/ Language: Deutsch / Genre:det_police / Series: Inspector Lynley (de)

Nie sollst Du vergessen

Elizabeth George

In einer regnerischen Nacht wird Eugenie Davies in London von einem Autofahrer getötet. Ein Unfall ist definitiv auszuschließen: Die Frau wurde frontal angefahren und danach mehrmals absichtlich mit dem Wagen überrollt. Doch was hatte Eugenie Davies so spät am Abend überhaupt in der Stadt zu suchen? Und warum trug sie einen Zettel mit dem Namen genau des Mannes bei sich, der später ihre Leiche findet? Für Inspector Thomas Lynley, in dessen Privatleben sich zur selben Zeit dramatische Veränderungen ankündigen, sind diese Fragen nur der Auftakt zu Ermittlungen, in deren Verlauf er auf einem gefährlich schmalen Grat zwischen persönlicher Loyalität und beruflicher Ehre wandert. Denn schon bald stellen Lynley und Sergeant Barbara Havers betroffen fest, dass ihr Chef Superintendent Webberly, der mehr über Eugenie Davies zu wissen scheint, als er preisgibt, versucht, sie bei der Auswertung von Erkenntnissen zu behindern. Für Lynley und Havers steht ihre berufliche Laufbahn auf dem Spiel, doch sie sind schon viel zu tief in den Fall eingedrungen, um sich noch zurückziehen zu können. Denn die Familie Davies nährt einen tödlichen Kreislauf aus Versagen, Wut und Gewalt, der immer weitere Opfer fordert… Psychologische Raffinesse, präziser Spannungsaufbau und ein unfehlbarer Sinn für Dramatik charakterisieren die Kriminalromane der Amerikanerin Elizabeth George. Die Autorin, die den Anthony Award, den Agatha Award und den Grand Prix de Litérature Policière gewonnen hat, lebt in Huntington Beach, Kalifornien. Mehr Informationen zur Autorin unter www.ElizabethGeorgeOnline.com

Elizabeth George

Nie sollst Du vergessen

Für das andere Jones-Mädchen, wo immer sie ist.

Mein Sohn Absalom! Mein Sohn, mein Sohn Absalom! Wollte Gott, ich wäre für dich gestorben.

ZWEITES BUCH SAMUEL, KAP. 19,1

MAIDA VALE LONDON

Dicke sind toll. Dicke sind toll. Dicke sind toll, toll, toll.

Katie Waddington begleitete ihren schwerfälligen Schritt mit dem gewohnten Mantra, während sie den Bürgersteig entlang zu ihrem Wagen ging. Sie sprach die Worte nicht laut, sondern sagte sie sich in Gedanken vor, weniger deshalb, weil sie allein war und fürchtete, für verrückt gehalten zu werden, sondern vor allem, weil lautes Sprechen ihre strapazierte Lunge zusätzlich angestrengt hätte. Und die hatte schon Mühe genug, durchzuhalten. Genau wie ihr Herz, das, ihrem stets dozierenden Hausarzt zufolge, nicht dazu geschaffen war, Blut durch Arterien zu pumpen, die durch Fettablagerungen stetig enger wurden.

Wenn er sie betrachtete, sah er Fettwülste; Brüste, die wie Säcke von ihren Schultern herabhingen; statt eines Bauchs schlaff wabbelnde Massen, die ihre Scham verdeckten; von Cellulite gewellte Haut. Sie schleppte so viel Fett mit sich herum, dass sie ein ganzes Jahr von ihren Reserven hätte zehren können, ohne einen Bissen zu essen, und wenn dem Arzt zu glauben war, begann das Fett, die lebenswichtigen Organe anzugreifen. Wenn sie nicht bald anfinge, sich bei Tisch zu bremsen, erklärte er bei jedem ihrer Besuche, würde sie nicht mehr lange leben.

»Herzversagen oder ein Schlaganfall, Kathleen«, pflegte er kopfschüttelnd zu sagen. »Sie können es sich aussuchen. Bei Ihrem Zustand müssen Sie unbedingt etwas tun, und dazu gehört vor allem, dass Sie sich nicht ständig Essen in den Mund schieben, das sich sofort in Fettgewebe verwandelt. Verstehen Sie?«

Natürlich, wie sollte sie nicht verstehen? Es war schließlich ihr Körper, über den sie hier sprachen, und man konnte nicht aussehen wie ein Nilpferd im Schneiderkostüm, ohne das gelegentlich zu bemerken, wenn man an einem Spiegel vorüberkam.

Tatsache war jedoch, dass der Arzt der Einzige in Katies Bekannten- und Familienkreis war, dem es schwer fiel, sie als die Dicke zu akzeptieren, die sie schon seit ihrer Kindheit war. Und da die Menschen, die für sie zählten, sie so nahmen, wie sie war, trieb nichts sie an, den vom Arzt immer wieder empfohlenen Kampf gegen die achtzig Kilo Übergewicht aufzunehmen.

Wenn je Zweifel sie plagten, ob sie in einer Gesellschaft, in der die Körper immer glatter, straffer und durchtrainierter wurden, einen Platz hatte, so wurden diese gewöhnlich von ihren Eros-Acizow-Gruppen, die montags, mittwochs und freitags von neunzehn bis zweiundzwanzig Uhr zusammenzukommen pflegten, umgehend beseitigt. In diesen Gruppen versammelte sich die sexuell gestörte Bevölkerung Groß-Londons auf der Suche nach Trost und Problemlösungen. Unter der Leitung von Katie Waddington - die sich das Studium der menschlichen Sexualität zur Leidenschaft gemacht hatte - wurde die Libido der Gruppenteilnehmer unter die Lupe genommen; Erotomanie und -phobie wurden seziert; Frigidität, Nymphomanie, Satyriasis, Transvestismus und Fetischismus gebeichtet; erotische Fantasien gefördert; die sinnliche Vorstellungskraft stimuliert.

Ihre Klienten überschütteten sie mit Dankbarkeit. »Du hast unsere Ehe gerettet«, hieß es häufig, oder: »mein Leben«, »meinen Verstand«, »meine Karriere«.

Sex ist Kommerz, lautete Katies Motto, und zum Beweis der Richtigkeit ihrer These konnte sie beinahe zwanzig Jahre Erfahrung mit etwa sechstausend zufriedenen Klienten und eine lange Warteliste vorweisen.

Kein Wunder, dass sie an diesem Abend nach der Gruppe recht beschwingt zu ihrem Wagen ging, nicht gerade ekstatisch, aber doch sehr zufrieden mit sich. Sie selbst hatte zwar noch nie einen Orgasmus gehabt, aber das brauchte ja niemand zu wissen; Hauptsache, es gelang ihr, anderen zu diesem Glückserlebnis zu verhelfen. Denn die Leute wollten doch alle das Gleiche: sexuelle Befriedigung auf Kommando und ohne Schuldgefühle.

Und wer zeigte ihnen den Weg dorthin? Eine Dicke.

Wer befreite sie von der Scham über ihre Lust? Eine Dicke.

Wer zeigte ihnen die Tricks von der Stimulation der erogenen Zonen bis zum Simulieren von Leidenschaft, um Leidenschaft neu anzufachen? Eine unförmige Dicke aus Canterbury.

Das war wichtiger, als Kalorien zu zählen. Wenn Katie Waddington dazu bestimmt war, als Dicke zu sterben, dann würde sie eben als Dicke sterben.

Es war ein kühler Abend, genauso, wie sie es mochte. Nach einem glühenden Sommer war endlich der Herbst in die Stadt eingezogen, und während sie sich mit ihrem watschelnden Gang durch die Dunkelheit bewegte, dachte sie wie stets an diesen Abenden an die Glanzpunkte der vergangenen Gruppensitzung zurück.

Tränen, ja, Tränen gab es immer, ebenso Händeringen, schamhaftes Erröten, Stottern und Schwitzen. Aber es gab auch jedes Mal einen besonderen Moment, einen Moment des Durchbruchs, der es wert war, sich stundenlang immer wieder dieselben alten Geschichten anzuhören.

Heute Abend hatten ihr Felix und Dolores (Nachnamen taten nichts zur Sache) diesen Moment beschert. Sie waren in die Gruppe gekommen, weil sie, wie sie es ausgedrückt hatten, »den Zauber« in ihrer Ehe wieder finden wollten, nachdem jeder von ihnen zwei Jahre - und zwanzigtausend Pfund - darauf verwendet hatte, seine ganz persönlichen sexuellen Bedürfnisse zu erforschen. Felix hatte längst eingestanden, dass er die Befriedigung außerhalb der Ehe suchte, und Dolores hatte bekannt, dass sie ihren Vibrator und ein Bild Laurence Oliviers als Heathcliff weit erregender fand als die Umarmungen ihres Ehemanns. An diesem Abend jedoch waren Felix' laute Überlegungen darüber, warum der Anblick von Dolores' nacktem Gesäß Gedanken an seine alte Mutter weckte, drei älteren Frauen in der Gruppe zu viel geworden. Sie hatten ihn so heftig angegriffen, dass Dolores selbst leidenschaftlich für ihn in die Bresche gesprungen war und mit ihren selbstlosen Tränen allem Anschein nach seine Aversion gegen ihren Hintern fortgespült hatte. Die beiden waren sich in die Arme gesunken und hatten nicht mehr voneinander gelassen bis zum Ende der Sitzung, als sie in schöner Einmütigkeit gejubelt hatten: »Du hast unsere Ehe gerettet!«

Katie war sich bewusst, dass sie nicht mehr getan hatte, als ihnen ein Forum zu bieten. Aber es gab eben genügend Leute, die gar nicht mehr wollten als eine Gelegenheit, sich selbst oder ihren Partner in der Öffentlichkeit zu demütigen und so eine Situation zu schaffen, die es dem Partner letztlich ermöglichte, zu retten oder gerettet zu werden.

Das Geschäft mit den sexuellen Nöten der Briten war eine echte Goldgrube. Katie fand es ausgesprochen clever von sich, dass sie auf diese Marktlücke gestoßen war.

Sie gähnte herzhaft und bemerkte dabei das laute Knurren ihres Magens. Nach einem Tag und einem Abend harter Arbeit hatte sie ein üppiges Mahl und danach ein paar Stunden Faulenzen vor dem Fernsehgerät als

Belohnung redlich verdient. Die alten Filme mit ihrer romantischen Schönfärberei waren ihr die liebsten. Eine Abblende im entscheidenden Moment wirkte auf sie weit erregender als Nahaufnahmen gewisser Körperteile und ein Soundtrack, der nur aus Keuchen und Stöhnen bestand. Heute Abend würde sie sich Es geschah in einer Nacht gönnen: Clark und Claudette und die prickelnde Spannung zwischen den beiden.

Das ist genau das, was in den meisten Beziehungen fehlt, dachte sie bestimmt zum tausendsten Mal in diesem Monat. Die erotische Spannung. Zwischen Männern und Frauen bleibt nichts mehr der Fantasie überlassen. Wir leben in einer Welt, die alles weiß, alles sagt und alles fotografiert; in der es keine Erwartungsfreude und keine Geheimnisse mehr gibt.

Aber darüber durfte sie sich am allerwenigsten beklagen. An diesem Zustand der Welt verdiente sie; und mochte sie noch so dick sein, die Leute dachten nicht daran, sich über sie lustig zu machen, wenn sie sahen, in welchem Haus sie lebte, welche Kleider sie trug, welchen Schmuck sie sich kaufte, welches Auto sie fuhr.

Das besagte Auto stand gleich drüben auf der anderen Straßenseite, auf einem Privatparkplatz um die Ecke der Klinik, in der sie ihre Tage verbrachte. Sie war sich, als sie am Bordstein stehen blieb, bewusst, dass sie schwerer atmete als gewöhnlich. Mit einer Hand stützte sie sich an einen Laternenpfahl, während ihr Herz sich pflichtschuldig abrackerte.

Vielleicht sollte sie doch einmal über die Diät nachdenken, die der Arzt ihr vorgeschlagen hatte. Aber sogleich verwarf sie den Gedanken wieder. Was blieb denn noch vom Leben, wenn man sich jeden Genuss versagte?

Ein leichter Wind kam auf. Er blies ihr das Haar aus dem Gesicht und kühlte ihren Nacken. Nur einen Moment verschnaufen. Sobald sie wieder zu Atem gekommen war, würde sie topfit sein wie immer.

Sie horchte in die Stille, die sie umgab. Das Viertel hier war teils Wohn-, teils Gewerbegebiet, die meisten Geschäfte waren längst geschlossen, und vor den Fenstern der Wohnungen in den Mietshäusern waren die Jalousien heruntergelassen.

Merkwürdig, dachte sie. Ihr war nie aufgefallen, wie still und leer die Straßen hier nach Einbruch der Dunkelheit waren. Sie sah sich um. In so einer Gegend konnte alles geschehen - Gutes oder Böses -, und Zeugen gäbe es hier sicher nur zufällig.

Sie fröstelte. Besser nicht hier herumstehen.

Sie trat vom Bürgersteig auf die Fahrbahn und schickte sich an, sie zu überqueren.

Das Auto am Ende der Straße nahm sie erst wahr, als seine Scheinwerfer aufflammten und sie blendeten. Donnernd wie ein galoppierender Stier raste es auf sie zu.

Sie wollte laufen, aber der Wagen war schon da. Sie war zu dick, um ihm auszuweichen.

Gideon

16. August

Zunächst einmal möchte ich ausdrücklich sagen, dass ich dieses Unternehmen für reine Zeitverschwendung halte, und gerade Zeit habe ich, wie ich Ihnen gestern zu erklären versuchte, überhaupt keine übrig. Wenn Sie von mir Vertrauen in diese Prozedur erwarten, hätten Sie mir vielleicht kurz erläutern sollen, auf welche Grundlagen und Erfahrungswerte Sie sich bei Ihrer so genannten »Behandlung« stützen. Wieso spielt es eine Rolle, welches Papier ich benutze? Oder welches Heft. Welchen Füller oder Stift. Und wieso ist es von Bedeutung, wo ich dieser unsinnigen Schreiberei nachgehe, die Sie mir aufgebürdet haben? Genügt Ihnen nicht die schlichte Tatsache, dass ich dem Experiment zugestimmt habe?

Nein, lassen Sie nur. Sie brauchen nicht zu antworten. Ich weiß bereits, wie Ihre Antwort ausfallen würde: Woher kommt diese Wut, Gideon? Was verbirgt sich darunter? Woran erinnern Sie sich?

An nichts. Verstehen Sie denn nicht? Ich erinnere mich an gar nichts. Darum bin ich ja hier.

An nichts?, sagen Sie. An gar nichts? Ist das wirklich wahr? Immerhin erinnern Sie sich Ihres Namens. Und ganz offensichtlich kennen Sie auch Ihren Vater und wissen, wo Sie wohnen und womit Sie sich Ihren Lebensunterhalt verdienen. Und Sie kennen Ihre nächsten Bezugspersonen. Wenn Sie also »nichts« antworten, so wollen Sie mir damit wohl sagen, dass Sie sich - - dass ich mich an nichts erinnere, was mir wichtig ist. Gut. Ich spreche es aus. Ich erinnere mich an nichts, was für mich von Bedeutung ist. Wollen Sie das hören? Und wollen wir beide uns nun mit dem hässlichen kleinen Charakterzug beschäftigen, den ich mit dieser Erklärung offenbare?

Aber anstatt mir diese beiden Fragen zu beantworten, erklären Sie mir, dass wir zunächst einmal alles aufschreiben werden, woran wir uns erinnern - ob es nun von Bedeutung ist oder nicht. Nur - wenn Sie »wir« sagen, meinen Sie in Wirklichkeit, dass ich zunächst einmal schreiben werde; und ich werde natürlich schreiben, woran ich mich erinnere. Denn, wie Sie es in Ihrem neutralen und unangreifbaren Psychiaterton so kurz und prägnant ausdrückten: »Unsere Erinnerungen sind häufig der Schlüssel zu dem, was wir einmal vorzogen zu vergessen.«

Ich denke, das Wort »vorziehen« haben Sie ganz bewusst gebraucht. Sie wollten mich zu einer Reaktion herausfordern. Ich sollte mir wohl denken, na, der werde ich's zeigen. Dieser Person werde ich zeigen, woran ich mich erinnern kann.

Wie alt sind Sie überhaupt, Dr. Rose? Sie sagen dreißig, aber das glaube ich Ihnen nicht. Sie sind nicht einmal so alt wie ich, vermute ich, und was schlimmer ist, Sie sehen aus wie eine Zwölfjährige. Wie soll ich zu Ihnen Vertrauen haben? Glauben Sie im Ernst, Sie könnten Ihren Vater ersetzen? Denn zu ihm wollte ich eigentlich. Sagte ich Ihnen das bei unserem ersten Zusammentreffen? Wohl eher nicht. Ich hatte zu viel Mitleid mit Ihnen. Der einzige Grund übrigens, warum ich zu bleiben beschloss, als ich in die Praxis kam und Sie an seiner Stelle sah: Sie wirkten so rührend, wie Sie da saßen, ganz in Schwarz, als meinten Sie, dadurch könnten Sie den Eindruck erwecken, kompetent genug zu sein, um mit den seelischen Krisen anderer Menschen umzugehen.

Seelisch? Sie jagen diesem Wort hinterher, als wäre es ein anfahrender Zug. Sie haben also beschlossen, den Befund des Neurologen zu akzeptieren? Sie sind damit zufrieden? Sie brauchen keine weiteren Untersuchungen, um sich überzeugen zu lassen?

Das ist sehr gut, Gideon. Das ist ein großer Schritt vorwärts. Es wird unsere Zusammenarbeit erleichtern, wenn Sie - so schwer es auch fällt - zu akzeptieren bereit sind, dass es für das, was Sie gegenwärtig durchmachen, keine physiologische Erklärung gibt.

Es ist angenehm, Ihnen zuzuhören, Dr. Rose. Eine Stimme wie Samt. Ich hätte gleich, als Sie das erste Mal den Mund aufmachten, kehrtmachen und wieder gehen sollen. Ich tat es nicht, weil Sie mich mit diesem Quatsch, dieser Bemerkung: »Ich trage Schwarz, weil mein Mann vor kurzem gestorben ist«, sehr geschickt manipulierten und zu bleiben bewogen. Sie legten es darauf an, mein Mitgefühl zu wecken, nicht wahr? Stellen Sie eine Verbindung zu dem Patienten her, hat man Sie gelehrt. Gewinnen Sie sein Vertrauen, damit er beeinflussbar ist.

Wo ist Dr. Rose?, frage ich beim Eintritt in das Sprechzimmer.

Sie sagen: Ich bin Dr. Rose. Dr. Alison Rose. Vielleicht haben Sie meinen Vater erwartet? Er hat vor acht Monaten einen Schlaganfall erlitten und befindet sich jetzt in der Rekonvaleszenz, aber es wird noch eine Weile dauern, bevor er wieder hergestellt ist, darum kann er im Moment keine Patienten sehen. Ich habe seine Praxis übernommen.

Und Sie plaudern munter drauflos: Wie es zu Ihrer Rückkehr nach London kam; wie sehr Sie Boston vermissen; dass es dennoch so das Beste sei, weil die Erinnerungen dort zu schmerzlich gewesen seien. Die

Erinnerungen an ihn, Ihren Ehemann. Sie gehen sogar so weit, seinen Namen zu nennen: Tim Freeman. Und seine Krankheit: Darmkrebs. Und Sie sagen mir, welches Alter er hatte, als er starb: siebenunddreißig Jahre. Sie berichten, dass Sie den Gedanken an Kinder zunächst auf Eis gelegt hatten, weil Sie bei Ihrer Heirat noch studierten, und dass später, als es Zeit wurde, an Nachwuchs zu denken, für ein Kind kein Platz mehr war, da Sie beide, er und Sie, um sein Leben kämpften.

Sie taten mir Leid, Dr. Rose, und darum blieb ich. Das Resultat ist, dass ich jetzt hier an meinem Fenster mit Blick auf den Chalcot Square sitze und schreibe. Ich schreibe, wie Sie mir geraten haben, mit Kugelschreiber, damit ich nicht radieren kann. Ich schreibe in ein Ringbuch, damit ich jederzeit Ergänzungen einschieben kann, sollte mir wunderbarerweise irgendwann später etwas Entscheidendes einfallen. Nur das, was ich tun sollte, was die ganze Welt von mir erwartet, das tue ich nicht: nämlich Seite an Seite mit Raphael Robson dieses infernalische, allgegenwärtige Nichts zwischen den Tönen aufheben.

Raphael Robson?, höre ich Sie fragen. Erzählen Sie mir von Raphael Robson.

Ich habe heute Morgen meinen Kaffee mit Milch getrunken, und dafür bezahle ich jetzt, Dr. Rose. Mein Magen brennt wie Feuer, und die Flammen kriechen in meine Eingeweide. Eigentlich steigt Feuer ja auf, aber nicht das Feuer in meinem Inneren. Da geschieht genau das Gegenteil, und die Schmerzen sind immer die gleichen. Gemeine Blähungen, teilt mir mein Arzt in einem Ton mit, als gäbe er mir den medizinischen Segen. Dieser Scharlatan! Ein viertklassiger Kurpfuscher ist er. In meinen Eingeweiden wuchert etwas Böses, das mich von innen auffrisst, und er spricht von Winden.

Erzählen Sie mir etwas von Raphael Robson, wiederholen Sie.

Warum?, frage ich. Warum soll ich von Raphael erzählen?

Weil er ein Anfang ist. Ihr Unterbewusstsein liefert Ihnen einen Anfang, Gideon. So läuft dieser Prozess.

Aber Raphael ist nicht der Anfang, widerspreche ich. Der Anfang liegt fünfundzwanzig Jahre zurück in einem Peabody-Haus, einem Seniorenstift, am Kensington Square.

17. August

Dort lebte ich damals. Nicht in einem der Peabody- Häuser, sondern im Haus meiner Großeltern auf der Südseite des Platzes. Die Peabody-Häuser sind schon lange verschwunden. Bei meinem letzten Besuch in der Gegend fand ich an ihrer Stelle zwei Restaurants und eine Boutique. Aber ich erinnere mich gut an diese Häuser, und ich erinnere mich auch, wie geschickt mein Vater sie einflocht, als er die Gideon-Legende spann.

So ist mein Vater, immer bereit, alles, was auf dem Weg liegt, zu nutzen, wenn er sich einen Vorteil davon verspricht. Er war damals ein rastloser Mensch voller Ideen. Heute ist mir klar, dass die meisten seiner Ideen Versuche waren, die Befürchtungen meines Großvaters in Bezug auf seine Person zu beschwichtigen. Denn in den Augen meines Großvaters war das Scheitern meines Vaters beim Militär ein eindeutiges Zeichen dafür, dass er auch auf allen anderen Gebieten scheitern würde. Und ich denke, mein Vater wusste das, denn mein Großvater hielt mit seinen Ansichten nie hinter dem Berg.

Mein Großvater war seit dem Krieg nicht mehr gesund. Ich nehme an, das war der Grund, weshalb wir bei ihm und Großmutter lebten. Er war zwei Jahre lang in Burma in japanischer Gefangenschaft gewesen und hatte sich davon nie ganz erholt. Ich glaube, die Gefangenschaft hat bei ihm etwas hervorgerufen, was sonst verborgen geblieben wäre. Wie dem auch sei, mir jedenfalls wurde immer nur gesagt, Großvater habe »Episoden«, die es hin und wieder notwendig machten, ihn zur Erholung »aufs Land« zu verfrachten. An Einzelheiten dieser Episoden kann ich mich nicht erinnern; ich war erst zehn Jahre alt, als mein Großvater starb. Aber ich weiß, dass sie stets nach dem gleichen Muster abliefen: Zuerst gab es ein entsetzliches Gepolter und Gezeter, dann begann meine Großmutter zu weinen, und am Ende, wenn sie ihn wegbrachten, schrie mein Großvater meinen Vater an, er wäre nicht sein Sohn.

Wer sind sie?, fragen Sie.

Ich nannte sie die Unterirdischen. Sie sahen aus wie ganz normale Menschen, aber sie waren Seelenräuber. Stets ließ mein Vater sie ins Haus. Stets kam Großmutter ihnen weinend auf der Treppe entgegen. Und stets gingen sie ohne ein Wort an ihr vorbei, weil alles, was sie zu sagen hatten, schon mehr als einmal gesagt worden war. Sie kamen nämlich schon seit Jahren regelmäßig, um Großvater abzuholen. Das hatte bereits lange vor meiner Geburt begonnen, lange bevor ich wie eine kleine Kröte hinter dem Treppengeländer hockte und sie voller Angst beobachtete.

Ja. Sie brauchen gar nicht zu fragen, ich erinnere mich an diese Angst. Und ich erinnere mich auch noch an etwas anderes. Ich weiß, dass irgendjemand mich vom Treppengeländer wegzog, meine Finger einen nach dem anderen öffnete und mich wegführte.

Raphael Robson?, fragen Sie. Ist das der Moment seines Auftritts?

Nein. Das war Jahre vor Raphael Robson. Raphael kam erst nach dem Peabody-Haus.

Wir sind also beim Peabody-Haus, sagen Sie.

Ja. Beim Peabody-Haus und der Gideon-Legende.

19. August

Erinnere ich mich wirklich an das Peabody-Haus? Oder habe ich die Einzelheiten erfunden, um einen Rahmen zu füllen, den mein Vater mir vorgegeben hatte? Könnte ich mich nicht genau daran erinnern, wie es im Inneren des Hauses roch, so würde ich sagen, dass ich lediglich die Geschichten meines Vaters wiederhole, wenn ich, so wie jetzt, im Stande bin, mir das Peabody-Haus aus dem Hirn zu zupfen. Aber ein Geruch nach Bleiche kann mich auch heute noch in Sekundenschnelle in das Peabody-Haus zurückversetzen, und daher weiß ich, dass zumindest der Kern der Geschichte wahr ist, ganz gleich, wie weit sie im Lauf der Jahre von meinem Vater, meiner PR-Agentin und den Journalisten, die mit den beiden gesprochen haben, ausgeschmückt wurde. Ich selbst beantworte schon lange keine Fragen mehr über das Peabody-Haus. Ich sage: »Das sind doch alte Geschichten. Gibt es keine aktuelleren Themen?«

Aber Journalisten haben immer gern einen Aufhänger für ihre Story, und was könnte sich für die Leute, die sich, dem strikten Befehl meines Vaters gemäß, bei ihren Interviews mit mir auf Fragen nach meiner Karriere zu beschränken haben, besser als Aufhänger eignen als die kleine Anekdote, die mein Vater aus einem schlichten Spaziergang in den Grünanlagen am Kensington Square fabriziert hat:

Ich bin drei Jahre alt und in Begleitung meines Großvaters. Ich strample auf meinem Dreirad auf dem Weg rund um die Anlagen herum, während Großvater in diesem kleinen tempelähnlichen Bauwerk beim schmiedeeisernen Zaun sitzt, wo man notfalls vor Regen geschützt ist. Er hat sich eine Zeitung mitgenommen, aber er liest nicht darin. Er lauscht vielmehr einer Musik, die aus einem der Häuser hinter ihm erklingt.

»Das nennt man ein Konzert, Gideon«, erklärt er mir mit ehrfürchtig gedämpfter Stimme. »Das ist Paganinis D- Dur-Konzert. Horch!« Er winkt mich näher zu sich. Er sitzt ganz am Ende der Bank. Ich stelle mich neben ihn, er legt mir den Arm um die Schultern, und ich horche.

Ich brauche nur einen Moment, um zu wissen, dass dies meine Bestimmung ist. Mich, den Dreijährigen, trifft eine Erkenntnis, die mich seither nie mehr verlassen hat: Wenn ich zuhöre, dann bin ich; wenn ich spiele, dann lebe ich.

Ich dränge Großvater, sofort zu gehen. Mit seinen arthritischen Händen hat er Mühe, das Tor zu öffnen. Ich treibe ihn an, bitte ihn, sich zu beeilen, »bevor es zu spät ist«.

»Zu spät, wofür?«, fragt er nachsichtig.

Ich nehme ihn bei der Hand und zeige es ihm.

Ich ziehe ihn zu dem Peabody-Haus, denn von dort erklingt die Musik. Wir treten ein. Von dem frisch geschrubbten Linoleumboden steigt ein so durchdringender Geruch nach Bleiche auf, dass es uns in den Augen brennt.

Oben, im ersten Stock, stoßen wir auf die Quelle der Musik. In einem der Einzimmerappartements des Stifts lebt Miss Rosemary Orr, ehemals Geigerin bei den Londoner Philharmonikern, aber nun schon lange im

Ruhestand. Sie steht vor einem großen Wandspiegel, eine Geige am Kinn, einen Bogen in der Hand. Aber sie spielt nicht. Sie lauscht mit geschlossenen Augen, die Hand mit dem Bogen gesenkt, dem Paganini-Konzert, und dabei tropfen die Tränen, die ihr über das Gesicht rinnen, auf ihr Instrument hinab.

»Sie macht es kaputt, Großpapa«, erkläre ich meinem Großvater. Miss Orr erwacht mit einem Ruck aus ihrer Trance und fragt sich wahrscheinlich, wie dieser arthritische alte Mann und der Dreikäsehoch in ihr Zimmer gekommen sind.

Aber ihre Verwunderung zu äußern, bleibt ihr keine Zeit, denn ich gehe schnurstracks zu ihr und nehme ihr das Instrument aus den Händen. Und dann beginne ich zu spielen.

Nicht gut, natürlich. Niemand würde glauben, dass ein ungeschulter Dreijähriger, ganz gleich, wie begabt er ist, einfach eine Geige ergreifen und das D-Dur-Violinkonzert von Paganini spielen kann, das er nie zuvor gehört hat. Aber die Rohmaterialien sind vorhanden - das Ohr, die natürliche Balance, die Leidenschaft -, und Miss Orr erkennt das und besteht darauf, das frühreife Kind zu unterrichten.

Sie wird also meine erste Geigenlehrerin. Bei ihr bleibe ich anderthalb Jahre. Dann, ich bin mittlerweile viereinhalb, wird entschieden, dass zur Förderung meiner Begabung eine weniger konventionelle Art des Unterrichts notwendig ist.

Das, Dr. Rose, ist die Gideon-Legende. Sind Sie mit der Kunst des Geigenspiels vertraut genug, um zu erkennen, an welcher Stelle sie in die Fantasie abgleitet?

Es ist uns gelungen, die Legende zu verkaufen, indem wir sie als Legende bezeichnen und stets mit einem nachsichtigen Lachen abtun. Alles Unsinn, sagen wir, jedoch mit einem viel sagenden Lächeln. Miss Orr ist schon lange tot, sie kann keinen Widerspruch erheben. Und nach Miss Orr kam Raphael Robson, dessen Interesse an der Wahrheit begrenzt ist.

Aber Sie sollen die Wahrheit erfahren, Dr. Rose. Mögen Sie über mich und meine Reaktion auf dieses Unternehmen hier denken, was Sie wollen, ich möchte Ihnen die Wahrheit sagen.

Ich befinde mich an diesem Tag mit einer Sommerspielgruppe, die für ein geringes Entgelt von einem Kloster in der Nähe für die Kinder der Umgebung initiiert wurde, in den Gartenanlagen am Kensington Square. Beaufsichtigt wird die Gruppe von drei Studentinnen, die in einem Heim hinter dem Kloster wohnen. Wir Kinder werden täglich von zu Hause abgeholt und marschieren dann, von einer der Studentinnen angeführt, in Zweierreihen zu unserem Spielplatz. Dort sollen wir im gemeinschaftlichen Spiel grundlegende soziale Fertigkeiten erlernen, die uns später in der Schule von Nutzen sein werden.

Unter der Anleitung der jungen Frauen machen wir Spiele, wir malen und basteln, wir turnen. Und sobald wir beschäftigt und in unser Tun vertieft sind, ziehen sich die Studentinnen - ohne Wissen unserer Eltern natürlich - in diesen kleinen Bau zurück, der einem griechischen Tempelchen gleicht, um miteinander zu schwatzen und Zigaretten zu rauchen.

An diesem besonderen Tag sind wir Kinder alle mit unseren Dreirädern unterwegs. Und während ich auf meinem fahrbaren Untersatz mit der kleinen Meute zusammen um die Grünanlagen herumkurve, hält einer der Jungen an, ein Junge wie ich, lässt seine Hose herunter und pinkelt ganz offen auf den gepflegten Rasen. Es gibt einen Riesenwirbel, und der Missetäter wird zur Strafe schnurstracks nach Hause gebracht.

Das ist der Moment, wo die Musik einsetzt. Die beiden Studentinnen, die noch da sind, haben keine Ahnung, was wir hören, aber ich möchte den Klängen nachgehen und dränge mit einer für mich so ungewöhnlichen Hartnäckigkeit, dass eine der Studentinnen - eine Italienerin, glaube ich, ihr Englisch ist nicht gut, auch wenn sie ein großes Herz hat - sich bereit erklärt, mit mir zusammen die Musik zu suchen. Und so gelangen wir in das Peabody-Haus, wo wir auf Miss Orr treffen.

Miss Orr spielt nicht, tut auch nicht so, als spielte sie, und weint auch nicht, als die Studentin und ich in ihr Wohnzimmer treten. Sie hat gerade eine Musikstunde gegeben und beendet sie, wie das - so erfahre ich später - ihrer Gewohnheit entspricht, indem sie ihrem Schüler auf ihrer Stereoanlage ein Musikstück vorspielt. Diesmal ist es das Violinkonzert von Brahms.

Ob ich Musik mag, möchte sie wissen.

Ich weiß darauf keine Antwort. Ich weiß nicht, ob ich Musik mag. Ich weiß nur, ich möchte auch solche Musik machen können. Aber ich bin schüchtern und sage nichts, sondern verstecke mich hinter der Italienerin, die mich schließlich an der Hand nimmt, sich in ihrem etwas schwerfälligen Englisch entschuldigt und mich wieder nach draußen führt.

So war es wirklich.

Natürlich möchten Sie jetzt wissen, wie dieser wenig verheißungsvolle Beginn meines Lebens als Musiker sich in die Gideon-Legende verwandelte. Wie, um es anders auszudrücken, aus der weggeworfenen Waffe, die in einer Höhle hundert Jahre Kalk ansetzte, Excalibur wurde, das Schwert im Stein. Ich kann nur Mutmaßungen anstellen, da die Legende das Machwerk meines Vaters ist, nicht meines.

Am Ende des Tages, wenn die Kinder der Spielgruppe nach Hause gebracht wurden, erhielten die Eltern in der Regel einen kurzen Bericht über Entwicklung und Verhalten ihres Sprösslings. Das war es ja wohl, was sie sich von der Investition erhofften: tägliche Hinweise darauf, dass die soziale Reife ihres Kindes Fortschritte machte.

Weiß der Himmel, was die Eltern des kleinen Pinkelhelden an diesem Nachmittag zu hören bekamen. Meine Eltern jedenfalls hörten von meiner Begegnung mit Rosemary Orr.

Ich vermute, die Berichterstattung spielte sich bei uns zu Hause im Wohnzimmer ab, wo Großmutter den Tee kredenzte, den sie Großpapa jeden Nachmittag auftischte, um ihn in eine Atmosphäre alltäglicher Normalität einzubetten und vor einem Überfall durch eine »Episode« zu schützen. Vielleicht war mein Vater auch da, vielleicht gesellte sich auch James, der Untermieter, dazu, der eines der leer stehenden Zimmer im dritten Stockwerk des Hauses gemietet hatte und so dazu beitrug, dass wir finanziell über die Runden kamen.

Die italienische Studentin - ich muss allerdings sagen, dass sie genauso gut Griechin, Spanierin oder Portugiesin gewesen sein kann - wurde zweifellos aufgefordert, eine Tasse Tee mit uns zu trinken, und hatte somit hinreichend Gelegenheit, die Geschichte unserer Begegnung mit Rosemary Orr zu erzählen.

»Der Kleine«, sagte die Italienerin, »wollte die Musik suchen gehen, der wir gelauscht haben, und da sind wir ihr nachgespurt -«

»Sie meint wahrscheinlich >gehört< und >nachgegangen<«, wirft der Untermieter ein, der, wie ich schon erwähnte, James heißt. Des Öfteren habe ich meinen Großvater empört trompeten hören, sein Englisch sei »zu perfekt, um wahr zu sein«, und er könne nur ein Spion sein. Ich höre ihm trotzdem gern zu. Die Worte rollen James, dem Untermieter, von den Lippen wie goldene Orangen, saftig und rund. Er selbst allerdings ist alles andere als saftig und rund, nur seine Wangen, die sind rund und rot und röten sich noch mehr, wenn er merkt, dass er im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht.

»Erzählen Sie weiter«, sagt er zu der italienischspanisch-griechisch-portugiesischen Studentin. »Achten Sie nicht auf mich.«

Sie lächelt. Der Untermieter gefällt ihr. Ich vermute, sie hätte nichts dagegen, wenn er ihr helfen würde, ihr Englisch zu verbessern. Sie wäre gern gut Freund mit ihm.

Ich selbst habe keine Freunde - trotz der Spielgruppe -, aber ich habe nicht das Gefühl, dass mir etwas fehlt. Ich habe ja meine Familie, in deren Liebe ich eingebunden bin. Mein Leben spielt sich ganz anders ab als das der meisten Kinder meines Alters, die von der Erwachsenenwelt isoliert im Kinderzimmer hausen, von irgendeiner Kinderfrau betreut ihre Mahlzeiten allein einnehmen und, abgesehen von periodischen Auftritten im Kreis der Familie, nur eine eng begrenzte Welt kennen lernen, bis sie endlich eines Tages ins Internat verfrachtet werden. Nein, ich habe Anteil an der Welt der Erwachsenen, mit denen ich zusammenlebe. Ich bekomme sehr viel von dem mit, was in meinem Zuhause geschieht, und wenn ich mich vielleicht auch nicht an die Ereignisse selbst erinnere, so sind mir doch die Eindrücke gegenwärtig, die sie hervorgerufen haben.

Ich entsinne mich also dessen: Wie die Geschichte von der Geigenmusik erzählt wird und Großvater mit einer ausführlichen Erörterung von Paganinis Musik mitten hineinplatzt. Großmama setzt seit Jahren Musik ein, um ihn zu beruhigen, wenn eine »Episode« droht und noch Hoffnung besteht, sie abzuwenden, und nun lässt er sich mit einer Bestimmtheit, die sich wie Autorität anhört, aber, wie ich heute weiß, nichts als Größenwahn ist, über Triller und Strich, über Vibrato und Glissandi aus. Er schwadroniert mit dröhnender Stimme, ein ganzes Orchester für sich allein, und keiner unterbricht ihn oder widerspricht ihm, als er im Tonfall Gottes, der Licht befiehlt, der Runde verkündet: »Dieser Junge wird spielen!« Und damit meint er mich.

Mein Vater hört das, entnimmt den Worten eine Bedeutung, die niemand mit ihm teilt, und leitet unverzüglich die erforderlichen Schritte ein.

So kommt es, dass ich schon bald bei Miss Rosemary Orr die ersten Geigenstunden erhalte. Und aus diesen Unterrichtsstunden und diesem Bericht nach der Spielgruppe konstruierte mein Vater die Gideon-Legende, die ich seither mitschleppe wie einen Klotz am Bein.

Aber warum hat er Ihren Großvater zu einer Hauptperson der Legende gemacht? Das möchten Sie doch jetzt gern wissen, nicht wahr? Warum hat er den Kern nicht einfach gelassen und nur die Details hier und dort ein wenig ausgeschmückt? Fürchtete er denn nicht, es würde irgendwann jemand auftauchen, um der Legende zu widersprechen und die wahre Geschichte zu erzählen?

Darauf kann ich Ihnen nur eine Antwort geben, Dr. Rose: Fragen Sie meinen Vater.

21. August

Ich entsinne mich der ersten Stunden bei Rosemary Orr.

Ich entsinne mich vor allem meiner Ungeduld, die ständig mit ihrer pingeligen Genauigkeit im Streit lag.

»Spüre deinen Körper, Gideon, mein Kind. Spüre deinen Körper«, sagt sie. Und die Sechzehntelgeige zwischen Kinn und Schulter geklemmt - das kleinste Instrument, das damals zu haben war -, erdulde ich Miss Orrs fortwährende korrigierende Eingriffe in meine Körperhaltung. Sie krümmt meine Finger, sodass sie halbrund über dem Griffbrett stehen; sie dreht mir den Unterarm unter das Griffbrett; sie zieht meine Schulter zurück, damit diese nicht die Bogenführung stört; sie drückt mir den Rücken durch und schlägt mir mit einem Lineal leicht auf die Innenseiten der Beine, um mich zu veranlassen, die Fußspitzen nach außen zu drehen. Und wenn ich spiele - wenn ich endlich einmal spielen darf -, übertönt ihre Stimme die Tonleitern und Arpeggios, die meine ersten Übungen sind: »Oberkörper aufrecht, Gideon, Kind, und die Schulter locker«, »Daumen an der Einbuchtung des Bogens und nicht zu weit oben«, »Beim Aufstrich führt der ganze Arm den Bogen«, »Die Striche sind kräftig und voneinander getrennt«, »Nein, nein! Du spielst mit den Ballen der Finger, mein Kind.« Immer wieder muss ich einen Ton spielen und zum nächsten ansetzen. Immer wieder machen wir diese Übung, bis alle Körperteile, die als Verlängerung der rechten Hand gelten können - das heißt das Handgelenk, der Ellbogen, der Arm und das Schulterblatt -, zu ihrer Zufriedenheit funktionieren und mit dem Bogen zusammenwirken wie die Achse mit dem Rad.

Ich lerne, dass meine Finger unabhängig voneinander arbeiten müssen. Ich lerne, genau die Stelle auf dem Griffbrett zu finden, von wo aus meine Finger später wie von Luft getragen von einem Punkt auf den Saiten zum nächsten gleiten können. Ich lerne, mein Instrument zum

Klingen zu bringen. Ich lerne den Aufstrich und den Abstrich, staccato undlegato, détaché und spiccato.

Kurz, ich lerne Technik, Theorie und Prinzip, nur das, was ich unbedingt lernen möchte, lerne ich nicht: Wie man den Geist sprengt, um den Klang hervorzubringen.

Achtzehn Monate harre ich bei Miss Rosemary Orr aus, aber bald werde ich der seelenlosen Übungen müde, die meine Zeit auffressen. Was ich damals auf dem Platz hörte, war nicht das Produkt seelenloser Übungen, und ich bäume mich heftig dagegen auf, ihnen unterworfen zu werden.

Ich höre, wie Miss Orr dies meinem Vater gegenüber entschuldigt: »Er ist ja doch noch sehr klein. Es war eigentlich zu erwarten, dass in diesem Alter das Interesse nicht allzu lange anhalten würde.« Aber mein Vater - der sich zu dieser Zeit bereits einen zweiten Arbeitsplatz gesucht hatte, um der Familie das Zuhause am Kensington Square erhalten zu können - hat den Unterrichtsstunden, die dreimal wöchentlich stattfinden, nie beigewohnt und daher auch nie Gelegenheit gehabt, zu erleben, wie diese Art des Unterrichts der Musik, die ich liebe, alles Leben entzieht.

Dafür ist mein Großvater, der in diesen anderthalb Jahren nicht einen seiner »Episoden« genannten Anfälle hat, die ganze Zeit dabei. Er bringt mich regelmäßig zu den Stunden und hört, in einer Ecke des Zimmer sitzend, den Übungen zu. Mit scharfem Blick und einer Seele, die nach Paganini dürstet, registriert er Form und Inhalt des Unterrichts und gelangt zu der Überzeugung, dass die wunderbare Begabung seines Enkels von der wohlmeinenden Rosemary Orr niedergehalten, aber nicht gefördert wird.

»Er möchte Musik machen, verdammt noch mal!«, brüllt

Großvater meinen Vater an, als sie die Situation besprechen. »Der Junge ist ein Künstler, Dick! Wenn du nicht fähig bist, das zu erkennen, dann besitzt du noch weniger Verstand, als ich bisher glaubte. Würdest du ein Rassepferd aus dem Schweinetrog füttern? Wohl kaum, Richard!«

Vielleicht gibt mein Vater aus Furcht klein bei, aus Furcht davor, dass die nächste »Episode« ins Haus steht, wenn er sich dem Plan, den Großvater ihm ohne viel Federlassens unterbreitet, nicht beugt. Es ist ein ganz einfacher Plan: Wir leben in Kensington, nicht weit vom Royal College of Music entfernt, und dort wird sich ganz gewiss ein geeigneter Geigenlehrer für seinen Enkel Gideon finden.

So wird mein Großvater zum Retter und Verwalter meiner unausgesprochenen Träume. Und so tritt Raphael Robson in mein Leben.

22. August

Ich bin zu diesem Zeitpunkt vier Jahre und sechs Monate alt. Natürlich weiß ich heute, dass Raphael damals erst Anfang Dreißig war, aber für mich ist er von unserer ersten Begegnung an eine erhabene und Ehrfurcht gebietende Gestalt, die mir absoluten Gehorsam abfordert.

Rein äußerlich hat er nichts Gefälliges. Er schwitzt übermäßig. Durch das feine Haar schimmert die blassrosa Kopfhaut. Seine Haut ist weiß wie ein Fischbauch und schuppt sich an vielen Stellen infolge übertriebener Sonnenbestrahlung. Aber sobald Raphael zu seiner Geige greift und mir vorspielt - so machen wir uns miteinander bekannt -, verliert sein Aussehen alle Bedeutung, und er wird mir zum großen Vorbild. Er wählt das Violinkonzert in E-Moll von Mendelssohn und gibt sich mit seinem ganzen Körper der Musik hin.

Er spielt nicht einzelne Töne, er lebt in Klängen. Das Allegro-Feuerwerk, das er auf seinem Instrument entzündet, fasziniert mich. Innerhalb eines Augenblicks hat er sich verwandelt. Er ist nicht mehr der schwitzende, schuppige, profillose Schulmeister, sondern Merlin, und ich möchte seine Zauberkraft für mich gewinnen.

Raphael, entdecke ich, hält nichts von Methodenlehre. Im Gespräch mit meinem Großvater sagt er klar und deutlich: »Es ist Aufgabe des Geigers, seine eigene Methode zu entwickeln.« Er lässt mich aus dem Stegreif Übungen machen. Er führt, und ich folge. »Versuche, an der Situation zu wachsen«, sagt er zu mir, während er spielt und mein Spiel beobachtet. »Verstärke dieses Vibrato. Fürchte dich nicht vor portamenti, Gideon. Du musst gleiten. Lass es fließen. Gleite.«

Das ist der Moment, wo mein wahres Leben als Geiger beginnt, Dr. Rose, die Stunden bei Miss Orr waren nur Vorspiel. Anfangs habe ich dreimal die Woche Unterricht, dann vier-, dann fünfmal. Jede Unterrichtseinheit dauert drei Stunden. In den ersten Wochen finden meine Stunden in Raphaels Arbeitszimmer im Royal College of Music statt, und Großvater und ich fahren von der Kensington High Street aus mit dem Bus dorthin. Aber das lange Warten bis zum Ende meines Unterrichts tut Großvaters Nerven nicht gut, und zu Hause fürchten alle, dass es früher oder später zu einer »Episode« kommen und dann meine Großmutter nicht zur Stelle sein wird, um sich um ihren Mann zu kümmern. Es bleibt schließlich nichts anderes übrig, als mit Raphael Robson zu vereinbaren, dass er mich in Zukunft zu Hause unterrichtet.

Das kostet natürlich Unsummen. Von einem Geiger von Raphael Robsons Kaliber kann man die nahezu ausschließliche Beschäftigung mit einem einzigen kleinen Schüler nicht verlangen, ohne ihn für Fahrzeiten, ausgefallene Stunden und selbstverständlich für die Zeit, die er mir widmet, zu vergüten. Der Mensch lebt schließlich nicht von der Liebe zur Musik allein. Zwar hat Raphael keine Familie zu ernähren, aber er muss doch für sich selbst sorgen, seine Miete und andere Kosten bezahlen, und darum muss irgendwie das Geld aufgebracht werden, das ihm erlaubt, seinen Lebensstandard aufrechtzuerhalten, ohne die Zahl meiner Stunden zu reduzieren, um anderweitig etwas dazuzuverdienen.

Mein Vater hat, wie gesagt, bereits zwei Arbeitsstellen. Großvater erhält eine kleine staatliche Pension, gewissermaßen als Dank dafür, dass er dem Vaterland im Krieg seine geistige Gesundheit geopfert hat. Um diese geistige Gesundheit nicht noch mehr zu gefährden, haben meine Großeltern in den Nachkriegsjahren nie einen Umzug in eine andere Gegend in Betracht gezogen, wo das Wohnen vielleicht preiswerter, dafür aber für die Nerven strapaziöser gewesen wäre. Sie haben äußerst sparsam gelebt, jeden Penny zweimal umgedreht, haben vermietet und sich Kosten und Arbeit, die ein großes Haus mit sich bringt, mit meinem Vater geteilt. Aber mit einem Wunderkind - wie mein Großvater mich zu nennen pflegt - in der Familie hat niemand gerechnet und ebenso wenig mit den Kosten, die anfallen, um das Talent dieses Wunderkinds zur Reife zu bringen.

Und ich mache es ihnen nicht leicht. Wann immer Raphael hier oder da eine zusätzliche Unterrichtseinheit empfiehlt, ein, zwei oder drei zusätzliche Stunden mit dem Instrument, erhebe ich leidenschaftlich Anspruch auf diese Zeit. Sie sehen, wie ich unter Raphaels Führung gedeihe: Er tritt ins Haus, und ich warte schon auf ihn, die Geige in der einen Hand, den Bogen in der anderen.

Es muss also eine finanzielle Möglichkeit zur Fortsetzung meines Unterrichts geschaffen werden, und meine Mutter schafft sie.

1

Die Erinnerung an eine Berührung trieb Ted Wiley in die Nacht hinaus. Er hatte sie von seinem Fenster aus beobachtet, obwohl er eigentlich gar nicht hatte spionieren wollen. Die Zeit: kurz nach ein Uhr nachts. Der Ort: die Friday Street in Henley-on-Thames, sechzig Meter vom Fluss entfernt, direkt vor ihrem Haus, aus dem die beiden erst Augenblicke zuvor auf die Straße hinausgetreten waren, die Köpfe eingezogen, um sich nicht an dem Türsturz zu stoßen, der aus einer Zeit stammte, als Männer und Frauen kleiner und ihre Rollen klarer definiert waren.

Ted Wiley hatte nichts gegen eine klare Rollenverteilung alten Stils. Aber sie hatte etwas dagegen. Und wenn er bisher nicht begriffen hatte, dass Eugenie sich nicht einfach und bequem als »seine« Frau würde einordnen lassen, so hatte er das spätestens in dem Moment erkennen müssen, als er die beiden - Eugenie und den groß gewachsenen, hageren Fremden - draußen auf dem Bürgersteig in inniger Umarmung sah.

Deutlicher geht's nicht, hatte er gedacht. Sie will, dass ich das sehe. Sie will, dass ich sehe, wie sie ihn umarmt und dann ihre Hand an seine Wange legt, als sie sich von ihm löst. Zum Teufel mit dieser Frau! Sie will, dass ich sie sehe.

Natürlich war das nur seine Interpretation. Hätten sich Umarmung und Berührung zu einer unverfänglicheren Zeit zugetragen, so hätte sich Ted die bedrohlichen Gedanken, die in seinem Kopf Gestalt anzunehmen begannen, sofort ausgeredet. Es kann überhaupt nichts zu bedeuten haben, da sie es auf offener Straße tut, hätte er sich gesagt; am helllichten Tag, in der Öffentlichkeit, im Herbstsonnenschein vor sämtlichen Nachbarn und vor mir… Nein, diese Berührung kann nichts zu bedeuten haben, da sie doch weiß, wie leicht ich sie dabei beobachten kann… Aber stattdessen dachte Ted an alles, was es bedeuten kann, wenn ein Mann nachts um ein Uhr das Haus einer Frau verlässt, und diese Gedanken breiteten sich aus wie ein giftiges Gas, das in den folgenden sieben Tagen immer mehr Raum gewann, während er - voll ängstlicher Nervosität jede ihrer Gesten und Bemerkungen interpretierend - auf ein Wort wartete. Etwa: »Ach Ted, habe ich dir übrigens erzählt, dass mein Bruder« - oder mein Vetter, mein Vater, mein Onkel, der homosexuelle Architekt, der den Anbau am Haus machen will - »mich neulich abends besucht hat? Er ist bis nach Mitternacht geblieben, ich dachte schon, er würde überhaupt nicht mehr gehen. Vielleicht hast du uns draußen vor meinem Haus gesehen, wenn du hinter deiner Jalousie gelauert hast, wie du das ja in letzter Zeit zu tun pflegst.« Nur wusste Ted nichts von einem Bruder, Vetter, Onkel oder Vater, und wenn es einen homosexuellen Architekten gab, so hatte Eugenie ihn bisher mit keinem Wort erwähnt.

Sie hatte allerdings erklärt, sie habe ihm etwas Wichtiges zu sagen. Als er gefragt hatte, worum es gehe, und sich dabei gedacht hatte, es wäre ihm lieber, sie würde es ihm rundheraus sagen, falls es der tödliche Schlag sein sollte, hatte sie erwidert: Bald, so ganz bin ich noch nicht bereit, meine Sünden zu beichten. Dabei hatte sie ihm leicht die Hand an die Wange gelegt. Ja. Ja, genau. Die gleiche Berührung!

Und darum legte Ted Wiley nun an einem regnerischen Abend Mitte November gegen neun Uhr seinem Hund, einer alten Golden-Retriever-Hündin, die Leine an, um ihn auszuführen. Sie würden, erklärte er der Hündin, die, von Arthritis und einer Aversion gegen Regen geplagt, nicht gerade ein Ausbund an Temperament war, bis zum Ende der Friday Street und danach noch die paar Meter bis zur Albert Road marschieren, wo sie vielleicht ganz zufällig Eugenie treffen würden, die jetzt noch im Sixty Plus Club saß und mit den anderen Mitgliedern des Festausschusses um den Speiseplan für das große Silvestermenü rang. Vielleicht würde sie genau in dem Moment aus dem Haus des Altenklubs treten, wenn sie - Herr und Hund - dort vorbeikamen… Ja, wirklich, es wäre ein rein zufälliges Zusammentreffen und eine günstige Gelegenheit für einen Schwatz. Denn jeder Hund brauchte schließlich seinen Abendspaziergang. Von Planung konnte da keine Rede sein.

Die Hündin - von Teds verstorbener Frau auf den bei aller Liebe ziemlich albernen Namen Precious Baby getauft und von Ted kurz PB genannt - verharrte unschlüssig an der Tür und starrte zur Straße hinaus, wo es eintönig rauschend regnete. Dann setzte sie sich hin und wäre zweifellos sitzen geblieben, hätte nicht Ted, grimmig entschlossen, seine Pläne nicht durchkreuzen zu lassen, sie auf die Straße hinausgezerrt.

»Los, komm jetzt, PB«, herrschte er das Tier an und riss an der Leine, dass sich das Würgehalsband um den Hundehals zusammenzog. PB sah ein, dass Widerstand sinnlos war. Mit einem tiefen Seufzer trottete sie verdrossen in den Regen hinaus.

Das Wetter war ein Elend, aber das ließ sich nicht ändern. PB brauchte Auslauf. Sie war in den vergangenen fünf Jahren seit dem Tod ihrer Herrin faul geworden, und Ted hatte nicht viel getan, um sie auf Trab zu halten. Aber das würde sich jetzt ändern. Er hatte Connie versprochen, sich um den Hund zu kümmern, und das wollte er auch tun, von heute Abend an mit neuer Konsequenz. »Schluss mit den kleinen Schnupperrunden im Garten«, teilte er PB mit. »Ab heute wird jeden Abend stramm gelaufen.«

Er vergewisserte sich noch einmal, dass die Tür der Buchhandlung sicher abgeschlossen war, und klappte den Kragen seiner alten Wachsjacke hoch. Ich hätte einen Schirm mitnehmen sollen, dachte er, als er aus dem Schutz der Türnische trat und die ersten Regentropfen klatschend seinen Nacken trafen. Eine Schirmmütze reichte als Schutz nicht aus, auch wenn sie ihn noch so gut kleidete. Aber was machte er sich überhaupt Gedanken darüber, was ihn kleidete? Hölle und Teufel, wenn einer ihm in den Kopf sehen könnte, würde er nichts als Spinnweben und Hirngespinste darin finden.

Er räusperte sich einmal kräftig, spie den Schleim auf die Straße, und während er mit dem Hund an der Royal Marine Reserve vorbeistapfte, wo aus einem großen Loch in der Dachrinne das Regenwasser in Kaskaden herabstürzte, begann er, sich Mut zuzusprechen. Ich bin eine gute Partie, sagte er sich. Ted Wiley, Major a.D. und Witwer nach zweiundvierzig Jahren glücklicher Ehe, wäre für jede Frau ein ausgesprochen guter Fang. Ungebundene Männer waren in Henley-on-Thames so rar wie ungeschliffene Diamanten. Ungebundene Männer, die sich weder hässlicher Nasen- und Ohrenhaare noch wild wuchernder Augenbrauen zu schämen brauchten, waren noch seltener. Und Männer, die auf Sauberkeit und Ordnung hielten, im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte und bei bester Gesundheit waren, die in der Küche nicht gerade zwei linke Hände hatten und die eheliche Treue hochhielten, waren in dieser Stadt eine solche Rarität, dass sich die Frauen wie Vampire auf sie stürzten, sobald sie sich auf irgendeiner gesellschaftlichen Veranstaltung sehen ließen. Und er gehörte zu diesen Männern. Das wussten alle.

Einschließlich Eugenie!

Mehr als einmal hatte sie zu ihm gesagt, Ted, du bist ein großartiger Mann! Sie hatte seine Gesellschaft in den vergangenen drei Jahren gern und mit Vergnügen genossen, das wusste er. Und er erinnerte sich, wie sie errötend gelächelt und dann hastig weggesehen hatte, als seine Mutter, die sie gemeinsam im Pflegeheim besucht hatten, in der für sie typischen, irritierenden und gebieterischen Art gesagt hatte: Ich möchte vor meinem Tod noch eine Hochzeit erleben, ihr beiden!

Das alles bedeutete doch ungleich mehr als diese eine flüchtige Berührung, mit der sie eines Nachts ihre Hand an die Wange eines Fremden gelegt hatte. Warum haftete dieser Moment wie eingebrannt in seinem Gedächtnis, obwohl er nichts weiter war als eine unerfreuliche Erinnerung, die er nicht einmal ertragen müsste, wenn er es sich nicht angewöhnt hätte, ständig zu beobachten und zu spekulieren, zu lauern und auf der Hut zu sein, die Schotten dicht zu machen, als wäre sein Leben ein schlingerndes Schiff, das Gefahr lief, seine Fracht zu verlieren, wenn er nicht jeden Moment Acht gab?

Eugenie war schuld daran. Eugenie, deren zerbrechlich dünner Körper danach verlangte, in den Arm genommen und gehalten zu werden; deren ordentlich frisiertes, grau gesprenkeltes Haar danach verlangte, von Nadeln und Spangen befreit zu werden; deren blaugrüne Augen nie ohne Vorsicht waren; deren unauffällige und dennoch aufregende Weiblichkeit bei Ted Gefühle und Empfindungen weckte, die er seit Connies Tod nicht mehr gekannt hatte. Ja. Eugenie war schuld daran.

Und er war der Mann für Eugenie, der Mann, der sie beschützen und ihr das Leben wieder schenken konnte. Sie hatte sich, wer weiß wie lange schon, den ganz gewöhnlichen Umgang mit anderen Menschen so radikal verwehrt, dass es ihm, obwohl sie es nie angesprochen hatte, sofort aufgefallen war, als er sie das erste Mal zu einem Glas Sherry im Catherine Wheel eingeladen hatte.

Ach Gott, hatte er angesichts ihrer Verwirrung bei seiner Einladung gedacht, sie ist wohl schon seit Jahren nicht mehr mit einem Mann ausgegangen. Und er hatte sich gefragt, warum das so war.

Möglich, dass er jetzt die Antwort erhielt. Sie hatte Geheimnisse vor ihm. Ich muss dir etwas Wichtiges sagen, Ted, Sünden habe sie zu beichten, hatte sie erklärt.

Nun, dann sollte sie ihm jetzt sagen, was sie zu sagen hatte.

Am Ende der Friday Street hielt Ted mit der vor Kälte zitternden PB an seiner Seite vor der Ampel an, um auf Grün zu warten. Tag und Nacht donnerte der Verkehr durch die Duke Street, die Hauptdurchgangsstraße nach Reading und Marlow. Selbst an einem regnerischen Abend wie diesem ließ er kaum nach, was kein Wunder war, da sich die Leute in deprimierender Weise ja immer stärker auf das Auto verließen und in immer größerer Zahl ein Pendlerleben nach dem Motto »arbeiten in der Stadt und wohnen auf dem Land« führten. Sogar um neun Uhr abends brausten Personenautos und Lastwagen in beinahe unverminderter Zahl über die nasse Straße und erleuchteten mit ihren Scheinwerfern, deren Licht sich in Fensterglas und Pfützen spiegelte, die Nacht.

Zu viele Menschen, die ständig kreuz und quer unterwegs sind, dachte Ted trübsinnig. Zu viele Menschen, die keine Ahnung haben, warum sie wie gejagt durch das Leben hetzen.

Die Ampel schaltete um. Ted überquerte die Fahrbahn und legte das kurze Stück in die Greys Road im Laufschritt zurück. Die alte Hündin japste jämmerlich, obwohl sie höchstens fünfhundert Meter gegangen war, und Ted trat in die Türnische von Mirabelles Antiques, dem kleinen Antiquitätengeschäft, um dem armen Tier eine Verschnaufpause zu gönnen. »Gleich sind wir da«, sagte er tröstend. »Das kurze Stück bis zur Albert Road schaffst du schon noch.«

Dort war, mit einem großen Parkplatz vor dem Haus, der Sixty Plus Club, eine Organisation, die sich der sozialen Bedürfnisse der wachsenden Gemeinde von Rentnern und Pensionären in Henley annahm. Dort war Eugenie in der Organisationsleitung tätig. Und dort hatte Ted sie kennen gelernt, nachdem er von Maidstone, wo die Erinnerungen an das lange Sterben seiner Frau ihm unerträglich geworden waren, nach Henley umgezogen war.

»Major Wiley, das ist ja nett! Sie wohnen in der Friday Street«, hatte Eugenie zu ihm gesagt, als sie sein Mitgliedschaftsformular durchgesehen hatte. »Da sind wir Nachbarn. Ich wohne in Nummer 65. Das rosarote Haus, kennen Sie es?Doll Cottage. Ich lebe seit Jahren dort. Und Sie?«

»Mir gehört die Buchhandlung«, hatte er geantwortet. »Gleich gegenüber. Die Wohnung ist darüber. Aber ich hatte keine Ahnung… Ich meine, ich habe Sie nie gesehen.«

»Ach, ich gehe immer in aller Frühe aus dem Haus und komme meist erst spät zurück. Ich kenne Ihre Buchhandlung. Ich habe oft dort eingekauft. Jedenfalls, als Ihre Mutter sie noch führte. Vor dem Schlaganfall, meine ich. Und es geht ihr zum Glück immer noch gut. Sie ist deutlich auf dem Weg der Besserung, nicht wahr?«

Erst glaubte er, Eugenie wolle sich erkundigen; als ihm klar wurde, dass das nicht der Fall war, dass sie vielmehr nur bekräftigte, was sie bereits wusste, fiel ihm auch ein, wo er sie früher schon gesehen hatte: im Quiet Pines- Pflegeheim, wo er dreimal wöchentlich seine Mutter besuchte. Eugenie half dort morgens ehrenamtlich aus und wurde von den Patienten nur »unser Engel« genannt. So jedenfalls hatte Teds Mutter es ihrem Sohn einmal erzählt, als sie beide zufällig beobachteten, wie Eugenie mit einer Erwachsenenwindel über dem Arm ein Zimmer betreten hatte.

»Sie hat keinen Angehörigen hier, Ted, und das Heim zahlt ihr keinen Penny.«

Warum sie diese Arbeit dann übernommen habe, hatte Ted damals wissen wollen.

Geheimnisse, dachte er jetzt. Stille Wasser und Geheimnisse.

Er sah zu PB hinunter, die sich gegen sein Bein hatte sinken lassen und hier, vom Regen geschützt, ein Nickerchen hielt.

»Komm, gehen wir«, sagte er. »Es ist nicht mehr weit.« Er blickte zwischen den kahlen Ästen der Bäume hindurch zur anderen Straßenseite und sah, dass auch nicht mehr viel Zeit war.

Eben traten die Mitglieder des Festausschusses aus dem Haus, in dem derSixty Plus Club seine Räume hatte. Mit aufgespannten Schirmen über Pfützen springend, riefen sie einander Gutenachtwünsche zu, und dem vergnügten Klang ihrer Stimmen war zu entnehmen, dass sie endlich eine Einigung über die Zusammenstellung des Silvestermenüs erzielt hatten. Eugenie würde erfreut sein. Und erfreut würde sie gewiss aufgeschlossener Stimmung und bereit sein, mit ihm zu sprechen.

Die widerspenstige Hündin im Schlepptau, eilte Ted über die Straße, um Eugenie nicht zu verpassen. Er erreichte das niedrige Mäuerchen zwischen Bürgersteig und Parkplatz, als die letzten Ausschussmitglieder davonfuhren. Im Sixty Plus Club gingen die Lichter aus, die Haustür unter dem Vordach versank im Schatten. Einen Augenblick später trat, mit einem schwarzen Schirm ausgerüstet, Eugenie in das dunstige Halbdunkel zwischen Haus und Parkplatz. Ted hob den Arm, um ihr zu winken, öffnete den Mund, um ihr zu rufen und anzubieten, sie nach Hause zu begleiten. An einem solchen Abend sollte eine hübsche Frau nicht allein unterwegs sein. Gestattest du, dass ein heißer Verehrer dich nach Hause bringt? Leider mit Hund. PB und ich machen gerade unseren Abendspaziergang.

All dies hätte er sagen können und wollte in der Tat schon zum Sprechen ansetzen, als er plötzlich eine Männerstimme Eugenies Namen rufen hörte. Eugenie wandte sich ruckartig nach links, und Teds Blick flog an ihr vorbei zu einer schattenhaften Gestalt, die soeben einer dunklen Limousine entstieg. Es war nicht viel zu erkennen, da keine der auf dem Parkplatz verteilten Straßenlampen die Gestalt direkt beleuchtete, aber an der Kopfform und der gebogenen Nase, die wie ein Möwenschnabel hervorsprang, sah Ted, dass Eugenies nächtlicher Besucher von neulich wieder da war.

Der Fremde ging ihr entgegen. Sie blieb, wo sie war. In der veränderten Beleuchtung konnte Ted etwas mehr erkennen: ein älterer Mann - vielleicht in seinem eigenen Alter - mit vollem weißen Haar, das er glatt aus der Stirn gestrichen und so lang trug, dass es an den hochgeschlagenen Kragen seines Burberry stieß.

Sie begannen miteinander zu sprechen. Er nahm ihr den Schirm ab und hielt ihn über beide, während er drängend auf sie einredete. Er war gut zwanzig Zentimeter größer als Eugenie und stand daher leicht gebeugt, während sie mit erhobenem Kopf zu ihm hinaufsah. Ted versuchte zu hören, worum es bei dem Gespräch ging, aber er fing nur einige Wortfetzen auf: »Du musst…« und »… auf die Knie fallen, Eugenie?« und schließlich, laut und heftig: »Warum willst du nicht einsehen -« An dieser Stelle unterbrach Eugenie den Fremden mit einem Schwall gedämpft gesprochener Worte und legte ihm beschwichtigend die Hand auf den Arm. »Das sagst du mir?«, war das Letzte, was Ted hörte, bevor der Mann Eugenies Hand abschüttelte, ihr zornig den Schirm zurückgab und zu seinem Wagen lief. Ted sandte einen Stoßseufzer der Erleichterung zum Abendhimmel.

Seine Freude jedoch war von kurzer Dauer. Eugenie lief dem Fremden nach und holte ihn ein, als er die Tür zu seinem Wagen aufriss. Durch die Tür von ihm getrennt, begann sie von neuem zu sprechen. Doch der Mann wandte sich ab. »Nein! Nein!«, rief er, und da hob sie den Arm, um ihm die Hand an die Wange zu legen. Der Autotür zum Trotz, die wie eine Schranke zwischen ihnen stand, schien sie ihn zu sich ziehen zu wollen.

Aber die Schranke wirkte, der Fremde entzog sich der Liebkosung, die Eugenie ihm zugedacht hatte. Er tauchte in seinen Wagen hinunter, knallte die Tür zu und ließ den Motor an, dessen Aufheulen sich an den Häuserfassaden rund um den Parkplatz brach.

Eugenie trat zurück. Der Wagen wendete. Die Gangschaltung krachte. Die Reifen drehten auf dem nassen Pflaster ein paar Mal durch, ehe sie mit einem Kreischen, das wie Verzweiflung klang, griffen.

Dann raste der Wagen zur Ausfahrt. Keine sechs Meter von dem jungen Liquidambar entfernt, in dessen Schutz Ted stand und die Szene beobachtete, schoss der Audi - Ted erkannte die vier Ringe auf der Motorhaube - auf die Straße hinaus, ohne dass der Fahrer sich auch nur einen Moment Zeit genommen hätte, zu prüfen, ob sie frei war. Ted sah flüchtig das Profil eines von Emotionen verzerrten

Gesichts, bevor der Wagen nach links einbog, in Richtung zur Duke Street, und kurz danach auf die Straße nach Reading abbog. Mit zusammengekniffenen Augen sah Ted ihm nach, versuchte das Kennzeichen zu erkennen, überlegte, ob dies nicht vielleicht doch der falsche Moment für ein Zusammentreffen mit Eugenie war.

Ihm blieb nicht viel Zeit, zu entscheiden, was klüger war - nach Hause zu verschwinden oder so zu tun, als wäre er eben erst gekommen. Gleich würde Eugenie auf den Bürgersteig gehen und ihn sehen.

Er blickte zu der alten Hündin hinunter, die sich, die Pause nutzend, unter dem Baum zusammengerollt hatte, offenbar entschlossen, lieber im strömenden Regen zu nächtigen, als noch einen Schritt zu tun. Ted fragte sich, ob überhaupt Hoffnung bestand, den Hund so schnell hochzujagen, dass sie aus dieser Ecke verschwunden wären, bevor Eugenie den Bürgersteig erreichte. Wohl eher nicht. Also würde er ihr eben erklären, er wäre gerade erst hier angekommen.

Er straffte die Schultern und zog einmal kurz an der Leine. Aber im selben Augenblick sah er, dass Eugenie gar nicht auf dem Weg zu ihm war, sondern die entgegengesetzte Richtung eingeschlagen hatte und einem Fußweg folgte, der zwischen Häusern hindurch zur Market Place führte. Wohin, zum Teufel, wollte sie?

Ted lief ihr nach, in einem Tempo, das PB gar nicht behagte, dem sie sich aber nicht widersetzen konnte, ohne Gefahr zu laufen, von ihrem Halsband erdrosselt zu werden. Eugenie ging vor ihnen, eine dunkle Gestalt - schwarzer Regenmantel, schwarze Stiefel, schwarzer Schirm.

Sie bog in die Market Place ein, und zum zweiten Mal fragte sich Ted, was sie vorhaben könnte. Die Läden waren um diese Zeit alle geschlossen, und es war nicht Eugenies Art, sich allein in ein Pub zu setzen.

Er machte einen qualvollen Moment durch, als PB sich zum Pinkeln niederließ, war sicher, dass er in der Zeit, die die Hündin brauchte, um eine dampfende Urinpfütze aufs Pflaster zu setzen, Eugenie, die jetzt entweder in die Market Place Mews oder die Market Lane abbiegen konnte, aus den Augen verlöre. Aber nach einem schnellen Blick nach rechts und nach links setzte Eugenie ihren Weg in gerader Richtung fort, hinunter zum Fluss. An der Duke Street vorbeigehend, nahm sie die Hart Street, und Ted sagte sich, dass sie trotz des Wetters vielleicht aus irgendwelchen Gründen lediglich den längeren Weg nach Hause ging. Aber dann schwenkte sie zum Portal der Marienkirche ein, deren schöner, mit Zinnen versehener Turm zu dem Flusspanorama gehörte, für das Henley berühmt war.

Aber Eugenie war nicht hergekommen, um die Aussicht zu bewundern, sie eilte vielmehr ohne zu zögern in die Kirche hinein.

»Verdammt«, brummte Ted. Was sollte er jetzt tun? Mit dem Hund konnte er ihr nicht in die Kirche folgen. Und draußen im Regen herumzulungern, bis sie wieder herauskam, war keine verlockende Vorstellung. Er konnte den Hund natürlich irgendwo anbinden und hineingehen und mit ihr beten - wenn sie überhaupt betete -, aber der Schein einer Zufallsbegegnung ließ sich dann nicht aufrechterhalten. Eugenie wusste, dass er kein Kirchgänger war. Was also blieb ihm jetzt anderes übrig, als kehrtzumachen und sich nach Hause zu trollen wie ein liebeskranker Trottel? Und dabei ständig den Moment auf dem Parkplatz vor Augen zu haben, als sie diesem Kerl die Hand an die Wange gelegt hatte, wieder! Wieder diese Berührung…

Ted schüttelte heftig den Kopf. So konnte es nicht weitergehen. Er musste Gewissheit haben. Noch heute Abend.

Links neben der Kirche lag der Friedhof, ein Dreieck regennasser Bäume und Sträucher, von einem Fußweg durchschnitten, der zu einer Reihe alter Gemeindehäuser aus dunklem Backstein führte. Die Fenster der niedrigen Häuser leuchteten hell in der Dunkelheit, und mit PB an der Leine folgte Ted dem Weg, während er sich überlegte, was er Eugenie sagen wollte, wenn sie aus der Kirche herauskam.

Schau dir diesen Hund an, fett wie ein Mastschwein, würde er sagen. Sie muss unbedingt dünner werden. Sonst streikt demnächst ihr Herz, meint der Tierarzt. Tja, und nun machen wir also jeden Abend einen großen Rundgang um die Stadt. Hast du etwas dagegen, wenn wir dich begleiten, Eugenie? Du gehst nach Hause? Wäre das nicht die Gelegenheit zum Reden? Du hast doch gesagt, bald. Ich weiß nämlich, ehrlich gesagt, nicht, wie ich das noch länger aushalten soll, mir ständig Gedanken darüber zu machen, was du mir zu »beichten« hast, wie du es formuliert hast.

Das Problem war, dass er sich für sie entschieden hatte, ohne zu wissen, ob sie sich auch für ihn entschieden hatte. In den fünf Jahren seit Connies Tod hatte er es nicht nötig gehabt, um eine Frau zu werben; die Frauen warben um ihn, und das mit einer Aggressivität, die ihm widerwärtig war und durch die er sich einem Leistungsdruck ausgesetzt fühlte, unter dem er regelmäßig versagte. Dennoch war es natürlich sehr befriedigend, zu erleben, dass er auch in seinem Alter noch das gewisse Etwas besaß und dieses gewisse Etwas höchst begehrt war.

Nur Eugenie hatte bisher kein Begehren gezeigt. Und darum fragte sich Ted, ob er vielleicht Manns genug für alle anderen Frauen war - zumindest oberflächlich gesehen -, aber aus irgendeinem Grund nicht Manns genug für Eugenie.

Ach, verdammt, woher rührten diese ängstlichen Zweifel? Das war ja wie bei einem Halbwüchsigen, der noch nie mit einer Frau zusammen gewesen war! Sie hatten ihren Ursprung natürlich in seinem kläglichen Versagen bei den anderen Frauen, einem Versagen, das er in der Ehe mit Connie nicht gekannt hatte.

»Du solltest dich mal mit einem Arzt über dieses kleine Problem unterhalten«, hatte Georgia Ramsbotton gesagt, dieser Piranha in Menschengestalt. Sie hatte ihre knochigen Beine aus seinem Bett geschwungen und seinen Flanellmorgenrock übergezogen. »Das ist nicht normal, Ted, bei einem Mann deines Alters. Wie alt bist du - sechzig? Das ist einfach nicht normal.«

Achtundsechzig, hatte er gedacht, mit einem Geschlechtsorgan zwischen den Beinen, das sich trotz inbrünstiger An- und Zuwendungen nicht rührt.

Aber daran waren einzig diese aggressiven Frauen schuld. Wenn sie ihm die Rolle gelassen hätten, die die Natur dem Mann zugedacht hatte - die des Jägers und nicht die des Wildes -, dann hätte sich alles von selbst geregelt. Oder vielleicht doch nicht? Er musste unbedingt Gewissheit haben.

Eine plötzliche Bewegung hinter einem der erleuchteten Fenster der Gemeindehäuser lenkte ihn von seinen Gedanken ab. Er hob den Kopf und sah, dass eine Frau das Zimmer betreten hatte. Während er noch neugierig hinschaute, zog sie zu seiner Überraschung den roten Pulli, den sie anhatte, über den Kopf und ließ ihn zu Boden fallen.

Er spähte nach rechts und nach links. Seine Wangen brannten plötzlich trotz des eiskalten Regens. Merkwürdig, dass manche Leute anscheinend nicht wussten, wie verräterisch erleuchtete Fenster in der Nacht waren. Sie konnten nicht hinaussehen, also glaubten sie, man könne auch nicht hineinsehen. Kinder waren so. Teds drei Töchter waren von klein auf dazu angehalten worden, die Vorhänge zuzuziehen, bevor sie sich entkleideten. Aber wenn einem Kind das nicht beigebracht wird - wirklich merkwürdig, dass manche Leute nie gescheit wurden.

Verstohlen warf er noch einen Blick zu dem erleuchteten Fenster. Die Frau hatte ihren Büstenhalter abgelegt. Ted schluckte. PB, die er immer noch an der Leine hielt, begann im Gras zu schnüffeln, das den Fußweg begrenzte, und zog in aller Unschuld zu den Gemeindehäusern hinüber.

Lass sie von der Leine, sie läuft nicht weg. Stattdessen folgte Ted dem Zug der Leine.

Die Frau hinter dem Fenster begann sich das Haar zu bürsten. Bei jedem Bürstenstrich hoben sich ihre Brüste und sanken wieder herab, volle runde Brüste mit tiefbraunen Aureolen um die Brustwarzen. Ted starrte wie gebannt dorthin, als hätte er den ganzen Abend und alle Abende, die diesem hier vorausgegangen waren, nur auf dieses Schauspiel gewartet, und während er schaute und schaute, spürte er ein leises Ziehen und dann dieses befriedigende Aufwallen des Bluts und den Puls des Lebens.

Er seufzte. Gesundheitlich fehlte ihm nichts. Gar nichts. Gejagt zu werden, das war das Problem. Selbst zu jagen - und danach das Besitzrecht geltend zu machen und zu verteidigen - war die sichere Lösung.

Er nahm PB kurz, damit sie nicht noch weiterlaufen konnte, und blieb stehen, wo er war, um die Frau hinter dem Fenster zu beobachten und auf Eugenie zu warten.

Eugenie war nicht in die Marienkirche gegangen, um zu beten, sondern um abzuwarten. Sie hatte seit Jahren keine Kirche mehr betreten und war an diesem Abend einzig hierher gekommen, um dem Gespräch, das sie Ted versprochen hatte, aus dem Weg zu gehen.

Sie wusste, dass er ihr folgte. Nicht zum ersten Mal hatte sie ihn beim Verlassen des Sixty Plus Club drüben unter den Bäumen stehen sehen, aber zum ersten Mal hatte sie das Gespräch mit ihm meiden wollen. Darum war sie nicht, wie es normal gewesen wäre, auf ihn zugegangen, um ihm eine Erklärung für die Szene zu geben, die er auf dem Parkplatz beobachtet hatte, sondern hatte ohne einen bestimmten Plan den Weg zur Market Place eingeschlagen.

Beim Anblick der Kirche hatte sie sich kurzerhand entschlossen, hineinzugehen und einen Moment der Andacht einzulegen.

Zuerst kniete sie sogar auf einem der verstaubten Betkissen nieder und wartete, den Blick auf die Heilige Jungfrau gerichtet, darauf, dass ihr die alten frommen Worte von selbst wieder in den Sinn kämen. Aber das geschah nicht. Zu vieles bewegte sie, das sich dem Gebet entgegenstellte: alte Konflikte und Anklagen, Loyalitäten noch älteren Ursprungs und die Sünden, die in ihrem Namen begangen worden waren; gegenwärtige Bedrängnisse mit all ihren Auswirkungen; künftige Konsequenzen, wenn sie jetzt einen falschen Schritt machte.

Sie hatte in der Vergangenheit genug falsch gemacht und mehr als einen Menschen ins Verderben gestürzt. Und sie hatte lange schon begriffen, dass es sich mit allem, was man tat, ähnlich verhielt wie mit dem Steinchen, das man ins Wasser warf: Die konzentrischen Kreise, die durch den Steinwurf auf der Wasseroberfläche entstehen, werden nach und nach schwächer, aber sie existieren.

Als ihr kein Gebet über die Lippen kam, erhob sich Eugenie von den Knien und setzte sich, die Füße flach auf dem Boden. Schweigend betrachtete sie das Antlitz der Heiligen Jungfrau. Du hast dich ja nicht selbst für den Verlust deines Sohnes entschieden, nicht wahr?, fragte sie stumm. Wie also kann ich verlangen, dass du mich verstehst? Und selbst wenn du verstündest, um welche Art des Eingreifens sollte ich dich bitten? Du kannst die Zeit nicht zurückdrehen. Du kannst nicht ungeschehen machen, was geschehen ist. Du kannst nicht zum Leben erwecken, was tot ist; denn wenn du das könntest, dann hättest du es getan, um dir die Qual seiner Ermordung zu ersparen.

Aber es spricht ja niemand von Mord, nicht wahr? Immer ist nur die Rede von einem Opfer für etwas Höheres, von der Hingabe des Lebens an etwas, das weit bedeutender ist als das Leben selbst. Als ob es das wirklich gäbe…

Eugenie stützte die Ellbogen auf ihre Oberschenkel und presste ihre Stirn in die geöffneten Handflächen. Wenn dem zu glauben war, was ihre Religion sie einst gelehrt hatte, dann hatte die Jungfrau Maria von Anfang an genau gewusst, was von ihr gefordert wurde. Sie hatte klar verstanden, dass das Kind, das sie nährte, in der Blüte seines Mannesalters dem Leben entrissen werden würde. Geschmäht, beschimpft, geschlagen und geopfert.

Dass er in Schande sterben würde und sie es mitansehen müsste. Und die Gewissheit, dass sein Tod von höherer Bedeutung war als aus der Tatsache ersichtlich wurde, dass er angespien und zwischen zwei gemeinen

Verbrechern ans Kreuz geschlagen wurde, bot ihr einzig der Glaube. Zwar behauptete die christliche Überlieferung, ihr sei ein Engel erschienen, um ihr von zukünftigen Ereignissen zu künden, aber war so etwas mit dem Verstand überhaupt fassbar?

Sie hatte sich daher in blindem Glauben darauf verlassen, dass irgendwo etwas Höheres existierte. Nicht in ihrer Lebenszeit und nicht in der Lebenszeit der Enkel, die sie niemals haben würde. Aber dort. Irgendwo. Ganz real. Dort.

Natürlich hatte es sich noch nicht gezeigt. Zweitausend Jahre der Gewalt später wartete die Menschheit immer noch auf die Ankunft des Guten. Und was dachte die heilige Mutter bei sich, während sie auf ihrem Thron in den Wolken saß und das Treiben beobachtete, während sie wartete? Wie wollte sie auch nur versuchen den Nutzen gegen den Preis aufzurechnen?

Jahrelang hatte sich Eugenie auf die Zeitungen verlassen, um sich zu vergewissern, dass der Nutzen - das Gute - schwerer wog als der Preis, den sie bezahlt hatte. Aber jetzt war sie nicht mehr sicher. Das höhere Gute, dem sie zu dienen geglaubt hatte, drohte, sich vor ihren Augen aufzulösen wie ein gewirkter Teppich, der durch seinen allmählichen Zerfall dem Fleiß und der Arbeit spottet, die aufgewendet worden waren, um ihn zu schaffen. Und nur sie konnte diesen Zerfall aufhalten, wenn sie es wollte.

Das Problem war Ted. Sie hatte nicht beabsichtigt, eine engere Beziehung zu ihm zu haben. Seit Jahren hatte sie keinen Menschen so nahe an sich herangelassen, dass sich in irgendeiner Form Vertrauen hätte bilden können. Und jetzt das Gefühl zu haben, einer Beziehung zu einem anderen Menschen fähig zu sein - ja, sie zu verdienen -, schien ihr eine Art von Hybris, die ohne Zweifel ihr

Verhängnis werden würde. Trotzdem wollte sie die Nähe zu ihm, als wäre er das Heilmittel für eine Krankheit, die zu benennen ihr der Mut fehlte.

