/ Language: Deutsch / Genre:det_police / Series: Inspector Lynley (de)

Wer dem Tod geweiht

Elizabeth George

Thomas Lynley ermittelt wieder! Nach Wochen der Einsamkeit fernab von London kehrt Thomas Lynley in die City zurück. Als Isabelle Ardery, eine Kollegin aus vergangenen Tagen, ihn um Unterstützung bei einem komplizierten Mordfall bittet, zögert er nur kurz – und tut ihr den Gefallen. Während Ardery im Laufe der Ermittlungen zusehends ins Kreuzfeuer der Kritik gerät, besinnt Lynley sich seiner früheren Stärken. Und seiner genialen Ermittlungspartnerin Detective Sergeant Barbara Havers …

Elizabeth George

Wer dem Tode geweiht

Ich unglücklicher Mensch! Wer wird mich aus diesem dem Tod verfallenen Leib erretten?

Römer, 7:24

ANFÄNGE

Aus den Berichten der ermittelnden Polizisten, die Michael Spargo und seine Mutter vor der Anklageerhebung vernahmen, geht hervor, dass der Tag, an dem der Junge zehn Jahre alt wurde, für ihn bereits schlecht angefangen hatte. In Anbetracht des von Michael begangenen Verbrechens und der großen Antipathie, die ihm später vonseiten der Polizei und der Mitbürger entgegengebracht wurde, kann man derlei Darstellungen zwar als fragwürdig betrachten. Allerdings kommt auch der ausführliche Bericht der Sozialarbeiterin, die Michael sowohl während der Verhöre als auch während der späteren Gerichtsverhandlung zur Seite gestellt war, zu dem gleichen Ergebnis.

Manche Einzelheiten werden sich selbst demjenigen, der sich mit Kindesmissbrauch, Familiendysfunktion und der daraus resultierenden Psychopathologie beschäftigt, nie erschließen. Doch die wesentlichen Charakteristika sind unverkennbar und unweigerlich erfahrbar für jedermann, der mit den betroffenen Personen in Kontakt kommt, wenn diese - bewusst oder unbewusst - ihre mentalen, psychischen und emotionalen Störungen an den Tag legen.

Dies war auch bei Michael Spargo und seiner Familie der Fall.

Michael ist der sechste von neun Brüdern. Gegen zwei seiner Brüder (Richard und Pete, damals achtzehn und fünfzehn Jahre alt) sowie gegen seine Mutter Sue lagen wegen anhaltender Streitereien mit den Nachbarn, wegen Belästigung diverser Rentner, die in der Sozialsiedlung wohnten, wegen Trunkenheit in der Öffentlichkeit und Zerstörung privaten und städtischen Eigentums Anzeigen vor. In dem Haushalt gab es keinen Vater. Vier Jahre vor Michaels zehntem Geburtstag hatte Donovan Spargo Frau und Kinder verlassen und war mit einer fünfzehn Jahre älteren Witwe nach Portugal gezogen. Auf dem Küchentisch hatte er einen Abschiedsbrief und fünf Pfund in Münzen hinterlassen. Seitdem hatte man nie wieder von ihm gehört. Er erschien nicht zu Michaels Gerichtsverhandlung.

Sue Spargo, die weder über einen Schulabschluss noch über nennenswerte berufliche Qualifikation verfügt, gab freimütig zu, dass sie, nachdem ihr Mann sie sitzen gelassen hatte, »ein bisschen zu viel getrunken« habe und von da an kaum noch in der Lage gewesen sei, sich um ihre Söhne zu kümmern. Bis zu Donovan Spargos Verschwinden hatte die Familie zumindest nach außen hin einigermaßen stabil gewirkt, wie sich aus Schulzeugnissen und Berichten von Nachbarn und der örtlichen Polizei schließen lässt. Aber nachdem das Familienoberhaupt sich abgesetzt hatte, traten die Störungen innerhalb der Familie offen zutage.

Die Spargos wohnten in Buchanan Estate, einer trostlosen Ansammlung von grauen Stahlbetontürmen und schmucklosen Reihenhäusern in einem Stadtteil mit dem treffenden Namen »The Gallows« - »Galgen« -, der bekannt ist für Schlägereien, Straßenraub, Autodiebstahl und Einbruchdiebstähle. Morde geschahen dort nur selten, aber Gewalt war an der Tagesordnung. Die Spargos gehörten zu den Bewohnern, die etwas besser gestellt waren. Aufgrund der Größe der Familie lebten sie in einem Reihenhaus und nicht in einem der Wohntürme. Sie hatten einen Garten und einen kleinen Vorgarten, die sie allerdings nicht pflegten. Das Haus verfügte über ein Wohnzimmer, eine Küche, vier Schlafzimmer und ein Bad. Michael teilte sich ein Zimmer mit seinen drei jüngeren Brüdern. Sie schliefen in zwei Etagenbetten. Vier seiner älteren Brüder teilten sich das Nebenzimmer. Nur Richard, der Älteste, hatte ein eigenes Zimmer - ein Vorrecht, das offenbar seiner Neigung zuzuschreiben war, seine jüngeren Brüder zu schikanieren. Auch Sue Spargo bewohnte ein eigenes Zimmer. Interessanterweise betonte sie während der Vernehmungen mehrmals, dass, wenn einer der Jungen krank war, dieser bei ihr schlief und »nicht bei diesem Rüpel Richard«.

An Michaels zehntem Geburtstag wurde kurz nach sieben Uhr morgens die Polizei gerufen. Ein Familienstreit war so weit eskaliert, dass die Nachbarn sich veranlasst gesehen hatten einzugreifen. Später sagten sie aus, sie hätten lediglich wieder Ruhe herstellen wollen. Dagegen steht Sue Spargos Behauptung, die Nachbarn hätten ihre Söhne angegriffen. Aus den Protokollen der anschließend von der Polizei durchgeführten Vernehmungen geht jedoch hervor, dass im ersten Stock des Hauses der Familie Spargo ein Streit zwischen Richard und Pete entstanden war, nachdem Letzterer das Bad nicht schnell genug frei gemacht hatte. Richard, größer und kräftiger als sein fünfzehnjähriger Bruder, ging daraufhin brutal auf diesen los. Der sechzehnjährige Doug eilte Pete zu Hilfe, woraufhin Pete und Richard sich verbündeten und sich gemeinsam gegen Doug wendeten. Bis Sue schließlich eingriff, hatte die Schlägerei sich bereits ins Untergeschoss verlagert. Als es so aussah, als würde Sue unter Richards und Petes Fäuste geraten, versuchte der zwölfjährige David, sie mit einem Fleischmesser aus der Küche zu verteidigen, wo er angeblich dabei gewesen war, sich sein Frühstück zu machen.

An diesem Punkt hatten die Nachbarn eingegriffen, die den Lärm durch die schlecht isolierten Wände gehört hatten. Unglücklicherweise waren sie - insgesamt drei Personen - bewaffnet mit einem Kricketschläger, einem Wagenheber und einem Hammer erschienen, und laut Richard Spargos Aussage war es ebendieser Anblick, der ihn hatte rotsehen lassen. »Die hatten's auf unsere Familie abgesehen«, lautete sein spontaner Kommentar - die Worte eines Jungen, der sich als neues Familienoberhaupt betrachtete und sich verpflichtet fühlte, seine Mutter und seine Geschwister zu verteidigen.

Mitten in diesem Durcheinander wachte Michael auf. »Richard und Pete hatten Zoff mit Mum«, gab er später zu Protokoll. »Wir konnten sie hören, ich und die Kleinen, aber wir wollten damit nichts zu tun haben.« Er behauptete, keine Angst gehabt zu haben. Aber im Lauf der Vernehmung stellte sich heraus, dass Michael stets einen großen Bogen um seine älteren Brüder machte, »um sich keine zufangen, wenn die glauben, man guckt sie schief an«. Dass es ihm nicht immer gelungen war, seinen Brüdern aus dem Weg zu gehen, geht aus den Aussagen dreier seiner Lehrer hervor, die den Sozialarbeiterinnen von blauen Flecken, Kratzspuren, Verbrennungen und mindestens einem blauen Auge berichteten, die sie bei Michael festgestellt hatten. Bis auf einen einzigen Hausbesuch hatten diese Aussagen jedoch keine weiteren Konsequenzen. Offenbar war das System überlastet.

Verschiedene Hinweise lassen darauf schließen, dass Michael seine Wut über die Misshandlungen seinerseits an den jüngeren Brüdern ausließ. Aus Berichten, die entstanden, nachdem vier der Kinder in Pflegefamilien untergebracht worden waren, geht hervor, dass Michael den Auftrag hatte, dafür zu sorgen, dass sein Bruder Stevie »nicht ins Bett macht«. Da er nicht wusste, wie er dies bewerkstelligen sollte, verabreichte er dem Siebenjährigen offenbar regelmäßig eine Tracht Prügel, woraufhin Stevie seine Wut wiederum an den jüngeren Brüdern ausließ.

Ob Michael an jenem Morgen die kleineren Jungen attackierte, ist nicht bekannt. Er sagte lediglich aus, er sei aufgestanden, nachdem die Polizei eingetroffen war, habe sich seine Schuluniform angezogen und sei nach unten in die Küche gegangen, um zu frühstücken. Obwohl es sein Geburtstag war, rechnete er nicht damit, dass darum irgendein Aufhebens gemacht werden würde. »War mir egal«, sagte er später gegenüber der Polizei.

Das Frühstück bestand aus Cornflakes und Marmeladenbrötchen. Milch gab es nicht, was Michael bei seinen ersten Vernehmungen zwei Mal betonte. Daher aß er die Cornflakes trocken. Die meisten Brötchen ließ er für seine jüngeren Brüder übrig. Ein Brötchen steckte er sich in die Tasche seines senfgelben Anoraks (sowohl dem Brötchen als auch dem Anorak sollte im Verlauf der Ereignisse eine entscheidende Bedeutung zukommen), und er verließ das Haus durch den Garten.

Er sagte aus, er habe vorgehabt, auf direktem Weg zur Schule zu gehen, und bei seiner ersten Vernehmung durch die Polizei behauptete er überdies, dort angekommen zu sein. Bei dieser Version blieb er, bis man ihm die Aussage seines Lehrers vorlas, der erklärt hatte, Michael habe an dem Tag die Schule geschwänzt, woraufhin Michael seine Geschichte änderte und nunmehr behauptete, er habe die Kleingartenkolonie aufgesucht, die zum Buchanan Estate gehörte und sich hinter der Siedlung befand, in der die Spargos wohnten.

»Da war so 'n Opa mit seinem Grünzeug zugange, kann sein, dass ich den geärgert hab«, so Michael gegenüber der Polizei, »und kann sein, dass ich 'ne Schuppentür eingetreten hab oder so«. Aus diesem Schuppen habe er »vielleicht 'ne Heckenschere geklaut, aber ich hab sie nich behalten, das mach ich nie«. Der Rentner bestätigte, Michael um acht Uhr morgens gesehen zu haben. Allerdings ist zu bezweifeln, dass die kleinen Gemüsebeete den Jungen allzu lange interessierten. Eine Viertelstunde lang habe er laut Aussage des Zeugen »darin herumgetrampelt, bis ich ein ernstes Wort mit ihm geredet habe. Er hat geflucht wie ein Kesselflicker und sich verzogen.«

Offenbar ging Michael tatsächlich in Richtung Schule, aber auf dem Weg dorthin begegnete er Reggie Arnold.

Reggie Arnold war der vollkommene Gegensatz zu Michael Spargo. Während Michael für sein Alter groß war und spindeldürr, war Reggie eher klein und pummelig. Sein Haar wurde ihm regelmäßig extrem kurz geschoren, weswegen er in der Schule ständig gehänselt wurde. (Die Mitschüler nannten ihn »diesen Charlie-Brown-Wichser«.) Aber im Gegensatz zu Michael war er für gewöhnlich sauber und ordentlich gekleidet. Laut Aussage der Lehrer war Reggie »ein guter Junge, aber cholerisch«, und auf die Frage hin, worauf sein cholerisches Verhalten zurückzuführen sei, sprachen sie von »Problemen zwischen den Eltern und Problemen mit dem Bruder und der Schwester«. Aus diesen Informationen lässt sich mit großer Sicherheit schließen, dass Reggie sich aufgrund der kriselnden Ehe seiner Eltern in Verbindung mit der Behinderung des älteren Bruders und der geistigen Behinderung der jüngeren Schwester auf verlorenem Posten fühlte.

Man muss betonen, dass Rudy und Laura Arnold in der Tat kein leichtes Schicksal hatten. Ihr ältester Sohn ist aufgrund einer Kinderlähmung an den Rollstuhl gefesselt. Ihre Tochter war als ungeeignet für eine normale Schule eingestuft worden und besuchte eine Sonderschule. Dies führte dazu, dass die elterliche Fürsorge fast ausschließlich den beiden problematischen Kindern galt und die ohnehin schon brüchige Ehe, in deren Verlauf die Arnolds sich immer wieder getrennt hatten, zusätzlich belastet wurde, sodass Laura häufig auf sich allein gestellt war.

In dieser komplizierten familiären Situation wurde Reggie nur wenig Aufmerksamkeit zuteil. Laura gab bereitwillig zu, dass sie »den Jungen vernachlässigt« habe, während sein Vater behauptete: »Ich habe den Jungen fünf oder sechs Mal zu mir geholt«, womit er offenbar betonen wollte, dass er in den Zeiten der Trennung seinen elterlichen Pflichten nichtsdestotrotz nachgekommen sei. Wie man sich leicht vorstellen kann, führte Reggies ungestillte Sehnsucht nach Zuwendung dazu, dass er unablässig versuchte, die Aufmerksamkeit Erwachsener auf sich zu ziehen. Auf der Straße äußerte sich dies darin, dass er regelmäßig kleine Diebstähle beging und hin und wieder jüngere Kinder drangsalierte. In der Schule äußerte es sich in Aufsässigkeit. Diese Aufsässigkeit wurde von den Lehrern bedauerlicherweise als das oben erwähnte »cholerische Verhalten« gedeutet und nicht als der Hilferuf erkannt, der es in Wirklichkeit war. Wenn Reggie sich ungerecht behandelt fühlte, warf er sein Pult um, schlug seinen Kopf gegen Tisch und Wand und warf sich wutschreiend zu Boden.

Am Tag des Verbrechens begegneten sich Michael Spargo und Reggie Arnold Augenzeugen zufolge - und die Überwachungskameras bestätigen dies - vor dem Lebensmittelladen, der in der Nähe von Reggies Zuhause und auf dem Weg zu Michaels Schule lag. Die Jungen kannten sich und hatten schon einige Male miteinander gespielt, waren jedoch den jeweiligen Eltern unbekannt. Laura Arnold sagte aus, sie habe Reggie zum Laden geschickt, um Milch zu holen, und der Ladeninhaber bestätigte, dass Reggie einen halben Liter fettarme Milch gekauft habe. Außerdem stahl er zwei Marsriegel, »einfach so aus Spaß«, wie Michael sich ausdrückte.

Michael begleitete Reggie zurück nach Hause. Die Jungen machten sich einen Spaß daraus, die Milchtüte aufzureißen und den Inhalt in den Tank einer Harley-Davidson zu schütten - ein Streich, der jedoch vom Besitzer des Motorrads beobachtet wurde, der den beiden vergeblich hinterherlief. Später erinnerte er sich an den senfgelben Anorak, den Michael Spargo trug. Zwar kannte er keinen der beiden Jungen mit Namen, doch er identifizierte Reggie Arnold anhand verschiedener Fotos, die die Polizei ihm vorlegte.

Als Reggie ohne die Milch zu Hause eintraf, erzählte er seiner Mutter - indem er sich auf Michael als Zeugen berief -, er wäre unterwegs von zwei größeren Jungen angegriffen worden, die ihm das Geld für die Milch abgenommen hätten. »Er weinte und war drauf und dran, einen von seinen Anfällen zu kriegen«, sagte Laura Arnolds aus. »Ich habe ihm geglaubt. Was blieb mir denn übrig?« In der Tat eine berechtigte Frage, denn in Anbetracht der Tatsache, dass sie sich in Abwesenheit ihres Mannes allein um zwei behinderte Kinder kümmern musste, war eine fehlende Milchtüte, egal wie dringend sie an jenem Morgen benötigt wurde, ein geringes Problem. Allerdings wollte sie von ihrem Sohn wissen, wer Michael Spargo war. Reggie stellte ihn als »Schulkameraden« vor, und er nahm Michael mit, um die nächste Aufgabe zu erfüllen, die seine Mutter ihm stellte: nämlich seine Schwester aus dem Bett zu holen.

Inzwischen war es etwa 8:45 Uhr, und falls die beiden Jungen noch vorhatten, zur Schule zu gehen, würden sie zu spät kommen. Das war ihnen zweifellos klar, wie aus Michaels Vernehmung hervorgeht. Er gab an, dass Reggie sich mit seiner Mutter gestritten habe, weil er sich um seine Schwester kümmern sollte: »Reggie hat rumgemault, er würde zu spät zur Schule kommen, aber das war ihr egal. Sie hat gesagt, er soll machen, dass er nach oben kommt, und seine Schwester holen. Sie hat gesagt, er soll dem lieben Gott danken, dass er nich so ist wie seine beiden Geschwister«, womit sie sicherlich auf die Behinderungen der beiden anspielte. Bemerkungen wie diese von Laura Arnold scheinen in ihrem Haushalt durchaus üblich gewesen zu sein.

Trotz der Anweisung seiner Mutter holte Reggie seine Schwester nicht aus dem Bett. Stattdessen sagte er seiner Mutter, sie solle »sich selbst was Schlimmes tun« (so gab Michael es wieder; Reggie drückte sich wohl drastischer aus), und dann verließen die Jungen das Haus.

Draußen begegneten sie Rudy Arnold, der, während sie sich mit Laura in der Küche aufgehalten hatten, mit seinem Auto angekommen war und »sich draußen rumgedrückt hat, als würde er sich nich reintrauen«. Rudy und Reggie redeten kurz miteinander - ein Gespräch der eher unangenehmen Natur, zumindest aus Reggies Sicht. Michael behauptete, er habe hinterher gefragt, wer der Mann gewesen sei, in der Annahme, es handelte sich um den »Freund von Reggies Mum«, woraufhin Reggie antwortete, »der Vollidiot« sei sein Vater, und seine Worte bekräftigte, indem er sich den Kasten für die Milchflaschen schnappte, der vor der Nachbartür stand, ihn auf die Straße warf und zertrampelte.

Michael sagte aus, er habe sich an diesem Zerstörungsakt nicht beteiligt. Er erklärte, er habe zur Schule gehen wollen, aber Reggie habe verkündet, er werde »schwänzen« und wolle »endlich mal ein bisschen Spaß haben«. Es sei Reggies Idee gewesen, so Michael, Ian Barker mit einzubeziehen in all das, was nun folgen sollte.

Im Alter von elf Jahren galt Ian Barker bereits als geschädigt, schwierig, gestört, borderline, zornig und psychopathisch, je nachdem, wer ihn charakterisierte. Er war zu dem Zeitpunkt das einzige Kind einer vierundzwanzigjährigen Mutter (wer sein Vater ist, konnte nie geklärt werden), war jedoch in dem Glauben aufgewachsen, die junge Frau sei seine große Schwester. Anscheinend hing er sehr an seiner Großmutter, die er für seine Mutter hielt, während er die junge Frau, seine vermeintliche Schwester, verabscheute.

Mit neun Jahren hielt man ihn für alt genug, um die Wahrheit zu erfahren. Allerdings nahm er diese Wahrheit schlecht auf, vor allem da sie ihm verkündet wurde, kurz nachdem Tricia Barker aufgefordert worden war, das Haus ihrer Mutter zu verlassen und ihren Sohn mitzunehmen. Diese Entscheidung, so erklärte Ians Großmutter später, habe sie getroffen, um liebevolle Strenge walten zu lassen. »Ich war bereit, sie beide bei mir zu behalten - Tricia und auch den Jungen -, solange das Mädchen arbeitete. Aber sie hat jeden Job gleich wieder aufgegeben, weil sie lieber Partys feiern und sich die Nächte um die Ohren schlagen wollte, und ich dachte mir, wenn sie den Jungen allein großziehen müsste, würde sie vielleicht endlich zur Besinnung kommen.«

Doch sie kam nicht zur Besinnung. Tricia Barker bekam eine städtische Wohnung zur Verfügung gestellt, die allerdings so klein war, dass sie das Schlafzimmer mit ihrem Sohn teilen musste. In diesem Zimmer wurde Ian Zeuge, wie seine Mutter mit wechselnden Partnern und mindestens vier Mal mit mehr als nur mit einem einzigen Mann Geschlechtsverkehr hatte. Auffällig ist, dass Ian während der Vernehmungen von Tricia nie als Mutter sprach, sondern sie als »Schlampe«, »Fotze«, »Flittchen«, »Nutte« und »Bettvorleger« bezeichnete. Von seiner Großmutter sprach er überhaupt nicht.

Michael und Reggie hatten offenbar kein Problem damit, Ian an jenem Morgen zu finden. Sie gingen nicht zu ihm nach Hause - »seine Mutter war meistens besoffen«, so Reggie, »und hat nur rumgebrüllt« -, sondern sie kamen dazu, als er gerade einen kleineren Jungen verdrosch, der auf dem Weg zur Schule gewesen war. Ian hatte gerade »den Ranzen von dem Jungen auf der Straße ausgeschüttet« und dessen Inhalt durchsucht, in erster Linie nach Geld. Als aber der Junge nichts bei sich hatte, was Ian brauchen konnte, »hat er ihn ganz gemein gegen eine Hauswand geschubst«, so Michael, »und ist auf ihn losgegangen«.

Weder Reggie noch Michael versuchten, Ian aufzuhalten. Reggie sagte: »Es war nur Spaß. Ich konnte sehen, dass er dem Jungen nichts tun wollte«, während Michael behauptete, er habe »nich richtig gesehen, was der vorhatte«, was man bezweifeln darf, da die Jungen dicht beieinanderstanden. Aber was auch immer Ian vorgehabt haben mag, er konnte seine Pläne nicht in die Tat umsetzen. Ein Autofahrer hielt an und verlangte zu wissen, was sie da trieben, worauf die Jungen Reißaus nahmen.

Es gibt Vermutungen, dass an jenem Morgen Ians Drang, irgendjemandem wehzutun, letztlich zu dem führte, was später geschah. Während der Vernehmungen war Reggie nur zu eifrig, mit dem Finger auf Ian zu zeigen. Aber auch wenn Ians Zorn ihn in der Vergangenheit zweifellos zu Taten getrieben hatte, die so niederträchtig waren, dass sich der ganze Abscheu auf ihn konzentrierte, sobald die Wahrheit ans Licht kam, zeigen die Beweise doch, dass er bei dem, was folgte, nicht mehr und nicht weniger beteiligt war als die anderen beiden Jungen [Hervorhebung von mir].

  JUNI 

New Forest Hampshire

Der pure Zufall hatte sie zu ihm geführt. Hätte er nicht ausgerechnet in dem Augenblick von seinem Gerüst hinabgeblickt, würde er sich später sagen, wäre er an jenem Nachmittag mit Tess auf direktem Weg nach Hause anstatt noch in den Wald gegangen, und sie wäre nie in sein Leben getreten. Dass er genau das hatte denken sollen, war eine Erkenntnis, die ihm erst kam, als es viel zu spät war.

Es war später Nachmittag, und es war heiß. Gewöhnlich wartete der Juni mit Regengüssen auf, die jeder Hoffnung auf einen Sommer Hohn sprachen. Aber in diesem Jahr hatte das Wetter sich etwas anderes vorgenommen. Sonnige Tage und wolkenloser Himmel versprachen für Juli und August eine anhaltende Hitze, die den Boden austrocknen, die weiten Grasflächen verdorren lassen und die New-Forest-Ponys auf ihrer Futtersuche immer tiefer in die Wälder treiben würde.

Er befand sich ganz oben auf dem Gerüst und wollte gerade aufs Dach klettern, wo er angefangen hatte, das Stroh anzubringen. Weil Stroh viel biegsamer war als Reet, eignete es sich hervorragend für den First. Viele hielten die kunstvoll geflochtenen Strohbunde am First für Zierrat. Er kannte indes den eigentlichen Zweck: die oberste Reetschicht gegen Schäden durch Wetter und Vögel zu schützen.

Er ging auf dem Zahnfleisch. Er war gereizt. Seit drei Monaten arbeitete er schon an diesem Riesenprojekt, und er hatte fest zugesagt, in zwei Wochen das nächste anzufangen; doch immer noch mussten abschließende Arbeiten erledigt werden, und die konnte er nicht seinem Lehrling überlassen. Cliff Coward war noch nicht so weit, dass er mit dem Klopfbrett umgehen konnte. Diese Arbeit war entscheidend für den Gesamteindruck des Dachs, und sie erforderte sowohl Geschick als auch ein erfahrenes Auge. Cliff konnte man solche komplizierten Arbeiten nicht anvertrauen. Er bekam ja nicht einmal die simpelsten Aufgaben auf die Reihe - zum Beispiel ihm jetzt zwei Bunde Stroh aufs Dach zu reichen. Wieso brachte dieser Kerl es nicht fertig, einen so banalen Auftrag auszuführen?

Die Suche nach der Antwort auf diese Frage sollte Gordon Jossies Leben ändern.

Er wandte sich vom First ab und rief ungehalten: »Cliff! Wo zum Teufel steckst du?« Eigentlich hätte sein Lehrling unten bei den Strohbunden auf die Anweisungen des Meisters warten sollen. Doch stattdessen war er zu Gordons verstaubtem Pickup gegangen, der in einigen Metern Entfernung stand. Dort hockte Tess in Habachtstellung und wedelte mit dem Schwanz, während eine Frau ihr den Kopf tätschelte - eine Fremde, wahrscheinlich eine Touristin, nach ihrer Kleidung und der Landkarte zu urteilen, die sie in der Hand hielt.

»Hey, Cliff!«, rief Gordon. Der Lehrling und die Frau blickten zu ihm hoch.

Gordon konnte das Gesicht der Frau nicht erkennen; sie hatte einen breitkrempigen Strohhut auf mit einem fuchsiafarbenen Schal als Hutband. Die gleiche Farbe fand sich in ihrem Kleid, einem Sommerkleid, das ihre gebräunten Arme und Beine betonte. Sie trug einen goldenen Armreif und Sandalen, und unter ihrem Arm klemmte eine aus Stroh geflochtene Handtasche, deren Riemen lose über ihrer Schulter lag.

»Sorry! Ich wollte der Lady nur helfen…«, antwortete Cliff, während die Frau gleichzeitig lachend rief: »Ich habe mich total verirrt! Es tut mir furchtbar leid. Er hat mir angeboten…« Sie wedelte mit der Landkarte, wie um das Offensichtliche zu erklären: Irgendwie war sie vom Park zum Verwaltungsgebäude spaziert, dessen Dach Gordon gerade neu deckte. »Ich habe noch nie gesehen, wie ein Reetdach gedeckt wird«, fügte sie hinzu, vielleicht um etwas Nettes zu sagen.

Aber Gordon stand der Sinn nicht nach Nettigkeiten. Er war voller Zorn, den er irgendwie loswerden musste. Er hatte keine Zeit für Touristen.

»Sie will zum Monet's Pond«, rief Cliff.

»Und ich will den verdammten First hier fertig kriegen«, lautete Gordons Antwort, allerdings mit einem eindeutigen Unterton. »Am Brunnen drüben geht ein Weg ab. Der Brunnen mit den Nymphen und Faunen. Da muss man links abbiegen. Sie sind rechts abgebogen.«

»Wirklich?«, rief die Frau. »Tja… typisch für mich.« Sie blieb stehen, als erwartete sie, dass das Gespräch weiterging. Sie trug eine dunkle Sonnenbrille, und sie wirkte auf Gordon wie ein Filmstar vom Typ Marilyn Monroe, denn sie war üppig gebaut, genau wie Marilyn, nicht so spindeldürr wie die Stars und Sternchen, die man inzwischen überwiegend zu sehen bekam. Auf den ersten Blick hatte er sie tatsächlich für eine Berühmtheit gehalten. Entsprechend gekleidet war sie jedenfalls, und die Selbstverständlichkeit, mit der sie erwartete, dass ein Mann seine Arbeit unterbrach, nur um mit ihr zu plaudern, legte den gleichen Schluss nahe. »Jetzt müssten Sie den Weg ganz leicht finden«, beschied er der Frau knapp.

»Schön wär's«, sagte sie, und dann fragte sie, was er ziemlich lächerlich fand: »Da sind doch keine… äh, Pferde, oder?«

Gordon dachte schon, was zum Teufel, als die Frau hinzufügte: »Es ist nur, weil… Na ja, ich fürchte mich vor Pferden.«

»Die Ponys tun nichts«, sagte er. »Die bleiben für sich, solange Sie nicht versuchen, sie zu füttern.«

»Gott, das würde ich nie im Leben tun!« Sie schwieg, als erwartete sie, dass er darauf etwas erwidern wollte, was jedoch nicht seine Absicht war. Schließlich sagte sie: »Also dann… Vielen Dank.« Damit war der Plausch beendet.

Sie machte sich auf den Weg, den Gordon ihr genannt hatte, nahm ihren Hut ab und ließ ihn an den Fingerspitzen schwingen. Ihr Haar war blond und zu einem Pagenkopf geschnitten, und wenn sie es schüttelte, fiel es sofort wieder in Form und schimmerte im Licht, so als wüsste es genau, was es zu tun hatte. Gordon war Frauen gegenüber nicht immun, und ihm fiel auf, dass sie einen anmutigen Gang hatte. Aber es regte sich nichts in ihm, weder im Herzen noch im Schritt, und darüber war er froh. Er hielt sich lieber fern von Frauen.

Cliff kam mit zwei Bunden Stroh auf dem Rücken auf das Gerüst geklettert. »Tess gefiel sie«, sagte er, als wollte er irgendetwas erklären oder die Frau in Schutz nehmen. »Vielleicht deine Chance für einen neuen Versuch, Kumpel.«

Gordon sah der Frau nach. Nicht etwa, weil er von ihr fasziniert gewesen wäre oder weil er sie attraktiv gefunden hätte, sondern um zu sehen, ob sie am Nymphenbrunnen richtig abbog. Sie tat es nicht. Er schüttelte den Kopf. Hoffnungsloser Fall, dachte er. Sie würde auf der Kuhweide landen, ehe sie wusste, wie ihr geschah, doch dann sagte er sich, dass sie dort mit Leichtigkeit jemanden finden würde, der ihr weiterhalf.

Cliff wollte nach Feierabend noch einen heben, Gordon nicht. Er trank überhaupt keinen Alkohol, und er hatte noch nie etwas davon gehalten, sich mit seinen Lehrlingen anzufreunden. Außerdem war Cliff erst achtzehn und Gordon dreizehn Jahre älter, sodass er sich meistens vorkam wie dessen Vater. Vielleicht hatte er aber auch nur Empfindungen, wie ein Vater sie haben könnte, dachte er. Schließlich hatte er keine Kinder und wollte auch keine.

»Tess braucht ein bisschen Auslauf«, erklärte er. »Sie findet heute Abend keine Ruhe, wenn sie keine Gelegenheit kriegt, ihre Energie loszuwerden.«

»Bist du dir sicher, Kumpel?«

»Ich kenne meinen Hund«, antwortete Gordon. Er wusste, dass Cliff nicht von Tess gesprochen hatte, aber mit dieser Bemerkung nahm er ihm den Wind aus den Segeln. Cliff redete einfach zu viel.

Gordon nahm ihn mit bis zum Pub in Minstead, einem in einem kleinen Tal gelegenen Dorf, das aus einer Kirche, einem Friedhof, einem Laden, einem Pub und ein paar alten Häusern bestand, die sich um einen winzigen Dorfplatz duckten. In der Mitte stand eine uralte Eiche, und in deren Nähe graste ein geschecktes Pony, dessen gestutzter Schwanz seit dem Zusammentrieb im vergangenen Herbst, als die Tiere markiert worden waren, ordentlich nachgewachsen war.

Das Pony blickte nicht einmal auf, als der Pick-up knapp hinter seinen Flanken geräuschvoll zum Stehen kam. Als langjähriger Bewohner des New Forest wusste das Tier wahrscheinlich ganz genau, dass sein Recht, an jedem beliebigen Ort zu grasen, wesentlich älter war als das Recht des Pick-ups, über die Straßen von Hampshire zu fahren.

»Also dann, bis morgen«, sagte Cliff und ging zum Pub, um sich dort zu seinen Freunden zu gesellen. Gordon sah ihm nach und wartete ohne besonderen Grund, bis die Tür sich hinter ihm geschlossen hatte. Erst dann legte er den Gang ein.

Wie immer fuhr er nach Longslade Bottom. Mit der Zeit hatte er gelernt, dass es Sicherheit mit sich brachte, wenn man ein Gewohnheitstier war. Am Wochenende fuhr er oft woandershin, um Tess Auslauf zu geben, aber nach Feierabend unter der Woche zog er einen Ort vor, der näher an seinem Haus lag. Außerdem gefiel ihm das offene Gelände, das Longslade Bottom bot - und wenn er nicht gesehen werden wollte, konnte er sich in den Wald von Hinchelsea zurückziehen, der sich den Hügel hinaufzog.

Gordon rumpelte über den mit Schlaglöchern übersäten Parkplatz auf die Wiese zu, während Tess auf dem Rücksitz in Erwartung des Spaziergangs freudig kläffte. An schönen Tagen wie diesem war Gordons Pick-up nicht das einzige Fahrzeug auf dem Parkplatz: Wie nuckelnde Kätzchen drückten sechs Fahrzeuge ihre Schnauzen an den Rand der großen Wiese, auf der weiter draußen Ponys grasten, unter ihnen fünf Fohlen. Die Ponys, an die Anwesenheit von Menschen und anderen Tieren gewöhnt, ließen sich von den bellenden Hunden, die um sie herumtollten, nicht stören, aber Gordon wusste sofort, dass er seiner Hündin heute keinen freien Auslauf gestatten durfte.

Tess war ganz versessen auf die wilden Ponys des New Forest, und obwohl sie schon getreten und gebissen worden war und obwohl Gordon sie immer wieder ausgeschimpft hatte, begriff sie einfach nicht, dass sie nicht auf der Welt war, um Ponys zu jagen. Es reizte sie ungemein, und sie winselte und leckte sich das Maul in Vorfreude auf das Abenteuer. Gordon konnte beinahe ihre Hundegedanken lesen: Und sogar Fohlen! Super! Was für ein Spaß!

»Kommt nicht infrage«, sagte er laut, nahm die Leine von der Ladefläche, hakte sie am Halsband ein und ließ Tess aus dem Wagen. Hoffnungsvoll machte sie einen Riesensatz. Als er sie kurz nahm, legte Tess unter Husten und Würgen eine filmreife Show hin. Typisch, dachte Gordon resigniert. »Wo hast du das Hirn gelassen, das der liebe Gott dir gegeben hat?«, fragte er sie.

Tess sah zu ihm auf, wedelte mit dem Schwanz und schenkte ihm ihr strahlendstes Hundelächeln. »Das mag früher mal funktioniert haben«, sagte er, »aber die Zeiten sind vorbei.« Entschlossen führte er den Golden Retriever weg von den Ponys und den Fohlen. Tess ging mit, zeigte sich jedoch widerspenstig und sah sich immer wieder winselnd um, offenbar in der Hoffnung, ihn umstimmen zu können. Es gelang ihr nicht.

Longslade Bottom umfasste drei Gebiete: die Wiese, auf der die Ponys grasten, im Nordwesten eine Heidelandschaft, wo Glockenheide und Pfeifengras blühten, und dazwischen ein Moor mit unförmigen, vollgesogenen Torfmooskissen und weißrosafarbenen Bitterkleedolden, die in flachen Teichen aus Rhizomen wuchsen. Auf einem Pfad, der vom Parkplatz abging und zu dessen beiden Seiten sich flauschige weiße Wollgrasbüschel wie Wattebäusche in der warmen Brise wiegten, konnte man das Moor sicher durchqueren.

Gordon entschloss sich, diesen Pfad zu nehmen, denn an seinem Ende gelangte man in den Hinchelsea Wood, wo er die Hündin frei laufen lassen konnte. Von dort aus waren die Ponys nicht zu sehen, und für Tess galt: aus den Augen, aus dem Sinn. Sie besaß die bewundernswerte Gabe, ganz im Hier und Jetzt zu leben.

So kurz vor der Sommersonnenwende stand die Sonne trotz der späten Stunde noch hoch am Himmel, und ihr Licht brach sich in den bunt schillernden Körpern der Libellen und dem hellen Gefieder der Kiebitze, die aufflogen, sobald Gordon und seine Hündin sich näherten. In der leichten Brise lag der Geruch nach Torf und der sich zersetzenden Vegetation, die ihn entstehen ließ. Die Luft war erfüllt von Geräuschen, angefangen mit den heiseren Schreien der großen Brachvögel bis hin zu den Stimmen der Leute, die auf der Wiese nach ihren Hunden riefen.

Gordon hielt Tess weiter an der kurzen Leine. Auf dem Weg zum Hinchelsea Wood ließen sie Wiese und Moor hinter sich. Wenn er es sich recht überlegte, erschien ihm der Wald ohnehin geeigneter für einen Nachmittagsspaziergang. Die Buchen und Eichen standen in vollem Sommerlaub, ebenso die Birken und Kastanien, und unter dem Blätterdach würde es angenehm kühl sein. Nachdem er den ganzen Tag auf dem Dach geschuftet und Reet und Stroh geschleppt hatte, war Gordon froh, der Sonne für eine Weile zu entkommen.

Als sie die beiden Zypressen erreichten, die den offiziellen Eingang zum Wald flankierten, ließ er Tess von der Leine und schaute ihr nach, bis sie zwischen den Bäumen verschwunden war. Irgendwann würde sie von allein zurückkommen. Es war nicht mehr lange bis zum Abendessen, und Tess verpasste nie freiwillig eine Mahlzeit.

Beim Spazierengehen suchte er sich immer etwas, auf das er sich konzentrieren konnte. Hier im Wald sagte er in Gedanken die Namen der Bäume auf. Er erforschte den New Forest, seit er nach Hampshire gezogen war, und inzwischen, nach zehn Jahren, kannte er seine Entstehungsgeschichte und seinen Charakter besser als die meisten Einheimischen. In der Nähe einiger Stechpalmensträucher setzte er sich auf den Stamm einer umgestürzten Erle. Das Sonnenlicht brach durch die Kronen und besprenkelte den von jahrelanger natürlicher Kompostierung schwammig weichen Boden.

Nachdem Gordon die Namen der Bäume in seiner Umgebung aufgesagt hatte, ging er zu den anderen Pflanzen über. Allerdings gab es davon nicht allzu viele. Der Wald gehörte zum Weideland, und Ponys, Esel und Damhirsche ästen hier. Im April und Mai hatten sie sich an den frischen Farnwedeln gütlich getan, später dann Wildblumen, Erlensprösslinge und junge Brombeertriebe gefressen. Zwar formten sie auf diese Weise das Gelände so, dass man gemütlich darin spazieren gehen konnte und sich nicht mühsam durchs Unterholz kämpfen musste. Doch sie verdarben ihm damit den Spaß an seinem Denksport.

Er hörte seine Hündin bellen und richtete sich auf. Er machte sich keine Sorgen, denn er kannte den unterschiedlichen Klang von Tess' Lauten. Dies hier war ein freudiges Kläffen, das sie immer anschlug, wenn sie einen Freund begrüßte oder wenn man ein Stöckchen für sie in den Weiher warf. Trotzdem stand er auf und sah in die Richtung, aus der das Gebell zu hören war. Es kam näher, und nach einer Weile hörte er eine menschliche Stimme, die es begleitete, eine weibliche Stimme.

Und gleich darauf sah er sie.

Er erkannte sie nicht gleich, denn sie hatte sich umgezogen. Statt Sommerkleid, Sonnenhut und Sandalen trug sie jetzt eine Kakihose und eine kurzärmelige Bluse. Die Sonnenbrille hatte sie immer noch auf - er ebenfalls, denn es war noch immer sehr hell -, und ihr Schuhwerk war auch diesmal ziemlich ungeeignet für ihre Erkundungen. Sie hatte ihre Sandalen gegen Gummistiefel eingetauscht, eine äußerst merkwürdige Wahl für einen Sommerspaziergang, es sei denn, sie hatte vor, durchs Moor zu waten.

Sie ergriff als Erste das Wort: »Dacht ich's mir doch, dass es derselbe Hund ist. Er ist wirklich lieb.«

Er hätte schwören können, dass sie ihm nach Longslade Bottom und in den Hinchelsea Wood gefolgt war - außer dass sie offenbar vor ihm da gewesen war. Sie war auf dem Weg aus dem Wald hinaus, er ging in den Wald hinein. Er war Menschen gegenüber misstrauisch, aber er wollte nicht paranoid wirken.

»Sie waren doch auf der Suche nach dem Monet's Pond.«

»Und ich habe ihn auch gefunden«, erwiderte sie. »Allerdings erst, nachdem ich auf einer Kuhweide gelandet war.«

»Ja«, sagte er knapp.

Sie legte den Kopf schief. Ihr Haar schimmerte im Sonnenlicht, genau wie zuvor in Boldre Gardens. Aus irgendeinem idiotischen Grund fragte er sich, ob sie sich Glitzer hineinsprühte. Derart glänzendes Haar hatte er noch nie gesehen.

»Ja?«, wiederholte sie.

»Äh, ja«, stotterte er. »Ich meine, ja, ich weiß. Ich habe gesehen, wo Sie abgebogen sind.«

»Ach so. Sie haben mich vom Dach aus beobachtet, was? Ich hoffe, Sie haben mich nicht ausgelacht. Das wäre mir wirklich peinlich.«

»Nein«, sagte er.

»Tja, im Kartenlesen bin ich wirklich eine komplette Niete, und im Befolgen von Wegbeschreibungen bin ich leider auch nicht besser. Es ist also kein Wunder, dass ich mich gleich wieder verlaufen habe. Aber wenigstens bin ich keinen Pferden begegnet.«

Er sah sich um. »Dann ist das hier wohl nicht der richtige Ort für Sie, oder? Wenn Sie weder Karten lesen noch Beschreibungen befolgen können.«

»Der Wald, meinen Sie? Ich habe mir einen Orientierungspunkt gemerkt.« Sie zeigte nach Süden auf einen Hügel jenseits des Waldes, auf dem eine riesige Eiche stand. »Ich habe mich nach diesem Baum gerichtet und mich auf dem Weg in den Wald immer rechts davon gehalten, und da er sich jetzt links von mir befindet, bin ich mir ziemlich sicher, dass es hier entlang zum Parkplatz zurückgeht. Sie sehen also: Auch wenn ich erst auf einer Baustelle und dann auf einer Kuhweide gelandet bin, bin ich kein hoffnungsloser Fall.«

»Das ist Nelsons«, sagte er.

»Wie bitte? Meinen Sie den Baum? Gehört er jemandem? Steht er auf Privatgelände?«

»Nein, das Land gehört der Krone. Das dort ist Nelsons Eiche. Angeblich hat er sie gepflanzt. Lord Nelson, meine ich.«

»Ah, verstehe.«

Er musterte sie. Sie biss sich auf die Lippen, und er hatte das Gefühl, dass sie keinen Schimmer hatte, wer Lord Nelson war. Heutzutage kam das vor. Um ihr aus der Verlegenheit zu helfen, sagte er: »Admiral Nelson hat seine Schiffe drüben in Buckler's Hard bauen lassen. Das liegt hinter Beaulieu. Kennen Sie das? An der Flussmündung? Bei dem enormen Holzverbrauch mussten sie irgendwann anfangen, neue Bäume zu pflanzen. Wahrscheinlich hat Nelson nie eigenhändig einen Baum gepflanzt, aber diese Eiche dort wird ihm trotzdem zugeschrieben.«

»Ich bin nicht von hier«, sagte sie. »Aber das ist Ihnen bestimmt nicht entgangen.« Sie streckte eine Hand aus. »Gina Dickens. Weder verwandt noch verschwägert. Und ich weiß, dass sie Tess heißt.« Sie nickte in Richtung der Hündin, die sich zufrieden neben ihr niedergelassen hatte. »Aber Ihren Namen kenne ich nicht.«

»Gordon Jossie«, sagte er und schüttelte ihr die Hand. Ihre weiche Haut machte ihm bewusst, wie rau seine eigene Hand sich anfühlen musste. Und wie verdreckt er nach einem ganzen Tag auf dem Dach war. »Das dachte ich mir.«

»Was?«

»Dass Sie nicht von hier sind.«

»Hm, ja. Die Einheimischen verlaufen sich wahrscheinlich nicht so leicht wie ich.«

»Nicht das. Ihre Schuhe.«

Sie blickte nach unten. »Was stimmt denn nicht mit meinen Schuhen?«

»Erst die Sandalen, die Sie in Boldre Gardens anhatten, und jetzt die da«, sagte er. »Wieso tragen Sie Gummistiefel? Wollen Sie etwa ins Moor?«

Wieder biss sie sich auf die Lippen. Er fragte sich, ob sie sich ein Lachen verkniff. »Sie werden mich für albern halten«, sagte sie. »Es ist wegen der Schlangen. Ich habe gelesen, dass es hier im New Forest Kreuzottern gibt, und ich will nicht gebissen werden. Jetzt lachen Sie mich bestimmt aus.«

Er musste tatsächlich grinsen. »Sie rechnen also im Wald mit Schlangen?« Er wartete nicht auf eine Antwort. »Die sind draußen auf der Heide. Da kriegen sie mehr Sonne ab. Könnte sein, dass Sie auf dem Weg durchs Moor auf eine stoßen, ist aber ziemlich unwahrscheinlich.«

»Ich sehe schon, ich hätte Sie um Rat bitten sollen, bevor ich mich umgezogen habe. Leben Sie schon immer hier?«

»Seit zehn Jahren. Ich bin aus Winchester hierher gezogen.«

»Ich auch!« Sie warf einen Blick in die Richtung, aus der sie gekommen war, und sagte: »Wollen wir ein Stück gemeinsam gehen, Gordon Jossie? Ich kenne hier sonst niemanden, und ich hätte Lust, noch ein bisschen zu plaudern. Da Sie ziemlich harmlos wirken und noch dazu diesen bezaubernden Hund bei sich haben…«

Er zuckte die Achseln. »Wie Sie wollen. Aber ich bin nur wegen Tess hier. Wir brauchen nicht spazieren zu gehen. Tess rennt im Wald rum und kommt irgendwann von allein zurück. Ich meine, falls Sie lieber ein bisschen hier sitzen möchten, anstatt zu laufen.«

»Ja, gute Idee. Ich habe nämlich schon einen ordentlichen Marsch hinter mir.«

Er machte eine Kopfbewegung zu dem Baumstamm hin, auf dem er gesessen hatte, bis sie gekommen war. Sie nahmen in gehörigem Abstand voneinander Platz, aber Tess blieb zu Gordons Verwunderung bei ihnen. Sie machte es sich neben Gina bequem und legte leise seufzend den Kopf auf die Vorderpfoten.

»Sie mag Sie«, bemerkte Gordon. »Jeder sehnt sich nach Zuwendung.«

»Wie wahr«, sagte Gina.

Sie klang wehmütig, und er ging darauf ein. Es sei ungewöhnlich, dass jemand in ihrem Alter aufs Land ziehe. Junge Erwachsene ziehe es für gewöhnlich eher in die entgegengesetzte Richtung.

»Hm, ja. Sie haben sicher recht«, antwortete sie. »Es war eine Beziehung, die ein sehr unangenehmes Ende genommen hat.« Ein Lächeln. »Und so bin ich hier gestrandet. Ich will hier mit schwangeren Jugendlichen arbeiten. Das habe ich bereits in Winchester gemacht.«

»Wirklich?«

»Das scheint Sie zu überraschen. Wieso?«

»Sie wirken selbst kaum älter als eine Jugendliche.«

Sie schob sich die Sonnenbrille auf die Nasenspitze und sah ihn über die Gläser hinweg an. »Flirten Sie etwa mit mir, Mr. Jossie?«, fragte sie.

Er spürte, wie seine Wangen zu glühen begannen. »Entschuldigung, das war nicht meine Absicht.«

»Schade. Ich dachte schon…« Sie schob sich die Sonnenbrille auf den Kopf und sah ihn geradeheraus an. Ihre Augen waren weder blau noch grün, sondern irgendetwas dazwischen, undefinierbar und interessant.

»Sie erröten ja! Ich habe noch nie einen Mann zum Erröten gebracht. Wie nett! Passiert Ihnen das öfter?«

Ihm wurde noch heißer. Normalerweise führte er keine solchen Gespräche mit Frauen. Er wusste nicht, wie er damit umgehen sollte - weder mit den Frauen noch mit den Gesprächen.

»Ich bringe Sie in Verlegenheit, das tut mir leid. Das wollte ich nicht! Ich ziehe die Leute gern ein bisschen auf - eine schlechte Angewohnheit. Vielleicht können Sie mir ja dabei helfen, es mir abzugewöhnen.«

»Jemanden aufzuziehen, ist in Ordnung«, sagte er. »Ich bin eher… Ich bin ein bisschen durcheinander. Hauptsächlich… Na ja, ich decke Dächer.«

»Jeden Tag?«

»So sieht's aus.«

»Und zum Vergnügen? Zur Entspannung? Zur Abwechslung? Was machen Sie da?«

Er deutete mit dem Kinn auf Tess. »Dafür hab ich sie.«

»Hm. Verstehe.« Sie beugte sich vor und kraulte Tess hinter den Ohren, da, wo sie es am liebsten hatte. Wenn Hunde schnurren könnten, hätte sie es getan. Gina schien einen Entschluss gefasst zu haben, denn als sie wieder aufblickte, wirkte sie nachdenklich. »Hätten Sie Lust, mit mir irgendwo auf ein Gläschen einzukehren? Wie gesagt, ich kenne hier niemanden, und da Sie mir nach wie vor harmlos erscheinen und ich auf jeden Fall harmlos bin und da Sie so einen netten Hund haben… Wie wär's?«

»Ich trinke eigentlich nicht.«

Sie hob die Brauen. »Sie nehmen überhaupt keine Flüssigkeit zu sich? Das kann ich mir nicht vorstellen.«

Er musste unwillkürlich lächeln, sagte jedoch nichts darauf.

»Ich wollte mir eine Limonade bestellen«, sagte sie. »Ich trinke auch nicht. Mein Vater… Er war Alkoholiker, deswegen lasse ich die Finger von dem Zeug. Es hat mich in der Schule zu einer Außenseiterin gemacht, aber eher im positiven Sinne. Ich war schon immer gern anders als die anderen.« Sie stand auf und klopfte sich die Hose ab. Auch Tess sprang schwanzwedelnd auf. Es war offensichtlich, dass die Hündin Ginas spontane Einladung bereits akzeptiert hatte, und Gordon blieb nichts anderes übrig, als es ihr nachzutun.

Dennoch zögerte er. Er hielt lieber Abstand von Frauen. Aber sie wollte schließlich nicht mit ihm anbandeln, oder? Und sie wirkte tatsächlich harmlos. Ihr Blick war offen und freundlich.

»In Sway gibt es ein Hotel«, sagte er, doch erst als sie ihn verblüfft ansah, wurde ihm klar, wie diese Bemerkung geklungen haben musste. Mit glühenden Ohren fügte er hastig hinzu: »Ich meine, Sway ist das nächste Dorf von hier, aber dort gibt es keinen Pub. Deswegen gehen alle in die Hotelbar. Dorthin könnten wir gehen. Dort können wir eine Limonade trinken.«

Ihr Gesicht entspannte sich. »Sie sind wirklich ein unglaublich netter Kerl.«

»Wenn Sie sich da mal nicht täuschen.«

»Ich glaube nicht.«

Sie machten sich auf den Weg. Tess lief voraus, und dann, wundersamerweise, blieb sie am Waldrand stehen, wo der Weg abwärts zum Moor führt, ein Anblick, den Gordon nicht so schnell vergessen würde. Wartete sie darauf, dass er die Leine an ihrem Halsband einhakte? Das war noch nie passiert! Er neigte nicht dazu, nach Zeichen Ausschau zu halten, und doch schien das ein Hinweis darauf zu sein, was er als Nächstes zu tun hatte.

Schon wieder dieser Gesichtsausdruck. Es lag etwas Zärtliches darin und noch mehr, und es machte ihn misstrauisch, sosehr es ihn gleichzeitig anzog.

»Charles Dickens«, sagte sie. »Der Schriftsteller. Ich bin nicht mit ihm verwandt.«

»Ach so«, sagte er. »Ich… Ich lese nicht viel.«

»Nein?« Sie machten sich auf den Weg den Hügel hinunter. Sie hakte sich bei ihm ein, während sie sich von Tess ziehen ließ. »Das werden wir aber ändern müssen.«

  JULI 

  1

Als Meredith Powell aufwachte und das Datum auf ihrem Digitalwecker sah, registrierte sie innerhalb weniger Sekunden vier Dinge: Es war ihr sechsundzwanzigster Geburtstag, sie hatte sich einen Tag freigenommen, es war der Tag, für den ihre Mutter der einzigen Enkelin ein Abenteuer in Aussicht gestellt hatte, und somit war dieser Tag die perfekte Gelegenheit, sich bei ihrer besten und ältesten Freundin zu entschuldigen für einen Streit, der dazu geführt hatte, dass sie seit fast einem Jahr keinen Kontakt mehr hatten. Die letzte Erkenntnis war der Tatsache geschuldet, dass diese beste und älteste Freundin am selben Tag Geburtstag hatte wie Meredith selbst. Seit sie sechs Jahre alt gewesen waren, waren sie beide unzertrennlich gewesen, und seit ihrem achten Lebensjahr hatten sie jeden Geburtstag gemeinsam gefeiert. Meredith wusste, wenn sie sich heute nicht mit Jemima versöhnte, würde sie es wahrscheinlich nie tun, und dann würde eine Tradition, die ihr immer am Herzen gelegen hatte, für immer verloren sein. Das wollte sie nicht. Gute Freundinnen fand man nicht alle Tage.

Wie genau diese Versöhnung aussehen sollte, war eine andere Frage, über die Meredith beim Duschen nachdachte. Sie entschied sich für einen Geburtstagskuchen, und zwar einen selbst gebackenen. Sie würde nach Ringwood fahren und Jemima den Kuchen überreichen, sich entschuldigen und eingestehen, dass sie ihrer Freundin unrecht getan hatte. Allerdings würde sie mit keinem Wort Jemimas Lebensgefährten erwähnen, der Auslöser für den Streit gewesen war. Meredith war davon überzeugt, dass dies ohnehin zwecklos wäre. Sie musste sich einfach damit abfinden, dass Jemima in Bezug auf Männer eine unverbesserliche Romantikerin war, wohingegen sie, Meredith, aus Erfahrung wusste, dass Männer im Prinzip nur Tiere in Menschengestalt waren. Sie brauchten Frauen als Sexobjekte, Muttertiere und Haushälterinnen. Wenn sie das wenigstens offen zugäben, statt so zu tun, als sehnten sie sich nach etwas anderem, dann könnten Frauen sich wenigstens entscheiden, wie sie ihr Leben gestalten wollten, anstatt sich einzubilden, es ginge um Liebe.

Für das Konzept »Liebe« hatte Meredith nur Verachtung übrig. Sie hatte es ausprobiert und hinter sich gelassen, und das Ergebnis war Cammie Powell: fünf Jahre alt, der Augenstern ihrer Mutter und vaterlos - woran sich voraussichtlich auch nichts mehr ändern würde.

Cammie trommelte gerade mit den Fäusten gegen die Badezimmertür und schrie: »Mummy! Mummy! Oma sagt, wir gehen heute zu den Ottern, und wir essen Eis und Hamburger. Kommst du auch mit? Da gibt's nämlich auch Eulen. Sie sagt, irgendwann gehen wir mal zur Igelklinik, aber da muss man übernachten, und sie sagt, dafür bin ich noch zu klein. Sie denkt, ich würde dich vermissen, das hat sie gesagt, aber du könntest doch einfach mitkommen, oder? Oder, Mummy? Mummy!«

Meredith lachte in sich hinein. Cammie redete immerzu wie ein Wasserfall und hörte meistens erst auf, wenn Schlafenszeit war. Während sie sich abtrocknete, rief sie durch die Badezimmertür: »Hast du schon gefrühstückt, mein Schatz?«

»Nein, hab ich vergessen.« Meredith hörte, wie ihre Tochter mit den Pantoffeln auf dem Fußboden scharrte. »Oma sagt, die haben Junge. Klitzekleine Otter. Sie sagt, wenn die Mutter stirbt oder wenn sie gefressen wird, dann brauchen die Jungen jemanden, der sich um sie kümmert, und das machen die da in dem Park. Im Otterpark. Was für Tiere fressen Otter, Mummy?«

»Keine Ahnung, Cammie.«

»Es muss aber Tiere geben, die Otter fressen. Alle Tiere werden gefressen. Mummy? Mummy?«

Meredith schlüpfte in ihren Morgenmantel und öffnete die Tür. Cammie sah genauso aus, wie ihre Mutter in dem Alter ausgesehen hatte. Sie war zu groß für ihre fünf Jahre und, ebenso wie Meredith, viel zu dünn. Ein Segen, dachte Meredith, dass Cammie ihrem nichtsnutzigen Vater nicht im Geringsten ähnlich sah. Mehr noch als ein Segen, denn er hatte geschworen, Meredith nie wieder eines Blickes zu würdigen, falls sie so stur sein und die Schwangerschaft durchziehen sollte. »Ich bin verheiratet, Herrgott noch mal, du dummes Luder!«, hatte er sie angebrüllt. »Ich habe bereits zwei Kinder, und das hast du die ganze Zeit gewusst!«

»Gib mir einen Gutenmorgenkuss, Cammie«, sagte Meredith. »Geh schon mal in die Küche. Ich muss einen Kuchen backen. Möchtest du mir helfen?«

»Aber Oma macht gerade Frühstück in der Küche.«

»Es ist bestimmt genug Platz für drei Bäckerinnen.«

Die Küche war sehr geräumig. Während Merediths Mutter am Herd stand und Spiegeleier und Speck briet, machte Meredith sich daran, Kuchen zu backen. Sie hatte zu einer Backmischung gegriffen, was ihrer Mutter eine frotzelnde Bemerkung entlockte, während Meredith den Beutelinhalt in eine Schüssel schüttete.

»Der ist für Jemima«, erklärte Meredith.

»Das ist ja wie Eulen nach Athen tragen«, stichelte Janet Powell.

Das wusste Meredith selber, aber daran ließ sich nun mal nichts ändern. Außerdem kam es nicht auf den Kuchen selbst an, sondern auf die gute Absicht. Und abgesehen davon wäre Meredith, selbst wenn ihr irgendeine Küchenfee die Zutaten verraten hätte, niemals in der Lage gewesen, etwas zustande zu bringen, das dem, was Jemima aus Mehl, Eiern und all den restlichen Zutaten zurechtzauberte, auch nur im Entferntesten geglichen hätte. Warum also sollte sie es überhaupt versuchen? Schließlich ging es nicht um einen Backwettbewerb, sondern um die Rettung einer Freundschaft.

Als Meredith den Kuchen aus dem Ofen zog, waren Oma und Enkelin bereits zu ihrem Otterabenteuer aufgebrochen, und Opa war zur Arbeit gefahren. Meredith hatte sich für einen Schokoladenkuchen mit Schokoglasur entschieden, und auch wenn er ein bisschen schief geraten und in der Mitte ein klein wenig eingesunken war - dafür hatte man ja schließlich die Glasur. Man brauchte nur reichlich davon auf dem Kuchen zu verteilen, und schon sah er einigermaßen passabel aus.

Von der Ofenhitze war es in der Küche so heiß geworden, dass Meredith noch einmal unter die Dusche steigen musste, ehe sie nach Ringwood aufbrach. Dann verhüllte sie ihren mageren Körper wie üblich mit einem knöchellangen Kaftan und trug den Schokoladenkuchen zu ihrem Auto. Vorsichtig stellte sie ihn auf den Beifahrersitz.

Gott, was für eine Hitze, dachte sie. Dabei war es noch nicht einmal zehn Uhr. Sie hatte die Ofenhitze dafür verantwortlich gemacht, dass sie so schwitzte, aber da hatte sie sich offenbar getäuscht. Sie kurbelte die Fenster ihres Wagens herunter und fuhr los. Sie musste sich beeilen, wenn sie nicht wollte, dass von dem Kuchen nur noch eine Schokopfütze übrig blieb.

Bis nach Ringwood war es nicht allzu weit, nur ein kurzes Stück über die A31 bei offenen Fenstern, den Fahrtwind um die Ohren, während ihr Affirmationsband in voller Lautstärke aus dem Kassettenrekorder dröhnte. »Ich will! Ich kann! Ich schaffe es!«, sagte die Stimme, und Meredith konzentrierte sich auf das Mantra. Eigentlich glaubte sie nicht daran, dass so etwas wirklich funktionierte, aber sie war entschlossen, nichts unversucht zu lassen, um voranzukommen.

Ein Stau vor der Ausfahrt nach Ringwood erinnerte sie daran, dass heute Markttag war. Die Innenstadt würde total überfüllt sein, und jede Menge Leute würden in Richtung Marktplatz strömen, wo einmal pro Woche vor der spätnormannischen Kirche St. Peter und Paul farbenfrohe Verkaufsstände aufgebaut wurden. Und nicht nur Einheimische, sondern auch jede Menge Urlauber würden sich durch die Stadt drängeln, denn um diese Jahreszeit fielen die Touristen wie Heuschrecken in den New Forest ein: Camper, Wanderer, Radfahrer, Amateurfotografen und sonstige Naturbegeisterte.

Meredith warf einen Blick auf ihren Schokoladenkuchen. Es war ein Fehler gewesen, ihn auf den Beifahrersitz zu stellen statt auf den Boden. Die Sonne brannte gnadenlos darauf, was der Glasur nicht eben zum Wohl gereichte.

Meredith musste zugeben, dass ihre Mutter recht gehabt hatte: Was in aller Welt hatte sie sich dabei gedacht, Jemima ausgerechnet einen Kuchen schenken zu wollen? Tja, jetzt war es zu spät, sich etwas anderes zu überlegen. Vielleicht konnten sie gemeinsam darüber lachen, wenn sie es endlich mit dem Kuchen zu Jemimas Laden geschafft hatte, der sich Cupcake Queen nannte und in der Hightown Road lag. Tatsächlich hatte Meredith wesentlich dazu beigetragen, dass Jemima das Ladenlokal gefunden hatte.

Die Häuser in der Hightown Road bildeten eine bunte Mischung, was die gewundene Straße zu einer perfekten Adresse für die Cupcake Queen gemacht hatte. Auf der einen Straßenseite standen hübsche Reihenhäuser aus rotem Backstein mit Rundbogentüren, Erkerfenstern und Dachgauben, deren Giebel mit weißem Holzschnitzwerk verziert waren. Am Ende der Straße befand sich das Railway Hotel, ein altes Gasthaus mit farbenprächtig blühenden Hängepflanzen in den Blumenkästen unter den Fenstern. Auf der gegenüberliegenden Seite gab es diverse Kfz-Betriebe und ein Autohaus, wo Fahrzeuge mit Allradantrieb angeboten wurden, außerdem einen Friseurladen und einen Waschsalon. Als Meredith damals gleich nebenan im Fenster eines leeren Ladenlokals das verstaubte »Zu vermieten«-Schild entdeckt hatte, hatte sie sofort an Jemima gedacht, deren selbst gebackene Törtchen den gesamten Freundeskreis zu Jubelrufen hinrissen. »Jem, das wird großartig laufen«, hatte Meredith zu ihr gesagt. »Dann kann ich in der Mittagspause immer zu dir rüberkommen, und wir können zusammen ein Sandwich essen.« Außerdem sei die Zeit reif, hatte sie ihrer Freundin erklärt. Wollte sie ihre Törtchen für immer in der Küche ihres kleinen Häuschens backen oder endlich den Sprung ins kalte Wasser wagen? »Du schaffst das, Jem! Ich glaube an dich.« Zumindest in Bezug auf ihren geschäftlichen Erfolg, dachte sie bei sich. In persönlichen Dingen traute sie Jemima wesentlich weniger zu.

Sie hatte ihre Freundin nicht lange überreden müssen, und Jemimas Bruder hatte ihr einen Teil des nötigen Kapitals zur Verfügung gestellt, ganz wie Meredith es erwartet hatte. Doch kurz nachdem Jemima den Mietvertrag unterschrieben hatte, war ihre Freundschaft aufgrund eines heftigen und dummen Streits über das, was Meredith als Jemimas blinde Bedürftigkeit nach einem Mann bezeichnete, abrupt abgekühlt. »Du nimmst doch jeden, der dir schöne Augen macht«, hatte Meredith Jemima entgegengeschleudert und deutlich ihre Meinung über Jemimas derzeitigen Partner geäußert, einen von vielen, die in Jemimas Leben getreten und wieder gegangen waren. »Komm schon, Jem! Jeder, der Augen im Kopf hat, sieht doch, dass mit dem Kerl etwas nicht stimmt.« Nicht gerade die feine Art, einen Mann zu beurteilen, den die beste Freundin zu heiraten beabsichtigte. Schlimm genug, dass sie mit ihm zusammenlebte, fand Meredith. Aber sich für ewig an ihn binden zu wollen, war etwas ganz anderes.

Sie hatte also nicht nur Jemima beleidigt, sondern auch den Mann, den Jemima zu lieben vorgab. Und so hatte Meredith nie die Früchte von Jemimas Plackerei gesehen, nachdem die Cupcake Queen eröffnet wurde.

Bedauerlicherweise konnte sie die Ergebnisse dieser Bemühungen auch jetzt nicht bewundern. Denn als Meredith mit dem Schokoladenkuchen - der inzwischen so aussah, als würde die Schokolade tatsächlich schwitzen, was kein gutes Zeichen sein konnte - aus ihrem Auto stieg und ihr Versöhnungsgeschenk über die Straße trug, fand sie die Ladentür verriegelt und die Fenstersimse verdreckt vor. Und das, was sie durch die Fenster erkennen konnte, sah ganz nach einem Geschäft aus, das pleitegegangen war. An einer Wand stand ein leeres Regal, davor eine verstaubte Verkaufstheke und eine altmodische Etagere, auf der weder Küchengeräte noch Backwaren lagen. Wie lange war es her, dass Jemima den Laden eröffnet hatte? Zehn Monate? Sechs? Acht? Meredith konnte sich nicht genau erinnern, aber was sie vor sich sah, gefiel ihr überhaupt nicht. Es fiel ihr schwer zu glauben, dass Jemimas Geschäft so schnell den Bach runtergegangen war. Selbst als sie noch in der heimischen Küche gebacken hatte, hatte Jemima bereits eine Menge Stammkunden gehabt, die bei ihr bestellt hatten, und die wären ihr doch sicherlich nach Ringwood gefolgt. Was also war passiert?

Meredith beschloss, die Person aufzusuchen, die ihr das alles am ehesten würde erklären können. Sie hatte ihre eigene Theorie zu dem Thema, aber sie wollte gewappnet sein, wenn sie Jemima gegenübertrat.

Meredith fand Lexie Streener im Friseurladen Jean Michel's in der High Street. Zuerst war sie zu der jungen Frau nach Hause gegangen. Lexies Mutter hatte ihre Arbeit unterbrochen - sie war gerade dabei gewesen, eine Abhandlung über die dritte Seligpreisung zu tippen -, und sie hatte sich lang und breit darüber ausgelassen, was es bedeutete, zu den Sanftmütigen zu gehören. Als Meredith nicht locker gelassen hatte, hatte sie ihr schließlich verraten, dass Lexie zurzeit im Jean Michel's den Kundinnen die Haare wusch. »Es gibt gar keine Jean Michel«, sagte sie streng. »Das ist eine glatte Lüge, und das verstößt gegen Gottes Gebote.«

Im Friseurladen bearbeitete Lexie gerade mit Inbrunst den Kopf einer dicken Frau, die bereits mehr als genug Sommersonne getankt hatte und definitiv zu viel Fleisch zeigte, um diese besorgniserregende Tatsache zur Schau zu stellen. Während Meredith wartete, fragte sie sich, ob Lexie vorhatte, eine Friseurlehre zu machen. Sie konnte nur hoffen, dass dies nicht der Fall war, denn wenn die Frisur des Mädchens irgendetwas über ihr Talent auf diesem Gebiet verriet, dann würde niemand, der bei Sinnen war, sie auch nur in die Nähe seines Kopfs lassen - zumindest nicht, solange sie mit Schere oder Haarfärbemittel bewaffnet war. Ihre Haare waren pink, blond und blau und entweder raspelkurz geschnitten - unwillkürlich drängte sich die Assoziation mit Kopfläusen auf - oder einfach abgebrochen nach all der Misshandlung durch Bleichmittel und Farbe.

»Sie hat mich irgendwann angerufen«, sagte Lexie, als Meredith sie endlich für sich allein hatte. Sie hatte warten müssen, bis Lexie Pause machte, und es hatte sie eine Cola gekostet, aber das war in Ordnung, sofern diese minimale Investition ihr maximale Information einbrachte. »Ich dachte, ich war fleißig gewesen und alles, aber dann ruft sie mich auf einmal an und sagt, ich brauch am nächsten Tag nich mehr zur Arbeit zu kommen. Ich hab sie gefragt, ob ich was falsch gemacht hätte, vielleicht zu nah an der Tür 'ne Kippe geraucht oder so, aber sie sagt nur… na ja… >Nein, es hat nichts mit dir zu tun.< Also nehm ich an, es hat was mit meinen Eltern zu tun, mit diesem ganzen Bibelgetue, wissen Sie, und diesem Zeug, was meine Mum dauernd schreibt. Vielleicht hat sie ihr mal so 'nen Zettel unter den Scheibenwischer geklemmt. Aber sie sagt nur: >Es hat mit mir zu tun, nicht mit dir. Und auch nicht mit deinen Eltern. Es hat sich alles geändert. Ich hab gefragt, was denn, aber das wollte sie mir nich sagen. Sie hat gesagt, es tut ihr leid, und ich soll sie nich weiter fragen.«

»Ist das Geschäft schlecht gelaufen?«, wollte Meredith wissen.

»Nee, ich glaub nich. Es waren immer Leute da, die was gekauft haben. Wenn Sie mich fragen, ich fand es total komisch, dass sie dichtmachen wollte, is doch klar. Also hab ich sie 'ne Woche drauf noch mal angerufen. Oder vielleicht später, weiß ich nich mehr genau. Ich hab sie auf ihrem Handy angerufen, aber da is nur die Mailbox angesprungen. Ich hab ihr Nachrichten hinterlassen, mindestens zwei. Aber sie hat mich nicht ein einziges Mal zurückgerufen, und als ich's dann noch mal versucht hab, da war… überhaupt kein Ton. Als hätte sie ihr Handy verloren oder so.«

»Hast du auch bei ihr zu Hause angerufen?«

Lexie schüttelte den Kopf. Sie knibbelte an einer verschorften Wunde an ihrem Arm. Sie fügte sich selbst Schnittwunden zu, das wusste Meredith, denn Lexies Tante gehörte die Firma für Grafikdesign, bei der Meredith so lange arbeiten wollte, bis sie in die Branche einsteigen konnte, die sie wirklich interessierte, nämlich Stoffdesign, und da Meredith Lexies Tante sehr bewunderte und da Lexies Tante sich ständig Sorgen um Lexie machte und über sie redete und sich fragte, ob es nicht irgendeine Möglichkeit gebe, Lexie dazu zu verhelfen, dass sie wenigstens ein paar Stunden täglich aus dem Haus kam und weg von ihren halb durchgedrehten Eltern, hatte Meredith Lexie irgendwann ihrer Freundin Jemima empfohlen, als die eine Mitarbeiterin suchte. Geplant war, dass Lexie Jemima erst bei der Einrichtung des Ladens und dann hinter der Theke helfen sollte. Jemima konnte nicht alles allein bewältigen, Lexie brauchte den Job, und Meredith wollte bei ihrer Chefin punkten. Es schien das perfekte Arrangement zu sein.

Aber irgendetwas war offenbar schiefgelaufen. Meredith fragte: »Du hast also nicht mit… ihm gesprochen? Sie hat nichts von zu Hause erzählt? Und du hast sie auch nicht dort angerufen?«

Lexie schüttelte den Kopf. »Ich dachte einfach, sie wollte mich nich haben«, sagte sie. »Die meisten wollen mich nich haben.«

Also musste Meredith zu Jemima nach Hause fahren. Etwas anderes blieb ihr nicht übrig. Die Vorstellung gefiel ihr nicht sonderlich, denn es bedeutete, dass Jemima bei dem bevorstehenden Gespräch im Heimvorteil sein würde. Aber wenn sie sich wirklich mit ihrer Freundin versöhnen wollte, dann musste sie alles tun, was dazu erforderlich war.

Jemima wohnte mit ihrem Lebensgefährten Gordon Jossie zwischen Sway und Mount Pleasant. Dort hatten sie es mit viel Glück irgendwie geschafft, an Gemeindeland zu kommen. Zugegeben, es war nicht besonders viel Land, aber fünf Hektar waren auch nicht zu verachten. Mehrere Gebäude standen auf dem Grundstück: ein altes Fachwerkhaus, eine Scheune und ein Schuppen. Es gab einige uralte Pferdekoppeln, wo man Ponys unterbringen konnte, falls sie im Winter Pflege benötigten. Der Rest war ungenutztes Land, größtenteils Heidelandschaft, die an ein Waldgebiet grenzte, das aber nicht zu dem Grundstück gehörte.

Die Gebäude standen im Schatten von Kastanien, die vor Ewigkeiten gekappt worden waren. Äste wuchsen in ungefähr zwei Metern Höhe aus den wulstigen Narben der Amputationen, die die Bäume einst vor den hungrigen Mäulern von Tieren bewahrt hatten. Die Kastanien waren wunderbar: Im Sommer sorgten sie rund ums Haus für Kühle und erfüllten die Luft mit berauschendem Duft.

Meredith fuhr an der Weißdornhecke entlang und bog in die kiesbedeckte Einfahrt ein, die sich als helle Linie zwischen dem Haus und der Westkoppel hinzog. Neben dem Haus standen ein rostiger schmiedeeiserner Tisch, vier Stühle, ein Teewagen und Blumentöpfe mit üppigen Farnen. Auf dem Tisch standen Kerzen in hübschen Kerzenhaltern, und auf den Stühlen lagen bunt geblümte Kissen - ein malerischer Essplatz wie aus einem Hochglanz-Einrichtungsmagazin. Das passte überhaupt nicht zu Jemima, dachte Meredith, und sie fragte sich, wie sehr sich ihre Freundin in den Monaten, seit sie sich zum letzten Mal gesehen hatten, verändert haben musste.

Sie hielt vor dem Haus, ganz in der Nähe des nächsten Anzeichens von Veränderung: einem Mini Cooper - einem neueren Modell, knallrot mit weißen Streifen, blitzsauber, die Chromteile blank poliert und das Verdeck heruntergeklappt. Der Anblick des Autos versetzte Meredith einen Stich. Der Wagen, in dem sie selbst hergekommen war, ein alter Polo, wurde von Klebeband und Träumen zusammengehalten, und sein Beifahrersitz bekam gerade eine Portion Schokoladenguss eines windschiefen Kuchens ab.

Der Kuchen war wirklich ein absolut lächerliches Geschenk, dachte Meredith. Sie hätte auf ihre Mutter hören sollen. Nicht dass sie je auf ihre Mutter gehört hätte - eine Erkenntnis, die sie umso mehr an Jemima erinnerte, die jedes Mal, wenn Meredith sich über die gute Frau beklagte, zu ihr gesagt hatte: »Wenigstens hast du eine Mutter.«

Plötzlich fehlte ihr Jemima mehr denn je, und so nahm sie ihren ganzen Mut zusammen, schnappte sich den Kuchen und trat vor die Haustür. Nicht die Vordertür - die hatte sie nie benutzt -, sondern die Hintertür, von der aus man durch einen kleinen Anbau, wo die Waschmaschine stand, in den Hof gelangte, der vom Haus, der Scheune, dem Schuppen, einem Weg und der Ostkoppel eingerahmt wurde.

Auf ihr Klopfen kam keine Reaktion und auch nicht, als sie rief: »Jem? Hallo? Geburtstagskind! Wo bist du?« Sie wollte gerade eintreten - in diesem Teil der Welt verriegelte niemand je seine Türen -, den Kuchen auf den Küchentisch stellen und einen Zettel mit einem Gruß dazulegen, als sie jemanden rufen hörte: »Hallo? Kann ich Ihnen helfen? Ich bin hier drüben!«

Es war nicht Jemima, das erkannte Meredith an der Stimme, ohne sich umzudrehen. Und als sie es tat, sah sie eine junge Blondine um die Scheune herumkommen, die einen Strohhut ausschüttelte und sich dann auf den Kopf setzte. »Verzeihung«, sagte die junge Frau. »Ich war gerade bei den Pferden. Aus irgendeinem Grund jagt dieser Hut ihnen Angst ein, deswegen nehme ich ihn ab, wenn ich mich der Koppel nähere.«

Hatten Gordon und Jemima eine Aushilfe eingestellt? Aufgrund der Rechte, die mit dem Gemeindeland einhergingen, durften sie wilde Ponys halten, waren jedoch auch ausdrücklich dazu verpflichtet, die Tiere zu versorgen, wenn sie aus irgendeinem Grund im West Forest nicht genug Nahrung fanden. So sehr, wie sein Job Gordon in Anspruch nahm, und bei allem, was Jemima mit ihrer Bäckerei um die Ohren hatte, war es gut denkbar, dass sie jemanden zur Unterstützung brauchten, wenn sie Ponys pflegen mussten.

Andererseits sah die Frau nicht aus wie jemand, der Stallarbeiten erledigte. Sie trug zwar Jeans, aber von der Designersorte, die ihre Kurven betonte, wie man es von Filmstars kannte. Ihre Lederstiefel waren modisch und frisch gewienert und nicht dazu gedacht, im Mist herumzutrampeln. Sie hatte eine karierte Bluse an, aber die Ärmel waren hochgekrempelt, sodass ihre gebräunten Unterarme zur Geltung kamen, und sie hatte den Kragen elegant hochgeschlagen. Sie sah aus, wie jemand sich ein Mädchen vom Land vorstellen mochte, aber ganz und gar nicht wie eine echte Landfrau.

»Hallo.« Meredith fühlte sich unbehaglich. Sie und die Blondine waren etwa gleich groß, aber damit hatte es sich auch schon mit den Ähnlichkeiten. Diese Vision des Landlebens in Hampshire, die auf sie zukam, war Meredith vollkommen fremd. In ihrem knöchellangen Kaftan kam sie sich vor wie eine in einen Vorhang gewickelte Giraffe.

»Verzeihung. Ich fürchte, ich blockiere Ihr Auto.« Mit einer Kopfbewegung deutete sie in Richtung ihres Polo.

»Kein Problem«, sagte die Frau. »Ich habe nicht vor wegzufahren.«

»Nein?« Meredith war gar nicht erst auf die Idee gekommen, dass Jemima und Gordon umgezogen sein könnten, aber das schien der Fall zu sein. »Wohnen Gordon und Jemima denn nicht mehr hier?«

»Gordon wohnt noch hier«, antwortete die Frau. »Aber wer ist Jemima?«

Bei der Betrachtung dessen, was mit John Dresser geschah, spielt der Kanal eine entscheidende Rolle. Als Teil des Verkehrswegenetzes aus dem neunzehnten Jahrhundert, auf dem Güter quer durch das Vereinigte Königreich transportiert wurden, teilt dieser spezielle Abschnitt des Midlands Trans-Country Canal, der für uns von Interesse ist, die Stadt und hat auf diese Weise gegensätzliche sozioökonomische Stadtviertel geschaffen. Der Kanal verläuft auf einer Länge von mehr als einem Kilometer entlang der nördlichen Grenze der Gallows. Wie bei den meisten Kanälen in Großbritannien ermöglicht ein Treidelpfad Fußgängern und Radfahrern Zugang zum Kanal, und daran entlang stehen Häuser und Gebäude mit Blick aufs Wasser.

Die Vorstellung von einem Kanal und dem Leben am Wasser mag romantische Gefühle wecken, aber der besagte Abschnitt des Midlands Trans-Country Canal bietet nur wenig Anlass dazu. In der schmierigen Kloake leben weder Enten, Schwäne noch sonstige Tiere, und entlang des Treidelpfads wachsen weder Schilf noch Weiden, Wildblumen oder andere Pflanzen. Die Ufer sind vielmehr übersät von angeschwemmtem Müll, und über dem Wasser liegt ein fauliger Gestank, der auf defekte Abwasserrohre schließen lässt.

Der Kanal diente den Bewohnern der Gallows bereits seit geraumer Zeit als Deponie für jede Art von Sperrmüll. Als Michael Spargo, Reggie Arnold und Ian Barker dort gegen 9:30 Uhr eintrafen, entdeckten sie einen Einkaufswagen im Wasser und begannen, mit Steinen, Flaschen und Ziegeln, die sie vom Weg klaubten, danach zu werfen. Es scheint Reggies Idee gewesen zu sein, dorthin zu gehen, Ian lehnte zunächst mit dem Argument ab, die beiden anderen wollten nur »dorthin, um sich gegenseitig zu wichsen oder es wie die Köter zu treiben«, wobei er zweifellos Vorgänge zitierte, die er im Schlafzimmer seiner Mutter hatte mit ansehen müssen. Reggie zufolge hänselte Ian Michael überdies wegen seines rechten Auges. (Aufgrund einer Schädigung der Wangennerven, verursacht durch die bei seiner Geburt verwendete Zange, war Michaels rechtes unteres Augenlid gelähmt, sodass es herunterhing und das Auge nicht synchron mit dem linken blinzelte.) Reggie gab an, er habe »Ian ordentlich die Meinung gesagt«, woraufhin die Jungen sich anderen Dingen zuwandten und auf der Suche nach Gelegenheiten für andere Streiche weiterzogen.

Da die Gärten der Häuser entlang des Treidelpfads nur durch teils schadhafte Holzzäune geschützt waren, fiel es den Jungen leicht, auf die Grundstücke zu gelangen. In einem Garten rissen sie Wäschestücke von der Leine und warfen sie in den Kanal. In einem anderen entdeckten sie einen Rasenmäher, den dasselbe Schicksal ereilte. (»Der war eh total verrostet«, so Michael.)

Möglicherweise brachte ein Kinderwagen sie schließlich auf die Idee zu ihrem fatalen Plan. Sie entdeckten ihn auf der Terrasse eines der Reihenhäuser. Im Gegensatz zu dem Rasenmäher war der Kinderwagen jedoch nicht nur neu - an ihm tanzte überdies ein metallicblauer Luftballon mit dem Aufdruck: »Es ist ein Junge!« Die drei wussten natürlich, dass sich dies auf ein Neugeborenes bezog.

In den Besitz des Kinderwagens zu gelangen, erwies sich als vergleichsweise schwierig, weil der Zaun zu diesem Reihenhaus intakt war. Die Vermutung scheint berechtigt, dass von dem Punkt an die Situation eskalierte, als zwei der Jungen (Ian und Reggie, laut Michael; Ian und Michael, laut Reggie; Reggie und Michael, laut lan) hinüberkletterten, den Kinderwagen stahlen, ihn über den Zaun wuchteten und auf den Weg warfen. Dort schoben sie sich gegenseitig in dem Wagen herum, bis sie des Spiels überdrüssig wurden und den Wagen in den Kanal warfen.

Aus Michael Spargos Verhör geht hervor, dass Ian Barker zu diesem Zeitpunkt meinte: »Pech, dass kein Baby drin war. Das hätte 'nen schönen Platscher gemacht.« Ian Barker leugnete das. Als Reggie Arnold danach gefragt wurde, kreischte er hysterisch: »Da war nie 'n Baby! Mum, da war kein Baby!«

Michaels Aussage zufolge äußerte Ian im weiteren Verlauf, »wie geil es war, irgendwo 'n Baby herzukriegen«. Sie könnten es, so sein Vorschlag, »zur Brücke über der West Town Road mitnehmen und von da kopfüber auf die Straße fallen lassen. Da würden das Blut und das Hirn nur so spritzen. Das hat er gesagt«, berichtete Michael. Er beharrte wiederholt darauf, gegen diese Idee protestiert zu haben, so als ahnte er, wohin das Verhör durch die Polizei führen würde.

Schließlich verloren die Jungen die Lust, noch weiter am Kanal zu spielen, Ian Barker, so gab Michael gegenüber der Polizei an, sei derjenige gewesen, der vorschlug »abzuhauen« und in die Barriers zu gehen.

Es ist bemerkenswert, dass keiner der Jungen leugnete, an jenem Tag in dem Einkaufszentrum gewesen zu sein, auch wenn alle wiederholt ihre Geschichte änderten, sobald die Rede davon war, was sie dort getan hatten.

Die Einkaufspassage West Town Road Arcade wird im Volksmund schon so lange nur »Barriers« genannt, dass sich kaum noch jemand an den ursprünglichen Namen erinnert. Der Name kam auf, weil das Einkaufszentrum eine Art Barriere zwischen der trostlosen Welt der Gallows und einem bürgerlichen Viertel aus Ein- und Zweifamilienhäusern bildet, zu dem die Siedlungen Windsor, Mountbatten und Lyon Housing Estates gehören.

Von den vier Eingängen des Einkaufszentrums werden vorwiegend die beiden benutzt, die den Bewohnern der Gallows und denjenigen des Windsor Estate am nächsten liegen. Die Geschäfte an diesen Eingängen lassen auf deprimierende Weise Rückschlüsse auf ihre Kundschaft zu. Auf der Seite der Gallows beispielsweise finden sich ein William-Hill-Wettbüro, zwei Spirituosengeschäfte, ein Tabakladen, ein Ramschladen und mehrere Schnellrestaurants, die Fish and Chips, Backkartoffeln und Pizza anbieten. Auf der zum Windsor Estate gelegenen Seite dagegen gibt es einen Marks & Spencer, Boots, Russell and Bromley, Accessorize und Ryman's sowie kleine Einzelhandelsgeschäfte für Unterwäsche, Süßwaren, Tee und Bekleidung. Natürlich kann jeder das Einkaufszentrum von den Gallows her betreten, die Passagen durchwandern und einkaufen, wo es ihm beliebt. Allgemein gilt jedoch: Wer der Arbeiterklasse angehört, arm ist oder Sozialhilfe bezieht, wird sein Geld in erster Linie für cholesterinhaltiges Essen, Tabak, Alkohol oder fragwürdige Wetten ausgeben.

Alle drei Jungen sagten übereinstimmend aus, dass sie nach Betreten des Einkaufszentrums zielstrebig die Spielothek im Zentrum der Passage aufsuchten. Sie hatten zwar kein Geld, aber das hielt sie nicht davon ab, den Jeep im »Lets Go Jungle«-Videospiel zu fahren und den »Ocean Hunter« auf der Suche nach Haien »zu fliegen«. In diesem Zusammenhang ist die Tatsache interessant, dass diese interaktiven Videospiele nur für zwei Spieler angelegt sind. Da die Jungen, wie bereits erwähnt, kein Geld hatten, taten sie nur so, als würden sie spielen, wobei Michael und Reggie die Joysticks bedienten und Ian das Nachsehen hatte. Er behauptete, es habe ihn nicht gestört, ausgeschlossen zu sein. Alle drei beteuerten, es habe ihnen nichts ausgemacht, dass sie kein Geld für die Spielothek hatten. Aber man fragt sich unwillkürlich, ob der Tag vielleicht anders verlaufen wäre, hätten die Jungen die Möglichkeit gehabt, ihre Neigungen mithilfe gewalttätiger Videospiele zu sublimieren. (Ich möchte nicht behaupten, dass Videospiele als Erziehungsersatz dienen könnten oder sollten, aber als Ventil für diese Jungen mit mangelndem Verstand und noch weniger Bewusstsein von ihren Störungen hätten sie durchaus hilfreich sein können.)

Dem Besuch in der Spielothek wurde jedoch ein abruptes Ende gesetzt, als jemand vom Sicherheitspersonal sie bemerkte und verscheuchte. Schließlich war noch Schulzeit (die Überwachungskameras geben als Zeit 10:30 Uhr an), und der Angestellte drohte ihnen, die Polizei zu rufen und die Schule zu verständigen, falls sie sich noch ein Mal dort blicken ließen. Der Polizei gegenüber sagte der Mann aus, er habe »die Rotzlöffel nicht mehr wiedergesehen«, was vermutlich nicht der Wahrheit entspricht, sondern ein Versuch war, sich von Schuld und Verantwortung freizusprechen. Denn die Jungen gaben sich nicht die geringste Mühe, sich vor ihm zu verstecken, nachdem sie den Spielsalon verlassen hatten, und hätte er seine Drohung wahr gemacht, wären sie nie auf den kleinen John Dresser gestoßen.

John Dresser - oder Johnny, wie er von der Boulevardpresse genannt wurde - war zweieinhalb Jahre alt. Er war das einzige Kind von AIan und Donna Dresser, und an Werktagen wurde er normalerweise von seiner achtundfünfzigjährigen Großmutter gehütet. Er konnte schon gut laufen, aber wie viele männliche Kleinkinder lernte er nur langsam sprechen. Sein Wortschatz bestand hauptsächlich aus »Mama«, »Pa« und »Lolly« (der Hund der Familie). Seinen eigenen Namen konnte er nicht sagen.

