/ Language: Deutsch / Genre:det_police / Series: Inspector Lynley (de)

Wer die Wahrheit sucht

Elizabeth George

An einem frühen Dezembermorgen wird Guy Brouard — Millionär, Mäzen und Frauenheld — ermordet an einem Strand der englischen Kanalinsel Guernsey aufgefunden. Verdächtige und Motive gibt es mehr als genug. Nur die junge Amerikanerin China River hat keines. Doch alle Indizien weisen ausgerechnet auf sie. China hatte ihren Bruder aus Kalifornien nach Guernsey begleitet, um Guy Brouard die Architekturpläne für ein von ihm gestiftetes Museum zum Gedenken an die deutsche Besatzung der Insel im Zweiten Weltkrieg zu übergeben. Eine andere Verbindung existiert augenscheinlich nicht. Simon St. James, engster Vertrauter von Chief Inspector Thomas Lynley, reist mit seiner Frau Deborah auf die winterliche Kanalinsel, um die Unschuld von China, einer alten Freundin Deborahs, nachzuweisen. Doch je tiefer sie in die verschworene Inselgemeinschaft eintauchen, desto mehr Personen entdecken sie, die dem wohltätigen Mitbürger Guy Brouard alles andere als freundschaftliche Gefühle entgegenbringen — und die auf irgendeine Weise in den Mord verstrickt sind: seine Exfrau, sein Sohn, seine Geliebte, seine Schwester, seine jugendlichen Schützlinge, der tragisch ausgebootete einheimische Architekt. Liegen die Motive in Brouards undurchsichtiger Vergangenheit? Oder reichen sie zurück bis in Guernseys wechselvolle Geschichte?

Elizabeth George

Wer die Wahrheit sucht

MONTECITO, Kalifornien

10. November, 14 Uhr 45

Die Santa-Ana-Winde sind der Feind jedes Fotografen. Aber wie sollte man das einem egozentrischen Architekten beibringen, der fest glaubte, sein ganzes Renommee hinge davon ab, dass genau heute fünftausend Quadratmeter Bauland in Hanglage für die Nachwelt — und den Architectural Digest — im Bild festgehalten wurden. Alles Bemühen, ihm das zu erklären, wäre sinnlos gewesen, denn erreichte man, nachdem man mindestens zehnmal falsch abgebogen war, endlich den Treffpunkt, hatte man sich bereits verspätet, er war wütend, und der trockene Wind wirbelte schon solche Mengen Staub auf, dass man nur noch den Wunsch hatte, so schnell wie möglich zu verschwinden. Das ging aber nur, wenn man sich nicht erst lange mit ihm herumstritt, ob man die Aufnahmen überhaupt machen sollte. Also fotografierte man eben, ohne Rücksicht auf den Staub und die Steppenhexen, diese vom Wind getriebenen Knäuel aus vertrocknetem Unkraut und Pflanzenresten, die eigens von einem Team für Spezialeffekte importiert schienen, um eine kalifornische ParadeImmobilie mit Meeresblick im Wert von mehreren Millionen Dollar aussehen zu lassen wie Barstow im August. Und ohne Rücksicht darauf, dass einem die Staubkörner unter die Kontaktlinsen krochen, sich die Haut anfühlte wie aufgerautes Leder und das Haar wie verbranntes Heu. Wichtig war nur der Job; er war das Einzige, was zählte. Er finanzierte China Rivers Leben, und darum musste er getan werden.

Aber Spaß hatte sie dabei nicht. Als sie die Arbeit beendet hatte, waren ihre Kleider und ihre Haut von einer dicken Staubschicht bedeckt, und sie wollte — abgesehen von einem großen Glas eiskalten Wassers und einem ausgedehnten Bad in einer kühlen Wanne — nur eines: weg von hier, runter von diesem Hügel und zum Strand. Darum sagte sie:»Das wär's dann. Die Abzüge können Sie sich übermorgen ansehen. Ein Uhr? In Ihrem Büro? Gut. Ich werde da sein.«

Sie ging, ohne dem Mann die Chance zu einer Erwiderung zu geben. Seine Reaktion auf ihren abrupten Abgang war ihr ziemlich egal.

In ihrem museumsreifen Plymouth fuhr sie den Hang wieder hinunter, auf einer gut geteerten, glatten Straße, denn Schlaglöcher wurden in Montecito nicht geduldet. Der Weg führte sie an den Häusern der Superreichen von Santa Barbara vorbei, die ihr behütetes Luxusleben hinter hohen Mauern mit elektronisch gesteuerten Toren führten, wo sie in Designerpools badeten und sich danach mit Frotteetüchern abtrockneten, die so weich und weiß waren wie der Schnee in Colorado. Sie bremste gelegentlich aus Rücksicht auf einen der mexikanischen Gärtner, die hinter diesen schützenden Mauern schufteten, oder auf ein paar halbwüchsige Mädchen, die in eng sitzenden Blue- jeans und knappen T-Shirts hoch zu Ross dahergaloppierten. Das Haar dieser Mädchen schwang im Sonnenlicht. Alle trugen sie es lang und glatt und glänzend, wie von innen heraus erleuchtet. Sie hatten eine makellose Haut und perfekte Zähne. Und nicht eine von ihnen hatte auch nur ein Gramm unerwünschtes Fett auf dem Körper — ganz gleich, wo. Wie auch? Nicht ein Milligramm zu viel konnte sich länger halten als die Viertelstunde, die sie brauchten, um auf die Badezimmerwaage zu steigen, einen hysterischen Anfall zu bekommen und sich über die Toilette zu werfen.

Einfach erbärmlich, dachte China, diese verwöhnte, magersüchtige Bande. Und was es für die kleinen Gänse noch schlimmer machte: Ihre Mütter sahen wahrscheinlich genauso aus, die perfekten Rollenvorbilder für ein Leben, das aus Fitnesswahn, Schönheitsoperationen, täglichen Massagen, wöchentlicher Maniküre und regelmäßigen Sitzungen beim Analytiker bestand. Es ging doch nichts über einen zahlungskräftigen Versorger, dem das Äußere seiner Frauen das Wichtigste war.

Wenn China in Montecito zu tun hatte, war es jedes Mal das Gleiche, sie konnte nicht schnell genug wieder wegkommen. Heute erging es ihr nicht anders. Und der Wind und die Hitze dieses Tages trieben sie zusätzlich an, diesen Ort möglichst schnell hinter sich zu lassen. Sie drückten auf ihre Stimmung, und die war ohnehin schon übel genug. So etwas wie ein allgemeines Unbehagen belastete sie, seit heute Morgen der Wecker geklingelt hatte.

Nur der Wecker. Nicht das Telefon. Das war das Problem. Gleich beim Erwachen hatte sie automatisch den Drei-Stunden-Sprung errechnet: zehn Uhr in Manhattan. Warum hatte er noch nicht angerufen? Und in den darauf folgenden Stunden bis zu ihrem Aufbruch nach Montecito hatte sie fast unablässig auf das Telefon gestarrt und innerlich gekocht, was bei beinahe sechsundzwanzig Grad morgens um neun Uhr keine Kunst war.

Sie hatte versucht, sich zu beschäftigen. Sie hatte den ganzen Garten vorn und hinten und sogar den Rasen mit der Kanne gegossen. Sie hatte am Zaun mit Anita Garcia geschwatzt — Hey, China, macht dich das Wetter auch so fertig? Ich bin echt nur noch ein Wrack — und sich teilnahmsvoll angehört, wie sehr ihre Nachbarin in diesem letzten Monat ihrer Schwangerschaft unter Wassereinlagerungen in den Beinen litt. Sie hatte den Plymouth gewaschen und es dank sofortigem Trockenpolieren geschafft, dem Staub, der sich auf ihm niederlassen und sich in Schmiere verwandeln wollte, eine Nasenlänge voraus zu bleiben. Und zweimal war sie ins Haus gerannt, als das Telefon klingelte, aber es waren nur zwei so widerlich schmierige Vertretertypen gewesen, die sich immer erst erkundigten, wie es einem ging, ehe sie loslegten und einem einzureden versuchten, dass sich mit dem Wechsel der Telefongesellschaft auch das eigene Leben von Grund auf verändern würde.

Schließlich war es Zeit gewesen, nach Montecito aufzubrechen. Doch sie war nicht losgefahren, ohne vorher ein letztes Mal den Telefonhörer abzuheben, um sich zu vergewissern, dass ein Signal zu hören war, und ihren Anrufbeantworter zu überprüfen, um sicher zu sein, dass er Nachrichten aufzeichnete.

Die ganze Zeit über war sie wütend auf sich selbst, weil sie es nicht schaffte, ihm den Laufpass zu geben. Aber das war seit Jahren ihr Problem. Seit dreizehn Jahren, genau gesagt. Ach, verdammt, dachte sie, ich hasse die Liebe!

Schließlich klingelte das Telefon doch noch, ihr Handy, als sie auf der Rückfahrt vom Strand schon fast daheim angekommen war. Sie hatte es auf dem Sitz neben sich liegen, und keine fünf Minuten vor dem Stück holprigem Gehweg, von wo der betonierte Fußweg zu ihrer Haustür abbog, begann es zu klingeln. Sie nahm das Gespräch an und hörte Matts Stimme.

«Hallo, du Schöne. «Er wirkte ausgesprochen gut gelaunt.

«Hallo!«Sie ärgerte sich über die Erleichterung, die in ihr hochschoss, als wäre eine Flasche gärender Angst entkorkt worden, und sagte weiter nichts.

Er verstand sofort.»Bist du sauer?«

Sie schwieg. Soll er ruhig schmoren, dachte sie.

«Jetzt hab ich wohl endgültig verspielt?«

«Wo warst du?«, fragte sie gereizt.»Ich dachte, du wolltest heute Morgen anrufen. Ich hab extra zu Hause gewartet. Ich hasse das, Matt. Wieso kapierst du das nicht? Wenn du keine Lust hast zu reden, dann sag es vorher, dann kann ich mich darauf einstellen. Warum hast du nicht angerufen?«

«Tut mir Leid. Ich wollte ja. Ich habe den ganzen Tag immer wieder daran gedacht.«

«Und — ?«

«Es klingt leider ziemlich dünn, China.«

«Versuch's trotzdem.«

«Okay. Gestern Abend wurde es plötzlich lausekalt. Ich bin den ganzen Morgen rumgerannt und habe versucht, einen anständigen Mantel zu finden.«

«Du konntest nicht von deinem Handy aus anrufen, während du unterwegs warst?«

«Ich habe es im Hotel liegen lassen. Tut mir wirklich Leid.«

Sie hörte die allgegenwärtigen Hintergrundgeräusche Manhattans, den Lärm, den sie immer hörte, wenn er aus New York anrief. Das Hupen der Autos in den Straßenschluchten, das Dröhnen der Presslufthämmer, das wie Geschützdonner klang.

Aber wenn er sein Handy im Hotel gelassen hatte, wieso stand er dann jetzt damit auf der Straße?

«Ich bin auf dem Weg zum Essen«, erklärte er.»Die letzte Besprechung. Des Tages, meine ich.«

Sie hatte den Wagen etwa dreißig Meter von ihrem Haus entfernt in eine freie Lücke eingeparkt. Sie hasste es, im stehenden Auto sitzen zu bleiben, die Klimaanlage des Wagens war zu schwach, um gegen die stickige Hitze im Innern anzukommen. Aber bei Matts letzter Bemerkung wurde die Hitze plötzlich unwichtig und war kaum noch wahrnehmbar. Chinas ganze Aufmerksamkeit war schlagartig auf die Bedeutung seiner Worte konzentriert.

Immerhin hatte sie mittlerweile gelernt, den Mund zu halten, wenn er eine seiner kleinen verbalen Bomben losließ. Früher einmal wäre sie bei einer Bemerkung wie:»Des Tages, meine ich«, wie ein Berserker über ihn hergefallen und hätte versucht, seine Andeutung zu zerpflücken, um ihn festzunageln. Aber im Lauf der Jahre hatte sie begriffen, dass Schweigen ebenso gut wirkte wie Forderungen oder Anschuldigungen. Und es garantierte ihr die überlegene Position, wenn er endlich aussprach, was auszusprechen er hatte vermeiden wollen.

Es kam dann auch in einem Wortschwall:»Also, pass auf, die Situation ist Folgende: Ich muss noch eine Woche hier bleiben. Ich habe die Möglichkeit, mit ein paar Leuten über eine Finanzierung zu reden. Ich muss unbedingt mit ihnen sprechen.«

«Ach, Mensch, Matt, hör doch auf!«

«Nein, wirklich. Hör mir zu, Baby. Diese Typen haben einem Filmemacher von der NYU letztes Jahr ein Vermögen nachgeschmissen. Sie sind auf der Suche nach einem Projekt. Hast du das gehört? Sie sind auf der Suche!«

«Woher weißt du das?«

«Ich hab's gehört.«

«Von wem?«

«Also habe ich angerufen, und es ist mir tatsächlich gelungen, einen Termin zu bekommen. Aber erst am nächsten Donnerstag. Deshalb muss ich bleiben.«

«Dann können wir Cambria vergessen.«

«Nein, das machen wir auf jeden Fall. Nur nächste Woche geht's eben nicht.«

«Klar. Wann dann?«

«Tja, das ist das Problem. «Der Straßenlärm am anderen Ende der Leitung schien einen Moment lauter zu werden, als hätte sich Matt, von den Menschenmengen der Stadt am Ende eines Arbeitstags vom Bürgersteig gedrängt, zwischen die Autos gestürzt.

Sie sagte:»Matt? Matt?«, und glaubte einen panikerfüllten Moment lang, die Verbindung wäre abgerissen. Verdammte Handys, verdammtes Netz!

Aber er meldete sich wieder, und es war ruhiger. Er sagte, er sei rasch in ein Restaurant gesprungen.»Für den Film geht es jetzt um alles, China. Wir haben einen Festivalsieger. Mindestens Sundance- Qualität, glaub mir, und du weißt, was das heißen kann. Ich enttäusche dich wirklich nicht gern, aber wenn ich diese Chance sausen lasse, bin ich's nicht wert, überhaupt mit dir wegzufahren. Nicht mal nach Kalamazoo in Michigan. So ist das nun mal.«

«Na gut«, sagte sie, aber es war gar nicht gut, und das würde er an ihrem ausdruckslosen Ton auch merken. Das letzte Mal hatte er es vor einem Monat geschafft, sich zwischen Kontaktgesprächen in Los Angeles und der Jagd nach Geldgebern kreuz und quer im ganzen Land zwei Tage freizuschaufeln, und davor waren es sechs Wochen gewesen, in denen er sich ohne einen Tag Pause der Verfolgung seines Traums gewidmet hatte, während sie sich in ihrer Verzweiflung in eine ungeplante Telefonaktion gestürzt hatte, um ein paar Kunden an Land zu ziehen.»Manchmal frage ich mich«, sagte sie,»ob du's je auf die Reihe kriegen wirst, Matt.«

«Ich weiß. Es kommt einem vor, als dauerte es eine Ewigkeit, einen Film ins Rollen zu bringen. Und manchmal ist es ja auch so. Du kennst doch die Storys. Jahre der Vorbereitung und dann — bum! — auf Anhieb ein Riesenerfolg. Und ich möchte das machen. Ich muss es machen. Es tut mir nur Leid, dass wir dadurch kaum noch Zeit füreinander haben.«

China hörte sich das alles an, während sie einen kleinen Jungen beobachtete, der auf seinem Dreirad den Gehweg hinunterstrampelte, gefolgt von seiner wachsamen Mutter und einem noch wachsameren Schäferhund. Der Kleine gelangte an eine Stelle, wo sich der Beton unter dem Druck einer Baumwurzel aufgewölbt hatte, und das Vorderrad seines Gefährts prallte gegen die Verwerfung. Er versuchte, das Hindernis zu überwinden, aber er war machtlos, bis seine Mutter ihm zu Hilfe kam. Diese Szene rief bei China eine unerklärliche Traurigkeit hervor.

Matt wartete auf ihre Reaktion. Sie hätte gern eine neue Art des Ausdrucks für ihre Enttäuschung gefunden, aber ihr fiel nichts ein.»Ich habe vorhin eigentlich nicht den Film gemeint, Matt«, sagte sie.

«Oh.«

Danach gab es nichts mehr zu bereden. Sie wusste, dass er in New York bleiben würde, um den Termin wahrzunehmen, den er sich so hart erkämpft hatte, und dass sie allein zurechtkommen musste. Wieder ein gebrochenes Versprechen; wieder eine Faust voll Sand im Getriebe des großen Lebensplans.

Sie sagte:»Also dann, Hals- und Beinbruch für die Besprechung.«

«Wir bleiben in Kontakt. Die ganze Woche. In Ordnung?«, erwiderte er.»Ist das okay für dich, China?«

«Hab ich eine Wahl?«, entgegnete sie und verabschiedete sich.

Sie nahm es sich selbst übel, dass sie das Gespräch so abrupt beendet hatte, aber ihr war heiß, sie fühlte sich elend, mutlos und niedergeschlagen… Man konnte es nennen, wie man wollte. Tatsache war, dass sie nichts mehr zu geben hatte.

Sie hasste jene Seite an sich, die an der Zukunft zweifelte, und meistens gelang es ihr, sie zu unterdrücken. Wenn sie jedoch mit ihr durchging und die Herrschaft an sich riss, um ihr das drohende Chaos vor Augen zu halten, führte das niemals zu etwas Gutem. Es machte sie zu einer ängstlichen Person, die sich an den Glauben in eine von ihr seit langem verabscheute Frauenrolle klammerte, in der die Frau sich einzig über den Mann definiert und daher mit allen Mitteln einen finden muss, um ihn zu heiraten und möglichst schnell mit einem Haufen Kindern festzunageln. Niemals würde sie sich dazu hergeben, schwor sie sich immer wieder. Und trotzdem wünschte es ein Teil von ihr.

Dieser trieb sie dazu, Fragen und Forderungen zu stellen und ihre Aufmerksamkeit auf ein Wir zu richten, statt auf das Ich. Und wenn das geschah, kam es zwischen ihr und dem Mann — der immer Matt gewesen war — zur Wiederholung einer Debatte, die sie seit nunmehr fünf Jahren führten. Stets ging es um Heirat und Ehe, und stets war der Ausgang der Gleiche: Auf der einen Seite sein offenkundiges Widerstreben — als brauchte sie das noch zu hören und zu sehen! — , auf der anderen ihre wütenden Vorwürfe und zum Schluss der Bruch, jeweils von demjenigen herbeigeführt, den die Differenzen, die zwischen ihnen aufbrachen, am heftigsten aufregten.

Aber eben diese Differenzen brachten sie auch immer wieder zusammen. Denn sie würzten die Beziehung mit einer unleugbaren Spannung, die bisher weder sie noch er bei einem anderen Partner gefunden hatten. Matt hatte es wahrscheinlich versucht, da war China sicher. Sie hatte es nicht versucht. Sie wusste seit Jahren, dass Matthew Whitecomb der Richtige für sie war.

Und bei dieser Erkenntnis war China wieder einmal angelangt, als sie ein paar Minuten später ihren Bungalow erreichte: einhundertzehn Quadratmeter Wohnfläche, Baujahr 1920, ehemaliges Wochenendhaus eines Angeleno, eines Bewohners des damaligen Los Angeles. Der Bungalow stand in Gesellschaft ähnlicher kleiner Häuser in einer von Palmen gesäumten Straße, nahe genug am Wasser, um in den Genuss der Meereswinde zu kommen, weit genug entfernt, um erschwinglich zu sein.

Es war ein bescheidenes Häuschen mit fünf kleinen Räumen — wenn man das Badezimmer mitrechnete — und nur neun Fenstern, einer breiten Vorderveranda und jeweils einem rechteckigen Fleckchen Garten hinten und vorn. Vorn begrenzte das Grundstück ein Lattenzaun, von dem der weiße Lack abblätterte und auf die Blumenbeete und den Gehweg fiel.

China schleppte ihre Fotoausrüstung zu dem Tor in diesem Zaun, nachdem sie das Telefongespräch mit Matt beendet hatte.

Die Hitze war hier kaum weniger drückend als draußen in den Hügeln, aber der Wind wehte nicht so stürmisch. Die Palmenblätter knisterten in den Bäumen wie ein Haufen Gebeine, und die Verbene vorn am Zaun, unter der der Boden so trocken war, als wäre er am Morgen nicht gewässert worden, ließ in der weißen Glut müde die lavendelblauen Sternblüten hängen.

Mit den schweren Fototaschen über der Schulter, hob China das schief hängende Tor an und stieß es auf, nichts anderes im Sinn, als sofort den Gartenschlauch zu holen und den Blumen Wasser zu geben. Aber bei dem Anblick, der sich ihr bot, vergaß sie dieses Vorhaben: Ein Mann, der bis auf die Unterhose nackt war, lag bäuchlings mitten auf ihrem Rasen, den Kopf auf ein Bündel aus Bluejeans und verwaschenem gelben T-Shirt gebettet. Schuhe waren nirgends zu sehen, seine Fußsohlen waren schwarz wie die Nacht und die Fersen so schwielig, dass die Haut wie Leder wirkte. Nach dem Sauberkeitsgrad seiner Fesseln und Ellbogen zu urteilen, hielt er nicht viel von Körperpflege. Auf ausreichendes Essen und körperliche Bewegung hingegen schien er durchaus Wert zu legen; er war kräftig gebaut, ohne dick zu sein. Und es war ihm offenbar wichtig, auch genug zu trinken, denn im Augenblick hielt er eine beschlagene Flasche Pellegrino in der Hand.

Ihr Pellegrino, wenn sie nicht alles täuschte. Das Wasser, nach dem sie die ganze Fahrt gelechzt hatte.

Er drehte sich träge herum und blinzelte, halb aufgerichtet auf seinen schmutzigen Ellbogen, zu ihr herauf.»Also, bei dir kann echt jeder ins Haus, China. «Er trank einen ausgiebigen Schluck aus der Flasche.

China warf einen Blick zur Veranda. Die Fliegengittertür und die Haustür standen weit offen.»Verdammt noch mal!«, schrie sie.»Bist du schon wieder bei mir eingebrochen?«

Ihr Bruder setzte sich auf und beschattete die Augen.»Hey, wie schaust du denn aus? Dreißig Grad im Schatten, und du rennst rum wie eine Motorradbraut im tiefsten Winter.«

«Und dich wird gleich einer wegen Exhibitionismus anzeigen. Herrgott noch mal, Cherokee, denkst du eigentlich nie nach?

Hier wohnen überall kleine Mädchen. Wenn eine dich so sieht, kreuzen hier binnen einer Viertelstunde die Bullen auf. «Sie runzelte die Stirn.»Hast du Sonnenschutz aufgelegt?«

«Du hast meine Frage nicht beantwortet«, sagte er.»Was soll die Ledermontur? Verspätete Rebellion?«Er lachte.»Wenn Mam diese Hose sähe, würde sie total — «

«Ich trag sie, weil ich sie mag«, unterbrach sie ihn.»Sie ist bequem. «Und ich kann sie mir leisten, fügte sie im Stillen hinzu. Das war beinahe der Hauptgrund: Aus reiner Lust für ein Stück sinnlosen Luxus Geld auszugeben, nachdem sie ihre ganze Kindheit und frühe Jugend hindurch in den Secondhand-Läden die abgelegten Klamotten anderer Leute durchstöbert hatte, um etwas zu finden, das einigermaßen passte, nicht abgrundtief scheußlich war und — darauf achtete sie ihrer Mutter zuliebe — nicht aus Fell oder Tierhaut verarbeitet war.

«Na klar. «Er sprang auf die Füße, als sie an ihm vorüber zur Veranda ging.»Leder bei einem Santa-Ana-Wind. Das ist doch mal so richtig gemütlich. Und so vernünftig.«

«Das ist mein Pellegrino!«Sie ließ ihre Fotoausrüstung fallen, sobald sie im Haus war.»Ich hab mich die ganze Heimfahrt darauf gefreut.«

«Wo warst du denn?«Als sie es ihm sagte, lachte er.»Aha! Aufnahmen für einen Architekten. Reich und schön, hoffentlich? Und zu haben? Das ist ja echt cool. Dann lass dich mal ansehen. «Er hob die Flasche mit dem Wasser an den Mund und musterte China, während er trank. Als er genug hatte, reichte er die Flasche an sie weiter und sagte:»Den Rest kannst du haben. Deine Haare schauen Scheiße aus. Hör endlich auf, sie zu bleichen. Das steht dir nicht. Und fürs Grundwasser sind die Chemikalien, die da durch den Abfluss rauschen, ganz bestimmt nicht gut.«

«Als ob dich das Grundwasser interessieren würde!«

«Hey, ich hab gewisse Prinzipien.«

«Respekt vor anderer Leute Eigentum gehört offensichtlich nicht dazu.«

«Du kannst von Glück reden, dass nur ich der Einbrecher war«, sagte er.»Wegzufahren und die Fenster offen zu lassen, ist schon ganz schön blöd. Und deine Fliegenfenster sind ein Witz. Für die hat ein Taschenmesser gereicht.«

China sah, wie ihr Bruder sich Zugang zu ihrem Haus verschafft hatte. Er hatte sich, wie das seine Art war, gar nicht bemüht, seine Spuren zu verwischen. In einem der beiden Wohnzimmerfenster fehlte das alte Fliegengitter, das nur mit Haken und Ösen am Fensterbrett verankert und daher für Cherokee leicht herauszunehmen gewesen war. Wenigstens war ihr Bruder so schlau gewesen, durch ein Fenster einzudringen, das der Straße abgewandt und außer Sicht der Nachbarn lag, von denen jeder sofort die Polizei geholt hätte.

Mit der Flasche in der Hand ging sie in die Küche, goss das, was von dem Mineralwasser noch übrig war, in ein Glas und warf ein Limettenschnitz hinein. Sie schwenkte es ein paar Mal herum, dann trank sie das Glas leer und stellte es, unbefriedigt und verärgert, ins Spülbecken.

«Was tust du überhaupt hier?«, fragte sie ihren Bruder.»Wie bist du hergekommen? Hast du dein Auto repariert?«

«Den Schrotthaufen?«Er ging auf nackten Füßen über das Linoleum zum Kühlschrank, öffnete ihn und wühlte in den Plastikbeuteln voll Obst und Gemüse herum. Mit einer roten Paprika in der Hand richtete er sich wieder auf, ging mit der Frucht zur Spüle und wusch sie gründlich, bevor er ein Messer aus einer Schublade nahm und sie durchschnitt. Er reinigte beide Hälften und reichte die eine seiner Schwester.»Ich hab einiges am Laufen, da brauch ich sowieso keinen Wagen.«

China biss nicht an. Sie kannte die Art ihres Bruders, sie mit Andeutungen zu locken.»Jeder Mensch braucht ein Auto.«

Sie legte die Paprika auf den Küchentisch und ging in ihr Schlafzimmer, um sich umzuziehen. In der Lederkluft schwitzte man bei diesen Temperaturen wie in einer Sauna. Man sah zwar toll aus darin, aber man fühlte sich beschissen.

«Ich hoffe, du bist nicht hergekommen, weil du dir meines ausleihen willst«, rief sie zu ihm hinaus.»Das bekommst du nämlich nicht. Frag Mam, ob sie dir ihres leiht. Ich nehme an, sie hat's noch.«

«Kommst du zu Thanksgiving runter?«, rief Cherokee zurück.

«Wen interessiert das?«

«Rate mal.«

«Ach, telefonieren kann sie wohl nicht?«

«Ich hab ihr erzählt, dass ich zu dir fahre, da hat sie gesagt, ich soll dich fragen. Also — kommst du?«»Ich rede mal mit Matt. «Sie hängte die Lederhose und die Weste in den Schrank und warf die seidene Bluse zu den Sachen für die Reinigung. In einem losen Hawaii-Kleid und Sandalen ging sie wieder zu ihrem Bruder hinaus.

«Wo ist der gute Matt überhaupt?«Er hatte seine halbe Paprika schon gegessen und sich ihre Hälfte vorgenommen.

Sie riss sie ihm aus der Hand und biss hinein. Das Fruchtfleisch war kühl und süß, half ein wenig gegen die Hitze und den Durst.»Weg«, sagte sie.»Cherokee, würdest du dir bitte was anziehen?«

«Warum denn?«Er grinste anzüglich und schob ihr sein Becken entgegen.»Mach ich dich an?«

«Du bist nicht mein Typ.«

«Was heißt weg?«

«Er ist in New York. Geschäftlich. Also, ziehst du dir jetzt was über?«

Mit einem Schulterzucken ging er, und einen Moment später hörte sie die Fliegengittertür hinter ihm zuschlagen. In der muffigen Besenkammer, in der sie ihre Vorräte aufbewahrte, fand sie noch eine Flasche Wasser, goss sich ein Glas ein und gab ein paar Eiswürfel dazu.

«Du hast überhaupt nicht gefragt.«

Sie drehte sich herum. Cherokee präsentierte sich angekleidet — wie verlangt — in einem T-Shirt, das vom vielen Waschen eingegangen war, und einer Bluejeans, die tief auf seinen Hüften hing und so lang war, dass die Säume der Hosenbeine den Fußboden streiften. Nicht zum ersten Mal dachte China, als sie ihn betrachtete, dass er wie ein Anachronismus wirkte. Mit den zu langen rotblonden Locken, den schmuddeligen Kleidern, den nackten Füßen und seinem ganzen Auftreten nach hätte er ein verspäteter Hippie sein können. Was ihre gemeinsame Mutter zweifellos mit Stolz erfüllte, bei seinem Vater Beifall hervorrief und bei ihrem Vater Gelächter. Bei China jedoch — ärgerliche Ungeduld. Trotz seines Alters und seines straffen Körpers wirkte Cherokee immer noch so, als wäre er zu verletzlich, um das Leben allein zu meistern.

«Hey, du hast mich gar nicht gefragt«, sagte er noch einmal.

«Was denn?«

«Was ich am Laufen hab. Warum ich kein Auto mehr brauche. Ich bin übrigens per Anhalter gekommen. Aber das ist auch nicht mehr das, was es mal war. Ich bin seit gestern Mittag unterwegs.«

«Genau deswegen brauchst du ein Auto.«

«Aber nicht für das, was ich vorhabe.«

«Ich hab's dir schon gesagt, mein Auto kriegst du nicht. Das brauch ich für die Arbeit. Und wieso bist du nicht in der Uni? Hast du's wieder mal geschmissen?«

«Ich hab aufgehört. Ich brauche mehr Zeit für die Papers. Das ist ein Riesengeschäft, sag ich dir. Du hast keine Ahnung, wie viele gewissenlose Studenten es heutzutage gibt, China. Wenn ich daraus eine berufliche Karriere machen wollte, könnte ich mich wahrscheinlich mit vierzig zur Ruhe setzen.«

China verdrehte die Augen. Die Papers waren Prüfungsarbeiten, Hausarbeiten, Aufsätze, gelegentlich eine Magisterarbeit und, bisher, zwei Dissertationen. Cherokee schrieb sie für zahlungskräftige Studenten, die keine Lust hatten, sich selbst zu bemühen. Das hatte schon vor langem Anlass zu der Frage gegeben, warum Cherokee — der auf nichts, was er gegen Bezahlung geschrieben hatte, etwas Schlechteres als eine Zwei bekommen hatte — es nicht schaffte, sein Studium durchzuziehen. Es war nicht mehr zu zählen, wie oft er an der Universität von Kalifornien angefangen und wieder aufgehört hatte. Cherokee allerdings hatte eine simple Erklärung für seine durchwachsene Universitätskarriere:»Wenn mir die Uni für meine Arbeit das Gleiche bezahlen würde wie die Studenten, die mich anheuern, würde ich gern arbeiten.«

«Weiß Mam, dass du's schon wieder geschmissen hast?«, fragte China ihren Bruder.

«Ich häng nicht mehr am Gängelband.«

«Natürlich nicht. «China, die nichts zu Mittag gegessen hatte, merkte, dass sie hungrig war. Sie nahm aus dem Kühlschrank die Zutaten, die sie für einen Salat brauchte, und stellte einen Teller auf den Tisch — ein Wink, von dem sie hoffte, ihr Bruder würde ihn verstehen.

«Also frag mich endlich. «Er zog einen Stuhl zu sich heran und setzte sich. Aus dem bunten Korb in der Mitte des Tischs nahm er sich einen Apfel und schien erst, als er schon hineinbeißen wollte, zu merken, dass es eine künstliche Frucht war.

Sie packte den Romanasalat aus und begann, die Blätter zu zerpflücken.»Was soll ich dich fragen?«

«Das weißt du ganz genau. Du fragst absichtlich nicht. Okay, dann frag ich eben für dich. >Was hast du denn Tolles vor, Cherokee? Was hast du am Laufen? Warum brauchst du kein Auto mehr?< Jetzt kommt die Antwort: Weil ich mir ein Boot kaufe. Und das Boot deckt alles ab — Transport, Einkommen, Unterkunft. «

«Träum weiter, Butch«, murmelte China. Cherokees Lebenseinstellung hatte in vielerlei Hinsicht eine fatale Ähnlichkeit mit der dieses Banditen aus dem Wilden Westen: Immer ging es darum, das schnelle Geld zu machen, etwas umsonst zu bekommen, gut zu leben.

«Nein«, widersprach er.»Das ist eine todsichere Sache. Das richtige Boot hab ich schon gefunden. Es liegt unten in Newport — ein Fischkutter. Im Augenblick nehmen sie Leute zum Fang mit raus. Gute Kohle. Sie fischen Tunfisch und Makrelen. Meistens sind es Tagesausflüge. Die richtig fette Kohle verdienen sie mit Fahrten runter zur Baja. Es muss einiges dran gemacht werden, aber ich würde auf dem Boot wohnen, während ich es richte. Was ich an Material brauche, würde ich mir dort in den Ausstattungsgeschäften besorgen — dazu brauche ich kein Auto — , und ich würde das ganze Jahr über Leute mit rausnehmen.«

«Was verstehst du denn schon von der Hochseefischerei? Und von Booten? Und woher willst du überhaupt das Geld nehmen?«China schnitt ein Stück Gurke in den Romanasalat. Sie betrachtete Cherokees unerwartetes Auftauchen im Licht ihrer letzten Frage und sagte:»Fang gar nicht erst davon an, Bruderherz.«

«Hey! Wofür hältst du mich? Ich sagte doch, dass ich was am Laufen habe, und das stimmt auch. Verdammt noch mal, ich dachte, du würdest dich für mich freuen. Ich hab nicht mal versucht, Mam anzupumpen.«

«Weil die so viel Geld hat!«»Sie hat immerhin das Haus. Ich hätte sie bitten können, es mir zu überschreiben, damit ich eine zweite Hypothek aufnehmen und mir das Geld auf die Weise beschaffen kann. Sie hätte sofort mitgemacht, und das weißt du auch.«

China musste ihm zustimmen. Wann hatte ihre Mutter zu Chero- kees zweifelhaften Projekten je nein gesagt? Er hat Asthma, pflegte sie in seiner Kindheit entschuldigend zu sagen. Und später war der Spruch zu: Er ist eben ein Mann mutiert.

«Bei mir brauchst du es jedenfalls auch nicht zu versuchen«, sagte China.»Was ich habe, ist für mich und Matt und die Zukunft. «

«Als ob…«Cherokee stand auf, ging zur Küchentür und öffnete sie. Die Hände an den Rahmen gestützt, blickte er hinaus in den ausgedörrten Garten.

«Als ob was?«

«Ach, vergiss es.«

China wusch zwei Tomaten und begann, sie aufzuschneiden. Sie warf einen Blick auf ihren Bruder. Mit zusammengezogenen Augenbrauen stand er da und kaute auf der Unterlippe. Sie konnte in seinem Gesicht lesen wie in einem offenen Buch: Er heckte etwas aus.

«Ich hab was gespart«, sagte er.»Es reicht natürlich nicht, aber ich sehe eine Möglichkeit, mir einen ganz netten Batzen dazuzuverdienen.«

«Du willst behaupten, du hättest dir die ganze mühselige Tramperei hier herauf nicht angetan, um mich um einen kleinen Zuschuss zu bitten? Du hast dir vierundzwanzig Stunden am Straßenrand um die Ohren geschlagen, um mir einen Freundschaftsbesuch zu machen und von deinen Plänen zu erzählen?

Mich zu fragen, ob ich Thanksgiving zu Mam fahre? Logisch ist das nicht gerade. Es gibt Telefone. E-Mail. Telegramme. Zur Not auch Rauchzeichen.«

Er drehte sich zu ihr um und sah einen Moment schweigend zu, während sie eine Hand voll Champignons säuberte.»Wenn du's genau wissen willst«, sagte er schließlich,»hab ich zwei kostenlose Flugtickets nach Europa und dachte, meine kleine Schwester hätte vielleicht Lust, mitzukommen. Darum bin ich hier. Um zu fragen, ob du mitfliegst. Du warst doch noch nie dort, oder? Nenn's einfach ein vorzeitiges Weihnachtsgeschenk.«

China ließ das Messer sinken.»Wie, zum Teufel, bist du an zwei kostenlose Tickets nach Europa gekommen?«

«Kurierdienst.«

Kuriere, erklärte er, wurden eingesetzt, um Dokumente und Unterlagen von den Vereinigten Staaten an Bestimmungsorte rund um die Erde zu befördern, wenn der Absender fürchtete, die üblichen Beförderungsdienste wie Post, Federal Express oder UPS würden sie nicht sicher und rechtzeitig an den Empfänger ausliefern können. Unternehmen oder Privatpersonen kauften daher dem interessierten Reisenden ein Ticket an den Zielort — manchmal zahlten sie obendrein ein Honorar — , und sobald die Sendung in den Händen des Empfängers angelangt war, konnte der Kurier sich entweder ein paar schöne Tage vor Ort machen oder aber von dort aus Weiterreisen, ganz wie er wollte.

Bei Cherokee war es so gewesen, dass er am Schwarzen Brett der Universität in Irvine eine Anzeige gesehen hatte — »von einem Anwalt in Tustin, wie sich herausstellte«-, in der es hieß, man suche einen Kurier zur Beförderung einer Sendung nach Großbritannien und sei bereit, neben zwei Flugtickets ein angemessenes Honorar zu bezahlen. Cherokee hatte sich beworben und war unter der Bedingung genommen worden, dass er» auf korrekte Kleidung und einen ordentlichen Haarschnitt «achtete.

«Fünftausend Dollar Honorar«, schloss Cherokee aufgekratzt.»Wenn das kein guter Deal ist!«

«Was?! Fünftausend Dollar?«China war augenblicklich misstrauisch.»Moment mal, Cherokee. Was ist das für eine Sendung?«

«Baupläne. Deswegen hab ich ja bei dem zweiten Ticket sofort an dich gedacht. Architektur — das ist doch genau dein Ding. «Cherokee kehrte an den Tisch zurück, drehte den Stuhl herum und ließ sich diesmal rittlings darauf nieder.

«Und warum bringt der Architekt die Pläne nicht selbst rüber? Oder mailt sie übers Internet? Dafür gibt's extra ein Programm, oder wenn der Empfänger es nicht hat, warum schickt er dann die Pläne nicht per Diskette rüber?«

«Keine Ahnung! Ist mir auch egal. Fünf Riesen und ein Flugticket, China. Überleg doch mal.«

«Eben!«China schüttelte den Kopf.»Das kann nicht sauber sein. Nein, auf mich brauchst du da nicht zu zählen.«

«Hey! Wir reden von Europa. Big Ben. Der Eiffelturm. Das Kolosseum!«

«Dann amüsier dich mal gut. Wenn du nicht vorher am Zoll wegen Heroinschmuggel verhaftet wirst.«

«Glaub mir, die Sache ist total einwandfrei.«

«Fünftausend Dollar, nur um ein harmloses Päckchen zu befördern? Das glaub ich nie.«

«Mensch, China, sei nicht so. Du musst mitkommen.«

In seiner Stimme schwang ein Unterton, der sich als Ungeduld zu tarnen suchte, aber zu Verzweiflung zu werden drohte, und China sagte argwöhnisch:»Was ist los, Cherokee? Sag mir die Wahrheit.«

Cherokee zupfte an der Vinylkordel rund um den Rand der Stuhllehne.»Also, der Deal läuft nur, wenn ich mit meiner Frau reise.«

«Was?«

«Ich meine, die Tickets sind für ein Ehepaar. Das wusste ich erst nicht, aber als der Anwalt gefragt hat, ob ich verheiratet bin, hab ich ja gesagt, weil ich ihm angesehen habe, dass er darauf gewartet hat.«

«Aber warum denn?«

«Ist doch völlig egal. Merkt doch kein Mensch, dass wir kein Paar sind. Wir haben den gleichen Nachnamen. Wir sehen uns nicht ähnlich. Wir tun einfach so — «

«Nein! Ich meine, warum muss ein Ehepaar das Päckchen rüber- bringen? In >korrekter Kleidung< und mit einem >ordentlichen Haarschnitte Damit sie nicht auffallen, sondern möglichst harmlos aussehen und auf keinen Fall Verdacht erregen? Mensch, Cherokee, jetzt schalte doch mal dein Hirn ein. Das ist garantiert eine Schmuggelgeschichte, und du landest im Knast.«

«Du siehst wirklich überall Gespenster. Ich hab's nachgeprüft. Wir haben es mit einem Anwalt zu tun. Er ist echt, sag ich dir.«

«Na klar, das erhöht mein Vertrauen ganz ungemein. «Sie verteilte kleine Karotten auf dem Tellerrand, streute eine Hand voll Kürbiskerne über den Salat, träufelte Zitrone darauf und trug den Teller zum Tisch.»Also, ich mach da nicht mit. Du musst dir schon eine andere Mrs. River suchen.«

«Aber es ist niemand anders da. Und selbst wenn ich auf die Schnelle jemanden finden könnte — auf den Tickets muss River stehen, und der Pass muss mit dem Ticket übereinstimmen und. Komm schon, China. «Er hörte sich an wie ein kleiner Junge, der nicht glauben konnte, dass sein schöner Plan, von dem er geglaubt hatte, er ließe sich mit einem Abstecher nach Santa Barbara leicht verwirklichen, ins Wasser zu fallen drohte. Das war typisch Cherokee: Hey, ich hab eine Idee — und natürlich machten die anderen einfach mit.

Aber China war dazu nicht bereit. Sie liebte ihren Bruder. Obwohl er der Ältere war, hatte sie ihn immer bemuttert, nicht nur in der Kindheit, sondern auch später noch, als sie beide Teenager gewesen waren. Aber so sehr sie Cherokee liebte, sie würde ihn keinesfalls bei einem Plan unterstützen, der zwar vielleicht leicht verdientes Geld, aber auch sie beide in Gefahr bringen würde.

«Kommt nicht in Frage«, sagte sie.»Vergiss es. Such dir einen Job. Irgendwann musst du mal dem wahren Leben ins Gesicht sehen.«

«Das versuch ich doch gerade.«

«Dann such dir eine geregelte Arbeit. Früher oder später musst du das sowieso tun. Dann am besten gleich.«

«Na toll!«Er sprang auf.»Das ist echt klasse, China. Such dir eine geregelte Arbeit. Sieh dem wahren Leben ins Gesicht. Und ich bemüh mich, hab sogar schon eine Idee, wie ich drei Fliegen mit einer Klappe schlage — Job, Haus und Geld — , aber dir ist das offensichtlich nicht gut genug. Es muss das wahre Leben sein und ein Job, so wie du ihn dir vorstellst. «Er stürmte zur Tür hinaus in den Garten.

China folgte ihm. Ein Vogelbad stand in der Mitte des vertrockneten Rasens, Cherokee kippte das Wasser aus, packte eine Drahtbürste neben dem Sockel und attackierte damit zornig schrubbend die Algen im geriffelten Becken. Er lief zum Haus, wo ein zusammengerollter

Schlauch lag, drehte das Wasser auf und zog den Schlauch zum Vogelbecken, um es neu zu füllen.

«Jetzt hör doch mal zu«, sagte China.

«Vergiss es«, entgegnete er.»Du findest es blöd. Und mich findest du genauso blöd.«

«Hab ich das gesagt?«

«Ich will nicht so leben wie alle anderen — jeden Tag malochen von acht bis fünf für ein paar lausige Kröten — , aber das passt dir nicht. Für dich gibt es nur eine Art, sein Leben zu führen, und jeder, der andere Vorstellungen hat, ist unrealistisch und blöd und kann nur im Knast enden.«

«Wo kommt denn das alles her?«

«Deiner Ansicht nach soll ich mich für Peanuts krumm und bucklig schuften und die paar Mäuse auch noch brav auf die hohe Kante legen, damit ich am Ende mit einer Hypothek und einem Stall voll Kinder und einer Ehefrau dastehe, die vielleicht eine bessere Ehefrau und Mutter ist als Mam. Aber das ist dein Lebensentwurf! Nicht meiner. «Er schleuderte den Schlauch auf die Erde.

«Das hat mit Lebensentwürfen gar nichts zu tun. Hier geht's um vernünftige Überlegung. Schau dir doch mal genau an, was du da vorhast, was man dir anträgt!«

«Geld«, sagte er.»Fünftausend Dollar. Fünftausend Dollar, die ich, verdammt noch mal, brauche.«

«Um dir ein Boot zu kaufen, obwohl du von Booten nichts verstehst? Und mit irgendwelchen Leuten weiß Gott wohin zum Fischfang rauszufahren, von dem du auch keine Ahnung hast?

Denk doch wenigstens mal nach! Wenn schon nicht über das Boot, dann wenigstens über die Kuriergeschichte.«

«Ich?«Er lachte scharf.»Ich soll nachdenken? Und wann fängst du mal damit an?«

«Ich? Wie — «

«Ich kann's nicht fassen. Du sagst mir, wie ich mein Leben zu führen habe, während deines ein einziger Witz ist und du es nicht mal merkst. Ich biete dir eine Chance, da rauszukommen, zum ersten Mal seit Jahren — zehn Jahren oder mehr — was zu ändern, und dir fällt nichts Besseres ein, als — «

«Was? Wo soll ich rauskommen?«

«- mich niederzumachen, weil dir mein Lebensstil nicht gefällt. Dass deiner viel erbärmlicher ist, das siehst du gar nicht.«

«Was weißt du denn schon über mein Leben?«Sie war jetzt auch aufgebracht. Sie hasste diese Art ihres Bruders, die Dinge zu verdrehen. Wenn man mit ihm über die Entscheidungen sprechen wollte, die er getroffen hatte oder zu treffen gedachte, drehte er unweigerlich den Spieß um und nahm einen selbst aufs Korn. Immer ging er sofort zum Angriff über, dem man nur unbeschadet entkommen konnte, wenn man schlagfertig war.»Erst lässt du dich monatelang nicht sehen, dann brichst du in mein Haus ein, verlangst meine Hilfe bei irgendeinem zwielichtigen Geschäft, und wenn ich dann nicht spure, wie du es erwartet hast, bin plötzlich ich an allem schuld. Aber dieses Spiel mache ich nicht mit, mein Lieber.«

«Logo. Du machst nur Matts Spielchen mit.«

«Was soll das heißen?«, fragte China scharf, aber sie konnte es nicht ändern: Bei der Nennung von Matts Namen erschrak sie.

«Mein Gott, China. Du findest mich dumm! Aber wann wirst du eigentlich mal gescheit?«

«Wie meinst du das? Wovon redest du?«

«Na, dieses ganze Getue mit Matt. Du lebst für Matt. Du sparst für Matt. Lächerlich ist das. Ach was, jämmerlich! Mensch, du bist so blind, dass du bis heute nicht gemerkt hast — «Er brach ab, als wäre ihm plötzlich eingefallen, wo er sich befand, mit wem er zusammen war und wie sie an diesen Punkt gekommen waren. Er bückte sich, hob den Schlauch auf, trug ihn zum Haus zurück und stellte das Wasser ab. Mit übertriebener Genauigkeit rollte er den Schlauch wieder zusammen.

China sah ihm zu. Ihr war auf einmal, als sei ihr ganzes Leben — die Vergangenheit und die Zukunft — auf diesen einen Moment geschrumpft, in dem sie wusste und nicht wusste, beides zugleich.

«Was weißt du von Matt?«, fragte sie ihren Bruder.

Einen Teil der Antwort kannte sie schon. Sie waren alle drei Teenager in demselben heruntergekommenen Viertel einer Stadt namens Orange gewesen, wo Matt Surfer gewesen war, Cherokee sein Fan und China der Schatten der beiden. Einen anderen Teil der Antwort jedoch hatte sie nie erfahren, weil der in den Stunden und Tagen versteckt war, in denen die beiden Jungen allein losgezogen waren, um in Huntington Beach die Wellen zu reiten.

«Vergiss es. «Cherokee drängte sich an ihr vorbei und ging wieder ins Haus.

Sie folgte ihm. Aber er machte weder in der Küche noch im Wohnzimmer Halt. Er ging direkt nach vorn durch, zog die Fliegengittertür auf und trat auf die windschiefe Veranda. Erst dort blieb er stehen und sah mit zusammengekniffenen Augen zur hellen, heißen Straße hinaus, wo die Sonne auf die geparkten Autos herunterbrannte und ein Windstoß welkes Laub raschelnd über das Pflaster fegte.

«Ich finde, du solltest mir sagen, worauf du anspielst«, sagte China.»Du hast davon angefangen. Jetzt bring es auch zu Ende.«

«Vergiss es«, sagte er erneut.

«Du hast von jämmerlich gesprochen. Von lächerlich. Von einem Spiel.«

«Das ist mir nur so rausgerutscht«, sagte er.»Ich war sauer.«

«Du triffst Matt doch, wenn er seine Eltern besucht. Und dann redest du auch mit ihm, oder nicht? Was weißt du, Cherokee? Hat er — «Sie wusste nicht, ob sie es wirklich aussprechen konnte, so groß war ihre Angst vor der Gewissheit. Aber da waren seine langen Abwesenheiten, seine Reisen nach New York, seine Absagen. Er lebte zwar in Los Angeles, wenn er nicht auf Reisen war, aber wenn er wirklich einmal zu Hause war, hatte er fast immer so viel zu tun, dass nicht einmal Zeit für ein Wochenende mit ihr blieb. Sie hatte sich einzureden versucht, dass das alles — gemessen an den gemeinsam verbrachten Jahren — keine Bedeutung hatte. Aber ihre Zweifel waren gewachsen, und jetzt standen sie vor ihr und forderten, anerkannt oder verworfen zu werden.

«Hat Matthew eine andere?«, fragte sie ihren Bruder.

Prustend schüttelte er den Kopf. Aber es schien weniger eine Antwort auf ihre Frage zu sein als eine Reaktion auf die Tatsache, dass sie die Frage überhaupt gestellt hatte.

«Fünfzig Dollar und ein Surfbrett hab ich verlangt«, sagte er.»Ich hab für die Ware garantiert — sei einfach nett zu ihr, hab ich gesagt, dann macht sie schon mit — , und daraufhin hat er gezahlt.«

China hörte die Worte, und im ersten Moment weigerte sich ihr Hirn, sie aufzunehmen. Aber sie erinnerte sich; erinnerte sich, wie Cherokee damals mit dem Surfbrett nach Hause gekommen war und triumphierend gerufen hatte:»Matt hat es mir geschenkt!«Und sie erinnerte sich an das, was folgte: Sie war siebzehn Jahre alt gewesen, ungeküsst und unberührt, ohne jede Erfahrung mit jungen Männern, und eines Tages war Matthew Whitecomb gekommen — groß und schüchtern, auf dem Surfbrett ein Ass, aber Mädchen gegenüber ein Tollpatsch — und hatte sie vor Verlegenheit stammelnd gefragt, ob sie einmal mit ihm ausgehen würde. Nur war das nicht Verlegenheit gewesen, sondern das Verlangen danach, die Ware in Besitz zu nehmen, die er ihrem Bruder abgekauft hatte.

«Du hast mich verkauft — «

Cherokee drehte sich herum und sah sie an.»Er findet dich gut im Bett, China. Das ist es. Das ist alles. Weiter nichts.«

«Das glaube ich dir nicht. «Aber ihr Mund war trocken, trockener als ihre Haut sich im heißen Wüstenwind angefühlt hatte, trockener sogar als die ausgedörrte, brüchige Erde, in der die Blumen welkten und die Regenwürmer sich verkrochen.

Sie tastete hinter sich nach dem rostigen Knauf der alten Fliegengittertür und ging ins Haus. Ihr Bruder folgte ihr betreten, sie hörte es an seinem schlurfenden Schritt.

«Ich wollte es dir nicht sagen«, erklärte er.»Es tut mir Leid. Ich wollte es dir niemals sagen.«

«Hau ab!«, erwiderte sie.»Geh einfach weg. Los, geh!«

«Du weißt, dass ich die Wahrheit sage. Du weißt es, weil du schon lange spürst, dass es zwischen euch nicht stimmt, schon eine ganze Weile nicht mehr.«

«Ich weiß nichts Dergleichen«, behauptete sie.

«Doch, du weißt es. Und es ist besser, es zu wissen. Jetzt kannst du ihn gehen lassen. «Er trat hinter sie und legte ihr — ungewohnt zaghaft, wie ihr schien — die Hand auf die Schulter.»Komm mit nach Europa, China«, sagte er leise.»Da wird das Vergessen leichter.«

Sie schüttelte seine Hand ab und drehte sich nach ihm um.»Mit dir würde ich nicht mal vor die Tür gehen.«

INSEL GUERNSEY Ärmelkanal

5. Dezember, 6 Uhr 30

Ruth Brouard fuhr erschrocken aus dem Schlaf. Irgendetwas stimmte nicht im Haus. Sie blieb still liegen und lauschte in die Dunkelheit, wie sie es vor vielen Jahren gelernt hatte, als es galt, abzuwarten, ob das Geräusch sich wiederholen würde, und daraus zu schließen, ob sie in ihrem Versteck sicher war oder fliehen sollte. Was für ein Geräusch das eben gewesen war, hätte sie in diesem Moment angestrengten Horchens nicht sagen können, aber es war nicht einer der gewohnten nächtlichen Laute gewesen wie das Ächzen des Hauses, das Klappern eines Fensters in seinem Rahmen, das Rauschen des Windes oder der Schrei einer Möwe, die im Schlaf gestört worden war. Ihr Puls begann schneller zu schlagen, während sie sich, immer noch angespannt lauschend, zwang, die verschiedenen Gegenstände im Zimmer zu unterscheiden, um jeden Einzelnen zu mustern und seinen Standort in der Dunkelheit mit jenem zu vergleichen, den er bei Tag innehatte, wenn weder Gespenster noch Einbrecher es wagen würden, den Frieden des alten Herrenhauses zu stören, in dem sie lebte.

Sie hörte nichts Ungewöhnliches mehr und schrieb ihr plötzliches Erwachen einem Traum zu, an den sie sich nicht erinnern konnte. Die Überempfindlichkeit ihrer Nerven lastete sie ihrer Fantasie an und dem Medikament, das sie einnahm, das stärkste Schmerzmittel, das der Arzt ihr anstelle des Morphiums, das ihr Körper brauchte, zu geben bereit war.

Sie stöhnte leise, als der Schmerz sich in ihren Schultern sammelte und in ihre Arme ergoss. Ärzte, dachte sie, waren moderne Krieger, ausgebildet, den Feind im Inneren bis auf die letzte Zelle zu bekämpfen. Darauf waren sie programmiert, und sie war dankbar dafür. Doch es gab Momente, da wusste der Patient mehr als der Arzt, und so ein Moment war jetzt gekommen. Sechs Monate, dachte sie. Zwei Wochen bis zu ihrem sechsundsechzigsten Geburtstag, den siebenundsechzigsten würde sie nicht mehr erleben. Nach einer Ruhepause von zwanzig Jahren, in der sie sich zum Optimismus hatte verführen lassen, hatte die teuflische Krankheit es geschafft, von ihrer Brust in ihre Knochen vorzustoßen.

Sie drehte sich vom Rücken auf die Seite, und ihr Blick fiel auf die rote Digitalanzeige des Weckers neben ihrem Bett. Es war später, als sie gedacht hatte. Sie hatte sich von der Jahreszeit irreführen lassen und wegen der Dunkelheit angenommen, es wäre erst zwei oder drei Uhr; aber es war schon halb sieben, nur eine Stunde vor der Zeit, zu der sie gewöhnlich aufstand.

In dem Zimmer nebenan nahm sie ein Geräusch wahr, aber kein ungewöhnliches, das Traum oder Fantasie entsprungen war. Es war das sachte Reiben von Holz auf Holz, als eine Schranktür geöffnet und wieder geschlossen, eine Kommodenschublade aufgezogen und wieder zugeschoben wurde. Etwas schlug mit gedämpftem Aufprall auf den Boden, und Ruth sah ihn augenblicklich vor sich, wie er in der Hast die Laufschuhe fallen ließ.

Er hatte sich wahrscheinlich schon in seine Badehose hineingezwängt — dieses Zipfelchen himmelblauen Lycras, das sie für einen Mann seines Alters absolut unpassend fand — und seinen Trainingsanzug darüber gezogen. Nun brauchte er nur noch in die Schuhe zu schlüpfen, und eben das tat er im Moment, wie ein Knarren des Schaukelstuhls Ruth verriet.

Lächelnd lauschte sie dem Tun ihres Bruders. Guy war so zuverlässig wie die Wiederkehr der Jahreszeiten. Er hatte gestern Abend gesagt, dass er am Morgen schwimmen gehen würde, also tat er das auch — wie im Übrigen jeden Morgen. Durch den Park pflegte er zur Straße zu laufen und in strammem Tempo, um warm zu werden, zum Strand hinunterzumarschieren, allein auf der schmalen Serpentinenstraße, die einen Zickzacktunnel in die Bäume schnitt. Mehr als alles andere bewunderte Ruth an ihrem Bruder seine Fähigkeit, an seinen Plänen festzuhalten und sie zum Erfolg zu führen.

Sie hörte ihn seine Zimmertür schließen und wusste schon, wie es weitergehen würde: In der Dunkelheit würde er sich den Weg zum Wäscheschrank ertasten und ein Handtuch herausnehmen. Dafür würde er vielleicht zehn Sekunden brauchen, danach aber sicher fünf Minuten, um seine Schwimmbrille zu suchen, die er bei seiner Heimkehr gewöhnlich gedankenlos irgendwo hinzuwerfen pflegte, in den Messerkasten oder den Zeitungsständer oder aufs Büfett im Frühstückszimmer. Mit der Schwimmbrille in der Hand würde er in die Küche gehen, um sich einen Tee zu kochen — eine dampfende Mischung aus Ginkgo und Grüntee, die er stets auf seinen Morgenausflug mitnahm, als Belohnung nach einem Bad bei Wassertemperaturen, die gewöhnliche Sterbliche abgeschreckt hätten — , und dann losgehen, über den Rasen zu den Kastanien, zur Auffahrt dahinter und weiter bis zu der Mauer, die das Anwesen begrenzte. Wie immer. Wieder lächelte sie bei dem Gedanken an diese Zuverlässigkeit ihres Bruders, ein Wesenszug, den sie an ihm am meisten liebte und dem es zu verdanken war, dass Ruth sich geborgen fühlte, obwohl es eigentlich anders hätte sein müssen.

Sie sah zu, wie die Ziffern auf ihrer Digitaluhr umsprangen, während die Minuten verstrichen und ihr Bruder seine Vorbereitungen traf. Jetzt stand er wahrscheinlich am Wäscheschrank, jetzt ging er die Treppe hinunter, suchte die Schwimmbrille und verfluchte sein Gedächtnis, das ihn nun, da er sich den Siebzig näherte, immer öfter im Stich ließ, jetzt war er vermutlich in der Küche und genehmigte sich vielleicht sogar heimlich einen kleinen Imbiss vor dem Schwimmen.

In dem Moment, an dem das allmorgendliche Ritual Guy aller Voraussicht nach aus dem Haus führen würde, stand Ruth auf und hängte sich ihren Morgenrock um die Schultern. Mit nackten Füßen ging sie zum Fenster und zog den schweren Vorhang auf die Seite. Sie zählte von zwanzig rückwärts, und als sie bei fünf ankam, sah sie ihn unten aus dem Haus treten, so zuverlässig wie der Ablauf der Stunden, die den Tag bestimmten, wie der Dezemberwind, der das Salz des Ärmelkanals über das Land wehte.

Er hatte an, was er immer anhatte: eine rote Wollmütze, die er über das volle, ergrauende Haar tief in die Stirn gezogen trug, so dass sie seine Ohren bedeckte, den marineblauen Trainingsanzug, der an Ellbogen, Manschetten und Knien noch Flecken von der weißen Farbe hatte, mit der er im vergangenen Sommer den Wintergarten gestrichen hatte, Laufschuhe ohne Socken — das allerdings konnte sie von oben nicht erkennen, aber sie kannte ihren Bruder und wusste, wie er sich zu kleiden pflegte. Er trug die Thermoskanne mit dem Tee in der Hand. Ein Badetuch lag um seinen Hals. Die Schwimmbrille steckte vermutlich in einer seiner Taschen.

«Viel Spaß beim Schwimmen«, sagte sie, die Lippen an der eisigen Fensterscheibe. Und fügte hinzu, was er immer zu ihr sagte, was ihre Mutter ihnen vor langer Zeit zugerufen hatte, als der Fischkutter abgelegt hatte, um sie von zu Hause fort in die pechschwarze Nacht hinauszutragen:»Au revoir et adieu, mes cheris.«

Ihr Blick folgte ihm, als er wie jeden Morgen unten den Rasen überquerte, um die Bäume und die Auffahrt hinter ihnen zu erreichen.

Aber an diesem Morgen blieb er nicht allein. Als er bei den Kastanien anlangte, löste sich aus ihrem Schatten eine Gestalt und folgte ihm.

Vor sich sah Guy Brouard die Lichter im Haus der Duffys, einem kompakten Steinbau, der einen Teil der Grenzmauer des Besitzes bildete. In dem Häuschen mit dem steilen Giebeldach, in dem früher die Pächter des Freibeuters, der Le Reposoir zu Beginn des achtzehnten Jahrhunderts erbaut hatte, ihre Abgaben entrichten mussten, lebte jetzt das Ehepaar, das Guy und seiner Schwester bei der Pflege und Instandhaltung des Besitzes half: Kevin Duffy, der für die Außenarbeiten zuständig war, und seine Frau Valerie, die den Haushalt führte.

Das Licht im Haus verriet, dass Valerie schon auf den Beinen war, vermutlich machte sie gerade Kevin das Frühstück. Typisch Valerie — Ehefrauen wie sie, die es als ihre Aufgabe und ihr Privileg betrachteten, für ihren Mann zu sorgen, gab es heute nicht mehr. Hätte er, sagte sich Guy, gleich so eine Frau gefunden, so hätte er es nicht nötig gehabt, sein ganzes Leben damit zu vertun, sämtliche sich bietenden Möglichkeiten durchzuprobieren, um vielleicht doch noch die Richtige zu finden.

Die beiden Frauen, mit denen er verheiratet gewesen war, hatten dem traurigen Stereotyp entsprochen. Ein Kind mit der Ersten, zwei Kinder mit der Zweiten, ein schönes Zuhause, schöne Autos, schöne Urlaube in der Sonne, Kindermädchen, Internate, das alles hatte nicht gezählt: Du arbeitest zu viel. Du bist nie zu Hause. Du liebst deine Arbeit mehr als mich. Endlose Variationen zu einem tödlichen Thema. Kein Wunder, dass er es nicht geschafft hatte, treu zu bleiben.

Guy ließ die kahlen Kastanien hinter sich und folgte der Auffahrt in Richtung zur Straße. Noch war alles still, aber als er das eiserne Tor erreichte und den einen Flügel aufzog, begannen in den Bombeerst- räuchern, im Schwarzdorn und im Efeu, der an der schmalen Straße wucherte und sich an der von Flechten überzogenen Steinmauer emporzog, die ersten Vögel zu zwitschern.

Es war kalt. Dezember. Was konnte man da anderes erwarten. So früh am Tag ging wenigstens noch kein Wind, wenn auch für später ein seltener Südostwind angesagt war, der das Schwimmen nach Mittag unmöglich machen würde. Aber es war ohnehin nicht zu erwarten, dass außer ihm jemand auf den Gedanken kam, im Dezember zu schwimmen. Das war einer der Vorteile, wenn man nicht kälteempfindlich war: Man hatte das Wasser für sich allein.

Und so war es Guy Brouard am liebsten. Denn beim Schwimmen ließ sich gut nachdenken, und er hatte meistens eine Menge nachzudenken.

Heute war das nicht anders. Mit der Grenzmauer des Besitzes zu seiner Rechten und den hohen Hecken des umgebenden Ackerlands zu seiner Linken, ging er durch das graue Morgenlicht die Straße entlang zur ersten scharfen Kurve auf dem Weg, der ihn den steilen Hügel hinunter zur Bucht führen würde. Er dachte darüber nach, was er in seinem Leben in den letzten Monaten angerichtet hatte, einiges bewusst und nach reiflicher Überlegung, anderes als Konsequenz von Ereignissen, die niemand hätte voraussehen können. Bei seinen engsten Weggefährten hatte er nicht nur Enttäuschung und Befremden hervorgerufen, sondern auch das Gefühl, betrogen worden zu sein. Und weil es seit langem seine Gewohnheit war, die Dinge, die ihm am meisten am Herzen lagen, für sich zu behalten, hatten sie nicht begreifen können, wie sie sich in ihren Erwartungen hinsichtlich seiner Person so gründlich hatten irren können. Nahezu ein Jahrzehnt lang hatte er sie ermuntert, in Guy Brouard den ewigen Wohltäter zu sehen, väterlich besorgt um ihre Zukunft und auf die großzügigste Weise bemüht, diese Zukunft zu sichern. Er hatte sie damit nicht irreführen wollen. Im Gegenteil, es war stets seine Absicht gewesen, jedem von ihnen seinen geheimen Traum zu erfüllen.

Aber nur so lange, bis er das erste Mal auf Ruths Gesicht die Grimasse des Schmerzes wahrgenommen hatte, die sie sich erlaubte, wenn sie dachte, er sähe es nicht, und bevor er begriffen hatte, was diese Grimasse bedeutete. Er hätte vermutlich nichts gemerkt, hätte sie nicht plötzlich angefangen, sich unter dem Vorwand, auf den Klippen wandern zu wollen, fortzustehlen. Am Icart Point mit seinen von Feldspatkristallen durchzogenen Gneisfelsen hole sie sich die Inspiration für eine künftige Petit-Point-Arbeit, behauptete sie. In Jerbourg, berichtete sie, bildeten die Schieferschichten im Stein Bänder in unterschiedlichem Grau, die es einem erlaubten, den Weg zu verfolgen, den Zeit und Natur bei der Ablagerung von Schlick und Sedimenten in dem uralten Gestein genommen hatten. Sie skizziere den Stechginster, sagte sie, und zeichne mit ihren Stiften Grasnelke und Lichtnelke in Rosa und Weiß. Sie sammle Margeriten, arrangiere sie auf der zerklüfteten Oberfläche eines Granitblocks und fertige Zeichnungen von ihnen an. Sie pflücke beim Wandern je nach Jahreszeit und persönlicher Neigung Glockenblumen, Ginster, Heidekraut, Stechginster, wilde Narzissen und Lilien. Aber irgendwie schafften es die Blumen nie bis nach Hause.»Sie haben zu lange im Auto gelegen, ich musste sie wegwerfen«, pflegte sie zu erklären.»Wilde Blumen halten nicht, wenn man sie pflückt.«

Monat um Monat war das so gegangen. Aber Ruth war keine Klippenwanderin. Sie war auch keine Blumensammlerin oder Geologiestudentin. Natürlich wurde Guy misstrauisch.

Anfangs glaubte er törichterweise, es gäbe endlich einen Mann im Leben seiner Schwester und es sei ihr peinlich, ihm das zu sagen. Dann aber sah er eines Tages ihren Wagen vor dem Princess- Elizabeth-Hospital stehen, und dieser Zufall, mit ihrem häufig schmerzverzerrten Gesicht und den langen Rückzügen in ihr Zimmer in Verbindung gebracht, zwang ihn, zur Kenntnis zu nehmen, was er nicht zur Kenntnis hatte nehmen wollen.

Seit der Nacht, als sie von Frankreichs Küste abgelegt hatten, um in einem Fischkutter unter Netzen versteckt die Flucht anzutreten, die viel zu lange hinausgezögert worden war, war sie in seinem Leben die einzige Konstante gewesen. Sie war sein Überlebensgrund gewesen, sein Ansporn, erwachsen zu werden, Pläne zu machen, erfolgreich zu sein.

Aber dies? Daran konnte er nichts ändern. Vor dem, woran seine Schwester jetzt litt, konnte kein Fischkutter in der Nacht sie retten.

Wenn er die anderen enttäuscht, befremdet und betrogen hatte, so war das nichts im Licht des drohenden Verlusts von Ruth.

Das morgendliche Schwimmen brachte ihm Erleichterung von den überwältigenden Ängsten, die diese Überlegungen auslösten. Er wusste, ohne das tägliche Bad in der Bucht würden die Gedanken an seine Schwester ihn aufzehren, ganz zu schweigen von dem Hadern mit seiner Ohnmacht, an ihrem Schicksal etwas zu ändern.

Die Straße, auf der er sich befand, war steil und schmal, die Ostküste der Insel war dicht bewaldet. Dank dem seltenen Auftreten rauer Winde aus Frankreich gediehen hier Bäume in üppiger Vielfalt. Das Geäst von Platanen und Kastanien, Eschen und Buchen bildete über Guy ein filigranes Gewölbe, das sich als graue Silhouette vom dunklen Zinn des noch beinahe nächtlichen Himmels abhob. Die Bäume standen auf schroffen, mit steinernen Mauern befestigten Hängen, zu deren Füßen das Wasser aus einer weiter landeinwärts gelegenen Quelle floss und auf seinem raschen Lauf zum Meer die Felsen umspülte.

Die Straße führte in Serpentinen abwärts, vorbei an einer schattigen Wassermühle und einem Hotel im Stil eines Schweizer Chalets, das fehl am Platz wirkte und über den Winter geschlossen war. Sie ende- te an einem kleinen Parkplatz mit einer Imbissbude, die verriegelt und mit Brettern gesichert war, und einer glitschigen Granitrampe, die früher Pferdefuhrwerken Zugang zum vraic geboten hatte, einer für die Kanalinseln typischen Tangart, die den Bauern als Dünger diente.

Die Luft war still, die Möwen hatten sich noch nicht von ihren Ruheplätzen auf den Felsen erhoben. Das Wasser in der Bucht war ruhig, ein aschefarbener Spiegel, der die Farbe des heller werdenden Himmels reflektierte. Es gab keine Wellen an diesem geschützten Ort, nur den sanften Schlag von Wasser auf Kiesel, eine sachte Berührung, die im Tang die kontrastierenden Gerüche erwachenden Lebens und lautlosen Verfalls freizusetzen schien.

Bei dem Rettungsring, der von einem vor langer Zeit in den Fels getriebenen Haken herabhing, legte Guy sein Handtuch ab und stellte die Thermoskanne auf einen Stein mit glatter Oberfläche. Er zog seine Schuhe und die Hose seines Trainingsanzugs aus und griff in die Jackentasche nach der Schwimmbrille.

Seine Finger berührten jedoch nicht nur die Brille, sondern daneben ein kleines, in Stoff eingeschlagenes Objekt, das er herauszog und verwundert in der offenen Hand hielt. Nur sehr selten hatte er außer der Schwimmbrille etwas in seiner Jacke.

Der Gegenstand war in weißes Leinen eingehüllt. Als er den Stoff neugierig auseinander schlug, fand er einen kreisrunden Stein, der in der Mitte ein Loch hatte und ein Rad darstellen sollte: enne rouelle de faitot. Ein Elfenrad.

Guy lächelte. Die Insel war ein Ort, an dem alter Volksglaube sich auch heute noch hielt. Man spottete vielleicht über die Idee, zum Schutz vor Hexen und ihresgleichen einen Talisman zu tragen, im Stillen jedoch verwarf man sie nicht so leicht. Du solltest immer so einen bei dir tragen, Guy. Jeder braucht Schutz.

Aber der Stein — ob Elfenrad oder nicht — hatte nicht die Kraft besessen, ihn so zu schützen, wie er sich geschützt geglaubt hatte. Das Unerwartete trat in jedermanns Leben, also hätte er sich eigentlich nicht wundern dürfen, als es auch in seines getreten war.

Er hüllte den Stein wieder in das Leinen und schob ihn in die Tasche, legte Jacke und Wollmütze ab und setzte die Schwimmbrille auf, ging über den schmalen Strand und watete ohne Zögern ins Wasser.

Es traf ihn wie ein Schock. Nicht einmal im Hochsommer war das Wasser im Ärmelkanal warm. An diesem düsteren Wintermorgen war es eiskalt und bedrohlich.

Aber daran dachte er nicht, als er resolut weiter hineinwatete und, sobald er ausreichend Tiefe hatte, sich vom Grund abstieß und zu schwimmen begann. Er mied die Tangzonen und bewegte sich schnell durch das Wasser.

So schwamm er hundert Meter weit hinaus bis zu dem Granitfelsen, der, wie eine Kröte geformt, die Stelle kennzeichnete, wo die Bucht mit dem Ärmelkanal zusammentraf. Hier machte er Halt, direkt am Auge der Kröte, einem Guanoklumpen, der sich in einer seichten Mulde im Stein angesammelt hatte. Er wandte sich dem Strand zu und begann, Wasser zu treten, die beste Methode, die er kannte, um sich für die kommende Skisaison in Österreich fit zu halten. Wie immer nahm er seine Brille ab, um seinen Augen ein paar Minuten lang ein klares Bild zu gönnen, und ließ seinen Blick gemächlich von den fernen baumbestandenen Hängen über raues, von Felsbrocken übersätes Gelände abwärts schweifen zum Strand, während er beim Wassertreten lautlos mitzählte.

Plötzlich stockte er.

Da war jemand. Dort am Strand, größtenteils im Schatten, stand eine Gestalt, die ihn beobachtete. Unverkennbar. Sie stand neben der Granitrampe, dunkel gekleidet mit einem Streifen Weiß am Hals, dem es vermutlich zu verdanken war, dass er überhaupt aufmerksam geworden war. Während Guy blinzelnd versuchte, die Gestalt schärfer in den Blick zu bekommen, trat diese von der Rampe fort und ging weiter den Strand entlang.

Ihr Ziel war klar. Sie ging zu seinen abgelegten Kleidern und kniete neben ihnen nieder, um etwas hochzuheben, die Jacke oder die Hose — das war auf diese Entfernung schwer zu erkennen.

Doch Guy konnte sich denken, worauf die Person es abgesehen hatte, und er fluchte. Er hätte seine Taschen durchsehen sollen, bevor er das Haus verlassen hatte. Ein gewöhnlicher Dieb hätte sich natürlich nicht für den kleinen durchbohrten Stein interessiert, den Guy Brouard in der Tasche trug. Aber ein gewöhnlicher Dieb hätte auch nie damit gerechnet, so früh an einem kalten Dezembermorgen die unbewachten Kleider eines Schwimmers am Strand vorzufinden. Wer immer die Person war — sie wusste, wer da draußen in der Bucht schwamm. Und sie suchte entweder den Stein oder kramte in Guys Kleidung, weil sie hoffte, ihn damit an Land zurückzulocken.

Verdammt noch mal, dachte er. Diese Zeit gehörte ihm allein. Er dachte nicht daran, sie mit irgendjemandem zu teilen. Wichtig war ihm jetzt nur seine Schwester und wie sie sterben würde.

Er begann, wieder zu schwimmen, durchquerte zweimal die Bucht und sah, als er schließlich erneut zum Strand blickte, mit Befriedigung, dass die Person, die ihn in seinem Alleinsein und seinem Frieden gestört hatte, verschwunden war.

Er schwamm ans Ufer und erreichte es außer Atem, nachdem er beinahe das Doppelte der Strecke zurückgelegt hatte, die er sonst morgens schwamm. Taumelnd und schlotternd vor Kälte rannte er aus dem Wasser zu seinem Handtuch.

Der Tee versprach rasche Abhilfe gegen die Kälte, und er goss sich aus der Thermosflasche einen Becher ein. Er war stark und bitter und vor allem heiß, und Guy trank den Becher leer, bevor er seine Badehose auszog und sich ein zweites Mal einschenkte. Jetzt trank er langsamer, trocknete sich dabei ab und rubbelte kräftig, um wieder warm zu werden. Er schlüpfte in seine Hose und ergriff seine Jacke, warf sie sich um die Schultern und setzte sich auf einen Felsen, um seine Füße zu trocknen. Erst nachdem er seine Laufschuhe angezogen hatte, schob er die Hand in die Tasche. Der Stein war noch da.

Er ließ sich das durch den Kopf gehen. Er ließ sich durch den Kopf gehen, was er vom Wasser aus gesehen hatte. Er reckte den Hals und suchte mit den Augen den Hang ab. Nirgends rührte sich etwas.

Er fragte sich, ob das, was er am Strand zu sehen geglaubt hatte, eine Täuschung gewesen war. Vielleicht war es gar kein Mensch aus

Fleisch und Blut gewesen, sondern eine Ausgeburt seines Gewissens. Fleischgewordene Schuld, zum Beispiel.

Er zog den Stein heraus. Noch einmal packte er ihn aus und strich mit dem Daumen über die eingeritzten Initialen. Jeder braucht Schutz, dachte er. Die Schwierigkeit war, zu wissen, vor wem oder was.

Er spülte den Rest des Tees hinunter und goss sich noch einen Becher ein. In weniger als einer Stunde würde die Sonne aufgegangen sein. Er beschloss, diesen Moment heute Morgen abzuwarten.

LONDON

Dezember, 23 Uhr 15

1

Ein Glück, dass man über das Wetter reden konnte. Eine Woche Regen, der kaum einmal länger als eine Stunde ausgesetzt hatte, war schon bemerkenswert, selbst für das, was man vom Dezember gewöhnt war. Und die Tatsache, dass große Teile von Somerset, Dorset, East Anglia, Kent und Norfolk überschwemmt waren — ganz zu schweigen von den Städten York, Shrewsbury und Ipswich, die zu drei Vierteln unter Wasser standen — , verbot praktisch nachträgliche Diskussionen über die Vernissage einer Ausstellung von SchwarzWeiß-Fotografien in einer Galerie in Soho. Man konnte sich doch nicht über die paar Freunde und Verwandte auslassen, die das spärliche Eröffnungspublikum ausgemacht hatten, wenn außerhalb Londons Menschen Haus und Hof verloren, Tausende von Tieren in Sicherheit gebracht werden mussten und überall Grundbesitz zerstört wurde. Eine solche Naturkatastrophe zu ignorieren wäre schlicht unmenschlich.

Das jedenfalls versuchte Simon St. James sich einzureden.

Er war sich bewusst, dass er sich mit solchen Überlegungen nur über etwas hinwegzutäuschen suchte, aber er stellte sie trotzdem an. Er hörte den Wind an den Fensterscheiben rütteln und nahm das dankbar zum Anlass, um einen Versuch zu unternehmen, seine Gäste zum Bleiben zu überreden.

«Warum wartet ihr nicht, bis der Sturm ein bisschen nachlässt?«, fragte er.»Bei diesem Unwetter wird das eine mörderische Heimfahrt. «Er hörte selbst seinen eindringlichen Ton und hoffte, sie schrieben ihn seiner Sorge um ihr Wohlergehen zu und nicht der blanken Feigheit, die tatsächlich dahinter steckte. Dass Thomas Lyn- ley und seine Frau keine drei Kilometer fahren mussten, um nach

Hause zu gelangen, spielte keine Rolle; bei solchem Wetter jagte man keinen Hund auf die Straße.

Aber Lynley und Helen hatten schon die Mäntel an und standen drei Schritte von der Haustür entfernt. Lynley hielt den schwarzen Regenschirm in der Hand, dessen Zustand — er war trocken — verriet, wie lange er und Helen mit den St. James' im Arbeitszimmer am Feuer beisammen gesessen hatten. Zugleich ließ das Befinden Helens — die in diesem zweiten Monat ihrer Schwangerschaft selbst noch abends um elf von so genannter» morgendlicher Übelkeit «geplagt wurde — kaum Zweifel daran, dass der Aufbruch beschlossene Sache war, ob es nun in Strömen goss oder nicht.

St. James wollte die Hoffnung dennoch nicht aufgeben.»Wir haben noch nicht einmal über den Fleming-Prozess gesprochen«, sagte er zu Lynley, der bei Scotland Yard die Ermittlungen in diesem Mordfall geleitet hatte.»Die Sache ist ja schnell vor Gericht gekommen. Das hast du sicher begrüßt.«

«Simon, hör auf«, sagte Helen leise, nahm aber ihren Worten mit einem liebevollen Lächeln die Spitze.»Du kannst nicht ewig ausweichen. Sprich mit ihr darüber. Es ist doch sonst nicht deine Art, den Dingen aus dem Weg zu gehen.«

Es war leider genau seine Art, und hätte seine Frau Helen Lynleys Bemerkung gehört, sie hätte ihr sofort widersprochen. Das Leben mit Deborah war ein unruhiger Fluss voll gefährlicher Unterströmungen, die St. James wo immer möglich umschiffte.

Er warf einen Blick über die Schulter ins Arbeitszimmer. Einzig Kaminfeuer und Kerzen beleuchteten den Raum. Er hätte, dachte er, für mehr Helligkeit sorgen sollen. Unter anderen Umständen hätte man die gedämpfte Beleuchtung wahrscheinlich romantisch gefunden, unter den gegebenen jedoch verbreitete sie Grabesstimmung.

Aber wir haben keinen Leichnam, sagte er sich. Dies ist kein Todesfall. Nur eine Enttäuschung.

Deborah hatte fast zwölf Monate lang auf diesen Abend hingearbeitet. Sie hatte sich quer durch London fotografiert und eine großartige Sammlung schwarz-weißer Charakterporträts zusammengetragen: vom Fischhändler, der sich frühmorgens um fünf in Billingsgate der

Kamera gestellt hatte, bis zum trinkfreudigen Playboy, der um Mitternacht in einen Nachtklub in Mayfair torkelte. Sie hatte die Stadt in ihrer ganzen kulturellen, ethnischen, sozialen und wirtschaftlichen Vielfältigkeit eingefangen und gehofft, die Eröffnung ihrer Ausstellung in einer kleinen, aber renommierten Galerie in der Little Newport Street würde gut genug besucht werden, um ihr eine Erwähnung in einer der Publikationen einzubringen, die gern von Sammlern auf der Suche nach neuen jungen Künstlern zu Rate gezogen wurden. Sie wolle nur eine Spur legen und den Leuten ihren Namen nahe bringen, hatte sie gesagt. Sie erwarte nicht, zu Anfang viel zu verkaufen.

Sie hatte die Rechnung ohne das miserable Wetter gemacht, das den Übergang vom Herbst in den Winter begleitete. Die Regenfälle im November hatten sie nicht sonderlich gekümmert. Um diese Jahreszeit war das Wetter meistens schlecht. Aber als der regnerische November in einen ebenso regnerischen Dezember übergegangen war, hatte sie Bedenken bekommen. Vielleicht, meinte sie, sollte sie die Ausstellung aufs Frühjahr verschieben. Ober sogar auf den Sommer, wenn die Tage lang waren und alle Welt bis spätabends unterwegs war.

St. James hatte ihr geraten, bei ihrer Planung zu bleiben. Niemals, hatte er gesagt, würde das schlechte Wetter sich bis Mitte Dezember halten. Es habe seit Wochen praktisch ununterbrochen geregnet, und das könne, rein statistisch gesehen, nicht mehr lange so weitergehen.

Aber es ging weiter. Tag für Tag und Nacht für Nacht, bis die Parks der Stadt Sümpfen glichen und in den Ritzen des Straßenpflasters Schimmel zu wachsen begann. Bäume verloren im durchweichten Erdreich ihren Halt und stürzten um, und die Keller der Häuser in der Nähe des Flusses verwandelten sich in Planschbecken.

Wären nicht St. James' Geschwister gewesen — die sämtlich mit Ehepartnern, Lebensgefährten und Kindern erschienen — und seine Mutter, so wären die einzigen Gäste bei der Ausstellungseröffnung seiner Frau deren Vater und eine Hand voll enger Freunde gewesen, deren Loyalität offenbar stärker war als ihre Vorsicht, sowie fünf Fremde. Manch hoffnungsvoller Blick richtete sich auf diese Personen, bis sich herausstellte, dass drei von ihnen nur vor dem Regen in die Galerie geflüchtet waren und die beiden anderen lieber hier auf einen Tisch bei Mr. Kong's warteten als in der Schlange vor dem Restaurant.

Wie St. James bemühte sich auch der Galerist, ein Mann namens Hobart, Deborah zuliebe gute Miene zum bösen Spiel zu machen, und riet ihr:»Denken Sie sich nichts, Schätzchen. Die Ausstellung läuft noch den ganzen Monat, und sie ist erste Qualität. Schauen Sie, wie viel Sie schon verkauft haben. «Woraufhin Deborah mit der für sie typischen Ehrlichkeit antwortete:»Und schauen Sie, wie viele Verwandte meines Mannes hier sind, Mr. Hobart. Wenn er mehr als drei Geschwister hätte, hätten wir alles verkauft.«

Ganz Unrecht hatte sie damit nicht. St. James' Familie war großzügig in die Bresche gesprungen, aber für Deborah war es nicht das Gleiche, ob die Verwandten ihres Mannes ihre Bilder kauften oder Fremde.»Ich habe das Gefühl, sie haben nur aus Mitleid gekauft«, hatte sie im Taxi nach Hause niedergeschlagen gesagt.

Darum wäre St. James die Gesellschaft Thomas Lynleys und seiner Frau in diesem Moment so willkommen gewesen: Weil er nach dem Desaster dieses Abends zwangsläufig die Rolle des Verteidigers von Deborahs Talent und Können würde übernehmen müssen und sich dafür nicht gerüstet fühlte. Er wusste, dass sie ihm kein Wort glauben würde, auch wenn er selbst voll hinter jedem seiner Argumente stand. Wie so viele Künstler wollte sie ihre Kunst in irgendeiner Form von außen anerkannt sehen. Er war aber kein Außenseiter, darum half sein Zuspruch nichts. Und ebenso wenig der ihres Vaters, der ihr die Schulter getätschelt und philosophisch gesagt hatte:»Tja, das Wetter kann man nicht ändern«, bevor er nach oben in sein Bett verschwunden war. Aber mit Lynley und Helen war das anders, und darum wollte St. James sie dabei haben, wenn er es endlich schaffte, das Thema Vernissage anzusprechen.

Aber es sollte nicht sein. Er sah selbst, dass Helen todmüde war und Lynley entschlossen, sie so schnell wie möglich nach Hause zu bringen.»Fahrt vorsichtig«, sagte er darum nur.

«Kopf hoch!«, entgegnete Lynley mit einem Lächeln.

St. James sah ihnen nach, als sie durch den strömenden Regen die Cheyne Row hinaufeilten. Erst als sie ihren Wagen erreicht hatten, schloss er die Haustür und wappnete sich für das Gespräch, das ihn in seinem Arbeitszimmer erwartete.

Abgesehen von der kurzen Bemerkung zu Mr. Hobart, hatte Deborah sich bis zur Taxifahrt nach Hause bewundernswert tapfer gehalten. Sie hatte mit ihren gemeinsamen Freunden geplaudert, die Familie ihres Mannes freudig begrüßt und ihren alten Mentor, Mel Dox- son, von Bild zu Bild geführt, um sich über sein Lob zu freuen, aber auch die kluge Kritik, die er an ihrer Arbeit äußerte, zur Kenntnis zu nehmen. Nur jemand, der sie sehr lange kannte — wie St. James — , hätte den trüben Schatten der Niedergeschlagenheit in ihren Augen bemerkt, hätte an ihren wiederholten schnellen Blicken zur Tür erkannt, wie sehr sie törichterweise ihre Hoffnungen auf die Zustimmung irgendwelcher Fremder gesetzt hatte, deren Meinung ihr unter anderen Umständen keinen Pfifferling wert gewesen wäre.

Sie stand bei seiner Rückkehr ins Zimmer noch immer dort, wo er sie zurückgelassen hatte, als er die Lynleys zur Tür brachte: vor der Wand, an der er stets eine Auswahl ihrer Fotografien hängen hatte. Die Hände auf dem Rücken zusammengekrampft, stand sie da und starrte die Bilder an.

«Ich habe ein ganzes Jahr meines Lebens vertan«, sagte sie.»Ich hätte in dieser Zeit einer geregelten Arbeit nachgehen und ausnahmsweise mal Geld verdienen können. Ich hätte bei Hochzeiten fotografieren können oder so was. Bei Debütantinnenbällen. Taufen. Bar-Mizwas. Geburtstagspartys. Ich hätte Porträts von eitlen alten Männern und ihren jungen Preiskühen machen können. Was noch?«

«Touristen im Kreis der Royals aus Pappe?«, meinte er.»Das hätte wahrscheinlich einiges eingebracht, wenn du dich vor dem Bucking- ham-Palast postiert hättest.«

«Es ist mir ernst, Simon«, erklärte sie, und an ihrem Ton merkte er, dass Unbekümmertheit von seiner Seite nichts leichter machen und ihr ganz gewiss nicht helfen würde, zu erkennen, dass die enttäuschende Resonanz an diesem einen Abend in Wirklichkeit nicht mehr war als ein vorübergehender Rückschlag.