Und darum saß sie jetzt in der Kirche. Einerseits, weil sie Ted Wiley nicht gegenübertreten konnte, bevor der Weg geebnet war, und andererseits, weil sie nicht über die Worte verfügte, den Weg zu ebnen.

Bitte, Gott, betete sie, sag mir, was ich tun soll. Sag mir, was ich sagen soll.

Aber Gott schwieg, wie er seit Ewigkeiten geschwiegen hatte. Eugenie warf ein Geldstück in den Opferstock und ging.

Draußen regnete es immer noch ohne Unterlass. Sie spannte ihren Schirm auf und schlug den Weg zum Fluss ein. An der Ecke frischte der Wind plötzlich auf, und sie blieb einen Moment stehen, um sich gegen ihn zu stemmen, als er ungestüm ihren Schirm packte und nach hinten riss.

»Warte, Eugenie. Lass mich dir helfen.«

Sie sah sich um. Seite an Seite mit seinem müden alten Hund stand Ted hinter ihr. Regenwasser tropfte ihm von Nase und Kinn, seine Wachsjacke glänzte feucht, und die Schirmmütze klebte ihm durchweicht am Kopf.

»Ted!« Sie lächelte mit geheuchelter Überraschung. »Du bist ja völlig durchnässt. Und die arme PB! Was tut ihr denn bei diesem Wetter hier draußen, ihr beiden?«

Er richtete ihren Schirm und hielt ihn hoch, sodass sie beide geschützt waren. Sie hakte sich bei ihm ein.

»Wir haben ein neues Fitnessprogramm«, erklärte er. »Bis zur Market Place, dann runter zum Friedhof und wieder zurück. Das ganze viermal am Tag. Und was tust du hier? Du warst doch nicht in der Kirche?«

Du weißt, dass ich dort war, hätte sie gern geantwortet. Du weißt nur nicht, warum. Stattdessen sagte sie in leichtem Ton: »Ich muss mich von der Ausschusssitzung erholen - du weißt schon, der Festausschuss, der über das Silvestermenü beschließen sollte. Ich hatte den Leuten einen Termin gegeben, um zu einer Einigung zu kommen. Der Partyservice kann schließlich nicht bis in alle Ewigkeit auf eine feste Bestellung warten.«

»Und jetzt gehst du nach Hause?«

»Ja.«

»Darf ich -?«

»Aber natürlich, das weißt du doch!«

Wie absurd, dieses Geplänkel, da so vieles, was endlich gesagt werden musste, unausgesprochen zwischen ihnen stand.

Du vertraust mir nicht, Ted. Warum nicht? Wie soll Liebe zwischen uns gedeihen, wenn nicht die Grundlage gegenseitigen Vertrauens da ist? Ich weiß, du bist beunruhigt, weil ich dir zwar gesagt habe, dass ich mit dir sprechen möchte, dies jedoch bis heute nicht getan habe. Aber warum kannst du dich fürs Erste nicht einfach damit zufrieden geben?

Sie konnte jetzt nichts sagen, was womöglich alles aufdecken würde. Sie schuldete es denjenigen, zu denen viel ältere Bindungen bestanden als zu Ted, dass sie ihr Haus in Ordnung brachte, ehe sie es niederbrannte.

So gingen sie also unverfänglich plaudernd am Fluss entlang: Wie war sein Tag gewesen, wie ihrer, wer war in die Buchhandlung gekommen, wie ging es seiner Mutter. Er war herzlich und offen, sie freundlich, wenn auch etwas distanziert.

»Müde?«, fragte er, als sie ihr Haus erreicht hatten.

»Ein bisschen«, bekannte sie. »Es war ein langer Tag.«

Er reichte ihr den Schirm mit den Worten: »Dann will ich dich nicht aufhalten«, sah sie dabei aber mit so unverhohlener Erwartung an, dass sie wusste, er hoffte auf eine Einladung zu einem Gutenachttrunk.

Weil sie ihn wirklich gern hatte, sagte sie die Wahrheit: »Ich muss nach London, Ted.«

»Ach? Morgen in aller Frühe, hm?«

»Nein. Ich muss noch heute Abend fahren. Ich habe eine Verabredung.«

»Eine Verabredung? Aber bei dem Regen brauchst du doch mindestens eine Stunde - sagtest du Verabredung?«

»Ja.«

»Was für eine - Eugenie…« Er seufzte. Dann fluchte er leise. PB schien es zu hören. Sie hob den Kopf und sah Ted mit zusammengekniffenen Augen wie verdutzt an. Das arme Tier war klatschnass. Nun, zum Glück hatte es wenigstens ein dickes Fell.

»Dann lass mich dich fahren«, sagte Ted schließlich.

»Besser nicht.«

»Aber -«

Sie legte ihm beschwichtigend die Hand auf den Arm. Dann hob sie sie, um seine Wange zu berühren, aber er zuckte zurück, und sie trat einen Schritt von ihm weg. »Hast du Lust, morgen Abend mit mir zusammen zu essen?«, fragte sie.

»Das weißt du doch.«

»Gut. Dann komm zu mir zum Abendessen. Da können wir dann auch reden, wenn du möchtest.«

Er sah sie an. Sie wusste, dass er versuchte, in ihren Zügen zu lesen, und es ihm nicht gelang. Bemüh dich nicht, hätte sie am liebsten gesagt. Ich habe jahrelange Übung darin, eine bestimmte Rolle in einem Drama zu spielen, von dem du nichts weißt.

Sie erwiderte ruhig seinen Blick, während sie auf seine Antwort wartete. Das Licht aus ihrem Wohnzimmer fiel durch das Fenster und warf einen gelben Schein auf sein Gesicht, das vom Alter und von Ängsten, die er verschwieg, gezeichnet war. Sie war ihm dankbar dafür, dass er seine tiefsten Ängste ihr gegenüber nicht aussprach, denn das verlieh ihr den Mut, sich ihrerseits mit alldem auseinander zu setzen, was sie ängstigte.

Er nahm plötzlich die Mütze ab, eine Geste der Unterwürfigkeit, die sie niemals von ihm verlangt hätte. Das graue Haar kam zum Vorschein, das jetzt nass wurde, und die fleischige rote Nase, die bisher im Schatten des Mützenschirms verborgen geblieben war. Nun sah er aus wie das, was er war: ein alter Mann. Und sie fühlte sich als die, die sie war: eine Frau, die die Liebe eines so anständigen Mannes nicht verdiente.

»Eugenie«, sagte er, »wenn du denkst, du kannst mir nicht sagen, dass du - dass du und ich - das wir nicht…« Er schaute zur Buchhandlung gegenüber.

»Ich denke gar nichts«, erwiderte sie. »Außer an London und die Fahrt. Und der Regen ist natürlich lästig. Aber ich fahre vorsichtig. Du brauchst dir keine Sorgen zu machen.«

Er schien zufrieden und vielleicht eine Spur erleichtert über ihre Worte, die gedacht waren, ihn zu beruhigen. »Du bist mein Leben«, sagte er schlicht. »Eugenie, weißt du das? Du bist mein Leben. Und ich bin zwar die meiste Zeit ein ziemlicher Trottel, aber ich -«

»Ich weiß«, sagte sie. »Ich weiß. Und wir reden morgen.« »Ja, gut.« Er küsste sie ungeschickt und stieß mit dem Kopf gegen die Kante des Schirms, sodass er ihr beinahe aus der Hand gefallen wäre.

Regen schlug ihr ins Gesicht. Ein Auto raste durch die Friday Street, und Wasser spritzte über ihre Schuhe.

Ted fuhr ärgerlich herum. »Hey!«, schrie er dem Fahrzeug nach. »Können Sie nicht aufpassen!«

»Ist schon gut«, sagte sie. »Es ist ja nichts passiert, Ted.«

Er wandte sich ihr wieder zu. »Verdammt noch mal«, sagte er.

»War das nicht -« Aber dann brach er ab.

»Was?«, fragte sie. »Wer?«

»Niemand. Nichts.« Er scheuchte den Hund hoch, um das letzte Stück Weg zu seiner Haustür hinter sich zu bringen. »Und wir reden morgen?«, fragte er. »Nach dem Abendessen?«

»Ja«, antwortete sie. »Es gibt so vieles zu sagen.«

Große Vorbereitungen brauchte sie nicht zu treffen. Sie wusch sich das Gesicht und putzte die Zähne. Sie kämmte sich das Haar und band ein dunkelblaues Tuch um, trug einen farblosen Lippenbalsam auf und knöpfte das Winterfutter in ihren Trenchcoat, um gegen die Kälte der Nacht besser geschützt zu sein. Parkplätze waren in London immer knapp, und sie wusste nicht, wie weit sie nach Erreichen ihres Ziels noch zu Fuß durch Wind und Kälte würde gehen müssen.

Im Trenchcoat, die Handtasche am Arm, stieg sie die schmale Treppe hinunter. Vom Küchentisch nahm sie eine Fotografie in einem schlichten Holzrahmen, eine von dreizehn, die gewöhnlich im Haus verteilt standen. Zur

Auswahl hatte sie sie in Reih und Glied auf dem Tisch aufgestellt, und die anderen blieben nun dort stehen.

Das Bild an die Brust gedrückt, trat sie in die Dunkelheit hinaus.

Ihr Wagen stand ein paar Häuser weiter in einem abgeschlossenen Hof. Sie mietete den Platz monatlich. Der Hof war hinter einem Tor verborgen, das geschickt so gefertigt war, dass es aussah, als wäre es Teil der Fachwerkhäuser zu seinen beiden Seiten. Das bot Sicherheit, und Sicherheit war Eugenie wichtig. Die Illusion von Sicherheit, die Tore und Schlösser boten, sagte ihr zu.

In ihrem Wagen - ein Polo aus zweiter Hand, dessen Gebläse röchelte wie ein Asthmatiker - legte sie die gerahmte Fotografie auf den Beifahrersitz und ließ den Motor an. Sie hatte sich für diese Fahrt nach London gerüstet - Öl und Reifendruck des Wagens geprüft, den Tank aufgefüllt -, sobald sie Datum und Ort des Termins erfahren hatte. Die genaue Uhrzeit war ihr später angegeben worden, und sie war zunächst zurückgeschreckt, als ihr klar geworden war, dass das »zehn Uhr fünfundvierzig« sich auf den Abend bezog und nicht auf den Vormittag. Aber sie wusste, dass Proteste von ihr keine Chance hatten, darum hatte sie zugestimmt. Sie sah bei Dunkelheit nicht mehr so gut wie früher, aber sie würde es schon schaffen.

Mit dem Regen allerdings hatte sie nicht gerechnet. Als sie die Außenbezirke von Henley hinter sich gelassen hatte und die Straße nahm, die in nordwestlicher Richtung nach Marlow führte, kroch sie bald nur noch im Schneckentempo vorwärts. Die Hände um das Lenkrad gekrampft und den Oberkörper so weit vorgebeugt, dass sie mit dem Kopf beinahe die Windschutzscheibe berührte, suchte sie sich ihren Weg durch den peitschenden Regen, von dem das grelle Licht entgegenkommender Fahrzeuge in tausend glitzernde Pfeile gebrochen wurde, die auf ihre Windschutzscheibe hagelten.

Auf der M4O, wo Personenwagen und Lastzüge Sprühfontänen aufwirbelten, denen die Scheibenwischer des Polo kaum gewachsen waren, war es nicht viel besser. Die Markierungslinien, die nicht unter dem stehenden Wasser verschwunden waren, schienen sich unter Eugenies Blick bald zu Schlangenlinien zu krümmen, bald in plötzlichen Sprüngen auf eine andere Spur hinüberzuwechseln.

Als sich die Lichter von Wormwood Scrubbs näherten, wagte sie es, den Todesgriff, mit dem sie das Lenkrad umklammert hielt, etwas zu lockern, aber wirklich wohler wurde ihr erst, als sie von der schwimmenden Betonbahn der M4O abbog und bei Maida Hill in nördlicher Richtung weiterfuhr.

Sobald es möglich war, lenkte sie den Wagen an den Straßenrand und stieß mit einem Gefühl, als hätte sie während der ganzen Fahrt die Luft angehalten, einen tiefen Seufzer der Erleichterung aus. Sie kramte in ihrer Handtasche nach der Wegbeschreibung, die sie sich anhand des Londoner Stadtplans notiert hatte. Zwar hatte sie nun die Fahrt auf der Schnellstraße heil überstanden, aber noch lag das letzte Viertel des Wegs vor ihr, der durch das Labyrinth der Londoner Straßen führte.

Es war zu jeder Zeit schwierig, sich in der Stadt zurechtzufmden. Bei Dunkelheit sorgten schlechte Straßenbeleuchtung und ein eklatanter Mangel an Hinweisschildern für zusätzliche Mühe. Und wenn es dann auch noch in Strömen regnete, war man so gut wie verloren. Drei Fehlversuche brachten Eugenie gerade bis Paddington Recreation Ground, bevor sie merkte, dass sie sich hoffnungslos verfahren hatte. Nicht bereit, ein Risiko einzugehen, fuhr sie genau den Weg zurück, den sie gekommen war, wie ein Taxifahrer, der in die Irre gefahren ist und unbedingt feststellen will, wo er sich unterwegs das erste Mal verfahren hat.

Es war beinahe zwanzig nach elf, als sie endlich auf die Straße im Nordwesten Londons stieß, die sie suchte. Und dann musste sie noch einmal sieben schweißtreibende Minuten lang in der Gegend herumkurven, ehe sie einen Parkplatz fand.

Sie nahm die gerahmte Fotografie an sich, holte ihren Regenschirm vom Rücksitz und stieg aus. Der Regen hatte zum Glück nachgelassen, aber es wehte immer noch ein starker Wind, der die wenigen noch an den Bäumen haftenden Blätter abriss und auf Bürgersteig, Straße und geparkte Autos hinunterfegte.

Das Haus, zu dem sie wollte, hatte die Nummer 32, und sie sah sogleich, dass es ein ganzes Stück weiter die Straße hinauf auf der anderen Seite lag. Mit schnellem Schritt ging sie die ersten fünfundzwanzig Meter auf dem Bürgersteig. Kaum eines der Häuser, an denen sie vorüberkam, war noch erleuchtet, und die ängstliche Nervosität, die sie angesichts des bevorstehenden Gesprächs ohnehin schon plagte, steigerte sich noch wegen der Dunkelheit und den Fantasien, was sich alles in dieser Dunkelheit verbergen könnte. Eugenie beschloss, vorsichtig zu sein, wie das einer Frau, die an einem regnerischen Herbstabend allein in der Stadt unterwegs war, zu raten war, und trat vom Bürgersteig herab, um in der Mitte der Straße weiterzugehen. So würde sie vielleicht noch rechtzeitig aufmerksam werden, sollte jemand sie überfallen wollen.

Sie hielt das zwar für unwahrscheinlich, denn dies war eine anständige Gegend. Dennoch war sie erleichtert, als die fächerförmigen Strahlen zweier Autoscheinwerfer über sie hinwegglitten und ihr sagten, dass hinter ihr ein Fahrzeug in die Straße eingebogen war. Es fuhr langsam, so langsam, wie auch sie gefahren war, offensichtlich wie sie selbst noch vor wenigen Minuten auf der Suche nach einem Parkplatz. Sie drehte sich kurz um und trat an das nächststehende Fahrzeug, um den Wagen vorbeizulassen. Aber der Fahrer zog zur Seite und gab ihr mit der Lichthupe Zeichen, dass sie weitergehen könne.

Irrtum, dachte sie, schulterte ihren Schirm und setzte ihren Weg fort. Der Fahrer suchte gar nicht nach einem Parkplatz, sondern wartete offenbar auf einen Bewohner des Hauses, vor dem er angehalten hatte. Sie warf noch einmal einen schnellen Blick über die Schulter zurück, und als hätte der fremde Fahrer ihre Gedanken gelesen, hupte er einmal kurz. Es klang, fand Eugenie, wie die ungeduldige Mahnung einer Mutter oder eines Vaters an ein widerspenstiges Kind.

Sie ging weiter und achtete auf die Nummern der Häuser, an denen sie vorüberkam. Sie war bei Nummer zehn und Nummer zwölf - kaum sechs Häuser von ihrem Auto entfernt -, als das bisher stetige Licht hinter ihr plötzlich zur Seite schwenkte und dann erlosch.

Seltsam, dachte sie, man kann doch nicht einfach mitten auf der Straße parken, und sah sich um.

Grelle Lichter flammten auf. Sie war augenblicklich geblendet. Und geblendet blieb sie wie gebannt stehen.

Ein Motor heulte auf, Reifen glitten quietschend über den Asphalt.

Mit weit ausgebreiteten Armen wurde sie in die Luft geschleudert, als der Wagen sie erwischte, und das Bild in seinem schlichten Rahmen schoss in die Höhe wie eine Rakete.

2

J. W. Pitchley, alias Die Zunge, hatte einen höchst gelungenen Abend hinter sich. Er hatte Regel Nummer eins gebrochen - verabrede dich niemals persönlich mit einem Cybersexpartner -, aber es hatte alles bestens geklappt, und er hatte wieder einmal den Beweis dafür bekommen, dass er ein messerscharfes Gespür für den unvergleichlichen Genuss der überreifen Früchte besaß, die gerade, weil sie so lange unbeachtet am Baum gehangen hatten, umso saftiger waren.

Bescheidenheit und Ehrlichkeit zwangen ihn allerdings zu dem Eingeständnis, dass er in diesem Fall nicht viel riskiert hatte. Eine Frau, die sich Sahnehöschen nannte, ließ ja kaum Zweifel daran, was sie wollte. Und alle noch vorhandene Unsicherheit seinerseits war durch fünf Online-Rendezvous, bei denen er sich in seine Calvin- Klein-Jockeys ergossen hatte, ohne einen Finger rühren zu müssen, beseitigt worden. Im Gegensatz zu den vier anderen Cybergespielinnen, zu denen er gegenwärtig Kontakt hatte und deren orthografischen Kenntnisse bedauerlicherweise meist so beschränkt waren wie ihre Fantasie, verfügte das Sahnehöschen, wie sie sich gern nannte, über einen Einfallsreichtum und eine natürliche Fähigkeit, ihre Fantasien in Worte zu fassen, dass sich sein Schwanz wie eine Wünschelrute aufstellte, sobald sie einloggte.

Sahnehöschen hier, pflegte sie zu schreiben. R U rdy 4 it, Zungenmann?, hast du Lust?

Aber ja. Aber ja. Lust hatte er immer.

Und diesmal hatte er sogar selbst den sprichwörtlichen Sprung ins kalte Wasser gewagt und nicht erst auf die Initiative der anderen Seite gewartet. Das war total untypisch für ihn. Im Allgemeinen machte er bereitwillig jedes Spiel mit und war online stets verfügbar, wenn eine seiner Partnerinnen ein bisschen Action wünschte, aber die persönliche Begegnung anzuregen, das überließ er gewöhnlich den Damen. Diesem Prinzip treu, hatte er dafür gesorgt, dass siebenundzwanzig Super-HighwayBegegnungen zu siebenundzwanzig ungemein befriedigenden körperlichen Begegnungen im Comfort Inn in der Cromwell Road geführt hatten - in kluger Entfernung von seiner Wohnung und beobachtet einzig von einem Nachtportier asiatischer Herkunft, dessen Interesse an Gesichtern weit hinter seiner Leidenschaft für Videos alter BBC-Historienschinken zurückstand. Nur einmal war er zum Opfer eines Cyberstreichs geworden, als ihn bei einer Verabredung statt der Frau, die sich TrauDich genannt hatte, zwei pickelige Zwölfjährige, angezogen wie die Kray-Brüder, erwartet hatten. Aber kein Problem. Den beiden hatte er gründlich den Kopf gewaschen, die würden solche Dummheiten wahrscheinlich so bald nicht wieder machen.

Doch Sahnehöschen faszinierte ihn. Hast du Lust?

Sie hatte es geschafft, ihn beinahe von Anfang an neugierig zu machen. Konnte sie mit dem Körper erfüllen, was ihr Cyberego mit Worten versprach?

Das war ja immer die Frage. Und darüber zu spekulieren und zu fantasieren und sich schließlich die Antwort zu holen war Teil des Spaßes.

Er hatte hart gearbeitet, um Sahnehöschen so weit zu bringen, dass sie ein persönliches Treffen vorschlug. Er hatte neue, schwindelnde Höhen sexueller Ausschweifungen mit dieser Frau erklommen. Und um noch originellere Ideen auf dem Gebiet der Sinnenfreude entwickeln zu können, hatte er im Lauf von zwei Wochen gut sechs Stunden lang in den Utensilien der Lust herumgestöbert, die die fensterlosen Geschäfte in der Brewer Street anzubieten hatten. Als er sich dann eines Tages bewusst wurde, dass er auf der täglichen Bahnfahrt in die City anstatt die Financial Times zu lesen, die Basislektüre seiner beruflichen Laufbahn, in aufregenden Bildern ihrer beider Körper schwelgte, die sich lustgesättigt und aufs Engste ineinander verschlungen auf der hässlichen Tagesdecke eines Betts im Comfort Inn rekelten, wusste er, dass er handeln musste.

Want it 4 real? Hast du Lust auf die Realität?, hatte er ihr schließlich geschrieben. Bist du bereit, etwas zu riskieren?R Urdy 4 a rsk?

Sie war bereit gewesen.

Er schlug vor, was er immer vorschlug, wenn eine seiner Cybergespielinnen eine Zusammenkunft wünschte: Drinks im Valley of Kings, leicht zu finden, nur einen Katzensprung vom Sainsbury's in der Cromwell Road entfernt. Sie könnte mit dem eigenen Wagen kommen, per Taxi, Bus oder U-Bahn, ganz nach Belieben. Und sollte man gleich auf den ersten Blick feststellen, dass die Chemie doch nicht stimmte, so konnte man es bei einem schnellen Drink an der Bar bewenden lassen, und nichts für ungut, okay?

Das Valley of Kings hatte den gleichen unschätzbaren Vorteil zu bieten wie das Comfort Inn: Die Angestellten dort sprachen, wie die der meisten Dienstleistungsunternehmen in London, praktisch kein Englisch und waren unfähig, den einen Engländer vom anderen zu unterscheiden. Er hatte alle siebenundzwanzig seiner Cyberfreundinnen ins Valley of Kings geführt, ohne dass die Kellner oder der Barkeeper auch nur mit einem Wimpernzucken Wiedererkennen gezeigt hatten. Er war daher sicher, auch Sahnehöschen dorthin führen zu können, ohne befürchten zu müssen, von einem der Angestellten verraten zu werden.

Er erkannte sie sofort, als sie hereinkam, und fand es hoch befriedigend, wieder einmal festzustellen, dass er instinktiv gewusst hatte, wie sie sein würde. Um die fünfundfünfzig, proper, dezent parfümiert: keine dahergelaufene Schlampe, die auf Kohle aus war; keine Straßenschnepfe, die höher hinaus wollte; keine Vorstadtfotze, die in die Stadt gekommen war, weil sie hoffte, einen Kerl zu finden, der ihren Lebensstandard verbessern würde. Nein, sie war genau das, was er vermutet hatte: eine einsame geschiedene Frau, deren Kinder aus dem Haus waren und die sich damit abfinden musste, ungefähr zehn Jahre früher, als sie es sich wünschte, Oma genannt zu werden. Sie wollte sich beweisen, dass sie trotz Falten und beginnender Hamsterbäckchen noch immer einen gewissen Sexappeal besaß. Dass er seine eigenen Gründe hatte, sich für sie zu interessieren, obwohl sie gewiss ein Dutzend Jahre älter war als er, spielte keine Rolle. Er war nur zu gern bereit, ihr die Bestätigung zu liefern, die sie suchte.

Und die erhielt sie in Zimmer 109, erster Stock, nur durch eine dünne Wand vom Donnern des Straßenverkehrs getrennt. Ein Zimmer zur Straße - um das er stets mit gedämpfter Stimme bat, bevor er den Zimmerschlüssel holte - schloss von vornherein jede Möglichkeit aus, über Nacht zu bleiben. Niemand, der mit einem normalen Gehör ausgestattet war, hätte in einem der Zimmer zur Cromwell Road hinaus schlafen können, und da eine ganze Liebesnacht mit einer Cyberfrau das Letzte war, wonach ihm der Sinn stand, nutzte er nur zu gern den Straßenlärm, um irgendwann sagen zu können: »Lieber Gott, ist das ein Lärm!«, und damit einen Abgang mit Anstand einzuleiten.

Es war alles gelaufen wie geplant: Nachdem man sich mit Hilfe einiger Drinks körperlich näher gekommen war, hatte man sich ins Comfort Inn begeben und dort nach energischem Beischlaf zu beiderseitiger Befriedigung gefunden. In ihren Aktivitäten war Sahnehöschen - die es verschämt ablehnte, ihren richtigen Namen zu enthüllen - kaum weniger einfallsreich als mit Worten. Erst nachdem sie gemeinsam sämtliche Stellungen und Spielarten des Geschlechtsverkehrs gründlich erforscht hatten, ließen sie, in Schweiß und diverse andere Körperflüssigkeiten gebadet, voneinander ab. Erschöpft blieben sie auf dem Bett liegen und lauschten dem Donnern der Lastzüge, die die A4 hinauf- und hinunterbrausten.

»Mein Gott, ist das ein Lärm«, stöhnte er. »Ich hätte mir ein besseres Hotel einfallen lassen sollen. Hier werden wir nie zum Schlafen kommen.«

»Oh«, sagte sie brav wie auf Kommando, »keine Sorge! Ich kann sowieso nicht bleiben.«

»Nein?« Bedauernd.

Ein Lächeln. »Nein, so weit hatte ich nicht geplant. Es hätte doch leicht sein können, dass wir beide uns persönlich nicht so gut verstehen wie im Netz. Du weißt schon.«

Und wie er das wusste! Blieb nur eine Frage, als er nach Hause fuhr: Was weiter? Zwei Stunden lang hatten sie es getrieben wie die Biber, hatten es beide ungeheuer genossen und sich mit dem Versprechen getrennt, dass man »in Verbindung« bleiben würde. Aber Sahnehöschens Abschiedsumarmung hatte unterschwellig etwas an sich gehabt, das zu ihrer zur Schau getragenen Nonchalance im Widerspruch stand und ihn warnte, lieber eine Weile Abstand zu halten.

Und nach einer langen ziellosen Fahrt durch den Regen, die er brauchte, um sich abzureagieren, beschloss er, genau das zu tun.

Gähnend lenkte er den Wagen in die Straße, in der er wohnte. Nach den körperlichen Anstrengungen des Abends würde er ausgezeichnet schlafen. Durch die Windschutzscheibe blinzelnd, halb eingeschläfert vom eintönigen Surren der Scheibenwischer, fuhr er langsam die Steigung hinauf und setzte mehr aus Gewohnheit als Notwendigkeit den Blinker zum Abbiegen in die Einfahrt zum Haus, als er neben einem Vauxhall Calibra neueren Modells ein vom Regen durchweichtes Kleiderbündel liegen sah.

Er seufzte. Die Leute sind doch wirklich Schweine, dachte er. Werfen ihr Gerümpel einfach auf die Straße, anstatt es zur Kleidersammlung zu geben. Zum Kotzen ist das.

Er wollte schon vorüberfahren, als in dem Wust klatschnasser Lumpen etwas Weißes aufleuchtete, das ihn veranlasste genauer hinzusehen. Ein Strumpf, ein zerfetzter Schal, ein Schlüpfer? Was?

Aber da erkannte er, was es war, und trat schockiert auf die Bremse.

Es war eine Hand, ein Handgelenk, ein kurzes Stück Arm, was sich von dem Schwarz eines Mantels abhob. Eine Schaufensterpuppe, sagte er sich unwirsch zur Selbstberuhigung. Ein geschmackloser Scherz, den sich irgendjemand erlaubt hat. Das Ding ist sowieso zu klein, um ein Mensch zu sein. Und Beine oder ein Kopf sind auch nicht da. Nur dieser Arm.

Aber trotz dieser beruhigenden Überlegungen ließ er sein Fenster herunter. Der Regen schlug ihm ins Gesicht, während er mit zusammengekniffenen Augen das formlose Ding auf dem Boden musterte. Und sah, was noch da war.

Beine. Und ein Kopf. Sie waren nur nicht sofort auf den ersten Blick durch das regenblinde Fenster zu erkennen gewesen, weil der Kopf wie im Gebet tief in den Mantel zurückgezogen war und die Beine bis zum Rumpf unter dem Auto lagen.

Herzinfarkt, sagte er sich, obwohl seine Augen ihm etwas ganz anderes sagten. Aneurisma. Schlaganfall.

Aber was taten die Beine unter dem Auto? Dafür gab es nur eine mögliche Erklärung…

Er griff nach seinem Handy und wählte dreimal die Neun.

Die Grippe hatte Inspector Eric Leach von der Kriminalpolizei schwer erwischt. Er konnte sich vor Gliederschmerzen kaum bewegen. Er hatte einen heißen Kopf und einen rauen Hals und Schüttelfrost. Er hätte sich gleich krank melden sollen, als er den ersten Anflug gespürt hatte, und hätte sich ins Bett legen sollen. Das wäre in zweierlei Hinsicht von Nutzen gewesen: Er hätte den Schlaf nachholen können, den er versäumt hatte, seit er versuchte, sein Leben nach der Scheidung wieder auf die Reihe zu bringen; und er hätte eine gute Entschuldigung gehabt, dem Anruf, der ihn um Mitternacht erreicht hatte, nicht Folge zu leisten. Stattdessen schleppte er sich nun zitternd und zähneklappernd aus seiner spartanisch eingerichteten neuen Wohnung in Regen und Kälte hinaus, wo er sich garantiert eine beidseitige Lungenentzündung holen würde.

Man lernt eben nie aus, dachte er verdrossen. Wenn ich das nächste Mal heirate, bleibe ich verheiratet, verdammt noch mal!

Als er die letzte Linkskurve nahm, sah er weiter vorn schon die blauen Blinklichter der Polizeifahrzeuge. Es war ungefähr zwanzig nach zwölf Uhr nachts, aber die leicht ansteigende Straße vor ihm war taghell erleuchtet von starken Flutlichtern, deren Schein bei jeder Blitzlichtaufnahme des Polizeifotografen noch an Grellheit gewann.

Das nächtliche Treiben vor ihren Häusern hatte die Nachbarn in Scharen ins Freie gelockt, aber weiter als bis zum Rand der Fahrbahn, die auf beiden Seiten mit gelben Plastikbändern abgesperrt war, kamen sie nicht. Hinter den Schranken, die an beiden Straßenenden aufgestellt worden waren, hatte sich bereits eine Meute Pressefotografen eingefunden, diese Geier, die ständig den Polizeifunk abhörten, in der Hoffnung zu erfahren, dass es irgendwo frisches Blut zu fotografieren gab.

Inspector Leach drückte eine Lutschtablette aus der Packung, die er vorsorglich eingesteckt hatte. Er ließ seinen Wagen hinter einem Rettungsfahrzeug stehen, dessen Besatzung in wasserdichte Regenkleidung gehüllt vorn an der Motorhaube lehnte. Die Männer tranken aus einer Thermosflasche Kaffee und taten das mit einer Gemütsruhe, die keinen Zweifel daran ließ, dass ihre Dienste nur noch für eines gebraucht wurden. Leach nickte ihnen zu, als er mit eingezogenem Kopf an ihnen vorübereilte, zeigte dem langen jungen Constable, der die Aufgabe hatte, die Presse abzuwimmeln, seinen Dienstausweis und ging an der Schranke vorbei auf die kleine Gruppe von Kollegen zu, die weiter die Straße hinauf um ein Auto herumstand.

Hier und dort fing er eine Bemerkung der Gaffer auf, als er die ansteigende Straße hinaufstapfte, meist in ehrfürchtigem Ton gemurmelte Weisheiten über die Gleichgültigkeit, mit der der Tod sich seine Opfer sucht. Aber es fiel auch diese oder jene unüberlegte Beschwerde über den Wirbel, der entstand, wenn ein plötzlicher Todesfall in der Öffentlichkeit polizeiliche Untersuchung erforderte. Und als Leach eine dieser Beschwerden hörte, in dem abfällig nörgelnden Ton gesprochen, den er hasste, machte er auf dem Absatz kehrt und marschierte schnurstracks in Richtung der protestierenden Stimme, die ihre Klage soeben mit den Worten schloss: »… dass man ohne jeden ersichtlichen Grund aus dem Schlaf gerissen wird, nur weil diese Zeitungsschmierer ihre niedrigen Instinkte befriedigen wollen.« Er fand die Nörglerin, eine Schreckschraube mit gemeißeltem Haar und einem gelifteten Gesicht, das durch die Operation nicht schöner geworden war. Sie sagte gerade: »Wenn einen die Gemeindesteuern, die man bezahlt, nicht vor derartigen Störungen schützen -«, als Leach sie mit einem lauten Ruf zum nächststehenden Constable unterbrach.

»Sorgen Sie dafür, dass diese Hexe die Klappe hält«, blaffte er.

»Drehen Sie ihr den Kragen um, wenn's nicht anders geht.« Und damit ging er weiter.

Am Unfallort beherrschte im Augenblick der Pathologe die Szene. Unter einem provisorischen Zelt aus Plastikplanen war er, in eine bizarre Kombination aus Tweedhose, Gummistiefeln und Designerregenjacke gekleidet, gerade dabei, die erste Untersuchung der Leiche abzuschließen, und soweit Leach erkennen konnte, hatten sie es entweder mit einem Transvestiten oder einer weiblichen Person unbestimmten Alters zu tun, die schwer verstümmelt war. Die Gesichtsknochen waren zertrümmert; Blut sickerte aus einem Loch, wo einmal ein Ohr gewesen war; nackte Hautstellen auf dem Kopf zeigten, wo das Haar büschelweise herausgerissen worden war; der Kopf lag in natürlichem Winkel, aber unnatürlich verdreht. Es war genau der Anblick, den man sich wünschte, wenn einem vom Fieber sowieso schon übel war.

Der Pathologe Dr. Olav Grotsin schlug sich mit beiden Händen auf die Oberschenkel und stemmte sich in die Höhe. Er zog die Latexhandschuhe aus, warf sie seiner Assistentin zu, und sein Blick fiel auf Leach, der dastand und schaute und sich bemühte, sein Unwohlsein zu ignorieren, während er versuchte, sich ein Bild von dem zu machen, was er sah.

»Sie schauen aus wie Braunbier und Spucke«, sagte Grotsin.

»Was haben wir denn hier?«

»Weibliche Leiche. War vielleicht eine Stunde tot, als ich ankam. Höchstens zwei.«

»Sind Sie sicher?«

»Bezüglich was? Des Geschlechts oder der Zeit?«

»Bezüglich des Geschlechts.«

»Sie hat einen Busen. Verschrumpelt, aber da. Alles Weitere erfahren Sie morgen. Ich schneid sie nicht gern auf offener Straße in Stücke.«

»Was ist passiert?«

»Fahrerflucht. Schwere innere Verletzungen. Ich würde sagen, dass so ziemlich alles zerstört ist, was zerstört werden kann.«

Leach sagte: »Scheiße«, und trat an Grotsin vorbei, um neben der Toten niederzuhocken. Sie lag auf der Seite, den Rücken zur Fahrbahn, nur wenige Zentimeter von der Fahrertür des Calibra entfernt. Der eine Arm war hinter dem Körper verdreht, die Beine steckten unter dem Chassis des Vauxhall. Der Wagen war unberührt, was Leach nicht wunderte. Es war kaum anzunehmen, dass ein Fahrer auf Parkplatzsuche so weit gehen würde, einen auf der Straße liegenden Menschen kurzerhand zu überfahren, um sich einen Platz zu sichern. Er suchte auf dem Leichnam und dem dunklen Regenmantel, den die Tote anhatte, nach Reifenspuren.

»Der Arm ist ausgerenkt«, sagte Grotsin hinter ihm. »Beide Beine sind gebrochen. Und Schaum vorm Mund haben wir auch. Wenn Sie ihren Kopf drehen, sehen Sie's.«

»Der Regen hat ihn nicht weggespült?«

»Der Kopf war geschützt. Er lag unter dem Wagen.«

Geschützt, dachte Leach, ein merkwürdiges Wort in diesem Zusammenhang. Die arme Frau war tot, wer auch immer sie sein mochte. Rötlicher Schaum aus der Lunge konnte heißen, dass sie nicht auf der Stelle tot gewesen war, aber das war ihnen keine Hilfe und dem unglückseligen Unfallopfer erst recht nicht. Es sei denn, es war jemand auf sie gestoßen, solange sie noch gelebt hatte, und die Sterbende hatte ihm noch etwas sagen können.

Leach richtete sich auf und sagte: »Wer hat es gemeldet?«

»Gleich da drüben, Sir.« Grotsins Assistentin wies mit dem Kopf zur anderen Straßenseite, wo, wie Leach jetzt erst bemerkte, in zweiter Reihe ein Porsche Boxster mit blinkendem Warnlicht geparkt war. Zwei uniformierte Polizeibeamte bewachten das Fahrzeug, und nicht weit entfernt stand unter einem gestreiften Regenschirm ein Mann mittleren Alters, dessen Blick beinahe unablässig voller Nervosität zwischen dem Porsche und der einige Meter entfernt liegenden Leiche hin- und herflog.

Leach machte sich auf den Weg zu dem Sportwagen, um ihn sich näher anzusehen. Wenn der Fahrer, der Wagen und das Opfer zusammengehörten, würden sie nicht viel

Arbeit haben, aber schon auf dem Weg zum Wagen war Leach klar, dass das unwahrscheinlich war. Grotsin hatte sicher nicht unbegründet von Fahrerflucht gesprochen.

Dennoch ging Leach aufmerksam um den Porsche herum. Er kauerte vor ihm nieder und musterte prüfend die Vorderfront und die Karosserie. Er prüfte jeden einzelnen Reifen. Er ließ sich auf das regennasse Pflaster hinunter und nahm das Fahrgestell unter die Lupe. Und als er fertig war, beschlagnahmte er den Wagen zur Untersuchung durch die Spurensicherung.

»Also, hören Sie mal! Das ist doch bestimmt nicht nötig«, beschwerte sich der Porschefahrer. »Ich hab doch angehalten! Sobald ich sah - und ich habe es gemeldet. Sie müssen doch einsehen, dass -«

»Das gehört einfach zur Routine«, erklärte Leach dem Mann, dem ein Constable einen Becher Kaffee anbot. »Sie bekommen den Wagen so bald wie möglich wieder zurück. Darf ich um Ihren Namen bitten?«

»Pitchley«, antwortete der Mann. »J. W. Pitchley. Aber im Ernst, das ist ein stinkteurer Wagen, und ich seh keinen Grund - lieber Gott, wenn ich sie angefahren hätte, würde man doch Spuren am Auto sehen.«

»Sie wissen also, dass es sich um eine Frau handelt?«

Pitchley schien verwirrt. »Ich - ich hab's wohl einfach angenommen - ich bin hingegangen - zu ihr, meine ich. Nachdem ich angerufen hatte. Ich bin ausgestiegen und bin hingegangen, weil ich sehen wollte, ob ich was für sie tun kann. Es hätte ja sein können, dass sie noch lebt.«

»Aber sie war tot?«

»Das weiß ich nicht genau. Sie war jedenfalls nicht - ich meine, ich hab gesehen, dass sie bewusstlos war. Sie hat keinen Laut von sich gegeben. Kann sein, dass sie geatmet hat. Aber ich wusste, dass es besser ist, sie nicht anzurühren…« Er trank von seinem Kaffee. Dampf stieg aus dem Becher in die kalte Nachtluft.

»Sie ist arg mitgenommen. Unser Pathologe hat anhand des Busens festgestellt, dass es sich um eine Frau handelt. Wie haben Sie's gemacht?«

Pitchley schien entsetzt über die Unterstellung. Er warf einen Blick über seine Schulter zum Bürgersteig, als fürchtete er, die Gaffer, die immer noch dort standen, könnten sein Gespräch mit dem Polizeibeamten hören und falsche Schlüsse daraus ziehen.

»Ich hab überhaupt nichts gemacht!«, sagte er leise. »Mein Gott, was denken Sie denn? Ich hab natürlich gesehen, dass sie unter dem Mantel einen Rock anhatte.

Und ihr Haar war länger, als Männer es gewöhnlich tragen -«

»Da, wo's ihr nicht ausgerissen worden ist.«

Pitchley zuckte zusammen, sprach aber weiter. »Als ich den Rock sah, hab ich einfach angenommen, dass es eine Frau ist.«

»Und sie hat dort gelegen, wo sie jetzt liegt? Direkt neben dem Vauxhall?«

»Ja. Genau da. Ich hab sie nicht angerührt.«

»Haben Sie auf der Straße jemanden gesehen? Auf dem Bürgersteig? Vor einer Haustür? An einem Fenster? Ganz gleich, wo.«

»Nein, keine Menschenseele. Ich bin ganz normal hier entlanggefahren, und es war alles menschenleer. Die Frau hätte ich auch nicht gesehen, wenn mir nicht ihre Hand - oder ihr Arm, was Weißes jedenfalls - aufgefallen wäre.«

»Waren Sie allein im Wagen?«

»Ja. Ja, natürlich war ich allein. Ich lebe allein. Da drüben. Ein Stück weiter oben.«

Leach machte sich seine Gedanken angesichts der ungefragt erteilten Auskünfte. »Woher kamen Sie, Mr. Pitchley?«

»Aus South Kensington. Ich habe - ich war dort mit einer Freundin beim Essen.«

»Würden Sie mir den Namen der Freundin nennen?«

»Moment mal, stehe ich hier unter Anklage oder was?« Pitchleys Stimme drückte mehr Empörung als Besorgnis aus. »Wenn man sich nämlich dadurch verdächtig macht, dass man brav die Polizei ruft, wenn man eine Leiche findet, rede ich nur noch mit einem Anwalt an meiner Seite. Hallo, Sie da - seien Sie doch so nett und bleiben Sie von meinem Wagen weg!« Dies war an einen dunkelhäutigen Constable gerichtet, der zusammen mit einigen Kollegen Straße und Bürgersteige absuchte.

Aus der Gruppe, die in der Nähe von Pitchley und Leach arbeitete, kam eine Beamtin mit einer Damenhandtasche in den latexgeschützten Händen im Laufschritt auf Leach zu. Der zog selbst Handschuhe über und entfernte sich von Pitchley, nachdem er ihn angewiesen hatte, einem der Beamten, die seinen Wagen bewachten, seine Adresse und Telefonnummer zu hinterlassen. Er traf in der Mitte der Straße mit der Beamtin zusammen und nahm die Handtasche entgegen.

»Wo haben Sie sie gefunden?«

»Da hinten, ungefähr zehn Meter zurück. Unter dem Auto da, dem Montego. Schlüssel und Geldbörse sind drin. Ausweis auch, und Führerschein.«

»Ist sie von hier?«

»Aus Henley«, antwortete die Beamtin.

Leach öffnete die Handtasche, kramte den Schlüsselbund heraus und reichte ihn der Beamtin. »Prüfen Sie mal, ob einer davon zu einem Auto hier in der Gegend passt«, sagte er kurz, und während sie sich auf den Weg machte, um dem Befehl nachzukommen, nahm er die Geldtasche heraus und klappte sie auf, um sich den Ausweis anzusehen.

Nichts rührte sich bei ihm, als er den Namen las. Später fragte er sich, wieso es nicht augenblicklich gefunkt hatte. Aber er fühlte sich zu diesem Zeitpunkt so zerschlagen, dass er sich erst noch die Organspendekarte ansehen und den Namen auf den Schecks lesen musste, bevor er begriff, wer die Frau war.

Er sah von der Handtasche in seinen Händen zu dem zerschundenen Leichnam hinunter, der wie ein Bündel weggeworfener Lumpen auf der Straße lag, und sagte erschüttert: »Mein Gott, Eugenie! Es ist Eugenie.«

Am anderen Ende der Stadt stimmte Constable Barbara Havers tapfer in den Jubelgesang der anderen Partygäste ein und fragte sich, wie viele solcher Hymnen sie noch würde über sich ergehen lassen müssen, ehe sie sich mit Anstand aus dem Staub machen konnte. Die nächtliche Stunde war es nicht, die ihr zu schaffen machte. Zwar würde es ihren Schönheitsschlaf kritisch verkürzen, wenn sie nicht bald ins Bett kam, da aber selbst ein Dornröschenschlaf an ihrer äußeren Erscheinung nichts hätte retten können, lebte sie ganz gut in dem Wissen, dass sie von Glück sagen konnte, wenn sie vier Stunden Schlaf bekam. Nein, was ihr zu schaffen machte, war die Frage, warum man sie und ihre Kollegen von New Scotland Yard in diesem überheizten Haus in Stamford Brook zusammengepfercht hatte und seit nunmehr fünf Stunden hier festhielt.

Natürlich war der fünfundzwanzigste Hochzeitstag ein Grund zum Feiern. Die Paare ihrer Bekanntschaft, die diesen Meilenstein auf dem holprigen Weg der Ehe erreicht hatten, konnte sie an den Fingern einer Hand abzählen. Aber das Paar, um das es hier ging, erschien ihr irgendwie seltsam, als wäre etwas nicht echt. Vom ersten Moment an, als sie das Wohnzimmer betreten hatte, wo gelbes Krepppapier und grüne Ballons nur notdürftig eine Schäbigkeit vertuschten, die mehr mit Gleichgültigkeit als mit Armut zu tun hatte, war sie den Eindruck nicht losgeworden, dass das Jubelpaar und die versammelten Gäste alle in einem Familiendrama mitspielten, für das man ihr - Barbara - keinen Text gegeben hatte.

Anfangs redete sie sich ein, dieses Außenseitergefühl rühre daher, dass sie ungewohnterweise zusammen mit ihren Vorgesetzten feierte, von denen einer sie vor knapp drei Monaten vor dem beruflichen Absturz gerettet hatte, während der andere ihr am liebsten höchstpersönlich den tödlichen Tritt gegeben hätte. Später sagte sie sich, ihr Unbehagen sei darauf zurückzuführen, dass sie wie immer ohne Begleitung auf der Party erschienen war, während alle anderen jemanden mitgebracht hatten. Selbst Constable Winston Nkata, der ihr unter den Kollegen der Liebste war, war mit seiner Mutter gekommen, einer großen imposanten Frau, die in den lebhaften Farben ihrer karibischen Heimat gekleidet war. Am Ende diagnostizierte sie die simple Tatsache, dass andere einen Partner hatten, mit dem sie den Hochzeitstag feiern konnten, und sie nicht, als Quelle ihres Missbefindens und schimpfte sich angewidert einen gemeinen Neidhammel.

Aber nicht einmal diese Erklärung hielt genauerer Prüfung stand. Normalerweise fiel es Barbara nicht ein, Energie an Gefühle wie Neid und Eifersucht zu verschwenden. Zwar wären solche negativen Regungen gerade an diesem Abend verständlich gewesen: Auf allen Seiten umgaben sie heiter schwatzende Paare und Grüppchen - Ehepaare, Eltern mit ihren Kindern, Freundescliquen, Liebespaare -, während sie selbst ohne Kind und Kegel dastand und nicht hoffen konnte, dass sich an dieser Situation etwas ändern würde. Aber nachdem sie sich in bewährter Reaktion auf diese Lage der Dinge mit Köstlichkeiten vom Büfett abgelenkt hatte, war sie sehr schnell dazu übergegangen, mit Dankbarkeit die vielen Freiheiten zu bedenken, die sie sich, ungebunden wie sie war, erlauben konnte, und alle beunruhigenden Gefühle, die ihren Seelenfrieden zu stören drohten, rigoros zu verscheuchen.

Dennoch war sie längst nicht so guter Dinge, wie sie auf so einer Party hätte sein können, und als das Jubelpaar mit vereinten Händen ein Riesenmesser ergriff und einer Torte zu Leibe rückte, die mit Marzipanrosen und Zuckerherzen und den Worten Viel Glück, Malcolm undFrances verziert war, sah Barbara verstohlen in die Runde, um festzustellen, ob außer ihr noch jemand sich mehr für die Uhrzeit interessierte als für die Feier. Nein. Die Aufmerksamkeit aller Gäste war auf Superintendent Malcolm Webberly und seine Ehefrau Frances gerichtet.

Barbara war Webberlys Frau vor diesem Abend nie begegnet, und während sie jetzt zusah, wie diese ihrem Mann einen Bissen Torte in den Mund schob und dann lachend einen von ihm entgegennahm, wurde ihr bewusst, dass sie den ganzen Abend lang jeden Kontakt zu Frances Webberly gemieden hatte. Miranda, die Tochter des Hauses, die für diesen Abend in die Rolle der Gastgeberin geschlüpft war, hatte sie miteinander bekannt gemacht, und sie hatten ein paar höfliche Worte gewechselt, wie das die Form gebot. Wie lange arbeiten Sie schon mit meinem Mann zusammen? undFinden Sie die Arbeit in einem Beruf, wo man rundherum mit Männern in Konkurrenz ist, nicht schwierig? und Was hat Sie denn bewogen, zur Mordkommission zu gehen? Während des ganzen Gesprächs hatte Barbara nur gewünscht, Frances entkommen zu können, obwohl diese durchaus freundlich gewesen war und sie mit ihren vergissmeinnichtblauen Augen herzlich angestrahlt hatte.

Aber vielleicht war es gerade der Blick dieser Augen, der bei ihr Unbehagen hervorrief, der Blick und das, was sich hinter ihm verbarg: ein Gefühl, eine Unruhe, etwas, das spürbar nicht so war, wie es sein sollte.

Aber was genau dieses Etwas war, hätte Barbara nicht sagen können. Sie widmete sich also den, wie sie aus tiefstem Herzen hoffte, letzten Momenten der Party und applaudierte mit den anderen, nachdem die letzten Takte der Gratulationshymne verklungen waren.

»Jetzt verratet uns mal, wie ihr es geschafft habt!«, rief jemand aus der Menge, als Miranda Webberly herankam, um ihre Eltern beim Tortenschneiden abzulösen.

»Indem wir keine großen Erwartungen hatten«, antwortete Frances Webberly prompt und umfasste mit beiden Händen den Arm ihres Mannes. »Das musste ich schon zeitig lernen, nicht wahr, Schatz? Nichts zu erwarten, meine ich. Und es war gut so. Das Einzige, was ich nämlich durch diese Ehe gewonnen habe - abgesehen von meinem Malcolm natürlich -, sind die fünf Kilo, die ich nach der Schwangerschaft mit Randie nie wieder losgeworden bin.«

Die Gästen stimmten in ihr herzliches Gelächter ein. Miranda senkte nur den Kopf und fuhr fort, die Torte aufzuschneiden.

»Das scheint mir doch ein gutes Geschäft gewesen zu sein«, bemerkte Helen Lynley, die Frau von Barbaras direktem Vorgesetzten, Inspector Thomas Lynley. Sie hatte eben einen Teller mit Torte von Miranda entgegengenommen und tätschelte dem jungen Mädchen liebevoll die Schulter.

»Sie sagen es«, stimmte Superintendent Webberly zu. »Wir haben die beste Tochter der Welt.«

»Sie haben natürlich ganz Recht«, sagte Frances mit einem Lächeln zu Helen. »Ohne Randie wäre ich verloren. Aber warten Sie nur, Gräfin, wenn erst für Sie die Zeit kommt, wo Sie dick und schwerfällig werden, dann werden Sie wissen, wovon ich spreche. Lady Hillier, ein Stück Torte?«

Das ist es, dachte Barbara. Das ist es, was nicht stimmt. Gräfin und Lady! Total daneben von Frances Webberly, mit diesen Titeln um sich zu werfen! Helen Lynley machte von ihrem Titel niemals Gebrauch und hätte sich genau wie ihr Mann, der nicht nur Inspector der Kriminalpolizei bei New Scotland Yard war, sondern auch ein waschechter Graf alten Geschlechts, lieber die Zunge abgebissen, als auf ihre adelige Abstammung hinzuweisen. Und Lady Hillier war zwar die Ehefrau von Assistant Commissioner Sir David Hillier - der wiederum keine Gelegenheit ausließ, um jeden, der es hören wollte, wissen zu lassen, dass er geadelt worden war -, aber sie war außerdem Frances Webberlys leibliche Schwester, und wenn Frances sie so förmlich anredete, wie sie es den ganzen Abend getan hatte, dann erschien das beinahe wie ein bewusstes Bemühen, Unterschiede zwischen den beiden hervorzuheben, die sonst ganz sicher unbeachtet geblieben wären.

Alles höchst seltsam, dachte Barbara. Sehr merkwürdig. Irgendwie - bizarr.

Sie beschloss, sich ein wenig zu Helen zu gesellen, von der die Gesellschaft abgerückt zu sein schien, seit Frances Webberly sie mit Gräfin tituliert hatte. Sie stand ganz allein da mit ihrem Kuchenteller in der Hand. Ihrem Mann fiel es offenbar gar nicht auf - typisch Mann -, er war im Gespräch mit zwei Kollegen, Inspector Angus MacPherson, der seine Gewichtsprobleme bekämpfte, indem er ein Stück Torte von der Größe eines Schuhkartons vertilgte, und Inspector John Stewart, der mit zwanghafter Pedanterie die Kuchenkrümel auf seinem Teller zu einem Muster anordnete, das einem Union Jack glich. Barbara beschloss also, Helen aus der Isolation zu retten.

»Und - sind Euer Durchlaucht angetan von den Festivitäten des Abends?«, fragte sie mit leiser Ironie, als sie bei Helen angekommen war. »Oder haben die Untertanen nicht genug gekatzbuckelt?«

»Barbara! Benehmen Sie sich!«, sagte Helen tadelnd, aber sie lachte dabei.

»Das kann ich nicht. Ich hab einen Ruf zu verteidigen.« Barbara nahm dankend ein Stück Torte entgegen und machte sich mit Genuss darüber her. »Euer Schlankheit sollten wenigstens versuchen, sich uns anzugleichen und ein wenig in die Breite zu gehen. Haben Sie mal dran gedacht, Querstreifen zu tragen?«

»Hm, da wäre die Tapete, die ich für das Gästezimmer gekauft habe«, meinte Helen nachdenklich. »Die ist zwar längs gestreift, aber ich könnte sie ja quer verarbeiten.«

»Das schulden Sie uns anderen Frauen einfach. Neben Ihnen sehen wir alle wie Elefantinnen aus. Wie schaffen Sie es nur, allen Versuchungen zum Trotz Ihr Gewicht unverändert zu bewahren?«

»Lange wird mir das wahrscheinlich nicht mehr gelingen«, sagte Helen.

»Na, also da würde ich keine fünf Pfund drauf -« Barbara registrierte plötzlich, was Helen gesagt hatte, sah sie erstaunt an und bemerkte das ungewohnt verschämte Lächeln.

»Himmel und Hölle!«, sagte sie beinahe ehrfürchtig. »Sie sind wirklich… Ich meine, Sie und der Inspector…? Mann, das ist echt Spitze!« Sie sandte einen Blick durchs Zimmer zu Lynley, der, den blonden Kopf leicht zur Seite geneigt, konzentriert irgendeiner Geschichte zuhörte, die Angus MacPherson ihm gerade erzählte.

»Der Inspector hat kein Wort davon gesagt.«

»Wir haben es erst diese Woche erfahren. Es weiß noch keiner. Wir fanden es so am besten.«

»Ach so. Hm. Ja.« Barbara wusste nicht, was sie davon halten sollte, dass Helen Lynley sie soeben ins Vertrauen gezogen hatte. Plötzliche Wärme überflutete sie, und sie musste gegen einen Kloß im Hals kämpfen. »Also, das ist echt toll. Ich gratuliere! Keine Angst, Helen, ich werd das Kind nicht aus dem Sack lassen, solange Sie es nicht wollen.«

Während sie beide noch über das kleine Wortspiel lachten, sah Barbara eine der Frauen vom Partyservice mit einem schnurlosen Telefon in der Hand aus der Küche kommen.

»Ein Anruf für den Superintendent«, verkündete sie in bedauerndem Ton und fügte »Tut mir Leid« hinzu, als meinte sie, sie hätte den Anruf irgendwie verhindern können.

»Oho, hier kommt der Verdruss«, brummte Angus MacPherson, und Frances rief: »Um diese Zeit? Malcolm, du kannst doch jetzt nicht…«

Unter den Gästen entstand teilnehmendes Gemurmel. Sie wussten alle aus eigener direkter oder indirekter

Erfahrung, was so ein Anruf nachts um ein Uhr bedeutete. Und natürlich wusste es auch Webberly. Er sagte: »Kann man nicht ändern, Frances«, und tätschelte ihr kurz die Schulter, bevor er sich das Telefon geben ließ.

Es wunderte Thomas Lynley nicht, dass der Superintendent sich bei seinen Gästen entschuldigte und mit dem Hörer am Ohr die Treppe hinaufging. Es wunderte ihn jedoch, wie lange sein Chef fort blieb. Es vergingen mindestens zwanzig Minuten, und in dieser Zeit aßen die Gäste ihren Kuchen auf, tranken den letzten Schluck Kaffee und begannen von Aufbruch zu sprechen. Frances Webberly protestierte mit nervösen Blicken zur Treppe. Sie könnten doch nicht einfach so gehen, sagte sie, bevor Malcolm Gelegenheit hätte, sich bei ihnen für ihr Kommen zu bedanken. Wollten sie nicht wenigstens auf Malcolm warten?

Über den wahren Grund für ihre hochgradige Nervosität sagte sie nichts. Wenn die Gäste wirklich gingen, bevor ihr Mann sein Telefongespräch beendet hatte, verlangte die Höflichkeit, dass Frances die Leute, die mit ihr und ihrem Mann zusammen gefeiert hatten, zum Abschied in den Garten hinausbegleitete. Aber das konnte sie nicht. Malcolm hatte mit den wenigsten seiner Kollegen je darüber gesprochen, aber Frances hatte seit mehr als zehn Jahren das Haus nicht mehr verlassen.

»Phobien«, hatte er einmal beinahe beiläufig zu Lynley gesagt, als die Rede auf seine Frau gekommen war. »Mit kleinen Dingen, die mir zunächst gar nicht auffielen, fing es an. Und als ich dann aufmerksam wurde, war es bereits so weit, dass sie den ganzen Tag nur im Schlafzimmer saß. In eine Wolldecke gewickelt! Guter Gott, man stelle sich das vor!«

Die Geheimnisse, mit denen Menschen leben, dachte Lynley, während er Frances beobachtete, wie sie mit einer Heiterkeit, die etwas Schrilles hatte, einem Hauch grimmer Entschlossenheit und ängstlichen Eifers zwischen ihren Gästen herumschwirrte. Randie hatte ihre Eltern mit einer Jubiläumsfeier in einem Restaurant in der Nähe überraschen wollen, wo mehr Platz gewesen wäre und die Gäste hätten tanzen können. Aber in Anbetracht von Frances' Zustand war das nicht möglich gewesen, und man hatte sich darauf beschränken müssen, zu Hause zu feiern, in dem ziemlich verwahrlosten alten Haus in Stamford Brook.

Webberly kam schließlich wieder herunter, als die Gäste schon im Aufbruch waren, zur Tür geleitet von seiner Tochter, die mit einem Arm ihre Mutter umschlungen hielt. Es war eine liebevolle Geste von Randie, die einerseits Frances Sicherheit geben, andererseits verhindern sollte, dass diese in Panik von der offenen Tür floh.

»Ihr geht doch noch nicht?«, rief Webberly mit dröhnender Stimme von der Treppe herab. Er hatte sich eine Zigarre angezündet, von der eine dicke blaue Wolke zur Zimmerdecke aufstieg. »Die Nacht ist noch jung.«

»Die Nacht ist der Morgen«, entgegnete Laura Hillier. Sie tätschelte ihrer Nichte liebevoll die Wange. »Das war wirklich ein schönes Fest, Randie. Deine Eltern können stolz auf dich sein.«

Hand in Hand mit ihrem Mann trat sie ins Freie hinaus, wo es endlich aufgehört hatte zu regnen.

Assistant Commissioner Hilliers Abgang wirkte wie ein Signal, und nun begann die Gesellschaft, sich endgültig aufzulösen. Lynley wartete mit Helen zusammen nur noch auf den Mantel seiner Frau, der irgendwo im oberen

Stockwerk ausgegraben werden musste, als Webberly zu ihm trat und leise sagte: »Bleiben Sie noch einen Moment, Tommy. Wenn es Ihnen recht ist.«

Webberlys Gesicht hatte einen angespannten Zug, der Lynley veranlasste, ohne Zögern »natürlich, gern« zu sagen, während Helen neben ihm spontan rief: »Frances, haben Sie nicht zufällig Ihre Hochzeitsbilder in der Nähe? Ich fahre erst nach Hause, wenn ich Sie an Ihrem schönsten Tag gesehen habe.«

Lynley warf ihr einen dankbaren Blick zu.

Zehn Minuten später war das Haus leer, und während Helen sich mit Frances Webberly Fotos ansah und Miranda den Leuten vom Partyservice beim Aufräumen half, zogen sich Lynley und Webberly ins Arbeitszimmer zurück, einen engen kleinen Raum, in dem selbst das spärliche Inventar - Schreibtisch, Sessel, Bücherregale - kaum Platz hatte.

Vielleicht aus Rücksicht auf Lynley ging Webberly zum Fenster und öffnete es, um den Rauch seiner Zigarre hinauszulassen. Kalte, regenschwere Herbstluft strömte ins Zimmer.

»Setzen Sie sich, Tommy.« Webberly selbst blieb am Fenster stehen, ein Schatten jenseits des Lichts, das von der Deckenlampe herabfiel, und kaute auf der Unterlippe, als wüsste er nicht recht, wie er in Worte fassen sollte, was er zu sagen hatte. Lynley wartete schweigend.

Draußen auf der Straße krachte die Gangschaltung eines Autos, drinnen im Haus wurden knallend Küchenschränke zugeschlagen. Die Geräusche schienen Webberly aus seiner Unschlüssigkeit zu reißen. Er blickte auf und sagte: »Das war eben ein Kollege namens Leach am Telefon. Wir waren früher Partner. Ich hatte ihn seit Jahren nicht mehr gesprochen. Es ist schon traurig, wenn man sich so aus den Augen verliert. Ich weiß nicht, wie es kommt, aber es ist so.«

Lynley war klar, dass Webberly ihn nicht zu bleiben gebeten hatte, um ihm melancholische Vorträge über den Zustand einer alten Freundschaft zu halten. Dazu war Viertel vor zwei Uhr nachts weiß Gott nicht die geeignete Zeit. Aber um dem Mann, mit dem er schon so lange zusammenarbeitete, das Reden zu erleichtern, sagte er: »Ist Leach noch bei der Polizei, Sir? Ich glaube, ich kenne ihn nicht.«

»Nordwest-London«, erwiderte Webberly. »Er und ich haben vor zwanzig Jahren zusammengearbeitet.«

»Ah.« Lynley rechnete. Webberly wäre damals fünfunddreißig gewesen, das hieß, dass er von seiner Dienstzeit in Kensington sprach. »Kripo?«, fragte er.

»Er war mein Sergeant. Er ist jetzt in Hampstead Leiter der Mordkommission. Inspector Eric Leach. Ein guter Mann. Ein sehr guter Mann.«

Lynley betrachtete Webberly nachdenklich: das dünne, von Grau durchzogene, blonde Haar hastig über die Stirn gebürstet; der von Natur aus frische rosige Teint blass, der Kopf halb gesenkt, als drückte eine allzu schwere Last auf seinen Schultern. Ein Gesamtbild, das nur eine Erklärung zuließ - schlechte Nachrichten.

Ohne aus dem Schatten zu treten, sagte Webberly: »Er bearbeitet einen Fall von Fahrerflucht in West Hampstead. Darum hat er angerufen. Die Geschichte ist heute Abend um zehn oder elf Uhr passiert. Das Opfer ist eine Frau.« Er hielt inne, schien auf eine Reaktion von Lynley zu warten. Als Lynley sich mit einem kurzen Nicken begnügte - Fahrerflucht kam in einer Großstadt, wo Ausländer leicht vergaßen, auf welcher Straßenseite sie zu fahren hatten, in welche Richtung sie zu schauen hatten, wenn sie zu Fuß gingen, erschreckend häufig vor -, senkte Webberly den Blick auf seine Zigarre und räusperte sich. »Nach Lage der Dinge vermuten die Kollegen von der Spurensicherung, dass jemand sie zunächst angefahren und danach bewusst noch einmal überfahren hat; dass der Betreffende dann ausgestiegen ist, den Leichnam an den Straßenrand gezerrt hat und weggefahren ist.«

»O Gott«, murmelte Lynley.

»Ihre Handtasche wurde ganz in der Nähe gefunden. Mit Schlüsseln und Ausweispapieren. Und ihr Auto war auch nicht weit weg in derselben Straße abgestellt. Auf dem Beifahrersitz lagen ein Londoner Stadtplan und ein Zettel mit einer Wegbeschreibung zu der Straße, in der sie getötet wurde. Eine Adresse war auch dabei: Crediton Hill zweiunddreißig.«

»Und wer wohnt dort?«

»Der Mann, der die Frau gefunden hat, Tommy. Er fuhr ganz zufällig keine Stunde nach dem >Unfall< durch eben diese Straße.«

»Hat er die Frau bei sich zu Hause erwartet? War er mit ihr verabredet?«

»Soweit wir wissen, nicht, aber wir wissen bis jetzt noch nicht viel. Leach sagte, der Bursche machte ein Gesicht, als hätte er in eine Zitrone gebissen, als sie ihm mitteilten, dass die Frau einen Zettel mit seiner Adresse in ihrem Wagen liegen hatte. Er sagte angeblich nur: >Das ist ausgeschlossen^ und rief dann sofort seinen Anwalt an.«

Was natürlich sein gutes Recht war, wenn auch etwas verdächtig als erste Reaktion auf die Nachricht, dass man bei der Toten seine Adresse gefunden hatte.

Aber Lynley verstand noch immer nicht, wieso dieser Fall von Fahrerflucht, so merkwürdig die Umstände seiner Entdeckung waren, für Inspector Leach Anlass gewesen waren, Webberly noch nachts um ein Uhr anzurufen, und wieso Webberly sich bemüßigt fühlte, ihm - Lynley - jetzt von diesem Anruf zu berichten.

»Sir«, sagte er, »fühlt Inspector Leach sich mit diesem Fall aus irgendeinem Grund überfordert? Läuft es bei der Mordkommission Hampstead nicht so, wie es laufen sollte?«

»Sie wollen wissen, warum er angerufen hat? Und warum ich jetzt Ihnen mit der Sache komme?« Webberly ließ sich schwer in den Sessel hinter seinem Schreibtisch fallen und sagte, ohne auf Lynleys Antwort zu warten: »Wegen der Frau, die bei dem Unfall ums Leben kam, Tommy. Es ist Eugenie Davies, und ich möchte, dass Sie sich zusammen mit Leach um den Fall kümmern. Ich werde Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um herauszubekommen, was ihr zugestoßen ist. Das war Leach sofort klar, als er sah, wer sie war.«

Lynley runzelte die Stirn. »Und wer war sie?«

»Wie alt sind Sie, Tommy?«

»Siebenunddreißig, Sir.«

Webberly seufzte. »Dann sind Sie wohl zu jung, um die Geschichte zu kennen.«

Gideon

23. August

Mir gefiel die Art nicht, wie Sie mir die Frage stellten, Dr. Rose. Ich fühlte mich beleidigt, sowohl von Ihrem Ton als auch von der subtilen Intention Ihrer Frage. Sagen Sie jetzt bitte nicht, es hätte da nichts Subtiles gegeben; ich bin kein Idiot. Und erzählen Sie mir nichts von der »tatsächlichen Bedeutung« dessen, was der Patient in Ihre Worte hineinliest. Ich weiß, was ich gehört habe, ich weiß, was geschehen ist, und ich kann beides für Sie in einem Satz zusammenfassen: Sie lasen, was ich geschrieben hatte, entdeckten eine Lücke in der Geschichte und stürzten sich darauf wie ein Ankläger, der nur eines im Sinn hat - den Verdächtigen zu überführen.

Lassen Sie mich wiederholen, was ich bereits während unserer Sitzung sagte: Ich erwähnte meine Mutter deshalb erst in diesem letzten Satz, weil ich die Aufgabe erfüllen wollte, die Sie mir gestellt hatten, nämlich niederzuschreiben, woran ich mich erinnere. Was ich schrieb, das schrieb ich so, wie es mir in den Sinn kam. Und meine Mutter kam mir ganz einfach nicht vor diesem Zeitpunkt in den Sinn: dem Tag, an dem Raphael Robson mein Lehrer und Tutor wurde.

Aber das italienisch-griechisch-portugiesisch-spanische junge Mädchen, das kam Ihnen in den Sinn?, fragen Sie mit dieser unerträglichen Milde und Gelassenheit, die Sie kultivieren.

Ganz recht, ja, das Mädchen kam mir in den Sinn. Und was ist daraus nun zu schließen? Dass ich eine bisher unerwähnte Affinität zu portugiesisch-spanischitalienisch-griechischen Frauen habe, meiner bisher verleugneten Dankesschuld an eine junge Frau ohne Namen entsprungen, die mich unwissentlich auf den Weg zum Erfolg geführt hat? Ist es so, Dr. Rose?

Ah, ich verstehe. Sie geben mir keine Antwort. Sie halten, im Sessel Ihres Vaters verschanzt, sicheren Abstand und betrachten mich mit Ihrem seelenvollen Blick, und ich soll diese Distanz zwischen uns als den Bosporus betrachten, der darauf wartet, von mir durchschwommen zu werden. Ich soll gewissermaßen den Sprung in die Gewässer der Wahrheit tun. Als spräche ich nicht die Wahrheit.

Sie war da. Natürlich war meine Mutter da. Und wenn ich anstelle meiner Mutter das italienische Mädchen erwähnte, dann aus dem einfachen Grund, weil die Italienerin - und warum, verflixt noch mal, kann ich mich nicht an ihren Namen erinnern? - in der Gideon-Legende eine Rolle spielt und meine Mutter nicht. Ich glaubte, Sie hätten mir aufgetragen, niederzuschreiben, woran ich mich erinnere, und dabei bis zu meiner frühesten Erinnerung zurückzugehen. Wenn das nicht Ihr Auftrag war, wenn Sie vielmehr wünschten, ich würde Ihnen die entscheidenden Details einer Kindheit auftischen, die großenteils Erfindung ist, aber so sauber und steril aufbereitet, dass Sie identifizieren und etikettieren können, wo und was Sie wollen - O ja, ich bin wütend, Sie brauchen mich gar nicht erst darauf hinzuweisen. Weil ich nämlich nicht einsehe, was meine Mutter, eine Analyse meiner Mutter oder auch nur ein oberflächliches Gespräch über meine Mutter mit dem zu tun haben soll, was in der Wigmore Hall geschehen ist. Und das ist schließlich der Grund, warum ich Sie aufgesucht habe, Dr. Rose. Das wollen wir doch nicht vergessen. Ich habe mich bereit erklärt, diese Prozedur mitzumachen, weil ich dort, in der Wigmore Hall, vor einem Publikum, das eine Menge Geld bezahlt hatte, um das East London Conservatory zu unterstützen - das ich übrigens selbst regelmäßig unterstütze -, auf die Bühne trat, meine Violine hob, meinen Bogen zur Hand nahm, wie gewohnt die Finger meiner linken Hand lockerte, dem Pianisten und dem Cellisten zunickte und - nicht spielen konnte. Mein Gott, können Sie sich überhaupt vorstellen, was das bedeutet?

Das war kein Lampenfieber, Dr. Rose, und auch keine vorübergehende Blockierung wegen eines bestimmten Musikstücks, das ich übrigens vor dem Auftritt zwei Wochen lang geprobt hatte. Es war ein vollständiger und demütigender Verlust der Fähigkeit zu spielen. Nicht nur war die Erinnerung an die Musik aus meinem Gehirn gelöscht, ich wusste plötzlich auch nicht mehr, wie man spielt - geschweige denn, wie man lebt. Ebenso gut hätte ich nie eine Geige in der Hand gehalten haben können oder die letzten einundzwanzig Jahre meines Lebens irgendwo im stillen Kämmerlein verbracht haben können, statt vor Publikum zu spielen.

Sherill begann mit dem Allegro. Ich hörte es, und es sagte mir nichts. Dann kam die Stelle, wo ich mit der Geige hätte einsetzen müssen - nichts. Ich wusste weder, was ich zu tun noch wann ich es zu tun hatte. Ich war, wie einst Lots Weib, buchstäblich zur Salzsäule erstarrt.

Sherill sprang für mich ein. Er improvisierte - bei Beethoven! Er führte mit seinen Improvisationen zu der Stelle zurück, an der mein Einsatz hätte kommen müssen. Wieder nichts! Nur Stille. Ein Vakuum. Und die Stille toste in meinem Kopf wie ein Orkan.

Als das geschah, rannte ich von der Bühne, blindlings und am ganzen Körper zitternd, stürzte ich hinaus. Mein

Vater erwartete mich im grünen Zimmer und rief: »Was ist, Gideon? Um Gottes willen! Was ist?« Keinen Schritt hinter ihm war Raphael.

Ich warf ihm noch meine Geige in die Hände, bevor ich zusammenbrach. Aufgeregtes Gemurmel rundherum, die Stimme meines Vaters, der sagte: »Es ist diese Frau, diese verwünschte Person, richtig? Das haben wir ihr zu verdanken. Verdammt noch mal, reiß dich zusammen, Gideon. Du hast Verpflichtungen.«

Und Sherill, der gleich nach mir die Bühne verlassen hatte, fragte: »Gid? Was ist denn los? Sind dir die Nerven durchgegangen? Mist, das passiert schon mal.«

Raphael legte meine Geige auf den Tisch und sagte: »Ach Gott, ich habe immer befürchtet, dass so etwas einmal passieren würde.« Wie die meisten Menschen dachte er an sich selbst, an seine zahllosen fehlgeschlagenen Versuche, es seinem Vater und seinem Großvater gleichzutun und öffentlich aufzutreten. Alle aus seiner Familie können auf große musikalische Karrieren verweisen, nur der arme, ewig schwitzende Raphael nicht, und ich vermute, er hat insgeheim nur darauf gewartet, dass endlich die Katastrophe über mich hereinbrechen und uns beide zu Brüdern im Unglück machen würde. Er warnte unermüdlich vor den Gefahren einer Blitzkarriere, als nach meinem ersten öffentlichen Konzert, bei dem ich sieben Jahre alt war, mein Stern aufging und bald viele andere überstrahlte. Offensichtlich ist er der Ansicht, dass ich jetzt den Lohn für diesen rasanten Aufstieg ernte.

Aber was ich da zunächst auf der Bühne vor dem Publikum erlebte und danach im grünen Zimmer, das war keine Nervenkrise, Dr. Rose, das war etwas wie ein Ende, so umfassend und unabänderlich fühlte es sich an. Und das Merkwürdige war, dass ich zwar alle Stimmen hörte - die meines Vaters, Raphaels, Sherills -, aber dabei nur ein weißes Licht sah, das auf eine blaue, blaue Tür fiel.

Habe ich eine »Episode«, Dr. Rose, wie mein Großvater? Habe ich eine Episode, die ein Aufenthalt auf dem Land kurieren kann? Bitte, Sie müssen es mir sagen! Denn ich mache nicht Musik, ich bin die Musik, und wenn ich sie nicht mehr habe - den Klang, die reine Erhabenheit des Klangs -, bin ich nichts als eine leere Hülse.

Und nun sagen Sie mir, was es für eine Rolle spielt, dass ich bei dem Bericht über meine Einführung in die Musik meine Mutter nicht erwähnte! Es war eine Unterlassung von »Schall und Wahn«, und es wäre klug von Ihnen, ihr die entsprechende Bedeutung zuzumessen. Aber jetzt wäre es Absicht, sie unerwähnt zu lassen, entgegnen Sie. Und sagen: Erzählen Sie mir von Ihrer Mutter, Gideon.

25. August

Sie ist arbeiten gegangen. In meinen ersten vier Lebensjahren war sie immer und zuverlässig da, aber als sich zeigte, dass sie ein Kind von außergewöhnlicher Begabung hatte, die Förderung verdiente, was nicht nur Zeit, sondern auch sehr viel Geld kosten würde, suchte sie sich Arbeit, um die finanzielle Last mitzutragen. Ich war von da an meiner Großmutter anvertraut - wenn ich nicht Geige übte, bei Raphael Stunden hatte, die Plattenaufnahmen anhörte, die er mir mitbrachte, oder in seiner Begleitung Konzerte besuchte -, aber mein Leben hatte sich seit dem Tag, an dem ich zum ersten Mal die Musik am Kensington Square hörte, so grundlegend verändert, dass ich meine Mutter kaum vermisste. Vor dieser Zeit jedoch, daran erinnere ich mich genau, pflegte ich sie beinahe jeden Tag, so scheint es mir jedenfalls, in die Frühmesse zu begleiten.

Eine Nonne aus dem Kloster bei uns am Platz, mit der sie sich angefreundet hatte, machte es möglich, dass meine Mutter täglich die Morgenmesse besuchen durfte, die eigentlich nur für die Nonnen gelesen wurde. Ich muss dazu sagen, dass meine Mutter zum Katholizismus übergetreten war, wobei ich nicht weiß, ob dies infolge einer echten Bekehrung zu einer anderen Glaubenslehre geschah oder als Ohrfeige für ihren Vater gedacht war, der anglikanischer Geistlicher und, soweit ich gehört habe, kein besonders angenehmer Zeitgenosse gewesen war. Mehr weiß ich über ihn nicht.

Über meine Mutter weiß ich natürlich mehr, aber im Grunde genommen ist sie für mich nur eine schattenhafte Gestalt, denn sie hat ja die Familie verlassen, als ich noch relativjung war. Neun oder zehn war ich - ich weiß es nicht mehr genau - und erfuhr bei meiner Heimkehr von einer Konzertreise durch Österreich, dass meine Mutter fortgegangen war, ohne eine Spur zu hinterlassen. Sie hatte alles mitgenommen, was ihr gehörte, jedes Kleidungsstück und jedes Buch, dazu eine große Zahl Familienfotografien, und war verschwunden wie ein Dieb in der Nacht. Allerdings war es Tag gewesen, wie man mir erzählte, und sie hatte sich ein Taxi genommen. Sie ließ keinen Brief und keine Adresse für uns zurück. Ich hörte nie wieder von ihr.

Mein Vater war mit mir in Österreich gewesen - er begleitete mich stets auf Konzertreisen, wie übrigens häufig auch Raphael - und wusste so wenig wie ich darüber, wohin und aus welchen Gründen meine Mutter gegangen war. Ich weiß nur, als wir nach Hause kamen, hatte mein Großvater eine seiner »Episoden«, meine Großmutter saß weinend auf der Treppe, und Calvin, der Untermieter, suchte allein und ohne Hilfe nach einer Telefonnummer, bei der er anrufen könnte.

Calvin, der Untermieter?, fragen Sie. War der frühere Mieter - James, richtig? - nicht mehr da?

Nein. Er muss im Jahr zuvor ausgezogen sein. Oder noch ein Jahr früher. Ich weiß es nicht mehr. Wir hatten im Lauf der Zeit eine ganze Reihe Untermieter. Anders wären wir finanziell nicht über die Runden gekommen, wie ich bereits sagte.

Erinnern Sie sich an alle?, fragen Sie.

Nein. Nur an die, die für mich eine besondere Bedeutung hatten, vermute ich. An Calvin, weil er an dem Abend da war, als ich erfuhr, dass meine Mutter uns verlassen hatte. An James, weil er dabei gewesen war, als alles begann.

Alles?

Ja. Die Musik. Der Geigenunterricht. Die Stunden bei Miss Orr. Alles eben.

26. August

Für mich ist jeder mit Musik verbunden. Wenn ich an Rosemary Orr denke, fällt mir unweigerlich Brahms ein, das Violinkonzert, das sie aufgelegt hatte, als ich ihr das erste Mal begegnete. Bei Raphael denke ich an Mendelssohn. Bei meinem Vater ist es Bach, die Violinsonate in G-Moll. Und mein Großvater ist für mich immer mit Paganini verbunden. Die vierundzwanzigste Caprice war sein Lieblingsstück. »Diese Fülle von Tönen«, pflegte er staunend zu sagen. »Diese vollkommenen Töne.«

Und Ihre Mutter?, fragen Sie. Welches Musikstück verbinden Sie mit Ihrer Mutter?

Keines, eigentlich. Bei ihr ist es nicht so wie bei den anderen. Ich weiß nicht, woher das kommt. Das ist interessant. Vielleicht eine Form der Verleugnung? Oder der Verdrängung von Gefühlen? Ich weiß es nicht. Sie sind die Psychiaterin. Erklären Sie es mir.

Ich tue das übrigens auch heute noch. Ich meine, dass ich ein bestimmtes Musikstück mit einer bestimmten Person verknüpfe. Bei Sherill beispielsweise denke ich sofort an Bartoks Rhapsodie. Das ist das Stück, das wir beide spielten, als wir das erste Mal gemeinsam öffentlich auftraten, vor Jahren, in St. Martin's in the Fields. Wir haben es seither nie wieder gespielt und wir waren damals beide noch Teenager - das amerikanische und das englische Wunderkind, das gab hervorragende Presse, glauben Sie mir -, aber mir wird immer sofort der Bartok präsent sein, wenn ich an Sherill denke. So funktioniert mein Bewusstsein einfach.

Und so funktioniert es auch bei Menschen, die nicht im Geringsten musikalisch sind. Nehmen Sie zum Beispiel Libby. Habe ich Ihnen von Libby erzählt? Libby, die Untermieterin. Ja, wie James und Calvin und all die anderen, nur gehört sie in die Gegenwart und nicht in die Vergangenheit. Sie wohnt im Souterrain meines Hauses am Chalcot Square.

Ich hatte überhaupt nicht daran gedacht, die Wohnung unten zu vermieten, bis sie eines Tages bei mir vor der Tür stand, um mir einen Plattenvertrag abzuliefern, den mein Agent sofort unterzeichnet haben wollte. Sie arbeitet bei einem Kurierdienst, und ich erkannte erst, dass sie eine Frau war, als sie mir die Unterlagen gab, ihren Motorradhelm abnahm und mit einer Kopfbewegung zu den Verträgen sagte: »Ay, nehmen Sie's mir nicht übel, okay? Ich muss einfach fragen. Sind Sie Rockmusiker oder so was?« Sie hatte diese übertrieben lässige und aufdringlich freundliche Art an sich, die eine Krankheit der Kalifornier zu sein scheint.

Ich sagte: Nein, ich bin Konzertgeiger.

»Nie im Leben!«, rief sie.

Doch im Leben, sagte ich.

Woraufhin sie mich so entgeistert ansah, dass ich glaubte, ich hätte es mit einer Schwachsinnigen zu tun.

Ich unterschreibe niemals einen Vertrag, ohne ihn vorher gelesen zu haben, auch wenn mein Agent stets beleidigt behauptet, das zeige, wie wenig Vertrauen ich in seine Geschäftstüchtigkeit habe, und da ich das arme Ding - so wirkte sie damals auf mich - nicht draußen warten lassen wollte, während ich den Vertrag prüfte, bat ich sie herein. Wir gingen in die erste Etage hinauf, wo mein Musikzimmer mit Blick auf den Platz ist.

»Oh! Wau! Sie sind echt wer, hm?«, sagte sie, während wir nach oben gingen und sie die Entwürfe für die CD- Cover sah, die an der Wand im Treppenflur aufgehängt waren. »Ich komm mir richtig blöd vor.«

Ich sagte: »Unsinn«, und ging, bereits in Vertragsklauseln über Begleiter, Tantiemen und Termine vertieft, ins Musikzimmer.

»Das ist ja irre hier«, sagte sie beeindruckt, während ich zu der Fensterbank ging, auf der ich eben jetzt diese Ereignisse für Sie aufschreibe, Dr. Rose. »Wer ist der Typ da mit Ihnen auf dem Foto? Der mit den Krücken. Mann, Sie schauen aus, als wären Sie gerade mal sieben Jahre alt.«

Du meine Güte! Er ist vielleicht der größte Geiger auf Erden, und die Frau hat keine Ahnung. »Itzhak Perlman«, sagte ich.

»Und ich war damals sechs, nicht sieben.«

»Wau!«, sagte sie wieder. »Und Sie haben richtig mit ihm zusammen gespielt, obwohl Sie erst sechs waren?«

»Wohl kaum. Aber ich durfte ihm an einem Nachmittag vorspielen, als er in London war.«

»Cool!«

Während ich las, marschierte sie im Zimmer herum und kommentierte, was sie sah, mit Ausrufen aus ihrem ziemlich beschränkten Vokabular. Ganz besonders hatte es ihr anscheinend mein erstes Instrument angetan, die kleine Sechzehntelgeige, die in meinem Musikzimmer einen Ehrenplatz innehatte. Ich bewahre auch meine Guarneri dort auf, die Geige, mit der ich heute spiele. Sie lag in ihrem Kasten, und der Kasten war offen, weil ich gerade beim Üben gewesen war, als Libby mit den Verträgen kam. Unbedarft, wie sie offensichtlich war, griff sie einfach zu und zupfte die E-Saite.

