauf, der sich um die beiden angesammelt hatte.

«He!«, sagte er streng.»Was ist denn hier los?« Smith tupfte sich mit dem Zeigefinger auf die Stirn.

«Nicht weiter wichtig, Officer«, sagte er.»Dieser Herr scheint der Ansicht zu sein, dass ich eine schlechte Rolle in diesem Fall spielte. Hier ist meine Karte. Der Untersuchungsrichter kennt mich. Der Herr hier griff mich an. Es wird gut sein, wenn Sie ihn im Auge behalten.« «Das stimmt«, sagte einer der Umstehenden.

«Dieser Mann versuchte mich zu ermorden«, erklärte Pender.

Der Polizist nickte.

«Lassen Sie es gut sein, Sir«, riet er.»Sie werden es sich noch anders überlegen. Die Hitze dort drinnen hat Sie vermutlich durcheinander gebracht. Ist schon gut, ist schon gut.« «Aber ich bestehe darauf, dass er verhaftet wird«, beharrte Pender.

«Das würde ich an Ihrer Stelle bleiben lassen«, meinte der Polizeibeamte gutmütig.

«Aber wenn ich Ihnen sage, dass dieser Mann versucht hat, mich zu vergiften! Er ist ein Mörder. Er hat eine ganze Anzahl von Menschen vergiftet!« Der Beamte zwinkerte Smith zu.

«Das Beste ist, Sie fahren jetzt, Sir«, sagte er.»Ich werde das schon in Ordnung bringen. Nun, mein Freund« — er hielt Pender mit hartem Griff am Arm fest —»jetzt beruhigen Sie sich erst mal. Dieser Herr heißt nicht Smith.

Sie haben das irgendwie verwechselt.« «Gut. Aber wie heißt er denn?«, verlangte Pender zu wissen.

«Das tut nichts zur Sache«, antwortete der Polizist.»Sie lassen ihn besser in Ruhe, oder Sie werden sich eine Menge Schwierigkeiten machen.« Das Taxi war inzwischen weggefahren. Pender blickte verwirrt in die amüsierten Gesichter der Umstehenden.

«Also gut, Officer«, sagte er schließlich.»Ich habe nicht die geringste Absicht, Ihnen Schwierigkeiten zu machen.

Ich will mit Ihnen zur Polizeistation gehen und dort die Sache erklären.« «Was halten Sie von dem?«, fragte der Inspektor den Sergeanten, nachdem Pender aus der Polizeistation hinausgestolpert war.

«Der hat nicht alle Tassen im Schrank, wenn Sie mich nach meiner Meinung fragen«, antwortete sein Untergebener.»Muss so was wie ’ne fixe Idee haben, oder wie man das nennt.« «Hm«, machte der Inspektor.»Wir haben jedenfalls seinen Namen und die Adresse notiert. Kann sein, dass er noch mal irgendwo auftaucht. Leute vergiften, so dass sie sterben, wenn sie ein heißes Bad nehmen! Was für eine Idee, wie? Das ist kein schlechter Witz. Man muss sich nur wundern, was sich diese Halbverrückten alles ausdenken!« Der Frühling zeigte sich dieses Jahr kalt und neblig. Es war im März, als Pender zu einer gerichtlichen Untersuchung nach Deptford fuhr. Eine so undurchdringliche Nebeldecke lag über dem Fluss, dass man hätte glauben können, es wäre November. Die Kälte fraß sich einem bis auf die Knochen durch. Der schäbige kleine Gerichtssaal war in ein gelbes Zwielicht getaucht.

Pender konnte kaum die Zeugen erkennen, als sie vor den Richtertisch traten. Jedermann schien erkältet zu sein.

Auch Pender hustete. Seine Knochen schmerzten ihn, und er hatte ein Gefühl, als ob er demnächst Grippe bekommen würde.

Er strengte seine Augen an, da er glaubte, auf der anderen Seite des Raumes ein Gesicht erkannt zu haben.

Aber der schmierige Nebel, der durch jede Spalte eindrang, reizte und blendete seine Augen. Er steckte tastend seine Hand in die Manteltasche. Sie schloss sich beruhigt um etwas Dickes und Schweres. Seit jenem denkwürdigen Tag in Lincoln hatte er beschlossen, sich zu seinem eigenen Schutz zu bewaffnen. Ein Revolver kam nicht in Frage — er verstand nicht mit Feuerwaffen umzugehen. Ein Schlagring eignete sich viel besser zu diesem Zweck. Er hatte ihn von einem alten Mann gekauft, der mit einem Handkarren herumzog.

Wieder einmal hatte es mit dem unvermeidlichen Wahrspruch der Jury geendet. Die Besucher drängten aus dem Raum hinaus. Pender musste sich beeilen, wenn er seinen Mann nicht aus den Augen verlieren wollte. An der Tür war er ihm fast so nahe gekommen, dass er ihn hätte berühren können, aber eine dicke Frau schob sich dazwischen. Er drängte sie vorwärts, und sie gab einen leisen Laut der Entrüstung von sich. Der Mann vor ihm wandte den Kopf. Das Licht über der Tür reflektierte in seinen Kneifergläsern.

Pender zog hastig seinen Hut tiefer in die Stirn und folgte ihm. Seine Schuhe hatten Gummisohlen und machten keinerlei Geräusch auf dem Pflaster des Bürgersteigs. Der Mann ging, ohne sich ein einziges Mal umzusehen, die Straße hinauf und bog nach einiger Zeit in eine andere ein. Der Nebel war so undurchdringlich, dass Pender gezwungen war, ihm in nur wenigen Schritten Abstand zu folgen. Wohin mochte er gehen? Würde er in eine beleuchtete Straße einbiegen? Oder wollte er mit dem Bus oder der Straßenbahn heimfahren? Nein. Jetzt bog er rechts in eine schmale Gasse ein.

Der Nebel war hier womöglich noch dichter. Pender konnte sein Wild nicht mehr sehen, aber er konnte die Schritte vor sich hören, wie sie im gleichmäßigen Rhythmus ihren Weg verfolgten. Das seltsame Gefühl ergriff ihn, als ob nur er und dieser Mann allein auf der Welt wären — Jäger und Gejagter, Rächer und Schuldiger.

Die Straße begann sich sanft zu neigen.

Ganz plötzlich wichen die schattenhaften Umrisse der Häuser an beiden Seiten zurück. Ein offener Platz, mit einer undeutlich sichtbaren Lampe in der Mitte, tauchte durch den Nebel auf. Die Schritte verstummten. Pender, sich in lautloser Eile nähernd, sah, wie der Mann dicht an der Lampe stand. Offensichtlich suchte er etwas in seinem Notizbuch.

Vier Schritte — und Pender stand dicht hinter ihm. Er zog den Schlagring aus der Manteltasche.

Der Mann hob den Kopf.

«Diesmal habe ich dich«, sagte Pender und schlug mit ganzer Kraft zu.

Pender hatte sich nicht getäuscht, er bekam wirklich Grippe. Es verging eine ganze Woche, bis er wieder ausgehen konnte. Das Wetter hatte sich geändert, und die Luft war von einer süßen Frische. Anstatt sich nach der Krankheit schwach zu fühlen, war ihm, als ob man ein schweres Gewicht von seinen Schultern genommen hätte.

Er schlenderte zu seinem bevorzugten Buchladen am Strand und erwarb eine Erstausgabe von D. H. Lawrence zu einem Preis, den man einen guten Handel nennen konnte. Durch den günstigen Einkauf in gute Laune versetzt, betrat er ein billiges kleines Restaurant, das in der Hauptsache von Journalisten aufgesucht wurde, und bestellte sich ein Kotelett vom Grill und einen halben Krug Bier.

Am Tisch nebenan saßen zwei Journalisten.

«Gehst du zur Beerdigung vom armen alten Buckley?«, fragte der eine.

«Ja«, entgegnete der andere.»Armer Teufel! Eine Gemeinheit, auf diese Weise niedergeschlagen zu werden.

Er muss auf dem Weg zu dem Interview mit der Witwe von dem Burschen gewesen sein, der in der Badewanne starb. Das ist ein übles Viertel. Vermutlich war es einer von der Jimmy-Card-Bande. Er war ein großartiger Kriminalreporter — so einen bekommen sie nicht gleich wieder.« «Und außerdem einer von den anständigen. Ein verlässlicher Bursche. Keiner von denen, die einen hereinlegen, wo sie nur können. Erinnerst du dich an seine sensationelle Story über Sulfate des Thanatol?« Pender erstarrte. Das war der Name, den er seit vielen Monaten suchte. Ein merkwürdiges Schwindelgefühl ergriff ihn. Er nahm einen Schluck von dem Bier, um sich zu beruhigen.

«… schaute dich durchdringend wie ein Richter an«, redete der Journalist weiter.»Er pflegte diesen Trick auf seinen Reisen auszuprobieren, wenn er mit so einem armen Burschen allein im Abteil war. Wollte sehen, wie sie es aufnehmen. Du wirst es kaum glauben, aber einer hat ihm doch tatsächlich angeboten …« «He!«, unterbrach ihn sein Freund.»Der Kerl da drüben ist ohnmächtig geworden. Fiel mir vorher schon auf, wie blass er war.«

(Deutsch von Traudl Nothelfer)

Ich finde schon allein hinaus

von NGAIO MARSH

Ngaio (sprich: Najo) Marsh (1895–1982) wurde in Neuseeland geboren und verbrachte auch den größten Teil ihres Lebens dort, befolgte allerdings die damals geltende» antiregionale «Regel und ließ die meisten ihrer Kriminalromane in England spielen, das sie 1928 erstmals besuchte. Parallel zu ihrer lukrativeren Laufbahn als Romanautorin frönte sie ihrer ersten Liebe, dem Theater, als Schauspielerin, Produzentin, Regisseurin, Bühnenbildnerin, Dozentin und Dramatikerin. Von an verbrachte sie dreißig Jahre lang einen Teil des Jahres als Regisseurin auf Tournee mit der studentischen Theatergruppe des Canterbury University College von Christchurch/Neuseeland. (Gemäß der im Theater üblichen Tradition reduzierte Marshs offizielles Geburtsdatum — 1899 — ihr tatsächliches Alter viele Jahre lang um vier Jahre.)

Marshs erster Roman, A Man Lay Dead (1934; dt. Das Todesspiel), spielte wie einige spätere Werke, darunter ihr letztes Buch, Light Thickens (1982; dt. Mord vor vollem Haus), in der Welt des Theaters. Ihre Theaterbegeisterung drückt sich auf subtilere Weise in der Tatsache aus, dass die meisten ihrer Morde im Verlauf einer Vorstellung passieren. Wie die Biografin Margaret Lewis im St. James Guide to Crime & Mystery Writers (4. Aufl., 1996), schreibt, sei Marsh ironischerweise nicht in der Lage gewesen, ihre Romane ebenso erfolgreich wie Agatha Christie für die Bühne zu bearbeiten, weil sie» ihr Gefühl fürs Theater verloren hatte und unbedingt die generelle Form der Romane wahren wollte, mit allen Dialogen, Gesprächen, Fragen und Antworten«.

In der Blütezeit vornehmer Amateurdetektive stellte Marsh ganz ungewohnt einen Polizisten in den Mittelpunkt des Geschehens — allerdings hatte Roderick Alleyn von Scotland Yard mit seinem persönlichen und professionellen Stil im Grunde mehr gemeinsam mit Dorothy L. Sayers’ Lord Peter Wimsey und Margery Allinghams Albert Campion als mit einem echten Gesetzeshüter. Eine weitere Gemeinsamkeit mit Wimsey und Campion besteht darin, dass Alleyn am Ende heiratet, und zwar eine gewisse Agatha Troy, die Marsh selbst ähnelt und eine erfolgreiche Malerin wird, eine Laufbahn, in der Marsh sich in ihren jungen Jahren selbst gesehen hatte.

Marshs Werdegang als Kriminalautorin verlief bemerkenswert geradlinig. Das Rätsel stand von Anfang an im Mittelpunkt ihres Werks, und in der Kunst, ihre Leser in die Irre zu führen, war sie Meisterin. Stil und Charakterschilderungen wurden reicher, das grundlegende Muster von Verbrechen, Ermittlung und Aufklärung änderte sich jedoch nie. Bemerkenswerterweise stehen ihre letzten Romane, die veröffentlicht wurden, als sie bereits Mitte achtzig war, ihren Vorgängern in Bezug auf Qualität in nichts nach, zählen sogar zu ihren besten Werken, was man von so altgedienten Autoren wie Agatha Christie oder Erle Stanley Gardner leider nicht behaupten kann.

Eine der seltenen Kurzgeschichten mit dem Titel» Ich finde schon allein hinaus«, ein Roderick-Alleyn-Roman im Miniaturformat, ist passenderweise auf Marshs bewährtem Schauplatz hinter den Kulissen angesiedelt.

An dem fraglichen Abend ging Anthony Gill, unfähig zu essen, still zu sitzen, zusammenhängend zu denken, zu sprechen oder zu handeln um halb sieben zu Fuß von seiner Mietwohnung zum Jupiter-Theater. Er wusste, dass niemand hinter der Bühne wäre, dass es für ihn im Theater nichts zu tun gab, dass er ruhig in seiner Wohnung bleiben und sich dann ankleiden, zu Abend speisen und so etwa um Viertel vor acht dort eintreffen sollte. Doch es war, als ob ihn etwas in seine Sachen schob, ihn auf die Straße schubste und ihn unausweichlich zwang, quer durchs West End ins Jupiter zu eilen. Trägheit hatte sich wie eine dünne Schicht über seine Gedanken gelegt. Zufällige Zeilen aus dem Stück kamen ihm in den Sinn, jedoch ohne irgendeine bestimmte Bedeutung. Er ertappte sich dabei, wie er immer wieder einen vollkommen irrelevanten Satz aufsagte:»Sie hatte so eine Art zu lachen, die einem Mann das Herz brechen konnte.« Piccadilly, Shaftesbury Avenue.»Hier bin ich also«, dachte er, in die Hawke Street einbiegend,»auf dem Weg zu meinem Stück. Eine Stunde und neunundzwanzig Minuten noch. Einen Schritt pro Sekunde. Es rast auf mich zu. Tonys erstes Stück. Armer junger Tony Gill. Mach dir nichts draus. Versuch’s noch mal.« Das Jupiter. Neonlichter: ICH FINDE SCHON ALLEIN HINAUS — von Anthony Gill. Und am Eingang der Programmaushang und die Fotos. Coralie Bourne mit H.

J. Bannington, Barry George und Canning Cumberland.

Canning Cumberland.

Die dünne Schicht über seinen Gedanken riss, und da war sie, die alles beherrschende Frage, und er würde darüber nachdenken müssen. Wie schlecht wäre Canning Cumberland, falls er betrunken auftrat? Glänzend schlecht, hieß es. Er würde sämtliche Register ziehen. Clevere Schauspielertricks, die anderen dumm dastehen lassen, die dramatische Ausgewogenheit zunichte machen.»In Mr. Cumberlands Händen wirkten mittelmäßige Dialoge und wenig überzeugende Situationen beinahe lebensecht. «Was fängt man mit einem betrunkenen Schauspieler an?

Er stand am Eingang und spürte, wie sein Herz pochte und sein Magen sich zusammenzog und ihm übel wurde.

Denn natürlich war es ein schlechtes Stück. In diesem Moment und zum ersten Mal war er sich dessen wirklich sicher. Es war schrecklich. Es gab nur eines, was gut daran war, und das stammte nicht von ihm. Coralie Bourne hatte es vorgeschlagen:»Ich glaube, das Stück, das Sie mir geschickt haben, geht so nicht, doch ich dachte mir Folgendes …«Es war eine glänzende Idee. Er hatte das Stück in diesem Sinn umgeschrieben und sich fast umgehend und eigentlich ziemlich naiv eingeredet, es sei von ihm, obgleich er zu Coralie Bourne schüchtern gesagt hatte:»Sie sollten als Mitverfasserin genannt werden. «Sie hatte sofort höchst nachdrücklich abgelehnt.»Das war doch nicht der Rede wert«, sagte sie.»Wenn Sie Dramatiker werden wollen, müssen Sie lernen, sich Ihre Ideen von überallher zu holen. Eine einzelne Szene ist da gar nichts. Denken Sie an Shakespeare«, fügte sie leichthin hinzu.»Ganze Konflikte! Also seien sie nicht albern. «Später hatte sie im gleichen hastigen, nervösen Tonfall hinzugefügt:»Erzählen Sie es bloß nicht herum.

Sonst glaubt man, bei meiner kleinen Anregung steckt mehr dahinter anstatt weniger. Bitte, versprechen Sie es.« Er versprach es; er glaubte nun, dass sein Ansinnen, eine so berühmte Schauspielerin wie Coralie Bourne neben einem unbekannten Jüngling als Mitverfasserin zu nennen, wohl ein arger Schnitzer gewesen sein müsse. Und wie Recht sie hatte, dachte er, denn es wird natürlich ein entsetzlicher Flop werden. Sie wird es noch bereuen, dass sie sich bereit erklärt hatte, darin mitzuwirken.

Draußen vor dem Theater gingen ihm albtraumhafte Szenarien durch den Kopf. Wie reagierte ein Publikum, wenn ein Erstlingswerk durchfiel? Klatschte man ein wenig, gerade so viel, dass der Vorhang hochging und rasch wieder über eine gequält dreinblickende Truppe von Akteuren fiel? Wie spärlich musste der Applaus ausfallen, damit ihm selbst der Auftritt erspart blieb? Und danach sollten sie ja noch nach Chelsea auf den Künstlerball. Eine abscheuliche Aussicht! Mit dem Gedanken, er gäbe alles auf der Welt darum, um die Aufführung noch zu verhindern, betrat er das Foyer. In den Büros brannten Lichter, und er blieb unschlüssig vor einer Anschlagtafel mit Szenenfotos stehen. Auf ihnen war, viel kleiner als die Hauptdarsteller, Dendra Gay zu sehen, deren Augen ihn direkt anblickten. Sie hatte so eine Art zu lachen, die einem Mann das Herz brechen konnte. »Na schön«, dachte er,»ich bin verliebt in sie. «Er wandte sich von dem Foto ab. Ein Mann trat aus dem Büro.»Mr. Gill? Telegramme für Sie.« Anthony nahm sie in Empfang und hörte beim Hinausgehen, wie der Mann ihm hinterher rief:»Dann viel Glück für heute Abend, Sir!« In der Seitenstraße warteten reihenweise Leute darauf, frühzeitig eingelassen zu werden.

Um halb sieben wählte Coralie Bourne die Nummer von Canning Cumberland und wartete.

Sie hörte seine Stimme.»Ich bin’s«, sagte sie.

«Ach Gott! Liebling, an dich habe ich gerade gedacht.« Er redete hastig und zu laut.»Coral, ich habe über Ben nachgedacht. Du hättest dem Jungen die Szene nicht geben sollen.« «Das haben wir doch schon ein Dutzend Mal beredet, Cann. Wieso hätte ich sie Tony nicht geben sollen? Ben wird es nie erfahren. «Sie wartete ab und sagte dann nervös:»Ben ist fort, Cann. Wir werden ihn nie wieder sehen.« «Ich habe da so eine Ahnung. Immerhin ist er dein Ehemann.« «Nein, Cann, nein.« «Mal angenommen, er taucht auf. Das würde ihm doch ähnlich sehen.« «Er taucht bestimmt nicht auf.« Sie hörte ihn lachen.»Ich habe das alles so satt«, dachte sie plötzlich.»Jetzt reicht es mir. Ich halte es nicht mehr aus … Cann«, sagte sie in den Hörer. Doch er hatte aufgelegt.

Um zwanzig vor sieben betrachtete Barry George sich in seinem Badezimmerspiegel.»Ich sehe weitaus besser aus«, dachte er,»als Canning Cumberland. Mein Kopf ist gut geformt, meine Augen sind größer und die Kieferpartie klarer. Ich habe noch nie eine Vorstellung vermasselt. Ich trinke nicht. Ich bin ein besserer Schauspieler. «Er wandte den Kopf ein wenig und verdrehte die Augen, um die Wirkung zu beobachten.»In der großen Szene«, dachte er,»bin ich der Star. Er gibt die Stichworte. So ist es inszeniert, und so will es der Autor.

Eigentlich müsste ich die guten Rezensionen bekommen.« Frühere Rezensionen kamen ihm wieder in den Sinn. Er sah die Druckschrift, die Länge der Absätze: ein langer Absatz über Canning Cumberland, und eine Zeile am Ende angehängt.»Ist es böse, wenn man hinzufügt, dass Mr.

Barry George dem virtuosen Spiel von Mr.

Cumberland mit einer gewissen atemlosen Vorhersagbarkeit hinterher hechelt?«Und weiter:»Es ist ein bisschen hart für Mr.

Barry George, dass er gezwungen ist, bei dieser brillanten Darstellung als Hintergrund zu dienen. «Und am schlimmsten:»Mr. Barry George schaffte es leidlich, nicht wie ein bloßer Stichwortgeber auszusehen, eine Leistung, die seine Kräfte offensichtlich erschöpfte.« «Monströs!«, sagte er laut zu seinem eigenen Spiegelbild und musterte seinen vor Entrüstung leicht glühenden Blick. Der Alkohol, sagte er sich, bewirkte bei Canning Cumberland zweierlei. Er hob den Zeigefinger. Eine schöne, ausdrucksvolle Hand, eine Schauspielerhand. Der Alkohol zerstörte Cumberlands künstlerische Integrität.

Und verlieh ihm eine teuflische Durchtriebenheit.

Betrunken würde er ein Stück sprengen, dessen Gleichgewicht zerstören, die Form ruinieren und sich selbst mit purer Effekthascherei, die die Leute irrtümlich für Genialität hielten, in den Vordergrund spielen.

«Wohingegen ich«, sagte er laut,»meinem Autor lediglich das Kompliment mache, sein Werk treu zu interpretieren.

Pah!« Er kehrte in sein Schlafzimmer zurück, kleidete sich vollends an und zog seinen Hut im richtigen Winkel zurecht. Dann schob er sein Gesicht noch einmal dicht vor den Spiegel und betrachtete sein Bild eindringlich.»Bei Gott!«, sagte er bei sich,»er hat den Bogen überspannt, der alte Knabe. Heute Abend rechnen wir miteinander ab, was? Bei Gott, das tun wir.« Teils zufrieden, teils beschämt, denn die kleine Szene hatte doch etwas nach Schmierentheater geschmeckt, nahm er in die eine Hand seinen Spazierstock und ein Köfferchen mit seinem Kostüm für den Künstlerball in die andere und machte sich auf den Weg zum Theater.

Um zehn vor sieben durchquerte H. J. Bannington auf seinem Weg zur Bühnenpforte die Schlange für den dritten Rang, lüpfte den Hut und bedankte sich bei den hocherfreuten Damen, die ihn durchließen. Er hörte, wie sie seinen Namen murmelten. Forsch durchschritt er den schmalen Verbindungsgang, grüßte den Bühnenpförtner, trat unter einer schummrigen Lampe durch einen Eingang und von dort auf die Bühne. Nur das Arbeitslicht brannte.

Die Wände einer Innenraumkulisse ragten matt leuchtend im Schatten auf. Bob Reynolds, der Inspizient, kam durch den Souffleureingang zu ihm herüber.»Hallo, alter Knabe«, sagte er,»ich habe die Garderoben getauscht. Sie sind in der dritten rechts. Ihre Sachen hat man schon reingebracht. Ist Ihnen das recht?« «Besser als ein schwarzes Loch von der Größe eines Klos ohne dessen Ausstattung«, versetzte H. J. beißend.

«Ich nehme an, der große Mr. Cumberland hat immer noch die Stargarderobe?« «Nun, ja, alter Knabe.« «Und wer ist neben ihm, wenn man fragen darf? In dem Raum mit dem anderen Gasofen?« «Dort haben wir Barry George untergebracht, alter Knabe. Sie wissen doch, wie er ist.« «Nur zu gut, alter Knabe, und das Publikum, fürchte ich, findet es allmählich auch heraus. «H.J. bog in den Durchgang zu den Künstlergarderoben ein. Der Inspizient kehrte auf die Bühne zurück, wo er auf seinen Assistenten traf.»Was hat den denn gebissen?«, fragte der Assistent.

«Er wollte eine Garderobe mit Ofen.« «Wundert mich nicht«, sagte der Assistent gehässig.

«Schließlich war er früher mal Gasableser.« Rechts und links des Durchgangs, der Bühne am nächsten, befanden sich zwei Türen, jede mit einem in matter Farbe aufgemalten Stern. Die Tür zur Linken stand offen. H.J. spähte hinein und wurde vom Geruch nach Fettschminke, Puder, Wasserschminke und Blumen empfangen. Ein Gasöfchen bullerte behaglich. Coralie Bournes Garderobiere breitete gerade Handtücher aus.

«Guten Abend, Katie, mein Goldschatz«, sagte H. J.»Ist La Belle noch nicht unten?« «Wir sind unterwegs«, sagte sie.

« Bella figlia del amore«, summte H. J. inbrünstig und trat wieder auf den Gang. Die Stargarderobe zur Rechten war geschlossen, doch konnte er Cumberlands Garderobiere drinnen herumwerkeln hören. Er ging weiter zur nächsten Tür, hielt inne, las das Schildchen» Mr. Barry George«, schmetterte einen hohen, höhnischen Ton, trat durch die dritte Tür und machte Licht.

Definitiv kein Zimmer für den zweiten Hauptdarsteller!

Kein Ofen. Allerdings ein Waschbecken und zwei gegenüberliegende Spiegel. Man hatte ihm einen Stapel Telegramme auf den Garderobentisch gelegt. Immer noch singend, griff er danach, förderte eine Reihe von Rechnungen zu Tage, die taktvollerweise zuunterst platziert worden waren, sowie einen in ausladender Schrift adressierten Brief.

Als wäre seine Stimme mechanisch erzeugt und willkürlich ausgeschaltet worden, endete sein Lied abrupt mitten in einer Passage. Er ließ die Telegramme auf den Tisch fallen, griff nach dem Brief und riss ihn auf. Sein fürchterlich bleiches Gesicht wurde von den Spiegeln in endloser Reihe zurückgeworfen.

Um neun Uhr klingelte das Telefon. Roderick Alleyn meldete sich.

«Hier Sloane 84405. Nein, Sie haben sich verwählt. Nein. « Er legte auf und wandte sich wieder seiner Frau und seinem Gast zu.

«Das ist jetzt das fünfte Mal innerhalb von zwei Stunden.« «Dann lassen wir uns doch eine neue Nummer geben.« «Und handeln uns womöglich noch was Schlimmeres ein.« Wieder klingelte das Telefon.»Hier ist nicht die

«, sagte Alleyn warnend.»Nein, ich kann keine drei großen Koffer zur Victoria Station bringen. Nein, ich bin nicht der Nächtliche Sofort-Lieferdienst. Nein.« «Die haben nämlich die 84406«, wandte sich Mrs. Alleyn erklärend an Lord Michael Lamprey.»Die Leute verwählen sich vermutlich bloß, aber Sie können sich nicht vorstellen, wie zornig alle Beteiligten werden können. Wieso wollen Sie Polizist werden?« «Das ist nämlich eine langweilige, schwere Arbeit — «, setzte Alleyn an.

«Ach«, sagte Lord Mike, streckte die Beine aus und warf einen kritischen Blick auf seine Schuhe,»ich stelle mir ja beileibe nicht vor, gleich mit falschem Schnurrbart und Zivilkluft loszulegen. Nein, nein. Allerdings bin ich unverschämt gesund, Sir. Und bärenstark. Und vielleicht auch gar nicht so dumm, wie Sie vielleicht denken mögen

…« Das Telefon klingelte.

«Lassen Sie mich doch mal drangehen«, regte Mike an und tat es.

«Hallo?«, sagte er mit gewinnender Stimme. Er hörte zu, lächelte seine Gastgeberin dabei an.»Ich fürchte — «, begann er.»He, Moment mal — ja, aber — «Sein Gesicht wurde ausdruckslos und selbstzufrieden.»Sir«, sagte er gleich darauf,»darf ich Ihre Bestellung wiederholen?

Immer auf Nummer Sicher, ja? Harrow Gardens Nummer 11, Sloane Square, einen Koffer zur sofortigen Ablieferung im Jupiter-Theater an Mr. Anthony Gill. In Ordnung, Sir. Danke, Sir. Wird bei Lieferung bezahlt.

Selbstverständlich.« Er legte den Hörer auf und strahlte die Alleyns an.

«Was zum Teufel hecken Sie denn da aus?«, fragte Alleyn.

«Er wollte einfach nicht vernünftig zuhören. Ich habe versucht, es ihm zu erklären.« «Aber vielleicht ist es dringend«, stieß Mrs. Alleyn hervor.

«Es könnte gar nicht dringender sein. Es handelt sich um einen Koffer für Tony Gill im Jupiter-Theater.« «Na, dann — « «Ich war mit dem Kerl zusammen in Eton«, erinnerte sich Mike.

«Er ist vier Jahre älter als ich, war also natürlich furchtbar wichtig, während ich bloß der letzte Dreck war.

Dem werd ich’s zeigen.« «Am besten geben Sie die Bestellung ganz schnell durch«, sagte Alleyn entschieden.

«Eigentlich dachte ich eher daran, sie selbst auszuführen, Sir. Es wäre doch ein total raffinierter Weg, sich in die Vorstellung zu schmuggeln, oder? Ich habe versucht, eine Karte zu besorgen, aber es war schon komplett ausverkauft.« «Wenn Sie den Koffer abliefern wollen, müssen Sie sich jetzt aber beeilen.« «Es ist auf jeden Fall ein Anlass, sich zu verkleiden, meinen Sie nicht? Übrigens«, wagte sich Mike zaghaft vor,»fänden Sie es schrecklich unverschämt, wenn ich – nun, ich verspreche auch, alles zurückzubringen. Ich meine nur — « «Wollen Sie damit etwa andeuten, meine Sachen sehen eher wie die eines Boten aus als Ihre?« «Ich dachte mir, Sie hätten vielleicht Sachen …« «Meine Güte, Rory«, sagte Mrs. Alleyn,»jetzt verkleide ihn und lass ihn gehen. Das Wichtigste ist doch, dass der arme Kerl seinen Koffer bekommt.« «Ich weiß«, sagte Mike ernst.»Das ist furchtbar nett von Ihnen. Ehrlich.« Alleyn nahm ihn mit und verpasste ihm einen schmutzigen alten Regenmantel, eine Arbeitermütze und einen dicken Schal.»Damit könnten Sie allerdings nicht mal einen Dorftrottel bei totaler Sonnenfinsternis hinters Licht führen«, sagte er.»Und jetzt raus mit Ihnen.« Er sah dem davonfahrenden Mike hinterher und kehrte zu seiner Frau zurück.

«Was wohl passiert?«, fragte sie.

«So, wie ich Mike kenne, kriegt er einen Platz vorn im Parkett und geht danach mit der Hauptdarstellerin essen.

Das ist übrigens Coralie Bourne. Da sie überaus liebreizend ist und zwanzig Jahre älter als er, wird er sich höchstwahrscheinlich in sie verlieben. «Alleyn griff nach seiner Tabakdose und hielt inne.»Ich frage mich, was aus ihrem Ehemann geworden ist«, sagte er.

«Wer war das?« «Ein ganz außergewöhnlicher Kerl. Benjamin Wlasnoff.

Ziemlich gewalttätig veranlagt. Sah aus wie ein Bandit.

Hat zwei sehr gute Stücke geschrieben und wurde dreimal wegen tätlicher Angriffe eingebuchtet. Sie wollte sich von ihm scheiden lassen, doch daraus wurde nichts. Danach ist er, glaube ich, nach Russland abgehauen. «Alleyn gähnte.

«Für sie war es die Hölle mit ihm, glaube ich.« «Nacht-Lieferdienst«, sagte Mike mit heiserer Stimme, die Hand an der Mütze.»Koffer. Ein Stück.« «Da sind Sie ja«, sagte die Frau, die ihm aufgemacht hatte.

«Aber vorsichtig tragen, er ist nämlich nicht abgeschlossen. Sonst springt der Verschluss auf.« «Danke schön«, sagte Mike.»Sehr verbunden. Ganz schön kalt, was?« Er brachte den Koffer zum Wagen hinaus.

Es war ein frischer Frühlingsabend. Sloane Square war nebelverhangen, und sämtliche Straßenlaternen hatten einen Heiligenschein. Es war die Art von Abend, wo sich aus dem Stimmengewirr Londons einzelne Laute lösen: Sirenen heulten hohl und gebieterisch den Fluss hinunter, und in den Chelsea Barracks erklang ein Signalhorn. Ein Abend, dachte Mike, wie geschaffen für Abenteuer.

Er öffnete den hinteren Wagenschlag und hievte den Koffer hinein. Der Verschluss flog auf, der Deckel klappte zurück, und der gesamte Inhalt fiel heraus.»Verdammt!«, sagte Mike und knipste das innere Wagenlicht an.

Auf dem Wagenboden lag ein falscher Bart.

Er war flammend rot und buschig und auf einem Kinnstück angebracht. Daran angearbeitet war ein versteifter Schnurrbart. Das Ganze ließ sich mit Drahtbügeln hinter den Ohren befestigen. Mike legte das Gebilde behutsam auf den Sitz. Als Nächstes nahm er einen breitkrempigen schwarzen Hut zur Hand, dann einen geräumigen Mantel mit Pelzkragen und schließlich ein Paar schwarze Handschuhe.

Mike pfiff nachdenklich durch die Zähne und schob die Hände in die Taschen von Alleyns Regenmantel. Die Finger seiner Rechten stießen auf eine Visitenkarte. Er zog sie hervor.»Chief Inspector Alleyn«, las er,»Abteilung für Verbrechensbekämpfung. New Scotland Yard.« «Na, so was«, frohlockte Mike,»das ist ja ein Geschenk des Himmels.« Zehn Minuten später wurde ein Wagen so nah wie möglich beim Jupiter-Theater auf dem Bordstein geparkt.

Eine Gestalt mit einem Koffer in der Hand stieg aus, schritt rasch die Hawke Street hinunter und bog in die schmale Gasse zur Bühnenpforte ein. Als sie unter der schmutzigen Straßenlaterne vorbeiging und stehen blieb, wirkte sie in der schummrigen Beleuchtung wie die Illustration zu einer Spionagegeschichte aus der Zeit der Jahrhundertwende. Das Gesicht lag vollkommen im Schatten, eine schwarze Höhle, aus der sich als einziger Farbtupfer das Rechteck eines grellroten Bartes abhob.

Der Pförtner, der mit einem Bühnenarbeiter gerade Luft schnappte, trat vor und starrte den Fremden neugierig an.

«Wolln Sie irgendwas?« «Ich bringe Mr. Gill den Koffer hier.« «Der ist vorn. Sie können ihn bei mir lassen.« «Tut mir wirklich Leid«, versetzte die Stimme hinter dem Bart,»aber ich habe versprochen, ihn selbst in die Garderobe zu bringen.« «Dann müssen Sie ihn hier abgeben. Tut mir Leid, mein Herr, aber ohne Ausweis kommt hinten niemand rein.« «Ausweis? Na gut. Hier ist meine Karte.« Er hielt sie ihm in der schwarz behandschuhten Hand hin. Der Pförtner, widerwillig den Blick von dem Bart lösend, nahm die Karte und begutachtete sie im Lichtschein.»Menschenskind!«, sagte er.»Was ist denn los, Chef?« «Egal. Behalten Sie die Sache für sich.« Die Gestalt winkte und ging durch die Tür.»He!«, sagte der Pförtner aufgeregt zu dem Bühnenarbeiter,»schau dir das mal an. Das ist doch ein Kriminaler in Zivil!« «Das soll Zivil sein?«, versetzte der Bühnenarbeiter.

«Von wegen!« «Der ist verkleidet«, sagte der Pförtner.»Ist doch logisch. Der hat sich verkleidet.« «Hinterm Schnurrbart versteckt hat er sich, wenn du mich fragst.« Draußen auf der Bühne sagte jemand gerade mit klarer, wunderbar deutlicher Stimme:» Ich fand die Aussicht aus diesen Fenstern schon immer abstoßend. Aber wenn einem so was gefällt. Verdammt, mach das Licht aus. Schau mal einer an. « «Aufgepasst jetzt, aufgepasst«, flüsterte eine Stimme so dicht neben Mike, dass dieser zusammenfuhr.»Okay«, sagte eine zweite Stimme irgendwo über seinem Kopf. Die Bühnenscheinwerfer wurden blau.»Weg mit dem Arbeitslicht.«—»Arbeitslicht ist aus.« Auf der Bühne wurden Vorhänge beiseite gezerrt, ein Fenster flog auf. Ein Schauspieler erschien, beugte sich ganz dicht neben Mike heraus, schien ihm ins Gesicht zu sehen und sagte ganz deutlich:»Gott, ist das grässlich!« Mike wich in einen Durchgang zurück, der nur vom Licht aus einer offenen Tür erleuchtet war. Vor der Bühne brach Getöse aus.»Beleuchtung im Zuschauerraum«, sagte die scharfe Stimme. Mike bog in den Durchgang ein. Im gleichen Moment trat jemand aus der Tür, und er sah sich plötzlich Coralie Bourne gegenüber, wunderschön gekleidet und stark geschminkt.

Einen Augenblick blieb sie reglos stehen, vollführte dann mit der rechten Hand eine seltsame Geste, stieß einen leisen Hauch aus und sank zu seinen Füßen nieder.

Anthony riss sein Programmheft in lange Streifen und ließ sie auf den Boden der Loge über der Vorbühne fallen.

Oben und unten rechts von ihm war das Publikum. Mal lachte es, mal war es still, mal hob es wie ein einziges Wesen die Hände und schlug sie zusammen. So wie jetzt, als Canning Cumberland unten auf der Bühne mit ungewohnter Stimme und getrieben von einem inneren Teufel das Fenster aufriss und sagte:»Gott, ist das grässlich!« «Falsch! Falsch!«, schrie Anthony innerlich auf und hasste Cumberland, hasste Barry George, weil der sich von einem Satz aus vier Wörtern überrumpeln ließ, hasste das Publikum dafür, dass es Gefallen daran fand. Der Vorhang senkte sich mit einem langen Seufzer nach dem zweiten Akt, und ein Geräusch wie heftiger Regen erfüllte das Theater, schwoll gewaltig an und hielt immer noch an, nachdem die Lichter im Zuschauerraum bereits angegangen waren.

«Anscheinend«, sagte eine Stimme hinter ihm,»findet Ihr Stück Anklang.« Es war Gosset, dem das Jupiter gehörte und der die Aufführung unterstützt hatte. Anthony wandte sich stotternd zu ihm um:»Er macht es kaputt. Die Szene war für den anderen gedacht. Er hat sie ihm geklaut.« «Mein Junge«, sagte Gosset,»er ist Schauspieler.« «Betrunken ist er. Es ist unerträglich.« Er spürte Gossets Hand auf seiner Schulter.

«Die Leute beobachten uns. Sie stehen im Rampenlicht.

Das hier ist Ihr großer Auftritt — ein Erstlingsstück und gleich ein Riesenerfolg. Kommen Sie, alter Knabe, gehen wir einen trinken. Ich will Sie mit jemandem bekannt machen — « Anthony stand auf, und Gosset, den Arm um seine Schultern gelegt, lächelte in die Runde, tätschelte ihn und führte ihn Richtung Logentür.

«Tut mir Leid«, sagte Anthony,»ich kann nicht. Bitte lassen Sie mich. Ich gehe hinter die Bühne.« «Lieber nicht, alter Junge. «Die Hand lag plötzlich fester auf seiner Schulter.»Hören Sie, alter Junge — «Anthony hatte sich jedoch bereits losgemacht und war durch die Tür zur Bühne geschlüpft.

Am Fuß der halsbrecherischen Treppe stand Dendra Gay und wartete.»Ich dachte mir schon, dass du kommen würdest«, sagte sie.

Anthony sagte:»Er ist betrunken. Er verpfuscht mir das ganze Stück.« «Es ist doch nur die eine Szene, Tony. Gleich am Anfang des nächsten Akts ist er fertig. Es läuft grandios.« «Aber verstehst du denn nicht — « «Doch. Das weißt du doch. Aber es ist ein Erfolg, Tony, mein Liebling! Man hört es und riecht es und spürt es bis ins Innerste.« «Dendra …«, sagte er unsicher.

Jemand kam dazu und schüttelte ihm die Hand, schüttelte sie unentwegt. Kulissen wurden in Leinwand eingeschlagen und mit einem Stück Schnur zusammengebunden. Ein Kronleuchter stieg auf in die Dunkelheit.»Beleuchtung«, ordnete der Inspizient an, und die Bühne wurde von Licht überflutet. Eine ferne Stimme intonierte monoton:»Letzter Akt, bitte. Letzter Akt.« «Ist mit Miss Bourne alles in Ordnung?«, wollte der Inspizient plötzlich wissen.

«Es geht schon wieder. Sie ist erst in zehn Minuten dran«, sagte eine Frauenstimme.

«Was ist denn los mit Miss Bourne?«, fragte Anthony.

«Tony, ich muss gehen und du auch. Es wird bestimmt großartig, Tony. Bitte glaub dran. Bitte.« «Dendra«, hob Tony an, doch sie war schon verschwunden.

Auf der anderen Seite des Vorhangs kündigten Hörner und Flöten den letzten Akt an.

«Bitte alles die Bühne verlassen.« Die Bühnenarbeiter traten ab.

«Licht im Zuschauerraum.« «Licht im Zuschauerraum ist aus.« «Achtung.« Und während Anthony noch zaudernd links neben der Bühne stand, hob sich der Vorhang. Canning Cumberland und H. J. Bannington eröffneten den letzten Akt.

Mike kniete neben Coralie Bourne auf dem Boden und hörte, wie hinter ihm jemand den Durchgang betrat. Er wandte sich um und sah vor dem Hintergrund der erleuchteten Bühne die Silhouette des Schauspielers, der ihn durch ein Fenster auf der Bühne angesehen hatte. Es sah so aus, als wiederholte die Silhouette die Geste, die Coralie Bourne gemacht hatte, und drückte sich dann an die Wand.

Eine Frau mit Schürze trat aus der offenen Tür.

«He da — Sie!«, sagte Mike.

Nun geschahen drei Dinge gleichzeitig. Die Frau schrie auf und kniete sich neben ihn. Der Mann verschwand durch eine Tür auf der rechten Seite.

Die Frau hielt Coralie Bourne in den Armen und stieß heftig hervor:»Warum sind Sie zurückgekommen?«Dann gingen die Lichter im Durchgang an. Mike sagte:»Hören Sie, es tut mir furchtbar Leid«, und nahm den breitkrempigen schwarzen Hut ab. Die Garderobiere starrte ihn an, Coralie Bourne stieß einen langsam anschwellenden Schrei aus und schlug die Augen auf.

«Katie?«, sagte sie.

«Ist ja gut, mein Kleines. Er ist es nicht, Liebes. Alles in Ordnung. «Die Garderobiere fuhr ruckartig zu Mike herum:»Ziehen Sie das aus«, sagte sie.

«Ja, natürlich, es tut mir furchtbar — «Er trat aus dem Durchgang zurück und stieß dabei mit einem jungen Mann zusammen, der sagte:»In fünf Minuten, bitte. «Die Garderobiere rief ihm zu:»Sagen Sie denen, es geht ihr nicht gut. Sagen Sie, man soll den Vorhang noch halten.« «Nein«, sagte Coralie Bourne entschlossen.»Es geht schon, Katie. Sagen Sie nichts. Katie, was war denn los?« Sie verschwanden in dem Raum zur Linken.

Mike blieb im Schatten der aufgestapelten Kulissen neben dem Eingang zur Passage stehen. Auf der Bühne herrschte reges Treiben. Er entdeckte Anthony Gill, der sich auf der anderen Seite mit einem Mädchen unterhielt.

Der Gehilfe sprach mit dem Inspizienten, der nun in den Raum rief:»Ist mit Miss Bourne alles in Ordnung?«Die Garderobiere kam heraus und rief:»Es geht schon wieder.

Sie ist erst in zehn Minuten dran. «Der junge Gehilfe begann zu intonieren:»Letzter Akt, bitte. «Der Inspizient gab eine Reihe von Anweisungen. Ein Mann mit Monokel und üppigem Bart kam den Durchgang herunter und blieb außerhalb der Bühne stehen, richtete sich auf und zupfte seine Kleidung zurecht. Hörner und Flöten ertönten.

Canning Cumberland trat aus dem Raum zur Rechten und ging auf seinem Weg zur Bühne dicht an Mike vorbei, wobei er einen starken Alkoholgeruch hinterließ. Der Vorhang hob sich.

In seinem Versteck entfernte Mike verstohlen den Bart und stopfte ihn in die Manteltasche.

Ein Grüppchen Bühnenarbeiter stand in der Nähe. Einer von ihnen raunte heiser:»Ganz schön angesäuselt.« – «Geht aber wie geschmiert.«—»Und ich sag dir auch, warum: Eben weil er angesäuselt ist.« Es vergingen zehn Minuten. Mike dachte:»Die Sache läuft definitiv nicht nach Plan ab. «Er horchte. Auf der Bühne schien sich eine gewisse Spannung aufzubauen.

Canning Cumberland hob die Stimme zu einem lauten, aber verzerrten Ton. Eine Bühnentür öffnete sich, «Bemühen Sie sich nicht«, sagte Cumberland.»Adieu. Ich finde schon allein hinaus. «Die Tür knallte zu.

Cumberland stand neben Mike. Plötzlich gab es ganz in der Nähe einen lautstarken Knall. Die Kulissen vibrierten, Mike erbebte bis ins Innerste. Cumberland ging in seine Garderobe, und Mike hörte, wie der Schlüssel im Türschloss umgedreht wurde. Der Geruch von Alkohol vermischte sich mit dem Geruch von Schießpulver. Ein Bühnenarbeiter trat an einen Klapptisch und legte eine Pistole darauf. Der Schauspieler mit dem Monokel ging von der Bühne. Er sprach kurz mit dem Inspizienten, ging an Mike vorbei und verschwand im Durchgang.

Es roch. Es roch nach allem Möglichen. Unwillkürlich begann er, während er immer noch dem Stück lauschte, die Gerüche zu ordnen. Klebstoff. Leinwand.

Fettschminke. Der Inspizientengehilfe klopfte an zwei Türen.»Mr. George, bitte.«—»Miss Bourne, bitte. «Sie kamen heraus, Coralie Bourne in Begleitung ihrer Garderobiere. Mike hörte, wie sie einen Türknauf drehte und etwas sagte. Eine unverständliche Stimme antwortete ihr. Dann kam sie mit ihrer Garderobiere an ihm vorbei.

Die anderen sagten etwas zu ihr, worauf sie nickte und sich dann in sich selbst zurückzuziehen schien. Mit gesenktem Kopf wartete sie ab, bereit für ihren Auftritt.

Dann richtete sie sich auf, schritt rasch auf die Bühnentür zu, stieß sie auf und rauschte weiter, unmittelbar gefolgt von Barry George.

Gerüche. Staub, abgestandene Farbe, Stoff. Gas. Immer stärker der Geruch von Gas.

Die Bühnenarbeiter rückten hinter den Kulissen zur Bühnenseite hinüber. Mike wagte sich aus seinem Versteck hervor. Er konnte die Souffleurnische sehen, wo mit verschränkten Armen der Inspizient stand und das Geschehen beobachtete. Hinter ihn hatten sich die Schauspieler geschart, die gerade keinen Auftritt hatten.

Etwas abseits standen zwei Garderobieren und schauten zu. Von der Bühne fiel Licht auf ihre Gesichter. Coralie Bournes Stimme ließ die Sätze wie Vögel in den Zuschauerraum fliegen.

Mike spähte aufmerksam zu Boden. Hatte er etwa mit dem Fuß eine Gasdichtung auseinander geschoben? Der Inspizientengehilfe kam vorbei, starrte ihn über die Schulter an und ging, an die Türen klopfend, den Durchgang hinunter.»Fünf Minuten bis zum Schlussvorhang, bitte. Fünf Minuten. «Der auf alt geschminkte Schauspieler kam hinter ihm heraus.»Gott, stinkt das hier nach Gas«, flüsterte er.»Eklig, was?«, erwiderte der Gehilfe. Sie starrten Mike argwöhnisch an und gingen dann zu der wartenden Gruppe hinüber. Der Mann sagte etwas zum Inspizienten, der daraufhin den Kopf reckte und schnüffelte. Dann machte er eine ungeduldige Handbewegung, wandte sich wieder zum Souffleurkasten hinüber und reichte über den Kopf der Souffleuse. Als irgendwo in den Soffitten eine Klingel ertönte, sah Mike einen Bühnenarbeiter auf die Steuerbühne klettern.

Das Grüppchen neben der Souffleurnische war ganz aufgeregt. Alle blickten nach hinten zum Eingang der Passage. Der Inspizientengehilfe nickte und kam zurückgerannt. Er klopfte an die erste Tür rechts.

« Mr. Cumberland! Mr. Cumberland! Auf die Bühne.« Er rüttelte an der Türklinke.» Mr. Cumberland! Sie sind dran. « Mike rannte in den Durchgang. Der Gehilfe hustete und würgte und riss ruckartig an der Tür.»Gas!«, sagte er.

«Gas!« «Treten Sie sie ein.« «Ich hole Mr. Reynolds.« Er war verschwunden. Der Durchgang war recht schmal.

Mike nahm die halbe Strecke zum Raum gegenüber Anlauf und rannte mit gesenktem Kopf, eine Schulter nach vorn, auf die Tür zu. Sie gab leicht nach, und ein plötzlich stärkerer, Übelkeit erregender Geruch geriet ihm in die Lungen. Ein gewaltiger Lärm hatte eingesetzt, und während er erneut ausholte, dachte er:»Draußen hagelt es.« «Moment mal bitte, Sir.« Es war ein Bühnenarbeiter. Er hatte Hammer und Schraubenzieher geholt und trieb nun den Schraubenzieher bis zum Anschlag zwischen Schloss und Türrahmen, um die Tür auszuhebeln. Schrauben ächzten, Holz splitterte und Gas strömte in den Durchgang.»Keine Fenster«, hustete der Bühnenarbeiter.

Mike wand sich Alleyns Schal um Mund und Nase.

Schon fast vergessene Verhaltensregeln bei Gasschutzübungen kamen ihm wieder in den Sinn. Der Raum sah seltsam aus, doch konnte er den auf dem Stuhl kauernden Mann recht deutlich erkennen. Er duckte sich und stürmte hinein.

Überall anstoßend, schleifte er die schwere, leblose Last rückwärts hinaus. Dabei kribbelte es ihm in den Armen.

Ein hoher Ton summte unablässig in seinem Hirn. Wie schwebend kam er ein kurzes Stück voran, dann sank er zwischen mehreren Beinpaaren auf den Betonboden.

Irgendwo weit weg sagte jemand laut:»Ich kann Ihnen nur danken für die Freundlichkeit, mit der Sie ein — wie ich sehr wohl weiß — höchst unvollkommenes Stück aufnehmen.« Dann setzte wieder das Geräusch von Hagel ein. Ein himmlischer Schwall frischer Luft strömte ihm in Mund und Nase.»Ach, herrlich!«, dachte er und setzte sich auf.

Das Telefon klingelte.»Wie wär’s«, schlug Mrs. Alleyn vor,»wenn du es diesmal ignorierst.« «Vielleicht ist es der Yard«, entgegnete Alleyn und hob ab.

«Ist dort die Wohnung von Chief Inspector Alleyn? Ich rufe aus dem Jupiter-Theater an, um Ihnen zu sagen, dass der Chief Inspector hier ist. Ihm ist ein kleines Missgeschick passiert. Alles in Ordnung, aber ich glaube, es wäre gut, wenn ihn jemand nach Hause bringen könnte.

Kein Grund zur Sorge.« «Was denn für ein Missgeschick?«, fragte Alleyn.

«Er — äh — er hat ein bisschen Gas abgekriegt.« « Gas! Ist gut. Danke, ich komme.« «Ach, wie lästig, Liebling«, sagte Mrs. Alleyn.»Was für ein Fall ist es denn? Selbstmord?« «Hört sich ganz nach einer Maskerade an, wie sie im Buche steht … Mike ist in Schwierigkeiten.« «Um Gottes Willen, was denn für Schwierigkeiten?« «Er hat Gas abgekriegt. Ist aber nicht so schlimm. Gute Nacht, Liebling. Bleib wegen mir nicht auf.« Als er zum Theater kam, lag der vordere Teil des Zuschauerraums im Dunkeln. Er begab sich über die schmale Gasse zum Bühneneingang, wo er aufgehalten wurde.

«Scotland Yard«, sagte er und zeigte seinen offiziellen Ausweis.

«Ha«, sagte der Pförtner.»Wie viele von euch kommen denn noch?« «Der Mann dort drin hat für mich gearbeitet«, sagte Alleyn und ging hinein. Der Pförtner folgte ihm protestierend.

Rechts vom Eingang befand sich ein großer Kulissenraum, dessen Flügeltüren offen standen. Dort saß Mike in einem Lehnstuhl und war ziemlich blass um die Nase. Drei Männer und zwei Frauen, alle mit geschminkten Gesichtern, standen neben ihm, dahinter eine Gruppe Bühnenarbeiter mit Reynolds, dem Inspizienten, und etwas weiter weg drei Männer im Abendanzug. Die Männer schienen wie vom Donner gerührt. Die Frauen hatten geweint.

«Tut mir wirklich furchtbar Leid, Sir«, sagte Mike.»Ich habe versucht, es zu erklären. Das hier«, fügte er für die Anwesenden hinzu,»ist Inspector Alleyn.« «Ich versteh das alles nicht«, sagte der älteste der Männer im Abendanzug verärgert. Er wandte sich an den Pförtner.»Sie sagten doch — « «Ich hab seinen Ausweis gesehen — « «Weiß ich«, sagte Mike,»aber Sie müssen verstehen — « «Das ist Lord Michael Lamprey«, sagte Alleyn.»Ein Neuzugang im Polizeidezernat. Was hat sich hier abgespielt?« «Dr. Rankin, würden Sie — ?« Der zweite Mann im Abendanzug trat hinzu.»Ist gut, Gosset. Schlimme Sache, Inspector. Ich sagte gerade, man müsste die Polizei verständigen. Wenn Sie bitte mitkommen wollen — « Alleyn folgte ihm durch eine Tür auf die eigentliche Bühne, die spärlich beleuchtet war. In der Mitte hatte man einen Klapptisch aufgestellt, auf dem, mit einem Tuch bedeckt, eine unverkennbare Gestalt lag. Der allgegenwärtige Geruch von Gas hing schwer über dem Tisch.

«Wer ist das?« «Canning Cumberland. Er hatte die Tür zu seiner Garderobe abgeschlossen. Drinnen steht ein Gasofen. Ihr junger Freund schleifte ihn heraus, sehr beherzt, doch es war nichts mehr zu machen. Ich saß im Publikum. Gosset, der Intendant, hatte mich zum Abendessen eingeladen. Ein absolut klarer Fall von Selbstmord, Sie werden sehen.« «Am besten schaue ich mir mal den Raum an. War seither jemand drin?« «Gott, nein. Es war ziemlich mühsam, das Gas da rauszukriegen. Sie haben den Haupthahn abgedreht. Ein Fenster gibt es nicht. Sie mussten die Flügeltür hinter der Bühne und eine kleine Außentür unten am Durchgang aufmachen. Vielleicht kann man jetzt rein.« Er ging voran zum Garderobendurchgang.»Immer noch ziemlich dicke Luft«, sagte er.»Das erste Zimmer rechts ist es. Sie haben die Tür aufgebrochen. Bleiben Sie besser dicht am Fußboden.« Die starken Lampen über dem Spiegel brannten, und der Raum wirkte immer noch benutzt. Das Gasöfchen stand links an der Wand. Alleyn hockte sich daneben nieder.

Das Ventil war immer noch aufgedreht, der Hebel stand parallel zum Boden. Auf dem Heizkörper, dem Gashahn selbst und dem Teppich daneben lag cremiger Puder. Auf der Ablage am Toilettentisch direkt neben dem Ofen stand eine Schachtel mit diesem Puder, weiter hinten waren unter dem Spiegel mehrere Tiegel mit Fettschminke aufgereiht. Daran schloss sich ein Waschbecken an, vor dem ein umgekippter Stuhl lag. Alleyn konnte Abdrücke von Schuhabsätzen ausmachen, die über den Teppichflor zu der Tür direkt gegenüber führten. Neben dem Waschbecken standen eine zu drei Vierteln geleerte Literflasche Whisky und ein Stumpenglas. Alleyn hatte genug gesehen und trat wieder auf den Durchgang hinaus.

«Absolut eindeutig«, wiederholte der dort ausharrende Arzt,»nicht wahr?« «Ich sehe mir noch die anderen Räume an.« Der Nachbarraum war wie der von Cumberland, nur spiegelverkehrt und etwas kleiner. Der Heizofen stand Rücken an Rücken mit dem von Cumberland. Auf der Ablage am Toilettentisch war fast das gleiche Sortiment von Fettschminketiegeln angeordnet. Auch an diesem Heizofen stand der Hahn offen. Es war genau das gleiche Fabrikat wie der andere, und Alleyn, von den Dämpfen hier weniger beeinträchtigt, konnte das Gerät ausgiebiger untersuchen. Es handelte sich um einen recht geläufigen Typ von Gasofen. Die Zuleitung erfolgte über ein Rohr durch einen flexiblen metallischen Schlauch mit Gummianschluss. Es gab zwei Gashähne, einen am Rohrende und einen an der Verbindung zwischen Schlauch und Ofen selbst. Alleyn zog den Schlauch ab und überprüfte die Verbindung. Sie war vollkommen in Ordnung, passte genau und war unten rot verfärbt. Alleyn fiel auf, dass ein rötlicher, drahtiger Faden daran haftete, der wie Dichtungsmaterial aussah. Ausströmungsöffnung und Hahn waren aus Messing, wobei der Hahn im aufgedrehten Zustand etwas überstand und dadurch parallel zum Fußboden lag. Hier war kein Puder verstreut.

Alleyn sah im Raum umher, ging wieder an die Tür und las das Schild:»Mr. Barry George.« Der Arzt folgte ihm zu den gegenüberliegenden Räumen auf der linken Seite des Durchgangs. Sie entsprachen in der Einrichtung den beiden, die er bereits gesehen hatte, waren allerdings voll Frauenkleider und enthielten ein vielseitigeres Sortiment an Fettschminke und Kosmetika.

In der Stargarderobe waren Unmengen von Blumen.

Alleyn las die Visitenkarten. Besonders eine fiel ihm ins Auge:»Von Anthony Gill mit einem völlig unzureichenden Dankeschön für die großartige Idee. «Vor dem Spiegel stand eine Vase mit roten Rosen:»Auf deinen größten Triumph, Coralie, mein Liebling. C.C. «In Miss Gays Zimmer waren nur zwei Sträuße, einer von der Theaterleitung und einer» in Liebe, von Anthony«.

Auch hier zog er in jedem Zimmer die Zuleitung aus dem Heizofen und besah sich das Verbindungsstück.

«Sind in Ordnung, nicht?«, fragte der Arzt.

«Ganz in Ordnung. Passen genau. Aus gutem, festem grauem Gummi.« «Na, dann …« Dahinter befand sich ein unbenutzter Raum und gegenüber der von» Mr. H.J. Bannington«. In keinem der beiden stand ein Gasöfchen. Mr.

Banningtons Garderobentisch war mit der üblichen Ansammlung von Fettschminke übersät, Material für seinen Bart, zahlreichen Telegrammen und Briefen und mehreren Rechnungen.

«Was die Leiche betrifft …«, begann der Arzt.

«Wir lassen einen Wagen vom Leichenschauhaus kommen.« «Aber … in einem derartigen Fall von Selbstmord ist doch …« «Ich glaube nicht, dass es Selbstmord war.« «Aber, gütiger Himmel! — Wollen Sie damit sagen, es war ein Unfall?« «Es war kein Unfall«, sagte Alleyn.

Um Mitternacht strahlten die Garderobenlichter im Jupiter-Theater hell, und einige Männer machten sich dort mit ihrem jeweiligen Handwerkszeug zu schaffen. Ein Wachtmeister stand am Bühneneingang, im Hof wartete ein Lieferwagen. Der Zuschauerraum war schwach beleuchtet, und dort im düsteren Parkett saßen Coralie Bourne, Basil Gosset, H. J. Bannington, Dendra Gay, Anthony Gill, Reynolds, Katie, die Garderobiere, und der Inspizientengehilfe. Ein Wachtmeister saß hinter ihnen, ein weiterer stand an der Flügeltür zum Foyer. Sie starrten über die Sitze hinweg auf den eisernen Vorhang. Von ihren Zigaretten erhob sich spiralförmig der Rauch, zu ihren Füßen lagen weggeworfene Programmhefte.»Basil Gosset präsentiert: ICH FINDE SCHON ALLEIN HINAUS von Anthony Gill.« Im Büro des Intendanten sagte Alleyn:»Sind Sie sich der Tatsachen ganz sicher, Mike?« «Ja, Sir. Ehrlich. Ich stand direkt am Zugang zur Passage. Sie haben mich nicht gesehen, weil ich im Schatten war. Hinter der Bühne war es sehr dunkel.« «Das werden Sie unter Eid aussagen müssen.« «Ich weiß.« «Gut. Na denn, Thompson. Miss Gay und Mr. Gosset können nach Hause gehen. Bitten Sie Miss Bourne herein.« Nachdem Sergeant Thompson gegangen war, sagte Mike:»Ich hatte noch keine Gelegenheit zu sagen, dass mir klar ist, dass ich mich wie ein Vollidiot aufgeführt habe. Weil ich Ihre Visitenkarte benutzt habe und so.« «Leichtsinn und Übermut kommen beim Yard nicht sehr gut an, Mike. Sie haben sich wie ein Clown benommen.« «Ich bin wirklich ein Idiot«, sagte Mike zerknirscht.

Der rote Bart lag vor Alleyn auf Gossets Schreibtisch. Er hob ihn hoch und hielt ihn vor sich hin.»Kleben Sie ihn an«, sagte er.

«Dann fällt sie womöglich gleich wieder in Ohnmacht.« «Glaube ich nicht. Und jetzt den Hut; ja — ja, jetzt verstehe ich. Kommen Sie rein.« Sergeant Thompson führte Coralie Bourne herein und setzte sich dann mit seinem Notizblock ans untere Ende des Schreibtischs.

Tränen hatten sich durch die Puderschicht auf ihrem Gesicht gegraben, dabei schwarze Wimperntusche mitgenommen und in der Fettschminke eine glänzende Schneckenspur hinterlassen. Sie blieb neben der Tür stehen und sah Mike ausdruckslos an.»Ist er wieder in England?«, fragte sie.»Hat er Ihnen befohlen, das zu tun?« Sie machte eine ungeduldige Handbewegung.»So nehmen Sie ihn doch ab«, sagte sie,»es ist ein furchtbar schlechter Bart. Hätte Cann nur genau hingesehen …« Ihre Lippen bebten.»Wer hat Sie geheißen, das zu tun?« «Niemand«, stammelte Mike und stopfte den Bart in die Tasche.

«Ich meine — also, eigentlich, Tony Gill — « « Tony? Aber der hatte doch keine Ahnung. Tony würde so was nicht tun. Es sei denn — « «Es sei denn?«, sagte Alleyn.

Stirnrunzelnd meinte sie:»Tony wollte nicht, dass Cann die Rolle so spielte. Er war außer sich.« «Er behauptet, es war sein Kostüm für den Künstlerball in Chelsea«, murmelte Mike.»Ich habe es hergebracht.

Ich dachte mir, ich — ich weiß, es war idiotisch — ich ziehe es zum Spaß einfach mal an. Ich hatte keine Ahnung, dass Mr. Cumberland und Sie sich daran stören würden.« «Bitten Sie Mr. Gill herein«, sagte Alleyn.

Anthony war blass und wirkte verwirrt und hilflos.»Ich habe es Mike gesagt«, meinte er.»Es war mein Kostüm für den Ball. Man hat es mir heute Nachmittag vom Kostümverleih hergeschickt, aber ich habe es ganz vergessen. Dendra erinnerte mich und rief in der Zwischenzeit den Botendienst an — beziehungsweise Mike, wie sich dann herausstellte.« «Warum«, wollte Alleyn wissen,»haben Sie diese spezielle Verkleidung gewählt?« «Habe ich gar nicht. Ich wusste nicht, was ich anziehen sollte, und war zu nervös, um mir etwas zu überlegen. Sie sagten, sie würden sich selber auch Sachen ausleihen und mir etwas besorgen. Sie sagten, wir spielen alle Figuren aus einem russischen Melodram.« «Wer sagte das?« «Nun — um ehrlich zu sein, es war Barry George.« « Barry«, sagte Coralie Bourne.» Es war also Barry. « «Ich verstehe nicht ganz«, sagte Anthony.»Wieso sollte ein Kostüm alle so aus der Fassung bringen?« «Zufällig«, sagte Alleyn,»handelte es sich dabei um die genaue Nachbildung dessen, was Miss Bournes Gatte gewöhnlich trug, der auch einen roten Bart hatte. So war es doch, Miss Bourne, nicht wahr? Ich erinnere mich, ihn gesehen zu haben — « «O ja«, sagte sie.»Das kann gut sein. Er war bei der Polizei bekannt. «Plötzlich brach sie völlig zusammen. Sie saß in einem Lehnsessel neben dem Schreibtisch, jedoch außerhalb des Lichtkegels der dort stehenden Lampe.

Coralie wand sich, verzerrte das Gesicht und schlug mit der Hand auf die gepolsterte Armlehne. Sergeant Thompson saß mit gesenktem Kopf da, die Hand über seine Notizen gelegt. Nach einem jammervollen Blick zu Alleyn wandte Mike sich ab. Anthony Gill beugte sich über sie.»Nicht«, sagte er heftig,»nicht! Um Gottes willen, so hören Sie doch auf.« Sie machte sich von ihm los, packte die Schreibtischkante und wandte sich an Alleyn, während sie nach und nach die Selbstbeherrschung wiedererlangte.

«Ich will es Ihnen erzählen. Damit Sie es verstehen. Hören Sie zu. «Ihr Mann sei unsäglich grausam gewesen, sagte sie.»Es war wie eine Art Sklaverei. «Doch als sie die Scheidung einreichte, brachte er ihnen Beweise für den Ehebruch mit Cumberland. Sie hatten angenommen, er wüsste von nichts.

«Es gab eine entsetzliche Szene. Er sagte, er würde weggehen. Er sagte, er würde uns im Auge behalten, und wenn ich noch einmal versuchen sollte, mich scheiden zu lassen, käme er wieder. Damals war er eng mit Barry befreundet. «Er hatte den ersten Entwurf eines Theaterstücks dagelassen, das er für sie und Cumberland hatte schreiben wollen. Darin gab es einen wunderbaren Auftritt für beide.»Jetzt kriegst du es nie«, hatte er gesagt, «weil es außer mir keinen Dramatiker gibt, der dieses Stück für dich schreiben könnte. «Er war zwar, wie sie sagte, ein melodramatischer Mensch, jedoch niemals lächerlich. Er kehrte in die Ukraine zurück, wo er geboren war, und sie hatten nichts mehr von ihm gehört. Schon bald würde sie ihn für tot erklären lassen können. Doch das jahrelange Warten war Canning Cumberland nicht bekommen. Ständig trank er, und in seinen schlimmsten Phasen stellte er sich vor, dass die Rückkehr ihres Mannes unmittelbar bevorstand.»Er hatte furchtbare Angst vor Ben«, sagte sie.»Er kam ihm wie ein Ungeheuer in einem Albtraum vor.« Anthony Gill sagte:»Dieses Stück — war es — ?« «Ja. Zwischen Ihrem und seinem Stück bestand eine außerordentliche Ähnlichkeit. Ich erkannte gleich, dass Bens zentrale Szene Ihr Stück enorm aufwerten würde.

Cann war dagegen, dass ich es Ihnen gebe. Barry war eingeweiht und meinte, warum nicht? Er hatte es auf Canns Rolle abgesehen und war furchtbar sauer, als er sie nicht bekam. Sie verstehen also, als er den Vorschlag machte, Sie sollten sich als Ben verkleiden und schminken

— «Sie wandte sich an Alleyn.»Verstehen Sie?« «Wie reagierte Cumberland denn, als er Sie sah?«, wollte Alleyn von Mike wissen.

«Er machte so eine seltsame Handbewegung, als ob er – nun, als erwartete er, dass ich auf ihn losgehen würde.

Dann stürzte er in sein Zimmer.« «Er dachte, Ben sei zurückgekommen«, sagte sie.

«Waren Sie nach Ihrer Ohnmacht zu irgendeinem Zeitpunkt allein?«, fragte Alleyn.

«Ich? Nein. Nein, war ich nicht. Katie brachte mich in meine Garderobe und blieb bei mir bis zu meinem Auftritt in der letzten Szene.« «Noch eine Frage. Können Sie sich vielleicht zufällig erinnern, ob mit dem Ofen in Ihrem Zimmer irgendetwas nicht in Ordnung war?« Erschöpft blickte sie ihn an.»Ja, hat irgendwie geknallt.

Da bin ich erschrocken. Ich war nervös.« «Gingen Sie direkt von ihrem Zimmer auf die Bühne?« «Ja, mit Katie. Als wir herauskamen, wollte ich noch zu Cann hinüber und versuchte es an seiner Tür. Sie war abgeschlossen. Er sagte, ›Komm nicht herein.‹ Ich sagte:

›Alles in Ordnung, es war gar nicht Ben‹, und ging auf die Bühne.« «Ich habe Miss Bourne gehört«, sagte Mike.

«In der Zwischenzeit muss er sich dazu entschlossen haben. Er war furchtbar betrunken, als er seine letzte Szene spielte. «Sie strich sich das Haar aus der Stirn.

«Darf ich jetzt gehen?«, fragte sie Alleyn.

«Ich habe ein Taxi gerufen. Mr. Gill, sehen Sie mal nach, ob es da ist? Würden Sie so lange im Foyer warten, Miss Bourne?« «Kann ich Katie mit nach Hause nehmen?« «Sicher. Thompson bringt sie her. Sollen wir sonst noch jemanden holen?« «Nein, danke. Bloß die gute alte Katie.« Alleyn hielt ihr die Tür auf und sah ihr nach, als sie ins Foyer trat.»Regeln Sie das mit der Garderobiere, Thompson«, murmelte er,»und holen Sie Mr. H. J. Bannington.« Er sah, wie Coralie Bourne sich auf die unterste Treppenstufe zum ersten Rang setzte und den Kopf an die Wand lehnte. Nicht weit von ihr auf einer vergoldeten Staffelei lächelte ein riesiges Foto von Canning Cumberland sie einnehmend an.

H.J. Bannington sah ziemlich elend aus. Er war sich mit der Hand übers Gesicht gefahren und hatte sein Make-up verschmiert. Üppige rote Lippenfarbe hatte das billige Kunsthaar befleckt, das angeklebt und zu einem Bart geformt worden war. Sein Monokel klemmte ihm noch im linken Auge, was ihm ein ungeheuer verwegenes Aussehen verlieh.»Hören Sie«, beklagte er sich,»jetzt habe ich aber genug von diesem Tamtam. Wann können wir nach Hause?« Alleyn murmelte ein paar beschwichtigende Phrasen und brachte ihn dazu, sich zu setzen. Er prüfte, wo H. J. sich nach Cumberlands Abgang von der Bühne aufgehalten hatte, und stellte fest, dass sein Bericht mit dem von Mike übereinstimmte. Als er sich erkundigte, ob H.J. vielleicht noch in einer der anderen Garderoben gewesen war, wurde ihm eisig beschieden, dass H.J. durchaus wusste, welcher Platz im Ensemble ihm zukam.»Danke der Nachfrage, aber ich bin in meinem unbeheizten, schäbigen Kabuff geblieben.« «Wissen Sie, ob Mr. Barry George dies ebenfalls getan hat?« «Keine Ahnung, alter Knabe. Bei mir war er jedenfalls nicht.« «Haben Sie vielleicht irgendwelche Theorien über diese unerquickliche Geschichte, Mr. Bannington?« «Wieso Cann es getan hat, wollen Sie damit sagen? Na ja, über Tote soll man ja nicht schlecht reden, aber ich hätte mir gedacht, es war ziemlich offensichtlich, dass er sturzbesoffen war. Voll wie eine Strandhaubitze, als wir mit dem zweiten Akt fertig waren. Fragen Sie mal den famosen Mr. Barry George. Dem hat Cann seinen großen Auftritt gründlich vermasselt und ihn ganz schön erbärmlich dastehen lassen. Künstlerisch völlig daneben, aber so war Cann nun mal, wenn er zu tief ins Glas geschaut hatte. «H.J.s böse Äuglein verengten sich.»Der große Mr. George«, sagte er,»muss sich ja inzwischen sehr unwohl fühlen in seiner Haut. Man könnte sagen, er hat einen Selbstmord auf dem Gewissen, meinen Sie nicht? Oder wissen Sie das noch nicht so genau?« «Es war kein Selbstmord.« Das Monokel plumpste H. J. aus dem Auge.»Gütiger Himmel!«, sagte er.»Gott, ich hab’s Bob Reynolds aber gesagt! Ich habe ihm gesagt, die ganze Anlage muss auf Vordermann gebracht werden.« «Die Gasheizung, meinen Sie?« «Sicher. Ich war vor Jahren selbst in der Gasbranche tätig. In gewissem Sinn könnte man sogar sagen, ich bin es immer noch, ha, ha!« «Ha, ha!«, pflichtete Alleyn ihm höflich bei. Er beugte sich vor.

«Einen Gasmann können wir heute Abend nicht mehr auftreiben, aber es kann durchaus sein, dass wir den Rat eines Experten brauchen. Sie können uns helfen.« «Hm, alter Knabe, ich hatte mich eigentlich auf ein hübsches Nickerchen gefreut. Aber natürlich — « «Ich werde Sie nicht lange aufhalten.« «Gott, das will ich hoffen!«, versetzte H. J. ernsthaft.

Barry George war für den letzten Akt blass geschminkt worden. Farblose Lippen sowie Schatten unter Wangenknochen und Augen hatten seine Rolle als heimgekehrter, jedoch seelisch gebrochener Kriegsgefangener wirkungsvoll unterstrichen. Nun, im grellen Schein der Bürolampe, sah er wie eine stark übertriebene Trauergestalt aus. Er begann Alleyn sofort zu beteuern, wie untröstlich und entsetzt er doch sei. Zwar, meinte er, habe jeder seine Fehler, da habe der arme alte Cann keine Ausnahme gemacht, aber sei es denn nicht schrecklich, sich vorzustellen, was aus einem Menschen werden konnte, der sich gehen ließ? Er, Barry George, sei nun mal ungewöhnlich empfindsam und glaube nicht, den furchtbaren Schock jemals recht verwinden zu können, den dies für ihn darstellte. Was, so frage er sich, könnte dem zugrunde liegen? Warum hatte der arme alte Cann beschlossen, mit allem Schluss zu machen?

«Miss Bournes Theorie«, begann Alleyn. Mr. George lachte.

«Coralie?«, sagte er.»Sie hat also eine Theorie! Na ja, lassen wir das.« «Ihre Theorie ist folgende: Cumberland sah einen Mann, den er irrtümlich für ihren Ehemann hielt, und da er eine krankhafte Angst vor dessen Rückkehr hatte, trank er eine Flasche Whisky fast vollständig aus und vergiftete sich mit Gas. Die Kleidung und der Bart, die ihn so in die Irre führten, haben meines Wissens Sie für Mr. Anthony Gill bestellt.« Diese Behauptung zeitigte eine durchschlagende Wirkung. Barry George erging sich in einem Schwall von Einwänden und entschuldigenden Erklärungen. Nicht im Entferntesten habe er daran gedacht, den armen alten Ben wieder auferstehen zu lassen, der jetzt zweifellos tot, aber doch in vieler Hinsicht einer der Besten gewesen war. Sie hatten doch alle vorgehabt, als übertriebene Figuren aus einem Melodram auf den Kostümball zu gehen. Nicht um alles in der Welt — Er gestikulierte und protestierte. Am Haaransatz brach ihm der Schweiß aus.»Ich weiß nicht, worauf Sie hinauswollen«, rief er.»Was behaupten Sie da?« «Ich behaupte unter anderem, dass Cumberland ermordet wurde.« «Sie sind wahnsinnig! Er selber hatte sich eingeschlossen. Man musste die Tür aufbrechen. Ein Fenster gibt es nicht. Sie sind verrückt!« «Verzichten wir doch«, sagte Alleyn genervt,»auf den Unsinn mit den verschlossenen Räumen. Also, Mr. George, Sie kannten Benjamin Wlasnoff ziemlich gut.

Wollen Sie uns etwa erzählen, bei Ihrem Vorschlag, Mr.

Gill sollte einen Mantel mit Pelzkragen, einen schwarzen Schlapphut, schwarze Handschuhe und einen roten Bart tragen, sei Ihnen nie der Gedanke gekommen, er könnte mit dieser Verkleidung Miss Bourne und Cumberland einen Schrecken einjagen?« «Ich war nicht der Einzige«, brauste er auf.»H. J. wusste Bescheid. Und wenn es ihn verschreckt hätte, hätte ihr das wohl nicht sonderlich Leid getan. Sie hatte die Nase ziemlich voll von ihm. Jedenfalls, wenn es Mord ist, hat das Kostüm nichts damit zu tun.« «Das«, versetzte Alleyn und erhob sich,»werden wir hoffentlich noch herausfinden.« Neben dem Gasöfchen in Barry Georges Garderobe stand Sergeant Bailey, ein Spezialist für Fingerabdrücke.

Sergeant Gibson, der Polizeifotograf, und ein uniformierter Wachtmeister befanden sich in der Nähe der Tür. In der Mitte des Raums stand Barry George, sah von einem zum anderen und zupfte nervös an seiner Lippe herum.

«Ich weiß nicht, wieso er will, dass ich mir das alles anschaue«, sagte er.»Ich bin erschöpft. Ich bin emotional am Ende. Was macht er denn? Wo steckt er?« Alleyn war mit H. J., Mike und Sergeant Thompson nebenan in Cumberlands Garderobe. Die war mittlerweile ziemlich frei von Gasdämpfen, und das Öfchen brannte behaglich. Sergeant Thompson streckte sich bequem auf dem Sessel neben dem Heizofen aus, hielt den Kopf gesenkt und die Augen geschlossen.

«Die Theorie ist folgende, Mr.

Bannington«, sagte Alleyn.»Sie und Cumberland gingen zum letzten Mal von der Bühne ab. Miss Bourne, Mr. George und Miss Gay sind auf der Bühne. Lord Michael steht draußen direkt am Eingang zur Passage. Garderobieren und Bühnenarbeiter sehen von der Seite her zu. Cumberland hat sich sturzbetrunken in seiner Garderobe eingeschlossen und schläft tief. Das Gasöfchen brennt auf höchster Stufe.

Zuvor hatte er Puder aufgelegt, und eine dicke Puderschicht liegt ungestört auf dem Gasanschluss. Also.« Er klopfte an die Wand.

Mit einem scharfen Knall erlosch das Feuer, gefolgt vom Zischen ausströmenden Gases. Alleyn drehte die Gashähne zu.»Sehen Sie«, sagte er,»ich habe auf der gepuderten Oberfläche einen ausgezeichneten Abdruck hinterlassen. Und jetzt kommen Sie mit nach nebenan.« Nebenan redete Barry George stammelnd auf ihn ein:

«Aber ich hatte ja keine Ahnung. Ich kenne mich damit nicht aus. Ich weiß nichts davon.« «Zeigen Sie es Mr. Bannington, Bailey, ja?« Bailey kniete sich hin. Die Zuleitung war vom Ventil am Ofen getrennt. Er öffnete den Gashahn in der Leitung und blies in den Schlauch.

«Ein Luftstau, sehen Sie. Es funktioniert perfekt.« H.J. starrte Barry George fassungslos an.»Aber ich weiß doch gar nichts über Gas, H.J … H.J., sagen Sie ihnen doch — « «Einen Moment. «Alleyn entfernte die Handtücher, die über die Ablage am Toilettentisch gebreitet waren, und förderte dabei ein leeres Blatt Papier zutage, auf dem das aufsteckbare Verbindungsteil aus Gummi lag.

«Wollen Sie bitte diese Lupe nehmen, Bannington, und sich das ansehen. Sie werden feststellen, dass es mit grellroter Farbe befleckt ist. Ein sehr schwacher Fleck, aber eindeutig Fettschminke. Und direkt über dem Fleck werden Sie ein drahtiges Haar erkennen. So ähnlich wie Dichtungsmaterial, ist es aber nicht. Es ist Kunsthaar, nicht wahr?« Die Lupe verharrte zitternd über dem Papier.

«Kommen Sie, ich halte sie Ihnen«, sagte Alleyn. Er griff H.J. über die Schulter, zupfte ihm flink ein Büschel aus dem falschen Schnurrbart und ließ es auf das Papier fallen.»Identisch, sehen Sie. Orangegelb. Scheint mit Mastix am Verbindungsteil festzukleben.« Die Lupe fiel herunter. H.J. wirbelte herum, fixierte Alleyn eine Sekunde lang und versetzte ihm dann mit voller Wucht einen Faustschlag ins Gesicht. Obwohl er ziemlich klein war, waren drei Mann nötig, um ihn festzuhalten.

«In gewissem Sinn, Sir, ist es praktisch, wenn sie einem in die Fresse hauen«, sagte Sergeant Thompson eine halbe Stunde später.