An diesem Tag war seine Großmutter nach Liverpool zu einem Spezialisten gefahren, um ihre drastisch schlechter werdenden Augen untersuchen zu lassen. Da sie nicht selbst Auto fahren konnte, ließ sie sich von ihrem Mann dorthin bringen. So waren AIan und Donna Dresser bei der Betreuung ihres Kindes auf sich gestellt. Wenn dies der Fall war (was hin und wieder vorkam), wechselten sie sich bei dieser Aufgabe ab, da es schwierig war, sich dafür einen Tag freizunehmen. (Donna Dresser war damals Chemielehrerin an einer weiterführenden Schule, AIan arbeitete als Jurist für Immobilienangelegenheiten.)

Die Dressers waren in jeder Hinsicht gute Eltern, und John war ein lang ersehntes Wunschkind. Während der Schwangerschaft, die Donna lange verwehrt geblieben war, hatte die junge Frau sich sehr geschont und alles getan, um ein gesundes Kind zur Welt zu bringen. Auch wenn sie von der Öffentlichkeit scharf kritisiert wurde, weil sie als berufstätige Mutter das Kind an jenem Tag in die Obhut ihres Mannes gegeben hatte, kann kein Zweifel daran bestehen, dass sie John eine liebevolle Mutter war.

AIan Dresser nahm den Kleinen gegen Mittag mit in die Barriers. Er setzte John in den Buggy und ging die achthundert Meter von zu Hause dorthin zu Fuß. Die Dressers wohnten im Mountbatten Housing Estate. In dieser exklusivsten und vom Einkaufszentrum am weitesten entfernt liegenden Siedlung hatten die Dressers vor Johns Geburt eine Vierzimmerdoppelhaushälfte gekauft. Am Tag von Johns Verschwinden waren sie noch immer dabei, eines der beiden Bäder zu renovieren. Der Polizei gegenüber erklärte AIan Dresser, er sei auf die Bitte seiner Frau hin zu Stanley Wallingford's gegangen, einem kleinen Laden für Malerbedarf im zu den Gallows hin gelegenen Teil des Einkaufszentrums, um Farbproben zu besorgen. Außerdem habe er mit seinem Sohn »ein bisschen frische Luft schnappen« wollen, ein verständliches Bedürfnis nach zwei Wochen Regen.

In dem Malergeschäft versprach AIan Dresser seinem Sohn, mit ihm zu McDonald's zu gehen. Dies scheint zumindest zum Teil dem Versuch geschuldet gewesen zu sein, den kleinen Jungen zu beruhigen, eine Annahme, die durch die Aussage des Angestellten in dem Malergeschäft gestützt wird, der angab, John habe unüberhörbar gequengelt und in seinem Buggy herumgezappelt, während sein Vater sich die Farbproben geben ließ und verschiedene für die Renovierung notwendige Materialien kaufte. Als die beiden schließlich bei McDonald's eintrafen, war John außer Rand und Band und der Vater mit seiner Geduld am Ende. AIan Dresser war nicht grundsätzlich abgeneigt, seinem Sohn »einen Klaps auf den Po zu geben«, wenn dieser sich in der Öffentlichkeit nicht ordentlich benahm. Die Tatsache, dass er dabei beobachtet wurde, wie er vor der McDonald's-Filiale seinem Sohn einen kräftigen Schlag auf den Hintern verpasste, führte zu einer Verzögerung bei den Ermittlungen, nachdem John verschwunden war, wenn auch nicht anzunehmen ist, dass die Ereignisse des Tages durch eine sofortige Suche nach dem Jungen einen anderen Verlauf genommen hätten.

Während Ian Barker im Verhör erklärte, es habe ihn nicht gestört, dass er bei den imaginären Videospielen ausgeschlossen worden war, behauptete Michael Spargo, Ian habe deswegen die beiden anderen »bei dem Wachmann verpfiffen« - eine Anschuldigung, die Ian entschieden bestritt. Aber auf welche Weise auch immer der Angestellte auf die drei aufmerksam wurde: Sie entzogen sich seiner weiteren Beobachtung, indem sie flüchteten und in den Ramschladen weiterzogen.

Auch heute noch wird in diesem Laden von Kleidung bis hin zu Tee alles zu Schleuderpreisen verkauft. Die Gänge sind eng, die Regale hoch, Wühltische quellen über mit Socken, Schals, Handschuhen und Schlüpfern. Im Angebot befinden sich Lebensmittel mit abgelaufenem Verfallsdatum, billige Imitate, Waren zweiter Wahl und chinesische Importe, und es scheint keine Warenbestandskontrolle stattzufinden, außer dass der Ladeninhaber ein offenbar perfektes System entwickelt hat, sich sein Sortiment zu merken.

Michael, Ian und Reggie betraten den Laden mit der Absicht, etwas zu stehlen, vermutlich um sich für den Rauswurf aus der Spielothek schadlos zu halten. Das Geschäft verfügte über zwei Videokameras, die allerdings bereits seit zwei Jahren nicht mehr funktionstüchtig waren. Dies war bei den Kindern der angrenzenden Viertel, die den Laden regelmäßig heimsuchten, allgemein bekannt, Ian Barker trieb sich sogar so häufig dort herum, dass der Eigentümer ihn kannte, wenn auch nur mit Vornamen.

In dem Laden stahlen die Jungen eine Haarbürste, eine Tüte mit Feuerwerkskörpern und ein Paket Filzstifte. Dies scheint jedoch entweder nicht ausgereicht zu haben, ihre Aggressionen zu befriedigen, oder es bot ein zu geringes Maß an Nervenkitzel, sodass sie nach Verlassen des Ladens als Nächstes einen Imbissstand im Zentrum der Passage ansteuerten. Dem Besitzer, einem siebenundfünfzigjährigen Sikh namens Wallace Gupta, war Reggie Arnold bereits seit Längerem bekannt. Die Befragung Mr. Guptas - die erst zwei Tage später durchgeführt wurde, was einiges zu denken gibt - ergab, dass er die Jungen aufforderte, augenblicklich zu verschwinden, andernfalls werde er den Sicherheitsdienst verständigen, woraufhin er von den Jungen im Gegenzug als »Paki«, »Wichser«, »Stricher«, »Ficker« und »Turbanarsch« beschimpft wurde. Als die drei sich nicht von der Stelle rührten, nahm Mr. Gupta aus einem Fach unter seiner Kasse eine mit Bleichmittel gefüllte Sprühflasche - die einzige Waffe, mit der er sich verteidigen oder die Jungen vertreiben konnte. Die Jungen, wie Ian Barker stolz zu Protokoll gab, lachten den Mann aus und schnappten sich fünf Tüten Kartoffelchips (von denen später eine auf dem Gelände des Dawkins-Gebäudes gefunden wurde), was Mr. Gupta veranlasste, seine Drohung wahr zu machen. Er betätigte die Sprühflasche, und das Bleichmittel traf Ian Barker an Wange und Auge, Reggie Arnold an der Hose und Michael Spargo an Hose und Anorak.

Michael und Reggie begriffen schnell, dass ihre Schulhosen so gut wie ruiniert waren, dennoch reagierten sie auf Mr. Guptas Angriff bei Weitem nicht so heftig wie Ian. »Der wollte den Paki fertigmachen«, erklärte Reggie Arnold bei seinem Verhör. »Der is total durchgedreht. Er wollte alles kurz und klein schlagen, aber ich hab ihn aufgehalten, ehrlich« - eine Behauptung, die jedoch durch keinerlei Tatsachen gestützt wird.

Es ist allerdings zu vermuten, dass Ian Schmerzen hatte, und unfähig, mit der Situation angemessen umzugehen (offenbar suchten die Jungen keine öffentliche Toilette auf, um das Bleichmittel von Ians Gesicht zu waschen), machte er Reggie und Michael für seine missliche Situation verantwortlich.

Vielleicht um Ians Wut zu besänftigen und nicht am Ende noch Prügel von ihm zu beziehen, machte Reggie ihn auf die Zoohandlung Jones-Carver aufmerksam, in deren Schaufenster drei Perserkätzchen auf einer Kletterlandschaft herumtollten. Auf die Frage, was ihn zu den Katzen hingezogen habe, reagierte Reggie ausweichend, behauptete jedoch später, Ian habe vorgeschlagen, eines der Kätzchen zu stehlen, um sich damit »ein bisschen Spaß« zu machen, Ian stritt dies während des Verhörs ab. Michael Spargo dagegen berichtete, Ian habe gesagt, sie könnten die Katze »an ein Brett nageln wie Jesus« oder ihr den Schwanz abschneiden. »Er meinte, das war doch geil, das hat er gesagt.« Es ist kaum noch zu ermitteln, wer in dieser Situation was vorgeschlagen hat, denn je näher das Thema John Dresser rückt, umso unpräziser werden die Aussagen.

Folgendes ist bekannt: An die Tiere war nicht heranzukommen, da es sich um wertvolle Rassekatzen handelte, die im Schaufenster in einem Käfig steckten. Vor dem Käfig allerdings stand die vierjährige Tenille Cooper, die den Kätzchen zusah, während ihre Mutter in nur fünf Metern Entfernung Hundefutter kaufte. Sowohl Reggie als auch Michael - die unabhängig voneinander im Beisein eines Elternteils und einer Sozialarbeiterin verhört wurden - sagten aus, dass Ian Barker die kleine Tenille bei der Hand nahm und rief: »Die ist doch noch besser als 'ne Katze, oder?«, und zwar in der eindeutigen Absicht, das Mädchen mitzunehmen. Diese Absicht wurde von Adrienne, der Mutter der Kleinen, vereitelt, die die Bande aufgebracht zur Rede stellte. Sie fragte die Jungen, warum sie nicht in der Schule seien, und drohte, nicht nur den Sicherheitsdienst zu rufen, sondern auch die Schule und die Polizei zu informieren. Später sollte sie eine entscheidende Rolle bei der Identifizierung der Jungen spielen: Als ihr auf dem Polizeirevier sechzig verschiedene Fotos vorgelegt wurden, konnte sie mühelos alle drei benennen.

Eines muss allerdings festgehalten werden: Hätte Adrienne wirklich den Sicherheitsdienst gerufen, wären die Jungen John Dresser möglicherweise nie begegnet. Doch ihr Versäumnis - wenn man überhaupt von einem Versäumnis sprechen kann, denn wie hätte sie ahnen können, welche entsetzlichen Ereignisse sich anbahnten? - ist gering zu bewerten angesichts des Fehlverhaltens all jener Personen, die später einen verzweifelten John Dresser in Begleitung der drei Jungen gesehen haben mussten und dennoch keinerlei Anstalten machten, die Polizei zu verständigen oder das Kind aus den Händen der Jungen zu befreien.

2

»Ich nehme an, Sie sind im Bilde über das, was DI Lynley widerfahren ist«, sagte Hillier, und Isabelle ließ sowohl den Mann als auch die Frage auf sich wirken, ehe sie antwortete. Sie befanden sich in seinem Büro bei New Scotland Yard, von dessen Fenstern aus man einen Blick auf die Dächer von Westminster und einige der teuersten Immobilien des Landes hatte. Sir David Hillier stand hinter seinem gigantischen Schreibtisch, und er wirkte frisch und gepflegt und erstaunlich fit für einen Mann seines Alters. Sie schätzte ihn auf Mitte sechzig.

Er hatte sie aufgefordert, Platz zu nehmen, ein ziemlich cleverer Schachzug, wie sie fand. Er wollte sie seine Dominanz spüren lassen für den Fall, dass sie sich ihm überlegen fühlen könnte. In körperlicher Hinsicht natürlich. Es war unwahrscheinlich, dass sie auf die Idee kam, sich dem Assistant Commissioner der Metropolitan Police in irgendeiner anderen Weise überlegen zu fühlen. Aber sie überragte ihn um zehn Zentimeter - um mehr, wenn sie hohe Absätze trug -, nur war das auch schon alles, was sie ihm voraushatte.

»Sie meinen«, sagte sie, »was Inspector Lynleys Frau widerfahren ist? Ja. Das weiß ich. Ich nehme an, jeder bei der Polizei weiß das. Wie geht es ihm? Wo ist er?«

»Immer noch in Cornwall, soweit ich informiert bin. Aber das Team will ihn wieder hierhaben, und ich schätze, das werden Sie zu spüren bekommen. Havers, Nkata, Haie… Sie alle. Selbst John Stewart. Alle, von den Detectives bis hin zu den Zivilen. Sogar die Pförtner, vermute ich. Er ist sehr beliebt.«

»Ich weiß. Ich hatte bereits das Vergnügen. Er ist ein echter Gentleman. Das dürfte die zutreffende Bezeichnung sein, nicht wahr? Gentleman.«

Hillier musterte sie auf eine Weise, die ihr nicht gefiel, so als würde er sich seine eigenen Gedanken machen über das Wo und Wie ihrer Bekanntschaft mit Detective Inspector Thomas Lynley. Sie zog in Erwägung, ihn über die Begebenheit aufzuklären, entschied sich jedoch dagegen. Sollte der Mann denken, was er wollte. Sie hatte die Chance, den Job zu bekommen, den sie angestrebt hatte, und jetzt kam es nur noch darauf an, ihm zu beweisen, dass sie es verdient hatte, die Stelle als ständiger und nicht nur als kommissarischer Superintendent zu übernehmen.

»Aber sie sind alle Profis, sie werden Ihnen das Leben nicht schwer machen«, sagte Hillier. »Dennoch gibt es unter ihnen starke Loyalitäten. Manche Dinge halten sich eben hartnäckig.«

Und manche ganz besonders, dachte sie. Sie fragte sich, ob Hillier vorhatte, sich zu setzen, oder ob das ganze Gespräch nach dem Prinzip Direktor/renitente Schülerin ablaufen würde, wie seine Haltung anzudeuten schien. Und sie fragte sich, ob sie womöglich, indem sie sich hingesetzt hatte, einen professionellen Fauxpas begangen hatte. Andererseits hatte er eindeutig auf einen der beiden Stühle gezeigt, die vor seinem Schreibtisch standen.

»… wird Ihnen keine Probleme bereiten. Ein guter Mann«, sagte Hillier gerade. »John Stewart dagegen ist ein harter Brocken. Er hat immer noch Ambitionen, die Stelle des Superintendent zu übernehmen, und es hat ihn sehr getroffen, als er nach der Probezeit die Position nicht bekommen hat.«

Isabelle riss sich zusammen. Als John Stewarts Name gefallen war, war ihr klar geworden, dass Hillier auch von den anderen gesprochen hatte, die den Posten des Superintendent zeitweise innegehabt hatten. Wahrscheinlich hatte er sämtliche Kandidaten erwähnt, die sich innerhalb des Hauses beworben hatten. Eine Aufzählung der Kandidaten von außerhalb der Met, die hier vorgesprochen hatten - anders konnte man es nicht nennen -, war überflüssig, da sie keinem von ihnen auf den endlosen Linoleumkorridoren im Tower Block oder im Victoria Block über den Weg laufen würde. DI John Stewart hingegen würde zu ihrem Team gehören. Dem würde sie ein bisschen die Federn stutzen müssen. Das gehörte nicht gerade zu ihren Stärken, aber sie würde tun, was sie konnte.

»Verstehe«, sagte sie zu Hillier. »Ich werde ihn mit Samthandschuhen anfassen. Ich werde sie alle mit Samthandschuhen anfassen.«

»Sehr gut. Haben Sie sich schon eingewöhnt? Wie geht's Ihren Jungs? Zwillinge, nicht wahr?«

Sie verzog den Mund zu einem Lächeln, das man für gewöhnlich aufsetzte, wenn die Rede auf »die Kinder« kam, und sie zwang sich, sie genau so zu betrachten - in Anführungszeichen. So konnte sie ihre Gefühle auf Distanz halten, und darauf war sie angewiesen. »Wir sind zu dem Schluss gekommen - ihr Vater und ich -, dass es besser für sie ist, wenn sie vorerst bei ihm bleiben, solange ich noch in der Probezeit bin. Mein Mann wohnt in der Nähe von Maidstone auf dem Land, und da zurzeit Sommerferien sind, scheint es uns das Beste, wenn sie eine Weile bei ihm leben.«

»Nicht leicht für Sie, nehme ich an«, bemerkte Hillier. »Sie werden Ihnen fehlen.«

»Ich werde beschäftigt sein«, erwiderte sie. »Und Sie wissen ja, wie achtjährige Jungs sind. Man muss sie ständig im Auge behalten. Da Bob und seine Frau beide zu Hause sind, können sie das wesentlich besser als ich, würde ich sagen. Das ist schon in Ordnung.«

Es klang wie eine ideale Situation: sie bei der Arbeit in London in der sprichwörtlichen Tretmühle, während Bob und Sandra die Kinder in frischer Landluft mit Liebe überhäuften und ihnen aus Biozutaten selbst gebackene Hähnchenpasteten und eisgekühlte Milch vorsetzten. Und wenn sie ehrlich war, entsprach das sogar in etwa der Wahrheit. Bob war vernarrt in seine Jungs, und Sandra war auf ihre Art sehr liebevoll, wenn auch für Isabelles Geschmack ein wenig zu schulmeisterlich. Obwohl sie zwei eigene Kinder hatte, war sowohl in ihrem Haus als auch in ihrem Herzen noch Platz für Isabelles Söhne. Denn Isabelles Söhne waren auch Bobs Söhne, und er war ein fürsorglicher Vater. Das war er schon immer gewesen. Er war charakterfest, der gute Robert Ardery. Er stellte stets die richtige Frage im rechten Augenblick, und er äußerte nie eine Drohung, die nicht klang wie eine großartige Idee, die ihm spontan gekommen war.

Hillier schien ihre Gedanken zu lesen oder es zumindest zu versuchen, aber Isabelle wusste, dass es niemandem so schnell gelang, die Rolle zu durchschauen, die sie spielte. Die hohe Kunst, nach außen hin kühl, beherrscht und hochkompetent zu wirken, beherrschte sie perfekt, und die professionelle Fassade hatte ihr über so viele Jahre hinweg so gute Dienste geleistet, dass sie ihr zur zweiten Natur geworden war. Sie trug sie wie ein Kettenhemd. So erging es nun mal einer Frau, die den Ehrgeiz hatte, sich in einer männerdominierten Welt nach oben zu arbeiten.

»Ja.« Hillier zog das Wort in die Länge, sodass es eher kalkulierend als bestätigend klang. »Sie haben natürlich recht. Schön, dass Sie eine gute Beziehung zu Ihrem Exmann pflegen. Alle Achtung. Das ist bestimmt nicht leicht.«

»Wir haben uns über die Jahre immer um einen freundlichen Umgang bemüht«, erwiderte sie, wieder mit dem angedeuteten Lächeln. »Es schien uns das Beste für die Kinder. Eltern, die ständig im Streit liegen - das tut niemandem gut, nicht wahr?«

»Freut mich zu hören. Ja.« Hillier sah zur Tür, als erwartete er jemanden. Doch niemand trat ein. Er wirkte angespannt, was Isabelle mit Genugtuung zur Kenntnis nahm. Es ließ darauf schließen, dass der Assistant Commissioner nicht ganz so dominant war, wie er vorgab zu sein.

»Ich nehme an«, sagte er in einem Ton, mit dem er zu erkennen gab, dass er das Gespräch zu beenden gedachte, »dass Sie darauf brennen, Ihr Team kennenzulernen. Offiziell vorgestellt zu werden. Sich an die Arbeit zu machen.«

»Ganz recht«, sagte sie. »Ich würde mich gern mit jedem Einzelnen persönlich unterhalten.«

»Dann wollen wir das doch gleich in Angriff nehmen«, gab Hillier lächelnd zurück. »Soll ich Sie begleiten?«

»Sehr gern.« Sie erwiderte das Lächeln und hielt seinem Blick so lange stand, bis er errötete. Er war ein rotgesichtiger Mann, dem das leicht passierte. Sie fragte sich jedoch intuitiv, wie er wohl aussehen mochte, wenn er in Wut geriet.

»Wenn ich mich vorher noch kurz frisch machen dürfte, Sir?«

»Selbstverständlich«, sagte er. »Lassen Sie sich Zeit.«

Was natürlich das Letzte war, was er von ihr erwartete. Sie überlegte, ob er häufiger Bemerkungen machte, die er nicht ernst meinte. Nicht dass dies eine große Rolle spielte, denn sie hatte nicht vor, viel Zeit mit dem Mann zu verbringen. Aber es war immer nützlich zu wissen, wie jemand tickte.

Hilliers Sekretärin - eine streng dreinblickende Frau mit fünf Warzen im Gesicht, die dringend dermatologisch untersucht werden sollten - erklärte Isabelle, wo sich die Damentoilette befand. Nachdem sie sich vergewissert hatte, dass sich niemand sonst in dem Raum aufhielt, schloss sie sich in der hintersten Kabine ein und erledigte ihr Geschäft. Dies allerdings diente nur der Tarnung. Der eigentliche Grund für ihren Besuch der Damentoilette befand sich in ihrer Handtasche.

Sie nahm das Fläschchen heraus und trank es in zwei großen Schlucken aus. Wodka. Schon seit Langem ihr treuer Begleiter. Sie wartete einen Moment, bis die Wirkung einsetzte.

Sie verließ die Kabine, trat ans Waschbecken und fischte Zahnbürste und Zahnpasta aus ihrer Handtasche. Sie putzte sich gründlich Zähne und Zunge.

Dann war sie bereit, sich der Welt zu stellen.

Die Detectives, deren Vorgesetzte sie sein würde, arbeiteten auf engem Raum zusammen, sodass Isabelle sich zunächst allen gleichzeitig gegenübersah. Auf beiden Seiten herrschte Skepsis; das war normal, und es machte ihr nichts aus. Hillier stellte sie den Kollegen vor und gab ihren beruflichen Werdegang in chronologischer Reihenfolge wieder: Kontaktpolizistin, Einbruchsdelikte, Sitte, Brandstiftungsdelikte und zuletzt Gewaltverbrechen. Wie lange sie in den jeweiligen Abteilungen tätig gewesen war, erwähnte er nicht. Isabelle Ardery befand sich auf der Überholspur, wie sich an ihrem Alter leicht ablesen ließ. Sie war achtunddreißig, wirkte jedoch, wie sie selbst fand, jünger, was sie darauf zurückführte, dass sie sich klugerweise ihr Leben lang von Zigaretten und direkter Sonneneinstrahlung ferngehalten hatte.

Die Einzige, die sich von ihrem Werdegang beeindruckt zeigte, war die Sekretärin der Abteilung, eine junge Frau - Typ Kronprinzessin - namens Dorothea Harriman. Isabelle fragte sich, wie die Frau es schaffte, sich von einem Sekretärinnengehalt so elegant zu kleiden. Vermutlich kaufte sie ihre Garderobe in exklusiven Secondhandläden, wo man zeitlose Schätzchen ausgraben konnte, wenn man ausdauernd genug war, gründlich suchte und einen Blick für Qualität hatte.

Sie verkündete den Anwesenden, dass sie mit jedem Teammitglied ein Einzelgespräch führen wolle. In ihrem Zimmer, sagte sie. Heute noch. Sie wünsche darüber informiert zu werden, woran genau die Kollegen derzeit arbeiteten, fügte sie hinzu und forderte sie auf, ihre Aufzeichnungen mitzubringen.

Es lief in etwa so ab, wie sie erwartet hatte. DI Philip Haie gab sich kooperativ und professionell und hatte seine Aufzeichnungen parat. Er schien sich zu sagen, warten wir's ab, was sie ihm nicht verübeln konnte. Derzeit unterstützte er die Staatsanwaltschaft bei der Vorbereitung eines Prozesses gegen einen Serienmörder, der es auf männliche Jugendliche abgesehen hatte. Mit ihm würde sie keine Probleme bekommen. Er hatte sich nicht für den Posten des Superintendent beworben und schien zufrieden mit seiner Rolle im Team zu sein.

DI John Stewart war von anderem Kaliber. Er war ein nervöser Typ, zumindest nach seinen abgekauten Fingernägeln zu urteilen, und die Art, wie er auf ihre Brüste starrte, sprach von einer Frauenfeindlichkeit der Sorte, die sie besonders verabscheute. Aber sie würde schon mit ihm fertigwerden. Er nannte sie Ma'am. Sie entgegnete, Chefin würde reichen. Er ließ sich betont viel Zeit damit, sich umzustellen. Sie habe nicht vor, ihm Probleme zu machen, sagte sie. Ob er seinerseits vorhabe, ihr Probleme zu machen? Nein, keineswegs, Chefin, erwiderte er, aber sie wusste, dass er nicht aufrichtig war.

Als Nächsten empfing sie DS Winston Nkata. Der Mann war ihr ein Rätsel. Sehr groß, sehr schwarz, das Gesicht vernarbt von einer Messerstecherei in seiner Jugend, der typische Abkömmling von Einwanderern von den Westindischen Inseln, der im Süden Londons aufgewachsen war. Harte äußere Schale, aber irgendetwas in seinen Augen verriet ihr, dass der Mann ein weiches Herz besaß, das darauf wartete, angesprochen zu werden. Sie fragte ihn nicht nach seinem Alter, schätzte ihn jedoch auf etwa Mitte zwanzig. Er war einer von zwei Brüdern, die gegensätzlicher kaum sein konnten: Sein älterer Bruder saß wegen Mordes im Gefängnis. Diese Tatsache, sagte sie sich, machte den DS zu einem hoch motivierten Polizisten, der etwas zu beweisen hatte. Das gefiel ihr.

Was sie nicht von DS Barbara Havers behaupten konnte, die sie als Letzte aufsuchte. Die Frau kam missmutig ins Zimmer gelatscht - anders konnte man es weiß Gott nicht ausdrücken - und stank nach Zigarettenrauch. Isabelle wusste, dass Havers bis zum Tod seiner Frau mehrere Jahre lang DI Lynleys Partnerin gewesen war. Sie waren sich schon einmal begegnet, und sie fragte sich, ob Havers sich noch daran erinnerte.

Das tat sie. »Der Fleming-Mord«, lauteten Havers' erste Worte, nachdem sie allein waren. »Draußen in Kent. Sie haben die Ermittlungen geleitet.«

»Sie haben ein gutes Gedächtnis, Sergeant«, erwiderte Isabelle. »Darf ich fragen, was mit Ihren Zähnen passiert ist? Ich kann mich nicht erinnern, sie in diesem Zustand gesehen zu haben.«

Havers zuckte die Achseln. »Kann ich mich setzen?«

»Bitte sehr.«

Sie hatte die Gespräche nach Hillier-Art geführt - allerdings stand sie dabei nicht hinter ihrem Schreibtisch, sondern saß in ihrem Sessel -, aber jetzt erhob sie sich, ging zu einem kleinen Konferenztisch und bedeutete Havers, ihr dorthin zu folgen. Sie wollte sich nicht mit Sergeant Havers verbünden, war sich jedoch darüber im Klaren, dass sie mit ihr eine andere Beziehung würde aufbauen müssen als mit den restlichen Teammitgliedern. Dies hatte allerdings mehr damit zu tun, dass sie Lynleys Partnerin gewesen war, als damit, dass sie beide Frauen waren.

»Ihre Zähne?«, nahm Isabelle den Faden wieder auf.

»Bin in 'ne Art Auseinandersetzung geraten«, erwiderte Havers.

»Ach? Sie sehen gar nicht aus wie jemand, der sich auf Schlägereien einlässt«, bemerkte Isabelle. Das stimmte zwar, aber es stimmte auch, dass Havers absolut so wirkte wie jemand, der sich verteidigen würde, wenn es darauf ankam, was offenbar dazu geführt hatte, dass ihre Schneidezähne sich in dem jetzigen Zustand befanden, nämlich abgebrochen.

»Dem Typ gefiel's nicht, dass ich ihn daran gehindert hab, ein Kind zu entführen«, sagte Havers. »Es gab 'ne Rangelei, ein paar Fausthiebe, ein paar Fußtritte, und ich bin mit dem Gesicht auf den Boden geschlagen. Und der war aus Stein.«

»Ist das im vergangenen Jahr passiert? Während Sie im Dienst waren? Warum haben Sie Ihre Zähne nicht richten lassen? Die Met wird sich doch nicht geweigert haben, die Kosten der Behandlung zu übernehmen?«

»Ich find, sie geben meinem Gesicht Charakter.«

»Aha. Woraus ich schließe, dass Sie etwas gegen moderne Zahnbehandlung haben. Oder haben Sie Angst vorm Zahnarzt, Sergeant?«

Havers schüttelte den Kopf. »Ich will mich nicht in eine Schönheit verwandeln. War mir zu anstrengend, all die Scharen von Bewunderern abzuwehren. Außerdem ist die Welt voll von Leuten mit perfekten Gebissen. Ich heb mich gern ab.«

»Tatsächlich?« Isabelle entschloss sich, Havers gegenüber etwas direkter zu werden. »Das erklärt dann wohl auch Ihre Kleidung. Hat Sie noch nie jemand darauf angesprochen, Sergeant?«

Havers veränderte ihre Sitzposition. Sie schlug die Beine übereinander, woraufhin - Gott bewahre!, dachte Isabelle - ein knöchelhoher roter Turnschuh und einige Zentimeter eines lilafarbenen Strumpfs zum Vorschein kamen. Trotz der unerträglichen Sommerhitze hatte Havers diese modische Farbzusammenstellung durch eine olivgrüne Cordhose und einen braunen Pullover ergänzt. Letzterer war von Fusseln geziert. Sie sah aus wie jemand, der undercover die Schrecken des Flüchtlingslebens erkundete. »Bei allem Respekt, Chefin«, sagte Havers, obwohl ihr Ton nahelegte, dass sie sich leicht gekränkt fühlte, »mal abgesehen davon, dass die Dienstvorschriften Sie nicht dazu berechtigen, mir wegen meiner Kleidung Stress zu machen, glaub ich nicht, dass mein Äußeres irgendwas damit zu tun hat, wie ich…«

»Akzeptiert. Aber Ihre äußere Erscheinung hat etwas damit zu tun, ob Sie professionell wirken«, fiel Isabelle ihr ins Wort. »Was man zurzeit nicht behaupten kann. Offen gesagt, Vorschriften hin oder her, ich möchte, dass meine Mitarbeiter einen professionellen Eindruck machen. Deswegen rate ich Ihnen, sich die Zähne richten zu lassen.«

»Was, heute noch?«, fragte Havers.

War sie wirklich so dummdreist? Isabelles Augen wurden schmal. »Spielen Sie das nicht herunter, Sergeant«, sagte sie. »Ich empfehle Ihnen außerdem, sich Ihrem Beruf entsprechend zu kleiden.«

»Wie gesagt, bei allem Respekt, aber Sie können nicht von mir verlangen…«

»Das ist richtig. Da haben Sie recht. Aber ich verlange ja auch nichts von Ihnen, nicht wahr? Ich rate Ihnen. Ich mache Ihnen Vorschläge. Ich gebe Ihnen Hinweise. Die Sie sicherlich schon des Öfteren gehört haben.«

»Nicht direkt.«

»Nein? Nun, dann hören Sie sie jetzt. Und wollen Sie mir ernsthaft weismachen, DI Lynley hätte nie eine Bemerkung über Ihre äußere Erscheinung gemacht?«

Havers schwieg. Isabelle spürte, dass der Name Lynley seine Wirkung getan hatte. Sie fragte sich kurz, ob Havers in den Mann verliebt gewesen war - oder es immer noch war. Es schien absurd, ja lächerlich. Andererseits, falls es stimmte, dass Gegensätze sich anzogen, so gab es kaum zwei Menschen, die gegensätzlicher sein konnten als Barbara Havers und Thomas Lynley, den Isabelle als liebenswürdig, gebildet, vornehm im Ausdruck und ausnehmend gut gekleidet in Erinnerung hatte.

»Sergeant, bin ich die Einzige, die…«, setzte sie an.

»Hören Sie, ich hab nichts übrig für Shoppingtouren«, sagte Havers.

»Gut. Dann lassen Sie mich Ihnen ein paar Tipps geben«, sagte Isabelle. »Erstens brauchen Sie einen Rock, der gut sitzt, gebügelt ist und die angemessene Länge hat - oder meinetwegen eine entsprechende Hose. Außerdem eine Jacke, die sich vorne zuknöpfen lässt. Des Weiteren eine gebügelte Bluse, eine Strumpfhose, ein Paar Pumps oder Halbschuhe, die sauber und poliert sind. Das hat nichts mit Gehirnwäsche zu tun, Barbara.«

Havers hatte die ganze Zeit ihr Fußgelenk betrachtet, das in dem roten Turnschuh steckte, doch als Isabelle sie jetzt mit ihrem Vornamen anredete, blickte sie auf. »Wo?«, fragte sie.

»Wie bitte?«

»Wo soll ich mir das Zeug besorgen?« Sie stellte die Frage in einem Ton, als hätte Isabelle von ihr verlangt, dass sie die Straße ableckte.

»Bei Selfridge's zum Beispiel«, sagte Isabelle. »Oder bei Debenham's. Und wenn Sie sich das nicht allein zutrauen, nehmen Sie jemanden zur Begleitung mit. Sie haben doch bestimmt die eine oder andere Freundin, die weiß, wie man sich als berufstätige Frau kleidet. Und falls nicht, blättern Sie mal in einer Modezeitschrift: und lassen sich inspirieren. Vogue. Oder Elle.«

Havers schien weder erfreut noch erleichtert noch irgendwie einverstanden. Im Gegenteil, sie wirkte jämmerlich. Nun, daran konnte sie nichts ändern, dachte Isabelle. Man hätte das ganze Gespräch als sexistisch bezeichnen können, aber Herrgott noch mal, sie versuchte doch nur, der Frau zu helfen! Deshalb entschloss sie sich, aufs Ganze zu gehen. »Und wo wir schon mal beim Thema sind: Darf ich vorschlagen, dass Sie auch etwas in Bezug auf Ihre Haare unternehmen?«

Havers zuckte zusammen, antwortete jedoch relativ ruhig: »Ich hab noch nie ein Händchen dafür gehabt, viel draus zu machen.«

»Vielleicht hat jemand anders eine Idee. Gehen Sie regelmäßig zum Friseur, Sergeant?«

Havers berührte ihr kurzes Haar. Die Farbe war annehmbar. Kieferfarben würde sie einigermaßen treffend beschreiben, dachte Isabelle. Aber von Frisur keine Spur. Offenbar schnitt Havers sich die Haare selbst. Der Himmel wusste, wie sie das anstellte, wahrscheinlich mit einer Gartenschere.

»Nun?«, hakte Isabelle nach.

»Nicht direkt.«

»Dann gewöhnen Sie es sich an.«

Havers empfand anscheinend das dringende Bedürfnis nach einer Zigarette, denn sie bewegte die Finger, als würde sie sich eine unsichtbare Kippe drehen. »Ab wann?«, fragte sie.

»Ab wann, was?«

»Ab wann soll ich mir all Ihre… Vorschläge zu Herzen nehmen?«

»Ab gestern. Aber so genau wollen wir es nicht nehmen.«

»Ab sofort, meinen Sie also?«

Isabelle lächelte. »Ich sehe, dass Sie in der Lage sind, meine Worte richtig zu deuten. Und jetzt…« Sie kam zum eigentlichen Thema, dem Grund, warum sie Havers an den Konferenztisch gebeten hatte. »Erzählen Sie mal. Was hören Sie denn so von Inspector Lynley?«

»Nicht viel«, antwortete Havers ausweichend. »Ich hab ein paar Mal mit ihm gesprochen, mehr nicht.«

»Wo ist er?«

»Keine Ahnung«, sagte Havers. »Wahrscheinlich immer noch in Cornwall. Er war gerade auf einer Küstenwanderung, als ich das letzte Mal von ihm gehört hab.«

»Da hat er sich ja ordentlich was vorgenommen. Was für einen Eindruck hat er denn auf Sie gemacht, als Sie zuletzt mit ihm gesprochen haben?«

Havers zog ihre ungezupften Brauen zusammen, während sie offenbar zu ergründen versuchte, worauf Isabelle hinauswollte. »So wie man es von einem Menschen erwartet, der sich gezwungen gesehen hat, die Maschinen abzustellen, die seine Frau am Leben gehalten haben. Also nicht gerade putzmunter. Er hatte sich im Griff, Chefin. Mehr weiß ich nicht.«

»Wird er wieder zurückkommen?«

»Hierher? Nach London? Zur Met?« Havers überlegte. Und sie schien über Isabelle nachzudenken und die Möglichkeiten durchzugehen, warum die neue kommissarische Vorgesetzte sich über den ehemaligen kommissarischen Detective Superintendent informierte. Schließlich sagte sie: »Er wollte den Job nicht. Er hatte den Posten nur vorübergehend übernommen. Er ist nicht erpicht auf eine Beförderung. So ein Typ ist er nicht.«

Isabelle gefiel es nicht, durchschaut zu werden, erst recht nicht von einer Frau. Thomas Lynley war tatsächlich ein Faktor, der ihr zu schaffen machte. Sie hätte nichts dagegen, ihn in ihrem Team zu haben, aber falls es dazu kam, wollte sie vorher darüber informiert sein, und sie wollte, dass es zu ihren Bedingungen geschah. Dass er unerwartet auftauchte und von allen mit Verehrung empfangen wurde, war das Letzte, was sie gebrauchen konnte.

Sie sagte zu Havers: »Ich bin um sein Wohlergehen besorgt, Sergeant. Falls Sie von ihm hören, würde ich das gern erfahren. Nur, wie es ihm geht. Nicht, was er sagt. Kann ich mich in dieser Hinsicht auf Sie verlassen?«

»Sicher«, sagte Havers. »Aber ich werde nicht von ihm hören, Chefin.«

Isabelle war davon überzeugt, dass Havers in beiden Punkten log.

Allein seine Musik machte die Fahrt erträglich.

Die Hitze war erdrückend, denn die Seitenfenster des Fahrzeugs, groß wie Kinoleinwände, ließen sich nicht öffnen. Darüber befanden sich zwar schmale Kippfenster, und die waren alle offen, aber das nützte nichts gegen den Mief, den das Sonnenlicht, das Wetter und die ruhelosen menschlichen Körper in dem Stahlrohr auf Rädern erzeugten.

Wenigstens handelte es sich um einen Gelenkbus und nicht um einen Doppeldecker. Wenn er hielt, gingen vorne und hinten die Türen auf, und ein Luftzug - heiß und schwül, aber immerhin frisch - erlaubte es ihm, tief durchzuatmen und daran zu glauben, dass er die Fahrt überleben würde. Die Stimmen in seinem Kopf behaupteten das Gegenteil. Sie schrien ihn an, er solle aussteigen, und zwar möglichst bald, denn es warte Arbeit auf ihn: das Werk Gottes. Aber er konnte nicht aussteigen, und deswegen hörte er Musik. Wenn sie nur laut genug aus seinen Ohrstöpseln kam, übertönte sie alles andere, einschließlich der Stimmen.

Am liebsten hätte er die Augen geschlossen, um sich ganz der Musik hinzugeben, den traurigen Klängen eines Cellos. Aber er musste sie im Auge behalten, er musste bereit sein. Sobald sie Anstalten machte auszusteigen, würde er ihr folgen.

Sie fuhren schon seit über einer Stunde. Sie hätten beide nicht in diesem Bus sitzen dürfen. Er hatte seine Arbeit und sie ebenfalls, und wenn man seinen Pflichten nicht nachkam, dann geriet die Welt aus dem Gleichgewicht, und er musste es wieder in Ordnung bringen. Ihm war befohlen, es in Ordnung zu bringen, und deswegen folgte er ihr, sorgfältig darauf bedacht, nicht gesehen zu werden.

Sie war zuerst in einen Bus gestiegen und dann in einen anderen umgestiegen, und jetzt sah er, dass sie einen Stadtplan benutzte, um die Route zu verfolgen. Daraus schloss er, dass ihr das Viertel, das sie durchquerten, unvertraut war - eine Gegend, wo es in seinen Augen aussah wie überall in London: Reihenhäuser, Läden mit verschmierten Plastikschildern über den Schaufenstern, Graffiti aus ineinander verschlungenen Buchstaben, die sinnlose Wörter ergaben wie kill dick boyz, chackers und porp.

Auf der langen Fahrt durch die Stadt wimmelte es auf den Gehwegen von Menschen. Touristen wichen Studenten mit Rucksäcken, die wiederum Frauen in knöchellangen schwarzen Burkas mit Sehschlitz, begleitet von Männern in bequemen Jeans und weißen T-Shirts. Dann afrikanische Kinder, die in einem Park unter Bäumen herumtollten. Häuserblocks, dazwischen eine Schule neben einer Ansammlung von Verwaltungsgebäuden, von denen er den Blick abwandte.

Schließlich wurde die Straße schmaler, machte eine Kurve, und plötzlich war es, als führen sie durch ein Dorf. Aber natürlich war es keins, sondern nur ein Stadtteil, der früher einmal eins gewesen war - eine der vielen Gemeinden, die mit der Zeit von dem wuchernden Moloch London verschlungen worden waren.

Die Straße stieg leicht an, und dann waren sie mitten in einer Einkaufsstraße. Mütter schoben Kinderwagen, die Leute vermischten sich. Afrikaner unterhielten sich mit Weißen. Asiaten kauften Halal-Fleisch. Alte Leute schlürften türkischen Mokka in einem Café, das französische Backwaren feilbot. Es war eine schöne Gegend. Er fühlte sich so entspannt, dass er beinahe seine Musik ausgeschaltet hätte.

Dann bemerkte er, wie sie sich auf ihrem Platz weiter vorne regte. Sie schlug ihren Stadtplan zu, nachdem sie sorgfältig die Ecke einer Seite heruntergefaltet hatte, und steckte ihn in die Handtasche. Dann trat sie an die Bustür.

Sie näherten sich dem Ende der Einkaufsstraße. Ein schmiedeeisernes Gitter auf einer niedrigen Steinmauer ließ darauf schließen, dass sie an einem Park angekommen waren.

Er fand es seltsam, dass sie eine so weite Strecke mit dem Bus gefahren war, um einen Park aufzusuchen, wo es doch keine zweihundert Meter von ihrer Arbeitsstelle einen Park gab oder, genauer gesagt, einen Landschaftsgarten. Zugegeben, es war fürchterlich heiß, und unter den Bäumen würde es kühl sein. Auch er freute sich auf den Schatten nach der Fahrt in dem rollenden Ofen. Aber wenn sie Kühle suchte, hätte sie doch einfach in die St.-Paul's-Kirche gehen und die Schrifttafeln an den Wänden lesen oder einfach in der ersten Bank sitzen und den Altar und das Gemälde darüber betrachten können, wie sie es manchmal in ihrer Mittagspause tat. Die Muttergottes mit Kind. So viel wusste er, obwohl er sich - trotz der Stimmen - nicht für einen religiösen Menschen hielt.

Erst im allerletzten Moment stieg auch er aus dem Bus. Er hatte sein Instrument zwischen seinen Füßen auf dem Boden abgestellt, und weil er sie so aufmerksam beobachtet hatte, während sie in Richtung Park führen, hätte er es beinahe stehen lassen. Das wäre ein schlimmer Fehler gewesen, und weil er ihn um ein Haar begangen hätte, nahm er die Ohrstöpsel ab, um die Musik nicht mehr zu hören. Die Flamme ist gekommen, ist gekommen, sie ist hier, ertönte es sofort in seinem Kopf. Ich rufe die Vögel, sie sollen sich an den Gefallenen gütlich tun.

Er kniff die Augen zu und schüttelte heftig den Kopf.

Oberhalb von vier Stufen, die in den Park führten, befand sich ein schmiedeeisernes Tor, das weit offen stand. Zuerst jedoch näherte sie sich einer Schautafel. Hinter Glas war ein Lageplan des Parks angebracht. Sie studierte den Plan, aber nur kurz, wie um sich einer Information zu vergewissern, die ihr bereits bekannt war. Dann ging sie durch das Tor, und gleich darauf war sie zwischen den dicht belaubten Bäumen verschwunden.

Er eilte ihr nach. Er warf einen Blick auf die Schautafel - Wege, die sich in alle Richtungen schlängelten, ein Gebäude, Text, ein Denkmal -, aber er konnte nirgendwo den Namen des Parks ausmachen, und so bemerkte er erst, als er dem Weg in die Tiefen des Parks folgte, dass er sich auf einem Friedhof befand.

Einen solchen Friedhof hatte er noch nie gesehen. Efeu und andere Rankpflanzen überwucherten die Grabsteine und verhüllten Statuen, zu deren Füßen Leimkraut blühte und Brombeeren glänzten. Die Verstorbenen, die hier lagen, waren längst ebenso vergessen wie der Friedhof selbst. Die Inschriften auf den Grabmälern waren verwittert und dem Vordringen der Natur zum Opfer gefallen, die zurückeroberte, was ihr gehört hatte, lange bevor die Menschen auf die Idee gekommen waren, ihre Toten hier zu bestatten.

Der Ort behagte ihm nicht, aber daran ließ sich nichts ändern. Er war ihr Beschützer - ja, ja, allmählich begreifst du es -, und sie war seine Schutzbefohlene. Er hatte eine Pflicht zu erfüllen. Aber jetzt begann ein Sturm in seinem Kopf zu heulen. Ich bin der Bote des Tartarus, erklang es in dem Brausen. Dann: Hör zu, hör zu, und: Wir sind sieben, und: Wir stehen zu seinen Füßen, und er suchte nach seinen Ohrstöpseln und drehte die Musik so laut auf, wie es nur ging, bis er nichts mehr hörte als das Cello und dann die Geigen.

Der Weg, auf dem er lief, war von Steinen übersät, uneben und staubig, und an den Rändern lag noch das Laub vom letzten Jahr, aber die Schicht war nicht so dick wie direkt unter den Bäumen, die hoch in den Himmel ragten. Ihre Kronen spendeten kühlen Schatten und erfüllten die Luft mit ihrem Duft, und er dachte, wenn er sich nur darauf konzentrierte - wie die Luft sich anfühlte und wie es nach grüner Natur roch -, wären die Stimmen nicht mehr so überwältigend.

Er atmete tief ein und lockerte seinen Hemdkragen. Der Weg machte eine Biegung, und da sah er sie. Sie war stehen geblieben, um eine Statue zu betrachten.

Diese Statue war anders. Sie war vom Wetter gezeichnet, aber ansonsten unbeschädigt und nicht von Pflanzen überwuchert, sondern erhob sich stolz und unvergessen: ein schlafender Löwe auf einem marmornen Sockel. Der Löwe war lebensgroß und der Sockel entsprechend wuchtig. Er bot ausreichend Platz für Grabinschrift und Familiennamen, und auch die waren nicht verwittert.

Er sah, wie sie eine Hand hob, um das steinerne Tier zu streicheln, zuerst die breiten Pfoten, dann die Stelle unter den geschlossenen Augen. Ein Glücksritual, zumindest erschien es ihm so, und deswegen berührte er den Löwen ebenfalls, als er an ihm vorüberging.

Sie bog nach rechts in einen schmaleren Weg ein. Ein Radfahrer kam ihr entgegen, und sie trat zur Seite in ein Gestrüpp aus Efeu und Sauerampfer. Direkt daneben wand sich eine Kletterrose um die Flügel eines betenden Engels.

Ein Stück weiter machte sie Platz für ein junges Paar, das Arm in Arm hinter einem Kinderwagen herschlenderte, den beide mit einer Hand schoben. Statt eines Kindes lagen in dem Wagen allerdings ein Picknickkorb und zwei Weinflaschen, die im Licht funkelten, als er daran vorbeiging. Um eine Bank am Wegrand standen ein paar Männer. Sie rauchten und hörten Musik aus einem Gettoblaster. Die Männer waren Asiaten, und sie hörten asiatische Musik, die so laut dröhnte, dass sie sogar das Cello und die Geigen übertönte.

Plötzlich wurde ihm bewusst, dass sie die einzige Frau war, die hier allein spazieren ging. Das konnte nur Gefahr bedeuten, und er erkannte ebendiese Gefahr, als die Asiaten sich nach ihr umdrehten und ihr nachsahen. Sie machten keine Anstalten, ihr zu folgen, aber er wusste, dass sie es am liebsten getan hätten. Eine Frau allein bedeutete für einen Mann ein Angebot - oder die Aufforderung, sie zu disziplinieren.

Es war töricht von ihr hierherzukommen, dachte er. Steinerne Engel und schlafende Löwen konnten sie nicht vor den Gefahren schützen, die hier auf sie lauerten. Es war helllichter Tag und Sommer, aber überall standen hohe Bäume, und das Unterholz war dicht. Es wäre ein Leichtes gewesen, sie zu überfallen, ins Gestrüpp zu zerren und ihr Schlimmes anzutun.

Sie brauchte Schutz in einer Welt, in der es keinen gab. Er fragte sich, wie es sein konnte, dass sie das nicht wusste.

Weiter vorne stieß der Weg auf eine Lichtung, wo ungemähtes Gras - ganz braun, weil es so lange nicht geregnet hatte - platt getrampelt war von Leuten, die einen Zugang zu der Kapelle gesucht hatten. Die Kapelle war aus Backstein gebaut, mit kreuzförmigem Grundriss und mit einem Turm, der hoch in den Himmel ragte, und mit Rosettenfenstern an den Enden der Querflügel. Betreten konnte man die Kapelle nicht. Es handelte sich um eine Ruine. Erst beim Näherkommen sah man, dass Eisengitter den Zutritt versperrten, wo einmal die Tür gewesen war, dass die Fenster mit Blechen abgedeckt waren und dass anstatt bunter Glasscheiben abgestorbene Efeuranken die Rosettenfenster an den Stirnwänden des Querschiffs füllten, als wollten sie den Betrachter auf makabre Weise an die Vergänglichkeit allen Lebens erinnern.

Im Gegensatz zu ihm wirkte sie in keiner Weise verwundert darüber, dass die Kapelle so ganz und gar nicht das war, was sie zu sein versprach, wenn man sie vom Weg aus erblickte. Sie näherte sich der Ruine, aber statt sie genauer zu betrachten, schritt sie durch das hohe Gras zu einer Steinbank ohne Rückenlehne. Wenn sie sich umdrehte, um sich auf die Bank zu setzen, würde er in ihr Blickfeld geraten, deshalb machte er einen Satz zum Rand der Lichtung, wo ein von grünen Flechten bedeckter Engel ein riesiges Kreuz umfasst hielt. Hinter diesem Engel versteckte er sich gerade rechtzeitig, ehe sie auf der Bank Platz nahm. Sie öffnete ihre Handtasche und nahm ein Buch heraus, sicherlich nicht den Stadtplan, denn inzwischen würde sie ja wissen, wo sie sich befand. Wahrscheinlich handelte es sich um einen Roman oder einen Gedichtband oder ein Gebetbuch. Sie begann zu lesen, und schon kurz darauf sah er, dass sie in ihre Lektüre vertieft war. Leichtsinnig, dachte er. Sie ruft nach Remie!, sagten die Stimmen. Sie übertönten das Cello und die Geigen. Wie gelang es ihnen nur, so laut zu rufen?

Sie braucht einen Beschützer, sagte er sich, von den Stimmen alarmiert. Sie sollte auf der Hut sein.

Und da sie das nicht war, würde er über sie wachen. Dies und nichts anderes war die Pflicht, die er übernahm.

3

Sie hieß Gina Dickens, erfuhr Meredith, und anscheinend war sie Gordon Jossies neue Lebensgefährtin, auch wenn sie sich selbst nicht als solche bezeichnete. Sie sagte nicht neu, weil sie, wie sich herausstellte, nichts von einer ehemaligen Lebensgefährtin wusste oder wie auch immer man Jemima Hastings titulieren wollte. Sie benutzte auch nicht das Wort Lebensgefährtin, da sie eigentlich nicht mit Gordon Jossie zusammenlebte. Sie mache sich jedoch Hoffnungen, fügte sie lächelnd hinzu. Sie halte sich inzwischen tatsächlich häufiger auf dem Hof auf als in ihrem Pensionszimmer über dem Mad Hatter Tea Rooms, vertraute sie Meredith an. Die Teestube lag an der Lyndhurst High Street, wo es vom frühen Morgen bis zum späten Nachmittag unerträglich laut sei. Wenn sie es sich recht überlege, gehe der Lärm bis in die späten Abendstunden weiter; immerhin sei Sommer, und in der Straße gebe es mehrere Hotels, einen Pub, Restaurants … und bei all den Urlaubern um diese Jahreszeit… Sie könne von Glück reden, wenn sie vier Stunden Schlaf bekam, wenn sie dort übernachtete. Was sie, ehrlich gesagt, zu vermeiden suche.

Sie waren ins Haus gegangen. Meredith stellte schnell fest, dass sämtliche Spuren von Jemimas Anwesenheit getilgt waren, zumindest in der Küche. Weiter kam Meredith nicht, und weiter wollte sie auch nicht vordringen. In ihrem Kopf schrillten Alarmglocken, ihre Handflächen wurden feucht, und Schweiß lief ihr am Körper hinunter. Das war einerseits der unerträglichen Hitze geschuldet, vor allem aber der Tatsache, dass hier einfach überhaupt nichts stimmte.

Bereits draußen hatte Meredith einen extrem trockenen Mund bekommen. Als hätte sie dies geahnt, hatte Gina sie ins Haus eingeladen, ihr einen Platz an dem alten Eichentisch angeboten und aus dem Kühlschrank Designerwasser in einer eiskalten Flasche geholt - etwas, wofür Jemima nur Verachtung übrig gehabt hätte.

Sie füllte zwei Gläser und sagte: »Sie sehen aus, als wären Sie… Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll.«

»Heute ist unser Geburtstag«, stotterte Meredith.

»Ihrer und Jemimas? Wer ist sie?«

Meredith konnte nicht glauben, dass Gina Dickens nichts über Jemima wusste. Wie konnte jemand so lange mit einer Frau zusammenleben wie Gordon und seiner nächsten Geliebten jede Information über die Existenz seiner Exfreundin vorenthalten? War Gina überhaupt seine nächste Geliebte? War sie gar eine von vielen? Und wo waren dann die anderen? Wo war Jemima? Meredith hatte von Anfang an das Gefühl gehabt, dass man Gordon Jossie nicht über den Weg trauen durfte.

»… in Boldre Gardens«, sagte Gina gerade. »In der Nähe von Minstead. Kennen Sie das? Er arbeitete dort gerade an einem Dach, und ich hatte mich verlaufen. Ich hatte zwar einen PIan von der Gegend, aber das nützt bei mir überhaupt nichts. Ich habe einfach keinen Orientierungssinn. Norden, Westen, was weiß ich. Das sagt mir alles überhaupt nichts.«

Meredith bemühte sich zuzuhören. Gina erzählte ihr, wie sie und Gordon Jossie sich kennengelernt hatten, aber das interessierte sie nicht. Sie wollte etwas über Jemima Hastings wissen. »Hat er Jemima denn nie erwähnt?«, unterbrach sie Gina. »Oder die Cupcake Queen? Den Laden in Ringwood, wo sie ihre Törtchen verkauft hat?«

»Törtchen?«

»Ihre Spezialität. Anfangs hat sie sie hier gebacken und von hier aus verkauft, und sie hatte so großen Erfolg damit… Bäckereien und Hotels haben bei ihr bestellt… und sie hatte einen Lieferservice für Kindergeburtstage und… Hat er nie etwas davon erwähnt?«

»Ich fürchte, nein. Nein, hat er nicht.«

»Und ihren Bruder? Robbie Hastings? Er ist Wildhüter. Das hier…« Sie machte eine ausladende Handbewegung. »Das alles hier gehört zu seinem Revier. Schon sein Vater war verantwortlich dafür. Und sein Großvater. Und sein Urgroßvater. In seiner Familie gibt es schon seit so vielen Generationen Wildhüter, dass die Gegend hier im Volksmund >The Hastings< genannt wird. Wussten Sie das?«

Gina schüttelte den Kopf. Sie wirkte verwirrt und sogar ein bisschen eingeschüchtert. Sie rückte mit ihrem Stuhl vom Tisch ab und sah zu dem Kuchen hinüber, den Meredith aus irgendeinem idiotischen Grund mit ins Haus gebracht hatte. In dem Moment wurde Meredith klar, dass Gina nicht von Gordon eingeschüchtert war - wozu sie zwar allen Grund gehabt hätte -, sondern von ihr, Meredith, die wie eine Verrückte daherredete.

»Sie halten mich sicherlich für übergeschnappt«, seufzte Meredith.

»Nein, nein! Überhaupt nicht! Es ist nur…« Gina sprach schnell, beinahe atemlos, doch dann unterbrach sie sich.

Eine Weile schwiegen sie. Dann war von draußen ein Wiehern zu hören.

»Die Ponys!«, rief Meredith aus. »Wenn Sie Ponys hier haben, dann hat Robbie Hastings sie wahrscheinlich aus dem Wald herübergebracht. Oder er hat Gordon gebeten, sie abzuholen. Aber auf jeden Fall ist er irgendwann vorbeigekommen, um nach ihnen zu sehen. Wieso haben Sie überhaupt Ponys auf der Koppel?«

Angesichts von Merediths sprunghaften Gedankengängen wirkte Gina noch verstörter als zuvor. Sie umklammerte ihr Wasserglas mit beiden Händen und sagte eher ins Glas als zu Meredith: »Es ist irgendwas mit… Ich weiß es nicht genau.«

»Sind sie verletzt? Lahmen sie? Fressen sie nicht?«

»Ja, genau. Gordon sagt, sie lahmen. Er hat sie aus dem Wald mitgebracht, vor… drei Wochen oder so. Ich kann mich nicht genau erinnern. Ich interessiere mich nicht für Pferde.«

»Ponys«, korrigierte Meredith. »Es sind Ponys.«

»Ah, ja, sicher. Ich weiß gar nicht, was der Unterschied ist.« Sie zögerte, als dächte sie angestrengt über irgendetwas nach. »Er hat gesagt…« Sie trank einen Schluck Wasser, hob das Glas mit beiden Händen, als wäre es für eine Hand zu schwer.

»Was? Was hat er gesagt? Hat er Ihnen erzählt…«

»Natürlich fragt man irgendwann, nicht wahr?«, sagte Gina. »Ich meine, ein netter Mann, der allein lebt, gutmütig, zärtlich, leidenschaftlich, wenn's drauf ankommt. Sie wissen, was ich meine.«

Meredith blinzelte. Sie wollte es gar nicht wissen.

»Ich habe ihn also gefragt, wie es kommt, dass er allein lebt, ohne Freundin, ohne Lebensgefährtin, ohne Ehefrau. Ich hab ihn beim Abendessen aufgezogen, nach dem Motto: Wollte dich keine haben?«

Klar, dachte Meredith. Draußen im Garten, bei Kerzenschein an dem schmiedeeisernen Tisch. »Und was hat er geantwortet?«, fragte sie steif.

»Dass er mal eine längere Beziehung hatte und tief verletzt wurde und nicht darüber reden wollte. Und ich wollte nicht in ihn dringen. Ich dachte, er würde mir schon davon erzählen, wenn er so weit wäre.«

»Das war Jemima«, sagte Meredith. »Jemima Hastings. Und sie ist…« Sie wollte es nicht aussprechen. Wenn sie es aussprach, würde es wahr werden, und das wollte sie ganz und gar nicht.

Sie ging die Fakten durch, und das waren nicht viele: Die Cupcake Queen war geschlossen. Lexie Streener hatte vergeblich versucht, Jemima anzurufen. Jemimas Platz in diesem Haus hatte eine andere Frau eingenommen.

»Seit wann kennen Sie sich eigentlich, Gordon und Sie? Wie lange sind Sie schon zusammen? Oder was auch immer?«

»Wir haben uns Anfang letzten Monats kennengelernt. In Boldre…«

»Ja, in Boldre Gardens. Was haben Sie da gemacht?« Gina wirkte verdattert. Mit dieser Frage hatte sie offensichtlich nicht gerechnet, und sie behagte ihr überhaupt nicht. »Ich war spazieren«, sagte sie zögerlich. »Ich wohne noch nicht lange im New Forest, und ich wollte mir die Gegend ein bisschen ansehen.« Sie lächelte, wie um dem, was sie als Nächstes sagte, die Schärfe zu nehmen. »Wissen Sie, ich verstehe nicht recht, warum Sie mich das alles fragen. Glauben Sie, dass Jemima Hastings etwas zugestoßen ist? Dass Gordon ihr etwas angetan hat? Oder ich? Oder dass Gordon und ich ihr gemeinsam etwas angetan haben? Also, eines möchte ich jedenfalls betonen: Bereits als ich dieses Haus zum allerersten Mal betreten habe, da gab es nicht das geringste Anzeichen dafür, dass irgendjemand…«

Gina brach abrupt ab. Sie schaute Meredith noch immer an, aber es war, als würde sie etwas ganz anderes vor sich sehen.

»Was ist los?«, fragte Meredith.

Gina senkte den Blick. Eine Weile herrschte Stille. Draußen wieherten die Ponys, und ein paar Bachstelzen zwitscherten aufgeregt, wie um einander vor einem Raubtier zu warnen.

»Vielleicht sollten Sie mal mitkommen«, sagte Gina schließlich.

Als Meredith Robbie Hastings endlich fand, stand er auf dem Parkplatz des Queen's Head in Burley. Der Ort lag an einer Kreuzung dreier Landstraßen: ein Straßendorf mit einer uneinheitlichen Mischung aus Fachwerk-, Holz- und Backsteinhäusern, deren Dächer ebenso uneinheitlich entweder mit Stroh oder Schiefer gedeckt waren. Jetzt, mitten im Sommer, wimmelte es von Fahrzeugen, darunter sechs Reisebusse, deren Passagiere hier wahrscheinlich die einzige Gelegenheit erhielten, einen Teil des New Forest zu erkunden, den sie ansonsten von ihren bequemen Sitzen aus in klimatisiertem Ambiente an sich vorbeirauschen sahen. Sie würden Schnappschüsse von den Ponys machen, die überall frei herumliefen, im Pub oder in einem der malerischen Cafés ein teures Mittagessen zu sich nehmen und in dem einen oder anderen Andenkenladen ein paar Souvenirs erstehen. Letztere prägten das Bild des Dorfes. Es gab Läden jeder Art, vom Coven of Witches, das stolz damit warb, dass in dem Haus einmal eine echte Hexe gelebt hatte, die so berühmt geworden war, dass sie schließlich vor der nicht enden wollenden Schar Ratsuchender die Flucht ergriff, bis zum Burley Fudge Shop und allem Möglichen dazwischen. Über dem Ganzen thronte das Queen's Head, das größte Gebäude am Ort und während der Nebensaison Treffpunkt der Einheimischen, die während der Urlaubszeit sowohl den Pub als auch Burley selbst tunlichst mieden.

Zuerst hatte Meredith bei Robbie zu Hause angerufen, auch wenn kaum damit zu rechnen gewesen war, dass sie ihn um diese Tageszeit dort erreichen würde. Als Wildhüter war er für das Wohlergehen sämtlicher frei lebenden Tiere in dem ihm zugewiesenen Gebiet verantwortlich - dem Gebiet, das, wie sie Gina Dickens erklärt hatte, hier nur »The Hastings« hieß -, und wahrscheinlich war er entweder in seinem Wagen oder zu Pferd unterwegs, um sich zu vergewissern, dass die Esel, Ponys, Kühe und auch ein paar Schafe in Ruhe gelassen wurden. Dies war die schwierigste Aufgabe für all diejenigen, die im Forest arbeiteten, vor allem während der Sommermonate. Es war reizvoll, Tieren zu begegnen, die sich ungehindert von Zäunen, Mauern oder Hecken frei bewegen konnten. Doch noch reizvoller war es offenbar, sie zu füttern. Die Leute meinten es gut, aber sie waren nun mal von Natur aus dumm. Sie begriffen nicht, dass sie, sobald sie im Sommer ein süßes, kleines Pony fütterten, das Tier zu der Annahme verleiteten, dass auch mitten im Winter jemand auf dem Parkplatz des Queen's Head stehen und es füttern würde.

Offenbar war Robbie Hastings gerade dabei, das einer Gruppe von mit Kameras bewaffneten Rentnern in Bermudashorts und Schnürschuhen zu erklären. Robbie hatte sie um seinen Landrover versammelt, an den ein Pferdeanhänger angekoppelt war. Anscheinend hatte er eines der New-Forest-Ponys eingefangen, um es mitzunehmen, was ungewöhnlich war um diese Jahreszeit. Meredith sah das Tier unruhig in dem Anhänger mit den Hufen stampfen. Robbie zeigte auf das Pony, während er zu den Leuten sprach.

Als Meredith aus dem Auto stieg, warf sie einen Blick auf ihren Schokoladenkuchen. Die inzwischen vollends geschmolzene Glasur war in den Teig gesickert und hatte um den Kuchen herum eine hässliche Pfütze gebildet. Ein paar Fliegen hatten die Leckerei entdeckt, aber dieser süße Brei war wie eine fleischfressende Pflanze: Alles, was darauf landete, versank augenblicklich in dem Gemisch aus Zucker und Kakao. Tod durch Genusssucht. Der Kuchen war endgültig hinüber.

Aber das spielte längst keine Rolle mehr. Alles war aus den Fugen geraten, und Robbie Hastings musste ins Bild gesetzt werden. Er hatte Jemima von ihrem zehnten Lebensjahr an großgezogen. Er war fünfundzwanzig Jahre alt gewesen, als ein Autounfall ihn gezwungen hatte, diese Aufgabe zu übernehmen. Derselbe Autounfall hatte ihn auch in einen Beruf katapultiert, den er nie hatte ergreifen wollen: den eines von fünf Wildhütern im New Forest als Nachfolger seines Vaters.

»… weil wir unbedingt vermeiden wollen, dass die Ponys sich immer an ein und derselben Stelle aufhalten.«

Aus den betretenen Gesichtern seiner Zuhörer schloss Meredith, dass sie ihre Taschen voll hatten mit Äpfeln, Möhren, Zuckerwürfeln und allem Möglichen, was einem Pony schmecken mochte, das sich eigentlich von dem ernähren sollte, was Wald und Wiesen hergaben.

Robbie beendete seinen Vortrag - den er mit großer Geduld gehalten hatte, während die Leute Fotos von ihm machten, obwohl er statt seiner offiziellen Uniform Jeans, T-Shirt und eine Baseballmütze trug -, und mit einem knappen Nicken öffnete er die Fahrertür des Landrover. Meredith zwängte sich durch die Menge, die sich in Richtung Dorf und Pub schob, und rief seinen Namen.

Er drehte sich um. Meredith empfand, was sie jedes Mal für ihn empfand, wenn sie ihn sah: Sie mochte ihn sehr, und zugleich bemitleidete sie ihn dafür, wie seine riesigen Schneidezähne sein Gesicht entstellten. Sein Mund war das Einzige, was einem an ihm auffiel, und das war wirklich ein Jammer. Denn er war ausgesprochen gut gebaut, muskulös und maskulin, und seine Augen waren einzigartig - eines war braun und eines grün, genau wie bei Jemima.

Sein Gesicht hellte sich auf. »Merry die Widerspenstige«, rief er erfreut. »Es ist eine Ewigkeit her, Mädel! Was verschlägt dich denn in diese Einöde?« Er zog seine Handschuhe aus und breitete die Arme aus, so wie er es schon immer getan hatte.

Sie umarmte ihn. Sie waren beide verschwitzt, und Robbie roch säuerlich nach Mann und Pferd.

»Was für eine Hitze!« Er nahm seine Baseballmütze ab, sodass sein dunkelbraunes Haar zum Vorschein kam, das dicht und wellig wäre, wenn er es nicht so extrem kurz schneiden würde. Es war grau meliert, was Meredith einmal mehr daran erinnerte, wie sehr Jemima und sie sich entfremdet hatten, denn als sie Robbie das letzte Mal begegnet war, hatte er noch keine grauen Haare gehabt.

»Ich habe in der Forstmeisterei angerufen«, sagte sie. »Dort hat man mir gesagt, dass ich dich hier antreffen würde.«

Er wischte sich die Stirn mit dem Unterarm ab, setzte seine Mütze wieder auf und zog sie tief ins Gesicht. »So so. Was gibt's denn?« Er drehte sich kurz um, als das Pony in seinem Anhänger so heftig gegen die Seitenwände trat, dass das Gefährt wackelte. »Jetzt reicht's aber, alter Junge«, sagte Robbie und machte schnalzende Geräusche. »Du weißt genau, dass du nicht hier beim Queen's Head bleiben kannst. Ruhig, ganz ruhig.«

»Jemima«, sagte Meredith. »Sie hat heute Geburtstag, Robbie.«

»Richtig. Und du auch. Was bedeutet, dass du jetzt sechsundzwanzig bist, und das bedeutet, dass ich… Herr im Himmel, ich bin schon einundvierzig! Man sollte meinen, dass ich Zeit genug gehabt hätte, eine Frau zu finden, die bereit wäre, mit so einem Prachtexemplar von Männlichkeit in den Hafen der Ehe einzufahren, was?«

»Hat dich noch keine für sich beansprucht?«, fragte Meredith. »Die Frauen in Hampshire müssen ja halb blind sein!« Er lächelte. »Und du?«

»Ich bin stockblind. Der eine, den ich hatte - schönen Dank auch. Das muss ich nicht wiederholen.«

Robbie lachte in sich hinein. »Verdammt, Merry, du kannst dir nicht vorstellen, wie oft ich das schon gehört habe. Was ist also der Grund für deinen überraschenden Besuch, wenn du mich schon nicht heiraten willst?«

»Jemima. Ich bin zu ihrem Laden gefahren, Robbie, und habe gesehen, dass er geschlossen ist. Dann habe ich mit Lexie Streener gesprochen, und dann bin ich zu ihnen nach Hause gefahren - zu Gordon und Jemima -, aber da war eine Frau, Gina Dickens. Sie lebt nicht mit ihm zusammen oder so, aber… Sie haben eindeutig eine Beziehung. Und sie hatte noch nie von Jemima gehört.«

»Du hast also keinen Kontakt mit ihr?«

»Mit Jemima? Nein.« Meredith zögerte verlegen. Dann sah sie ihm in die Augen, versuchte zu ergründen, was er dachte. »Na ja, sie wird dir doch bestimmt erzählt haben…«

»Was zwischen euch beiden vorgefallen ist?«, fragte er. »Sicher. Sie hat mir vor längerer Zeit erzählt, ihr hättet euch zerstritten. Aber ich habe nicht angenommen, dass es ein endgültiger Bruch war.«

»Ich musste ihr einfach sagen, dass ich Gordon gegenüber ein ungutes Gefühl hatte. Dafür sind Freunde doch da, oder?«

»Ja, das sehe ich auch so.«

»Aber alles, was sie dazu zu sagen hatte, war: Robbie hat keine Vorbehalte gegen ihn, wieso hast du dann welche?«

»Das hat sie gesagt?«

»Hattest du denn Vorbehalte? So wie ich? Hattest du welche?«

»Ja, allerdings. Irgendwas stimmte nicht mit ihm. Es war nicht so, dass ich ihn nicht ausstehen konnte, aber wenn sie sich schon mit einem Kerl zusammentat, dann wäre mir einer lieber gewesen, den ich gut gekannt hätte. Gordon Jossie kannte ich nicht. Aber letztlich hätte ich mir keine Gedanken zu machen brauchen - und dasselbe gilt auch für dich -, denn nachdem sie mit ihm zusammengezogen war, hat Jemima ihn ziemlich schnell durchschaut, und dann war sie klug genug, rechtzeitig einen Schlussstrich zu ziehen.«

»Was meinst du damit?« Meredith trat von einem Fuß auf den anderen. Die Hitze brachte sie schier um. Sie hatte das Gefühl, als würde ihr ganzer Körper dahinschmelzen, genau wie der arme Schokoladenkuchen in ihrem Auto. »Sag mal, können wir nicht ein bisschen aus der Sonne rausgehen?«, fragte sie. »Irgendwo etwas trinken oder so? Hast du Zeit? Wir müssen reden. Ich glaube… Irgendetwas stimmt da ganz und gar nicht.«

Robbie sah zuerst zu dem Pony hinüber und dann wieder zu Meredith. Er nickte. »Aber nicht im Pub«, sagte er und führte sie über den Parkplatz in eine kleine Einkaufspassage. Sie kauften sich etwas zu trinken und setzten sich dann am Rand des Parkplatzes im Schatten einer Kastanie auf eine Bank. Eine Rasenfläche breitete sich wie ein Fächer vor ihnen aus.

Ein paar vereinzelte Touristen fotografierten eine Gruppe von Ponys, die mit ihren Fohlen in der Nähe grasten. Die Fohlen waren besonders niedlich, aber sie waren scheu, und das machte die Muttertiere gefährlich.

Robbie beobachtete das Geschehen. »Nicht zu fassen«, sagte er. »Sieh dir diesen Typen da an! Der gibt keine Ruhe, bis er gebissen wird. Und hinterher verlangt er, dass das Pony erschossen wird, oder er verklagt Gott weiß wen. Nicht dass er damit weit kommen würde. Trotzdem, ich finde, man sollte stattdessen solche Leute abschießen.«

»Meinst du das ernst?«

Er errötete leicht, dann sah er sie an. »Natürlich nicht«, sagte er. Dann fuhr er fort: »Sie ist nach London gezogen, Merry. Sie hat mich angerufen, irgendwann Ende Oktober, und verkündet, sie würde nach London fahren. Ich dachte, für einen Tag, irgendwas für ihren Laden kaufen, aber sie meinte: Nein, nein, es geht nicht um den Laden. Ich brauche Zeit zum Nachdenken. Gordon redet von Heiraten, und ich bin mir nicht sicher. Das hat sie gesagt. Sie ist immer noch in London.«

»Ist das dein Ernst? Dass er von Heiraten gesprochen hat?«

»Ja. Warum?«

»Und was ist mit der Cupcake Queen? Warum hat sie ihren Laden aufgegeben?«

»Ja, das ist merkwürdig, nicht wahr? Ich habe versucht, mit ihr darüber zu reden, aber es war zwecklos. Sie meinte einfach nur, sie brauche Zeit zum Nachdenken.«

»London.« Meredith ließ sich das Wort auf der Zunge zergehen. Versuchte, es mit ihrer Freundin in Verbindung zu bringen. »Worüber wollte sie nachdenken? Übers Heiraten? Warum?«

»Das wollte sie mir nicht sagen, Merry. Sie hat es mir bis heute nicht gesagt.«

»Du hast Kontakt mit ihr?«

»Klar! Sie ruft mich mindestens einmal pro Woche an. Da ist sie wirklich zuverlässig. Na ja, du kennst sie ja. Sie macht sich ein bisschen Sorgen, wie es mir geht, jetzt da sie nicht mehr bei mir vorbeikommt wie früher. Also meldet sie sich regelmäßig.«

»Lexie sagt, sie hat mehrmals versucht, Jemima anzurufen. Anfangs hat sie ihr Nachrichten hinterlassen, aber dann hat sie gar keine Verbindung mehr bekommen. Wie kann es dann sein…«

»Sie hat ein neues Handy«, sagte Robbie. »Sie wollte nicht, dass Gordon ihre Nummer hat. Er hat sie dauernd angerufen. Er soll nicht wissen, wo sie sich aufhält.«

»Was in aller Welt ist denn zwischen den beiden vorgefallen?«

»Das weiß ich nicht, und sie will es mir nicht sagen. Ich bin einmal zu Gordon gefahren, nachdem sie ausgezogen ist, weil sie derart aus dem Häuschen war. Ich wollte ein ernstes Wort mit ihm reden.«

»Und?«

Er schüttelte den Kopf. »Nichts. Gordon meinte: >Du weißt so viel wie ich, Kumpel. Meine Gefühle für sie haben sich nicht geändert. Sie ist diejenige, die gegangen ist.<«

»Ist irgendjemand anderes im Spiel?«

»Bei Jemima?« Robbie hob seine Coladose an den Mund und trank sie fast leer. »Als sie weggegangen ist, jedenfalls nicht. Ich habe sie danach gefragt. Aber du kennst Jemima. Man kann sich kaum vorstellen, dass sie Gordon verlässt, ohne dass sie einen anderen in petto hat.«

»Ja, ich weiß. Allein hält sie es nicht aus.«

»Man kann es ihr nicht verdenken. Nach dem, was mit unseren Eltern passiert ist.«

Eine Weile schwiegen sie und dachten darüber nach, welche Ängste der Verlust ihrer Eltern in Jemima ausgelöst und wie diese ihr Leben bestimmt hatten.

Auf der Wiese kam ein alter Mann mit einer Gehhilfe einem Fohlen zu nahe. Der Kopf des Muttertiers schnellte hoch, aber sie brauchten sich keine Sorgen zu machen. Das Fohlen lief davon, und die kleine Herde folgte ihm. Der alte Mann stellte für die Ponys keine Gefahr dar. Er rief ihnen nach, eine Möhre in der ausgestreckten Hand.

Robbie seufzte. »Die Mühe hätte ich mir sparen können. Die hören ja doch nicht auf einen. Manche Leute haben wirklich nur Stroh im Kopf! Sieh dir bloß diesen Alten an, Merry!«

»Du brauchst ein Megafon«, sagte sie.

»Ich brauche eine Schrotflinte.« Robbie stand auf. Er wollte den Mann zur Rede stellen, und sie konnte ihn verstehen. Aber zuerst musste sie ihm noch etwas mitteilen. Einiges von dem, was mit Jemima passiert war, ließ sich ja durchaus erklären, aber Meredith wurde das Gefühl nicht los, dass trotzdem irgendetwas nicht stimmte.

»Rob, wie ist Jemima nach London gekommen?«, fragte sie.

»Mit dem Auto, nehme ich an.«

Genau das war der springende Punkt. Diese Antwort hatte sie gefürchtet. Sie ließ bei ihr alle Alarmsirenen schrillen. Trotz der Hitze lief es Meredith eiskalt über den Rücken. »Nein«, sagte sie. »Das kann nicht sein.«

»Was?« Robbie drehte sich zu ihr um.

»Sie kann nicht mit dem Auto gefahren sein.« Meredith stand ebenfalls auf. »Das ist es ja gerade. Deswegen bin ich hergekommen. Ihr Auto steht bei Gordon in der Scheune, Robbie. Gina Dickens hat es mir gezeigt. Es ist mit einer Plane bedeckt, so als wollte er es verstecken.«

»Du nimmst mich auf den Arm.«

»Warum sollte ich das tun? Gina hat Gordon nach dem Auto gefragt. Er hat behauptet, es wäre seines. Aber er fährt nie damit, und deswegen hat sie sich gefragt…« Merediths Kehle war plötzlich wieder genauso trocken wie während des Gesprächs mit Gina.

Robbie runzelte die Stirn. »Was hat sie sich gefragt? Was ist los, Merry?«

»Genau das möchte ich auch gern wissen.« Sie legte ihm eine Hand auf den muskulösen Arm. »Denn das ist noch nicht alles, Robbie.«

Robbie Hastings gab sich alle Mühe, sich nicht zu beunruhigen. Er musste seinen Pflichten nachkommen - die vorrangigste bestand im Moment darin, das Pony in seinem Anhänger an seinen Bestimmungsort zu bringen -, und er musste bei der Sache bleiben. Aber Jemima gehörte ebenfalls zu seinen Pflichten, auch wenn sie mittlerweile erwachsen war. Doch das hatte zwischen ihnen nichts geändert. Für sie war er nach wie vor eine Vaterfigur, und sie war seine kleine Schwester, das kleine Würmchen, dessen Eltern nach einem späten Abendessen im Spanienurlaub ums Leben gekommen waren: zu viel Alkohol, der unvertraute Rechtsverkehr, und dann war es passiert. Sie waren sofort tot gewesen, zerquetscht von einem Lastwagen. Jemima hatte sich nicht mit im Auto befunden, und dafür dankte er Gott. Denn wäre sie dabei gewesen, hätte er seine gesamte Familie verloren. Er war in sein Elternhaus zurückgezogen, um sich um sie zu kümmern, und dabei war es geblieben.

Während er also das Pony bei seinem Eigentümer ablieferte, dachte er über Jemima nach - er dachte sogar über sie nach, während er dem Mann erklärte, was dem Tier seiner Meinung nach fehlte. Er glaubte, dass es sich um Krebs handelte und das Pony eingeschläfert werden musste, riet dem Mann allerdings, sich von einem Tierarzt eine zweite Diagnose einzuholen.

Er hatte sie am Morgen gleich nach dem Aufstehen angerufen, weil sie ja Geburtstag hatte, und er rief sie noch einmal auf dem Rückweg nach Burley an, nachdem er das Pony abgeliefert hatte. Aber auch diesmal bekam er dasselbe zu hören wie am Morgen: die fröhliche Stimme seiner Schwester auf dem Anrufbeantworter.

Beim ersten Mal hatte er sich noch nichts dabei gedacht, denn es war noch sehr früh gewesen, und er hatte angenommen, seine Schwester hätte einfach ihr Handy abgeschaltet, um an ihrem Geburtstag ausschlafen zu können. Aber normalerweise rief sie sofort zurück, wenn sie eine Nachricht von ihm erhielt, und er begann, sich Sorgen zu machen, als er die zweite Nachricht hinterließ. Er rief auf ihrer Arbeitsstelle an, wo man ihm sagte, sie habe sich bereits am Vortag einen halben Tag freigenommen, und heute sei ohnehin ihr freier Tag. Ob er eine Nachricht für sie hinterlassen wolle. Nein, wollte er nicht.

Er beendete das Gespräch und fummelte an dem abgegriffenen Lederbezug seines Lenkrads herum. Also gut, sagte er sich, mal abgesehen davon, dass Meredith sich Sorgen machte, hatte Jemima schließlich Geburtstag, und wahrscheinlich machte sie sich einfach einen schönen Tag. Das tat sie ganz bestimmt. Er erinnerte sich, dass sie neuerdings immer wieder begeistert vom Schlittschuhlaufen erzählt hatte. Sie nahm Unterricht oder irgendetwas. Es war also durchaus möglich, dass sie zur Eisbahn gefahren war. Das würde zu ihr passen.

Aber Robbie hatte Meredith nicht alles erzählt, als sie in Burley unter der Kastanie gesessen hatten. Er hatte es nicht für nötig gehalten, vor allem da Jemima im Gegensatz zu Meredith, der guten Seele, jede Menge Männergeschichten hinter sich hatte. Er hatte Meredith, die sich nach der einen katastrophalen Beziehung, auf die sie sich eingelassen hatte, als alleinerziehende Mutter durchschlug, nicht mit der Nase darauf stoßen wollen. Außerdem hatte er große Achtung vor Meredith Powell: Sie hatte ihre Mutterrolle angenommen und machte ihre Sache richtig gut.

Jemima hatte Gordon Jossie tatsächlich nicht wegen eines anderen verlassen, insofern entsprach das, was Robbie Meredith erzählt hatte, der Wahrheit. Aber wie es von seiner Schwester nicht anders zu erwarten gewesen war, hatte sie schon bald einen Neuen gehabt. Das hatte er Meredith verschwiegen. Und jetzt fragte er sich, ob das vielleicht ein Fehler gewesen war.

»Er ist etwas ganz Besonderes«, hatte Jemima auf ihre typische Art geschwärmt. »Ich bin wahnsinnig verliebt in ihn.«

Das war sie jedes Mal: wahnsinnig verliebt. Warum sollte man sich mit Neugier, Interesse oder Freundschaft begnügen, wenn man wahnsinnig verliebt sein konnte? Denn wahnsinnig verliebt zu sein bedeutete, nicht einsam zu sein.

Jemima war nach London gegangen, um nachzudenken, aber allzu intensives Nachdenken löste bei ihr regelmäßig Ängste aus, und sie lief lieber vor ihren Ängsten davon, als sich ihnen zu stellen. Aber tat das nicht jeder? Würde er es nicht auch tun, wenn er könnte?

Robbie fuhr ein Stück außerhalb von Burley die Honey Lane hinauf. Im Hochsommer glich sie einem grünen Tunnel, gesäumt von Hex und überdacht von den Kronen der Buchen und Eichen. Der Weg war nicht asphaltiert, und Robbie fuhr äußerst vorsichtig, um Schlaglöcher zu vermeiden. Er befand sich lediglich einen Kilometer außerhalb des Dorfs, aber hier geriet man in eine andere, vergangene Zeit. Hinter den Bäumen lagen Pferdekoppeln und daran angrenzend Ländereien und Bauernhöfe. Dahinter begann dichtes Waldgebiet, wo duftende Fichten, Haselsträucher und Birken allem möglichen wilden Getier einen Lebensraum boten, von Hirschen bis zu Haselmäusen, von Wieseln bis zu Spitzmäusen. Von Burley aus konnte man zu Fuß hier heraufkommen, aber zu Fuß kam kaum jemand. Es gab bequemere Wege, und aus Erfahrung wusste Robbie, dass die Leute es gern bequem hatten.

Auf der Hügelkuppe bog er nach links ab in das weitläufige Gebiet, für das seit Generationen die Hastings' verantwortlich waren: vierzehn Hektar Wald- und Weideland. Im Nordosten war das Dach von Burley Hill House zu sehen und ganz weit hinten die höchste Stelle der Castle Hill Lane. Auf einer Koppel grasten seine beiden Pferde, froh, ihn an diesem heißen Sommertag nicht durch den New Forest tragen zu müssen.

Robbie parkte in der Nähe der baufälligen Scheune und des angebauten Schuppens, bemüht, nicht hinüberzusehen, um nicht daran erinnert zu werden, wie viel Arbeit es ihn kosten würde, sie wieder in Schuss zu bringen. Er stieg aus und schlug die Tür zu, woraufhin sein Hund hinter dem Haus hervorgerannt kam, wo er garantiert im Schatten geschlafen hatte. Er wedelte mit dem Schwanz und hechelte mit heraushängender Zunge und war so verdreckt, dass er kaum wiederzuerkennen war. Normalerweise war der Weimaraner eine elegante Erscheinung. Aber die Hitze machte ihm zu schaffen, und er hatte sich im Komposthaufen gewälzt, als könnte das helfen. Er schüttelte sich, um den Dreck loszuwerden, der in seinem Fell klebte.

»Na, Frank? Das findest du wohl lustig, was?«, sagte Robbie. »Du siehst zum Fürchten aus, und das weißt du ganz genau. So kommst du mir jedenfalls nicht ins Haus.«

Aber im Haus gab es keine Frau, die ihm Vorhaltungen machen oder Frank hinausscheuchen konnte. Als der Hund ihm also hineinfolgte, ließ Robbie es geschehen und war dankbar für die Gesellschaft. Er stellte dem Weimaraner frisches Wasser hin, und Frank trank den Napf gierig aus, verschlabberte dabei jedoch die Hälfte auf den Küchenfußboden.

Robbie ging nach oben. Er war total verschwitzt und stank nach Pferd, aber anstatt ins Bad zu gehen - um diese Tageszeit machte er sich nicht die Mühe zu duschen, denn er wusste, dass er kurze Zeit später ohnehin wieder schwitzen und stinken würde -, betrat er Jemimas Zimmer.

Er ermahnte sich, Ruhe zu bewahren. Wenn er sich aufregte, konnte er nicht mehr klar denken, aber das musste er jetzt. Seiner Erfahrung nach gab es für alles eine Erklärung, und es würde auch eine Erklärung geben für das, was Meredith Powell ihm berichtet hatte.

»Ihre Kleider sind dort, Robbie. Aber nicht im Schlafzimmer. Er hat sie in Kartons gepackt und auf dem Dachboden verstaut. Gina hat mir erzählt, dass sie sie entdeckt hat, weil ihr irgendwas komisch vorgekommen war - so hat sie sich ausgedrückt -, als er über Jeminas Auto gesprochen hatte.«

»Was hat sie gemacht? Hat sie dir die Klamotten gezeigt? Ist sie mit dir auf den Dachboden gestiegen?«

»Erst hat sie mir nur davon erzählt«, hatte Meredith gesagt.

»Aber ich habe gefragt, ob ich die Sachen sehen könnte. Ich dachte, vielleicht standen die Kartons ja schon eine Weile auf dem Dachboden - vielleicht stammten sie noch aus der Zeit, bevor Jemima und Gordon dort eingezogen waren, und es waren gar nicht ihre Sachen darin. Aber so war es nicht. Die Kartons waren nicht alt, und ich habe etwas darin gefunden, das ich kannte. Etwas, das mir gehörte. Jemima hatte es sich irgendwann von mir geliehen und nie zurückgegeben. Du siehst also…«

Er sah es, und er sah es auch wieder nicht. Wenn er seit ihrem überstürzten Aufbruch nicht regelmäßig jede Woche von seiner Schwester gehört hätte, wäre er auf der Stelle nach Sway gefahren und hätte Gordon Jossie zur Rede gestellt. Aber er hatte Kontakt mit ihr, und am Ende jedes Telefongesprächs hatte sie ihm versichert: »Mach dir keine Sorgen, Robbie, es wird alles gut.«

Anfangs hatte er dann gefragt: »Was wird gut?«, aber sie war der Frage ausgewichen, wodurch er sich mehr als einmal gezwungen gesehen hatte zu fragen: »Hat Gordon dir etwas angetan, Kleines?«, worauf sie stets geantwortet hatte: »Natürlich nicht, Rob.«

Wenn Jemima nicht mit ihm in Kontakt geblieben wäre, würde er jetzt das Schlimmste annehmen: dass Gordon sie umgebracht und irgendwo auf seinem Grundstück verscharrt hatte - oder irgendwo tief im Wald, damit ihre Leiche, wenn überhaupt, erst in fünfzig Jahren gefunden würde, wenn es keine Rolle mehr spielte. In gewisser Weise würde sich eine unausgesprochene Weissagung - oder eine Überzeugung oder eine Befürchtung - durch ihr Verschwinden bewahrheiten, denn die Wahrheit war, dass er Gordon Jossie nie hatte leiden können. Oft genug hatte er zu ihr gesagt: »Mit ihm stimmt was nicht, Jemima«, aber sie hatte immer nur gelacht und erwidert: »Du meinst wohl, er ist nicht wie du.«

Schließlich war ihm nichts anderes mehr übrig geblieben, als ihr recht zu geben. Es war leicht, Menschen zu akzeptieren und zu mögen, die einem ähnlich waren. Bei Menschen, die anders waren als man selbst, war das etwas ganz anderes.