Der Ton jagte mich in die Höhe wie ein Pistolenschuss. »Rühren Sie die Geige nicht an!«, brüllte ich und erschreckte sie damit so sehr, dass sie wie ein Kind reagierte, das eine Ohrfeige bekommen hat.

»'tschuldigung!«, sagte sie und wich mit ausgestreckten Armen zurück. Als ihr Tränen in die Augen traten, wandte sie sich hastig ab.

Ich legte die Vertragspapiere aus der Hand und sagte: »Tut mir Leid! Ich wollte Sie nicht erschrecken. Aber dieses Instrument ist zweihundertfünfzig Jahre alt. Ich gehe sehr sorgsam mit ihm um und erlaube im Allgemeinen niemandem -«

Mit dem Rücken zu mir, winkte sie ab. Sie holte ein paar Mal tief Luft, dann schüttelte sie energisch den Kopf, wobei ihr Haar in alle Richtungen flog - habe ich erwähnt, dass sie lockiges Haar hat? Dunkelblond und sehr kraus -, und rieb sich die Augen. Dann drehte sie sich herum und sagte: »Ist schon okay. Ich hätte die Geige nicht anrühren sollen. Das war total gedankenlos von mir. Ich kann verstehen, dass Sie mich angebrüllt haben, ehrlich. Es war nur - wissen Sie, einen Moment lang waren Sie so total Rock, dass ich Panik gekriegt hab.«

Eine Sprache vom anderen Stern. Ich sagte: »Total Rock?«

»Rock Peters«, erklärte sie. »Vormals Rocco Petrocelli und derzeit mein Nochehemann. Eigentlich leben wir getrennt, aber nur so getrennt, wie er's zulässt, weil er die Kohle und überhaupt nichts damit am Hut hat, mir zu helfen, damit ich auf eigenen Füßen stehen kann.«

Ich fand, sie sähe viel zu jung aus, um verheiratet zu sein, aber es stellte sich heraus, dass sie, so wenig man das bei ihrem Aussehen und gewissen Resten von Babyspeck, die übrigens etwas recht Niedliches hatten, vermuten konnte, dreiundzwanzig Jahre alt und seit zwei Jahren mit dem unerfreulichen Rock verheiratet war.

Für den Moment jedoch begnügte ich mich mit einem kurzen »Ach!« als Kommentar.

Sie sagte: »Er hat einen Wahnsinnsjähzorn und von ehelicher Treue noch nie was gehört. Ich wusste nie, wann er ausflippen würde. Nachdem ich mich zwei Jahre lang ständig mit eingezogenem Kopf in der Bude rumgedrückt hatte, machte ich Schluss.«

»Oh. Das tut mir Leid.« Ich gebe zu, dass ich mich bei diesen privaten Geständnissen nicht sonderlich wohl fühlte. Es ist nicht so, dass mir solche Selbstentblößungen völlig fremd sind. Alle Amerikaner, die ich kenne, haben eine Neigung zu Beichte und Zerknirschung, als gehörte in ihrer Kultur das Herzausschütten genauso zur Grundausbildung wie das Salutieren vor der Flagge. Aber wenn man etwas kennt, heißt das noch lange nicht, dass es einem willkommen ist. Ich meine, was soll man mit solchen persönlichen Informationen eines anderen anfangen?

Sie erzählte mir noch mehr. Sie wollte die Scheidung, er nicht. Sie lebten weiterhin unter einem Dach, weil sie nicht das Geld hatte, um sich von ihm zu trennen. Immer wenn sie sich gerade so viel zusammengespart hatte, wie sie brauchte, um sich auf eigene Füße zu stellen, hielt er einfach ihren Lohn so lange zurück, bis sie das mühsam Ersparte wieder aufgebraucht hatte.

»Und ich frag mich echt, warum er mich überhaupt dahaben will. Das ist so ungefähr das größte Rätsel meines Lebens, wissen Sie? Ich meine, der Typ ist total vom Herdentrieb beherrscht, wozu dann der Quatsch?«

Er war, erklärte sie mir, ein Macho ohnegleichen, ein Anhänger der Überzeugung, dass eine Gruppe weiblicher Wesen - »die Herde, capito?« - von nur einem männlichen Wesen beherrscht und begattet werden sollte.

»Das Problem ist nur, dass in Rocks Augen das gesamte weibliche Geschlecht die Herde darstellt. Und er muss sie alle bumsen, um sie glücklich zu machen.« Sie schlug sich mit der Hand auf den Mund und sagte: »Hoppla. Entschuldigung.« Und dann lachte sie und sagte: »Naja, und so weiter. Du meine Güte, ich laber Ihnen hier die Ohren voll. Tut mir echt Leid. Haben Sie die Papiere unterschrieben?«

Das hatte ich natürlich nicht getan. Ich hatte ja gar keine Gelegenheit gehabt, sie zu lesen. Ich sagte, ich würde sie gleich unterschreiben, wenn Sie noch einen Moment warten könne. Daraufhin setzte sie sich still in eine Ecke.

Ich las, machte einen kurzen Anruf, um eine Passage zu klären, unterzeichnete die Verträge und gab sie ihr zurück. Sie schob sie in ihre Tasche, sagte danke und fragte dann, den Kopf ein wenig zur Seite geneigt: »Darf ich Sie um einen Gefallen bitten?«

»Kommt darauf an.«

Sie trat leicht verlegen von einem Fuß auf den anderen. Aber dann packte sie den Stier bei den Hörnern, und ich bewunderte sie dafür. »Würden Sie - ich meine, ich habe noch nie eine Geige live gehört. Würden Sie mir bitte ein Lied vorspielen?«

Ein Lied! Sie hatte wirklich keine Ahnung! Aber auch Ahnungslose können lernen, und sie hatte höflich gefragt. Warum also nicht? Ich war sowieso beim Üben gewesen. Ich hatte an Bartoks Violinsonate gearbeitet und spielte ihr einen Teil der Melodia vor. Ich spielte so, wie ich immer spielte: mit ganzer Hingabe an die Musik, ohne Gedanken an mich selbst oder den Zuhörer. Als ich das Ende des Satzes erreichte, hatte ich ihre Anwesenheit vergessen. Ich ging zum Presto über, hörte wie immer Raphaels Mahnung: Mach es zu einer Aufforderung zum Tanz, Gideon. Spür die Lebendigkeit. Lass es funkeln wie Licht.

Zum Ende gekommen, wurde ich mir abrupt ihrer Gegenwart wieder bewusst, als sie sagte: »O wau! Wahnsinn! Ich meine, Sie sind ja echt total hervorragend!«

Als ich sie ansah, bemerkte ich, dass sie irgendwann während meines Spiels zu weinen begonnen hatte. Ihre Wangen waren feucht, und sie kramte in den Taschen ihrer Lederkluft, vermutlich auf der Suche nach einem Taschentuch, um ihre tropfende Nase zu trocknen. Es freute mich, sie mit Bartok bewegt zu haben, und noch mehr freute es mich, dass ich mit meiner Einschätzung ihrer Lernfähigkeit Recht gehabt hatte. Ich denke, das war der Grund, weshalb ich sie zum Morgenkaffee einlud. Es war ein schöner Tag, und wir tranken den Kaffee im Garten, wo ich am vorhergegangenen Nachmittag in der Laube an einem meiner Drachen gebastelt hatte.

Von den Drachen habe ich bisher nichts erzählt, nicht wahr, Dr. Rose? Nun, eigentlich gibt es dazu auch nichts weiter zu sagen. Drachenbauen ist einfach etwas, womit ich mich beschäftige, wenn ich das Gefühl habe, eine Pause von der Musik zu brauchen. Ich lasse sie auf dem Primrose Hill steigen.

Natürlich, Sie suchen gleich wieder nach einer tieferen Bedeutung, nicht wahr? Was bedeutet es für die Biografie und die gegenwärtige Lebenssituation des Patienten, dass er Drachen baut und steigen lässt? Das Unbewusste äußert sich in allen unseren Handlungen. Wir brauchen mit unserem Bewusstsein nur die Bedeutung dieser Handlungen zu erfassen und in verständliche Form zu bringen.

Drachen. Luft. Wind. Freiheit. Aber Freiheit wovon? Was für eine Freiheit brauche ich, da doch mein Leben reich und voll und rund ist?

Soll ich das Knäuel, das Sie aufzurollen suchen, noch ein wenig mehr verwirren? Ich bin nicht nur Drachenbauer, ich bin auch Segelflieger. Sie kennen diesen Sport: Man lässt sich in einem Flugzeug ohne Motor von einer Motormaschine hochziehen, klinkt dann aus und navigiert allein auf den Luftströmungen.

Mein Vater findet dieses Hobby ganz besonders beängstigend. Es hat zwischen uns zu solch heftigen Auseinandersetzungen geführt, dass wir nicht mehr darüber sprechen. Als ihm endlich klar wurde, dass er keinen Einfluss mehr darauf hat, was ich mit den wenigen Mußestunden anfange, die mir bleiben, schrie er wütend: »Ich will nichts mehr von dir wissen, Gideon!« Und von da an war das Thema zwischen uns tabu.

Es ist aber doch auch ein ziemlich gefährlicher Sport, sagen Sie.

Nicht gefährlicher als das Leben, antworte ich darauf.

Und dann fragen Sie: Was gefällt Ihnen am Segelfliegen? Die Stille? Die Beherrschung einer Kunst, die mit dem Beruf, den Sie sich erwählt haben, so gar nichts zu tun hat? Ist es eine Art der Flucht, Gideon, oder reizt Sie vielleicht das Risiko?

Da kann ich nur sagen, es ist gefährlich, zu tief zu schürfen, wenn etwas so leicht zu erklären ist: Als Kind durfte ich, nachdem meine Begabung sich gezeigt hatte, nichts tun, was meine Hände irgendwie gefährdet hätte. Drachen steigen lassen und Segelfliegen - da sind meine Hände vor Verletzung sicher.

Aber Sie sehen doch die Bedeutung solcher Tätigkeiten, Gideon, das Himmelstrebende daran?

Ich sehe nur, dass der Himmel blau ist. Blau wie die Tür. Wie diese blaue, blaue Tür.

Gideon

28. August

Ich habe getan, was Sie vorgeschlagen haben, Dr. Rose, und kann nicht mehr dazu sagen, als dass ich mir wie ein kompletter Idiot vorkam. Vielleicht wäre das Experiment anders ausgegangen, wenn ich es, wie Sie wünschten, bei Ihnen in der Praxis vorgenommen hätte, aber es erschien mir einfach zu absurd. Absurder noch, als Stunden über diesem Tagebuch zu sitzen, anstatt auf meiner Geige zu üben, wie ich das gewöhnt bin und so gern tun würde.

Aber ich habe sie noch immer nicht angerührt.

Warum nicht?

Was soll die Frage, Dr. Rose? Sie wissen es doch. Sie ist weg. Die Musik ist weg. Verstehen Sie das denn nicht? Verstehen Sie nicht, was das bedeutet?

Heute Morgen war mein Vater hier. Er ist eben erst wieder gegangen. Er kam vorbei, um zu sehen, ob es mir besser geht - mit anderen Worten, ob ich versucht habe zu spielen. Er war immerhin so rücksichtsvoll, mich nicht direkt zu fragen. Aber er brauchte auch gar nicht zu fragen, die Guarneri lag noch genau so da, wie er sie hingelegt hatte, als er mich aus der Wigmore Hall nach Hause brachte. Ich habe noch nicht einmal den Nerv, den Kasten anzurühren.

Warum nicht?, fragen Sie wieder.

Und ich sage wieder, Sie wissen es doch. Weil mir im Moment aller Mut fehlt. Wenn ich nicht mehr spielen kann, wenn die Gabe, das Ohr, das Talent, das Genie, wie immer Sie es nennen wollen, auf den Tod krank oder mir ganz genommen ist, wie soll ich dann existieren? Nicht, wie soll ich weitermachen, Dr. Rose, sondern wie soll ich existieren! Wie soll ich existieren, wenn doch alles, was ich bin, von meiner Musik umfasst und durch sie definiert ist?

Dann sollten wir uns vielleicht die Musik einmal genauer ansehen, sagen Sie. Wenn jeder Mensch in Ihrem Leben auf irgendeine Art mit Ihrer Musik verknüpft ist, dann müssen wir diese Musik vielleicht viel, viel aufmerksamer betrachten, um auf den Schlüssel zu Ihren Leiden zu stoßen.

Ich lache und sage: War das Wortspiel beabsichtigt?

Und Sie sehen mich mit diesem ernsten, durchdringenden Blick an, nicht bereit, auf Leichtfertigkeiten einzugehen. Bartok, sagen Sie, über den Sie zuletzt geschrieben haben, die Violinsonate - ist das das Musikstück, das Sie mit Libby verknüpfen?

Ja, das stimmt, ich verknüpfe die Sonate mit Libby. Aber Libby hat mit meinem gegenwärtigen Problem nichts zu tun. Das versichere ich Ihnen.

Mein Vater hat das Tagebuch übrigens entdeckt. Als er vorbeikam, um nach mir zu sehen, fand er es auf der Fensterbank. Und bevor Sie fragen - nein, er hat nicht darin herumgeschnüffelt. Er ist vielleicht rücksichtslos in seiner Zielstrebigkeit, aber ein Spitzel ist er nicht. Er hat lediglich die letzten fünfundzwanzig Jahre seines Lebens daran gegeben, um die Karriere seines einzigen Kindes zu fördern, und er möchte natürlich, dass diese Karriere sich weiter entwickelt und nicht in einem plötzlichen Abbruch endet.

Ich werde allerdings nicht mehr lang sein einziges Kind sein. Daran habe ich in den letzten Wochen gar nicht mehr gedacht. Jill ist ja auch noch da. Ich kann mir nicht vorstellen, in meinem Alter einen kleinen Bruder oder eine kleine Schwester zu bekommen, geschweige denn eine Stiefmutter, die nicht einmal zehn Jahre älter ist als ich. Aber wir leben in einer Zeit der flexiblen Familien, und es ist wohl das Klügste, man passt sich den gleitenden Definitionen an.

Trotzdem finde ich es ziemlich merkwürdig, dass es meinem Vater jetzt noch einfällt, eine neue Familie zu gründen. Ich habe natürlich nicht erwartet, dass er nach der Scheidung auf immer und ewig allein bleiben würde. Aber nach beinahe zwanzig Jahren, in denen er meines Wissens niemals auch nur mit einer Frau befreundet war, geschweige denn eine engere Beziehung hatte, bei der man sich körperliche Intimität hätte vorstellen können, überrascht mich dieser Entschluss doch sehr.

Ich lernte Jill bei der BBC kennen, als ich mir den Rohschnitt eines Dokumentarberichts ansah, der im East London Conservatory gedreht worden war. Das ist inzwischen mehrere Jahre her, Jill hatte damals gerade diese hervorragende Bearbeitung von Desperate Remedies herausgebracht. Haben Sie die übrigens gesehen? Sie ist eine große Verehrerin von Thomas Hardy. Sie arbeitete damals in der Dokumentarfilmabteilung der BBC, wenn das die richtige Bezeichnung ist. Mein Vater muss sie ebenfalls um diese Zeit kennen gelernt haben, aber ich erinnere mich nicht, die beiden je zusammen gesehen zu haben, und ich habe keine Ahnung, wann die Beziehung zwischen ihnen begonnen hat. Ich weiß nur noch, dass mein Vater mich einmal zu sich zum Essen einlud und ich Jill dort in der Küche antraf. Sie stand am Herd und kochte irgendetwas. Ich wunderte mich zwar, sie zu sehen, glaubte aber, sie wäre nur gekommen, um uns die

Endfassung des Dokumentarberichts zur Begutachtung zu bringen. Kann sein, dass sich damals etwas anbahnte. Mein Vater stand, wenn ich mich jetzt erinnere, nach diesem Abend jedenfalls nicht mehr so uneingeschränkt wie bisher zu meiner Verfügung. Also hat die Geschichte vielleicht damals angefangen. Aber da Jill und mein Vater nie zusammenlebten - das soll sich meinem Vater zufolge nach der Geburt des Kindes ändern -, hatte ich im Grunde keinen Anlass, anzunehmen, dass irgendetwas zwischen ihnen wäre.

Und jetzt, wo Sie es wissen?, fragen Sie. Wie empfinden Sie es? Wann haben Sie von der Beziehung Ihres Vaters erfahren? Wann von dem Kind? Und wo war das?

Ich weiß schon, worauf Sie hinaus wollen. Aber ich muss Sie enttäuschen, Sie sind auf dem Holzweg, Dr. Rose.

Ich habe bereits vor einigen Monaten von der Beziehung meines Vaters zu Jill erfahren, nicht am Tag des Konzerts in der Wigmore Hall, nicht einmal in derselben Woche oder im selben Monat. Und es war weit und breit nirgends eine blaue Tür, als ich die freudige Nachricht von der baldigen Geburt meines künftigen Halbgeschwisters erhielt. Sehen Sie, ich wusste doch gleich, worauf Sie hinaus wollen.

Aber wie empfanden Sie es?, fragen Sie wieder, dass Ihr Vater nach so vielen Jahren eine zweite Ehe eingehen wollte - Es ist nicht die Zweite, korrigiere ich Sie sogleich. Es ist die Dritte!

Die dritte Ehe? Sie sehen die Notizen durch, die Sie sich während unserer Sitzungen gemacht haben, und finden keinen Hinweis auf eine frühere Ehe vor meiner Geburt. Aber es hat sie gegeben, und aus dieser ersten Ehe ist auch ein Kind hervorgegangen, ein Mädchen, das noch im

Säuglingsalter starb.

Sie hieß Virginia, und ich weiß nicht genau, wie und wo sie starb oder wie lange nach ihrem Tod mein Vater die Ehe mit ihrer Mutter beendete. Ich weiß nicht einmal, wer ihre Mutter war, ich kenne sie nicht. Tatsächlich weiß ich überhaupt nur von ihrer Existenz - und dieser früheren Ehe meines Vaters -, weil mein Großvater einmal, als er einen seiner Anfälle hatte, darüber zu schimpfen begann. Genauso, wie er immer auf meinen Vater schimpfte, wenn er aus dem Haus gebracht wurde, und brüllte, er wäre nicht sein Sohn. Nur schrie er diesmal, mein Vater könne sein Sohn nicht sein, er produziere ja nur Krüppel. Und ich nehme an, irgendjemand beruhigte mich mit einer hastigen Erklärung - war es meine Mutter, oder war sie damals schon fort? -, da ich wohl glaubte, mein Großvater meinte mich. Vermutlich ist Virginia also an irgendeinem, vielleicht erblichen Leiden gestorben. Was ihr tatsächlich fehlte, weiß ich nicht. Wer immer mir damals von ihr erzählte, wusste es wohl nicht oder wollte es mir nicht sagen, und danach wurde nie wieder über das Thema gesprochen.

Es wurde nie wieder darüber gesprochen?, fragen Sie.

Aber Sie kennen das doch, Dr. Rose. Kinder sprechen nicht über Dinge, die sie mit Chaos, Tumult und Streit verbinden. Sie lernen schon sehr früh, dass es besser ist, nicht in einem Wespennest herumzustochern. Den Rest können Sie sich gewiss denken: Da meine ganze Konzentration auf die Geige gerichtet war, dachte ich nicht mehr über die Geschichte nach, sobald man mich beruhigt und der Wertschätzung meines Großvaters versichert hatte.

Die Geschichte mit der blauen Tür jedoch ist etwas anderes. Wie ich bereits zu Beginn sagte, tat ich genau das, was Sie vorgeschlagen und was wir schon in Ihrer

Praxis versucht hatten. Ich stellte mir die Tür vor: preußischblau mit einem silbernen Ring in der Mitte als Türklopfer, zwei Schlösser, glaube ich, das eine in Silber wie der Ring und vielleicht eine Haus- oder Wohnungsnummer oberhalb des Rings.

Ich verdunkelte mein Schlafzimmer, legte mich auf mein Bett, schloss die Augen und versuchte, mir diese Tür vorzustellen. Ich stellte mir vor, ich ginge auf sie zu und umschlösse mit der Hand den Ring, der als Türklopfer dient. Ich stellte mir vor, ich sperrte auf; zuerst das untere Schloss mit so einem altmodischen Schlüssel mit grob gezacktem Bart, von dem sich leicht ein Duplikat machen lässt, dann das obere mit einem schmalen, modernen Sicherheitsschlüssel. Und nun, da offen ist, lehne ich mich mit der Schulter an die Tür und stoße sie leicht an. Und was geschieht? Nichts, Dr. Rose, rein gar nichts.

Hinter der Tür ist nichts. Nur Leere. Sie würden gern ein bisschen herumdeuten an dem, was ich hinter der Tür entdeckt habe, oder auch an ihrer Farbe, der Tatsache, dass sie zwei Schlösser hat statt eines und einen Ring als Klopfer. Könnte es eine Flucht vor Verbindlichkeit sein?, fragen Sie sich, während diese Übung bei mir gar nichts auslöst. Nichts hat sich mir gezeigt. Kein Gespenst hinter dieser Tür. Sie führt nirgendwohin, sie steht nur da oben am Ende der Treppe wie - Treppe? Sie stürzen sich sofort darauf. Es gibt also auch eine Treppe?

Ja, es gibt eine Treppe. Und das heißt, wie wir beide wissen, aufwärts steigen, in die Höhe streben, sich aus der Tiefe emporarbeiten. Und wenn schon!

Sie sehen die Erregung in meiner Handschrift, nicht wahr? Sie sagen, bleiben Sie bei der Angst. Sie wird Sie nicht umbringen, Gideon. Gefühle töten nicht. Sie sind nicht allein.

Das habe ich auch nie geglaubt, sage ich. Unterstellen Sie mir nicht etwas, wozu ich Ihnen keine Grundlage gegeben habe, Dr. Rose.

2. September

Libby war hier. Sie weiß, dass etwas nicht stimmt, weil sie seit Tagen kein Geigenspiel gehört hat und sie es im Allgemeinen stundenlang über sich ergehen lassen muss, wenn ich übe. Deshalb hatte ich die Souterrainwohnung nicht vermietet, nachdem die vorherigen Mieter ausgezogen waren. Ich dachte zwar daran, es zu tun, als ich das Haus nach dem Kauf bezog. Aber dann wurde mir klar, dass mich das Kommen und Gehen eines Mieters - selbst bei getrennten Eingängen - stören wurde, und ich im Übrigen auch keine Lust hatte, mich aus Rücksicht auf andere in meinen Übungszeiten einzuschränken.

Das alles erzählte ich Libby an jenem ersten Tag. Wir standen draußen vor der Haustür, sie zog die Reißverschlüsse ihrer Lederkluft zu und wollte gerade ihren Helm aufsetzen, als sie die leere Wohnung unten sah.

»Wau!«, rief sie. »Ist die zu vermieten?«

Ich erklärte ihr, dass ich die Wohnung absichtlich leer stehen ließ; dass sie an ein junges Paar vermietet gewesen sei, als ich das Haus gekauft hatte, die beiden aber sehr schnell ausgezogen seien, weil sie sich für Geigenspiel zu jeder Tages- und Nachtzeit nicht begeistern konnten.

Sie neigte den Kopf zur Seite und sagte: »Hey, wie alt sind Sie eigentlich? Reden Sie immer so hochgestochen? Als Sie mir vorhin die Drachen gezeigt haben, haben Sie sich total normal angehört. Also, wie kommt das? Gehört das dazu, wenn man Engländer ist? Sobald man aus dem

Haus geht, wird man Henry James?«

»Der war kein Engländer«, sagte ich.

»Ach! Tut mir Leid.« Sie wollte den Riemen ihres Helms zuziehen, schaffte es aber nicht. Sie wirkte nervös. »Ich habe mich auf der Highschool gerade mal so durchgemogelt, wissen Sie, da können Sie von mir nicht verlangen, dass ich Henry James von Sid Vicious unterscheiden kann, Kumpel. Ich weiß nicht mal, warum er mir überhaupt in den Kopf gekommen ist. Oder Sid Vicious.«

»Wer ist Sid Vicious?«, fragte ich mit ernster Miene.

Sie starrte mich an. »Jetzt hören Sie aber auf! Das soll wohl ein Witz sein?«

»Ja«, antwortete ich.

Da lachte sie. Naja, nicht richtig, es war eher ein Wiehern. Und sie packte mich beim Arm und sagte auf eine so unglaublich vertrauliche Art: »Mensch, du!«, dass ich gleichzeitig verblüfft und entwaffnet war. Und da habe ich angeboten, ihr die untere Wohnung zu zeigen.

Warum?, fragen Sie.

Weil sie sich nach der Wohnung erkundigt hatte und ich sie ihr zeigen wollte, und wahrscheinlich auch, weil ich sie eine Weile um mich haben wollte. Sie war so völlig unenglisch.

Sie sagen: Ich meinte nicht, warum Sie ihr die Wohnung zeigten, Gideon, ich meinte, warum erzählen Sie mir von Libby.

Weil sie gerade hier war.

Sie ist wichtig, nicht wahr?

»Ich weiß es nicht.«

3. September

»Mein richtiger Name ist Liberty«, sagt sie. »Ist das nicht absolut das Letzte? Meine Eltern waren Hippies, bevor sie Yuppies wurden, also lange bevor mein Dad in Silicon Valley ungefähr eine Billion Dollar machte. Von Silicon Valley wirst du ja wohl schon mal gehört haben, oder?«

Wir stapfen den Primrose Hill hinauf. Es ist ein Spätnachmittag im vergangenen Jahr. Ich trage einen meiner Drachen. Libby hat mich überredet, mit ihr zum Drachensteigen zu gehen. Eigentlich müsste ich üben. Ich soll in knapp drei Wochen mit den Philharmonikern das zweite Violinkonzert von Paganini einspielen, und das Alkgro maestoso bereitet mir einige Schwierigkeiten. Aber Libby ist gerade von einer Auseinandersetzung mit dem fürchterlichen Rock zurückgekehrt, der wieder einmal ihren Lohn einbehalten hat. »Und weißt du, was das Arschloch gesagt hat, als ich mein Geld verlangt hab«, berichtet sie mir. »>Mach 'ne Fliege, Mause, hat er gesagt. Und das machen wir jetzt, Gideon, komm. Wir machen die große Fliege mit einem deiner Drachen. Du arbeitest sowieso zu viel.«

Ich bin einverstanden. Ich habe bereits sechs Stunden Arbeit hinter mir, mit nur einer kurzen Unterbrechung gegen Mittag für einen Spaziergang im Regent's Park. Ich lasse sie den Drachen aussuchen, den wir mitnehmen wollen, und sie wählt ein Kastenmodell, das kreiseln kann und genau die richtige Windgeschwindigkeit braucht, um zu zeigen, was es kann.

Wir machen uns auf den Weg, folgen dem Bogen der Chalcot Crescent - sanierte Häuser, von Libby, der London im Verfall anscheinend besser gefällt als in Erneuerung, mit abwertenden Bemerkungen bedacht - und laufen über die Regent's Park Road in den Park, wo es zum Primrose Hill hinaufgeht.

»Der Wind ist zu stark«, sage ich und muss schreien, weil der Wind den Drachen packt und das Nylongewebe knallend gegen meinen Körper schlägt. »Für den hier braucht man ideale Bedingungen. Er wird wahrscheinlich nicht einmal abheben.«

Genauso ist es, sehr zu ihrer Enttäuschung, wo sie doch gehofft hatte, es dem »blöden Rock mit der großen Drachenfliege mal richtig zu zeigen. Der Typ ist so fies. Er droht mir echt damit, dass er den zuständigen Leuten« - eine vage Handbewegung in Richtung Westminster - »erzählen will, dass wir in Wirklichkeit überhaupt nicht verheiratet wären. Ich mein, nicht richtig, mit vollzogener Ehe und so. Dass wir's nie miteinander getan hätten. Dabei ist das echt der reine Scheiß.«

»Was würde denn passieren, wenn er den Behörden mitteilte, ihr wärt in Wirklichkeit nicht verheiratet?«

»Aber wir sind's doch. Mann, ich flipp noch aus mit dem Typen.«

Sie fürchtet, wie sich herausstellt, dass sie wegen ihrer Aufenthaltserlaubnis Schwierigkeiten bekommen wird, wenn ihr Mann seine Drohung wahr macht. Er wiederum fürchtet, da sie aus seiner - in meiner Vorstellung zweifellos verwahrlosten - Wohnung in Bemondsey in die Wohnung am Chalcot Square umgezogen ist, sie endgültig zu verlieren, was er offenbar trotz seiner ständigen Geschichten mit anderen Frauen nicht will. Es kam also wieder einmal zum Streit zwischen den beiden, der damit endete, dass er sie hinauswarf.

Sie tut mir Leid, und da uns der Drachen nicht den Gefallen getan hat, »die große Fliege« zu machen, lade ich sie zum Kaffee ein. Und bei dieser Gelegenheit erzählt sie mir, dass der Name Libby nur eine Kurzform von Liberty ist.

»Diese Hippies!«, sagt sie, von ihren Eltern sprechend. »Die wollten ihren Kindern die superabgefahrenen Namen geben.«

Dabei tat sie mit spöttischer Miene so, als zöge sie an einer Marihuanazigarette. »Meine Schwester hat's sogar noch schlimmer erwischt. Sie heißt Equality. Kannst du dir das vorstellen? Sie nennt sich Ali. Und wenn noch ein drittes Kind gekommen wäre -«

»Fraternity?«, sage ich.

»Du hast's erfasst. Immerhin kann ich noch heilfroh sein, dass sie abstrakte Begriffe gewählt haben. Sonst würde ich jetzt vielleicht Baum heißen.«

Ich muss lachen. »Könnte auch ein bestimmter Baum sein - Weide, Pinie, Linde.«

»Linde Neal. Hey, das klingt richtig geil.« Sie kramt unter den Zuckertütchen auf dem Tisch nach dem Süßstoff. Ich habe bereits entdeckt, dass sie eine chronische Kalorienzählerin ist, deren Streben nach dem perfekten Körper ihr »ewiges Kreuz« ist, wie sie es ausdrückt. Sie gibt den Süßstoff in ihren Caffè latte mit der fettarmen Milch und sagt. »Und du, Gideon?«

»Ich?«

»Wie sind deine Eltern? Bestimmt keine ehemaligen Blumenkinder, oder?«

Sie hatte meinen Vater noch nicht kennen gelernt; er allerdings hatte sie einmal spätnachmittags gesehen, als sie auf ihrer Suzuki von der Arbeit nach Hause kam und die Maschine am gewohnten Platz auf dem Bürgersteig gleich neben der Treppe abstellte, die zur unteren Wohnung hinunterführte. Sie fuhr donnernd vor und ließ die

Maschine zwei- oder dreimal aufheulen, wie das ihre Gewohnheit ist. Das Getöse erregte die Aufmerksamkeit meines Vaters. Er trat ans Fenster, sah sie und sagte: »Das kann doch nicht wahr sein! Da kettet so ein verdammter Motorradfahrer seine Maschine direkt an deinem Eisenzaun an, Gideon. Also -« Er schickte sich an, das Fenster aufzureißen.

»Das ist Libby Neal«, sagte ich. »Das ist schon in Ordnung, Dad. Sie wohnt hier.«

Er drehte sich langsam um. »Was sagst du da? Das ist eine Frau da draußen! Und sie wohnt hier?«

»Unten. In der Wohnung. Ich habe sie jetzt doch vermietet. Habe ich vergessen, dir das zu sagen?«

Vergessen konnte man es nicht nennen. Aber ich hatte es auch nicht bewusst unterlassen, ihm von Libby zu erzählen; es war einfach ein Thema, das nicht zur Sprache gekommen war. Mein Vater und ich sprechen täglich miteinander, aber unsere Gespräche drehen sich stets um berufliche Angelegenheiten - ein bevorstehendes Konzert, zum Beispiel, oder eine Konzertreise, die er gerade auf die Beine stellt, oder um Plattenaufnahmen, Interviews, persönliche Auftritte von mir und dergleichen. Vergessen Sie nicht, dass ich von seiner Beziehung zu Jill erst erfuhr, als es kaum noch zu umgehen war. Ich meine, das plötzliche Auftauchen einer offensichtlich schwangeren Frau im Leben meines Vaters verlangte schließlich nach einer Erklärung. Aber wir hatten nie so eine kumpelhafte Vater-Sohn-Beziehung. Wir widmen uns beide seit meiner Kindheit ganz meiner künstlerischen Entwicklung als Musiker, und bei dieser beiderseitigen Konzentration auf eine bestimmte Sache hat nie die Möglichkeit oder auch die Notwendigkeit zu diesen Seelengesprächen bestanden, die heutzutage als Zeichen von Nähe zwischen Menschen gelten.

Glauben Sie mir, ich habe an der Beziehung, wie sie zwischen meinem Vater und mir besteht, überhaupt nichts auszusetzen. Sie ist stabil und zuverlässig, und wenn auch vielleicht nicht die Art seelischer Verbindung besteht, die uns dazu treibt, gemeinsam den Himalaja zu besteigen oder den Nil hinaufzupaddeln, so gibt sie mir doch Halt und Kraft. Um es ganz klar zu sagen, Dr. Rose, ohne meinen Vater wäre ich nicht da, wo ich heute bin.

4. September

Nein! Damit werden Sie mich nicht einfangen.

Wo sind Sie heute, Gideon?, fragen Sie freundlich und milde.

Aber ich mache dieses Spiel nicht mit! Mein Vater hat keinen Part in dieser Sache, was auch immer diese Sache sein mag. Wenn ich es nicht über mich bringe, die Guarneri auch nur zur Hand zu nehmen, so ist das nicht meines Vaters Schuld. Ich lasse mich von Ihnen nicht zu einem dieser wehleidigen Jammerlappen machen, die an jeder Schwierigkeit in ihrem Leben ihren Eltern die Schuld geben. Mein Vater hat ein schweres Leben gehabt. Er hat sein Bestes getan.

Schwer inwiefern?, wollen Sie wissen.

Na ja, stellen Sie sich nur vor, einen Mann wie meinen Großvater zum Vater zu haben! Mit sechs Jahren ins Internat verfrachtet zu werden. Und dann, wenn man schon mal zu Hause ist, mit den psychotischen Schüben des Vaters leben zu müssen. Dabei immer ganz klar zu wissen, dass überhaupt keine Hoffnung besteht, den Erwartungen gerecht werden zu können, ganz gleich, was man tut, weil man adoptiert ist und der Vater einen das nie vergessen lässt. Nein, mein Vater hat als Vater, weiß Gott, sein Bestes getan. Und als Sohn war er besser als die meisten.

Besser als Sie in Ihrer Rolle als Sohn?, fragen Sie.

Danach müssen Sie meinen Vater fragen.

Aber was halten Sie von sich selbst als Sohn, Gideon? Was kommt Ihnen als Erstes in den Sinn?

Enttäuschung, antworte ich.

Dass Sie Ihren Vater enttäuscht haben?

Nein. Dass ich ihn nicht enttäuschen darf, aber es vielleicht tue.

Hat er Ihnen denn gesagt, wie wichtig es ist, ihn nicht zu enttäuschen?

Kein einziges Mal. Überhaupt nicht. Aber - Aber?

Er mag Libby nicht. Irgendwie wusste ich von Anfang an, dass er sie nicht mögen oder dass ihre Anwesenheit in meinem Haus ihm nicht passen würde. Ich wusste, er würde fürchten, dass sie mich von meiner Arbeit ablenkt, oder sogar, was natürlich noch schlimmer wäre, von ihr abhält.

Sie fragen: Das ist wohl der Grund, warum er sofort »Es ist diese Frau, diese verwünschte Person« sagte, als Sie den Blackout in der Wigmore Hall hatten? Er ist ja augenblicklich auf Libby gekommen, nicht wahr?

Ja.

Warum?

Also, er will ganz sicher nicht, dass ich wie ein Mönch lebe. Weshalb sollte er auch? Familie ist alles für meinen Vater. Und wenn ich nicht eines Tages heirate und selbst Kinder in die Welt setze, wird es keine Familie mehr geben.

Ja, aber jetzt ist ein zweites Kind unterwegs, nicht wahr?

Die Familie wird also fortbestehen, unabhängig davon, was Sie tun, Gideon.

Das ist richtig.

Und damit kann Ihr Vater jede Frau in Ihrem Leben ablehnen, ohne die Konsequenzen fürchten zu müssen; nämlich, dass Sie sich seine Ablehnung zu Herzen nehmen und niemals heiraten werden. Nicht wahr, Gideon?

Nein! Dieses Spiel mache ich nicht mit. Es geht hier nicht um meinen Vater. Wenn er Libby nicht mag, dann nur, weil er sich Sorgen macht, was für einen Einfluss sie auf meine Musik haben könnte. Und er hat jedes Recht, besorgt zu sein. Libby kann einen Geigenbogen nicht von einem Küchenmesser unterscheiden.

Stört sie Sie bei der Arbeit?

Nein.

Steht sie Ihrer Musik gleichgültig gegenüber?

Nein.

Ist sie aufdringlich? Missachtet sie Ihr Bedürfnis, für sich zu sein? Stellt sie Ansprüche an Sie, mit denen sie Ihnen Übungszeit raubt?

Nie, nein.

Sie sagten, sie habe keine Ahnung von Musik. Kultiviert sie Ihrem Eindruck nach ihre Ahnungslosigkeit, als wäre dies eine Leistung?

Nein.

Und trotzdem mag Ihr Vater sie nicht!

Aber schauen Sie, er will doch nur mein Bestes. Er hat nie etwas getan, was nicht zu meinem Besten gewesen wäre. Ohne ihn wäre ich nicht hier bei Ihnen, Dr. Rose. Als er nach dem Blackout in der Wigmore Hall sah, was mit mir los war, sagte er nicht: »Reiß dich zusammen, Gideon. Da draußen im Saal sitzt ein Haufen Leute, die teuer dafür bezahlt haben, dich zu hören.« Nein. Er sagte zu Raphael: »Er ist krank. Entschuldige uns beim Publikum«, und brachte mich sofort nach Hause. Er packte mich ins Bett und blieb die ganze Nacht bei mir und sagte: »Das kriegen wir schon wieder hin, Gideon. Jetzt schläf erst einmal.«

Er gab Raphael den Auftrag, sich um Hilfe für mich zu kümmern. Raphael wusste von der Arbeit Ihres Vaters mit Künstlern, die Ähnliches erlebt hatten wie ich. Und ich bin zu Ihnen gekommen, weil mein Vater möchte, dass ich wieder zu meiner Musik finde. Darum bin ich zu Ihnen gekommen.

5. September

Niemand sonst weiß die Wahrheit, nur wir drei: mein Vater, Raphael und ich. Nicht einmal meine PR-Agentin weiß, was wirklich los ist. In ärztlicher Behandlung, hat sie bekannt gegeben und den Leuten erzählt, es handle sich um körperliche Erschöpfung.

Wahrscheinlich werden die meisten hinter meinem Verhalten nichts als Starallüren sehen, aber das soll mir recht sein. Sollen sie ruhig vermuten, ich wäre gegangen, weil mir die Beleuchtung im Saal nicht passte; Hauptsache, die Wahrheit sickert nicht durch.

Welche Wahrheit meinen Sie?, fragen Sie.

Gibt es denn mehr als eine?, frage ich zurück.

Aber gewiss, sagen Sie. Die eine Wahrheit ist das, was Ihnen zugestoßen ist. Man nennt das eine psychogene Amnesie. Die andere Wahrheit ist das Warum dieses plötzlichen teilweisen Gedächtnisverlusts. Und die Frage nach dem Warum ist der Anlass unserer Gespräche.

Wollen Sie damit sagen, solange wir nicht wissen, warum ich diese - diese - wie nannten Sie es -?

Psychogene Amnesie. Es ist ähnlich wie hysterische Lähmung oder Blindheit: Ein Teil von Ihnen, der stets perfekt funktioniert hat - in diesem Fall Ihr musikalisches Gedächtnis, wenn Sie es so nennen wollen -, streikt plötzlich. Und solange wir nicht wissen, woher diese Störung kommt, was dahinter steckt, können wir sie nicht beheben.

Ich frage mich, ob Sie eine Ahnung haben, wie furchtbar mich diese Eröffnung erschreckt, Dr. Rose. Sie sagen mir das mit teilnehmendem Verständnis, aber ich komme mir trotzdem wie ein Krüppel vor. Ja, ja, ich weiß, das ist ein Wort aus meiner Kindheit, Sie brauchen mich nicht darauf hinzuweisen. Ich kann ja jetzt noch hören, wie mein Großvater es meinem Vater ins Gesicht brüllt, während sie ihn aus dem Haus zerren, und heute noch beschimpfe ich mich selbst täglich mit diesem Wort. Du bist ein Krüppel, sage ich zu mir. Ein armseliger Krüppel. Den Garaus sollte man dir machen, du Krüppel.

Sind Sie denn wirklich einer?, fragen Sie.

Aber ja, was sonst? Ich bin nie in meinem Leben Fahrrad gefahren, ich habe nie Rugby oder Cricket gespielt, nie einen Tennisball geschlagen, ich bin nicht einmal zur Schule gegangen. Ich hatte einen Großvater, der regelmäßig psychotische Schübe hatte, eine Mutter, die wahrscheinlich als Nonne im Kloster glücklicher gewesen wäre und dort vermutlich auch endete, einen Vater, der Tag und Nacht schuftete, um mir eine Karriere zu ermöglichen, und einen Geigenlehrer, der mich von Konzertreisen zu Schallplattenterminen schleppte und niemals aus den Augen ließ. Ich wurde verwöhnt, verhätschelt und angebetet, Dr. Rose. Kann ein Mensch unter solchen Bedingungen »normal« bleiben? Da muss man doch zum Krüppel werden!

Ist es ein Wunder, dass ich von Magengeschwüren gequält werde? Dass ich mir vor jedem Auftritt, mit Verlaub, die Seele aus dem Leib kotze? Dass mir das Hirn manchmal wie ein Vorschlaghammer im Schädel dröhnt? Dass ich seit mehr als sechs Jahren unfähig bin, mit einer Frau zu schlafen? Und selbst als ich das noch konnte, war der Akt niemals mit Nähe, Lust oder Leidenschaft verbunden, sondern immer nur mit einem Drang, es zu erledigen, es hinter mich zu bringen, mir meine armselige Befriedigung zu holen und die Frau möglichst schnell wieder loszuwerden.

Was ist denn einer wie ich anderes als ein Krüppel, Dr. Rose?

7. September

Libby fragte heute Morgen, ob etwas nicht in Ordnung sei. Sie kam im gewohnten Freizeitlook - Overall, T-Shirt, Wanderstiefel - aus dem Haus, offenbar in der Absicht, ein paar Runden zu laufen. Jedenfalls hatte sie wie meistens, wenn sie in Sachen Fitness unterwegs ist, ihren Walkman auf. Ich saß oben auf der Fensterbank und schrieb brav an meinem Tagebuch, als sie heraufschaute und mich sah. Und schon war sie da.

Sie probiere gerade eine neue Diät aus, erzählt sie. Die so genannte »Kein-Weiß-Diät«. »Ich hab es mit der Mayodiät probiert, mit der Kohlsuppendiät, der Kartoffeldiät, der Scarsdale-Diät, wirklich mit allem, und nichts hat was gebracht. Darum mach ich jetzt diese neue Kur.« Bei der man, wie sie mir erklärt, essen darf, was man will, solange es nicht weiß ist. Auch weiße Nahrungsmittel, die künstlich gefärbt sind, sind verboten.

Ich weiß inzwischen, dass sie von der fixen Idee geplagt wird, zu dick zu sein, und ich verstehe bis heute nicht, wieso. So weit ich sehen kann - nicht allzu weit, zugegebenermaßen, da ich sie immer nur in ihrer Lederkluft oder ihrem Jeansoverall erlebe -, ist sie überhaupt nicht dick. Und wenn andere sie vielleicht ein wenig pummelig finden - ich gehöre nicht zu ihnen! -, dann kommt das vermutlich daher, weil sie ein rundes Gesicht hat. Mit einem runden Gesicht wirkt man leicht etwas mollig, nicht wahr? Aber damit kann ich sie nicht trösten. »Wir leben in spindeldürren Zeiten«, sagt sie. »Du hast Glück, dass du von Natur aus so mager bist.«

Ich habe ihr nie gesagt, welchen Preis ich für diesen mageren Körper bezahlt habe, den sie offenbar bewundert. Stattdessen pflege ich zu sagen: »Frauen sind viel zu stark auf ihr Gewicht fixiert. Du siehst doch gut aus.«

Als ich ihr wieder einmal damit komme, meint sie: »Wenn ich so gut aussehe, könntest du ja mal mit mir ausgehen, oder?«

Und so fängt es an. Wir sehen uns häufiger, gehen hin und wieder miteinander aus. Aber ich würde nicht sagen, dass wir »miteinander gehen«. Ich mag diesen Ausdruck nicht, er klingt so pubertär, aber selbst wenn diese Abneigung nicht wäre, würde ich ihn nicht gebrauchen, um die Beziehung zwischen uns zu beschreiben.

Was für eine Beziehung haben Sie denn zu Libby Neal?, fragen Sie.

Sie meinen: Schlafen Sie mit ihr, Gideon? Hat sie es endlich geschafft, das Eis in Ihren Adern zu schmelzen?

Das kommt darauf an, was Sie meinen, wenn Sie fragen, ob ich mit ihr schlafe, Dr. Rose. Das ist auch so ein Ausdruck, den ich eigentlich nicht mag. Warum sprechen wir von »schlafen«, wenn doch schlafen das Letzte ist, was wir im Sinn haben, wenn wir mit einem Partner ins Bett steigen.

Aber ja, man könnte sagen, wir schlafen miteinander. Hin und wieder. Damit meine ich allerdings nur, dass wir zusammen in einem Bett schlafen. Sonst passiert gar nichts. Für mehr sind wir beide noch nicht reif.

Und wie kam es dazu?, fragen Sie.

Ach, das war eine ganz natürliche Entwicklung. Eines Abends hat sie nach einem besonders anstrengenden Probentag vor einem Konzert im Barbican für mich gekocht. Ich bin danach auf ihrem Bett eingeschlafen, auf das wir uns gesetzt hatten, um uns eine Platte anzuhören. Sie hat mich zugedeckt und ist mit unter die Decke gekrochen, und so sind wir bis zum nächsten Morgen geblieben. Seitdem schlafen wir hin und wieder zusammen. Ich denke, es hat für uns beide etwas Tröstliches.

Es gibt Ihnen Geborgenheit, sagen Sie.

Insofern es gut tut, sie neben mir zu haben, ja, es vermittelt mir ein Gefühl von Geborgenheit.

Sie sagen, dass in Ihrer Kindheit etwas gefehlt hat, Gideon. Wenn alle sich nur für Ihre künstlerische Entwicklung und Ihre Leistungen auf der Geige interessiert haben, kann man sich vorstellen, dass tiefe kindliche Bedürfnisse, die Sie hatten, unbeachtet und ungestillt blieben.

Dr. Rose, ich muss darauf bestehen, dass Sie akzeptieren, was ich Ihnen sage: Ich hatte gute Eltern. Ich habe Ihnen ja schon berichtet, dass mein Vater Tag und Nacht gearbeitet hat, um für die Familie zu sorgen. Als sich zeigte, dass ich das Potenzial, die Begabung und den Wunsch hatte ein - nun, sagen wir, das zu werden, das ich heute bin -, hat auch meine Mutter sich Arbeit gesucht, um zur Deckung der immensen Kosten beizutragen. Ich habe meine Eltern deshalb vielleicht nicht so viel gesehen, wie es unter normalen Umständen möglich gewesen wäre, aber ich hatte Raphael, der jeden Tag Stunden mit mir verbrachte, und ich hatte Sarah-Jane.

Wer ist Sarah-Jane?

Sarah-Jane Beckett. Ich weiß nicht recht, als was ich sie bezeichnen soll. Gouvernante ist ein zu altmodischer Ausdruck, und Sarah-Jane wäre einem ganz schön über den Mund gefahren, wenn man sie so genannt hätte. Sagen wir einfach, sie war meine Lehrerin. Wie ich bereits früher bemerkte, bin ich nie zur Schule gegangen. Regelmäßiger Schulbesuch hätte sich mit meinen täglichen Musikstunden nicht vereinbaren lassen. Darum wurde Sarah-Jane engagiert. Sie sollte mich in den normalen Schulfächern unterrichten. Wenn ich nicht mit Raphael arbeitete, dann mit ihr. Sie lebte jahrelang bei uns im Haus. Sie muss gekommen sein, als ich fünf oder sechs Jahre alt war - sobald meinen Eltern klar wurde, dass eine Erziehung nach traditionellem Muster für mich nicht infrage kam -, und sie blieb bis zu meinem sechzehnten Lebensjahr. Da war meine Schulbildung abgeschlossen, und meine vielen Termine - Auftritte, Plattenaufnahmen, Proben, Übungsstunden - ließen weitere Studien nicht zu. Aber bis dahin hatte ich täglich Unterricht bei Sarah-Jane.

War sie ein Mutterersatz für Sie?, fragen Sie.

Immer und immer wieder kommen Sie auf meine Mutter zurück. Suchen Sie nach ödipalen Verbindungen, Dr. Rose? Wie war's mit einem ungelösten Ödipuskomplex? Mutter entzieht sich ihrem Sohn, als dieser fünf Jahre alt ist, indem sie täglich zur Arbeit geht, und gibt dem armen Jungen so keine Möglichkeit, seine unbewusste Begierde, mit ihr zu kopulieren, zu verarbeiten. Als er acht oder neun ist oder wie alt auch immer, ich kann mich nicht erinnern, und es ist mir auch egal, verschwindet sie ganz aus seinem Leben und wird nie wieder gesehen.

Ich erinnere mich allerdings an ihr Schweigen. Merkwürdig. Das fällt mir erst jetzt ein, in diesem Moment. Das Schweigen meiner Mutter. Und ich erinnere mich, dass ich einmal, als sie noch bei uns war, nachts aufwachte und sie bei mir im Bett lag. Sie hält mich in den Armen, und ich kann kaum atmen, so wie sie mich hält. Sie hat die Arme um mich gelegt, und drückt meinen Kopf irgendwie… Ach, ich weiß nicht mehr…

Wie hält Ihre Mutter Sie, Gideon?

Ich weiß nicht mehr. Ich weiß nur noch, dass ich Mühe habe, Luft zu bekommen. Ich spüre ihren Atem, und es ist sehr heiß.

Ihr Atem ist heiß?

Nein, nein. Alles. Da, wo ich bin. Ich möchte fliehen.

Vor ihr?

Nein. Einfach fliehen. Weglaufen. Natürlich könnte das alles auch ein Traum gewesen sein. Es ist ja so lange her.

Ist es häufiger als einmal vorgekommen?, fragen Sie.

Ich sehe wieder mal genau, worauf Sie hinaus wollen, und ich mache da nicht mit. Ich werde nicht vorgeben, mich an irgendetwas zu erinnern, nur weil Sie es gern so hätten. Hier sind die Tatsachen: Meine Mutter liegt neben mir im Bett; sie hält mich in den Armen; es ist heiß; ich rieche ihr Parfüm. Und auf meine Wange drückt ein Gewicht. Ich fühle es. Es ist schwer und unbewegt, und es riecht nach Parfüm. Wie seltsam, dass ich mich an diesen Geruch erinnere! Ich könnte ihn nicht beschreiben, aber ich denke, wenn ich ihn irgendwo wahrnähme, würde ich ihn auf der Stelle wieder erkennen, und er würde mich an meine Mutter erinnern.

Ich vermute, sie hielt Sie zwischen ihren Brüsten, sagen Sie. Daher die Wahrnehmung von Schwere und Parfümgeruch. Ist es dunkel in Ihrem Zimmer, oder brennt vielleicht ein Licht?

Ich weiß nicht. Ich erinnere mich nur an die Hitze, die Schwere, den Duft. Und an das Schweigen.

Haben Sie danach mit irgendeinem anderen Menschen so gelegen? Mit Libby vielleicht? Oder einer anderen Frau? Vor Libby?

Lieber Gott, nein! Es geht hier nicht um meine Mutter! Gut. Ja. Ich weiß natürlich, wie schwer in meinem Leben die Tatsache wiegt, dass sie mich - uns - verlassen hat. Ich bin schließlich kein Idiot. Ich komme von einer Reise durch Österreich nach Hause, und meine Mutter ist fort, ich sehe sie nie wieder, höre nie wieder ihre Stimme, bekomme keinen einzigen Brief von ihr… Ja, ja, Sie brauchen es mir nicht zu sagen, das ist ein tief einschneidendes Erlebnis. Und ich kann mir vorstellen, was ich als Kind daraus geschlossen haben könnte, dass ich verlassen wurde: Es ist meine Schuld. Vielleicht habe ich es damals tatsächlich so empfunden, aber bewusst war es mir nicht, und ganz sicher empfinde ich es heute nicht mehr so. Sie hat uns verlassen. Und aus.

Und aus? Wie meinen Sie das?, fragen Sie.

Genauso. Wir haben nie wieder von ihr gesprochen. Oder zumindest ich nicht. Wenn meine Großeltern und mein Vater von ihr gesprochen haben, oder Raphael, Sarah-Jane und James, der Untermieter - Er war noch da, als sie fort ging?

Er war da - oder nein? Nein. Er kann nicht da gewesen sein. Es war Calvin. Sagte ich nicht, dass es Calvin war? Ja, natürlich, Calvin versuchte damals telefonisch Hilfe zu holen, als meine Mutter gegangen war und mein Großvater eine seiner »Episoden« hatte. James hatte sich längst aus dem Staub gemacht.

Aus dem Staub gemacht, wiederholen Sie. Das klingt irgendwie nach Heimlichkeit. War es denn mit Heimlichkeiten verbunden, als James bei Ihnen auszog?

Bei uns gab es überall Heimlichkeiten. Schweigen und Heimlichkeiten. So kommt es mir jedenfalls vor. Ich betrete ein Zimmer, und sofort wird es still. Ich weiß, dass sie von meiner Mutter gesprochen haben, aber ich darf nicht von ihr sprechen.

Was geschieht denn, wenn Sie es tun?

Ich weiß es nicht. Ich habe es nie ausprobiert.

Warum nicht?

Die Musik ist der Mittelpunkt meines Lebens. Ich habe die Musik. Ich habe sie immer noch. Mein Vater, meine Großeltern, Sarah-Jane und Raphael, sogar Calvin, der Untermieter - wir alle haben immer noch die Musik.

War das denn ein ausdrückliches Gebot? Ich meine, dass Sie nicht nach Ihrer Mutter fragen sollen? Oder ging das stillschweigend?

Letzteres, wahrscheinlich - ich weiß es nicht. Sie kommt uns bei unserer Rückkehr aus Österreich nicht entgegen, um uns zu begrüßen. Sie ist fort, aber niemand verliert ein Wort darüber. Im Haus ist jede Spur von ihr gelöscht. Es ist, als hätte sie dort nie gelebt. Und alle schweigen. Sie tun nicht so, als wäre sie verreist. Sie tun nicht so, als wäre sie plötzlich gestorben oder als wäre sie vielleicht mit einem anderen Mann durchgebrannt. Sie verhalten sich so, als hätte sie nie existiert. Und das Leben geht weiter.

Sie fragten nie nach ihr?

Ich muss gewusst haben, dass sie eines der Themen war, über die bei uns nicht gesprochen wurde.

Eines? Gab es denn noch andere?

Vielleicht habe ich sie nicht vermisst. Ich erinnere mich nicht, sie vermisst zu haben. Ich weiß kaum noch, wie sie ausgesehen hat, nur dass sie blonde Haare hatte und immer ein Kopftuch aufsetzte, so wie es die Queen trägt. Aber das wird in der Kirche gewesen sein. Ah ja, daran erinnere ich mich auch, dass ich mit ihr in der Kirche war. Ich weiß, dass sie geweint hat. Ja, sie weint bei der Morgenmesse, und vorn in der Klosterkapelle sitzen die Nonnen, auf der anderen Seite des Lettners, oder Lettner ist vielleicht nicht der richtige Ausdruck, es ist mehr ein Gitter, das sie von den Laien trennen soll. Aber bei der Frühmesse sind nie Laien da, vor denen sie sich abschirmen müssten. Nur meine Mutter und ich. Von den Nonnen trägt nur eine die Ordenstracht, die anderen sind alle ganz normal gekleidet, wenn auch sehr einfach und mit Kreuzen auf der Brust. Meine Mutter kniet, sie kniet immer bei der Messe, und hat den Kopf auf ihre Hände gelegt. Sie weint die ganze Zeit, und ich weiß nicht, was ich tun soll.

Warum weint sie?, wollen Sie natürlich wissen.

Ich weiß es nicht, sie weint eigentlich immer. Nach der Kommunion, aber noch vor dem Ende der Messe, kommt die eine Nonne, die in Tracht ist, zu meiner Mutter und führt uns beide in ein Sprechzimmer oder so etwas, im Kloster nebenan. Dort spricht sie mit meiner Mutter. Die beiden sitzen in der einen Ecke des Zimmers, und ich in der anderen, ihnen schräg gegenüber. Man hat mir ein Buch zum Lesen gegeben und mir geboten, mich zu setzen. Ich bin voller Ungeduld, ich möchte nach Hause. Raphael hat mir versprochen, mit mir zur Belohnung in die Festival Hall zu gehen, wenn ich die Übungen, die er mir aufgegeben hat, fehlerfrei spiele. Dort gibt Ilya Kaier ein Konzert. Er ist noch keine zwanzig Jahre alt, aber er hat beim Paganini-Wettbewerb in Genua schon den ersten Preis gewonnen, und ich möchte ihn unbedingt hören. Ich bin nämlich fest entschlossen, ihn eines Tages weit zu übertreffen.

Wie alt sind Sie zu der Zeit?, fragen Sie.

Sechs, glaube ich, höchstens sieben. Und ich möchte schnellstens nach Hause. Ich stehe also von meinem Stuhl auf, gehe zu meiner Mutter und zupfe sie am Ärmel. »Mama, mir ist langweilig«, sage ich. Das sage ich immer, das ist meine Art der Kommunikation. Nicht: Ich muss noch üben, Mama. Sondern: Mir ist langweilig, und es ist deine Pflicht als meine Mutter, etwas dagegen zu tun. Aber Schwester Cecilia - ja, so hieß sie, ich erinnere mich jetzt wieder - nimmt mich bei der Hand und führt mich zu meinem Stuhl in der Ecke zurück. »Du wirst brav hier sitzen bleiben, bis zu geholt wirst, Gideon«, sagt sie ruhig und bestimmt, und ich bin fassungslos. So spricht niemand mit mir! Ich bin schließlich das Wunderkind. Ich bin - um es einmal so auszudrücken - einmaliger als jeder andere in meiner Welt.

Vielleicht aus Verblüffung über die ungewohnte Maßregelung, noch dazu von so einer Frau, bleibe ich zunächst in meiner Ecke, während Schwester Cecilia und meine Mutter sich mit leisen Stimmen weiter unterhalten. Aber nach einigen Minuten beginne ich mit den Füßen gegen ein Bücherregal zu treten, mit zunehmender Wucht, bis die ersten Bücher herunterfallen und eine Marienstatuette zu Boden stürzt und zerspringt. Kurz danach nimmt meine Mutter mich bei der Hand, und wir gehen.

An diesem Morgen glänze ich beim Musikunterricht, und Raphael geht am Abend mit mir wie versprochen ins Konzert. Er hat ein Treffen mit Ilya Kaier arrangiert, ich habe meine Geige mitgebracht, und wir musizieren zusammen. Kaier ist brillant, aber ich weiß, dass ich ihn übertrumpfen werde. Schon an diesem Tag weiß ich das.

Was ist mit Ihrer Mutter?, fragen Sie.

Sie ist sehr viel oben.

In ihrem Zimmer?

Nein. Nein. Im Kinderzimmer.

Im Kinderzimmer? Warum denn das?

Und ich weiß die Antwort. Ich weiß sie. Wo hat sich dieses Wissen all die Jahre versteckt? Wieso ist es auf einmal wieder da?

Meine Mutter ist bei Sonia.

8. September

Es sind Lücken da, Dr. Rose. In meinem Gedächtnis existieren sie als unvollständige Bilder, in Umrissen, aber größtenteils schwarz.

Sonia ist Teil eines solchen Bildes. Ich erinnere mich jetzt der Tatsache, dass es sie gab - Sonia - und dass sie meine jüngere Schwester war. Sie ist sehr jung gestorben. Auch daran erinnere ich mich.

Das wird wohl der Grund sein, warum meine Mutter morgens bei der Frühmesse stets weinte. Und Sonias Tod muss zu den Themen gehört haben, über die bei uns nicht gesprochen wurde. Über ihren Tod zu sprechen, hätte meine Mutter von neuem in Kummer und Leid gestürzt, und das wollten wir ihr ersparen.

Ich versuche ein Bild von Sonia heraufzubeschwören, aber es ist nichts da. Nur eine leere Leinwand. Und wenn ich versuche mich in Verbindung mit irgendwelchen besonderen Ereignissen an sie zu erinnern - mit Weihnachten oder Ostern oder der alljährlichen Taxifahrt mit Großmutter zum Geburtstagslunch bei Fortnum and Mason, irgendetwas, ganz gleich, was - stoße ich auch nur auf Leere. Da ist einfach gar nichts. Nicht einmal den Tag, an dem sie starb, habe ich im Gedächtnis. Auch ihre Beerdigung nicht. Ich weiß nur, dass sie starb, weil sie auf einmal nicht mehr da war.

Genau wie Ihre Mutter, Gideon?, fragen Sie.

Nein. Anders. Es fühlt sich jedenfalls ganz anders an. Sie war meine Schwester, und sie starb sehr früh, das ist das Einzige, was ich mit Gewissheit weiß. Nach ihrem Tod verließ uns meine Mutter. Ob es bald danach war oder erst Monate oder Jahre später, kann ich nicht sagen. Aber wie kommt es, dass ich mich an meine Schwester nicht erinnern kann? Was ist ihr zugestoßen? Woran sterben Kinder? An Krebs, Leukämie, Scharlach, Influenza, Lungenentzündung… Woran noch?

Das ist das zweite Kind, das starb, sagen Sie.

Wie? Was meinen Sie? Das zweite Kind?

Das zweite Kind Ihres Vaters, das starb, Gideon. Sie haben mir doch von Virginia erzählt…

Kinder sterben, Dr. Rose. Das kommt immer wieder vor. Jeden Tag. Kinder werden krank. Und Kinder sterben.

3

»Ich frage mich wirklich, wie die Frau vom Partyservice hier zurecht gekommen ist«, sagte Frances Webberly. »Für uns ist die Küche natürlich gut genug. Wir würden einen Geschirrspüler oder eine Mikrowelle wahrscheinlich gar nicht benutzen, wenn wir so etwas hätten. Aber der Partyservice… Diese Leute sind doch bestimmt allen modernen Komfort gewöhnt. Das wird eine schöne Überraschung für die arme Frau gewesen sein, als sie hier ankam und unsere museumsreife Küche sah.«

Malcolm Webberly, der am Tisch saß, antwortete nicht. Er hatte die betont lebhafte Rede seiner Frau natürlich gehört, aber in Gedanken war er ganz woanders. Um ein Gespräch abzubiegen, nach dem ihm jetzt nicht der Sinn stand, hatte er sich in die Küche zurückgezogen und angefangen, seine Schuhe zu putzen. Er hoffte, Frances, die ihn seit mehr als dreißig Jahren kannte und wusste, wie sehr er es hasste, zwei Dinge gleichzeitig zu tun, würde ihn, wenn sie ihn bei der Arbeit sah, in Ruhe lassen.

Er wünschte sich sehr, in Ruhe gelassen zu werden; seit dem Augenblick, als Eric Leach gesagt hatte: »Male, tut mir Leid, Sie so spät noch zu stören, aber ich wollte es Ihnen persönlich mitteilen«, und ihm dann von Eugenie Davies' Tod berichtet hatte. Er brauchte Zeit für sich, um sich mit seinen Gefühlen auseinander zu setzen. Eine schlaflose Nacht an der Seite seiner sanft schnarchenden Frau hatte ihm zwar Gelegenheit gegeben, darüber nachzudenken, was das Wort Fahrerflucht bei ihm auslöste, aber sich Eugenie Davies' Tod vorzustellen, war ihm unmöglich gewesen. Wenn er an sie dachte, sah er sie stets so, wie er sie das letzte Mal gesehen hatte: am Fluss, im Wind, mit flatterndem blondem Haar. Sie hatte sich sofort ein Kopftuch umgebunden, als sie aus dem Haus gekommen war, aber beim Spaziergang hatte es sich gelockert, und als sie es abgenommen hatte, um es neu zu falten und zu binden, hatte der Wind ihr Haar erfasst und kräftig durcheinander geblasen.

»Lass es doch so«, hatte er zu ihr gesagt. »Wenn das Licht so auf dein Haar fällt, wirkst du so -« Wie denn?, hatte er überlegt. Schön? Aber eine große Schönheit war sie, solange er sie gekannt hatte, nicht gewesen. Jung? Sie hatten beide ihre besten Jahre hinter sich. Wahrscheinlich, dachte er später, hatte er nach dem Wort friedlich gesucht. Das Licht der Sonne auf ihrem Haar bildete einen Strahlenkranz um ihren Kopf wie bei einem Engel, und Engel bedeuteten Frieden. Ihm war bei diesen Überlegungen bewusst geworden, dass er Eugenie Davies niemals wahrhaft in Frieden erlebt hatte und dass sie auch in diesem Moment - trotz des Lichts, das sie umgab - nicht in Frieden gewesen war.

Diese Erinnerungen gingen ihm durch den Sinn, während er gewissenhaft Schuhcreme auf seinen Schuh auftrug, und seine Frau immer noch redete.

» …alles ganz wunderbar gemacht. Aber ein Glück, dass es schon dunkel war, als die arme Frau kam, weiß der Himmel, wie sie reagiert hätte, wenn sie unseren Garten hätte sehen können.«

Frances lachte schamhaft. »>Aber meinen Seerosenteich lasse ich mir nicht ausredenc, habe ich gestern Abend zu Lady Hillier gesagt. Wusstest du übrigens, dass sie und David daran denken, einen Whirlpool in ihrem Wintergarten installieren zu lassen? >Wunderbar, wenn man so etwas mag<, habe ich gesagt, >aber mir reicht ein kleiner Teich. Mehr wollte ich nie. Und irgendwann werden wir ihn auch haben. Malcolm hat es versprochen, und auf

Malcolms Versprechen kann ich mich verlassen! < Allerdings müssen wir vorher jemanden finden, der mit der Machete die Wildnis da draußen lichtet und den alten Mäher abtransportiert. Aber davon habe ich Lady Hillier natürlich nichts gesagt -«

Du meinst, deiner Schwester Laura, dachte Webberly.

»- gar nicht begreifen, wovon ich rede. Sie hat ja schon wer weiß wie lang ihren Gärtner. Aber eines Tages, wenn das Geld da ist, bekommen wir unseren kleinen Teich, nicht wahr?«

»Ja, sicher«, sagte Webberly.

Frances zwängte sich in der engen kleinen Küche am Tisch vorbei ans Fenster und sah in den Garten hinaus. Sie hatte in den vergangenen zehn Jahren so oft und so lange an dieser Stelle gestanden, dass ihre Füße eine Mulde ins Linoleum gedrückt und ihre Finger, dort wo sie sie aufzulegen pflegte, Rillen im Fensterbrett hinterlassen hatten. Webberly fragte sich, was ihr durch den Kopf ging, wenn sie stundenlang dort stand. Was für Widerstände versuchte sie zu besiegen, ohne es je zu erreichen?

Schon einen Augenblick später gab sie ihm die Antwort.

»Es scheint ein schöner Tag zu werden«, sagte sie. »Im Radio haben sie zwar für Nachmittag wieder Regen angesagt, aber ich denke, die täuschen sich. Weißt du, was, ich glaube, heute Vormittag gehe ich endlich mal raus und arbeite ein bisschen im Garten.«

Webberly hob den Kopf. Frances, die seinen Blick anscheinend spürte, drehte sich um, eine Hand noch auf dem Fensterbrett, die andere verkrampft am Revers ihres Morgenrocks. »Ich glaube, heute schaffe ich es«, sagte sie. »Malcolm! Ich glaube, ich schaffe es.«

Wie oft hatte sie das schon gesagt! Hundertmal? Tausendmal? Und immer steckte die gleiche Mischung aus Hoffnung und Selbstbetrug in ihren Worten. Ich werde im Garten arbeiten, Malcolm. Ich werde heute Nachmittag einkaufen gehen. Ich werde mich in den Prebend Gardens auf eine Bank setzen; einen langen Marsch mit Alfie machen; die neue Kosmetikerin ausprobieren, die alle so rühmen… So viele aufrichtige und gute Vorsätze, die sich unweigerlich in Luft auflösten, wenn Frances vor der Haustür stand. Sie brachte es einfach nicht über sich, die rechte Hand zum Türknauf zu heben, wie sehr sie sich auch bemühte.

»Frannie -«, begann Webberly, und sie fiel ihm beschwörend ins Wort. »Die Party gestern hat alles geändert. Rundherum von Freunden umgeben zu sein, das tut unglaublich gut. Ich fühle mich so wohl, Malcolm! So wohl wie schon lange nicht mehr.«

Miranda, die in diesem Moment in die Küche kam, ersparte es Webberly, darauf antworten zu müssen. Mit einem »Ah, hier seid ihr«, ließ sie ihren Trompetenkasten und einen sperrigen Rucksack zu Boden fallen und ging zum Herd, wo Alfie, der Schäferhundmischling, sich auf seiner Decke von den Strapazen der Party erholte. Sie kraulte ihn kräftig zwischen den Ohren, woraufhin er sich prompt auf den Rücken rollte und seinen Bauch darbot. Nachdem sie ihn gekrault hatte, drückte sie ihm zum Abschluss einen Kuss auf den Kopf und nahm dafür einen feuchten Hundekuss in Empfang.

»Schatz, das ist schrecklich unhygienisch«, sagte Frances.

»Ach was, das ist Hundeliebe«, entgegnete Miranda. »Die reinste Liebe, die es gibt. Stimmt's, Alfie?«

Alf gähnte.

Miranda wandte sich zum Gehen. »Also, dann fahre ich jetzt. Ich muss nächste Woche zwei Arbeiten abgeben.«

»Du willst schon wieder weg?« Webberly schob seine Schuhe auf die Seite. »Du warst keine achtundvierzig Stunden hier. Kann Cambridge nicht noch einen Tag warten?«

»Die Pflicht ruft, Dad. Du willst doch nicht, dass ich meine Prüfungen verhaue, oder?«

»Dann warte wenigstens, bis ich die Schuhe fertig hab. Ich bring dich mit dem Wagen zum King's-Cross- Bahnhof.«

»Ach, das ist nicht nötig. Ich nehme die U-Bahn.«

»Dann lass mich dich zur U-Bahn fahren.«

»Dad!«, sagte sie gequält. Sie kannte diese Diskussion seit Ewigkeiten. »Die Bewegung tut mir gut. Erklär's ihm, Mama.«

»Aber wenn es unterwegs zu regnen anfängt -«, wandte Webberly ein.

»Lieber Himmel, Malcolm, davon wird sie sich nicht gleich auflösen.«

Aber genau das geschieht doch, widersprach Webberly im Stillen. Sie lösen sich auf, sie zerbrechen, sie verschwinden von einem Moment auf den anderen. Und immer dann, wenn man am wenigsten damit rechnet. Aber ihm war klar, dass in dieser Situation, wo zwei Frauen sich gegen ihn zu verbünden drohten, ein Kompromiss angeraten war. Er sagte deshalb: »Dann begleite ich dich einfach ein Stück.« Und als Miranda die Augen verdrehte und zu Protesten dagegen ansetzte, dass sie, eine erwachsene Frau, sich von ihrem Vater bei der Hand nehmen lassen sollte wie ein kleines Kind, das nicht allein über die Straße gehen kann, fügte er hinzu: »Alfie braucht seinen Morgenspaziergang, Randie.«

»Mama!«, wandte sich Miranda Hilfe suchend an ihre Mutter, aber die sagte mit einem bedauernden Achselzucken: »Du hast ja Alfie heute noch nicht ausgeführt, Schatz.«

Miranda gab klein bei. »Na gut, dann komm eben mit, du Gluckenvater«, sagte sie gutmütig. »Aber ich warte bestimmt nicht, bis du mit dem Schuhputzen fertig bist.«

»Ich mach die Schuhe schon«, sagte Frances.

Webberly holte die Hundeleine und folgte seiner Tochter ins Freie, wo Alfie sofort im Gebüsch nach einem alten Tennisball zu suchen begann. Er wusste, was ihn erwartete, wenn sein Herr mit ihm loszog: ein Spaziergang in den Park, wo er frei laufen, dem Tennisball nachjagen und mindestens eine Viertelstunde lang nach Herzenslust herumtollen durfte.

»Ich weiß nicht, wer von euch beiden weniger Fantasie hat«, bemerkte Miranda, den Hund beobachtend, der in den Hortensien stöberte. »Du oder der Hund. Schau ihn dir doch an, Dad. Er weiß genau, was kommt. Da gibt's doch überhaupt keine Überraschung mehr.«

»Hunde mögen Rituale«, erklärte Webberly, als Alfie triumphierend mit dem Tennisball im Maul aus dem Gebüsch hervorstieß.

»Hunde, ja. Aber was ist mit dir? Wieso gehst du immer nur in den Park mit ihm?«

»Das ist meine Meditation«, teilte er ihr mit. »Zweimal am Tag, morgens und abends. Zufrieden?«

»Meditation!«, wiederholte sie mit ungläubigem Spott. »Du alter Schwindler. Also wirklich!«

Zum Tor hinaus, wandten sie sich nach rechts, folgten dem Hund bis zum Ende der Palgrave Street, wo er den erwarteten Linksschwenk machte, der sie zur Stamford Brook Road und zu den Prebend Gardens gleich über der

Straße führen würde.

»Die Party war nett.« Miranda hakte sich bei ihrem Vater ein.

»Ich glaube, Mama hat es auch gefallen. Und niemand hat irgendeine Bemerkung gemacht - jedenfalls nicht mir gegenüber.«

»Ja, es war ein schönes Fest.« Webberly drückte Randies Arm.

»Deine Mutter hat sich so gut amüsiert, dass sie vorhin sogar sagte, sie wolle im Garten arbeiten.« Er spürte den Blick seiner Tochter, hielt den seinen jedoch entschlossen nach vorn gerichtet.

»Das tut sie bestimmt nicht«, sagte Miranda. »Das weißt du doch, Dad. Warum bestehst du nicht darauf, dass sie wieder zu diesem Arzt geht? Menschen wie Mama kann man helfen.«

»Ich kann sie nicht zwingen.«

»Nein. Aber du könntest -« Miranda seufzte. »Ach, ich weiß auch nicht. Irgendwas musst du doch tun können. Ich versteh nicht, warum du nicht mal energisch wirst, sondern ihr gegenüber immer so nachgiebig bist.«

»Wie soll das denn aussehen, wenn ich energisch werde?«

»Naja, wenn sie annehmen müsste, dass du - du könntest zum Beispiel sagen: >Das war's, Frances. Ich bin am Ende meiner Geduld. Entweder du gehst wieder in Behandlung oder - oder es passiert was.<«

»Und was, bitte?«

»Ja, ja, ich weiß schon«, sagte sie kleinlaut. »Du wurdest sie niemals verlassen. Wie könntest du auch? Du könntest dir ja selbst nie wieder ins Gesicht sehen. Aber es muss doch was geben, an das du - woran wir noch nicht gedacht haben.« Sie ließ sich, vielleicht um ihrem Vater eine Antwort zu ersparen, von Alfie ablenken, der mit gespannter Aufmerksamkeit eine Katze weiter vorn auf ihrem Weg beobachtete. Schnell nahm sie ihrem Vater die Leine aus der Hand und sagte, mit einem kurzen Ruck daran ziehend: »Daran brauchst du nicht mal zu denken, Alfred!«

An der Ecke überquerten sie die Straße und trennten sich dann mit einer liebevollen Umarmung. Miranda wandte sich nach links zum U-Bahnhof Stamford Brook, während Webberly am grünen Eisengitter entlangging, das den Park auf der Ostseite begrenzte.

Im Park nahm er Alfie den Ball ab und schleuderte ihn, nachdem er den Hund von der Leine gelassen hatte, so weit er konnte auf die Grünfläche hinaus. Der Hund setzte dem Ball in wilden Sprüngen nach, rannte, sobald er den Ball geschnappt hatte, wie stets bis zum Ende der Rasenfläche und jagte endlos im Kreis um die Grünanlage herum. Webberly verfolgte mit Blicken seinen wilden Lauf von Busch zu Baum, während er selbst nur ein paar Schritte bis zu der schwarzen Parkbank vor dem Schwarzen Brett mit den Gemeindenachrichten ging.

Er überflog die Nachrichten, ohne sie wirklich aufzunehmen: Weihnachtsfeiern, Trödelmärkte, Haushaltsauflösungen. Er sah mit Befriedigung, dass die Telefonnummer der zuständigen Polizeidienststelle auffällig platziert war, und vermerkte, dass irgendeine Gruppe, die vorhatte, einen Nachbarschaftsschutz ins Leben zu rufen, ein Treffen im Souterrain einer der Kirchen plante. Er las das alles und hätte doch später keinerlei Auskunft darüber geben können, was er gelesen hatte. Er nahm die sechs, sieben Zettel wahr, die hinter Glas an die Anschlagtafel geheftet waren. Sein Blick glitt über jeden der Texte, aber in Gedanken war er bei

Frances, wie sie vorhin am Küchenfenster gestanden hatte, und bei seiner Tochter, die zärtlich und mit bedingungslosem Vertrauen in ihn sagte: Du würdest sie niemals verlassen. Wie könntest du auch? Aber gerade diese letzten Worte erschienen ihm wie blanker Hohn. Wie könntest du sie je verlassen, Malcolm Webberly? Sag, wie könntest du?

Tatsächlich war eine Trennung von Frances das Letzte gewesen, was er an dem Abend im Kopf gehabt hatte, als er in das Haus am Kensington Square gerufen worden war. Die Meldung war über die Dienststelle Earl's Court Road eingegangen, wo er, vor kurzem zum Inspector befördert, mit seinem neuen Partner, Sergeant Eric Leach, tätig war. Leach hatte am Steuer gesessen, als sie die Kensington High Street hinuntergefahren waren, wo damals kaum weniger Getümmel geherrscht hatte als heute, und da Leach sich im Bezirk noch nicht auskannte, war er ein gutes Stück über das Ziel hinausgeschossen, und sie hatten durch die gewundene kleine Thackery Street, deren dörflicher Charakter so gar nicht zu ihrer großstädtischen Umgebung passte, wieder zurückfahren müssen. Von Südosten auf den Platz kommend, sahen sie das Haus, das sie suchten, direkt vor sich stehen: ein viktorianisches Gebäude aus rotem Backstein mit einem Medaillon unter dem Giebel, das das Baujahr, 1879, angab; ein relativ neuer Bau in einem Stadtviertel, wo die ältesten Häuser beinahe zweihundert Jahre früher errichtet worden waren.

Nur ein Streifenwagen stand noch am Bordstein. Die Sanitäter waren längst wieder fort, genau wie die Nachbarn, die sich zweifellos vor dem Haus versammelt hatten, als Polizeisirenen die abendliche Stille dieser Wohngegend gestört hatten.

Webberly stieg aus dem Auto und ging zum Haus. Ein schwarzes schmiedeeisernes Gitter auf einem niedrigen

Backsteinsockel umgrenzte einen gepflasterten Vorhof, in dessen Mitte in einem großen Pflanzgefäß eine Zierkirsche stand. Ihre Blütenblätter bedeckten den Boden unter ihr wie ein zartrosa Teppich.

Die Haustür war geschlossen, aber drinnen hatte offensichtlich jemand auf sie gewartet. Kaum setzte Webberly den Fuß auf die unterste Stufe der Vortreppe, da ging die Tür auf, und der Constable, der die Dienststelle angerufen hatte, ließ sie ins Haus. Er wirkte tief erschüttert. Es sei das erste Mal, dass er zu einem toten Kind gerufen worden sei, erklärte er. Er war unmittelbar nach dem Rettungsdienst angekommen.

»Zwei Jahre alt«, berichtete er mit tonloser Stimme. »Der Vater hat es mit Mund-zu-Mund-Beatmung versucht, und die Sanitäter haben getan, was sie konnten.« Er schüttelte mit hoffnungsloser Miene den Kopf. »Keine Chance. Die Kleine war schon tot. Entschuldigen Sie, Sir. Wir haben gerade ein Baby bekommen. Da fragt man sich doch…«

»Ja, natürlich«, sagte Webberly. »Ist schon in Ordnung. Ich habe auch eine kleine Tochter.« Er brauchte nicht daran erinnert zu werden, welchen Gefahren das Leben eines Kindes ausgesetzt war und wie wachsam Eltern sein mussten, um es zu schützen. Seine kleine Miranda war gerade zwei Jahre alt geworden.

»Wo ist es passiert?«, fragte er.

»Oben. Im Bad. Aber wollen Sie nicht erst mit den Eltern sprechen? Sie sind im Wohnzimmer.«

Belehrungen eines unerfahrenen jungen Kollegen brauchte Webberly wahrhaftig nicht, aber der Junge war durcheinander, und es hätte wenig Sinn gehabt, ihn jetzt zurechtzuweisen. Darum begnügte er sich damit, Leach zu bitten, den Eltern zu sagen, dass er gleich kommen werde.

Dann wies er mit dem Kopf zur Treppe und sagte zu dem jungen Constable: »Gehen Sie voraus.« Er folgte dem Jungen eine Treppe hinauf, die sich um einen kunstvoll geschnitzten Pflanzenständer aus Eichenholz wand, auf dem ein üppiger Farn stand.

Das Kinderbadezimmer war neben dem Kinderzimmer, einer Toilette und dem Zimmer des anderen Kindes der Familie in der zweiten Etage des Hauses. Die Eltern und die Großeltern hatten ihre Zimmer im ersten Stockwerk, und im obersten Stock wohnten eine Kinderfrau, ein Untermieter und eine Frau, die - nun, der Constable meinte, man würde sie wohl als Erzieherin bezeichnen, obwohl die Familie sie nicht so nannte.

»Sie unterrichtet die Kinder«, sagte der Constable. »Na ja, wahrscheinlich nur den Jungen, der schon alt genug ist.«

Webberly zog kurz die Brauen hoch über die ungewöhnliche Tatsache einer privaten Erzieherin in diesen modernen Zeiten, dann ging er in das Badezimmer, wo das Unglück geschehen war. Leach, der wie befohlen den Eltern unten im Wohnzimmer Bescheid gesagt hatte, gesellte sich wenig später zu ihm, während der Constable an seinen Posten im Vestibül zurückkehrte.

Bedrückt sahen sich die beiden Beamten in dem Badezimmer um. Ein so alltäglicher, scheinbar harmloser Ort! Kaum vorstellbar, dass man in so einem Raum das Opfer eines tödlichen Unfalls werden konnte. Und doch kam es so häufig vor, dass Webberly sich manchmal fragte, wann die Leute endlich begreifen würden, dass man ein kleines Kind nicht eine Sekunde unbeaufsichtigt lassen durfte, wenn nur die kleinste Wasserpfütze in der Nähe war.

In der Wanne allerdings stand das Wasser höher als in einer Pfütze: mindestens fünfundzwanzig Zentimeter hoch. Es war mittlerweile abgekühlt, und auf der unbewegten Oberfläche schwammen ein Plastikboot und fünf gelbe Gummientchen. Auf dem Grund der Wanne, neben dem Abfluss, lag ein Stück Seife, und auf der Ablage aus rostfreiem Stahl, die sich quer über die Wanne spannte, lagen ein feuchter Waschlappen, ein Kamm und ein Schwamm. Auf den ersten Blick sah alles ganz normal aus. Bei näherem Hinsehen waren mancherlei Hinweise darauf zu erkennen, dass erst vor kurzem Panik und schreckliches Unglück in diesem Raum geherrscht hatten.

Ein Handtuchhalter war umgestoßen. Eine durchweichte Badematte lag zusammengeschoben unter dem Waschbecken. Ein umgestürzter Rattanpapierkorb war völlig zerdrückt. Und über die weißen Fliesen führten die Fußabdrücke der Sanitäter, die in ihrem Bestreben, das Leben eines Kindes zu retten, bestimmt nicht daran gedacht hatten, das Bad sauber zu halten.

Webberly konnte sich die Szene vorstellen, als wäre er dabei gewesen, weil er als junger Streifenbeamter mehr als einmal solche Szenen erlebt hatte: keine Panik bei den Sanitätern, vielmehr konzentrierte, beinahe unmenschlich wirkende Ruhe. Prüfung von Puls, Atmung und Augenreflexen, sofortige Einleitung von Wiederbelebungsmaßnahmen. Sie hatten vermutlich schon nach Augenblicken gewusst, dass die Kleine tot war, aber sie sagten es keinem, denn ihre Aufgabe war es, um jeden Preis Leben zu retten. Deshalb hätten sie nichts unversucht gelassen, sich mit allem Einsatz um das Kind bemüht, es aus dem Haus gebracht und auch auf der Fahrt ins Krankenhaus ihre Bemühungen fortgesetzt, weil ja immer die Chance bestand, dass dem schlaffen Bündel, das zurückblieb, wenn der Geist aus dem Körper gewichen war, doch noch Leben abgerungen werden konnte.