Er trat neben sie vor die Wand und betrachtete ihre Bilder. Sie ließ ihn stets aus jeder Reihe, die sie produzierte, die Aufnahmen auswählen, die ihm die liebsten waren, und das, was im Moment an seiner Wand hing, gehörte seiner nicht unbedingt fachkundigen Meinung nach mit zum Besten, was sie je gemacht hatte: sieben Studien in Schwarz-Weiß, bei Tagesanbruch in Bermondsey aufgenommen, wo Händler, bei denen von der Antiquität bis zur Hehlerware alles zu haben war, gerade ihre Stände aufbauten. Ihn sprach die Zeitlosigkeit der Szenen an, der Eindruck eines London, das sich niemals änderte. Ihn faszinierten die Gesichter, wie das Licht der Straßenlampen auf sie fiel und wie die Schatten sie verzerrten. Ihn sprach an, was diese Gesichter ausdrückten: Hoffnung das eine, Durchtriebenheit ein anderes, Argwohn, Verdrossenheit, Geduld die übrigen Mienen. Er dachte, dass seine Frau mit der Kamera mehr als nur talentiert war. Sie besaß eine außergewöhnliche Begabung.

Er sagte:»Jeder, der sich im Bereich der Kunst einen Namen machen will, fängt ganz unten an. Nenne mir den Fotografen, den du am meisten bewunderst, und es wird garantiert jemand sein, der als kleiner Handlanger angefangen hat, als einer, der einem anderen, der einmal genauso angefangen hat, die Lampen und die Kabel schleppte. Es wäre schön, wenn es beim Erfolg nur darum ginge, gute Fotos zu machen und danach nur noch die Lorbeeren einzuheimsen. Aber so ist es eben nicht.«

«Mir geht's überhaupt nicht um die Lorbeeren.«

«Du meinst, du kommst dir vor wie der Hamster im Laufrad? Ein Jahr und wie viele Bilder später?«

«Zehntausenddreihundertzweiundzwanzig.«

«Und du bist wieder da, wo du angefangen hast. Richtig?«

«Keinen Schritt weiter. Ohne die geringste Ahnung, ob das alles hier — dieses Leben — überhaupt meine Zeit wert ist.«

«Mit anderen Worten, die Erfahrung allein reicht dir nicht. Du sagst, dass Arbeit nur etwas wert ist, wenn sie ein Resultat zeitigt, das du haben wolltest.«

«Nein, das ist es nicht.«

«Was dann?«»Ich muss glauben, Simon.«

«Woran?«

«Ich kann nicht noch einmal ein Jahr als Freizeitkünstlerin vertun. Ich möchte mehr sein als Simon St. James' kunstbeflissene Ehefrau, die in Jeans und Springerstiefeln rumläuft und aus Jux und Tollerei ihre Kameras kreuz und quer durch London schleppt. Ich möchte etwas zu unserem Leben beisteuern. Und das kann ich nicht, wenn ich nicht glaube.«

«Solltest du dann nicht erst mal an den Entwicklungsprozess glauben? Wenn du dir jeden Fotografen ansähst, mit dessen Arbeit du

dich befasst hast, würdest du dann nicht jemanden sehen, der anfangs — «

«Das meine ich nicht!«Sie drehte sich mit einer schwungvollen Bewegung zu ihm um.»Keiner braucht mich davon zu überzeugen, dass man ganz unten anfangen und sich langsam hocharbeiten muss. Ich bilde mir nicht ein, dass gleich nach meiner ersten Ausstellung die National Portrait Gallery bei mir anklopft und Proben meiner Arbeit haben will. Ich bin nicht blöd, Simon.«

«Das unterstelle ich auch nicht. Ich versuche nur, dir klar zu machen, dass der Misserfolg eines einzigen Abends — der übrigens sehr wohl in einen Erfolg umschlagen kann — überhaupt nichts besagt. Er ist lediglich eine Erfahrung, Deborah. Nicht mehr und nicht weniger. Was dir zu schaffen macht, ist deine Interpretation der Erfahrung.«

«Ach, wir sollen unsere Erfahrungen nicht interpretieren? Wir sollen sie einfach nur machen und sein lassen? Frisch gewagt ist nicht gewonnen? Meinst du es so?«

«Nein, und das weißt du auch. Jetzt fängst du an, dich aufzuregen, und das bringt uns beiden nichts — «

«Ich fange an, mich aufzuregen? Ich bin außer mir! Die ganze Zeit schon. Monatelang bin ich durch die Straßen gezogen. Monatelang habe ich in der Dunkelkammer gestanden. Ein Vermögen für Material ausgegeben. Ich kann so nicht weitermachen, wenn ich nicht glaube, dass das alles einen Sinn hat.«

«Und wodurch ist der bestimmt? Verkäufe? Erfolg? Einen Bericht im Sunday Times Magazine?«

«Nein. Natürlich nicht. Darum geht's überhaupt nicht, und das weißt du genau. «Mit einem erregten:»Ach, was soll das Ganze!«, drängte sie sich an ihm vorbei, bereit, aus dem Zimmer zu stürzen und die Treppe hinaufzulaufen, ohne ihm eine Chance zu geben, besser zu verstehen, was das für Dämonen waren, die sie von Zeit zu Zeit so schrecklich plagten. So war es immer zwischen ihnen: ihre Impulsivität und Leidenschaft gegen seine nüchterne Ruhe. Ihre unterschiedliche Sicht auf die Welt war eines der Elemente, die ihre Beziehung so reich machten. Leider war es auch eines der Elemente, die ihre Beziehung so schwierig machten.

«Dann sag mir, worum es geht!«, rief er.»Deborah! Sag es mir!«

An der Tür machte sie Halt. Sie sah aus wie die zürnende Medea mit dem langen Haar, das ihr, vom Regen kraus geworden, auf die Schultern hing, und den im Feuerschein metallisch blitzenden Augen.

«Ich muss an mich selbst glauben«, sagte sie. Es klang, als halte sie allein schon den Versuch zu sprechen für hoffnungslos, und das machte ihm deutlich, wie unerträglich es für sie war, dass er sie nicht verstanden hatte.

«Aber du musst doch wissen, dass deine Arbeit gut ist«, sagte er.»Wie kannst du solche Bilder machen«- mit einer Geste zur Wand — »und nicht wissen, dass deine Arbeit gut ist? Ach, was heißt gut? Großartig ist sie.«

«Weil wissen hier geschieht«, antwortete sie. Ihre Stimme war jetzt gedämpft, und ihr Körper — eben noch starr — entspannte sich, so dass sie in sich zusammenzusinken schien. Bei dem Wort hier berührte sie ihren Kopf und legte die Hand unter ihre linke Brust, als sie sagte:»Aber glauben geschieht hier. Bis jetzt ist es mir nicht gelungen, den Abstand zwischen den beiden zu überbrücken. Und wenn ich das nicht schaffe. Wie soll ich fertig werden, womit ich fertig werden muss, um etwas hervorzubringen, was mich als Person bestätigt?«

Das ist es also, dachte er. Den Rest sagte sie nicht, und er war ihr dankbar dafür. Die Bestätigung als Frau durch die Geburt eines Kindes war ihr versagt geblieben. Sie war auf der Suche nach etwas, um sich selbst zu definieren.

Er sagte:»Liebes. «Aber er fand keine weiteren Worte. Doch dieses eine Wort schien sie tiefer zu erschüttern, als sie ertragen konnte. Das Metall in ihren Augen schmolz, und sie hob die Hand, um ihn davon abzuhalten, zu ihr zu kommen und sie zu trösten.

«Immerzu«, sagte sie,»ganz gleich, was geschieht, flüstert eine Stimme in mir, dass ich mir etwas vormache.«

«Aber sind nicht alle Künstler mit diesen Selbstzweifeln geschlagen? Wahrscheinlich muss man lernen, sie zu besiegen, um zum Erfolg zu gelangen.«

«Aber ich habe bis heute kein Mittel gefunden, nicht auf die Stimme zu hören. Du spielst die große Künstlerin, sagt sie. Deine Fotografiererei ist nichts als Getue. Du vergeudest deine Zeit.«

«Wie kannst du im Ernst glauben, du machst dir was vor, wenn du fähig bist, solche Bilder hervorzubringen?«

«Du bist mein Mann«, entgegnete sie.»Was kannst du schon anderes sagen?«

St. James wusste, dass hier Widerspruch sinnlos war. Als ihr Mann wollte er ihr Glück. Sie wussten beide, dass er niemals ein Wort äußern würde, das dieses Glück zerstören könnte. Er fühlte sich geschlagen, und sie sah ihm das vermutlich an, denn sie sagte:»Ist der Augenschein nicht Beweis genug? Du hast es selbst gesehen. Es ist kaum ein Mensch gekommen, um sich meine Bilder anzuschauen.«

Nun waren sie also wieder da gelandet.»Das lag am Wetter.«

«Ich spüre, dass es nicht nur am Wetter lag.«

Es schien fruchtlos, darüber zu debattieren, was sie spürte oder nicht spürte, denn das war ein Thema wie ein Fass ohne Boden. Immer sachlich, sagte St. James:»Was hattest du dir denn erhofft? Was wäre angemessen gewesen für deine erste Ausstellung in London?«

Sie strich mit den Fingern über den weißen Türpfosten, als wäre dort die Antwort zu ertasten, während sie überlegte.»Ich weiß es nicht«, bekannte sie schließlich.»Ich glaube, ich habe Angst davor, es mir klar zu machen.«

«Dir was klar zu machen?«

«Ich sehe ein, dass meine Erwartungen völlig überzogen waren. Ich weiß, dass der Erfolg Zeit braucht, selbst wenn ich die nächste Annie

Leibovitz wäre. Aber was ist, wenn meine Erwartungen an mich selbst genauso überzogen sind?«

«Wie meinst du das?«

«Na ja, vielleicht bin ich ja hier die Naive. Das ist die Frage, die ich mir den ganzen Abend gestellt habe. Kann es sein, dass die anderen mir nur nach dem Mund reden? Deine Familie, zum Beispiel. Unsere Freunde. Mr. Hobart. Kann es sein, dass sie meine Bilder nur über sich ergehen lassen? Sehr hübsch, Madam, ja, wir stellen sie in unserer Galerie aus, im Monat Dezember richten sie ja kaum Schaden an, da sind ohnehin alle so sehr mit Weihnachtseinkäufen beschäftigt, dass sie für Kunstausstellungen keinen Sinn haben. Außerdem brauchen wir in dieser Zeit, in der natürlich kein Mensch ausstellen will, irgendwas für unsere Wände. Könnte es so sein?«

«Das ist eine Beleidigung für alle. Für die Familie und für deine Freunde. Auch für mich, Deborah.«

Die Tränen, die sie bis dahin zurückgehalten hatte, begannen zu fließen. Sie drückte die Faust auf den Mund, als wüsste sie genau, wie kindisch ihre Reaktion auf den enttäuschenden Abend war. Aber er wusste, dass sie nicht anders konnte. Deborah war nun einmal Deborah.

«Sie ist ein wahnsinniges Sensibelchen, nicht wahr, mein Junge?«, hatte seine Mutter einmal bemerkt und dazu ein Gesicht gemacht, als hielte sie die Nähe zu Deborahs Emotionen für ebenso bedenklich wie den Kontakt zu einer Tuberkulosekranken.

«Ich brauche das«, sagte Deborah zu ihm.»Und wenn ich es nicht bekommen soll, dann will ich es wissen. Denn irgendetwas brauche ich einfach. Kannst du das verstehen?«

Nun ging er doch zu ihr und nahm sie in die Arme. Er wusste, dass ihre Tränen nur entfernt dem deprimierenden Abend in der Little Newport Street galten. Er hätte ihr gern gesagt, dass das alles überhaupt keine Rolle spiele, aber er wollte nicht lügen. Er hätte ihr den Kampf gern abgenommen, aber er hatte seinen eigenen Kampf aus- zufechten. Er hätte ihnen beiden gern das gemeinsame Leben erleichtert, aber das stand nicht in seiner Macht.

Er drückte ihren Kopf an seine Schulter.»Mir brauchst du nichts zu beweisen«, sagte er, den Mund an ihrem weichen kupferroten Haar.

«Ach, wenn alles so leicht wäre, wie das zu wissen«, antwortete sie.

Er wollte gerade sagen, es sei so leicht, wie jeden einzelnen Tag zu leben, anstatt den Blick in eine Zukunft zu richten, die sie beide nicht kannten, als es an der Tür klingelte, so anhaltend und laut, als lehnte sich jemand auf die Klingel.

Deborah trat von ihm weg. Den Blick zur Tür gewandt, wischte sie sich das Gesicht ab.»Tommy und Helen müssen etwas vergessen haben. Haben sie etwas liegen lassen?«Sie sah sich im Zimmer um.

«Ich glaube nicht.«

Es klingelte immer noch ohne Pause. Als sie ins Vestibül hinausgingen, kam Peach, der Dackel, aufgeregt kläffend aus der Küche im Souterrain heraufgeschossen. Deborah packte ihn und nahm ihn auf den Arm, obwohl er wie verrückt strampelte.

St. James öffnete die Tür. Er sagte:»Habt ihr es euch — «und brach ab, als er sah, dass weder Thomas Lynley noch seine Frau draußen standen, sondern ein Mann in einer dunklen Jacke — mit klatschnassem Haar und durchweichter Jeans, die ihm an den Schenkeln klebte — , der im Schatten des Hauses mit eingezogenem Kopf am Eisengeländer der obersten Treppenstufe lehnte.

Der Mann sah blinzelnd ins Licht und sagte zu St. James:»Sind Sie — «Er hielt inne, als sein Blick auf Deborah fiel, die mit dem Hund im Arm hinter ihrem Mann stand.»Gott sei Dank«, sagte er.»Ich glaub, ich bin ungefähr zehnmal im Kreis gefahren. Ich hab am Victoria-Bahnhof die Untergrundbahn genommen, aber in die falsche Richtung, und hab's erst gemerkt, als. dann war der Stadtplan total durchnässt. Dann hat ihn mir der Wind weggeweht. Dann hab ich die Adresse verloren. Aber jetzt — Gott sei Dank.«

Damit trat er ins Licht und sagte nur:»Debs! Es ist echt ein Wunder. Ich dachte schon, ich würde dich nie finden.«

Debs. Deborah traute ihren Ohren nicht. Mit einem Schlag war alles wieder da: die Zeit, der Ort, die Menschen. Sie setzte Peach auf den Boden und trat neben ihren Mann an die Tür, um besser sehen zu können.»Simon!«, rief sie.»Mein Gott! Ich kann nicht glauben — «Aber anstatt ihren Gedanken zu vollenden, suchte sie Gewissheit. Sie zog den Mann auf der Treppe ins Haus und sagte:»Cherokee?«Wie war es möglich, dass da unversehens der Bruder ihrer alten Freundin vor ihrer Tür stand? Aber er war es wirklich, es gab keinen Zweifel, und als ihr das klar wurde, rief sie:»Simon! Es ist Cherokee River.«

Simon schien verblüfft. Er schloss die Tür. Peach näherte sich vorsichtig dem Fremden und beschnüffelte seine Schuhe. Offenbar gefiel ihm nicht, was er dort zu riechen bekam. Er wich zurück und begann zu bellen.

«Hör auf, Peach«, sagte Deborah.»Das ist ein Freund.«

Woraufhin Simon sagte:»Wer.?«, den Hund hochnahm und ihn beruhigte.

«Cherokee River«, wiederholte Deborah.»Das ist doch richtig?«, wandte sie sich an den Mann. Sie war zwar ziemlich sicher, dass er es war, aber seit sie ihn das letzte Mal gesehen hatte, waren immerhin an die sechs Jahre vergangen, und selbst in der Zeit ihrer Bekanntschaft war sie ihm nur etwa sechs-, siebenmal begegnet. Trotzdem sagte sie jetzt, ohne auf eine Antwort von ihm zu warten:»Komm mit ins Arbeitszimmer. Im Kamin brennt ein Feuer. Mein Gott, du bist ja völlig durchnässt. Was hast du für eine Verletzung am Kopf? Was tust du überhaupt hier?«

Sie führte ihn zu der Ottomane vor dem Feuer und nahm ihm seine Jacke ab. Die war früher vielleicht einmal wasserabweisend gewesen, jetzt aber tropfte das Wasser aus sämtlichen Fasern. Sie warf sie auf die Kaminplatte, wo Peach sie sofort inspizierte.

Simon sagte fragend:»Cherokee River?«

«Chinas Bruder«, erklärte Deborah.

Simon sah den Mann an, der zu frösteln begonnen hatte.»Aus Kalifornien?«

«Richtig. China. Aus Santa Barbara. Cherokee, was — komm, setz dich. Setz dich ans Feuer. Simon, haben wir irgendwo eine Decke? Und ein Handtuch?«

«Ich seh mal nach.«»Aber mach schnell!«, drängte Deborah, als sie sah, dass es Cherokee vor Kälte schüttelte. Sein Gesicht war so weiß, dass es einen bläulichen Schimmer hatte, und seine Unterlippe blutete aus einer kleinen Bisswunde. Dazu hatte er die Verletzung an der Schläfe, die Deborah sich näher ansah.»Da muss ein Pflaster drauf«, sagte sie.»Was ist passiert, Cherokee? Du bist doch hoffentlich nicht überfallen worden?«Dann:»Nein, sag nichts. Erst wärmen wir dich mal auf.«

Sie eilte zu dem alten Barwagen, der unter dem Fenster zur Cheyne Row stand, und goss einen doppelten Brandy ein, den sie Cherokee brachte.

Cherokee hob das Glas zum Mund, aber seine Hände zitterten so stark, dass das Glas klappernd gegen seine Zähne schlug und der größte Teil des Brandys sich über sein ohnehin schon nasses T-Shirt ergoss.

«Mist«, sagte er.»Tut mir Leid, Debs.«

Seine Stimme, sein Zustand oder die Unsicherheit beim Trinken schienen Peach nicht zu gefallen. Der kleine Dackel hielt in seiner Inspektion von Cherokees Jacke inne und begann wieder zu kläffen.

Deborah versuchte, den Hund zu beruhigen, aber er gab erst Ruhe, als sie ihn aus dem Zimmer trug und in die Küche hinunterscheuchte.»Er bildet sich ein, er wäre ein Dobermann«, bemerkte sie ironisch.»Kein Bein ist vor ihm sicher.«

Cherokee lachte leise. Dann packte ihn ein so gewaltiger Schüttelfrost, dass ihm beinahe das Glas aus der Hand gefallen wäre. Deborah setzte sich zu ihm und legte ihm den Arm um die Schultern.»Tut mir Leid«, sagte er wieder.»Ich hab die totale Panik gekriegt.«

«Du brauchst dich nicht zu entschuldigen.«

«Ich bin im Regen herumgeirrt und drüben, beim Fluss, voll gegen den Ast von irgendeinem Baum gerannt. Ich dachte, es hätte aufgehört zu bluten.«

«Trink den Brandy«, sagte Deborah. Sie war erleichtert, zu hören, dass ihm nichts Schlimmeres passiert war.»Dann verarzte ich deinen Kopf.«

«Ist es schlimm?«

«Nur eine Platzwunde. Aber sie muss versorgt werden. Warte. «Mit einem Papiertuch, das sie aus ihrer Tasche zog, tupfte sie das Blut ab.»Ich kann es immer noch nicht fassen, dass du hier bist. Was tust du denn in London?«

Die Tür öffnete sich, und Simon kehrte mit einem Handtuch und einer Decke zurück. Deborah nahm ihm beides ab, legte die Decke um Cherokees Schultern und frottierte ihm mit dem Handtuch das Haar. Es war nur wenig kürzer als damals, als Deborah mit seiner Schwester in Santa Barbara zusammengewohnt hatte, und noch genauso dicht und lockig; ganz anders als das Chinas, so wie auch sein sehr sinnlich wirkendes Gesicht mit den schwerlidrigen Augen und den vollen Lippen, um die ihn zweifellos manche Frau beneidete, ganz anders war als das seiner Schwester. Er habe sämtliche Lockgene geerbt, hatte China River oft über ihren Bruder gesagt, während für sie nur asketische Schlichtheit übrig geblieben sei.

«Ich habe zuerst versucht, dich anzurufen. «Cherokee zog die Decke fest um sich.»Das war so um neun Uhr. China hatte mir deine Adresse und die Telefonnummer gegeben. Ich dachte nicht, dass ich sie brauchen würde, aber dann hatte die Maschine wegen des Wetters Verspätung. Und als der Sturm endlich nachließ, war es zu spät, um noch zur Botschaft zu gehen. Darum hab ich dann hier angerufen, aber es war niemand da.«

«Sie wollten zur Botschaft?«Simon nahm Cherokees Glas und goss Brandy nach.»Was ist denn passiert?«

Cherokee nahm das Glas mit einem Nicken des Danks entgegen. Seine Hände waren jetzt ruhiger. Er trank, aber schon beim ersten Schluck begann er zu husten.

«Du musst erst mal raus aus den nassen Sachen«, stellte Deborah fest.»Pass auf, ich lass dir ein Bad einlaufen, und während du in der Wanne liegst, werfen wir deine Sachen in den Trockner. Einverstanden?«

«Kommt nicht in Frage. Das geht nicht. Es ist — verdammt, wie spät ist es eigentlich?«

«Jetzt mach dir mal wegen der Uhrzeit keine Sorgen. Simon, zeigst du ihm das Gästezimmer? Und sieh nach, ob du was Trocknes zum

Anziehen für ihn findest. - Keine Widerrede, Cherokee. Es macht überhaupt keine Umstände.«

Sie gingen nach oben. Während Simon nach trockenen Kleidern für den Gast suchte, ließ Deborah das Wasser einlaufen und legte Badetücher heraus. Als Cherokee sich zu ihr gesellte — in einem alten Morgenrock von Simon und mit einem von Simons Schlafanzügen über dem Arm — , reinigte sie die Wunde an seinem Kopf. Er zuckte zusammen, als sie die Haut mit Alkohol abtupfte. Sie hielt seinen Kopf fest und sagte:»Beiß die Zähne zusammen.«

«Hast du keinen Beißring?«

«Den gibt's nur bei größeren Operationen. Das hier zählt nicht. «Sie warf die Watte weg und griff nach einem Pflaster.»Sag mal, Cherokee, woher bist du eigentlich heute Abend gekommen? Doch bestimmt nicht aus Los Angeles. Du hast ja gar kein — hast du Gepäck?«

«Aus Guernsey«, antwortete er.»Ich bin von Guernsey rübergeflo- gen. Als ich heute Morgen gestartet bin, dachte ich, ich könnte alles heute erledigen und am Abend zurück sein. Darum hab ich nichts mitgenommen. Aber dann habe ich fast den ganzen Tag am Flughafen gehockt und auf besseres Wetter gewartet.«

Deborah fragte:»Alles?«

«Was?«

«Du sagtest, du wolltest alles heute erledigen. Was heißt alles?«

Cherokees Blick glitt zur Seite. Nur einen Moment, aber es reichte, um Deborah zu erschrecken. Als er gesagt hatte, er habe ihre Adresse von seiner Schwester, hatte Deborah angenommen, China habe sie ihm in den Staaten gegeben, vor seiner Abreise, nach dem Motto:»Ach, du fliegst nach London? Dann schau doch mal bei Deborah vorbei!«Doch bei genauerer Überlegung musste sie einsehen, dass dies in Anbetracht der Tatsache, dass sie seit fünf Jahren keinen Kontakt mehr mit Cherokees Schwester hatte, reichlich unwahrscheinlich war. Wenn also Cherokee mit ihrer Adresse in der Tasche und der ausdrücklichen Absicht, die amerikanische Botschaft aufzusuchen, Hals über Kopf von Guernsey nach London gekommen war, ihm selbst aber offensichtlich nichts fehlte.

«Cherokee«, sagte sie,»ist China was passiert? Bist du darum hergekommen?«

Er sah sie unglücklich an.»Sie ist verhaftet worden«, sagte er.

«Mehr habe ich ihn nicht gefragt. «Deborah hatte ihren Mann unten in der Küche entdeckt, wo er, umsichtig wie stets, Suppe aufgesetzt und den Toaster eingeschaltet hatte. Der zerschrammte Küchentisch, an dem Deborahs Vater im Lauf der Jahre Tausende von Mahlzeiten zubereitet hatte, war für eine Person gedeckt.»Ich dachte, es ist besser nach dem Bad. da kann er sich erst ein bisschen erholen. Ich meine, bevor er uns erklärt — wenn er uns überhaupt etwas erklären will. «Sie hatte ein schlechtes Gewissen und versuchte, sich einzureden, dass dafür kein Grund bestand. Freunde kamen und gingen, das war etwas ganz Normales im Leben. Aber sie war diejenige, die irgendwann aufgehört hatte zu schreiben. Weil China River zu einem Abschnitt von Deborahs Leben gehörte, den Deborah am liebsten vergessen wollte.

Simon, der mit einem Holzlöffel die Tomatensuppe umrührte, warf ihr einen Blick zu. Er schien ihr Widerstreben, mit Cherokee zu sprechen, als Furcht auszulegen, denn er sagte:»Es kann etwas ganz Simples sein.«

«Was kann an einer Verhaftung simpel sein?«

«Ich meine, nichts Weltbewegendes. Ein kleiner Verkehrsunfall. Ein Missverständnis im Supermarkt, das wie Ladendiebstahl aussieht. Etwas in der Art.«

«Er wollte bestimmt nicht wegen eines Verdachts auf Ladendiebstahl zur amerikanischen Botschaft, Simon. Außerdem würde sie so was niemals tun.«

«Wie gut kennst du sie denn?«

«Ich kenne sie gut«, erwiderte Deborah und fühlte sich veranlasst, es gleich noch einmal mit Nachdruck zu wiederholen.»Ich kenne China River wirklich gut.«

«Und ihren Bruder? Cherokee? Was ist das überhaupt für ein Name?«

«Der, den er bei seiner Geburt bekommen hat, nehme ich an.«»Die Eltern stammen wohl aus der Sergeant-Pepper-Generation?«

«Hm. Die Mutter hatte eine radikale Ader. Sie war so eine Art Hippie — nein, warte, sie war Umweltschützerin. Richtig. Das war, bevor ich sie kennen lernte. Sie hat Bäume besetzt.«

Simon warf ihr einen schrägen Blick zu.

«Um zu verhindern, dass sie gefällt werden«, erklärte Deborah.»Und Cherokees Vater — die beiden haben verschiedene Väter, weißt du — gehörte auch zu den Umweltschützern. Hat er nicht.?«Sie überlegte.»Doch, ich glaube, er hat sich an Eisenbahnschienen gekettet. irgendwo in der Wüste.«

«Ebenfalls, um sie zu schützen, nehme ich an? Sie sind ja mittlerweile tatsächlich vom Aussterben bedroht.«

Deborah lächelte. Der Toast schoss in die Höhe. Peach war da wie der Blitz, in der Hoffnung, es werde etwas für ihn abfallen, wenn Deborah die Brote strich.

«Cherokee kenne ich eigentlich gar nicht so gut. Lange nicht so gut wie China. Ich habe ihn fast immer nur bei Familienbesuchen gesehen. Wenn wir zu Weihnachten oder Neujahr oder so zu Chinas Mutter gefahren sind. Sie lebte in — warte mal, die Stadt hatte den Namen einer Farbe.«

«Einer Farbe?«

«Rot, Grün, Gelb. Ach ja, Orange. Sie wohnte in einem Ort namens Orange und hat immer fürchterliches Zeug gekocht — Tofutruthahn, schwarze Bohnen, braunen Reis, Algenpastete, wirklich grauenvoll. Wir haben uns jedes Mal große Mühe gegeben, wenigstens ein bisschen was runterzuwürgen, bevor wir unter irgendeinem Vorwand verschwunden sind, um uns ein Restaurant zu suchen. Cherokee kannte einige höchst dubiose, aber durchweg preiswerte Spelunken.«

«Na, das ist doch schon mal was wert.«

«Wie gesagt, ich kenne ihn eigentlich nur von diesen Besuchen. Insgesamt habe ich ihn höchstens — hm, zehnmal gesehen. Einmal kam er nach Santa Barbara und verbrachte ein paar Nächte auf unserem Sofa. Zwischen ihm und China bestand damals so eine Art HassLiebe. Er ist älter, aber er benahm sich immer wie der Kleine, und das ärgerte sie maßlos. Andererseits tendierte sie dazu, ihn zu bemut- tern, und das ärgerte ihn maßlos. Die Mutter der beiden — na ja, wirklich mütterlich war die nicht.«

«Hatte wohl zu viel mit den Bäumen zu tun?«

«Und mit tausend anderen Dingen. Sie war da und doch nicht da. Das verband China und mich. Neben der Fotografie. Und anderen Dingen. Die Mutterlosigkeit. «Deborah bestrich den Toast mit Butter, ohne Peach zu beachten, der hoffnungsvoll seine feuchte Schnauze an ihren Fuß drückte.

Simon drehte das Gas unter dem Suppentopf herunter und sah, an den Herd gelehnt, seine Frau an.»Das waren harte Jahre«, sagte er gedämpft.

«Tja. Hm. «Sie zwinkerte einmal und lächelte schnell.»Aber irgendwie haben wir uns durchgekämpft.«

«Ja, das ist wahr«, bestätigte Simon.

Peach hob mit gespitzten Ohren den Kopf. Alaska, die große graue Katze, die bisher faul auf dem Fensterbrett gelegen und die Regenbäche an der Scheibe beobachtet hatte, richtete sich auf und streckte sich genüsslich. Die scharfen Augen waren auf die Souterraintreppe neben dem altmodischen Küchenbüfett gerichtet, auf dem die Katze häufig ihr Nickerchen zu machen pflegte. Einen Augenblick später knarrte oben die Tür, und der Hund bellte kurz. Alaska sprang vom Fensterbrett und verschwand in der Speisekammer.

Von oben ertönte Cherokees Stimme.»Debs?«

«Wir sind hier unten«, antwortete Deborah.»Wir haben dir eine Suppe und Toast gemacht.«

Cherokee kam in die Küche. Er sah wieder einigermaßen menschlich aus. Zwar war er etwas kleiner als Simon und athletischer gebaut, aber Simons Schlafanzug und Morgenrock passten ihm gut, und er fror auch nicht mehr. Seine Füße allerdings waren nackt.

«Ach, ich hätte an Hausschuhe denken sollen«, sagte Deborah.

«Das geht schon so«, erklärte Cherokee.»Ihr wart klasse. Vielen Dank. Ich meine, so wie ich hier reingeplatzt bin, das war ja nicht gerade eine freudige Überraschung. Es ist total nett von euch, dass ihr mich aufgenommen habt. «Er nickte Simon zu, der den dampfenden Topf zum Tisch trug und die Schale mit Suppe füllte.

«Hör mal, das ist ein denkwürdiger Tag«, sagte Deborah.»Simon hat tatsächlich einen Karton Suppe aufgemacht. Sonst nimmt er immer nur Dosen.«

«Vielen Dank«, sagte Simon.

Cherokee lächelte, aber er sah todmüde aus, wie man eben aussieht, wenn am Ende eines schrecklichen Tages alle Energie aufgebraucht ist.

«Iss deine Suppe«, sagte Deborah.»Du bleibst übrigens über Nacht.«

«Kommt nicht in Frage. Das kann ich nicht — «

«Quatsch! Deine Kleider sind im Trockner und brauchen noch eine Weile. Du willst doch nicht jetzt, mitten in der Nacht, wieder losziehen und dir ein Hotel suchen?«

«Deborah hat Recht«, mischte sich Simon ein.»Platz ist genug. Wir freuen uns, wenn Sie bleiben.«

Cherokees Gesicht spiegelte Erleichterung und Dankbarkeit.»Danke. Ich komme mir vor. «Er schüttelte den Kopf.»Ich komme mir vor wie ein kleines Kind, das im Supermarkt verloren gegangen ist. Ihr kennt das doch sicher. Es merkt erst, dass die Mutter weg ist, wenn es von dem aufschaut, wovon es bis zu diesem Moment so gefesselt war — von einem Comic-Heft zum Beispiel — , und kriegt die große Panik. Genauso fühle ich mich. Hab ich mich gefühlt.«

«Jetzt bist du ja in Sicherheit«, beruhigte ihn Deborah.

«Ich wollte nicht auf euren Anrufbeantworter sprechen, als ich bei euch angerufen habe«, erklärte Cherokee.»Ich wollte nicht, dass es dich wie eine kalte Dusche trifft, Debs. Darum hab ich beschlossen, zu euch zu fahren, aber ich habe mich in der Untergrundbahn total verirrt und bin in Tower Hill gelandet, bevor ich begriffen hatte, wo ich falsch umgestiegen war.«

«Scheußlich«, murmelte Deborah.

«So ein Pech«, sagte Simon.

Ein Schweigen breitete sich zwischen ihnen aus, nur vom Geräusch des Regens durchbrochen, der auf die Steinplatten draußen vor der Küchentür prasselte und an den Fensterscheiben herabströmte. Drei Menschen — und ein hoffnungsvoller Hund — in einer mitternächtlichen Küche. Aber sie waren nicht allein. Die Frage stand im Raum. Sie schwebte unter ihnen wie ein lebendiges Geschöpf, dessen geräuschvoller Atem nicht überhört werden konnte. Weder Deborah noch ihr Mann griffen sie auf, und das brauchten sie auch gar nicht.

Cherokee tauchte den Löffel in die Suppenschale, führte ihn zum Mund und ließ ihn wieder sinken, ohne von der Suppe gekostet zu haben. Einen Moment lang hielt er den Blick gesenkt, dann hob er den Kopf und sah von Deborah zu ihrem Mann.

«Also, es war so«, begann er.

Es sei alles seine Schuld, erklärte er. Ohne ihn wäre China gar nicht erst auf die Idee gekommen, nach Guernsey zu reisen.

Aber er hatte Geld gebraucht, und als ihm dieser Auftrag angeboten worden war, ein Päckchen von Kalifornien auf die Kanalinseln zu befördern und dafür nicht nur den Flug, sondern auch noch ein Honorar bezahlt zu bekommen — na ja, so was konnte man doch nicht ausschlagen!

Er hatte China gebeten, mit ihm zu fliegen, weil der Auftrag vorsah, dass ein Mann und eine Frau gemeinsam die Ware beförderten, und auch zwei Tickets bereitlagen. Warum nicht? hatte er sich gedacht. Warum nicht China fragen? Die kam doch sowieso nie aus ihren vier Wänden raus.

Er hatte sie überreden müssen. Das nahm ein paar Tage in Anspruch, aber sie hatte gerade mit Matt Schluss gemacht — Debs erinnere sich doch sicher an Chinas Freund, den Filmemacher, mit dem sie seit Ewigkeiten zusammen war? — und fand schließlich, ein Tapetenwechsel könnte ihr nur gut tun. Sie hatte ihn angerufen, um ihm Bescheid zu geben, und er hatte alles Nötige veranlasst. Sie sollten das Päckchen in Tustin, südlich von LA, abholen und nach Guernsey zu einem Ort in der Nähe von St. Peter Port bringen.

«Was war denn in dem Päckchen?«Deborah stellte sich eine Festnahme wegen Drogenbesitzes am Flughafen vor, mit knurrenden Hunden, die China und Cherokee zähnefletschend bedrohten.

Nichts Verbotenes, antwortete Cherokee. Baupläne. Der Anwalt, der ihn angeheuert hatte -

«Ein Anwalt?«, warf Simon ein.»Nicht der Architekt?«

Nein. Cherokee war von einem Anwalt beauftragt worden, und China hatte das verdächtig gefunden, noch verdächtiger als die üppige Bezahlung und die kostenlosen Flugtickets. Sie hatte deshalb darauf bestanden, das Päckchen vor Antritt der Reise zu öffnen.

Wenn China gefürchtet hatte, die Versandröhre, die ziemlich umfangreich war, enthalte Drogen, Waffen, Sprengstoff oder irgendeine andere Schmuggelware, die sie beide ins Gefängnis bringen würde, so legten sich ihre Befürchtungen, sobald sie den Inhalt sah. Es waren Baupläne, wie angegeben. Sie war beruhigt. Ebenso Cherokee, den Chinas Misstrauen, wie er zugab, nervös gemacht hatte.

Sie waren also nach Guernsey geflogen, um die Pläne abzugeben, und hatten vorgehabt, von dort aus nach Paris und Rom weiterzurei- sen. Eine große Tour würde es nicht werden: Die konnten sie sich beide nicht leisten und wollten deshalb in jeder Stadt nur zwei Tage verbringen. Aber in Guernsey erfuhren ihre Pläne eine unerwartete Änderung. Sie hatten mit einem schnellen Austausch am Flughafen gerechnet: Papiere gegen die vereinbarte Bezahlung -

«In welcher Größenordnung?«, erkundigte sich Simon.

Fünftausend Dollar, antwortete Cherokee und fügte angesichts ihrer ungläubigen Mienen hastig hinzu, klar, das sei echt der Wahnsinn und es sei auch der Hauptgrund dafür gewesen, dass China darauf bestanden hatte, das Päckchen aufzumachen, denn wer, zum Teufel, sei so verrückt, einen solchen Haufen Geld für die simple Beförderung eines Pakets von Los Angeles nach Europa hinzulegen?

Doch wie sich dann herausstellte, ging es bei dem ganzen Deal um wahnsinnige Beträge. Der Mann, für den die Baupläne bestimmt waren, hatte Geld wie Heu und offenbar die Gewohnheit, damit nach Lust und Laune um sich zu werfen.

Aber am Flughafen wurden sie nicht, wie erwartet, von einem Beauftragten mit einem Scheck oder einem Aktenkoffer voll Geld abgeholt, sondern von einem einsilbigen Mann namens Kevin Soundso, der sie in einen Lieferwagen verfrachtete und zu einem sehr coolen Landsitz einige Kilometer entfernt fuhr.

China habe wahnsinnige Angst bekommen bei dieser Wendung der Ereignisse, die ja echt einigermaßen beunruhigend gewesen sei: Plötzlich mit einem wildfremden Typen, der keine fünf Wörter zu ihnen sagte, in einem Auto eingesperrt, das sei schon sehr seltsam gewesen. Aber es habe auch etwas Abenteuerliches gehabt, und Cherokee selbst sei fasziniert gewesen.

Der Wagen brachte sie zu einem imposanten Herrenhaus, das mitten in einem Riesenanwesen thronte. Das Haus war uralt — und komplett restauriert — , und in China erwachte bei seinem Anblick sofort das Interesse der Fotografin. Hier war eine ganze Doppelseite für den Architectural Digest und wartete nur darauf, von ihr fotografiert zu werden.

Spontan beschloss sie, Aufnahmen zu machen. Nicht nur vom Haus, sondern von dem ganzen weitläufigen Besitz mitsamt Park und Teich und vorgeschichtlicher Grabstätte. Sie wusste, dass sich ihr hier eine Gelegenheit bot, die vielleicht nie wiederkommen würde, und war bereit, Zeit, Geld und Arbeit zu investieren, obwohl gar nicht sicher war, dass sie einen Abnehmer für die Bilder finden würde.

Cherokee hatte nichts dagegen einzuwenden gehabt. Er beschloss, in der Zeit, die sie brauchen würde — vielleicht zwei Tage, wie sie meinte — , die Insel zu erkunden, die so weit ganz cool zu sein schien. Die Frage war nur, ob der Besitzer mitmachen würde. Manche Leute mochten ihre Häuser nicht in Zeitschriften abbilden lassen, weil sie fürchteten, das könnte Einbrecher auf dumme Gedanken bringen.

Aber Guy Brouard, so hieß der Mann, dem das Anwesen gehörte, gefiel die Idee. Er lud Cherokee und China ein, über Nacht oder auch länger zu bleiben und sich so viel Zeit wie nötig für die Fotos zu nehmen. Meine Schwester und ich leben ganz allein hier, sagte er. Besuch ist uns immer eine willkommene Abwechslung.

Wie sich zeigte, war auch der Sohn des Mannes da, und Cherokee dachte zunächst, Brouard hoffe vielleicht, China und sein Sohn würden sich zusammentun. Aber der Sohn war ein ungeselliger Typ und ließ sich nur zu den Mahlzeiten sehen. Dafür war die Schwester sehr nett, und Brouard selber auch. Cherokee und China fühlten sich wie zu Hause.

China und Guy fuhren gleich total auf einander ab. Sie interessierten sich beide für Architektur — sie von Berufs wegen, er weil er ein Gebäude plante. Er nahm sie sogar mit zu dem Platz, auf dem das Projekt entstehen sollte, und zeigte ihr diverse Gebäude auf der Insel, die geschichtliche Bedeutung hatten. China solle die ganze Insel fotografieren, sagte er, einen Bildband über Guernsey machen. So klein die Insel sei, sie habe eine ereignisreiche und lange Geschichte, die sich in ihren Bauten spiegle.

An ihrem vierten und letzten Abend bei den Brouards fand im Haus ein lange geplantes Fest statt, eine Riesenfete mit Scharen aufgedonnerter Leute. Cherokee und China kannten den Anlass nicht, aber sie erfuhren ihn zu mitternächtlicher Stunde, als Guy Brouard alle seine Gäste zusammentrommelte und verkündete, die Entscheidung über den Entwurf für das von ihm geplante Gebäude — ein Museum, wie sich herausstellte — sei nun endlich gefallen. Trommelwirbel und Hochspannung, bevor er den Namen des Architekten nannte, dessen Pläne China und Cherokee aus Kalifornien mitgebracht hatten, danach knallende Champagnerkorken und ein Feuerwerk. Ein Aquarell des Gebäudes wurde auf einer Staffelei ausgestellt, wo die Festgäste es ausgiebig bewunderten und dann fortfuhren, sich mit Brouards Champagner voll laufen zu lassen.

Es wunderte Cherokee und seine Schwester nicht, dass am nächsten Morgen kein Mensch im Haus auf den Beinen war. Gegen halb neun gingen sie in die Küche und suchten in der Annahme, dass es ganz in Ordnung sei, wenn sie frühstückten, während die Familie Brouard sich nach der langen Nacht ausschlief, Getreideflocken, Kaffee und Milch zusammen. Nach dem Frühstück riefen sie ein Taxi und ließen sich zum Flughafen fahren, ohne noch einmal jemanden aus dem Haus gesehen zu haben.

Sie flogen nach Paris, klapperten zwei Tage lang die Sehenswürdigkeiten ab, die sie bisher nur auf Bildern bewundert hatten, und zogen weiter nach Rom. Aber als sie dort am Flughafen durch den

Zoll gehen wollten, wurden sie von Beamten der Interpol aufgehalten.

Man brachte sie nach Guernsey zurück, wo sie, wie man ihnen sagte, als Zeugen gesucht wurden. Als sie wissen wollten, als Zeugen wofür, erklärte man ihnen nur:»Ein schwerer Zwischenfall macht Ihre unverzügliche Rückkehr auf die Insel erforderlich.«

Wie sich zeigte, war es die Polizei von St. Peter Port, die ihre Rückkehr eingeleitet hatte. Sie wurden in getrennten Einzelzellen festgehalten; Cherokee vierundzwanzig ziemlich unangenehme Stunden lang; China drei albtraumhafte Tage lang, die in einen Auftritt vor dem Untersuchungsrichter und der nachfolgenden Überführung ins Untersuchungsgefängnis mündeten, in dem sie jetzt noch saß.

«Aber weswegen denn?«, fragte Deborah. Sie griff über den Tisch und umfasste Cherokees Hand.»Cherokee, was werfen sie ihr vor?«

«Mord. «Er hob seine andere Hand und drückte die Finger auf die Augen.»Es ist völlig irre. Sie beschuldigen China, Guy Brouard umgebracht zu haben.«

2

Deborah schlug die Bettdecke zurück und schüttelte die Kissen auf. Selten hatte sie sich so unnütz gefühlt. In Guernsey saß China in einer Gefängniszelle, und sie werkelte hier im Gästezimmer herum wie eine brave Hausfrau, weil sie nicht wusste, was sie tun sollte. Ein Teil von ihr hätte am liebsten die nächste Maschine zu den Kanalinseln genommen, ein anderer wollte direkt in Cherokees Herz eintauchen, um seine Angst zu lindern. Und ein weiterer Teil von ihr drängte danach, Listen aufzustellen, Pläne zu schmieden, Instruktionen zu geben und unverzüglich etwas zu unternehmen, um beide Rivers wissen zu lassen, dass sie nicht allein waren auf der Welt. Und noch lieber wäre ihr gewesen, jemand anders hätte das alles getan, denn sie fühlte sich dem allem nicht gewachsen.

Um Chinas Bruder, der verlegen hinter ihr an der Kommode stand, irgendetwas zu sagen, drehte sie sich nach ihm um.»Wenn du in der Nacht etwas brauchst — wir sind einen Stock tiefer.«

Cherokee nickte. Er wirkte elend und mutlos.»Sie hat es nicht getan«, sagte er.»Oder kannst du dir vorstellen, dass China auch nur einer Fliege etwas zuleide tun würde?«

«Nie im Leben.«

«Als wir klein waren, musste ich immer kommen und die Spinnen aus ihrem Zimmer holen. Sie stand auf dem Bett und kreischte, weil sie eine an der Wand gesehen hatte, und wenn ich dann kam, um das Biest zu erschlagen, schrie sie: >Tu ihr nichts! Tu ihr nichts!««

«Ja, so kenne ich sie auch.«

«Lieber Gott, hätte ich doch das Ganze nicht angezettelt. Hätte ich sie doch nicht gedrängt, mitzukommen. Ich muss was tun und weiß nicht, was.«

Man sah ihm an, dass er Angst hatte. Unablässig drehte er den Bindegürtel von Simons Morgenrock zwischen den Fingern. Deborah musste daran denken, dass China stets wie die ältere der beiden gewirkt hatte. Cherokee, was soll ich nur mit dir machen, hatte sie oft am Telefon gesagt. Wann wirst du endlich erwachsen werden?

Jetzt, dachte Deborah. Jetzt, da die Umstände von ihm eine Reife erforderten, zu der er vielleicht gar nicht fähig war.

«Schlaf dich erst mal aus«, sagte sie, weil sie sonst keinen Trost für ihn hatte.»Morgen ist auch noch ein Tag. «Damit ging sie.

Sie war tief bekümmert. China River war in der schlimmsten Zeit ihres Lebens ihre beste Freundin gewesen, und sie stand tief in ihrer Schuld. Dass China jetzt in Schwierigkeiten war und allein auf sich gestellt sein sollte. Deborah verstand Cherokees Angst um seine Schwester nur zu gut.

Als sie ins Schlafzimmer kam, saß Simon auf dem Stuhl mit der steifen Lehne, den er immer benutzte, wenn er seine Beinschiene abnahm. Er war gerade dabei, die Klettstreifen aufzuziehen, seine Hose war zu den Füßen hinuntergeschoben, seine Krücken lagen neben dem Stuhl auf dem Boden.

Er wirkte kindlich und verwundbar wie stets in dieser Situation, und Deborah musste, wenn sie ihn so vorfand, immer all ihre Selbstbeherrschung aufbieten, um nicht zu ihm zu eilen und ihm ihre Hilfe anzubieten. Sein Gebrechen war für sie die große ausgleichende Kraft zwischen ihnen. Sie hasste es um seinetwillen, weil sie wusste, wie sehr er es hasste, aber sie hatte schon vor langem akzeptiert, dass der Unfall, der ihm als jungem Mann in den Zwanzigern einen Teil seiner Bewegungsfähigkeit geraubt hatte, ihn für sie erst erreichbar gemacht hatte. Ohne dieses Ereignis hätte er geheiratet, während sie noch in der Pubertät steckte, und sie weit hinter sich gelassen. Die Zeit im Krankenhaus und der langsamen Genesung und die nachfolgenden dunklen Jahre der Depression hatten diese Pläne zunichte gemacht.

Aber er wollte nicht in seiner Hilfsbedürftigkeit wahrgenommen werden. Darum ging sie direkt zur Kommode, um dort umständlich die wenigen Schmuckstücke abzulegen, die sie trug, und auf das Geräusch der zu Boden fallenden Beinschiene zu warten. Als sie es hörte und gleich darauf sein leises Stöhnen beim Aufstehen, drehte sie sich um. Er stand auf seine Krücke gestützt und sah sie liebevoll an.

«Danke dir«, sagte er.

«Tut mir Leid. Bin ich immer so leicht zu durchschauen?«

«Nein. Du bist immer so einfühlsam. Aber ich glaube, ich habe dir nie richtig dafür gedankt. Das kommt davon, wenn eine Ehe glücklicher ist, als ihr gut tut: Man nimmt den anderen als selbstverständlich hin.«

«Nimmst du mich also als selbstverständlich hin?«

«Nicht bewusst. «Er neigte ein wenig den Kopf zur Seite und betrachtete sie.»Offen gesagt, du gibst mir gar nicht die Chance dazu. «Er kam zu ihr, und sie legte ihre Arme um seine Taille. Er küsste sie sanft und dann lange, während er sie mit einem Arm an sich gedrückt hielt, bis sie das Verlangen spürte, das sich in ihnen beiden regte.

Sie sah zu ihm hinauf.»Ich bin froh, dass du noch so auf mich wirkst. Und noch froher, dass ich noch so auf dich wirke.«

Er berührte ihre Wange.»Hm. Ja. Trotzdem ist jetzt in Anbetracht der Dinge wahrscheinlich nicht die Zeit.«»Wofür?«

«Gewisse interessante Variationen dieser Wirkung, von der du sprichst, näher zu erforschen.«

«Ach so. «Sie lächelte.»Vielleicht ist jetzt aber doch die Zeit dazu, Simon. Wir erfahren doch jeden Tag, wie schnell das Leben sich ändert. Alles, was wichtig ist, kann in einem Augenblick vorbei sein. Darum ist jetzt die Zeit.«

«Zu erforschen.?«

«Nur wenn wir es gemeinsam tun.«

Und das taten sie im milden Schein der Lampe, der ihre Körper vergoldete, Simons graublaue Augen verdunkelte und die sonst verborgenen bleichen Stellen, wo ihr Blut heiß pulsierte, glutrot färbte. Danach lagen sie ineinander verschlungen auf dem Bettüberwurf, den zu entfernen sie sich nicht die Zeit genommen hatten. Deborahs Kleider waren auf dem Boden verteilt, wo ihr Mann sie hingeworfen hatte, und Simons Hemd hing zerknittert von seinem Arm herab.

«Ich bin froh, dass du dich noch nicht hingelegt hattest«, sagte sie, die Wange an seiner Brust.»Ich dachte, du würdest vielleicht schon schlafen. Du hast unten in der Küche so müde ausgesehen. Aber ich konnte ihn doch nicht einfach im Gästezimmer absetzen und verschwinden. Wie schön, dass du wach geblieben bist. Danke, Simon.«

Er streichelte ihr Haar und schob, wie es seine Gewohnheit war, die Hand in die Fülle, bis seine Finger ihren Kopf spürten. Zart ließ er sie dort auf ihrer Haut spielen, und sie merkte selbst, wie ihr Körper sich unter der Liebkosung entspannte.

«Alles in Ordnung mit ihm?«, fragte er.»Gibt es jemanden, den wir notfalls anrufen können?«

«Notfalls?«

«Na ja, für den Fall, dass er morgen bei der Botschaft nicht das erreicht, was er will. Ich vermute, die haben dort schon mit der Polizei in Guernsey gesprochen. Wenn sie niemanden rübergeschickt haben. «Deborah spürte, wie ihr Mann mit den Schultern zuckte.»Dann spricht alles dafür, dass sie nicht vorhaben, irgendwas zu tun.«

Deborah richtete sich auf.»Du glaubst doch nicht, dass China diesen Mord tatsächlich begangen hat?«

«Aber nein. «Er zog sie wieder an sich.»Ich wollte damit nur sagen, dass sie sich in den Händen der Polizei eines fremden Landes befindet und die Botschaft möglicherweise nicht bereit ist, etwas zu unternehmen, was über das amtliche Protokoll und die übliche Verfahrensweise hinausgeht. Darauf sollte Cherokee vorbereitet sein. Und wenn es so sein sollte, wird er vielleicht jemanden brauchen, der ihm den Rücken stärkt. Vielleicht ist er sogar aus diesem Grund hierher gekommen.«

Simons Stimme war bei der letzten Bemerkung leiser geworden, und Deborah hob wieder den Kopf, um ihn anzusehen.»Was?«

«Nichts.«

«Das ist doch nicht alles, Simon, ich höre es an deiner Stimme.«

«Bist du die Einzige, die er in London kennt?«

«Wahrscheinlich, ja.«

«Aha.«

«Aha?«

«Dann wird er dich vielleicht brauchen, Deborah.«

«Und würde dich das stören?«

«Nein, das nicht. Aber gibt es nicht noch andere nahe Angehörige?«

«Nur ihre Mutter.«

«Die Baumbesetzerin. Tja, es wäre vielleicht ratsam, sie anzurufen. Was ist mit dem Vater? Du sagtest, die beiden hätten verschiedene Väter.«

Deborah verzog das Gesicht.»Ihrer ist im Gefängnis, Simon. Das war er zumindest, als wir zusammenwohnten. «Als sie Simons Irritation bemerkte — hinter der vielleicht das Klischee vom Apfel steckte, der nicht weit vom Stamm fällt — , fügte sie hinzu:»Es war nichts Schlimmes. Ich meine, er hatte niemanden umgebracht. China hat nie viel über ihn gesagt, aber ich weiß, dass er mit Drogen zu tun hatte. Ein geheimes Labor irgendwo? Ja, ich glaube, das war's. Er hat jedenfalls nicht auf der Straße gestanden und mit Heroin gedealt.«

«Das ist immerhin ein Trost.«»Sie ist nicht wie er, Simon.«

Sie nahm sein Brummen als Zeichen widerwilliger Zustimmung.

Danach lagen sie schweigend beieinander, glücklich in ihrer Zwei- samkeit, ihr Kopf auf seiner Brust, seine Finger in ihrem Haar.

In Momenten wie diesem liebte Deborah ihren Mann auf eine andere Art. Sie fühlte sich ihm eher gleichwertig. Diese Wahrnehmung entsprang nicht nur ihrem ruhigen Gespräch, sondern auch — und für sie war das vielleicht das Wichtigere — dem, was dem Gespräch vorausgegangen war. Dass ihr Körper ihm solche Lust bereiten konnte, schien das Ungleichgewicht zwischen ihnen aufzuheben, und dass sie diese Lust miterleben durfte, erlaubte ihr, sich ihrem Mann für den Moment sogar überlegen zu fühlen. Aus diesem Grund war für sie die eigene Lust seit langem zweitrangig geworden, worüber die emanzipierten Frauen ihrer Welt entsetzt gewesen wären, wie Deborah wusste. Aber so war es nun einmal.

«Ich habe mich schrecklich benommen«, murmelte sie schließlich.»Heute Abend, meine ich. Es tut mir Leid, Liebster. Ich mache es dir wirklich nicht leicht.«

Simon hatte keine Mühe, ihrem Gedankensprung zu folgen.»Ja, Erwartungen sind etwas Tückisches. Im Voraus geplante Enttäuschungen.«

«Stimmt, ich hatte alles genau geplant. Massen von Leuten, die — Champagnergläser in der Hand — voll ehrfürchtiger Bewunderung vor meinen Bildern stehen. >Mein Gott, die Frau ist ein Geniec, sagt einer zum anderen. >Allein diese Idee, eine Polaroid zu nehmen. Ich muss auf der Stelle so ein Bild haben. Ach, was sage ich! Ich muss mindestens zehn haben.c«

«>Die neue Wohnung in Canary Wharf schreit geradezu nach solchen Fotos<«, fügte Simon hinzu.

«>Ganz zu schweigen vom Sommerhaus in den Cotswolds.<«

«>Und der Villa bei Bath.<«

Sie lachten. Dann schwiegen sie. Deborah richtete sich auf, um ihren Mann anzusehen.

«Es tut immer noch weh«, bekannte sie.»Nicht mehr so stark, lange nicht mehr. Aber ein bisschen schon noch.«

«Ja«, sagte er.»Schnellen Trost gibt es nicht, wenn einem etwas verwehrt wird. Wir alle wollen haben, was wir ersehnen. Und wenn wir es nicht bekommen, so heißt das nicht, dass wir aufhören, uns danach zu sehnen. Das weiß ich nur zu gut. Glaub mir. Das weiß ich.«

Sie sah schnell von ihm weg, als sie begriff, dass das, wovon er sprach, weit tiefer ging als der Stich der Enttäuschung dieses Abends. Sie war dankbar, dass er verstand, immer verstanden hatte, auch wenn seine Kommentare zu ihrem Leben noch so sehr von kühler Sachlichkeit und scharfer Logik bestimmt schienen. In ihren Augen brannten Tränen, aber die sollte er nicht sehen. Sie wollte ihm in diesem Moment die Akzeptanz der Ungerechtigkeit des Lebens zum Geschenk machen. Als es ihr gelungen war, den Schmerz zurückzudrängen, wandte sie sich ihm wieder zu und sagte in einem Ton, von dem sie hoffte, er drücke Entschlossenheit aus:»Ich werde mal richtig in mich gehen. Vielleicht werde ich ganz neue Wege beschreiten.«

Er betrachtete sie auf die für ihn typische Art, mit einem unverwandten Blick, der selbst Anwälte nervös machte, wenn er als Gutachter vor Gericht aussagte, und seine Studenten unweigerlich zum Stottern brachte. Doch für sie war der Blick gemildert durch sein Lächeln.

«Wunderbar«, sagte er, als er sie erneut an sich zog.»Ich würde gern sofort ein paar Vorschläge machen.«

Deborah war schon vor Tagesanbruch aufgestanden. Nachdem sie stundenlang wach gelegen hatte, war sie schließlich in einen unruhigen Schlaf gefallen, der sie durch ein Labyrinth unverständlicher Träume geführt hatte. Sie war wieder in Santa Barbara, aber nicht als diejenige, die sie damals gewesen war — eine junge Studentin am Brooks Institute for Photography — , sondern als eine ganz andere, eine Art Ambulanzfahrerin, die schnellstens ein Spenderherz zur Transplantation aus einem Krankenhaus abholen musste, das sie nicht finden konnte. Ohne die Lieferung würde der Patient, der aus irgendeinem Grund nicht in einem Operationssaal lag, sondern in der

Autoreparaturwerkstatt der Tankstelle, hinter der sie und China früher gewohnt hatten, innerhalb einer Stunde sterben, zumal sein Herz bereits entfernt worden und nur noch ein klaffendes Loch in seiner Brust vorhanden war. Ob der Patient, der teilweise verhüllt auf der erhöhten Plattform der Werkstatt lag, ein Mann oder eine Frau war, war nicht zu erkennen.

In ihrem Traum raste sie verzweifelt durch die von Palmen gesäumten Straßen, ohne ihrem Ziel näher zu kommen. Sie konnte sich an nichts in Santa Barbara erinnern, und niemand war bereit, ihr mit einer Beschreibung des Wegs zu helfen.

Als sie erwachte, war sie schweißnass und zitterte vor Kälte. Sie sah auf die Uhr, glitt leise aus dem Bett und ging ins Badezimmer, wo sie die schlimmsten Reste des Albtraums abwusch. Bei ihrer Rückkehr ins Schlafzimmer murmelte Simon in der Dunkelheit ihren Namen und fragte:»Wie spät ist es? Was tust du?«

«Ich habe etwas Fürchterliches geträumt«, sagte sie.

«Nicht von Kunstsammlern, die dir mit dem Scheckbuch gewinkt haben?«

«Nein, leider nicht. Eher von Kunstsammlern, die mir mit Annie Leibovitz gewinkt haben.«

«Ach so. Na, es hätte schlimmer sein können.«

«Wie denn?«

«Es hätte Karsch sein können.«

Sie lachte und sagte, er solle weiterschlafen. Es sei noch früh, ihr Vater sei bestimmt noch nicht auf, und sie selbst würde ganz sicher nicht wie ihr Vater die Treppe rauf und runter laufen, um ihm seinen Morgentee zu bringen.»Dad verwöhnt dich«, teilte sie ihrem Mann mit.

«Ich finde das nur recht und billig als Gegenleistung dafür, dass ich ihn von dir befreit habe.«

Sie hörte das Rascheln der Laken, als er sich ausstreckte und mit einem wohligen Seufzer wieder dem Schlaf überließ. Sie ging nach unten.

Peach spähte aus seinem Korb neben dem Herd, als sie sich in der Küche eine Tasse Tee kochte, und Alaska kam weiß bestäubt, als hätte sie die Nacht auf einem löcherigen Mehlsack verbracht, aus der Speisekammer. Beide Tiere pirschten sich an sie heran, während sie, an den Spülstein unter dem Souterrainfenster gelehnt, darauf wartete, dass das Teewasser heiß wurde. Sie lauschte dem Regen, der immer noch auf den Platz vor der Hintertür fiel. Nur in der Nacht hatte er einmal kurz aufgehört, irgendwann nach drei Uhr, als sie noch wach gelegen hatte, dem Chor schriller Stimmen ausgeliefert, die ihr sagten, was sie tun sollte: mit sich, ihrem Leben, ihrer Karriere und vor allem mit und für Cherokee River.

Sie warf einen nachdenklichen Blick auf Peach, als Alaska begann, ihr sanft, aber nachdrücklich um die Beine zu streichen. Der Hund hasste es, sich die Pfoten nass zu machen — ein Regentropfen, und er weigerte sich, vor die Tür zu gehen. An einen Spaziergang war also nicht zu denken. Aber eine Stippvisite in den Garten, um das Notwendige zu erledigen, konnte man ihm schon zumuten. Doch als hätte der Dackel Deborahs Gedanken gelesen, verschwand er schleunigst in seinem Korb, während Alaska zu miauen begann.

«Glaub ja nicht, du kannst dich drücken«, sagte Deborah zu dem Hund, der sie mit seelenvollem Blick ansah, wie er das immer tat, wenn er besonders Mitleid erregend wirken wollte.»Wenn du jetzt nicht rausgehst, marschiert Dad nachher mit dir zum Fluss runter. Das weißt du doch.«

Peach schien bereit, dieses Risiko einzugehen. Er legte den Kopf auf die Pfoten und schloss die Augen.»Na schön«, sagte Deborah. Sie füllte den Napf der Katze mit der täglichen Futterration und stellte ihn sorgfältig außer Reichweite des Hundes. Sie wusste, er würde sich darüber hermachen, sobald sie ihm den Rücken kehrte, auch wenn er jetzt tiefen Schlaf vortäuschte. Sie goss ihren Tee auf und trug ihn nach oben, im Dunkeln ihren Weg ertastend.

Es war kalt im Arbeitszimmer. Sie schloss die Tür und zündete das Gasfeuer an. In einem Hefter auf einem der Bücherborde hatte sie eine Serie kleiner Polaroidfotos gesammelt, die sie zu dem Thema, mit dem sie sich als Nächstes beschäftigen wollte, gemacht hatte. Sie trug den Hefter zum Schreibtisch, setzte sich in Simons abgewetzten Ledersessel und sah die Bilder durch.

Sie dachte an Dorothea Lange und stellte sich die Frage, ob sie die Fähigkeit hatte, die nötig war, um in einem Gesicht, dem richtigen Gesicht, einen unvergesslichen Ausdruck einzufangen, der eine ganze Ära charakterisieren konnte. Sie hatte kein von Staubstürmen und Missernten zermürbtes dust bowl-Amerika. der Dreißigerjahre erlebt, ein riesiges Trockengebiet, dessen Hoffnungslosigkeit sich im Antlitz einer Nation eingegraben hatte. Und sie wusste, wenn es ihr gelingen sollte, ein Abbild dieser, ihrer eigenen Epoche einzufangen, musste sie über die Grenzen hinausdenken, die seit langem durch dieses beeindruckende, schmerzvolle und ausgehöhlte Gesicht einer Frau und ihrer Kinder und einer Generation der Verzweiflung ausgedrückt wurden. Zumindest der halben Arbeit glaubte sie, gewachsen zu sein: Jenem Teil, bei dem es um das Denken ging. Aber war der andere Teil wirklich das, was sie wollte — noch einmal zwölf Monate durch die Straßen ziehen, noch einmal zehn- oder zwölftausend Fotos schießen, unablässig bemüht, hinter die von Mobiltelefonen und ewiger Eile beherrschte Welt zu sehen, die die Wahrheit dessen, was wirklich da war, verzerrte. Selbst wenn sie das schaffte, was würde es ihr auf lange Sicht bringen? Im Augenblick wusste sie es ganz einfach nicht.

Seufzend legte sie die Fotos auf den Schreibtisch. Nicht zum ersten Mal überlegte sie, ob nicht China den vernünftigeren Weg gewählt hatte. Mit kommerzieller Fotografie ließen sich Miete, Essen und Kleidung bezahlen. Das musste nicht unbedingt ein seelenloses Geschäft sein. Und eben weil sie in der glücklichen Lage war, nicht für Miete, Essen und Kleidung sorgen zu müssen, drängte es sie, an anderer Stelle einen Beitrag zu leisten. Wenn sie schon nicht gebraucht wurde, um ihre wirtschaftliche Situation zu verbessern, konnte sie wenigstens ihre Begabung dazu nutzen, etwas für die Gesellschaft zu tun, in der sie lebte.

Aber würde sie das tatsächlich damit erreichen, dass sie sich der kommerziellen Fotografie zuwandte? Und was wollte sie überhaupt fotografieren? Chinas Bilder hatten ganz direkt mit ihrem Interesse an Architektur zu tun. Sie hatte es sich von Beginn an zum Ziel gesetzt, eine Fotografin von Gebäuden zu werden, und tat heute beruflich das, was sie sich vorgenommen hatte. Sie war sich nicht untreu geworden wie Deborah sich, ihrer Meinung nach, untreu werden würde, wenn sie den Weg des geringsten Widerstands ging und auf kommerzielle Fotografie umstieg. Und was würde sie dann überhaupt fotografieren? Kindergeburtstagsfeste? Rockstars, die gerade aus dem Gefängnis entlassen wurden?

Gefängnis. Ach Gott. Mit einem leisen Aufstöhnen stützte sie den Kopf in die Hände und schloss die Augen. Wie wichtig waren diese Überlegungen, gemessen an der Situation, in der China sich befand? China, die für sie in Santa Barbara da gewesen war, eine liebevolle Freundin in einer Zeit, da sie eine solche am dringendsten gebraucht hatte. Ich habe euch beide doch zusammen gesehen, Debs. Wenn du es ihm sagst, kommt er bestimmt mit der nächsten Maschine zurück und sagt dir, dass er dich heiraten will. Das will er doch. Aber so will ich es nicht, hatte Deborah entgegnet. So nicht.

Also hatte China alles Notwendige veranlasst, hatte sie in die Klinik gefahren, hatte hinterher an ihrem Bett gesessen und war der erste Mensch gewesen, den sie gesehen hatte, als sie die Augen öffnete.»Hey, Mädchen«, hatte sie mit so viel Liebe gesagt, dass Deborah glaubte, nie wieder in ihrem Leben eine solche Freundin zu finden.

Freundschaft verlangte Handeln. Sie durfte nicht zulassen, dass China sich länger als nötig allein fühlte. Aber was tun? Was -

Irgendwo im Flur draußen vor dem Arbeitszimmer knarrte eine Diele. Deborah hob den Kopf. Wieder knarrte es. Sie stand auf, ging schnell durch das Zimmer und riss die Tür auf.

Im diffusen Licht einer Straßenlampe, das von draußen hereinfiel, konnte sie Cherokee River erkennen, der gerade seine Jacke vom Heizkörper nahm, auf dem Deborah sie zum Trocknen ausgebreitet hatte. Seine Absicht war klar.

«Willst du etwa weg?«, fragte Deborah ungläubig.

Cherokee wirbelte herum.»Mann! Du hast mich zu Tode erschreckt. Wo kommst du denn plötzlich her?«

Deborah zeigte zum Arbeitszimmer, wo auf Simons Schreibtisch die Lampe brannte und das Gasfeuer seinen flackernden Schein zur

Zimmerdecke hinaufwarf.»Ich bin schon eine ganze Weile auf. Hab alte Fotos durchgesehen. Aber was tust du hier? Wohin willst du?«

Er trat von einem Fuß auf den anderen und fuhr sich mit einer für ihn typischen Geste mit der Hand durch die Haare.»Ich konnte nicht schlafen. «Er wies zur Treppe ins obere Stockwerk.»Ich weiß, ich krieg kein Auge mehr zu — weder hier noch sonst wo — , solange ich nicht jemanden nach Guernsey rübergelotst hab. Darum hab ich mir gedacht, ich geh mal zur Botschaft — «

«Wie spät ist es denn überhaupt?«Deborah warf einen Blick zu ihrem Handgelenk und sah, dass sie ihre Uhr nicht umgelegt hatte. Aber die Düsternis draußen — wenn auch durch den unerträglichen Regen verstärkt — verriet ihr, dass es nicht viel später als sechs Uhr sein konnte.»Die Botschaft macht noch lange nicht auf.«

«Ja, aber ich wollte als Erster da sein, falls dort großer Andrang herrscht.«

«Das kannst du auch noch sein, wenn du erst eine Tasse Tee trinkst. Oder Kaffee, wenn du willst, und etwas isst.«

«Nein. Ihr habt schon genug getan. Ihr habt mich hier aufgenommen und verpflegt und alles. Ihr habt mir echt aus der Patsche geholfen.«

«Und darüber bin ich froh. Aber ich lass dich jetzt nicht gehen. Das wäre Quatsch. Ich fahr dich hin — rechtzeitig, damit du als Erster da bist, wenn dir das wichtig ist.«

«Du musst aber nicht — «

«Ich weiß, dass ich nicht muss«, unterbrach Deborah mit Entschiedenheit,»aber ich will. Also, lass die Jacke hier und komm mit.«

Cherokee schien einen Moment zu überlegen. Er schaute zur Tür, durch deren drei Glasscheiben das Licht sickerte. Sie konnten beide das Rauschen des Regens hören, und wie um ihm zu demonstrieren, wie unfreundlich er empfangen würde, wenn er sich hinauswagte, schoss wie eine gigantische Faust ein Windstoß vom Fluss herauf und schüttelte die Äste der Platane auf der Straße, dass es laut krachte.

Er sagte widerstrebend:»Okay. Danke.«

Deborah ging ihm voraus in die Küche hinunter. Peach schaute auf und knurrte. Alaska, die wie immer tagsüber auf dem Fensterbrett hockte, warf ihnen einen Blick zu, zwinkerte einmal und wandte sich wieder der Beobachtung der Regenbäche auf der Fensterscheibe zu.

«Benimm dich«, sagte Deborah zu dem Hund und forderte Cherokee auf, sich an den Tisch zu setzen, wo dieser stumm auf die von Messerkerben und Brandringen gezeichnete Holzplatte hinunterblickte. Wieder setzte Deborah Wasser auf und holte die Teekanne aus dem Küchenschrank.»Ich mach dir auch gleich was zu essen«, sagte sie.»Wann hast du das letzte Mal richtig gegessen?«Sie sah zu ihm hinüber.»Gestern bestimmt nicht.«

«Doch, die Suppe bei euch.«

Sie prustete geringschätzig.»Du kannst China nicht helfen, wenn du keine Kraft hast. «Aus dem Kühlschrank nahm sie Eier und Schinkenspeck, Tomaten aus dem Korb beim Spülstein und Pilze aus der dunklen Ecke neben der Tür, die nach draußen führte, wo ihr Vater sie in einem großen Papierbeutel aufbewahrte, der zwischen den Regenmänteln der Hausbewohner an einem Haken hing.

Cherokee stand auf und trat zum Fenster über dem Spültisch. Alaska beschnupperte seine Finger, als er die Hand ausstreckte, um sie zu streicheln, dann senkte sie huldvoll den Kopf und erlaubte ihm, sie hinter den Ohren zu kraulen. Deborah, die bemerkte, wie Cherokee sich in der Küche umschaute, als wollte er sich jede Einzelheit einprägen, sah plötzlich mit seinen Augen all die kleinen Dinge, die für sie eine Selbstverständlichkeit waren: von den Sträußen getrockneter Kräuter, die ihr Vater aufzuhängen pflegte, zu den kupfernen Töpfen und Pfannen an der Wand über dem Herd, von den abgetretenen alten Bodenfliesen zum Küchenbüfett mit dem Geschirr und den Fotos von Simons Nichten und Neffen.

«Das Haus ist echt cool«, murmelte Cherokee.

Für Deborah war es einfach das Haus, in dem sie seit ihrer Kindheit lebte. Als die mutterlose kleine Tochter von Simons unentbehrlichem Faktotum war sie hierher gekommen und war als Simons Frau geblieben. Sie kannte jeden Luftzug in diesem Haus, sie kannte die Probleme mit den alten Rohren und den Mangel an elektrischen

Steckdosen. Für sie war es schlicht ihr Zuhause.»Es ist alt und zugig, und die meiste Zeit macht es einen Haufen Ärger«, sagte sie.

«Ehrlich? Für mich schaut's aus wie eine hochherrschaftliche Villa.«

«Findest du?«Sie legte neun Scheiben Schinkenspeck in eine Pfanne und schob diese in den Grill.»Eigentlich gehört es der Familie von Simon. Es war eine Katastrophe, als er es übernommen hat. Mäuse in den Wänden und Füchse in der Küche. Er und mein Vater haben fast zwei Jahre gebraucht, um es wieder bewohnbar zu machen. Theoretisch könnten jetzt jederzeit seine Brüder oder seine Schwester hier mit einziehen, da das Haus ja nicht uns allein gehört. Aber das würden sie nie tun. Sie wissen, dass er und mein Vater die ganze Arbeit allein gemacht haben.«

«Ach, Simon hat Geschwister?«, bemerkte Cherokee.

«Ja, zwei Brüder — in Southampton, da ist die Familienfirma, eine Reederei — und eine Schwester, die in London lebt. Sie hat früher als Model gearbeitet, jetzt will sie als Interviewerin irgendwelcher obskuren Prominenten bei einem noch obskureren Fernsehsender, den kein Mensch einschaltet, Karriere machen. «Deborah lachte.»Sie ist schon eine Type. Sidney, meine ich, Simons Schwester. Ihre Mutter ist völlig verzweifelt, weil sie einfach nicht zur Ruhe kommt. Sie wechselt die Liebhaber wie die Hemden, und jeder ist immer — endlich, endlich — der Mann ihrer Träume.«

«Muss schön sein, so eine Familie zu haben«, sagte Cherokee.

Der sehnsüchtige Unterton veranlasste Deborah, die am Herd stand, sich umzudrehen.»Möchtest du vielleicht deine Mutter anrufen?«, fragte sie.»Du kannst das Telefon da auf dem Küchenschrank benutzen. Oder das im Arbeitszimmer, wenn du ungestört sein möchtest. Es ist jetzt. «Sie sah zur Wanduhr hinauf und rechnete.»Es ist jetzt erst Viertel nach zehn Uhr abends in Kalifornien.«

«Nein, das kann ich nicht. «Cherokee kehrte zum Tisch zurück und ließ sich auf einen Stuhl fallen.»Ich hab's China versprochen.«

«Aber sie hat das Recht — «

«China und unsere Mutter?«, unterbrach Cherokee.»Nein, die beiden können überhaupt nicht miteinander. Verstehst du, unsere Mam war keine besonders tolle Mutter, nicht so wie andere Mütter, und China will nicht, dass sie von dieser Geschichte was erfährt. Ich vermute — na ja, eine andere Mutter würde sich wahrscheinlich ins nächste Flugzeug setzen, aber bei unserer Mam brauchst du damit nicht zu rechnen. Könnte ja sein, dass eine gefährdete Spezies gerettet werden muss. Warum ihr also überhaupt was davon sagen? So sieht's jedenfalls China.«

«Was ist mit ihrem Vater? Ist er. «Deborah zögerte. Chinas Vater war immer ein heikles Thema gewesen.

Cherokee zog eine Augenbraue hoch.»Eingesperrt, meinst du? O ja. Er sitzt wieder mal. Es ist also niemand da, den wir anrufen könnten.«

Sie hörten, dass jemand die Treppe zur Küche herunterkam. Deborah, die den Tisch deckte, lauschte den unregelmäßigen Schritten eines vorsichtigen Abstiegs.»Das ist Simon«, sagte sie. Er war früher aufgestanden als sonst, lange vor ihrem Vater, und das würde diesem gar nicht recht sein.

Joseph Cotter hatte Simon während seiner langen Rekonvaleszenz nach dem schweren, durch Trunkenheit am Steuer verursachten Autounfall gepflegt, und er mochte es gar nicht, wenn Simon sich seiner häuslichen Fürsorge entzog.

«Zum Glück hab ich genug für drei gemacht«, sagte Deborah, als ihr Mann eintrat.

Der blickte vom Herd zum gedeckten Tisch.»Ich hoffe, das Herz deines Vaters ist stark genug, um diesen Schock auszuhalten«, sagte er.

«Sehr witzig.«

Simon gab ihr einen Kuss und nickte Cherokee zu.»Sie sehen viel besser aus heute Morgen. Was macht der Kopf?«

Cherokee tippte an das Pflaster unter seinem Haaransatz.»Besser. Ich hatte eine gute Pflegerin.«

«Ja, sie weiß, was sie tut«, sagte Simon.

Deborah schlug die Eier in die Pfanne und verrührte sie.»Ich habe Cherokee versprochen, dass ich ihn nach dem Frühstück zur amerikanischen Botschaft fahre«, sagte sie.

«Aha. «Simon sah Cherokee an.»Die Polizei von Guernsey hat die Botschaft noch nicht informiert? Das ist ungewöhnlich.«

«Doch, doch«, sagte Cherokee.»Aber sie haben niemanden geschickt. Sie haben nur angerufen, um sicherzustellen, dass sie einen Anwalt hat, der sie bei Gericht vertritt. Danach hieß es, wunderbar, das ist gut, sie hat also einen Rechtsbeistand, rufen Sie uns an, wenn Sie noch irgendwas brauchen. Ich sagte, ich brauche Sie. Ich brauche Sie hier. Ich habe ihnen erzählt, dass wir nicht mal auf der Insel waren, als es passiert ist. Aber sie sagten nur, die Polizei hätte Beweise, und sie könnten nichts tun, solange das Spiel läuft. Das haben sie wirklich gesagt. Als war das ein Baseballspiel oder so was. «Er stand abrupt auf und trat vom Tisch weg.»Ich brauche jemanden von der Botschaft auf der Insel. Diese ganze Sache ist doch ein abgekartetes Spiel, und wenn ich nichts dagegen unternehme, kommt's zum Prozess und einer Verurteilung, bevor der Monat um ist.«

«Kann denn die Botschaft wirklich nichts tun?«Deborah stellte das Frühstück auf den Tisch.»Simon, weißt du das?«

Ihr Mann ließ sich die Frage durch den Kopf gehen. Er wurde nicht oft für Botschaften tätig, weit häufiger für staatliche Behörden oder für Strafverteidiger, die vor Gericht einen unabhängigen Sachverständigen brauchten, um diesen oder jenen Laborbefund der Polizei in Frage zu stellen. Doch er kannte sich gut genug aus, um sagen zu können, was die amerikanische Botschaft Cherokee anbieten würde, wenn er am Grosvenor Square vorsprach.

«Die Botschaft kümmert sich darum, dass der jeweils Beschuldigte ein ordnungsgemäßes Verfahren bekommt«, sagte er.»Sie wird dafür sorgen, dass in Chinas Fall die rechtsstaatlichen Prinzipien gewahrt werden.«

«Und das ist alles, was sie tun können?«, fragte Cherokee.

«So ziemlich, ja«, antwortete Simon bedauernd, aber sein Ton wurde ermutigender, als er zu sprechen fortfuhr.»Ich denke, man wird sicherstellen, dass sie einen guten Anwalt bekommt. Man wird den Mann überprüfen und sich vergewissern, dass er nicht erst vor drei Wochen seine Zulassung erhalten hat, und man wird dafür sorgen, dass alle Personen in den Staaten, die China informieren möchte, informiert werden. Man wird veranlassen, dass ihr ihre Post zugestellt wird, und man wird sie in die regelmäßigen Besuchsrunden aufnehmen. Ich bin sicher, die Leute von der Botschaft werden tun, was in ihrer Macht steht. «Er betrachtete Cherokee einen Moment, dann sagte er aufmunternd:»Es ist ja noch früh am Tag.«

«Aber wir waren doch nicht mal dort, als das alles passierte«, wiederholte Cherokee wie betäubt.»Ich habe denen das immer wieder gesagt, aber sie haben mir nicht geglaubt. Am Flughafen gibt's doch bestimmt Aufzeichnungen. Ich meine darüber, wann wir abgeflogen sind. Es muss doch Passagierlisten geben.«

«Natürlich«, sagte Simon.»Wenn Sie zum Zeitpunkt des Todes schon abgeflogen waren, so wird sich das schnell herausstellen. «Zerstreut spielte er mit seinem Messer und begann, damit gegen seinen Teller zu klopfen.

«Was ist, Simon?«, fragte Deborah.»Was?«

Er sah Cherokee an und blickte dann an ihm vorbei zum Küchenfenster, wo Alaska sich putzte und immer wieder Pause machte, um mit der Pfote nach den Regenbächen zu schlagen, als könnte sie diese aufhalten. Er sagte mit Bedacht:»Man muss das mit kühler Vernunft betrachten. Wir sprechen hier nicht von einem Dritte-WeltLand und auch nicht von einem totalitären Staat. Die Polizei in Guernsey würde niemals jemanden ohne Beweise festnehmen. Das heißt«- er legte das Messer aus der Hand — »die Realität ist folgende: Es gibt etwas Eindeutiges, das sie veranlasst zu glauben, sie hätten den Täter, den sie suchen. «Wieder richtete er seinen Blick auf Cherokee und musterte auf die für ihn typische ruhig forschende Art dessen Gesicht, als suchte er Gewissheit, dass der andere mit dem umgehen konnte, was er zum Abschluss sagen würde.»Sie müssen vorbereitet sein.«

«Worauf?«Unwillkürlich hielt Cherokee sich an der Tischkante fest.

«Auf das, was Ihre Schwester möglicherweise getan hat. Ohne Ihr Wissen.«

3

«Schneckenwein haben wir's genannt, Frankie. Das Gesöff, das wir damals statt Tee getrunken haben. Das hab ich dir nie erzählt, hm? Tja, ich hab nie viel darüber geredet, wie schlecht es damals mit dem Essen geworden ist. Man denkt nicht gern an diese Zeiten. Die verdammten Krauts. Was die unserer Insel angetan haben.«

Frank Ouseley schob seine Hände behutsam unter den Achselhöhlen seines Vaters hindurch, während der alte Mann weiterschwatzte. Er hob ihn von dem Plastikhocker, der in der Wanne stand, und stellte seinen linken Fuß auf die zerschlissene Matte, die das kalte Linoleum bedeckte. Er hatte am Morgen die Heizung ganz aufgedreht, aber es kam ihm immer noch kalt im Badezimmer vor. Die eine Hand am Arm seines Vaters, um diesen zu stützen, zog er das Handtuch vom Halter und schüttelte es aus. Er legte es seinem Vater fest um die Schultern, die so schlaff und faltig waren wie der ganze alte Körper. Graham Ouseley war zweiundneunzig Jahre alt, und das Fleisch hing an seinen Knochen wie zäher Brotteig.

«Wir haben damals alles in die Kanne geschmissen, was wir kriegen konnten«, fuhr Graham fort und lehnte seinen mageren Körper an Franks etwas rundere Schulter.»Gehackte Pastinaken, zum Beispiel, wenn's welche gab. Die haben wir natürlich vorher geschmort. Kamelienblätter, Lindenblüten und Zitronenmelisse. Und zum Schluss haben wir noch Natron dran getan, damit die Blätter ein bisschen ergiebiger waren. Und das Ganze hieß dann Schneckenwein. Ich meine, Tee konnte man das ja wirklich nicht nennen. «Er lachte glucksend, und seine knochigen Schultern zuckten. Aus dem Lachen wurde ein Husten. Aus dem Husten ein krampfhaftes Ringen um Atem. Frank packte seinen Vater, um ihn auf den Beinen zu halten.

«Ruhig, Dad. «Er hielt den gebrechlichen Körper fester, obwohl er immer fürchtete, der kräftige Griff würde eines Tages viel schlimmeren Schaden anrichten als ein Sturz, und die alten Knochen würden unter seinen Händen brechen wie die zarten Beinchen eines Regenpfeifers.»Komm. Ich helf dir aufs Klo.«

«Ich muss nicht«, protestierte Graham und versuchte, seinen Sohn abzuschütteln.»Was ist los mit dir? Wirst du vergesslich, oder was? Ich hab doch erst vor dem Baden gepinkelt.«

«Ja, ich weiß. Ich will ja auch nur, dass du dich hinsetzt.«

«Meinen Beinen fehlt nichts. Ich kann prima stehen. Das hab ich damals bei den Krauts gelernt. Man hat still dagestanden und so getan, als würde man um Fleisch anstehen. Nachrichten austauschen? Nie im Leben. Ein Funkempfänger im Misthaufen? Bei mir doch nicht. Wenn man so ausgeschaut hat, als würde man genauso gern >Heil Anstreichen rufen wie >Gott schütze den Könige, haben sie einen in Ruhe gelassen. Man musste nur vorsichtig sein, dann konnte man tun, was man wollte.«

«Ich weiß, Dad«, sagte Frank geduldig.»Das hast du mir erzählt. «Er ließ seinen Vater trotz dessen Proteste auf den Toilettensitz hinuntergleiten und begann, ihn abzutrocknen. Mit einiger Besorgnis achtete er dabei auf den Atem seines Vaters und wartete darauf, dass er sich wieder beruhigen würde. Herzinsuffizienz, hatte der Arzt gesagt. Es gibt natürlich Medikamente, die er nehmen kann. Aber ich will offen sein: In diesem fortgeschrittenen Alter ist es nur eine Frage der Zeit. Es ist ein Geschenk Gottes, Frank, dass er so lange gelebt hat.

Im ersten Moment hatte Frank bei dieser Nachricht gedacht, nein, nicht jetzt! Noch nicht! Aber nun war er bereit, seinen Vater gehen zu lassen. Ihm war bewusst, dass er sich glücklich preisen konnte, ihn so lange, bis in sein eigenes sechstes Jahrzehnt hinein, um sich gehabt zu haben. Er hatte zwar gehofft, sein Vater würde wenigstens noch anderthalb Jahre durchhalten, aber mittlerweile hatte er sich damit abgefunden — mit einem Schmerz, der wie ein Netz schien, dem er niemals entkommen würde — , dass dies nicht sein sollte.

«Ach ja?«, fragte Graham und kniff die Augen zusammen, während er in seinem Gedächtnis kramte.»Hab ich dir das alles schon mal erzählt, mein Junge? Wann denn?«

Zwei- oder dreihundert Mal, dachte Frank. Seit seiner Kindheit bekam er die Geschichten seines Vaters aus dem Zweiten Weltkrieg zu hören, und die meisten kannte er auswendig. Die Deutschen hatten Guernsey in Vorbereitung auf die geplante Invasion Englands fünf

Jahre lang besetzt gehalten, und immer drehten sich die Erzählungen seines Vaters darum, wie die Bevölkerung damals gelitten hatte — ganz zu schweigen davon, was die Leute sich alles hatten einfallen lassen, um die Unternehmungen der Deutschen auf der Insel zu sabotieren. So wie andere Kinder mit der Muttermilch aufgezogen wurden, war Frank mit den Geschichten seines Vaters groß geworden. Vergiss das nie, Frankie. Ganz gleich, was in deinem Leben geschieht, mein Junge, das darfst du nie vergessen.

Er hatte es nicht vergessen, und im Gegensatz zu vielen Kindern, die der ewig gleichen Geschichten, die die Eltern ihnen am Volkstrauertag zu erzählen pflegten, nach einer Weile müde geworden waren, hatte Frank Ouseley an den Lippen seines Vaters gehangen und gewünscht, er wäre ein Jahrzehnt früher zur Welt gekommen und hätte wenigstens als Kind an diesen schweren und heroischen Zeiten teilhaben können.

So etwas gab es heute nicht mehr. Die Auseinandersetzungen auf den Falkland-Inseln oder am Golf, diese kurzen, hässlichen Kriege, die praktisch um nichts geführt wurden und nur das Volk zu fahnenschwingendem Patriotismus aufstacheln sollten, konnte man damit nicht vergleichen, und schon gar nicht den Konflikt in Nord-Irland, wo er selbst gedient und sich, ständig auf der Hut vor Heckenschützen, gefragt hatte, was, zum Teufel, er in diesem Konfessionskrieg verloren hatte, der von Verbrechern geschürt wurde, die seit mehr als hundert Jahren aufeinander schossen. Von Heldentum konnte da nirgends die Rede sein, denn es gab keinen eindeutig identifizierbaren Feind, gegen den man das Vaterland bis in den Tod verteidigen konnte. Nein, diese Geschichten hatten mit dem Zweiten Weltkrieg nichts gemein.

Nachdem er seinen Vater sicher auf den Toilettenrand gesetzt hatte, griff er nach den Kleidern, die sauber gefaltet in einem Stapel auf dem Waschbecken lagen. Er machte die Wäsche selbst, da waren die Unterhose und das Unterhemd nicht ganz so weiß, wie sie vielleicht hätten sein können, aber die Sehkraft seines Vaters ließ stetig nach, und Frank war ziemlich sicher, dass es ihm nicht auffiel.

Wenn er seinen Vater ankleidete, ging das ganz mechanisch vor sich, indem er ihm die einzelnen Kleidungsstücke in immer derselben Reihenfolge überzog. Es war ein Ritual, das er einmal beruhigend gefunden hatte, weil es den Tagen mit Graham eine Gleichförmigkeit verlieh, die zu versprechen schien, dass diese Tage ewig fortdauern würden. Jetzt jedoch beobachtete er den alten Mann besorgt und fragte sich, ob die Atemlosigkeit und die wächserne Blässe seiner Haut Vorboten des nahenden Endes ihres gemeinsamen Lebens waren, das sich nun schon über eine Spanne von mehr als fünfzig Jahren erstreckte. Vor zwei Monaten noch wäre er vor dem Gedanken zurückgeschreckt. Vor zwei Monaten wollte er nichts anderes als Zeit genug, um den Bau des Graham-Ouseley-Kriegsmuseums zu verwirklichen, damit sein Vater am Morgen der Eröffnung stolz das Band durchschneiden konnte. Die vergangenen sechzig Tage aber hatten alles grundlegend verändert, und das war jammerschade, denn das, was ihn und seinen Vater zusammenschweißte, solange er denken konnte, war ihrer beider Bestreben, jedes Andenken an die Jahre der deutschen Besatzung auf der Insel zu sammeln. Das war ihr gemeinsames Lebenswerk und ihrer beider Leidenschaft, die auf der Liebe zur Geschichte und der Überzeugung beruhte, dass die heutige und die künftige Bevölkerung Guernseys darüber aufgeklärt werden sollte, was ihre Vorfahren erduldet hatten.