Von ihrem Zimmer aus rief er sie noch einmal an. Wieder erreichte er sie nicht. Nur ihre Stimme auf dem Anrufbeantworter, die ihn bat, eine Nachricht zu hinterlassen, was er tat. »Hallo, Geburtstagskind, ruf mich doch mal zurück! Ich bin es gar nicht gewöhnt, dass du dich nicht meldest, und ich mache mir ein bisschen Sorgen. Merry die Widerspenstige hat mich besucht. Sie hatte einen selbst gebackenen Kuchen für dich mitgebracht, Kleines. In der Affenhitze ist er geschmolzen, aber es ist die gute Absicht, die zählt, oder? Ruf mich an, ja? Ich will dir von den Fohlen erzählen.«

Am liebsten hätte er noch mehr gesagt, aber er redete ins Nichts. Er wollte seiner Schwester keine Nachricht hinterlassen, er wollte mit ihr persönlich sprechen.

Er trat ans Fenster. Das Sims bot eine weitere Abstellfläche für das, wovon die notorische Sammlerin Jemima sich nicht hatte trennen können, was so ziemlich alles einschloss, was sie jemals besessen hatte. Die Fensterbank war vollgestellt mit eingestaubten Plastikponys. Draußen vor dem Fenster sah er die echten Vorbilder auf der Koppel: Ponys, deren gepflegtes Fell in der Sonne glänzte.

Dass Jemima nicht zurückgekommen war, um dabei zu sein, wenn die Fohlen zur Welt kamen, hätte ihn hellhörig machen müssen, dachte er. Diese Jahreszeit hatte sie immer geliebt. Ebenso wie er stammte sie schließlich aus dem New Forest. Er hatte sie aufs College in Winchester geschickt, so wie seine Eltern auch ihn dorthin geschickt hatten, aber nachdem sie ihr Studium beendet hatte, war sie wieder zurückgekehrt und hatte sich anstatt der Computertechnik der Bäckerei gewidmet. »Hier gehöre ich hin«, hatte sie gesagt. Und das stimmte.

Vielleicht war sie nicht nach London gegangen, weil sie Zeit zum Nachdenken brauchte, sondern weil sie Zeit gewinnen wollte? Vielleicht hatte sie mit Gordon Jossie Schluss machen wollen und einfach nicht gewusst, wie sie es anstellen sollte? Vielleicht hatte sie sich auch gesagt, wenn sie nur lange genug wegbliebe, würde Gordon eine andere finden, und sie könnte wieder zurückkommen. Aber nichts von all dem passte zu ihr.

Er solle sich keine Sorgen machen, hatte sie gesagt. Mach dir keine Sorgen, Rob.

Was für ein schlechter Witz.

4

David Emery betrachtete sich als einen der wenigen EXPERTEN des Friedhofs von Stoke Newington, und das Wort EXPERTE stellte er sich immer in Großbuchstaben geschrieben vor - so groß, wie er sich fühlte. Er hatte sich die genaue Erkundung des Abney Park Cemetery zur LEBENSAUFGABE gemacht (eine große Aufgabe), und er hatte den Friedhof jahrelang durchstreift, sich in ihm verirrt und sich dagegen gewehrt, sich von der Unheimlichkeit des Orts einschüchtern zu lassen, bis er sich mit Fug und Recht als seinen MEISTER bezeichnen konnte. Er war schon so oft eingeschlossen worden, dass er aufgehört hatte zu zählen, aber er hatte sich von den Schließungszeiten des Friedhofs noch nie in seinen Plänen beirren lassen. Wenn er eines der Tore unverhofft verschlossen vorfand, rief er nicht bei der Polizei in Hackney an, wie es ihm auf einem Schild am Tor geraten wurde. Für ihn war es keine große Sache, über das schmiedeeiserne Gitter zu klettern und auf die High Street von Stoke Newington zu springen oder, was ihm noch lieber war, in den Garten eines der Reihenhäuser, die den Friedhof entlang der Nordostseite säumten.

Als Meister des Parks wusste er die Wege und Winkel des Friedhofs für seine Zwecke zu nutzen, vor allem für amouröse Abenteuer. Das tat er mehrmals im Monat. Er hatte einen Schlag bei den Mädchen - sie sagten ihm oft, er habe seelenvolle Augen, was auch immer sie damit meinten -, und da bei David, wenn er mit einem Mädchen zusammen war, gewöhnlich eins zum anderen führte, lehnten sie es nur selten ab, wenn er einen Spaziergang durch den Park vorschlug, vor allem da Park im Vergleich zu Friedhof ziemlich unverfänglich klang.

Eigentlich war er immer auf einen Fick aus. Einen Spaziergang machen, sich die Beine vertreten, ein bisschen frische Luft schnappen waren doch nur beschönigende Umschreibungen fürs Ficken, und die Mädels wussten das genau, auch wenn sie so taten, als hätten sie keine Ahnung. Sie sagten: »Huh, Dave, hier ist es aber unheimlich!« oder ähnliche Dinge, aber sie waren immer bereit, mit ihm zu gehen, wenn er ihnen erst einmal einen Arm um die Schultern gelegt - wenn möglich so, dass seine Fingerspitzen eine Brust berührten - und ihnen versichert hatte, dass ihnen in seiner Begleitung nichts zustoßen würde.

Dann gingen sie auf den Friedhof, und zwar durch das Haupttor, weil dort der Weg breit war und weniger unheimlich als der, auf den man durch den Nebeneingang an der Stoke Newington Church Road gelangte. Dort geriet man schon nach wenigen Schritten in den Schatten hoher Bäume und zwischen die Grabsteine. Aber auf dem Hauptweg konnte man sich wenigstens einbilden, man sei in Sicherheit, bis man nach rechts oder links auf einen der schmalen Pfade einbog, die zwischen die hohen Platanen führten.

Diesmal hatte Dave Josette Hendricks dazu überredet, ihn zu begleiten. Mit ihren fünfzehn Jahren war Josette etwas jünger als die Mädchen, die er üblicherweise abschleppte, ganz zu schweigen davon, dass sie dauernd kicherte, was er erst gemerkt hatte, als sie in den ersten der schmalen Pfade eingebogen waren. Aber sie war ein hübsches Ding und hatte ein schönes Gesicht, und ihre üppigen Titten waren auch nicht zu verachten. Als er gesagt hatte: »Wie wär's mit dem Park?«, hatte sie mit strahlendem Blick und feuchten Lippen geantwortet: »Au ja, Dave!«, und die Sache war geritzt gewesen.

Er hatte eine kleine Mulde hinter einem Mausoleum im Sinn, die zwischen zwei Grabsteinen entstanden war, als ein Sturm einen Ahornbaum entwurzelt hatte. Dort würde es interessant werden. Aber er war viel zu gewieft, um die Mulde direkt anzusteuern. Zuerst führte er sie zu ein paar hübschen Statuen, vor denen er Hand in Hand mit ihr stehen blieb, um sie zu betrachten. (»Ach, wie traurig der kleine Engel aussieht!«) Seine Hand wanderte in ihren Nacken und kraulte sie ein bisschen (»Huch, Dave, das kitzelt!«), dann ein Kuss, der ahnen ließ, was kam, aber mehr nicht.

Josette war ein bisschen langsamer als die meisten Mädchen. Wahrscheinlich lag das an ihrer Erziehung. Anders als die meisten Fünfzehnjährigen war sie die Unschuld in Person und noch nie mit einem Jungen ausgegangen (»Mum und Dad meinen, es ist noch zu früh«), und deswegen verstand sie die Vorzeichen nicht so schnell. Aber er war geduldig, und als sie endlich von sich aus anfing, sich an ihn zu drücken und nach seinen Küssen zu gieren, schlug er vor, den Pfad zu verlassen. »Mal sehen, ob wir ein stilles Plätzchen finden zum…«, sagte er mit einem Zwinkern.

Wie hätte er ahnen sollen, dass die Mulde, sein privates Verführungsplätzchen, besetzt sein würde? Das war eine Frechheit, verdammt, aber was sollte er machen? Dave hörte das Stöhnen und Keuchen, als er sich mit Josette näherte, und da waren unverkennbar Arme und Beine, die im Gestrüpp ineinander verknäuelt waren, vier von jeder Sorte und splitternackt. Außerdem war der nackte Hintern des Typs zu sehen, der sich wie wild auf und ab bewegte, und er drehte sich zu ihnen um, das Gesicht vollkommen verzerrt. Verflucht, fragte sich Dave, sehen wir alle so aus?

Josette kicherte, als sie es sah, und das war gut so, denn alles andere hätte auf Angst oder Geilheit schließen lassen. Dave konnte sich zwar nicht vorstellen, dass es heutzutage noch irgendwo eine ahnungslose Jungfrau gab, aber man konnte ja nie wissen. Er nahm Josette an die Hand, zog sie fort und überlegte fieberhaft, wohin sonst er mit ihr gehen konnte. Sicher, hier gab es reichlich Ecken und Winkel, aber er musste schnell etwas finden, jetzt da Josette langsam warmlief.

Dann kam ihm eine geniale Idee. Sie befanden sich in der Nähe der Kapelle in der Mitte des Friedhofs. Da kam man zwar nicht hinein, aber es gab einen kleinen Anbau, in den sie sich verziehen konnten. Dort hätten sie ein Dach und vier Wände, was sogar noch besser war als die Mulde, wenn er es sich recht überlegte.

Er machte eine Kopfbewegung in Richtung des Paars im Gebüsch und zwinkerte Josette erneut zu. »Nicht schlecht, was?«

»Dave!« Sie tat erschrocken. »Wie kannst du nur?«

»Und?«, sagte er. »Soll das heißen, dass du nicht…?«

»Das hab ich nicht gesagt«, fiel sie ihm ins Wort.

Wenn das keine Einladung war! Also machten sie sich auf den Weg zur Kapelle, Hand in Hand und ziemlich in Eile. Josette, dachte Dave, war eine Blume, die zum Pflücken reif war.

Sie erreichten die Lichtung, auf der die Kapelle stand. »Hier lang, Schätzchen«, murmelte er.

Er führte sie am Eingang der Kapelle vorbei und um das Gebäude herum. Doch auch dort wurden seine Pläne unerwartet vereitelt.

Denn ein halbwüchsiger Junge mit einem breiten Hintern stolperte aus dem Anbau, den Dave sich als Liebesnest auserkoren hatte. Bei seinem entgeisterten Gesicht hätte man beinahe übersehen können, dass er sich die offene Hose festhielt. Er rannte über die Lichtung und verschwand in der Dunkelheit.

Dave Emery vermutete, dass der Junge sich in dem Anbau erleichtert hatte. Das frustrierte ihn mächtig, denn er konnte sich nicht vorstellen, dass Josette Lust hatte, sich drinnen auf dem Boden zu wälzen, wenn es nach Pisse stank. Aber da er sie nun schon mal so weit hatte und da er endlich loslegen wollte und da immer noch die Hoffnung bestand, dass der Junge den Anbau nicht als öffentliche Toilette benutzt hatte, zuckte Dave die Achseln und schob Josette weiter vor sich her. »Da rein, Schätzchen.«

Er war so sehr auf das Eine aus, dass er beinahe in Ohnmacht gefallen wäre, als Josette den Anbau betrat und anfing zu schreien wie am Spieß.

»Nein, nein, nein, Barbara«, sagte Hadiyyah. »Wir können nicht einfach so bummeln gehen. Nicht ohne einen Plan. Da verlieren wir ja völlig den Überblick! Als Erstes machen wir uns eine Liste, aber vorher müssen wir uns überlegen, was wir brauchen. Und um das rauszufinden, müssen wir deinen Figurtyp ermitteln. So macht man das. Im Fernsehen zeigen sie es die ganze Zeit.«

Barbara Havers warf ihrer kleinen Freundin einen skeptischen Blick zu. Sie fragte sich, ob es wirklich klug war, sich von einer Neunjährigen in Kleidungsfragen beraten zu lassen. Aber die einzige andere Möglichkeit wäre, sich an Dorothea Harriman zu wenden, wenn sie sich Isabelle Arderys Ratschläge zu Herzen nehmen wollte, und Barbara hatte nicht vor, sich der Gnade der größten Modeexpertin von Scotland Yard auszuliefern. Mit Dorothea am Ruder würde die Einkaufstour garantiert auf direktem Weg auf die King's Road oder - noch schlimmer - nach Knightsbridge führen, wo sie in einer Boutique, wo man von gertenschlanken Verkäuferinnen mit perfekten Frisuren und Fingernägeln bedient wurde, ein Monatsgehalt für einen Schlüpfer würde hinblättern müssen. Wenn sie mit Hadiyyah loszog, bestand zumindest die leise Hoffnung, dass sie ihre Einkäufe bei Marks & Spencer würde erledigen können.

Aber davon wollte Hadiyyah nichts wissen. »Topshop«, verkündete sie. »Wir müssen zu Topshop gehen, Barbara. Oder zu Jigsaw. Oder vielleicht zu H&M, aber nur vielleicht.«

»Ich will aber nicht aussehen wie eine Modepuppe«, erklärte Barbara. »Ich brauche Sachen, die professionell wirken. Nichts mit Rüschen. Und auch nichts mit Nieten oder Ketten.«

Hadiyyah verdrehte die Augen. »Barbara«, sagte sie. »Also wirklich! Glaubst du vielleicht, ich würde was mit Nieten und Ketten anziehen?«

Da hätte ihr Vater ein Wörtchen mitzureden, dachte Barbara. Taymullah Azhar hielt seine Tochter an einer sehr kurzen Leine. Selbst jetzt, während der Sommerferien, ließ er sie nicht mit Kindern ihres Alters herumziehen. Stattdessen büffelte sie Urdu und lernte kochen, und wenn sie nicht Urdu büffelte oder kochen lernte, wurde sie von Sheila Silver beaufsichtigt, einer Rentnerin, die - wie sie nicht müde wurde zu erzählen - als Backgroundsängerin für einen Cliff-Richard-Imitator auf der Isle of Wight eine kurze Zeit des Ruhms erlebt hatte.

Mrs. Silver wohnte im Großen Haus, wie sie es alle nannten, einem prunkvollen edwardianischen Gebäude in Eton Villas. Barbara wohnte auf demselben Grundstück hinter dem Haus in einem für Hobbits ausgelegten Gartenhäuschen. Hadiyyah und ihr Vater, Barbaras Nachbarn, lebten im Vorderhaus in der Parterrewohnung, die nach vorne hin über eine Terrasse verfügte. Dort saßen Barbara und Hadiyyah, jede ein Glas Johannisbeersaft vor sich und über eine zerknitterte Seite der Daily Mail gebeugt, die Hadiyyah offenbar für eine solche Gelegenheit aufbewahrt hatte. Sie hatte die Zeitung aus ihrem Zimmer geholt, nachdem Barbara ihr von ihrem Kleidungsproblem berichtet hatte. »Ich hab genau das Richtige für dich«, hatte sie strahlend ausgerufen, war mit fliegenden Zöpfen verschwunden und gleich darauf mit der Seite zurückgekehrt, die sie auf dem Korbtisch ausbreitete. Es handelte sich um einen Artikel über Kleidung und Figurtypen. Auf zwei Seiten waren Models mit unterschiedlichem Körperbau abgebildet, ausgenommen natürlich magersüchtige und übergewichtige Frauen. Die Daily Mail wollte wohl keinen Extremen Vorschub leisten.

Hadiyyah erklärte Barbara, dass sie als Erstes ihren Figurtyp ermitteln müssten, und um dies zu bewerkstelligen, müsse sie sich etwas anderes anziehen, vielleicht etwas, das… na ja, das es ihnen erlaubte zu sehen, womit sie es zu tun hatten. Sie schickte Barbara zum Umziehen in ihr Häuschen. »Es ist sowieso viel zu warm für Cordhose und Wollpullover«, bemerkte sie als kleinen Tipp und beugte sich wieder über die Zeitung, um die Models zu studieren. Barbara tat, wie ihr geheißen, und erntete ein Stöhnen von Hadiyyah, als sie in einer weiten Leinenhose mit Gummizug und T-Shirt zurückkehrte.

»Was ist los?«, fragte Barbara.

»Ach, egal«, erwiderte Hadiyyah unbekümmert. »Wir werden unser Bestes tun.«

Ihr Bestes bestand darin, dass Barbara auf einen Stuhl stieg - und sich vorkam wie eine Idiotin - und Hadiyyah auf den Rasen trat, »weil ich von hier aus einen besseren Blick habe, um dich mit den Frauen auf den Bildern zu vergleichen«. Das tat sie, indem sie die Zeitung hochhielt, die Nase krauszog und abwechselnd Barbara und die Abbildungen betrachtete. Schließlich verkündete sie: »Birne, würde ich sagen, und kurze Taille. Kannst du die Hose ein bisschen hochziehen? Du hast ja richtig hübsche Knöchel, Barbara! Wieso zeigst du die nie? Frauen sollten immer ihre Vorzüge hervorheben, weißt du.«

»Und wie könnte ich das tun?«

Hadiyyah überlegte. »Hohe Absätze. Du musst hohe Absätze tragen. Hast du Schuhe mit hohen Absätzen, Barbara?«

»Na klar«, sagte Barbara. »Genau das Richtige für meinen Job. An so 'nem Tatort sieht es sonst viel zu gruselig aus.«

»Du nimmst das alles überhaupt nicht ernst! Aber du musst es ernst nehmen, wenn wir es richtig machen wollen.« Hadiyyah kam über den Rasen auf sie zugehüpft. Den Zeitungsartikel hielt sie an einer Ecke, sodass er wie eine Fahne wehte. Sie breitete ihn wieder auf dem Tisch aus und betrachtete ihn eingehend. Nach einer Weile erklärte sie: »Ausgestellter Rock. Die Grundlage jeder Garderobe. Das Jackett muss so lang sein, dass es deine Hüften kaschiert, und da du ein rundes Gesicht hast…«

»Ich arbeite noch daran, meinen Babyspeck loszuwerden«, fiel Barbara ihr ins Wort, doch Hadiyyah ließ sich nicht beirren: »… solltest du eine Bluse mit rundem Ausschnitt tragen, nicht mit eckigem. Der Blusenausschnitt sollte nämlich die Gesichtsform widerspiegeln. Na ja, eigentlich das Kinn. Ich meine, die ganze Linie von einem Ohr zum anderen, mit dem Kinn in der Mitte.«

»Aha. Verstehe.«

»Der Rock sollte knielang sein, und die Schuhe sollten Riemchen haben - wegen deiner hübschen Knöchel.«

»Riemchen?«

»M-hm. Steht hier. Und dann brauchen wir noch Accessoires. Viele Frauen machen den Fehler, die falschen Accessoires auszusuchen oder - noch schlimmer - überhaupt keine zu tragen.«

»Verflixt, das darf uns natürlich nicht passieren«, murmelte Barbara. »Äh, was genau meinst du eigentlich?«

Hadiyyah faltete die Zeitungsseite ordentlich zusammen und strich mit den Fingern sorgfältig jeden Knick nach. »Na ja, Schals und Hüte und Gürtel und Broschen und Halsketten und Armbänder und Ohrringe und Handtaschen. Außerdem Handschuhe, aber die braucht man nur im Winter.«

»O Gott«, stöhnte Barbara. »Würde ich mit all dem Zeug nicht ein bisschen überkandidelt aussehen?«

»Man trägt es doch nicht alles auf einmal!« Hadiyyah klang wie die Geduld in Person. »Ehrlich, Barbara, es ist eigentlich gar nicht so kompliziert. Na ja, vielleicht ist es ein bisschen kompliziert, aber ich helfe dir. Es macht bestimmt viel Spaß.«

Das bezweifelte Barbara zwar, aber nichtsdestotrotz machten sie sich auf den Weg. Vorher riefen sie noch Hadiyyahs Vater an der Uni an. Sie erwischten ihn zwischen einer Vorlesung und einer Besprechung mit einem Doktoranden. Gleich zu Beginn ihrer Freundschaft mit Taymullah Azhar und seiner Tochter hatte Barbara gelernt, dass man sich nicht mit Hadiyyah vom Haus entfernen durfte, ohne deren Vater darüber in Kenntnis zu setzen. Da es ihr widerstrebte einzugestehen, warum sie Hadiyyah mit zu ihrem Einkaufsbummel nehmen wollte, begnügte sie sich mit: »Ich muss ein paar Sachen für die Arbeit besorgen und dachte, es würde Hadiyyah Spaß machen, mich zu begleiten. Ein kleiner Ausflug kann ja nicht schaden. Ich dachte, wir könnten noch irgendwo ein Eis essen, wenn wir fertig sind.«

»Hat sie ihre Aufgaben für heute erledigt?«, fragte Azhar.

»Ihre Aufgaben?« Barbara warf Hadiyyah einen strengen Blick zu. Das Mädchen nickte eifrig, allerdings hatte Barbara ihre Zweifel, was den Kochkurs anging. Hadiyyah war nicht begeistert gewesen von der Vorstellung, bei dieser Hitze in der Küche zu stehen.

»Aber sicher«, sagte sie zu Azhar.

»Also gut«, sagte Azhar. »Aber nicht Camden Market, Barbara.«

»Nie im Leben, darauf können Sie Gift nehmen«, erwiderte Barbara.

Es stellte sich heraus, dass die nächste Topshop-Filiale sich an der Oxford Street befand - zu Hadiyyahs Entzücken und zu Barbaras Entsetzen. Auf Londons beliebtester Einkaufsmeile, auf der sich außer an Heiligabend Menschenmassen wälzten, war jetzt während der Sommerferien, wo es in der Hauptstadt zusätzlich von Touristen aus aller Welt wimmelte, die Hölle los - Menschenmassen hoch vier. Hoch zehn.

Sie brauchten vierzig Minuten, um in einem Parkhaus einen Parkplatz für Barbaras Mini zu finden, und weitere dreißig Minuten, um sich durch die Massen auf dem Gehweg zu kämpfen, die sich wie Lachse zu ihrem Laichplatz drängelten. Endlich bei Topshop angekommen, hätte Barbara am liebsten sofort die Flucht ergriffen. Der Laden war rappelvoll mit jungen Mädchen in Begleitung ihrer Mütter, Tanten, Großmütter, Nachbarn… Sie standen Schulter an Schulter, sie standen Schlange an den Kassen, sie schoben sich zwischen Regalen, Kleiderständern und Wühltischen hindurch, schrien gegen die stampfende Musik in ihre Handys, probierten Modeschmuck an: hielten sich Ohrringe an die Ohren, Halsketten an die Hälse, Armbänder an die Handgelenke. Barbara fühlte sich, als wäre ihr schlimmster Albtraum wahr geworden.

»Ist es nicht großartig?«, schwärmte Hadiyyah. »Ich hab meinen Vater schon so oft gefragt, ob er mal mit mir herkommt, aber er sagt, die Oxford Street ist der reine Wahnsinn. Er sagt, keine zehn Pferde würden ihn hierher kriegen! Er sagt, die Oxford Street ist die Londoner Version von… ich kann mich nicht erinnern, aber es war was Schlimmes.«

Dantes Inferno, dachte Barbara. Ein Kreis der Hölle, in den Frauen wie sie geworfen wurden, die sich gegen Modetrends sträubten, denen ihre äußere Erscheinung gleichgültig war und die einfach unmöglich aussahen, egal was sie anzogen.

»Aber ich finde es super hier«, rief Hadiyyah. »Ich wusste es! Ich wusste es einfach!«

Und damit flitzte sie in den Laden. Barbara blieb nichts anderes übrig, als ihr zu folgen.

Sie verbrachten mörderische neunzig Minuten bei Topshop, wo das Fehlen einer Klimaanlage - schließlich befanden sie sich in London, wo die Leute immer noch glaubten, es gäbe höchstens vier oder fünf heiße Tage im Jahr - und ungefähr tausend Teenager auf Schnäppchenjagd Barbara zu der Überzeugung gelangen ließen, dass sie nun für alle irdischen Sünden gebüßt hatte und nicht nur für die, die sie gegen die Haute Couture begangen hatte. Doch von dort zogen sie weiter zu Jigsaw und dann zu H&M, wo sie in ein ähnliches Inferno gerieten wie bei Topshop, verschlimmert nur durch Kleinkinder, die nach ihren Müttern, Eis, Lutschern, Schoßhunden, Hotdogs, Pizza, Fish and Chips und allem anderen schrien, was ihnen in ihrem durchgedrehten Zustand in den Sinn kam. Auf Hadiyyahs Drängen hin - »Barbara, sieh dir bloß mal an, wie der Laden heißt!« - hatten sie dieselbe Erfahrung bei Accessorize gemacht und waren schließlich bei Marks & Spencer gelandet, was Hadiyyah mit einem Stöhnen quittiert hatte.

»Hier kauft Mrs. Silver ihre Schlüpfer, Barbara«, sagte sie, als könnte sie das aufhalten. »Willst du etwa aussehen wie Mrs. Silver?«

»Nein, dann schon eher wie Dame Edna.« Barbara betrat das Kaufhaus. »Dem Himmel sei Dank für kleine Wohltaten«, bemerkte Barbara zu Hadiyyah, die ihr widerwillig folgte. »Hier gibt's nicht nur Schlüpfer, sondern auch eine Klimaanlage.«

Alles, was sie bisher ergattert hatten, waren eine Halskette von Accessorize, die Barbara nicht allzu bescheuert vorkam, und einige Schminkutensilien von Boots, die Hadiyyah ausgesucht hatte. Allerdings bezweifelte Barbara, dass sie die jemals benutzen würde. Sie hatte sich überhaupt nur dazu überreden lassen, die Schminksachen zu kaufen, weil Hadiyyah es heldenhaft hingenommen hatte, dass Barbara bisher schlichtweg alles abgelehnt hatte, was das Mädchen für sie von den Kleiderständern angelte. Es war nur fair, in irgendeinem Punkt nachzugeben, und Schminke schien das Einfachste zu sein.

Sie hatte ihren Einkaufskorb also gefüllt mit Grundierung, Rouge, Lidschatten, Eyeliner, Wimperntusche, mehreren Lippenstiften in scheußlichen Farben, vier verschiedenen Pinseln und einem Döschen mit Puder, der »alles kaschiert«, wie Hadiyyah ihr versichert hatte. Bei ihrer Auswahl hatte Hadiyyah sich anscheinend an den morgendlichen Ritualen ihrer Mutter orientiert, die offenbar ein ganzes Arsenal an Tiegeln und »Döschen mit allem Möglichen« besaß. »Sie sieht immer großartig aus, Barbara, wart's nur ab, wenn du sie kennenlernst!«

In den vierzehn Monaten, seit Barbara mit Hadiyyah und ihrem Vater eine nachbarschaftliche Freundschaft pflegte, war sie der Mutter des Mädchens noch nicht ein einziges Mal begegnet, und Barbara dämmerte allmählich, was in Wahrheit dahintersteckte, wenn Hadiyyah erklärte, sie sei nach Kanada in Urlaub gefahren.

Als Barbara, verstimmt ob der überflüssigen Ausgaben, fragte: »Reicht nicht ein bisschen Rouge?«, schnaubte Hadiyyah nur verächtlich: »Also wirklich, Barbara«, und beließ es dabei.

Sobald Barbara bei Marks & Spencer irgendetwas ansteuerte, das Hadiyyah als »passend für Mrs. Silver« erachtete, wurde sie gnadenlos in eine andere Richtung gezerrt. »Du weißt schon…« Das Mädchen war entschlossen, mit der Grundlage jeder Garderobe zu beginnen - dem ausgestellten Rock -, und äußerte sich erfreut darüber, dass die neue Herbstmode bereits frisch eingetroffen war. Das bedeute, erklärte sie, dass die Kleidungsstücke noch nicht von »Millionen berufstätiger Mütter« durchwühlt worden seien, »die solche Sachen tragen, Barbara. Die sind jetzt mit ihren Kindern in den Ferien. Wir brauchen also nicht zu befürchten, dass wir nur noch kriegen, was übrig geblieben ist.«

»Dem Himmel sei Dank«, sagte Barbara. Sie ging gerade auf einen Ständer mit Kostümen in Pflaume und Olivgrün zu.

Hadiyyah fasste sie entschlossen am Arm und bugsierte sie in eine andere Richtung. »Wir brauchen Einzelteile, Barbara«, erklärte sie, »die wir dann kombinieren können. Und sieh mal, die haben hier sogar Blusen mit Schleifen am Kragen! Die sind echt hübsch!« Sie hielt Barbara eine zur näheren Begutachtung hin.

Barbara konnte sich nicht in einer Bluse vorstellen, erst recht nicht in einer mit einer überdimensionalen Schleife am Kragen. Sie wiegelte ab: »Ich glaub nicht, dass das meiner Kinnpartie schmeicheln würde, oder? Was hältst du denn hiervon?« Sie nahm einen Pullover von einem säuberlich gefalteten Stoß.

»Keine Pullover«, beschied ihr Hadiyyah. Dann hängte sie die Bluse wieder weg mit der Bemerkung: »Na ja, die Schleife ist vielleicht wirklich ein bisschen übertrieben.«

Barbara dankte dem Allmächtigen für die Erkenntnis und begann, sich bei den Röcken umzusehen. Hadiyyah half ihr, und schließlich einigten sie sich auf fünf Stück, allerdings erst nach zahlreichen Kompromissen, denn Hadiyyah hängte alles prompt wieder auf die Stange, was sie als Mrs.-Silver-mäßig erachtete, während Barbara alles mit Schaudern ablehnte, was ihr zu auffällig erschien.

Als sie die Umkleidekabinen aufsuchten, bestand Hadiyyah darauf, sich als Barbaras Garderobiere zu betätigen, was dazu führte, dass sie ihre Unterhose zu Gesicht bekam, worauf sie ausrief: »Die ist ja grauenhaft, Barbara! Du musst dir unbedingt ein paar Stringtangas zulegen!« Da Barbara auf keinen Fall bereit war, sich auch nur in die Nähe der Dessousabteilung zu begeben, ermahnte sie Hadiyyah, sich auf die Röcke zu konzentrieren, die sie ausgewählt hatten. Alles, was dem Mädchen als »unpassend, Barbara« erschien, wurde mit einer wegwerfenden Handbewegung quittiert. Einer werfe sich an den Hüften auf, verkündete sie, ein anderer spanne über dem Hintern, ein weiterer sehe »absolut unmöglich« aus, und der vierte sei etwas, das nicht einmal jemandes Großmutter anziehen würde.

Barbara überlegte gerade, wie sie Isabelle Ardery dafür bestrafen könnte, dass sie sich diesem Modealbtraum ausliefern musste, als ihr Handy in den Tiefen ihrer geräumigen Handtasche die ersten vier Zeilen von »Peggy Sue« erschallen ließ. Sie hatte sich den Klingelton voller Begeisterung aus dem Internet heruntergeladen.

»Buddy Holly«, bemerkte Hadiyyah.

»Freut mich, dass ich dir wenigstens etwas beigebracht habe.« Barbara kramte das Handy aus ihrer Tasche und las die Nummer auf dem Display. Entweder die sprichwörtliche Rettung in letzter Minute - oder ein Beweis dafür, dass sie überwacht wurde.

Sie klappte das Handy auf. »Chefin«, sagte sie.

»Wo sind Sie, Sergeant?«, fragte Isabelle Ardery.

»Ich mache gerade einen Einkaufsbummel«, antwortete Barbara. »Wie Sie mir geraten haben.«

»Sagen Sie mir, dass Sie sich nicht in einer Kleiderkammer befinden, und ich werde mich glücklich schätzen.«

»Sie dürfen sich glücklich schätzen.«

»Darf ich wissen, wo…«

»Lieber nicht.«

»Und was haben Sie erreicht?«

»Eine Halskette bisher.« Um einer Bemerkung ihrer Vorgesetzten über ihre Prioritäten zuvorzukommen, fügte sie hinzu: »Und Kosmetikartikel. Jede Menge Kosmetikartikel. Ich werde aussehen wie…« Sie suchte fieberhaft nach einem passenden Bild. »Ich werde aussehen wie Elle Macpherson, wenn wir uns das nächste Mal sehen. Und jetzt gerade stehe ich in einer Umkleidekabine, und eine Neunjährige kritisiert meine Unterhose.«

»Ihre Begleiterin ist neun Jahre alt? Sergeant…«

»Glauben Sie mir, Chefin, sie hat sehr genaue Vorstellungen davon, wie meine Garderobe aussehen sollte, was der Grund dafür ist, dass ich bisher nur eine Halskette gekauft hab. Aber wir stehen kurz davor, uns auf einen Rock zu einigen. Wir sind schon seit Stunden unterwegs, und ich glaub, ich habe ihre Geduld allmählich erschöpft.«

»Also gut, einigen Sie sich, und machen Sie sich auf den Weg. Wir haben etwas.«

»Etwas?«

»Eine Leiche auf einem Friedhof, Sergeant. Und zwar eine, die nicht dorthin gehört.«

Isabelle Ardery wollte nicht an ihre Söhne denken, aber der Abney Park Cemetery machte ihr einen Strich durch die Rechnung. Die Jungen waren in einem Alter, in dem Abenteuer zu erleben alles bis auf Weihnachten in den Schatten stellte, und der Friedhof war der ideale Ort für Abenteuer. Vollkommen überwuchert, mit düsteren, von Efeu umrankten viktorianischen Grabfiguren, umgestürzten Bäumen, die sich geradezu anboten, um Forts und geheime Lager darin zu errichten, mit umgefallenen Grabsteinen und verwitterten Denkmälern… Ein Ort wie aus einem Fantasyroman, einschließlich einiger knorriger Bäume, in deren Rinde sich auf Schulterhöhe Schnitzereien von Monden, Sternen und heimtückisch grinsenden Gesichtern befanden. Und das alles lag direkt an der Hauptstraße hinter einem schmiedeeisernen Zaun mit mehreren Toren, zugänglich für jedermann.

DS Nkata hatte den Wagen vor dem Haupteingang geparkt, wo bereits ein Krankenwagen stand. Der Haupteingang lag an der Kreuzung Northwold Road und Stoke Newington High Street, ein asphaltierter Platz vor zwei cremefarbenen Gebäuden, von denen der Putz abbröckelte. Zwischen den Gebäuden befand sich ein riesiges schmiedeeisernes Tor, das, wie Isabelle erfuhr, normalerweise tagsüber geöffnet, inzwischen jedoch geschlossen war und von einem Constable des örtlichen Reviers bewacht wurde. Jetzt kam der Mann auf ihren Wagen zu.

Isabelle stieg aus. Die Sommerhitze wurde in Wellen vom Asphalt zurückgeworfen und trug nicht gerade zur Linderung ihrer Kopfschmerzen bei, und das Dröhnen in ihrem Schädel wurde noch verschlimmert durch das Tschacktschacktschack des Hubschraubers eines Nachrichtensenders, der über ihnen kreiste wie ein Flugsaurier.

Die Polizisten hatten von einer Straßenlaterne bis zum Zaun rechts und links des Eingangstors ein Absperrband gespannt. Es hielt eine kleine Menschenmenge auf Abstand. Unter den Neugierigen entdeckte Isabelle einige Pressevertreter, erkennbar an ihren Notizblöcken und Diktiergeräten und der Tatsache, dass gerade ein Mann mit ihnen sprach, bei dem es sich wahrscheinlich um den Pressesprecher des Polizeireviers von Stoke Newington handelte. Er drehte sich kurz um, als Isabelle und Nkata ausstiegen, und begrüßte sie mit einem knappen Nicken. Der am Tor stehende Constable tat es ihm gleich. Sie wirkten missmutig. Die Einmischung der Met in ein anderes Territorium wurde selten mit Begeisterung quittiert.

Beschwert euch bei den Politikern, dachte Isabelle. Beschwert euch beim S05 und der Abteilung für Vermisstenanzeigen, die beide weder in der Lage waren, Vermisste zu finden, noch die Namen der als vermisst gemeldeten Personen, die wieder aufgetaucht waren, von ihrer Liste zu streichen. Sollten sie sich doch bei der Presse beschweren, die eine Enthüllungsstory darüber gebracht und damit beim S05 einen Machtkampf ausgelöst hatte zwischen den Zivilisten in Führungspositionen und den frustrierten Polizisten, die verlangten, dass einer von ihnen die Abteilung leitete, als könnte das ihre Probleme lösen. Und vor allem sollten sie sich bei Assistant Commissioner Sir David Hillier beschweren über dessen Vorgehensweise bei der Neubesetzung des Postens, den Isabelle jetzt zur Probe innehatte. Hillier hatte es nicht ausgesprochen, aber Isabelle ließ sich nicht täuschen: Dies hier war ihr Probelauf, und alle wussten es.

Sie hatte DS Nkata angewiesen, sie zum Tatort zu fahren. Er war ebenso verstimmt wie die Constables. Zweifellos behagte es ihm nicht, als Detective Sergeant zu Chauffeursdiensten herangezogen zu werden, aber er war professionell genug, um seine Meinung für sich zu behalten. Ihr war nichts anderes übrig geblieben. Sie hatte vor der Wahl gestanden, entweder ein Mitglied ihres Teams als Fahrer abzustellen oder den Abney Park Cemetery mithilfe eines Stadtplans selbst zu suchen. Sollte sie den von ihr angestrebten Posten auf Dauer übernehmen, würde sie wahrscheinlich Jahre brauchen, um sich in dem Wirrwarr aus Straßen und Vierteln zurechtzufinden, die über die Jahrhunderte zu dem Monstrum London zusammengewachsen waren.

»Der Pathologe?«, fragte sie den Constable, nachdem sie sich und Nkata vorgestellt und ihre Namen in eine Liste eingetragen hatte. »Der Fotograf? Die Spurensicherung?«

»Drinnen. Sie warten darauf, dass sie die Leiche einpacken können. Wie angeordnet.«

Der Constable war höflich… gerade eben. Das Funkgerät an seiner Schulter krächzte, und er stellte es leiser.

Isabelle sah zu den Gaffern hinüber und dann zu den Gebäuden auf der anderen Straßenseite. Die Ladenzeile bestand aus den immer gleichen allgegenwärtigen Geschäften, die auf jeder High Street des Landes zu finden waren: von Pizza Hut bis zum Zeitungsladen. Über allen Läden befanden sich Wohnungen, und über einem - Polnische Spezialitäten - erhob sich ein moderner Wohnblock. Man würde jeden einzelnen der zahllosen Anwohner befragen müssen. Die Kollegen in Stoke Newington, dachte Isabelle, sollten dem Himmel dafür danken, dass die Met den Fall übernahm.

Als sie den Friedhof betraten und in das grüne Labyrinth eintauchten, erkundigte sie sich nach den Rindenschnitzereien. Ihr Führer, ein Rentner von etwa achtzig Jahren, erklärte ihnen, es gebe keine Friedhofswärter oder -gärtner, sondern nur ehrenamtliche Parkpfleger wie ihn, Gemeindemitglieder, die sich zu Komitees zusammengeschlossen und es sich zur Aufgabe gemacht hatten, den Abney Park Cemetery der Natur wieder abzutrotzen. Natürlich würde der Friedhof nie wieder so werden wie früher, erklärte der alte Herr, aber darum gehe es nicht. Das wolle niemand. Vielmehr strebe man ein Naturreservat an. Dann könne man Vögel und Füchse und Eichhörnchen und andere Tiere beobachten, sagte er. Und sich an den Wildblumen und Pflanzen erfreuen. »Wir sorgen dafür, dass die Wege passierbar sind und dass Menschen, die sich gern in der Natur aufhalten, sich hier sicher fühlen können. So etwas braucht man doch in einer Großstadt, meinen Sie nicht? Einen Zufluchtsort, wenn Sie verstehen, was ich meine. Und diese Schnitzereien, die macht ein Jugendlicher. Wir kennen ihn, aber wir haben ihn leider noch nie auf frischer Tat ertappt. Aber wenn es so weit ist, dann werde ich ihm eine ordentliche Abreibung verpassen«, gelobte er.

Das bezweifelte Isabelle. Der Mann war so zart wie die wilden Löwenmäulchen, die am Wegrand blühten.

Er führte sie über Pfade, die immer schmaler wurden, je tiefer sie in den Friedhof vordrangen. Die breiteren Wege waren mit Kieselsteinen von so unterschiedlicher Farbe und Musterung bedeckt, als stammten sie aus allen erdenklichen geologischen Epochen. Auf den schmaleren Pfaden lag eine dicke Schicht aus verrottendem Laub, die weich war wie ein Schwamm und angenehm nach Kompost duftete.

Endlich kam der Turm in Sicht und dann die Kapelle selbst, eine traurige Ruine aus Backstein und rostigem Metall, in deren Innenraum Gestrüpp wucherte und deren Portal durch eiserne Gitterstäbe versperrt war.

»Da drüben«, sagte der alte Mann überflüssigerweise. Er zeigte auf eine Gruppe ganz in Weiß gekleideter Spurensucher am anderen Ende einer vertrockneten Rasenfläche. Isabelle bedankte sich bei dem Mann und sagte zu Nkata: »Finden Sie denjenigen, der die Leiche entdeckt hat. Ich möchte mit ihm reden.«

Nkata warf einen Blick zur Kapelle hinüber. Isabelle war klar, dass er den Tatort sehen wollte. Sie wartete darauf, dass er protestieren oder sich mit ihr anlegen würde. Doch er tat weder das eine noch das andere. »In Ordnung«, sagte er nur, und sie enthielt sich eines weiteren Kommentars. Seine Reaktion machte ihn ihr sympathisch.

Sie ging zu dem kleinen Kapellenanbau hinüber, vor dem ein Leichensack neben einer zusammenklappbaren Bahre lag. Man würde die Leiche aus dem Friedhof tragen müssen, da die unebenen Wege es unmöglich machten, die Bahre zu schieben.

Die Spezialisten waren immer noch dabei, den Tatort zu untersuchen und zu vermessen und Fußabdrücke abzunehmen, was wahrscheinlich wenig nützen würde, denn es wimmelte nur so von Fußspuren. Isabelle streifte sich ein Paar Latexhandschuhe über, während sie vorsichtig über die schmalen Bretter ging, die man als Zugang zu der Leiche über den Rasen gelegt hatte.

Die Rechtsmedizinerin kam soeben aus dem Kapellenanbau, eine Frau mittleren Alters, deren Zähne, Haut und ein irritierendes Hüsteln die Kettenraucherin verrieten.

Isabelle stellte sich vor. »Was ist das?«, fragte sie mit einer Kopfbewegung zu dem Anbau hin.

»Keine Ahnung«, antwortete die Rechtsmedizinerin. Sie nannte ihren Namen nicht, und Isabelle fragte sie auch nicht danach. »Keine Tür, die in die Kapelle fuhrt. Es kann sich also nicht um die Sakristei handeln. Vielleicht ein Geräteschuppen?« Die Frau zuckte die Achseln, wie um zu sagen: Spielt doch auch keine Rolle, oder?

Natürlich tat es das nicht. Es ging um eine Leiche - die einer jungen Frau. Sie lehnte an der Wand des kleinen Anbaus, die Beine vor sich ausgestreckt, als wäre sie, nachdem sie angegriffen wurde, rückwärts gestolpert und an der Wand hinuntergerutscht. Die Wand war verwittert, und über der Leiche befand sich ein Graffito mit einem Auge in einem Dreieck und dem Text: »God Goes Wireless«.

Der Steinboden war übersät mit Müll. Der Tod hatte die junge Frau inmitten von Chipstüten, Sandwichpapier, Schokoriegelverpackungen und leeren Coladosen ereilt. Zwischen all dem Abfall lag ein Pornoheft, das jedoch erst kürzlich hier hinterlassen worden sein musste. Es war neu und unzerknittert. Es war aufgeschlagen bei einem Hochglanzfoto von einer breitbeinig dasitzenden Frau mit knallrot geschminktem Schmollmund, die nichts weiter trug als Lederstiefel und einen Zylinderhut.

Was für ein entwürdigender Ort, den Tod zu rinden, dachte Isabelle. Sie ging in die Hocke, um das Opfer näher in Augenschein zu nehmen. Der Gestank, der von der Leiche ausging, drehte ihr den Magen um: Fleisch, das bei drückender Hitze verrottete. Frisch geschlüpfte Maden krochen in den Nasenlöchern und im Mund herum, und das Gesicht und der Hals der Toten hatten sich bereits grünlich-rot verfärbt.

Der Kopf der jungen Frau lag auf ihrer Brust, die mit geronnenem Blut bedeckt war. Auch dort wimmelte es von Fliegen, und das Summen wirkte in dem geschlossenen Raum wie das Geräusch von Hochspannungsleitungen. Als Isabelle den Kopf der jungen Frau vorsichtig anhob, um den Hals sehen zu können, flog von einer hässlichen Wunde ein Schwarm Fliegen auf. Die Wundränder waren gezackt und ausgerissen: das Werk eines Mörders, der ungeschickt war im Umgang mit seiner Waffe.

»Halsschlagader«, sagte die Rechtsmedizinerin. Sie zeigte auf die Hände der Toten, die die Spurensicherung mit Plastiktüten umhüllt hatte. »Sieht so aus, als hätte sie versucht, die Blutung zu stoppen, aber es war zwecklos. Sie muss ziemlich schnell verblutet sein.«

»Tatwaffe?«

»Am Tatort wurde keine gefunden. Irgendein scharfkantiges Objekt. Genaueres können wir erst sagen, wenn wir sie auf dem Tisch haben. Jedenfalls kein Messer. Dafür ist die Wunde viel zu ausgefranst.«

»Wie lange, schätzen Sie, ist sie schon tot?«

»Schwer zu sagen bei der Hitze. Die Totenflecke haben sich schon gebildet, und die Leichenstarre hat sich aufgelöst. Vielleicht seit vierundzwanzig Stunden.«

»Wissen wir, wer sie ist?«

»Sie hat nichts bei sich. Es wurde auch keine Handtasche am Tatort gefunden. Nichts, was auf ihre Identität schließen ließe. Aber die Augen… Die werden Ihnen bei der Identifizierung helfen.«

»Die Augen? Warum? Was ist damit?«

»Sehen Sie selbst«, sagte die Medizinerin. »Sie sind trüb, wie zu erwarten, aber die Iris ist noch erkennbar. Sehr interessant, wenn Sie mich fragen. Solche Augen sieht man nicht oft.«

Nach AIan Dressers Aussage, die später von den Angestellten der Filiale bestätigt wurde, war die McDonald's-Filiale an diesem Tag ungewöhnlich gut besucht. Möglicherweise nutzten auch andere Eltern kleiner Kinder das schöne Wetter für einen Ausflug; jedenfalls scheinen sie alle dasselbe Ziel gehabt zu haben. Dresser war mit einem quengelnden Kleinkind unterwegs, und er räumte ein, dass er John möglichst schnell etwas zu essen besorgen, nach Hause bringen und dann ins Bett stecken wollte. Er setzte den Jungen an einen von drei freien Tischen - den zweiten neben dem Eingang - und trat an den Tresen, um seine Bestellung aufzugeben.

Man kann Dresser im Nachhinein vorwerfen, dass er seinen Sohn eine halbe Minute lang unbeaufsichtigt ließ, aber zur selben Zeit hielten sich in der McDonald's-Filiale mindestens zehn Mütter mit mindestens zweiundzwanzig Kindern auf. Wie hätte er auf die Idee kommen sollen, dass an einem solchen öffentlichen Ort mitten am Tag eine unvorstellbare Gefahr lauerte? Wenn man in einer derartigen Situation überhaupt an Gefahr denkt, stellt man sich wohl eher herumlungernde Pädophile vor, die auf eine günstige Gelegenheit warten, und nicht drei Jungen unter zwölf Jahren. Keiner der Anwesenden wirkte auch nur im Geringsten gefährlich. Tatsächlich war Dresser der einzige männliche Erwachsene vor Ort.

Auf den Bildern der Überwachungskameras sind drei Jungen zu sehen, die sich um 12:51 Uhr der McDonald's-Filiale nähern. Sie wurden später als Michael Spargo, Ian Barker und Reggie Arnold identifiziert. Sie hatten sich zu dem Zeitpunkt bereits seit mehr als zwei Stunden im Einkaufszentrum herumgetrieben. Mittlerweile hatten sie zweifellos Hunger - den sie mit den bei Mr. Gupta gestohlenen Chips hätten stillen können. Offenbar betraten sie jedoch das Schnellrestaurant mit der Absicht, einem Kunden sein Essen zu entreißen und damit wegzurennen. In diesem Punkt stimmen Michaels und Ians Aussagen überein, während Reggie Arnold sich grundsätzlich weigerte, über McDonald's zu sprechen. Dies ist wahrscheinlich dem Umstand zuzuschreiben, dass - wessen Idee auch immer es gewesen sein mag, John Dresser zu entführen - Reggie Arnold den kleinen John an der Hand hielt, als die Jungen zum Ausgang des Einkaufszentrums strebten.

John Dresser muss für Ian, Michael und Reggie das absolute Gegenteil ihrer selbst als Kleinkinder verkörpert haben. Zum Zeitpunkt seiner Entführung trug der Junge einen nagelneuen himmelblauen Schneeanzug mit gelben Entchen auf der Brust. Sein blondes Haar war frisch gewaschen und erst kürzlich geschnitten worden, und mit den Löckchen, die sein Gesicht einrahmten, erinnerte er an die pausbäckigen Engelchen auf Renaissancegemälden. Er trug leuchtend weiße Turnschuhe und hielt sein Lieblingsplüschtier umklammert, einen kleinen braun-schwarzen Hund mit Schlappohren und einer rosafarbenen Zunge, die zum Teil abgerissen war. Dieses Stofftier wurde später auf dem Weg gefunden, den die Jungen einschlugen, nachdem sie John aus der McDonald's-Filiale entführt hatten.

Johns Entführung ging offenbar ohne jede Schwierigkeit vonstatten und nahm nur wenige Augenblicke in Anspruch. Das Video der Überwachungskamera, das die Entführung dokumentiert, lässt einem das Mark in den Knochen gefrieren. Man sieht deutlich, wie die drei Jungen die Filiale betreten (die zu diesem Zeitpunkt noch nicht über eine vollständige Kameraüberwachung im Verkaufsraum verfügte). Weniger als eine Minute später kommen sie wieder heraus. Reggie Arnold taucht als Erster auf, mit John Dresser an der Hand. Fünf Sekunden später folgen Ian Barker und Michael Spargo. Michael isst etwas aus einem konischen Behälter, wahrscheinlich Pommes frites.

Eine der Fragen, die später immer wieder gestellt wurden, lautete: Wie kann AIan Dresser nicht bemerkt haben, dass sein Sohn entführt wurde?

Dafür gibt es zwei Erklärungen. Erstens war das Schnellrestaurant überfüllt, und in dem Lärm wäre jeder Hilferuf John Dressers untergegangen. Zweitens erhielt AIan Dresser in dem Moment, als er endlich an der Kasse seine Bestellung aufgeben wollte, einen Anruf aus seiner Kanzlei auf dem Handy. Der unglückliche Zeitpunkt dieses Anrufs hatte zur Folge, dass er seinem Sohn länger den Rücken zuwandte, als er es sonst möglicherweise getan hätte. Zudem senkte Dresser den Kopf, wie es viele Leute beim Telefonieren tun, und behielt diese Position bei, während er sich mit dem Anrufer unterhielt, vermutlich um sich in der chaotischen Atmosphäre konzentrieren zu können. Bis er den Anruf beendet, das Essen bezahlt hatte und damit an den Tisch ging, war John verschwunden, und das wahrscheinlich bereits seit fast fünf Minuten - mehr als genug Zeit, ihn aus dem Einkaufszentrum zu schaffen.

Dresser dachte nicht sofort an eine Entführung. Im Gegenteil: Da der Laden so überfüllt war, kam er gar nicht erst auf den Gedanken. Vielmehr nahm er an, der Junge, der im Farbengeschäft schon so zappelig gewesen war, sei von seinem Stuhl geklettert und herumgestromert, vielleicht nachdem irgendetwas seine Neugier erregt hatte, möglicherweise sogar außerhalb des Restaurants; aber auf jeden Fall vermutete Dresser ihn innerhalb des Einkaufszentrums. Dies waren entscheidende Minuten, was Dresser allerdings nicht bewusst war. Verständlicherweise sah er sich zunächst bei McDonald's nach ihm um und fragte anwesende Erwachsene, ob sie John gesehen hätten.

Man fragt sich, wie das möglich sein kann. Es ist helllichter Tag. Ein öffentlicher Ort, an dem sich andere Menschen befinden: sowohl Kinder als auch Erwachsene. Und doch sind drei halbwüchsige Jungen in der Lage, ein ihnen fremdes Kleinkind an die Hand zu nehmen und mit ihm wegzugehen, ohne dass es jemand bemerkt.

Wie konnte dies geschehen? Und warum geschah es?

Das Wie erklärt sich vermutlich aus dem Alter der Täter, die das Verbrechen begingen. Dass sie selbst noch Kinder waren, machte sie buchstäblich unsichtbar, weil das, was sie taten, für diejenigen, die sich in dem Restaurant aufhielten, schlichtweg unvorstellbar war. Niemand konnte damit rechnen, dass sich das Böse in eben der Form präsentierte, wie es an jenem Tag geschah. Schulkinder in Schuluniform passen einfach nicht in das Bild, das man sich von Kindesentführern macht.

Als feststand, dass John sich nicht länger in dem Restaurant befand und auch niemand ihn gesehen hatte, dehnte Dresser seine Suche aus. Doch erst nachdem er in den vier nächstgelegenen Geschäften nachgesehen hatte, wandte er sich an die Sicherheitskräfte des Einkaufszentrums und ließ die Ladenbesitzer per Lautsprecher darüber informieren, dass sie Ausschau halten sollten nach einem kleinen Jungen in einem hellblauen Schneeanzug. Eine volle Stunde verging, in der Dresser die Suche nach seinem Sohn fortsetzte, begleitet vom Geschäftsführer des Einkaufszentrums und dem Leiter des Sicherheitsdienstes. Niemand kam auf die Idee, sich die Überwachungsvideos anzusehen, weil zu diesem Zeitpunkt niemand das Undenkbare denken wollte.

5

Barbara Havers hatte ihren Dienstausweis zücken müssen, um den Constable davon zu überzeugen, dass sie Polizistin war. Als sie sich dem Haupteingang näherte, nachdem sie endlich hinter einem Schuttcontainer vor einer Baustelle in der Stoke Newington Church Street einen Parkplatz für ihren altersschwachen Mini gefunden hatte, hatte er sie angeherrscht: »Hey! Der Friedhof ist geschlossen, Madam!«

Barbara machte ihre Aufmachung dafür verantwortlich. Mit Hadiyyahs Hilfe hatte sie es zwar geschafft, sich die Grundlage einer jeden Garderobe zuzulegen: einen ausgestellten Rock. Aber damit hatte es sich auch schon. Nachdem sie Hadiyyah wieder bei Mrs. Silver abgeliefert hatte, hatte sie sich den Rock in aller Hast angezogen, festgestellt, dass er viel zu lang war, und sich trotzdem entschlossen, ihn anzubehalten. Dann hatte sie sich die Kette von Accessorize umgehängt, weiter jedoch keine Verbesserungen an ihrem Erscheinungsbild vorgenommen.

»Die Met?«, fragte sie den Constable, der sie mit offenem Mund anstarrte, ehe er sich wieder im Griff hatte. »Da drin«, sagte er und hielt ihr sein Klemmbrett hin, damit sie sich in die Liste eintragen konnte.

Verdammt hilfreich, dachte Barbara. Sie steckte den Dienstausweis zurück in ihre Tasche, fischte ein Päckchen Zigaretten heraus und zündete sich eine an. Sie wollte gerade höflich um einen winzigen Hinweis auf die genaue Lage des Tatorts bitten, als unter den Platanen hinter dem Friedhofszaun eine langsame Prozession auftauchte. Sie bestand aus der Besatzung eines Notarztwagens, der Rechtsmedizinerin mit ihrer Instrumententasche und einem uniformierten Constable. Die Sanitäter transportierten einen Leichensack auf einer Rollbahre, die sie über den Kiesweg trugen. Dann blieben sie stehen, um die Beine auszuklappen, und schoben die Bahre den Rest des Weges in Richtung Friedhofstor.

Barbara ging ihnen entgegen. »Superintendent Ardery?«, fragte sie, woraufhin die Rechtsmedizinerin mit einer Kopfbewegung hinter sich deutete. »Halten Sie nach den Uniformierten Ausschau«, lautete ihre erschöpfende Information. Immerhin fügte sie hinzu: »Sie können sie nicht übersehen. Sie durchkämmen die ganze Umgebung«, um anzudeuten, dass dort genügend Leute waren, falls Barbara noch einmal nach dem Weg fragen musste.

Das brauchte sie nicht, obwohl sie sich wunderte, dass sie in diesem Labyrinth den Tatort überhaupt fand. Aber nach wenigen Minuten entdeckte sie den Turm einer Kapelle und bald darauf Isabelle Ardery mit einem Polizeifotografen. Die beiden beugten sich gerade über das Display einer Digitalkamera. Als Barbara auf sie zuging, hörte sie, wie jemand ihren Namen rief. Dann erschien Winston Nkata auf einem schmalen Pfad, der um eine von Flechten bedeckte Steinbank herumführte. Er klappte gerade ein ledernes Notizbuch zu, in dem er, wie Barbara wusste, wunderbar lesbare Beobachtungen in seiner unerträglich eleganten Handschrift notierte.

»Also, was haben wir?«, fragte sie.

Er brachte sie auf den neuesten Stand, wurde jedoch in seinen Ausführungen unterbrochen, als Isabelle Ardery nach Barbara rief, und zwar in einem Ton, der weder Willkommen noch Freude ausdrückte, obgleich sie selbst Barbara angewiesen hatte, auf dem schnellsten Weg zum Friedhof zu kommen. Als Nkata und Barbara sich umdrehten, kam Superintendent Ardery auf sie zumarschiert. Hier wurde nicht gegangen oder geschlendert. Ihr Gesichtsausdruck war steinern.

»Soll das ein Witz sein?«, fragte sie.

Barbara sah sie verwirrt an. »Hä?« Sie warf Nkata einen Blick zu. Er wirkte ebenso ratlos.

»Ist das etwa Ihre Vorstellung von professionell?«, fragte Ardery.

»Ach so.« Barbara sah an sich hinunter. Rote Schnürschuhe, ein marineblauer Rock, der ihr bis an die Waden reichte, ein T-Shirt mit dem Aufdruck »Talk to the Fist Cos the Face Ain't Listening« und eine Perlenhalskette mit einem filigranen Anhänger. Tja, das konnte Ardery durchaus deuten als ein trotziges Dir-werd-ich's-zeigen.

»Sorry, Chefin«, sagte sie. »Weiter bin ich noch nicht gekommen.« Aus dem Augenwinkel sah sie, wie Nkata sich eine Hand vor den Mund hielt. Zweifellos versuchte er, ein Grinsen zu verbergen. »Ehrlich«, sagte sie, »großes Indianerehrenwort! Sie sagten, ich solle auf schnellstem Weg herkommen, und das hab ich getan. Ich hatte keine Zeit…«

»Das reicht!« Ardery musterte sie von oben bis unten, die Augen schmal. »Nehmen Sie die Halskette ab! Die macht es auch nicht besser, glauben Sie mir!«

Barbara tat wie geheißen. Nkata wandte sich ab. Seine Schultern zuckten kaum merklich. Er hustete.

»Was haben Sie herausgefunden?«, herrschte Ardery ihn an.

Er fuhr herum. »Die Jugendlichen, die die Leiche gefunden haben, sind inzwischen weg. Die Kollegen vom hiesigen Revier haben sie mitgenommen, um ihre Aussagen zu Protokoll zu nehmen. Aber ich konnte vorher kurz mit ihnen sprechen. Es handelt sich um einen jungen Mann und ein junges Mädchen.« Er berichtete, was er in Erfahrung gebracht hatte: Die zwei hatten einen Jungen vom Tatort flüchten sehen. Ihre Beschreibung des Jungen beschränkte sich auf »einen dicken Hintern, und er war gerade dabei, sich die Hose hochzuziehen«, aber der junge Mann habe erklärt, er könne wahrscheinlich bei der Anfertigung eines Phantombilds behilflich sein. Mehr war aus ihnen nicht herauszubekommen, so Nkata. Sie wollten offenbar in den Anbau, um zu vögeln, und »die hätten wahrscheinlich nicht mal die Kreuzigung Christi mitbekommen, wenn sie vor ihrer Nase stattgefunden hätte«.

»Wir brauchen ihre Aussagen«, stellte Ardery fest. Sie klärte Barbara über die Einzelheiten des Verbrechens auf und rief dann den Fotografen zu sich. Während Nkata und Barbara sich die digitalen Aufnahmen ansahen, sagte Ardery: »Halsschlagader. Der Täter muss buchstäblich in Blut gebadet haben.«

»Es sei denn, er hat sie von hinten überrascht«, bemerkte Barbara, »sie am Kopf gepackt, nach hinten gerissen und zugestochen. Dann hätte er Blut an Armen und Händen, aber nur wenig am Körper, oder?«

»Möglich«, sagte Ardery. »Aber an der Stelle, wo die Leiche lag, ist es unmöglich, jemanden von hinten zu überraschen, Sergeant.«

Von dort, wo sie standen, konnte Barbara den Kapellenanbau sehen. »Vielleicht von hinten überrascht und dann dort hineingeschleppt?«

»Keine Spuren, die darauf  hindeuten.«

»Wissen wir, wer sie ist?« Barbara blickte von den Bildern auf.

»Keine Papiere. Wir lassen gerade die Umgebung durchkämmen, und wenn wir dabei nicht auf die Tatwaffe stoßen oder auf irgendetwas, das uns Anhaltspunkte gibt, wer sie ist, werden wir den gesamten Friedhof abschnittsweise absuchen. Ich möchte, dass Sie das übernehmen. Setzen Sie sich mit den Kollegen vom hiesigen Revier in Verbindung. Außerdem möchte ich, dass Sie Haustürbefragungen organisieren. Konzentrieren Sie sich zunächst auf die Häuser, die direkt an den Friedhof grenzen. Wenn Sie damit fertig sind, sprechen wir uns wieder in der Met.«

Während Barbara nickte, sagte Nkata: »Soll ich auf das Phantombild warten, Chefin?«

»Darum kümmern Sie sich ebenfalls«, sagte Ardery zu Barbara. »Sorgen Sie dafür, dass die Aussagen der beiden in die Victoria Street geschickt werden. Und ich möchte, dass Sie versuchen, noch ein bisschen mehr aus ihnen herauszuquetschen.«

»Ich kann…«, hob Nkata an, doch Ardery unterbrach ihn: »Sie brauche ich weiterhin als Fahrer.« Sie ließ ihren Blick über die Lichtung schweifen, auf der die Kapelle stand. Mehrere Constables waren dabei, sie abzusuchen. Sie waren sternförmig ausgeschwärmt auf der Suche nach der Tatwaffe, der Handtasche des Opfers oder irgendeinem anderen Gegenstand, der als Beweismittel dienen konnte. Der Ort war ein Albtraum, an dem man zu viel oder aber gar nichts finden würde.

Nkata schwieg. Barbara sah einen Muskel an seinem Kiefer zucken. Schließlich sagte er: »Bei allem Respekt, Chefin, aber könnten Sie nicht einen Constable als Fahrer abstellen? Oder einen der Hilfs-Constables?«

»Wenn ich einen Constable als Fahrer wünschte, hätte ich einen. Haben Sie ein Problem mit Ihrer Aufgabe, Sergeant?«

»Ich könnte vielleicht besser eingesetzt werden…«

»Wo immer ich Sie einsetzen möchte«, fiel Ardery ihm erneut ins Wort. »Haben wir uns verstanden?«

Er antwortete nicht gleich. »Chefin«, sagte er dann lediglich und nickte.

Bella McHaggis war nass geschwitzt, und das war gut so. Sie kam gerade von ihrer Yogastunde - bei dem Wetter hätte jede Yogaübung sie ins Schwitzen gebracht -, und sie fühlte sich großartig und im Frieden mit sich selbst. Das hatte sie Mr. McHaggis zu verdanken. Wenn der arme Kerl nicht auf dem Klo gestorben wäre, sein Glied in der Hand und vor sich auf dem Fußboden eine Zeitung mit einem Tittenmädchen, dann würde sie sich wahrscheinlich noch immer in demselben Zustand befinden wie an jenem Morgen, als sie festgestellt hatte, dass er von ihr gegangen war, um seinen himmlischen Lohn zu empfangen. Der Anblick des armen Mr. McHaggis war für sie ein Ruf zu den Waffen gewesen. Hatte sie vor seinem Tod nicht einmal eine Treppe hochsteigen können, ohne außer Atem zu geraten, war sie jetzt zu ganz anderen Leistungen in der Lage. Besonders stolz war sie auf ihren geschmeidigen Körper. Sie konnte bei Rumpfbeugen die Handflächen auf den Boden legen. Sie bekam ihr Bein so hoch, dass sie ihren Fuß auf das Kaminsims legen konnte. Nicht schlecht für eine Frau von fünfundsechzig.

Sie befand sich auf dem Heimweg über die Putney High Street. Sie trug immer noch ihre Yogakleidung und die Matte unter dem Arm. Sie dachte über Würmer nach, genauer gesagt über die Regenwürmer, die sie in einem Behälter in ihrem Garten züchtete. Es waren erstaunliche Geschöpfe. Sie fraßen fast alles, was man ihnen gab, aber sie brauchten viel Pflege. Extreme Bedingungen bekamen ihnen überhaupt nicht - zu große Hitze oder zu große Kälte, und sie gingen in den Ewigen Komposthaufen ein. Sie überlegte gerade, ab wann genau Hitze als zu groß zu betrachten wäre, als sie am Tabakladen vorbeikam, vor dem ein großes Plakat für die Abendausgabe des Evening Standard warb.

Bella war den Anblick von Schlagzeilen gewöhnt, die ein dramatisches Ereignis auf drei, vier Wörter reduzierten; ausreichend, um die Leute in den Laden zu locken und die Zeitung an den Mann zu bringen. Normalerweise ging sie daran vorbei und sah zu, dass sie nach Hause in die Oxford Road kam. In ihren Augen gab es viel zu viele Zeitungen und Boulevardblätter in London, die - Recycling hin oder her - sämtliche Waldflächen der Erde verschlangen, und sie wollte verdammt sein, wenn sie zu diesem Kahlschlag beitrug. Aber dieses Plakat ließ sie in ihren Schritten innehalten: »Tote im Abney Park«.

Bella hatte keine Ahnung, wo der Abney Park lag, und doch blieb sie wie angewurzelt stehen und fragte sich, während Passanten an ihr vorbeihasteten, ob es sein konnte…

Sie sträubte sich gegen den Gedanken. Alles in ihr sträubte sich dagegen. Aber da es theoretisch sein konnte, betrat sie den Laden und kaufte die Zeitung. Falls sich herausstellte, dass an der Geschichte nichts dran war, konnte sie die Zeitung immer noch zerreißen und an die Würmer verfüttern.

Sie las den Artikel nicht sofort. Da sie nicht dastehen wollte wie jemand, der sich von einer reißerischen Schlagzeile zum Kauf eines Boulevardblatts hinreißen ließ, kaufte sie außerdem eine Rolle Pfefferminzbonbons und Kaugummis. Die Plastiktüte, die ihr angeboten wurde, lehnte sie ab - irgendwo musste man schließlich eine Grenze ziehen, und Bella weigerte sich, zur Verschmutzung und Zerstörung des Planeten beizutragen, indem sie die Art von Plastiktüten benutzte, die tagtäglich vom Wind durch die High Street gefegt wurden.

Von dem Tabakladen war es nicht mehr weit bis zur Oxford Road, einer schmalen Durchgangsstraße, die sowohl zur Putney Bridge Road als auch zur Themse führte. Vom Yogastudio bis zu ihr nach Hause brauchte sie zu Fuß lediglich eine Viertelstunde, und so war sie in kürzester Zeit durch ihr Vorgartentörchen getreten und vorbei an den acht Plastiktonnen, die sie zur Mülltrennung benutzte.

In der Küche goss sie sich erst einmal grünen Tee auf, von dem sie täglich zwei Tassen trank. Sie konnte das Zeug zwar nicht ausstehen - so musste Pferdepisse schmecken -, aber sie hatte genug über seinen gesundheitlichen Nutzen gelesen, und deshalb trank sie das Gebräu regelmäßig mit zugehaltener Nase. Erst nachdem sie ihre Tasse mit Todesverachtung geleert hatte, breitete sie die Zeitung auf der Anrichte aus und betrachtete die Titelseite.

Das Foto sagte ihr nichts. Es zeigte einen düsteren, von einem Polizisten bewachten Eingang. Ein kleineres Foto, das das große überlappte, war eine Luftaufnahme von einer Lichtung in einer Art Waldgebiet mit irgendeiner kleinen Kirche in der Mitte, um die Tatortspezialisten in weißen Overalls herumkrabbelten wie Ameisen.

Bella überflog den begleitenden Artikel auf der Suche nach den wichtigsten Informationen: junge Frau, ermordet, offenbar erstochen, gut gekleidet, nicht identifiziert…

Sie schlug die Seite drei auf, wo ein Phantombild abgedruckt war mit der Unterschrift: »Zeuge gesucht«. Phantombilder, fand Bella, hatten nie eine Ähnlichkeit mit den Personen, die sie angeblich darstellten, und dieses Gesicht wirkte so alltäglich, dass auf seiner Grundlage praktisch jeder männliche Jugendliche auf der Straße von der Polizei aufgegriffen und verhört werden konnte: dunkles Haar, das ihm über die Augen fiel, fleischige Wangen, trotz der Hitze bekleidet mit einem Kapuzenshirt. Wenigstens hatte er die Kapuze nicht über den Kopf gezogen.

Völlig unbrauchbar als Beschreibung. Eben erst hatte sie auf der Putney High Street mindestens ein Dutzend Jugendliche gesehen, die dem Bild entsprachen.

Aus dem Artikel ging hervor, dass die betreffende Person beim Verlassen des Tatorts auf dem Abney Park Cemetery gesehen worden war, woraufhin Bella einen alten Stadtplan vom Bücherregal im Esszimmer nahm. Der Friedhof lag in Stoke Newington, meilenweit von Putney entfernt, und das gab ihr zu denken.

Sie war immer noch in Gedanken vertieft, als sie hörte, wie die Haustür aufgeschlossen wurde und sich durch den Flur Schritte näherten.

»Frazer? Sind Sie das, mein Lieber?«, rief sie, ohne auf eine Antwort zu warten. Sie legte großen Wert darauf, über das Treiben ihrer Mieter im Bilde zu sein, und Frazer Chaplin kam jeden Tag um diese Uhrzeit nach Hause, um sich nach seinem Tagesjob frisch zu machen und sich für seinen Abendjob umzuziehen. Sie bewunderte den jungen Mann dafür, dass er zwei Jobs bewältigte. Arbeitsame Mieter waren ihr die liebsten.

»Haben Sie einen Augenblick Zeit?«

Als Frazer in der Tür erschien, blickte sie von ihrem Stadtplan auf. Er hob eine Braue - schwarz wie sein Haar, das dicht und lockig war und an Spanien unter der Ägide der Mauren erinnerte. Nur dass der junge Mann Ire war. »Eine Affenhitze, was? Heute waren sämtliche Jugendlichen aus Bayswater im Eisstadion, Mrs. McH.«

»Garantiert«, sagte Bella. »Werfen Sie doch mal einen Blick hierauf, mein Lieber.«

Sie führte ihn in die Küche und zeigte ihm die Zeitung. Er überflog den Artikel, dann sah er sie an. »Und?« Er klang verblüfft.

»Wieso und? Junge Frau, gut gekleidet, ermordet…«

Endlich fiel der Groschen, und sein Gesichtsausdruck veränderte sich. »Nein, das glaube ich nicht«, sagte er, wirkte jedoch leicht verunsichert, als er hinzufügte: »Das kann gar nicht sein, Mrs. McH.«

»Warum nicht?«

»Was sollte sie denn in Stoke Newington zu suchen haben? Und dazu ausgerechnet auf einem Friedhof?« Er betrachtete noch einmal die beiden Fotos. Dann das Phantombild. Er schüttelte langsam den Kopf. »Nein, nein. Wirklich. Wahrscheinlich ist sie einfach irgendwohin gefahren, um mal auszuspannen. Um der Hitze zu entkommen. Ans Meer oder so. Meinen Sie nicht? Man könnte es ihr jedenfalls nicht verdenken.«

»Dann hätte sie Bescheid gesagt, damit niemand sich Sorgen macht. Das wissen Sie genau.«

Als Frazer von der Zeitung aufblickte, lag Besorgnis in seinem Blick, wie Bella voller Genugtuung feststellte. Es gab wenig, das sie mehr nervte als Menschen mit einer langen Leitung, und sie musste Frazer zugutehalten, dass er schnell schaltete. Er sagte: »Ich habe nicht wieder gegen die Regeln verstoßen. Ich bin vielleicht kein Unschuldslamm, aber ich bin auch kein…«

»Das weiß ich doch, mein Lieber«, sagte Bella hastig. Er war weiß Gott ein guter Junge. Leicht verführbar vielleicht. Ein bisschen allzu sehr hinter den Mädchen her. Aber wenn es darauf ankam, war er ein anständiger Kerl. »Ich weiß, ich weiß. Aber manche junge Frauen können Raubtiere sein, wie Sie aus eigener Erfahrung wissen.«

»Diesmal nicht. Und nicht diese junge Frau.«

»Aber Sie waren doch mit ihr befreundet, oder?«

»Genauso, wie ich mit Paolo befreundet bin. So wie ich mit Ihnen befreundet bin.«

»Sicher«, sagte Bella. Sie konnte nicht umhin, sich geschmeichelt zu fühlen, weil er sie beide als Freunde bezeichnete. »Aber wenn man mit jemandem befreundet ist, lernt man ihn besser kennen. Man erfährt, was in der Person vorgeht. Meinen Sie denn nicht, dass sie sich in letzter Zeit verändert hat? Hatten Sie nicht auch den Eindruck, dass irgendetwas sie belastete?«

Frazer rieb sich nachdenklich das Kinn. Bella hörte das kratzende Geräusch seiner Fingerkuppen auf den Bartstoppeln. Er würde sich rasieren müssen, ehe er zur Arbeit ging. »Ich habe kein Händchen dafür, Leute zu durchschauen«, sagte er schließlich. »Nicht so wie Sie.« Wieder schwieg er.

Auch das gefiel Bella an ihm. Er gab nicht voreilig eine Meinung zum Besten, die sich auf nichts gründete, so wie man es von vielen jungen Leuten kannte. Er war bedächtig und scheute sich nicht, sich Zeit zu lassen.

»Könnte sein«, sagte er schließlich, »falls sie es ist, aber das will ich nicht behaupten, weil es wirklich keinen Sinn ergeben würde… Vielleicht ist sie dorthin gefahren, um nachzudenken? Ein Friedhof ist schließlich ein stiller Ort.«

»Um nachzudenken?«, rief Bella aus. »Sie meinen, sie könnte bis nach Stoke Newington gefahren sein, um nachzudenken! Das könnte sie doch überall tun! Im Garten. In ihrem Zimmer. Oder bei einem Spaziergang an der Themse.«

»Stimmt. Also, was war es dann?«, fragte er. »Angenommen, dass sie es ist. Warum hätte sie nach Stoke Newington fahren sollen?«

»Sie war in letzter Zeit ziemlich geheimnistuerisch - ganz anders als sonst. Wenn sie es ist, kann sie nur einen schlechten Grund dafür gehabt haben.«

»Was denn für einen?«

»Sich dort mit jemandem zu treffen. Mit ihrem Mörder.«

»Das ist doch der reine Wahnsinn!«

»Kann sein, aber ich rufe trotzdem an.«

»Wen?«

»Die Polizei, mein Lieber. Die Polizei bittet um Informationen, und wir haben schließlich welche. Sie und ich.«

»Und was wollen Sie denen sagen? Dass eine Mieterin zwei Nächte lang nicht nach Hause gekommen ist? So etwas passiert doch dauernd hier in der Stadt.«

»Mag ja sein. Aber meine Mieterin hat ein braunes und ein grünes Auge, und ich bezweifle, dass diese Beschreibung auf eine einzige weitere vermisste Person zutrifft.«

»Aber wenn sie es ist und wenn sie tot ist…«

Als Frazer abbrach, blickte Bella von der Zeitung auf. Irgendetwas lag in seinem Ton, das Bella hellhörig machte. Sie beruhigte sich jedoch sofort wieder, als er fortfuhr: »Sie ist so eine nette Frau, Mrs. McH. Sie ist immer offen und freundlich, nicht wahr? Sie wirkt überhaupt nicht wie jemand, der Geheimnisse hat. Falls sie es also ist, dann sollten wir uns weniger den Kopf darüber zerbrechen, warum sie dort war, sondern darüber, wer in Gottes Namen einen Grund gehabt hätte, sie umzubringen.«

»Irgendein Wahnsinniger, mein Lieber«, erwiderte Bella. »Wir wissen doch beide, dass es in London nur so davon wimmelt.«

Von unten waren die üblichen Geräusche zu hören: akustische und elektrische Gitarren, beide schlecht gespielt. Die akustischen Gitarren waren halbwegs erträglich, weil die zögernd gespielten Akkorde nicht verstärkt wurden. Was aber die elektrischen Gitarren anging, so kam es ihm vor, als würden die schlechtesten Schüler die größten Verstärker benutzen. Als würde es ihnen besonderen Spaß machen, schlecht zu spielen. Oder vielleicht machte es dem Lehrer Spaß, seine Schüler möglichst schlecht und möglichst laut spielen zu lassen, als hätte der Unterricht überhaupt nichts mit Musik zu tun.

Er begriff einfach nicht, wie so etwas sein konnte, aber er versuchte schon lange nicht mehr, die Menschen zu verstehen. Wenn du verkündigen würdest, würdest du verstehen. Wenn du dich als derjenige zeigen würdest, der du sein könntest. Neun Ordnungen, aber wir - wir - sind die höchste. Wer Gottes PIan vereitelt, stürzt wie die anderen. Willst du…

Ein Kreischen, verursacht durch einen falschen Akkord. Es vertrieb die Stimmen. Das war ein Segen. Er musste nach draußen, wo er sich meistens aufhielt während der Stunden, in denen der Laden unter ihm geöffnet war. Aber die letzten zwei Tage hatte er das Haus nicht verlassen können. So lange hatte er gebraucht, um das Blut auszuwaschen.

Er bewohnte ein Einzimmerapartment, und er hatte das Waschbecken benutzt. Aber das Becken war winzig und befand sich in der Zimmerecke. Außerdem konnte man es vom Fenster aus sehen, deswegen hatte er äußerste Vorsicht walten lassen müssen. Denn auch wenn es unwahrscheinlich war, dass jemand ihn durch die feinen Gardinen sah, musste man immer damit rechnen, dass der Wind sie ausgerechnet in dem Augenblick auseinanderblies, da er gerade dabei war, sein Hemd, seine Jacke oder seine Hose auszuwringen, und kirschfarbenes Wasser ins Becken lief. Aber er brauchte Luft im Zimmer, auch wenn das Gefahr bedeutete. Er hatte das Fenster geöffnet, weil er in der stickig heißen Luft kaum noch hatte atmen können, und er hatte immerzu gehört: Du bist nutzlos für uns, wenn du dich nicht zeigst, bis er ans Fenster gestolpert war und es aufgerissen hatte. Er hatte es in der Nacht getan, ganz sicher, in der Nacht, was bedeutete, dass er sehr wohl Unterscheidungen zu machen wusste, und wir sollen uns nicht gegenseitig bekämpfen. Wir sollen die Söhne der Finsternis bekämpfen. Siehst du denn nicht…

Er stopfte sich die Ohrstöpsel in die Ohren und drehte die Lautstärke auf. Immer wieder hörte er sich die »Ode an die Freude« an. Die Musik belegte so viel Raum in seinem Gehirn, dass sie keine Gedanken zuließ, die nichts mit ihr zu tun hatten, und keine Stimmen, die nicht zu dem Chor gehörten. Genau das brauchte er, um durchzuhalten, bis er sich wieder auf die Straße wagen durfte.

In der Hitze waren seine Kleider schnell getrocknet, und das war ein Segen. So hatte er sie ein zweites und sogar ein drittes Mal einweichen und auswaschen können. Das Wasser war erst blutrot, dann kirschrot und schließlich so blassrosa gewesen wie Frühlingsblüten. Um das Hemd wieder weiß zu bekommen, würde er allerdings ein Bleichmittel benutzen oder es in die Reinigung bringen müssen, aber die schlimmsten Flecken waren weg. An der Jacke und der Hose war überhaupt nichts mehr zu sehen. Jetzt musste er die Sachen nur noch bügeln. Er besaß sogar ein Bügeleisen, denn er legte großen Wert auf seine äußere Erscheinung. Er mochte es nicht, wenn Leute sich abgeschreckt fühlten. Er wollte sie in seiner Nähe haben, er wollte, dass sie zuhörten, und er wollte, dass sie ihn so kennenlernten, wie er wirklich war. Aber das würde nicht passieren, wenn er ungepflegt aussah, wenn seine Kleidung verschmutzt war, sodass man meinen könnte, er sei arm und würde auf Parkbänken schlafen. Denn weder das eine noch das andere war der Fall. Er hatte sich für dieses Leben entschieden. Und er wollte, dass die Leute das wussten.

… andere Entscheidungen. Eine steht jetzt vor dir. Die Not ist groß. Not führt zu Taten und Taten zur Ehre.

Er hatte sich entschieden. Der Ehre wegen, nur der Ehre wegen.

Sie hatte ihn gebraucht, und er hatte den Ruf vernommen. Aber dann war alles schiefgegangen. Sie hatte ihn angeschaut. Er hatte in ihren Augen gesehen, dass sie ihn erkannte, und gleichzeitig gewusst, dass es Verwunderung war, denn es war klar, dass sie sich wundern würde, aber es bedeutete auch, dass sie froh war, ihn zu sehen. Er war auf sie zugegangen und hatte getan, was getan werden musste, und in dem Augenblick hatte er keine Stimmen gehört, keinen Chor, nichts, nicht einmal die Musik aus den Ohrstöpseln.

Aber er hatte versagt. Überall Blut, auf ihr und auf ihm und an ihren Händen und an ihrem Hals.

Er war geflohen. Zuerst hatte er sich versteckt, hatte sich mit welkem Laub abgerieben, um das Blut abzubekommen. Er hatte sein Hemd ausgezogen und zusammengeknüllt. Er hatte seine Jacke gewendet. Die Hose war besudelt, aber sie war schwarz, und das Schwarz hatte das Blutrot verdunkelt, das von ihr auf ihn gespritzt war. Er musste nach Hause, was bedeutete, dass er den Bus nehmen musste, mehr als einen Bus, und er hatte nicht gewusst, wo er umsteigen musste, und so hatte er Stunden gebraucht, und er war gesehen worden, war angestarrt worden, die Leute hatten über ihn getuschelt, aber das hatte ihn nicht aufhalten können, weil…

Noch ein Zeichen, und du hättest es erkennen müssen. Überall um dich herum gibt es Zeichen, aber du ziehst es vor zu beschützen, wenn du kämpfen müsstest…

Er musste unbedingt nach Hause und sich reinigen, damit er tun konnte, was ihm aufgetragen worden war. Niemand, so redete er sich ein, würde einen Zusammenhang herstellen. In den Londoner Bussen fuhren so viele unterschiedliche Leute, und niemand kümmerte sich um irgendetwas, und selbst wenn sie aufmerksam gewesen waren und ihn gesehen und vielleicht sogar darüber gesprochen hatten oder sich daran erinnerten, wo sie ihn gesehen hatten - es spielte keine Rolle. Nichts spielte eine Rolle. Er hatte versagt, und damit würde er leben müssen.

6

Isabelle Ardery gefiel es ganz und gar nicht, dass AC Hillier zur Teambesprechung erschienen war. Obwohl er behauptete, er sei nur gekommen, um seine Anerkennung für die Pressekonferenz zum Ausdruck zu bringen, die sie am vorigen Nachmittag gehalten hatte, roch sein Besuch nach Kontrolle, und das war ihr unangenehm. Am liebsten hätte sie ihm gesagt, dass sie nicht von gestern war: Sie wusste genau, warum er gekommen war und sich wichtigtuerisch am hinteren Ende des Besprechungszimmers aufgepflanzt hatte, und sie wusste auch, dass der leitende Ermittler - in diesem Fall ich, Sir - sich ohnehin danach zu richten hatte, welche Informationen der Pressesprecher an die Medien zu geben bereit war, also bestand überhaupt kein Anlass zur Lobhudelei. Sie hatte das Kompliment jedoch mit einem höflichen »Danke, Sir« akzeptiert und darauf gewartet, dass er wieder verschwand. »Sie halten mich doch auf dem Laufenden, Acting Superintendent, nicht wahr?«, hatte er noch gesagt, und auch diese Botschaft war angekommen. Acting Superintendent. Man brauchte sie nicht daran zu erinnern, dass dies ihre Probezeit war, aber der Mann hatte sich offenbar vorgenommen, sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit darauf hinzuweisen. Sie hatte ihm geantwortet, die Pressekonferenz und der Aufruf an die Bürger, sich als Zeugen zu melden, sofern sie etwas Verdächtiges beobachtet hatten, trügen bereits Früchte, und sie hatte ihn gefragt, ob er eine Zusammenfassung der täglich eingehenden Anrufe wünsche. Er hatte sie prüfend angesehen, als versuchte er zu ergründen, was hinter ihrer Frage steckte, und hatte das Angebot schließlich abgelehnt, und ihre Miene war ausdruckslos geblieben. Womöglich war er zu dem Schluss gekommen, dass sie es ehrlich meinte. »Wir sehen uns später«, hatte er gesagt, und damit war das Gespräch beendet gewesen. Er war gegangen und hatte sie den feindseligen Blicken von DI John Stewart überlassen, die sie ignorierte, so gut es ging.

In Stoke Newington hatte man mit den Haustürbefragungen begonnen. Der langsame Prozess der Spurensuche auf dem Friedhof war noch nicht beendet, Anrufe aus der Bevölkerung wurden bearbeitet, Diagramme und Pläne waren erstellt worden. Man rechnete damit, dass die Pressekonferenz, die darauf folgenden Berichte in Nachrichten und Zeitungen und das Phantombild, das nach den Angaben der beiden Jugendlichen angefertigt worden war, die die Leiche entdeckt hatten, zu wichtigen Hinweisen führen würden. Es lief alles wie geplant. Bisher war Isabelle mit ihrer Arbeit zufrieden.

Der Obduktion allerdings sah sie mit gemischten Gefühlen entgegen. Dafür hatte sie noch nie etwas übrig gehabt. Sie war weit davon entfernt, beim Anblick von Blut in Ohnmacht zu fallen, aber der Anblick eines geöffneten Brustkorbs und das Entfernen und Wiegen von Teilen, die noch vor Kurzem funktionstüchtige Organe gewesen waren, drehte ihr regelmäßig den Magen um. Aus diesem Grund beschloss sie, am Nachmittag ohne Begleitung zur Rechtsmedizin zu gehen, um der Obduktion beizuwohnen. Außerdem ließ sie das Mittagessen aus und leerte stattdessen eines der drei Fläschchen Wodka, die sie extra zu diesem Zweck eingesteckt hatte.

Sie hatte kein Problem, die Leichenhalle zu finden, wo ein Rechtsmediziner sie bereits erwartete. Er stellte sich als Dr. Willeford vor. »Aber nennen Sie mich Blake. Wir wollen doch ein gutes Klima, nicht wahr?« Dann fragte er sie, ob sie einen Stuhl oder einen Hocker wünsche, »für den Fall, dass die bevorstehende Untersuchung sich als zu strapaziös für Sie erweist«. Er klang durchaus freundlich, aber in seinem Lächeln lag etwas, das ihr nicht behagte. Sie hatte keinen Zweifel daran, dass ihre Reaktion auf die Autopsie Hillier zu Ohren kommen würde, dessen Tentakel garantiert selbst bis hierher reichten. Sie schwor sich, nicht umzukippen, erklärte Willeford, sie rechne nicht mit Problemen, da ihr bisher noch keine Autopsie irgendwelche bereitet habe - eine glatte Lüge, aber woher sollte er das wissen? -, und als er in sich hineinlachte, sich das Kinn rieb, sie musterte und dann verkündete: »Na, dann wollen wir mal«, trat sie an den Edelstahltisch, heftete ihren Blick auf die Leiche, die dort auf dem Rücken lag und auf den Y-Schnitt wartete, die tödliche Wunde wie ein blutroter Blitz rechts an ihrem Hals.