Webberly hockte neben dem Papierkorb nieder und richtete ihn vorsichtig mithilfe eines Kugelschreibers wieder auf, um einen Blick hineinzuwerfen. Sechs zerknüllte Papiertücher, ein Stück Zahnseide, eine flach gedrückte Tube Zahnpasta. »Sehen Sie im Apothekerschränkchen nach, Eric«, sagte er zu Leach, während er wieder an die Wanne trat und alles mit prüfendem Blick musterte - die Wände, die Armaturen und den Wasserhahn, den Kitt rund um die Wanne, das Wasser in ihr. Nichts.

Leach sagte: »Kinderaspirin, Hustensaft, verschiedene Medikamente. Fünf insgesamt. Alle rezeptpflichtig. Mit Namensschildchen.«

»Auf wen ausgestellt?«

»Alle auf Sonia Davies.«

»Notieren Sie die Namen der Medikamente. Dann versiegeln Sie den Raum. Ich spreche jetzt mit den Eltern.«

Aber unten im Wohnzimmer erwarteten ihn nicht nur die Eltern des Kindes. Es lebte noch eine Anzahl anderer Menschen im Haus, und die Hausbewohner waren nicht allein gewesen, als das Unglück sie aus der Abendruhe gerissen hatte. Der Raum wirkte überfüllt, obwohl nur neun Personen anwesend waren: acht Erwachsene und ein kleiner Junge mit weißblondem Haar, das ihm auf sehr ansprechende Art in die Stirn fiel. Mit blassem Gesicht stand er in der schützenden Umarmung eines alten Mannes, vermutlich seines Großvaters, an dessen Schlips - Andenken an irgendeine Universität oder einen Klub - er sich mit einer Hand krampfhaft festklammerte.

Niemand sprach. Sie schienen alle im Schock, zusammengeschart, um einander zu stützen und zu trösten, so gut sie es vermochten. Die Fürsorge galt vor allem der Mutter, einer Frau in den Dreißigern, wie Webberly, mit bleichem Gesicht, in dem die Augen übergroß wirkten, gehetzt, als sähen sie immer wieder, was keine Mutter je sehen müssen sollte: ihr Kind in den Händen Fremder, die um sein Leben kämpften.

Als Webberly sich vorstellte, stand einer der beiden Männer auf, die sich bisher um die Mutter bemüht hatten. Er sei Richard Davies, sagte er, der Vater des Kindes, das ins Krankenhaus gebracht worden war. Warum er es so schonend ausdruckte, verriet der Blick zu dem kleinen Jungen, seinem Sohn. Er wollte verständlicherweise nicht vor ihm vom Tod seiner kleinen Schwester sprechen. »Wir waren im Krankenhaus«, sagte er. »Meine Frau und ich. Man sagte uns -«

Die junge Frau, die im Arm eines etwa gleichaltrigen Mannes auf dem Sofa saß, begann zu weinen. Es war ein schreckliches, röchelndes Weinen, das schnell zu einem hysterischen Schluchzen wurde. »Ich habe sie nicht allein gelassen«, rief sie keuchend, und Webberly hörte deutlich den deutschen Akzent in ihrer Aussprache. »Ich schwöre es, ich habe sie keine Minute allein gelassen.«

Was natürlich die Frage herausforderte, wie das Kind dann umgekommen war.

Sie mussten alle befragt werden, aber nicht gleichzeitig. Webberly wandte sich zunächst an die junge Deutsche: »Sie waren für das Kind verantwortlich?«

Woraufhin die Mutter sagte: »Ich habe das über uns gebracht!«

»Eugenie!«, rief Richard Davies, und der andere Mann mit dem schweißfeuchten Gesicht, der bei ihr stand, sagte: »So etwas darfst du nicht sagen, Eugenie.«

Der Großvater erklärte: »Wir wissen doch alle, wer schuld ist.«

Die Deutsche jammerte: »Nein! Nein! Ich habe sie nicht allein gelassen«, und der junge Mann neben ihr sagte: »Ist schon okay«, was es nun wahrhaftig nicht war.

Zwei Personen sprachen kein Wort: eine alte Frau, die unverwandt den Großvater fixierte, und eine rothaarige junge Frau im adretten Faltenrock, die mit unverhüllter Abneigung die Deutsche beobachtete.

Zu viele Menschen, zu viele Emotionen und wachsende Verwirrung. Webberly bat alle, bis auf die Eltern, sich zurückzuziehen.

»Aber bleiben Sie im Haus«, gebot er. »Und irgendjemand muss sich um den Jungen kümmern.«

»Ich«, sagte die Rothaarige, offensichtlich die »Erzieherin«, von der der Constable gesprochen hatte. »Komm, Gideon. Wir nehmen uns mal dein Mathebuch vor.«

»Aber ich muss doch üben«, entgegnete der Junge mit ernstem Blick in die Runde der Erwachsenen. »Raphael hat gesagt -«

»Es ist schon in Ordnung, Gideon. Geh du ruhig mit Sarah-Jane.« Der Mann mit dem schweißnassen Gesicht entfernte sich von der Mutter und kauerte vor dem Jungen nieder. »Mach dir jetzt um deine Musik keine Gedanken. Geh mit Sarah-Jane, ja?«

»Komm, Junge.« Mit dem Kleinen auf dem Arm, stand der Großvater auf. Die anderen folgten ihm aus dem Zimmer, und schließlich waren nur noch die Eltern des toten Kindes übrig.

Selbst jetzt noch, hier im Park von Stamford Brook, wo Alfie kläffend Vögel und Eichhörnchen jagte, selbst jetzt noch konnte sich Webberly an Eugenie Davies erinnern, wie sie an diesem Abend ausgesehen hatte.

Sie trug eine graue Hose und eine blassblaue Bluse und war völlig reglos dagesessen. Sie hatte weder ihn noch ihren Mann angesehen, als sie wie zu sich selbst gesagt hatte: »O mein Gott, was soll jetzt aus uns werden?«

Ihr Mann ging nicht auf ihre Worte ein, sondern bemerkte, zu Webberly gewandt: »Wir waren im Krankenhaus. Man konnte nichts mehr für sie tun. Hier hatte man uns das nicht gesagt. Hier im Haus, meine ich. Da haben sie uns das nicht gleich gesagt.«

»Nein«, antwortete Webberly. »Das ist nicht ihre Aufgabe. Das überlassen sie den Ärzten.«

»Aber sie wussten es. Schon als sie noch hier im Haus waren. Sie wussten es, nicht wahr?«

»Ich vermute, ja. Es tut mir sehr Leid.«

Sie weinten beide nicht. Das würde später kommen; wenn sie begriffen, dass der Albtraum kein Albtraum war, sondern Realität, die den Rest ihres Lebens verändern würde. Im Moment waren sie betäubt von den seelischen Erschütterungen: der anfänglichen Panik, den verzweifelten Rettungsbemühungen, der Invasion fremder Menschen in ihrem Heim, dem qualvollen Warten in der Notaufnahme, dem Urteil der Ärzte.

»Sie sagten, sie würde erst später freigegeben werden. Die - ihr Leichnam«, sagte Richard Davies. »Wir durften sie nicht mitnehmen… warum nicht?«

Eugenie senkte den Kopf und starrte, wie es schien, auf ihre gefalteten Hände.

Webberly zog sich einen Sessel heran und setzte sich, um mit der Frau auf gleicher Höhe zu sein. Mit einer Kopfbewegung bedeutete er Richard Davies, sich ebenfalls zu setzen. Der nahm neben seiner Frau Platz und ergriff ihre Hand. Webberly erklärte es ihnen, so gut er konnte: Bei einem unerwarteten Tod, wenn jemand starb, der sich nicht in Behandlung eines Arztes befand, der einen Totenschein ausstellen konnte, wenn jemand bei einem Unglücksfall ums Leben kam - zum Beispiel durch Ertrinken -, dann schrieb das Gesetz eine Obduktion des Verstorbenen vor.

Eugenie blickte auf. »Soll das heißen, dass man sie aufschneiden wird?«

Webberly wich der Frage aus, indem er sagte: »Das geschieht, um die genaue Todesursache festzustellen.«

»Aber die kennen wir doch«, wandte Richard Davies ein. »Sie war oben - sie wurde gebadet, sie war in der Wanne. Ich hörte jemanden rufen, dann die Frauen schreien, und als ich nach oben lief, kam James heruntergestürzt -«

»James?«

»Unser Untermieter. Er war oben in seinem Zimmer und kam die Treppe heruntergerannt.«

»Wo waren die übrigen Hausbewohner?«

Richard warf seiner Frau einen fragenden Blick zu, aber die schüttelte den Kopf. »Ich war mit meiner Schwiegermutter in der Küche. Wir wollten das Abendessen machen. Sonia wurde meistens um diese Zeit gebadet, und -« Sie brach ab, als drohte durch das Aussprechen des Namens das Undenkbare sie zu überwältigen.

»Und Sie wissen nicht, wo die anderen waren?«

»Mein Vater und ich waren im Wohnzimmer«, sagte Richard Davies. »Wir sahen uns - mein Gott, wir haben uns Fußball angesehen! Wir haben uns ein Fußballspiel angesehen, und oben ertrank unser Kind!«

In Eugenie schien etwas zu zerbrechen. Sie begann endlich zu weinen.

Richard Davies, der mit seinen eigenen Gefühlen des Schmerzes und der Hoffnungslosigkeit beschäftigt war, nahm seine Frau nicht in den Arm, wie Webberly das von ihm erwartet hätte. Er sagte nur ihren Namen und versicherte ihr völlig nutzlos, es sei ja gut, das Kind sei jetzt bei Gott, der es ebenso sehr liebte, wie sie es geliebt hatten. Gerade sie, Eugenie, mit ihrem unerschütterlichen Glauben an Gott und seine unendliche Güte, wisse das doch, nicht wahr?

Welch armseliger Trost, dachte Webberly und sagte: »Ich möchte mit jedem sprechen, der zur Zeit des Unfalls im Haus war.«

Zu Richard Davies gewandt, fügte er hinzu: »Vielleicht braucht Ihre Frau einen Arzt, Mr. Davies. Wollen Sie nicht einen anrufen?«

Noch während er sprach, wurde die Wohnzimmertür geöffnet, und Sergeant Leach trat ein. Er nickte zum Zeichen, dass er seine Liste fertig gestellt und das Badezimmer versiegelt hatte, woraufhin Webberly ihm mitteilte, dass sie die Hausbewohner hier im Wohnzimmer befragen würden.

»Danke für Ihre Hilfe, Inspector«, sagte Eugenie.

Danke für Ihre Hilfe. Diese Worte gingen Webberly durch den Kopf, als er jetzt schwerfällig von der Parkbank aufstand. Vier schlichte Worte, im Ton tiefsten Elends gesprochen, die sein Leben verändert hatten: die aus dem Kriminalbeamten den Ritter ohne Furcht und Tadel gemacht hatten.

Weil sie, dachte er jetzt, als er nach Alfie rief, eine so besondere Mutter gewesen war. Eine Mutter, wie Frances sie nie hätte sein können. Das musste man bewundern. Einer solchen Mutter musste man als Mann einfach helfen wollen.

»Alfie, komm jetzt!«, rief er laut, als der Hund einem Terrier mit einem Frisbee im Maul nachlief. »Nach Hause. Komm! Ich lass dich auch frei laufen.«

Als hätte der Hund dieses letzte Versprechen verstanden, kam er zurückgerannt und blieb japsend und mit hängender Zunge vor Webberly stehen. Er hatte für diesen Morgen offensichtlich genug Auslauf gehabt. Mit einer Kopfbewegung beorderte Webberly ihn zum Parktor, wo er sich gehorsam setzte und seinen Herrn in Erwartung einer Belohnung mit wachem Blick fixierte.

»Nachher, wenn wir zu Hause sind«, sagte Webberly. Den ganzen Heimweg gingen ihm diese Wort durch den Kopf.

Sehr passend, eigentlich. Letztendlich und über allzu viele Jahre hinweg war alles, was in Webberlys armseligem kleinen Leben von Bedeutung war, auf »nachher« verschoben worden.

Lynley sah, dass Helen, die noch im Bett lag, höchstens einen Schluck von ihrem Tee getrunken hatte. Doch sie hatte sich herumgedreht und sah ihm beim Kampf mit seiner Krawatte zu, während er sie im Spiegel beobachtete.

»Malcolm Webberly hat sie also gekannt?«, fragte sie. »Nicht schön für ihn. Und noch dazu an seinem Hochzeitstag.«

»Ich glaube nicht, dass er persönlich mitihr bekannt

war«, erwiderte Lynley. »Sie wareine der

Hauptbetroffenen in seinem ersten Fallals frisch gebackener Inspector in Kensington.«

»Das muss ja dann Jahre her sein. Die Sache hat offenbar einen ungeheuren Eindruck bei ihm hinterlassen.«

»Ja, vermutlich.« Lynley wollte nicht näher auf die Geschichte eingehen. Er wollte Helen überhaupt nichts von diesem lang zurückliegenden Unglück erzählen, bei dem Webberly damals ermittelt hatte. Wenn ein Kind ertrank, war das immer schrecklich, und ein solches Thema, fand Lynley, müsse man gerade jetzt, da ihr gemeinsames Leben - Helens und seines - eine neue Wendung genommen hatte und Helen selbst ein Kind erwartete, nicht unbedingt erörtern.

Unser Kind, dachte er, ein Kind, dem niemals ein Leid geschehen würde. Wenn man sich gerade da über den tragischen Tod eines anderen Kindes ausließ, erschien das wie eine Herausforderung des Schicksals. Das jedenfalls sagte sich Lynley, während er sich dem Ritual der Morgentoilette widmete.

Im Bett warf sich Helen auf die andere Seite, sodass sie ihm jetzt den Rücken zuwandte, zog die Knie hoch und drückte sich stöhnend ein Kissen auf den Bauch.

Lynley ging zu ihr, setzte sich auf die Bettkante und strich ihr über das kastanienbraune Haar. »Du hast deinen Tee kaum angerührt«, sagte er. »Möchtest du etwas anderes haben?«

»Ich möchte ganz einfach, dass diese fürchterliche Übelkeit endlich aufhört.«

»Was sagt denn die Ärztin?«

»Ach, die ist ein echter Quell der Weisheit: >lch habe die ersten vier Monate jeder Schwangerschaft in Anbetung der Toilettenschüssel verbracht. Das geht vorbei, Mrs. Lynley. Glauben Sie mir.<«

»Und bis dahin?«

»Denken Sie an was Schönes. Nur nicht gerade an was zu essen.«

Lynley betrachtete sie voller Liebe: den sanften Schwung ihrer Wange, das zarte Ohr, das wie eine vollendet geformte Muschel an ihrem Kopf anlag. Aber ihre Haut war bleich mit einem Stich ins Grünliche, und sie hielt das Kissen so krampfhaft umklammert, als rollte schon die nächste Welle der Übelkeit heran.

»Ich wollte, ich könnte dir das abnehmen, Helen«, sagte er.

Sie lachte schwach. »So was sagt ihr Männer immer, wenn ihr ein schlechtes Gewissen habt. Dabei wisst ihr ganz genau, dass ihr nie im Leben freiwillig ein Kind zur Welt bringen würdet.« Sie griff nach seiner Hand. »Trotzdem danke für die guten Worte. Gehst du jetzt? Versprich mir, dass du vorher frühstückst, Tommy.«

Er versprach es. Ein Entkommen gab es sowieso nicht. Wenn nicht Helen ihn zum Essen zwang, dann stand Charlie Denton - Butler, Diener, Koch, Theaterfan und unverbesserlicher Don Juan - vor der Tür Wache, bis er wenigstens ein paar Bissen gegessen hatte.

»Und was hast du heute vor?«, fragte er Helen. »Arbeitest du?«

»Ehrlich gesagt würde ich mich am liebsten in den nächsten zweiunddreißig Wochen überhaupt nicht mehr bewegen.«

»Soll ich Simon anrufen?«

»Nein, nein. Er arbeitet noch an dieser Acrylamid-Sache. Sie brauchen das Ergebnis in zwei Tagen.«

»Ach so. Aber braucht er dich?« Simon Allcourt-St. James war Chemiker, ein von Gerichten und Anwälten gesuchter Gutachter, der regelmäßig in den Zeugenstand gerufen wurde, um entweder die Beweisführung der Anklage oder der Verteidigung zu untermauern. In diesem besonderen Fall, einem Schadensersatzprozess, ging es darum, festzustellen, welche Menge von Acrylamid - das über die Haut aufgenommen worden war - eine toxische Dosis darstellte.

»Ich hoffe es«, antwortete sie. »Außerdem…« Mit einem Lächeln sah sie ihn an. »Außerdem möchte ich ihm gern erzählen, was es bei uns Neues gibt. Ich hab's übrigens gestern Abend Barbara gesagt.«

»Oh.«

»Oh? Was soll das denn heißen, Tommy?«

Lynley stand vom Bett auf. Er ging zum Schrank, wo ihm die Spiegeltür zeigte, dass sein Krawattenknoten völlig verunglückt war. Er zog ihn wieder auf und begann noch einmal von vorn. »Du hast Barbara doch gesagt, dass sonst noch niemand davon weiß?«

Sie versuchte sich aufzusetzen, musste aber die unbedachte Bewegung sofort büßen und ließ sich gleich wieder zurücksinken.

»Ja, natürlich, das habe ich ihr gesagt. Aber jetzt, wo sie es weiß, können wir es, finde ich, auch den anderen -«

»Ich möchte lieber noch ein bisschen warten.« Der neue Krawattenknoten sah noch schlimmer aus als der vorherige. Lynley gab auf, schimpfte auf das Material und holte sich einen anderen Schlips. Er war sich bewusst, dass Helen ihn beobachtete. Natürlich erwartete sie eine Erklärung für seine Zurückhaltung. »Reiner Aberglaube, Darling«, sagte er. »Wenn wir es für uns behalten, schützen wir uns vor dem Neid der Götter. Ich weiß, das ist Quatsch. Aber so ist es. Ich würde es am liebsten erst an die große Glocke hängen, wenn - wenn wirklich nichts mehr passieren kann.«

»Wenn wirklich nichts mehr passieren kann?«, wiederholte sie nachdenklich. »Machst du dir denn Sorgen?«

»Ja. Ich mache mir Sorgen. Ich habe Angst. Ich bin nur noch ein Nervenbündel. Ich kann kaum an etwas anderes denken. Und ich bin häufig verwirrt. Das war's so ziemlich.«

Sie lächelte. »Ich liebe dich, Darling.«

Und dieses Lächeln verlangte ein weiteres Bekenntnis. Er schuldete es ihr. »Außerdem denke ich an Deborah«, sagte er. »Simon wird sicher ganz gut damit umgehen können, dass wir ein Kind bekommen, aber Deborah wird es sehr wehtun, das zu hören.«

Deborah war Simons Frau. Seit Jahren wünschte sie sich ein Kind, doch jede ihrer Schwangerschaften hatte in einer Fehlgeburt geendet. Natürlich würde sie vorgeben, sich mit den Freunden zu freuen. Und auf eine distanzierte Art würde sie sich wirklich mit ihnen freuen. Aber tief im Innern, wo ihre Hoffnungen ruhten, würde sie wieder den bitteren Schmerz enttäuschter Träume erleben, den sie schon so oft erlebt hatte.

»Tommy«, sagte Helen liebevoll drängend, »Deborah wird es früher oder später sowieso erfahren. Meinst du nicht, es wäre weit schlimmer für sie, wenn ich plötzlich in Umstandskleidern herumlaufe, ohne ihr ein Wort von der Schwangerschaft gesagt zu haben? Und meinst du nicht, dass dieser Mangel an Vertrauen - denn sie wird doch sofort wissen, warum wir nichts gesagt haben - ihr umso mehr wehtun wird?«

»So lange brauchen wir es ja gar nicht aufzuschieben«, erwiderte Lynley. »Nur noch ein Weilchen, Helen. Und eigentlich mehr, um das Glück nicht herauszufordern, weißt du, als um Deborah zu schonen. Kannst du mir den Gefallen nicht tun, Schatz?«

Helen musterte ihn aufmerksam, und obwohl er spürte, wie er unter ihrem Blick unruhig wurde, wandte er sich nicht ab, während er auf ihre Antwort wartete.

Sie sagte: »Freust du dich denn überhaupt auf das Kind, Tommy? Bist du glücklich?«

»Helen, ich kann mir nichts Schöneres vorstellen.«

Aber noch während er sprach, fragte er sich, wieso er nicht wirklich so empfand, sondern vielmehr das bedrückende Gefühl hatte, einer lange überfälligen Pflicht nachgekommen zu sein.

4

Jill Foster quälte sich gerade zu den Kommandos der Schwangerschaftsgymnastin stöhnend durch die letzte Serie Beckenübungen, als Richard zurückkam. Er sah angegriffener aus, als sie erwartet hatte, und die Gefühle, die das bei ihr auslöste, gefielen ihr gar nicht. Er war seit sechzehn Jahren von Eugenie geschieden. Ihrer Meinung nach hätte die Identifizierung der Leiche seiner geschiedenen Frau für ihn nicht mehr bedeuten sollen als eine unangenehme Pflicht.

Gladys, die Trainerin, die Jill mittlerweile als eine Mischung aus Sportkanone und Foltermeisterin kennen gelernt hatte, sagte:

»Kommen Sie, Jill, noch zehn. Sie werden's mir danken, Kindchen, wenn Sie erst in den Wehen liegen.«

»Ich kann nicht mehr«, ächzte Jill.

»Unsinn. Denken Sie einfach nicht an die Anstrengung, denken Sie lieber an das Kleid. Sie werden's mir danken, glauben Sie mir. Nun kommen Sie schon, noch zehn Stück.«

Das erwähnte Kleid war ein Hochzeitskleid, eine Kreation aus einem Salon in Knightsbridge, das ein kleines Vermögen gekostet hatte. Es schmückte die Wohnzimmertür, an der Jill es aufgehängt hatte, um sich anzuspornen, wenn sie gegen Heißhungeranfälle zu kämpfen hatte oder von ihrer unerbittlichen Foltermeisterin durch eine Serie anstrengender Übungen gejagt wurde.

»Ich schicke dir Gladys Smiley«, hatte ihre Mutter sofort erklärt, als sie von dem zu erwartenden Nachwuchs erfuhr.

»Sie ist die Beste, die du weit und breit für eine Schwangerschaftsvorbereitung bekommen kannst. Im Allgemeinen ist sie zwar voll ausgebucht, aber mir zuliebe wird sie dich sicher noch einschieben. Gymnastik ist das A und O. Und natürlich eine gesunde Ernährung.«

Jill hatte sich ihrer Mutter gefügt, allerdings nicht aus töchterlichem Gehorsam, sondern weil Dora Forster im Lauf der Jahre bei Hausgeburten mindestens fünfhundert gesunden Säuglingen auf die Welt geholfen hatte, also wusste, wovon sie sprach.

Gladys gab den Rhythmus an. Jill schwitzte wie ein Rennpferd und fühlte sich wie eine trächtige Sau, aber sie brachte ein strahlendes Lächeln für Richard zustande. Er war gegen die Schwangerschaftsvorbereitung gewesen, die er »absolut absurd« nannte, und von einer Entbindung Jills durch ihre Mutter in ihrem Elternhaus in Wiltshire wollte er ebenfalls nichts wissen. Aber da Jill seinen Wünschen bezüglich der Hochzeit entgegengekommen war - indem sie sich dem neueren Brauch, die Eheschließung erst nach Geburt eines Kindes durchzuführen, fügte, anstatt auf der traditionellen Abfolge von Verlobung, Verheiratung, Schwangerschaft zu bestehen, die ihr persönlich lieber gewesen wäre -, würde Richard nichts anderes übrig bleiben, als sich nach ihren Vorstellungen zu richten. Schließlich war sie diejenige, die das Kind zur Welt brachte. Und wenn sie wünschte, dass ihre Mutter - die immerhin über dreißig Jahre Erfahrung auf diesem Gebiet verfügte - sie entband, dann würde es auch so gemacht werden.

»Du bist noch nicht mein Ehemann, Schatz«, sagte sie jedes Mal freundlich, wenn er protestierte. »Ich habe noch nicht versprochen, dich zu lieben, zu ehren und dir zu gehorchen.«

Das war der Trumpf, der immer stach, und darum würde sie am Ende ihren Willen durchsetzen.

» … vier… drei… zwei… eins… Ja!«, rief Gladys. »Hervorragend, Jill. Machen Sie so weiter, dann wird die Kleine nur so rausflutschen. Warten Sie nur ab.« Sie reichte Jill ein Handtuch und nickte Richard zu, der, grau im Gesicht, an der Tür stehen geblieben war. »Haben Sie sich schon auf einen Namen geeinigt?«

»Catherine Ann«, sagte Jill entschieden, und Richard sagte ebenso entschieden: »Cara Ann.«

Gladys blickte kurz von einem zu anderen und meinte dann:

»Na, wunderbar. Machen Sie so weiter, Jill, Kindchen. Wir sehen uns übermorgen, ja? Um dieselbe Zeit?«

»Hm.« Jill blieb auf dem Boden liegen, während Richard Gladys hinausbegleitete. Jill lag immer noch dort - sie kam sich vor wie ein gestrandeter Wal -, als er ins Wohnzimmer zurückkehrte.

»Schatz«, sagte sie, »nie im Leben wird mein Kind Cara heißen. Ich mache mich doch nicht zum Gespött aller meiner Freunde und Bekannten. Cara! Also wirklich, Richard. Unsere Tochter ist ein Kind und keine Figur aus einem Kitschroman.«

Unter normalen Umständen hätte er widersprochen und gesagt: »Aber der Name Catherine ist viel zu gewöhnlich. Wenn dir Cara nicht passt, müssen wir uns etwas ganz anderes einfallen lassen und uns auf einen Kompromiss einigen.«

So war das zwischen ihnen seit dem Tag ihrer ersten Begegnung, als sie bei den Dreharbeiten zu einer Dokumentation über seinen Sohn mit Richard aneinander geraten war. »Sie können sich mit Gideon über Musik unterhalten«, hatte er ihr bei den Vertragsverhandlungen mitgeteilt. »Sie können ihn über sein Geigenspiel befragen. Aber mein Sohn lehnt es ab, sein Privatleben oder seine Biografie mit Medienvertretern zu erörtern, das möchte ich von vornherein klarstellen.«

Weil er kein Privatleben hat, dachte Jill jetzt. Und seine Biografie ließ sich in zwei Worte fassen: die Geige. Gideon war Musik, und Musik war Gideon. So war es immer gewesen und so würde es bleiben.

Richard hingegen war Elektrizität. Es hatte ihr Spaß gemacht, intellektuelle Wortgefechte mit ihm auszutragen und ihren Willen gegen seinen zu stellen. Sie hatte das trotz des enormen Altersunterschieds zwischen ihnen aufregend und prickelnd gefunden. Mit einem Mann zu streiten, hatte etwas Hocherotisches. Aber nur wenige Männer in Jills Leben waren überhaupt zu streiten bereit. Schon gar nicht die englischen Männer, die sich beim ersten Anzeichen einer Auseinandersetzung im Allgemeinen in den passiven Widerstand zurückzogen.

Aber Richard war an diesem Morgen nicht nach Streiten zumute. Themen gab es genug zwischen ihnen - der Name ihrer ungeborenen Tochter, die Lage des Hauses, das sie erst noch kaufen mussten, die Art des Festes und das Datum der geplanten Hochzeit -, aber Jill sah ihm an, dass er im Moment keinen Sinn für hitzige Diskussionen hatte.

Sein blasses Gesicht verriet, dass er in den vergangenen Stunden Erschütterndes durchgemacht hatte, und wenn auch sein stures Festhalten an dem Namen Cara, den er vor fünf Monaten zum ersten Mal ins Gespräch gebracht hatte, Jill gründlich ärgerte, wollte sie ihm doch zeigen, dass sie an seinen Kümmernissen Anteil nahm. Zwar hätte sie am liebsten gesagt: Was stellst du dich so an, Richard? Die Frau hat dich vor beinahe zwanzig Jahren sang- und klanglos verlassen! Aber sie wusste natürlich, dass es klüger war, sanft zu fragen: »Wie fühlst du dich, Schatz? War es sehr schlimm?«

Richard ging zum Sofa und ließ sich darauf niederfallen. »Ich konnte es ihnen nicht sagen«, murmelte er mit gesenktem Kopf.

Sie runzelte die Stirn. »Was denn, Darling?«

»Eugenie. Ich konnte ihnen nicht mit Gewissheit sagen, ob die Frau wirklich Eugenie war.«

»Oh.« Mit schwacher Stimme. Dann: »Hatte sie sich denn so stark verändert? Na ja, ein Wunder wäre es nicht, Richard. Ihr hattet euch doch ewig nicht gesehen. Und vielleicht hatte sie in ihrem Leben sehr zu kämpfen…«

Er schüttelte den Kopf und rieb sich die Stirn. »Das war es nicht.«

»Was dann?«

»Sie war grauenvoll zugerichtet. Auf der Polizei wollten sie mir nicht genau sagen, was passiert war - wenn sie es überhaupt wussten. Aber sie sah aus, als wäre sie von einem Lastwagen überfahren worden. Völlig - verstümmelt, Jill.«

»Mein Gott!« Jill richtete sich mit einiger Mühe auf und legte ihm tröstend eine Hand aufs Knie. Das war nun doch ein Grund, erschüttert zu sein. »Richard, das tut mir wirklich Leid. Das muss für dich ja eine Qual gewesen sein.«

»Zuerst haben sie mir eine Polaroidaufnahme gezeigt. Ich fand das sehr rücksichtsvoll von ihnen. Als ich sie aber anhand des Fotos nicht identifizieren konnte, musste ich mir den Leichnam ansehen. Sie fragten, ob sie irgendwelche besonderen Merkmale besäße, an denen ich sie erkennen könne. Aber ich konnte mich nicht erinnern.« Seine Stimme war dumpf und klanglos. »Das Einzige, was ich ihnen sagen konnte, war der Name des Zahnarztes, zu dem sie vor zwanzig Jahren gegangen ist. Stell dir das vor, Jill! Ich hatte den Namen ihres Zahnarztes im Kopf, aber ich konnte mich nicht erinnern, ob sie irgendwo an ihrem Körper ein Muttermal hatte, an dem zu erkennen gewesen wäre, ob sie Eugenie ist - war -, meine Frau.«

Geschiedene Frau, hätte Jill gern hinzugefügt. Die Frau, die nur an sich dachte und ein Kind zurückließ, das du allein großgezogen hast. Allein, Richard. Vergiss das nicht.

»Aber an den Namen ihres gottverdammten Zahnarztes konnte ich mich erinnern«, sagte er. »Allerdings nur, weil er auch mein Zahnarzt ist.«

»Und was geschieht jetzt?«

»Sie wollen die Röntgenaufnahmen anfordern, um sich zu vergewissern, dass die Tote Eugenie ist.«

»Und was glaubst du?«

Er blickte auf. Er sah sehr müde aus. Mit ungewohnt schlechtem Gewissen dachte Jill daran, wie unbequem es für ihn sein musste, auf ihrem Sofa zu schlafen, und wie fürsorglich es von ihm war, jetzt, da der Tag der Entbindung näher rückte, nachts bei ihr zu bleiben. Sie hatte von ihm, der bereits zwei Kinder hatte - wenngleich nur ein Kind noch am Leben war -, nicht erwartet, dass er sie mit so viel liebevoller Sorge umgeben würde, wie er das während des größten Teils ihrer Schwangerschaft getan hatte. Praktisch vom ersten Tag an war er ihr mit einer Zärtlichkeit entgegengekommen, die sie rührte und die viel dazu beitrug, dass sich eine große Nähe zwischen ihnen entwickelte. Sie begannen zu einer Einheit zusammenzuwachsen, wie Jill es sich ersehnt und erträumt und bei Männern ihres Alters erfolglos gesucht hatte.

»Meiner Ansicht nach«, sagte Richard, auf ihre Frage antwortend, »ist die Wahrscheinlichkeit, dass Eugenie noch bei demselben Zahnarzt war wie bei unserer Trennung .«

Bei ihrem Verschwinden, korrigierte Jill im Stillen.

»… ziemlich gering.«

»Ich verstehe immer noch nicht, wie sie die Verbindung von ihr zu dir hergestellt haben. Und wie sie dich ausfindig gemacht haben.«

Richard richtete sich kurz auf, dann beugte er sich über den Couchtisch und blätterte flüchtig in der Radio Times, die dort lag. Auf der Titelseite prangte das Konterfei einer amerikanischen Schauspielerin mit zähneblitzendem Lachen, die in einer weiteren Neuauflage der Jane Eyre, dieses verlogenen viktorianischen Melodrams, unbedingt die Titelrolle spielen wollte, obwohl sie den britischen Akzent ganz sicher nur fehlerhaft hinkriegen würde. Ausgerechnet Jane Eyre, dachte Jill geringschätzig, die mehr als hundert Jahre lang bei der wachsweichen holden Weiblichkeit den Glauben genährt hat, dass ein Mann mit rabenschwarzer Vergangenheit durch die Liebe einer anständigen Frau rehabilitiert werden könnte. Was für ein Quatsch!

Richard schwieg noch immer.

»Richard«, sagte Jill, »ich versteh das nicht. Wie haben sie von Eugenie zu dir gefunden? Auch wenn sie weiterhin deinen Namen getragen hat, ist doch Davies nicht so ungewöhnlich, dass man sofort auf die frühere Verbindung zwischen euch gekommen wäre.«

»Einer der Polizeibeamten am Unfallort wusste, wer sie war«, antwortete Richard. »Wegen des Falls damals…« Er schob die Zeitschrift achtlos beiseite, sodass eine unter ihr liegende, ältere Ausgabe zum Vorschein kam. Ihr Titelbild zeigte Jill selbst im Kreis des in historischen Kostümen posierenden Ensembles ihrer hochgelobten Produktion von Desperate Remedies. Sie hatte es nur Wochen nach dem endgültigen Bruch mit Jonathon Stewart gedreht, dessen inbrünstige Schwüre, dass er seine Frau verlassen werde, »sobald unsere Steph in Oxford fertig ist, Darling«, sich als ungefähr ebenso zuverlässig erwiesen hatten wie die Vorstellung, die er im Bett zu geben pflegte. Zwei Wochen nachdem »unsere Steph« ihr Diplom in Empfang genommen hatte, war Jonathon mit der nächsten Entschuldigung des Tenors dahergekommen, dass man dem Töchterchen helfen müsse, »sich in ihrer neuen Wohnung in Lancaster einzurichten, Darling«. Drei Tage später hatte Jill einen Schlussstrich gezogen und sich in Desperate Remedies gestürzt.

»Welcher Fall?«, fragte Jill und begriff einen Augenblick später, wovon er sprach. Natürlich, es ging um den Fall, den einzigen, der von Bedeutung war. Der ihm das Herz gebrochen, der seine Ehe zerstört und die letzten zwei Jahrzehnte seines Lebens überschattet hatte. »Ja«, sagte sie, »daran erinnert man sich bei der Polizei wahrscheinlich.«

»Er hatte direkt mit dem Fall zu tun, war einer der Beamten. Als er ihren Namen auf dem Führerschein sah, hat er sich erinnert und sofort versucht, mich ausfindig zu machen.«

»Ach so, jetzt verstehe ich.« Sie rollte sich auf die Knie und richtete sich auf, sodass sie seine Schulter berühren konnte. »Komm, ich mach dir einen Kaffee. Oder vielleicht einen Tee?«

»Ein Kognak wäre mir lieber.«

Sie zog eine Braue hoch, aber da sein Blick auf die Zeitschrift gerichtet war und nicht auf sie, sah er es nicht. Um diese Zeit?, hätte sie gern gesagt. Aber Schatz! Doch sie tat es nicht, sondern stand auf und ging in die Küche, wo sie eine Flasche Courvoisier aus einem der schicken Glasschränke nahm und ihm genau zwei Esslöffel voll in ein Glas goss.

Er folgte ihr in die Küche und nahm das Glas ohne Kommentar entgegen. Nachdem er einen Schluck getrunken hatte, sagte er, den Rest Flüssigkeit im Glas schwenkend: »Ich kann den Anblick einfach nicht vergessen.«

Das war Jill nun doch zu viel. Gewiss, die Frau war tot. Auf schreckliche Weise ums Leben gekommen. Bemitleidenswert. Zweifellos war es kein Vergnügen gewesen, sich ihren verstümmelten Leichnam ansehen zu müssen. Aber Richard hatte seit nahezu zwanzig Jahren nichts mehr von seiner früheren Frau gehört, weshalb also diese Verstörtheit? Trauerte er ihr vielleicht doch noch nach? War er vielleicht nicht ganz ehrlich gewesen, als er gesagt hatte, diese Ehe sei für ihn ein für allemal erledigt?

Jill legte ihm liebevoll die Hand auf den Arm und sagte behutsam: »Ich verstehe natürlich, dass dir das alles sehr nahe geht. Aber du hast sie doch in all den Jahren nie wiedergesehen?«

Ein Flackern in seinem Blick. Ihre Finger spannten sich unwillkürlich an. Nicht schon wieder, dachte sie. Wenn du mich jetzt belügst, wie Jonathon es getan hat, werde ich auf der Stelle Schluss machen, Richard! Ich werde mich nicht noch einmal einer Illusion hingeben.

»Nein, gesehen habe ich sie nicht«, antwortete er. »Aber ich habe vor kurzem mit ihr gesprochen. Mehrmals im Lauf des letzten Monats.« Er schien zu spüren, wie sie sich verschloss, um sich vor Verletzung zu schützen, denn er fügte hastig hinzu: »Sie hatte mich Gideons wegen angerufen. Sie hatte von der Geschichte in der Wigmore Hall in der Zeitung gelesen. Und als sie hörte, er befände sich in ärztlicher Behandlung, rief sie mich an, um sich nach ihm zu erkundigen. Ich habe dir nichts davon gesagt, weil… ich weiß eigentlich gar nicht, warum ich dir nichts gesagt habe. Es erschien mir einfach nicht wichtig. Außerdem wollte ich dir in diesen letzten Wochen vor - vor der Geburt jede Aufregung ersparen. Ich wollte dich nicht damit belästigen.«

»Also, das ist wirklich unerhört!«, sagte Jill empört.

»Es tut mir Leid«, sagte Richard. »Wir haben jedes Mal nur fünf Minuten - höchstens zehn - miteinander gesprochen. Ich hielt es nicht für -«

»Das meine ich ja gar nicht«, unterbrach Jill. »Ich finde es unerhört, dass sie dich angerufen hat, Richard. Das ist doch eine Dreistigkeit sondersgleichen. Sie verlässt dich - und ihren Sohn, Herrgott noch mal! - von einem Tag auf den anderen, kümmert sich jahrelang überhaupt nicht mehr um euch und ruft dann plötzlich an, nur weil sie irgendwo gelesen hat, dass ihr Sohn einen Auftritt vermasselt hat, und sie neugierig ist. Mein Gott, das ist wirklich eine Frechheit.«

Richard sagte nichts. Er schwenkte den Kognak im Glas und beobachtete, wie die Flüssigkeit an den Wänden herablief. Jill kam zu dem Schluss, dass es noch etwas gab.

»Richard?«, sagte sie scharf. »Was ist? Du verschweigst mir doch etwas, stimmt's?« Und bei dem Gedanken, dass der Mann, dem sie so viel Vertrauen entgegengebracht hatte, nicht so offen sein könnte, wie sie es erwartete, fiel wieder eine Tür in ihrem Inneren zu. Seltsam, dachte sie, wie stark das Erlebnis einer einzigen demütigenden und misslungenen Beziehung alle nachfolgenden Verbindungen zu anderen Menschen beeinflussen kann.

»Richard! Sag schon! Da ist doch noch etwas.«

»Gideon«, sagte Richard. »Ich habe ihm nicht erzählt, dass sie mich seinetwegen angerufen hatte. Ich wusste nicht, was ich ihm sagen sollte, Jill. Sie hatte ja mit keinem Wort etwas davon erwähnt, dass sie ihn sehen wollte. Wozu also hätte ich ihm von ihren Anrufen erzählen sollen? Aber jetzt ist sie tot, und das kann ich ihm nicht verschweigen, und ich habe wahnsinnige Angst, dass sein Zustand sich verschlechtern wird, wenn er von ihrem Tod hört.«

»Ja, das kann ich verstehen. Das wäre durchaus möglich.«

»Sie wollte wissen, ob es ihm gut geht, Jill. > Warum spielt er nicht, Richard?<, fragte sie mich. >Wie viele Auftritte hat er wirklich abgesagt? Und warum? Warum?<«

»Was wollte sie denn?«

»Sie hat mich allein in den letzten zwei Wochen bestimmt zehnmal angerufen«, sagte Richard. »Plötzlich drängte sie sich wieder in mein Leben, eine Stimme aus der Vergangenheit, von der ich glaubte, ich hätte sie endgültig hinter mir gelassen und -« Er brach ab.

Jill spürte, wie die Kälte an ihr emporkroch, von den Fußsohlen aufwärts, und sie umklammerte. »Du glaubtest, du hättest sie hinter dir gelassen«, sagte sie leise und versuchte, das Undenkbare nicht zu denken. Aber die Gedanken stürmten trotzdem auf sie ein: Er liebt sie immer noch. Sie verließ ihn, sie verschwand aus seinem Leben, aber er liebt sie immer noch. Er hat mich geküsst. Er hat mit mir geschlafen. Aber geliebt hat er immer nur Eugenie.

Kein Wunder, dass er nie wieder geheiratet hatte. Die einzige Frage war: Warum wollte er jetzt wieder heiraten?

Dieser verwünschte Mann konnte ihre Gedanken lesen. Vielleicht las er auch in ihrem Gesicht oder spürte die Kälte. Jedenfalls sagte er: »Ich habe so lange gebraucht, um dich zu finden, Jill. Ich liebe dich. Ich hatte überhaupt nicht erwartet, dass ich in meinem Alter noch einmal lieben würde. Und jeden Morgen, wenn ich auf diesem Foltersofa hier aufwache, danke ich Gott für das Wunder deiner Liebe. Eugenie ist ein sehr ferner Teil meiner Vergangenheit. Wir wollen sie nicht zu einem Teil unserer Zukunft machen.«

Sie hatten, wie Jill nur zu gut wusste, beide eine Vergangenheit. Sie waren keine Teenager mehr, sie konnten nicht erwarten, dass der andere ohne Gepäck in das gemeinsame neue Leben eintreten würde. Was zählte, war die Zukunft. Ihre gemeinsame Zukunft und die Zukunft ihres Kindes. Catherine Ann.

Henley-on-Thames war von London aus rasch zu erreichen, wenn die Rückstaus, die sich im morgendlichen Berufsverkehr auf der M40 bildeten, auf die andere Fahrbahnseite beschränkt blieben. Inspector Thomas Lynley und Constable Barbara Havers hatten Marlow bereits knapp eine Stunde nach ihrer Abfahrt aus Hampstead, wo sie an einer Lagebesprechung unter der Leitung von Inspector Eric Leach teilgenommen hatten, hinter sich gelassen und fuhren in südlicher Richtung Henley entgegen.

Inspector Leach, der offenbar mit einer Erkältung oder Grippe kämpfte, hatte sie mit seinen Leuten bekannt gemacht, die nicht verbargen, dass ihnen die Anwesenheit New Scotland Yards in ihrer Mitte nicht recht geheuer war. Aber angesichts der massiven Arbeitslast, die auf sie wartete - sie hatten unter anderem eine Reihe von Vergewaltigungen in Hampstead Heath und eine Brandstiftung im Haus einer berühmten alternden Schauspielerin aufzuklären -, nahmen sie das Hilfsangebot der Kollegen doch gern an.

Leach berichtete zunächst über den ersten Befund der Obduktion, der die Ergebnisse von Blut-, Gewebe- und Organuntersuchungen noch nicht einschloss. Man hatte bei der Toten, die mit Hilfe der zahnärztlichen Unterlagen als Eugenie Davies, 62 Jahre alt, identifiziert worden war, eine Vielzahl körperlicher Verletzungen festgestellt. Zuerst zählte Leach die Frakturen auf, die sie davongetragen hatte: vierter und fünfter Halswirbel, Oberschenkelhals links, Elle und Speiche ebenfalls links, Schlüsselbein rechts, fünfte und sechste Rippe. Es folgten die organischen Verletzungen: Leber, Milz und Niere. Als Todesursache waren starke innere Blutungen und Schock festgestellt worden; der Tod war zwischen zweiundzwanzig Uhr und Mitternacht eingetreten. Eine Auswertung des am Leichnam festgestellten Spurenmaterials würde folgen.

»Sie wurde ungefähr fünfzehn Meter weit geschleudert«, berichtete Leach den im Besprechungszimmer zwischen Computern, Aktenschränken, Kopiergeräten und Tafeln versammelten Beamten.

»Den Untersuchungen zufolge ist danach mindestens zweimal ein Fahrzeug über sie hinweggefahren, möglicherweise auch dreimal. Das ergibt sich aus den Quetschungen am Körper der Toten und den auf ihrem Trenchcoat sichergestellten Spuren.«

»Das scheint ja eine reizende Gegend zu sein«, bemerkte jemand ironisch.

Leach korrigierte den falschen Eindruck des Sprechers sofort.

»Wir vermuten, dass der Schaden durch ein einziges Fahrzeug angerichtet wurde, McKnight, nicht durch zwei oder drei. Davon werden wir auf jeden Fall ausgehen, solange wir aus Lambeth nichts anderes hören. Beim ersten Zusammenprall mit dem Fahrzeug wurde sie zu Boden gerissen. Der Wagen fuhr dann zuerst vorwärts, danach rückwärts und noch einmal vorwärts über sie hinweg.«

Leach zeigte auf verschiedene Fotografien, die an der Tafel aufgehängt waren, ehe er fortfuhr. Sie zeigten die Straße nach dem Unglück. Er wies auf eine Aufnahme hin, die ein Stück Asphalt zwischen zwei orangefarbenen Pylonen und im Hintergrund eine Reihe geparkter Autos zeigte. »Der Zusammenstoß scheint hier erfolgt zu sein«, sagte er. »Und der Körper schlug hier, mitten auf der Fahrbahn auf.« Wieder ein Stück Straße, das an beiden Enden abgesperrt war. »An der Stelle, wo die Frau aufgeschlagen ist, hat der Regen einen Teil des Bluts weggespült. Aber es hat zum Glück nicht so stark geregnet, dass alles weggewaschen wurde. Und Gewebe- und Knochenspuren waren auch noch vorhanden. Aber die Tote wird nicht da gefunden, wo die Spuren feststellbar sind, sondern hier drüben, neben diesem Vauxhall, der am Bordstein geparkt ist. Achten Sie auf die Lage der Leiche. Sie sehen, dass sie ein Stück unter den Wagen geschoben ist. Wir vermuten, dass der Fahrer des Unfallwagens ausgestiegen ist, nachdem er die Frau niedergefahren und ein paar Mal überrollt hatte, und sie an den Straßenrand zerrte, ehe er weiterfuhr.«

»Könnte sie nicht von einem Fahrzeug dorthin geschleift worden sein? Einem Lkw vielleicht?«, fragte ein Constable, der bisher lautstark eine Tasse Instantbrühe geschlürft hatte. »Oder können Sie das ausschließen?«

»Ja, auf Grund der wenigen Reifenabdrücke, die wir haben«, erklärte Leach und griff nach seinem Kaffeebecher, den er auf einem mit Akten und Computerausdrucken beladenen Schreibtisch an seiner Seite abgestellt hatte.

Er war lockerer, als Lynley nach der ersten Begegnung vor vierzig Minuten in seinem Büro erwartet hatte. Lynley nahm es als gutes Omen für die bevorstehende Zusammenarbeit.

»Aber warum nicht mehrere Fahrzeuge, Sir?«, erkundigte sich ein anderer Beamter. »Das erste fährt sie nieder, und der Fahrer gerät in Panik und flüchtet. In ihrer schwarzen Kleidung wird sie von den beiden nächsten vorüberkommenden Autofahrern nicht gesehen und nochmals überrollt.«

Leach trank einen Schluck Kaffee und schüttelte den Kopf. »Es wäre doch sehr unwahrscheinlich, dass in derselben Nacht im selben Viertel drei unachtsame Autofahrer dieselbe Person überfahren, ohne den Unfall zu melden. Und wie soll sie, wenn wir Ihrer Theorie folgen, unter dem Vauxhall gelandet sein? Dafür gibt es nur eine Erklärung, Potashnik, und die ist der Grund dafür, dass wir uns mit dem Fall befassen.«

Seinen Worten folgte zustimmendes Gemurmel von allen Seiten.

»Ich würde wetten, dass der Typ, der die Sache gemeldet hat, unser Fahrer ist«, rief jemand von hinten.

»Möglich«, stimmte Leach zu. »Pitchley hat sofort seinen Anwalt hinzugezogen und keinen Ton mehr gesagt. Das stinkt natürlich, da haben Sie Recht. Aber er wird uns schon noch einiges erzählen, denke ich, wenn wir sein kostbares Auto lange genug unter Verschluss halten.«

»Nimm einem Kerl seinen Porsche, und er singt wie ein Kanarienvogel«, behauptete ein Constable, der ganz vorn saß.

»Genau darauf zähle ich«, stimmte Leach zu. »Ich behaupte weder, dass er der Fahrer war, der sie niedergefahren hat, noch, dass er es nicht war. Aber ganz gleich, wie der Hase läuft, er wird seinen Porsche nicht zurückbekommen, solange er uns nicht gesagt hat, warum die Tote seine Adresse bei sich trug. Wenn wir ihn nur dann zum Reden bringen können, wenn wir den Porsche in Gewahrsam behalten, werden wir genau das tun. So und jetzt…«

Leach begann mit der Aufgabenverteilung. Die meisten Männer seines Teams wurden in das Gebiet rund um den Unfallort beordert, um die Bewohner der umliegenden Häuser - teils Einfamilien-, teils Mehrfamilienhäuser - darüber zu befragen, was sie in der vergangenen Nacht gesehen, gehört oder sonst irgendwie wahrgenommen hatten. Einige andere Beamte wurden angewiesen, sich ständig über die Arbeit der Spurensicherung und des Labors zu informieren, also die Fortschritte bei der Untersuchung von Eugenie Davies' Wagen zu verfolgen, alle Angaben bezüglich des am Körper der Toten sichergestellten Spurenmaterials zu koordinieren, das am Leichnam gesicherte Material mit dem von dem beschlagnahmten Porsche zu vergleichen, alle Reifenabdrücke auf der Straße in West Hampstead und auf dem Körper und der Kleidung Eugenie Davies' auszuwerten. Eine letzte Gruppe von Beamten - die größte - wurde mit der Fahndung nach einem Fahrzeug mit beschädigterVorderfrontbeauftragt.

»Karosseriewerkstätten, Parkplätze und -garagen, Mietwagenfirmen, Straßen, Höfe und Parkbuchten an der Schnellstraße«, instruierte Leach.

»So ein Unfall hinterlässt Spuren am Fahrzeug.«

»Dann ist aber der Porsche aus dem Rennen«, bemerkte eine Beamtin.

»Den Porsche brauchen wir, um unseren Mann zum Reden zu bringen«, erwiderte Leach. »Aber wer weiß, ob Pitchley nicht irgendwo noch einen zweiten Wagen versteckt hat. Wir dürfen diese Möglichkeit jedenfalls nicht außer Acht lassen.«

Nach der Besprechung setzte sich Leach in seinem Büro mit Lynley und Havers zusammen, um ihnen als Leiter der Ermittlungen seine Anweisungen zu geben. Die Art, wie er das tat, legte nahe, dass es in diesem Fall nicht allein um Mord ging, sondern dass mehr auf dem Spiel stand. Was genau, verriet er ihnen allerdings nicht. Er nannte ihnen lediglich mit der Bemerkung, dass dies ihr Ausgangspunkt sei, Eugenie Davies' Adresse in Henley. Er nehme an, sagte er mit eigenartiger Betonung, sie besäßen Erfahrung genug, um zu wissen, wie sie mit den Erkenntnissen, die dort möglicherweise auf sie warteten, umzugehen hätten.

»Was sollte das denn heißen?«, fragte Barbara, als sie in Henley in die Bell Street einbogen, wo in einem Schulhof Kinder herumtobten. »Und wieso teilt er uns das Haus zu, während die anderen sämtliche Straßen in West Hampstead abklappern? Ich kapier das nicht.«

»Webberly wollte unsere Mitarbeit. Hillier hat seinen Segen dazu gegeben.«

»Und das allein ist Grund genug, wenn Sie mich fragen, Glacehandschuhe überzuziehen.«

Lynley widersprach nicht. Er wusste so gut wie Barbara, dass Hillier sie beide nicht ins Herz geschlossen hatte. Und Webberlys Verhalten bei dem Gespräch am vergangenen Abend hatte einiges vermuten lassen, aber klar ausgesprochen worden war nichts.

»Wir werden wahrscheinlich bald genug dahinter kommen, worum es geht, Havers«, sagte er. »Wie war gleich wieder die Adresse?«

»Friday Street fünfundsechzig«, antwortete sie und fügte mit einem Blick auf den Stadtplan hinzu: »Die nächste links, Sir.«

Eugenie Davies hatte nur ein paar Häuser von der Themse entfernt gewohnt, in einer hübschen Straße, wo es neben reinen Wohnhäusern einige Geschäfte und Arztpraxen gab. Das Haus war sehr klein, kaum größer, dachte Lynley, als Barbara Havers' Minibungalow in London, mit pinkfarbenem Anstrich, zwei Stockwerken und möglicherweise einer Mansarde, wenn man das winzige Dachfenster einbezog. Das reinste Puppenhaus, und so hieß es auch, wie das Emailschild an seiner Fassade verriet -Doli Cottage.

Lynley parkte ein Stück entfernt, gegenüber einer Buchhandlung. Er kramte den Schlüsselbund der Verstorbenen aus seiner Tasche, und Havers nutzte die Gelegenheit, um sich eine Zigarette anzuzünden und ihrem Kreislauf einen Nikotinstoß zu verpassen.

»Wann geben Sie dieses widerwärtige Laster endlich auf?«, fragte er, während er die Fassade des Hauses nach Anzeichen einer Alarmanlage überprüfte und dann den Schlüssel ins Schloss schob.

Havers inhalierte tief und sah ihn mit tabakseligem Lächeln herausfordernd an. »Hör sich das einer an!«, sagte sie zum Himmel hinauf. »Kann ja sein, dass es Zeitgenossen gibt, die noch unerträglicher sind als bekehrte Raucher, aber ich kenne keine. Ein Pädophiler, der sich am Tag seiner Festnahme zu Jesus bekennt? Ein Konservativer mit sozialem Gewissen? Hm, nein, die kommen da nicht ran.«

Lynley lachte. »Machen Sie sie auf der Straße aus, Havers.«

»Etwas anderes würde ich mir nicht einfallen lassen.« Sie schnippte die Zigarette über ihre Schulter auf die Fahrbahn, nachdem sie sich noch drei rasche Züge gegönnt hatte.

Lynley öffnete die Tür. Sie führte direkt in ein Wohnzimmer, klein, karg wie eine Klosterzelle, mit Restbeständen der Heilsarmee möbliert, wie es schien.

»Und ich glaubte, bonjour tristesse wär meine Spezialität«, bemerkte Barbara.

Treffend beschrieben, dachte Lynley. Die Möbel waren klassisches Nachkriegsdesign, zu einer Zeit fabriziert, als alle Energien des Landes in den Wiederaufbau einer durch Bomben zerstörten Hauptstadt gesteckt worden waren. Ein abgewetztes graues Sofa, das an der einen Wand stand, bildete zusammen mit einem Sessel der gleichen faden Farbe und zwei Beistelltischchen aus hellem Holz, die jemand ohne viel Erfolg aufzupolieren versucht hatte, eine Sitzgruppe um einen Couchtisch, auf dem mehrere Zeitschriften lagen. Die drei Lampen im Zimmer hatten Fransenschirme, zwei von ihnen hingen schief, der dritte hatte ein Brandloch, das man zur Wand hätte drehen können, wenn man gewollt hätte. Die Wände waren kahl, bis auf einen Druck über dem Sofa, der ein hässliches kleines Mädchen aus viktorianischer Zeit mit einem Kaninchen im Arm zeigte. Zwischen den Büchern in den beiden Regalen rechts und links vom mauselochgroßen, offenen Kamin klafften hier und da Lücken, offenbar von Gegenständen hinterlassen, die dort ihren Platz gehabt hatten und entfernt worden waren.

»Arm wie eine Kirchenmaus«, stellte Barbara fest, während sie - die Hände in Latex - die Zeitschriften auf dem Couchtisch durchsah und fächerförmig auslegte, sodass Lynley selbst von seinem Platz beim Regal an den Titelblättern erkennen konnte, dass die Hefte alle uralt waren.

Er wandte sich den Büchern zu, während Barbara in die Küche ging, die an das Wohnzimmer anschloss.

»Hier gibt's immerhin ein Stück moderner Technik«, rief sie.

»Sie hat einen Anrufbeantworter, Inspector. Und das Licht blinkt.«

»Schalten Sie ein«, sagte Lynley.

Die erste geisterhafte Stimme erscholl aus der Küche, als Lynley seine Lesebrille aus der Jackentasche zog, um sich die wenigen Bände in den Regalen näher anzusehen.

»Eugenie? Ian hier«, sagte ein Mann mit tiefer, sonorer Stimme, während Lynley nach einem Buch mit dem Titel The Little Flower griff und es aufschlug. Dem Klappentext entnahm er, dass es sich um die Biografie einer katholischen Heiligen namens Therese handelte: Französin, eine von mehreren Schwestern, Nonne, früh verstorben an irgendeinem Leiden, das sie sich im Winter in der unbeheizten Zelle eines französischen Klosters zugezogen hatte.

»Tut mir Leid, dass wir uns gestritten haben«, fuhr die Geisterstimme fort. »Ruf mich an, ja? Bitte! Ich hab mein Handy bei mir.«

Langsam und deutlich gab er die Nummer an.

»Ich hab sie«, rief Havers aus der Küche.

»Das ist eine Cellnet-Nummer«, sagte Lynley und griff zum nächsten Buch, als nebenan die nächste Stimme - die einer Frau - erklang. »Eugenie, ich bin's, Lynn. Dank tausendmal für deinen lieben Anruf. Ich war gerade spazieren, als du angerufen hast. Das war sehr aufmerksam von dir. Ich hätte nicht erwartet… Ach, ich weiß nicht, was ich sagen soll. Irgendwie halte ich mich aufrecht. Ich danke dir jedenfalls für deine Fürsorge. Wenn du mich zurückrufst, können wir eingehender miteinander sprechen. Aber du kannst dir sicher vorstellen, was ich im Moment durchmache.«

Lynley stellte fest, dass auch dieses Buch eine Biografie war. Diesmal ging es um eine Heilige namens Klara, eine frühe Anhängerin des Franz von Assisi: Sie verschenkte alles, was sie besaß, gründete einen Nonnenorden, führte ein Leben in der Askese und starb in Armut. Er nahm ein drittes Buch zur Hand.

»Eugenie!« Erregt und drängend, die Stimme eines Mannes, der Eugenie Davies offenbar nahe gestanden hatte, da er es nicht für nötig hielt, seinen Namen zu nennen. »Ich muss unbedingt mit dir sprechen. Ich musste noch einmal anrufen. Ich weiß, dass du da bist, bitte nimm ab!… Eugenie, nimm den verdammten Hörer ab.« Ein Seufzen. »Hör zu. Glaubst du im Ernst, ich würde mich über diese Wendung der Dinge freuen? Wie denn?… Nimm ab, Eugenie.« Schweigen, dann wieder ein Seufzen. »Na schön. Wie du willst. Wirf die Vergangenheit auf den Müll und schau nach vorn. Ich werd's auch so machen.« Damit wurde aufgelegt.

»Da könnte was zu holen sein«, rief Barbara.

»Wählen Sie eins-vier-sieben-eins, wenn die letzte Nachricht durch ist. Vielleicht haben wir Glück.«

Das dritte Buch behandelte, wie Lynley sah, das Leben der Teresa von Avila. Eine rasche Durchsicht des Klappentexts zeigte ihm, dass auf den Bücherborden thematische Einheit herrschte: Kloster, Armut, leidvoller Tod. Lynley runzelte nachdenklich die Stirn.

Aus der Küche erscholl die nächste Stimme. Wieder die eines Mannes, der seinen Namen nicht nannte. »Hallo, Liebste. Schläfst du noch, oder bist du schon unterwegs? Ich rufe nur wegen heute Abend an. Um welche Zeit? Ich bringe eine Flasche Rotwein mit, wenn's dir recht ist. Gib mir kurz Bescheid. Ich bin - ich kann es kaum erwarten, dich zu sehen, Eugenie.«

»Das war's«, verkündete Barbara. »Also, drücken Sie schön die Daumen, Inspector.«

»Ist doch klar«, antwortete er, während in der Küche Barbara die Nummer 1-4-7-1 wählte, um festzustellen, woher der letzte Anruf gekommen war.

Lynley ließ seinen Blick über die restlichen Bücher im Regal wandern und sah, dass es sich durchweg um Biografien katholischer Heiliger handelte, allesamt weiblichen Geschlechts. Werke aus jüngerer Zeit befanden sich nicht darunter, die meisten waren vor mindestens dreißig Jahren, einige sogar schon vor dem Krieg erschienen. In elf der Bücher stand auf dem Vorsatzblatt, mit kindlicher Hand geschrieben, der Name Eugenie Victoria Staines, vier trugen den Stempel eines Klosters der Unbefleckten Empfängnis, und fünf andere waren mit einer persönlichen Widmung versehen: Für Eugenie mit den besten Wünschen von Cecilia. Aus einem Buch dieser letzten Gruppe - einer Abhandlung über das Leben irgendeiner heiligen Rita - fiel ein kleiner Briefumschlag ohne Anschrift oder Poststempel. Das Schreiben, das darin lag, war vor neunzehn Jahren datiert und in einer Handschrift verfasst, die wie gestochen wirkte. Liebste Eugenie, Sie dürfen nicht verzweifeln. Gottes Wege sind unerforschlich, und keiner von uns kann sie begreifen. Wir können nur versuchen, die Prüfungen, die er uns auferlegt, zu bestehen, in dem Wissen, dass sie einen Sinn haben, den wir vielleicht im Moment nicht erkennen können. Aber eines Tages werden wir ihn erkennen, liebe Freundin. Daran müssen Sie glauben. Wir alle vermissen Sie bei der Morgenmesse und hoffen von Herzen, dass Sie bald zu uns zurückkehren werden. Die Liebe Christi und die meine begleiten Sie, Eugenie. Cecilia.

Lynley schob das Blatt Papier wieder in den Umschlag und schlug das Buch zu. »Kloster der Unbefleckten Empfängnis, Havers«, rief er.

»Wollen Sie mir empfehlen, meinen Lebenswandel zu ändern, Sir?«

»Nur wenn Sie das Bedürfnis dazu haben. Nein, lassen Sie uns daran denken, dieses Kloster ausfindig zu machen. Wir suchen jemanden namens Cecilia, falls die Frau überhaupt noch am Leben ist, und ich vermute, wir werden sie dort finden.«

»In Ordnung.«

Lynley war Barbara während dieses kurzen Austauschs in die Küche gefolgt und sah sich um. Die gleiche Kargheit wie im Wohnzimmer. So wie es aussah, war hier seit mehreren Generationen nichts erneuert worden, das einzige halbwegs moderne Stück war der Kühlschrank, der allerdings auch schon mindestens fünfzehn Jahre auf dem Buckel zu haben schien.

Der Anrufbeantworter stand auf einer schmalen Arbeitsplatte aus Holz neben einem Pappmacheeständer, in dem mehrere Briefe steckten. Lynley nahm sie heraus, während Havers zu dem kleinen Küchentisch mit den zwei Stühlen ging, der an der einen Wand stand. Auf ihm war eine kleine Fotoausstellung aufgebaut: drei ordentliche Reihen mit jeweils vier gerahmten Fotografien boten sich hier dem interessierten Betrachter dar. Die Briefe in der Hand, trat Lynley zu Barbara, als diese sagte: »Ob das wohl ihre Kinder sind? Was meinen Sie, Inspector?«

In der Tat zeigten alle Aufnahmen dasselbe Sujet: zwei Kinder, die sich mit jedem Foto ein wenig weiterentwickelten. Auf dem ersten sah man einen kleinen Jungen - vielleicht fünf oder sechs Jahre alt -, der ungeschickt einen Säugling auf dem Arm hielt, ein kleines Mädchen, wie sich bei Besichtigung der späteren Bilder erwies. Der Junge wirkte mit seinem großäugig strahlenden Lächeln voll ängstlichen Eifers von der ersten bis zur letzten Aufnahme gleich bemüht zu gefallen. Das kleine Mädchen hingegen schien meist gar nicht zu bemerken, dass eine Kamera auf sie gerichtet war. Sie sah nach rechts, nach links, nach oben, nach unten. Nur einmal - da lag die Hand ihres Bruders an ihrer Wange - war es jemandem gelungen, sie dazu zu bewegen, in die Kamera zu blicken.

Havers sagte gewohnt unverblümt: »Sir, irgendwas stimmt bei der Kleinen nicht, oder? Das ist doch das Kind, das gestorben ist, nicht? Von dem Ihnen der Superintendent erzählt hat. Richtig?«

»Wir müssen uns das erst von jemandem bestätigen lassen«, meinte Lynley. »Es könnte auch ein anderes Kind sein. Eine Nichte oder ein Enkelkind.«

»Aber was denken Sie?«

»Ja«, sagte Lynley, »ich denke, es ist das kleine Mädchen, das damals ertrunken ist.« Und nicht infolge eines Unglücksfalls, wie man zunächst hatte glauben wollen.

Das Bild konnte nicht lange vor ihrem Tod gemacht worden sein. Webberly hatte ihm erzählt, dass sie mit zwei Jahren gestorben war, und Lynley hatte den Eindruck, dass sie zum Zeitpunkt dieser letzten Aufnahme nicht wesentlich jünger gewesen war. Aber Webberly hatte ihm nicht alles erzählt. Das erkannte er jetzt bei näherer Betrachtung der Fotografie.

Er spürte, wie Argwohn und Verdacht erwachten.

Und diese Regungen gefielen ihm beide nicht.

5

Major Ted Wiley dachte nicht an Polizei, als drüben auf der anderen Straßenseite der silberne Bentley anhielt. Er stand in seiner Buchhandlung an der Kasse, um den Einkauf einer jungen Frau mit schlafendem Kind im Buggy abzurechnen, und anstatt der Luxuskarosse, die außerhalb der Regattasaison in der Friday Street parkte, nähere Aufmerksamkeit zu schenken, begann er mit der jungen Frau ein Gespräch. Die vier Bücher von Dahl, die sie offensichtlich nicht für sich selbst ausgesucht hatte, schienen ihm Beweis dafür, dass sie zu den wenigen modernen jungen Eltern gehörte, die erkannten, wie wichtig es war, einem Kind so früh wie möglich das Lesen nahe zu bringen. Dies war neben den Gefahren des Rauchens eines von Teds Lieblingsthemen. Er und seine Frau hatten ihren drei Töchtern regelmäßig vorgelesen - andere Möglichkeiten des abendlichen Zeitvertreibs hatte es damals in Rhodesien für Kinder allerdings auch kaum gegeben -, und er sagte sich gern, dass diese frühe Einführung in die Literatur, die er und Connie ihren Töchtern hatten angedeihen lassen, sich unter anderem in Respekt vor dem geschriebenen Wort und dem Willen, nur an einer erstklassigen Universität zu studieren, niedergeschlagen hatte.

Er freute sich deshalb, als er diese junge Mutter mit einem ganzen Stapel Kinderbücher zur Kasse kommen sah, und erkundigte sich sogleich, ob man ihr als Kind auch vorgelesen habe? Ob ihr Kleiner denn schon eine Lieblingsgeschichte habe; ob es nicht erstaunlich sei, wie rasch Kinder sich für eine Geschichte begeisterten, die man ihnen einmal vorgelesen hatte, und wie sie sie immer wieder zu hören verlangten.

Den silbernen Bentley nahm er nur beiläufig wahr und dachte bei seinem Anblick ebenso beiläufig nichts weiter als: ein toller Wagen. Erst als die Insassen ausstiegen und den Weg zu Eugenies Haus einschlugen, verabschiedete er sich freundlich von seiner Kundin und trat näher zum Fenster, um die Fremden zu beobachten.

Sie waren ein seltsames Paar. Der Mann, groß, blond, sportlich, trug einen dieser edlen Anzüge, die, wie ein erstklassiger Wein, mit den Jahren immer nobler werden. Seine Begleiterin, klein und pummelig, hatte rote Baseballstiefel an, eine schwarze Hose und einen voluminösen dunkelblauen Kolani, der ihr bis zu den Knien reichte. Noch ehe sie die Wagentür hinter sich zugeschlagen hatte, zündete sie sich eine Zigarette an, was Ted veranlasste, angewidert die Lippen zu kräuseln - die Tabakhersteller dieser Welt würden garantiert auf ewig in der Hölle schmoren -, der Mann jedoch hielt direkt auf Eugenies Haustür zu.

Ted wartete, glaubte, er würde anklopfen. Aber das tat er nicht. Während seine Begleiterin hektisch an ihrer Zigarette zog, betrachtete der Mann prüfend einen Gegenstand in seiner Hand, den Schlüssel zu Eugenies Haus, wie sich zeigte, als er das Objekt ins Schloss schob. Die Tür öffnete sich, und nach einer kurzen Bemerkung des Mannes zu seiner Begleiterin trat das Paar ins Haus.

Ted war schockiert. Erst nachts um eins dieser unbekannte Mann, dann gestern Abend derselbe Mann auf dem Parkplatz, eindeutig, um Eugenie abzupassen, und nun diese beiden Fremden im Besitz eines Schlüssels zum Haus. Ihm war klar, dass er sofort eingreifen musste.

Er sah sich im Laden um. Zwei Kunden waren noch da. Der alte Mr. Horsham - so nannte Ted ihn, weil er so froh war, dass es in Henley jemanden gab, der älter war als er - hatte einen Band über Ägypten vom Bord genommen, schien aber eher sein Gewicht als seinen Inhalt zu prüfen, und Mrs. Dilday las wie gewohnt ein weiteres Kapitel eines Buchs, das sie nicht zu kaufen gedachte. Es gehörte zu ihrem täglichen Ritual, einen Bestseller auszuwählen und sich mit ihm unauffällig in den hinteren Teil des Ladens zurückzuziehen, wo es bequeme Sessel gab. Wenn sie dann ein oder zwei Kapitel gelesen hatte, pflegte sie die Stelle mit einer alten Rechnung vom Supermarkt einzumerken und das Buch unter den antiquarischen Bänden von Salman Rushdie zu verstecken, wo es - dem Geschmack der Bürger von Henley sei Dank - nicht bemerkt werden würde.

Beinahe zwanzig Minuten wartete Ted darauf, dass seine beiden Kunden endlich das Feld räumen würden und er sich einen Grund ausdenken könnte, ins Haus gegenüber zu laufen. Als der alte Horsham endlich für einen lohnenden Betrag das Ägyptenbuch erstand und mit der Bemerkung »Ich war dort an der Front« zwei Zwanzigpfundnoten aus einer Brieftasche zog, die ihrem Aussehen nach mit ihrem Eigentümer zusammen »dort an der Front« gewesen war, begann Ted Hoffnung zu schöpfen. Aber sein Blick auf Mrs. Dilday machte diese gleich wieder zunichte. Wie festgemauert saß die alte Dame in ihrem Lieblingssessel, zu allem Überfluss auch noch mit einer Thermosflasche Tee versehen, und las und trank so still vergnügt vor sich hin, als wäre sie bei sich zu Hause.

Haben Sie noch nie was von öffentlichen Bibliotheken gehört, hätte Ted am liebsten zu ihr gesagt. Aber er begnügte sich damit, abwechselnd Mrs. Dilday zu beobachten und mit telepathischen Marschbefehlen zu bombardieren, und zum Fenster hinauszuschauen, um vielleicht etwas über die Leute zu erfahren, die in Eugenies Haus waren.

Als er sich gerade dem Wunschtraum hingab, Mrs. Dilday würde tatsächlich den Roman kaufen und nach Hause gehen, um ihn zu lesen, klingelte das Telefon. Ohne den Blick von Eugenies Haus abzuwenden, griff er, nach dem Hörer suchend, hinter sich und hob ab, als es zum fünften Mal klingelte.

»Wileys Buchhandlung«, sagte er, und eine Frau fragte: »Wer spricht bitte?«

»Major Ted Wiley«, antwortete er. »Im Ruhestand. Und wer sind Sie bitte?«

»Sind Sie der Einzige, der diesen Anschluss benutzt, Sir?«

»Wie bitte? Sind Sie von der Telefongesellschaft? Gibt es ein Problem?«

»Wir haben über eins-vier-sieben-eins festgestellt, dass Sie der Letzte waren, der diesen Anschluss hier, von dem aus ich spreche, angerufen hat. Er ist auf Eugenie Davies eingetragen.«

»Das ist richtig. Ich habe sie heute Morgen angerufen«, sagte Ted, bemüht, ruhig zu bleiben. »Wir sind zum Abendessen verabredet.« Und dann musste er die Frage doch stellen, obwohl er die Antwort schon wusste. »Ist etwas nicht in Ordnung? Ist etwas passiert? Bitte sagen Sie mir, wer Sie sind.«

Er hörte gedämpft, dass die Frau mit einer anderen Person im Raum sprach, konnte aber nicht verstehen, was, da sie die Sprechmuschel offenbar zudeckte. Dann sagte sie: »Metropolitan Police, Sir.«

Metropolitan… das hieß London. Plötzlich sah Ted es ganz deutlich vor sich: Eugenie in Finsternis und strömendem Regen in ihrem kleinen Polo auf der Fahrt nach London. Trotzdem fragte er: »Londoner Polizei?«

»Ja«, bestätigte die Frau am Telefon. »Darf ich fragen, wo Sie gerade sind, Sir?«

»Gegenüber von Mrs. Davies' Haus. In der Buchhandlung -«

Weitere unverständliche Beratungen. Dann: »Würden Sie freundlicherweise hier herüberkommen, Sir? Wir haben ein, zwei Fragen.«

»Ist denn etwas .« Ted brachte es kaum über sich, die Worte auszusprechen, aber sie mussten gesagt werden, wenn auch nur deshalb, weil die Polizei sie ganz sicher erwartete. »Ist Mrs. Davies etwas zugestoßen?«

»Wir können auch zu Ihnen kommen, wenn Ihnen das besser passt.«

»Nein, nein. Ich komme sofort. Ich muss nur noch den Laden schließen, dann -«

»Gut, Major Wiley. Wir werden noch eine Weile hier sein.«

Ted ging nach hinten, um Mrs. Dilday mitzuteilen, dass ein Notfall ihn zwinge, den Laden vorübergehend zu schließen.

»Ach, du meine Güte«, sagte sie. »Es ist doch hoffentlich nichts mit Ihrer Mutter?« Und das war in der Tat der Notfall, der am plausibelsten schien: der Tod seiner Mutter, obwohl sie mit ihren neunundachtzigjahren und trotz eines Schlaganfalls quicklebendig war.

»Nein, nein«, antwortete er. »Es ist nur - ich muss dringend etwas erledigen.«

Sie musterte ihn scharf mit zusammengekniffenen Augen, gab sich dann aber mit dieser vagen Auskunft zufrieden. Nervös wartete Ted, während sie ihren Tee austrank, in ihren Wollmantel schlüpfte, ihre Handschuhe überzog und - ohne den geringsten Versuch, irgendetwas zu vertuschen - den Roman, den sie gerade las, hinter eine Ausgabe der Satanischen Verse schob.

Sobald sie weg war, lief Ted nach oben in seine Wohnung. Sein Herz war außer Rand und Band, bald flatterte es, bald hämmerte es schmerzhaft, und er merkte, wie ihm schwindlig wurde. Mit dem Schwindelgefühl stellten sich Stimmen ein, so lebendig, dass er sich in der Erwartung, tatsächlich jemanden im Zimmer zu sehen, hastig umdrehte.

Zuerst noch einmal die Stimme der fremden Anruferin: »Metropolitan Police. Wir haben ein, zwei Fragen.«

Dann Eugenies Stimme: »Wir werden miteinander sprechen. Es muss so vieles gesagt werden.«

Und danach sprach unerklärlicherweise Connie zu ihm, Connie, die ihn besser gekannt hatte als jeder andere Mensch: »Du kannst es mit jedem Mann aufnehmen, Ted Wiley.«

Warum jetzt?, fragte er sich. Warum sprach Connie gerade jetzt zu ihm?

Aber eine Antwort gab es nicht. Nur die Frage blieb. Und das, was im Haus gegenüber wartete und durchgestanden werden musste.

Während Lynley die Briefe durchsah, die er dem Pappmacheeständer in der Küche entnommen hatte, stieg Barbara Havers über eine schmale Treppe in die erste Etage des kleinen Hauses hinauf. Vom Treppenabsatz, der kaum eine Körperdrehung erlaubte, gingen zwei Zimmer, klein wie Kammern, und ein altmodisches Badezimmer ab. Die beiden Räume waren so spartanisch eingerichtet wie das Wohnzimmer; im Ersten gab es genau drei Möbelstücke: ein schmales Bett mit einem schlichten Überwurf, eine Kommode und einen Nachttisch, den eine weitere Lampe mit Fransenschirm zierte. Der zweite Raum diente als Nähzimmer. In ihm stand das neben dem Anrufbeantworter einzige moderne Gerät im Haus, eine Nähmaschine, neben der ein ansehnlicher Stapel winziger Kleidungsstücke lag. Puppenkleider, wie Barbara bei Durchsicht feststellte, alle mit Liebe entworfen und mit Liebe gearbeitet. Puppen allerdings waren nirgends zu sehen, weder im Näh- noch im Schlafzimmer nebenan.

Dort nahm Barbara sich als Erstes die Kommode vor. Was sie an Wäsche und anderen Kleidungsstücken darin fand, war - selbst an ihren Maßstäben gemessen - armselig: abgetragene Schlüpfer, ausgeleierte Büstenhalter, ein paar Pullis, ein kleines Häufchen Strumpfhosen. Da es keinen Kleiderschrank gab, hatten auch die wenigen Röcke, langen Hosen und Kleider, die die Frau ihr Eigen genannt hatte, säuberlich gefaltet in der Kommode Platz gefunden.

Ganz hinten in der Schublade mit den Hosen und Röcken entdeckte Barbara ein Bündel Briefe. Sie holte es heraus, nahm das Gummiband ab, das es zusammenhielt, und breitete die Briefe auf dem Bett aus. Alle waren von derselben Hand geschrieben. Sie wollte ihren Augen nicht trauen. Sie kannte diese schwarzen, energischen Schriftzüge!

Die Briefe waren alt. Die Poststempel auf den Umschlägen zeigten Daten, die bis zu siebzehn Jahren zurücklagen, das letzte Datum etwas mehr als zehn Jahre. Sie nahm den Brief zur Hand und zog das Schreiben aus dem Umschlag.

Er nannte sie »Eugenie, meine Liebste«. Er schrieb, er wisse nicht, wie er beginnen solle, und schrieb genau das, was Männer immer schreiben oder sagen, wenn sie behaupten, nach schwerem Ringen zu dem Entschluss gelangt zu sein, der von Beginn an feststand: Sie dürfe niemals daran zweifeln, dass er sie mehr als sein Leben liebe; sie solle wissen und niemals vergessen, dass er sich in den mit ihr verbrachten Stunden zum ersten Mal seit langem wieder lebendig gefühlt habe - wahrhaft und wunderbar lebendig, du, meine Liebste!

Barbara verdrehte gequält die Augen. Sie ließ den Brief sinken und nahm sich einen Moment Zeit, um seinen Inhalt und die Tragweite ihres Funds zu bedenken. Weiter lesen oder nicht, Barb?, fragte sie sich. Wenn ja, würde sie sich irgendwie unsauber fühlen, wenn nein, unprofessionell.

Sie las wieder weiter. Er war, las sie, mit der Absicht nach Hause gefahren, seiner Frau alles zu sagen. Er hatte seinen Mut hochgeschraubt, so weit es ging - Barbara schnitt eine Grimasse über diese Anleihe bei Shakespeare -, und sich Eugenies Bild fest vor Augen gehalten, damit es ihm die Kraft gäbe, einer Frau, der man nichts vorwerfen konnte, einen vielleicht tödlichen Schlag zu versetzen. Aber er habe sie krank vorgefunden - »Eugenie, Liebste« -, die Art der Erkrankung könne er in einem Brief nicht beschreiben, aber bei ihrem nächsten Wiedersehen würde er ihr alles bis ins letzte hoffnungslose Detail erklären. Das solle auf keinen Fall heißen, dass sie nicht am Ende doch noch zusammenkommen würden, dass sie etwa keine gemeinsame Zukunft hätten. Es solle vor allem nicht heißen, dass das, was zwischen ihnen gewesen war, keine Bedeutung habe. Dem sei gewiss nicht so.

»Warte auf mich«, schloss er. »Ich bitte dich. Ich werde zu dir kommen, Liebste.« Und unterschrieben war der Brief mit dem Krakel, den Barbara seit Jahren kannte, von Rundschreiben, Weihnachtskarten, Dienstanweisungen, Aktennotizen.

Wenigstens weiß ich jetzt, warum ich auf dem Fest bei Webberly so ein ungutes Gefühl hatte, dachte sie, als sie den Brief wieder in den Umschlag steckte. Dieses ganze herzliche Getue, um fünfundzwanzig Jahre Heuchelei zu feiern.

»Havers?« An der Tür stand Lynley, die Brille auf der Nasenspitze, in der Hand eine Grußkarte. »Hier haben wir etwas, das zu einer der telefonischen Nachrichten passt. Was haben Sie gefunden?«

»Tauschen wir«, sagte sie und reichte ihm den Brief.

Die Karte, die er ihr dafür gab, war von einer Person namens Lynn. Der Umschlag trug einen Londoner Poststempel, aber keinen Absender. Der Text war kurz:

Vielen Dank für die schönen Blumen, liebe Eugenie, und dein Kommen, das mir sehr viel bedeutet hat. Das Leben geht weiter, das weiß ich. Aber es wird natürlich nie wieder so sein wie früher.

Herzlichst, Lynn.

Barbara sah sich das Datum an: Das Schreiben war gerade eine Woche alt. Sie stimmte Lynley zu; der Tenor legte nahe, dass es von der Frau kam, die die Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterlassen hatte.

»O verdammt!« Das war Lynleys Reaktion auf den Brief, den er von Barbara bekommen hatte. Er wies zu den übrigen Briefen auf dem Bett. »Und die?«

»Auch alle von ihm, Inspector, jedenfalls nach der Handschrift auf den Umschlägen zu urteilen.«

Barbara beobachtete Lynleys Mienenspiel. Sie wusste, dass er dasselbe dachte wie sie: Hatte Webberly gewusst, dass diese - für ihn so peinlichen und möglicherweise vernichtenden Briefe - sich noch in Eugenie Davies' Besitz befanden? Hatte er es bloß vermutet und befürchtet? Und hatte er Lynley - und damit Havers, die stets mit diesem zusammenarbeitete - in den Fall eingeschaltet, um die Möglichkeit zum Eingreifen zu haben?

»Glauben Sie, dass Leach von den Briefen weiß?«, fragte Barbara.

»Er hat Webberly angerufen, sobald er wusste, wer die Tote war, auch wenn sie noch nicht amtlich identifiziert war. Um ein Uhr morgens! Was schließen Sie daraus, Havers?«

»Und wen hat er heute Morgen nach Henley abkommandiert?« Barbara ergriff den Brief, den Lynley ihr hinhielt. »Was tun wir jetzt, Sir?«

Lynley trat ans Fenster und sah hinaus. Barbara beobachtete ihn schweigend, während sie auf die Standardantwort wartete. Sie hatte die Frage im Grunde nur der Form halber gestellt.

»Wir nehmen sie mit«, sagte er.

Sie stand auf. »Die Plastikbeutel für die Beweismittel sind hinten im Kofferraum, richtig? Ich hol -«

»Nein, nein, so war das nicht gemeint«, unterbrach Lynley.

»Wie denn?«, fragte Barbara. »Sie sagten doch eben, dass wir sie -«

»Ja, natürlich, wir nehmen sie an uns.« Er wandte sich vom Fenster ab.