Dass aus ihren Plänen nun nichts werden würde, wollte Frank seinen Vater vorläufig nicht wissen lassen. Warum sollte er ihm, da seine Tage ohnehin gezählt waren, einen Traum zerstören, den er sich gar nicht erlaubt hätte, wäre nicht unversehens Guy Brouard in ihr Leben getreten.

«Was steht heute an?«, fragte Graham, als Frank ihm die Trainingshose über dem eingefallenen Hinterteil hochzog.»Wird Zeit, mal nach dem Bauplatz zu sehen. Die müssten jetzt eigentlich jeden Tag anfangen, stimmt's, Frankie? Da wirst du doch dabei sein und den ersten Spatenstich machen, wie sich das gehört. Oder will Guy das selber machen?«

Frank wich den Fragen aus, wie er seit dem Tod Guy Brouards jedem Gespräch über den Mann ausgewichen war. Er hatte seinem

Vater die Nachricht vom grausamen Tod ihres Freundes und Wohltäters bislang vorenthalten, weil er fürchtete, sie könnte bei seinem Gesundheitszustand zu viel für ihn sein. Außerdem konnten sie im Moment sowieso nur warten, ob sein Vater nun Bescheid wusste oder nicht: Es war noch nicht bekannt, wie Guy Brouard über seinen Nachlass verfügt hatte.

Frank sagte:»Ich wollte heute Morgen mal die Uniformen durchsehen. Mir kam's so vor, als würden sie feucht werden. «Das war eine Lüge. Die zehn Uniformen in ihrem Besitz — von den Wehrmachtsmänteln mit den dunklen Kragen bis zu den abgewetzten Overalls, die die Fliegerabwehr der Luftwaffe getragen hatte — waren in säurefreiem Seidenpapier und luftdichten Behältern sicher aufbewahrt, für den Tag, an dem sie in die Glasvitrinen wandern würden, in denen sie fortan bleiben sollten.»Ich versteh nicht, wie das passieren konnte, aber wenn es wirklich so ist, müssen wir was tun, ehe sie anfangen, stockig zu werden.«

«Da hast du verdammt Recht«, pflichtete sein Vater ihm bei.»Darum musst du dich kümmern, Frankie. Die ganzen Klamotten. Die müssen gepflegt werden.«

«Genau, Dad«, antwortete Frank mechanisch.

Sein Vater schien zufrieden. Er ließ sich das dünne Haar kämmen und sich danach ins Wohnzimmer führen, wo Frank ihm in seinen Lieblingssessel half und ihm die Fernbedienung für das Fernsehgerät in die Hand drückte. Er hatte keine Sorge, dass sein Vater auf den Lokalsender schalten und eben jene Neuigkeiten über Guy Brouard erfahren würde, die er ihm verschweigen wollte. Die einzigen Programme, die Graham Ouseley sich ansah, waren Kochsendungen und Seifenopern. Bei Ersteren pflegte er sich aus Gründen, die seinem Sohn bis heute unklar waren, Notizen zu machen. Letztere verfolgte er wie gebannt und ließ sich beim Abendessen über die Freuden und Leiden der Protagonisten aus, als wären es seine Nachbarn.

In Wirklichkeit hatten die Ouseleys keine Nachbarn. Vor Jahren hatte es einmal welche gegeben: Zwei Familien hatten in den kleinen Häusern gewohnt, die sich in schnurgerader Reihe an die alte Mühle mit dem Namen Moulin des Niaux anschlossen. Doch nach und nach hatten Frank und sein Vater diese Häuser aufgekauft, und nun war in ihnen die riesige Sammlung untergebracht, mit der das Kriegsmuseum ausgestattet werden sollte.

Frank holte seine Schlüssel. Nachdem er im Wohnzimmer nach der Heizung gesehen und den Heizlüfter eingeschaltet hatte, da ihm die Wärme, die den alten Rohren entströmte, zu dürftig schien, ging er in das Haus hinüber, das direkt an das grenzte, in dem er und sein Vater seit zweiundvierzig Jahren lebten. Die Häuser standen, wie gesagt, alle in einer Reihe, und die Ouseleys bewohnten das am weitesten von der Mühle entfernte, deren altes Rad nachts ächzte und stöhnte, wenn der Wind durch das schmale Tal namens Talbot Valley pfiff.

Die Haustür klemmte, als Frank sie aufstoßen wollte. Der alte Steinboden war uneben, und in den Jahren, seit ihnen das Haus gehörte, hatten Frank und sein Vater es nicht für nötig gehalten, Abhilfe zu schaffen. Sie benutzten das Haus hauptsächlich als Lager, und in ihren Augen war eine Tür, die klemmte, eine Kleinigkeit im Vergleich zu all den anderen Problemen, vor die ein altes Haus seine Besitzer stellte. Es war wichtiger, dafür zu sorgen, dass Dach und Fenster dicht waren. Wenn die Heizung ordentlich funktionierte und eine Balance zwischen Trockenheit und Feuchtigkeit gewahrt werden konnte, ließ so eine widerspenstige Tür sich leicht übersehen.

Doch Guy Brouard hatte das nicht getan. Er hatte die Tür gleich bei seinem ersten Besuch bei den Ouseleys erwähnt.»Das Holz hat sich verzogen«, sagte er.»Das heißt, dass es hier feucht ist, Frank. Haben Sie Vorsorge dagegen getroffen?«

«Das ist der Boden, nicht die Feuchtigkeit«, hatte Frank erklärt.»Obwohl wir die hier leider auch haben. Wir versuchen, die Temperatur hier drinnen gleichmäßig zu halten, aber im Winter. Es ist wahrscheinlich die Nähe des Mühlbachs.«

«Was Sie brauchen, ist höher liegender Grund.«

«Ja, nur kriegt man den hier auf der Insel nicht so leicht.«

Guy hatte nicht widersprochen. Es gab auf Guernsey keine extremen Bodenerhebungen, außer vielleicht die Küstenfelsen am Südende der Insel, die steil zum Ärmelkanal abfielen. Doch die Nähe des Kanals mit der salzgeschwängerten Luft, die von ihm aufstieg, mach- te die Küste als Lagerort für die Sammlung ungeeignet — selbst wenn man dort Platz für sie gefunden hätte, was höchst unwahrscheinlich war.

Den Vorschlag mit dem Museum hatte Guy nicht sofort gemacht. Er hatte zunächst vom Ausmaß der Sammlung der Ouseleys keine Vorstellung gehabt, war, als er ins Talbot Valley kam, nur einer Einladung Franks gefolgt, die dieser bei dem geselligen Beisammensein zum Abschluss eines Vortrags bei der historischen Gesellschaft ausgesprochen hatte. Sie hatten sich über dem Marktplatz von St. Peter Port in dem alten, seit langem schon der Guille-Alles-Bibliothek einverleibten Versammlungssaal getroffen, um sich einen Vortrag über die Ermittlungen der Alliierten im Jahr 1945 zum Fall Hermann Gö- ring anzuhören. Der hatte sich allerdings als eine trockene Rekapitulation von Fakten herausgestellt, die einem Werk mit dem Titel The Consolidated Interrogation Report entnommen waren. Die meisten Mitglieder schliefen schon nach zehn Minuten ein, Guy Brouard jedoch schien jedes Wort des Redners zu verschlingen, und Frank hatte daraus die Hoffnung geschöpft, in ihm einen Gesinnungsgenossen zu finden. Er hatte ihn nach dem Ende des Vortrags angesprochen, ohne zu wissen, wer er war, und zu seiner Überraschung erfahren, dass dies der Mann war, der das verwahrloste Thibeault Manor zwischen St. Martin und St. Peter Port übernommen und seine Renaissance als Le Reposoir bewerkstelligt hatte.

Wäre Guy Brouard nicht so ein geselliger Mensch gewesen, hätte Frank an diesem Abend wahrscheinlich nur ein paar Höflichkeiten mit ihm ausgetauscht und wäre seiner Wege gegangen. Doch Guy hatte ein Interesse an Franks Bemühungen gezeigt, die Erinnerung an die deutsche Besatzung wach zu halten, das dieser schmeichelhaft fand, darum hatte er ihn eingeladen, ihn in Moulin des Niaux zu besuchen.

Guy war zweifellos in dem Glauben gekommen, die Einladung sei nicht mehr als die höfliche Geste eines Mannes mit einem Steckenpferd, der sich über das Interesse eines anderen an seiner Beschäftigung freut. Aber beim Anblick des ersten Raums voller Kisten und Kartons, Schuhschachteln mit Patronen und Orden, Kriegsgerät, das ein halbes Jahrhundert alt war, Bajonetten und Messern und Gasmasken und Fernmeldegeräten hatte er leise und beifällig durch die Zähne gepfiffen und sich auf eine längere Besichtigung eingerichtet.

Diese Besichtigung hatte mehr Zeit als einen Tag in Anspruch genommen. Viel mehr. Guy Brouard war über zwei Monate lang regelmäßig nach Moulin des Niaux gekommen, um das Material in den anderen beiden Häusern zu sichten. Als er schließlich gesagt hatte:»Sie brauchen ein Museum für diese Schätze, Frank«, war in Frank der Keim gelegt.

Wie ein Traum war es ihm damals vorgekommen. Seltsam, nun sehen zu müssen, dass aus dem Traum langsam ein Albtraum geworden war.

Frank trat zu dem metallenen Aktenschrank, in dem er und sein Vater alle Kriegsdokumente aufbewahrten, die ihnen im Lauf der Zeit in die Hände gefallen waren. Sie besaßen dutzendweise alte Ausweise, Lebensmittelkarten und Führerscheine, auch deutsche Bekanntmachungen, auf denen für solche Kapitalverbrechen wie das Aussenden von Brieftauben die Todesstrafe angedroht wurde, sowie zahllose deutsche Anordnungen zu jedem erdenklichen Thema, durch die man das tägliche Leben der Inselbewohner zu kontrollieren versucht hatte. Ihr kostbarster Besitz war ein halbes Dutzend Exemplare des kleinen Untergrundblatts G.I.F.T. dessen Verbreitung drei Männer aus Guernsey das Leben gekostet hatte.

Diese Blätter nahm Frank jetzt aus dem Aktenschrank, trug sie zu einem alten Stuhl mit geflochtenem Sitz und setzte sich, wobei er sie vorsichtig auf dem Schoß hielt. Es waren lose Blätter, und von dem auf dünnes Papier getippten Text waren so viele Durchschläge angefertigt worden, wie man Blätter unter die Walze einer alten Schreibmaschine hatte einspannen können. Die Blätter waren so hauchdünn, dass es ein Wunder war, wie sie auch nur einen Monat überstanden hatten, geschweige denn mehr als ein halbes Jahrhundert; jedes von ihnen ein Zeugnis des Muts von Männern, die sich von den Anordnungen und Drohungen der Nazis nicht hatten einschüchtern lassen.

Wäre Frank nicht sein Leben lang die Bedeutung der Geschichte nahe gebracht worden, wäre ihm nicht von Kindheit an bis in sein einsames Erwachsenendasein hinein eingebläut worden, welch unschätzbaren Wert jedes scheinbar noch so belanglose Erinnerungsstück an die Besatzungszeit darstellte, er hätte vielleicht gedacht, dass eines dieser Blätter als Symbol für den Widerstand eines Volkes ausreiche. Aber ein Exemplar allein war einem fanatischen Sammler niemals genug, und wenn es das leidenschaftliche Bestreben dieses Sammlers war, die Erinnerung wach zu halten und die Wahrheit ans Licht zu bringen, damit die Worte Nie wieder! eine Bedeutung erhielten, die nicht dem Zahn der Zeit zum Opfer fallen würde, dann gab es einfach kein Zuviel.

Ein Scheppern vor dem Haus zog Frank an das schmutzige Fenster. Draußen stieg gerade ein junger Bursche von einem alten Fahrrad und klappte den Ständer herunter. Er wurde von einem zottigen Hund begleitet, der immer an seiner Seite blieb.

Es war Paul Fielder mit seinem Taboo.

Frank überlegte stirnrunzelnd, was der Junge hier wollte, da er den langen Weg von Le Bouet heraufgeradelt war, wo er mit seinen Eltern und Geschwistern in einem der tristen Reihenhäuser wohnte, die die Gemeinde auf der Ostseite der Insel für diejenigen Bürger hatte errichten lassen, deren Einkommen mit ihrer Fortpflanzungsfreude nicht Schritt hielten. Paul Fielder war Guy Brouards besonderer Schützling gewesen und häufig mit ihm nach Moulin des Niaux gefahren, wo er inmitten der im Haus gelagerten Kartons zu hocken pflegte und mit den beiden Männern zusammen deren Inhalt erforschte. Aber allein war er noch nie gekommen, und Frank war nicht erfreut, ihn zu sehen.

Paul zog den schmutzigen grünen Rucksack zurecht, der wie ein Buckel auf seinem Rücken saß, und steuerte das Wohnhaus an. Frank trat einen Schritt zur Seite, um nicht gesehen zu werden. Graham würde sich auf Pauls Klopfen hin nicht rühren. Morgens um diese Zeit war er in seine erste Seifenoper vertieft und unempfänglich für alles, was sich jenseits des Bildschirms abspielte. Und wenn Paul Fielder auf sein Klopfen keine Antwort erhielt, würde er wieder fahren. Darauf verließ sich Frank.

Aber der Köter hatte anderes im Sinn. Während Paul zögernd den Weg zum hintersten Haus einschlug, sprang Taboo schnurstracks zu der Tür, hinter der Frank wie ein die Entdeckung fürchtender Einbrecher kauerte. Erst schnüffelte der Hund unten an der Türritze, dann bellte er, woraufhin Paul seinen Kurs änderte.

Während Taboo winselnd an der Tür scharrte, klopfte Paul. Es war ein zaghaftes Klopfen, so aufreizend wie die ganze Art des Jungen.

Frank legte die alten Nachrichtenblätter in den Hefter zurück und schob diesen in den Aktenschrank. Er stieß die Schublade zu, wischte sich die Hände an der Hose ab und zog die Haustür auf.

«Paul!«, rief er in herzlichem Ton und blickte mit gespielter Überraschung über den Jungen hinweg zum Fahrrad.»Du meine Güte! Bist du den ganzen Weg geradelt?«Aus der Vogelperspektive war es nicht weit von Le Bouet zum Talbot Valley. Aus der Vogelperspektive war auf der Insel kein Ort sehr weit vom anderen entfernt. Aber auf den schmalen Serpentinenstraßen, die die einzigen Verbindungen zwischen den Ortschaften darstellten, war der Weg erheblich weiter. Frank war sicher, dass Paul die Strecke noch nie vorher geradelt war, und es erstaunte ihn fast ein wenig, dass der Junge überhaupt allein hergefunden hatte. Er war nicht gerade einer der Hellsten.

Paul sah blinzelnd zu ihm auf. Er war klein für seine sechzehn Jahre, sehr mädchenhaft in seiner Erscheinung. Im elisabethanischen Zeitalter, als beim Theater Knaben gefragt waren, die als Frauen durchgehen konnten, hätte er die Bühne im Sturm erobert. Aber heutzutage sah das ganz anders aus. Schon bei der ersten Begegnung mit Paul hatte Frank sich vorgestellt, wie schwer der Junge es haben musste, vor allem in der Schule, wo er mit seiner zarten Aprikosenhaut, dem lockigen rotblonden Haar und den langen seidigen Wimpern für die Rabauken unter seinen Mitschülern wahrscheinlich ein willkommenes Opfer war.

Bei Franks scheinheiligem Willkommen schossen Paul die Tränen in die ängstlichen grauen Augen. Hastig hob er den Arm und wischte sich mit dem abgetragenen Flanell seines Hemds über das Gesicht. Er hatte keine Jacke an, was bei diesem Wetter Wahnsinn war, und die dünnen Arme mit den knochigen Handgelenken ragten blass aus den zu kurzen Hemdsärmeln hervor. Er wollte etwas sagen, aber er brachte nur ein ersticktes Schluchzen zustande. Taboo ergriff die Gelegenheit, um ins Haus zu schlüpfen.

Es blieb ihm nichts anderes übrig, als den Jungen hereinzubitten. Nachdem Frank das getan hatte, drückte er ihn auf den Stuhl mit dem geflochtenen Sitz hinunter und machte die Tür zu, um die Dezemberkälte nicht länger hereinzulassen. Aber als er sich herumdrehte, sah er, dass Paul aufgestanden war. Er hatte seinen Rucksack abgeworfen wie eine Last, die er loswerden wollte, und stand vorgebeugt über einem Stapel Kartons, als wollte er entweder den Inhalt in Augenschein nehmen oder seinen Rücken der Peitsche darbieten.

Frank vermutete, dass beides zutraf. Die Kartons gehörten zu den Dingen, die Paul Fielder mit Guy Brouard verbunden hatten und erinnerten ihn zweifellos gleichzeitig daran, dass Guy Brouard für immer von ihm gegangen war.

Ganz gewiss war der Junge aufs Tiefste getroffen von Guys Tod, ganz gleich, ob er wusste, auf welch grausame Weise sein Gönner ums Leben gekommen war. Bei dem Leben, das ihm als einem von vielen Kindern vermutlich von seinen Eltern bereitet wurde, die zu wenig anderem als Trinken und Beischlafen taugten, war er unter der großherzigen Zuwendung Guy Brouards aufgeblüht. Frank hatte zwar bei den Gelegenheiten, wenn Paul Guy nach Moulin des Niaux begleitet hatte, nie Anzeichen dieses Aufblühens bemerkt, aber er hatte den schweigsamen Jungen auch vor Guys Eintritt in sein Leben nicht gekannt. Vielleicht war die nahezu stumme Wachsamkeit, durch die Paul sich auszeichnete, wenn sie zu dritt die in den Häusern gelagerten Stücke aus der Besatzungszeit durchsahen, bereits ein großartiger Schritt heraus aus einem früheren krankhaften Schweigen.

Pauls magere Schultern zuckten, und sein Hals, an dem sich das feine Haar wie bei einem Renaissance-Engel ringelte, schien zu zart, seinen Kopf zu tragen, den er jetzt auf den obersten Karton des Stapels sinken ließ. Sein Körper bäumte sich. Er schluckte krampfhaft.

Frank fühlte sich hilflos. Er trat an den Jungen heran und tätschelte ihm unbeholfen die Schulter.»Ist ja gut, ist ja gut«, sagte er und frag- te sich, was er sagen würde, wenn der Junge darauf fragte: Was denn? Was denn? Aber Paul sagte gar nichts und verharrte in seiner Haltung. Taboo setzte sich ihm zu Füßen, wie um ihn zu bewachen.

Frank hätte dem Jungen zum Trost gern gesagt, er trauere genauso sehr um Guy Brouard wie er, aber er wusste, dass wahrscheinlich auf der ganzen Insel niemand außer Guys Schwester ähnlich tiefen Schmerz empfand wie Paul. Er hätte ihm also nur entweder unzulängliche Worte des Trosts anbieten können oder die Möglichkeit, die Arbeit fortzuführen, die sie zusammen mit Guy begonnen hatten. Aber den Trost hätte er, darüber war er sich im Klaren, nicht glaubhaft übermitteln können, und die Arbeit wollte er nicht anbieten. Es blieb also nichts anderes, als den Jungen fortzuschicken.

«Es tut mir Leid, dass du so traurig bist, Paul«, sagte er.»Aber müsstest du nicht in der Schule sein? Es sind doch noch keine Ferien, oder?«

Paul hob den Kopf, um Frank anzusehen. Er wischte sich die Nase mit dem Handballen ab. Er sah so jammervoll und so hoffnungsvoll zugleich aus, dass Frank mit einem Schlag begriff, warum der Junge zu ihm gekommen war.

Du lieber Gott, er suchte Ersatz, einen zweiten Guy Brouard, der sich um ihn kümmern, ihm einen Grund geben würde zu — ja, wozu? An seinen Träumen festzuhalten? Weiter nach ihrer Erfüllung zu streben? Was hatte Guy Brouard diesem armen Jungen versprochen? Sicherlich nichts, das zu erreichen Frank Ouseley, der nie eigene Kinder gehabt hatte und sich um seinen zweiundneunzigj ährigen Vater kümmern musste, ihm hätte helfen können. Schon weil er selbst genug zu tragen hatte an der Last der von einer unbegreiflichen Realität jäh zunichte gemachten Erwartungen.

Wie zur Bestätigung von Franks Verdacht schniefte Paul noch einmal und atmete dann wieder ruhig. Er wischte sich ein letztes Mal die Nase und schaute sich um, als würde er sich erst jetzt bewusst, wo er sich befand. Er biss sich auf die Unterlippe und zupfte mit beiden Händen am ausgefransten Saum seines Hemds. Dann ging er durch den Raum zu einem Stapel Kartons, die mit schwarzem Filzstift oben und an den Seiten mit dem Wort» Sortieren «beschriftet waren.

Frank sank der Mut. Es war so, wie er gedacht hatte: Der Junge war hergekommen, um sich ihm anzuschließen und zum Zeichen dieses Zusammenhalts die Arbeit fortzuführen. So ging das nicht.

Paul hob den obersten Karton vom Stapel und stellte ihn behutsam auf den Boden. Taboo gesellte sich zu ihm, als er neben dem Karton in die Hocke ging, und während der Hund sich in gewohnter Haltung niederließ, den zottigen Kopf auf den Pfoten, den treu ergebenen Blick auf seinen schweigsamen Herrn gerichtet, öffnete Paul bedachtsam, wie er es bei Guy und Frank wohl hundert Mal gesehen hatte, den Karton. Drinnen war ein Durcheinander von Kriegsorden, alten Gürtelschließen, Stiefeln, Uniformmützen der deutschen Luftwaffe und des Heeres und andere Kleidungsstücke, die die feindlichen Soldaten damals in der fernen Vergangenheit getragen hatten. Er machte es genauso, wie Frank und Guy es immer gemacht hatten: Er breitete eine Plastikplane auf dem Steinboden aus und begann, die Gegenstände herauszulegen, um jeden Einzelnen in das Ringbuch einzutragen, das sie zur Katalogisierung benutzten.

Er stand auf, um das Ringbuch zu holen, das hinten in der Schublade des Aktenschranks lag, aus der Frank kurz vorher die G.I.F.T.- Nachrichtenblätter genommen hatte. Frank sah seine Chance gekommen.

«Hey! Moment mal, junger Mann«, rief er und eilte durch den Raum, um die Schublade wieder zuzustoßen, die der Junge gerade aufgezogen hatte. Er bewegte sich so schnell und sprach so laut, dass der Hund bellend aufsprang.

Frank packte die Gelegenheit beim Schopf.»Was, zum Teufel, fällt dir ein?«, fragte er scharf.»Ich arbeite hier. Du kannst doch nicht einfach so reinplatzen und alles an dich reißen. Das sind unbezahlbare Objekte. Sie sind leicht zerbrechlich und nicht zu ersetzen. Hast du verstanden?«

Paul riss die Augen auf. Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber nicht ein Wort kam ihm über die Lippen. Taboo bellte unablässig.

«Und schaff den Köter hier raus, verdammt noch mal«, fuhr Frank fort.»Denkst du eigentlich überhaupt nicht nach, Junge? Das Vieh hier hereinzubringen, wo es — man braucht es ja bloß anzuschauen — so was von bissig ist!«

Als er sah, dass Taboo die Nackenhaare aufstellte bei seinem Geschimpfe, machte er sich auch das zunutze und legte noch etwas an Lautstärke zu, als er rief:»Los, bring ihn raus, Junge, bevor ich ihn eigenhändig rausschmeiße.«

Paul zog den Kopf ein, machte aber keinerlei Anstalten zu gehen. Hektisch sah Frank sich nach einer Möglichkeit um, dem Jungen Beine zu machen. Sein Blick fiel auf den Rucksack. Er packte ihn und schwang ihn drohend nach Taboo, der jaulend zurückwich.

Der Scheinangriff auf den Hund wirkte. Paul stieß einen unartikulierten Schrei aus und rannte, von Taboo gefolgt, zur Tür. Nur einmal hielt er kurz an, um Frank den Rucksack zu entreißen, den er sich im Weiterlaufen über die Schulter warf.

Durch das Fenster beobachtete Frank mit hämmerndem Herzen ihre Flucht. Das Fahrrad war uralt und konnte normalerweise wahrscheinlich höchstens auf Schritttempo gebracht werden, aber der Junge trat so hektisch in die Pedale, dass er mit seinem Hund am Mühlbach entlang in Rekordzeit in Richtung Straße verschwunden war.

Erst als sie außer Sicht waren, kam Frank wieder zur Ruhe.

Der Schlag seines Herzens hatte so laut in seinen Ohren gedröhnt, dass er das Klopfen an der Wand, die dieses Lagerhaus mit dem Wohnhaus verband, nicht gehört hatte.

Er lief sofort los, um zu sehen, was sein Vater wollte, und traf ihn an, als er gerade auf wackligen Beinen mit einem Holzhammer in der Hand zu seinem Sessel zurückschlurfte.

«Dad?«, rief er.»Alles in Ordnung? Was ist los?«

«Kann man denn nicht mal im eigenen Haus seinen Frieden haben?«, fragte der Alte entrüstet.»Was ist los mit dir heute Morgen, mein Junge? Machst da drüben einen Krach, dass ich nicht mal den Fernseher hören kann.«

«Tut mir Leid«, sagte Frank.»Der Junge war hier. Allein. Ohne Guy. Du weißt schon, Paul Fielder. Aber das geht wirklich nicht,

Dad. Ich will nicht, dass der hier allein rumschnüffelt. Ich meine, ich vertrau ihm ja, aber wir haben hier einiges Wertvolle, und er kommt aus — na ja, ziemlich ärmlichen Verhältnissen. «Er wusste, dass er zu schnell redete, aber er konnte nicht anders.»Ich möchte nicht riskieren, dass er was mitgehen lässt und irgendwo verscheuert. Er hat einfach einen Karton aufgemacht, weißt du, und reingelangt, ohne zu fragen, und ich — «

Graham Ouseley griff nach der Fernbedienung und stellte den Fernsehapparat so laut ein, dass Frank fürchtete, ihm würde das Trommelfell platzen.»Geh und kümmere dich um deine Geschäfte«, befahl er seinem Sohn.»Du siehst doch, dass ich hier zu tun habe.«

Mit Taboo an seiner Seite radelte Paul, so schnell er konnte. Er machte keine Pause, um zu verschnaufen, nicht einmal um zu überlegen, sondern jagte wie gehetzt aus dem Talbot Valley hinaus, viel zu dicht an der mit Efeu überwachsenen Befestigungsmauer, die den Hang stabilisierte, in den die Straße eingeschnitten war. Wäre er vernünftiger Überlegung fähig gewesen, so hätte er vielleicht an der Einbuchtung der Straße angehalten, von der aus ein Fußweg den Hügel hinaufführte. Er hätte sein Fahrrad stehen lassen und dem Pfad durch die Wiesen folgen können, auf denen die rotbraunen Milchkühe weideten. Um diese Jahreszeit gab es hier keine Wanderer, er wäre in Sicherheit gewesen und hätte in der Einsamkeit ruhig darüber nachdenken können, was er als Nächstes tun sollte. Aber er hatte nur Flucht im Sinn, denn er hatte die Erfahrung gemacht, dass auf wütendes Schimpfen Schläge folgten. Lange schon war Flucht für ihn die einzige Rettung.

Er strampelte also das Tal entlang und entdeckte eine Ewigkeit später, als es ihm endlich einfiel, sich zu fragen, wo er eigentlich war, dass sein Fahrrad ihn an den einzigen Ort gebracht hatte, an dem er je Geborgenheit und Glück gefunden hatte. Er befand sich vor dem Eisentor von Le Reposoir, das wie so oft in der Vergangenheit wie in Erwartung seiner Ankunft offen stand.

Er bremste ab. Taboo stand hechelnd neben ihm. Ein Messerstich brennenden Schuldgefühls durchzuckte ihn, als ihm die unerschütter- liche Treue des kleinen Hundes bewusst wurde. Taboo hatte gebellt, um ihn vor Mr. Ouseleys Ausbruch zu schützen. Er hatte sich dem Zorn eines Fremden ausgesetzt. Und dann war er ohne Zögern mit ihm über die halbe Insel gerannt. Paul ließ krachend sein Fahrrad fallen und kniete nieder, um den Hund zu umarmen. Taboo leckte ihm freudig das Ohr, als hätte sein Herr ihn nicht über seiner Flucht ignoriert und vergessen. Paul musste bei dem Gedanken daran einen Aufschrei unterdrücken. In seinem ganzen Leben hatte er von keinem so viel Liebe empfangen wie von diesem Hund. Nicht einmal von Guy Brouard.

Aber Paul wollte jetzt nicht an Guy Brouard denken. Er wollte nicht daran denken, wie das Leben in der Vergangenheit mit Mr. Brouard gewesen war, und noch weniger wollte er an die Zukunft ohne Mr. Brouard denken.

Er tat darum das Einzige, was er tun konnte: Er machte weiter, als hätte sich nichts geändert.

Er richtete sein Fahrrad auf und trat durch das offene Tor. Statt jedoch aufzusitzen, schob er das Rad unter den Kastanienbäumen hindurch, und Taboo trabte zufrieden neben ihm her. In der Ferne verbreiterte sich die gekieste Auffahrt fächerförmig vor dem steinernen Herrenhaus, dessen Fenster in der trüben Dezembersonne zu blinken schienen.

Früher wäre er um das Haus herum zum Wintergarten gegangen, um von dort aus einzutreten, hätte in der Küche Halt gemacht, wo Valerie Duffy gesagt hätte:»Na, das ist doch mal eine hübsche Morgenüberraschung!«Und sie hätte ihm zugelächelt und einen Imbiss angeboten, ein selbst gebackenes, süßes Brötchen oder vielleicht einen Teekuchen. Und bevor sie ihn zu Mr. Brouard hätte gehen lassen, der vielleicht in seinem Arbeitszimmer gewesen wäre oder in der Galerie, hätte sie gesagt:»Komm, setz dich, Paul, und sag mir, ob das in Ordnung ist. Ich stell das Mr. Brouard nur auf den Tisch, wenn du mir grünes Licht gibst. «Und dann hätte sie noch gesagt:»Du kannst es damit runterspülen«, und hätte ihm Milch oder Tee oder eine Tasse Kaffee gebracht oder manchmal auch eine Tasse heiße Schokolade, die so köstlich duftete, dass ihm das Wasser im Mund zusammenlief. Und Taboo hätte auch was bekommen.

Aber an diesem Morgen schlug Paul nicht den Weg zum Wintergarten ein. Mit Mr. Guys Tod war alles anders geworden. Er ging zu den Stallungen hinter dem Haus, wo Mr. Guy in einer ehemaligen Sattelkammer die Werkzeuge aufbewahrte. Während Taboo sich an den interessanten Gerüchen in Sattelkammer und Stall ergötzte, nahm Paul Werkzeugkasten und Säge, schulterte die bereitliegenden Bretter und trottete wieder hinaus. Er pfiff Taboo, der sofort angerannt kam und zum Teich vorausflitzte, der in einiger Entfernung hinter der Nordwestseite des Hauses lag. Auf dem Weg dorthin musste Paul an der Küche vorbei. Als er durch das Fenster hineinschaute, erkannte er Valerie Duffy. Aber als sie ihm zuwinkte, senkte er den Kopf. Er schob beim Gehen die Füße durch den Kies, um das Knirschen der Steinchen unter seinen Schuhsohlen zu hören. Er mochte das Geräusch, und ganz besonders hatte es ihm immer gefallen, wenn sie zu zweit über den Kies gegangen waren, er und Mr. Guy. Ihre Schritte hatten sich ähnlich angehört, die Schritte von zwei Männern, die an ihre tägliche Arbeit gingen, und dieses Geräusch hatte Paul stets die Gewissheit gegeben, dass alles möglich war, sogar, selbst einmal so zu werden wie Guy Brouard.

Nicht dass er Mr. Guys Leben nachleben wollte. Er hatte andere Träume. Doch die Tatsache, dass Mr. Guy — damals ein Flüchtlingskind aus Frankreich — mit Nichts angefangen und es auf seinem selbst gewählten Weg zu höchstem Erfolg gebracht hatte, bedeutete für Paul, dass er Gleiches erreichen konnte. Alles war möglich, wenn man nur bereit war, etwas dafür zu tun.

Und Paul war bereit, war es seit dem Tag, an dem er Mr. Guy zum ersten Mal begegnet war. Zwölf Jahre alt war er gewesen, ein magerer kleiner Junge in den Kleidern seines älteren Bruders, die bald an den nächstjüngeren Bruder weitergereicht würden, als er dem Herrn in Jeans die Hand gegeben und nichts Besseres zu sagen gewusst hatte als» So weiß!«, während er mit abgrundtiefer Bewunderung das blütenweiße T-Shirt angestarrt hatte, das Mr. Guy unter dem dunkelblauen Pulli mit dem V-Ausschnitt trug. Sofort hatte ihn eine so heiße Verlegenheit gepackt, dass er meinte, er müsste ohnmächtig werden. Wie kann man nur so blöd sein, hatten die Stimmen in seinem Kopf gekreischt. Du bist echt total bescheuert, Paulie.

Aber Mr. Guy hatte verstanden, was er meinte. Er hatte gesagt: Damit habe ich nichts zu tun. Das ist Valeries Werk. Sie macht die Wäsche. So eine wie sie gibt's kein zweites Mal. Eine echte Hausfrau. Leider nicht meine Frau. Sie ist mit Kevin verheiratet. Du wirst sie beide kennen lernen, wenn du nach Le Reposoir kommst. Das heißt, natürlich nur, wenn du willst. Was meinst du? Sollen wir es miteinander versuchen?«

Paul wusste nicht, was er darauf antworten sollte. Seine Lehrerin hatte ihn sich zuvor vorgeknöpft und ihm das Projekt erklärt — Erwachsene aus der Gemeinde machten irgendwas mit Kindern — , aber er hatte nicht richtig hingehört, weil ihn die Goldfüllung in einem ihrer Zähne abgelenkt hatte. Sie war ziemlich weit vorn und glitzerte, wenn die Lehrerin sprach, in der elektrischen Beleuchtung des Klassenzimmers. Er versuchte zu sehen, ob sie noch mehr solche Füllungen hatte, und überlegte, wie viel ihr Gebiss wohl wert war.

Als daher Mr. Guy von Le Reposoir und Valerie und Kevin erzählte — auch von seiner kleinen Schwester Ruth, die Paul sich daraufhin prompt als kleines Mädchen vorstellte, bis die erste Begegnung mit ihr ihn eines Besseren belehrte — , nahm Paul das alles auf und nickte, denn er wusste, dass das von ihm erwartet wurde, und er tat stets, was man von ihm erwartete, weil alles andere ihn in Verwirrung und Panik gestürzt hätte. So hatte seine Freundschaft mit Mr. Guy begonnen.

Diese Freundschaft bestand hauptsächlich darin, dass sie zusammen auf Mr. Guys Grundstück herumwerkelten, weil es außer Fischen, Schwimmen und Wandern auf den Klippenwegen für zwei Männer nicht viel zu tun gab auf Guernsey. So wenigstens war es gewesen, bis sie das Museumsprojekt in Angriff genommen hatten.

Hastig verbannte er die Gedanken an das Museumsprojekt, die ihn an die schreckliche Szene mit Mr. Ouseley erinnerten, und marschierte, so schnell er konnte, zum Teich, wo er und Mr. Guy begonnen hatten, das Winterquartier für die Enten wiederaufzubauen.

Es waren nur noch drei Enten übrig: ein Männchen und zwei Weibchen. Die anderen waren tot. Paul war dazugekommen, wie Mr. Guy eines Morgens ihre zerfetzten und blutigen Kadaver begraben hatte, unschuldige Opfer eines räuberischen Hundes. Oder eines gemeinen Menschen. Mr. Guy hatte sie Paul nicht genau ansehen lassen. Er hatte gesagt:»Bleib, wo du bist, Paul, und halte Taboo fern. «Paul hatte zugesehen, wie Mr. Guy jeden der armen Vögel in ein eigenes Grab legte, das er selbst aushob, wobei er immer wieder sagte:»Ach, verdammt. So unnötig. Herrgott noch mal.«

Es waren zwölf Enten und sechzehn Küken, und jedes Tier bekam ein eigenes Grab, das mit Steinen umgrenzt und mit einem Kreuz versehen wurde, und der ganze Entenfriedhof wurde noch einmal eingezäunt. Wir ehren Gottes Geschöpfe, hatte Mr. Guy gesagt. Wir sollten nicht vergessen, dass auch wir zu ihnen gehören.

Taboo allerdings musste man das erst beibringen, und ihn zu lehren, Gottes Enten zu ehren, war ein schwieriges Unterfangen für Paul gewesen. Doch Mr. Guy hatte ihm versprochen, dass Geduld sich lohnen würde, und so war es auch gewesen. Taboo war jetzt sanft wie ein Lamm im Umgang mit den drei verbliebenen Enten und reagierte mit solcher Gleichgültigkeit auf sie, dass sie ebenso gut gar nicht hätten da sein können. Er lief sofort los zur Erforschung der Düfte im Schilf in der Nähe eines Stegs, der sich über das Wasser spannte, während Paul seine Last zum Ostufer des Teichs schleppte, wo er und Mr. Guy bei der Arbeit gewesen waren.

Bei dem Entenmassaker waren auch die Winterställe der Vögel zerstört worden, und in den Tagen vor dessen Tod hatten Paul und sein Gönner an ihrer Wiederherstellung gearbeitet.

Mit der Zeit hatte Paul begriffen, dass Mr. Guy ihm nacheinander unterschiedliche Arbeiten zuwies, um herauszufinden, für welches Handwerk er sich am ehesten eignete. Paul hätte ihm gern gesagt, dass Schreinern, Mauern, Fliesenlegen und Anstreichen schön und gut seien, nur leider nicht das, was zu einer Karriere als RAF- Düsenjägerpilot führte. Aber er hatte sich nicht offen zu diesem Traum bekennen wollen und sich deshalb bereitwillig in jede Arbeit gestürzt, die ihm aufgetragen wurde. Die Stunden, die er in Le Repo- soir verbrachte, waren Stunden fern von zu Hause, und das war ihm nur recht.

Er legte das Holz und die Werkzeuge ein Stück vom Wasser entfernt nieder und nahm seinen Rucksack ab. Nachdem er sich vergewissert hatte, dass Taboo in Sichtweite war, öffnete er den Werkzeugkasten und musterte den Inhalt, während er sich zu erinnern versuchte, was Mr. Guy ihn über das Bauen von Gegenständen gelehrt hatte. Die Bretter waren schon geschnitten. Das war gut, denn er war nicht sehr geschickt mit der Säge. Als Nächstes mussten die Sachen wahrscheinlich mit Nägeln zusammengefügt werden. Fragte sich nur, was wo angefügt wurde.

Unter einer Schachtel mit Nägeln entdeckte er ein gefaltetes Blatt Papier, und ihm fielen die Skizzen ein, die Mr. Guy angefertigt hatte. Er ergriff das Papier, breitete es auf dem Boden aus und kniete sich davor, um sich die Pläne anzusehen.

Ein großes eingekreistes A hieß, hier fängst du an. Das große eingekreiste B hieß, das folgt als Nächstes. Großes eingekreistes C war der Schritt, der auf B folgte, und so weiter und so fort, bis der Entenstall fertig war. Kinderleicht, dachte Paul. Er sah das Holz nach den Brettern durch, die den Buchstaben in der Skizze entsprachen.

Aber da gab es ein Problem. Die Bretter waren nicht mit Buchstaben gekennzeichnet. Sie trugen Zahlen, und obwohl auf der Zeichnung auch Zahlen waren, stimmten sie nur teilweise miteinander überein, und alle hatten zusätzlich Bruchzahlen, und im Bruchrechnen war Paul eine absolute Niete. Er wusste nie, was die obere Zahl im Verhältnis zur unteren bedeutete. Er wusste, es hatte was mit Teilung zu tun. Unten geteilt durch oben oder umgekehrt, damit man den kleinsten gemeinsamen Nenner herausfand oder so was. Ihm schwirrte der Kopf, als er auf die Zahlen starrte, und er musste daran denken, wie furchtbar es jedes Mal war, wenn er an die Tafel gerufen wurde und die Lehrerin sagte:»Herrgott noch mal, du sollst den Bruch kürzen, Paul. Nein! Nein! Zähler und Nenner ändern sich, wenn du richtig teilst, du dummer Kerl!«

Gelächter von allen Seiten. Paulie Fielder hat ein Brett vorm Kopf. Paulie Fielder hat ein Spatzenhirn.

Paul starrte immer noch auf die Zahlen, starrte, bis sie verschwammen. Er packte das Blatt Papier und knüllte es zusammen. Dumm, dumm, hoffnungslos dumm. Ja, klar, fang an zu heulen, du kleine Schwuchtel.

«Ah! Da bist du!«

Paul wandte sich hastig um. Valerie Duffy kam den Fußweg vom Haus herunter. Ihr langer schwingender Rock streifte die Farne am Weg. Sie trug etwas akkurat Zusammengefaltetes auf ihren geöffneten Händen. Als sie näher kam, erkannte Paul ein Hemd.

«Hallo, Paul«, sagte sie mit einer Munterkeit, die bemüht klang.»Wo ist denn dein vierbeiniger Freund heute Morgen?«Und als Taboo mit Begrüßungsgebell am Teichufer entlang herbeisprang, sagte sie:»Da bist du ja, Tab! Warum hast du mich nicht in der Küche besucht, hm?«

Sie stellte die Frage zwar Taboo, aber Paul wusste, dass sie ihm galt. Sie unterhielt sich häufig auf diese Art mit ihm. Sie richtete ihre Bemerkungen immer gern an den Hund und tat das auch jetzt, als sie sagte:»Morgen ist die Beerdigung, Tab, und ich muss dir leider sagen, dass Hunde nicht in die Kirche dürfen. Aber wenn es nach Mr. Brouard ginge, wärst du dabei, Schatz. Und die Enten auch. Aber ich hoffe doch, unser Paul kommt. Mr. Brouard hätte es sich gewünscht.«

Paul sah an seinen schäbigen Kleidern hinunter und wusste, dass er unmöglich zu der Beerdigung gehen konnte. Er hatte keinen richtigen Anzug, und außerdem hatte ihm kein Mensch was davon gesagt, dass die Beerdigung morgen war. Er fragte sich, wie das passieren konnte.

Valerie sagte:»Ich habe gestern in Le Bouet angerufen und mit Pauls Bruder über die Beerdigung gesprochen, Tab. Weißt du, was ich glaube? Dass Billy Fielder seinem Bruder nicht ausgerichtet hat, was ich ihm gesagt habe. Na ja, das hätte ich mir ja denken können, so wie Billy ist. Ich hätte immer wieder anrufen sollen, bis ich Paul selbst oder seine Eltern erreicht hätte. Ich bin froh, dass du Paul hergebracht hast, Taboo, jetzt weiß er wenigstens Bescheid.«

Paul wischte sich die Hände an seiner Jeans ab. Den Kopf gesenkt, scharrte er mit den Füßen im sandigen Boden am Teichufer. Er dachte an die vielen Leute, die zum Begräbnis von Guy Brouard kommen würden, und war froh, dass man ihm nichts gesagt hatte. Wie er sich fühlte, seit Mr. Guy tot war, war so schon schlimm genug. Auch noch unter die Leute zu gehen, das war unmöglich. All die Blicke, all die heimlichen Vermutungen, all das Getuschel. Das ist der kleine Paul Fielder, Mr. Guys ganz besonderer Freund. Und die Mienen, die diese Worte — besonderer Freund — begleiten würden, die hochgezogenen Brauen, die weit aufgerissenen Augen, die Paul verraten würden, dass die Sprecher mehr sagten als bloße Worte.

Er blickte auf, um zu prüfen, ob Valerie ihn mit dieser Miene ansah, mit den hochgezogenen Brauen und den aufgerissenen Augen. Aber das tat sie nicht, und er konnte endlich die Schultern entspannt sinken lassen. Seit seiner Flucht aus Moulin des Niaux waren sie so verkrampft, dass sie begonnen hatten, wehzutun. Jetzt aber war es, als wäre die Kneifzange um sein Schlüsselbein plötzlich geöffnet worden.

«Wir fahren um halb zwölf morgen Mittag los«, sagte Valerie, diesmal direkt zu Paul.»Du kannst mit mir und Kev fahren, Paul. Mach dir wegen der Kleidung keine Sorgen. Schau, ich habe dir ein Hemd mitgebracht. Du kannst es behalten. Kev sagt, er hat noch zwei von der Sorte, und er braucht keine drei davon. Und eine Hose. «Sie musterte ihn nachdenklich. Paul spürte die Hitze an jeder Stelle seines Körpers, die ihr Blick berührte.»In einer von Kev würdest du versinken. Aber ich könnte mir vorstellen, dass eine von Mr. Brouards Hosen. komm, jetzt mach dir deswegen keine Gedanken, Kind. Mr. Brouard wäre bestimmt einverstanden. Er hat dich sehr gern gehabt, Paul. Aber das weißt du ja. Ganz gleich, was er gesagt oder getan hat, er war. Er hat dich gern gehabt. «Sie geriet ins Stocken.

Paul spürte ihren Schmerz wie einen Sog, der aus ihm herauslockte, was er unterdrücken wollte. Er sah von Valerie weg zu den drei übrig gebliebenen Enten und fragte sich, wie sie alle in Zukunft zurechtkommen sollten, wenn Mr. Guy nicht mehr da war, um sie zusam- menzuhalten, ihnen eine Richtung zu geben und ihnen zu sagen, wie es weitergehen sollte.

Er hörte, wie Valerie sich schnauzte, und wandte sich ihr wieder zu. Sie lächelte unsicher.»Es wäre jedenfalls schön, wenn du mitkämst. Aber wenn du nicht willst, dann mach dir deswegen keine Vorwürfe. Eine Beerdigung ist nicht für jeden das Richtige, manchmal ist es das Beste, sich der Lebenden zu erinnern, indem wir selbst leben. Das Hemd gehört auf jeden Fall dir. Es ist für dich. «Sie schaute sich um, offenbar auf der Suche nach einer sauberen Stelle, wo sie es ablegen konnte, und sagte:»Ah, da!«, als sie Pauls Rucksack liegen sah. Schon wollte sie ihn öffnen, um das Hemd hineinzustecken.

Mit einem Aufschrei riss Paul ihr das Hemd aus der Hand und schleuderte es weg. Taboo bellte scharf.

«Aber Paul!«, rief Valerie verblüfft.»Ich wollte dich nicht — es ist kein altes Hemd, Kind. Es ist fast — «

Paul packte den Rucksack. Er blickte hastig nach rechts und links. Flucht war nur auf dem Weg möglich, den er gekommen war. Und Flucht war notwendig.

Er rannte auf dem Fußweg zurück, und Taboo lief ihm kläffend hinterher. Paul schluchzte auf, als er vom Weg auf den Rasen gelangte, auf dessen anderer Seite das Haus lag. Er merkte plötzlich, dass er es müde war, davonzulaufen. Es kam ihm vor, als wäre er sein Leben lang davongelaufen.

Ruth Brouard beobachtete die Flucht des Jungen. Sie befand sich in Guys Arbeitszimmer, als Paul aus dem Laubengang an der Grenze zwischen Rasen und Teich herausgerannt kam. Sie war gerade dabei, einen Stapel Kondolenzkarten durchzusehen, die schon am Vortag eingetroffen waren, die zu öffnen sie aber bisher nicht den Mut gehabt hatte. Zuerst hörte sie den Hund bellen, dann sah sie den Jungen, der unten über den Rasen rannte. Gleich darauf erschien Valerie Duffy, in den Händen das Hemd, das sie Paul gebracht hatte, das verschmähte Geschenk einer Mutter, deren eigene Söhne flügge geworden waren und das heimische Nest verlassen hatten, als sie noch nicht darauf vorbereitet gewesen war.

Sie hätte mehr Kinder bekommen sollen, dachte Ruth, als sie Valerie zum Haus zurückgehen sah. Manche Frauen wurden mit einem Hunger nach Mutterschaft geboren, den nichts stillen konnte, und Valerie Duffy schien eine von ihnen zu sein.

4

Ruth behielt sie im Auge, bis sie verschwand, vermutlich in der Küche direkt unter Guys Arbeitszimmer, das Ruth gleich nach dem Frühstück aufgesucht hatte. Es war der einzige Ort, wo sie ihm jetzt nahe sein konnte, umgeben von all den sichtbaren Dingen, die, wie um der grauenvollen Art seines Sterbens zu spotten, bezeugten, dass Guy Brouard ein gutes Leben gehabt hatte. Überall im Arbeitszimmer ihres Bruders gab es diese Zeugnisse zu sehen: an den Wänden, auf den Bücherregalen, auf dem schönen alten Renaissance-Tisch in der Mitte des Raums. Hier waren die Zertifikate, die Fotografien, die Auszeichnungen, die Pläne und die Dokumente. Abgeheftet lagen hier Korrespondenz und Empfehlungsschreiben, die so manchen, der sich als würdig erwies, in den Genuss der weithin bekannten Brou- ardschen Großzügigkeit gebracht hatten. Und eindrucksvoll zur Schau gestellt stand hier das Modell eines Bauwerks, das Guy der Insel, die sein Zuhause geworden war, als Geschenk versprochen hatte. Es hätte die Vollendung seines Lebenswerks werden sollen, ein Monument zum Gedenken an die Leiden der Inselbewohner, wie er es genannt hatte. Von einem Mann gestiftet, der ebenfalls gelitten hatte.

Als Guy an jenem Morgen nicht vom Schwimmen zurückgekommen war, hatte Ruth sich zunächst keine Sorgen gemacht. Gewiss, er war eigentlich immer pünktlich und zuverlässig, aber als sie ihn nicht wie sonst im Frühstückszimmer angetroffen hatte, fertig angekleidet und auf die Rundfunknachrichten konzentriert, während er auf sein Frühstück wartete, hatte sie vermutet, er hätte nach dem Schwimmen bei den Duffys vorbeigeschaut und eine Kaffeepause mit Valerie und Kevin eingelegt. Das hatte er hin und wieder getan. Er hatte die beiden gern gehabt. Ruth hatte deshalb nach einem Augenblick der Überlegung ihren Kaffee und ihre Grapefruit zum Telefon im Damenzimmer mitgenommen und bei den Duffys angerufen.

Valerie meldete sich. Nein, sagte sie, Mr. Brouard sei nicht bei ihnen. Sie habe ihn seit dem frühen Morgen, als sie ihn auf dem Weg zum Schwimmen gesehen habe, nicht mehr zu Gesicht bekommen. Was los sei? Ob er noch nicht zurück sei? Wahrscheinlich sei er irgendwo auf dem Gelände. vielleicht bei den Skulpturen. Er habe Kevin gegenüber erwähnt, dass er sie umstellen wolle. Dieser große menschliche Kopf im tropischen Garten? Vielleicht versuche er, sich darüber schlüssig zu werden, wo er ihn haben wolle, sie, Valerie, wisse nämlich mit Sicherheit, dass der Kopf eines der Stücke war, die Mr. Brouard anders platzieren wollte. Nein, Kev sei nicht bei ihm. Kev sitze hier in der Küche.

Noch immer war Ruth nur verwundert. Sie ging ins Badezimmer ihres Bruders hinauf, wo er sich nach dem Schwimmen normalerweise umzog. Aber weder seine Badehose noch sein Trainingsanzug waren da, und auch kein feuchtes Handtuch, das zusätzlicher Beweis für seine Rückkehr gewesen wäre.

Da spürte sie einen ersten Anflug von Beunruhigung, und ihr fiel ein, was sie von ihrem Fenster aus beobachtet hatte, als sie am Morgen ihrem Bruder auf seinem Weg zur Bucht nachgeschaut hatte: diese Gestalt, die sich in der Nähe des Hauses der Duffys aus dem Schutz der Bäume gelöst hatte, als Guy vorbeigekommen war.

Sie ging zum Telefon und rief noch einmal die Duffys an. Kevin versprach ihr, zur Bucht hinunterzulaufen.

Er war im Laufschritt zurückgekommen, aber nicht zu ihr. Erst als am Ende der Auffahrt der Rettungswagen erschien, war er gekommen, um sie zu holen.

Das war der Beginn des Albtraums gewesen. Und er war mit dem Verlauf der Stunden immer schrecklicher geworden. Anfangs hatte sie geglaubt, Guy hätte einen Herzinfarkt gehabt, aber als sie nicht mit ihm zusammen ins Krankenhaus fahren durfte, sondern dem Rettungswagen in dem von Kevin gelenkten Auto folgen musste, als Guy fortgebracht wurde, ehe sie ihn sehen konnte, wusste sie, dass etwas Entsetzliches passiert war, das alles auf immer verändert hatte.

Sie hoffte auf einen Schlaganfall. Dann wäre er wenigstens noch am Leben. Aber schließlich teilten sie ihr mit, dass er tot war, und erläuterten ihr die Umstände seines Todes. Dieser Erklärung entsprang ein neuer Albtraum, der sie seither ständig begleitete: Guy hilflos und allein im Kampf um sein Leben, in Todesqualen.

Lieber hätte sie geglaubt, ihr Bruder habe sein Leben durch einen Unglücksfall verloren. Die Gewissheit, dass er ermordet worden war, hatte sie zerbrochen und ihr Leben auf zwei Fragen reduziert: Warum? Wer? Aber das war gefährliches Terrain.

Das Leben hatte Guy gelehrt, dass er sich nehmen musste, was er haben wollte, dass ihm nichts geschenkt werden würde. Aber mehr als nur ein Mal hatte er genommen, ohne zu bedenken, ob das, was er haben wollte, auch das war, was er haben sollte. Die Folge dieses Handelns war Leiden für andere gewesen. Seine Ehefrauen, seine Kinder, seine Geschäftsfreunde, seine. andere eben.

Du kannst so nicht weitermachen, ohne dass dabei jemand zu Grunde geht, hatte sie zu ihm gesagt. Und ich kann nicht untätig zusehen.

Aber er hatte sie liebevoll ausgelacht und ihr einen Kuss auf die Stirn gedrückt. Frau Oberlehrerin Brouard, hatte er sie geneckt. Gibst du mir eins auf die Finger, wenn ich nicht gehorche?

Der Schmerz war zurück. Er bohrte sich in ihr Rückgrat wie ein spitzer Dorn, der durch ihren Nacken getrieben wurde und dann vereiste, bis die entsetzliche Kälte sich anfühlte wie Feuer. Er sandte Tentakel abwärts, jedes von ihnen eine kriechende Giftschlange der Krankheit. Er trieb sie Rettung suchend aus dem Zimmer.

Sie war nicht allein im Haus, aber sie fühlte sich allein, und hätte nicht der teuflische Krebs sie in den Klauen gehabt, sie hätte vielleicht gelacht.

Sechsundsechzig Jahre alt und unversehens aus dem Schoß brüderlicher Liebe gerissen. Wer hätte in jener fernen Nacht, als ihre Mutter geflüstert hatte: Promets-moi de ne pas pleurer, ma petite chatte. Sois forte pour Guy, gedacht, dass es einmal so kommen würde?

Sie wünschte, sie könnte das Vertrauen ihrer Mutter wahren, wie sie das sechzig Jahre lang getan hatte. Aber jetzt musste sie der Wahrheit ins Auge sehen: Sie konnte für niemanden stark sein.

Margaret Chamberlain war noch keine fünf Minuten mit ihrem Sohn zusammen, da drängte es sie schon, ihn herumzukommandieren: Halt dich gerade, Herrgott noch mal! Schau den Leuten ins Gesicht, wenn du mit ihnen sprichst! Behandle gefälligst mein Gepäck nicht so grob! Pass auf den Fahrradfahrer dort auf! Setz doch den Blinker, wenn du abbiegst! Aber es gelang ihr, die Flut von Kommandos zurückzuhalten. Er war unter ihren vier Söhnen derjenige, den sie am meisten liebte und der ihre Geduld auf die härteste Probe stellte — das Letztere schrieb sie seinem väterlichen Erbe zu, das ein anderes war als das ihrer drei übrigen Söhne. Aber da er soeben den Vater verloren hatte, war sie bereit, seine mehr oder weniger irritierenden Eigenheiten zu übersehen. Fürs Erste.

Er erwartete sie in der so genannten Ankunftshalle des Flughafens von Guemsey. Als sie mit dem Trolley, auf dem ihr Gepäck gestapelt war, durch die Tür kam, lungerte er am Schalter einer Mietwagenfirma herum. Er hätte mit der attraktiven Rothaarigen, die dort beschäftigt war, schwatzen können wie ein normaler Mann, wäre er einer gewesen. Aber nein, er tat so, als wäre er in das Studium einer Straßenkarte vertieft, und ließ wieder einmal eine Gelegenheit verstreichen, die das Leben ihm praktisch in den Schoß warf.

Margaret seufzte.»Adrian?«, sagte sie. Und dann, als er nicht reagierte, noch einmal:»Adrian!«

Beim zweiten Mal hörte er sie und blickte auf. Er trat an den Mietwagenschalter und legte die Karte zurück. Die Rothaarige fragte, ob sie etwas für ihn tun könne, aber er antwortete nicht. Sah sie nicht einmal an. Sie fragte noch einmal. Er klappte den Kragen seiner Jacke hoch und drehte ihr den Rücken zu, anstatt zu antworten.»Der Wagen steht draußen«, sagte er ohne ein Wort der Begrüßung zu seiner Mutter und hievte ihre Koffer vom Gepäckkarren.

«Wie wär's mit >Hattest du einen guten Flug, Mama?<«, meinte Margaret.»Wäre es nicht einfacher, das Gepäck auf dem Karren zum Auto zu bringen, Schatz?«

Mit den Koffern bepackt, ging er davon. Sie konnte nur folgen. Sie warf einen Blick zum Mietwagenschalter und lächelte entschuldigend, für den Fall, dass die Rothaarige mitbekommen hatte, was für einen Empfang ihr Sohn ihr bereitete. Dann eilte sie ihm nach.

Der Flughafen bestand aus einem einzigen Gebäude am Rand einer einzigen Rollbahn, die an brachliegende Felder grenzte. Der Parkplatz war kleiner als der ihres Heimatbahnhofs in England, es war daher einfach, Adrian zu folgen. Als sie ihn einholte, war er schon dabei, ihre beiden Koffer hinten in einen Range Rover zu befördern, der, wie sie sehr schnell feststellte, für Fahrten auf den schmalen Straßen Guernseys denkbar ungeeignet war.

Sie war noch nie auf der Insel gewesen. Sie war von Adrians Vater schon geschieden gewesen, als der sich von Chateaux Brouard zurückgezogen und auf Guernsey niedergelassen hatte. Adrian jedoch hatte seinen Vater seit dessen Umzug häufig besucht, und es war ihr deshalb absolut unverständlich, warum er hier mit einem halben Möbelwagen herumkurvte, wo doch offensichtlich ein Mini das richtige Gefährt gewesen wäre. Aber sie verstand vieles nicht, was ihr Sohn tat, das galt auch für seinen jüngst gefassten Entschluss, die einzige Beziehung, die er in seinen siebenunddreißig Lebensjahren mit einer Frau gehabt hatte, zu beenden. Sie fragte sich immer noch, wie es dazu gekommen war. Er hatte zur Erklärung lediglich gesagt:»Wir hatten unterschiedliche Vorstellungen«, was sie keinen Moment lang glaubte, da sie aus einem sehr intimen Gespräch mit der jungen Frau wusste, dass Carmel Fitzgerald zu heiraten gehofft hatte, und ferner aus einem ebenso intimen Gespräch mit ihrem Sohn wusste, dass Adrian sich glücklich geschätzt hatte, eine junge, leidlich hübsche Frau gefunden zu haben, die bereit war, sich mit einem Mann zusammenzutun, der der Lebensmitte nahe war und nie anderswo als im Haus seiner Mutter gelebt hatte. Außer in diesen grauenvollen drei Monaten, als er sich an der Universität versucht hatte — aber darüber wurde am besten kein Wort verloren. Was also war geschehen?

Margaret wusste, dass sie diese Frage nicht stellen durfte, jedenfalls nicht jetzt, so kurz vor Guys Beerdigung. Aber sie würde sie stellen, und zwar bald.

«Wie wird denn die arme Ruth damit fertig, Darling?«, fragte sie.

Adrian bremste an einer Verkehrsampel ab.»Ich hab sie nicht gesehen.«

«Wieso? Kommt sie nicht aus ihrem Zimmer heraus?«

Er blickte auf die Ampel, seine ganze Aufmerksamkeit auf den Moment gerichtet, da sie auf Gelb umspringen würde.»Ich meine, ich hab sie gesehen, aber nicht gesehen. Ich weiß nicht, wie sie damit fertig wird. Sie hat es mir nicht gesagt.«

Und es würde ihm natürlich nicht einfallen, sie zu fragen. So wenig wie es ihm einfallen würde, seiner Mutter eine klare Antwort zu geben, anstatt in Rätseln zu sprechen. Margaret sagte:»Aber gefunden hat nicht sie ihn?«

«Kevin Duffy. Der Hausmeister.«

«Es muss ein schrecklicher Schlag für sie sein. Die beiden waren ja — sie waren praktisch ihr Leben lang zusammen.«

«Ich verstehe nicht, warum du hierher kommen wolltest, Mutter.«

«Guy war mein Mann, Darling.«

«Nummer eins von vieren«, sagte Adrian überflüssigerweise. Margaret wusste sehr wohl, wie oft sie verheiratet gewesen war.»Ich dachte, man ginge nur zur Beerdigung, wenn sie sterben, solange man noch mit ihnen verheiratet ist.«

«Wie kannst du so vulgär sein, Adrian!«

«Ach, das ist vulgär? Um Gottes willen, das geht natürlich nicht.«

Margaret sah ihren Sohn an.»Warum benimmst du dich so?«

«Wie?«

«Guy war mein Mann. Ich habe ihn einmal geliebt. Von ihm habe ich dich. Wenn es mein Bedürfnis ist, ihm Respekt zu zollen, indem ich an seiner Beerdigung teilnehme, dann werde ich das tun.«

Adrian lächelte auf eine Art, die an seiner Ungläubigkeit keinen Zweifel ließ. Margaret hätte ihm am liebsten eine heruntergehauen. Ihr Sohn kannte sie zu gut.

«Du hast dir immer schon eingebildet, eine gute Lügnerin zu sein. Aber so gut bist du gar nicht«, sagte er.»Meinte Tante Ruth denn, ich würde etwas — hm, was käme in Frage? — Perverses, Verbotenes, schlicht Verrücktes tun, wenn du nicht hier bist? Oder glaubt sie, dass ich es schon getan habe?«

«Adrian! Wie kannst du nur — selbst im Scherz — «

«Ich scherze nicht, Mutter.«

Margaret wandte den Kopf zum Fenster. Sie wollte nichts mehr hören von der verdrehten Denkweise ihres Sohnes.

Die Ampel schaltete um, und Adrian donnerte über die Kreuzung.

Sie fuhren durch eine von Häusern gesäumte Straße. Nachkriegsbungalows standen neben heruntergekommenen viktorianischen Reihenhäusern, an die sich hier und dort kleine Hotels lehnten, die um diese Jahreszeit geschlossen waren. Nach einer Weile wichen die besiedelten Gebiete auf der Südseite der Straße offenem Land, wo noch die ursprünglichen, aus Stein erbauten Bauernhäuser erhalten waren. Am Straßenrand standen die weißen Holzkästen, in denen die Bauern zu anderen Zeiten des Jahres selbst gezogene Kartoffeln oder Gewächshausblumen zum Verkauf anzubieten pflegten.

«Deine Tante hat mich angerufen wie alle anderen«, sagte Margaret.»Es wundert mich sowieso, dass du es nicht getan hast.«

«Es kommt sonst kein Mensch«, sagte Adrian, in dieser für ihn typischen Art das Thema wechselnd, die einen wahnsinnig machen konnte.»Nicht mal JoAnna und die Mädchen. Bei JoAnna kann ich's verstehen — wie viele Geliebte hat Dad während seiner Ehe mit ihr verbraucht? Aber ich dachte, die Mädchen würden vielleicht kommen. Sie haben ihn zwar gehasst wie die Pest, aber ich war sicher, die reine Geldgier würde ihnen Beine machen. Das Testament, meine ich. Die wollen doch wissen, was sie bekommen. Vermutlich einen Haufen Geld, wenn es ihm jemals eingefallen ist, wegen dem, was er ihrer Mutter angetan hat, ein schlechtes Gewissen zu bekommen.«

«Bitte sprich nicht so über deinen Vater, Adrian. Du, als sein einziger Sohn, der hoffentlich eines Tages heiraten und Söhne in die Welt

setzen wird, die seinen Namen tragen, solltest meiner Meinung nach — «

«Aber sie kommen nicht«, fuhr Adrian störrisch und mit erhobener Stimme fort, als wollte er seine Mutter mundtot machen.»Obwohl ich fast damit gerechnet habe, dass JoAnna kommen würde, wenn auch nur, um dem Alten einen Pfahl ins Herz zu treiben. «Adrian lächelte vor sich hin, und Margaret wurde kalt bei diesem Lächeln. Es erinnerte sie allzu sehr an die schlimmen Zeiten ihres Sohnes, wenn er so tat, als wäre alles in Ordnung, während sich in seinem Inneren ein Orkan zusammenbraute.

Es wäre ihr lieber gewesen, nicht fragen zu müssen, andererseits aber wollte sie Bescheid wissen. Sie nahm ihre Handtasche, öffnete sie und tat so, als suchte sie nach einem Pfefferminzbonbon, während sie wie beiläufig sagte:»Die Salzluft hier tut wahrscheinlich gut. Wie sind deine Nächte, seit du hier bist, Darling? Waren schlechte dabei?«

Er warf ihr einen schnellen Blick zu.»Du hättest nicht darauf bestehen sollen, dass ich auf sein verdammtes Fest gehe, Mutter.«

«Ich habe darauf bestanden?«Margaret tippte sich mit den Fingern auf die Brust.

«>Du musst hingehen, Darling.<«Seine Stimme war der ihren plötzlich zum Verwechseln ähnlich.»>Du hast ihn seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen. Hast du seit September wenigstens mal mit ihm telefoniert? Nein? Na bitte, da siehst du es. Dein Vater wird tief enttäuscht sein, wenn du nicht kommst. < Und das konnten wir doch nicht zulassen«, sagte Adrian.»Guy Brouard darf nicht enttäuscht werden, wenn er sich etwas wünscht. Aber er hat es sich gar nicht gewünscht. Er wollte mich überhaupt nicht hier haben. Du wolltest das. Er hat es mir selbst gesagt.«

«Adrian, nein! Das ist nicht — ich hoffe — du — du hast dich doch nicht mit ihm gestritten?«

«Du hast geglaubt, er würde sich das mit dem Geld noch mal überlegen, wenn ich ihm in seinem großen Moment meine Referenz machen würde. Stimmt's?«, fragte Adrian.»Du hast geglaubt, er würde so glücklich sein, mich auf seiner blöden Party zu sehen, dass er endlich nachgeben und das Geschäft finanzieren würde. Darum ging's doch, du kannst es ruhig zugeben.«»Ich habe keine Ahnung, wovon du redest.«

«Du willst doch nicht behaupten, er hätte dir nichts davon gesagt, dass er es abgelehnt hatte, das Geschäft zu finanzieren? Im September? Bei unserem kleinen — Gespräch. >Du hast kein ausreichendes Erfolgspotenzial, Adrian. Tut mir Leid, mein Junge, aber ich werfe nun mal mein Geld nicht gern zum Fenster hinaus.< Dafür gibt er es an anderer Stelle mit vollen Händen aus.«

«Das hat dein Vater wirklich gesagt? Zu wenig Potenzial?«

«Unter anderem, ja. Die Idee ist gut, sagte er. Den Internetzugang kann man immer verbessern, und das scheint mir der richtige Weg zu sein. Aber bei dem, was du vorzuweisen hast, Adrian. nicht, dass du irgendetwas vorzuweisen hast, und das heißt, dass wir jetzt mal die Gründe für diese magere Bilanz unter die Lupe nehmen müssen.«

Margaret spürte, wie die Wut ätzend in ihren Magen schoss.»Hat er wirklich.? Wie konnte er.?«

«Komm, setz dich, mein Junge. Komm. So. Du hast einige Probleme gehabt, nicht wahr. Diese Geschichte im Garten des Schulleiters, als du zwölf warst? Und das Desaster mit deinem Studium, als du neunzehn warst? Das ist nicht gerade das, was man sich bei jemandem wünscht, dem man sein Geld anvertrauen möchte, mein Junge.«

«Das hat er tatsächlich gesagt? Er hat diese Dinge zur Sprache gebracht? Ach, Darling, das tut mir so Leid«, sagte Margret.»Ich könnte weinen. Und du bist danach trotzdem hergekommen? Zu ihm. Warum?«

«Weil ich ein Vollidiot bin.«

«Sag so was nicht!«

«Ich wollte es noch einmal versuchen. Ich dachte, wenn ich diese Sache irgendwie ins Rollen brächte, könnten Carmel und ich — ich weiß auch nicht — noch mal von vorn anfangen. Ich dachte, das wäre es wert, noch mal herzukommen und mich von ihm niedermachen zu lassen — wenn ich die Beziehung mit Carmel retten könnte.«

Er hatte seine Aufmerksamkeit ganz auf das Fahren konzentriert, während er seiner Mutter alles erzählte, und Margaret verspürte tiefes Mitleid mit ihm, trotz all seiner Eigenheiten, die ihr so oft auf die Nerven fielen. Er hatte ein viel schwereres Leben gehabt als seine

Stiefbrüder. Und an vielem, was es so schwer gemacht hatte, trug sie Schuld. Wenn sie ihm erlaubt hätte, mehr Zeit mit seinem Vater zu verbringen, so viel Zeit, wie Guy gewünscht hatte, gefordert, zu erzwingen versucht hatte. Das war natürlich ausgeschlossen gewesen. Aber wenn sie es zugelassen hätte und das Risiko eingegangen wäre, dann wäre Adrians Weg vielleicht leichter gewesen und sie hätte sich nicht in diesem Maße schuldig fühlen müssen.

«Und hast du dann noch einmal mit ihm über das Geld gesprochen? Bei diesem Besuch, Darling?«, fragte sie.»Hast du ihn gebeten, dir bei dem neuen Unternehmen unter die Arme zu greifen?«

«Ich bin gar nicht dazu gekommen. Ich habe ihn nie allein erwischt. Das Busenwunder hing dauernd an ihm dran, damit ich nur ja nicht an ihn rankomme und mir was von der Kohle unter den Nagel reiße, auf die sie selbst es abgesehen hatte.«

«Das Busenwunder?«

«Seine Neueste. Du wirst sie nachher kennen lernen. Sie hat ihn keinen Moment aus den Augen gelassen, und sobald er einen Gedanken hatte, der nicht direkt mit ihr zu tun hatte, hat sie ihm ihren Atombusen unter die Nase geschoben. Hat immer für Ablenkung gesorgt, die Gute. Darum sind wir nie zum Reden gekommen. Und dann war es zu spät.«

Margaret hatte Ruth bei ihrem Anruf nicht gefragt, weil diese so leidend geklungen hatte, und ihrem Sohn hatte sie die Frage nicht gleich bei ihrer Ankunft gestellt, weil sie zuerst sehen wollte, in welcher Verfassung er war. Doch jetzt hatte er ihr das Stichwort gegeben, und sie reagierte sofort.

«Wie ist dein Vater eigentlich gestorben?«

Sie hatten ein Waldgebiet erreicht, wo sich auf der westlichen Straßenseite eine hohe, üppig von Efeu bewachsene Steinmauer entlangzog, während auf der Ostseite in dichten Gruppen Platanen, Kastanien und Ulmen standen. An manchen Stellen zeigte sich zwischen den Bäumen der ferne Ärmelkanal, stahlgrau blitzend in den winterlichen Lichtverhältnissen. Margaret konnte sich nicht vorstellen, dass es jemanden reizte, in diesem Wasser zu schwimmen.

Adrian antwortete nicht sofort auf ihre Frage. Nachdem sie an einigen Feldern vorübergefahren waren, bremste er an der Mauer vor einem Eisentor, das offen stand. In die Mauer eingelegte Kacheln wiesen den Namenszug des Anwesens auf, Le Reposoir. Adrian lenkte den Wagen über die Auffahrt zu einem imposanten alten Haus: ein vierstöckiger Bau aus grauem Stein, dessen Dach von einer Art Aussichtsplattform gekrönt war, einem widow 's walk nach amerikanischem Vorbild, zu dem sich ein früherer Eigentümer die Inspiration vielleicht aus Neu-England geholt hatte. Unter dieser luftigen und von einer Balustrade umgebenen Terrasse ragten Dachfenster hervor, unter denen die Fassade von perfekter Ausgewogenheit war.

Guy hatte, wie Margaret feststellte, im Ruhestand nicht schlecht gelebt. Aber das war kaum eine Überraschung.

Zum Haus hin verließ die Auffahrt den Schutz der Bäume und umrundete eine Rasenfläche, in deren Mitte eine beeindruckende Bronzeskulptur eines jungen Mannes und einer jungen Frau beim Schwimmen mit Delphinen stand. Adrian folgte dem Rundweg und hielt den Range Rover vor einer breiten Treppe an, die zu einer weißen Haustür hinaufführte. Die Tür war geschlossen und blieb geschlossen, als er endlich auf Margarets Frage antwortete.

«Er ist erstickt«, sagte er.»Unten an der Bucht.«

Margaret war verwirrt. Ruth hatte berichtet, dass ihr Bruder nicht vom Schwimmen zurückgekommen war, dass ihm unten am Strand jemand aufgelauert und ihn ermordet hatte. Aber Guy war erstickt, das hatte doch mit Mord nichts zu tun. Ja, wenn Adrian gesagt hätte, er sei erstickt worden, aber das waren nicht seine Worte gewesen.

«Erstickt?«, wiederholte Margaret.»Aber Ruth sagte doch, dein Vater sei ermordet worden. «Und einen verrückten Moment lang erwog sie die Möglichkeit, dass ihre ehemalige Schwägerin sie belogen hatte, um sie aus irgendeinem Grund auf die Insel zu locken.

«O ja, es war Mord«, sagte Adrian.»Das, was Dad im Hals steckte, nimmt man normalerweise nicht in den Mund. Auch nicht versehentlich.«

5

«Also, dass ich mal hier landen würde, hätte ich mir nicht träumen lassen. «Cherokee River blieb einen Moment stehen, um das Schild vor Scotland Yard zu betrachten, und ließ den Blick von den metallisch silbernen Lettern zu dem strenge Autorität ausstrahlenden Gebäude mit den uniformierten Wachen wandern.

«Ich weiß nicht, ob es uns weiterhelfen wird«, bekannte Deborah,»aber ich denke, es ist einen Versuch wert.«

Es war kurz vor halb elf, der Regen hatte endlich nachgelassen. Der Schauer, der sie bei ihrem Aufbruch zur amerikanischen Botschaft begleitet hatte, war zum dünnen Dauerregen abgeflaut, vor dem sie sich unter einem von Simons großen schwarzen Schirmen verkrochen.

Sie hatten sich recht hoffnungsvoll auf den Weg gemacht. Trotz der verzweifelten Lage, in der seine Schwester sich befand, hielt Cherokee nach dem Motto, das kriegen wir schon hin, an dieser positiven Einstellung fest, die nach Deborahs Erinnerung den meisten Amerikanern eigen war, die sie in Kalifornien kennen gelernt hatte. Er war ein Bürger der Vereinigten Staaten, der mit einem Anliegen zur Botschaft seines Landes unterwegs war. Er hatte geglaubt, wenn er, als Steuerzahler, in der Botschaft erschien und die Fakten vorlegte, würden augenblicklich die nötigen Anrufe getätigt und Chinas Entlassung durchgesetzt werden.

Anfangs schien es, als wäre Cherokees Glaube an die Macht der Botschaft gerechtfertigt. Nachdem sie sich informiert hatten, an wen sie sich wenden mussten — die Special-Services-Abteilung, die man nicht durch das imposante Tor unter der imposanten Flagge am Grosvenor Square betrat, sondern von der weit bescheideneren Brook Street aus — , nannten sie am Empfang Cherokees Namen, woraufhin ein kurzer Anruf eine erstaunlich und befriedigend prompte Reaktion zeitigte. Nicht einmal Cherokee hatte erwartet, von der Leiterin der Special-Services-Abteilung persönlich empfangen zu werden. Von irgendeinem Untergebenen zu ihr geführt zu werden, das ja, aber nicht gleich hier, am Empfang, von ihr begrüßt zu werden. Aber so geschah es. Konsulin Rachel Friestat, mit energischem Händedruck, der nur beruhigend wirken konnte, führte Deborah und Cherokee ohne Umschweife in ihr Büro, wo sie ihnen Kaffee und Kekse anbot und darauf bestand, dass sie sich an den Heizlüfter setzten, um trocken zu werden.

Rachel Friestat wusste über alles Bescheid. Sie war innerhalb von vierundzwanzig Stunden nach Chinas Verhaftung von der Polizei von Guernsey angerufen worden. Das entsprach, wie sie erklärte, den Vereinbarungen der Haager Konventionen. Sie hatte sogar mit China selbst gesprochen und sie gefragt, ob jemand von der Botschaft nach Guernsey kommen und sich dort um ihre Belange kümmern solle.

«Sie sagte, das sei nicht nötig«, teilte Rachel Friestat Cherokee und Deborah mit.»Sonst hätten wir sofort jemanden hingeschickt.«

«Aber es ist dringend nötig«, widersprach Cherokee.»Die wollen ihr da drüben mit falschen Beschuldigungen was anhängen. Das weiß sie. Wieso sagte sie dann.?«Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar und murmelte:»Das verstehe ich überhaupt nicht.«

Rachel Friestat nickte anteilnehmend, doch ihre Miene machte deutlich, dass sie diesen Vorwurf der» falschen Beschuldigungen «schon häufiger gehört hatte. Sie sagte:»Unsere Möglichkeiten sind beschränkt, Mr. River, und Ihre Schwester weiß das. Wir haben uns mit ihrem Anwalt in Verbindung gesetzt, und der hat uns versichert, dass er bei jeder polizeilichen Vernehmung ihrer Schwester anwesend ist. Wir sind bereit, alle Anrufe in die Staaten zu tätigen, die ihre Schwester wünscht. Sie sagte allerdings ausdrücklich, dass im Augenblick niemand angerufen werden soll. Und sollte die amerikanische Presse den Fall verfolgen, so werden wir alle Anfragen beantworten. Die Lokalpresse in Guernsey berichtet bereits, aber sie ist durch die relativ isolierte Lage Guernseys und Knappheit der Mittel eingeschränkt, so dass da nicht viel mehr geschieht, als dass man die wenigen Einzelheiten abdruckt, die die Polizei herausgibt.«

«Aber genau das ist es doch!«, rief Cherokee.»Die Polizei versucht mit allen Mitteln, ihr was anzuhängen.«

Rachel Friestat trank einen Schluck Kaffee und blickte Cherokee über den Rand der Tasse hinweg an. Deborah sah ihr am Gesicht an, dass sie Alternativen abwog, so wie man das tut, wenn man schlechte

Nachrichten zu übermitteln hat, und sie ließ sich Zeit mit ihrer Entscheidung.»In dieser Hinsicht kann die amerikanische Botschaft Ihnen leider nicht helfen«, sagte sie schließlich zu Cherokee.»Es mag wahr sein, aber wir können nicht eingreifen. Wenn Sie glauben, dass Ihre Schwester mit falschen Anschuldigungen ins Gefängnis gebracht werden soll, müssen Sie sich unverzüglich Hilfe holen. Aber die Hilfe muss von innen kommen, nicht von außen, von uns.«

«Wie meinen Sie das?«, fragte Cherokee.

«Nun, vielleicht ein Privatdetektiv.«, antwortete die Konsulin.

Sie waren unverrichteter Dinge wieder abgezogen und hatten in der folgenden Stunde festgestellt, dass ein Privatdetektiv auf der Insel Guernsey so schwer aufzutreiben war wie Eiskrem in der Sahara. Daraufhin waren sie quer durch die Stadt zur Victoria Street gefahren, wo sich jetzt New Scotland Yard vor ihnen erhob, ein Gebäudekomplex aus Beton und Glas im Herzen von Westminster.

Sie traten ein und schüttelten ihren Schirm über der Gummimatte aus. Cherokee blieb vor der Ewigen Flamme stehen, während Deborah zum Empfang ging und ihr Anliegen vorbrachte.

«Wir wollen zum stellvertretenden Superintendent Thomas Lynley. Wir sind nicht angemeldet, aber wenn er im Haus ist und uns empfangen kann.? Deborah St. James.«

Die beiden uniformierten Beamten am Empfang musterten Deborah und Cherokee so scharf, als wären sie überzeugt davon, dass sie Bomben um den Bauch trugen. Der eine Beamte telefonierte, während der andere eine Lieferung von Federal Express in Empfang nahm.

Deborah wartete, bis der Beamte, der telefonierte, zu ihr sagte:»Haben Sie ein paar Minuten Geduld«, dann ging sie zu Cherokee zurück, der fragte:»Glaubst du, das bringt was?«

«Keine Ahnung«, antwortete sie.»Aber wir müssen alles versuchen.«

Keine fünf Minuten später erschien Tommy selbst, und Deborah nahm das als gutes Zeichen. Er sagte:»Hallo, Deb, das ist ja eine Überraschung«, küsste sie auf die Wange und wartete darauf, mit Cherokee bekannt gemacht zu werden.

Die beiden Männer hatten einander nie kennen gelernt. Trotz Tommys häufiger Besuche in Kalifornien, als Deborah dort lebte, hatten sich ihre Wege nie gekreuzt. Tommy hatte natürlich von Chinas Bruder gehört und kannte seinen Namen, der so ungewöhnlich war, dass man ihn nicht so leicht vergaß.»Ah, Chinas Bruder«, sagte er, als Deborah Cherokee mit Namen vorstellte, und bot ihm auf die ungezwungene Art, die typisch für ihn war, die Hand.»Zeigst du Cherokee die Stadt?«, fragte er Deborah.»Oder dass du Freunde in fragwürdigen Gebäuden hast?«

«Keines von beiden«, antwortete sie.»Können wir dich kurz sprechen? Unter vier Augen? Hast du Zeit? Das ist ein — na ja, eher dienstlicher Besuch.«

Tommy zog eine Augenbraue hoch.»Aha«, sagte er nur und führte sie zum Aufzug, der sie nach oben in sein Büro brachte.

Als stellvertretender Superintendent saß er nicht in seinem gewohnten Zimmer, sondern im Büro des Superintendent, seines Vorgesetzten, der noch wegen der Folgen eines Attentats, das im vergangenen Monat auf ihn verübt worden war, im Krankenhaus lag.

«Wie geht es dem Superintendent?«, fragte Deborah, die gleich beim Eintreten sah, dass Tommy auf seine gutherzige Art nicht eine der Fotografien, die Superintendent Malcolm Webberly gehörten, durch eigene ersetzt hatte.

Tommy schüttelte den Kopf.»Nicht gut.«

«Wie schrecklich.«

«Für alle. «Er bat sie, Platz zu nehmen, und setzte sich zu ihnen, den Oberkörper vorgebeugt, die Ellbogen auf die Knie gestützt. Was kann ich für euch tun? schien seine Haltung zu sagen, und Deborah rief sich in Erinnerung, dass er ein sehr beschäftigter Mann war.

Sie berichtete ihm, warum sie zu ihm gekommen waren, und Cherokee ergänzte den Bericht mit markanten Details, die er für notwendig hielt. Tommy hörte zu, wie er nach Deborahs Erfahrung immer zuhörte: Den Blick der braunen Augen auf den jeweils Sprechenden gerichtet, während er alle anderen Geräusche aus den in der Nähe befindlichen Büros auszublenden schien.

«Wie nahe sind Ihre Schwester und Mr. Brouard sich gekommen, als Sie beide bei ihm zu Gast waren?«, fragte Tommy, als Cherokee seine Ausführungen beendet hatte.

«Sie waren öfter zusammen. Sie haben sich gut verstanden, weil sie beide an Architektur interessiert waren. Aber das war's dann auch schon, jedenfalls soweit ich's mitgekriegt hab. Er war nett zu ihr. Aber zu mir war er auch nett. Er schien ganz allgemein ein netter Mensch gewesen zu sein.«

«Vielleicht aber auch nicht«, meinte Tommy.

«Ja, klar. Logisch. Wenn jemand ihn umgebracht hat.«

«Wie ist er eigentlich umgekommen?«

«Er ist erstickt. Das hat der Anwalt rausgekriegt, nachdem China beschuldigt worden war. Das ist übrigens alles, was der Anwalt in Erfahrung gebracht hat.«

«Sie meinen, er wurde erdrosselt?«

«Nein. Er ist erstickt. An einem Stein.«

«An einem Stein?«, wiederholte Tommy.»Du meine Güte! An was für einem Stein denn? Einem Kiesel vom Strand?«

«Keine Ahnung. Wir wissen im Moment nicht mehr. Nur dass es ein Stein war und er daran erstickt ist. Oder, genauer gesagt, dass meine Schwester ihn irgendwie damit erstickt hat, da sie ihr ja vorwerfen, ihn getötet zu haben.«

«Du siehst, Tommy«, warf Deborah ein,»es ist völlig unsinnig.«

«Wie soll China ihn denn mit dem Stein erstickt haben?«, fragte Cherokee aufgebracht.»Wie soll überhaupt jemand ihn damit erstickt haben? Wie soll das gegangen sein? Hat er einfach den Mund aufgemacht und sich den Stein in die Kehle stoßen lassen?«

«Das ist eine gute Frage«, meinte Lynley zustimmend.

«Es kann genauso gut ein Unglücksfall gewesen sein«, fuhr Cherokee fort.»Er kann doch den Stein aus irgendeinem Grund in den Mund genommen haben.«

«Es muss Hinweise darauf geben, dass es anders gewesen ist, wenn die Polizei eine Verhaftung vorgenommen hat«, wandte Tommy ein.»Wenn ihm jemand den Stein mit Gewalt in die Kehle gestoßen hat, hat er sicher am Gaumen Verletzungen erlitten. Vielleicht auch an der Zunge. Hätte er ihn versehentlich geschluckt. Ja. Ich kann mir vorstellen, wieso sie sofort auf Mord gekommen sind.«

«Aber warum sofort auf China?«, fragte Deborah.

«Es muss noch andere Indizien geben, Deb.«

«Meine Schwester hat niemanden umgebracht!«Cherokee sprang auf und ging erregt zum Fenster. Dort drehte er sich um.»Wieso kapiert das niemand?«

«Kannst du etwas tun?«, fragte Deborah Tommy.»In der Botschaft haben sie uns vorgeschlagen, jemanden zu engagieren, aber ich dachte, du könntest vielleicht. Kannst du da mal anrufen? Bei der Polizei? Und ihnen klar machen.? Ich meine, offensichtlich werten sie nicht alles ordnungsgemäß aus. Das muss man ihnen sagen.«

Tommy machte ein nachdenkliches Gesicht.»Streng genommen, fällt diese Sache nicht in den Zuständigkeitsbereich von Großbritannien, Deb. Die Polizeibeamten werden zwar hier ausgebildet, und die Behörden können um Rechtshilfe bitten, aber von hier aus etwas an- zuleiern. Wenn du das gehofft hast, muss ich dich enttäuschen, das geht nicht.«

«Aber — «Deborah hob beschwörend die Hand, merkte, dass diese Geste einer flehentlichen Bitte nahe kam, fand dies erbärmlich und ließ die Hand in den Schoß sinken.»Wenn sie wenigstens wüssten, dass man hier nicht einfach gleichgültig zusieht, dann würde das vielleicht.«

Tommy blickte forschend in ihr Gesicht, dann lächelte er.»Du änderst dich nie, hm?«, fragte er liebevoll.»Na schön. Mal sehen, was ich tun kann.«

Es dauerte nur ein paar Minuten, die richtige Nummer in Guernsey festzustellen und den ermittelnden Polizeibeamten ausfindig zu machen, der die Morduntersuchung dort leitete. Mord war auf der Insel etwas so Ungewöhnliches, dass Tommy nur das Wort auszusprechen brauchte, um augenblicklich mit dem zuständigen Mann verbunden zu werden.

Aber der Anruf brachte ihnen nichts ein. Von New Scotland Yard ließ man sich in St. Peter Port offensichtlich nicht beeindrucken. Als Tommy erklärte, wer er war und warum er anrief, und anbot, die

Kollegen zu unterstützen, soweit das in der Macht der Metropolitan Police stünde, bekam er zu hören — wie er Deborah und Cherokee gleich nach Ende des Telefongesprächs berichtete — , auf den Kanalinseln sei alles unter Kontrolle. Und im Übrigen würde man sich, wenn Unterstützung tatsächlich gebraucht werde, an die Kollegen in Cornwall oder Devon wenden wie sonst auch.

«Wir sind etwas in Sorge, weil es sich bei der verhafteten Person um eine Ausländerin handelt«, sagte Tommy.

Tja, hm, das sei mal eine interessante Abwechslung, nicht wahr, mit der die Polizei von Guernsey aber ohne weiteres allein fertig werden könne.

«Tut mir Leid«, sagte er nach dem Gespräch zu Deborah und Cherokee.

«Ja, und was, zum Teufel, sollen wir jetzt tun?«Cherokee stellte die Frage mehr sich selbst als den anderen.