Als Erstes zählte Willeford die äußeren Merkmale auf und redete dabei in einem Plauderton, als wollte er denjenigen, der die Abschrift machte, unterhalten. »Hallo, Kathy, Darling«, sagte er in das Mikrofon, das über dem Obduktionstisch hing. »Wir haben es hier mit einer jungen Frau zu tun. Gute körperliche Verfassung, keine Tätowierungen, keine Narben. Sie ist fünf Fuß vier Inches groß - das Umrechnen in Meter überlasse ich Ihnen, Schätzchen, das ist mir zu kompliziert -, und sie wiegt sieben Komma acht Stone. Seien Sie so gut, und rechnen Sie das in Kilo um, ja, Kath? Wie geht's übrigens Ihrer Mutter, meine Liebe? Sind Sie bereit, Superintendent Ardery? Äh, das war nicht für Sie, Kath, Darling. Wir haben eine Neue hier, sie heißt Isabelle Ardery« - er zwinkerte Isabelle zu -, »und sie hat noch nicht mal um einen Stuhl gebeten für den Fall der Fälle. Jedenfalls…« Er beugte sich über die Leiche, um die Halswunde zu inspizieren. »Wir haben eine durchtrennte Karotis. Sehr hässlich. Seien Sie froh, dass Sie jetzt nicht anwesend sind - nicht dass Sie das jemals wären, Schätzchen. Die Wunde ist stark ausgefranst und… sieben Inches lang.« Er ging um den Obduktionstisch herum, hob erst eine, dann die andere Hand der Leiche an, entschuldigte sich bei Isabelle, als sie einen Schritt zurücktreten musste, um ihn vorbeizulassen, wobei er Kathy mitteilte, dass Superintendent Ardery bisher weder umgekippt noch erbleicht sei, aber man werde schon noch sehen, was passiere, wenn die Leiche erst einmal geöffnet war, nicht wahr?

»Keine Verletzungen an den Händen, die darauf hindeuten, dass das Opfer sich gewehrt hätte«, fuhr er fort. »Keine abgebrochenen Fingernägel, keine Schürfwunden. Beide Hände voller Blut, aber das wird passiert sein, als sie versucht hat, die Blutung zu stoppen, nachdem die Tatwaffe entfernt wurde.« Er schwatzte noch mehrere Minuten, zählte alles auf, was mit bloßem Auge sichtbar war. Er schätzte das Alter der Frau auf zwanzig bis dreißig und bereitete sich dann auf den nächsten Schritt der Obduktion vor.

Isabelle war darauf gefasst. Er rechnete offenbar fest damit, dass sie in Ohnmacht fallen würde. Doch sie war ebenso fest entschlossen, genau das nicht zu tun. Nachdem Willeford den Y-Schnitt gesetzt hatte und begann, mit einer Art Geflügelschere den Brustkorb zu öffnen - es war das Zerschneiden der Knochen, das ihr immer am meisten zusetzte -, hätte sie noch einen Schluck Wodka gebrauchen können. Was folgte, war zwar nicht angenehm, aber zumindest erträglich.

Nachdem Willeford seine Erläuterungen beendet hatte, sagte er: »So, das war's, Kath. Es war mir ein Vergnügen, wie immer. Könnten Sie das alles möglichst bald abtippen und Superintendent Ardery zukommen lassen, Darling? Sie hält sich übrigens immer noch auf den Beinen, ich schätze also, sie ist hart im Nehmen. Erinnern Sie sich noch, wie DI Shatter - was für ein passender Name, was? - damals in Berwick-on-Tweed mit dem Gesicht in den offenen Brustkorb gefallen ist? Gott, haben wir gelacht! Aber wie sagte schon Jane Austen? Wofür leben wir, wenn nicht dafür, unseren Nächsten zu geben - was auch immer wir ihnen geben sollen, ich kann mir das Zitat nie richtig merken - und unsererseits über sie zu lachen. Adieu, meine liebe Kath, bis zum nächsten Mal!«

Ein Assistent kam dazu, um aufzuräumen und alles sauber zu machen. Willeford zog seinen Kittel aus, warf ihn in einen Korb und bat Isabelle in sein Büro. »Treten Sie ein, sagte die Spinne zur Fliege. Ich habe noch etwas für Sie.«

Dieses Etwas bestand in der Information, dass an den Händen des Opfers zwei Haare gefunden worden waren, und außerdem, so Willeford, würden die Kriminaltechniker sie schon bald darüber in Kenntnis setzen, dass man jede Menge Fasern von der Kleidung der Toten geklaubt hatte. »Sie ist ihrem Mörder ziemlich nahe gekommen, wenn Sie verstehen, was ich meine«, schloss er mit einem Augenzwinkern.

Isabelle überlegte, ob das als sexuelle Belästigung zählte, während sie mit ausdruckslosem Gesicht fragte: »Geschlechtsverkehr? Vergewaltigung? Ein Kampf?«

Weder noch, sagte er. Keinerlei Beweise. Die junge Frau sei, wenn er sich so ausdrücken dürfe, eine bereitwillige Beteiligte gewesen bei dem, was zwischen ihr und dem Besitzer der Fasern passiert war. Dies sei wahrscheinlich auch der Grund dafür, dass man sie ausgerechnet an jenem Ort gefunden hatte, da keinerlei Beweise dafür sprachen, dass sie gegen ihren Willen dort hineingezerrt worden war - keine Hämatome, keine Hautpartikel unter den Fingernägeln, nichts dergleichen.

Ob er ihr etwas dazu sagen könne, in welcher Körperhaltung sie angegriffen worden sei, fragte Isabelle den Pathologen. Oder über den Zeitpunkt des Todes? Wie lange sie seiner Meinung nach noch gelebt habe, nachdem ihr die tödliche Wunde zugefügt worden war? Aus welcher Richtung der Angriff ausgeführt worden sei? War der Täter Rechts- oder Linkshänder?

Willeford durchsuchte gerade die Taschen seiner Windjacke - er hatte sie hinter einer Tür aufgehängt und an den Tisch geholt, an dem sie saßen - und brachte einen Müsliriegel zum Vorschein. Er müsse etwas für seinen Blutzuckerspiegel tun, erklärte er ihr. Der Stoffwechsel sei sein Lebensfluch.

Das konnte Isabelle sich gut vorstellen. Ohne seinen Kittel war er so dünn wie ein Gartenschlauch. Bei seiner Größe von eins fünfundneunzig musste er wahrscheinlich den ganzen Tag über essen - bei seinem Beruf sicher keine leichte Übung.

Er sagte, die Maden in den Körperöffnungen ließen darauf schließen, dass der Tod zwischen vierundzwanzig und sechsunddreißig Stunden vor dem Auffinden der Leiche eingetreten war, wobei man bei der derzeitigen Hitze eher von vierundzwanzig Stunden ausgehen könne. Sie habe gestanden, als sie angegriffen wurde, und ihr Mörder sei Rechtshänder. Die toxikologische Untersuchung würde noch zeigen, ob Drogen oder Alkohol im Spiel gewesen waren, aber die Ergebnisse würden auf sich warten lassen, ebenso wie die Ergebnisse der DNS-Analyse der Haare, die an ihren Händen gefunden wurden, »und zwar mitsamt Follikeln, ist das nicht großartig?«

Ob der Täter vor oder hinter der jungen Frau gestanden habe, wollte Isabelle wissen.

Auf jeden Fall vor ihr, antwortete der Pathologe.

Was bedeutete, dachte Isabelle, dass sie ihren Mörder womöglich gekannt hatte.

Auch zu ihrem nächsten Termin an diesem Tag fuhr Isabelle allein. Vorher studierte sie den Stadtplan und stellte erleichtert fest, dass die Strecke nach Eaton Terrace keine große Herausforderung darstellte. Das Wichtigste war, dass sie sich in der Nähe der Victoria Station nicht verfuhr. Wenn sie die Nerven behielt und sich nicht vom dichten Verkehr nervös machen ließ, sollte sie es schaffen, sich in dem Straßengewirr zurechtzufinden, ohne an der Themse oder - in der anderen Richtung - am Buckingham Palace zu landen.

In Eaton Terrace bog sie einmal falsch ab, fuhr nach links anstatt nach rechts, erkannte ihren Irrtum jedoch, als sie die Nummern über den herrschaftlichen Haustüren sah. Nachdem sie gewendet hatte, hatte sie ihr Ziel schnell gefunden. Dort angekommen, blieb sie ganze zwei Minuten in ihrem Auto sitzen und überlegte, wie sie vorgehen sollte.

Sie gelangte zu dem Schluss, dass es am besten war, sich an die Wahrheit zu halten, was ja eigentlich immer das Beste war. Aber um sie auszusprechen, brauchte sie Unterstützung, und die fand sie ganz unten in ihrer Handtasche. Zum Glück hatte sie für diesen speziellen Arbeitstag mehr als nur ein Fläschchen eingesteckt.

Sie kippte den Wodka hinunter. Den letzten Rest behielt sie so lange auf der Zunge, bis er warm war, dann schluckte sie, fischte einen Streifen Juicy Fruit aus ihrer Handtasche und steckte ihn in den Mund. Dann stieg sie aus.

Auf den schachbrettartig verlegten Verandafliesen nahm sie den Kaugummi wieder aus dem Mund, legte rasch etwas Lipgloss auf und glättete die Aufschläge ihrer Jacke. Dann drückte sie die Klingel.

Sie wusste, dass er einen Butler hatte - was für ein Anachronismus!, dachte sie -, und dieser Mann öffnete ihr die Tür: relativ jung, von eulenhaftem Aussehen und im Tennisdress, eine merkwürdige Aufmachung für einen Bediensteten, Sekretär, Butler oder wen auch immer ein Earl auf Tauchstation beschäftigen würde. Denn so stellte Isabelle sich DI Thomas Lynley vor: als Earl auf Tauchstation. Es war ihr nämlich schlicht und einfach unbegreiflich, wie jemand in seiner sozialen Stellung auf die Idee kommen konnte, sein Leben als Polizist zu verbringen, es sei denn, es diente ihm als eine Art Inkognito, hinter dem er sich vor seinesgleichen verbarg. Seinesgleichen - das waren die Leute, deren Fotos auf den Titelseiten der Boulevardblätter prangten, wenn sie sich in die Bredouille gebracht hatten, oder auf den Seiten von Hello!, OK!, Tatler und derlei Illustrierten. Bilder, auf denen sie den Fotografen mit Champagnergläsern zuprosteten. Sie vergnügten sich bis zum Morgengrauen in Nachtklubs, sie reisten zum Skifahren in die Alpen - nach Frankreich, Italien, in die Schweiz, wohin auch immer -, und sie machten Urlaub in Portofino oder Santorini oder anderen mehrsilbigen Orten am Mittelmeer, am Ionischen Meer oder in der Ägäis, die alle auf einen Vokal endeten. Aber sie übten sicherlich keine normalen Berufe aus, und wenn sie es doch taten, weil sie auf das Geld angewiesen waren, dann wurden sie garantiert keine Polizisten.

»Guten Tag«, sagte der Mann im Tennisdress. Er hieß Charlie Denton. Isabelle hatte ihre Hausaufgaben gemacht.

Sie zeigte ihren Dienstausweis und stellte sich vor. »Mr. Denton, ich suche den Inspector. Ist er vielleicht zufällig zu Hause?«

Falls er sich wunderte, dass sie seinen Namen kannte, war Charlie Denton viel zu umsichtig, um es sich anmerken zu lassen. »Zufällig, ja…«, sagte er und bat sie ins Haus. Er zeigte auf eine Tür zu ihrer Rechten, die in ein Empfangszimmer führte, das in einem angenehmen Grünton gehalten war.

»Ich nehme an, er ist in der Bibliothek.« Er deutete auf eine Gruppe von Sitzmöbeln vor einem offenen Kamin und sagte, er könne ihr etwas zu trinken bringen, wenn sie es wünsche. Sie überlegte, ob sie das Angebot annehmen und sich gleich einen Wodka Martini genehmigen sollte, lehnte dann aber doch höflich ab, weil sie annahm, dass Charlie Denton in Anbetracht der Tatsache, dass sie im Dienst war, wahrscheinlich an etwas anderes dachte.

Während er seinen - ja, was? Seinen Dienstherrn? Seinen Arbeitgeber? - holen ging, sah sie sich in dem Zimmer um.

Das Haus war eine alte Stadtvilla, die wahrscheinlich schon seit Generationen im Besitz von Lynleys Familie war, da niemand die typischen baulichen Merkmale der Villa aus dem neunzehnten Jahrhundert zerstört hatte. Die Stuckverzierungen am Rand und in der Mitte der Decke sowie an den Wänden unterhalb der Decke waren perfekt erhalten. Für diese Details gab es garantiert alle möglichen architektonischen Fachbegriffe, die Isabelle nicht geläufig waren - was sie allerdings nicht daran hinderte, das Ambiente gebührend zu bewundern.

Anstatt Platz zu nehmen, trat sie an das Fenster, das zur Straße hin lag. Unter dem Sims stand ein Tisch mit mehreren gerahmten Fotos, darunter ein Hochzeitsfoto von Lynley und seiner Frau. Isabelle nahm es in die Hand und betrachtete es: ein Schnappschuss, Braut und Bräutigam lachend und strahlend und umringt von ihren Gästen.

Sie war sehr attraktiv gewesen, fiel Isabelle auf. Nicht schön wie Porzellan oder im klassischen Sinne oder puppenhaft oder wie auch immer man eine Frau am Tag ihrer Hochzeit beschreiben mochte. Auch war sie keine englische Rose gewesen. Sie hatte dunkles Haar und dunkle Augen gehabt, ein ovales Gesicht und ein anziehendes Lächeln. Und sie war modisch schlank gewesen. Aber waren sie das nicht alle?, dachte Isabelle.

»Superintendent Ardery?«

Sie drehte sich um, den Bilderrahmen immer noch in der Hand. Sie hatte ein bleiches Abbild der Trauer erwartet - vielleicht einen Hausrock, eine Pfeife in der Hand und Pantoffeln an den Füßen oder irgendetwas anderes in der Art, jedenfalls lächerlich edwardianisch. Aber Thomas Lynley war braun gebrannt, das Haar von der Sonne gebleicht, und er trug Jeans und ein Polohemd mit drei Knöpfen und Kragen.

Ihr war entfallen, dass er braune Augen hatte. Er musterte sie ohne Misstrauen. Er hatte überrascht geklungen, als er ihren Namen sagte, aber was auch immer sonst noch in ihm vorgehen mochte, ließ er sich nicht anmerken.

»Nur Acting Superintendent«, entgegnete sie. »Noch hat man mir den Posten nicht endgültig übertragen. Ich bin noch in der Probezeit, so wie Sie es waren.«

»Ah.« Er trat ein. Er gehörte zu der Sorte Männer, die stets eine natürliche Selbstsicherheit ausstrahlten und den Eindruck vermittelten, als könnten sie sich auf jedem Parkett bewegen. Isabelle ahnte, dass dies mit seiner Herkunft zu tun hatte. »Es ist wohl nicht dasselbe«, sagte er, als er zu ihr an den Tisch trat. »Ich hatte keine Probezeit. Ich habe nur ausgeholfen. Ich hatte kein Interesse an dem Posten.«

»Das habe ich gehört, aber es fällt mir schwer, es zu glauben.«

»Warum? Die Erfolgsleiter hinaufzuklettern, hat mich noch nie interessiert.«

»Sich auf der Erfolgsleiter hochzuarbeiten, interessiert jeden, Inspector.«

»Bis auf diejenigen, die die Verantwortung nicht wollen, ganz besonders wenn sie eine Vorliebe für die Versenkung haben.«

»Versenkung? Was für eine Art von Versenkung?«

Er deutete ein Lächeln an. »Die Art, in der man verschwinden kann.«

Sein Blick fiel auf ihre Hände, und sie wurde gewahr, dass sie das Hochzeitsfoto immer noch festhielt. Sie stellte es zurück auf den Tisch und sagte: »Ihre Frau war sehr schön, Thomas. Es tut mir leid, dass sie gestorben ist.«

»Danke«, sagte er, und mit einer Offenheit, die Isabelle völlig verblüffte, auch wenn sie sie als sehr gewinnend empfand, fügte er hinzu: »Wir waren eigentlich nicht füreinander geschaffen, was uns wiederum perfekt füreinander geschaffen machte. Ich habe sie sehr geliebt.«

»Was für ein Glück, so lieben zu können«, sagte sie.

»Ja.« Wie zuvor Charlie Denton bot er ihr etwas zu trinken an, und wieder lehnte sie ab. Und ebenso wie Charlie Denton forderte er sie auf, Platz zu nehmen, aber nicht in einem der Sessel vor dem Kamin, sondern an einem Tisch, auf dem ein angefangenes Schachspiel stand. Er warf einen Blick darauf, runzelte die Stirn und machte schließlich mit seinem weißen Läufer einen Zug, mit dem er einen der beiden schwarzen Läufer schlug. »Charlie Denton tut nur so, als würde er Gnade walten lassen«, bemerkte Lynley. »Das bedeutet, dass er etwas im Schilde führt. Was kann ich für Sie tun, Superintendent? Ich würde Ihren Besuch gerne für einen privaten Besuch halten, aber ich bin mir recht sicher, dass dies nicht der Fall ist.«

»Wir haben einen Mordfall im Abney Park. In Stoke Newington. Eigentlich ist es ein Friedhof.«

»Die junge Frau, ja. Ich habe im Radio davon gehört. Sie ermitteln in dem Fall? Warum überlässt man das nicht den Kollegen vor Ort?«

»Hillier hat ein paar Beziehungen spielen lassen. Außerdem gibt es schon wieder Ärger mit dem S05. Aber ich glaube, vor allem Ersteres spielt eine Rolle. Er will sehen, wie ich im Vergleich mit Ihnen abschneide - und wie ich mit John Stewart umgehe, sollte es Probleme mit ihm geben.«

»Sie haben Hillier also bereits durchschaut.«

»Das war nicht besonders schwierig.«

»Er hält mit seinen Gefühlen nicht hinterm Berg, nicht wahr?« Wieder lächelte Lynley, doch Isabelle fiel auf, dass es eher eine Form der Höflichkeit war als der Ausdruck eines Gefühls. Er war sehr auf der Hut, was vermutlich jeder in seiner Situation wäre. Eigentlich hatte sie keinen Grund, ihn aufzusuchen. Das wusste er natürlich, und er wartete darauf, den Anlass ihres Besuchs zu erfahren.

»Ich möchte, dass Sie sich an den Ermittlungen beteiligen, Thomas«, eröffnete sie ihm unvermittelt.

»Ich nehme gerade eine Auszeit.«

»Das weiß ich. Aber ich hoffe, dass es mir gelingt, Sie dazu zu überreden, sich eine Auszeit von der Auszeit zu nehmen. Wenigstens für ein paar Wochen.«

»Sie arbeiten mit meinem ehemaligen Team zusammen, nicht wahr?«

»Richtig. Stewart, Haie, Nkata…«

»Und Barbara Havers?«

»Aber ja. Die gefürchtete Barbara Havers gehört auch dazu. Abgesehen von ihrem bedauernswerten Geschmack in Sachen Mode habe ich den Eindruck, dass sie eine sehr gute Polizistin ist.«

»Das ist sie wirklich.« Er legte die Fingerspitzen aneinander. Sein Blick wanderte zum Schachbrett, und es hatte den Anschein, als grübelte er über Charlie Dentons nächsten Zug nach, aber viel wahrscheinlicher war es, dass er über ihren nächsten Zug nachdachte. Nach einer Weile sagte er: »Sie brauchen mich nicht. Jedenfalls nicht als Ermittler.«

»Kann eine Mordkommission jemals genug Ermittler haben?«

Wieder dieses Lächeln. »Die Antwort darauf ist einfach«, sagte er. »Es wäre gut für das Ansehen der Met, aber schlecht für…« Er zögerte.

»Sie meinen, es könnte mir schaden?« Sie veränderte ihre Sitzposition und beugte sich vor. »Also gut. Ich hätte Sie gern in meinem Team, weil ich nicht möchte, dass jedes Mal, wenn ich Ihren Namen erwähne, ein ehrfurchtsvolles Raunen durch den Besprechungsraum geht, und diese Lösung scheint mir die einfachste zu sein. Außerdem bin ich daran interessiert, mit allen in der Met ein einigermaßen normales Verhältnis aufzubauen, und zwar weil ich diesen Job haben will.«

»Sie sind ziemlich unverblümt, wenn Sie mit dem Rücken zur Wand stehen.«

»Das bin ich immer - Ihnen gegenüber und auch allen anderen gegenüber. Und zwar bevor ich mit dem Rücken zur Wand stehe.«

»Das wird Ihnen Vorteile und Nachteile einbringen. Vorteile in Bezug auf das Team, das Sie leiten, und Nachteile in Bezug auf Ihr Verhältnis zu Hillier. Er zieht Glacehandschuhe der eisernen Faust vor. Oder haben Sie das bereits festgestellt?«

»Die wichtigste Beziehung bei der Met ist für mich die zwischen mir und meinem Team und nicht die zwischen mir und David Hillier. Was meine Leute angeht: Die wollen, dass Sie zurückkommen. Die wollen Sie auf dem Posten des Superintendent sehen - na ja, alle außer John Stewart, aber das sollten Sie nicht persönlich nehmen…«

»Ich würde nicht auf die Idee kommen.« Er lächelte, und diesmal war das Lächeln echt.

»Ja, sicher. Also gut. Sie wollen, dass Sie zurückkommen, und sie werden sich erst zufriedengeben, wenn sie wissen, dass Sie nicht sein wollen, was sie von Ihnen erwarten, und dass Sie kein Problem damit haben, wenn jemand anderes den Posten übernimmt.«

»Wenn Sie ihn übernehmen…«

»Ich glaube, dass Sie und ich gut zusammenarbeiten könnten, Thomas. Ich glaube sogar, dass wir beide sehr gut zusammenarbeiten könnten, wenn es darauf ankäme.«

Er schien sie eingehend zu mustern, und sie fragte sich, was er in ihrem Gesicht zu lesen versuchte. Ein Moment des Schweigens folgte, und sie kostete ihn aus, während sie sich der vollkommenen Stille im Haus bewusst wurde und sich fragte, ob es auch so still gewesen war, als seine Frau noch lebte. Sie hatten keine Kinder gehabt, erinnerte sie sich. Zum Zeitpunkt ihres Todes waren sie noch nicht einmal ein Jahr verheiratet gewesen.

»Wie geht es Ihren beiden Jungen?«, fragte er unvermittelt.

Die Frage war entwaffnend, wahrscheinlich mit Absicht. Sie überlegte, woher in aller Welt er wusste, dass sie zwei Söhne hatte.

Als hätte sie laut gedacht, sagte er: »Damals in Kent haben Sie einen Anruf auf Ihrem Handy angenommen. Von Ihrem Ex-mann… Sie haben sich mit ihm gestritten… Dabei erwähnten Sie die Jungen.«

»Sie sind in der Nähe von Maidstone. Bei ihm.«

»Darüber sind Sie bestimmt nicht glücklich.«

»Weder glücklich noch unglücklich. Ich habe einfach keinen Sinn darin gesehen, sie nach London zu verfrachten, solange ich nicht weiß, ob ich diese Stelle bekomme oder nicht.« Ihr wurde bewusst, dass ihre Worte härter geklungen hatten als beabsichtigt. Um den Eindruck ein bisschen abzumildern, fügte sie hinzu: »Natürlich fehlen sie mir. Aber es ist bestimmt besser für sie, wenn sie die Sommerferien bei ihrem Vater auf dem Land verbringen als bei mir hier in London. Dort können sie sich austoben. Hier wäre das undenkbar.«

»Und wenn Sie die Stelle bekommen?«

Er hatte eine Art, einen zu beobachten, wenn er eine Frage stellte - wahrscheinlich bekam er ziemlich schnell mit, ob jemand log oder die Wahrheit sagte. Aber in diesem speziellen Fall konnte er unmöglich den Grund für die Lüge erraten, die sie ihm jetzt auftischte: »Dann würden sie selbstverständlich zu mir nach London ziehen. Aber ich treffe nicht gern voreilige Entscheidungen. Das halte ich grundsätzlich für unklug, und in diesem Fall wäre es regelrecht tollkühn.«

»Wie den Tag vor dem Abend zu loben.«

»Ganz genau«, sagte sie. »Und das ist ein weiterer Grund, Inspector …«

»Wir hatten uns schon auf Thomas geeinigt.«

»Thomas«, sagte sie. »Also gut. Ich will ganz offen sein. Ich möchte Ihre Mitarbeit an diesem Fall, weil ich glaube, dass dadurch meine Chancen steigen, die Stelle zu bekommen. Wenn Sie mit mir zusammenarbeiten, wird das allen Spekulationen ein Ende bereiten, und gleichzeitig werden Sie mit Ihrer Kooperation demonstrieren, dass…« Sie suchte nach den richtigen Worten.

»Dass ich Ihre Ernennung zum Superintendent befürworte«, half er ihr aus.

»Ja. Wenn wir gut zusammenarbeiten, wird es so laufen. Wie gesagt, ich bin in dieser Hinsicht ziemlich unverblümt.«

»Und meine Rolle wäre an Ihrer Seite? Stellen Sie sich das so vor?«

»Vorerst ja. Das kann sich ändern. Je nachdem, wie sich alles entwickelt.«

Er schwieg, aber sie sah ihm an, dass er über ihren Vorschlag nachdachte: Er wägte ihn ab gegen das Leben, das er derzeit führte, überlegte, was sich ändern würde und ob diese Veränderung einen Einfluss auf das haben würde, womit er sich herumplagte.

Schließlich sagte er: »Ich muss darüber nachdenken.«

»Wie lange?«

»Haben Sie ein Handy?«

»Natürlich.«

»Dann geben Sie mir Ihre Nummer. Ich gebe Ihnen bis heute Abend Bescheid.«

Für ihn lautete die eigentliche Frage, was es bedeutete, nicht, ob er es tun würde. Er hatte versucht, die Polizeiarbeit hinter sich zu lassen, aber die Polizeiarbeit hatte an seine Tür geklopft, und das würde sie wahrscheinlich immer wieder tun, ob es ihm nun gefiel oder nicht.

Nachdem Isabelle Ardery sich verabschiedet hatte, trat Lynley ans Fenster und sah ihr nach, wie sie entschlossenen Schrittes zu ihrem Wagen ging. Sie war groß - mindestens eins achtzig. Er war eins fünfundachtzig groß, und sie waren buchstäblich auf Augenhöhe gewesen. Alles an ihr war professionell, von ihrer maßgeschneiderten Kleidung bis zu den blank polierten Pumps und dem glatten, bernsteinfarbenen, exakt auf Kinnlänge geschnittenen Haar, das sie hinter die Ohren geschoben hatte.

Goldene Ohrstecker und eine Halskette mit einem kleinen runden Anhänger waren alles, was sie sich an Schmuck gestattete. Sie trug eine Armbanduhr, aber keine Fingerringe, und ihre Hände waren gepflegt, die Nägel kurz und manikürt, die Haut weich. Sie war eine Mischung aus männlich und weiblich, was sie vermutlich sein musste: Um in der Welt der Polizei erfolgreich zu sein, war sie gezwungen, sich nach außen hin männlich zu geben, während sie tief im Innern immer eine Frau bleiben würde. Das war bestimmt nicht leicht.

Er sah, wie sie vor dem Auto ihre Handtasche öffnete. Die Autoschlüssel fielen ihr aus der Hand, sie hob sie auf und öffnete die Fahrertür. Sie wühlte nach irgendetwas in ihrer Handtasche, aber offenbar fand sie es nicht, denn sie warf die Tasche auf den Beifahrersitz, stieg ein, ließ den Motor an und fuhr davon.

Eine Weile blieb er am Fenster stehen. Er hatte schon lange nicht mehr an diesem Fenster gestanden, denn es ging zu der Straße hinaus, in der Helen gestorben war, und er hatte sich nie überwinden können hinauszuschauen, vor lauter Angst, alles wieder vor sich zu sehen. Doch jetzt stellte er fest, dass es einfach nur eine Straße war, die aussah wie viele Straßen in Belgravia. Herrschaftliche weiße Häuser, schmiedeeiserne Zäune, die im Sonnenlicht glänzten, Blumenkästen, in denen Efeu rankte und Sternjasmin seinen Duft verströmte.

Er wandte sich vom Fenster ab und ging nach oben. Aber er ging nicht zurück in die Bibliothek, wo er die Financial Times gelesen hatte, sondern zu dem Zimmer neben dem Schlafzimmer, das er mit seiner Frau geteilt hatte, und öffnete zum ersten Mal seit dem vergangenen Februar die Tür. Und zum ersten Mal seit dem vergangenen Februar betrat er das Zimmer.

Es war nicht ganz fertig geworden. Ein Kinderbettchen musste noch zusammengebaut werden, denn sie waren nicht weiter gekommen, als die Einzelteile auszupacken. Sechs Rollen Tapete lehnten an der Holzvertäfelung, die nur vorgestrichen worden war. Die Deckenlampe befand sich noch immer im Originalkarton, und unter einem der Fenster stand ein Wickeltisch, allerdings ohne Wickelauflage. Die befand sich aufgerollt in einer Einkaufstüte von Peter Jones, eine von mehreren derselben Sorte mit Kissen, Windeln, Milchpumpe, Fläschchen… Unglaublich, wie viele Sachen man für ein Geschöpf benötigte, das bei seiner Geburt knappe drei Kilo wog.

Die Luft in dem Zimmer war stickig und heiß, und Lynley riss die Fenster auf. Von draußen kam kaum ein Luftzug herein, was ihn dazu veranlasste, sich zu fragen, warum sie das nicht bedacht hatten, als sie sich entschlossen hatten, hier das Kinderzimmer für ihren Sohn einzurichten. Es war Spätherbst gewesen, der Winter hatte sich bereits angekündigt, und sie waren gar nicht erst auf die Idee gekommen, sich über die Sommerhitze Gedanken zu machen. Und alles hatte sich um die Schwangerschaft selbst gedreht anstatt um das, was die Schwangerschaft hervorbringen würde. Wahrscheinlich ging es vielen Paaren so, dachte er. Sie beschäftigten sich mit den Problemen, die es bis zur Geburt zu bewältigen galt, und erst dann fingen sie an, sich als Eltern zu begreifen. Solange kein Kind da war, dem man Vater oder Mutter sein konnte, war es unmöglich, sich als Vater oder Mutter zu fühlen.

»M'lord.«

Lynley fuhr herum. Charlie Denton stand in der Tür. Er wusste, dass Lynley es nicht mochte, mit seinem Titel angeredet zu werden, aber sie hatten sich nie darüber verständigt, was er tun oder sagen sollte, um sich bemerkbar zu machen, außer den Titel in irgendeiner Form zu nuscheln oder sich zu räuspern.

»Was gibt's, Charlie? Machen Sie sich auf den Weg?«

Er schüttelte den Kopf. »Ich war schon da.«

»Und?«

»Bei diesen Dingen weiß man nie. Ich dachte, mein Outfit käme gut an, aber der Regisseur hatte kein gutes Wort dafür übrig.«

»Nein? So ein Pech.«

»Hm. Ich habe gehört, wie irgendjemand gemurmelt hat: >Das Gesicht würde passen<, aber das war's auch schon. Ansonsten heißt es nur warten.«

»Wie immer«, bemerkte Lynley. »Und wie lange wird es dauern?«

»Bis sie mich anrufen? Nicht lange. Werbespots, wissen Sie. Sie sind wählerisch, aber so wählerisch auch wieder nicht.«

Er klang resigniert. So war es in der Welt der Schauspielerei, dachte Lynley. Der Überlebenskampf dort war wie ein Mikrokosmos des Lebens. Wunsch und Kompromiss. Man versuchte sein Glück und musste viel häufiger Ablehnungen einstecken, als man Erfolge verbuchen konnte. Aber es gab nun mal keinen Erfolg, ohne dass man sein Glück versuchte, ohne Risikobereitschaft, ohne den Mut, ins kalte Wasser zu springen.

»Während Sie darauf warten, dass man Ihnen die Rolle des Hamlet anbietet…«

»Sir?«, sagte Denton.

»Wir müssen dieses Zimmer leer räumen. Wenn Sie uns einen Pimm's mixen und hier raufbringen, dürften wir es bis heute Abend schaffen.«

7

Meredith spürte Gordon Jossie schließlich in Fritham auf. Sie hatte angenommen, dass er immer noch an dem Haus in Boldre Gardens arbeiten würde, wo Gina Dickens ihn kennengelernt hatte, aber als sie dort eintraf, erkannte sie am Zustand des Dachs, dass er längst mit einem anderen Projekt beschäftigt war. Das Stroh war sauber geschnitten, und am First prangte ein Prachtstück - Gordons persönliche Handschrift: ein eleganter Pfau, dessen Schwanzfedern die empfindliche Giebelkante schützten und sich dekorativ mehr als einen Meter weit zu beiden Seiten auf dem Dach ausbreiteten.

Meredith murmelte einen Fluch vor sich hin, so leise, dass Cammie es nicht hörte, und sagte zu ihrer Tochter: »Lass uns einen Spaziergang zum Ententeich machen, ja? Da soll es eine hübsche grüne Brücke geben.«

Der Abstecher zum Ententeich und zur Brücke verschlang eine Stunde, die sich jedoch lohnte, wie sich herausstellte. Als Meredith hinterher am Kiosk für Cammie ein Eis und für sich eine Flasche Wasser kaufte, erfuhr sie, wo sie Gordon Jossie finden konnte, ohne ihn anrufen zu müssen und ihm damit Zeit zu geben, sich auf ihren Besuch vorzubereiten.

Er arbeite am Pub in der Nähe des Eyeworth Pond, wusste die Kassiererin zu berichten, die nur deshalb über die Information verfügte, weil sie ein Auge auf Gordons Lehrling geworfen hatte, während die beiden Männer in Boldre Gardens gearbeitet hatten. Es war ihr tatsächlich gelungen, das Interesse des jungen Mannes zu gewinnen, und das, obwohl - oder gerade weil - sie fürchterliche O-Beine hatte. Dort, beim Eyeworth Pond, würde Meredith die Dachdecker antreffen, sagte sie, doch dann wurden ihre Augen schmal, und sie fragte, an welchem der beiden Meredith denn interessiert sei. Am liebsten hätte Meredith ihr geantwortet, sie solle sich ihre Befürchtungen für wichtigere Dinge aufsparen. Ein Mann, egal welcher Größe, welchen Alters, welcher Art, war das Letzte, was sie in ihrem Leben brauchte. Sie suche Gordon Jossie, sagte sie schließlich nur, woraufhin die junge Frau ihr bereitwillig erklärte, wo genau der Eyeworth Pond lag, nämlich gleich östlich von Fritham. Der Pub liege ohnehin näher bei Fritham als am Weiher.

Die Aussicht auf einen weiteren Weiher mit Enten machte es leicht, Cammie von den Wiesen und Blumen in Boldre Gardens weg und ins Auto zu locken, was sonst immer ein Problem war, weil sie es nicht ausstehen konnte, in ihrem Kindersitz angeschnallt zu werden, noch dazu in einem Fahrzeug ohne Klimaanlage, und für gewöhnlich brachte sie ihr Missfallen auch lautstark zum Ausdruck. Zum Glück lag Fritham nur eine Viertelstunde entfernt gleich hinter der A31.

Meredith kurbelte sämtliche Fenster weit auf, und anstelle ihrer Affirmationskassette ließ sie eine von Cammies Lieblingskassetten laufen. Cammie stand ausgerechnet auf Tenöre, und sie konnte »Nessuno dorma« mit erstaunlich opernhaftem Tremolo schmettern.

Den Pub zu finden, war ein Kinderspiel. Das Royal Oak war eine wilde Mischung aus verschiedenen Baustilen, an denen sich ablesen ließ, in welchen Epochen es durch Anbauten erweitert worden war. Lehmbauweise mischte sich mit Fachwerk und Backstein, und das Dach war teils mit Reet gedeckt und teils mit Schiefer. Gordon hatte das alte Reet von der Lattung gerissen. Als Meredith eintraf, kletterte er gerade vom Gerüst, während sein Lehrling unter der dem Pub den Namen gebenden alten Eiche dabei war, Strohbunde vorzubereiten. Cammie flitzte sofort zu einer Schaukel, die im hinteren Teil des Gartens stand, und Meredith wusste, ihre Tochter würde beschäftigt sein, während sie selbst ein Wörtchen mit dem Dachdeckermeister redete.

Gordon wirkte nicht überrascht, sie zu sehen. Wahrscheinlich hatte Gina Dickens ihm von Merediths Besuch berichtet, und wer konnte es ihr verdenken? Sie fragte sich, ob Gina ihn anschließend wegen des Autos gelöchert hatte, das nicht ihm gehörte, und wegen der Kleider, die er in Kartons auf dem Dachboden aufbewahrte. Sie hielt es durchaus für möglich. Gina hatte ziemlich nervös gewirkt, als Meredith sie darüber aufgeklärt hatte, welchen Platz Jemima Hastings in Gordon Jossies Leben innegehabt hatte.

Nachdem sie sich vergewissert hatte, dass Cammie auf der Schaukel saß, verschwendete Meredith keine Zeit für höfliche Floskeln. Sie ging entschlossen auf Gordon Jossie zu und sagte ohne Umschweife: »Ich wüsste gern, wie sie ohne Auto nach London gekommen sein soll, Gordon.« Sie lauerte darauf, was er antworten und was für ein Gesicht er machen würde.

Gordon warf einen Blick zu seinem Lehrling. »Kleine Pause, Cliff«, rief er und schwieg, bis der junge Mann genickt hatte und im Pub verschwunden war. Dann nahm er seine Baseballmütze ab und wischte sich mit einem Taschentuch über das Gesicht und die Halbglatze.

Wie immer trug er eine Sonnenbrille, was es Meredith erschweren würde, seine Gedanken zu erraten. Sie hatte immer angenommen, dass er sich angewöhnt hatte, eine dunkle Brille zu tragen, damit niemand seinen unruhigen Blick bemerkte, aber Jemima hatte gesagt: »Was für ein Unsinn.« Sie hatte es offenbar völlig normal gefunden, dass ein Mann bei jedem Wetter mit einer Sonnenbrille rumlief, manchmal sogar im Haus. Aber genau das war von Anfang an das Problem gewesen: In Merediths Augen war alles Mögliche an Gordon nicht normal gewesen, doch Jemima hatte das einfach nicht sehen wollen. Schließlich war er ein Mann, ein Angehöriger jener Spezies, der Jemima jahrelang wie besessen nachgejagt war.

Jetzt nahm Gordon seine Sonnenbrille kurz ab, aber nur, um sie mit seinem Taschentuch zu putzen, dann setzte er sie gleich wieder auf, stopfte das Tuch zurück in die Hosentasche und antwortete ruhig: »Wieso bist du eigentlich so schlecht auf mich zu sprechen, Meredith?«

»Weil du Jemima von ihren Freunden ferngehalten hast.«

Er nickte langsam, als würde er darüber nachdenken. Schließlich sagte er: »Du meinst, ich habe sie von dir ferngehalten.«

»Von allen, Gordon. Das willst du doch nicht etwa leugnen?«

»Es hat keinen Zweck, irgendetwas zu leugnen, das nicht wahr ist. Und dummes Zeug, mit Verlaub. Du bist einfach nicht mehr zu Besuch gekommen. Also, wenn sich hier einer ferngehalten hat, dann warst du es. Bist du gekommen, um mir zu erzählen, warum?«

»Ich bin gekommen, weil ich wissen will, warum ihr Auto in deiner Scheune steht. Weil ich wissen will, warum du dieser… dieser… Blondine, die bei dir wohnt, gesagt hast, es wäre dein Auto. Außerdem will ich wissen, warum auf deinem Speicher Kartons mit ihren Klamotten stehen und warum in deinem ganzen Haus aber auch gar nichts an Jemima erinnert.«

»Warum sollte ich dir das erklären?«

»Weil - wenn du es nicht tust oder wenn das, was du mir erklärst, mich nicht zufriedenstellt…« Sie ließ die Drohung unausgesprochen. Er war nicht dumm. Er wusste, wie der Rest des Satzes lauten würde.

Trotzdem fragte er: »Was dann?«

Er trug ein langärmeliges T-Shirt mit Brusttasche, aus der er eine Schachtel Zigaretten nahm. Er schüttelte eine heraus und zündete sie mit einem Plastikfeuerzeug an. Dann wartete er auf ihre Antwort. Er wandte kurz den Kopf und sah an ihr vorbei zu einem Bauernhaus aus rotem Backstein gegenüber dem Pub auf der anderen Straßenseite. Die Heide erstreckte sich dahinter wie ein violetter Teppich aus Erika, jenseits davon ein Wald. Die Baumwipfel schienen in der Sommerhitze zu flimmern.

»Antworte mir einfach«, sagte Meredith. »Wo ist sie, und warum hat sie ihr Auto nicht mitgenommen?«

Er wandte sich ihr wieder zu. »Was soll sie in London mit einem Auto? Sie hat es nicht mitgenommen, weil sie es nicht braucht.«

»Und wie ist sie dann dahin gekommen?«

»Keine Ahnung.«

»Das ist doch lächerlich! Du erwartest doch nicht etwa von mir, dass ich dir glaube…«

»Mit dem Zug, mit dem Bus, per Hubschrauber, per Hängegleiter, auf Rollschuhen«, fiel er ihr ins Wort. »Ich weiß es nicht, Meredith. Eines Tages hat sie mir erklärt, sie würde gehen, und am nächsten Tag ist sie abgehauen. Sie war weg, als ich von der Arbeit kam. Ich nehme an, sie ist mit dem Taxi nach Sway gefahren und dort in den Zug gestiegen. Und?«

»Du hast ihr etwas angetan!« Meredith hatte nicht vorgehabt, ihn zu beschuldigen, nicht auf diese Weise und nicht so schnell. Aber der Gedanke an das Auto und die Lügen und die Tatsache, dass Gina Dickens bei ihm eingezogen war, während Jemimas Sachen noch auf dem Dachboden in Kartons lagen… »Stimmt's?«, herrschte sie ihn an. »Rob hat mehrmals versucht, sie anzurufen, aber sie geht nicht ans Telefon. Sie reagiert nicht auf seine Nachrichten, und…«

»Ach, du bist an ihm interessiert? Na ja, er ist immerhin noch zu haben und, wenn ich's mir recht überlege, gar keine schlechte Partie.«

Am liebsten hätte sie ihn geohrfeigt - weniger wegen der Bemerkung, denn die war einfach nur lächerlich, sondern weil er tatsächlich annahm, sie sei genau wie Jemima ständig auf der Suche nach einem Mann, weil sie ohne Mann unvollständig und frustriert und überhaupt so… so… so verzweifelt wäre, dass sie ihre Fühler ständig ausgestreckt hielt für den Fall, dass ein verfügbarer Typ in ihre Nähe käme. Was in Rob Hastings' Fall vollkommen absurd war, denn er war fünfzehn Jahre älter als sie, und sie kannte ihn, seit sie acht war.

»Wo kommt diese Gina überhaupt her?«, fragte sie. »Seit wann kennst du sie? Du hattest schon was mit ihr, bevor Jemima verschwunden ist, stimmt's, Gordon? Ihretwegen ist sie gegangen.«

Er schüttelte den Kopf, ungläubig und angewidert zugleich.

Er zog an seiner Zigarette und inhalierte tief und wütend, wie es Meredith schien.

»Du hast diese Gina kennengelernt…«

»Sie heißt Gina Dickens, Punkt. Nenn sie nicht diese Gina, das gefällt mir nicht.«

»Wieso sollte mich interessieren, was dir gefällt und was nicht? Du hast diese Gina kennengelernt und Jemima ihretwegen fallen lassen, richtig?«

»Das ist verdammter Schwachsinn! Ich gehe wieder an die Arbeit.« Er wandte sich zum Gehen.

»Du hast sie vertrieben!«, schrie Meredith ihm nach. »Kann ja sein, dass sie jetzt in London ist, aber der einzige Grund dafür bist du. Sie hatte hier ein eigenes Geschäft. Sie hatte eine Angestellte. Sie hatte Erfolg mit der Cupcake Queen, aber das hat dir nicht gefallen, stimmt's? Du hast es ihr schwer gemacht. Und irgendwie hast du das Geschäft oder ihre Begeisterung dafür oder die Stunden, die sie darauf verwendet hat, oder irgendetwas benutzt, um ihr das Gefühl zu geben, dass sie gehen musste. Und dann hast du auch noch Gina angeschleppt…« Es kam Meredith völlig plausibel vor - so typisch für die Art, wie Männer sich verhielten.

Er sagte noch einmal: »Ich gehe wieder an die Arbeit«, und machte Anstalten, auf das Gerüst zu klettern, das sich über die gesamte Front des Hauses erstreckte. Am Fuß der Leiter blieb er jedoch noch einmal stehen und drehte sich zu ihr um. »Fürs Protokoll, Meredith: Gina wohnt erst hier - im New Forest - seit Juni. Vorher hat sie in Winchester gewohnt, und…«

»Du kommst doch auch aus Winchester! Du hast in Winchester studiert. Da hast du sie kennengelernt.« Ihre Stimme klang ganz schrill, aber sie konnte nichts daran ändern. Aus irgendeinem Grund, der ihr nicht klar war, hatte sie plötzlich das beinahe verzweifelte Bedürfnis, in Erfahrung zu bringen, was hier los war, was schon seit Monaten vor sich ging und dazu geführt hatte, dass sie und Jemima sich immer mehr voneinander entfremdet hatten.

Gordon winkte ab. »Glaub doch, was du willst! Ich wüsste nur gern, warum du mich von Anfang an nicht ausstehen konntest.«

»Das hier hat nichts mit mir zu tun.«

»Es hat alles mit dir zu tun, auch der Grund, warum du mich vom ersten Moment an verachtet hast. Denk darüber nach, ehe du noch mal herkommst! Und lass gefälligst Gina in Ruhe!«

»Jemima ist der Grund…«

»Jemima«, entgegnete er ruhig, »hat garantiert inzwischen einen anderen gefunden. Das weißt du doch so gut wie ich. Und ich schätze, auch das macht dich stinkwütend.«

Als Robbie Hastings an den hohen Hecken vorbei in die Einfahrt des Grundstücks einbog, war Gordon Jossies Pick-up nirgendwo zu sehen. Aber davon ließ er sich nicht beirren. Gordon mochte nicht zu Hause sein, aber vielleicht würde er die neue Frau antreffen. Dann würde er sie gleich mal kennenlernen, und daran war ihm genauso gelegen wie an einem Gespräch mit Gordon. Außerdem wollte er sich auf dem Hof umsehen. Und er wollte Jemimas Auto mit eigenen Augen sehen, auch wenn Meredith sich unmöglich geirrt haben konnte. Es war ein Figaro, und so ein Auto bekam man nicht alle Tage zu Gesicht.

Er hatte keine Ahnung, was das alles beweisen oder auch nicht beweisen würde. Aber nachdem er zwei weitere Nachrichten auf Jemimas Mailbox hinterlassen hatte und immer noch keine Reaktion gekommen war, war er allmählich in Panik geraten. Jemima war flatterhaft, aber dass sie sich nicht einmal bei ihrem eigenen Bruder meldete, passte einfach nicht zu ihr.

Robbie ging zu der Koppel hinüber, auf der zwei Ponys grasten. Um diese Jahreszeit kam es nur selten vor, dass Tiere aus dem Wald geholt wurden, und er fragte sich, was ihnen fehlte. Sie wirkten vollkommen gesund.

Er drehte sich nach dem Haus um. Die Fenster standen offen, wie in der Hoffnung auf eine frische Brise, aber es schien niemand zu Hause zu sein. Umso besser.

Meredith hatte gesagt, dass Jemimas Auto in der Scheune stand, also ging er zuerst dorthin. Er hatte das Tor gerade weit aufgemacht, als eine angenehme Frauenstimme rief: »Hallo? Kann ich Ihnen helfen?«

Die Stimme kam von einer zweiten Koppel, die seitlich der Scheune lag und vom Hofgelände getrennt war durch einen schmalen, zerfurchten Feldweg, der in die Heide führte. Robbie sah eine junge Frau, die sich Pflanzenreste von den Knien ihrer Jeans klopfte. Sie sah aus, als wäre sie von einem dieser Designer eingekleidet worden, die man in Fernsehshows sah: weiße, gestärkte Bluse mit hochgestelltem Kragen, Cowboyhalstuch, Strohhut, der ihr Gesicht verschattete. Sie trug eine dunkle Sonnenbrille, aber es war nicht zu übersehen, dass sie hübsch war: wesentlich hübscher als Jemima, groß und mit Kurven an Stellen, wo Frauen in ihrem Alter sie gewöhnlich nicht haben wollten.

»Suchen Sie jemanden?«, fragte sie.

»Meine Schwester.«

»Oh.«

Keine Verwunderung, dachte er. Na ja, wieso sollte sie sich auch wundern? Meredith war schließlich auch schon hier, und welche Frau würde ihren Mann nicht zur Rede stellen, wenn plötzlich der Name einer anderen fiel, von der er bisher nichts erzählt hatte?

»Man hat mir gesagt, dass ihr Auto hier in der Scheune steht.«

»Richtig«, sagte sie. »Meins auch. Warten Sie.«

Sie duckte sich unter dem Zaun hindurch. Es war Stacheldraht, aber sie trug Handschuhe, mit denen sie die Drähte auseinanderbog. Außerdem hatte sie eine Art Landkarte in der Hand, eine offizielle Vermessungskarte, wie es aussah. »Ich bin hier sowieso fertig«, erklärte sie ihm. »Das Auto steht da drinnen.«

Und da stand es. Nicht mit einer Plane bedeckt, wie Meredith berichtet hatte, sondern unverhüllt und nicht zu übersehen: kriegsschiffgrau mit cremefarbenem Dach. Es stand ganz hinten in der Scheune. Daneben war noch ein Auto zu sehen, ein Mini Cooper, ein nagelneues Modell, das offenbar der gut aussehenden Frau gehörte.

Sie stellte sich vor, aber er wusste natürlich längst, dass sie Gina Dickens war, Jemimas Nachfolgerin. Sie erzählte ihm frei heraus, dass es sie ziemlich geärgert hatte zu erfahren, dass das Auto nicht Gordon, sondern seiner Exfreundin gehörte. Sie habe sich deswegen mit ihm gestritten, berichtete sie. Auch über die Kartons mit Jemimas Sachen, die auf dem Dachboden stünden.

»Er meinte, sie ist schon vor Monaten verschwunden«, fuhr sie fort. »Seitdem hat er nichts mehr von ihr gehört. Er glaubt, sie wird wahrscheinlich nicht wieder herkommen und dass sie… Na ja, er hat nicht direkt gesagt, sie hätten sich gestritten, nur dass sie sich getrennt hätten. Es hätte sich schon lange abgezeichnet, sagt er, und dass es ihre Idee war und dass er sein Leben neu organisieren musste. Und weil er ihre Sachen nicht wegwerfen wollte, hat er sie auf den Speicher geschafft. Er rechnet damit, dass sie ihre Sachen irgendwann brauchen und ihn bitten wird, sie ihr nachzuschicken, wenn sie… sich eingerichtet hat, nehme ich an.« Sie nahm ihre Sonnenbrille ab und sah ihn offen an. »Ich quatsche Ihnen die Ohren voll«, sagte sie. »Verzeihen Sie bitte! Das Ganze macht mich irgendwie nervös. Ich meine, der Eindruck, der entsteht, und so. Ihr Auto hier, ihre Sachen in den Kartons.«

»Glauben Sie ihm?« Robbie fuhr mit einer Hand über Jemimas Auto. Es war staubfrei und strahlte in altem Glanz. Jemima hatte ihr Auto stets gut gepflegt. Meredith fragte sich also zu Recht, warum sie es nicht mitgenommen hatte. Sicher, in London war es problematisch, ein Auto zu halten, aber das hätte Jemima nicht bedacht. Sie handelte stets impulsiv, ohne sich groß Gedanken zu machen.

Gina antwortete in einem leicht veränderten Ton: »Nun, ich habe keinen Grund, das nicht zu tun, Mr. Hastings. Ihm zu glauben, meine ich. Sind Sie anderer Meinung?«

»Robbie«, sagte er. »Ich heiße Robbie.«

»Und ich Gina.«

»Ja, ich weiß.« Er sah sie direkt an. »Wo ist Gordon?«

»Er arbeitet im Moment in der Nähe von Fritham.« Sie rieb sich die Arme, als wäre ihr kühl geworden. »Möchten Sie mit reinkommen? Ins Haus, meine ich?«

Er war nicht besonders erpicht darauf, folgte ihr jedoch in der Hoffnung, dort etwas zu entdecken, das ihn vielleicht beruhigen konnte.

Sie gingen durch den Waschraum in die Küche. Gina legte die Karte auf dem Tisch ab, und er sah, dass es sich tatsächlich um einen offiziellen Vermessungsplan handelte, genau wie er vermutet hatte. Sie hatte das Grundstück darauf markiert und ein Blatt Papier mit einer Bleistiftzeichnung angeheftet, auch dies eine Skizze des Grundstücks, allerdings in einem größeren Maßstab.

Gina hatte offenbar bemerkt, dass er die Karte betrachtete. »Wir…« Sie klang zögernd, als widerstrebte es ihr, darüber zu reden. »Wir wollen hier ein paar Dinge verändern.«

Das sagte natürlich eine Menge über Jemimas Abwesenheit aus. Robbie sah Gina Dickens an. Sie hatte ihren Hut abgenommen. Ihr Haar war wie flüssiges Gold. Es war so geschnitten, dass es den Kopf umgab wie eine eng sitzende Mütze, ein Stil, der an die goldenen Zwanziger erinnerte.

Sie zog ihre Handschuhe aus und warf sie auf den Tisch. »Gott, was für ein Wetter!«, sagte sie. »Möchten Sie ein Glas Wasser? Cider? Cola?« Als er den Kopf schüttelte, trat sie zu ihm an den Tisch. Sie räusperte sich. Er spürte ihre Verlegenheit. Da stand sie in ihrer Küche mit dem Bruder der Verflossenen ihres Liebhabers. Das war wirklich peinlich. Er selbst empfand es ebenso.

»Ich hätte so gern einen richtigen Garten«, sagte sie, »aber ich muss mir noch überlegen, an welcher Stelle ich ihn anlegen soll. Ich habe versucht herauszufinden, bis wo genau das Grundstück geht, und dachte, die Vermessungskarte würde mir helfen, aber leider ist das nicht der Fall. Also habe ich überlegt, vielleicht auf der hinteren Koppel… da wir die… da er die doch gar nicht benutzt. Dort könnten wir einen hübschen Garten anlegen, einen Ort, wo ich mit meinen Mädchen hinkommen könnte.«

»Sie haben Kinder?«

»Nein, nein. Ich arbeite mit Jugendlichen. Die Sorte, die leicht in Schwierigkeiten gerät, wenn sich ihrer niemand annimmt. Deswegen hätte ich gern irgendwo einen Ort, der ein bisschen freundlicher ist als ein Büro…« Sie brach ab und biss sich auf die Lippe.

Er hätte sie gern unsympathisch gefunden, aber es gelang ihm nicht. Es war nicht ihre Schuld, dass Gordon Jossie sich ihr zugewandt hatte, nachdem Jemima ihm davongelaufen war. Wenn es denn tatsächlich so gewesen war.

Robbie betrachtete die Karte und Ginas Skizze. Sie hatte die Koppel in Quadrate eingeteilt und diese nummeriert.

»Ich habe versucht, die genaue Größe zu ermitteln«, erklärte sie ihm. »Um eine Vorstellung davon zu bekommen, wie viel wir… wie viel ich zur Verfügung habe. Ich weiß noch nicht, ob die Koppel groß genug ist für das, was ich mir vorgenommen habe, und wenn nicht, könnte man vielleicht einen Teil des Heidelands dazuschlagen. Deswegen versuche ich herauszufinden, wo die Grundstücksgrenzen verlaufen - für den Fall, dass ich den Garten… dass wir den Garten irgendwo anders anlegen müssen.«

»Das müssen Sie.«

»Was?«

»Sie können in der Koppel keinen Garten anlegen.«

Sie wirkte überrascht. »Und warum nicht?«

»Gordon und Jemima« - Robbie würde nicht zulassen, dass Jemima in dem Gespräch übergangen wurde - »haben hier Rechte und Pflichten. Bei dem Grundstück handelt es sich um Gemeindeland, und die Koppeln sind für die Ponys bestimmt: für den Fall, dass sie gepflegt werden müssen.«

»Ich hatte ja keine Ahnung…«, stammelte sie.

»Dass das hier Gemeindeland ist?«

»Ich weiß noch nicht einmal, was das bedeutet, ehrlich gesagt.«

Rob erklärte ihr in knappen Worten, dass im New Forest Flächen als Gemeindeland ausgewiesen waren, deren Nutzung mit bestimmten Rechten verknüpft war - Weiderecht, Mastrecht, Holzrecht, Mergelrecht, Torfrecht -, dass aber auf diesem speziellen Grundstück auch das allgemeine Weiderecht galt, was bedeutete, dass Gordon und Jemima Ponys halten durften, die im New Forest frei grasten, allerdings unter der Bedingung, dass das Land um das Haus herum frei gehalten werden musste, damit die Tiere, die aus irgendeinem Grund aus dem Wald geholt werden mussten, dort gegebenenfalls zur Pflege untergebracht werden konnten. »Hat Gordon Ihnen das nicht gesagt?«, fragte er. »Seltsam, dass er sich überlegt, dort einen Garten anzulegen, wo er doch genau weiß, dass er das nicht darf.«

Sie befingerte den Rand der Karte. »Über den Garten habe ich noch gar nicht so direkt mit ihm gesprochen. Er weiß, dass ich meine Mädchen gern mit hierher bringen würde. Ich möchte ihnen die Pferde zeigen, mit ihnen im Wald oder auf den Koppeln spazieren gehen, an den Weihern picknicken… Mehr habe ich ihm noch gar nicht erzählt. Ich wollte mir erst einen PIan machen, wissen Sie? Eine Skizze.«

Robbie nickte. »Keine schlechte Idee. Kommen die Mädchen aus der Stadt? Aus Winchester oder Southampton?«

»Nein, nein. Sie kommen aus Brockenhurst. Ich meine, sie gehen in Brockenhurst zur Schule - auf die höhere Schule oder die Gesamtschule -, aber sie stammen wahrscheinlich aus allen möglichen Ecken des New Forest.«

»Hm. Dann werden manche von ihnen auf Höfen wie diesem hier aufgewachsen sein«, bemerkte er. »Für die wäre ein Besuch hier draußen also nicht so wahnsinnig aufregend, oder?«

Sie runzelte die Stirn. »Daran habe ich noch gar nicht gedacht.« Sie trat ans Küchenfenster, von dem aus man die Einfahrt und die Koppel dahinter sehen konnte. Seufzend sagte sie:

»So viel Land… Was für eine Schande, dass man es nicht sinnvoll nutzen kann.«

»Kommt darauf an, was Sie unter sinnvoll verstehen«, entgegnete Robbie. Er sah sich in der Küche um. Jemimas Sachen waren alle verschwunden: ihre Kochbücher, ihre bunten Wandbehänge, ihre Plastikpferdchen - ein Teil der Sammlung, die sie in ihrem Elternhaus aufbewahrte. Stattdessen standen auf dem Regal über dem Tisch jetzt alte Grußkarten aus der Zeit, als man noch Postkarten verschickte: eine mit Ostergrüßen, Valentinstagsgrüße, zwei Weihnachtskarten und so weiter. Die gehörten nicht Jemima.

Als er die Karten sah, wurde Robbie klar, dass Meredith Powell recht gehabt hatte mit ihrer Vermutung. Gordon Jossie hatte Jemima aus seinem Leben verbannt. Das war nur nachvollziehbar. Aber dass ihr Auto in seiner Scheune stand und dass er ihre Kleider in Kartons auf dem Dachboden aufbewahrte, war nicht nachvollziehbar. Er musste dringend ein Wörtchen mit Jossie reden, daran bestand kein Zweifel.

8

Am nächsten Morgen wachte Gordon Jossie schweißgebadet auf, und das hatte nichts mit der Sommerhitze zu tun. Es war noch früh am Tag - kurz nach sechs -, und noch waren die Temperaturen mild.

Er hatte wieder einen Albtraum gehabt.

Da schrak er jedes Mal nach Luft ringend aus dem Schlaf, mit einem Gewicht auf der Brust wie bei einem Hexentest, und dann brach ihm der Schweiß aus, bis sein Schlafanzug und die Laken klatschnass waren. Und dann begann das Zittern, von dem Gina wach wurde, genau wie früher Jemima.

Aber die Reaktionen der beiden Frauen waren vollkommen unterschiedlich. Jemima hatte ihn immer mit Fragen gelöchert: Warum hast du denn solche Albträume? Warum redest du mit niemandem darüber? Warum hast du noch nie einen Arzt aufgesucht wegen deiner Schweißausbrüche? Es könnte sich um ein Anzeichen für irgendeine Krankheit handeln, hatte sie gesagt. Schlafstörungen, eine Lungenkrankheit, etwas mit dem Herzen… weiß der Himmel. Auf jeden Fall müsse er etwas unternehmen, denn an so etwas könne man sterben. Das war immer Jemimas erster Gedanke gewesen: dass jemand sterben könnte. Es war ihre größte Angst, und niemand hatte ihm erklären müssen, woher diese Angst kam.

Seine Ängste waren völlig anderer Art, aber für ihn nicht weniger real, als Jemimas Ängste es für sie waren. So war das Leben nun mal. Man hatte Ängste. Man lernte, damit umzugehen. Er hatte gelernt, mit seinen Ängsten zu leben, und er hatte keine Lust, darüber zu reden.

Mit Gina brauchte er nicht darüber zu reden. Wenn er morgens schweißgebadet neben ihr aufwachte - sie übernachtete inzwischen fast immer bei ihm, und er fragte sich, warum sie ihr Pensionszimmer in Lyndhurst nicht endlich aufgab -, dann stand sie auf, ging ins Bad, befeuchtete einen Waschlappen und wusch ihn. Außerdem brachte sie immer eine Schüssel kühles Wasser mit, und wenn der Lappen von seiner Haut zu heiß wurde, tauchte sie ihn hinein und fuhr fort damit, ihn zu waschen. Im Sommer schlief er nackt, sodass sie ihm nicht erst den feuchten Schlafanzug ausziehen musste. Sie ließ den Waschlappen sanft über seine Arme und Beine gleiten, über Gesicht und Brust, und wenn ihn das erregte, beugte sie sich lächelnd über ihn und besorgte es ihm mit dem Mund oder tat andere, ebenso angenehme Dinge mit ihm, bis die Albträume - nächtliche und reale - vergessen waren und die Gedanken, die ihn verfolgten, ebenso.

Außer dem Gedanken an Jemima.

Gina verlangte nichts von ihm. Sie wollte ihn nur lieben und mit ihm zusammen sein. Jemima dagegen hatte alles von ihm verlangt. Letztlich hatte sie das Unmögliche von ihm verlangt. Und als er ihr erklärt hatte, warum er es ihr nicht geben konnte, war alles vorbei gewesen.

Vor Jemima hatte er Frauen stets gemieden. Aber als er sie kennengelernt hatte, hatte er die unbeschwerte junge Frau in ihr gesehen, das lebenslustige junge Mädchen mit der kindlichen Zahnlücke. Er hatte geglaubt, genau so jemanden in seinem Leben zu brauchen, aber er hatte sich geirrt. Die Zeit war noch nicht reif gewesen, und das würde sie wahrscheinlich niemals sein - doch jetzt hatte er schon wieder eine Frau, und zwar eine, die so anders war als Jemima, wie man es sich nur vorstellen konnte.

Er konnte wahrlich nicht behaupten, dass er Gina liebte, obwohl er das eigentlich müsste, denn sie hatte die Liebe eines Mannes verdient. Als sie an jenem Nachmittag, an dem er ihr im Wald begegnet war, zusammen in das Hotel in Sway gegangen waren, um etwas zu trinken, hatten einige der Anwesenden zuerst sie und dann ihn gemustert, und er hatte genau gewusst, was sie alle dachten. Beim Anblick von Gina Dickens dachte man unwillkürlich solche Dinge, wenn man ein normalsterblicher Mann war. Gina schien das nichts auszumachen. Sie hatte ihn offen angesehen, als wollte sie sagen: Du kannst das alles haben, wenn du willst. Und als er zu dem Schluss gekommen war, dass er wollte, weil er nicht mehr so weiterleben konnte, wie er lebte, seit Jemima fort war, hatte er ihr Angebot angenommen. Jetzt war sie da, und er bereute seine Entscheidung nicht im Geringsten.

Sie wusch ihn. Verwöhnte ihn nach Strich und Faden. Und wenn er sich über sie hermachte, anstatt sich von ihr bedienen zu lassen, hatte sie auch nichts dagegen. Sie lachte atemlos, sobald er sie auf den Rücken warf, und schlang die Beine um ihn, als er sich auf sie legte. Er küsste sie, und ihr Mund öffnete sich wie alles andere an ihr, und er fragte sich, wie er so viel Glück hatte haben können und welchen Preis er dafür würde zahlen müssen.

Hinterher waren sie beide schweißgebadet. Sie rollten sich auf die Seite und lachten über das schmatzende Geräusch, das entstand, wenn sich nasse Haut von nasser Haut löste. Sie duschten gemeinsam, sie wusch ihm die Haare, und als er wieder erregt wurde, sagte sie: »Mein Gott, Gordon«, lachte und nahm das Problem in die Hand. Er stöhnte. »Genug.« Doch sie entgegnete nur: »Nicht genug«, und dann bewies sie es ihm. Seine Knie wurden schwach.

»Wo hast du das gelernt?«, fragte er sie, und sie antwortete: »Hatte Jemima keinen Spaß an Sex?«

»Nicht so«, antwortete er und wollte sagen, sie sei nicht so lüstern gewesen. Jemima habe Geborgenheit gesucht. Liebe mich, verlass mich nicht! Und dann hatte sie ihn verlassen.

Es war kurz vor acht, als sie nach unten gingen, um zu frühstücken. Gina sagte irgendetwas über einen Garten. Er wollte keinen Garten. Der würde ihm nur lästig werden, ganz zu schweigen davon, dass man als Erstes Wege anlegen, Beete einteilen, graben, pflanzen und einen Schuppen für die Gartengeräte, Gewächshäuser oder sonst etwas bauen musste. An alldem hatte er kein Interesse. Er sagte ihr das nicht rundheraus, weil es ihm gefiel, wie sie strahlte, wenn sie ihm erklärte, wie viel ein Garten ihr bedeuten würde, was er für sie beide bedeuten würde und für »meine Mädchen«, wie sie sie immer nannte. Aber dann erwähnte sie Rob Hastings und was er ihr über das Land erklärt hatte.

Gordon bestätigte die Informationen, aber er hatte nicht vor, mehr über Rob zu sagen. Der Wildhüter hatte ihn genau wie Meredith Powell im Royal Oak aufgestöbert, und auch diesmal hatte er Cliff vorgeschlagen, eine Pause einzulegen, damit niemand mitbekam, was Rob Hastings ihm zu sagen hatte. Um nur ja in niemandes Hörweite zu sein, waren sie zum Eyeworth Pond gegangen, bei dem es sich genau genommen nicht um einen Teich, sondern um einen vor langer Zeit aufgestauten Bach handelte, auf dem friedlich Enten dümpelten und an dessen Ufern sich Weiden drängten, deren Zweige bis ins Wasser reichten. In der Nähe gab es einen Parkplatz mit zwei Ebenen, und von dort aus führte ein Weg in den Wald, wo das Laub von Buchen und Kastanien im Lauf von Jahrzehnten eine dicke, weiche Schicht gebildet hatte.

Sie waren bis ans Ufer des Weihers gegangen. Gordon hatte sich eine Zigarette angezündet und gewartet. Was auch immer Rob Hastings von ihm wollte, es konnte nur um Jemima gehen, und Gordon hatte ihm nichts über Jemima zu sagen, was Rob nicht schon wusste.

»Sie ist ihretwegen abgehauen«, sagte Rob. »Stimmt's? Wegen der Frau, die jetzt bei dir wohnt. So war es doch, oder?«

»Aha, du hast dich also mit Meredith unterhalten.« Gordon ging der ganze Zirkus allmählich auf die Nerven.

»Jemima hat mir nichts davon erzählt«, sagte Rob Hastings, offenbar nicht gewillt, von dem Thema abzuweichen. »Sie wollte wohl nicht, dass ich von Gina erfuhr und von der Schande, die das alles über sie gebracht hat.«

Trotz seines Widerwillens, über Jemima zu reden, fand Gordon die Theorie zumindest interessant, auch wenn sie falsch war. »Und was ist deiner Meinung nach dann passiert?«

»Sie muss euch beide zusammen gesehen haben. Du hast vielleicht in Ringwood gearbeitet oder vielleicht sogar in Winchester oder Southampton, wo sie manchmal hingefahren ist, um für ihren Laden einzukaufen. Wahrscheinlich hat sie irgendwas beobachtet, woraus sie geschlossen hat, dass zwischen euch was läuft, und dann hat sie dich verlassen. Aber sie hat es nicht fertiggebracht, mir davon zu erzählen, weil sie zu stolz ist und weil es so eine Schande für sie war.«

»Was für eine Schande?«

»Betrogen zu werden. Dafür hat sie sich geschämt, vor allem weil ich ihr von Anfang an gesagt hab, dass mit dir etwas nicht stimmt.«

Gordon schnippte die Asche von seiner Zigarette auf den Boden und zertrat sie mit der Fußspitze. »Du konntest mich also auch nicht ausstehen. Hast es gut verborgen.«

»Ist doch klar, vor allem nachdem sie mit dir zusammengezogen war. Ich wollte, dass sie glücklich war, und wenn du derjenige warst, der sie glücklich machte, wie käme ich dazu, ihr zu sagen, dass mir irgendwas an dir komisch vorkam?«

»Und was genau wäre das?«

»Sag du's mir.«

Gordon schüttelte den Kopf, was keine Weigerung bedeutete, sondern zum Ausdruck bringen sollte, dass er es für zwecklos hielt, Robbie Hastings etwas zu erklären, da dieser ihm ohnehin kein Wort glauben würde. »Wenn ein Typ wie du - oder irgendein Typ - einen anderen nicht ausstehen kann, findet er immer einen Grund dafür, Rob. Verstehst du, was ich meine?«

»Ehrlich gesagt, nein.«

»Tja, dann kann ich dir auch nicht helfen. Jemima hat mich verlassen, Punkt, aus. Falls jemand Drittes bei der Angelegenheit eine Rolle gespielt haben sollte, muss es auf Jemimas Seite gewesen sein. Auf meiner war es jedenfalls nicht.«

»Mit wem warst du vor ihr zusammen, Gor?«

»Mit niemandem«, antwortete Gordon. »Vor ihr hatte ich noch nie eine Frau.«

»Komm schon, Mann! Du bist… wie alt?« Rob schien zu überlegen. »Du bist einunddreißig und willst mir erzählen, du hättest vor meiner Schwester noch nie eine Frau gehabt?«

»Genau das will ich, denn es ist die Wahrheit.«

»Dass du noch Jungfrau warst? Dass du, als ihr euch kennengelernt habt, ein unbeschriebenes Blatt warst, ein unberührter Knabe?«

»Du hast es erfasst.« Er sah Robbie an, dass er ihm kein Wort glaubte.

»Bist du schwul, Gor?«, fragte er. »Oder ein gefallener katholischer Priester oder was?«

Gordon sah ihn an. »Willst du das Thema wirklich vertiefen, Rob?«

»Was soll das heißen?«

»Ich glaube, das weißt du genau.«

Rob lief hochrot an.

»Sie hat sich manchmal Gedanken über dich gemacht, weißt du«, sagte Gordon. »Verständlich, oder? Alles in allem ist es schon ein bisschen merkwürdig. Ein Typ in deinem Alter, Anfang vierzig…«

»Red nicht so über mich!«

»Und du nicht über mich«, erwiderte Gordon. Jedes Gespräch über das Thema würde sich im Kreis drehen, also beendete er es. Was er Robbie Hastings zu sagen hatte, war zweifellos dasselbe, was der Mann schon von Meredith Powell oder sogar von Jemima gehört hatte. Aber offenbar war Jemimas Bruder damit nicht zufrieden.

»Sie ist gegangen, weil sie nicht mehr mit mir zusammen sein wollte«, sagte Gordon. »Das ist alles. Mehr gibt's dazu nicht zu sagen. Sie hatte es eilig, weil sie es immer eilig hatte, und das weißt du verdammt genau. Wenn ihr etwas in den Sinn kommt, tut sie es einfach. Wenn sie Hunger hat, isst sie. Wenn sie Durst hat, trinkt sie. Wenn sie zu dem Schluss kommt, dass sie einen neuen Mann braucht, dann kann ihr das niemand ausreden. So sieht's aus.«

»Mehr nicht, Gor?«

»Mehr nicht.«

»Ich glaube dir kein Wort«, sagte Rob.

»Daran kann ich nichts ändern.«

Aber nachdem Robbie sich am Royal Oak von ihm verabschiedet hatte, wohin sie schweigend zurückgekehrt waren, die Stille nur unterbrochen durch das Geräusch ihrer Schritte auf dem steinigen Weg und das Zwitschern der Feldlerchen in der Heide, dachte Gordon, wie sehr ihm daran gelegen war, dass Rob ihm glaubte, denn solange er es nicht tat, würde dies genau das zur Folge haben, was am nächsten Morgen passierte, als er und Gina sich in der Einfahrt vor seinem Pick-up verabschiedeten.

Ein Austin hielt direkt hinter dem alten Toyota. Der Mann, der ausstieg, trug eine Brille mit Gläsern so dick wie Flaschenböden mit aufgesteckten Sonnengläsern und eine Krawatte um den Hals, die er jedoch gelockert hatte. Er nahm die Aufsteckgläser ab, als könnte er Gordon und Gina so besser sehen, nickte wissend und sagte: »Ah.«

Gordon hörte, wie Gina fragend seinen Namen flüsterte, und sagte zu ihr: »Warte hier!« Er schlug die Tür des Pick-ups zu, die er gerade geöffnet hatte, und ging zu dem Austin hinüber.

»Morgen, Gordon«, sagte der Mann. »Das wird heute wieder eine Affenhitze, was?«

»Ja.« Weiter sagte Gordon nichts, denn er rechnete damit, dass der Besucher ihm ziemlich schnell klarmachen würde, was er von ihm wollte.

Und so war es. Der Mann sagte leutselig: »Wir beide müssen uns unterhalten.«

Meredith hatte sich auf ihrer Arbeitsstelle krankgemeldet und sich für den Anruf sogar Watte in die Nase gestopft, um eine Sommergrippe vorzutäuschen. Es widerstrebte ihr, so etwas zu tun, und es widerstrebte ihr noch mehr, ein derart schlechtes Beispiel für Cammie abzugeben, die am Küchentisch saß, Cheerios aß und ihre Mutter mit großen Augen beobachtete. Aber sie hatte keine andere Wahl.

Meredith war am vergangenen Nachmittag bei der Polizei gewesen und hatte nichts erreicht. Am Ende des Gesprächs war sie sich vorgekommen wie eine komplette Idiotin. Was hatte sie schon zu berichten, das Verdacht und Zweifel rechtfertigte? Das Auto ihrer Freundin Jemima in der Scheune hinter dem Haus, in dem sie fast zwei Jahre lang mit ihrem Lebensgefährten gewohnt hatte. Ihre Kleider in Kartons auf dem Dachboden. Das neue Handy, das sie sich zugelegt hatte, damit Gordon sie nicht ausfindig machen konnte. Und der Laden in Ringwood, verlassen und verriegelt. »All das passt überhaupt nicht zu Jemima, verstehen Sie das denn nicht?« Aber das hatte den Polizisten auf der Wache in Brockenhurst, wo sie darum gebeten hatte, mit jemandem über »eine Angelegenheit von äußerster Dringlichkeit« zu sprechen, kaum beeindruckt.

Man hatte sie an einen Sergeant verwiesen, an dessen Namen sie sich weder erinnern konnte noch wollte, denn nachdem sie ihm die Situation geschildert hatte, hatte er ziemlich gereizt gefragt, ob sie es nicht für möglich halte, dass diese Leute ganz normal ihrem Leben nachgingen, ohne es für nötig zu erachten, sie über jeden ihrer Schritte zu informieren, weil es sie einfach nichts angehe, Madam?

Natürlich hatte sie diese Bemerkung selbst provoziert, indem sie dem Sergeant gegenüber eingeräumt hatte, dass Robbie Hastings seit Jemimas Umzug nach London regelmäßig mit ihr telefoniert hatte. Aber das war noch lange kein Grund für den Sergeant, sie anzusehen wie etwas Ekelhaftes, das an seiner Schuhsohle klebte. Sie war keine Wichtigtuerin. Sie war eine besorgte Bürgerin. Und war es nicht die Pflicht einer besorgten Bürgerin - und Steuerzahlerin, wohlgemerkt -, die Polizei zu informieren, sofern etwas Merkwürdiges passierte?

»Ich kann nichts Merkwürdiges daran finden«, hatte der Sergeant geantwortet. »Jossie wird von einer Frau verlassen und sucht sich eine neue. Was soll daran komisch sein? So läuft das im Leben, wenn Sie mich fragen.« Und als ihr daraufhin ein »Himmelherrgott!« herausgerutscht war, hatte er ihr gesagt, sie solle ihr Problem zur Wache in Lyndhurst tragen, wenn ihr nicht gefalle, was er ihr zu sagen hatte.

Das würde sie sich auf keinen Fall antun, dachte Meredith. Sie würde auf dem Revier anrufen, mehr nicht. Und dann würde sie die Sache selbst in die Hand nehmen. Sie wusste einfach, dass da irgendetwas vor sich ging, und sie wusste auch schon, wo sie anfangen würde, Nachforschungen anzustellen.

Also rief sie im Grafikdesign-Büro an, wo sie arbeitete, erzählte etwas von einer fürchterlichen Sommergrippe, die sie erwischt habe und mit der sie die Kollegen nicht anstecken wolle, und nachdem sie ein paar Mal theatralisch geniest hatte, damit Cammie von der Vorstellung ihrer Mutter keinen Schaden davontrug, machte sie sich auf den Weg zu Lexie Streener.

Sie brauchte nicht lange auf Lexie einzureden, bis auch sie sich im Friseursalon krankmeldete, wo ihre Zukunft als Nicky Clarke von Ringwood noch immer auf sich warten ließ. Lexies Vater stand mit seinem Anhänger auf einem Parkplatz an der A336 und verkaufte Kaffee, Tee, Kekse und dergleichen, und ihre Mutter klemmte Zitate aus der vierten Seligpreisung unter die Scheibenwischer von Autos, die am Lymington Pier in der Warteschlange für die Fähre zur Isle of Wight standen und deren Insassen unbedingt darüber aufgeklärt werden mussten, was Rechtschaffenheit in der heutigen Welt bedeutete. Keiner von beiden würde je erfahren, dass Lexie einen Tag schwänzte - es würde sie ohnehin nicht interessieren, maulte sie -, und für Lexie war es kein großer Akt, bei Jean Michel's anzurufen und stöhnend zu erklären, sie habe am Vorabend einen offenbar vergammelten Hamburger gegessen und die ganze Nacht gekotzt. Dann legte sie auf und sagte zu Meredith: »Ich muss mich nur noch schnell fertig machen.«

Kurz darauf erschien sie in Plateauschuhen, Netzstrumpfhose, einem extrem kurzen Rock - sie durfte sich auf keinen Fall bücken, dachte Meredith - und einer Bluse mit hoch angesetzter Taille, die an Jane-Austen-Filme erinnerte oder an Umstandsmode. Dieses letzte Detail war gar nicht schlecht. Es war beinahe, als hätte Lexie Merediths Absichten durchschaut.

Die waren zwar nicht ganz koscher, aber auch nicht illegal. Lexie sollte die Rolle einer Jugendlichen spielen, die dringend Betreuung brauchte und deren ältere Schwester - die Rolle würde Meredith übernehmen - von einem Programm gehört hatte, das von einer netten jungen Frau geleitet wurde, die kürzlich aus Winchester hergezogen war. Nach dem Motto: Ich krieg sie einfach nicht unter Kontrolle, und ich fürchte, dass sie mir noch völlig aus der Bahn gerät, wenn wir nicht schleunigst etwas unternehmen, würde Meredith sich an die betreffenden Stellen wenden. Als Erstes wollte sie das Brockenhurst College aufsuchen, wo Mädchen in Lexies Alter nach dem Abschluss der Gesamtschule hingingen in der Hoffnung, dort etwas zu lernen, das sie später dazu befähigen würde, einen Beruf auszuüben, statt von der Stütze zu leben.

Das College lag in der Lyndhurst Road, gleich hinter dem Pub The Snake Catcher. Zu Lexies Rolle gehörte es, dass sie rauchte, schmollte und sich in jeder Hinsicht widerspenstig gab - ein Mädchen, dem alle erdenklichen Gefahren drohten: von einer ungewollten Schwangerschaft über Geschlechtskrankheiten bis hin zur Heroinsucht. Meredith würde sich hüten, eine Bemerkung dazu zu machen, aber mehrere Narben von Schnittwunden an den Armen, die die kurzärmelige Bluse preisgab, trugen das ihre dazu bei, der Geschichte Glaubwürdigkeit zu verleihen.

Meredith fand ein schattiges Fleckchen, wo sie ihren Wagen abstellen konnte. Dann marschierten sie über den glühend heißen Asphalt zum Verwaltungsgebäude. Dort sprachen sie mit einer gestressten Sekretärin, die gerade versuchte, den Wünschen mehrerer ausländischer Studenten gerecht zu werden, die kaum Englisch sprachen.

Sie sagte zu Meredith: » Was wollen Sie?«, und dann: »Wenden Sie sich an Monica Patterson-Hughes im Sanitätsraum«, woraus Meredith schloss, dass die Frau nicht verstanden hatte, was sie mit »die Situation meiner kleinen Schwester« gemeint hatte. Aber Monica Patterson-Hughes war immerhin besser als niemand, und so machten Meredith und Lexie sich auf die Suche nach ihr.

Sie fanden sie in einem Raum, wo sie einen Babywickelkurs abhielt, umringt von Teenagern, die so fürsorglich dreinblickten wie zukünftige Kindermädchen. Im Mittelpunkt ihrer Aufmerksamkeit stand eine ziemlich abgegriffene Cabbage-Patch-Puppe, die zu Demonstrationszwecken benutzt wurde. Offenbar reichten die Mittel der Organisation nicht aus für die Anschaffung anatomisch korrekter Babypuppen.

»Im zweiten Teil des Kurses nehmen wir echte Babys«, wandte sich Monica Patterson-Hughes an Meredith, nachdem sie zur Seite getreten war und die zukünftigen Kindermädchen auf die Puppe losgelassen hatte. »Außerdem sind wir wieder dazu übergegangen, die Benutzung von Stoffwindeln zu empfehlen. Wir wollen schließlich gesunde Kinder großziehen.« Sie sah Lexie an. »Möchtest du dich hier anmelden? Der Kurs ist sehr beliebt. Unsere Mädchen finden überall in Hampshire Arbeit. Allerdings müsstest du ein bisschen was an deiner äußeren Erscheinung ändern - die Frisur ist ein bisschen ungewöhnlich -, aber mit etwas Beratung kriegst du das schon hin. Das heißt, wenn du dich für unseren Kurs interessierst.«

Lexie machte unaufgefordert ein verdrießliches Gesicht. Meredith nahm Monica Patterson-Hughes zur Seite. Darum gehe es nicht, erklärte sie, eher um etwas ganz anderes: »Lexie treibt es ein bisschen zu bunt, und ich bin für sie verantwortlich, und man hat mir gesagt, dass es hier ein Programm gibt für Mädchen wie Lexie - Mädchen, die von jemandem an die Hand genommen werden müssen, der ihnen ein Vorbild ist, sich um sie bemüht wie eine große Schwester. Was ich natürlich bin, ihre große Schwester, meine ich. Aber manchmal ist eine echte große Schwester nicht die Richtige, auf die die kleine Schwester hört, vor allem wenn die kleine Schwester, so wie Lexie, schon ein bisschen auf die schiefe Bahn geraten ist - Jungs, Komasaufen und so weiter«, flüsterte Meredith, »und die ihre große Schwester nur noch für eine verdammte Moralpredigerin hält. Ich habe von so einem Programm gehört…«, wiederholte sie hoffnungsvoll. »Eine junge Frau aus… ich glaube, Winchester… die sich solcher Mädchen annimmt.«

Monica Patterson-Hughes runzelte die Stirn. Dann schüttelte sie den Kopf. Das College biete kein solches Programm an. Und sie habe auch nichts davon gehört, dass irgendwo anders eines angeboten würde. Gefährdete Jugendliche… Richteten sich solche Programme nicht vielmehr an jüngere Mädchen? Und würde so etwas nicht eher von der Bezirksverwaltung gesteuert?

Lexie, die in ihrer Rolle geradezu aufging, schnaubte verächtlich. Sie wolle »mit der Scheißverwaltung nichts zu schaffen haben« und nahm ihre Zigaretten aus der Tasche, als beabsichtigte sie, sich im Sanitätsraum eine anzuzünden.

Monica Patterson-Hughes sah sie entgeistert an. »Also, meine Liebe, du kannst hier nicht…«, woraufhin Lexie entgegnete, dass sie verdammt noch mal tun könne, was ihr passte. Meredith erschien das ein bisschen dick aufgetragen, und sie beeilte sich, ihre »kleine Schwester« schleunigst aus dem Klassenzimmer hinauszulotsen.

Kaum waren sie draußen, juchzte Lexie: »Das war affengeil«, und: »Wo machen wir weiter?«, und: »Beim nächsten Mal erzähl ich von meinem Freund!«

Am liebsten hätte Meredith ihr erklärt, dass ein bisschen weniger Theatralik angebracht wäre, aber in Lexies Leben gab es nicht viel Abwechslung, und wenn dieser kleine Ausflug ihr ein bisschen Vergnügen bereitet hatte, das ihre bibelversessenen Eltern ihr verwehrten, dann wollte sie ihr das nicht verderben. Und so legten sie im Empfangsbereich der New-Forest-Bezirksverwaltung - die in Lyndhurst in einem U-förmig angeordneten Gebäudekomplex namens Appletree Court untergebracht war - eine derartig überzeugende Show hin, dass man sie sogleich in die Obhut des Sozialarbeiters Dominic Cheeters übergab, der ihnen Kaffee und Zitronen-Ingwer-Kekse vorsetzte und so hilfsbereit war, dass Meredith ein ganz schlechtes Gewissen bekam, weil sie dem Mann etwas vorschwindelten.

Aber auch bei der Bezirksverwaltung erfuhren sie, dass kein Programm für gefährdete Mädchen existierte und erst recht kein Programm, das von einer Gina Dickens aus Winchester initiiert worden war. Dominic, die Hilfsbereitschaft in Person, machte sich sogar die Mühe, einige seiner »persönlichen Quellen« anzurufen, wie er sie nannte. Aber das Ergebnis blieb dasselbe: nichts. Dann ging er sogar noch weiter und rief die Schulverwaltung in Southampton an in der Hoffnung, dass man ihm dort weiterhelfen würde. Inzwischen war Meredith bereits überzeugt, dass diese Telefonate ebenfalls ergebnislos sein würden, und so war es auch.

Am Ende verschlang der Ausflug mit Lexie Streener fast den ganzen Tag. Aber Meredith fand, dass sie ihre Zeit sinnvoll verbracht hatte. Jetzt hatte sie den handfesten Beweis dafür, dass Gina Dickens' Geschichte über ihr Leben im New Forest erstunken und erlogen war. Und wer einmal log, der log noch öfter, das wusste Meredith aus eigener Erfahrung.

Als Gordon wieder allein war, pfiff er nach Tess. Die Hündin kam sofort angerannt. Sie war seit dem frühen Morgen draußen gewesen und hatte sich schließlich an ihren Lieblingsschattenplatz unter einer Kletterhortensie hinter dem Haus zurückgezogen. Dort gab es ein Fleckchen Erde, das selbst an heißesten Sommertagen kühl blieb.

Er nahm die Hundebürste, woraufhin Tess mit einem freudigen Japsen und Schwanzwedeln reagierte. Sie sprang auf den niedrigen Tisch, der stets diesem Zweck diente, Gordon zog seinen Hocker heran und begann bei den Ohren. Die Hündin musste ohnehin täglich gebürstet werden, also konnte er das auch jetzt erledigen.

Er hätte gern eine geraucht, aber er hatte keine Zigaretten mehr, und so widmete er sich eben mit Inbrunst der Pflege von Tess' Fell. Er war von Kopf bis Fuß verkrampft, und er wollte sich entspannen und wohlfühlen. Er wusste nur nicht, wie er das anstellen sollte, und so bürstete er und bürstete und bürstete.

Sie waren von seinem Pick-up weggegangen in Richtung Scheune und schließlich in die Scheune hinein. Gina hatte sich wahrscheinlich gewundert, aber das durfte keine Rolle spielen, denn Gina war unberührt wie eine Lilie, die auf einem Misthaufen wuchs, und so sollte es bleiben. Also hatte er sie in der Einfahrt stehen lassen, verwirrt oder verängstigt oder besorgt oder was auch immer eine Frau empfinden mochte, die mitbekam, dass der Mann, dem sie ihr Herz geöffnet hatte, unter der Knute von jemandem stand, der ihm oder ihnen beiden Leid zufügen konnte.

Er bürstete und bürstete. Tess winselte. Er war zu grob. Er übte weniger Druck aus. Und bürstete und bürstete.

Sie waren also in die Scheune gegangen, und auf dem Weg dorthin hatte Gordon versucht, es so aussehen zu lassen, als hätte der Besuch des Fremden etwas mit dem Land zu tun. Er hatte hierhin und dorthin gezeigt und damit Erheiterung erzeugt. Der andere hatte in sich hineingelacht.