Barbara starrte ihn ungläubig an. Sie wollte nicht daran denken, was seine Worte bedeuteten. Natürlich, wir nehmen sie an uns. Nicht: Wir schieben sie in einen Plastikbeutel, versiegeln und registrieren ihn, Havers. Nicht: Gehen Sie vorsichtig mit ihnen um, Barbara. Nicht: Wir werden sie auf Fingerabdrücke überprüfen lassen - von einem Dritten, der sie vielleicht gefunden oder gelesen hat und von Eifersucht gepackt wurde, obwohl sie so alt sind, und der sich rächen wollte…

»Moment mal, Inspector«, sagte sie. »Sie meinen doch nicht im Ernst -«

Aber weiter kam sie nicht. In diesem Moment klopfte es unten.

Lynley machte die Haustür auf und sah sich einem alten Herrn in einer Barbour-Jacke und mit einer Schirmmütze gegenüber, der, die Hände tief in den Taschen, auf dem Bürgersteig vor dem Haus stand. Das gut durchblutete Gesicht war von einem Netz geplatzter Äderchen gezeichnet, und die Nase hatte jenen Rotton, der sich im Laufe der Zeit zu Violett vertiefen würde. Lynley fielen vor allem die Augen auf- blau, mit scharfem, misstrauischem Blick.

Er sei Major Ted Wiley, sagte er. »Jemand von der Polizei - ich nehme an, Sie gehören dazu? Man hat mich angerufen…?«

Lynley bat ihn ins Haus. Er stellte erst sich vor und dann Barbara Havers, die gerade herunterkam, als Wiley zaghaft ins Zimmer trat. Der alte Herr sah sich um, blickte zur Treppe, hob die Augen dann zur Zimmerdecke, als hoffte er zu ergründen, was Barbara Havers im oberen Stockwerk gesucht und vielleicht gefunden hatte.

»Was ist denn passiert?« Wiley machte keine Anstalten abzulegen.

»Sie sind ein Freund von Mrs. Davies?«, fragte Lynley.

Wiley antwortete nicht gleich. Es schien beinahe, als überlegte er, was genau das Wort Freund im Rahmen seiner Beziehung zu Eugenie Davies bedeutete. Schließlich sagte er mit einem Blick von Lynley zu Havers und wieder zurück zu Lynley: »Ihr ist etwas zugestoßen. Sonst wären Sie nicht hier.«

»Die letzte Nachricht auf Mrs. Davies' Anrufbeantworter war von Ihnen, nicht wahr? Sie sprachen von Plänen für heute Abend«, sagte Barbara, die an der Treppe stehen geblieben war.

»Wir wollten -« Wiley verbesserte sich abrupt. »Wir wollen heute Abend zusammen essen. Sie sagte - Sie beide sind von der Londoner Polizei, und sie ist gestern Abend mit dem Wagen nach London gefahren. Es ist ihr offensichtlich etwas zugestoßen. Bitte sagen Sie es mir.«

»Nehmen Sie doch erst einmal Platz, Major Wiley«, meinte Lynley. Wiley wirkte nicht gebrechlich, aber man konnte nicht wissen, wie es um sein Herz oder seinen Blutdruck stand. Lynley wollte kein Risiko eingehen.

»Gestern Abend hat es in Strömen geregnet«, bemerkte Wiley, sich erinnernd. »Ich habe mit ihr darüber gesprochen, wie unangenehm es ist, bei starkem Regen Auto zu fahren. Und bei Dunkelheit. Dunkelheit allein ist schon übel genug. Regen macht es noch schlimmer.«

Barbara entfernte sich von der Treppe und trat zu Wiley. Sie nahm ihn beim Arm. »Setzen Sie sich doch, Major.«

»Es ist was Schlimmes«, sagte er.

»Leider ja«, bestätigte Lynley.

»Auf der Schnellstraße? Sie hat mir versprochen, vorsichtig zu sein. Sie sagte, ich solle mir keine Sorgen machen. Wir wurden heute Abend miteinander reden. Sie wollte mit mir reden.« Er hielt den Blick auf den Couchtisch vor dem Sofa gerichtet, auf das Barbara ihn sanft, aber bestimmt hinuntergedrückt hatte. Sie setzte sich neben ihn, auf die äußerste Kante.

Lynley nahm den Sessel. »Es tut mir Leid, Ihnen das mitteilen zu müssen«, sagte er behutsam, »aber Eugenie Davies ist gestern Abend ums Leben gekommen.«

Wie in Zeitlupe drehte Wiley den Kopf, um Lynley anzusehen.

»Die Schnellstraße«, sagte er. »Der Regen. Ich wollte nicht, dass sie fährt.«

Lynley ließ ihn fürs Erste in dem Glauben, sie sei das Opfer eines Unfalls auf der Schnellstraße geworden. Die BBC hatte in den Morgennachrichten von der Fahrerflucht berichtet, aber Eugenie Davies' Name war nicht erwähnt worden, da ihr Leichnam zu diesem Zeitpunkt noch nicht amtlich identifiziert und ihre Familie noch nicht ausfindig gemacht worden war.

»Sie ist also nach Einbruch der Dunkelheit losgefahren?«, fragte Lynley. »Wissen Sie, um welche Zeit?«

»Halb zehn, glaube ich«, antwortete Wiley tonlos. »Wir kamen von der Kirche -«

»Abendgottesdienst?« Barbara hatte ihr Heft herausgezogen und notierte sich die Angaben.

»Nein, nein«, entgegnete Wiley. »Um die Zeit war kein Gottesdienst. Sie war hineingegangen… um zu beten, vermute ich. Genau weiß ich es nicht, weil…« Er nahm plötzlich die Mütze ab, als befände er sich selbst in der Kirche, und hielt sie in beiden Händen. »Ich bin nicht mit ihr hineingegangen. Ich hatte meinen Hund mit, meinen Golden Retriever. P. B., so heißt sie. Wir haben auf dem Friedhof gewartet.«

»Im Regen?«, fragte Lynley.

Wiley drehte die Mütze zusammen. »Hunden macht Regen nichts aus. Und sie musste noch mal raus. P. B., meine ich.«

»Können Sie uns sagen, warum Mrs. Davies nach London fahren wollte?«, fragte Lynley.

Wiley drehte die Mütze noch fester zusammen. »Sie sagte, sie hätte eine Verabredung.«

»Wissen Sie, mit wem? Und wo?«

»Nein. Sie sagte nur, wir würden heute Abend miteinander sprechen.«

»Über die Verabredung?«

»Ich weiß es nicht. Lieber Gott, ich weiß es doch nicht.« Ted Wileys Stimme drohte zu brechen, aber er war nicht umsonst ein ehemaliger Major. Innerhalb von Sekunden hatte er sich wieder im Griff. »Wie ist es passiert?«, fragte er. »Wo? Ist sie ins Schleudern gekommen? Mit einem Lkw zusammengestoßen?«

Lynley teilte ihm die Fakten mit. Er sagte Wiley, wo und wie sie ums Leben gekommen war, aber von Mord sagte er nichts. Und Wiley ließ ihn ausreden, ohne zu fragen, warum zwei Beamte der Londoner Polizei das Haus einer Frau durchsuchten, die allem Anschein nach einem alltäglichen Autounfall, wenn auch mit Fahrerflucht, zum Opfer gefallen war.

Aber Lynley hatte kaum zu Ende gesprochen, da wurden Wiley, vermutlich bereits aufmerksam geworden durch gewisse seltsame Beobachtungen - zum Beispiel, dass Barbara Havers Latexhandschuhe trug, als sie die Treppe herunterkam, und beide Beamte sich so eingehend für Eugenie Davies' Anrufbeantworter interessierten -, die Ungereimtheiten bewusst, und er sagte: »Das kann kein Unfall gewesen sein! Weshalb sollten Sie beide eigens aus London hierher kommen…« Sein Blick wurde unscharf, als sähe er durch sie hindurch in die Ferne, und er sagte: »Der Mann gestern Abend. Auf dem Parkplatz. Es war kein Unfall, nicht wahr?«

Mit diesen Worten stand er auf.

Barbara stand mit ihm auf und drängte ihn, sich wieder zu setzen. Er kam zwar ihrer Aufforderung nach, aber er war plötzlich wie verwandelt, wie von einem nur ihm bekannten Vorsatz beherrscht. Er drehte seine Mütze nicht mehr rastlos in den Fingern, sondern schlug sie hart auf seine offene Hand und forderte im Befehlston: »Sagen Sie mir, was Eugenie Davies zugestoßen ist!«

Die Gefahr einer Herzattacke oder eines Schlaganfalls schien gering, darum eröffnete Lynley ihm ohne weitere Umschweife, allerdings auch ohne auf Einzelheiten einzugehen, dass sie in einer Mordsache ermittelten, und sagte: »Erzählen Sie von dem Mann auf dem Parkplatz«, was Wiley ohne Zögern tat.

Er war zum Sixty Plus Club gegangen, wo Eugenie arbeitete. Er hatte P. B., seinen Hund, ausgeführt und war zum Altenklub gegangen, um Eugenie dort abzuholen. Bei seiner Ankunft hatte er eine Auseinandersetzung zwischen ihr und einem Mann beobachtet. Einem Fremden, nicht aus dem Ort, sagte er. Aus Brighton.

»Aus Brighton?«, fragte Lynley. »Hat Mrs. Davies Ihnen das gesagt?«

Wiley schüttelte den Kopf. Er habe das Kennzeichen gesehen, als der Wagen abgebraust war. Nur flüchtig, aber die Buchstaben habe er klar erkannt: ADY. »Ich war beunruhigt, wissen Sie. Sie war in den letzten Tagen irgendwie sonderbar gewesen. Darum habe ich die Buchstaben im Kennzeichenverzeichnis nachgeschlagen und gesehen, dass ADY für Brighton steht. Der Wagen war ein Audi. Dunkelblau oder schwarz. Ich konnte es im Dunklen nicht erkennen.«

»Sie haben so ein Verzeichnis auf dem Nachttisch liegen?«, erkundigte sich Barbara. »Ist das ein Hobby von Ihnen?«

»Nein, nein, ich habe es in der Buchhandlung bei den Reisebüchern. Hin und wieder verkaufe ich eines an Leute, die auf längeren Autofahrten ihre Kinder beschäftigen wollen, zum Beispiel.«

»Ah.« Barbara musterte Wiley neugierig.

Lynley kannte dieses »Ah« von Havers. Er sagte: »Sie haben nicht eingegriffen, als Sie die Auseinandersetzung zwischen Mrs. Davies und dem Fremden beobachteten, Major Wiley?«

»Ich habe nur noch das Ende mitbekommen, als ich auf den Parkplatz kam. Es fielen einige laute Worte - von ihm -, dann ist er in seinen Wagen gestiegen und abgefahren, ehe ich überhaupt nahe genug war, um etwas zu sagen. Das war alles.«

»Und wer war dieser Mann? Hat Mrs. Davies Ihnen das gesagt?«

»Ich habe sie nicht danach gefragt.«

Lynley und Barbara tauschten einen Blick, und Barbara fragte:

»Warum nicht?«

»Wie ich schon sagte, sie hatte sich in den letzten Tagen irgendwie merkwürdig verhalten, anders als sonst. Ich hatte den Eindruck, dass etwas sie sehr beschäftigte, und…« Wileys Blick wanderte zu seiner Mütze hinunter. Er schien überrascht, sie immer noch in seinen Händen zu sehen, und stopfte sie energisch in die Jackentasche. »Ich bin kein Mensch, der seine Nase in anderer Leute Angelegenheiten steckt. Ich wollte warten, bis sie mir von selbst sagte, was sie vielleicht zu sagen wünschte.«

»Hatten Sie diesen Mann schon vorher einmal gesehen?«

Wiley verneinte. Er habe den Mann nicht gekannt, ihn an jenem Abend zum ersten Mal gesehen, habe ihn sich allerdings genau angesehen und könne den Beamten eine gute Beschreibung liefern, wenn sie daran interessiert seien. Auf das Nicken der beiden gab er das ungefähre Alter und die geschätzte Körpergröße des Mannes an, sprach von eisgrauem Haar und einer hervorspringenden Raubvogelnase. »Er nannte sie Eugenie«, schloss er.

»Die beiden kannten sich.« Er habe das, erklärte er, aus dem Verhalten der beiden auf dem Parkplatz geschlossen: Eugenie habe das Gesicht des Mannes berühren wollen, aber der habe sich entzogen.

»Und trotzdem haben Sie sie nicht gefragt, wer der Mann war?«, wunderte sich Lynley. »Warum nicht, Major Wiley?«

»Es erschien mir zu - na ja, irgendwie zu persönlich. Ich sagte mir, sie würde es mir schon erklären, wenn sie es für richtig hielte. Wenn er eine Bedeutung hätte.«

»Und sie hatte ja angekündigt, dass sie etwas mit Ihnen besprechen wollte, nicht wahr?«, warf Barbara ein.

Wiley nickte. »Ja, das stimmt. Sie sprach von einer Beichte ihrer Sünden.«

»Ihrer Sünden?«, wiederholte Barbara.

Lynley beugte sich vor und sagte, ohne Barbaras viel sagenden Blick zu beachten: »Darf ich fragen, welcher Art die Beziehung zwischen Ihnen und Mrs. Davies war, Major Wiley? Waren Sie befreundet? Oder waren Sie ein Paar? Hatten Sie vielleicht die Absicht zu heiraten?«

Die Frage schien Wiley Unbehagen zu bereiten. Er setzte sich anders hin. »Wir kannten uns seit drei Jahren. Ich wollte ihr mit Respekt begegnen, nicht so wie diese modernen Männer, denen es nur um eines geht. Ich wollte ihr Zeit lassen. Und schließlich sagte sie mir, sie sei bereit, aber zuerst wollte sie noch mit mir reden.«

»Und dieses Gespräch sollte heute Abend stattfinden«, meinte Barbara. »Darum haben Sie sie angerufen.«

Wiley bestätigte ihre Vermutung.

Lynley bat den alten Herrn in die Küche. Eugenie Davies' Anrufbeantworter habe noch einige andere Nachrichten aufgezeichnet, erklärte er. Vielleicht würde Major Wiley - der immerhin drei Jahre mit der Toten bekannt gewesen sei - die Stimmen erkennen.

In der Küche blieb Wiley vor dem Tisch stehen und betrachtete die Fotografien der beiden Kinder. Er wollte eine von ihnen in die Hand nehmen, brach aber mitten in der Bewegung ab, als sei ihm plötzlich klar geworden, dass Lynley und Havers nicht ohne Grund Latexhandschuhe übergezogen hatten. Während Barbara das Band zurückspulte, um die Anrufe noch einmal ablaufen zu lassen, fragte Lynley: »Sind das Mrs. Davies' Kinder, Major Wiley?«

»Ihr Sohn und ihre Tochter«, antwortete Wiley. »Ja. Sonia ist lange tot. Und der Junge… Sie hatte keinen Kontakt mehr zu ihm. Seit langem schon nicht mehr. Es kam offenbar vor Jahren zu einem schweren Zerwürfnis zwischen ihnen. Sie hat mir nur erzählt, sie seien einander völlig fremd geworden. Sonst hat sie nie über ihn gesprochen.«

»Und hat sie Ihnen von ihrer Tochter Sonia erzählt?«

»Nur, dass sie sehr jung gestorben ist. Aber -« Wiley räusperte sich und trat vom Tisch weg, als wollte er sich von der Bemerkung distanzieren, die er gleich machen würde. »Ich meine, sehen Sie sich die Kleine an. Ihr früher Tod kann ja wohl kaum überraschen. Das kommt bei - bei solchen Kindern doch häufig vor.«

Lynley runzelte die Stirn, verwundert darüber, dass Wiley anscheinend nie von der tragischen Geschichte gehört hatte, die seinerzeit zweifellos Schlagzeilen gemacht hatte. Er sagte: »Waren Sie vor zwanzig Jahren in England, Major Wiley?«

Nein, nein, er sei… Wiley schien durch die Zeit zurückzublättern und die Jahre an sich vorüberziehen zu lassen, die er als aktiver Soldat verbracht hatte. Er sei damals auf den Falklandinseln gewesen, sagte er dann. Aber das sei lange her, und vielleicht sei er ja auch in Rhodesien gewesen - oder dem, was von Rhodesien noch übrig war. Warum?

»Mrs. Davies hat Ihnen nie gesagt, dass Sonia ermordet wurde?«

Betroffen blickte Wiley wieder zu den Fotografien. »Nein, das hat sie mir nicht gesagt… Nein… Nie. Nicht ein einziges Mal. Mein Gott!« Er griff in seine Hosentasche und zog ein Taschentuch heraus. Aber er benutzte es nicht, sondern sagte nur, auf die Bilder deutend: »Die gehören eigentlich gar nicht hier auf den Tisch. Haben Sie sie hierher gestellt?«

»Nein, wir haben sie hier gefunden«, antwortete Lynley.

»Sie waren immer im ganzen Haus verteilt. Im Wohnzimmer. Oben. Hier, in der Küche.« Er zog einen der beiden Küchenstühle heraus und ließ sich schwer darauf niedersinken. Er wirkte sehr erschöpft, aber er nickte Barbara, die beim Anrufbeantworter stand, auffordernd zu.

Lynley beobachtete Wiley, während er sich die telefonischen Nachrichten anhörte. Er wollte die Reaktionen des alten Mannes sehen, wenn dieser die Stimmen der beiden anderen Männer hörte, die, wie ihren Worten und ihrem Ton zu entnehmen war, in persönlicher Beziehung zu Eugenie Davies gestanden hatten. Aber wenn Wiley das bemerkte und diese Wahrnehmung ihn bekümmerte, so war ihm das nicht anzusehen.

Als das Band abgelaufen war, fragte Lynley: »Haben Sie jemanden erkannt?«

»Lynn«, antwortete er. »Von ihr hat Eugenie mir erzählt. Sie ist eine alte Freundin, deren Kind vor kurzem plötzlich gestorben ist. Eugenie fuhr zur Beerdigung. Nachdem sie vom Tod des Kindes gehört hatte, sagte sie zu mir, sie wisse genau, wie Lynn sich fühle, und wolle ihr beistehen.«

»Nachdem sie von dem Tod gehört hatte?«, hakte Barbara nach. »Von wem denn?«

Das wusste Wiley nicht. Er hatte nicht daran gedacht zu fragen.

»Ich nahm an, die Frau, diese Lynn, hätte sie angerufen«, sagte er.

»Wissen Sie, wo die Beerdigung stattfand?«

Er schüttelte den Kopf. »Sie war den ganzen Tag weg.«

»Und wann war das?«

»Letzten Dienstag. Ich habe sie gefragt, ob ich mitkommen soll. Ich dachte, bei einer Beerdigung hätte sie vielleicht ganz gern jemanden an ihrer Seite. Aber sie sagte, sie und Lynn hätten Verschiedenes zu besprechen, >lch muss sie sehenc, sagte sie. Das war alles.«

»Sie musste sie sehen?«, wiederholte Lynley. »Hat sie sich so ausgedrückt.«

»Ja.«

Ich muss, dachte Lynley, nicht: ich möchte. Was bedeutet das Wort müssen in diesem Zusammenhang? Es impliziert ein starkes Bedürfnis, und wenn wir ein Bedürfnis haben, also, etwas brauchen, so unternehmen wir im Allgemeinen etwas, um es zu befriedigen. Das ist nur menschlich. Manchmal ist das, was wir tun, erlaubt, vernünftig und klug. Manchmal ist es das nicht.

Hier, in dieser kleinen Küche in Henley, schienen unterschiedliche Bedürfnisse aufeinander zu prallen. Eugenie Davies' Bedürfnis, dem Major zu beichten. Das Bedürfnis eines Fremden, mit Eugenie Davies zu sprechen. Und Ted Wileys Bedürfnis - wonach?

Lynley bat Barbara, die Nachrichten noch einmal abzuspielen, und fragte sich, ob Wileys kaum wahrnehmbare Änderung seiner Haltung - er zog die Arme näher an seinen Körper- eine Schutzhaltung war. Er behielt den Major unverwandt im Auge, während die beiden Männer noch einmal erklärten, dass sie Eugenie Davies sprechen müssten.

Ich muss unbedingt mit dir sprechen, erklärte die eine Stimme. Ich musste noch einmal anrufen.

Wieder dieses Wörtchen muss, das ein Bedürfnis ausdrückte. Wozu war ein Mann fähig, der meinte, dringend etwas ganz Bestimmtes zu brauchen?

Wie würdest du 's mir denn machen, wenn du könntest?

Die Zunge las Feuerladys Frage ohne die gewohnte Genugtuung. Wochenlang waren sie um diesen Moment herumgeschlichen wie zwei Katzen um den heißen Brei, dabei hatte er zu Anfang auf Grund seiner - leider falschen - Einschätzung ihrer Person geglaubt, er würde sie noch vor dem »Sahnehöschen« soweit haben. Da konnte man mal wieder sehen, dass überhaupt nichts darauf zu geben war, wie anzüglich eine im Netz chattete. Anfangs hatte Feuerlady die schärfsten Beschreibungen geliefert, aber die waren schnell fade geworden, als sich der Austausch vom Fantasiefick zwischen Prominenten (ihr Talent, eine heiße Szene zwischen einem lilahaarigen Rockstar und der Monarchin des Landes zu beschreiben, war umwerfend) dem Fantasiefick mit eigener Beteiligung zugewandt hatte. Eine Zeit lang hatte er tatsächlich geglaubt, sie wäre ihm ganz durch die Lappen gegangen, weil er zu früh Druck gemacht und zu viel enthüllt hatte. Er hatte schon mit dem Gedanken gespielt, zur nächsten Kandidatin überzugehen, als Feuerlady doch wieder auf der Cyberbildfläche erschienen war. Sie hatte offensichtlich Bedenkzeit gebraucht. Aber jetzt wusste sie, was sie wollte.

Wie würdest du 's mir denn machen, wenn du könntest?

Er überlegte die Antwort und bemerkte, dass seine Fantasie nicht wie sonst bei der Vorstellung einer persönlichen, wenn auch halb anonymen Begegnung mit einer Cybermieze auf Hochtouren zu arbeiten begann. Das kam wahrscheinlich daher, dass ihm die letzte Begegnung und die Ereignisse, die ihr gefolgt waren, noch nachhingen: die grellen Blinklichter der Polizeifahrzeuge, die Straßensperren, die Beschlagnahme des Porsche, seine eigene Vernehmung durch die Bullen, die ihn wie den Hauptverdächtigen behandelt hatten. Aber er hatte sich gut gehalten. Ja, er hatte das hingekriegt wie ein echter Profi.

Die Bullen rechneten nicht damit, dass einer sich mit ihren Methoden auskannte. Die erwarteten, dass man sofort in die Knie ging, wenn sie anfingen, einen mit Fragen zu bombardieren. Sie glaubten, in seinem Eifer zu beweisen, dass er nichts zu verbergen hatte, würde der brave Bürger sich von ihnen problemlos ins Bockshorn jagen und dahin bringen lassen, wo sie ihn haben wollten. Und tatsächlich trotteten ja die meisten Leute, wenn die Bullen sagten: »Wir haben ein paar Fragen an Sie, hätten Sie was dagegen, mit uns aufs Revier zu kommen?«, brav mit, weil sie sich einbildeten, sie besäßen so was wie Immunität in einem Rechtssystem, das es, wie jeder mit dem geringsten Funken Verstand wusste, erlaubte, den

Gutgläubigen in ungefähr fünf Minuten total fertig zu machen.

Die Zunge jedoch war alles andere als gutgläubig. Er machte sich keine Illusionen darüber, was einem blühen konnte, wenn man sich auf Kooperation einließ, weil man naiverweise glaubte, man brauche nur seine Bürgerpflicht zu tun, dann wäre die eigene Harmlosigkeit schon bewiesen. Nichts als Quatsch! Er hatte sofort gewusst, wie der Hase lief, und daher schleunigst seinen Anwalt mobil gemacht, als die Bullen sagten, die Frau auf der Straße hätte seine Adresse bei sich gehabt und sie wurden ihm gern ein paar Fragen stellen.

Jake Azoff hatte es natürlich überhaupt nicht witzig gefunden, um Mitternacht aus dem Bett geholt zu werden, und hatte was von »präsenzpflichtigen Pflichtverteidigern« gemurmelt, die sich gefälligst das Geld verdienen sollten, das Vater Staat ihnen bezahlt. Aber Pitchley dachte nicht daran, seine Zukunft - ganz zu schweigen von seiner Gegenwart - in die Hände eines Pflichtverteidigers zu legen. Gewiss, so ein Rechtsbeistand hätte ihn nichts gekostet, aber er hätte auch keinerlei persönliches Interesse an Pitchleys weiterem Fortkommen gehabt. Bei Azoff, mit dem ihn eine ziemlich komplizierte Beziehung verband, in der es um Aktien, Obligationen, Investmentfonds und dergleichen ging, war das ganz anders. Außerdem zahlte er Azoff genug dafür, dass der sofort da war, wenn juristischer Rat gebraucht wurde.

Trotzdem war er nervös. Es lag auf der Hand. Er konnte versuchen, sich was vorzumachen. Er konnte versuchen, sich abzulenken, indem er sich in der Firma krankmeldete und für ein paar Stunden lustvoller Fantasieübungen ins Netz einloggte. Aber sein Körper machte solche Verdrängungsmanöver nicht mit. Und die Tatsache, dass er auf die Frage:How wd u do it 2 me if u cd?, Wie würdest du's mir denn machen, wenn du könntest?, überhaupt keine körperliche Reaktion verspürte, sagte alles.

Er tippte: U wdnt 4get it soon. Du würdest es auf jeden Fall nicht so schnell vergessen.

Sie erwiderte:R u shy 2day? Cm on. Tell how. Bist du heute schüchtern? Komm schon, sag mir, wie.

Wie?, überlegte er. Genau das war es - wie? Sei locker, sagte er sich. Lass deiner Fantasie freien Lauf. Darin war er doch gut. Darin war er Meister. Und sie war zweifellos wie alle anderen vor ihr schon älter und begierig auf ein Zeichen, dass sie einen Mann noch reizen konnte.

Whr do u want my tong? Wo willst du meine Zunge spüren?, tippte er, ein Versuch, sie die Arbeit tun zu lassen.

No fair. R Ujst all tlk? Hey, das ist unfair. Hast du nur eine große Klappe?

Heute hatte er nicht einmal eine große Klappe, wie sie schnell genug merken würde, wenn sie noch länger auf diese Art weitermachten. Es war an der Zeit, den Eingeschnappten zu spielen und Feuerlady die kalte Schulter zu zeigen. Er brauchte erst mal eine Pause, um mit sich selber klarzukommen.

If thts wt u think, bby. Na schön, wenn du's so siehst, dann tschüss!, tippte er und loggte sich aus. Sollte sie ruhig mal ein, zwei Tage schmoren.

Er schaute noch, wie es an der Börse lief, ehe er abschaltete und aus dem Arbeitszimmer in die Küche hinunterging, wo in der Glaskaraffe der Kaffeemaschine gerade noch genug Kaffee für eine Tasse war. Er schenkte sich ein und trank das Gebräu so, wie er es am liebsten mochte: stark, schwarz und bitter.

Ein bisschen wie das Leben, dachte er und lachte kurz, ohne Erheiterung. Die letzten zwölf Stunden waren nicht ohne Ironie gewesen, und er war sicher, er würde dahinter kommen, worin die Ironie steckte, wenn er nur lange genug darüber nachdachte. Aber eben das, über die Ereignisse der vergangenen Stunden nachdenken, wollte er nicht. Ihm saß eine ganze Horde Bullen im Nacken, da war Gelassenheit gefragt. Das war überhaupt das Geheimnis des Lebens, Gelassenheit: angesichts der Niederlage, angesichts des Sieges, angesichts - Ein Steinchen schlug klirrend ans Küchenfenster. Aus seinen Gedanken gerissen, fuhr er hoch und sah hinaus. Zwei ungepflegt wirkende Männer standen mitten in seinem Garten. Sie waren vom Park aus hereingekommen, der sich an die Gärten hinter den Häusern auf der Ostseite der Straße anschloss. Da er zwischen seinem Grundstück und dem Park keinen Zaun gezogen hatte, war es ihnen ein Leichtes gewesen, bei ihm einzudringen. Da würde er bald mal etwas unternehmen müssen.

Als die beiden Männer ihn sahen, stießen sie einander an. Der eine rief: »Mach auf, Jay. Wir haben uns ja 'ne Ewigkeit nicht gesehen«, und der andere fügte mit einem herausfordernden Grinsen hinzu: »Kannst froh sein, dass wir extra von hinten rein gekommen sind.«

Pitchley fluchte. Erst eine Leiche auf der Straße. Dann der Porsche beschlagnahmt. Dann er selbst von den Bullen aufs Korn genommen. Und jetzt das. Man sollte eben nie glauben, es könne nicht noch schlimmer kommen, sagte er sich, als er ins Esszimmer hinüberging und die Terrassentür öffnete.

»Hallo, Robbie! Hallo, Brent!« Er begrüßte die beiden Männer, als hätte er sie erst in der vergangenen Woche gesehen. Mit hochgezogenen Schultern standen sie draußen in der Kälte, stampfend und schnaubend wie zwei gereizte Stiere in Erwartung des Matadors. »Was wollt ihr denn hier?«

»Wie war's, wenn du uns rein bittest«, sagte Robbie. »Für den Garten ist das heute nicht das richtige Wetter.«

Pitchley seufzte. Es war immer das Gleiche - jedes Mal, wenn er einen Schritt vorwärts geschafft hatte, tauchte irgendwas auf und zerrte ihn zwei Schritte zurück. »Worum geht's?«, fragte er. Aber in Wirklichkeit meinte er, wie habt ihr mich diesmal gefunden?

Brent grinste wieder. »Das Übliche, Jay«, antwortete er, besaß aber wenigstens Anstand genug, eine gewisse Verlegenheit zu zeigen und unbehaglich von einem Fuß auf den anderen zu treten.

Derjenige, vor dem man auf der Hut sein musste, war Robbie. Das war schon immer so gewesen. Der würde seine Großmutter vor die U-Bahn stoßen, wenn er glaubte, es würde sich für ihn lohnen, und Pitchley wusste, dass er von dem Typen weder Rücksicht noch Respekt oder Anteilnahme erwarten konnte.

»Die Straße ist abgesperrt.« Robbie wies mit dem Kopf in Richtung des unteren Straßenendes. »Ist da was passiert?«

»Gestern Abend ist eine Frau überfahren worden.«

»Ach was.« Robbies Ton verriet, dass das für ihn keine Neuigkeit war. »Und deswegen bist du heute nicht in der Arbeit?«

»Ich arbeite manchmal zu Hause. Das habe ich euch doch gesagt.«

»Klar, kann schon sein. Aber wir haben uns ja 'ne Weile nicht gesehen.« Er sagte nicht, wie viel Zeit genau vergangen war, seit er sich das letzte Mal gemeldet hatte, und wie mühevoll es gewesen war, diese Adresse ausfindig zu machen. Stattdessen erklärte er: »Aber von deinem Büro hab ich erfahren, dass du heute eine Besprechung abgesagt hast, weil du die Grippe hast. Oder war's 'ne Erkältung? Weißt du's noch, Brent?«

»Was fällt euch ein, mit meiner -« Pitchley brach ab. Das war genau die Reaktion, auf die Robbie spekulierte. Er sagte: »Ich dachte, das wäre ein für allemal klar zwischen uns. Ich hab euch gesagt, ihr sollt mit keinem außer mir reden, wenn ihr in der Firma anruft. Ihr wisst die Durchwahl. Es besteht überhaupt kein Grund, mit meiner Sekretärin zu reden.«

»Hey, findest du nicht, du verlangst 'n bisschen viel?«, meinte Robbie. »Was, Brent?« Die letzte Frage sollte offensichtlich den anderen - der mit der geringeren Intelligenz ausgestattet war - daran erinnern, auf welcher Seite er stand.

Brent sagte: »Genau. Also, Jay, bittest du uns jetzt vielleicht mal rein? Ist verdammt kalt hier draußen.«

Und Robbie fügte wie beiläufig hinzu: »Unten am Ende der Straße stehen übrigens drei Typen von der Presse. Hast du das gewusst, Jay? Was läuft'n da?«

Lautlos fluchend trat Pitchley von der Terrassentür zurück. Die beiden Männer draußen klatschten einander lachend auf die Schulter und liefen über die Terrasse.

»Da ist ein Fußabstreifer«, sagte Pitchley. »Benutzt ihn gefälligst.« Die Regenfälle der vergangenen Nacht hatten den Boden unter den Bäumen an der Grenze zwischen den Häusern und dem Park in einen Morast verwandelt. Robbie und Brent waren mittendurch gestapft wie zwei Bauerntrampel durch den Schweinepferch. »Ich hab Perserteppiche im Haus.«

»Zieh die Botten aus, Brent«, sagte Robbie scheinbar gutmütig.

»Okay, Jay, wir lassen unsere verdreckten Stiefel hier draußen stehen. Wir wissen schließlich, wie man sich als Gast benimmt.«

»Ein Gast lädt sich nicht selber ein.«

»Na ja, so genau muss man's auch wieder nicht nehmen.«

Die beiden Männer drängten durch die Tür ins Haus. Sie hatten zwar noch nie versucht, ihn durch ihre körperliche Überlegenheit einzuschüchtern, aber er wusste, dass sie nicht zögern würden, um ihn ihren Wünschen gefügig zu machen.

»Wieso lungern diese Pressetypen da unten rum?«, fragte Robbie. »So viel ich weiß, kriegen die Revolverblätter ihr Zeug doch immer von Leuten, die wegen 'ner heißen Story anrufen.«

»Genau.« Brent ging vor der Porzellanvitrine ein wenig in die Knie, um im Glas der Tür seine Frisur zu inspizieren. »Da gibt's 'ne heiße Story, Jay.« Er rüttelte an der Schranktür.

»He, Vorsicht! Der ist antik.«

»Hat uns neugierig gemacht, wie die Kerle da rumhingen«, bemerkte Robbie. »Drum haben wir sie gefragt, stimmt's, Brent?«

»Stimmt.« Brent öffnete die Tür der Vitrine und nahm eine der Sammeltassen heraus. »Hübsch. Auch alt, was, Jay?«

»Hör auf, Brent.«

»Er hat was gefragt, Jay.«

»Ja, okay. Sie ist alt. Frühes neunzehntes Jahrhundert. Wenn du sie demolieren willst, dann tu's gleich und erspar mir die prickelnde Spannung.«

Robbie lachte leise. Brent grinste und stellte die Tasse wieder in den Schrank. Er schloss die Tür mit einer Behutsamkeit, die der blanke Hohn war.

»Einer von den Pressefuzzis hat uns erzählt, dass die Bullen sich für jemanden hier in der Straße interessieren«, sagte Robbie. »Er hat's von einem Kumpel auf dem Revier. Die Tote von gestern Abend hatte anscheinend 'ne Adresse bei sich. Aber die Adresse hat er uns nicht verraten. Wenn er sie überhaupt wusste. Der hat uns nämlich für Konkurrenz gehalten.«

Wohl kaum, dachte Pitchley. Aber er ahnte schon, woher der Wind wehte, und versuchte, sich zu wappnen.

»Ist schon irre«, fuhr Robbie fort, »was diese Leute von der Sensationspresse so alles ans Licht bringen können, wenn man ihnen nicht gleich das Handwerk legt.«

»Ja, irre«, stimmte Brent zu. Und dann sagte er, als spielte er dem anderen nur die Stichworte zu und sei selbst nicht an der Sache beteiligt: »Das Geschäft, Jay, das braucht 'ne kleine Spritze.«

»Ich hab ihm erst vor 'nem halben Jahr eine gegeben.«

»Stimmt. Aber das war damals, im Frühling. Im Moment läuft's schlecht. Und dazu kommt - na, du weißt schon.« Brent warf einen Blick auf Robbie.

Und Pitchley begriff. »Ihr habt das Geschäft beliehen!«, sagte er. »Was ist es denn diesmal? Pferde? Hunde? Karten? Fällt mir doch nicht im Traum ein -«

»He, Moment mal!« Robbie trat einen Schritt näher, wie um den beträchtlichen Unterschied in ihrer Körpergröße zu verdeutlichen. »Du bist uns was schuldig, Kumpel. Wer hat denn zu dir gehalten, als es darauf ankam, hm? Wer ist jeder Dreckschleuder sofort auf die Pelle gerückt, die nur daran gedacht hat, dir was anzuhängen? Brent hat sich wegen dir den Arm brechen lassen, und ich -«

»Ich kenn die Story, Rob.«

»Gut. Dann hör dir das Ende an. Wir brauchen Kohle, wir brauchen sie heute, und wenn das für dich ein Problem ist, dann sag's lieber gleich.«

Pitchley blickte von einem zum anderen, und vor ihm entrollte sich die Zukunft wie ein endloser Läufer mit ewig gleichem Muster. Er würde wieder einmal alle Brücken abbrechen, umziehen, sich neu einrichten, die Stellung wechseln, wenn nötig - und sie würden ihn trotzdem aufstöbern. Und wenn sie ihn gefunden hatten, würden sie dieselben Geschütze auffahren, die sie schon seit Jahren mit so großem Erfolg einsetzten. So würde es immer sein. Sie waren der Meinung, er wäre ihnen etwas schuldig. Und sie vergaßen nie.

»Was braucht ihr?«, fragte er resigniert.

Robbie nannte seinen Preis. Brent zwinkerte und grinste.

Pitchley holte sein Scheckbuch und trug den Betrag ein. Dann ließ er sie auf dem Weg hinaus, auf dem sie gekommen waren: durch das Esszimmer in den Garten. Er wartete, bis sie unter den kahlen Ästen der Platanen am Rand des Parks hindurchtauchten. Dann ging er zum Telefon.

Als Jake Azoff sich meldete, holte er einmal tief Luft, und dabei war ihm, als träfe ihn ein Messerstich ins Herz. »Rob und Brent haben mich wieder mal gefunden«, teilte er seinem Anwalt mit. »Sagen Sie den Bullen, ich bin bereit zu reden.«

Gideon

10. September

Ich verstehe nicht, warum Sie mir nicht etwas verschreiben können. Sie sind doch Medizinerin. Oder wären Sie als Scharlatanin entlarvt, wenn Sie mir ein Rezept für ein Migränemittel ausstellten? Und, bitte, kommen Sie mir jetzt nicht wieder mit dieser nervtötenden Bemerkung über psychotropische Medikamente. Wir sprechen nicht von Antidepressiva, Neuroleptika, Tranquillizern, Beruhigungsmitteln oder Amphetaminen, Dr. Rose. Wir sprechen von einem ganz gewöhnlichen Schmerzmittel. Das nämlich ist es, was meinen Kopf quält - ganz gewöhnlicher Schmerz.

Libby versuchte, mir zu helfen. Sie kam vorhin und fand mich dort, wo ich schon den ganzen Morgen verbracht hatte: im verdunkelten Schlafzimmer, mit einer Flasche Harveys Bristol Cream wie ein Plüschtier im Arm. Sie setzte sich auf die Bettkante und löste die Flasche aus meiner Hand. »Wenn du vorhast, dich volllaufen zu lassen, kannst du damit rechnen, dass du in spätestens einer Stunde kotzt wie ein Reiher.«

Ich stöhnte. Diese Ausdrucksweise, so ungewohnt und so drastisch, war nun wirklich das Letzte, was ich in dem Moment hören wollte. Ich sagte: »Mein Kopf.«

»Total fies, ich weiß. Aber mit Alkohol wird's nur schlimmer. Lass mal sehen, vielleicht kann ich was tun.«

Sie legte ihre Hände um meinen Kopf. Ihre Fingerspitzen, die leicht auf meinen Schläfen ruhten, waren kühl. Sie bewegten sich in kleinen erfrischenden Kreisen, die das Hämmern in meinen Adern beruhigten. Ich spürte, wie mein Körper sich unter der Berührung entspannte, und ich hatte das Gefühl, ich könnte mit Leichtigkeit einschlafen, als sie so still bei mir saß.

Dann legte sie sich neben mich und drückte leicht ihre Hand auf meine Wange. Dieselbe sanfte Berührung, kühl und frisch.

»Du glühst ja«, sagte sie.

»Das kommt von den Kopfschmerzen«, murmelte ich.

Sie drehte ihre Hand, sodass ihre Fingerrücken auf meiner Wange ruhten. Sie waren so kühl, so wunderbar kühl.

»Das tut gut«, sagte ich. »Danke, Libby.« Ich ergriff ihre Hand, küsste ihre Finger und legte sie wieder auf meine Wange.

»Gideon?«

»Hm?«

»Ach, lass gut sein.« Aber als ich eben das tat, fügte sie mit einem Seufzen hinzu: »Denkst du manchmal über - über uns nach? Ich meine, wie's mit uns weitergeht und so?«

Ich antwortete nicht. Immer läuft es mit den Frauen darauf hinaus. Auf das »wir« und das Streben nach einer Bestätigung: Nachdenken über uns heißt ja, dass es ein wir gibt.

Sie sagte: »Hast du dir mal überlegt, wie oft wir zusammen sind?«

»Sehr oft.«

»Mann, wir haben sogar zusammen geschlafen, könnte man sagen.

Frauen, auch das ist mir aufgefallen, haben einen untrüglichen Blick für das Offensichtliche.

»Was meinst du, sollen wir weitergehen? Glaubst du, wir sind für die nächste Stufe reif? Also, ich muss sagen, ich fühl mich total reif dafür. Echt reif für den nächsten Schritt. Und du?« Während sie sprach, drückte sie ihren Oberschenkel an den meinen, legte einen Arm über meine Brust und knickte ganz leicht - wirklich kaum merklich - ihr Becken, um ihre Scham an mich zu pressen.

Plötzlich bin ich wieder bei Beth, zurück an jenem Punkt in einer Beziehung, wo es zwischen dem Mann und der Frau eigentlich eine Weiterentwicklung geben sollte, und nichts geschieht. Jedenfalls nicht bei mir. In der Beziehung mit Beth wäre die nächste Stufe die Bindung auf Dauer gewesen. Wir waren schließlich seit elf Monaten ein Liebespaar.

Sie hält die Verbindung zwischen dem East Londoner Conservatory und den Schulen, aus denen die Schüler des Konservatoriums kommen. Sie als Cellistin und frühere Musiklehrerin ist für das Konservatorium die ideale Mittlerin; sie spricht die Sprache der Instrumente, die Sprache der Musik und, das Wichtigste, die Sprache der Kinder.

Anfangs bemerke ich sie gar nicht. Sie fällt mir erst eines Tages auf, als wir uns um ein Kind kümmern müssen, das von zu Hause weggelaufen ist und im Konservatorium Zuflucht sucht. Wir erfahren, dass der Freund der Mutter das kleine Mädchen ständig am Üben hindert, weil er anderes mit ihr im Sinn hat. Sie wird in dem verwahrlosten Zuhause wie eine Sklavin behandelt und von dem gewissenlosen Paar sexuell missbraucht.

Beth wird zur Nemesis. Sie ist außer sich vor Zorn und Entsetzen. Sie wartet weder auf Polizei noch Sozialdienst, denn sie traut beiden nicht. Sie erledigt die Angelegenheit persönlich: Mithilfe eines Privatdetektivs und mittels eines Gesprächs mit dem sauberen Paar, in dessen Verlauf sie keine Zweifel daran lässt, was die beiden zu erwarten haben, sollte dem Kind auch nur der geringste Schaden geschehen. Und um ganz sicherzugehen, dass die beiden verstehen, was gemeint ist, definiert sie ihnen den Begriff »Schaden« im plastischen Straßenjargon, den sie gewöhnt sind.

Ich erlebe das alles nicht mit, aber ich höre von mehreren Lehrern davon. Und die wütende Unbedingtheit, mit der sie für dieses Kind eintritt, berührt etwas tief in meinem Inneren. Eine Sehnsucht vielleicht oder eine Erinnerung.

Wie dem auch sei, ich suche ihre Gesellschaft. Und wir finden einander auf die natürlichste Weise, die ich mir vorstellen kann. Ein Jahr lang ist alles gut.

Dann aber beginnt sie, von der Zukunft zu sprechen. Das ist logisch, ich weiß. Es ist nur vernünftig, dass ein Mann und eine Frau über den nächsten Schritt nachdenken, vor allem die Frau, die auf ihre biologische Uhr achten muss.

Ich weiß, ich müsste eigentlich das wollen, was die natürlicheFolgeunserer beiderseitigen

Liebesbeteuerungen wäre. Ich weiß, dass nichts immer gleich bleibt und es Illusion wäre, zu erwarten, sie und ich würden auf ewig damit glücklich sein, die Musik und eine leidenschaftliche Affäre zu teilen. Und trotzdem - als sie vorsichtig von Heirat und Kindern spricht, spüre ich, wie ich innerlich erkalte. Anfangs wechsle ich einfach das Thema. Als ich es mir schließlich mit Ausflüchten wie Proben, Übungsstunden, Plattenaufnahmen und Ahnlichem nicht mehr vom Leib halten kann, stelle ich fest, dass die Kälte in meinem Inneren zugenommen und nicht nur alle Gedanken an eine Zukunft mit Beth erfroren, sondern auch die Gegenwart mit ihr mit Reif überzogen hat. Ich kann nicht mehr wie früher mit ihr zusammen sein. Leidenschaft und Begehren sind erloschen. Anfangs versuche ich, den Schein zu wahren, aber es ist vorbei. Was auch immer es war: Begehren, Leidenschaft, Anhänglichkeit, Liebe - es ist nichts mehr da.

Wir zerren aneinander, wie das wahrscheinlich viele Paare tun, die krampfhaft eine Beziehung bewahren wollen, die längst nicht mehr besteht, und zermürben uns gegenseitig mit diesem Gezerre. Am Ende ist das, was einmal zwischen uns war, nur noch Erinnerung, fern und unwiederbringlich verloren. Beth findet einen anderen Mann, den sie siebenundzwanzig Monate und eine Woche später heiratet. Ich bleibe, wie ich bin.

Ist es ein Wunder, dass mich schauderte, als Libby von der nächsten Stufe sprach? Dabei hatte ich doch gewusst, dass jede Beziehung mit einer Frau - solange ich noch Frauen an mich heranließ - früher oder später genau zu diesem Gespräch führen würde.

Der Reigen der Selbstvorwürfe begann. Ich hätte ihr die untere Wohnung nicht zeigen sollen. Ich hätte ihr die Wohnung nicht vermieten sollen. Ich hätte sie nicht zum Kaffee einladen sollen. Ich hätte sie nicht ins Restaurant führen, ihr nicht auf ihrer Stereoanlage dieses erste Konzert vorspielen, nicht mit ihr auf den Primrose Hill gehen sollen, um die Drachen steigen zu lassen. Ich hätte sie nicht im Segelflieger mitnehmen, nicht an ihrem Tisch essen, nicht Körper an Körper mit ihr einschlafen sollen, so dicht, dass ihr nacktes Gesäß, über dem das Nachthemd hochgerutscht war, warm und weich an mein schlaffes Glied drückte.

Das hätte ihr eigentlich alles sagen müssen: diese Schlaffheit, diese sture, durch nichts zu erschütternde Schlaffheit. Aber es hatte ihr nichts gesagt. Oder wenn doch, so wollte sie wohl aus dem Zustand dieses schlaffen Stücks Fleisch nicht die logische Schlussfolgerung ziehen.

»Es tut gut, dich hier bei mir zu haben«, sagte ich.

»Es könnte noch besser sein«, entgegnete sie. »Wir könnten beide mehr haben.« Und sie drehte ihre Hüften in dieser für Frauen typischen Art in unbewusster Nachahmung jener rotierenden Bewegung, die jeden normalen Mann zum Stoß reizt.

Aber ich bin ja, wie wir wissen, kein normaler Mann.

Ich wusste, dass mich wenigstens nach dem Akt hätte gelüsten sollen, wenn schon nicht nach der Frau. Aber ich spürte nichts. Es regte sich nichts in mir, außer vielleicht das Eis. Stille und Schatten legten sich über mich, und ein Gefühl ergriff mich, als befände ich mich außerhalb von mir, über mir, und blickte auf dieses jämmerliche Exemplar von Mann hinunter, bei dem sich nichts rührte.

Libby berührte mit ihrer kühlen Hand wieder meine Wange und sagte: »Was ist es, Gideon?« Sie wurde ganz ruhig, aber sie rückte nicht von mir ab, und aus Angst, eine unüberlegte Bewegung von mir könnte sie auf falsche Gedanken bringen, blieb auch ich völlig bewegungslos.

»Ich war bei mehreren Ärzten«, sagte ich. »Ich habe sämtliche Tests über mich ergehen lassen. Es gibt keine Erklärung dafür, Libby. Sie kommt einfach.«

»Ich spreche nicht von der Migräne, Gid.«

»Wovon dann?«

»Warum spielst du nicht mehr? Du hast doch immer gespielt. Man konnte die Uhr nach dir stellen. Jeden Morgen drei Stunden, jeden Nachmittag drei Stunden. Ich sehe Rafes Wagen jeden Tag unten auf dem Platz, aber ich höre weder ihn noch dich spielen.«

Rafe. Sie hat diese typisch amerikanische Neigung, jedem einen Spitznamen zu verpassen. Aus Raphael wurde schon bei der ersten Begegnung Rafe. Es passt überhaupt nicht zu ihm, finde ich, aber er scheint nichts gegen diese Kurzform zu haben.

Ja, er ist jeden Tag hier, genau wie sie gesagt hat. Manchmal eine Stunde, manchmal zwei oder drei Stunden. Meistens geht er auf und ab, während ich am Fenster sitze und schreibe. Er schwitzt, er wischt sich die Stirn und den Nacken mit einem Taschentuch, er wirft mir besorgte Blicke zu und stellt sich zweifellos eine Zukunft vor, in der meine Angstzustände den vorzeitigen Abbruch einer glänzenden Karriere herbeiführen und seinen Ruf als mein musikalischer Guru zunichte machen werden. Er fürchtet, dass von ihm nicht mehr bleiben wird als eine Fußnote der Geschichte, so winzig klein gedruckt, dass man eine Lupe braucht, um sie zu entziffern.

All seine Hoffnungen auf Unsterblichkeit waren immer an mich gebunden. Da steht er, ein Mann von fünfzig Jahren, der es trotz großer Begabung und höchsten Bemühens nicht einmal zum Konzertmeister gebracht hat; ein Opfer unheilbaren Lampenfiebers, das ihn stets mit vernichtender Gewalt überfiel, wenn ihm die Chance vorzuspielen geboten wurde. Der Mann ist ein brillanter Musiker, genau wie alle Mitglieder seiner Familie. Aber er hat sich im Gegensatz zu den anderen - von denen jeder in irgendeinem Orchester spielt, wie etwa seine Schwester, die seit mehr als zwanzig Jahren in einer Hippieband namens Plated Starfire die elektrische Gitarre schwingt - bisher einzig dadurch ausgezeichnet, dass er sein großes Können an andere weitergegeben hat. Öffentliche Auftritte haben ihn immer überfordert.

Ich bin seine Garantie auf Ruhm, mir hat er es zu verdanken, dass er im Lauf der letzten zwei Jahrzehnte eine Anhängerschaft viel versprechender Wunderkinder samt Eltern um sich scharen konnte. Aber das alles wird vorbei sein, wenn ich mein Problem nicht in den Griff bekomme. Dass Raphael nie auch nur den Versuch gemacht hat, sein Problem in den Griff zu bekommen - ich meine, es kann doch nicht normal sein, dass ein Mensch tagtäglich drei Hemden und ein Jackett durchschwitzt -, ist völlig unwichtig. Ich soll gefälligst was für meine Psyche tun.

Raphael war, wie ich schon sagte, derjenige, der Sie ausfindig gemacht hat, Dr. Rose. Das heißt, er machte Ihren Vater ausfindig, nachdem der Neurologe zu dem Schluss gekommen war, dass mir körperlich nichts fehlt. Er hat also ein zweifaches Interesse an meiner Genesung: Erstens hat er wesentlich dazu beigetragen, dass ich mich in Ihre Behandlung begab, das heißt, ich werde tief in seiner Schuld stehen, wenn es uns beiden, Ihnen und mir, gelingen sollte, die Störung zu beheben, die mich plagt; und zweitens wird die Fortsetzung meiner Karriere als Geiger die Fortsetzung seiner Karriere als mein Mentor bedeuten. Raphael liegt also sehr viel daran, dass ich möglichst bald wieder gesund werde.

Sie finden mich zynisch, nicht wahr, Dr. Rose? Ein weiterer Knick im Stoff meines Charakters. Aber vergessen Sie nicht, dass ich Raphael Robson seit Jahren kenne. Ich weiß, wie er denkt und was er will. Wahrscheinlich besser als er selbst.

Ich weiß zum Beispiel, dass er meinen Vater nicht leiden kann.

Und ich weiß, dass mein Vater ihn im Lauf der Jahre schon x-mal gefeuert hätte, wäre nicht sein Unterrichtsstil - der dem Schüler erlaubt, seine eigene Methode zu entwickeln, anstatt ihn in eine Schablone zu pressen - genau das gewesen, was ich brauchte, um meine Begabung voll zu entfalten.

Warum kann Raphael Ihren Vater nicht leiden?, fragen Sie neugierig, unsicher, ob diese Feindseligkeit zwischen den beiden Männern vielleicht die Wurzel meiner gegenwärtigen Schwierigkeiten ist.

Auf diese Frage habe ich keine Antwort, Dr. Rose. Jedenfalls keine, die klar und eindeutig wäre. Aber ich vermute, es hat mit meiner Mutter zu tun.

Raphael Robson und Ihre Mutter?, fragen Sie nach und sehen mich dabei so gespannt an, dass ich mich frage, was für einen Brocken ich Ihnen da zugeworfen habe.

Ich grabe also in meinem Gedächtnis. Versuche, etwas zu finden, und stelle bei Überprüfung aller Funde, die ich bisher gemacht habe, eine Verbindung her. Diese Wörter nebeneinander gestellt - »Raphael Robson« und »meine Mutter« -, haben nämlich etwas in mir in Bewegung gebracht, Dr. Rose. Ich verspüre Übelkeit. Ich habe etwas Verdorbenes gekaut und hinuntergeschluckt, und nun fühle ich, wie es in meinen Eingeweiden rumort.

Worauf bin ich da gestoßen, ohne es zu wollen? Seit mehr als zwanzig Jahren verabscheut Raphael Robson meinen Vater wegen meiner Mutter. Ja. Ich fühle, dass daran etwas Wahres ist. Aber was?

Sie schlagen mir vor, mich in eine Situation zurückzuversetzen, wo die beiden zusammen sind. Raphael und meine Mutter. Das Bild ist da, aber es ist schwarz, und wenn sie auf diesem Bild festgehalten sind, so sind die Farben längst nachgedunkelt.

Und doch, sagen Sie zu mir, haben Sie die beiden Personen, Raphael und Ihre Mutter, miteinander verknüpft. Und wenn es zwischen den Namen der beiden eine Verbindung gibt, dann muss es noch weitere Verbindungen geben, wenn auch nur im Unbewussten. Sie sagen, dass Sie diese beiden Menschen zusammendenken, Gideon. Sehen Sie sie auch zusammen?

Sehen? Die beiden zusammen? Der Gedanke ist absurd.

Was ist daran absurd?, fragen Sie. Das Sehen oder das Zusammen?

Hören Sie auf, ich weiß genau, worauf hinaus Sie mit diesen Alternativen wollen. Sie geben mir die Wahl zwischen einem ödipalen Konflikt und der Primärszene. So ist es doch, nicht wahr, Dr. Rose? Der kleine Gideon kann es nicht ertragen, dass sein Musiklehrer à le béguin pour sa mère. Oder, schlimmer noch, der kleine Gideon überrascht sa mère et l'amoureux de sa mère, nämlich Raphael Robson, beim Geschlechtsakt.

Warum dieser schamhafte Wechsel ins Französische?, fragen Sie mich. Was geschieht mit den Fakten, wenn Sie sich der englischen Sprache bedienen? Wie fühlt es sich an, wenn Sie sie in Ihrer Sprache aussprechen, Gideon?

Lächerlich. Grotesk. Unerhört. Raphael Robson und meine Mutter ein Liebespaar? Was für eine Vorstellung! Meine Mutter und dieses ewig schwitzende Monster? Mit seinem Schweiß hätte man schon vor zwanzig Jahren den ganzen Garten wässern können.

12. September

Der Garten. Blumen. Lieber Gott. Ich erinnere mich plötzlich an diese Blumen, Dr. Rose. Ich entsinne mich, dass Raphael Robson mit einem Riesenstrauß zu uns ins Haus kam. Der Strauß ist für meine Mutter. Sie ist da, das heißt, es ist entweder Abend, oder sie ist an diesem Tag nicht zur Arbeit gegangen.

Ist sie krank?, fragen Sie mich.

Ich weiß es nicht. Aber ich sehe die Blumen. Viele verschiedene, so viele verschiedene Arten, dass ich sie nicht alle benennen kann. Es ist der prächtigste Strauß, den ich je gesehen habe. Stimmt, ja, sie muss krank sein. Raphael bringt die Blumen nämlich in die Küche und verteilt sie eigenhändig in mehreren Vasen, die meine Großmutter ihm heraussucht. Aber sie kann nicht bleiben und ihm helfen, weil Großvater aus irgendeinem Grund Aufsicht braucht. Seit Tagen schon müssen wir auf Großvater aufpassen, und ich weiß nicht, warum.

Eine »Episode«?, fragen Sie. Hat er einen psychotischen Schub?

Ich weiß es nicht. Aber es ist alles durcheinander. Meine Mutter ist krank. Großvater muss oben in seinem Zimmer bleiben, und die ganze Zeit läuft Musik, um ihn zu beruhigen. Sarah-Jane Beckett und James, der Untermieter, stehen dauernd irgendwo in der Ecke und tuscheln, und wenn ich ihnen zu nahe komme, macht sie ein strenges Gesicht und sagt, ich soll mich wieder an meine Aufgaben setzen, obwohl ich gar keine Unterrichtsstunde hatte und folglich auch keine Aufgaben bekommen habe. Ich ertappe Großmutter auf der Treppe, weinend. Ich höre meinen Vater irgendwo brüllen, hinter einer geschlossenen Tür, denke ich. Schwester Cecilia war da, und ich habe beobachtet, wie sie im oberen Flur mit Raphael gesprochen hat. Und dann die vielen Blumen. Raphael und die Blumen. Massenhaft Blumen, von denen ich nicht einmal die Namen weiß.

Er trägt sie in die Küche, und ich muss im Wohnzimmer warten. Er hat mir eine Übungsaufgabe gegeben, um mich zu beschäftigen. Heute noch erinnere ich mich an diese Aufgabe. Tonleitern! Ich soll Tonleitern üben, etwas, das ich hasse und das meiner Meinung nach weit unter meiner Würde liegt. Ich weigere mich also. Ich stoße meinen Notenständer um und ich schreie, dass diese blöde Musik langweilig ist und ich nicht eine Minute länger spielen werde. Ich will fernsehen. Ich will Milch und Kekse haben. Ich will, ich will, ich will.

Im Nu ist Sarah-Jane da. Sie sagt - ich erinnere mich wortwörtlich, Dr. Rose, weil mir so etwas noch nie gesagt wurde: »Hör auf damit! Du bist nicht mehr der Nabel der Welt. Benimm dich endlich.«

Nicht mehr der Nabel der Welt?, wiederholen Sie nachdenklich. Dann wird das also nach Sonias Geburt gewesen sein.

Ja, so muss es sein.

Und - können Sie irgendwelche Verbindungen herstellen?

Was für Verbindungen?

Nun - Raphael Robson, die Blumen, Ihre weinende Großmutter, Sarah-Jane Beckett und der Untermieter, die in der Ecke stehen und klatschen.

Ich habe nicht gesagt, dass sie klatschen. Sie stecken nur die Köpfe zusammen und tuscheln, vielleicht haben sie ein Geheimnis miteinander. Wer weiß. Vielleicht haben sie ein Verhältnis.

Ja, ja, schon gut, Dr. Rose. Ich sehe selbst, wie ich immer wieder auf das Thema heimliche Liebe zurückkomme. Darauf brauchen Sie mich nicht hinzuweisen. Und ich weiß auch, was Sie wollen. Sie wollen mich kontinuierlich und gnadenlos immer näher an meine Mutter und Raphael heranführen. Ich kann mir jetzt schon vorstellen, wo der Weg enden wird, wenn wir die Hinweise ruhig und sachlich betrachten: Raphael und die Blumen, Großmutters Weinen, das wütende Gebrüll meines Vaters, der Besuch Schwester Cecilias, das Getuschel Sarah-Janes und des Untermieters… Ich weiß, wohin uns das führen wird, Dr. Rose.

Was hindert Sie daran, es auszusprechen?, fragen Sie, Ihren ernsten, aufrichtigen Blick auf mich gerichtet.

Nur Ungewissheit.

Wenn Sie es aussprechen, werden Sie überprüfen können, wie es sich anfühlt und ob es stimmig ist.

Also gut. Meinetwegen. Raphael Robson hat meine Mutter geschwängert, und sie hat nun dieses Kind zur Welt gebracht - Sonia. Mein Vater begreift, dass er zum Hahnrei gemacht worden ist - du lieber Gott, woher habe ich denn plötzlich dieses Wort?, ich komme mir ja vor wie in einem jakobinischen Melodram -, und das Gebrüll hinter der Tür ist seine Reaktion. Großvater hört es, zählt zwei und zwei zusammen und gerät so sehr außer sich, dass mit einem Schub zu rechnen ist. Großmutter weint aus Kummer über meine Eltern und aus Angst vor dem nächsten psychotischen Schub. Sarah-Jane und der Untermieter sind völlig aus dem Häuschen vor Sensationslust. Schwester Cecilia wird geholt, um zu vermitteln, aber mein Vater erklärt, dass es ihm unmöglich sei, mit diesem Kind, das ihn fortwährend an den Verrat seiner Frau erinnern wird, unter einem Dach zu leben. Er verlangt, dass es entfernt wird, zur Adoption weggegeben oder etwas Ähnliches. Und meine Mutter, die diese Vorstellung nicht ertragen kann, liegt in ihrem Zimmer und weint.

Und Raphael?, fragen Sie.

Raphael ist der stolze Vater und bringt Blumen wie jeder stolze Vater.

Wie fühlen Sie sich jetzt?, wollen Sie wissen.

Angewidert. Aber nicht bei dem Gedanken an meine Mutter, im Schweiß und Brodem eines eklen Betts - wenn Sie mir diese Anspielung gestatten -, sondern seinetwegen. Raphaels wegen. Ja, gewiss, ich kann mir vorstellen, dass er meine Mutter geliebt und meinen Vater dafür gehasst hat, dass dieser besaß, was er selbst haben wollte. Aber dass meine Mutter seine Gefühle erwidert, dass sie auch nur daran gedacht haben soll, diesen schwitzenden Menschen mit seinem ewig sonnenverbrannten Körper in ihr Bett zu lassen, oder wo sonst sie den Akt vollzogen haben - das ist einfach undenkbar.

Aber Kinder, sagen Sie, finden jede Vorstellung von der Sexualität ihrer Eltern entsetzlich, Gideon. Darum ist ja der Anblick des Geschlechtsakts - Ich habe keinen Geschlechtsakt gesehen, Dr. Rose, weder zwischen meiner Mutter und Raphael, noch zwischen Sarah-Jane Beckett und dem Untermieter, und auch nicht zwischen meinen Großeltern oder meinem Vater und sonst jemandem.

Sonst jemandem?, haken Sie sofort nach. Was heißt sonst jemand, Gideon? Woher kommt diese Vorstellung?

Keine Ahnung. Ich weiß es nicht.

15. September

Ich war heute Nachmittag bei ihm, Dr. Rose. Seit ich bei meinen »Grabungen« auf Sonia gestoßen bin und mich dann an Raphael und diese obszöne Blumenpracht und das Chaos in unserem Haus am Kensington Square erinnerte, hat es mich gedrängt, mit meinem Vater zu sprechen. Also bin ich nach South Kensington gefahren und fand ihn dort im Garten von Braemar Mansions, der Wohnanlage, in der er seit einigen Jahren lebt. Er war in dem kleinen Treibhaus, das er von den übrigen Bewohnern der Anlage requiriert hat, und beschäftigte sich, wie meist in seiner freien Zeit, mit seinen Kamelien, die er selbst gezogen und gekreuzt hat. Er war dabei, ihre Blätter mit einem Vergrößerungsglas zu inspizieren. Ich weiß nicht, ob er nach Insekten oder Knospenansätzen suchte. Er träumt davon, eine Blüte hervorzubringen, die es wert ist, auf der Blumenausstellung in Chelsea gezeigt zu werden. Die es wert ist, einen Preis zu bekommen, sollte ich sagen. Alles andere würde er als Zeitverschwendung betrachten.

Ich sah ihn schon von der Straße aus im Treibhaus, aber da ich zur Gartenpforte keinen Schlüssel habe, musste ich durchs Haus gehen. Mein Vater bewohnt den ersten Stock, und als ich sah, dass die Tür oben offen stand, lief ich hinauf, um sie zu schließen. Aber dann sah ich drinnen Jill. Sie saß mit ihrem Laptop am Esstisch, die Beine auf einem Sitzkissen, das sie aus dem Wohnzimmer geholt hatte.

Wir tauschten ein paar höfliche Worte - was redet man mit der schwangeren Mätresse seines Vaters? -, und sie sagte mir, was ich bereits wusste: dass mein Vater im Garten sei. »Er kümmert sich um seine anderen Kinder«, bemerkte sie und verdrehte dabei theatralisch die Augen, vermutlich als Hinweis auf ihre heftig strapazierte Langmut. Dieser Ausdruck, »seine anderen Kinder«, schien mir an diesem Tag voll tiefer Bedeutung, und ich konnte ihn mir auch nicht aus dem Kopf schlagen, als ich wieder ging.

Auf dem Weg hinaus fiel mir etwas auf, das ich bis zu diesem Moment nie bemerkt hatte. Von Wänden, Tischen, Kommoden und Bücherregalen sprang mir plötzlich ins Auge, was ich vorher nie wahrgenommen hatte, und ich sprach es sofort an, als ich das Treibhaus betrat. Ich meinte, wenn ich meinem Vater eine ehrliche Antwort entlocken könnte, würde ich dem Verstehen einen Schritt näher sein.

Entlocken? Dieses Wort - mit allem, was es beinhaltet - hat es Ihnen sofort angetan, nicht wahr, Dr. Rose? Ist denn Ihr Vater nicht ehrlich mit Ihnen?, fragen Sie mich.

Ich habe ihn immer für ehrlich gehalten. Aber jetzt…

Und was werden Sie verstehen, fragen Sie weiter, wenn Sie Ihrem Vater die Wahrheit entlocken? Was wollen Sie denn verstehen?

Was mir geschehen ist.

Das ist mit Ihrem Vater verbunden?

Das möchte ich lieber nicht glauben.

Als ich ins Treibhaus kam, blickte er nicht auf. Mir ging der Gedanke durch den Kopf, wie sein Körper sich dieser von ihm bevorzugten Tätigkeit, bei der er sich ständig über seine kleinen Pflanzen beugt, angepasst hat. Die Skoliose, an der er schon lange leidet, scheint sich in den letzten Jahren verschlimmert zu haben. Er ist erst zweiundsechzig, aber mir erscheint er älter durch diesen Buckel, der immer größer wird. Während ich ihn betrachtete, fragte ich mich, wie es möglich ist, dass Jill Foster, die beinahe dreißig Jahre jünger ist als er, sich sexuell zu ihm hingezogen fühlt. Es ist mir ein Rätsel, was Menschen zueinander treibt.

Ich sagte: »Warum ist in deiner Wohnung nicht ein einziges Bild von Sonia, Dad?« Ein Frontalangriff aus heiterem Himmel, dachte ich, würde am ehesten wirken. »Von mir hast du Aufnahmen aus jedem Blickwinkel und in jedem Alter, mit oder ohne Geige, von Sonia gibt es nicht ein Foto. Warum nicht?«

Da sah er doch auf, aber ich glaube, er wollte nur Zeit gewinnen. Er zog ein Taschentuch aus der Hüfttasche seiner Jeans und polierte umständlich sein Vergrößerungsglas. Dann faltete er das Taschentuch wieder zusammen, verstaute das Glas in einem Waschlederbeutel und trug diesen zu einem Regal hinten im Treibhaus, in dem er seine Gartenwerkzeuge aufbewahrt.

»Und dir auch einen schönen Nachmittag«, sagte er. »Ich hoffe, du hast Jill aufmerksamer begrüßt. Sitzt sie noch am Computer?«

»In der Küche, ja.«

»Aha. Das Drehbuch macht gute Fortschritte. Sie arbeitet an The Beautiful and Damned. Habe ich dir das erzählt? Sehr ambitiös, der BBC einen zweiten Fitzgerald anzubieten, aber sie will unbedingt beweisen, dass man dem britischen Zuschauer einen amerikanischen Roman über Amerikaner in Amerika schmackhaft machen kann. Nun, wir werden sehen. Und wie geht es deiner Amerikanerin?«

So nennt er Libby. Einen anderen Namen hat er für sie nicht. Entweder »deine Amerikanerin«, manchmal auch »deine kleine Amerikanerin« oder »deine reizende Amerikanerin«. Meine reizende Amerikanerin wird sie vor allem dann, wenn sie mal wieder ins Fettnäpfchen getreten ist, was sie mit wahrer Inbrunst tut. Libby hält nicht viel von Förmlichkeit, und mein Vater hat ihr bis heute nicht vergeben, dass sie ihn gleich beim Vornamen angesprochen hat, als ich ihn mit ihr bekannt machte. Und auch ihre spontane Reaktion auf die Nachricht von Jills Schwangerschaft hat er nicht vergessen: »Scheiße, Mann! Sie haben eine Dreißigjährige geschwängert? Hut ab, Richard!« Diese Anspielung auf den großen Altersunterschied war in den Augen meines Vaters eine unverzeihliche Frechheit.

»Es geht ihr gut«, antwortete ich.

»Kurvt sie immer noch auf ihrem Motorrad durch die Stadt?«

»Sie arbeitet immer noch für den Kurierdienst, wenn du das meinst.«

»Und wie bevorzugt sie derzeit ihren Tartini? Geschüttelt oder gequirlt?« Er nahm seine Brille ab, verschränkte die Arme und musterte mich, wie er das gern tut, mit einem Blick, als wollte er sagen: Schön ruhig bleiben, mein Junge, sonst mach ich dich fertig. Er schafft es fast immer, mich mit diesem Blick aus dem Konzept zu bringen, und er hätte es in Verbindung mit seinen Bemerkungen über Libby wahrscheinlich auch diesmal geschafft, wenn ich nicht von der plötzlichen Erinnerung an eine bisher völlig vergessene Schwester so sehr fasziniert gewesen wäre, dass alle seine Ablenkungsmanöver fehlschlagen mussten.

»Ich hatte Sonia vergessen«, sagte ich. »Nicht nur ihren Tod, sondern dass sie überhaupt existiert hatte. Ich hatte völlig vergessen, dass ich einmal eine Schwester hatte. Es ist so, als hätte jemand sie aus meinem Gedächtnis ausradiert, Dad.«

»Bist du deshalb hergekommen? Um nach Fotos zu fragen?«

»Um nach ihr zu fragen. Wieso hast du keine Bilder von ihr?«

»Du willst darin unbedingt etwas Verdächtiges sehen.«

»Du hast Fotos von mir. Du hast eine ganze Sammlung Fotos von Großvater. Von Jill. Sogar von Raphael.«

»Zusammen mit Szeryng. Raphael war zweitrangig.«

»Ja. Gut. Aber da muss man sich doch fragen, warum es kein Foto von Sonia gibt.«

Er musterte mich bestimmt fünf Sekunden lang, ehe er sich bewegte. Und dann wandte er sich von mir ab und begann den Arbeitstisch zu säubern, an dem er vorher mit seinen Pflanzen hantiert hatte. Er nahm einen kleinen Besen zur Hand und fegte abgefallene Blätter und Erdkrümel in einen Eimer, den er vom Boden aufgehoben hatte. Als das getan war, verschloss er den Sack mit Erde, schraubte eine Flasche mit Blumendünger zu und verstaute seine Werkzeuge in den für sie gedachten Fächern, doch vorher reinigte er jedes einzelne gewissenhaft. Schließlich nahm er die schwere grüne Schürze ab, die er bei der Gartenarbeit stets umlegte, und ging vor mir aus dem Treibhaus in den Garten.

Er führte mich zu einer Bank unter der Kastanie, die ihm schon lange das Leben vergällt. »Viel zu viel Schatten«, pflegt er zu schimpfen. »Im Schatten gedeiht doch nichts.«

Heute allerdings schien ihm der Schatten willkommen. Leise stöhnend, als schmerzte ihn sein Rücken, setzte er sich nieder. Vielleicht hatte er wirklich Rückenschmerzen, aber ich fragte nicht danach. Er sollte mir endlich meine erste Frage beantworten.

»Dad«, sagte ich, »warum gibt es -«

»Das kommt doch nur von dieser Ärztin«, fiel er mir ins Wort.

»Dieser - wie heißt sie gleich wieder?«

»Rose. Dr. Rose. Das weißt du doch ganz genau.«

»Ach, zum Teufel«, brummte er und stand auf. Ich dachte, er würde nun wütend im Haus verschwinden, um einem Gespräch aus dem Weg zu gehen, das er offensichtlich nicht führen wollte, aber er sank auf die Knie und begann in dem Blumenbeet vor uns das Unkraut auszurupfen. »Wenn es nach mir ginge«, schimpfte er, »müsste jeder Bewohner, der sein Stückchen Grund nicht ordentlich pflegt, es wieder abgeben. Schau dir doch nur mal diese Schweinerei an.«

Das war nun wirklich übertrieben. Zwar sprossen auf den Umgrenzungssteinen wegen der Feuchtigkeit Pilze und Moos, und Unkräuter kämpften mit einer riesigen Fuchsie, die vermutlich längst hätte gestutzt werden müssen, aber das Gärtchen mit dem von Efeu überwachsenen Vogelbad in der Mitte und den tief ins Grün eingesunkenen Trittsteinen, hatte in seiner Natürlichkeit etwas sehr Ansprechendes. »Mir gefällt es«, sagte ich.

Mein Vater prustete geringschätzig, während er fortfuhr, Unkräuter aus dem Boden zu ziehen und sie über seine Schulter hinweg auf den Kiesweg zu werfen. »Hast du deine Geige inzwischen wieder mal zur Hand genommen?«, fragte er.

»Nein.«

Er hockte sich auf seine Fersen zurück. »Brillant! Ein Riesenaufwand, bei dem bis jetzt rein gar nichts herausgekommen ist. Erklär mir doch bitte mal, was uns das Ganze bringt! Was hast du davon, wenn du mit dieser genialen Ärztin in der Vergangenheit herumstocherst? Unser Problem liegt in der Gegenwart, Gideon! Dass ich dich daran auch noch erinnern muss!«

»Sie nennt es psychogene Amnesie. Sie hat mir erklärt -«

»Blödsinn! Das waren die Nerven. Und sind's immer noch. So was kommt vor. Das weiß jeder. Weißt du, wie viele Jahre Rubinstein nicht gespielt hat? Ich glaube, es waren zehn. Oder waren es zwölf? Und meinst du, dass er in dieser Zeit rumgesessen und irgendwas in ein Heft gekritzelt hat? Das kann ich mir nicht vorstellen.«

»Er hatte nicht vergessen, wie man spielt«, erklärte ich meinem Vater. »Er hatte Angst davor zu spielen.«

»Du weißt doch gar nicht, ob du es vergessen hast. Wenn du die Geige bis jetzt kein einziges Mal zur Hand genommen hast, kannst du gar nicht wissen, ob du es tatsächlich vergessen hast oder ob das nur eine Befürchtung ist. Jeder vernünftige Mensch würde dir sagen, dass das, was du im Moment durchmachst, schlicht und einfach ein Anfall von Feigheit ist. Und wenn deine tolle Ärztin dieses Wort bis jetzt nicht über die Lippen gebracht hat…« Er machte sich wieder über das Unkraut im Blumenbeet her. »Unmöglich!«

»Du wolltest doch, dass ich zu ihr gehe«, erinnerte ich ihn. »Als Raphael den Vorschlag machte, warst du sofort einverstanden.«

»Ich dachte, du würdest lernen, mit deiner Furcht umzugehen. Ich dachte, das würde sie dir beibringen. Hätte ich übrigens gewusst, dass da so ein verdammtes Weib den Doktor spielt, dann hätte ich es mir zweimal überlegt, ob ich dich hinschicke, um ihr dein Herz auszuschütten.«

»Es kann keine Rede davon -«

»Das alles kommt nur von dieser Amerikanerin, dieser verwünschten Person!« Mit dem letzten Wort riss er ein besonders hartnäckiges Kraut mit solcher Gewalt aus dem Beet, dass er eine der noch nicht erblühten Lilien entwurzelte. Fluchend schlug er mit beiden Händen auf die Erde, um den Schaden wieder gutzumachen. »So läuft das nämlich bei den Amerikanern, Gideon. Ich hoffe, das ist dir klar«, sagte er. »Das passiert, wenn man eine ganze Generation von Faulpelzen, denen alles in den Schoß gefallen ist, unentwegt hätschelt und verwöhnt. Diese jungen Leute haben zu viel Zeit und wissen nichts Besseres damit anzufangen, als die eigene Disziplinlosigkeit ihren Eltern zum Vorwurf zu machen. Diese Person bestärkt dich doch nur in dieser Tendenz, die Schuld bei anderen zu suchen. Als Nächstes wird sie dir vorschlagen, dich in Talkshows auszusprechen.«

»Also, das ist wirklich nicht fair. Libby hat mit dieser Geschichte überhaupt nichts zu tun.« »Es ging dir glänzend, bis sie auf der Bildfläche erschien.«

»Zwischen uns ist nichts vorgefallen, was an diesem Problem schuld sein könnte.«

»Du schläfst mit ihr, hm?«

»Vater -«

»Treibst es richtig mit ihr?« Er blickte bei dieser letzten Frage zurück und sah wohl, was ich lieber vor ihm verborgen hätte. »Ah. Ja«, sagte er ironisch. »Aber sie ist nicht die Wurzel deines Problems. Ich verstehe. Dann sag mir doch mal, wann nach Meinung von Dr. Rose für dich der richtige Moment gekommen sein wird, wieder zur Geige zu greifen?«

»Darüber haben wir nicht gesprochen.«

Er richtete sich auf. »Das ist allerhand. Du gehst seit - seit wie vielen Wochen, drei oder vier? - dreimal wöchentlich zu ihr, aber ihr seid noch nicht dazu gekommen, über das eigentliche Problem zu reden? Findest du das nicht etwas ungewöhnlich?«

»Die Geige - das Spielen…«

»Du meinst, das Nichtspielen.«

»Gut. Ja. Die Unfähigkeit zu spielen ist ein Symptom, Dad. Es ist nicht die Krankheit.«

»Erzähl das mal den Leuten in Paris, München und Rom.«

»Ich werde meine Verpflichtungen einhalten.«

»Na, wenn es so weitergeht wie bisher, bezweifle ich das.«

»Ich dachte, dir läge daran, dass ich zu ihr gehe. Du hast doch Raphael gebeten -«

»Ich bat Raphael um Hilfe, damit du wieder auf die Beine kommst, damit du wieder spielen, wieder auftreten kannst. Sag mir - schwör mir, gib mir die Zusicherung -, dass du von dieser Ärztin die nötige Hilfe bekommst. Ich bin doch auf deiner Seite, mein Junge. Glaub mir, ich bin auf deiner Seite.«

»Ich kann dir keine Zusicherungen geben«, sagte ich, und ich weiß, dass in meiner Stimme die ganze Niedergeschlagenheit mitschwang, die ich empfand. »Ich weiß nicht, was ich von ihr bekomme, Dad.«

Er wischte sich die Hände an seiner Jeans ab und fluchte leise, in einem Ton, der mir von Angst gefärbt schien. »Komm mit«, sagte er dann.

Ich folgte ihm. Wir gingen ins Haus, die Treppe hinauf in seine Wohnung. Jill hatte Tee gekocht. Sie hob ihre Tasse hoch. »Möchtest du, Gideon? Du, Schatz?«, fragte sie, als wir an der Küche vorüberkamen. Ich lehnte dankend ab, mein Vater reagierte überhaupt nicht. Jills Gesicht verdunkelte sich, wie mir das schon früher aufgefallen ist, wenn mein Vater sie nicht beachtet: nicht gekränkt oder zornig, sondern so, als messe sie sein Verhalten an irgendeinem heimlichen Verhaltenskodex, den sie im Kopf hat.

Mein Vater ging weiter, ohne etwas zu merken. Er führte mich in einen Raum, den ich das Großvaterzimmer nenne. Dort bewahrt er eine bizarre, aber durchaus aufschlussreiche Kollektion von Erinnerungsstücken auf: Sie reicht von Kinderlöckchen Großvaters im silbernen Kästchen bis zu Briefen vom Frontkommandeur des »großen Mannes«, die voll des Lobs über seine großartige Haltung während der Gefangenschaft in Burma sind. Ich habe den Eindruck, mein Vater versucht zeit seines Lebens so zu tun, als wäre sein Vater ein normaler oder außergewöhnlicher Mensch gewesen und nicht der, der er in Wirklichkeit war: ein zerstörter Geist, der sich aus Gründen, über die nie gesprochen wurde, mehr als vierzig Jahre lang am Rand der Geisteskrankheit bewegte.

Als er die Tür hinter uns schloss, glaubte ich zunächst, er hätte mich in dieses Zimmer gelotst, um ein Loblied auf Großvater zu singen, und merkte, wie ich ärgerlich wurde. Ich dachte, das wäre wieder ein Versuch, dem Gespräch mit mir auszuweichen.

Sie möchten jetzt wissen, ob er sich früher schon so verhalten hat, nicht wahr? Die Frage ist logisch.

Und ich müsste sie mit Ja beantworten. Ja, er hat sich früher schon so verhalten. Nur ist es mir bis vor kurzem nicht aufgefallen. Ich hatte keinen Anlass, darauf zu achten, weil die Musik der Mittelpunkt unserer Beziehung und das ständige Thema unserer Gespräche war. Üben, Proben, Arbeit im Konservatorium, Plattenaufnahmen, Auftritte, Konzerte, Konzertreisen . Immer hat die Musik uns beschäftigt. Und da ich so stark besetzt war von meiner Musik, konnte jede Frage, die ich stellte, jedes Thema, das ich ansprach, leicht umgangen werden, indem man meine Aufmerksamkeit auf die Musik lenkte. Wie kommst du mit dem Strawinsky zurecht? Und mit dem Bach? Macht dir das Erzherzog-Trio immer noch Schwierigkeiten? Guter Gott. Das Erzherzog. Es hat mir stets Schwierigkeiten bereitet. Dieses Stück ist mein Verhängnis. Es ist mein Waterloo. Dieses Stück wollte ich in der Wigmore Hall spielen. Zum ersten Mal wollte ich es vor der Öffentlichkeit meistern, und es ist mir nicht gelungen.

Na bitte, da sehen Sie, wie leicht ich durch Gedanken an Musik von jedem anderen Thema abzulenken bin, Dr. Rose. Eben habe ich es selbst getan, da können Sie sich vorstellen, wie mühelos mein Vater mich bei unseren Gesprächen manipulieren konnte.

Aber an diesem Nachmittag war ich nicht abzulenken, und ich denke, mein Vater merkte es; er versuchte nämlich nicht, mich mit einer Geschichte von Großvaters Heldentaten während seiner Gefangenschaft zu zerstreuen oder mit einem Bericht seines tapferen Kampfs gegen ein bösartiges geistiges Leiden, das seine Klauen tief in sein Gehirn geschlagen hatte. Nein, er hatte die Tür hinter uns geschlossen, um ungestört zu sein.

»Du suchst doch nach irgendetwas Finsterem, nicht wahr?«, sagte er. »Darauf haben es die Psychiater doch immer abgesehen.«

»Ich versuche, mich zu erinnern«, entgegnete ich. »Das ist alles.«

»Und wie soll die Erinnerung an Sonia dir helfen, dich deinem Instrument wieder anzunähern? Hat deine Dr. Rose dir das erklärt?«

Nein, das haben Sie nicht getan, nicht wahr, Dr. Rose? Sie haben lediglich gesagt, dass wir mit dem anfangen werden, woran ich mich erinnern kann. Ich werde also niederschreiben, was ich im Gedächtnis habe, aber Sie erklären mir nicht, wie durch diesen Prozess die Blockade, die mich am Spielen hindert, aufgelöst werden kann.

Und in der Tat, was hat Sonia mit meinem Spiel zu tun? Sie muss noch ein Säugling gewesen sein, als sie starb. Denn an eine ältere Schwester, die sprechen und laufen konnte, die im Wohnzimmer spielte und im Garten mit mir tobte, würde ich mich doch erinnern.