«Ihr müsst euch jemanden suchen, der bereit ist, mit den Betroffenen zu sprechen«, sagte Tommy.»Wenn einer meiner Leute gerade Urlaub hätte, würde ich euch vorschlagen, ihn zu bitten, sich ein wenig umzuhören. Ihr könnt das natürlich auch selbst tun, aber es wäre hilfreich, wenn ihr eine Polizeibehörde im Rücken hättet.«

«Was muss denn unternommen werden?«, fragte Deborah.

«Zuerst muss mal jemand Fragen stellen«, antwortete Tommy,»um herauszubekommen, ob es vielleicht einen Zeugen gibt, der unbeachtet geblieben ist. Ihr müsst herausfinden, ob dieser Brouard Feinde hatte: Wie viele, wer sie sind, wo sie leben, wo sie sich zum Zeitpunkt seines Todes aufgehalten haben. Ihr braucht jemanden, der das Beweismaterial auswerten kann. Ihr könnt mir glauben, dass die Polizei jemanden hat, der das für sie erledigt. Und ihr müsst sicherstellen, dass keine Spuren oder Hinweise übersehen worden sind.«

«In Guernsey gibt es niemanden«, sagte Cherokee.»Wir haben es versucht. Debs und ich. Bevor wir zu Ihnen gekommen sind.«

«Dann denkt mal über Guernsey hinaus. «Tommy sah Deborah an, und sie wusste, was dieser Blick bedeutete.

Sie hatten bereits, was sie brauchten.

Aber sie würde ihren Mann auf keinen Fall um Hilfe bitten. Er hatte ohnehin so viel zu tun. Außerdem hatte sie das Gefühl, dass der größte Teil ihres Lebens von den zahllosen Gelegenheiten gekennzeichnet war, da sie bei Simon Hilfe gesucht hatte: Angefangen bei jenen fernen Tagen, als die kleine ABC-Schützin, die von den Schulkameraden gnadenlos drangsaliert wurde, von ihrem Mr. St. James — einem Neunzehnjährigem mit einem stark ausgeprägten Sinn für Fairness — gerettet wurde, indem der ihren Peinigern einen Riesenschrecken einjagte, bis zum heutigen Tag, da die Ehefrau die Geduld ihres Mannes, der nichts weiter wollte, als sie glücklich zu sehen, häufig auf eine harte Probe stellte. Nein, sie konnte ihm das nicht aufbürden.

Sie würden es allein versuchen, sie und Cherokee. Das schuldete sie China, aber weit mehr noch: Sie schuldete es sich selbst.

Zum ersten Mal seit Wochen fiel Sonnenlicht zart wie Jasmintee auf eine der beiden Waagschalen der Justitia vor dem Old Bailey, als Deborah und Cherokee dort ankamen. Sie hatten beide weder Tasche noch Rucksack bei sich und daher keine Schwierigkeiten, hineinzukommen. Ein paar Fragen brachten ihnen die Auskunft, die sie brauchten: Gerichtssaal 3.

Die Besuchergalerie war oben und im Moment nur spärlich besetzt von drei Touristen in durchsichtigen Regenmänteln und einer Frau, die ein Taschentuch in ihrer Hand zusammenknüllte. Unten bot sich der Gerichtssaal wie eine Szene aus einem historischen Drama dar. Der Richter — rote Robe, strenge Stahlrandbrille und mächtige Perücke, deren Haarpracht in Schafslocken auf seine Schultern herabfiel — thronte in einem grünen Ledersessel, einem von fünf auf einem Podium am Kopf des Saals, das ihn über seine unbedeutenderen juristischen Kollegen erhob. Diese, die schwarz gekleideten Anwälte für die Verteidigung und die Anklage, saßen auf einer der vorderen Bänke, die im rechten Winkel zum Richterpodium standen. Hinter ihnen hatten ihre Mitarbeiter Platz genommen. Gegenüber waren die Geschworenen und dazwischen saß wie ein Schiedsrichter der Protokollführer. Die Anklagebank befand sich direkt unterhalb der Gale- rie, und hier saß der Angeklagte mit einem Gerichtsbeamten. Gegenüber war der Zeugenstand, und auf den richteten Deborah und Cherokee ihre Aufmerksamkeit.

Der Kronanwalt, der die Anklage vertrat, kam soeben zum Ende seines Kreuzverhörs des sachverständigen Zeugen der Verteidigung, Mr. Allcourt-St.-James. Er bezog sich auf ein umfangreiches Schriftstück, und wenn er auch Simon mit» Sir «ansprach und» Mr. Allcourt-St.-James, wenn Sie gestatten «sagte, war nicht zu überhören, dass er jegliche Meinung, die nicht mit den Schlussfolgerungen der Polizei und damit der Kronanwaltschaft übereinstimmte, anzweifelte.

«Mir scheint, Sie wollen unterstellen, dass die Laborarbeit von Dr. French zu wünschen übrig lässt, Mr. Allcourt-St.-James«, sagte er gerade, als Deborah und Cherokee sich auf einer Bank vorn auf der Galerie niederließen.

«Keineswegs«, entgegnete Simon.»Ich unterstelle lediglich, dass die Menge an Rückständen, die auf der Haut des Angeklagten gefunden wurde, mit seiner beruflichen Arbeit als Gärtner durchaus zu vereinbaren ist.«

«Wollen Sie dann auch behaupten, dass es Zufall ist, dass man bei Mr. Casey«- mit einer Kopfbewegung deutete er zu dem Mann in der Anklagebank, von dem Deborah und Cherokee nur den Hinterkopf sahen — »Spuren genau der Substanz gefunden hat, mit der Constance Garibaldi vergiftet wurde?«

«Da Aldrin zur Beseitigung von Garteninsekten verwendet wird und da dieses Verbrechen in eben der Zeit verübt wurde, zu der diese Insekten weit verbreitet sind, kann ich nur sagen, dass die Aldrinspu- ren auf der Haut des Angeklagten durchaus mit seiner beruflichen Arbeit zu erklären sind.«

«Ungeachtet seines fortdauernden Streits mit Mrs. Garibaldi?«

«Ganz recht. Ja.«

Der Kronanwalt machte noch einige Minuten so weiter, wobei er sich auf seine Aufzeichnungen bezog und einmal kurz mit seinen Mitarbeitern auf der hinteren Bank sprach. Schließlich entließ er Simon mit einem» Danke, Sir «aus der Vernehmung, und da auch die

Verteidigung keine weiteren Fragen hatte, konnte Simon den Zeugenstand verlassen.

Als er aufstand, erblickte er oben auf der Galerie Deborah und Cherokee.

Sie erwarteten ihn vor dem Gerichtssaal.»Also, wie ist es gelaufen?«, fragte er.»Können die Amerikaner helfen?«

Deborah berichtete, was sie von Rachel Friestat gehört hatten.»Und Tommy kann uns auch nicht weiterhelfen, Simon«, fügte sie hinzu.»Es ist eine Frage der Zuständigkeit. Und selbst wenn dieses Problem nicht wäre, würde sich die Polizei von Guernsey Hilfe aus Cornwall oder Devon holen, wenn sie welche brauchte. Sie wenden sich nie an Scotland Yard. Ich hatte den Eindruck — du nicht auch, Cherokee? — , dass sie ein bisschen gereizt reagierten, als Tommy das Wort Unterstützung auch nur erwähnte.«

Simon nickte und rieb sich nachdenklich das Kinn. Um sie herum nahmen die Geschäfte am Strafgericht weiter ihren Lauf, Justizangestellte eilten mit Akten durch den Flur, Anwälte schlenderten, in Diskussionen über Strategie und Taktik vertieft, gemächlich vorüber.

Deborah beobachtete ihren Mann. Sie sah, dass er eine Lösung für Cherokees Probleme zu finden suchte, und war ihm dankbar dafür. Wie leicht hätte er sagen können: Tja, das wär's dann wohl. Wir können nur noch die Dinge ihren Lauf nehmen lassen und abwarten, wie es ausgeht. Aber das entsprach nicht seinem Naturell. Dennoch wollte sie ihn wissen lassen, dass sie nicht ins Old Bailey gekommen waren, um ihm eine zusätzliche Last aufzubürden, sondern lediglich, um ihm Bescheid zu sagen, dass sie nach Guernsey fliegen würden, sobald Deborah zu Hause ein paar Sachen gepackt hatte.

Das sagte sie ihm und glaubte, er würde es ihr danken. Aber sie täuschte sich.

Als seine Frau ihm mitteilte, was sie vorhatte, stand für St. James in Sekundenschnelle fest, dass dieser Einfall völlig verrückt war. Aber er dachte nicht daran, ihr das zu sagen. Es war ihr ernst, sie war voll guter Absichten, und vor allem sorgte sie sich um ihre kalifornische Freundin. Außerdem musste man auch an den jungen Mann denken.

St. James hatte Cherokee River gern in seinem Haus aufgenommen. Es war das Mindeste, was er für den Bruder der Frau tun konnte, die in Amerika die engste Freundin seiner Frau gewesen war. Aber wenn Deborah jetzt beabsichtigte, zusammen mit einem Menschen, den sie nur flüchtig kannte, Detektiv zu spielen, so war das etwas anderes. Die beiden riskierten dabei ernsten Ärger mit der Polizei oder Schlimmeres, wenn sie durch Zufall tatsächlich auf den Mörder Guy Brouards stoßen sollten.

Da er aber Deborahs Seifenblase nicht einfach platzen lassen wollte, überlegte er, wie er ihr schonend beibringen könnte, dass ihr Plan unrealistisch war. Er führte sie und Cherokee zu einer Bank, wo sie sich alle niedersetzen konnten, und sagte zu Deborah:»Was hoffst du denn da drüben zu erreichen?«

«Tommy meinte — «

«Ich weiß, was er gesagt hat. Aber wie ihr bereits herausgefunden habt, gibt es in Guernsey keinen Privatdetektiv, den Cherokee engagieren könnte.«

«Ich weiß. Deswegen — «

«Wenn ihr also nicht inzwischen einen in London gefunden habt, verstehe ich nicht, was du mit einer Reise nach Guernsey bezweckst. Es sei denn, du willst China moralische Unterstützung geben. Was natürlich absolut verständlich wäre.«

Deborah presste die Lippen aufeinander. Er wusste, was sie dachte: dass er viel zu sachlich, zu logisch, zu sehr der objektive Wissenschaftler sei, in einer Situation, in der Gefühl gefragt war.

Und nicht nur Gefühl, sondern unverzügliches Handeln, wenn auch noch so wenig durchdacht.

«Ich habe nicht vor, einen Privatdetektiv zu engagieren, Simon«, erklärte sie kühl.»Jedenfalls nicht gleich. Cherokee und ich. Wir setzen uns mit Chinas Anwalt zusammen, sehen uns das Beweismaterial der Polizei an, und wir reden mit jedem, der bereit ist, mit uns zu sprechen. Wir sind ja nicht die Polizei, also werden die Leute keine Scheu vor uns haben, und wenn jemand etwas weiß. wenn die Polizei etwas übersehen hat. Wir werden die Wahrheit aufdecken.«»China ist unschuldig«, stimmte Cherokee ein.»Die Wahrheit — sie ist irgendwo da drüben. Und China braucht — «

«Das heißt, dass ein anderer schuldig ist«, unterbrach St. James,»und das macht die ganze Situation nicht nur sehr heikel, sondern auch gefährlich. «Er sagte nicht, was er an dieser Stelle am liebsten gesagt hätte: Ich verbiete dir, zu reisen. Sie lebten schließlich nicht im achtzehnten Jahrhundert. Deborah war unabhängig, wenn auch nicht in finanzieller Hinsicht. Er konnte sie von der Reise abhalten, indem er ihr den Geldhahn zudrehte, oder was man sonst tat, um einer Frau die finanzielle Bewegungsfreiheit zu rauben. Aber solche Schikanen waren unter seinem Niveau. Er war immer schon der Auffassung gewesen, dass vernünftige Argumente wirksamer waren als Zwang.»Wie wollt ihr die Leute finden, mit denen ihr sprechen könnt?«

«Ich denke doch, dass es in Guernsey Telefonbücher gibt«, antwortete Deborah.

«Ich meine, woher wollt ihr wissen, mit wem ihr euch unterhalten müsst«, sagte St. James.

«Cherokee weiß das. Und China auch. Sie haben bei Brouard im Haus gewohnt und sind anderen Leuten begegnet. Sie wissen die Namen.«

«Aber warum sollten diese Leute mit Cherokee sprechen? Oder mit dir, wenn sie von deiner Verbindung zu China erfahren?«

«Sie werden nichts davon erfahren.«

«Glaubst du im Ernst, dass die Polizei ihnen das nicht sagen wird? Und selbst wenn sie mit euch sprechen, selbst wenn ihr in dieser Hinsicht Erfolg habt, wie soll es weitergehen?«

«Womit?«

«Mit den Hinweisen, den Indizien. Wie wollt ihr das Material auswerten? Wie wollt ihr es erkennen, wenn ihr etwas Neues entdeckt?«

«Ich hasse es, wenn du — «Deborah wandte sich Cherokee zu.»Würdest du uns einen Moment allein lassen?«

Cherokee blickte von ihr zu St. James.»Das geht zu weit«, sagte er.»Du hast genug getan. Erst die Botschaft, dann Scotland Yard. Lass mich einfach nach Guernsey zurückfliegen, dann werde ich — «»Lass uns einen Moment allein«, wiederholte Deborah mit Nachdruck.»Bitte.«

Cherokee schien versucht, zu widersprechen, aber er unterließ es. Er ging weg, um eine Liste mit Prozessdaten zu studieren, die an einem Anschlagbrett hing.

Zornig sagte Deborah zu St. James:»Warum tust du das?«

«Ich versuche nur, dir klar zu machen — «

«Du hältst mich für total unfähig, stimmt's?«

«Nein, das stimmt nicht.«

«Unfähig, mit Leuten ein Gespräch zu führen, die vielleicht bereit wären, uns etwas zu erzählen, was sie der Polizei verschwiegen haben. Etwas, das entscheidend sein und dazu führen könnte, dass China aus dem Gefängnis freikommt.«

«Deborah, bitte glaub nicht — «

«China ist meine Freundin«, sagte sie leise und heftig.»Und ich werde ihr helfen. Sie war für mich da, Simon. Damals in Kalifornien. Sie war der einzige Mensch — «Deborah brach ab und schüttelte mit einem Blick zur Decke den Kopf, als könnte sie damit nicht nur die Erregung, sondern auch die Erinnerung abschütteln.

St. James wusste, was ihr durch den Kopf ging. China war in jenen Jahren, als er Deborah im Stich gelassen hatte, als Seelenfreundin und Vertraute für sie da gewesen. Und ohne Zweifel war sie auch da gewesen, als Deborah sich in Thomas Lynley verliebt hatte, und vielleicht hatte sie mit Deborah zusammen diese Liebe und ihre traurigen Folgen beweint.

Er wusste dies, aber er konnte es im Moment so wenig ansprechen, wie er sich vor aller Öffentlichkeit entkleiden und seine körperliche Beeinträchtigung zur Schau stellen würde. Deshalb sagte er nur:»Liebes, hör mir zu. Ich weiß, dass du helfen willst.«

«Ach ja?«, fragte sie bitter.

«Natürlich. Aber du kannst nicht blindlings in Guernsey herumstochern, nur weil du helfen willst. Dir fehlt die Sachkenntnis, und — «

«Oh, vielen Dank!«

«- die Polizei wird davon überhaupt nichts wissen wollen. Du brauchst aber ihre Unterstützung, Deborah. Wenn sie dir nicht bis in jede Einzelheit sagen, was sie gegen China in der Hand haben, gibt es für dich keine Möglichkeit, festzustellen, ob China wirklich unschuldig ist.«

«Du glaubst doch nicht, dass sie eine Mörderin ist! Mein Gott!«

«Ich glaube gar nichts. Ich bin nicht persönlich beteiligt wie du. Und das ist genau das, was du brauchst: einen Unbeteiligten.«

Noch während er sprach, wurde ihm bewusst, dass er sich zur Hilfe verpflichtet hatte. Sie hatte ihn nicht darum gebeten und würde ihn jetzt, nach diesem Gespräch, erst recht nicht darum bitten. Aber er sah es als die einzige Lösung.

Sie brauchte seine Hilfe, und fast sein ganzes Leben lang hatte er Deborah stets eine helfende Hand geboten, gleichgültig, ob sie sie angenommen hatte oder nicht.

6

Paul Fielder suchte sein so genanntes Geheimversteck auf, nachdem er vor Valerie Duffy geflüchtet war. Die Werkzeuge ließ er einfach liegen. Er wusste, dass das nicht in Ordnung war, Mr. Guy hatte ihm erklärt, dass die Pflege und Instandhaltung der Werkzeuge Bestandteil guter Handwerksarbeit war, aber er würde ja später wieder herkommen. Er würde sich um die andere Seite des Hauses herumschleichen, wo Valerie ihn nicht sehen konnte, die Werkzeuge einräumen und wieder ins Stallgebäude bringen. Wenn alles ruhig war, würde er vorher vielleicht sogar noch an den Entenställen arbeiten. Und den Entenfriedhof inspizieren, um sich zu vergewissern, dass Stein- und Muschelkreise rund um die kleinen Gräber unversehrt waren. Er wusste, dass er das alles bewerkstelligen musste, bevor Kevin Duffy auf die liegen gelassenen Werkzeuge stieß; denn wenn er sie dort im feuchten Gras und Unkraut am Teich vorfand, würde er nicht erfreut sein.

Paul flüchtete nicht weit. Er fuhr mit seinem Rad nur vorn um das Haus herum und dann in den Wald an der Ostseite der Auffahrt. Er rumpelte über den rauen, von Laub übersäten Weg unter den Bäumen, zwischen Farn und Rhododendron hindurch, bis er zur zweiten

Abzweigung nach rechts kam. Hier ließ er sein klappriges Fahrrad neben dem bemoosten Stumpf einer vom Sturm gefällten Platane liegen, der, innen völlig ausgehöhlt, allen möglichen Tieren Zuflucht bot. Von hier an wurde der Pfad zu holprig für das Fahrrad. Er machte sich deshalb zu Fuß auf den Weg, den Rucksack auf dem Rücken und an seiner Seite Taboo, der glücklich war, herumstromern zu können, anstatt wie sonst, an den uralten Menhir jenseits der Schulhofmauer gebunden, geduldig warten zu müssen, neben sich einen Napf mit Wasser und eine Hand voll Hundebiskuits, die ihm reichen mussten, bis Paul ihn am Ende des Tages holte.

Der Ort, dem Paul entgegenstrebte, war eines der Geheimnisse, die er mit Mr. Guy gehabt hatte. Ich denke, wir kennen uns jetzt gut genug, um etwas Besonderes miteinander zu teilen, hatte Mr. Guy beim ersten Mal gesagt, als er Paul den Platz gezeigt hatte. Wenn du willst — wenn du meinst, dass du dazu bereit bist-, weiß ich, wie wir unsere Freundschaft besiegeln können, mein Prinz.

So hatte er Paul genannt, mein Prinz. Nicht von Anfang an, natürlich, aber später, als sie sich besser kennen lernten und es so schien, als seien sie durch eine tiefe Seelenverwandtschaft miteinander verbunden. Sie waren natürlich nicht miteinander verwandt, und Paul hätte auch nie geglaubt, sie könnten es sein. Aber es hatte zwischen ihnen ein Zusammengehörigkeitsgefühl bestanden, und als Mr. Guy ihn das erste Mal mein Prinz genannt hatte, da war Paul sicher gewesen, dass auch er dieses Gefühl verspürte.

Paul hatte also zustimmend genickt. Er war längst bereit, die Freundschaft mit diesem wichtigen Mann, der in sein Leben getreten war, zu besiegeln. Er wusste zwar nicht recht, was das hieß, eine Freundschaft besiegeln, aber immer, wenn er mit Mr. Guy zusammen war, floss ihm das Herz über, und Mr. Guys Worte konnten eigentlich nur bedeuten, dass es ihm genauso ging. Und darum würde es gut sein, was immer es auch hieß. Das wusste Paul.

Eine Zuflucht der Geister, hatte Mr. Guy diesen besonderen Ort genannt. Es war eine kuppelförmige Bodenerhebung, dicht mit Gras bewachsen und von einem ausgetretenen Pfad umgeben.

Die Zuflucht der Geister befand sich jenseits des Waldes, hinter einer Trockenmauer auf einer Wiese, wo früher die frommen Guern- sey-Rinder gegrast hatten. Sie war von Unkraut überwuchert und drohte, schon bald unter Brombeersträuchern und Farngestrüpp zu verschwinden, weil Mr. Guy keine Rinder hatte, die den Wildwuchs abweideten, und weil die Gewächshäuser, die an die Stelle der Rinder gerückt waren, abgebaut und fortgebracht worden waren, als Mr. Guy den Besitz gekauft hatte.

Paul kletterte über die Mauer und ließ sich drüben auf den Fußweg hinunterfallen. Taboo folgte ihm. Der Weg schlängelte sich durch den Farn zu dem überwachsenen Hügel und mündete in einen zweiten Pfad, der um den Hügel herum zur Südwestseite führte. Hier, hatte Mr. Guy Paul einmal erklärt, hatten die Menschen uralter Zeit, die diesen Ort nutzten, das Licht der Sonne am stärksten und am längsten empfangen.

Eine Holztür, weit jüngeren Ursprungs als der Erdhügel, befand sich auf etwa halbem Weg um ihn herum. Sie war an zwei aufrecht stehenden Steinen unter einem quer liegenden Deckstein verankert und mit einem Vorhängeschloss gesichert.

Ich habe Monate gebraucht, um den Zugang zu finden, hatte Mr. Guy ihm erzählt. Ich wusste, was das war. Es war leicht zu erraten. Was sonst hätte ein Erdhügel mitten auf einer Wiese zu suchen? Aber den Eingang zu finden. Es war teuflisch, Paul. Dreck hatte sich angehäuft, alles war voller Buschwerk und Gestrüpp — die Torsteine hier waren völlig überwachsen. Selbst als ich die ersten Steine unter der Erde entdeckte, brauchte ich Monate, um zwischen den Torsteinen und den Tragsteinen im Inneren des Hügels zu unterscheiden — Monate, mein Prinz. Aber ich finde, es hat sich gelohnt. Jetzt habe ich hier einen Ort für mich allein, und glaub mir, Paul, jeder braucht einen Ort für sich allein.

Es hatte Paul überrascht, dass Mr. Guy bereit gewesen war, diesen besonderen Ort mit ihm zu teilen. Ihm war die Kehle wie zugeschnürt gewesen vor Glück, und er hatte gelächelt wie ein Tor. Gegrinst wie ein dummer August. Aber Mr. Guy hatte es richtig verstanden. Er hatte gesagt: Neunzehn-drei-siebenund-zwanzig- fünfzehn. Kannst du dir das merken? Das ist die Zauberzahl, mit der wir hineinkommen. Ich verrate sie nur besonderen Freunden, Paul.

Paul hatte sich die Zahlenkombination gewissenhaft eingeprägt und stellte sie jetzt ein. Er schob das Schloss in die Tasche und stieß die Tür auf. Sie war kaum einen Meter zwanzig hoch. Er nahm den Rucksack ab, um mehr Bewegungsfreiheit zu haben, und drückte ihn an die Brust, als er halb geduckt unter dem Türsturz hindurchtrat.

Taboo, der vor ihm war, blieb plötzlich stehen, hob witternd die Schnauze und knurrte. Es war dunkel hier drinnen, das schwache Dezemberlicht, das durch die Tür fiel, reichte nicht aus, um die Finsternis zu durchdringen, und obwohl das Geheimversteck abgeschlossen gewesen war, zögerte Paul bei der Reaktion des Hundes. Er wusste, dass es auf der Insel Geister gab; Geister der Toten, Geister, die Hexen gehorchten, und Elfen, die in Hecken und Bächen hausten. Auch wenn er einen menschlichen Eindringling nicht zu fürchten brauchte, konnte es gut sein, dass etwas anderes in dem Hügel sein Unwesen trieb.

Doch Taboo fürchtete sich offensichtlich nicht vor Geistern. Die Steine beschnuppernd, die den Boden bildeten, wagte er sich weiter in die Höhle vor, verschwand im Vorraum und stieß von dort ins Zentrum des Bauwerks vor, wo die Decke immerhin so hoch war, dass ein Mensch aufrecht stehen konnte. Nach einer Weile kehrte der Hund zu Paul zurück, der immer noch unschlüssig an der Tür stand, und wedelte mit dem Schwanz.

Paul bückte sich und drückte seine Wange an das drahtige Fell des Hundes. Taboo leckte ihm die Wange und duckte sich. Er sprang drei Schritte zurück und kläffte einmal hell, eine Aufforderung zum Spiel. Doch Paul kraulte ihm nur die Ohren, schloss die Tür und tauchte mit dem Hund in die Dunkelheit dieses stillen Gewölbes ein.

Er kannte sich gut genug aus, um sich ohne Licht zurechtzufinden, und während er mit einer Hand den Rucksack an die Brust gedrückt hielt, schob er die andere an der feuchten Steinmauer entlang, um sich den Weg zur Mitte der Höhle zu ertasten. Mr. Guy hatte ihm erklärt, dass dies ein Platz von großer Bedeutung war, ein steinerner Raum, den die Menschen der Vorzeit aufgesucht hatten, um ihre To- ten auf die letzte Reise zu schicken. Man nannte diesen Hügel einen Dolmen, und es gab sogar einen Altar — wenn der auch in Pauls Augen mehr wie ein abgeschliffener alter Stein aussah, der sich nur ein paar Zentimeter über den Boden erhob — und eine zweite Kammer, wo religiöse Rituale stattgefunden hatten, über die man nur Mutmaßungen anstellen konnte.

Paul hatte zugehört, sich umgesehen und in der Kälte gefröstelt bei diesem ersten Besuch im Geheimversteck. Und als Mr. Guy die Kerzen angezündet hatte, die er in einer flachen Nische zu Füßen des Altarsteins aufbewahrte, hatte er gesehen, dass Paul zitterte, und sofort reagiert.

Er hatte ihn in die zweite Kammer geführt, die eine Form hatte wie zwei muschelförmig aneinander gelegte Hände und in die man hineingelangte, indem man sich hinter einen aufrecht stehenden Stein zwängte, der wie ein Standbild in der Kirche aufragte und eingeritzte Verzierungen trug. In dieser zweiten Kammer hatte Mr. Guy ein Feldbett aufgebaut. Er hatte Decken und ein Kissen dort gehabt, Kerzen und einen kleinen Holzkasten.

Er hatte gesagt: Ich komme manchmal hierher, um nachzudenken, um allein zu sein und zu meditieren. Meditierst du auch manchmal, Paul? Weißt du, was das ist, den Geist zur Ruhe zu bringen? Zu leeren, so dass nichts bleibt als du und Gott und das Wesen aller Dinge? Hm? Nein? Nun, vielleicht können wir das zusammen versuchen, ein wenig üben. Hier. Nimm die Decke. Komm, ich zeige dir alles.

Geheime Orte, dachte Paul. Besondere Orte, die man mit besonderen Freunden teilte. Oder Orte, wo man allein sein konnte, wenn man das Bedürfnis hatte, allein zu sein. Wie jetzt.

Aber Paul war vorher noch nie allein hier gewesen. Dies war das erste Mal.

Er tappte vorsichtig in die zentrale Kammer des Dolmen und tastete sich zum Altarstein vor. Wie ein Blinder schob er seine Hände über die flache Oberfläche des Steins zu der Nische, in der die Kerzen waren. Neben den Kerzen lag eine Blechdose, die einmal Pfefferminzbonbons enthalten hatte, und in ihr waren, vor der Feuchtigkeit geschützt, die Streichhölzer. Er stellte seinen Rucksack auf den Boden, zündete eine Kerze an und befestigte sie mit ein paar Tropfen Wachs auf dem Altarstein.

Mit ein wenig Licht war ihm nicht mehr so ängstlich zumute, ganz allein in dieser feuchten, düsteren Höhle. Er ließ den Blick über die alten Granitmauern schweifen, das Dachgewölbe, den narbigen Boden. Unglaublich, dass die Menschen der Vorzeit ein solches Bauwerk errichten konnten, hatte Mr. Guy gesagt. Wir mit unseren Handys, unseren Computern und dem ganzen Kram bilden uns ein, der Steinzeit haushoch überlegen zu sein. Aber schau dir das hier an, mein Prinz, schau dir das einmal an. Was haben wir in den letzten hundert Jahren erbaut, von dem wir sagen können, dass es in hunderttausend Jahren noch stehen wird? Nichts! Komm, Paul, sieh dir nur mal diesen Stein an.

Und während er schaute, legte ihm Mr. Guy eine Hand auf die Schulter und folgte mit der anderen den Spuren, die viele Hände vor ihm in den Stein gearbeitet hatten, der die Nebenkammer mit Mr. Guys Feldbett und den Decken bewachte. Dorthin, in diese Nebenkammer, ging Paul jetzt mit seinem Rucksack am Arm und einer zweiten brennenden Kerze in der Hand. Taboo folgte ihm, als er sich an dem steinernen Wächter vorbei drängte. Er stellte den Rucksack auf den Boden und die Kerze auf die Holzkiste, die voller Wachsflecken von anderen Kerzen war. Er nahm eine der Decken vom Feldbett, faltete sie zusammen und legte sie für Taboo auf den kalten Steinboden. Der Hund sprang dankbar auf das Lager und drehte sich dreimal im Kreis, um es sich zu Eigen zu machen, bevor er sich aufseufzend niederlegte. Er ließ den Kopf auf die Pfoten sinken und richtete seinen Blick auf Paul.

Dieser Hund glaubt, ich will dir etwas Böses tun, mein Prinz.

Aber nein. Das war einfach Taboos Art. Er wusste, was für eine wichtige Rolle er im Leben seines Herrn spielte — als einziger Freund und einziger Gefährte, bis Mr. Guy aufgetaucht war — , und er wollte Paul wissen lassen, dass er seine Rolle kannte. Da er es ihm nicht sagen konnte, begleitete er ihn mit Blicken: auf Schritt und Tritt den ganzen Tag lang, jeden Tag.

Genauso hatte Paul Mr. Guy mit Blicken begleitet, wann immer sie zusammen gewesen waren. Und im Gegensatz zu anderen Menschen in Pauls Leben hatte Mr. Guy der unverwandte Blick seines Freundes nie gestört. Findest du das interessant? hatte er gefragt, wenn er sich rasierte, während sie zusammen waren. Und nie machte er sich darüber lustig, dass Paul sich trotz seines Alters noch nicht zu rasieren brauchte. Wie kurz soll ich es schneiden lassen? fragte er, wenn Paul ihn zum Friseur in St. Peter Port begleitete. Gehen Sie nur schön vorsichtig mit der Schere um, Hal. Wie Sie sehen, habe ich meinen Leibwächter mit, der Ihnen genau auf die Finger sieht. Und dann hatte er Paul zugezwinkert und das Zeichen gegeben, das Freunde bis zum Tod bedeutete: Die gekreuzten Finger der rechten Hand auf die Handfläche der linken gedrückt.

Nun war der Tod da.

Paul spürte, wie ihm Tränen in die Augen stiegen, und er unterdrückte sie nicht. Er war ja nicht zu Hause und auch nicht in der Schule. Hier durfte er Mr. Guy vermissen. Er weinte so viel und so lange, wie er weinen musste, bis ihm der Magen wehtat und seine Augen brannten. Und im Kerzenlicht sah Taboo ihn mit treuen Augen an, bedingungslose Akzeptanz und Liebe im Blick.

Als Paul schließlich leer geweint war, begriff er, dass er sich an das Gute erinnern musste, das er durch die Bekanntschaft mit Mr. Guy erlebt hatte: All der Dinge, die Mr. Guy ihn gelehrt, die er durch ihn schätzen gelernt, an die zu glauben er ihn ermutigt hatte. Wir sind zu Höherem bestimmt, als uns nur durch das Leben zu schlagen, hatte sein Freund ihm mehr als einmal erklärt. Wir sind dazu bestimmt, die Vergangenheit zu klären, um eine heile Zukunft möglich zu machen.

Ein Beitrag zu dieser Vergangenheitsklärung hatte das Museum sein sollen. Sie hatten deswegen viele Stunden mit Mr. Ouseley und seinem Vater verbracht. Diese beiden und Mr. Guy hatten Paul gelehrt, welche Bedeutung Dinge haben konnten, die er früher achtlos weggeworfen hätte: die Gürtelschließe, zum Beispiel, die, unter Unkraut versteckt und seit Jahrzehnten begraben, auf dem Gelände von Fort Doyle gelegen hatte, bis ein Sturm das Erdreich von einem Felsbrocken weggefegt hatte; die unbrauchbare Laterne von einem

Flohmarkt; der verrostete Orden; die Knöpfe; der erdverkrustete Teller. Diese Insel ist ein wahrer Friedhof, hatte Mr. Guy gesagt, und wir werden hier einiges exhumieren. Möchtest du dabei helfen? Die Antwort war einfach. Er wollte bei allem helfen, was Mr. Guy tat.

Zusammen mit Mr. Guy und Mr. Ouseley hatte er sich in die Arbeit für das Museum gestürzt. Auf all seinen Wegen auf der Insel hielt er die Augen offen, um vielleicht etwas zu der umfangreichen Sammlung beitragen zu können.

Und schließlich hatte er tatsächlich etwas gefunden. Er war mit seinem Fahrrad nach La Congrelle gefahren, wo die Nazis einen ihrer hässlichsten Wachtürme erbaut hatten: ein futuristischer Betonklotz mit Schießscharten, aus denen ihre Flakgeschütze alles abschießen konnten, was sich der Küste näherte.

Aber er war nicht gekommen, um nach irgendwelchen Relikten der fünf Jahre währenden deutschen Besatzung zu suchen. Er war hergekommen, um sich das letzte Auto anzuschauen, das hier abgestürzt war.

In La Congrelle gab es einen der wenigen Küstenfelsen auf der Insel, zu dem man mit dem Auto hinausfahren konnte. Andere Felsen konnte man nur zu Fuß erreichen, nachdem man seinen Wagen auf einem sicheren Parkplatz abgestellt hatte, aber in La Congrelle war es möglich, bis an den Rand des Abgrunds hinauszufahren. Die Stelle eignete sich hervorragend dazu, einen Selbstmord als Unfall zu tarnen, man brauchte nämlich nur am Ende der Straße von der Rue de la Trigale nach rechts zum Kanal abzubiegen und auf den letzten fünfzig Metern durch Gras und niedrig stehenden Farn zu beschleunigen. Ein letzter kräftiger Tritt aufs Gaspedal, wenn das Land vor der Kühlerhaube verschwand, und der Wagen schoss über die Kante und stürzte die Felswand hinunter in den Abgrund, bis er entweder von zackigen Granitspitzen abgefangen wurde oder direkt ins Wasser klatschte, oder in Flammen aufging.

Das Auto, das Paul sich anschauen wollte, war verbrannt. Außer rußschwarzem verbogenem Metall und einem verkohlten Sitz war nichts von ihm übrig, etwas enttäuschend nach der langen Radfahrt gegen den Wind. Hätte es mehr zu sehen gegeben, so hätte Paul vielleicht den gefährlichen Abstieg gewagt, um das Wrack näher in Augenschein zu nehmen. So aber richtete er sein Interesse auf das Gebiet um den Wachturm.

Es hatte hier vor kurzem einen Steinschlag gegeben, das erkannte er an der Lage der Steine und an den Verwüstungen des Stück Bodens, aus dem sie sich gelöst hatten. An den frisch herausgebrochenen Steinbrocken hafteten keine Gras- oder Lichtnelken, die überall auf den Klippen in Büscheln wucherten. Und die Felsbrocken, die zum Wasser hinuntergestürzt waren, waren im Gegensatz zu den schon länger dort unten liegenden Icart-Gneisblöcken frei von Vogelmist.

Es war ein sehr gefährlicher Ort, und Paul, ein Kind der Insel, wusste das. Aber er hatte von Mr. Guy gelernt, dass die Erde oftmals Geheimnisse preisgab, wenn sie sich dem Menschen öffnete, und aus diesem Grund beschloss er, sich ein wenig genauer umzusehen.

Er ließ Taboo oben auf der Klippe zurück und suchte sich einen Weg quer über den klaffenden Einschnitt, den der Steinschlag hinterlassen hatte. Er achtete sorgfältig darauf, dass er mit den Händen stets festen Halt an einem Granitzacken hatte, und querte auf diese Weise langsam und sich gleichzeitig abwärts bewegend den Felshang.

Auf halber Höhe etwa entdeckte er es, so dick mit einem halben Jahrhundert Erde, getrocknetem Schlamm und Kieseln verkrustet, dass er zuerst glaubte, es wäre nichts weiter als ein ovaler Stein. Aber als er es mit dem Fuß lostrat, sah er etwas glänzen wie Metall, eine Rundung, die sich aus dem Inneren des Objekts hervorkrümmte. Also hob er es auf.

Hier, an der Felswand hängend, konnte er es nicht untersuchen, darum trug er es, zwischen Kinn und Brust geklemmt, nach oben. Dort schälte er in Gesellschaft von Taboo, der das Ding neugierig beschnupperte, die Kruste zunächst mit seinem Taschenmesser, dann mit den Fingern ab, um zu sehen, was die Erde so viele Jahre lang verborgen hatte.

Wer konnte sagen, wie es hierher gekommen war? Die Nazis hatten sich nicht die Mühe gemacht, hinter sich aufzuräumen, als ihnen klar wurde, dass der Krieg verloren war und die Invasion Englands niemals stattfinden würde. Sie kapitulierten und ließen wie die geschlagenen Eindringlinge, die die Insel vor ihnen besetzt gehalten hatten, alles zurück, was mitzunehmen ihnen zu beschwerlich war.

Da war es kein Wunder, dass man rund um einen Wachturm, der einst von Soldaten besetzt gewesen war, immer wieder Teile ihrer Hinterlassenschaft fand. Dieses Ding hier war zwar kein persönliches Besitzstück, aber es wäre den Nazis zweifellos sehr nützlich gewesen, hätten die Alliierten oder Widerstandskämpfer versucht, hier zu landen.

Im Halbdunkel des Geheimverstecks griff Paul jetzt in seinen Rucksack. Er hatte das Fundstück Mr. Ouseley bringen wollen, als seinen ersten stolzen Beitrag. Aber das konnte er jetzt nicht mehr — nach der Szene an diesem Morgen — , er würde ihn hier zurücklassen, wo er sicher war.

Von Taboo aufmerksam beobachtet, öffnete Paul die Schnallen des Rucksacks, griff hinein und nahm den Schatz heraus, den er in ein altes Handtuch eingewickelt hatte. Er schlug das Handtuch auseinander, um, so wie das alle tun, die sich der Suche nach den Spuren der Geschichte verschrieben haben, seinen Fund ein letztes Mal verzückt zu betrachten, bevor er ihn zur Aufbewahrung an einem sicheren Ort verstaute.

Er vermutete, dass die Handgranate längst nicht mehr gefährlich war. Sie war zweifellos jahrelang der Witterung ausgesetzt gewesen, bevor sie von Erde zugedeckt worden war, und der Stift, der früher vielleicht die Sprengladung in ihrem Inneren gezündet hätte, war wahrscheinlich längst festgerostet. Trotzdem war es besser, sie nicht in seinem Rucksack herumzutragen. Weder Mr. Guy noch sonst jemand musste ihm sagen, dass es ratsam war, sie an einem Ort zu verwahren, wo niemand an sie herankam. Jedenfalls so lange, bis er sich überlegt hatte, was er mit ihr anfangen wollte.

In der Nebenkammer des Dolmen, in der er und Taboo sich jetzt befanden, war das Geheimfach. Mr. Guy hatte es ihm gezeigt: ein natürlicher Spalt zwischen zwei Mauersteinen des Dolmen. Ursprünglich sei dieser Spalt vermutlich nicht da gewesen, hatte Mr. Guy ihm erklärt. Doch Zeit, Witterung und die Bewegungen der Erde. Nichts von Menschenhand Geschaffenes kann der Natur auf Dauer unbeschadet standhalten.

Der Uneingeweihte hätte das Geheimfach, das sich auf der einen Seite neben dem Feldbett befand, für eine Lücke zwischen den Steinen gehalten. Aber wenn man die Hand tief hineinschob, entdeckte man hinter dem Stein, der dem Feldbett am nächsten war, eine zweite, breitere Öffnung, und das war das Geheimfach, wo man das aufbewahren konnte, was zu kostbar war, um es fremden Blicken auszusetzen.

Wenn ich dir das zeige, dann hat das etwas zu bedeuten, Paul. Etwas, das größer ist als Worte. Und größer als Gedanken.

Paul schätzte, dass das Geheimfach für die Granate genug Raum bot. Er hatte es schon früher einmal mit eigener Hand erforscht, von Mr. Guys Hand geführt und seinen leisen, beruhigenden Worten begleitet: Im Augenblick ist das Fach leer. Es würde mir nicht einfallen, dir einen gemeinen Streich zu spielen, mein Prinz. Daher wusste Paul, dass hinter dem Stein ausreichend Platz war für zwei übereinander gelegte Hände, also auch mehr als ausreichend Platz für eine Granate. Und tief genug war das Fach auch. Sein Ende hatte Paul nicht ertasten können, so weit er seinen Arm auch hineingestreckt hatte.

Er schob das Feldbett auf die Seite und die Holzkiste mit der Kerze in die Mitte der Kammer. Taboo reagierte auf diese Veränderungen seiner Umgebung mit Winseln, und Paul tätschelte ihm den Kopf und tippte ihm liebevoll auf die Schnauze. Keine Sorge, bedeutete die Geste. Wir sind hier sicher. Niemand außer dir und mir kennt das Versteck.

Die Granate fest in der Hand, legte sich Paul auf den kalten Steinboden, schob seinen Arm in den engen Spalt, der etwa fünfzehn Zentimeter hinter der Öffnung breiter wurde. Er konnte nicht weit ins Innere des Geheimfachs hineinsehen, aber er hatte die Lage der zweiten Öffnung noch in Erinnerung und war sicher, die Granate ohne Problem dahinter ablegen zu können.

Aber es gab doch ein Problem. Keine zehn Zentimeter tief im Spalt stieß er völlig unerwartet auf Widerstand, auf etwas Festes und Unverrückbares.

Er schnappte erschrocken nach Luft und zog seine Hand zurück, aber er brauchte nur einen Moment, um sich darüber klar zu werden, dass dieses Ding, auf das er gestoßen war, nichts Lebendiges war, und dass daher zu Furcht kein Anlass bestand. Vorsichtig legte er die Granate auf dem Feldbett ab und hielt die Kerze näher an die Öffnung des Spalts.

Das Dumme war, dass er nicht gleichzeitig in das Loch hineinleuchten und hineinsehen konnte. Darum streckte er sich wieder auf dem Bauch aus und schob zuerst seine Hand, dann seinen Arm in das Geheimfach.

Seine Finger ertasteten den Gegenstand: fest, aber doch nachgiebig, nicht hart, glatt, zylinderförmig. Er umfasste ihn mit der ganzen Hand und begann, ihn herauszuziehen.

Das hier ist ein besonderer Ort, ein Ort voller Geheimnisse, und er ist jetzt unser Geheimnis. Deines und meines. Kannst du ein Geheimnis bewahren, Paul?

Ja, das konnte er. Und wie er das konnte! Während Paul das Ding zu sich heranzog, erkannte er, was Mr. Guy im Inneren des Dolmen versteckt hatte.

Die Insel war ja ein Land der Geheimnisse, und der Dolmen war ein geheimer Ort in diesem Land voll begrabener und verschwiegener Erinnerungen, die die Menschen vergessen wollten. Paul fand es nicht verwunderlich, dass tief im uralten Erdreich, das immer noch Orden, Säbel, Patronen und andere Gegenstände freigab, die mehr als ein halbes Jahrhundert in ihm geborgen gewesen waren, etwas noch Wertvolleres verschüttet lag, aus Freibeuterzeiten oder noch früheren Tagen vielleicht, auf jeden Fall etwas Kostbares. Und was er da aus dem Spalt zwischen den Steinen zog, war der Schlüssel zum Versteck dieses lang verschütteten Gegenstands.

Er hatte ein letztes Geschenk von Mr. Guy gefunden, der ihm schon so viel geschenkt hatte.

«Enne rouelle de faitot«, sagte Ruth Brouard in Antwort auf Margaret Chamberlains Frage.»Man benutzte sie bei Scheunen. «Margaret hatte den Verdacht, dass Ruth sich absichtlich unklar ausgedrückt hatte. Es wäre jedenfalls typisch für sie. Margaret hatte sie nie besonders gut leiden können, obwohl sie während ihrer Ehe mit Guy mit Ruth hatte zusammenleben müssen. Ruth hatte sich viel zu sehr an Guy geklammert, und allzu viel Anhänglichkeit zwischen Geschwistern war unschicklich. Das roch nach. Margaret wollte nicht einmal daran denken. Sie wusste natürlich, dass diese beiden Geschwister — jüdischer Herkunft wie sie selbst, aber im Zweiten Weltkrieg vom Schicksal schwer geschlagen, so dass man in Bezug auf ihr Verhalten gewisse Zugeständnisse machen musste — unter den Nazis, diesem Inbegriff des Bösen, ihre ganze Familie verloren hatten und so von Kindheit an gezwungen gewesen waren, einander alles zu sein. Aber dass Ruth in all den nachfolgenden Jahren sich niemals ein eigenes Leben aufgebaut hatte, war nicht nur fragwürdig und präviktorianisch, es machte sie in Margarets Augen zu einer Frau, die ihre Bestimmung verfehlt hatte, zu einem minderwertigen Geschöpf, das nur ein halbes Leben gelebt hatte, und noch dazu ein Leben im Schatten ihres Bruders.

Margaret mahnte sich zur Geduld.»Bei Scheunen?«, wiederholte sie.»Das verstehe ich nicht, meine Liebe. Der Stein muss doch ziemlich klein gewesen sein. Um in Guys Mund zu passen, meine ich. «Sie sah, wie ihre ehemalige Schwägerin bei der letzten Bemerkung zusammenzuckte, als weckte das Sprechen darüber ihre dunkelsten Fantasien über die Art und Weise, wie Guy den Tod gefunden hatte: in tödlichen Zuckungen liegend, die Hände vergeblich in seinen Hals gekrallt. Tja, das konnte man nicht ändern. Margaret brauchte Gewissheit und würde sie bekommen.

«Wozu wäre er in einer Scheune benutzt worden, Ruth?«

Ruth sah von der Stickerei auf, mit der sie bereits beschäftigt gewesen war, als Margaret sie im Damenzimmer gefunden hatte. Es war ein sehr großes Stück Leinwand, auf einen hölzernen Rahmen gespannt, der seinerseits auf einem Ständer befestigt war. Und vor diesem Ständer saß Ruth, eine schmächtige kleine Gestalt in schwarzer

Hose und einer übergroßen schwarzen Strickjacke, die wahrscheinlich Guy gehört hatte. Die Brille mit den runden Gläsern war ihr auf die Nasenspitze hinuntergerutscht, und sie schob sie mit kindlich kleiner Hand wieder hinauf.

«Man benutzt den Stein nicht in der Scheune«, erklärte sie.»Er hängt an einem Ring mit den Schlüsseln zur Scheune. So hat man es jedenfalls früher gehalten. Heute gibt es ja kaum noch Scheunen in Guernsey. Der Stein sollte die Scheune vor bösen Geister schützen, Margaret.«

«Ach so. Ein Talisman.«

«Ja.«

«Aha. «Lächerlich, diese Inselbewohner, dachte Margaret. Talismane gegen böse Geister. Hokuspokus zur Abwehr von Kobolden. Hexen auf den Klippen. Teufel auf der Lauer. Sie hätte nie geglaubt, dass ihr verflossener Ehemann auf solchen Quatsch hereinfallen würde.»Haben sie dir den Stein gezeigt? Hast du ihn erkannt? Hat er Guy gehört? Ich frage nur, weil es ihm so gar nicht ähnlich sah, Talismane und dergleichen mit sich herumzutragen. Zumindest sah es dem Mann nicht ähnlich, den ich kannte. Erhoffte er sich davon Glück bei irgendeiner Unternehmung?«

Bei einer Frau? dachte sie, sagte es aber nicht, obwohl sie beide wussten, dass die Frage im Raum stand. Das Einzige, was Guy Brouard neben seinen Geschäften — bei denen, wie einst bei König Midas, alles, was er anfasste, zu Gold wurde, so dass er gar keinen Glücksbringer brauchte — interessierte, war die Eroberung von Frauen und die damit verbundene Jagd. Das hatte Margaret allerdings erst herausgefunden, als sie eines Tages auf der Suche nach dem Scheckbuch ihres Mannes in seinem Aktenkoffer ein Damenhöschen entdeckt hatte, spaßeshalber von der Stewardess aus Edinburgh dort hineingesteckt, mit der er sie betrog. Damit war ihre Ehe beendet gewesen. In den folgenden zwei Jahren war es nur noch darum gegangen, ihren Anwalt eine Vereinbarung aushandeln zu lassen, die ihr eine sorgenfreie Zukunft garantierte.

«Das einzige Unternehmen, mit dem er sich in letzter Zeit befasst hat, war das Kriegsmuseum. «Ruth beugte sich wieder über ihre Stickerei und zog die Nadel geschickt durch den Stoff mit dem Bild, das darauf vorgezeichnet war.»Und deswegen hat er sicher keinen Glücksbringer getragen. Er brauchte keinen. Die Sache entwickelte sich gut, so viel ich weiß. «Sie blickte wieder hoch, die Nadel über dem Stoff.»Hat er dir von dem Museum erzählt, Margaret? Hat Adrian dir davon erzählt?«

Margaret wollte nicht über Adrian sprechen, weder mit ihrer ehemaligen Schwägerin noch mit sonst jemandem. Sie sagte daher:»Ja. Ja, natürlich. Das Museum. Ja, ich wusste davon.«

Ruth lächelte, nach innen gekehrt und liebevoll.»Er war sehr stolz darauf. Etwas in dieser Art für die Insel tun zu können. Etwas Bleibendes zu schaffen, das gut und sinnvoll ist.«

Ganz im Gegensatz zu seinem Leben, dachte Margaret. Sie war nicht hier, um sich Lobreden auf Guy Brouard anzuhören, den großen Gönner. Sie war einzig hier, um dafür zu sorgen, dass Guy Brouard sich wenigstens im Tod als Gönner seines einzigen Sohnes erweisen würde.

«Und was wird jetzt aus seinen Plänen?«, fragte sie.

«Ich denke, das hängt von den Bestimmungen des Testaments ab«, antwortete Ruth. Es klang vorsichtig. Zu vorsichtig, fand Margaret.»Von Guys Testament, meine ich. Natürlich, wessen sonst? Ich habe seinen Anwalt noch nicht gesprochen.«

«Und warum nicht?«, erkundigte sich Margaret.

«Wahrscheinlich, weil es dann Realität wird. Unabänderlich. Dem weiche ich noch aus.«

«Wäre es dir eine Hilfe, wenn ich mit dem Anwalt spräche? Ich nehme dir die Formalitäten gern ab, Ruth.«

«Danke dir, Margaret, das ist lieb von dir, aber ich muss das selbst in die Hand nehmen. Ich muss — und ich werde! Bald. Wenn — wenn es mir richtig erscheint.«

«Natürlich«, murmelte Margaret und sah zu, wie ihre ehemalige Schwägerin die Nadel von unten durch den Stoff schob und feststeckte, ein Zeichen, dass sie für den Moment mit ihrer Arbeit fertig war. Sie bemühte sich, die Anteilnahme in Person zu sein, aber innerlich konnte sie es nicht erwarten, zu erfahren, wie ihr geschiedener Mann sein ungeheures Vermögen aufgeteilt hatte. Vor allem wollte sie wissen, ob er an Adrian gedacht hatte. Lebend hatte er seinem Sohn das Geld verweigert, das dieser für sein neues Geschäft brauchte, aber mit seinem Tod musste er ihm doch endlich geben, was er ihm bis dahin versagt hatte. Und das würde Carmel Fitzgerald und Adrian wieder zusammenbringen. Adrian würde endlich heiraten und ein normaler Mann werden, der ein normales Leben führte, ohne seltsame Vorkommnisse, derentwegen man sich sorgen musste.

Ruth war zu einem kleinen Sekretär getreten und hatte einen zierlichen Schattenfugenrahmen in die Hand genommen. In ihm eingeschlossen war die Hälfte eines Medaillons, die sie wehmütig betrachtete. Es war, wie Margaret sah, dieses alberne Abschiedsgeschenk, das Maman den Kindern am Bootshafen übergeben hatte. Je vais conserver l 'autre moitie, mes cheris. Nous le reconstituerons lorsque nous nous retrouverons.

Ja, ja, schon gut, hätte Margaret gern gesagt. Ich weiß, dass sie dir fehlt, aber wir haben was zu erledigen.

«Früher ist besser als später, meine Liebe«, sagte sie behutsam.»Du solltest mit ihm sprechen. Es ist doch recht wichtig.«

Ruth stellte den Rahmen wieder weg, ohne jedoch den Blick von ihm zu wenden.»Ganz gleich, mit wem ich spreche, es wird nichts ändern«, sagte sie.

«Aber es wird Klarheit schaffen.«

«Wenn Klarheit notwendig ist.«

«Nun, du musst doch wissen, wie er sein — na ja, was er wünschte. Das musst du doch wissen. Bei einem Nachlass, der so groß ist wie seiner, heißt gewarnt sein gewappnet sein, Ruth. Sein Anwalt würde mir da sicher zustimmen. Hat er sich übrigens schon bei dir gemeldet? Der Anwalt, meine ich. Er muss schließlich wissen.«

«O ja. Er weiß es.«

Und? dachte Margaret. Aber sie sagte beschwichtigend:»Ah ja, ich verstehe. Nun, alles zu seiner Zeit, meine Liebe. Wenn du dich dazu bereit fühlst.«

Hoffentlich bald, dachte sie. Sie wollte nicht länger als unbedingt nötig auf dieser infernalischen Insel bleiben müssen.

Dies eine wusste Ruth Brouard über ihre ehemalige Schwägerin: Ihre Anwesenheit in Le Reposoir hatte mit ihrer gescheiterten Ehe mit Guy, mit Schmerz oder Bedauern über die Art und Weise ihrer Trennung oder mit Respekt vor seiner Person nichts zu tun. Die Tatsache, dass sie bisher nicht das mindeste Interesse an der Frage gezeigt hatte, wer Guy ermordet hatte, verriet Ruth klar und deutlich, worum es ihr wirklich ging. Überzeugt, dass Guy Geld wie Heu gehabt hatte, war sie entschlossen, sich ihren Anteil zu holen. Wenn nicht für sich selbst, so auf jeden Fall für Adrian.

Rachsüchtiges Luder, hatte Guy sie genannt. Sie hat ein Arsenal von Ärzten, die bereit sind, zu bestätigen, dass er zu labil ist, um sich anderswo als bei seiner verdammten Mutter aufzuhalten, Ruth. Sie macht den armen Jungen völlig kaputt. Als ich ihn das letzte Mal gesehen habe, hatte er am ganzen Körper einen Nesselausschlag. Ich bitte dich. In seinem Alter! Sie ist wirklich verrückt.

So war es Jahr für Jahr gewesen, Ferienbesuche wurden vorzeitig abgebrochen oder ganz abgesagt, bis Guy seinen Sohn schließlich nur noch im Beisein seiner geschiedenen Frau sehen durfte. Sie überwacht uns, hatte Guy wütend berichtet. Wahrscheinlich, weil sie genau weiß, dass ich ihn sonst so lange bearbeiten würde, bis er endlich die Nabelschnur durchtrennt — wenn nötig mit einer Axt. Dem Jungen fehlt nichts, was sich nicht durch ein paar Jahre an einer anständigen Schule in Ordnung bringen ließe. Und ich meine damit nicht eines dieser Gelobt-sei-was-hart-macht-Internate mit eiskalten Duschen und Prügelstrafe. Ich spreche von einer modernen Schule, wo er Selbstständigkeit erfahren würde, die er bestimmt nicht lernt, solange sie ihn am Gängelband hält.

Aber Guy hatte sich mit seinen Ansichten nie durchgesetzt. Das Resultat war Adrian, so wie er heute war, siebenunddreißig Jahre alt, ohne eine besondere Begabung oder Fähigkeit, über die er sich hätte definieren können. Bekannt waren einzig Misserfolge auf allen Gebieten, vom Sport bis zur Liebe, die direkt auf Adrians Beziehung zu seiner Mutter zurückzuführen waren. Man brauchte kein Psychologe zu sein, um zu dieser Schlussfolgerung zu gelangen. Aber Margaret würde das natürlich niemals so sehen, denn dann müsste sie ja zumindest einen Teil der Verantwortung für die niemals endenden Probleme ihres Sohnes übernehmen. Und das würde sie nie akzeptieren.

So war sie. Eine Frau, die stets alle Schuld von sich wies und kein Mitleid kannte.

Der arme Adrian, mit einer solchen Mutter geschlagen zu sein. Dass sie es gut meinte, bedeutete gar nichts, wenn man sah, was sie letztlich anrichtete.

Ruths Blick ruhte auf Margaret, während diese so tat, als betrachtete sie interessiert das einzige Andenken, das Ruth von ihrer Mutter hatte: das für immer zerbrochene kleine Medaillon. Sie war eine stattliche Frau, blond, mit resolut hochgekämmtem Haar und einer Sonnenbrille — mitten im grauen Dezember? Höchst seltsam, eigentlich! — , die sie auf den Kopf geklemmt hatte. Ruth konnte sich nicht vorstellen, dass ihr Bruder einmal mit dieser Frau verheiratet gewesen war. Aber sie hatte sich die beiden nie als Paar vorstellen können — was das Sexuelle anging, ja, gut, der Sexualtrieb, der nun einmal Teil der menschlichen Natur war, ließ ja die seltsamsten Paarungen entstehen. Aber niemals, was das Emotionale anging, den nährenden Teil, jenen Teil, den sie — die auf diesem Gebiet keine Erfahrung hatte — sich als die fruchtbare Erde vorstellte, in die man die Familie und die Zukunft pflanzte.

So wie sich die Dinge zwischen ihrem Bruder und Margaret entwickelten, hatte sich schnell gezeigt, dass Ruths Vermutung, dass sie nicht zueinander passten, richtig war. Hätten sie nicht in einem seltenen Moment hitziger Leidenschaft den bedauernswerten Adrian gezeugt, wäre nach Beendigung der Ehe wahrscheinlich jeder seiner Wege gegangen: Sie — froh, so viel Geld aus den Trümmern der Beziehung herausgeschlagen zu haben; er — gern bereit, sich von diesem Geld zu trennen, wenn er damit einen seiner schlimmsten Fehler so gut wie ungeschehen machen konnte. Aber Adrian war da gewesen, und Margaret war nicht in der Versenkung verschwunden. Denn Guy hatte seinen Sohn geliebt — auch wenn dieser seine Hoffnungen ent- täuschte — , und solange er Adrian sagte, musste er auch Margaret sagen. Bis einer von ihnen beiden starb: Guy oder Margaret.

Aber darüber wollte Ruth nicht nachdenken und erst recht nicht sprechen, obwohl ihr klar war, dass sie das Thema nicht ewig meiden konnte.

Als hätte Margaret ihre Gedanken gelesen, legte sie das Medaillon wieder auf den Sekretär und sagte:»Ruth, Liebste, aus Adrian habe ich bisher keine zehn Worte darüber herausbekommen, was eigentlich passiert ist. Ich hoffe, du wirst es nicht als makaber empfinden, aber ich möchte verstehen, wie das geschehen konnte. Der Guy, den ich kannte, hatte in seinem ganzen Leben nicht einen Feind. Na ja, da waren natürlich seine Frauen, und Frauen haben es nicht besonders gern, wenn man sie abschiebt. Aber selbst wenn er — «

«Margaret! Bitte!«, sagte Ruth.

«Warte!«, entgegnete Margaret und sprach hastig weiter.»Es hat doch keinen Sinn, sich etwas vorzumachen, Ruth. Das ist wirklich nicht der Moment dafür. Wir wissen beide, wie er war. Aber was ich sagen wollte, ist, dass eine Frau, selbst wenn sie abgeschoben wurde, dass so eine Frau selten. aus Rache. Du weißt, was ich meine. Wer also.? Es sei denn, es war diesmal eine verheiratete Frau, und der Ehemann ist dahinter gekommen.? Obwohl Guy ja solche Frauen im Allgemeinen gemieden hat. «Margaret spielte mit einer der drei schweren Goldketten, die sie um den Hals trug. Sie hatte einen Anhänger, eine übermäßig große, unförmige Perle, die wie ein Klümpchen erstarrtes Kartoffelpüree zwischen ihren Brüsten lag.

«Er hatte keine — «Ruth verstand nicht, warum es so schmerzte, es zu sagen. Sie hatte ihren Bruder gekannt und hatte gewusst, wer er war — ein Mensch mit unendlich vielen guten Seiten und nur einer Seite, die finster war, unheilvoll, gefährlich.»Er hatte keine Affäre. Niemand ist abgeschoben worden.«

«Aber hat die Polizei nicht eine Frau festgenommen?«

«Doch.«

«Und sie und Guy waren nicht — ?«

«Aber nein. Sie war nur ein paar Tage hier. Es hatte nichts mit — ach, nichts.«

Margaret neigte den Kopf leicht zur Seite, Ruth sah ihr an, was sie dachte. Wenn es um Sex gegangen war, hatten Guy Brouard gewöhnlich ein paar Stunden genügt, um an sein Ziel zu gelangen. Gleich würde Margaret in dieser Richtung zu bohren anfangen. Ihr listiger Gesichtsausdruck verriet deutlich, dass sie nach einem Ansatzpunkt suchte, der nicht morbide Neugier und ihre Auffassung durchklingen lassen würde, dass ihr Exmann, der Schürzenjäger, bekommen hatte, was er verdiente, sondern nur Anteilnahme an Ruths Schmerz über den Verlust ihres Bruders, den sie mehr als ihr eigenes Leben geliebt hatte.

Aber es blieb Ruth erspart, dieses Gespräch führen zu müssen. An der Tür erklang ein zaghaftes Klopfen, und gleich darauf sagte jemand mit unsicherer Stimme:»Ruthie? Ich — ich störe doch nicht.?«

Ruth und Margaret drehten sich um. Eine Frau stand an der Tür und hinter ihr ein hoch aufgeschossenes, junges Mädchen, der der Umgang mit ihren langen Gliedern noch nicht vertraut war.

«Anai's«, sagte Ruth.»Ich habe euch gar nicht kommen hören.«

«Wir haben unseren Schlüssel benutzt. «Anai's zeigte den Messingschlüssel, Symbol ihres Platzes in Guys Leben, das traurig auf ihrer offenen Hand lag.»Ich hoffe, das war — ach, Ruth, ich kann es nicht glauben. ich kann es immer noch nicht. «Sie begann zu weinen.

Das junge Mädchen hinter ihr schaute verlegen weg und wischte sich die Hände an ihrer Hose ab. Ruth ging durchs Zimmer und nahm Anai's Abbott in die Arme.»Du kannst den Schlüssel benutzen, solange du willst. Guy hätte es so gewünscht.«

Während Anai's weinend an ihrer Schulter lag, streckte Ruth der fünfzehnjährigen Tochter der Frau die Hand entgegen. Jemima lächelte flüchtig — sie und Ruth hatten sich immer gut verstanden — , aber sie kam nicht näher. Sie blickte an Ruth vorbei zu Margaret und dann zu ihrer Mutter und sagte leise und gequält:»Mami!«Sie konnte solche Demonstrationen nicht leiden. Ruth hatte in der Zeit, seit sie das Mädchen kannte, mehr als einmal beobachtet, wie unangenehm ihr die Neigung ihrer Mutter zu öffentlicher Zurschaustellung ihrer Gefühle war.

Margaret räusperte sich vielsagend. Anai's löste sich aus Ruths Armen und zog ein Päckchen Papiertaschentücher aus der Jackentasche ihres Hosenanzugs. Sie war von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidet und trug auf dem sorgfältig frisierten, rotblonden Haar ein schmales Hütchen.

Ruth machte die Frauen miteinander bekannt, eine etwas peinliche Angelegenheit: geschiedene Frau, derzeitige Geliebte, Tochter der derzeitigen Geliebten. Auf ein paar höfliche Floskeln der Begrüßung zwischen Anai's und Margaret folgte augenblicklich die gegenseitige Begutachtung.

Sie hätten unterschiedlicher kaum sein können. Abgesehen davon, dass sie beide blond waren — Guy hatte immer ein Faible für Blondinen gehabt — , gab es keine Ähnlichkeiten zwischen den beiden Frauen, außer vielleicht was ihre Herkunft anging, denn, um der Wahrheit die Ehre zu geben, Guy hatte immer auch ein Faible für das Gewöhnliche gehabt.

Und ganz gleich, was für eine Schulbildung die beiden genossen hatten, wie sie sich kleideten, wie sie sich verhielten und wie sie sich ausdrückten, immer noch brach bei Anai's hin und wieder das mittelenglische Landmädel durch, und Margarets Mutter, die Putzfrau, meldete sich stets dann, wenn es ihrer Tochter am wenigsten passte.

Sonst jedoch waren sie so verschieden wie Tag und Nacht. Margaret groß, stattlich, überkorrekt gekleidet und dominant; Anai's ein zerbrechliches Vögelchen, dem grässlichen Zeitgeist entsprechend dünn bis zur Auszehrung — bis auf den unverkennbar künstlichen und viel zu üppigen Busen — und stets wie eine Frau gekleidet, die niemals auch nur ein Kleidungsstück anlegt, ohne sich den Beifall ihres Spiegels geholt zu haben.

Margaret war selbstverständlich nicht nach Guernsey gekommen, um eine der vielen Gespielinnen ihres verflossenen Ehemanns kennen zu lernen, geschweige denn, zu trösten oder zu unterhalten. Nachdem sie also mit Würde und geheuchelter Freundlichkeit:»Freut mich, Sie kennen zu lernen«, gemurmelt hatte, sagte sie zu Ruth:»Wir sprechen uns später, Liebste«, umarmte sie, küsste sie auf beide Wangen und sagte:»Liebste Ruth«, als wollte sie Anai's Abbot mit dieser untypischen und leicht erschreckenden Geste wissen lassen, dass eine von ihnen beiden eine gewisse Stellung in dieser Familie innehatte und die andere ganz entschieden nicht. Danach ging sie, eine Wolke Chanel 5 hinter sich herziehend. Zu früh am Tag für so einen Duft, dachte Ruth. Aber so etwas merkte Margaret natürlich nicht.

«Ich hätte bei ihm sein müssen«, sagte Anai's mit erstickter Stimme, nachdem sich die Tür hinter Margaret geschlossen hatte.»Ich wollte bleiben, Ruthie. Seit es passiert ist, denke ich unaufhörlich, wäre ich nur die Nacht geblieben, ich wäre am Morgen mit ihm zur Bucht hinuntergegangen. Nur um ihm zuzusehen. Es war so eine Freude, ihm zuzusehen. Und. O Gott, o Gott, warum musste das geschehen?«

Warum gerade mir? meinte sie, auch wenn sie es nicht sagte. Ruth war nicht so leicht etwas vorzumachen. Sie hatte zu lange miterlebt, wie ihr Bruder mit seinen Frauen umgegangen war, um nicht mittlerweile genau sagen zu können, an welchem Punkt seines ewigen Spiels von Verführung, Ernüchterung und Rückzug er jeweils angelangt war. Zum Zeitpunkt seines Todes war Guy mit Anai's Abbott praktisch fertig gewesen. Wenn er es Anai's nicht direkt gesagt hatte, so hatte diese es zweifellos mehr oder weniger deutlich gespürt.

Ruth sagte:»Komm, setzen wir uns. Soll ich Valerie bitten, uns Kaffee zu machen? Jemima, Kind, möchtest du etwas haben?«

Jemima antwortete zögernd:»Hast du was da, was ich Biscuit geben kann? Er ist vor dem Haus. Er wollte heute Morgen nicht fressen, und — «

«Aber Entchen«, unterbrach ihre Mutter sie. Der Tadel war durch ihren Gebrauch von Jemimas Kindernamen offenkundig, die zwei Wörter sagten alles, was Anai's nicht aussprach: Kleine Mädchen interessieren sich für ihre Hündchen. Junge Frauen interessieren sich für junge Männer.»Der Hund wird schon nicht verhungern. Es wäre besser gewesen, du hättest ihn zu Hause gelassen, wo er hingehört. Und wie ich dir gesagt habe. Wir können von Ruth nicht verlangen — «

«Entschuldige!«Jemima schien zu glauben, ihre Erwiderung sei heftiger ausgefallen, als sich das in Ruths Beisein gehörte, denn sie senkte augenblicklich den Kopf und zupfte mit der einen Hand an der Naht ihrer langen Hose aus gediegenem Wollstoff. Sie war nicht wie ein gewöhnlicher Teenager gekleidet, das arme Mädchen, und schuld daran waren ein Kurs an einer Londoner Modelschule, den sie im Sommer besucht hatte, sowie der wachsame Blick ihrer Mutter, die es völlig in Ordnung fand, im Kleiderschrank ihrer Tochter herum- zukramen. Sie sah aus wie ein Model aus der Vogue. Aber auch wenn sie gelernt hatte, sich zu schminken, ihre Haare zu stylen und sich auf dem Laufsteg zu bewegen, war sie die linkische Jemima geblieben, das Entchen ihrer Mutter und in der Tat so tollpatschig wie ein Küken, das nicht ins Wasser darf.

Ruth, der das junge Mädchen Leid tat, sagte:»Dieser niedliche kleine Hund? Er ist wahrscheinlich todunglücklich ganz allein da draußen, Jemima. Möchtest du ihn hereinholen?«

«Unsinn«, sagte Anai's.»Dem Hund geht es gut. Er ist zwar taub, aber seinen Augen und seiner Nase fehlt nichts. Er weiß genau, wo er ist. Lass ihn draußen.«

«Ja. Natürlich. Aber vielleicht mag er ein bisschen Hackfleisch. Es ist auch noch ein Rest Auflauf von gestern Mittag da. Geh in die Küche, Jemima, und lass dir von Valerie etwas davon geben. Du kannst es in der Mikrowelle warm machen, wenn du willst.«

Jemima hob den Kopf, und der Ausdruck in ihrem Gesicht freute Ruth mehr, als sie erwartet hatte.»Wenn es okay ist.?«, sagte das junge Mädchen mit einem Blick zu ihrer Mutter.

Anai's war klug genug, zu wissen, wann es sinnvoller war, nachzugeben. Sie sagte:»Ach, Ruthie, das ist lieb von dir. Wir wollen dir wirklich nicht zur Last fallen.«

«Das tut ihr auch nicht«, erwiderte Ruth.»Lauf schon, Jemima. Lass uns zwei alte Mädchen ein bisschen schwatzen.«

Sie hatte den Ausdruck» alte Mädchen «nicht herabwürdigend gemeint, aber als Jemima ging, sah sie, dass er so angekommen war. Bei dem Alter, zu dem sich Anai's bekannte — sechsundvierzig — , hätte sie Ruths Tochter sein können. Sie scheute auch keine Mühe, um tatsächlich so auszusehen. Denn sie wusste besser als die meisten Frauen, dass ältere Männer sich von weiblicher Jugend und Schönheit ebenso angezogen fühlten, wie weibliche Jugend und Schönheit sich häufig und zweckmäßigerweise von Männern mit den Mitteln zur Erhaltung dieser Attribute angezogen fühlten. Das Alter spielte weder im einen noch im anderen Fall eine Rolle. Aussehen und Geld waren alles. Jedoch vom Alter zu sprechen, das war ein Fauxpas gewesen. Aber Ruth unternahm keinen Versuch, sich für den Ausrutscher zu entschuldigen. Sie trauerte um ihren Bruder. Da musste man ihr dergleichen nachsehen.

Anai's trat zu dem Ständer mit der Stickerei und betrachtete das jüngste Bild des Gesamtwerks.

«Das Wievielte ist das?«, fragte sie.

«Nummer fünfzehn, glaube ich.«

«Und wie viele kommen noch?«

«So viele, wie nötig sind, um die ganze Geschichte zu erzählen.«

«Alles? Auch Guys — Ende?«Anai's hatte stark gerötete Augen, aber sie weinte nicht mehr, und Ruth hatte den Eindruck, dass sie ihre eigene Frage nutzte, um zum Anlass ihres Besuchs in Le Reposoir überzuleiten.»Jetzt ist alles anders, Ruth. Ich mache mir Sorgen um dich. Wirst du denn zurechtkommen?«

Einen Moment lang glaubte Ruth, sie spräche von ihrer Krebskrankheit und der Auseinandersetzung mit dem bevorstehenden Tod. Sie sagte:»Ich denke, ich werde es schon schaffen. «Aber Anai's befreite sie sofort aus dem Irrtum, sie sei gekommen, um ihr für die kommenden Monate Obdach, Pflege oder auch nur seelische Hilfe anzubieten.

Sie sagte nämlich:»Hast du das Testament schon gelesen, Ruthie?«Und als wüsste sie im Grunde genau, wie vulgär diese Frage war, fügte sie hinzu:»Konntest du dich vergewissern, dass du versorgt bist?«

Ruth antwortete der Geliebten ihres Bruders das Gleiche, was sie zuvor seiner geschiedenen Frau geantwortet hatte. Es gelang ihr, ruhig zu bleiben, obwohl sie die andere Frau am liebsten mit aller

Schärfe darüber aufgeklärt hätte, wem es zustand, sich für die Verteilung von Guys Vermögen zu interessieren, und wem nicht.

«Oh. «Anai's' Ton machte ihre Enttäuschung deutlich. Keine Testamentseröffnung bedeutete Ungewissheit darüber, ob, wann und wie sie die vielfältigen Ausgaben würde decken können, die sie seit der Begegnung mit Guy gehabt hatte, um sich jung zu erhalten. Es bedeutete auch, dass die Wölfe der Nobelvilla, die sie mit ihren Kindern am Nordende der Insel, in der Nähe der Bucht Le Grand Havre bewohnte, näher rückten. Ruth hatte von Anfang an vermutet, dass Anai's Abbott weit über ihre Verhältnisse lebte. Finanzierswitwe oder nicht — mein Mann war Finanzier, wer wusste überhaupt, was das hieß in diesen Zeiten des rapiden Aktienverfalls und der taumelnden Finanzmärkte. Er konnte natürlich ein Finanzgenie gewesen sein und das Geld anderer Leute vermehrt haben wie Jesus die fünf Brote vor den Hungrigen, oder ein Investmentbroker, der aus fünf Pfund fünf Millionen machen konnte, wenn man ihm nur genug Zeit ließ und das nötige Vertrauen entgegenbrachte. Er konnte aber auch nichts weiter als ein kleiner Angestellter bei der Barclay's Bank gewesen sein, dessen Lebensversicherung es der trauernden Witwe erlaubt hatte, sich in höheren Kreisen als denen zu bewegen, in denen sie durch Geburt und Heirat zu Hause war. Auf jeden Fall brauchte man, um in diese Kreise hineinzukommen und in ihnen zu verkehren, eine Menge Geld: für das Haus, die Kleidung, den Wagen, die Urlaubsreise. ganz zu schweigen von alltäglichen Bedürfnissen wie essen und trinken. Es war daher anzunehmen, dass Anai's Abbott sich mittlerweile in ernsthaften finanziellen Nöten befand. Sie hatte in ihre Beziehung mit Guy einiges investiert. Damit diese Investition sich für sie lohnte, hätte Guy am Leben bleiben und den Hafen der Ehe mit ihr ansteuern müssen.

Ruth empfand zwar eine gewisse Aversion gegen Anai's Abbott, weil sie überzeugt war, dass die Frau von Anfang an nach Plan gearbeitet hatte, aber sie wusste auch, dass man ihre Machenschaften wenigstens teilweise entschuldigen musste. Guy hatte sie ja in der Tat glauben lassen, dass eine Heirat möglich wäre, eine schöne gesetzliche Trauung. Hand in Hand vor einem Geistlichen oder einige

Minuten lächelnden Errötens auf dem Standesamt. Dass Anai's aus Guys Großzügigkeit gewisse Schlüsse gezogen hatte, war verständlich. Ruth wusste, dass er es gewesen war, der Jemima nach London geschickt hatte, und sie hatte kaum Zweifel daran, dass er auch der Grund dafür gewesen war, dass Anai's' Brüste sich heute wie zwei feste, vollkommen symmetrische Honigmelonen vor einem Brustkorb wölbten, der von Natur aus eigentlich zu schmächtig für sie war. Aber war das alles bezahlt? Oder stand die Bezahlung noch aus?

Das war die Frage. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten.

Anai's sagte:»Er fehlt mir, Ruth. Er war — du weißt, ich habe ihn geliebt. Du weißt, wie sehr ich ihn geliebt habe.«

Ruth nickte. Der Krebs, der langsam ihr Rückgrat auffraß, forderte ihre Aufmerksamkeit. Mehr als nicken konnte sie nicht, wenn der Schmerz da war und sie sich darauf konzentrierte, ihn zu beherrschen.

«Er war alles für mich, Ruth. Mein Fels in der Brandung. Der Mittelpunkt meines Lebens. «Anai's senkte den Kopf. Einige Löckchen stahlen sich unter ihrem kleinen Hut hervor und lagen wie die Spuren einer männlichen Liebkosung auf ihrem Nacken.»Er hatte eine ganz eigene Art, mit den Dingen umzugehen. seine Ideen. das, was er getan hat. Wusstest du, dass es seine Idee war, Jemima nach London auf die Model schule zu schicken? Wegen der Selbstsicherheit, sagte er. Das war typisch Guy. Er war so voller Liebe und Großzügigkeit.«

Ruth nickte wieder, fest in der Umklammerung des Schmerzes. Sie presste die Lippen zusammen und unterdrückte ein Stöhnen.

«Es gab nichts, was er nicht für uns getan hätte«, fuhr Anai's fort.»Der Wagen — die Kosten für seinen Unterhalt — der Pool im Garten. Immer war er für uns da, immer bereit, zu helfen und zu geben. Ach, er war ein wunderbarer Mensch. Ich werde nie wieder jemandem begegnen, der ihm auch nur nahe kommt. Er war so gut zu mir. Und jetzt ohne ihn.? Mir ist, als hätte ich alles verloren. Hat er dir erzählt, dass er in diesem Jahr Schuluniformen gestiftet hat? Nein, natürlich nicht. Er hat nicht darüber gesprochen, weil er den Stolz der Menschen nicht verletzen wollte, denen er geholfen hatte.

So war er. Er hat sogar. Ruth, dieser unendlich gute, liebenswerte Mensch hat es sich nicht nehmen lassen, mir einen monatlichen Zuschuss zu geben. >Du bedeutest mir so unvorstellbar viel, und ich möchte, dass du mehr bekommst, als du selbst geben kannst.< Ich habe ihm gedankt, Ruth, immer wieder. Aber ich habe ihm nie genug gedankt. Und ich wollte, dass du erfährst, wie gut er war. Was er mir Gutes getan hat, um mir zu helfen. Ruth.«

Sie hätte ihr Anliegen nicht deutlicher machen können. Ruth fragte sich, wie weit diese Leute, die angeblich um ihren Bruder trauerten, in ihrer Geschmacklosigkeit noch gehen würden.

Aber sie sagte nur:»Danke dir für diese Würdigung Guys, Anai's. Zu hören, dass du seine Güte zu schätzen wusstest. «Und er war gut, schrie Ruths Herz, er war die Güte selbst.»Es ist sehr lieb von dir, dass du hergekommen bist, um mir das zu sagen. Ich danke dir dafür. Du bist ein guter Mensch.«

Anai's öffnete den Mund, um etwas zu sagen. Sie holte sogar noch Luft, aber dann erkannte sie offenbar, dass es nichts mehr zu sagen gab. Sie konnte jetzt nicht rundheraus Geld verlangen, ohne taktlos und habgierig zu erscheinen. Und selbst wenn ihr das gleichgültig gewesen wäre, war sie wahrscheinlich nicht bereit, in nächster Zukunft das Image der finanziell unabhängigen Witwe aufzugeben, der eine erfüllte Beziehung wichtiger war als Geld. Zu lange schon lebte sie dieses Image.

Also sagte sie nichts mehr, und Ruth auch nicht, während sie zusammen im Damenzimmer saßen. Was hätte es auch noch zu sagen gegeben?

7

Im Lauf des Tages besserte sich das Wetter in London und erlaubte es den St. James' und Cherokee River, nach Guernsey zu fliegen. Sie erreichten die Insel am späten Nachmittag, und während sie über dem Flughafen kreisten, sahen sie unten im schwindenden Licht die dünnen grauen Bänder schmaler Straßen, die sich scheinbar planlos durch steinerne Dörfer und zwischen kahlen Feldern über das Land schlängelten. Das letzte Sonnenlicht funkelte auf dem Glas zahlloser Gewächshäuser im Landesinneren, und die laubfreien Bäume in den Tälern und an den Hängen der Hügel kennzeichneten jene Gebiete, die Winden und Stürmen weniger stark ausgesetzt waren. Es war von der Luft aus gesehen eine abwechslungsreiche Landschaft, die sich an Ost- und Südküste der Insel zu steilen Klippen auftürmte, und im Westen und Norden sanft zu stillen Buchten abfiel.

Um diese Jahreszeit machte die Insel einen verlassenen Eindruck. Im späten Frühjahr und im Sommer waren die verschlungenen Straßen von Urlaubern bevölkert, die die Strände, die Klippenwege oder die Häfen aufsuchten, Guernseys Kirchen, Schlösser und Festungen besichtigten, die wanderten, schwammen, Ausflüge mit Booten oder Fahrrädern machten und die Straßen und Hotels füllten. Doch im Dezember gab es auf der Insel nur drei Gruppen von Menschen: Die eigentlichen Inselbewohner, die Gewohnheit, Tradition und Liebe zur Insel dort hielten, Steuerflüchtlinge, die so viel wie möglich von ihrem Geld vor dem Zugriff ihrer jeweiligen Regierung schützen wollten, und Banker, die in St. Peter Port beschäftigt waren und an den Wochenenden heim nach England flogen.

Nach St. Peter Port begaben sich auch die St. James' und Cherokee River. Es war die größte Stadt der Insel und der Regierungssitz. Hier befanden sich das Polizeipräsidium und die Kanzlei von China Rivers Anwalt.

Cherokee war den größten Teil der Reise sehr gesprächig gewesen. Er war vom Hundertsten ins Tausendste gekommen, als hätte er Angst vor einem Schweigen zwischen ihnen und dem, was es bedeuten könnte, und St. James hatte überlegt, ob dieses unablässige Wortbombardement sie davon abhalten sollte, über die Sinnlosigkeit der Mission nachzudenken, in der sie unterwegs waren. Wenn China River verhaftet und unter Anklage gestellt worden war, mussten hinreichend Beweise gegen sie vorliegen, um ihr den Prozess zu machen. Und wenn es direkte Beweise waren und nicht nur Indizien, würde es für St. James kaum Möglichkeiten geben, sie anders zu interpretieren als die Sachverständigen der Polizei.

Aber nach einer Weile schien es gar nicht mehr so, als wollte Cherokee sie mit seinem Dauermonolog von Gedanken über ihr gemeinsames Vorhaben ablenken, sondern eher so, als versuchte er krampfhaft, sie für sich einzunehmen. St. James spielte den unbeteiligten Zuschauer bei alledem, das fünfte Rad an einem Wagen auf schlingernder Fahrt ins Ungewisse. Und ihm war gar nicht wohl bei dieser Fahrt.

Cherokee erzählte vor allem von seiner Schwester. Chine — wie er sie nannte — hatte endlich das Surfen gelernt. Ob Debs das gewusst habe? Ihr Freund Matt — hatte Debs ihn mal kennen gelernt? Musste sie ja, richtig? — , also, er hatte es endlich geschafft, sie ins Wasser rauszulotsen. ich meine, weit genug raus, sie hatte ja immer eine Riesenpanik vor Haien. Er hat ihr die Grundlagen beigebracht und sie jeden Tag üben lassen, und an dem Tag, an dem sie schließlich auf dem Brett stand. Sie hatte endlich erfasst, worum es ging. Geistig erfasst, meine ich. Das Zen des Surfen.

Cherokee wollte immer, dass sie zum Surfen zu ihm runter nach Huntington käme. im Februar oder März, wenn die Wellen stürmisch werden konnten, aber sie kam nie, weil in ihrem Kopf eine Fahrt nach Orange County eine Fahrt zu Mam war, und Chine und Mam. Die beiden kamen nicht miteinander klar. Sie waren einfach zu verschieden. Mam machte immer irgendwas falsch. Zum Beispiel, als Chine das letzte Mal übers Wochenende runtergekommen war — lag wahrscheinlich schon mehr als zwei Jahre zurück — , da hatte sie ein Riesending daraus gemacht, dass Mam kein einziges sauberes Glas im Haus hatte. Natürlich hätte sich Chine selber ein Glas spülen können, aber darum ging's nicht. Mam hätte sie vorher spülen müssen, weil wenn man die Gläser vorher spülte, dann bedeutete das was. Wie, zum Beispiel, ich liebe dich oder willkommen oder es ist schön, dass du hier bist. Na ja, er, Cherokee, schaute jedenfalls immer, dass er sich raushielt, wenn die zwei loslegten. Sie waren beide echt gute Menschen, Mam und Chine, wirklich. Sie waren eben nur so verschieden. Aber immer wenn Chine in den Canyon kam — Debs wusste doch, dass Cherokee im Canyon lebte? Modjeska. Landeinwärts. In der Blockhütte. Na, jedenfalls stellte Cherokee seitdem überall saubere Gläser auf, wenn Chine ihn besuchte. Er hatte zwar nicht viele, aber die, die da waren — immer blitzblank. Wenn Chine saubere Gläser wollte, dann bekam sie saubere Gläser. Aber komisch war es schon, nicht? Worüber Menschen sich aufregen konnten.

Den ganzen Flug über hörte Deborah Cherokees weitschweifiger Suada zu. Er sprang zwischen Reminiszenz, Enthüllung und Erklärung hin und her, und binnen einer Stunde gewann St. James den Eindruck, dass ihn, neben der ganz natürlichen Angst um seine Schwester, heftige Schuldgefühle plagten. Hätte er sie nicht gedrängt, ihn zu begleiten, wäre sie nie in die Situation geraten, in der sie sich nun befand. Er war zumindest teilweise schuld. Jeder kann mal in der Scheiße landen, so formulierte er es, aber in dieser besonderen Scheiße wäre China eindeutig nicht gelandet, wenn Cherokee nicht darauf gedrungen hätte, dass sie mitkommen sollte. Und er hatte deshalb darauf gedrungen, weil er sie gebraucht hatte, erklärte er, weil er ohne sie den Auftrag gar nicht bekommen hätte. Aber er hatte ihn unbedingt haben wollen, hatte das Geld haben wollen, weil er endlich einen Job für sich gefunden hatte, von dem er glaubte, dass er ihn fünfundzwanzig Jahre oder länger machen könnte, ohne die Wände hochzugehen, und weil er eine Anzahlung auf die Grundausrüstung leisten musste. Einen Fischkutter. Ja, genau so war's: China River saß hinter Gittern, weil ihr Bruder, dieses Arschloch, unbedingt einen Fischkutter kaufen wollte.

«Aber du konntest doch nicht wissen, was passieren würde«, wandte Deborah ein.

«Nein, aber das macht's auch nicht besser. Ich muss sie da rausholen, Debs. «Und mit einem aufrichtigen Lächeln zu ihr und dann zu St. James:»Danke, dass ihr mir geholfen habt. Das kann ich nie wieder gutmachen.«

St. James wollte ihm sagen, dass seine Schwester ja noch nicht aus dem Gefängnis heraus war und dass auch eine Freilassung gegen Kaution, sofern sie gewährt wurde, zu diesem Zeitpunkt sehr wahrscheinlich nur ein Aufschub sei. Aber er sagte nur:»Wir werden tun, was wir können.«

Woraufhin Cherokee antwortete:»Danke. Ihr seid große Klasse.«

Woraufhin wiederum Deborah sagte:»Wir sind deine Freunde, Cherokee.«

Cherokee schienen die Gefühle zu übermannen, was sich flüchtig in seinem Gesicht widerspiegelte. Er konnte nur nicken und jene merkwürdige Geste mit der Hand zu machen, die Amerikaner gern gebrauchten, um so ziemlich alles von Dankbarkeit bis zu politischer Zustimmung auszudrücken.

Aber vielleicht drückte sie bei ihm in diesem Moment etwas ganz anderes aus.

St. James konnte sich dieses Gedankens nicht erwehren, der ihn eigentlich seit dem Moment verfolgte, als er zur Galerie des Gerichtssaals Nr. 3 hinaufgeblickt und seine Frau und den Amerikaner gesehen hatte: Schulter an Schulter, die Köpfe zusammengesteckt. Irgendwas stimmte nicht mehr auf der Welt. Es war eine gefühlsmäßige Überzeugung, die St. James nicht erklären konnte. Und dieses Gefühl, dass die Zeiten aus den Fugen geraten waren, machte es ihm schwer, sich der Freundschaftserklärung seiner Frau an Cherokee River anzuschließen. Er sagte nichts, und als Deborahs Blick ihn fragte, warum, sandte er keinen antwortenden Blick zurück. Er wusste, dass diese Reaktion zwischen ihnen nichts besser machen würde. Sie war immer noch ärgerlich wegen des Gesprächs im Old Bailey.

Nach ihrer Ankunft in der Stadt stiegen sie am Ann's Place in einem Hotel ab, das früher einmal ein Regierungsgebäude gewesen war. Danach trennten sie sich: Cherokee und Deborah wollten zum Untersuchungsgefängnis, um zu versuchen, China zu sehen; St. James machte sich auf den Weg zur Polizei, um den Beamten ausfindig zu machen, der die Ermittlungen leitete.