»Ich hab gehört, deine Süße ist verschwunden«, hatte er gesagt, als sie in der kühlen Scheune standen. »Aber wie es aussieht«, fügte er mit einem Augenzwinkern und einer obszönen Geste hinzu, die Gordon als sexuelle Anspielung auffassen sollte, was er auch tat, »ist das kein großer Verlust für dich. Die Neue ist wirklich ansehnlich. Hübscher als die andere. Schöne, feste Schenkel, nehm ich an. Und sie sieht aus, als könnte sie ordentlich zupacken. Die andere war schmächtiger, oder?«

»Was wollen Sie?«, hatte er gefragt. »Ich muss nämlich zur Arbeit und Gina ebenfalls, und Sie blockieren die Auffahrt.«

»Das macht es ein bisschen kompliziert, was? Dass ich die Auffahrt blockiere. Wo ist die andere?«

»Welche andere?«

»Du weißt genau, wen ich meine. Irgendeine Tussi macht sich deinetwegen ins Hemd. Wo ist die andere? Spuck's aus, Gordon! Ich weiß, dass du es weißt.«

Ihm war nichts anderes übrig geblieben, als es ihm zu sagen: dass Jemima ohne ersichtlichen Grund und ohne Auto aus dem New Forest verschwunden war und fast alle ihre Sachen dagelassen hatte. Es würde ohnehin herauskommen, ob er nun zugab, dass er es wusste, oder nicht, und dann würde er verdammt großen Ärger kriegen.

»Sie ist also einfach sang- und klanglos verschwunden?«, hatte der Mann nachgehakt.

»Genau so war's.«

»Und warum? Hast du's ihr nicht ordentlich genug besorgt, Gordon? Ein gesunder, kräftiger Kerl wie du, ein Mann, an dem alles dran ist, was dazugehört?«

»Ich habe keine Ahnung, warum sie abgehauen ist.«

Der Mann musterte ihn. Er nahm seine Brille ab und putzte sie mit einem speziellen Tuch, das er aus der Tasche zog. »Erzähl mir keinen Scheiß«, sagte er, und die falsche Jovialität, die er bis dahin an den Tag gelegt hatte, war verschwunden. Sein Ton war jetzt so eisig wie eine kalte Klinge, die erhitzte Haut berührt. »Versuch nicht, mich für dumm zu verkaufen. Ich mag es nicht, wenn über dich geredet wird. Das macht mich nervös. Also, willst du immer noch behaupten, sie wäre abgehauen und du hättest keinen Schimmer, warum? Das kauf ich dir nicht ab.«

Gordon hatte sich die ganze Zeit über gesorgt, dass Gina in die Scheune kommen könnte, um nachzusehen, um ihre Hilfe anzubieten, einzugreifen, ihn zu schützen. So war sie einfach.

»Sie hat gesagt, sie könnte es nicht ertragen«, sagte Gordon. »Okay? Sie könnte es nicht ertragen.«

»Was genau könnte sie nicht ertragen?« Dann grinste er. Aber es lag kein Humor in seinen Augen. Wie auch. »Was konnte sie nicht ertragen, mein Süßer?«, wiederholte er.

»Das wissen Sie ganz genau«, stieß Gordon zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

»Ah… Nicht frech werden, mein Junge. Das bekommt dir gar nicht gut.«

9

Die Haustürbefragung in Stoke Newington erbrachte letztlich nichts, ebenso wenig wie die Durchsuchung der unmittelbaren Umgebung der Kapelle, und auch die systematische Suche auf dem gesamten verflixten in Raster eingeteilten Friedhof förderte nichts Brauchbares zutage. Ihnen standen genug Leute zur Verfügung - Polizisten des örtlichen Reviers und Kollegen aus anderen Stadtteilen -, aber am Ende hatten sie keinen Zeugen, keine Tatwaffe, keine Handtasche, keine Umhängetasche, kein Portemonnaie, nichts, um die Leiche zu identifizieren. Nur einen von einem bemerkenswerten Haufen Müll befreiten Friedhof.

Andererseits hatten jede Menge Leute angerufen, und eine Personenbeschreibung, die man an das S05 weitergeleitet hatte, hatte sich tatsächlich als brauchbare Spur entpuppt. Als hilfreich erwies sich dabei die Tatsache, dass die Leiche ungewöhnliche Augen hatte: ein grünes und ein braunes. Nach Eingabe dieses Details in den Computer hatte sich die Anzahl der als vermisst gemeldeten Personen, die infrage kamen, auf eine einzige reduziert.

Laut Vermisstenanzeige war die Frau aus ihrer Pension in Putney verschwunden, und zwei Tage nach dem Auffinden der Leiche wurde Barbara Havers nach Putney geschickt, genauer gesagt in die Oxford Road, die zwischen der Putney High Street und dem Wandsworth Park verlief. Dort parkte sie regelwidrig in einer Anwohnerparkzone, legte den Polizeiausweis gut sichtbar hinter die Windschutzscheibe und klingelte an der Tür eines Reihenhauses, in dessen Vorgarten so viele Mülltonnen und Plastikcontainer standen, dass man ihn für das Recyclingzentrum der ganzen Straße hätte halten können.

Sie wurde von einer älteren Frau mit militärisch kurzem Haarschnitt und dem Hauch eines militärischen Schnurrbarts eingelassen. Die Frau trug einen Trainingsanzug und schneeweiße Sportschuhe mit pink- und lilafarbenen Schnürsenkeln. Bella McHaggis, stellte sie sich vor. Es sei allerhöchste Zeit, dass die Polizei bei ihr aufkreuzte. Für so viel Inkompetenz zahle sie auch noch Steuern, und die vermaledeite Regierung sei so was von unfähig, oder etwa nicht? Man brauche sich ja nur mal den Zustand der Straßen anzusehen, ganz zu schweigen von der U-Bahn, außerdem habe sie die Polizei schon vor zwei Tagen angerufen, und…

Bla, bla, bla, dachte Barbara. Während Bella McHaggis ihrem Ärger Luft machte, sah sie sich um: Holzboden ohne Teppich, eine Garderobe, an der Mäntel und Schirme hingen, und an der Wand ein gerahmtes Dokument mit der Überschrift »Hausordnung« und darunter ein Schild mit der Aufschrift »Vermieterin wohnhaft im Hause«.

»Man kann seinen Mietern die Hausordnung gar nicht oft genug einbläuen«, verkündete Bella McHaggis. »Ich habe sie überall aufgehängt. Die Hausordnung, meine ich. Es hilft, wenn die Leute wissen, wo's langgeht.«

Sie führte Barbara in ein Esszimmer und durch eine geräumige Küche ins Wohnzimmer im hinteren Teil des Hauses. Dort teilte sie Barbara mit, dass ihre Mieterin - eine Frau namens Jemima Hastings - verschwunden sei, und wenn die Leiche, die man im Abney Park gefunden hatte, ein braunes und ein grünes Auge habe… Bella brach ab und versuchte, Barbaras Gesichtsausdruck zu lesen.

»Haben Sie ein Foto von der Frau?«

»Ja, ja, selbstverständlich«, sagte Bella. »Kommen Sie.« Sie ging voraus durch eine Tür am hinteren Ende des Wohnzimmers und in einen schmalen Flur, an dessen Ende die Hintertür zu sehen war. Vom Flur führte eine Treppe nach oben. Unter der Treppe befand sich eine weitere Tür, die bislang vor ihren Blicken verborgen gewesen war. An dieser Tür hing ein Poster. Trotz der schwachen Beleuchtung konnte Barbara erkennen, dass es sich um das Schwarz-Weiß-Foto einer jungen Frau handelte, der der Wind das helle Haar ins Gesicht wehte. Hinter ihr war unscharf ein Teil eines Löwenkopfs zu sehen. Der Löwe war aus Marmor, mit schwarzen Streifen vom Regen, und er schlief. Bei dem Poster handelte es sich um ein Werbeplakat für das Cadbury-Fotoporträt des Jahres. Offenbar ging es um eine Art Fotowettbewerb. Die Siegerfotos waren derzeit in einer Ausstellung in der National Portrait Gallery am Trafalgar Square zu sehen.

»Und? Ist es Jemima?«, fragte Bella McHaggis. »Es passt überhaupt nicht zu ihr, einfach wegzufahren, ohne hier jemandem Bescheid zu sagen. Als ich den Artikel im Evening Standard gelesen habe, da dachte ich mir, also, wenn die Tote solche Augen hatte - zwei verschiedene Farben…« Als Barbara sich zu ihr umdrehte, verstummte sie.

»Ich würde mir gern ihr Zimmer ansehen.«

Bella stieß eine Mischung aus Seufzer und Aufschrei aus.

»Ich bin mir noch nicht ganz sicher, Mrs. McHaggis«, behauptete Barbara beschwichtigend.

»Es ist einfach so, dass sie nach einer Weile irgendwie zur Familie gehören«, flüsterte Bella. »Die meisten meiner Mieter… «

»Sie haben also mehrere? Ich möchte mit ihnen allen sprechen.«

»Sie sind im Moment nicht da. Sie sind auf der Arbeit, wissen Sie? Es sind nur zwei. Außer Jemima, meine ich. Junge Männer. Wirklich nette junge Männer.«

»Kann es sein, dass sie mit einem der beiden ein Verhältnis hatte?«

Bella schüttelte energisch den Kopf. »Gegen die Hausordnung. Ich mag es nicht, wenn meine Herren und Damen allzu vertrauten Umgang miteinander pflegen, solange sie unter meinem Dach wohnen. Anfangs habe ich es nicht verboten, als ich nach dem Tod von Mr. McHaggis angefangen habe, Zimmer zu vermieten. Aber dann habe ich festgestellt…« Sie betrachtete das Poster an der Tür. »Ich habe festgestellt, dass alles unnötig kompliziert wird, wenn meine Mieter… sagen wir mal, wenn sie fraternisieren. Unausgesprochene Spannungen, möglicherweise Trennungen, Eifersucht, Tränen. Streitereien am Frühstückstisch. Also habe ich die Regel eingeführt.«

»Und wie stellen Sie fest, ob Ihre Mieter sich daran halten?«

»Glauben Sie mir«, sagte Bella. »Ich erfahre es.«

Barbara fragte sich, ob das bedeutete, dass sie die Laken inspizierte. »Aber ich nehme doch an, dass Jemima mit den beiden anderen Mietern bekannt war.«

»Selbstverständlich. Vor allem mit Paolo, würde ich sagen. Er hat sie schließlich mitgebracht. Paolo di Fazio. Gebürtiger Italiener, aber da würden Sie nie drauf kommen. Überhaupt kein Akzent. Und keine… Na ja, keine merkwürdigen italienischen Angewohnheiten, wenn Sie wissen, was ich meine.«

Barbara wusste es nicht, aber sie nickte. Was für italienische Angewohnheiten konnten das sein? Weetabix mit Tomatensoße?

»… das Zimmer neben ihr«, erklärte Bella gerade. »Sie hat in einem Laden irgendwo in Covent Garden gearbeitet, und Paolo hat einen Stand in der Jubilee Market Hall. Ich hatte ein Zimmer frei, suchte einen Mieter. Ich wollte am liebsten eine Frau, und er wusste, dass sie ein Zimmer suchte.«

»Und der andere Mieter?«

»Frazer Chaplin. Er wohnt im Souterrain.« Sie deutete mit einer Kopfbewegung auf die Tür, an der das Poster hing.

»Ach, das ist seins? Das Poster?«

»Nein. Das ist nur die Tür, die zu seinem Zimmer führt. Sie hat mir das Poster geschenkt. Jemima, meine ich. Ich glaube, sie war nicht besonders begeistert, als ich es hier aufgehängt habe, wo es keiner sieht. Aber… Na ja, so ist das nun mal. Es gab einfach nirgendwo anders Platz dafür.«

Barbara wunderte sich. Sie hatte den Eindruck, dass es reichlich Platz gab, trotz der Unmengen an Hinweisschildern. Sie warf einen letzten kurzen Blick auf das Poster und bat noch einmal darum, Jemima Hastings' Zimmer sehen zu dürfen. Die Frau sah tatsächlich so aus wie die junge Frau, deren Autopsiefotos Isabelle Ardery am Morgen im Besprechungsraum aufgehängt hatte. Und wie immer war es erschütternd, den Unterschied zwischen einem lebenden und einem toten Gesicht zu sehen.

Sie folgte Bella in den ersten Stock, wo Jemima das Zimmer bewohnt hatte, das zur Straße hin lag. Paolos Zimmer befinde sich am anderen Ende des Flurs im hinteren Teil des Hauses, sagte Bella. Sie selbst wohne im zweiten Stock.

Sie öffnete die Tür. Sie war unverschlossen. Auch von innen steckte kein Schlüssel. Was nicht bedeuten musste, dass es im Zimmer keinen Schlüssel gab, dachte Barbara. Ihn zu finden, wäre allerdings eine Aufgabe, die dem Ausmisten des Augiasstalls gleichkäme.

»Sie hatte etwas von einem Hamsterer«, bemerkte Bella.

Sie hätte wohl auch von Noah behauptet, er hätte etwas von einem Bootsbauer. Denn Barbara hatte noch nie ein derart vollgemülltes Zimmer gesehen, und es war nicht mal klein. Klamotten lagen auf dem ungemachten Bett, auf dem Fußboden und in den offenen Kommodenschubladen; überall Zeitschriften, Boulevardzeitungen, Stadtpläne, Broschüren und Handzettel, ein Durcheinander aus Spielkarten, Visitenkarten und Postkarten, stapelweise Fotos, die mit Gummibändern zusammengehalten wurden…

»Wie lange hat sie hier gewohnt?«, fragte Barbara. Es schien ihr unvorstellbar, dass jemand in weniger als fünf Jahren so viel Kram anhäufen konnte.

»Fast sieben Monate«, sagte Bella. »Ich habe sie darauf angesprochen. Sie meinte, sie würde irgendwann aufräumen, aber ich glaube…«

Barbara sah die Frau an. Sie hatte nachdenklich die Oberlippe eingezogen. »Ja?«, fragte Barbara.

»Ich glaube, sie hat eine Art Trost darin gefunden. Sie konnte sich einfach von nichts trennen.«

»Tja, hm.« Barbara seufzte. »Das muss natürlich alles durchgesehen werden.« Sie nahm ihr Handy aus der Tasche und klappte es auf. »Ich werde Verstärkung anfordern müssen«, erklärte sie Bella.

Lynley nahm den Wagen als Vorwand, denn das war das Einfachste, was er sich selbst und Charlie Denton einreden konnte. Nicht dass er sich verpflichtet fühlte, Denton über seine Aktivitäten zu informieren, aber er wusste, dass der junge Mann sich immer noch wegen seines Gemütszustands sorgte. Also ging er in die Küche, wo Denton gerade seine außerordentlichen Kochkünste darauf verwendete, eine Fischmarinade zuzubereiten, und sagte: »Ich bin kurz weg, Charlie. Ich fahre für etwa eine Stunde nach Chelsea.« Ihm entging nicht das freudige Leuchten, das kurz in Dentons Augen aufblitzte. Chelsea konnte alles Mögliche bedeuten, aber Denton würde sich denken können, dass nur ein Grund Lynley aus Belgravia fortlocken konnte. Er fügte hinzu: »Ich will ein bisschen mit meinem neuen Wagen angeben«, und Denton sagte: »Dann fahren Sie hübsch vorsichtig. Nicht dass der schöne neue Lack eine Schramme abkriegt.«

Lynley versprach, alles Nötige zu beachten, um eine derartige Tragödie zu vermeiden. Dann ging er zum Nebengebäude, wo das Auto stand, das er als Ersatz für den Bentley gekauft hatte, den Barbara Havers fünf Monate zuvor zu Schrott gefahren hatte. Er schloss das Garagentor auf, und da stand es, und tatsächlich empfand er einen Anflug von Besitzerstolz beim Anblick des kupferfarbenen Prachtstücks. Es hatte vier Räder und war letztlich nichts weiter als ein Fahrzeug. Aber es gab Fahrzeuge und Automobile, und dies hier war eindeutig ein Automobil. Der Healey Elliott gab ihm etwas, worüber er beim Fahren nachdenken konnte und das ihn von den Themen ablenkte, über die er lieber nicht nachdenken wollte. Das war einer der Gründe gewesen, warum er sich zu dem Kauf entschlossen hatte. Man musste sich zum Beispiel überlegen, wo man den Wagen parkte und welche Strecke man von A nach B zurücklegte, um Zusammenstöße mit Radfahrern, Taxis oder Bussen zu vermeiden oder mit Fußgängern, die Rollkoffer hinter sich herzogen, ohne auf ihren Weg zu achten.

Außerdem musste man so ein Automobil sauber halten und darauf achten, dass man es in weniger zivilisierten Gegenden stets in Sichtweite parkte. Man musste den Ölstand sorgsam überwachen und dafür sorgen, dass die Zündkerzen in praktisch keimfreiem Zustand blieben, man musste bei den Rädern regelmäßig die Spur und den Reifendruck überprüfen lassen. Ein typischer englischer Oldtimer also, der permanente Umsicht und ebensolche Wartung verlangte, kurz: Es war genau das, was er in dieser kritischen Phase seines Lebens brauchte.

Von Belgravia nach Chelsea hätte er genauso gut zu Fuß gehen können, trotz der Hitze und der vielen Einkaufsbummler auf der King's Road. Kaum zehn Minuten nachdem er sein Haus verlassen hatte, kroch er im Schneckentempo über die Cheyne Row, guter Dinge, in der Nähe der Ecke Lordship Place einen Parkplatz zu finden. Das Glück wollte es, dass am King's Head and Eight Bells gerade ein Lieferwagen wegfuhr, sodass er direkt vor dem Pub parken konnte. Auf dem Weg zu dem hohen Backsteinhaus an der Ecke Lordship Place und Cheyne Row hörte er, wie eine Frau seinen Namen rief: »Tommy! Hallo!«

Die Stimme kam aus der Richtung des Pubs, wo seine Freunde gerade um die Ecke des Cheyne Walk bogen. Wahrscheinlich hatten sie einen Spaziergang am Themse-Ufer gemacht, dachte er, denn Simon St. James trug Peach auf dem Arm - eine Langhaardackelhündin, die Hitze ebenso wenig ausstehen konnte wie ausgedehnte Spaziergänge -, während seine Frau Deborah sich bei ihm untergehakt hatte, in der Hand ihre Sandalen, die sie an den Riemchen schlenkerte.

»Verbrennst du dir auf dem Asphalt nicht die Füße?«, rief er ihr zu.

»Doch«, gab sie gut gelaunt zu. »Ich wollte, dass Simon mich trägt, aber als er sich zwischen Peach und mir entscheiden musste, hat der Mistkerl Peach den Vorrang gegeben.«

»Ein eindeutiger Scheidungsgrund«, lachte Lynley. Peach, die ihn sofort erkannte, zappelte in St. James' Armen, um auf die Erde gesetzt zu werden, damit sie an Lynley hochspringen und verlangen konnte, dass er sie auf den Arm nahm. Sie bellte, wedelte mit dem Schwanz und sprang aufgeregt auf und ab, während er St. James die Hand schüttelte und sich von Deborah herzlich umarmen ließ.

»Hallo, Deb«, sagte er in ihr Haar.

»Ach, Tommy!« Sie trat einen Schritt zurück und nahm den Dackel hoch, der zappelte und bellte und nach Aufmerksamkeit heischte. »Du siehst richtig gut aus. Wie schön, dich zu sehen! Simon, sieht Tommy nicht blendend aus?«

»Beinahe so gut wie sein Auto.« St. James war zu dem Wagen hinübergegangen, um ihn näher in Augenschein zu nehmen, und stieß einen anerkennenden Pfiff aus. »Hast du den mitgebracht, um damit anzugeben?«, fragte er. »Schickes Gefährt! Baujahr achtundvierzig?«

St. James war seit Langem ein Liebhaber von Oldtimern. Er selbst fuhr einen alten MG, den er hatte umbauen lassen, um ihn mit seinem steifen Bein fahren zu können. Es war ein TD classic, Baujahr circa fünfündfünfzig, aber der noch ältere Healey Elliott mit seiner außergewöhnlichen Form war noch seltener und ein wahrhafter Blickfang.

St. James schüttelte den Kopf - sein dunkles Haar war wie immer zu lang, und wahrscheinlich lag Deborah ihm täglich in den Ohren, er solle gefälligst zum Friseur gehen. Er seufzte wehmütig. »Wo hast du ihn aufgetrieben?«

»In Exeter«, sagte Lynley. »Ich hatte eine Anzeige gelesen. Der arme Kerl hat Jahre darauf verwendet, den Wagen zu restaurieren, aber seine Frau war eifersüchtig auf sein Spielzeug …«

»Absolut verständlich«, bemerkte Deborah spitz.

»… und hat so lange gemeckert, bis er sich entschlossen hat, sich davon zu trennen.«

»Absoluter Wahnsinn«, murmelte St. James.

»Ja. Hm. Und da stand ich praktischerweise da mit Bargeld in der Hand und vor mir ein Healey Elliott.«

»Wir waren übrigens in Ranelagh Gardens, um über Adoptionsmöglichkeiten zu sprechen«, sagte St. James. »Da kommen wir gerade her. Aber soll ich dir mal was sagen? Die ganzen Babys können mir gestohlen bleiben! Viel lieber würde ich dieses Auto adoptieren.«

Lynley lachte.

»Simon!«, rief Deborah empört.

»So sind Männer nun mal, mein Herz«, sagte St. James. Dann wandte er sich wieder an Lynley. »Seit wann bist du wieder zurück, Tommy? Komm rein! Wir hatten gerade überlegt, uns im Garten einen Drink zu genehmigen. Willst du auch einen?«

»Wozu haben wir denn den Sommer?«, erwiderte Lynley. Er folgte ihnen ins Haus, wo Deborah den Dackel absetzte, der schnurstracks in die Küche flitzte, um nachzusehen, ob sein Napf etwas Fressbares enthielt. »Seit zwei Wochen«, sagte er zu St. James.

»Seit zwei Wochen?«, wiederholte Deborah. »Und du hast nicht angerufen? Tommy, weiß sonst noch irgendjemand, dass du wieder da bist?«

»Denton hat es nicht an die große Glocke gehängt, falls du das meinst«, entgegnete Lynley trocken. »Aber nur, weil ich ihn darum gebeten habe. Er hätte Flugzeugbanner gemietet, wenn ich ihn gelassen hätte.«

»Er ist bestimmt auch froh, dass du wieder da bist. Wir freuen uns jedenfalls sehr, dass du zurück bist! Hier gehörst du hin.« Sie drückte kurz seine Hand, rief laut nach ihrem Vater, warf ihre Sandalen in Richtung Garderobe und sagte: »Ich bitte Dad, uns einen Pimm's zu machen, einverstanden?« Sie ging in dieselbe Richtung, in die der Dackel verschwunden war: in die nach hinten gelegene Souterrainküche.

Lynley sah ihr nach. Er hatte ganz vergessen, wie es war, eine Frau um sich zu haben, die einem vertraut war. Deborah St. James hatte zwar keinerlei Ähnlichkeit mit Helen, aber sie sprühte genauso vor Energie und Lebendigkeit. Die Erkenntnis traf ihn so heftig, dass es ihm fast den Atem raubte.

»Komm, wir gehen nach draußen«, sagte St. James.

»Danke.« Wie gut sein alter Freund seine Gedanken erriet, dachte Lynley.

Sie setzten sich auf abgenutzte Korbstühle, die unter einer Zierkirsche um einen kleinen Tisch herumstanden. Kurz darauf brachte Deborah auf einem Tablett eine Karaffe Pimm's, einen kleinen Kübel mit Eis und Gläser mit den obligaten Gurkenscheiben. Peach folgte ihr auf den Fersen, und dann tauchte auch noch Alaska auf, der große graue Hauskater, der um die Blumenbeete strich und Fantasiemäuse jagte.

Um sie herum waren die typischen Geräusche des sommerlichen Chelsea zu hören: in der Ferne die Autos, die am Embankment entlangrasten, Spatzengezwitscher in den Bäumen und die Stimmen und das Gelächter der Leute im Nachbargarten. Der Duft von Grillfleisch lag in der Luft, und die Sonne heizte die Erde immer mehr auf.

»Ich habe unerwartet Besuch bekommen«, sagte Lynley. »Und zwar von Acting Superintendent Isabelle Ardery.« Er berichtete von Arderys Bitte und von seiner Unentschlossenheit.

»Was wirst du tun?«, fragte St. James. »Es wäre vielleicht ein guter Zeitpunkt, Tommy.«

Lynley betrachtete die Blumenbeete entlang der Backsteinmauer, die den Garten säumte. Jemand - Deborah, wie er vermutete - hatte ihnen viel Pflege angedeihen lassen, wahrscheinlich indem sie das Spülwasser wiederverwendet hatte. Die Beete sahen besser aus als in der Vergangenheit, sie strotzten vor Leben und Farbe.

»Ich habe es geschafft, das Kinderzimmer in Howenstow auszuräumen, und ich habe die Freizeitkleidung weggegeben, die sie dort aufbewahrte. Das Kinderzimmer hier habe ich auch schon teilweise leer geräumt. Aber ich bringe es nicht fertig, ihre Sachen hier in London anzurühren. Als ich vor zwei Wochen zurückgekommen bin, dachte ich, ich wäre so weit, aber offenbar war das ein Irrtum.« Er trank einen Schluck von seinem Pimm's und ließ seinen Blick zu der Gartenmauer wandern, an der eine Clemads mit einer Unmenge lavendelfarbener Blüten emporrankte. »Es ist alles noch da, im Kleiderschrank und in der Kommode. Auch im Bad: ihre Kosmetika, ihre Parfüms. In ihrer Haarbürste sind noch ihre Haare… Sie waren so dunkel, mit einem leichten Rotton.«

»Ja«, sagte St. James. Lynley hörte es an Simons Stimme: die tiefe Trauer, die St. James sich zu zeigen versagte, weil er glaubte, dass Lynleys Trauer viel größer sein musste, und das trotz der Tatsache, dass auch St. James Helen innigst geliebt und einmal vorgehabt hatte, sie zu heiraten.

»Mein Gott, Simon…«

Aber St. James fiel ihm ins Wort: »Es braucht seine Zeit.«

»Natürlich«, sagte Deborah und blickte von einem zum anderen, und Lynley erkannte, dass auch sie Bescheid wusste. Er musste daran denken, wie ein sinnloser Akt der Gewalt so viele Menschen in Mitleidenschaft gezogen hatte und dass sie drei jetzt hier im Garten saßen und keiner es wagte, ihren Namen auszusprechen.

Die Küchentür ging auf, und sie wandten die Köpfe, um zu sehen, wer da aus dem Haus kam. Es war Deborahs Vater, der seit langen Jahren den Haushalt führte und seit genauso langen Jahren in St. James' Diensten stand. Lynley dachte schon, er wollte sich zu ihnen gesellen, doch stattdessen sagte Joseph Cotter zu Deborah: »Noch mehr Besuch, Liebes. Ich wusste nicht…« Er neigte den Kopf kaum merklich in Lynleys Richtung.

»Bitte«, sagte Lynley, »schicken Sie meinetwegen niemanden weg, Joseph!«

»In Ordnung«, sagte Cotter, und an Deborah gewandt: »Ich dachte nur, seine Lordschaft würde vielleicht nicht…«

»Wieso? Wer ist es denn?«, fragte Deborah.

»Detective Sergeant Havers«, erwiderte Cotter. »Ich weiß nicht, was sie möchte, Liebes, aber sie würde dich gern sprechen.«

Der Letzte, den Barbara im Garten der St. James' anzutreffen erwartet hatte, war ihr ehemaliger Partner. Aber da saß er, und sie brauchte nur wenige Sekunden, um zu wissen: Die Luxuskarosse draußen gehörte ihm. Völlig klar. Das Auto passte zu ihm, und er passte zu dem Auto.

Lynley sah viel besser aus als vor zwei Monaten in Cornwall, wo sie ihn zuletzt gesehen hatte. Da war er das wandelnde Elend gewesen. Jetzt wirkte er eher wie das wandelnde Grübeln.

»Sir. Sind Sie nur wieder da, oder sind Sie wieder richtig da?«

Lynley lächelte. »Im Moment bin ich nur wieder da.«

»Aha.« Sie war enttäuscht, und sie wusste, dass man es ihr ansah. »Tja«, sagte sie. »Ein Schritt nach dem anderen. Haben Sie die Küstenwanderung beendet?«

»Ja«, sagte er. »Ohne weitere Vorkommnisse.«

Deborah bot Barbara einen Pimm's an, den sie liebend gern genommen oder sich vielmehr über den Kopf geschüttet hätte, denn bei der Hitze kochte sie in ihren Klamotten, und sie verfluchte Isabelle Ardery einmal mehr für die Anweisung, ihren Kleidungsstil zu ändern. Bei dieser Affenhitze wären eine Leinenhose mit Gummizug und ein weites T-Shirt das einzig Richtige. Stattdessen trug sie einen Rock, eine Strumpfhose und eine Bluse, Ausbeute eines weiteren Einkaufsbummels mit Hadiyyah, der allerdings wesentlich schneller über die Bühne gegangen war, weil Hadiyyah unerbittlich gewesen war, was Barbara vielleicht nicht gerade gefügig, aber letztlich mürbe gemacht hatte. Gott sei Dank hatte ihre kleine Freundin wenigstens eine Bluse ohne Schleife ausgesucht.

Sie sagte zu Deborah: »Danke, nicht im Dienst. Ich bin nämlich eigentlich dienstlich hier.«

»Wirklich?« Deborah sah zuerst ihren Mann, dann Barbara an. »Wollen Sie mit Simon sprechen?«

»Nein, mit Ihnen.« In der Nähe des Tischs stand ein vierter Stuhl, den Barbara heranzog. Sie spürte Lynleys Blick, und sie wusste, was er dachte. Sie kannte ihn nur zu gut. »Es war ein Befehl, sozusagen. Na ja, eher eine dringende Empfehlung«, erklärte sie ihm. »Sonst war das nie passiert, glauben Sie mir.«

»Ah«, sagte Lynley. »Ich habe mich schon gewundert. Und wer hat diese Empfehlung sozusagen ausgesprochen?«

»Die neueste Bewerberin für Webberlys alten Job. Ihr gefiel meine Aufmachung nicht. Sie fand sie unprofessionell. Sie hat mir gesagt, ich soll mir etwas Ordentliches zum Anziehen kaufen.«

»Verstehe.«

»Sie ist aus Maidstone. Isabelle Ardery, diese…«

»DI aus der Abteilung Brandstiftung.«

»Sie erinnern sich also. Alle Achtung! Jedenfalls war es ihre Idee, dass ich aussehen sollte wie… Was weiß ich. Jetzt seh ich halt so aus.«

»Hm. Verzeihen Sie die Frage, Barbara, aber kann es sein, dass Sie…«

»Dass ich Schminke aufgelegt habe?«, fragte sie. »Läuft sie mir schon das Gesicht runter? Na ja, bei der Hitze - und wo ich noch dazu keinen Schimmer hab, wie man das Zeug benutzt…«

»Sie sehen großartig aus, Barbara.«

Deborah wollte sie bloß aufbauen, dachte Barbara. Sie selbst trug keine Spur Make-up auf ihrer sommersprossigen Haut, und sie hatte im Gegensatz zu Barbara eine rote Lockenmähne, die ihr selbst in dem üblichen zerzausten Zustand außergewöhnlich gut stand.

»Danke«, sagte Barbara. »Ich seh aus wie ein Clown, und es wird noch schlimmer kommen. Aber darüber werde ich mich jetzt nicht auslassen.« Sie hievte ihre Umhängetasche auf den Schoß und pustete nach oben, um sich das Gesicht zu kühlen. Unter dem Arm hatte sie ein zusammengerolltes Poster von der Cadbury-Ausstellung: das Fotoporträt des Jahres, das sie hinter Jemima Hastings' Tür entdeckt hatte, als sie deren Zimmer in Augenschein genommen hatte. Die gute Beleuchtung hatte es ihr erlaubt, sowohl das Foto als auch den Text darunter genauer unter die Lupe zu nehmen, und die so gewonnenen Informationen hatten Barbara nach Chelsea geführt.

»Ich hab hier was, auf das Sie bitte einen Blick werfen möchten«, sagte sie und rollte das Poster aus, damit Deborah es sich ansehen konnte.

Als Deborah erkannte, worum es sich handelte, lächelte sie. »Haben Sie die Ausstellung in der Portrait Gallery besucht?« Dann wandte sie sich an Lynley und erzählte ihm, was er in seiner Abwesenheit verpasst hatte, nämlich dass sie an einem Fotowettbewerb teilgenommen hatte und dass ihr Beitrag als eines von sechs Porträts ausgewählt worden war, die Werbeplakate für die Ausstellung zu zieren. »Die Bilder hängen immer noch«, sagte sie. »Leider habe ich nicht gewonnen. Die Konkurrenz war überwältigend. Aber es hat mich wahnsinnig gefreut, dass mein Porträt zu den sechzig gehört, die jetzt ausgestellt werden. Sie…« - Deborah wies mit einer Kopfbewegung auf das Poster - »wurde ausgewählt für die Poster und Postkarten, die im Souvenirladen verkauft werden. Ich war völlig aus dem Häuschen, als ich davon erfahren habe, stimmt's, Simon?«

»Deborahs Telefon hat gar nicht mehr aufgehört zu klingeln«, sagte St. James. »Alle möglichen Leute wollten ihre Arbeiten sehen.«

Deborah lachte. »Er übertreibt mal wieder! Es war ein Anruf von einem Mann, der wissen wollte, ob ich daran interessiert wäre, für ein Kochbuch, das seine Frau schreibt, die Fotos beizusteuern.«

»Klingt doch prima«, bemerkte Barbara. »Aber alles, was mit Essen zu tun hat, na ja…«

»Großartiges Foto, Deborah.« Lynley beugte sich vor, um das Poster zu betrachten. »Wer ist das Modell?«

»Sie heißt Jemima Hastings«, klärte ihn Barbara auf, und dann fragte sie Deborah: »Wie haben Sie sie kennengelernt?«

»Sidney, Simons Schwester… Ich suchte nach einem Modell für den Fotowettbewerb, und erst dachte ich, Sidney wäre die perfekte Kandidatin, weil sie doch so viel Erfahrung damit hat. Ich habe ein paar Aufnahmen von ihr gemacht, aber die Bilder wirkten zu professionell. So wie Sidney in die Kamera schaut, wie sie ihre Kleidung zur Geltung bringt, anstatt sich als Person ins Bild zu setzen… Jedenfalls war ich nicht zufrieden mit dem Ergebnis, und ich habe mich auf die Suche nach einer Alternative gemacht, als Sidney auf einmal mit Jemima im Schlepptau aufkreuzte.« Deborah runzelte die Stirn, weil ihr plötzlich ein Licht aufzugehen schien. Vorsichtig fragte sie: »Worum geht es eigentlich, Barbara?«

»Sie wurde ermordet. Dieses Poster hab ich aus ihrem Zimmer.«

»Ermordet?«, wiederholte Deborah, und auch Lynley und St. James waren mit einem Mal hochaufmerksam. »Ermordet, Barbara? Wann? Wo?«

Barbara berichtete ihnen von dem Fund der Leiche. Als die anderen drei Blicke austauschten, registrierte sie dies sofort.

»Was ist? Wissen Sie irgendwas?«

»Abney Park«, sagte Deborah. »Dort habe ich die Fotos aufgenommen. Hier!« Sie zeigte auf den verwitterten Löwenkopf, der hinter dem Modell zu sehen war. »Das ist eine der Skulpturen auf dem Friedhof. Jemima war vorher noch nie dort gewesen. Das hat sie uns jedenfalls erzählt.«

»Uns?«

»Sidney hat uns begleitet. Sie wollte zusehen.«

»Verstehe. Tja, sie ist noch mal hingefahren«, sagte Barbara. »Jemima, mein ich.« Sie enthüllte noch ein paar Einzelheiten, gerade genug, um sie alle ins Bild zu setzen. Dann sagte sie zu Simon: »Wo ist sie im Moment? Wir werden uns mit ihr unterhalten müssen.«

»Sidney? Sie wohnt in Bethnal Green, in der Nähe der Columbia Road.«

»Am Blumenmarkt«, fügte Deborah hinzu.

»Mit ihrem neuesten Lebensgefährten«, sagte Simon trocken.

»Unsere Mutter - ganz zu schweigen von Sid - hofft, dass er auch der endgültige Lebensgefährte bleibt, aber ehrlich gesagt, sieht es nicht danach aus.«

»Sie steht eben auf dunkle, gefährliche Typen«, sagte Deborah zu ihrem Mann.

»Nachdem sie in ihrer Jugend zahllose Liebesromane verschlungen hat. Ja, ich weiß.«

»Ich brauchte ihre Adresse«, sagte Barbara.

»Ich hoffe, Sie glauben nicht, dass Sid…«

»Sie kennen ja das Prozedere. Jede denkbare Spur und so weiter.« Sie rollte das Poster wieder auf und blickte in die Runde. Irgendetwas war da im Busch. »Nachdem Sidney sie angeschleppt hatte und Sie die Fotos geschossen hatten, haben Sie sie noch mal gesehen?«

»Sie kam zur Ausstellungseröffnung in die Portrait Gallery. Alle Modelle waren dazu eingeladen.«

»Ist dort irgendwas vorgefallen?«

Deborah sah Hilfe suchend ihren Mann an. Simon schüttelte den Kopf und zuckte die Achseln. Sie sagte: »Nein. Nicht dass ich… Na ja, ich glaube, sie hat ein bisschen zu viel Champagner getrunken, aber sie hatte einen Mann bei sich, der sie nach Hause begleitet hat. Das ist wirklich alles…«

»Einen Mann? Kennen Sie seinen Namen?«

»Nein, den habe ich vergessen. Ich wusste ja nicht, dass ich ihn… Simon, erinnerst du dich noch an seinen Namen?«

»Ich weiß nur noch, dass er dunkelhaarig war. Und daran erinnere ich mich hauptsächlich wegen…« Er zögerte. Offenbar behagte ihm der Gedanke nicht.

Barbara beendete den Satz für ihn. »Wegen Sidney? Sagten Sie nicht, sie steht auf dunkle, gefährliche Typen?«

Bella McHaggis hatte noch nie einen Toten identifizieren müssen. Natürlich hatte sie schon Tote gesehen. Im Fall des verstorbenen Mr. McHaggis hatte sie, ehe sie die Polizei verständigte, sogar die Todesumstände verfälscht, um den Ruf des armen Mannes zu schützen. Aber noch nie war sie in einen Raum geführt worden, in dem unter einem Laken das Opfer eines Gewaltverbrechens lag.

Nachdem sie die Leiche identifiziert hatte, war sie bestrebt, alles Erdenkliche zu unternehmen, um das Bild aus ihrem Gedächtnis zu löschen.

Jemima Hastings - es gab nicht den geringsten Zweifel daran, dass sie es war - hatte auf einer Bahre gelegen, eine dicke Schicht Verbandmull um den Hals, als hätte man ihr gegen die Kälte in dem Raum einen warmen Schal umgelegt. Bella hatte daraus geschlossen, dass man dem Mädchen die Kehle durchgeschnitten hatte, aber als sie gefragt hatte, ob dies der Fall sei, war die Antwort eine Gegenfrage gewesen: »Erkennen Sie sie?« Ja, ja, hatte Bella gesagt. »Ja natürlich, das ist Jemima.« Sie hatte es sofort gewusst, als diese Polizistin zu ihr gekommen war und das Poster betrachtet hatte. Die Polizistin - ihr Name war Bella entfallen - hatte sich durch ihren Gesichtsausdruck verraten, und da war Bella klar gewesen, dass es sich bei der Toten auf dem Friedhof tatsächlich um ihre vermisste Mieterin handelte.

Um die Bilder aus ihrem Kopf zu verscheuchen, machte Bella sich an die Arbeit. Sie hätte auch zur Yogastunde gehen können, aber Arbeit schien ihr die geeignetere Methode zu sein. Auf diese Weise würde sie sich von dem Bild der armen toten Jemima auf dem kalten Stahltisch ablenken und gleichzeitig Jemimas Zimmer für eine neue Mieterin herrichten können, jetzt da die Polizei Jemimas Habseligkeiten mitgenommen hatte. Und Bella wollte möglichst schnell eine neue Mieterin finden, obwohl sie zugegebenermaßen bislang nicht viel Glück mit dem zarten Geschlecht gehabt hatte.

Dennoch wollte sie eine Frau. Eine zweite Frau im Haus sorgte für ein gewisses Gleichgewicht, auch wenn Frauen wesentlich komplizierter waren als Männer. Sie überlegte kurz, ob ein weiterer Mann ihr das Leben leichter machen und dafür sorgen würde, dass die anderen beiden aufhörten, sich derart aufzuplustern. Sich aufplustern und herumstolzieren, genau das taten sie nämlich. Sie taten es unbewusst, wie Hähne, wie Pfauen, wie praktisch jedes Männchen einer jeden Spezies. Im Prinzip amüsierte sie dieser permanente Balztanz, aber nichtsdestotrotz musste sie sich Gedanken darüber machen, ob es nicht für alle Beteiligten einfacher wäre, wenn sie ihren gemeinsamen Haushalt von der Notwendigkeit dazu befreite.

Nach der Identifizierung von Jemimas Leiche hatte sie ihr »Zimmer zu vermieten«-Schild ins Wohnzimmerfenster gehängt und bei Loot angerufen, um eine Anzeige aufzugeben. Dann war sie in Jemimas Zimmer gegangen und hatte es einer gründlichen Reinigung unterzogen.

Da die Polizei all ihre Habe in Kisten und Kartons abtransportiert hatte, dauerte es nicht allzu lange. Staub saugen, Staub wischen, frisches Bettzeug aufziehen, ein bisschen Möbelpolitur, Fenster putzen - Bella war besonders stolz auf den makellosen Zustand ihrer Fenster -, das parfümierte Schrankpapier durch frisches ersetzen, die Gardinen und Vorhänge in die Reinigung bringen, alle Möbel von den Wänden rücken, um dahinter zu kommen… Niemand, dachte Bella, reinigte ein Zimmer so gründlich wie sie.

Als Nächstes nahm sie sich das Bad vor. Im Allgemeinen überließ sie dessen Reinigung ihren Mietern, aber wenn das Zimmer bald wieder einen neuen Bewohner haben sollte, dann mussten auch die restlichen Sachen von Jemima, die die Polizei nicht mitgenommen hatte, von den Regalen und aus den Schubladen verschwinden. Sie hatten im Bad die eine oder andere Kleinigkeit übersehen, weil da ja auch die Sachen der anderen Mieter standen. Bella ging sicherheitshalber alles noch einmal durch. Und so kam es, dass sie - nicht in Jemimas Schublade, sondern in der darüber, die einem anderen Mieter zugewiesen war - einen merkwürdigen Gegenstand entdeckte, der dort weiß Gott nicht hingehörte.

Ein Schwangerschaftstest. Bella wusste es in der Sekunde, als ihr Blick darauf fiel. Ob das Resultat positiv oder negativ war, konnte sie nicht sagen, da sie selbst nie einen solchen Test benutzt hatte. Ihre Kinder - die längst nach Detroit und Buenos Aires ausgewandert waren - hatten sich auf die altmodische Art angekündigt, nämlich durch fürchterliche Übelkeit, die fast mit dem Tag eingesetzt hatte, als Sperma und Ei sich vereinigt hatten, was ebenfalls auf die altmodische Art in die Wege geleitet worden war, Mr. McHaggis sei's gedankt.

Als Bella das verdächtige Plastikröhrchen aus der Schublade nahm, wusste sie also nicht, was die Anzeige besagte. Eine blaue Linie. War das negativ? Oder positiv? Sie würde es in Erfahrung bringen müssen. Außerdem musste sie herausfinden, was das Röhrchen in der Schublade des anderen Mieters zu suchen hatte. Er hatte es garantiert nicht von einem Essen zur Feier des Ereignisses oder von einem Streit in einem Café mit der zukünftigen Mutter mit nach Hause gebracht. Wenn eine Frau, die er vögelte, schwanger geworden war und ihn mit dem Beweis konfrontiert hatte, warum sollte er diesen aufbewahren? Als Souvenir etwa? War das zu erwartende Kind nicht Souvenir genug? Nein, es war anzunehmen, dass der Schwangerschaftstest von Jemima stammte. Und wenn er sich nicht unter Jemimas Sachen und auch nicht in Jemimas Abfall befunden hatte, dann musste es dafür einen Grund geben. Mehrere Möglichkeiten drängten sich auf, aber eine, die Bella vorerst nicht in Betracht ziehen wollte, war der Verdacht, dass zum wiederholten Mal zwei ihrer Mieter sie in Bezug auf ihr Verhältnis hinters Licht geführt hatten.

Verflixt und zugenäht, dachte Bella. Es gab schließlich eine Hausordnung! Sie hing überall! Sie war Bestandteil des Mietvertrags, den sie jeden Mieter lesen und unterschreiben ließ. Waren diese jungen Leute wirklich so lüstern, dass sie es nicht lassen konnten, miteinander ins Bett zu springen - trotz des ausdrücklichen Verbots, intime Beziehungen zu einem anderen Haushaltsmitglied zu unterhalten? Offenbar ja. Offenbar konnten sie es einfach nicht lassen. Sie würde mit jemandem ein ernstes Wort reden müssen.

Während Bella sich gedanklich auf dieses Gespräch vorbereitete, klingelte es an der Haustür. Sie sammelte ihre Putzsachen ein, streifte die Gummihandschuhe ab, stieß einen verärgerten Seufzer aus und ging nach unten. Es klingelte erneut, sie rief: »Ich komme!«, und als sie öffnete, stand eine junge Frau auf der Veranda, einen Rucksack zu ihren Füßen und einen hoffnungsvollen Ausdruck im Gesicht. Sie schien keine Engländerin zu sein, und als sie anhob zu sprechen, schloss Bella aus ihrem Akzent, dass sie aus der ehemaligen Tschechoslowakei stammen musste, aus jenem Land, das inzwischen wie so viele andere Länder irgendeinen unaussprechlichen Namen mit Gott weiß wie vielen Silben, noch mehr Konsonanten und umso weniger Vokalen hatte. Bella hatte es aufgegeben, sich die neuen Namen zu merken.

»Sie haben ein Zimmer frei?«, fragte die junge Frau und zeigte auf das Wohnzimmerfenster. »Ich habe Ihr Schild gesehen …«

Bella war drauf und dran zu sagen: Ja, sie habe ein Zimmer zu vermieten, aber wie sieht's bei Ihnen aus mit der Befolgung von Hausregeln, Missy? Doch dann wurde sie abgelenkt. Aus dem Augenwinkel sah sie, wie jemand sich hinter die spärlichen Sträucher duckte, die zwischen den Mülltonnen ihr Leben fristeten. Eine Frau versuchte, sich dort ihren Blicken zu entziehen. Trotz der Hitze trug sie ein maßgeschneidertes Wollkostüm und dazu ein bunt gemustertes Tuch - ihr vermaledeites Markenzeichen, dachte Bella -, das sie zu einem breiten Band gefaltet und sich um den Kopf gebunden hatte, um ihre rot gefärbte Mähne in Zaum zu halten.

»Sie da!«, rief Bella. »Ich rufe die Polizei! Ich habe Ihnen gesagt, Sie sollen sich von meinem Haus fernhalten. Jetzt reicht's!«

Vollkommen gleichgültig, ob es sie viel oder wenig Zeit kosten würde - und Barbara Havers war klar, dass sie mit Ersterem rechnen musste -, unter keinen Umständen würde sie der Schwester von Simon St. James in ihrem derzeitigen Aufzug unter die Augen treten, erst recht nicht mit einem Gesicht, das versuchte, sich durch exzessives Schwitzen von dem Make-up zu befreien, das sie am Morgen aufgelegt hatte. Also fuhr sie statt von Chelsea nach Bethnal Green erst einmal nach Chalk Farm. Zu Hause wusch sie sich das Gesicht und stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. Als Kompromiss trug sie einen Hauch Rouge auf. Dann zog sie sich um - Leinenhose und T-Shirt, Halleluja! -, und nachdem sie sich wieder in ihren üblichen, nachlässig gekleideten Zustand gebracht hatte, war sie bereit, Sidney St. James aufzusuchen.

Allerdings konnte sie sich nicht sofort auf den Weg zu Sidney machen. Denn als sie ihr Häuschen verließ, hörte sie Hadiyyah von oben rufen: »Barbara! Hallo, Barbara!«, als hätten sie sich seit Ewigkeiten nicht gesehen. »Mrs. Silver bringt mir heute bei, wie man Silber poliert«, fuhr das Mädchen begeistert fort, und als Barbara dem Klang der Stimme folgte, sah sie Hadiyyah, die sich aus einem Fenster im zweiten Stock des Vorderhauses lehnte. »Wir machen das mit Backpulver, Barbara«, verkündete sie. Dann drehte sie sich um, als drinnen jemand etwas zu ihr sagte, und korrigierte sich: »Nein, Backrorf, Barbara. Und weil Mrs. Silver gar kein Silber hat, nehmen wir ihr Besteck, und es glänzt richtig toll! Ist das nicht großartig? Warum hast du denn deinen neuen Rock nicht an, Barbara?«

»Feierabend, Kleine«, sagte Barbara. »Ich bin jetzt in Zivil.«

»Und gehst du…« Hadiyyahs Aufmerksamkeit wurde von etwas abgelenkt, das Barbara nicht sehen konnte, und dann rief sie: »Dad! Hallo, Dad! Soll ich jetzt nach Hause kommen?« Diese Aussicht schien sie noch mehr zu begeistern als das Gespräch mit Barbara, was einiges darüber aussagte, wie viel Spaß es ihr tatsächlich machte, eine weitere von Mrs. Silvers »hausfraulichen Fertigkeiten« zu erlernen, wie sie sie nannte. Im Lauf des Sommers hatten Stärken, Bügeln, Staubwischen, Staubsaugen, das Entkalken von Kloschüsseln und die zahllosen Möglichkeiten für den Einsatz von Essig auf dem Programm gestanden. Hadiyyah hatte brav alles gelernt, Barbara pflichtschuldigst davon berichtet und sowohl ihr als auch ihrem Vater Kostproben ihres Könnens gegeben. Aber das Erlernen dieser Fertigkeiten hatte den Reiz des Neuen eingebüßt - wie hätte es anders sein können, dachte Barbara. Zwar war Hadiyyah viel zu höflich und wohlerzogen, um sich bei der älteren Frau zu beklagen, aber konnte man es ihr verübeln, dass sie das Ende dieser Unterweisungen von Tag zu Tag ungeduldiger herbeisehnte?

Barbara hörte, wie Taymullah Azhar von der Straße aus antwortete, konnte jedoch nicht verstehen, was er sagte. Hadiyyah winkte ihr kurz zum Abschied und verschwand vom Fenster. Barbara setzte ihren Weg seitlich am Haus vorbei fort, und als sie aus dem Laubengang trat, der vom Duft von Sternjasmin erfüllt war, sah sie Hadiyyahs Vater gerade durch das Gartentörchen kommen, in einer Hand mehrere volle Plastiktüten, in der anderen seine abgegriffene lederne Aktentasche.

»Silber polieren!«, begrüßte Barbara ihn. »Ich hatte keine Ahnung, dass man angelaufenes Silber mit Backsoda wieder zum Glänzen bringt. Sie etwa?«

Azhar lachte. »Der Schatz an Haushaltstricks der guten Frau scheint unerschöpflich zu sein. Wenn ich dächte, dass Hadiyyah ihr Leben als Hausfrau verbringen würde, könnte ich keine bessere Lehrerin für sie finden. Übrigens hat sie auch schon gelernt, Scones zu backen. Habe ich Ihnen das schon erzählt?« Er machte eine Geste mit der Hand, in der er die Einkaufstüten hielt. »Wollen Sie mit uns zu Abend essen, Barbara? Es gibt Chicken Jalfrezi mit Pilaw-Reis. Wenn ich mich recht erinnere« - sein Lächeln entblößte Zähne von einem derart makellosen Weiß, dass Barbara sich schwor, so bald wie möglich einen Zahnarzt aufzusuchen -, »ist das eins Ihrer Lieblingsgerichte.«

Barbara erklärte ihrem Nachbarn, die Versuchung sei groß, aber leider rufe die Pflicht. »Ich bin auf dem Sprung«, sagte sie, doch weiter kam sie nicht. Die Haustür flog auf, und Hadiyyah kam die Stufen heruntergesprungen, hinter ihr Mrs. Silver, groß und knochig, eine Schürze umgebunden.

Sheila Silver besaß, wie Barbara von Hadiyyah wusste, einen ganzen Schrank voll Schürzen. Sie waren nicht nur nach Jahreszeiten, sondern auch nach Art der Festlichkeit sortiert. Mrs. Silver besaß Weihnachts-, Oster- und Halloweenschürzen, Silvester- und Geburtstagsschürzen, Schürzen zur Erinnerung an jeden erdenklichen Jahrestag, von der Guy-Fawkes-Nacht bis zur unglückseligen Hochzeit von Charles und Diana. Und zu jeder Schürze besaß sie eine passende Kochmütze. Barbara vermutete, dass Mrs. Silver die Kochmützen aus Geschirrtüchern selbst herstellte, und sie zweifelte nicht daran, dass das Anfertigen von Kochmützen in Angriff genommen würde, sobald Hadiyyah alle anderen hausfraulichen Fertigkeiten beherrschte.

Noch während Hadiyyah auf ihren Vater zustürmte, hob Barbara eine Hand zum Abschied und machte sich auf den Weg. Als sie sich noch einmal umdrehte, sah sie, wie Hadiyyah die schlanke Taille ihres Vaters umschlungen hielt, während die hagere Mrs. Silver herbeieilte, als wäre das Mädchen ihr zu früh entwischt und müsse zurückgeholt werden, um noch ein paar letzte Einsatzmöglichkeiten von Backsoda zu erlernen.

In ihrem Auto warf Barbara einen Blick auf die Uhr. Sie würde eine kreative Schleichwegstrategie entwickeln müssen, wenn sie vor Einbruch der Dunkelheit in Bethnal Green sein wollte.

Sie umfuhr die Innenstadt, so gut es ging, und erreichte Bethnal Green über die Old Street. Die Gegend hatte sich über die Jahre stark verändert, seit junge Berufstätige, die sich die teuren Wohnungen in der Londoner City nicht mehr leisten konnten, zunehmend in Viertel auswichen, die lange Zeit als unattraktiv gegolten hatten. In Bethnal Green mischte sich inzwischen alt mit neu, Sari-Läden und Henna Weddings lagen neben Computerfachmärkten und Maklerbüros, die Immobilien für größer werdende Familien feilboten.

Sidney wohnte in der Quilter Street, einer Straße mit Reihenhäusern aus Londoner Backstein. Die Häuser waren zwei Stockwerke hoch und bildeten die Südseite eines Dreiecks, in dessen Mitte sich ein kleiner Park namens Jesus Green befand. Im Gegensatz zu vielen anderen kleinen Parks in der Stadt war dieser nicht verschlossen. Er war von einem für Londoner Parks typischen schmiedeeisernen Zaun umgeben, der allerdings nur hüfthoch war und dessen Tor weit offen stand, sodass die Rasenflächen und die schattigen Stellen unter den dichten Baumkronen für jeden zugänglich waren. In der Nähe der Parklücke, wo Barbara ihren Mini abstellte, tollten Kinder kreischend auf dem Rasen herum. In einer Ecke saß eine Familie beim Picknick, und in einer anderen spielte ein Gitarrist für eine junge Frau, die ihm voller Bewunderung zuhörte. Es war ein guter Ort, um der Hitze zu entkommen.

Als Sidney auf Barbaras Klopfen hin die Tür öffnete, gab sich Barbara alle Mühe, sich nicht als das zu fühlen, was sie neben St. James' jüngerer Schwester tatsächlich darstellte: ein erschreckender Gegensatz.

Sidney war groß und schlank, und die Natur hatte sie mit der Art Wangenknochen bedacht, für deren Erwerb sich andere Frauen unters Messer legten. Sie hatte das gleiche pechschwarze Haar wie ihr Bruder und die gleichen heute-blauen-morgen-grauen Augen wie er. Sie trug eine Caprihose, die ihre endlos langen Beine aufs Vorzüglichste betonte, und ein kurzes ärmelloses T-Shirt, das ihre Arme zur Geltung brachte, die genauso unverschämt braun gebrannt waren wie ihr ganzer Körper. An ihren Ohren baumelten große Kreolen, die sie gerade abnahm. »Hallo, Barbara. Der Verkehr war bestimmt ein Albtraum«, sagte sie zum Gruß und bat die Polizistin ins Haus.

Das Haus war klein. Die Fenster standen offen, was allerdings wenig dazu beitrug, die Hitze zu lindern. Offenbar gehörte Sidney zu der verabscheuenswerten Sorte Frau, die nicht schwitzte, was Barbara von sich selbst nicht behaupten konnte. Sie spürte, wie ihr der Schweiß auf die Stirn trat, sobald die Tür sich hinter ihr schloss.

»Furchtbar, nicht wahr?«, sagte Sidney mitfühlend. »Wir beklagen uns dauernd über den Regen, und dann das! Man sollte meinen, es würde mal ein Mittelwetter geben, aber das passiert einfach nicht. Hier entlang bitte.«

Sie wies auf eine Treppe, die im hinteren Teil des Flurs zu einer offenen Tür führte, die den Blick auf einen kleinen Garten freigab. Von draußen war lautes Gehämmer zu hören. Sidney ging voraus und sagte über die Schulter zu Barbara: »Das ist bloß Matt.« Und als sie in den Garten trat: »Matt, Darling, ich möchte dir Barbara Havers vorstellen.«

Barbara spähte an Sidney vorbei und entdeckte einen Mann - kräftig, mit nacktem Oberkörper -, der einen Vorschlaghammer in den Händen hielt und offenbar gerade dabei war, eine Sperrholzplatte kurz und klein zu hauen. Er schien dies völlig grundlos zu tun, dachte Barbara, es sei denn, er hatte sich auf eine denkbar ineffiziente Methode verlegt, Mulch für das einzige, sonnenverbrannte Blumenbeet zu produzieren. Auf Sidneys Ruf hin grüßte er nur kurz über die Schulter und setzte seine Arbeit fort. Er trug eine schwarze Sonnenbrille, und seine Ohren waren gepierct. Sein Kopf war kahl rasiert und glänzte wie sein ganzer Körper schweißnass.

»Ist er nicht hinreißend?«, wisperte Sidney.

Es wäre nicht gerade Barbaras Wortwahl gewesen. »Was macht er da eigentlich?«, fragte sie.

»Rauslassen.«

»Was?«

»Hm?« Sidney betrachtete ihn genüsslich. Er war nicht unbedingt gut aussehend, aber er besaß einen ganz und gar durch Muskeln geformten Körper: definierter Brustkorb, schmale Hüften, ausgeprägte Rückenmuskulatur und einen Hintern, der so ziemlich überall in der Welt zum Kneifen einladen würde. »Äh, Aggressionen. Er lässt alles raus. Es macht ihn rasend, wenn er nichts zu tun hat.«

»Ist er arbeitslos?«

»Meine Güte, nein! Er arbeitet… äh, irgendwas für die Regierung. Kommen Sie mit nach oben, Barbara! Macht es Ihnen etwas aus, wenn wir uns im Bad unterhalten? Ich war gerade dabei, mir eine Gesichtsbehandlung zu gönnen. Ist es in Ordnung, wenn ich damit weitermache?«

Sie habe nichts dagegen, meinte Barbara. Sie hatte noch nie bei einer Gesichtsbehandlung zugesehen, und da sie sich derzeit selbst einer erbarmungslosen Verschönerungskur unterziehen musste, konnte sie vielleicht ein paar gute Ratschläge von einer Frau bekommen, die seit ihrem siebzehnten Lebensjahr als Model arbeitete. Auf dem Weg die Treppe hinauf fragte sie: »Was denn zum Beispiel?«

»Matt?«, fragte Sidney zurück. »Das ist alles top secret, behauptet er. Ich nehme an, er ist Spion oder so etwas. Er will es mir nicht sagen. Aber er verschwindet manchmal tage- oder wochenlang, und wenn er zurückkommt, schnappt er sich eine Sperrholzplatte und schlägt darauf ein wie ein Irrer. Im Moment hat er gerade keinen Auftrag.« Sie drehte sich in die Richtung, aus der das Hämmern kam, und sagte beiläufig: »Matthew Jones, der Geheimnisvolle.«

»Jones«, bemerkte Barbara. »Interessanter Name.«

»Es ist wahrscheinlich sein… na ja… sein Deckname. Ziemlich aufregend, finden Sie nicht?«

Für Barbara war die Vorstellung, Haus und Bett mit jemandem zu teilen, der mit einem Vorschlaghammer Sperrholzplatten zertrümmerte, einer dubiosen Tätigkeit nachging und einen Namen führte, bei dem es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um ein Pseudonym handelte, in etwa so attraktiv, wie mit einem verrosteten .45er Colt russisches Roulette zu spielen, aber sie behielt den Gedanken für sich. Jedem Tierchen sein Pläsierchen, und wenn der Typ da unten Sidneys Saiten zum Schwingen brachte - lieber nicht zu viele Metaphern mischen, dachte Barbara -, warum sollte ausgerechnet sie darauf hinweisen, dass geheimnisvolle Männer meistens aus Gründen geheimnisvoll waren, die nichts mit James Bond zu tun hatten? Sidney hatte drei Brüder, die sie zweifellos bereits mehrfach darauf angesprochen hatten.

Sie folgte ihr ins Bad, wo sie eine eindrucksvolle Sammlung von Tiegeln und Fläschchen erwartete. Sidney begann, ihr Make-up zu entfernen, während sie im Plauderton die einzelnen Schritte kommentierte: »Ich nehme vor dem Peeling immer eine Tonic Lotion. Wie oft peelen Sie, Barbara?«

Barbara murmelte eine ausweichende Antwort. Ihr war nicht ganz klar, warum man sich das Gesicht mit Tonic waschen sollte anstatt mit Wasser, und Peeling klang in ihren Ohren eher wie etwas, das man im Fitnessstudio machte.

Nachdem Sidney sich eine Maske aufgetragen hatte - »Meine T-Zone ist einfach grauenhaft«, gestand sie -, brachte Barbara den Grund für ihren Besuch in Bethnal Green zur Sprache. »Deborah hat mir erzählt, Sie haben sie mit Jemima Hastings bekannt gemacht.«

Sidney bestätigte das. »Es waren ihre Augen. Ich hatte für Deborah Modell gestanden - für den Fotowettbewerb der Portrait Gallery, wissen Sie? -, aber als die Bilder nicht das waren, was sie sich vorgestellt hatte, fiel mir Jemima ein. Wegen der Augen.«

Barbara wollte wissen, wie sie die junge Frau kennengelernt hatte.

»Zigarren. Matt raucht gern Havannas. Gott, Sie glauben gar nicht, wie die stinken! Ich war in den Laden gegangen, um eine zu kaufen. Später habe ich mich wegen der Augen an sie erinnert, und ich dachte, ihr Gesicht könnte interessant sein für Deborahs Porträtfotografie. Also bin ich noch mal hingegangen und habe sie gefragt, und dann habe ich sie mitgenommen, um sie Deborah vorzustellen.«

»Wo sind Sie wieder hingegangen?«

»Oh, Entschuldigung: nach Covent Garden. Dort gibt es ein Tabakgeschäft um die Ecke von der Jubilee Market Hall. Die verkaufen Zigarren, Pfeifentabak, Schnupftabak, Zigarettenspitzen … eben alles, was mit Rauchen zu tun hat. Matt und ich waren schon einmal da gewesen, daher wusste ich, wo der Laden ist und was er sich dort gekauft hatte. Kurz bevor er von seinen geheimnisvollen Aufträgen zurückkommt, gehe ich immer in den Laden und kaufe ihm zur Begrüßung eine Zigarre.«

Igitt, dachte Barbara. Sie war selbst Raucherin - sie wollte es immer aufgeben, nur anscheinend war ihr Wille zu schwach -, aber irgendwo musste man eine Grenze ziehen, und sie würde sich niemals etwas anzünden, das nach Hundekacke stank.

»Deborah jedenfalls gefiel ihr Gesicht«, erzählte Sidney weiter, »und sie hat sie sofort gefragt, ob sie ihr Modell stehen würde. Warum fragen Sie? Suchen Sie nach ihr?«

»Sie ist tot«, sagte Barbara. »Sie wurde auf dem Abney Park Cemetery ermordet.«

Sidneys Augen verdunkelten sich. Genau wie die ihres Bruders, wenn ihn etwas erschütterte, dachte Barbara.

»O Gott! Sie ist die Tote in der Zeitung, stimmt's? Ich habe die Daily Mail gesehen…« Und als Barbara dies bestätigte, fuhr Sidney fort - sie gehörte zu der Sorte Frau, die kaum zu bremsen war, wenn sie einmal anfing zu reden, ganz im Gegensatz zu Simon, dessen Reserviertheit einen mitunter auf die Palme bringen konnte -, und sie berichtete Barbara von sämtlichen relevanten und irrelevanten Einzelheiten über Jemima Hastings und die Fotosession mit Deborah St. James.

Sidney hatte keine Ahnung, was Deborah auf die Idee gebracht hatte, die Fotos ausgerechnet auf dem Abney Park Cemetery zu schießen, »weil der so weit weg und so schwer zu erreichen ist, aber Sie kennen ja Deborah. Wenn sie sich einmal etwas in den Kopf setzt, ist jeder Gegenvorschlag zwecklos«. Offenbar hatte sie vor dem Fototermin wochenlang nach passenden Orten gesucht. Dann hatte sie über den Friedhof gelesen - »irgendein Artikel über Naturschutz« - und war hingefahren, um sich dort umzusehen. Und dabei hatte sie den schlafenden Löwen entdeckt, der ihr das perfekte Hintergrundmotiv für ihr Foto zu sein schien.

Sidney hatte Deborah und Jemima dann zu dem Friedhof begleitet. »Ich gebe zu, ich war ein bisschen enttäuscht, dass ihr mein Foto nicht gefallen hatte.« Während sie Deborah beim Fotografieren zugesehen hatte, hatte sie sich gefragt, warum Deborah sie selbst als ungeeignet für das Porträt betrachtet hatte, während sie von Jemima offenbar begeistert war. »Als Profi muss man das wissen, verstehen Sie? Wenn ich keine Ausstrahlung mehr habe, muss ich unbedingt daran arbeiten.«

»Sicher«, stimmte Barbara zu. Sie fragte Sidney, ob sie an dem Tag auf dem Friedhof irgendetwas gesehen, irgendetwas bemerkt hätte… Ob sie sich an irgendetwas erinnerte. Irgendetwas Ungewöhnliches. Hatte zum Beispiel jemand die Fotosession beobachtet?

Also, ja, natürlich, es gebe immer Leute - vor allem Männer. Aber Sidney konnte sich an keinen davon erinnern, schließlich war es schon eine Ewigkeit her, und wie hätte sie auf die Idee kommen sollen, dass sie sich einmal würde erinnern müssen, und Gott, die Vorstellung, dass Deborahs Foto womöglich dazu geführt hatte… »Ich meine, wäre es nicht möglich, dass jemand Jemima aufgrund des Fotos aufgespürt hat und ihr zu dem Friedhof gefolgt ist?« Nur, was habe sie dort gewollt? Ob die Polizei das wisse? Oder vielleicht hatte sie jemand gekidnappt und dorthin entführt? Wie sie denn gestorben sei?

»Wer?« Das war Matt Jones. Er war lautlos die Treppe hochgekommen. Barbara fragte sich, wann er aufgehört hatte, auf die Sperrholzplatte einzudreschen, und wie lange er bereits zugehört hatte. Jetzt stand er hünenhaft und verschwitzt in der Badezimmertür, die er auf eine Art ausfüllte, die Barbara als bedrohlich bezeichnet hätte, wäre es ihr nicht gleichzeitig merkwürdig vorgekommen. Als er jetzt so dicht vor ihr stand, schien er Gefahr und Wut auszudünsten. Er erinnerte sie irgendwie an Mr. Rochester, hätte Mr. Rochester ein Arsenal an schweren Waffen auf dem Söller gehabt statt einer verrückten Frau.

»Die junge Frau aus dem Zigarrenladen, Darling. Jemima… Wie hieß sie noch mit Nachnamen, Barbara?«

»Hastings. Sie hieß Jemima Hastings.«

»Was ist mir ihr?«, fragte Matt. Er verschränkte die Arme unter braun gebrannten, haarlosen, sehr eindrucksvollen Brustmuskeln, auf die er sich die Buchstaben M-U-M und drum herum einen Dornenkranz hatte tätowieren lassen. Außerdem hatte er drei Narben auf der Brust, wie Barbara bemerkte: kleine Fleischwülste, die verdächtig nach Schusswunden aussahen. Wer zum Teufel war dieser Typ?

»Sie ist tot«, erklärte Sidney ihrem Lover. »Jemima Hastings ist ermordet worden, Darling.«

Er schwieg. Dann grunzte er einmal, trat vom Türrahmen weg und rieb sich den Nacken. »Was gibt's zum Abendessen?«

Die Überwachungsvideos der West Town Road Arcade von jenem Tag waren so grobkörnig, dass man die Jungen, die John Dresser entführten, mithilfe des Filmmaterials allein nicht eindeutig identifizieren konnte. Hätte nicht Michael Spargo den viel zu großen senfgelben Anorak getragen, wären Johns Entführer möglicherweise unerkannt geblieben. Aber so viele Leute hatten die drei Jungen gesehen und waren bereit, sie zu identifizieren, dass die Videobänder letztlich nur noch als Bestätigung dienten.

Auf dem Videomaterial ist zu sehen, dass John Dresser an der Hand von Reggie Arnold freiwillig mit den Jungen geht, als würde er sie kennen. Als sie sich dem Ausgang des Einkaufszentrums nähern, nimmt Ian Barker Johns andere Hand, und dann lassen er und Reggie Arnold das Kind zwischen sich schwingen, vielleicht als Vorgeschmack auf weitere Spiele. Michael holt sie ausgelassen hüpfend ein und bietet John von seinen Pommes frites an. Dass sie John Dresser, der die ganze Zeit hungrig auf seine Mahlzeit gewartet hatte, zu essen gaben, wird dessen Bereitschaft, mit ihnen zu gehen, gefördert haben, zumindest anfänglich.

Es ist interessant, dass die Jungen das Einkaufszentrum nicht durch den Ausgang verließen, der zu den Gallows führt, also: in die ihnen bestens vertraute Gegend. Stattdessen wählten sie einen der weniger benutzten Eingänge, als hätten sie bereits vorgehabt, etwas mit dem kleinen Jungen anzustellen, und sich gewünscht, möglichst unbemerkt mit ihm zu verschwinden.

Bei seinem dritten Verhör durch die Polizei gestand Ian Barker, dass ihre Absicht darin bestanden habe, »ein bisschen Spaß« mit John Dresser zu haben, während Michael Spargo behauptete, er habe nicht gewusst, »was die beiden andern mit dem Baby wollten« - ein Begriff (»das Baby«), den Michael während sämtlicher Verhöre in Bezug auf John Dresser verwendete. Reggie Arnold erwähnte John Dresser überhaupt erst beim vierten Verhör. Er unternahm Verschleierungsversuche, indem er wiederholt die Rede auf Ian Barker brachte und auf seine Ratlosigkeit, »was der mit dem Kätzchen wollte«. Immer wieder lenkte er das Gespräch auf seine Geschwister oder beteuerte seiner Mutter, die bei allen Verhören anwesend war, er habe »nix geklaut, Mum, noch nie!«

Michael Spargo behauptete, er habe den Jungen wieder zurückbringen wollen, nachdem sie das Einkaufszentrum verlassen hatten. »Ich hab denen gesagt, wir sollten wieder zurückgehen und das Baby irgendwo an der Tür abstellen oder so, aber die wollten das nicht und ich hab gesagt, dass wir Ärger kriegen würden, weil wir es geklaut hatten. [Man beachte die verdinglichende Verwendung des Wortes »klauen«, so als wäre John Dresser ein Gegenstand, den sie aus einem Geschäft hatten mitgehen lassen.] Aber die haben nur Wichser zu mir gesagt und mich gefragt, ob ich sie verpfeifen will.«

Ob es sich tatsächlich so zugetragen hat, ist zu bezweifeln, da die beiden anderen Jungen mit keiner Silbe erwähnten, dass Michael es sich möglicherweise anders überlegt hatte, und später bestätigten nahezu alle Zeugen - die man im Nachhinein als »die Fünfundzwanzig« bezeichnen würde -, dass sie John Dresser zusammen mit allen drei Jungen gesehen hatten und dass alle drei aktiv mit dem Kleinen beschäftigt waren.

In Anbetracht von Ian Barkers Vergangenheit scheint die Annahme berechtigt, dass er derjenige war, der vorschlug auszuprobieren, was passieren würde, wenn sie den Kleinen zwischen sich schaukelten wie zuvor, ihn aber diesmal fallen ließen, anstatt ihn wieder sicher auf die Füße zu stellen. Beim nächsten Mal ließen sie ihn genau in dem Moment los, als sie ihn kräftig nach vorn schwangen, was, wie zu erwarten war, dazu führte, dass John auf dem Pflaster aufschlug und zu weinen begann. Bei dem Sturz zog er sich die ersten blauen Flecke am Gesäß zu, und seine Kleidung wurde beschädigt. Im Lauf der Ereignisse würde sie fast völlig zerfetzt werden.

Überfordert mit dem schreienden Kleinkind, unternahmen die Jungen einen nächsten Versuch, John zu beruhigen, und boten ihm das Brötchen an, das Michael Spargo am Morgen von zu Hause mitgenommen hatte. Dass John das Angebot akzeptierte, geht nicht nur aus dem ausführlichen Bericht von Dr. Miles Neff vom Innenministerium hervor, sondern auch aus den Schilderungen einer Augenzeugin, denn zu diesem Zeitpunkt hatten die Jungen ihre erste Begegnung mit jemandem, der sie nicht nur mit John zusammen beobachtete, sondern sie überdies zur Rede stellte.

Aus den Prozessprotokollen geht hervor, dass die siebzigjährige Zeugin A (aus Personenschutzgründen werden die Zeugen in diesem Dokument nicht namentlich genannt), als sie die Jungen sah, mit Bestürzung reagierte, weil der kleine John so bitterlich weinte. »Ich habe sie gefragt, was der Kleine denn hätte«, sagt sie, »und einer von ihnen - ich glaube, es war der Dicke [gemeint ist Reggie Arnold] - erklärte mir, er sei auf den Hintern gefallen. Na ja, Kinder fallen ja schon mal hin, oder? Ich dachte nicht… Ich habe ihnen meine Hilfe angeboten. Ich habe ihnen mein Taschentuch gegeben, damit sie ihm das Gesicht abwischen konnten, weil er so geweint hat. Aber dann hat der größere Junge gesagt [gemeint ist Ian Barker], dass der Kleine sein Bruder wäre und dass sie ihn nach Hause bringen würden. Ich habe sie gefragt, wie weit es denn bis nach Hause wäre, und sie meinten, nicht weit. Gleich drüben in Tideburn, haben sie gesagt. Und als sie dem Kleinen dann ein Brötchen zu essen gaben, konnte ich ja nicht ahnen, dass es noch mehr Probleme geben würde.«

Weiterhin berichtete die Zeugin, sie habe die Jungen gefragt, warum sie nicht in der Schule seien, woraufhin sie antworteten, der Unterricht wäre bereits zu Ende. Dies hat die Zeugin A offenbar beruhigt, und sie legte ihnen lediglich nahe, »den Kleinen aber jetzt nach Hause zu bringen«, weil »er zu seiner Mutter« wolle.

Zweifellos fühlte sie sich zusätzlich beruhigt, weil die Jungen ausgerechnet Tideburn als Wohnort angegeben hatten. Tideburn war damals ebenso wie heute eine Wohngegend der Mittelschicht und gehobenen Mittelschicht. Hätten sie die Gallows genannt, wären der Frau aufgrund des Rufs, in dem das Viertel stand, vielleicht Bedenken gekommen.

Von vielen Seiten wurde darauf hingewiesen, dass die Jungen zu diesem Zeitpunkt John Dresser an die Zeugin A hätten übergeben können, etwa mit der Begründung, sie hätten ihn vor dem Einkaufszentrum aufgegriffen. Und es habe noch weitere Situationen gegeben, in denen sie John Dresser einem Erwachsenen hätten überlassen und ihrer Wege hätten ziehen können. Dass sie dies jedoch nicht taten, legt den Verdacht nahe, dass irgendwann zumindest einer der drei sich einen ausführlicheren PIan zurechtgelegt hatte oder dass die drei Jungen inzwischen einen gemeinsamen PIan ausgeheckt hatten. Sollte Letzteres zutreffen, so war keiner der drei jemals bereit, dies zuzugeben.

Nachdem der Chef des Sicherheitsdienstes die Überwachungsvideos überprüft hatte, wurde die Polizei gerufen. Bis diese eintraf, um sich die Videos anzusehen und die Suche zu organisieren, war John Dresser bereits ca. eineinhalb Kilometer weit weg. In Begleitung von Ian Barker, Michael Spargo und Reggie Arnold hatte er mittlerweile zwei stark befahrene Durchgangsstraßen überquert und war hungrig und müde. Er war anscheinend mehrmals hingefallen und hatte sich an einer Pflasterkante die Wange verletzt.

Obwohl John Dresser den Jungen allmählich lästig wurde, kamen sie auch weiterhin nicht auf den Gedanken, ihn an einen Erwachsenen zu übergeben.

Laut Michael Spargos Aussage in seinem vierten Verhör war es Ian Barker, der dem Kleinen als Erster einen Tritt versetzte, als dieser hinfiel, und es war Reggie Arnold, der ihn wieder auf die Füße zog und hinter sich herzerrte. John Dresser war offenbar inzwischen nahezu hysterisch, aber das scheint die Passanten umso mehr darin bestärkt zu haben, den Jungen die Geschichte des »kleinen Bruders« abzukaufen, der nach Hause gebracht werden sollte.

Wessen kleiner Bruder John Dresser angeblich gewesen sein sollte, variierte je nach Aussage der Augenzeugen (Zeugen B, C und D). Obwohl Michael Spargo beharrlich leugnete, John Dresser als seinen kleinen Bruder ausgegeben zu haben, wird dieser Darstellung vom Zeugen E widersprochen, einem Postangestellten, der den Jungen auf halbem Weg zum Dawkins-Gelände begegnete.

Zeuge E sagte aus, er habe die Jungen gefragt, was mit dem Kleinkind los sei, warum es so schrecklich weine und was mit seinem Gesicht geschehen sei.

»Der mit dem gelben Anorak hat behauptet, der Kleine war sein Bruder, und weil seine Mutter es zu Hause gerade mit ihrem Freund trieb, müssten sie den Kleinen so lange beschäftigen. Sie meinten, sie wären ein bisschen zu weit gelaufen und ob ich sie in meinem Lieferwagen nach Hause bringen könnte.«

Den Jungen muss bewusst gewesen sein, dass der Zeuge E nicht in der Lage sein würde, ihrer Bitte nachzukommen. Er musste seine Tour fahren, und selbst wenn dies nicht der Fall gewesen wäre, hätte er wahrscheinlich nicht genug Platz in seinem Auto gehabt. Doch die Tatsache, dass sie diese vermeintliche Bitte äußerten, verlieh ihrer Geschichte Glaubwürdigkeit.

Zeuge E sagte aus, er habe »sie aufgefordert, den Bengel auf direktem Weg nach Hause zu bringen, weil der derart geplärrt hat, wie ich's noch nie erlebt hab, und ich hab selbst drei von der Sorte zu Hause«. Die Jungen hätten versprochen, der Aufforderung Folge zu leisten.

Es ist durchaus denkbar, dass die drei zu dem Zeitpunkt, als sie John Dresser entführten, noch unschlüssig waren, was sie mit ihm anfangen sollten, und erst, als ihnen eine Lüge nach der anderen abgekauft wurde, der teuflische PIan in ihnen reifte, so als hätte die Gutgläubigkeit der Zeugen ihre Gier nach Grausamkeit angestachelt. Es genügt festzuhalten, dass sie ihren Weg fortsetzen und den Kleinen mehr als drei Kilometer weit mit sich zerren konnten, obwohl er sich verzweifelt sträubte und nach Mutter und Vater rief, was mehr als ein Passant hörte - und ignorierte.

Michael Spargo behauptete, er habe die anderen immer wieder gefragt, was sie mit John Dresser vorhätten. »Ich hab denen gesagt, dass wir den nich mit nach Hause nehmen können. Das hab ich gesagt, ehrlich.« Dies geht aus der Mitschrift seines fünften Verhörs hervor. Weiterhin sagte er aus, er habe zu diesem Zeitpunkt vorgeschlagen, John an einer Polizeiwache abzusetzen. »Ich hab gesagt, wir könnten ihn ja vorm Eingang stehen lassen oder so. Oder wir könnten ihn auch reinbringen. Ich hab gesagt, dass seine Mum und sein Dad sich Sorgen machen würden. Dass die glauben würden, ihm war was passiert.«

Ian Barker, so Michael, habe ihm erklärt, dass dem Kleinen tatsächlich etwas passiert sei. »Er hat gesagt: >Du Blödmann, dem is ja auch was passiert.< Und er hat Reg gefragt, ob er auch finden würde, dass das Baby 'nen ordentlichen Platscher machen würde, wenn es im Wasser landet.«

Ob Ian in diesem Moment den Kanal in Betracht zog? Möglicherweise. Aber Tatsache ist, dass die Jungen sich gar nicht in der Nähe des Midlands Trans-Country Canal befanden, und sie hätten den völlig erschöpften John Dresser wohl auch nicht dorthin bringen können, ohne ihn zu tragen, wozu sie aber offenbar keine Lust hatten. Selbst wenn Ian Barker der Sinn danach gestanden hätte, John in der Umgebung des Kanals irgendetwas anzutun, wäre das unmöglich gewesen - und der Grund dafür war John selbst.

Da John Dresser ihnen immer lästiger geworden sei, hätten sie beschlossen, »das Baby in irgendeinem Laden abzuliefern«, so Michael Spargo. Die Sache sei mittlerweile »total langweilig« geworden. Doch in der unmittelbaren Umgebung befand sich kein Ladengeschäft, und so hätten sie sich auf die Suche nach einem gemacht. Unterwegs habe Ian jedoch darauf hingewiesen, wie Michael und Reggie bei ihren jeweiligen Verhören unabhängig voneinander aussagten, dass sie in einem Supermarkt gesehen und von Videokameras gefilmt werden könnten. Er behauptete, er kenne einen viel sichereren Ort, und führte sie daraufhin zum Dawkins-Gelände.

Beim Dawkins-Gelände handelte es sich um ein Bauprojekt, das mit viel Tamtam begonnen und dann wegen Geldmangels halb fertig aufgegeben worden war. Geplant waren drei schicke, moderne Bürogebäude inmitten »einer parkähnlichen Landschaft mit Bäumen, Gärten, Wegen und großzügigen Picknickplätzen«, die die umliegenden Viertel aufwerten und ihnen wirtschaftlichen Aufschwung bescheren sollten. Missmanagement aufseiten des Bauherrn hatte jedoch dazu geführt, dass das Projekt eingestellt wurde, noch ehe der erste Büroturm fertiggestellt war.

Das Gelände, zu dem Ian Barker seine Gefährten an jenem Tag führte, war seit eineinhalb Jahren eine Bauruine. Es war durch einen Maschendrahtzaun gesichert, der jedoch leicht zu überwinden war. Obwohl ein Schild am Zaun darauf hinwies, dass das Grundstück »rund um die Uhr bewacht« werde und »Eindringlinge und Randalierer strafrechtlich verfolgt« würden, bewiesen regelmäßige Streifzüge von Kindern und Jugendlichen das Gegenteil.

Es war ein verlockendes Gelände für Spiele und heimliche Stelldicheins. Es gab Dutzende Verstecke; Erdhügel boten Rampen für BMX-Fahrer; herumliegende Bretter, Rohre und Schläuche eigneten sich als Waffen für Kriegsspiele; kleinere Betonbrocken ließen sich als Handgranaten und Bomben einsetzen. Während das Gelände eine mehr als zweifelhafte Lokalität darstellte, um »das Baby loszuwerden« und darauf zu hoffen, dass jemand vorbeikommen und den Kleinen zur nächstgelegenen Polizeiwache bringen würde, war es ein perfekter Ort für das entsetzliche Geschehen, das an jenem Tag folgen würde.

10

Als Thomas Lynley am nächsten Morgen vor dem Pförtnerhäuschen von New Scotland Yard hielt, begann er sich innerlich zu wappnen. Der diensthabende Constable, der den Wagen nicht kannte, trat näher. Er sah Lynley am Steuer und stutzte. Dann beugte er sich zu dem offenen Fenster herunter und sagte mit belegter Stimme: »Inspector. Sir. Schön, dass Sie wieder da sind.«

Lynley hätte ihm am liebsten gesagt, dass er nicht wieder da war. Stattdessen nickte er, aber ihm wurde klar, was ihm längst hätte klar sein müssen: dass die Leute auf sein Auftauchen im Yard reagieren würden und dass er auf ihre Reaktion würde reagieren müssen. Also bereitete er sich auf seine nächste Begegnung vor. Er parkte seinen Wagen und ging hinauf in den Victoria Block, der ihm so vertraut war wie seine Westentasche.

Dorothea Harriman entdeckte ihn als Erste. Es war fünf Monate her, dass er die Sekretärin der Abteilung zuletzt gesehen hatte, aber weder die Zeit noch die Umstände würden sie jemals ändern. Sie war wie immer perfekt gestylt. Sie trug einen schmalen roten Rock und eine kesse Bluse, dazu einen breiten Gürtel um die schlanke Taille, bei deren Anblick jeder viktorianische Gentleman in Ohnmacht gefallen wäre. Sie stand mit dem Rücken zu ihm an einem Aktenschrank, und als sie sich umdrehte und ihn erblickte, wurden ihre Augen feucht. Sie legte die Akte auf ihren Schreibtisch und fasste sich mit beiden Händen an den Hals.

»Oh, Detective Inspector Lynley! O mein Gott, wie wunderbar! Es könnte gar nicht besser sein, Sie wiederzusehen.«

Mehr als eine Begrüßung dieser Art würde er nicht überleben, dachte Lynley, also sagte er, als wäre er nie weg gewesen: »Dee. Sie sehen großartig aus. Sind sie…« Mit einer Kopfbewegung deutete er auf das Zimmer des Superintendent.

Sie seien alle im Besprechungsraum, sagte sie. Ob er einen Kaffee wolle. Einen Tee? Ein Croissant? Toast? Neuerdings gebe es sogar Muffins in der Kantine, und es mache ihr überhaupt nichts aus…

Er brauche nichts, erwiderte er. Er habe gerade gefrühstückt. Sie solle sich keine Mühe machen. Er lächelte knapp und machte sich auf den Weg zum Besprechungsraum, doch er spürte ihren Blick in seinem Rücken, und er sagte sich, dass er sich daran würde gewöhnen müssen, dass die Leute ihn taxierten, dass sie überlegten, was sie sagen konnten und was sie besser nicht sagten - unsicher, wann oder ob sie ihren Namen aussprechen durften. So reagierten die Menschen nun mal, wenn sie die Untiefen der Trauer eines anderen umschiffen mussten.

Im Besprechungsraum war es kaum anders. Als er die Tür öffnete und eintrat, schloss er aus dem betretenen Schweigen, das ihm entgegenschlug, dass Acting Superintendent Ardery nichts davon erwähnt hatte, dass er zum Team gehören würde. Sie stand neben mehreren Magnettafeln mit Fotos und Einsatzplänen. Als sie ihn sah, sagte sie beiläufig: »Ah, Thomas. Guten Morgen«, und dann zu den anderen: »Ich habe Inspector Lynley gebeten, wieder an Bord zu kommen, und ich hoffe, dass seine Mitarbeit von Dauer sein wird. Er hat sich freundlicherweise bereit erklärt, mich bei der Einarbeitung hier zu unterstützen. Ich gehe davon aus, dass niemand ein Problem damit hat.« Sie sagte das in einem Ton, der eine eindeutige Botschaft enthielt: Lynley würde ihr Untergebener sein, und falls irgendjemand damit ein Problem hatte, dann sollte sich derjenige eben in eine andere Abteilung versetzen lassen.

Lynley ließ den Blick über seine langjährigen Kollegen, seine alten Freunde, wandern. Sie hießen ihn alle auf ihre Weise willkommen: Winston Nkata mit Herzenswärme in seinen dunklen Zügen, Philip Haie mit einem Zwinkern und einem Lächeln, John Stuart mit der reservierten Erwartungshaltung eines Mannes, der wusste, dass da mehr im Busch war, als mit bloßem Auge zu sehen war, und Barbara Havers mit Verwirrung. Ihr stand die Frage ins Gesicht geschrieben, die sie ihm am liebsten laut gestellt hätte: Warum haben Sie mir gestern nichts davon gesagt? Er wusste nicht, wie er es ihr erklären sollte. Von allen im Yard war sie diejenige, die ihm am nächsten stand, und genau deswegen war sie auch diejenige, mit der er am wenigsten entspannt reden konnte. Sie würde es nicht verstehen, und bisher fehlten ihm die Worte, um es ihr verständlich zu machen.

Isabelle Ardery setzte die Besprechung fort. Lynley zog seine Lesebrille heraus und trat näher an die Magnettafeln, auf der die Fotos des Opfers befestigt waren. Neben einer Aufnahme, die die junge Frau noch lebend zeigte, hingen Fotos von der Toten sowie einige schaurige Autopsieaufnahmen. Ein Fahndungsporträt einer Person hing neben Fotos vom Tatort und daneben eine Nahaufnahme von einer Art Steinschnitzerei. Es handelte sich um eine Vergrößerung: Der Stein war rötlich und rechteckig und sah aus wie ein Amulett.

