/ Language: Deutsch / Genre:prose_contemporary

Schnee auf dem Kilimandscharo

Ernest Hemingway


Schnee auf dem Kilimandscharo

Ernest Hemingway

1961

1

Inhaltsverzeichnis

I  Schnee auf dem Kilimandscharo

II  Ein sauberes, gut beleuchtetes Cafe

III  Ein Tag Warten

IV  Der Spieler, die Nonne und das Radio

V  Väter und Söhne

VI  In einem anderen Land

VII  Die Killer

VIII  Wie du niemals sein wirst

IX  Fünfzigtausend

X  Das kurze glückliche Leben des Francis Macomber

Der Kilimandscharo ist ein schneebedeckter Berg von 6007 Metern Höhe und soll der höchste Berg Afrikas sein. Sein westlicher Gipfel heißt Mami »Ngàje Ngài«, das Haus Gottes. Nabe am westlichen Gipfel liegt der ausgedorrte und gefrorene Kadaver eines Leoparden. Niemand kann sagen, was der Leopard in dieser Höhe gesucht hat.

Teil I

Schnee auf dem Kilimandscharo

»Das Erstaunliche ist, dass es schmerzlos ist«, sagte er. »Daran erkennt man, wenn es losgeht.«

»Tatsächlich?«

»Allerdings. Aber der Gestank tut mir furchtbar leid. Der ist dir bestimmt sehr lästig.«

»Hör auf. Bitte, hör auf!«

»Sieh sie dir an«, sagte er. »Ist es nun unser Anblick oder der Geruch, der sie anlockt?«

Das Feldbett, auf dem der Mann lag, stand im breiten Schatten einer Mimose, und als er über den Schatten hinaus in die flirrende Ebene blickte, hockten dort in obszöner Haltung drei dieser großen Vögel, und am Himmel kreisten ein Dutzend weitere und warfen schnell dahinjagende Schatten.

»Die sind hier seit dem Tag, als der Wagen kaputtgegangen ist«, sagte er. »Heute haben sich zum ersten Mal welche auf dem Boden niedergelassen. Anfangs habe ich ihr Flugverhalten noch sehr sorgfältig beobachtet, für den Fall, dass ich sie mal in einer Erzählung verwenden will. Jetzt muss ich darüber lachen.«

»Hör auf«, sagte sie.

»Ich rede doch nur«, sagte er. »Das Reden macht es mir leichter. Aber ich will dir nicht auf die Nerven gehen.«

»Du weißt, es geht mir nicht auf die Nerven«, sagte sie.

»Ich bin nur so unruhig, weil ich nichts tun kann. Ich finde, wir sollten es uns so angenehm Wie möglich machen, bis das Flugzeug kommt.«

»Oder bis das Flugzeug nicht kommt.«

»Bitte sag mir, was ich tun kann. Es muss doch etwas geben, das ich tun kann.«

»Du kannst mir das Bein abschneiden; vielleicht hilft das, obwohl ich da eher skeptisch bin. Oder du kannst mich erschießen. Du bist jetzt eine gute Schützin. Hab ich dir nicht das Schießen beigebracht?«

»Bitte red nicht so. Kann ich dir nicht was vorlesen?«

»Was denn?«

»Irgendwas aus der Büchertasche, was wir noch nicht gelesen haben.«

»Ich kann nicht zuhören«, sagte er. »Reden ist das Einfachste. Wir vertreiben uns die Zeit mit Zanken.«

»Ich zanke nicht. Ich will mich niemals zanken. Lass uns damit aufhören. Egal, wie nervös wir werden. Vielleicht kommen sie noch heute mit einem anderen Wagen. Oder das Flugzeug kommt.«

»Ich will hier nicht weg«, sagte der Mann. »Es hat keinen Sinn, von hier wegzugehen, außer, um es dir leichter zu machen.«

»Das ist feige.«

»Kannst du einen Mann nicht in Ruhe sterben lassen, ohne ihn zu beleidigen? Wozu musst du mich beschimpfen?«

»Du wirst nicht sterben.«

»Stell dich nicht dumm. Ich sterbe. Frag die Mistviecher da.« Er sah zu den riesigen schmutzigen Vögeln hinüber, die die kahlen Köpfe in ihr gesträubtes Gefieder gesteckt hatten. Ein Vierter setzte zur Landung an, trippelte erst hastig und watschelte dann langsam auf die anderen zu.