Ihm war nicht wohl dabei. Er wusste, dass er dort eigentlich nichts zu suchen hatte, und die Vorstellung, sich in ein Ermittlungsverfahren zu drängen, bei dem seine Mitarbeit nicht erwünscht war, behag- te ihm nicht. In England gab es wenigstens Fälle, auf die er verweisen konnte, wenn er bei einer Polizeibehörde vorsprach und um Informationen bat. Praktisch überall in England brauchte er nur zu sagen: Sie erinnern sich an die Bowen-Entführung?. Und an diesen Erdrosselungsfall letztes Jahr in Cambridge? St. James hatte bei der

Arbeit mit den britischen Polizeibehörden die Erfahrung gemacht, dass die Beamten im Allgemeinen bereit waren, ihre Kenntnisse mit ihm zu teilen, und sich von seinen Bemühungen, Neues herauszufinden, nicht irritieren ließen, wenn er zuvor ausreichend Gelegenheit gehabt hatte, zu erklären, wer er war, und einen gemeinsamen Nenner mit ihnen zu finden. Aber hier lagen die Dinge anders. Um hier die Kooperationsbereitschaft der Polizei zu gewinnen oder wenigstens die wenn auch widerwillige Duldung seines Kontakts mit den Leuten, die das Verbrechen direkt betraf, würden Hinweise auf Kriminalfälle, an denen er mitgearbeitet, oder auf Strafprozesse, bei denen er als Gutachter mitgewirkt hatte, gar nichts nützen. Das hieß, dass er sich, um Zugang zum Kreis der Ermittler zu erhalten, auf sein bescheidenstes Talent verlassen musste: die Gabe, mit anderen Menschen in Beziehung zu treten.

Auf seinem Weg über den Ann's Place zur Hospital Lane, die ihn zur Polizeidienststelle führte, dachte er über das Wesen menschlicher Beziehungen nach. Vielleicht, sagte er sich, war sein Unvermögen auf diesem Gebiet und seine individuelle Art — immer und ewig der kühle Wissenschaftler, stets in Gedanken, den Blick nach innen gerichtet, stets damit beschäftigt, zu bedenken, abzuwägen, zu prüfen, während andere Menschen einfach lebten — die Quelle seines Unbehagens in Bezug auf Cherokee River.

«Ja, an das Surfen erinnere ich mich«, hatte Deborah gesagt, und ihre Miene hatte sich schlagartig verändert, als ihr das gemeinsame Erlebnis wieder eingefallen war.»Wir sind damals alle drei zusammen am Meer gewesen. Weißt du noch? Wo war das eigentlich?«

Cherokee hatte ein nachdenkliches Gesicht gemacht, ehe er gesagt hatte:»Na klar! Das war in Seal Beach, Debs. Da geht's leichter als in Huntington. Es ist geschützter.«

«Richtig, ja! Seal Beach. Du hast mich in die Wellen rausgejagt und auf dem Brett herumturnen lassen, und ich habe dauernd gebrüllt, dass ich gleich den Pier ramme.«

«Der nirgendwo in deiner Nähe war«, sagte er.»Nie im Leben hättest du dich lange genug auf dem Brett gehalten, um irgendwas zu rammen.«

Sie lachten zusammen; wieder war eine Verbindung hergestellt, ein unbeschwerter Moment zwischen zwei Menschen, in dem sie freudig anerkannten, dass ein gemeinsames Band bestand, das die Gegenwart mit der Vergangenheit verknüpfte.

Und so, dachte St. James, ist das bei allen, die ein Stück gemeinsamer Geschichte haben. Ja, genau so ist es.

Er ging über die Straße auf das Polizeipräsidium von Guernsey zu. Es stand hinter einer imposanten Mauer aus einem mit Feldspat geäderten Stein, ein L-förmiger Bau mit vier Fensterreihen in beiden Flügeln, auf dem die Fahne von Guernsey flatterte. Drinnen nannte er dem Dienst habenden Wachbeamten seinen Namen und reichte ihm seine Karte. Ob es möglich wäre, fragte er, den leitenden Untersuchungsbeamten im Mordfall Brouard zu sprechen. Oder sonst vielleicht den Pressebeauftragten der Abteilung.

Der Wachtmeister inspizierte seine Karte mit einer Miene, die besagte, dass erst einmal diverse Anrufe über den Ärmelkanal hinweg getätigt würden, um festzustellen, wer genau dieser forensische Wissenschaftler war, der hier bei ihnen auf der Matte stand. St. James war das nur recht; wenn telefoniert wurde, dann mit New Scotland Yard und der Kronanwaltschaft oder mit der Universität, an der er dozierte, und das würde ihm den Weg ebnen.

Es dauerte zwanzig Minuten. St. James trat von einem Fuß auf den anderen und las ein halbes Dutzend mal die Anschläge am Schwarzen Brett. Aber es waren zwanzig Minuten, die sich lohnten, denn schließlich erschien Detective Chief Inspector Louis Le Gallez von der Kriminalpolizei und führte St. James in die Einsatzzentrale, ein riesiger Raum mit Stichbalken — eine ehemalige Kapelle — , den sich Fitnessgeräte mit Aktenschränken, Computertischen, Anschlagbrettern und Porzellantafeln teilten.

Chief Inspector Le Gallez wollte natürlich wissen, was einen forensischen Wissenschaftler aus London an einer Morduntersuchung in Guernsey interessierte, zumal diese bereits abgeschlossen war.»Wir haben die Täterin«, sagte er, die Arme vor der Brust verschränkt und ein Bein über eine Ecke des Tischs geschwungen. Er ließ sein Körpergewicht — das für einen so kleinwüchsigen Mann beträchtlich war — auf der Tischkante ruhen und strich mit St. James' Karte an seiner inneren Handkante auf und ab. Er schien eher neugierig als argwöhnisch.

St. James entschied sich für Offenheit. Der Bruder der Beschuldigten habe in seiner verständlichen Erschütterung über das Schicksal seiner Schwester ihn, St. James, um Hilfe gebeten, nachdem er vergeblich versucht habe, die amerikanische Botschaft zum Handeln anzuspornen.

«Die Amerikaner haben das Ihre getan«, erklärte Le Gallez.»Ich weiß nicht, was dieser Mann noch erwartet. Er war übrigens selbst auch verdächtig. Aber das waren sie alle. Jeder, der auf Brouards Fest gewesen war, am Abend, bevor er dran glauben musste. Die halbe Insel war dort. Das hat die Sache verdammt kompliziert gemacht, das können Sie mir glauben.«

Le Gallez sprach gleich weiter, als wäre ihm völlig klar, worauf St. James nach dieser Bemerkung über die Party das Gespräch würde lenken wollen. Sämtliche Leute, die am Abend vor dem Mord bei Brouard gewesen waren, seien vernommen worden, sagte er, aber es sei nichts dabei herausgekommen, was am ersten Verdacht der ermittelnden Beamten etwas geändert hatte: Wenn jemand sich wie die Geschwister River am Morgen des Mordes klammheimlich aus Brouards Haus gestohlen hatte, musste er genauer in Augenschein genommen werden.

«Und alle anderen Gäste konnten für die Mordzeit Alibis nachweisen?«, fragte St. James.

Das habe er damit nicht sagen wollen, antwortete Le Gallez. Aber so wie die Beweise ineinander griffen, sei es für den Fall völlig unerheblich, was alle anderen am Morgen der Ermordung von Guy Brouard getan hatten.

Was sie gegen China Rivers in der Hand hätten, sei vernichtend, und es bereitete Le Gallez offensichtliches Vergnügen, die Einzelheiten aufzulisten. Ihre vier Beamten von der Spurensicherung hätten sich mit dem Tatort befasst und ihr Pathologe mit dem Leichnam. Die River habe am Tatort einen Teilabdruck hinterlassen, einen Fußabdruck, der zwar zur Hälfte von einem breiten Tangblatt verwischt war, aber in den Sohlen ihrer Schuhe hätten sie Sandkörner gefunden, die genau dem groben Sand an der Bucht entsprachen, und die Abdrücke eben dieser Schuhe stimmten mit dem gefundenen Teilabdruck überein.

«Aber sie kann ein anderes Mal an der Bucht gewesen sein«, gab St. James zu bedenken.

«Richtig. Ich kenne die Story. Sie konnten sich auf Brouards Anwesen frei bewegen, wenn Brouard sie nicht gerade selbst herumgeführt hat. Aber das erklärt nicht, wie ihre Haare in den Reißverschluss der Trainingsjacke gekommen sind, die er an dem Morgen anhatte, als er umgebracht wurde. Oder wie seine Haare an ihren Umhang gekommen sind.«

«Was für ein Umhang?«

«Na, wie so eine schwarze Decke. Keine Ärmel, nur am Hals ein Knopf.«

«Ein Cape?«

«Und auf dem Stoff waren seine Haare, genau da, wo man erwarten kann, sie zu finden, wenn sie ihm den Arm um den Hals gelegt hat, um ihn ruhig zu halten. Sie hat dummerweise nicht daran gedacht, das Ding hinterher auszubürsten.«

St. James sagte:»Die Art, wie er getötet wurde — ziemlich ungewöhnlich, finden Sie nicht auch? Mit dem Stein, meine ich. Wenn er ihn nicht selbst versehentlich geschluckt hat — «

«Wohl kaum«, unterbrach ihn Le Gallez.

«- dann muss er ihm mit Gewalt in die Kehle gestoßen worden sein. Aber wie? Bei einem Kampf? Haben Sie Spuren eines Kampfes gefunden? Am Strand vielleicht? Oder an seinem Leichnam? An China River, als Sie sie festgenommen haben?«

Le Gallez schüttelte den Kopf.»Kein Kampf. War auch gar keiner nötig. Deswegen haben wir ja von Anfang an nach einer Frau gesucht. «Er trat zu einem der Tische und ergriff einen darauf stehenden Plastikbehälter, dessen Inhalt er auf seine offene Hand schüttelte. Er sah ihn durch, sagte:»Ah, das geht«, und pickte eine angebrochene Rolle Polos heraus. Er schälte einen der Drops aus dem Papier, hielt ihn hoch, um ihn St. John zu zeigen, und sagte:»Der Stein, mit dem wir es zu tun haben, ist nur wenig größer als das hier. Mit einem Loch in der Mitte, so dass man ihn an einen Schlüsselring hängen kann. Und rundherum mit eingeritzten Mustern. Jetzt passen Sie auf!«Er steckte das Bonbon in den Mund und schob es mit der Zunge in die Backentasche.»Man kann beim Küssen mehr weitergeben als Bakterien«, sagte er.

St. James verstand, hatte aber dennoch seine Zweifel. Le Gallez' Theorie erschien ihm höchst unwahrscheinlich. Er sagte:»Aber sie hätte einiges mehr tun müssen, als nur den Stein weiterzugeben. Sicher, es ist möglich, dass sie ihn ihm in den Mund geschoben hat, wenn sie ihn küsste, aber doch bestimmt nicht die Kehle hinunter. Wie sollte sie das bewerkstelligt haben?«

«Sie hat ihn überrumpelt«, sagte Le Gallez.»Er ist verblüfft, als er plötzlich den Stein im Mund hat. Sie hat beim Kuss eine Hand in seinem Nacken, er befindet sich in der richtigen Stellung. Ihre andere Hand liegt auf seiner Wange, und in dem Moment, wo er zurückschreckt, weil sie ihm den Stein in den Mund geschoben hat, umschlingt sie ihn mit einem Arm, drückt ihn nach hinten und stößt ihm die Finger in den Hals. Samt dem Stein. Und schon ist er erledigt.«

«Nehmen Sie es mir nicht übel, aber ich halte das für reichlich unwahrscheinlich«, sagte St. James.»Ihr Staatsanwalt kann doch unmöglich glauben, dass er damit. haben Sie hier Geschworene?«

«Spielt überhaupt keine Rolle. Die Geschichte mit dem Stein braucht keinen Menschen zu überzeugen«, sagte Le Gallez.»Es ist nur eine Theorie, die vor Gericht vielleicht überhaupt nicht zur Sprache kommen wird.«

«Und warum nicht?«

Le Gallez lächelte dünn.»Weil wir einen Zeugen haben, Mr. St. James«, antwortete er.»Und ein Zeuge ist mehr wert als hundert Sachverständige und tausend schöne Theorien.«

Im Untersuchungsgefängnis erfuhren Deborah und Cherokee, dass sich in den vierundzwanzig Stunden, seit Cherokee nach London aufgebrochen war, um Hilfe zu holen, einiges getan hatte. Der Anwalt hatte es geschafft, China auf Kaution freizubekommen, und hatte ihr eine andere Unterkunft gesucht. Die Gefängnisverwaltung wusste selbstverständlich, wo sie sich aufhielt, aber man gab die Information nicht heraus.

Deborah und Cherokee fuhren unverrichteter Dinge wieder in Richtung St. Peter Port und hielten bei der ersten Telefonzelle an, die sie an der Vale Road entdeckten, dort, wo die Straße sich dem weiten Blick auf die Belle-Greve-Bucht öffnete. Cherokee sprang aus dem Wagen, um den Anwalt anzurufen, und Deborah beobachtete durch die Glaswand der Zelle, wie er beim Sprechen in verständlicher Erregung mit der Faust gegen das Glas schlug. Obwohl sie sich nicht sonderlich gut aufs Lippenlesen verstand, konnte sie deutlich Cherokees aufgebrachtes» Hey, Mann, jetzt hören Sie mal zu «erkennen. Das Gespräch dauerte nur drei oder vier Minuten, nicht lange genug, um Cherokee in irgendeiner Hinsicht zu beruhigen, aber es genügte ihm, um herauszufinden, wohin seine Schwester gebracht worden war.

«Er hat sie in irgendeine Wohnung in St. Peter Port verfrachtet«, berichtete er, als er wieder in den Wagen stieg und den Gang einlegte.»So eine Wohnung, die man im Sommer mieten kann. >Ich habe sie gern aufgenommen< hat er gesagt. Was immer das heißen soll.«

«Eine Ferienwohnung«, sagte Deborah.»Sie würde sonst bis zum Frühjahr leer stehen.«

«Wie auch immer. Der Kerl hätte mir ja eine Nachricht zukommen lassen können. Schließlich geht's um meine Schwester. Ich hab ihn gefragt, warum er mir nichts davon gesagt hat, dass er sie rausholen wollte, und er sagte — weißt du, was er gesagt hat? — >Miss River hat mich nicht beauftragt, jemandem ihren Aufenthaltsort bekannt zu geben.< Als wollte sie sich versteckt halten.«

Zurück in St. Peter Port kostete es sie, obwohl sie die Adresse hatten, einige Mühe, die Ferienwohnanlage zu finden, wo China untergebracht war. Die Stadt war ein Gewirr von Einbahnstraßen: schmale Gassen, die sich vom Hafen aus den steilen Hang hochzogen, Wege durch eine Stadt, die schon existierte, lange bevor man an Autos überhaupt gedacht hatte. Deborah und Cherokee marschierten mehrmals an alten Stadtvillen georgianischen Stils und Zeilen viktoriani- scher Reihenhäuser entlang, ehe sie schließlich auf die QueenMargaret-Apartments stießen, die an der Ecke Saumarez Street auf dem höchsten Punkt der Clifton Street standen. Sie boten dem Urlauber einen Blick, für den er im Frühling und Sommer teuer bezahlen musste: Unten breitete sich der Hafen aus, deutlich sichtbar erhob sich die Festung Castle Cornet auf ihrer Landzunge, wo sie einst die Stadt vor Eindringlingen geschützt hatte, und an einem Tag, der nicht durch tief hängende Dezemberwolken getrübt war, konnte man am fernen Horizont wie in der Luft schwebend die Küste Frankreichs erkennen.

An diesem Tag jedoch, in der frühen Abenddämmerung, war der Ärmelkanal eine aschgraue Masse bewegter Landschaft. Lichter schienen auf einen Hafen, in dem die Vergnügungsboote fehlten, und in der Ferne wirkte die Festung wie eine Anhäufung kreuzweise schraffierter Kinderbauklötze, die planlos zusammengewürfelt auf einer Elternhand ruhten.

In den Queen-Margaret-Apartments galt es erst einmal, jemanden zu finden, der ihnen den Weg zu Chinas Wohnung zeigen konnte. Sie stöberten schließlich in einem Ein-Zimmer-Apartment des leer stehenden Komplexes einen unrasierten und wenig appetitlich riechenden Menschen auf, der hier offenbar als Hausmeister fungierte, wenn er nicht gerade wie jetzt vor einem Brettspiel saß, bei dem man glänzende schwarze Steine in muldenartige Vertiefungen auf einem schmalen Holzbrett befördern musste.

«Augenblick«, sagte er, als Cherokee und Deborah in sein Zimmer traten.»Ich muss nur schnell — verdammt! Er hat mich wieder erwischt.«

Bei diesem» Er «schien es sich um seinen imaginären Gegner zu handeln, dessen Spielzüge er selbst machte, wozu er offenbar jedes Mal zur anderen Seite des Tischs hinüberlief. Mit einem Zug fegte er auf seiner Seite sämtliche Steine weg und sagte dann:»Was kann ich für Sie tun?«

Als sie ihm erklärten, sie wollten zu seiner Mieterin — sie sagten» Mieterin «im Singular, weil offensichtlich war, dass zu dieser Jahreszeit kein Mensch sonst hier wohnte — , tat er so, als hätte er keine

Ahnung, worum es ging. Erst als Cherokee sagte, er solle Chinas Anwalt anrufen, gab er indirekt zu erkennen, dass die Frau, der man einen Mord zur Last legte, sich irgendwo im Gebäude befand. Er ging zum Telefon, tippte eine Nummer ein und sagte, als der andere Teilnehmer sich meldete:»Hier ist einer, der behauptet, er war Ihr Bruder. «Und mit einem Blick zu Deborah:»Er hat so eine Rothaarige dabei. «Nachdem er ungefähr fünf Sekunden zugehört hatte, sagte er:»In Ordnung«, und rückte endlich mit der Sprache heraus. Die Person, die sie suchten, sagte er, sei in Wohnung B im Ostflügel des Gebäudes.

Es war nicht weit zu gehen. China erwartete sie an der Tür. Sie sagte nur:»Du bist gekommen!«, und eilte in Deborahs ausgebreitete Arme.

Deborah drückte sie an sich.»Natürlich bin ich gekommen«, sagte sie.»Ich wollte nur, ich hätte vorher gewusst, dass du in Europa bist. Warum hast du mich nicht benachrichtigt, dass du kommst? Warum hast du nicht angerufen? Ach, es ist so schön, dich zu sehen. «Sie blinzelte gegen das Brennen in ihren Augen an, überrascht von diesem Ansturm der Gefühle, der ihr zeigte, wie sehr sie die Freundin in den Jahren, seit der Kontakt abgebrochen war, vermisst hatte.

«Es tut mir Leid, dass es unter diesen Umständen sein muss. «China lächelte flüchtig. Sie war weit dünner, als Deborah sie in Erinnerung hatte, und das Gesicht unter dem modisch geschnittenen Haar sah aus wie das eines verlorenen Kindes. Ihre Baumund Tierschützermutter hätte einen Anfall bekommen beim Anblick ihrer Kleidung: schwarzes Leder von oben bis unten, Hose, Weste, Halbstiefel. Das Schwarz betonte die Blässe ihrer Haut.

«Simon ist auch mitgekommen«, sagte Deborah.»Wir holen dich hier heraus. Mach dir keine Sorgen.«

China warf einen Blick auf ihren Bruder, der die Tür hinter sich geschlossen hatte und in die kleine Kochnische gegangen war, wo er von einem Fuß auf den anderen trat und ein Gesicht machte, als wünschte er sich angesichts so viel weiblicher Gefühlsduselei auf einen anderen Stern.»Ich wollte doch nicht, dass du sie herbringst«, sagte sie.»Ich wollte nur, dass du dir bei ihnen Rat holst, wenn du welchen gebraucht hättest. Aber — ich bin froh, dass du sie mitgebracht hast, Cherokee. Danke.«

Cherokee nickte.»Wollt ihr zwei — ?«, begann er.»Ich meine, ich kann ja einen Spaziergang machen oder so was. Hast du Essen im Haus? Weißt du was, ich geh mal los und such einen Laden. «Und schon war er, ohne eine Antwort seiner Schwester abzuwarten, zur Wohnungstür hinaus.

«Typisch Mann«, sagte China, als er weg war.»Nur keine Tränen.«

«Dabei sind wir doch noch gar nicht so weit.«

China kicherte, und Deborah wurde es ein wenig leichter ums Herz. Sie konnte sich nicht vorstellen, wie es war, in einem fremden Land des Mordes beschuldigt und festgehalten zu werden. Aber wenn sie etwas dazu tun konnte, ihre Freundin die bedrohliche Situation, in der sie sich befand, wenigstens ab und zu vergessen zu machen, so wollte sie das tun. Und sie wollte China Sicherheit geben, sie wissen lassen, wie nahe sie ihr immer noch stand.

Darum sagte sie:»Ich habe dich vermisst. Ich hätte öfter schreiben sollen.«

«Du hättest schreiben sollen, fertig«, erwiderte China.»Ich habe dich auch vermisst. «Sie zog Deborah zur Kochnische.»Ich mach uns Tee. Ich kann gar nicht glauben, wie unheimlich ich mich freue, dich zu sehen.«

«Nein, den Tee mache ich, China«, sagte Deborah.»Du fängst jetzt nicht schon wieder an, mich zu bemuttern. Ich dreh den Spieß zur Abwechslung mal um, und du wirst dir das brav gefallen lassen. «Sie schob die Freundin zu dem Tisch unter dem Ostfenster, auf dem ein gelber Kanzleiblock und ein Kugelschreiber lagen. Das oberste Blatt des Blocks trug Daten in großer Druckschrift; die Bemerkungen darunter waren in Chinas vertrauter, geschwungener Handschrift geschrieben.

China sagte:»Das war damals auch eine schlimme Zeit für dich. Es hat mir viel bedeutet, alles für dich zu tun, was ich konnte.«

«Ich habe mich ziemlich erbärmlich benommen«, sagte Deborah.»Ich weiß nicht, wie du es mit mir ausgehalten hast.«

«Du warst weit weg von zu Hause, hattest Riesenprobleme und hast versucht, irgendwie klarzukommen. Ich war deine Freundin. Ich musste dich nicht aushalten. Ich musste nur ein bisschen Anteil nehmen. Und das war, ehrlich gesagt, verdammt einfach.«

Ein Gefühl der Wärme durchzog Deborah, und sie wusste, dass diese Reaktion zwei verschiedene Ursprünge hatte. Einmal entsprang sie dem Glück der Freundschaft zwischen Frauen, und sie hatte ihre Wurzel auch in einer schmerzvollen Zeit ihrer Vergangenheit. China River gehörte dieser Zeit an und hatte Deborah hindurchgeholfen.

Deborah sagte:»Ich bin so — wie soll ich es ausdrücken? — froh, dich zu sehen? Aber das klingt recht egozentrisch. Dir geht es schlecht, und ich bin froh, dich zu sehen. Ich bin eine ganz schön egoistische Ziege.«

«Ach, ich weiß nicht. «Chinas Stimme klang nachdenklich. Dann lächelte sie.»Ich meine, die wahre Frage ist doch: Kann eine Ziege egoistisch sein?«

Sie lachten. Deborah ging in die kleine Küche, ließ Wasser in den elektrischen Kessel laufen und schaltete ihn ein. Sie nahm Becher, Tee, Zucker und Milch, und in einem der zwei Küchenschränke entdeckte sie sogar ein Päckchen, das dem Aufdruck zufolge etwas Essbares enthielt, was Guernsey Gache hieß. Deborah öffnete es und fand ein kastenförmiges Gebäck, das eine Kreuzung zwischen Rosinenkuchen und Früchtebrot zu sein schien. Besser als gar nichts.

China sprach erst wieder, als Deborah alles auf den Tisch gestellt hatte. Und dann murmelte sie so leise, dass Deborah es beinahe überhört hätte:»Ich habe dich auch vermisst.«

Deborah drückte ihr die Schulter. Sie goss den Tee ein, gab Milch und Zucker dazu. Sie wusste, dass die kleine Zeremonie nicht lange als Trost für die Freundin vorhalten würde, aber einen Becher Tee zu halten, die Hand um ihn zu schmiegen und sie von der Wärme durchdringen zu lassen — das hatte für Deborah immer etwas Magisches gehabt, als wäre die dampfende Flüssigkeit nicht aus den Blättern einer asiatischen Pflanze gebraut, sondern aus den Wassern Le- thes.

China schien Deborahs Absicht zu erraten; als sie ihren Becher hob, sagte sie:»Die Engländer und ihr Tee.«

«Wir trinken auch Kaffee.«

«Aber nicht in Momenten wie diesem. «China hielt den Becher so, wie Deborah es sich gewünscht hatte. Sie schaute zum Fenster hinaus, wo vor tiefgrauem Hintergrund als flimmernde gelbe Palette die Lichter der Stadt angingen, als das letzte Tageslicht der Dunkelheit wich.»Ich kann nicht fassen, wie früh es hier dunkel wird.«

«Das liegt an der Jahreszeit.«

«Ich bin einfach die Sonne gewöhnt. «China trank von ihrem Tee und stellte den Becher auf den Tisch. Mit einer Gabel stocherte sie in einem Stück Guernsey Gache herum, aß aber nicht.»Tja, ich werde mich wohl damit anfreunden müssen. Mit dem Mangel an Sonnenlicht. Wenn sie mich einsperren.«

«Dazu wird's nicht kommen.«

«Ich habe es nicht getan. «China hob den Kopf und sah Deborah direkt in die Augen.»Ich habe diesen Mann nicht getötet, Deborah.«

In Deborah krampfte sich alles zusammen bei dem Gedanken, China könnte glauben, sie — Deborah — müsse von dieser Tatsache erst noch überzeugt werden.»Mein Gott, natürlich nicht. Ich bin nicht hergekommen, um mir >persönlich ein Bild zu machen<. Und Simon auch nicht.«

«Aber sie haben Indizien gegen mich«, sagte China.»Haare von mir. Meine Schuhe. Fußabdrücke. Ich komme mir vor wie in so einem Traum, wo man zu schreien versucht und keiner einen hört, weil man gar nicht schreien kann, weil man ja in einem Traum ist. Es ist ein Teufelskreis, verstehst du?«

«Ich wollte, ich könnte dich da rausholen.«

«Sie waren auf seinen Kleidern«, sagte China.»Die Haare. Meine Haare. Sie waren auf seinen Kleidern, als man ihn gefunden hat. Und ich habe keine Ahnung, wie sie dahin gekommen sind. Ich habe versucht, mich zu erinnern, aber ich kann es nicht erklären. «Sie wies zu dem gelben Block.»Ich habe jeden Tag rekapituliert, so gut ich konnte. Hat er mich mal in den Arm genommen? Aber warum hätte er das tun sollen, und wenn ja, wieso erinnere ich mich nicht daran?

Der Anwalt möchte, dass ich behaupte, zwischen uns wäre was gewesen. Kein Sex, sagt er, so weit solle ich nicht gehen. Aber Nachstellungen von seiner Seite. Die Hoffnung auf Sex. Gewisse Dinge zwischen uns, die zum Sex geführt haben könnten. Berührungen und dergleichen. Aber da war nichts, und ich kann nicht das Gegenteil behaupten. Ich meine, zu lügen würde mir nichts ausmachen. Du kannst mir glauben, ich würde lügen wie gedruckt, wenn mir das helfen könnte. Aber wer, zum Teufel, würde meine Behauptungen bestätigen? Er hat mich nie angerührt. Okay, er hat mir vielleicht mal die Hand auf den Arm gelegt oder so was, aber das war auch schon alles. Wenn ich jetzt aussage, dass meine Haare an seinen Sachen waren, weil er — was? Mich umarmt oder geküsst hat? dann steht meine Aussage gegen die sämtlicher Zeugen, die sagen werden, dass er mich nicht mal angeschaut hat. Wir könnten kontern, indem wir Cherokee aussagen lassen, aber nie im Leben würde ich von meinem Bruder verlangen, dass er für mich lügt.«

«Er will dir unbedingt helfen.«

China antwortete mit einem Kopfschütteln, das resigniert wirkte.»Er hat praktisch sein Leben lang immer irgendeinen Schwindel am Laufen gehabt. Erinnerst du dich an seine Geschäfte auf dem Rummelplatz? Diese pseudo-indianischen Kunstgegenstände, die er jede Woche den Leuten aufgeschwatzt hat? Pfeilspitzen, Keramikscherben, Werkzeuge — was ihm eingefallen ist. Sogar ich habe ihm fast geglaubt, sie wären echt.«

«Du willst doch nicht sagen, dass Cherokee.?«

«Nein, nein. Ich meine nur, ich hätte mir die Sache mit dieser Reise zweimal überlegen müssen — besser noch, zehnmal. Er findet immer alles total easy, ganz ohne Haken, zu schön, um wahr zu sein, aber trotzdem wahr. Mir hätte klar sein müssen, dass es bei dieser Geschichte um mehr geht, als ein paar harmlose Baupläne über den Ozean zu transportieren. Ich meine nicht, dass Cherokee was im Schilde führte. Ich meine, dass jemand anderer was ausgeheckt hatte.«

«Dich als Sündenbock zu benutzen«, sagte Deborah.

«Das ist die einzige Erklärung, die mir einfällt.«

«Das würde heißen, dass alles, was geschehen ist, geplant war. Sogar dass man einen Amerikaner hier herüberlotst, um ihm den schwarzen Peter zuzuschieben.«

«Zwei Amerikaner«, verbesserte China.»Zur Sicherheit: Wenn der eine als Verdächtiger nicht überzeugend sein sollte, ist immer noch der andere da. Und wir beide sind prompt in die Falle reingestolpert. Zwei doofe Kalifornier, die noch nie in Europa waren — es ist klar, dass diese Leute genau so jemanden gesucht haben. Zwei naive Trottel, die keine Ahnung haben würden, was sie tun sollten, wenn sie hier Probleme bekämen. Und der Abschuss ist, dass ich gar nicht mitkommen wollte. Ich wusste gleich, dass die Sache stinkt. Aber ich hab's mein Leben lang nicht fertig gebracht, meinem Bruder eine Bitte abzuschlagen.«

«Er ist todunglücklich, dass alles so gekommen ist.«

«Er ist immer todunglücklich«, erwiderte China.»Dann fühle ich mich schuldig. Du musst ihm eine Chance geben, sage ich mir. Du weißt, er würde das Gleiche für dich tun.«

«Er dachte wohl, er würde dir mit der Reise was Gutes tun. Wegen Matt. Damit du ein bisschen Abstand bekommst. Er hat es mir übrigens erzählt. Das mit euch beiden. Von der Trennung. Das tut mir wirklich Leid. Ich hatte Matt immer gern.«

China drehte ihren Becher in der Hand. Sie starrte ihn so intensiv und so lange an, dass Deborah schon glaubte, sie wolle mit ihr nicht über ihre langjährige Beziehung zu Matt Whitecomb sprechen. Aber gerade als Deborah das Thema wechseln wollte, begann China zu erzählen.

«Am Anfang war es hart. Man wartet keine dreizehn Jahre darauf, dass ein Mann sich für einen entscheidet. Das ist viel zu lang. Ich glaube, irgendwie hab ich immer gewusst, dass es mit uns nichts werden würde. Aber ich hab eben so lang gebraucht, um den Mut zu finden, Schluss zu machen. Ich hatte Angst vor dem Alleinsein. Was mache ich ganz allein an Silvester? Wer schickt mir am Valentinstag Blumen? Wie verbringe ich den vierten Juli? Man muss sich mal vorstellen, wie viele Beziehungen wahrscheinlich nur aufrechterhalten werden, damit die Leute die Feiertage nicht allein verbringen müssen. «China schob den Teller mit ihrem Stück Guernsey Gache mit einem kleinen Schauder von sich weg.»Ich kann das nicht essen. Tut mir Leid. «Dann sagte sie:»Tja, jetzt muss ich mich um Wichtigeres sorgen als Matt Whitecomb. Warum ich jahrelang versucht habe, aus einer tollen sexuellen Beziehung eine Ehe samt Häuschen mit Garten und niedlicher Kinderschar rauszukitzeln, darüber kann ich nachdenken, wenn ich alt bin. Jetzt muss ich erst mal — Es ist schon komisch, wie das manchmal läuft. Wenn ich nicht hier säße und Angst haben müsste, ins Gefängnis zu wandern, würde ich jetzt vielleicht darüber grübeln, warum ich so lange gebraucht habe, um zu erkennen, wie Matt wirklich ist.«

«Wie denn?«

«Er ist ein riesiger Feigling. Ich hatte es dauernd vor der Nase, aber ich wollte es nicht sehen. Nur ein Ton davon, dass vielleicht was Dauerhafteres als immer nur Wochenenden und Kurzurlaube ganz schön wäre, und schon war er weg. Eine unerwartete Geschäftsreise. Ein Haufen Arbeit zu Hause. Bedenkzeit. Wir haben uns in den dreizehn Jahren so oft getrennt, dass die Beziehung anfing, so was wie ein wiederkehrender Albtraum zu werden. In dieser Beziehung ging's allmählich nur noch um die Beziehung, verstehst du? Stundenlang wurde darüber geredet, warum wir Schwierigkeiten haben, warum ich das eine will und er das andere, warum er abhaut und ich klammere, warum er das Gefühl hat, zu ersticken, und ich mir verlassen vorkomme. Wieso, zum Teufel, haben Männer solche Angst davor, sich einzulassen?«China ergriff ihren Löffel und rührte ihren Tee um. Sie sah Deborah an.»Du bist wahrscheinlich nicht die Richtige für diese Frage. Du hast ja in dieser Hinsicht nie Probleme gehabt.«

Deborah kam nicht dazu, ihr die Tatsachen ins Gedächtnis zu rufen, dass sie während ihres dreijährigen Aufenthalts in Amerika von Simon völlig getrennt gewesen war. Ein Klopfen an der Wohnungstür hinderte sie daran. Mit einem Matchsack über der Schulter kam Cherokee herein.

Er stellte den Sack ab und sagte:»Ich bin raus aus dem Hotel, Chine. Ich lass dich doch hier nicht allein.«»Es ist aber nur ein Bett da.«

«Dann schlaf ich auf dem Boden. Du brauchst Familie um dich, und die bin ich.«

Keine Widerrede, sagte sein Ton.

China seufzte. Sie sah nicht erfreut aus.

Die Kanzlei von China Rivers Anwalt befand sich in der New Street, nicht weit vom Royal Court House, dem Justizgebäude, entfernt. Chief Inspector Le Gallez hatte den Anwalt angerufen, um ihm den Besuch von St. James anzukündigen, und dieser musste keine fünf Minuten warten, als ihn die Sekretärin in das Büro ihres Chefs führte.

Roger Holberry wies einladend zu einem der drei Sessel, die sich um einen kleinen Tisch gruppierten, und nachdem die beiden Männer sich gesetzt hatten, teilte St. James dem Anwalt die Fakten mit, die er von Le Gallez erhalten hatte. Er wusste, dass Holberry bereits im Besitz dieser Fakten war, doch um festzustellen, ob Le Gallez ihm vielleicht dies oder jenes unterschlagen hatte, mussten sie ihre Informationen vergleichen. Nur so ließen sich eventuelle Lücken finden und schließen.

Holberry schien nichts gegen eine Zusammenarbeit einzuwenden zu haben. Le Gallez, sagte er, habe ihn bei seinem Anruf über St. James informiert. Der Chief Inspector war nicht glücklich darüber, dass die Verteidigung offenbar Verstärkung bekommen hatte, aber er war ein ehrlicher Mensch und hatte nicht die Absicht, sie bei ihren Bemühungen, China Rivers Unschuld zu beweisen, zu behindern.»Er hat keinen Zweifel daran gelassen, dass Sie seiner Ansicht nach nicht viel werden ausrichten können«, sagte Holberry.»Er ist davon überzeugt, dass seine Beweiskette lückenlos ist.«

«Was für Befunde bezüglich der Leiche haben Sie von der Gerichtsmedizin?«

«Bisher nur das, was die äußere Untersuchung ergeben hat. Unter anderem Ablagerungen unter den Fingernägeln.«

«Keine toxikologischen Befunde? Gewebeanalyse? Organuntersuchungen?«

«Dafür ist es noch zu früh. Die Proben müssen alle nach Großbritannien geschickt werden, und da landen sie erst mal in der Warteschleife. Wie der Tod herbeigeführt wurde, steht allerdings eindeutig fest. Das hat Le Gallez Ihnen sicher gesagt.«

«Ja, durch den Stein. «St. James berichtete dem Anwalt, dass er Le Gallez darauf hingewiesen hatte, wie unwahrscheinlich die Vermutung war, eine Frau könnte einem erwachsenen Mann einen Stein so tief in die Kehle stoßen, dass er daran erstickte.»Und wenn keine Spuren eines Handgemenges festgestellt wurden. Was haben denn die Ablagerungen unter den Fingernägeln ergeben?«

«Nichts, außer ein paar Sandkörnchen.«

«Und am Körper des Toten, was hat man da gefunden? Blutergüsse, Hautabschürfungen oder sonst etwas in dieser Richtung?«

«Wieder nichts«, antwortete Holberry.»Le Gallez weiß, dass er praktisch nichts in der Hand hat. Er verlässt sich vollkommen auf seine Zeugin. Brouards Schwester hat etwas gesehen. Was, das weiß der Himmel. Le Gallez hat es uns bisher nicht verraten.«

«Könnte sie selbst es getan haben?«

«Möglich. Aber unwahrscheinlich. Die Leute, die die beiden kennen, sagen übereinstimmend, dass sie sehr an ihrem Bruder gehangen hat. Sie haben fast ihr ganzes Leben lang zusammengelebt. Sie hat sogar für ihn gearbeitet, als er sein Unternehmen aufbaute.«

«Was ist das für ein Unternehmen?«

«Chateaux Brouard«, sagte Holberry.»Sie haben einen Haufen Geld gemacht und sich in Guernsey niedergelassen, als er sich vom Geschäft zurückzog.«

Chateaux Brouard. St. James hatte von dem Konzern gehört: eine Kette kleiner, exklusiver Hotels, ehemalige Landhäuser, mit Niederlassungen im gesamten Vereinigten Königreich. Nichts Spektakuläres, Häuser, die geschichtliche Tradition, Antiquitäten, erlesenes Essen und Ruhe boten; das Richtige für Leute, die Ungestörtheit und Anonymität suchten, Schauspieler, die sich dem Medienrummel einmal ein paar Tage lang entziehen wollten, und Politiker mit heimlichen Affären. Das Unternehmen Chateaux Brouard hielt sich streng an den Grundsatz, dass Diskretion die Mutter des geschäftlichen Erfolgs ist.

«Sie sagten, sie wolle vielleicht jemanden schützen«, bemerkte St. James.»Wer könnte das sein?«

«Als Erster fällt mir da der Sohn ein, Adrian. «Holberry erklärte, dass auch Guy Brouards siebenunddreißigj ähriger Sohn Adrian in der Nacht vor dem Mord Gast im Haus seines Vaters gewesen war. Weiter, meinte er, wäre das Ehepaar Duffy zu nennen, Valerie und Kevin, die seit dem Tag, an dem Brouard sich auf dem Besitz niedergelassen hatte, praktisch zum Inventar von Le Reposoir gehörten.

«Ruth Brouard könnte für jeden dieser Leute lügen«, sagte Holberry. Sie sei bekannt für ihre Loyalität zu den Menschen, die ihr nahe standen. Und zumindest von den Duffys sei umgekehrt die gleiche Loyalität zu erwarten.»Ruth und Guy Brouard waren beliebt. Er hat hier auf der Insel viel Gutes getan und nie mit seinem Geld gegeizt. Und sie ist seit Jahren bei den Samaritern aktiv.«

«Menschen also, die allem Anschein nach keine Feinde hatten«, bemerkte St. James.

«Tödlich für die Verteidigung«, sagte Holberry.»Aber an dieser Front ist noch nicht alles verloren.«

Beim zufriedenen Ton seiner Stimme horchte St. James auf.»Sie haben etwas entdeckt.«

«Mehrere Dinge, ja«, bestätigte Holberry.»Sie können sich als bedeutungslos erweisen, aber man muss ihnen nachgehen, denn die Polizei hat sich von Anfang an für niemand anderen als die Geschwister River ernsthaft interessiert.«

Er berichtete von einer engen Beziehung zwischen Guy Brouard und einem sechzehnjährigen Jungen, Paul Fielder, der in einem Viertel namens Le Bouet am falschen Ende der Stadt lebte. Brouard hatte sich im Rahmen eines städtischen Programms zur Förderung benachteiligter Jugendlicher durch erwachsene Gemeindemitglieder mit Paul Fielder angefreundet, der ihm als Schützling zugeteilt worden war. Er hatte Paul praktisch adoptiert, wovon die Eltern des Jungen vermutlich nicht unbedingt begeistert gewesen waren, ebenso wenig wie wahrscheinlich Brouards leiblicher Sohn. Da konnte es leicht zu

Ausbrüchen negativer Gefühle gekommen sein, vor allem von Eifersucht, und wozu Eifersucht manchen führen konnte, das wusste man ja-

Weiter sei da dieses Fest gewesen, das Guy Brouard am Vorabend seines Todes veranstaltet hatte, fuhr Holberry fort. Alle Welt hatte seit Wochen gewusst, dass es stattfinden würde. Jemand, der Brouard nach dem Leben trachtete und ihn möglichst in einem schwachen Moment überrumpeln wollte — wie zum Beispiel nach einer durchfeierten Nacht — , konnte also im Voraus genau geplant haben, wie der Mord sich am besten bewerkstelligen und einer anderen Person in die Schuhe schieben ließ. Wie schwierig wäre es denn gewesen, heimlich nach oben zu laufen, während die Party in vollem Gang war, und falsche Spuren zu legen, vielleicht sogar mit China Rivers Schuhen zur Bucht hinunterzulaufen und ein oder zwei Abdrücke zu hinterlassen, die die Polizei später finden würde? Ja, dieses Fest und der Mord hatten miteinander zu tun, erklärte Holberry mit Entschiedenheit, und das in mehr als einer Hinsicht.

«Auch diese Geschichte mit dem Museumsarchitekten muss unter die Lupe genommen werden«, fuhr er fort.»Was da passiert ist, kam völlig unerwartet und war nicht sauber, so etwas kann nur provozieren.«

«War denn der Architekt an dem Abend da?«, fragte St. James.»Ich dachte, er ist in Amerika.«

«Nicht der Architekt. Ich spreche von dem Architekten, der ursprünglich vorgesehen war, ein Mann namens Bertrand Debiere. Er ist von hier und war genau wie alle anderen davon überzeugt, dass er mit seinem Entwurf den Auftrag für Brouards Museumsbau erhalten würde. Warum auch nicht! Brouard hatte ein Modell des Gebäudes und zeigte es seit Wochen jedem, der sich dafür interessierte. Es war Debiers eigene Arbeit. Als Brouard dann auf dem Fest den Namen des Architekten bekannt gab, für den er sich entschieden hatte. «Holberry zuckte mit den Schultern.»Man kann es Debiere nicht verübeln, dass er glaubte, er wäre der Auserwählte.«

«Rache?«

«Wer kann das sagen? Man sollte meinen, dass die Polizei ihn sich etwas genauer angesehen hätte, aber er ist ein Einheimischer. Also werden sie ihn wahrscheinlich ungeschoren lassen.«

«Weil Amerikaner von Natur aus eher zu Gewalt neigen?«, erkundigte sich St. James.»Schulmassaker, Todesstrafe, jedem seine Waffe und so weiter?«

«Das ist es weniger. Es ist die Art des Verbrechens. «Holberry blickte hoch, als leise quietschend die Tür aufging. Diskret, aber offenkundig entschlossen, für heute Schluss zu machen, trat seine Sekretärin ein, in der einen Hand einen Stapel Briefe, in der anderen einen Kugelschreiber. Sie hatte schon ihren Mantel an und trug die Handtasche am Arm. Holberry nahm ihr die Schriftstücke ab und unterzeichnete eines nach dem anderen, während er weitersprach.»Hier auf der Insel hat es seit Jahren keinen kaltblütigen Mord mehr gegeben. Der Letzte liegt so weit zurück, dass man sich selbst bei der Polizei nicht mehr daran erinnern kann, und das will was heißen. Es hat natürlich Verbrechen aus Leidenschaft gegeben, auch tödliche Unglücksfälle und Selbstmorde. Aber vorsätzlichen Mord? Seit Jahrzehnten nicht.«

Er unterschrieb das letzte Schriftstück, reichte der Sekretärin die Briefe zurück und wünschte ihr gute Nacht. Als sie gegangen war, stand er auf, trat zu seinem Schreibtisch und begann, die Papiere darauf zu ordnen. Einige verstaute er in einem Aktenkoffer, der auf dem Stuhl stand, und sagte dabei:»In Anbetracht dieser Lage der Dinge ist die Polizei leider geneigt, zu glauben, dass ein Einheimischer niemals imstande wäre, ein derartiges Verbrechen zu begehen.«

«Vermuten Sie denn, dass es neben dem Architekten noch andere Kandidaten gibt?«, fragte St. James.»Einheimische, meine ich, die Grund gehabt haben könnten, Guy Brouard den Tod zu wünschen?«

Holberry legte die Papiere aus der Hand, während er sich die Frage durch den Kopf gehen ließ. Draußen wurde eine Tür geöffnet und geschlossen, die Sekretärin auf dem Heimweg.»Meiner Meinung nach«, sagte Holberry,»hat man sich nicht einmal oberflächlich damit befasst, was für eine Position Guy Brouard hier innehatte. Er war der Weihnachtsmann: Hier ein gutes Werk, dort eine Stiftung, ein

Anbau für das Krankenhaus, und was brauchen Sie sonst noch? Wenden Sie sich einfach an Mr. Brouard. Er war der Mäzen von einem halben Dutzend Künstlern — Maler, Bildhauer, Glasbildner, Kunstschlosser — , und er bezahlte mehr als einem Jugendlichen das Studium in England. Manche sahen es als Dank an die Gemeinde, die ihn aufgenommen hatte. Aber es würde mich nicht wundern, zu hören, dass andere es anders nennen.«

«Sie meinen, wer Geld nimmt, der muss sich revanchieren?«

«So in der Richtung, ja. «Holberry klappte seinen Aktenkoffer zu.»Wer Geld gibt, erwartet im Allgemeinen eine Gegenleistung, ist es nicht so? Wenn wir den Pfaden von Brouards Geld auf der Insel folgen, werden wir, denke ich, früher oder später dahinter kommen, was als Gegenleistung erwartet wurde.«

8

Gleich früh am Morgen sorgte Frank Ouseley dafür, dass eine der Bauersfrauen aus der Rue des Rocquettes ins Tal herunterkommen und nach seinem Vater sehen würde. Er hatte nicht vor, länger als drei Stunden von zu Hause wegzubleiben, aber er war eben nicht ganz sicher, wie lange die Trauerfeier, die Bestattung und der nachfolgende Empfang dauern würden, und sich einen Teil der Zeremonie zu sparen, war undenkbar. Er wollte seinen Vater auf keinen Fall längere Zeit allein lassen, deshalb telefonierte er herum, bis er eine mitleidige Seele fand, die versprach, ein- oder zweimal mit dem Fahrrad herunterzukommen.»Mit einer süßen Überraschung für Ihren Dad. Er isst doch gern mal was Süßes, nicht?«

Das sei nicht nötig, hatte Frank versichert. Aber wenn sie seinem Vater unbedingt eine Freude machen wolle — er möge am liebsten etwas mit Äpfeln.

Fuji, Braeburn, Pippin? fragte die Frau.

Das mache wirklich keinen Unterschied. Tatsache war, dass sie ihm einen gebackenen Klumpen Sägemehl als Apfelstrudel hätte unterjubeln können. Sein Vater hatte zu seiner Zeit weit Schlimmeres gegessen und überlebt, um es seither zum allgemeinen Gesprächsthema zu machen. Frank hatte den Eindruck, dass sein Vater mit dem nahenden Lebensende immer häufiger von der fernen Vergangenheit sprach. Vor einigen Jahren, als das angefangen hatte, war es Frank ganz recht gewesen, denn bis dahin hatte sich Graham Ouseley, trotz seines ausgeprägten Interesses am Zweiten Weltkrieg im Allgemeinen und der Besatzung Guernseys im Besonderen, mit Berichten über eigene Leiden und Verdienste in dieser schrecklichen Zeit auf bewundernswerte Weise zurückgehalten. Franks diesbezügliche Fragen hatte er stets mit den Worten:»Es ging nicht um mich, mein Junge, es ging um uns alle «abgewehrt, und Frank hatte es schätzen gelernt, dass sein Vater es nicht nötig hatte, sich mit Erzählungen aufzuplustern, in denen er die Hauptrolle spielte. Aber als ahnte er, dass der Tod näher rückte, und als wollte er seinem einzigen Sohn ein Vermächtnis der Erinnerung hinterlassen, hatte Graham begonnen, ins Detail zu gehen. Und als dieser Prozess einmal ins Rollen gekommen war, schienen die Kriegserinnerungen kein Ende nehmen zu wollen.

An diesem Morgen hatte Graham einen Monolog über den Peilwagen losgelassen, den die Nazis benutzt hatten, um die letzten Kurzwellensender zu orten, mit denen die Inselbewohner sich Informationen von den so genannten Feinden holten, vor allem von den Franzosen und Engländern.»Der Letzte, den sie erwischt haben, ist in Fort George erschossen worden«, berichtete Graham.»So ein armes Schwein aus Luxemburg. Es heißt, dass sie ihn mit dem Peilwagen erwischt haben, aber wenn du mich fragst, ist er hingehängt worden. Denunzianten hat's genug gegeben, Schweine, die sich an die Deutschen verkauft haben, und Spitzel. Kollaborateure, Frank, die andere, ohne mit der Wimper zu zucken, ans Messer geliefert haben. In der Hölle sollen sie braten.«

Danach ließ er sich über die» V«- die Victory-Kampagne — aus und erzählte von den vielen, vielen Orten auf der Insel, wo auf gar nicht so geheimnisvolle Weise sich plötzlich der zweiundzwanzigste Buchstabe des Alphabets zeigte: in Kreide, in Malerfarbe, in noch feuchtem Zement und immer zur ohnmächtigen Wut der Nazis.

Und zum Schluss kam G.I.F.T. - Guernsey Independent From Terror — an die Reihe, Graham Ouseleys persönlicher Beitrag zum Widerstand. Das Jahr, das er im Gefängnis verbrachte, hatte er der Veröffentlichung dieses Nachrichtenblatts zu verdanken. Neunundzwanzig Monate lang schafften er und zwei Gleichgesinnte es, das Blatt zu verbreiten, ehe die Gestapo bei ihm an die Tür klopfte.»Ich bin angezeigt worden«, sagte Graham zu seinem Sohn.»Genau wie diese Amateurfunker. Vergiss eines nie: Wenn's hart auf hart geht, geben die Feiglinge klein bei. Es ist immer das Gleiche. Die Leute werden zu Verrätern, wenn sie was für sich rausschlagen können. Aber wir werden dafür sorgen, dass sie am Ende büßen. Es kann lang dauern, aber sie werden bezahlen.«

Als Frank ging, sprach sein Vater, der es sich mittlerweile vor dem Fernsehapparat bequem gemacht hatte, um seine erste Soap des Tages nicht zu verpassen, immer noch über dieses Thema. Frank erklärte ihm, dass Mrs. Petit in der nächsten Stunde nach ihm sehen würde, weil er selbst in einer dringenden geschäftlichen Angelegenheit nach St. Peter Port müsse. Von der Beerdigung sagte er nichts, weil er Guy Brouards Tod noch immer nicht erwähnt hatte.

Zum Glück fragte sein Vater nicht, was das denn für eine geschäftliche Angelegenheit sei. Ein Crescendo dramatischer Musik aus dem Fernsehapparat verlangte seine Aufmerksamkeit, und sofort war er gefesselt von der Szene auf dem Bildschirm, in der zwei Frauen, ein Mann, eine Art Terrier und eine intrigante Schwiegermutter vorkamen. Frank nutzte die Gelegenheit und ging.

Es gab auf der Insel keine Synagoge für die kleine, hier ansässige jüdische Gemeinde, deshalb hatte man für die Trauerfeier zu Ehren Guy Brouards, obwohl er keiner christlichen Konfession angehört hatte, die Town Church, nicht weit vom Hafen von St. Peter Port, gewählt. Die Martinskirche, zu deren Gemeinde Le Reposoir eigentlich gehörte, hielt man für zu klein, um den vielen Trauernden, die in Anbetracht der Bedeutung des Toten und seiner großen Beliebtheit auf der Insel erwartet wurden, Platz zu bieten. Nahezu zehn Jahre hatte er hier gelebt und war den Einheimischen so ans Herz gewach- sen, dass nicht weniger als sieben Geistliche die Trauerfeierlichkeiten für ihn zelebrierten.

Frank schaffte es in letzter Minute, ein wahres Wunder in Anbetracht der Parksituation in der Stadt. Aber die Polizei hatte beide Parkplätze am Albert-Pier für die Trauergäste reserviert, und wenn auch Frank nur am hintersten Ende eine Lücke fand, gelang es ihm dank flotter Gangart gerade noch, vor dem Sarg und der Familie in die Kirche hineinzuhuschen.

Adrian Brouard hatte sich zum Ersten Leidtragenden ernannt, sein gutes Recht, denn er war ja Guy Brouards ältester Nachkomme und einziger Sohn. Aber natürlich wusste jeder, der mit Guy Brouard befreundet gewesen war, dass es zwischen Vater und Sohn seit drei Monaten keinerlei Kommunikation mehr gegeben hatte; und was vor dieser Kälteperiode an Kommunikation stattgefunden hatte, war vor allem durch Machtkämpfe gekennzeichnet gewesen. Wahrscheinlich, vermutete Frank, hatte die Mutter Adrians bei dessen Aufstellung unmittelbar hinter dem Sarg kräftig die Hand im Spiel gehabt. Und um dafür sorgen zu können, dass er blieb, wo er war, hatte sie sich direkt hinter ihm platziert.

Die arme Ruth kam erst an dritter Stelle, gefolgt von Anai's Abbott mit ihren zwei Kindern, die es irgendwie geschafft hatte, sich zu dieser Gelegenheit in die Familie hineinzudrängen. Ruth selbst hatte wahrscheinlich einzig die Duffys gebeten, sie auf diesem schweren Gang zu begleiten, aber Valerie und Kevin waren noch hinter die Abbotts verbannt worden und vermochten es nicht, ihr von dieser Stelle aus Trost zu spenden. Frank hoffte, ein wenig werde sie wenigstens die große Zahl von Trauergästen trösten, die gekommen waren, um ihrer Zuneigung zu ihr und ihrem Bruder — Freund und Wohltäter so vieler Menschen — Ausdruck zu verleihen.

Frank selbst hatte den längsten Teil seines Lebens die Freundschaft mit anderen gemieden. Was er brauchte, war durch die Beziehung zu seinem Vater abgedeckt worden. Von dem Tag an, als seine Mutter im Stausee ertrunken war, hatten er und sein Vater fest zusammengehalten. Frank, der nicht nur Zeuge der verzweifelten Bemühungen seines Vaters geworden war, die Mutter zu retten und wieder zum

Leben zu erwecken, sondern auch der schrecklichen Vorwürfe, mit denen dieser sich quälte, weil er meinte, nicht schnell und kompetent genug gehandelt zu haben, hatte sich seinem Vater seither untrennbar verbunden gefühlt. Frank, das Kind, fand, der Vater habe mit seinen vierzig Jahren allzu viel Schmerz und Kummer erlebt, und beschloss, beidem in Zukunft ein Ende zu bereiten. Er hatte dieser Aufgabe einen großen Teil seines Lebens gewidmet, und als er eines Tages Guy Brouard begegnet war, winkte die Aussicht auf eine Männerfreundschaft so verlockend wie der Apfel im Garten Eden. Wie ein Verhungernder hatte er in diesen Apfel hineingebissen, ohne daran zu denken, dass schon ein einziger Biss zur ewigen Verdammnis gereicht hatte.

Die Trauerfeier schien kein Ende zu nehmen. Neben Adrian Brouard, der die Trauerrede stockend von einem dreiseitigen, mit Maschine geschriebenen Konzept ablas, musste auch noch jeder der anwesenden Geistlichen seinen eigenen Vers aufsagen. Die Gemeinde sang die angemessenen Hymnen, und eine Sängerin, die irgendwo in den Höhen der Kirche verborgen war, erhob die Stimme zum getragenen Lebwohl.

Damit war der erste Teil abgeschlossen. Als Nächstes standen die Bestattung und der Empfang auf dem Plan, beide sollten in Le Repo- soir stattfinden.

Die Wagenkolonne, die zum Herrenhaus aufbrach, war von beeindruckender Länge. Sie zog sich vom Albert-Pier bis weit über die Victoria Marina hinaus den Quay entlang. Im Schritttempo bewegte sie sich unter den mächtigen, winterlich kahlen Bäumen am Fuß des steilen Hangs das Val des Terres hinauf. Weiter folgte sie der Straße stadtauswärts, auf der Ostseite das reiche Viertel Fort George mit großen modernen Villen, geschützt hinter hohen Hecken und Toren, und westlich die bescheideneren Wohngebiete der gewöhnlichen Leute: Straßen und Alleen aus dem neunzehnten Jahrhundert, dicht bebaut mit Doppel- und Reihenhäusern im Stil ihrer Zeit, an denen die Jahre sichtlich nicht spurlos vorübergegangen waren.

Kurz bevor der Zug die Gemeindegrenze von St. Martin erreichte, wandte er sich nach Osten. Die Wagen fuhren unter Bäumen auf der schmalen Straße weiter, die in eine noch schmalere überging, auf der einen Seite von einer hohen Steinmauer, auf der anderen von einer Hecke begrenzt.

Weit geöffnet wartete das zweiflügelige Tor zu Guy Brouards Besitz. Der Leichenwagen bog ab, und die Trauergäste folgten. Frank parkte seinen Wagen an der Auffahrt und schlug wie alle anderen um ihn herum den Weg zum Herrenhaus ein.

Ein paar Schritte weiter bekam er Gesellschaft. Direkt neben ihm sagte jemand:»Das ändert alles«, und als er den Kopf hob, sah er Bertrand Debiere an seiner Seite.

Der Architekt sah schlecht aus. Ohnehin zu dünn für seine übermäßige Körpergröße, schien er seit dem Fest in Le Reposoir weiter an Gewicht verloren zu haben. Das Weiß seiner Augäpfel war kreuz und quer von feinen roten Äderchen durchzogen, und seine an sich schon hohen Wangenknochen stachen spitz hervor.

«Hallo, Nobby. «Frank nickte zum Gruß. Er gebrauchte den Spitznamen des Mannes ganz selbstverständlich. Er war an der höheren Schule Debieres Geschichtslehrer gewesen, und es war nicht seine Art, große Umstände zu machen, wenn er einen ehemaligen Schüler traf.»Ich hab Sie beim Gottesdienst gar nicht gesehen.«

Wenn es Debiere störte, dass Frank ihn mit seinem Spitznamen angesprochen hatte, ließ er es sich nicht anmerken. Wahrscheinlich aber war es ihm gar nicht aufgefallen, weil alle seine Freunde ihn so nannten. Er sagte:»Oder sind Sie da anderer Meinung?«

«Wie bitte?«

«Dass sich jetzt alles geändert hat. Dass wir zum ursprünglichen Plan zurückkehren müssen. Zu meinem. Wir können nicht erwarten, dass Ruth die Dinge in die Hand nehmen wird. Sie hat von dieser Art von Architektur keine Ahnung, und ich kann mir nicht vorstellen, dass sie große Lust haben wird, sich damit zu beschäftigen.«

«Ach so«, sagte Frank.»Das Museum.«

«Es wird trotzdem gebaut. Das würde Guy so wollen. Aber die Pläne müssen geändert werden. Ich habe mit ihm darüber gesprochen — wissen Sie das vielleicht schon? Ich weiß, wie dick Sie mit Guy waren, da hat er Ihnen sicher erzählt, dass ich ihn mir vorgeknöpft habe.

Noch am selben Abend. Nach dem Feuerwerk. Ich hatte mir den Aufriss noch mal angeschaut, und da war deutlich zu erkennen — ich meine, für jeden, der was von Architektur versteht — , dass dieser Kerl aus Kalifornien was hingehauen hat, was vorn und hinten nicht stimmt. Wie nicht anders zu erwarten von jemandem, der sich das Gelände nie angesehen hat. Ganz schön eingebildet, wenn Sie mich fragen. Ich hätte mir das nie erlaubt, und das hab ich Guy auch gesagt. Ich weiß, dass ich ihn schon fast überzeugt hatte, Frank.«

Debieres Stimme war drängend. Frank warf ihm einen Blick zu, während sie dem Zug der Trauergäste folgten, der sich zum Westflügel des Hauses hin bewegte. Er sagte nichts, obwohl er Debiere ansah, dass dieser seine Zustimmung erwartete. Der feine Schweißfilm auf seiner Oberlippe verriet ihn.

«Diese vielen Fenster, Frank«, fuhr Debiere fort.»Als gäbe es bei St. Saviour's einen tollen Blick oder so was, den wir mit einbeziehen müssen. Er hätte gewusst, dass von so was nicht die Rede sein kann, wenn er sich mal hierher bemüht hätte, um sich das Gelände anzuschauen. Und wenn man sich überlegt, wie viel man heizen muss bei diesen ganzen verdammten Riesenfenstern. Es wird ein Vermögen kosten, das Haus auch außerhalb der Saison geöffnet zu lassen, wenn das Wetter schlecht ist. Sie wollen es doch sicher das ganze Jahr durch offen halten, nicht wahr? Wenn es mehr für die Leute hier gedacht ist als für die Touristen, dann muss es auch zu Zeiten geöffnet sein, zu denen die Einheimischen kommen. Mitten im Sommer, wenn hier alles voll ist, tun sie das bestimmt nicht. Meinen Sie nicht auch?«

Frank wusste, dass er irgendetwas sagen musste. Schweigen wäre seltsam gewesen. Er sagte deshalb:»Geben Sie Acht, dass Sie das Pferd nicht vom Schwanz her aufzäumen, Nobby. Ich denke, man sollte vorläufig erst mal abwarten.«

«Aber Sie sind doch ein Verbündeter, oder?«, fragte Debiere.»F- frank, Sie s-sind doch auf m-meiner Seite?«

Das plötzliche Stottern verriet die hochgradige ängstliche Erregung. So war es schon in der Schule gewesen, wenn er aufgerufen und unvorbereitet ertappt wurde. Debiere hatte infolge seines Sprachfehlers immer verletzlicher gewirkt als seine Kameraden; er hatte etwas Rührendes an sich gehabt; dieses Handicap, das ihm nicht erlaubte, seine Gefühle zu verbergen, wie andere das taten, verdammte ihn auch zur Aufrichtigkeit um jeden Preis.

Frank sagte:»Es geht hier nicht um Verbündete und Gegner, Nobby. Diese ganze Geschichte hier«- er machte eine Kopfbewegung zum Haus, die sich auf all das bezog, was dort vorgegangen war, die Entscheidungen, die gefällt, und die Träume, die zerstört worden waren — »geht mich nichts an. Ich hatte gar nicht die Möglichkeiten, um da mitzureden. Jedenfalls nicht in der Weise, wie Sie sich das vielleicht vorstellen.«

«A-aber er hatte sich für m-mich entschieden, Frank, das wissen S- sie doch auch. Für meinen Entwurf. M-meinen Plan. Und ich — ich — F-frank, ich br-brauche diesen A-A-A-Auftrag. «Er spie das letzte Wort aus. Sein Gesicht war schweißnass vor Anstrengung. Er war lauter geworden, und mehrere Leute auf dem Weg zur Begräbnisstätte sahen neugierig zu ihnen herüber.

Frank trat aus der Prozession heraus und zog Debiere mit sich. Der Sarg wurde, seitlich am Wintergarten vorbei, in Richtung des Skulpturengartens nordwestlich am Haus vorbeigetragen. Wie passend, dachte Frank, als er das sah — Guy im Tod von den Künstlern umgeben, die er im Leben so großzügig unterstützt hatte.

Er zog Debiere an der Front des Wintergartens entlang, bis sie außer Sicht der Trauergäste waren.»Es ist zu früh, um in dieser Sache irgendetwas zu sagen, Nobby. Wenn in seinem Testament keine entsprechende Verfügung — «

«In seinem Testament ist kein Architekt genannt«, fiel Debiere ihm ins Wort.»Darauf können Sie sich verlassen. «Er tupfte sich das Gesicht mit einem Taschentuch ab und schien in dieser kleinen Verschnaufpause auch die Kontrolle über seine Zunge wiederzugewinnen.»Wenn er genug Zeit zur Überlegung gehabt hätte, wäre Guy zu den ursprünglichen Plänen zurückgekehrt, Frank, glauben Sie mir. Sie wissen doch, wie loyal er der Insel gegenüber war. Die Vorstellung, dass er einen Architekten wählen würde, der nicht aus Guernsey kommt, ist absurd. Das hätte er früher oder später erkannt. Jetzt kommt es nur darauf an, dass wir uns zusammensetzen und überzeugende Gründe dafür finden, den Architekten zu wechseln. Und das dürfte ja wohl nicht schwierig sein. Wir brauchen uns nur die Pläne vorzunehmen, und ich kann Ihnen innerhalb von zehn Minuten alles aufzeigen, was an seinem Entwurf problematisch ist. Es geht nicht nur um die Fenster, Frank. Dieser Amerikaner hat ja nicht einmal eine Vorstellung davon, um was für eine Art Sammlung es sich handelt.«

«Aber Guy hatte sich entschieden«, widersprach Frank.»Es wäre eine Missachtung seines Andenkens, sich nicht an seine Entscheidung zu halten, Nobby. Nein, sagen Sie jetzt nichts. Hören Sie mir einen Moment zu. Ich verstehe, dass Sie enttäuscht sind. Ich weiß, Guys Wahl sagt Ihnen nicht zu. Aber die Entscheidung lag bei Guy, und wir müssen mit ihr leben.«

«Guy ist tot. «Debiere unterstrich jede Silbe mit einem Faustschlag in seine offene Hand.»Ganz gleich, welche Architektur für den Bau er gewählt hat, wir können jetzt das Museum so erbauen, wie wir es für richtig halten. Und wie es am zweckmäßigsten ist. Das ist Ihr Projekt, Frank. War es von Anfang an. Sie besitzen die Ausstellungsstücke. Guy wollte Ihnen lediglich ein Haus für sie geben.«

Er war seiner absonderlichen Erscheinung und Sprache zum Trotz sehr überzeugend. Unter anderen Umständen hätte Frank sich vielleicht zu seiner Auffassung bekehren lassen. Doch in der gegebenen Situation musste er fest bleiben. Sonst würde es einen Skandal geben.

«Ich kann Ihnen nicht helfen, Nobby«, sagte er.»Es tut mir Leid.«

«Aber Sie könnten mit Ruth reden. Auf Sie hört sie.«

«Das kann sein, aber ich wüsste ehrlich gesagt nicht, was ich sagen sollte.«

«Ich würde Sie instruieren. Ich würde Ihnen vorher erläutern, was Sie sagen müssen.«

«Wenn Sie das so genau wissen, dann sprechen Sie selbst mit ihr.«

«Aber auf mich hört sie doch nicht. Jedenfalls lang nicht so wie auf Sie.«

Frank breitete die Hände aus.»Es tut mir Leid, Nobby. Wirklich. Was kann ich noch sagen?«

Nobby, dem das letzte Fell weggeschwommen war, sah niedergeschlagen aus.»Sie könnten sagen: Es tut mir leid, Nobby, ich werde etwas tun, um die Dinge zu ändern. Aber das ist Ihnen wahrscheinlich zu viel, Frank.«

Tatsächlich war es zu wenig, dachte Frank. Eben weil sich die Situation geändert hatte, standen sie da, wo sie in diesem Moment standen.

St. James bemerkte, wie die beiden Männer sich aus der Prozession zur Begräbnisstätte lösten. Er sah, wie intensiv sie miteinander sprachen, und nahm sich vor, herauszufinden, wer sie waren. Zunächst aber folgte er den übrigen Trauergästen auf ihrem Weg.

Deborah ging neben ihm. Ihre Schweigsamkeit den ganzen Morgen über sagte ihm, dass das Gespräch, das sie beim Frühstück geführt hatten, sie immer noch belastete. Es war eine jener sinnlosen Auseinandersetzungen gewesen, bei der nur einer der Streitenden versteht, worum es eigentlich geht. Und der war unglücklicherweise nicht er gewesen. Er hatte lediglich bei Deborah angefragt, ob sie es für vernünftig halte, sich zum Frühstück nur gegrillte Tomaten und Champignons zu bestellen, woraufhin sie mit einer Rekapitulation ihrer gesamten gemeinsamen Geschichte antwortete. Das zumindest hatte er am Ende gefolgert, nachdem Deborah ihm vorgeworfen hatte, sie ständig zu» gängeln, als wäre ich unfähig, auch nur einen eigenen Entschluss zu fassen. Ich habe genug davon. Ich bin ein erwachsener Mensch und wäre dir dankbar, wenn du endlich mal anfingst, mich entsprechend zu behandeln.«

Er hatte erstaunt die Augen aufgerissen, dann den Blick auf die Speisekarte gesenkt und sich gefragt, wie es von einem Gespräch über Proteine zu Anklagen wegen herzloser Bevormundung gekommen war.»Wovon redest du, Deborah?«, hatte er törichterweise gefragt, und diese Frage, die zeigte, dass er ihrer Logik nicht hatte folgen können, hatte direkt ins Desaster geführt.

Ein Desaster war es allerdings nur in seinen Augen gewesen. In ihren war es ganz eindeutig ein Moment gewesen, in dem endlich lang vermutete, aber unaussprechliche Wahrheiten über ihre Ehe zutage kamen. Er hatte gehofft, sie würde ihm die eine oder andere Wahrheit auf der Fahrt zur Trauerfeier und danach zur Beerdigung offenbaren, aber das hatte sie nicht getan. So vertraute er nun darauf, dass sich mit dem Verstreichen einiger Stunden die Dinge zwischen ihnen von selbst regeln würden.

«Das muss der Sohn sein«, murmelte ihm Deborah zu. Sie standen hinten in der Trauergemeinde an einem Hang, der sanft zu einer Mauer emporstieg. Innerhalb dieser Mauer und vom Rest des Geländes getrennt, war ein Garten. Wege schlängelten sich zwischen gepflegten Büschen und Blumenbeeten unter Bäumen hindurch, die, jetzt kahl, mit Bedacht so gepflanzt waren, dass sie steinernen Sitzbänken und kleinen Teichen Schatten spendeten. Überall waren moderne Skulpturen zu sehen: eine Granitfigur in zusammengekauerter Haltung; eine Elfe in Kupfer, von Grünspan überzogen, unter den Blättern einer Palme; drei Bronzemädchen mit Schleppen aus Seetang; eine marmorne Nymphe, die eben einem Teich entstieg. Eine erhöhte Terrasse mit einer einsamen Bank unter einer überwachsenen Pergola an ihrem hinteren Ende überblickte die Anlage. Auf dieser Terrasse, zu der fünf Stufen hinaufführten, war das Grab ausgehoben worden, vielleicht damit künftige Generationen, wenn sie den Garten betrachteten, gleichzeitig die letzte Ruhestätte des Mannes vor Augen hatten, der ihn geschaffen hatte.

St. James sah, dass der Sarg schon in die Grube hinuntergelassen worden war, die letzten Gebete waren gesprochen. Eine blonde Frau, die eine Sonnenbrille trug, als befände sie sich bei einer Beerdigung in Hollywood, trieb jetzt den Mann an ihrer Seite an, vorzutreten. Als sie mit Worten nichts erreichte, versetzte sie ihm einen kleinen Stoß in Richtung zum Grab. In dem Erdhaufen daneben wartete eine mit schwarzen Bändern geschmückte Schaufel.

St. James stimmte Deborah zu: Das musste der Sohn sein, Adrian Brouard, der Einzige, der, neben Ruth Brouard und den Geschwistern River, am Vorabend der Ermordung seines Vaters im Haus gewohnt hatte.

Brouard verzog gereizt den Mund. Er wehrte seine Mutter ab und näherte sich dem Erdhaufen. Vom ehrfürchtigen Schweigen der Menge begleitet, nahm er eine Schaufel voll Erde und kippte sie auf den Sarg hinunter. Der dumpfe Aufprall, als die Erde das Holz traf, klang wie das Echo einer zufallenden Tür.

Adrian Brouard folgte eine Frau, die etwas Vogelähnliches hatte und so schmächtig war, dass man sie von hinten leicht für einen pu- bertären Knaben hätte halten können. Sie reichte die Schaufel feierlich an Adrian Brouards Mutter weiter, der, nachdem sie ihre Pflicht getan hatte, die Schaufel von einer dritten Frau aus der Hand gerissen wurde, noch ehe sie diese wieder in den Erdhaufen stoßen konnte.

Rund um das Grab erhob sich Gemurmel, und St. James sah sich die Frau genauer an. Unter dem riesigen schwarzen Hut, den sie trug, war von ihrem Gesicht kaum etwas zu erkennen, aber es war immerhin zu sehen, dass sie eine tolle Figur hatte, die sie mit einem engen anthrazitgrauen Kostüm zusätzlich zur Geltung brachte. Nachdem auch sie ihr Häufchen Erde in die Grube geworfen hatte, übergab sie die Schaufel einem linkischen jungen Mädchen mit hängenden Schultern. Sie erwies dem Toten ihre Reverenz und wollte die Schaufel dann einem Jungen reichen, der etwa in ihrem Alter und seinem Aussehen nach vermutlich ihr Bruder war. Doch anstatt nun seinerseits dem Ritual Genüge zu tun, wandte sich der Junge plötzlich mit einer heftigen Bewegung ab und drängte sich zwischen den Trauergästen hindurch.

Neuerliches Gemurmel erhob sich.

«Was hat das denn zu bedeuten?«, fragte Deborah leise.

«Tja, das sollte man sich auf jeden Fall näher ansehen«, antwortete St. James. Er erkannte die Gelegenheit, die sich ihm durch das Verhalten des Jungen bot.»Meinst du, du kannst ihm mal auf den Zahn fühlen, Deborah? Oder möchtest du lieber zu China zurück?«

Er hatte Deborahs Freundin noch immer nicht kennen gelernt und war nicht sicher, ob er sie überhaupt kennen lernen wollte, wenn er auch den Grund für sein Widerstreben nicht zu fassen bekam. Aber er wusste, dass ein Zusammentreffen unvermeidlich war, und redete sich deshalb ein, er wolle ihr etwas Positives mitteilen können, wenn es so weit war. Bis dahin jedoch sollte Deborah jederzeit die Freiheit haben, ihre Freundin zu besuchen. Sie hatte das heute noch nicht getan, und die beiden Amerikaner fragten sich vermutlich, was ihre Londoner Freunde inzwischen erreicht hatten.

Cherokee hatte schon früh am Morgen angerufen, um zu hören, was St. James bei der Polizei erfahren hatte. Er hatte auf St. James' mageren Bericht in bemüht heiterem Ton geantwortet, ein Zeichen dafür, dass seine Schwester in der Nähe war. Am Ende des Gesprächs erklärte er, er habe vor, zu der Beerdigung zu gehen. Er beharrte auf seinem Entschluss, an der» action«, wie er es formulierte, teilzunehmen, und ließ sich erst davon abbringen, als St. James taktvoll darauf hinwies, dass seine Anwesenheit einen unnötigen Eklat auslösen könnte, der es dem wahren Mörder vielleicht gestatten würde, in der Menge unterzutauchen. Gut, dann werde er eben warten, was sie herausfänden, sagte er. Und China würde ebenfalls warten.

«Du kannst zu ihr fahren, wenn du möchtest«, sagte St. James jetzt zu seiner Frau.»Ich schaue mich hier noch ein bisschen um. Ich finde sicher jemanden, der mich später wieder mit in die Stadt zurücknimmt.«

«Ich bin nicht nach Guernsey gekommen, um herumzusitzen und Chinas Händchen zu halten«, erwiderte Deborah.

«Ich weiß. Deshalb — «

Sie ließ ihn nicht aussprechen.»Ich werde sehen, was ich aus ihm herausbekommen kann, Simon.«

St. James blickte ihr nach, als sie in Richtung des Jungen davonging. Er seufzte und fragte sich, warum die Kommunikation mit Frauen — besonders mit seiner Ehefrau — häufig dadurch ausgezeichnet war, dass man über die eine Sache sprach und dabei krampfhaft versuchte, den Subtext zu lesen, der sich auf eine ganz andere Sache bezog. Und er dachte darüber nach, wie seine Unfähigkeit, Frauen zu verstehen, sich auf seine Tätigkeit hier in Guernsey auswirken würde, da es ja immer mehr so aussah, als hätte Guy Brouard im Leben wie im Tod eine Menge mit Frauen zu tun gehabt.

Als Margaret Chamberlain gegen Ende des Empfangs den Fremden mit dem lahmen Bein auf Ruth zugehen sah, wusste sie, dass er nicht wegen der Trauerfeier da war. Er hatte ihrer Exschwägerin am Grab nicht kondoliert wie alle anderen, sondern hatte den nachfolgenden Empfang dazu genutzt, um auf eine Art, die etwas Taxierendes an sich hatte, gemächlich sämtliche geöffneten Räume zu durchwandern. Margaret hatte trotz des Hinkens und der Beinschiene zuerst vermutet, er wäre vielleicht ein Einbrecher, aber als er sich schließlich Ruth vorstellte — ihr sogar eine Karte überreichte — , begriff sie, dass er etwas ganz anderes war. Und seine Anwesenheit musste mit Guys Tod zu tun haben. Oder mit der Aufteilung seines Vermögens, über die man ihnen nun, sobald der letzte Trauergast gegangen war, endlich reinen Wein einschenken würde.

Ruth hatte nicht früher mit Guys Anwalt sprechen wollen. Es war, als wüsste sie, dass schlechte Nachrichten zu erwarten waren, die sie allen ersparen wollte. Allen oder einem, dachte Margaret. Die Frage war nur, wem.

Sollte sich herausstellen, dass Adrian derjenige war, den sie schonen wollte, dass Guy also tatsächlich seinen einzigen Sohn enterbt hatte, so würde sie — Margaret — dafür sorgen, dass es einen Riesenskandal gab. Sie würde ihre ehemalige Schwägerin vor Gericht zerren und sämtliche schmutzige Wäsche waschen, die es zu waschen gab. Natürlich würde Ruth alle möglichen Begründungen für die Entscheidung ihres Bruders vorbringen, aber die sollten nur versuchen, ihr vorzuwerfen, sie hätte die Beziehung zwischen Vater und Sohn untergraben; die sollten nur einen einzigen Versuch unternehmen, sie als diejenige hinzustellen, die schuld war, dass Adrian leer ausgegangen war. Sie würden sich wundern, wenn sie die Gründe dafür nannte, warum sie ihren Sohn nicht zu seinem Vater gelassen hatte. Jeder dieser Gründe hatte einen Namen und einen Titel, allerdings keinen von der Art, der in den Augen der Öffentlichkeit so etwas wie ein Freibrief für mehr oder weniger ernste Verfehlungen war: Danielle, die Stewardess; Stephanie, die Stripperin; Mary Ann, die Hundefriseurin; Lucy, das Zimmermädchen.

Das waren die Gründe, warum Margaret den Sohn vom Vater fern gehalten hatte. Was wäre das für ein Beispiel für den Jungen gewesen? könnte sie jedem erwidern, der meinte, ihr Handeln in Frage stellen zu müssen. Wäre dies das richtige Rollenvorbild für einen Jungen im Alter von acht, zehn oder fünfzehn Jahren gewesen? Wenn der Vater ein Leben führte, das längere Aufenthalte seines Sohnes bei ihm verbot, war das dann die Schuld des Sohnes? Und sollte ihm jetzt vorenthalten werden, was ihm durch Blutsbande zustand, nur weil die Kette der Geliebten seines Vaters im Lauf der Jahre niemals abgerissen war?

Nein. Es war ihr gutes Recht gewesen, die beiden einander fern zu halten, ihre Zusammentreffen auf kurze oder vorzeitig abgebrochene Besuche zu beschränken. Adrian war schließlich ein sensibles Kind gewesen, und es war ihre Pflicht als liebende Mutter, ihn zu schützen und nicht den Exzessen seines Vaters auszusetzen.

Sie beobachtete ihren Sohn, der an der Seite des Saals lauerte, in dem sich, von zwei Feuern gewärmt, die an beiden Enden des Raums brannten, einige der Trauergäste eingefunden hatten. Er versuchte offensichtlich, sich unauffällig zur Tür zu schleichen, entweder, um dem Empfang ganz zu entkommen, oder um ins Speisezimmer zu verschwinden, wo auf dem edlen Mahagonitisch ein opulentes Büfett aufgebaut war. Margaret runzelte die Stirn. Das war unmöglich. Er hätte sich unter die Gäste mischen müssen. Anstatt an der Wand ent- langzukriechen wie ein Käfer, hätte er ein Auftreten an den Tag legen müssen, wie es dem Spross des reichsten Mannes, den die Kanalinseln je gesehen hatten, entsprach. Wie konnte er mehr vom Leben erwarten als das, was es jetzt war — die Enge des Hauses seiner Mutter in St. Albans — , wenn er sich nicht ein bisschen Mühe gab?

Margaret eilte zur anderen Seite des Saals und fing ihren Sohn an der Tür zum Durchgang ins Speisezimmer ab. Sie hakte sich bei ihm ein und sagte, ohne auf seine Versuche, sie abzuschütteln, zu achten, mit einem Lächeln:»Ach, hier bist du, Darling. Ich brauche dringend jemanden, der mir die Leute zeigt, die ich noch kennen lernen muss. Es wäre natürlich hoffnungslos, sich mit allen bekannt machen zu wollen, aber es sind doch sicher einige wichtige Leute da, die zu kennen für die Zukunft nützlich sein könnte.«

«Was für eine Zukunft?«Adrian versuchte, mit seiner Hand die ihre wegzuschieben, aber sie packte seine Finger und drückte zu und lächelte weiter, als dächte er nicht daran, ihr zu entkommen.

«Deine, natürlich. Wir müssen langsam anfangen, dafür zu sorgen, dass sie gesichert ist.«

«Ach was? Und wie willst du das anstellen, Mutter?«

«Nun, ein Wörtchen hier, ein Wörtchen dort«, erwiderte sie leichthin.»Man kann erstaunlich viel Einfluss nehmen, wenn man weiß, mit wem man reden muss. Dieser düster-romantisch aussehende Mann da drüben, zum Beispiel, wer ist das?«

Statt zu antworten, bemühte sich Adrian, sich von seiner Mutter zu lösen. Aber sie war größer als er — und auch gewichtiger — und hielt ihn fest an Ort und Stelle.

«Darling?«, sagte sie mit strahlender Munterkeit.»Der Mann dort mit den Flicken auf den Ellbogen? Der so ein bisschen wie ein überfütterter Heathcliff aussieht.«

Adrian warf einen flüchtigen Blick auf den Mann.»Das ist einer von Dads Künstlern. Von denen wimmelt's hier nur so. Sie sind alle gekommen, um sich mit Ruth gut zu stellen, für den Fall, dass sie den Löwenanteil geerbt hat.«

«Wo sie sich doch mit dir gut stellen sollten. Sehr seltsam«, kommentierte Margaret.

Er sah sie mit einem Blick an, den sie lieber gar nicht erst deuten wollte.»Also, Mutter, die sind doch nicht dumm.«

«Wieso?«

«Die wissen, dass Dad sein Geld nicht mir — «

«Darling, das spielt überhaupt keine Rolle. Wem dein Vater sein Geld vermachen wollte und wer es am Ende bekommt, das sind möglicherweise zwei Paar Stiefel. Der kluge Mann baut vor.«

«Die kluge Frau auch, Mutter?«

Sein Ton war gehässig. Margaret konnte nicht verstehen, womit sie das verdient hatte. Sie sagte:»Wenn wir hier vom letzten Verhältnis deines Vaters mit dieser Mrs. Abbott sprechen, so kann ich, glaube ich, ruhig sagen — «»Du weißt, verdammt noch mal, genau, dass wir das nicht tun.«»- dass in Anbetracht des Faibles deines Vaters für jüngere Frauen — «

«Ja, genau, Mutter. Herrgott noch mal, würdest du dir ausnahmsweise mal selbst zuhören?«

Margaret brach verwirrt ab. Sie dachte nach.»Was habe ich denn gesagt? Worüber?«

«Über Dad. Über seine Frauen. Über sein Faible für jüngere Frauen. Wie wär's, wenn du zur Abwechslung mal nachdenkst. Ich bin sicher, du wirst es schaffen, zwei und zwei zusammenzuzählen.«»Was meinst du denn nur, Darling? Ich weiß wirklich nicht — «»>Nimm sie mit zu deinem Vater, damit sie es mit eigenen Augen sieht, Darlingc«, zitierte ihr Sohn.»>Das schlägt keine Frau so ohne weiteres aus.< Du hattest gesehen, dass Carmel Zweifel bekommen hatte an der Beziehung zu mir, richtig? Wahrscheinlich hast du das sogar erwartet. Und du dachtest, wenn ihr klar würde, wie viel Geld sie zu erwarten hat, wenn sie es geschickt anstellt, dann würde sie bei mir bleiben. Als hätte ich sie dann noch gewollt! Als würde ich sie jetzt noch wollen!«

Ein kalter Hauch streifte Margarets Nacken.»Willst du sagen.?«Aber sie wusste es schon. Sie blickte sich um und empfand ihr lächelndes Gesicht wie eine Totenmaske. Sie zog ihren Sohn aus dem Saal, führte ihn durch den Flur, am Speisezimmer vorüber in den Anrichteraum und schloss die Tür. Sie mochte nicht daran denken, wohin dieses Gespräch führen würde. Sie wollte nicht daran denken. Noch weniger mochte oder wollte sie daran denken, was das Ergebnis dieses Gesprächs vielleicht über die jüngste Vergangenheit aussagen würde. Doch sie konnte nicht mehr aufhalten, was sie selbst ins Rollen gebracht hatte.

«Was willst du mir sagen, Adrian?«Sie lehnte sich mit dem Rücken gegen die Tür, damit er ihr nicht entkommen konnte. Es gab eine zweite Tür — zum Speisezimmer — , aber sie war sicher, dass er nicht dorthin fliehen würde. Zu viele Menschen, wie das Stimmen- gemurmel verriet. Und er fing an, seine Zuckungen zu bekommen — seine Augen wurden glasig — , Vorboten eines Zustands, in dem er sich vor Fremden gewiss nicht zeigen wollte.

Als er nicht gleich antwortete, wiederholte Margaret ihre Frage. Sie sprach jetzt trotz ihrer Ungeduld in milderem Ton, als sie sah, wie er litt.»Was ist passiert, Adrian?«

«Das weißt du doch«, antwortete er teilnahmslos.»Du weißt, wie er war, also weißt du auch den Rest.«

Margaret umschloss sein Gesicht mit ihren Händen.»Nein«, sagte sie.»Ich kann nicht glauben. «Sie drückte fester zu.»Du warst sein Sohn. Da hätte er die Grenze gezogen. Du warst sein Sohn.«

«Als hätte das irgendeine Bedeutung gehabt. «Adrian riss sich von ihr los.»Du warst seine Frau. Hatte das vielleicht eine Bedeutung?«

«Aber Guy und Carmel? Carmel Fitzgerald? Die nicht fähig war, auch nur einen amüsanten Satz hervorzubringen. An die jede witzige Bemerkung ver — «Margaret brach ab. Sie schaute weg.

«Genau. Und deshalb war sie für mich die perfekte Frau«, sagte Adrian.»Sie kannte keine witzigen Männer, darum war sie für mich leichte Beute.«

«So habe ich das nicht gemeint. So etwas habe ich nie gedacht. Sie ist ein reizendes Mädchen. Du und sie — «

«Ist doch völlig egal, was du gedacht hast. Es ist die Wahrheit. Er hat sofort gesehen, dass sie leicht zu haben war. Dad hat das gesehen, und da musste er natürlich zugreifen. Er hat doch nie eine Gelegenheit verstreichen lassen, schon gar nicht, wenn sie ihm praktisch in den Schoß fiel, Mutter — «Seine Stimme brach.

Das Klappern von Geschirr und Besteck aus dem anschließenden Speisezimmer verriet, dass die Angestellten des Partyservice begonnen hatten, das Büfett abzutragen. Der Empfang näherte sich seinem Ende. Margaret warf einen Blick zu der Tür hinter ihrem Sohn. Sie wusste, dass sie jederzeit gestört werden konnten. Der Gedanke, dass jemand ihn so sehen würde, mit feuchtem Gesicht und zitternden Lippen, war ihr unerträglich. Innerhalb eines Augenblicks war er wieder das Kind und sie die Frau, die sie als seine Mutter immer gewesen war, hin und her gerissen zwischen dem Impuls, ihm zu sagen, er solle sich gefälligst zusammenreißen, bevor jemand sehe, was für ein winselnder Jammerlappen er sei, und dem Wunsch, ihn an ihre Brust zu drücken und zu trösten, während sie seinen Widersachern Rache schwor.

Aber der Gedanke an Rache führte Margaret sehr schnell zu dem Mann zurück, der Adrian heute war. Und das Blut rann ihr eisig durch die Adern, als sie daran dachte, welche Form die Rache vielleicht hier in Guernsey angenommen hatte.

Die Türklinke hinter ihrem Sohn klapperte, die Tür flog auf und traf ihn im Rücken. Eine grauhaarige Frau streckte den Kopf herein, sah Margarets starres Gesicht, sagte:»Oh! Entschuldigung!«, und verschwand wieder. Aber ihr Eindringen war Zeichen genug. Margaret drängte ihren Sohn auf den Flur hinaus.