»… in der Hosentasche des Opfers«, sagte Ardery gerade. »Größe und Form könnten darauf hindeuten, dass es sich um einen Stein aus einem Männerring handelt. Man sieht hier, dass sich auf der einen Seite eine Schnitzerei befindet, die allerdings nicht mehr deutlich zu erkennen ist. Der Stein wird derzeit von den Forensikern untersucht. Was die Tatwaffe betrifft, haben uns die Kollegen vom S07 mitgeteilt, dass es sich um einen Gegenstand handeln muss, der eine Wunde von zwanzig bis zweiundzwanzig Zentimetern Tiefe herbeiführen kann. Mehr können sie noch nicht sagen. Nur dass Rostspuren in der Wunde gefunden wurden.«

»Davon gibt's jede Menge am Tatort«, bemerkte Winston Nkata. »Eine alte Kapelle, die mit eisernen Stangen verrammelt ist… Da findet sich alles mögliche Gerumpel, das sich als Mordwaffe eignen könnte.«

»Was die Möglichkeit eröffnet, dass es sich hierbei um ein Verbrechen aus Gelegenheit handelt«, sagte Ardery.

»Keine Handtasche beim Opfer«, warf Philip Haie ein. »Keine Papiere - nichts, anhand dessen man sie identifizieren könnte. Aber um nach Stoke Newington zu kommen, muss sie irgendetwas bei sich gehabt haben - Geld, Fahrkarte, irgendetwas. Es könnte sich um einen schiefgegangenen Handtaschenraub handeln.«

»Ja… Wir müssen also ihre Handtasche finden, falls sie eine bei sich hatte«, sagte Ardery. »Allerdings haben wir zwei sehr brauchbare Spuren auf dem Pornoheft, das in der Nähe der Leiche lag.«

Das Heft mit dem Titel Girlicious gehörte zu der Sorte von Magazinen, die wegen des heiklen Inhalts - Ardery verdrehte die Augen - in schwarzen Plastikhüllen verkauft wurden. Die Plastikhülle verhinderte, dass unschuldige Kinder in den Heften blätterten und die diversen darin abgebildeten Geschlechtsteile zu Gesicht bekamen. Außerdem hatte die Hülle den weniger offensichtlichen Vorteil, dass nur der Käufer seine Fingerabdrücke auf dem Heft selbst hinterlassen konnte. Dieser Umstand hatte ihnen einen Satz hervorragender Abdrücke beschert, und nicht nur das: Sie hatten auch einen Kassenzettel, der zwischen den Seiten steckte, als wäre er als Lesezeichen benutzt worden. Wenn dieser Kassenzettel aus dem Laden stammte, wo das Heft gekauft worden war - was Ardery für wahrscheinlich hielt -, dann hatten sie gute Chancen, den Dreckskerl zu schnappen, der sich das Heft gekauft hatte.

»Es könnte sich um den Mörder handeln oder auch nicht. Es könnte sich um diesen Mann dort handeln oder auch nicht.« Sie zeigte auf das Phantombild. »Das Heft war auf jeden Fall neu. Es hat noch nicht lange dort gelegen. Wer auch immer es mit in den Anbau der Kapelle genommen hat, wir müssen mit ihm reden. Also…«

Sie verteilte die Aufgaben. Sie kannten das Prozedere: ermitteln, vernehmen, ausschließen. Jeder Einzelne, der mit Jemima Hastings in Kontakt gewesen war, musste vernommen werden: in Covent Garden, wo sie gearbeitet hatte, in ihrer Pension in Putney, an jedem anderen Ort, den sie regelmäßig aufgesucht hatte, in der Portrait Gallery, wo sie die Ausstellungseröffnung besucht hatte, in der ihr Porträt hing. Jedes einzelne Alibi musste überprüft werden. Die Habseligkeiten des Opfers, die in Kisten und Kartons aus ihrem Zimmer geschafft worden waren, mussten durchforstet werden. Die Umgebung des Friedhofs musste nach ihrer Handtasche, nach der Tatwaffe und allem abgesucht werden, was einen Hinweis auf ihre Fahrt quer durch London nach Stoke Newington geben konnte.

Ardery beendete die Aufgabenverteilung. Als Letztes beauftragte sie Detective Sergeant Barbara Havers, eine Frau namens Yolanda die Hellseherin ausfindig zu machen.

»Yolanda wie?«, fragte Havers.

Ardery ignorierte die Frage. Jemima Hastings' Vermieterin in Putney habe auf der Wache angerufen. Sie sollten diese Yolanda überprüfen. Die Frau habe Jemima heimlich aufgelauert - »Bellas Ausdrucksweise, nicht meine« -, und deswegen sollte man sie finden und vernehmen. »Ich darf davon ausgehen, dass Sie damit kein Problem haben, Sergeant?«

Havers zuckte die Achseln. Sie warf Lynley einen Blick zu. Er wusste, was sie erwartete. Und anscheinend wusste Isabelle Ardery das ebenfalls, denn sie sagte: »Inspector Lynley wird vorerst mit mir zusammenarbeiten. DS Nkata, Sie sind ab sofort Barbaras Partner.«

Isabelle Ardery reichte Lynley ihre Autoschlüssel. Sie erklärte ihm, wo ihr Wagen stand, sagte, sie würde ihn unten treffen, nachdem sie die Damentoilette aufgesucht hätte, und ging den Korridor hinunter. Sie kippte ihren Wodka beim Pinkeln, aber das Fläschchen war schneller leer, als ihr lieb war, und sie war froh, dass sie noch ein weiteres eingesteckt hatte. Sie betätigte die Spülung und trank den Inhalt des zweiten, dann verstaute sie die leeren Fläschchen in ihrer Handtasche und vergewisserte sich, dass beide in ein Papiertaschentuch eingewickelt waren und nicht zu dicht beieinander lagen, denn es würde keinen guten Eindruck machen, mit einer klimpernden Handtasche herumzulaufen wie eine halb besoffene Nutte, die ihren Vorrat an Sprit mit sich herumschleppte. Vor allem, dachte sie, da sie jetzt ohnehin keinen Vorrat mehr hatte. Es sei denn, sie hielt kurz an einem Schnapsladen - keine allzu gute Option allerdings, solange sie sich in Begleitung von Thomas Lynley befand.

Sie hatte verkündet: »Sie und ich, wir nehmen uns Covent Garden vor«, und weder er noch sonst jemand hatte einen Einwand erhoben. Sie beabsichtigte, an jeder Aktion dicht dranzubleiben, für den Fall, dass sie den Posten des Superintendent bekam, und alle waren darüber informiert, dass Lynley da war, um ihr beim Einarbeiten zu helfen. Wenn er sie überallhin chauffierte, war für alle klar ersichtlich, dass sie seine Unterstützung hatte. In erster Linie wollte sie den Mann kennenlernen. Denn ob es ihm nun bewusst war oder nicht: Er war auf mehr als eine Weise ihr Rivale, und sie würde ihn auf mehr als eine Weise entwaffnen.

Sie trat ans Waschbecken, um sich die Hände zu waschen, und nutzte die Gelegenheit, ihr Haar zu glätten und ordentlich hinter die Ohren zu schieben, ihre Sonnenbrille aus der Handtasche zu kramen und frischen Lippenstift aufzutragen. Sie steckte sich zwei Pfefferminzbonbons in den Mund und legte sich sicherheitshalber noch einen Streifen Listerine auf die Zunge. Dann ging sie hinunter zum Parkplatz, wo Lynley neben ihrem Toyota auf sie wartete.

Durch und durch Gentleman - der Mann hatte seine Manieren wahrscheinlich mit der Muttermilch aufgesogen - hielt er ihr die Beifahrertür auf. Sie herrschte ihn an, er solle das in Zukunft unterlassen - »Wir haben kein Rendezvous, Inspector« -, und sie fuhren los.

Er war ein ausgezeichneter Fahrer, wie sie feststellte. Auf der Strecke von der Victoria Street bis nach Covent Garden konzentrierte Lynley seine Blicke ausschließlich auf die Straße, die Bordsteinkanten oder die Spiegel des Toyota, und er versuchte gar nicht erst, ein Gespräch in Gang zu bringen. Das war ihr nur recht. Die Fahrten mit ihrem Exmann waren für Isabelle jedes Mal eine Tortur gewesen, da Bob sich für einen Meister des Multitasking hielt und glaubte, er könne gleichzeitig Auto fahren, die Kinder in Schach halten, sich mit ihr streiten und häufig überdies noch mit dem Handy telefonieren. Sie waren über mehr rote Ampeln gefahren, hatten mehr Zebrastreifen nicht beachtet und waren häufiger verkehrt herum in Einbahnstraßen eingebogen, als Isabelle sich erinnern mochte. Ein positiver Nebeneffekt der Scheidung war das Vergnügen, sich selbst ans Steuer zu setzen und sicher zu fahren.

Von New Scotland Yard bis Covent Garden war es nicht weit, aber sie mussten sich durch den Verkehr am Parliament Square quälen, der während der Sommermonate besonders dicht war. Vor der St. Margaret's Church hatten sich außerdem Demonstranten versammelt, und jede Menge Constables in gelben Windjacken bemühten sich, die Massen in Richtung Victoria Tower Gardens abzudrängen.

In Whitehall war es auch nicht besser. Dort war der Verkehr in der Nähe der Downing Street ins Stocken geraten. Die Ursache hierfür war jedoch keine weitere Demonstration, sondern eine Horde von Gaffern, die sich vor den schmiedeeisernen Toren drängten und auf Gott weiß wen warteten. Und so verging mehr als eine halbe Stunde von dem Moment an, als Lynley vom Broadway in die Victoria Street eingebogen war, bis er in Long Acre einen Parkplatz ansteuerte und seinen Polizeiausweis gut sichtbar hinter die Windschutzscheibe legte.

Covent Garden hatte sich längst von dem malerischen Blumenmarkt der Eliza Doolittle in einen gigantischen Albtraum amoklaufender Globalisierung verwandelt: ein Ort, an dem alles angeboten wurde, was Touristen zu kaufen gewillt waren, und der von allen halbwegs vernünftigen Bewohnern der Stadt gemieden wurde. Natürlich suchten auch die Angestellten, die in der Gegend arbeiteten, die umliegenden Pubs, Restaurants und Imbissstände auf, aber ansonsten verirrte sich kaum ein Londoner hierher, es sei denn, um etwas zu kaufen, das es nirgendwo sonst gab.

Und das gab es zum Beispiel in dem Tabakladen, wo Sidney St. James laut Barbara Havers' Bericht Jemima kennengelernt hatte. Der Laden befand sich am südlichen Ende der Courtyard Shops, und auf dem Weg durch das Gedränge kamen sie an allen erdenklichen Variationen von Straßenkünstlern vorbei: an solchen, die als Statuen posierten, an Zauberern, Einradjongleuren und Zweimannbands bis hin zu einem aufgedrehten Luftgitarristen. Auf praktisch jedem Fleckchen, das nicht von einem Kiosk, einem Tisch oder Stühlen eingenommen wurde und wo die Touristen, die Eis am Stiel, Ofenkartoffeln oder Falafel verzehrten, ein bisschen Raum ließen, wetteiferten die Künstler um Spenden. Genau der Ort, auf den ihre Jungs total abfahren würden, dachte Isabelle. Genau der Ort, von dem sie selbst am liebsten schreiend flüchten würde, um sich ein stilles Plätzchen zu suchen, was wohl nur in der Kirche am südwestlichen Ende des Platzes sein konnte, der zu Covent Garden gehörte.

In den Courtyard Shops war es nur unwesentlich erträglicher. Hier befanden sich hauptsächlich teure Nobelläden, und es verirrten sich nicht allzu viele der allgegenwärtigen Teeniegrüppchen und Turnschuhtouristen hierher. Sogar die Straßenkunst war hier von höherer Qualität. In einem tiefer gelegenen Hof spielte vor einem Restaurant mit Sitzgelegenheiten im Freien ein Geiger mittleren Alters zu Orchesterbegleitung aus einem Gettoblaster auf.

Über den Sprossen der auf alt gemachten Schaufenster des Tabakladens prangte ein Schild mit der Aufschrift: Segar and Snuff Pariour, und neben der Eingangstür stand traditionsgemäß eine Holzfigur, die einen Highlander darstellte, komplett mit Kilt und einem Fläschchen Schnupftabak in der Hand. Auf schwarzen Tafeln, die unter dem Fenster und neben der Tür an der Wand lehnten, standen mit Kreide die Namen verschiedener exklusiver Tabaksorten sowie die Spezialität des Tages, eine Sorte namens Larranaga Petit Corona.

Der Laden war so klein, dass kaum fünf Leute darin Platz hatten. In dem kleinen Verkaufsraum, in dem es angenehm nach Tabak duftete, standen ein alter Eichentresen mit Glasplatte, in dem Pfeifen- und Zigarrenraucherutensilien ausgestellt waren, und verschlossene Eichenvitrinen voller Zigarren. In einem kleinen Hinterzimmer waren Dutzende mit Tabak gefüllte Glasbehälter aufgereiht, auf deren Etiketten jeweils die Sorte und die Duftnote vermerkt waren. Eine elektronische Waage, eine Kasse und ein kleinerer, mit Zigarren gefüllter Glaskasten auf dem Tresen vervollständigten das Inventar.

Der Verkäufer kassierte gerade eine Kundin ab, die ein paar Zigarillos erstanden hatte. »Bin gleich für Sie da«, rief er in einem Singsang, den man von einem Gecken aus dem neunzehnten Jahrhundert erwartet hätte. Die Stimme passte überhaupt nicht zum Alter und zur Erscheinung des Verkäufers. Er wirkte nicht älter als einundzwanzig, und obwohl er mit einem leichten Sommeranzug bekleidet war, trug er Ohrtunnel, und zwar offenbar schon ziemlich lange, denn seine Ohrläppchen waren schauderhaft geweitet, und während des Gesprächs mit Isabelle und Lynley steckte er immer wieder den kleinen Finger durch die Löcher. Isabelle fand das so widerlich, dass ihr beinahe übel wurde.

»So. Ja, ja, ja?«, flötete er, nachdem die Kundin mit den Zigarillos sich entfernt hatte. »Was kann ich für Sie tun? Zigarren? Zigarillos? Tabak? Schnupftabak? Was darf's denn sein?«

»Ein Gespräch«, antwortete Isabelle. »Polizei«, fügte sie hinzu und zeigte ihm ihren Dienstausweis. Lynley tat es ihr gleich.

»Oh, da bin ich aber gespannt«, sagte der junge Mann. Er stellte sich als J-a-y-s-o-n Druther vor. Sein Vater, erklärte er, sei der Inhaber des Ladens, wie schon sein Großvater und sein Urgroßvater vor ihm. »Was wir Ihnen nicht über Tabak sagen können, lohnt nicht zu wissen.« Er selbst sei erst vor Kurzem ins Geschäft eingestiegen, weil er darauf bestanden habe, zuerst Marketing zu studieren, »bevor ich mich den Reihen der arbeitenden Bevölkerung anschloss«. Er würde das Geschäft gern erweitern, aber sein Vater sei dagegen. »Wir wollen doch nicht in etwas investieren, das nicht absolut notwendig ist, Gott bewahre!«, fügte er mit theatralischem Schaudern hinzu. »Also…« Er breitete die Hände aus - sie waren weiß und weich, wie Isabelle auffiel, wahrscheinlich von wöchentlicher Maniküre verwöhnt - und deutete an, dass er für alles zur Verfügung stehe, was man von ihm wünschte.

Lynley blieb schräg hinter Isabelle stehen, was ihr gestattete, das Gespräch zu führen. Das gefiel ihr.

»Jemima Hastings«, sagte sie. »Ich nehme an, Sie kennen sie?«

»Flüchtig.« Er sprach das Ü beinahe wie ein Ö aus. Er würde nur zu gern ein Wörtchen mit Jemima reden, sagte er. Ihretwegen müsse er »zurzeit zu jeder absurden Tageszeit arbeiten. Wo steckt das verdammte Luder überhaupt?«

Das verdammte Luder sei tot, klärte Isabelle ihn auf.

Ihm fiel die Kinnlade hinunter. Dann klappte er den Mund wieder zu. »Großer Gott«, sagte er. »Doch kein Verkehrsunfall? Sie ist doch nicht überfahren worden? Himmel, es hat doch wohl nicht schon wieder einen Terroranschlag gegeben?«

»Sie wurde ermordet, Mr. Druther«, sagte Lynley ruhig. Jayson registrierte Lynleys vornehmen Akzent und begann, an seinem Ohrläppchen zu zupfen.

»Auf dem Abney Park Cemetery«, fügte Isabelle hinzu. »Die Zeitungen haben über einen Mord auf dem Friedhof berichtet. Lesen Sie Zeitung, Mr. Druther?«

»Gott, nein«, rief er. »Keine Boulevardblätter, keine Tageszeitung und vor allem keine Radio- und Fernsehnachrichten! Ich ziehe es vor, in meinem eigenen Wolkenkuckucksheim zu leben. Alles andere deprimiert mich so sehr, dass ich morgens nicht aus dem Bett komme, und dann sind Mums Ingwerplätzchen das Einzige, was mich wieder aufrichtet. Aber wenn ich die esse, nehme ich wieder zu, dann passe ich nicht mehr in meine Kleider, muss mir neue kaufen und… Sie verstehen das sicher, oder? Abney Park Cemetery? Wo liegt der denn überhaupt?«

»In Nordlondon.«

»Nordlondon?« Als läge das auf dem Mars. »Mein Gott! Was wollte sie denn da? Wurde sie überfallen? Entfuhrt? Sie wurde doch nicht… Sie wurde doch hoffentlich nicht unsittlich berührt?«

Isabelle fand, dass das Durchtrennen der Halsschlagader als reichlich unsittlich durchgehen konnte, aber das hatte er vermutlich nicht gemeint. »Belassen wir es vorerst bei >ermordet<. Wie gut kannten Sie Jemima?«

Nicht besonders gut, wie sich herausstellte. Jayson hatte hin und wieder mit Jemima telefoniert, war ihr jedoch nur zwei Mal begegnet, da sie keine gemeinsamen Arbeitszeiten und auch sonst nichts gemeinsam hatten. Er kenne sie eher von diesen hier als durch persönlichen Kontakt, erklärte er und zog einen Stapel Postkarten aus einem Fach neben der Kasse. Es handelte sich um Drucke des Porträts, das Deborah St. James von Jemima gemacht hatte, zweifellos ein Motiv von mehreren aus dem Sortiment des Souvenirladens in der National Portrait Gallery. Jemand hatte mit einem schwarzen Filzstift »Haben Sie diese Frau gesehen?« auf die Karten geschrieben. Rückseitig war eine Telefonnummer angegeben und darunter die Worte: »Bitte rufen Sie mich an!«

Paolo habe sie für Jemima vorbeigebracht, erzählte Jayson. Das wisse er, weil Paolo auch an Jemimas freien Tagen, wenn er, Jayson, im Laden arbeitete, vorbeigekommen sei, um die Karten abzugeben. Diese hier habe er erst vor wenigen Tagen dagelassen, allerdings sei Jemima nicht gekommen, um sie abzuholen. Jayson nahm an, dass Jemima die Karten vernichtete. Er habe mehrmals Schnipsel davon im Papierkorb entdeckt, wenn er zur Arbeit gekommen war. »Ich glaube, es war für sie so eine Art Ritual.«

Paolo di Fazio. Einer der Mieter. Isabelle erinnerte sich, dass Barbara Havers den Namen in ihrem Bericht über ihr Gespräch mit Jemima Hastings' Vermieterin erwähnt hatte. »Arbeitet Mr. di Fazio hier in der Nähe?«, fragte sie.

»Ja. Er ist der Maskenmann.«

»Er ist maskiert?«, fragte Isabelle. »Was in aller Welt…«

»Nein, nein, nicht maskiert. Er stellt Masken her. Er hat einen Stand drüben in der Markthalle. Er ist sehr gut. Von mir hat er auch eine angefertigt. Sie sind eine Art Andenken an… na ja, eigentlich mehr als ein Andenken. Ich glaube, er ist ein bisschen in Jemima verknallt. Ich meine, warum sollte er sonst dauernd hier im Laden auftauchen mit Postkarten, die er für sie eingesammelt hat?«

»Ist sonst noch jemand hier gewesen, der nach ihr gefragt hat? Ich meine, an ihren freien Tagen, wenn Sie hier im Laden waren?«, fragte Isabelle.

Er schüttelte den Kopf. »Keine Menschenseele«, sagte er. »Nur Paolo.«

»Hatte sie Kontakte hier auf dem Markt?«

»Oh, die würde ich nicht kennen, du liebe Zeit, wenn sie überhaupt welche hatte! Es wäre natürlich möglich, dass sie Kontakte hatte, aber wie gesagt, wir haben an unterschiedlichen Tagen gearbeitet, tja…« Er zuckte die Achseln. »Paolo wird Ihnen mehr sagen können. Das heißt, wenn er dazu bereit ist.«

»Warum sollte er nicht dazu bereit sein? Gibt es etwas, das wir über Paolo wissen sollten, ehe wir mit ihm sprechen?«

»Lieber Himmel, nein! Ich wollte nicht andeuten… Na ja, ich hatte schon den Eindruck, dass er ein sehr wachsames Auge auf sie hatte, wenn Sie verstehen, was ich meine. Er hat sich nach ihr erkundigt, so ähnlich wie Sie. Ob jemand hier im Laden nach ihr gefragt hätte, wollte er wissen, ob jemand sie hier besucht oder auf sie gewartet hätte und so weiter…«

»Wie kam es dazu, dass sie hier arbeitete?« Die Frage kam von Lynley, der eine der Vitrinen und die darin ausgestellten Zigarren betrachtet hatte.

»Job-Center«, sagte Jayson. »Ich kann Ihnen nicht sagen, welches. Die sind ja heutzutage alle vernetzt, nicht wahr? Sie kann also genauso gut aus Blackpool gekommen sein. Wir hatten beim Job-Center eine Anzeige aufgegeben, und irgendwann stand sie da. Dad hat das Vorstellungsgespräch mit ihr geführt und sie auf der Stelle eingestellt.«

»Wir müssen uns mit ihm unterhalten.«

»Mit Dad? Warum? Gütiger Gott, Sie nehmen doch nicht etwa an… Uups!« Jayson lachte und schlug sich die Hand vor den Mund. Er bemühte sich um einen angemessen traurigen Gesichtsausdruck. »Sorry, ich habe gerade versucht, mir Dad als Mörder vorzustellen. Ich nehme an, deswegen wollen Sie mit ihm reden, nicht wahr? Um ihn nach seinem Alibi zu fragen? So gehen Sie doch vor, oder?«

»Ja, so gehen wir vor. Ihr Alibi brauchen wir übrigens auch.«

»Mein Alibi?« Er legte die Hand auf die Brust. »Ich habe ja nicht mal eine Ahnung, wo Ashley Park liegt. Außerdem: Wenn Jemima dort war und sie während der Ladenöffnungszeit ermordet wurde, dann war ich auf jeden Fall hier.«

»Abney Park«, korrigierte Isabelle ihn. »Nordlondon. Stoke Newington, um genau zu sein, Mr. Druther.«

»Wo auch immer. Ich war hier. Von halb zehn bis halb sieben, und falls es an einem Mittwoch passiert ist, bis acht. War es an einem Mittwoch? Denn, wie ich bereits anfangs erwähnte, ich lese keine Zeitung, und ich habe keine Ahnung…«

»Fangen Sie damit an«, sagte Isabelle.

»Wie bitte?«

»Die Zeitung. Fangen Sie an, Zeitung zu lesen, Mr. Druther. Sie werden sich wundern, was Sie alles darin entdecken. Und jetzt sagen Sie uns bitte, wo wir Paolo di Fazio finden.«

Er fragte sich, ob sie Seraphim waren. Irgendetwas an ihnen sagte ihm, dass sie anders waren. Sie waren keine Sterblichen, das war offensichtlich. Also lautete die Frage: Zu welcher Art gehörten sie? Cherubim, Thronen, Herrscher, Fürsten? Waren sie gut oder böse, Krieger oder Wächter? Vielleicht sogar Erzengel wie Raphael, Michael oder Gabriel? Erzengel, von denen Gelehrte und Theologen noch gar nichts wussten? Vielleicht Engel der höchsten Ordnung, die gekommen waren, um Mächte zu bekämpfen, die so böse waren, dass nur ein Schwert in der Hand eines Geschöpfes des Lichts sie besiegen konnte?

Er wusste es nicht. Er konnte es nicht erkennen.

Er hatte sich selbst für einen Beschützer gehalten, aber er hatte sich geirrt. Inzwischen wusste er, dass er zu Michaels Krieger bestimmt war, aber bis er das begriffen hatte, war es zu spät gewesen.

Aber Wachen ist Macht…

Wachen ist nichts. Wachen bedeutet, mit dem Bösen in Kontakt kommen, und das Böse zerstört.

Zerstörung zerstört. Zerstörung erzeugt noch mehr Zerstörung. Die Aufgabe lautet Lernen. Beschützen bedeutet Lernen.

Beschützen bedeutet Angst.

Angst bedeutet Hass. Angst bedeutet Zorn. Beschützen bedeutet Liebe.

Beschützen bedeutet Verstecken.

Verstecken bedeutet Wachen, was Beschützen bedeutet, was Liebe bedeutet. Ich bin zum Beschützen bestimmt.

Ihr seid zum Töten bestimmt. Krieger besiegen. Ihr wurdet gerufen, um Krieg zu führen. Ich rufe euch. Legionen und Legionen, sie rufen euch.

Ich habe beschützt. Ich beschütze.

Ihr habt getötet.

Am liebsten hätte er auf die Stelle, wo die Stimmen in seinem Kopf entstanden, eingeschlagen. Sie waren lauter denn je, lauter als Geschrei, lauter als Musik. Er konnte die Stimmen nicht nur hören, sondern auch sehen, und sie füllten sein ganzes Blickfeld aus, bis er schließlich sogar die Flügel erkennen konnte. Sie waren verkleidete Engel, aber ihre Flügel verrieten sie, und sie beobachteten ihn, legten Zeugnis ab von oben. Sie reihten sich nebeneinander auf, ihre Münder öffneten und schlossen sich, und eigentlich hätte himmlischer Gesang erklingen müssen, doch stattdessen kam Wind aus ihren Mündern. Ein Heulen ertönte, und nach dem Wind kamen die Stimmen, die er kannte und denen er nicht zuhören wollte, und deshalb wandte er sich den Kriegern und den Wächtern und ihrer Entschlossenheit zu, die ihn für Aufgaben gewinnen wollten, die so gar nicht zu ihm passten.

Er kniff die Augen zu, aber er sah sie immer noch, und er hörte sie immer noch, und trotzdem gab er nicht auf, bis seine Wangen schweißnass waren, bis er merkte, dass es kein Schweiß war, sondern Tränen. Und dann kamen Bravorufe irgendwoher, aber diesmal nicht von den Engeln. Die waren verschwunden, und dann war auch er verschwunden. Er stolperte, kletterte, kämpfte sich zum Friedhof durch und dann zu der Stille, die gar keine Stille war, denn es gab nirgendwo Stille, nicht für ihn.

Lynley hatte kein Problem mit der Rolle, die er bei den Ermittlungen spielte: eine Mischung aus Chauffeur und Gehilfe von Isabelle Ardery. Die Rolle gestattete es ihm, sich ganz allmählich wieder an den Polizeidienst zu gewöhnen, denn falls er in den Polizeidienst zurückkehren würde, musste dies als ganz langsamer Prozess geschehen.

»Was für ein Wichser«, lautete Arderys Kommentar zu Jayson Druther, als sie den Tabakladen verließen.

Lynley widersprach ihr nicht. Er wies ihr den Weg, den sie zur Jubilee Market Hall einschlagen mussten, quer über das Kopfsteinpflaster von Covent Garden.

Der Lärm in der Halle war ohrenbetäubend: Marktschreier, Musik aus Gettoblastern in den Ständen, Leute, die schrien, statt Gespräche zu führen, und Käufer, die mit Händlern, die von bedruckten T-Shirts bis hin zu Kunstwerken alles feilboten, um Preise feilschten. Nachdem sie sich durch drei Gänge gekämpft hatten, fanden sie den Stand des Maskenherstellers. Er hatte einen guten Platz in der Nähe eines Ausgangs, sodass sein Stand entweder der erste oder der letzte war, an dem man vorbeikam. Aber er war ohnehin nicht zu übersehen: ein Eckladen ohne angrenzenden Stand. Und er war groß, größer als die meisten, und das war dem Umstand geschuldet, dass die Masken an Ort und Stelle angefertigt wurden. Unter einer hohen Stehlampe stand ein Hocker für das Modell des Künstlers, auf einem Tisch daneben befanden sich Tüten mit Gips und mehrere andere Behälter. Was sich im Moment leider nicht am Stand befand, war der Künstler selbst, aber an der schweren Plastikplane, die die Rückwand des Stands bildete, hingen Fotos von den Masken, die er hergestellt hatte, und Fotos der jeweiligen Modelle.

Auf einem Schild am behelfsmäßigen Tresen war die Uhrzeit angegeben, zu der der Künstler wieder zurückkehren würde. Ardery warf einen Blick auf das Schild, sah auf die Uhr und sagte zu Lynley: »Kommen Sie. Ich muss was Kühles trinken.«

Sie gingen zurück über den Platz ins Untergeschoss von Covent Garden. Der Geiger, der vor dem Restaurant gespielt hatte, war verschwunden, was Ardery ganz recht war. Sie wollte sich mit Lynley unterhalten.

Als sie sich ein Glas Wein bestellte, hob Lynley eine Braue, was ihr nicht entging. »Ich habe kein Problem damit, ein Glas Wein zu trinken, während ich im Dienst bin, Inspector Lynley. Nach der Begegnung mit J-a-y-s-o-n haben wir uns eins verdient. Bestellen Sie sich auch eins, sonst komme ich mir noch vor wie eine Säuferin.«

»Lieber nicht«, sagte er. »Ich habe es ziemlich übertrieben nach Helens Tod.«

»Ah. Ja, das verstehe ich.«

Lynley bestellte ein Mineralwasser, woraufhin Ardery ihrerseits eine Braue hob. »Nicht einmal eine Limo? Sind Sie immer so tugendhaft, Thomas?«

»Nur wenn ich Eindruck schinden will.«

»Und wollen Sie das?«

»Bei Ihnen Eindruck schinden? Wollen wir das nicht alle? Wenn Sie demnächst den Chefsessel einnehmen, sollten wir allmählich alle anfangen, uns in eine gute Position zu drängeln, meinen Sie nicht?«

»Ich bezweifle doch sehr, dass Sie sich jemals in eine gute Position gedrängelt haben.«

»Im Gegensatz zu Ihnen? Sie haben eine steile Karriere gemacht.«

»Das ist richtig.« Sie sah sich in dem Innenhof um. Es war bei Weitem nicht so voll wie oben, was daran lag, dass sich im Untergeschoss lediglich dieses eine Restaurant befand. Nur eine breite Treppe führte hierher.

Trotzdem waren alle Tische besetzt. Sie konnten von Glück reden, dass sie noch zwei freie Plätze ergattert hatten. »Gott, was für Menschenmassen«, stöhnte Isabelle. »Was zieht die Leute bloß an solche Orte, was meinen Sie?«

»Assoziationen«, sagte er. Sie sah ihn an. Er drehte ein Keramikschälchen voll Zuckerwürfel, während er weitersprach. »Geschichte, Kunst, Literatur. Die Gelegenheit, die Fantasie schweifen zu lassen. Vielleicht Kindheitserinnerungen. Es gibt alle möglichen Gründe.«

»Nicht, um T-Shirts mit dem Aufdruck >Mind the gap< zu kaufen?«

»Das ist nur ein bedauerliches Nebenprodukt des ausufernden Kapitalismus.«

Darüber musste sie lächeln. »Sie können ja beinahe amüsant sein!«

»Das hat man mir schon öfter gesagt. Meistens mit der Betonung auf beinahe.«

Ihre Getränke wurden gebracht. Lynley fiel auf, wie gierig sie den ersten Schluck nahm, und sie bemerkte, dass es ihm auffiel. »Ich versuche, die Erinnerung an Jayson runterzuspülen. Er hatte so widerliche Ohrläppchen.«

»Ein interessantes stilistisches Detail«, räumte er ein. »Wenn jetzt Verstümmelungen en vogue sind, fragt man sich, was die nächste Modewelle mit sich bringen wird.«

»Wahrscheinlich Brandzeichen. Was für einen Eindruck hat er auf Sie gemacht?«

»Abgesehen von den Ohrläppchen? Ich schätze, dass es ziemlich leicht sein wird, sein Alibi zu überprüfen. Auf den Kassenzetteln werden Datum und Uhrzeit ausgedruckt sein…«

»Jemand kann ihn im Laden vertreten haben, Thomas.«

»… und wahrscheinlich gibt es einen oder zwei Stammkunden und sicherlich auch den einen oder anderen Ladeninhaber hier, der bestätigen kann, dass er auf seinem Posten war. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er der Typ ist, der jemandem die Kehle durchschneidet. Sie etwa?«

»Eigentlich nicht. Und Paolo di Fazio?«

»Oder wer auch immer die Postkarten verteilt. Die Nummer auf der Rückseite war eine Handynummer.«

Isabelle griff nach ihrer Handtasche und zog die Karten heraus. Jayson hatte sie ihr ausgehändigt. »Ich bin froh, dass ich sie los bin, Darling«, hatte er gesagt.

»Die machen die Sache interessant«, sagte sie zu Lynley, und dann, ihr Gegenüber fest im Blick: »Was uns zu Sergeant Havers bringt.«

»Von wegen interessant«, sagte er ironisch.

»Haben Sie gern mit ihr zusammengearbeitet?«

»Ja, sehr.«

»Trotz ihrer…« Ardery schien nach dem richtigen Ausdruck zu suchen.

Er bot ihr mehrere an. »Widerspenstigkeit? Weigerung, sich anzupassen? Ihrer mangelnden Gewandtheit? Ihrer verblüffenden Eigenheiten?«

Ardery hob ihr Weinglas, nahm einen Schluck und musterte ihn über den Rand hinweg. »Sie geben ein seltsames Paar ab. Mit so etwas rechnet man nicht. Ich denke, Sie wissen, was ich meine. Sie hatte berufliche Probleme. Ich habe ihre Personalakte gelesen.«

»Nur ihre?«

»Natürlich nicht. Ich habe alle gelesen, auch Ihre. Ich will diesen Job, Thomas. Ich will ein Team, das funktioniert wie ein gut geölter Motor. Falls Sergeant Havers sich als Sand im Getriebe erweist, werde ich sie aus dem Team entfernen.«

»Haben Sie ihr deswegen zur Veränderung geraten?«

Sie runzelte die Stirn. »Veränderung?«

»Barbaras Kleidung. Das Make-up. Ich würde mich nicht wundern, wenn sie demnächst ihre Zähne richten ließe und sich eine Designerfrisur zulegte.«

»Es schadet einer Frau nicht, das Beste aus sich zu machen. Einem Mann in meinem Team würde ich die gleichen Ratschläge geben, wenn er in einer ähnlichen Aufmachung wie Barbara Havers zur Arbeit käme. Aber sie ist die Einzige, die aussieht, als hätte sie die Nacht auf einer Parkbank verbracht, wenn sie zum Dienst erscheint. Hat sie denn noch nie jemand darauf angesprochen? Superintendent Webberly? Oder Sie?«

»Sie ist, wie sie ist«, erwiderte Lynley. »Schlauer Kopf, großes Herz.«

»Sie mögen sie.«

»Ich kann mit niemandem zusammenarbeiten, den ich nicht mag, Chefin.«

»Nennen Sie mich Isabelle, wenn wir uns privat unterhalten«, sagte sie.

Ihre Blicke begegneten sich. Er sah, dass sie wie er braune Augen hatte, nur dass ihre nicht einheitlich braun waren. Sie waren hellbraun gesprenkelt, und er vermutete, dass sie, wenn sie andere Farben trug als an diesem Morgen - eine cremefarbene Bluse unter einem gut geschnittenen rotbraunen Jackett -, sogar grün erscheinen könnten.

Er sah sich in dem Innenhof um, in dem sie saßen. »Das hier ist wohl kaum privat, oder?«

»Ich glaube, Sie wissen, was ich meine.« Sie sah auf die Uhr. Sie hatte ihr Weinglas erst halb ausgetrunken, und als sie aufstand, leerte sie es in einem Zug. »Gehen wir Paolo di Fazio besuchen«, sagte sie. »Inzwischen dürfte er wieder an seinem Stand sein.«

Er war wieder da. Als sie dort eintrafen, war er gerade dabei, ein Paar mittleren Alters dazu zu überreden, sich als Andenken an ihre Silberhochzeitsreise Masken anfertigen zu lassen. Auf dem Tresen hatte er sein Werkzeug ausgebreitet. Einige fertige Masken lehnten an kurzen, auf einem kleinen, lackierten Sockel befestigten Stäben. Sie waren verblüffend lebensecht, ähnlich wie die Totenmasken, die einst von wichtigen Persönlichkeiten genommen wurden.

»Das perfekte Erinnerungsstück an Ihren Londonbesuch«, erklärte der Künstler dem Paar. »Wesentlich aussagekräftiger als eine Henkeltasse mit dem Porträt der Königin, meinen Sie nicht?«

Die beiden zögerten. Sie schauten einander an, flüsterten: »Sollen wir…?«, und di Fazio wartete höflich auf ihre Entscheidung. Sein Gesichtsausdruck war freundlich, und er änderte sich auch nicht, als die Leute ihm erklärten, sie müssten noch einmal darüber nachdenken.

Als das Paar gegangen war, wandte di Fazio seine Aufmerksamkeit Lynley und Ardery zu. »Ah, noch ein hübsches Paar«, sagte er. »Ihre Gesichter sind wie geschaffen für Masken. Bestimmt sind Ihre Kinder genauso gut aussehend wie Sie.«

Lynley hörte, wie Ardery schnaubte. Sie zeigte ihren Dienstausweis und sagte: »Superintendent Isabelle Ardery, New Scotland Yard. Das ist Detective Inspector Lynley.«

Im Gegensatz zu Jayson Druther wusste di Fazio sofort, warum sie da waren. Er nahm seine Nickelbrille ab und polierte sie an seinem Hemd. »Jemima?«

»Sie wissen also, was mit ihr passiert ist.«

Er setzte die Brille wieder auf und fuhr sich mit der Hand über das längliche Gesicht. Er war ein gut aussehender junger Mann, dachte Lynley, klein und kompakt, aber mit Schultern und einem Brustkorb, die darauf schließen ließen, dass er viel Zeit im Fitnessstudio verbrachte. »Natürlich weiß ich, was mit Jemima passiert ist. Das wissen wir alle.«

»Alle? Jayson Druther sagte, er hätte keine Ahnung davon gehabt.«

»Kann ich mir vorstellen«, sagte di Fazio. »Jayson Druther ist ein Idiot.«

»Hat Jemima das auch so gesehen?«

»Jemima war eine gute Seele. So etwas hätte sie nie gesagt.«

»Wie haben Sie von ihrem Tod erfahren?«, fragte Lynley.

»Bella hat's mir erzählt.« Er fügte hinzu, was sie bereits aus Barbaras Bericht wussten: dass er einer der Mieter von Bella McHaggis in Putney sei. Er sei es gewesen, der Jemima das Zimmer bei Mrs. McHaggis besorgt habe, sagte er. Er habe ihr davon erzählt, kurz nachdem sie sich kennengelernt hatten.

»Wann war das?«, wollte Lynley wissen.

»Ein, zwei Wochen, nachdem sie nach London gekommen war. Irgendwann im vergangenen November.«

»Und wie haben Sie sich kennengelernt?«, fragte Isabelle.

»In ihrem Laden.« Er rauche selbst gedrehte Zigaretten und kaufe Tabak und Blättchen in dem Tabakladen. »Meistens ist dieser Idiot Jayson da«, fügte er hinzu. »Pazzo uomo! Aber eines Tages stand Jemima hinterm Tresen.«

»Sie sind Italiener, Mr. di Fazio?«, fragte Lynley.

Di Fazio nahm eine Selbstgedrehte aus der Brusttasche seines frisch gebügelten weißen Hemdes und schob sie sich hinters Ohr. »Äußerst scharfsinnige Schlussfolgerung, bei einem Namen wie di Fazio.«

»Ich glaube, der Inspector wollte wissen, ob Sie in Italien geboren sind«, erklärte Isabelle. »Ihr Englisch ist perfekt.«

»Ich lebe hier seit meinem zehnten Lebensjahr.«

»Und Sie wurden geboren in…«

»Palermo. Warum? Was hat das mit Jemima zu tun? Ich bin legal eingewandert, falls es Sie interessiert, auch wenn das heutzutage bei dem EU-Chaos, wo jeder nach Belieben jede Grenze überqueren kann, kaum noch eine Rolle spielt.«

Lynley bemerkte, wie Ardery eine Änderung des Gesprächsthemas anstrebte, indem sie die Finger auf dem Tresen leicht anhob.

»Man sagte uns, dass Sie Postkarten von der National Portrait Gallery für Jemima gesammelt haben. Hatte sie Sie darum gebeten, oder war das Ihre Idee?«

»Wie sollte ich denn auf die Idee gekommen sein?«

»Vielleicht können Sie uns das erklären.«

»Es war nicht meine Idee. Ich hatte eine dieser Karten am Leicester Square gefunden. Ich kannte sie von der Werbung für die Portrait Gallery - draußen hängt ein Transparent mit Jemimas Bild drauf, falls Sie es noch nicht gesehen haben -, und da habe ich die Karte mitgenommen.«

»Wo genau haben Sie die Postkarte gefunden?«

»Weiß ich nicht mehr… An dem Ticketschalter? Vor dem Odeon? Sie war mit Haftknete festgeklebt, und es war eine Botschaft darauf geschrieben, also habe ich sie abgenommen und ihr mitgebracht.«

»Haben Sie die Nummer angerufen, die auf der Rückseite angegeben war?«

Er schüttelte den Kopf. »Ich hatte doch keine Ahnung, wer zum Teufel das war und was er wollte.«

»Er?«, wiederholte Lynley. »Sie wussten also, dass ein Mann die Karten verteilt hatte?«

Di Fazio hatte sich verplappert, und er wusste es genau. Es dauerte ein paar Sekunden, bis er antwortete. »Sie hat mir gesagt, dass wahrscheinlich ihr Freund dahintersteckte. Ihr Exfreund. Ein Typ aus Hampshire. Sie kannte die Telefonnummer. Sie hat mir erzählt, dass sie sich von ihm getrennt hatte und dass er damit nicht fertig geworden war und jetzt anscheinend versuchte, sie zu finden. Aber sie wollte nicht gefunden werden. Sie wollte die Karten verschwinden lassen, ehe jemand, der wusste, wo sie sich aufhielt, eine in die Finger bekam und den Typen anrief. Also haben wir sie eingesammelt - so viele, wie wir nur auftreiben konnten, und bei jeder Gelegenheit.«

»Hatten Sie ein Verhältnis mit ihr?«, fragte Lynley.

»Sie war eine Freundin.«

»Abgesehen von der Freundschaft. Hatten Sie ein Verhältnis mit ihr, oder machten Sie sich Hoffnungen, eines mit ihr einzugehen?«

Wieder antwortete di Fazio nicht gleich. Er wusste, dass die falsche Antwort ihn in ein schlechtes Licht rücken würde. Ja, nein, vielleicht, wie auch immer. Zwischen einem Mann und einer Frau spielte das sexuelle Element immer eine Rolle, und man wusste ja, wohin das sexuelle Element rühren konnte: nämlich zu einem Motiv für einen Mord.

»Mr. di Fazio«, sagte Ardery. »Gibt es irgendetwas an der Frage, das Sie nicht verstehen?«

Unvermittelt antwortete er: »Wir hatten mal ein Verhältnis.«

»Ah«, sagte Ardery.

Er wirkte irritiert. »Das war, bevor sie bei uns eingezogen ist. Sie hatte ein beschissenes kleines Zimmer in der Charing Cross Road, über dem Keim News. Und überteuert war es obendrein.«

»Und dort hatten Sie…« Ardery ließ ihn den Gedanken selbst zu Ende führen. »Wie lange kannten Sie sich, als Sie das Verhältnis miteinander eingingen?«

»Ich weiß nicht, was das mit dieser Sache zu tun hat.« Er war sichtlich verärgert.

Ardery erwiderte nichts auf seine Bemerkung, und auch Lynley hielt sich zurück. Di Fazio fauchte: »Eine Woche? Ein paar Tage? Ich weiß es nicht.«

»Sie wissen es nicht?«, fragte Ardery. »Mr. di Fazio, ich habe den Eindruck, dass…«

»Ich bin in den Laden gegangen, um Tabak zu kaufen. Sie war freundlich, hübsch, Sie kennen das ja. Ich habe sie gefragt, ob sie Lust hätte, nach der Arbeit mit mir ein Gläschen zu trinken. Wir sind zu diesem Laden am Long Acre gegangen… zu diesem Pub… Keine Ahnung, wie der heißt. Es war rappelvoll, und jede Menge Leute standen draußen vor der Tür. Wir haben ein Glas getrunken, und dann sind wir abgehauen. Wir sind zu ihr gegangen.«

»Sie sind also an dem Tag, als Sie sich kennengelernt haben, zusammen ins Bett gegangen«, stellte Ardery fest. »So etwas kommt vor.«

»Und dann sind Sie in Putney zusammengezogen«, sagte Lynley. »Ins Haus von Bella McHaggis.«

»Nein.«

»Nein?«

Di Fazio kramte nach einer Zigarette. »Nein.« Und wenn sie sich noch länger mit ihm unterhalten wollten - was ihm übrigens die verdammte Kundschaft vertreibe -, dann würde er das Gespräch gerne draußen fortsetzen, wo er wenigstens eine rauchen konnte.

Ardery signalisierte ihr Einverständnis, woraufhin di Fazio die Masken samt den hölzernen Gestellen und das Werkzeug unter dem Tresen verstaute. Lynley nahm es zur Kenntnis. Das Werkzeug war scharf gewesen und nicht nur zum Schnitzen geeignet - und er wusste, dass es Ardery ebenfalls aufgefallen war. Sie tauschten einen Blick aus und folgten di Fazio nach draußen.

Dort zündete er sich seine Selbstgedrehte an und erzählte Lynley und Ardery den Rest seiner Geschichte. Er sei davon ausgegangen, dass sie ihr Verhältnis in Putney fortsetzen würden, habe jedoch nicht damit gerechnet, dass Jemima eine starke Neigung dazu gehabt habe, sich streng an Vorschriften zu halten.

»Kein Sex«, so drückte er sich aus. »Bella erlaubt es nicht.«

»Hat sie etwas gegen Sex im Allgemeinen?«, fragte Lynley.

Sex unter Mietern, erklärte di Fazio. Er habe versucht, Jemima davon zu überzeugen, dass sie einfach weitermachen könnten wie bis dato, ohne dass jemand davon erfuhr, da Bella eine Etage über ihnen schlafe wie ein Stein, und Frazer Chaplin - der dritte Mieter - wohne im Souterrain und bekäme nicht mit, was auf ihrer Etage passiere. Sie beide - Jemima und di Fazio - bewohnten die einzigen zwei Zimmer im ersten Stock des Hauses. Bella würde nie die Nase dran kriegen, dass zwischen ihnen etwas lief.

»Aber Jemima wollte nichts davon wissen«, sagte di Fazio. »Als sie nach Putney kam, um sich das Zimmer anzusehen, hat Bella ihr sofort klargemacht, dass sie die letzte Mieterin rausgeworfen hatte, weil die sich mit Frazer eingelassen hatte. Sie hatte sie eines frühen Morgens erwischt, wie sie aus Frazers Zimmer gekommen war, und kurzen Prozess gemacht. Jemima wollte nicht, dass ihr so etwas passierte - es ist nicht einfach, in London ein ordentliches Zimmer zu finden -, und deswegen hat sie zu mir gesagt: Kein Sex. Anfangs hieß das, kein Sex in Bellas Haus, aber dann wollte sie überhaupt keinen Sex mehr. Sie meinte, es wäre ihr zu kompliziert geworden.«

»Zu kompliziert?«, fragte Ardery. »Wo hatten Sie denn Sex?«

»Jedenfalls nicht in der Öffentlichkeit«, erwiderte er. »Und auch nicht auf dem Abney Park Cemetery, falls Sie darauf hinauswollen. In meinem Atelier.« Er teile sich einen Raum mit drei weiteren Künstlern in einem Eisenbahnbogen in der Nähe von Clapham Junction, erklärte er ihnen. Anfangs waren sie immer dorthin gegangen, er und Jemima, aber nach ein paar Wochen hatte sie genug. »Sie meinte, sie wollte Bella nicht auf diese Weise hintergehen.«

»Haben Sie ihr geglaubt?«

»Mir blieb ja wohl nichts anderes übrig. Sie hat einfach Schluss gemacht.«

»So wie sie es mit dem Mann gemacht hatte, der die Postkarten verteilte? Hat sie das Ihnen gegenüber so dargestellt?«

»So in etwa«, sagte er.

Womit beide ein Motiv für den Mord hatten, dachte Lynley.

11

Yolanda die Hellseherin betrieb ihr Gewerbe in einer Markthalle in der Nähe des Queensway in Bayswater. Barbara Havers und Winston Nkata hatten keine Mühe, sie aufzuspüren, nachdem sie die Markthalle erst einmal ausfindig gemacht hatten. Sie war so unauffällig, dass man glatt daran vorbeilaufen könnte, ohne sie zu bemerken: ein niedriger Bau mit einem Labyrinth aus ethnisch orientierten Läden und Ständen, die ausschließlich von Bewohnern des Viertels geführt wurden. Es gab russische Cafés, asiatische Bäckereien und Läden, die Wasserpfeifen feilboten, neben Ständen, aus denen afrikanische Musik plärrte.

Sie betraten die Halle durch einen ungekennzeichneten Eingang zwischen einem winzigen Zeitungskiosk und einem der allgegenwärtigen billigen Kofferläden, die neuerdings in London wie Pilze aus dem Boden zu sprießen schienen.

Als sie sich in einem russischen Café erkundigten, erhielten sie die Information, dass es innerhalb der Markthalle eine Gasse namens Psychic Mews gab. Dort, so erfuhren Barbara und Nkata, arbeitete Yolanda die Hellseherin, und zu dieser Tageszeit würden sie sie aller Wahrscheinlichkeit nach auch antreffen.

Nachdem sie noch ein bisschen durch die Markthalle geirrt waren, gelangten sie in die Psychic Mews. Der Komplex sah aus - wahrscheinlich sah es nur so aus -, als handelte es sich um ehemalige Stallungen, komplett mit Kopfsteinpflastergassen und Häuschen, die an Pferdeställe erinnerten, wie in allen Londoner Mews. Im Gegensatz zu anderen Mews waren diese jedoch durch ein Dach geschützt, ebenso wie der Rest der Markthalle. Diese Tatsache verlieh den Psychic Mews eine düstere, geheimnisvolle, ja regelrecht gefährliche Atmosphäre. Hier rechnete man jeden Augenblick damit, dass Jack the Ripper sich von irgendeinem Dach auf einen stürzte, dachte Barbara.

Yolanda betrieb einen von drei spiritistischen Kulträumen. In dem einzigen Fenster - mit geschlossenem Vorhang, um die Privatsphäre der Kunden zu schützen - waren die für ihr Gewerbe typischen Utensilien ausgestellt: eine Hand aus Porzellan, auf deren Handfläche die Linien nachgezeichnet waren. Ein Kopf aus Porzellan, auf dem mehrere Schädelpartien gekennzeichnet waren. Eine astrologische Tabelle. Tarotkarten. Nur die Kristallkugel fehlte.

»Glaubst du an diesen Quatsch?«, wollte Barbara von Nkata wissen. »Liest du dein Horoskop in der Zeitung oder so?«

Winston verglich seine Handfläche mit der im Fenster. »Wenn das da stimmt, müsste ich schon seit einer Woche tot sein«, bemerkte er und drückte die Tür mit der Schulter auf. Er musste den Kopf einziehen, um eintreten zu können. Barbara folgte ihm in den Vorraum, wo Räucherstäbchen brannten und Sitarmusik erklang. An einer Wand befand sich das Relief einer Elefantengottheit, an der gegenüberliegenden Wand hing ein Kreuz über einer Art Kachinapuppe, und auf dem Boden saß ein riesiger Buddha, der offenbar als Türstopper diente. Anscheinend deckte Yolanda sämtlche spirituellen Bereiche ab, dachte Barbara.

»Ist hier jemand?«, rief sie.

Eine Frau kam hinter einem Perlenvorhang hervor. Barbara war überrascht. Irgendwie hatte sie sich die Hellseherin in einer Art Zigeunerinnenkostüm vorgestellt: großes Schultertuch, farbenfroher, langer Rock und jede Menge Goldketten und dazu passende, riesige Kreolen. Stattdessen trug die Frau ein Kostüm, das Isabelle Arderys Wohlgefallen gefunden hätte. Es schien für ihren fülligen Körper maßgeschneidert, und selbst Barbaras ungeübtes Auge erkannte, dass es sich um französisches Design handelte. Das einzige Zugeständnis ans Klischee war ein Tuch, das sie zu einem schmalen Streifen gefaltet hatte, um es als Haarband benutzen zu können. Ihr Haar war nicht schwarz, sondern orangerot, ein ziemlich irritierender Farbton, der einen unglücklichen Zusammenstoß mit einer Flasche Wasserstoffperoxid nahelegte.

»Sind Sie Yolanda?«, fragte Barbara.

Die Frau hielt sich die Ohren zu. »Ja, ja, ist ja gut!« Sie hatte eine seltsame, tiefe Stimme. Sie klang wie ein Mann. »Ich hab's verstanden, Himmel noch mal!«

»Verzeihung«, sagte Barbara, obwohl sie nicht das Gefühl hatte, besonders laut gesprochen zu haben. So eine Hellseherin, dachte sie, war wahrscheinlich extrem geräuschempfindlich. »Ich wollte nicht…«

»Ich sag's ihr. Aber Sie müssen aufhören zu schreien. Ich bin schließlich nicht taub.«

»Ich hatte nicht das Gefühl, laut zu sein.« Barbara zückte ihren Dienstausweis. »Scotland Yard«, sagte sie.

Yolanda öffnete die Augen. Sie warf nicht einmal einen flüchtigen Blick auf Barbaras Ausweis, sondern sagte: »Er ist ein ziemlicher Schreihals.«

»Wer?«

»Er sagt, er ist Ihr Vater. Er sagt, Sie sollen…«

»Er ist tot«, sagte Barbara.

»Natürlich ist er tot! Sonst könnte ich ihn ja nicht hören. Ich höre nur Tote.«

»Wie in Alias - Die Agentin!«

»Machen Sie sich nur über mich lustig. In Ordnung! In Ordnung! Nicht so laut! Ihr Vater…«

»Er war kein Schreihals. Nie.«

»Jetzt ist er einer, meine Liebe. Er sagt, Sie sollen Ihre Mutter besuchen. Sie fehlen ihr.«

Das bezweifelte Barbara. Als sie ihre Mutter das letzte Mal besucht hatte, hatte die sie für ihre langjährige Nachbarin Mrs. Gustafson gehalten, und als sie daraufhin in Panik geriet - während der letzten Jahre, die sie zu Hause verbracht hatte, hatte ihre Mutter eine panische Angst vor Mrs. Gustafson entwickelt, als wäre sie der Teufel persönlich -, war es Barbara nicht gelungen, sie wieder zu beruhigen, weder mithilfe ihres Dienstausweises, noch indem sie die anderen Bewohner des Seniorenheims, in dem ihre Mutter wohnte, um Hilfe anflehte. Seitdem war Barbara nicht mehr dort gewesen. Es war ihr als das Beste erschienen.

»Was soll ich ihm sagen?«, fragte Yolanda, dann hielt sie sich wieder die Ohren zu. »Wie bitte? Ja, natürlich glaube ich Ihnen!« Zu Barbara sagte sie: »James, nicht wahr? Aber so hat man ihn nicht genannt, richtig?«

»Jimmy.« Barbara trat verlegen von einem Fuß auf den anderen. Sie warf Winston einen Blick zu. Auch er schien bereits eine unwillkommene Nachricht aus dem Jenseits zu befürchten. »Sagen Sie ihm, ich geh hin. Morgen. Was weiß ich.«

»Sie dürfen die Geister nicht belügen.«

»Dann eben nächste Woche.«

Yolanda schloss die Augen. »Sie sagt, nächste Woche, James.« Dann, zu Barbara: »Früher schaffen Sie's nicht? Er ist ziemlich hartnäckig.«

»Sagen Sie ihm, ich arbeite an einem Fall. Das wird er verstehen.«

Offenbar tat er das, denn nachdem Yolanda diese Nachricht in die Geisterwelt übermittelt hatte, atmete sie erleichtert auf und schenkte nun Winston ihre Aufmerksamkeit.

Er habe eine bemerkenswerte Aura, erklärte sie ihm. Ausgeprägt, außergewöhnlich, strahlend und sehr gut entwickelt. Fan-tas-tisch.

Nkata bedankte sich höflich. »Können wir uns kurz mit Ihnen unterhalten, Miss…«

»Einfach nur Yolanda.«

»Kein Nachname?«, fragte Barbara. Fürs Protokoll, erklärte sie. Es gehe um eine Polizeiangelegenheit, das verstehe Yolanda doch sicherlich, oder?

»Polizei? Mein Geschäft ist vollkommen legal«, entgegnete sie. »Ich habe eine Lizenz. Was auch immer Sie brauchen.«

»Davon gehen wir aus. Wir sind nicht hier, um Ihre Geschäftsunterlagen zu überprüfen. Ihr voller Name lautet also…?«

Es stellte sich heraus - nicht gerade verwunderlich -, dass Yolanda ihr Künstlername war. Sharon Price besaß für das Hellsehergewerbe wohl nicht den rechten Klang.

»Miss oder Mrs. Price?«, fragte Nkata, Notizheft und Bleistift in der Hand.

Mrs., erklärte Yolanda. Der Mister fahre eines der schwarzen Londoner Taxis, und die Kinder von Mister und Mrs. seien inzwischen erwachsen und selbstständig.

»Sie sind ihretwegen hier, nicht wahr?«, schloss sie scharfsinnig.

»Dann kannten Sie Jemima Hastings also?«, fragte Nkata.

Yolanda hatte nicht mitbekommen, dass Nkata in der Vergangenheit gesprochen hatte. »Selbstverständlich kenne ich Jemima! Aber ich meinte nicht Jemima, sondern diese Kuh aus Putney. Sie hat Sie also tatsächlich angerufen, was? Eine Frechheit!«

Sie standen immer noch in dem Vorraum, und Barbara fragte, ob sie sich irgendwo in Ruhe unterhalten könnten. Daraufhin bat Yolanda sie hinter den Perlenvorhang in einen Raum, der eine Mischung war aus einer Psychopraxis mit einer Couch an der Wand und einem Seancezimmer mit einem runden Tisch in der Mitte, an dem ein thronartiger Sessel stand, der offenbar der Hellseherin vorbehalten war. Yolanda setzte sich und bedeutete Havers, links von ihr, und Nkata, ihr gegenüber am Tisch Platz zu nehmen. Das hatte offenbar mit Nkatas Aura zu tun beziehungsweise mit Barbaras Mangel an einer solchen.

»Um Sie mache ich mir ein bisschen Sorgen«, sagte Yolanda zu ihr.

»Da sind Sie nicht die Einzige.« Barbara warf einen Blick zu Nkata hinüber. Er wirkte zutiefst besorgt angesichts ihres offenkundigen Mangels an einer Aura. »Wir sprechen uns noch«, murmelte sie, woraufhin er sich ein Lachen verkniff.

»Ah, ich sehe schon, Sie sind eine Ungläubige«, sagte Yolanda mit ihrer seltsamen Männerstimme. Dann langte sie unter den Tisch, und Barbara rechnete schon damit, dass er gleich anfangen würde zu schweben. Stattdessen brachte die Hellseherin den Grund für ihre ruinierten Stimmbänder zum Vorschein: ein Päckchen Dunhills. Sie zündete sich eine an und schob die Zigaretten zu Barbara hinüber, offenbar wohl wissend, dass Barbara dem gleichen Laster frönte. »Sie giepern doch nach einer Zigarette«, sagte sie. »Bedienen Sie sich!« Und zu Winston: »Sorry, mein Lieber. Aber keine Sorge, Sie werden nicht an den Folgen des Passivrauchens sterben. Wenn Sie mehr wissen wollen, kostet das allerdings fünf Pfund.«

»Ich lasse mich lieber überraschen«, erwiderte er.

»Wie Sie wollen, mein Lieber.« Genüsslich inhalierte sie den Zigarettenrauch und machte es sich für einen längeren Plausch in ihrem Sessel bequem. »Ich will nicht, dass sie in Putney wohnen bleibt. Es geht mir nicht um Putney, wohlgemerkt, sondern um sie, das heißt, um ihr Haus.«

»Sie waren dagegen, dass Jemima in Mrs. McHaggis' Haus wohnte?«, fragte Barbara.

»Genau.« Yolanda schnippte die Asche auf den Perserteppich zu ihren Füßen, was sie jedoch nicht zu stören schien. »Häuser des Todes müssen gereinigt werden. In den Zimmern muss Salbei verbrannt werden, und glauben Sie mir, es hilft nicht, einfach nur durchs Haus zu laufen und damit kurz ein bisschen herumzuwedeln. Und ich rede nicht von der Art Salbei, der auf jedem x-beliebigen Markt feilgeboten wird. Es reicht nicht, bei Sainsbury's ein Tütchen getrockneten Salbei aus dem Kräuterregal mitzunehmen, einen Teelöffel davon in einem Aschenbecher zu verbrennen und fertig. Das reicht hinten und vorne nicht! Man muss sich echten Salbei besorgen, der zum Zweck des Verbrennens zu einem ordentlichen Sträußchen gebunden ist. Dann zündet man ihn an und spricht die entsprechenden Gebete. Geister, die auf Erlösung warten, werden erlöst, das Haus wird vom Tod gereinigt, und erst dann ist es unbedenklich, jemanden darin wohnen zu lassen.«

Winston schrieb alles so akribisch mit, sah Barbara, als hätte er vor, auf dem Rückweg irgendwo anzuhalten, um die nötigen Reinigungsutensilien zu erstehen. Sie sagte: »Verzeihen Sie, Mrs. Price, aber…«

»Yolanda, Himmel noch mal!«

»Äh, ja. Yolanda. Beziehen Sie sich auf das, was mit Jemima Hastings passiert ist?«

Yolanda sah sie verwirrt an. »Ich beziehe mich auf die Tatsache«, sagte sie, »dass sie in einem Haus des Todes wohnt. Diese McHaggis - hat je eine Frau einen treffenderen Namen gehabt, frage ich Sie - ist Witwe. Ihr Mann ist in ihrem Haus gestorben.«

»Unter verdächtigen Umständen?«

Yolanda schnaubte verächtlich. »Das müssen Sie sie fragen. Ich sehe die Verunreinigung aus jedem einzelnen Fenster heraussickern, wenn ich an dem Haus vorbeigehe. Ich habe Jemima gesagt, dass sie unbedingt ausziehen muss. Und ja, ich gebe zu, dass ich ziemlich beharrlich auf sie eingeredet habe.«

»Deswegen wurde die Polizei verständigt?«, fragte Barbara. »Von wem? Ich frage Sie das, weil wir wissen, dass Sie einmal verwarnt wurden, weil Sie Jemima nachgestellt haben. Ist unsere Information…«

»Das ist eine Interpretation«, fiel Yolanda ihr ins Wort. »Ich habe lediglich meine Besorgnis zum Ausdruck gebracht. Irgendwann wurden meine Befürchtungen noch stärker, also habe ich sie abermals ausgesprochen. Vielleicht war ich ein bisschen… Na ja, vielleicht habe ich es ein bisschen übertrieben. Vielleicht bin ich auch ein bisschen ums Haus geschlichen. Aber was soll ich denn machen? Sie einfach dahinsiechen lassen? Jedes Mal, wenn ich sie sehe, ist sie weiter zusammengeschrumpft! Soll ich das etwa tatenlos mit ansehen? Soll ich nichts dazu sagen?«

»Zusammengeschrumpft«, wiederholte Barbara. »Was ist zusammengeschrumpft?«

»Ihre Aura«, half Nkata ihr auf die Sprünge.

»Genau«, bestätigte Yolanda. »Als ich Jemima kennenlernte, hat ihre Aura gestrahlt. Na ja, nicht wie bei Ihnen, mein Lieber« - ein Blick in Nkatas Richtung -, »aber immer noch stärker als bei den meisten Menschen.«

»Wie haben Sie sie denn kennengelernt?«, wollte Barbara wissen. Sie wollte nichts mehr von Auren hören, denn Nkatas selbstgefälliges Grinsen ging ihr reichlich auf die Nerven.

»Auf der Eisbahn. Natürlich nicht direkt auf der Eisbahn selbst. Abbott hat uns einander vorgestellt. Wir treffen uns manchmal auf einen Kaffee, Abbott und ich. Manchmal sehe ich ihn auch zufällig an einem der Stände. Er hat eine angenehme Aura…«

»Klar«, murmelte Barbara.

»Seine Ehefrauen machen ihm dermaßen das Leben schwer - also, ich meine, seine Exfrauen -, und ich sage ihm immer, er soll sich nicht so viele Gedanken darüber machen. Man kann nicht mehr leisten, als man leisten kann, oder? Und wenn er nicht genug verdient, um ihnen allen Unterhalt zu zahlen, dann soll er sich deswegen nicht zu Tode grämen. Er tut, was er kann: Er gibt Schlittschuhunterricht. Er führt Hunde aus. Er gibt Nachhilfe. Was erwarten diese drei Schnepfen denn noch von ihm?«

»Gute Frage«, bemerkte Barbara.

»Und wer ist dieser Typ?«, fragte Winston.

Abbott Langer, erklärte Yolanda. Er arbeite als Schlittschuhlehrer im Queen's Ice and Bowl, einer Eishalle, und die liege nur ein Stück die Straße rauf von der Markthalle, in der sie sich gerade befänden.

Wie sich herausstellte, hatte auch Jemima Hastings bei Abbott Langer Unterricht genommen, und Yolanda hatte die beiden zusammen hier in der Markthalle im russischen Café angetroffen. Abbott habe sie miteinander bekannt gemacht. Yolanda sei beeindruckt gewesen von Jemimas Aura…

»Garantiert«, murmelte Barbara.

… und sie habe Jemima ein paar Fragen gestellt, woraus sich ein Gespräch ergeben habe, was wiederum dazu geführt habe, dass Yolanda Jemima ihre Visitenkarte gegeben habe. So sei das gewesen.

»Sie hat mich drei, vier Mal aufgesucht«, sagte Yolanda.

»Und was wollte sie von Ihnen?«

Yolanda brachte es tatsächlich fertig, gleichzeitig an ihrer Zigarette zu ziehen und entgeistert dreinzublicken. »Ich spreche nicht über meine Klienten«, sagte sie. »Was sich hier drinnen abspielt, ist streng vertraulich.«

»Wir brauchen ein paar grundsätzliche Hinweise…«

»Ach nein, wirklich?« Sie blies eine dünne Rauchwolke aus. »Grundsätzlich ist sie wie alle anderen. Sie will über einen Mann reden. Wollen sie das nicht alle? Es geht doch immer um einen Mann. Wird er? Wird er nicht? Werden sie? Werden sie nicht? Soll sie? Soll sie nicht? Ich mache mir Sorgen, weil sie in diesem Haus wohnt. Aber will sie jemals etwas davon hören? Will sie etwas davon hören, wo sie wohnen sollte?«

»Und wo wäre das?«, fragte Barbara.

»Dort jedenfalls nicht, das kann ich Ihnen versichern. Ich sehe dort Gefahren. Ich habe ihr sogar zu einem Freundschaftspreis ein Zimmer bei mir im Haus angeboten. Wir haben zwei Gästezimmer, und beide sind rituell gereinigt worden. Aber sie will nicht von dieser McHaggis weg. Ich gebe ja zu, dass ich vielleicht ein bisschen zu aufdringlich gewesen bin. Ich bin vielleicht hin und wieder zu ihr gegangen, um mit ihr darüber zu reden. Aber das habe ich nur getan, weil sie aus dem Haus rausmuss! Was soll ich denn tun? Den Mund halten? Dem Schicksal seinen Lauf lassen? Warten, bis passiert, was passieren wird?«

Anscheinend wusste Yolanda wirklich nicht, dass Jemima tot war, dachte Barbara. Reichlich merkwürdig, da sie doch angeblich Hellseherin war und jetzt zwei Polizisten gegenübersaß, die sie nach einer ihrer Klientinnen ausfragten. Einerseits war Jemimas Name noch nicht an die Medien gegeben worden, da man immer noch nach ihren Angehörigen suchte. Andererseits… Wenn Yolanda sich mit Barbaras Vater unterhielt, warum schrie Jemimas Geist nicht mindestens genauso laut aus der Unterwelt?

Als sie an ihren Vater dachte, warf Barbara aus dem Augenwinkel einen Blick in Richtung Nkata. Hatte der Mistkerl womöglich Yolandas Adresse ausfindig gemacht und sie angerufen, um ihr ein paar einschlägige Hinweise auf Barbaras Leben zu flüstern? Zuzutrauen war's ihm. Er ließ sich nicht so leicht einen Spaß entgehen.

»Yolanda«, sagte sie. »Bevor wir fortfahren, möchte ich gern etwas klarstellen: Jemima Hastings ist tot. Sie wurde vor vier Tagen auf dem Abney Park Cemetery in Stoke Newington ermordet.«

Stille. Und dann, als stünde ihr Hintern in Flammen, sprang Yolanda so plötzlich von ihrem Thron auf, dass dieser nach hinten kippte. Sie ließ ihre Zigarette auf den Teppich fallen und trat sie aus - das hoffte Barbara zumindest, denn sie hatte keine Lust auf einen Feuerwehreinsatz -, und dann riss sie die Arme in die Luft und schrie, als hätte ihr letztes Stündlein geschlagen: »Ich wusste es! Ich wusste es! O ihr Unsterblichen, vergebt mir!«

Dann warf sie sich mit ausgestreckten Armen über den Tisch. Eine Hand tastete nach Nkata, die andere nach Barbara. Als beide nicht begriffen, was sie von ihnen wollte, schlug sie mit den Handflächen auf die Tischplatte und streckte die Hände erneut nach ihnen aus. Sie sollten einander die Hände reichen.

»Sie ist hier unter uns!«, schrie Yolanda. »Sag's mir, mein geliebtes Kind! Wer? Wer?« Sie begann zu stöhnen.

»Ich glaub, mein Schwein pfeift.« Barbara sah Winston entgeistert an. Sollten sie Hilfe holen? Den Notruf wählen oder was auch immer? Sollten sie ihr kaltes Wasser ins Gesicht spritzen? Gab es hier irgendwo ein Sträußchen Salbei?

»So dunkel wie die Nacht«, flüsterte Yolanda, noch heiserer als zuvor. »Er ist so dunkel wie die Nacht.«

Klar war er das, dachte Barbara. Das waren sie doch immer.

»Begleitet von seiner Partnerin, der Sonne, kommt er über sie. Sie tun es gemeinsam. Er war nicht allein. Ich sehe ihn. Ich sehe ihn. Ach, mein liebes Kind!« Sie schrie erneut. Und dann fiel sie in Ohnmacht. Oder so schien es zumindest.

»Verflucht«, flüsterte Nkata. Er sah Barbara fragend an.

Am liebsten hätte sie ihm gesagt, dass er derjenige mit der großartigen Aura war, und deswegen müsste verdammt noch mal er wissen, was zu tun war. Stattdessen stand sie auf, er erhob sich ebenfalls, und mit vereinten Kräften richteten sie Yolandas Thron wieder auf, hoben sie darauf und legten ihr den Kopf zwischen die Knie.

Als sie wieder zu sich kam und eine Munterkeit an den Tag legte, die vermuten ließ, dass sie gar nicht ohnmächtig gewesen war, stöhnte sie über McHaggis, das Haus, Jemima, Jemimas Fragen in Bezug auf den Mann und Liebt er mich, Yolanda? Ist er der Richtige, Yolanda? Soll ich tun, was er von mir verlangt, Yolanda?

Aber abgesehen davon, dass Yolanda immer wieder stöhnte: »So dunkel wie die Nacht, die mich umgibt«, was in Barbaras Ohren verdächtig nach einer Gedichtzeile klang, konnte die Hellseherin ihnen keine weiteren Hinweise liefern. Abbott Langer würde wahrscheinlich mehr über Jemima wissen, sagte sie, weil sie regelmäßig Stunden bei ihm genommen habe. Er sei sehr beeindruckt von ihrer Hingabe an den Sport gewesen.

»Es ist das Haus«, sagte sie abschließend. »Ich habe versucht, sie vor dem Haus zu warnen.«

Abbott Langer zu finden, war nicht schwierig. Das Queen's Ice and Bowl lag nur ein Stück weiter die Straße hinauf, genau wie Yolanda gesagt hatte. Wie der Name bereits nahelegte, gab es dort eine Eisbahn und eine Bowlingbahn, außerdem Videospiele, eine Snackbar und einen Lärmpegel, der selbst bei Leuten, die bisher dagegen immun gewesen waren, Migräne verursachte.

Der Lärm kam aus allen Richtungen, eine infernalische Kakofonie: Rock'n'Roll-Musik von der Bowlingbahn, Gekreische, Piepen, Knallen, Hupen und Gebimmel aus der Halle mit den Videospielen, Tanzmusik von der Eisbahn, Geschrei und Gelächter von den Eisläufern. Aufgrund der Jahreszeit wimmelte es von Kindern mit ihren Eltern, Jugendlichen, die einen Ort brauchten, wo sie herumhängen, SMS verschicken und sich auf jede andere erdenkliche Art cool geben konnten. Außerdem war es hier angenehm kühl, und viele Leute waren in erster Linie hier, um der Hitze für eine Weile zu entkommen.

Auf dem Eis befanden sich vielleicht fünfzig Schlittschuhläufer, von denen die meisten sich allerdings an die Bande klammerten. Die Musik - oder was man bei dem Lärm davon hören konnte - schien dazu gedacht, zu langen, ruhigen Zügen zu animieren, aber irgendwie funktionierte es nicht richtig. Barbara fiel auf, dass außer den Trainern niemand den Takt einhielt. Es gab drei Trainer, erkennbar an gelben Westen und daran, dass sie als Einzige rückwärts Schlittschuh laufen konnten, was Barbara tief beeindruckte.

Sie und Winston lehnten sich an die Bande und sahen dem Treiben eine Weile zu. Einige Kinder unter den Schlittschuhläufern schienen gerade in der Mitte der Eisbahn Unterricht zu bekommen. Ihr Lehrer, ein auffallend großer Mann, hatte eine Frisur, mit der er aussah wie ein Elvis-Imitator. Er war viel größer, als man sich einen Schlittschuhläufer vorstellte, mindestens eins fünfundachtzig und gebaut wie ein Kühlschrank: keineswegs fett, aber kompakt. Es war fast unmöglich, ihn zu übersehen, nicht nur wegen der Frisur, sondern auch, weil er - trotz seines Körperbaus - erstaunlich leichtfüßig wirkte. Das war Abbott Langer, und nachdem einer der anderen Trainer ihm Bescheid gegeben hatte, kam er kurz zu ihnen an die Bande.

Er müsse seine Unterrichtsstunde noch beenden, erklärte er ihnen. Sie könnten entweder am Rand der Eisbahn auf ihn warten - »Achten Sie mal auf die Kleine in Pink da drüben: eine zukünftige Goldmedaillengewinnerin!« - oder in der Snackbar.

Sie entschieden sich für die Snackbar. Da es schon später Nachmittag war und sie noch nicht einmal zu Mittag gegessen hatte, wählte Barbara ein Sandwich mit Schinken und Salat, Fritten mit Salz und Essig, einen Haferflocken- und einen Kitkatriegel und dazu eine Cola, um alles hinunterzuspülen. Winston - wie überraschend - begnügte sich mit einem Orangensaft.

Sie bedachte ihn mit einem finsteren Blick. »Hat eigentlich jemals einer einen Kommentar zu deinen abartigen Angewohnheiten gemacht?«

Er schüttelte den Kopf. »Nur zu meiner Aura«, erwiderte er. »Ist das dein Abendessen, Barb?«

»Soll das ein Witz sein? Ich hab noch nicht zu Mittag gegessen.«

Abbott Langer gesellte sich zu ihnen, als Barbara gerade ihre Mahlzeit beendete. Er hatte seine Schlittschuhe mit Kufenschonern versehen. In einer halben Stunde fange seine nächste Unterrichtsstunde an, sagte er; was er für sie tun könne.

»Wir kommen gerade von Yolanda«, eröffnete Barbara ihm.

»Sie ist absolut seriös«, sagte er spontan. »Geht es um eine Referenz? Wollen Sie ihre Dienste in Anspruch nehmen? Im Fernsehen?«

»Äh… nein.«

»Sie hat uns an Sie verwiesen, damit wir mit Ihnen über Jemima Hastings reden«, erklärte Winston. »Sie ist tot, Mr. Langer.«

»Tot? Was ist passiert? Wann ist sie denn gestorben?«

»Vor ein paar Tagen. Im Abney…«

Seine Augen weiteten sich. »Sie ist die Tote vom Friedhof? Ich hab's in der Zeitung gelesen, aber es war kein Name angegeben.«

»Das machen wir erst, wenn wir ihre Angehörigen gefunden haben«, sagte Nkata.

»Tja, dabei kann ich Ihnen nicht helfen. Ich kenne ihre Angehörigen nicht.« Er blickte zur Eisbahn hinüber, an deren hinterem Ende sich eine Massenkarambolage ereignet hatte. Die Trainer eilten den Gestürzten zu Hilfe. »Gott, das ist ja furchtbar.« Er sah sie wieder an. »Auf einem Friedhof ermordet.«

»Ja, das ist furchtbar«, sagte Barbara.

»Können Sie mir sagen, wie…?«

Nein, das konnten sie leider nicht. Vorschriften, polizeiliche Ermittlungen und so weiter. Sie waren hergekommen, um Informationen über Jemima zu sammeln. Seit wann hatte er sie gekannt? Wie gut hatte er sie gekannt? Wie hatte er sie kennengelernt?

Abbott überlegte. »Am Valentinstag. Das weiß ich noch, weil sie Luftballons für Frazer mitgebracht hat.« Er sah, wie Nkata etwas in sein Notizheft schrieb, und fügte hinzu: »Er gibt die Schlittschuhe aus, die man hier mieten kann, drüben bei den Spinden. Frazer Chaplin. Erst habe ich sie für eine Lieferantin gehalten, wissen Sie? Eine, die für Frazers Freundin Valentinsballons liefert. Dann stellte sich heraus, dass sie Frazers neue Freundin war - oder zumindest wollte sie das gern sein -, und sie war vorbeigekommen, um ihn zu überraschen. Frazer hat sie mir vorgestellt, und wir haben uns ein bisschen unterhalten. Sie wollte gerne Unterricht nehmen, also haben wir Termine vereinbart. Wir mussten ihre Arbeitszeiten berücksichtigen, aber das war nicht sonderlich kompliziert. Mir war es nur recht, noch eine Schülerin zu bekommen. Ich habe drei Exfrauen und vier Kinder, da lehne ich zahlende Kundschaft nicht ab.«

»Andernfalls hätten Sie es getan?«, fragte Barbara.

»Sie weggeschickt? Nein, nein. Na ja, irgendwann hätte ich sie vielleicht weggeschickt, wenn meine Situation nicht so schwierig wäre - mit dem Unterhalt für die Frauen und die Kinder… Aber da sie regelmäßig kam und immer pünktlich war und bezahlt hat, hatte ich keinen Grund, mich zu beklagen, wenn sie während des Trainings andere Dinge im Kopf hatte, oder?«

»Was für Dinge? Wissen Sie das?«

Er sah sie an, als wollte er gerade sagen, es gehöre sich nicht, schlecht über eine Tote zu sprechen. Doch dann überlegte er es sich anders. »Ich nehme an, es hatte mit Frazer zu tun. Ich glaube, sie hat die Trainingsstunden nur gebucht, um in seiner Nähe zu sein, und deswegen konnte sie sich nicht konzentrieren. Sehen Sie, Frazer hat etwas an sich, das die Frauen anzieht, und wenn sie sich angezogen fühlen, dann jagt er sie nicht unbedingt fort, wenn Sie verstehen, was ich meine.«

»Nein, das verstehen wir leider nicht«, sagte Barbara.

»Er verabredet sich schon mal«, sagte Langer vorsichtig. »Hin und wieder. Nicht dass Sie mich missverstehen: Was das Alter der Ladys angeht, ist er immer korrekt - keine Minderjährigen oder so. Sie bringen ihre Schlittschuhe zurück, plaudern ein bisschen mit ihm, geben ihm ihr Kärtchen oder einen kleinen Zettel und… Na ja, Sie wissen schon. Mit der einen oder anderen zieht er dann ab. Manchmal geht er auch ein bisschen später zu seinem Abendjob - er arbeitet als Barkeeper in irgend so einem vornehmen Hotel - und amüsiert sich ein paar Stunden mit seiner neuen Eroberung. Er ist kein schlechter Kerl, wirklich nicht. Er ist einfach so.«

»Wusste Jemima von all dem?«

»Sie hat es geahnt. Frauen sind ja nicht dumm. Das Problem für Jemima war, dass er hier während der Frühschicht arbeitet, und sie konnte nur abends herkommen oder an ihren freien Tagen. So hatte er natürlich viel Gelegenheit, sich um Frauen zu kümmern, die gern flirteten, oder um diejenigen, die mehr wollten.«

»Was für eine Beziehung hatten Sie zu Jemima?«, fragte Barbara, denn Yolandas Gebrabbel - so gern sie es ignorieren wollte - konnte sich auch auf ihn beziehen. Immerhin hatte er schwarzes Haar, »dunkel wie die Nacht«.

»Ich?«, fragte er und zeigte auf sich selbst. »Ich lasse mich nie mit einer Schülerin ein. Das wäre vollkommen unmoralisch. Außerdem habe ich drei Exfrauen und…«

»Vier Kinder, ja, ja«, sagte Barbara. »Aber ein Quickie nebenbei war doch nicht verkehrt? Wenn sich die Gelegenheit ergäbe und keine Verpflichtungen damit verbunden wären?«

Langer errötete. »Ich sage ja nicht, dass mir nicht aufgefallen ist, dass sie hübsch war«, sagte er. »Ziemlich außergewöhnlich, wissen Sie, mit diesen Augen. Ein bisschen mager. Sie hatte nicht viel auf den Rippen. Aber sie war sehr freundlich, nicht wie eine typische Londonerin. Ich schätze, das hätte ein Mann falsch deuten können, wenn er gewollt hätte.«

»Aber Sie haben es nicht falsch gedeutet?«

»Nachdem ich drei Ehen in den Sand gesetzt habe, bin ich nicht erpicht darauf, einen vierten Versuch zu wagen. Ich habe kein Glück mit der Ehe, deswegen lasse ich lieber die Finger von Beziehungen.«

»Aber wenn Sie die Situation hätten ausnutzen wollen, hätten Sie sie haben können, oder?«, beharrte Barbara. »Ein Fick führt ja heutzutage nicht immer gleich zu einer Ehe.«

»Situation hin oder her, ich hätte es nicht versucht. Ein Fick mag heutzutage nicht mehr zwangsläufig zu einer Ehe führen, aber bei Jemima hatte ich das Gefühl, dass sie das anders sah.«

»Wollen Sie damit sagen, sie wollte Frazer heiraten?«

»Ich sage, sie wollte heiraten, Punkt. Ich hatte den Eindruck, dass es Frazer hätte sein können. Aber es hätte auch jeder andere sein können.«

Um diese Uhrzeit hielt Frazer Chaplin sich nicht mehr im Queen's Ice and Bowl auf, aber das war kein Problem. Der Name war ziemlich ungewöhnlich, und Barbara konnte sich nicht vorstellen, dass es zwei Frazer Chaplins in London gab. Es musste sich um denselben Mann handeln, der bei Bella McHaggis wohnte, erklärte sie Nkata. Sie würden sich ihn vorknöpfen müssen.

Auf dem Weg quer durch die Stadt berichtete sie Winston von Bella McHaggis' Hausregel bezüglich der Fraternisierung von männlichen und weiblichen Mietern. Wenn Jemima Hastings und Frazer Chaplin tatsächlich ein Verhältnis gehabt hatten, dann hatte ihre Vermieterin entweder nichts davon geahnt, oder sie hatte aus irgendeinem Grund beide Augen zugedrückt, was Barbara stark bezweifelte.

In Putney betrat Bella McHaggis gerade ihren Vorgarten mit einem Einkaufstrolley, der zur Hälfte mit Zeitungen gefüllt war. Während Nkata den Wagen parkte, begann sie, Zeitungen in einer der Plastikmülltonnen zu verstauen, die in ihrem Vorgarten standen. Sie leiste ihren Beitrag für den Umweltschutz, erklärte sie ihnen, als sie durch das Törchen traten. Ihre Nachbarn würden sich nicht im Geringsten um Mülltrennung kümmern, wenn sie nicht so hartnäckig hinter ihnen her wäre.

Barbara murmelte eine verständnisvolle Bemerkung und fragte dann, ob Frazer Chaplin zu Hause sei. »Das ist DS Nkata«, fügte sie hinzu.

»Was wollen Sie denn von Frazer?«, fragte Bella. »Sie sollten sich lieber mit Paolo unterhalten. Was ich gefunden habe, befand sich in seiner Schublade, nicht in der von Frazer.«

»Wie bitte?«, sagte Barbara. »Könnten wir uns vielleicht drinnen unterhalten, Mrs. McHaggis?«

»Wenn ich hier fertig bin«, beschied sie ihnen. »Manche Dinge sind manchen Leuten wichtig, Miss.«

Barbara war drauf und dran, der Frau zu erklären, dass Mord zweifellos zu diesen Dingen zählte, doch sie verdrehte nur die Augen und warf Nkata einen kurzen Blick zu, während Mrs. McHaggis weiter ihr Altpapier entsorgte. Schließlich bat sie sie ins Haus, und kaum hatten sie den Hausflur betreten, hielt Bella ihnen einen Vortrag über das Beweismaterial, das sie sichergestellt hatte, und verlangte zu wissen, warum man immer noch niemanden vorbeigeschickt habe, um es abzuholen.

»Ich habe bei der Nummer angerufen, die in der Daily Mail angegeben war für den Fall, dass jemand Informationen hat. Also, ich habe Informationen, wohlgemerkt, und da sollte man doch meinen, es würde jemand herkommen und mir Fragen stellen. Und man sollte meinen, dass dies unverzüglich passieren würde.«

Sie führte sie ins Wohnzimmer, wo die Menge an Zeitungen und Boulevardblättern, die sie auf dem Tisch ausgebreitet hatte, darauf schließen ließ, dass sie den Fortgang der Ermittlung genauestens verfolgte. Sie forderte sie auf, Platz zu nehmen, während sie herbeischaffe, weswegen sie gekommen wären. Barbara wies sie erneut daraufhin, dass sie gekommen waren, um Frazer Chaplin zu sprechen, falls er zu Hause war, doch Mrs. McHaggis sagte nur: »Dummes Zeug! Er ist ein Mann, aber er ist nicht blöd, Sergeant. Und haben Sie sich diese Hellseherin schon vorgenommen? Auch ihretwegen habe ich die Polizei angerufen. Die hat sich schon wieder auf meinem Grundstück herumgetrieben.«

»Wir haben uns mit Yolanda unterhalten«, sagte Barbara.

»Dem Himmel sei Dank für kleine Gnaden.« Bella schien in puncto Frazer Chaplin nachzugeben, doch dann änderte sich ihr Gesichtsausdruck, als sie endlich den Zusammenhang herstellte. »Ah, ich verstehe! Dieses verrückte Weibsstück hat Ihnen etwas über Frazer erzählt, wie? Sie hat Ihnen etwas gesteckt, und jetzt sind Sie gekommen, um ihn festzunehmen? Also, das lasse ich nicht zu. Statt dass Sie sich diesen Paolo vorknöpfen mit seinen fünf Verlobten, und wo er es doch war, der Jemima hergebracht hat, und wo die beiden sich auch noch gestritten haben! Nur eine Freundin, sagt er mir, und sie bestätigt das, und sehen Sie sich bloß an, was dabei rausgekommen ist.«

»Lassen Sie mich klarstellen, dass Yolanda sich nicht über Frazer Chaplin geäußert hat«, sagte Barbara. »Wir sind auf andere Weise auf ihn aufmerksam geworden. Wenn Sie ihn jetzt bitte holen würden? Denn wenn er nicht hier ist…«

»Welche andere Weise? Es gibt keine andere Weise! Warten Sie hier, ich werde es Ihnen beweisen.«

Sie marschierte aus dem Wohnzimmer und stampfte die Treppe hoch. Als sie außer Hörweite war, schaute Winston Barbara an. »Um ein Haar hätte ich salutiert.«

»Die ist echt 'ne Marke«, sagte Barbara. »Hörst du auch Wasser rauschen? Kann es sein, dass Frazer gerade duscht? Sein Zimmer liegt im Souterrain. Kommt mir fast so vor, als wollte sie nicht, dass wir mit ihm reden.«

»Du meinst, sie beschützt ihn? Sie hat eine Schwäche für ihn?«

»Würde jedenfalls zu dem passen, was Abbott Langer uns über Frazer und die Frauen erzählt hat, oder?«

Bella kam mit einem weißen Briefumschlag zurück. Mit dem triumphierenden Blick einer Frau, die gerade alle ausgetrickst hatte, forderte sie sie auf, sich das einmal anzusehen. Es handelte sich um ein spatelartiges Plastikstäbchen, aus dessen einem Ende ein Stückchen Papier ragte und dessen anderes Ende geriffelt war. In der Mitte befanden sich zwei winzige Fenster, ein rundes und ein quadratisches, die jeweils von einer feinen blauen Linie durchzogen waren, die eine senkrecht, die andere waagerecht. Barbara hatte so etwas noch nie gesehen - bei ihrem Lebensstil kam sie nicht in die Verlegenheit, so etwas zu benötigen -, aber sie wusste sofort, worum es sich handelte. Winston schien es ebenfalls zu wissen.