«Dann kann man sie einfach hochnehmen und sich das Getue sparen von wegen ›würden Sie aufs Revier kommen und eine Aussage machen‹.« «Stimmt«, sagte Alleyn und rieb sich den Unterkiefer.

Mike sagte:»Er muss in die Garderobe gegangen sein, nachdem Barry George und Miss Bourne zu ihrem Auftritt gerufen worden waren.« «Genau. Er musste sich beeilen. Wenn der Inspizientengehilfe kam, musste er schon wieder in seinem eigenen Zimmer sein.« «Aber — was ist mit dem Tatmotiv?« «Das, mein lieber Mike, ist genau der Grund, weshalb wir um halb zwei Uhr morgens immer noch in diesem erbärmlichen Theater sitzen. Sie erhalten hier soeben einen Einblick in die trüberen Seiten der Arbeit einer Mordkommission. Wollen Sie nach Hause?« «Nein. Geben Sie mir noch einen Auftrag.« «Also gut. Etwa dreieinhalb Meter vom Souffleuraufgang steht eine Art Abfalleimer. Durchsuchen Sie ihn.« Um siebzehn Minuten vor zwei, als die Garderoben und der Durchgang abgesucht waren und Alleyn eine Pause angeordnet hatte, kam Mike mit verdreckten Händen zu ihm.» Heureka«, sagte er,»hoffe ich jedenfalls.« Alle gingen in Banningtons Zimmer. Alleyn breitete die Papierschnipsel, die Mike ihm gegeben hatte, auf dem Toilettentisch aus.

«Die hat jemand ganz nach unten in den Eimer geschoben«, sagte Mike.

Alleyn schob die Schnipsel umher. Thompson pfiff durch die Zähne. Bailey und Gibson brummten einander etwas zu.

«Da haben wir’s«, sagte Alleyn endlich.

Sie scharten sich um ihn. Der Brief, den H.J. Bannington sechs Stunden und fünfundvierzig Minuten zuvor hier an diesem Tisch geöffnet hatte, war wie ein Puzzle zusammengesetzt.

«Lieber H.J., nach Einsicht meines monatlichen Kontoauszugs stattete ich meiner Bank heute Morgen einen Besuch ab und bekam einen Scheck gezeigt, bei dem es sich zweifellos um eine Fälschung handelt. Deiner schauspielerischen Wandlungsfähigkeit, mein lieber H. J., kommt nur noch deine Verwegenheit als Schriftkünstler gleich. Doch Ruhm hat auch seine Nachteile. Die Kassiererin erkannte dich. Ich beabsichtige, gerichtliche Schritte einzuleiten.« «Ohne Unterschrift«, sagte Bailey.

«Sehen Sie sich die Visitenkarte bei den roten Rosen in Miss Bournes Zimmer an, signiert mit C.C. Eine sehr auffällige Handschrift. «Alleyn wandte sich an Mike.

«Wollen Sie immer noch Polizist werden?« «Ja.« «Gott steh Ihnen bei. Kommen Sie morgen in mein Büro, dann reden wir drüber.« «Danke, Sir.« Sie gingen hinaus, ließen einen Dienst habenden Wachtmeister dort zurück. Es war ein kalter Morgen.

Mike blickte zur Fassade des Jupiter-Theaters hoch. Er konnte die Schrift auf dem Neonschild gerade noch ausmachen: ICH FINDE SCHON ALLEIN HINAUS — von Anthony Gill.

Sommerleute

von SHIRLEY JACKSON

Shirley Hardie Jackson (1916-65) war als Romanautorin und Kurzgeschichtenerzählerin sehr produktiv, doch wird ihr Name vor allem mit einer ganz bestimmten Erzählung in Verbindung gebracht —»The Lottery«(1948; dt. Die Lotterie). Geboren in San Francisco, wuchs Jackson in Burlingame, Kalifornien auf und studierte an den Universitäten von Rochester und Syracuse. Ihre erste größere Veröffentlichung, eine Kurzgeschichte mit dem Titel» My Life with R.H. Macy«, erschien 1941 in The New Republic. 1948 kam ihr erster Roman heraus, The Road Through the Wall, und im gleichen Jahr wurde» The Lottery «im New Yorker veröffentlicht und beschwor eine große Kontroverse herauf. Wie Jackson in ihrem Essay «Biography of a Story«(1960) beschreibt, konnte keiner der Geschichte etwas abgewinnen (auch nicht Jacksons Agentin und der Verleger, der sie kaufte). Harold Ross, der Herausgeber des New Yorker, verstand sie nicht, und sie rief eine Flut von verstörten Leserbriefen hervor.

Jackson, wegen ihrer berühmten Story auf Horror und Übernatürliches festgelegt, war jedoch weit vielseitiger, und neben Kinderbüchern umfasst ihr Werk auch den unbeschwert häuslich-humorvollen Aspekt in ihren Autobiografien Life among the Savages (1953) und Raising Demons (1957).

Jacksons berühmtes Gespür für den subtil angedeuteten Horror entwickelte sich recht früh, etwa in ihrer knappen Kurzgeschichte» Janice«(1938), in der eine Collegestudentin auf unglaublich lässige Art ihren Selbstmordversuch beschreibt. Wie Jacksons Ehemann Stanley Edgar Hyman in seiner Einleitung zur posthum veröffentlichten Sammlung mit dem Titel Come Along with Me (1968) beschreibt, führte diese während ihrer frühen Studienzeit in Syracuse verfasste Geschichte zur ersten Begegnung des Paars.

«Sommerleute «ist eine subtile, auf verstörende Weise unaufgelöste Erzählung, in der eine immer größer werdende Bedrohung in den Alltag einbricht. Ist es eine Allegorie, eine Horrorstory, eine Kriminalgeschichte?

Sterben die Allisons am Ende oder werden sie von irgend jemandem terrorisiert? Die Geschichte macht die Leser zu Detektiven, ohne deren Schlussfolgerungen jedoch unbedingt zu belegen.

Das Sommerhäuschen der Allisons war sieben Meilen vom nächsten Ort entfernt hübsch auf einem Hügel gelegen. Auf drei Seiten blickte man hinunter auf eine sanfte Baumlandschaft und Wiesen, die auch mitten im Sommer selten vertrockneten. Auf der vierten Seite befand sich, dicht am hölzernen Bootssteg, den die Allisons immer wieder reparieren mussten, der See, der von ihrer Veranda vorm Haus, von der seitlichen Veranda oder jedem Punkt auf der Holztreppe, die von der Veranda ans Wasser hinunterführte, immer gleich gut aussah. Obwohl die Allisons ihr Sommerhaus liebten, sich schon im Frühsommer auf die Ankunft dort freuten und im Herbst nur ungern wieder wegfuhren, hatten sie sich nicht die Mühe gemacht, irgendwelche Verbesserungen vorzunehmen, denn ihnen bedeuteten Haus und See schon Verbesserung genug für das Leben, das ihnen noch verblieb. Das Haus hatte keine Heizung, bis auf die spärliche Versorgung aus der Wasserpumpe im Hof kein fließendes Wasser und keinen Strom. Siebzehn Sommer lang hatte Janet Allison auf einem Petroleumherd gekocht und ihren gesamten Wasserbedarf heiß gemacht, Robert Allison hatte jeden Tag eimerweise Wasser von der Pumpe hereingetragen und abends seine Zeitung im Schein der Petroleumlampe gelesen, und auch als hygienebewusste Stadtmenschen hatten sie es gelernt, ihr Aborthäuschen als selbstverständlich hinzunehmen. In den ersten zwei Jahren hatten sie all die üblichen Variete- und Zeitschriftenwitze über Aborthäuschen erzählt, sich inzwischen aber, seit nicht mehr oft Gäste kamen, die es zu beeindrucken galt, in behaglicher Sicherheit eingerichtet, in der das Aborthäuschen, ebenso wie Pumpe und Petroleum, zu einem unerlässlichen Bestandteil ihres Sommerlebens zählte.

Die Allisons waren an sich ganz normale Leute.

Mrs. Allison war achtundfünfzig Jahre alt, Mr. Allison sechzig. Ihre Kinder waren dem Sommerhäuschen mittlerweile entwachsen und fuhren mit ihren eigenen Familien ans Meer in Urlaub. Ihre Freunde waren entweder gestorben oder hatten sich das ganze Jahr über in behaglichen Häusern niedergelassen, und ihre Nichten und Neffen wollten sich immer nicht festlegen. Im Winter versicherten sie einander, in ihrer Wohnung in New York ließe es sich doch aushalten, solange man auf den Sommer wartete, und im Sommer sagten sie sich, den Winter würde man auch durchstehen, während man darauf wartete, wieder aufs Land zu fahren.

Da sie alt genug waren, sich ihrer festen Angewohnheiten nicht zu schämen, verließen die Allisons ihr Sommerhaus immer regelmäßig Anfang September am Dienstag nach dem Labor Day, und regelmäßig tat es ihnen wieder Leid, wenn das Wetter im September und Anfang Oktober noch so schön wurde, dass es in der Stadt fast unerträglich öde war. Jedes Jahr stellten sie von neuem fest, dass sie nichts nach New York zurückzog, doch erst in diesem Jahr überwanden sie ihre übliche Trägheit so weit, dass sie beschlossen, nach dem Labor Day noch im Häuschen zu bleiben.

«Es gibt eigentlich gar nichts, was uns in die Stadt zurücktreibt«, sagte Mrs. Allison zu ihrem Mann so ernst, als handelte es sich um eine neue Idee, und er erwiderte ihr, als hätte keiner von beiden es je in Betracht gezogen:

«Dann lass uns doch das Landleben noch so lange wie möglich genießen.« Und so fuhr Mrs. Allison hocherfreut und mit einem etwas abenteuerlichen Gefühl am Tag nach Labor Day in ihr Dorf und erzählte den Ortsansässigen, mit denen sie Umgang pflegte, in der hübschen Manier derjenigen, die von der Tradition abweichen, sie und ihr Mann hätten beschlossen, noch mindestens einen Monat länger in ihrem Sommerhaus zu bleiben.

«Es ist ja nicht so, als müssten wir unbedingt in die Stadt zurück«, sagte sie zu Mr.

Babcock, ihrem Lebensmittelhändler.»Da können wir doch das Landleben genießen, solange es noch geht.« «Nach Labor Day ist noch nie jemand am See geblieben«, sagte Mr.

Babcock. Er packte soeben Mrs. Allisons Einkäufe in einen großen Pappkarton und hielt kurz inne, um nachdenklich in eine Tüte Plätzchen zu spähen.»Niemand«, fügte er hinzu.

«Aber die Stadt!«Über die Stadt sprach Mrs. Allison zu Mr.

Babcock immer in einem Ton, als wäre es Mr. Babcocks Traum, dorthin zu gehen.»Es ist so heiß – Sie haben ja keine Ahnung. Es tut uns immer Leid, wenn wir wegfahren.« «Fahren ungern weg«, sagte Mr. Babcock. Eine der iritierendsten Eigenheiten der Ortsansässigen, die Mrs. Allison aufgefallen waren, bestand darin, eine triviale Bemerkung aufzugreifen und in eine noch banalere Bemerkung umzumünzen.»Würd auch nicht gern wegfahren«, sagte Mr.

Babcock nach reiflicher

Überlegung, woraufhin er und Mrs.

Allison beide lächelten.»Habe aber noch nie gehört, dass jemand nach Labor Day draußen am See geblieben wäre.« «Nun, wir werden es mal ausprobieren«, sagte Mrs.

Allison, und Mr.

Babcock erwiderte bedeutsam:

«Probieren geht über studieren.«

Äußerlich, fand Mrs. Allison jedes Mal, wenn sie nach einem ihrer vagen Gespräche mit Mr. Babcock davonging, äußerlich könnte Mr. Babcock für eine Statue von Daniel Webster, dem amerikanischen Politiker, Modell stehen, aber geistig … schrecklich, wenn man überlegte, wie tief der Typus des guten alten New-England-Yankee gesunken war. Sie sagte etwas in dem Sinn zu Mr. Allison, als sie ins Auto einstieg, und er meinte:»Das sind all die Generationen von Inzucht. Das und das karge Land.« Weil es ihr großer Stadttag war, zu dem sie nur alle zwei Wochen herfuhren, um die Dinge zu kaufen, die sie nicht geliefert bekamen, brachten sie den ganzen Tag damit zu, aßen im Zeitungs- und Getränkeladen ein Sandwich und stapelten die Päckchen hinten im Wagen. Obwohl Mrs. Allison die Lebensmittel auf Bestellung regelmäßig geliefert bekam, war sie nie in der Lage, sich von Mr. Babcocks jeweiligen Vorräten telefonisch ein genaues Bild zu machen, und so wurde ihre Liste von eventuell zu liefernden verschiedenen Kleinigkeiten fast immer über ihre Bedürfnisse hinaus ergänzt durch frisches, einheimisches Gemüse, das Mr.

Babcock zeitweilig verkaufte, oder die abgepackten Süßigkeiten, die gerade eingetroffen waren. Diesmal liebäugelte Mrs. Allison auch mit einem Set gläserner Backformen, das sich völlig unverhofft in der Mode-, Haushalts- und Eisenwarenhandlung fand und scheinbar bloß auf Mrs. Allison gewartet hatte, denn die Landbevölkerung mit ihrem angeborenen Misstrauen gegenüber allem, was nicht so beständig wie Bäume, Felsen und der Himmel aussah, hatte erst vor kurzem damit begonnen, mit Backformen aus Aluminium statt aus Gusseisen herumzuexperimentieren, und in der einheimischen Bevölkerung konnte man sich noch erinnern, wie man irdene Töpfe zugunsten des Gusseisens verworfen hatte.

Mrs.

Allison ließ sich die gläsernen Backformen sorgfältig einpacken, damit sie die unbequeme Heimfahrt über die holprige Landstraße zum Häuschen der Allisons gut überstanden, und während Mr. Charley Walpole — der zusammen mit seinem jüngeren Bruder Albert die Mode-, Haushalts- und Eisenwarenhandlung führte (das Geschäft selbst hieß Johnson’s, weil es sich auf dem Grundstück der ehemaligen Blockhütte des alten Johnson befand, die fünfzig Jahre vor Charley Walpoles Geburt abgebrannt war) — umständlich ein paar Zeitungen entfaltete, um die Backformen darin einzupacken, sagte Mrs.

Allison beiläufig:»Natürlich hätte ich auch warten und die Backformen in New York kaufen können, aber wir fahren dieses Jahr nicht so früh zurück.« «Hab gehört, dass Sie noch bleiben«, sagte Mr. Charley Walpole. Seine alten Finger fummelten nervenaufreibend mit den dünnen Seiten der Zeitung herum, als er versuchte, ein Blatt nach dem anderen abzulösen. Er blickte nicht zu Mrs. Allison hoch, während er fortfuhr:

«Also, ich weiß nicht, ob das so gut ist, oben am See zu bleiben. Nicht nach Labor Day.« «Nun ja, wissen Sie«, entgegnete Mrs. Allison, als wäre sie ihm tatsächlich eine Erklärung schuldig,»wir dachten uns einfach, jedes Jahr sind wir wieder nach New York zurückgeeilt, und dabei war es gar nicht nötig. Sie wissen ja, wie die Stadt im Herbst ist.« Dabei lächelte sie Mr. Charley Walpole vertraulich an.

Mit rhythmischen Bewegungen wand er den Bindfaden um das Päckchen. Er überlässt mir ein Stück, das lang genug ist, um es aufzuheben, dachte Mrs. Allison und wandte den Blick rasch ab, um nur ja kein Anzeichen von Ungeduld zu vermitteln.»Für mich fühlt es sich irgendwie so an, als gehörten wir dann mehr hierher«, sagte sie.

«Wenn wir dableiben, nachdem alle anderen abgereist sind.« Als wollte sie dies untermauern, lächelte sie eine andere Frau im Laden freundlich an, deren Gesicht ihr bekannt vorkam und bei der es sich vielleicht um die Frau handelte, die den Allisons in einem Jahr Beeren verkauft hatte, oder um die Frau, die gelegentlich im Lebensmittelladen aushalf und bei der es sich vermutlich um Mr. Babcocks Tante handelte.

«Hm«, machte Mr. Charley Walpole. Er schob das Päckchen ein Stück über den Verkaufstresen, um anzudeuten, dass es fertig und er jetzt bereit war, für einen gut abgeschlossenen Verkauf und ein gut verschnürtes Päckchen die Bezahlung entgegenzunehmen.

«Hm«, machte er wieder.»Sommerleute waren noch nie am See, nicht nach Labor Day.« Mrs. Allison reichte ihm einen Fünfdollarschein, und er gab ihr wohl überlegt Wechselgeld heraus, wobei er selbst die Cents bedächtig abzählte.»Nie nach Labor Day«, sagte er, nickte Mrs. Allison grüßend zu und ging ernst und gesetzt durch den Laden, um sich zwei Frauen zu widmen, die die baumwollenen Hauskleider begutachteten.

Als Mrs. Allison beim Hinausgehen an ihnen vorbeikam, hörte sie, wie eine der beiden Frauen spitz bemerkte:

«Wieso kostet eins von den Kleidern eigentlich einen Dollar neununddreißig und das hier bloß achtundneunzig Cent?« «Großartige Leute«, sagte Mrs. Allison zu ihrem Mann, als sie nach ihrem Treffen an der Tür der Eisenwarenhandlung zusammen den Bürgersteig entlang gingen.»So solide, so vernünftig und so ehrlich. « «Da wird einem ganz wohl, wenn man weiß, dass es solche Orte noch gibt«, sagte Mr. Allison.

«Weißt du«, meinte Mrs. Allison,»in New York hätte ich vielleicht ein paar Cent weniger für die Backformen gezahlt, aber dafür wäre der Kauf auch nicht so persönlich gewesen.« «Bleiben Sie noch am See?«, wollte Mrs. Martin im Zeitungs- und Sandwichladen von den Allisons wissen.

«Ich hab gehört, Sie bleiben noch.« «Wir dachten uns, wir wollen dieses Jahr mal das schöne Wetter ausnutzen«, sagte Mr. Allison.

Mrs. Martin war verhältnismäßig neu im Ort. Sie hatte von einer benachbarten Farm in den Zeitungs- und Sandwichladen eingeheiratet und war nach dem Tod ihres Mannes dageblieben. Sie servierte Limonadengetränke in echten Glasflaschen und Sandwiches aus gebratenem Ei mit Röstzwiebeln auf dicken Brotscheiben, die sie im rückwärtigen Teil des Ladens auf ihrem eigenen Herd herstellte. Gelegentlich, wenn Mrs. Martin ein Sandwich servierte, kam der üppige Duft nach Eintopf oder Schweinerippchen, Mrs.

Martins Abendessen, herübergeweht.

«Ich glaube nicht, dass schon mal jemand so lang draußen geblieben ist«, bemerkte Mrs. Martin.»Jedenfalls nicht nach Labor Day.« «Am Labor Day fahren sie ja sonst alle ab«, erfuhren die Allisons später vor Mr. Babcocks Laden von Mr. Hall, ihrem nächsten Nachbarn, als sie gerade ins Auto einstiegen, um nach Hause zu fahren.»Wundert mich ja, dass Sie noch bleiben.« «Wir fanden, es wäre ein Jammer, so früh zu gehen«, erwiderte Mrs.

Allison. Mr.

Hall wohnte drei Meilen entfernt und versorgte die Allisons mit Butter und Eiern, und gelegentlich konnten die Allisons am frühen Abend oben von ihrem Hügel aus die Lichter in seinem Haus sehen, bevor die Halls zu Bett gingen.

«Normalerweise fahren sie am Labor Day ab«, sagte Mr. Hall.

Die Heimfahrt war lang und anstrengend; es wurde allmählich dunkel, und Mr. Allison musste ganz vorsichtig über den Feldweg am See fahren. Mrs. Allison hatte sich in den Sitz zurückgelehnt, angenehm entspannt nach einem Tag, der ihr im Vergleich zu ihrem sonstigen Alltag wie Einkaufen im Wirbelwindtempo vorkam. Ihre Gedanken verweilten behaglich bei den neuen gläsernen Backformen, dem halben Scheffel rotbackiger Tafeläpfel und dem Päckchen mit bunten Reißzwecken, mit denen sie in der Küche die neue Regalbordüre befestigen wollte.

«Ach, ist es schön, nach Hause zu kommen«, sagte sie leise, als sie in Sichtweite ihres Häuschens gelangten, das sich über ihnen vom Himmel abhob.

«Wie gut, dass wir beschlossen haben zu bleiben«, pflichtete Mr. Allison ihr bei.

Mrs. Allison verbrachte den nächsten Morgen damit, liebevoll ihre Backformen zu waschen, obwohl der gute Charley Walpole es in aller Unschuld versäumt hatte, die angeschlagene Stelle am Rand zu bemerken. In einem Anfall von Verschwendungssucht beschloss sie, zum Abendessen einige der roten Tafeläpfel zu einem Kuchen zu verarbeiten, und während der Kuchen im Ofen war und Mr. Allison die Post holen ging, setzte sie sich auf den kleinen Rasen, den die Allisons auf dem Hügel oben angelegt hatten, und betrachtete das Wechselspiel des Lichts auf dem See, mal grau, mal blau, während die Wolken an der Sonne vorbeizogen.

Als Mr. Allison zurückkam, war er leicht irritiert; es ärgerte ihn immer, wenn er die eine Meile bis zum Briefkasten laufen musste und mit leeren Händen zurückkam, obwohl ihm der Spaziergang natürlich gut tat.

An diesem Morgen war nichts gekommen außer der Werbebroschüre eines New Yorker Kaufhauses und ihrer New Yorker Zeitung, die unregelmäßig einen bis vier Tage später eintraf, als sie eigentlich sollte, so dass die Allisons an manchen Tagen drei Zeitungen hatten und häufig gar keine. Obwohl Mrs. Allison sich ebenso sehr wie ihr Mann darüber ärgerte, keine Post zu bekommen, wo sie beide doch so darauf warteten, schmökerte sie hingebungsvoll in der Kaufhauswerbung und nahm sich vor, sobald sie wieder in New York war, dem Geschäft einen Besuch abzustatten und sich das Sonderangebot an Wolldecken genau anzusehen. Heutzutage war es nicht leicht, hochwertige Decken in hübschen Farben zu finden.

Sie überlegte, ob sie die Broschüre zur Erinnerung aufheben sollte, doch nachdem sie mit dem Gedanken gespielt hatte, aufzustehen und ins Haus zu gehen, um sie irgendwo sicher zu verstauen, ließ sie sie neben ihrem Liegestuhl ins Gras fallen und legte sich zurück, die Augen halb geschlossen.

«Sieht aus, als bekämen wir Regen«, sagte Mr. Allison und blinzelte in den Himmel.

«Gut für die Ernte«, meinte Mrs. Allison lakonisch, und beide lachten.

Der Petroleummann kam am nächsten Morgen, während Mr. Allison gerade die Post holte. Sie hatten kaum noch Petroleum, und Mrs. Allison begrüßte den Mann freudig, der Brennstoff und Blockeis verkaufte und während des Sommers auch den Müll der Sommerleute abfuhr. Einen Müllmann brauchten nur die sorglosen Stadtleute; Landbewohner hatten keinen Abfall.

«Wie schön, Sie zu sehen«, sagte Mrs. Allison zu ihm.

«Wir haben gar nicht mehr viel.« Der Petroleummann, dessen Namen Mrs. Allison nie erfahren hatte, benutzte eine Schlauchvorrichtung zum Füllen des Fünfundsiebzig-Liter-Tanks, der die Allisons mit Licht, Wärme und Kochmöglichkeiten versorgte.

Heute jedoch, statt schwungvoll aus seinem Laster zu steigen und den Schlauch, der sich um das Führerhäuschen wand, vom Haken zu nehmen, starrte der Mann Mrs. Allison bei laufendem Motor bloß verlegen an.

«Ich hab gedacht, ihr Leute fahrt ab«, sagte er.

«Wir bleiben noch einen Monat«, versetzte Mrs. Allison fröhlich.»Das Wetter war so schön, da dachten wir — « «Hat man mir gesagt«, meinte der Mann.»Kann Ihnen aber kein Öl geben.« «Was soll das heißen?«Mrs.

Allison blickte ihn verblüfft an.

«Wir bleiben einfach bei unserer regulären — « «Labor Day ist vorbei«, meinte der Mann.»Nach Labor Day krieg ich selber nicht so viel Öl rein.« Wie so häufig bei Unstimmigkeiten mit ihren Nachbarn, rief Mrs.

Allison sich in Erinnerung, dass man mit Großstadtallüren bei den Leuten auf dem Land nicht weit kam. Man konnte nicht erwarten, einen Angestellten auf dem Lande wie einen städtischen Arbeiter umstimmen zu können, und so sagte sie mit einem gewinnenden Lächeln:

«Können Sie denn aber kein Extraöl bekommen, wenigstens solange wir hier sind?« «Sehen Sie. «Beim Sprechen trommelte der Mann mit dem Finger auf das Lenkrad, was ziemlich enervierend war.»Sehen Sie«, sagte er bedächtig,»ich bestell das Öl.

Ich bestell es aus vielleicht fünfzig, fünfundfünfzig Meilen Entfernung. Ich bestell schon im Juni so viel, wie ich für den Sommer brauch. Und dann bestell ich noch mal … äh, so im November. Jetzt um die Zeit wird’s allmählich knapp. «Als wäre das Thema damit erledigt, hörte er auf, mit dem Finger zu trommeln, und packte das Lenkrad etwas fester, bereit zur Abfahrt.

«Aber können Sie uns nicht wenigstens ein bisschen geben?«, bat Mrs. Allison.»Gibt’s denn sonst niemand?« «Wüsste nicht, wo Sie um diese Zeit sonst Öl herkriegen könnten«, sagte der Mann nachdenklich.»Ich kann Ihnen jedenfalls nichts geben. «Bevor Mrs. Allison etwas sagen konnte, begann sich der Laster in Bewegung zu setzen.

Dann blieb er kurz stehen, und der Mann sah durchs Rückfenster des Führerhäuschens zu ihr hinaus.»Eis?«, rief er.»Eis kann ich Ihnen dalassen.« Mrs. Allison schüttelte den Kopf; an Eis waren sie nicht so knapp, und sie war wütend. Sie lief dem Laster ein paar Schritte nach und rief:»Können Sie versuchen, uns welches zu besorgen? Nächste Woche?« «Kann ich mir nicht vorstellen«, sagte der Mann.»Nach Labor Day ist es schwerer. «Der Laster fuhr davon, und Mrs. Allison, nur von dem Gedanken getröstet, dass sie wahrscheinlich von Mr. Babcock Petroleum bekommen konnte oder schlimmstenfalls von den Halls, sah ihm wütend hinterher.»Nächsten Sommer«, sagte sie bei sich, « der soll es nächsten Sommer bloß noch mal bei uns versuchen!« Wieder war keine Post gekommen, nur die Zeitung, die anscheinend beharrlich pünktlich eintraf, und Mr. Allison war sichtlich sauer, als er zurückkehrte. Als Mrs. Allison ihm von dem Petroleummann erzählte, war er nicht sonderlich beeindruckt.

«Das behalten die wahrscheinlich ein, um es im Winter teuer zu verkaufen«, bemerkte er.»Was glaubst du, was mit Anne und Jerry los ist?« Anne und Jerry waren ihre Tochter und ihr Sohn, beide verheiratet, er lebte in Chicago, sie draußen im Westen.

Ihre allwöchentlich pflichtschuldigst eintreffenden Briefe hatten Verspätung, waren in der Tat derart überfällig, dass Mr. Allison seinem Unmut über die fehlende Post in einer berechtigten Klage Luft machen konnte.»Die müssten doch wissen, wie sehr wir auf ihre Briefe warten«, sagte er.»Gedankenlose, selbstsüchtige Kinder. Das müssten sie eigentlich wissen.« «Ach, mein Lieber«, sagte Mrs.

Allison beschwichtigend. Für sie war der Ärger über Anne und Jerry kein Ventil für ihre Ungehaltenheit über den Petroleummann. Nach einer Weile sagte sie:»Wünschen bringt die Post auch nicht herbei, mein Lieber. Ich rufe jetzt Mr. Babcock an und sage ihm, er soll bei meiner Lieferung Petroleum mitschicken.« «Wenigstens eine Postkarte«, sagte Mr. Allison, als sie hinausging.

Wie die meisten anderen Unannehmlichkeiten ihres Häuschens fiel den Allisons auch das Telefon nicht mehr besonders auf; sie nahmen das exzentrische Gerät mehr oder weniger klaglos hin. Es handelte sich um ein Wandtelefon jener Bauart, die nur noch in wenigen Gemeinden zu sehen war. Um zur Vermittlung durchzukommen, musste Mrs. Allison zuerst die seitliche Kurbel betätigen und es dann einmal klingeln lassen.

Normalerweise waren zwei bis drei Versuche nötig, bis die Vermittlung sich endlich meldete, und Mrs. Allison näherte sich dem Apparat vor jedem Anruf immer mit Ergebenheit und einer gewissen verzweifelten Geduld. An diesem Morgen musste sie dreimal kurbeln, bevor die Vermittlung sich meldete, und dann dauerte es noch einmal, bis Mr. Babcock im Laden in der Ecke hinter der Fleischtheke den Hörer abnahm.»Laden?«, sagte er, wobei er mit der Stimme nach oben ging, um jedem, der versuchte, sich mittels dieses unzuverlässigen Geräts mit ihm in Verbindung zu setzen, seinen Argwohn anzudeuten.

«Hier spricht Mrs. Allison, Mr. Babcock. Ich dachte, ich gebe Ihnen meine Bestellung einen Tag früher durch, weil ich ganz sichergehen wollte und etwas — « «Was sagen Sie, Mrs. Allison?« Mrs. Allison hob die Stimme ein wenig; sie sah, wie sich Mr. Allison draußen auf dem Rasen in seinem Liegestuhl umdrehte und sie mitfühlend ansah.»Ich sagte, Mr. Babcock, ich dachte, ich rufe mit meiner Bestellung früher an, damit Sie mir was schicken können — « «Mrs. Allison?«, sagte Mr. Babcock.»Sie kommen es abholen?« «Abholen?«Vor Überraschung ließ Mrs. Allison ihre Stimme wieder auf den normalen Tonfall absinken, und Mr. Babcock rief:»Was sagen Sie, Mrs. Allison?« «Eigentlich wollte ich es wie üblich herbringen lassen«, sagte Mrs. Allison.

«Ahm, Mrs.

Allison«, sagte Mr.

Babcock, und es entstand eine Pause, während Mrs. Allison wartete und am Telefon vorbei und über den Kopf ihres Mannes hinweg in den Himmel starrte.»Mrs. Allison«, fuhr Mr. Babcock schließlich fort,»wissen Sie, das ist so — der Junge, der für mich gearbeitet hat, der ist seit gestern wieder in der Schule, und jetzt habe ich keinen, der ausliefert. Ich habe bloß im Sommer einen Lieferjungen, wissen Sie.« «Ich dachte, Sie liefern immer«, sagte Mrs. Allison.

«Nicht nach Labor Day, Mrs. Allison«, sagte Mr. Babcock nachdrücklich,»Sie waren ja noch nie hier nach Labor Day, da können Sie’s natürlich nicht wissen.« «Ach so«, sagte Mrs. Allison hilflos. Innerlich sagte sie sich immer wieder vor: keine Großstadtallüren bei Landbewohnern, sich ärgern bringt nichts.

«Sind Sie sicher! «, fragte sie schließlich.»Könnten Sie uns nicht einfach heute noch eine Lieferung rausschicken, Mr. Babcock?« «Ehrlich gesagt«, meinte Mr. Babcock,»könnte ich das nicht, Mrs. Allison! Es lohnt sich ja kaum, jetzt wo sonst niemand mehr draußen am See ist.« «Was ist mit Mr. Hall?«, erkundigte sich Mrs. Allison unvermittelt,»die Leute, die hier etwa drei Meilen von uns wohnen? Mr.

Hall könnte es mitbringen, wenn er rausfährt.« «Hall?«überlegte Mr. Babcock.»John Hall? Die sind nach Norden gefahren, Mrs.

Allison, Verwandte besuchen.« «Aber die bringen uns doch immer unsere Butter und die Eier«, sagte Mrs. Allison entgeistert.

«Sind gestern gefahren«, sagte Mr. Babcock.»Haben wohl nicht gedacht, dass Sie noch oben bleiben.« «Aber ich sagte doch noch zu Mr. Hall …«Mrs. Allison hielt inne.»Ich schicke Mr. Allison morgen wegen der Lebensmittel vorbei«, sagte sie.

«Bis dahin haben Sie ja alles, was Sie brauchen«, sagte Mr. Babcock zufrieden. Es war keine Frage, sondern eine Feststellung.

Nachdem sie aufgehängt hatte, ging Mrs.

Allison langsam nach draußen, um sich neben ihrem Mann wieder in den Liegestuhl zu setzen.»Er liefert nicht«, sagte sie.

«Du wirst morgen in den Ort fahren müssen. Wir haben gerade noch genug Petroleum, bis du zurückkommst.« «Das hätte er uns früher sagen sollen«, sagte Mr. Allison.

Doch an einem solchen Tag konnte man sich nicht lange grämen. Nie hatte die Landschaft einladender gewirkt, der See unter ihnen bewegte sich still zwischen den Bäumen, lag da in der fast unglaublichen Lieblichkeit eines Bilderbuchsommertags. Mrs.

Allison seufzte tief auf, voller Freude, dass sie diesen Seeblick für sich hatten mit den grünen Hügeln hinten in der Ferne und dem leichten Wind, der zart durch die Bäume strich.

Das schöne Wetter hielt an. Am nächsten Morgen ging Mr. Allison, gebührend bewaffnet mit einer Einkaufsliste, auf der ganz oben in Großbuchstaben» Petroleum «stand, den Fußweg zur Garage hinunter, und Mrs. Allison machte sich erneut daran, in ihren neuen Backformen einen Kuchen zu backen. Sie hatte den Teig für den Boden gemischt und wollte gerade anfangen, die Äpfel zu schälen, als Mr. Allison den Pfad heraufgestürmt kam und die Fliegengittertür zur Küche aufstieß.

«Der verdammte Wagen springt nicht an«, verkündete er im genervten Tonfall eines Mannes, der auf einen Wagen ebenso angewiesen ist wie auf seinen rechten Arm.

«Was fehlt ihm denn?«Mrs. Allison blieb mit dem Schälmesser in der einen und einem Apfel in der anderen Hand wie angewurzelt stehen.»Am Dienstag war er doch noch in Ordnung.« «Schön«, stieß Mr. Allison zwischen den Zähnen hervor, «und am Freitag ist er nicht mehr in Ordnung.« «Kannst du ihn reparieren?«, fragte Mrs. Allison.

«Nein«, erwiderte Mr. Allison,»kann ich nicht. Da muss ich wohl jemanden kommen lassen.« «Wen?«, fragte Mrs. Allison.

«Den Kerl, der die Tankstelle führt, denk ich.« Mr. Allison ging entschlossen auf das Telefon zu.»Der hat ihn letzten Sommer schon mal repariert.« Etwas besorgt schälte Mrs.

Allison geistesabwesend weiter ihre Apfel, während Mr.

Allison am Telefon lauschte, wie es klingelte. Er wartete, es klingelte, er wartete, bis er die Nummer schließlich der Vermittlung nannte, dann wieder wartete und wieder die Nummer nannte, die Nummer ein drittes Mal nannte und schließlich den Hörer aufknallte.

«Niemand da«, verkündete er, als er wieder in die Küche kam.

«Vermutlich ist er einen Augenblick rausgegangen«, sagte Mrs. Allison nervös. Weshalb sie so nervös war, wusste sie nicht recht, es sei denn, weil ihr Mann wahrscheinlich gleich komplett ausrasten würde.»Ich denke mir, er ist allein, und wenn er raus muss, ist keiner da, der ans Telefon geht.« «So wird’s wohl sein«, sagte Mr. Allison tief ironisch.

Er ließ sich auf einen Küchenstuhl fallen und sah Mrs. Allison beim Äpfelschalen zu. Nach einer Weile sagte Mrs.

Allison besänftigend:»Du könntest doch runtergehen und die Post holen und ihn dann noch mal anrufen!« Mr. Allison überlegte und sagte dann:»Könnte ich vielleicht.« Er erhob sich schwerfällig, und als er an der Küchentür war, drehte er sich um und sagte:»Wenn aber keine Post da ist …«Eine schreckliche Stille hinterlassend, ging er den Weg entlang davon.

Mrs. Allison beeilte sich mit ihrem Kuchen. Zweimal trat sie ans Fenster und schaute zum Himmel, um zu sehen, ob Wolken aufzogen. Der Raum schien ungewohnt dunkel, und sie fühlte sich seltsam angespannt wie vor einem Gewitter, doch beide Male, als sie nachschaute, war der Himmel klar und heiter und lächelte gleichmütig auf das Sommerhaus der Allisons und den Rest der Welt herunter. Als Mrs. Allison den Kuchen ofenfertig hatte und ein drittes Mal hinüberging, um hinauszublicken, sah sie ihren Mann den Fußweg heraufkommen. Er wirkte fröhlicher, und als er sie sah, winkte er heftig und hielt einen Brief hoch.

«Von Jerry«, rief er, sobald er nah genug war, dass sie ihn hören konnte,»endlich — ein Brief!«Voller Besorgnis bemerkte Mrs. Allison, dass er den leicht ansteigenden Pfad nicht heraufkam, ohne ins Keuchen zu geraten, doch dann stand er in der Tür und streckte ihr den Brief entgegen.»Ich wollte ihn noch nicht aufmachen«, sagte er.

Mit einer Begierde, die sie selbst überraschte, blickte Mrs. Allison auf die vertraute Handschrift ihres Sohnes.

Sie konnte sich nicht denken, weshalb der Brief sie so aus dem Häuschen brachte, außer dass es der erste war, den sie seit langem bekommen hatten. Es wäre bestimmt ein netter, pflichtbewusster Brief, voll mit Berichten über das, was Alice und die Kinder so machten und wie er in seinem Job vorankam, mit Kommentaren über das Wetter in Chicago in letzter Zeit und am Schluss lieben Grüßen von allen. Sowohl Mr. als auch Mrs. Allison konnten, wenn sie wollten, einen Musterbrief von jedem ihrer Kinder auswendig hersagen.

Ganz bedächtig schlitzte Mr. Allison den Brief auf, breitete ihn dann auf dem Küchentisch aus, und gemeinsam beugten sie sich darüber und lasen.

« Liebe Mutter, lieber Dad«, begann er in Jerrys vertrauter, ziemlich kindlicher Handschrift.» Bin froh, dass der Brief wie gewöhnlich an den See geht, wir fanden immer, ihr kommt zu früh zurück und solltet droben bleiben, so lange ihr könnt. Alice meint, jetzt, wo ihr nicht mehr so jung seid wie früher und in der Stadt keine Verpflichtungen habt, weniger Freunde usw., solltet ihr euch amüsieren, so lang es noch geht. Nachdem ihr beide euch dort oben wohl fühlt, ist es doch eine gute Idee, dass ihr noch bleibt. « Mrs.

Allison warf ihrem Mann einen beklommenen Seitenblick zu. Während er aufmerksam las, streckte sie die Hand nach dem leeren Briefumschlag aus, unschlüssig, wonach sie suchte. Er trug wie üblich die Anschrift in Jerrys Handschrift und war in Chicago abgestempelt.

Selbstverständlich war er in Chicago abgestempelt, fuhr es ihr durch den Kopf, wieso sollte man ihn woanders abstempeln? Als sie wieder auf den Brief hinuntersah, hatte ihr Mann umgeblättert, und sie las mit ihm weiter:» – und wenn sie die Masern usw. jetzt kriegen, sind sie natürlich später besser dran. Alice geht’s natürlich gut und mir auch. Wir spielen in letzter Zeit ziemlich viel Bridge mit ein paar Leuten, die ihr nicht kennt, Carruthers heißen sie. Nettes junges Ehepaar etwa in unserem Alter.

Also, ich schließe jetzt, denn wahrscheinlich langweilt es euch, von Sachen zu hören, die so weit weg sind. Sag Dad, der alte Dickson in unserer Niederlassung in Chicago ist gestorben. Er hat sich oft nach Dad erkundigt. Viel Spaß da oben am See, und beeilt euch nicht mit der Rückreise.

Liebe Grüße von uns allen, Jerry. « «Komisch«, bemerkte Mr. Allison.

«Klingt gar nicht nach Jerry«, sagte Mrs. Allison leise.

«Er hat nie so was geschrieben wie …«Sie hielt inne.

«Wie was?«, wollte Mr. Allison wissen.»Was hat er nie geschrieben?« Mrs. Allison drehte den Brief unschlüssig hin und her.

Es war unmöglich, einen Satz, ja selbst ein Wort zu finden, das sich nicht nach Jerrys üblichen Briefen anhörte. Vielleicht lag es nur daran, dass der Brief so spät kam oder an der ungewöhnlichen Anzahl von schmutzigen Fingerabdrücken auf dem Umschlag.

«Ach, ich weiß nicht«, sagte sie ungehalten.

«Ich versuche noch mal dort anzurufen«, sagte Mr. Allison.

Mrs. Allison las den Brief noch zweimal durch auf der Suche nach einem Satz, der sich falsch anhörte. Dann kam Mr. Allison zurück und sagte tonlos:»Die Leitung ist tot.« «Was?«Erschrocken ließ Mrs. Allison den Brief fallen.

«Die Leitung ist tot«, sagte Mr. Allison.

Der Rest des Tages ging rasch vorüber. Nach einem Mittagessen, bestehend aus Crackern und Milch, setzten sich die Allisons draußen auf den Rasen, doch wurde ihr Nachmittag durch die sich allmählich zusammenballenden Gewitterwolken verkürzt, die über den See zum Haus heraufzogen, so dass es um vier Uhr bereits so dunkel wie sonst erst abends war. In gleichsam liebender Vorahnung jenes Augenblicks, in dem es über das Sommerhaus hereinbrechen würde, verzögerte sich das Gewitter allerdings, und gelegentlich blitzte es, regnete aber nicht.

Abends schalteten Mr. und Mrs. Allison, in ihrem Haus dicht aneinander geschmiegt, das batteriebetriebene Radio an, das sie aus New York mitgebracht hatten. Drinnen brannten keine Lampen, die einzige Beleuchtung stammte vom Blitz draußen und der kleinen, quadratischen Skalenbeleuchtung am Radioapparat.

Das Sommerhaus war leicht gebaut und konnte den Stadtgeräuschen, der Musik und den Stimmen aus dem Radio nicht standhalten, und die Allisons konnten sie weit draußen über den See hallen hören: die Saxophone der New Yorker Tanzkapelle, die über das Wasser heulten, die flache Stimme der jungen Sängerin, die unwiederbringlich in die saubere Landluft entschwand. Selbst der Ansager, der mit glühenden Worten die Vorzüge von Rasierklingen pries, war nicht mehr als eine unmenschliche Stimme, die aus dem Haus der Allisons tönte und als Echo wiederkam, als schickten der See, die Hügel und die Bäume sie unerwünscht zurück.

Während einer Pause zwischen den Werbesendungen drehte sich Mrs. Allison um und lächelte ihren Mann kläglich an.»Ich frage mich, ob wir vielleicht etwas … tun sollen«, sagte sie.

«Nein«, erwiderte Mr. Allison bedächtig.»Das glaube ich nicht. Bloß abwarten.« Mrs. Allison hielt kurz den Atem an, als Mr. Allison sagte, während die banale Melodie der Tanzkapelle wieder einsetzte:»An dem Wagen hat sich jemand zu schaffen gemacht, weißt du. Das habe sogar ich gemerkt.« Mrs. Allison zögerte erst und sagte dann ganz leise:»Ich nehme an, jemand hat die Telefonkabel zerschnitten.« «Denke ich mir«, sagte Mr. Allison.

Nach einer Weile endete die Tanzmusik, und sie lauschten gespannt einer Nachrichtensendung, bei der die voll tönende Stimme des Ansagers ihnen atemlos von einer Hochzeit in Hollywood, dem neuesten Stand beim Baseball und dem geschätzten Anstieg der Lebensmittelpreise während der kommenden Woche erzählte. Er sprach zu ihnen im Sommerhaus ganz so, als verdienten sie es noch, Nachrichten aus einer Welt zu hören, die sie nicht mehr erreichte, außer durch die defekten Batterien des Radios, die allmählich schwächer wurden, fast als wären die beiden noch, und sei der Faden noch so dünn, mit dem Rest der Welt verbunden.

Mrs. Allison sah zum Fenster auf die glatte Oberfläche des Sees hinaus, auf die schwarz dräuenden Bäume und den wartenden Sturm und sagte im Plauderton:»Mir ist schon wohler wegen dem Brief von Jerry.« «Ich wusste es, als ich gestern Abend das Licht bei den Halls unten sah«, sagte Mr. Allison.

Der Wind, der plötzlich über dem See aufkam, fegte um das Sommerhaus herum und schlug heftig gegen die Fensterscheiben. Unwillkürlich rückten Mr. und Mrs.

Allison näher zusammen, und beim ersten Donnerschlag ergriff Mr. Allison die Hand seiner Frau.

Und während es draußen blitzte und das Radio knackte und schwächer wurde, kauerten die beiden alten Leute sich in ihrem Sommerhaus zusammen und warteten.

St.-Patrickstag

von CHARLOTTE ARMSTRONG

Charlotte Armstrong (1905-69) zählt zu jenen glänzenden Schriftstellerinnen, die die revisionistische Behauptung der Geschichte Lügen strafen, amerikanische Kriminalautorinnen der fünfziger und sechziger Jahre seien die unterdrückten, nicht genügend gewürdigten Opfer hart gesottener männlicher Dominanz. Die Mystery Writers of America verliehen ihr den» Edgar «für A Dram of Poison (1956; dt. Ein Schluck Gift) — und ihre beiden 1967 erschienen Titel The Gift Shop und Lemon in the Basket standen im selben Jahr auf der Auswahlliste für den besten Roman. Auf dem Höhepunkt ihres Ruhmes wurde sie in Sachen pure Spannung nicht einmal von Cornell Woolrich übertroffen.

Nach einigen erfolglosen (obgleich in New York uraufgeführten) Theaterstücken und drei relativ konventionellen Detektivromanen mit einer Hauptfigur namens MacDougall Duff machte die in Michigan geborene Charlotte Armstrong mit The Unsuspected (1946) Furore, einem Roman, der unter Anhängern wie Kritikern eine lebhafte Kontroverse entfachte. Howard Haycraft, der traditionsverhaftete Verfasser des Standardwerks Murder for Pleasure (1941), lobte die Stärken des Romans, behauptete jedoch, er wäre noch besser gewesen, wenn Armstrong in klassischer «Krimimanier «die Identität des Bösewichts erst am Ende gelüftet hätte, statt den Leser in das Geheimnis einzuweihen. 1947 wurde der Roman nach einem Drehbuch Armstrongs verfilmt, dann folgten The Chocolate Cobweb (1948), Mischief (1950; dt. Der Babysitter), The Black-Eyed Stranger (1951) sowie zahlreiche weitere Romane bis zum posthum veröffentlichten The Protegé (1970).

Armstrong beherrschte ihr Metier sowohl im Kurzgeschichtengenre wie auch beim Roman. Die Erzählung» St.-Patrickstag «veranschaulicht sowohl ihre Fähigkeit, Spannung zu erzeugen, als auch ihr starkes Gespür für gegenseitige Abhängigkeit und Verantwortung — samt allen Problemen, die sich daraus ergeben. Die Affinität der Autorin zu Woolrich zeigt sich in der ungewöhnlichen Abwandlung einer seiner Lieblingssituationen (die Dame verschwindet), und ebenso deutlich wird ihre Neigung zum Theater — Hauptfigur ist ein Bühnenschriftsteller, und man kann sich die Geschichte auch gut als Theaterstück vorstellen.

Ganz behutsam, mit fast ehrfürchtigem Genuss, sortierte er alle Papiere in die richtige Reihenfolge. Ein Exemplar des Manuskripts steckte er in einen Umschlag und schrieb die Adresse darauf. Die anderen legte er in einen leeren Koffer. Dann rief er bei einer Fluggesellschaft an und hatte Glück. Einen Platz nach New York und zwar morgens. Morgens? An welchem Morgen? Am St.-Patrickstag in der Frühe.

Er war der Welt entrückt gewesen. Jetzt aber reckte er sich, atmete durch, blinzelte und streckte die Fühler nach dem aus, was man gemeinhin die Realität nennt.

Also, mal ganz von vorn: Er hieß Mitchel Brown, war Bühnenautor (so Gott wollte) und hatte das

Überarbeitungsprojekt abgeschlossen, dessentwegen er nach Los Angeles gekommen war. Juhuu! Fertig!

Es war Viertel nach ein Uhr morgens, und deshalb bereits der siebzehnte März. Ort der Handlung war seine Wohnung im Erdgeschoss, und die sah schlimm aus: verraucht, schmutzig, unordentlich … Ach ja, andere Dinge hatten Vorrang gehabt. Sein Rücken schmerzte, seine Augen brannten, ihm schwindelte. Er würde sauber machen müssen, essen, schlafen, baden, sich rasieren, sich anziehen und packen. Aber zuerst …

Er klebte ein paar Luftpostmarken nebeneinander auf den Umschlag und ging hinaus. Die Straße war dunkel und menschenleer. Ein paar Autos standen massig an den Bordsteinkanten. Das Manuskript plumpste in den Briefkasten — landete sicher am Busen des Postzustelldienstes. Selbst wenn jetzt er, das Flugzeug und die anderen Kopien zugrunde gingen …

Über sich selbst lachend, bog Mitch um die Ecke, fühlte sich plötzlich verlassen, niedergeschlagen und einsam.

Das Parrakeet Bar & Grill, stellte er dankbar fest, war noch geöffnet. Er ging den einen Häuserblock zu Fuß und trat ein. Die Bar verlief entlang der ganzen Wand, und der Grill, bestehend aus acht Sitznischen, erstreckte sich über die gesamte Länge der anderen. Der schmale Raum war düster und wirkte verlassen. Mitch tastete nach einem Barhocker.

«Hallo, Toby. Nicht viel los heute?« «Hallo, Mr.

Brown. «Der Barkeeper freute sich offensichtlich, ihn zu sehen. Er war ein kleiner Mann mit dunklem Haarschopf, bläulichem Stoppelkinn und einem Blaustich in den weißen Augäpfeln.»So spät an einem Wochentag ist es bei mir nie voll.« «Die Küche hat schon zu, was?«, sagte Mitch. Die Küche war nicht das Herzstück dieses Etablissements.

«So ist es, Mr. Brown. Wenn Sie was essen wollen, gehen Sie besser woanders hin.« «Was zu trinken reicht mir schon«, sagte Mitch mit einem Seufzer.»Ich kann ja nach Hause gehen und mir noch ein Rührei machen.« Toby wandte sich wieder seinen Flaschen zu. Als er mit Mitchs Stammdrink wiederkam, meinte er etwas weinerlich:»Es ist nur so — ich muss bald dichtmachen und weiß nicht, was ich tun soll.« «Wie meinen Sie das?« «Schauen Sie sie an. «Tobys Blick wanderte über Mitchs linke Schulter.

Mitch drehte sich um und stellte überrascht fest, dass in einer der Nischen eine Frau saß. Oder vielleicht sollte man eher sagen, lag, denn ihr heller, hutloser Kopf war auf das rot karierte Tischtuch gesunken. Mitch wandte sich wieder um und wackelte fragend mit den Augenbrauen.

«Total weggetreten«, flüsterte Toby heiser.»Hören Sie, ich habe keine Lust, die Bullen zu rufen. So was ist nicht gut fürs Geschäft. Ich habe ein krankes Kind zu Hause, meine Frau ist völlig kaputt, und ich will nach Hause.« «Haben Sie’s schon mit schwarzem Kaffee probiert?« «Klar, habe ich. «Betrübt ließ Toby die Schultern hängen.

«Wie ist sie denn in diesen Zustand geraten?« «Hier jedenfalls nicht«, beeilte sich Toby zu sagen.

«Keine Ahnung. Meine Güte — dass ein paar Drinks sie so fertig machen!

Das Problem ist — eine Pennerin ist sie nicht. Das sieht man. Was soll ich also tun?« «Setzen Sie sie in ein Taxi«, sagte Mitch unbekümmert.

«Lassen Sie sie einfach dahin verfrachten, wo sie hingehört. Wieso nicht? Sie wird doch so was wie einen Ausweis bei sich haben.« «Ich will nicht in ihrem Geldbeutel herumwühlen«, sagte Toby ängstlich.

«Hm, warten Sie mal …«Mitch glitt von seinem Barhocker. Nachdem sein Drink ihm munter die Kehle hinuntergeflossen war, war er der Welt heiter und fröhlich zugeneigt. Außerdem kam er sich überaus intelligent vor und erkannte, dass er dazu geboren war, alle Welt zu verstehen.

Toby trat hinzu, und gemeinsam hoben sie die Frau am Oberkörper hoch.

Ihr Gesicht war im Schlaf der Trunkenheit schlaff, und doch war es kein hässliches Gesicht. Es war nicht jung, aber auch nicht alt. Ihre Kleidung war teuer. Nein, eine Stadtstreicherin war sie nicht.

Dann schlug sie die Augen auf und sagte mit kultivierter Stimme:»Wie bitte?« Sie war nicht direkt bei Bewusstsein, doch es war ein ermutigendes Zeichen. Die beiden Männer halfen ihr auf die Füße. Mit ihrer Unterstützung konnte sie stehen, konnte sogar gehen. Mitch fuhr mit dem linken Arm durch den Henkel ihrer teuer aussehenden Handtasche. Dann führten die beiden sie zur Tür.

«Vielleicht an die frische Luft?«, sagte der Barkeeper hoffnungsvoll.

«Richtig«, sagte Mitch.»Hören Sie, neben dem Kino ist ein Taxistand. Bis wir dort drüben sind …« «Ich muss aber abschließen«, entgegnete Toby schrill.

«Ich muss hier alles versorgen.« «Nur zu«, sagte Mitch, der in der süßen Nachtluft stand, die fremde Frau schwer in den Armen.»Ich habe sie ja.« Hinter sich hörte er das Klicken des Türschlosses, während er sich auf dem Gehweg aufmachte und die Frau gehorsam einen Fuß vor den anderen setzte. Ganz in Gedanken über die merkwürdigen und erstaunlichen Seiten der» Realität «versunken, hatte Mitch sie den halben Häuserblock entlang geführt, bevor ihm klar wurde, dass der Barkeeper ihn beim Wort genommen hatte und überhaupt nicht mitkam.

Na gut. Mitch war nicht verärgert. Im Gegenteil, er war erfüllt von Mitgefühl für alle menschlichen Wesen. Diese Frau war ein Mensch und deshalb schwach. Er war froh, dass er ihr dabei helfen konnte, nach Hause zu gelangen.

Das umliegende Geschäftsviertel war völlig verlassen.

Sie bewegten sich in einer leeren Welt. Als Mitch sich bis zur nächsten Ecke gekämpft hatte, konnte er erkennen, dass am Kino keine Taxis standen. Zu dieser Nachtzeit, er hätte es wissen müssen, war das Kino dunkel und wie ausgestorben. Er war auf die gewöhnlichen Zeitabläufe wohl nicht ganz abgestimmt gewesen.

Jedenfalls konnte er sie nicht einfach dem nächstbesten Taxifahrer übergeben. Und auch nicht der Polizei, denn es war kein Polizist in der Nähe. Es gab nichts als den Bürgersteig, die nächtens an der Bordsteinkante abgestellten Blechkisten und keinen Verkehr.

Einen Autofahrer hätte Mitch sowieso nicht herbeigewunken. Die meisten Autofahrer waren misstrauisch und hatten Angst. Also tat er das Einzige, was ihm übrig blieb — er ging weiter.

Er steuerte ihre mechanischen Schritte um die Ecke und die Straße entlang, denn, dachte er sich, wenn er sie weiter laufen ließ, würde sie allmählich wieder zu sich kommen, und dann könnte er sie fragen, was er ihrer Meinung nach mit ihr machen sollte. Er hatte das Gefühl, das Richtige zu tun. Vielleicht könnte er seinen eigenen Wagen holen …

Die frische Luft hatte jedoch nicht die erwünschte Wirkung. Die Frau fing an zu stolpern. Sie sackte mit ihrem ganzen Gewicht gegen ihn. Mitch merkte, dass er sie fast trug. Dann stellte er fest, dass er, die Frau mit beiden Armen aufrecht haltend, direkt vor seinem eigenen Wohngebäude stand. Nun blieb ihm wohl nichts anderes übrig, als sie mit hineinzunehmen, wo er ihre Identität feststellen und ein Taxi rufen konnte.

Die Wohnung hatte sich während seiner Abwesenheit nicht von selbst aufgeräumt. Er ließ seine Last los, und sie sank auf das Sofa. Er rückte ihren blonden Kopf auf ein Kissen. Dort lag sie nun, total weggetreten, eine wildfremde Person. Um ihren Körper auszustrecken und es ihr bequemer zu machen, hob er ihre Beine unten an.

Einer ihrer Schuhe — wunderschöne Schuhe aus feinem grünem Leder mit hohen spitzen Absätzen und kleiner Messingschnalle —, einer davon fiel herunter.

Mitch ergriff den anderen Schuh und zog ihn ihr ebenfalls aus. Erfüllt von kosmischen Gedanken über weibliche Wesen und Absätze, stellte er ihre Schuhe auf seinen Schreibtisch und streifte sich ihre Handtasche vom Arm. Sie war aus dem gleichen feinen grünen Leder.

Er kam sich fies vor, das Eigentum einer fremden Frau zu durchwühlen. Trotzdem, es musste sein.

Ihr Name auf dem Führerschein lautete Natalie Maxwell.

Ihre Wohnadresse war Santa Barbara. Mitch pfiff durch die Zähne. Damit erledigte sich sein Plan, sie im Taxi nach Hause zu schicken, denn ihr Zuhause lag hundert Meilen von hier entfernt. Dann fand Mitch einen Brief, der an Mrs. Julius Maxwell adressiert war, und stieß wieder einen Pfiff aus. Sie war also verheiratet!

Noch dazu mit jemandem, dessen Name ihm bekannt vorkam. Julius Maxwell. Alles, was Mitch dazu einfiel, war der Geruch von Geld. Dann war sie also vermutlich nicht pleite. Er spähte in ihre Geldbörse und sah ein paar Scheine. Nicht viele. Also blätterte er ihr Scheckheft durch und pfiff zum dritten Mal durch die Zähne. Oho! Eine abgebrannte Obdachlose war die nicht.

Mitch fuhr sich mit der Hand durchs Haar und

überdachte seine prekäre Lage. Da bot er nun einer wohlhabenden, verheirateten, besinnungslos betrunkenen Dame aus Santa Barbara Unterschlupf. Was sollte er bloß mit ihr machen?

Die Tasche enthielt nichts, was ihm verraten hätte, wo hier in der Gegend sie abgestiegen war. Der Brief war von einer Frau in San Francisco und enthielt nur Klatsch.

Was war also zu tun?

Nun, er könnte die Polizei rufen und sie denen unterjubeln. Das konnte er sich aber schlecht vorstellen.

Oder er könnte bei Maxwell in Santa Barbara anrufen und, falls der Gatte dort war, um weitere Anweisungen bitten oder, falls er nicht dort war, konnte Mitch doch sicher erfahren, wo Mrs. Maxwell in Los Angeles wohnte, und sie dort abladen. All das ging ihm durch den Kopf und wurde verworfen.

Denn wieso einem Mitmenschen Demütigungen und Probleme bereiten? Dass sie krank war, glaubte er nicht.

Bloß total besoffen. Früher oder später würde der Nebel verfliegen, und sie würde zu sich kommen. In der Zwischenzeit war sie da, wo sie war, absolut sicher. Der Himmel wusste, dass er nichts Übles im Schilde führte.

Außerdem war er — Mitchel Brown, Bühnenautor, Künstler, Mitgefühlsapostel — kein bürgerlicher, ängstlich um seinen Ruf besorgter Konformist, wenn es darum ging, etwas zu tun, was» man «nicht tat. Sollte er — als der, der er war — dieses Menschenwesen etwa beim Gesetz oder gar dem eigenen Ehemann in Schwierigkeiten bringen?

Wenn dieses Menschenkind, aus irgendeinem menschlichen Grund, bloß ein bisschen zu viel Alkohol zu sich genommen hatte? Er brachte es nicht fertig.

Okay. Er war von seiner Stimmung und Toby, dem Barkeeper, der ihn hinterlistig im Stich gelassen hatte, in die Rolle des Samariters gedrängt worden. Wieso also nicht gleich der barmherzige Samariter sein? Ihr was Gutes tun.

Der Gedanke gefiel ihm. Er hatte das Gefühl, es würde ihm Glück bringen. Ihr was Gutes zu tun. Weiß Gott, dass wir das alle brauchen können, dachte er fromm.

Also kritzelte Mitch einen Zettel. Liebe Mrs. Maxwell, Sie können mein Telefon benutzen, wenn Sie möchten.

Oder mein Gast sein, solange Sie es für nötig halten.

Er unterschrieb, ging ins Schlafzimmer, holte eine leichte Decke und breitete sie über sie. Sie schnarchte leise. Er betrachtete ihr Gesicht noch einmal eingehend.

Den Zettel legte er auf den Teppich unter ihre Schuhe, wo sie ihn bestimmt sehen würde. Dann ging er ins Schlafzimmer, machte die Tür zu und ging zu Bett.

Frühmorgens am St. Patrickstag wachte Mitchel Brown auf und war vollkommen ausgehungert. Er hatte vergessen, etwas zu essen. Da fiel ihm ein: New York!

Flugzeug erwischen! Packen!

Er wollte gerade in die Küche gehen, als ihm an der Schlafzimmertür die Dame in den Sinn kam. Also machte er kehrt und zog vor dem Hinausgehen einen Morgenmantel an.

Er hätte sich die Mühe sparen können. Sie war weg. Ihre Schuhe waren weg. Ihre Handtasche war weg. Sein Zettel war weg. Überhaupt — es gab nicht die geringste Spur von ihr.

Er fragte sich nicht, ob er womöglich geträumt hatte. Sie war also wieder zu sich gekommen und geflüchtet. Hm, ohne ein einziges Dankeschön? Ach, na ja, wahrscheinlich in Panik geraten. Ach, die menschliche Schwäche! Mitch zuckte die Achseln. Doch er hatte Sachen zu erledigen und nicht genügend Zeit dafür.

Er begann wie besessen das Haus in Ordnung zu bringen, warf alles Verderbliche aus dem Kühlschrank, alles Schmutzige in den Wäschesack, alles Anziehbare in seinen Koffer. Er erreichte das Flugzeug mit knapper Not.

Kaum saß er drin, begann er zu leiden. Er las sein Manuskript in Gedanken noch einmal durch und wand sich unter Zweifeln. Er versuchte, ein bisschen zu schlafen, konnte aber nicht, und dann konnte er plötzlich doch … und dann war er auch schon in New York, und Gott war ihm gewogen und sein Produzent immer noch scharf drauf …

Sechs Wochen später stieg der Bühnenautor Mitchel Brown in Los Angeles aus dem Flugzeug. Er hatte ein Stück am Broadway! Das Urteil lautete comme ci, comme ςa. Laufzeit, Kartenverkauf, Mundpropaganda … Er selbst wollte nichts mehr davon wissen. Er war zwar nicht direkt am Ende, wusste aber, dass ihm das blühte, wenn er nicht nach Hause flog und sich an eine andere Arbeit machte, und zwar bald.

Die ganze Zeit war er der Welt entrückt gewesen, denn wenn man ein Stück probiert, bedeuten einem Erdbeben, große Katastrophen und Kriegserklärungen nichts. Absolut gar nichts.

Etwa um fünf Uhr morgens kam er in seiner Wohnung an und stieß mit dem Fuß den Stapel von Zeitungen weg, die er vergessen hatte abzubestellen. Drinnen roch es muffig und war eigentlich nicht richtig sauber, aber egal.

Er riss sämtliche Fenster auf, mixte sich einen Highball und setzte sich mit der obersten Zeitung vom Stapel hin, um sich auf den neuesten Stand zu bringen über das, was die westliche Welt seit seinem Weggang umgetrieben hatte. Die internationalen Nachrichten hatte er schon letzte Woche im Osten kurz überflogen. Von lokalen Ereignissen hatte er natürlich überhaupt keine Ahnung.

Der neueste Mordfall, hm … Weil die Zeitungen in Los Angeles immer hoffen, dass ein Mord sich als ganz große Sache entpuppt, wird jeder Mord groß herausgebracht.

Dieser hier sah nicht besonders viel versprechend aus.

Eine schlichte Rangelei, schätzte er. In ein paar Tagen wäre es kalter Kaffee.

Er überflog die zweite Seite, wo über alle länger zurückliegenden Mordfälle berichtet wurde. Zwei bis drei waren ihm entgangen. Eine Frau, die von ihrem Exmann erstochen worden war. Ein Mann, den man in seinem eigenen Hausflur erschossen hatte. Das Übliche. Mitch gähnte. Er würde sein Auto herausholen und irgendwo anständig essen gehen, beschloss er. Und sich morgen dann wieder an die Arbeit machen.

Um halb sieben betrat er sein Lieblingsrestaurant, bestellte sich einen Drink und setzte sich hin, um in Ruhe die Speisekarte zu studieren.

Etwa zehn Minuten später kam sie lautlos herein und setzte sich direkt gegenüber von Mitch allein an einen Tisch. Das Erste, was er aus den Augenwinkeln wahrnahm, waren ihre Schuhe. Er hatte sie schon einmal gesehen. Ja, und sie gehalten — sie in den Händen gehalten.

Sein Blick wanderte höher, und da war sie — Mrs. Julius Maxwell. (Natalie hieß sie, erinnerte er sich.) Es war nicht nur Mrs. Julius Maxwell in Person, sondern auch in derselben Kleidung, die sie damals getragen hatte!

Dasselbe grüne Kostüm, dieselbe helle Bluse und kein Hut. Eine Dame, gepflegt, begütert, hübsch und in entspannter Haltung — und mittlerweile absolut nüchtern.

Mitch hielt den Kopf schief und richtete den Blick auf sie; er wartete, dass sie sein Starren spürte und darauf reagierte. Ihre Augen begegneten seinen gleich darauf, waren jedoch kühl und bar jeder Wiedererkennung.

Aber natürlich, dachte er. Wie sollte sie mich auch erkennen? Sie hat mich ja nie gesehen. Amüsiert wandte er den Blick ab, sah dann wieder hin. Natalie Maxwell bestellte. Sie lehnte sich entspannt zurück, und ihr Blick glitt an ihm vorbei, kehrte kurz zurück, um sein Interesse zur Kenntnis zu nehmen, und wanderte weiter, ihrerseits keinerlei Interesse bekundend.

Mitch fand es irgendwie nicht in Ordnung, wie sie ihn behandelte. Er stand auf und ging zu ihr hinüber.»Guten Tag, Mrs. Maxwell!«, sagte er freundlich.»Ich freue mich, dass es Ihnen besser geht.« «Wie bitte?«, sagte sie. Ihm fiel ein, dass er sie das, und nur das, schon einmal hatte sagen hören.

«Ich heiße Mitchel Brown. «Abwartend lächelte er zu ihr hinunter.

«Ich glaube nicht …«, murmelte sie in vornehmer Verwunderung. Sie hatte eine hübsche gerade Nase, und obwohl sie zu ihm aufblicken musste, schien sie ihn von oben herab zu mustern.

«Sie erinnern sich sicher an den Namen«, sagte Mitch.

«Es war am sechzehnten März. Nein, es war eigentlich am St.-Patrickstag in der Frühe.« «Ich verstehe nicht ganz …« War sie dumm oder was? Mitch sagte mit einem etwas spitzen Ton in der Stimme:»Hatten Sie einen schlimmen Kater?« «Es tut mir Leid«, versetzte sie mit einem leicht genervten Lachen,»aber ich weiß wirklich nicht, wovon Sie reden.« «Na, nun kommen Sie schon, Natalie«, sagte Mitch, der allmählich sauer wurde,»es war doch meine Wohnung.« «Was?«, sagte sie.

«Meine Wohnung, in der Sie ohnmächtig wurden — hier in Los Angeles.« «Ich fürchte, da irren Sie sich«, sagte sie abweisend.

Mitch war anderer Meinung.

«Sind Sie denn nicht Mrs. Julius Maxwell?« «Doch, die bin ich.« «Aus Santa Barbara?« «Aber ja doch, die bin ich. «Sie runzelte leicht die Stirn.

«Na, dann war die Wohnung, in der sie aufwachten, am St.-Patrickstag in der Frühe, meine Wohnung«, sagte Mitch verstimmt,»was soll dieser Aussetzer?« «Was ist hier los?«, ließ sich eine Männerstimme vernehmen.

Mitch schwenkte den Kopf herum und wusste sofort, dass er hier Mr. Julius Maxwell vor sich hatte. Er sah einen mittelgroßen, muskulösen Mann mittleren Alters vor sich, mit Pfeffer-und-Salz-Haarschopf und wilden schwarzen Augen unter schweren schwarzen Brauen.

Alles an diesem Mann verhieß Aggression und krankhafte Eifersucht. Er roch förmlich nach Durchsetzungskraft und Machtstreben, nach Ego und Gier.

Mitchel Brown, der Bühnenautor, Künstler und Mitgefühlsapostel nahm seine ganze Kraft zusammen, als faltete er ein Paar Flügel zusammen.

«Julius«, sagte die Blondine,»dieser Mann kennt meinen Namen. Er redet andauernd vom St.-Patrickstag in der Frühe.« «Ach ja?«, sagte ihr Mann.

«Er behauptet, ich war in seiner Wohnung, hier in Los Angeles.« Mitch Brown kam plötzlich ein Gedanke, mit dem sich alles erklären ließ. Offensichtlich hatte Natalies Gatte nie erfahren, wo Natalie in jener Nacht gewesen war. Also hatte Natalie so tun müssen, als würde sie Mitch nicht kennen, weil sie, im Gegensatz zu ihm, ja wusste, dass Julius Maxwell in der Nähe war und gleich auftauchen würde. Etwas im Verhalten der Frau passte aber nicht recht zu seiner Theorie. Sie wirkte nicht betroffen genug.

Ihr Blick war unbeirrt, ihre Verwirrung oberflächlich.

Trotzdem meinte er, sich ritterlich geben zu müssen.

«Na, dann habe ich mich wohl geirrt«, sagte er.»Aber die Ähnlichkeit ist frappierend. Vielleicht haben Sie ja eine Doppelgängerin, Madam?« Er hielt dies für eine noble Geste von ihm, die ihr einen Ausweg bot.

«Eine Doppelgängerin?«, giftete Julius Maxwell.»Die den Namen meiner Frau benutzt?« Nun, wenn der Kerl natürlich seinen Scharfsinn beweisen musste, hatte Mitch Pech gehabt.»Tut mir Leid«, sagte er leichthin.

«Setzen Sie sich, und erzählen Sie mir davon«, kommandierte Maxwell.»Mr. äh …?« «Brown«, sagte Mitch knapp. Er hatte gute Lust, auf dem Absatz kehrt zu machen und zu gehen. Doch dann sah er Natalie an. Sie hatte ihre Handtasche aufgemacht und ihre Puderdose gefunden. Dies mutete ihn entweder unverschämt nonchalant oder aber erschreckend vertrauensselig an. Oder was? Neugier stieg in ihm hoch – er setzte sich.

«Na ja, ich geriet zufällig in eine Bar, wo eine Dame etwas zu tief ins Glas geschaut hatte«, sagte er, als wäre dies nichts Besonderes.»Ich erklärte mich bereit, sie in ein Taxi zu setzen, doch es gab kein Taxi. Schließlich ließ ich sie ohnmächtig auf meinem Sofa liegen. Am nächsten Morgen war sie verschwunden. Das ist die ganze Geschichte.« «Und das war am St.-Patrickstag?«, fragte Maxwell gespannt.

«Mitten in der Nacht. Frühmorgens.« «Dann war die Dame nicht meine Frau. Meine Frau war in der Nacht bei mir zu Hause in Santa Barbara.« «Bei Ihnen?«, fragte Mitch vorsichtig und etwas geschockt.

«Sicher. «Maxwells Ton war aggressiv.

Mitch begann sich allmählich zu fragen, was hier eigentlich gespielt wurde. Die Frau hatte sich die Nase gepudert und saß da, als wäre ihr das alles völlig schnuppe.»Nicht bloß im gleichen Gebäude«, wollte Mitch wissen,»wie Sie vielleicht annahmen?« «Nicht bloß im selben Gebäude«, sagte Julius Maxwell, «und von Annahme ist keine Rede. Sie war bei mir, sprach mit mir, berührte mich, wenn Sie’s genau wissen wollen. «Seine schwarzen Augen blickten feindselig.

Oho, dachte Mitch, dann lügst du also auch. Was soll das eigentlich alles? Dieser Maxwell gefiel ihm ganz und gar nicht.

«Vielleicht habe ich sie mit einer anderen Dame verwechselt«, sagte er glatt.»Aber ist es nicht merkwürdig, dass sie die gleichen Sachen trägt, die sie auch am St.-Patrickstag anhatte?« (Na, jetzt sagst du nichts mehr, dachte Mitch voller Genugtuung.)

Julius meinte etwas rätselhaft:»Wissen Sie überhaupt, wer ich bin?« «Ihren Namen habe ich schon mal gehört«, erwiderte Mitch.

«Wissen Sie, dass ich ein einflussreicher Mann bin?« «O ja«, sagte Mitch liebenswürdig.»Ehrlich gesagt, kann ich den Zaster bis hierher riechen.« «Wie viel wollen Sie haben, um zu vergessen, dass Sie meine Frau in der Nacht damals in Los Angeles gesehen haben?« Mitchs Augenbrauen fuhren hoch.

«Am St.-Patrickstag in der Frühe«, fügte Julius gehässig hinzu.

Mitch spürte, wie er allmählich in Wut geriet und sein Temperament aufloderte.»Wieso? Was ist es denn wert?« Ihre Blicke verfingen sich ineinander. Es war lächerlich.

Mitch kam sich vor, als wäre er unversehens in einen zweitklassigen Film geraten. Dann stand Maxwell vom Tisch auf.»Sie entschuldigen mich. «Sein Blick knallte wie ein Peitschenhieb auf Mitch herab.

«Sitz «schien er zu sagen, als wäre Mitch ein Hund.

Dann stolzierte er davon.

Allein mit der Blondine, beeilte Mitch sich zu fragen:

«Was soll ich Ihrer Meinung nach denn tun oder sagen?« Er betrachtete ihre Hand, die schlaff auf dem Tisch lag, langfingrig, mit pink lackierten Nägeln, die sich nicht festklammerte, sich nicht einmal rührte.»Ich verstehe das nicht«, sagte sie gleichmütig.

«Okay«, sagte Mitch angewidert.»Ich bin hierher gekommen, um zu Abend zu essen, und finde diese Diskussion recht unergiebig, wenn Sie mich also bitte entschuldigen.« Er stand auf, ging zu seinem eigenen Tisch hinüber und bestellte sein Essen.

Kurz darauf kam Julius Maxwell zurück und musterte Mitch mit einem triumphierenden Leuchten in den Augen.

Mitch schwenkte den Zauberstab der Vernunft über seine eigene, allzu menschliche Drüsenaktivität. Es war für Mitchs Selbstachtung unerlässlich, dass er hier wie geplant zu Abend speiste und sich von diesen fremden Leuten nicht aus der Ruhe bringen ließ.

Sein Steak war gerade gekommen, als ein Mann den Raum betrat und auf Maxwells Tisch zusteuerte. Es folgte ein Wortwechsel. Julius stand auf. Beide Männer kamen zu Mitch herüber.

Julius sagte.»Das ist der Bursche, Lieutenant.« Mitch merkte plötzlich, dass der Fremde auf den Sitz neben ihm und Julius auf den Sitz zu seiner anderen Seite glitt. Er wehrte sich gegen das Gefühl, in der Falle zu sitzen.»Was soll das alles?«, erkundigte er sich milde und tupfte sich dabei die Lippen mit der Serviette ab.

«Mein Name ist Prince«, sagte der Fremde.»Vom Los Angeles Police Department. Mr. Maxwell sagte mir, Sie hätten behauptet, Mrs. Maxwell sei in der Nacht des sechzehnten März und am Morgen des siebzehnten hier in der Stadt gewesen?« Argwöhnisch nippte Mitch an seinem Wasserglas; er war auf der Hut.

Julius Maxwell sagte:»Dieser Mann hat versucht, mich mit einer verrückten Geschichte zu erpressen.« « Was habe ich?«Mitch rastete aus.

Der Police Lieutenant, oder was er auch war, hatte ein langes, hageres Gesicht, unten leicht gekrümmt, und sehr müde Augenlider. Er sagte:»Wollten Sie mit Ihrer Story ihr Alibi zerstören?« «Ihr Alibi wofür?«Mitch lehnte sich zurück.

«Ach, hören Sie doch auf, Brown«, sagte Julius Maxwell,»oder wie Sie auch heißen. Sie haben meine Frau doch von dem Foto in der Zeitung erkannt.« Mitchs Hirn überschlug sich.»Ich habe seit sechs Wochen keine Zeitungen gesehen«, versetzte er aggressiv.

Triumphierend leuchteten Julius Maxwells schwarze Augen auf.

«Also, das«, erklärte er rundweg,»ist unmöglich.« «Ach, tatsächlich?«, gab Mitch recht sanft zurück. Seine Rolle als Mitgefühlsapostel legte er ziemlich rasch ab.

Jetzt war Mitch ein Mensch, der mit einem anderen Menschen aneinander geriet, und er wusste, dass er sich vorsehen musste. Er spürte, wie seine Flügel sich in sein Rückgrat zurückzogen.»Alibi wofür?«, beharrte er und musterte den Polizisten gespannt.

Der Polizist seufzte.»Sie wollen es von mir hören?

Okay. Vergangenen März, am sechzehnten, spätabends«, leierte er herunter,»wurde ein Mann namens Joseph Carlisle in seinem Hausflur erschossen.«(Mitch spitzte die Ohren; die kurze Meldung fiel ihm wieder ein, die er erst heute Abend gelesen hatte.)»Wohnhaft in einem Canon in den Hollywood Hills«, fuhr der Lieutenant fort.

«Kurvenreiche Landstraße, einsame Gegend. Sieht aus, als hätte jemand bei ihm geklingelt, er machte auf, sie unterhielten sich im Hausflur. Es war seine eigene Schusswaffe, die er in einer Tischschublade dort aufbewahrte. Wer immer ihn erschoss, zog die Haustür zu, wodurch sie abgeschlossen war, und warf die Waffe ins Gebüsch. Und verschwand. Wurde nicht gesehen — von niemandem.« «Und was hat das mit Mrs. Maxwell zu tun?«, wollte Mitch wissen.

«Mrs.

Maxwell war mal mit diesem Carlisle verheiratet«, erwiderte der Polizist.»Wir mussten sie überprüfen. Sie hat dieses Alibi.« «Verstehe«, sagte Mitch.

«Mrs.

Maxwell«, stieß Julius zwischen den Zähnen hervor,»war an dem Abend und die ganze Nacht bei mir in unserem Haus in Santa Barbara.« Nun begriff Mitch. Er erkannte, dass Maxwell seiner Frau entweder die Peinlichkeit ersparen wollte, unter Verdacht zu geraten, oder … dass Mitgefühl eine feine Sache ist, einen wohlmeinenden Menschen aber in Schwierigkeiten bringen kann. Und dass ein paar Drinks auf eine Mörderin womöglich eine sehr schwere und sehr schnelle Wirkung haben können. Mitch wusste, dass Maxwell, was auch immer er sonst sagte, in Bezug auf dieses Alibi das Blaue vom Himmel herunterlog. Weil es sich nämlich bei der Frau, die immer noch dort drüben im Restaurant saß, um genau die Frau handelte, die Mitch Brown mit zu sich nach Hause genommen und der er etwas Gutes getan hatte.

Ihm, Mitch Brown, tat jedoch niemand etwas Gutes. Und wozu dieser Unsinn von wegen Erpressung? Mitch, die Flügel fest weggefaltet, sagte zum Lieutenant:»Wie wär’s, wenn ich Ihnen jetzt meine Geschichte erzähle?« Und er tat es, kalt, knapp.

Als er fertig war, lachte Maxwell.»Glauben Sie das etwa? Glauben Sie, er würde eine Betrunkene mit zu sich nach Hause nehmen — und einfach die Tür zumachen?« Mitch Brown spürte, wie das Glimmen der Abneigung in seiner Brust zu einer Flamme des Hasses aufloderte.

«Nein, nein«, sagte Maxwell.»Es muss folgendermaßen passiert sein. Er hat meine Frau hier entdeckt. O doch, er hat die Zeitungen gelesen — glauben Sie ihm bloß nicht, dass er es nicht getan hat. Er wusste, dass sie mit Joe Carlisle verheiratet gewesen war. Und probiert ganz spontan seine kleine Lüge aus. Wer weiß — vielleicht springt dabei ja was heraus! Und jetzt hören Sie her: Als ich ihn fragte, wie viel er dafür haben will, dass er die Geschichte für sich behält, wollte er wissen, wie viel sie denn wert sei.« Mitch kaute auf seiner Lippe herum.»Sie haben aber ein schlechtes Ohr für Dialoge«, sagte er.»Das ist es nicht genau, was ich gesagt habe. Und es trifft auch nicht den Sinn dessen, was ich gesagt habe.« «Oho. «Maxwell lächelte.

Der Lieutenant schürzte die Lippen und guckte unbeteiligt.

An ihn gewandt, fragte Mitch:»Von wem wird Mrs. Maxwells Alibi denn noch untermauert?« «Von Bediensteten«, sagte der Lieutenant düster.