Ich sagte: »Dr. Rose nennt diesen Zustand eine psychogene Amnesie.«

»Psycho-was?«

Ich erklärte es ihm, wie Sie es mir erklärt haben, und schloss mit der Bemerkung: »Da es eine körperliche Ursache für den Gedächtnisverlust nicht gibt - du weißt ja selbst, dass die Neurologen nichts gefunden haben -, muss die Ursache woanders sitzen. In der Psyche, Dad, und nicht im Verstand.«

»Das ist doch nichts als Quatsch, Gideon«, widersprach er, aber ich spürte, dass dieses Auftrumpfen nur Geste war. Er setzte sich in einen Sessel und starrte ins Leere.

»Na schön.« Ich setzte mich ebenfalls, vor das alte Rollpult meiner Großmutter, und tat etwas, woran ich bisher nie gedacht hatte, weil ich es nie für notwendig gehalten hatte. Ich nahm ihn beim Wort. »Also schön, Dad. Nehmen wir an, es ist nichts als Quatsch. Was soll ich dann tun? Wenn mein Zustand wirklich nur auf Nervenschwäche und Furcht zurückzuführen ist, dann könnte ich doch Musik machen, wenn ich allein bin, nicht wahr? Wenn keiner da ist. Wenn auch Libby aus dem Haus ist und ich nirgendwo Zuhörer fürchten muss. Dann könnte ich doch spielen, richtig? Kein Mensch würde davon erfahren, wenn ich nicht einmal ein simples Arpeggio zu Stande brächte. Ist es nicht so?«

Er sah mich an. »Hast du es denn versucht, Gideon?«

»Begreifst du denn nicht? Ich musste es gar nicht versuchen. Ich muss es doch nicht versuchen, wenn ich es schon vorher weiß.«

Er wandte sich von mir ab. Er schien sich in sich zurückzuziehen, und während das geschah, wurde mir die Stille in der Wohnung bewusst und die Stille draußen, wo nicht das kleinste Lüftchen in den Blättern der Bäume raschelte.

»Keiner«, sagte er schließlich, »weiß vor der Geburt eines Kindes, was an Schmerz auf ihn zukommt. Es scheint alles so einfach, aber so einfach ist es eben nicht.«

Ich antwortete nicht. Sprach er von mir? Von Sonia? Oder von dem anderen Kind aus einer lang zurückliegenden Ehe, dem Kind Virginia, das nie erwähnt worden war?

»Man bringt sie ins Leben«, fuhr er fort, »und weiß, dass man alles tun würde, um sie zu beschützen, Gideon. Das ist so.«

Ich nickte, aber da er mich immer noch nicht ansah, nahm er es nicht wahr, und ich sagte: »Ja.« Was ich damit bestätigte, könnte ich Ihnen nicht erklären. Aber irgendetwas musste ich sagen, und da sagte ich eben Ja.

Es schien zu genügen. Mein Vater sprach weiter. »Aber manchmal scheitert man. Man will es nicht. Man denkt nicht einmal an Scheitern. Aber es geschieht. Es kommt aus dem Nichts und trifft einen aus heiterem Himmel, ehe man überhaupt eine Chance hat, es zu verhindern - oder auch nur auf irgendeine völlig unzulängliche Art zu reagieren. Es trifft einen einfach.« Erst da sah er mir in die Augen, und sein Blick war so voller Qual, dass ich mich am liebsten zurückgezogen und ihm erspart hätte, was ihm solchen Schmerz bereitete. Ist es nicht schon schlimm genug, dass sein Leben von Kindheit an von dem Kummer überschattet war, einen Vater zu haben, dessen Leiden seine Geduld und seine Liebe fortwährend auf die härteste Probe stellte? Soll ihm jetzt auch noch ein Sohn beschieden sein, der ihn ähnlich fordern wird? Ich wollte mich zurückziehen. Ich wollte ihn schonen. Aber noch dringender wollte ich die Musik. Ohne die Musik bin ich nichts. Darum sagte ich kein Wort, sondern ließ das Schweigen wie einen hingeworfenen Handschuh zwischen uns liegen. Und als mein Vater es nicht mehr aushalten konnte, nahm er den Handschuh auf.

Er stand auf und kam auf mich zu. Einen Moment lang glaubte ich, er wolle mich berühren. Aber er öffnete nur das Rollpult meiner Großmutter und schob einen kleinen Schlüssel aus seinem Bund in das Schloss der mittleren

Schublade. Das ordentliche Bündel Papiere, das er ihr entnahm, trug er mit sich zu seinem Sessel.

Ich war mir der Dramatik und Tragweite des Augenblicks bewusst. Es war, als hätten wir eine Grenze überschritten, deren Existenz wir beide vorher nicht wahrgenommen hatten. Mein Magen rebellierte. Vor meinen Augen flimmerte der funkelnde Halbmond, der stets die hämmernden Kopfschmerzen ankündigt.

Er sagte: »Dass ich keine Fotos von Sonia habe, hat einen ganz einfachen Grund. Hättest du darüber nachgedacht - und das hättest du sicher getan, wenn du im Moment nicht so durcheinander wärst -, dann wärst du zweifellos selbst darauf gekommen. Deine Mutter hat die Bilder mitgenommen, als sie uns verließ, Gideon. Sie hat alle Bilder mitgenommen. Bis auf dieses.«

Aus einem schmuddeligen Umschlag nahm er eine Fotografie und reichte sie mir. Im ersten Moment hätte ich am liebsten abgewehrt, eine so entscheidende Bedeutung hatte Sonia auf einmal für mich bekommen.

Er sah mein Zögern. »Nimm das Foto, Gideon«, sagte er. »Es ist alles, was ich noch von ihr habe.«

Da nahm ich es doch. Ich versuchte, alle Erwartungen zu unterdrücken, und fürchtete dennoch, was ich zu sehen bekommen würde. Ich wappnete mich und richtete meinen Blick auf die Fotografie.

Ein Säugling im Arm einer Frau, die ich nicht kannte. Sie saß in einem gestreiften Liegestuhl im Garten des Hauses am Kensington Square in der Sonne. Ihr Schatten fiel über Sonias Gesicht, ihr eigenes war lichtbeschienen. Sie war jung und blond, sehr blond. Mit klar gemeißelten Gesichtszügen. Sie war sehr hübsch.

»Ich - wer ist das?«, fragte ich meinen Vater.

»Das ist Katja«, antwortete er. »Katja Wolff.«

Gideon

20. September

Viele Fragen verfolgen mich, seit mein Vater mir diese Fotografie gezeigt hat: Wenn meine Mutter damals alle Fotografien Sonias mitgenommen hat, warum dann diese eine nicht? Weil Sonias Gesicht, vom Schatten so stark verdunkelt, kaum zu erkennen war und ihr daher kein Trost sein konnte in ihrem Schmerz? - wenn tatsächlich der Schmerz sie getrieben hatte, uns zu verlassen. Oder weil Katja Wolff mit auf dem Bild war? Oder vielleicht weil sie gar nichts von dem Foto wusste? Eines nämlich kann ich der Aufnahme, die ich jetzt bei mir habe und Ihnen bei unserer nächsten Sitzung zeigen werde, nicht entnehmen: Wer sie gemacht hat.

Wieso besaß mein Vater ausgerechnet dieses Bild, dessen Mittelpunkt nicht seine Tochter ist, seine verstorbene Tochter, sondern ein strahlendes junges Mädchen, das nicht seine Frau ist, nie seine Frau war, nie seine Frau wurde und nicht die Mutter dieses Kindes war.

Natürlich fragte ich meinen Vater nach Katja Wolff. Und er sagte mir, sie sei Sonias Kinderfrau gewesen; eine junge Deutsche mit geringen Englischkenntnissen. Sie war in einem Heißluftballon, den sie und ihr Freund heimlich gebaut hatten, von Ostberlin aus in den westlichen Sektor der Stadt geflohen, eine kühne und dramatische Flucht, die ihr eine gewisse Berühmtheit eingebracht hatte.

Sie kennen die Geschichte vielleicht, Dr. Rose. Nein, wohl eher nicht. Sie waren damals vermutlich noch keine zehn Jahre alt gewesen, und wahrscheinlich haben Sie gar nicht hier gelebt, sondern in Amerika.

Ich jedenfalls erinnere mich nicht, obwohl ich hier in England war, den Ereignissen näher. Aber die Geschichte hat, wie mein Vater mir erzählte, einiges Aufsehen erregt, weil Katja und ihr Freund nicht über die grüne Grenze zu fliehen versuchten, wo die Gefahr, geschnappt zu werden, nicht ganz so groß gewesen wäre, sondern direkt von Ostberlin aus gestartet sind. Der Junge hat es nicht geschafft, er wurde von den Grenzsoldaten erwischt. Aber Katja schaffte es. Sie hatte ihren großen Auftritt und wurde zur Fahnenträgerin der Freiheit. Nachrichtensendungen, Schlagzeilen in den Zeitungen, Berichte und Interviews. Und sie wurde nach England eingeladen.

Ich hörte aufmerksam zu, als mein Vater mir dies alles berichtete, und beobachtete ihn scharf. Ich suchte nach Zeichen und versteckten Bedeutungen, ich versuchte zu deuten, zu folgern, Schlüsse zu ziehen. Denn selbst jetzt noch, hier im Wohnzimmer am Chalcot Square sitzend, die Guarneri keine fünf Meter entfernt, endlich wenigstens ihrem Kasten entnommen, das muss doch ein Fortschritt sein, Dr. Rose, auch wenn ich es nicht schaffe, die Geige auf Schulterhöhe zu heben, selbst jetzt noch bedrängen mich Fragen, die zu stellen ich mich fürchte.

Was sind das für Fragen?, wollen Sie wissen.

Fragen wie die Folgenden, die mir ganz von selbst in den Sinn kommen: Wer hat das Foto von Sonia und Katja aufgenommen? Warum hat meine Mutter dieses eine Foto zurückgelassen? Wusste sie überhaupt von seiner Existenz? Hat sie die übrigen Fotos tatsächlich mitgenommen, oder hat sie sie vielleicht vernichtet? Und vor allem, warum hat mein Vater nie zuvor von ihnen gesprochen - von meiner Schwester Sonia, meiner Mutter

und Katja Wolff?

Vergessen hatte er sie offensichtlich nicht. Schließlich hat er, nachdem ich ihn auf Sonia angesprochen hatte, das Foto zum Vorschein gebracht, und so wie es aussah, bin ich sicher, dass er es unzählige Male in der Hand gehalten und angesehen hat. Warum also das Schweigen?

Leidvermeidung, sagen Sie. Manchmal meiden die Menschen ein Thema, weil es zu schmerzhaft wäre, sich damit zu beschäftigen.

Und was genau wäre für meinen Vater zu schmerzhaft? Die Beschäftigung mit Sonia oder mit ihrem Tod? Mit meiner Mutter und der Tatsache, dass sie uns verlassen hat? Oder mit den Fotografien?

Mit Katja Wolff vielleicht?

Wieso sollte Katja Wolff für meinen Vater ein schmerzliches Thema sein? Dafür könnte es doch nur einen Grund geben.

Und der wäre?

Sie möchten, dass ich es ausspreche, nicht wahr, Dr. Rose? Dass ich es niederschreibe und das Geschriebene ins Auge fasse, um zu prüfen, was daran wahr und was falsch ist. Aber was, zum Teufel, soll mir das bringen? Sie hält meine Schwester im Arm, sie drückt sie an ihre Brust, der Blick ihrer Augen ist freundlich und ihr Gesicht ist ruhig und heiter. Eine ihrer Schultern ist nackt, der Träger des Tops oder Kleides, das sie anhat, ist heruntergerutscht. Dieses Kleidungsstück ist leuchtend bunt, auffallend bunt, so viel Gelb, Orange, Grün und Blau. Und die nackte Schulter ist glatt und rund - ja, schon gut, sie wirkt wie eine Aufforderung, ich müsste blind sein, um das nicht zu sehen. Wenn also ein Mann dieses Foto von Katja Wolff macht - mein Vater vielleicht, aber ebenso gut könnte es Raphael sein oder

James, der Untermieter, mein Großvater, der Gärtner, der Briefträger, jeder beliebige Mann, denn sie ist bildschön und verführerisch, sogar ich, verkorkst und verklemmt, wie ich bin, kann erkennen, was sie ist, was sie zu bieten hat und wie sie es tut -, dann mit ihrem Einverständnis, und ich kann mir sehr gut vorstellen, welcher Art dieses Einverständnis ist.

Schreiben Sie über sie, drängen Sie mich. Schreiben Sie über Katja Wolff. Füllen Sie, wenn nötig, eine ganze Seite mit nichts als ihrem Namen, und beobachten Sie, was dabei geschieht, Gideon. Fragen Sie Ihren Vater, ob er noch andere Bilder hat: Familienfotos, Schnappschüsse aus dem Alltag, Urlaubsbilder, Aufnahmen von Festen und Familienfeiern. Sehen Sie sich die Fotos genau an. Achten Sie darauf, wen sie zeigen. Versuchen Sie, in den Gesichtern zu lesen.

Ich soll auf Katja achten, meinen Sie?

Achten Sie auf das, was da ist.

21. September

Mein Vater sagte mir, dass ich bei Sonias Geburt sechs Jahre alt war und knapp acht, als sie starb. Ich habe ihn angerufen und ganz direkt danach gefragt. Sind Sie zufrieden mit mir, Dr. Rose? Ich habe den Stier bei den Hörnern gepackt.

Als ich meinen Vater fragte, woran Sonia gestorben sei, sagte er: »Sie ist ertrunken, mein Junge.« Ich hatte den Eindruck, dass es ihm sehr schwer fiel, darüber zu sprechen. Seine Stimme klang wie aus weiter Ferne. Es bedrückte mich, ihn überhaupt gefragt zu haben, aber das hinderte mich nicht daran, weiterzumachen. Ich fragte ihn nach Sonias Alter bei ihrem Tod: zwei Jahre. Die offenkundige Anstrengung, die diese Worte ihn kosteten, verriet mir, dass sie lange genug lebte, um sich nicht nur einen Platz in seinem Herzen zu erobern, sondern auch eine unauslöschliche Spur in seiner Seele zu hinterlassen.

Diese Erkenntnis erklärte mir vieles: Die starke Fixierung meines Vaters auf mich, als ich noch ein Kind war; sein Bestreben, mir immer und in jeder Hinsicht das Beste zuteil werden zu lassen; seine ständige Sorge um mein Wohlbefinden und meine Sicherheit, als ich die ersten öffentlichen Auftritte hatte; sein Misstrauen gegen jedermann, der mir zu nahe kam und mir hätte schaden können. Ein Kind hatte er schon verloren - ach Gott, nein, es waren ja zwei, Virginia, sein ältestes Kind, war auch jung gestorben -, und er wollte nicht noch eines verlieren.

Jetzt endlich verstehe ich, warum er stets so nahe war, so stark engagiert, warum er sich in solchem Maß in mein Leben und meine Karriere eingemischt hat. Sehr früh schon sagte ich laut und deutlich, was ich wollte - die Geige, die Musik -, und er tat, was er konnte, um dafür zu sorgen, dass sein einziges noch lebendes Kind bekam, was es wollte. Als könnte er bewirken, dass ich ihm nicht vorzeitig genommen würde, wenn er mir die Möglichkeit gab, meinen Traum zu verwirklichen. Er arbeitete für zwei, er schickte meine Mutter zur Arbeit, er engagierte Raphael, er ließ mir Privatunterricht geben.

Nur war das alles vor Sonia, nicht wahr? Es kann also nicht die Konsequenz aus Sonias Tod gewesen sein; denn wenn sie, wie er mir sagte, zur Welt kam, als ich sechs Jahre alt war, dann waren Raphael und Sarah-Jane Beckett bereits im Haus. Und auch James, der Untermieter. Zu dieser bereits bestehenden Gruppe stieß dann Katja Wolff, Sonias Kinderfrau. Es könnte also folgendermaßen gewesen sein: Eine feste Gruppe musste sich öffnen, um einen Neuankömmling einzulassen. Einen unwillkommenen Eindringling, wenn Sie so wollen, noch dazu eine Ausländerin. Und nicht irgendeine, sondern eine Deutsche! Zwar vorübergehend öffentlich bewundert; aber eine Deutsche, Kind der ehemaligen Feinde in einem Krieg, dessen Gefangener Großvater immer noch war.

Sarah-Jane Beckett und James, der Untermieter, tuscheln über sie, nicht über meine Mutter und Raphael und die Blumen. Sie tuscheln über Katja, weil Sarah-Jane nun mal so ist, eine, die immer gern was zu tuscheln hat. In diesem Fall steckt Eifersucht dahinter, denn Katja ist gertenschlank, hübsch und verführerisch, und Sarah-Jane Beckett - mit ihrem kurzen roten Haar, das aussieht, als hätte man beim Schneiden einfach eine Salatschüssel darüber gestülpt, und einem Körper, der eher meinem ähnelt - bemerkt natürlich die Blicke, mit denen die Männer des Hauses Katja ansehen, vor allem James, der Untermieter, der Katja Englischunterricht gibt und ihre Fehler reizend findet. Gefragt, ob sie eine Tasse Tee möchte, sagt sie: »Sehr gern, herzliche Dankbarkeiten«, und die Männer lachen, völlig bezaubert. Mein Vater, Raphael, James, der Untermieter, sogar Großvater.

Daran erinnere ich mich, Dr. Rose. Ich habe es im Gedächtnis.

22. September

Aber wo war Katja Wolff all die Jahre? Mit Sonia zusammen verschüttet? Oder vielleicht wegen Sonia verschüttet?

Wegen Sonia? Da müssen Sie natürlich sofort nachhaken. Wieso wegen, Gideon?

Wegen ihres Todes. Wenn Katja Sonias Kinderfrau war und Sonia mit zwei Jahren starb, wird Katja danach vermutlich gegangen sein. Ich brauchte ja keine Kinderfrau, um mich kümmerten sich Sarah-Jane und Raphael. Katja wird also schon nach zwei Jahren - vielleicht sogar weniger - wieder fort gewesen sein; vielleicht hatte ich sie deshalb vergessen. Ich war damals schließlich erst acht Jahre alt, und sie war nicht meine, sondern Sonias Kinderfrau, und so werde ich nicht viel mit ihr zu tun gehabt haben. Ich war von der Musik besetzt, und wenn ich nicht mit der Geige beschäftigt war, dann mit dem Schulunterricht. Ich hatte meine ersten Auftritte hinter mir, und es folgte ein Angebot der Juilliard School of Music in New York. Ich hätte ein Jahr dort studieren können. Stellen Sie sich das vor! An der Juilliard! Wie alt kann ich gewesen sein: sieben? acht?

»Einen aufgehenden Stern am Musikhimmel«, nannten sie mich.

Aber ich wollte kein aufgehender Stern sein. Ich wollte die Sonne im Zenit sein.

23. September

Aber aus dem Studium an der Juilliard School wird nichts, obwohl es eine Ehre gewesen wäre und meiner musikalischen Entwicklung sicher nicht geschadet hätte. Die Schule hat eine so beeindruckende Geschichte, dass viele, auch wesentlich ältere Musiker, für die Chance einer so außergewöhnlichen und wertvollen Erfahrung sicher alles gegeben hätten. Aber es ist kein Geld da, und selbst wenn es da gewesen wäre - ich bin viel zu jung, um allein eine so lange Reise zu unternehmen, geschweige denn so weit von der Familie entfernt zu leben. Und da nicht die ganze Familie mit mir übersiedeln kann, muss ich auf diese Chance verzichten.

Die ganze Familie! Irgendwie weiß ich, dass ich, ob Geld oder nicht, nur nach New York komme, wenn die ganze Familie mitgeht. Ich beschwöre meinen Vater. Bitte, bitte, lass mich an die Schule gehen, Dad. Ich muss, ich will dorthin! Ich weiß nämlich damals schon, was dieser Aufenthalt für mich bedeutet, jetzt und auch in Zukunft.

Es geht nicht, Gideon, sagt mein Vater, das weißt du. Dich allein in New York zu lassen wäre unverantwortlich, und wir können nicht alle zusammen dorthin übersiedeln. Ich möchte natürlich wissen, warum nicht. Warum kann ich gerade jetzt nicht haben, was ich will, wo ich doch bisher immer alles bekommen habe. Er sagt - ja, ich erinnere mich gut an dieses Gespräch - Gideon, sagt er, die Welt wird eines Tages zu dir kommen. Das verspreche ich dir, mein Junge.

Aber es ist klar, dass wir nicht nach New York gehen werden.

Ich weiß das und höre trotzdem nicht auf, zu bitten und zu betteln. Ich benehme mich wie ein Wahnsinniger, schlimmer als je zuvor, trete meinen Notenständer mit Füßen, demoliere den geliebten Halbmondtisch meiner Großmutter und weiß doch längst, dass es die Juilliard School für mich nicht geben wird, auch wenn ich noch so wütend tobe. Ob allein oder mit der ganzen Familie, ob nur mit einem meiner Eltern oder in Begleitung von Raphael oder Sarah-Jane - ich werde nicht in dieses Mekka der Musik reisen.

Sie wissen es, sagen Sie zu mir. Sie wissen es, schon bevor sie darum bitten, reisen zu dürfen, noch während sie bitten und alles tun, um eine Änderung herbeizuführen. Aber was wollen Sie denn ändern, Gideon?

Die Realität, offensichtlich. Ja, ja, ich weiß, dass diese Antwort uns nicht weiterbringt, Dr. Rose. Was ist das für eine Realität, die ich bereits als Sieben- oder Achtjähriger verstehe?

Nun, sie sieht folgendermaßen aus: Wir sind nicht reich. Wir leben zwar in einem Viertel, das nicht nur nach Geld riecht, sondern auch Geld kostet, aber das Haus ist seit Generationen im Besitz der Familie, und dass es ihr noch gehört, ist den Untermietern zu verdanken, meinem Vater und meiner Mutter, die beide arbeiten gehen, und der ziemlich erbärmlichen Rente, die mein Großvater vom Staat bekommt. Doch über Geld wird bei uns nicht gesprochen. Geldgespräche sind absolut verpönt. Aber ich weiß trotzdem, dass ich auf das Studium der Juilliard School verzichten muss, und eine ungeheure Spannung ergreift von mir Besitz. Sie entwickelt sich zuerst in den Armen, greift auf den Magen über und schießt durch meine Kehle aufwärts, um sich in wütendem Geschrei Luft zu machen. Ich weiß, was ich geschrien habe, Dr. Rose. »Es ist doch nur, weil sie hier ist«, schreie ich rasend vor Wut.

Weil sie hier ist?

Sie. Ja. Das muss Katja sein.

26. September, 17 Uhr

Mein Vater war wieder hier. Er ist zwei Stunden geblieben und wurde dann von Raphael abgelöst. Sie wollten nicht den Anschein erwecken, als wechselten sie sich bei einer Totenwache ab, darum hatte ich nach dem Abgang meines Vaters und vor dem Erscheinen Raphaels wenigstens fünf Minuten für mich. Sie wissen nicht, dass ich sie vom Fenster aus beobachtet habe. Raphael kam zu Fuß aus der Chalcot Road und traf in der Mitte der Grünanlage mit meinem Vater zusammen. Eine der Bänke zwischen sich, blieben sie stehen und sprachen miteinander. Das heißt, mein Vater sprach. Raphael hörte zu. Er nickte ab und zu und strich sich, wie das seine Gewohnheit ist, mit den Fingern von links nach rechts über den Kopf, um seine dürftige Haarpracht zu glätten. Mein Vater war sehr aufgeregt. Das erkannte ich an seiner Gestik, die eine Hand in Brusthöhe zur Faust geballt, wie zum Schlag bereit. Mehr brauchte ich nicht zu interpretieren, ich wusste, warum er so erregt war.

Er war in Frieden gekommen. Kein Wort über die Musik. »Ich musste mal ein Weilchen von ihr weg«, sagte er seufzend. »Weißt du, ich glaube allmählich, Frauen in den letzten Monaten der Schwangerschaft sind auf der ganzen Welt gleich.«

»Ist Jill zu dir gezogen?«, fragte ich.

»Warum das Schicksal herausfordern?«

Womit er sagen wollte, dass sie an ihrem ursprünglichen Plan festhalten: Erst wenn das Kind da ist, wollen sie zusammenziehen, und nicht eher heiraten, bis nach den vorangegangenen beiden Ereignissen wieder Ruhe eingekehrt ist. Das ist die moderne Art der Beziehung, und Jill ist eine moderne Person. Aber manchmal würde es mich doch interessieren, wie mein Vater dieses Arrangement findet, das ihm, nach seinen beiden Ehen zu urteilen, sicherlich fremd ist. Meiner Ansicht nach ist er im Herzen ein traditionsbewusster Mensch, dem nichts wichtiger ist als die Familie und der von Familie eine ganz bestimmte Vorstellung hat. Ich bin sicher, als Jill ihm eröffnete, dass sie schwanger ist, hat er einen Kniefall vor ihr gemacht und sie gebeten, seine Frau zu werden. So hat er es jedenfalls bei seiner ersten Frau gemacht. Mein Vater weiß nicht, dass mein Großvater mir das erzählt hat. Er hatte sie im Urlaub kennen gelernt - er war damals noch beim Militär, eigentlich wollte er dort Karriere machen -, sie wurde von ihm schwanger, und er heiratete sie auf der Stelle. Dass er es bei Jill nicht genauso gehalten hat, heißt für mich, dass er sich nach Jills Wünschen richtet.

»Sie schläft jetzt, wann immer sie kann«, berichtete er. »So ist das in den letzten sechs Wochen eigentlich immer. Es wird ihnen alles so beschwerlich, und wenn das Kind von Mitternacht bis fünf Uhr morgens in Bewegung ist…« Er machte eine resignierte Handbewegung. »Dann hast du endlich das, worauf du jahrelang gewartet hast: eine Chance, die ganze Nacht Krieg und Frieden zu lesen.«

»Lebst du jetzt bei ihr?«

»Ich büße auf ihrem Sofa.«

»Für deinen Rücken ist das aber nicht gut.«

»Daran brauchst du mich nicht zu erinnern.«

»Habt ihr euch auf einen Namen geeinigt?«

»Ich bin immer noch für Cara.«

»Und sie -« Es fiel mir plötzlich wie Schuppen von den Augen, und ich musste mich zwingen, fortzufahren. »Sie hält weiter an Catherine fest?«

Unsere Blicke prallten aufeinander. Es war, als stünde sie in greifbarer Körperlichkeit zwischen uns, auf ewig das bezaubernde junge Mädchen aus dem Foto. Meine Hände waren feucht, und in meinem Magen regte sich der erste Anflug schneidender Schmerzen, als ich sagte: »Aber das würde dich an Katja erinnern, nicht wahr? Wenn ihr eurem Kind den Namen Catherine gäbt.«

Statt einer Antwort stand er auf und begann, Kaffee zu kochen. Er ließ sich Zeit dabei. Er kommentierte meine Vorliebe für bereits gemahlenen Kaffee und machte mich darauf aufmerksam, was mir dadurch an Aroma entging. Danach ließ er sich darüber aus, dass in seinem Viertel schon wieder ein Starbucks Coffee Shop gebaut worden war - diesmal in der Gloucester Road, nicht weit von Braemar Mansions - und dadurch allmählich die ganze Atmosphäre dieser Gegend zerstört werde.

Währenddessen kroch der brennende Schmerz aus meinem Magen langsam tiefer und wurde, wie stets, in meinen Eingeweiden zu loderndem Feuer. Ich hörte meinem Vater zu, während er von Starbucks auf die allgemeine Amerikanisierung der Kultur zu sprechen kam, und presste meinen Arm mit aller Kraft auf den Unterleib, um den Schmerz zu unterdrücken und dem Bedürfnis nach Erleichterung nicht nachzugeben, weil sonst mein Vater gesiegt hätte.

Ich ließ ihn weiter über Amerika schimpfen: über internationale Konzerne, die die Weltwirtschaft beherrschen, über die Größenwahnsinnigen in Hollywood, die dem Kino in aller Welt ihre Kunstform aufzwingen, über Einkommen und Aktiengewinne in perverser Höhe, die zum Maß kapitalistischen Erfolgs geworden sind. Als er sich dem Schluss seines Vortrags näherte - was daran zu sehen war, dass er immer häufiger zur Kaffeetasse griff, um einen Schluck zu trinken -, wiederholte ich meine Frage, nur formulierte ich sie nicht als Frage. »Catherine würde dich an Katja erinnern«, stellte ich fest.

Er kippte den Rest seines Kaffees ins Spülbecken. Dann ging er mit großen Schritten ins Musikzimmer und sagte: »Gottverdammt, Gideon! Was hast du vorzuweisen?« Und dann: »Ach, das nennt man also Fortschritt, wie?«

Er hatte gesehen, dass die Guarneri wieder in ihrem Kasten lag, und wusste, auch wenn der Kasten offen war, dass ich noch nicht einmal den Versuch gemacht hatte, zu spielen. Er nahm die Geige heraus, und an der Ehrfurchtslosigkeit, mit der er zupackte und die sonst nicht seine Art war, erkannte ich, wie zornig er sein musste - oder erregt, irritiert, wütend, beunruhigt, geängstigt, ich weiß nicht, was für Emotionen ihn bewegten. Die Finger um den Hals des Instruments gekrallt, hielt er mir die Geige hin, und über seiner Faust krümmte sich die glänzende Schnecke wie Hoffnung um ein stillschweigendes Versprechen.

»Hier«, sagte er, »nimm sie. Zeig mir, wo wir stehen. Zeig mir, wohin dieses wochenlange Wühlen im Dreck der Vergangenheit dich geführt hat, Gideon. Ein Ton reicht. Eine Tonleiter. Ein Arpeggio. Oder vielleicht wirst du mir wunderbarerweise einen Satz aus einem Konzert deiner Wahl spielen. Ganz gleich, aus welchem. Zu schwierig? Wie war's dann mit so einer kleinen Delikatesse, wie du sie sonst als Zugabe servierst?«

Das Feuer brannte in mir, war zu flüssigem Eisen geworden.

Weißglühend, silberglühend, strahlend rann es wie Säure durch meinen Körper und sang dabei: Umfange mich, Gideon, oder stirb.

Ja, ja, ich weiß natürlich, was mein Vater da getan hat, Dr. Rose. Sie brauchen mich nicht erst darauf zu stoßen. Ich weiß es. Aber in diesem Moment konnte ich nur stammeln: »Ich kann nicht. Verlang das nicht von mir. Ich kann nicht.« Wie ein Neunjähriger, von dem man erwartet, dass er ein Stück spielt, das er nicht beherrscht.

Und sofort stieß mein Vater nach, indem er sagte: »Aber vielleicht ist das ja unter deiner Würde? Zu leicht für dich, Gideon? Eine Beleidigung deines Könnens. Dann lass uns doch einfach mit dem Erzherzog anfangen, hm?«

Die Säure fraß sich durch mich hindurch, und wie immer, wenn der Schmerz in meinen Eingeweiden tobt und mich aller Kraft beraubt, blieb nur Schuld. Ich bin schuld. Ich habe mich selbst in diese Situation gebracht. Beth stellte das Programm für das Benefizkonzert in der Wigmore Hall zusammen. Sie sagte in aller Unschuld: »Wie war's mit dem Erzherzog, Gideon?« Und weil gerade sie den Vorschlag machte, die schon einmal mein Versagen erlebt hatte, wenn auch im privaten Bereich, brachte ich es nicht über mich, einfach zu erwidern: »Nein, vergiss das mal lieber. Dieses Stück bringt mir nur Unglück.«

Künstler sind abergläubisch. Beth hätte verstanden, wenn ich ihr offen gesagt hätte, wie es mir mit diesem Stück ging. Und Sherill wäre es egal gewesen, was wir spielen. Er hätte auf die typisch amerikanisch schnodderige Art, hinter der er seine unglaubliche Begabung verbirgt, gesagt: »Hey, Freunde, zeigt mir einfach, wo das Klavier steht.« Und das war's gewesen. Es war also allein meine Entscheidung, und ich habe die Dinge einfach laufen lassen. Es ist meine eigene Schuld.

Mein Vater fand mich dort, wohin ich vor seiner Herausforderung geflohen war: im Geräteschuppen im Garten, wo ich meine Drachen entwerfe und baue. Ich zeichnete, als er kam und sich zu mir setzte. Die Guarneri lag oben im Haus wieder in ihrem Kasten.

Er sagte: »Gideon, die Musik ist dein Leben! Ich möchte, dass du sie wieder findest. Das ist alles, was ich will.«

»Genau das versuche ich doch«, erwiderte ich.

»Aber glaubst du denn im Ernst, du erreichst etwas, wenn du deine Zeit mit dieser Schreiberei vergeudest und dich dreimal wöchentlich bei einer Psychiaterin auf die Couch legst?«

»Ich liege nicht auf der Couch.«

»Du weißt genau, was ich meine.« Er legte seine Hand auf die Skizze, an der ich arbeitete, um meine Aufmerksamkeit zu erzwingen. »Wir können die Leute nicht ewig vertrösten, Gideon«, sagte er. »Bis jetzt geht es noch - Joanne leistet da wirklich erstklassige Arbeit -, aber irgendwann wird der Moment kommen, wo selbst eine loyale Mitarbeiterin wie Joanne fragen wird, was genau eigentlich das Wort >Erschöpfung< bedeutet, wenn alle Anzeichen einer Besserung ausbleiben. Wenn es soweit ist, muss ich ihr entweder die Wahrheit sagen, oder ich muss mir ein Märchen einfallen lassen, das sie den Leuten erzählen kann. Und das wird die Situation vielleicht noch schlimmer machen.«

»Dad«, sagte ich, »es ist doch Unsinn zu glauben, dass es die Leute von der Regenbogenpresse auch nur im Geringsten interessiert -«

»Ich spreche nicht von der Regenbogenpresse. Wenn ein Rockstar plötzlich von der Bildfläche verschwindet, wühlen die Reporter jeden Morgen seinen Müll durch, weil sie hoffen, etwas zu finden, das ihnen den Grund verrät. Aber wir brauchen so etwas nicht zu fürchten, und es ist auch nicht das, was mir Sorgen macht. Mir geht es um die Welt, in der wir uns bewegen. Da gibt es für die nächsten zwei Jahre feste Verpflichtungen, wie du weißt, und wir erhalten - beinahe täglich, wohlgemerkt! - Anrufe von Konzertagenturen und Musikdirektoren, die sich nach deinem Befinden erkundigen, weil sie wissen wollen, ob du deine Termine einhalten wirst. Geht es ihm schon besser?, fragen sie und meinen, sollen wir den Vertrag zerreißen oder steht das Programm?«

Beim Sprechen zog mein Vater meine Zeichnung langsam immer näher zu sich heran, aber ich sagte nichts, obwohl er mit seinen Fingern die Linien verschmierte.

»Ich habe jetzt eine ganz einfache Bitte an dich, Gideon«, fuhr er fort. »Geh nach oben ins Musikzimmer und nimm die Geige zur Hand. Du sollst es nicht für mich tun, um mich geht es nicht. Tu es für dich.«

»Ich kann nicht.«

»Ich bin doch bei dir. Ich werde neben dir stehen und dich stützen oder was du sonst willst. Aber du musst es tun.«

Wir starrten einander an. Ich spürte, wie er mit aller Kraft versuchte, mir seinen Willen aufzuzwingen und mich dazu zu bewegen, aus dem Schuppen hinaus und durch den Garten ins Haus zu gehen.

»Du wirst nie erfahren, ob du mit ihrer Hilfe Fortschritte gemacht hast, Gideon, wenn du nicht die Geige zur Hand nimmst und zu spielen versuchst.«

Er sprach von Ihnen, Dr. Rose. Von den vielen Stunden, die ich damit verbracht habe, meine Erinnerungen aufzuschreiben. Von diesem Blättern in der Vergangenheit, das wir betreiben und bei dem er mir offenbar helfen wollte, wenn - wenn ich ihm nur zeigte, dass ich wenigstens im Stande bin, die Geige zur Hand zu nehmen und den Bogen über die Saiten zu ziehen.

Ich sagte nichts, aber ich stand auf und ging aus dem Schuppen ins Haus. Im Musikzimmer trat ich nicht zur Fensterbank, wo ich fast immer beim Schreiben zu sitzen pflege, sondern zum Geigenkasten. Im Glanz ihrer Decke und ihrer Ornamente lag die Guarneri vor mir, ein Klangkörper, der in all seinen Teilen - Schalllöchern, Zargen, Wirbel - den Geist mehr als zweihundertjährigen Musizierens atmete.

Ich kann es. Fünfundzwanzig Jahre lassen sich nicht mit einem Schlag auslöschen. Was ich gelernt habe, was ich kann, meine natürliche Begabung, das alles mag unter einem Erdrutsch verschüttet sein, aber es ist noch da.

Mein Vater trat neben mich. Er legte leicht seine Hand an meinen Ellbogen, als ich nach der Guarneri griff. »Ich bin bei dir, mein Junge«, sagte er. »Es ist alles gut. Ich bin bei dir.«

Und genau in diesem Moment klingelte das Telefon.

Wie in einem Reflex verkrampften sich die Finger meines Vaters an meinem Ellbogen. »Geh nicht hin«, sagte er, und da ich schon seit Wochen das Telefon ignorierte, fiel es mir nicht schwer, ihm zu gehorchen.

Aber es war Jill, die auf den Anrufbeantworter sprach. »Gideon?«, sagte sie, »ist Richard noch bei dir? Ich muss ihn dringend sprechen. Ist er schon wieder weg? Bitte, heb ab!«

»Das Kind«, sagten Vater und ich wie aus einem Mund, und er lief zum Telefon.

»Ich bin noch hier«, sagte er. »Ist bei dir alles in Ordnung, Schatz?«

Ihre Antwort war kein kurzes Ja oder Nein. Während sie sprach, wandte sich mein Vater von mir ab. Dann sagte er: »Was für ein Anruf?«, und lauschte einer weiteren umständlichen Erklärung, bis er zum Schluss rief. »Jill - Jill, das reicht. Warum bist du überhaupt hingegangen?«

Wieder folgte ein Redeschwall, und als Jill zum Ende gekommen war, sagte mein Vater: »Warte! Jetzt reg dich doch nicht so auf. Das ist doch albern. Du steigerst dich da in etwas hinein… Du kannst mich doch nicht für einen Anruf verantwortlich machen, der -« Sein Gesicht verfinsterte sich plötzlich, und dann rief er: »Verdammt noch mal, Jill. Was redest du da! Das ist ja völlig irrational.« Ich kannte diesen Ton, den schlug er immer an, wenn er ein Thema vom Tisch fegte, das er nicht weiterverfolgen wollte. Ein eisiger Ton, wegwerfend und arrogant.

Aber Jill war hartnäckig. Sie begann von neuem. Er hörte wieder zu. Er stand mit dem Rücken zu mir, aber ich sah, wie er stocksteif wurde. Es verging beinahe eine Minute, bevor er wieder sprach.

»Ich komme jetzt nach Hause«, sagte er brüsk. »Am Telefon führe ich diese Diskussion nicht weiter.«

Damit legte er auf, und ich hatte den Eindruck, Jill war mitten in einem Satz, als er es tat. Dann drehte er sich um und sagte mit einem Blick zu meiner Geige: »Du hast noch mal eine Gnadenfrist bekommen.«

»Ist zu Hause alles in Ordnung?«, fragte ich.

»Nichts ist in Ordnung«, antwortete er unwirsch.

26. September, 23.30 Uhr

Zweifellos erzählte mein Vater Raphael, als er ihn unten auf dem Platz traf, dass ich nicht für ihn gespielt hatte; ich sah es Raphaels Gesicht an, als er keine drei Minuten später ins Musikzimmer kam. Sein Blick flog zu der Geige.

»Ich kann nicht«, sagte ich.

»Er behauptet, du willst nicht.« Raphael berührte behutsam das Instrument, das wieder in seinem Kasten lag. Es war eine Berührung wie eine Liebkosung, die er vielleicht einer Frau zugedacht hätte, wenn je eine Frau sich zu ihm hingezogen gefühlt hätte. Soweit mir bekannt war, hatte es das nie gegeben. Ja, mir schien, während ich ihn beobachtete, dass einzig ich - und meine Geige - Raphael vor einem Leben in völliger Einsamkeit bewahrt hatten.

Es klang wie eine Bestätigung meiner Überlegung, als er sagte:

»Das kann nicht ewig so weitergehen, Gideon.« »Und wenn doch?«, fragte ich.

»Das wird nicht geschehen. Das darf nicht geschehen.«

»Stellst du dich also auf seine Seite? Hat er dich da draußen aufgefordert« - ich wies mit einer Kopfbewegung zum Fenster - »mich zum Spielen zu zwingen?«

Raphael blickte zum Platz hinaus, wo das Laub an den Bäumen sich herbstlich zu färben begann. »Nein«, sagte er, »das hat er nicht getan. Heute nicht. Ich hatte den Eindruck, er war mit anderen Dingen beschäftigt.«

Ich wusste nicht, ob ich ihm glauben sollte, nachdem ich beobachtet hatte, mit welcher Erregung mein Vater auf ihn eingeredet hatte. Aber ich nutzte die Erwähnung »anderer Dinge«, um selbst auf andere Dinge zu sprechen zu kommen.

»Warum hat meine Mutter uns eigentlich verlassen, Raphael?«, fragte ich. »War es wegen Katja Wolff?«

»Das ist kein Thema, über das wir beide uns unterhalten sollten«, sagte Raphael.

»Ich kann mich an Sonia erinnern«, sagte ich.

Er griff zum Riegel des Fensters. Ich dachte, er wollte es öffnen, um entweder frische Luft hereinzulassen oder auf den schmalen Balkon hinauszuklettern. Aber er tat weder das eine noch das andere. Er machte sich nur ziellos an dem Riegel zu schaffen, und während ich ihm zusah, wurde mir bewusst, wie viel dieses sinnlose Gefummel über unsere Beziehung aussagte, in der keinerlei Interaktion stattfand, wenn es nicht um die Geige ging.

»Ich erinnere mich wieder an sie, Raphael«, sagte ich. »Ich erinnere mich an Sonia. Und an Katja Wolff. Warum hat nie jemand von ihnen gesprochen?«

Er schien unangenehm berührt, und ich glaubte, er wollte einer Antwort ausweichen. Aber gerade als ich sein

Schweigen in Frage stellen wollte, sagte er: »Wegen dem, was Sonia zugestoßen ist.«

»Wieso? Was ist Sonia denn zugestoßen?«

Sein Ton klang verwundert, als er antwortete: »Du erinnerst dich wirklich nicht. Ich glaubte immer, du rührst nicht daran, weil wir anderen nie darüber gesprochen haben. Aber du weißt es nicht mehr.«

Ich schüttelte den Kopf, voller Scham bei diesem Geständnis. Sie war meine Schwester gewesen, und ich wusste nichts von ihr, Dr. Rose. Bis zu dem Moment, als Sie und ich zusammen zu arbeiten anfingen, hatte ich vergessen, dass sie überhaupt existiert hatte. Können Sie sich vorstellen, wie man sich da fühlt?

Raphael bemühte sich mit großer Güte um eine Entschuldigung für so viel grenzenlose Egozentrik, die mich meine Schwester hatte vergessen lassen. Er sagte: »Aber du warst ja damals noch nicht einmal acht Jahre alt. Und nach dem Prozess hat keiner von uns je wieder ein Wort darüber verloren. Wir haben schon während der Verhandlung kaum darüber gesprochen und vereinbarten, danach überhaupt nicht mehr daran zu rühren. Sogar deine Mutter war damit einverstanden, obwohl sie völlig gebrochen war. Ja, ich kann mir gut vorstellen, dass du das alles aus deinem Gedächtnis streichen wolltest.«

Ich sagte mit trockenem Mund: »Dad hat mir erzählt, dass sie ertrunken ist. Sonia, meine ich. Dass sie ertrunken ist. Wieso gab es einen Prozess? Gegen wen? Und warum?«

»Mehr hat dein Vater dir nicht gesagt?«

»Nein. Er hat nur gesagt, Sonia sei ertrunken. Er wirkte so… Er sah aus, als kostete es ihn schon ungeheuer viel, mir nur zu sagen, wie sie gestorben ist. Ich wollte nicht noch mehr Fragen stellen. Aber jetzt - ein Prozess? Vor Gericht?«

Raphael nickte, und noch bevor er fortfuhr, stürmte all das Erinnerte in seiner ganzen Tragweite auf mich ein: Virginia ist jung gestorben; Großvater hat »Episoden«; Mutter weint in ihrem Zimmer; jemand hat im Garten ein Foto gemacht; Schwester Cecilia ist im Vestibül; Dad brüllt, und ich bin im Wohnzimmer, trete mit den Füßen gegen die Sofabeine, stoße meinen Notenständer um, erkläre hitzig und voll Trotz, dass ich diese kindischen Tonleitern nicht spielen werde.

»Katja Wolff hat deine Schwester getötet, Gideon«, sagte Raphael. »Sie hat sie in der Badewanne ertränkt.«

28. September

Mehr sagte er nicht. Er machte einfach dicht, schaltete ab oder was immer Menschen tun, wenn sie die Grenze des Unaussprechlichen erreichen.

Als ich rief: »Ertränkt? Absichtlich? Wann? Warum?«, und spürte, wie das Entsetzen mit eisigen Fingern über meinen Rücken strich, sagte er: »Mehr kann ich dir nicht sagen. Frag deinen Vater.«

Mein Vater. Er sitzt auf der Bettkante und beobachtet mich, und ich habe Angst.

Wovor?, fragen Sie mich. Wie alt sind Sie, Gideon?

Ich muss noch klein sein, er wirkt so groß wie ein Riese, obwohl er doch in Wirklichkeit etwa die gleiche Statur hat wie ich heute. Er legt seine Hand auf meine Stirn - Und - fühlen Sie sich durch die Berührung getröstet?

Nein. Nein, ich schrecke vor ihr zurück.

Sagt er etwas?

Nein, zuerst nicht. Er sitzt nur bei mir. Aber dann legt er mir die Hände auf die Schultern, als glaubte er, ich würde aufzustehen versuchen, und wollte mich ruhig halten, damit ich ihm zuhöre. Und ich bleibe gehorsam liegen. Wir sehen einander an, und dann beginnt er endlich zu sprechen.

Er sagt: »Du brauchst keine Angst zu haben, Gideon. Dir kann nichts passieren.«

Wovon spricht er?, fragen Sie. Haben Sie einen bösen Traum gehabt? Ist er darum bei Ihnen? Oder geht es um etwas Schlimmeres? Katja Wolff vielleicht? Brauchen Sie vor ihr keine Angst zu haben? Oder liegt dieser Abend weiter zurück, Gideon, in einer Zeit, als Katja Wolff noch gar nicht bei Ihnen im Haus war?

Es waren Menschen im Haus, daran erinnere ich mich. Man hat mich unter Sarah-Jane Becketts Obhut in mein Zimmer geschickt. Sie redet und redet, sie hält endlose Selbstgespräche, ihre Worte sind nicht für mich bestimmt. Und während sie redet, läuft sie unaufhörlich hin und her und zerrt an ihren Fingerspitzen, als wollte sie sich die Nägel ausreißen. »Ich hab's gewusst«, sagt sie.

»Ich habe es kommen sehen. Diese verdammte kleine Hure!« Ich weiß, dass das schlimme Wörter sind, und das erschreckt und ängstigt mich, weil Sarah-Jane sonst nie schlimme Wörter gebraucht. »Hat gedacht, wir würden es nicht erfahren«, sagt sie.

»Hat sich eingebildet, wir würden es nicht merken.«

Was merken?

Ich weiß es nicht.

Vor meinem Zimmer höre ich Schritte. Jemand weint. »Hier! Hier drinnen!« Die laute Stimme meines Vaters. Sie ist kaum zu erkennen, so sehr ist sie von Panik verzerrt. Neben seinen lauten Rufen höre ich meine Mutter. »Richard!«, sagt sie. »O mein Gott, Richard! Richard!« Mein Großvater tobt, meine Großmutter jammert laut, und irgendjemand befiehlt, den Raum freizumachen.

»Alle hinaus, bitte! Den Raum freimachen.« Diese letzte Stimme ist mir unbekannt. Als Sarah-Jane Beckett sie hört, bleibt sie stehen, schweigt und wartet mit gesenktem Kopf hinter der Tür.

Dann höre ich weitere Stimmen - auch diese fremd. Jemand stellt eine Folge schneller Fragen, die alle mit dem Wort »Wie« beginnen.

Und Schritte, ein ständiges Hin und Her, irgendwelche Metallkästen schlagen auf den Boden, ein Mann blafft Anweisungen, andere Männer antworten kurz und angespannt, und irgendjemand ruft in diesem ganzen Durcheinander weinend: »Nein! Ich lasse sie nicht allein!«

Das muss Katja sein, sie sagt lasse statt ließ, wie das jemandem in einem Moment der Panik passieren kann, der mit der Sprache nicht vertraut ist. Und als sie das laut weinend ausruft, umfasst Sarah-Jane Beckett den Türknauf und sagt: »Du Luder!«

Mir scheint, dass sie in den Korridor hinausgehen will, wo der Lärm ist, aber das tut sie nicht. Vielmehr sieht sie sich nach dem Bett um, von dem aus ich sie beobachte, und sagt: »Nun werde ich wohl doch bleiben.«

Bleiben, Gideon? Wollte sie denn weg? Wohin? Hatte sie vielleicht vor, in Urlaub zu fahren?

Nein, ich glaube nicht, dass sie davon sprach. Irgendwie hatte ich den Eindruck, dass sie eigentlich vorhatte, ihre Stellung bei uns aufzugeben.

Ist sie vielleicht entlassen worden?

Das erscheint mir nicht logisch. Wenn sie wegen Inkompetenz, Unehrlichkeit oder irgendeiner anderen Verfehlung entlassen worden wäre, wieso hätte dann Sonias Tod etwas an der Situation ändern sollen? Aber so war es, Dr. Rose. Sarah-Jane Beckett bleibt bis zu meinem sechzehnten Lebensjahr meine Lehrerin. Zu diesem Zeitpunkt heiratet sie und zieht nach Cheltenham. Sie wollte also damals aus einem anderen Grund weg, der jedoch mit Sonias Tod hinfällig wurde.

Heißt das, Sonia war der Grund für Sarah-Janes Absicht, zu gehen?

Es scheint so. Aber ich habe keine Ahnung, was dahinter steckt.

6

ImDoli Cottage, dem Häuschen, das Eugenie Davies bewohnt hatte, gab es einen Speicher, den Lynley und Barbara Havers ganz zuletzt aufsuchten. Durch eine Falltür im Flur neben dem Badezimmer zwängten sie sich in einen kleinen Raum unter dem Dach, in dem man sich nur kriechend fortbewegen konnte. Nirgends war ein Stäubchen zu entdecken; offenbar war jemand regelmäßig heraufgekommen, um sauber zu machen oder um die hier aufbewahrten Gegenstände durchzusehen.

»Was meinen Sie?«, fragte Barbara, als Lynley an einer Schnur zog, die von einer Glühbirne an der Decke herabhing. Ein gelber Lichtkegel hüllte ihn ein, und der Schatten seiner Stirn verdunkelte seine Augen. »Wiley behauptet, sie hätte mit ihm sprechen wollen. Aber er brauchte doch nur die Zeiten, die er uns angegeben hat, ein bisschen zu manipulieren, und schon ist die Sache geritzt.«

»Mit anderen Worten, Sie meinen, Wiley hat ein Motiv?«, fragte Lynley. »Hier ist nirgends auch nur eine Spinnwebe, Havers.«

»Ich weiß. Staub ist auch keiner da.«

Lynley strich mit der Hand über eine hölzerne Seekiste, die neben mehreren großen Kartons stand. Sie hatte eine Haspe zum Verschließen, aber kein Schloss. Er hob ihren Deckel an und warf einen Blick ins Innere, während Barbara zum ersten Karton robbte. »Drei Jahre lang bemüht er sich geduldig«, sagte er, »eine Beziehung aufzubauen, von der er sich mehr erhofft, als sie zu geben bereit ist. Sie bringt ihm widerstrebend bei, dass eine engere Bindung ausgeschlossen ist -«

»- weil ihr Herz einem anderen gehört, der einen dunkelblauen oder schwarzen Audi fährt und mit dem sie sich auf dem Parkplatz gestritten hat?«

»Möglich. Enttäuscht und wütend folgt er ihr nach London - Wiley, meine ich - und überfährt sie. Ja, so könnte es gewesen sein.«

»Aber Sie glauben es nicht?«

»Wir stehen noch ganz am Anfang, Havers. Was ist in dem Karton?«

Barbara prüfte den Inhalt. »Klamotten.«

»Von Eugenie Davies?«

Sie nahm das erste Kleidungsstück heraus und hielt es hoch: eine Kinderlatzhose aus pinkfarbenem Cord, mit gelben Blumen bestickt. »Das wird der Tochter gehört haben.« Sie grub tiefer und hob einen ganzen Stapel Kleidungsstücke aus dem Karton: Kleidchen, Pullis, Schlafanzüge, Shorts, T-Shirts, Strümpfchen und Schuhe. Den Farben und Mustern nach alles Kleinmädchensachen. Sie packte sie wieder ein und wandte sich dem nächsten Karton zu, während Lynley sich über die Seekiste beugte.

Im zweiten Karton fand sie Kinderbettwäsche und Spielsachen. Laken und Bezüge lagen ordentlich gestapelt zwischen einem Mobile, einer reichlich abgegriffenen Plüschente, sechs weiteren Stofftieren, deren Zustand verriet, dass sie entschieden weniger geliebt worden waren als die Ente, und der Seitenpolsterung eines Kindergitterbetts. Der dritte Karton enthielt Badeutensilien, von der Gummiente bis zum Kinderbademantel. Barbara wollte gerade eine Bemerkung darüber machen, wie makaber sie diese Andenken in Anbetracht des Schicksals des Kindes fand, als Lynley sagte: »Hier haben wir etwas Interessantes, Havers.«

Sie blickte auf und sah, dass er ein Bündel Zeitungsausschnitte in der Hand hielt, den obersten bereits auseinander gefaltet, um ihn zu lesen. Neben sich auf dem Boden hatte er aufgehäuft, was er sonst noch in der Kiste gefunden hatte, unter anderem eine Sammlung von Zeitschriften und Zeitungen sowie fünf in Leder gebundene Alben.

»Was denn?«, fragte sie.

»Sie hat hier das reinste Archiv über ihren Sohn Gideon.«

»Zeitungsausschnitte? Und weshalb?«

»Er ist Geiger.« Lynley ließ das Blatt sinken, das er in der Hand hielt, und sagte: »Gideon Davies, Havers.«

»Nie gehört.« Barbara, die einen Waschlappen in Form einer Katze in der Hand hielt, schüttelte den Kopf.

»Sie wissen nicht -? Okay, schon gut«, sagte Lynley. »Das hatte ich vergessen. Klassische Musik ist ja nicht unbedingt Ihre Stärke. Wäre er der Gitarrist der Faulenden Zähne -«

»Nehme ich da eine gewisse Verachtung für meinen Musikgeschmack wahr?«

»- oder irgendeiner anderen Gruppe, hätte es bei Ihnen wahrscheinlich sofort gefunkt.«

»Genau«, sagte Barbara. »Also, wer ist der Typ?«

Lynley erklärte: ein ehemaliges musikalisches Wunderkind, ein Geigenvirtuose von Weltruf, der sein erstes öffentliches Konzert gegeben hatte, noch bevor er zehn Jahr alt gewesen war. »Seine Mutter hat offenbar alles, was die Zeitungen über ihn geschrieben haben, aufgehoben.«

»Obwohl sie keinen Kontakt mehr zu ihm hatte?«, fragte Havers. »Das legt nahe, dass er die Verbindung abgebrochen hat. Oder vielleicht der Vater.« »Hm«, brummte Lynley zustimmend, während er die Papiere durchsah. »Das ist ja eine wahre Fundgrube. Alles über seine Auftritte, besonders über den letzten, sogar die Berichte der Boulevardpresse hat sie aufbewahrt.«

»Na ja, wenn er so berühmt ist…« Barbara fand unter den Badesachen einen kleinen Karton und öffnete ihn. Er enthielt ein Arsenal an verschreibungspflichtigen Medikamenten. Die Etiketten auf den Behältern lauteten alle auf denselben Namen: Sonia Davies.

»Nein, nein. Der Auftritt war eher ein Fiasko«, erklärte Lynley.

»In der Wigmore Hall. Ein Beethoven-Trio. Davies spielte keinen einzigen Ton. Er marschierte noch vor seinem Einsatz einfach vom Podium und hat seither nicht wieder in der Öffentlichkeit gespielt.«

»Starallüren?«

»Möglich.«

»Oder vielleicht Lampenfieber?«

»Kann auch sein.« Lynley hielt die Zeitungen hoch, Sensationsblätter und seriöse Tageszeitungen. »Sie scheint alles gesammelt zu haben, was über diesen Vorfall geschrieben wurde, und sei es auch nur die kleinste Meldung.«

»Sie war seine Mutter. Was ist in den Alben?«

Lynley schlug das erste Album auf. Barbara kroch näher, um ihm über die Schulter zu blicken. Die Alben enthielten weitere Zeitungsausschnitte, dazu Konzertprogramme, Fotos und Broschüren einer Institution mit Namen East London Conservatory.

»Es würde mich interessieren, was genau an dem Zerwürfnis der beiden schuld war«, bemerkte Barbara, als sie das alles sah.

»Das ist eine gute Frage«, meinte Lynley.

Sie sahen die restlichen Dinge in den Kartons und der Kiste durch. Es war nichts dabei, was nicht entweder mit Gideon oder Sonia Davies zu tun hatte. Als hätte sie, dachte Barbara, vor der Geburt ihrer Kinder nicht existiert und aufgehört zu existieren, als sie sie verloren hatte. Aber sie hatte natürlich nur eines von ihnen verloren.

»Wir werden wohl dem guten Gideon mal auf den Zahn fühlen müssen«, sagte Barbara.

»Er steht schon auf der Liste«, bestätigte Lynley.

Nachdem sie alles aufgeräumt hatten, ließen sie sich durch die Luke wieder in den Flur im ersten Stockwerk hinunter, und Lynley zog die Klappe zu. »Holen Sie die Briefe aus dem Schlafzimmer, Havers«, sagte er. »Und dann fahren wir in den Sixty Plus Club hinüber. Vielleicht bekommen wir da ein paar Auskünfte, die uns weiterhelfen.«

Auf dem Weg zurück durch die Friday Street kamen sie an der Buchhandlung gegenüber vorbei, wo, wie Barbara bemerkte, der Major hinter eine Auslage von Bilderbüchern am Schaufenster stand und sie ganz offen beobachtete. Er hob ein Taschentuch zum Gesicht, als sie vorübergingen. Weinte er? Oder tat er nur so? Oder schnauzte er sich vielleicht ganz einfach. Barbara konnte nicht umhin, sich Gedanken zu machen. Drei Jahre auf eine Entscheidung zu warten, die dann negativ ausfiel, das war hart.

Die Friday Street mündete in die Duke Street. Dort waren im Fenster eines großen Musikgeschäfts neben Gitarren, Mandolinen und Banjos auch Geigen und Bratschen ausgestellt.

»Einen Moment, Barbara«, sagte Lynley und trat näher, um sich die Instrumente anzusehen. Barbara zündete sich eine Zigarette an, während sie aus reiner Kollegialität ebenfalls ins Fenster blickte und sich fragte, was es da zu sehen gab.

»Was ist denn?«, fragte sie schließlich, als Lynley wie gebannt ins Fenster starrte und sich dabei nachdenklich über das Kinn strich.

»Er ist wie Menuhin«, erklärte er. »Es gibt da zu Beginn der beiden Karrieren eine Reihe von Ähnlichkeiten. Ob das allerdings auch auf die Familienbeziehungen zutrifft, ist die Frage. Menuhins Eltern standen von Beginn an voll hinter ihm. Wenn das bei Gideon Davies nicht -«

»Menu-wer?«

Lynley warf ihr einen Blick zu. »Auch ein Geiger, Havers. Auch ein ehemaliges Wunderkind.« Er verschränkte die Arme und stellte sich so hin, als hätte er vor, eine längere Diskussion über dieses Thema zu führen. »Das ist eine Frage, über die man vielleicht einmal nachdenken sollte: Wie gestaltet sich das Leben eine Paars, das entdeckt, dass es ein Genie in die Welt gesetzt hat? Solche Eltern sehen sich doch einer ganz anderen Art von Verantwortung gegenüber als die Eltern von Durchschnittskindern. Und wenn dann noch die Verantwortung für ein Kind hinzukommt, das auf andere Weise aus dem Durchschnitt herausfällt .«

»Ein Kind wie Sonia«, warf Barbara ein.

»Richtig. Da werden zusätzliche Forderungen an die Eltern gestellt, die ebenso anspruchsvoll sind, wenn auch auf eine andere Art.«

»Fragt sich nur, ob den Eltern der Einsatz in einem solchen Fall ebenso lohnend erscheint. Wenn nicht, wie gehen sie dann mit dem Problem um? Und wie wirkt sich das auf ihre Ehe aus?«

Lynley nickte und wandte sich wieder dem Schaufenster zu. Barbara fragte sich auf Grund seiner Bemerkungen, wie weit in die eigene Zukunft er zu sehen versuchte, während sein Blick auf die Instrumente gerichtet war. Sie hatte ihm noch nicht von dem Gespräch erzählt, das sie am vergangenen Abend mit seiner Frau geführt hatte. Und jetzt schien auch nicht der geeignete Moment, es zu erwähnen. Andererseits hatte er ihr einen Einstieg geliefert, den man eigentlich nicht ignorieren konnte. Und vielleicht täte es ihm ja ganz gut zu wissen, dass es in seiner Nähe jemanden gab, mit dem er in den Monaten von Helens Schwangerschaft über eventuelle Sorgen oder Ängste sprechen konnte. Denn mit seiner Frau würde er das wohl kaum tun wollen.

»So ganz wohl ist Ihnen nicht, hm, Sir?«, sagte sie und zog hastig an ihrer Zigarette, weil ihr selbst nicht ganz wohl war bei dieser Frage. Zwar arbeitete sie seit nunmehr drei Jahren mit Lynley zusammen, aber über persönliche Dinge sprachen sie nur sehr selten.

»Wieso soll mir nicht ganz wohl sein, Havers?«

Sie ließ den Rauch aus dem Mundwinkel entweichen, um nicht sein Gesicht einzunebeln, als er sich ihr wieder zuwandte. »Helen hat mir gestern Abend gesagt… Ach, Sie wissen schon. Ich könnte mir vorstellen, dass man sich da doch gewisse Sorgen macht. Hin und wieder überfallen die bestimmt jeden. Ich meine… Sie wissen schon.« Sie fuhr sich durch die Haare und machte den obersten Knopf ihrer Jacke zu, öffnete ihn aber gleich wieder, da es ihr die Kehle zudrückte.

»Ach so, das Kind«, sagte Lynley. »Ja.«

»Da gibt's doch sicher sorgenvolle Momente.«

»Momente, ja«, erwiderte er ruhig und sagte dann: »Kommen Sie, gehen wir weiter.« Damit setzte er sich wieder in Bewegung, ohne noch einmal auf das Thema

zurückzukommen.

Eigenartige Antwort, dachte Barbara, eigenartige Reaktion. Und sie wurde sich bewusst, wie sehr sie in ihrer Erwartung seiner Reaktion auf die bevorstehende Vaterschaft vom Stereotyp ausgegangen war. Der Mann stammte aus einer alten vornehmen Familie. Er war von Adel - auch wenn so ein Titel heute ein Anachronismus war -, und es gab einen Familienstammsitz, den er mit Anfang zwanzig geerbt hatte. Von so einem Zeitgenossen erwartete man doch, dass er möglichst umgehend nach der Eheschließung einen Erben produzierte, oder nicht? Und er müsste jetzt eigentlich froh und glücklich sein, seine Pflicht so prompt erfüllt zu haben.

Mit einem Stirnrunzeln warf sie den Stummel ihrer Zigarette auf die Straße, wo er in einer Pfütze landete und erlosch. Wahnsinn, was man alles über Männer nicht weiß, dachte sie.

Der Sixty Plus Club hatte seine Räume in einem bescheidenen kleinen Bau neben einem Parkplatz in der Albert Road, und Barbara und Lynley wurden bei ihrem Eintritt sofort von einer Rothaarigen mit Pferdegebiss in Empfang genommen, die irgendetwas Duftiges anhatte, das mehr einem Gartenfest entsprach als dem grauen Novembertag. Mit zähnefletschendem Lächeln stellte sie sich als Georgia Ramsbottom vor, Schriftführerin des Vereins, »im fünften Jahr in Folge gewählt und stets einstimmig«. Ob sie ihnen behilflich sein könne? Gehe es vielleicht um Vater oder Mutter, die sich scheuten, sich persönlich über das Angebot des Klubs zu informieren? Oder gehe es um einen Vater, der den Tod der geliebten Frau nicht verwinden könne? Oder eine kürzlich verwitwete Mutter?

»Die älteren Herrschaften« - zu denen sie sich selbst offensichtlich nicht zählte, wenn auch die straff gespannte, glänzende Haut ihres Gesichts Bände sprach über ihren erbitterten Kampf gegen das Alter - »lassen sich manchmal gern etwas Zeit, wenn es daran geht, gewisse Änderungen im Leben vorzunehmen, nicht wahr?«

»Nicht nur die älteren Herrschaften«, erwiderte Lynley charmant, zog seinen Dienstausweis heraus und nannte seinen und Barbaras Rang und Namen.

»Ach, du meine Güte. Entschuldigen Sie vielmals. Ich hatte ja keine Ahnung…« Georgia Ramsbottom senkte die Stimme. »Sie sind von der Polizei? Ich weiß gar nicht, ob ich da der richtige Ansprechpartner für Sie bin. Ich bin ja nur gewählt.«

»Fünf Jahre in Folge«, bemerkte Barbara. »Glückwunsch!«

»Gibt es denn etwas…? Aber da sprechen Sie am besten mit unserer Leiterin, denke ich. Sie ist nur leider noch nicht im Haus - ich weiß nicht, warum, ich kann nur sagen, dass Eugenie häufig auch anderweitig dringend gebraucht wird -, aber ich kann sie zu Hause anrufen, wenn Sie so freundlich wären, inzwischen im Spielzimmer zu warten.«

Sie zeigte auf die Tür, durch die sie selbst zur Begrüßung herausgekommen war. In dem Raum dahinter saßen an kleinen Tischen Vierergruppen beim Kartenspiel, Paare beim Schach oder Damespiel, und ein Mann saß allein da und legte Patience, und nach seinem unterdrückten Schimpfen zu urteilen, ganz ohne die Geduld, die das Spiel erfordert. Georgia Ramsbottom trat zu einer geschlossenen Tür mit einem Milchglasfenster, auf dem »Klubleitung« stand. »Ich geh nur rasch ins Büro und rufe sie an.«

»Ich nehme an, Sie sprechen von Mrs. Davies«, sagte Lynley.

»Eugenie Davies, ja. Wenn sie nicht in einem ihrer Pflegeheime zu tun hat, ist sie eigentlich immer hier. Sie ist die Güte selbst. So großherzig, wissen Sie. Ein Vorbild an…« Ihr schien nichts einzufallen, und sie fuhr fort: »Aber wenn Sie sie suchen, dann wissen Sie wohl schon . ? Ich meine, von dem Ruf der Wohltätigkeit, den sie genießt. Sonst .«

»Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass Mrs. Davies tot ist«, sagte Lynley.

»Tot?« Georgia Ramsbottom starrte Lynley und Barbara fassungslos an. »Eugenie ist tot?«

»Ja. Es ist gestern Abend geschehen. In London.«

»In London? War sie…? Mein Gott, was ist denn passiert? Weiß Teddy schon Bescheid?« Ihr Blick flog zur Haustür. Man sah ihr an, dass sie am liebsten sofort losgerannt wäre, um Major Wiley die schlechte Nachricht zu überbringen. »Er und Eugenie«, erklärte sie hastig und leise, als fürchtete sie, die Kartenspieler im Zimmer nebenan könnten lauschen, »sie waren… Na ja, sie haben es beide nie direkt gesagt, aber das war typisch für Eugenie, wissen Sie. Die Diskretion in Person. Sie war nicht ein Mensch, der sich jedem gleich mitteilte. Aber wenn die beiden zusammen waren, konnte jeder sehen, dass Ted ganz bezaubert war von ihr. Und mich hat das für die beiden herzlich gefreut, das können Sie mir glauben. Ich war nämlich selbst eine Zeit lang mit Ted zusammen, gleich am Anfang, als er nach Henley kam, aber ich merkte, dass er nicht ganz der Richtige für mich war, und darum war ich, als ich ihn dann Eugenie überließ, überglücklich zu sehen, dass es bei den beiden sofort funkte. Tja, das ist eben die Chemie, nicht wahr? Dieses gewisse Etwas, das zwischen ihm und mir nicht gestimmt hat. Sie kennen das ja sicher.« Wieder zeigte sie ihre großen Zähne. »Der arme Ted. Er ist ein so reizender Mensch. Bei allen im Klub sehr beliebt.«

»Er weiß von Mrs. Davies' Tod«, sagte Lynley. »Wir haben mit ihm gesprochen.«

»Ach, der Arme. Zuerst seine Frau und jetzt das. Mein Gott!«

Sie seufzte. »Du meine Güte. Ich muss es den anderen sagen.«

Barbara konnte sich vorstellen, mit welchem Genuss sie diese Pflicht übernehmen würde.

»Haben Sie etwas dagegen, wenn wir Mrs. Davies' Büro benutzen?« Lynley wies mit einer Kopfbewegung auf die geschlossene Tür.

»Aber nein. Nein, gar nicht. Es ist bestimmt nicht abgeschlossen. Es ist immer offen. Wegen des Telefons. Es steht im Büro, und wenn Eugenie nicht hier ist, muss natürlich jemand rangehen können, wenn es klingelt. Einige unserer Mitglieder haben Partner im Pflegeheim, und ein Anruf kann ja immer . « Sie hüllte sich in vielsagendes Schweigen, öffnete die Tür zum Büro und forderte Barbara und Lynley mit einer Handbewegung auf, einzutreten. »Darf ich Sie etwas fragen?«, sagte sie.

Lynley blieb an der Tür stehen und drehte sich nach der Frau um, während Barbara an ihm vorbeiging, zum Schreibtisch trat und sich dort in den Sessel setzte. Auf dem Schreibtisch lag ein Terminkalender, den sie näher zu sich heranzog. An der Tür sagte Lynley: »Ja?«

»War Ted… ich meine, ist er…« Sie bemühte sich angestrengt, mit Grabesstimme zu sprechen. »Hat es Ted sehr getroffen, Inspector? Wir sind so gute Freunde, wissen Sie, und ich überlege, ob ich ihn nicht gleich mal anrufen soll? Oder ob ich besser bei ihm vorbeigehe, um ihm Beistand zu leisten?«

Heiliger Strohsack, dachte Barbara. Die Leiche ist noch nicht mal kalt! Aber wenn unversehens ein Mann auf den Markt kommt, darf man vermutlich keine Zeit verlieren. Während Lynley höflich und wohlerzogen darüber sprach, dass nur ein Freund beurteilen könne, ob ein Anruf oder Besuch angebracht sei, und Georgia Ramsbottom sich verzog, um dies zu bedenken, nahm Barbara sich Eugenie Davies' Terminkalender vor. Ihm zufolge hatte die Leiterin des Altenklubs eine Menge zu tun gehabt mit Ausschusssitzungen des Vereins, Besuchen bei Institutionen mit Namen Tannenruh, Flussblick und Unter den Weiden, allem Anschein nach Pflegeheime, Verabredungen mit Major Wiley - jeweils der Name »Ted« neben einer Zeitangabe, sowie mit regelmäßigen Terminen, die nach den verzeichneten Namen zu urteilen in Pubs oder Hotels stattzufinden pflegten; das ganze Jahr hindurch, mindestens einmal im Monat. Interessanterweise reichten diese besonderen Eintragungen bis zum Ende des Terminkalenders, der auch noch die ersten sechs Monate des kommenden Jahres umfasste. Barbara machte Lynley, der gerade ein persönliches Telefonverzeichnis durchsah, das er in der obersten rechten Schublade des Schreibtischs gefunden hatte, darauf aufmerksam.

»Irgendwelche feststehenden geschäftlichen Termine«, meinte er.

»Als Bierkosterin in diversen Pubs«, fragte Barbara. »Oder als Hotelkritikerin? Das glaube ich nicht. Hören Sie doch mal: Catherine Wheel, King's Head, Fox and Glove, Claridge's- hey, das tanzt aus der Reihe. Was halten Sie davon? Wenn Sie mich fragen, waren das heimliche Verabredungen.«

»Nur ein Hotel?«

»Nein, hier sind noch andere. Das Astoria, das Lords of the Manor, das Le Meridien. In London und außerhalb. Sie

hatte eine heimliche Beziehung mit jemandem, Inspector, und bestimmt nicht mit Wiley.«

»Rufen Sie die Hotels an und fragen Sie, ob sie dort ein Zimmer gebucht hatte.«

»Puh! Stupider geht's nicht.«

»Tja, das sind die Freuden des Jobs.«

Während Barbara die Anrufe machte, setzte sie die Inspektion von Eugenie Davies' Schreibtisch fort. In den Schubladen fand sie Büromaterial: Visitenkarten, Briefumschläge und Schreibpapier, Locher und Heftmaschine, Gummibänder, Büroklammern, Schere, Stifte und Kugelschreiber. In Mappen waren Verträge mit Lieferanten von Lebensmitteln, Möbeln, Computern und Kopiergeräten aufbewahrt. Etwa zur gleichen Zeit, als sie vom ersten der Hotels hörte, dass man dort von einem Gast namens Eugenie Davies nichts wisse, war klar, dass der Schreibtisch nichts Persönliches enthielt.

Sie wandte ihre Aufmerksamkeit dem Eingangskorb zu, während Lynley den Computer einschaltete.

Die Durchsicht des Eingangskorbs war, wie Barbara schnell feststellte, nicht viel ergiebiger als die Anrufe bei den Hotels. Sie fand drei Mitgliedschaftsanträge darin - alle von Witwen in den Siebzigern - und diverse Entwürfe zur Bekanntmachung kommender Klubaktivitäten. Barbara pfiff leise durch die Zähne, als sie sah, was der Verein seinen Mitgliedern zu bieten hatte. Gerade in der bevorstehenden Weihnachtszeit wartete eine beeindruckende Auswahl an Veranstaltungen auf die Senioren, von einer Busfahrt mit Abendessen nach Bath bis zum großen Silvesterball. Es gab Cocktailpartys, Abendessen mit Tanz, Ausflüge und eine Mitternachtsmesse am Heiligen Abend für die »alten Herrschaften«, die offensichtlich nicht an einem ruhigen Lebensabend interessiert waren.

Hinter sich hörte sie die Summ- und Pieptöne von Eugenie Davies' erwachendem Computer. Sie stand auf und ging zum Aktenschrank, und Lynley nutzte die Gelegenheit, um es sich in dem Sessel bequem zu machen, den sie ihm überlassen hatte. Während er ihn zum Computer drehte, öffnete Barbara die oberste Schublade des Aktenschranks, der nicht abgeschlossen war, und begann, die Hefter durchzusehen. Sie fand vor allem Korrespondenz mit anderen Seniorenorganisationen in Großbritannien, jedoch auch Unterlagen des staatlichen Gesundheitsdiensts, eines Reise- und Studienprogramms, über diverse Altersleiden wie Alzheimerkrankheit und Osteoporose und über Rechtsfragen bei Erbangelegenheiten und die Einrichtung von Treuhandfonds und Geldanlagen. In einer Mappe lagen Briefe erwachsener Kinder von Klubmitgliedern, größtenteils Dankesbriefe, in denen gewürdigt wurde, was der Verein dazu getan hatte, Mutters oder Vaters Lebensfreude wieder zu wecken. Ein paar Schreiber waren nicht so ganz einverstanden mit der Verbundenheit der Mutter oder des Vaters mit einer Organisation, die mit der Familie nichts zu tun hatte. Die Briefe dieser Gruppe nahm Barbara heraus und legte sie auf den Tisch. Möglicherweise hatte Mamas oder Papas plötzliche Zuneigung zur Leiterin des Klubs einen Angehörigen beunruhigt; man konnte schließlich nie wissen, wohin solche Anhänglichkeit führte. Sie sah die Briefe noch einmal durch, um sich zu vergewissern, dass keiner mit Wiley unterschrieben war, und fand nichts. Aber das hieß natürlich nicht, dass der Major nicht eine verheiratete Tochter hatte, die an Eugenie geschrieben hatte.

Eine der Mappen war besonders interessant. Sie enthielt zahlreiche Fotografien, die bei Klubveranstaltungen aufgenommen worden waren. Major Wiley war häufig auf diesen Fotos zu finden und meist in Gesellschaft einer Frau, die entweder seinen Arm eisern umklammert hielt oder ihm fast die Gurgel abdrückte oder auf seinem Schoß saß. Georgia Ramsbottom. Der liebe Teddy! Aha, dachte Barbara. Sie sagte: »Inspector«, und im selben Moment sagte Lynley: »Ich glaube, hier haben wir etwas, Havers.«

Mit den Fotos in der Hand trat sie zum Computer. Lynley hatte sich ins Internet eingeloggt und Eugenie Davies' E-Mail auf den Bildschirm geholt.

»Hatte sie kein Passwort?«, fragte Barbara, als sie ihm die Bilder reichte.

»Doch«, antwortete Lynley. »Aber es war leicht zu erraten.«

»Der Name eines der Kinder?«

»Sonia«, sagte er, und gleich darauf: »Ach, verdammt!«

»Was ist denn?«

»Hier ist nichts.«

»Dabei wäre uns doch ein Drohbrief so gelegen gekommen. Schade.«

»Ich verstehe das nicht«, sagte Lynley, den Blick auf den Bildschirm gerichtet. »Hier ist überhaupt nichts. Wissen Sie, wie man E-Mails zurückverfolgt? Ist es möglich, dass irgendwo alte E-Mails versteckt sind?«

»Das fragen Sie mich? Wo ich mich gerade erst ans Handy gewöhnt habe?«

»Wir müssen sie finden, wenn welche da sind.«

»Dann müssen wir den Computer mitnehmen«, sagte Barbara.

»In London macht uns das bestimmt jemand im Handumdrehen.«

»Ja, bestimmt«, stimmte Lynley zu. Er sah die Fotos durch, die sie ihm in die Hand gedrückt hatte, aber er wirkte zerstreut.

»Georgia Ramsbottom und der liebe Teddy waren anscheinend eine Zeit lang ein Paar«, sagte Barbara.

»Sechzigjährige Frauen, die sich gegenseitig totfahren?«, erkundigte sich Lynley.

»Warum nicht?«, meinte Barbara. »Es würde mich interessieren, ob ihr Wagen eine Delle hat.«

»Irgendwie bezweifle ich das«, sagte Lynley.

»Aber wir sollten nachsehen. Ich finde, wir dürfen nicht-«

»Ja, ja, wir überprüfen es. Der Wagen steht bestimmt auf dem Parkplatz.« Aber sein Ton war desinteressiert, und es gefiel Barbara gar nicht, wie er die Fotos, ohne ihnen weitere Beachtung zu schenken, aus der Hand legte und sich entschlossen wieder dem Computer zuwandte. Er loggte sich aus, schaltete das Gerät ab und ging daran, die Stecker herauszuziehen. »Wir werden Mrs. Davies' Spur im Internet verfolgen«, sagte er. »Kein Mensch geht online, ohne Fußstapfen zu hinterlassen.«

»Sahnehöschen.« Chief Inspector Eric Leach verzog keine Miene. Er war seit sechsundzwanzig Jahren bei der Polizei und wusste längst, dass man in diesem Metier ein gewaltiger Dummkopf sein musste, um sich einzubilden, man hätte alles gehört und gesehen, was die lieben Mitmenschen an Abartigkeiten zu bieten hatten. Dennoch - das hier war ein echter Kracher. »Sagten Sie Sahnehöschen, Mr. Pitchley?«

Sie befanden sich in einem Vernehmungszimmer der Polizeidienststelle: J. W. Pitchley, sein Anwalt - ein Zwerg namens Jacob Azoff mit üppig behaarten Nasenlöchern und einem großen Kaffeefleck auf der Krawatte -, ein Constable namens Stanwood und Leach, der die Vernehmung leitete, dabei Halspastillen lutschte und sich missmutig fragte, wann sein Immunsystem sich endlich darauf einstellen würde, dass er wieder ein Singledasein führte. Nur ein langer Abend im Pub und sämtliche der Wissenschaft bekannte Viren fielen über ihn her.

Pitchleys Anwalt hatte keine zwei Stunden vor dieser Sitzung angerufen. Sein Mandant wolle eine Aussage machen, hatte er Leach kurz mitgeteilt, und wünsche die Garantie, dass diese absolut vertraulich behandelt würde. Mit anderen Worten, Pitchley wolle auf keinen Fall, dass die Presse von seinem Namen Wind bekomme, und wenn auch nur die geringste Gefahr bestünde, dass man der Presse seinen Namen mitteilen würde… und so weiter und so fort. Gähn, gähn.

»Er kennt das Verfahren«, hatte Azoff in bedeutungsschwerem Ton gesagt. »Wenn wir also zu einer Vereinbarung bezüglich der Vertraulichkeit dieses Gesprächs gelangen können, Chief Inspector, dann denke ich, können Sie sich darauf verlassen, dass mein Mandant sich aufrichtig bemühen wird, Ihnen bei Ihren Ermittlungen behilflich zu sein.«

Wenig später waren Pitchley und sein Anwalt eingetroffen und wie verdeckte Ermittler durch die Hintertür in die Dienststelle geführt worden. Nachdem sie die Erfrischungen bekommen hatten, die sie wünschten - frischen Orangensaft und Mineralwasser mit Limette, nicht Zitrone, bitte -, hatte man im Vernehmungsraum Platz genommen, wo Leach den Rekorder eingeschaltet und Datum, Uhrzeit sowie die Namen aller Anwesenden zu Protokoll gegeben hatte.

Bisher unterschied sich Pitchleys Aussage in nichts von dem, was er ihnen in der vergangenen Nacht erzählt hatte, er war lediglich in Bezug auf Namen und Örtlichkeiten etwas präziser geworden. Leider jedoch konnte er neben den Pseudonymen der Gespielinnen, mit denen er sich im Comfort Inn zu treffen pflegte, nicht mit einem einzigen richtigen Namen einer Person aufwarten, die seine Story hätte bestätigen können.

Verständlicherweise verwundert, fragte Leach: »Mr. Pitchley, wie kommen Sie auf die Idee, dass wir diese Frau ausfindig machen können? Wenn sie nicht einmal bereit war, dem Kerl, mit dem sie gebumst hat -«

»Dieser Ausdruck wird bei uns nicht gebraucht«, warf Pitchley verärgert ein.

»- ihren Namen zu nennen, wieso sollte sie dann ausgerechnet der Polizei gegenüber entgegenkommender sein? Sagt es Ihnen denn gar nichts, dass sie ihren Namen verheimlicht?«

»Bei uns ist das immer -«

»Lässt das nicht vermuten, dass sie auf keine andere Art als durch das Internet gefunden werden will!«

»Das gehört doch zum Spiel, dass wir -«

»Und wenn sie nicht gefunden werden will, könnte das dann nicht vielleicht heißen, dass es da jemanden gibt - einen Ehemann, zum Beispiel -, der nicht mit Begeisterung reagieren würde, wenn plötzlich ein Typ, der's vor kurzem mit seiner Frau getrieben hat, mit Blumen und Pralinen vor der Tür steht, weil er hofft, dass sie sein Alibi bestätigt?«

Pitchley wurde immer blasser und Leach immer ungeduldiger. Unter viel Stottern und Stammeln hatte der Mann zugegeben, dass er sich damit vergnügte, über das Internet mit älteren Frauen Kontakt aufzunehmen, die niemals ihren Namen nannten und niemals den seinen erfuhren. Pitchley behauptete, sich nicht erinnern zu können, mit wie vielen Frauen er sich seit der Einführung von E-Mail und Chatrooms getroffen habe. Er hätte die einzelnen Cybernamen nicht mehr im Kopf, sagte er, aber er könne schwören, dass er bei jedem persönlichen Zusammentreffen, das zu Stande gekommen war, nach gleicher Weise verfahren sei: Drinks und Abendessen im Valley of Kings in South Kensington, danach mehrere Stunden kreativer Sex im Comfort Inn.

»Dann wird man sich ja entweder im Restaurant oder Hotel an Sie erinnern?«, meinte Leach.