»Ein Schwangerschaftstest«, verkündete Bella. »Er befand sich nicht unter Jemimas, sondern zwischen Paolos Sachen. Paolos! Und ich möchte mal behaupten, dass Paolo sich nicht selbst getestet hat.«

»Wahrscheinlich nicht«, pflichtete Barbara ihr bei. »Aber wie kommen Sie darauf, dass er von Jemima ist? Das nehmen Sie doch an, oder?«

»Das ist doch sonnenklar! Sie haben sich immerhin ein Bad geteilt, und dort befindet sich auch die Toilette. Entweder hat sie ihm das gegeben« - sie nickte in Richtung des Corpus Delicti -, »oder er hat's im Müll gefunden und an sich genommen, was auch ihren Streit erklären würde. Er hat behauptet, es wäre darum gegangen, dass Jemima ihre Unterwäsche im Bad aufhängte, und sie hat behauptet, es wäre darum gegangen, dass er immer die Klobrille oben ließ. Aber ich sage Ihnen, ich hatte von Anfang an den Verdacht, dass zwischen den beiden was lief. Sie taten so, als könnten sie kein Wässerchen trüben, als wären sie nur Freunde, die sich auf der Arbeit in Covent Garden kennengelernt hatten. Zufällig hatte ich ein Zimmer frei, und zufällig kannte er jemanden, der ein Zimmer suchte, und ob er die Person mal mitbringen könnte, liebe Mrs. McHaggis. Eine nette junge Frau, meinte er. Und ich war dumm genug, den beiden zu glauben, während sie auf der Etage unter mir rumgeschlichen sind und es hinter meinem Rücken getrieben haben wie die Karnickel. Also, eines kann ich Ihnen flüstern: Wenn sie nicht tot wäre, hätte ich sie rausgeworfen. Hochkant! Ein für alle Mal. Auf die Straße.«

Genau das, was Yolanda gewollt hatte, dachte Barbara. Alles schön und gut, aber Yolanda wäre wohl kaum heimlich ins Haus eingedrungen, um einen Schwangerschaftstest im Bad zu deponieren, auf die geringe Chance hin, dass Bella McHaggis ihn finden, eins und eins zusammenzählen und ausgerechnet die Frau aus dem Haus werfen würde, die Yolanda unter ihre Fittiche zu nehmen gedachte. Oder war ihr das zuzutrauen?

»Wir werden Ihre Aussage in unsere Überlegungen mit einbeziehen«, sagte Barbara.

»Das möchte ich Ihnen auch geraten haben. Dies hier ist ein eindeutiges Motiv, direkt vor Ihrer Nase.« Sie beugte sich über den Tisch, die flache Hand auf dem Daily Express. »Er war schon fünf Mal verlobt, wohlgemerkt. Fünf Mal, und was sagt das über ihn aus? Ich sage Ihnen, was das über ihn aussagt: Er ist verzweifelt. Und einer, der verzweifelt ist, der schreckt vor nichts zurück.«

»Und wen genau meinen Sie?«

»Paolo di Fazio. Wen denn sonst?«

Jeden außer Frazer Chaplin, vermutete Barbara, und sie sah, dass Winston den gleichen Gedanken gehabt hatte. Ja, sagte sie, natürlich, und sie würden sich auch mit Paolo di Fazio unterhalten.

»Na, das will ich doch hoffen. Irgendwo hat er einen Unterschlupf, da bastelt er auch seine Masken. Wenn Sie mich fragen, hat er die Ärmste dorthin geschleppt, ihr das Schlimmste angetan und ihre Leiche dann…«

Sie würden das alles überprüfen, versicherte ihr Barbara mit einer Kopfbewegung in Winstons Richtung, um darauf hinzuweisen, dass er alles mitgeschrieben hatte. Sie würden mit allen ihren Mietern reden, und dazu gehöre auch Paolo di Fazio. Was aber Frazer Chaplin angehe…

»Warum wollen Sie Frazer unbedingt etwas unterstellen?«, fragte Bella.

Weil du es nicht tust, dachte Barbara. »Wir müssen jede Möglichkeit in Betracht ziehen, um sie gegebenenfalls auszuschließen. Das gehört zu unserem Job.« Das war nun mal ihr Job: ermitteln, vernehmen, ausschließen.

Während Barbara sprach, war die Tür zum Souterrain geöffnet und wieder geschlossen worden, und eine angenehme Männerstimme rief: »Ich bin dann mal weg, Mrs. McH.«

Winston sprang auf und trat in den Flur. »Mr. Chaplin? DS Winston Nkata. Wir würden uns gern kurz mit Ihnen unterhalten.«

Stille. Dann: »Soll ich im Duke's anrufen und Bescheid sagen? Ich werde in einer halben Stunde auf der Arbeit erwartet.«

»So lange wird's nicht dauern«, sagte Nkata.

Als Frazer Winston ins Zimmer folgte, konnte Barbara den Mann zum ersten Mal aus der Nähe betrachten. Dunkel wie die Nacht. Noch einer, dachte sie. Nicht dass sie etwas auf Yolandas Gebrabbel geben würde. Aber dennoch… Er war ein Stein, den sie auf jeden Fall umdrehen würden.

Er schien so um die dreißig zu sein. Seine olivfarbene Haut war pockennarbig, aber das tat seinem Aussehen keinen Abbruch, und obwohl er die Narben hätte verbergen können, wenn er den Dreitageschatten an seinem Kinn zu einem Bart wachsen ließe, war er klug genug, dies nicht zu tun. Er hatte etwas von einem Piraten an sich, was, wie Barbara mittlerweile wusste, auf manche Frauen durchaus attraktiv wirkte.

Ihre Blicke begegneten sich, dann nickte er zum Gruß. Er hatte ein Paar Schuhe in der Hand, setzte sich an den Tisch und zog sie an. Bella McHaggis bot ihm einen Tee an, doch er lehnte dankend ab. Den anderen beiden hatte sie, zweifellos mit Absicht, keinen Tee angeboten.

Die Art, wie sie um den Mann herumscharwenzelte - sie nannte ihn »Darling« -, in Verbindung mit dem, was Abbott Langer ihnen über dessen Wirkung auf Frauen erzählt hatte, ließ ihn Barbara auf der Stelle verdächtig erscheinen. Was nicht unbedingt als gute Polizeiarbeit durchgehen würde, aber Typen wie er waren ihr grundsätzlich suspekt. Er hatte diesen typischen Ich-weiß-was-du-willst-und-genau-das-hab-ich-in-der-Hose-Gesichtsausdruck. Der Altersunterschied zwischen den beiden mochte noch so groß sein; falls Chaplin es Bella nebenbei besorgte, war es kein Wunder, dass sie ihn anhimmelte.

Und das tat sie, das war nicht zu übersehen. Ihre Bewunderung ging weit über die Tatsache hinaus, dass sie ihn mit »Darling« anredete. Bella bedachte Frazer mit liebevollen Blicken, die Barbara als mütterlich interpretieren könnte, wäre sie nicht eine Polizistin, die im Laufe ihrer Dienstjahre jede Spielart menschlicher Beziehungen erlebt hatte.

»Mrs. McH hat mir erzählt, was mit Jemima passiert ist«, sagte Frazer gerade. »Dass sie die Tote auf dem Friedhof ist. Sie werden wissen wollen, was ich weiß, und das sage ich Ihnen gerne. Ich nehme an, dass Paolo das auch tun wird, so wie jeder, der sie gekannt hat. Sie ist eine sehr nette junge Frau.«

»War«, sagte Barbara. »Sie ist tot.«

»Sorry. War.« Seine Miene war irgendetwas zwischen ausdruckslos und ernst, und Barbara fragte sich, ob die Tatsache, dass seine Hausgenossin ermordet worden war, überhaupt irgendwelche Gefühle in ihm auslöste. Sie bezweifelte es.

»Wir haben gehört, dass sie in Sie verliebt war«, sagte Barbara. Winston war mit Notizheft und Bleistift zugange, doch auch er beobachtete Frazer mit Adleraugen. »Luftballons zum Valentinstag und so weiter.«

»Was meinen Sie mit und so weiter? Soweit ich weiß, ist es kein Verbrechen, zum Valentinstag sechs harmlose Luftballons zu verschenken.«

Bella McHaggis' Augen wurden schmal, als er die Luftballons erwähnte. Sie sah zuerst die Polizisten, dann ihren Mieter an. »Keine Sorge, Mrs. McH«, sagte er. »Ich habe Ihnen gesagt, dass ich denselben Fehler nicht zwei Mal mache. Ich gebe Ihnen mein Wort, dass ich es nicht getan habe.«

»Was für ein Fehler?«, fragte Barbara.

Er suchte sich eine bequemere Sitzposition. Er saß breitbeinig da, bemerkte Barbara; die Sorte Typ, der gern das Familiensilber zur Schau stellte.

»Ich hatte mal ein Verhältnis mit einer Frau, die hier wohnte«, sagte er. »Das war ein Fehler, das weiß ich, und ich habe Abbitte geleistet. Mrs. McHaggis hat mich nicht auf die Straße gesetzt, was sie normalerweise vielleicht getan hätte, und dafür bin ich ihr dankbar. Ich würde wohl kaum ein zweites Mal den missratenen Sohn spielen.«

Nach allem, was sie von Abbott Langer erfahren hatten - falls er die Wahrheit gesagt hatte -, hegte Barbara starke Zweifel an der Ehrlichkeit von Frazers Antwort. »Wir wissen, dass Sie mehr als einer Beschäftigung nachgehen, Mr. Chaplin«, sagte sie. »Könnten Sie mir sagen, wo Sie außer im Eisstadion noch arbeiten?«

»Warum?«, mischte Bella McHaggis sich ein. »Was hat das mit all dem zu tun?«

»Es gehört zum Prozedere«, erklärte Barbara.

»Was für ein Prozedere?«, wollte Bella wissen.

»Kein Problem, Mrs. McH«, sagte Frazer. »Die beiden tun nur ihre Pflicht.« Er arbeite spätnachmittags und abends als Barkeeper im Hotel Duke's in St. James, und zwar schon seit drei Jahren.

»Fleißig, fleißig«, bemerkte Barbara. »Zwei Jobs.«

»Ich spare«, sagte er. »Das ist kein Verbrechen.«

»Auf was sparen Sie denn?«

»Was spielt das denn für eine Rolle?«, empörte sich Bella. »Sehen Sie sich doch bloß…«

»Alles spielt eine Rolle, bis wir wissen, dass es unwichtig ist«, entgegnete Barbara. »Mr. Chaplin?«

»Ich will auswandern«, sagte er.

»Nach…?«

»Auckland.«

»Warum?«

»Ich möchte dort ein kleines Hotel eröffnen. Ein hübsches kleines Boutique-Hotel.«

»Hilft Ihnen jemand beim Sparen?«

Er runzelte die Stirn. »Wie meinen Sie das?«

»Eine junge Frau vielleicht, die zu Ihrem Hotelfonds beisteuert und mit Ihnen Pläne schmiedet in der Hoffnung, an Ihrem Unternehmen beteiligt zu werden?«

»Ich nehme an, Sie meinen Jemima.«

»Wie kommen Sie denn darauf?«

»Weil es Sie andernfalls nicht interessieren würde.« Grinsend fügte er hinzu: »Es sei denn, Sie wollen gern etwas beisteuern.«

»Nein, danke.«

»Schade. Noch eine von vielen Frauen, die mir das Sparen allein überlassen. Und dazu gehörte Jemima ebenfalls.« Er schlug sich auf die Schenkel, um anzudeuten, dass das Gespräch für ihn beendet war, und stand auf. »Sie sagten, es würde nicht lange dauern, und ich muss zur Arbeit…«

»Gehen Sie nur, Darling«, sagte Bella McHaggis und fügte bedeutungsvoll hinzu: »Falls hier noch irgendetwas zu klären sein sollte, übernehme ich das.«

»Danke, Mrs. McH«, sagte Frazer und drückte ihre Schulter.

Bella genoss die Berührung sichtlich. Barbara vermutete, dass dies Teil des Frazer-Effekts war. Sie sagte zu den beiden: »Bleiben Sie in London. Ich habe das Gefühl, dass dies hier nicht unser letztes Gespräch war.«

Als sie in die Victoria Street zurückkehrten, hatte die Nachmittagsbesprechung bereits begonnen. Unwillkürlich hielt Barbara beim Betreten des Besprechungsraums nach Lynley Ausschau und schalt sich dann innerlich dafür. Den ganzen Tag über hatte sie kaum an ihren ehemaligen Partner gedacht, und so sollte es bleiben. Doch dann entdeckte sie ihn am gegenüberliegenden Ende des Raums.

Lynley nickte ihr zu, und ein Lächeln hob seine Mundwinkel kaum merklich. Er sah sie über seine Lesebrille hinweg an, dann konzentrierte er sich wieder auf einen Stapel Unterlagen, die er in den Händen hielt.

Isabelle Ardery stand vor den Magnettafeln und hörte sich gerade John Stewarts Bericht an. Stewart und die Constables, die ihm zugeteilt gewesen waren, hatten die undankbare Aufgabe gehabt, die Unmengen an Material zu sichten, die man in Jemima Hastings' Zimmer sichergestellt hatte. Der DI erzählte gerade von Rom. Ardery wirkte ungehalten, als wartete sie auf die erste relevante Erkenntnis. Es sah nicht so aus, als wäre damit bald zu rechnen.

»Der gemeinsame Nenner ist die Invasion. Wir haben Pläne des British Museum und des Museum of London sichergestellt, und die Säle, die sie darin eingekringelt hat, beherbergen Material über die Römer, die Invasion, die Besetzung, die Festungen und sämtlichen Krempel, den sie hinterlassen haben. Außerdem hat sie in beiden Museen jede Menge Postkarten gekauft sowie ein Buch mit dem Titel Britannien unter den Römern.«

»Hast du nicht gesagt, sie hatte auch Pläne von der National Gallery und der Portrait Gallery?«, wandte Philip Haie ein. Er bezog sich auf die Notizen, die er sich gemacht hatte. »Außerdem vom Geffrye, von der Tate Gallery und der Wallace Collection. Ich würde sagen, die hat sich London angesehen. Eine Besichtigungstour.« Er las aus seinen Notizen ab: »Sir-John-Soane-Haus, Charles-Dickens-Haus, Thomas-Carlyle-Haus, Westminster Abbey, der Tower… Von all diesen Sehenswürdigkeiten hatte sie Prospekte, richtig?«

»Ja, aber wenn wir einen Zusammenhang finden wollen…«

»Der Zusammenhang besteht darin, dass sie eine Touristin war, John«, sagte Isabelle Ardery und teilte den Anwesenden mit, dass vom S07 ein Bericht eingetroffen war, dessen erste Seite gute Nachrichten enthielt: Man hatte die Fasern an Jemimas Kleidung identifiziert. Es handelte sich um eine Mischung aus Baumwolle und Viskose, und sie waren gelb. Nichts, was die Tote am Körper getragen hatte, passte dazu, was bedeutete, dass sie nun über einen weiteren Hinweis auf den Täter verfügten.

»Gelb?«, fragte Barbara. »Abbott Langer, der Typ von der Eisbahn, trägt eine gelbe Weste. Wie alle Trainer dort.« Sie berichtete, dass Jemima bei Langer Privatstunden genommen hatte. »Die Fasern könnten während des Trainings an ihre Kleidung gekommen sein.«

»Dann brauchen wir diese Weste«, sagte Ardery. »Langers - oder die eines Kollegen. Schicken Sie jemanden hin, der uns eine Weste für einen Faservergleich besorgt.« Dann fuhr sie fort: »Außerdem hat der ganze Medienrummel uns eine seltsame Beschreibung eingebracht. Offenbar ist ein ziemlich verdreckter Mann im Zeitfenster des Mordes aus dem Friedhof gekommen. Er wurde von einer älteren Frau gesehen, die am Eingang des Friedhofs in der Stoke Newington Church Street auf den Bus wartete. Sie erinnert sich so gut an ihn - ich habe selbst mit ihr gesprochen -, weil er aussah, als hätte er sich im Laub gewälzt. Er hatte langes Haar, und er war entweder Japaner, Chinese, Vietnamese oder - wie sie sich ausdrückte - >einer von diesen Asiaten<. Er war mit einer schwarzen Hose bekleidet und hatte eine Art Koffer bei sich, den sie leider nicht genau beschreiben konnte. Sie meinte, es könnte sich um eine Aktentasche gehandelt haben. Und er trug seine restliche Kleidung als Bündel unterm Arm. Nur sein Jackett hatte er an, und zwar linksherum. Wir haben die Frau herbestellt und versuchen gerade, mit ihrer Hilfe ein Fahndungsporträt anzufertigen. Mit etwas Glück bringt uns das ein paar Hinweise ein, wenn wir es veröffentlichen. Sergeant Havers und Nkata…?«

Nkata nickte Havers zu, ließ ihr den Vortritt. Anständiger Typ, dachte Ardery, und sie fragte sich, wie Winston es schaffte, so vorausschauend und zugleich so selbstlos zu sein.

Barbara begann mit ihrem Bericht: Yolanda die Hellseherin, Abbott Langer und die Privatstunden, der Grund für die Privatstunden, die Luftballons, der Schwangerschaftstest - »Er war übrigens negativ«, ergänzte sie -, Frazer Chaplin und Paolo di Fazio. Sie erwähnte auch den Streit zwischen dem Opfer und Paolo di Fazio, den die Zimmerwirtin zufällig mit angehört hatte, sowie Paolos angeblichen Unterschlupf, wo er seine Masken herstellte, außerdem Frazers Schlag bei den Frauen, Bella McHaggis' mehr als mütterliche Zuneigung zu Frazer, Frazers Zweitjob im Duke's und seine Auswanderungspläne.

»Alle Personen überprüfen«, ordnete Isabelle an.

»Wird sofort in Angriff genommen«, sagte Barbara, worauf Ardery entgegnete: »Nein. Ich möchte, dass Sie beide - Sie und Sergeant Nkata - nach Hampshire fahren. Philip, Sie und Ihre Leute übernehmen die Überprüfungen.«

»Hampshire?«, fragte Barbara. »Was hat denn Hampshire mit…«

Ardery setzte sie ins Bild und fasste zusammen, was sie zu Beginn der Besprechung verpasst hatten. »Nehmen Sie eine davon mit nach Hampshire«, sagte sie und reichte ihnen eine Postkarte, eine kleine Version des Plakats mit dem Porträt von Jemima Hastings, wie Barbara sah. Quer über das Bild hatte jemand mit schwarzem Filzstift geschrieben: »Haben Sie diese Frau gesehen?«, darunter ein Pfeil, der dazu aufforderte, die Karte umzudrehen. Auf der Rückseite war eine Telefonnummer angegeben, allem Anschein nach eine Handynummer.

Die Nummer, erklärte Ardery, gehöre einem Mann namens Gordon Jossie, der in Hampshire wohne. Barbara und Sergeant Nkata sollten nach Hampshire fahren und sich mit ihm unterhalten. »Packen Sie ein paar Sachen ein. Es wird wahrscheinlich länger als einen Tag dauern«, fügte sie hinzu.

Diese Information provozierte Gelächter und die üblichen Spötteleien: »Ah, ein paar Tage Urlaub für euch zwei!«, und: »Pass auf, dass du zwei Einzelzimmer buchst, Winnie«, bis Ardery fauchte: »Es reicht!« In diesem Augenblick betrat Dorothea Harriman den Raum. Sie hatte eine Telefonnotiz in der Hand, die sie Ardery übergab. Ardery las die Nachricht, dann blickte sie voller Genugtuung auf.

»Das Phantom hat einen Namen«, verkündete sie und zeigte auf die Magnettafeln, wo das Phantombild hing, das anhand der Aussagen der beiden Jugendlichen, die die Leiche auf dem Friedhof gefunden hatten, angefertigt worden war. »Einer der ehrenamtlichen Friedhofswärter glaubt, dass es sich um Marlon Kay handelt. Inspector Lynley und ich werden dem Hinweis nachgehen. Alle anderen… Sie haben Ihre Aufgaben. Noch Fragen? Nein? Also gut.«

Sie würden sich am nächsten Morgen wieder im Besprechungsraum sehen. Einige tauschten verblüffte Blicke aus: ein freier Abend? Was dachte sie sich dabei? Aber niemand stellte ihre Entscheidung infrage. Während laufender Ermittlungen kam so etwas für gewöhnlich selten vor. In die allgemeinen Aufbruchsvorbereitungen hinein sagte Ardery: »Thomas? Wir sprechen uns noch kurz in meinem Büro.«

Lynley nickte. Ardery verließ den Besprechungsraum. Er folgte ihr jedoch nicht gleich, sondern trat an die Magnettafeln, um einen Blick auf die dort befestigten Fotos zu werfen, und Barbara ergriff die Gelegenheit, sich ihm zu nähern. Er hatte seine Lesebrille wieder aufgesetzt und war gerade dabei, die Luftaufnahmen mit der gezeichneten Skizze des Tatorts zu vergleichen.

Sie trat hinter ihn und sagte: »Ich bin noch gar nicht dazu gekommen…«, woraufhin er sich zu ihr umdrehte.

»Barbara«, grüßte er sie.

Sie musterte ihn aufmerksam in der Hoffnung, aus seinem Gesichtsausdruck etwas herauslesen zu können, etwas über das Warum und das Wie zu erfahren und was dies alles zu bedeuten hatte. »Freut mich, dass Sie wieder an Bord sind, Sir. Bin noch gar nicht dazu gekommen, Ihnen das zu sagen.«

»Danke.« Er fügte nicht hinzu, dass er froh war, wieder an Bord zu sein, so wie das jemand anders vielleicht getan hätte. Vielleicht war er ja gar nicht froh darüber. Es gehörte einfach zu seiner Art, unermüdlich weiterzumachen.

»Ich wüsste zu gern… Wie hat sie das fertiggebracht?«

Was Barbara wirklich wissen wollte, war, was es zu bedeuten hatte, dass er wieder bei der Met war: was es in Bezug auf ihn bedeutete, in Bezug auf sie, in Bezug auf Isabelle Ardery, und was es in Bezug auf die Frage bedeutete, wer Macht und Einfluss besaß und wer nicht.

»Ist doch klar. Sie will den Job.«

»Und Sie sind hier, um ihr dabei zu helfen, dass sie ihn kriegt?«

»Es schien einfach der richtige Zeitpunkt zu sein. Sie hat mich zu Hause aufgesucht.«

»Hm. Tja.« Barbara rückte ihre Umhängetasche zurecht. Sie wollte noch mehr von ihm wissen, aber sie konnte sich nicht überwinden, die Frage zu stellen. »Es ist einfach alles ein bisschen anders«, war das Einzige, was sie herausbrachte. »Ich geh dann mal. Wie gesagt, schön, Sie wieder an Bord…«

»Barbara.« Seine Stimme klang ernst. Und verdammt liebenswürdig. Er wusste, was sie dachte und fühlte, wie er es immer gewusst hatte - ein Zug an ihm, den sie auf den Tod nicht ausstehen konnte. »Es spielt keine Rolle«, sagte er.

»Was?«

»Das hier. Es spielt wirklich keine Rolle.«

Sie lieferten sich ein Blickduell. Er beherrschte die Kunst des Durchschauens, des Vorhersehens, des Verstehens - all jene verfluchten zwischenmenschlichen Fähigkeiten, die aus einem Menschen einen guten Polizisten machten und aus einem anderen den sprichwörtlichen Elefanten im Porzellanladen.

»Also gut«, sagte sie. »Richtig. Danke.«

Wieder sahen sie einander in die Augen, bis jemand fragte: »Tommy, können Sie sich das hier mal ansehen?«, und er sich von ihr abwandte. Philip Haie kam auf sie zu, und das war Barbara nur recht. Sie ergriff die Gelegenheit, sich aus dem Staub zu machen. Auf der Heimfahrt fragte sie sich, ob es die Wahrheit gewesen war, als er gesagt hatte, es spiele keine Rolle. Denn Tatsache war, dass es ihr nicht gefiel, dass ihr Partner mit Isabelle Ardery zusammenarbeitete, auch wenn sie sich lieber nicht allzu sehr den Kopf darüber zerbrechen wollte, aus welchem Grund es ihr nicht gefiel.

12

Als sie am nächsten Morgen ihre Tasche für die ihr aufgebrummte Reise packte, führte vor allem das, worüber Barbara nicht nachdenken wollte, dazu, dass sie peinlichst darauf achtete, kein einziges Kleidungsstück einzustecken, das Isabelle Arderys Zustimmung gefunden hätte. Sie brauchte nicht lange zu überlegen und war gerade fertig, als ein Klopfen an der Tür ihr signalisierte, dass Winston Nkata eingetroffen war. Er hatte klugerweise vorgeschlagen, mit seinem Wagen zu fahren, da ihrer notorisch unzuverlässig war. Außerdem wäre es für ihn eine qualvolle Fahrt geworden, wenn er seine langen Gliedmaßen in Barbaras alten Mini hätte falten müssen.

»Ist offen!«, rief sie und zündete sich eine Zigarette an, um sich noch schnell eine ordentliche Dosis Nikotin zu gönnen. Nkata, das wusste sie, würde nicht zulassen, dass sie den Innenraum seines perfekt gepflegten Vauxhall mit Zigarettenqualm besudelte, ganz zu schweigen von - o Graus! - mikroskopisch kleinen Ascheflöckchen.

»Barbara, du weißt doch, dass du mit dem Rauchen aufhören sollst«, sagte Hadiyyah.

Barbara fuhr herum und ließ ihre Tasche, die sie auf dem Schlafsofa abgestellt hatte, Tasche sein. Nicht nur ihre kleine Nachbarin, sondern auch deren Vater stand in der Tür ihres Häuschens. Hadiyyah hatte ihre braunen Arme vor der Brust verschränkt und einen Fuß ausgestellt, als wollte sie auf den Boden klopfen wie eine leidgeprüfte Lehrerin, die sich eine aufsässige Schülerin vorknöpft. Azhar stand hinter ihr, in den Händen drei Plastikbehälter mit Essensresten. Lächelnd hielt er ihr die Behälter entgegen. »Von gestern Abend, Barbara. Das Chicken Jalfrezi ist mir besonders gut gelungen, und Hadiyyah hat die Chapatis gemacht… Vielleicht für Ihr Abendessen heute?«

»Großartig«, sagte Barbara. »Zehnmal besser als Hackfleischsoße aus der Dose mit Cheddar auf Toast, was ich geplant hatte.«

»Barbara!« Hadiyyahs Stimme klang engelsgeduldig, selbst wenn sie sie wegen ihrer Essgewohnheiten schalt.

»Nur leider…« Barbara fragte, ob die Reste sich im Kühlschrank halten würden, da sie für einen oder zwei Tage weg müsse. Doch noch ehe sie dazu kam, weitere Erklärungen abzugeben, schrie Hadiyyah entsetzt auf, rannte quer durchs Zimmer und zog ein Kleidungsstück hinter dem Fernseher hervor, das Barbara achtlos dorthin geworfen hatte. »Was hast du denn mit deinem schönen Rock gemacht?«, fragte sie, während sie ihn ausschüttelte. »Warum hast du ihn nicht an? Den sollst du doch tragen, oder? Und wieso liegt er hinterm Fernseher? Sieh dir das an! Jetzt ist er voller Staubfussel!«

Barbara zuckte zusammen. Um Zeit zu gewinnen, nahm sie Azhar die Plastikdosen ab und verstaute sie im Kühlschrank, darauf bedacht, dass er keine Gelegenheit bekam, einen Blick ins Innere zu werfen, wo es aussah wie in einem Experimentierkasten für neue Lebensformen. Die Zigarette zwischen die Lippen geklemmt, gelang ihr das Manöver, allerdings nicht ohne dass ein Stuck Asche auf ihr T-Shirt fiel, das die Frage an die Welt richtete: »Wie viele Kröten muss ein Mädchen küssen?« Sie wischte die Asche fort, wodurch ein schmieriger Fleck entstand, fluchte leise vor sich hin und fand sich damit ab, dass sie mindestens eine von Hadiyyahs Fragen würde beantworten müssen.

»Ich muss ihn ändern lassen«, erklärte sie ihrer kleinen Freundin. »Er ist ein bisschen zu lang, das haben wir doch schon gesehen, als ich ihn anprobiert hab, erinnerst du dich? Du hast gesagt, er soll bis zur Mitte der Knie reichen, aber er schlabbert mir ziemlich unschön um die Beine.«

»Aber wieso liegt er hinter dem Fernseher?«, fragte Hadiyyah. »Denn wenn du ihn ändern lassen willst…«

»Äh. Ach, das.« Barbara machte ein paar mentale Verrenkungen. »Na ja, wenn ich ihn in den Schrank hänge, vergess ich's. Aber wenn er da hinterm Fernseher liegt… Sobald ich die Glotze einschalte, was sehe ich? Den Rock, der mich daran erinnert, dass er gekürzt werden muss.«

Hadiyyah schien alles andere als überzeugt. »Und was ist mit den ganzen Schminksachen? Du bist heute auch nicht geschminkt. Ich kann dir dabei helfen, Barbara, weißt du? Ich habe Mummy immer zugesehen. Mummy schminkt sich immer, stimmt's, Dad? Barbara, weißt du schon, dass Mummy…«

»Genug, khushi«, sagte Azhar zu seiner Tochter.

»Aber ich wollte ihr doch nur erzählen…«

»Barbara hat zu tun, das siehst du doch. Und wir beide müssen zur Urdustunde, nicht wahr?« Er wandte sich an Barbara. »Da ich heute nur eine Vorlesung an der Uni habe, wollten wir Sie einladen, uns nach Hadiyyahs Unterricht zu begleiten: eine Fahrt über den Kanal zum Regent's Park, um dort ein Eis zu essen. Aber wie es aussieht…« Er zeigte auf Barbaras Reisetasche, die noch geöffnet auf dem Schlafsofa stand.

»Hampshire«, sagte sie und sah im selben Moment Winston Nkata durch die immer noch offene Tür kommen. »Und da kommt meine Verabredung.«

Nkata musste sich bücken, um das Häuschen zu betreten. Er schien es komplett auszufüllen. Ebenso wie sie hatte er sich etwas Bequemeres angezogen als seine übliche Aufmachung. Im Gegensatz zu ihr sah er trotzdem professionell aus. Andererseits war Thomas Lynley sein Vorbild in Stilfragen, und Barbara konnte sich Lynley einfach nicht anders als gut gekleidet vorstellen.

Nkata trug eine Freizeithose und ein blassgrünes Hemd. Die Hose hatte Bügelfalten, die jedem Soldaten die Freudentränen in die Augen getrieben hätten, und er hatte es irgendwie geschafft, quer durch London zu fahren, ohne dass sein Hemd zerknittert war. Wie in aller Welt, fragte sich Barbara, war das möglich?

Hadiyyah sah Nkata mit großen, ernsten Augen an. Er nickte ihr und ihrem Vater zum Gruß zu und sagte zu dem Mädchen: »Ich nehme an, du bist Hadiyyah?«

»Was ist mit Ihrem Gesicht passiert?«, fragte sie. »Sie haben eine Narbe.«

»Khushi!«, sagte Azhar entsetzt. Aus seinem Gesichtsausdruck schloss Barbara, dass er ihren Besucher blitzschnell eingeschätzt hatte. »Wohlerzogene junge Damen stellen nicht solche…«

»Sie stammt von einer Messerstecherei«, antwortete Nkata freundlich. Und zu Azhar sagte er: »Schon in Ordnung. Das werde ich dauernd gefragt. Schwer zu übersehen, was, Kleine?« Er hockte sich hin, damit sie sich die Narbe besser ansehen konnte. »Einer von uns hatte ein Messer und der andere eine Rasierklinge. Die Sache ist die: Eine Rasierklinge ist schnell und richtet großen Schaden an. Aber am Ende gewinnt immer das Messer.«

»Das muss man unbedingt wissen«, sagte Barbara. »Sehr nützlich für Bandenkriege, Hadiyyah.«

»Sie sind in einer Bande?«, fragte Hadiyyah, nachdem Nkata sich wieder zu voller Größe aufgerichtet hatte. Sie sah ehrfurchtsvoll zu ihm auf.

»Das war einmal«, sagte er. »Da hab ich mir das hier zugezogen.« Und zu Barbara: »Fertig? Soll ich im Auto warten?«

Barbara überlegte, warum er die Frage stellte und was er glaubte, was passieren würde, wenn er sich verkrümelte: dass sie sich zärtlich von ihrem Nachbarn verabschiedete? Was für eine aberwitzige Vorstellung! Sie versuchte kurz zu ergründen, wie Nkata auf so eine Idee kam, und bemerkte Azhars Gesichtsausdruck, in dem eine Verlegenheit lag, wie sie sie bei ihm noch nie gesehen hatte.

Mehrere Möglichkeiten gingen ihr durch den Kopf, die drei Plastikdosen mit Essensresten, Hadiyyahs Urdustunde, eine Bootsfahrt auf dem Kanal und Winston Nkatas Auftauchen in ihrem Häuschen in Einklang bringen konnten, aber sie waren alle zu absurd, um überhaupt einen Gedanken daran zu verschwenden. Hastig verwarf sie sie, nur um sich mit einem Mal der Tatsache bewusst zu werden, dass sie Winston als ihre Verabredung vorgestellt hatte, und in Verbindung damit, dass sie gerade dabei gewesen war, ihre Tasche zu packen, war Azhar - ganz der Gentleman - zu dem Schluss gelangt, dass sie sich gerade fertig machte für ein paar Tage auf dem Land mit ihrem großen, gut aussehenden, gut gebauten, muskulösen und wahrscheinlich in jeder Hinsicht hinreißenden Liebhaber. Bei der Vorstellung hätte sie am liebsten laut gelacht. Sie und Winston Nkata, Abendessen bei Kerzenschein, Wein, Rosen, Romantik und ein paar heiße Nächte in einem von Glyzinien umrankten Hotel… Das alles entlockte ihr ein verächtliches Schnauben, das sie mit einem Hüsteln kaschierte.

Sie stellte die Männer einander kurz vor und fügte hinzu: »Wir haben einen Fall in Hampshire.« Ehe Azhar reagieren konnte, wandte sie sich wieder ihrer Reisetasche auf dem Schlafsofa zu.

Sie hörte Hadiyyah sagen: »Sie sind auch Polizist? So wie Barbara?«

»Ganz genau«, sagte Nkata.

Als Barbara ihre Tasche schulterte, fragte Hadiyyah gerade ihren Vater: »Kann er auch mit auf den Bootsausflug kommen, Dad?«

Worauf Azhar erwiderte: »Du hast doch gehört, dass Barbara gesagt hat, sie müssen nach Hampshire, khushi.«

Gemeinsam verließen sie den Bungalow in Richtung Straße. Barbara und Winston gingen hinter den beiden anderen her, trotzdem hörte Barbara, wie Hadiyyah sagte: »Das hatte ich ganz vergessen. Das mit Hampshire, meine ich. Aber wenn nicht? Wenn sie nicht nach Hampshire müssten, Dad? Könnte er dann auch mitkommen?«

Azhars Antwort konnte Barbara nicht verstehen.

Auch diesmal saß Lynley am Steuer von Isabelles Wagen. Auch diesmal schien er mit dem Arrangement kein Problem zu haben.

Er hatte gar nicht erst versucht, ihr die Tür aufzuhalten - das hatte er nicht mehr getan, seit sie ihn zurechtgewiesen hatte -, und auch diesmal konzentrierte er sich voll und ganz auf den Verkehr. Kurz hinter Clerkenwell hatte sie die Orientierung verloren, also nahm sie, als ihr Handy klingelte, während sie an einem namenlosen Park vorbeifuhren, das Gespräch an.

»Sandra will wissen, ob du auf einen Besuch rauskommen möchtest.« Es war Bob, der wie immer ohne Umschweife zum Thema kam. Isabelle verfluchte sich innerlich dafür, dass sie nicht auf die Nummer auf dem Display geachtet hatte, aber wie sie Bob kannte, rief er wahrscheinlich ohnehin mit unterdrückter Rufnummer an. Das würde ihm ähnlich sehen. Heimlichtuerei war seine wichtigste Waffe.

Nach einem kurzen Blick zu Lynley, der ihr keine Aufmerksamkeit zu schenken schien, sagte sie: »Was schwebt dir denn vor?«

»Sonntag zum Mittagessen. Du könntest nach Kent kommen. Die Jungs würden sich freuen.«

»Du meinst, mit den beiden? Allein? In einem Hotelrestaurant oder so?«

»Natürlich nicht«, sagte er. »Ich wollte nur sagen, dass die Jungs sich freuen würden, wenn du dich zu uns gesellen würdest. Sandra macht einen Rinderbraten. Ginny und Kate gehen am Sonntag auf eine Geburtstagsparty, also…«

»Wir wären also zu fünft?«

»Ja. Ich kann wohl kaum von Sandra verlangen, dass sie ihr eigenes Haus verlässt.«

»Ein Hotel wäre besser. Ein Restaurant. Ein Pub. Die Jungs könnten…«

»Kommt nicht infrage. Ein Mittagessen mit uns am Sonntag ist das höchste der Gefühle.«

Schweigend betrachtete sie die Londoner Szenerie, die sie durchquerten: Müll auf den Gehwegen, trostlose Ladenfassaden mit verschmutzten Firmenschildern aus Plastik, Frauen, eingehüllt in schwarze Zelte mit Sehschlitzen, Kisten mit halb vergammeltem Obst vor Gemüseläden, Videotheken, Wettbüros… Wo zum Teufel waren sie gelandet?

»Isabelle? Bist du noch dran?«, fragte Bob. »Ist die Verbindung abgebrochen?«

Ja, dachte sie. Ganz genau. Die Verbindung ist abgebrochen. Sie klappte ihr Handy zu. Als es gleich darauf erneut klingelte, ließ sie die Mailbox anspringen. Sonntagsessen, dachte sie. Sie konnte es sich genau vorstellen: Bob am Kopfende des Tischs mit dem dampfenden Rinderbraten, neben ihm die gekünstelt lächelnde Sandra - obwohl, Sandra lächelte eigentlich nicht gekünstelt, und sie war wirklich eine patente Frau, wofür Isabelle alles in allem dankbar war. Die Jungs frisch gebadet und gekämmt und vielleicht ein bisschen verwirrt angesichts der modernen Version von Familie, die sie da erlebten, mit Mummy, Dad und Stiefmutter um den Mittagstisch, als wäre es das Normalste auf der Welt. Roastbeef und Yorkshirepudding und Rosenkohl würden herumgereicht, und alle würden höflich warten, bis jeder etwas auf dem Teller hatte und bis das Tischgebet gesprochen war, wer auch immer dies tun würde, denn Isabelle kannte keines und wollte auch keines kennen, aber eins wusste sie, verdammt noch mal: nämlich dass sie um nichts in der Welt an einem Sonntagsessen im Haus ihres Exmannes teilnehmen würde, weil er es nicht ehrlich meinte, sondern nur darauf aus war, sie zu bestrafen oder sie zu erpressen, und weder das noch die Blicke ihrer Jungen würde sie ertragen.

Du willst mir doch nicht drohen ? Du willst doch nicht, dass wir vor Gericht landen, Isabelle?

Abrupt sagte sie zu Lynley: »Wo in aller Welt sind wir hier? Wie lange haben Sie gebraucht, um sich in dieser Stadt zurechtzufinden?«

Nur ein Blick. Er war viel zu wohlerzogen, um das Telefongespräch zu erwähnen.

»Sie werden sich schneller zurechtfinden, als Sie denken. Vermeiden Sie einfach die U-Bahn.«

»Ich gehöre zum gemeinen Volk, Thomas.«

»So habe ich das nicht gemeint«, sagte er leichthin. »Ich wollte sagen, dass die U-Bahn, oder besser: der U-Bahn-Plan, keinerlei Ähnlichkeit hat mit der Anlage der Stadt. Das U-Bahn-Netz wird in Stadtplänen schematisch dargestellt, um es übersichtlich zu machen. Auf dem PIan liegen Ortsteile im Norden, Süden, Osten oder Westen, auch wenn sich das in Wirklichkeit gar nicht so verhält. Nehmen Sie lieber den Bus. Gehen Sie zu Fuß. Fahren Sie Auto. Das ist gar nicht so schwierig, wie es scheint. Sie werden sich wirklich schnell zurechtfinden.«

Das bezweifelte sie. Nicht dass jedes Viertel aussähe wie das andere. Im Gegenteil, sie unterschieden sich meist beträchtlich voneinander. Die Schwierigkeit bestand darin zu verstehen, wie die Viertel miteinander in Verbindung standen, wie es sein konnte, dass ein Viertel mit vornehmen georgianischen Häusern plötzlich in eine Gegend mit Mietskasernen überging. Es ergab überhaupt keinen Sinn.

Und dann waren sie völlig unverhofft in Stoke Newington. Sie erkannte einen Blumenladen vom letzten Mal wieder - in einem Haus, wo zwischen dem ersten und dem zweiten Stock WALKER BROS. FOUNT PEN SPECIALISTS auf die Backsteinwand gemalt war. Das musste die Stoke Newington Church Street sein. Also lag der Friedhof ein Stückchen weiter geradeaus. Sie beglückwünschte sich zu ihrem Erinnerungsvermögen. »Der Haupteingang liegt an der Hauptstraße, links an der Ecke«, sagte sie.

Lynley parkte den Wagen, und sie betraten das Informationshäuschen gleich neben dem Eingangstor. Dort erklärten sie einer runzligen ehrenamtlichen Mitarbeiterin ihr Anliegen, und Isabelle zeigte ihr das Phantombild, aufgrund dessen man New Scotland Yard verständigt hatte. Sie habe nicht bei der Polizei angerufen. »Das wird Mr. Fluendy gewesen sein«, sagte die Frau. »Ich bin Mrs. Littlejohn.« Aber sie erkannte die Person auf dem Phantombild.

»Ich nehm an, das ist der Junge, der diese Schnitzereien macht. Ich hoffe, Sie sind hier, um ihn zu verhaften. Wir rufen nämlich schon bei der Polizei an, seit meine Oma noch klein war, ob Sie's glauben oder nicht. Kommen Sie mal mit, ich zeige Ihnen, was ich meine.«

Sie bugsierte sie aus dem Informationshäuschen hinaus, hängte ein Schild in die Tür, das die nicht vorhandenen Besuchermassen darüber informierte, dass sie gleich wieder zurück sei, watschelte ihnen voraus auf den Friedhof und führte sie zu einem der Bäume, die Isabelle bereits bei ihrem ersten Besuch des Friedhofs aufgefallen waren. Die kunstvolle Schnitzerei zeigte einen Viertelmond und Sterne, die teilweise von Wolken verdeckt waren. Die Schnitzerei nahm einen Großteil des Baumstamms ein, von dem alle Rinde entfernt worden war. So etwas ließ sich nicht in kurzer Zeit herstellen. Die Schnitzerei war mindestens einen Meter zwanzig hoch und über einen halben Meter breit. Abgesehen davon, dass sie den Baum beschädigte, war sie wirklich gut.

»Das macht er überall«, erklärte die Frau. »Wir haben schon oft versucht, ihn auf frischer Tat zu schnappen, aber der Kerl wohnt drüben in Listria Park, gleich hinter dem Friedhof. Wir wissen nie, wann er hier ist. Er braucht ja nur über die Mauer zu klettern. Ein Kinderspiel, wenn man jung ist.«

Listria Park war kein Park, wie Isabelle zuerst angenommen hatte, sondern eine gewundene Straße mit großen alten Häusern, die inzwischen in Wohnungen aufgeteilt waren, mit Blick auf den Abney Park Cemetery und mit Gärten, die an die Friedhofsmauer grenzten, wie Mrs. Littleton ihnen erklärte.

Es kostete einige Mühe herauszufinden, in welchem Haus Marlon Kay wohnte, aber nachdem sie das in Erfahrung gebracht hatten, wollte es das Glück, dass der Junge zu Hause war. Sein Vater war ebenfalls zu Hause, und anscheinend war es dessen geisterhafte Stimme, die ihnen antwortete, als sie die Klingel neben dem Namen D.W. Kay drückten.

»Ja? Was wollen Sie?«, bellte er.

Isabelle bedeutete Lynley mit einem Nicken, sie vorzustellen. »Metropolitan Police. Wir suchen…«

Selbst durch die knisternde Gegensprechanlage konnten sie hören, was für einen Tumult Lynleys Worte auslösten: krachende Möbel, stampfende Füße, Geschrei. »Was zum Teufel… Was glaubst du eigentlich… Was hast du schon wieder angestellt?« Dann summte der Türöffner, und sie betraten das Haus.

Als sie gerade auf die Treppe zugingen, kam ihnen ein dicker Junge entgegengestürmt. Mit angstvoll aufgerissenen Augen und schwitzend versuchte er, an ihnen vorbei zur Tür zu gelangen. Es war ein Leichtes für Lynley, ihn aufzuhalten. Mit einem Arm versperrte er ihm den Weg, mit dem anderen hielt er ihn fest.

»Lassen Sie mich los«, schrie der Junge, »er bringt mich um!«, während der Mann von oben brüllte: »Mach, dass du wieder raufkommst, du verdammter kleiner Gauner!«

Klein war nicht gerade das treffende Adjektiv. Der Junge war zwar nicht fettleibig, aber doch ein anschauliches Beispiel für die Vorliebe der modernen Jugend für alles, was frittiert, schnell zubereitet und möglichst fett und süß war.

»Marlon Kay?«, fragte Isabelle den Jungen, der sich unter Lynleys festem Griff wand.

»Lassen Sie mich los!«, jammerte er. »Er schlägt mich grün und blau! Sie haben ja keine Ahnung!«

In dem Augenblick kam D.W. Kay die Treppe heruntergepoltert, in der Hand einen Kricketschläger, den er drohend schwang. »Was zum Henker hast du schon wieder angestellt?«, brüllte er. »Sag's mir, bevor diese Polizisten es tun, sonst schlag ich dir den Schädel ein!«

Isabelle trat ihm in den Weg. »Es reicht, Mr. Kay«, fuhr sie ihn an. »Legen Sie den Kricketschläger weg, sonst lasse ich Sie wegen häuslicher Gewalt einbuchten.«

Vielleicht lag es an ihrem Ton. Der Mann blieb wie angewurzelt stehen. Er schnaufte wie ein geschlagenes Rennpferd - allerdings stank sein Atem so bestialisch, als wären alle seine Zähne bis an die Wurzeln verfault. Er blinzelte.

»Ich nehme an, Sie sind Mr. Kay. Und das ist Marlon? Wir möchten mit ihm reden.«

Marlon wimmerte. Er wich vor seinem Vater zurück. »Er verprügelt mich, glauben Sie mir!«

»Er wird nichts dergleichen tun«, versicherte Isabelle dem Jungen. »Mr. Kay, können wir uns in Ihre Wohnung zurückziehen, bitte? Ich habe nicht vor, ein Gespräch im Treppenhaus zu führen.«

D.W. musterte sie von oben bis unten. Ihr war klar, dass er zu der Sorte Mann gehörte, dem moderne Psychologen ein »Frauenproblem« attestieren würden. Dann sah er Lynley an, als vermutete er, dass dieser Spitzenhöschen trug, wenn er in seiner Gegenwart einer Frau gestattete, Kommandos zu erteilen. Am liebsten hätte Isabelle ihm den Schädel eingeschlagen. Was glaubte er eigentlich, in welchem Jahrhundert sie lebten?, fragte sie sich.

»Muss ich mich wiederholen?«, fragte sie, und er schnaubte verächtlich, gab jedoch klein bei. Sie folgten ihm die Treppe hoch, Marlon mit eingezogenem Kopf in Lynleys Griff. Eine Frau mittleren Alters in Fahrradkleidung stand auf dem ersten Treppenabsatz. Ihre Miene drückte Abneigung und Widerwillen aus. »Das wird aber auch höchste Zeit«, bemerkte sie zu Mr. Kay.

Er schubste sie aus dem Weg, woraufhin sie Lynley anging: »Haben Sie das gesehen? Haben Sie das gesehen?« Sie würdigte Isabelle keines Blickes. Ihr wütendes »Werden Sie endlich irgendetwas gegen ihn unternehmen?« war das Letzte, was sie von ihr hörten, als sich die Tür hinter ihr schloss.

Die Fenster in der Wohnung standen weit offen, aber da es keine Querlüftung gab, half das nichts, um die Temperatur erträglicher zu machen. Erstaunlicherweise war die Wohnung nicht der Saustall, den Isabelle erwartet hatte. Zwar lag eine verdächtige hauchdünne weiße Schicht auf allem, die sich jedoch als Gipsstaub entpuppte, denn D.W. Kay war Stuckateur von Beruf und hatte sich, als sie klingelten, gerade fertig gemacht, um zur Arbeit zu gehen.

Isabelle erklärte ihm, sie wollten mit seinem Sohn reden, und fragte Marlon, wie alt er sei. Sechzehn, antwortete Marlon und zog den Kopf ein, als fürchtete er, sein Alter könnte Anlass zu körperlicher Züchtigung geben.

Isabelle seufzte. Sein Alter war der Grund dafür, dass außer der Polizei ein Erwachsener anwesend sein musste, vorzugsweise ein Elternteil, was bedeutete, dass sie den Jungen entweder im Beisein des finster dreinblickenden, cholerischen Vaters oder aber eines Sozialarbeiters würden befragen müssen.

Sie sah Lynley an. Wie es sich gehörte, sagte ihr sein Blick, dass sie entscheiden solle. Sie war die Vorgesetzte. Zum Vater des Jungen sagte sie: »Wir müssen Marlon ein paar Fragen in Bezug auf den Friedhof stellen. Sie wissen doch sicherlich, dass dort jemand ermordet wurde, Mr. Kay?«

Das Gesicht des Mannes lief puterrot an. Die Augen schienen ihm aus den Höhlen treten zu wollen - als würde er gleich explodieren, dachte Isabelle. »Wir können ihn hier befragen oder auf der örtlichen Polizeiwache. Wenn wir es hier tun, erwarten wir von Ihnen, dass Sie den Mund halten, und vor allem, dass Sie den Jungen nicht anrühren, und zwar nie wieder. Falls Sie noch einmal die Hand gegen ihn erheben, werden Sie auf der Stelle verhaftet. Ein Anruf von ihm, von einem Nachbarn, von irgendjemandem, und Sie wandern in den Knast. Für eine Woche, einen Monat, ein Jahr, zehn Jahre. Ich kann Ihnen nicht sagen, was der Richter Ihnen aufbrummen wird, aber ich versichere Ihnen, dass ich das, was ich soeben unten im Treppenhaus gesehen habe, vor Gericht bezeugen werde. Und ich nehme an, dass Ihre Nachbarn sich ebenfalls liebend gern als Zeugen zur Verfügung stellen werden. Habe ich mich klar genug ausgedrückt, oder wünschen Sie noch ausführlichere Erläuterungen zu dem Thema?«

Er nickte. Er schüttelte den Kopf. Isabelle nahm an, dass damit beide Fragen beantwortet waren. »Also gut. Setzen Sie sich, und verhalten Sie sich ruhig.«

Schmollend warf er sich auf ein durchgesessenes graues Sofa, das zu einer dreiteiligen, mit Troddeln verzierten Sitzgruppe gehörte, wie Isabelle sie schon seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Eine weiße Wolke aus Gipsstaub wirbelte auf. Lynley drückte Marlon sanft in einen der beiden Sessel und trat dann ans Fenster, wo er sich gegen die Fensterbank lehnte.

Alles im Zimmer war auf einen riesigen Fernseher mit Flachbildschirm ausgerichtet, wo gerade eine Kochsendung lief, allerdings bei abgeschaltetem Ton. Auf dem Boden lag eine Fernbedienung, die Isabelle aufhob, um das Gerät abzuschalten, woraufhin Marlon aus irgendeinem Grund wieder zu wimmern begann, als hätte man ihm eine Lebenslinie gekappt. Sein Vater verzog verächtlich den Mund. Isabelle warf ihm einen durchdringenden Blick zu. Der Mann setzte eine ausdruckslose Miene auf. Sie nickte knapp und nahm in dem anderen Sessel Platz, der ebenso voller Gipsstaub war wie alle anderen Möbel.

Sie klärte Marlon über den Sachverhalt auf: Er sei gesehen worden, wie er aus dem Anbau neben der zerfallenen Kapelle auf dem Friedhof kam. In diesem Anbau sei die Leiche einer jungen Frau gefunden worden, und ein Heft mit den Fingerabdrücken einer Person habe daneben gelegen. Aufgrund der Angaben von Zeugen, die ihn aus dem Anbau hatten kommen sehen, sei ein Phantombild angefertigt worden, und sollte eine Gegenüberstellung erforderlich sein, würden die Zeugen ihn zweifellos wiedererkennen. Allerdings würde man wegen seines jugendlichen Alters voraussichtlich Fotos benutzen, er werde also wahrscheinlich nicht persönlich vorgeführt werden. Ob er ihnen etwas dazu zu sagen habe?

Der Junge brach in Tränen aus. Sein Vater verdrehte die Augen, sagte jedoch nichts.

»Marlon?«, drängte Isabelle.

Er schniefte. »Es ist doch bloß, weil ich Schule scheiße finde. Die hänseln mich alle. Bloß weil ich 'nen dicken… Weil ich einen dicken Hintern hab, deswegen lachen die mich aus, und das haben sie schon immer gemacht, und ich find das zum Kotzen! Deswegen geh ich nicht hin. Aber ich muss ja morgens hier weg und irgendwohin gehen, und deswegen geh ich dahin.«

»Auf den Friedhof statt in die Schule?«

»Ja, genau.«

»Zurzeit sind Sommerferien«, bemerkte Lynley.

»Ich red davon, wenn Schule ist«, sagte Marlon. »Jetzt geh ich auf den Friedhof, weil ich immer hingeh. Hier gibt's nichts zu tun, und ich hab ja auch keine Freunde.«

»Also gehst du auf den Friedhof und machst Schnitzereien an den Bäumen?«, fragte Isabelle.

Marlon rutschte auf seinem enormen Gesäß hin und her. »Das hab ich nicht gesagt…«

»Besitzt du Schnitzwerkzeug?«, wollte Lynley wissen.

»Ich hab der Tussi nichts getan! Die war schon tot, als ich reinkam!«

»Du warst also in dem Anbau hinter der Kapelle?«, sagte Isabelle. »Du gibst zu, dass du derjenige bist, den unsere Zeugen vor vier Tagen aus dem Anbau haben kommen sehen?«

Der Junge bestätigte das nicht, stritt es aber auch nicht ab.

»Was hast du dort gemacht?«

»Ich schnitze«, sagte er. »Das ist doch nichts Schlimmes. Sieht doch viel schöner aus.«

»Ich meinte nicht, was du auf dem Friedhof«, sagte Isabelle, »sondern was du in dem Anbau gemacht hast. Warum warst du dort?«

Der Junge schluckte. Offenbar waren sie zum Kern der Angelegenheit gelangt. Marlon sah zu seinem Vater hinüber. Der wandte sich ab.

»Das Heft«, flüsterte Marlon. »Es war… Ich hab's mir gekauft und wollt's mir ansehen und…« Er sah erst Isabelle, dann Lynley flehend an. »Als ich die Bilder in dem Heft gesehen hab… die Weiber… Sie wissen schon.«

»Marlon, versuchst du, mir zu sagen, dass du in den Anbau gegangen bist, um dir Bilder von nackten Frauen anzusehen und zu masturbieren?«, fragte Isabelle unverblümt.

Wieder begann er zu weinen.

»Verdammter Trottel!«, fauchte sein Vater, und Isabelle warf ihm einen Blick zu. Lynley sagte: »Bitte, Mr. Kay!«

Marlon verbarg sein Gesicht in den Händen und kniff sich mit den Fingern in die Wangen. »Ich wollte nur… Also bin ich da reingegangen - Sie wissen ja -, aber da lag sie, und da hab ich Angst gekriegt und bin abgehauen. Ich hab gleich gesehen, dass sie tot war. Alles war voller Käfer, und sie hatte die Augen offen, und da krabbelten Fliegen drin rum… Ich weiß, ich hätte was unternehmen müssen, aber ich konnte nicht, weil… weil ich… Die Polizei hätte mich gefragt, was ich da wollte, genau wie Sie jetzt, und dann hätte ich alles sagen müssen, so wie jetzt. Er kann mich doch sowieso schon nicht ausstehen, und dann war alles rausgekommen! Ich geh nicht zur Schule. Ich geh da nicht mehr hin. Das mach ich nicht. Aber sie war tot, als ich da reinkam. Sie war tot, wirklich!«

Wahrscheinlich sagte er die Wahrheit, dachte Isabelle. Sie traute dem Jungen keine Gewalttat zu. Er war einer der am wenigsten aggressiven Jugendlichen, denen sie je begegnet war. Aber selbst ein Junge wie Marlon konnte durchdrehen, und auf irgendeine Weise mussten sie ihn als Verdächtigen ausschließen.

»Also gut, Marlon. Ich habe den Eindruck, dass du die Wahrheit sagst.«

»Klar sag ich die Wahrheit!«

»Ich werde dir trotzdem noch einige weitere Fragen stellen, und du musst dich beruhigen. Schaffst du das?«

Sein Vater schnaubte, was wohl so viel heißen sollte wie: Vergessen Sie's.

Marlon warf seinem Vater einen ängstlichen Blick zu, dann nickte er, die Augen wieder mit Tränen gefüllt. Aber er wischte sich die Wangen ab - was irgendwie heldenhaft wirkte - und setzte sich aufrecht hin.

Isabelle ging ihre Fragen durch. Ob er die Leiche angefasst habe? Nein. Hatte er irgendetwas vom Tatort entfernt? Nein. Wie nah war er der Leiche gekommen? Das wusste er nicht mehr. Bis auf einen Meter? Mehr als einen Meter? Er war einen oder zwei Schritte in den Anbau hineingegangen, mehr nicht, denn da hatte er sie schon gesehen und…

»In Ordnung«, sagte Isabelle, um zu vermeiden, dass er wieder hysterisch wurde. »Und was war dann?«

Er hatte das Heft fallen gelassen und war geflüchtet. Er hatte das Heft nicht fallen lassen wollen. Er hatte es nicht mal gemerkt. Aber als ihm aufgefallen war, dass er es nicht mehr bei sich hatte, hatte er sich nicht getraut, noch einmal umzukehren, »weil, ich hab noch nie einen Toten gesehen. Nicht so.« Ihr ganzer Oberkörper sei voll Blut gewesen.

Ob er eine Waffe gesehen habe?, fragte Isabelle.

Er habe noch nicht mal erkennen können, wo die Wunde war, antwortete er. Für ihn hatte es so ausgesehen, als sei sie überall aufgeschlitzt, weil sie so voller Blut war. Musste einer nicht richtig aufgeschlitzt sein, um so schrecklich zu bluten?

Isabelle lenkte seine Aufmerksamkeit vom Innern des Anbaus weg und hin zu dem Geschehen außerhalb. Auch wenn Marlon erst mindestens einen Tag nach dem Mord auf die Leiche gestoßen war, konnte es für die Ermittlungen eine Rolle spielen, was er in der Umgebung der Kapelle gesehen hatte.

Aber er hatte nichts gesehen. Und was Jemimas Handtasche oder irgendetwas anderes anging, das ihr gehört haben könnte, schwor der Junge Stein und Bein, er habe nichts an sich genommen. Falls sie eine Handtasche bei sich gehabt habe, so wisse er nichts davon. Selbst wenn die Tasche direkt neben ihr gelegen hätte, versicherte er, hätte er sie nicht bemerkt, denn er habe nur die Frau gesehen. Und das viele Blut.

»Aber du hast es nicht gemeldet«, sagte Isabelle. »Die Einzigen, die die Polizei informiert haben, sind die beiden jungen Leute, die dich gesehen haben, Marlon. Warum hast du es nicht gemeldet?«

»Wegen der Schnitzereien«, sagte er. »Und wegen des Heftes.«

»Aha.« Beschädigung öffentlichen Eigentums, Erwerb eines Pornohefts, Masturbation - oder zumindest der Versuch - in der Öffentlichkeit: All das musste ihn eingeschüchtert haben - und zweifellos auch der Unmut seines Vaters und die Tatsache, dass dieser dazu neigte, seinem Unmut mithilfe eines Kricketschlägers Ausdruck zu verleihen. »Verstehe. Tja, wir brauchen ein paar Dinge von dir. Bist du bereit, mit uns zu kooperieren?«

Er nickte eifrig. Kooperation? Kein Problem. Alles, was sie wollten.

Sie brauchten eine Speichelprobe von ihm. Außerdem seine Schuhe, seine Fingerabdrücke, die sich leicht abnehmen ließen. Und sie brauchten sein Schnitzwerkzeug für die Spurensicherung. »Ich nehme an«, sagte Isabelle, »dass es sich um alle möglichen scharfen Gegenstände handelt. Richtig? Die müssen wir alle überprüfen, Marlon.«

Tränen, Wimmern. Verächtliches, an einen Stier erinnerndes Schnauben des Vaters.

»Das alles dient nur dazu zu beweisen, dass du die Wahrheit sagst«, versicherte Isabelle dem Jungen. »Tust du das, Marlon? Sagst du die Wahrheit?«

»Ich schwör's«, sagte er. »Ich schwör's, ich schwör's, ich schwör's.«

Am liebsten hätte Isabelle ihm versichert, dass ein Schwur völlig ausreichte, doch sie sagte sich, dass dies wahrscheinlich reine Zeitverschwendung wäre.

Auf dem Weg zurück zu ihrem Wagen fragte sie Lynley, was er von der ganzen Sache halte. »Es ist wirklich nicht unbedingt nötig, dass Sie in solchen Situationen die ganze Zeit schweigen, wissen Sie.«

Er sah sie von der Seite an. In Anbetracht der Hitze und der Begegnung mit den Kays wirkte sie bemerkenswert gefasst, ruhig, professionell, ja sogar kühl trotz der sengenden Sonne. Klugerweise - wenn auch untypischerweise - trug sie statt eines leichten Kostüms ein ärmelloses Kleid, was mehr als einem Zweck diente, wie Lynley erkannte: Denn es war nicht nur bequemer, sondern ließ sie auch weniger einschüchternd wirken, wenn sie die Zeugen befragte. Zeugen wie Marlon, dachte er, einen halbwüchsigen Jungen, dessen Vertrauen sie gewinnen musste.

»Ich hatte nicht den Eindruck, Sie brauchten meine…«

»Hilfe?«, fiel sie ihm ins Wort. »Das habe ich nicht gemeint, Thomas.«

Lynley schaute sie wieder an. »Eigentlich wollte ich sagen, meine Mitwirkung«, sagte er.

»Ah. Tut mir leid.«

»Das Thema macht Sie also angriffslustig?«

»Absolut nicht.« Sie kramte in ihrer Tasche herum und brachte eine dunkle Brille zum Vorschein. Dann seufzte sie und sagte: »Nein, es stimmt. Ich bin tatsächlich angriffslustig. Aber das muss man sein in unserem Job. Es ist nicht leicht für eine Frau.«

»Was ist nicht leicht? Die Ermittlung? Die Beförderung? Sich in den Fluren der Macht in der Victoria Street zurechtzufinden, so fragwürdig sie auch sein mögen?«

»Ja, ja, für Sie ist es leicht, sich auf meine Kosten zu amüsieren«, bemerkte sie. »Aber wahrscheinlich muss sich kein Mann mit den Fährnissen herumplagen, die einer Frau das Leben schwer machen. Erst recht kein Mann…« Anscheinend widerstrebte es ihr, den Satz zu Ende auszusprechen.

Er tat es für sie. »Kein Mann wie ich?«

»Ich bitte Sie, Thomas. Sie können wohl kaum behaupten, dass ein privilegiertes Leben - Familiensitz in Cornwall, Eton, Oxford… vergessen Sie nicht, ich weiß ein bisschen was über Sie - es Ihnen schwer gemacht hat, in Ihrem Metier erfolgreich zu sein. Und warum tun Sie das überhaupt? Sie haben es doch gewiss nicht nötig, als Polizist zu arbeiten. Geht ein Mann Ihres Schlags nicht im Allgemeinen Beschäftigungen nach, bei denen er weniger…«, sie suchte nach den richtigen Worten, »… weniger mit dem gemeinen Volk in Berührung kommt?«

»Zum Beispiel?«

»Ich weiß nicht. Im Vorstand von Krankenhäusern und Universitäten sitzen? Vollblutpferde züchten? Ein Anwesen verwalten - das eigene natürlich - und Pacht von Bauern eintreiben, die Schirmmützen und Gummistiefel tragen?«

»Meinen Sie solche, die mit demütig gesenktem Blick an der Küchentür erscheinen? Die in meiner Gegenwart hastig ihre Schirmmütze abnehmen? Den Bückling machen und so weiter?«

»Was zum Teufel ist ein Bückling?«, fragte sie. »Das habe ich mich schon immer gefragt. Ich meine, für mich ist ein Bückling was zum Essen.«

»Es hat mit Verbeugen und Füßescharren zu tun«, sagte er ernst, »mit dem Verhältnis zwischen Bauern und Herren, das zum Leben von Männern meines Schlags gehört.«

Sie sah ihn an. »Verdammt, ich sehe genau, wie Ihre Augen funkeln!«

»Entschuldigung«, sagte er lächelnd.

»Es ist tierisch heiß«, sagte sie. »Hören Sie, ich brauche etwas Kühles zu trinken. Und wir könnten die Zeit nutzen, um uns in Ruhe zu unterhalten. Hier gibt es bestimmt irgendwo einen Pub.«

Daran zweifelte er keineswegs, aber zuerst wollte er sich die Stelle ansehen, wo die Leiche entdeckt worden war. Sie waren bei ihrem Wagen angekommen, der vor dem Friedhof stand, und er fragte sie, ob sie ihn zu der Kapelle führen könne, wo man Jemima Hastings' Leichnam gefunden hatte.

Während er die Worte aussprach, wurde ihm bewusst, dass er einen weiteren Schritt getan hatte, fünf Monate, nachdem seine Frau auf den Stufen vor ihrem Haus ermordet worden war. Noch im Februar wäre die Vorstellung, dass er sich einen Ort ansehen würde, an dem ein Mensch getötet worden war, undenkbar gewesen.

Wie erwartet fragte Ardery ihn, warum er den Tatort zu sehen wünsche. Sie klang argwöhnisch, als hätte sie das Gefühl, er wolle ihre Arbeit kontrollieren. Sie erklärte ihm, der Tatort sei gründlich überprüft, geräumt und wieder für die Öffentlichkeit freigegeben worden, worauf er entgegnete, es sei reine Neugier, mehr nicht. Er habe die Fotos gesehen, jetzt interessiere ihn der Ort.

Sie gab nach. Er folgte ihr auf den Friedhof und über Wege, die sich zwischen den Bäumen hindurchschlängelten. Es war kühler hier, wo das Laub Schatten spendete und kein Asphalt die Hitze in Wellen abstrahlte. Ihm fiel auf, dass sie »eine stattliche Figur« abgab, wie man es früher genannt hätte, als sie vor ihm herschritt. Sie ging, wie sie alles tat: selbstbewusst.

Sie führte ihn um die Kapelle herum zu dem Anbau. Dahinter, jenseits einer mit verdorrtem grasbedeckten Lichtung, an deren Rand eine steinerne Bank stand, ging der Friedhof weiter. Gegenüber der ersten stand eine zweite Steinbank, und dahinter befanden sich drei überwucherte Gräber und ein verfallenes Mausoleum.

»Der Tatort und die Umgebung wurden systematisch abgesucht«, erklärte Ardery. »Es wurde nichts gefunden, außer all dem Kram, der an einem solchen Ort zu erwarten ist.«

»Wie zum Beispiel?«

»Coladosen und sonstiger Müll wie Bleistifte, Kulis, Lagepläne des Friedhofs, Chipstüten, Schokoladenpapier, alte Busfahrscheine - ja, die werden zurzeit überprüft - und benutzte Kondome in einer Menge, die einen hoffen lässt, dass Geschlechtskrankheiten bald der Vergangenheit angehören werden.« Dann: »Sorry. Das war unangebracht.«

Er stand in der Tür des Anbaus, und als er sich umdrehte, sah er, wie sie errötete.

»Das mit den Kondomen«, sagte sie. »Wenn es andersherum wäre, könnte man die Bemerkung als sexuelle Belästigung auslegen. Ich entschuldige mich dafür.«

»Ah«, sagte er. »Kein Problem. Aber in Zukunft werde ich auf der Hut sein, also sehen Sie sich vor, Chefin.«

»Isabelle«, sagte sie. »Sie dürfen mich Isabelle nennen.«

»Ich bin im Dienst«, erwiderte er. »Was halten Sie von dem Graffito?« Er zeigte auf die Wand in dem Anbau, wo mit schwarzer Farbe »God Goes Wireless« und ein Auge in einem Dreieck aufgemalt waren.

»Das ist alt«, sagte sie. »Das war schon lange da, bevor sie ermordet wurde. Riecht nach Freimaurern, oder?«

»Ganz Ihrer Meinung.«

»Gut.« Als er sich ihr wieder zuwandte, sah er, dass die Röte in ihrem Gesicht nachgelassen hatte.

»Wenn Sie genug gesehen haben, würde ich jetzt gern etwas Kühles trinken. Auf der Stoke Newington Church Street gibt es ein paar Cafés, und wahrscheinlich finden wir dort auch einen Pub.«

Sie verließen den Friedhof auf einem anderen Weg, der sie an dem Grabmal vorbeiführte, das, wie er sich erinnerte, den Hintergrund auf Deborah St. James' Foto von Jemima Hastings gebildet hatte. Es stand an einer Weggabelung: ein lebensgroßer marmorner Löwe auf einem Sockel. Lynley blieb stehen, um die Inschrift zu lesen, die besagte, dass »sich alle an einem glücklichen Ostermorgen wiedersehen« würden. Wäre es doch wahr, dachte er.

Ardery beobachtete ihn. Nach einer Weile sagte sie nur: »Hier entlang, Thomas«, und führte ihn in Richtung Straße.

Ein Café und ein Pub waren schnell gefunden, und Ardery entschied sich für den Pub. Kaum waren sie eingetreten, bat sie ihn, ihr einen Cider zu bestellen. »Herrgott noch mal, Thomas, das ist ein leichtes Getränk«, sagte sie, als er angesichts ihrer Wahl verwundert die Brauen hob. Immerhin würden sie noch mehrere Stunden lang im Dienst sein. Sie erklärte ihm, sie habe nicht vor, ihre Leute in Bezug auf ihre Wahl von Erfrischungsgetränken zu kontrollieren. Wenn jemand mittags ein Lager trinken wolle, habe sie nichts dagegen einzuwenden. Auf die Arbeit komme es an, erklärte sie, und auf die Qualität dieser Arbeit. Dann verschwand sie auf der Damentoilette.

Er bestellte ihr einen Cider - »Und zwar ein großes Glas«, hatte sie präzisiert - und für sich eine Flasche Mineralwasser. Er ging mit den Getränken zu einem Tisch in der hinteren Ecke, überlegte es sich anders und wählte einen anderen Tisch, der ihm für zwei Kollegen, die ein Arbeitsgespräch führten, angemessener erschien.

Typisch Frau, dachte er, zumindest was ihren Aufenthalt auf der Toilette betraf. Sie blieb geschlagene fünf Minuten verschwunden, und als sie zurückkehrte, hatte sie ihre Frisur in Ordnung gebracht. Sie hatte sich das Haar hinter die Ohren geschoben, und ihm fiel erst jetzt auf, dass sie Ohrringe trug. Dunkelblau, in Gold eingefasst, passend zur Farbe ihres Kleids. Er sinnierte über die kleinen Eitelkeiten der Frauen. Helen hatte sich morgens nie einfach nur angezogen, sie hatte ganze Ensembles zusammengestellt.

Herrgott noch mal, Helen, du fährst doch nur zur Tankstelle!

Tommy, Darling, aber ich könnte gesehen werden.

Er blinzelte, füllte sein Glas. Man hatte ihm ein Stück Zitrone dazugegeben, das er kräftig ausdrückte.

Ardery bedankte sich.

»Es gab nur eine Sorte«, sagte er entschuldigend.

»Ich meinte nicht den Cider. Danke, dass Sie nicht aufgestanden sind. Ich nehme an, dass Sie das normalerweise tun.«

»Ach… Tja, die guten Manieren werden einem von Geburt an eingebläut, aber ich dachte mir, dass es Ihnen lieber wäre, wenn ich sie während der Arbeit etwas vernachlässige.«

»Hatten Sie schon einmal eine Vorgesetzte?«, fragte sie. Und als er den Kopf schüttelte: »Sie kommen gut damit zurecht.«

»So bin ich nun mal.«

»Wie? Einer, der zurechtkommt?«

»Ja.« Dann wurde ihm klar, dass die Antwort zu einer Diskussion führen könnte, die er vermeiden wollte. Daher sagte er: »Und Sie, Superintendent Ardery?«

»Sie wollen mich also nicht Isabelle nennen?«

»Nein.«

»Warum nicht? Das ist ein privates Gespräch, Thomas. Wir sind Kollegen, Sie und ich.«

»Und im Dienst.«

»Damit antworten Sie wohl auf alles?«

Er dachte darüber nach, wie bequem diese Vorlage für ihn war. »Ich schätze, ja.«

»Sollte mich das kränken?«

»Ganz und gar nicht, Chefin.«

Er sah sie an, und sie wich seinem Blick nicht aus. Es knisterte zwischen ihnen.

Das Risiko, dass Sex ins Spiel kam, bestand immer, wenn Männer und Frauen zusammenarbeiteten. Bei Barbara Havers war es allerdings so weit außerhalb des Denkbaren gewesen, dass die Vorstellung eher zum Lachen gewesen wäre. Bei Isabelle Ardery war das anders. Er wandte sich ab.

»Ich glaube ihm«, sagte sie leichthin. »Und Sie? Natürlich wäre es möglich, dass er zum Tatort zurückgekehrt ist, zurück zu der Toten, um zu sehen, ob sie schon entdeckt wurde. Aber das halte ich für unwahrscheinlich. Er wirkt nicht intelligent genug, um alles so gut zu durchdenken.«

»Sie meinen, das Pornoheft mitzunehmen, um es so aussehen zu lassen, als hätte er einen Grund gehabt, den Anbau zu betreten?«

»Genau das meine ich.«

Lynley stimmte ihr zu. Marlon Kay wirkte nicht wie ein Mörder. Doch Ardery war dennoch auf Nummer sicher gegangen. Ehe sie den Jungen und seinen griesgrämigen Vater verlassen hatten, hatte sie dafür gesorgt, dass seine Fingerabdrücke und eine Speichelprobe genommen würden, und sie hatte seine Kleider durchgesehen. Nichts Gelbes darunter. Die Sportschuhe, die er an dem Tag auf dem Friedhof angehabt hatte, wiesen zwar keine sichtbaren Blutspuren auf, würden aber dennoch für alle Fälle ins Labor geschickt werden.

Marlon hatte sich insgesamt sehr kooperativ verhalten. Er schien ebenso bestrebt, ihnen alles recht zu machen, wie er bemüht war zu beteuern, dass er mit dem Tod von Jemima Hastings nichts zu tun hatte.

»Jetzt bleibt uns also nur noch der Asiate, den unsere Zeugen gesehen haben wollen. Hoffen wir, dass uns das auf eine Spur bringt«, sagte Ardery.

»Oder die Überprüfung dieses Mannes in Hampshire«, bemerkte Lynley.

»Ach ja, den haben wir ja auch noch. Was glauben Sie, wie Sergeant Havers bei diesem Teil der Ermittlungen vorgehen wird, Thomas?«

»Auf ihre übliche Art«, antwortete er.

13

»Phänomenal. So etwas hab ich noch nie gesehen.« Der New Forest und die wilden Ponys, die dort frei herumliefen, entlockten Barbara Havers unverhohlenes Staunen. Es waren Hunderte, vielleicht sogar Tausende, und sie grasten, wo immer es ihnen beliebte, auf weiten Wiesen, die Fohlen immer in der Nähe. Unter uralten Eichen und Buchen, unter Eschen und Birken fraßen sie junge Schösslinge und schufen einen lichten, von Sonnenlicht durchfluteten Wald mit einem von verrottendem Laub bedeckten, schwammig weichen Boden, der frei war von Unterholz, Gestrüpp und Rankgewächsen.

Es war fast unmöglich, sich nicht verzaubern zu lassen von dieser Landschaft, wo Ponys aus Tümpeln und Teichen tranken, wo reetgedeckte, weiß gestrichene Fachwerkhäuser aussahen, als würden sie täglich geschrubbt. Über den Hügeln ringsum lag ein Flickenteppich, auf dem die Farne bereits braun wurden und das Gelb des Ginsters allmählich das Violett des Heidekrauts ablöste.

»Ich könnte glatt auf die Idee kommen, meine Zelte in London abzubrechen«, bemerkte Barbara. Sie hatte Winston Nkata auf der Fahrt von London hierher als Beifahrerin den Weg gewiesen, und der große A-Z-Straßenatlas lag noch immer aufgeschlagen auf ihren Knien. Sie hatten einmal angehalten, um zu Mittag zu essen, und noch einmal zum Kaffee, dann waren sie von der A31 abgefahren und befanden sich jetzt auf dem Weg nach Lyndhurst, wo sie sich als Erstes den Kollegen vor Ort vorstellen wollten, in deren Revier sie einzudringen gedachten.

»Ja, hübsch«, lautete Nkatas Kommentar. »Aber mir wär's hier ein bisschen zu ruhig. Ganz abgesehen davon«, er sah sie an, »würde ich mir hier vorkommen wie die sprichwörtliche Rosine im Reispudding.«

»Ach so. Hm. Ja.« Er hatte wahrscheinlich recht. Hier draußen würden sie kaum auf Angehörige einer Minderheit treffen, erst recht auf niemanden mit einer Geschichte wie Nkata, der in Brixton aufgewachsen war, mit Wurzeln in Westafrika und in der Karibik, und der als Jugendlicher zeitweilig an Bandenkämpfen in seinem Viertel beteiligt gewesen war. »Aber eine schöne Gegend, um Urlaub zu machen. Vorsicht auf dem Weg durch die Stadt! Hier sind alles Einbahnstraßen.«

Sie durchquerten den Ort ohne Probleme und fanden die Polizeiwache gleich außerhalb in der Romsey Road. Der gedrungene Backsteinbau im langweiligen Stil der Sechzigerjahre stand auf einem kleinen Hügel, das Dach krönten Stacheldrahtrollen und Überwachungskameras, die den Komplex als verbotene Zone für all diejenigen auswiesen, die nicht wollten, dass jede ihrer Bewegungen aufgezeichnet wurde. Ein paar Bäume und ein Blumenbeet vor dem Gebäude sollten die allgemeine Trostlosigkeit des Komplexes wohl ein bisschen mildern, aber nichts konnte seinen institutionellen Charakter verbergen.

Den Dienstausweis in der Hand, machten sie sich mit dem wachhabenden Special Constable bekannt, einem jungen Mann, der aus einem Zimmer trat, als sie den zu diesem Zweck auf dem Empfangstresen angebrachten Klingelknopf drückten. Dass New Scotland Yard zu Besuch kam, schien ihn zu interessieren, aber nicht sonderlich zu beeindrucken. Sie wollten den Chief Superintendent sprechen, erklärten sie, woraufhin er die Fotos auf ihren Ausweisen betont gründlich mit ihren Gesichtern verglich, als argwöhnte er böse Absichten. »Einen Augenblick, bitte«, sagte er schließlich und verschwand mit ihren Ausweisen in den Tiefen des Gebäudes. Es dauerte fast zehn Minuten, bis er wieder zurückkehrte, ihnen die Ausweise aushändigte und sie bat, ihm zu folgen. Zachary Whiting, der Chief Super, sei in einer Besprechung gewesen, die er jedoch vorzeitig beendet habe.

»Wir werden ihn nicht lange aufhalten«, sagte Barbara. »Es ist nur ein Höflichkeitsbesuch, wenn Sie verstehen, was ich meine. Um ihn ins Bild zu setzen, damit es keine Missverständnisse gibt.«

Lyndhurst war die Zentrale für sämtliche Polizeireviere im New Forest. Die Leitung hatte ein Chief Superintendent inne, der wiederum dem Polizeibezirk Winchester unterstellt war. Ein Polizist drang nicht in das Revier eines Kollegen ein, ohne vorstellig zu werden, und genau aus diesem Grund waren Barbara und Winston hergekommen. Falls sich herausstellte, dass irgendwelche Vorkommnisse in der Gegend mit ihren Ermittlungen in Zusammenhang standen, umso besser. Barbara rechnete zwar nicht damit, aber man konnte ja nie wissen, wohin einen dienstliche Verpflichtungen führten.

Chief Superintendent Zachary Whiting stand hinter seinem Schreibtisch und erwartete sie. Durch seine Brille musterte er sie skeptisch, was kaum verwunderlich war angesichts eines Besuchs von New Scotland Yard. Wenn Leute von der Met aufkreuzten, bedeutete das nicht selten Ärger in Form von internen Ermittlungen.

Winston nickte Barbara zu, und sie stellte sich und Nkata vor. Anschließend schilderte sie den Mordfall, der sich in London ereignet hatte. Das Opfer sei eine junge Frau namens Jemima Hastings, erklärte sie und legte die Gründe für ihre Anwesenheit dar.

»Auf einer Postkarte mit dem Bild des Opfers befand sich eine Handynummer. Wir haben die Nummer zu einem gewissen Gordon Jossie zurückverfolgt, der hier in Hampshire lebt. Und so…« Sie sprach den Satz nicht zu Ende.

Der Chief Superintendent kannte das Prozedere. »Gordon Jossie?« Er klang nachdenklich.

»Sie kennen ihn?«, fragte Nkata.

Whiting ging einen Stapel Papiere auf seinem Schreibtisch durch. Barbara und Winston tauschten Blicke aus. »Hat er schon mal Ärger gehabt?«, fragte Barbara. Whiting antwortete nicht gleich. Er wiederholte den Nachnamen, dann sagte er: »Nein, Ärger nicht«, was er zögerlich aussprach, so als hätte Gordon Jossie so etwas Ähnliches wie Ärger gehabt.

»Aber Sie kennen den Mann«, hakte Nkata noch einmal nach.

»Der Name ist mir bekannt.« Der Chief Superintendent hatte offenbar gefunden, was er suchte. Es handelte sich um eine Telefonnotiz. »Jemand hat seinetwegen hier angerufen. Eine Verrückte, wenn Sie mich fragen, aber offenbar war die Frau so hartnäckig, dass die Nachricht auf meinem Tisch gelandet ist.«

»Ist das der normale Weg?«, fragte Barbara. Aus welchem Grund sollte ein Chief Superintendent darauf bestehen, über Anrufe informiert zu werden, egal ob sie verrückt waren oder nicht?

Es sei ganz und gar nicht der normale Weg, erwiderte er, aber in diesem Fall habe sich die Frau einfach nicht abwimmeln lassen. Sie habe darauf bestanden, dass man im Fall eines gewissen Gordon Jossie etwas unternehme. Man habe sie gefragt, ob sie gegen den Mann Anzeige erstatten wolle, aber daran sei sie nicht interessiert gewesen. »Sie meinte, er komme ihr verdächtig vor«, sagte Whiting.

»Merkwürdig, dass man Sie über so etwas informiert«, bemerkte Barbara.

»Normalerweise wäre das auch nicht passiert. Aber dann hat eine zweite Frau angerufen und mehr oder weniger das Gleiche gesagt, und erst dann hat man mich über die Sache in Kenntnis gesetzt. Ich kann mir vorstellen, dass Ihnen das merkwürdig erscheint, aber Sie sind hier nicht in London. Dies hier ist ein kleiner, überschaubarer Ort, und ich halte mich gern auf dem Laufenden über alles, was in meinem Revier passiert.«

»Nehmen Sie an, dass dieser Jossie irgendetwas im Schilde führt?«, fragte Nkata.

»Es deutet nichts darauf hin. Aber das hier«, und Whiting zeigte auf die Telefonnotiz, »hat dafür gesorgt, dass wir ihn ins Visier genommen haben.«

Sie sollten ruhig in seinem Revier ermitteln, fuhr er fort, und als sie ihm Jossies Adresse nannten, erklärte er ihnen, wie sie das Haus des Mannes in der Nähe eines Dorfes namens Sway finden würden. Falls sie seine Hilfe benötigten oder die eines seiner Mitarbeiter…

Etwas an der Art, wie er das Angebot machte, kam Barbara merkwürdig vor. Sie hatte das Gefühl, dass es mehr war als reine Höflichkeit.

Sway lag etwas abseits der üblichen Trampelpfade des New Forest und markierte die Spitze eines Dreiecks, das der Ort selbst mit den Gemeinden Lymington und New Milton bildete. Die Straße, die sie dorthin führte, wurde zunehmend schmaler, bis sie auf die Paul's Lane gelangten, wo die Häuser zwar Namen, aber keine Hausnummern hatten und hinter hohen Hecken verborgen lagen.

Entlang der Straße standen eine ganze Reihe Cottages, aber es gab nur zwei größere Anwesen, und Jossies war eines davon.

Sie parkten vor einer hohen Weißdornhecke. Über die holprige Zufahrt näherten sie sich einer Koppel, die hinter einem hübschen Reetdachhaus lag. Jossie untersuchte gerade die Hinterhufe zweier unruhiger Ponys. Gegen das grelle Sonnenlicht trug er eine dunkle Sonnenbrille und eine Baseballmütze, und sein Körper war gegen die Hitze geschützt durch lange Ärmel, Handschuhe, Jeans und Stiefel.

Ganz anders dagegen war die junge Frau gekleidet, die ihm vom Zaun aus zusah. »Glaubst du, sie sind schon so weit, dass du sie freilassen kannst?«, rief sie gerade. Sie trug ein gestreiftes Sommerkleid, das weder ihre Arme noch ihre Beine bedeckte. Trotz der Hitze wirkte sie frisch. Ihr Kopf war geschützt durch einen Strohhut, der von einem Schal aus demselben Stoff gehalten wurde, aus dem auch ihr Kleid genäht war. Hadiyyah, dachte Barbara, hätte die Aufmachung gefallen.

»Einfach albern, sich vor Ponys zu fürchten«, antwortete Gordon Jossie.

»Ich versuche ja, mich mit ihnen anzufreunden, ehrlich!« Sie drehte sich um und sah Barbara und Winston auf sich zukommen. Sie musterte sie beide, aber ihr Blick blieb an Winston hängen. Sie war attraktiv, dachte Barbara. So unerfahren, wie sie in diesen Dingen war, konnte sie nichtsdestotrotz erkennen, dass die junge Frau wie ein Profi geschminkt war. Auch das hätte Hadiyyah gefallen.

»Hallo«, sagte die Frau zu ihnen. »Haben Sie sich verirrt?«

Gordon Jossie blickte auf. Er beobachtete, wie sie die Zufahrt hochkamen und sich dem Stacheldrahtzaun näherten. Die junge Frau stand an einem der Pfosten und stützte sich mit beiden Händen darauf.

Jossie besaß den drahtigen Körperbau eines Fußballers, dachte Barbara. Als er die Mütze abnahm und sich den Schweiß von der Stirn wischte, sah sie, dass sein Haar begann, schütter zu werden, aber das rötliche Blond stand ihm gut.

Barbara und Winston zückten ihre Dienstausweise. Diesmal stellte Winston sie vor. Dann fragte er den Mann auf der Koppel: »Sind Sie Gordon Jossie?«

Jossie nickte. Er kam zum Zaun herüber. An seinem Gesicht ließ sich nichts ablesen. Seine Augen konnten sie natürlich nicht sehen. Die Gläser seiner Sonnenbrille waren nahezu schwarz.

Die junge Frau stellte sich als Gina Dickens vor. »Scotland Yard?«, wiederholte sie lächelnd. »Wie Inspector Lestrade?« Dann zog sie Jossie auf: »Gordon, hast du etwas angestellt?«

Es gab ein hölzernes Tor im Zaun. Jossie kam trotzdem nicht aus der Koppel, sondern ging auf einen Wasserschlauch zu, der aufgerollt an einem ziemlich neu wirkenden Zaunpfahl hing und an einer frei stehenden Wasserleitung außerhalb der Koppel angeschlossen war. Er nahm den Schlauch vom Haken, wickelte ihn aus und zog ihn auf einen steinernen Trog zu. Der Trog war makellos sauber, wie Barbara auffiel. Er war entweder neu, so wie der Zaunpfahl, oder der Mann war mehr als nur ein bisschen zwanghaft in seinem Bestreben, alles blitzblank zu halten. Letzteres schien eher unwahrscheinlich, denn ein Teil der Koppel war überwuchert und verfallen, als hätte Jossie mitten in dem Versuch, sein Anwesen auf Vordermann zu bringen, aufgegeben. Gerade begann er, den Trog mit Wasser zu füllen. Über die Schulter fragte er: »Was gibt's denn für Ärger?«

Interessante Frage, dachte Barbara. Rechnete er denn mit Ärger? Andererseits: Wer konnte es ihm verdenken? Einen persönlichen Besuch von Scotland Yard erhielt man nicht alle Tage.

»Könnten wir Sie kurz sprechen, Mr. Jossie?«, fragte sie.