«Bediensteten?«, wiederholte Mitch heiter.

«Das ist nur natürlich«, versetzte der Lieutenant noch düsterer.

«Richtig«, sagte Mitch Brown.»Sie meinen, es ist recht wahrscheinlich, dass wenn ein Mann und eine Frau zu Hause sind, nur die Bediensteten sie dort sehen. Weniger wahrscheinlich ist, dass ein Fremder eine Betrunkene aufnimmt und sie dann sich selbst überlässt … bloß weil er einem anderen Menschen gern etwas Gutes tun möchte.

Wir haben es hier also mit einer Art Wahrscheinlichkeitsrechnung zu tun, stimmt’s?« Als der Lieutenant die Lippen bewegte, warf Mitch rasch ein:»Und Sie wollen lieber die Fakten, nicht? Okay. Da bleibt uns nur eins: mit dem Barkeeper reden.« «Das scheint mir die Lösung«, fiel der Lieutenant sofort ein.

«Richtig.« «Richtig«, sagte Maxwell.»Warten Sie auf uns.« Er stand auf, um seine Frau zu holen. Mitch blieb neben dem Lieutenant stehen.»Gibt’s Fingerabdrücke?«, murmelte er. Der Lieutenant zuckte die Achseln. Unter den müden Augenlidern, schätzte Mitch, lagen menschliche Augen.»Hat sie einen Wagen? War der Wagen weg?«Der Lieutenant zuckte erneut die Achseln.

«Wer sollte diesen Carlisle sonst erschießen? Hatte er irgendwelche Feinde?« «Wer hat die nicht?«, versetzte der Lieutenant.»Schauen wir uns lieber den Barkeeper an.« Die vier fuhren im Wagen des Lieutenant. Das Parrakeet Bar & Grill war an dem Abend gut besucht. Es wirkte heller, das Geschäft brummte. Toby, der Barkeeper, war in Aktion.»Hallo, Mr.

Brown«, sagte er.»Lange nicht gesehen.« «Ich war an der Ostküste. Toby, sagen Sie diesem Mann, was am siebzehnten März etwa um halb zwei passiert ist.« «Hä?«, machte Toby. Seine Wangen schienen plötzlich einzufallen. Sein Blick trübte sich. Mitch war schlagartig klar, was geschehen würde.

«Haben Sie diesen Mann oder diese Dame am siebzehnten März zwischen ein und zwei Uhr morgens hier gesehen?«, fragte der Lieutenant und fügte hinzu:

«Lieutenant Prince, LAPD.« «Nein, Sir«, sagte Toby.»Ich kenne natürlich Mr. Brown. Er kommt ab und zu her. Wohnt hier in der Gegend. Schriftsteller ist er. Ich kann mich aber nicht erinnern, dass ich die Dame schon mal gesehen habe.« «Was ist mit Brown? War er in der Nacht oder an dem Morgen hier?« «Glaub ich nicht«, sagte Toby.»Das war doch die Nacht, jetzt, wo ich mich erinnere — ja, mein Kind war krank, und ich habe früher als sonst dichtgemacht. Fragen Sie meine Frau«, sagte Toby, der Barkeeper, mit dem starren, selbstgerechten Blick eines Lügners.

Lieutenant Prince wandte sein langes Gesicht mit den traurigen Augenlidern Mitch Brown zu.

Mitch Brown grinste.»O nein!«, sagte er.»Bitte nicht den alten Gag mit der Pariser Weltausstellung!«Er stützte sich auf die Theke und lachte lautlos in sich hinein.

«Wovon reden Sie?«, fragte Lieutenant Prince verstimmt.»Liefern Sie mir lieber einen Beweis für die Geschichte, die Sie da erzählen. Wer kann mir das bestätigen? Wer hat Sie und diese Dame in der Nacht gesehen?« «Niemand. Niemand«, erwiderte Mitch herzlich.»Die Straßen waren menschenleer. Es war niemand unterwegs.

Na, so was! Ich hätte es nicht für möglich gehalten! Der alte Gag mit der Pariser Weltausstellung!« Der Lieutenant ließ einen genervten Ton vernehmen.

«Erinnern Sie sich an den denn nicht mehr?«, sagte Mitch heiter.»Ein Mädchen steigt mit seiner Mutter in einem Pariser Hotel ab. Getrennte Zimmer. Das Mädchen wacht morgens auf, keine Mutter. Keiner hat die Mutter je gesehen. Der Name der Mutter steht nicht im Gästebuch.

Das Zimmer mit der Zimmernummer der Mutter existiert nicht. Aber halt, nein — das war’s nicht. Es gab ein Zimmer, bloß die Tapete war anders.« «Ein Schriftsteller«, sagte Julius Maxwell, als ob das alles erklärte.

«Setzen wir uns doch«, sagte Mitch fröhlich,»und erzählen einander Geschichten!« Sein Vorschlag wurde angenommen. Natalie Maxwell ließ sich als erste in einer Sitznische nieder. Sie war blond, teuer, beschützt … und wirkte benommen. (Ob sie mit Beruhigungsmitteln vollgepumpt ist? überlegte Mitch.) Ihr Gatte setzte sich zu ihrer Rechten, der Polizist zu ihrer Linken. Mitch rutschte auf die andere Seite des Gesetzeshüters, seinem Widersacher gegenüber.

Mitch Browns Stimmung war bei weitem nicht so unbeschwert, wie seine Worte glauben ließen. Die Vorstellung, Opfer des alten Gags mit der Pariser Weltausstellung zu sein, behagte ihm überhaupt nicht.

Doch war er nicht nervös oder in Panik. Im Gegenteil, er machte sich im Geiste daran, seinen Feind auszukundschaften. Julius Maxwell, der seinen Erfolg protzig zur Schau stellte — Mitch ließ sich den Ruf dieses Mannes auf der Zunge zergehen. Freibeutertyp, skrupellos und verwegen. Julius Maxwell — der das Geld wie eine Keule in der Hand schwang. Der Mitchel Brown zum Idioten machen würde. So ganz nebenbei war da auch noch die Sache mit der Gerechtigkeit. Oder Barmherzigkeit.

Mitch spürte, wie seine Flügel wieder zu rascheln anfingen.

Ganz sanft sagte er zu der Frau:»Möchten Sie etwas?

Einen Highball vielleicht?« «Ich trinke nicht«, sagte Natalie affektiert. Ihre Wimpern senkten sich. Ihre Zunge berührte ihre Lippen.

Mitch Brown fuhr sich nachdenklich mit der Zunge über die Oberlippe.

Julius Maxwells Energie war hier in dieser Umgebung kaum zu bändigen.»Was soll das mit den Erfrischungen«, sagte er.»Nun machen Sie schon. Dieser junge Mann, wer er auch sein mag, hat meine Frau gesehen und aufgrund all der Publicity erkannt. Er weiß, dass ich ein reicher Mann bin. Also dachte er sich, er würde es mal mit einer kapitalen Lüge versuchen. Dafür, dass er mir nicht mehr lästig fällt, dachte er, würde ich schon irgendwas springen lassen. Nun, ein Opportunist eben«, schloss Julius mit einem fiesen Lächeln,»kann ich ja verstehen.« «Dass Sie mich verstehen, bezweifle ich«, versetzt Mitch ruhig.

«Ich bin sicher, Sie haben keine Ahnung, was für ein alter Hut diese Geschichte mit der Pariser Weltausstellung schon ist.« «Was haben denn irgendwelche Pariser Weltausstellungen damit zu tun?«, fuhr ihn Julius an.

«Also, Lieutenant Prince, sagen Sie, kann ich diesen Mann anzeigen?« «Wegen Erpressung haben Sie keine Handhabe«, sagte der Lieutenant düster.»Sie hätten ihn das Geld nehmen lassen müssen, unter Zeugen.« «Das konnte er nicht«, sagte Mitch,»weil er weiß, dass mir der Gedanke an Geld überhaupt nicht gekommen ist.« Vor lauter Erschöpfung gingen die Augen des Lieutenant nun vollends zu. Als er sie wieder aufschlug, wurde offensichtlich, dass er noch nichts und niemandem glaubte.»Damit ich das jetzt richtig verstehe: Sie, Mr. Maxwell, behaupten — « Julius sagte:»Ich behaupte, dass meine Frau an dem Abend und die ganze Nacht zu Hause war, die Bediensteten sagen das ebenfalls, und die Behörden wissen es. Folglich lügt dieser Mann. Wer weiß, warum?

Es ist doch offensichtlich, dass er nichts und niemanden beibringen kann, um diese Hirngespinste zu untermauern.

Der Barkeeper streitet es ja ab. Und, wenn Sie mich fragen, das Lächerlichste ist seine Behauptung, er hätte seit sechs Wochen keine Zeitung gelesen. Daran erkennen Sie doch, was für eine verquere Fantasie er hat.« Der Lieutenant wandte sich kommentarlos an Mitch.

«Und Sie behaupten — « «Ich behaupte«, sagte Mitch,»dass ich seit dem siebzehnten März in New York war und die Proben für mein Bühnenstück und dessen Premiere besucht habe.« «Ein Stückeschreiber«, sagte Julius.

«Ein Bühnenschriftsteller«, verbesserte ihn Mitch.»Ich nehme an, Sie wissen nicht, was das ist. Zunächst einmal ist es eine Person, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, andere Menschen verstehen zu wollen. Seltsamerweise sogar Sie. «Mitch beugte sich über den Tisch.»Sie sind ein verwegener Freibeuter, habe ich gehört. Sie haben die ganze Welt übers Ohr gehauen und glauben jetzt, dass man mit Geld kaufen kann, was man will. Soll ich vielleicht mal Ihre Geschichte erzählen?« Julius Maxwell trug mittlerweile nur noch den Anflug eines gehässigen Lächelns zur Schau, doch Natalie, bemerkte Mitch, hatte die Augen weit aufgerissen.

Vielleicht waren ihre Ohren auch gespitzt. Mitch wagte sich noch weiter vor.

«Ihre Frau fuhr hierher und erschoss ihren Ex«, sagte er brutal. (Natalie zuckte nicht einmal mit der Wimper.)

«Also, und dann …« Mitchs Fantasie fing aus alter Übung an zu arbeiten.

«Ich nehme an, Natalie fühlte sich so elend, so aufgewühlt, so reumütig vielleicht, dass sie einen Drink brauchte und viel zu viel trank, um ihre Probleme schließlich zu vergessen. «Natalie sah ihn aufmerksam an.

«Doch nachdem sie in meiner Wohnung aufgewacht war, lief sie davon — lief zu ihrem Wagen, der ja irgendwo gestanden haben musste. Und fuhr schnell nach Hause. Na ja, was sollte sie sonst tun?«, überlegte Mitch laut.»Sie hatte diese schreckliche Tat begangen. Jemand würde ihr helfen müssen.« (Hielt Natalie etwa den Atem an?)

«Und wer würde ihr helfen?«, fragte Mitch schneidend.

« Sie, Maxwell. Und warum? Ich werde Ihnen sagen, warum. Sie sind nicht der Typ, der will, dass seine Frau, die Betonung liegt auf seine, wegen Mordes in der Gaskammer stirbt. Sie hatte eine Dummheit begangen. Sie haben Sie wegen dieser Dummheit zusammengestaucht, nehme ich an. Aber dann haben sie ihr gesagt, sie solle sich mal keine Sorgen machen. Sie ist Ihre Frau, also würden Sie die Sache auch in Ordnung bringen. Mit Geld kann man alles kaufen. Sie sollte genau das tun, was Sie sagen, dann könnte sie es vergessen. «Mitch zögerte.

«Dachten Sie wirklich, sie könnte es vergessen?«, murmelte er.

Weil niemand sich rührte oder etwas sagte, redete Mitch weiter.

«Also machten Sie sich an die Arbeit. Sie bestachen die Bediensteten. Bestachen auch unseren guten Toby hier.

Und Sie erkundigten sich überall und stellten fest, dass es nur einen Menschen gab, der verraten könnte, dass sie in Wirklichkeit gar kein Alibi hat. Nämlich einen Bühnenschriftsteller. Ach, über mich zogen Sie auch Erkundungen ein. Ist doch klar. Sie wussten sehr wohl, wo ich war und was ich machte. Sie fanden den Tag und die Uhrzeit heraus, wann ich wieder in Los Angeles sein würde.« Lieutenant Prince schnaubte unwillig.»Klingt ja verrückt«, schaltete er sich ein.»Sie sagen, er hat alle bestochen? Wieso hat er dann Sie nicht bestochen?« Mitch sah ihn mit glänzenden Augen an.»Das Problem war, ich hatte die Zeitungen tatsächlich nicht gelesen. Ich wusste gar nicht, dass ich etwas wusste. Wie sollte er mich da bestechen? Er hat mich als Idioten eingeordnet«, sagte Mitch.»Denn welcher normale Mensch liest sechs Wochen lang keine Zeitung? Und dann fiel ihm etwas ein.« Mitch sprach Maxwell direkt an.»Sie haben jemanden für Geld dazu gebracht, meine Wohnung zu beobachten.

Und Sie und Natalie hielten sich bereit und warteten, und zwar ganz in der Nähe.« Mitch hatte das Gefühl, dass der Polizist gleich mit den Schultern zucken würde, und fügte rasch hinzu:»Wieso sollte ich sonst gleich am ersten Tag nach meiner Rückkehr Natalie begegnen, und zwar Natalie in denselben Kleidern?« «Wer außer Ihnen«, versetzte Maxwell aalglatt,»sagt denn, dass es dieselben sind?« «Sie kam ins Restaurant«, sagte Mitch,»allein.« «Weil ich noch telefonieren musste …« «Allein«, beharrte Mitch, den Einwurf ignorierend,»und warum? Um mich zu ermutigen, herüberzukommen und mit ihr zu sprechen. Daher dieselben Kleider — um sicherzugehen, dass ich sie wieder erkennen würde.

Nachdem sie mich verständnislos angeschaut hat, tritt Maxwell auf den Plan. Sie, wohl wissend, wie gut Sie Ihre Verteidiger hinter sich bestochen hatten, zwingen mich in die Rolle des Opportunisten — möglicherweise sogar des Erpressers. ›Brown ist Schriftsteller‹ sagen Sie sich. In Ihren Augen also ein ›Spinner‹. › Dem wird keiner ein Wort glauben.‹ Sie bringen mich in Misskredit. Sie konstruieren ein kleines Szenario. Sie holen sich einen echten Polizisten als Zeugen.« «Warum?«, krächzte der Lieutenant.

Mitch war verblüfft.»Warum was?« «Warum sollte er das alles zusammendichten und dann mich holen?« «Ganz einfach«, sagte Mitch.»Was, wenn ich am Ende doch die Zeitungen gelesen und ihren Namen wieder erkannt hätte? Was, wenn ich zu Ihnen gekommen wäre?

Was bin ich dann? Ein braver Bürger. Ist es nicht so? Aber jetzt hat er es so aussehen lassen, als wäre ich zu den beiden gekommen. Und mich als Opportunisten hingestellt. Und jetzt ist er der brave Bürger, der Sie dazugerufen hat.« Der Lieutenant stieß den Atem aus, was aber nichts zu bedeuten hatte.

«Was für eine überspannte Intrige!«Mitch sagte es zuerst. (Verdammt, sie war überspannt. Sie würde sich nicht sehr wahrscheinlich anhören.)»Wie unrealistisch Sie sind!«, spottete er mit dem Mut der Verzweiflung.

Maxwell sah selbstgefällig drein.»Fantasie haben Sie ja, das muss man Ihnen lassen«, meinte er mit einem sarkastischen Lächeln.»Ganz schön wild.« Da überraschte sie der Polizist alle beide.»Moment mal, Brown. Sie behaupten, Maxwell weiß, dass seine Frau die Mörderin ist? Und dass er Beihilfe zur Verschleierung einer Straftat leistet? Das wollen Sie damit sagen?« Mitch zögerte.

«Er hat es überhaupt nicht durchdacht«, sagte Maxwell.

«Hören Sie, Lieutenant, das ist doch einfach eine abenteuerliche Geschichte. Er fühlte sich herausgefordert und beweist jetzt, dass er ein schlaues Kerlchen ist. Ist er auch — wenn es um erfundene Geschichten geht. Nennen Sie es einen ehrenwerten Versuch.« Mitch sah schon, wohin der Hase für ihn lief.

«Oder möglicherweise«, sagte Maxwell nach kurzer Überlegung,»versuchte er bloß, sich an eine gut aussehende Frau ranzumachen. «Maxwell bleckte seine Zähne zu einem Lächeln.

Mitch begriff — man zeigte ihm, wie er sein Gesicht wahren konnte. Es war sehr verführerisch. Und nicht nur das — ihm war bewusst, wenn er mitspielte, würden Macht, Geld und Einfluss Mitchel Brown allenthalben zum Vorteil gereichen.

Und darum sagte er bedächtig:»Ich weiß, dass er lügt.

Ich glaube, dass er Beihilfe zur Verschleierung einer Straftat leistet. Ja, das will ich damit sagen.« Julius Maxwells Gesicht verdunkelte sich.»Beweisen Sie es«, fuhr er ihn an.»Denn wenn Sie bloß daherreden, werde ich rechtliche Schritte einleiten und Sie in der Luft zerreißen. Ich lasse mich doch nicht einfach einen Lügner nennen.« Mitch hob den Kopf und sagte im Tonfall reiner, ungerührter Neugier:»Wie kommen Sie denn darauf, dass ich es tun würde?« «Hören Sie, ich brauche irgendwas. «Der Lieutenant wurde plötzlich wütend.»Geben Sie mir was an die Hand.« Verächtlich sagte Maxwell:»Kann er nicht. Alles fauler Zauber.« Mitch suchte fieberhaft nach etwas, was ihm helfen würde.»An einen Wagen habe ich gar nicht gedacht«, murmelte er.»Aber ich hätte es mir denken können wegen der Schuhe, die sie anhatte. Ich nehme nicht an, dass sie viel zu Fuß geht, seitdem sie das viele Geld geheiratet hat.« Mitch merkte, dass Maxwell zusehends in Rage, oder jedenfalls simulierte Rage, geriet. Doch Natalie, dachte er, hörte ihm zu. Voller Überzeugung rief er sich in Erinnerung, dass sie trotz allem ein menschliches Wesen war.

Also sah er sie direkt an und sagte:»Ich möchte gern wissen, wieso Sie diesen Joe Carlisle verlassen haben?

Was war er für ein Mensch? Haben Sie sich gestritten?

Haben Sie ihn gehasst? Wie kommt es, dass er noch die Macht hatte, Sie so sehr zu verletzen?« Sie sah ihn an, die Lippen halb geöffnet, mit leuchtenden Augen, verblüfft. Ihr Gatte war kurz davor, aufzustehen und jemandem einen Faustschlag zu versetzen, und Mitch wusste auch wem.

Lieutenant Prince sagte:»Setzen Sie sich, Maxwell. «Zu Mitch sagte er:»Und Sie, halten Sie die Klappe. Hören Sie auf, hier irgendwelche Charaktere zu analysieren. Oder mir irgendwelche Motive vorzuspielen. Sie hat ein Alibi, außer Sie können es widerlegen, und was die Justiz verlangt sind Beweise.« «Aber was ist mit meinem Motiv zu lügen?«, wollte Mitch wissen.»Geld? Das ist doch lächerlich!«Er hielt inne und starrte Natalie Maxwell fassungslos an. Die hatte ihre Handtasche aufgemacht und einen Lippenstift herausgeholt. Mord oder Gefängnis … Sie malt sich die Lippen an. Verleumdung oder Erpressung … Sie malt sich die Lippen an. Wie wahrscheinlich war das?

«Liefern Sie mir Beweise«, verlangte der Lieutenant verärgert.

«Gleich«, sagte Mitch, während sein Herz einen Sprung machte.

Er lehnte sich zurück.»Lassen Sie mich das Thema Geld noch etwas weiterverfolgen. Natalie, kann ich mir vorstellen, hat alles, was man mit Geld kaufen kann. Ihr Unterhalt wird finanziert. Sie hat Kreditkonten.« Maxwell sagte:»Gehen wir. Jetzt faselt er.« Der Lieutenant stieß schon gegen Mitchs Schenkel und wollte ihn aus der Sitznische drängen.

«Wissen Sie, was ich beweisen kann?«, sagte Mitch.

«Was?«, fragte der Lieutenant.

«Dass ich den ganzen Tag und bis in die Nacht vom sechzehnten auf den siebzehnten März in meiner Wohnung gearbeitet habe. Die Wände sind aus Karton, und ich bin ein Plagegeist — wohl bekannt im ganzen Gebäude.« «Sie haben also gearbeitet«, sagte der Polizist.»Na und?« «Ich war nicht in Santa Barbara«, versetzte Mitch fröhlich. Er griff über den Tisch und schnappte sich Natalies Handtasche, die grüne, die zu den Schuhen passte.

«Jetzt aber Moment mal«, knurrte Maxwell.

«Sehen Sie mal nach, ob ihr Scheckheft drin ist«, sagte Mitch und schob dem Lieutenant die Tasche hin.»Es ist so ein dickes. Ihr Name ist draufgedruckt und so; ich glaube nicht, dass sie oft Anlass hat, einen Scheck auszustellen. Es ist vielleicht noch dasselbe.« Der Lieutenant hatte die Hände auf der Handtasche, musterte ihn jedoch verständnislos.

«Schauen Sie sich’s doch an. Es ist ein Beweismittel«, sagte Mitch.

Als die Hand des Lieutenant sich bewegte, sagte Maxwell:»Ich bin mir nicht sicher, ob Sie das Recht haben …«Doch die müden Augenlider des Polizisten gingen nur einmal kurz hoch, und Maxwell verstummte.

Der Lieutenant nahm ein Scheckheft heraus.»Es ist dick«, sagte er.»Fängt mit dem einundzwanzigsten Februar an. Was ist damit?« Mitch Brown lehnte den Kopf an das rote Kunstlederpolster und hielt die Augen hoch.»Niemand auf der Welt … außer Natalie erinnert sich, was ich bezweifle … aber niemand sonst auf der Welt kann wissen, wie der Kontostand auf ihren Scheckbelegen am St. Patrickstag in der Frühe lautete. Nicht einmal ihre Bank wüsste es.

Aber was ist, wenn ich es weiß? Wie könnte ich? Weil ich nachgesehen habe, als sie schnarchend auf meinem Sofa lag und ich herausfinden musste, wer sie ist und wie ich ihr helfen kann und ob sie Geld braucht.« Die Hand des Lieutenants schnippte durch die Scheckbelege.

«Und?« «Soll ich es Ihnen sagen? Auf den Penny genau?«Mitch fing an zu schwitzen.

«Viertausendsechshundertundvierzehn Dollar und einundsechzig Cents«, sagte er langsam und bedächtig.

«Stimmt«, knurrte der Lieutenant, riss die Augen weit auf und sah Julius Maxwell hasserfüllt an.

Doch Mitch Brown achtete überhaupt nicht darauf und verspürte kein Gefühl des Triumphs.»Natalie«, sagte er, «es tut mir Leid. Ich wollte Ihnen was Gutes tun. Ich wusste ja nicht, was los war. Ich wünschte, Sie hätten es mir sagen können.« Ihre frisch gemalten Lippen bebten.

«Nicht, um so die Konsequenzen abzuwenden«, sagte Mitch.

«Ich hätte trotzdem die Polizei verständigt. Aber ich hätte zugehört.« Natalie legte den blonden Kopf auf das rot karierte Tischtuch, wo er schon einmal geruht hatte.»Ich wollte es nicht tun«, schluchzte sie.»Aber er hat mich so bedrängt, Joe meine ich. Bis ich es nicht mehr ausgehalten habe.« «Sei still!«, sagte Julius Maxwell, der an die Beweislage dachte — zu spät.

Der Lieutenant ging zum Telefon hinüber.

Mitch saß jetzt schweigend da. Die Frau weinte.

Maxwell sagte mit kalter, harter Stimme:»Natalie, wenn du …«Er zog sich zurück vor der Ansteckung. Er würde Unwissenheit vortäuschen.

Doch sie schrie heraus:» Du sei still! Du sei still! Ich hab’s dir immer und immer wieder gesagt und du hast nicht einmal versucht, es zu verstehen. Du hast gesagt, gib Joe tausend Dollar, dann geht er. Du hast gesagt, mehr will er doch nicht. Du wolltest nicht mal hören, was ich alles durchgemacht habe, und Joe hat geredet und geredet, über unser Baby, das tot war … verhungert«, sagte er, weil es keine Mutter hatte.» Mein Baby«, kreischte sie,»das du nicht gewollt hast, weil es nicht von dir war.« Ihre rosa lackierten Fingernägel krallen sich nun in die Kopfhaut, und die Ringe an ihren Fingern verfingen sich in ihrem Haar.

«Es tut mir so Leid«, weinte sie.»Ich wollte doch gar nicht, dass die Waffe losgeht. Ich wollte nur, dass er aufhört. Ich hielt es einfach nicht mehr aus. Er hat mich umgebracht … hat mich verrückt gemacht … und trotz dem Geld hat er keine Ruhe gegeben.« Mitch empfand tiefes Mitgefühl mit ihr.»Hatten Sie denn keine Ahnung, was wirklich wichtig ist?«, blaffte er Maxwell an.»Dachten Sie etwa, es geht nur um Nerze und Diamanten — und solches Zeug?« «Das Kind«, sagte Julius Maxwell,»ist eines natürlichen Todes gestorben.« « Doch, er dachte, es geht um Nerze«, schrie Natalie.

«Und, ach, mein Gott … so war es ja auch! Das weiß ich jetzt. Also sagte er, er könnte es in Ordnung bringen – aber das, was ich weiß, kann er nicht in Ordnung bringen, und ich will jetzt nur noch sterben.« Dann blieb sie stumm, wie bereits tot, über dem rot karierten Tischtuch liegen.

Aus Julius Maxwells Gesicht wich die Farbe, als der Polizist zurückkam und murmelte:»Muss noch warten.« Doch der Lieutenant war beunruhigt.»Sagen Sie mal, Brown«, meinte er,»Sie können sich eine sechsstellige Zahlenreihe sechs Wochen lang merken? Sind Sie etwa ein Mathematikgenie oder so? Oder haben Sie ein so genanntes fotografisches Gedächtnis?« Mitch fühlte, wie es in seinem Kopf arbeitete. Beiläufig meinte er:»Es ist mir im Gedächtnis haften geblieben.

Zunächst mal wiederholt es sich. Sehen Sie? Vier sechs eins, vier sechs eins. Für mich ist das ein ganz schöner Haufen Zaster.« «Für mich auch«, sagte der Lieutenant.»Hier im Raum hat wohl jeder gehört, was sie sagte, denke ich.« «Klar, alle haben gehört, wie sie gestanden und ihn als Komplizen mit belastet hat. Nehmen Sie zum Beispiel Toby. Der hat genug. Es wird jede Menge Beweismittel geben.« Der Lieutenant betrachtete die ruinierten Maxwells.

«Vermutlich«, sagte er knapp.

Etwas später am gleichen Abend saß Mitch Brown in einer fremden Bar am Tresen und sagte zu dem fremden Barkeeper:»Sagen Sie, wussten Sie eigentlich, dass der siebzehnte März nicht der Geburtstag des heiligen Patrick ist?« «Was Sie nicht sagen!«, murmelte der Barkeeper höflich.

«Nein. Es ist der Tag, an dem er gestorben ist«, sagte Mitch.

«Ich schreibe nämlich. Folglich lese ich auch. Solche kleinen Informationen bleiben mir im Gedächtnis haften.

Eigentlich habe ich gar kein Zahlengedächtnis und doch

… Wissen Sie, in welchem Jahr der heilige Patrick gestorben ist? Es war das Jahr 461.« «Tatsächlich?«, sagte der Barkeeper.

«Und dann stellt man vier einundsechzig zweimal hintereinander und setzt das Komma an die richtige Stelle.

Besonders glaubhaft ist es natürlich nicht«, sagte Mitch, «obwohl es wirklich passiert ist — am St.-Patrickstag in der Frühe. Woher weiß ich — ein Mensch, der nicht immer Zeitung liest — in welchem Jahr der heilige Patrick gestorben ist? Na ja, man will ja nicht als Idiot dastehen, oder? Und wahrscheinlich ist wahrscheinlich und unwahrscheinlich ist unwahrscheinlich — aber das ist manchmal das Einzige, woran man sich halten kann. Ich will Ihnen aber mal was sagen«, dabei haute Mitch auf den Tresen.»Mit Geld hätte man das nicht kaufen können.« «Vermutlich nicht, Chef«, meinte der Barkeeper besänftigend.

Das Purpurrot ist alles

von DOROTHY SALISBURY DAVIS

Dorothy Salisbury Davis (*1916), geboren in Chicago und mit einem Abschluss vom Barat College, gehört ganz sicher zu den Menschen, mit denen man sich über einen längeren Zeitraum hinweg befassen sollte. Von 1946 bis zu dessen Tode 1993 mit dem Schauspieler Harry Davis verheiratet, trägt sie weiterhin zu einem Genre bei, das sie vor über einem halben Jahrhundert mit dem Roman The Judas Cat (1949) betrat und zu dem sie in jüngster Zeit in der Anthologie Murder Among Friends (2000) eine neue Erzählung beisteuerte. Davis sieht sich in der Kriminalliteratur als Ausnahme. Sie hat immer beklagt, keine bemerkenswerte Serienheldin schaffen zu können, wenngleich die Julie Hayes in ihren letzten Romanen diese Bezeichnung für sich in Anspruch nehmen könnte, und sie verabscheut Gewalt und Mord. (Eine Anthologie, die sie 1970 für die Mystery Writers of America herausbrachte, trägt den Titel Crime Without Murder.) Dennoch lässt sich ihr Erfolg in diesem Genre mit ihrer ausgesprochenen Begeisterung für Schurken statt Helden erklären. Unter ihren bekanntesten Büchern sind der Lokalklassiker The Clay Hand (1959) zu nennen, dann A Gentle Murderer (1951; dt. Bekenntnis in der Nacht), in dem der Katholizismus thematisiert wird, und schließlich der Beststeller Where the Dark Streets Go von 1969 (dt. Wohin die dunklen Straßen führen).

In der Einleitung zu ihrer Sammlung Tales for a Stormy Night (1984) schreibt Davis ihrer verstorbenen Freundin und Schriftstellerkollegin Margaret Manners das Verdienst zu, ihr jene Methode zum Gemäldediebstahl verraten zu haben, die sie in der für den Edgar nominierten Erzählung «Das Purpurrot ist alles «verwendet.

«Ich erinnere mich sogar noch an die genaue Stelle«, schrieb Davis,»es war an der Ecke Sixth Avenue und Twenty-fourth Street, damals wenige Schritte von Guffanti’s Restaurant. «Obgleich es sich unbestreitbar um eine Kriminalgeschichte handelt, steht das Interesse der Autorin an moralischen Fragen im Mittelpunkt.

Wenn Sie hier über Mary Gardner lesen, werden Sie wahrscheinlich sagen, Sie kennen sie oder hätten einmal jemanden wie sie gekannt. Das ist auch durchaus möglich, denn obwohl es nicht gerade viele von ihrem Schlag gibt, ist dieser Menschentyp doch recht beständig und setzt sich manchmal gegen jede Wahrscheinlichkeit durch.

Sie werden Mary Gardner — oder jemandem wie ihr — im Sinfoniekonzert begegnen, in Kunstgalerien oder im Theater, immer gut gekleidet, wenn auch nicht ganz modisch, manchmal allein, manchmal in Gesellschaft anderer Frauen, die alle ein Flair von wenn nicht Gleichförmigkeit, so doch Gegenseitigkeit umgibt. Jede von ihnen hat sich das — nun, wenn schon nicht schönste, so zumindest im Rahmen ihrer Möglichkeiten bestmögliche Leben gestaltet.

Mary Gardner wohnte zu der Zeit in einer großen Stadt an der Ostküste. Sie war eine hoch gewachsene, schlanke Enddreißigerin, unverheiratet, zurückhaltend feminin, sanftmütig, ja ein wenig unentschlossen im Auftreten, in Geschmacksfragen jedoch entschieden. Mary war Designerin in einer bekannten Tapetenfirma. Ihr Gehalt gestattete es ihr, gute Kleidung zu kaufen, allein in einem hübschen, nur einige Gehminuten von ihrer Arbeitsstelle entfernten Apartment zu wohnen und regelmäßig ins Theater und in die Philharmonie zu gehen. Genauso oft wie sie sich Erfolgsstücke ansah, besuchte sie auch kleine Bühnen und experimentelles Theater. Sie gehörte nicht zu denjenigen, die fanden, ein Stück müsse irgendetwas aussagen; sie interessierte sich für die» verborgenen Werte«. Diese geschmackliche Einstellung prägte auch ihre Haltung zur Bildenden Kunst — ein wahrer Segen in der Tapetenbranche, wo das Gros der Kunden Wert darauf legt, dass ihre Wände gesehen, aber nicht gehört werden.

Damals hatte Mary es sich zur Gewohnheit gemacht, während ihrer Mittagspause — oder auch, wenn sie einfach vom Reißbrett wegmusste — ins Institute of Modern Art zu gehen, das bloß ein paar Straßen von ihrem Büro entfernt lag. Sie hatte sich in einen kleinen, frühen Monet mit dem Titel Baumlandschaft bei Le Havre verliebt, und wenn sie verliebt war, legte Mary eine gewisse suchende Hingabe an den Tag. Beinahe jeden Tag entdeckte sie neue Stimmen in der Waldszene, Bäume und Himmel, die sich in einem schimmernden Teich spiegelten — wobei der Himmel, fand sie, mehr Tiefe besaß als das Wasser.

Je mehr sie über diese Beobachtung nachdachte, desto stärker wurde ihre Überzeugung, dass man das Bild in der Galerie verkehrt herum gehängt hatte. Zur Signatur entwickelte sie folgende Theorie: Der Künstler, davon war sie überzeugt, hatte sie hastig ausgeführt, lange nachdem er das Gemälde vollendet hatte und vielleicht zu einer Zeit, als das Tageslicht schon im Schwinden war. Sie hätte in dieser Sache mit einer Amtsperson vom Museum gesprochen — wenn sie eine Amtsperson vom Museum gekannt hätte.

Mary hatte vom Institut die Erlaubnis erhalten, in den Sälen zu skizzieren, und stand oft, das Skizzenbuch in der Hand, ein Stündchen vor dem Monet. Indem sie ein paar Striche aufs Papier warf, fühlte sie sich unter den vorübergehenden Besuchern und Wärtern auf auffällige Weise unauffällig. Sie hätte sich auf gar keinen Fall angemaßt, das Gemälde zu kopieren, und begegnete jenen Kunststudenten, die das von Zeit zu Zeit taten, mit heftiger Ablehnung.

So tief war Mary in die Betrachtung von Claude Monets Waldszene versunken, dass sie am Vormittag des berüchtigten Museumsbrandes, nachdem sie den Rauch gerochen hatte, zunächst annahm, er käme aus dem Bild selbst. Sie geriet sofort in Wut und schob in gewohnter Voreingenommenheit die Schuld einem ganzen Menschentyp zu — dem unachtsamen amerikanischen Touristen auf fremdem Terrain. So entfernt von der Realität war sie allerdings nicht, dass sie nicht unmittelbar darauf merkte, dass es in dem Gebäude tatsächlich brannte.

In den Korridoren wurden Warnrufe laut, und plötzlich kamen Männer angerannt. Museumswärter zogen schlaffe Schläuche über den Fußboden und ließen sie fallen — wo sie wie große, verschrumpelte Schlangen liegen blieben, über die die Leute wie bei einem urtümlichen Stammesritus sprangen. Blauer Rauch lagerte sich in Schichten an der Decke ab und begann dann in schrägen Mustern zu fallen — wie schief geratene Theaterkulissen aus dünnem Leinenstoff. In der Ferne heulten die Sirenen der Feuerwehrautos.

Mary Gardner blieb wie angewurzelt stehen und beobachtete stumm, wie Männer und Frauen, Besucher wie sie, mit gerahmten Gemälden in den Händen an ihr vorbeihasteten. In einem Fall trugen zwei Männer gemeinsam eine riesige Nachtszene von Chagall, auf der kleine Wesen von der Leinwand zu hüpfen und unterwegs einen Heidenspaß zu haben schienen. Eine Frau nahm den neben dem Monet hängenden Rouault von der Wand und eilte damit den Chagallträgern hinterher.

Trotzdem zögerte Mary. Dass ihr Pflichtgefühl sie zur Berührung zwingen sollte, wo ihr Gewissen es ihr doch so lange verboten hatte — dieser Konflikt steigerte ihre Verwirrung noch zusätzlich. Als ein weiterer Rauchschwall in den Raum drang, wurde das Thema schlicht zu einer Überlebensfrage für das Bild, wenn nicht für sie selbst. In verzweifelter Hast versuchte sie den Monet von der Wand zu nehmen, doch er gab nicht nach.

Sie strengte sich an, zog mit aller Kraft — solcher Kraft, dass sie, als der Draht riss, von der Wucht nach hinten geschleudert wurde, über die Besucherbank fiel und dabei mit dem Kopf gegen das Gemälde schlug. Da die Leinwand auf Holz aufgezogen war, bestand das einzige Missgeschick — abgesehen von ihrem wunden Kopf, der aber überhaupt nicht zählte —, darin, dass das Bild sich in seinem Rahmen gelockert hatte. Inzwischen war Mary der Rahmen ziemlich egal. Sie packte das Gemälde, drückte es an sich und tastete sich in Richtung Galerietür vorwärts.

Sie erreichte den qualmverhangenen Korridor just in dem Moment, als der Wasserdruck die Schläuche abrupt aufzucken ließ. Aus jeder Leitung spritzte ein Wasserstrahl. Mary schirmte das Bild mit dem Körper ab, bis sie es sich unter den Regenmantel schieben konnte, den sie zum Schutz gegen den morgendlichen Nieselregen trug.

Sie eilte, offenbar als letzte der freiwilligen Rettungshelfer, den Korridor entlang. Die Wärter sperrten bereits den Gebäudeflügel ab und schlossen die Feuerschutztür. Recht ungehalten über ihre Einwände, schoben sie sie unsanft die Treppe hinunter. Als sie schließlich im Foyer angekommen war, hatte die Polizei den Bereich gegen Zivilisten bereits abgeriegelt. Ein Polizist geleitete sie ebenso unerbittlich wie unerschütterlich zu der Menge, wo sie, ohne ihre Arme benutzen zu können — sie waren immer noch um das Bild geklammert — zur Tür geschubst und gestoßen und dort erbarmungslos auf die Straße geschleudert wurde. Unter dem auf und ab wogenden, gaffenden Mob auf dem Gehsteig hatte sie nicht die geringste Hoffnung, jemanden zu finden, dem sie ihren Kunstschatz anvertrauen konnte.

Die Leute kreischten und schrieen, sie könnten die Flammen sehen. Mary blickte sich nicht um. Sie beeilte sich, nach Hause zu kommen, schritt forsch und entschlossen voran. Die Stadt war doch ein rechter Dschungel, dachte sie unwillkürlich. Sie drückte das Bild fest an sich, dessen einziger Schutz ihr Regenmantel, ihr eigenes Leben jedoch das bereitwillig gegebene Pfand für seine Sicherheit war.

Eigentlich hatte sie vorgehabt, sofort im Büro des Instituts anzurufen. Doch als sie in ihrer Wohnung war, das Gemälde aufrecht gegen die Kissen auf dem Sofa gelehnt, sagte sie sich, bis das Feuer gelöscht wäre, bestünde sowieso keine Hoffnung, dort mit jemandem sprechen zu können. Sie rief in ihrem Büro an und schützte plötzliches Unwohlsein vor — sie habe irgendetwas zu Mittag gegessen, obwohl sie seit dem Frühstück keinen Bissen zu sich genommen hatte.

An den Wänden ihrer Wohnung hing ihre so genannte «bunte Mischung«: ein Potpourri aus Kostümdrucken und Farblithografien — alles, wie sie immer stolz bemerkte, Editionen mit beschränkter Auflage oder Künstlerdrucke.

Manchmal hatte sie mit dem Gedanken gespielt, Gemälde zu erwerben, konnte sich etwas nach ihrem Geschmack jedoch ganz offenkundig nicht leisten. Einem plötzlichen Einfall folgend, nahm sie eine italienische Lithografie von der Wand und löste Glas und Passepartout aus dem Holzrahmen. Der Monet passte recht gut hinein. Und zu ihrem besonderen Entzücken konnte sie ihn jetzt auch richtig herum aufhängen. Als hätte es seinen eigenen Willen, beanspruchte das Gemälde den vom Tageslicht am meisten begünstigten Platz an ihrer Wand für sich.

Das Vergnügen, das Mary an jenem Nachmittag in seiner Gesellschaft empfand, lässt sich nicht beschreiben.

Sie hätte den Blick überhaupt nicht mehr von dem Bild abgewandt, wenn nicht die Freude bei jedem neuen Betrachten zurückgekehrt wäre. Widerstrebend schaltete sie um fünf Uhr das Radio ein, um mehr über den Brand im Institut zu erfahren. Er war kostspielig und zerstörerisch gewesen — ein ganzer Gebäudeflügel war völlig ausgebrannt.

Mit der reservierten und etwas selbstgefälligen Besorgnis, die man den Tragödien anderer Leute zuteil werden lässt, lauschte sie der Aufzählung jener Gemälde, die der Zerstörung anheim gefallen waren. Die Erwähnung von Baumlandschaft bei Le Havre ließ sie aufschrecken.

Die genaue Bedeutung dessen, was die Ansagerin gesagt hatte, wurde ihr erst im nächsten Moment klar. Sie schaltete das Radio aus und ließ sich lange Zeit von der Stille überfluten.

Dann sagte sie probeweise:»Du bist eine Diebin, Mary Gardner«, und wiederholte nach einer Weile:»O ja, du bist eine Diebin. «Es machte ihr jedoch überhaupt nichts aus. So etwas Ungeheuerliches hatte noch nie jemand über sie gesagt, nicht einmal sie selbst.

Ihr Abendessen nahm sie vor dem Gemälde sitzend vom Tablett ein und genehmigte sich dazu eine Flasche französischen Wein. In dieser Nacht ging sie oft von ihrem Bett zur Wohnzimmertür, bis es ihr so vorkam, als hätte sie vor lauter Aufwachen kaum geschlafen. Endlich schlief sie dann doch ein.

Das erste Morgenlicht fiel jedoch ebenso früh auf Marys Gewissen wie auf das Gemälde. Nach einem kurzen Besuch im Wohnzimmer machte sie mit der Sorgfalt einer jungen Nonne, die sich der Beharrlichkeit des Teufels wohl bewusst ist, einen Plan. Sie kleidete sich strenger, als es sonst ihre Art war, brauchte Fischgrat zur Stärkung des Rückgrats — die lächerliche Wendung ging ihr beim Frühstück andauernd durch den Kopf. Als sie abschließend ihre Erscheinung im Flurspiegel musterte, fand sie, sie sähe aus wie die Rektorin einer englischen Mädchenschule, was ihr für die bevorstehende Aufgabe passend erschien.

Kurz bevor sie die Wohnung verließ, verweilte sie einen letzten Augenblick allein vor dem Monet. Danach, wo oder wie auch immer das Institut das Bild zu hängen gedachte, würde sie hoffentlich das Gefühl haben, dass ein kleiner Teil davon für immer ihr gehöre.

Auf der Straße kaufte sie sich eine Zeitung und sah Baumlandschaft bei Le Havre auf der Liste bestätigt. Trotz der Zerstörung des Gebäudeflügels hatte man zahlreiche Gemälde über den Korridor im zweiten Stock in Sicherheit bringen können.

Als sie am Institut ankam, war ein Teil der Straße davor immer noch abgeriegelt, wodurch sich der morgendliche Verkehrsstrom staute. Die Dienst habenden Polizisten waren nicht minder abweisend als diejenigen, denen Mary am Vortag begegnet war. Plötzlich überkam sie der Impuls, ihr Vorhaben zu verschieben — eine fast unwiderstehliche Versuchung, besonders als ihr das Betreten des Museum verwehrt wurde, falls sie keinen Ausweis vorzeigen konnte, wie er allen befugten Personen ausgestellt worden war.

«Selbstverständlich bin ich nicht befugt«, rief sie aus.

«Sonst wäre ich ja nicht hier draußen.« Der Polizist führte sie zum Sergeant, der die Dienstaufsicht hatte. Der stritt sich in diesem Moment mit dem Vertreter der Feuerversicherung darüber, welcher Straßenabschnitt denn nun für die Aufräumarbeiten genutzt werden konnte.»Das Geschäft auf dieser Straße sind die Geschäfte«, sagte der Sergeant,»und das ist mein Geschäft.« Mary wartete, bis der Versicherungsmensch ins Gebäude stolziert war. Er brauchte keinen Ausweis, bemerkte sie.

«Verzeihung, Officer, ich habe da ein Gemälde — « «Liebe Frau …«Er machte einen tiefen Atemzug, um Geduld zu schöpfen.»Ja, Madam?« «Bei dem Feuer gestern wurde angeblich ein Gemälde zerstört — ein entzückender kleiner Monet mit dem Titel –

« «Ach, tatsächlich!«, unterbrach sie der Officer.

Entzückende kleine Monets gingen ihm wirklich zu Herzen.

Unwillkürlich wurde Mary nervös.»Es ist in der Morgenzeitung von heute als zerstört gelistet. Aber das stimmt nicht. Ich habe es zu Hause.« Der Polizist musterte sie zum ersten Mal mit einem gewissem Mitgefühl.»Bestimmt an Ihrer Wohnzimmerwand, ja?«, sagte er mit tiefer Klugheit.

«Ehrlich gesagt — ja.« Er nahm sie sanft, aber fest beim Arm.»Dann sag ich Ihnen jetzt, was Sie machen. Sie gehen zum Polizeihauptquartier in der Fifty-seventh Street. Wo das ist, wissen Sie ja, oder? Und denen erzählen Sie dann alles schön brav der Reihe nach. «Er wirbelte sie in die Menge und ließ sie dort los. Dann hob er die Stimme:

«Weitergehen! Kommt alles später im Fernsehen.« Mary hatte nicht die Absicht, zum Polizeihauptquartier zu gehen, wo vermutlich Männer, die sich mit bewaffnetem Raubüberfall, Körperverletzung und noch Schlimmerem befassten, die Feinheiten ihres Problems noch viel weniger verstehen würden. Sie ging ins Büro und versuchte im Laufe des Vormittags in regelmäßigen Abständen immer wieder, das Büro des Museumskurators telefonisch zu erreichen. Bei jedem ihrer Anrufe war entweder die Vermittlung überlastet oder seine Leitung länger besetzt, als sie warten konnte.

Schließlich kam ihr die Idee, nach der PR-Abteilung des Instituts zu fragen, wo sie einer offenkundig abgelenkten Person — Mary konnte hören, dass dort dreierlei Gespräche gleichzeitig geführt wurden — erklärte, wie sie während des Brandes Monets Baumlandschaft bei Le Havre gerettet hatte.

«Bei was, Madam?«, fragte die Stimme.

«Le Havre. «Mary buchstabierte es.»Von Monet«, fügte sie hinzu.

«Schreibt man das getrennt oder zusammen?«, wollte die Stimme wissen.

«Verbinden Sie mich bitte mit dem Büro des Kurators«, sagte Mary und fuhr mit den Fingern am Revers ihre Fischgratkostüms auf und ab.

Mary erachtete es als kluge Vorsichtsmaßnahme, sich mit dem Vertreter des Instituts im Foyer ihres Wohngebäudes zu treffen, wo sie zunächst bat, seinen Ausweis sehen zu dürfen. Er wies sich als der Mann aus, dem sie am Telefon ihren Namen und ihre Adresse genannt hatte. Mary ließ den Aufzug kommen und dachte über seinen Ausweis nach: Robert Attlebury III. Sie hatte seinen Namen auf der Mitarbeiterliste des Museums schon einmal gesehen: Kurator für …, sie konnte sich nicht mehr erinnern.

Er sah genauso aus, wie man sich einen Kurator vorstellte; aufrecht und abweisend stand er da, während der Aufzug sie langsam nach oben beförderte. Ein Kurator vielleicht, als Kenner hätte sie ihn jedoch nicht bezeichnet.

Einer mit seinem Gesicht und seinem Auftreten würde immer erst probieren und dann ausspucken, dachte sie. Sie konnte sich seine Verachtung gegenüber Dingen vorstellen, die ihm zuwider waren, und instinktiv wusste sie, dass sie ihm zuwider war.

Nicht, dass es wirklich eine Rolle gespielt hätte, was er ihr gegenüber empfand. Sie war ein Niemand. Wie aber musste sich ein junger unbekannter Künstler vorkommen, der sich und sein Werk mit solcher Herablassung konfrontiert sah? Oder trat er gegenüber Leuten seines eigenen Schlages anders auf? In dem Fall hätte sie für den winzigsten Höflichkeitsbeweis seinerseits eine Menge gegeben.

«Das alles kommt mir so merkwürdig vor — im Nachhinein betrachtet«, sagte Mary, um das Schweigen während der schier endlos scheinenden Auffahrt zu brechen.

«Was für ein Glück für Sie«, versetzte er, und Mary dachte, vielleicht war es das auch.

Als sie ihre Wohnungstür erreichten, hielt sie inne, bevor sie den Schlüssel im Schloss umdrehte.»Hätten Sie denn keinen Museumswärter mitbringen müssen — oder sonst jemanden?« Er blickte wie vom Olymp auf sie herab.»Ich bin jemand.« Mary beschloss, nichts mehr zu sagen. Sie schloss die Tür auf und ließ sie offen stehen. Er ging ihr voran quer durch den Flur ins Wohnzimmer und blieb vor dem Monet stehen. Seine unhöfliche Direktheit fand sie merkwürdigerweise beruhigend: Malerei war ihm also doch wichtig. Sie sollte Männer nicht nach ihrer eigenen beschränkten Erfahrung beurteilen, dachte sie.

Er starrte einige Augenblicke auf den Monet und neigte dann den Kopf unmerklich von einer Seite zur anderen.

Marys Herz begann ungleichmäßig zu pochen. Seit Monaten wünschte sie sich schon, mit jemandem, der sich wirklich damit auskannte, ihre Theorie über das, was in Baumlandschaft bei Le Havre Spiegelung und was Realität war, zu diskutieren. Doch jetzt, wo sich die Gelegenheit dazu bot, fand sie nicht die richtigen Worte.

Trotzdem, sie musste etwas sagen — etwas … Lockeres.

«Der Rahmen ist von mir«, sagte sie,»Sie können ihn zum Schutz des Bildes aber mitnehmen. Ich kann ihn ja holen, wenn ich das nächste Mal im Museum bin.«

Überraschenderweise lachte er.»Der ist womöglich sogar das Beste daran«, sagte er.

«Wie bitte?« Nun sah er sie tatsächlich an.»Ihre Geschichte ist ja raffiniert ausgedacht, Madam, was aber wohl der Situation zuzuschreiben ist.« «Ich verstehe wirklich nicht, was Sie sagen wollen«, sagte Mary.

«Ich habe schon bessere Kopien gesehen als diese hier«, sagte er.

«Nur schade, dass Ihnen bei Ihrer Raffinesse keine bessere Imitation gelungen ist.« Mary war so verdattert, dass es ihr die Sprache verschlug. Er wandte sich zum Gehen.»Es ist aber … signiert«, stieß Mary hervor und machte den schwachen Versuch, seine Aufmerksamkeit auf den Namen in der oberen Ecke zu lenken.

«Was es zu einer Fälschung macht, nicht wahr?«, sagte er fast besorgt.

Seine Knappheit, seine Unbeirrbarkeit angesichts des Schrecklichen, was er da sagte, verlieh ihrem Albtraum Konturen.

«Das ist nicht mein Problem!«, rief Mary und sprach damit Worte aus, die sie nicht so meinte, übte quasi Verrat an dem Gemälde, das sie doch so liebte.

«O doch. Das ist es tatsächlich, und, wenn ich das mal so sagen darf, ein ernstes Problem, wenn ich es weiterverfolgen sollte.« «Dann verfolgen Sie es doch bitte weiter!«, rief Mary.

Wieder lächelte er fast unmerklich.»Es ist nicht die Art, wie das Institut mit derartigen Dingen umgeht.« «Sie mögen Monet eben einfach nicht«, forderte Mary ihn voller Verzweifelung heraus, denn er ging bereits auf die Tür zu.

«Das tut hier ja wohl nichts zur Sache, oder?« «Sie kennen Monet nicht. Das kann gar nicht sein!

Unmöglich!« «Wie sollte ich ihn nicht mögen, wenn ich ihn gar nicht kenne? Jetzt will ich Ihnen mal was über Monet sagen.« Er wandte sich wieder dem Bild zu und fuhr mit dem Finger über eine lebhaft farbige Fläche.»Bei Monet ist das Purpurrot alles.« «Das Purpurrot?«, sagte Mary.

«Jetzt fangen Sie an, es auch zu sehen, nicht wahr?« Sein Tonfall grenzte ans Pädagogische.

Mary schloss die Augen und sagte:»Ich weiß bloß, wie dieses Gemälde hierher gelangt ist.« «Ich ziehe es doch sehr vor, in dieser Angelegenheit von Ihnen nicht ins Vertrauen gezogen zu werden«, sagte er.

«Und jetzt muss ich mich um wichtigere Angelegenheiten kümmern. «Wieder wollte er auf die Tür zusteuern.

Hastig verstellte Mary ihm den Weg.»Es ist egal, was Sie von Monet halten, oder von mir oder von sonst irgendwas. Sie müssen dieses Gemälde ins Museum zurückbringen.« «Und mich zum allgemeinen Gespött machen, wenn der Schwindel auffliegt?«Er hielt den Arm stocksteif wie eine Messingstange zwischen sie und verließ die Wohnung.

Mary war inzwischen ziemlich außer sich und ging ihm bis zum Aufzug nach.»Ich gehe damit zur Presse!«, schrie sie.

«Ich glaube, das werden Sie bereuen.« «Jetzt wird mir alles klar. Ich verstehe!«Mary sah, wie sich die Aufzugtür öffnete.»Sie wollten glauben, der Monet sei im Feuer zerstört worden.« «Barbarin!«, sagte er.

Dann ging die Tür zwischen ihnen zu.

Nach einiger Zeit überredete Mary — was gar nicht so einfach war — gewisse Experten, sogar einen Kunstkritiker, zu ihr zu kommen und» ihren «Monet zu untersuchen. Das Unterfangen war kostspieliger, als sie es sich leisten konnte — offenbar rechneten alle mit Erfrischungen, inklusive teurer Spirituosen. Ihre Freundinnen und Freunde spielten bei» Marys Schwindel« mit, wie sie ihre Geschichte bald nannten, und in stetig wachsenden und immer esoterischer werdenden Kreisen wurde sie wegen ihres unerschütterlichen Beharrens auf der Version, wie sie in den Besitz eines» echten Monet« gekommen war, sehr bewundert. Trotz der Tugend der Schlichtheit, die sie seit Kindertagen besaß, merkte sie, wie sie auf einmal Wörter in symbolischen Kombinationen verwandte — die Sprache der Leute, in deren Gesellschaft sie sich nun befand —, so dass weit klügere Leute als sie manchmal zu ihr sagten:»Wie scharfsinnig!«oder» Was für eine Beobachtungsgabe!«, um sich sodann wieder einen Drink einzuschenken.

Eines Tages kam ihr Arbeitgeber, der große Mann höchstselbst, der vor ihrer» Akquisition «keine Ahnung gehabt hatte, ob sie nun in schlampigen oder geordneten Verhältnissen lebte, zur Cocktailzeit zu ihr in die Wohnung und brachte einen berühmten Kunsthistoriker mit.

Während der Experte glücklich lächelnd vor seinem zweiten Scotch saß, erzählte Mary erneut die Geschichte von dem Brand im Institut und wie sie mit dem Gemälde einfach nach Hause gegangen war, weil sie keinen gefunden hatte, dem sie es hätte geben können. Während sie redete, wanderte sein wissender Blick von ihrem Gesicht zu dem Gemälde, zu seinem Glas, zu dem Gemälde und wieder zurück zu ihrem Gesicht.

«O, das kann ich mir vorstellen«, sagte er, als sie geendet hatte.

«Das ist genau die Art von verrücktem Abenteuer, die sich tatsächlich zutragen könnte. «Er stellte sein Glas behutsam da ab, wo sie sehen konnte, dass es leer war.

«Ich nehme an, Sie wissen, dass es nie eine offizielle Gesamtaufstellung von Monets Werken gegeben hat?« «Nein«, erwiderte sie und schenkte ihm nach.

«So ist es aber leider. Und die traurige Wahrheit ist, dass ziemlich viele Museen heutzutage Gemälde unter seinem Namen zeigen, deren Echtheit nicht wirklich beglaubigt ist.« «Und meins?«, sagte Mary, wobei sie das Kinn reckte und vergeblich zu vermeiden suchte, dass es bebte.

Ihr Gast lächelte.»Müssen Sie das unbedingt wissen?« Danach vermied Mary es einige Zeit, den Monet anzuschauen. Es lag nicht daran, dass er ihr weniger gefiel, sondern dass sie sich selbst in seiner Gesellschaft jetzt weniger gefiel. Was geschehen war, stellte sie fest, war Folgendes: Wie die Experten sah sie jetzt nicht das Gemälde, sondern sich selbst.

Es war ein außergewöhnliches Stück Selbstentdeckung für eine Frau, die sich nie ernsthaft mit der eigenen Psyche hatte auseinander setzen müssen. Bisher hatte, jedenfalls nach Marys Meinung, die Hauptfunktion eines Spiegels darin bestanden, den Winkel zu bestimmen, in dem man den Hut aufsetzen wollte. Doch die Entdeckung eines Makels bewirkt nicht von sich aus Heilung, sondern verschlimmert den Zustand oft noch. So verhielt es sich mit Mary.

Sie verbrachte immer weniger Zeit zu Hause, und ihren neu gewonnenen Freunden und Freundinnen musste man immerhin lassen, dass sie es nur fair fanden, die bei einer so mysteriös cleveren Gastgeberin genossene Gastfreundschaft zu erwidern. Wie oft war ihr als kleines Mädchen von Eltern und Lehrern geraten worden, doch etwas zu unternehmen, mehr unter Leute zu gehen. Nun, endlich ging Mary mehr unter die Leute. Und zu Hause bei denen, die sich erlaubt hatten, ihr Heim und ihre persönlichen Sachen zu kommentieren, erlaubte nun sie sich die Kommentare. Je seltsamer ihr Kommentar war – je gehässiger, hätte sie es früher genannt —, umso beliebter wurde sie. O ja, Mary ging mehr unter Leute, viel mehr unter Leute.

Ihr Versicherungsmakler — der sonst die Angewohnheit hatte, zum Eintreiben seiner vierteljährlichen Beiträge einfach unangemeldet vorbeizukommen — musste eines Samstagmorgens doch tatsächlich früh aufstehen, um sie überhaupt zu Hause anzutreffen.

Es war ein klarer, frischer Tag, und just zu dieser Stunde leuchtete der Monet am hellsten. Der Mann saß da und starrte ihn fasziniert an. Mary war belustigt, denn sie erinnerte sich, wie beleidigt er immer reagiert hatte, dass seine Kunden es versäumten, den Firmenkalender an prominenter Stelle aufzuhängen. Als sie hinausging, um ihr Scheckheft zu holen, stand er auf und berührte die Oberfläche des Gemäldes.

«Haben Sie schon mal überlegt, das Bild da versichern zu lassen?«, fragte er, als sie zurückkam.»Hätten Sie was dagegen, wenn ich frage, wie viel es wert ist?« «Es hat mich … eine Menge gekostet«, sagte Mary und ärgerte sich sogleich über ihn und sich selbst.

«Wissen Sie was«, sagte der Makler.»Ich habe einen Freund, der für einige große Galerien solche Kunstgegenstände schätzt. Hätten Sie was dagegen, wenn ich ihn mal mitbringe, um zu sehen, wie viel er meint, dass es wert ist?« «Nein, ich habe nichts dagegen«, sagte Mary schicksalsergeben.

Also kam der Gutachter und sah sich das Gemälde sorgfältig an. Auf einen bestimmten Wert wollte er sich nicht festlegen. Er sei nicht die höchste Autorität für diese Impressionisten aus dem neunzehnten Jahrhundert, er wolle darüber nachdenken. Noch am gleichen Nachmittag kehrte er jedoch zurück, als Mary gerade weggehen wollte, und mit ihm kam ein bärtiger Herr, der mit Mary oder dem Gutachter zwar kein einziges Wort sprach, aber ständig vor sich hin brabbelte, während er das Gemälde akribisch untersuchte. Mit einem» Tss, tss, tss «nahm er dann das Gemälde von der Wand, untersuchte die Rückseite und hängte es wieder auf — aber verkehrt herum, das unterste zuoberst.

Mary spürte wieder dieses Flattern, das ihren Herzschlag unterbrach, doch es ging rasch vorbei.

Auch als sie ihre Wohnung verließen, richtete der bärtige Herr kein Wort an sie; genauso gut hätte sie unsichtbar sein können. Es war der Gutachter, der sich murmelnd bedankte, jedoch kein Wort der Erklärung hervorbrachte.

Da der Experte ihren Whisky nicht getrunken hatte, nahm Mary an, dass er ihr keine Höflichkeiten schuldete.

Sie schickte sich an, ihn zu vergessen, so wie sie die anderen vergessen hatte — mittlerweile fiel es ihr leicht, sie alle zu vergessen. Doch als sie nach Hause kam, um sich zwischen Matinee und Cocktails umzuziehen, wartete erneut ein Besucher auf sie. Sie bemerkte ihn im Foyer und stellte fest — da der Portier etwas zu ihm sagte, als die Aufzugtür ihr gerade die Sicht versperrte —, dass er ihretwegen gekommen war. Die nächste Fahrt des Aufzugs brachte ihn an ihre Tür.

«Ich bin wegen des Gemäldes hier, Miss Gardner«, sagte er und hielt ihr seine Visitenkarte hin. Sie hatte die Tür nur so weit geöffnet, wie die Vorlegekette es erlaubte. Er war Versicherungsvertreter der Continental Assurance Company, Ltd.

Sie machte die Vorlegekette los.

Mit vollendeter Höflichkeit wartete er in seinem Zweireiher ab, bis Mary sich gesetzt hatte. Dann nahm er ordentlich ihr gegenüber Platz, das Gemälde im Blickfeld, denn sie saß darunter, aufrecht und, wie sie hoffte, Respekt einflößend.

«Wunderschön«, sagte er, den Monet anstarrend. Dann riss er den Blick davon los.»Ich bin aber kein Experte«, fügte er hinzu und räusperte sich vornehm. Es betrübte ihn, dachte sie, sich eine wenn auch nur kurze Gefühlsaufwallung gestattet zu haben.

«Aber ist seine Echtheit beglaubigt?«Sie sagte es so, wie sie früher gedacht, aber nicht gesagt hätte: Pfui, schämen Sie sich!

«Ausreichend, um den Erfordernissen meiner Gesellschaft zu genügen«, sagte er.»Nicht, dass Sie mich jetzt falsch verstehen — wir haben nicht die Absicht, irgendwelche Erkundigungen einzuziehen. Wir begnügen uns bei derart delikaten Verhandlungen immer damit, einfach das Gemälde zurückzubekommen.« Mary verstand ihn zwar nicht falsch, verstand ihn allerdings auch nicht richtig.

Er nahm ein Stück Papier aus der Brusttasche, das er auf das Beistelltischchen legte und mit den spitz zulaufenden Fingern eines Künstlers — oder eines Bankers — oder eines Taschendiebs — behutsam an eine Stelle manövrierte, an der Mary erkennen konnte, dass er ihr einen Verrechnungsscheck offerierte.

Da er sie nicht ansah, entging ihm das Zucken, das sie an ihrem Mund spürte.»Der Tag des Brandes«, dachte sie, doch die Worte kamen ihr nicht über die Lippen.

Sie nahm den Scheck in die Hand: 20000 Dollar.

«Darf ich mal Ihr Telefon benutzen, Miss Gardner?« Mary nickte und ging in die Küche, wo sie erneut den Scheck betrachtete. Ein Batzen Geld, dachte sie bitter, zum Ausgleich dafür, dass man sich ein paar Monate lang um einen Freund gekümmert hat.

Sie hörte die Stimme des Besuchers, während er in den Hörer sprach — inzwischen ganz der Experte, seinem Ton nach zu schließen. Ein paar Minuten später hörte sie, wie die Wohnungstür zuging. Als sie wieder ins Wohnzimmer trat, waren sowohl ihr Besucher als auch der Monet verschwunden …

Einige Zeit später nahm Mary an der Eröffnung des neuen Flügels im Institut teil. Sie erkannte einige Leute, die sie früher nicht gekannt hatte und die sie vermutlich auch nicht mehr viel länger kennen würde.

Man hatte den Monet wieder verkehrt herum gehängt.

Darüber dachte Mary nach, als sie wieder zu Hause war, und weil zweimal richtig einmal möglicherweise falsch bestimmt wieder gutmachte, hielt sie den Scheck verkehrt herum, während sie ihn über dem Spülbecken verbrannte.

Geld zum Verbrennen

von MARGERY ALLINGHAM

Margery Allingham (1904-66) bewies früh ihr schriftstellerisches Talent: Ihr Erstlingswerk, der Abenteuerroman Blackkerchief Dick (1923), wurde von großen amerikanischen und britischen Verlagen publiziert, als sie noch ein Teenager war. Die in London geborene Autorin, die einer Familie von Literaten entstammte, absolvierte als Verfasserin von Genreliteratur für Zeitschriften produktive Lehrjahre, bevor sie zwischen den beiden Weltkriegen zu einer der Schlüsselfiguren des Goldenen Zeitalters der Kriminalliteratur wurde. Ihr erster Kriminalroman The White Cottage Mystery (1928) nahm das später von Ellery Queen und Agatha Christie verwendete Konzept der» unverdächtigsten Person« vorweg, im zweiten Roman mit dem Titel The Crime at Black Dudley (1929; dt. Mord in Black Dudley) führt sie den unauffälligen und zurückhaltenden Albert Campion ein, einen der meistgefeierten» gentleman detectives «seiner Zeit und mit einem Schuss blauen Blutes in den Adern einer der hochwohlgeborensten. Wie jene andere adlige Spürnase, Dorothy L. Sayers’ Lord Peter Wimsey, entwickelte Campion sich mit der Zeit von der Karikatur des halb komischen, albernen Exzentrikers zu einer voll ausgeformten Figur. Einige der gefeierten Kriminalautorinnen des Goldenen Zeitalters (etwa Agatha Christie und Ngaio Marsh) blieben jahrzehntelang der klassischen» Wer-war’s«-Krimiformel verhaftet. Manche (wie Sayers und ihr Kollege Anthony Berkeley) suchten sich andere schriftstellerische Betätigungsfelder oder wandten sich ganz vom Schreiben ab. Und ein paar wenige (zum Beispiel das Ellery-Queen-Tearn) blieben zwar beim bewährten Format, arbeiteten Hauptfigur und Thema jedoch immer genauer heraus. Allingham, deren Gespür für die menschlichen Unzulänglichkeiten und deren scharfer Blick für die gesellschaftlichen Zustände schon immer deutlich hervortraten, gehörte jener dritten Gruppe an. Während Mr. Campion im Großteil ihres literarischen Schaffens zwar immer wieder in Erscheinung trat, lag in ihren Nachkriegsromanen die Betonung nicht so sehr auf dem formellen Rätsel, und in einigen wird Campion sogar in eine Nebenrolle verwiesen. (Erst nach dem Tod seiner Erfinderin wird er im Titel namentlich genannt, nämlich in zwei von ihrem Ehemann und gelegentlichen Mitarbeiter Philip Youngman Carter verfassten Romanen.) Unter Allinghams frühen Romanen werden Death of a Ghost (1934) und The Fashion in Shrouds (1938; dt. Mode und Morde) oft als Glanzlichter genannt. Unter den Nachkriegswerken gilt The Tiger in the Smoke (1952.; dt. Die Spur des Tigers) mit seinem unerschrockenen, genauen Blick auf das wahrhaft Böse als Krimiklassiker.

Es ist daher nur stimmig, dass Allingham mit ihren Einsichten in die Geheimnisse der menschlichen Natur hier durch» Geld zum Verbrennen «vertreten ist, eine 1957 erschienene Erzählung ohne unseren Campion, die jene seltenste Spielart unter den Formen der Kriminalliteratur darstellt. Sie fragt nicht:»Wer war’s?«, sondern nur:»Warum?«.

Haben Sie je einen Menschen Geld anzünden sehen?

Echtes Geld — das er als Fidibus zum Anzünden einer Zigarette benutzte, aus purer Angeberei? Ich schon. Und deshalb war mir, als Sie eben das Wort» Psychologe« verwendeten, als ob ein kleiner Fisch in meinem Magen hochhüpfte, und die Kehle wurde mir plötzlich eng.

Vielleicht halten Sie mich jetzt für übertrieben zimperlich.

Also, ich weiß nicht.

Ich bin in dieser Straße geboren. Als Mädchen ging ich hier gleich um die Ecke zur Schule, und später, nach Abschluss meiner Lehre in den großen Bekleidungshäusern hier und in Frankreich, übernahm ich den Pachtvertrag für dieses alte Haus und machte daraus das schicke, kleine Modegeschäft, das Sie nun sehen. Und als ich zurückkehrte, um mich selbstständig zu machen, fiel mir die Veränderung auf, die mit Louise vor sich gegangen war.

Als wir zusammen zur Schule gegangen waren, war sie eine rechte Schönheit gewesen, mit fließendem strohblondem Haar und dem wilden, schlauen Grinsen der Cockney-Gören. Die anderen Kinder hänselten sie immer, weil sie besser aussah als wir. Damals war die Straße ganz genauso wie heute. Die Adelaide Street in Soho: heruntergekommen und schmutzig und doch romantisch, und über den gesamten unordentlichen Verlauf führte jede zweite Tür in irgendeine Art von Restaurant. Hier kann man in jeder Sprache der Welt essen. Einige Lokale sind so teuer wie das Ritz, andere so billig wie Le Coq au Vin von Louises Papa mit der einen Gaststube und der einsamen Palme im weiß getünchten Kübel draußen vor der Tür.

Louise hatte ein kleines Schwesterchen und einen Vater, der kaum Englisch konnte, der einen unter seinen geschwungenen Brauen hervor aber aus stolzen, fremdländischen Augen musterte. Ich war mir kaum bewusst, dass sie auch eine Mutter hatte, bis jene graue Frau eines Tages aus dem Keller unter dem Restaurant heraufkam, um ein Machtwort zu sprechen und Louise, statt mit mir den Zauber der Werkstätten kennen zu lernen, in die Küchenräume des Le Coq au Vin abtauchen musste.

Lange Zeit tauschten wir noch Geburtstagskarten aus, dann schlief auch dieser Kontakt ein. Trotzdem habe ich Louise nie ganz vergessen, und als ich in die Straße zurückkehrte, freute ich mich, den Namen Frosné immer noch unter dem Schild des Coq au Vin zu sehen. Das Lokal wirkte viel heller und freundlicher als in meiner Erinnerung und schien recht gut zu gehen. Jedenfalls litt es nicht länger unter dem Vergleich mit dem teuren Glass Mountain gegenüber, das von Adelbert betrieben wurde.

Ein Restaurant dieses Namens existiert in dieser Straße nicht mehr, und es gibt auch keinen Restaurantbesitzer namens Adelbert, doch erinnern sich die Essensgäste von damals vielleicht noch an ihn — wenn nicht wegen seines Essens, so doch wenigstens wegen seiner Selbstgefälligkeit und der beiden weißen Fettwülste, die seine Augenlider bildeten.

Sobald ich einen Augenblick erübrigen konnte, ging ich Louise besuchen. Es war ein Schock, denn ich erkannte sie kaum wieder, sie jedoch wusste sofort, wer ich war, und kam hinter dem Kassiertischchen hervor, um mich gebührend zu begrüßen. Es war ein Bild des Jammers. Auf ihrem Gesicht schien eine dünne Schicht Eis aufzubrechen — als hätte ich durch mein unerwartetes Auftauchen eine Barriere niedergerissen.

Innerhalb der ersten zehn Minuten erfuhr ich sämtliche Neuigkeiten. Die beiden alten Leutchen waren tot. Die Mutter war zuerst gestorben, doch der Alte war ihr erst ein paar Jahre später gefolgt, und in der Zwischenzeit hatte Louise die ganze Last und dazu seine Grillen und Launen auf ihren Schultern getragen. Doch sie beklagte sich nicht.

Inzwischen hatte sie es ein wenig leichter. Violetta, die kleine Schwester, ging mit einem jungen Mann, der seinen Wert bewies, indem er für einen Hungerlohn arbeitete und das Gastgewerbe erlernte.

In gewissem Sinn war es eine Erfolgsgeschichte, und doch fand ich, dass Louise ziemlich teuer dafür gezahlt hatte. Obwohl sie ein Jahr jünger war als ich, sah sie aus, als hätte das Leben sie bereits ausgebrannt und sie hart und blank gerieben wie einen Knochen in der Sonne liegen lassen. Die goldene Farbe war aus ihrem Haar gewichen, und sogar die dichten Wimpern wirkten ausgebleicht und mattbraun wie Packleinwand. Und noch etwas: Sie hatte so etwas Gehetztes an sich, das ich überhaupt nicht begreifen konnte.

Mit der Zeit gewöhnte ich mir an, einmal wöchentlich bei ihr zu Abend zu essen, und bei diesen kleinen Mahlzeiten erzählte sie. Es war offenkundig, dass sie nie den Mund aufmachte, um mit anderen Leuten über etwas Persönliches zu reden, mir jedoch vertraute sie irgendwie.

Trotzdem dauerte es Monate, bis ich herausbekam, was mit ihr los war. Als es herauskam, war mir alles klar.

Auf dem Coq au Vin lag eine schwere Schuldenlast. Zu Mama Frosnés Zeit hatte die Familie nie einen Penny geschuldet, doch in den paar Jahren zwischen ihrem Tod und seinem eigenen hatte Papa Frosné es fertig gebracht, sich nicht nur an die viertausend Pfund von Adelbert vom Glass Mountain zu leihen, sondern auch jeden müden Penny davon bei irgendwelchen blödsinnigen senilen Transaktionen zu verlieren.

Louise zahlte es in Raten zu je fünfhundert Pfund zurück. Als sie mir davon erzählte, sah ich ihr zufällig gerade in die Augen und erblickte darin das blanke Grausen. Es hat wohl immer Menschen gegeben, die Schulden auf die gleiche Weise ertragen können wie manche die Trunksucht. Es mag ihre Konstitution schwächen, schäbig aussehen lässt es sie aber nicht.

Anderen dagegen fügt Schuldnerschaft Unaussprechliches zu. Bei Louise kam der Teufel ganz sicher auf seine Kosten.

Ich widersprach ihr natürlich nicht. Das stand mir nicht zu. Ich saß da und zeigte mich mitfühlend, bis sie mich plötzlich mit der folgenden Bemerkung überraschte:»Es ist nicht so sehr die Arbeit und die vielen Sorgen, ja nicht mal das sparsame Knausern, was ich so sehr hasse.

Sondern diese schreckliche Zeremonie, wenn ich es ihm zahlen muss. Davor graut mir wirklich.« «Du bist zu sensibel«, sagte ich zu ihr.»Sobald du das Geld auf dem Konto hast, steckst du den Scheck in einen Umschlag, schickst ihm den und vergisst das Ganze!« Sie warf mir einen seltsamen Blick zu; ihre Augen zwischen den ausgebleichten Wimpern waren fast bleigrau.

«Da kennst du Adelbert nicht«, sagte sie.»Der ist ein ziemlich kranker Typ. Ich muss ihm Bargeld geben, und er macht eine richtige kleine Vorführung daraus. Er kommt zum vereinbarten Termin hierher, trinkt etwas und will Violetta als Publikum und Zeugin dabei haben. Wenn ich mir keine Aufregung anmerken lasse, redet er so lange weiter, bis ich’s tue. Nennt sich einen Psychologen — und behauptet, er weiß genau, was ich denke.« «So würde ich ihn nicht nennen«, sagte ich. Ich war entrüstet. So etwas hasse ich.

Louise zögerte.»Ich habe ihn das meiste Geld verbrennen sehen, einfach so, um Eindruck zu schinden«, gab sie zu.»Direkt vor mir.« Ich spürte, wie sich meine Augenbrauen bis zum Haaransatz hoben.»Das kann doch nicht dein Ernst sein!«, rief ich aus.»Der Kerl ist ja wohl nicht bei Trost.« Als sie aufseufzte, blickte ich sie scharf an.

«Aber Louise, der ist doch zwanzig Jahre älter als du«, begann ich.»Zwischen euch kann doch nie was gewesen sein, oder? Du weißt schon … so etwas?« «Nein. Nein, da war auch nichts, Ellie, ehrlich. «Ich glaubte ihr — sie war da sehr offen und sichtlich ebenso verwirrt wie ich.»Er hat mit Papa aber einmal wegen mir gesprochen, als ich noch ein junges Mädchen war. Hat in aller Form um mich angehalten, weißt du, so wie es damals hier üblich war. Ich habe nie erfahren, was mein alter Herr sagte, aber der nahm ja nie ein Blatt vor den Mund, stimmt’s? Ich weiß nur noch, dass ich eine Weile außer Sichtweite unten im Keller bleiben musste und Mama mich danach behandelte, als hätte ich was ausgefressen. Ich hatte mit dem Mann aber gar nie gesprochen — so einer wie der wäre einem jungen Mädchen doch nicht aufgefallen, oder? Das ist allerdings schon Jahre her. Kann sein, dass sich Adelbert nach all dieser Zeit noch daran erinnert — aber das ist doch unvernünftig, nicht?« «Auf jeden Fall«, erwiderte ich.»Nächstes Mal bin ich Zeugin.« «Das würde Adelbert gefallen«, sagte Louise verdrossen.

«Wer weiß, vielleicht komme ich darauf zurück. Den müsstest du mal sehen!« Wir ließen das Thema fallen, doch es ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Hinter den Vorhängen meines Ladens hervor konnte ich die beiden sehen, und so oft ich hinausschaute, schien mir, als sähe ich dort die schmallippige, stumme Frau, die jeden Heller zusammenkratzte, und dort den fetten Mann, der sie mit heimlicher Genugtuung im fahlen Gesicht von seiner Tür auf der anderen Straßenseite aus beobachtete.

Schließlich machte mir das Ganze nervlich zu schaffen, und wenn das passiert, muss ich mit jemandem reden — ich kann einfach nicht anders.

Mit jemandem aus unserer Straße zu klatschen traute ich mich nicht, erwähnte die Geschichte jedoch einer Kundin gegenüber, einer gewissen Mrs. Märten, die ich besonders gern mochte — seit sie damals hereingekommen war und nach dem ersten Kleid gefragt hatte, das ich je im Schaufenster gehabt hatte. Ich schneiderte fast ihre gesamte Garderobe, und sie hatte mich auch ein paar anderen Damen aus dem Stadtteil empfohlen, in dem sie wohnte, oben in Hampstead, sehr hübsch und weit weg von Soho. Eines Tages, als sie gerade zur Anprobe da war, sagte sie etwas über Männer und zu was für würdelosem Verhalten sie fähig seien, wenn man sie in ihrem Stolz verletzte, und bevor ich mich versah, hatte ich die Geschichte, die Louise mir erzählt hatte, schon ausgeplaudert. Ich erwähnte natürlich keine Namen, hatte aber vielleicht durchblicken lassen, dass sich alles in dieser Straße zugetragen hatte. Mrs. Märten, eine nette, sanfte kleine Person mit einem süßen Gesichtchen, war schockiert.

«Aber das ist ja schrecklich«, sagte sie immer wieder, «das ist ja einfach schrecklich! Das Geld vor ihrer Nase zu verbrennen, nachdem sie so dafür geschuftet hat. Der muss ja völlig verrückt sein. Und gefährlich.« «Ach, na ja«, versuchte ich abzuwiegeln,»wenn er es macht, ist es schließlich sein Geld, und ich kann mir eigentlich nicht denken, dass er viel davon vernichtet. Nur so viel, dass meine Freundin sich aufregt. «Ich bereute, etwas gesagt zu haben. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass Mrs. Märten so schockiert reagieren würde.

«Da sieht man mal, wie andere Leute leben«, meinte ich abschließend und hoffte, sie würde das Thema fallen lassen. Das tat sie jedoch nicht. Die Vorstellung faszinierte sie anscheinend noch mehr als mich. Ich konnte sie nicht davon abbringen, während der ganzen Anprobe redete sie darüber. Dann, als sie schon ihren Hut aufsetzte und gehen wollte, meinte sie plötzlich:»Da fällt mir etwas ein, Miss Kaye. Mein Schwager ist Stellvertretender Polizeipräsident bei Scotland Yard. Vielleicht hat er eine Idee, wie man diesen furchtbaren Kerl davon abbringen kann, die arme kleine Frau so zu quälen, von der Sie mir erzählt haben. Soll ich es ihm sagen?« «O nein! Bitte nicht!«, rief ich aus.»Das wird sie mir nie verzeihen. Die Polizei kann doch auch nichts tun, um ihr zu helfen. Ich hoffe sehr, Sie verzeihen mir, wenn ich das sage, Madam, aber ich hoffe wirklich, dass Sie nichts dergleichen tun.« Sie schien ziemlich verletzt, gab mir jedoch ihr Wort.