Da könnte es, erwiderte Pitchley einigermaßen niedergeschlagen, ein Problem geben. Die Kellner im Valley of Kings seien Ausländer, ebenso der Nachtportier im Comfort Inn. Und Ausländer hätten nun mal meist kein Gedächtnis für englische Gesichter, nicht wahr? Denn Ausländer - »Zwei Drittel der Bewohner Londons sind Ausländer«, fiel Leach ihm ins Wort. »Wenn Sie uns nichts zu bieten haben, was wirklich Hand und Fuß hat, Mr. Pitchley, verschwenden wir alle hier nur unsere Zeit.«

»Darf ich Sie daran erinnern, Chief Inspector, dass Mr. Pitchley aus reinem Entgegenkommen hier ist«, schaltete sich Jake Azoff ein, dem von dem bestellten Saft ein Fitzelchen Orangenmark wie gefärbter Vogelkot im Schnauzer hing. »Etwas mehr Höflichkeit würde sein Erinnerungsvermögen vielleicht anregen.«

»Ich nahm an, Mr. Pitchley sei hergekommen, weil er seiner Aussage von gestern Abend noch etwas hinzuzufügen hat«, erwiderte Leach. »Bisher tischt er uns hier aber nur Variationen zu einem Thema auf und reitet sich damit höchstens noch tiefer in den Schlamassel, in dem er bereits steckt.«

»Das ist nun wirklich völlig unzutreffend«, entgegnete Azoff pikiert.

»Finden Sie? Dann darf ich Sie vielleicht aufklären. Wenn ich recht gehört habe, hat Mr. Pitchley uns soeben informiert, dass es sein Hobby ist, über das Internet Frauen über fünfzig anzumachen und ins Bett zu lotsen. Er hat uns ferner mitgeteilt, dass er auf diesem Gebiet so stattliche Erfolge verzeichnen kann, dass er gar nicht mehr zählen kann, wie viele Frauen er mit seinen besonderen erotischen Talenten beglückt hat. Habe ich Recht, Mr. Pitchley?«

Pitchley setzte sich von einer Gesäßbacke auf die andere und trank von seinem Wasser. Sein mausbraunes Haar, zwei schwungvolle Wellen zu beiden Seiten des Mittelscheitels, fiel ihm ins Gesicht, als er nickte. Er hielt den Kopf gesenkt. Ob aus Verlegenheit, Bedauern oder um sich nicht in die Karten sehen zu lassen - wer konnte das sagen?

»Gut. Dann fahren wir fort. Also, in der Straße, in der Mr. Pitchley wohnt, in der Tat gar nicht weit von seiner Wohnung, wird eine ältere Frau überfahren. Zufällig hat diese Frau einen Zettel mit Mr. Pitchleys Adresse bei sich. Was würden Sie daraus schließen?«

»Gar nichts«, antwortete Azoff.

»Natürlich nicht. Aber meine Aufgabe ist es, Schlussfolgerungen zu ziehen. Und ich gelange zu dem Schluss, dass diese Dame auf dem Weg zu Mr. Pitchleys Wohnung war.«

»Wir haben mit keinem Wort bestätigt, dass Mr. Pitchley diese Frau erwartete oder auch nur kannte.«

»Und wenn sie tatsächlich auf dem Weg zu ihm war, dann hat Mr. Pitchley selbst uns einen prächtigen Grund für einen solchen Besuch genannt.« Leach beugte sich vor, um Pitchley stärker unter Druck zu setzen und ihm besser unter das herabhängende Haar sehen zu können. »Sie war ziemlich genau in dem Alter, in dem Sie sie mögen, Pitchley. Zweiundsechzig. Gut erhalten - soweit das noch feststellbar war. Geschieden. Nicht wieder verheiratet. Keine Kinder zu Hause. Es würde mich interessieren, ob sie sich einen Computer angeschafft hatte, um sich die einsamen Abende da draußen in Henley zu verkürzen…«

»Das ist völlig ausgeschlossen«, erklärte Pitchley entschieden.

»Keine erfährt je, wo ich wohne. Sie haben keine Ahnung, wohin ich verschwinde, wenn wir - nachdem wir… also, ich meine, wenn's vorbei ist.«

»Sie vögeln sie und hauen dann ab«, sagte Leach. »Klasse. Aber was ist, wenn einer der Damen dieses Arrangement nicht gepasst hat? Wenn sie Ihnen nach Hause gefolgt ist? Natürlich nicht gestern Abend, aber an irgendeinem anderen Abend. Sie ist Ihnen gefolgt, hat festgestellt, wo Sie wohnen, und dann, als Sie sich nie wieder gemeldet haben, nur auf den rechten Moment gewartet, um Sie zu stellen.«

»Unmöglich. Das geht gar nicht.«

»Wieso nicht?«

»Weil ich nie direkt nach Hause fahre. Ich fahre immer erst mindestens eine halbe Stunde kreuz und quer herum - manchmal auch eine ganze Stunde -, um ganz sicherzugehen…« Er hielt inne und schaffte es, ein halbwegs verlegenes Gesicht wegen seines Geständnisses zu machen. »Ich fahre durch die Gegend, um dafür zu sorgen, dass mir keine am Auspuff hängt.«

»Sehr weise«, sagte Leach ironisch.

»Ich weiß, wie das klingt. Ich weiß, das hört sich an, als wär ich der letzte Dreck. Und wenn ich das bin, dann bin ich's eben. Aber ich bin jedenfalls keiner, der eine Frau totfährt, und das wissen Sie, verdammt noch mal, auch ganz genau, wenn Sie meinen Wagen untersucht haben und nicht stattdessen eine Spritztour mit ihm gemacht haben. Und ich möchte meinen Wagen jetzt gefälligst zurück haben, Inspector Leach.«

»Ach ja?«

»Ach ja! Ganz recht. Sie wollten was von mir wissen, und ich habe Ihnen gesagt, was ich weiß. Ich habe Ihnen gesagt, wo ich gestern war, was ich gemacht habe und mit wem ich zusammen war.«

»Mit einer Dame namens Sahnehöschen, deren wahrer Name Ihnen unbekannt ist.«

»Na schön, ich geh noch mal online. Ich werde sie schon dazu kriegen, sich zu melden, wenn Sie solchen Wert darauf legen.«

»Das traue ich Ihnen sogar zu«, sagte Leach. »Aber nach allem, was Sie uns erzählt haben, wird das nicht viel helfen.«

»Wieso nicht? Ich kann ja wohl nicht an zwei Orten zugleich sein.«

»Nein, das sicher nicht. Aber auch wenn die besagte Dame Ihre Aussage bestätigt, werden Lücken bleiben, weil sie uns ja nicht sagen können wird, wohin Sie nach dem Stelldichein mit ihr gefahren sind. Da wird also mindestens eine halbe, wenn nicht eine ganze Stunde Ihres Tuns offen bleiben. Und wenn Sie jetzt behaupten, sie könnte Ihnen gefolgt sein, begeben Sie sich auf sehr dünnes Eis, Meister. Denn wenn sie Ihnen hätte folgen können, dann hätte Ihnen nach einem ebensolchen Stelldichein auch Eugenie Davies folgen können.«

Pitchley stieß sich so heftig vom Tisch ab, dass die Beine seines Stuhls laut quietschend über den Fußboden schrammten.

»Wer?«, rief er mit heiserer Stimme. »Wer, sagen Sie?«

»Eugenie Davies. Die Tote.« Noch während Leach sprach, erkannte er, was der Ausdruck im Gesicht des anderen zu bedeuten hatte. »Sie haben sie gekannt. Und unter diesem Namen. Sie haben sie gekannt, Mr. Pitchley?«

»O Gott. Scheiße«, stöhnte Pitchley.

Azoff sagte blitzschnell »Fünf Minuten Pause« zu seinem Mandanten.

Bevor Pitchley antworten konnte, klopfte es, und gleich darauf streckte eine Beamtin den Kopf zur Tür herein. »Inspector Lynley ist am Telefon, Sir«, sagte sie zu Leach. »Jetzt oder später?«

»Fünf Minuten«, sagte Leach kurz zu Pitchley und Azoff. Er nahm seine Papiere und ging hinaus.

Das Leben war nicht ein Strom fortlaufender Entwicklung, obwohl es in genau dieser Verkleidung daherkam. In Wirklichkeit war das Leben ein Karussell. In der Kindheit sprang man auf den Rücken eines galoppierenden Ponys und begab sich auf eine Reise, in deren Verlauf, glaubte man, die Dinge sich ständig verändern würden. Aber in Wahrheit war das Leben eine endlose Wiederholung der immer gleichen Erlebnisse - ununterbrochen im Kreis ging es auf diesem Pony, immer hinauf und hinunter. Und wenn man sich den Herausforderungen, die einem unterwegs begegneten, nicht stellte, so traten sie einem bis ans Ende seiner Tage in dieser oder jener Form immer wieder in den Weg. Wenn J. W. Pitchley zuvor nicht so recht an diese Vorstellung geglaubt hatte, so war er jetzt davon überzeugt.

Er stand draußen auf der Treppe vor dem Polizeirevier Hampstead und hörte sich einen hitzigen Monolog Jake Azoffs zum Thema Vertrauen und Wahrhaftigkeit in der Beziehung zwischen Anwalt und Mandant an. Azoff schloss mit den Worten: »Glauben Sie im Ernst, ich hätte auch nur einen Fuß in diese verdammte Polizeidienststelle gesetzt, wenn ich gewusst hätte, was Sie verheimlichen, Sie Wahnsinniger? Sie haben mich zum Narren gehalten. Ist Ihnen klar, wie sich das auf meine Glaubwürdigkeit bei den Bullen auswirkt?«

Pitchley hätte am liebsten gesagt, im Moment gehe es überhaupt nicht um Azoff, aber er ließ es sein. Als er schwieg, fühlte sich der Anwalt ermutigt, verächtlich zu fragen: »Also, wie darf ich Sie für die restliche Zeit unserer geschäftlichen Beziehung nennen, Sir? Pitchley oder Pitchford?«

»Pitchley ist absolut legal«, erwiderte J. W. Pitchley. »Ich habe meinen Namen gesetzlich ändern lassen, Jake.«

»Kann schon sein«, gab Azoff zurück. »Aber ich möchte Gründe und Umstände vor achtzehn Uhr schriftlich auf meinem Schreibtisch haben, sei es per Fax, E-Mail, Kurier oder Brieftaube. Dann werden wir sehen, wie es mit unserer geschäftlichen Beziehung weitergeht.«

J. W. Pitchley, alias James Pitchford, alias Die Zunge, nickte wie ein braver Junge, obwohl er genau wusste, dass das alles nur heiße Luft war. Jake Azoff, der eine so schauderhafte Art hatte, mit Geld umzugehen, hätte keinen Monat ohne einen fachmännischen Berater existieren können, der sich um seine Finanzen kümmerte. Wenn er jetzt Pitchley-Pitchford verstieße, der seit so vielen Jahren und mit so viel trickreicher Raffinesse seine Interessen auf dem Steuersektor wahrnahm, würde er sehr schnell in die gierigen Hände des Finanzamt fallen, was er natürlich keinesfalls wollte. Aber er musste Dampf ablassen, und J. W. Pitchley, vormals James Pitchford, konnte es ihm im Grunde nicht übel nehmen. Er sagte darum nur: »In Ordnung, Jake. Tut mir Leid, dass ich Ihnen diese unangenehme Überraschung bereitet habe«, und ließ es schweigend geschehen, dass Azoff eingeschnappt seinen

Mantelkragen gegen den kalten Wind hochklappte und ging.

Er selbst machte sich, da er keinen Wagen zur Verfügung hatte und Azoff sich nicht erboten hatte, ihn nach Hause zu fahren, missmutig auf den Weg zum Bahnhof in der Nähe von Hampstead Heath. Wenigstens, sagte er sich zum Trost, während er sich innerlich gegen die Fahrt in einem der unappetitlichen Züge wappnete, war es nicht die Untergrundbahn. Und es hatte seit gut einer Woche kein Zugunglück mehr gegeben, obwohl man den Eindruck nicht los wurde, dass die verschiedenen Eisenbahngesellschaften sich gegenseitig an Unfähigkeit zu überbieten suchten.

Er ging den Downshire Hill hinauf und bog nach rechts in den Keats Grove ein, wo beim Haus des Dichters, der dem Ort den Namen gegeben hatte, eine Frau mittleren Alters mit einer schweren Aktentasche, deren Gewicht ihre Schulter nach unten zog, aus dem Park trat. Pitchley- Pitchford ging langsamer, als sie sich nach rechts wandte, in die gleiche Richtung wie er. Zu einer anderen Zeit wäre er ihr nachgelaufen, um ihr die Tasche abzunehmen. So was gehörte sich einfach für einen Gentleman.

Ihre Fesseln waren eine Spur zu dick, sonst aber war sie genau so, wie er Frauen gern hatte: ein wenig verbraucht, ein wenig abgetakelt, mit dem etwas gehemmten, geistig interessierten Ausdruck im Gesicht, der nicht nur ein angenehmes Maß an Intelligenz versprach, sondern auch jenen Mangel an Vertrauen in die eigene Attraktivität, den er so anregend fand. Stets entpuppten sich die Frauen aus dem Chatroom als solche, wenn er sie schließlich persönlich traf, und das war der Grund, warum er wider besseres Wissen und trotz der Gefahr, sich mit irgendeiner scheußlichen Krankheit zu infizieren, immer wieder auf Internetbekanntschaften zurückgriff. Und obwohl nach dem, was er soeben bei der Polizei in Hampstead erlebt hatte, die Vernunft ihm sagte, dass es hirnverbrannt war, weitere anonyme Begegnungen mit Frauen zu suchen, hatte der andere Teil seiner Persönlichkeit - das Reptil in ihm - überhaupt keine Lust, aus Schaden klug zu werden und in Zukunft die vertrauten Spielchen zu lassen. Es gibt wirklich Dinge, die mehr Gewicht haben als ein bisschen Ärger mit der Polizei, James, hielt das Reptil ihm vor. Denk beispielsweise nur einen Moment lang an die köstliche Lust, die die verschiedenen Öffnungen des weiblichen Körpers zu bereiten und zu empfangen vermögen.

Aber dies war nicht der Moment, sich Fantasien hinzugeben. Tatsache war, dass die Tote in Crediton Hill, die seine Adresse bei sich gehabt hatte, Eugenie Davies gewesen war, die er früher einmal gekannt hatte.

Damals hieß er James Pitchford, war fünfundzwanzig Jahre alt, hatte drei Jahre zuvor sein Studium abgeschlossen und ein Jahr zuvor ein Miniapartment von der Größe einer Rumpelkammer in Hammersmith aufgegeben. Ein Jahr in dieser Unterkunft ermöglichte es ihm, eine Sprachenschule zu besuchen, wo er für eine exorbitante Summe, die wieder hereinzuholen er Jahre brauchte, den dringend notwendigen Einzelunterricht in seiner Muttersprache nahm, der ihn für Geschäftsverhandlungen, den Umgang mit den besseren Kreisen und die Demontage hochnäsiger Hotelportiers fit machen sollte.

Von dort aus ergatterte er seinen ersten Job in der City, und da machte sich eine Adresse in Zentrallondon natürlich absolut hervorragend. Da er niemals Kollegen zu sich einlud, sei es auf einen Drink oder zum Abendessen oder aus anderem Anlass, erfuhr niemand, dass die Briefe und aufwändigen Einladungen, die an eine feudale Adresse in Kensington abgeschickt wurden, in einem Mansardenzimmer landeten, das noch kleiner war als das Apartment in Hammersmith, in dem er angefangen hatte.

Aber er nahm die Beengtheit seines kleinen Zimmers gern in Kauf, nicht nur um der guten Adresse, sondern auch um der Gemeinschaft willen, die er in diesem Haus fand. In der Zeit nach den Tagen am Kensington Square hatte J. W. Pitchley sich darin geübt, nicht an diese Gemeinschaft zu denken. Für James Pitchford jedoch, der sie genossen hatte und ihr den Erfolg seiner Bemühungen, sich selbst neu zu erfinden, zuschrieb, hatte es kaum einen Moment gegeben, in dem er nicht wenigstens flüchtig an dieses oder jenes Mitglied des häuslichen Kreises dachte. Vor allen anderen an Katja.

»Du kannst mir bitte helfen, besser Englisch zu sprechen?«, hatte sie ihn gefragt. »Ich bin ein Jahr hier. Ich lerne nicht so gut, wie ich möchte. Ich wäre dir so dankbar.« Ihr etwas harter Akzent war die charmante Variante der grässlichen Cockney-Laute, die loszuwerden er so hart geschuftet hatte.

Er sagte ihr seine Hilfe zu, weil sie in ihrem Bitten so ernsthaft war. Er sagte sie ihr zu, weil sie beide - obwohl sie das nicht wissen konnte und er sich lieber die Zunge abgebissen hätte, als es ihr zu verraten - vom selben Schlag waren. Ihre Flucht aus Ostdeutschland, wenn auch weit dramatischer und beeindruckender, spiegelte seine eigene frühere Flucht wider. Die Motive mochten unterschiedlicher Art sein, der Kern war derselbe.

Er und Katja sprachen die gleiche Sprache. Wenn er ihr mit simplen Grammatik- und Ausspracheübungen helfen konnte, an Boden zu gewinnen, tat er das gern.

Sie setzten sich in Katjas Freizeit zusammen, wenn Sonia schlief oder bei ihrer Familie war. Sie trafen sich in seinem oder ihrem Zimmer, wo jeder einen Tisch hatte, auf dem die Grammatikbücher und das Tonbandgerät für ihre Sprechübungen knapp Platz hatten. Sie nahm es sehr ernst mit ihren Bemühungen um richtige Betonung, Aussprache und Artikulation. Ihre Bereitschaft, in einer Sprache zu experimentieren, die ihr so fremd war wie Yorkshirepudding, zeigte viel Mut. Dieser Mut war das Erste, was James Pitchford an Katja Wolff bewunderte. Die Kühnheit, die sie über die Berliner Mauer getragen hatte, war der Stoff, aus dem Helden gemacht wurden; er wollte ihr nacheifern.

Ich werde mich deiner würdig erweisen, schwor er ihr insgeheim, wenn sie beieinander saßen und sich mit den Tücken der unregelmäßigen Verben plagten. Und im gelben Lichtschein, der auf die herabfiel, stellte er sich vor, er würde ihr seidiges blondes Haar berühren, seine Finger hindurchziehen, seine Weichheit auf seiner nackten Brust spüren, wenn diese tolle Frau sich aus seiner Umarmung erhob.

Das Babyfon, das immer auf der Kommode lag, pflegte James Pitchford gnadenlos aus diesen Träumereien zu reißen. Zwei Stockwerke tiefer wimmerte das Kind, und Katja hob den Kopf von den Büchern.

»Es ist nichts«, sagte er jedes Mal, weil er nicht wollte, dass diese gemeinsame Stunde, die ihm so viel bedeutete und ohnehin schon viel zu kurz war, endete.

»Es ist die Kleine. Ich muss gehen«, sagte Katja.

»Warte noch.« Er nutzte die Gelegenheit, um seine Hand auf die ihre zu legen.

»Ich kann nicht, James. Wenn sie weint und Mrs. Davies merkt, dass ich nicht bei ihr bin… Du kennst sie doch. Das ist nun mal mein Job.«

Job?, dachte er. Sklavenarbeit war das. Zu jeder Tagesund Nachtzeit verfügbar sein, alles tun, was gerade anfiel. Die Betreuung eines Kindes, das ständig krank war, verlangte mehr als die gutwilligen Bemühungen einer jungen Frau, die praktisch keine Erfahrung hatte.

Selbst mit seinen fünfundzwanzig Jahren sah James Pitchford ganz klar, dass Sonia Davies professionelle Pflege brauchte. Warum sie die nicht bekam, war eines der Rätsel in diesem Haus. Aber er war nicht berufen, diesem Rätsel auf den Grund zu gehen. Er musste den Kopf unten und sich selbst im Hintergrund halten.

Wenn aber Katja mitten in der Englischstunde aufsprang, um sich um das Kind zu kümmern, wenn er sie in der Nacht aus dem Bett stolpern und die Treppe hinunterlaufen hörte, weil das kleine Mädchen Hilfe brauchte, wenn er bei der Heimkehr von der Arbeit Katja damit beschäftigt fand, das Kind zu füttern, zu baden, auf diese oder jene Weise zu beschäftigen und zu unterhalten, dachte er oft, die arme Kleine hat doch eine Familie. Was tut die denn für sie?

Nichts, fand er. Sonia Davies wurde Katjas Obhut überlassen, während die anderen um Gideon herumtanzten.

Konnte man ihnen das zum Vorwurf machen, fragte sich James. Und selbst wenn ja, hatten sie denn eine Wahl? Die Familie hatte sich schon lange vor Sonias Geburt in das Unternehmen Gideon gestürzt. Sie hatte sich bereits auf einen Weg festgelegt, und die Anwesenheit Raphael Robsons und Sarah-Jane Becketts in ihrem Kreis war der beste Beweis dafür.

Mit dem Gedanken an Robson und die Beckett trat Pitchley-Pitchford in die Bahnhofshalle und warf die erforderlichen Münzen in den Fahrkartenautomaten. Auf dem Weg zum Bahnsteig beschäftigte ihn die erstaunliche Tatsache, dass er seit Jahren weder an Robson noch an Sarah-Jane Beckett gedacht hatte. Bei Robson war das vielleicht nicht weiter verwunderlich, da der Geigenlehrer ja nicht im Haus gelebt hatte. Aber es war schon merkwürdig, dass er in all den Jahren Sarah-Jane Beckett nicht einmal einen flüchtigen Gedanken gewidmet hatte. Sie war schließlich immer sehr präsent gewesen.

»Ich finde meine Position hier durchaus angemessen«, erklärte sie ihm bald nach ihrer Einstellung in dieser etwas verschrobenen, präviktorianischen Art, in der sie sich auszudrücken pflegte, wenn sie die Gouvernante herauskehrte. »Gideon mag bisweilen schwierig sein, aber er ist ein bemerkenswerter Schüler, und ich fühle mich geehrt, unter neunzehn Kandidaten ausgewählt worden zu sein, ihn zu unterrichten.«

Sie war gerade erst ins Haus gekommen und würde wie er in einem Zimmerchen in der Mansarde wohnen. Sie würden sich ein winziges Badezimmer teilen müssen, keine Wanne, nur eine Dusche, in der ein Mann von durchschnittlichem Körperbau sich kaum drehen konnte. Sie hatte das gleich an dem Tag gesehen, als sie eingezogen war, entsetzt vermerkt, aber schließlich mit Märtyrermiene seufzend akzeptiert.

»Ich wasche keine Wäsche im Badezimmer«, teilte sie ihm mit, »und es wäre mir angenehm, wenn Sie das ebenfalls unterlassen würden. Wenn wir in solchen Kleinigkeiten aufeinander Rücksieht nehmen, werden wir gewiss gut miteinander auskommen. Woher kommen Sie, James? Ich weiß nicht recht, wo ich Sie unterbringen soll. Normalerweise habe ich ein sehr gutes Ohr für Dialekte. Mrs. Davies ist zum Beispiel in Hampshire aufgewachsen. Haben Sie ihr das nicht angehört? Sie ist mir recht sympathisch. Mr. Davies auch. Aber der Großvater! Der scheint mir etwas . Nun ja. Man soll ja nichts Schlechtes sagen, aber…« Sie tippte sich mit dem Finger an die Stirn und verdrehte die Augen zur Zimmerdecke.

Der hat 'nen Sprung in der Schüssel, hätte James zu einer anderen Zeit in seinem Leben gesagt. Nun aber sagte er: »Ja, er ist ein komischer Vogel, nicht wahr? Gehen Sie ihm einfach aus dem Weg. Er ist im Grunde genommen völlig harmlos.«

Etwas über ein Jahr lebte man in friedlicher Gemeinschaft unter einem Dach. James ging, genau wie Richard und Eugenie Davies, jeden Morgen zur Arbeit, während die beiden Alten zu Hause blieben. Großvater werkelte im Garten, und Großmutter kümmerte sich um den Haushalt. Raphael Robson beaufsichtigte Gideons Geigenspiel, Sarah-Jane Beckett unterrichtete den Jungen in sämtlichen Schulfächern von der Literatur bis zur Geografie.

»Die Arbeit mit diesem Jungen ist wirklich unglaublich«, berichtete sie ihm. »Er saugt das Wissen auf wie ein Schwamm. Man würde vielleicht vermuten, er wäre in allem außer der Musik hoffnungslos unbegabt, aber das stimmt nicht. Wenn ich ihn mit den Schülern in meinem ersten Jahr in Nord-London vergleiche .«

Wieder verdrehte sie, wie das ihre Gewohnheit war, die Augen, um ihrer Meinung Ausdruck zu geben: NordLondon, wo sich der Abschaum der Gesellschaft tummelte. Mehr als die Hälfte ihrer Schüler seien Schwarze gewesen, berichtete sie. Und die übrigen - hier eine effekthascherische Pause - Iren. »Nichts gegen Minderheiten, aber man muss ja bei seiner Arbeit nicht alles ertragen.«

Sie suchte seine Gesellschaft, wenn sie nicht mit Gideon zu tun hatte, forderte ihn zum Kinobesuch auf oder zu einem Bier oder Wein im Greyhound. »Rein freundschaftlich«, pflegte sie zu sagen, aber in der Dunkelheit des Kinosaals, wenn die Bilder über die Leinwand flimmerten, drückte sie an diesen »rein freundschaftlichen« Abenden oft ihr Bein an das seine, oder sie hakte sich bei ihm ein, wenn sie das Pub betraten, und ließ ihre Hand dann über seinen Bizeps und Ellbogen zu seinem Handgelenk hinuntergleiten, sodass ihre Finger, wenn sie einander begegneten, sich ganz von selbst verschränkten und so blieben.

»Erzähl mir von deiner Familie, James«, pflegte sie ihn zu drängen. »Komm schon. Ich will alles wissen.«

Und er erzählte Märchen, wie er sich das schon lange zur Gewohnheit gemacht hatte. Er fühlte sich geschmeichelt, dass sie, ein gebildetes Mädchen aus guter Familie, ihm ihre Aufmerksamkeit schenkte. Er hatte so viele Jahre lang immer nur den Mund gehalten und den Kopf eingezogen, dass ihr Interesse an ihm eine Sehnsucht nach Gemeinschaft weckte, die er fast sein Leben lang unterdrückt hatte.

Doch sie war nicht die Gefährtin, die er suchte. Zwar hätte er nicht sagen können, was er suchte, aber es durchzuckte ihn keinerlei Verlangen, wenn Sarah-Jane ihn berührte, keine prickelnde Sehnsucht, mehr von ihr zu spüren als den Druck ihrer Finger, wenn sie seine Hand umfasste.

Dann kam Katja Wolff, und alles wurde anders. Aber Katja Wolff war ja auch ganz anders als Sarah-Jane Beckett.

7

»Das könnte ihr Exmann gewesen sein«, meinte Chief Inspector Leach, als er von dem Mann hörte, den Ted Wiley auf dem Parkplatz des Sixty Plus Clubs beobachtet hatte. »Scheidung heißt noch lange nicht auf ewig Lebewohl, das können Sie mir glauben. Er heißt Richard Davies. Am besten stellen Sie gleich mal fest, wo er zu finden ist.«

»Vielleicht war er auch der dritte Mann auf dem Anrufbeantworter«, sagte Lynley.

»Was hatte er gesagt?«

Barbara las es aus ihren Notizen vor. »Seine Stimme klang ärgerlich«, sagte sie und fügte nachdenklich hinzu: »Ich frage mich, ob die gute Eugenie ihre Männer gegeneinander ausgespielt hat.«

»Sie denken an den anderen - Wiley?«, fragte Leach.

»Da könnte doch was dran sein«, fuhr Barbara fort. »Auf ihrem Anrufbeantworter haben wir die Stimmen drei verschiedener Männer. Sie streitet sich - Wiley zufolge - mit einem Typen auf dem Parkplatz. Sie kündigt Wiley an, dass sie ihm etwas zu sagen hat, etwas, was er offenbar für bedeutsam hält…« Barbara zögerte mit einem Blick zu Lynley.

Er wusste, was sie dachte und gern sagen wollte. Wir haben einen Stapel Liebesbriefe von einem verheirateten Mann im Haus gefunden, und einen Computer mit Internetanschluss. Sie wartete unverkennbar auf grünes Licht von ihm, um damit herauszurücken, aber er sagte nichts, und so schloss sie ihre Ausführungen kleinlaut mit den Worten: »Wir sollten alle Männer, die mit ihr bekannt waren, genau unter die Lupe nehmen, wenn Sie mich fragen.«

Leach nickte. »Dann mal ran an Richard Davies.«

Sie waren im Besprechungsraum, wo Beamte über die Ergebnisse der ihnen zugewiesenen Ermittlungsaufgaben berichteten. Nachdem Lynley auf der Rückfahrt nach London bei Leach angerufen hatte, hatte dieser zusätzliche Leute für die Suche nach einem schwarzen oder dunkelblauen Audi abgestellt, in dessen Kennzeichen die Buchstaben ADY waren. Einen Constable hatte er beauftragt, sich von der britischen Telefongesellschaft eine Liste sämtlicher Anrufe, die vonDoll Cottage aus getätigt worden oder dort eingegangen waren, zusammenstellen zu lassen, ein anderer sollte die Firma Cellnet veranlassen, die Nummer des Handys festzustellen, dessen Eigentümer eine Nachricht auf Eugenie Davies' Anrufbeantworter hinterlassen hatte.

Unter den bislang eingegangenen Berichten war nur der des Mannes, der zum Labor Verbindung hielt, brauchbar: An der Kleidung der Toten sowie an ihrem Körper, insbesondere an ihren Beinen, waren bei der Untersuchung winzige Lackpartikelchen gefunden worden.

»Sie werden eine chemische Analyse vornehmen«, sagte Leach, »dann lässt sich vielleicht die Marke des Wagens feststellen, der sie überfahren hat. Aber das braucht natürlich Zeit. Sie kennen das ja.«

»Welche Farbe haben die Lackteilchen? Wissen Sie das?«, fragte Lynley.

»Schwarz.«

»Und welche Farbe hat der beschlagnahmte Porsche?«

»Ach ja, der Porsche…« Leach ermunterte seine Leute, sich wieder an ihre Arbeit zu begeben, und ging mit Lynley und Barbara zu seinem Büro. »Er ist silbern«, sagte er »und sauber. Aber ich würde sowieso niemals erwarten, dass jemand - auch wenn er noch so viel Geld hat - einen Menschen mit einem Auto überfährt, das mehr gekostet hat als das Haus meiner Mutter. Wir haben den Wagen noch in Gewahrsam. Das hat sich bisher als recht nützlich erwiesen.«

Er blieb vor einem Kaffeeautomaten stehen und schob einige Münzen in den Zahlschlitz. Eine klebrige braune Flüssigkeit tropfte in einem dünnen Rinnsal in einen Plastikbecher. Leach nahm ihn und hielt ihn hoch. »Möchten Sie?« Barbara nickte und bereute es, ihrer Miene nach zu urteilen, sobald sie von dem Gebräu gekostet hatte; Lynley war so klug, abzulehnen. Nachdem Leach sich auch noch einen Becher hatte einlaufen lassen, führte er sie in sein Büro, wo er die Tür mit dem Ellbogen zuschob. Das Telefon auf seinem Schreibtisch klingelte. Er hob ab. »Leach«, blaffte er, stellte seinen Kaffeebecher ab und ließ sich mit einem auffordernden Nicken zu Lynley und Barbara in seinen Sessel fallen. »Hallo!«, rief er ins Telefon. Sein Gesicht hellte sich auf.

»Nein, nein - sie ist was?«, fragte er mit einem Blick zu seinen beiden Kollegen. »Esmé, ich kann im Moment nicht reden. Aber glaub mir: Kein Mensch hat was von Wiederverheiratung gesagt, okay? Ja. In Ordnung. Wir sprechen uns später, Liebes.« Er legte auf. »Kinder. Scheidung. Der reinste Albtraum.«

Lynley und Barbara murmelten Anteilnehmendes. Leach schlürfte seinen Kaffee und ging zur Tagesordnung über. »Unser Freund Pitchley war heute Morgen samt Anwalt zu einem kleinen Schwatz hier«, sagte er und berichtete, was sie von dem Mann erfahren hatten: dass er Eugenie Davies, das Fahrerfluchtopfer, nicht nur gekannt, sondern zur Zeit der Ermordung ihrer kleinen Tochter mit ihr unter einem Dach gelebt hatte. »Er hieß damals Pitchford. Warum er seinen Namen geändert hat, verrät er nicht«, schloss Leach. »Ich möchte gern glauben, dass ich irgendwann darauf gekommen wäre, wer er ist, aber ich habe ihn das letzte Mal vor zwanzig Jahren gesehen, und seitdem ist viel Wasser die Themse runtergeflossen.«

»Das ist wahr«, sagte Lynley.

»Aber ich muss sagen, jetzt, wo ich weiß, mit wem wir es zu tun haben, scheint's mir gar nicht ausgeschlossen, dass der Bursche die Hände im Spiel hat - ob Porsche oder nicht. Der hat was auf dem Gewissen, und eine Lappalie ist es nicht. Das spür ich.«

»War er damals beim Tod des Kindes verdächtig?« erkundigte sich Lynley.

Barbara, die ihr Heft herausgeholt hatte, blätterte um und schrieb mit. Das Blatt sah aus, als wäre es voller Soßenflecken.

»Anfangs war gar niemand verdächtig. Bis die Befunde reinkamen, sah es nur nach Fahrlässigkeit aus. Sie wissen schon: Man rennt zum Telefon, während das Kleine in der Wanne sitzt. Das Kind grapscht nach seiner Schwimmente, rutscht aus und schlägt mit dem Kopf gegen die Wanne. Ende. Tragisch, aber es kommt vor.«

Leach trank wieder einen Schluck Kaffee und nahm irgendein Dokument zur Hand, mit dem er herumfuchtelte, während er sprach. »Aber als die Untersuchungsbefunde des Leichnams eingingen, zeigte sich, dass man Blutergüsse und Frakturen festgestellt hatte, für die es keine Erklärung gab. Und damit wurden alle verdächtig. Sehr schnell geriet das Kindermädchen ins Visier, und der Verdacht spitzte sich im Handumdrehen zu. Die Frau war aber auch ein Monster. Die vergess ich bestimmt nie, dieses deutsche Miststück. Eine eiskalte Person war das. Einmal hat sie uns Rede und Antwort gestanden - ein einziges Mal! Dabei ging es um ein Kind, das gestorben war, während es sich in ihrer Obhut befand! Danach hat sie kein Wort mehr gesagt. Weder bei der Kripo, noch zu ihrem Anwalt, noch vor Gericht. Sie hat ihr Schweigen bis nach Holloway durchgehalten und nie auch nur eine Träne vergossen. Aber was kann man von einer Deutschen auch erwarten? Die Leute müssen verrückt gewesen sein, so eine zu engagieren.«

Aus dem Augenwinkel nahm Lynley wahr, dass Barbara Havers mit ihrem Kugelschreiber auf das Blatt Papier klopfte, das sie vor sich hatte. Er drehte ein wenig den Kopf zu ihr hin und sah, dass sie Leach mit zusammengekniffenen Augen fixierte. Intoleranz jeglicher Art - vom Fremdenhass bis zur Frauenfeindlichkeit - konnte sie nicht ausstehen, und er sah ihr an, dass sie nahe dran war, eine Bemerkung loszulassen, die sie dem Chief Inspector gewiss nicht sympathischer machen würde. Ehe es dazu kommen konnte, sagte er: »Ihre deutsche Herkunft hat also gegen sie gesprochen?«

»Ihre miese deutsche Mentalität hat gegen sie gesprochen.«

»>An den Stranden kämpfen wir sie niedere«, murmelte Barbara.

Lynley schoss einen scharfen Blick auf sie ab. Sie schoss zurück.

Leach hatte entweder nichts gehört, oder er hielt es für klüger, Barbara Havers nicht zu beachten. Lynley war froh darüber. Interne Zwistigkeiten über Fragen von Political Correctness brauchten sie jetzt wirklich nicht.

Leach lehnte sich in seinem Sessel zurück und sagte: »Außer dem Terminkalender und den Nachrichten auf dem Anrufbeantworter haben Sie nichts im Haus gefunden?«

»Bisher nicht«, antwortete Lynley. »Eine Postkarte von einer Frau namens Lynn, aber die scheint mir im Moment nicht von Belang zu sein. Das Kind der Frau ist vor kurzem gestorben, und Mrs. Davies war anscheinend bei der Beerdigung.«

»Sonst war keine Korrespondenz da?«, fragte Leach. »Briefe, Rechnungen oder so was?«

»Nein«, sagte Lynley. »Nichts.« Er sah Barbara nicht an. »Aber auf dem Dachboden haben wir eine Seekiste voller Unterlagen gefunden, die sich alle auf ihren Sohn beziehen. Zeitungen, Zeitschriften, Konzertprogramme. Major Wiley sagte uns, dass Gideon Davies und seine Mutter keinerlei Kontakt hatten, aber nach dieser Materialsammlung zu urteilen, würde ich meinen, dass nicht Mrs. Davies diese Trennung wollte.«

»Der Sohn?«, fragte Leach.

»Oder der Vater.«

»Womit wir wieder bei der Auseinandersetzung auf dem Parkplatz wären.«

»Möglich, ja.«

Leach trank den Rest seines Kaffees aus und druckte den Plastikbecher zusammen. »Aber merkwürdig ist es schon, meinen Sie nicht auch, dass in ihrem Haus so wenig Persönliches zu finden war«, sagte er.

»Sie scheint sehr spartanisch gelebt zu haben, Sir.«

Leach fixierte Lynley. Lynley fixierte Leach. Barbara Havers schrieb wie eine Wilde in ihr Heft. Ein Moment verstrich, in dem keiner irgendetwas zugab. Lynley wartete darauf, dass der Chief Inspector ihm die Information geben würde, die er haben wollte. Leach tat es nicht. Er sagte nur: »Gut, dann nehmen Sie sich Davies vor. Er dürfte nicht schwer zu finden sein.«

Wenig später waren Lynley und Barbara wieder draußen, auf dem Weg zu ihren Autos. Barbara zündete sich eine Zigarette an und sagte: »Was wollen Sie mit den Briefen tun, Inspector?«

Lynley tat nicht so, als verstünde er nicht. »Ich werde sie Webberly zurückgeben - irgendwann«, sagte er.

»Hab ich das richtig verstanden?« Barbara zog an ihrer Zigarette und stieß gereizt eine Rauchwolke aus. »Wenn rauskommt, dass sie die Briefe mitgenommen und nicht abgegeben - dass wir sie mitgenommen und nicht abgegeben haben… zur Hölle, Inspector, ist Ihnen klar, was das heißt? Und dann noch der Computer? Wieso haben Sie Leach von dem auch nichts gesagt?«

»Ich werde es ihm schon noch sagen, Havers«, entgegnete Lynley. »Sobald ich weiß, was da alles gespeichert ist.«

»Heiliger Strohsack!«, schrie Barbara. »Das ist Unterdrückung -«

»Hören Sie, Barbara, es gibt nur einen Weg, wie herauskommen kann, dass wir den Computer und die Briefe haben, und Sie wissen, welchen ich meine.« Er sah sie ruhig und unverwandt an.

Ihre Miene veränderte sich. »Mensch, Inspector«, sagte sie beleidigt, »ich bin keine Petze.«

»Darum arbeite ich mit Ihnen zusammen, Barbara.« Er öffnete die Tür zu seinem Bentley und sagte über das Wagendach hinweg:

»Wenn man mich zu dem Fall hinzugezogen hat, um Webberly Rückendeckung zu geben, dann möchte ich gern, dass man mir das ausnahmsweise klipp und klar ins Gesicht sagt. Und Sie?«

»Ich? Ich möchte vor allem keinen Ärger«, antwortete Barbara.

»Mir reicht's, dass ich vor zwei Monaten beinahe rausgeflogen wäre.« Ihr Gesicht war bleich und hatte einen Ausdruck, den er mit der kampflustigen Person, mit der er seit mehreren Jahren zusammenarbeitete, nur schwer in Einklang bringen konnte. Sie hatte in den vergangenen fünf Monaten beruflich einiges einstecken müssen, was sie auch psychisch erschüttert hatte, und Lynley sah ein, dass er ihr die Möglichkeit geben musste, sich vor einer weiteren Erfahrung dieser Art zu schützen. Das schuldete er ihr.

»Barbara«, sagte er deshalb, »möchten Sie aussteigen? Das ist kein Problem. Ein Anruf und -«

»Nein, ich will nicht aussteigen.«

»Aber es könnte ganz schön brenzlig werden. Es ist schon brenzlig. Ich könnte es vollkommen verstehen, wenn Sie -«

»Reden Sie keinen Quatsch, Inspector. Ich bin dabei. Ich find nur, wir sollten ein bisschen vorsichtiger sein.«

»Ich bin vorsichtig«, versicherte Lynley. »Die Briefe von Webberly spielen in diesem Fall keine Rolle.«

»Hoffentlich liegen Sie mit dieser Ansicht richtig«, meinte Barbara. Sie trat vom Wagen weg. »Also, dann - wie machen wir weiter?«

Lynley überlegte einen Moment, wie sie am besten an den nächsten Abschnitt ihrer Aufgabe herangehen sollen. »Sie sehen aus, als hätten Sie spirituellen Rat nötig«, sagte er. »Schauen Sie mal, ob Sie das Kloster der Unbefleckten Empfängnis aufstöbern können.«

»Und Sie?«

»Ich werde Leachs Vorschlag folgen und mir Richard Davies vorknöpfen. Wenn er seine geschiedene Frau in letzter Zeit gesehen oder gesprochen hat, weiß er vielleicht, was für eine Sünde sie Wiley beichten wollte.«

»Vielleicht war er selbst die Sünde«, meinte Barbara.

»Das ist natürlich auch eine Möglichkeit«, bestätigte Lynley.

Jill Foster war bei der Abarbeitung ihrer Projektliste, die sie das erste Mal als fünfzehnjähriges Schulmädchen aufgestellt hatte, nie auf größere Schwierigkeiten gestoßen. Den ganzen Shakespeare lesen (mit zwanzig erledigt); per Anhalter durch Irland reisen (mit einundzwanzig erledigt); in Cambridge in zwei Fächern mit Auszeichnung abschließen (mit zweiundzwanzig geschafft); allein durch Indien reisen (mit dreiundzwanzig); den Amazonas erforschen (sechsundzwanzig); mit dem Kajak den Nil hinunterfahren (siebenundzwanzig); einen maßgeblichen Aufsatz über Proust schreiben (noch in Arbeit); die Romane F. Scott Fitzgeralds für das Fernsehen bearbeiten (ebenfalls noch in Arbeit)… Nicht einmal war sie auf dem ehrgeizigen Weg zur Erreichung ihrer sportlichen und intellektuellen Ziele auch nur gestolpert.

Im persönlichen Bereich sah es etwas anders aus. Sie hatte sich zum Ziel gesetzt, vor ihrem fünfunddreißigsten Geburtstag verheiratet zu sein und Kinder zu haben, hatte aber feststellen müssen, dass die Verwirklichung dieses Plans, die nur unter Mitarbeit eines entsprechend enthusiastischen Partners bewerkstelligt werden konnte, schwieriger war als gedacht. Eigentlich hatte sie es in der konventionellen Reihenfolge gewollt: erst die Heirat, dann die Kinder. Natürlich war es »in«, einfach zusammenzuleben und Kinder in die Welt zu setzen. Die Promis aus dem Schaugeschäft und dem Sport machten es täglich vor und wurden dafür, dass sie sich fortpflanzten wie die Karnickel, von der Regenbogenpresse auch noch in den Himmel gehoben, als wäre das ein besonderes Talent. Aber Jill gehörte nicht zu denen, die jeden Trend mitmachten, schon gar nicht, wenn es um ihre Projektliste ging. Man erreichte seine Ziele nicht, indem man Abkürzungen nahm, die nichts als flüchtige Modeerscheinungen waren.

Durch die missglückte Beziehung mit Jonathon hatte ihre Zuversicht, ihre Ehepläne umsetzen zu können, eine Zeit lang schwer gelitten. Aber dann war Richard in ihr Leben getreten, und sie hatte sehr schnell erkannt, dass der Erfolg, der sich ihr bisher entzogen hatte, endlich in Reichweite war. In der Welt ihrer Großeltern - sogar ihrer Eltern - wäre es ein Wahnsinn gewesen, der nur ins Verderben führen konnte, vor Abgabe eines förmlichen Versprechens mit einem Mann intim zu werden. Selbst heute noch gab es wahrscheinlich jede Menge »gute Freundinnen«, die ihr in Anbetracht ihres Endziels geraten hätten, auf den Ring, die Kirchenglocken und das Konfetti zu warten, bevor sie mit dem Mann, den sie gern heiraten wollte, ins Bett ging, oder zumindest »vorsichtig« zu sein, wie es genannt wurde, bis die Unterschrift auf dem Standesamt geleistet war. Doch Richards ernstes Werben war für sie nach Jonathons schnödem Verrat besonders schmeichelhaft und wichtig gewesen. Sein Begehren hatte ihr Begehren geweckt, und diese Erkenntnis machte sie glücklich. Denn nach dem Fiasko mit Jonathon hatte sie schon daran zu zweifeln begonnen, dass sie je wieder fähig wäre, dieses hitzige Verlangen nach einem Mann zu empfinden.

Dieses Verlangen war, wie Jill herausfand, untrennbar verbunden mit dem Wunsch nach einer Schwangerschaft. Vielleicht hatte es damit zu tun, dass sie sich bewusst zu werden begann, wie wenig Zeit ihr noch blieb, aber jedes Mal, wenn Richard und sie in diesen ersten Monaten miteinander im Bett gewesen waren, wollte sie ihn noch tiefer in sich aufnehmen, als könnte dieser Akt totaler Hingabe garantieren, dass aus ihrer Vereinigung ein Kind entstehen würde.

Sie hatte also gewissermaßen das Pferd vom Schwanz her aufgezäumt, aber was spielte das schon für eine Rolle? Sie waren glücklich miteinander, und sie wusste, dass Richard sie liebte.

Trotzdem regten sich manchmal Zweifel, ein Erbe, das Jonathon mit seinen leeren Versprechungen und Lügen ihr hinterlassen hatte. Zwar hielt sie sich, wenn diese Zweifel auftauchten, jedes Mal vor, dass die beiden Männer nichts gemeinsam hatten, aber es gab Momente, wo ein Schatten auf Richards Gesicht oder ein Schweigen in einem Gespräch mit ihm flatternde Unruhe bei ihr auslöste.

Selbst wenn Richard und ich nicht heiraten, pflegte sie sich in den schlimmsten Momenten zu sagen, kann Catherine und mir nichts passieren. Ich habe schließlich einen Beruf, auf den ich zurückgreifen kann! Und die Zeiten, als ledige Mütter wie Aussätzige behandelt wurden, sind längst vorbei.

Aber darum ging es in Wirklichkeit gar nicht. Es ging um die Erreichung ihres Ziels, um Heirat und Familie, wobei die Familie für sie durch Vater, Mutter und Kind definiert war.

Und mit diesem Ziel vor sich, sagte sie jetzt schmeichelnd zu Richard: »Ach, Schatz, ich weiß, du wärst sofort einverstanden, wenn du es sehen könntest.« Sie waren in Richards Wagen auf dem Weg von Shepherd's Bush nach South Kensington, zu einem Termin bei einem Immobilienmakler, der ihnen einen Verkaufspreis für Richards Wohnung nennen sollte. Jill fand, das wäre ein erster Schritt in die richtige Richtung, da sie selbstverständlich nach der Geburt des Kindes nicht alle zusammen in Braemar Mansions hausen konnten. Die Wohnung war viel zu klein.

Natürlich war sie froh über diesen zusätzlichen Beweis von Richards ernsthaften Absichten, aber sie verstand immer noch nicht, warum sie nicht gleich den nächsten Schritt unternehmen und sich ein Einfamilienhaus - komplett renoviert - ansehen konnten, das sie in Harrow aufgetrieben hatte. Anschauen hieß ja noch lange nicht kaufen, um Himmels willen. Da sie ihre Wohnung noch nicht zum Verkauf angeboten hatte - »Wir wollen doch nicht gleich beide obdachlos werden«, hatte Richard gemeint, als sie vorgeschlagen hatte, das zu tun -, war nicht zu befürchten, dass sie postwendend mit dem unterzeichneten Kaufvertrag abziehen würden.

»Du könntest dir dann ein besseres Bild machen, was ich mir für uns vorstelle«, erklärte sie. »Dann wissen wir es wenigstens gleich, wenn dir meine Vorstellungen nicht gefallen, und ich kann mich entsprechend umorientieren.« Was sie natürlich nicht tun würde. Sie würde lediglich auf subtilere Weise versuchen, ihn zum Nachgeben zu bewegen.

»Ich brauche es nicht zu sehen, um zu wissen, was dir vorschwebt, Schatz«, antwortete Richard, während er den Wagen durch den Verkehr lenkte, der für die Tageszeit noch einigermaßen erträglich war. »Moderner Komfort, schalldichte Fenster, Spannteppiche und ein großer Garten.« Er sah sie kurz an und lächelte liebevoll. »Wenn du mir sagen kannst, dass ich mich geirrt habe, lade ich dich ins Restaurant ein.«

»Du musst mich sowieso ins Restaurant einladen«, erwiderte sie. »Wenn ich mich in die Küche stelle, um für dich zu kochen, schwellen meine Beine auf Elefantengröße an.«

»Aber sag mir, dass ich mich geirrt habe.«

»Ach, du weißt doch, dass du dich nicht geirrt hast.« Sie lachte und strich ihm mit zärtlicher Bewegung über die Schläfe, wo sein Haar grau war. »Und halt mir jetzt bitte keinen Vortrag, falls du das im Sinn haben solltest. Ich war nicht allein unterwegs, um mir das Haus anzusehen. Der Makler hat mich nach Harrow gefahren.«

»Wie sich's gehört«, sagte Richard. Seine Hand wanderte zu ihrem Bauch. »Bist du wach, Cara Ann?«, fragte er.

Catherine Ann, korrigierte Jill im Stillen, aber sie sagte nichts.

Er hatte sich gerade von der Niedergeschlagenheit erholt, die ihn gequält hatte, als er am Morgen zu ihr gekommen war, und es wäre herzlos gewesen, ihn jetzt von neuem aufzuregen. Zwar würde ein Streit über den Namen ihres Kindes sicher keine tiefer gehenden Erschütterungen auslösen, aber sie fand, dass Richard nach dem, was er heute durchgemacht hatte, ihr Verständnis verdiente.

Er liebte die Frau nicht mehr, nein. Er war ja seit Ewigkeiten von ihr geschieden. Einzig der Schock hatte ihn so schwer mitgenommen; sich den verstümmelten Leichnam eines Menschen ansehen zu müssen, mit dem er Jahre seines Lebens geteilt hatte, das würde bestimmt jeden fertig machen. Wenn sie den zerstörten Körper Jonathon Stewarts identifizieren müsste, würde sie dann nicht ähnlich reagieren?

Mit diesem Gedanken beschloss sie, sich in Bezug auf das Haus in Harrow kompromissbereit zu zeigen. Sie war sicher, ihn damit zu gleicher Kompromissbereitschaft zu veranlassen. »Na schön«, sagte sie darum, »wir fahren heute nicht nach Harrow. Aber wie steht's mit dem modernen Komfort, Richard? Kannst du dich damit anfreunden?«

»Gut funktionierende sanitäre Anlagen und schalldichte Fenster?«, fragte er. »Spannteppiche, Geschirrspülmaschine und was sonst noch so dazu gehört? Ich denke, ich kann damit leben. Solange du da bist. Solange ihr beide da seid.« Er lächelte, doch in seinen Augen ahnte sie noch etwas anderes, etwas wie Trauer um das, was hätte sein können.

Aber er liebt Eugenie nicht mehr, dachte sie sofort. Er liebt sie nicht, und er kann sie auch gar nicht lieben, weil sie tot ist. Sie ist tot.

»Richard«, sagte sie, »ich habe noch einmal über die Wohnungen nachgedacht, meine und deine, und welche von ihnen wir zuerst verkaufen sollten.«

Er bremste vor einem roten Licht beim Notting-Hill- Bahnhof ab, wo Menschen im typischen Londoner Schwarz die Bürgersteige entlangeilten und ihren Teil zur Londoner Müllflut beisteuerten.

»Ich dachte, das hätten wir bereits entschieden.«

»Ja, stimmt schon, aber ich habe noch mal nachgedacht…«

»Und?« Er schien argwöhnisch.

»Na ja, ich denke, meine Wohnung wird sich leichter verkaufen lassen. Sie ist modern, von Grund auf renoviert, das Haus ist elegant und steht in einem guten Wohnviertel. Meiner Ansicht nach würde ich genug dafür bekommen, um die Anzahlung auf ein Haus zu leisten. Das heißt, wir müssten nicht warten, bis wir beide Wohnungen verkauft haben, um uns was Gemeinsames anzuschaffen.«

»Aber wir hatten doch alles schon entschieden«, wandte Richard ein. »Wir haben den Makler bestellt -«

»Na, den können wir doch wieder abbestellen. Wir brauchen nur zu sagen, dass wir es uns anders überlegt haben. Komm, Schatz, seien wir doch mal ehrlich. Deine Wohnung ist museumsreif. Und der Pachtvertrag läuft keine fünfzig Jahre mehr. Das Haus selbst ist nicht schlecht-wenn es den Eigentümern mal einfallen würde, es herzurichten -, aber die Wohnung zu verkaufen, das wird bestimmt Monate dauern. Bei meiner hingegen… Du musst doch einsehen, wie anders alles sein könnte.«

Die Ampel schaltete um, und sie fuhren weiter. Richard sprach erst wieder, als sie in die Kensington Church Street einbogen, dieses Paradies der Antiquitätensammler. »Ja, du hast Recht, es könnte Monate dauern, meine Wohnung zu verkaufen«, sagte er.

»Aber ist das denn ein Problem? Du wirst dir doch in den nächsten sechs Monaten bestimmt keinen Umzug antun wollen!«

»Aber -«

»Jill, das wäre Wahnsinn in deinem Zustand. Es wäre nicht nur eine Tortur, sondern vielleicht auch gefährlich.« An der Karmeliterkirche vorbei, lenkte er den Wagen durch das Gewühl von Taxis und Bussen in Richtung South Kensington und bog nach einiger Zeit in die Cornwall Gardens ein. »Bist du nervös, Schatz? Du sprichst fast nie über die Entbindung. Und ich hatte die ganze Zeit den Kopf voll - erst Gideon und jetzt diese… diese andere Geschichte -, ich konnte mich gar nicht richtig um dich kümmern. Glaub mir, ich weiß das.«

»Richard, ich verstehe doch, dass du dich um Gideon sorgst. Ich wollte wirklich nicht den Eindruck erwecken - «

»Hör zu, Schatz, ich liebe dich, ich freue mich auf unser Kind und auf ein Leben zusammen mit dir. Und wenn du möchtest, dass ich jetzt, so kurz vor dem Termin, mehr bei dir in Shepherd's Bush bin, dann brauchst du es nur zu sagen.«

»Du bist doch sowieso schon jede Nacht da. Mehr kann ich wirklich nicht verlangen.«

Er manövrierte den Wagen rückwärts in eine Parklücke, etwa dreißig Meter von Braemar Mansions entfernt, schaltete den Motor aus und wandte sich ihr zu. »Du kannst alles von mir verlangen, Jill. Und wenn du deine Wohnung gern vor meiner verkaufen möchtest, ist mir das auch recht. Aber wir ziehen auf keinen Fall um, bevor das Kind da ist und du dich von den Strapazen der Entbindung gründlich erholt hast. Ich bin ziemlich sicher, dass deine Mutter mit mir einer Meinung ist.«

Dagegen konnte Jill nichts vorbringen. Sie wusste, ihre Mutter würde überhaupt kein Verständnis aufbringen, wenn es ihr - Jill - einfiele, einen Umzug in Angriff zu nehmen, bevor sie sich nicht mindestens drei Monate von der Entbindung erholt hatte.

»Eine Geburt strengt den Körper an, Kind«, würde sie sagen.

»Verwöhn dich ein bisschen, Jill. Später hast du dazu vielleicht keine Möglichkeit mehr.«

»Also?«, fragte Richard und schaute sie liebevoll lächelnd an.

»Was sagst du?«

»Du bist immer so fürchterlich logisch und vernünftig. Wie kann ich da widersprechen? Was du gesagt hast, ist natürlich vollkommen richtig.«

Er neigte sich zu ihr und küsste sie. »Du kannst sogar mit Grazie verlieren. Und wenn ich mich nicht irre« - er wies mit einer Kopfbewegung zu dem Gebäude im edwardianischen Stil, als er um den Wagen herumkam und ihr heraushalf - »ist unser Makler auf die Minute pünktlich. Ein gutes Omen, finde ich.«

Hoffentlich, dachte Jill mit einem Blick auf den hoch gewachsenen blonden Mann, der gerade die Vortreppe zum Haus hinaufging und klingelte, nachdem er kurz das Klingelbrett studiert hatte.

»Ich nehme an, Sie suchen uns«, rief Richard im Näherkommen.

Der Mann drehte sich herum. »Mr. Davies?«

»Richtig.«

»Thomas Lynley. New Scotland Yard.«

Lynley hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, die Reaktionen zu beobachten, wenn er sich Leuten vorstellte, die ihn nicht erwartet hatten, und so hielt er es auch jetzt, als der Mann und die Frau einen Moment am Fuß der Treppe vor dem ziemlich heruntergekommenen Haus am westlichen Ende der Cornwall Gardens stehen blieben.

Die Frau machte den Eindruck, als wäre sie normalerweise recht zierlich, im Moment allerdings wirkte sie wegen ihrer weit fortgeschrittenen Schwangerschaft plump und schwerfällig. Ihre Fesseln waren stark angeschwollen und zogen die Aufmerksamkeit auf ihre Füße, die unverhältnismäßig groß waren. Sie bewegte sich leicht schwankend, als hätte sie Mühe, das Gleichgewicht zu halten.

Davies ging ein wenig nach vorn gebeugt, offenbar die Auswirkung eines Leidens, das mit den Jahren schlimmer zu werden drohte. Sein Haar, früher vielleicht blond oder rotblond, es war schwer zu sagen, war zu einem faden Grau ausgeblichen, und er trug es glatt aus der Stirn gestrichen und versuchte nicht zu verbergen, wie dünn es geworden war.

Beide, sowohl Davies als auch die Frau, waren sichtlich erstaunt, als sie hörten, wen sie vor sich hatten, die Frau vielleicht noch etwas mehr als der Mann. Sie sah Davies an und sagte: »Richard? Scotland Yard?«, als brauchte sie entweder seinen Schutz oder verstünde nicht, was die Polizei von ihnen wollte.

Davies sagte: »Handelt es sich -?« unterbrach sich aber sofort, da er vielleicht einsah, dass sich mit der Polizei nicht gut zwischen Tür und Angel verhandeln ließ. »Kommen Sie herein«, sagte er stattdessen. »Wir hatten eigentlich einen Immobilienmakler erwartet. Deshalb sind wir etwas überrascht. Das ist übrigens Mrs. Foster, meine zukünftige Frau.«

Sie schien um die Dreißig zu sein - nicht hübsch, aber mit einem klaren Gesicht und schönem, dunkelbraunem Haar, das sie halblang trug -, und Lynley hatte zunächst geglaubt, sie wäre eine Tochter oder vielleicht eine Nichte Richard Davies'. Er nickte ihr grüßend zu und bemerkte dabei, wie verkrampft ihre Hand Davies' Arm festhielt.

Davies ging ihnen voraus in seine Wohnung im ersten Stock des Hauses. Das Wohnzimmer führte zur Straße, ein etwas düsterer Raum mit einem Fenster, vor dem die Läden geschlossen waren. Davies ging hin, um sie zu öffnen, und sagte dabei zu seiner Lebensgefährtin: »Setz dich, Schatz, und leg die Füße hoch«, und zu Lynley: »Kann ich Ihnen etwas anbieten? Tee? Kaffee? Wir erwarten, wie gesagt, jeden Moment einen Makler. Da bleibt uns leider nicht viel Zeit.«

Lynley versicherte ihnen, dass er sie nicht lange aufhalten würde, und nahm dankend eine Tasse Tee an, um Zeit zu gewinnen, sich in dem überladenen Wohnzimmer genauer umzusehen. Die meisten Möbel stammten aus der Vorkriegszeit, den Wandschmuck bildeten Amateurfotografien, meist Aufnahmen im Freien sowie eine Sammlung Spazierstöcke, die kreisförmig angeordnet über dem Kamin aufgehängt waren wie die Waffensammlungen in alten schottischen Burgen. Überall standen Fotos des berühmten Sohns, Illustrierte und Zeitungen lagen stapelweise herum, ein Arsenal von Souvenirs, die alle an die Karriere des Sohns erinnerten, zierte Tische und Borde.

»Richard hat ein bisschen was von einem Hamster«, bemerkte Jill Foster zu Lynley und ließ sich vorsichtig in einen Sessel sinken, aus dem an zahlreichen durchgewetzten Stellen das Rosshaar spross. »Sie sollten die anderen Zimmer sehen.«

Lynley nahm eine Fotografie des Geigers, die ihn als Kind zeigte, zur Hand. Der Junge stand stramm wie ein kleiner Soldat, das Instrument in der Hand, und blickte zu Yehudi Menuhin auf, der seinerseits, ebenfalls mit der Geige in der Hand, wohlwollend lächelnd zu ihm hinabblickte. »Gideon Davies«, sagte Lynley.

»The one and only«, sagte Jill Foster.

Lynley warf ihr einen Blick zu. Sie lächelte, vielleicht um ihren Worten die Schärfe zu nehmen. »Richards ganze Freude und der Mittelpunkt seines Lebens«, fügte sie hinzu. »Es ist verständlich, aber manchmal ein wenig strapaziös.«

»Das kann ich mir vorstellen. Wie lange kennen Sie Mr. Davies schon?«

Sie stemmte sich stöhnend aus dem Sessel - »O nein, so geht das nicht« - und suchte sich einen Platz auf dem Sofa, wo sie die Beine hochlegte und ein Kissen unter ihre Füße schob. »Mein Gott«, sagte sie. »Noch zwei Wochen. Das wird eine Erlösung.« Sie schob sich ein zweites Kissen, so abgewetzt wie die Möbel, in den Rücken. »Wir kennen uns seit drei Jahren.«

»Und er freut sich auf das Kind?«

»Wo doch die meisten Männer seines Alters sich auf Enkelkinder freuen«, meinte Jill. »Aber ja, er freut sich. Trotz seines Alters.«

Lynley lächelte. »Meine Frau ist auch schwanger.«

Jills Gesicht öffnete sich. »Ach, wirklich? Ist es Ihr erstes Kind, Inspector?«

Lynley nickte. »Ich kann mir an Mr. Davies ein Beispiel nehmen. Er scheint sehr besorgt um Sie.«

Sie verdrehte mit einem gutmütigen Lächeln die Augen. »Er ist die reinste Glucke. Vorsicht auf der Treppe, Jill. Fahr lieber nicht mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Setz dich nicht selbst ans Steuer, Jill. Geh nicht ohne Begleitung spazieren. Trink nichts, was Koffein enthält. Nimm immer dein Handy mit. Meide Menschenmengen, Zigarettenrauch - ach, die Liste ist endlos.«

»Er sorgt sich um Sie.«

»Ja, und es ist auch wirklich rührend, wenn ich ihn nicht gerade am liebsten in den nächsten Schrank einsperren würde.«

»Konnten Sie sich einmal mit seiner geschiedenen Frau unterhalten? Über die Schwangerschaft?«

»Mit Eugenie? Nein. Wir sind uns nie begegnet. Alte und neue Ehefrauen oder, in meinem Fall, Ehefrau in spe… Manchmal ist es klüger, sie auseinander zu halten, denke ich.«

Mit einem Plastiktablett, auf dem Tasse, Milchkännchen und Zuckerdose standen, kehrte Richard Davies ins Zimmer zurück.

»Du wolltest doch keinen Tee, Schatz, nicht wahr?«, sagte er zu Jill.

Sie verneinte, und nachdem Richard das Tablett auf einem Tischchen in der Nähe von Lynleys Sessel abgestellt hatte, setzte er sich neben sie und hob ihre Füße auf seinen Schoß.

»Wie können wir Ihnen helfen, Inspector?«, fragte er.

Lynley nahm ein Notizbuch aus seiner Jackentasche. Er fand die Frage interessant. Er fand Davies' Verhalten insgesamt interessant. Er konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal mit so freundlicher Bewirtung für einen unerwarteten Überfall belohnt worden war. Die meisten Leute reagierten auf einen unangemeldeten Besuch der Polizei mit Argwohn, Unruhe und Angst, auch wenn sie es vielleicht zu verbergen suchten.

Als hätte er mit Lynleys Verwunderung gerechnet, fügte Davies hinzu: »Ich nehme an, Sie sind Eugenies wegen gekommen. Ich war Ihren Kollegen in Hampstead keine große Hilfe, als man mich bat, mir - äh - den Leichnam anzusehen. Ich hatte Eugenie seit Jahren nicht mehr gesehen, und die Verletzungen . « Er hob die Hände in einer Geste der Hoffnungslosigkeit.

»Ja«, bestätigte Lynley, »ich bin wegen Ihrer geschiedenen Frau hier.«

Woraufhin Davies seine künftige Frau ansah und sagte: »Möchtest du dich lieber ein bisschen hinlegen, Jill? Ich sag dir Bescheid, wenn der Immobilienmakler kommt.«

»Nein, nein, es geht mir gut«, antwortete sie ablehnend. »Es ist doch unser gemeinsames Leben, Richard.«

Er drückte ihr Bein und sagte dann zu Lynley: »Die Tote ist also wirklich Eugenie. Irgendwie hatte ich gehofft, es hätte vielleicht eine andere Person ihre Ausweispapiere bei sich getragen.«

»Nein, es war Mrs. Davies«, entgegnete Lynley. »Es tut mir Leid.«

Davies nickte. Er versuchte nicht, Trauer vorzutäuschen. »Wissen Sie«, sagte er, »ich habe sie vor beinahe zwanzig Jahren das letzte Mal gesehen. Ich finde es traurig, dass sie durch einen so schlimmen Unfall ums Leben kommen musste, aber der Moment meines Verlusts - unsere Scheidung - liegt lange zurück. Ich hatte jahrelang Zeit, mich von diesem Verlust zu erholen, wenn Sie verstehen, was ich meine.«

Lynley verstand. Endlose Trauer hätte auf eine abgöttische Liebe wie die der seligen Königin Viktoria zu ihrem Albert oder auf eine ungesunde Fixierung hingedeutet, was ungefähr auf das Gleiche hinauslief. Doch Davies' Vorstellung, seine Frau sei durch einen Unfall ums Leben gekommen, bedurfte der Korrektur.

»Es war leider kein Unfall, Mr. Davies«, sagte Lynley. »Ihre geschiedene Frau wurde ermordet.«

Jill Foster richtete sich auf. »Aber wurde sie nicht… ? Richard, du hast doch gesagt…«

Richard Davies sah Lynley unverwandt an. Seine Pupillen weiteten sich. »Mir sagte man, es sei ein Unfall mit Fahrerflucht gewesen.«

Lynley erklärte. Ohne gerichtsmedizinische Befunde könne man in so einem Fall meist nur sehr wenig sagen. Eine erste Untersuchung der Toten - und des Orts, wo sie aufgefunden worden war - habe zwangsläufig zu dem Schluss geführt, dass sie von einem Autofahrer überfahren worden war, der dann geflüchtet war. Eine genauere Untersuchung habe jedoch ergeben, dass das Opfer mehr als einmal überrollt worden und dann an den Straßenrand geschleift worden war. Was man an Reifenspuren auf der Kleidung und am Körper der Toten gesichert habe, weise eindeutig darauf hin, dass nur ein Fahrzeug im Spiel gewesen war. Somit stehe fest, dass der flüchtige Fahrer ein Mörder und der Tod Eugenie Davies' kein Unfall, sondern Mord war.

»Das ist ja furchtbar!« Jill bot Richard Davies ihre Hand, aber er nahm sie nicht. Er schien sich wie betäubt in eine finstere Innenwelt zu verkriechen, wo keiner ihn erreichen konnte.

»Aber man hat mir mit keinem Wort angedeutet…«, sagte er, den Blick starr ins Leere gerichtet. »O Gott, kann es denn noch schlimmer werden?« Dann sah er Lynley an. »Ich muss es meinem Sohn sagen. Sie werden doch gestatten, dass ich es ihm sage? Es geht ihm seit einigen Monaten nicht besonders gut. Er kann nicht spielen. Dieses Unglück könnte ihn . Bitte gestatten Sie mir, es ihm selbst zu sagen, damit er es nicht von anderer Seite erfahren muss. Aus den Zeitungen, womöglich! Man wird es doch nicht der Presse mitteilen, bevor Gideon informiert wurde?«

»Das ist Sache der Pressestelle«, erwiderte Lynley. »Aber im Allgemeinen hält man dort derartige Informationen zurück, bis die Familie unterrichtet ist. Dabei können Sie uns helfen. Gibt es außer Gideon Angehörige?«

»Eugenies Brüder, aber ich habe keine Ahnung, wo die sich aufhalten. Ihre Eltern haben vor zwanzig Jahren noch gelebt, aber sie können inzwischen längst gestorben sein. Frank und Lesley Staines. Frank war anglikanischer Geistlicher - da könnten Sie vielleicht bei der Kirche nachfragen.«

»Und die Brüder?«

»Einer jünger, einer älter als sie. Douglas und Ian. Auch von ihnen weiß ich nichts. Als ich Eugenie kennen lernte, hatte sie ihre Eltern und ihre Brüder schon jahrelang nicht mehr gesehen und sie hat sie auch in der Zeit unserer Ehe nicht einmal getroffen.«

»Wir werden versuchen, sie ausfindig zu machen.« Lynley griff zu seiner Tasse, in der schlaff und braun der durchweichte Teebeutel hing. Er nahm ihn heraus und gab ein paar Tropfen Milch in die Tasse, bevor er trank. Dann sagte er: »Und Sie, Mr. Davies? Wann haben Sie Ihre geschiedene Frau das letzte Mal gesehen?«

»Bei unserer Scheidung. Das ist vielleicht… hm, sechs Jahre?… her. Wir mussten die Scheidungspapiere unterschreiben, und da sind wir uns noch einmal begegnet.«

»Und danach nicht mehr?«

»Nein. Ich habe allerdings in jüngster Zeit verschiedentlich mit ihr telefoniert.«

Lynley stellte seine Tasse ab. »Wann war das?«

»Sie hat regelmäßig angerufen, um sich nach Gideons Befinden zu erkundigen. Sie hatte erfahren, dass es ihm nicht gut ging. Das muss so -« Er wandte sich Jill Foster zu. »Wann war dieses katastrophale Konzert, Schatz?«

Jill Foster sah ihn mit so unbewegtem Blick an, dass klar war, dass er genau wusste, wann das Konzert stattgefunden hatte. »War es nicht am dreißigsten Juli?«, sagte sie.

»Ja, das scheint mir richtig zu sein.« Und zu Lynley: »Eugenie hat wenig später angerufen. Ich weiß nicht mehr genau, wann es war. Vielleicht so um den fünfzehnten August. Danach hat sie Verbindung gehalten.«

»Und wann haben Sie das letzte Mal mit ihr gesprochen?«

»Irgendwann letzte Woche? Ich kann es nicht genau sagen. Ich habe es mir nicht aufgeschrieben. Sie rief hier an und hinterließ eine Nachricht. Ich habe sie dann zurückgerufen. Viel konnte ich ihr nicht sagen, das Gespräch war daher kurz. Gideon - und ich wäre sehr dankbar, wenn das unter uns bleiben würde, Inspector - leidet an akutem Lampenfieber. Wir haben bisher behauptet, es handle sich um Erschöpfung, aber das ist ein Euphemismus. Eugenie ließ sich davon nicht täuschen, und ich bezweifle, dass die Öffentlichkeit es noch lange akzeptieren wird.«

»Aber sie hat Ihren Sohn nicht besucht? Hat sie mit ihm Kontakt aufgenommen?«

»Wenn ja, dann hat Gideon mir nichts davon gesagt. Was mich sehr wundern würde. Mein Sohn und ich habe eine sehr enge Beziehung, Inspector.«

Jill Foster senkte den Blick. Lynley hielt es für möglich, dass die enge Beziehung, von der Davies gesprochen hatte, eine einseitige Angelegenheit war. Er sagte: »Ihre geschiedene Frau hatte offenbar die Absicht, einen Bekannten in Hampstead zu besuchen. Sie hatte seine Adresse bei sich. Er heißt J. W. Pitchley, aber Sie kennen ihn vielleicht unter seinem früheren Namen - James Pitchford.«

Davies, der bisher liebevoll die Füße seiner Lebensgefährtin gestreichelt hatte, erstarrte.

»Sie erinnern sich an ihn?«, fragte Lynley.

»Ja, ich erinnere mich an ihn. Aber -« Zu Jill Foster gewandt:

»Willst du dich nicht doch lieber hinlegen, Schatz?«

Ihre Miene war eindeutig: Keinesfalls würde die kleine Jill jetzt brav ins Schlafzimmer abziehen.

»Die Menschen aus jener besonderen Zeit werde ich bestimmt nie vergessen, Inspector«, sagte Davies. »Das würde Ihnen unter den Umständen genauso gehen. James wohnte mehrere Jahre bei uns zur Untermiete, bevor Sonia, unsere Tochter .« Er sprach nicht weiter, sondern drückte mit einer kurzen Geste aus, was er meinte.

»Wissen Sie, ob Ihre geschiedene Frau mit diesem Mann in Verbindung geblieben war? Er wurde bereits danach gefragt und verneinte. Aber hat Ihre geschiedene Frau ihn vielleicht in den Telefongesprächen mit Ihnen mal erwähnt?«

Davies schüttelte den Kopf. »Wir haben nie über etwas anderes als Gideon und seine Gesundheit gesprochen.«

»Dann hat sie also auch nie ihre Familie erwähnt oder von ihrem Leben in Henley gesprochen, von Freunden, die sie dort hatte, Verehrern vielleicht?«

»Nein, nichts dergleichen. Eugenie und ich haben uns nicht im Guten getrennt. Sie hat mich eines Tages von heute auf morgen verlassen, und fertig. Keine Erklärung, kein Streit, keine Entschuldigung. Gerade war sie noch da gewesen, und im nächsten Moment war sie weg. Vier Jahre später hörte ich von ihren Anwälten. Sie können sich vielleicht vorstellen, dass wir nicht gerade ein Herz und eine Seele waren. Ich war, ehrlich gesagt, nicht sonderlich erfreut, als ich plötzlich wieder von ihr hörte.«

»Ist es möglich, dass sie eine Beziehung zu einem anderen Mann hatte, als sie Sie damals verließ? Jemand, der vor kurzem erneut in ihr Leben getreten ist?«

»Pitches?«

»Ja. Wäre es möglich, dass sie eine Beziehung zu Pitchley unterhielt, als er noch James Pitchford hieß?«

Davies ließ sich das durch den Kopf gehen. »Er war um einiges jünger als Eugenie - fünfzehn Jahre vielleicht. Oder zehn. Aber Eugenie war eine attraktive Frau. Für ausgeschlossen würde ich es nicht halten, dass zwischen den beiden etwas war. Darf ich Ihnen noch etwas Tee nachschenken, Inspector?«

Davies rutschte unter Jill Fosters Beinen hervor und verschwand, nachdem Lynley ihm seine Tasse gereicht hatte, in der Küche. Während draußen das Wasser in den Kessel lief, fragte sich Lynley, warum der Mann diese Pause gerade in diesem Augenblick herbeigeführt hatte und wozu er sie brauchte. Gewiss, zum Schock waren jetzt Überraschung und Bestürzung gekommen, und Davies gehörte einer Generation an, bei der es als schamlos galt, Gefühle zu zeigen. Und Jill Foster achtete genau auf jede seiner Reaktionen, und er hatte vielleicht einen guten Grund, einen Moment des Alleinseins zu suchen, um sich in den Griff zu bekommen. Aber trotzdem…

Als Richard Davies zurückkehrte, brachte er ein Glas Orangensaft mit, das er Jill Foster mit den Worten aufdrängte: »Du kannst die Vitamine gebrauchen, Jill.«

Lynley nahm dankend seine Tasse entgegen und sagte: »Ihre geschiedene Frau hatte in Henley eine engere Beziehung zu einem Mann namens Wiley. Hat sie ihn vielleicht in einem Ihrer Telefongespräche erwähnt?«

»Nein«, antwortete Davies, »im Ernst, Inspector, wir haben uns auf Gideon beschränkt.«

»Major Wiley erzählte uns, Ihre Frau und Ihr Sohn seien einander völlig fremd geworden.«

»Ach ja?« erwiderte Davies. »Hat er Ihnen auch gesagt, wie das kam? Wie ein Blitzschlag aus heiterem Himmel. Seine Mutter verschwand eines Tages und ward nie wieder gesehen. Sie hat ihren Sohn verlassen.«

»Vielleicht war das ihre Sünde«, murmelte Lynley.

»Wie bitte?«

»Sie sagte zu Major Wiley, sie müsse ihm etwas beichten - vielleicht, dass sie ihren Sohn und ihren Mann verlassen hatte. Es kam übrigens nie zu dieser Beichte. Behauptet jedenfalls Major Wiley.«

»Glauben Sie denn, dass Wiley…?«

»Im Moment sammeln wir lediglich Informationen, Mr. Davies. Können Sie dem, was Sie mir berichtet haben, noch irgendetwas hinzufügen? Hat Ihre geschiedene Frau vielleicht en passant eine Bemerkung gemacht, die Ihnen zunächst bedeutungslos erschien, im Licht der vorliegenden Tatsachen jedoch -«

»Cresswell-White!«, sagte Davies, zunächst eher unsicher, dann aber ein zweites Mal mit zunehmender Überzeugung. »Ja, Cresswell-White. Ich hatte einen Brief von ihm bekommen, und Eugenie ganz sicher auch.«

»Und wer ist Cresswell-White?«

»O ja, er hat ihr ganz sicher geschrieben. Wenn Mörder aus der Strafanstalt entlassen werden, unterrichtet man die betroffenen Familien automatisch. So stand es jedenfalls in meinem Schreiben.«

»Mörder?«, wiederholte Lynley. »Haben Sie etwas von der Mörderin Ihrer Tochter gehört, Mr. Davies?«

Statt einer Antwort, stand Richard Davies auf und ging durch einen kurzen Flur in ein anderes Zimmer. Schubladen wurden geöffnet und wieder zugeschoben. Dann kam Davies mit einem Brief zurück, den er Lynley reichte. Der Absender war ein Mitglied der Kronanwaltschaft, ein gewisser Bertram Cresswell-White, der Mr. Richard Davies mitteilte, dass Miss Katja Wolff zum unten angegebenen Datum auf Bewährung aus dem Gefängnis Holloway entlassen werde. Sollte Miss Katja Wolff Mr. Davies in irgendeiner Weise belästigen oder bedrohen oder auch nur versuchen, zu ihm Kontakt aufzunehmen, so solle Mr. Davies unverzüglich Mr. Cresswell-White davon in Kenntnis setzen.

Lynley überflog das Schreiben und vermerkte das Datum: zwölf Wochen vor dem Tag, an dem Eugenie Davies umgekommen war.

»Hat sie versucht, mit Ihnen Verbindung aufzunehmen?«, fragte er Davies.

»Nein. Glauben Sie mir, wenn Sie das getan hätte, ich hätte -«, begann er und ließ es dann sein, sich aufzuplustern wie der junge Mann, der er nicht mehr war. »Könnte Katja Wolff Eugenie aufgespürt haben?«

»Hat Ihre geschiedene Frau nichts von ihr gesagt?«

»Nein.«

»Hätte sie es getan, wenn sie diese Katja Wolff gesprochen hätte?«

Davies schüttelte den Kopf, aber nicht als Verneinung, sondern eher als Zeichen der Unsicherheit. »Ich habe keine Ahnung. Früher natürlich, da hätte sie mir so etwas erzählt. Aber nach dieser langen Zeit… ich weiß es nicht, Inspector.«

»Darf ich den Brief behalten?«

»Bitte sehr. Haben Sie die Absicht, mit der Frau zu sprechen?«

»Ich werde sie auf jeden Fall ausfindig machen lassen.« Lynley stellte die wenigen Fragen, die er noch hatte, erfuhr aber nur, wer Cecilia war, die den Brief an Eugenie Davies geschrieben hatte: Schwester Cecilia Mahoney, Eugenie Davies' Freundin im Kloster der Unbefleckten Empfängnis. Das Kloster war am Kensington Square, wo

die Familie Davies früher einmal gelebt hatte.

»Eugenie war zum katholischen Glauben übergetreten«, erklärte Richard Davies. »Sie hasste ihren Vater - er pflegte zu toben wie ein Verrückter, wenn er nicht gerade auf der Kanzel den Heiligen spielte - und wollte sich damit für ihre schreckliche Kindheit an ihm rächen. Zumindest hat sie es mir so erzählt.«

»Und Ihre gemeinsamen Kinder wurden auch katholisch getauft?«, fragte Lynley.

»Nur wenn sie und Schwester Cecilia es heimlich getan haben. Meinen Vater hätte sonst der Schlag getroffen.« Davies lächelte herzlich. »Er war auf seine Weise auch ein ziemlich tyrannisches Familienoberhaupt.«

Und du schlägst ihm nach, dachte Lynley, auch wenn du jetzt die Fürsorglichkeit in Person zu sein scheinst. Aber um darüber etwas zu erfahren, würde er mit Gideon Davies sprechen müssen.

Gideon

1. Oktober

Wohin führt uns das, Dr. Rose? Ich soll jetzt nicht nur meine Erinnerungen betrachten, sondern auch meine Träume, und ich frage mich, ob Sie wissen, was Sie tun. Ich soll einfach aufschreiben, was mir dazu einfällt, sagen Sie, und nicht darüber nachdenken, wo die Verbindungen sein könnten, wohin sie vielleicht führen oder wie ich mit ihrer Hilfe den Schlüssel zu dem verbotenen Zimmer in meiner Seele finden könnte. Um ehrlich zu sein, mir geht allmählich die Geduld aus.

Mein Vater sagt, in New York hätten Sie vor allem mit Patienten mit Essstörungen gearbeitet. Er hat sich gründlich über Sie informiert - ein paar Anrufe in den Staaten waren genug -, weil er keinen Fortschritt sieht und sich allmählich fragt, wie viel Zeit ich noch damit verschwenden will, in der Vergangenheit herumzuwühlen, anstatt mich auf die Gegenwart zu konzentrieren.

»Herrgott noch mal, sie hat noch nie mit Musikern gearbeitet«, sagte er, als ich heute mit ihm sprach, »Sie hat überhaupt keine Erfahrung mit Künstlern. Du kannst ihr weiterhin die Taschen füllen, ohne etwas dafür zu bekommen - denn so ist es doch, Gideon! -, oder du versuchst endlich etwas anderes!«

»Und was?«, fragte ich zurück.

»Wenn du so fest davon überzeugt bist, dass Psychotherapie die Lösung ist, dann such dir wenigstens einen Therapeuten, der das Problem direkt anpackt. Und das Problem ist die Geige, Gideon, nicht die Frage, was du von der Vergangenheit noch im Kopf hast und was nicht.«

Ich sagte: »Raphael hat es mir gesagt.«

»Was?«

»Dass Katja Wolff Sonia ertränkt hat.«

Daraufhin wurde es still, und da wir am Telefon miteinander sprachen und nicht von Angesicht zu Angesicht, konnte ich nur versuchen, mir das Gesicht meines Vaters vorzustellen. Ich vermute, es erstarrte vor Anspannung, und der Blick verdüsterte sich. Raphael hatte einen zwanzig Jahre alten Pakt gebrochen, als er mir die Wahrheit über Sonias Tod verriet. Es war klar, dass meinem Vater das nicht gefiel.

»Was ist damals passiert?«, fragte ich.

»Ich will darüber nicht sprechen.«

»Es ist der Grund, warum Mutter uns verlassen hat, nicht wahr?«

»Ich habe gesagt -«

»Nichts! Gar nichts hast du mir gesagt. Wenn dir wirklich so viel daran liegt, mir zu helfen, warum lässt du mich dann jetzt einfach hängen?«

»Weil diese Geschichte mit deinem Problem überhaupt nichts zu tun hat. Das alles wieder auszugraben, jedes Detail unter die Lupe zu nehmen und ad infinitum hin und her zu drehen, ist eine geniale Methode, den wahren Fragen auszuweichen, Gideon.«

»Für mich ist es die einzige Möglichkeit, die Sache anzugehen.«

»Blödsinn! Du lässt dich an der Nase herumführen wie ein Tanzbär.«

»Das ist nun wirklich nicht fair.«

»Ach ja? Was soll ich denn sagen! Glaubst du, ich finde es fair, einfach auf die Seite geschoben zu werden und untätig zusehen zu müssen, wie mein Sohn sein Leben wegwirft, erleben zu müssen, wie er beim ersten kleinen Problem in seiner Karriere völlig aus dem Gleichgewicht gerät, nachdem ich fünfundzwanzig Jahre meines Lebens dafür geopfert habe, ihm zu helfen, der große Musiker zu werden, der er immer werden wollte? Glaubst du, ich finde es fair, wenn die Liebe und das Vertrauen, die mein Sohn mir dank der einzigartigen Beziehung zwischen uns jahrelang entgegenbrachte, nun an eine beliebige Psychotherapeutin verschleudert wird, die als Empfehlung nicht mehr vorzuweisen hat, als dass sie es geschafft hat, den Machu Picchu aus eigener Kraft zu besteigen.«

»Du lieber Gott! Du hast offensichtlich gründlich geschnüffelt!«

»Gründlich genug, um dir sagen zu können, dass du deine Zeit verschwendest. Verdammt noch mal, Gideon - «, aber seine Stimme war nicht hart, als er das sagte: »Hast du's auch nur versucht?«

Zu spielen, meinte er natürlich. Das war das Einzige, was ihn interessierte. Es war, als wäre ich für ihn nur noch eine Musik produzierende Maschine.