Sie führte ihn nach oben in ihr Schlafzimmer, froh, dass Ruth sie im Westflügel des Hauses untergebracht hatte, abseits von Guys und ihrem eigenen Zimmer. Hier würden sie und ihr Sohn ungestört sein, und das war es, was sie brauchten — Ungestörtheit.

Sie drückte Adrian auf den Hocker vor ihrem Toilettentisch und nahm eine Flasche Single Malt Whisky aus ihrem Koffer. Ruth war bekanntermaßen knauserig mit Alkohol, und deshalb hatte Margaret ihre eigenen Vorräte mitgebracht. Sie goss volle zwei Fingerbreit Whisky ein und kippte ihn hinunter. Dann goss sie noch einmal ein und reichte das Glas ihrem Sohn.

«Ich mag nichts — «

«Doch, du magst. Das beruhigt die Nerven. «Sie wartete, bis er ihr gehorcht hatte und das geleerte Glas in der Hand hielt. Dann sagte sie:»Bist du ganz sicher, Adrian? Du weißt, er hat gern geflirtet. Vielleicht war es nichts weiter. Hast du sie zusammen gesehen? Hast du — «Es widerstrebte ihr, nach den hässlichen Details zu fragen, aber sie brauchte Fakten.

«Ich brauchte sie gar nicht zusammen zu sehen. Sie war mir gegenüber danach verändert. Ich habe es sofort gemerkt.«

«Hast du ihn darauf angesprochen? Es ihm auf den Kopf zugesagt?«

«Natürlich. Wofür hältst du mich?«»Und was hat er gesagt?«

«Er hat es bestritten. Aber ich habe ihn gezwungen — «

«Gezwungen?«Sie hielt den Atem an.

«Ich habe gelogen. Ich habe behauptet, sie hätte es zugegeben. Da hat er es auch zugegeben.«

«Und dann?«

«Nichts. Carmel und ich sind nach England zurückgeflogen. Den Rest weißt du.«

«Mein Gott, wie konntest du hierher zurückkommen?«, fragte sie.»Er hatte praktisch vor deiner Nase mit deiner Verlobten geschlafen. Warum bist du — «

«Weil du keine Ruhe gegeben hast, wenn du dich erinnerst«, antwortete Adrian.»Weißt du noch, was du zu mir gesagt hast? Dass er sich so freuen würde, mich zu sehen?«

«Aber wenn ich das gewusst hätte, hätte ich doch niemals vorgeschlagen, geschweige denn insistiert. Adrian, um Gottes willen! Warum hast du mir nichts erzählt?«

«Weil ich beschlossen hatte, es zu benutzen«, sagte er.»Ich dachte mir, wenn ihn vernünftige Argumente nicht dazu bringen könnten, mir das Darlehen zu geben, das ich brauchte, dann vielleicht Schuldgefühle. Ich hatte nur leider vergessen, dass Dad gegen Schuldgefühle immun war. Er war gegen alles immun. «Er lächelte. Margaret gefror das Blut in den Adern, als ihr Sohn hinzufügte:»Na ja, gegen fast alles, wie sich gezeigt hat.«

9

Deborah folgte dem halbwüchsigen Jungen in einigem Abstand. Mit Fremden Gespräche anzuknüpfen, war nicht gerade ihre Stärke, aber sie dachte nicht daran, das Feld zu räumen, ohne es wenigstens versucht zu haben. Ihrem Widerstreben nachzugeben, das hätte nur die Bedenken bestätigt, die Simon bei ihrem Plan geäußert hatte, mit Cherokee — der für ihn offenbar nicht zählte — nach Guernsey zu reisen und China zu helfen. Deshalb war sie doppelt entschlossen, sich nicht von der ihr eigenen Scheu besiegen zu lassen.

Der Junge wusste nicht, dass sie hinter ihm war. Er schien kein festes Ziel zu haben. Nachdem er die Schar der Trauergäste im Skulpturengarten hinter sich gelassen hatte, hielt er auf ein Oval aus frischem grünem Rasen zu, das jenseits eines eleganten Wintergartens am einen Ende des Hauses lag. Am Rand der Rasenfläche sprang er zwischen zwei Rhododendren hindurch und hob vom Boden den dünnen Ast einer Kastanie auf, die in der Nähe einer Gruppe von drei Stallgebäuden stand. Vor dieser Gebäudegruppe bog er plötzlich nach Osten ab. Zwischen Bäumen hindurch konnte Deborah in der Ferne eine Steinmauer erkennen, hinter der sich Wiesen und Felder ausbreiteten. Doch anstatt diesen Weg weiterzuverfolgen — den sichersten, um die Beerdigung und alles, was dazu gehörte, hinter sich zu lassen — , folgte er der gekiesten Straße, die zum Haus zurückführte. Beim Gehen schlug er mit seinem Ast wie mit einer Gerte gegen das üppige Buschwerk an der Auffahrt, die eine Reihe peinlich gepflegter Gärten östlich vom Haus begrenzte. Er betrat keinen dieser Gärten, sondern schlug sich durch die Bäume jenseits des Gebüschs und begann, schneller zu gehen, als er offenbar jemanden hörte, der sich den in diesem Gebiet abgestellten Autos näherte.

Deborah verlor ihn aus den Augen. Unter den Bäumen war es dunkel, und er war von Kopf bis Fuß braun gekleidet und in dieser Umgebung daher schwer zu erkennen. Sie lief einfach in der Richtung weiter, die sie ihn hatte einschlagen sehen, und entdeckte ihn bald wieder auf einem Weg, der zu einer Wiese hinunter abfiel. Etwa in der Mitte der Wiese erhob sich hinter einer Gruppe zarter Ahornbäume das Schindeldach eines Gebäudes, das wie ein japanisches Teehaus aussah. Das Ensemble war von einem kunstvollen, mit kräftigen roten und schwarzen Akzenten versehenen Holzzaun umgeben, den man mit Öl behandelt hatte, um seine ursprüngliche satte Farbe zu erhalten. Es war, wie sie jetzt sah, ein weiterer Garten.

Der Junge überquerte eine zierliche Holzbrücke, die sich über eine Bodenvertiefung schwang. Er warf seine Gerte weg, suchte sich seinen Weg über einige Trittsteine und näherte sich einer Bogenpforte im Zaun. Er stieß sie auf und trat in den Garten. Die Pforte fiel lautlos hinter ihm zu.

Deborah eilte ihm nach, überquerte wie er die Brücke über einen kleinen Graben, in dem man mit Rücksicht darauf, was dort wuchs, graue Steine angeordnet hatte. Als sie zur Pforte kam, bemerkte sie, was sie zuvor nicht gesehen hatte: eine Bronzeplakette, die in das Holz eingelassen war. A la memoire de Miriam et Benjamin Brouard, assassines par les Nazis a Auschwitz. Nous n 'oublierons jamais. Deborah verstand genug, um zu begreifen, dass dies ein Garten des Gedenkens war.

Die Welt, die sie hinter der Pforte erwartete, unterschied sich von allem, was sie bisher von Le Reposoir gesehen hatte. Das üppige und ausufernde Wachstum von Büschen und Bäumen war hier durch strenge Ordnung gezähmt. Den Bäumen hatte man einen großen Teil des Laubs genommen, die Büsche waren zu klaren, dem Auge gefälligen Formen geschnitten. Miteinander verschmolzen sie zu einer Komposition, die den Blick zu einer weiteren Bogenbrücke lenkte. Sie überspannte einen großen unregelmäßig geformten Seerosenteich, und jenseits stand das Teehaus, dessen Dach Deborah zuvor gesehen hatte. Eine seiner Türen, nach Art japanischer Privathäuser mit Papier bespannt, war aufgeschoben.

Deborah folgte dem Weg an der Umgrenzung des Gartens entlang und überquerte die Brücke. Unter ihr schwammen große, farbenprächtige Karpfen, vor ihr zeigte sich das Innere des Teehauses, ein einziger Raum, mit einem niedrigen Ebenholztisch ausgestattet, um den herum auf den traditionellen Binsenmatten sechs Sitzkissen lagen.

An der Breitseite des Teehauses zog sich eine tiefe Veranda entlang, zu der man über zwei Stufen gelangte. Deborah versuchte gar nicht erst, unbemerkt zu bleiben, als sie hinaufging. Besser, dachte sie, wenn der Junge sie für einen Trauergast hielt, dem ebenfalls nach einem Spaziergang zumute war, und nicht für jemanden, der ihm absichtlich gefolgt war, um mit ihm zu reden, obwohl er wahrscheinlich gar nicht reden wollte.

Er kniete vor einem Teakschränkchen, das auf der anderen Seite des Teehauses in die Wand eingebaut war. Die Tür stand offen, und er war gerade dabei, einen schweren Papierbeutel aus dem Schränk- chen zu nehmen. Deborah sah zu, wie er ihn mühsam herausbugsierte, öffnete, darin herumkramte und einen Plastikbehälter herauszog.

Plötzlich drehte er sich um und sah Deborah. Er zeigte kein Erschrecken beim unerwarteten Anblick der Fremden, sondern sah sie ruhig und offen an. Nach einem Moment richtete er sich auf, ging an ihr vorbei auf die Veranda hinaus und weiter zum Seerosenteich.

Als er an ihr vorüberkam, sah sie, dass in dem Behälter kleine runde Kügelchen waren. Er trug sie ans Wasser, wo er sich auf einem glatten grauen Felsbrocken niedersetzte und eine Hand voll Kügelchen aus dem Behälter nahm, um sie den Fischen zuzuwerfen. Im Wasser wirbelte es augenblicklich in allen Regenbogenfarben.

Deborah sagte:»Macht es dir was aus, wenn ich zuschaue?«

Der Junge schüttelte den Kopf. Er war vielleicht siebzehn Jahre alt, und sein Gesicht war voller Pickel. Er errötete, als sie sich zu ihm auf den Felsen setzte. Eine Weile beobachtete sie schweigend die Fische, die mit gierigen Mäulern nach allem schnappten, was sich auf der Wasseroberfläche bewegte. Sie können froh sein, dachte sie, dass sie hier in diesem geschützten Gewässer leben, wo alles, was sich an der Oberfläche regt, tatsächlich Nahrung ist und nicht Köder.

«Ich mag Beerdigungen nicht«, sagte sie.»Ich glaube, das kommt daher, dass ich bei der ersten noch ziemlich klein war. Meine Mutter ist gestorben, als ich sieben war, und jedes Mal, wenn ich auf einer Beerdigung bin, wird alles wieder lebendig.«

Der Junge sagte nichts, doch die Hand, die das Futter ins Wasser warf, bewegte sich kaum wahrnehmbar langsamer. Davon ermutigt, fuhr Deborah zu sprechen fort.

«Das ist eigentlich merkwürdig, denn damals, als es geschehen war, habe ich es gar nicht so stark empfunden. Man kann natürlich sagen, das käme daher, dass ich nicht verstanden habe, was passiert war. Aber ich habe es verstanden. Ich wusste genau, was es heißt, wenn jemand stirbt: Dass er dann für immer fort ist und ich ihn nie wiedersehe; dass er vielleicht bei Gott und den Engeln ist, jedenfalls an einem Ort, an den ich noch lange, lange nicht komme. O ja, ich wusste, was es heißt. Ich wusste nur nicht, was es alles mit einschließt. Das habe ich erst viel später begriffen, als diese Mutter-Tochter-

Geschichten, die sich vielleicht zwischen uns entwickelt hätten, einfach nicht passierten — mit niemandem.«

Noch immer schwieg er. Aber er hielt in der Fütterung der Fische inne und sah nur zu, wie sie nach den Futterklümpchen schnappten. Sie erinnerten Deborah an Menschen, die gesittet an der Bushaltestelle anstehen und sich beim Eintreffen des Busses plötzlich in einen wilden Haufen stoßender Ellbogen, Knie und Regenschirme verwandeln.

Sie sagte:»Sie ist seit fast zwanzig Jahren tot, und ich frage mich noch heute manchmal, wie es gewesen wäre. Mein Vater hat nie wieder geheiratet, ich habe sonst keine Familie, und oft denke ich, wie schön es wäre, wenn es außer uns zwei noch andere gäbe. Wenn meine Eltern, zum Beispiel, mehr Kinder bekommen hätten. Meine Mutter war erst zweiunddreißig, als sie starb, mir, mit meinen sieben Jahren, erschien sie damals uralt, aber heute weiß ich, dass sie noch viele Jahre vor sich gehabt hätte, um weitere Kinder zu bekommen. Schade, dass nichts daraus geworden ist.«

Jetzt sah der Junge sie an. Sie strich sich das Haar aus dem Gesicht.»Entschuldige. Ich rede wohl ein bisschen viel, hm? Das passiert mir manchmal.«

«Möchten Sie auch mal?«Er hielt ihr den Plastikbehälter hin.

«Das ist nett«, sagte sie.»Gern. Danke. «Sie schob die Hand in die Dose, rutschte an den Rand des Felsbrockens und ließ die Kügelchen von ihren Fingern herab ins Wasser tropfen. Die Fische kamen herbeigeschossen, einander rücksichtslos bekämpfend in ihrer Gier.»Sie bringen das Wasser richtig zum Brodeln. Das müssen ja Hunderte sein.«

«Einhundertdreiundzwanzig. «Der Junge sprach leise — Deborah hatte Mühe, seine Worte zu verstehen — und hielt den Blick auf den Teich gerichtet.»Er stockt den Bestand immer wieder auf, weil die Vögel sie jagen. Große Vögel. Manchmal auch eine Möwe, aber die sind meistens nicht stark genug und auch nicht schnell genug. Und die Fische sind clever. Sie verstecken sich. Deshalb ragen die Felsen so weit über das Ufer hinaus: damit sie sich darunter verstecken können, wenn die Vögel kommen.«

«Tja, man muss an alles denken«, sagte Deborah.»Aber dieses Fleckchen hier ist wirklich schön, nicht? Ich bin ein bisschen herumgelaufen, ich wollte weg von dem ganzen Beerdigungsrummel, und da habe ich plötzlich das Teehaus und den Zaun gesehen. Ich dachte, hier würde es sicher ruhig sein. Friedlich. Deshalb bin ich hergekommen.«

«Lügen Sie doch nicht. «Er stellte die Dose mit dem Fischfutter zwischen ihnen auf den Boden, als zöge er eine Grenze.»Ich habe Sie gesehen.«

«Du hast mich — ?«

«Ja, Sie sind mir nachgegangen. Ich habe Sie schon hinten bei den Ställen bemerkt.«

«Ah. «Deborah ärgerte sich, so unvorsichtig gewesen zu sein. Und mehr noch ärgerte sie sich darüber, ihrem Mann Recht geben zu müssen. Aber, zum Teufel noch mal, es stimmte nicht, dass dies nicht ihre Sache war, wie Simon zweifellos behaupten würde, und sie war entschlossen, es zu beweisen.»Ich habe dich am Grab beobachtet«, bekannte sie.»Als du die Schaufel nehmen solltest. Ich hatte den Eindruck, du bist völlig — ich dachte — ich meine, ich habe ja auch jemanden verloren, obwohl es schon lange her ist — also dachte ich, du würdest vielleicht — ich sehe ein, das war ziemlich arrogant von mir. Aber es ist schlimm, einen Menschen zu verlieren. Manchmal hilft es, darüber zu sprechen.«

Er packte den Plastikbehälter und kippte die Hälfte des Inhalts ins Wasser, das sofort wieder zu brodeln begann.»Ich brauche über nichts zu sprechen. Schon gar nicht über ihn«, sagte er.

Deborah horchte auf.»War Mr. Brouard.? Um dein Vater zu sein, war er ein bisschen alt, aber anscheinend gehörst du zur Familie. War er vielleicht dein Großvater?«Sie wartete. Sie war überzeugt, wenn sie nur geduldig genug war, würde es herauskommen, was immer auch ihn so heftig erregte.»Ich bin übrigens Deborah St. James«, sagte sie, um es ihm leichter zu machen.»Ich bin aus London hergekommen.«

«Extra zur Beerdigung?«»Ja. Ich mag zwar, wie gesagt, Beerdigungen eigentlich nicht. Aber wer mag sie schon?«

Er prustete verächtlich.»Meine Mutter. Die hat's echt drauf. Aber sie hat auch Übung.«

Deborah hielt es für das Klügste, darauf nichts zu sagen. Der Junge würde schon noch erklären, was er meinte, und er tat es, wenn auch indirekt.

Er sagte, er heiße Stephen Abbott, und fügte hinzu:»Ich war auch sieben. Er ist in einen Whiteout geraten. Wissen Sie, was das ist?«

Deborah schüttelte den Kopf.

«Das passiert, wenn eine Wolke runterkommt. Oder der Nebel. Oder was auch immer. Aber es ist echt schlimm. Man kann nichts mehr erkennen, die Hänge nicht, die Skipisten nicht, gar nichts. Rundherum ist alles weiß, der Schnee und die Luft. Man verliert die Orientierung. Und manchmal — «Er wandte sich ab.»Manchmal kommt man darin um.«

«Dein Vater?«, fragte sie.»Das tut mir Leid, Stephen. Wie schrecklich, einen Menschen, den man liebt, auf so eine Art zu verlieren.«

«Sie sagte, er würde schon runterfinden. Er kennt sich aus, hat sie gesagt. Er weiß, was er tun muss. Erfahrene Skifahrer finden sich immer zurecht. Aber es hat zu lange gedauert, und dann kam ein Schneesturm, ein richtiger Blizzard, und er war meilenweit von der Stelle entfernt, wo er eigentlich hätte sein sollen. Sie haben ihn erst nach zwei Tagen gefunden. Er hatte versucht abzusteigen und sich das Bein gebrochen. Und sie sagten — sie sagten, wenn sie nur sechs Stunden früher gekommen wären. «Er schlug mit der Faust in die restlichen Kügelchen, so dass sie aus der Dose auf den Felsen spritzten.»Er wäre vielleicht am Leben geblieben. Aber das hätte sie nicht besonders gefreut.«

«Warum nicht?«

«Weil sie dann nicht auf Männerfang hätte gehen können.«

«Ach so. «Deborah konnte es sich vorstellen. Ein Kind verliert den geliebten Vater und erlebt, wie seine Mutter sich danach zuerst dem einen Mann zuwendet und dann dem Nächsten, vielleicht, um sich dem Schmerz nicht stellen zu müssen, den sie nicht ertragen kann, vielleicht auch in dem verzweifelten Bemühen, zu ersetzen, was sie verloren hat. Sie konnte sich vorstellen, wie das auf ein Kind wirken musste: Als hätte die Mutter den Vater nie geliebt.

Sie sagte:»Und Mr. Brouard war einer dieser Männer? Stand deine Mutter deshalb heute am Grab vorn bei der Familie? Das war doch deine Mutter, nicht? Die Frau, die vor dir und dem jungen Mädchen — deine Schwester? — Erde in die Grube geworfen hat?«

«Ja«, antwortete er,»das war meine Mutter. «Er fegte die verstreuten Kügelchen ins Wasser wie weggeworfenen Kinderglauben.»Die blöde Kuh«, nuschelte er.»Diese saublöde Kuh.«

«Warum? Weil sie wollte, dass du so tust, als gehörtest du — «

«Sie glaubt, sie war so schlau«, unterbrach er.»Sie glaubt, sie war so eine supergeile Nummer. Klar, Mama, brauchst dich nur hinzulegen, und schon fressen sie dir alle aus der Hand. Bis jetzt hat's zwar nicht hingehauen, aber wenn du's lang genug probierst, wird's schon noch klappen. «Stephen packte den Behälter mit dem Fischfutter, sprang auf und lief ins Teehaus zurück.

Wieder folgte ihm Deborah.

Als sie die Tür erreicht hatte, sagte sie:»Die Menschen tun manchmal die merkwürdigsten Dinge, wenn sie jemanden sehr vermissen, Stephen. Für alle anderen sieht es völlig irrational aus. Gefühllos. Oder auch durchtrieben. Aber wenn es uns gelingt, unsere eigene Sicht mal beiseite zu lassen, und wir versuchen zu verstehen, was hinter diesem Verhalten steckt — «

«Gleich als er tot war, hat sie damit angefangen!«Stephen schob den Beutel mit dem Fischfutter wieder in das Schränkchen und knallte die Tür zu.»Mit einem von der Bergwacht. Bloß hab ich da noch nicht gewusst, was abgeht. Das hab ich erst gecheckt, als wir in Palm Beach waren, und da hatten wir schon in Mailand gelebt und dann in Paris, und immer war sie mit irgendeinem Typen zusammen, immer. Darum sind wir jetzt auch hier, verstehen Sie? Weil der letzte Typ in London war, und sie ihn nicht dazu kriegen konnte, sie zu heiraten, und sie jetzt Panik hat, denn was soll sie tun, wenn ihr das Geld ausgeht und sie keinen Mann hat?«

Stephen begann, heftig zu weinen, Tränen der Schmerzes und der Demütigung. Voller Mitgefühl ging Deborah zu ihm.»Setz dich hier hin, Stephen«, sagte sie.»Bitte, setz dich.«

«Ich hasse sie«, stieß er hervor.»Echt, ich hasse sie. Dieses blöde Luder. Sie ist so dämlich, dass sie nicht mal kapiert — «Er konnte vor Schluchzen nicht weitersprechen.

Deborah zog ihn zu einem der Sitzkissen hinunter. Kniend sank er darauf, mit zuckendem Körper, den Kopf auf die Brust gedrückt.

Deborah berührte ihn nicht, obwohl es sie dazu drängte. Siebzehn Jahre und abgrundtiefe Verzweiflung. Sie wusste, wie das war. Nirgends ein Lichtstrahl, niemals endende Nacht, eine Hoffnungslosigkeit, die sich wie ein Leichentuch über einen legte.

«Es fühlt sich an wie Hass, weil es so stark ist«, sagte sie.»Aber es ist kein Hass. Es ist etwas ganz anderes. Die Kehrseite der Liebe, denke ich. Hass zerstört. Aber das hier.? Das, was du empfindest.? Das würde nichts Böses tun. Folglich ist es kein Hass. Wirklich nicht.«

«Aber Sie haben sie doch gesehen«, rief er.»Sie haben doch gesehen, wie sie ist.«

«Nur eine Frau, Stephen.«

«Nein. Das ist nicht alles. Sie haben gesehen, was sie getan hat.«

Deborah wurde hellhörig.»Was sie getan hat?«, wiederholte sie.

«Sie ist zu alt. Damit wird sie nicht fertig. Sie will einfach nicht sehen. Und ich kann's ihr nicht sagen. Wie hätte ich ihr das sagen sollen?«

«Was denn?«

«Dass es zu spät ist. Für alles. Dass er sie nicht liebt, nicht einmal scharf auf sie ist. Dass sie tun kann, was sie will, und sich doch nichts ändern wird. Dass nichts hilft. Kein Sex und keine Schönheitsoperation. Nichts. Sie hatte ihn längst verloren, und sie war zu blöd, um es zu sehen. Dabei hätte sie es merken müssen. Wieso hat sie's nicht gemerkt? Wieso hat sie immer weiter versucht, noch schöner und noch besser zu sein? Ihn anzuheizen, obwohl er doch schon längst nichts mehr von ihr wollte.«

Deborah hörte aufmerksam zu und dachte an all das, was der Junge zuvor erzählt hatte. Was seine Worte zu bedeuten hatten, war klar: Guy Brouard hatte sich von der Mutter des Jungen abgewandt. Die logische Schlussfolgerung war, dass er sich jemand anderem zugewandt hatte. Aber es konnte auch sein, dass der Mann sich etwas anderem zugewandt hatte. Wenn er Stephens Mutter nicht mehr gewollt hatte, was hatte er dann gewollt? Das mussten sie herausfinden.

Schmutzig, verschwitzt und außer Atem, den Rucksack schief auf dem Rücken, traf Paul Fielder in Le Reposoir ein. Obwohl er gewusst hatte, dass es viel zu spät war, war er auf seinem Rad zuerst von Le Bouet zur Town Church gefahren und am Wasser entlanggehetzt, als wären die vier Reiter der Apokalypse hinter ihm her. Es war ja möglich, dass der Beginn von Mr. Guys Trauerfeier sich aus irgendeinem Grund verzögert hatte. Dann würde er doch noch dabei sein können, wenn auch vielleicht nur zum letzten Teil.

Aber als er sah, dass auf der North Esplanade und auf den Parkplätzen am Pier keine Autos standen, war ihm klar, dass Billys Plan aufgegangen war. Sein älterer Bruder hatte es geschafft, ihm die Teilnahme an der Beerdigung seines einzigen Freundes zu vermasseln.

Paul hatte sofort gewusst, dass Billy sein Fahrrad demoliert hatte. Er hatte die hässliche Handschrift seines Bruders erkannt, sobald er hinausgekommen war und es gesehen hatte — den aufgeschlitzten Hinterreifen, die herabgerissene Kette, die nicht weit entfernt im Dreck lag. Mit einem Schrei war er ins Haus zurückgerannt, wo sein Bruder in der Küche mit einem Becher Tee und geröstetem Brot am Tisch saß. Eine brennende Zigarette lag im Aschenbecher neben ihm und eine zweite, die er vergessen hatte, rauchte auf dem Abtropfbrett über dem Spülstein vor sich hin. Er tat so, als sähe er sich eine Talkshow im Fernsehen an, während ihre kleine Schwester auf dem Fußboden mit einer Tüte Mehl spielte, aber in Wirklichkeit suchte er Streit und wartete nur darauf, dass Paul ins Haus stürmen und ihn anschreien würde.

Paul erkannte das sofort, als er in die Küche kam. Billys höhnisches Grinsen verriet es ihm.

Früher einmal wäre er vielleicht zu den Eltern gelaufen. Früher einmal hätte er sich vielleicht sogar wütend auf seinen Bruder gestürzt, ohne sich um den Unterschied von Größe und Körperkraft zu kümmern. Aber die Zeiten waren vorbei. Die Fleischerei, die so lange bestanden hatte — eine Institution unter den Geschäften am Market Square mit seinen stolzen alten Häusern und den schönen Kolonnaden — , hatte ihre Türen für immer geschlossen, die Familie hatte ihre Einkommensquelle verloren. Seine Mutter saß jetzt bei Boots in der High Street an der Kasse, und sein Vater arbeitete im Straßenbau, wo die Tage lang und hart waren. Sie waren um diese Zeit beide nicht zu Hause, aber selbst wenn einer von ihnen da gewesen wäre, wäre es Paul nicht eingefallen, ihm auch noch seine Probleme aufzubürden. Und es selbst mit Billy aufnehmen — nein. Er war zwar manchmal ein bisschen langsam, aber er war nicht dumm. Genau das wollte Billy, dass jemand sich mit ihm anlegte. Das wollte er schon seit Monaten und hatte eine Menge getan, um es zu erreichen. Er wollte sich prügeln, und es war ihm egal, mit wem.

Paul jedoch gönnte ihm kaum einen Blick, sondern trat schnurstracks zum Schrank unter der Spüle und holte den alten Werkzeugkasten ihres Vaters heraus.

Billy folgte ihm nach draußen und ließ ihre kleine Schwester einfach mit der Mehltüte auf dem Küchenboden sitzen. Zwei andere Geschwister stritten sich im oberen Stockwerk. Billy hätte eigentlich dafür sorgen müssen, dass sie sich auf den Weg zur Schule machten. Aber Billy tat selten das, was er eigentlich tun sollte. Er lungerte lieber den ganzen Tag hinten im verwilderten Garten herum und trank ein Bier nach dem anderen.

«Oh!«, sagte er mit künstlicher Anteilnahme, als sein Blick auf Pauls misshandeltes Fahrrad fiel.»Was ist denn da passiert, Paulie? Hat da jemand was an deinem Rad gedreht?«

Paul beachtete ihn nicht. Er hockte sich auf den Boden und nahm zuerst einmal den aufgeschlitzten Reifen ab. Taboo, der das Fahrrad bewacht hatte, beschnupperte es misstrauisch und winselte leise. Paul hielt in seiner Arbeit inne und brachte Taboo zum nächsten Laternenpfahl. Dort band er den Hund fest und wies zum Boden, um ihm zu bedeuten, dass er sich niederlegen sollte. Taboo gehorchte, aber es war offenkundig, dass es ihm nicht gefiel. Er traute Pauls Bruder nicht über den Weg, und Paul wusste, dass der Hund lieber dicht an seiner Seite geblieben wäre.

«Du musst wohl weg?«, fragte Billy scheinheilig.»Und jetzt hat jemand dein Rad demoliert. So was Fieses. Die Leute sind echt gemein.«

Paul wollte nicht weinen, weil er wusste, dass es seinem Bruder dann noch mehr Spaß machen würde, ihn zu quälen. Sicher würde Billy es befriedigender finden, ihn brutal zusammenzuschlagen, anstatt ihn nur in Tränen zu sehen, aber besser als gar nichts waren Tränen allemal. Doch Paul war entschlossen, ihm keinerlei Genugtuung zu ermöglichen. Er hatte längst begriffen, dass sein Bruder kein Herz hatte und auch kein Gewissen. Sein ganzer Lebenszweck bestand darin, anderen das Leben zur Hölle zu machen.

Paul ignorierte ihn also, und das passte Billy gar nicht. Er lehnte sich an die Hausmauer und zündete sich eine weitere Zigarette an.

Hoffentlich verfault deine Lunge, dachte Paul. Aber er sagte es nicht. Er ging schweigend daran, den alten Reifen zu flicken, legte sich die Viereckflicken und die Gummilösung zurecht, um mit ihnen den gezackten Schnitt zu schließen.

«Jetzt lass mich mal überlegen, wo mein kleiner Bruder heute Morgen hin wollte«, sagte Billy und zog nachdenklich an seiner Zigarette.»Vielleicht zur Mama unten bei Boots? Oder wollt er vielleicht Dad das Mittagessen auf die Baustelle bringen? Hm. Glaub ich eher nicht. Dafür sind die Klamotten zu fein. Hey, wo hat er überhaupt das Hemd her? Hoffentlich nicht aus meinem Schrank. Klauen wird nämlich bestraft. Vielleicht sollte ich mal nachschauen. Nur zur Sicherheit.«

Paul reagierte nicht. Er wusste, dass Billy nur mutig war, wenn der andere Angst zeigte. Den Mut, anzugreifen brachte er nur auf, wenn seine Opfer kuschten, so wie ihre Eltern kuschten. Paul packte tiefe Niedergeschlagenheit bei dem Gedanken. Sie ließen ihn Monat für Monat wie einen nicht zahlenden Gast in ihrem Haus leben, weil sie fürchteten, was er tun würde, wenn sie ihn hinauswarfen.

Paul war einmal wie sie gewesen und hatte mit ihnen zusammen tatenlos zugesehen, wie Billy das Eigentum der Familie auf Flohmärkten verscherbelte, um sich sein Bier und seine Zigaretten beschaffen zu können. Aber das hatte sich geändert, als Mr. Guy in sein Leben getreten war, Mr. Guy, der immer zu wissen schien, wie Paul ums Herz war, und der immer darüber sprechen konnte, ohne zu predigen oder Forderungen zu stellen oder irgendwas anderes als Kameradschaft dafür zu erwarten.

Halte den Blick auf das gerichtet, was wichtig ist, Prinz. Alles andere? Kümmere dich nicht darum, wenn es nicht deinen Träumen im Weg steht.

Darum konnte er sein Fahrrad richten, während sein Bruder sich über ihn lustig machte und ihn zu Tränen oder zum Kampf zu reizen suchte. Paul verschloss seine Ohren und konzentrierte sich. Den Reifen flicken, die Kette reinigen.

Er hätte den Bus zur Stadt nehmen können, aber das fiel ihm erst ein, als er sein Fahrrad wieder repariert hatte und auf halbem Weg zur Kirche war. Da war er schon so fertig, dass er sich nicht einmal mehr wegen seiner Dummheit selbst beschimpfte. So sehr hatte er sich gewünscht, beim Abschied von Mr. Guy dabei zu sein, dass er, als die Linie Fünf Richtung Norden vorbeizuckelte und ihn daran erinnerte, was hätte sein können, nur einen Gedanken hatte: Wie leicht es wäre, direkt vor den Bus zu fahren und allem ein Ende zu machen.

Da begann er endlich, zu weinen, aus Frustration und Verzweiflung. Er weinte um die Gegenwart, in der nun keines seiner Ziele mehr erreichbar schien, und um die Zukunft, die trostlos und leer war.

Obwohl er sah, dass kein einziges Auto mehr da war, ging er in die Town Church hinein. Zuerst aber nahm er Taboo auf den Arm. Er nahm den Hund mit, obwohl er wusste, dass das nicht in Ordnung war. Es war ihm egal. Mr. Guy war auch Taboos Freund gewesen, und außerdem würde er den Hund nicht einfach draußen auf der Straße lassen, da der ja gar nicht wusste, was los war.

Drinnen hing noch der Geruch nach Blumen und abgebrannten Kerzen in der Luft, und rechts von der Kanzel stand ein Banner mit der Aufschrift Requiescat in Pace. Aber das waren die einzigen Zeichen dafür, dass hier eine Trauerfeier stattgefunden hatte. Nachdem er einmal langsam den Mittelgang hinaufgeschritten war und sich vorgestellt hatte, er wäre einer der Trauergäste, ging er wieder hinaus zu seinem Fahrrad. Er wollte nach Le Reposoir.

Er hatte am Morgen die besten Kleider zusammengesucht, die er finden konnte, und gewünscht, er wäre nicht davongelaufen, als Valerie Duffy ihm am Tag zuvor das Hemd ihres Mannes angeboten hatte. So hatte er nur eine schwarze Hose mit Flecken darauf, seine abgetretenen alten Schuhe, die Einzigen, die er besaß, und ein Flanellhemd, das sein Vater früher an kalten Tagen in der Fleischerei getragen hatte. Um den Hals hatte er eine Strickkrawatte geschlungen, die ebenfalls seinem Vater gehörte, und über dem Ganzen trug er den roten Anorak seiner Mutter. Er wusste, dass er erbärmlich aussah, aber er konnte es nicht ändern.

Alles, was er auf dem Körper hatte, war entweder verdreckt oder durchgeschwitzt, als er den Brouardschen Besitz erreichte. Deshalb schob er sein Fahrrad hinter einen riesigen Kamelienbusch an der Mauer und lief mit Taboo an seiner Seite nicht die Auffahrt hinauf, wo jeder ihn hätte sehen können, sondern hielt sich unter den Bäumen.

Vorn sah er ab und zu Leute allein oder in kleinen Gruppen aus dem Haus kommen, und als er halb versteckt seitlich der Auffahrt einen Moment abwartete, um zu sehen, was vorging, kam ihm der Leichwagen entgegen, in dem der Sarg von Mr. Guy gewesen war, fuhr langsam an ihm vorüber und zum Tor hinaus, um den Rückweg zur Stadt einzuschlagen. Paul sah ihm nach, bevor er sich wieder dem Haus zuwandte. Er hatte auch das Begräbnis versäumt. Er hatte alles versäumt.

Sein ganzer Körper zog sich zusammen und bäumte sich gleichzeitig auf, als etwas sich so gewaltsam zu befreien suchte, wie er es eingesperrt halten wollte. Er nahm seinen Rucksack ab und drückte ihn fest an die Brust und hoffte, dass die Freundschaft mit Mr. Guy nicht durch das Werk eines Augenblicks zunichte gemacht, sondern vielmehr durch eine Botschaft, die Mr. Guy hinterlassen hatte, für immer geweiht und gesegnet worden war.

Hier, mein Prinz, ist ein besonderer Ort, ein Ort nur für dich und mich. Wie gut kannst du ein Geheimnis bewahren, Paul?

Besser als alles andere, schwor Paul Fielder. Besser als seine Ohren vor dem Spott seines Bruders zu verschließen, besser, als das sengende Feuer dieses Verlusts zu ertragen, ohne sich völlig aufzulösen. Ja, besser als alles andere.

Ruth Brouard führte St. James nach oben in das Arbeitszimmer ihres Bruders. Es befand sich in der Nordwestecke des Hauses und blickte in der einen Richtung auf eine ovale Rasenfläche und den Wintergarten hinunter, in der anderen auf eine halbmondförmige Gebäudegruppe, vermutlich die ehemaligen Stallungen. Rundherum breiteten sich Park und Gärten, ferne Koppeln, Felder und Wälder aus. St. James sah, dass die Skulpturen nicht auf den eingefriedeten Garten beschränkt waren, in dem Guy Brouard bestattet worden war, sondern sich über den ganzen Besitz ausdehnten. Hier und dort waren zwischen ungehindert wachsenden Bäumen und Sträuchern geometrische Figuren in Marmor, Bronze, Granit oder Holz zu erkennen.

«Ihr Bruder war ein Förderer der schönen Künste. «St. James wandte sich vom Fenster ab, als Ruth Brouard leise die Tür hinter ihnen schloss.

«Mein Bruder hat alles und jeden gefördert«, sagte sie.

Sie sah nicht gesund aus. Ihre Bewegungen waren mühevoll, und ihre Stimme klang erschöpft. Sie ging zu einem Sessel und ließ sich vorsichtig darin nieder. Ihre Augen hinter den Brillengläsern zogen sich einen Moment zusammen, man hätte es für ein schmerzhaftes Zucken halten können, wäre ihr Gesicht nicht so maskenhaft starr geblieben.

In der Mitte des Zimmers stand ein Tisch aus Nussbaumholz und auf ihm das Modell eines Gebäudes in einer Landschaft, welche die vor dem Bauwerk vorbeiführende Straße ebenso einschloss wie den Park dahinter, mitsamt den Bäumen und Sträuchern, die dort einmal wachsen würden. Das detailliert gearbeitete Modell zeigte nicht nur Türen und Fenster des zukünftigen Gebäudes, sondern, von geübter Hand sauber ausgeführt, auch die Inschrift, die seine Fassade einmal zieren sollte. Graham Ouseley Kriegsmuseum stand in Stein gemeißelt auf dem Fries.

«Graham Ouseley. «St. James trat von dem Modell zurück. Es war ein geduckter Bau, einem Bunker ähnlich, nur das Portal zeichnete sich durch himmelstrebende Dramatik nach Art von Le Corbusier aus.

«Ja«, sagte Ruth Brouard.»Er ist von hier. Ein sehr alter Mann. Über neunzig. Ein Held der Besatzungszeit. «Mehr sagte sie nicht, es war klar, dass sie wartete. Sie war sofort zu einem Gespräch mit St. James bereit gewesen, nachdem sie der Karte, die er ihr überreicht hatte, seinen Namen und seine berufliche Tätigkeit entnommen hatte. Aber sie wollte offenbar erst einmal abwarten und hören, was er wollte, bevor sie etwas preisgab.

«Ist das hier der Entwurf des einheimischen Architekten?«, erkundigte sich St. James.»Ich habe gehört, dass er für Ihren Bruder ein Modell hergestellt hat.«

«Ja«, antwortete Ruth.»Das ist von einem Architekten aus St. Peter Port. Aber mein Bruder hat sich dann doch nicht für seinen Entwurf entschieden.«

«Wissen Sie, warum nicht? Der Bau sieht doch sehr geeignet aus.«

«Ich habe keine Ahnung. Mein Bruder hat mit mir nicht darüber gesprachen.«

«Es muss eine arge Enttäuschung für den hiesigen Architekten gewesen sein. Er scheint sich eine Menge Arbeit gemacht zu haben. «St. James beugte sich wieder über das Modell.

Ruth Brouard bewegte sich in ihrem Sessel hin und her, als versuchte sie, es bequemer zu haben. Sie rückte ihre Brille zurecht und faltete die kleinen Hände im Schoß.»Mr. St. James«, sagte sie,»wie kann ich Ihnen behilflich sein? Sie sagten, dass Sie wegen des Todes meines Bruders hier sind. Da Sie Forensiker sind. Haben Sie mir etwas Neues mitzuteilen? Sind Sie deshalb gekommen? Man sagte mir, dass weitere Organuntersuchungen vorgenommen werden. «Sie geriet ins Stocken, offenbar fiel es ihr schwer, auf so sachliche Art von ihrem Bruder zu sprechen. Sie senkte einen Moment den Kopf, dann sprach sie weiter.»Man sagte mir, dass Organ- und Gewebeuntersuchungen durchgeführt werden. In England, so viel ich weiß. Sie sind aus London, vielleicht sind Sie also hergekommen, um mir etwas mitzuteilen. Obwohl ich denke, dass Mr. Le Gallez sich persönlich herbemüht hätte, um mich zu unterrichten, wenn man etwas entdeckt hätte. Etwas Unerwartetes.«

«Mr. Le Gallez weiß, dass ich hier bin, aber er hat mich nicht geschickt«, sagte St. James. Dann erklärte er gewissenhaft, was ihn nach Guernsey geführt hatte, und schloss mit den Worten:»Miss Rivers Anwalt sagte mir, dass Sie die Zeugin sind, auf deren Aussage Chief Inspector Le Gallez seine Beweisführung stützt. Ich bin hergekommen, weil ich Ihnen zu dieser Aussage gern einige Fragen stellen würde.«

Sie sah von ihm weg.»Miss River«, sagte sie.

«Sie und ihr Bruder waren vor dem Mord einige Tage in Ihrem Haus zu Gast, wie ich hörte.«

«Und sie hat Sie gebeten, ihr zu helfen, von der Schuld an dem, was geschehen ist, loszukommen?«

«Ich habe sie noch nicht kennen gelernt«, sagte St. James.»Ich habe auch noch nicht mit ihr gesprochen.«

«Und wieso sind Sie dann — «

«Meine Frau und Miss River sind alte Freundinnen.«

«Und Ihre Frau kann nicht glauben, dass ihre alte Freundin meinen Bruder ermordet hat.«

«Es stellt sich die Frage nach dem Motiv«, entgegnete St. James.»Wie weit hatte sich die Bekanntschaft zwischen Miss River und Ihrem Bruder entwickelt? Ist es möglich, dass sie ihn bereits vor ihrem Besuch hier gekannt hat? Miss Rivers Bruder hat nichts Dergleichen gesagt, aber er weiß es vielleicht nicht. Wie ist es mit Ihnen?«

«Wenn sie irgendwann früher einmal in England war, wäre es möglich. Sie könnte meinen Bruder dort kennen gelernt haben. Aber nur dort. Mein Bruder war nie in Amerika. Soweit ich weiß.«

«Soweit Sie wissen?«

«Theoretisch könnte er irgendwann einmal drüben gewesen sein, ohne mir etwas davon zu sagen, aber ich wüsste nicht, warum. Oder auch, wann. Wenn er drüben war, muss es lange her sein. Seit wir hier leben, in Guernsey, nein. Das hätte er mir gesagt. Wenn er in den letzten neun Jahren reiste, was selten vorkam, seit er sich vom Geschäft zurückgezogen hatte, ließ er mich stets wissen, wo er zu erreichen war. Da war er sehr zuverlässig. Er war überhaupt ein zuverlässiger und guter Mensch.«

«Und hat niemandem Grund gegeben, ihn bis auf den Tod zu hassen? Außer China River, die aber auch keinen Grund gehabt zu haben scheint?«

«Ich habe keine Erklärung dafür.«

St. James trat vom Modell des Museumsbaus zurück und setzte sich Ruth Brouard gegenüber in einen zweiten Sessel. Auf einem kleinen runden Tisch, der zwischen ihnen stand, bemerkte er eine Fotografie und nahm sie zur Hand: Sie zeigte eine jüdische Großfamilie rund um einen Esstisch, die Männer mit Gebetskäppchen, ihre Frauen hinter ihnen stehend, mit aufgeschlagenen Büchern in den Händen. Zwei Kinder waren in der Gruppe, ein kleines Mädchen und ein Junge. Das Mädchen trug eine Brille, der Junge gestreifte Hosenträger. Am Kopf der Tafel stand ein ehrwürdiger alter Mann, im Begriff, die Matze, das ungesäuerte Passahbrot, zu brechen. Hinter ihm auf einer Kredenz mit einem silbernen Tafelaufsatz brannten Kerzen, deren Strahlen auf ein Gemälde an der Wand fielen, und neben ihm stand, das Gesicht ihm zugewandt und eine Hand auf seiner Schulter, eine Frau, die offensichtlich seine Ehefrau war.

«Ihre Familie?«, sagte er zu Ruth Brouard.

«Wir haben in Paris gelebt«, antwortete sie.»Vor Auschwitz.«

«Das tut mir Leid.«

«Es kann Ihnen gar nicht Leid genug tun.«

St. James stimmte zu.»Ja, das glaube ich.«

Seine Zustimmung schien Ruth Brouard eine gewisse Befriedigung zu verschaffen, wie vielleicht auch die Behutsamkeit, mit der er das Bild wieder auf seinen Platz stellte. Denn sie erklärte, den Blick auf das Modell in der Mitte des Raums gerichtet, ruhig und ohne Groll:

«Ich kann Ihnen nur sagen, was ich an dem Morgen gesehen habe, Mr. St. James. Ich kann Ihnen nur sagen, was ich tat. Ich ging zu meinem Schlafzimmerfenster und sah meinen Bruder Guy aus dem Haus kommen. Als er die Bäume erreichte und auf die Auffahrt hinaustrat, folgte sie ihm. Ich habe sie gesehen.«

«Sie sind sicher, dass es China River war?«

«Zuerst war ich mir nicht sicher«, antwortete sie.»Kommen Sie. Ich zeige es Ihnen.«

Sie ging ihm voraus durch einen Korridor, in dem alte Stiche des Herrenhauses hingen. Nicht weit von der Treppe entfernt öffnete sie eine Tür und führte ihn in einen Raum, der unverkennbar ihr Schlafzimmer war; schlicht, aber edel mit alten Möbeln eingerichtet, einziger Schmuck ein sehr großer gestickter Wandbehang. Er zeigte mehrere Einzelszenen, die nach Art alter Wandteppiche eine zusammenhängende Geschichte erzählten: die Geschichte einer Flucht. Ein nächtlicher Aufbruch im Angesicht eines heranrückenden Heeres; eine eilige Fahrt zur Meeresküste; eine stürmische Überfahrt; eine Landung in der Fremde. Nur zwei der in den einzelnen Szenen abgebildeten Figuren waren stets dieselben: ein kleines Mädchen und ein Junge.

Ruth Brouard trat in eine Fensternische und zog die dünnen Vorhänge zurück, die das Glas verhüllten.»Kommen Sie«, sagte sie zu St. James.»Schauen Sie.«

St. James trat zu ihr. Das Fenster ging nach vorn hinaus. Unter ihnen wand sich die Auffahrt um eine mit Gras und Büschen bepflanzte Grünanlage. Dahinter dehnten sich Rasenflächen zu einem kleinen Haus in der Ferne. Das dichte Wäldchen, das das Haus umgab, zog sich bis zur Auffahrt hinauf und wieder zurück zum Herrenhaus.

Ihr Bruder war wie gewöhnlich vorn aus dem Haus gekommen, berichtete Ruth Brouard. Er hatte den Rasen in Richtung zum kleinen Haus überquert und war zwischen den Bäumen verschwunden. Unter diesen Bäumen war China River hervorgetreten und ihm gefolgt. Sie war deutlich zu sehen gewesen. Sie war ganz in Schwarz gekleidet gewesen, in einen Umhang mit hochgeschlagener Kapuze, aber Ruth hatte sie sofort erkannt.

Woran? wollte St. James wissen. Hätte nicht irgendjemand Miss Rivers Umhang nehmen können? Gerade so ein Umhang war doch als Kleidungsstück für Frauen genauso geeignet wie für Männer. Und legte das nicht nahe -

«Ich habe mich nicht allein darauf verlassen, Mr. St. James«, sagte Ruth Brouard.»Ich fand es merkwürdig, dass sie meinem Bruder um diese Zeit folgte, es schien keinen Grund dafür zu geben. Es hat mich beunruhigt. Ich dachte, meine Augen hätten mich vielleicht getrogen, darum ging ich zu ihrem Zimmer. Sie war nicht da.«

«Vielleicht war sie irgendwo im Haus.«

«Ich habe überall nachgesehen. Im Badezimmer. In der Küche. In Guys Arbeitszimmer. Im Wohnzimmer. Oben in der Galerie. Sie war nirgends im Haus, Mr. St. James, weil sie meinem Bruder folgte.«

«Hatten Sie Ihre Brille auf, als Sie Miss River draußen unter den Bäumen bemerkten?«

«Deswegen habe ich ja im Haus nachgesehen«, antwortete Ruth Brouard.»Weil ich die Brille zuerst, als ich zum Fenster hinausgeschaut habe, nicht trug. Sie schien es zu sein — ich habe mit der Zeit gelernt, Formen und Größen ziemlich sicher zu taxieren — , aber ich wollte sicher sein.«

«Warum? Hatten Sie irgendeinen Verdacht gegen sie oder jemand anderen?«

Ruth Brouard zog den dünnen Vorhang wieder zu, und während sie mit der Hand glättend über den zarten Stoff strich, sagte sie:»Jemand anderen? Nein, nein. Natürlich nicht«, aber die scheinbare Beiläufigkeit ihrer Antwort, veranlasste St. James, nachzufragen.

«Wer war zur fraglichen Zeit sonst noch im Haus, Miss Brouard?«

«Miss Rivers Bruder. Ich. Und Adrian, der Sohn meines Bruders.«

«Wie war seine Beziehung zu seinem Vater?«

«Gut. Ganz in Ordnung. Sie haben sich nicht allzu häufig gesehen. Dafür hatte seine Mutter schon vor langer Zeit gesorgt. Aber wenn sie zusammen waren, gingen sie sehr liebevoll miteinander um. Natürlich hatten sie ihre Differenzen. Wo gibt es die nicht zwischen Vater und Sohn? Aber es war nichts Ernstes. Es war nichts, was nicht gerichtet werden konnte.«»Da sind Sie sicher?«

«Aber ja, natürlich. Adrian ist. Er ist ein guter Junge, aber er hatte es schwer im Leben. Die Scheidung seiner Eltern war hart für ihn. Er liebte sie beide, aber er musste sich für einen entscheiden. So etwas fordert Missverständnisse heraus und führt zur Entfremdung. Und es ist nicht fair. «Sie schien einen Unterton in ihrer Stimme zu hören und holte tief Luft, als wollte sie ihn unter Kontrolle bringen.»Sie haben sich so geliebt, wie Väter und Söhne einander lieben, wenn keiner die Möglichkeit hat, den anderen in seinem Wesen zu erfassen.«

«Was glauben Sie, wohin solche Liebe führen kann?«

«Nicht zu Mord. Das versichere ich Ihnen.«

«Sie lieben Ihren Neffen«, stellte St. James fest.

«Familie bedeutet mir mehr als den meisten Menschen«, sagte sie.»Aus offensichtlichen Gründen.«

St. James nickte. Er erkannte die Wahrheit ihrer Worte. Und er erkannte noch etwas, eine Realität, die er aber in diesem Moment nicht mit ihr zu erörtern brauchte. Er sagte:»Ich würde mir gern den Weg anschauen, den ihr Bruder an dem Morgen zur Bucht hinuntergegangen ist, Miss Brouard.«

Sie sagte:»Er ist gleich östlich vom Verwalterhaus. Ich rufe bei den Duffys an und sage ihnen Bescheid, dass Sie meine Zustimmung zur Besichtigung haben.«

«Ist es eine private Bucht?«

«Nein, nein. Aber wenn Sie am Verwalterhaus vorbeikommen, wird Kevin Sie bemerken. Er ist sehr um unsere Sicherheit besorgt. Ebenso seine Frau.«

Aber nicht besorgt genug, dachte St. James.

10

St. James traf Deborah unter den Kastanien an der Auffahrt wieder. Sie berichtete ihm von ihrem Gespräch im japanischen Garten und zeigte dabei nach Südosten. Zu seiner Erleichterung schien ihre frühere Verstimmung vergessen, und er musste wieder einmal daran denken, wie ihm sein Schwiegervater Deborah beschrieben hatte, als er — mit, wie er hoffte liebenswerter, altmodischer Förmlichkeit — um ihre Hand angehalten hatte.»Deb ist ein Rotschopf, vergiss das nicht, mein Junge«, hatte Joseph Cotter gesagt.»Sie wird dir ganz schön die Hölle heiß machen, aber dafür ist sie überhaupt nicht nachtragend.«

Sie hatte ihre Sache mit dem Jungen gut gemacht. Sie war scheu, aber ihr mitfühlendes Wesen öffnete ihr den Zugang zu anderen Menschen, der St. James immer verschlossen geblieben war. Diese Gabe der Empathie bewährte sich in ihrem Beruf — die Menschen waren viel eher bereit, sich fotografieren zu lassen, wenn sie wussten, dass die Person hinter der Kamera ein Mensch wie» du und ich «war — so wie sein ruhiges Temperament und seine analytische Denkweise ihm in seiner Arbeit zugute kamen. Und ihr erfolgreiches Gespräch mit Stephen Abbott unterstrich die Tatsache, dass in der gegebenen Situation mehr nötig war als Technik und gute Laborarbeit.

«Diese andere Frau, die dann nach vorn kam und Erde ins Grab warf«, schloss Deborah,»die mit dem riesigen Hut, war also offenbar die letzte Geliebte. Sie gehörte nicht zur Familie, auch wenn sie allem Anschein nach hoffte, eines Tages dazuzugehören.«

«>Sie haben gesehen, was sie getan hat<«, murmelte St. James.»Wie hast du diese Bemerkung des Jungen verstanden, Deborah?«

«Was sie getan hat, um attraktiv zu wirken, vermute ich«, antwortete Deborah.»Ich meine, es war ja nicht zu übersehen, nicht wahr? Auch wenn man dergleichen hier nicht so häufig sieht wie in den Staaten, wo ein großer Busen anscheinend die fixe Idee der ganzen Nation ist.«

«Du meinst nicht, es heißt, dass sie etwas ganz anderes >getan< hat?«, fragte St. James.»Zum Beispiel, ihren Geliebten getötet, als der ihr eine andere Frau vorzog?«

«Weshalb hätte sie das tun sollen, wenn sie hoffte, er würde sie heiraten?«

«Vielleicht musste sie ihn töten.«

«Warum?«»Obsession. Eifersucht. Rasende Wut, die sich nur auf eine Art stillen lässt. Oder vielleicht auch etwas viel Simpleres: Vielleicht hatte er sie in seinem Testament bedacht, und sie musste ihn töten, bevor er Gelegenheit hatte, es zu ändern.«

«Du vergisst das Problem, über das wir schon gesprochen haben«, wandte Deborah ein.»Wie soll eine Frau es geschafft haben, Guy Brouard diesen Stein in den Hals zu stoßen, Simon?«

«Da müssen wir auf Chief Inspector Le Gallez' Kusstheorie zurückgreifen«, sagte St. James,»so unwahrscheinlich sie sein mag. >Sie hatte ihn verloren<. Gab es eine andere Frau?«

«Sicher nicht China«, erklärte Deborah.

St. James hörte den überzeugten Ton.»Du bist also ganz sicher.«

«Sie hat mir erzählt, dass sie vor kurzem mit Matt Schluss gemacht hat. Sie liebte ihn seit Ewigkeiten, seit sie siebzehn war. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie sich so schnell mit einem anderen Mann einlassen würde.«

Das führte auf gefährliches Gelände, das nicht nur Deborah, sondern auch China River vertraut war. Es war noch gar nicht so lange her, dass Deborah sich von ihm getrennt und einen anderen Mann gefunden hatte. Sie hatten nie darüber gesprochen, wie schnell sie sich Thomas Lynley zugewandt hatte, aber das hieß nicht, dass ihnen nicht beiden klar war, welche entscheidende Rolle ihr Schmerz und ihr Zustand innerer Bedürftigkeit dabei gespielt hatten.

Er sagte:»Aber gerade jetzt wäre sie doch anfälliger denn je. Könnte es nicht sein, dass sie ein Abenteuer brauchte — das Brouard vielleicht weit ernster nahm als sie — , um sich wieder aufzubauen?«

«Nein, das entspricht eigentlich nicht ihrer Art.«

«Aber nur mal angenommen — «

«Gut, nur mal angenommen. Aber sie hat ihn nicht getötet, Simon. Du wirst zugeben, dazu müsste sie erst mal ein Motiv haben.«

Das gab er gern zu. Trotzdem waren vorgefasste Meinungen seiner Erfahrung nach so oder so gefährlich. Er sagte deshalb am Schluss seines Berichts über das Gespräch mit Ruth Brouard, vorsichtshalber:»Sie hat im ganzen Haus nach China gesucht. Aber sie war nirgends zu finden.«

«Sagt sie«, entgegnete Deborah.»Es könnte doch sein, dass sie lügt.«

«Das ist richtig. Die Rivers waren nicht die einzigen Gäste im Haus. Adrian Brouard war auch da.«

«Hätte er denn einen Grund gehabt, seinem Vater nach dem Leben zu trachten?«

«Ausschließen können wir es nicht.«

«Sie ist seine Tante«, sagte Deborah.»Und in Anbetracht ihrer Biografie — des Schicksals ihrer Eltern, des Holocaust — würde sie wahrscheinlich vor fast nichts zurückschrecken, um einen Angehörigen ihrer Familie zu schützen. Oder siehst du das anders?«

«Nein.«

St. James begleitete sie durch die Bäume zu dem Fußweg, der sie nach Ruth Brouards Beschreibung zu der Bucht bringen musste, wo ihr Bruder jeden Morgen geschwommen war. Als sie an dem kleinen Haus vorbeikamen, das er von Ruth Brouards Fenster aus gesehen hatte, bemerkte er, dass zwei der Fenster auf den Fußweg führten. Gut möglich, dachte er, dass das Verwalterehepaar, das, wie er gehört hatte, hier lebte, den Informationen, die er von Ruth Brouard erhalten, etwas hinzufügen konnten.

Als der Weg sich tiefer in den Wald schlängelte, wurde es kühler und feuchter. Dank der natürlichen Fruchtbarkeit des Landes oder zielstrebigem menschlichem Einwirken, gedieh hier üppiges Grün, das den Pfad vom umliegenden Land abschirmte. Direkt am Wegrand standen dichte Rhododendronbüsche, die mit einem halben Dutzend verschiedener Farnarten abwechselten. Der Boden war weich von liegen gebliebenem Herbstlaub, und oben breiteten sich die kahlen Äste der Kastanien aus, die im Sommer einen grünen Tunnel bildeten. Es war still, nur das leise Geräusch ihrer Schritte war zu hören.

Aber so blieb es nicht lange. St. James bot gerade seiner Frau die Hand, um ihr über eine Pfütze zu helfen, als kläffend ein struppiger kleiner Hund aus dem Gebüsch hervorschoss.

«Hoppla!«Deborah fuhr erschrocken zusammen, dann lachte sie.»Ach, ist der nicht süß? Komm her, du kleiner Schlingel. Wir tun dir nichts.«

Sie streckte dem Tier die Hand hin. Im selben Moment brach ein Junge in einer roten Jacke durch die Büsche, packte den Hund und nahm ihn auf den Arm.

«Entschuldigung!«, sagte St. James lächelnd.»Wir haben deinen Hund anscheinend erschreckt.«

Der Junge blickte stumm von Deborah zu St. James. Der Hund bellte weiter.

«Miss Brouard sagte uns, dass das hier der Weg zur Bucht ist«, bemerkte St. James.»Sind wir noch richtig, oder sind wir irgendwo falsch abgebogen?«

Der Junge schwieg immer noch. Er sah ziemlich schmuddelig aus, mit fettigem Haar, das ihm am Kopf klebte, und schmutzverschmiertem Gesicht. Die Hände, die den Hund hielten, waren schwarz vor Dreck, und seine dunkle Hose hatte über dem Knie einen Fettfleck. Er wich ein paar Schritte zurück.

«Wir haben dich hoffentlich nicht auch erschreckt?«, sagte Deborah.»Wir dachten, hier wäre weit und breit keine — «

Sie brach ab, als der Junge auf dem Absatz kehrtmachte und wieder in die Büsche floh. Der zerfledderte alte Rucksack, den er auf dem Rücken trug, hüpfte auf und nieder wie ein Sack Kartoffeln.

«Was war denn das?«, fragte Deborah verwundert.

St. James war genauso verwundert.»Das werden wir herausfinden müssen.«

Durch eine Pforte in der Mauer, in einiger Entfernung von der Auffahrt gelangten sie auf die schmale Straße. Die Autos mit den Trauergästen waren abgefahren, so dass der Weg offen vor ihnen lang und sie den Abstieg zur Bucht etwa hundert Meter vom großen Tor entfernt, mühelos fanden.

Zwischen Wäldern und mit Steinmauern befestigten Hängen, zu deren Füßen ein Bach plätscherte, führte der Weg in steilen Serpentinen abwärts, zu breit, um als Fußweg, zu schmal, um als Straße gelten zu können. Hier gab es keine Häuser, nur ein einsames Hotel, das über den Winter geschlossen war. Im Schatten der Bäume stand es versteckt in einer Mulde am Hang.

Unten in der Ferne wurde der Ärmelkanal sichtbar, sein Wasser war von dem bisschen Sonnenlicht gesprenkelt, das die Wolkendecke zu durchdringen vermochte. Gleichzeitig wurde das Kreischen der Möwen hörbar, die in den Granitfelsen der Küstenklippen rund um die hufeisenförmige Bucht kreisten. Stechginster und Mauerpfeffer wuchsen hier in ungehinderter Fülle, und wo das Erdreich tiefer war, kennzeichnete dorniges Gestrüpp die Stellen, an denen im Frühjahr Schwarzdorn und Brombeeren grünen würden.

Am Ende des Abstiegs lag ein kleiner Parkplatz wie ein Daumenabdruck in der Landschaft. Er war leer, kein Wunder zu dieser Jahreszeit. Der Ort war wie geschaffen für ein ungestörtes Bad oder andere Tätigkeiten, bei denen Zeugen nicht erwünscht waren.

Eine aus Steinen errichtete Mole schützte den Parkplatz vor der Erosion durch Ebbe und Flut, und auf der einen Seite dieser Mauer führte eine schräge Rampe zum Wasser hinunter, dicht bedeckt mit Büscheln toten Tangs, in denen es zu einer anderen Jahreszeit von Fliegen und Mücken gewimmelt hätte. Doch mitten im Dezember rührte sich nichts in den verrottenden Pflanzen, und St. James und Deborah konnten unbelästigt über sie hinweg zum Strand hinunterklettern, wo die Wellen in gleichförmigem Rhythmus gegen Steine und groben Sand schlugen.

«Kein Wind«, stellte St. James fest, den Blick zur Öffnung der Bucht gerichtet.»Das ist günstig zum Schwimmen.«

«Aber das Wasser ist eiskalt«, sagte Deborah.»Ich frage mich, wie er das geschafft hat. Mitten im Dezember. Das ist doch ungewöhnlich.«

«Manche Menschen mögen eben die Extreme«, meinte St. James.»Komm, schauen wir uns mal um.«

«Wonach genau?«

«Vielleicht hat die Polizei etwas übersehen.«

Der eigentliche Tatort war nicht schwer zu finden, er war noch gekennzeichnet von den Spuren polizeilicher Aktivität — ein Streifen gelben Absperrungsbands, zwei weggeworfene Filmdosen und ein

Klümpchen weißer Gips, das herabgetropft war, als jemand einen Abdruck gemacht hatte. An dieser Stelle begannen St. James und Deborah mit ihrer Suche und setzten sie in immer größer werdenden Kreisen fort.

Sie kamen nur langsam voran. Den Blick fest zu Boden gerichtet, zogen sie einen Kreis nach dem anderen, drehten die größeren Steine, auf die sie stießen, um, teilten vorsichtig Tangbüschel, siebten den Sand, indem sie ihn durch ihre Finger rieseln ließen. So verging eine Stunde. Sie fanden den Deckel eines Babygläschens, ein ausgebleichtes Stoffband, eine leere Evianflasche und achtundsiebzig Pence in Münzen.

Als sie zur Mole kamen, schlug St. James vor, sie sollten an verschiedenen Enden anfangen und aufeinander zu arbeiten. Wenn sie zusammentrafen, sagte er, würden sie einfach weitermachen, so dass am Ende jeder von ihnen die ganze Mauer inspiziert hätte.

Sie mussten mit großer Sorgfalt zu Werke gehen, denn die Steine waren hier schwerer, und es gab mehr Ritzen und Spalten, in die etwas hineinfallen konnte. Doch obwohl sie sich beide im Schneckentempo vorwärts bewegten, standen sie mit leeren Händen da, als sie auf halbem Weg zusammentrafen.

«Sehr verheißungsvoll ist das nicht«, sagte Deborah.

«Nein«, stimmte St. James zu.»Aber es war ja von Anfang an nur eine kleine Chance. «Er ruhte sich einen Moment aus, die Arme verschränkt, den Blick aufs Wasser gerichtet. Er dachte über Lügen nach: Über die Lügen, die Menschen erzählen, und über die Lügen, die Menschen glauben. Manchmal war Lügner und Belogener derselbe. Man brauchte etwas nur oft genug zu erzählen, dann glaubte man es auch.

«Du bist beunruhigt, nicht?«, fragte Deborah.»Wenn wir nichts finden.«

Er legte den Arm um sie und gab ihr einen Kuss auf die Schläfe.»Komm, machen wir weiter«, forderte er sie auf. Aber er sagte nicht, was er dachte: Dass etwas zu finden, verhängnisvoller sein konnte, als das Pech, nichts zu finden.

Wie die Krebse krochen sie weiter, St. James behindert durch die Beinschiene, die ihm das Gehen auf den größeren Steinen schwerer machte als seiner Frau. Vielleicht war das der Grund, warum der Triumphschrei über einen Fund etwa fünfzehn Minuten später von Deborah kam.

«Hier!«, rief sie.»Simon, schau dir das an!«

Er drehte sich um. Sie hatte das Ende der Mole erreicht, jene Stelle, wo die Rampe zum Wasser abfiel. Sie wies zu der Ecke, an der Mauer und Rampe zusammenstießen, und als St. James sich auf den Weg zu ihr machte, ging sie in die Knie, um besser erkennen zu können, was sie entdeckt hatte.

«Was ist es?«, fragte er, als er neben ihr war.

«Etwas aus Metall«, sagte sie.»Ich wollte es nicht herausholen.«

«Wie tief unten ist es?«, fragte er.

«Höchstens dreißig Zentimeter, würde ich sagen. Wenn du willst — «

«Hier. «Er reichte ihr ein Taschentuch.

Um den Gegenstand erreichen zu können, musste sie ihr Bein in eine Öffnung zwängen. Sie tat es und schob sich weit genug hinunter, um den Gegenstand, den sie von oben gesehen hatte, zu fassen zu bekommen und herausholen zu können.

Es war ein Ring. In ihrer offenen Hand hielt Deborah ihn, auf das Taschentuch gebettet, ihrem Mann zur Begutachtung hin.

Er schien aus Bronze zu sein, der Größe nach für einen Mann bestimmt. Geschmückt war er mit einem Totenkopf über gekreuzten Knochen. Auf dem Schädel standen die Zahlen 39/40, darunter waren vier Wörter in deutscher Sprache eingraviert. St. James kniff die Augen zusammen, um sie erkennen zu können: Die Festung im Westen.

«Aus dem Krieg«, meinte Deborah, während sie den Ring musterte.»Aber er hat bestimmt nicht die ganze Zeit hier gelegen.«

«Nein. Da wäre er in einem anderen Zustand.«

«Aber was.?«

St. James schlug das Taschentuch um den Ring, ließ ihn aber in Deborahs Hand liegen.»Er muss untersucht werden«, sagte er.»Le

Gallez wird ihn auf Fingerabdrücke prüfen wollen. Viel wird nicht drauf sein, aber schon ein Teilabdruck wäre eine Hilfe.«

«Wie ist es möglich, dass sie den übersehen haben?«, fragte Deborah, und St. James entnahm ihrem Ton, dass sie keine Antwort erwartete.

Dennoch sagte er:»Le Gallez genügt offenbar die Aussage einer alten Frau, die nicht einmal eine Brille trug. Ich denke, wir können ruhig davon ausgehen, dass er nicht mit übergroßem Eifer nach Hinweisen suchte, die ihre Aussage widerlegen könnten. «

Deborah blickte zu dem kleinen weißen Bündel in ihrer Hand hinunter und sah dann ihren Mann an.»Der Ring könnte ein Beweisstück sein«, sagte sie.»Gegen die Haare, die sie gefunden haben, gegen den Fußabdruck und die Zeugenaussagen, die vielleicht gelogen sind. Mit dem Ring könnte sich alles ändern, meinst du nicht, Simon?«

«Vielleicht, ja«, stimmte er zu.

Margaret Chamberlain war hoch zufrieden, dass sie auf einen Termin für die Testamentseröffnung unmittelbar nach dem Empfang gedrungen hatte.»Ruf den Anwalt an, Ruth«, hatte sie am Vortag zu ihrer ehemaligen Schwägerin gesagt.»Sag ihm, er soll nach der Beerdigung herkommen. «Als sie daraufhin von Ruth gehört hatte, dass Guys Anwalt sowieso an den Feierlichkeiten teilnehmen würde — noch so eine von Guys lästigen Inselbekanntschaften, um die man sich bei der Beerdigung würde kümmern müssen — , hatte sie das ganz hervorragend gefunden. Das war Schicksal, eindeutig. Nur für den Fall, dass ihre Exschwägerin vorhatte, ihr einen Strich durch die Rechnung zu machen, hatte Margaret sich den Mann gleich selbst vorgeknöpft, als sie ihn am Büfett beim Verspeisen eines Krabbenbrötchens entdeckt hatte. Miss Brouard, teilte sie ihm mit, wünsche die Testamentsverlesung unmittelbar nach dem Empfang, sobald der letzte Gast gegangen war. Er habe doch die erforderlichen Unterlagen bei sich? Ja? Wunderbar. Und würde es irgendwelche Schwierigkeiten bereiten, die Einzelheiten durchzugehen, sobald man ungestört sei? Nein? Bestens.

Nun waren sie also im Wohnzimmer versammelt. Die Zusammensetzung der Gruppe allerdings gefiel Margaret gar nicht.

Ruth hatte auf Margarets Betreiben hin nicht nur mit Guys Anwalt Verbindung aufgenommen. Sie hatte zu der Testamentsverlesung außerdem eine Runde von Leuten zusammengerufen, die nichts Gutes ahnen ließ. Es konnte nur eines bedeuten: Ruth kannte den Inhalt des Testaments und wusste, dass es Vermächtnisse an Personen enthielt, die nicht zur Familie gehörten. Warum hätte sie sonst einen Kreis praktisch wildfremder Leute zu diesem ernsten familiären Anlass gebeten? Ganz gleich, wie liebevoll Ruth sie begrüßte und ihnen ihre Plätze zuwies, es waren Fremde, jedenfalls in den Augen Margarets, die jedem diesen Stempel aufdrückte, der mit dem Verstorbenen nicht verwandt oder verschwägert war.

Zu diesen Fremden zählten auch Anai's Abbott in voller Kriegsbemalung und ihre Tochter, die eine im schwarzen Kostümchen, dessen Rock sich hauteng um den kleinen Hintern schmiegte, die andere in einem Bolerojäckchen, in dem sie wie ein Zirkusaffe aussah. Der mürrische Sohn war anscheinend verschwunden, denn während sich die Gesellschaft im oberen Wohnzimmer versammelte, unter einem weiteren von Ruths grässlichen Stickbildern aus dem Leben einer Vertriebenen — das, so schien es, das Leben als Pflegekind bei fremden Leuten darstellte, als wäre sie das einzige Kind gewesen, das in den Jahren nach dem Krieg dieses Schicksal erlitten hatte — , rang A- nais unaufhörlich die Hände und erzählte jedem, der es hören wollte, Stephen sei» in seinem Kummer einfach fortgelaufen. «Jedes Mal füllten sich dabei in peinlicher Zurschaustellung ewiger Liebe und Treue zu dem Verstorbenen ihre Augen mit Tränen.

Neben den Abbotts waren die Duffys da. Kevin — Verwalter, Gärtner, Hausmeister von Le Reposoir, kurz: Guys Faktotum — stand abseits an einem Fenster, schaute zum Park hinunter und ließ, offenbar aus Prinzip, allenfalls einmal ein Brummen hören. Seine Frau Valerie hielt die Hände im Schoß zusammengekrampft. Ihr ratloser Blick flog bald zu ihrem Mann, bald zu Ruth, bald zu dem Anwalt, der dabei war, sein Aktenköfferchen auszupacken. Sie schien überhaupt nicht zu verstehen, was sie bei dieser Veranstaltung sollte.

Schließlich war noch Frank Ouseley da, der Margaret nach der Bestattung vorgestellt worden war, eingefleischter Junggeselle, wie sie gehört hatte, und ein sehr guter Freund von Guy. Sein Seelenfreund sozusagen, ihm verbunden durch das leidenschaftliche Interesse an den Zeiten des Zweiten Weltkriegs, das die beiden Männer miteinander geteilt hatten. Für Margaret war das genug, um ihn mit Argwohn zu betrachten. Er war, wie sie inzwischen wusste, die treibende Kraft hinter diesem hirnverbrannten Museumsprojekt und womöglich verantwortlich dafür, dass weiß der Himmel wie viele Millionen von Guys Geld in andere Taschen als die ihres Sohnes fließen würden. Sie fand ihn ausgesprochen abstoßend mit seinem unmöglichen Tweedanzug und den schlecht überkronten Schneidezähnen. Außerdem war er dick, das sprach zusätzlich gegen ihn. Dicke Bäuche zeugten von Gefräßigkeit, und die wiederum zeugte von Gier.

Und er sprach mit Adrian, der offensichtlich sogar zu dumm war, um einen Gegner zu erkennen, wenn er ihn vor sich hatte. Wenn sich die Dinge in der nächsten halben Stunde so entwickelten, wie Margaret fürchtete, konnte es gut sein, dass sie sich mit diesem feisten Kerl vor Gericht wiedertreffen würden. Adrian hätte doch wirklich so klug sein können, wenigstens das zu bedenken, und sich dem Mann fern zu halten.

Margaret seufzte. Während sie ihren Sohn beobachtete, fiel ihr zum ersten Mal seine große Ähnlichkeit mit seinem Vater auf und dass er alles tat, um diese Ähnlichkeit zu verleugnen: Das Haar trug er sehr kurz, damit ja nicht Guys Locken zum Vorschein kommen konnten; er kleidete sich nachlässig, war stets glatt rasiert, um keine Erinnerung an Guys gepflegten Bart aufkommen zu lassen. Aber seine Augen, schwerlidrig mit glutvollem Blick wie die seines Vaters, konnte er nicht verändern. Und auch nicht seinen Teint, der um einiges dunkler war als der des Durchschnittsengländers.

Sie ging zum offenen Kamin, wo er mit dem Freund seines Vaters stand, und hakte sich bei ihm unter.»Setz dich zu mir, Darling«, sagte sie.»Sie haben doch nichts dagegen, wenn ich ihn Ihnen entführe, Mr. Ouseley?«

Frank Ouseley wurde durch Ruth einer Antwort enthoben, die in diesem Moment die Tür schloss, zum Zeichen, dass alle da waren. Margaret führte Adrian zu einem Sofa, das Teil einer Sitzgruppe in der Nähe des Tisches war, auf dem Guys Anwalt — ein gertenschlanker Mann namens Dominic Forrest — seine Papiere bereitgelegt hatte.

Margaret entging nicht, dass alle sich anstrengten, möglichst unaufgeregt zu wirken. Das galt auch für ihren Sohn, den sie nur mit Mühe dazu gebracht hatte, überhaupt an dieser Sitzung teilzunehmen. Er saß mit ausdrucksloser Miene da und bekundete durch seine ganze Haltung, wie wenig es ihn interessierte, wie sein Vater über sein Vermögen verfügt hatte.

Margaret war das egal; sie interessierte es in höchstem Maße. Sie war denn auch ganz wache Aufmerksamkeit, als Forrest seine Halbbrille aufsetzte und sich räusperte. Er hatte nicht versäumt, sie darauf aufmerksam zu machen, dass diese Art der Testamentsverlesung aufs Höchste ungewöhnlich war. Normalerweise, hatte er erklärt, wählte man einen vertraulichen Rahmen, um den Begünstigten die sie betreffenden Verfügungen zur Kenntnis zu bringen, damit sie sich in aller Ruhe mit der neuen Situation auseinander setzen und eventuelle Fragen stellen konnten, ohne dass andere, die ihnen vielleicht nicht unbedingt wohlgesinnt waren, etwas von der Entwicklung der Dinge erfuhren.

Was, wie Margaret wusste, nichts anderes hieß, als dass Mr. Forrest viel lieber mit jedem Begünstigten allein gesprochen hätte, um später jedem eine eigene Rechnung schicken zu können. Ein widerwärtiger Mensch.

Ruth kauerte wie ein Huhn auf der Kante eines Queen-AnneSessels nicht weit von Valerie Duffy. Kevin Duffy blieb am Fenster stehen, Frank Ouseley am offenen Kamin. Anai's Abbott und ihre Tochter nahmen auf einem zweisitzigen Sofa Platz, wo die eine fortfuhr, die Hände zu ringen, und die andere krampfhaft versuchte, ihre Giraffenbeine irgendwie so unterzubringen, dass sie nicht auffielen.

Mr. Forrest setzte sich und schwenkte einmal kurz mit lockerem Handgelenk seine Papiere. Der letzte Wille Mr. Guy Brouards, be- gann er, sei am zweiten Oktober dieses Jahres verfasst, unterzeichnet und bezeugt worden. Es sei ein einfaches Dokument.

Margaret war nicht sonderlich glücklich mit der Entwicklung der Dinge. Sie machte sich auf unangenehme Enthüllungen gefasst. Und das war klug von ihr, wie sich zeigte. Kurz und bündig unterrichtete Mr. Forrest die Versammelten, dass Guy Brouards gesamter Nachlass sich aus einem einzigen Bankkonto und einem Wertpapierportefeuille zusammensetzte. Der Kontobestand und der Wertpapierbestand sollten gemäß dem geltenden Erbrecht in zwei gleiche Teile geteilt werden. Die eine Hälfte sollte, wiederum nach geltendem Erbrecht, unter den drei Kindern des Erblassers gedrittelt werden. Die zweite Hälfte fiel zu gleichen Teilen an Paul Fielder und Cynthia Moullin.

Ruth, geliebte Schwester und lebenslange Gefährtin des Verstorbenen, wurde mit keinem Wort erwähnt. Aber wenn man das ungeheure Vermögen Guys bedachte — die Immobilien in England, Frankreich, Spanien und auf den Seychellen, seine internationalen Unternehmensbeteiligungen, sein Wertpapiervermögen, seine Kunstsammlung und Le Reposoir — , dieses Vermögen, das in seinem Testament nicht einmal angesprochen wurde, so brauchte man nicht viel zu überlegen, um zu begreifen, was Guy getan hatte: Er hatte seinen Kindern unmissverständlich klar gemacht, was er von ihnen hielt, und gleichzeitig bestens für das Wohl seiner Schwester vorgesorgt. Mein Gott, dachte Margaret, er muss ihr noch zu seinen Lebzeiten alles überschrieben haben.

Als Mr. Forrest zum Schluss seiner Ausführungen kam, herrschte fassungsloses Schweigen, und nur langsam wurde zumindest bei Margaret die Fassungslosigkeit von Empörung verdrängt. Sie war sofort überzeugt, dass Ruth diese ganze Veranstaltung nur inszeniert hatte, um sie zu demütigen. Ruth hatte sie nie gemocht. Von Anfang an nicht. Und in den Jahren, in denen sie — Margaret — Guy seinen Sohn vorenthalten hatte, war bei Ruth zweifellos ein abgrundtiefer Hass gegen sie gewachsen. Welch eine Genugtuung ihr dieser Augenblick bereiten musste, in dem sie miterleben konnte, wie Margaret Chamberlain ihre gerechte Strafe bekam: in Form der bitteren

Erkenntnis, dass Guys Nachlass bei weitem nicht ihren Erwartungen entsprach, und ihr Sohn obendrein aus diesem Nachlass weniger erhielt als zwei wildfremde Personen namens Fielder und Moullin.

Zum Kampf bereit wandte Margaret sich ihrer ehemaligen Schwägerin zu. Doch in Ruths Gesicht erblickte sie eine Wahrheit, die sie nicht glauben mochte. Ruth war so bleich geworden, dass ihre Lippen kreidig wirkten, und ihr Gesichtsausdruck sagte deutlicher als alle Worte, dass das Testament ihres Bruders allem widersprach, was sie erwartet hatte. Sah man diese Reaktion in Zusammenhang mit ihrer Einladung an die anderen, der Testamentsverlesung beizuwohnen, so verriet sie allerdings noch weit mehr. Für Margaret stand fest: Ruth hatte nicht nur von der Existenz eines früheren Testaments gewusst, sie hatte auch den Inhalt dieses Testaments gekannt.

Warum sonst hätte sie Guys letzte Geliebte zu diesem Termin gebeten? Warum Frank Ouseley? Die Duffys? Es konnte dafür nur einen Grund geben: Ruth hatte sie alle in gutem Glauben eingeladen, weil Guy in einem früheren Testament jedem von ihnen etwas hinterlassen hatte.

Und was ist mit Adrian? dachte Margaret. Was ist mit meinem Sohn? Ein dünner roter Schleier schien sich vor ihren Blick zu ziehen, als sie begriff, was geschehen war: Ihrem Sohn Adrian sollte verweigert werden, was ihm von Rechts wegen zustand. Er war von seinem Vater praktisch enterbt worden. Er sollte es sich gefallen lassen, weniger zu erhalten als zwei Wildfremde — Fielder und Moullin, wer auch immer das sein mochte!. Sein Vater hatte offensichtlich über den Großteil seines Vermögens bereits anderweitig verfügt. Adrian sollte buchstäblich mit nichts abgefertigt werden, und das von dem Mann, der ihn in die Welt gesetzt und ihn dann kampflos aufgegeben hatte, dem es offensichtlich überhaupt nichts ausgemacht hatte, seinen Sohn aufzugeben und die darin enthaltene Zurückweisung noch dadurch zu zementieren, dass er mit der Geliebten seines Sohnes ein Verhältnis anfing, gerade als diese zu einer dauerhaften Bindung bereit war, die Adrians Leben für immer verändern und ihn endlich hätte heilen können. Es war unvorstellbar! Eine einzige Gewissenlosigkeit. Aber dafür würde jemand bezahlen!

Margaret wusste noch nicht, wer und wie. Aber sie war entschlossen, für Gerechtigkeit zu sorgen.

Das hieß, dass man zuerst diesen beiden Fremden das Geld entreißen musste, das Guy ihnen vermacht hatte. Was waren das überhaupt für Leute? Wo lebten sie? Was hatten sie mit Guy zu tun gehabt?

Es gab zwei Personen, die diese Fragen beantworten konnten. Die eine war Dominic Forrest, der seine Papiere wieder einpackte und dabei etwas von amtlichen Wirtschaftsprüfern, Bankauskünften und Anlageberatern erzählte. Die andere war Ruth, die nun zu Anai's Abbott eilte — ausgerechnet zu dieser Person! — und ihr murmelnd Trost zusprach.

Forrest, vermutete Margaret, würde wahrscheinlich nicht bereit sein, zusätzliche Informationen herauszurücken. Aber Ruth, in ihrer Eigenschaft als ihre ehemalige Schwägerin und als Tante von Adrian, der von seinem Vater so schlecht behandelt worden war. Ja, von Ruth würde schon etwas zu erfahren sein, wenn man es richtig anfing.

Margaret, die plötzlich bemerkte, dass Adrian, der neben ihr saß, heftig zitterte, riss sich von ihren Spekulationen los. Sie war von ihren Überlegungen, was jetzt zu tun war, so absorbiert gewesen, dass sie überhaupt nicht darüber nachgedacht hatte, was dieser Moment für Adrian bedeutete. Natürlich war Adrians Beziehung zu seinem Vater immer schwierig gewesen, da diesem ja seine sexuellen Abenteuer stets wichtiger gewesen waren als eine enge Verbindung zu seinem eigen Fleisch und Blut. Aber vom eigenen Vater so behandelt zu werden, das war grausam, weit grausamer, als ein Leben ohne Vater hätte sein können. Und Adrian litt darunter.

Sie wandte sich ihm zu. Sie wollte ihm sagen, dass dies noch lange nicht das Ende sei, dass es immer noch den Rechtsweg gebe, Möglichkeiten der Regelung durch Manipulation oder Druck, Mittel und Wege jedenfalls, um zu erreichen, was man wollte. Er solle sich deshalb keine Sorgen machen und nicht glauben, dass die testamentarischen Verfügungen seines Vaters etwas anderes seien als der Ausdruck einer momentanen Geistesgestörtheit, hervorgerufen durch weiß der Himmel was. Das alles wollte sie ihm sagen, wollte ihn in den Arm nehmen, ihn aufmuntern und mit ihrem eisernen Willen stärken. Aber sie sah, dass das alles gar nicht nötig war.

Denn Adrian weinte nicht. Er lachte. Lautlos.

Valerie Duffy war, von verschiedenen Sorgen geplagt, zu der Testamentsverlesung gegangen, und nur eine dieser Sorgen war am Ende beschwichtigt. Sie brauchte nicht länger zu fürchten, dass sie mit Guy Brouards Tod Heim und Lebensunterhalt verlieren würde. Die Tatsache, dass Le Reposoir im Testament mit keinem Wort erwähnt worden war, legte nahe, dass über den Besitz bereits an anderer Stelle verfügt worden war, und Valerie glaubte zu wissen, wem er jetzt gehörte. Das bedeutete, das sie und Kevin keine Angst zu haben brauchten, gleich morgen an die Luft gesetzt zu werden.

Valeries übrige Sorgen jedoch blieben. Sie hatten mit Kevins Verschlossenheit zu tun, die sie im Allgemeinen nicht störte, jetzt aber nervös machte.

Sie war mit ihrem Mann auf dem Heimweg. Das Herrenhaus im Rücken, schritten sie über das Grundstück zu ihrem Häuschen. Valerie hatte die Reaktionen der im Wohnzimmer Anwesenden gesehen und in jedem der Gesichter die enttäuschten Hoffnungen erkannt. Anai's Abbott hatte auf finanzielle Befreiung aus der Grube gehofft, die sie sich mit ihren kostspieligen Bemühungen, Guy Brouard bei der Stange zu halten, selbst gegraben hatte. Frank Ouseley hatte mit einer Geldzuwendung gerechnet, die ausreichen würde, seinem Vater ein Denkmal zu errichten. Margaret Chamberlain hatte ein Vermögen erwartet und gehofft, damit ihren Sohn, der immer noch unter ihrem Dach lebte, endlich in die Welt hinausschicken zu können. Und Kevin.? Nun, Kevin hatte natürlich eine Menge Dinge im Kopf, die mit Testamenten und Vermächtnissen überhaupt nichts zu tun hatten, folglich hatte er der Einladung zu dieser Testamentseröffnung auch ganz ohne Erwartungen Folge geleistet.

Sie warf ihm einen schnellen Seitenblick zu. Sie wusste, dass er es unnatürlich finden würde, wenn sie sich überhaupt nicht äußerte, aber sie wollte vorsichtig sein und nicht zu viel sagen. Es gab Dinge, über die man besser nicht sprach.

«Was meinst du, sollen wir Henry anrufen?«, fragte sie schließlich.

Kevin, der sich in den Kleidern, welche die meisten Männer wie selbstverständlich trugen, nicht wohl fühlte, lockerte seinen Schlips und öffnete den obersten Hemdknopf.»Ich denke, er wird es bald genug erfahren«, sagte er.»Spätestens bis zum Abend weiß es garantiert die halbe Insel.«

Valerie wartete, aber mehr sagte er nicht. Sie wäre gern erleichtert darüber gewesen, doch er sah sie nicht an, und das verriet ihr, dass er ihr auswich.

«Ich frage mich, wie er reagieren wird«, sagte sie.

«Wirklich, Schatz?«, fragte Kevin.

Er sprach so leise, dass Valerie ihn kaum hörte, aber schon sein Ton hätte ausgereicht, sie frösteln zu lassen.»Warum fragst du das, Kev?«, sagte sie in der Hoffnung, ihn zum Reden zu bringen.

Er antwortete:»Was die Leute angeblich tun, und was sie tatsächlich tun, das ist oft zweierlei. «Er sah sie an.

Das Frösteln wich einer Kälte, die ihre Beine hinaufkroch und in ihren Magen schoss, wo sie eisig liegen blieb. Valerie wartete darauf, dass ihr Mann auf das nahe liegende Thema zu sprechen käme, über das in diesem Moment wahrscheinlich alle, die im Wohnzimmer gesessen hatten, nachdachten oder diskutierten. Als er das nicht tat, sagte sie:»Henry war bei der Trauerfeier, Kev. Hast du mit ihm gesprochen? Zur Bestattung ist er auch mitgekommen. Und zum Empfang. Hast du ihn dort gesehen? Das kann doch eigentlich nur heißen, dass er und Mr. Brouard bis zum Ende Freunde waren. Gott sei Dank. Es wäre schrecklich gewesen, wenn Mr. Brouard im Streit mit jemandem gestorben wäre, besonders mit Henry. Ein Bruch in seiner Freundschaft mit Mr. Brouard hätte Henrys Gewissen bestimmt belastet, nicht wahr? Und das hätte er sicher nicht gewollt.«

«Nein, sicher nicht«, stimmte Kevin zu.»Ein schlechtes Gewissen ist was Scheußliches. Es hält einen nachts wach. Man muss dauernd daran denken, was man getan hat. «Mitten auf dem Rasen blieb er plötzlich stehen. Auch Valerie hielt inne. Ein Windstoß brachte salzige Luft und mit ihr die Erinnerung an das, was unten an der Bucht geschehen war.