Ich traute der Sache natürlich nicht. Sobald eine Frau mit dem Gedanken spielt, über etwas zu reden, ist es schon so gut wie passiert. Ein paar Tage lang war, ich ziemlich aufgeregt, denn das Letzte, was ich wollte, war, mich einzumischen. Dann geschah aber nichts weiter, und ich wollte schon erleichtert aufatmen, als ich zu Vaughan’s musste, das Großhandelskaufhaus für Kurzwaren und Posamenten hinter der Regent’s Street. Ich kam gerade mit meinen Einkäufen heraus, als ein Mann auf mich zutrat.

Ich wusste, dass er Detektiv war: Er sah genauso aus, mit sehr kurzen Haaren, einem braunen Regenmantel und diesem Gesichtsausdruck von einem, der in einem etablierten Job ist und doch nichts Bestimmtes verfolgt. Er bat mich, mit in sein Büro zu kommen, was ich schlecht ablehnen konnte. Mir wurde klar, dass er mir gefolgt war, bis ich weit genug von der Adelaide Street entfernt war, dass niemand bemerkte, wie er sich mir näherte.

Er brachte mich zu seinem Vorgesetzten, der auf seine Art ein recht netter alter Kerl war — und auf niemandes Seite stand, nur auf seiner eigenen, wie es bei der Polizei eben ist. Doch gewann ich den Eindruck, dass er ganz in Ordnung war, was man nicht von jedem behaupten kann.

Er stellte sich als Detective Inspector Cumberland vor, bat mich, Platz zu nehmen, und ließ mir eine Tasse Tee kommen. Dann fragte er mich nach Louise.

Ich geriet in Panik, denn wenn man in der Adelaide Street ein Geschäft betreibt, dann betreibt man ein Geschäft, und das Letzte, was man sich leisten kann, ist Ärger mit den Nachbarn. Ich stritt natürlich alles ab und beharrte darauf, dass ich die Frau kaum kannte.

Das ließ Cumberland aber nicht gelten. Ich muss schon sagen, er wusste, wie er mit mir umzugehen hatte. Wieder und immer wieder ließ er mich von meinen eigenen Angelegenheiten erzählen, bis ich schließlich froh war, über etwas anderes reden zu dürfen. Am Ende gab ich nach, denn soweit ich sehen konnte, tat niemand etwas Ungesetzliches. Ich erzählte ihm alles, was ich wusste, ließ es mir nach und nach entlocken, und als ich fertig war, lachte er mich an und musterte mich mit kleinen hellen Augen unter Brauen, die so dicht waren wie das Fell eines Silberfuchses.

«Nun«, sagte er,»was ist an dem Ganzen denn so schrecklich?« «Nichts«, meinte ich verdrossen. Er hatte es fertig gebracht, dass ich mir wie eine Idiotin vorkam.

Seufzend lehnte er sich in seinem Sessel zurück.

«Na, dann laufen Sie mal, und vergessen Sie diese kleine Unterredung«, sagte er zu mir.»Damit Sie aber jetzt nicht anfangen, sich wer weiß was auszudenken, will ich Sie mal auf Folgendes hinweisen. Auch die Polizei betreibt in gewissem Sinn ein Geschäft. Ihr eigenes Geschäft nämlich, und wenn ein Beamter in meiner Position eine Anfrage von weiter oben kriegt, hat er zu ermitteln, stimmt’s? Er mag der Ansicht sein, dass die Vernichtung von Geld — ›Entwertung gesetzlicher Zahlungsmittel‹ wie wir das nennen — kein sehr schlimmes Vergehen ist im Vergleich zu anderen Dingen, mit denen er sich auseinander setzen muss. Trotzdem muss er, wenn er dazu aufgefordert wird, sich irgendwie rühren und irgendeinen Bericht einschicken. Und dann kann das alles … äh … abgelegt und vergessen werden, stimmt’s?« «Ja«, stimmte ich erleichtert zu.»Ja, so ist es wohl.« Ich wurde hinausbegleitet, und damit schien die Sache abgeschlossen. Doch ich hatte meine Lektion gelernt und hielt zu dem Thema anderen Leuten gegenüber den Mund.

Der Kontakt zu Louise war mir danach ziemlich verleidet, und eine Zeit lang ging ich ihr aus dem Weg. Ich erfand Ausreden und ging nicht zum Essen zu ihr hinüber, konnte aber weiter durchs Fenster sehen, wie sie an ihrem Kassiertischchen saß, und auch Adelbert sah ich, der von seiner Tür aus gierig zu ihr hinüberspähte.

Ein, zwei Monate lang ging alles ruhig seinen Gang.

Dann erfuhr ich, dass Violettas Jüngling vom Restaurantgewerbe genug und oben im Norden eine Arbeit angenommen hatte. Dem Mädchen hatte er die Chance geboten, zu heiraten und mitzugehen, und sie waren weggegangen, ohne sich richtig zu verabschieden. Es tat mir Leid für Louise, dass sie so allein gelassen wurde, also musste ich hingehen und sie besuchen.

Sie kam damit recht gut zurecht — eigentlich hatte sie ziemlich Glück, denn sie hatte fast umgehend einen neuen Kellner gefunden, und ihre erste Küchenhilfe hatte ihr die Stange gehalten, so dass sie es sehr gut schafften.

Allerdings war Louise sehr einsam, und so gewöhnte ich mir bald wieder an, einmal die Woche bei ihr zu essen. Ich bezahlte natürlich dafür, doch sie gesellte sich zu mir, und wir aßen gemeinsam.

Ich vermied es ihr gegenüber, das Gespräch auf Adelbert zu bringen, doch eines Tages kurz vor dem Quartalstag im Sommer brachte sie ihn zur Sprache und fragte mich ganz direkt, ob ich mich denn an mein Versprechen erinnerte, am nächsten Zahltag als Zeugin zu fungieren. Da Violetta fort war, hatte sie mich Adelbert gegenüber erwähnt, und er hatte sich erfreut gezeigt.

Nun konnte ich mich nicht davor drücken, ohne sie zu verletzen, und weil anscheinend nichts dagegen sprach, willigte ich ein. Ich gebe zu, dass ich neugierig war: Es war eine Liebesaffäre ohne — jedenfalls soweit ich sehen konnte — eine Spur von Liebe.

Der Zeitpunkt für die Zahlung wurde auf eine halbe Stunde nach Geschäftsschluss am Johannistag festgesetzt, und als ich die Straße hinunter an die Ecke huschte, waren die Jalousien des Coq au Vin heruntergelassen und die Tür geschlossen. Der neue Kellner schnappte auf der Kellertreppe ein bisschen Luft und ließ mich durch die Küchenräume herein. Ich lief die dunkle Dienstbotentreppe hoch und sah die beiden schon am Tisch sitzen und auf mich warten.

Bis auf eine einzelne abgeschirmte Glühbirne über dem Tisch in der Wandnische, wo sie saßen, war die Gaststube völlig dunkel, und ich musterte die beiden eingehend, während ich den Raum durchquerte. Sie bildeten ein ungewöhnliches Paar.

Ich weiß nicht, ob Sie schon einmal eins von diesen fetten chinesischen Götzenfigürchen gesehen haben, die sich manche Leute als Glücksbringer auf den Kaminsims stellen? Eigentlich sollten sie alle lachen, aber manche tun nur so, und die Furchen in ihren Porzellangesichtern sind vor lauter Senkrechtfalten steif und unerbittlich. An so ein Figürchen erinnerte mich Adelbert. Zur Arbeit trug er immer eine schwarze, ganz dünne und sehr locker sitzende Smokingjacke. Wenn er sie auszog, überlegte ich, hing sie wahrscheinlich wie eine Abendrobe am Bügel. In dieses Ding gehüllt, saß er vor der weißen Wandverkleidung, eine gedrungene und schwabbelige Gestalt.

Louise war in ihrem schwarzen Kleid und der knappen Strickjacke dagegen dürr und hart wie ein verdorrter Ast.

Für einen kurzen Augenblick durchfuhr mich der Gedanke: Wie wütend muss sie ihn machen! Nichts an ihr wirkte nachgiebig oder verhuscht. Sie gab nicht mehr als das, wozu sie gezwungen war — keinen Zollbreit mehr.

Noch nie war mir solche Unbeugsamkeit begegnet. Sie bot ihm die ganze Zeit über tapfer die Stirn.

Auf dem Tisch stand eine Flasche Dubonnet, und jeder hatte ein kleines Glas vor sich. Als ich erschien, schenkte Louise mir ebenfalls ein.

Die gesamte Vorstellung war sehr förmlich. Obwohl beide ihr ganzes Leben in London verbracht hatten, war das französische Blut in ihren Adern unverkennbar. Sie schüttelten mir beide die Hand, und Adelbert schob den Stuhl für mich hervor, ohne sich dazu recht zu erheben.

Louise hatte den großen Geldumschlag in ihrer schwarzen Handtasche, die sie wie ein Haustier in den Armen wiegte, und sobald ich an meinem Glas genippt hatte, zog sie ihn hervor und schob ihn dem Mann quer über den Tisch hinweg zu.

«Fünfhundert«, sagte sie.»Die Quittung ist drin, schon ausgestellt. Wenn Sie bitte unterschreiben möchten.« Jedes Wort saß, verstehen Sie, und doch war die Luft zum Schneiden dick. Sie hasste ihn, und er bekam, was ihm zustand, und sonst nichts.

Er musterte sie eine Zeit lang unverwandt mit ausdruckslosem Blick. Er schien auf etwas zu warten — auf eine bloße Andeutung von Bedauern oder Abneigung vermutlich. Als er nichts dergleichen bekam, nahm er den Umschlag zwischen seine Wurstfinger und öffnete ihn mit dem Daumen. Die fünf neuen, steifen grünen Bündel fielen heraus auf das weiße Tischtuch. Ich betrachtete sie interessiert, wie man es bei Geld immer tut. Es war natürlich kein Vermögen, doch für Leute wie Louise und mich, die sich jeden Penny mühsam verdienen müssen, war es eine Stange Geld, die viele Stunden Plackerei, genaues Planen und Einteilen und Entbehrung bedeuteten.

Die Art, wie die Finger des Mannes darüberstrichen, war mir zuwider, und jenes geheime Fünkchen Mitgefühl, das ich kurzzeitig für ihn empfunden hatte, verlosch schlagartig. Mir wurde plötzlich klar, wenn er seinen Willen bekommen und sie geheiratet hätte, damals, als sie fast noch ein Kind gewesen war, hätte er sie sicher abscheulich behandelt. Er war ein grausames Ungeheuer, so war er eben.

Ich warf einen Blick zu Louise hinüber und stellte fest, dass sie keine Miene verzog. Sie saß einfach da, mit gefalteten Händen, und wartete auf ihre Quittung.

Adelbert begann das Geld zu zählen. Ich habe es immer bewundert, wie Kassierer auf der Bank mit Geldscheinen umgehen, doch die Art, in der Adelbert vorging, war schon erstaunlich. Er behandelte die Scheine wie ein Spieler ein Deck Spielkarten behandelt — als wenn jede einzelne Note lebte und Teil seiner Hand wäre. Er liebte das Zeug, das konnte man sehen.

«Alles korrekt«, sagte er schließlich und steckte die Bündel in die Innentasche seines Jacketts. Dann unterschrieb er die Quittung und reichte sie ihr. Louise nahm sie und steckte sie in ihre Handtasche. Ich vermutete, damit wäre es vorbei, und fragte mich, was das ganze Theater sollte. Ich erhob mein Glas auf Louise, die es zur Kenntnis nahm, und wollte gerade aufstehen, als Adelbert mich aufhielt.

«Warten Sie«, sagte er.»Wir müssen noch eine Zigarette rauchen und vielleicht noch ein Gläschen — falls Louise es erübrigen kann.« Er lächelte, sie jedoch nicht. Sie schenkte ihm noch einmal ein und wartete gleichmütig ab, dass er austrank.

Er hatte es nicht eilig. Gleich darauf holte er das Geld wieder hervor und legte seine fette Hand darauf, während er sein Zigarettenetui herumreichte. Ich nahm mir eine Zigarette, Louise nicht. Auf dem Tisch stand einer von diesen metallenen Streichholzhaltern. Er beugte sich vor.

Ich rückte ebenfalls hin, in der Erwartung, dass er mir Feuer gab, doch er lachte nur und zog die Hand zurück.

«Das hier gibt ihr einen besseren Geschmack«, sagte er, und nachdem er einen Schein vom obersten Geldbündel geblättert hatte, entzündete er ihn und hielt mir die Flamme hin. Ich hatte schon mit so etwas gerechnet und ließ mir meine Überraschung nicht anmerken. Wenn Louise ein Pokergesicht machen konnte, konnte ich es auch. Ich sah zu, wie der Geldschein verbrannte, dann nahm er einen zweiten und steckte ihn ebenfalls an.

Da es ihm nicht gelungen war, uns eine Regung zu entlocken, begann er zu reden. Er sprach ganz normal über das Restaurantgewerbe — wie schwer die Zeiten seien und wie viel Arbeit es bedeutete, morgens in aller Frühe aufzustehen, um mit dem Küchenchef auf den Markt zu gehen, und dass die Gäste einen abends gern aufhielten, redeten und herumtrödelten, als wäre morgen nicht auch noch ein Tag. All das war an Louise gerichtet, er ritt darauf herum, wollte sie mit der Nase darauf stoßen, was er da tat. Doch sie blieb vollkommen ungerührt, ihre Augen waren wie Blei, der Mund hart.

Als das nichts fruchtete, wurde er persönlicher. Er sagte, er erinnere sich daran, wie wir beide noch Mädchen waren und wie Arbeit und Sorgen uns doch verändert hätten. Ich ärgerte mich, ließ mich aber nicht allzu sehr aus der Fassung bringen, denn es stellte sich schon bald heraus, dass er sich überhaupt nicht an mich erinnerte. Bei Louise war es anders: An sie erinnerte er sich — in allen Einzelheiten — und noch mehr dazu.

«Dein Haar war wie Gold«, sagte er,»und deine Augen waren blau wie Glas, und du hattest ein weiches, breites Mündchen, so ein fröhliches Mündchen. Wo ist das jetzt, he?«Er klopfte mit der flachen Hand auf das Geld, der alte Rohling.»Alles hier, Louise. Ich bin nämlich Psychologe. Ich sehe so was. Und was bedeutet es mir?

Nichts. Absolut gar nichts.« Ich fand ihn widerlich. Wie gebannt starrte ich ihn an und sah, wie er plötzlich einen ganzen Packen Geldscheine nahm und aufschüttelte, bis es aussah wie ein Kopf Salat. Louise zuckte mit keiner Wimper und sagte kein Wort. Sie sah ihn bloß an, als wäre er nichts, ein Wildfremder auf der Straße. Ein absoluter Niemand. Weil ich den Kopf zu ihr hinübergewandt hatte, sah ich nicht, dass er wieder ein Streichholz angezündet hatte — und so reagierte ich, als er die neuen, frischen Scheine anzündete, vollkommen überrascht.

«Vorsicht!«, sagte ich unwillkürlich.»Passen Sie auf, was Sie da tun!« Er lachte wie ein ungezogenes Kind, triumphierend und verzückt.»Und was ist mit dir, Louise? Was sagst du dazu?« Sie wirkte immer noch gelangweilt. Sie starrten einander direkt an, während das Geld vor sich hin loderte.

Die ganze Sache hatte mit mir nicht das Geringste zu tun; vielleicht war deshalb ich diejenige, die die Beherrschung verlor.

Jedenfalls schlug ich ihm das Bargeld aus der Hand.

Eine rasche Bewegung, und sämtliche hundert Scheine entglitten seinem Griff und flogen in alle Richtungen — auf den Fußboden, den Tisch, überallhin. Der ganze Raum war erleuchtet von lodernden Banknoten.

Er jagte ihnen wie besessen hinterher — man hätte nicht gedacht, dass ein so fetter Mensch sich so schnell bewegen konnte.

Der Schein, der meinem Strumpf eine Laufmasche verpasste, war schließlich verräterisch. Ein Funke verbrannte das Nylon, und als ich es spürte, sah ich hinunter, griff nach dem verkohlten Schein und hielt ihn ans Licht. Wir alle entdeckten den Fehler darin gleichzeitig. Die Druckerschwärze war verlaufen, und mittendurch zog sich, wie die Maserung in einer Marmorplatte, ein breiter Streifen.

Es blieb lange still, dann kam das erste Geräusch nicht von uns, sondern von der Lieferantentür her. Sie ging auf, und der neue Kellner — der jetzt, wo er seinen Rock gegen einen mit Polizeiabzeichen ausgetauscht hatte, ziemlich anders aussah — kam durch den Raum zu uns her, gefolgt von Inspector Cumberland.

Sie traten auf Adelbert zu, und der jüngere, schwergewichtigere Mann legte ihm eine Hand auf die Schulter. Cumberland beachtete außer dem Geld gar nichts. Er trat die schwelenden Flammen aus und sammelte die Überreste sowie die vier intakten Geldbündel auf dem Tisch ein. Dann lächelte er knapp.

«Jetzt haben wir dich, Adelbert. Mit dem Geld. Wir haben uns schon gefragt, wer hier wohl Blüten in Umlauf bringt, und als uns zu Ohren kam, dass jemand Bargeld verbrennt, dachten wir uns, das schauen wir uns mal an.« Ich verstand immer noch nicht ganz und hielt ihm den Schein hin, auf den wir alle wie gebannt gestarrt hatten.

«Mit dem da stimmt was nicht«, sagte ich etwas stupide.

Er nahm ihn mir ab und brummte unwillig.

«Mit denen allen stimmt was nicht, meine Liebe. Miss Frosnés Geld liegt wohlbehalten in seiner Tasche, da, wo Sie es ihn hinstecken sahen. Das hier sind ein paar fehlerhafte Exemplare der Fälscherbande. Jeder, der Falschgeld herstellt, hat solche — in der Regel verlassen sie den Druckraum gar nicht. Das Ding hier ist ein besonderer Schocker. Dass er den riskiert hat, und sei es nur zum Verbrennen, wundert mich. Wolltest ihn nicht vergeuden, was, Adelbert? Bist ja ein ganz sparsames Bürschchen.« «Wie haben Sie es herausgefunden?«, Louise wandte den Blick von ihnen ab und musterte mich.

Cumberland kam mir zu Hilfe.

«Auch ein Polizist, Madam«, sagte er lachend,»kann Psychologe sein.«

Eine schöne Bleibe

von NEDRA TYRE

Nedra Tyre (1912-90), gebürtig in Georgia, verfasste zwischen 1952 und 1971 ein halbes Dutzend Kriminalromane sowie etwa vierzig Kurzgeschichten für Ellery Queen’s Mystery Magazine und andere Publikationen. Obwohl sie schon zu Lebzeiten für ihre in den Südstaaten angesiedelten Kleinstadtszenarien von der Kritik gelobt wurde, wird sie — unter anderem wegen ihres schmalen Œuvres — in den einschlägigen Quellen größtenteils übergangen. Ihr erster und bekanntester Roman Mouse in Eternity (1952), der in Atlanta spielt, wurde inspiriert von ihrer persönlichen Erfahrung als Sozialarbeiterin und nahm den späteren Trend zum Regionalismus im amerikanischen Kriminalroman vorweg.

Tyre lebte damals in Richmond, Virginia, als sie in Contemporary Authors (Band 104, 1982) verriet:»Ich habe in Büros gearbeitet, war Sozialarbeiterin, Bibliotheksgehilfin, Verkäuferin in einer Buchabteilung, Texterin in einer Werbeagentur und habe Soziologie gelehrt. Alles habe ich gemacht und, wie mir scheint, nie auch nur den Mindestlohn verdient. Das Leben ist echt und das Leben ist ernst, vor allem aber ist es lächerlich.

Heute bin ich Redakteurin bei einer Organisation, die den Ärmsten unter den Kindern in fünfundzwanzig Ländern finanzielle Unterstützung gewährt.

Seit vier Jahren bin ich nun vollständig taub. Ich finde es ungeheuer interessant, taub zu sein, obwohl es beim gesellschaftlichen Umgang störend ist. Politisch bin ich das, was man vielleicht liberal nennen könnte, in religiöser Hinsicht eine etwas verwässerte Protestantin. Fast alles ist für mich verwirrend, und alles erstaunt mich.« Tyres Erfahrung als Sozialarbeiterin sowie ihre oben ausgeführte Weltanschauung prägen die Erzählung» Eine schöne Bleibe «mit ihrem tiefen Verständnis für die Psychologie der Armut.

Mein Leben lang habe ich eine schöne Bleibe gewollt. Ich meine nichts Großartiges, bloß ein Zimmerchen mit frisch gestrichenen Wänden und ein paar ordentlichen Möbelstücken und einem Fenster mit Sonneneinfall, damit ein paar Topfpflanzen gedeihen können. Davon habe ich immer geträumt. Ich sehnte mich nicht nach Liebe oder Geld oder schönen Kleidern, obwohl ich ein recht hübsches Mädchen war und hübsche Kleider mich noch hübscher gemacht hätten — aber ich will ja nicht angeben.

Die Verantwortung wurde auf meine Schultern geladen, als ich fünfzehn war. Das war, als Mama krank wurde und ich mich um den Haushalt und die Versorgung von Papa und meinen beiden älteren Brüdern — und natürlich Mamas Pflege — kümmern musste. Bald darauf verlor Papa die Farm, und wir zogen in die Stadt. Ich denke nicht gern an das Haus, in dem wir neben den C & R Eisenbahnschienen wohnten, obwohl wir wahrscheinlich noch von Glück sagen konnten, überhaupt ein Dach über dem Kopf zu haben — es war die schlimmste Zeit während der großen Wirtschaftskrise, und viele Leute hatten gar kein Dach über sich, nicht einmal ein undichtes, von dem es plitsch-platsch machte. Bei starkem Regen konnten wir gar nicht genügend Töpfe und Pfannen und Gemüseschüsseln aufstellen, um das ganze Wasser aufzufangen.

Mama war diejenige, die krank war, doch Papa starb zuerst — ihm bekam das Stadtleben nicht. Inzwischen hatten meine Brüder geheiratet, und Mama und ich zogen in die beiden hinteren Zimmer, die auf eine enge Gasse und die Mülltonnen und Abfallhaufen des ganzen Hauses hinausgingen. Meine Brüder sprangen ein und gaben mir jeden Monat genug Geld für die notwendigsten Ausgaben für Mama und mich, obwohl ihre Ehefrauen stänkerten und sich beschwerten.

Ich bemühte mich, es Mama schön bequem zu machen.

Ich las ihr jeden Wunsch und jede Laune von den Augen ab. Ich liebte sie.

Doch hatte ich auch noch einen anderen Grund, sie so lange wie möglich am Leben zu erhalten. Ich wusste, solange sie atmete, hatte ich eine Bleibe. Ich hatte fürchterliche Angst davor, was mit mir passieren würde, wenn Mama starb. Ich hatte keinen Schulabschluss und keine offizielle Arbeitserfahrung und wusste, dass mich meine Schwägerinnen nicht aufnehmen oder auch nur erlauben würden, dass meine Brüder mich unterstützten, wenn Mama nicht mehr war.

Dann tat Mama ihren letzten Atemzug, mit einem Lächeln des Dankes auf dem Gesicht für das, was ich getan hatte.

Natürlich sprachen Norine und Thelma, die Ehefrauen meiner Brüder, sofort ein Machtwort, und von da an war ich auf mich gestellt. Und so machte sich in mir die bange Sorge breit, wo ich nun Obdach finden könnte, und wich nie mehr von mir.

Etwas Aufschub bekam ich, als Mr.

Williams, ein Witwer, der vierundzwanzig Jahre älter war als ich, um meine Hand anhielt. Ich nahm das Ehegelöbnis sehr ernst.

Ich hatte vor, ihn zu ehren und zu achten, und tat es auch.

Aber das Haus, in dem wir wohnten! Die Wände hätten nicht schmutziger sein können, wenn sie mit Ruß verschmiert gewesen wären, und die sanitären Einrichtungen taten gerade das, was ihnen passte. Mein linker Fuß war ständig wund, weil ich dem Rohr unter dem Spülbecken einen Tritt verpassen musste, damit Wasser durchkam.

Dann wurde Mr. Williams krank und musste seinen Schusterladen aufgeben, den er ganz allein betrieb. Er hatte ein kleines Sparkonto, ein paar von diesen Regierungsanleihen zu fünfundzwanzig Dollar und bekam auch eine geringe Invalidenrente, bis die Versicherung nach ungefähr einem halben Jahr auslief.

Ich bemühte mich nach Kräften, es ihm schön bequem zu machen und ihn aufzuheitern. Obwohl ich die Wäsche selber machte, bekam er alle drei Tage frische Bettwäsche und einen frischen Schlafanzug, und ich glaube, es gelang mir durch pure Willenskraft, in dem dunklen Hinterzimmer, in dem Mr. Williams lag, eine Begonie zum Blühen zu bringen. Ich bekniete sogar seine beiden Töchter, ihrem Vater doch zu schreiben und ihm gute Besserung zu wünschen, was sie ein paar Mal auch taten.

Ab und zu, wenn einmal ein paar Cent übrig waren, kaufte ich Karten und kritzelte Unterschriften darauf, die niemand entziffern könnte, und schickte sie an Mr. Williams, damit er glaubte, einige seiner früheren Kunden erinnerten sich an ihn und wünschten ihm alles Gute.

Als Mr. Williams starb, standen seine Töchter natürlich sofort auf der Matte, um auch ja ihren Anteil an dem bisschen Geld zu kriegen, das das baufällige Haus einbrachte. Ich missgönnte es ihnen nicht — ich gehöre nicht zu denen, die sich der menschlichen Natur widersetzen.

Ich denke ungern an das Elend zurück, das mir nach Mr. Williams’ Tod widerfuhr. Am schlimmsten war es, einen Schlafplatz zu finden; am Ende ging es immer darum, eine Bleibe zu haben. Denn irgendwie schafft man es ja immer, nicht zu verhungern. Es gibt Mülltonnen, aus denen man sich was holen kann — erstaunlich, wie verschwenderisch manche Leute sind und wie viel gutes Essen sie wegwerfen. Wenn die Müllabfuhr gerade gekommen war und die Tonnen leer waren, ging ich eben in einen Supermarkt und zupfte beispielsweise an den Kirschen herum und tat so, als suchte ich mir welche aus, um sie zu kaufen. Ich steckte mir aber nicht die Besten in den Mund, sondern nahm entweder die, die so reif waren, dass man sie hätte wegwerfen müssen, oder die, die noch nicht reif genug waren und den Leuten gar nicht zum Kauf hätten angeboten werden sollen. Vielleicht stibitzte ich ein welkes Kohlblatt oder ein paar Büschelchen Brunnenkresse oder ein paar von diesen kleinen, runden Tomaten, die etwa so groß sind wie Hickorynüsse — ihren richtigen Namen kann ich mir nie merken. Wild etwas in mich hineingefressen hätte ich nie, sondern aß nur genug, um meinen Hunger zu besänftigen. Und so schlug ich mich durch. Wie gesagt, verhungern muss man nicht.

Die einzige Arbeit, die ich finden konnte, brachte mir nie mehr als Unterkunft und Verpflegung ein. Ich war keine ausgebildete Krankenschwester, obwohl ich wusste, wie man Kranke pflegt. Die Leute, die mich anstellten, sagten aber immer, viel erwarten könnte ich nicht, denn ich hätte ja keine Ausbildung und keinen Abschluss. Die wollten bloß jemanden, der über Nacht bei Tante Myrtle oder Cousine Kate oder Mama oder Daddy blieb. Man verlange schließlich keine richtigen Dienste von mir, behaupteten sie und fanden auch wirklich nicht, dass meine Hilfe mehr wert war als Mahlzeiten und einen Schlafplatz. Die Unterkunft war ziemlich improvisiert. Meistens hatte ich nicht einmal ein Plätzchen, an dem ich meine Sachen aufbewahren konnte — allerdings hatte ich ja auch kaum Kleider —, und manchmal musste ich auf einem Klappbett im Flur vor dem Zimmer des Patienten oder auf irgendeiner notdürftig zusammengebastelten Schlafstatt im Krankenzimmer schlafen.

Alle diese kranken Leute hegte und pflegte ich, genau wie ich Mama und Mr. Williams gehegt und gepflegt hatte. Ich wollte nicht, dass sie starben. Ich tat alles, was ich konnte, um ihnen zu verstehen zu geben, dass mir ihr Wohlergehen am Herzen lag — um ihrer selbst willen, aber auch um meinetwillen, damit ich nicht gehen und eine neue Bleibe finden musste.

Also, nachdem ich nun die Argumente zu meiner Verteidigung vorgebracht habe — ein Ausdruck, von dem ich nie gedacht hätte, dass ich ihn einmal für mich persönlich benutzen musste —, lege ich jetzt die Anklagepunkte dar.

Ich habe gestohlen.

Ich sage es ungern, aber ich war eine Diebin.

Ich bin eigentlich gar nicht langfingrig veranlagt. Nie wollte ich etwas haben, was jemand anderem gehörte.

Doch es kam eine Zeit, in der ich mich gezwungen fühlte zu stehlen. Ein paar Sachen brauchte ich einfach. Meine Schuhe fielen auseinander. Ich brauchte Strümpfe und Unterwäsche. Und wenn ich einen Sohn oder eine Tochter, eine Cousine oder eine Nichte um ein bisschen Geld bat, um das Notwendigste zu kaufen, führten sie sich auf, als wollte ich sie erpressen. Sie erinnerten mich daran, dass ich als Krankenschwester nicht qualifiziert war, dass ich womöglich Scherereien mit den Behörden bekäme, wenn man dort erfuhr, dass ich mich als Krankenschwester ausgab — was ich ja gar nicht tat, und das wussten sie auch.

Jedenfalls sagten sie, ihr Angebot umfasse bloß Unterkunft und Verpflegung.

Also fing ich an, Sachen mitgehen zu lassen – Kleinigkeiten, die in die hinterste Schubladenecke geschoben worden oder in Schachteln hoch auf Regalen aufbewahrt waren, Sachen, die man seit Jahren nicht mehr benutzt oder getragen hatte und wohl auch nie mehr benutzen würde. Die größte Beute ergatterte ich bei Mrs. Bick, wo es einen Dachboden voller Überseekoffer gab, die mit Kleidern und Schnickschnack aus den zwanziger Jahren bis hin zu den Achtzehnhundertneunzigern voll gestopft waren – Uniformen, Fächern aus Straußenfedern, bestickten Umhängetüchern und Perlentäschchen. Ich schmuggelte jedes Mal ein paar Sachen hinaus und verkaufte sie gelegentlich an einen Laden namens Way Out — Hippie-Ausstatter.

Ich versuchte, mir die genaue Summe auszurechnen, die ich verdiente, wenn ich etwas verkaufte. Nun weiß ich ja, dass man Diebstahl nicht wieder gutmachen kann. Aber sagen wir, ich bekam einen Dollar für eine Federboa, die Mrs. Bick gehörte. Dann ging ich wieder hin und nahm mir eine Arbeit vor, die die Putzfrau immer wieder hinausschob, zum Beispiel den oberen Flur bohnern oder das Kaminbesteck polieren oder den Wäscheschrank ordnen.

Trotzdem war das, was ich da tat, stehlen — nicht überall, wo ich wohnte, nicht einmal in den meisten Häusern, doch wenn es sein musste, stahl ich. Das gebe ich zu.

Das silberne Kästchen habe ich aber nicht gestohlen.

Was das Kästchen betraf, war ich so unschuldig wie ein kleines Kind. Als der Polizist damals auf mich zukam und das Kästchen packen wollte, trat ich beiseite, und vielleicht versetzte ich ihm auch den Stoß, der ihn zu Tode kommen ließ. Er hatte keinen Grund, sich so zu verhalten, wo das Kästchen doch mir gehörte, egal was Mrs. Crowes Nichte behauptete.

Und wenn fünfzigtausend Nichten etwas anderes behauptet hätten — das Kästchen gehörte mir.

Der Polizist war jedenfalls tot, und obwohl ich ihm den Tod nicht gewünscht hatte, hatte ich ihm auch nichts Gutes gewünscht. Und dann überlegte ich: Mrs. Crowes Kästchen habe ich zwar nicht gestohlen, dafür aber andere Dinge, und die Mühlen Gottes mahlen nun mal außerordentlich fein, wie ich einen Prediger einmal habe sagen hören, und nun muss ich für die Verfehlungen, die mich eingeholt haben, eben bezahlen.

Sicher begreife ich das, was passiert ist, inzwischen ein bisschen besser, obwohl mir nie ganz genau klar geworden ist, was sich wirklich zugetragen hat.

Mrs. Crowe war die dankbarste Person, für die ich je gearbeitet habe. Sie war bettlägerig und konnte sich kaum rühren. Ich glaube nicht, dass die offizielle Krankenschwester, die sie tagsüber versorgte, es als Teil ihrer Aufgabe betrachtete, Mrs. Crowe zu massieren. Also massierte ich sie abends, was ihr gefiel und sie entspannte.

Sie dankte mir für jede Kleinigkeit, die ich für sie tat – wenn ich ihr Kissen aufschüttelte, wenn ich ihr ein paar Tropfen Parfüm hinter die Ohrläppchen tupfte oder ihr die zerknitterte Bettdecke straff zog.

Ich machte auch kleine Scherze. Ich tat so, als könnte ich die Zukunft vorhersagen, nahm Mrs. Crowes Hand und erzählte ihr, sie würde heute einen wunderschönen Tag erleben, sollte sich aber in Acht nehmen vor dem schönen, blonden Fremden — oder sonst irgendwas Dummes, was sie zum Lachen brachte. Sie konnte nicht gut schlafen, und es schien ihr Freude zu bereiten, sich fast die ganze Nacht mit mir über ihre Kindheit oder ihren verstorbenen Mann zu unterhalten.

Sie wurde zusehends schwächer, und zwei Nächte vor ihrem Tod sagte sie, sie hätte so gern etwas für mich getan, aber als sie so hinfällig geworden sei, habe sie ihrer Nichte alles überschrieben. Jedenfalls hoffte Mrs. Crowe, ich würde ihr silbernes Kästchen annehmen. Ich dankte ihr. Es freute mich, dass sie mich so gern hatte, dass sie mir das Kästchen schenken wollte. Eigentlich hatte ich gar keine Verwendung dafür. Es hätte ein hübsches Schmuckkästchen abgegeben, aber ich besaß gar keinen Schmuck. Das Kästchen schien der Gegenstand zu sein, den Mrs. Crowe am zärtlichsten liebte. Sie hatte es neben sich auf dem Nachttisch stehen, und jedes Mal, wenn sie es ansah, leuchteten ihre Augen auf. Sie war wie ein kleines Mädchen, das am Weihnachtsmorgen zum ersten Mal seine nagelneue Babypuppe erblickt.

Als Mrs. Crowe also starb und ihre Nichte, die ich damals zum ersten Mal zu Gesicht bekam, mich entließ, raffte ich meine wenigen Habseligkeiten zusammen, nahm das Kästchen und ging. Zu Mrs. Crowes Begräbnis ging ich nicht. In der Zeitung stand, es fände im engsten Kreise statt, und ich war nicht eingeladen. Außerdem hätte ich sowieso nichts Passendes zum Anziehen gehabt.

Weil ich von den Sachen, die ich an den Hippieladen namens Way Out verkauft hatte, noch ein paar Dollar übrig hatte, bezahlte ich eine Woche Miete für das übelste Zimmer, in dem ich je gewohnt habe.

Es war eisig kalt, und bis zu mir in den zweiten Stock reichte die Heizung nicht. In diesem Zimmer, wo der Putz herunterfiel, die Fußbodendielen sich wellten und die Küchenschaben herumflitzten, saß ich in sämtliche Sachen gehüllt, die ich besaß, hatte eine eklige Decke und ein ausgebleichtes Steppbett um mich geschlungen und wartete darauf, dass die Wärme nach oben zog, als Mrs.

Crowes Nichte plötzlich in Pelzmantel und Pelzmütze und glänzenden, bis zu den Knien reichenden Lederstiefeln hereingerauscht kam. Ihr Gesicht war vor Wut puterrot angelaufen, als sie anfing, mir zu erzählen, sie habe mich durch einen Privatdetektiv ausfindig machen lassen, und ich solle ihr das Erbstück zurückgeben, das ich gestohlen hätte.

Ihre Behauptung ließ mich noch das wenige vergessen, was ich von der englischen Sprache wusste. Ich brachte kein Wort heraus, und sie schrie immer weiter, von wegen, wenn ich das Kästchen sofort zurückgäbe, würde sie mich auch nicht anzeigen. Da bekam ich meine Stimme wieder und sagte, dass das Kästchen mir gehöre und dass Mrs. Crowe es mir überlassen habe, und sie wollte wissen, ob ich das irgendwie beweisen könne oder ob es bei der Schenkung irgendwelche Zeugen gegeben habe, und ich sagte ihr, wenn man mir etwas schenkte, würde ich mich bedanken, da würde ich nicht nach Beweisen und Zeugen fragen, und nichts könnte mich dazu bringen, Mrs. Crowes Kästchen wieder herzugeben.

Die Nichte stand da und schnaufte, schien fast die Atemzüge zu zählen wie jemand, der eine Übung macht, um die Beherrschung über sich wiederzuerlangen.

«Sie werden schon noch sehen«, rief sie, und dann ging sie.

Im Zimmer war es kälter denn je, und meine Zähne klapperten.

Kurz darauf hörte ich schwere Schritte die Treppe heraufpoltern. Mir wurde klar, dass die Nichte ihre Drohung wahr gemacht hatte und die Polizei hinter mir her war.

Ich geriet in Panik. Ich jagte im Zimmer umher wie eine Ratte, die von der Katze verfolgt wird. Dann dachte ich, wenn die Polizei mein Zimmer durchsucht und dabei das Kästchen nicht findet, hätte ich vielleicht etwas Zeit, mir zu überlegen, was ich tun sollte.

Rasch holte ich das Kästchen aus der obersten Kommodenschublade und huschte den hinteren Gang hinunter. Ich stieß die hintere Tür auf. Ich glaube, ich hatte vor, die Hintertreppe hinunterzulaufen und das Kästchen irgendwo zu verstecken, unter einem Busch vielleicht oder in einer Mülltonne.

Die Stufen der Hintertreppe waren steil und kamen fast senkrecht in den zweiten Stock empor, außerdem waren sie wacklig und vereist.

Ich ging hinunter. Rutschte mit dem rechten Fuß aus.

Das Geländer rettete mich. Ich umklammerte es mit der einen Hand, mit der anderen das silberne Kästchen und tastete mich über die vereisten Flächen mühsam hinunter.

Als ich halbwegs unten war, hörte ich, wie jemand meinen Namen kreischte. Ich sah mich um und erblickte einen großen, kräftigen Mann, der hinter mir die Treppe heruntergesprungen kam. Noch nie habe ich im Gesicht eines Menschen so eine Wut gesehen. Dann war er direkt hinter mir und streckte die Hand aus, um das Kästchen zu packen.

Ich fuhr herum, um seinem Zugriff auszuweichen, und er fluchte. Vielleicht habe ich ihn gestoßen. Ich bin mir nicht sicher — eigentlich nicht.

Jedenfalls glitt er aus und fiel hinunter und immer weiter hinunter, und nachdem er ganz hinuntergefallen war, blieb er vollkommen reglos liegen. Die unterste Stufe war unter seinem Kopf wie ein Kissen, der Rest seines Körpers lag ausgestreckt auf dem gepflasterten Gehweg.

Und dann, wie ein Haustier, das seinem Herrchen folgen will, sprang plötzlich das silberne Kästchen aus meiner Hand, purzelte die Treppe hinunter und landete neben dem linken Ohr des Mannes.

Mein Gehirn war wie betäubt. Ich fühlte mich wie gelähmt. Dann kreischte ich los.

Die Mieter dieses Hauses und des Nachbarhauses und von der anderen Seite der Gasse stießen die Fenster auf und rissen die Türen auf, um zu sehen, was es mit dem Lärm auf sich hatte, und einige von ihnen rannten auf den Hinterhof. Der andere Polizist, der Partner des Toten — so würde man ihn wohl nennen — befahl ihnen zurückzubleiben.

Nach einer Weile kam noch mehr Polizei, und man brachte die Leiche des Mannes weg und fuhr mich auf die Wache, wo ich eingesperrt wurde.

Den jungen Anwalt, den man mir zuteilte, konnte ich von Anfang an nicht leiden. So ganz genau konnte ich es nicht festmachen. Mir war in seiner Gegenwart einfach unbehaglich. Mit Nachnamen hieß er Stanton. Natürlich hatte er auch einen Vornamen, den er mir aber nicht sagte.

Er meinte, ich solle ihn wie alle seine Freunde doch Bat nennen.

Dauernd lächelte er und sah mich aufmunternd an, wo es doch eigentlich gar nichts zu lächeln oder aufzumuntern gab, was er von vornherein hätte wissen müssen, statt bei mir falsche Hoffnungen zu wecken.

Ich konnte nur daran denken, wie froh ich war, dass Mama und Papa und Mr. Williams tot waren und meine Schande ihnen keine Schande mehr machen konnte.

«Das kriegen wir schon hin«, sagte der Anwalt immer wieder bis ganz zum Schluss und tat dann beleidigt, als ich wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt, Totschlags und Diebstahls oder Raubs schuldig gesprochen wurde – darüber, ob es nun Diebstahl oder Raub war, gab es das größte Getöse. Ich hatte mir zwar weder das eine noch das andere zuschulden kommen lassen, jedenfalls in diesem speziellen Fall, aber keiner wollte mir glauben.

Man hätte meinen können, der Anwalt würde verurteilt statt mir, so wie der sich aufführte. Er nannte es einen schrecklichen Justizirrtum und sagte, es ginge ja zu wie damals im achtzehnten Jahrhundert, wo man Kinder gehenkt hatte.

Nun, das war eine maßlose Übertreibung, schließlich wurde niemand gehenkt, und es war auch kein Kind im Spiel. Der Polizist war gestorben, und ich hatte einen Anteil daran gehabt. Vielleicht hatte ich ihn gestoßen. Ich war mir nicht recht sicher. Im Grunde meines Herzens hatte ich ihm eigentlich keinen Schaden zufügen wollen.

Ich hatte einfach Angst gehabt. Aber tot war er trotzdem.

Und was das Stehlen betraf — das Kästchen hatte ich zwar nicht gestohlen, aber andere Sachen schon, mehr als einmal.

Und dann ist es passiert. Es war ein Wunder. Mein ganzes Leben hatte ich von einem schönen Zimmer für mich allein geträumt, von einer behaglichen Bleibe. Und genau die bekam ich nun.

Das Zimmer war zwar etwas klein, enthielt aber alles, was ich brauchte, sogar ein Waschbecken mit fließend heißem und kaltem Wasser. Die Wände waren frisch gestrichen, und ich durfte mir aussuchen, ob ich einen Ohrensessel mit Chintzhusse oder einen modernen dänischen Sessel wollte. Ich durfte sogar entscheiden, welche Farbe die Tagesdecke haben sollte. Das Fenster ging auf einen schönen, von Büschen gesäumten Rasen hinaus, und die Aufseherin meinte, ich dürfe ins Gewächshaus gehen und mir für mein Zimmer ein paar Topfpflanzen aussuchen. Am nächsten Tag holte ich mir eine weiße Gloxinie und ein paar rostrote Chrysanthemen.

Die Gitter an den Fenstern störten mich überhaupt nicht.

Schließlich haben heutzutage selbst die vornehmsten Villen vergitterte Fenster, um Einbrecher abzuhalten.

Die Mahlzeiten — ich konnte es einfach nicht fassen, dass es auf der Welt so köstliche Speisen gab. Die Frau, die ihre Zubereitung beaufsichtigte, hatte bei einem der größten Partydienste des Bundesstaates, wo sie sich von der Hilfsköchin bis zur Schatzmeisterin hochgearbeitet hatte, Gelder unterschlagen.

Die anderen Häftlinge waren sehr freundlich, und die meisten von ihnen hatten höchst interessante Lebensgeschichten. Einige von den Damen benutzten manchmal Ausdrücke, die man nur an Zäunen oder auf Gehwegen geschrieben sieht, bevor der Zement trocken ist, doch wenn sie deswegen gerügt wurden, entschuldigten sie sich. Ab und zu ärgerte sich eine über die andere, und dann gingen sie mit den Nägeln aufeinander los oder zogen sich an den Haaren, aber ganz schlimm wurde es nie. Einen Chor gab es auch — singen kann ich zwar nicht, aber ich liebe Musik —, der jeden Dienstagmorgen in der Kapelle ein Konzert gab, und Donnerstagabend war Kinoabend. Es kostete überhaupt keinen Eintritt. Man ging einfach hinein und setzte sich hin, wo man wollte.

Jede hatte ihre besondere Aufgabe, und ich war der Krankenstation zugeteilt. Die Ärztin und die Schwester machten mir Komplimente. Die Ärztin sagte, ich hätte eine Ausbildung als Krankenschwester machen sollen, ich würde den Patientinnen so viel Zuversicht schenken und ihnen bei der Genesung helfen. Damit kenne ich mich nicht aus, aber jedenfalls hatte ich jahrelang Übung mit Kranken und helfe gern, wenn es jemandem schlecht geht.

Ich war so glücklich, dass ich nachts manchmal gar nicht schlafen konnte. Dann stand ich auf, knipste das Licht an und betrachtete die Möbel und die Wände. Es war kaum zu glauben, dass ich so eine behagliche Bleibe hatte. Ich dachte daran, was es an dem Abend zu essen gegeben hatte und dass ich noch einmal zum Serviertisch gegangen war, um mir einen Nachschlag von den Spargeln mit Zitronen-Kräuter-Soße zu holen. Dann verglich ich diesen Überfluss mit jenen schrecklichen Zeiten, als ich mich in Supermärkte geschlichen und überreifes Obst und rohes Gemüse geknabbert hatte, um meinen Hunger zu besänftigen.

Dann kam eines Tages, nicht einmal zur üblichen Besuchszeit, dieser Anwalt, hopste herum und gratulierte mir: Meine Berufung sei nun bestätigt oder wie der Ausdruck auch hieß, und ich sei frei wie ein Vogel und könne sofort gehen.

Er sagte der Aufseherin, sie könne mir meine Habseligkeiten ja später nachschicken, und schleppte mich vorn hinaus, wo die Fernsehkameras und Zeitungsreporter schon warteten.

Sobald die Kameras zu surren und die Fotografen zu knipsen begannen, küsste mich der Anwalt auf die Wange und steckte mir eine Blume an. Er hielt eine Rede, in der er sagte, nun sei ein schrecklicher Justizirrtum wieder gutgemacht. Er hatte Leute ausfindig gemacht, die bezeugten, dass Mrs. Crowe mir das Kästchen geschenkt hatte — sie hatte es dem Gärtner und der Putzfrau erzählt.

Sie hatten nicht als Zeugen aussagen wollen, weil sie nichts mit der Polizei zu tun haben wollten, doch der Anwalt hatte sie im Namen der Gerechtigkeit und der Menschlichkeit überredet, auszusagen.

Der Anwalt hatte sich auch die Personalakte des toten Polizisten vorgenommen und erfahren, dass man ihn als emotional ungeeignet für seine Arbeit beurteilt hatte und der Psychiater den Polizeichef gewarnt hatte, wenn der Mann nicht seiner Aufgaben entbunden würde, könnte entweder ihm selbst oder einem Verdächtigen etwas Furchtbares zustoßen.

Während der Anwalt in die Mikrofone sprach, hatte er mich die ganze Zeit über fest im Griff, als wäre ich eine Dreijährige, die wegrennen könnte, und ich stand einfach da und glotzte. Als er mit seiner Rede über mich fertig war, sagten die Reporter, er würde bestimmt wie sein Großvater und sein Onkel Gouverneur werden, bloß schon in einem viel jüngeren Alter.

Daraufhin setzte der Anwalt für die Kameras ein breites Grinsen auf, winkte zum Abschied und schubste mich in seinen Wagen.

Ich hatte entsetzliche Angst. Die schöne Bleibe, die ich gefunden hatte, gehörte mir nicht mehr. Mein alter Albtraum war wieder da — die bange Frage, wie ich etwas zu essen beschaffen konnte und wie viel ich stehlen musste, um von einem Tag auf den nächsten zu überleben.

Die Kameras und Reporter waren uns gefolgt.

Ein Fotograf bat mich, mein Wagenfenster herunterzukurbeln, und ich belauschte zwei Männer, die sich weiter hinten in der Menge unterhielten. Ich habe scharfe Ohren. Papa hat immer behauptet, ich könnte es noch drei Staaten weiter donnern hören. Über die Glückwünsche und das allgemeine Gebrabbel hinweg hörte ich einen dieser Männer dort hinten sagen:»Das ist doch ein bisschen viel, findest du nicht? Jetzt spielt sich unser Bat auch noch als Beschützer der älteren Mitbürger auf. Die Teens und die Twens hat er sich schon geschnappt, und das mit Methoden, die eigentlich den Ausschluss aus der Anwaltschaft nach sich ziehen müssten. Er hätte den Gärtner und die Putzfrau doch von Anfang an zu einer Aussage bewegen müssen, und die Akte des Polizisten hätte er sich gleich ansehen müssen.

Es hätte überhaupt keinen Fall geben sollen, geschweige denn eine Verurteilung. Aber dann hätte Bat ja keine Publicity bekommen. Er musste es ja unbedingt auf seine eigene krumme, spektakuläre Tour machen. «Der andere Mann nickte bloß immer wieder und sagte nach jedem Satz:»Verdammt, da hast du Recht.« Dann fuhren wir weg, und ich wagte nicht, mich umzudrehen, weil mir das Herz brach beim Gedanken an das, was ich hinter mir ließ.

Der Anwalt führte mich in sein Büro. Er sagte, er hoffe doch, ein bisschen Aufregung in den nächsten Tagen würde mir nichts ausmachen. Er habe ein paar öffentliche Auftritte für mich arrangiert. Am nächsten Morgen sollte ich an einer Frühsendung im Fernsehen teilnehmen. Ich brauchte mir überhaupt keine Sorgen zu machen. Er wäre direkt neben mir, um zu helfen, so wie er mir durch meine ganzen Schwierigkeiten hindurch geholfen habe. In der Fernsehsendung brauchte ich nur zu sagen, dass ich meine Freiheit ihm verdankte.

Ich muss ziemlich verwirrt und verdattert ausgesehen haben, denn er beeilte sich zu sagen, dass ich ihm ja kein Honorar hatte zahlen können, es ihm aber jetzt zurückzahlen könne — nicht mit Geld, sondern indem ich der Öffentlichkeit mitteilte, dass er der Anwalt der Entrechteten sei.

Ich sagte, man hätte mir gesagt, das Gericht stelle Leuten, die nicht bezahlen könnten, kostenlos einen Anwalt zur Verfügung, und er sagte, das sei schon richtig, er meine es aber so, dass ich es ihm nun zurückzahlen könne, indem ich den Leuten erzählte, was er alles für mich getan habe. Dann sagte er, das Wichtigste sei jetzt, unseren nächsten Fernsehauftritt zu besprechen. Er wolle mit mir einüben, was ich sagen sollte, aber zuerst würde er ins Büro seines Partners gehen und ihm sagen, er solle alle Anrufe annehmen und sich um seine restlichen Termine kümmern.

Als sich die Tür hinter ihm schloss, dachte ich, dass er ja Recht hatte. Ich verdankte ihm tatsächlich meine Freiheit.

Es war seine Schuld. Dieser Klugscheißer. Dieser Emporkömmling. Wer hatte ihn denn gebeten, sich einzumischen und mich aus meinem hübschen Zimmer und von der Arbeit, die ich liebte, und all dem köstlichen Essen wegzuholen?

Zum ersten Mal im Leben wusste ich, was es heißt, jemanden zu verachten.

Ich hasste ihn.

Damals, als man mich wegen Totschlags verurteilte, war viel von Arglist und Vorsatz die Rede gewesen.

Diesmal wäre der Fall eindeutig.

Dem Polizisten hatte ich damals keinen Schaden zufügen wollen. Diesem Anwalt jedoch wollte ich Schaden zufügen.

Ich ergriff einen Brieföffner von seinem Schreibtisch und fuhr mit dem Finger über die Klinge, um zu prüfen, wie scharf sie war. Dann wartete ich hinter der Tür, und als er hereinkam, nahm ich meine ganze Kraft zusammen und stach auf ihn ein. Wieder und wieder und immer wieder.

Jetzt bin ich wieder da, wo ich sein will — in einer schönen Bleibe.

Clever und fix

von CHRISTIANNA BRAND

Viele Fans des klassischen Rätselkrimis würden dem Kritiker Anthony Boucher zustimmen und das Trio John Dickson Carr, Ellery Queen und Agatha Christie als die großen Drei nominieren. Doch gab es auch noch andere Autoren, die zwar nicht so produktiv, in ihrem Engagement und ihrem Talent für fintenreiche Rätselkonstruktionen diesen dreien jedoch durchaus ebenbürtig waren. Zu ihnen gehörte auch Christianna Brand (1907-88), die Schöpferin von Inspector Cockrill.

In Malaya als Tochter britischer Eltern unter dem Namen Mary Christianna Milne geboren, verbrachte Brand ihre Kindheit in Indien. Wie viele Schriftsteller und Schriftstellerinnen arbeitete sie zunächst in einer Reihe von Berufen, unter anderem als Gouvernante, Fotomodell und Tänzerin. Ihre Erfahrung als Verkäuferin in einem Modehaus inspirierte sie zu ihrem ersten Roman, Death in High Heels (1941). Mit Romanen wie Green for Danger (1944), großartig verfilmt mit Alistair Sim, oder Tour de Force (1955; dt. Ein Toast auf den Mörder) bewies Brand ihre Fähigkeit, erstklassige Rätsel zu konstruieren. Nach ihren eigenen Worten feilte sie ebenso sorgfältig an ihrem Stil, wie sie die Schlüssel zu ihren Rätseln verteilte, so dass sie die Leser in die Irre führte und gleichzeitig strikt die Regeln des» Fair Play «befolgte. Im Laufe ihrer Karriere kam sie zeitweilig vom reinen Kriminalroman ab, um etwa unter dem Titel The Honey Harlot (1978) eine Abhandlung über das Rätsel der Marie Céleste zu produzieren, Kinderbücher wie Danger Unlimited (1948) und eine dreiteilige Reihe beginnend mit Nurse Matilda (1964) zu schreiben, in Heaven Knows Who (1960) über ein authentisches Verbrechen zu berichten oder unter einem Pseudonym populäre Unterhaltungsromane zu verfassen. Ihr Hauptinteresse galt jedoch der Kriminalliteratur. Im fortgeschrittenen Alter gern gesehen bei Krimisymposien, ist sie auf ihrem Gebiet sowohl als Persönlichkeit wie auch wegen ihres literarischen Schaffens unvergessen. In seiner Einleitung zu ihrer Kurzgeschichtensammlung mit dem Titel Buffet for Unwelcome Guests (1983) erinnert sich Robert E. Briney an ihren Redestil:»Die Themen und Anekdoten variierten, obwohl manche aufgrund der starken Nachfrage immer wieder erzählt werden mussten (die Geschichte von Dorothy L. Sayers und dem Blut auf der Treppe wurde ein mündlich überlieferter Klassiker). Die Reaktion des Publikums war jedoch immer gleich. Die Zuhörer waren begeistert von den scharfsinnigen verbalen Porträts, lauschten gebannt, sooft eine ernsthafte Note ins Spiel kam, sahen genauso viel von der Richtung voraus, in die die Geschichte ging, wie sie sehen sollten, und reagierten mit genüsslicher Empörung, wenn die Pointe sich als etwas anderes herausstellte als das, was zu erwarten man ihnen eingegeben hatte. Tatsächlich reagierten sie ziemlich genau so, wie es die Leserschaft von Christianna Brands Romanen seit vierzig Jahren tut.« In der Kurzgeschichtenform spezialisierte sich Brand weniger auf die reine Aufdeckung als auf die mehrfach verschlungene, doppeltes und dreifaches Spiel treibende Kriminalgeschichte, für die» Clever und fix «ein vorzügliches Beispiel bietet.

Man musste doch den Schein wahren. Also war die Wohnung sehr protzig ausgestattet, wobei allerdings alles, bis hin zum massiven Messingkamingitter vor dem elektrischen Kaminfeuer, nichts als Schwindel und fauler Zauber war. Den Schein wahren und die Rechnungen zahlen waren jedoch zwei Paar Stiefel, und wie es im Theater neuerdings nun einmal lief, hatten sich die beiden eine recht lange» schöpferische Pause «geleistet. Tatsache war daher, dass sie Trudi eigentlich wegschicken sollten.

Trudi war das Aupairmädchen, und aus unterschiedlichen Gründen wollte keiner von beiden, dass sie ging.

Gerade eben stritten sie darüber, beide vor dem Kamin stehend. In letzter Zeit hatten sie ungefähr einmal pro Stunde irgendeinen Streit — ständig wurde genörgelt und gekeift. Colette brachte Raymond buchstäblich um den Verstand. Und jetzt auch noch das mit Trudi. Ob er Trudis Bezahlung etwa heimlich (irgendwie) aufstockte?» Wie wär’s, wenn du ihr für die Arbeit etwas weniger bieten würdest«, schlug er vor.

«Biete du ihr doch ein bisschen weniger — für das Vergnügen«, sagte Colette. Wie immer traf sie damit bei ihm einen wunden Punkt.»Willst du damit etwa andeuten

— ?« «Raymond, dieses Mädchen denkt doch an nichts anderes als an Geld, und das weißt du.« O ja, er wusste es, und bei dem Gedanken stockte ihm das Herz. Wenn es einmal so weit kam, dass er Trudi keine Geschenke mehr machen konnte … Er war verrückt nach ihr — nach dieser kleinen mausgesichtigen Mitteleuropäerin mit dem durchdringenden Blick — und doch: Er war gefangen, verrückt nach ihr, hilflos im Griff ihrer gierigen kleinen Klauen. Er, Raymond Gray, dem die Frauen sein Leben lang, auf der Bühne und auch sonst, nicht hatten widerstehen können, er hatte sich nun selbst in den Schlingen einer Frau verfangen. Wenn ich nun nachlasse, sagte er zu sich, wenn mein Profil schlaff wird, mein Haar, meine Zähne nicht mehr so perfekt sind wie früher — dabei hielt er sich bemerkenswert gut. Sogar dieses lechzende Ungeheuer in der Wohnung gegenüber – Sie war kein Ungeheuer, wenngleich sie, eine große, stattliche Frau, die früher eine ziemliche Sportlerin gewesen war, nun zusehen musste, wie alles Muskulöse an ihr sich in schwabbeliges, weißes Fett verwandelte. Aber lechzend? Ich bin widerlich, dachte sie, völlig außer sich – eine fette, hässliche, alternde Witwe, die zu Hause herumsitzt und nach einem ausgedienten Vorstadttheateridol lechzt, das nicht viel mehr als halb so alt war wie sie.

Doch sie war ebenso gefangen und hilflos wie er – gefangen und hilflos saß sie da wie ein dummes Schulmädchen und sehnte sich danach, auf ihren Balkon hinauszutreten und zu versuchen, ob sie durch sein Fenster nicht einen Blick auf ihn erhaschen könnte. Von ihrem Zimmer aus konnte sie seines nicht einsehen, denn die Wohnungen lagen einander nicht direkt gegenüber, sondern auf gleicher Höhe über Eck.

Doch sie wagte sich nicht hinaus. Die Platanen unten auf der Straße waren voller Blütenstaub, und wenn sie auch nur die Nase hinaussteckte, würde ihre Allergie sofort mit aller Macht ausbrechen. Und mit tränenden Augen und geröteter Nase durfte er sie nicht mal im Vorbeigehen auf dem Hausflur oder beim Hinauf- und Hinunterfahren im Aufzug sehen.

Sie hielt sich ziemlich oft auf den Fluren und im Aufzug auf.

«Ach, Raymond«, rief sie dann aus,»was für ein Zufall, dass wir uns schon wieder begegnen!«Sie hatte sich schon vor langer Zeit um ihre Bekanntschaft bemüht, und mittlerweile nannte man sich vertraut Raymond, Colette und Rosa. Die beiden hatten nichts dagegen — bei ihr gab es immer reichlich Champagnercocktails und trockene Martinis, dazu jede Menge Kaviar auf kleinen Toastdreiecken. Sie war stinkreich.

Soeben sagte Colette etwas in dieser Richtung.»Kannst du nicht aus der alten Schachtel drüben was rauskitzeln?

Die stinkt doch vor Geld, und du brauchst ihr bloß die Hand zu küssen, dann hackt sie sie ab und schenkt sie dir, samt Brillantringen und allem.« Ihre Hand war wie der Rücken einer Kröte, ganz gesprenkelt mit den grünlichbraunen Flecken alternder Haut.»Trotzdem, ich sag dir jetzt mal was«, versetzte er.

«Wenn du aus dem Weg wärst, du elende keifende Meckerziege, dann würde sie mich zum Millionär machen, darauf kannst du Gift nehmen.« «Ach ja, und was wird dann aus deiner kostbaren Trudi?«, gab Colette gehässig zurück.»Ich glaube nämlich nicht, dass die liebe Rosa sich sehr viel gefallen ließe von diesem dreckigen kleinen Flittchen.« «Was fällt dir ein, Trudi so zu beleidigen!«, schrie er.

«Ich sage nur, wie es ist. Das steht mir ja wohl noch zu, was?« Sie hatte eine schmutzige Fantasie, eine schmutzige Fantasie und ein ordinäres Mundwerk dazu. Wie eine Art Lichtblitz, verschwommen und rötlich gefleckt, durchfuhr ihn die Erkenntnis, dass er sie einmal geliebt hatte — und sich nie hätte träumen lassen, dass sich hinter der Fassade diese Kreatur aus Gift und Schmutz verbarg, sich nie hätte träumen lassen, dass er eines Tages mit erhobener Hand hier stehen würde, vorwärtsstürzen und auf sie einschlagen würde, dass er es darauf abgesehen hätte, sie für immer zum Schweigen zu bringen.

Doch seine Hand berührte sie nicht. Sie trat zurück, weg von ihm, stolperte über den Teppich auf dem blank gebohnerten Boden vor dem Kamin, fiel schwer hin, wobei sie sich ziemlich heftig nach hinten warf, außerhalb seiner Reichweite. Ein kurzer Aufschrei, wild fuchtelnde Arme, ein grässliches Knirschen, als ihre Schädelbasis auf dem runden Knauf des schweren Messinggitters aufschlug. Und plötzlich — Stille.

Er wusste, dass sie tot war.

Trudi stand in der Tür und kam dann langsam zu ihm herüber.

«Ist schon gut«, sagte sie.»Ich hab gesehen. Du hast sie nicht angefasst. «Sie suchte nach dem passenden Ausdruck.»War es — Unfall?«Sie kam nah zu ihm her und starrte hinunter.»Aber sie ist tot«, sagte sie.

Sie war tot. Er hatte sie nicht angefasst, es war ein Unfall gewesen. Doch sie war tot — und er war frei.

Es dauerte eine Weile, bis er akzeptieren konnte, dass Trudi sich nicht lebenslang an einen arbeitslosen, abgehalfterten Schauspieler binden wollte, ob der nun frei war oder nicht.»Aber, Liiiebling, du weißt, dein Geld ist alles weg, bald ich muss sowieso gehen. Hat sie mir gesagt, Mrs. Gray. «Und weil Mrs. Gray tot auf dem Fußboden lag und nicht widersprechen konnte, improvisierte sie flugs eine Aufstellung der Gelder, die ihr noch geschuldet wurden.»Und das muss ich haben, Raymond, bald ich gehe nach Hause, wenn ich nicht mehr habe einen Job hier.« Frei zu sein — frei zu sein, um sie zu heiraten, und sie jetzt verlieren!» Liebst du mich denn gar nicht?«, flehte er sie an.

«Aber natürlich! Bloß — wie wir können heiraten, Liiiebling, wenn du hast kein Geld zum Leben? Also dieses Geld ich muss haben, für nach Hause zu gehen.« «Du kannst sowieso noch nicht weg. Du musst mir beistehen wegen der Sache mit — ihr. «Er hatte das arme tote Ding schon beinahe vergessen, das dort unansehnlich zu ihren Füßen lag.»Du musst für mich aussagen.« Sie zuckte die Schultern.»Natürlich. Es war Unfall.

Aber dann ich kann nach Hause gehen.« «Und mich einfach so hier lassen? Trudi, jetzt habe ich keine Frau, kein Geld — « Wieder dieses leichte Schulterzucken, halb komisch, halb mitleidig, das seinem schmachtenden Herzen so lieb war, das Schwenken des hübschen Köpfchens zum Fenster über Eck.»Wegen Frau, wegen Geld — genug von beidem da drüben.« Rasch warf er ein:»Dann werde ich ja reich. Also können du und ich — ?« Da sagte sie das, was Colette kurz zuvor ebenfalls gesagt hatte:»Ich glaube nicht, dass Mrs. Rosa Fox sich lässt viel gefallen. Ich glaube, macht sie die Geldtaschen ganz schnell — zu.« War die Idee urplötzlich einfach da gewesen, wie es ihm damals vorkam? — oder hatte er eine Weile nachgedacht? – hatte er vor der Leiche seiner Frau gestanden und alles sorgfältig und bedächtig bis zum Ende durchdacht? Später erinnerte er sich nur noch daran, dass er Trudi plötzlich am Arm gepackt hatte, drängend auf sie einredete und sie herunterzog, damit sie sich neben ihn hinkniete, während er ganz vorsichtig ein wenig Blut von dem runden Messingknauf am Kamingitter abkratzte, das dort so rasch gerann, es über den runden Messingknauf des Schürhakens schmierte, einen Knauf von identischer Größe, und seine Hand auf das Verschmierte legte. Und schließlich den Schürhaken wieder in die Feuerstelle warf.

«So, Trudi, jetzt schnell hinaus, und dass dich niemand sieht. Kauf irgendwas irgendwo. Und komm gleich wieder und sorg dafür, dass der Portier dich diesmal sieht.« Als er sich aufrappelte, warf er keinen Blick zurück auf die immer noch ausgestreckt daliegende Leiche — nicht einmal diesen kurzen Augenblick wollte er für die Vergangenheit aufwenden. Vor ihm lag nun die Zukunft.

O, dass nur, betete er, während er verstohlen auf den Hausflur hinausschlich, dass nur Rosa zu Hause ist! Und dass sie allein ist!

Sie war zu Hause und allein. Sie war neuerdings immer zu Hause und allein, hatte sich in einen Sessel geworfen und träumte wie eine Halbwüchsige von ihrer hoffnungslosen, ihrer hilflosen Liebe.»Eine Frau in meinem Alter«, dachte sie,»hockt da und verzehrt sich nach dem Mann einer anderen. «Aber in ihren besten Zeiten war sie auch mal ’ne heiße Nummer gewesen, und sie war nun schon sehr lange verwitwet. Jetzt sagte sie:

«Raymond — wie schön!«Und gleich darauf:»Aber was ist denn los, mein Lieber? Bist du krank?« «Rosa«, sagte er,»du musst mir helfen!«Und er fiel vor ihr auf die Knie, ergriff ihren Rock mit zitternden Händen — wirklich, bei seinem Talent war es eigentlich ziemlich verwunderlich, dass er nicht mehr Arbeit kriegen konnte!

Er legte ein gewisses heiseres Beben in seine Stimme.

«Ich habe sie umgebracht«, sagte er.

Sie wich erschrocken zurück.»Umgebracht?« «Colette. Ich habe sie umgebracht. Sie hörte einfach nicht auf. Sie sagte so schreckliche Sachen über — über dich, Rosa. Sie glaubt, du — sie hat immer behauptet, du – Rosa, ich weiß, du kannst mich gut leiden — « «Ich liebe dich«, sagte sie schlicht, nahm jedoch einen tiefen, tiefen Atemzug, während die Zukunft sich vor ihr entfaltete — so wie sich zuvor die seine vor ihm eröffnet hatte. Seine Frau war tot, und er war frei.

Er tat so, als überraschte ihn ihre Antwort — überraschte ihn und erfüllte ihn mit Dankbarkeit. Doch er war zu clever, gleich zu behaupten, er würde ihre Gefühle erwidern. Endlich kam er zur Sache.»Dann darf ich, Rosa, es umso mehr wagen, dich um etwas zu bitten. Ich liefere mich dir auf Gedeih und Verderb aus und bitte dich inständig, mir aus Freundschaft zu helfen. Und jetzt, wenn du es wirklich ernst meinst, dass du — « Und er ging mit ihr zum Sofa hinüber und saß da und ergriff ihre Hände und schüttete ihr sein Herz aus.»Sie war so widerlich. Sie hatte — nun, Colette ist tot, aber sie hatte eine dreckige Fantasie, Rosa. Seit Wochen ließ sie nicht mehr locker, und plötzlich hielt ich es nicht mehr aus. Ich sah rot. Ich — ich griff nach dem Schürhaken. Ich wollte ihr nicht wehtun — ehrlich, ich schwör’s — wollte ihr nur Angst einjagen. Aber als ich wieder zu mir kam … O mein Gott«, flehte er,»bitte, versuch mich zu verstehen!« «Du hast es getan, weil sie gemeine Sachen über mich gesagt hat?« «Du warst immer so nett zu uns, Rosa. Es hat mich richtig krank gemacht, wie sie daherredete, dieses verächtliche Getue, dieses höhnische Gelächter. «Und wieder schüttete er ihr sein Herz aus, durchlebte das Geschehen noch einmal, nur dass er Trudis Namen durch ihren ersetzte. Ihr breites, hässliches Gesicht wurde erst weiß, dann leuchtend rot, dann wieder weiß. Sie hielt seine Hand fest.»Was soll ich denn jetzt machen?« «Rosa, ich habe ganz schnell überlegt — ich kann nämlich schnell denken, wenn ich in der Klemme sitze. Es kommt mir so scheußlich vor, sie lag ja tot da und ich dachte bloß an mich und wie ich da wieder rauskommen könnte. Aber so war’s. Und dann kniete ich mich hin und — an dem Kamingitter sind zwei Messingknäufe, genau wie der am Schürhaken, und ich — ich rückte ihren Kopf so hin, dass es aussah, als hätte sie ihn an dem einen Kamingitterknauf aufgeschlagen, und dann putzte ich das — ganze Blut und das Zeug von dem Schürhaken ab — « Sie war eine clevere Frau — clever und fix. Mochte ihr Körper auch langsamer geworden sein, dieser einst so kräftige und beherrschte Körper, ihr Verstand war immer noch clever und fix.

«Ein Unfall«, sagte sie.

«Ja, aber — die Leute wussten ja, dass wir uns ständig stritten. Trudi muss es natürlich gewusst haben. Man könnte sagen, ich hätte sie geschubst, ihr einen Stoß versetzt. «Er warf ihr einen kläglichen Blick zu, was ihm nicht allzu schwer fiel.»Das gibt mindestens – Totschlag«, sagte er.

Clever und fix.»Du willst also, dass ich sage, ich hätte gesehen, was passiert ist? Dass du sie nicht geschlagen hast?« «Mein Gott«, sagte er,»du bist grandios! Ja. Du könntest sagen, du hast alles durchs Fenster gesehen, hast mich stehen und mit ihr reden sehen, sag ganz offen, wir hätten uns anscheinend gestritten, es soll ruhig so aussehen, als wärst du nicht so auf meiner Seite, bloß eine flüchtig bekannte Nachbarin. Und dann — dort liegt doch der Teppich, du kennst ihn, er ist ganz seidig und rutschig – du bist selbst mal darauf ausgeglitten, weißt du noch? Es kann doch durchaus sein, dass sie einen Schritt rückwärts gemacht hat und ausgerutscht und nach hinten gefallen ist.

Mehr könntest du natürlich nicht wissen — den Fußboden in unserem Zimmer kannst du ja nicht sehen, nicht mal von deinem Balkon aus.« «Aber dann müsste ich sagen, dass ich draußen auf dem Balkon war. Von hier drin kann ich euer Fenster nicht sehen.« Auch daran hatte er gedacht.»Dein Balkon ist bloß von zwei Wohnungen aus zu sehen, und die Leute waren bestimmt alle aus. Die kenne ich. Niemand könnte behaupten, du wärst nicht draußen gewesen.« «Also gut«, sagte sie.

«Du tust es also für mich?« «Natürlich. Aber was ist mit dem Mädchen, dieser kleinen Schlampe, wie heißt sie noch gleich — dieses Aupairmädchen?« Es kostete ihn Mühe, den harten Ton in seiner Stimme zu unterdrücken, doch er beherrschte sich.»Die war einkaufen, Gott sei Dank!«Und Gott sei Dank auch, dass Rosa tatsächlich nicht auf dem Balkon gewesen sein und hereinsehen und Trudi dort mit ihm im Zimmer hatte sehen können. Er wusste Bescheid über ihre Allergie, und ein Blick in ihr Gesicht bestätigte es — Rosa war nicht draußen gewesen.

«Also, dann geh wieder hinüber. Du musst schnell einen Arzt rufen. Und sag nichts von mir. Erzähl einfach deine Geschichte, und komm bloß nicht auf die Idee, mich ins Spiel zu bringen. Die werden früh genug da sein und fragen, ob ich irgendwas gesehen habe. Also, die Zeit drängt, du musst wirklich gehen.« Er ging auf die Tür zu und hielt plötzlich inne.»Rosa!« Er hatte eine verschämte Miene aufgesetzt, doch über die Scham legte sich ein Anflug von triumphierender Freude.

«Rosa, es ist schrecklich, überhaupt daran zu denken, aber es kam mir plötzlich in den Sinn. Ein Mordprozess! Du weißt doch, wie es im Theatergeschäft momentan aussieht, du weißt, wie es mir ging in letzter Zeit. Aber wenn ich jetzt auf einmal in den Nachrichten käme! Angeklagt wegen Mordes — im Old Bailey, Schlagzeilen in sämtlichen Zeitungen, eine cause célèbre! Und dann — die dramatische Wendung, die Zeugin, die alles gesehen hat, die Aussage in letzter Minute. «Er stand vor ihr und sah sie halb beschämt, halb bittend an.»Rosa?« «Und wieso habe ich nicht vorher ausgesagt? Sie hätten dich doch gar nicht erst angeklagt, wenn ich sofort ausgesagt hätte.« «Das ist der springende Punkt. Ich muss mich verhaften und vor Gericht stellen lassen. Du müsstest sagen, es sei dir nicht klar gewesen, du hättest in die Sache nicht hineingezogen werden wollen. Aber sobald du natürlich gehört hättest, dass man mich anklagt — « «Aber selbst dann kämst du nicht weiter als bis zur ersten Anhörung, oder wie das heißt. Damit erregst du kein öffentliches Aufsehen.« «Könntest du nicht — ein Weilchen verreist sein, nichts mitbekommen sozusagen?« Sie wollte gerade den Mund aufmachen, um zu sagen, es spielte keine Rolle, er brauchte nie wieder zu arbeiten.

Doch sie behielt es für sich. Er war Schauspieler, Schauspieler mussten arbeiten, mussten sich ausdrücken.

«Überlass das nur alles mir. Ich kümmere mich schon darum«, sagte sie.

Am Anfang waren die Schlagzeilen nicht übel, wenn auch nicht gerade sensationell, dann folgte die lange, öde Zeit, bevor der Prozess eröffnet wurde. Dann aber endlich kam — der Tag. Er selbst auf der Anklagebank, sehr blass, sehr attraktiv. Die Polizei im Zeugenstand.»Der Angeklagte gibt zu Protokoll — «Eine Seite im Notizblock wurde umgeblättert.»Der Angeklagte gibt zu Protokoll: ›O Gott, es ist furchtbar, ich muss nach ihr geschlagen, ich muss einen Aussetzer gehabt haben, sie hat andauernd bloß genörgelt, von früh bis spät, weil ich keine Arbeit fand, aber ich hatte doch nie die Absicht, ihr etwas zuleide zu tun, das schwöre ich.‹« Dann der Befund des Gerichtsmediziners.»Auf dem Knauf des Schürhakens fand ich etwas Blut verschmiert.« Der Schmierer hatte mit dem Blut der Toten

übereingestimmt und konnte zum Zeitpunkt ihres Todes dorthin geraten sein. Untersuchungen hatten ergeben, dass der Angeklagte mit dem Schürhaken hantiert hatte, nachdem das Blut dorthin geraten war. Ja, laut dieser Untersuchungen sei es gut möglich, dass er die Blutspuren mit der Hand wegzuwischen versucht hatte und den kleinen Schmierer übersah. Die Spitze des Schürhakens war offensichtlich abgewischt worden — sie wies keine Fingerabdrücke auf.

Auf die Frage des Strafverteidigers: Ja, es treffe zu, dass man das spitze Ende eines Schürhakens normalerweise nicht anfasse und das Abwischen durchaus zu einer vorherigen routinemäßigen Reinigung hätte gehören können. Der Arzt sagte aus, dass die Frau, als er sie dann sah, bereits eine halbe bis eine Stunde tot war.

Trudi im Zeugenstand für die Verteidigung: kühl und durchtrieben. War vom Einkaufen zurückgekehrt und hatte Mr. Gray neben der Leiche kniend angetroffen; hatte ihn fast auf die Füße stellen müssen. Ja, es hätte durchaus sein können, dass er den Schürhaken mit der Hand berührt und sich beim Untersuchen der Wunde blutig gemacht hatte; als sie ihn hochhob, fuchtelte er wild mit den Armen. Sie hatte versucht, ihn zu beruhigen, hatte einen Arzt rufen wollen, aber die Nummer von ihm nicht gewusst, und Mr. Gray wirkte so verwirrt, dass sie aus ihm nicht schlau wurde. Und überhaupt — wozu die Eile, sagte Trudi mit ihrem typischen Schulterzucken. Konnte doch jeder sehen, dass Madame tot war.

Und so kam zu guter Letzt auch noch Rosa Fox. In äußerster Hingabe hatte sie alles, was ihre zweifelhaften Reize unterstützte, von sich gestreift — sämtlichen Schmuck abgelegt, sich trist gekleidet, die Kosmetika geopfert, die normalerweise, wenigstens bis zu einem gewissen Grad, die vom Alter verursachten Verwüstungen kaschierten. Nicht einen Augenblick wäre man auf den Gedanken gekommen, dass es sich hier um eine Frau handelte, mit der der Gefangene auch nur die geringste Beziehung unterhalten hatte.

Alles lief wie vereinbart ab. Die flüchtige Bekanntschaft, der gelegentliche gemeinsame Drink. Die Befragung durch die Polizei unmittelbar nach dem — Unfall. Räumte ein, zuvor beteuert zu haben, dass sie nichts gesehen hatte.

Sie hatte sich unwohl gefühlt, unter starken persönlichen Spannungen gelitten, bloß noch verreisen wollen in ein Heilbad, wo sie sich seither aufgehalten habe. Sie habe nicht in die Sache hineingezogen werden wollen. Hätte sich natürlich nie träumen lassen, dass gegen Mr. Gray Anklage erhoben würde, nachdem sie ja mit absoluter Sicherheit wusste, dass es sich bei der Sache schlicht um einen Unfall handelte. Da sie doch gesehen hatte, wie es passiert war.

«Von meinem Balkon aus kann man direkt in ihr Zimmer sehen. Ich schaute kurz hin und sah die beiden dort stehen. Sie schienen zu streiten. Er sagte wütend irgendetwas, sie wich abrupt von ihm zurück, als hätte er die Hand gegen sie erhoben — « «Hatte er etwas in der Hand, Mrs. Fox?« «In der Hand? Ach, Sie meinen den Schürhaken? Nein, nichts, keinen Schürhaken oder sonst etwas. Er hatte die Hand auch gar nicht erhoben.« «Er hatte die Hand nicht erhoben? Können Sie das schwören?« Der vorsitzende Richter sagte feierlich:»Mr. Tree, sie schwört es ja. Sie schwört alles, was sie sagt. Sie steht unter Eid.« «Nun ja, ich konnte es alles ganz deutlich sehen und kann natürlich schwören — nun, ich meine, ich bin mir absolut sicher, dass er die Hand überhaupt nicht erhoben hatte. Er sagte irgendetwas. Sie trat zurück, schien dann zu stolpern und rücklings hinzufallen. Ich dachte: ›O, jetzt ist sie auf dem Teppich ausgerutscht, den sie da haben!‹ Ich kenne den Teppich — sehr tückisch auf dem Parkettboden.

Ich bin selbst fast einmal darauf ausgerutscht. Hm, und dann ging ich wieder in mein Zimmer und dachte nicht weiter drüber nach.« «Kam Ihnen nicht der Gedanke, sie hätte sich vielleicht wehtun können?« «Ich dachte, sie hätte sich vielleicht den Kopf angeschlagen oder so, aber natürlich nichts Schlimmeres.

Wie gesagt, ich bin selbst einmal drauf ausgerutscht und habe mir auch nichts getan. «Dabei verzog sie ein wenig das Gesicht und gab zu, wenn die Lady sich ein paar Prellungen zugezogen hätte, wäre ihr damit durchaus recht geschehen.»Ich glaube, sie hat immer an ihm herumgenörgelt. Aber ich kannte die beiden natürlich nicht so gut.« Schlagzeilen, ja. Aber eigentlich nicht so viele und oft nicht einmal auf den Mittelseiten, geschweige denn vorn auf der Titelseite. Allerdings war für Sonntag ein großes Foto von ihm geplant, mit Interview — beim Feiern, wie er mit einem Glas Champagner der Nachbarin zuprostete, deren Aussage seine Unschuld bestätigt hatte. Vielleicht etwas geschmacklos, denn das Foto war direkt vor dem Kamin aufgenommen worden, wo seine Frau gestorben war. Aber es war eben auch eine etwas geschmacklose Zeitung, und man gab sich mit dem zufrieden, was man bekommen konnte.