»Wir sprechen doch schon.«

»Gordon, ich glaube, die beiden würden gerne…« Gina zögerte, dann sagte sie zu Winston: »Unter dem Baum im Vorgarten stehen ein Tisch und Stühle.« Sie zeigte zum Haus hinüber. »Wollen wir uns dort zusammensetzen?«

»Von mir aus gern«, sagte Nkata, und dann fügte er hinzu: »Ziemlich heiß heute, nicht wahr?« Er gab Gina Dickens eine Kostprobe seines Tausendwattlächelns.

»Ich hole uns etwas Kühles zu trinken«, sagte Gina, warf einen besorgten Blick auf Jossie und wandte sich dann dem Haus zu.

Barbara und Nkata warteten auf Jossie, um sich zu vergewissern, dass er auf direktem Weg den Vorgarten ansteuerte. Nachdem er den Trog für die Ponys gefüllt hatte, hängte er den Schlauch wieder an den Zaunpfahl, kam durch das hölzerne Gattertor und zog seine Handschuhe aus.

»Hier entlang«, sagte er, als würden sie den Weg ohne seine Hilfe nicht finden. Er ging voraus in den Vorgarten, ein Fleckchen von der Sonne ausgedörrten Rasens, der jedoch von ein paar gepflegten Blumenbeeten eingerahmt wurde. Er bemerkte, dass Havers die Beete betrachtete, und sagte: »Gina schüttet das Spülwasser an die Blumen. Wir benutzen ein spezielles Spülmittel«, wie um zu erklären, dass die Blumen mitten in einem extrem trockenen Sommer und trotz des Verbots, Gärten zu sprengen, noch prächtig blühten.

»Hübsch«, bemerkte Barbara. »Mir geht immer alles ein, auch ohne dass ich ein spezielles Spülmittel benutze.« Sie setzten sich an den Tisch. Es handelte sich um einen kleinen Essplatz im Freien, mit Kerzen, einem geblümten Tischtuch und passenden Stuhlkissen. Anscheinend hatte hier jemand ein Händchen fürs Dekorative. Barbara nahm die Postkarte mit dem Foto von Jemima Hastings aus der Tasche und legte sie vor Gordon Jossie auf den Tisch. »Können Sie uns etwas über diese Frau erzählen, Mr. Jossie?«

»Warum?«

»Weil Ihre Handynummer«, sie drehte die Karte um, »hier hinten draufsteht. Und aus dem, was vorne draufsteht - >Haben Sie diese Frau gesehen?< -, schließen wir, dass Sie sie kennen.« Barbara drehte die Karte wieder um und schob sie zu Jossie hinüber. Er rührte sie nicht an.

Gina kam mit einem Tablett, auf dem ein bauchiger Glaskrug mit einem pinkfarbenen Getränk stand. In der Flüssigkeit schwammen frische Minzeblätter und Eiswürfel. Als sie das Tablett auf den Tisch stellte, fiel ihr Blick auf die Postkarte. Sie sah Jossie an. »Gordon. Ist etwas…«

»Das ist Jemima.«

Gina setzte sich zögerlich. Sie wirkte verunsichert. »Die Frau auf der Postkarte?«

Jossie antwortete nicht. Barbara wollte daraus keine voreiligen Schlüsse ziehen. Dass er nicht auf die Frage reagierte, sagte sie sich, konnte unter anderem ein Ausdruck der Verlegenheit sein. Offensichtlich war diese Gina Dickens ihm nicht gleichgültig, und wahrscheinlich fragte sie sich, warum man ihm eine Postkarte mit dem Foto einer anderen Frau vorlegte, die er zweifellos kannte.

Barbara wartete darauf, dass Jossie auf Ginas Frage antwortete. Sie tauschte einen kurzen Blick mit Winston aus. Sie waren sich einig, dass sie Jossie ein bisschen schwitzen lassen würden.

»Darf ich?«, fragte Gina, und als Barbara nickte, nahm sie die Postkarte in die Hand. Sie machte keine Bemerkung zu dem Foto, aber sie las die Frage am unteren Rand, drehte die Karte um und sah die Handynummer, die auf der Rückseite notiert war. Wortlos legte sie die Karte wieder auf den Tisch und schenkte allen etwas von dem pinkfarbenen Gebräu ein.

Die Stille schien die Hitze noch zu intensivieren. Schließlich brach Gina das Schweigen. »Ich hatte keine Ahnung…« Sie fasste sich an den Hals. Barbara sah ihre Halsschlagader pulsieren. Es erinnerte sie daran, auf welche Weise Jemima Hastings gestorben war. »Seit wann suchst du sie, Gordon?«, fragte Gina.

Jossie starrte auf die Postkarte. Dann sagte er: »Das ist Monate alt. Ich habe mir einen Stapel davon besorgt… das war… ich weiß nicht. Im April oder so. Da kannte ich dich noch nicht.«

»Wollen Sie es uns erklären?«, fragte Barbara, und Nkata schlug sein Notizheft auf.

»Ist irgendetwas nicht in Ordnung?«, wollte Gina wissen.

Barbara war noch nicht bereit, mehr Informationen als nötig preiszugeben. Auch Winston hielt sich zurück und murmelte lediglich: »Also… Mr. Jossie?«

Gordon Jossie rutschte nervös auf seinem Stuhl herum. Die Geschichte, die er erzählte, war kurz und knapp. Jemima Hastings sei seine Exfreundin; sie habe ihn verlassen, nachdem sie mehr als zwei Jahre zusammengelebt hatten; er habe versucht, sie zu finden. Er habe zufällig in der Mail on Sunday Werbung für die Porträtausstellung gesehen, und dieses Foto - er zeigte auf die Karte - sei für die Werbeanzeige benutzt worden. Jemima sei nach London gegangen. Aber in der Galerie habe ihm niemand sagen können, wo sie wohnte, und er habe keine Ahnung gehabt, wie er Kontakt zu der Fotografin aufnehmen konnte. Also habe er die Karten aufgekauft. Vierzig, fünfzig oder sechzig waren es gewesen, er könne sich nicht erinnern, denn sie mussten den Rest aus dem Hinterzimmer holen. Dann habe er sie in Telefonzellen, Schaufenstern und überall dort aufgehängt, wo man sie bemerken würde. Er habe die Karten im Umkreis der Galerie verteilt, bis sie ihm ausgegangen waren. Und dann habe er abgewartet.

»Und? Hatten Sie Glück?«, fragte Havers.

»Es hat sich nie jemand bei mir gemeldet, der etwas über sie wusste.« Und noch einmal sagte er zu Gina: »Das war alles, bevor wir uns kennengelernt haben. Es hat mit uns beiden nichts zu tun. Soweit ich weiß, hat niemand, der sie kennt, die Karten gesehen und eins und eins zusammengezählt. Das Ganze war reine Zeit- und Geldverschwendung. Aber ich musste es einfach versuchen.«

»Sie zu finden, meinst du«, sagte Gina leise.

»Wir hatten so viel Zeit miteinander verbracht«, erwiderte er. »Über zwei Jahre. Ich wollte Klarheit. Aber es ist nicht mehr wichtig.« Jossie wandte sich an Barbara: »Wo haben Sie die überhaupt her? Was hat das alles zu bedeuten?«

Sie antwortete mit einer Gegenfrage: »Würden Sie uns erzählen, warum Jemima Sie verlassen hat?«

»Ich habe keinen blassen Schimmer. Irgendwann hat sie einfach beschlossen, dass es aus war zwischen uns, dass sie nicht mehr wollte. Das hat sie mir eröffnet, und am nächsten Tag war sie weg.«

»Einfach so?«

»Erst dachte ich, sie hätte es seit Wochen geplant. Ich habe sie sofort angerufen. Ich wollte verdammt noch mal wissen, was los war. Wem würde das nicht so gehen nach zwei gemeinsamen Jahren, wenn der andere verkündet, dass es aus ist, und einfach verschwindet, und man hat nichts davon geahnt? Ich hab's immer wieder probiert, aber sie ist nie rangegangen, und sie hat auch nie zurückgerufen. Und dann hat sie ihre Handynummer geändert oder sich ein neues Handy besorgt, was weiß ich, denn auf einmal gingen die Anrufe nicht mehr durch. Ich hab sogar ihren Bruder darauf angesprochen…«

»Ihren Bruder?« Nkata blickte von seinem Notizheft auf, und als Gordon Jossie den Namen des Bruders nannte, Robbie Hastings, schrieb Nkata ihn auf.

»Aber der hat behauptet, er hätte keine Ahnung, was sie vorhat. Ich habe es ihm nicht abgekauft - der konnte mich noch nie ausstehen, der hat sich bestimmt ins Fäustchen gelacht, als Jemima Schluss gemacht hat. Aber rauskriegen konnte ich nichts aus ihm. Irgendwann hab ich's dann aufgegeben. Und dann, vor einem Monat« - mit einem Blick zu Gina, in dem Dankbarkeit lag -, »habe ich Gina kennengelernt.«

»Wann haben Sie Jemima das letzte Mal gesehen?«, fragte Barbara.

»An dem Morgen, als sie mich verlassen hat.«

»Und wann genau war das?«

»Am sechsten November, am Morgen nach Guy Fawkes. Letztes Jahr.« Er trank einen Schluck und wischte sich dann mit dem Arm den Mund ab. »Wollen Sie mir jetzt endlich erklären, was das alles zu bedeuten hat?«

»Ich frage Sie, ob Sie sich in der vergangenen Woche außerhalb von Hampshire aufgehalten haben.«

»Wieso?«

»Würden Sie bitte meine Frage beantworten?«

Jossie lief rot an. »Nein, das werde ich nicht. Was zum Teufel soll das alles? Woher haben Sie diese Postkarte? Ich habe nichts Ungesetzliches getan. Überall in Londoner Telefonzellen hängen solche Postkarten, und die meisten sind verdammt viel zweideutiger als die da.«

»Diese Karte haben wir in Jemimas Zimmer unter ihren Habseligkeiten gefunden«, sagte Barbara. »Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass sie tot ist. Sie wurde vor sechs Tagen in London ermordet. Ich frage Sie also noch einmal: Sind Sie in letzter Zeit außerhalb von Hampshire gewesen?«

Barbara kannte den Ausdruck: Alle Farbe wich ihm aus dem Gesicht. Aber sie hatte noch nie erlebt, dass es so schnell geschah. Sie nahm an, dass es eine natürliche Eigenheit von Jossie war: Er errötete leicht und erbleichte ebenso schnell.

»O mein Gott«, murmelte Gina Dickens. Sie nahm Jossies Hand.

Bei ihrer Berührung zuckte er zurück. »Was soll das heißen, ermordet?«, fragte er Barbara.

»Gibt es mehr als eine Bedeutung von >ermordet<?«, fragte sie. »Haben Sie Hampshire verlassen, Mr. Jossie?«

»Wo ist sie gestorben?«, fragte er stattdessen, und als Barbara nicht antwortete, wandte er sich an Nkata: »Wo ist es passiert? Wie? Wer?«

»Sie wurde an einem Ort namens Abney Park Cemetery ermordet«, sagte Barbara. »Ich frage Sie noch ein letztes Mal, Mr. Jossie…«

»Hier«, sagte er tonlos. »Ich war nicht weg. Ich war hier.«

»Hier zu Hause?«

»Nein. Natürlich nicht. Ich gehe schließlich arbeiten. Ich war…« Er wirkte wie benommen. Entweder das, dachte Barbara, oder er durchforstete verzweifelt sein Gedächtnis, weil er völlig unerwartet ein Alibi benötigte. Er erklärte ihnen, er sei Reetdachdecker und habe die ganze Zeit gearbeitet, so wie immer außer an Wochenenden und manchmal freitagnachmittags. Auf die Frage, ob das jemand bestätigen könne, sagte er, ja, selbstverständlich, er habe einen Lehrling. Er nannte ihnen den Namen - Cliff Coward - und gab ihnen die Telefonnummer. Dann sagte er: »Wie…?«, und leckte sich die Lippen. »Wie ist sie… gestorben?«

»Sie wurde erstochen, Mr. Jossie«, sagte Barbara. »Sie ist verblutet.«

Gina drückte Jossies Hand, sagte jedoch nichts. Aber was hätte sie auch sagen können in ihrer Situation?

Barbara dachte über Ginas Situation nach und fragte sich, wie sicher oder auch wie unsicher sie sich fühlen mochte. Sie fragte: »Und Sie, Miss Dickens? Sind Sie außerhalb von Hampshire gewesen?«

»Nein, natürlich nicht.«

»Und vor sechs Tagen?«

»Ich weiß nicht. Vor sechs Tagen? Ich bin nur in Lymington gewesen. Im Einkaufszentrum… von Lymington.«

»Kann das jemand bestätigen?«

Sie antwortete nicht. Eigentlich hätte jetzt jemand empört ausrufen müssen: »Sie wollen doch nicht etwa andeuten, dass ich etwas damit zu tun habe?«, aber beide schwiegen. Stattdessen sahen sie einander an, und dann sagte Gina: »Ich glaube nicht, dass das jemand bestätigen kann - außer Gordon. Aber warum sollte es jemand bestätigen?«

»Sie haben doch sicher die Kassenbelege von Ihren Einkäufen aufbewahrt, oder?«

»Ich weiß nicht. Ich glaube nicht. Ich meine, das macht man doch normalerweise nicht. Ich kann mal nachsehen, aber ich habe doch nicht damit gerechnet…« Sie wirkte verängstigt. »Ich kann versuchen, sie zu finden«, sagte sie. »Aber wenn nicht…«

»Was für ein Unsinn«, sagte Jossie zu Barbara und Winston. »Was soll sie denn getan haben? Soll sie vielleicht ihre Rivalin ausgeschaltet haben? Jemima war keine Rivalin. Es war aus und vorbei zwischen uns.«

»Tja«, sagte Barbara. Sie nickte Winston zu, der sein Notizheft umständlich zuklappte. »Das ist es jetzt wohl tatsächlich zwischen Ihnen und Jemima, nicht wahr? Aus und vorbei.«

Er ging in die Scheune. Er wollte Tess bürsten - was er meist in solchen Momenten tat -, aber trotz allen Rufens und Pfeifens kam die Hündin einfach nicht. Wie ein Idiot stand er an dem Tisch, auf dem er Tess immer bürstete, und schrie mit trockenem Mund: »Tess! Tess! Hierher!«, was natürlich überhaupt nichts fruchtete, weil Tiere eben intuitiv reagierten und Tess genau wusste, dass etwas nicht stimmte.

Aber Gina kam. »Gordon«, sagte sie leise, »warum hast du ihnen nicht die Wahrheit gesagt?« Sie klang ängstlich, und er verfluchte sich selbst wegen dieser Angst in ihrer Stimme.

War doch klar, dass sie fragen würde. Die Frage des Tages. Am liebsten hätte er sich bei ihr dafür bedankt, dass sie den Leuten von Scotland Yard nichts gesagt hatte. Er konnte sich lebhaft vorstellen, wie es auf Gina gewirkt haben musste, dass er die beiden angelogen hatte.

»Du bist doch nach Holland gefahren. Du warst doch da, oder? Um Reet zu kaufen? Da, wo sie das Schilfrohr anpflanzen? Weil das Reet aus der Türkei nichts mehr taugt… Da warst du doch, oder? Warum hast du ihnen das nicht gesagt?«

Er brachte es nicht fertig, sie anzusehen. Er hörte es in ihrer Stimme und wollte es nicht auch noch in ihrem Gesicht sehen. Aber er musste ihr in die Augen sehen, aus dem einfachen Grund, weil sie Gina war und nicht irgendjemand.

Also schaute er sie an. Was er sah, war nicht Angst, sondern Mitgefühl. Es galt ihm, und diese Erkenntnis machte ihn schwach und hilflos.

»Ja«, sagte er.

»Du bist nach Holland gefahren?«

»Ja.«

»Warum hast du ihnen das nicht einfach gesagt? Warum hast du gesagt… Du warst doch gar nicht bei der Arbeit, Gordon.«

»Cliff wird ihnen bestätigen, dass ich auf der Arbeit war.«

»Er wird für dich lügen?«

»Wenn ich ihn darum bitte, ja. Er hat was gegen Polizisten.«

»Aber warum solltest du ihn überhaupt darum bitten? Warum sagst du ihnen nicht einfach die Wahrheit? Gordon, ist irgendwas … Hat es irgendwas…«

Er wünschte sich, sie würde sich ihm nähern, so wie sie es am frühen Morgen getan hatte und dann noch mal unter der Dusche. Auch wenn es Sex und nichts weiter als Sex gewesen war, bedeutete es mehr als Sex, und das war es, was er jetzt brauchte. Wie seltsam, dass ihm ausgerechnet in diesem Augenblick klar wurde, was Jemima sich von ihm gewünscht hatte - was sie sich von Sex mit ihm versprochen hatte. Sie hatte gewollt, emporgehoben und davongetragen zu werden. Sie hatte gewollt, dass endlich aufhörte, was nie aufhören konnte, weil es in ihre Seele eingebrannt war und durch keine körperliche Vereinigung befreit werden konnte.

»Gina…« Er legte die Bürste weg. Es war klar, dass die Hündin nicht gehorchen würde, nicht einmal, um sich das Fell bürsten zu lassen, und er kam sich inzwischen bescheuert vor, dass er immer noch auf sie wartete. Sie entgegnete nur: »Sag mir die Wahrheit!«

»Wenn ich ihnen gesagt hätte, dass ich in Holland war, dann hätten sie weitergebohrt.«

»Wie meinst du das?«

»Sie hätten verlangt, dass ich es beweise.«

»Und? Kannst du das nicht? Warum solltest du es nicht beweisen können? Warst du gar nicht in Holland, Gordon?«

»Natürlich war ich da! Aber ich habe die Fahrkarte weggeworfen.«

»Aber so was lässt sich doch nachprüfen. Und du hast doch in einem Hotel übernachtet. Und der Mann, den du aufgesucht hast… der Bauer… oder wer auch immer… der das Schilf anbaut. Er kann doch bestätigen… Du könntest die Polizei anrufen und ihnen die Wahrheit sagen, und damit wäre die Sache erledigt.«

»So war es einfacher.«

»Wieso zum Teufel ist es einfacher, wenn du Cliff bittest, für dich zu lügen? Denn wenn er lügt und wenn die das rausfinden, dann…«

Jetzt wirkte sie tatsächlich ängstlich, aber damit konnte er umgehen. Ängstlichkeit war etwas, das er verstand. Er ging auf sie zu, so wie er es immer bei den Ponys auf der Koppel tat, eine Hand ausgestreckt und die andere gut sichtbar: keine bösen Überraschungen, Gina, nichts zu befürchten.

»Kannst du mir vertrauen? Vertraust du mir?«

»Natürlich vertraue ich dir. Warum sollte ich dir nicht vertrauen? Aber ich verstehe nicht…«

Er legte eine Hand auf ihre nackte Schulter. »Du bist mit mir zusammen. Wir sind seit… wie lange? …einem Monat zusammen? Länger? Glaubst du im Ernst, ich hätte Jemima etwas antun können? Ich wäre nach London gefahren, hätte sie ausfindig gemacht und erstochen? Traust du mir das wirklich zu? Hältst du mich für so einen? Einen, der nach London fährt, eine Frau ermordet, obwohl er gar keinen Grund dazu hat, weil sie ihn schon längst verlassen hat, nach Hause kommt und mit der Frau schläft, um die sich seine ganze verdammte Welt dreht? Warum? Warum?«

»Ich will dir in die Augen sehen.« Sie nahm ihm die Sonnenbrille ab, die er immer noch trug. Sie legte die Brille auf den Tisch und berührte seine Wange. Ihre Blicke begegneten sich. Er hielt ihrem Blick stand, und endlich wurden ihre Züge weicher. Sie küsste ihn auf die Wange und dann auf die geschlossenen Lider. Dann küsste sie ihn auf den Mund. Ihre Lippen öffneten sich, ihre Hände wanderten zu seinem Hintern, und sie zog ihn an sich.

Nach einer Weile sagte sie atemlos: »Nimm mich gleich hier«, und das tat er.

Sie fanden Robbie Hastings zwischen Vinney Ridge und Anderwood, zwei Rastplätzen auf der Lyndhurst Road zwischen Burley und der A3 5. Sie hatten ihn unter der Nummer, die Gordon Jossie ihnen gegeben hatte, auf seinem Handy erreicht. »Er erzählt Ihnen garantiert nur Schlechtes über mich«, hatte Jossie gesagt.

Es war nicht einfach gewesen, Jemima Hastings' Bruder ausfindig zu machen, da viele Straßen im New Forest zwar Namen hatten, aber nicht durch Schilder gekennzeichnet waren. Schließlich stießen sie per Zufall auf den entscheidenden Hinweis, als sie an einer Stelle, wo die Straße eine scharfe Kurve machte, an einem Haus hielten, das den Namen Anderwood Cottage trug. Der Besitzer des Cottages versicherte ihnen, sie würden Rob Hastings, wenn sie der Straße weiter folgten, auf einem Weg nach Dames Slough Inclosure antreffen. Hastings sei Wildhüter, erklärte ihnen der Mann, und man hatte ihn gerufen, um einmal mehr »seine traurige Pflicht« zu erfüllen.

Die traurige Pflicht bestand darin, eines der New-Forest-Ponys zu erschießen, das auf der A35 von einem Auto angefahren worden war. Das arme Tier hatte sich offenbar quer über das Heideland geschleppt, ehe es zusammengebrochen war. Als Barbara und Nkata den Wildhüter fanden, hatte er das Pony bereits mit einem Gnadenschuss aus einer .32er Pistole von seinen Qualen erlöst und den Kadaver an den Straßenrand geschafft. Er sprach gerade in sein Handy, und neben ihm saß hellwach ein prächtiger Weimaraner, der so gut erzogen war, dass er nicht nur die Eindringlinge, sondern auch das tote Pony ignorierte, das in der Nähe des Landrover lag.

Nkata parkte so weit wie möglich auf dem Straßenrand. Hastings nickte zum Gruß, als sie sich näherten. Sie hatten am Telefon nur gesagt, dass sie ihn dringend sprechen müssten, und er wirkte sehr ernst. Kaum anzunehmen, dass er hier draußen häufig Anrufe von der Metropolitan Police erhielt.

»Sitz, Frank«, sagte er zu dem Hund und kam auf sie zu. »Sie sollten sich lieber von dem Pony fernhalten. Kein schöner Anblick.« Er warte auf die »New Forest Hounds«, sagte er, und dann: »Ah, da ist er ja«, als ein Pick-up angerumpelt kam. Das tote Pony würde abtransportiert und das Fleisch zu Hundefutter verarbeitet werden, erklärte Robbie Hastings ihnen, während der Wagen in Position gebracht wurde. So hatte die Rücksichtslosigkeit und Dummheit manch eines Autofahrers, der den New Forest für seine private Rennstrecke hielt, wenigstens noch etwas Gutes, fügte er hinzu.

Barbara und Nkata hatten sich darüber verständigt, dass sie Robbie Hastings auf keinen Fall hier am Straßenrand vom Tod seiner Schwester unterrichten würden. Sie hatten damit gerechnet, dass allein ihre Anwesenheit den Mann nervös machen würde, und ihre Vermutung bestätigte sich. Nachdem das Pony aufgeladen war und der Laster von New Forest Hounds mühsam hin und her rangiert hatte, um zurück auf die Straße zu gelangen, wandte Hastings sich ihnen zu und fragte: »Was ist passiert? Es ist etwas Schlimmes. Sonst wären Sie nicht hier.«

Barbara sagte: »Können wir uns irgendwo in Ruhe mit Ihnen unterhalten, Mr. Hastings?«

Hastings tätschelte seinem Hund den seidigen Kopf. »Sie können's mir gleich hier sagen«, erwiderte er. »Hier gibt es nichts, wo man hingehen und sich in Ruhe unterhalten kann, da müssten Sie schon bis nach Burley fahren, und davon würde ich Ihnen abraten, jedenfalls um diese Jahreszeit.«

»Wohnen Sie hier in der Nähe?«

»Hinter Burley.« Er nahm seine Baseballmütze ab. Sein Haar war grau meliert und wäre dicht und kräftig gewesen, wenn er es nicht so extrem kurz geschnitten trüge. Mit einem Taschentuch wischte er sich zuerst den Nacken und dann das Gesicht. Er war hässlich, hatte vorstehende Schneidezähne und ein fliehendes Kinn. Aber in seinen Augen lag etwas zutiefst Menschliches, und sie füllten sich mit Tränen, als er sie ansah. »Sie ist also tot, ja?«, fragte er, und als Barbaras Gesichtsausdruck dies bestätigte, stieß er einen fürchterlichen Schrei aus und wandte sich von ihnen ab.

Barbara und Nkata sahen einander an. Keiner von beiden rührte sich. Dann legte Nkata ihm eine Hand auf die Schulter und sagte: »Es tut uns wirklich leid. Es ist schlimm, wenn jemand so von einem geht.«

Er war selbst erschüttert. Barbara konnte hören, dass sein karibischer Akzent wieder durchkam. »Ich fahre Sie nach Hause. Meine Kollegin kann uns in meinem Wagen folgen. Sagen Sie mir einfach, wo's langgeht, wir bringen Sie schon hin. Hat ja keinen Zweck, dass Sie noch länger hier draußen bleiben.«

»Ich kann selber fahren«, entgegnete Hastings.

»Kommt überhaupt nicht infrage.« Nkata gab Barbara ein Zeichen, und sie beeilte sich, die Beifahrertür des Landrover zu öffnen. Auf dem Sitz lagen eine Schrotflinte und die Pistole, mit der Hastings das Pony erschossen hatte. Sie schob beides unter den Sitz, und dann half sie Nkata, Hastings in den Wagen zu bugsieren. Sein Hund sprang hinterher: ein eleganter Satz, und Frank schmiegte sich auf die stille Art an sein Herrchen, mit der Hunde Trost zu spenden wissen.

Sie bildeten eine traurige, kleine Prozession. Sie führen nicht zurück in die Richtung, aus der sie gekommen waren, sondern folgten der Straße durch einen Wald aus Eichen und Kastanien, deren ausladende Kronen ein grünes Dach bildeten. Als sie wieder auf die Lyndhurst Road stießen, breitete sich zu einer Seite Grasland und zur anderen wild bewachsenes Heideland aus. Überall grasten Ponyherden, und die Tiere überquerten die Straße, wie es ihnen beliebte.

In Burley angekommen, begriffen sie schnell, warum Hastings gemeint hatte, es gebe dort keinen Ort, wo man sich in Ruhe unterhalten könne. Es wimmelte nur so von Urlaubern, die sich offenbar die Ponys und Kühe zum Vorbild nahmen und im hellen Sonnenlicht überall herumspazierten, wo es ihnen gefiel.

Hastings wohnte auf der anderen Seite des Dorfs am oberen Ende einer Straße namens Honey Lane. Sie war tatsächlich mit einem Schild gekennzeichnet, fiel Barbara auf. Als sie auf das Grundstück einbogen, sah sie, dass es sich um eine Art Bauernhof mit mehreren Nebengebäuden und Koppeln handelte. Auf einer Koppel grasten zwei Pferde.

Die Tür, durch die sie das Haus betraten, führte direkt in die Küche. Barbara nahm den elektrischen Wasserkocher vom Abtropfgestell, füllte ihn und schaltete ihn ein, dann nahm sie drei Henkeltassen aus dem Schrank und hängte Teebeutel hinein. Manchmal war das verdammte Nationalgetränk die einzige Möglichkeit, Mitgefühl zu zeigen.

Nkata führte Hastings an einen alten Resopaltisch, wo der Wildhüter seine Mütze abnahm und sich mit seinem Taschentuch die Nase schnauzte. Er schob es zusammengeknüllt einfach von sich weg. »Tut mir leid«, sagte er, aber seine Augen füllten sich erneut mit Tränen. »Als sie auf meine Anrufe an ihrem Geburtstag nicht reagiert hat, hätte ich es wissen müssen. Und als sie auch am nächsten Tag nicht angerufen hat. Sie hat immer zurückgerufen. Meistens nach spätestens einer Stunde. Als sie das nicht getan hat, habe ich mir eingeredet, sie wäre einfach zu beschäftigt. Hätte zu viel um die Ohren, wissen Sie.«

»Sind Sie verheiratet, Mr. Hastings?« Barbara stellte die Tassen auf den Tisch und dazu eine zerbeulte Blechdose mit Zucker, die sie auf einem Regal zwischen zwei gleich aussehenden Dosen mit Mehl und Kaffee gefunden hatte. Es war eine altmodische Küche mit altmodischer Einrichtung, angefangen bei den Geräten bis hin zu den Gegenständen auf den Regalen und in den Schränken. Sie war über die Jahre liebevoll erhalten und gepflegt und nicht künstlich auf alt getrimmt worden.

»Kaum anzunehmen«, lautete Hastings' Antwort auf ihre Frage. Es klang wie eine resignierte und trübsinnige Bemerkung zu seinem unvorteilhaften Aussehen.

Wie traurig, dachte Barbara, sich so in sein vermeintliches Schicksal zu fügen. »Hm. Wir müssen uns mit allen in Hampshire unterhalten, die Jemima gekannt haben. Wir hoffen, dass Sie uns dabei helfen können.«

»Warum?«, fragte er.

»Wegen der Art und Weise, wie sie gestorben ist, Mr. Hastings.«

In diesem Augenblick schien Hastings etwas zu begreifen, das er bis dahin noch gar nicht in Betracht gezogen hatte, trotz der Tatsache, dass ihn zwei Vertreter der Metropolitan Police aufgesucht hatten. »Ihr Tod… Jemimas Tod…«

»Wir müssen Ihnen leider mitteilen, dass sie vor sechs Tagen ermordet wurde.« Barbara erläuterte die Umstände, nicht wie sie ermordet wurde, sondern wo man ihren Leichnam gefunden hatte. Und auch in diesem Punkt beließ sie es bei einer allgemeinen Information, indem sie den Friedhof nannte, aber nicht, wo sich dieser befand, und auch nicht, wo genau die Tote gelegen hatte. Zum Schluss fügte sie hinzu: »Wir werden also alle vernehmen müssen, die sie gekannt haben.«

»Jossie.« Hastings wirkte wie benommen. »Sie hat ihn verlassen. Das hat ihm nicht gefallen. Sie hat mir erzählt, dass er sich nicht damit abfinden wollte. Er hat sie immer wieder angerufen und sie einfach nicht in Ruhe gelassen.« Dann hob er eine Faust an die Augen und weinte wie ein Kind.

Der Wasserkocher schaltete sich ab, und Barbara füllte die Tassen, dann nahm sie eine Tüte Milch aus dem Kühlschrank. Ein ordentlicher Schluck Whisky hätte dem armen Mann besser getan, aber sie wollte nicht in seinen Küchenschränken kramen, also musste der Tee herhalten, trotz der großen Hitze. Wenigstens war es im Haus einigermaßen kühl dank der dicken Lehmwände, die außen unverputzt und weiß gekalkt und in der Küche hellgelb gestrichen waren.

Die Anwesenheit des Weimaraners schien Hastings schließlich zu trösten. Der Hund hatte seinen Kopf auf Hastings' Oberschenkel gelegt, und sein tiefes, lang gezogenes Winseln brachte sein Herrchen wieder zur Besinnung. Robbie Hastings wischte sich die Augen und schnauzte sich erneut. »Aye, Frank.« Er legte dem Hund eine Hand auf den Kopf, beugte sich hinunter und drückte seine Lippen auf die Stirn des Tiers. Als er sich wieder aufrichtete, sah er weder Barbara noch Nkata an, sondern starrte in seine Teetasse.

Vielleicht, weil er ahnte, was für Fragen sie ihm stellen würden, begann er zu sprechen, erst zögernd, dann bestimmter. Nkata, der neben ihm saß, zückte sein Notizheft.

Bei Longslade Bottom, erzählte Hastings, gebe es eine große Wiese, wo die Leute hingingen, um ihre Hunde frei laufen zu lassen. Vor ein paar Jahren sei er mit seinem Hund dort gewesen, und Jemima habe ihn begleitet. Bei der Gelegenheit habe sie Gordon Jossie kennengelernt. Das sei etwa drei Jahre her.

»Er war noch ziemlich neu hier in der Gegend«, sagte Hastings. »Hatte bei einem Dachdeckermeister irgendwo in der Nähe von Itchen Abbas aufgehört; Heath heißt der Mann. Er war hierher gezogen, um sich selbstständig zu machen. Der Typ hat nicht viel geredet, aber Jemima war sofort hin und weg. War ja auch nicht anders zu erwarten, wo sie gerade ohne war.«

Barbara runzelte die Stirn. »Ohne?«

»Ohne Mann«, stellte er klar. »Jemima hat es nie lange ohne Mann ausgehalten. Seit sie… ich weiß nicht… zwölf war oder dreizehn… Sie war immer hinter den Jungs her. Ich hab mir immer gesagt, dass es daran lag, wie unser Vater gestorben ist und unsere Mutter auch. Sind bei einem Autounfall ums Leben gekommen, alle beide. Ich glaube, deswegen brauchte sie immer jemanden, der an ihrer Seite war.«

»Außer Ihnen«, bemerkte Nkata.

»Na ja, ich schätze, Jemima brauchte jemanden für sich ganz allein. Sehen Sie, ich war ihr Bruder. Dass ihr Bruder sie liebte, war überhaupt nichts Besonderes, weil das ja normal ist.« Hastings zog seine Tasse zu sich heran. Etwas Tee schwappte auf den Tisch. Er wischte die Flüssigkeit mit der Hand weg.

»War sie promiskuitiv?«, fragte Barbara und fügte hinzu, als der Wildhüter scharf aufblickte: »Tut mir leid, aber wir müssen das fragen. Und es spielt keine Rolle, Mr. Hastings, nur insoweit, als es etwas mit ihrem Tod zu tun haben könnte.«

Er schüttelte den Kopf. »Für sie ist es immer um Liebe gegangen. Klar, sie hat sich auf den einen oder anderen eingelassen, wenn Sie verstehen, was ich meine. Aber nur, wenn sie das Gefühl hatte, dass der Typ in sie verliebt war. >Wahnsinnig verliebt<, hat sie das immer genannt. >Wir sind wahnsinnig verliebt, Rob.< Typische Mädchenschwärmerei, wenn Sie mich fragen. Na ja… mehr oder weniger.«

»Mehr oder weniger?«, fragten Barbara und Nkata wie aus einem Mund.

Hastings wirkte nachdenklich, als betrachtete er seine Schwester plötzlich in einem neuen Licht. Dann sagte er langsam: »Sie hat ziemlich geklammert, würde ich sagen. Kann sein, dass sie deswegen keinen von den Jungs halten konnte. Ich glaube, sie hat zu viel von ihnen erwartet, und das… na ja, das hat dann immer dazu geführt, dass es irgendwann vorbei war. Ich hab mich nicht besonders klug angestellt, aber ich hab versucht, es ihr zu erklären: dass Männer es nicht leiden können, wenn eine Frau sich so an sie klammert. Aber ich nehme mal an, dass sie sich allein fühlte in der Welt, wegen unserer Eltern, auch wenn sie nicht allein war, überhaupt nicht, jedenfalls nicht so, wie man meinen könnte. Aber weil sie sich nun mal allein fühlte, musste sie gegen dieses Alleinsein… ankämpfen. Sie wollte…« Er runzelte die Stirn und schien zu überlegen, wie er seinen Gedanken formulieren sollte. »Es war beinahe, als versuchte sie, den Männern unter die Haut zu kriechen, um eins zu sein mit ihnen.«

»Eine Art Würgegriff?«, fragte Barbara.

»Das war nicht ihre Absicht, nie. Aber ich nehm an, dass es etwa so gewesen ist. Und wenn ein Mann ein bisschen Freiraum wollte, dann konnte Jemima nicht damit umgehen. Dann hat sie noch mehr geklammert. Wahrscheinlich hatten die Männer das Gefühl, keine Luft mehr zu kriegen, und dann haben sie ihr den Laufpass gegeben. Sie hat jedes Mal geweint, bis sie zu dem Schluss kam, dass der Typ nicht der Richtige gewesen war. Und dann hat sie sich den Nächsten gesucht.«

»Aber bei Gordon Jossie war es nicht so?«

»Dass sie ihm die Luft genommen hat?« Er schüttelte den Kopf. »Bei dem konnte sie klammern, so viel sie wollte. Es schien ihm zu gefallen.«

»Wie standen Sie ihm gegenüber?«, fragte Barbara. »Was hielten Sie von der Verbindung?«

»Ich wollte ihn mögen, weil er sie so glücklich gemacht hat, wie ein Mensch einen anderen nur glücklich machen kann, wissen Sie. Aber irgendetwas an ihm gefiel mir einfach nicht. Er war anders als die Männer hier aus der Gegend. Ich hab ihr so gewünscht, dass sie einen findet, dass sie heiratet und Kinder kriegt, weil sie sich doch so danach gesehnt hat. Aber ich konnte mir nicht vorstellen, dass das mit Jossie gehen würde. Das hab ich ihr nicht gesagt, wohlgemerkt. Hätte sowieso nichts genützt.«

»Warum nicht?«, fragte Nkata. Barbara fiel auf, dass er seinen Tee nicht angerührt hatte, aber Winston war noch nie ein großer Teetrinker gewesen. Er stand eher auf Lagerbier, allerdings in geringen Mengen. Winston war beinahe so enthaltsam wie ein Mönch: kaum Alkohol, keine Zigaretten. Sein Körper war ein Tempel der Reinheit.

»Also, wenn sie erst mal >wahnsinnig verliebt< war, dann war alles zu spät. Da war nichts mehr zu machen. Außerdem hab ich mir keine großen Gedanken darüber gemacht, weil damit zu rechnen war, dass Jemima ihn genauso schnell wieder ablegen würde wie all die anderen. In ein paar Monaten, dachte ich, wäre alles vorbei und sie wieder auf der Suche nach einem Neuen. Aber so ist es nicht gelaufen. Es hat nicht lange gedauert, und sie hat ganze Nächte bei ihm verbracht. Dann haben sie dieses Haus an der Paul's Lane gefunden und sind zusammengezogen. Da konnte ich ja wohl nichts sagen. Ich hab nur noch aufs Beste gehofft. Und eine Zeit lang sah es ja auch so aus, als wäre alles in Butter. Jemima wirkte richtig glücklich. Sie hat drüben in Ringwood einen kleinen Laden aufgemacht, wo sie ihre Törtchen verkauft hat. Und er hat seinen Dachdeckerbetrieb aufgebaut. Es sah wirklich so aus, als kämen sie gut miteinander zurecht.«

»Törtchen?«, fragte Nkata. »Wie hieß denn der Laden?«

»Cupcake Queen. Klingt ziemlich albern, was? Aber Jemima war eine gute Köchin, und sie hatte ein Händchen fürs Kuchenbacken. Sie hatte jede Menge Kunden, die bei ihr Törtchen kauften: schön verziert und alles. Sie bestellten sie für besondere Anlässe, Geburtstagspartys, Hochzeitstage, Familientreffen. Irgendwann hat sie sich ein Herz gefasst und in Ringwood diesen Laden aufgemacht, und es lief richtig gut. Aber dann war plötzlich alles vorbei, weil sie mit Jossie Schluss gemacht hat und weggezogen ist.«

Während Nkata sich das notierte, sagte Barbara: »Gordon Jossie behauptet, er hat keine Ahnung, warum Jemima ihn verlassen hat.«

Hastings schnaubte verächtlich. »Mir hat er erzählt, sie hätte wahrscheinlich einen anderen kennengelernt und ihn deswegen sitzen lassen.«

»Und was hat sie Ihnen erzählt?«

»Dass sie Zeit zum Nachdenken brauchte.«

»Mehr nicht?«

»Nein, mehr nicht. Das hat sie gesagt. Sie brauchte Zeit zum Nachdenken.« Hastings rieb sich das Gesicht. »Das fand ich gar keine schlechte Idee, wissen Sie? Dass sie weg wollte. Ich dachte, sie hätte eingesehen, dass es besser wäre, nichts zu überstürzen mit Jossie. Dass es besser wäre, sich erst einmal über sich selbst klar zu werden, ehe sie sich fest an einen Mann bindet. Das war eine gute Idee, fand ich.«

»Aber mehr als das hat sie nicht angedeutet?«

»Nein, nur dass sie nachdenken wollte. Sie hat regelmäßig Kontakt gehalten. Hat sich ein neues Handy besorgt und mir erklärt, dass sie ein neues brauchte, weil Gordon sie dauernd angerufen hat, aber ich hab nicht darüber nachgedacht, was das bedeuten könnte, wissen Sie. Nur, dass er sie zurückhaben wollte. Na ja, und das wollte ich ja auch.«

»Ach ja?«

»Ja, verdammt. Sie ist… Sie ist alles, was mir an Familie geblieben ist. Ich wollte, dass sie wieder nach Hause kommt.«

»Sie meinen hierher?«, fragte Barbara.

»Einfach nach Hause. Egal wo. Hauptsache, sie kam wieder zurück.«

Barbara nickte und bat Hastings, ihnen so gut er konnte eine Liste von Jemimas Freunden und Bekannten aus der Gegend zusammenzustellen. Außerdem erklärte sie ihm, dass sie - leider - auch wissen müssten, wo er sich an dem Tag aufgehalten hatte, als seine Schwester gestorben war. Zum Schluss fragte sie ihn noch, was er über Jemimas Aktivitäten in London wisse. So gut wie gar nichts, erwiderte er, außer dass sie »dort einen Neuen gefunden hatte, einen Typen, in den sie wie üblich >wahnsinnig verliebt<« gewesen sei.

»Hat sie Ihnen seinen Namen genannt?«

»Nichts zu machen. Sie hat gemeint, es war alles noch ganz frisch, diese neue Beziehung, und sie wollte nicht, dass irgendetwas schiefging. Sie hat nur gesagt, dass sie überglücklich wäre und dass sie endlich den Richtigen gefunden hätte. Na ja, das hatte sie schon öfter behauptet. Eigentlich jedes Mal. Also hab ich da nichts weiter drauf gegeben.«

»Das ist alles? Mehr wissen Sie nicht?«

Hastings überlegte. Frank stieß einen tiefen Seufzer aus. Er hatte sich auf den Boden gelegt, aber als Hastings begann, unruhig auf seinem Stuhl hin und her zu rutschen, sprang der Hund sofort auf, bereit, ihm beizustehen. Hastings lächelte den Hund an und zog ihn liebevoll am Ohr. »Sie hatte angefangen, Schlittschuhlaufen zu lernen. Weiß der Himmel, warum, aber so war sie nun mal. Es gab da so ein Eisstadion, das nach der Queen oder sonst irgendeinem Mitglied der königlichen Familie benannt war. Vielleicht war's auch der Prince of Wales, und…« Er schüttelte den Kopf. »Ich nehm an, es war ihr Schlittschuhlehrer. Das würde jedenfalls zu ihr passen. Ein Typ, der ihr den Arm um die Taille legt und mit ihr über die Eisbahn schwebt. In so einen würde sie sich sofort verknallen. In solchen Gesten hat sie immer gleich eine tiefere Bedeutung gesehen, auch wenn's nur hieß, dass der Typ sie auf den Beinen halten wollte.«

»War das typisch für sie?«, fragte Nkata. »Dinge falsch zu verstehen?«

»Sie hat immer alles gleich für Liebe gehalten, auch wenn's nichts damit zu tun hatte«, sagte Hastings.

Nachdem die beiden Polizisten sich verabschiedet hatten, ging Robbie nach oben. Er wollte sich den Geruch nach totem Pony abduschen. Und er brauchte einen Ort zum Weinen.

Wie wenig die Polizisten ihm erzählt hatten, dachte er. Sie war auf irgendeinem Friedhof von London tot aufgefunden worden, mehr nicht. Und wie wenig er sie gefragt hatte. Er hatte weder gefragt, wie sie gestorben war, noch, wo genau auf dem Friedhof, nicht einmal, wann genau. Oder wer sie gefunden hatte. Oder was sie bisher herausgefunden hatten. Als ihm das bewusst wurde, schämte er sich zutiefst. Und er weinte darüber und über den unermesslichen Verlust seiner kleinen Schwester. Solange er Jemima gehabt hatte, dachte er, war er nie wirklich allein gewesen, egal wo sie sich gerade aufhielt. Jetzt kam es ihm so vor, als sei sein Leben vorbei. Er konnte sich nicht vorstellen, wie er ohne sie zurechtkommen sollte.

Aber mehr Trauer gestand er sich nicht zu. Er musste sich zusammenreißen. Es gab Dinge zu erledigen.

Er trat aus der Dusche, zog sich an und ging zu seinem Landrover. Frank sprang auf den Beifahrersitz, und gemeinsam führen sie in Richtung Westen nach Ringwood. Es war eine langsame Fahrt über Land, die ihm Zeit zum Nachdenken gab. Er dachte an Jemima und daran, was sie ihm in den vielen Gesprächen erzählt hatte, seit sie nach London gegangen war. Er versuchte, sich zu erinnern, ob sie irgendetwas gesagt hatte, was ein Hinweis darauf gewesen sein könnte, dass sie dem Tod entgegengegangen war.

Es konnte ein Zufallsmord gewesen sein, aber das kam ihm unwahrscheinlich vor. Nicht nur wäre ihm die Vorstellung unerträglich, dass seine Schwester von jemandem ermordet worden sein könnte, der sie zufällig gesehen und sich gesagt hatte, dass sie das perfekte Opfer für einen dieser perversen Lustmorde war, wie sie heutzutage fast an der Tagesordnung zu sein schienen. Dagegen sprach auch der Ort, an dem man sie gefunden hatte. Die Jemima, die er kannte, ging nicht auf Friedhöfe. An den Tod erinnert zu werden, war das Letzte, was sie wollte. Sie hatte nie Todesanzeigen gelesen, sie hatte sich keinen Film angesehen, in dem einer der Hauptdarsteller am Ende starb, sie hatte Bücher gemieden, die kein Happy End hatten, und sie hatte die Zeitung sofort umgedreht, wenn auf der Titelseite vom Tod die Rede war, was häufig geschah. Wenn sie also freiwillig einen Friedhof aufgesucht hatte, dann musste sie einen Grund dafür gehabt haben. Und wenn er über Jemimas Leben nachdachte, gelangte er zu einem Schluss, den er lieber nicht in Erwägung ziehen wollte.

Ein Rendezvous. Der Kerl, in den sie sich zuletzt verliebt hatte, war wahrscheinlich verheiratet gewesen. Das hätte Jemima nicht abgeschreckt. Verheiratet oder ledig, in einer festen Beziehung oder Single, solche feinen Unterschiede hatten für Jemima keine Rolle gespielt. Liebe - oder das, was sie darunter verstand - hatte alles andere überwogen. Was auch immer sich zwischen ihr und dem Mann abgespielt hatte, sie hätte es für Liebe gehalten. Sie hätte es Liebe genannt, und sie hätte geglaubt, dass es sich so entwickeln würde, wie es die Liebe ihrer Meinung nach natürlicherweise tat: Zwei Menschen entdeckten auf wundersame Weise ihre Seelenverwandtschaft - noch so ein bescheuertes Wort, das sie dauernd im Mund geführt hatte und gingen fortan Hand in Hand durchs Leben bis ans Ende ihrer Tage. Wenn es nicht so ablief, fing sie an zu klammern und zu fordern. Und dann?, fragte sich Robbie. Was dann, Jemima?

Am liebsten würde er Gordon Jossie die Schuld an dem geben, was Jemima zugestoßen war. Er wusste, dass Jossie sie gesucht hatte. Jemima hatte es ihm selbst gesagt, allerdings nicht, woher sie es gewusst hatte. Deswegen hatte er angenommen, dass sie es sich eingebildet hatte. Aber wenn Gordon Jossie sie tatsächlich gesucht und falls er sie gefunden hatte, war es gut möglich, dass er nach London gefahren war…

Die Frage war nur: Warum? Jossie hatte inzwischen eine neue Freundin. Und Jemima hatte ebenfalls einen Neuen, wenn man ihren Worten glauben konnte. Also, was war der Grund? Missgunst? So etwas war schon vorgekommen. Ein Kerl wird sitzen gelassen, sucht sich eine Neue und kann die andere trotzdem nicht vergessen. Er kommt zu dem Schluss, dass er seine Verflossene töten muss, um sie vergessen und mit ihrer Nachfolgerin ein neues Leben anfangen zu können. Jemima war die erste Frau in Jossies Leben gewesen, wie er selbst behauptet hatte, und das, obwohl er nicht mehr der Jüngste war. Und die erste Enttäuschung in der Liebe war immer die schlimmste.

Die Augen ständig hinter einer dunklen Sonnenbrille verborgen, dachte Robbie. Und so wortkarg. Jossie arbeitete hart, aber was hatte das schon zu bedeuten? Die Fähigkeit, sich ganz auf eine Sache zu konzentrieren - den Aufbau seines Betriebs -, konnte er schließlich auch auf etwas anderes anwenden.

All diese Gedanken gingen Robbie auf dem Weg nach Ringwood durch den Kopf. Er nahm sich vor, Jossie zur Rede zu stellen, aber jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt. Er wollte ihn allein erwischen, ohne Jemimas Nachfolgerin an seiner Seite.

Die Verkehrsführung in Ringwood war kompliziert. Robbie kam aus der Richtung Hightown Hill. Das zwang ihn, an Jemimas ehemaligem Laden vorbeizufahren. Er konnte den Anblick nicht ertragen und sah in die andere Richtung. Er parkte den Landrover in der Nähe der Pfarrkirche St. Peter and Paul, die sich oberhalb des Marktplatzes, umgeben von uralten Grabsteinen, auf einem Hügel erhob. Vom Parkplatz aus konnte Robbie das konstante Dröhnen des Verkehrs hören und sogar die Abgase der Lastwagen riechen, die über die Umgehungsstraße donnerten. Er sah die bunten Blumen auf dem Kirchhof und die makellos sauberen Fassaden der georgianischen Häuser entlang der High Street, wo über einem Laden namens Food for Thought die Büroräume der Firma Gerber & Hudson Graphic Design untergebracht waren. Er befahl Frank, an der Tür zu warten, und ging hinauf.

Meredith Powell saß an ihrem Computer und entwarf gerade ein Poster für ein Kindertanzstudio in der Stadt. Sie war nicht besonders begeistert von ihrem Job, das wusste Robbie. Aber im Gegensatz zu Jemima war Meredith absolut realistisch, und solange sie als alleinerziehende Mutter aus finanziellen Gründen gezwungen war, mit ihrer Tochter im Haus ihrer Eltern zu leben, war sie sich darüber im Klaren, dass ihr Traum, als Textildesignerin zu arbeiten, sich nicht so bald verwirklichen lassen würde.

Als Meredith Robbie sah, stand sie auf. Sie trug einen Kaftan in bunten Sommerfarben: Zitronengelb mit violetten Einschüssen. Selbst Robbie sah, dass die Farben überhaupt nicht zu ihr passten. Sie war genauso ungeschickt und verschroben wie er. Die Erkenntnis erfüllte ihn ganz plötzlich mit einer Zuneigung, die ihn verlegen machte.

»Hast du einen Moment Zeit, Merry?«, fragte er, und Meredith schien etwas an seinem Gesichtsausdruck abzulesen. Sie ging zu einer Bürotür, streckte den Kopf hinein und redete kurz mit jemandem. Dann kam sie zu ihm. Gemeinsam gingen sie nach unten auf die High Street. Die Kirche, dachte Robbie, wäre der geeignete Ort, es ihr zu sagen, oder vielleicht auch der Friedhof.

»Frank, alter Junge«, begrüßte Meredith den Hund, der freudig mit dem Schwanz wedelte und ihnen die Straße entlang folgte. Meredith sah Robbie an. »Du siehst aus… Ist etwas passiert, Rob? Hast du von ihr gehört?«, worauf er mit Ja antwortete. In gewisser Weise stimmte es sogar. Wenn auch nicht von ihr, aber über sie. Das Ergebnis war allerdings dasselbe.

Sie stiegen die Stufen zum Friedhof hoch, aber dort war es zu heiß, dachte Robbie. Die Sonne brannte gnadenlos vom Himmel, und kein Lüftchen regte sich. Unter einer Bank fand er ein schattiges Plätzchen für Frank und führte Meredith in die Kirche. »Was ist los?«, fragte sie. »Es ist etwas Schlimmes, das sehe ich dir an. Was ist passiert?«

Sie weinte nicht, als er es ihr sagte. Sie ging zu einer der alten Kirchenbänke. Aber anstatt ein rotes Lederkissen vom Haken zu nehmen und niederzuknien, setzte sie sich. Sie faltete die Hände im Schoß, und als er sich neben sie setzte, sah sie ihn an.

»Es tut mir so schrecklich leid, Rob«, murmelte sie. »Es muss furchtbar für dich sein. Ich weiß, was sie dir bedeutet. Ich weiß, dass sie… dass sie dein Ein und Alles war.«

Er schüttelte den Kopf. Er brachte kein Wort heraus. In der Kirche war es kühl, trotzdem schwitzte er. Er wunderte sich, als Meredith neben ihm zu zittern begann.

»Warum ist sie fortgegangen?« Ihre Stimme klang gequält. Aber Robbie wusste, dass ihre Frage eine Version der universellen Warum-Fragen war: Warum passieren schlimme Dinge? Warum treffen Menschen unbegreifliche Entscheidungen? Warum gibt es das Böse? »Mein Gott, Rob. Warum ist sie nur fortgegangen? Sie hat den New Forest doch so geliebt. Sie ist nie eine Stadtpflanze gewesen. In Winchester hat sie es kaum ausgehalten, als sie dort studiert hat.«

»Sie hat gesagt…«

»Ich weiß, was sie gesagt hat. Du hast es mir erzählt. Und er auch.« Einen Moment lang schwieg sie nachdenklich. Dann sagte sie: »Daran ist er schuld, nicht wahr? Daran ist Gordon schuld. Vielleicht nicht an dem Mord selbst, aber er hat irgendetwas damit zu tun. Auf eine Weise, die wir bloß noch nicht sehen oder verstehen. Irgendwie.«

Und dann brach sie doch in Tränen aus, nahm sich ein Kissen vom Haken und sank auf die Knie. Robbie dachte, sie wollte beten, aber stattdessen redete sie. Sie sprach mit ihm, betrachtete jedoch die geschnitzten Engel auf den Altarretabeln, die ihre Schilde hochhielten. Die Schilde waren jeweils mit einem Vierpass dekoriert, in denen die Passionswerkzeuge abgebildet waren. Interessant, dachte Rob hilflos, dass sie nichts mit Verteidigungswerkzeug gemein hatten.

Meredith erzählte ihm, dass sie sich nach Gordons neuer Freundin Gina Dickens erkundigt hatte, nach der Arbeit, die sie angeblich nach Hampshire geführt hatte. Sie hatte herausgefunden, dass es überhaupt kein Programm für gefährdete Mädchen gab. Meredith klang verbittert, als sie das sagte. Kein Programm am College in Brockenhurst, kein Programm, das von der Bezirksverwaltung gefördert wurde, kein Programm weit und breit.

»Sie lügt«, sagte Meredith. »Sie kennt Gordon schon lange, glaub's mir. Sie wollte ihn haben und er sie. Es hat ihnen nicht gereicht, in einem Hotel oder wo auch immer miteinander ins Bett zu gehen« - sie sagte es mit der Verbitterung einer Frau, die genau das getan hatte -, »ohne dass jemand davon erfuhr. Sie wollte mehr. Sie wollte alles. Aber solange Jemima da war, konnte sie nicht alles haben. Also hat sie dafür gesorgt, dass er Jemima rausgeekelt hat. Sie ist nicht die, die sie vorgibt zu sein, Rob.«

Robbie wusste nicht, wie er darauf reagieren sollte. Es kam ihm allzu weit hergeholt vor. Er fragte sich, welchen Grund Meredith in Wirklichkeit gehabt hatte, sich über Gina Dickens zu erkundigen und darüber, was sie in Hampshire zu suchen hatte. Meredith neigte dazu, Leute abzulehnen, die sie nicht verstand, und das hatte über die Jahre mehr als einmal die Freundschaft zwischen ihr und Jemima belastet, weil Meredith nicht begreifen konnte, warum Jemima es ganz im Gegensatz zu ihr ohne Mann einfach nicht aushielt. Meredith war nicht ständig auf der Jagd nach einem Mann, und deshalb sollte Jemima es auch nicht sein.

Aber in diesem speziellen Fall steckte mehr dahinter, und Robbie glaubte zu wissen, was es war: Wenn Gina hinter Gordon her gewesen war und ihn dazu hatte anstiften wollen, Jemima aus seinem Leben zu entfernen, damit sie ihn für sich haben konnte, dann hatte Gordon für Gina das getan, was Merediths Liebhaber damals in London für sie nicht getan hatte, obwohl sie sogar von ihm schwanger gewesen war. Gordon hatte Jemima aus dem Haus gejagt und damit Gina die Tür in sein Leben geöffnet. Jetzt war sie nicht mehr seine heimliche Geliebte, sondern seine offizielle Lebensgefährtin. Das würde Meredith natürlich schmerzen. Sie war schließlich nicht aus Stein.

»Die Polizei war bei Gordon«, sagte Robbie. »Ich nehm an, die haben auch mit ihr geredet. Mit Gina. Sie haben mich gefragt, wo ich war, als Jemima… als es passiert ist und…«

Meredith fuhr herum. »Das haben sie nicht!«

»Doch. Das müssen sie. Also haben sie auch ihn gefragt und sie wahrscheinlich auch. Und wenn nicht, dann werden sie es noch tun. Die kommen bestimmt auch zu dir.«

»Zu mir? Warum denn?«

»Weil du ihre Freundin warst. Sie wollten von mir die Namen von allen Leuten haben, die ihnen vielleicht etwas sagen können. Irgendetwas. Deswegen sind sie hier.«

»Um uns zu verdächtigen? Dich? Mich?«

»Nein, nein! Um alles über sie rauszufinden. Und das bedeutet…« Er zögerte.

Sie legte den Kopf schief. Ihr Haar berührte ihre Schulter. Er sah, dass ihre Haut an den Stellen, die ihr Kaftan nicht bedeckte, genauso sommersprossig war wie ihr Gesicht. Er musste daran denken, wie Meredith und seine Schwester sich als Teenager über ihre Sommersprossen aufgeregt und alle möglichen Kosmetikprodukte ausprobiert und mit Schminke herumexperimentiert hatten wie alle Mädchen in dem Alter. Er wunderte sich, wie genau er sich daran erinnerte.

»Ach, Merry«, sagte er. Weiter kam er nicht. Er wollte nicht vor ihr weinen. Es kam ihm schwach und hilflos vor. Ganz plötzlich und blöd und selbstsüchtig musste er daran denken, wie verflucht hässlich er war und dass er, wenn er weinte, Jemimas Freundin noch hässlicher erscheinen würde, was eigentlich nie eine Rolle gespielt hatte und jetzt auf einmal wichtig war, weil er Trost brauchte. Und er dachte, dass es für hässliche Männer wie ihn keinen Trost gab, nie gegeben hatte und nie geben würde.

Sie sagte: »Ich hätte die ganze Zeit mit ihr in Kontakt bleiben müssen, Robbie. Wenn ich das getan hätte, wäre sie vielleicht nicht fortgegangen.«

»Das darfst du nicht denken«, sagte er. »Es ist nicht deine Schuld. Du warst ihre Freundin, und ihr beide hattet einfach eine Pechsträhne. So was kommt vor.«

»Es war mehr als eine Pechsträhne. Es war… Ich wollte, dass sie mir zuhört, Rob, ich wollte, dass sie ausnahmsweise mal auf mich hört. Aber über manche Dinge konnte man einfach nicht mit ihr reden, zum Beispiel über Gordon. Als wir uns gestritten haben, da ging sie schon mit ihm ins Bett, und wenn sie erst mal mit einem Typen ins Bett ging…«

Er packte sie am Arm, um ihr Einhalt zu gebieten. Am liebsten hätte er geschrien, aber er wollte und musste den Impuls unterdrücken. Er konnte sie nicht ansehen, deswegen schaute er die bunten Fenster hinter dem Altar an und dachte, wahrscheinlich stammten sie aus viktorianischer Zeit, denn die Kirche war doch neu errichtet worden, und da stand Jesus und sagte: »Ich bin es, fürchte dich nicht«, und dort war Petrus und dort der Gute Hirte, und da, ja, da war Jesus mit den Kindern, und er ließ die kleinen Kinder zu sich kommen, und genau das war das Problem, oder nicht? Dass die kleinen Kinder mit ihren Sorgen nicht geduldet wurden. War das nicht das eigentliche Problem, wenn man alles andere einmal beiseiteließ?

Meredith schwieg. Er hielt sie immer noch am Arm, und er merkte, wie fest er sie gepackt hatte und dass ihr dies wahrscheinlich wehtat. Er spürte ihre Finger auf den seinen, die sich wie Klauen in ihre nackte Haut krallten, und dann begriff er, dass sie nicht versuchte, seinen Griff zu lösen, sondern dass sie seine Finger streichelte und dann seine Hand, mit kleinen, langsamen Bewegungen, um ihm zu zeigen, dass sie seine Trauer verstand, obwohl sie unmöglich verstehen konnte, weder sie noch sonst jemand, wie es war, den letzten Angehörigen zu verlieren und keine Hoffnung zu haben, die entstandene Leere zu füllen.

14

»Na klar war der hier«, lautete Cliff Cowards Bestätigung von Gordon Jossies Alibi. »Wo soll er denn sonst gewesen sein?« Der kleine, großspurige Mann in verdreckten Jeans und mit schweißnassem Stirnband stand am Tresen seiner Stammkneipe in Minstead, ein großes Glas Bier vor sich und eine leere, zusammengedrückte Chipstüte, mit der er herumspielte, während sie sich unterhielten. Er hatte nicht viel zu berichten. Sie hatten am Dach eines Pubs in der Nähe von Fritham gearbeitet, und er müsse es ja wohl wissen, ob Gordon Jossie vor sechs Tagen auf der Baustelle war, schließlich seien sie nur zu zweit, und irgendjemand habe die Reetbunde angenommen, die er aufs Dach hochgereicht habe. »Ich nehm an, das war Gordon«, fügte er mit einem Grinsen hinzu. »Wieso eigentlich? Was soll er denn ausgefressen haben? Hat er vielleicht einer alten Lady auf dem Markt in Ringwood die Handtasche geklaut?«

»Es geht eher um Mord«, sagte Barbara.

Cliffs Gesichtsausdruck änderte sich, doch er blieb bei seiner Geschichte. Gordon Jossie sei mit ihm zusammen auf der Baustelle gewesen, sagte er, und Gordon Jossie sei kein Mörder. »Das würd ich doch wissen«, sagte er. »Ich arbeite seit einem Jahr bei ihm. Wen soll er denn um die Ecke gebracht haben?«

»Jemima Hastings.«

»Jemima? Nie im Leben.«

Von Minstead nahmen sie die Autobahn an Winchester vorbei nach Itchen Abbas. Auf einem zwischen Itchen Abbas und einem Weiler namens Abbotstone gelegenen kleinen Anwesen fanden sie den Dachdeckermeister, bei dem Gordon Jossie vor Jahren seine Lehre absolviert hatte. Sein Name war Ringo Heath. »Fragen Sie nicht«, sagte er mürrisch. »Es hätte genauso gut John, Paul oder George sein können, weiß ich selbst.« Bei ihrem Eintreffen hatte er auf einer alten Holzbank im Schatten eines Backsteinhauses gesessen. In einer Hand hielt er ein gefährlich aussehendes Messer mit einer scharfen, gekrümmten Klinge, mit der er einen dünnen Zweig in zwei Teile gespalten hatte, deren Enden er gerade zuspitzte. Zu seinen Füßen lag ein Stapel Zweige, die noch bearbeitet werden müssten. In einer Kiste neben ihm auf der Bank lagen die fertigen Stäbe, die etwa einen Meter lang waren. Für Barbara sahen sie aus wie für einen Riesen gedachte Zahnstocher. Sie eigneten sich sicherlich auch als Stichwaffen - ebenso wie das Messer, das sich Hippe nannte, wie sie erfuhren. Die Zahnstocher hießen Reetpinne, und sie wurden gebraucht, um Krampen herzustellen.

Heath hielt einen der Riesenzahnstocher an beiden Enden hoch. Er bog ihn so weit, dass die beiden Spitzen sich fast berührten, dann ließ er ihn wieder los, und der Stab nahm wieder seine gerade Form an. »Biegsam«, erklärte er ihnen, ohne dass sie ihn danach gefragt hätten. »Haselnussholz. Notfalls kann man auch Weiden nehmen, aber Hasel ist das Beste.« Der Reetpinn werde zu einer Krampe gebogen, erklärte er ihnen, mit der das Reet in Position gehalten wurde, nachdem es auf dem Dach befestigt war. »Die Pinne verschwinden im Reet und verfaulen irgendwann, aber das spielt keine Rolle. Bis dahin ist das Reet schon dicht zusammengepresst, und darauf kommt es an: auf die Verdichtung. Reet ist das Beste, was es gibt für Dächer. Es gibt ja auch noch was anderes als Reihenhäuser mit Stiefmütterchen im Vorgarten, stimmt's?«

»Sicher«, sagte Barbara leutselig. »Was meinst du, Winnie?«

»Sieht gar nicht schlecht aus, so 'n Dach«, sagte Nkata. »Bisschen problematisch, falls es mal brennt, würd ich vermuten.«

»Ach was, Unsinn«, sagte Heath. »Das ist ein Ammenmärchen.«

Das bezweifelte Barbara. Aber sie waren nicht gekommen, um über die Brennbarkeit von Reetdächern zu diskutieren. Sie erklärte Heath, dass sie mit ihm über Gordon Jossie und dessen Lehrzeit reden wollten. Als sie ihn angerufen hatten, um einen Termin zu vereinbaren, hatte er geblafft: »Scotland Yard? Was haben Sie denn hier draußen zu suchen?« Aber abgesehen davon verhielt er sich kooperativ.

Was er ihnen über Gordon Jossie sagen könne, fragte Barbara. Ob er sich überhaupt an ihn erinnere.

»Aber ja! Warum hätte ich Gordon vergessen sollen?« Heath widmete sich weiter seiner Schnitzerei, während er ihnen von Jossie berichtete. Der Mann hatte seine Lehre ziemlich spät angefangen, mit einundzwanzig. Normalerweise kamen die Jungs mit sechzehn zu ihm, »was besser ist für die Ausbildung, weil sie noch von nichts eine Ahnung haben und weil sie immer noch in einem Alter sind, wo sie tatsächlich glauben, sie hätten von nichts eine Ahnung. Aber einundzwanzig ist schon ein bisschen spät, weil einer in dem Alter schon ziemlich gefestigt ist, nicht mehr so leicht formbar, und das hat man nicht so gern. Ich war mir erst nicht sicher, ob ich ihn nehmen sollte.«

Aber dann hatte er Jossie eingestellt und war sehr zufrieden mit ihm gewesen. Ein guter Arbeiter sei er gewesen. Ein Kerl, der wenig redete und gut zuhörte und »nicht dauernd diese verdammten Stöpsel im Ohr hatte und sich mit Musik zudröhnte wie die jungen Leute heutzutage. Die halbe Zeit kriegen sie nicht mal mit, dass man mit ihnen redet. Man steht oben auf dem Dachstuhl und ruft ihnen etwas zu, und die stehen unten und nicken mit dem Kopf im Takt zu irgendeinem Beat.« Das letzte Wort sprach er voller Verachtung aus, offenbar war die Leidenschaft für die Musik nichts, was er mit seinem Namensvetter gemeinsam hatte.

Jossie war ganz anders gewesen als der typische Lehrling. Und er hatte bereitwillig jedwede Tätigkeit ausgeführt, die man ihm aufgetragen hatte, und nie irgendetwas als »unter seiner Würde oder so einen Blödsinn« bezeichnet. Sobald man ihm richtige Dachdeckerarbeiten übertragen konnte, was erst im neunten Monat der Ausbildung auf dem Lehrplan stand, war er nie zu stolz gewesen, Fragen zu stellen. Und es waren meistens sinnvolle Fragen gewesen, nichts in der Art wie: »>Wie viel Geld kann ich mal mit dem Job verdienen, Ringo?<, als bildeten sie sich ein, sie könnten sich von dem, was ein Dachdecker verdient, irgendwann einen Maserati leisten. Man kommt gut über die Runden, sag ich den Jungs immer, aber man verdient sich keine goldene Nase. Wenn ihr also davon träumt, die Weiber mit goldenen Manschettenknöpfen oder so zu beeindrucken, dann seid ihr auf dem falschen Dampfer. Ich sage denen, Reetdachdecker werden immer gebraucht, denn hier stehen jede Menge Häuser unter Denkmalschutz. Überall im Süden und bis rauf nach Gloucestershire und noch weiter. Die haben alle Reetdächer, und das muss auch so bleiben. Die dürfen nicht durch Schindel- oder Schieferdächer ersetzt werden. Wenn ihr also gut seid - und Jossie wollte unbedingt gut sein, das kann ich Ihnen sagen -, dann habt ihr das ganze Jahr über Arbeit und meistens mehr Aufträge, als ihr ausführen könnt.«

Offenbar war Gordon Jossie ein vorbildlicher Lehrling gewesen: Ohne zu murren, hatte er zu Beginn der Lehrzeit untergeordnete Aufgaben übernommen, hatte Material geholt, gehievt, angereicht, hatte aufgeräumt und Abfall verbrannt - und das, wie Heath versicherte: »Gewissenhaft. Keine Schlamperei. Und als er anfing, auf dem Gerüst zu arbeiten, wusste ich, dass aus ihm ein guter Dachdecker werden würde. Das ist Feinarbeit, sag ich Ihnen. Es sieht nach nichts aus, so als brauchte man nur das Reet auf die Dachlatten zu packen, aber da kommt es auf jeden Handgriff an, und für ein ordentliches Dach - sagen wir mal, ein großes - braucht man Monate, weil es nicht dasselbe ist wie Dachziegel zu legen oder Schindeln anzunageln. Wir arbeiten schließlich mit einem Naturprodukt, und das Reet ist unterschiedlich dick und lang. Dafür braucht man Geduld und Geschick, und es dauert Jahre, bis einer den Dreh raushat und so ein Dach ordentlich decken kann.«

Gordon Jossie hatte fast vier Jahre lang bei Heath gelernt, und am Ende hatten sie wie Partner zusammengearbeitet. Ringo Heath hätte ihn gern als Geschäftspartner behalten, aber Jossie wollte sich selbstständig machen. Er war mit Heaths Segen gegangen und hatte angefangen wie alle anderen: als Subunternehmer für einen größeren Betrieb, bis er in der Lage war, auf eigenen Füßen zu stehen.

»Seitdem plage ich mich dauernd mit stinkfaulen Lehrlingen ab«, schloss Heath. »Und glauben Sie mir, wenn noch mal so ein Kerl wie Gordon Jossie käme, ich würde ihn mit Handkuss nehmen.«

Während des Gesprächs hatte er so viele Pinne geschnitzt, dass die Holzkiste voll war. Er trug sie zu einem Pritschenwagen und wuchtete sie auf die Ladefläche, wo bereits mehrere Kisten zwischen allen möglichen Gerätschaften standen, deren Zweck Heath ihnen unaufgefordert erläuterte. Der Mann war voll in seinem Element. Reetmesser, um das Deckmaterial zu beschneiden. »Damit kann man millimetergenau arbeiten, diese Messer sind so scharf wie Rasierklingen, und man muss aufpassen, dass man sich nicht verletzt.« Ein Klopfbrett zum Glätten des Reets, das Barbara eher vorkam wie ein Aluminiumgrill mit Griff, etwas, das man auf den Herd stellte, um Speck zu braten. Dann gab es schmalere Klopfbretter, die man benutzte, wenn das Dach gewölbt war…

Während Winston alles in seinem Notizheft festhielt, als rechnete er damit, später einer Prüfung unterzogen zu werden, nickte Barbara nur wissend, doch sie hatte Mühe, den Ausführungen zu folgen, und überlegte krampfhaft, wie sie den Dachdecker von seinem Vortrag über die Kunst des Dachdeckens ablenken und zurück auf das Thema Gordon Jossie bringen konnte. Heath sagte gerade: »… und sie sind alle unterschiedlich«, was sie aus ihren Gedanken riss und dazu brachte, ihm wieder aufmerksamer zuzuhören. »… und dann der ganze Kleinkram, den wir vom Schmied bekommen, wie Reetnägel und Knechte.« Die Reetnägel waren an einem Ende gebogen. Sie sahen aus wie kleine Hirtenstäbe, und sie wurden um die Reetbunde gelegt und in die Dachlatten getrieben, um das Reet zu befestigen. Die Knechte, die an gigantische Nähnadeln erinnerten, dienten dazu, das Reet zu halten, während der Dachdecker es befestigte. Dieses Werkzeug wurde von einem Schmied hergestellt, und das Interessante war, dass jeder Schmied sie nach eigenem Gusto herstellte, vor allem was die Spitze betraf.

»Auf vier Seiten geschmiedet, auf zwei Seiten geschmiedet, eingekerbt, mit gezahnter Spitze… das bleibt ganz der Fantasie des Schmieds überlassen. Mir sind die aus Holland am liebsten. Die sind noch richtig geschmiedet, und das gefällt mir.« Er sagte das, als könnte man nicht erwarten, dass in England noch richtig geschmiedet würde.

Aber dass plötzlich vom Schmieden die Rede war, machte Barbara hellhörig, vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass ein Schmied Waffen herstellen konnte. Im Prinzip waren die Dachdeckerutensilien die reinsten Waffen, auch wenn Heath sie als Kleinkram bezeichnete.

Barbara nahm einen Knecht in die Hand und stellte fest, dass er eine schöne, scharfe Spitze besaß, die ihn ohne Weiteres zu einer Mordwaffe machen konnte. Als sie Winston den Knecht reichte, sah sie ihm an, dass er der gleichen Meinung war.

»Warum hat Jossie sich eigentlich erst mit einundzwanzig um eine Lehrstelle beworben, Mr. Heath? Wissen Sie das zufällig?«, wollte sie wissen.

Heath stutzte, offenbar aus dem Konzept gebracht durch den plötzlichen Themenwechsel. Er hatte sich gerade darüber ausgelassen, dass die Holländer im Gegensatz zu den Engländern noch stolz auf ihre Handwerkskunst waren, was garantiert mit der EU zu tun habe und der Masseneinwanderung von Albanern und Osteuropäern ins Vereinigte Königreich. Er blinzelte und sagte: »Äh? Wer?«

»Sie sagten, einundzwanzig wäre vergleichsweise alt für einen Lehrling. Was hat Gordon Jossie denn gemacht, bevor er zu Ihnen kam?«

Er habe studiert, sagte Ringo Heath. An irgendeinem College in Winchester, welches Fach, wisse er nicht mehr. Aber er habe zwei Empfehlungsschreiben vorgelegt. Von irgendwelchen Professoren. Es komme selten vor, dass ein Lehrling sich auf diese Weise vorstellte, und er sei ziemlich beeindruckt gewesen. Ob sie die Empfehlungsschreiben sehen wollten? Er habe sie wahrscheinlich noch.

Als Barbara sagte, ja, die würden sie gern sehen, drehte er sich zum Haus um und brüllte: »Kitten! Du wirst gebraucht!« Woraufhin eine alles andere als kätzchenhafte Frau aus der Tür trat. Sie hatte ein Nudelholz unterm Arm, und wie sie aussah, wäre ihr zuzutrauen, dass sie es auch zum Einsatz brachte: kräftig gebaut, streitlustig und muskulös.

»Also wirklich, Herzchen, du musst doch nicht so brüllen«, tadelte Kitten, und ihre Stimme klang überraschend, beinahe unpassend damenhaft. Sie redete wie eine Lady aus einem Kostümfilm, aber sie sah aus, als würde sie in der Spülküche eines heruntergekommenen Wirtshauses die Töpfe und Pfannen schrubben.

Heath lächelte sie an und sagte: »Ach, Liebes, ich kann einfach meine eigene Stimme nicht einschätzen. Tut mir leid. Haben wir noch diese Briefe, die Gordon Jossie damals mithatte, als er sich für die Lehrstelle beworben hat? Du weißt, welche ich meine. Die von seinem College. Erinnerst du dich?« Dann sagte er zu Barbara und Winston: »Meine Kitten führt bei uns die Bücher. Und die Kleine hat ein Gedächtnis für Einzelheiten, da kann man nur mit den Ohren schlackern. Ich sag ihr immer, sie soll sich im Fernsehen bewerben. Bei einer von diesen Quizsendungen, Sie wissen schon. Wir könnten Millionäre sein, wenn sie in so 'ner Quizsendung auftreten würde.«

»Red nicht so einen Unsinn, Ringo«, sagte Kitten. »Ich hab übrigens den Hühnchen-Porree-Pie gemacht, den du so gern hast.«

»Du bist ein Schatz.«

»Dummerchen.«

»Wir sprechen uns noch.«

»Ach, Ring.«

»Äh… die Empfehlungsschreiben?«, schaltete Barbara sich ein. Sie schielte zu Winston hinüber, der das Geplänkel zwischen den Eheleuten beobachtete wie ein Kind, das ein Tischtennisspiel verfolgt.

Sie werde die Briefe holen, sagte Kitten. Sie befänden sich wahrscheinlich bei Ringos Geschäftsunterlagen. Sie sei gleich wieder zurück, schließlich sei sie gut organisiert, denn »wenn man Ringo alles überlassen würde, dann wären wir längst unter einem Papierberg erstickt, das kann ich Ihnen versichern«.

»Wohl wahr, mein Herzblatt«, sagte Ringo.

»Bärchen, ich…«

»Danke, Mrs. Heath«, sagte Barbara nachdrücklich.

Kitten warf ihrem Mann ein paar schmatzende Luftküsse zu, der so tat, als wollte er ihr einen Klaps auf den Hintern geben, woraufhin sie kichernd im Haus verschwand. Zwei Minuten später kam sie mit einem Ordner zurück, nahm die besagten Schreiben heraus und reichte sie Barbara und Winston zur Begutachtung.

Es handelte sich um Empfehlungsschreiben, die Gordon Jossie einen angenehmen Charakter und eine gute Arbeitseinstellung bescheinigten, außerdem mustergültige Umgangsformen, eine große Bereitwilligkeit, Anweisungen zu befolgen, und so weiter und so fort. Sie waren auf Papier mit dem Briefkopf des Winchester Technical College II verfasst, eines von einem Jonas Bligh und das andere von einem gewissen Keating Crawford. Beide gaben an, Gordon Jossie sowohl als Studenten im Unterricht als auch privat kennengelernt zu haben. Ein sympathischer junger Mann, lautete ihr einhelliges Urteil, vertrauenswürdig, herzensgut und absolut geeignet, ein Handwerk wie das des Reetdachdeckers zu erlernen. Man könne gar nichts falsch machen, wenn man ihn als Lehrling einstellte. Der Erfolg sei ihm gewiss.

Barbara fragte, ob sie die Schreiben behalten könne. Sie würde sie den Heaths natürlich zurückgeben, aber falls sie sie im Moment nicht benötigten…

Sie hatten nichts dagegen einzuwenden. Allerdings wollte Ringo Heath nun doch wissen, wieso Scotland Yard sich nach Gordon Jossie erkundigte. »Was soll er denn verbrochen haben?«, fragte er.

»Wir untersuchen einen Mordfall, der in London passiert ist«, erklärte Barbara den beiden. »Das Opfer ist eine junge Frau namens Jemima Hastings. Kennen Sie sie vielleicht?«

Sie kannten sie nicht. Allerdings waren sie sich ganz sicher, dass Gordon Jossie kein Mörder war. Dann fügte Kitten, als Barbara und Winston sich gerade auf den Weg machen wollten, den Informationen über Jossie ein interessantes Detail hinzu.

Er könne nicht lesen, erklärte sie, und sie habe sich immer gefragt, wie er unter diesen Umständen ein Studium abgeschlossen haben konnte. Zwar gebe es sicher Kurse, bei denen es nicht darauf ankam, lesen zu können, aber sie habe es sehr merkwürdig gefunden, dass er so erfolgreich gewesen sein sollte. Sie sagte zu ihrem Mann: »Weißt du, mein Hase, das lässt schon darauf schließen, dass irgendetwas mit Gordon nicht stimmt, oder? Ich meine, wenn er es geschafft hat, ein ganzes Studium zu absolvieren, ohne dass jemandem aufgefallen ist, dass er nicht lesen kann… Das legt doch nahe, dass er auch in der Lage ist, andere Dinge zu verbergen, meinst du nicht?«

»Was soll das heißen, er konnte nicht lesen?«, fragte Ringo. »Das ist doch dummes Zeug.«

»Nein, mein Goldstück. Es ist die Wahrheit. Ich hab's selbst gesehen. Er konnte wirklich nicht lesen.«

»Wollen Sie damit sagen, dass ihm das Lesen schwerfällt«, fragte Winston, »oder dass er Analphabet ist?«

Er könne nicht lesen, beharrte sie. Zwar kenne er das Alphabet, aber er habe es sich immer aufschreiben müssen, um sich zu vergewissern. Es sei das Seltsamste gewesen, was sie je erlebt habe. Und aufgrund dieser Beobachtung habe sie sich mehr als einmal gefragt, wie er es fertiggebracht hatte, ein Studium zu bewältigen. »Ich habe mir gesagt, dass er den Professoren vielleicht nicht unbedingt auf akademische Weise gefällig war«, sagte sie. »Wenn Sie wissen, was ich meine.«

Den ganzen Tag lang hatte Meredith Powell das Gefühl, als schwelte ein Feuer in ihrem Innern. Begleitet wurde es von einem Pochen in ihrem Kopf, das nichts mit Schmerz zu tun hatte, sondern aus Worten bestand: Sie. Ist. Tot.

Schlimm genug, dass Jemima tot war: Es erfüllte Meredith mit Fassungslosigkeit und Trauer, und sie hätte nie geglaubt, dass sie um einen Menschen, der nicht einmal zu ihrer Familie gehörte, so tief trauern könnte. Hinzu kam jedoch, dass Jemima ihr genommen worden war, ehe sie Gelegenheit gehabt hatte, sich mit ihr auszusöhnen, und das nagte an ihrem Gewissen. Sie konnte sich nicht einmal mehr erinnern, was genau ihre alte Freundschaft so erschüttert hatte. Hatte irgendetwas ihre Gefühle füreinander langsam, aber stetig ausgehöhlt, oder hatten sie einen plötzlichen, vernichtenden Schlag erlitten? Sie konnte sich einfach nicht erinnern, und das sagte ihr, dass es etwas vollkommen Unwichtiges gewesen sein musste.

»Ich bin nicht wie du«, hatte Jemima immer wieder gesagt. »Warum kannst du das nicht akzeptieren?«

Weil ein Mann dir deine Angst nicht nehmen kann, hatte die Antwort gelautet. Aber diese Antwort hatte Jemima als Ausdruck von Merediths Eifersucht abgetan. Dabei war sie gar nicht eifersüchtig gewesen, nicht wirklich. Sie hatte sich nur Sorgen gemacht. Sie hatte jahrelang miterlebt, wie Jemima von einem Jungen zum nächsten, von einem Mann zum nächsten geflattert war, rastlos auf der Suche nach etwas, das keiner ihr jemals geben konnte. Das hatte sie ihrer Freundin immer und immer wieder klarzumachen versucht, bis sie schließlich die Arme resigniert in die Luft geworfen hatte - oder vielleicht war es auch Jemima gewesen, sie konnte sich nicht mehr erinnern -, und da war es dann mit ihrer Freundschaft aus gewesen.

Doch es hatte noch etwas anderes eine Rolle gespielt, wie Meredith erst jetzt erkannte: Warum war es ihr so wichtig gewesen, dass Jemima Hastings die Welt mit Meredith Powells Augen betrachtete? Auf diese Frage wusste Meredith keine Antwort. Aber sie war entschlossen, eine zu finden.

Kurz vor Feierabend rief sie bei Gordon Jossie an. Gina Dickens meldete sich, und das war gut so, denn es passte genau in ihren Plan. »Ich muss mit Ihnen reden«, sagte sie. »Können wir uns treffen? Ich bin gerade in Ringwood, aber ich kann auch an jeden anderen Ort kommen. Nur nicht… Nur nicht zu Gordon.« Sie wollte das Haus nicht noch einmal sehen. Das würde sie im Moment nicht verkraften. Nicht, solange eine andere Frau mit Gordon Jossie ein glückliches Leben führte, während Jemima tot, kalt und ermordet in London lag.

»Die Polizei war hier. Sie haben gesagt, dass Jemima…«

Meredith kniff die Augen zu, und das Telefon in ihrer Hand fühlte sich plötzlich kalt und glitschig an. Sie sagte: »Ich muss mit Ihnen reden.«

»Warum?«

»Wir müssen uns sehen. Sagen Sie mir, wo.«

»Warum? Sie machen mich nervös, Meredith.«

»Das ist nicht meine Absicht. Bitte. Ich komme, wohin Sie wollen. Nur nicht zu Gordon nach Hause.«

Stille in der Leitung. Dann schlug Gina den Hinchelsea Wood vor. Ein Wald war Meredith nicht geheuer - die Einsamkeit dort und das Gefühl von Gefahr, das Einsamkeit mit sich brachte. Da konnte Gina Dickens ihr lange erzählen, Meredith mache sie nervös, was sie garantiert nur tat, um unschuldig dazustehen. Also schlug Meredith vor, sich im Heideland zu treffen. In Longslade Heath? Da gebe es einen Parkplatz, von dort aus könnten sie…

»Nicht im Heideland«, sagte Gina sofort.

»Warum nicht?«

»Schlangen.«

»Welche Schlangen?«

»Kreuzottern. In der Heide gibt es Kreuzottern. Das müssen Sie doch wissen. Ich hab's irgendwo gelesen, und ich will nicht…«

»Dann eben am Hatchet Pond«, fiel Meredith ihr ins Wort. »Der liegt außerhalb von Beaulieu.«

Sie kamen überein, sich dort zu treffen.

Als Meredith am Hatchet Pond eintraf, waren Leute dort. Und Ponys mit ihren Fohlen. Die Leute gingen am Ufer des Sees spazieren, führten ihre Hunde aus, saßen lesend im Auto, angelten, plauderten auf Parkbänken. Die Ponys tranken Wasser und grasten.

Der See erstreckte sich über eine weite Fläche, und an seinem Ende ragte eine schmale Halbinsel ins Wasser, auf der Birken, Kastanien und eine einzelne Trauerweide standen. Der Parkplatz war ein beliebter abendlicher Treffpunkt für junge Pärchen, weit genug von der Straße abgelegen, dass parkende Autos von dort nicht zu sehen waren, und zugleich praktisch an einer Stelle gelegen, wo mehrere Straßen sich kreuzten: die nach Beaulieu im Osten, die nach East Boldre im Süden und die nach Brockenhurst im Westen. Hier konnte man in alle möglichen Streitereien zwischen heißblütigen Jugendlichen geraten. Das wusste Meredith von Jemima.

Sie musste etwa zwanzig Minuten auf Gina warten. Sie selbst war, von Entschlossenheit getrieben, von Ringwood hierhergerast. Es war eine Sache, Gordon Jossie und Gina Dickens gegenüber misstrauisch zu sein und sich von der Tatsache beunruhigen zu lassen, dass Jemimas Sachen in Kartons auf Gordons Speicher standen. Aber zu erfahren, dass Jemima ermordet worden war, das war etwas ganz anderes.

Auf der ganzen Fahrt von Ringwood bis hierher hatte Meredith in Gedanken mit Gina über diese und andere Dinge diskutiert. As Gina schließlich in ihrem kleinen roten Cabrio eintraf, das halbe Gesicht verdeckt von der riesigen dunklen Sonnenbrille und einem Kopftuch, das ihre Frisur in Ordnung hielt, als wäre sie Audrey Hepburn oder sonst wer, war Meredith bereit.

Gina stieg aus und blickte kurz zu einem der Ponys in der Nähe, während Meredith auf sie zuging. »Gehen wir spazieren«, schlug sie vor, und als Gina zögernd anmerkte: »Die Pferde sind mir nicht geheuer«, entgegnete Meredith: »Herrgott noch mal, die tun Ihnen nichts! Das sind harmlose Ponys. Machen Sie sich nicht lächerlich.« Dann nahm sie Ginas Arm.

Gina riss sich los. »Ich kann allein gehen«, sagte sie steif. »Aber ich will nicht in die Nähe der Pferde.«

»Meinetwegen.« Meredith ging in Richtung See, weg von den Ponys. Am Ufer saß ein einzelner Angler, in sicherem Abstand neben ihm ein Reiher, der reglos im seichten Wasser stand und auf einen arglosen Aal lauerte.

»Was hat das alles zu bedeuten?«, fragte Gina.

»Na, was glauben Sie wohl? Gordon hat ihr Auto. Er hat ihre Klamotten. Und jetzt ist sie tot. In London ermordet.«

Gina blieb stehen, und Meredith drehte sich zu ihr um. »Wenn Sie glauben oder auch nur andeuten wollen, dass Gordon…«

»Hätte sie nicht ihre Sachen abholen lassen? Irgendwann?«

»In London hätte sie die Sachen, die sie hier auf dem Land getragen hat, nicht gebraucht«, entgegnete Gina. »Was hätte sie dort damit anfangen sollen? Dasselbe gilt für das Auto. Sie brauchte es nicht. Wo hätte sie es lassen sollen? Warum hätte sie es nach London holen sollen?«

Meredith knabberte an ihrer Nagelhaut. Irgendwo war die Wahrheit verborgen, und sie würde sie erfahren. »Ich weiß über Sie Bescheid, Gina. Es gibt hier in der ganzen Gegend kein Programm für gefährdete junge Mädchen. Weder im College in Brockenhurst noch an der Gesamtschul