«Glaubst du«, sagte Kevin, nachdem gut dreißig Sekunden verstrichen waren, ohne dass Valerie etwas auf seine Bemerkung erwidert hatte,»Henry wird sich wundern, wenn er von diesem Testament erfährt?«

Sie schaute weg, da sie wusste, dass er noch immer versuchte, sie mit seinem Blick aus der Reserve zu locken. Er konnte sie eigentlich immer zum Sprechen bringen, denn auch nach siebenundzwanzig Jahren Ehe liebte sie ihn wie beim ersten Mal, als er ihr die Kleider vom hitzigen Körper gestreift und diesen Körper mit seinem Körper geliebt hatte. Sie wusste, wie viel ein solches körperliches Einverständnis mit einem Mann bedeutete, und aus Furcht vor seinem Verlust drängte es sie, zu sprechen und Kevin dafür um Verzeihung zu bitten, dass sie getan hatte, was niemals zu tun sie versprochen hatte.

Doch der Sog von Kevins Blick war nicht stark genug. Er zog sie bis an den Rand des Abgrunds, aber er konnte sie nicht verleiten, sich ins sichere Verderben zu stürzen. Sie schwieg beharrlich, und das zwang ihn dazu, weiterzusprechen.

Er sagte:»Ich kann mir nicht vorstellen, dass er sich nicht seine Gedanken machen wird. Das Testament ist ungewöhnlich, das fordert doch Fragen heraus. Und wenn er sie nicht stellt. «Kevin blickte zu den Ententeichen hinüber und zum kleinen Entenfriedhof, in dem die verstümmelten Körper der unschuldigen Vögel lagen.»Es gibt zu vieles«, sagte er,»was für einen Mann Macht bedeutet, und wenn ihm seine Macht genommen wird, dann steckt er das nicht so einfach weg. Er kann das nicht mit einem Lächeln und einem Schulterzucken abtun und sagen: >Ach, so viel hat es sowieso nicht bedeutete. Jedenfalls nicht, wenn er seine Macht erkannt hat. Und sie verloren hat.«

Valerie setzte sich wieder in Bewegung. Sie wollte sich nicht noch einmal vom Blick ihres Mannes aufspießen lassen wie ein gefangener Schmetterling der Spezies wortbrüchiges Frauenzimmer. »Denkst du denn, dass so was passiert ist, Kev? Dass jemand seine Macht verloren hat? Glaubst du, dass es darum geht?«

«Ich weiß es nicht«, antwortete er.»Du?«

Eine andere Frau hätte vielleicht mit gespielter Ahnungslosigkeit gesagt:»Wieso sollte ich.?«, aber Koketterie war nicht Valeries Sache. Sie wusste genau, warum ihr Mann ihr diese Frage stellte, und sie wusste, wohin es führen würde, wenn sie ihm direkt antwortete: zu einer Überprüfung gegebener Versprechen und einer Erörterung versuchter Rationalisierungen.

Aber abgesehen davon, dass es gewisse Themen gab, die Valerie im Gespräch mit ihrem Mann mied, ging es jetzt um ihre persönlichen Gefühle, die auch berücksichtigt sein wollten. Denn es war nicht leicht, mit der Erkenntnis zu leben, dass man wahrscheinlich am Tod eines guten Menschen schuld war. Dies tagein, tagaus mit sich herumzutragen, während man versuchte, den Alltag zu bewältigen, war belastend genug. Doch die Last wurde untragbar, wenn man obendrein hinnehmen sollte, dass noch ein anderer von dieser Schuld wusste. Da blieb nur Ausweichen und Ablenken. Alles andere schien ins Verderben zu führen, zum schnellen Sturz in den tiefen Abgrund verletzter Vereinbarungen und zurückgewiesener Verantwortung.

Mehr als alles wünschte sie sich, sie könnte das Rad zurückdrehen. Aber das war unmöglich. Und so ging sie stetigen Schritts dem Haus entgegen, wo wenigstens Beschäftigung auf sie beide wartete und sie vorübergehend die Kluft vergessen lassen würde, die sich so schnell zwischen ihnen auftat.

«Hast du den Mann gesehen, der mit Miss Brouard gesprochen hat?«, fragte Valerie ihren Mann.»Den mit dem kranken Bein? Sie ist mit ihm nach oben gegangen, kurz bevor der Empfang vorbei war. Ich habe ihn hier noch nie gesehen. Was meinst du — ist das vielleicht ihr Arzt? Sie ist nicht gesund, das weißt du doch, Kev, nicht wahr? Sie versucht, es zu verheimlichen, aber es wird zusehends schlimmer. Wenn sie doch darüber sprechen würde, dann könnte ich ihr besser helfen. Ich kann ja verstehen, dass sie nichts sagen wollte, solange er noch lebte — sie wollte ihn nicht beunruhigen — , aber jetzt, wo er tot ist. Wir könnten viel für sie tun, Kev, wir beide. Wenn sie es zulassen würde.«

Sie ließen den Rasen hinter sich und überquerten einen Teil der Auffahrt, der vorn an ihrem Haus vorbeiführte. Valerie war als Erste an der Haustür und wäre schnurstracks ins Haus gegangen, hätte ihren Mantel aufgehängt und ihre Arbeit da wieder aufgenommen, wo sie sie unterbrochen hatte, hätten nicht Kevins Worte sie aufgehalten.

«Wann hörst du auf, mich zu belügen, Val?«

Es war genau die Art Frage, die sie zu einer anderen Zeit hätte beantworten müssen. Sie hätte der in ihr enthaltenen Unterstellung über die sich verändernde Natur ihrer Beziehung nur entgegentreten können, indem sie ihrem Mann gegeben hätte, was er verlangte. Aber die Entscheidung wurde ihr diesmal abgenommen; noch während Kevin sprach, trat der Mann, über den sie sich eben unterhalten hatten, aus dem Gebüsch am Fußweg zur Bucht.

Er war in Begleitung einer rothaarigen Frau. Als die beiden die Duffys bemerkten, tauschten sie ein paar Worte aus und kamen unverzüglich zum Haus. Der Mann stellte sich als Simon St. James vor und die Rothaarige als seine Frau Deborah. Sie seien aus London zur Beerdigung gekommen, erklärte er und fragte die Duffys, ob er sie kurz sprechen könne.

Das letzte Medikament in der Reihe der Analgetika — das ihr Onkologe als das» allerletzte Mittel «bezeichnet hatte, das sie versuchen würden — konnte die mörderischen Schmerzen in Ruths Knochen nicht mehr eindämmen. Nun war es offensichtlich Zeit, das Morphium einzusetzen. Die Zeit für ihren Körper war gekommen, aber noch nicht die Zeit für ihren Geist, die der Moment bestimmen würde, da sie sich in ihrem Bemühen, selbst zu entscheiden, wie ihr Leben enden würde, geschlagen gab. Und bis diese Zeit kam, wollte Ruth ihr Leben weiterleben, als gäbe es den Feind in ihrem Körper nicht.

Sie war am Morgen mit starken Schmerzen erwacht, die sich im Lauf des Tages nicht gelegt hatten. In den ersten Stunden hatte sie sich so ausschließlich darauf konzentriert, ihren Pflichten gegenüber ihrem Bruder, seiner Familie, seinen Freunden und der Gemeinde nachzukommen, dass es ihr gelungen war, das Feuer, das ihren Körper im Griff hielt, zu ignorieren. Aber als die Gäste sich verabschiedeten, wurde es zunehmend schwieriger, den machtvollen Forderungen der Krankheit zu widerstehen. Die Testamentsverlesung hatte immerhin für Ablenkung gesorgt; ebenso das, was ihr folgte.

Das Gespräch mit Margaret war zum Glück überraschend kurz ausgefallen.»So werde ich das nicht stehen lassen«, hatte ihre ehemalige Schwägerin wutentbrannt und mit einem Gesicht erklärt, als hätte man ihr ranzige Butter vorgesetzt.»Aber im Moment möchte ich nur wissen, wer, zum Teufel, diese Leute sind.«

Ruth wusste, dass sie von den zwei Personen sprach, die Guy neben seinen Kindern in seinem Testament bedacht hatte. Sie gab Margaret die gewünschte Auskunft und sah ihr nach, als sie, schon zu einem Kampf gewappnet, dessen Ausgang — wie Ruth wusste — höchst zweifelhaft war, aus dem Zimmer rauschte.

Blieb der Rest. Frank Ouseley hatte es ihr überraschend leicht gemacht. Als sie mit verlegenen Entschuldigungen zu ihm getreten war und ihm versicherte, dass man ganz gewiss etwas tun könne, um die Situation zu ändern, da Guy ja bezüglich des Kriegsmuseums keinen Zweifel an seinen Wünschen gelassen habe, hatte Frank erwidert:»Machen Sie sich nur deswegen keine Sorgen, Ruth«, und sich ohne das geringste Anzeichen von Groll von ihr verabschiedet. Aber wenn man bedachte, was er und Guy an Zeit und Mühe in ihr Projekt investiert hatten, musste er natürlich trotzdem enttäuscht sein, und deshalb hatte Ruth ihn nicht gleich gehen lassen, sondern noch gesagt, er dürfe nicht glauben, die Lage sei aussichtslos, sie sei überzeugt, dass man etwas tun könne, um seinen Traum zu verwirklichen. Guy habe gewusst, wie viel das Projekt Frank bedeute, und es sei gewiss seine Absicht gewesen. Aber mehr konnte sie nicht sagen. Sie verstand auch noch nicht, was ihr Bruder getan und warum er es getan hatte, und wollte nicht riskieren, ihn und seine Wünsche zu verraten.

Frank hatte ihre Hand mit seinen beiden Händen umfasst und gesagt:»Das hat alles Zeit, Ruth. Sorgen Sie sich jetzt nicht darum.«

Damit war er gegangen und hatte sie der Auseinandersetzung mit Anais überlassen.

Wie im Schock, schoss es Ruth durch den Kopf, als sie sich der Geliebten ihres Bruders zuwandte. Anais saß stumm und starr auf dem zweisitzigen Sofa, auf dem sie zur Testamentsverlesung Platz ge- nommen hatte, und sie war allein. Jemima war geflohen, sobald Ruth zu ihr gesagt hatte:»Vielleicht schaust du mal, wo Stephen geblieben ist, Kind. «In ihrer Hast war sie mit einem ihrer großen Füße über ein Sitzkissen gestolpert und hätte beinahe einen Beistelltisch umgerissen. Ihre Eile war verständlich. Jemima kannte ihre Mutter und ahnte wahrscheinlich, was in den nächsten Wochen an töchterlicher Liebe von ihr verlangt werden würde. Anais würde sowohl eine Vertraute als auch einen Sündenbock brauchen. Die Zeit würde zeigen, welche Rolle sie ihrer linkischen Tochter zuzuteilen gedachte.

Nun waren Ruth und Anais allein. Ruth wusste nicht, was sie der anderen Frau sagen sollte. Ihr Bruder, der trotz seiner Schwächen ein guter und großzügiger Mensch gewesen war, hatte in seinem früheren Testament in einer Weise für Anais — und ihre Kinder — vorgesorgt, die diese all ihrer Sorgen enthoben hätte. So hatte Guy sich all seinen Frauen gegenüber verhalten. Wann immer er mit einer Frau länger als drei Monate zusammen gewesen war, hatte er sein Testament entsprechend der Innigkeit ihrer Beziehung geändert. Ruth wusste das, weil Guy jede Änderung seiner Verfügungen mit ihr besprochen hatte. Mit Ausnahme dieses letzten und endgültigen Testaments hatte Ruth jedes Einzelne im Beisein Guys und seines Anwalts gelesen, weil Guy immer sicher sein wollte, dass sie wusste, wie er seinen Nachlass aufgeteilt sehen wollte.

Das letzte Testament, das Ruth zu Gesicht bekommen hatte, war etwa sechs Monate nach Beginn der Beziehung zwischen ihrem Bruder und Anais Abbott aufgesetzt worden. Die beiden waren gerade aus Sardinien zurückgekehrt, wo sie allem Anschein nach nicht viel mehr getan hatten als den Liebesakt in all seinen Variationen zu genießen. Guy hatte mit glasigem Blick erklärt:»Das ist die Frau meines Lebens, Ruth«, und das geänderte Testament hatte diese optimistische Einschätzung widergespiegelt. Ruth hatte die Geliebte ihres Bruders zur Testamentsverlesung gebeten, da sie glaubte, dieses Dokument sei noch gültig; doch Anais war ihrem Gesichtsausdruck nach offenbar überzeugt, sie hätte es aus Bosheit getan.

Ruth wusste nicht, was in diesem Moment das größere Übel wäre: Anais glauben zu lassen, sie habe, nur um sie zu verletzen, dafür ge- sorgt, dass sie ihre Hoffnungen coram publico zunichte gemacht sah, oder ihr zu sagen, dass ein früheres Testament existiert hatte, das sie um vierhunderttausend Pfund reicher gemacht und die Rettung aus ihrem derzeitigen Dilemma bedeutet hätte. Ruth entschied sich für das Erstere. Sie zog sich zwar nicht gern den Unwillen anderer zu, aber wenn sie Anais von dem früheren Testament berichtete, würde das beinahe zwangsläufig zu einem Gespräch darüber führen, warum es geändert worden war.

Sie setzte sich.»Anais«, sagte sie,»es tut mir entsetzlich Leid. Ich weiß nicht, was ich sonst sagen soll.«

Anais schaute Ruth an, als käme sie langsam wieder zu Bewusstsein, und sagte:»Wenn er sein Geld Teenagern hinterlassen wollte, warum dann nicht meinen Kindern? Jemima und Stephen. Hat er nur so getan. «Sie drückte sich ein Sofakissen auf den Bauch.»Warum hat er mir das angetan, Ruth?«

Ruth wusste nicht, wie sie es ihr erklären sollte. Es ging Anais schon schlecht genug. Ihr noch mehr zuzumuten, schien unmenschlich. Sie sagte:»Ich vermute, es hatte damit zu tun, dass Guy seine eigenen Kinder infolge der Scheidungen verloren hatte, Anais. An ihre Mütter. Ich denke, er sah in der Beziehung zu diesen anderen jungen Leuten die Möglichkeit, der Vater zu sein, der er seinen eigenen Kindern nicht mehr sein konnte.«

«Und meine Kinder genügten ihm nicht?«, fragte Anais scharf.»Jemima? Und Stephen? Waren sie denn unwichtig? So unbedeutend für ihn, dass zwei fremde — «

«Sie waren Guy nicht fremd«, korrigierte Ruth.»Er hatte Paul Fielder und Cynthia Moullin seit Jahren gekannt. «Länger als dich und deine Kinder, hätte sie gern hinzugefügt, tat es aber nicht, weil sie dieses Gespräch beendet sehen wollte, bevor es zu Dingen führte, über die zu sprechen sie nicht ertragen konnte.»Du weißt von dem Förderprogramm für benachteiligte Jugendliche, Anais. Du weißt, wie engagiert Guy war.«

«Und so haben sie sich in sein Leben eingeschlichen. In der Hoffnung. Sie lernten Guy kennen, sie kamen hierher, sie sahen sich um und wussten, wenn sie es geschickt anstellten, bestand eine gute

Chance, dass er ihnen etwas vermachen würde. So war es. Genau so. «Sie schleuderte das Kissen auf die Seite.

Ruth staunte über Anais' Fähigkeit, sich etwas vorzumachen. Sie hätte beinahe gesagt: Und bei dir war es nicht so, meine Liebe? Du hast dich tatsächlich aus bedingungsloser Liebe an einen Mann gebunden, der beinahe fünfundzwanzig Jahre älter war als du? Das glaube ich dir nicht, Anais. Aber sie sagte stattdessen:»Ich denke, er vertraute darauf, dass Jemima und Stephen unter deiner Obhut im Leben gut vorankommen würden.

Die anderen beiden hingegen. Sie haben nie die Vorteile gehabt, die deine Kinder genießen. Er wollte ihnen helfen.«

«Und was ist mit mir? Was soll aus mir werden?«

Ah, dachte Ruth, jetzt sind wir beim springenden Punkt angelangt. Aber sie wollte Anais auf ihre Frage nicht antworten und sagte deshalb nur:»Es tut mir Leid, meine Liebe.«

«Ja, natürlich«, erwiderte Anais. Sie sah sich um, als wäre sie gerade wach geworden, und musterte ihre Umgebung, als erblickte sie sie zum ersten Mal. Sie nahm ihre Sachen und stand auf, um zu gehen. An der Tür blieb sie stehen und drehte sich zu Ruth um.»Er hat Versprechungen gemacht«, sagte sie.»Er hat mir einiges gesagt, Ruth. Hat er mich belogen?«

Ruth gab die einzige Antwort, von der sie glaubte, sie der anderen mit gutem Gewissen geben zu können.»Ich habe nie erlebt, dass mein Bruder gelogen hat.«

Und er hatte auch nie gelogen, keine einziges Mal, nicht ihr gegenüber. Sois forte, hatte er zu ihr gesagt.Ne crains rien. Je reviendrai te chercher, petite swur. Und er hatte sein Versprechen gehalten: Er war zurückgekommen, um sie aus der Pflegefamilie herauszuholen, zu der man sie in diesem schwer geplagten Land gebracht hatte und in der zwei Flüchtlingskinder aus Frankreich nur bedeuteten, dass man noch zwei Mäuler stopfen, noch zwei Pflegefamilien finden musste und sich nur darauf verlassen konnte, dass eines Tages ein dankbares Elternpaar kommen und sie holen würde. Als die Eltern nicht gekommen waren und das Ungeheuerliche, das in den Lagern geschehen war, bekannt wurde, war Guy gekommen. Um ihr die

Angst zu nehmen, hatte er, sein eigenes Entsetzen niederkämpfend, geschworen: Cela n'a pas d'importance, d'ailleurs rien n'a d'importance. Sein Leben war ein einziger Versuch gewesen zu beweisen, dass sie ohne Eltern — wenn nötig sogar ohne Freunde — in einem Land überleben konnten, das sie sich nicht ausgesucht, in das vielmehr andere sie hineingeworfen hatten. Nein, Ruth konnte ihren Bruder nicht als Lügner sehen und hatte ihn nie als solchen gesehen, obwohl sie wusste, dass er einer gewesen sein und ein wahres Netz der Täuschung geschaffen haben musste, um zwei Ehefrauen und Dutzende von Geliebten an der Nase herumzuführen.

Als Anais gegangen war, dachte Ruth über diese Fragen nach. Sie betrachtete sie im Licht von Guys Aktivitäten in den letzten Monaten. Eines war klar: Wenn er sie in Bezug auf dieses letzte Testament belogen hatte, und sei es nur durch Unterlassung, konnte er auch in anderen Dingen gelogen haben.

Sie stand auf und ging in das Arbeitszimmer ihres Bruders.

11

«Und Sie haben keinerlei Zweifel daran, was Sie an dem Morgen gesehen haben?«, fragte St. James.»Wie spät war es, als sie an Ihrem Haus vorüberkam?«

«Kurz vor sieben«, antwortete Valerie Duffy.

«Also noch nicht ganz hell.«

«Nein. Aber ich hab am Fenster gestanden.«

«Warum?«

Sie zuckte mit den Schultern.»Ich hatte mir eine Tasse Tee gemacht. Kevin war noch nicht unten. Das Radio lief. Ich hab nur dagestanden, und bin im Kopf den kommenden Tag durchgegangen. Wie man das eben so tut.«

Sie waren im Wohnzimmer. Valerie hatte sie dorthin geführt, während Kevin einige Minuten in der Küche verschwunden war, um Teewasser aufzusetzen. Sie saßen unter der niedrigen Decke, zwischen Regalen voller Fotoalben, großer Kunstbände und sämtlicher Videos, die Sister Wendy je gemacht hatte. Schon unter den güns- tigsten Umständen wäre es mit vier Personen im Raum eng geworden. So aber, noch dazu mit Büchertürmen auf dem Fußboden und diversen Kartonstapeln an den Wänden — ganz zu schweigen von den Familienfotos, die überall herumstanden — , fühlte man sich überwältigt. Übrigens auch von den Zeugnissen von Kevin Duffys erstaunlicher Bildung. Wer hätte von einem Hausmeister und Gärtner erwartet, dass er ein abgeschlossenen Studium der Kunstgeschichte vorweisen konnte? Vielleicht hingen deshalb an den Wänden neben den Familienfotos Kevins gerahmte Universitätsurkunden sowie mehrere Porträts des ehemaligen Studenten, jung und ohne Ehefrau.

«Die Eltern meines Mannes waren der Ansicht, dass der Sinn der Bildung die Bildung ist«, hatte Valerie wie als Antwort auf eine nahe liegende und unausgesprochene Frage erklärt.»Sie fanden nicht, dass sie unbedingt zu einem Job führen müsse.«

Keiner der beiden Duffys hatte St. James' Recht, über Guy Brouards Tod nachzuforschen, in Frage gestellt. Nachdem er ihnen über seine berufliche Tätigkeit Auskunft gegeben und seine Karte überreicht hatte, waren sie ohne weiteres bereit gewesen, mit ihm zu sprechen. Sie fragten auch nicht, warum er in Begleitung seiner Frau erschienen war, und St. James hütete sich, ihnen zu sagen, dass Deborah mit der Frau, die unter Mordanklage stand, gut bekannt war.

Valerie berichtete ihnen, dass sie normalerweise um halb sieben aufstand und Kevin das Frühstück machte, bevor sie ins Herrenhaus hinüberging, um den Brouards ihr Frühstück zuzubereiten. Mr. Brouard, erklärte sie, hatte immer gern etwas Warmes zu sich genommen, wenn er vom Schwimmen zurückgekommen war, und sie war an diesem besonderen Morgen trotz der vorangegangenen langen Nacht so früh aufgestanden wie immer, weil Mr. Brouard gesagt hatte, dass er wie üblich zum Schwimmen wollte. Und wirklich war er am Fenster vorübergekommen, während sie mit ihrem Tee dort gestanden hatte. Keine halbe Minute später hatte sie eine Gestalt in einem dunklen Umhang gesehen, die ihm folgte.

Ob dieser Umhang eine Kapuze gehabt habe, wollte St. James wissen.

Ja.

Ob die Kapuze hochgeschlagen gewesen sei?

Ja, sagte Valerie Duffy. Aber das Gesicht der Frau hatte sie trotzdem erkannt, denn diese war ganz nahe an dem Lichtschein, der aus dem Fenster fiel, vorübergegangen und deshalb leicht zu erkennen gewesen.

«Es war die Amerikanerin«, sagte Valerie.»Da bin ich sicher. Ich habe ihre Haare gesehen.«

«Es kann nicht jemand anderer von ähnlicher Statur gewesen sein?«, fragte St. James.

«Keinesfalls«, behauptete Valerie.

«Auch keine andere Blondine?«, warf Deborah ein.

Valerie versicherte ihnen, sie habe China River gesehen. Und es habe sie auch nicht gewundert, sagte sie. China River sei ja während ihres Aufenthalts in Le Reposoir ganz dick mit Mr. Brouard gewesen. Diese Geschichte mit der Amerikanerin habe sich selbst für Mr. Brouards Verhältnisse, der mit Frauen generell gut konnte, rasant entwickelt.

St. James sah, wie seine Frau die Stirn runzelte, und zögerte selbst, Valerie Duffy zu glauben. Die Leichtigkeit, mit der sie ihre Antworten gab, machte ihn stutzig. Und es fiel auf, dass sie es bewusst vermied, ihrem Mann ins Gesicht zu sehen.

Deborah war es, die höflich fragte:»Haben Sie auch etwas von alledem beobachtet, Mr. Duffy?«

Kevin Duffy stand, an ein Bücherregal gelehnt, schweigend im Schatten. Sein dunkles Gesicht war unergründlich.»Val ist morgens im Allgemeinen vor mir auf«, sagte er kurz.

Was vermutlich heißen sollte, dass er nichts gesehen hatte. St. James fragte trotzdem:»Und an diesem besonderen Tag?«

«Wie immer«, antwortete Kevin Duffy.

Deborah sagte zu Valerie:»Ganz dick — inwiefern?«Als Valerie sie verständnislos ansah, fügte sie erläuternd hinzu:»Sie sagten, China River sei ganz dick mit Mr. Brouard gewesen. Es würde mich interessieren, in welcher Hinsicht.«»Sie sind immer miteinander rumgezogen. Ihr hat's hier gefallen, und sie wollte alles fotografieren. Er wollte dabei zuschauen. Und er wollte ihr unbedingt alles auf der Insel zeigen.«

«Was war mit ihrem Bruder?«, fragte Deborah.»Ist der nicht mit den beiden herumgezogen, wie Sie sagen?«

«Manchmal ja. Manchmal ist er aber auch hier geblieben oder hat auf eigene Faust was unternommen. Ich hatte den Eindruck, dass ihr das gepasst hat, der Amerikanerin, meine ich. Dann waren sie nur zu zweit. Sie und Mr. Brouard. Aber wie gesagt, wundern braucht einen das nicht. Er konnte gut mit Frauen.«

«Aber Mr. Brouard hatte doch bereits eine Freundin, nicht wahr?«, bemerkte Deborah.»Mrs. Abbott.«

«Er hatte immer irgendeine Frau am Bändel, aber nicht immer lang. Mrs. Abbott war die Letzte, bevor die Amerikanerin aufkreuzte.«

«Und gab es noch jemanden?«, fragte St. James.

Aus irgendeinem Grund schien die Luft plötzlich zu knistern. Kevin Duffy verlagerte sein Gewicht auf den anderen Fuß, und Valerie strich mit energischer Bewegung über ihren Rock.»So viel ich weiß, nicht«, antwortete sie.

St. James und Deborah tauschten einen Blick. In Deborahs Gesicht spiegelte sich die plötzliche Erkenntnis, dass sie ihre Ermittlungen noch in ganz andere Richtungen verfolgen mussten. St. James stimmte ihr zu. Aber es durfte nicht unbeachtet bleiben, dass hier eine weitere Zeugin stand, die China River beobachtet hatte, wie sie Guy Brouard zur Bucht hinunter gefolgt war — und eine weit bessere Zeugin als Ruth Brouard, wenn man die geringe Entfernung zwischen dem Verwalterhaus und dem Fußweg zur Bucht bedachte.

Er sagte zu Valerie:»Haben Sie das alles auch Chief Inspector Le Gallez erzählt?«

«Aber ja.«

St. James überlegte, was es bedeuten mochte, dass weder Le Gallez noch China Rivers Anwalt diese Informationen an ihn weitergegeben hatten. Er sagte:»Wir sind auf etwas gestoßen, was Sie vielleicht kennen«, und zog das Taschentuch mit dem Ring heraus, den Deborah zwischen den Steinen der Mole gefunden hatte. Er schlug das

Tuch auseinander und hielt den Ring zuerst Valerie, dann Kevin Duffy hin. Keinem von beiden schien das Stück etwas zu sagen.

«Schaut aus wie was aus dem Krieg«, meinte Kevin Duffy.»Aus der Besatzungszeit. Ein Naziring, vermute ich. Totenkopf und gekreuzte Knochen. Das hab ich schon mal gesehen.«

«Einen ähnlichen Ring?«, fragte Deborah.

«Nein. Ich meinte das Totenkopfzeichen. «Kevin warf seiner Frau einen Blick zu.»Kennst du jemanden, der so einen Ring hat, Val?«

Sie schüttelte den Kopf, während sie den Ring auf St. James' offener Hand betrachtete.»Es ist sicher ein Andenken«, sagte sie zu ihrem Mann und fügte zu Deborah und St. James gewandt hinzu:»Hier auf der Insel liegt viel von dem Zeug herum. Der Ring kann praktisch von überall her sein.«

«Zum Beispiel?«, sagte St. James.

«Aus einem Militarialaden«, antwortete Valerie.»Oder aus einer Privatsammlung.«

«Vielleicht hat ihn irgendein Halbstarker verloren«, meinte Kevin Duffy.»Das Totenkopfzeichen — so was könnte jungen Rechtsradikalen gefallen. Damit kann man angeben und fühlt sich gleich wie ein echter Mann. Aber der Ring war ein bisschen zu groß, und so ist er ihm unbemerkt vom Finger gerutscht.«

«Sonst noch eine Möglichkeit?«, fragte St. James.

Die Duffys überlegten. Wieder flog ein Blick von einem zum anderen. Dann sagte Valerie langsam, wie nachdenkend:»Mir fällt sonst nichts ein.«

Frank Ouseley fühlte, dass ein Asthmaanfall bevorstand, als er seinen Wagen in die Fort Road lenkte. Da er seines Wissens auf der kurzen Fahrt von Le Reposoir hierher keinerlei Stoffen ausgesetzt gewesen war, die seinen Bronchien hätten schaden können, konnte er nur folgern, dass dies eine Vorausreaktion auf das bevorstehende Gespräch war.

Dabei war das Gespräch gar nicht notwendig. Frank war für Guy Brouards letzte Verfügungen über sein Vermögen schließlich nicht verantwortlich; Guy hatte ihn in dieser Angelegenheit nie um Rat gefragt. Er hätte es nicht nötig gehabt, sich zum Überbringer schlechter Nachrichten zu machen, zumal der Inhalt des Testaments wahrscheinlich schon in wenigen Tagen auf der ganzen Insel bekannt sein würde, wenn der Klatsch wie gewöhnlich funktionierte.

Aber er fühlte sich irgendwie verpflichtet, ein Gefühl, das seine Wurzeln in der Zeit hatte, als er noch als Lehrer tätig gewesen war. Dass er dieser Verpflichtung jedoch nicht mit Freuden nachkam, das sagten ihm seine plötzlichen Atemprobleme.

Als er vor dem Haus in der Fort Road anhielt, nahm er seinen Inhalator aus dem Handschuhfach und benutzte ihn. Während er auf das Nachlassen des beklemmenden Gefühls wartete, bemerkte er auf der öffentlichen Wiese auf der anderen Straßenseite einen hoch aufgeschossenen dünnen Mann, der mit zwei kleinen Jungen Fußball spielte. Sie waren alle drei keine Champions.

Ein leichter kalter Wind empfing Frank, als er aus dem Wagen stieg. Er zog seinen Mantel an und ging zur Wiese hinüber. Die Bäume an ihrem Rand waren kahl; in diesem höher gelegenen Gebiet der Insel war die Witterung rauer. Vor dem grauen Himmel bewegten sich die nackten Äste wie bittende Arme, und auf ihnen hockten Vögel wie Zuschauer des Ballspiels, das unter ihnen stattfand.

Auf dem Weg zu Bertrand Debiere und seinen beiden Söhnen versuchte Frank, sich seine einleitenden Bemerkungen zurechtzulegen. Debiere bemerkte ihn nicht gleich, und das war ihm recht, denn er fürchtete, dass sein Gesicht verriet, was sein Mund nicht sagen wollte.

Die beiden kleinen Jungen genossen lautstark die ungeteilte Aufmerksamkeit ihres Vaters. Debieres so häufig von unterdrückten Wut- und Angstgefühlen verkrampftes Gesicht war entspannt beim Spiel mit den Kindern. Gefühlvoll schob er ihnen immer wieder den Ball zu und feuerte sie mit Aufmunterungsrufen an, wenn sie versuchten, ihn zu ihm zu schießen. Der ältere Junge war, wie Frank wusste, sechs Jahre. Er würde einmal so groß werden wie sein Vater und wahrscheinlich der gleiche Tollpatsch. Der Jüngere war vier, ein fröhliches Kind, das ausgelassen im Kreis herumrannte und mit den Armen wedelte, wenn der Ball zu seinem Bruder flog. Sie hießen

Bertrand junior und Norman, keine besonders glückliche Namenswahl für heutige Zeiten, aber das würden sie erst mitbekommen, wenn sie zur Schule gingen und sich Spitznamen wünschten, die zeigen würden, dass sie, anders als früher ihr Vater, bei ihren Schulkameraden akzeptiert und anerkannt waren.

Genau das war der Grund, weshalb Frank sich seinem ehemaligen Schüler gegenüber verpflichtet fühlte: Debieres Weg durch die Pubertät war steinig gewesen, und Frank hatte nicht so viel getan, wie er hätte tun können, um ihm diesen Weg zu ebnen.

Bertrand junior entdeckte ihn zuerst. Er hielt mitten im Lauf inne und starrte Frank an. Seine gelbe Wollmütze trug er tief ins Gesicht gezogen, so dass seine Haare vollständig bedeckt und nur seine Augen sichtbar waren. Norman benutzte die Gelegenheit, um sich zu Boden zu werfen und im Gras zu wälzen wie ein Hund, den man gerade von der Leine gelassen hat.»Regen, Regen, Regen«, rief er aus unerfindlichem Grund immer wieder und strampelte dazu mit den Beinen.

Debiere drehte sich um, sein Blick folgte dem seines Sohnes. Als er Frank bemerkte, fing er den Ball auf, den Bertrand junior zu ihm geschossen hatte, und warf ihn seinem Sohn mit den Worten zurück:»Pass mal einen Moment auf deinen kleinen Bruder auf, Bert. «Als er sich anschickte, Frank entgegenzugehen, stürzte Bertrand junior sich prompt auf den kleinen Norman und begann, ihn am Hals zu kitzeln.

Debiere begrüßte Frank mit einem Nicken und sagte:»Die beiden sind ungefähr genauso sportlich wie ich. Aus Norman kann vielleicht noch mal was werden, aber vorläufig ist seine Konzentrationsspanne gleich null. Aber sie sind zwei gute Jungs. Gut in der Schule. Bert liest und rechnet wie eine Eins. Bei Norman kann man noch nichts sagen.«

Frank konnte verstehen, dass der schulische Erfolg seiner Kinder Debiere viel bedeutete. Der junge Nobby war immer von Schulproblemen geplagt gewesen und hatte darunter gelitten, dass seine Eltern das darauf geschoben hatten, dass er unter lauter Mädchen in der

Familie der einzige Junge gewesen war — und daher in der Entwicklung hinterherhinkte.

«Das haben sie von ihrer Mutter«, sagte Debiere.»Die kleinen Glückspilze. Bert«, rief er,»sei nicht so grob mit ihm.«

«Okay, Dad«, rief der Junge zurück.

Frank sah, wie Debiere sich bei dem Wort Dad in die Brust warf. Die Familie war der Mittelpunkt seines Lebens, und einzig für die Familie hatte er sich in die unangenehme Situation gebracht, in der er jetzt steckte. Die Bedürfnisse seiner Familie — ob real oder eingebildet — hatten bei ihm von Anfang an oberste Priorität genossen.

Als Debiere sich von seinen Kindern abwandte, um Frank seine Aufmerksamkeit zu widmen, wurde sein Gesicht hart, als wüsste er schon, was kommen würde, und wollte sich dagegen wappnen. In seinen Augen blitzte etwas wie feindselige Erwartung. Frank hätte am liebsten gesagt, er könne keinesfalls für Debieres unbesonnene Entscheidungen verantwortlich gemacht werden, Tatsache war jedoch, dass er sich in gewisser Weise eben doch verantwortlich fühlte. Das kam daher, dass er es nicht geschafft hatte, dem Jungen, der bei ihm im Klassenzimmer gesessen hatte und von den anderen gehänselt wurde, weil er ein wenig langsam und ein wenig merkwürdig war, ein besserer Freund zu sein.

Er sagte:»Ich komme gerade aus Le Reposoir, Nobby. Von der Testamentseröffnung.«

Debiere wartete, ohne etwas zu sagen. Ein Muskel zuckte in seiner Wange.

«Ich glaube, Adrians Mutter hatte das veranlasst«, fuhr Frank fort.»Da spielt sich anscheinend irgendein Drama ab, von dem wir anderen keine Ahnung haben.«

Debiere sagte:»Und?«Es gelang ihm, gleichgültig auszusehen, obwohl er das, wie Frank wusste, nicht war.

«Es ist ein bisschen seltsam, muss ich leider sagen. Nicht das, was einige wahrscheinlich erwartet haben. «Frank berichtete von dem Bankkonto, dem Portefeuille, den Vermächtnissen für Adrian Brouard und seine Halbschwestern, für die beiden einheimischen Jugendlichen.

Debiere runzelte die Stirn.»Aber was hat er denn — ? Er besaß doch ein ungeheures Vermögen, mit einem Bankkonto und einem Wertpapierpaket ist das nicht abgetan. Wie hat er sich da rausgewunden?«

«Mit Hilfe von Ruth«, meinte Frank.

«Aber er kann ihr Le Reposoir nicht hinterlassen haben.«

«Nein, natürlich nicht. Das hätte das Gesetz nicht zugelassen.«

«Ja, aber was hat er dann getan?«

«Keine Ahnung. Irgendwelche juristischen Tricks wahrscheinlich. Er hat sich bestimmt was einfallen lassen. Und sie hat mitgemacht.«

Debieres Haltung lockerte sich ein wenig, die Stirn glättete sich. Er sagte:»Na, das ist doch wunderbar. Ruth weiß, was er vorhatte. Sie wird das Projekt übernehmen und weiterführen. Wenn es losgeht, muss man sich mit ihr zusammensetzen und sich diese Pläne aus Kalifornien ansehen. Man muss ihr begreiflich machen, dass ihr Bruder sich für den schlechtest möglichen Entwurf entschieden hatte. Völlig ungeeignet für das Gelände, ach was, für diesen Teil der Welt. Überhaupt nicht wirtschaftlich, was die Instandhaltung betriff, und die Kosten für den Bau selbst — «

«Nobby«, unterbrach Frank,»so einfach ist das nicht.«

Hinter ihnen brüllte einer der Jungen, und Debiere drehte sich hastig um. Bertrand junior hatte seine Wollmütze abgenommen und war dabei, sie seinem kleinen Bruder über das Gesicht zu stülpen.»Bert!«, rief Debiere scharf.»Bert! Hör sofort auf! Wenn du nicht friedlich spielen kannst, musst du rein.«

«Aber ich hab doch nur — «

«Bertrand!«

Der Junge riss seinem Bruder die Mütze herunter und begann, mit dem Ball über den Rasen zu dribbeln. Norman rannte ihm hinterher.

Debiere beobachtete die beiden einen Moment, ehe er sich wieder Frank zuwandte. Des früheren Anflugs von Erleichterung beraubt, wirkte seine Miene jetzt argwöhnisch.

«Was heißt, nicht so einfach?«, fragte er.»Wieso? Was könnte es Einfacheres geben, Frank? Sie wollen mir doch nicht sagen, dass Ihnen der Entwurf des Amerikaners gefällt?«

«Nein, nein.«»Also dann.«

«Es geht darum, was sich aus diesem Testament ergibt.«

«Aber Sie haben doch eben gesagt, dass Ruth. «Debieres Gesicht bekam wieder diesen verkrampften Ausdruck, den Frank von früher kannte. Dahinter verbargen sich Zorn und Wut eines einsamen Jungen, dem von keinem die Freundschaft zuteil wurde, die seinen Weg leichter oder zumindest weniger einsam gemacht hätte.»Also gut, was ergibt sich aus dem Testament?«

Frank hatte über diese Frage gründlich nachgedacht. Er hatte sie auf der Fahrt hierher aus sämtlichen Blickwinkeln betrachtet. Hätte Guy Brouard eine Weiterführung des Museumsprojekts gewünscht, so hätte sich das in seinem Testament niedergeschlagen. Ganz gleich, wie oder wann er über den Rest seines Vermögens verfügt hatte, er hätte einen angemessenen Betrag für die Errichtung des Kriegsmuseums hinterlassen. Da er es nicht getan hatte, war für Frank alles klar.

Debiere hörte mit wachsender Ungläubigkeit zu, als er ihm seine Auffassung erläuterte.

«Haben Sie denn völlig den Verstand verloren?«, fragte er empört, als Frank zum Ende gekommen war.»Wozu hat er dann dieses Riesenfest veranstaltet? Wozu die feierliche Bekanntmachung seiner Pläne? Der Champagner und das Feuerwerk? Wozu die großartige Vorstellung dieser beschissenen Aufrisszeichnung?«

«Ich habe keine Erklärung dafür. Ich kann mich nur an die Fakten halten, die wir haben.«

«Aber was an dem Abend los war, gehört auch zu den Fakten, Frank. Und auch, was er gesagt hat. Wie er sich verhalten hat.«

«Ja, aber was hat er denn tatsächlich gesagt?«, beharrte Frank.»Hat er irgendwann einmal von der Grundsteinlegung gesprochen? Von Daten für die Fertigstellung? Finden Sie es nicht seltsam, dass er das nie getan hat? Meiner Ansicht nach gibt es dafür nur einen Grund.«

«Und der wäre?«

«Er hatte gar nicht die Absicht, das Museum zu bauen.«

Debiere starrte Frank an. Hinter ihm tollten seine Kinder auf der Wiese herum. In der Ferne, aus der Richtung von Fort George, kam ein Mann im blauen Trainingsanzug mit einem Hund an der Leine auf die Wiese gejoggt. Er machte das Tier los, und es rannte mit fliegenden Ohren in Riesensätzen auf die Bäume zu. Debieres Jungen kreischten vor Vergnügen, aber diesmal drehte ihr Vater sich nicht herum. Er blickte vielmehr an Frank vorbei zu den Häusern in der Fort Road, richtete sein Augenmerk im Besonderen auf sein eigenes Haus: einen großzügigen Bau, gelb mit weiß abgesetzt, mit einem großen Garten für die Kinder. Drinnen saß wahrscheinlich Caroline Debiere über ihrem Roman, diesem lang erträumten Roman, zu dem Debiere seine Frau gedrängt hatte. Gehorsam hatte sie die Stellung als Redakteurin bei der Architectural Review aufgegeben, mit der sie glücklich gewesen war, bevor sie und Debiere sich zusammengetan und ein Wolkenkuckucksheim gebaut hatten, in das jetzt, mit Guy Brouards Tod, die grausame Realität einzubrechen drohte.

Debieres Gesicht lief rot an, als ihm bewusst wurde, was Frank da eben gesagt hatte.»N-n-icht die A-a-a-absicht. Niemals? W-wollen S-sie sagen, d-d-dieser M-mistkerl. «Er brach ab. Er schien sich zur Ruhe zwingen zu wollen, aber es gelang ihm nicht.

Frank half ihm.»Ich will damit nicht sagen, dass er uns alle zum Narren gehalten hat. Aber ich glaube, dass er es sich anders überlegte. Aus irgendeinem Grund. Ja, ich glaube, so war's.«

«A-aber was s-sollte d-d-dann die P-party?«

«Das weiß ich nicht.«

«U-und d-d-«Wieder brach er ab und kniff fest die Augen zusammen. Sein ganzes Gesicht verzog sich. Dreimal hintereinander sagte er das Wort» dann«, als wäre es eine Zauberformel, die ihn von seinem Gebrechen befreien würde, und als er danach wieder sprach, stotterte er nicht mehr.»Was sollte dann die große Bekanntmachung, Frank? Und diese Zeichnung? Er hat sie eigens rausgeholt. Sie waren doch dabei. Er hat sie jedem gezeigt. Er — mein Gott. Warum das alles?«

«Ich weiß es nicht. Ich kann es nicht sagen. Ich verstehe es ja auch nicht.«

Debiere musterte ihn prüfend. Er trat einen Schritt zurück, wie um ihn besser sehen zu können. Seine Augenbrauen zogen sich zusam- men, sein Gesicht verkrampfte sich mehr denn je.»Da habt ihr mich schön angeschmiert«, sagte er.»Genau wie früher. «

«Angeschmiert? Wieso?«

«Na, Sie und Brouard, ihr habt mich doch schon immer für dumm verkauft und euch dann über mich kaputtgelacht. Wie damals in der Schule, da haben Sie auch mit den Jungs gemauschelt. Aber tun Sie Nobby nicht in unsere Gruppe, Mr. Ouseley. Wir schauen ja alle total doof aus, wenn der vorn an die Tafel muss.«

«Was reden Sie da? Haben Sie mir überhaupt zugehört?«

«Klar. Ich weiß genau, wie es gelaufen ist. Erst baut man ihn auf und dann lässt man ihn zusammenfallen. Man lässt ihn glauben, er hätte den Auftrag, und dann zieht man ihm den Boden weg. Die Regeln sind die Gleichen. Nur das Spiel ist ein bisschen anders.«

«Nobby!«, sagte Frank.»Hören Sie sich doch mal selber zu! Glauben Sie im Ernst, Guy hätte das inszeniert — hätte das alles nur um des bescheidenen Vergnügens willen inszeniert, Sie zu demütigen?«

«Ja, das glaube ich.«

«So ein Quatsch. Warum hätte er das tun sollen?«

«Weil es ihm Spaß gemacht hat. Weil er sich so den Kick geholt hat, der ihm fehlte, seit er seine Firma verkauft hatte. Weil er sich dann mächtig gefühlt hat.«

«Das ist doch Unsinn.«

«Finden Sie? Dann schauen Sie sich doch mal seinen Sohn an. Schauen Sie sich Anai's an, die arme Kuh. Und schauen Sie sich selbst an, Frank.«

Wir müssen etwas unternehmen, Frank. Das ist Ihnen doch auch klar?

Frank wandte seinen Blick ab. Er spürte die Beklemmung, die immer stärker wurde. Obwohl auch hier die Luft nichts enthielt, was seine Atmung hätte beeinträchtigen können.

«Er sagte: >Ich habe Ihnen geholfen, soweit es mir möglich war<«. Debiere erwiderte leise.»Er sagte: >Ich habe Ihnen unter die Arme gegriffen, mein Junge. Mehr können Sie nicht erwarten. Und ganz sicher nicht auf Dauer, guter Mann.< Aber er hatte es versprochen. Er hat mich glauben lassen. «Debiere zwinkerte heftig und wandte sich ab. Niedergeschlagen schob er die Hände in die Hosentaschen, und sagte noch einmal:»Er hat mich glauben lassen.«

«Ja«, murmelte Frank,»darauf hat er sich verstanden.«

Nicht weit vom Haus des Verwalters trennten sich St. James und seine Frau. Gegen Ende ihres Gesprächs mit den Duffys war ein Anruf von Ruth Brouard gekommen, daraufhin hatte St. James, der noch einmal ins Herrenhaus zurückwollte, um mit Ruth Brouard zu sprechen, Deborah den Ring anvertraut, den sie in der Bucht gefunden hatten. Sie sollte ihn zur möglichen Identifizierung zu Chief Inspector Le Gallez bringen. Es war angesichts seiner Verzierungen unwahrscheinlich, dass man einen brauchbaren Fingerabdruck auf ihm finden würde, aber man musste es versuchen. Da St. James kein Werkzeug zur Hand hatte, um ihn zu untersuchen — dazu auch gar nicht berechtigt war — , würde Le Gallez alles weitere veranlassen müssen.

«Ich komme schon irgendwie zurück. Wir treffen uns dann im Hotel«, sagte St. James. Er sah Deborah ernst an und fügte hinzu:»Kannst du einigermaßen mit der Sache leben, Schatz?«

Er meinte nicht den Auftrag, den er ihr gegeben hatte, sondern das, was sie von den Duffys gehört hatten, insbesondere von Valerie, die nicht zu erschüttern war in ihrer Überzeugung, dass die Frau, die Guy Brouard zur Bucht gefolgt war, China River gewesen war.

Deborah sagte:»Vielleicht hat sie einen Grund, uns glauben zu machen, zwischen China und Guy Brouard wäre etwas gewesen. Wenn er bei Frauen so gut ankam, warum dann nicht auch bei Valerie?«

«Sie ist älter als die anderen.«

«Älter als China. Aber bestimmt nicht viel älter als Anai's Abbott. Höchstens ein paar Jahre, wenn du mich fragst. Damit ist sie immer noch — hm — zwanzig Jahre jünger als Brouard war.«

Ihre Argumentation war nicht von der Hand zu weisen, auch wenn er den Eindruck hatte, dass sie vor allem sich selbst zu überzeugen suchte. Dennoch sagte er:»Le Gallez hat uns nicht alles verraten, was er weiß. Warum sollte er auch? Ich bin ein Fremder für ihn, und selbst wenn ich das nicht wäre, wäre es nicht so einfach. Kein ermittelnder Beamter würde ohne weiteres jemandem Einblick in seine Akten gewähren, der bei Mordfällen normalerweise in einem ganz anderen Ressort arbeitet. Aber für ihn bin ich nicht einmal der Fachmann aus der anderen Abteilung. Für ihn bin ich nichts weiter als ein Fremder, der ohne Referenzen aufgekreuzt ist und hier genau genommen nichts zu suchen hat.«

«Du glaubst also, dass da noch mehr ist. Ein Motiv. Eine Verbindung. Irgendwo. Zwischen Guy Brouard und China. Simon, ich kann mir das nicht vorstellen.«

St. James betrachtete sie liebevoll. Er liebte sie und wollte nichts anderes, als sie beschützen. Aber er wusste auch, dass er ihr die Wahrheit schuldete. Darum sagte er:»Ja, Liebes, ich halte es für möglich, dass da mehr ist.«

Deborah zog die Brauen zusammen. Sie blickte über seine Schulter hinweg zu der Stelle, wo der Fußweg zur Bucht in einer Gruppe Rhododendron-Büsche verschwand.»Ich kann es nicht glauben«, sagte sie.»Selbst wenn sie wirklich so labil war. Wegen Matt, meine ich. Wenn so was passiert — so ein Bruch zwischen Männern und Frauen — dann braucht das trotzdem seine Zeit, Simon. Eine Frau muss das Gefühl haben, dass zwischen ihr und dem nächsten Mann mehr ist. Sie will nicht glauben, dass es nichts weiter ist als — na ja, Sex eben. «Eine tiefe Röte breitete sich auf ihrem Hals aus und schoss in ihre Wangen hinauf.

St. James wollte sagen: So war es für dich, Deborah. Sie hatte ganz ohne Absicht ihrer beider Liebe das schönste Kompliment gemacht, das es gab: Indem sie ihm gesagt hatte, dass sie sich nach ihm nicht leichten Herzens Thomas Lynley zugewandt hatte. Aber es waren nicht alle Frauen wie Deborah. Andere hätten nach dem Ende einer langen Liebesbeziehung die schnelle Selbstbestätigung in Form einer Affäre gesucht. Zu wissen, dass sie noch begehrenswert waren, wäre ihnen wichtiger gewesen, als zu wissen, dass sie geliebt wurden. Aber das alles konnte er an dieser Stelle nicht sagen. Es spielte zu tief in Deborahs Beziehung zu Lynley hinein; zu tief in seine eigene Freundschaft mit dem Mann.

Er sagte darum nur:»Lass uns versuchen, für alles offen zu bleiben. Bis wir mehr wissen.«

«In Ordnung«, sagte sie.

«Wir sehen uns später.«

«Im Hotel.«

Er küsste sie flüchtig und küsste sie dann noch mal. Ihr Mund war weich, und ihre Hand berührte seine Wange. Er wollte bei ihr bleiben.»Verlang Le Gallez persönlich«, sagte er.»Gib den Ring keinem anderen.«

«Nein. Natürlich nicht.«

Er ging zum Haus zurück.

Deborah sah ihm nach, wie er davonging, in seiner natürlichen Anmut behindert durch die Schiene am Bein. Sie wollte ihn zurückrufen und ihm erklären, dass sie China River kannte; auf eine Weise kannte, deren Ursprung eine Notlage war, von der er nichts verstand; auf eine Weise, die zwischen zwei Frauen eine Freundschaft mit vollkommenem Verstehen heranwachsen lässt. Es gibt Bereiche einer gemeinsamen Geschichte zweier Frauen, wollte sie ihrem Mann sagen, die begründen eine Form der Wahrheit, die niemals zerstört und niemals geleugnet werden kann und die keine langen Erklärungen braucht. Die Wahrheit ist einfach, und wie eine Frau sich im Rahmen dieser Wahrheit verhält, ist klar, wenn die Freundschaft echt ist. Aber wie das einem Mann erklären? Und nicht irgendeinem Mann, sondern ihrem Ehemann, der seit mehr als einem Jahrzehnt in dem Bemühen lebte, seine körperliche Versehrtheit zu negieren — wenn nicht gar völlig zu leugnen — , indem er sie wie eine Kleinigkeit behandelte, obwohl sie doch, wie Deborah wusste, einen großen Teil seiner Jugend zerstört hatte.

Es ging nicht. Sie konnte nur alles tun, was in ihrer Macht stand, um ihm zu zeigen, dass die China River, die sie kannte, keine leichtfertige Verführerin war, schon gar nicht eine Mörderin.

Sie setzte sich in den Wagen und fuhr, den Windungen des Val des Terres folgend, den bewaldeten Hang hinunter nach St. Peter Port, wo sie direkt oberhalb der Havelet Bucht aus dem Wald herauskam. Unten am Wasser waren nur wenige Fußgänger zu erkennen. Eine

Straße hangaufwärts herrschte in den Banken, denen die Kanalinseln ihre Berühmtheit verdankten, zu jeder Jahreszeit reger Betrieb; hier unten jedoch rührte sich kaum etwas: keine Steuerflüchtlinge, die auf ihren Booten die Sonne genossen, keine Touristen, die eifrig Fotos von der Festung und der Stadt schossen.

Deborah parkte in der Nähe des Hotels am Ann's Place, keine Minute zu Fuß vom Polizeipräsidium entfernt, das in der Hospital Lane lag. Sie blieb noch einen Moment im Wagen sitzen, nachdem sie den Motor ausgeschaltet hatte. Bis zu Simons Rückkehr aus Le Reposoir blieb ihr mindestens noch eine Stunde, und sie beschloss, die Zeit mit einer kleinen Abweichung von dem Auftrag, den er ihr gegeben hatte, zu nutzen.

In St. Peter Port gab es keine großen Entfernungen. Zu Fuß gelangte man in weniger als zwanzig Minuten überall hin, und im Zentrum — ein von Straßen umgebenes, etwas unförmiges Oval, das mit der Vauvert begann und sich gegen den Uhrzeigersinn bis zur Grange Road krümmte — brauchte man sogar nur die Hälfte der Zeit, um von A nach B zu kommen. Doch die Straßen der alten Stadt waren kaum breit genug für ein Auto und wanden sich an der Flanke des Hangs hinauf, an dem St. Peter Port vom Hafen aus langsam emporgewachsen war.

Kreuz und quer durch diese Straßen und Gassen eilte Deborah zu den Queen-Margaret-Apartments. Doch als sie dort ankam und an die Tür klopfte, fand sie Chinas kleine Wohnung zu ihrer Enttäuschung leer vor. Sie kehrte zurück zum vorderen Teil des Gebäudes und überlegte, was sie tun sollte.

China konnte überall sein — bei ihrem Anwalt, bei der Polizei, beim Einkaufen oder einen Spaziergang machen — und war wahrscheinlich in Begleitung ihres Bruders unterwegs. Deborah beschloss, sich auf die Suche zu machen. Sie würde in Richtung Polizeipräsidium gehen, zuerst würde sie zur High Street laufen und dieser folgend sich dann den Weg zurück zum Hotel suchen.

Gegenüber dem Apartmentkomplex führte eine Treppe zwischen hohen Mauern und steinernen Häusern zum Hafen hinunter, über die Deborah hinabging, bis sie am Ende der Treppe in eines der älteren

Stadtviertel gelangte, wo auf der einen Straßenseite sich ein immer noch imposantes altes Gebäude aus rötlichem Stein entlangzog und auf der anderen Seite hinter einer Reihe gewölbter Türnischen Geschäfte waren, in denen man Blumen, Geschenke und Obst kaufen konnte.

Das imposante alte Gebäude sah trotz seiner hohen Fenster düster aus, und es schien leer zu stehen, denn sogar an diesem trüben Tag brannte drinnen kein Licht. Aber der Schein trog. Ein Teil des alten Baus wurde noch genutzt, offenbar als Markthalle. Die Stände befanden sich hinter einem großen blauen Tor an der Market Street, das weit offen stand. Deborah überquerte die Straße und ging zu diesem Tor.

Als Erstes wehte ihr der unverwechselbare Geruch entgegen: Blut und Fleisch einer Metzgerei. In Glasvitrinen waren Koteletts, Bratenstücke und Hackfleisch ausgelegt, aber es gab nur noch sehr wenige Stände in dieser Fleischerhalle, in der das Geschäft früher offensichtlich geblüht hatte. Zwar hätte das Gebäude mit seinen Schmiedeeisenarbeiten und Stuckverzierungen China als Fotografin sicher interessiert, aber Deborah wusste, dass der Geruch nach toten Tieren beide Rivers sofort verscheucht hätte. Es wunderte sie daher nicht, dass sie die Geschwister in der Halle nicht fand. Als sie sich sicherheitshalber auch noch im restlichen Teil des Gebäudes umschaute, sah sie, dass dort, wo einmal Dutzende florierender kleiner Geschäfte gewesen waren, nichts geblieben war als verödete Hallen. Im Mittelteil der großen Halle, wo unter dem hohen Deckengewölbe ihre Schritte widerhallten, gab es eine Reihe Stände mit heruntergelassenen Jalousien. Quer darüber hatte jemand mit Leuchtstift» Scheiß- Safeway «geschrieben und damit wahrscheinlich die Gefühle einiger Händler wiedergegeben, die von der Supermarktkette zum Aufgeben gezwungen worden waren.

Auf der anderen Seite der Fleischerhalle entdeckte Deborah einen Obst- und Gemüsestand, an dem noch verkauft wurde und gegenüber von ihm war wieder die Straße. Sie kaufte einen Strauß Gewächshauslilien, bevor sie das Gebäude verließ und sich die Geschäfte draußen ansah.

In den kleinen Läden gegenüber konnte sie durch die Fenster mühelos die Leute erkennen, die drinnen einkauften, so wenige waren es. China und Cherokee waren nicht unter ihnen.

Deborah überlegte, was sie tun sollte, und fand die Antwort gleich neben der Treppe, die sie heruntergekommen war: ein kleines Lebensmittelgeschäft, das den stolzen Namen Channel Islands Cooperative Society trug. Das hörte sich so an, als könnte es den beiden Rivers gefallen, die trotz allem immer noch die Kinder ihrer Vega- nermutter waren.

Kurz entschlossen betrat Deborah den Laden. Sie hörte sie sofort, denn der Verkaufsraum war klein, allerdings mit hohen Regalen vollgestellt, so dass man die Kunden von draußen durch das Fenster nicht sehen konnte.

«Ich will aber nichts«, sagte China gerade gereizt.»Wenn ich nicht essen kann, dann kann ich nicht essen. Könntest du vielleicht essen, wenn du in meiner Lage wärst?«

«Aber irgendwas muss es doch geben«, entgegnete Cherokee.»Hier. Wie wär's mit Suppe?«

«Ich hasse Dosensuppen.«

«Aber du hast sie doch oft zum Abendessen gemacht.«

«Eben. Würdest du was wollen, was dich erinnert? Moteldreck, Cherokee. Schlimmer als Wohnwagen.«

Deborah bog am Ende des Gangs um die Ecke und entdeckte die beiden vor einem kleinen Aufbau mit Campbell-Suppendosen. Cherokee hielt eine Tomatensuppe mit Reis in der einen Hand und einen Beutel Linsen in der anderen. China hatte einen Einkaufskorb am Arm, der nichts außer einem Brot, einer Packung Spagetti und einem Glas Tomatensoße enthielt.

«Debs!«Cherokees Lächeln war Begrüßung, aber noch mehr Erleichterung.»Ich brauche eine Verbündete. Sie weigert sich zu essen.«

«Ist gar nicht wahr. «China sah erschöpft aus, mehr noch als am vergangenen Tag, mit dunklen Schatten unter den Augen. Sie hatte versucht, diese mit Make-up zu kaschieren, aber es war ihr nicht ge- lungen.»Cooperative«, sagte sie.»Ich dachte, das wäre Naturkost. Aber. «Sie wies mit einer hoffnungslosen Geste auf den Laden.

Die einzigen frischen Waren in der Cooperative waren allem Anschein nach Eier, Käse, abgepacktes Fleisch und Brot. Alles andere gab es entweder in Dosen oder tiefgekühlt. Enttäuschend für jemanden, der es gewöhnt war, in den Biomärkten Kaliforniens herumzustöbern.

«Cherokee hat Recht«, erklärte Deborah.»Du musst essen.«

«Ich geb's auf. «Cherokee begann, wahllos Waren in den Einkaufskorb zu werfen. China schien zu müde, um zu streiten. Minuten später hatten sie alles, was sie brauchten.

Draußen konnte Cherokee es kaum erwarten, zu hören, was der Tag den St. James' bisher gebracht hatte. Deborah schlug vor, sie sollten zuerst in das Apartment zurückkehren, aber China sagte:»Bloß nicht! Ich muss raus. Gehen wir lieber ein Stück spazieren. «

Sie gingen zum Hafen hinunter, überquerten die Promenade und schlenderten zum längsten der Piers, der sich in die Havelet-Bucht hinaus bis zu der Halbinsel erstreckte, auf der die Festung Castle Cornet stand, ehemals Wächterin der Stadt.

An dem Bauwerk vorbei gingen sie bis zum Ende des Piers, wo China schließlich zur Sache kam.»Es ist schlimm, hm?«, sagte sie zu Deborah.»Ich seh's dir am Gesicht an. Also, raus damit. «Trotz ihrer energischen Worte richtete sie den Blick aufs Wasser, das in einer gewaltigen wogenden Masse unter ihnen lag. Nicht sehr weit entfernt erhob sich noch eine Insel — war es Sark? Alderney? Deborah wusste es nicht — wie ein schlafendes Seeungeheuer aus dem Dunst.

«Was gibt's, Debs?«Cherokee stellte die Einkaufstüten ab und wollte sich bei seiner Schwester einhängen.

China trat von ihm weg. Sie machte ein Gesicht, als sei sie auf das Schlimmste gefasst. Deborah war stark versucht, die Dinge in ein positives Licht zu rücken, aber es gab nichts Positives, und selbst wenn sie etwas gefunden hätte — sie schuldete den Freunden die Fakten.

Sie berichtete den Geschwistern deshalb ohne Beschönigung, was sie und Simon bei ihren Gesprächen in Le Reposoir erfahren hatten.

China erkannte sofort, welche Richtung die Gedanken jedes logisch überlegenden Menschen nehmen mussten, so bald er hörte, dass sie nicht nur viel Zeit mit Guy Brouard allein verbracht hatte, sondern auch noch beobachtet worden war — allem Anschein nach von mehr als einer Person — , wie sie ihm am Morgen vor seiner Ermordung gefolgt war.

Sie sagte:»Du glaubst, ich hätte was mit ihm gehabt, stimmt's, Deborah? Na prima. «Ihr Ton war eine Mischung aus Feindseligkeit und Verzweiflung.

«Also, ich — «

«Klar, wieso auch nicht? Das würde jeder glauben. Ein paar Stunden mit ihm allein, ein paar Tage. Und er war stinkreich. Na klar, wir haben's getrieben wie die Karnickel.«

Deborah war verblüfft über die derbe Ausdrucksweise. So kannte sie China nicht, sie war immer die Romantischere von ihnen beiden gewesen, jahrelang einem Mann treu, mit Träumen von einer Zukunft in Pastell.

«Dass er mein Großvater hätte sein können, hat mich überhaupt nicht gestört«, fuhr China fort.»Mann, es ging schließlich um einen Haufen Kohle. Ist doch egal, mit wem man bumst, wenn Geld dabei rausspringt, oder?«

«Chine!«, protestierte Cherokee.»Hör auf!«

Noch während ihr Bruder sprach, schien China bewusst zu werden, was sie gesagt hatte. Mehr noch, sie schien blitzartig zu begreifen, wie ihre Worte sich auf Deborahs Leben beziehen ließen, denn sie sagte hastig:»O Gott, Deborah, tut mir Leid.«

«Ist schon in Ordnung«, sagte Deborah.

«Ich wollte nicht. ich dachte nicht an dich und. du weißt schon.«

An mich und Tommy, dachte Deborah. China wollte sagen, dass sie nicht an Tommy und Tommys Geld gedacht hatte. Es hatte nie eine Rolle gespielt, aber es war immer da gewesen, nicht mehr als eines von tausend Dingen, die von außen so verlockend aussahen, wenn man nicht wusste, wie es drinnen aussah. Sie sagte:»Es ist schon gut. Ich weiß.«

China sagte:»Es ist nur. Glaubst du wirklich, dass ich. Mit ihm? Glaubst du das?«

«Sie hat doch nur erzählt, was sie gehört hat, Chine«, warf Cherokee ein.»Wir müssen schließlich wissen, was die Leute denken.«

China ging zornig auf ihn los.»Hör zu, Cherokee. Halt du gefälligst die Klappe. Du weißt doch gar nicht, wovon du. Ach, vergiss es. Halt einfach die Klappe, okay?«

«Ich hab doch nur versucht — «

«Dann hör auf damit. Und hör auf, ständig um mich herumzu- schwirren wie eine Glucke. Ich krieg ja kaum noch Luft. Auf Schritt und Tritt rennst du mir hinterher.«

«Hey, keiner hat dir das an den Hals gewünscht«, entgegnete Cherokee.

Sie antwortete mit einem Auflachen, das brach, und unterdrückte das aufsteigende Schluchzen, indem sie die Faust auf den Mund drückte.»Bist du eigentlich total bescheuert?«, rief sie.»Alle haben sie's mir an den Hals gewünscht. Ein Sündenbock wird gebraucht. Und die Beschreibung passt genau auf mich.«

«Und deswegen sind jetzt deine Freunde hier. «Cherokee sah Deborah lächelnd an und wies mit einer Kopfbewegung auf die Lilien, die sie in der Hand trug.»Freunde mit Blumen. Wo hast du die gekauft, Debs?«

«In der Markthalle. «Impulsiv hielt sie China die Blumen hin.»Ich finde, des Apartment kann was Freundliches gebrauchen.«

China betrachtete erst die Blumen, dann Deborah.»Du bist die beste Freundin, die ich je gehabt habe.«

«Das freut mich.«

China nahm die Blumen. Ihr Gesicht wurde weicher.»Cherokee«, sagte sie zu ihrem Bruder,»lass uns mal eine Weile allein, hm?«

Sein Blick flog von seiner Schwester zu Deborah.»In Ordnung. Ich stell die inzwischen ins Wasser. «Er nahm die beiden Einkaufstüten hoch und klemmte sich die Blumen unter den Arm.»Bis später dann«, sagte er zu Deborah und sah sie mit einem Blick an, der nur» viel Glück «heißen konnte.

China sah ihm nach, als er den Pier entlangging.»Ich weiß ja, dass er es gut meint. Ich weiß, dass er sich Sorgen macht, aber ihn ständig um mich zu haben, macht alles noch schlimmer. Als hätte ich nicht nur mit der Situation zu kämpfen, sondern auch noch mit ihm. «Sie umschlang mit beiden Armen ihren Oberkörper, und da erst fiel Deborah auf, dass sie trotz der Kälte nur einen Pullover trug. Ihr Umhang, dieser für sie so verhängnisvolle Umhang, lag natürlich noch bei der Polizei.

Deborah sagte:»Wo hattest du eigentlich an dem Abend deinen Umhang gelassen?«

China blickte einen Moment ins Wasser hinunter, bevor sie sagte:»Am Abend der Party? Er muss in meinem Zimmer gewesen sein. Ich habe nicht darauf geachtet. Ich war den ganzen Tag immer mal drinnen und wieder draußen, aber ich muss ihn irgendwann mit hinaufgenommen haben, denn als wir uns am nächsten Morgen zur Reise fertig machten, war er. ich bin ziemlich sicher, er lag über einem Stuhl. Beim Fenster.«

«Du kannst dich nicht erinnern, ihn dort hingelegt zu haben?«China schüttelte den Kopf.»So was läuft doch ganz automatisch. Man hat das Ding an, zieht's aus, wirft es irgendwohin. Mit der Ordnung hab ich's noch nie so gehabt. Das weißt du doch.«

«Es könnte also jemand den Umhang genommen, ihn am Morgen, als Guy Brouard zur Bucht hinunterging, übergeworfen und später zurückgebracht haben?«

«Theoretisch, ja. Aber ich wüsste nicht, wie. Oder wann.«

«War der Umhang da, als du zu Bett gegangen bist?«

«Möglich. «Sie runzelte die Stirn.»Ich weiß es nicht.«

«Valerie Duffy schwört, dass sie dich gesehen hat, China«, sagte Deborah, so behutsam es ging.»Ruth Brouard behauptet, sie hätte dich im ganzen Haus gesucht, nachdem sie von ihrem Fenster aus eine Person beobachtet hatte, die sie für dich hielt.«

«Glaubst du ihnen?«

«Darum geht es nicht«, erwiderte Deborah.»Die Frage ist, ob irgendetwas geschehen ist, was die Aussage der beiden für die Polizei glaubhaft macht.«»Ob etwas geschehen ist?«

«Zwischen dir und Guy Brouard.«

«Ach so, sind wir wieder da gelandet.«

«Es ist ja nicht meine Meinung. Es ist die Meinung der Polizei — «

«Vergiss es«, unterbrach China.»Komm mit.«

Sie eilte Deborah voraus und überquerte am Ende des Piers die Esplanade, ohne auf den Verkehr zu achten. An einer Haltestelle schob sie sich zwischen mehreren dort stehenden Bussen hindurch und schlug einen Weg ein, der im Zickzack zu den Constitution Steps führte, die ein auf dem Kopf stehendes Fragezeichen in die Flanke eines der Hügel schlugen. Diese Treppe — ähnlich der, über die Deborah zuvor zu den Markthallen hinuntergelaufen war — führte sie zur Clifton Street und zu den Queen-Margaret-Apartments hinauf.

China sprach erst wieder, als sie in der Wohnung war.

«Hier, lies das«, sagte sie, an den kleinen Küchentisch tretend.»Du kannst jedes Details überprüfen, wenn du willst.«

«China, ich glaube dir«, versicherte Deborah.»Du brauchst mir nicht — «

«Sag mir nicht, was ich nicht brauche«, fiel China ihr ins Wort.»Du hältst es für möglich, dass ich lüge.«

«Nicht, dass du lügst!«

«Okay. Dass ich etwas falsch interpretiert habe. Aber ich sage dir, es gibt nichts, was ich oder ein anderer falsch interpretiert haben könnte. Weil nichts geschehen ist. Weder zwischen mir und Guy Brouard, noch zwischen mir und irgendeiner anderen Person. Deshalb bitte ich dich jetzt: Lies das, damit du sicher sein kannst. «Sie schwenkte den gelben Kanzleiblock, auf dem sie eine Art Rechenschaftsbericht der Tage, die sie in Le Reposoir verbracht hatte, niedergeschrieben hatte.

«Ich glaube dir«, versicherte Deborah noch einmal.

«Lies«, sagte China nur.

Deborah sah ein, dass die Freundin erst zufrieden sein würde, wenn sie las, was sie geschrieben hatte. Sie setzte sich an den Tisch und nahm den Block zur Hand, während China an die Arbeitsplatte trat, wo Cherokee die Einkaufstüten und die Blumen hinterlassen hatte, ehe er verschwunden war.

China war sehr gründlich gewesen, wie Deborah feststellte, als sie zu lesen begann, und sie hatte ein ausgezeichnetes Gedächtnis. Über jede einzelne Interaktion zwischen ihr und den Brouards schien genauestens Buch geführt worden zu sein. Sie hatte selbst über die Zeiten Rechenschaft abgelegt, die sie nicht in Gesellschaft Guy Brouards oder seiner Schwester oder beider zugebracht hatte. Diese Stunden hatte sie offenbar mit Cherokee verbracht, häufig aber auch allein mit Fotografieren.

Sie hatte genau dargestellt, wo sich während ihres Aufenthalts in Le Reposoir was abgespielt hatte, so dass es ein Leichtes war, ihren täglichen Aktivitäten zu folgen. Und das war gut so, denn ganz sicher gab es Leute, die ihre Angaben bestätigen konnten.

Wohnzimmer, hatte sie geschrieben. Wir sehen uns historische Bilder von L.R. an. Anwesend: Guy, Ruth, Cherokee, Paul F. Danach folgten Datum und Uhrzeit.

Speisezimmer, ging es weiter. Mittagessen mit Guy, Ruth, Cherokee, Frank O. und Paul F. Später, zum Nachtisch, kommt AA. mit Jemima und Stephen. Tödliche Blicke auf mich. Viele tödliche Blicke auf Paul F.

Arbeitszimmer. Guy, Frank O. Cherokee. Diskussion über das geplante Museum. Frank O. geht. Cherokee geht mit ihm, um den Vater von O. kennen zu lernen und sich die Wassermühle anzuschauen. Guy und ich bleiben. Ruth kommt mit AA. Jemima draußen mit Stephen und Paul F.

Galerie, hatte sie weitergeschrieben. Oben im Haus. Mit Guy. Guy zeigt seine Bilder, lässt sich von mir fotografieren. Adrian kommt. Eben angekommen. Wir machen uns miteinander bekannt.

Park, fuhr sie fort. Guy und ich. Unerhalten uns über Aufnahmen von Haus und Gelände. Über den Architectural Digest. Erkläre ihm, wie das mit Fotos ohne Auftrag ist. Schauen uns die Gebäude und verschiedenen Gärten an. Füttern die Fische.

Cherokees Zimmer. Er und ich. Überlegen, ob wir bleiben oder abreisen sollen.

Und so ging es Seite um Seite weiter, ein mit grimmiger Beharrlichkeit geschriebener, detaillierter Bericht über die Vorgänge in den Tagen vor Guy Brouards Tod. Deborah las jedes Wort, immer auf der Suche nach irgendwelchen Schlüsselmomenten, die vielleicht von einem Dritten beobachtet und in einer Weise verwendet worden waren, die China in ihr derzeitiges Dilemma gestürzt hatte.

«Wer ist Paul F.?«, fragte sie.

China erklärte, er sei ein Schützling Guy Brouards. Eine soziale Geschichte, bei der es darum ging, dass ein älterer Mann einen Jungen, dem es an nachahmenswerten Vorbildern fehlte, unter seine Fittiche nahm. So sei das zwischen Guy Brouard und Paul Fielder gewesen. Der Junge habe nie mehr als zehn Worte auf einmal gesagt. Habe Guy immer nur mit großen Augen angesehen und sei ihm wie ein Hündchen gefolgt.

«Wie alt ist der Junge?«

«Ein Teenager. Aus ziemlich armer Familie, so wie er angezogen ist. Und nach seinem Fahrrad zu urteilen. Er kreuzte praktisch jeden Tag auf dieser klapprigen Mühle auf. Er war immer willkommen, und sein Hund auch.«

Der Junge, die Kleidung, der Hund. Die Beschreibung passte auf den Jungen, dem sie und Simon auf dem Weg zur Bucht begegnet waren. Deborah fragte:»War er auch auf dem Fest?«

«Du meinst, am Abend vorher?«Als Deborah nickte, sagte China:»Klar. Alle waren da. Es war das große Ereignis der Saison, so wie es da zugegangen ist.«

«Wie viele Leute?«

China überlegte.»Dreihundert? So ungefähr.«

«Alle in einem Raum?«

«Nein, nein. Es war kein offenes Haus, aber die Leute sind natürlich den ganzen Abend in Bewegung gewesen. Die Kellner vom Party Service rannten herum. Es gab vier Bars. Es war kein Chaos, aber ich glaube nicht, dass irgendjemand darauf geachtet hat, wer gerade wo war.«

«Es hätte also leicht jemand den Umhang mitnehmen können«, sagte Deborah.

«Möglich, ja. Aber als ich ihn brauchte, war er da, Debs. Als Cherokee und ich am nächsten Morgen abreisten.«

«Ihr seid niemandem begegnet, als ihr gegangen seid?«

«Keiner Menschenseele.«

Danach schwiegen sie. China verstaute die Einkäufe im kleinen Kühlschrank und dem einzigen Küchenschrank. Sie suchte nach einem Gefäß für die Blumen und begnügte sich schließlich mit einem Kochtopf. Deborah sah ihr zu und überlegte, wie sie am besten fragte, was sie fragen musste; wie sie die Frage so formulieren konnte, dass die Freundin sie nicht als Zeichen von Argwohn oder Zurückweisung auffassen würde. Sie hatte schon genug Schwierigkeiten.

«Sag mal«, begann Deborah,»bist du vorher, ich meine, an einem der früheren Tage, mal mit Brouard zum Schwimmen an die Bucht hinuntergegangen? Vielleicht auch nur, um ihm zuzusehen?«

China schüttelte den Kopf.»Ich wusste, dass er regelmäßig da unten zum Schwimmen ging. Alle haben ihn deswegen bewundert. Um diese Jahreszeit, so früh am Morgen, bei dem eisigen Wasser. Ich glaube, die ehrfürchtige Bewunderung der anderen hat ihm gefallen. Aber ich bin nie mit runtergegangen.«

«Jemand anders?«

«Seine Freundin, glaube ich. Es ist darüber geredet worden. So nach dem Motto: Anai's, können Sie denn diesen Mann nicht zur Vernunft bringen? Und: Ich versuche es jedes Mal, wenn ich mit ihm unten bin.«

«Dann wäre sie also auch an dem fraglichen Morgen mit ihm gegangen?«

«Wenn sie über Nacht geblieben wäre. Aber ich weiß nicht, ob sie das getan hat. Solange Cherokee und ich da waren, ist sie nie über Nacht geblieben.«

«Aber manchmal blieb sie?«

«Daran hat sie keinen Zweifel gelassen. Ich meine, sie hat mir das klar und deutlich zu verstehen gegeben. Es kann also sein, dass sie nach dem Fest geblieben ist, aber ich glaube es nicht.«

Dass China nicht versuchte, das Wenige, was sie wusste, so darzustellen, dass vielleicht ein anderer in Verdacht geriet, fand Deborah tröstlich. Es zeugte von einem starken Charakter. Sie sagte:»China, meiner Meinung nach hätte die Polizei in tausend anderen Richtungen ermitteln können.«

«Meinst du das wirklich?«

«Ja.«

China schien ein ungeheure Last von der Seele zu fallen, die sie mit sich herumgeschleppt hatte, seit Deborah sie und ihren Bruder in dem Lebensmittelgeschäft aufgestöbert hatte.»Danke dir, Debs«, sagte sie.

«Du brauchst mir nicht zu danken.«

«Doch. Dafür, dass du gekommen bist, dass du meine Freundin bist. Ohne dich und Simon wäre ich hier für alle leichte Beute. Werde ich ihn kennen lernen? Simon, meine ich? Ich fände es schön.«

«Natürlich wirst du ihn kennen lernen«, antwortete Deborah.»Er freut sich schon auf dich.«

China kam wieder an den Tisch und ergriff den Schreibblock. Einen Moment lang blickte sie darauf nieder, als überlegte sie etwas, dann hielt sie ihn Deborah hin, so impulsiv wie diese ihr vorher die Blumen gereicht hatte.

«Gib ihm das«, bat sie.»Sag ihm, er soll es mit der Lupe studieren. Sag ihm, er kann mich jederzeit und sooft er es für nötig hält, nach allen Regeln der Kunst ausquetschen. Sag ihm, er soll die Wahrheit ans Licht bringen.«

Deborah nahm den Block und versprach, ihn ihrem Mann zu bringen.

Sie fühlte sich beschwingt, als sie die Wohnung verließ. Draußen, dem Apartmentkomplex gegenüber, stieß sie auf Cherokee, der an einem Geländer vor einem für den Winter geschlossenen Urlaubshotel lehnte. Er hatte den Kragen seiner Jacke zum Schutz gegen die Kälte hochgeklappt und trank irgendetwas Dampfendes aus einem Pappbecher, während er die Queen-Margaret-Apartments beobachtete wie ein verdeckter Ermittler. Als er auf Deborah aufmerksam wurde, stieß er sich vom Geländer ab und kam über die Straße zu ihr.

«Wie war's? Alles okay? Sie war schon den ganzen Tag wahnsinnig nervös.«»Es geht ihr ganz gut«, sagte Deborah.»Sie hat natürlich Angst.«

«Ich möchte etwas tun, aber sie lässt es nicht zu. Wenn ich's versuche, fährt sie mich an. Ich will sie nicht da drinnen allein lassen, aber ich kann vorschlagen, was ich will — dass wir ein bisschen rumfahren oder spazieren gehen oder Karten spielen oder CNN schauen, um zu sehen, was zu Hause los ist — , sie flippt nur aus.«

«Sie hat Angst. Ich glaube, sie will dich nicht merken lassen, wie groß ihre Angst ist.«

«Aber ich bin ihr Bruder!«

«Vielleicht ist gerade das der Grund.«

Er ließ sich das durch den Kopf gehen, während er seinen Becher leerte und diesen dann in der Hand zusammendrückte.»Sie hat sich immer um mich gekümmert«, sagte er.»Als wir klein waren. Wenn unsere Mutter — na ja, wenn sie eben ihr Ding machte. Demos und Proteste und so. Nicht ständig, aber wenn jemand gebraucht wurde, der bereit war, sich an einen Mammutbaum ketten zu lassen oder ein Transparent durch die Gegend zu schleppen, dann war sie weg. Manchmal wochenlang. China war in der Zeit immer die Starke.«

«Du fühlst dich in ihrer Schuld.«

«Und wie! Ich möchte ihr helfen.«

Deborah dachte nach, wog seinen Wunsch und die Situation, vor der sie standen, gegeneinander ab. Sie sah auf ihre Uhr.»Komm mit«, sagte sie.»Du kannst etwas tun.«

12

Im Damenzimmer des Herrenhauses stand ein riesiges Gerät, das Ähnlichkeit mit den Webstühlen hatte, auf denen Wandteppiche gewirkt wurden. Doch an dieser Vorrichtung wurde nicht gewebt, sondern auf einer unglaublich großen Fläche mit der Nadel gearbeitet. Ruth Brouard schwieg, während St. James sich diesen überdimensionalen Stickrahmen und das auf ihm aufgespannte, kanevasartige Gewebe ansah, und dann zu einem fertigen Bild an der Wand hinaufblickte, das jenem, das er zuvor in Ruth Brouards Schlafzimmer gesehen hatte, nicht unähnlich war.

Das gewaltige Bildwerk sollte offenbar den Fall Frankreichs im Zweiten Weltkrieg darstellen. Mit der Maginot-Linie begann die Geschichte, mit einer Frau beim Kofferpacken endete sie. Zwei Kinder — ein Junge und ein Mädchen — sahen der Frau zu. Hinter ihnen standen ein bärtiger alter Mann im Gebetsmantel mit einem aufgeschlagenen Buch in den Händen und eine weinende Frau in seinem Alter, die einen jüngeren Mann — vielleicht den erwachsenen Sohn der beiden — zu trösten schien.

«Das ist unglaublich«, sagte St. James.

Ruth Brouard legte einen braunen Umschlag, den sie in der Hand hielt, als sie ihm die Tür geöffnet hatte, auf einen Schreibsekretär.»Auf mich hat es eine therapeutische Wirkung«, sagte sie.»Und es ist weit weniger kostspielig als eine Psychoanalyse.«

«Wie lange arbeiten Sie schon daran?«

«Seit acht Jahren. Aber damals war ich nicht so flink. Ich hatte es auch nicht nötig.«

St. James betrachtete sie. Er konnte die Krankheit in ihren allzu bemühten Bewegungen und ihrem angestrengten Gesicht erkennen. Aber er wollte sie nicht darauf ansprechen, weil sie so sehr darauf bedacht schien, den Anschein gesunder Vitalität aufrechtzuerhalten.

«Wie viele haben Sie geplant?«, fragte er, seine Aufmerksamkeit wieder auf die Arbeit richtend.

«So viele, wie nötig sind, um die ganze Geschichte zu erzählen«, antwortete sie.»Das hier«- mit einem Nicken zur Wand — »war das Erste. Es ist ein wenig grob, aber mit stetiger Übung bin ich besser geworden.«

«Es erzählt eine wichtige Geschichte.«

«O ja. Ich denke schon. Was ist Ihnen passiert? Ich weiß, so etwas fragt man nicht, aber ich bin über dieses gesellschaftliche Getue hinaus. Ich hoffe, Sie nehmen die Frage nicht übel.«

Das hätte er sehr wohl getan, hätte jemand anders sie gestellt. Aber diese Frau schien eine Fähigkeit zum Verständnis zu besitzen, das alle eitle Neugier verdrängt hatte, und sie zu einer verwandten Seele machte. Vielleicht, weil sie dem Tod geweiht war.

«Ein Autounfall«, sagte er.

«Wann war das?«

«Ich war vierundzwanzig.«

«Oh. Das tut mir Leid.«

«Mitleid ist nicht angebracht. Wir waren beide betrunken.«

«Sie und Ihre Freundin?«

«Nein. Ein alter Schulfreund.«

«Der am Steuer saß, vermute ich, und ohne eine Schramme davonkam.«

St. James lächelte.»Sind Sie eine Hexe, Miss Brouard?«

Sie erwiderte das Lächeln.»Ich wünschte, ich wäre eine. Ich hätte meine Hexenkünste über die Jahre mehr als einmal spielen lassen.«

«Bei einem Mann?«

«Bei meinem Bruder. «Sie drehte den Stuhl vor dem Sekretär herum und ließ sich, eine Hand auf die Sitzfläche gestützt, auf ihm nieder. Mit einer Geste wies sie zu einem Sessel in der Nähe. St. James setzte sich und wartete darauf, dass sie ihm sagen würde, warum sie ihn ein zweites Mal sprechen wollte.

Sie begann das Gespräch mit der Frage, ob er das in Guernsey geltende Erbrecht kenne und von den gesetzlichen Beschränkungen wisse, denen die Nachlassverteilung hier unterliege. Es sei ein ziemlich archaisches System, das im normannischen Gewohnheitsrecht wurzele. Vor allen Dingen gehe es darum, das Familienvermögen für die Familie zu erhalten, und das bedeute, dass es ausgeschlossen sei, leibliche Kinder zu enterben, ob ungeraten oder nicht. Den leiblichen Kindern stünde immer ein bestimmter Teil des elterlichen Vermögens zu, ohne Rücksicht auf die Natur der Beziehung zu den Eltern.

«Meinem Bruder hat vieles hier auf den Kanalinseln gefallen«, sagte Ruth Brouard.»Das Wetter, die Atmosphäre, der ausgeprägte Gemeinschaftssinn. Natürlich die Steuergesetze und die Professionalität der Banken. Aber Guy wollte sich nicht vorschreiben lassen, wie er im Fall seines Todes sein Vermögen zu verteilen habe.«

«Verständlich«, sagte St. James.

«Deshalb suchte er nach einem Ausweg, nach einer Gesetzeslücke. Und er fand sie, wie jeder, der ihn kannte, vorausgesehen hätte.«

Vor ihrer gemeinsamen Übersiedelung auf die Insel, erklärte Ruth Brouard, hatte ihr Bruder sein gesamtes Vermögen auf sie übertragen. Er selbst behielt nur ein Bankkonto, mit einer beträchtlichen Summe ausgestattet, die für Kapitalanlagen und ein bequemes Leben gut ausreichen würde. Sein restliches Vermögen — die Immobilien, die Wertpapiere, die Beteiligungen, die anderen Konten, die Firmen — überschrieb er auf seine Schwester. Er knüpfte nur eine Bedingung daran: Dass sie nach der Übersiedelung nach Guernsey ein Testament unterzeichne, das er und ein Anwalt in ihrem Namen aufsetzen würden. Da sie weder Ehemann noch Kinder hatte, konnte sie über den Nachlass verfügen, wie sie wollte, und das erlaubte ihrem Bruder, der ihr das Testament ja diktierte, seine Wünsche doch durchzusetzen, wenn auch auf indirektem Weg. Es war ein schlauer Schachzug, um das Gesetz zu umgehen.

«Mein Bruder hatte seit Jahren keinerlei Beziehung zu seinen beiden jüngeren Kindern«, erklärte Ruth.»Er konnte nicht einsehen, warum er den Mädchen ein Vermögen hinterlassen sollte, bloß weil er sie gezeugt hatte. Er hatte immer gut für sie gesorgt, bis in ihr Erwachsenenleben hinein, hatte sie auf die besten Schulen geschickt und seine Beziehungen spielen lassen, um die eine in Cambridge unterzubringen und die andere an der Sorbonne.

Er bekam nicht einmal ein Dankeschön dafür. Er fand, es wäre genug. Er wollte lieber den Menschen in seinem Leben etwas geben, von denen er so vieles bekommen hatte, was seine eigenen Kinder ihm versagt hatten. Treue, meine ich. Freundschaft, Anerkennung — und Liebe. Aber das konnte er nur tun, wenn er alles über mich laufen ließ.«

«Und sein Sohn?«

«Adrian?«

«Wollte Ihr Bruder ihn auch enterben?«

«Er wollte keines seiner Kinder enterben. Er wollte lediglich den Betrag verringern, den er ihnen von Gesetzes wegen hätte hinterlassen müssen.«

«Wer hat von dem Manöver gewusst?«, fragte St. James.

«Meines Wissens nur mein Bruder, Dominic Forrest — das ist der Anwalt — und ich. «Sie griff nach dem braunen Umschlag, aber sie öffnete die Klammern noch nicht. Sie legte ihn nur auf den Schoß und hielt ihn fest, während sie weitersprach.»Ich war damit einverstanden, weil ich Guy seine innere Ruhe wünschte. Er war entsetzlich unglücklich darüber, dass seine geschiedenen Ehefrauen ihm jede halbwegs normale Beziehung zu seinen Kindern verwehrt hatten. Na schön, sagte ich mir, warum nicht? Warum soll ich ihm nicht helfen, den Menschen etwas zurückzugeben, die für ihn da waren, als seine eigenen Kinder nichts von ihm wissen wollten? Verstehen Sie, ich rechnete nicht damit.«

Sie zögerte und faltete bedächtig die Hände, als überlegte sie, wie viel sie preisgeben sollte. Der Anblick des Umschlags, der auf ihrem Schoß lag, schien ihr Entschlossenheit zu verleihen, denn sie fuhr zu sprechen fort.»Ich rechnete nicht damit, dass ich meinen Bruder überleben würde. Ich dachte, wenn ich ihm über meine — meinen körperlichen Zustand die Wahrheit sagte, würde er vorschlagen, mein Testament wieder zu ändern und ihn als Alleinerben einzusetzen. Dann hätte er sich zwar wieder mit den gesetzlichen Bestimmungen herumschlagen müssen, aber ich denke doch, das wäre ihm lieber gewesen, als mit einem einzigen Bankkonto und einem Wertpapierportefeuille dazustehen, ohne eine Möglichkeit, das eine oder andere aufzufüllen.«

«Ich verstehe«, sagte St. James.»Ich verstehe, was beabsichtigt war. Aber es ist wohl anders gekommen?«

«Ich habe es nie geschafft, ihm zu sagen, wie — wie es um mich steht. Manchmal bemerkte ich, dass er mich ansah, und dann dachte ich, er weiß es. Aber er hat nie etwas gesagt. Und ich auch nicht. Jeden Abend nahm ich mir vor, morgen, morgen spreche ich mit ihm. Aber ich habe es nie getan.«

«Und als er dann plötzlich starb — «

«Gab es große Erwartungen.«

«Und jetzt?«

«Jetzt gibt es verständliche Verärgerung.«

St. James nickte. Er blickte auf den riesigen Wandbehang, der einen entscheidenden Teil des Lebens der beiden Geschwister abbildete. Er sah, dass die Mutter, die die Koffer packte, weinte; dass die Kinder sich angstvoll aneinander klammerten. Durch ein Fenster erkannte man Nazi-Panzer, die über ein fernes Feld rollten, und einen Trupp Soldaten, der im Stechschritt durch eine schmale Straße marschierte.