Dann zogen sich die Reporter zurück, und endlich waren sie allein in seiner Wohnung.

Sie streckte ihm die Hände entgegen.»Nun, Raymond?« Sie sah etwa hundert Jahre alt aus, wie sie da vor ihm stand, mit dem schlaffen, völlig ungeschminkten Gesicht, dem hässlichen, tristen Kleid, der strähnig herunterhängenden Frisur, den fleckigen Händen ohne das übliche Diamantengeglitzer. Er fand sie abstoßend.

«Nun, Rosa, das hast du großartig gemacht.« Den eisigen Ton in seiner Stimme hörte sie nicht, oder wollte ihren Ohren nicht trauen. Leise sagte sie:»Und eines Tages, bald — kann ich mir meine Belohnung abholen?« «Belohnung?«, meinte er.

«Immerhin habe ich deinetwegen einen Meineid geleistet, mein Liebling.« «Ja, stimmt, das hast du, nicht wahr?« Da nahm die ungepuderte Haut eine seltsam aschgraue Färbung an, und Rosas Blick wurde ängstlich und jammervoll.»Raymond, was soll das heißen?« «Das soll heißen, du hast einen Meineid geleistet, wie du selbst sagst. Und du weißt ja vielleicht, was mit Meineidigen passiert?« Eine clevere Frau, fix und clever. Trotzdem fragte sie nach:»Ich verstehe nicht.« «Ich brauche Geld, Rosa«, sagte er.

«Geld? Aber wenn wir verheiratet wären — « Er rückte beiseite, damit sie über seine Schulter und in den Spiegel sehen konnte, der über dem Kamin hing.

«Du?«, sagte er,»und ich? Verheiratet?« Lange, lange betrachtete sie ihr erbärmliches Spiegelbild. Endlich sagte sie:»Ist das eine Erpressung?« «War es denn keine Erpressung, als du dachtest, indem du mich vor dem Gefängnis bewahrst, könntest du mich zur Heirat zwingen?« «Ja«, sagte sie.»Vermutlich schon. «Nun hat er mich mit meinen eigenen Waffen geschlagen, dachte sie bei sich.»Wenn du mich verrätst«, sagte sie,»wirst du gestehen müssen, dass du sie ermordet hast.« «Ich habe sie aber nicht ermordet. Ich kann sagen, es ist fast genau so passiert, wie du vor Gericht bezeugt hast.« «Also gut«, entgegnete sie rasch,»ich kann meine Geschichte auch ändern. Wer kann beweisen, dass ich nicht gesehen habe, wie du sie umgebracht hast?« « Ich kann beweisen, dass du es nicht gesehen hast. Du hättest nämlich gar nicht draußen auf deinem Balkon sein können. Die Platanen waren gerade voller Blütenstaub, und jeder wird der Polizei bestätigen, dass du bei Pollenflug nicht mal ein Fenster aufmachen kannst. Aber als sie dich damals sahen, hattest du keinerlei Anzeichen einer allergischen Reaktion. Das weiß ich, weil ich dich kurz vorher selber gesehen hatte.

Davon abgesehen, können sie mir überhaupt nichts mehr anhaben. Ich war ja sozusagen schon einmal ›dran‹ – autrefois acquit ist der juristische Ausdruck dafür. Einmal freigesprochen, kann ich wegen des gleichen Verbrechens nicht noch einmal belangt werden. Ich könnte überall herumtrompeten, dass ich sie getötet habe, mir würde trotzdem nichts passieren.« «Und mit diesem Ruf leben?« «Nun, ich würde natürlich nicht sagen, ich wäre schuldig — was ich, wie ich bereits sagte, ja auch nicht bin. Ich würde weiter behaupten, es war ein Unfall. Aber du säßest in der Patsche.« «Verstehe. «Sie dachte lange und sorgfältig darüber nach, während sie immer noch, nun mit leerem Blick, auf ihr trauriges Spiegelbild starrte.»Du hast dir das alles von vornherein ganz genau ausgedacht, nicht wahr? In allen Einzelheiten, von Anfang an?« «Da habe ich wirklich das Beste aus meiner Lage gemacht«, meinte er, durchaus stolz auf sich.

«Und die ganze öffentliche Aufmerksamkeit? Das absichtlich auf den Schürhaken geschmierte Blut? Ach, ich verstehe. Du musstest ihnen etwas bieten, du musstest dich anklagen und vor Gericht stellen lassen, du musstest verurteilt und freigesprochen werden, bevor du mich beschuldigen kannst. Zwei Zwecke sollte mein Meineid verfolgen: Erstens den Beweis liefern, durch den du freikämst, und zweitens, mich erpressbar machen.« Beinahe neugierig, fast als wäre sie vor ihm gedemütigt statt vor sich selbst, sagte sie:»Hast du mich denn nicht wenigstens gern gehabt?« «Ich hatte nichts gegen dich«, sagte er gleichgültig.

«Aber der Gedanke, dich zu heiraten — da bin ich wohl doch etwas wählerischer. «Daraufhin nahm er ihre Handtasche, griff sich das dicke Bündel Geldscheine darin, stopfte es sich locker in seine Brieftasche und steckte die Brieftasche weg.»Bloß ein ganz, ganz kleiner Anfang, meine Liebe«, sagte er.

«Ich frage gar nicht erst, wie viel du verlangst. Du wirst natürlich immer und immer wieder kommen, nicht wahr?

Aber sozusagen als Anfang — ?« «Sagen wir zehntausend«, sagte er.»So viel kannst du doch schnell beschaffen.« Er musterte sie mit einem grausamen, hässlichen Lächeln des Triumphs.»Ich brauche es übrigens schnell – für meine Flitterwochen«, sagte er.

Clever und fix. Clever, weil sie nicht einmal nach dem Namen fragen musste, weil sie es alles in einem einzigen blitzschnellen Gedanken zusammengefasst hatte. Und fix.

Der Schürhaken mit dem runden Messingknauf lag auf dem Kamingitter. Sie packte ihn — und schlug zu.

Trudi riss die Tür auf, stürzte von ihrem Horchposten vorwärts, wurde langsamer und schlich das letzte Stück geschmeidig heran, um sich neben ihn hinzuknien. Lange, lange starrten sie beide hinunter, so wie Raymond Gray selbst erst vor wenigen Monaten auf den leblosen Körper seiner Frau hinuntergeblickt hatte. Jetzt war er an der Reihe.

Rosas fette weiße Arme hatten sich offenbar noch etwas von ihrer einst prächtigen Muskelkraft bewahrt; mit ihrem vor langer Zeit erworbenen anatomischen Wissen hatte sie die verletzlichste Stelle getroffen. Der schwere Knauf des Schürhakens hatte Raymonds empfindlichen Schläfenknochen zu einem spinnwebartigen Geflecht von Brüchen zertrümmert.

Trudi bewegte sich. Mit leicht angeekeltem Gesichtsausdruck rückte sie Raymonds Kopf ein wenig weg, so dass er mit der Wunde dicht neben dem runden Messingknauf des Kamingitters zu liegen kam.

«Dieser Teppich!«, sagte sie und stand wieder auf.

«Immer so gefährlich! Stellen sich vor, zum zweiten Mal, genau so wie arme Ehefrau!«Sie grinste in plumper Selbstgefälligkeit in das breite, vom Ausdruck absoluter Verzweiflung geprägte weiße Gesicht.

«So ein Glück, dass diesmal ich war da zu sehen, dass es wieder bloß war ein schrecklicher Unfall.« Raymonds Jackett war aufgesprungen. Sie bückte sich, um ganz vorsichtig das Bündel Geldscheine herauszufischen und es sich in die Schürzentasche zu stecken.

«Bloß ein ganz, ganz kleiner Anfang«, plapperte sie nach und nahm Rosa den Schürhaken aus der kraftlosen Hand.»Gehen Sie wieder in Ihre Wohnung, Madame.

Brechen Sie auf Ihr Bett zusammen. Ich kümmere mich um alles, dann ich rufe beim Doktor an. «Trudi zuckte die Schultern.»Diesmal ich weiß die Nummer von ihm.« Rosa kehrte in ihre Wohnung zurück. Allerdings brach sie nicht auf dem Bett zusammen.

«Polizei?«, sagte sie, den Telefonhörer in der ruhigen Hand haltend. Sie nannte Raymonds Adresse.»Aber beeilen Sie sich, kommen Sie schnell. Ich habe gerade von meinem Balkon aus gesehen, wie das Aupairmädchen mit dem Schürhaken auf ihn los ist. Und diesmal ist es – zweifellos kein Unfall.« Zufrieden lächelnd lauschte sie, wie eine scharfe Stimme Befehle bellte. Die Stimme wandte sich wieder ihr zu.

«Nun, das kann ich nicht sagen — den Fußboden des Zimmers kann ich nicht sehen. Das Mädchen verschwand eine Weile aus dem Blickfeld, und als sie aufstand, stopfte sie sich Geld in die Schürzentasche. Sie werden es sicher finden, irgendwo in ihrem Zimmer versteckt. Da war eine Affäre im Gange, wissen Sie, schon bevor die arme Frau gestorben ist. Und jetzt hat er sich wohl geweigert, sie zu heiraten.«

Liebende in Stadt und Land

von NADINE GORDIMER

Die Nobelpreisträgerin Nadine Gordimer (*1923) wurde als Tochter eines Juweliers in der Goldminenregion Südafrikas geboren. Nach der Schulerziehung in einem Kloster schloss sie ihr Studium an der Universität von Witwatersrand in Johannesburg ab. Wie viele Schriftstellerinnen und Schriftsteller war sie in ihrer Kindheit Einzelgängerin und besuchte wegen einer offenbar eingebildeten Herzerkrankung im Alter von elf bis sechzehn keine Schule. Sie wuchs ohne den Kontakt zu anderen Kindern auf, ihre einzigen Gesprächspartner waren ihre Mutter und erwachsene Freunde. Nachdem sie im Alter von fünfzehn Jahren erstmals veröffentlicht wurde, erschienen ihre Kurzgeschichten in so marktbeherrschenden Publikationen wie The New Yorker, Harper’s und Mademoiselle. 1952 kam ihre erste Sammlung von Kurzgeschichten mit dem Titel The Soft Voice of the Serpent and Other Stories heraus (dt. Die sanfte Stimme der Schlange), 1955 dann ihr erster Roman, The Lying Days (dt. Entzauberung). Ihre Ansichten über Rassengleichheit und ihr Loblied auf die menschliche Vielfalt, die sie schließlich zum offenen Widerstand gegen die Apartheidpolitik ihres Landes veranlassten, schrieb sie eher ihrer Lektüre zu als dem Vorbild ihres unpolitischen Elternhauses. Als einen ihrer Lieblingsschriftsteller nannte sie J.D. Salinger, auch er ein Spezialist für die Beschreibung gesellschaftlicher Außenseiter.

Gordimer äußert sich sowohl in ihren belletristischen Werken als auch ihren journalistischen Texten kritisch über das südafrikanische Regime. Einer ihrer Romane, Burger’s Daughter (1979), war in ihrem Heimatland kurze Zeit verboten. Ein Rezensent schrieb in der Zeitschrift Time über A World of Strangers (1958; dt. Ein Fremdling unter Fremden), ihren zweiten Roman, zitiert in Current Biography (Jahrbuch 1959), Gordimer» sagt nicht nur die Wahrheit über ihre Landsleute, sondern sagt sie so gekonnt, dass sie gleichzeitig der Stachel im Fleische wie auch die beste Autorin des Landes geworden ist«.

Sicherlich hat ihre bewusste Opposition — ebenso wie die Opposition anderer südafrikanischer Autoren und Denker — bei der Abschaffung der Apartheid eine Rolle gespielt.

Obgleich Gordimer nicht einmal annähernd als Autorin von Kriminalliteratur gelten kann, darf die schmerzlich reale Geschichte mit dem Titel» Liebende in Stadt und Land«, in der sich Gordimers Sorge über die Politik ihres Landes widerspiegelt und sich dabei mit einigen grundlegenden Wahrheiten über Rassismus auseinander setzt, durchaus zu dieser Kategorie gerechnet werden.

I

Dr. Franz-Josef von Leinsdorf ist ein Geologe, der völlig in seine Arbeit vertieft ist, der ganz in seinem Beruf aufgeht, wie man so sagt — Jahr um Jahr widmet er sich nur seiner Arbeit, die ihn abkapselt von den Landschaften, den Städten und den Menschen, wo immer er sich gerade aufhält, ob nun in Peru, Neuseeland oder den Vereinigten Staaten. So war er immer schon; seine Mutter zu Hause in Österreich könnte es bestätigen. Schon damals sah sie den hübschen kleinen Jungen stets nur im Profil: Immer war er seinen Steinen und Felsproben zugewandt. Seine wenigen Freizeitvergnügungen haben sich seitdem kaum wesentlich geändert. Gelegentlich ein Skiurlaub, Musik hören, Gedichte lesen — Rainer Maria Rilke hatte einst in der Jagdhütte übernachtet, die seine Großmutter in den Wäldern der Steiermark hatte, und auf diese Weise war er schon als Junge sehr früh mit den Gedichten Rilkes in Berührung gekommen.

Eine Gesteinsschicht nach der anderen, von einem Land ins nächste, wo immer seine Arbeit ihn hinführen mochte — und mittlerweile war er schon fast sieben Jahre in Südafrika. Es mangelte hierzulande an Fachkräften, und so kam es zu seiner Einstellung. Die politischen Verhältnisse in den Ländern, in denen er arbeitet, interessieren ihn nicht. Neben seinem allgemeinen Engagement für seine Arbeit galt seine ganze private Vorliebe der Erforschung unterirdischer Wasserläufe, doch die Bergbaugesellschaft, die ihn als übergeordneten, nicht aber als leitenden Fachmann eingestellt hat, ist nur am Aufspüren von Bodenschätzen interessiert. Und so war er oft draußen im Feld — das hierzulande Veld genannt wird — auf der Suche nach neuen Gold-, Kupfer-, Platin- und Uranvorkommen.

Sein Zuhause hat er hier — bei diesem Job, in diesem Land, in dieser Stadt — in einer Zweizimmerwohnung in einem Apartmentblock in den Vororten, mit einer Grünanlage und einem Supermarkt gleich gegenüber, in dem er seine Einkäufe erledigt. Er ist nicht verheiratet — noch nicht. So würden jedenfalls seine Kollegen sagen, die Tippsen und Sekretärinnen in der Hauptgeschäftsstelle der Bergbaugesellschaft. Männer wie auch Frauen würden ihn als gut aussehenden Mann bezeichnen, der etwas Fremdländisches an sich hat; und während seine untere Gesichtshälfte einen dunklen Schatten zeigt und älter wirkt (sein schmaler Mund, die Lippen leicht gekrümmt, und selbst wenn er frisch rasiert ist, sieht man die Stoppeln um Mund und Kinn herum, wie feine Schrotkörner liegen sie in die Haut eingebettet), scheint die obere Hälfte dagegen jünger, mit tief liegenden Augen (manche würden sie grau nennen, andere schwarz), dichten Wimpern und Brauen. Ein rätselhafter, abwesender Blick, dem man seine Konzentration, seine durchschimmernde Nachdenklichkeit leicht als Feuer und Sehnsucht auslegen konnte. Das ist es, was die Frauen in der Firma meinen, wenn sie von ihm behaupten, er sei nicht unattraktiv. Und obgleich dieser Blick viel versprechend scheint, hat er noch nie eine von ihnen eingeladen, mit ihm auszugehen.

Man nimmt allgemein an, dass er wahrscheinlich zu Hause in Europa ein Mädchen hat; dass er bereits einer aus seinen Kreisen versprochen ist, die man dort, wo er herkommt, für ihn ausgewählt hat. Viele dieser gebildeten Europäer haben keineswegs die Absicht, hier sesshaft zu werden; sie können sich weder für die Überbleibsel weißer Kolonialherrschaft noch für ein idealistisches Engagement für Schwarzafrika begeistern.

Einen Vorteil zumindest bietet das Leben in halb- oder unterentwickelten Ländern: Die Apartments sind bewirtschaftet. Alles, was Dr. von Leinsdorf selbst tun muss, ist Lebensmittel einkaufen und sich selbst ein Abendessen kochen, wenn er nicht ins Restaurant will.

Und dazu braucht er bloß nachmittags, wenn er von der Arbeit heimkommt, auf dem Weg zwischen Auto und Wohnung kurz auf einen Sprung in den Supermarkt gegenüber. Er fährt mit dem Einkaufswagen an den Regalen entlang, und hier findet er alles aufgereiht, was er zum täglichen Leben braucht, Päckchen und Konserven, Tuben und Flaschen, folienverpacktes Fleisch, Käse, Obst und Gemüse. An der Kasse, wo die Kunden sich sammeln und der Reihe nach anstellen müssen, stehen Regale mit allerlei kleinen Dingen, die man noch in letzter Minute kauft. Während die farbige Kassiererin die Preise in die Kasse tippt, nimmt er hier noch Zigaretten mit, ein Päckchen Salznüsse oder einen Nougatriegel. Oder Rasierklingen, wenn ihm gerade einfällt, dass sein Vorrat zu Hause zur Neige geht. An einem Abend im Winter sah er, dass der Karton mit seiner bevorzugten Klingenmarke leer im Regal stand, und er machte die Kassiererin darauf aufmerksam. Normalerweise sind diese jungen farbigen Mädchen nicht allzu hilfsbereit, sie nehmen das Geld entgegen, und die Art und Weise, wie sie die Tasten ihrer Registrierkasse drücken und mit dem Starrsinn des Halbgebildeten die Zeit totschlagen, demonstriert die Grenzen jeglicher Verantwortung dem Kunden gegenüber — doch diese hier warf einen kurzen, aufgeweckten Blick über das Rasierklingen-Sortiment, entschuldigte sich, dass sie ihren Platz an der Kasse nicht verlassen dürfe, und sagte, sie werde sich darum kümmern, dass das Regal» bis zum nächsten Mal «nachgefüllt wäre. Ein oder zwei Tage später sah sie ihn bedeutungsvoll an, als er an die Reihe kam und vor ihre Kasse trat —»Ich hab nachgefragt, aber es sind keine mehr am Lager. Sie können keine kriegen.

Ich hab mich extra erkundigt. «Er bedankte sich.

Die ganze nächste Woche war er mit dem Schürftrupp unterwegs. Freitags kam er kurz vor Einbruch der Dämmerung in die Stadt zurück, und er war gerade auf dem Weg vom Auto zur Wohnung, voll bepackt mit Aktentasche, Koffer und Reisetaschen, als ihm jemand schüchtern in den Weg trat. Er wollte sich im Gedränge des Bürgersteigs vorbeidrücken, ohne richtig hinzuschauen, da sprach sie ihn an:»Wir haben die Klingen jetzt wieder vorrätig. Ich habe Sie diese Woche nicht im Laden gesehen, aber ich hab Ihnen welche beiseite gelegt, bis Sie wiederkommen. Nun …« Jetzt erkannte er sie wieder. Er hatte sie nie zuvor aufrecht stehen sehen, und sie hatte einen Mantel an. Sie war recht klein und zierlich, für eine von ihnen. Der Mantel war ihr zu eng, doch hinten lugte kein dicker Hintern hervor. Die Kälte verlieh ihren Wangen eine warme, aprikosenfarbene Tönung; sie hatte ein sehr kleines, fein ausgeprägtes Gesicht, ihre Haut war glatt, von der gedämpften Seidenfarbe eines bestimmten gelben Holzes. Dieses krause Haar, aber zurückgekämmt zu einem kleinen Knoten, den sie unter einen der billigen Wollchignons gezwängt hatte, wie er sie zwischen den Rasierklingen im Regal des Supermarktes hatte hängen sehen. Er bedankte sich, sagte, er sei in Eile, käme gerade von einer Reise zurück — und hob zum Beweis die Lasten, die er mit sich trug.»Oh, wie schade. «Sie begriff, dass er alle Hände voll hatte.

«Aber wenn Sie wollen, kann ich schnell rein laufen und sie Ihnen holen. Wenn Sie wollen.« Er merkte sofort, dass sie nichts weiter wollte, als zurücklaufen in den Supermarkt, die Klingen kaufen und sie ihm hier heraus auf den Bürgersteig bringen, wo er gerade stand. Und es schien aus dieser Überzeugung heraus zu kommen, als er in dem freundlichen, aber bestimmenden Ton, den man gegenüber einem zuvorkommenden Untergebenen anschlägt, zu ihr sagte:

«Ich wohne dort drüben — im Atlantis — dem flachen Gebäude. Könnten Sie sie mir vorbeibringen — Nummer 718, siebter Stock …« Sie war nie zuvor in einem dieser großen, flachen Gebäude gewesen, die rings um den Supermarkt herum standen. Sie wohnte eine Bus- und Bahnfahrt entfernt im Westen der Stadt, doch diesseits der schwarzen Bezirke, in einem Viertel für Leute ihrer Hautfarbe. Am Eingang zum Atlantis war ein Teich mit echten Farnen, nicht aus Plastik, und es gab sogar einen kleinen Wasserfall, der, von einer elektrischen Pumpe betrieben, über ein paar Felsbrocken plätscherte. Sie wartete nicht auf den Lastenaufzug, sondern nahm den Lift, der für Weiße bestimmt war, und eine weiße Frau mit einem dieser fetten Köter an der Leine trat ebenfalls mit in den Aufzug, ohne Notiz von ihr zu nehmen. Die Korridore, die zu den Apartments führten, waren hübsch verglast; es zog nicht.

Er fragte sich, ob er ihr für ihre Mühe ein 20-Cent-Stück geben sollte -1 °Cents waren sonst das angemessene Trinkgeld bei einem Schwarzen; aber sie sagte:»O nein, bitte, hier …«, während sie vor seiner offenen Wohnungstür stand und ihm mit einer linkischen Handbewegung das Wechselgeld in die Hand drückte. Sie lächelte zum ersten Mal, wie sie nun würdevoll ein Trinkgeld zurückwies. Er wusste nie genau, wie er diese Leute hierzulande behandeln sollte; man wusste nie, was sie erwarteten. Trotz ihrer peinlichen Zurückweisung des Geldstücks blieb sie stehen, in aller Bescheidenheit, die Fäuste tief in den Taschen des billigen Mantels vergraben, den sie zum Schutz vor der Kälte trug, aus der sie kam; die dünnen Beine hatte sie zusammengepresst: Knie an Knie, Fessel an Fessel.»Darf ich Ihnen einen Kaffee oder sonst was anbieten?« Er konnte sie schlecht mit in sein Arbeits- und Wohnzimmer nehmen und sie zu einem Drink einladen.

Sie folgte ihm in die Küche, doch als er sah, wie sie den einzigen Stuhl hervorzog, um ihren Kaffee am Küchentisch zu trinken, sagte er:»Nein — kommen Sie doch hier herein …«, und er ging voran ins große Zimmer, wo er ganz alleine lebte zwischen all seinen Büchern und Manuskripten, seinen Ordnern mit wissenschaftlicher Korrespondenz (und den Zigarrenkisten voller Briefmarken, die er von den Umschlägen gelöst hatte), seiner Plattensammlung und den Mineralien- und Gesteinsproben.

Ihr machte es keine große Mühe; sie ersparte ihm den Gang zum Supermarkt und brachte ihm zwei- oder dreimal in der Woche seine Lebensmittel. Er brauchte bloß eine Liste und den Schlüssel unter die Fußmatte zu legen, und die holte sie in ihrer Mittagspause ab und brachte ihm dann nach Feierabend die Einkäufe in die Wohnung.

Manchmal war er zu Hause, manchmal nicht. Er kaufte eine Schachtel Pralinen und stellte sie ihr hin, mit einer kleinen Notiz; und dies fand sie offenbar ein akzeptables Zeichen seines Dankes.

Sie ließ ihre Augen über alles wandern, was es in seiner Wohnung zu sehen gab, doch mit der Haltung ihres Körpers versuchte sie das Gefühl zu vertuschen, hier fremd, gar fehl am Platz zu sein, indem sie so still wie möglich dasaß, reglos auf dem ihr angebotenen Stuhl verharrte wie der abgelegte Mantel eines Besuchers, der genau so liegen bleibt, bis ihn sein Besitzer wieder aufnimmt, wenn ergeht.»Sie sammeln?« «Nun, das sind Gesteinsproben — die brauche ich für meine Arbeit.« «Mein Bruder hat auch gesammelt. Miniaturen. Mit Brandy und Whisky drin. Von überall her, aus allen möglichen Ländern.« Als sie ihm das zweite Mal zuschaute, wie er die Kaffeebohnen mahlte für die Tasse Kaffee, die er ihr angeboten hatte, sagte sie:»Machen Sie das immer so?

Jedes Mal, wenn Sie Kaffee machen?« «Ja, sicher. Ist er Ihnen denn nicht recht so? Ist er vielleicht zu stark?« «Oh, es ist nur so, dass mir das völlig neu ist. Wir kaufen ihn immer fertig — in einer Flasche, wissen Sie, und man schüttet dann ein bisschen davon in die Milch oder ins Wasser.« Er lachte, erklärte:»Das ist kein Kaffee, das ist künstliches Aroma. In dem Land, wo ich herkomme, trinkt man nur richtigen Kaffee, von frisch gemahlenen Bohnen — riechen Sie, wie gut das duftet, wenn man die mahlt?« Der Hausmeister hielt sie an und fragte, was sie denn hier im Hause wolle? Voll beladen mit Einkäufen, die Zeugnis genug waren, gab sie zur Antwort, sie arbeite in Nummer 718, oben im siebten Stock. Der Hausmeister verbot ihr nicht, den Lift für Weiße zu benutzen; schließlich war sie keine Schwarze; in ihrer Familie waren alle ziemlich hellhäutig.

Auf einer seiner Einkaufslisten war ein grauer Hosenknopf aufgeführt. Während sie den Einkaufskorb vom Supermarkt auspackte, sagte sie:»Geben Sie mir doch grad mal schnell die Hose«, und dann nahm sie auf dem Sofa Platz, das immer voller Krümel war von seinem Pfeifentabak. Hin und her ging die Nadel durch die vier Löcher des Knopfes, und die geschickten, sicheren Bewegungen ihrer rechten Hand, mit der sie ihn annähte, hatten all die Gewandtheit, die ihre Sprache vermissen ließ. Wenn sie lächelte, sah man vorn die kleine Lücke zwischen ihren Schneidezähnen, die ihm nicht sonderlich gefiel; doch wenn man ihr Gesicht so im Halbprofil sah, die Augen niedergeschlagen, den Blick auf ihre Arbeit konzentriert, die weichen Lippen fast geschlossen, tat das nichts zur Sache. Er schaute ihr zu, wie sie nähte, sagte:

«Du bist ein braves Mädchen«, und berührte sie.

Spätnachmittags brachte sie stets wieder das Bett in Ordnung, nachdem sie es verlassen hatten, zog sich an, und dann fuhr sie nach Hause. Eine Woche später gab es einen Tag, an dem aus dem späten Nachmittag schließlich Abend wurde, und sie lagen noch immer zusammen im Bett.

«Kannst du nicht über Nacht bleiben?« «Meine Mutter«, sagte sie.

«Ruf sie an. Überlege dir eine Ausrede. «Er war fremd hier. Seit fünf Jahren war er bereits in diesem Land, aber er wusste nicht, dass die Leute dort, wo sie wohnte, normalerweise kein Telefon im Hause habe. Sie stand auf, um in ihre Kleider zu schlüpfen. Es widerstrebte ihm, diesen zarten Körper in die kalte Nacht hinausgehen zu lassen, und immer wieder versuchten seine Hände, sie davon abzuhalten, ohne dass er etwas sagte.

Bevor sie dann in den Mantel schlüpfte, als ihr Körper längst unter den Kleidern verschwunden war, sprach er.

«Aber du musst irgendeine Möglichkeit finden.« «Oh, meine Mutter!«Auf ihrem Gesicht spiegelten sich eine Angst und eine Leere, die er sich nicht erklären konnte.

Er war nicht ganz davon überzeugt, dass die Frau ihre Tochter für eine reine, unbefleckte Jungfrau hielt …

«Warum?« Das Mädchen sagte:»Sie wird sich Sorgen machen. Sie wird Angst haben, dass man uns erwischt.« «Dann erzähle ihr nichts davon. Sage ihr einfach, ich hätte dich eingestellt. «In diesem Lande, in dem er hier arbeitete, gab es normalerweise unterm Dach Zimmer für die Bediensteten der Mieter.

Sie sagte:»Das habe ich bereits dem Hausmeister erzählt.« Sie mahlte jedes Mal frischen Kaffee, wenn er nachts bei seiner Arbeit eine Tasse wollte. Sie wagte nie etwas zu kochen, bevor sie ihm nicht still zugeschaut hatte, wie er es machte, und so lernte sie dann genau die kleinen Mahlzeiten zuzubereiten, die er gern mochte. Sie nahm seine Steinbrocken in die Hand, und als Erstes bewunderte sie ihre Farben —»Oh, das gäbe einen schönen Ring oder eine Kette. «Dann zeigte er ihr die Linien, die Struktur jedes einzelnen Stücks, und erklärte, was es für ein Stein war und wie er sich in den langen Erdenjahren gebildet hatte. Er nannte das Mineral, das er enthielt, und seinen Verwendungszweck. Er arbeitete an seinen Manuskripten, er schrieb und schrieb, jeden Abend, und so war es nicht weiter schlimm, wenn sie nie zusammen ausgehen konnten. Sonntags stieg sie unten in der Garage im Keller zu ihm ins Auto, und sie fuhren hinaus aufs Land, zum Picknick am Megaliesberg, wo nie ein Mensch zu sehen war. Er las oder stocherte zwischen den Felsen herum; sie kletterten zusammen hinauf zu den kleinen Bergseen. Er brachte ihr das Schwimmen bei. Sie war noch nie am Meer gewesen. Sie quiekte und kreischte und ließ dabei ihre Zahnlücke sehen, ganz wie sie es wohl tat — so dachte er bei sich —, wenn sie unter ihresgleichen war.

Gelegentlich kam er einer Einladung zum Dinner im Hause eines Firmenkollegen nach; sie blieb in der Wohnung, nähte und hörte Radio, und wenn er nach Hause kam, fand er ihren warmen Körper im Bett; sie war bereits eingeschlafen. Ohne ein Wort drang er in sie ein, und sie hieß ihn stumm willkommen. Einmal legte er seine Abendgarderobe an, zu einem Dinner im Konsulat seines Heimatlandes; sie schaute ihm zu, wie er ein oder zwei Haare von der Schulter des dunklen Jacketts bürstete, das ihm so gut stand, und sie sah einen großen Saal mit lauter Kronleuchtern vor sich, und die Leute tanzten irgendeinen Tanz aus einem Kostümfilm, würdevoll, einander an den Händen führend. Sie nahm an, dass er — auf ihrem Platz im Auto — eine Partnerin abholte für diesen Abend. Sie küssten sich nie, wenn einer von ihnen aus der Wohnung ging; und als er nach Zigaretten und Schlüsseln griff, hielt er plötzlich inne und sagte:»Du sollst nicht immer so einsam sein. «Und fügte hinzu:»Warum besuchst du eigentlich nicht mal deine Familie, wenn ich hin und wieder abends weg muss?« Er hatte ihr erzählt, dass er nach Weihnachten nach Hause zu seiner Mutter zurückkehren würde, zurück zu den Wäldern und Bergen seiner Heimat, gar nicht weit von der italienischen Grenze — er zeigte es ihr auf der Karte.

Sie hatte ihm nicht erzählt, dass ihre Mutter, die nur die eine Art Doktor kannte, annahm, er sei Arzt, und sie hatte ihr daraufhin auch von den Kindern des Arztes erzählt und von seiner Frau, die eine wirklich nette Dame war, froh darüber, dass sie jemanden hatte, der ihr sowohl in der Arztpraxis wie in der Wohnung zur Hand ging.

Sie äußerte ihr Erstaunen darüber, wie er nach einem arbeitsreichen Tag in der Firma noch bis Mitternacht oder später zu Hause am Schreibtisch sitzen konnte. Wenn sie von ihrer Registrierkasse im Supermarkt nach Hause kam, war sie so müde, dass sie nach dem gemeinsamen Abendbrot kaum noch die Augen offen halten konnte. In Worten, die sie verstand, erklärte er ihr, dass ihre Arbeit eintönig war und kaum wirklich ihre Intelligenz forderte, dass sie nur geringer geistiger und körperlicher Anstrengungen bedurfte, und ihr daher ein Erfolgserlebnis fehlte — wohingegen seine Arbeit auch zugleich das war, was ihn selbst am meisten interessierte, dass sie seine geistigen Fähigkeiten bis an die Grenzen ausschöpfte, all seine Konzentration erforderte und ihn immer wieder mit neuen aufregenden Problemstellungen konfrontierte, und ihn dann ebenso mit Freude und Genugtuung erfüllte, wenn ein Problem gelöst war. Später, als er seine Aufzeichnungen beiseite legte, fragte er in die Stille hinein:»Hast du schon mal was anderes gearbeitet?«

«Vorher habe ich in einer Kleiderfabrik gearbeitet«, antwortete sie,»Sportbeau-Hemden, kennst du die? Aber im Supermarkt zahlen sie besser.« Natürlich. Er war, ganz gleich in welchem Lande er sich aufhielt, ein gewissenhafter Zeitungsleser, und so war ihm nicht entgangen, dass dem Einzelhandel hierzulande erst vor kurzem genehmigt worden war, als Ladenpersonal auch Farbige einzustellen; somit war der Platz an einer Registrierkasse durchaus als Fortschritt zu werten. Und vielleicht konnte ein Mädchen wie sie, bei dem weiterhin anhaltenden Mangel an angelernten weißen Arbeitskräften, durchaus ein paar Stufen höher aufrücken in der Angestelltenkarriere. Er brachte ihr bei, wie man Schreibmaschine schreibt. Er war sich darüber im Klaren, dass ihr Englisch nicht das beste war, auch wenn es sich in seinen Ohren — als Ausländer — nicht allzu schlimm anhörte und sie nicht gleich abklassifizierte, wie es das in den Ohren von jemand seines Bildungsniveaus tun mochte, dessen Muttersprache Englisch war. Er korrigierte ihre grammatikalischen Fehler, doch entgingen ihm die weniger auffälligen, weil sein eigenes Englisch selbst oft exotisch genug war — und sie fuhr fort, auch weiterhin das Pronomen» es «zu benutzen, wo eigentlich der Plural «sie «hingehörte. Weil er selbst Ausländer war (wenn auch ein sehr kluger, wie sie merkte), war sie beim Tippen weniger gehemmt, wie sie es sonst bei ihren Rechtschreibfehlern gewesen wäre. Während sie so an der Schreibmaschine saß, stellte sie sich vor, wie sie ihm eines Tages seine Manuskripte abtippen würde, wie sie ihm dann seinen Kaffee so machte, wie er ihn gern hatte, und ihn in ihren Körper aufnahm, ohne ein Wort zu sagen, und wie sie (wenn auch nur sonntags, wenn niemand auf der Straße war) in seinem Auto neben ihm saß wie eine richtige Ehefrau.

An einem Sommerabend kurz vor Weihnachten — er hatte bereits eine Uhr für sie gekauft, ein etwas auffälliges, doch gutes Stück, von dem er annahm, dass es ihr gefiel – ertönte ein lautes Klopfen an der Tür, das sie aus dem Badezimmer lockte und ihn an seinem Schreibtisch hochfahren ließ.

Es kam nie vor, dass sie abends jemand besuchte; er hatte keine Freunde, die ihm nahe genug standen, um unangemeldet vorbeizukommen. Es war ein anmaßendes Klopfen, ohne Pause, und es klang ganz so, als würde es nicht eher aufhören, bis man die Tür öffnete.

Sie stand in der offenen Badezimmertür und starrte ihn über den Durchgang zum Wohnzimmer hinweg an; hinter dem großen Badetuch schauten ihre nackten Schultern und Füße hervor. Kein Wort, nicht einmal ein Flüstern kam über ihre Lippen. Unter dem lauten, anhaltenden Hämmern an der Tür schien die ganze Wohnung zu erzittern.

Schließlich machte er eine Bewegung, als wolle er zur Tür gehen, aber nun rannte sie auf ihn zu und packte ihn mit festem Griff an beiden Armen. Sie schüttelte wild mit dem Kopf, ihre Lippen teilten sich, doch die Zähne hatte sie fest aufeinander gebissen, sie sagte kein Wort. Sie zog ihn ins Schlafzimmer, schnappte sich flugs ein paar Kleidungsstücke von der frischen Wäsche, die auf dem Bett ausgebreitet war, und stieg in den Wandschrank, drückte ihm den Schlüssel in die Hand. Obwohl er spürte, wie seine Arme und Waden kalt und gefühllos waren vor Schreck, war er doch entsetzt und fassungslos, ja angewidert von dem Anblick, wie sie sich da hinter seinem Mantel und seinen Anzügen zusammenkauerte; es war abscheulich und lächerlich zugleich. Komm raus! flüsterte er. Nein, komm raus da! Sie zischte: Wohin? Wo soll ich denn hin?

Egal! Aber komm raus da!

Er streckte die Hand aus, um nach ihr zu greifen. In die Enge getrieben, sagte sie mit einem grauenvollen, gehetzten Flüstern, wobei man ihre Zahnlücke sehen konnte: Ich springe aus dem Fenster.

Sie presste ihm den Schlüssel in die Hand, als sei es ein Messergriff. Er schlug ihr die Tür vor der Nase zu, schloss den Schrank ab und ließ den Schlüssel zu dem Kleingeld in seiner Hosentasche fallen.

Er nahm die Sperrkette ab, mit der die Wohnungstür gesichert war. Er drehte den kantigen Knopf des Yale-Schlosses herum. Die drei Polizeibeamten, zwei von ihnen in Zivil, standen ohne alle Eile da, obwohl sie bereits ein paar Minuten lang an die Tür gehämmert hatten. Der große Dunkle mit dem raffinierten Schnurrbart streckte eine Hand aus, an der er einen geflochtenen goldenen Ring trug, und hielt ihm irgendeinen Ausweis hin.

Dr. von Leinsdorf spürte, wie allmählich wieder das Blut in seinen Armen und Beinen zirkulierte, und er sagte mit ruhiger Stimme:»Worum geht es?« Der Sergeant sagte, sie wüssten, dass sich eine Farbige in der Wohnung aufhielte. Sie seien über alles im Bilde.

«Ich beobachte diese Wohnung jetzt schon seit drei Wochen, ich weiß Bescheid.« «Ich bin alleine hier. «Dr. von Leinsdorf sagte es, ohne den Ton seiner Stimme zu heben.

«Ich weiß Bescheid, ich weiß genau, wer da ist.

Kommen Sie — « Und der Sergeant und seine beiden Begleiter gingen ins Wohnzimmer hinein, in die Küche, ins Badezimmer (hier nahm der Sergeant eine Flasche After Shave in die Hand, schien das französische Etikett zu studieren) und ins Schlafzimmer. Die beiden Zivilen schoben die frische Decke zurück, zogen die Laken ab und trugen sie zu dem Sergeanten, der sie unter der Lampe inspizierte. Sie unterhielten sich in Afrikaans, das der Doktor nicht verstand. Der Sergeant schaute persönlich unter das Bett, hob die langen Vorhänge am Fenster in die Höhe. Die Türen am Wandschrank waren ohne Griff; er merkte, dass sie abgeschlossen waren, und fragte erst in Afrikaans, wechselte dann höflicherweise zu Englisch.»Geben Sie uns den Schlüssel.« Dr. von Leinsdorf sagte:»Es tut mir Leid, aber ich habe ihn in meinem Büro liegen lassen — ich schließe morgens immer ab und nehme den Schlüssel mit ins Büro.« «Es hilft alles nichts, Mann, Sie geben mir besser den Schlüssel.« Er lächelte knapp, nicht übertrieben.»Er liegt auf meinem Schreibtisch im Büro.« Die beiden Zivilen holten einen Schraubenzieher hervor, und er schaute zu, wie sie ihn in den Schlitz zwischen den Schranktüren schoben, ihm einen kurzen, kräftigen, nicht allzu heftigen Ruck gaben. Er hörte, wie das Schloss nachgab.

Gewiss, sie war splitternackt gewesen, als sie an die Tür gehämmert hatten. Doch nun hatte sie ein Paar Jeans an und ein langärmeliges T-Shirt mit einem aufgenähten Schmetterling auf der einen Brust. Ihre Füße waren noch immer nackt; zwar war es ihr in dem dunklen Schrank gelungen, in die Kleider hineinzuschlüpfen, die sie hastig vom Bett gerafft hatte, doch sie war ohne Schuhe. Es war anzunehmen, dass sie hinter der Schranktür geweint hatte (man sah fleckige Spuren auf ihren Wangen), doch nun war ihre Miene düster, sie atmete schwer; ihr Bauchfell zuckte unkontrolliert, unter dem Stoff des T-Shirts hoben sich ihre Brüste ab. Es sah aus, als sei sie wütend; vielleicht kam es auch bloß daher, dass sie unter Sauerstoffmangel litt, weil sie halb erstickt war in dem engen Schrank. Sie schaute Dr. von Leinsdorf nicht an.

Auf die Fragen des Sergeants gab sie keine Antwort.

Sie wurden zum Polizeirevier gebracht, wo man sie sofort trennte und nacheinander zur Untersuchung durch den Amtsarzt führte. Man nahm dem Mann die Unterwäsche ab und untersuchte sie, wie zuvor schon die Bettlaken, auf Spermaspuren. Bei der Entkleidung des Mädchens entdeckte man, dass sie unter ihren Jeans eine Männerunterhose trug, auf deren ordentlich eingenähtem Wäscheschild sein Name stand; in der Eile hatte sie die falsche Unterwäsche mit in ihr Versteck genommen.

Jetzt weinte sie, als sie in einer Männerunterhose vor dem Amtsarzt stand.

Er sah höflich darüber hinweg. Er reichte Unterhose, Jeans und T-Shirt zur Tür hinaus und gab ihr ein Zeichen, auf den hohen, weißen Tisch zu steigen, wo er dann ihre Schenkel auseinander schob und sie auf Beinstützen legte; und dort, wo der andere so behutsam und voller Wärme eingedrungen war, steckte er ein kaltes, hartes Instrument hinein, das sich immer weiter öffnete. Ihre Schenkel und die Knie zitterten unkontrolliert, während der Arzt in sie hineinschaute und sie tief innen drin mit weiteren harten Instrumenten berührte, an denen vorne kleine Wattebäusche dran waren.

Als sie von der Untersuchung zurück ins Vernehmungszimmer kam, war Dr. von Leinsdorf nicht zu sehen; sie mussten ihn woanders hingeführt haben. Den Rest der Nacht verbrachte sie in einer Zelle, wie er wahrscheinlich auch; doch früh am nächsten Morgen wurde sie entlassen und von einem weißen Mann zum Hause ihrer Mutter gebracht, der ihr erklärte, er sei der Sekretär des Rechtsanwaltes, den Dr. von Leinsdorf für sie engagiert habe. Dr. von Leinsdorf, sagte der Sekretär, habe man ebenfalls an diesem Morgen gegen Kaution freigelassen. Er sagte nichts davon, wann oder ob sie ihn jemals wieder sehen würde.

Als sie und der Mann vor Gericht standen, angeklagt wegen Verstoßes gegen das Sittlichkeitsgesetz, begangen in einer Johannesburger Wohnung am — . Dezember 19-, wurde dem Gericht eine Aussage des Mädchens

übergeben, die es bei der polizeilichen Vernehmung gemacht hatte. Ich wohnte mit dem weißen Mann zusammen in seiner Wohnung. Er hatte ab und zu Geschlechtsverkehr mit mir. Er gab mir Tabletten zum Einnehmen, damit ich nicht schwanger wurde.

Als sie von den Sonntagsblättern interviewt wurde, sagte das Mädchen:»Es tut mir Leid für all den Kummer, den es meiner Mutter brachte. «Sie sagte, dass sie eines von neun Kindern einer Waschfrau sei. Sie hatte nach der dritten Klasse die Schule verlassen, weil zu Hause kein Geld übrig war für Turnsachen oder einen Schulblazer. Sie hatte in einer Fabrik als Maschinennäherin gearbeitet und als Kassiererin in einem Supermarkt. Dr. von Leinsdorf hatte ihr beigebracht, seine Manuskripte abzutippen.

Dr.

Franz-Josef von Leinsdorf, der als Enkel einer Baronin beschrieben wurde, ein kultivierter Mann, dessen Arbeitsfeld die internationale mineralogische Forschung war, sagte, dass er zwar soziale Rangunterschiede zwischen Menschen akzeptiere, doch sei er der Meinung, dass diese nicht gesetzlich verankert werden dürften.

«Sogar in meiner Heimat ist es schwer für einen Menschen aus der Oberschicht, jemanden aus der Unterschicht zu heiraten.« Die beiden Angeklagten machten keine Aussagen.

Weder grüßten sie sich, noch sprachen sie vor Gericht miteinander. Die Verteidigung führte an, dass die Beweisgründe, die der Sergeant für ihr Zusammenleben vorbrachte, nur auf Gerüchten basierten (Die Frau mit dem Dackel? Der Hausmeister?). Sie wurden beide freigesprochen, weil der Staatsanwalt nicht nachweisen konnte, dass am Abend des — . Dezember 19- ein Geschlechtsverkehr stattgefunden hatte.

Die Sonntagsblätter zitierten die Mutter des Mädchens, von der auch ein Bild abgedruckt wurde:»Ich werde nie wieder zulassen, dass meine Tochter als Dienstmädchen für einen weißen Mann arbeitet.«

II

Solange sie noch klein sind, spielen die Farmkinder immer zusammen, doch wenn die weißen Kinder erst einmal weg ins Internat gehen, spielen sie schon bald nicht mehr miteinander, auch nicht in den Ferien. Zwar bekommen auch die schwarzen Kinder eine Art Schulunterricht, doch bleiben sie Jahr um Jahr weiter hinter den Leistungen der weißen Kinder zurück. All das kindliche Vokabular, das Erforschen der abenteuerlichen Möglichkeiten, die Dam, Koppies, Mealie Lands und Veld den Kindern bieten — es kommt die Zeit, da lassen die weißen Kinder all das hinter sich und vertauschen es mit dem Vokabular des Internats und den Möglichkeiten der Schulwettkämpfe und der Art Abenteuer, die man im Kino sieht. Das geschieht dann passenderweise gerade im Alter von 12 oder 13, so dass die schwarzen Kinder, neben den körperlichen Veränderungen, die alle von ihnen durchmachen, auch gleich schon beim Eintritt ins jugendliche Alter ohne viel Aufhebens zu der Erwachsenen-Anrede überwechseln und ihre alten Schulkameraden nun mit Missus oder Baasie titulieren — was soviel heißt wie kleiner Herr.

Das Verhängnisvolle war, dass Paulus Eysendyck gar nicht zu bemerken schien, dass Thebedi, die man stets an den abgelegten Kleidern seiner Schwestern erkannte, jetzt einfach nur eines von vielen Farmkindern unten im Kral war. Als er in den ersten Weihnachtsferien nach Hause kam, brachte er Thebedi eine bemalte Schatulle mit, die er in der Schule im Werkunterricht gebastelt hatte. Er musste sie ihr heimlich geben, weil er nichts hatte für all die anderen Kinder im Kral. Und bevor er wieder zurückkehrte ins Internat, gab sie ihm ein Armband, das sie aus dünnem Messingdraht und den grauweißen Rizinusbohnen gemacht hatte, die ihr Vater anbaute. (Als sie noch zusammen spielten, war sie es gewesen, die ihm gezeigt hatte, wie man aus Ton kleine Zugochsen formt für ihre Spielzeuggespanne.) Unter den Jungen war es sehr beliebt, auch in den Platteland-Städten wie jener, wo er im Internat war, neben der Armbanduhr noch Armbänder aus Elefantenhaar und ähnlichem zu tragen; seines wurde allgemein bewundert, und seine Freunde baten ihn darum, auch ihnen solch ein Armband zu besorgen. Er sagte, die Eingeborenen auf der Farm seines Vaters würden sie machen, und er wolle es versuchen.

Als er fünfzehn war und einsachtzig groß, als er mit den Mädchen von dem Pensionat in der gleichen Stadt auf den Schulfesten herumzog und bereits gelernt hatte, wie man neckt und flirtet und auch ganz ungeniert herumschmust mit diesen Mädels, deren Väter ebenso wohlhabende Farmer waren wie der seine; als er bei einer Hochzeitsfeier auf einer Nachbarfarm, zu der ihn seine Eltern mitgenommen hatten, sogar auch schon eine kennen gelernt hatte, die ihn in einem verschlossenen Lagerraum das mit ihr tun ließ, was die Leute immer machen, wenn sie sich lieben — als er nun schon so weit von seiner Kindheit entfernt war, brachte er dennoch aus einem Laden in der Stadt für das schwarze Mädchen Thebedi einen roten Plastikgürtel und ein Paar goldene Ohrreifen mit. Ihrem Vater erzählte sie, die Missus hätte sie ihr zur Belohnung für eine Arbeit geschenkt — es stimmte, dass man sie bisweilen zur Aushilfe ins Farmhaus holte. Den Mädchen erzählte sie, sie hätte einen Schatz; weit, weit weg auf einer anderen Farm, und sie kicherten und neckten und bewunderten sie. In dem Kral gab es einen Jungen namens Njabulo, der sagte, er wünschte, er hätte das Geld, um ihr einen Gürtel und Ohrringe zu kaufen.

Als der Sohn des Farmers die Ferien über zu Hause war, wanderte sie weitab vom Kral, fern ihrer Gefährten dahin.

Auch er ging stets allein spazieren. Sie hatten sich nicht verabredet, es war ein Verlangen, dem jeder aus eigenen Stücken folgte. Schon von weitem sah er, dass sie es war.

Und sie wusste, dass sein Hund nie bellte, wenn sie sich näherte. Unten an dem ausgetrockneten Flussbett, dort wo die Kinder eines großen Tages vor fünf oder sechs Jahren einen Leguan gefangen hatten — eine Kreatur, die auf ideale Weise die Größe und den Schrecken eines Krokodils mit der Harmlosigkeit einer Eidechse in sich vereinte —, ließen sie sich Seite an Seite auf der sandigen Uferböschung nieder. Er erzählte ihr davon, was er auswärts erlebt hatte: von der Schule und vor allem von den Strafen, die es dort setzte, wobei er ebenso die Schwere der Strafen übertrieb wie seine Gleichgültigkeit ihnen gegenüber. Er erzählte ihr von der Stadt Middleburg, in der sie nie gewesen war. Sie hatte ihm selbst nichts zu erzählen, doch wie jeder gute Zuhörer spornte sie ihn mit Fragen an. Während er sprach, zerrte und drehte er an den Wurzeln des weißen Stinkbaumes und der Kapweiden, die rundum aus der ausgewaschenen Erde ragten. Hier unten war für die Kinder schon immer ein beliebter Platz zum Spielen gewesen, im Gewirr der alten, ameisenzerfressenen Bäume, die halb umgestürzt zwischen den gesunden hingen, im wilden Asparagus, der um die Stämme wucherte, mit einem Feigenkaktus hier und da, der sich saftlos am Leben hielt bis zur nächsten Regenzeit, borstig und verschrumpelt wie das Gesicht eines alten Mannes. Während sie ihm lauschte, stocherte sie mit einem spitzen Stock immer wieder in der trockenen Haut eines Feigenkaktus. Oft musste sie lachen bei dem, was er ihr erzählte, und manchmal ließ sie ihr Gesicht auf die Knie sinken, ließ die kühle, schattige Erde zu ihren Füßen teilhaben an ihrem Vergnügen. Wenn er auf der Farm war, zog sie immer ihre einzigen Schuhe an — weiße Sandalen, gegen den Farmstaub dick mit weißer Schuhcreme eingeschmiert —, doch hier am Flussbett hatte sie die ausgezogen und beiseite gelegt.

An einem Nachmittag im Sommer, als es heiß war und dort Wasser floss, watete sie hinein, wie sie es einst als Kinder getan hatten, ihr Kleid hatte sie sittsam hochgerafft und in die Hose gesteckt. Die Schulmädchen, mit denen er immer an den Stauseen und an den Teichen der Nachbarfarmen schwimmen ging, trugen Bikinis, doch nie hatte ihn der Anblick ihrer Bäuche und Schenkel, die im Sonnenlicht glitzerten, das fühlen lassen, was er jetzt fühlte, als das Mädchen die Uferböschung heraufkam und sich neben ihn setzte; und die Wassertropfen, die von ihren dunklen Beinen perlten, waren die einzigen Lichtpunkte hier in diesem düsteren, schattigen Winkel, wo es nach Erde roch. Sie hatten keinerlei Angst voreinander, hatten einander schon immer gekannt; und er tat mit ihr das, was er damals in dem Lagerraum bei dem Hochzeitsfest gemacht hatte, und dieses Mal war es so schön, so schön, er war ganz überrascht … auch sie war überrascht — er sah es auf ihrem Gesicht, das eins war mit dem Schatten, in diesen großen dunklen Augen, die wie weiches Wasser glänzten und ihn aufmerksam anblickten: so wie einst, als sie miteinander über ihre kleinen Ochsengespanne aus Ton gebeugt saßen, wie damals, als er ihr davon erzählte, wie er immer übers Wochenende in der Schule nachsitzen musste.

Im Laufe dieser Sommerferien gingen sie noch oft hinunter zum Flussbett. Sie trafen sich, kurz bevor die Dämmerung hereinbrach, was sehr schnell geht in dieser Gegend, und wenn es dann dunkel war, kehrte jeder wieder nach Hause zurück — sie zur Hütte ihrer Mutter, er zum Farmhaus —, gerade rechtzeitig zum Abendbrot. Er erzählte ihr nichts mehr über die Schule oder die Stadt. Sie fragte ihn nicht mehr danach. Er sagte ihr jedes Mal, wann sie sich wieder treffen würden. Ein- oder zweimal blieben sie bis zum frühen Morgen; das Muhen der Kühe, die zur Weide getrieben wurden, drang herüber zu ihnen, wo sie lagen, und das wortlose Erkennen dieses Klanges, das ein jeder dem anderen an den Augen ablesen konnte, trieb die eng aneinander Geschmiegten auseinander.

In der Schule war er allgemein beliebt. Er spielte erst in der zweiten, dann in der ersten Fußballmannschaft. Es hieß, die Schulsprecherin der Mädchenschule sei in ihn verknallt; er mochte sie nicht besonders, aber es gab da eine hübsche Blondine, die ihr langes Haar zu einer Art Knoten hochgesteckt trug, mit einer schwarzen Schleife drum herum, und mit ihr zusammen ging er immer ins Kino, wenn die Jungen und Mädchen Samstagnachmittags schulfrei hatten. Schon als Zehnjähriger war er auf der Farm mit Traktoren und Ähnlichem gefahren, und als er achtzehn war, machte er dann seinen Führerschein, und im letzten Schuljahr führte er in den Ferien die Nachbarstöchter aus zum Tanz oder in das Autokino, das gerade zwanzig Kilometer von der Farm entfernt aufgemacht hatte. Seine Schwestern waren bereits alle verheiratet, und wenn seine Eltern übers Wochenende die jungen Ehefrauen und die Enkelkinder besuchten, überließen sie die Farm so lange seiner Obhut.

Wenn Thebedi Samstagnachmittags sah, wie der Farmer mit seiner Frau davonfuhr, den Kofferraum des Mercedes voll beladen mit frisch geschlachtetem Geflügel und mit Gemüse aus dem Garten, dessen Pflege zur Arbeit ihres Vaters gehörte, dann wusste sie, dass sie nicht zum Flussbett, sondern zu dem Farmhaus kommen musste. Es war ein altes Gebäude, mit dicken Mauern, und innen war es düster und kühl. Die Küche war stets voller Leben, sie war der Mittelpunkt, mit ihren Dienstboten, Speisevorräten, bettelnden Katzen und Hunden, überkochenden Töpfen, frischer Wäsche, die vor dem Bügeln in der Wärme aufgehängt wurde, und der großen Kühltruhe, die die Missus hatte aus der Stadt kommen lassen, mit einem gehäkelten Deckchen obenauf und einer Vase mit Schwertlilien aus Plastik. Das Esszimmer aber, in dem der schwere Tisch mit den klobigen Beinen stand, hinter dessen Tür stets der alte, satte Geruch nach Suppe und Tomatensoße hing, war verschlossen. Im Wohnzimmer waren die Vorhänge vorgezogen, der Fernseher stand still in seiner Ecke. Die Tür zum Elternschlafzimmer war abgeschlossen, und in den Zimmern, wo früher die Töchter geschlafen hatten, waren die Betten mit Plastiktüchern abgedeckt. Dort, in einem von diesen, verbrachten sie und der Farmersohn oft die ganze Nacht — fast, denn sie musste fort, bevor die Dienstboten, die sie ja kannten, bei Tagesanbruch ins Haus kamen. Er hatte Angst, dass man sie oder Spuren von ihr entdeckte, wenn er sie mit in sein eigenes Schlafzimmer nahm, obwohl sie dort schon oft hineingeschaut hatte, wenn sie im Farmhaus aushalf, und sie kannte sie gut, die Reihe der silbernen Pokale, die er in der Schule gewonnen hatte.

Als sie achtzehn war und der Sohn des Farmers neunzehn, als er gerade seinem Vater auf der Farm aushalf, bevor er aufs College ging, um Veterinärmedizin zu studieren, hielt der junge Njabulo bei ihrem Vater um ihre Hand an. Die Eltern Njabulos trafen sich mit den ihren, und man einigte sich über die Summe Geldes, die er anstelle der Kühe zu zahlen hatte, welche man nach altem Brauch den Eltern der zukünftigen Braut geben musste.

Kühe konnte er keine bieten; er war Arbeiter auf der Eysendyck-Farm wie ihr Vater. Ein aufgeweckter Junge; der alte Eysendyck hatte ihm das Mauern beigebracht und setzte ihn bei Bauarbeiten ein, wenn es hier und dort auf der Farm etwas auszubessern gab. Sie erzählte dem Farmersohn nichts davon, dass ihre Eltern sie verheiraten wollten. Und sie sagte ihm auch nicht, dass sie ein Baby erwartete, bevor er zum ersten Semester ans College fuhr.

Zwei Monate nach ihrer Hochzeit mit Njabulo brachte sie eine Tochter zur Welt. Dies war keine Schande; bei ihrem Volk ist es Brauch, dass sich der junge Bräutigam vor der Hochzeit vergewissert, ob seine Auserwählte auch nicht unfruchtbar ist, und so hatte Njabulo damals mit ihr geschlafen. Aber das Kind hatte eine ziemlich helle Haut, die auch nicht gleich nachdunkelte, wie es sonst bei afrikanischen Babys meist der Fall ist. Schon bei seiner Geburt hatte es diesen glatten, feinen Flaum auf dem Kopf, der jenem ähnelte, den die Flugsamen eines bestimmten Unkrauts trugen, das draußen auf dem Felde wuchs. Als es seine kleinen Augen aufmachte, waren sie grau, mit gelben Flecken. Njabulos Haut hatte die matte, dunkle Farbe von Kaffeesatz, die schon immer schwarz genannt wurde; dieselbe Farbe wie auch Thebedis Beine, auf der das herabperlende Wasser bläulich schimmerte wie Austernmuscheln, wie ihr Gesicht, in dem die schwarzen Augen dominierten, mit ihrem hellen Weiß, ihrem aufgeweckten Blick.

Njabulo beklagte sich nicht. Er ging zu dem indischen Laden und kaufte für Thebedis Baby von dem Lohn, den er als Farmarbeiter bekam, eine Klarsichtpackung mit einer rosa Plastikbadewanne, sechs Windeln, ein Kärtchen Sicherheitsnadeln, ein Strickjäckchen, Mütze und Stiefelchen, ein Kleid und eine Dose Johnson’s Babypuder.

Als es zwei Wochen alt war, kam Paulus Eysendyck über die Ferien vom Veterinärcollege nach Hause. In der Küche seiner Mutter, der vertrauten Umgebung seiner Kindheit, trank er ein Glas frische, noch warme Milch, und er hörte, wie sie mit der alten Dienstmagd darüber sprach, wo man jetzt wohl eine neue Aushilfe finden konnte, nachdem Thebedi ein Baby bekommen hatte. Das erste Mal, seit er ein kleiner Junge war, ging er bis in den Kral hinein. Es war elf Uhr morgens, die Männer waren bei der Arbeit auf dem Feld. Er schaute sich suchend um; die Frauen wandten sich ab, keine von ihnen wollte nach dem Weg zu Thebedis Haus gefragt werden. Da erschien Thebedi, langsam kam sie aus der Hütte heraus, die Njabulo nach der Art des weißen Mannes erbaut hatte, mit einem Ofenrohr als Abzug und einem richtigen Glasfenster, das so gerade eingesetzt war, wie das bei einer Wand aus ungebrannten Lehmziegeln eben ging. Sie grüßte ihn mit aneinander gelegten Händen und einer symbolischen Geste, die den respektvollen Knicks andeutete, mit der sie sonst seinem Vater oder seiner Mutter gegenübertrat. Er zog den Kopf ein und trat durch den niedrigen Eingang in die Hütte. Er sagte:»Ich will es sehen. Zeig es mir.« Sie hatte das Bündel vom Rücken genommen, bevor sie hinausging ans Tageslicht, ihm gegenübertrat. Sie zwängte sich zwischen das eiserne Bettgestell, auf dem Njabulos karierte Decken lagen, und den kleinen Holztisch, auf dem die rosa Plastikbadewanne zwischen dem Essen und den Kochtöpfen stand, und hob das kleine Bündel aus dem behaglich ausgeschlagenen Pappkarton, in dem es lag. Das Kind schlief; sie entblößte sein verschlossenes, bleiches, plumpes kleines Gesicht, an dessen Mundwinkel eine Speichelblase hing; und die dünnen rosa Händchen begannen sich zu regen. Sie nahm die Wollmütze ab, und das glatte, feine Haar flog wie elektrisiert hoch, hier und da konnte man eine blonde Strähne sehen. Er sagte nichts.

Sie schaute ihn an wie damals, als sie noch klein waren und die Kinder beim Spielen das Getreide zertrampelt oder sonst etwas angestellt hatten, und er dann als Sohn des Farmers, der einzige Weiße unter ihnen, beim Farmer ein gutes Wort für sie einlegen musste. Sie weckte das schlafende Gesicht, indem sie es sanft mit dem Finger an der Backe kraulte, und ganz langsam öffneten sich die kleinen Augen, sahen nichts, schliefen noch, erwachten und wurden größer, blickten sie an, graue Augen mit gelben Flecken, ganz wie seine nussbraunen Augen.

Einen Moment lang war sein Gesicht verzerrt vor Wut und Selbstmitleid, kämpfte er mit den Tränen. Sie brachte es nicht fertig, die Hand nach ihm auszustrecken. Er sagte:

«Du bist noch nicht damit in der Nähe des Hauses gewesen?« Sie schüttelte den Kopf.

«Wirklich nicht?« Wieder schüttelte sie den Kopf.

«Nimm es nicht mit nach draußen. Bleib damit hier im Haus. Kannst du es denn nicht irgendwohin bringen. Du musst es jemandem geben …« Sie ging mit ihm zur Tür.

Er sagte:»Ich werde sehen, was ich mache. Ich weiß es noch nicht. «Und dann sagte er:»Ich könnte mich umbringen.« Ihre Augen begannen zu glänzen, füllten sich mit Tränen. Einen Augenblick lang überkam sie beide ein Gefühl wie damals, als sie zusammen unten am Flussbett waren.

Er ging hinaus.

Zwei Tage später, als sein Vater und seine Mutter den Tag über weggefahren waren, tauchte er wieder auf. Die Frauen waren auf den Feldern beim Unkrautjäten, eine Gelegenheitsarbeit, der sie den Sommer über nachgingen; nur die ganz Alten blieben zurück, sie hockten vor den Hütten auf dem Boden, in der prallen Sonne, umgeben von Fliegen. Thebedi bat ihn nicht herein. Dem Kind ging es nicht gut; es litt an Durchfall. Er fragte, wo seine Nahrung sei. Sie sagte:»Es bekommt die Milch von mir. «Er ging in Njabulos Haus hinein, wo das Kind lag; sie folgte ihm nicht, blieb vor der Hütte stehen und schaute, ohne es recht wahrzunehmen, einem alten Weib zu, das wirr im Kopf war und mit sich selbst sprach und mit den Hühnern, die keine Notiz von ihm nahmen.

Sie glaubte, ein leises Grunzen aus der Hütte zu vernehmen, wie es kleine Kinder von sich geben, wenn sie satt sind oder tief schlafen. Wie lange es dauerte, wusste sie nicht, doch nach einer Weile kam er wieder heraus und stapfte davon, ganz wie sein Vater, und verschwand in Richtung des Farmhauses.

In dieser Nacht wurde das Baby nicht gefüttert, und obwohl sie Njabulo immer wieder versicherte, es schliefe, sah er am nächsten Morgen, dass es tot war. Er tröstete sie mit Worten, streichelte sie. Sie weinte nicht, saß nur da und starrte zur Tür. Ihre Hände waren kalt wie tote Hühnerkrallen, als er sie berührte.

Njabulo begrub das Baby dort, wo auch die Farmarbeiter immer bestattet wurden, auf dem Platz draußen im Feld, den der Farmer ihnen überlassen hatte. Einige der Grabhügel waren ohne jede Markierung der Witterung überlassen, andere hatte man mit Steinen bedeckt, und bei manchen lagen umgestürzte Holzkreuze. Er wollte ein Kreuz machen, doch bevor er damit fertig war, kam die Polizei, öffnete das Grab und nahm das tote Baby mit: Jemand — einer der Farmarbeiter? Ihre Frauen? — hatte gemeldet, dass das Baby fast weiß war, kräftig und gesund, und dass es nach einem Besuch des jungen Farmers ganz plötzlich gestorben war. Die pathologische Untersuchung wies auf Darmverletzungen hin, die nicht unbedingt auf eine natürliche Todesursache schließen ließen.

Zum ersten Mal fuhr Thebedi in die Stadt, in der Paulus zur Schule gegangen war, um ihre Aussage bei der Voruntersuchung zu machen, mit der die Mordanklage gegen ihn vorbereitet wurde. Sie weinte hysterisch im Zeugenstand, sagte ja, ja (die goldenen Ohrreifen pendelten hin und her), sie habe gesehen, wie der Angeklagte eine Flüssigkeit in den Mund des Babys geschüttet habe. Sie sagte, er habe ihr gedroht, sie zu erschießen, wenn sie jemandem davon erzählte.

Über ein Jahr verging, bis in der gleichen Stadt das Gerichtsverfahren eröffnet wurde. Als sie den Gerichtssaal betrat, hatte sie ein neugeborenes Baby auf dem Rücken.

Sie trug goldene Ohrreifen; sie gab sich gefasst, sagte, dass sie nicht gesehen habe, was der weiße Mann im Hause tat.

Paulus Eysendyck sagte aus, dass er zwar die Hütte aufgesucht, jedoch nicht das Kind vergiftet habe.

Die Verteidigung bestritt nicht, dass zwischen dem Angeklagten und dem Mädchen ein Liebesverhältnis bestanden hatte, oder dass es zum Geschlechtsverkehr gekommen war, warf aber ein, dass es keinen Beweis dafür gab, dass der Angeklagte der Vater des Kindes sei.

Der Richter teilte dem Angeklagten mit, dass ein schwerer Verdacht gegen ihn vorläge, aber dass es nicht genügend Beweise dafür gäbe, dass er das Verbrechen begangen habe. Die Aussage des Mädchens konnte das Gericht nicht anerkennen, denn es war offensichtlich, dass sie entweder in der Verhandlung oder bei der Voruntersuchung einen Meineid geleistet hatte. Das Gericht kam zu der Überlegung, dass sie womöglich als Komplizin zu betrachten war; doch auch hierfür gab es nicht genügend Beweise.

Der Richter lobte das ehrenhafte Verhalten des Ehemannes (der mit der braungelb karierten Golfmütze im Gerichtssaal saß, die er nur sonntags trug), der seine Frau nicht verstoßen habe und» von seinem kargen Einkommen sogar Kleidung kaufte für das unglückliche Kind«.

Das Urteil für den Angeklagten lautete» nicht schuldig«.

Der junge weiße Mann wies die Glückwünsche der Presse und des Publikums zurück und verließ den Gerichtssaal, wobei er zum Schütze vor den Fotografen den Regenmantel seiner Mutter vors Gesicht hielt. Sein Vater sagte vor der Presse:»Ich werde versuchen, so gut ich kann weiterzumachen, um meinen Ruf hier im Distrikt zu behalten.« Die Sonntagszeitungen, die jede ihren Namen wieder anders schrieben, zitierten das schwarze Mädchen — mit Foto — in ihrer eigenen Sprache:»Es war eine Sache aus unserer Kindheit, wir sehen uns heute nicht mehr.«

(Deutsch von Walter Hartmann)

Die Ironie des Hasses

von RUTH RENDELL

Wenn in fünfzig oder hundert Jahren Listen der besten Schriftsteller und Schriftstellerinnen unserer Zeit erstellt werden, und zwar ungeachtet des Genres, in dem sie schreiben, könnte Ruth Rendell (*1930), obwohl sie sich im Laufe ihrer Karriere mit Kriminalliteratur identifiziert hat, darauf einen hohen Rang einnehmen. Sie wurde als Ruth Barbara Grasemann in London geboren, als Tochter eines Lehrerehepaars, das seinen schöpferischen Ausgleich in der Malerei fand. Nachdem sie die Schule mit achtzehn verlassen hatte, schlug sie statt eines Universitätsstudiums eine kurze Laufbahn als Zeitungsreporterin in Essex ein. Nach der Heirat mit ihrem Berufskollegen Donald Rendell und der Geburt eines Sohnes gab sie den Journalismus auf, um sich ganz der Mutterschaft und dem Selbststudium durch extensive Lektüre zu widmen.

Rendells erster Roman mit dem Titel From Doom with Death (1964; dt. Alles Liebe vom Tod), in dem sie mit Reg Wexford und Mike Burden ihr ungleiches Polizistenpaar einführte, ist solide und traditionell und beschwört mit dem fintenreichen Plot fast unausweichlich den Vergleich mit Agatha Christie herauf. Die Regeln des Fair Play behielt Rendell bei, während ihre Romane an psychologischer und thematischer Dichte gewannen. Ihr zweiter Roman, Tb Fear a Painted Devil (1965; dt. Der Tod fällt aus dem Rahmen), gehört nicht zur Wexford-Serie, und nun wechseln sich die bei der Leserschaft höchst beliebten Wexford-Burden-Bücher mit oft düster gefärbten Kriminalromanen ab, die bei der Kritik sogar noch größeres Lob ernteten. In Mystery and Suspense Writers, einer 1998 erschienen Publikation der Scribner Writers Series, beschreibt B.J.Rahn diese nicht zur Wexford-Reihe gehörenden Bücher als» im Bewusstsein der Hauptfigur, ob nun Schurke oder Opfer, verwurzelt, deren Gefühle von Entfremdung, Angst, Hass und Furcht der Leser unmittelbar miterlebt«. Rendell, die von ihrem Vater Ruth und von ihrer Mutter Barbara gerufen wurde, benutzt beide Namen und schreibt mittlerweile auch unter beiden, nachdem sie mit A Dark-Adapted Eye (1986; dt. Die im Dunkeln sieht man doch) das Pseudonym Barbara Vine angenommen hatte. Die Vine-Romane, schreibt Rahn,»ergründen die Tiefen der menschlichen Psyche eher in der Art von Henry James als von Patricia Highsmith oder Alfred Hitchcock … Diese Romane zeichnen sich durch die subtile Manipulation der Erzählperspektive und komplexe Muster aus, die oft verblüffende ironische Überraschungen hervorbringen«.

Abgesehen von ihrer erstaunlichen Produktivität, mit der sie jedes Jahr ein oder zwei Bücher herausbringt, ist Rendell auch als Autorin von Kurzgeschichten hervorgetreten. Der ersten Sammlung mit dem Titel The Fallen Curtain and Other Stories (1976; dt. Der gefallene Vorhang) folgten mindestens sechs weitere, darunter Piranha to Scurfy and Other Stories (2000; dt. Kein Ort für Fremde). In» Die Ironie des Hasses«, wo sich im allerersten Satz bereits offenbart, wer was getan hat, wird Rendells psychologisches Gespür sowie ihre Fähigkeit, den Leser zu überraschen, auf eindrucksvolle Weise vor Augen geführt.

Ich habe Brenda Goring aus dem wohl ungewöhnlichsten Motiv heraus ermordet: Sie stellte sich zwischen mich und meine Frau. Damit will ich nicht sagen, dass am Verhältnis der beiden zueinander irgendetwas Abnormes war. Sie waren lediglich eng befreundet, obwohl der Ausdruck» lediglich «in Bezug auf ein Verhältnis, das den vormals geliebten Ehemann wegschiebt und ausschließt, wohl eher nicht verwendet werden sollte. Ich ermordete sie, um meine Frau wieder für mich zu haben, und habe uns stattdessen vielleicht für immer getrennt. Nun sehe ich voller Grauen, in ohnmächtiger Panik und mit der schrecklichsten Hilflosigkeit, die ich je erlebt habe, dem bevorstehenden Prozess entgegen.

Wenn ich die Tatsachen niederschreibe — und die Ironie, die schreckliche Ironie, die diese wie ein scharfer, glitzernder Faden durchzieht —, gelingt es mir vielleicht, die Dinge klarer zu sehen. Vielleicht finde ich irgendeinen Weg, die unerbittliche Obrigkeit davon zu überzeugen, wie es wirklich war; dafür zu sorgen, dass der Verteidiger mir glaubt, statt die Brauen zu heben und den Kopf zu schütteln; wenigstens sicherzustellen, dass Laura, wenn wir nun schon getrennt werden müssen, doch wenigstens weiß — während sie zusieht, wie ich aus dem Gerichtssaal geführt werde, um meine langjährige Gefängnisstrafe anzutreten —, dass die Wahrheit bekannt ist und die Gerechtigkeit ihren Lauf nimmt.

Während ich hier ganz allein herumsitze und nichts anderes zu tun habe, als auf den Prozess zu warten, könnte ich über den Charakter, die äußere Erscheinung und die Neurosen von Brenda Goring ganze Bände schreiben. Ich könnte den ultimativen Hassroman schreiben. In diesem Kontext wäre vieles davon jedoch irrelevant, daher werde ich mich so kurz wie möglich fassen.

In einem Stück von Shakespeare sagt jemand über eine Frau:»Hätt ich sie nie gesehen!«Worauf ein anderer erwidert:»Dann hättet Ihr ein wundervolles Meisterwerk ungesehn gelassen. «Nun, hätte ich Brenda doch tatsächlich nie gesehen! Und was das wundervolle Meisterwerk betrifft, so würde ich dem wohl auch zustimmen. Sie hatte einmal einen Ehemann gehabt. Um sie endgültig los zu sein, hatte er ihr zweifellos jede Menge Unterhalt gezahlt und ihr einen Haufen Geld überlassen, von dem sie das Cottage an dem Dorfsträßchen oberhalb unseres Hauses erstand. Wie von einem derartigen Neuzugang zu erwarten, machte sie in unserem Dorf einen gewaltigen Eindruck. Sie war einfach wundervoll, bot mit ihren Kleidern, ihrem langen blonden Haar, ihrem Sportwagen, ihren Begabungen und ihrer mondänen Vergangenheit eine erfrischende Abwechslung zu all den pensionierten Ehepaaren und zurückhaltenden Wochenendgästen. Eine Zeit lang jedenfalls. Bis sie ihnen zu viel wurde.

Gleich von Anfang an belegte sie Laura mit Beschlag.

Irgendwie verständlich, da meine Frau im Ort das einzige weibliche Wesen in etwa ihrem Alter war, das ganze Jahr über dort wohnte und keiner Erwerbsarbeit nachging. Mit Sicherheit — dachte ich jedenfalls am Anfang — hätte sie sich Laura nicht ausgesucht, wenn sie eine größere Auswahl gehabt hätte. In meinen Augen ist meine Frau reizend, alles, was ich je wollte, die einzige Frau, für die ich je etwas empfunden habe, doch ich weiß, dass sie auf andere schüchtern und farblos wirkt, ein schlichtes, stilles Heimchen am Herd. Was konnte sie diesem extrovertierten, diesem grellen, mit Schmuck behangenen Schmetterling denn bieten? Den Ansatz einer Antwort gab sie mir selbst.

«Ist dir nicht aufgefallen, wie die Leute ihr inzwischen aus dem Weg gehen, Liebling? Die Goldsmiths haben sie letzte Woche nicht zu ihrer Party eingeladen, und Mary Williamson weigert sich, sie ins Festkomitee aufzunehmen.« «Ich muss sagen, das wundert mich nicht«, sagte ich.

«So wie sie redet und was sie für Sachen sagt.« «Du meinst ihre Liebesaffären und das alles? Aber, Liebling, in den Kreisen, in denen sie bisher gelebt hat, ist so was doch gang und gäbe. Für sie ist es ganz normal, so zu reden, sie ist ganz einfach offen und ehrlich.« «Jetzt lebt sie aber nicht mehr in diesen Kreisen«, erwiderte ich,»und wird sich anpassen müssen, wenn sie akzeptiert werden will. Hast du lsabel Goldsmiths Gesicht gesehen, als Brenda die Geschichte erzählt hat, wie sie mit einem Mann ins Wochenende gefahren ist, den sie in einer Bar aufgelesen hatte? Ich wollte verhindern, dass sie sämtliche Männer aufzählt, die ihr Mann in seinen Scheidungspapieren genannt hat, aber vergeblich.

Andauernd heißt es: ›Damals, als ich mit Soundso zusammenlebte‹, und ›Das war die Zeit, in der ich die Affäre mit Dingsbums hatte‹. Ältere Herrschaften finden das schon ein bisschen verstörend, weißt du.« «Na, wir sind aber keine älteren Herrschaften«, meinte Laura,»und denken hoffentlich ein bisschen großzügiger.

Du magst sie doch, oder?« Ich war immer sehr liebenswürdig zu meiner Frau. Als Tochter von sehr klugen, dominanten Eltern, die sie immer klein gemacht hatten, wuchs sie mit einem permanenten Minderwertigkeitsgefühl auf. Sie ist das typische Opfer, beschwört es geradezu herauf, dass man sie herumkommandiert, weshalb ich mich bemüht habe, sie nie herumzukommandieren, ja auch nie mit ihr über Kreuz zu geraten. Also sagte ich bloß, Brenda sei schon in Ordnung und ich sei froh, nachdem ich den ganzen Tag außer Haus war, dass sie eine gleichaltrige Freundin gefunden habe.

Wenn Brenda nur während des Tages mit ihr befreundet und ihre vertraute Gefährtin gewesen wäre, hätte ich ja auch überhaupt nichts dagegen gehabt. Ich hätte mich an die Tatsache gewöhnt, dass Laura tagaus, tagein Geschichten über eine ihr unbekannte Welt lauschte, dass sie sich anhörte, wie verbotener Sex und Doppelzüngigkeit verherrlicht wurden, und hätte mir sicher sein können, dass sie sich nicht verderben ließ. Doch musste ich Brenda selbst ertragen, wenn ich nach einem langen Arbeitstag abends nach Hause kam. In ihren Seidenhosen oder einem langen Rock mit hohen Stiefeln saß sie bequem auf unserem Sofa und rauchte eine Zigarette nach der anderen.

Oder kam mit einer Flasche Wein daher, wenn wir uns gerade zum Abendessen hingesetzt hatten, und verwickelte uns in eine ihrer Lieblingsdebatten über Fragen wie» Ist die Ehe eine aussterbende Institution?« oder» Braucht man überhaupt Eltern?«. Und um eines ihrer fadenscheinigen Argumente zu untermauern, kam sie mit irgendeiner persönlichen Erfahrung daher, über die sich unsere betagteren Freunde so aufgeregt hatten.

Ich war natürlich nicht verpflichtet, dabei zu bleiben.

Unser Haus ist ziemlich groß, und ich konnte ja ins Esszimmer gehen oder in den Raum, den Laura mein Arbeitszimmer nennt. Ich wollte aber bloß das, was ich früher auch gehabt hatte, nämlich abends mit meiner Frau allein sein. Noch schlimmer war es, wenn wir von Brenda zum Kaffee oder auf einen Drink in ihr üppig eingerichtetes, verschwenderisch dekoriertes Cottage geladen wurden, um ihre neueste Kreation gezeigt zu bekommen — andauernd stickte und webte und töpferte sie etwas oder hantierte mit Wasserfarben herum —, wo sie uns auch die Geschenke vorführte, die sie irgendwann von Mark, Larry oder Paul und den zahllosen anderen Männern in ihrem Leben bekommen hatte. Wenn ich mich weigerte hinzugehen, reagierte Laura nervös und niedergeschlagen und war dann wieder himmelhoch jauchzend, wenn ich nach ein paar herrlichen brendalosen Abenden ihr zuliebe den Vorschlag machte, doch mal bei der guten alten Brenda vorbeizuschauen.

Was mich aufrecht hielt war die Gewissheit, dass sich eine beim anderen Geschlecht offensichtlich so beliebte Frau früher oder später einen Freund suchen würde und dann weniger oder gar keine Zeit für meine Frau mehr hätte. Ich wunderte mich, weshalb das nicht schon passiert war, und äußerte mich dementsprechend Laura gegenüber.

«Sie trifft sich schon mit ihren Freunden, wenn sie nach London fährt«, sagte meine Frau.