Als ich schwieg, erklärte er nicht ohne eine gewisse Berechtigung: »Siehst du denn nicht, dass das vielleicht nichts weiter war als ein vorübergehender Blackout? Aber weil es in deiner Karriere bisher nie auch nur die kleinste Panne gegeben hat, bist du sofort in Panik geraten. Nimm die Geige zur Hand, um Gottes willen. Tu es für dich, bevor es zu spät ist.«

»Zu spät wofür?«

»Um die Angst zu überwinden. Lass dich nicht von ihr überwältigen, Gideon. Halte nicht an ihr fest.«

Das alles klang nicht unlogisch. Im Gegenteil, es schien einen Weg zu weisen, der vernünftig und praktisch war. Vielleicht machte ich wirklich aus einer Mücke einen Elefanten und versteckte mich in meinem gekränkten beruflichen Stolz hinter einem eingebildeten »seelischen Leiden«.

Ich nahm also die Guarneri zur Hand, Dr. Rose. Ich hob sie zum Kinn. Ich erlaubte mir, vom Blatt zu spielen, und nahm mir allen Druck, indem ich ein Violinkonzert von Mendelssohn wählte, das ich schon tausendmal gespielt hatte. Ich spürte meinen Körper, wie Miss Orr befohlen hätte. Ich konnte ihre Stimme hören: »Oberkörper gerade, Schultern locker. Den Aufstrich mit dem ganzen Arm. Nur die Fingerspitzen bewegen sich.«

Ich hörte alles, aber ich konnte es nicht umsetzen. Der Bogen kratzte über die Saiten, und meine Finger am Griffbrett waren plump und unsensibel.

Nerven, dachte ich, nichts als die Nerven.

Ich versuchte es ein zweites Mal. Es war noch schlimmer. Was ich hervorbrachte, war Geräusch, Dr. Rose, mit Musik hatte es nichts zu tun. Und gar Mendelssohn spielen - ebenso gut hätte ich versuchen können, vom Musikzimmer aus zum Mond zu fliegen. Ein Ding der Unmöglichkeit!

Wie war es denn, den Versuch zu wagen?, fragen Sie.

Wie war es, den Sarg über Tim Freeman zu schließen?, entgegne ich, über Ihrem Ehemann und Gefährten und was er Ihnen sonst noch war, Dr. Rose. Wie war es, als Ihr Mann starb? Ich sehe hier dem Tod ins Auge, und wenn es eine Wiederauferstehung gibt, dann muss ich wissen, wie sie ausgerechnet dadurch bewerkstelligt werden soll, dass ich in der Vergangenheit herumstochere und meine verdammten Träume aufschreibe. Verraten Sie mir das, bitte!

2. Oktober

Ich habe es meinem Vater nicht gesagt.

Warum nicht?, fragen Sie.

Es wäre mir unerträglich gewesen.

Was wäre Ihnen unerträglich gewesen?

Seine Enttäuschung zu sehen, vermute ich. Seine Reaktion auf mein Versagen. Sein ganzes Leben dreht sich um mich, und mein ganzes Leben dreht sich um mein Spiel. Im Augenblick rasen wir beide dem Abgrund entgegen, und ich finde, es ist eine Gnade, wenn es nur einer von uns weiß.

Als ich die Geige wieder in den Kasten legte, stand mein Entschluss fest. Ich verließ das Haus.

Aber auf der Vortreppe stieß ich auf Libby. Sie saß da, ans Geländer gelehnt, und hatte einen aufgerissenen Beutel Marshmallows auf dem Schoß. Sie hatte offenbar noch keine Marshmallows gegessen, aber ihrer Miene nach zu urteilen, schien sie gute Lust dazu zu haben.

Ich hätte gern gewusst, wie lange sie schon da saß. Mit ihren ersten Worten sagte sie es mir.

»Ich hab dich gehört.« Sie stand auf, sah zu dem Beutel mit den Marshmallows hinunter und schob ihn dann unter den Latz ihrer Hose. »So ist das also, hm? Darum spielst du nicht mehr. Warum hast du mir nie was gesagt? Ich dachte, wir wären Freunde.«

»Sind wir doch!«

»Ach ja? Freunde helfen einander.«

»In diesem Fall kannst du mir nicht helfen. Ich weiß ja selbst nicht, was los ist, Libby.«

Sie starrte niedergeschlagen auf die Straße. »Ach, Scheiße! Was soll das alles, Gid? Wir ziehen miteinander los und lassen deine Drachen steigen, wir sausen in deinem Segelflieger durch die Luft, wir schlafen in einem Bett. Und da kannst du nicht mal mit mir reden?«

Das Gespräch war eine Reprise unzähliger ähnlicher Diskussionen mit Beth, allerdings mit einer Themaverschiebung. Bei Beth hatte es immer geheißen, Gideon, wenn wir nicht einmal mehr miteinander schlafen…

In der Beziehung mit Libby war das noch nicht zum Thema geworden, weil sie noch nicht weit genug gediehen war, und darüber war ich froh. Ich ließ Libby ausreden, ohne etwas darauf zu sagen. Als sie merkte, dass sie keine Antwort bekommen würde, lief sie mir zum Auto nach. »Hey!«, rief sie. »Warte doch mal. Ich rede mit dir. Warte, verdammt noch mal!« Sie packte mich beim Arm.

»Ich muss los«, sagte ich.

»Wohin?«

»Victoria.«

»Wozu?«

»Libby -«

»Na gut.« Und als ich den Wagen aufgesperrt hatte, stieg sie einfach ein. »Dann komme ich eben mit.«

Um sie loszuwerden, hätte ich sie eigenhändig aus dem Wagen zerren müssen. Die entschlossene Miene und der trotzige Blick verrieten, dass sie zum Widerstand bereit war. Für eine Rangelei fehlten mir die Energie und die Lust, ich startete deshalb ohne ein Wort den Wagen, und wir fuhren zum Victoria-Bahnhof.

Die Räume der Press Association sind gleich um die Ecke vom Bahnhof in der Vauxhall Bridge Road. Dorthin fuhr ich. Unterwegs zog Libby die Marshmallows heraus und begann zu essen.

»Ich dachte, du machst gerade die >Kein-Weiß-Diät<«, bemerkte ich.

»Die Dinger sind rosa und grün, falls dir das noch nicht aufgefallen sein sollte.«

»Aber du hast doch mal gesagt, alles, was künstlich gefärbt ist, zählt als weißes Nahrungsmittel.«

»Ich rede viel, wenn der Tag lang ist.« Sie knallte sich den Beutel mit Marshmallows auf die Oberschenkel und schien einen Entschluss zu fassen. »Ich möchte wissen, wie lange«, sagte sie. »Und ich würde dir raten, mir die Wahrheit zu sagen.«

»Wie lang was?«

»Seit wann spielst du schon nicht mehr? Oder spielst so wie eben, mein ich. Seit wann?« Und mit einer Sprunghaftigkeit, die nicht ganz untypisch für sie war, fügte sie hinzu: »Okay, lass nur. Ich hätt's viel früher merken müssen. Aber Rock, dieser Mistkerl - daran ist nur er schuld.«

»Also, man kann ja wohl kaum deinem Mann -«

»Ex, bitte.«

»Noch nicht.«

»Aber nah dran.«

»Na gut. Aber man kann wohl kaum ihm die Schuld daran geben -«

»Auch wenn er noch so widerlich ist.«

»- dass ich im Moment Schwierigkeiten habe.«

»Davon red ich doch überhaupt nicht«, entgegnete sie mit einem gereizten Unterton. »Es gibt außer dir noch andere Menschen auf der Welt, Gideon. Ich hab von mir geredet. Ich hätte viel früher gecheckt, was mit dir los ist, wenn ich nicht so auf Rock fixiert gewesen wäre -«

Doch ich hörte kaum, was sie über ihren Mann sagte. Mich beschäftigte der Satz, den sie davor gesagt hatte:… außer dir noch andere Menschen auf der Welt, Gideon. Sie klangen wie ein Echo dessen, was Sarah-Jane Beckett vor so vielen Jahren zu mir gesagt hatte: Du bist nicht mehr der Nabel der Welt. Und ich sah nicht Libby, die neben mir im Auto saß, sondern ich sah Sarah-Jane Beckett. Ich sehe sie jetzt noch, wie sie sich zu mir herunterbeugt und mich mit zusammengekniffenen Augen mustert. Das ganze Gesicht ist verzerrt, die Augen sind Schlitze, hinter kurzen Wimpern verborgen.

Was meint sie, wenn sie das sagt?, fragen Sie.

Ja, das eben ist die Frage.

Ich war ungezogen in der Zeit, als ich mich unter ihrer Obhut befand. Es blieb ihr überlassen, mich angemessen zu bestrafen, und sie hat mir eine gründliche Standpauke gehalten, wie das ihre Art ist. In Großvaters Schrank steht ein Holzkasten mit Schuhputzzeug, und über den habe ich mich hergemacht. Im ganzen oberen Korridor habe ich die Wände mit brauner und schwarzer Schuhcreme beschmiert. So was Langweiliges, dachte ich die ganze Zeit, während ich die Tapete ruinierte und mir die Hände an den Vorhängen abwischte. Aber in Wirklichkeit geht es nicht um Langeweile, und Sarah-Jane weiß das. Ich habe es nicht aus Langeweile getan.

Wissen Sie denn, warum Sie es getan haben?, fragen Sie.

Ich bin mir jetzt nicht mehr sicher. Aber ich glaube, ich bin wütend und habe Angst. Das ist sehr deutlich, ja, diese starke Angst.

In Ihren Augen blitzt Interesse auf, Dr. Rose. Ah, jetzt geht es vorwärts. Wut und Angst. Emotionen. Leidenschaft, Etwas, womit Sie arbeiten können.

Aber ich habe kaum mehr dazu zu sagen. Nur dies: Als Libby mir das von den anderen Menschen auf der Welt vorhielt, bekam ich Angst. Ganz eindeutig. Und diese Angst hatte mit der anderen Angst, vielleicht nie wieder auf meiner Geige spielen zu können, nichts zu tun. Sie war klar von ihr getrennt und hatte auch keinen Bezug zu dem Gespräch, das Libby und ich führten. Trotzdem überfiel sie mich mit einer solchen Macht, dass ich unwillkürlich »Nicht!« rief. Dabei war es die ganze Zeit über gar nicht Libby, mit der ich sprach.

Und wovor haben Sie Angst?, fragen Sie.

Das dürfte doch wohl offensichtlich sein.

3. Oktober, 15.30 Uhr

Wir wurden ins Archiv hinaufgeschickt. Das ist ein riesiges Lager mit endlosen Rollregalen voller Zeitungsausschnitte, die in großen braunen Umschlägen gesammelt und nach Sachgebieten katalogisiert sind. Kennen Sie das? Da sitzen professionelle Leser, die den ganzen Tag nichts anderes tun, als sämtliche größeren Zeitungen zu durchforsten und Artikel auszuschneiden und zu kennzeichnen, die dann der Archivbibliothek einverleibt werden. In einer Ecke gibt es einen Tisch und ein Kopiergerät für Leute, die hier irgendetwas recherchieren wollen.

Ich erklärte einem schlecht gekleideten jungen Mann mit langen Haaren, was ich suchte.

»Sie hätten vorher anrufen sollen«, sagte er. »Das wird gut zwanzig Minuten dauern. Die Sachen liegen nicht hier oben.«

Ich sagte, ich würde warten, aber als der junge Mann gegangen war, um sich um meinen Auftrag zu kümmern, wurde mir bewusst, wie nervös ich war. Ich konnte unmöglich bleiben. Das Atmen bereitete mir Mühe, und mir war so heiß, dass ich schwitzte wie Raphael. Ich erklärte Libby, ich brauche frische Luft. Sie ging mit mir zur Vauxhall Bridge Road hinaus. Aber auch draußen konnte ich kaum atmen.

»Das ist der Verkehr«, sagte ich zu Libby. »Die Abgase.« Ich keuchte wie ein ausgepumpter Langstreckenläufer. Und dann meldeten sich auch noch Magen und Darm mit solcher Heftigkeit, dass ich eine demütigende Entladung mitten auf der Straße fürchtete.

»Du siehst aus wie frisch gekotzt, Gid«, sagte Libby.

»Nein, nein. Es geht mir gut«, versicherte ich.

»Wenn's dir gut geht, bin ich die Jungfrau Maria«, entgegnete sie. »Komm, weg hier von der Straße.«

Sie führte mich in ein Café und suchte uns einen Tisch. »Du rührst dich jetzt nicht von der Stelle«, sagte sie zu mir, nachdem sie mich auf einen Stuhl gedrückt hatte, »außer dir wird schlecht oder so was. Dann steckst du den Kopf zwischen die Knie, okay?«

Sie ging zum Tresen und kehrte mit einem Orangensaft zurück.

»Wann hast du das letzte Mal was gegessen?«, fragte sie.

Und ich - Lügner und Feigling - ließ ihr ihren Glauben. »Ich weiß nicht mehr genau«, antwortete ich und kippte den Orangensaft hinunter, als wäre er ein Zaubertrank, der mir alles wiedergeben könnte, was ich bisher verloren habe.

Verloren?, wiederholen Sie, stets hellwach und aufmerksam.

Ja. Was ich verloren habe: die Musik, Beth, meine Mutter, meine Kindheit und Erinnerungen, die für andere Selbstverständlichkeiten sind.

Und Sonia?, fragen Sie. Sonia auch? Würden Sie sie zurückhaben wollen, wenn das möglich wäre, Gideon?

Ja, natürlich. Aber eine andere Sonia, antworte ich und verstumme unter der plötzlich hereinbrechenden Flut des Bedauerns über jene Besonderheit meiner Schwester, die ich völlig vergessen hatte.

3. Oktober, 18 Uhr

Als sich meine rebellischen Eingeweide beruhigt hatten und ich wieder normal atmen konnte, kehrten Libby und ich ins Zeitungsarchiv zurück. Dort erwarteten uns fünf dicke braune Umschläge, voll gestopft mit Presseausschnitten aus einer Zeit, die mehr als zwanzig Jahre zurücklag: eselsohrig, muffig riechend, vergilbt.

Während Libby sich einen Stuhl holte, um sich zu mir an den Tisch setzen zu können, griff ich nach dem ersten Umschlag und öffnete ihn.

Mörderisches Kindermädchen verurteilt, sprang es mir entgegen und vermittelte zugleich die Gewissheit, dass Schlagzeilen immer Schlagzeilen bleiben werden. Begleitet wurde der Titel von einem Bild, das mir die Mörderin meiner Schwester zeigte. Es schien gleich zu Beginn des Verfahrens aufgenommen worden zu sein, denn nicht in einem der Gerichtssäle des Old Bailey oder im Gefängnis war Katja Wolff von der Kamera eingefangen worden, sondern in der Earl's Court Road vor dem Polizeirevier Kensington, das sie gerade in Begleitung eines untersetzten Mannes in schlecht sitzendem Anzug verließ. Unmittelbar hinter ihm, vom Türpfosten teilweise verdeckt, befand sich eine Gestalt, die ich sicherlich nicht erkannt hätte, wären mir nicht die Statur und die allgemeine Erscheinung aus beinahe fünfundzwanzig Jahren täglicher Geigenstunden vertraut gewesen: Raphael Robson. Ich nahm die Anwesenheit der beiden Männer - der Untersetzte war vermutlich Katja Wolffs Anwalt - wahr, aber meine Aufmerksamkeit galt zunächst einzig Katja Wolff.

Sie hatte sich sehr verändert seit dem Tag, an dem das sonnige Foto im Garten aufgenommen worden war. Das Foto war gestellt gewesen; dieser Schnappschuss hingegen war offensichtlich in einem Moment der Hektik gemacht, wie er entsteht, wenn eine Person des öffentlichen Interesses aus einem Gebäude ins Freie tritt und, von Freunden oder Personal umgeben, zum wartenden Wagen eilt, in dem sie schnell verschwindet. Das Bild zeigte deutlich, dass das öffentliche Interesse - zumindest dieser Art - Katja Wolff nicht gut getan hatte. Sie wirkte abgemagert und krank. Auf dem Gartenfoto hatte sie offen in die Kamera gelächelt; hier versuchte sie, ihr Gesicht zu verstecken. Der Fotograf musste ihr sehr nahe gekommen sein, denn das Bild war nicht körnig, wie man das bei einem Telefoto erwarten würde; im Gegenteil, jedes Detail des Gesichts der jungen Frau war durch die Nähe der Kamera gnadenlos scharf gezeichnet.

Die Lippen waren so fest zusammengepresst, dass sie schmal wirkten. Schatten lagen wie dunkle Halbmonde unter den Augen. Die klar geschnittenen Züge hatten in dem abgemagerten Gesicht eine hässliche Schärfe bekommen. Die Arme waren streichholzdünn, und aus dem V-Ausschnitt der Bluse traten spitz die Schlüsselbeinknochen hervor.

Dem Artikel entnahm ich, dass der zuständige Richter, ein Mann namens St. John Wilkes, Katja Wolff - wie vom Gesetz bei Mord gefordert - zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe verurteilt hatte, wobei er seinen Spruch durch die ungewöhnliche Empfehlung an das Innenministerium ergänzt hatte, man möge die Verurteilte keinesfalls weniger als zwanzig Jahre verbüßen lassen. Dem Berichterstatter zufolge, der im Gerichtssaal gewesen war, war die Angeklagte bei der Urteilsverkündung aufgesprungen und hatte angeblich laut gerufen: »Lassen Sie mich erklären, wie es wirklich war.« Aber ihr Angebot, nun endlich zu sprechen - sie hatte während der Ermittlungen und den ganzen Prozess hindurch hartnäckig geschwiegen -, war zu spät gekommen. Es hatte allgemein den Verdacht erregt, sie hoffe, von plötzlicher Panik getrieben, auf einen Handel mit der Kronanwaltschaft.

»Wir wissen, wie es war«, erklärte Bertram Cresswell- White, Vertreter der Kronanwaltschaft, später vor der Presse. »Wir wissen es von der Polizei und der Gerichtsmedizin, wir wissen es von der Familie und Miss Wolffs eigenen Freunden. Sie war in einer Lebenssituation gefangen, mit der sie nicht zurechtkam, sie war wütend, weil sie sich ungerecht behandelt fühlte, und als sie eine Gelegenheit sah, sich dieses Kindes zu entledigen, das ohnehin nicht gesund war, drückte sie mit böswilligem Vorsatz und aus Rachegefühlen gegenüber der Familie Davies das Kind in der Badewanne unter Wasser und hielt es trotz seiner kläglichen Versuche, sich zu wehren, dort so lange fest, bis es ertrank. Danach schlug sie Alarm. So war es. So ist es nachgewiesen. Und für diese Tat hat Richter Wilkes die vom Gesetzgeber geforderte Strafe verhängt.«

»Sie muss für zwanzig Jahre ins Gefängnis, Dad.« Ja. Ja. Das sagt mein Vater zu meinem Großvater, als er ins Zimmer tritt, wo wir auf Nachricht warten: Großvater, Großmutter und ich. Wir sitzen nebeneinander auf dem Sofa im Wohnzimmer, ich in der Mitte. Und ja, meine Mutter ist auch da. Sie weint wie immer, so kommt es mir vor, nicht erst seit Sonias Tod, sondern seit ihrer Geburt.

Die Geburt eines Kindes sollte ein freudiges Ereignis sein; aber an Sonias Geburt kann wenig Erfreuliches gewesen sein. Das begriff ich endlich, als ich den ersten Zeitungsausschnitt auf die Seite gelegt hatte und mir den zweiten ansah - eine Fortsetzung der Titelgeschichte -, der darunter lag. Hier stieß ich auf ein Bild des Opfers und blickte mit tiefer Beschämung dem ins Auge, was ich jahrzehntelang vergessen oder verdrängt hatte.

Libby, die inzwischen einen Stuhl gefunden hatte und ihn hinter sich herziehend wieder ins Archiv gekommen war, sah es sofort, als sie sich zu mir setzte. Sie wusste nicht, dass das Bild meine Schwester zeigte, denn ich hatte ihr nicht gesagt, was ich hier im Archiv suchte. Sie hatte mich nach Zeitungsausschnitten über den Wolff-Prozess fragen hören, aber mehr auch nicht.

Sie setzte sich also mit an den Tisch, drehte sich halb zu mir her und griff mit den Worten: »Na, was hast du aufgestöbert?«, nach dem Bild. Sobald ihr Blick darauf fiel, sagte sie, »Oh! Die Kleine leidet am Downsyndrom, nicht? Wer ist sie?«

»Meine Schwester.«

»Ehrlich? Aber du hast nie was davon gesagt…« Sie blickte hoch und sah mich an. Vorsichtig, vermutlich weil sie mir nicht zu nahe treten wollte, sagte sie: »Hast du dich - geschämt oder so was? Ihretwegen, meine ich. Mensch, Gid, das ist doch keine Schande! Das Downsyndrom, meine ich.«

»>Oder so was<«, erwiderte ich. »Absolut erbärmlich. Wirklich schlimm.«

»Wieso? Was hast du denn getan?«

»Ich habe sie einfach vergessen. Das alles hier.« Ich wies auf die Unterlagen. »Ich konnte mich an nichts erinnern. Ich war acht Jahre alt, jemand ertränkte meine Schwester-«

»Ertränkte deine -«

Ich packte sie am Arm, um sie zum Schweigen zu bringen. Das hätte mir gerade noch gefehlt, dass das ganze Personal im Archiv erfährt, wer ich bin. Glauben Sie mir, ich habe mich auch so schon genug geschämt.

»Schau sie dir an«, sagte ich zu Libby. »Schau es dir selber an. Und ich hatte keine Erinnerung an sie, Libby. Ich habe mich an nichts erinnert.«

»Aber warum denn nicht?«, fragte sie.

Weil ich nicht wollte.

3. Oktober, 22.30 Uhr

Ich habe eigentlich erwartet, dass Sie sich mit Triumphgeheul auf dieses Bekenntnis stürzen würden, Dr. Rose, aber Sie hüllen sich in Schweigen. Sie begnügen sich damit, mich zu beobachten. Aber wissen Sie, auch wenn Sie sich darin geübt haben, ihre Gesichtszüge zu beherrschen, um nichts zu verraten, besitzen Sie doch keine Macht über das Licht, das in Ihren Augen aufzublitzen pflegt. Nur einen Wimpernschlag lang sehe ich es aufleuchten - dieses Fünkchen -, und es verrät mir, dass Sie wünschen, ich möge hören, was ich eben gesagt habe.

Ich hatte keine Erinnerung an meine Schwester, weil ich mich nicht erinnern wollte. So muss es sein. Wir wollen uns nicht erinnern, wir ziehen es vor zu vergessen. Aber ist es nicht in Wahrheit so, dass wir uns manchmal einfach nicht erinnern müssen und dass uns manchmal das Vergessen befohlen wird.

Trotzdem, eines kann ich nicht verstehen. Die so genannten Episoden meines Großvaters waren das große Familiengeheimnis, und doch habe ich sie klar im Gedächtnis, und ich weiß noch genau, was sie verursacht hat und dass meine Großmutter jedes Mal Musik auflegte, weil sie hoffte, sie damit verhindern zu können. Ich weiß noch, wie diese Episoden abgelaufen sind, von was für einem Chaos sie begleitet waren, und wie meine Großmutter weinte, wenn die Leute von der Anstalt kamen, um meinen Großvater wegzubringen. Aber gesprochen wurde bei uns nie über diese Episoden. Wieso also erinnere ich mich so deutlich an sie - und an meinen Großvater -, aber nicht an meine Schwester?

Ihr Großvater, erklären Sie mir, hat in Ihrem Leben eine weit größere Bedeutung als Ihre Schwester. Er spielt in der Geschichte Ihrer musikalischen Entwicklung eine der Hauptrollen, selbst wenn ein Teil dieser Geschichte Erfindung ist. Um die Erinnerung an ihn zu verdrängen, wie Sie sie offenbar an Sonia verdrängt haben…

Verdrängt? Wieso verdrängt? Meinen Sie auch, dass ich mich an meine Schwester nicht erinnern wollte, Dr. Rose?

Verdrängung ist ein unbewusster Vorgang, erklären Sie mir. Ihre Stimme ist leise, Ihr Ton ruhig und einfühlsam. Sie geschieht bei Ereignissen psychischer oder physischer Natur, die so überwältigend sind, dass wir sie nicht verarbeiten können, Gideon. Wenn wir als Kinder etwas erleben, das heftige Angst auslöst oder das wir nicht verstehen können - Geschlechtsverkehr zwischen den Eltern ist ein gutes Beispiel -, stoßen wir es aus unserem Bewusstsein aus, weil wir in diesem Alter nicht über das Instrumentarium verfügen, um uns mit dem Erlebten auseinander zu setzen und es so zu verarbeiten, dass wir es integrieren können. Auch bei Erwachsenen kommt das vor, beispielsweise bei Menschen, die einen schweren Unfall erleiden. Sie können sich hinterher nicht an das Ereignis erinnern, weil es so furchtbar war. Wir fassen nicht bewusst den Entschluss, etwas aus unserem Bewusstsein zu verdrängen, Gideon, wir tun es einfach. Mithilfe der Verdrängung schützen wir uns vor etwas, mit dem wir uns noch nicht auseinander setzen können.

Und was ist an meiner Schwester so schrecklich, dass ich ihm nicht ins Auge sehen kann, Dr. Rose? Denn erinnert habe ich mich ja an sie. Als ich über meine Mutter schrieb, kehrte die Erinnerung an Sonia zurück. Nur ein Detail habe ich ausgeblendet. Bis zu dem Moment, als ich das Foto sah, wusste ich nicht, dass sie am Downsyndrom litt.

Folglich spielt wohl ihre Krankheit eine wichtige Rolle in dieser ganzen unglückseligen Situation? Denn daran habe ich mich nicht von selbst erinnert. Ich musste mit der Nase darauf gestoßen werden.

Sie haben sich auch an Katja Wolff nicht von selbst erinnert, sagen Sie.

Also sind die Krankheit meiner Schwester und Katja Wolff miteinander verknüpft, richtig, Dr. Rose? Ja, so muss es sein.

5. Oktober

Nachdem ich das Foto meiner Schwester gesehen und Libby ausgesprochen hatte, was ich selbst nicht über die Lippen brachte, hielt ich es im Archiv nicht mehr aus. Ich wollte bleiben, denn ich hatte ja fünf Umschläge vor mir, die voll waren mit Informationen zu den Ereignissen, von denen meine Familie vor zwanzig Jahren überrollt worden war. Zweifellos hätte ich in diesen Umschlägen auch die Namen sämtlicher Personen gefunden, die an den polizeilichen Ermittlungen oder dem nachfolgenden Gerichtsverfahren beteiligt waren. Aber ich war nicht fähig weiterzulesen, nachdem ich dieses Foto von Sonia gesehen hatte, das es mir ermöglichte, mir meine kleine Schwester unter Wasser vorzustellen: wie der runde Kopf sich unablässig hin und her bewegt und wie sie mit diesen bemerkenswerten Augen, die selbst auf einem Zeitungsfoto erkennen lassen, dass sie kein normales Kind war, schaut und schaut und nicht aufhören kann, den Menschen anzustarren, der sie töten will. Ein Mensch, dem sie vertraut, den sie liebt und den sie braucht, drückt sie unter Wasser, und sie kann das nicht verstehen. Sie ist erst zwei Jahre alt, und selbst wenn sie ein normales Kind gewesen wäre, hätte sie nicht verstanden, was ihr geschah. Aber sie ist nicht normal. Sie ist nicht als normales Kind zur Welt gekommen. Nichts in den zwei kurzen Jahren ihres Lebens ist je normal gewesen.

Krankheit, die zur Krise führt. Genauso ist es, Dr. Rose. Mit meiner Schwester stürzen wir von einer Krise in die andere. Mutter weint morgens bei der Messe, und Schwester Cecilia weiß, dass sie Hilfe braucht. Sie braucht nicht nur seelischen Beistand, der ihr hilft, damit fertig zu werden, dass sie ein Kind zur Welt gebracht hat, das anders ist, nicht vollkommen, ungewöhnlich oder wie immer Sie es nennen wollen, sie braucht auch praktische Hilfe bei der Betreuung dieses Kindes. Denn das Leben muss weitergehen, auch wenn es ein Wunderkind zu fördern und ein krankes Kind zu betreuen gilt: Großmutter muss sich wie immer um Großvater kümmern, mein Vater muss seinen zwei Jobs nachgehen, und wenn ich weiterhin Geige spielen will, muss auch meine Mutter arbeiten.

Das Naheliegendste unter diesen Umständen wäre es, meine musikalische Ausbildung abzubrechen, Raphael Robson und Sarah-Jane Beckett zu entlassen und mich in eine öffentliche Schule zu schicken. Die Summe, die sich mit diesen einfachen und vernünftigen Maßnahmen einsparen ließe, würde es meiner Mutter erlauben, zu Hause zu bleiben, sich um Sonia zu kümmern und diese während der immer wieder auftretenden gesundheitlichen Krisen zu pflegen.

Aber ein solcher Schritt ist für alle aus der Familie undenkbar. Ich habe mit meinen sechseinhalb Jahren bereits meinen ersten öffentlichen Auftritt hinter mir, und es wäre in den Augen aller ein ungeheuerliches Banausentum, der Welt zu verweigern, was ich ihr zu geben habe. Aber zweifellos wurde eine solche Maßnahme zwischen meinen Eltern und meinen Großeltern erörtert.

Ja, ich erinnere mich. Meine Mutter und mein Vater führen im Wohnzimmer eine Diskussion, und mein Großvater mischt sich lautstark ein. »Der Junge ist ein Genie, verdammt noch mal! Ein Genie!«, brüllt er. Großmutter ist auch da. Ich höre ihr ängstliches »Jack, Jack!« und sehe sie vor mir, wie sie zur Stereoanlage läuft und Paganini auflegt, um das Wüten meines Großvaters zu besänftigen. »Er gibt bereits Konzerte! Wenn ihr seine Karriere abbrechen wollt, dann nur über meine Leiche!«, tobt Großvater.

»Tu mir also den Gefallen und triff wenigstens einmal in deinem Leben - nur ein einziges Mal, Dick - die richtige Entscheidung.«

Raphael und Sarah-Jane sind an der Debatte nicht beteiligt. Es geht um ihre Zukunft und um meine, aber sie werden ebenso wenig um ihre Meinung gefragt wie ich. Der Disput setzt sich über Stunden und Tage fort. Meine Mutter ist noch von Schwangerschaft und Entbindung geschwächt, und die schwierige Situation wird durch Sonias gesundheitliche Probleme verschärft.

Das Baby ist beim Arzt - im Krankenhaus - in der Notaufnahme. Wir alle befinden uns in einem Zustand ständiger Anspannung und ängstlicher Beklemmung. Die Nerven liegen blank. Immer steht die Frage im Raum: Was wird als Nächstes geschehen?

Krisen, nichts als Krisen. Ständig Unruhe und Tumult. Manchmal scheint kein Mensch zu Hause zu sein außer Raphael und mir, oder Sarah-Jane und mir. Alle anderen sind bei Sonia.

Warum?, fragen Sie. Was waren das für Krisen, die Sonia durchmachte?

Ich weiß nur noch: Er hat gesagt, er erwartet uns im Krankenhaus. Gideon, geh in dein Zimmer. Und ich erinnere mich an Sonias dünnes Weinen, das allmählich leiser wird, als sie sie mitten in der Nacht die Treppe hinuntertragen und mit ihr aus dem Haus eilen.

Ich gehe in ihr Zimmer, es liegt neben meinem. Das Kinderzimmer. Ein Licht brennt, und neben ihrem Bettchen steht irgendeine Maschine, an die sie während des Schlafs angeschlossen wird. Auf der Kommode steht eine Nachtlampe mit einem bunten Schirm, der sich dreht; dieselbe Lampe, die sich neben meinem Bettchen gedreht hat, demselben Bettchen, in dem Sonia jetzt schläft. Ich sehe die Kerben in den Gitterstäben, die meine Zähne hinterlassen haben, und ich sehe die Abziehbilder mit den Arche-Noah-Motiven, die ich immer angestarrt habe. Und obwohl ich schon sechseinhalb bin, klettere ich in das Gitterbett, rolle mich zusammen und warte, was geschehen wird.

Und was geschieht?

Nach einer Weile kommen sie wieder nach Hause, wie immer, mit Medikamenten, mit dem Namen eines Arztes, den sie am Morgen aufsuchen sollen, mit Verhaltensvorschriften oder einem Diätplan, an den sie sich halten sollen. Manchmal kommen sie mit Sonia nach Hause. Manchmal ohne sie, weil man sie im Krankenhaus behalten hat.

Darum weint meine Mutter morgens bei der Messe. Und darüber wird sie mit Schwester Cecilia gesprochen haben, an jenem Tag, an dem wir im Kloster waren und ich das Bücherregal ins Wanken brachte und die Figur der Heiligen Jungfrau zerbrach. Die Nonne spricht fast immer leise murmelnd, ich vermute, um meine Mutter zu trösten, die gewiss an vielerlei leidet - an Schuldgefühlen, ein Kind geboren zu haben, das nahezu ununterbrochen krank ist; an der Angst vor dem, was als Nächstes hinter der Tür lauert; am Zorn über die Ungerechtigkeit des Lebens und an purer seelischer und körperlicher Erschöpfung.

In dieser bedrängenden Situation wird vermutlich die Idee geboren, eine Kinderfrau zu engagieren. Das wäre die ideale Lösung für alle. Mein Vater könnte seine zwei Arbeitsplätze behalten; meine Mutter könnte wieder arbeiten gehen; Raphael und Sarah-Jane könnten sich weiterhin um mich kümmern; und die Kinderfrau könnte bei Sonias Betreuung helfen. Man könnte vielleicht einen zweiten Untermieter ins Haus nehmen, um die Einnahmen aufzustocken.

So kommt Katja Wolff zu uns. Aber sie ist keine ausgebildete Kinderschwester. Sie hat weder Kurse noch eine Schule besucht, um die Kinderpflege zu erlernen. Aber sie ist eine gebildete junge Frau, und sie ist hilfsbereit, anhänglich, dankbar und - auch das muss gesagt werden - preiswert. Sie liebt Kinder und braucht dringend Arbeit. Und die Familie Davies braucht dringend Hilfe.

6. Oktober

Noch am selben Abend besuchte ich meinen Vater. Wenn überhaupt jemand den Schlüssel zur Erinnerung besitzt, nach dem ich suche, dann mein Vater.

Er war bei Jill. Ich traf die beiden auf der Vortreppe ihres Hauses an. Sie steckten mitten in einer jener höflichen, aber geladenen Auseinandersetzungen, die sich unter liebenden Paaren entzünden, wenn durchaus vernünftige Wünsche der Partner kollidieren. Hier ging es offenbar darum, ob Jill in ihrem hochschwangeren Zustand noch Auto fahren sollte oder nicht.

»Das wäre gefährlich und absolut unverantwortlich«, sagte mein Vater gerade. »Der Wagen ist doch nur noch ein Schrotthaufen. Herrgott noch mal, ich rufe dir ein Taxi. Oder ich fahre dich selbst.«

Und Jill versetzte hitzig: »Würdest du bitte aufhören, mich wie ein Zuckerpüppchen zu behandeln. Ich habe das Gefühl, ich bekomme überhaupt keine Luft mehr, wenn du so bist.«

Sie wollte ins Haus gehen, aber er hielt sie am Arm fest.

»Schatz! Bitte!«, sagte er, und ich hörte seiner Stimme an, wie groß seine Angst um sie war.

Ich konnte ihn verstehen. Er war, was seine Kinder anging, nicht vom Glück gesegnet. Virginia tot. Sonia tot. Zwei von drei Kindern tot. Kein Wunder, dass er Angst hatte.

Zu Jills Verteidigung muss gesagt werden, dass auch sie dafür Verständnis zu haben schien. Sie sagte, ruhiger jetzt: »Ach komm, das ist doch albern«, aber ich glaube, gleichzeitig war sie gerührt von seiner Besorgtheit um ihr Wohlbefinden.

Dann sah sie mich unten auf dem Bürgersteig, wo ich unschlüssig dastand und überlegte, ob ich mich unbemerkt wieder davonmachen oder mit großem Hallo, das nur falsches Getue gewesen wäre, zu ihnen gehen sollte.

»Hallo!«, rief sie mir zu. »Da ist Gideon, Schatz.«

Mein Vater drehte sich herum. Dabei ließ er ihren Arm los, und sie sperrte die Haustür auf und ging uns beiden voraus nach oben.

Ihre Wohnung, in einem Altbau, der vor einigen Jahren von einem geschäftstüchtigen Unternehmer entkernt und völlig renoviert worden ist, entspricht in jeder Beziehung dem letzten Schrei: überall Teppichböden, in der Küche Kupfergeschirr, das von der Decke baumelt, in Küche und Bad modernste Geräte, die auch tatsächlich funktionieren, und an den Wänden Gemälde, bei denen man das Gefühl hat, sie werden gleich von der Leinwand rutschen und irgendwas Zweifelhaftes aufführen. Kurz, die Wohnung ist ganz Jill. Ich bin gespannt, wie mein Vater mit ihrem Geschmack zurechtkommen wird, wenn die beiden zusammenleben. Obwohl sie ja schon jetzt praktisch zusammenleben. So wie mein Vater ständig um Jill herumtanzt, kann man beinahe von Obsession sprechen.

Ich überlegte, ob ich ihn gerade jetzt, da seine Ängste wegen des Kindes, das er und Jill erwarten, täglich wachsen, überhaupt auf Sonia ansprechen sollte. Mein Körper sagte klar Nein: beginnendes Kopfweh und stechende Magenschmerzen, die eindeutig Nervosität waren.

»Ich lasse euch allein«, sagte Jill. »Ich habe sowieso noch zu arbeiten, und du bist ja sicher nicht meinetwegen gekommen, nicht wahr?«

Es war wahr, ich hätte daran denken sollen, Jill hin und wieder zu besuchen, zumal sie, so merkwürdig die Vorstellung auch war, bald meine Stiefmutter werden würde. Aber an der Art, wie sie fragte, merkte man, dass es ihr wirklich nur um die Information ging und nicht darum, eine Spitze anzubringen.

Ich sagte: »Ich wollte ein, zwei Dinge -«

»Natürlich«, unterbrach sie. »Ich bin im Arbeitszimmer.« Sie entfernte sich durch den Flur.

Mein Vater ging mit mir in die Küche. Er schob Jills beeindruckende Kaffeemaschine in die Mitte der Arbeitsplatte und kippte Espressobohnen hinein. Die Kaffeemaschine ist - ganz Jills Vorliebe für alles Zeitgemäße entsprechend - ein erstaunliches Gerät, das in weniger als einer Minute jede Art von Kaffee zubereitet, die das Herz begehrt: Kaffee, Cappuccino, Espresso, Latte macchiato. Die Maschine schäumt die Milch auf und kocht das Wasser und würde vermutlich auch noch abspülen, Wäsche waschen und Staub saugen, wenn man sie entsprechend programmierte. Mein Vater, der anfangs nur spöttische Geringschätzung für dieses Wunderwerk der Technik übrig gehabt hatte, bediente sie wie ein Profi.

Er holte zwei Espressotassen aus dem Schrank und nahm eine Zitrone aus der Obstschale. Während er nach dem richtigen Messer suchte, um ein Stück Schale abzuschneiden, begann ich zu sprechen.

»Dad«, sagte ich, »ich habe ein Foto von Sonia gesehen. Besser als das, das du mir gezeigt hast. Ein Zeitungsfoto, das damals zur Zeit des Prozesses veröffentlicht wurde.«

Er drehte einen Knopf an der Kaffeemaschine, ersetzte den Einzelhahn durch einen Doppelhahn, den er aus einer Schublade holte, und stellte die beiden Tassen darunter. Dann schaltete er das Gerät ein, das leise surrend zu arbeiten begann. Er wandte seine Aufmerksamkeit wieder der Zitrone zu und schnitt ein Ringelschwänzchen Schale ab, das dem Barkeeper des Savoy Ehre gemacht hätte. »Aha«, sagte er nur und setzte das Messer zum zweiten Mal an.

»Warum hat mit mir nie jemand darüber gesprochen?«, fragte ich.

»Worüber?«

»Das weißt du genau. Über den Prozess. Über Sonias Tod. Über die ganze Situation. Warum wurde nie darüber gesprochen?«

Er schüttelte den Kopf. Er hatte die zweite Schalenspirale abgeschnitten, und als der Espresso fertig war, gab er ein Stück Schale in jede Tasse und reichte mir meine.

»Wollen wir hinausgehen?«, fragte er und wies mit einer Kopfbewegung zum Balkon vor dem Wohnzimmer.

Viel Wohlbehagen versprach der Balkon an diesem grauen Tag nicht, aber er bot immerhin die Ungestörtheit, die ich suchte, und darum folgte ich meinem Vater nach draußen.

Wir waren, wie ich erwartet hatte, völlig allein dort draußen. Die anderen Balkone ringsherum waren leer. Jills Terrassenmöbel waren schon zugedeckt, aber mein Vater nahm die Plastikhülle von zwei Stühlen ab, und wir setzten uns. Er stellte die Tasse mit dem Espresso auf sein Knie und schloss den Reißverschluss seines Parkas.

»Ich habe die Zeitungen von damals nicht aufgehoben«, sagte er. »Ich habe sie mir gar nicht angesehen. Ich wollte nur vergessen. Mir ist klar, dass darüber heute sämtliche Seelenspezialisten entsetzt die Augenbrauen hochziehen würden, ihrer Meinung nach sollen wir uns ja ständig in der Erinnerung suhlen, aber zu meiner Zeit war das nicht Mode, Gideon. Ich habe es durchlebt - die Tage, Wochen und Monate -, und als es vorbei war, wollte ich nur eines: Vergessen, dass es je geschehen war.«

»Hat Mutter auch so empfunden?«

Er hob seine Tasse, aber er ließ mich nicht aus den Augen, während er trank. Dann sagte er: »Das weiß ich nicht. Wir konnten nicht darüber sprechen. Keiner von uns konnte darüber sprechen. Denn dann hätte man es ja alles noch einmal durchmachen müssen.«

»Aber ich muss jetzt darüber sprechen.«

»Ist das auch eine der Empfehlungen deiner teuren Dr. Rose? Sonia liebte die Geige, falls dich das interessiert. Genauer gesagt, sie liebte dich und dein Spiel. Sie sprach sehr wenig - Kinder mit dieser Krankheit lernen das Sprechen im Allgemeinen erst spät -, aber sie konnte deinen Namen sagen.«

Es war wie eine bewusste Verletzung, ein feiner, aber gezielter Stich mitten in mein Herz. »Vater -«

Er fiel mir ins Wort. »Vergiss es. Das war unfair.«

»Warum hat später nie jemand von ihr gesprochen? Nachdem sie - nach dem Prozess«, fragte ich, obwohl die Antwort auf der Hand lag: In unserer Familie wurde nie über Unerfreuliches gesprochen. Großvater tobte von Zeit zu Zeit wie ein Wahnsinniger, wurde bei helllichtem Tag oder bei Nacht und Nebel aus dem Haus geführt, gezerrt oder gekarrt und blieb mehrere Wochen lang weg, aber keiner von uns verlor je ein Wort darüber. Meine Mutter verschwand eines Tages und nahm nicht nur jedes einzelne Stück mit, das ihr gehörte, sondern auch alles, was daran hätte erinnern können, dass sie einmal Teil der Familie gewesen war, aber es fiel uns gar nicht ein, auch nur einmal Mutmaßungen darüber anzustellen, warum sie fortgegangen war und wohin. Und da wunderte ich mich, auf dem Balkon der Geliebten meines Vaters sitzend, darüber, dass niemals über Sonia gesprochen worden war! Dabei war es doch in unserer Familie schon immer so gewesen, dass man nie über etwas gesprochen hatte, das schmerzhaft, tragisch, grausam oder traurig war.

»Wir wollten vergessen, dass es geschehen war.«

»Ihr wolltet Mutter vergessen? Und Sonia?«

Er beobachtete mich, und ich sah, wie sich sein Gesicht verschloss und jenen Ausdruck bekam, der mir immer schon eine Landschaft gespiegelt hat, die nichts anderes war als Eis, kalter Wind und endloser trüber Himmel. »Das ist deiner unwürdig«, sagte er. »Ich denke, du weißt genau, wovon ich spreche.«

»Aber niemals auch nur ihren Namen auszusprechen! Nicht ein Mal in all den Jahren. Niemals die Worte >deine Schwester< zu sagen…«

»Meinst du, damit wäre irgendetwas gewonnen gewesen? Hätte es dir in irgendeiner Weise genützt, wenn Sonias Ermordung ein Thema unseres Alltags gewesen wäre?«

»Ich verstehe ganz einfach nicht -«

Er trank den letzten Rest seines Espressos und stellte die Tasse neben seinen Stuhl auf den Boden. Sein Gesicht war so grau wie sein Haar, das er zurückgebürstet trägt wie ich und das den gleichen Ansatz hat wie meines, zur Mitte der Stirn spitz zulaufend, mit tiefen Geheimratsecken an den Seiten.

»Deine Schwester ist in der Badewanne ertränkt worden«, sagte er, »von einer Deutschen, die wir bei uns aufgenommen hatten -«

»Ich weiß -«

»Nein! Gar nichts weißt du. Du weißt vielleicht, was die Zeitungen berichtet haben, aber du weißt nicht, wie es wirklich war. Du weißt nicht, dass Sonia ermordet wurde, weil es immer schwieriger wurde, sie zu versorgen, und weil die Deutsche -«

Katja Wolff. Warum will er ihren Namen nicht aussprechen?

»- schwanger war.«

Schwanger. Das Wort wirkte wie ein Fingerschnalzen direkt vor meiner Nase. Es riss mich zurück in die Welt meines Vaters, erinnerte mich wieder daran, was er durchgemacht hatte und was er jetzt in dieser Situation von neuem durchmachen musste. Ich dachte an die Fotografie, auf der Katja Wolff mit Sonia auf dem Arm im Garten des Hauses am Kensington Square saß und träumerisch in die Kamera lächelte. Ich dachte an das Bild, das sie zeigte, wie sie abgemagert und krank aussehend, mit harten Gesichtszügen, das Polizeirevier verließ. Schwanger.

»Auf dem Foto hat man ihr das aber nicht angesehen«, murmelte ich und blickte von meinem Vater weg zu einem der anderen Balkone, wo ein Altenglischer Schäferhund uns neugierig beäugte. Als er sah, dass ich ihn bemerkt hatte, stellte er sich auf die Hinterbeine, die Vorderpfoten auf das Balkongeländer gestützt, und begann zu bellen. Es war ein schreckliches Geräusch. Man hatte ihm die Stimmbänder entfernen lassen. Was blieb, war ein hoffnungsvolles, aber jämmerliches Jaulen, nichts als Luft und Muskeln und vor allem Grausamkeit.

»Auf was für einem Foto?«, fragte mein Vater, und dann begriff er wohl, dass ich von einem Foto sprach, das ich in der Zeitung gesehen hatte, denn er fügte hinzu: »Nein, natürlich sah man es ihr nicht an. Es ging ihr zu Beginn der Schwangerschaft sehr schlecht, sie hat kein Gramm zugenommen, sondern ist immer dünner geworden. Als uns auffiel, dass es ihr nicht gut ging und sie kaum noch aß, glaubten wir zunächst, es wäre Liebeskummer. Sie und der Untermieter -«

»Das muss James gewesen sein.«

»Richtig. James. Sie waren befreundet. Offensichtlich viel enger, als wir ahnten. Er lernte mit ihr Englisch, wenn sie freihatte. Dagegen hatten wir nichts einzuwenden. Bis sie schwanger wurde.«

»Und dann?«

»Wir haben ihr gekündigt. Wir führten schließlich kein Heim für ledige Mütter, und wir brauchten jemanden, der sich um Sonia kümmern konnte und nicht ausschließlich mit sich selbst beschäftigt war - dem eigenen Unwohlsein, den eigenen Schwierigkeiten, der Schwangerschaft. Wir haben sie nicht auf die Straße gesetzt, wir haben sie auch nicht fristlos entlassen. Aber wir sagten ihr natürlich, dass sie sich eine andere Stellung suchen müsse, und da geriet sie völlig außer sich, weil es die Trennung von James bedeutete.«

»Wie hat sich das denn geäußert?«

»Tränen, Wut, Hysterie. Sie war restlos überfordert, von der Schwangerschaft und dem andauernden Unwohlsein, von der Notwendigkeit, sich eine neue Bleibe suchen zu müssen, und natürlich von den Ansprüchen, die deine Schwester an sie stellte. Sonia war damals gerade aus dem Krankenhaus wieder nach Hause gekommen und brauchte ständige Betreuung. Die Deutsche drehte durch.«

»Ich erinnere mich.«

»Woran?« Ich hörte das Widerstreben hinter der Frage, Ausdruck des Konflikts zwischen dem Wunsch meines Vaters, diese quälenden Erinnerungen wieder zu verdrängen, und seinem Bestreben, den Sohn, den er liebte, aus dessen innerer Gefangenschaft zu befreien.

»An Krisen. Wie Sonia zum Arzt gebracht wurde oder ins Krankenhaus oder - ich weiß nicht, wohin noch.«

Er ließ sich in seinen Gartenstuhl zurücksinken und blickte wie ich zu dem Hund hinüber, der so eifrig um unsere Aufmerksamkeit buhlte. »Kein Platz für Geschöpfe mit eigenen Bedürfnissen«, sagte er, und ich konnte nicht sagen, ob er von dem Tier sprach oder von sich selbst, von mir oder meiner Schwester. »Zuerst war es das Herz. Einen atriospektalen Defekt, nannten sie es. Wir merkten sehr schnell - gleich nach der Geburt - an ihrer Hautfarbe und ihrem Puls, dass etwas nicht in Ordnung war. Sie wurde sofort operiert, und wir dachten, gut, damit ist das Problem erledigt. Aber dann kam schon das nächste, ihr Magen - duodenale Stenose. Kommt bei Kindern mit Downsyndrom häufig vor, erklärte man uns. Als wäre die Tatsache, dass sie am Downsyndrom litt so harmlos wie meinetwegen ein Schielauge. Es folgte also die nächste Operation. Danach stellte man fest, dass sie keine Afteröffnung hatte. Man sagte zu uns, diese Kleine scheint ja so ziemlich alles zu haben, was das Downsyndrom so mit sich bringt. Ein Extremfall. Da werden wir sie wohl noch einmal aufmachen müssen. Und noch einmal. Und noch einmal. Sie bekam ein Hörgerät. Und Medikamente en masse. Wir können nur hoffen, hieß es, dass es nicht zu schlimm für sie ist, so oft operiert werden zu müssen, bis wir sie endlich richtig hinkriegen.«

»Dad -« Ich wollte ihm den Rest ersparen. Er hatte genug gesagt. Er hatte genug durchgemacht. Er hatte nicht nur ihr Leiden, sondern auch ihren Tod miterleben müssen, und vor diesem Tod seinen eigenen Schmerz und den meiner Mutter und zweifellos auch den seiner Eltern getragen .

Ehe ich ihm sagen konnte, was mir auf der Zunge lag, hörte ich auf einmal wieder meinen Großvater. Mir verschlug es den Atem wie nach einem harten Schlag in den Magen, trotzdem musste ich die Frage stellen. »Dad«, sagte ich, »wie ist Großvater mit der Situation fertig geworden?«

»Fertig geworden? Er ist gar nicht erst zum Prozess gegangen. Er-«

»Ich meine nicht den Prozess. Ich spreche von Sonia. Von ihrer - ihrer Krankheit.«

Ich kann ihn hören, Dr. Rose. Ich kann ihn wirklich hören. Er brüllt. Er brüllt, wie er immer brüllt - wie der alte Lear, nur dass der Sturm, gegen den er anbrüllt, nicht draußen auf dem Moor tobt, sondern in seinem eigenen Inneren. Krüppel, schreit er. Du bist nicht fähig, etwas anderes als Krüppel zu produzieren. Speichel sammelt sich in seinen Mundwinkeln. Meine Großmutter packt ihn beim Arm und spricht leise seinen Namen, aber er nimmt nichts wahr als Sturm und Donnerwetter in seinem eigenen Kopf.

Mein Vater sagte: »Dein Großvater war ein gequälter Mensch, Gideon, aber ein großer und guter Mensch. So grimmig wie die Dämonen, die ihn geplagt haben, war sein Kampf gegen sie.«

»Hat er sie geliebt?«, fragte ich. »Hat er sie auf den Arm genommen? Mit ihr gespielt? Sie als sein Enkelkind betrachtet?«

»Sonia war in der Zeit, die sie bei uns war, sehr oft krank. Sie war zart. Ein Notfall löste den anderen ab.«

»Er wollte also nichts von ihr wissen«, stellte ich fest.

Mein Vater antwortete nicht. Er stand auf und trat ans Geländer des Balkons. Der Altenglische Schäferhund jaulte keuchend, beinahe lautlos, und sprang mit dem Eifer der Verzweiflung am Balkongitter hoch.

»Warum tut man Tieren so etwas an?«, sagte mein Vater. »Es ist doch völlig unnatürlich. Wenn jemand unbedingt ein Haustier haben will, dann sollte er angemessen dafür sorgen. Wenn das nicht möglich ist, sollte er es weggeben, verdammt noch mal.«

»Du sagst es mir nicht, stimmt's?«, insistierte ich. »Wie Großvater zu Sonia stand. Du sagst es mir nicht.«

»Dein Großvater war eben dein Großvater«, antwortete mein Vater, und damit war der Fall für ihn erledigt.

8

Wenn ich das Glück gehabt hätte, Rock Peters irgendwo in Mexiko zu begegnen und dort zu heiraten, dachte Liberty- Libby-Neale, dann wäre ich jetzt nicht in dieser beschissenen Situation. Ich hätte mich von dem Fiesling scheiden lassen können, und das war's dann gewesen. Aber sie war ihm leider nicht in Mexiko begegnet. Sie war gar nicht in Mexiko gewesen. Sie war nach England gekommen, weil sie in der High School eine solche Niete in Fremdsprachen gewesen war, dass England so ziemlich das einzige Ausland war, wo die Leute eine Sprache sprachen, die sie verstand. Kanada zählte kaum.

Frankreich wäre ihr lieber gewesen - sie hatte eine Schwäche für Croissants, obwohl man darüber besser kein Wort verlor -, aber gleich in den ersten Tagen hatte London ihr ein wesentlich breiteres Spektrum an kulinarischen Abenteuern geboten, als sie erwartet hatte, und daraufhin hatte es ihr hier recht gut gefallen, außer Reichweite der Eltern und - das war das Entscheidende! - tausende von Meilen entfernt von ihrer älteren Schwester, diesem Ausbund an Vollkommenheit. Equality Neale war groß, schlank, intelligent und eloquent. Alles, was sie sich vornahm, schaffte sie mit Leichtigkeit und war obendrein noch an der Los Altos High School zur beliebtesten Schulabgängerin des Jahres gewählt worden. Da konnte man doch nur noch kotzen! Nichts wie weg, hatte sie sich darum gesagt, und war schleunigst nach London abgehauen.

Aber in London hatte sie Rock Peters kennen gelernt. In London hatte sie diesen Widerling geheiratet. Und in London - wo sie sich bis jetzt trotz ihrer Heirat weder Arbeitserlaubnis noch unbefristete Aufenthaltserlaubnis hatte sichern können - war sie Rock ausgeliefert, während sie in Mexiko ganz leicht mit einem kurzen »Du kannst mich mal, Jack« hätte abhauen können. Das Geld dafür hätte sie zwar auch dort nicht gehabt, aber das wäre kein Hindernis gewesen. Der Daumen sprach eine Sprache, die jeder verstand, und sie hätte keine Angst davor gehabt, sich an die Straße zu stellen. Aber in England ging das natürlich nicht; man konnte nicht gut über den Atlantik trampen.

Rock hatte sie in der Hand. Sie wollte in England bleiben. Keinesfalls wollte sie das Handtuch werfen und Mama und Papa, die mit jedem Brief Loblieder auf Alis Tüchtigkeit sangen, bitten, sie nach Hause zu holen. Aber um in England bleiben zu können, brauchte sie Geld. Und um zu Geld zu kommen, brauchte sie Rock. Natürlich hätte sie sich eine andere Schwarzarbeit suchen können, aber da wäre die Gefahr, erwischt zu werden, groß gewesen, und damit auch die Gefahr, abgeschoben zu werden, heim nach Los Altos Hills, zu Mama und Papa und den ewig gleichen guten Ratschlägen: »Arbeite doch eine Weile bei Ali, Lib. In der Publicrelationsbranche könntest du…« Bla-bla-bla. Nie im Leben, schwor sich Libby, würde sie sich freiwillig in die Nähe ihrer Schwester begeben.

Aber damit hatte Rock natürlich Macht über sie. Wenn er pfiff, musste sie springen. Nur deshalb ging sie seit einiger Zeit wieder zwei-, dreimal die Woche mit dem Arschloch ins Bett, wenn er es verlangte. Ihre Versuche, ihn abzuwimmeln, indem sie eine eilige Lieferung vorschob und fragte, ob ihm zuverlässige Arbeit gar nicht wichtig sei, halfen nichts. Wenn Rock bumsen wollte, dann wollte er bumsen, und basta.

So war es auch an diesem Tag gelaufen, und zwar in der Bruchbude über dem Lebensmittelgeschäft in Bermondsey, wo es ihr, wenn sie sich auf den Verkehrslärm der Straße konzentrierte, meist gelang, Rocks schweinemäßiges Grunzen an ihrem Ohr auszublenden. Wie immer war sie hinterher so stinksauer gewesen, dass sie ihm am liebsten den Schwanz kupiert hätte. Aber da das leider Wunschtraum bleiben musste, war sie einfach abgehauen und zu ihrem Stepptanzkurs gegangen.

Dort tanzte sie mit solcher Wut und Verbissenheit, dass ihr der Schweiß bald in Strömen am Körper herablief. »Libby, was tun Sie denn da drüben?«, rief die Lehrerin immer wieder zu den Klängen von On the Sunny Side of the Street, aber Libby schenkte ihr keine Beachtung. Es war ihr völlig egal, ob sie im Takt tanzte oder nicht, in der Reihe oder nicht, die richtigen Schritte machte oder nicht. Hauptsache, das, was sie tat, geschah in so hohem Tempo und erforderte so viel Energie, dass ihr vor Anstrengung alle Gedanken an Rock Peters vergingen. Sonst würde sie sich nämlich auf den nächsten Kühlschrank stürzen und ungefähr sechs Milliarden Kalorien in sich reinstopfen vor lauter Frust über Rock.

»Du musst das so sehen, Lib«, pflegte er zu sagen, wenn es vorbei war und sie, wieder einmal geschlagen, unter ihm lag. »Eine Hand wäscht die andere.« Und dann setzte er dieses blöde Grinsen auf, das sie anfangs so cool gefunden hatte, das aber in Wirklichkeit, wie sie mittlerweile gelernt hatte, nichts weiter als ein Ausdruck der Verachtung war. »Dein Fiedler bringt's offensichtlich nicht. Ich bin ja nicht blöd, ich merk doch, wenn 'ne Frau richtig gebumst worden ist, und du schaust aus wie eine, die seit mindestens einem Jahr keinen guten Fick mehr gehabt hat.«

»Stimmt genau, du Blödmann«, gab sie dann wütend zurück.

»Vielleicht denkst du darüber mal nach. Und er ist kein Fiedler. Er spielt Geige.«

»Oh-oh, bitte tausendmal um Entschuldigung«, sagte er, und es interessierte ihn überhaupt nicht, dass sie ihm soeben jegliche Fähigkeit im Bett abgesprochen hatte. Ihm war im Bett nur eines wichtig - zum Schuss zu kommen. Was bei seiner Partnerin ablief, blieb deren Eigeninitiative oder dem Zufall überlassen.

Wieder optimistischer gestimmt, verließ Libby in der Ledermontur, die sie auf ihren Kurierfahrten zu tragen pflegte, das Tanzstudio. Den Rucksack mit den Leggings und den Steppschuhen über der Schulter und den Helm unter dem Arm, ging sie zu ihrer Suzuki. Statt die elektrische Zündung zu benutzen, ließ sie die Maschine mit dem Kickstarter an und stellte sich dabei vor, unter ihrem Fuß wäre Rocks grinsende Visage.

Die Straßen waren verstopft wie immer, aber sie kannte sich inzwischen gut genug aus, um zu wissen, welche Seitenstraßen sie nehmen musste, und sie war frech genug, um sich zwischen Pkws und Lieferwagen nach vorn durchzuschlängeln, wenn der Verkehr ganz zum Erliegen kam. Meistens hatte sie ihren Walkman dabei, den Rekorder in einer Innentasche ihrer Lederjacke, die Ohrstöpsel unter dem Helm, und fast immer hörte sie Teenyrockmusik. Sie liebte sie laut und sang voll Begeisterung mit, weil die Kombination aus Musik, die auf ihr Trommelfell donnerte, und ihrem eigenen grölenden Gesang so ziemlich alles aus ihrem Kopf fegte, worüber sie nicht nachdenken wollte.

Aber heute schaltete sie den Walkman nicht ein. Heute wollte sie nachdenken.

Rock hatte richtig vermutet: Sie hatte Gideon Davies immer noch nicht ins Bett gekriegt - jedenfalls nicht richtig -, und sie verstand nicht, weshalb das so war. Er schien gern mit ihr zusammen zu sein, und er war bis auf das, was im Bett nicht passierte, völlig normal. Trotzdem waren sie in der ganzen Zeit, seit sie in der Wohnung unter ihm wohnte und mit ihm befreundet war, nicht über den Punkt hinausgekommen, den sie an jenem ersten Abend, als sie beim Musikhören beide auf ihrem Bett eingeschlafen waren, erreicht hatten.

Zuerst hatte sie geglaubt, der Typ wäre vielleicht schwul, und ihre Antennen wären nach so langer Zeit mit Rock total unbrauchbar. Aber er verhielt sich nicht wie ein Schwuler, er hing nicht in der Londoner Schwulenszene herum, er bekam nie Besuch von jüngeren oder älteren oder offensichtlich perversen Typen. Die Einzigen, die ihn besuchten, waren sein Vater - der sie hasste wie die Pest und wie den letzten Dreck behandelte - und Rafe Robson, diese Klette.

All diese Beobachtungen hatten Libby zu dem Schluss geführt, dass Gideon nichts fehlte, was nicht durch eine gesunde Beziehung gerichtet werden konnte - vorausgesetzt, sie schaffte es, ihn seinen Betreuern eine Weile zu entführen.

Sie ließ das South Bank, wo ihr Stepptanzkurs stattfand, hinter sich und kämpfte sich durch das Verkehrsgetümmel in der City bis zur Pentonville Road hinauf. Dort beschloss sie, den Schleichweg durch die kleinen Seitenstraßen von Camden Town zu nehmen, anstatt sich dem Gedränge in den Straßen rund um den King's-Cross-Bahnhof auszusetzen. Das war zwar nicht der direkte Weg zum Chalcot Square, aber Libby störte das nicht. Im Gegenteil, sie hatte überhaupt nichts dagegen, über zusätzliche Zeit zu verfügen, um eine Strategie entwickeln zu können, die hoffentlich bei Gideon zu einem Durchbruch führen würde. Sie war überzeugt, dass Gideon Davies mehr war als ein Mann, der, seit er aus den Windeln heraus war, Geige spielte. Natürlich war es super, dass er als Musiker eine echte Berühmtheit war, aber er war doch auch ein Mensch. Und dieser Mensch war mehr als die Musik, die er machte. Dieser Mensch existierte, ob er Geige spielte oder nicht.

Als Libby endlich am Chalcot Square ankam, sah sie als Erstes, dass Gideon nicht allein war. Raphael Robsons uralter Renault stand drüben auf der Südseite des Platzes, ein Rad auf dem Gehweg, als wäre er in großer Eile abgestellt worden. Gideons Musikzimmer war erleuchtet, und durch das Fenster konnte Libby die unverkennbare Silhouette Robsons erkennen. Er rannte - wie immer mit dem Taschentuch in der Hand, um sich das schweißtriefende Gesicht zu wischen -, ununterbrochen hin und her und redete dabei wie ein Wasserfall. Oder predigte wahrscheinlich. Libby konnte sich denken, worüber.

»Scheiße«, murmelte sie und fuhr mit Vollgas zum Haus. Um Dampf abzulassen, ließ sie die Maschine ein paar Mal aufheulen, ehe sie sie abschaltete. Robson zeigte sich normalerweise nicht um diese Tageszeit am Chalcot Square; dass er ausgerechnet jetzt hier war - und zweifellos Gideon einen Vortrag darüber hielt, was er zu tun habe, nämlich das, was der gute Rafe wollte -, konnte einen echt abtörnen, noch dazu, wenn man vorher gerade Rock, das Ekel, genossen hatte.

Ungestüm stieß sie das schmiedeeiserne Tor auf, ohne zu verhindern, dass es krachend gegen die unterste Stufe der Vortreppe schlug. Sie stürmte nach unten in ihre Wohnung, wo sie schnurgerade auf den Kühlschrank zuhielt.

Sie hatte sich bisher tapfer an die Kein-Weiß-Diät gehalten, aber jetzt lechzte sie trotz Stepptanz nach irgendeinem bleichen Dickmacher-Vanilleeis, Popcorn, Reis, Käse. Sie befürchtete auszuflippen, wenn sie nicht sofort irgendwas bekäme.

Doch in weiser Voraussicht hatte sie ihren Kühlschrank schon vor Monaten für einen ebensolchen Moment ausgerüstet. Ehe sie seine Tür öffnen konnte, musste sie, ob sie wollte oder nicht, einem Foto von sich selbst ins Auge blicken, das sie im Alter von sechzehn Jahren zeigte - einen Fettmops im einteiligen Badeanzug - und daneben ihre gertenschlanke Schwester im Bikini und natürlich knackebraun. Libby hatte Alis Gesicht mit einem Aufkleber - eine Spinne mit Cowboyhut - verdeckt. Aber jetzt schälte sie den Aufkleber ab und musterte ihre Schwester lange und ausgiebig. Dann las sie als zusätzlichen Anreiz den Spruch, den sie sich selbst auf die Kühlschranktür geschrieben hatte: Pack's dir doch gleich auf die Hüften!

Mit einem tiefen Seufzer trat sie zurück, und da hörte sie plötzlich von oben die Geige. Einen Moment hielt sie inne. »O Mann! Er spielt!«, rief sie voll freudiger Erregung. Vielleicht war Gideon seine Probleme jetzt endlich los!

Mann, war das cool! Er würde bestimmt ausflippen vor Freude. Das musste Gideon sein, der da oben spielte. So gemein konnte Robson nicht sein, Gid damit zu quälen, dass er vor ihm Geige spielte.

Aber während sie noch über Gideon Davies' Rückkehr zur Musik frohlockte, setzte oben wuchtig das Orchester ein. Eine CD, dachte sie niedergeschlagen. Das war Rafes Methode, Gideon aufzumuntern: Hörst du, wie du mal gespielt hast, Gideon? Du hast es damals gekonnt. Du kannst es auch jetzt.

Warum, zum Teufel, ließen sie ihn nicht einfach in Ruhe?, fragte sich Libby. Bildeten sie sich ein, er würde wieder zu spielen anfangen, wenn sie ihn nur richtig nervten? Ihr jedenfalls gingen sie mittlerweile ganz gewaltig auf die Nerven. »Verdammt noch mal«, knurrte sie zur Zimmerdecke hinauf, »er besteht doch nicht nur aus Musik.«

Sie ging aus der Küche zu ihrem eigenen kleinen CD- Player und wählte eine Platte, die Raphael Robson garantiert die Wände hochjagen würde. Teenyrock in Potenz, volle Dröhnung. Sie öffnete auch noch die Fenster, und prompt wurde von oben geklopft. Sie drehte die Musik auf höchste Lautstärke. Zeit für ein gemütliches Bad. Es gab nichts Besseres als donnernden Teenyrock, wenn man Lust hatte, sich im warmen Schaumbad zu aalen und lauthals zu singen.

Dreißig Minuten später schaltete sie, frisch gebadet und gekleidet, den CD-Player aus und lauschte nach oben. Stille. Sie hatte erreicht, was sie wollte.

Sie ging aus der Wohnung und ein paar Stufen die Treppe hinauf, um zur Straße zu sehen und feststellen zu können, ob Rafes Wagen noch da war. Der Renault war weg. Vielleicht war Gideon jetzt für den Besuch einer Freundin empfänglich, der Gideon, der Mensch, wichtiger war als Gideon, der Musiker. Sie stieg die Vortreppe hinauf zu seiner Wohnung und klopfte kräftig an die Tür.

Als sich nichts rührte, blickte sie noch einmal zum Platz hinaus und suchte Gideons Mitsubishi. Er stand nicht weit entfernt am Bordstein geparkt. Stirnrunzelnd klopfte sie ein zweites Mal und rief: »Gideon? Bist du da? Ich bin's, Libby.«

Das brachte ihn endlich auf die Beine. Der Innenriegel wurde zurückgeschoben, die Tür ging auf.

»Entschuldige«, sagte Libby, »wegen der Musik, meine ich. Ich hab irgendwie nicht aufgepasst -« Sie brach ab. Er sah schlecht aus; schlechter noch als in den letzten Wochen. Richtig elend. Libby war sofort überzeugt davon, dass Robson ihn fertig gemacht hatte, indem er ihn gezwungen hatte, sich seine eigenen Plattenaufnahmen anzuhören.

»Und wo ist der gute alte Rafe?«, erkundigte sie sich. »Schon bei Daddy, um Bericht zu erstatten?«

Gideon trat nur wortlos von der Tür zurück und ließ sie herein. Er ging nach oben, und sie folgte ihm ins Schlafzimmer, wo er sich offensichtlich aufgehalten hatte, als sie geklopft hatte. Die Abdrücke seines Kopfs und seines Körpers auf dem Bett waren noch frisch.

Auf dem Nachttisch brannte gedämpftes Licht. Die Schatten, die sein trüber Schein nicht aufzulösen vermochte, legten sich auf Gideons Gesicht und ließen es schwarz und ausgehöhlt erscheinen. Seit dem Debakel in der Wigmore Hall schien er umhüllt von einer Aura von Angst und Mutlosigkeit, aber jetzt hatte sich noch etwas anderes dazu gesellt. Libby sah es, nur, was war es? Qual, dachte sie und sagte: »Was ist passiert, Gideon?«

Er antwortete schlicht: »Meine Mutter ist ermordet worden.«

Sie riss die Augen auf. »Deine Mutter? Im Ernst? Das kann doch nicht sein! Wann denn? Wie ist es passiert? Das ist ja furchtbar. Setz dich doch hin.« Sie drängte ihn zu seinem Bett, und er setzte sich gehorsam, die Arme auf die Knie gestützt. »Was ist passiert?«, fragte sie ein zweites Mal.

Gideon berichtete das wenige, das es zu berichten gab, und schloss mit den Worten: »Mein Vater musste den Leichnam identifizieren. Später war jemand von der Polizei bei ihm. Ein Kriminalbeamter, sagte er. Er hat vorhin angerufen.« Gideon umschlang seinen Oberkörper mit beiden Armen und schaukelte vor und zurück wie ein Kind. »Das war's dann«, sagte er.

»Wie meinst du das?«, fragte Libby.

»Jetzt gibt es keine Hoffnung mehr.«

»Sag so was nicht, Gideon.«

»Ebenso gut könnte ich auch tot sein.«

»Mensch, Gideon! Hör auf!«

»Aber es ist wahr.« Er fröstelte und sah sich wie suchend im Zimmer um, während er fortfuhr zu schaukeln.

Libby versuchte zu erfassen, was der Tod seiner Mutter bedeutete: für seine Vergangenheit, seine Gegenwart und seine Zukunft. »Gideon«, sagte sie, »du schaffst es schon. Du wirst über das alles hinwegkommen«, und sie bemühte sich so zu sprechen, als wäre sie überzeugt von ihren Worten, als wäre es für sie ebenso wichtig wie für ihn, ob er Geige spielte oder nicht.

Sie bemerkte, dass aus seinem Frösteln ein heftiger Schüttelfrost geworden war. Am Fußende seines Betts lag eine Wolldecke, die sie nahm und ihm um die mageren Schultern legte.

»Möchtest du darüber reden?«, fragte sie. »Über deine Mutter? Über - naja, ich weiß nicht - über das, was dich bewegt.« Sie setzte sich neben ihn und nahm ihn in den Arm. Mit der anderen Hand hielt sie die Decke an seinem Hals zusammen, bis er den Arm hob und die Zipfel selbst ergriff.

»Sie war auf dem Weg zu James, dem Untermieter«, sagte er.

»Zu wem?«

»James Pitchford. Er wohnte bei uns, als meine Schwester - als sie starb. Es ist merkwürdig, ich habe in letzter Zeit öfter an ihn denken müssen, obwohl ich vorher jahrelang nicht einen Gedanken an ihn verschwendet hatte.«

Er verzog das Gesicht, und sie bemerkte, dass er eine Hand auf seinen Magen drückte, als hätte er Schmerzen.

»Jemand hat sie in der Straße, in der James Pitchford wohnt, überfahren«, sagte er. »Nicht einmal, sondern mehrmals, Libby. Mein Vater meint, weil sie auf dem Weg zu James war, wird die Polizei jetzt alle sprechen wollen, die damals irgendwie betroffen waren.«

»Wieso?«

»Ich vermute, die Fragen, die sie ihm stellten, haben ihn darauf gebracht.«

»Ich meinte, wieso er glaubt, dass die Bullen jetzt alle sprechen wollen. Ich meine, warum sollen sie das wollen? Gibt es denn einen Zusammenhang zwischen damals, was vor zwanzig Jahren passiert ist, und jetzt? Klar, irgendeine Verbindung muss es geben, wenn deine Mutter diesen James Pitchford besuchen wollte. Aber wenn jemand von damals sie getötet hat, warum hat er dann bis heute gewartet?«

Gideon krümmte sich mit schmerzverzerrtem Gesicht. »O Gott, mein Magen brennt wie glühende Kohlen.«

»Dann leg dich hin.« Libby drückte ihn aufs Bett hinunter. Auf die Seite gedreht, rollte er sich zusammen und zog die Knie bis zur Brust hoch. Libby zog ihm die Schuhe aus. Er hatte keine Socken an, und seine Füße waren milchweiß. Er rieb sie krampfhaft aneinander, als könnte ihn das vom Schmerz ablenken.

Libby legte sich neben ihn unter die Decke und umhüllte seinen Körper mit dem ihren. Sie schob ihre Hand unter seinem Arm hindurch und legte sie flach auf seinen Magen. Sie spürte den Druck seiner Wirbelsäule, die sich in die Krümmung ihres Körpers schmiegte, spürte jeden einzelnen Wirbel wie eine Murmel. Er war so stark abgemagert, dass sie das Gefühl hatte, seine Knochen müssten jeden Moment die papierdünne Haut durchbohren.

»Du kannst wahrscheinlich an gar nichts anderes denken, hm?«, sagte sie. »Aber vergiss es einfach. Nicht für immer, aber für eine Weile. Bleib hier mit mir liegen und vergiss es.«

»Das darf ich nicht«, entgegnete er mit einem bitteren Lachen.

»Ich habe die Aufgabe, mich an alles zu erinnern.« Seine Füße rieben sich aneinander. Er krümmte sich noch mehr zusammen, und Libby drückte ihn fester an sich. Schließlich sagte er: »Sie ist auf freiem Fuß, Libby. Mein Vater wusste es, aber er hat es mir nicht gesagt. Darum ist die Polizei an der alten Geschichte interessiert. Sie ist aus dem Gefängnis entlassen worden.«

»Wer? Du meinst -?«

»Katja Wolff.«

»Glauben sie denn, sie könnte deine Mutter überfahren haben?«

»Keine Ahnung.«

»Weshalb sollte sie? Weit einleuchtender wäre doch, dass deine Mutter den Wunsch hatte, sie totzufahren.«

»Normalerweise, ja«, sagte Gideon, »aber in meinem Leben ist nichts normal, folglich gibt es keinen Grund, weshalb der Tod meiner Mutter normal sein sollte.«

»Deine Mutter hat damals sicher gegen sie ausgesagt«, meinte Libby. »Vielleicht hat sie die ganze Zeit im Knast nur darüber nachgedacht, wie sie es allen heimzahlt, die sie da reingerissen haben. Aber wenn das stimmt, wie hat sie deine Mutter überhaupt gefunden, Gideon? Ich meine, nicht mal du hast gewusst, wo sie ist. Wie soll da diese Wolff sie ausfindig gemacht haben? Und selbst wenn sie das geschafft und sie umgebracht hat, warum dann ausgerechnet in der Straße, wo dieser Typ wohnt?« Libby dachte über ihre Fragen nach und gab die Antwort selbst. »Um Pitchford zu warnen?«

»Oder jemand anderen.«

Barbara Havers hörte am Telefon, was Lynley von Richard Davies erfahren hatte, auch den Namen, den sie brauchte, um ins Kloster der Unbefleckten Empfängnis reingelassen zu werden. Dort, sagte er, solle sie versuchen, jemanden ausfindig zu machen, der ihr etwas über den Verbleib einer Schwester Cecilia Mahoney sagen könne.

Das Kloster stand auf einem Grundstück, das wahrscheinlich ein königliches Vermögen wert war, umgeben von Gebäuden aus der letzten Dekade des 17. Jahrhunderts, die alle unter Denkmalschutz standen. Hier hatten zu der Zeit, als William und Mary ihr bescheidenes kleines Nest in den Kensington Gardens gebaut hatten, die Händler und Unternehmer ihre Landhäuser errichtet. Jetzt war der Platz im Besitz einiger Firmen, die sich in den historischen Gebäuden breit gemacht hatten, und der Insassen eines zweiten Klosters - woher, zum Teufel, hatten die Nonnen die Kohle, um sich hier häuslich niederzulassen, fragte sich Barbara - und der Bewohner einer Anzahl von Häusern, die vermutlich seit mehr als dreihundert Jahren im Besitz der dort ansässigen Familien waren. Im Gegensatz zu einigen anderen alten Plätzen in der Stadt, die durch Bomben oder die Geldgier aufeinander folgender konservativer Regierungen mit nichts als Bigbusiness, Riesengewinnen und Privatisierungsplänen verwüstet worden waren, zeigte sich der Kensington Square größtenteils unverändert: ein Geviert aus schönen alten Gebäuden mit Blick auf einen kleinen Park in der Mitte, wo unter jedem Baum rostbraunes Herbstlaub auf grünem Rasen leuchtete.

Ein Parkplatz war nicht zu finden. Barbara stellte ihren Mini auf dem Bürgersteig auf der Nordseite des Platzes ab, wo ein strategisch platzierter Poller verhinderte, dass die Autofahrer die Route über den Platz als Schleichweg benutzten und die Ruhe des Viertels störten. Zur Sicherheit legte sie ihren Polizeiausweis auf das Armaturenbrett des Wagens, bevor sie ausstieg.

Wenig später hatte sie Schwester Cecilia Mahoney gefunden, die immer noch im Kloster der Unbefleckten Empfängnis lebte und, als Barbara vorsprach, gerade in der Kapelle arbeitete. Wie eine Nonne, fand Barbara, sah sie nicht aus. Dem Klischee zufolge waren Nonnen alte Frauen, die man an ihrer schweren schwarzen Tracht, klirrenden Rosenkränzen und mittelalterlichen Flügelhauben erkannte.

Cecilia Mahoney entsprach nicht dem Klischee. Ja, als Barbara die Frau im Schottenrock mit der Marmorpolitur in der Hand auf der kleinen Trittleiter erblickte, hielt sie sie zuerst für eine Putzfrau, zumal sie gerade damit beschäftigt war, einen Altar zu reinigen, dessen Hauptattraktion eine Jesusfigur mit goldenem, anatomisch nicht ganz korrekt sitzendem Herzen war. Ob sie einen Moment stören dürfe, fragte Barbara, sie suche Schwester Cecilia Mahoney; woraufhin die Frau sich lächelnd umdrehte und sagte:

»Dann suchen Sie mich«, und das in so ausgeprägtem irischem Dialekt, als wäre sie eben erst aus Killarney angekommen.

Barbara stellte sich vor, und Schwester Cecilia kletterte vorsichtig von der kleinen Leiter herab.

»So, so, Sie sind also von der Polizei. Das sieht man Ihnen gar nicht an. Gibt es denn irgendwelche Schwierigkeiten, Constable?«

Die Beleuchtung in der Kapelle war düster, aber von der Leiter herabgestiegen, stellte sich Schwester Cecilia in den Schein einer Votivkerze, die auf dem Altar brannte. Das milde Licht glättete die Falten in dem Gesicht der vielleicht Fünfzigjährigen und setzte Glanzlichter auf das rabenschwarze Haar, das zwar kurz geschnitten, aber trotzdem nicht einmal von einigen Spangen zu bändigen war. Ihre veilchenblauen Augen mit den dunklen Wimpern waren freundlich auf Barbara gerichtet.

»Können wir uns irgendwo ungestört unterhalten?«, fragte Barbara.

»So traurig es ist - hier werden wir ganz sicher nicht gestört werden, Constable«, antwortete Schwester Cecilia. »Früher war das anders. Aber heutzutage… sogar die Schülerinnen, die bei uns im Wohnheim leben, kommen nur in die Kapelle, wenn sie vor einer Prüfung stehen und Gottes Hilfe erhoffen. Kommen Sie, gehen wir hier hinauf, dann können Sie mir sagen, was Sie von mir wissen wollen.« Wieder lächelte sie, mit ebenmäßigen weißen Zähnen, und fügte dann wie zur Erklärung ihres Lächelns hinzu:

»Oder wollen Sie zu uns ins Kloster kommen, Constable?«

»Was die Kleidung betrifft, war's wahrscheinlich eine Verbesserung«, meinte Barbara.

Schwester Cecilia lachte. »Kommen Sie, beim Hauptaltar ist es etwas wärmer. Da habe ich immer einen Heizlüfter stehen für unseren Monsignore, wenn er morgens die Messe liest. Er leidet ziemlich heftig unter Arthritis, der arme Mann.«

Sie nahm ihre Putzutensilien und führte Barbara unter einer tiefblauen Decke durch den Mittelgang nach vorn. Es war, wie Barbara sah, eine Kapelle der Frauen: Alle Kunstwerke außer der Jesusstatue und einem Glasfenster, das den heiligen Michael zeigte, stellten Frauen dar: die heilige Theresa von Lisieux, die heilige Klara, die heilige Katharina und die heilige Margarete. Und auch die Schmucksäulen, die die Fenster flankierten, waren von steinernen Frauenfiguren gekrönt.

»So, da sind wir schon.« Schwester Cecilia trat neben den Altar und schaltete einen großen Radiator ein. Während er warm wurde, sagte sie, dass sie ihre Arbeit gern hier fortsetzen würde, wenn Constable Havers nichts dagegen habe. Auch der Hauptaltar müsse in Ordnung gehalten werden; die Kerzenleuchter und der Marmor poliert, das Retabel abgestaubt, die Altardecke ausgetauscht werden. »Aber Sie sollten sich an das Öfchen setzen, Kind, die Kälte dringt hier durch alle Ritzen.«

Als die Nonne wieder zum Poliertuch griff, sagte Barbara, dass sie mit einer Nachricht gekommen sei, die Schwester Cecilia wahrscheinlich traurig machen werde. Man habe ihren Namen in mehreren Lebensbeschreibungen katholischer Heiliger gefunden .

»Nun, das ist doch angesichts meiner Berufung hoffentlich keine Überraschung«, meinte Schwester Cecilia, während sie die Kerzenleuchter aus Messing vom Altartisch nahm und vorsichtig neben Barbara auf den Boden stellte. Sie faltete die Altartücher, hängte sie über die reich verzierte Chorschranke und holte Putzlappen und Politur aus ihrem Eimer.

Barbara berichtete ihr, dass man die erwähnten Bücher im Besitz einer Frau gefunden hatte, die am vergangenen Abend ums Leben gekommen war. Und in einem der Bücher hatte sich ein Brief befunden, der von Schwester Cecilia geschrieben war.

»Die Frau hieß Eugenie Davies«, erklärte Barbara.

Schwester Cecilia hielt in ihrer Arbeit inne. »Eugenie?«, sagte sie. »Oh, das tut mir Leid. Ich habe allerdings seit Jahren nichts mehr von ihr gehört, der armen Seele. Ist sie plötzlich gestorben?«