«Ich nehme nicht an, dass Sie mich hergebeten haben, um sich raten lassen, was Sie tun sollen«, sagte er.»Ich habe das Gefühl, das wissen Sie bereits.«

«Ich verdanke meinem Bruder alles, und ich bin ein Mensch, der seine Schulden begleicht. Sie haben Recht, ich habe Sie nicht hergebeten, damit Sie mir sagen, wie ich es jetzt, wo mein Bruder tot ist, mit meinem Testament halten soll. Nein, ganz gewiss nicht.«

«Darf ich dann fragen.? Wie kann ich Ihnen behilflich sein?«

«Bis zum heutigen Tag«, sagte sie,»war ich über den jeweiligen Inhalt der Testamente meines Bruders immer genau unterrichtet. «

«Hat er denn mehrere gemacht?«

«Er hat sein Testament häufiger geändert, als die meisten Leute das tun. Bei jeder Änderung trafen wir uns mit seinem Anwalt, und der setzte mir genau auseinander, wie das neue Testament aussehen würde. Mein Bruder war in dieser Beziehung sehr zuverlässig. Immer fuhren wir an dem Tag, an dem das Testament unterzeichnet werden sollte, zusammen zu Mr. Forrest. Wir gingen die einzelnen Klauseln durch, prüften, ob in meinem eigenen Testament irgendwelche Änderungen nötig wurden, erledigten das mit der Unterschrift und gingen hinterher zum Lunch.«

«Aber bei diesem letzten Testament war es nicht so?«

«Nein.«

«Vielleicht war Ihr Bruder noch nicht dazu gekommen«, meinte St. James.»Er hat ganz sicher nicht mit seinem Tod gerechnet.«

«Dieses letzte Testament wurde im Oktober aufgesetzt, Mr. St. James. Vor mehr als zwei Monaten. Ich war in dieser Zeit immer hier. Mein Bruder ebenso. Er muss nach St. Peter Port gefahren sein, um die Formalitäten zu erledigen und das Testament rechtsgültig zu machen. Er hat mich nicht mitgenommen. Das legt doch nahe, dass er mich ganz bewusst über seine Pläne im Unklaren gelassen hat.«

«Und was waren das für Pläne?«

«Er wollte die Vermächtnisse an Anai's Abbott, Frank Ouseley und die Duffys streichen. Das hat er mir verheimlicht. Als mir das klar wurde, wurde mir natürlich auch klar, dass er mir vielleicht noch weit mehr verheimlicht hat.«

Jetzt, erkannte St. James, waren sie beim Kernpunkt angelangt: beim Grund ihrer Bitte um ein zweites Gespräch mit ihm.

Ruth Brouard öffnete die Metallklammern des Umschlags auf ihrem Schoß. Sie zog heraus, was er enthielt, und St. James sah sofort, dass Guy Brouards Reispass dabei war.

Ruth Brouard reichte ihm das Dokument.»Das war sein erstes Geheimnis«, sagte sie.»Sehen Sie sich den letzten Stempel an.«

St. James blätterte in dem Pass und fand schnell den relevanten Vermerk. Anders als Ruth Brouard ihm gegenüber in ihrem ersten Gespräch an diesem Tag behauptet hatte, war ihr Bruder sehr wohl in den Vereinigten Staaten gewesen. Er war im März über den Internationalen Flughafen von Los Angeles eingereist.

«Und davon hat er Ihnen nichts gesagt?«, fragte St. James.

«Nein, sonst hätte ich Ihnen doch nicht etwas anderes erzählt. «Sie reichte ihm ein Bündel Unterlagen, das, wie St. James sah, aus Kreditkartenrechnungen, Hotelrechnungen und Quittungen von Restaurants und Mietwagenfirmen bestand. Guy Brouard hatte fünf Nächte im Hilton eines Orts namens Irvine gewohnt. Er hatte dort in einem Restaurant mit Namen II Fornaio gegessen sowie in Costa Mesa in Scott 's Seafood Restaurant und in Orange im Citrus Grille. Er hatte sich mit einem gewissen William Kiefer getroffen, Rechtsanwalt in Tustin, dem er etwas über tausend Dollar für drei Termine innerhalb von fünf Tagen bezahlt hatte, und er hatte neben der Karte dieses Anwalts eine Quittung von einem Architekturbüro Southby, Strange, Willows und Ward aufbewahrt.»Jim Ward «stand krakelig hingeworfen unten auf dem Zettel, dazu eine Mobiltelefon- und eine Festnetznummer.

«Er hat sich also anscheinend selbst um die Vorbereitungen für den Museumsbau gekümmert«, bemerkte St. James.»Das passt doch alles zu den Plänen, die er unseres Wissens nach hatte.«

«Das stimmt«, sagte Ruth.»Aber mir hat er kein Wort von dieser Reise gesagt. Verstehen Sie nicht, was das bedeutet?«

In Ruth Brouards Stimme schwang ein eigenartiger Unterton, aber St. James sah nur, dass der Bruder vielleicht ein wenig Freiheit gebraucht hatte. Möglicherweise hatte er eine Freundin mit auf die Reise genommen, von deren Existenz er seine Schwester nichts wissen lassen wollte. Doch als Ruth weitersprach, erkannte er, dass sie sich durch die überraschenden Neuigkeiten, die sie entdeckt hatte, weniger brüskiert fühlte, als vielmehr in ihrer bereits bestehenden Überzeugung bestätigt.

«Kalifornien, Mr. St. James«, sagte sie.»Sie lebt in Kalifornien. Er muss sie also schon gekannt haben, bevor sie nach Guernsey kam. Und als sie hier eintraf, hatte sie bereits alles geplant. «

«Ach so, ich verstehe. Miss River. Aber sie lebt nicht in diesem Teil Kaliforniens«, widersprach St. James.»Sie kommt aus Santa Barbara.«

«Wie weit kann das von diesen Orten entfernt sein?«

St. James runzelte die Stirn. Er wusste es nicht, er war nie in Kalifornien gewesen und hatte im Grund nur von Los Angeles und San Francisco gehört, die seines Wissens an entgegengesetzten Enden des Staates lagen. Er wusste jedoch, dass es ein Staat von riesiger Ausdehnung war, von einem verwirrenden Netz von Schnellstraßen durchzogen, die meistens mit Autos verstopft waren. Deborah würde sagen können, ob es denkbar war, dass Guy Brouard während seines Aufenthalts in Kalifornien eine Reise nach Santa Barbara unternommen hatte. Sie war dort viel herumgereist, nicht nur mit Tommy, sondern auch mit China.

China. Ihm fiel ein, was seine Frau ihm über ihre Besuche bei Chinas Mutter und Bruder erzählt hatte. Ein Ort mit dem Namen einer Farbe, hatte sie gesagt: Orange, wo das Citrus Grille war, dessen Quittung bei Guy Brouards Papieren gelegen hatte. Und Cherokee River — nicht seine Schwester China — lebte irgendwo in dieser Gegend. War es also abwegig, anzunehmen, dass Cherokee River und nicht China Guy Brouard bereits gekannt hatte, bevor die Geschwister nach Guernsey gekommen waren?

St. James bedachte, was sich daraus eventuell ergab, und sagte zu Ruth:»Wo waren die beiden Rivers hier im Haus untergebracht?«

«Im zweiten Stockwerk.«

«Und die Lage ihrer Zimmer?«

«Süden, nach vorn.«

«Mit Blick zur Auffahrt? Zu den Bäumen? Zum Haus der Duffys?«

«Ja. Warum?«

«Was hat Sie an dem Morgen veranlasst, zum Fenster zu gehen, Miss Brouard? Als Sie die Gestalt beobachteten, die Ihrem Bruder folgte, hatte da etwas Bestimmtes Sie veranlasst, zum Fenster hinauszuschauen? Oder war es eine Gewohnheit von Ihnen ihm nachzusehen?«

Sie dachte einen Moment über seine Frage nach, bevor sie langsam sagte:»Normalerweise war ich noch gar nicht auf, wenn Guy aus dem Haus ging. Ich denke daher, es muss etwas. «Nachdenklich blickte sie vor sich hin. Sie faltete die mageren Hände über dem braunen Umschlag, und St. James sah, wie papierdünn die Haut war, die sich über den Knochen spannte.»Ich hatte ein Geräusch gehört, Mr. St. James«, sagte sie.»Es hat mich geweckt und ein wenig erschreckt, weil ich glaubte, es wäre noch mitten in der Nacht und irgendjemand schliche im Haus herum. Es war dunkel, aber als ich auf die Uhr schaute, sah ich, dass es beinahe Zeit für Guy war, zum Schwimmen zu gehen. Ich habe ein paar Augenblicke gehorcht, dann hörte ich ihn in seinem Zimmer. Ich nahm an, er hätte das Geräusch gemacht. «Sie erkannte, worauf St. James hinauswollte, und sagte:»Aber es hätte jeder sein können, nicht wahr? Jemand anders als Guy, jemand der schon aufgestanden und im Begriff war, aus dem Haus zu gehen, um unter den Bäumen zu warten.«

«So scheint es«, bestätigte St. James.

«Und ihre Zimmer liegen über meinem«, fuhr sie fort.»Die Zimmer der beiden Rivers. Im Stockwerk über mir. Sie sehen — «»Möglich«, meinte St. James. Aber er sah noch mehr. Er sah, dass man sich in eine Teilinformation verbeißen und alles andere unbeachtet lassen konnte.»Und wo hat Adrian gewohnt?«, fragte er.

«Er hätte nie — «

«Wusste er von der Sache mit den beiden Testamenten? Ihrem und dem Ihres Bruders?«

«Mr. St. James, ich versichere Ihnen, er hätte niemals. Glauben Sie mir, er könnte nicht — «

«Angenommen, er kannte die hiesigen Gesetze und wusste nicht, was sein Vater unternommen hatte, um ihn um den Genuss eines Vermögens zu bringen — mit was für einem Erbe hätte er gerechnet?«

«Entweder mit einem Sechstel des gesamten Nachlasses«, antwortete Ruth Brouard mit offenkundigem Widerstreben.

«Oder mit einem Drittel von allem, wenn sein Vater seinen ganzen Besitz in Bausch und Bogen seinen Kindern vermacht hätte?«

«Ja, aber — «

«Ein stattliches Vermögen«, sagte St. James.

«Ja, ja. Aber Sie müssen mir glauben, Adrian hätte seinem Vater niemals etwas angetan. Nicht um alles in der Welt. Schon gar nicht wegen einer Erbschaft.«

«Dann hat er wohl eigenes Vermögen?«

Sie antwortete nicht. Das Ticken der Uhr auf dem Kaminsims wurde laut wie das einer tickenden Bombe. Ruth Brouards Schweigen war St. James Antwort genug.

Er sagte:»Was ist mit Ihrem Testament, Miss Brouard? Was für eine Vereinbarung bestand mit Ihrem Bruder? Wie wollte er das Vermögen verteilt wissen, das er Ihnen überschrieben hatte?«

Sie leckte sich über die Unterlippe. Ihre Zunge war beinahe so blass wie die Haut ihres Gesichts.»Adrian ist ein gequälter Mensch, Mr. St. James. Seine Eltern haben ein ewiges Tauziehen um ihn veranstaltet. Sie sind im Bösen auseinander gegangen, und Margaret machte Adrian zum Werkzeug ihrer Rache. Daran änderte sich auch nichts, als sie sich wieder verheiratete und gut verheiratete — Margaret verheiratet sich immer gut, müssen Sie wissen. Es blieb die Tatsache, dass mein Bruder sie betrogen hatte und sie es nicht schnell genug merkte, nicht clever genug war, ihn in flagranti zu ertappen, ich glaube, das hätte sie sich am allermeisten gewünscht: Mein Bruder mit einer Frau im Bett, und sie fährt wie die Rachegöttin persönlich auf die beiden nieder. Aber so hat es sich nicht abgespielt. Es war nur eine schmutzige kleine Entdeckung — ich weiß nicht einmal, was genau. Und sie ist nie darüber hinweggekommen, sie konnte es nicht vergessen, sondern hat Guy, wo es ging, dafür büßen lassen, dass er sie gedemütigt hatte. Und wenn man auf diese Weise benutzt wird. Kein Baum kann groß und stark werden, wenn man sich ständig an seinen Wurzeln zu schaffen macht. Aber Adrian ist kein Mörder.«

«Dann haben Sie ihm wohl zur Entschädigung das ganze Vermögen hinterlassen?«

Sie hatte den Blick auf ihre Hände gesenkt gehalten, aber bei seinen Worten sah sie auf.»Nein. Ich habe getan, was mein Bruder wünschte.«

«Und was wünschte er?«

Le Reposoir, erläuterte sie, sollte den Bewohnern von Guernsey zu ihrer Benutzung und ihrem Vergnügen überlassen werden. Die Instandhaltung und Pflege des Besitzes mit allen Gebäuden und Einrichtungen würde aus einem eigens zu diesem Zweck errichteten Treuhandfonds finanziert werden. Das restliche Vermögen — die Immobilien in Spanien, Frankreich und England, die Wertpapiere, die Bankkonten sowie alle persönlichen Besitztümer, die zum Zeitpunkt ihres Todes nicht zur Ausstattung des Herrenhauses oder zum Schmuck der Parkanlagen verwendet wurden — würde verkauft und der Erlös dem Treuhandfonds zugeführt werden.

«So hat er es gewünscht, und so habe ich es gemacht«, sagte Ruth Brouard.»Er versprach mir, seine Kinder in seinem Testament zu bedenken, und das hat er getan. Sie wurden natürlich nicht so großzügig bedacht, wie vom geltenden Gesetz vorgesehen. Aber sie wurden bedacht.«

«Was für eine Regelung hatte er getroffen?«

«Er machte von der gesetzlichen Möglichkeit Gebrauch, seinen Nachlass in zwei Hälften aufzuteilen. Seine drei Kinder bekommen zu je einem Drittel die eine Hälfte. Die andere Hälfte geht zu gleichen Teilen an zwei Jugendliche, die hier auf der Insel leben.«

«Das heißt, sie erhalten mehr als seine eigenen Kinder.«

«Ich — ja«, sagte sie.»Ja, das ist wohl richtig.«

«Und wer sind diese beiden Jugendlichen?«

Sie nannte ihm ihre Namen: Paul Fielder und Cynthia Moullin. Ihr Bruder habe sich als Mentor der beiden gefühlt. Auf den Jungen sei er im Rahmen eines Förderungsprogramms der hiesigen höheren Schule aufmerksam geworden. Das junge Mädchen habe er durch ihren Vater Henry Moullin kennen gelernt, einen Glaser, der den Wintergarten gebaut und die Fenster im Herrenhaus erneuert hatte.

«Es sind beides ziemlich arme Familien, besonders die Fielders«, schloss Ruth Brouard.»Das hat mein Bruder natürlich gesehen, und da er die Kinder gern hatte, wollte er etwas für sie tun; etwas Besonderes, was ihre Eltern niemals für sie hätten tun können. «

«Aber warum hat er das vor Ihnen geheim gehalten?«, fragte St. James.

«Ich weiß es nicht«, antwortete sie.»Und ich verstehe es nicht.«

«Hätten Sie denn Einwendungen erhoben?«

«Ich hätte ihm vielleicht gesagt, wie viel Unfrieden er damit möglicherweise stiften würde.«

«In seiner eigenen Familie?«

«Und in den beiden anderen Familien. Sowohl Paul als auch Cynthia haben Geschwister.«

«Denen Ihr Bruder nichts vermacht hat?«

«Denen er nichts vermacht hat. Und wenn einer etwas bekommt und die anderen nicht. Ich hätte ihm gesagt, dass das zu einem Bruch in den Familien führen könnte.«

«Hätte er denn auf Sie gehört, Miss Brouard?«

Sie schüttelte den Kopf. Ihr Gesicht war unsagbar traurig.»Das war die Schwäche meines Bruders«, sagte sie.»Er hat auf keinen gehört.«

Margaret Chamberlain hatte Mühe, sich zu erinnern, wann sie schon einmal so wütend gewesen war und so wild entschlossen, dagegen etwas zu tun. Vielleicht an dem Tag, dachte sie, als ihr Verdacht, dass Guy sie betrog, zur Gewissheit geworden war, die sie wie ein Faustschlag in den Magen getroffen hatte. Aber dieser Tag lag weit zurück, und so vieles hatte sich seither ereignet — drei weitere Ehen und drei weitere Kinder, um genau zu sein — , dass er zu einer matten Erinnerung verblasst war, die sie so wenig aufpolieren wollte, wie sie das bei einem unmodernen, alten silbernen Schmuckstück täte, für das sie keine Verwendung mehr hatte. Doch die Gefühle, die jetzt in ihr tobten, waren jenen früheren verwandt. Welch eine Ironie, dass damals wie heute die Quelle ihrer Wut derselbe Mann war!

Wenn sie sich so fühlte wie in diesem Augenblick, fiel es ihr meistens schwer, zu entscheiden, wo sie zuerst zuschlagen wollte. Auf jeden Fall musste man sich mit Ruth befassen. Die Bestimmungen in Guys Testament waren derart ungewöhnlich, dass es nur eine Erklärung für sie geben konnte, und Margaret war bereit, ihren Kopf zu wetten, dass diese Erklärung Ruth hieß. Neben Ruth jedoch waren da noch die beiden Jugendlichen, die die Hälfte von Guys vorgeblichem Gesamtvermögen geerbt hatten. Nie im Leben würde Margaret Chamberlain untätig zusehen, wie zwei Unbekannte — mit Guy nicht einmal entfernt verwandt — mehr Geld erhielten als der eigene Sohn des Mistkerls.

Adrian hatte sich wenig bereit gezeigt, mit Informationen zu helfen. Er hatte sich in seinem Zimmer verschanzt, und als sie ihn dort stellte und mehr über das Wer, Wo und Warum zu wissen verlangte, als sie von Ruth hatte erfahren können, hatte er nur gesagt:»Es sind Kinder. Sie schauen zu Dad auf, wie er fand, dass sein eigen Fleisch und Blut zu ihm aufschauen müsste. Wir wollten nicht. Sie haben es mit Freuden getan. Das ist doch typisch Dad. Treue Ergebenheit wird belohnt.«

«Wo leben diese jungen Leute? Wo finde ich sie?«

«Der Junge wohnt in Le Bouet«, antwortete Adrian.»Ich weiß nicht genau, wo. Es ist eine Sozialsiedlung.«

«Und das Mädchen?«

Das war einfacher. Die Moullins lebten in La Corbiere, südwestlich vom Flughafen, in einer Gemeinde namens Forest. Sie wohnten im irrsinnigsten Haus auf der ganzen Insel. Die Leute nannten es das

Muschelhaus. Wenn man erst einmal in der Nähe von La Corbiere war, konnte man es gar nicht verfehlen.

«Gut. Fahren wir«, sagte Margaret.

Aber da teilte Adrian ihr klipp und klar mit, dass er nirgendwohin zu fahren gedachte.»Was glaubst du denn, dass du damit erreichst?«

«Ich werde diesen Leuten klar machen, mit wem sie es zu tun haben. Sie sollen sich ja nicht einbilden, sie könnten dir einfach wegnehmen, was dir von Rechts wegen zusteht — «

«Bemüh dich nicht. «Er rauchte eine nach der anderen und ging dabei auf dem Perserteppich hin und her, als wollte er Löcher hineintreten.»Dad hat es so gewollt. Es ist sein letzter — na, du weißt schon. Die große Ohrfeige zum langen Abschied.«

«Hör auf, dich auch noch darin zu suhlen, Adrian. «Sie konnte nicht anders. Es war einfach zu viel, in Betracht ziehen zu müssen, dass ihr Sohn womöglich bereit und willens war, eine demütigende Niederlage hinzunehmen, nur weil er meinte, sein Vater würde das angemessen finden.»Hier geht es um mehr als die Wünsche deines Vaters. Es geht um deine Rechte als sein leiblicher Sohn. Und letztlich auch um die deiner Schwestern. Ich kann mir nicht vorstellen, dass JoAnna Brouard sich einfach in ihr Schicksal fügen wird, wenn sie erfährt, wie dein Vater mit ihren Töchtern umgesprungen ist. Diese Sache kann uns in jahrelange Prozesse verwickeln, wenn wir nicht sofort etwas unternehmen. Folglich schnappen wir uns zuerst mal diese beiden Erben. Und dann schnappen wir uns Ruth.«

Adrian trat zur Kommode, drückte seine Zigarette in einem Aschenbecher aus, der zu neunzig Prozent an der schlechten Luft im Zimmer schuld war, und zündete sich eine neue an.»Auf mich brauchst du nicht zu zählen«, sagte er» Ich bin raus aus der Sache, Mutter.«

Margaret weigerte sich, zu glauben, dass es dabei bleiben würde. Er war nur deprimiert. Er fühlte sich gedemütigt und trauerte. Nicht um Guy, natürlich, aber um Carmel, die er an Guy verloren hatte, Gott verfluche ihn für diesen gemeinen Verrat an seinem einzigen Sohn! Aber Carmel würde eiligst zurückkehren und auf Knien um Vergebung bitten, wenn Adrian endlich den ihm angestammten Platz als

Erbe seines Vaters einnehmen würde. Margaret hatte kaum Zweifel daran.

Adrian fragte nichts, als Margaret» Na schön «sagte und anfing, in seinen Sachen zu kramen. Er protestierte nicht, als sie die Wagenschlüssel aus seiner Jacke nahm, die er auf einem Stuhl liegen lassen hatte.»Wie du willst«, fügte sie hinzu und ging.

Im Handschuhfach des Range Rover fand sie eine Karte von der Art, wie Autovermieter sie verteilen: die Standorte ihrer eigenen Filialen sind unübersehbar gekennzeichnet, alles andere verschwimmt in Unleserlichkeit. Aber da die Mietwagenagentur am Flughafen war und La Corbiere nicht weit von diesem entfernt, gelang es ihr, das kleine Dorf an der Südküste zu finden, an einer Straße, die auf dem Papier nur ein Strich war.

Um sich abzureagieren, ließ sie erst einmal den Motor aufheulen, dann fuhr sie los. Wie schwierig konnte es schon sein, den Weg zum Flughafen zu finden und dann an der Rue de la Villiaze links abzubiegen? Sie war schließlich nicht von gestern. Sie konnte Straßenschilder lesen und würde sich nicht verfahren.

Das setzte natürlich voraus, dass Straßenschilder da waren. Margaret entdeckte bald, dass es zu den Eigenarten der Inselbewohner gehörte, Straßenschilder zu verstecken — meist hüfthoch in dichtem Efeu. Sie entdeckte außerdem bald, dass man wissen musste, in welche Gemeinde man wollte, wenn man nicht mitten in St. Peter Port landen wollte, wo alle Straßen hinzuführen schienen.

Nach vier Fehlversuchen war sie in Schweiß gebadet, und als sie den Flughafen endlich fand, brauste sie prompt an der Rue de la Villiaze vorbei, ohne es zu merken, weil das Sträßchen so unauffällig war. Margaret war an England gewöhnt, wo Hauptstraßen immerhin eine gewisse Ähnlichkeit mit Hauptstraßen hatten. Auf der Karte war die Straße rot eingezeichnet, also musste sie ihrer Vorstellung nach mindestens zwei ordentlich gekennzeichnete Fahrbahnen haben und natürlich deutlich ausgeschildert sein. Unglücklicherweise war sie schon halb auf der anderen Seite der Insel an einer Kreuzung, die durch eine etwas versteckt in eine Mulde stehende Kirche gekennzeichnet war, als ihr der Gedanke kam, dass sie zu weit gefahren sein könnte. Sie fuhr sofort an den Straßenrand, studierte die Karte und sah — inzwischen kochend vor Gereiztheit — , dass sie am Ziel vorbeigeschossen war und einen neuen Versuch starten musste.

Sie verfluchte ihren Sohn. Wäre er nicht so ein erbärmlicher Schlappschwanz — nein, nein, nicht doch. Natürlich wäre es angenehm gewesen, ihn dabei zu haben und am Ziel anzukommen, ohne sich vorher x-mal zu verfahren, aber Adrian musste sich erst von dem Schlag erholen, den sein Vater — sein gottverdammter Vater! — ihm mit diesem Testament verpasst hatte, und wenn er dafür eine Stunde oder auch länger brauchte, dann, dachte Margaret, sei ihm das gegönnt. Sie würde schon allein zurechtkommen.

Dabei fiel ihr wieder Carmel Fitzgerald ein, und sie fragte sich, ob das nicht zur Ernüchterung der jungen Frau beigetragen hatte: Allzu viele Momente, da sie erkennen musste, dass es immer wieder Zeiten geben würde, wo sie allein zurechtkommen musste, weil Adrian sich in seinem Zimmer einschloss oder Schlimmeres. Guy hatte ja weiß Gott jeden, der ein bisschen sensibel war, in Grund und Boden stampfen und in tiefe Selbstverachtung stürzen können. Wenn er auf diese Weise mit Adrian verfahren war, als dieser mit Carmel in Le Reposoir zu Gast gewesen war, was mochte da in der jungen Frau vorgegangen sein, wie empfänglich hätte sie das für die Annäherungsversuche eines Mannes gemacht, der offensichtlich ganz in seinem Element war, ungeheuer männlich und so beschissen tüchtig. Verdammt empfänglich, dachte Margaret. Was Guy zweifellos erkannt und sofort gewissenlos ausgenutzt hatte.

Aber bei Gott, er würde bezahlen. Er hatte im Leben nicht bezahlt. Aber er würde jetzt bezahlen.

So besessen war sie von diesem Vorsatz, dass sie die Rue de la Vil- liaze beinahe ein zweites Mal verpasst hätte. Erst im letzten Moment sah sie, ganz in der Nähe des Flughafens, einen schmalen Weg nach links abgehen. Sie lenkte den Wagen darauf und donnerte an einem Pub und einem Hotel vorüber in offenes Land, wo sie zwischen hohen Böschungen und Hecken, hinter denen Bauernhöfe und brache Felder lagen, weiterfuhr. Kleine Seitenstraßen, die eher wie Feldwege aussahen, zweigten hier und dort ab, und gerade als sie beschlossen hatte, ihr Glück auf einer von ihnen zu versuchen, erreichte sie eine Kreuzung und entdeckte wunderbarerweise ein Schild, das nach rechts, nach La Corbiere wies.

Margaret sandte ein Dankgebet an den Gott der Autofahrer, der sie hierhergelotst hatte, und bog in eine von Hecken gesäumte, schmale Landstraße ein, die sich durch nichts von den anderen Straßen unterschied. Wäre ihr ein Auto entgegengekommen, so hätte sie oder der andere Fahrer bis zur nächsten Kreuzung zurückstoßen müssen, aber sie hatte Glück, sie sah auf ihrem Weg, der an einem weiß getünchten Bauernhaus und zwei fleischfarbenen cottages vorüberführte, weit und breit kein anderes Fahrzeug.

Dafür sah sie, an einem Knick in der Straße, das Muschelhaus. Adrian hatte Recht, nur ein Blinder hätte es verfehlen können. Das Haus selbst war aus Stein mit gelbem Anstrich. Die Muscheln, denen es seinen Namen verdankte, schmückten die Einfahrt, die Einfriedungsmauer und den großen Vorgarten.

Es war die geschmackloseste Kreation, die Margaret je gesehen hatte, ein Ensemble, das von einem Irren geschaffen schien. Miesmuscheln, Schneckenmuscheln, Seeohren, Herzmuscheln und hier und dort eine Tigerschnecke bildeten Randverzierungen um Rabatten, in denen mit biegsamem Draht und Klebstoff gefertigte Blumen aus Muschelschalen standen. In der Mitte der Rasenfläche prangte von Muschelwänden umschlossen und Muschelufern umkränzt ein seichter Teich, in dem — Gott sei Dank! — ganz normale Goldfische schwammen. Doch überall um diesen Teich herum harrten auf muschelverzierten Sockeln aus Muscheln geschaffene Götzenbilder der Anbetung. Zwei Gartentische aus Muscheln, um die sich die passenden Muschelstühle gruppierten, waren mit Teegeschirr aus Muscheln gedeckt, und auf den Kuchentellern warteten muschelartige Leckerbissen. An der Fassade des Hauses waren Miniaturmodelle einer Feuerwache, einer Schule, einer Scheune und einer Kirche aufgebaut, sämtlich im Perlmuttglanz der Schalen der Tiere, die für diese Kunstwerke ihr Leben hatten lassen müssen. Das konnte einem weiß Gott die Bouillabaisse auf immer vermiesen, dachte Margaret, als sie aus dem Range Rover stieg.

Sie schauderte angesichts dieses Monuments der Vulgarität, das unangenehme Kindheitserinnerungen weckte: an Sommerferien am Meer, an die verschluckten Buchstaben H, all die fettigen Fritten, all das teigige Fleisch, das so hässlich rot gebrannt war, nur damit man allen zeigen konnte, dass das Geld für einen Urlaub am Meer reichte.

Margaret schob die Gedanken weg, das Bild ihrer Eltern, wie sie auf der Treppe des gemieteten Strandhauses standen, eng umschlungen, jeder mit einer Flasche Bier in der Hand. Erst die schmatzenden Küsse, dann das Kichern ihrer Mutter und das, was dem Kichern folgte.

Genug, dachte Margaret. Entschlossenen Schritts marschierte sie die Einfahrt hinauf, rief einmal gebieterisch» Hallo!«, dann ein zweites und ein drittes Mal. Im Haus rührte sich nichts, aber an der Mauer lehnten Gartengeräte, wobei man sich fragen musste, wozu die in diesem Garten dienen sollten. Wie dem auch sei, die Tatsache, dass sie draußen standen, legte nahe, dass jemand zu Hause und im Garten an der Arbeit war.

Gerade als sie sich der Haustür näherte, kam von hinter dem Haus ein Mann mit einer Schaufel um die Ecke. Seine Jeans starrten vor Dreck, und er trug trotz der Kälte keine Jacke, sondern nur ein verwaschenes blaues Arbeitshemd, das vorn in Rot mit den Worten Moullin Glass bestickt war. Seine Gleichgültigkeit der Witterung gegenüber ging so weit, dass er an den Füßen nur Sommersandalen trug, mit Socken immerhin, die allerdings völlig durchlöchert waren.

Als er Margaret erblickte, blieb er stehen, ohne etwas zu sagen. Zu ihrer Verwunderung war er ihr schon bekannt: der überfütterte Heathcliff, der ihr beim Empfang nach Guys Bestattung aufgefallen war. Aus der Nähe erkannte sie, dass seine Haut deshalb so dunkel war, weil sie unter der Einwirkung von Wind und Wetter zur Beschaffenheit unbehandelten Leders verwittert war. Der Blick, mit dem er sie betrachtete, war feindselig, und seine Hände waren von zahllosen, zum Teil verheilten, zum Teil frischen Schnitten bedeckt. Die intensive Animosität, die von ihm ausging, hätte Margaret vielleicht einschüchtern können, aber sie spürte schon die ersten Regungen ihrer eigenen Feindseligkeit, und im Übrigen war sie nicht so leicht aus der Ruhe zu bringen.

«Ich suche Cynthia Moullin«, erklärte sie dem Mann höflich.»Können Sie mir vielleicht sagen, wo ich sie finde?«

«Warum?«Er trug die Schaufel zum Rasen und begann, am Fuß eines der Bäume zu graben.

Margaret war pikiert. Sie war es gewöhnt, dass die Leute sprangen, wenn sie ihre Stimme hörten — sie hatte sie schließlich jahrelang geschult.»Ich denke, die Antwort lautet entweder ja oder nein«, sagte sie.»Entweder Sie können mir helfen, oder Sie können es nicht. Haben Sie ein Problem, mich zu verstehen?«

«Mein Problem ist, dass mir das völlig egal ist. «Er sprach ein so breites Patois, dass es sich anhörte wie im Volkstheater.

«Ich muss mit ihr sprechen«, erklärte sie.»Es ist äußerst wichtig. Von meinem Sohn habe ich gehört, dass sie in diesem Haus lebt. «Sie bemühte sich, das nicht so zu sagen, als meinte sie statt Haus Müllhalde, aber wenn ihr das nicht gelang, konnte man ihr das ihrer Meinung nach nicht übel nehmen.»Wenn er sich geirrt hat, brauchen Sie mir das nur zu sagen, und ich bin sofort wieder weg.«

«Ihr Sohn?«, fragte er.»Und wer soll das sein?«

«Adrian Brouard. Guy Brouard war sein Vater. Ich nehme an, Sie wissen, wer das ist? Guy Brouard? Ich habe Sie bei dem Empfang nach seiner Beerdigung gesehen.«

Diese letzte Bemerkung erregte seine Aufmerksamkeit. Er sah von seinen Grabungsarbeiten auf und musterte Margaret von Kopf bis Fuß. Dann ging er schweigend über den Rasen zur Haustür mit dem kleinen Vorbau und ergriff einen dort stehenden Eimer, der mit irgendwelchen Kügelchen gefüllt war. Den trug er zum Baum und kippte reichlich Kügelchen in den Graben, den er rund um den Stamm ausgehoben hatte, stellte den Eimer ab, begab sich mit seiner Schaufel zum nächsten Baum und begann von neuem zu graben.

«Hören Sie«, sagte Margaret.»Ich suche Cynthia Moullin. Ich muss sie unverzüglich sprechen. Wenn Sie wissen, wo sie zu finden ist. Sie wohnt doch hier, nicht wahr? Das hier ist das Muschelhaus?«Die dümmste Frage, dachte Margaret, die sie hatte stellen können. Wenn dies nicht das Muschelhaus war, wartete irgendwo ein noch schlimmerer Albtraum auf sie.

«Ah, Sie sind also die Erste«, sagte der Mann mit einem Nicken.»Hat mich immer schon interessiert, wie die Erste war. Sagt eine Menge über einen Mann aus, seine Erste. Verstehen Sie? Sagt einem, warum er so geworden ist, wie er ist.«

Margaret hatte Mühe, den Mann zu verstehen. Sie bekam nur jedes vierte oder fünfte Wort mit und reimte sich aus diesen Bruchstücken zusammen, dass er auf eine wenig schmeichelhafte Art von ihrer sexuellen Beziehung mit Guy sprach. So ging das wirklich nicht. Keinesfalls durfte sie sich hier das Heft aus der Hand nehmen lassen. Männer versuchten immer, alles aufs Bett zu reduzieren. Sie hielten das für ein wirksames Mittel, ihr jeweiliges weibliches Gegenüber aus dem Konzept zu bringen. Aber so etwas verfing bei Margaret Chamberlain nicht. Gerade als sie ansetzte, das diesem Menschen unmissverständlich klar zu machen, klingelte ein Handy, und ihm blieb nichts anderes übrig, als es aus der Hosentasche zu ziehen, aufzuklappen und sich als Betrüger zu entlarven.

«Henry Moullin«, sagte er und hörte beinahe eine Minute lang schweigend zu. Als er dann zu reden begann, bediente er sich einer völlig anderen Sprache als bisher.»Ich müsste mir das erst einmal ansehen und die Maße nehmen, Madam«, sagte er.»Solange ich keine konkreten Daten habe, kann ich Ihnen nicht sagen, wie lange so etwas dauert. «Wieder hörte er schweigend zu, zog ein schwarzes Notizbuch aus einer anderen Hosentasche und schrieb einen Termin ein, wobei er sagte:»Selbstverständlich. Freut mich, Mrs. Felix. «Er schob das Handy wieder zurück und sah Margaret an, als hätte er nie versucht, ihr vorzumachen, er wäre ein beschränkter Hinterwäldler.

«Aha!«, sagte Margaret mit grimmiger Erheiterung.»Jetzt, wo die Katze aus dem Sack ist, beantworten Sie mir vielleicht meine Frage und sagen mir, wo ich Cynthia Moulin finden kann. Ich nehme an, Sie sind ihr Vater?«

Er kannte weder Reue noch Verlegenheit.»Cyn ist nicht hier, Mrs. Brouard«, erklärte er.

«Chamberlain«, verbesserte Margaret.»Wo ist sie? Ich muss sie dringend sprechen.«

«Geht nicht«, erwiderte er.»Sie ist drüben auf Alderney. Bei ihrer Großmutter.«

«Und die Großmutter hat kein Telefon?«

«Doch, wenn's funktioniert.«

«Ich verstehe. Nun, vielleicht ist es ganz gut so, Mr. Moullin. Wir können die Sache gleich unter uns regeln, und sie braucht nichts davon zu erfahren. Dann wird sie auch nicht enttäuscht sein.«

Moullin nahm aus seiner unergründlichen Hosentasche eine Tube mit irgendeiner Salbe, von der er ein Stück in seine geöffnete Hand drückte und auf den vielen Schnittwunden verteilte, ohne sich im Geringsten darum zu kümmern, dass er auch reichlich Gartenerde mit in die Wunden rieb.»Am besten sagen Sie mir einfach, worum es geht«, forderte er sie mit einer männlichen Direktheit auf, die irritierend und gleichzeitig irgendwie erregend war. Margaret hatte flüchtig ein verrücktes Bild von sich und diesem Mann vor Augen — die reine Triebhaftigkeit — , wie sie es ihrer Vorstellung niemals zugetraut hätte. Er machte einen Schritt auf sie zu, und sie trat automatisch einen Schritt zurück. Wie erheitert verzog er den Mund. Ein Schauder durchrann sie. Sie kam sich vor wie eine Figur in einem schlechten Liebesroman, einen Herzschlag entfernt von der Überwältigung.

Das machte sie so wütend, dass es ihr gelang, die Oberhand zurückzugewinnen.»Wie gesagt, Mr. Moullin, wir können diese Angelegenheit unter uns regeln. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie in eine langwierige gerichtliche Auseinandersetzung hineingezogen werden wollen.«

«Eine gerichtliche Auseinandersetzung? Worüber?«

«Die testamentarischen Verfügungen meines geschiedenen Mannes.«

In seinen Augen blitzte es auf. Margaret bemerkte das plötzliche Interesse und dachte an einen Vergleich: Man einigte sich auf eine geringere Summe, um nicht das ganze gute Geld den Anwälten in den

Rachen zu werfen, die so einen Streit nur endlos in die Länge ziehen würden.

«Ich will ganz offen sein, Mr. Moullin«, sagte sie.»Mein geschiedener Mann hat Ihrer Tochter ein beträchtliches Vermögen hinterlassen. Mein Sohn — das älteste Kind meines geschiedenen Mannes und sein einziger männlicher Erbe, wie Sie vielleicht wissen — hat weit weniger bekommen. Sie werden mir zustimmen, dass das eine grobe Ungerechtigkeit ist. Ich möchte gern für einen Ausgleich sorgen, ohne dafür vor Gericht gehen zu müssen.«

Margaret hatte sich vorher keine Gedanken darüber gemacht, wie der Mann auf die Nachricht von der Erbschaft seiner Tochter reagieren würde. Es war ihr ziemlich gleichgültig gewesen. Sie hatte einzig daran gedacht, die Situation zu Adrians Gunsten zu regeln, ganz gleich, wie. Ein vernünftiger Mensch, hatte sie sich gesagt, würde auf ihre Vorschläge eingehen, wenn sie diese mit Andeutungen von einem eventuellen Rechtsstreit verband.

Henry Moullin sagte zunächst einmal gar nichts. Er wandte sich von ihr ab. Er begann, wieder zu graben, doch seine Atmung hatte sich verändert. Er atmete in heftigen Stößen und schaufelte wie gehetzt. Er sprang mit beiden Füßen auf die Schaufel und trieb sie tief in die Erde. Einmal, zweimal, dreimal. Sein brauner Nacken verfärbte sich zu einem so tiefen Rot, dass Margaret fürchtete, er bekäme auf der Stelle einen Schlaganfall. Dann sagte er:»Meine Tochter, Gott verflucht!«, und hörte auf zu graben. Er ergriff den Eimer mit den Kügelchen und kippte diese in den zweiten Graben, ohne sich darum zu kümmern, dass sie über die Seiten quollen.»Bildet er sich vielleicht ein, er kann.«, sagte er.»Nie im Leben. «Und noch ehe Margaret etwas sagen und, wenn auch noch so scheinheilig, an seiner offenkundigen schmerzlichen Empörung über diese Einmischung Guys in seine Belange als Versorger seiner Tochter Anteil nehmen konnte, packte Henry Moullin wieder die Schaufel. Diesmal jedoch drehte er sich zu Margaret herum und rückte mit dem hocherhobenen Werkzeug gegen sie vor.

Margaret schrie auf, duckte sich, hasste sich für dieses Ducken, hasste ihn, weil er sie dazu gebracht hatte, und suchte nach einem

Fluchtweg. Aber ein Entkommen gab es nur, wenn sie über die Feuerwache aus Muscheln sprang, die Muschel-Liege und den MuschelTeetisch oder — mit einem Riesensatz wie eine Weitspringerin — über den muschelumkränzten Teich. Schon wollte sie zur Liege laufen, da rannte Henry Moullin an ihr vorbei und fiel über die Feuerwache her. Blind schlug er darauf los.»Gott verdammich!«Muschelsplitter flogen nach allen Seiten. Mit drei brutalen Schlägen legte er das Ding in Trümmer. Als Nächstes nahm er sich die Scheune vor und dann die Schule, und voll Furcht vor der Gewalt seines Zorns sah Margaret ihm zu.

Er sprach kein Wort mehr. Er warf sich von einer fantastischen Muschelkreation auf die nächste: Schulhaus, Teetisch, Stühle, Teich, künstliche Blumen. Es gab kein Halten mehr. Er hörte erst auf, als er beim Fußweg angelangt war, der die Einfahrt mit der Haustür verband. Dann schleuderte er zum guten Schluss die Schaufel nach seinem eigenen Haus. Sie verfehlte knapp eines der Gitterfenster und fiel klirrend zu Boden.

Schwer atmend stand der Mann da. Einige der Wunden an seinen Händen hatten sich wieder geöffnet, Muschel- und Betonsplitter hatten neue Wunden gerissen. Die dreckstarrende Jeans war weiß bestäubt, und als er sich die Hände an ihr abwischte, mischte sich das Blut mit dem Weiß des Staubs.

«Nicht!«, rief Margaret, ohne zu überlegen.»Lassen Sie sich das nicht von ihm antun, Henry Moullin.«

Keuchend starrte er sie an, zwinkernd, als würde er dadurch irgendwie wieder einen klaren Kopf bekommen. Alle Aggressionen waren verpufft. Er betrachtete die Verwüstungen, die er vor dem Haus angerichtet hatte, und sagte:»Das Schwein hatte doch schon zwei!«

JoAnnas Töchter, dachte Margaret. Guy hatte eigene Töchter. Das Schicksal hatte ihm die Chance gegeben, Vater zu sein, und er hatte die Chance vertan. Aber er war nicht der Mensch gewesen, der so ein Scheitern einfach hinnahm; er hatte die Kinder, die er verlassen hatte, kurzerhand durch andere ersetzt, von denen eher zu erwarten war, dass sie den Blick vor den Fehlern und Schwächen verschließen würden, die seine eigenen Kinder gnadenlos erkannten. Denn sie waren arm, und er war reich. Mit Geld konnte man Zuneigung und Ergebenheit kaufen.

Margaret sagte:»Sie müssen sich um Ihre Hände kümmern. Sie sind ganz zerschnitten und bluten. Nein, wischen Sie sie nicht ab — «

Aber er tat es trotzdem und zog neue rote Streifen in den Staub und den Schmutz auf seiner Jeans. Und als reichte ihm das nicht, wischte er sie auch noch an seinem staubbedeckten Arbeitshemd ab.»Wir wollen das verdammte Geld nicht haben«, sagte er.

«Wir brauchen es nicht. Meinetwegen können Sie es auf dem Trinity Square verbrennen.«

Margaret dachte, er hätte das gleich sagen können. Dann wäre ihnen beiden diese Schreckensszene erspart und der Muschelgarten verschont geblieben.»Das höre ich gern, Mr. Moullin«, erwiderte sie.»Es ist Adrian gegenüber ja auch nur fair — «

«Aber das Geld gehört Cynthia«, fuhr Henry Moullin fort und zerstörte ihre Hoffnungen so gründlich wie vorher die Schöpfungen aus Muscheln und Beton, deren traurige Überreste sie umgaben.»Wenn Cyn das Geld haben will. «Er schlurfte zu der auf dem Boden liegenden Schaufel und hob sie auf, ebenso einen Rechen und eine Kehrschaufel. Als er sie alle eingesammelt hatte, schaute er sich um, als wüsste er nicht mehr, was er mit ihnen gewollt hatte.

Margaret sah, dass seine Augen vor Kummer gerötet waren. Er sagte:»Er kommt zu mir. Ich gehe zu ihm. Jahrelang arbeiten wir Seite an Seite. Und immer heißt's: Sie sind ein echter Künstler, Henry. Sie sind nicht dazu bestimmt, Ihr Leben lang Gewächshäuser zu bauen. Brechen Sie aus, Mann! Lassen Sie es hinter sich. Ich glaube an Sie. Ich werde Ihnen unter die Arme greifen. Lassen Sie sich von mir helfen. Wer nicht wagt, gewinnt auch nicht, verdammt noch mal! Und ich habe ihm geglaubt. Ich wollte es. Mehr als dieses Leben hier. Für meine Mädchen. Ja, ich wollte es für meine Töchter. Aber auch für mich. Was ist daran Sünde?«

«Nichts«, sagte Margaret.»Wir alle wollen das Beste für unsere Kinder. Ich auch. Darum bin ich ja hier, für Adrian. Meinen und Guys Sohn. Weil ihm so übel mitgespielt wurde. Er ist um sein rechtmäßiges Erbe betrogen worden, Mr. Moullin. Sie wissen doch, dass das ein großes Unrecht ist, nicht wahr?«

«Wir sind alle betrogen worden«, sagte Henry Moullin.»Darin war Ihr Exmann ein Meister. Jahrelang hat er uns alle aufgebaut und bei jedem von uns den richtigen Moment abgewartet. Hey, unser Mr. Brouard ist unbestechlich, der würde nie krumme Sachen machen. Nichts Unmoralisches. Nichts, was nicht recht und billig ist. Wir haben ihm aus der Hand gefressen und hatten keine Ahnung, dass sie vergiftet war.«

«Möchten Sie denn nicht helfen, das wieder gutzumachen?«, fragte Margaret.»Sie haben es in der Hand. Sie können mit Ihrer Tochter sprechen und es ihr erklären. Wir würden nicht verlangen, dass Cynthia alles Geld wieder hergibt, das er ihr hinterlassen hat. Wir wollen nur eine gerechte Verteilung, die Adrians Stellung als Guys leiblicher Sohn entspricht.«

«Ach, darum geht's Ihnen?«, sagte Henry Moullin.»So, meinen Sie, kann man alles ins Reine bringen? Dann kann ich nur sagen, Sie sind genau wie er. Glauben, dass Geld alles wieder gutmacht. Aber das tut es nicht und wird es auch nie tun.«

«Dann wollen Sie also nicht mit ihr reden? Es ihr nicht erklären? Müssen wir wirklich zu anderen Maßnahmen greifen?«

«Sie begreifen offensichtlich gar nichts«, sagte Henry Moullin.»Mit meiner Tochter gibt's nichts mehr zu reden. Und nichts mehr zu erklären.«

Er wandte sich ab und ging mit den Gartengeräten dorthin zurück, woher er einige Minuten zuvor gekommen war.

Margaret blieb noch einen Moment auf dem Gartenweg stehen, nachdem er hinter dem Haus verschwunden war. Zum ersten Mal in ihrem Leben fehlten ihr die Worte. Sie fühlte sich beinahe überwältigt von dem Hass, den Henry Moullin zurückgelassen hatte. Er war wie ein Strudel, der sie in eine Flutwelle hineinzog, der zu entkommen es kaum Hoffnung gab.

Unerwartet empfand sie eine innere Verwandtschaft mit diesem verstörten Mann. Sie verstand, was er durchmachte. Deine Kinder sind dein Eigentum, sie gehören keinem so, wie sie dir gehören. Sie sind etwas anderes als dein Partner, deine Eltern, deine Geschwister. Deine Kinder sind von deinem Fleisch und deiner Seele. Kein Eindringling kann so leicht das Band zerreißen, das aus solchem Stoff gemacht ist.

Aber wenn ein Eindringling versuchte, wenn es ihm gar glückte.?

Niemand wusste besser als Margaret Chamberlain, wie weit jemand zu gehen imstande war, um die Beziehung zu seinem Kind zu bewahren.

13

Zurück in St. Peter Port, ging St. James zuerst ins Hotel. Als er das Zimmer leer vorfand und am Empfang keine Nachricht auf ihn wartete, ging er weiter ins Polizeipräsidium, wo er Chief Inspector Le Gallez mitten im herzhaften Genuss eines dick mit Garnelensalat belegten Baguette störte. Der Chief Inspector nahm ihn mit in sein Büro. Er bot ihm die Hälfte seines Brots an (die St. James dankend ablehnte) und eine Tasse Kaffee (die St. James dankend annahm). Zum Kaffee wartete er mit Schokokeksen auf, aber da sie aussahen, als wäre der Guss einmal zu oft geschmolzen und wieder hart geworden, lehnte St. James auch hier ab und begnügte sich mit dem Kaffee.

Zunächst setzte er Le Gallez über die Manipulationen der Geschwister Brouard zur Umgehung des geltenden Erbrechts ins Bild. Le Gallez hörte kauend zu und machte sich Notizen auf einem Block, den er aus einem Ablagekorb auf seinem Schreibtisch kramte. Er unterstrich die Namen Fielder und Moullin und setzte hinter den zweiten ein Fragezeichen. Er wisse, sagte er, St. James in seinem Bericht unterbrechend, von Brouards Beziehung zu Paul Fielder, von Cynthia Moullin jedoch habe er noch nie gehört. Er vermerkte Einzelheiten zu den Testamenten der beiden Brouards und hörte höflich zu, als St. James ihm eine Theorie unterbreitete, über die er auf der Rückfahrt zur Stadt nachgedacht hatte.

In dem früheren Testament, das Ruth Brouard gekannt hatte, waren Vermächtnisse vorgesehen gewesen, die in Guy Brouards endgültigem letzten Willen entweder ganz gestrichen waren, wie im Fall von

Anai's Abbott, Frank Ouseley, Kevin und Valerie Duffy, oder empfindlich gekürzt worden waren, wie im Fall der leiblichen Kinder Brouards. All diese Personen hatte Ruth Brouard, die von den Änderungen nichts wusste, in gutem Glauben zur Testamentsverlesung eingeladen. Wenn unter diesen ursprünglichen Erben jemand von dem früheren Testament gewusst habe, sagte St. James zu Le Gallez, habe er ein klares Motiv gehabt, Guy Brouard zu töten, um sein Erbe lieber früher als später einzustreichen.

«Fielder und Moullin kamen in dem früheren Testament nicht vor?«, erkundigte sich Le Gallez.

«Sie hat sie nicht erwähnt«, antwortete St. James.»Und da heute Nachmittag bei der Verlesung keiner von beiden anwesend war, kann man, denke ich, ruhig annehmen, dass für Miss Brouard die sie betreffenden Verfügungen überraschend waren.«

«Aber auch für die beiden?«, fragte Le Gallez.»Vielleicht hatte Brouard selbst sie eingeweiht. Dann hätten sie ebenfalls ein Motiv gehabt. Meinen Sie nicht auch?«

«Möglich ist es, ja. «Er hielt es angesichts des Alters der beiden eher für unwahrscheinlich, dass sie als Täter in Frage kamen, aber ihm war alles recht, solange es zeigte, dass Le Gallez zumindest im Moment fähig war, über die vermeintliche Schuld China Rivers hinauszudenken.

Gerade jetzt, da Le Gallez in seinen Überlegungen etwas flexibler geworden war, hätte St. James am liebsten nichts unterlassen, was ihm einen Anstoß geben konnte, sich erneut auf seine frühere engstirnige Einstellung zu besinnen, aber er wusste, dass sein Gewissen keine Ruhe geben würde, wenn er dem anderen gegenüber nicht absolut ehrlich war.»Andererseits. «Es fiel St. James ungeheuer schwer — die Loyalität zu seiner Frau schien auch Loyalität ihren Freunden gegenüber zu verlangen — , aber obwohl er ahnte, wie Le Gallez auf die neuen Informationen reagieren würde, übergab er ihm die Unterlagen, die er von Ruth Brouard bekommen hatte.

Der Chief Inspector sah zuerst Guy Brouards Pass durch, dann die Rechnungen und Quittungen. Er nahm sich einen Moment, um die Quittung vom Citrus Grille zu studieren, und klopfte mit dem Blei- stift darauf, während er von seinem Brot abbiss. Nach kurzem Überlegen drehte er sich in seinem Stuhl herum und griff nach einem braunen Umschlag, dem er ein Bündel mit Maschine beschriebener Papiere entnahm. Er blätterte sie durch, bis er fand, was er offenbar gesucht hatte.

«Die Postleitzahlen«, sagte er zu St. James.»Sie fangen beide mit neun-zwei an. Neun-zwei-acht und neun-zwei-sechs.«

«Eine davon ist die von Cherokee River, vermute ich?«

«Das wussten Sie schon?«

«Ich weiß, dass er in der Gegend lebt, die Brouard besucht hat.«

«Er hat die zweite Zahl«, sagte Le Gallez.»Neun-zwei-sechs. Die andere ist von diesem Restaurant Citrus Grille. Was ergibt sich daraus für Sie?«

«Dass Guy Brouard und Cherokee River sich eine gewisse Zeit im selben Bezirk aufgehalten haben.«

«Mehr nicht?«

«Wie denn? Kalifornien ist ein großer Staat. Seine Verwaltungsbezirke sind wahrscheinlich auch groß. Ich weiß nicht, ob sich aus zwei Postleitzahlen folgern lässt, dass Brouard River schon kannte, bevor dieser mit seiner Schwester nach Guernsey kam.«

«Sie finden also nichts Verdächtiges an diesem Zusammentreffen?«

«Das täte ich vielleicht, wenn wir nicht mehr hätten als das, was im Moment vor uns liegt: den Pass, die Quittungen und Cherokee Rivers ständige Adresse. Aber River wurde von einem Anwalt, der zweifellos an einer Adresse mit einer ähnlichen Postleitzahl ansässig ist, beauftragt, Baupläne nach Guernsey zu bringen. Da ist es doch logisch, anzunehmen, dass Guy Brouard nach Kalifornien reiste, um sich mit dem Anwalt zu treffen — und dem Architekten, der wahrscheinlich eine ähnliche Postleitzahl hat — , und nicht mit Cherokee River. Ich glaube nicht, dass die beiden einander kannten, bevor River mit seiner Schwester nach Le Reposoir kam.«

«Aber Sie stimmen zu, dass wir es nicht ausschließen können?«

«Ich würde sagen, wir können gar nichts ausschließen«, entgegnete St. James.

Und das betraf auch den Ring, den er und Deborah in der Bucht gefunden hatten. Er fragte Le Gallez nach dem Ring, nach der Möglichkeit, dass er Fingerabdrücke aufwies oder wenigstens einen Teilabdruck, den die Polizei gebrauchen konnte. Der Zustand des Rings, sagte er, lasse darauf schließen, dass er nicht sehr lange am Strand gelegen habe. Aber zu dem Schluss sei der Chief Inspector bei Begutachtung des Schmuckstücks zweifellos selbst schon gekommen.

Le Gallez legte sein Sandwich nieder und wischte sich die Finger an einer Papierserviette ab. Er griff nach einer Tasse Kaffee, die er bis jetzt nicht angerührt hatte, und nahm sie in seine Hand, bevor er sprach. Er sagte nur zwei Worte.

«Welcher Ring?«

St. James sank der Mut. Ein Ring aus Bronze oder Messing oder irgendeinem der weniger edlen Metalle, erklärte er. Oben ein Totenkopf mit zwei gekreuzten Knochen, und auf der Stirn des Schädels eine Inschrift in Deutsch. Er habe ihn vor einiger Zeit aufs Präsidium bringen lassen, mit der ausdrücklichen Anweisung, ihn Chief Inspector Le Gallez persönlich zu übergeben.

Er sagte nichts davon, dass seine Frau die Botin gewesen war, weil er damit beschäftigt war, sich innerlich darauf vorzubereiten, das Unvermeidliche von Le Gallez zu hören. Er fragte sich bereits, was dieses Unvermeidliche sein würde, obwohl er glaubte, die Antwort zu wissen.

«Nie gesehen«, sagte Le Gallez. Er griff zum Telefon und rief die Wache an, um sich zu vergewissern, dass der Ring nicht dort auf ihn wartete. Er sprach mit dem Dienst habenden Beamten und beschrieb ihm den Ring, wie St. James ihn zuvor beschrieben hatte. Bei der Antwort des Beamten brummte er nur vor sich hin und warf einen Blick auf St. James, bevor er einem längeren Vortrag lauschte. Schließlich sagte er:»Na, dann rauf damit, Mann«, woraufhin St. James erleichtert aufatmete. Dann fügte er hinzu:»Herrgott noch mal, Jerry, bei mir brauchen Sie sich nicht über das verdammte Faxgerät zu beschweren. Regeln Sie es einfach, und Schluss damit. «Damit knallte er schimpfend den Hörer auf und zerstörte um zweiten

Mal St. James' Seelenfrieden, als er sagte:»Keine Spur von einem Ring.«

«Vielleicht hat es ein Missverständnis gegeben. «Oder einen Verkehrsunfall, hätte St. James gern gesagt, obwohl er wusste, dass das nicht der Fall sein konnte. Er war auf dem gleichen Weg aus Le Reposoir zurückgekommen, wie ihn mit ziemlicher Sicherheit seine Frau genommen hatte und hatte nirgends auch nur die geringste Spur eines Unfalls bemerkt, der Deborah davon hätte abgehalten haben können, seinen Auftrag auszuführen. Bei dem Tempo, das auf der Insel gefahren wurde, brauchte man sowieso keine größeren Unfälle zu fürchten. Ein paar verbeulte Stoßstangen oder eingedrückte Kotflügel vielleicht, aber nichts Ernsteres. Und so eine Kleinigkeit hätte sie weiß Gott nicht daran gehindert, den Ring wie vereinbart zu Le Gallez zu bringen.

«Ah, ein Missverständnis. «Le Gallez war längst nicht mehr so freundlich.»Ich verstehe, Mr. St. James. Da liegt offensichtlich ein Missverständnis vor. «Er blickte auf, als an seiner Tür ein uniformierter Beamter mit irgendwelchen Papieren in den Händen erschien. Le Gallez winkte ab. Er stand auf und schloss seine Zimmertür. Mit verschränkten Armen wandte er sich St. James zu und sagte:»Es stört mich nicht weiter, wenn Sie hier rumschnüffeln, Mr. St. James. Wir leben in einem freien Land, und wenn Sie mal mit dem einen oder anderen reden wollen und der Betreffende nichts dagegen hat, soll mir das recht sein. Aber wenn Sie anfangen, sich an Beweismaterial zu vergreifen, steht das auf einem anderen Blatt.«

«Das verstehe ich. Ich — «

«Nein, das glaube ich nicht. Sie sind mit einer vorgefassten Meinung hier angereist, und wenn Sie glauben, dass mir das nicht klar ist und ich nicht weiß, wohin das führen kann, sollten Sie noch einmal gründlich nachdenken. Und jetzt will ich diesen Ring haben. Auf der Stelle. Mit der Frage, wo er gewesen ist, seit Sie ihn vom Strand mitgenommen haben, können wir uns später befassen. Und mit der Frage, warum Sie ihn überhaupt mitgenommen haben. Denn Sie wissen doch verdammt gut, was Sie eigentlich hätten tun müssen. Habe ich mich klar genug ausgedrückt?«

St. James war seit seiner Schulzeit nicht mehr gemaßregelt worden, und dieser Vortrag von Le Gallez — ähnlich einer Standpauke von einem zornigen Lehrer — war nicht angenehm. Alles in ihm zog sich zusammen unter der Demütigung, die umso schlimmer war, weil er wusste, dass er sie verdient hatte. Nein, das machte die Züchtigung nicht weniger erniedrigend und konnte auch an den möglichen katastrophalen Auswirkungen dieses Moments auf sein berufliches Ansehen nichts ändern, wenn es ihm nicht gelang, die Situation schnellstens in den Griff zu bekommen. Er sagte:»Ich weiß nicht, was passiert ist. Aber ich bitte vielmals um Entschuldigung. Der Ring — «

«Auf Ihre Entschuldigungen verzichte ich«, blaffte Le Gallez.»Ich will den Ring haben.«

«Sie werden ihn unverzüglich bekommen.«

«Das würde ich Ihnen auch raten, Mr. St. James. «Der Chief Inspector trat von der Tür weg und riss sie auf.

St. James konnte sich nicht erinnern, jemals so formlos an die Luft gesetzt worden zu sein. Er trat in den Korridor hinaus, wo der uniformierte Polizist mit seinen Papieren wartete. Der Mann senkte verlegen den Blick und eilte in das Büro des Chief Inspector.

Le Gallez knallte die Tür zu. Aber nicht ohne ein bissiges Wort des Abschieds.»Verdammter Krüppel!«, schimpfte er.

Deborah stellte fest, dass praktisch alle Antiquitätenhändler in Guernsey ihre Geschäfte in St. Peter Port hatten. Wie nicht anders zu erwarten, befanden sie sich im ältesten Teil der Stadt, nicht weit vom Hafen entfernt. Aber anstatt sie alle aufzusuchen, meinte Deborah zu Cherokee, sollten sie versuchen, per Telefon eine Auswahl zu treffen. Sie gingen also wieder zum Markt hinunter und von dort aus zur Town Church, neben der die öffentliche Telefonzelle stand, die sie brauchten. Während Cherokee wartete und sie gespannt beobachtete, fütterte Deborah den Apparat mit Münzen und rief ein Antiquitätengeschäft nach dem anderen an, um diejenigen unter ihnen herauszufinden, die mit Militaria handelten. Es erschien logisch, dort den Anfang zu machen.

Es stellte sich heraus, dass nur zwei Händler in der Stadt neben der üblichen Ware Militaria führten. Beide Geschäfte waren in der Mill Street, einer mit Kopfsteinen gepflasterten Gasse, die sich vom Fleischmarkt aus einen Hang hinaufschlängelte und für den motorisierten Verkehr gesperrt war. Aber hier, dachte Deborah, als sie sie gefunden hatten, hätte ohnehin kein Auto durchfahren können, ohne die Hausmauern auf beiden Seiten zu berühren. Sie erinnerte sie an The Shambles, die ehemalige Gasse der Metzger, in York: eine Spur breiter vielleicht, aber ebenso stark an eine Vergangenheit erinnernd, als hier noch Pferdekarren dahingerumpelt waren.

Die kleinen Läden in der Mill Street spiegelten eine schnörkellosere Zeit, die durch sparsame Verzierungen und zweckmäßige Fenster und Türen gekennzeichnet war. Sie befanden sich in Gebäuden, die früher vielleicht Wohnhäuser gewesen waren, drei Stockwerke hoch, mit Dachgauben und Schornsteinen auf den Dächern, die wie brave Schuljungen aufgereiht waren.

Nur wenige Passanten waren in der Gegend unterwegs, die etwas abseits von den Einkaufs- und Bankenvierteln der High Street und ihrer Verlängerung, Le Pollet, lag. Ja, während Deborah in Begleitung von Cherokee nach der Adresse suchte, die sie an erster Stelle auf einem leeren Scheckformular notiert hatte, gewann sie den Eindruck, dass selbst der optimistischste Händler ein hohes Risiko, zu scheitern, einging, wenn er hier einen Laden eröffnete. Viele Häuser standen leer, mit Schildern in den Fenstern, die sie zur Vermietung anboten. Und auch im Schaufenster des ersten der beiden Geschäfte, die sie suchten, sahen sie, als sie es fanden, ein trauriges» Wir- schließen«-Transparent hängen, das aussah, als würde es schon seit einiger Zeit von Ladeninhaber zu Ladeninhaber weitergereicht.

John Steven Mitchell, Antiquitäten hatte an Militaria nicht viel zu bieten. Vielleicht wegen der bevorstehenden Geschäftsaufgabe stand im Laden nur eine Vitrine mit altem militärischen Zubehör. Größtenteils handelte es sich um Orden, es waren auch drei Paradedolche dabei, fünf Pistolen und zwei Wehrmachtsmützen. Deborah fand das zwar enttäuschend, schöpfte aber ein wenig Hoffnung, als sie feststellte, dass sämtliche Objekte in der Vitrine deutschen Ursprungs waren.

Sie und Cherokee standen über die Glasvitrine gebeugt und musterten die einzelnen Stücke, als der Geschäftsinhaber — vermutlich John Steven Mitchell persönlich — sich zu ihnen gesellte. Sie hatten ihn offenbar beim Abspülen nach dem Essen gestört, wenn man die fleckige Schürze und seine nassen Händen in Betracht zog. Trotzdem bot er ihnen freundlich seine Hilfe an, während er sich die Hände an einem unappetitlich aussehenden Geschirrtuch trocknete.

Deborah holte den Ring heraus, den sie und St. James in der Bucht gefunden hatten. Sie achtete sorgfältig darauf, ihn nicht zu berühren, und bat John Steven Mitchell um die gleiche Achtsamkeit. Ob ihm der Ring bekannt sei, fragte sie. Ob er ihnen irgendetwas über ihn sagen könne.

Mitchell griff zu einer Brille, die neben der Registrierkasse lag, und beugte sich über den Ring, den Deborah auf das Glas der Vitrine gelegt hatte. Dann holte er sich noch ein Vergrößerungsglas und studierte die Inschrift auf der Stirn des Totenkopfs.

«Festung im Westen«, murmelte er.»Neununddreißig-vierzig. «Er hielt nachdenklich inne.»Tja, das scheint mir ein Andenken an irgendeine Abwehreinrichtung zu sein. Es könnte sich aber auch auf den Angriff auf Dänemark beziehen — im übertragenen Sinn. Andererseits war der Totenkopf mit den gekreuzten Knochen typisch für die Waffen-SS, als wäre da auch noch diese Verbindung.«

«Aber der Ring stammt nicht aus der hiesigen Besatzungszeit?«, fragte Deborah.

«Er könnte hier zurückgelassen worden sein, als die Deutschen kapitulierten. Aber mit der Besatzung selbst hat er meiner Meinung nach nichts zu tun. Das zeigen die Jahreszahlen. Und der Ausdruck Die Festung im Westen, der hier nichts besagt.«

«Wieso nicht?«Cherokee, dessen Blick auf den Ring gerichtet geblieben war, während Mitchell diesen begutachtet hatte, sah jetzt auf.

«Wegen der Bedeutung des Wortes«, erklärte Mitchell.»Die Deutschen haben hier natürlich alles Mögliche gebaut, Tunnel, Befesti- gungsanlagen, Geschützstellungen, Beobachtungstürme, Krankenhäuser, sogar eine Eisenbahn. Aber keine Festung. Außerdem beziehen sich die Jahreszahlen auf dem Ring auf ein Ereignis ein Jahr vor Beginn der Besatzung. «Er beugte sich wieder über sein Vergrößerungsglas.»Etwas in dieser Art habe ich noch nie gesehen. Beabsichtigen Sie zu verkaufen?«

Nein, nein, antwortete Deborah. Sie wollten nur herausfinden, woher der Ring kam, da er nach seinem Zustand zu urteilen sicher nicht seit 1945 irgendwo draußen im Freien herumgelegen habe. Und da hatten sie natürlich zuerst an Antiquitätengeschäfte gedacht.

«Ich verstehe«, sagte Mitchell. Nun, wenn sie Auskunft brauchten, sollten sie sich am besten an die Potters wenden, gleich ein paar Häuser weiter. Potter und Potter, Antiquitäten, Jeanne und Mark, Mutter und Sohn, erläuterte er. Sie war Fachfrau für Porzellan, also in diesem Fall wahrscheinlich keine Hilfe. Aber er wisse so ziemlich alles, was es über das deutsche Militär im Zweiten Weltkrieg zu wissen gab.

Wenig später waren Deborah und Cherokee wieder draußen in der Mill Street. Sie stiegen höher, vorbei an einem düsteren Zwischenraum zwischen zwei Häusern, der den Namen Back Lane trug, und stießen gleich danach auf Potter und Potter. Im Gegensatz zu John Steven Mitchells Geschäft schien dieses hier gut zu laufen.

Potter-Mutter war im Laden, wie sie sahen, als sie eintraten. Sie saß in einem Schaukelstuhl, die Füße, die in Hausschuhen steckten, auf einem flauschigen Kniekissen, den Blick auf den Bildschirm eines Fernsehgeräts gerichtet, das nicht größer war als ein Schuhkarton. Sie sah sich einen Film an, in dem gerade Audrey Hepburn und Albert Finney in einem alten MG durch die Gegend kurvten. Das Auto hatte Ähnlichkeit mit Simons Wagen, fand Deborah, und zum ersten Mal seit sie beschlossen hatte, die Polizei links liegen zu lassen und dafür China River aufzusuchen, spürte sie einen kleinen Stich. Es war, als zupfte etwas an einem Fädchen ihres Gewissens, einem Fäd- chen, das sich aufzudröseln drohte, wenn man zu fest daran zog. Schuldgefühl konnte sie es nicht nennen, sie hatte sich ja nichts vorzuwerfen. Aber es war entschieden etwas Unangenehmes, wie ein übler Geschmack, den sie gern loswerden wollte. Sie fragte sich, woher dieses Gefühl überhaupt kam. Wirklich, wie lästig, gerade mit etwas Wichtigem beschäftigt zu sein und sich ohne jeden vernünftigen Grund von so etwas behelligen lassen zu müssen.

Cherokee hatte die Militaria-Abteilung des Ladens schon gefunden, das Angebot war beträchtlich. Potter und Potter bot so ziemlich alles von der alten Gasmaske bis zum Nazi-Serviettenring an. Es gab sogar ein Flakgeschütz, außerdem einen uralten Filmprojektor und einen Film mit dem Titel Eine gute Sache. Cherokee stand vor einer Vitrine mit Auslagefächern, die eines nach dem anderen, elektrisch angetrieben, auf- und abstiegen, wenn man auf einen Knopf drückte. Hinter dem Glas lagen Orden, Ehren- und Rangabzeichen von deutschen Uniformen. Cherokee sah sich jedes Ablageregal genau an, und das rhythmische Wippen seines Fußes verriet, wie konzentriert er in seinem Bemühen war, etwas zu finden, das seiner Schwester helfen könnte.

Potter-Mutter riss sich von Audrey und Albert los. Sie war rundlich und hatte leicht hervorquellende Augen, mit denen sie Deborah freundlich anblickte, als sie fragte:»Kann ich etwas für Sie tun, junge Frau?«

«Es geht um etwas Militärisches.«

«Da ist mein Sohn Mark zuständig. «Sie watschelte zu einer angelehnten Tür, hinter der, als sie sie aufzog, eine Treppe sichtbar wurde. Sie bewegte sich wie jemand, der ein neues Hüftgelenk brauchte. Bei jedem Schritt stützte sie sich mit einer Hand irgendwo ab. Sie rief ins obere Stockwerk hinauf nach ihrem Sohn, dessen körperlose Stimme ihr antwortete. Es sei Kundschaft da, sagte sie, und er müsse jetzt seinen Computer mal sein lassen.»Dieses Internet«, vertraute sie Deborah an.»Das ist schlimmer als Heroin, wenn Sie mich fragen.«

Mark Potter hatte keine Ähnlichkeit mit einem Süchtigen irgendeiner Art. Trotz der Jahreszeit war er braun gebrannt, und seine Bewegungen waren energisch und kraftvoll.

Was er für sie tun könne, wollte er wissen. Ob sie etwas Bestimmtes suchten. Er bekomme ständig neue Ware — »Wissen Sie, die Leute sterben, aber ihre Sammlungen bleiben, umso besser für uns andere, finde ich«-, wenn sie also etwas suchten, was er gerade nicht da hätte, könne er es ihnen sicher besorgen.

Deborah zeigte den Ring. Mark Potter strahlte, als er ihn sah.»Noch einer!«, rief er.»So ein Zufall. Seit ich hier im Geschäft stehe, ist mir nur ein einziger dieser Art untergekommen. Und jetzt gleich noch ein zweiter. Wo haben Sie den denn her?«

Jeanne Potter trat neben ihren Sohn hinter die Vitrine, auf der Deborah den Ring mit der Bitte, ihn nicht zu berühren, abgelegt hatte.»Der sieht genauso aus wie der, den du verkauft hast, nicht, mein Junge?«, rief sie. Und zu Deborah sagte sie:»Wir hatten ihn so lange hier. War ein bisschen gruselig, wissen Sie, so wie der hier. Ich hätte nie gedacht, dass wir ihn überhaupt noch mal verkaufen. So was mag ja nicht jeder.«

«Haben Sie ihn erst kürzlich verkauft?«, erkundigte sich Deborah.

Die Potters sahen einander an. Potter-Mutter sagte:»Wann…?«

Potter Sohn:»Vor zehn Tagen? Zwei Wochen vielleicht?«

«Wer hat ihn gekauft?«, fragte Cherokee.»Wissen Sie das noch?«

«Aber ja, ganz genau«, antwortete Mark Potter.

Und seine Mutter bemerkte lächelnd:»Das ist wieder mal typisch. Für so was hast du immer schon einen Blick gehabt.«

Mark Potter lachte.»Das ist nicht der Grund, und das weißt du auch. Hör auf, mich zu ärgern, Mama. «Dann wandte er sich Deborah zu.»Es war eine Amerikanerin. Ich erinnere mich deshalb so genau, weil wir hier in Guernsey kaum Amerikaner haben und um diese Jahreszeit überhaupt keine. Was sollen sie auch hier? Die haben aufregendere Reiseziele im Auge als die Kanalinseln.«

Deborah hörte, wie Cherokee neben ihr nach Luft schnappte. Sie sagte:»Sie sind sicher, dass es eine Amerikanerin war?«

«Aus Kalifornien. Ich hörte ihren Akzent und habe gefragt. Meine Mutter ebenfalls.«

Jeanne Potter nickte.»Wir haben uns über Filmstars unterhalten«, berichtete sie.»Ich war ja nie in Kalifornien, aber ich glaubte immer, wenn man dort lebt, begegnet man ihnen jeden Tag auf der Straße. Aber sie sagte, das sei nicht so.«

«Es ging um Harrison Ford«, sagte Mark Potter.»Nicht schwindeln, Mama.«

Sie lachte ein wenig verlegen.»Jetzt hör aber auf. «Und zu Deborah:»Stimmt, ich mag Harrison Ford. Diese kleine Narbe am Kinn! Die hat irgendwie was total Männliches.«

«Na, hör mal!«, sagte Mark.»Wenn Dad das hören könnte!«

Cherokee fragte:»Wie hat sie ausgesehen? Können Sie sich erinnern?«

Sehr viel hatten sie nicht von ihr gesehen, wie sich herausstellte. Sie hatte irgendwas um den Kopf getragen — Mark meinte, es sei ein Schal gewesen, seine Mutter sprach von einer Kapuze — , was ihr Haar verdeckt hatte und ihr tief ins Gesicht gefallen war. Da die Beleuchtung im Laden nicht gerade strahlend sei, und es an dem fraglichen Tag wahrscheinlich geregnet hatte. Nein, sie konnten nicht viel über das Aussehen der Amerikanerin sagen. Aber sie sei ganz in Schwarz gewesen, wenn das eine Hilfe sei, und sie habe eine Lederhose angehabt. Daran erinnerte sich Jeanne Potter genau, weil sie in dem Alter garantiert auch so etwas getragen hätte, wenn es das damals schon gegeben und sie die Figur dazu gehabt hätte, was leider nicht der Fall war.

Deborah sah Cherokee nicht an. Das war gar nicht nötig. Sie hatte ihm erzählt, wo sie und Simon den Ring gefunden hatten, und ihr war klar, wie niederschmetternd diese Auskünfte für ihn sein mussten. Trotzdem versuchte er immer noch, das Beste daraus zu machen, und fragte die Potters, ob es sonst wo auf der Insel ein Geschäft oder etwas Ähnliches gebe, wo so ein Ring — einer wie dieser, betonte er — herstammen könnte.

Die Potters überlegten einen Moment, dann sagte Mark, es gebe eigentlich nur einen Ort, wo ein zweiter derartiger Ring hergekommen sein könnte, und als er den Ort nannte, stimmte seine Mutter eifrig nickend zu.

Draußen im Talbot Valley erklärte ihnen Mark, lebte ein Mann, der sammelte alles aus der Kriegszeit, was ihm in die Finger kam. Er besaß mehr von diesen alten Andenken an die Besatzungszeit, als alle anderen Leute auf der Insel zusammengenommen.

Er heiße Frank Ouseley, fügte Jeanne Potter hinzu, und lebe zusammen mit seinem Vater in Moulin des Niaux.

Es war Frank nicht leicht gefallen, mit Nobby Debiere über das voraussichtliche Ende der Museumspläne zu sprechen. Er hatte es getan, weil er sich dem Mann, den er früher in so vielerlei Hinsicht im Stich gelassen hatte, verpflichtet fühlte. Als Nächstes würde er mit seinem Vater sprechen müssen. Auch ihm schuldete er viel, aber es wäre Wahnsinn gewesen, sich einzubilden, er könnte bis in alle Ewigkeit so tun, als würden sich die Erwartungen seines Vaters demnächst erfüllen und ihre Träume auf dem Gelände bei der St.- Saviour's-Kirche Gestalt annehmen.

Er konnte natürlich immer noch Ruth wegen des Projekts ansprechen. Er konnte auch mit Adrian Brouard und seinen Schwestern — wenn es ihm gelang, die ausfindig zu machen — und ebenso mit Paul Fielder und Cynthia Moullin sprechen. Der Anwalt hatte keine Beträge genannt, die würden sich erst nach der amtlichen Prüfung aller Zahlen ergeben, aber der Nachlass stellte sicherlich ein Riesenvermögen dar. Es war nicht anzunehmen, dass Guy sich des Anwesens Le Reposoir und seiner anderen Besitztümer entledigt hatte, ohne seine eigene Zukunft mit einem ordentlichen Bankkonto und einem Wertpapierbestand, aus dem er das Konto jederzeit auffüllen konnte, abzusichern. Dazu war er viel zu geschäftstüchtig gewesen.

Am effektivsten wäre es, mit Ruth zu sprechen. Es war anzunehmen, dass sie die rechtmäßige Eigentümerin von Le Reposoir war — wie immer Guy das auch hingekriegt hatte — , und wenn das zutraf, konnte man sie vielleicht dahin bringen, dass sie es als ihre Pflicht ansah, die Versprechungen, die ihr Bruder gemacht hatte, zu erfüllen. Vielleicht ließe sie sich dazu bewegen, eine bescheidenere Version des Graham-Ouseley-Kriegsmuseums auf dem Gelände von Le Reposoir zu errichten, dann könnte man das Grundstück, das man in der Nähe der St.-Saviour's-Kirche für das Museum erworben hatte, wieder verkaufen und den Erlös zur Finanzierung des Museums verwenden.

Er konnte aber auch versuchen, mit Guys Erben zu sprechen und ihnen eine Finanzierungszusage abzuringen, indem er ihnen das Museum als Denkmal zu Ehren ihres Wohltäters verkaufte.

Das alles konnte und sollte er tun. Und wäre er ein anderer Mensch gewesen, so hätte er es auch getan. Aber es gab Überlegungen, die wichtiger waren als der Bau einer Unterkunft für einen Haufen alter Kriegsandenken, der sich im Lauf eines halben Jahrhunderts angesammelt hatte. Ganz gleich, wie viel ein solches Gebäude zur Aufklärung der Bevölkerung von Guernsey beitrüge, ganz gleich, wie gut es für Nobby Debieres Ruf als Architekt wäre, es war ganz einfach so, dass Franks eigenes kleines Leben sich ohne Kriegsmuseum weit angenehmer würde gestalten lassen.

Und darum würde er Ruth nicht überreden, das Werk ihres Bruders weiterzuführen, und er würde auch keinen der anderen bedrängen, um ihm Geld für das Projekt abzuknöpfen. Für Frank war die Sache erledigt. Das Museum war so tot wie Guy Brouard.

Er lenkte seinen alten Peugeot in die schmale, holprige Straße nach Moulin des Niaux. Während er die fünfzig Meter zur Wassermühle rumpelte, nahm er zum ersten Mal bewusst wahr, wie verwildert ringsherum alles war. Das Brombeergestrüpp drohte, den Asphalt zu überwuchern. Es würde im kommenden Sommer Mengen von Brombeeren geben, aber keine Straße mehr zur Mühle und zu den Häusern, wenn er nicht den ganzen Wildwuchs zurückschnitt, Beeren, Efeu, Hex und Farn.

Er wusste, dass er das jetzt anpacken konnte. Mit seiner Entscheidung, diesem metaphorischen Schlussstrich, den er endlich gezogen hatte, hatte er sich eine Freiheit erkauft, von der er bisher nicht einmal gewusst hatte, dass sie ihm fehlte. Diese Freiheit gab ihm so viel Raum, dass er sogar über etwas so Alltägliches wie das Beschneiden von Pflanzen nachdenken konnte. Besessenheit, überlegte er, war etwas Seltsames. Die Welt um einen herum versank im Nichts, wenn man sich dem Würgegriff einer fixen Idee auslieferte.

Jenseits des Mühlrads fuhr er durch das Tor und weiter über den knirschenden Kies der Einfahrt. Er parkte am Ende der Häuserreihe, den Peugeot zum Bach hin ausgerichtet, den er hören, aber durch die dicht von Efeu überwachsenen Ulmen, die hier standen, nicht sehen konnte. Der Efeu hing wie Rapunzels Haar beinahe bis zum Boden hinunter und bildete eine grüne Wand, die das Tal angenehm von der Hauptstraße abschirmte; gleichzeitig aber verbarg er den plätschernden Bach, an dessen Anblick man sich sonst vom Garten aus hätte erfreuen können. Noch ein Stück Arbeit, das da auf mich wartet, dachte Frank. Ein weiteres Zeichen dafür, wie sehr er alles hatte verwahrlosen lassen.

Im Haus fand er seinen Vater in seinem Sessel vor, über der Guernsey Press eingenickt, deren Seiten wie übergroße Spielkarten um ihn herum auf dem Boden lagen. Bei diesem Anblick fiel ihm ein, dass er vergessen hatte, Mrs. Petit zu sagen, sie solle seinem Vater keine Zeitung geben, und er spürte einen Anflug von Beklommenheit, als er die Blätter einsammelte und nach einer Notiz über Guys Tod durchsah. Er atmete auf, als er nichts fand. Morgen würde es anders sein, morgen würde die Presse über die Beerdigung berichten. Aber für heute war er sicher.

Er ging in die Küche, ordnete die Zeitung und schickte sich an, den Nachmittagstee zu kochen. Bei ihrem letzten Besuch hatte Mrs. Petit aufmerksamerweise eine Pastete mitgebracht, die sie, mit einem kleinen Gruß versehen, auf den Tisch gestellt hatte. Hühnchen und Lauch — Guten Appetit! stand auf einem Kärtchen zwischen den Plastikzinken einer Miniheugabel, die in dem Gebäck steckte.

Wunderbar, dachte Frank, füllte Wasser in den Kessel, holte den Tee heraus und löffelte English Breakfast Tea in die Kanne.

Er deckte gerade den Tisch, als sich sein Vater im Nebenzimmer bemerkbar machte. Frank hörte, wie er mit einer Art Prusten aus dem Schlaf fuhr und dann ein erstauntes Grunzen von sich gab, wie jemand, der nicht die Absicht gehabt hatte, einzuschlafen.

«Wie spät ist es?«, rief er.»Bist du das, Frank?«

Frank trat zur Tür. Er sah, dass das Kinn seines Vaters feucht war. Ein Speichelfaden war eine Hautfalte hinuntergeronnen und hatte am Kinn einen Schleimpfropfen gebildet.

«Ich mach gerade unseren Tee«, sagte er.

«Seit wann bist du wieder da?«

«Seit ein paar Minuten. Du hast geschlafen. Ich wollte dich nicht wecken. Wie war's mit Mrs. Petit?«

«Sie hat mir aufs Klo geholfen. Ich mag keine Frauen bei mir in der Toilette, Frank. «Graham zupfte an der Decke, die über seinen Knien lag.»Wo warst du so lang? Wie spät ist es?«

Frank schaute auf den alten Wecker auf dem Herd und sah überrascht, dass es bereits nach vier Uhr war.»Lass mich schnell Mrs. Petit anrufen, damit sie weiß, dass sie nicht mehr zu kommen braucht«, sagte er.

Nachdem er das erledigt hatte, kehrte er zu seinem Vater zurück, der aber schon wieder eingeschlafen war. Frank zog die nach unten gerutschte Decke hoch, steckte sie unter den dünnen Beinen seines Vaters fest und klappte die Sessellehne vorsichtig ein Stück nach hinten, damit seinem Vater nicht immer der Kopf auf die Brust fiel. Mit einem Taschentuch trocknete er das nasse Kinn und wischte den Schleim ab. Das Alter, dachte er, war fürchterlich. Wenn man die Siebzig mal überschritten hatte, ging's nur noch abwärts.

Er machte den Tee fertig. Tee als Abendessen, wie es früher die Arbeiter gehalten hatten. Er wärmte die Pastete auf und schnitt sie in Scheiben, stellte einen Salat heraus und strich ein paar Butterbrote. Als das Essen auf dem Tisch stand und der Tee lange genug gezogen hatte, ging er hinüber, um seinen Vater zu holen. Er hätte ihm sein Essen auf einem Tablett bringen können, aber er wollte das Gespräch, das jetzt anstand, von Angesicht zu Angesicht führen. Das hieß, von Mann zu Mann: zwei Männer, nicht Vater und Sohn.

Graham aß die herzhafte Pastete mit Genuss und vergaß über Mrs. Petits Kochkunst den Affront, von ihr zur Toilette begleitet worden zu sein. Er nahm sich sogar eine zweite Portion, was bei ihm höchst selten vorkam. Normalerweise aß er weniger als ein junges Mädchen, das auf seine schlanke Linie bedacht ist.

Frank beschloss, ihn das Mahl genießen zu lassen, ehe er ihm die schlechte Nachricht mitteilte. Er überlegte, wie er das bevorstehende Gespräch am besten beginnen könnte, und Graham machte ab und zu eine Bemerkung über das Essen, vor allem über die Soße, die Beste, wie er behauptete, die er seit dem Ableben von Franks Mutter gekostet habe. So sprach er stets von Grace Ouseleys Tod im Stausee. Die Erinnerung an die Tragödie — Grahams und Graces verzweifelter Kampf mit dem Wasser, den nur einer lebend überstanden hatte — war in der Tiefe der Zeit versunken.

Neben Gedanken an seine verstorbene Frau löste das vorzügliche Essen bei Graham Erinnerungen an den Krieg aus, insbesondere an die Care-Pakete, die die Inselbewohner durch das Rote Kreuz bekommen hatten, als es nur noch Ersatzkaffee und Rübenkraut gab. Die Kanadier hätten unglaublich großzügig gespendet. Schokoladenkekse, mein Junge, und dazu echter Tee! Sardinen, Milchpulver, Dosenlachs, Dörrpflaumen, Schinken und Corned Beef. Ach ja, das war ein herrlicher Tag gewesen, als die Care-Pakete den Leuten von Guernsey gezeigt hatten, dass die Welt ihre kleine Insel nicht vergessen hatte.

«Und das haben wir dringend gebraucht«, erklärte Graham.»Die Jerrys wollten uns weismachen, ihr Scheißführer würde Wasser in Wein verwandeln, wenn er erst mal die Welt erobert hätte, aber der hätte uns alle verrecken lassen, Frank, bevor er uns auch nur einen Bissen Brot gegeben hätte.«

Graham hatte einen Soßenklecks am Kinn, und Frank beugte sich vor, um ihn wegzuwischen.»Ja, das waren harte Zeiten«, sagte er.

«Aber die Leute wissen das heute gar nicht mehr zu würdigen. Klar, sie denken an die Juden und an die Zigeuner, sicher. Sie denken an Holland und Frankreich. Und an die Bombenangriffe auf London. O Gott, ja, die darf man natürlich nie vergessen, diese Bombenangriffe, die die noblen Engländer ertragen mussten — diese Engländer mit ihrem feinen König, der uns den Deutschen zum Fraß vorgeworfen hat, so nach dem Motto: Macht's gut, Freunde, ich weiß, ihr wer- det's dem Feind schon geben. «Graham hatte ein Stück Pastete auf der Gabel, die er mit zittriger Hand in die Höhe hielt. Wie bei den verhassten deutschen Bombern konnte man darauf warten, dass sie gleich ihre Ladung abwerfen würde.

Wieder beugte sich Frank vor und führte die Gabel behutsam zum Mund seines Vaters. Graham kaute und redete zu gleicher Zeit.»Sie halten die Erinnerung bis heute am Leben, die Herren Engländer.