«Sie bringt aber nie einen hierher«, erwiderte ich, und als Brenda an dem Abend eine üppig ausgeschmückte Geschichte über einen mit ihr bekannten Kunstmaler namens Laszlo zum Besten gab, der schrecklich attraktiv war und sie anhimmelte, sagte ich, ich würde ihn gern mal kennen lernen, und wieso sie ihn übers Wochenende nicht mal einlud?

Brenda ließ ihre langen, grün bemalten Fingernägel aufblitzen und warf Laura einen verschwörerischen Blick von Frau zu Frau zu.»Was würden denn die ganzen alten Knacker sagen, möchte ich wissen?« «Davon wirst du dich doch nicht beirren lassen, Brenda«, sagte ich.

«Aber nein. Dann haben sie was zu quatschen. Mir ist doch klar, dass die nur neidisch sind. Ich würde Laszlo sofort einladen, aber er würde nicht kommen. Er hasst das Landleben, er würde sich zu Tode langweilen.« Anscheinend hassten Richard, Jonathan und Stephen das Landleben ebenfalls oder würden sich langweilen oder konnten die Zeit nicht erübrigen. Da war es doch viel besser, dass Brenda hinfuhr und sich in der Stadt mit ihnen traf. Mir fiel auf, dass Brenda nach meinen Fragen über Laszlo öfter nach London fuhr und die Geschichten über ihre Eskapaden nach diesen Besuchen immer ausgefallener wurden. Ich halte mich für einen recht genauen Beobachter, und bald begann eine Vorstellung in meinem Kopf Gestalt anzunehmen, die so abwegig war, dass ich sie mir eine Zeit lang nicht einmal selbst eingestehen wollte. Aber ich prüfte sie nach. Anstatt Brenda bloß zuzuhören und gelegentlich eine etwas säuerliche Bemerkung einzustreuen, begann ich ihr Fragen zu stellen. Ich hakte bei Namen und Daten nach.»Hattest du nicht gesagt, du hättest Mark in Amerika kennen gelernt?«, meinte ich dann, oder:»Aber du warst doch sicher erst nach deiner Scheidung mit Richard im Urlaub?«Ich verstrickte sie in Widersprüche, ohne dass sie es merkte, und auf einmal erschien mir meine Vorstellung gar nicht mehr so abwegig. Der ultimative Test kam an Weihnachten.

Ich hatte bemerkt, dass Brenda sich völlig anders verhielt, wenn sie mit mir allein war, als wenn Laura dabei war. Wenn Laura beispielsweise draußen in der Küche beim Kaffeekochen war oder, was an Wochenenden manchmal vorkam, Brenda unerwartet hereinschneite, wenn Laura ausgegangen war, benahm sie sich mir gegenüber ziemlich kühl und scheu. Dann war es vorbei mit den ausladenden Gesten und den provozierenden Bemerkungen, und Brenda redete genauso banal über Dorfgeschichten wie lsabel Goldsmith. Nicht gerade das Verhalten, das man von einer selbst ernannten Messalina erwarten würde, die mit einem jungen und einigermaßen sympathischen Mann allein ist. Mir kam plötzlich der Gedanke, dass Brenda damals, als sie noch zu Dorffesten eingeladen wurde, oder auch heute, wenn sie auf unseren Partys Nachbarn begegnete, niemals zu flirten versucht hatte. Waren ihr etwa alle Männer zu alt und nicht die Mühe wert? War ein schlanker, ansehnlicher Mann, der auf die Fünfzig zuging, etwa so alt, dass er von einer Frau, die die Dreißig auch schon hinter sich hatte, nicht länger als Freiwild betrachtet wurde? Zwar waren sie alle verheiratet, aber das waren ihr Paul und ihr Stephen auch gewesen, und wenn man ihr glauben konnte, hatte sie da auch keinerlei Gewissensbisse gehabt, sie ihren Frauen abspenstig zu machen.

Wenn man ihr Glauben schenken konnte! Das war nämlich der springende Punkt. Weihnachten wollte keiner mit ihr verbringen. Kein Londoner Liebhaber lud sie zu einer Party ein oder bot an, mit ihr irgendwohin zu fahren.

Also wäre sie natürlich bei uns zu Gast, zum Mittagessen am Weihnachtstag, und zwar den ganzen Tag lang, und auch am zweiten Weihnachtsfeiertag, den wir immer mit Verwandten und Freunden verbrachten. Ich hatte bei uns im Hauseingang einen Strauß Mistelzweige aufgehängt, und weil Laura in der Küche beschäftigt war, ließ ich Brenda am Weihnachtsmorgen selbst herein.

«Fröhliche Weihnachten«, sagte ich.»Wie wär’s mit einem KUSS, Brenda?«Dabei nahm ich sie unter dem Mistelzweig in die Arme und küsste sie auf den Mund. Sie erstarrte. Ich könnte schwören, dass sie ein Schauder überlief. Sie reagierte so unbeholfen, so verängstigt, so unangenehm berührt wie eine behütete Zwölfjährige. Da wusste ich es. Verheiratet mochte sie zwar gewesen sein – mittlerweile war es auch nicht schwer, den Scheidungsgrund zu erraten —, hatte jedoch nie einen Liebhaber gehabt, in einer Umarmung geschwelgt oder war je länger als unbedingt nötig mit einem Mann allein gewesen. Sie war frigide. Ein gut aussehendes, lebhaftes, gesundes Mädchen — und doch hatte sie dieses eine spezielle Handikap. Sie war kalt wie eine Betschwester.

Weil sie die Demütigung jedoch nicht ertragen konnte, es zugeben zu müssen, hatte sie sich eine Fantasiewelt geschaffen, eine Fantasievergangenheit, in der sie als Fantasienymphomanin die große Dame spielte.

Zunächst hielt ich das Ganze für einen Riesenwitz und konnte es kaum erwarten, Laura davon zu erzählen. Ich war aber erst um zwei Uhr morgens mit ihr allein, und als ich ins Bett kam, schlief sie bereits. Ich konnte nicht recht schlafen. Mein Hochgefühl schwand, als mir klar wurde, dass ich eigentlich keine echten Beweise in der Hand hatte und dass Laura, wenn ich ihr erzählte, was ich mit meinen Fragen und Sticheleien bezweckt hatte, nur bitter verletzt wäre und es mir nachtragen würde. Wie könnte ich ihr erzählen, dass ich ihre beste Freundin geküsst hatte und abgeblitzt war? Dass ich in ihrer Abwesenheit versucht hatte, mit ihrer besten Freundin zu flirten, und einen Korb bekommen hatte? Und dann, nachdem ich einige Zeit darüber nachgedacht hatte, wurde mir klar, was ich tatsächlich aufgedeckt hatte: nämlich dass Brenda Männer hasste, dass kein Mann kommen und sie mitnehmen oder heiraten oder hier mit ihr leben und ihre ganze Zeit in Anspruch nehmen würde. Sie würde für immer allein hier bleiben, einen Katzensprung von uns entfernt wohnen, tagtäglich bei uns ein und aus gehen, und sie und Laura würden gemeinsam alt werden.

Ich hätte natürlich umziehen können. Ich hätte Laura von hier fortbringen können. Von ihren Freundinnen und Freunden? Von unserem Haus und der Landschaft, die sie so liebte? Und wer hätte mir garantiert, dass Brenda nicht ebenfalls umgezogen wäre, um in unserer Nähe zu sein?

Denn inzwischen wusste ich, was Brenda in meiner Frau sah: ein naives, unschuldiges Geschöpf, eine vertrauensselige, immer während gutgläubige Zuhörerin, deren eigene Unerfahrenheit sie davon abhielt, die Lücken und Ungereimtheiten in diesem Mischmasch aus lauter Unsinn zu erkennen, und deren rührende Entschlossenheit, sich weltläufig zu geben, sie davon abhielt, mit Abscheu zu reagieren. Als der Morgen dämmerte und ich die neben mir schlafende Laura liebevoll und besorgt betrachtete, wurde mir klar, was ich zu tun hatte, was mir als Einziges zu tun übrig blieb. In einer Zeit, wo auf Erden Frieden und Wohlgefallen herrschten, beschloss ich, um meines eigenen und Lauras Wohles und Friedens willen Brenda Goring zu töten.

Das war leichter beschlossen als getan. Was mich beflügelte und bestärkte, war das Bewusstsein, dass ich in den Augen der anderen kein Motiv hätte. Unsere Nachbarn fanden es wunderbar menschenfreundlich und tolerant von uns, dass wir uns überhaupt mit Brenda abgaben. Ich beschloss, ausgesprochen nett zu ihr zu sein anstatt einfach bloß unverbindlich locker, und nach Neujahr machte ich es mir zur Gewohnheit, auf meinem Rückweg von der Post oder vom Dorflädchen bei Brenda vorbeizuschauen, und wenn ich von der Arbeit kam und Laura zu Hause allein antraf, fragte ich, wo denn Brenda sei, oder schlug vor, sie unverzüglich anzurufen und zum Abendessen oder auf einen Drink einzuladen. Laura war höchst zufrieden.

«Ich hatte immer das Gefühl, du könntest Brenda nicht recht leiden, Liebling«, sagte sie.»Ich habe mir deswegen ziemliche Vorwürfe gemacht. Es ist schön, dass du allmählich siehst, wie nett sie im Grunde ist.« Was ich jedoch eigentlich zu sehen begann, war eine Möglichkeit, sie umzubringen und ungestraft davonzukommen, denn es geschah etwas, was sie mir gewissermaßen in die Hände spielte. In einem abgelegenen Cottage am Dorfrand lebte eine ältere, unverheiratete Frau namens Peggy Daley, und in der letzten Januarwoche brach jemand in ihr Cottage ein und erstach Peggy mit ihrem eigenen Küchenmesser. Die Polizei hielt es anscheinend für das Werk eines Psychopathen, denn es war nichts gestohlen oder beschädigt worden. Als sich abzuzeichnen begann, dass man den Mörder wohl nicht finden würde, überlegte ich, wie ich Brenda auf die gleiche Weise umbringen könnte, damit es aussah, als wäre der Mord vom gleichen Täter ausgeführt worden. Während ich noch dabei war, diesen Plan auszuarbeiten, erkrankte Laura an einer Grippe, die sie sich bei Mary Williamson eingehandelt hatte.

Natürlich kam Brenda, um sie zu pflegen, kochte mir das Essen und machte das Haus sauber. Weil alle glaubten, Peggy Daleys Mörder treibe sich noch im Dorf herum, begleitete ich Brenda abends nach Hause, obwohl ihr Cottage bloß ein paar Meter weiter oben an der Dorfstraße oder dem schmalen Fußweg lag, der am unteren Ende unseres Gartens verlief. Dort war es stockfinster, da wir uns alle heftig gegen die Installation einer Straßenbeleuchtung gewehrt hatten. Belustigt und mit einer gewissen Ironie bemerkte ich, wie Brenda zusammenzuckte und zurückwich, wenn ich sie bei diesen Gelegenheiten zwang, meinen Arm zu nehmen. Ich legte immer Wert darauf, mit ihr ins Haus hineinzugehen und sämtliche Lichter einzuschalten. Als es Laura allmählich besser ging und sie abends bloß schlafen wollte, ging ich manchmal etwas früher zu Brenda, trank noch ein Gläschen mit ihr und gab ihr einmal beim Abschied einen freundschaftlichen KUSS auf der Türschwelle, um eventuell zusehenden Nachbarn zu zeigen, was für gute Freunde wir waren und wie sehr ich Brendas liebevolle Betreuung meiner kranken Frau zu schätzen wusste.

Dann bekam ich selbst Grippe. Dieser Umstand schien meine Pläne zunächst zu durchkreuzen, denn einen allzu langen Aufschub konnte ich mir nicht leisten. Die Leute fingen schon an, sich weniger vor unserem marodierenden Mörder zu hüten, und kehrten zu ihrer alten Gewohnheit zurück, ihre Hintertüren unverschlossen zu lassen. Doch dann kam mir eine Idee, wie ich meine Krankheit in einen Vorteil verwandeln konnte. An jenem Montag, als ich bereits seit drei Tagen ans Bett gefesselt war und Brenda, dieser Krankenpflegeengel, mich fast genauso bemutterte, wie meine eigene Frau es tat, meinte Laura, sie würde an dem Abend nicht wie ausgemacht zu den Goldsmiths hinübergehen. Lieber wolle sie am Mittwoch gehen, falls es mir bis dahin besser ginge, denn sie hatte vor, lsabel beim Zuschneiden eines Kleides zu helfen. Nun hätte Brenda natürlich anbieten können, an ihrer Stelle bei mir zu bleiben, und ich glaube, Laura war etwas überrascht, dass sie es nicht tat. Ich aber kannte den Grund und lachte mir ins Fäustchen. Einerseits fand Brenda nichts dabei, umherzustolzieren und uns Geschichten über all die Männer aufzutischen, die sie schon gepflegt hatte, etwas ganz anderes aber war es, sich mit einem nicht sonderlich kranken Mann in dessen Schlafzimmer aufzuhalten.

Um mir ein Alibi zu verschaffen, musste ich also ziemlich krank wirken, aber nicht so krank, dass Laura deswegen zu Hause blieb. Am Mittwochmorgen fühlte ich mich schon bedeutend besser. Dr. Lawson schaute auf dem Rückweg von seinen Hausbesuchen nachmittags vorbei und verkündete nach ausführlicher Untersuchung, dass ich immer noch Schleim auf der Brust habe. Während er sich im Badezimmer die Hände wusch und mit seinem Stethoskop hantierte, hielt ich das Fieberthermometer, das er mir in den Mund gesteckt hatte, an den Heizkörper am Kopfende des Bettes. Es funktionierte besser als erhofft, eigentlich fast zu gut. Das Quecksilber schnellte auf vierzig Grad hoch, und ich tat noch ein Übriges, indem ich mit schwacher Stimme behauptete, mir sei schwindlig und ich hätte abwechselnd Schweißausbrüche und Schüttelfrost.

«Behalten Sie ihn im Bett«, sagte Dr. Lawson,»und geben Sie ihm genügend Warmes zu trinken. Ich glaube nicht, dass er aufstehen könnte, selbst wenn er wollte.« Mit etwas betretener Miene gestand ich, dass ich es versucht hätte, aber vergeblich, und dass meine Beine sich wie Wackelpudding anfühlten. Sofort meinte Laura, dann würde sie abends nicht aus dem Haus gehen, und ich pries Lawson insgeheim für seine Erwiderung, sie solle doch keinen Unsinn reden. Ich brauchte einfach nur Ruhe, und man solle mich schlafen lassen. Nach einigem Hin und Her, Selbstvorwürfen und dem Versprechen, höchstens zwei Stunden wegzubleiben, ging sie um sieben schließlich aus dem Haus.

Sobald der Wagen davongefahren war, stand ich auf.

Man konnte Brendas Haus von meinem Schlafzimmerfenster aus sehen, und ich stellte fest, dass sie Licht anhatte, aber keine Lampe am Hauseingang brannte. Es war eine dunkle, mond- und sternenlose Nacht. Ich zog Hosen und Pullover über meinen Schlafanzug und ging die Treppe hinunter.

Auf halbem Wege etwa wurde mir klar, dass ich mein Kranksein nicht hätte vorschützen müssen und mir den Trick mit dem Thermometer hätte sparen können. Ich war wirklich krank. Ich zitterte und wankte, immer wieder überströmten mich Schwindelwellen, und ich musste mich Halt suchend am Treppengeländer festklammern. Und das war nicht das Einzige, was schief gegangen war. Ich hatte vorgehabt, nach vollbrachter Tat zu Hause gleich meinen Mantel und die Handschuhe mit Lauras elektrischer Schere zu zerschneiden und die Fetzen im Kaminfeuer in unserem Wohnzimmer zu verbrennen. Doch dann konnte ich die Schere nicht finden, und mir ging auf, dass Laura sie wohl zu ihrer Schneidersitzung mitgenommen hatte.

Schlimmer noch, im Kamin brannte gar kein Feuer.

Unsere Zentralheizung funktionierte sehr gut, und Kaminfeuer machten wir nur zum Vergnügen und weil es so behaglich war. Laura hatte sich nicht die Mühe gemacht, es anzuzünden, während ich oben krank lag. In dem Moment wollte ich fast schon aufgeben. Doch dann sagte ich mir, jetzt oder nie. Solche Umstände und so ein Alibi würden sich nie wieder bieten. Entweder ich bringe sie jetzt um, dachte ich, oder verbringe den Rest meines Lebens in einer verhassten ménage à trois.

Die Regenmäntel und Handschuhe, die wir zur Gartenarbeit benutzten, bewahrten wir in einem Küchenschrank neben der Hintertür auf. Laura hatte nur im Hausflur Licht brennen lassen, und ich hielt es für unklug, weitere Lampen einzuschalten. Im Halbdunkel kramte ich im Schrank nach meinem Regenmantel, fand ihn und zog ihn an. Er kam mir etwas eng vor, weil mein Körper so steif und verschwitzt war, doch gelang es mir, ihn zuzuknöpfen. Dann streifte ich die Handschuhe über, nahm eins unserer Küchenmesser mit und schlüpfte durch die Hintertür hinaus. Es war keine frostige Nacht, aber nasskalt, unwirtlich und feucht.

Ich ging durch den Garten, das Dorfsträßchen hinauf und in den Garten vor Brendas Cottage. Ich musste mich seitlich um das Haus herumtasten, weil nirgends Licht brannte. Doch das Küchenlicht war an und die hintere Tür nicht abgesperrt. Ich klopfte und trat einfach ein, ohne abzuwarten, dass mich jemand dazu aufforderte. In voller Abendmontur, mit Glitzerpulli, vergoldeter Halskette und langem Rock stand Brenda da und kochte sich ihr einsames Abendessen. Und plötzlich, zum allerersten Mal, als es schon nicht mehr darauf ankam, empfand ich Mitleid mit ihr. Da stand sie nun — eine attraktive, reiche, talentierte Frau mit dem Ruf einer Verführerin, und in Wirklichkeit hatte sie genauso wenig Menschen, die sie wirklich gern hatten, wie die alte Peggy Daley. Da stand sie, wie für eine Party herausgeputzt, in der Küche eines Cottage hinterm Mond und wärmte sich Spaghetti aus der Dose auf.

Sie drehte sich um und musterte mich furchtsam, aber wahrscheinlich nur, weil sie immer Angst hatte, wenn wir allein waren, ich würde ihr zu nahe kommen wollen.

«Du solltest doch im Bett bleiben!«, sagte sie, und dann:

«Wieso hast du denn diese Sachen an?« Ich gab ihr keine Antwort. Ich stach ihr wieder und wieder in die Brust. Sie ließ keinen Laut hören, nur ein leises ersticktes Stöhnen, brach zusammen und sank zu Boden. Obwohl ich schon gewusst hatte, wie es sich abspielen würde, es ja erhofft hatte, war der Schock doch groß, und da mir sowieso schon schummrig und komisch gewesen war, hätte ich mich am liebsten auch hingeworfen, die Augen zugemacht und geschlafen. Das war aber ausgeschlossen. Ich schaltete den Herd aus, vergewisserte mich, dass kein Blut auf meinen Hosen und Schuhen klebte, obwohl der Regenmantel voll damit war, und stolperte nach draußen, nicht ohne hinter mir das Licht auszuschalten.

Ich weiß nicht, wie ich den Weg zurück fand, so dunkel war es, und inzwischen war mir auch sehr schwindlig, und ich hatte heftiges Herzklopfen. Ich besaß noch genug Geistesgegenwart, den Regenmantel und die Handschuhe auszuziehen und beides in unseren Verbrennungsofen im Garten zu stecken. Am nächsten Morgen würde ich meine ganze Kraft zusammennehmen und die Sachen verbrennen müssen, bevor Brendas Leiche gefunden wurde. Das Messer wusch ich ab und legte es zurück in die Schublade.

Ich war gerade fünf Minuten im Bett, als Laura zurückkam. Sie war nicht einmal eine halbe Stunde weg gewesen. Ich drehte mich herum und schaffte es, mich aufzustützen und sie zu fragen, wieso sie schon so bald wieder da sei. Sie wirkte seltsam aufgeregt, fand ich.

«Was ist denn los?«, murmelte ich.»Hast du dir um mich Sorgen gemacht?« «Nein«, sagte sie,»nein. «Sie kam aber nicht näher oder legte mir die Hand auf die Stirn.»Es war bloß — lsabel Goldsmith sagte mir etwas — da habe ich mich aufgeregt – ich … Es hat keinen Zweck, jetzt darüber zu reden, wo du so krank bist. «In einem scharfen Tonfall, den ich bei ihr noch nie gehört hatte, sagte sie:»Kann ich dir irgendwas bringen?« «Ich will einfach bloß schlafen«, sagte ich.

«Ich schlafe dann im Gästezimmer. Gute Nacht.« Das war zwar recht vernünftig, doch hatten wir während unserer ganzen Ehe noch nie getrennt geschlafen, und sie konnte ja wohl kaum befürchten, dass sie sich bei mir ansteckte, schließlich hatte sie die Grippe gerade selbst überstanden. Ich war jedoch nicht imstande, mir darüber Gedanken zu machen, und verfiel in einen unruhigen Fieberschlaf voller Albträume. Einen dieser Träume weiß ich noch. Es ging darum, dass Laura selbst Brendas Leiche fand, eine nicht gerade abwegige Möglichkeit.

Sie fand sie allerdings nicht. Brendas Putzfrau fand sie.

Ich wusste, was passiert sein musste, weil ich von meinem Fenster aus das Polizeiauto heranfahren sah. Ungefähr eine Stunde später kam Laura herein, um mir zu sagen, was sie von Jack Williamson erfahren hatte.

«Es war bestimmt der gleiche Mann, der Peggy umgebracht hat«, sagte sie.

Es ging mir schon besser. Alles klappte gut.»Mein armer Liebling«, sagte ich,»dir muss schrecklich zumute sein, ihr wart ja so eng befreundet.« Sie sagte nichts. Sie zog mein Laken glatt und ging aus dem Zimmer. Ich wusste, dass ich aufstehen und den Inhalt des Ofens im Garten verbrennen musste, konnte aber nicht. Ich streckte meine Füße heraus und wollte den Boden berühren, doch mir war, als käme mir der Boden entgegen und würde mich zurückwerfen. Allzu große Sorgen machte ich mir allerdings nicht. Die Polizei würde denken, was Laura auch dachte, was bestimmt alle dachten.

Nachmittags kamen sie dann, ein Chief Inspector und ein Sergeant. Laura brachte sie in unser Schlafzimmer herauf, und sie sprachen mit uns beiden zusammen. Der Chief Inspector sagte, er habe gehört, wir seien mit der Toten eng befreundet gewesen, und wollte wissen, wann wir sie zum letzten Mal gesehen hatten und was wir am vorigen Abend gemacht hätten. Dann fragte er, ob wir eine Ahnung hätten, wer sie umgebracht haben könnte.

«Dieser Wahnsinnige natürlich, der die andere Frau ermordet hat«, sagte Laura.

«Ich sehe schon, Sie lesen keine Zeitung«, sagte er.

Normalerweise taten wir das. Ich las im Büro gewöhnlich eine Morgenzeitung und brachte eine Abendzeitung mit nach Hause. Doch ich war ja krank zu Hause gewesen. Wie sich herausstellte, war am Morgen des Vortags ein Mann wegen Mordes an Peggy Daley festgenommen worden. Vor Schreck zuckte ich zusammen, und sicher wurde ich auch blass. Den Polizisten schien es aber nicht aufzufallen. Sie dankten uns für unsere Mithilfe, entschuldigten sich für die Störung am Krankenbett und gingen. Als sie weg waren, fragte ich Laura, was lsabel denn zu ihr gesagt hatte, was sie am Abend zuvor so aufgeregt hatte. Sie kam zu mir herüber und legte die Arme um mich.

«Das ist jetzt egal«, sagte sie.»Die arme Brenda ist tot, auf eine schreckliche Art zu Tode gekommen, aber — hm, das klingt jetzt bestimmt sehr böse, aber — es tut mir nicht Leid. Schau mich nicht so an, Liebling. Ich liebe dich, und ich weiß, dass du mich liebst, und nun müssen wir sie vergessen und wieder so sein wie immer. Du weißt, was ich meine.« Das tat ich nicht, war jedoch froh, denn — was auch immer los gewesen war, es war vorbei. Ich hatte schon genug um die Ohren, auch ohne diese Kälte zwischen mir und meiner Frau. Obwohl Laura in jener Nacht neben mir lag, konnte ich wegen der Sachen im Verbrennungsofen kaum schlafen. Am nächsten Morgen bemühte ich mich nach Kräften, so zu tun, als ginge es mir schon viel besser.

Ich zog mich an und verkündete, Lauras Vorhaltungen zum Trotz, ich ginge in den Garten. Die Polizei war schon dort. Sie durchsuchte alle unsere Gärten und grub den von Brenda sogar um.

An dem Tag und auch an den darauf folgenden ließen sie mich in Ruhe, kamen aber einmal ins Haus, um Laura allein zu befragen. Als ich wissen wollte, was sie gesagt hätten, winkte sie bloß ab. Sie dachte vermutlich, es ginge mir noch nicht so gut, dass ich erfahren sollte, sie hätten sich nach meinen Aktivitäten und meinem Verhältnis zu Brenda erkundigt.

«Bloß eine Menge Routinefragen, Liebling«, sagte sie, doch ich war sicher, dass sie sich um mich ängstigte, und eine Barriere aus ihrer Angst um mich und meiner Angst um mich selbst erhob sich zwischen uns. Es scheint unglaublich, aber an jenem Sonntag sprachen wir kaum miteinander, und wenn wir es taten, wurde Brendas Name nicht erwähnt. Abends saßen wir schweigend da, ich hatte den Arm um Laura gelegt, ihr Kopf lag an meiner Schulter, und wir warteten, warteten …

Am Morgen kam die Polizei mit einem Durchsuchungsbefehl. Laura wurde ins Wohnzimmer gebeten, ich sollte im Arbeitszimmer warten. Da wusste ich, dass es nur noch eine Frage der Zeit war. Sie würden das Messer finden und natürlich Brendas Blut darauf entdecken. Ich hatte mich so krank gefühlt, als ich es sauber machte, dass ich mich nun nicht mehr erinnern konnte, ob ich es abgeschrubbt oder nur unter fließendem Wasser gespült hatte.

Nach langer Zeit kam der Chief Inspector allein herein.

«Sie sagten uns, Sie seien ein enger Freund von Miss Goring.« «Ich war locker mit ihr befreundet«, sagte ich und bemühte mich um eine feste Stimme.»Sie war die Freundin meiner Frau.« Er achtete nicht auf meine Bemerkung.»Sie haben uns nicht gesagt, dass Sie mit ihr auf vertrautem Fuße standen, ja dass Sie eine sexuelle Beziehung zu ihr unterhielten.« Nichts, was er hätte sagen können, hätte mich mehr überrascht.

«Das ist völliger Blödsinn!« «Ach ja? Wir haben es aus verlässlicher Quelle.« «Was für einer Quelle denn?«, wollte ich wissen.»Oder gehört das zu den Dingen, die Sie nicht sagen dürfen?« «Ich sehe kein Problem darin, es Ihnen zu sagen«, meinte er leichthin.»Miss Goring selbst hat zwei Freundinnen in London von dieser Tatsache unterrichtet.

Sie erzählte es auch einer Ihrer Nachbarinnen, die sie auf einer Party in Ihrem Hause kennen lernte. Man hat gesehen, dass Sie die Abende allein mit Miss Goring verbrachten, während Ihre Frau krank war, und eine unserer Zeuginnen hat Sie dabei beobachtet, wie sie ihr einen Gutenachtkuss gaben.« Da wusste ich, was lsabel Goldsmith zu Laura gesagt hatte und worüber sie sich so aufgeregt hatte. Welche Ironie, welche Ironie … Warum hatte ich, der ich Brendas Ruf und ihre Geschichten doch kannte, nicht geahnt, welche Schlüsse aus meiner vorgeblichen Freundschaft mit ihr gezogen werden würden? Hier war das Motiv, auf dessen Fehlen ich als letzte Ausflucht gebaut hatte. Es kommt ja vor, dass Männer ihre Liebhaberinnen umbringen, aus Eifersucht, aus Frustration, aus Angst vor Entdeckung.

Ich könnte Brendas Fantasien aber doch zu meinem eigenen Nutzen ummünzen!

«Sie hatte Dutzende von männlichen Freunden, Liebhaber, nennen Sie es, wie Sie wollen. Jeder von denen hätte sie umbringen können.« «Im Gegenteil«, versetzte der Chief Inspector, «abgesehen von ihrem Exmann, der sich in Australien aufhält, konnten wir keinen Mann in ihrem Leben ausfindig machen außer Ihnen.« «Ich habe sie nicht getötet!«, rief ich verzweifelt aus.

«Ich schwöre, ich hab’s nicht getan.« Er wirkte überrascht.»Ach, aber das wissen wir doch.« Zum ersten Mal nannte er mich Sir.»Das wissen wir, Sir.

Niemand klagt Sie wegen irgendetwas an. Wir haben Dr. Lawsons Aussage, dass Sie körperlich nicht in der Lage waren, in jener Nacht Ihr Bett zu verlassen, und der Regenmantel und die Handschuhe, die wir in Ihrem Verbrennungsofen fanden, gehören auch nicht Ihnen.« Das wankende Herumtasten im Dunkeln, die zu kurzen Ärmel des Regenmantels, das Spannen um die Schultern «Wieso hast du denn diese Sachen an?«, hatte sie gefragt, bevor ich sie erstochen hatte.

«Bitte versuchen Sie jetzt, ganz ruhig zu sein, Sir«, sagte er sehr sanft. Doch ich bin seither nie wieder ruhig gewesen. Ich habe immer wieder gestanden, habe schriftlich ausgesagt, Einspruch erhoben, habe getobt, bin mit ihnen in allen Einzelheiten durchgegangen, was ich in jener Nacht gemacht habe, habe geweint. Bei ihm sagte ich gar nichts, konnte ihn bloß fassungslos anstarren.

«Ich bin zu Ihnen gekommen, Sir«, sagte er,»um mir noch einen Sachverhalt bestätigen zu lassen, dessen wir uns schon sicher waren, und um Sie zu fragen, ob Sie Ihre Frau aufs Polizeirevier begleiten wollen, wo man sie des Mordes an Miss Brenda Goring anklagen wird.«

Süße kleine Jenny

von JOYCE HARRINGTON

Joyce Harrington, eine ehemalige Schauspielerin, die, wie am Theater üblich, aus ihrem genauen Alter ein Geheimnis macht, hatte als Autorin von Kriminalliteratur einen starken Einstieg. Ihre allererste Kurzgeschichte,»The Purple Shroud«(Ellery Queen’s Mystery Magazine, September 1972.), gewann den Edgar Award. Im St. James Guide to Crime & Mystery Writers (4. Auflage, 1996) nannte Edward D. Hoch die Geschichte» eine ruhige Erzählung über den Lehrer eines Sommerkurses in Kunst und die Frau, die er betrog, eine Geschichte, die sich zu einem Mordfall von subtilem Terror aufbaut. ›The Plastic Jungle‹, Harringtons zweite Geschichte, ist sogar noch gelungener — die makabre Erzählung über ein Mädchen, das mit seiner Mutter in der heutigen Plastikgesellschaft lebt.« In Jersey City, New Jersey geboren, erhielt Harrington ihre Theaterausbildung am Pasadena Playhouse. EQMM gegenüber erzählte sie,»von Haustürgeschäften bis zum Quartiermeister-Corps der US-Armee «habe sie zahlreiche Jobs für zahlreiche Arbeitgeber ausgeübt. Später schloss sich eine erfolgreiche Karriere in der Werbe- und PR-Branche an.

Harrington hat drei bemerkenswert abwechslungsreiche und beliebte Romane geschrieben — No One Knows My Name (1980; dt. Der letzte Vorhang), ein Theaterkrimi, Family Reunion (1982), eine Spielart des modernen Schauerromans, und Dreemz of the Night (1987), das vor einem selten verwendeten Hintergrund von Graffiti als Kunstform spielt — am bekanntesten ist sie jedoch weiterhin als Autorin von Kurzgeschichten. Obwohl ihre Geschichten bisher noch nicht als Sammlung erschienen sind, ist sie eine Meisterin des Kurzkrimis und kann sich durchaus mit Roald Dahl und Stanley Ellin messen. Eine ihrer charakteristischen Eigenschaften ist die Fähigkeit, in einer Vielfalt von Stilen zu schreiben, darunter auch im ländlichen Dialekt der Erzählweise von» Süße kleine Jenny«.

Ich hab nie eine Mutter gehabt, wenigstens keine, an die ich mich erinnern kann. Ich muss aber mal eine gehabt haben, weil so weit ich weiß, bin ich ja nicht aus dem Ei geschlüpft. Sogar Küken dürfen sich ein Weilchen unter der Henne verkriechen, bevor die sie aus dem Nest schubst. Aber ich hab keine Henne gehabt, wo ich mich hätte verkriechen können oder die mir auf den Kopf gepickt hätte, wenn ich mal Dummheiten gemacht hab.

Nicht, dass ich Dummheiten machen würde. Jedenfalls nicht, solang ich wüsste, dass es eine wär. Vieles von dem, was sich so abspielt, ist mir ein totales Rätsel, ich weiß einfach nicht, was richtig ist und was falsch. Zum Beispiel erinner ich mich, wie Ace — das ist mein ältester großer Bruder, der sich um uns alle kümmert, seit Pop weggegangen ist — also, ich erinner mich, wie der in die Läden in der Stadt Bier ausgefahren hat und der Rübenkeller immer voll mit Sechserpacks war. Eines Tages hab ich ihn gefragt:»Ace, wieso hast du eigentlich den ganzen Keller voll Bier, und ich darf keinen Keller voll Coca-Cola haben? Ich mag kein Bier. «Damals war ich so etwa neun oder zehn Jahre alt und konnte gar nicht genug kriegen von Coke-Cola.

Na, da hat Ace aber bloß gelacht und gesagt:»Süße kleine Jenny«— so haben sie mich alle genannt, sogar wie ich schon ganz erwachsen war —»Süße kleine Jenny, wenn ich einen Coke-Cola-Laster fahren würde, dann könntest du auf einem ganzen Meer davon in den Himmel segeln.

Jetzt trink halt einfach dein Bier und gewöhn dich dran.« Dumm war ich ja nie, obwohl ich in der Schule nicht so gut war, hab also nicht lang gebraucht, um mir auszurechnen, dass Ace fast genauso viel Bier in den Rübenkeller lieferte wie an Big Jumbos kleinen Supermarkt drunten an der Main Street. Fair hab ich es also nicht gefunden, als er, wie sie mich im Laden mit einem Lippenstift in der Tasche geschnappt haben, gleich auf mich los ist und mir vor dem teiggesichtigen Geschäftsführer dort die Hölle heiß gemacht hat. Ich hab bloß dagestanden und ihn angeguckt mit Augen scharf wie Abstechmesser, und wie wir draußen am Laster waren, hab ich zu ihm gesagt:»Was ist denn der Unterschied zwischen einem klitzekleinen Lippenstift und einem Keller voller Bier?« Da grinst er und sagt:»Ist das ’ne Rätselfrage?« Und ich sag:»Nein, aber ich würd’s schon gern wissen.« Und er sagt:»Der Unterschied, süße kleine Jenny, ist der, dass sie dich geschnappt haben.« Also ich bitte Sie!

Es war allerdings doch ganz anders, wie sie ihn dann geschnappt haben. Da hat er geschimpft und geflucht und andauernd mit dem Fuß gegen die Veranda gekickt, bis sie fast vom Haus abgefallen wär, die ganze Zeit, während die Jungs von der Bierfirma das ganze Bier aus dem Rübenkeller hochgeschleppt und wieder auf dem Laster verstaut haben. Als sie wegfuhren, sag ich zu ihm, süß wie Zuckersirup:»Ace, Lieber, was hast du dich denn so?« Und er sagt:»Verdammt, Jenny, die haben mir mein Bier weggenommen. Ich pfeif auf den Job, war sowieso ein Scheißknochenjob, aber für das Bier da hab ich hart gearbeitet, das hätten die mir nich wegnehmen dürfen.« «Aber, Ace«, sag ich und halt seine Hand fest und schwing sie wie ein Springseil,»ist es denn nicht so, dass du das Bier gestohlen hast und sie haben dich geschnappt und du musst es zurückgeben wie ich damals den Lippenstift?« Na, da hat er mich von sich geschleudert, dass ich gegen die alte Waschmaschine geknallt bin, die im Hof steht und drauf wartet, dass einer sie repariert, und hat gebrüllt:

«Was fällt dir ein, ich hab überhaupt nix gestohlen! Das Bier war sozusagen eine Lohnnebenleistung, bloß dass die nicht gewusst haben, dass sie sie leisten. Die zahlen nicht mal genug, dass ordentliche Zopfbänder für dich rausspringen und für mich Biergeld übrig bleibt. Ich hab mir bloß geholt, was mir zusteht.« Also, in dem Punkt hatte er Recht. Ich hatte nichts, was man mit Recht ein Haarband nennen konnte, und musste mir die Zöpfe mit den Schnüren von Deucys alten Bull-Durham-Tabakbeuteln zusammenbinden.

Deucy, das haben Sie vielleicht erraten, ist mein Zweitältester großer Bruder und ein unnützer, fauler Sack, obwohl manche Leute finden, er sieht gut aus und sollte als Filmstar gehen. In der Familienbibel heißt Ace Arthur, und Deucy steht als Dennis drin. Dann gibt’s noch Earl, Wesley und Pembrook. Und schließlich auch noch mich, Jennet Maybelle. Das ist der letzte Name auf der Geburtenseite. Auf der Totenseite steht als letzter Name Flora Janine Taggert. Es ist mit spitzen schwarzen Buchstaben geschrieben, wie wenn die Feder ins Blatt gestochen hätte, und als Datum ungefähr einen Monat oder so, nachdem man meinen Namen auf die Geburtenseite geschrieben hat. Ich weiß, dass das meine Mutter ist, obwohl es mir nie jemand gesagt hat. Mir hat auch nie jemand gesagt, wie sie gestorben ist. Was Pop betrifft, so gibt’s in der Bibel keine Seite für Leute, die sich einfach davonmachen.

Deucy spielt Gitarre und singt und hält sich für Conway Twitty. Behauptet, er geht mal nach Nashville und kommt in ’nem Cadillac mit Leopardenfellpolstern wieder. Das würd ich wirklich gern sehen, obwohl es wahrscheinlich nie dazu kommt. Deucy, der ist doch schon zu faul, von der Verandaschaukel aufzustehen und sich ein Glas Wasser zu holen. Immer heißt es:»Süße kleine Jenny, hol mir mal dies und hol mir mal das. «Aber sich zum Abendessen an den Tisch zu bequemen, dafür ist er nicht zu faul.

Das hält die Mädchen aber nicht davon ab, um ihn rumzuschwirren, ihm Geschenke zu bringen und andauernd dämlich zu grinsen wie das Schweinchen, das die Babywindel gefressen hat. Die hoffen und beten alle, sie sind diejenige, die mit ihm nach Nashville darf und im Cadillac zurückfährt. Und er macht sich nicht die Mühe, die Sache klarzustellen. Sie sollten mal hören, wie die Verandaschaukel im Finstern quietscht. Die sind ja so was von dämlich!

Also, Earl und Wesley, die bemühen sich wenigstens.

Sehen nicht besonders gut aus, obwohl sie das schwarze Taggert-Haar haben und die Taggert-Nase. Ich weiß noch, wie Pop sagte, er wär zum Teil Cherokee und an seinen Söhnen könnte man’s sehen. Während Ace und Deucy aber wie Indianerhäuptlinge aussehen, hat Earl Schielaugen, und Wesley ist von der Kastanie gefallen und hat sich die Nase gebrochen und wegen Scharlach fast alle Haare verloren.

Sie bemühen sich. Fangen zusammen andauernd irgendwelche Geschäfte an.

Einmal war’s ein Eiergeschäft, da hatten wir dann auf dem ganzen Hof Hühner rumlaufen. Sie haben gesagt, sie würden ihre Eier billiger verkaufen als sonst wer in der Gegend und ein Vermögen verdienen, und dann würden wir alle nach Kalifornien gehen und in einem großen Hotel mit Swimmingpool wohnen und brauchten bloß mit den Fingern zu schnippen, dann kämen die Kellner und brächten uns Hamburger. Na ja, die Eier haben die Leute dann schon gekauft, aber irgendwie hatten Earl und Wesley vergessen, dass zweihundert Hühner auch eine Menge Hühnerfutter fressen, und so ist es ihnen nie geglückt, in der Futtermittelhandlung aus den Miesen zu kommen. Ich hätte ihnen sagen können, wie man es macht, nämlich indem man den Eierpreis anhebt und sie als was Besonderes deklariert, damit jeder meint, er müsste unbedingt Taggerts frische Landeier haben, egal, was sie kosten. Aber Earl und Wesley haben mich weggeschubst und gesagt:»Süße kleine Jenny, du bist bloß ein Mädchen und verstehst nichts vom Geschäft. Geh jetzt raus und fütter die Hühner und sammel die Eier ein und mach uns

’nen schönen Pfirsichauflauf zum Abendessen. Vom Geschäftsleben kriegt man ganz schön Hunger.« Na ja, die Futtermittelhandlung hat ihnen dann schon recht bald den Kredit gestrichen, und weil es kein Futter mehr für die Hühner gab, mussten wir so viele wie möglich davon aufessen, bevor sie alle verhungert sind, und das war dann das Ende vom Eiergeschäft. Weil Earl und Wesley beide ein weiches Herz haben und vom Gram gebeugt waren, haben sie es nicht fertig gebracht, auch nur ein einziges Huhn zu schlachten. Ich hab mir dann beim Hühnerhälseumdrehn fast den Arm verrenkt. Früher mochte ich Brathuhn, aber jetzt nicht mehr.

Pembrook, das ist der Gescheite. Der stiehlt nicht und singt nicht und fängt auch keine Geschäfte an. Der geht aufs staatliche College und studiert Rechtsanwalt. Der ist der Einzige, der sich mit mir unterhalten hat, und er fehlt mir. Ich hatte ihn immer mal fragen wollen, was mit unserer Mutter geschehen ist, wie sie gestorben ist und wieso Pop einfach so abgehauen ist. Ich hab mir aber nie ein Herz fassen können.

Paar Mal im Monat schreibt Pembrook mir einen Brief und erzählt mir, wie es im College so läuft. Klingt wirklich gut. Er bekniet mich andauernd, ich soll doch wieder auf die Schule und meinen Abschluss machen und aufs College gehen und lernen, damit was aus mir wird.

Na, würd ich schon ganz gern, aber wer kümmert sich dann um die Jungs? Dass ich in der Schule nicht so gut war, kam daher, weil ich nie Zeit zum Lernen hatte, wo ich mich doch um die Jungs kümmern musste, als wär ich ihre Mutter statt die süße kleine Jenny, wie sie mich immer nennen. Bloß Pembrook nannte mich nie so.

Was anderes, was ich Pembrook immer mal fragen wollte, aber nie gefragt hab: woher es eigentlich kommt, dass ich ausseh wie ein Kanarienvogel im Kuckucksnest.

Pembrook sieht mehr oder weniger aus wie die anderen Jungs, obwohl er sein schwarzes Haar schön sauber hält und auf seiner scharfen Taggert-Nase eine große Brille trägt. Seine Augen sind dunkelbraun wie ihre, und im Sommer wird er in der Sonne immer schön braun. Meine Sommersprossen verstärken sich im Sommer aber bloß, während die Stellen dazwischen rot werden. Und mein Haar, das die meiste Zeit gelb ist wie Lehm, wird immer heller und ringelt sich zu drahtigen Löckchen, wenn ich es nicht flechte. Und dann meine Augen! Die sind gar nicht wie die von den Jungs, sondern grünlich blau oder bläulich grün, je nach Wetter. Und was meine Nase betrifft, könnte die nicht weniger nach Taggert aussehen, wenn’s ein Pumpenschwengel wär. Klein und hässlich, eine Himmelfahrtsnase.

Vielleicht schlage ich ja nach meiner Mutter, obwohl ich das nicht sicher weiß, weil ich sie ja nie zu Gesicht gekriegt oder ein Foto von ihr gesehen hab.

Pembrook findet mich hübsch, aber das kommt bloß daher, weil er mich mag. Pembrook sagt, ich sehe Miss Claudia Carpenter sehr ähnlich, und die gilt als das hübscheste Mädchen in zwei Landkreisen; gesehen hab ich sie aber noch nie, dass ich es vergleichen könnte. Sie ist die Tochter vom einzigen Bankdirektor in der Stadt. Sie ist ungefähr ein Jahr älter als ich und lässt sich hier rum nicht viel blicken. Die haben sie auswärts auf die Schule geschickt, und andauernd macht sie Reisen hierhin und dahin. Kann doch nicht besonders lustig sein, wenn man nie bei sich zu Hause ist. Pembrook hat mir erzählt, unsere Mutter hätte früher bei den Carpenters im Haushalt ausgeholfen, auf Partys und so oder wenn das normale Hausmädchen bei denen krank wurde. Vielleicht könnte ich auch so eine Arbeit finden und ein bisschen Geld beiseite legen, bloß für den Fall, dass ich doch mal das mache, was Pembrook sagt.

An etwas kann ich mich noch von Pop erinnern, bevor er wegging. Er hat mir immer Geschichten erzählt. Dazu hat er sich in seinen großen, dunkelbraunen Sessel gesetzt, mich auf den Schoß genommen und gesagt:»Also, hör zu.

Jetzt kommt eine Geschichte über ein böses, kleines Mädchen. «Es war jedes Mal eine andere Geschichte, aber immer ist es um ein Mädchen namens Böse Penny gegangen. Sie war hässlich und gemein und boshaft, und niemand konnte sie leiden. Immer hat sie Ärger gemacht, und am Ende wurde sie immer bestraft. Mal haben die Schweine sie aufgefressen, und mal ertrank sie im Bach.

Einmal wurde sie von der Scheibenegge in kleine Stückchen zerhäckselt, und ein andermal fiel sie in den Getreidespeicher und erstickte im Weizen. Sie ist aber immer wieder zurück gekommen, gemein und fies wie immer, und deshalb hieß sie Böse Penny. Nach der Geschichte brachte Pop mich dann immer in mein Zimmer rauf und ins Bett.

Mir gefielen die Geschichten, obwohl sie mir auch ein bisschen Angst gemacht haben. Ich wusste zwar, dass Schweine keine kleinen Mädchen fressen, um den Schweinestall herum war ich aber ziemlich vorsichtig.

Heute halten wir keine Schweine mehr, aber damals, als wir ein paar hatten, musste ich ihnen immer den Schweinetrank rausbringen.

Na, und dann kam es ganz schlimm, als Ace die Tankstelle an der Kreuzung drunten ausraubte und Junior Mulligan ihn erkannte, der damals gerade zufällig seinen Pickup auftankte und Ace nicht mehr leiden konnte, seitdem die beiden zusammen beim Jagen gewesen waren und Ace behauptet hatte, es wär sein Hirsch gewesen, und Junior in den Dead Man’s Gully gestoßen und ihm das Bein gebrochen hatte. Junior ging also gleich zur Polizei, und die kamen an und zerrten Ace aus dem Red Rooster Café, wo er allen Bier und hart gekochte Eier spendiert hatte.

Es war traurig und einsam zu Hause ohne Ace, der sonst immer für Aufregung gesorgt hatte, und auch still, weil Deucys Gitarre im Pfandhaus war und er deswegen vor lauter Kummer keinen einzigen Ton singen konnte. Earl und Wesley versuchten, in der Umgebung Versicherungen zu verkaufen, aber von den Leuten, die wir kannten, konnte sich keiner eine kaufen, und die Leute, die wir nicht kannten, wollten nicht. Da musste also ich mir was einfallen lassen.

Ich kam auf meine Idee zurück, als Hausmädchen zu gehen wie unsere Mutter, was Pembrook mir ja erzählt hatte. Es machte mir nichts aus, bei jemand anderem im Haushalt zu arbeiten, obwohl Deucy meinte, es wär unwürdig und würde sich nicht schicken für eine Taggert.

Soweit ich sehen konnte, fand Deucy jede Art von Arbeit unwürdig, außer vielleicht die Verandaschaukel ausleiern.

Eines Morgens habe ich mich also von oben bis unten gewaschen, auch die Haare, mir die Fußnägel geschnitten, damit ich Schuhe anziehen konnte, mir dann eins von den Kleidern meiner Mutter aus dem Schrank auf dem Dachboden geholt und mich fertig gemacht für einen Besuch bei Mrs. Carpenter. Das Kleid passte mir recht gut, obwohl es ein bisschen lang war und auch recht eigenartig aussah zu meinen hohen Schnürturnschuhen, aber weil ich nichts anderes hatte, musste es eben gehen.

Ich ging zu Fuß in die Stadt und wedelte mir mit dem Rock von Zeit zu Zeit Luft zu und blies vorn in den Ausschnitt, damit der Schweiß auf den grünen und weißen Tupfen keine Flecken machte. Ich erreichte das Haus der Carpenters, bevor die Sonne halb am Himmel stand, ungefähr zu der Zeit, wo Deucy sich aus dem Bett wälzte und nach Kaffee brüllte. Nun, an diesem Morgen würde er sich eben selber was zum Frühstück suchen müssen. Ich blieb eine Weile so stehen, die Hand am eisernen Tor, und blickte zu dem Haus hinauf. Es war riesig, leuchtete weiß wie eine Hochzeitstorte und hatte bestimmt zwei Dutzend Fenster allein auf der Vorderseite. Es stand ein bisschen nach hinten versetzt, und davor lag ein so grüner Rasen, wie ich ihn noch nie gesehen hatte, der sich bis zu einer Reihe von stacheligen Büschen an der Veranda hinzog.

Ich hatte es schon öfter gesehen, wenn Ace mich im Bierlaster mitgenommen hatte und mir erzählte, er musste bloß mal eine Bank ausrauben, dann würden wir in dieser Gegend neben den reichen Leuten wohnen. Ich hatte es mir aber nie richtig aus der Nähe angeschaut, weil ich mir schon dachte, dass er einen Witz machte. Jetzt guckte ich hin, bis ich anfing zu zittern, und überlegte, ob ich gleich direkt an die Haustür marschieren oder hintenherum schleichen sollte. So lang stand ich dort, dass es sich anfühlte, als hätten meine Füße auf dem Gehweg Wurzeln geschlagen, und wenn ich mich bloß hätte losreißen können, wäre ich nach Hause gerannt und hätte mich nicht mehr weggerührt.

Aber als mir einfiel, dass bloß noch ein knappes halbes Pfund Kaffee übrig war und gerade genug Mehl für ein Blech weiche Brötchen, zog ich das eiserne Törchen auf und steuerte auf die große Haustür zu. Es kam mir so vor, als würde ich eine Stunde lang den Fußweg hinaufgehen; meine Füße fühlten sich an wie riesiggroße Floßbretter, und mein Haar hüpfte aus den Zöpfen, die ich so ordentlich geflochten hatte. Aber schließlich gelangte ich auf die Veranda am Haus, hielt den Finger auf die Türglocke und hörte, wie es drinnen ding-dong machte.

Ich wartete. Aber die Tür blieb geschlossen.

Es war eine hübsche Tür, weiß gestrichen wie der Rest des Hauses, und ich guckte mir jedes Paneel und den großen Türknauf aus Messing und den Briefkasten daneben ganz genau an, während ich wartete. Ich überlegte, ob ich vielleicht noch mal klingeln sollte.

Vielleicht war niemand zu Hause. Vielleicht war ich den ganzen Weg umsonst gekommen. Die würden mich wahrscheinlich gar nicht als Hausmädchen haben wollen, auch wenn sie zu Hause waren. Das grün-weiße Kleid hing schlaff um meine Schienbeine herum, und meine Turnschuhe waren voller Straßenstaub. Vielleicht sollte ich einfach nach Hause gehen und abwarten, bis mir eine bessere Idee kam.

Ich wandte mich ab und wollte gerade die Verandatreppe hinuntergehen, als ich hinter mir die Tür aufgehen und es plötzlich scharf wie einen Blauhäher keckem hörte:»Ja?« Ich drehte mich um und sah, wie mich eine groß gewachsene, magere Frau mit einer so steilen Falte zwischen den Augen anstarrte, dass ich trotz der Hitze zittern musste.»Miz Carpenter?«, sagte ich.

«Ja, ich bin Mrs. Carpenter. Und wer bist du? Was willst du? Ich bin sehr beschäftigt.« Mein Hals schnürte sich zusammen, und ich konnte nicht schlucken, und wie ich dann sagte:»Ich bin gekommen, um bei Ihnen das Hausmädchen zu machen«, da dachte ich, sie könnte mich vielleicht nicht hören, weil ich mich selber nicht hören konnte.

«Was?«, fragte sie.»Rede lauter. Was soll das mit dem Hausmädchen?« «Wegen dem bin ich gekommen«, sagte ich.»Wenn Sie mich nehmen.« «Na, sieh mal einer an!«, sagte sie und zeigte alle ihre gelben Zähne.»Du kommst ja wie gerufen! Wo kommst du denn plötzlich her, und wer hat dich geschickt? Ach, ist ja egal. Komm herein und fang gleich an. Du siehst kräftig aus. Ich hoffe bloß, du bist auch guten Willens.« «Ja, Madam«, sagte ich, und flugs zerrte sie mich durchs Haus und in die Küche direkt ans Spülbecken, wo mehr Geschirr stand, als ich im Leben je gesehen hatte, und alles schmutzig.

«Fang einfach gleich an«, sagte sie.»Die Spülmaschine ist da drüben. Ich bin in ein paar Minuten wieder da.« Also, im Warenkatalog von Sears Roebuck hatte ich schon mal Spülmaschinen gesehen, hatte aber noch nie direkt vor einer gestanden. Was die machen sollte, wusste ich. Ich war mir bloß nicht ganz sicher, was ich machen sollte. Und außer meinen eigenen beiden Händen traute ich auch nichts so recht. Also hab ich das Geschirr so sauber wie möglich gemacht, bevor ich es in die Maschine tat, bloß für den Fall, dass wir uns missverstanden hatten.

Es war das schönste Geschirr, das ich je gesehen hatte, auch wenn alles mit angetrockneter Soße verklebt war.

Nach ein paar Minuten kam Mrs. Carpenter mit einem Paar schwarzer Schuhe und einem weißen Kleid wieder.

Sie ließ sich auf einen Küchenstuhl fallen und lächelte mich an.»Wie heißt du denn, mein Kind?« «Jennet Maybelle.« Das mit Taggert ließ sie mich gar nicht mehr sagen, sondern redete einfach weiter.

«Na gut, ich werde dich Jenny nennen. Diese dumme Gans Marcelline hat mich gestern Abend mitten in einer Dinnerparty im Stich gelassen, und ich wollte gerade herumtelefonieren, als du reingeschneit kamst. Ich zahle dir fünf Dollar pro Tag, dazu Mahlzeiten und Haustracht, aber wenn du was kaputtmachst, musst du’s bezahlen, sei also vorsichtig mit dem Geschirr. Die Teller kosten zwanzig Dollar das Stück.« Ich stellte den Teller hin, den ich gerade in der Hand hatte, und überlegte, aus was der wohl gemacht war. Er sah nicht so aus, als wär er aus massivem Gold. Die Teller bei uns zu Hause waren alt und hatten Sprünge und waren schon immer da gewesen, so lange ich mich erinnern konnte. Was die gekostet hatten, wusste ich nicht. Wenn einer kaputtging, schmissen wir ihn einfach zusammen mit dem ganzen anderen Abfall in den Bach hinterm Haus.

Mrs. Carpenter redete immer noch.»Also, diese Turnschuhe hier kannst du im Haus nicht anlassen. Ich habe dir ein Paar von Claudias alten Schuhen mitgebracht, vielleicht passen die. Und diese Haustracht ist dir vielleicht ein bisschen zu groß, du bist ja ein mageres kleines Ding, aber wir können sie vielleicht mit einem Gürtel zusammenziehen.« Das fand ich ziemlich daneben, dass sie mich mager nannte, wo sie selber wie eine Bohnenstange aussah. Ich sagte aber nichts. Die Schuhe sahen hübsch aus mit dem kleinen Absatz und glänzten schwarz, und die Haustracht war frisch gestärkt und sauber.

Sie hörte kurz auf zu reden und begann mich aufmerksam zu mustern.»Habe ich dich nicht schon mal irgendwo gesehen?«, meinte sie dann.»Ich könnte schwören, dein Gesicht kommt mir bekannt vor. Wo bist du denn her?« Ich deutete in Richtung nach Hause und sagte:»Von der Clinch Valley Road. «Ich wollte ihr eigentlich erzählen, dass meine Mutter mal als Hausmädchen bei ihr gearbeitet hatte, aber sie ließ mir gar keine Chance dazu. Sie sprang auf, ließ die Schuhe auf dem Boden und das Kleid auf dem Stuhl und schüttelte den Kopf.

«Ich kenne gar niemanden dort draußen. Du kannst dich dahinten umziehen. «Mit einem Handschwenken wies sie auf eine Tür auf der anderen Seite der Küche.»Und wenn du mit dem Geschirr fertig bist, bin ich oben. Ich werde dir zeigen, wie die Schlafzimmer gemacht werden.« Der Tag schritt voran. Ich zerbrach kein Geschirr und knobelte selber aus, welchen Knopf ich drücken musste, um die Maschine in Gang zu setzen. Es versetzte mir einen ganz schönen Schreck, als es hinter der geschlossenen Klappe heftig zu rucken und zu spucken anfing, und ich betete, dass doch ja keiner von diesen Zwanzig-Dollar-Tellern zerbrechen würde und ich dann dran schuld wäre. Mrs. Carpenter zeigte mir das ganze Haus und sagte mir, was zu tun war. Zur Mittagszeit zeigte sie mir, was ich zum Essen machen sollte. Wir aßen beide das Gleiche: kaltes Roastbeef, das vom Vorabend noch übrig war, und etwas Kartoffelsalat, bloß dass sie ihres im Speisezimmer aß und ich meins in der Küche.

Ich trank zwei Gläser eiskalte Milch und hätte auch noch mehr trinken können, wollte aber nicht gierig erscheinen.

Nachmittags hieß sie mich die Fenster putzen. Es war keine schwere Arbeit, zu Hause arbeitete ich schwerer, und es war ein Genuss, auf die Rosen hinten und den ganzen grünen Rasen vorn rauszuschauen, während ich die Scheiben polierte, bis sie aussahen, als wären sie überhaupt nicht da.

So etwa um vier schleppte sie mich wieder in die Küche und teilte mir mit, was Mr. Carpenter zum Abendessen wollte.»Er hat eine ziemliche Schwäche für Brathähnchen, aber anscheinend kann sie niemand so machen, dass er zufrieden ist. Ich jedenfalls nicht.

Außerdem ist er furchtbar scharf auf Süßes. Ich selbst esse keinen Nachtisch, aber er steht ohne gar nicht vom Tisch auf.« Nun gut. Ich machte mich daran, meine Spezialitäten zuzubereiten. Mit Hähnchen hatte ich ja viel Erfahrung, und mein Pfirsichauflauf war nahezu perfekt, wenn ich das so sagen darf. Mrs. Carpenter ging aus der Küche, um ein Schläfchen zu halten, nachdem sie mir gesagt hatte, Mr. Carpenter erwartete, sich um Punkt halb sieben an den Tisch setzen zu können.

Um Punkt halb sieben trug ich eine Platte mit Brathähnchen herein, und Mr. Carpenter klatschte sich schwungvoll seine Serviette auf den Schoß und haute rein.

Er schaute mich nicht einmal an, aber ich schaute ihn an.

Er war ein sommersprossiger, rotblonder Mann mit Goldrandbrille und engem Hemdkragen. Zwar hatte er noch alle Haare, aber allmählich verblassten sie zu einer Art rosagelblichem Flaum. Seine Augen waren blau, oder vielleicht grün, hinter seiner Brille war das schwer zu sagen, und seine Nasenspitze zeigte nach oben wie das Blatt an einer Schlaghacke.

Ich hatte etwas Grünzeug als Beilage zu dem Hähnchen hergerichtet, das schaufelte er auch rein; dabei tröpfelte ihm die Sauce übers Kinn, und er wischte sie sich mit seiner feinen Serviette weg. Mrs. Carpenter stocherte in ihrem Essen bloß herum und beobachtete, wie ihm seins schmeckte.

Als ich den Pfirsichauflauf hereinbrachte, lehnte er sich in seinem Stuhl zurück und seufzte.»Das war das beste Essen seit Jahren, Marcelline.« «Das ist nicht Marcelline«, sagte Mrs.

Carpenter.

«Marcelline ist gestern Abend gegangen. Das ist Jenny.« Da sah er mich an. Erst durch seine Brille und dann ohne seine Brille. Und dann polierte er die Brille mit seiner Serviette, setzte sie wieder auf und versuchte es noch mal.

«Aha!«, sagte er.»Jenny. So, so. Sehr nett. «Dann stand er vom Tisch auf und ging aus dem Zimmer, ohne meinen Pfirsichauflauf überhaupt zu probieren.

Mrs. Carpenter sauste ihm hinterher.»Paul! Paul!«, schrie sie.

«Was ist mit deinem Nachtisch?« Mir war es egal. Pfirsichauflauf ist am besten, wenn er ganz heiß ist, aber am nächsten Tag ist er auch noch gut.

Ich trug ihn wieder in die Küche, machte vollends sauber und zog zum Nachhausegehen wieder meine Kleider an.

Weil ich hoffte, dass Mrs. Carpenter mir meine fünf Dollar bezahlte, damit ich Deucy und Earl und Wesley was zu zeigen hatte, blieb ich noch ein Weilchen länger.

Es war aber nicht Mrs. Carpenter, die in die Küche kam, sondern er. Er stand in der Tür, zupfte sich am Ohr und schaute mich an, als wünschte er, ich sollte vom Erdboden verschwinden. Dann schlurfte er in die Küche und kam direkt zu mir her, wo ich mit dem Rücken zum Kühlschrank stand, und fasste mich am Kinn. Er hielt mein Gesicht hoch, so dass ich ihn ansehen musste, wenn ich nicht die Augen zumachte, was ich ein Weilchen auch tat, aber dann machte ich sie wieder auf, weil ich es allmählich mit der Angst bekam. Dann legte er mir die Hand auf die Schulter und nahm meinen Kleiderkragen zwischen die Finger, um ihn sanft zu befühlen. Schließlich redete er.

«Du bist eine Taggert, hab ich recht, Mädchen?« «Ja, stimmt. Ich heiße Jennet Maybelle Taggert. «Ich sagte es voller Stolz, denn in der kurzen Zeit, die ich in der Schule verbracht hatte, hatte ich gelernt, dass viele Leute die Taggerts für Gesockse halten, und die einzige Art, damit umzugehen, ist, sich nicht zu schämen.

Da sagte er plötzlich etwas, was ich nicht begriff.»Bin ich die Taggerts denn nie los? Werden mich die Taggerts noch bis ins Grab verfolgen?« «Sie sehen mir aber ganz gesund aus«, sagte ich und fügte» Sir «hinzu, damit er mich nicht für vorlaut hielt.

Darauf sagte er gar nichts, sondern zog seine Brieftasche hervor und machte sie auf. Ich dachte, er würde mir meine fünf Dollar zahlen, und wollte gerade danke und gute Nacht sagen, als er plötzlich ein Foto rauszog und es mir reichte.

«Was glaubst du, wer das ist?«, fragte er mich.

Nun, ich sah hin, wusste aber nicht, wer es war. Das Foto war in Farbe und zeigte ein Mädchen etwa in meinem Alter mit gelbem Lockenhaar und einem breiten Lächeln.

Sie trug ein wirklich hübsches Kleid, ganz in Blau und mit Rüschen, als würde sie auf eine Party gehen oder zum Tanzen. Ich gab ihm das Foto zurück.

«Sie ist wirklich hübsch, aber ich weiß nicht, wer es ist.« «Das ist meine Tochter Claudia.« Weil ich nicht wusste, was ich sonst noch sagen sollte, sagte ich noch mal:»Sie ist wirklich hübsch.« «Nein, ist sie nicht«, sagte er.»Ein verzogenes Gör ist sie. Sie hält sich für das schönste weibliche Geschöpf, das je auf Erden wandelte. Aber sie ist nichtsnutzig, eingebildet und nicht liebenswert. Und es ist alles meine Schuld.« Ich wusste nicht, wieso er mir das alles erzählte, aber es machte mich ganz nervös, und überhaupt musste ich ja nach Hause, um den Jungs das Abendessen zu machen.

Die würden sich ganz schön aufregen, dass ich so spät dran war.»Hm«, sagte ich,»ich glaub, ich geh dann mal.« «Geh nicht. «Er packte mich am Arm und zerrte mich hinüber, wo ein Spiegel an der Wand hing, damit ich mich davor hinstellte.

«Schau hinein«, sagte er.»Wen siehst du da?« «Na, das bin bloß ich. «Ich versuchte mich von ihm loszumachen, aber er hielt mich fest.

«Das ist eine hübsche junge Frau«, sagte er.»So wie eine junge Frau sein soll — anständig und reinlich und bescheiden. Ich wünschte, du wärst meine Tochter, Jenny Taggert, statt dieser Range, die nicht zu Hause bleibt, da, wo sie hingehört, und sich so aufführt, dass kein vernünftiger Mann sie heiraten würde. Wie fändest du das? Würdest du gern hier wohnen und mein Mädchen sein?« Na, ich merkte, wie mir der Hals rot wurde, weil Ace mir nämlich gesagt hat, wenn ein Mann anfängt, einem Komplimente zu machen, dann hat er bloß eins im Sinn, und ich hatte ja oft genug gehört, wie Deucy seinen Damen auf der Verandaschaukel was vorgesäuselt hat.

«Verzeihen Sie, Mr. Carpenter«, sagte ich,»ich muss aber jetzt nach Hause, würden Sie mir bitte meine fünf Dollar zahlen, damit ich den Jungs was zum Abendessen bringen kann?«Ich wusste, das war gewagt, aber er machte mich ganz nervös, und da rutschte es mir einfach so raus.

Er ließ mich los und zog wieder seine Brieftasche heraus.»Das zahlt Clemmie dir also? Fünf Dollar? Na, das ist nicht genug. Hier hast du, hier und hier.« Die Scheine hüpften nur so aus seiner Brieftasche, und er stopfte sie mir in die Hände. Als ich genau hinsah, hatte ich plötzlich drei Zehndollarscheine. Und nicht nur das – nun schleppte er auch noch das übrig gebliebene Hähnchen heran, das ich schon verräumt hatte, und schob es in eine Papiertüte.

«Nimm den Pfirsichauflauf auch noch«, sagte er,»und was du sonst noch willst. Nimm alles mit.« «Aber das geht doch nicht. Was würde denn Mrs. Carpenter sagen?« «Ich sag ihr einfach, ich hätte nachts noch Hunger bekommen und es gegessen. «Darauf lachte er, doch es hörte sich nicht glücklich an. Es hörte sich an, wie wenn in ihm etwas zerbrechen würde.

«Danke, Sir«, sagte ich und machte mich schnell durch die Hintertür davon, bevor er sich was neues Verrücktes ausdenken konnte und ich Scherereien bekäme.

Seine Stimme kam hinter mir her:»Du kommst morgen doch wieder, nicht wahr?« «Na klar«, rief ich zurück. Ich war mir aber nicht so sicher.

Auf dem ganzen Heimweg dachte ich über Mr. Carpenter und sein seltsames Benehmen nach. Doch ich wurde einfach nicht schlau daraus. Ich konnte mir bloß denken, dass ihn all sein vieles Geld wohl wirr im Kopf gemacht hatte, und dankte Gott, dass wir arme Schlucker waren und es uns nicht leisten konnten, verrückt zu sein.

Das schlug ich mir aber alles aus dem Kopf, als ich an die Schotterstraße kam, die zu unserem Haus führte. Der Mond löste sich gerade von der Spitze des mächtigen alten Fliederbusches am Rand des Grundstücks, und im sanften Licht war die ganze Hässlichkeit, die man tagsüber sehen konnte, etwas abgemildert. Mit den Lichtern, die in den Fenstern leuchteten, wirkte das Haus einladend, und dort im Vorgarten stand Pembrooks klappriges altes Auto. Ich rannte die Veranda hoch, stürzte ins Haus und schrie dabei seinen Namen.

Sie waren alle in der Küche versammelt, und an ihren dunklen Taggert-Gesichtern konnte ich sehen, dass ich in einen Streit reingeplatzt war. Das war mir aber egal. Ich stellte Carpenters Essen auf den Tisch und sagte:»Hier ist Abendessen, Jungs. Haut rein.« Deucy und Earl und Wesley taten genau das und machten sich nicht mal die Mühe, Teller zu holen, sondern grabschten sich das Hähnchen gleich mit den Fingern.

Dann setzte ich mich hin, zog meinen linken Turnschuh aus und holte das Geld heraus.»Da und da und da«, sagte ich, während ich die Scheine auf den Tisch hin zählte.

Deucy kriegte Stielaugen, und Earl und Wesley riefen:

«Juhuuu!«, so gut sie eben konnten mit dem Mund voller Hühnerschlegel.

Pembrook sah aus wie ein Häufchen Elend.

«Wo hast du das denn alles her, Jenny?«, fragte er.

«Ich bin als Hausmädchen gegangen«, teilte ich ihm mit.

«Wohin bist du denn als Hausmädchen gegangen?« «Zu Mrs. Carpenter.« «Und von der hast du das alles?« Ich wollte gerade lügen und ja sagen, aber im Lügen war ich noch nie besonders gut. Mir läuft dabei immer die Nase.»Nein. Von ihm.« «Du wirst da nie wieder hingehen«, sagte Pembrook.

Zwar hatte ich das schon fast selber entschieden, wollte mir aber von Pembrook — so lieb ich ihn auch habe — nicht sagen lassen, was ich zu tun und zu lassen hätte.»Mach ich aber, wenn ich will«, sagte ich.»Wann bist du überhaupt heimgekommen, und wie lang bleibst du da?« «Für immer, wenn ich dich anders vor Ärger nicht bewahren kann.« «Hübscher Ärger ist das«, erklärte Deucy.»Dreißig Dollar für ’nen Tag Arbeit und das ganze Essen dazu. Du solltest auch was nehmen, Pem.« «Halt’s Maul, du Idiot!« So wütend hatte ich Pembrook noch nie gesehen.

Taggert-Blut gerät leicht in Wallung, aber bis zu diesem Moment hatte Pembrook es immer geschafft, sich zu beherrschen. Er wandte sich wieder zu mir, und seine Augen funkelten gemein, wie bei einem Hühnerhabicht, der gleich herabstößt.

«Du wirst nicht wieder zu den Carpenters gehen, nie mehr. Das kannst du dir gleich aus dem Kopf schlagen.

Morgen schick ich das Geld zurück. Und damit hat sich die Sache.« Ich wollte nur eins wissen.»Warum?« «Egal warum.« Da war dann aber doch Schluss! Ich hatte für dieses Geld schwer gearbeitet. Ob es fünf Dollar waren oder dreißig, es war mein Geld. Das erste Geld, das ich je verdient hatte. Und Pembrook hatte kein Recht, es mir wegzunehmen. Soweit ich sehen konnte, hatte ich nichts Falsches getan, und es war nicht fair von ihm, mich zu bestrafen. Ich richtete mich auf meinem Stuhl auf, schaute ihn scharf an und machte den Mund auf.

«Pembrook Taggert, falls du’s noch nicht gemerkt hast, ich bin nicht mehr die süße kleine Jenny. Ich bin eine erwachsene Frau und kann gut selbst entscheiden. Du kannst dich nicht hinstellen und mir Befehle geben und dann sagen, egal warum. Von Pop hab ich’s mir gefallen lassen und von Ace hab ich’s mir gefallen lassen und von den dreien hier lass ich’s mir andauernd gefallen, während du auf dem College bist und lernst, wie du aus dem Dreck hier rauskommst. Ich lass mir’s jetzt nicht mehr gefallen.« Die harte Bitterkeit verflog aus seinem Blick, und er nahm meine beiden Hände in seine.

«Recht hast du, Jenny«, sagte er.»Es gibt da ein paar Sachen, die du wissen solltest. Komm auf die Verandaschaukel raus, dann erzähl ich’s dir.« «Mach aber nicht so ’ne lange Geschichte draus«, rief Deucy uns hinterher.»Ardith Potter kommt heute Abend rüber und wir haben was zu besprechen.« Doch es war eine lange Geschichte, die Pembrook mir da erzählte. Eine, die bis in die Zeit zurückreichte, als ich noch gar nicht geboren war. Die Jungs kannten sie alle, aber Pop hatte sie auf die Bibel schwören lassen, es mir nie zu sagen. Sie erklärte alles, was ich schon immer gern gewusst hätte und nie den Mumm gehabt hatte zu fragen.

Wenn ich gefragt hätte, hätten sie mir’s nicht gesagt, obwohl Pembrook meinte, von Zeit zu Zeit wär er ganz schön in Versuchung gewesen, weil es doch mein Leben war und ich ein Recht drauf hatte, es zu erfahren.

Er sagte mir, dass Pop gar nicht mein richtiger Vater war, sondern Mr. Carpenter. Er sagte mir, etwa einen Monat nach meiner Geburt hätte unsere Mutter Pop die Wahrheit gesagt und ihre Sachen gepackt und gesagt, sie würde mit Mr. Carpenter abhauen, weil sie ein besseres Leben führen und sich nicht mehr auf einer armseligen alten Farm abrackern wollte. Er sagte mir, Pop hätte sie gleich darauf im Schlafzimmer erwürgt, während ich mit meinen blinden Babyaugen aus der Wiege neben dem Bett zugesehen hätte. Und dann ist Pop zu Mr. Carpenter gegangen und hat ihm das Ganze erzählt und ihn dazu gebracht, die Sache zu vertuschen, denn ein Skandal hätte keinem was genützt. Sie behaupteten einfach, unsere Mutter wäre am Kindbettfieber gestorben.

Die Tränen liefen mir übers Gesicht, doch ich brachte die Frage heraus:»Wie konntet ihr hier weiterleben, nachdem er das getan hatte?« «Na ja«, meinte Pembrook,»Ace war der Älteste, und der war erst zwölf. Wir konnten ja sonst nirgends hin. Und er war unser Vater.« «Was ist dann passiert?«, fragte ich.»Wieso ist Pop abgehauen?« «Ist er gar nicht«, sagte Pembrook.»Er liegt unter Mr. Carpenters Rosengarten begraben.« Dann erzählte er mir weiter, wie die Jahre vergangen sind und Pop anfing zu trinken und die Farm noch mehr herunterkam, bis es bloß noch eine einzige Ödnis war.

Eines Tages hatte Pop es sich dann plötzlich in den Kopf gesetzt, Mr. Carpenter sollte sich um sein Kind, also mich, kümmern und Geld bezahlen. Er ging zu den Carpenters, voller Alkohol und Hass, und verlangte eintausend Dollar.

Pembrook und Ace schlichen ihm hinterher und horchten draußen vor dem Fenster, das in einen Raum voller Bücher mit einem großen Schreibtisch und einem Jagdgewehr über dem Kamin ging.

«Den Raum kenn ich«, sagte ich ihm.»Mrs. Carpenter nennt es sein Arbeitszimmer.« Pembrook nickte.»Dort hat es Pop erwischt.« Er erzählte mir, wie er und Ace sie in dem Zimmer hatten streiten gehört, und wie Mr. Carpenter brüllte, das wäre ja Erpressung und das ließe er sich nicht bieten, und dann gab’s ein Geschiebe und Gezerre, während Pop brüllte, er würde Mr. Carpenter dafür umbringen, dass der ihm sein Leben versaut hatte. Und schließlich fiel ein Schuss. Bloß der eine, einzige Schuss, aber der reichte. Sie spähten über das Fensterbrett und sahen Pop auf dem Teppich liegen und verbluten, während Mr. Carpenter mit dem Gewehr in der Hand wie eine Statue dastand.

Sie wollten gerade wegrennen und nach Hause laufen, als Mr. Carpenter sie sah und sagte, sie sollten ins Haus kommen und ihm dabei helfen, Pop in den Rosengarten rauszutragen. Die drei gruben die Rosen aus, legten Pop in die Erde und pflanzten die Rosen wieder darüber. Dann sagte Mr. Carpenter, sie sollten jetzt nach Hause gehen und den Mund halten, sonst würde er den Sheriff schicken und uns alle von der Farm jagen und in die Besserungsanstalt stecken.

Und sie hielten den Mund, bis zu diesem Augenblick.

«Ich nehm an«, sagte Pembrook,»ich nehm an, deswegen ist Ace so wild, aber so lässt sich die Sache auch nicht regeln. Drum studier ich und will Rechtsanwalt werden. Eines Tages werd ich wissen, wie man Mr. Carpenter auf legalem Weg zur Rechenschaft ziehen kann, ein für allemal. Darum will ich nicht, dass du da wieder hingehst, Jenny. Du verdirbst sonst womöglich meinen Plan, und es ist auch nicht gut für ihn, wenn er dran erinnert wird, dass es dich gibt. Ich muss ihn überrumpeln, wenn ich so weit bin.« Ich wischte mir die Augen und putzte mir die Nase und sagte dann:»Danke, Pembrook, dass du’s mir gesagt hast.

Jetzt begreif ich’s.« «Und du gehst auch nicht wieder hin.« «Ich geh jetzt ins Bett.« Und das tat ich auch. Aber ich schlief nicht. Ich lag da und dachte über die Dinge nach, die Pembrook mir erzählt hatte, und versuchte herauszufinden, was richtig war und was falsch. Vielleicht war es falsch von unserer Mutter gewesen, sich mit Mr. Carpenter zu vergnügen, aber wenn sie’s nicht getan hätte, gab’s mich nicht. Pop hatte Unrecht getan, weil er unsere Mutter umgebracht hatte, aber sie hatte ihm in seinen Augen auch einen Grund dafür geboten. Es war falsch von Mr. Carpenter gewesen, dass er Pop erschossen hatte, aber das Taggert-Blut war hochgekocht, und wahrscheinlich hatte Pop ihn zuerst angegriffen. Am schwersten war für mich die Vorstellung, dass ich Mr. Carpenters Tochter war. Wenn es stimmte und er es wusste, wie hatte er mich dann all die schweren Jahre als süße kleine Jenny Taggert leben lassen können, während das andere Mädchen, diese Claudia, alles hatte, was ihr Herz begehrte und sogar noch mehr?

Kurz vor Sonnenaufgang entschied ich, was ich tun würde. Die Jungs, sogar Pembrook, schliefen alle noch tief und fest. Mucksmäuschenstill stand ich auf, zog das grünweiß getupfte Kleid unserer Mutter und meine hohen Turnschuhe an und schlich hinaus in die Scheune. Früher war die Scheune mal sehr belebt gewesen, aber an dem Morgen war sie still und leer. Keine Kühe mehr, die nach mir muhten, damit ich sie melken kam, keine Pferde, die mit traurigen Augen auf einen Apfel oder eine Karotte schielten. Ganz weit hinten hinter dem ganzen aufgehäuften kaputten Zaumzeug, in einer dunkeln, mit Spinnweben verhangenen Ecke fand ich, wonach ich suchte.

Es war eine Büchse mit dem Zeug, das Pop immer ausgelegt hatte, um die Ratten zu töten, von denen es in der Scheune nur so wimmelte und die sich durch das Winterfutter fraßen. Viel war nicht mehr drin in der Büchse, und was noch übrig war, sah trocken und klumpig aus. Vielleicht war es schon so alt, dass es gar nicht mehr wirken würde. Trotzdem schöpfte ich mit einem Teelöffel ein bisschen davon in einen von Deucys Bull-Durham-Tabakbeuteln und machte mich auf den Weg.

Ich sputete mich, denn ich wollte dort sein, bevor Mr. Carpenter in die Bank ging und bevor die Jungs aufwachten und in Pembrooks Auto hinter mir herkamen.

Es war ein frischer, kühler Morgen, und ich schwitzte kein bisschen.

Als ich zum Haus der Carpenters kam, fuhr der Milchmann gerade davon. Ich ging hinten ums Haus herum, nahm die beiden Milchflaschen und klopfte an die Hintertür. Mrs.

Carpenter machte mir auf. Sie sah verschlafen aus, aber erfreut, mich zu sehen.

«Na so was, Jenny«, sagte sie,»da bist du ja in aller Frühe. Komm rein. Komm rein.« «Ja, Madam«, sagte ich.»Ich bin gekommen, um Frühstück zu machen.« «Das ist ja wunderbar. Mr. Carpenter ist gerade beim Rasieren. Er kommt gleich herunter. Er möchte zwei Vierminuteneier — ich kriege sie nie richtig hin —, zwei Scheiben Toast und ganz viel starken schwarzen Kaffee.

Jetzt, wo du da bist, gehe ich vielleicht wieder ins Bett und mach noch einen kleinen Schönheitsschlaf. «Sie kicherte wie ein albernes Mädchen, winkte mir zu und tänzelte davon.

Ich räumte die Milch weg und fing an, den Kaffee zu machen. Es gab eine Kaffeemaschine, aber mein Kaffee ist deswegen so gut, weil ich ihn auf die altmodische Art mache. Ich brachte Wasser zum Kochen, und als es vor sich hin blubberte, warf ich den gemahlenen Kaffee hinein, und zwar reichlich, damit er schön stark wurde.

Dann schaltete ich die Flamme herunter, um ihn heiß zu halten, während er aufbrühte, und schlug ein Ei auf, denn ich wollte eine Eierschale reinwerfen, damit er schön klar wurde. Und das Zeug aus dem Tabakbeutel leerte ich direkt in den Topf.

Als ich seine Schritte auf der Treppe hörte, stellte ich noch einen Topf Wasser auf, um ihm die Eier zu kochen.

Wohlriechend und lächelnd kam er in die Küche.

«Also, Jenny«, sagte er.»Du bist wiedergekommen. Das freut mich, denn du und ich, wir werden uns bestimmt prächtig verstehen. Du wirst glücklich hier sein. Dafür werde ich schon sorgen.« Ich holte ihm Tasse und Untertasse.

«Ich hab da so Sachen gehört, Mr. Carpenter«, sagte ich.

«Sachen, die ich mir nie hätte träumen lassen.« Er sah mich verständnislos an.»Was für Sachen hast du denn gehört, Jenny?« Ich schenkte den Kaffee in die Tasse ein.

«Ich hab gehört, Sie sind mein Daddy.« Er sank auf einen Küchenstuhl.»Ja«, sagte er,»das stimmt ja auch.« Ich stellte die Tasse mit der Untertasse auf die Anrichte, um den Kaffee ein bisschen abkühlen zu lassen, damit er nicht zu heiß für ihn wäre und er einen schönen großen Schluck nehmen konnte.

«Ich hab gehört, Sie haben unseren Pop erschossen und ihn in Ihrem Rosengarten begraben. Das sind ja mächtig schöne Rosen da draußen.« Er hielt seinen Kopf zwischen beiden Händen.»Sie haben geschworen, es dir nie zu sagen. Die Jungs haben es geschworen.« «Pembrook hat’s mir gesagt, weil er Angst hat, mir könnte hier in Ihrem Haus irgendwas passieren. «Ich stellte die Tasse mit der Untertasse vor ihn auf den Tisch.

«Ach, Jenny, süße kleine Jenny, ich würde dir doch nie was antun. Wenn überhaupt etwas, so möchte ich all die Jahre wieder gutmachen, die ich versucht habe, nicht an dich zu denken. Ich hätte gern, dass du hier wohnst als meine Tochter, damit ich dir all das geben kann, was du längst hättest haben sollen.« «Nennen Sie mich nicht so. Ich bin keine Kleine mehr.« «Nein, das bist du nicht. Du bist eine wohlgeratene, reizende Frau, genau wie deine Mutter es war. Gott, was hab ich diese Frau geliebt! Sie war das einzig Schöne, was mir in meinem ganzen Leben je widerfahren ist. Ich wollte sie mitnehmen. Wir waren drauf und dran wegzugehen.

Wir hätten in eine andere Stadt gehen können oder in eine Großstadt, wo uns niemand kennt. Dich hätten wir mitgenommen. Und wir wären glücklich gewesen.

Stattdessen ist sie gestorben.« «Pop hat sie umgebracht. Wegen Ihnen.« «Das weißt du also auch. «Er seufzte.»Ja. Er brachte sie um, und ich brachte ihn um, und nun lebe ich die ganze Zeit mit diesen entsetzlichen Gewissensqualen. Ich habe niemanden, mit dem ich reden könnte. Clemmie hat von der ganzen Sache keine Ahnung. Ich wünschte manchmal, ich wäre tot.« «Trinken Sie Ihren Kaffee.« Das Eierwasser kochte. Behutsam rollte ich die beiden Eier in den Topf und steckte zwei Scheiben Brot in den Toaster. Er kam vom Tisch zu mir herüber, wo ich arbeitete.

«Jenny. «Er legte mir die Hände auf die Schultern und drehte mich zu sich herüber.»Was kann ich für dich tun, um es wieder gutzumachen? Ich werde alles tun, was in meiner Macht steht, und das ist viel, das kannst du mir glauben. Sag einfach, was du willst. Du kriegst es.« Ich überlegte einen Augenblick. Wäre es richtig oder falsch, von diesem Mann etwas anzunehmen? Wie immer hatte ich Schwierigkeiten, zwischen den beiden zu unterscheiden. Wäre es richtig oder falsch, ihn den Kaffee trinken zu lassen?

Dann sagte ich:»Könnten Sie Pembrook sein Jurastudium zahlen?« «Abgemacht.« «Und Earl und Wesley, können Sie denen eine Arbeit besorgen? Die sind gute Arbeiter, bloß vom Pech verfolgt.« «Sag ihnen, sie sollen in die Bank kommen.« «Und was ist mit Deucy? Würden Sie ihm eine neue Gitarre besorgen und eine Fahrkarte nach Nashville? Er kann wirklich gut singen.« «Nicht bloß das. Ich kenne Johnny Cash persönlich. Da lassen wir uns was einfallen.« «Jetzt kommt aber was Schweres: Können Sie Ace aus dem Gefängnis holen und ihn auf die rechte Bahn bringen?« «Der Gefängniswärter ist Clemmies Cousin. Außerdem besitze ich eine Ranch in Wyoming. Dort kann er hin und sich die Hörner abstoßen. Aber was ist mit dir, Jenny?

Was kann ich denn für dich tun?« Ich zuckte die Achseln.»Ach, ich werd vielleicht ein Weilchen hier wohnen. Ich kann ja Mrs. Carpenter zur Hand gehen und so ein bisschen auf alles aufpassen.« Er umarmte mich und gab mir einen herzhaften KUSS auf die Backe.»Bravo, Mädchen«, sagte er.»Ich hatte gehofft, dass du das sagen würdest. Du wirst es nie bereuen. Mmm, der Kaffee riecht aber gut.« Er steuerte wieder auf den Tisch und seine Kaffeetasse zu. Ich war aber vor ihm dort und schnappte sie ihm vor der Nase weg.

«Der Kaffee ist doch kalt«, sagte ich.»Und überhaupt ist die ganze Kanne bitter. Ich hab ihn probiert, bevor sie runterkamen. Ich werd Ihnen frischen machen.« Ich schüttete den ganzen Kaffee in den Ausguss und servierte ihm seine Eier mit Toast. Den frischen Kaffee tranken wir zusammen, und dann ging er in seine Bank.

Und so ist es jetzt gekommen. Pembrooks Plan ist tatsächlich der bessere, und er studiert wirklich fleißig.

Jetzt, wo er nicht auch noch seinen Lebensunterhalt verdienen muss, kann er seinen Abschluss früher machen.

Earl und Wesley gefällt die Arbeit am Bankschalter, und Deucy hat seinen Cadillac mit Leopardenfellsitzen und jede Menge Mädchen, obwohl er meint, er vermisst die Verandaschaukel. Ace hat ein Foto von sich geschickt, wo er auf einem Pferd sitzt und einen riesigen Cowboyhut aufhat. Er sieht komisch aus, sagt aber, es geht ihm gut.

Und ich? Solange die Rosen blühen, schneide ich jeden Tag welche und stelle sie ins Haus. Mrs. Carpenter findet sie einfach himmlisch. Ich warte ab. Eines Tages werden wir Taggerts den Rosengarten umgraben.

Wilder Senf

von MARCIA MULLER

Marcia Muller (*1944) gehört zu den gefeiertsten und vielseitigsten Krimiautorinnen, die im letzten Viertel des zwanzigsten Jahrhunderts in Erscheinung getreten sind.

Geboren in Detroit und an der University of Michigan ausgebildet, lebt sie nun in Nordkalifornien, wo auch die meisten ihrer Werke spielen. Obwohl es bei seinem Erscheinen kaum Aufsehen erregte, wird Mullers Edwin of the Iron Shoes (1977; dt. Es ist nicht alles Gold …) heute eine Vorrangstellung unter einer der Hauptströmungen der vergangenen Jahrzehnte eingeräumt: dem Frauenkrimi.

Alle vorhergehenden Bemühungen in dieser Richtung müssen unter Vorbehalt geführt werden: Figuren wie Carter Browns Mavis Seidlitz, Henry Kanes Maria Trent und G.G. Ficklings Honey West waren Männerfantasien, nicht ernst zu nehmende Wunschträume. Fran Hustons Nicole Sweet in The Rich Get It All (1973) war der Versuch, eine etwas wirklichkeitsnähere Figur zu schaffen, ist aber tatsächlich das Werk eines Mannes (Ron S. Miller), der ein geschlechtsneutrales Pseudonym benutzte. Die erste in einer Reihe von Autorinnen erdachter Privatdetektivinnen, Maxine O’Callaghans Delilah West, tauchte dann 1974 in einer Kurzgeschichte auf, im Roman aber erst 1980.

Sharon McCone kehrte erst wieder in Ask the Cards a Question (1982; dt. Frag die Karten) mit einem zweiten Fall zurück, im gleichen Jahr, in dem ihre beiden berühmtesten Kolleginnen, Sue Graftons Kinsey Millhone und Sara Paretskys V.I. Warshawski, erstmals in Erscheinung traten, taucht seither aber in durchschnittlich einem Buch pro Jahr auf. McCone unterscheidet sich nicht bloß vom Geschlecht her von den meisten früheren privaten Ermittlern: Sie ist keine typische Einzelgängerin, sondern Teil einer Organisation, der All Souls Legal Cooperative, einem Anwaltskollektiv, und die beruflichen und privaten Beziehungen zu ihren Kollegen sind ihr wichtig. Das führt zu dem anderen, etwas subtileren Aspekt, in dem Muller sich hervorhebt: Sie war eine der Pionierinnen der heute allgemein üblichen Praxis, Seriendetektive mit einem Netz an Freunden, Familienmitgliedern und Mitarbeitern auszustatten, die von Buch zu Buch wieder auftauchen. Bedauerlicherweise können ihr von den Autoren, die diese Praxis übernommen haben, in dieser Hinsicht nur wenige das Wasser reichen.

1992 heiratete sie den Romanautor Bill Pronzini, mit dem sie an drei Romanen zusammengearbeitet hat, beginnend mit Double (1984), in dem McCone gemeinsam mit Pronzinis Namenlosem Detektiv die Ermittlungen übernimmt; später folgten eine Kurzgeschichtensammlung, zahlreiche Anthologien und das nützliche Nachschlagewerk 1001 Midnights: The Aficionado’s Guide to Mystery and Detective Fiction (1986). Außerdem hat Muller eine Buchreihe um zwei Amateurdetektivinnen verfasst: Einmal geht es um die Museumskuratorin Elena Oliverez, die in The Tree of Death (1983) und zwei Folgeromanen erscheint, und dann um die Kunstversicherungsmaklerin Joanna Stark, deren erster von drei Auftritten 1986 in The Cavalier in White erfolgte.

Zu Mullers Auszeichnungen zählt auch der 1993 von den Private Eye Writers of America verliehene Preis für ihr Lebenswerk.

«Wilder Senf«, eine der ganz frühen Sharon-McCone-Geschichten, stammt aus der ersten, 1984 bei der PWA erschienenen Anthologie The Eyes Have It.

Als ich die alte Japanerin zum ersten Mal sah, war ich gerade beim Brunch in dem Restaurant oberhalb der Ruinen der Sutro Baths in San Francisco. Die Frau kauerte am Abhang, auf halber Höhe zwischen der zypressenbestandenen Anhöhe und den überfluteten Trümmern des alten Badehauses. Sie rupfte Grünzeug aus und stopfte es in eine grüne Plastiktüte.

«Ich frage mich, was sie da sammelt«, sagte ich zu meinem Freund Greg.

Er blickte aus dem Fenster, hob eine dunkelblonde Augenbraue und schätzte die Szenerie mit seinem Kriminalerblick ein.»Wahrscheinlich irgendwas Essbares, was dort wild wächst. Sie sieht arm aus; ist eine gute Art, sich das Geld fürs Gemüse zu sparen.« Tatsächlich sah sie aus wie eine der mittellosen alten Frauen, die man manchmal in Japantown sah. Sie trug eine unförmige Jacke und Hosen, und ihre Füße steckten in Turnschuhen. Um den Kopf hatte sie ein graues Tuch geschlungen.

«Warst du schon mal dort unten?«, fragte ich Greg, auf die Ruinen deutend. Die einst elegante Badeanstalt war vom Feuer zerstört worden. Inzwischen waren nur noch die abbröckelnden, halb im Wasser versunkenen Grundmauern übrig. Möwen schwammen auf der glänzenden Wasserfläche, und dahinter schlug die Brandung gegen die Felsen.

«Nein. Du?« «Nein. Ich wollte immer schon mal hin, aber der Weg ist so steil, und ich habe nie die richtigen Schuhe an, wenn ich hierher komme.« Greg spöttelte grinsend:»Du würdest es zulassen, Sharon, dass dein Instinkt als Privatdetektivin einem Paar fehlender Wanderstiefel geopfert wird?« Ich zuckte die Achseln.»Vielleicht interessiert es mich einfach nicht besonders.« «Vielleicht.« Greg machte sich oft lustig über meinen «Spürnaseninstinkt«, in Wirklichkeit hatte ich jedoch den Verdacht, dass er auf meinen Beruf stolz war. Als Ermittlerin für das Anwaltskollektiv All Souls Cooperative hatte ich mit einer breiten Palette von Fällen zu tun — von Mord bis zum Rätsel eines nicht ganz wasserdichten Redwood-Whirlpools. Ein paar der Mordfälle, die ich aufgeklärt hatte, waren in Gregs Amtsbezirk gewesen, was sowohl eine gewisse Rivalität wie auch eine Romanze nach sich gezogen hatte.

In den folgenden Monaten wuchs mein Interesse an der alten Japanerin zusehends. Jeden Sonntag, wenn wir in das Restaurant gingen — und wir gingen oft hin, weil es zu unseren Lieblingslokalen zählte — suchte die Frau den Hang ab, auf Nahrungssuche … wonach?

An einem Sonntag zu Frühlingsanfang saßen Greg und ich in unserer Fensternische und sahen zu, wie die Frau langsam den Schotterpfad hinunterkletterte. Passend zur Jahreszeit hatte sie ihr graues Kopftuch gegen ein leuchtend gelbes ausgetauscht. Auf dem Hang wimmelte es von Leuten, die das Ende des Winterregens genossen.

Auf der kahlen Seite weiter hinten, wo sich keine Vegetation angesiedelt hatte, thronte ein verlassener Lastwagen im gewagten Winkel am Fuß der Klippen bei den Bädern. Manche kletterten hinunter, inspizierten den alten Laster und setzten ihren Weg dann auf den Betonfundamenten fort oder verschwanden in einer nahe gelegenen Höhle.

Als die Bedienung uns die Rechnung brachte, sagte ich:

«Jetzt hab ich lange genug zugesehen. Komm, wir gehen runter und schauen uns die Sache an.« Greg grinste und angelte in seiner Hosentasche nach Kleingeld.

«Du hast aber doch nicht die richtigen Schuhe an.« «Was soll’s, ich werd nie die richtigen Schuhe anhaben.

Gehen wir! Wir können die alte Frau doch fragen, was sie da sammelt.« Er stand auf.»Ich bin froh, dass du endlich beschlossen hast, sie dir genauer anzusehen. Vielleicht führt sie ja Finsteres im Schilde.« «Red doch kein dummes Zeug.« Er achtete gar nicht auf mich.»Yeah, deine Spürnase hat sich letztlich durchgesetzt. Oder liegt’s an deinem Indianerblut? Am Fährtenleserinstinkt, Indianerbaby?« Ich funkelte ihn wütend an und beschloss, dass er für diese Bemerkung die Rechnung bezahlen musste. Wegen meines einen Achtels Shoshone-Herkunft — das bei mir aus irgendeinem Grund in der schwarzen Haarfarbe durchschlägt, während der Rest meiner Familie aus schottisch-irischen Blondschöpfen besteht — hatte Greg mir den Spitznamen» Indianerbaby «verpasst, den ich nicht besonders schätzte.

Wir verließen das Restaurant und traten durch den Maschendrahtzaun auf den Fußpfad. Ein kräftiger Wind peitschte mir das lange Haar um den Kopf, und ich blieb stehen, um es hinten zusammenzubinden. Der Weg schlängelte sich in Serpentinen an riesigen, knorrigen Geranien vorbei durchs Dickicht. Jenseits davon kauerte die Frau und zog etwas aus der Erde, was wie Unkraut aussah. Als ich näher kam und sie mich anlächelte, blitzte ein Goldzahn auf.

«Hallo«, sagte ich.»Wir haben Ihnen zugesehen und uns gefragt, was Sie da sammeln.« «Hier wachsen viele gute Sachen. Diesen Monat kommt der wilde Senf. «Sie hielt ein Zweiglein in die Höhe. Ich nahm es und schnupperte den stechenden Geruch.

«Sollten Sie probieren«, fügte sie hinzu.»Ist gesund.« «Mach ich vielleicht. «Ich steckte mir die gelbe Blüte ins Knopfloch und wandte mich zu Greg um.

«Wer’s glaubt, wird selig«, sagte er.»Wann isst du schon mal was Gesundes?« «Bloß wenn du mich dazu zwingst.« «Muss ich ja. Sonst gab’s tagaus, tagein bloß Schokoriegel.« «Na und? Ich bin nicht schlecht in Form. «Es stimmte; sogar auf diesem steilen Abhang geriet ich nicht in Atemnot.

Greg lächelte, während sein Blick anerkennend über mich wanderte.»Nein, bist du nicht.« Wir gingen weiter hinunter in Richtung Ruinen, vorbei an einem Schild, das uns warnte: VORSICHT! KLIPPEN- UND BRANDUNGSBEREICH EXTREM GEFÄHRLICH ES WURDEN SCHON LEUTE VON DEN FELSEN GEWEHT UND ERTRANKEN Ich hielt inne, balancierte mit der Hand auf Gregs Arm und zog mir die Schuhe aus.»Besser wunde Füße als weggeweht werden.« Dem gleichen Impuls folgend, der schon andere Kletterer dazu bewegt hatte, näherten wir uns dem verlassenen Laster. Die blaue Farbe war rostfleckig, und im Motorraum hatte es gebrannt. Alles, auch Sitze und Lenkrad, war herausgerissen worden.

«Jemand hat sogar versucht, die Vorderachse rauszumachen«, ließ sich eine Stimme neben mir vernehmen,»aber bei dem Feuer sind die Bolzen miteinander verschmolzen.« Ich drehte mich um und sah einen freundlich aussehenden, sonnengebräunten Jugendlichen von etwa fünfzehn Jahren vor mir. Er trug schmutzige Jeans und ein zerrissenes T-Shirt.

«Ja«, fügte eine andere Stimme hinzu. Dieser Junge war ungefähr im gleichen Alter; auf seiner Oberlippe spross ein spärlicher Schnurrbart.»Es ist kaum noch was dran, dabei steht der erst seit ein paar Wochen hier.« «Vandalismus«, sagte Greg.

«Genau. «Der erste Junge nickte.»Die Leute lungern hier rum und saufen. Und spätabends wird ihnen dann langweilig. «Er deutete mit dem Kopf zu einer Gruppe unappetitlich aussehender Männer hinüber, die mit ein paar Sechserpacks am Rand der Badebecken saßen.

«Sachen kaputtmachen ist heutzutage fast ein Volkssport.« Greg beobachtete die Männer eine Weile mit professionellem Blick und tippte dann an meinen Ellbogen. Wir gingen um die Ruinen herum und steuerten auf die Höhle zu. An deren Eingang blieb ich stehen und lauschte dem Dröhnen der Brandung.

«Komm«, sagte Greg.

Ich folgte ihm ins Innere und versank dabei mit den Füßen im grobkörnigen Sand, der rasch zu festem Schlamm wurde. Die Höhle war eigentlich ein etwa zweieinhalb Meter hoher Tunnel. Durch Spalten auf der Meerseite sah ich, wie die Gischt von den rollenden Wellen am Fuß der Klippe hochgesprüht wurde. Zwischen diesen zerklüfteten Felsen durchgetrieben zu werden wäre tödlich.

Greg erreichte das andere Ende. Ich eilte weiter, so schnell es meine bloßen Füße erlaubten, und blieb neben ihm stehen. Beim Anblick des steil abfallenden Hangs zum Meer hinunter packte ich seinen Arm. Über uns ragten Felsen empor.

«Als guter Kletterer würde man es vermutlich bis da rauf schaffen und von dort zur Straße«, sagte ich.

«Vielleicht, ich würd’s aber nicht riskieren. Auf dem Schild steht doch …« «Stimmt. «Plötzlich drehte ich mich besorgt um. Am Tunneleingang standen zwei der zwielichtigen Gestalten, Bierdosen in der Hand.»Komm, Greg, wir gehen.« Falls er die Nervosität in meiner Stimme bemerkte, so ging er nicht darauf ein. Schweigend trotteten wir durch den Tunnel. Die Männer verschwanden. Als wir ins Sonnenlicht hinaustraten, waren sie wieder bei den anderen und machten frische Bierdosen auf. Die Jungen, mit denen wir vorhin gesprochen hatten, hockten auf dem verlassenen Laster und winkten uns zu, während wir den Fußweg hinaufgingen.

Und so besuchten wir sonntags im Frühling immer wieder unser Lieblingsrestaurant und warteten, bis wir eine Fensternische bekamen. Die alte Japanerin tauschte ihr gelbes Kopftuch gegen ein rotes aus. Der verlassene Lastwagen blieb stehen, die Schnauze in Richtung der Badebecken, was starke Kritik an der Parkbehörde hervorrief. Leute führten ihre Hunde auf dem Hang spazieren. Kinder balancierten trotz der Warntafel leichtsinnig auf den Trümmern. Die Männer lungerten herum und tranken Bier. Die Jugendlichen kamen jede Woche her, und oft gesellten sich am Lastwagen noch Freunde zu ihnen.

Eines Sonntags tauchte die alte Frau dann plötzlich nicht auf.

«Wo ist sie?«, fragte ich Greg und schaute zum dritten Mal auf meine Armbanduhr.

«Vielleicht hat sie alles gesammelt, was es dort unten zu sammeln gibt.« «Unsinn. Da gibt’s immer was zu sammeln. Wir haben sie jetzt fast ein Jahr lang beobachtet. Die beiden Alten führen dort unten ihren Schäferhund spazieren. Die Teenager sind hier. Das junge Pärchen, mit dem wir uns letzte Woche unterhalten haben, steht da am Tunnel drüben. Wo ist die alte Japanerin?« «Sie könnte doch krank sein. Im Moment geht die Grippe um. Himmel noch mal, vielleicht ist sie gestorben.

So jung war sie schließlich auch nicht mehr.« Bei seinen Worten verging mir der Appetit auf meine Schokoladencremetorte.»Vielleicht sollten wir nach ihr sehen.« Greg seufzte.»Sharon, spar dir die Rumschnüffelei für zahlende Kunden auf. Mach nicht aus allem einen Kriminalfall.« Greg hatte mich schon oft bezichtigt, ich ordne meine Logik dem unter, was er meine» weibliche Intuition« nannte — was mich sogar noch mehr störte als seine Anspielungen auf meinen» Fährtenleserinstinkt«. Ich wusste, dass das nicht stimmte; ich ließ einfach den Ahnungen, denen jeder gute Ermittler nachgeht, ungehindert Spielraum. Da ich dieses Thema im Moment jedoch nicht erörtern wollte, ließ ich es fallen.

Doch am nächsten Morgen, einem Montag, saß ich in dem Zimmerchen — einst ein begehbarer Schrank — das mir bei All Souls als Büro diente, und rätselte immer noch, was es mit der verschwundenen Frau auf sich hatte. Eine Akte über einen besonders langweiligen Mieterstreit lag offen vor mir auf dem Schreibtisch. Schließlich klappte ich sie zu und polterte durch den Korridor des viktorianischen Backsteinbaus auf die Eingangstür zu.

«Bin in ein paar Stunden wieder da«, sagte ich zu Ted, dem Sekretär.

Er nickte, während er weiter emsig die Tasten seiner neuen Selectric betätigte. Ich warf der Schreibmaschine einen bösen Blick zu. Sie war meiner Meinung nach ein Luxus — das Geld, das sie kostete, hätte man besser für Gehälter ausgegeben. All Souls, wo man den Kunden die Honorare nach einem Staffeltarif je nach Einkommen berechnete, bezahlte so wenig, dass einige der Anwälte zum Ausgleich kostenlos im ersten Stock wohnen konnten. Ich wohnte in einem Apartment im Mission District, das mir so vorkam, als würde es täglich kleiner.

Vor mich hin brummelnd, ging ich zu meinem Wagen hinaus und fuhr zum Restaurant oberhalb der Sutro Baths.

«Die alte Frau, die auf der Klippe wilden Senf sammelt«, sagte ich zu dem Mann an der Kasse,»war die gestern hier?« Er überlegte.»Ich glaub schon. Gestern war doch Sonntag. Sonntags ist sie immer hier. Ich hab sie so um acht gesehen, als wir aufgemacht haben. Sie kommt immer früh und bleibt bis etwa um zwei.« Doch um elf war sie schon weg gewesen.»Kennen Sie sie? Wissen Sie, wo sie wohnt?« Er musterte mich neugierig.»Nein, keine Ahnung.« Ich dankte ihm und ging hinaus. Ich kam mir dumm vor, wie ich da eine Weile neben dem Great Highway stehen blieb und begann dann den Trampelpfad hinunterzusteigen, auf die Stelle zu, wo der wilde Senf wuchs. Auf halber Strecke begegnete ich den beiden Jugendlichen. Wieso waren die nicht in der Schule?

Hatten sie vermutlich geschmissen.

Sie hasteten vorbei, wichen wie die meisten Kids meinem Blick aus. Ich hielt sie auf.»He, ihr wart doch gestern hier, stimmt’s?« Der mit dem Schnurrbärtchen nickte.

«Habt ihr die alte Japanerin gesehen, die immer Unkraut zupft?« Er runzelte die Stirn.»An die erinner ich mich nicht.« «Wann seid ihr hergekommen?« «Ach, spät! Echt spät. Am Samstagabend war nämlich

’ne Party.« «Ich erinner mich auch nicht, dass ich sie gesehen hätte«, sagte der andere,»aber vielleicht war sie auch schon wieder weg, als wir gekommen sind.« Ich dankte ihnen und steuerte auf die Ruinen unten zu.

Ein Stückchen weiter im Dickicht, durch das sich der Fußweg schlängelte, fiel mir etwas ins Auge, und ich blieb abrupt stehen. Ein ordentliches Häuflein grüner Plastiktüten lag dort und obendrauf ein Paar abgestoßene schwarze Schuhe. Offenbar war sie mit dem Bus hergefahren, in Straßenschuhen, und hatte sich erst für die Arbeit die Turnschuhe angezogen. Wieso sollte sie weggehen, ohne ihr Schuhwerk zu wechseln?

Ich eilte durchs Dickicht auf die Stelle mit dem wilden Senf zu.

Dort im Grünzeug lag noch eine Tüte, deren Farbe mit dem Blattwerk verschmolz. Ich machte sie auf. Sie war bis zu einem Viertel gefüllt mit welkendem Senfgemüse. Sie hatte nicht viel Zeit gehabt, auf Nahrungssuche zu gehen, gar nicht viel Zeit.

Inzwischen ernsthaft besorgt, rannte ich zum Great Highway hinauf. Von der Telefonzelle im Restaurant aus wählte ich Gregs Durchwahlnummer im San Francisco Police Department. Belegt. Ich holte meine Münze wieder heraus und rief bei All Souls an.

«Irgendwelche Anrufe?« Im Hintergrund ratterte Teds Schreibmaschine.»Nein, aber Hank will dich sprechen.« Hank Zahn, mein Chef. Zerknirscht fiel mir plötzlich die Besprechung ein, die vor einer halben Stunde hätte beginnen sollen. Er kam an den Apparat.

«Wo zum Teufel steckst du?« «Ah, in einer Telefonzelle.« «Was ich sagen will, wieso bist du nicht hier?« «Ich kann’s erklären — « «Ich hätte es wissen müssen.« «Was?« «Greg hat mich schon gewarnt, du wärst unterwegs und würdest irgendwas ermitteln.« «Greg? Wann hast du denn mit ihm gesprochen?« «Vor ’ner Viertelstunde. Du sollst ihn anrufen. Es sei wichtig.« «Danke!« «Moment mal — « Ich hängte auf und wählte wieder Gregs Nummer. Er meldete sich, klang gehetzt. Ohne lange Vorrede erklärte ich ihm, was ich im wilden Senf gefunden hatte.

«Deswegen hab ich dich angerufen. «Seine Stimme klang ungewöhnlich sanft.»Wir haben es heute früh erfahren.« «Was erfahren?«Mein Magen krampfte sich zusammen.

«Die Identifizierung einer Leiche, die gestern Abend in der Nähe von Devil’s Slide angespült wurde. Sie ist anscheinend bei Ebbe ins Wasser, sonst wäre sie viel weiter ins Meer hinausgetrieben worden.« Ich schwieg.

«Sharon?« «Ja, ich bin noch dran.« «Du weißt, wie es dort draußen ist. Auf den Schildern wird vor dem Klettern gewarnt. Die Strömung ist tückisch.« Aber ich hatte die alte Japanerin nie, fast ein ganzes Jahr lang nicht, in der Nähe des Meeres gesehen. Sie war immer auf dem Hang, wo ihr Grünzeug wuchs.»Wann war Ebbe, Greg?« «Gestern? Etwa morgens um acht.« Ungefähr um die Zeit, als der Kassierer des Restaurants sie bemerkt hatte, und einige Stunden, bevor die Jugendlichen angekommen waren. Und dazwischen? Was war dort draußen geschehen?

Ich hängte auf und blieb nachdenklich auf dem Hang oben stehen. Wonach sollte ich Ausschau halten? Was konnte ich überhaupt finden?

Ich wusste es nicht, hatte jedoch das sichere Gefühl, dass die alte Frau nicht aus Versehen ins Meer gefallen war.

Sie war immer so geschickt auf diesen Klippen herumgeklettert.

Ich begann hinunterzusteigen, bemerkte dabei die Schuhe und die Tüten im Dickicht, und stapfte entschlossen am wilden Senf vorbei auf den verlassenen Laster zu. Ich ging einmal ganz herum, begutachtete ihn innen und außen, konnte aber nichts Verdächtiges finden.

Dann steuerte ich auf den Tunnel in der Klippe zu.

Die Stelle, an Sonntagen so überfüllt, war jetzt kaum belebt. Die Bewohner von San Francisco gingen ihren Alltagsgeschäften nach, und die Besucher aus den beim nahe gelegenen Cliff House geparkten Reisebussen trauten sich nicht, dorthinunter zu klettern. Nur die Jugendlichen waren zu sehen. Sie standen am Tunneleingang und beobachteten mich. Etwas an ihrer Haltung verriet mir, dass sie Angst hatten. Ich beschleunigte meinen Schritt.

Die Jungen steckten die Köpfe zusammen. Dann wirbelten sie herum und rannten in die Tunnelmündung hinein.

Ich lief ihnen nach. Wieder hatte ich die falschen Schuhe an. Ich kickte sie von den Füßen und rannte durch den groben Sand. Die Jungen hatten den Tunnel zur Hälfte durchquert.

Der eine blieb stehen und untersuchte aufgeregt einen Spalt in der Wand. Ich betete, dass er nicht dort durchstürzte, in die tosenden Wellen darunter.

Er drehte sich um und rannte seinem Gefährten nach. Sie verschwanden am Ende des Tunnels.

Ich erreichte den festgetrampelten Erdboden und beschleunigte mein Tempo. Am Ausgang wurde ich langsamer und kam etwas vorsichtiger näher. Zuerst dachte ich, die Jungen wären verschwunden, doch dann sah ich hinunter. Dort unten auf einem Vorsprung kauerten sie. Ihre Gesichter waren verängstigt und jung, so jung.

Ich blieb stehen, wo sie mich sehen konnten, und machte eine beruhigende Geste.»Kommt wieder rauf«, sagte ich.

«Ich tu euch nichts.« Der mit dem Schnurrbärtchen schüttelte den Kopf.

«Ihr könnt aber doch nirgends hin. In der Brandung könnt ihr nicht schwimmen.« Sie schauten gleichzeitig nach unten. Dann sahen sie wieder mich an und schüttelten beide den Kopf.

Ich machte einen Schritt auf sie zu.»Egal, was passiert ist, es hätte nicht — «Plötzlich spürte ich, wie der Boden nachgab. Mein Fuß glitt aus, und ich stürzte vornüber. Ich fiel auf ein Knie, meine Arme suchten aufgeregt nach Halt.

«O Gott!«, rief der schnurrbärtige Junge.»Sie nicht auch noch!« Er stand schwankend auf, die Arme ausgestreckt.

Ich rutschte immer weiter abwärts. Der Junge griff herauf und packte mich am Arm. Er taumelte an den Rand zurück, und wir fielen zusammen auf den harten, felsigen Untergrund. Einen Augenblick blieben wir beide keuchend liegen. Als ich mich schließlich aufsetzte, stellte ich fest, dass wir uns nur Zentimeter vom steilen Abfall zur Brandung befanden.

Der Junge setzte sich ebenfalls auf, den angstvollen Blick auf mich gerichtet. Sein Gefährte presste sich an die Klippenwand.

«Schon okay«, sagte ich mit zitternder Stimme.

«Ich dachte, Sie fallen runter, wie die alte Frau«, sagte der Junge neben mir.

«Es war ein Unfall, nicht wahr?« Er nickte.»Wir wollten nicht, dass sie runterfällt.« «Habt ihr sie gehänselt?« «Ja. Haben wir immer, bloß so zum Spaß. Aber diesmal sind wir zu weit gegangen. Wir haben uns ihre Tasche geschnappt. Da ist sie uns nach.« «Durch den Tunnel, bis hierher.« «Ja.« «Und dann ist sie ausgerutscht.« Der andere Junge rückte von der Wand weg.»Wir wollten nicht, dass es passiert, ehrlich. Es war bloß — sie war so alt. Sie ist ausgerutscht.« «Wir haben sie fallen sehen«, sagte sein Gefährte.»Wir konnten gar nichts machen.« «Was habt ihr mit der Tasche gemacht?« «Haben wir ihr hinterher geschmissen. Es waren bloß zwei Dollar drin. Zwei lausige Dollar. «In seiner Stimme schwang Verwunderung mit.»Können Sie sich das vorstellen, rennt uns den ganzen Weg hinterher wegen zwei Dollar?« Ich stand vorsichtig auf und hielt mich dabei an dem Felsen fest.»Okay«, sagte ich.»Und jetzt raus hier.« Sie sahen einander an, dann in die Brandung hinunter.

«Na los. Wir reden noch drüber. Ich weiß, ihr wolltet nicht, dass sie stirbt. Und ihr habt mir das Leben gerettet.« Sie rappelten sich auf, hielten aber Abstand zu mir. Ihre Gesichter unter der Sonnenbräune waren bleich, ihre Augen voller Angst. Sie waren so jung. Für sie, Kinder des Kreditkartenzeitalters, war es unvorstellbar, dass jemand wegen zwei Dollar bis zum Tod kämpfen würde.

Und die Japanerin war so alt gewesen. Für sie, die sich mühsam mit wildem Senf durchschlug, hatten die zwei Dollars wahrscheinlich den Unterschied zwischen Leben und Tod bedeutet.

Ich fragte mich, ob sie es je begreifen würden.

Jemima Shore am sonnigen Grab

von ANTONIA FRASER

Lady Antonia Fraser (* 1932), die in London geborene Tochter von Lord Longford, schloss ihr Geschichtsstudium am Lady Margaret Hall in Oxford mit dem Bachelor und Magister ab und wirkte als Herausgeberin der Reihe Kings and Queens of England beim Verlag Weidenfeld, bevor sie im Jahre 1956 Hugh Fraser heiratete. Sie schrieb zunächst Kinderbücher über König Arthur und Robin Hood, gefolgt von Dolls (1963; dt. Schöne Puppen) und A History of Toys (1966; dt. Spielzeug). Mit ihrem höchst erfolgreichen Werk Mary Queen of Scots (1969; dt. Maria, Königin der Schotten) wurde sie zur Bestsellerautorin im Bereich britischer Geschichte und Biografie. Es folgten Bücher über Cromwell, Jakob I., Karl II. und über die Ehefrauen Heinrichs VIII. Zu ihrem breiten literarischen Hintergrund gehören auch eine Übersetzung von Christian Diors Autobiografie aus dem Französischen, Hör- und Fernsehspiele sowie die Herausgabe von zahlreichen Lyrikanthologien. Nachdem ihre erste Ehe 1977 auseinander gegangen war, heiratete sie 1980 den Dramatiker Harold Pinter.

Mit Quiet as a Nun (1977) wandte sie sich der Kriminalliteratur zu; es war der erste Roman mit Jemima Shore, eine der ersten und erfolgreichsten Spürnasen aus der Welt des Fernsehjournalismus. In der überarbeiteten Ausgabe seiner Geschichte der Kriminalliteratur, Bloody Murder (1992), schrieb Julian Symons, man könne Fraser» mit Fug und Recht als feministische Autorin, allerdings auch als Vertreterin des anheimelnden, beschaulichen Krimis bezeichnen. Man merkt den Romanen an, mit welcher Freude sie geschrieben wurden, was einen sehr für sie einnimmt, doch ihre besondere Stärke liegt in den überaus klug konstruierten Plots, wobei mir Cool Repentance (1982) am brillantesten erscheint.« In» Jemima Shore am sonnigen Grab «zeigt die Aufklärung eines Rätsels, gepaart mit einer Spur Romantik vor einem exotischen Hintergrund die Autorin und ihre Hauptfigur in Hochform.

«This is your graveyard in the sun — «Der hoch gewachsene, junge Mann, der ihr den Weg verstellte, sang die Worte lässig, aber deutlich. Es dauerte einen Augenblick, bis Jemima Shore merkte, welche Botschaft er zur Melodie jenes berühmten Calypso intonierte. Sie trat einen Schritt zurück. Es war eine unheimliche und nicht besonders einladende kleine Parodie.

«This is my island in the sun Where my people have toiled since time begun — « Seit ihrer Ankunft in der Karibik, wollte ihr scheinen, hatte sie das Lied nun schon im Ohr. Wie alt es wohl war?

Wie viele Jahre war es her, seit es sich durch den unvergleichlichen Harry Belafonte zum ersten Mal in aller Bewusstsein geprägt hatte? Egal. Wie alt er auch sein mochte, der Calypso wurde auf Bow Island auch heute noch mit Charme, Inbrunst und einer gewissen Erbarmungslosigkeit gesungen, ebenso auf den anderen Westindischen Inseln, die sie im Laufe ihrer Reise besucht hatte.

Natürlich war es nicht das einzige Lied, das es dort gab.

Laute Musik, hatte sie festgestellt, gehörte untrennbar zum karibischen Leben dazu, und damit fing es schon am Flughafen an. Der schwere, unwiderstehliche Rhythmus der Steelbands, der weinerliche Schmelz in den Stimmen der Sänger, all das war bis tief in die Nacht immer irgendwo, wenn nicht überall auf den Inseln zu hören: der fröhliche Klang von Freiheit, Tanz, Alkohol (Rumpunsch) und — jedenfalls für die Touristen — der Klang von Urlaub.

Für Jemima Shore, ihres Zeichens Reporterin, waren es keine Urlaubsklänge. Offiziell jedenfalls nicht. Das war aber auch ganz gut, denn Jemima gehörte vom Temperament her zu den Leuten, für die der beste Urlaub immer der war, bei dem sich etwas Arbeit mit reichlich Vergnügen paarte. Sie konnte es kaum glauben, als Megalith Television, ihr Arbeitgeber, eine Sendung genehmigte, die sie Ende Januar aus dem eiskalten Großbritannien in die sonnige Karibik führte. Es war die Umkehrung der üblichen Praxis, nach der Cy Fredericks – Jemimas Chef und auch Chef von Megalith – normalerweise im Februar in der Karibik ausspannte, während Jemima, wenn überhaupt, eher im unangenehm feuchten August dorthin beordert wurde. Noch dazu war es ein faszinierendes Projekt. Dieses Jahr war definitiv ihr Glücksjahr.

«This is my island in the sun — «In Wirklichkeit hatte der junge Mann da vor ihr aber» your graveyard in the sun« gesungen. Friedhof? Ihrer? Oder wessen? Da der Mann zwischen Jemima und dem historischen Grab stand, dem ihr Besuch galt, war es durchaus denkbar, dass er nicht nur aggressiv war, sondern auch irgendein Revier verteidigte.

Aber dann wiederum — wohl eher nicht. Es war ein Scherz, ein fröhlicher Scherz an einem freundlichen, sehr sonnigen Tag. Der Gesichtsausdruck des jungen Mannes wirkte auf sie allerdings eher bedrohlich.

Jemima erwiderte seinen Blick mit jenem ganz speziellen, zuckersüßen Lächeln, das den Zuschauern im britischen Fernsehen so vertraut war. (Die gleichen Zuschauer wussten aber auch aus Erfahrung, dass Jemima, so süß ihr Lächeln sein mochte, sich von niemandem etwas bieten ließ, jedenfalls nicht in ihrer Sendung.) Bei genauerem Hinsehen war der Mann eigentlich gar nicht so jung. Sie sah sich jemandem in etwa ihrem Alter gegenüber — Anfang dreißig. Er war weiß, wenn auch so tief gebräunt, dass sie ihn nicht für einen Touristen hielt, sondern für ein Mitglied jener kleinen, loyalen Gruppe von Europäern auf Bow Island, einer Insel, die mächtig stolz auf ihre kürzlich erworbene Unabhängigkeit von einem weit größeren Nachbarn war.

Die Körpergröße des Fremden war, im Gegensatz zu seinem jugendlichen Alter, keine Täuschung. Er überragte Jemima, die ihrerseits nicht gerade klein war. Außerdem war er durchaus ansehnlich, oder wäre es jedenfalls gewesen, hätte er nicht diese seltsam geformte, ziemlich große Nase mit hohem Nasenrücken und ausgeprägt hakenförmiger Wölbung gehabt. Und doch war der Eindruck, obgleich die Ebenmäßigkeit seiner Züge durch diese Nase gestört wurde, nicht unattraktiv. Wie so ziemlich jedes männliche Wesen auf Bow Island, ob schwarz oder weiß, trug er rohweiße Baumwollshorts.

Sein orangegelbes T-Shirt zeigte das bekannte Emblem oder Wappen der Insel: die in Schwarz gehaltene Silhouette eines Bogens und eine schwarze Hand, die ihn spannte. Unter dem Emblem war einer der — auch wiederum recht fröhlichen — vielfältigen Slogans aufgedruckt, die aus dem Inselnamen ein Wortspiel machten. Auf diesem hier stand zu lesen: DIES IST DAS ENDE DES SONNENBOGENS!

Nein, bei so einem freundlichen T-Shirt hatte er bestimmt nicht vor, aggressiv zu sein.

Seltsam an der ganzen Begegnung war daher die Tatsache, dass der Fremde Jemima immer noch absolut reglos den Weg verstellte. Sie konnte das große steinerne Archer-Grabmal, das sie von den Postkarten kannte, direkt hinter ihm erspähen. Für so eine relativ kleine Insel war Bow Island bemerkenswert reich an historischen

Überresten. Admiral Nelson hatte die Insel seinerzeit mit seiner Flotte besucht, denn wie die benachbarten Inseln war auch Bow Island in die Napoleonischen Kriege verwickelt gewesen. Etwa zweihundert Jahre davor waren erst die Briten, dann die Franzosen und dann wieder die Briten eingefallen und hatten die Insel besiedelt, die einst den Kariben und davor den Aruaks gehört hatte.

Schließlich waren in diesen Schmelztiegel dann noch gewaltsam Afrikaner verbracht worden, um auf den Zuckerrohrplantagen zu arbeiten, auf denen der Reichtum der Insel basierte. Alle diese Elemente hatten in unterschiedlichem Maße zur Herausbildung des Menschenschlags beigetragen, der sich nun untereinander lässig als Bo’länder bezeichnete.

Das Archer-Grabmal, das Jemima gewissermaßen über den Atlantik hierher geführt hatte, gehörte in die Zeit der zweiten — und letzten — britischen Besiedlung. Hier lag der berühmteste Gouverneur in der Geschichte von Bow Island begraben, Sir Valentine Archer. Sogar der Name der Insel erinnerte an seine lange Herrschaft. Ursprünglich war Bow Island nach einer Heiligen benannt, und während es stimmte, dass die Insel ungefähr die Form eines Bogens besaß, war es Gouverneur Archer gewesen, der die Umbenennung durchgesetzt hatte: um auch rituell darauf hinzuweisen, dass dieser ganz bestimmte» archer« (Bogenschütze) die Herrschaft über diesen ganz bestimmten» bow«(Bogen) innehatte.

Jemima wusste bereits, dass das prächtig gemeißelte Monument Sir Valentine Archer und an seiner Seite seine Gattin Isabella darstellte. Diese doppelte steinerne Totenbahre war mit einem weißen Holzüberbau versehen, der an eine kleine Kirche gemahnte, was entweder dem ganzen Monument zusätzliche Bedeutung verleihen sollte — obwohl es den kleinen Kirchhof sicher seit jeher allein durch seine Größe beherrscht hatte — oder aber es vor der Witterung schützen sollte. Jemima hatte gelesen, dass entgegen der im siebzehnten Jahrhundert gängigen Praxis auf dem Grabstein keine Archer-Kinder verzeichnet waren. Der Grund dafür war, wie ein örtlicher Historiker es feinfühlig ausdrückte, dass Gouverneur Archer sozusagen der Vater der gesamten Insel gewesen war.

Oder in den Worten eines Calypso, den man nur auf Bow Island sang:

«Übers Meer kam der alte Sir Valentine — Und wurde dein Daddy, und wurde der mein’.« Kurz gesagt: Ein einzelnes Monument konnte nicht die Nachkommenschaft eines Mannes umfassen, der angeblich mehr als hundert Kinder gezeugt hatte, ob nun ehelich oder unehelich. Die eheliche Linie war inzwischen allerdings im Aussterben begriffen. Ein Besuch bei Miss Isabella Archer — zumindest offiziell der Letzten ihres Geschlechts — war der eigentliche Grund für Jemimas Reise in die Karibik. Sie hoffte, eine Sendung über die alte Dame und ihr Zuhause zu machen, das Archer Plantation House, dessen Einrichtung angeblich seit fünfzig Jahren nicht verändert worden war. Auch wollte sie Miss Archer generell zu den Veränderungen befragen, die diese zu ihren Lebzeiten in diesem Teil der Welt beobachtet hatte.

«Greg Harrison«, sagte der Mann plötzlich, der Jemima den Weg versperrte.»Und das ist meine Schwester Coralie. «Ein Mädchen, das bislang — von Jemima unbemerkt — im Schatten des geschwungenen Kirchenvordachs gestanden hatte, trat nun schüchtern hervor. Sie war ebenfalls sehr braun, und ihr helles Haar, das die Sonne fast flachsblond gebleicht hatte, war zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Seine Schwester. Bestand da eine Ähnlichkeit? Coralie Harrison trug auch ein orangegelbes T-Shirt, war ihrem Bruder aber sonst nicht sehr ähnlich, da sie ziemlich klein war und eher ansprechende als schöne Züge hatte — außerdem fehlte ihr, was vielleicht ein Glück war, die dominante Nase ihre Bruders.

«Willkommen auf Bow Island, Miss Shore«, setzte sie an, doch ihr Bruder unterbrach sie und streckte Jemima seine große, muskulöse Hand hin, die von der Sonne nussbraun gebrannt war.

«Ich weiß, warum Sie hier sind, und es passt mir nicht«, sagte Greg Harrison.»Um alte Geschichten aufzuwärmen.

Wieso lassen Sie Miss Izzy nicht in Frieden sterben?«Der Kontrast zwischen seinem vermeintlich freundlichen Händedruck und den feindseligen, wenn auch ruhig ausgesprochenen Worten war verstörend.

«Ich heiße Jemima Shore«, sagte sie, obwohl er das offenbar schon wusste.»Ob es wohl gestattet ist, das Archer-Grabmal zu besichtigen? Oder geht das nur über Ihre Leiche?«Wieder lächelte Jemima ihn zuckersüß an.

«Über meine Leiche!«Greg Harrison erwiderte ihr Lächeln. Es wirkte jedoch nicht sonderlich erwärmend.

«Sind Sie denn bis an die Zähne bewaffnet hergekommen?«Bevor sie antworten konnte, begann er wieder den berühmten Calypso zu summen. Jemima dachte sich den Text dazu:»This is your graveyard in the sun.« Dann fügte er hinzu:»Wäre vielleicht gar keine schlechte Idee, wo Sie doch Sachen ausbuddeln wollen, die besser begraben bleiben sollten.« Nun war Jemima der Ansicht, es war genug geredet worden. Greg Harrison gewandt umgehend, schritt sie entschlossen auf das Archer-Grabmal zu. Dort lag das gemeißelte Paar. Sie las:»Im seligen Angedenken an Sir Valentine Archer, den ersten Gouverneur dieser Insel, und seine einzige Frau Isabella, Tochter von Randal Oxford, Edelmann. «Sie fühlte sich kurz an ihr Lieblingsgedicht von Philip Larkin über das Arundel-Grabmal erinnert. Es begann so:»Seit’ an Seit’ — der Trauerflor hineingewirkt in schweren Stein —, so ruht das Paar «und endete so:

«Was von uns bleibt, ist unsre Liebe nur.« Jenes Paar lag jedoch tausend Meilen entfernt in der klösterlichen Kühle der Kathedrale von Chichester, und hier brannte die tropische Sonne auf ihren unbedeckten Kopf herunter. Sie merkte, dass sie als Zeichen des Respekts ihren großen Strohhut abgenommen hatte, und setzte ihn rasch wieder auf. Auch wuchsen hier im Kontrast zu der sehr englisch wirkenden steinernen Kirche mit den spitzen gotischen Fenstern Palmen statt Eiben zwischen den Gräbern, und ihre schlanken Stämme bogen sich wie Giraffenhälse in der Brise. Einer romantischen Anwandlung folgend, hatte sie am Arundel-Grabmal einmal weiße Rosen niedergelegt. In dem Moment, als sie an diese Geste denken musste, fiel ihr Blick auf die vor ihr auf den Stein gehäuften leuchtend rosa und orangegelben Hibiskusblüten. Ein Schatten fiel darüber.

«Die legt Tina immer hin. «Greg Harrison war ihr gefolgt.

«Jeden Tag, wenn sie es schafft. An den meisten Tagen.

Dann erzählt sie Miss Izzy davon. Rührend, nicht?«Es hörte sich nicht so an, als fände er es besonders rührend.

Tatsächlich lag in seinem Ton so viel Bitterkeit, ja Bösartigkeit, dass es Jemima auf dem sonnigen Friedhof kalt über den Rücken lief.»Oder ist es abstoßend?«, fügte er mit nun ziemlich unverhohlener Feindseligkeit hinzu.

«Greg«, murmelte Coralie Harrison leise, wie unter Protest.

«Tina?«, sagte Jemima.»Das ist doch Miss Archers – Miss Izzys — Gesellschafterin. Wir haben uns geschrieben.

Ich kann mich im Moment nicht an ihren Nachnamen erinnern.« «Heutzutage kennt man sie als Tina Archer, werden Sie feststellen. Als sie Ihnen geschrieben hat, hat sie vermutlich mit Tina Harrison unterzeichnet. «Harrison grinste Jemima hämisch an, doch hatte sie den Nachnamen der Gesellschafterin tatsächlich vergessen gehabt — es war schließlich kein besonders ungewöhnlicher.

Sie wurden von lautem Rufen unterbrochen, das von der Straße herüberschallte. Jemima sah einen jungen Schwarzen am Lenkrad eines dieser praktischen Mini-Cabrios, mit denen auf Bow Island anscheinend jeder herumfuhr. Er stand auf und begann irgendetwas zu rufen.

«Greg! Cora! Kommt ihr auch zum — «Der Rest entging ihr — irgendwie ging es um ein Boot und einen Fisch.

Coralie Harrison strahlte plötzlich, und für einen kurzen Moment wirkte sogar Greg Harrison richtig erfreut.

Er winkte zurück.»He, Joseph. Komm und sag Miss Jemima Shore von der BBC guten Tag!« «Megalith Television«, unterbrach ihn Jemima, jedoch vergeblich. Harrison fuhr fort:»Du weißt schon, Joseph.

Sie macht eine Sendung über Miss Izzy.« Der Mann sprang elegant aus dem Wagen und kam den palmengesäumten Fußweg herauf. Jemima sah, dass auch er ungewöhnlich groß war. Und wie die überwiegende Mehrheit der Bo’länder, denen sie bisher begegnet war, wirkte er auf natürliche Weise athletisch. Wie auch immer sich die Mischung aus Kariben, Afrikanern und anderen Völkern zusammensetzte, aus der sie einmal hervorgegangen waren — auf jeden Fall waren die Bo’länder wunderschön. Er küsste Coralie auf beide Wangen und klopfte ihrem Bruder freundschaftlich auf den Rücken.

«Miss Shore, das hier ist Joseph«— noch bevor Greg Harrison den Nachnamen ausgesprochen hatte, sah Jemima an seinem boshaften Gesichtsausdruck, wie er vermutlich lauten würde —»Joseph Archer. Zweifellos einer von den zehntausend Abkömmlingen des zeugungsfreudigen alten Herrn, dessen Grab Sie da so verzückt betrachten. «Was von uns bleibt, ist unsre Liebe nur … Von wegen, dachte Jemima respektlos, während sie Joseph Archers Hand ergriff. Philip Larkin in allen Ehren, doch wie es schien, war von Sir Valentine weit mehr als das übrig geblieben.

«O, Sie werden feststellen, dass wir hier in der Gegend alle Archer heißen«, brummte Joseph liebenswürdig. Im Gegensatz zu Greg Harrison wirkte sein Willkommensgruß aufrichtig herzlich.

«Und was Sir Val-en-tine betrifft«— er sprach es Silbe für Silbe aus wie den Calypso —,»schenken Sie den Geschichten nicht allzu viel Aufmerksamkeit. Wie könnte es sonst sein, dass wir nicht alle in dem schönen alten Plantagenhaus wohnen?« «Statt bloß meine Exfrau. Nein, Coralie, sag nichts. Ich könnte sie umbringen für das, was sie da anstellt. «Wieder lief Jemima bei der geballten Gewalt in Greg Harrisons Stimme ein kalter Schauer den Rücken hinunter.»Komm, Joseph, schauen wir mal nach deinem Fisch. Komm, Coralie. «Er marschierte ohne ein Lächeln davon, begleitet von Joseph, der jedoch lächelte. Coralie erkundigte sich noch, ob sie für Jemima irgendetwas tun könnte. Sie gab sich immer noch schüchtern, in Abwesenheit ihres Bruders jedoch weitaus freundlicher. Auch hatte Jemima den starken Eindruck, dass Coralie Harrison ihr etwas mitteilen wollte, etwas, was ihr Bruder nicht unbedingt hören sollte.

«Ich könnte Ihnen vielleicht manche Dinge — «Coralie schwieg. Jemima sagte nichts.»Erklären«, fuhr Coralie fort.»So eine Insel hat so viele unterschiedliche Aspekte.

Auch wenn sie so klein ist, begreift ein Außenseiter trotzdem nicht immer — « «Und ich bin der Außenseiter? Na ja, stimmt ja auch.« Jemima hatte angefangen, zur späteren Verwendung eine Skizze von dem Grabmal zu machen, wofür sie eine kleine, aber nützliche Begabung besaß. Sie verkniff sich die ehrliche, wenngleich etwas platte Bemerkung, dass ein Außenseiter manchmal auch gewisse Eigenheiten des Ortes klarer erkennen könne als die Beteiligten — denn sie wollte wissen, was Coralie sonst noch zu sagen hatte.

Würde sie ihr zum Beispiel erklären, woher Gregs ziemlich unverhohlene Abneigung gegen seine frühere Frau rührte?

Ein ungeduldiger Schrei ihres Bruders, der inzwischen neben Joseph im Wagen saß, bedeutete allerdings, dass Coralie im Moment nichts mehr hinzuzufügen hatte. Sie eilte den Fußweg hinunter, und Jemima blieb allein zurück und wandte sich mit neuem Interesse ihrem bevorstehenden Besuch bei Isabella Archer im Archer Plantation House zu. Zu diesem Besuch gehörte — wie sie annahm — wohl auch eine Begegnung mit Miss Archers Gesellschafterin, die wie ihre Arbeitgeberin gegenwärtig dort in aller Behaglichkeit lebte.

Behaglichkeit! Selbst aus der Entfernung strahlte das klobige, niedrig gebaute Anwesen eine gewisse Behaglichkeit aus, als sie später am Nachmittag dort ankam. Darüber hinaus vermittelte es den Eindruck von anmutiger, etwas altmodischer Geruhsamkeit. Als Jemima ihren gemieteten Mini die lange Auffahrt entlang steuerte — wo die Palmen noch viel höher als auf dem Friedhof waren —, konnte sie sich gut vorstellen, zurück in die Zeit von Gouverneur Archer zu reisen, zu seinen üppigen Banketts, Gesellschaften und Bällen, wo die Gäste von schwarzen Sklaven bedient wurden.

In dem Moment erschien eine junge Frau mit kaffeebrauner Haut und kurzem, schwarz gelocktem Haar auf den Stufen vorm Haus. Anders als die Serviererinnen in Jemimas Hotel, die zum Dinner ein veraltetes Mischmasch von Dienstbotenuniformen trugen – grellfarbige knöchellange Kleider, weiße Musselinschürzen und Turbane —, trug dieses Mädchen ein knallrotes rückenfreies Oberteil und abgeschnittene Shorts, die den größten Teil ihrer glatten braunen Beine offenbarten. Sie stellte sich als Tina Archer vor.

Es überraschte Jemima Shore kein bisschen, dass man mit Tina Archer — ehemalige Harrison — gut auskommen konnte. Jede Frau, die den feindseligen und ungehobelten Greg Harrison verlassen hatte, war bei Jemima schon gut angeschrieben. Mit der munter zwitschernden, so chic und sogar modisch auftretenden Tina Archer an ihrer Seite wirkte das Innere des Hauses auf sie jedoch noch viel schockierender, als es sonst der Fall gewesen wäre. Es hatte nichts, aber auch gar nichts Modernes an sich. Staub und Spinnweben waren zwar nicht tatsächlich vorhanden, deuteten sich aber in der Düsternis, in dem schweren hölzernen Mobiliar — wo waren die leichten, dem Klima so angemessenen Rohrstühle? — und vor allem in seiner Abgeschiedenheit an. Das Archer Plantation House erinnerte sie an das wie aus einer anderen Zeit stammende Haus von Miss Havisham in Große Erwartungen. Noch schlimmer, über dem gesamten Innenraum hing eine Atmosphäre der Traurigkeit. Oder vielleicht war es bloß Einsamkeit, eine Art düstere, sterile Erhabenheit, bei der man irgendwie das Gefühl hatte, dass sie Jahrhunderte in die Vergangenheit zurückreichte.

All dies stand in krassem Gegensatz zu dem auch am späten Nachmittag noch gleißenden Sonnenschein und den leuchtend bunten tropischen Blüten an den üppigen Büschen. Mit alldem hatte Jemima nicht gerechnet. Die in London zusammengetragenen Informationen hatten ihr ein ganz anderes Bild vom Archer Plantation House vermittelt, eines, das eher ihrem ursprünglichen Eindruck entsprach, als sie die palmengesäumte Auffahrt entlang gekommen war — ein Bild altmodischer, sanfter Anmut.

Während Jemima sich noch an diese Überraschung gewöhnte, stellte sie fest, dass Miss Archers Erscheinung genauso erstaunlich war. Nachdem sie sich nämlich von der lockeren, lässigen Tina rasch auf das zerfallende, düstere Haus eingestellt hatte, musste sie sich jetzt mit ebenso großer Geschwindigkeit wieder umgewöhnen.

Denn schon der erste Blick auf die alte Dame, die mindestens achtzig war, wie Jemima wusste, vertrieb jeden Gedanken an Miss Havisham. Hier hatte sie keine gealterte, verlassene Braut vor sich, die im zerschlissenen Hochzeitskleid von vor fünfzig Jahren versank. Miss Izzy Archer trug einen unter dem Kinn offenbar mit einem Tüchlein zusammengebundenen Landarbeiterstrohhut, ein lockeres weißes Männerhemd und unterm Knie abgeschnittene, ausgebleichte Blue Jeans. An den Füßen hatte sie ein Paar — wie es schien — braune Kindersandalen. So, wie sie aussah, hatte sie in dieser Montur entweder gerade geduscht oder war schwimmen gewesen. Sie war triefend nass, so dass sich auf dem prächtigen Teppich und den dunklen, blank polierten Bodendielen des Salons mit seinem dunkelroten Brokat und den drapierten, fransenbehangenen Vorhängen, in dem sie Jemima empfangen hatte, große Pfützen bildeten.

Dies war sogar in dem gedämpften Licht zu sehen, das durch die schweren braunen Fensterläden drang, die den Blick aufs Meer versperrten.

«Ach, mach doch nicht so ein Theater, Tina, mein Liebes«, rief Miss Izzy ungehalten — obwohl Tina überhaupt nichts gesagt hatte.

«Was machen schon ein paar Tropfen Wasser? Flecken?

Was denn für Flecken?«(Tina hatte immer noch nichts gesagt.)»Das soll die Regierung in Ordnung bringen, wenn es so weit ist.« Obwohl Tina Archer immer noch schwieg und ihre Arbeitgeberin freundlich, ja heiter anblickte, versteifte sich ihr Körper irgendwie, erstarrte sie in ihrer höflich lauschenden Haltung. Instinktiv ahnte Jemima, dass sie ziemlich erregt war.

«Ach, sei nicht so, Tina, reg dich doch nicht auf, Liebes. «Inzwischen schüttelte sich die alte Dame wie ein kleiner, aber kräftiger Hund das Wasser ab.»Du weißt schon, was ich meine. Und wenn du’s nicht weißt, wer dann — wo ich die meiste Zeit nicht mal selber weiß, was ich meine, geschweige denn, was ich sage. Eines Tages kannst du alles in Ordnung bringen, zufrieden? Schließlich hast du dann ja jede Menge Geld dafür und kannst dir ein paar neue Bezüge und Teppiche leisten. «Mit diesen Worten nahm Miss Izzy Jemima bei der Hand und ging mit ihr, begleitet von der immer noch schweigenden Tina, zu dem am entferntesten stehenden dunkelroten Sofa.

Vom Kopf bis zu den Zehenspitzen beträchtlich nass aussehend, setzte sie sich entschlossen mitten darauf.

Auf diese Weise wurde Jemima überhaupt erst klar, dass das Archer Plantation House nach dem Tode seiner Besitzerin nicht zwangsläufig an die neue unabhängige Regierung von Bow Island übergehen würde. Wenn es nach ihr ging, hatte Miss Izzy die Absicht, das Ganze, nämlich Haus und Vermögen, an Tina zu vererben. Dies bedeutete unter anderem, dass Jemima keine Sendung mehr über ein Haus machen würde, das demnächst Nationalmuseum werden sollte — was einen nicht unerheblichen Teil der Vereinbarung ausmachte, die sie auf die Insel geführt und ihr, nebenbei bemerkt, auch die freundliche Unterstützung eben jener neuen Regierung gesichert hatte. War das alles neu? Wie neu? Wusste die neue Regierung darüber Bescheid? Wenn das Testament unterschrieben war, musste sie es ja wissen.

«Heute Morgen habe ich das Testament unterschrieben, Liebes«, erklärte Miss Archer triumphierend, mit ihrer unheimlichen Fähigkeit, unausgesprochene Fragen zu beantworten.»Und bin zur Feier des Tages schwimmen gegangen. Ich feiere nämlich immer alles mit einem schönen Schwimmstündchen — ist doch viel gesünder als Rum oder Champagner. Obwohl davon auch noch genügend im Keller ist.« Sie hielt inne.»So, da sind Sie nun also, meine Liebe!

Oder werden Sie sein. Hier werden Sie sein. Thompson meint natürlich, es wird Ärger geben. Was soll man anderes erwarten heutzutage? Seit der Unabhängigkeit gibt’s nur Ärger. Nicht, dass ich gegen die Unabhängigkeit wäre, absolut nicht. Aber alles Neue bringt auch neuen Ärger, zusätzlich zu all dem alten Ärger, und dadurch wird der Ärger immer größer. Auf Bow Island erledigt sich Ärger nie von selbst. Woran liegt das?« Miss Izzy wartete die Antwort gar nicht ab.»Nein, ich bin ganz für die Unabhängigkeit und werde Ihnen alles darüber erzählen, meine Liebe«— dabei wandte sie sich an Jemima und legte ihr eine feuchte Hand auf den Ärmel —, «in Ihrer Sendung. Ich bin nämlich eine waschechte Bo’länderin, hier geboren und aufgewachsen. «In der Tat sprach Miss Izzy, im Gegensatz etwa zu Tina, in jenem seltsamen, leicht singsanghaften Tonfall der Inselbewohner, der in Jemimas Ohren nicht unattraktiv klang.

«Im April waren es zweiundachtzig Jahre, dass ich hier in diesem Haus geboren wurde«, fuhr Miss Izzy fort.»Sie müssen zu meiner Geburtstagsparty kommen. Ich wurde während eines Wirbelsturms geboren. Ein guter Start!

Meine Mutter starb aber bei der Geburt — sie hätten diesen neumodischen Doktor nicht holen sollen, bloß weil der aus England kam. Ein Vollidiot, ich erinnere mich noch gut an ihn. Eine ordentliche Bo’länder Hebamme hätten sie nehmen sollen, dann wäre meine Mutter nicht gestorben und mein Vater hätte Söhne bekommen …« Miss Izzy verlor sich in einer Reihe von Erinnerungen – und während es genau das war, weswegen Jemima gekommen war und was sie hören wollte, eilten ihre Gedanken nun in eine ganz andere Richtung. Ärger? Was denn für Ärger? Wo stand beispielsweise Greg Harrison in dem Ganzen — Greg Harrison, der wollte, dass man Miss Izzy» in Frieden sterben «ließ? Greg Harrison, der mit Tina verheiratet gewesen war und nun nicht mehr? Mit Tina Archer, mittlerweile Erbin eines großen Vermögens.

Und überhaupt — wieso hatte diese offenherzige alte Dame die Absicht, alles ihrer Gesellschafterin zu hinterlassen? Zunächst einmal wusste Jemima nicht, wie viel Bedeutung sie der Sache mit Tinas Nachnamen beimessen sollte. Joseph Archer hatte die ganze Geschichte mit Sir Valentines unzähligen Abkömmlingen lachend abgetan. Aber vielleicht war die schöne Tina auch auf eine ganz spezielle Weise mit Miss Izzy verbunden.

Womöglich war sie das Produkt einer jüngeren Verbindung zwischen einem unternehmungslustigen Archer und einer Bo’länder Jungfer. Aus weit jüngerer Zeit als dem siebzehnten Jahrhundert.

Ihre Aufmerksamkeit wurde wieder von Miss Izzys Erinnerungsmonolog angezogen, als diese das Archer-Grabmal erwähnte.

«Haben Sie das Grab gesehen? Tina hat herausgefunden, dass das alles Betrug ist. Ein Riesenschwindel, der da unter der Sonne liegt — ja, Tina, mein Liebes, das hast du mal gesagt. Sir Valentine Archer, mein Ururur — «Es folgte eine unendliche Menge von» Urs«, bevor Miss Izzy schließlich das Wort» Großvater «aussprach, doch musste Jemima zugeben, dass sie offenbar mitgezählt hatte.

«Einen Riesenschwindel hat er da auf seinem Grabstein verewigen lassen.« «Was Miss Izzy damit meint — «Es war das erste Mal, seit sie den abgedunkelten Salon betreten hatten, dass Tina sich vernehmen ließ. Sie stand immer noch aufrecht da, während Jemima und Miss Izzy schon saßen.

«Sag du mir nicht, was ich meine, mein Kind«, polterte die alte Dame los; ihr Ton war eher gebieterisch als nachsichtig. Tina hätte für einen Augenblick auch eine Plantagenarbeiterin von vor zweihundert Jahren sein können statt ein unabhängig denkendes Mädchen im ausgehenden zwanzigsten Jahrhundert.»Die Inschrift ist ein Schwindel. Sie war gar nicht seine einzige Frau. Schon die Inschrift hätte uns alarmieren sollen. Tina will, dass der armen kleinen Lucie Anne Gerechtigkeit widerfährt, und das will ich auch. Von wegen Unabhängigkeit! Ich war mein ganzes Leben lang unabhängig und habe nicht vor, jetzt damit aufzuhören. Sagen Sie, Miss Shore, Sie sind doch eine clevere junge Frau vom Fernsehen. Wieso sollte man sich die Mühe machen, etwas abzustreiten, es sei denn, es wäre wahr? So arbeiten Sie beim Fernsehen doch, nicht wahr?« Jemima überlegte, wie sie diese Frage wohl diplomatisch und ohne ihren Berufsstand zu verleumden beantworten sollte, als Tina entschlossen und diesmal auch mit Erfolg ihrer Arbeitgeberin das Heft aus der Hand nahm.

«Ich habe an einer britischen Universität Geschichte studiert, Jemima. Mein Fachgebiet ist Ahnenforschung.

Ich habe Miss Izzy geholfen, ihre Papiere zu ordnen für das Museum — beziehungsweise für das damals geplante Museum. Als dann die Anfrage von Ihrem Sender kam, begann ich etwas tiefer zu graben. Dabei stieß ich auf die Heiratsurkunde. Der alte Sir Valentine hat seine junge karibische Mätresse, bekannt unter dem Namen Lucie Anne, tatsächlich geheiratet. Spät im Leben — lange nachdem seine erste Frau gestorben war. Lucie Anne war die Mutter seiner beiden jüngsten Kinder. Er wurde allmählich alt und beschloss aus irgendeinem Grund, sie zu heiraten. Wegen der Kirche vielleicht. Irgendwie war diese Insel ja immer schon recht gottesfürchtig. Vielleicht setzte Lucie Anne, die sehr jung und sehr schön war, den alten Mann unter Druck und nahm dabei die Kirche zu Hilfe. Jedenfalls wären diese beiden letzten Kinder von all den Hunderten, die er gezeugt hatte, dann ehelich gewesen!« «Und?«, fragte Jemima möglichst aufmunternd.

«Ich stamme von Lucie Anne ab — und von Sir Valentine natürlich. «Ihr süßes Lächeln erwiderte Tina mit einem ebensolchen.»Das habe ich anhand der Kirchenbucheintragungen nachverfolgt — nicht allzu schwierig, wenn man überlegt, wie stark die Kirche hier ist. Nicht allzu schwierig, jedenfalls für eine Expertin. O, ich habe alles mögliche Blut in mir, wie die meisten von uns hier, darunter eine spanische Großmutter und vielleicht auch etwas französisches Blut. Aber die Archer-Abstammung ist absolut direkt und eindeutig.« Tina schien zu merken, dass Jemima sie voll Respekt betrachtete. Ob sie sich allerdings über die eigentliche Richtung von Jemimas Gedanken im Klaren war? Eine gefährliche, nicht zu unterschätzende Person, überlegte Jemima. Reizend ja, aber nicht zu unterschätzen. Und gelegentlich vielleicht auch skrupellos. Und, um ehrlich zu sein, fragte sich Jemima darüber hinaus, wie sie diese völlig neue Perspektive in ihrer Sendung für Megalith Television präsentieren sollte. Einerseits könnte die Entdeckung der verschollenen Erbin als romantische Aschenbrödelgeschichte interpretiert werden. Andererseits — angenommen, Tina Archer war weniger Erbin als vielmehr Erbschleicherin? Was würde Megalith — was würde Jemima Shore — in dem Fall mit einer intelligenten jungen Frau anfangen, die eine unschuldige alte Dame mit einem Haufen gefälschter historischer Fakten täuschte? So gesehen, konnte Jemima die Verachtung gut verstehen, die der Mann am sonnigen Grab für Tina Archer gezeigt hatte.

«Heute Morgen habe ich am Archer-Grabmal Greg Harrison getroffen«, bemerkte Jemima bedächtig.»Ihren Exmann, nehme ich an.« «Natürlich ist er ihr Exmann«, ließ sich Miss Izzy an ihrer Stelle vernehmen.»Dieser Nichtsnutz. Vom Tag seiner Geburt an war Gregory Harrison ein Nichtsnutz.

Und dann diese Schwester von ihm. Lauter Herumtreiber.

Von einem geregelten Job keine Spur. Gehen segeln.

Fischen. Als müsste ihnen alles nur so zufliegen.« «Halbschwester. Coralie ist seine Halbschwester. Und arbeitet in einer Hotelboutique. «Obwohl Tina völlig gelassen sprach, vermutete Jemima wieder, dass sie irgendwie verstimmt war.»Greg ist der Nichtsnutz in der Familie. «Trotz ihrer zur Schau gestellten Ruhe klang in der Bemerkung über ihren früheren Ehemann eine Spur von unterdrückter Wut an. In welcher Bitterkeit müsste diese Ehe geendet haben!

«Nichtsnutzig, alle beide. Die Ehe hast du zum Glück hinter dir, Tina, Liebes«, rief Miss Izzy aus.»Nun setz dich doch endlich, mein Kind — du stehst da wie eine Hausangestellte. Wo steckt überhaupt Hazel? Es ist fast halb sechs. Es wird schon bald dunkel. Wir könnten doch auf die Terrasse hinuntergehen, um uns den Sonnenuntergang anzusehen. Wo ist Henry? Der soll uns einen Punsch bringen. Den Archer-Plantagenpunsch, Miss Shore — warten Sie mal, bis Sie den probiert haben. Eine geheime Zutat, wie mein Vater immer sagte — « Glückselig kehrte Miss Izzy zurück in die Vergangenheit.

«Ich hole uns den Punsch«, sagte Tina, die immer noch stand.

«Sagtest du nicht, Hazel könnte heute frei nehmen? Ihre Schwester hat in Tamarind Creek drüben Hochzeit. Henry hat sie hingefahren.« «Wo ist dann der Junge? Wie heißt er doch gleich? Klein Joseph. «Die alte Dame klang allmählich verdrießlich.

«Einen Jungen gibt es nicht mehr«, erklärte ihr Tina geduldig.

«Bloß Hazel und Henry. Und was Joseph betrifft — der kleine Joseph Archer ist inzwischen ganz schön erwachsen geworden, nicht wahr?« «Aber natürlich ist er das! Ich meine ja auch nicht den Joseph — der hat mich doch letzthin besucht. War da denn nicht auch noch ein anderer Junge namens Joseph?

Vielleicht war das noch vor dem Krieg. Mein Vater hatte mal einen jungen Stallknecht — « «Ich hole uns den Rumpunsch. «Tina empfahl sich geschmeidig und verschwand.

«Hübsches Geschöpf«, murmelte Miss Izzy ihr hinterher.»Archer-Blut. Kommt doch immer durch. Man sagt ja auch, die bestaussehenden Bo’länder hießen immer noch Archer.« Doch als Tina zurückkehrte, hatte sich die Laune der alten Dame schon wieder gewandelt.

«Mir ist kalt und feucht«, verkündete sie.»Ich werde mich noch verkühlen, wenn ich hier sitzen bleibe. Und bald bin ich ganz allein im Haus. Ich hasse es, allein gelassen zu werden. Schon als Kind habe ich das Alleinsein gehasst. Jeder weiß das. Tina, du musst zum Abendessen bleiben. Und Sie, Miss Shore, Sie müssen auch bleiben. Hier am Meer ist es so einsam. Was passiert, wenn jemand einbricht? — Mach nicht so ein Gesicht, böse Menschen gibt’s jede Menge. Das ist jedenfalls etwas, was seit der Unabhängigkeit nicht besser geworden ist.« «Natürlich bleibe ich da«, erwiderte Tina leichthin.»Ich habe es mit Hazel vereinbart. «Schuldbewusst überlegte Jemima, ob sie ebenfalls bleiben sollte. An dem Abend fand jedoch in ihrem Hotel die allwöchentliche Strandparty statt — es wurde gegrillt und danach zu einer Steelband getanzt. Jemima, zu Hause eine begeisterte Tänzerin, wollte es hier unbedingt auch einmal ausprobieren. Am Meer unter Sternen zu tanzen hörte sich idyllisch an. Ob Miss Izzy wirklich zusätzliche Gesellschaft brauchte? Über den strohhutbedeckten Kopf der alten Dame hinweg traf sich ihr Blick mit dem von Tina Archer. Diese schüttelte unmerklich den Kopf.

Nach einem Schluck von dem berühmten Rumpunsch – was auch immer die geheime Zutat war, es war der stärkste, den sie auf der Insel je probiert hatte — gelang es Jemima zu entrinnen. Auf Miss Izzy selbst übte der Punsch eine sichtlich entspannende Wirkung aus. Sie wurde rasch ziemlich beschwipst, und Jemima fragte sich, wie lange sie wohl wach bleiben würde. Nächstes Mal sollten sie sich vielleicht an einem frischen Morgen treffen.

Jemima fuhr gerade davon, als die riesige rote Sonne hinten am Horizont versank. Das Geräusch der ans Ufer schlagenden Wellen folgte ihr. Das Archer Plantation House lag einsam auf einer privaten Landzunge am Ende einer langen privaten Palmenallee. Sie konnte es Miss Izzy kaum verdenken, dass sie hier nicht allein gelassen werden wollte. Jemima lauschte dem Wellenrauschen, bis es vom ganz anderen Klang der Steelband aus dem benachbarten Küstendorf übertönt wurde. Das lenkte ihre Gedanken vorübergehend von den jüngsten Ereignissen im Archer Plantation House auf den Abend, der nun vor ihr lag. Für eine gewisse Zeit würde sie abschalten und überhaupt nicht mehr an Miss Isabella Archer denken.

Denn die Strandparty entsprach Jemimas Erwartungen zunächst ganz genau — entspannt, freundlich und laut. Sie merkte, wie ihre Sorgen sich allmählich davonmachten, während sie zum Rhythmus einer Steelband unermüdlich mit den verschiedenen Partnern tanzte, Engländern, Amerikanern, Bo’ländern. Miss Izzys Rumpunsch mit seiner geheimen Zutat war anscheinend absolut tödlich, denn Stunden später war die Wirkung immer noch zu spüren. Sie kam zu dem Schluss, dass sie die großzügig angebotene hoteleigene Mixtur gar nicht brauchte — die unter der üppig mit Muskatnuss bestreuten Oberfläche um einiges schwächer als Miss Izzys Gebräu war. Andere wiederum fanden, der Hotelpunsch war genau das Richtige für sie. Alles in allem war es eine sehr gelungene Party, schon lange bevor die schmale Mondsichel über den inzwischen schwarzen Wassern der Karibik erschien. Als sie kurz einmal allein war, legte Jemima den Kopf in den Nacken, während sie bei den heraufschwappenden Wellen am Rand der Strandes stand, und fixierte den Mond.

«Wollen Sie sich bei dem neuen Mond was wünschen?« Sie wandte sich um. Ein hoch gewachsener Mann – mindestens einen Kopf größer als sie — stand neben ihr im Sand. Sie hatte ihn nicht gehört, denn das sanfte Geräusch der Wellen hatte seine Schritte übertönt. Erst erkannte sie Joseph Archer in seinem locker sitzenden geblümten Hemd und den langen weißen Hosen nicht, so anders sah er aus als der Fischer, dem sie um die Mittagszeit am Grab zum ersten Mal begegnet war.

Und so kam es, dass sich der zweite Teil der Strandparty ganz anders als erwartet abspielte, zumindest von Jemimas Standpunkt aus.

«Ich sollte mir was wünschen. Ich sollte mir wahrscheinlich wünschen, dass ich eine gute Sendung mache. Das wäre ein guter, professioneller Wunsch.«

«Über Miss Izzy Archer und das alles?« «Miss Izzy, das Archer Plantation House, Bow Island – und das Archer-Grabmal, den alten Sir Valentine und das alles. «Sie beschloss, Tina Archer und das alles vorerst nicht zu erwähnen.

«Das alles!«Er seufzte.»Hören Sie, Jemima — die Band ist echt gut. Wir sagen alle, dass es momentan die beste auf der Insel ist. Wollen wir tanzen? Über das alles können wir ja morgen früh reden. In meinem Büro.« Die Bestimmtheit, mit der Joseph Archer dies sagte, sowie die Tatsache, dass er ein Büro erwähnte, weckte bei Jemima Interesse. Bevor sie sich im Rhythmus des Tanzes verlor — und sie glaubte, dass ihr dies mit Joseph Archers Hilfe in Kürze gelänge —, musste sie unbedingt herausfinden, was genau er meinte. Und wer er überhaupt war.

Die zweite Frage war leicht zu beantworten. Sie lieferte auch die Antwort auf die erste. Wenn er dienstfrei hatte, ging Joseph Archer wohl von Zeit zu Zeit fischen oder auch nicht, ansonsten war er jedoch Mitglied der neu gebildeten Bo’länder Regierung. Noch dazu ein ziemlich wichtiges. Wichtig in den Augen der Welt im Allgemeinen, und besonders wichtig in den Augen von Jemima Shore, Enthüllungsjournalistin. Denn Joseph Archer war der Minister, der sich mit Tourismus befasste, wobei sein Mandat sich auf Angelegenheiten wie Umweltschutz, das historische Bo’länder Erbe und — wie er ihr erläuterte —»das zukünftige Archer Plantation House Nationalmuseum «erstreckte.

Wieder schien es nicht der passende Moment, Tina Archer und ihr mögliches zukünftiges Eigentumsrecht am Plantagenhaus zur Sprache zu bringen. Joseph hatte selbst gesagt, dafür wäre am nächsten Morgen noch Zeit. In seinem Büro in Bowtown.

Sie tanzten noch ein Weilchen, und es war so, wie Jemima es sich vorgestellt hatte: etwas, in dem sie sich – vielleicht sogar ganz gefährlich — verlieren konnte. Die Melodie von» This is my island in the sun «wurde gespielt, und in ihrer Fantasie hörte Jemima die Stelle mit dem» graveyard «kein einziges Mal. Dann sagte Joseph Archer, sehr höflich und offenbar voller Bedauern, er müsse nun gehen. Er habe einen ganz frühen Termin – aber nicht mit einem Fisch, fügte er lächelnd hinzu.

Jemima verspürte einen Stich und hoffte, er wäre ihr nicht anzumerken. Doch es war ja noch jede Menge Zeit, nicht wahr? In den zwei verbleibenden Wochen, bevor sie wieder nach England zurückkehren musste, gäbe es bestimmt noch andere Nächte und andere Partys, andere Nächte am Strand, während der Mond sich rundete.

Jemimas private Party war zu Ende, doch die allgemeine Feier ging weiter bis tief in die Nacht, dehnte sich auf den Sandstrand aus, ja bis ins Meer, lange nachdem die Mondsichel verschwunden war. Jemima, die unruhig schlief und von Träumen heimgesucht wurde, in denen Joseph Archer, Tina und Miss Izzy eine Art komplizierten Tanz vollführten, ganz anders als das fröhliche Gehüpfe, das sie vorhin so genossen hatte, hörte den Lärm in der Ferne.

Weit entfernt auf der einsamen Halbinsel der Archer-Plantage wurde die Stille nicht von Steelbands durchbrochen, sondern vom Tosen der Wellen, die an der äußersten Spitze gegen die Felsen schlugen. Einen Fremden hätte es vielleicht überrascht, dass im großen Salon noch die Lichter brannten, nachdem die Fensterläden aufgeklappt worden waren, sobald die Sonne verschwunden war. Keiner von den Einheimischen auf Bow Island — etwa ein Fischer draußen auf dem Meer – hätte es jedoch im Geringsten merkwürdig gefunden. Es war allgemein bekannt, dass Miss Izzy Archer sich im Dunkeln fürchtete und gern bei Festbeleuchtung zu Bett ging. Besonders nachdem Hazel zur Hochzeit ihrer Schwester gefahren war und Henry sie dorthin gebracht hatte — auch das ein Faktum des Insellebens, über das wohl die meisten Bo’länder Bescheid wussten.

In ihrem Zimmer mit Ausblick aufs Meer warf sich Miss Izzy in dem großen Himmelbett, in dem sie vor über achtzig Jahren geboren worden war, hin und her. Wie Jemima Shore schlief sie recht unruhig. Nach einer Weile stand sie auf und trat an eines der hohen Fenster. Ihre Nachtbekleidung hätte Jemima wie vorher ihr Schwimmkostüm recht bizarr gefunden, denn Miss Izzy trug nicht das formelle viktorianische Nachtkleid, das zum Hause vielleicht ganz gut gepasst hätte. Stattdessen wollte sie den uralten burgunderroten Seidenpyjama ihres Vaters «auftragen«, wie sie es neckisch nannte, den dieser vor ewigen Zeiten bei einem eleganten Herrenausstatter nicht weit vom Piccadilly Circus erstanden hatte. Und da der letzte John Archer, seines Zeichens Baronet, um einiges größer gewesen war als seine stämmige kleine Tochter, schleiften die langen Hosenbeine hinter ihr auf dem Fußboden.

Miss Izzy starrte weiter aus dem Fenster. Ihr Blick ging in Richtung Terrasse, die in einer stufenförmigen Abfolge von einst üppig bepflanzten, nun wild überwucherten Zierbeeten zu den Felsen und zum Meer hinunterführte.

Obwohl das Wasser eine überwiegend schwarze Fläche bildete, herrschte in dieser karibischen Nacht keine völlige Finsternis. Außerdem ergoss sich das Licht aus den Salonfenstern auf die nahe gelegenste Terrasse. Miss Izzy rieb sich die Augen und wandte sich wieder in ihr Schlafzimmer um, wo das berühmte Ölgemälde von Sir Valentine, aufgehängt über dem Kamin, den Raum beherrschte. Ziemlich verwirrt — sie musste viel zu viel von diesem Punsch getrunken haben — redete sie sich ein, ihr Ahnherr wolle sie ermutigen, im Angesicht der Gefahr zum ersten Mal in ihrem Leben tapfer und mutig zu sein.

Sie, die kleine Isabella Archer, die verwöhnte, verhätschelte Izzy, sein letzter ehelicher Abkömmling – nein, nicht sein letzter ehelicher Abkömmling, doch es war schwer, eine lebenslange Gewohnheit abzulegen — wurde vom Adlerblick des wilden alten Autokraten zum Heldenmut getrieben.

Ich bin doch so alt, dachte Miss Izzy. Dann: Aber nicht zu alt. Wenn man die Leute erst mal wissen lässt, dass man doch kein Feigling ist …

Sie sah noch einmal zum Fenster hinaus. Die Wirkung des Punsches verflog allmählich. Mittlerweile war sie sich ziemlich sicher, was sie da sah. Etwas Dunkles, dunkel Gekleidetes, Dunkelhäutiges — was auch immer, jemand Dunkles war dem Meer entstiegen und näherte sich nun stumm dem Haus.

Ich muss tapfer und mutig sein, dachte Miss Izzy. Laut sagte sie:»Dann wird er stolz auf mich sein. Auf sein tapferes Mädchen.« Wessen tapferes Mädchen? Nein, nicht das von Sir Valentine — Daddys tapferes Mädchen. Ihre Gedanken begannen wieder in die Vergangenheit zu driften. Ob Daddy mich wohl zur Feier des Tages zum Schwimmen mitnimmt?

Miss Izzy begann, die Treppe hinunterzugehen. Sie hatte gerade die Tür zum Salon erreicht und blickte in den vom brüchigen roten Samt beherrschten, immer noch hell erleuchteten Innenraum, als der schwarz gekleidete Eindringling durch das offene Fenster ins Zimmer trat.

Noch bevor der Eindringling begann — die dunkel behandschuhten Hände ausgestreckt —, sich lautlos auf sie zuzubewegen, wusste Miss Izzy Archer ohne jeden Zweifel in ihrem rasch pochenden alten Herzen, dass das Archer Plantation House, das Haus, in dem sie geboren war, auch das Haus war, in dem sie nun sterben sollte.

«Miss Izzy Archer ist tot. Jemand hat sie gestern Nacht umgebracht. Ein Einbrecher vielleicht. «Joseph Archer war es, der Jemima die Neuigkeit am nächsten Morgen mitteilte.

Er sprach quer über den breiten Schreibtisch in seinem offiziellen Büro in Bowtown. Seine Stimme klang hohl und distanziert, nur durch den Bo’länder Singsang ließ er sich mit Jemimas attraktivem Tanzpartner vom vorigen Abend in Verbindung bringen. In seinem kurzärmligen, aber amtlich wirkenden weißen Hemd und den dunklen langen Hosen sah er wieder völlig anders aus als der fröhliche, etwas abgerissene Fischer, als den Jemima ihn zunächst kennen gelernt hatte. Hier hatte sie tatsächlich den aufsteigenden jungen Bo’länder Politiker vor sich: ein Mitglied der neu gebildeten Regierung von Bow Island.

Selbst der tragische Tod — die Ermordung, wie es schien – einer alten Dame entlockte ihm offenbar keine emotionale Regung.

Als Jemima aber genauer hinsah, entdeckte sie etwas in Joseph Archers Augen, was verdächtig nach Tränen aussah.

«Ich habe es selbst gerade erst gehört, wissen Sie. Der Polizeichef Sandy Marlow ist mein Cousin. «Er machte sich nicht die Mühe, die Tränen wegzuwischen. Wenn es denn welche waren. Doch waren seine Worte vermutlich als Erklärung gemeint. Wofür? Für den Schock? Für Trauer? Einen Schock hatte es ihm sicherlich versetzt, aber ob er auch Trauer empfand? Jemima entschied, sie könne sich jetzt zumindest behutsam nach seinem genauen Verhältnis zu Miss Izzy erkundigen.

Ihr fiel wieder ein, dass er die alte Dame ja in der vergangenen Woche besucht hatte, falls Miss Izzys ziemlich vager Bemerkung über» Klein Joseph «zu trauen war. Sie dachte weniger an eine mögliche Blutsverwandtschaft als an irgendeine andere Verbindung.

Ersteres hatte Joseph Archer auf dem Friedhof schließlich selbst abgestritten. Seine Bemerkung über Sir Valentine und dessen zahlreiche Nachkommenschaft kamen ihr in den Sinn:»Schenken Sie den Geschichten nicht allzu viel Aufmerksamkeit. Wie könnte es sonst sein, dass wir nicht alle in dem schönen alten Plantagenhaus wohnen?« Worauf Greg Harrison dann so zornig bemerkt hatte:

«Statt bloß meine Exfrau. «Jetzt, wo sie die Stellung von Tina Harrison, heute Tina Archer, in Miss Izzy Testament kannte, ergab der Wortwechsel für sie natürlich viel mehr Sinn.

Das Testament! Jetzt würde Tina erben! Und zwar gemäß eines Testaments, das am Morgen von Miss Izzys Todestag unterzeichnet worden war. Joseph hatte offensichtlich Recht gehabt, als er den Anspruch vieler Bo’länder namens Archer abgetan hatte, in irgendeiner bedeutsamen Weise von Sir Valentine abzustammen.

Zwischen Tina, außer Miss Izzy angeblich der einzige eheliche Abkömmling, und den übrigen Bo’länder Archers bestand bereits ein beträchtlicher Unterschied. Wenn Tina ihr Erbe erst mal angetreten hätte, würde sich die Kluft sogar noch verbreitern.

Es war unheimlich heiß in Josephs Büro, was weniger daran lag, dass Bow Island kein kultivierter Ort war, als vielmehr daran, dass Klimaanlagen bei der ständigen Brise in der Regel unnötig waren. Die nordamerikanischen Touristen, überlegte Jemima, die in den Hotels inzwischen Klimaanlagen verlangten, würden bloß dafür sorgen, dass diese perfekteste Art natürlicher Ventilation am Ende zerstört wurde. Ein Regierungsbüro in Bowtown war jedoch etwas anderes. Ein riesiger Deckenventilator ließ die Papiere auf Josephs Schreibtisch unruhig zittern.

Jemima fühlte, wie eine schmale Schweißspur unter ihrem langen, lockeren weißen T-Shirt nach unten tröpfelte, das sie zu einem Kleid gegürtet hatte, um für den Besuch bei einem Bo’länder Minister zu Geschäftszeiten angemessen gekleidet zu sein.

Allmählich wich Jemimas benommene Fassungslosigkeit über Miss Izzys Ermordung. Sie staunte über die ahnungsvolle Wehmut, von der jene letzte Begegnung in der verfallenden Pracht des Archer Plantation House geprägt gewesen war. Schlimmer noch – inzwischen verfolgte sie der Gedanke an die jämmerliche Angst, welche die alte Dame vor der Einsamkeit gehabt hatte. Miss Izzy war so leidenschaftlich entschlossen gewesen, nicht allein gelassen zu werden.»Schon als Kind habe ich das Alleinsein gehasst. Jeder weiß das. Hier am Meer ist es so einsam. Was passiert, wenn jemand einbricht?« Nun, jemand war eingebrochen. Nahm man jedenfalls an. Joseph Archers Worte:»Ein Einbrecher vielleicht.« Und dieser Einbrecher hatte — vielleicht — die alte Dame dabei umgebracht.

Zögernd begann Jemima:»Es tut mir so Leid, Joseph.

Was für eine entsetzliche Tragödie! Kannten Sie sie? Na ja, ich nehme an, jeder hier muss sie gekannt haben — « «Seit jeher, seit ich ein kleiner Junge war. Meine Mama war eins ihrer Dienstmädchen. War selber nur ein kleines Ding, und dann ist sie gestorben. Sie liegt dort auf dem Friedhof, wissen Sie, in einem Eckchen. Miss Izzy war sehr gut zu mir, als meine Mama gestorben ist, o ja. Sie war nett zu mir. Nun sollte man meinen, die Unabhängigkeit, unsere Unabhängigkeit wäre für eine alte Dame wie sie schwer zu ertragen, aber Miss Izzy, der gefiel sie wirklich gut. ›England ist nichts mehr für mich, Joseph‹ sagte sie, ›ich bin eine Bo’länderin, so wie ihr alle.‹« «Sie haben sie letzte Woche besucht, glaube ich. Miss Izzy hat es mir selbst erzählt.« Joseph blickte Jemima unverwandt an — die Emotion war verflogen.»Ich bin hingegangen, um mit ihr zu reden, ja.

Sie hatte den verrückten Einfall, sich alles noch mal anders zu überlegen. Nur so eine Anwandlung, wissen Sie.

Aber das ist vorbei. Möge sie in Frieden ruhen, die liebe alte Miss Izzy. Wir kriegen jetzt unser Nationalmuseum, so viel ist sicher, und es wird uns immer an sie erinnern.

Daraus wird ein gutes Museum für unsere Geschichte. Hat man Ihnen das in London nicht gesagt, Jemima?«Stolz lag in seiner Stimme, als er abschließend sagte:»In ihrem Testament hat Miss Izzy alles den Leuten von Bow Island vermacht.« Jemima musste schwer schlucken. Stimmte das? Oder besser gefragt: Stimmte es immer noch? Hatte Miss Izzy gestern wirklich ein neues Testament unterzeichnet? Sie hatte sich zu dem Thema ziemlich vorsichtig geäußert, nur einen gewissen Thompson erwähnt — zweifellos ihr Anwalt —, der glaubte, es würde»Ärger «nach sich ziehen.

«Joseph«, sagte sie,»Tina Archer war gestern Nachmittag im Archer Plantation House auch dabei.« «Ach, die, was die für Ärger gemacht hat, hat es jedenfalls versucht. Tina und ihr Geschwätz und ihre tolle Ausbildung und ihre Geschichte. Und sie ist ja so hübsch!«Josephs Stimme klang erst aggressiv, dann endete er etwas ruhiger.»Die Polizei wartet im Krankenhaus. Sie kann noch nicht sprechen, sie ist nicht einmal bei Bewusstsein. «Und dann noch ruhiger:»Wie ich höre, ist sie nicht mehr so hübsch. Der Einbrecher hat sie nämlich zusammengeschlagen.« In dem Büro in Bowtown war es inzwischen noch heißer, so dass sich selbst die Papiere auf dem Schreibtisch im Luftzug des Ventilators kaum noch bewegten. Jemima sah Josephs Gesicht ganz verschwommen vor sich. Sie durfte auf keinen Fall in Ohnmacht fallen — sie fiel doch nie in Ohnmacht.

Angestrengt konzentrierte sie sich auf das, was Joseph Archer sagte, auf das Bild, das er von der Mordnacht zeichnete. Ihr Schock, als sie hörte, dass Tina Archer zum Zeitpunkt von Miss Izzys Ermordung ebenfalls im Haus gewesen war, war irrational, das war ihr klar. Hatte Tina der alten Dame nicht versprochen, dass sie bei ihr bleiben würde?

Joseph erzählte ihr, Miss Izzys Leiche sei von Hazel, der Köchin, im Salon gefunden worden, als diese im Morgengrauen von der Hochzeit ihrer Schwester zurückgekehrt war. Der Gedanke war gruselig: Weil Miss Izzy einen roten Seidenpyjama — den von ihrem Daddy – getragen hatte und die Ausstattung im Salon ebenfalls dunkelrot war, hatte die arme Hazel das wahre Ausmaß der Verletzungen ihrer Herrin zunächst nicht erkannt.

Nicht nur war überall Blut, sondern auch Wasser — ganze Pfützen. Was auch immer — wer auch immer Miss Izzy getötet hatte, war aus dem Meer gekommen. Hatte Gummischuhe — oder Badeschlappen — getragen und vermutlich auch Handschuhe.

Einen Augenblick später hatte Hazel keinen Zweifel mehr, womit Miss Izzy niedergeschlagen worden war. Die Keule, immer noch blutbefleckt, war auf dem Fußboden in der Eingangshalle zurückgelassen worden. (Hazel war, nachdem Henry sie abgesetzt hatte, ursprünglich durch die Küchentür hereingekommen.) Die Keule, zwar nicht auf Bow Island hergestellt, gehörte ins Haus. Sie war eines der Andenken, vermutlich afrikanischer Herkunft, die Sir John Archer von seinen Reisen in die anderen Teile des ehemaligen Britischen Empire mitgebracht hatte, und hing schwer und mit kurzem Griff an der Wand im Salon.

Möglicherweise hatte Sir John vorgehabt, das Ding gegen unerlaubte Eindringlinge zu schwingen, doch für Miss Izzy war es bloß ein weiteres Familienerinnerungsstück gewesen. Sie fasste es nie an. Nun hatte es sie getötet.

«Nirgendwo Fingerabdrücke«, sagte Joseph.»Bis jetzt.« «Und Tina?«, fragte Jemima mit trockenen Lippen. Der Gedanke an die Pfützen auf dem Fußboden im Salon, vermischt mit Miss Izzys Blut, rief ihr die alte Dame bei ihrer ersten und letzten Begegnung höchst lebhaft in Erinnerung — wie sie sich klatschnass in ihrem bizarren Schwimmkostüm eigensinnig auf ihr Sofa gesetzt hatte.

«Der Einbrecher hat das Haus vollkommen auf den Kopf gestellt. Sogar den Keller. Die Champagnerkisten, von denen Miss Izzy gern erzählt hat, waren ihm aber anscheinend zu schwer. Er trank von dem Rum. Die Polizei weiß noch nicht, was er mitgenommen hat – silberne Schnupftabaksdosen vielleicht, davon standen jede Menge herum. «Joseph seufzte.»Dann ging er nach oben.« «Und fand Tina?« «In einem der Schlafzimmer. Er schlug aber nicht mit derselben Waffe auf sie ein — ein Glück für sie. sonst hätte er sie genauso umgebracht wie Miss Izzy. Das Ding ließ er unten und nahm etwas beträchtlich Leichteres zur Hand.

Hat wahrscheinlich nicht damit gerechnet, sie dort zu sehen, oder überhaupt jemanden. Außer natürlich Miss Izzy. Tina muss ihn überrascht haben. Vielleicht ist sie aufgewacht. Einbrecher — also, ich kann nur sagen, hier bei uns bringen Einbrecher die Leute im Allgemeinen nicht um, außer sie kriegen Angst.« Unverhofft sackte Joseph plötzlich vor ihr zusammen und nahm den Kopf zwischen die Hände. Er murmelte etwas, das ungefähr so klang:»Wenn wir den finden, der Miss Izzy das angetan hat …« Erst am nächsten Tag war Tina Archer in der Lage, mit der Polizei zu sprechen, wenn auch nur stockend. Wie der Großteil der übrigen Bevölkerung von Bow Island erfuhr Jemima Shore diese Tatsache fast umgehend. Claudette, die Geschäftsführerin ihres Hotels, eine sympathische, wenn auch etwas geschwätzige Person, hatte zufällig eine Nichte, die Krankenschwester war. Auf diese Art verbreiteten sich alle Neuigkeiten über die Insel — man brauchte keine Zeitungen und kein Radio, denn dieses private Telegrafensystem war viel effizienter.

Jemima hatte die vergangenen vierundzwanzig Stunden ziemlich planlos mit Schwimmen und Sonnenbaden verbracht und mit ihrem Mini kleine Spritztouren über die Insel unternommen. Sie überlegte, wann sie Megalith Television von der rabiaten Art, in der ihre geplante Sendung beendet worden war, informieren und Vorbereitungen für die Rückreise nach London treffen sollte. Nach einer Weile meldete sich ihr Forscherdrang, diese unausrottbare, unstillbare Neugier. Sie merkte, dass sie schon die ganze Zeit Spekulationen über Miss Izzy Tod anstellte. Ein Einbrecher? Ein Einbrecher, der auch versucht hatte, Tina Archer umzubringen? Oder ein Einbrecher, der lediglich von ihrer Anwesenheit im Haus überrascht worden war? Welche Verbindung gab es zwischen all dem und Miss Izzys Testament, wenn es überhaupt eine gab?

Wieder dieses Testament. Darüber brauchte Jemima allerdings nicht sehr lange zu spekulieren. Denn Claudette, die Geschäftsführerin, war zufällig auch mit dem Bruder von Miss Izzys Köchin Hazel verheiratet. Auf diese Weise erfuhr Jemima — bestimmt zusammen mit dem Rest von Bow Island —, dass Miss Izzy in der Tat am Morgen ihres Todestages in Bowtown ein neues Testament unterzeichnet hatte, dass Eddie Thompson, der Notar, sie inständig gebeten hatte, es nicht zu tun, dass Miss Izzy es aber doch getan hatte, dass Miss Izzy Hazel wie versprochen immer noch ganz ordentlich bedacht hatte (und auch Henry, der sogar noch länger in ihren Diensten gewesen war) und dass etwas Schmuck an eine Cousine in England gehen würde,»da die Juwelen von Miss Izzys Mutter sowieso schon seit ewigen Zeiten in einer englischen Bank liegen. «Im Übrigen, nun ja, würde es jetzt kein Bo’länder Nationalmuseum geben, so viel war sicher. Der Rest — das schöne alte Archer Plantation House, und Miss Izzys Vermögen, das ja enorm sein sollte, aber sicher wusste man es nicht — würde an Tina Archer fallen.

Natürlich nur, wenn sie sich wieder erholte. Doch laut dem neuesten vorsichtigen Ärztebulletin, das Claudette von ihrer Krankenschwester-Nichte hatte und das von ein paar redseligen Inselleuten bestätigt wurde, erholte Tina Archer sich tatsächlich. Die Polizei hatte sie bereits befragt. In ein paar Tagen würde sie das Krankenhaus verlassen können. Und sie war fest entschlossen, an Miss Izzys Begräbnis teilzunehmen, das selbstverständlich in der kleinen, englisch aussehenden Kirche mit der unpassend anmutenden tropischen Vegetation über dem sonnigen Grab stattfinden würde. Denn Miss Izzy hatte schon vor langer Zeit ihre feste Entschlossenheit bekundet, im Archer-Grab neben Gouverneur Sir Valentine und «seiner einzigen Ehefrau Isabella «bestattet zu werden.

«Als Letzte der Archers. Sie musste trotzdem die Genehmigung einholen, weil es ja ein Nationaldenkmal ist. Die Regierung hat sich natürlich für sie überschlagen und es ihr gestattet. Damals. Ironie des Schicksals, nicht?« Die Sprecherin, die absolut keinen Hehl aus ihrer Verachtung machte, war Coralie Harrison.»Und jetzt erfahren wir, dass sie gar nicht die letzte Archer war, jedenfalls nicht offiziell, und plötzlich ist die so genannte Miss Tina Archer die Haupttrauernde. Und während die Bo’länder Regierung verzweifelt nach Möglichkeiten sucht, das Testament zu umgehen und sich das Haus für ihr kostbares Museum unter den Nagel zu reißen, war niemand so geschmacklos zu sagen, die ungezogene alte Miss Izzy dürfe nun doch nicht im Archer-Grab beerdigt werden, weil sie den Leuten von Bow Island schließlich keinen Penny vermacht hat.« «Das wird bestimmt eine interessante Veranstaltung«, murmelte Jemima. Sie saß mit Coralie Harrison unter dem spitzen Strohdach der Hotelstrandbar. Hier hatte sie damals mit Joseph Archer geplaudert und mit ihm getanzt — in jener Nacht, in der Miss Izzy umgebracht worden war.

Jetzt glitzerte das Meer in der Sonne, als wären Kristalle über seine Oberfläche verstreut. Heute herrschte überhaupt kein Wellengang, und fröhliche Wasserskifahrer fuhren kreuz und quer über die breite Bucht mit ihrer palmengesäumten Küste. Riesige braune Pelikane hockten auf den Pfählen, mit denen die Lage der Felsen gekennzeichnet war. Ab und zu hob einer wie ein schwerfälliges Flugzeug ab und schwebte langsam und neugierig über die Köpfe der Schwimmenden. Es war ein friedlicher, fast idyllischer Anblick, doch irgendwo auf der fernen Halbinsel lag das Archer Plantation House, wo inzwischen, stellte Jemima sich vor, nicht nur die Fensterläden geschlossen waren, sondern die Polizei auch noch alles versiegelt hatte.

Coralie war vom Strand herauf an die Bar geschlendert.

Sie überquerte das kurze Stück mit scheinbarer Lässigkeit — alle Bo’länder übten häufig ihr Recht aus, ungehindert am Sandstrand entlang zu spazieren (wie auf den meisten Karibikinseln gehörte auch auf Bow Island der gesamte Strand dem Volk, selbst die Abschnitte, die vor hochherrschaftlichen Anwesen wie dem Archer Plantation House lagen). Jemima hegte allerdings keinen Zweifel, dass der Besuch geplant war. Sie hatte jenes erste Treffen nicht vergessen, auch nicht Coralies zögerlichen Annäherungsversuch, der von Gregs gebieterischem Schrei unterbrochen worden war.

Es war der Tag nach der gerichtlichen Untersuchung der Todesursache. Miss Izzys Leiche war von der Polizei freigegeben worden, und bald würde das Begräbnis stattfinden. Wie Jemima sich eingestand, war ihr Interesse an der gesamten Archer-Familie mit all ihren Verzweigungen groß genug, um daran teilnehmen zu wollen, unabhängig von der zärtlichen Zuneigung, die sie aufgrund jener kurzen Begegnung für die alte Dame empfand. In dem Telex, das sie Megalith Television aus Bowtown schickte, hatte sie nur erwähnt, sie wolle noch ein paar Sachen zum Abschluss bringen, die sich aus dem Absetzen ihrer Sendung ergeben hatten.

Bei der gerichtlichen Untersuchung hatte man, da die näheren Umstände noch nicht geklärt waren, auf unbestimmte Todesursache erkannt. Tina Archers eidesstattliche Aussage hatte kaum etwas ergeben, was nicht schon bekannt war oder vermutet wurde.

Tina hatte im Obergeschoss in einem der ziemlich heruntergekommenen Schlafzimmer geschlafen, die für eventuelle Übernachtungsgäste bereitgehalten wurden.

Das Schlafzimmer, das Miss Izzy für sie ausgesucht hatte, lag nicht zur Meerseite hinaus. Die Chintzvorhänge in diesem hinteren Zimmer, mit einem altmodischen Rosenmuster aus einer längst vergangenen Epoche, waren weniger ausgebleicht und ramponiert, da sie vor Sonne und Salz geschützt gewesen waren.

Miss Izzy war frohgemut zu Bett gegangen, beruhigt durch die Tatsache, dass Tina Archer im Hause übernachten würde. Sie hatte noch einige Gläser Rumpunsch getrunken und vorgeschlagen, Henry solle etwas von dem berühmten Champagner ihres Vaters aus dem Keller holen. Dieses Angebot machte Miss Izzy nach einigen Schlucken Punsch übrigens oft, doch als Tina sie daran erinnerte, dass Henry nicht da war, wurde das Thema fallen gelassen.

In ihrer Aussage gab Tina zu Protokoll, sie habe keine Ahnung, was die alte Dame geweckt und dazu bewogen haben mochte, die Treppe hinunterzugehen — ihrer Meinung nach war es vollkommen untypisch für sie.

Isabella Archer war eine Dame von unabhängiger Denkungsart, hatte jedoch, wie allgemein bekannt war, im Dunkeln schrecklich Angst. Deshalb hielt Tina sich ja auch überhaupt in ihrem Hause auf. Was ihre persönliche Erinnerung an die Attacke betraf, so hatte Tina bisher nur sehr wenige Einzelheiten aus ihrem Gedächtnis hervorholen können — der Schlag auf ihren Hinterkopf hatte alle unmittelbaren Gegebenheiten zeitweilig oder permanent aus ihrem Bewusstsein gelöscht. Sie erinnerte sich vage an ein helles Licht, doch selbst diese Erinnerung war einigermaßen konfus und rührte vielleicht von dem Schlag her, den sie erlitten hatte. Im Grunde konnte sie sich zwischen dem Zubettgehen in dem ramponierten, rosengemusterten Himmelbett und dem Aufwachen im Krankenhaus an nichts mehr erinnern.

Coralies Lippen bebten. Sie neigte den Kopf und nippte durch einen Strohhalm an ihrem Drink — sie und Jemima tranken eine alkoholfreie exotische Fruchtsaftmischung, die Matthew, der Barkeeper, kreiert hatte. Vom Meer wehte eine wunderbare sanfte Brise herüber. Coralie trug ein weites geblümtes Baumwollkleid, wirkte aber aufgewühlt und verärgert.»Tina hat schon immer intrigiert, um ihre Schäfchen ins Trockene zu bekommen, und jetzt hat sie’s erreicht. Davor wollte ich Sie an dem Morgen damals auf dem Friedhof warnen — trauen Sie Tina Archer nicht, wollte ich sagen. Jetzt ist es zu spät, sie hat alles bekommen. Als sie mit Greg verheiratet war, habe ich mich bemüht, sie gern zu haben, Jemima, ehrlich.

Die kleine Tina, so niedlich und so clever, aber immer gab’s Ärger …« «Joseph Archer scheint ähnlich über sie zu denken«, sagte Jemima. Bildete sie es sich bloß ein oder wurde Coralies Gesicht wirklich etwas weicher, als sie Josephs Namen hörte?

«Tatsächlich? Das freut mich. Er war früher auch ziemlich angetan von ihr. Sie ist ja recht hübsch. «Ihre Blicke kreuzten sich.

«Na ja, so hübsch nun auch wieder nicht, aber wenn man den Typ mag …«Jemima und Coralie lachten beide.

Tatsache war, dass Coralie Harrison recht anziehend war, wenn man ihren Typ mochte, dass Tina Archer jedoch nach jedem Maßstab hinreißend aussah.

«Greg hasst sie jetzt natürlich abgrundtief«, fuhr Coralie mit fester Stimme fort,»besonders seit er das mit dem Testament erfahren hat. Als wir Sie damals an dem Morgen bei der Kirche getroffen haben, hatte man es ihm gerade gesagt. Deshalb war er, äh, tut mir Leid, aber er war ziemlich grob, stimmt’s?« «Eher feindselig als grob. «Jemima war jedoch schon dabei, sich den zeitlichen Ablauf auszurechnen.»Soll das heißen, Ihr Bruder wusste von dem Testament, bevor Miss Izzy getötet wurde?«, rief sie.

«O ja. Jemand aus Eddie Thompsons Kanzlei sagte es ihm — Daisy Marlow vielleicht, mit der geht er manchmal aus. Wir wussten natürlich alle, was da im Busch steckte, obwohl wir gehofft hatten, Joseph könnte es Miss Izzy ausreden. Er hätte es ihr ja auch ausgeredet, wenn er nur Zeit gehabt hätte. Joseph bedeutet dieses Museum alles.« «Ihr Bruder und Miss Izzy — das war wohl kein einfaches Verhältnis.« Obwohl Jemima glaubte, sie hätte ihren freundlichsten und überzeugendsten Interviewerton angeschlagen, entgegnete Coralie fast trotzig:»Sie klingen wie die Polizei!« «Wieso, haben die — ?« «Aber sicher!«Coralie beantwortete die Frage, noch bevor Jemima sie vollends stellen konnte.»Jeder weiß doch, dass Greg Miss Izzy total hasste — dass er sie beschuldigte, sie hätte seine Ehe zerstört, ihm die kleine Tina weggenommen und ihr Flausen in den Kopf gesetzt!« «War es denn nicht umgekehrt — dass Tina sich wegen des Museums und dann wegen meiner Sendung in die Familiengeschichte vertiefte? Sie sagten doch, sie sei intrigant.« «Oh, ich weiß, dass sie intrigant ist. Aber Greg, der wusste es nicht. Damals jedenfalls nicht. Er war doch damals in sie verknallt, also musste er der alten Dame die Schuld zuschieben. Sie haben sich fürchterlich gestritten – in aller Öffentlichkeit. Eines Abends suchte er sie zu Hause auf, kam übers Meer herüber, brüllte sie zusammen.

Hazel und Henry hörten es, und so erfuhren es natürlich alle. Damals sagte ihm Tina, sie würde sich scheiden lassen und sich ab sofort mit Miss Izzy zusammentun. Ich fürchte, mein Bruder ist ein ziemlich extremer Mensch – jedenfalls hat er ein extremes Temperament. Er hat sie bedroht — « «Aber die Polizei glaubt doch wohl nicht — «Jemima verstummte. Es war klar, was sie damit sagen wollte.

Coralie schwang die Beine vom Barhocker. Jemima reichte ihr die riesige Strohtasche mit dem Bogenschützen-Emblem, die sie sich in typischer Bo’länder Manier über die Schulter hängte.

«Wie hübsch«, bemerkte Jemima höflich.

«Die verkaufe ich in dem Hotel am North Point. Damit verdiene ich mir meinen Lebensunterhalt. «Die Bemerkung klang etwas scharf.»Nein«, fuhr Coralie rasch fort, bevor Jemima zu dem Thema noch etwas sagen konnte,»die Polizei glaubt es natürlich nicht, wie Sie es ausdrücken. Greg hätte vielleicht Tina angreifen können – aber Miss Izzy umbringen, wo er doch haargenau weiß, dass er seiner Exfrau dadurch ein Vermögen sichert? Nie und nimmer. Das würde nicht mal die Bo’länder Polizei glauben.« In jener Nacht traf Jemima Shore Joseph Archer wieder am Strand unter den Sternen. Der Mond hatte seit ihrer ersten Begegnung jedoch zugenommen und begann nun, einen silbernen Pfad auf das nächtliche Wasser zu werfen.

Anders als das erste war dieses Treffen nicht ungeplant.

Joseph hatte sie benachrichtigt, dass er Zeit habe, und sie hatten vereinbart, sich unten an der Bar zu treffen.

«Was halten Sie davon, wenn ich mit Ihnen eine Nachtfahrt rund um unsere Insel mache, Jemima?« «Nein. Machen wir es wie richtige Bo’länder, gehen wir am Strand spazieren. «Jemima wollte mit ihm allein sein, nicht an Reihen hell erleuchteter Touristenhotels vorbeifahren und dem unablässigen Rhythmus der Steelbands lauschen. Sie fühlte sich so verwegen, dass es ihr egal war, was Joseph von dieser Änderung des Plans hielt.

Eine Weile spazierten sie schweigend am Meer entlang, nur das sanfte Plätschern der Wellen war zu hören. Dann zog Jemima ihre Sandalen aus und hüpfte durch das warme, zurückweichende Wasser, und ein Weilchen später nahm Joseph sie an der Hand und führte sie wieder auf den Sandstrand. Der Wellengang wurde deutlich rauer, als sie die Spitze der ersten breiten Bucht umrundeten. Einen Augenblick blieben sie nebeneinander stehen, Joseph und Jemima, er den Arm kameradschaftlich um ihre Taille gelegt.

«Jemima, auch ohne jungen Mond wünsche ich mir — « Joseph verkrampfte sich plötzlich. Er ließ den Arm sinken, packte sie an der Schulter und wirbelte sie herum.»Herr im Himmel, sehen Sie das?« Seine heftige Bewegung ließ Jemima zusammenzucken.

Einen Augenblick wurde sie vom unstet glitzernden Mondlicht auf der dunklen Wasseroberfläche abgelenkt.

Fernab des Ufers waren Heerscharen weißer — silberner – Pferde zu sehen, wo hohe Wellen über eine Felsengruppe brachen. Sie glaubte, Joseph würde aufs Meer hinaus deuten. Dann sah sie die Lichter.

«Das Archer-Haus!«, rief sie.»Ich dachte, es wäre abgesperrt!« Es sah aus, als ergössen sich sämtliche Lichter des Hauses über die erhöhte Landzunge, auf der das Haus lag.

So hell war die Beleuchtung, dass man hätte meinen können, es fände ein großer Ball statt, als wären wie zu Zeiten von Gouverneur Archer Tausende von Kerzen angezündet. In einer melancholischen Anwandlung stellte Jemima sich vor, dass das Plantagenhaus in Miss Izzys Todesnacht so ausgesehen haben musste. Tina Archer und andere hatten bezeugt, mit welcher Hartnäckigkeit die alte Dame darauf bestanden hatte, dass ihr Haus niemals im Dunkeln lag. In der Nacht, in der ihr Mörder übers Meer gekommen war, musste sich ihm dieser Anblick geboten haben.

«Kommen Sie!«, sagte Joseph. Der kurze Moment der Unbeschwertheit — oder vielleicht der Liebe? — war vorüber. Er klang grimmig und entschlossen.

«Zur Polizei?« «Nein, zum Haus. Ich muss wissen, was dort vor sich geht.« Während sie fast über den Sand rannten, sagte Joseph:

«Dieses Haus hätte uns gehören sollen.« Uns: den Leuten von Bow Island.

Seit sie mit Coralie Harrison gesprochen hatte, fiel Jemima seine Unruhe wegen des Museums wieder verstärkt auf. Wie weit würde ein Mann — oder auch eine Frau — für eine Erbschaft wohl gehen? Und hier hatten sie es mit mehr als einer Art von Erbschaft zu tun. War ein Nationalerbe für manche Leute nicht ebenso wichtig wie für andere ein privates? Vor allem anderen war Joseph Archer patriotischer Bo’länder. Und am Morgen nach Miss Izzys Tod hatte er noch nichts von der Testamentsänderung gewusst. Das konnte sie selbst bezeugen. Würde ein Mann wie Joseph Archer, der den Aufstieg in seiner Welt durch pure Entschlossenheit geschafft hatte, sich wohl dazu entschließen, das Gesetz selbst in die Hand zu nehmen, um das Museum für seine Leute zu sichern, solange noch Zeit dazu war?

Doch die alte Dame umzubringen, die sich seiner angenommen hatte, als er noch ein Kind war? Sie totzuprügeln? Während Joseph hoch aufgerichtet im Mondlicht dahinschritt, wurde er für Jemima plötzlich zu einem vollkommenen und daher bedrohlichen Rätsel.

Sie hatten den Felsvorsprung erreicht, waren hochgeklettert und bis zur ersten Terrasse gekommen, als im Haus auf einmal sämtliche Lichter erloschen. Es war, als wäre ein einziger Schalter betätigt worden. Nun blieb nur noch das kalte, unheimliche Schimmern des Mondes über dem Meer hinter ihnen, das die wild überwucherten Büsche und hängenden Balustraden beleuchtete.

Joseph schritt jedoch unbeirrt weiter und half Jemima die steinernen Stufen hinauf, von denen einige uneben waren und tiefe Sprünge hatten. Im Dunkeln konnte Jemima undeutlich erkennen, dass die Fenster des Salons noch offen standen. Jemand musste dort drin sein, hinter den ramponierten, von Miss Izzys Blut befleckten Vorhängen aus rotem Brokat.

Joseph, der Jemima bei der Hand hielt, zog sie durch das mittlere Fenster herein.

Es ertönte ein kurzer Schrei, eine Art unterdrücktes Kreischen, dann folgte ein leises Geräusch, als ob im Dunkeln jemand über sie lachte. Gleich darauf wurden sämtliche Lichter gleichzeitig angeknipst.

Tina stand an der Tür, die Hand am Schalter. Sie trug einen weißen Kopfverband wie einen Turban — und lachte auch nicht, sondern schluchzte.

«Ach, ihr seid es, Jo-seph und Je-mi-ma Shore. «Zum ersten Mal fiel Jemima der Bo’länder Singsang in Tinas Stimme auf.»Ich hatte sol-che Angst.« «Alles in Ordnung, Tina?«, fragte Jemima hastig, um die Tatsache zu überspielen, dass sie selbst auch ganz schön Angst gehabt hatte. Die Atmosphäre wütender Anspannung zwischen den beiden Leuten im Raum, die so unterschiedlich aussahen, jedoch zufällig beide Archer hießen, war fast mit Händen zu greifen. Jemima fühlte sich praktisch zu dem Versuch verpflichtet, die Spannung zu lösen.»Sind Sie ganz allein hier?« «Die Polizei meinte, ich könnte herkommen. «Tina ignorierte die Frage.»Die sind hier mit allem fertig.

Außerdem«— ihr verängstigtes Schluchzen war verebbt, und sie nahm eine bewusst provokante Haltung ein, während sie sich ihnen näherte —»warum auch nicht?«Sie brauchte es den beiden nicht näher zu erklären. Die Worte «weil mir ja sowieso alles gehört «lagen in der Luft.

Zum ersten Mal, seit sie den Raum betreten hatten, ließ sich Joseph vernehmen.»Ich will mir das Haus ansehen«, sagte er barsch.

«Jo-seph Archer, raus mit dir. Geh dahin zurück, wo du herkommst, zurück in dein Büro, das ist kein großartiges schönes Haus. «Dann wandte sie sich beschwichtigend an Jemima, fast wieder auf ihre übliche charmante Art:

«Verzeihung, aber, wie Sie sehen, sind wir schon lange keine Freunde mehr. Außerdem haben Sie mir einen ganz schönen Schreck eingejagt.« Joseph drehte sich auf dem Absatz um.»Wir sehen uns dann auf der Beerdigung, Miss Archer. «Es gelang ihm, die Worte außerordentlich bedrohlich klingen zu lassen.

In jener Nacht schien es Jemima Shore, als würde sie kaum schlafen, obwohl die bruchstückhaften, halb erinnerten Träume sie verwirrten und ihr zu verstehen gaben, dass sie in den frühen Morgenstunden tatsächlich in eine Art Dämmerschlaf gefallen sein musste. Das Licht war noch grau, als sie durch ihre Läden spähte. Die Wipfel der hohen Palmen bogen sich — es herrschte ein ziemlicher Wind.

Wieder im Bett, versuchte Jemima sich zu erinnern, was sie gerade geträumt hatte. Es hatte ein Muster ergeben, dessen war sie sich sicher. Ziemlich ungehalten hoffte sie, dass plötzlich Licht in ihre verschlafenen Gedanken bräche, so wie die Sonne schon bald durch die Palmenreihe auf dem östlichen Teil des Hotelgeländes brechen sollte. Ein Sonnenaufgang in der Karibik war keine sanfte, allmählich sich entwickelnde rosenrote Dämmerung — hier kündigte er sich mit einem gleißenden Strahl am Horizont an, und fast unmittelbar danach herrschte für den Rest des Tages erbarmungsloses Sonnenlicht. Eine solche schlagartige Klarheit brauchte sie nun auch.

Feindseligkeit. Auch darum ging es bei dem allen — um das Wesen der Feindseligkeit. Die Feindseligkeit zwischen Joseph und Tina Archer vom vorigen Abend etwa, so bösartig und offen vorgeführt — mit ihr selbst als Publikum

–, dass man hätte meinen können, sie wäre absichtlich zur Schau gestellt worden.

Und wie alles manipuliert worden war: Tina Archer, die ständig herumlavierte, ständig intrigierte (hatte Coralie Harrison behauptet — und Joseph Archer ebenfalls). Das brachte sie auf das andere Paar in diesem seltsamen, vierschichtigen Drama: die Harrisons, Bruder und Schwester, oder vielmehr Halb bruder und Halb schwester (worauf Tina Miss Izzy korrigierend hingewiesen hatte).

Und noch mehr Feindseligkeit: Greg, der Tina vielleicht früher einmal geliebt hatte und sie nun hasste. Joseph, der Tina vielleicht ebenfalls früher einmal geliebt hatte.

Coralie, die Joseph vielleicht einmal — sehr wahrscheinlich — geliebt hatte und Tina abgrundtief hasste. Die süße, clevere kleine Tina, das Archer-Grabmal, die gemeißelten Figuren von Sir Valentine und seiner Frau, die Inschrift.

Jemima driftete wieder in den Schlaf zurück, während die vier Gestalten, alles Bo’länder, alle mit einer irgendwie gemeinsamen Vergangenheit, zu einem Calypso zu tanzen begannen, dessen Liedtext ebenfalls wirr durcheinander war:

«This is your graveyard in the sun Where my people have toiled since time begun — « Ein unglaublicher Lärm auf dem Wellblechdach über ihrem Kopf brachte sie wieder zu sich. Sie zitterte. Das Getöse war ziemlich gewaltig gewesen, fast als hätte es eine Explosion gegeben oder als hätte jemand ein Geschoss auf den Strandbungalow gefeuert. Beim Gedanken an ein Geschoss ging ihr auf, dass es sich tatsächlich um ein Geschoss gehandelt hatte: Es musste eine Kokosnuss gewesen sein, die auf das Wellblechdach gefallen war und sie so erschreckt hatte. Die Hotelgäste wurden ganz offiziell davor gewarnt, sich zu dicht unter die Palmen zu setzen, deren harmlos wirkende grüne Wedel die tödlichen Nüsse plötzlich abwerfen konnten.

KOKOSNÜSSE KÖNNEN VERLETZUNGEN VERURSACHEN stand auf dem Hinweisschild.

So ein Schlag auf meinen Kopf hätte bestimmt eine Verletzung verursacht, dachte Jemima, wenn nicht gar zum Tod geführt. Verletzung, wenn nicht gar Tod. Und das Archer-Grabmal: meine einzige Ehefrau.

Wie aufs Stichwort fiel in diesem Moment der erste Sonnenstrahl durch die geneigten Palmwedel im Osten und auf ihre Fensterläden. Und plötzlich wusste Jemima nicht nur, warum, sondern auch, wie es getan worden war.

Wer dafür verantwortlich war, dass Miss Izzy Archer dem Friedhof in der Sonne anvertraut werden würde.

Die Szenerie am Archer-Grabmal ein paar Stunden später war die gleiche seltsame Mischung aus englischer Tradition und Bo’länder Exotik, die Jemima schon bei ihrem ersten Besuch fasziniert hatte. Nur dass es für sie diesmal ein tieferer, traurigerer Anlass war als reines Sightseeing. Beim Gottesdienst wurden traditionelle englische Kirchenlieder gesungen, doch draußen spielte auf Miss Izzys ausdrücklichen Wunsch eine Steelband auf.

Weil sie auf dieser Insel geboren war, hatte sie um ein typisches Bo’länder Begräbnis gebeten.

Die in großer Anzahl erschienenen Bo’länder waren fast alle extrem formell gekleidet — dunkler Anzug, weißes Hemd, Krawatte, dunkles Kleid, dunkler Strohhut, sogar weiße Handschuhe —, was Jemima schon bei den sonntäglichen Kirchgängern beobachtet hatte und bei den Bo’länder Kindern, die alle ordentlich in Uniform auf dem Weg zur Schule waren. Man sah keine Bow-Island-TShirts, obwohl viele der farbenfrohen, kunstvoll gestalteten und üppigen Kränze die Bogenform des Inselemblems besaßen. Das Ausmaß der Menschenmenge war zweifellos ein Zeichen von tief empfundenem Respekt. So enttäuscht die Regierung über das Testament auch sein mochte, für die Bo’länder war Miss Izzy Archer Teil des gemeinsamen Erbes gewesen.

Tina Archer trug ein schwarzes Tuch um den Kopf, das ihren Verband fast vollständig kaschierte. Joseph Archer, der ziemlich weit von ihr entfernt stand und nicht in ihre Richtung sah, wirkte in seiner Bürokleidung gleichermaßen elegant und förmlich, ein respektables Mitglied der Regierung. Die Harrisons standen beieinander, Coralie mit gesenktem Kopf. Greg wollte mit seiner trotzigen Haltung, den Kopf stolz erhoben, offensichtlich jede Vermutung Lügen strafen, er hätte sich nicht im besten Einvernehmen mit jener Frau befunden, deren Leichnam nun ins Familiengrab hinabgelassen wurde.

Während der Sarg — so klein und deshalb so anrührend – aus dem Blickfeld verschwand, erhob sich ein Seufzen unter den Trauernden. Sie begannen wieder zu singen: ein Kirchenlied, doch mit der sanften Begleitung der Steelband im Hintergrund.

Jemima ging diskret durch die Menge und stellte sich neben den hoch gewachsenen Mann.

«Sie werden ihr niemals trauen können«, sagte sie mit leiser Stimme.»Sie hat Sie schon mal manipuliert und wird es wieder tun. Nächstes Mal wird ein anderer die Dreckarbeit machen. Dann sind Sie dran. Sie werden ihr niemals trauen können, stimmt’s? Einmal Mörderin, immer Mörderin. Eines Tages werden Sie vielleicht wünschen, Sie hätten sie vollends fertig gemacht.« Der hoch gewachsene Mann blickte auf sie herunter.

Dann warf er einen kurzen, wild zweifelnden Blick zu Tina Archer hinüber. Zu Tina Archer Harrison, seiner einzigen Frau.

«Sie elende — «Einen Augenblick dachte Jemima schon, Greg Harrison würde sie am Rand des Grabes niederschlagen, so wie er die alte Miss Izzy niedergeschlagen hatte und — wenn auch nur zum Schein – Tina selbst niedergeschlagen hatte.

«Greg, Liebling. «Das war Coralie Harrisons Mitleid erregendes Protestgemurmel.»Was sagen Sie da zu ihm?«, wollte sie von Jemima wissen. Ihre Stimme war ebenso leise wie die von Jemima. Doch die Erklärungen – an Coralie und den Rest von Bow Island — zur Verschwörung von Tina Archer und Greg Harrison hatten gerade erst angefangen.

Der Rest war Sache der Polizei. In ihrer geduldigen Ermittlungsarbeit würde sie den Fall erst groß ausbreiten, dann aufklären und ihn schließlich abschließen. Im Verlauf der Ermittlungen würden die Verschwörer dann zusammenbrechen, diesmal aber wirklich. Der Polizei fiel die unangenehme Aufgabe zu, die neuen Lügen von Tina Archer zu entwirren, die nun schwor, sie erinnere sich wieder und es sei Greg gewesen, der sie in jener Nacht beinahe umgebracht hatte, sie selbst habe absolut nichts damit zu tun. Und Greg Harrison bezichtigte umgekehrt Tina, diesmal mit echter Bösartigkeit:»Es war ihr Plan, die ganze Zeit schon. Sie hat alles eingefädelt. Ich hätte nie auf sie hören sollen!« Bevor sie von Bow Island abreiste, stattete Jemima Joseph Archer in seinem Büro in Bowtown einen Abschiedsbesuch ab. Abgesehen von Miss Izzy selbst hatte die Archer-Tragödie viele Opfer gefordert. Eins davon war die arme Coralie: Sie war überzeugt gewesen, dass ihr Bruder — trotz seines berüchtigten aufbrausenden Temperaments — Miss Izzy niemals niederschlagen würde, um seine Exfrau zu begünstigen. Wie der Rest von Bow Island hatte sie keine Ahnung von der ausgeklügelten Intrige, wonach Greg und Tina öffentlich ihre Feinseligkeit zur Schau stellten und ihre Scheidung bekannt machten, während sie die ganze Zeit vorhatten, Miss Izzy umzubringen, sobald das neue Testament unterzeichnet war. Auf Greg, der seine Frau ostentativ hasste, würde kein Verdacht fallen, und Tina, die ja sichtbare Verletzungen davontrüge, würde bloß Mitleid erregen.

Ein weiteres kleines, viel unwichtigeres Opfer war die zarte Romanze, die sich zwischen Joseph Archer und Jemima Shore hätte entspinnen können. In seinem brütend heißen Büro mit dem sich ständig drehenden Ventilator sprachen sie jetzt über ganz andere Dinge als über den neuen Mond und neue Wünsche.

«Sie sind bestimmt glücklich, dass Sie nun Ihr Museum bekommen«, sagte Jemima.

«Aber dass es auf diese Art zustande kommt, wollte ich ganz bestimmt nicht«, erwiderte Joseph und fügte dann hinzu:»Aber wissen Sie, Jemima, nun hat doch noch die Gerechtigkeit ihren Lauf genommen. Und im tiefsten Herzen wollte Miss Izzy wirklich, dass wir dieses Nationalmuseum bekommen. Wäre sie am Leben geblieben, hätte ich ihr gut zugeredet und sie wäre wieder zur Vernunft gekommen.« «Deshalb haben die ja auch sofort gehandelt. Sie haben sich nicht getraut zu warten, weil sie ja wussten, dass Miss Izzy großen Respekt vor Ihnen hatte«, vermutete Jemima.

Dann schwieg sie, doch ihre Neugier gewann die Oberhand. Eines musste sie noch erfahren, bevor sie ging.

«Das Archer-Grabmal und das alles. Und dass Tina von Sir Valentines zweiter rechtmäßiger Ehe abstammt.

Stimmt das?« «Ja, das stimmt. Vielleicht. Aber für die meisten von uns hier ist das unwichtig. Wissen Sie was, Jemima? Ich stamme auch von dieser berühmten zweiten Ehe ab.

Vielleicht. Und ein paar andere vielleicht auch. Vergessen Sie nicht, Lucie Anne hatte zwei Kinder, und allgemein haben Bo’länder große Familien. Für Tina Archer war es wichtig, für mich nicht. Mir kommt es nicht darauf an.

Das alles ist Vergangenheit. So wie ich das sehe, war Miss Izzy die Letzte der Archers. Soll sie in ihrem Grabe ruhen.« «Was wünschen Sie sich denn für sich selber? Oder für Bow Island, wenn Ihnen das lieber ist?« Joseph lächelte, und in seinem Lächeln schimmerte plötzlich jener gut aussehende Fischer durch, der sie auf Bow Island willkommen geheißen hatte, und ihr fröhlicher Tanzpartner.»Kommen Sie eines Tages nach Bow Island zurück, Jemima. Machen Sie eine Sendung über uns, über unsere Geschichte und das alles, dann erzähle ich’s Ihnen.« «Mach ich vielleicht sogar«, sagte Jemima Shore.

Der Fall der Andromache von Pietro

von SARA PARETSKY

Sara Paretsky (*1947) wurde in Ames/Iowa geboren und studierte an der University of Kansas in Lawrence sowie an der University of Chicago, wo sie mit einer Promotion in Geschichte abschloss. Nachdem sie sich als Verfasserin von Geschäftstexten und als Direktmarketingmanagerin einer Versicherungsgesellschaft betätigt hatte, wandte sie sich mit Indemnity Only (1982.; dt. Schadenersatz) der Belletristik zu. Zum ersten Mal tritt hier die Chicagoer Privatdetektivin V.I. Warshawski auf, eine von zwei berühmten Privatdetektivinnen, die im Epoche machenden Jahr 1982 ihr Debüt feierten. Was fiktive Spürnasen angeht, so ist Warshawski Spezialistin. Paretsky schreibt im St. James Guide to Crime & Mystery Writers (4. Auflage, 1996):»Wie vor ihr Lew Archer blickt sie tiefer und betrachtet auch die ›Kehrseite des Dollars‹, jene Seite, wo Menschen, korrumpiert durch Macht und Geld, kriminelle Entscheidungen treffen, um ihre Positionen zu sichern. Alle ihre Fälle setzen sich mit dem einen oder anderen Aspekt von Wirtschaftskriminalität auseinander, wo leitende Angestellte ohne Rücksicht auf die kleinen Leute, die für sie arbeiten, ihre Positionen festigen oder ihre Firmen stützen. «Diese allgemeine Richtung bietet Raum für die verschiedensten Themen, von der Medizin bis zur Politik, von der Religion bis zum Gesetzesvollzug.

Neben ihrer eigenen schriftstellerischen Arbeit hat Paretsky auch viel für die Förderung von Kriminalautorinnen im Allgemeinen getan, indem sie beispielsweise deren Werk in Anthologien herausgab und die höchst erfolgreichen» Sisters in Crime «gründete.

Paretsky wird seit jeher in einem Atemzug mit Sue Grafton genannt, deren Privatdetektivin Kinsey Millhone ebenfalls 1982 zum ersten Mal in Erscheinung trat. Die beiden Autorinnen sind einander vom Können her ebenbürtig, wobei Paretskys V.I. Warshawski etwas härter und politisch in jedem Fall entschiedener auftritt als Graftons Millhone. Die ständigen Vergleiche haben bei Paretsky dazu geführt, wie sie kürzlich in einem Gespräch in der Zeitschrift Crime Time gesteht, dass sie Grafton nun nicht mehr lesen kann, was sie vorher mit Vergnügen tat, weil sie befürchtet, unbewusst beeinflusst zu werden.

Wie viele Privatdetektivinnen verfügt V.I. Warshawski über ein weitläufiges Netz von Freunden, die von Buch zu Buch wiederkehren. Zwei davon, Lotty Herschel und Max Loewenthal, tauchen in» Der Fall der Andromache von Pietro «auf, einer Geschichte, die — wenn man bedenkt, wie oft sie schon in Anthologien erschienen ist —, längst den Status eines modernen Klassikers erreicht hat.

I

«Du hast dich nur wegen seiner Kunstsammlung bereit erklärt, ihn einzustellen. Da bin ich mir ganz sicher.« Lotty Herschel bückte sich, um ihre Strümpfe zurechtzuzupfen.»Und hör auf, mit den Augenbrauen zu wackeln — du siehst aus wie ein pubertärer Groucho Marx.« Gehorsam glättete Max Loewenthal seine Augenbrauen, sagte aber:»Es ist wegen deiner Beine, Lotty. Sie erinnern mich an meine Jugend. Wenn wir in den U-Bahnstationen auf das Ende des Fliegeralarms gewartet haben, haben wir uns immer die Damen angeguckt, die auf der Rolltreppe herunterkamen. Der Luftzug hat ihnen die Röcke aufgebauscht.« «Erzähl keine Geschichten, Max. Ich war auch in diesen U-Bahnstationen, und soweit ich mich erinnere, waren die Damen immer mit Mänteln und Kindern bepackt.« Max kam von der Tür herüber und legte den Arm um Lotty.

«Genau das schweißt uns zusammen, Lottchen. Ich bin ein Romantiker, und du bist durch und durch logisch.

Außerdem weißt du genau, dass wir Caudwell nicht wegen seiner Sammlung eingestellt haben. Obwohl ich sie unbedingt sehen will. Die Klinikleitung möchte am Beth Israel Hospital ein Transplantationsprogramm aufbauen.

Nur so können wir wettbewerbsfähig werden — « «Halte mir jetzt bloß keinen PR-Vortrag«, fuhr Lotty ihn an. Ihre dichten Augenbrauen zogen sich zu einer durchgehenden schwarzen Linie quer über die Stirn zusammen.»Für mich ist er ein Kretin; er hat die Hände eines Unholds und die Persönlichkeit von Attila, dem Hunnen.« Lotty engagierte sich so intensiv für die Medizin, dass für so weltliche Dinge wie Geld kein Raum blieb. Als leitender Direktor des Krankenhauses stand Max beim Kuratorium aber in der Pflicht, dass das Beth Israel profitabel wirtschaftete. Oder zumindest keine so hohen Verluste machte wie in den letzten Jahren. Man hatte Caudwell nicht zuletzt deswegen eingestellt, weil man durch ihn mehr zahlende Patienten anlocken und einen Ausgleich für die Mittellosen schaffen wollte, die immerhin zwölf Prozent der Patienten des Beth Israel ausmachten. Max fragte sich, wie lange das Krankenhaus es sich noch leisten konnte, so gegensätzliche Persönlichkeiten wie Lotty und Caudwell mit ihren radikal unterschiedlichen Auffassungen von Medizin zu beschäftigen.

Er ließ seinen Arm sinken und lächelte sie fragend an.

«Wieso hasst du ihn eigentlich so, Lotty?« « Ich muss mich den Patienten gegenüber verantworten, die ich an diesen — diesen primitiven Kerl überweise. Ist dir eigentlich klar, dass er Mrs. Mendes nicht in den Operationssaal lassen wollte, als er erfuhr, dass sie Aids hat? Dabei hätte er sich gar nicht mal selbst die Hände schmutzig machen müssen. Und er wollte auch nicht, dass ich sie operiere.« Lotty machte sich los und deutete anklagend mit dem Finger auf Max.»Du kannst es der Kommission ruhig ausrichten — wenn er mein Urteil weiterhin in Frage stellt, können sie sich bald einen neuen Perinatalmediziner suchen. Das meine ich ganz ernst. Pass heute Nachmittag genau auf, Max, ob er mich wieder ›unsere kleine Babyärztin‹ nennt oder nicht. Ich bin achtundfünfzig Jahre alt, Fellow des Royal College of Surgeons und habe so viele Referenzen, dass ich ein ganzes Krankenhaus damit versorgen könnte. Und für ihn bin ich nur die ›kleine Babyärztin‹.« Max setzte sich auf die Bettcouch und zog Lotty neben sich.

«Nein, nein, Lottchen, nicht streiten. Hör mir zu. Warum hast du mir das denn nicht früher gesagt?« «Stell dich nicht so dumm, Max. Du bist der Leiter des Krankenhauses. Ich kann mir doch nicht unser spezielles Verhältnis zunutze machen, um mit Problemen fertig zu werden, die ich mit Kollegen habe. Ich habe meine Meinung gesagt, als Caudwell zum letzten Vorstellungsgespräch kam. Einige von den anderen Ärzten waren nicht sehr glücklich über seine Haltung. Wie du dich vielleicht erinnerst, haben wir die Kommission gebeten, ihn erst einmal als Herzchirurgen einzustellen und dann nach einem Jahr zum Chefarzt zu befördern, wenn alle mit ihm zufrieden wären.« «Wir haben darüber geredet, es so zu machen«, gab Max zu.»Er wollte den Posten aber nur als Chefarzt annehmen.

Nur so konnten wir ihm so viel Geld bieten wie die Universitätskliniken oder das Humana. Und außerdem, Lotty, musst du zugeben, dass er ein erstklassiger Chirurg ist, auch wenn du ihn als Mensch nicht leiden kannst.« «Ich gebe überhaupt nichts zu. «In ihren schwarzen Augen tanzten rote Lichter.»Wenn er mich als Kollegin schon so herablassend behandelt, was glaubst du, wie er dann erst mit seinen Patienten umspringt? Man kann den Arztberuf nicht ausüben, wenn — « «Jetzt muss ich dich aber bitten, mir keinen Vortrag zu halten«, unterbrach Max sie sanft.»Aber wenn du dich so über ihn aufregst, solltest du heute Nachmittag vielleicht lieber nicht auf seine Party gehen.« «Und zugeben, dass er mich kleinkriegen kann?

Niemals.« «Na schön. «Max stand auf und legte Lotty ein üppig besticktes Wolltuch um die Schultern.»Du musst mir aber versprechen, dass du dich benimmst. Vergiss nicht, wir gehen zu einer gesellschaftlichen Veranstaltung, nicht zu einem Kampf der Gladiatoren. Caudwell will sich heute Nachmittag als Gastgeber erkenntlich zeigen, nicht dich heruntermachen.« «Von dir brauche ich keinen Benimmunterricht. Die Herschels haben den Kaisern von Österreich aufgewartet, als die Loewenthals noch Obst und Gemüse auf dem Wiener Ring verkauft haben«, sagte Lotty hochmütig.

Max lachte und küsste ihr die Hand.»Dann besinn dich auf diese noblen Herschels und benimm dich wie sie, Eure Hoheit.«

II

Als er nach Chicago gezogen war, hatte Caudwell sich eine Wohnung gekauft, ohne sie vorher zu besichtigen.

Ein geschiedener Mann, dessen Kinder das College besuchen, braucht nur auf seinen eigenen Geschmack Rücksicht zu nehmen. Er bat die Kommission des Beth Israel, ihm einen Makler zu empfehlen, und schickte diesem eine Liste mit seinen Vorstellungen: Haus aus den Zwanzigern, in der Nähe vom Michigansee, gute Sicherheitsvorkehrungen, moderne Sanitäranlagen. Dann blätterte er siebenhundertfünfzigtausend Dollar für eine Eigentumswohnung mit acht Zimmern und Seeblick an der Scott Street hin.

Da das Beth Israel das Privileg, Dr. Charlotte Herschel als Perinatalmedizinerin beschäftigen zu dürfen, anständig honorierte, hätte sie es nicht nötig gehabt, in einer Fünfzimmerwohnung ohne Aufzug am Rand der Außenviertel zu wohnen, und deshalb war es ein bisschen unfair, Max das Wort» Parvenü«zuzumurmeln, als sie die Eingangshalle betraten.

Max ließ Lotty erleichtert ihrer eigenen Wege gehen, sobald sie aus dem Aufzug ausgestiegen waren. Ihr Liebhaber zu sein war wie der Versuch, sich mit einer bengalischen Tigerin zusammenzutun: Man wusste nie, wann sie zum tödlichen Schlag ausholen würde.

Trotzdem, falls Caudwell vorhatte, sie selbst — oder ihre Haltung — zu kritisieren, musste er mit dem Chirurgen sprechen und ihm erklären, wie wichtig Lotty für den Ruf des Beth Israel war.

Die beiden Kinder von Caudwell machten ihren obligatorischen Weihnachtsbesuch. Der Junge und das Mädchen, Deborah und Steve, waren nur ein Jahr auseinander. Beide groß, beide blond und cool, besaßen sie jene unnachahmliche Lässigkeit, die man sich durch eine Kindheit auf den teuren Skipisten erwirbt. Max war nicht sehr groß, und als das eine der Kinder ihm den Mantel abnahm und das andere ihn kurz und knapp den Gästen vorstellte, spürte er, wie seine Selbstsicherheit dahinschwand. Er nahm ein Glas Spezialcuvée von einem der Kinder entgegen — war es der Junge oder das Mädchen, fragte er sich verwirrt — und flüchtete sich ins Gedränge.

Er landete neben einer der Kuratorinnen des Beth Israel, einer Frau um die Sechzig in einem grauen Minikleid, dessen schwarze Streifen aus Federn gearbeitet waren. Sie ließ sich geistreich über Caudwells Kunstsammlung aus, aber Max spürte einen feindseligen Unterton: Wohlhabende Kuratoren sehen es nicht gern, wenn das Personal mehr Geld hat als sie.

Während er in passenden Abständen die Stirn runzelte und nickte, wurde Max klar, dass Caudwell wusste, wie sehr das Krankenhaus Lotty brauchte. Herzchirurgen leiden nicht gerade unter einem unterentwickelten Ego: Wenn man sie nach den drei führenden Medizinern der Welt fragt, können sie sich nie an die Namen der beiden anderen erinnern. Lotty war eine Kapazität auf ihrem Gebiet, und auch sie war es gewohnt, ihren Kopf durchzusetzen. Und da ihr Konfrontationsstil eher an die Ardennenoffensive als an den Kaiserhof von Wien erinnerte, konnte er es Caudwell nicht verdenken, dass dieser sie aus dem Krankenhaus drängen wollte.

Max trennte sich von Martha Gildersleeve, um einige der Gemälde und Figurinen zu bewundern, von denen sie gesprochen hatte. Da er selbst chinesisches Porzellan sammelte, zog Max beeindruckt die Augenbrauen hoch und stieß beim Anblick der ausgestellten Stücke einen tonlosen Pfiff hervor. Ein kleiner Watteau und ein Aquarell von Charles Demuth, die so viel wert waren, wie das Jahresgehalt, das Caudwell vom Beth Israel bezog.

Kein Wunder, dass Mrs. Gildersleeve verärgert gewesen war.

«Beeindruckend, nicht wahr?« Max drehte sich um und sah Arthur Gioia vor sich aufragen. Max war kleiner als die meisten anderen Belegschaftsmitglieder des Beth Israel — abgesehen von Lotty. Doch Gioia, ein großer, muskulöser Immunologe, überragte alle. Er hatte ein Football-Stipendium der University of Arkansas gehabt und vor seinem Medizinstudium sogar einmal eine Saison für Houston gespielt. Es war zwar schon zwanzig Jahre her, seit er das letzte Mal Gewichte gestemmt hatte, aber sein Nacken sah immer noch aus wie ein Redwood-Stumpf.

Gioia war der Wortführer der Gruppe gewesen, die gegen Caudwells Einstellung votiert hatte. Max hatte damals vermutet, es sei wohl am ehesten darauf zurückzuführen, dass der Mediziner keinen Chirurgen als nominellen Chef haben wollte, doch nach Lottys Gefühlsausbruch war er sich nicht mehr so sicher. Er überlegte gerade, ob er den Arzt fragen sollte, was er jetzt von Caudwell hielt, nachdem er ein halbes Jahr mit ihm zusammengearbeitet hatte, als der Gastgeber zu ihm herüberkam und ihm die Hand schüttelte.

«Tut mir Leid, dass ich Sie nicht gleich gesehen habe, Loewenthal. Gefällt Ihnen der Watteau? Eins von meinen Lieblingsstücken. Obwohl man als Sammler eigentlich kein Stück bevorzugen sollte, genauso wenig wie als Vater, stimmt’s, mein Schatz?«Die letzte Bemerkung war an seine Tochter Deborah gerichtet, die hinter Caudwell getreten war und den Arm um ihn schlang.

Caudwell sah mehr wie ein viktorianischer Seebär aus als wie ein Chirurg. Er hatte ein rundes, rotes Gesicht unter einem gelblich weißen Haarschopf, ein kräftiges Nikolauslachen und eine raue, aber herzliche Art. Trotz Lottys Schmähungen war er bei seinen Patienten außerordentlich beliebt. In der kurzen Zeit, die er am Krankenhaus war, hatte sich die Anzahl der Herzoperationen um fünfzehn Prozent erhöht.

Seine Tochter kniff ihn neckisch in die Schulter.»Ich weiß, dass du keinen von uns bevorzugst, Dad, aber was deine Sammlung anbelangt, lügst du Mr. Loewenthal doch was vor. Na komm schon, du weißt, dass ich Recht habe.« Sie wandte sich Max zu.»Er hat nämlich ein Stück, auf das er so stolz ist, dass er es gar nicht herzeigen will. Er möchte nicht, dass jemand was von seinem schwachen Punkt erfährt. Aber es ist Weihnachten, Dad, sei doch locker, zeig den Leuten mal zur Abwechslung, wie du wirklich bist.« Max sah den Chirurgen neugierig an, aber Caudwell schien sich über die vertrauliche Art seiner Tochter zu freuen. Der Sohn kam dazu und verlieh dem Geschmeichel seiner Schwester eine eigene lustige Note.

«Es ist wirklich Dads ganzer Stolz. Er hat es Onkel Griffen geklaut, als Großvater starb, und Mutter daran gehindert, es sich unter den Nagel zu reißen, als sie sich trennten.« Dagegen hatte Caudwell nun doch etwas einzuwenden.

«Du vermittelst meinen Kollegen noch einen ganz falschen Eindruck von mir, Steve. Ich habe es Grif nicht geklaut. Ich habe ihm gesagt, er kann den restlichen Besitz haben, wenn er mir den Watteau und die Skulptur von Pietro überlässt.« «Natürlich hätte er sich mit dem Erlös zehn solche Anwesen kaufen können«, murmelte Steve seiner Schwester über Max’ Kopf hinweg zu.

Deborah ließ den Arm ihres Vaters los, lehnte sich über Max und flüsterte zurück:»Mom auch.« Max wich vor diesem beunruhigenden Pärchen zurück und sagte zu Caudwell:»Ein Pietro? Sie meinen Pietro d’Alessandro? Haben Sie ein Modell oder tatsächlich eine echte Skulptur?« Caudwell stieß sein abgehacktes Admiralslachen aus.

«Eine waschechte Skulptur, Loewenthal. Waschecht. Eine Alabasterskulptur.« «Eine Alabasterskulptur?«Max zog erstaunt die Augenbrauen hoch.»Das kann doch nicht sein. Ich dachte, Pietro hat nur in Bronze und Marmor gearbeitet.« «Ja, ja«, kicherte Caudwell und rieb sich die Hände.

«Das denkt jeder, aber es gab tatsächlich ein paar Alabasterskulpturen in privaten Sammlungen. Ich habe mir von Fachleuten die Echtheit bestätigen lassen.

Kommen Sie, schauen Sie sie sich ruhig an — das wird Ihnen den Atem verschlagen. Sie auch, Gioia, kommen Sie mit«, bellte er den Immunologen an.»Sie sind doch Italiener, da interessiert es Sie sicher, was Ihre Altvorderen so getrieben haben.« «Eine Alabasterskulptur von Pietro?«Lottys schneidender Ton ließ Max zusammenzucken. Er hatte nicht bemerkt, dass sie sich zu ihnen gesellt hatte.»Ich würde das Stück sehr gern sehen.« «Dann kommen Sie doch mit, Dr. Herschel, kommen Sie ruhig mit. «Caudwell führte sie in einen kleinen Flur, wechselte im Vorbeigehen einige freundliche Worte mit seinen Gästen, zeigte ihnen eine Miniatur von William Hill, die ihnen vielleicht entgangen wäre, und versammelte noch einige weitere Leute um sich, die sich aus unterschiedlichen Gründen für sein kostbarstes Stück interessierten.

«Übrigens, Gioia, ich war letzte Woche in New York und habe dort einen alten Freund von Ihnen aus Arkansas kennen gelernt. Paul Nierman.« «Nierman?«Gioia schien ratlos.»Ich fürchte, ich erinnere mich nicht mehr an ihn.« «Tja, er hat sich aber ziemlich gut an Sie erinnert. Lässt Ihnen alles Mögliche ausrichten — Sie müssen am Montag bei mir im Büro vorbeikommen und sich die ganze Ladung abholen.« Caudwell öffnete eine Tür auf der rechten Seite des Flurs und führte die anderen in sein Arbeitszimmer. Es war ein achteckiger Raum, aus einer Gebäudeecke geschnitten.

Auf zwei Seiten gingen Fenster auf den Michigansee hinaus. Caudwell zog die lachsfarbenen Vorhänge zu, während er ihnen erklärte, weshalb er den Raum als Arbeitszimmer gewählt hatte, obwohl die Aussicht ihn von der Arbeit ablenkte.

Lotty beachtete ihn gar nicht und ging zu einem kleinen Sockel hinüber, der ganz für sich vor einer holzgetäfelten Wand stand. Max folgte ihr und warf einen ehrfürchtigen Blick auf die Skulptur. Außer in einem Museum hatte er nur selten ein so schönes Stück gesehen. Die Skulptur war gut dreißig Zentimeter hoch und stellte eine Frau in klassischen Gewändern dar, die sich gramvoll über die Leiche eines Soldaten zu ihren Füßen beugte. Der Schmerz in ihrem schönen Gesicht war so ergreifend, dass er den Betrachter an jeden Kummer erinnerte, den er selbst schon durchgemacht hatte.

«Wen stellt sie dar?«, fragte Max wissbegierig.

«Andromache«, sagte Lotty mit erstickter Stimme.

«Andromache, die um Hektor trauert.« Max starrte Lotty überrascht an, erstaunt über ihre emotionale Reaktion und dass sie über die Skulptur Bescheid wusste — Lotty interessierte sich sonst absolut nicht für Bildhauerei.

Caudwell konnte sich das selbstgefällige Grinsen des Sammlers, der eine Trouvaille gemacht hatte, nicht verkneifen.»Schön, nicht? Woher kennen Sie das Thema?« «Das sollte ich ja wohl kennen. «Lottys Stimme war vor Erregung ganz heiser.»Meine Großmutter hatte so eine Skulptur von Pietro. Eine Alabasterskulptur, die Kaiser Joseph II. ihrem Urgroßvater für seine Bemühungen um die Festigung der kaiserlichen Beziehungen zu Polen geschenkt hatte.« Hastig riss sie die Skulptur vom Sockel, ohne auf Max’ erschreckte Reaktion zu achten, und drehte sie um.»Man kann die Reste des kaiserlichen Siegels noch erkennen.

Und die Macke an Hektors Fuß, die die Habsburger überhaupt erst bewog, die Skulptur wegzugeben. Wieso haben Sie dieses Stück? Wo haben Sie es gefunden?« Die kleine Gruppe, die sich Caudwell angeschlossen hatte, stand schweigend an der Tür, erschrocken über Lottys Gefühlsausbruch. Gioia sah noch entsetzter aus als die anderen, doch war ihm Lotty sowieso immer zu viel – er war wie ein Elefant, der sich mit einer aggressiven Maus konfrontiert sieht.

«Ich finde, Sie lassen sich hier von Ihren Gefühlen überwältigen, Dr.

Herschel. «Caudwell behielt seinen lockeren Tonfall bei, wodurch Lotty im Vergleich noch unbeholfener wirkte.»Ich habe dieses Stück von meinem Vater geerbt, der es — völlig legal — in Europa gekauft hat.

Vielleicht von — Ihrer Großmutter. Aber wahrscheinlich verwechseln Sie die Skulptur mit einer anderen, die Sie als Kind im Museum gesehen haben.« Deborah stieß ein spitzes Lachen aus und rief ihrem Bruder mit lauter Stimme zu:»Dad hat sie vielleicht von Onkel Grif gestohlen, aber es sieht ganz so aus, als hätte Großvater sie auch schon geklaut.« «Sei still, Deborah«, blaffte Caudwell sie an.

Seine Tochter schenkte ihm keine Beachtung. Sie lachte wieder und gesellte sich zu ihrem Bruder, um das kaiserliche Siegel auf der Unterseite der Skulptur zu betrachten.

Lotty schob die beiden beiseite.» Ich soll das Siegel von Joseph II. verwechseln?«, zischte sie Caudwell an.»Oder die Macke an Hektors Fuß? Hier sieht man sogar noch den Riss, wo irgendein Banause das fehlende Stück wieder angefügt hat. Jemand, der glaubte, er könnte dadurch den Wert von Pietros Werk erhöhen. Waren Sie das, Doktor?

Oder Ihr Vater?« «Lotty. «Max stand neben ihr, entwand die Skulptur sanft ihren zitternden Händen und stellte sie wieder auf den Sockel.»Lotty, dies ist weder der richtige Ort noch die richtige Art, solche Dinge zu besprechen.« Tränen der Wut glitzerten in ihren schwarzen Augen.

«Zweifelst du etwa an dem, was ich sage?« Max schüttelte den Kopf.»Ich zweifle nicht an dir. Aber ich unterstütze dich auch nicht. Ich bitte dich nur, hier nicht so über diese Sache zu sprechen.« «Aber Max — dieser Mann oder sein Vater ist ein Dieb!« Caudwell schlenderte zu Lotty hinüber und kniff sie ins Kinn.

«Sie arbeiten zu viel, Dr.

Herschel. Sie haben im Moment zu viel um die Ohren. Ich glaube, die Kommission würde es begrüßen, wenn Sie ein paar Wochen Urlaub nehmen, irgendwohin fahren, wo es warm ist, und sich etwas ausruhen. Wenn Sie so angespannt sind, haben Ihre Patienten doch nichts davon. Was meinen Sie dazu, Loewenthal?« Max sagte nichts von dem, was er eigentlich sagen wollte — dass er Lotty unmöglich und Caudwell unerträglich fand. Er glaubte Lotty, glaubte, dass die Skulptur ihrer Großmutter gehört hatte. Denn erstens wusste sie zu viel darüber, und zweitens waren viele Kunstwerke, die früher europäischen Juden gehört hatten, heute in Museen und privaten Sammlungen auf der ganzen Welt verstreut. Es war also nur ein scheußlicher Zufall, dass die Skulptur von Pietro ausgerechnet im Besitz von Caudwells Vater gelandet war.

Aber wie kam Lotty dazu, die Angelegenheit auf eine Art anzusprechen, die alle Anwesenden gegen sie aufbringen musste? Er konnte sie in einer solchen Situation keinesfalls unterstützen. Gleichzeitig weckte die gönnerhafte Geste, mit der Caudwell sie ins Kinn gekniffen hatte, in ihm den Wunsch, die Regeln des Anstands abzuschütteln und den Chirurgen k.o. zu schlagen — wenn er bloß zehn Jahre jünger und ein gutes Stück größer gewesen wäre.

«Es ist wohl nicht der richtige Ort und der richtige Zeitpunkt, um über solche Dinge zu reden«, wiederholte er so beherrscht wie möglich.»Beruhigen wir uns lieber alle und unterhalten uns am Montag noch mal darüber, ja?« Lotty schluckte unwillkürlich und rauschte dann aus dem Zimmer, ohne sich auch noch einmal umzudrehen.

Max weigerte sich, ihr nachzugehen. Er war so wütend auf sie, dass er sie an diesem Nachmittag nicht mehr sehen wollte. Als er sich etwa eine Stunde später auf den Weg machte, nach einem langen Gespräch mit Caudwell, das seine kultivierten Umgangsformen auf eine harte Probe gestellt hatte, erfuhr er erleichtert, dass Lotty längst gegangen war. Die Nachricht von ihrem Gefühlsausbruch hatte sich unter den Anwesenden natürlich wie ein Lauffeuer verbreitet. Er fühlte sich nicht imstande, sie etwa gegenüber Martha Gildersleeve zu verteidigen, die während der Fahrt im Aufzug eine Erklärung von ihm verlangte.

Er kehrte zu einem einsamen Abend in sein Haus in Evanston heim. Normalerweise genoss er Stunden wie diese, in denen er in seinem Arbeitszimmer Musik hörte, mit ausgezogenen Schuhen auf dem Sofa lag, Geschichtsbücher las und dabei die Wellen vom See heraufschwappen hörte.

An diesem Abend jedoch kam er nicht zur Ruhe. Sein Zorn auf Lotty ging über in Bilder des Grauens, die Erinnerungen an seine eigene auseinander gerissene Familie, die Suche nach seiner Mutter quer durch ganz Europa. Er hatte nie jemanden gefunden, der genau wusste, was aus ihr geworden war, obwohl mehrere Leute ihm mit Gewissheit sagen konnten, dass sein Vater Selbstmord begangen hatte. Und über diesen Gedankenfetzen lag das beunruhigende Bild von Caudwells Kindern, wie sie, den blonden Kopf im selben Winkel zurückgeworfen, hämisch im Chor sangen:

«Grandpa war ein Dieb, Grandpa war ein Dieb«, während Caudwell seine Gäste aus dem Arbeitszimmer schob.

Bis zum Morgen musste er sich wieder so weit gefasst haben, dass er Lotty und der unvermeidlichen Flut von Anrufen erzürnter Kuratoren entgegentreten konnte. Er würde sich etwas überlegen müssen, womit er Caudwells Eitelkeit besänftigen konnte, die allerdings mehr durch das Verhalten sein