»Die treiben sich um jedes Camp herum. Aber man bemerkt sie nicht. Du kannst nicht sterben, solange du nicht aufgibst.«

»Wo hast du das gelesen? Du hast doch überhaupt keine Ahnung.«

»Du könntest auch mal an andere denken.«

»Herrgott«, sagte er, »das war mein Beruf.«

Er legte sich hin und schwieg eine Weile und sah über die flimmernde Hitze der Ebene hin zum Rand des Buschlandes. Ein paar Gazellen zeichneten sich winzig und weiß vor dem Gelb ab, und weit hinten sah er eine Herde Zebras weiß vor dem Grün des Buschs. Das Camp lag schön unter großen Bäumen an einem Hügel, das Wasser war gut, und ganz in der Nähe gab es ein fast ausgetrocknetes Wasserloch, an dem sich morgens Schwärme von Flughühnern versammelten.

»Soll ich dir nicht etwas vorlesen?«, fragte sie. Sie saß auf einem Leinwandstuhl neben seinem Feldbett. »Es kommt Wind auf.«

»Nein, danke.«

»Vielleicht kommt der Wagen noch.«

»Ist mir völlig egal, ob der kommt.«

»Mir nicht.«

»Dir sind so viele Dinge nicht egal, die mir egal sind.«

»Nicht so viele, Harry.«

»Wie wär’s mit einem Drink?«

»Das ist bestimmt nicht gut für dich. Bei Black steht, man soll auf keinen Fall Alkohol trinken. Also lass es lieber.«

»Molo!«, rief er.

»Ja, Ewana.«

»Bring Whisky-Soda.«

»Ja, Ewana.«

»Lass es lieber«, sagte sie. »Das habe ich mit aufgeben gemeint. In dem Buch steht, das schadet dir. Und ich weiß, es schadet dir.«

»Nein«, sagte er. »Es hilft mir.«

Jetzt ist es also vorbei, dachte er. Jetzt würde er keine Chance mehr haben, es zu beenden. So ging es also zu Ende, mit Gezänk um einen Drink. Seit das Gangrän in seinem rechten Bein ausgebrochen war, hatte er keine Schmerzen mehr, und mit dem Schmerz war die Panik verschwunden, und jetzt empfand er nur noch eine große Müdigkeit und Wut darüber, dass es aus mit ihm war. Auf das, was jetzt kam, war er ganz und gar nicht neugierig. Jahrelang war er davon besessen gewesen; aber jetzt hatte es keinerlei Bedeutung mehr. Merkwürdig, wie leicht es einem gemacht wurde, wenn man nur müde genug war.

Jetzt würde er nie mehr die Dinge schreiben, die zu schreiben er sich aufgespart hatte, bis er genug wusste, um sie gut zu schreiben. Nun, so konnte er auch nicht scheitern bei dem Versuch, sie zu schreiben. Vielleicht hättest du sie nie schreiben können, und deshalb hast du sie beiseite getan und es immer wieder verschoben, damit anzufangen. Aber das würde er jetzt auch nicht mehr erfahren.

»Wären wir nur nicht hierher gekommen«, sagte die Frau. Sie sah ihn an, hielt das Glas und biss sich in die Lippe. »In Paris wäre dir so etwas nicht passiert. Du hast immer gesagt, du liebst Paris. Wir hätten in Paris bleiben oder sonst wohin gehen können. Ich wäre überallhin gegangen. Ich hab dir doch gesagt, ich gehe mit dir, wohin du willst. Du wolltest jagen, aber zum Jagen hätten wir auch nach Ungarn fahren und es gut haben können.«

»Dein blödes Geld«, sagte er.

»Das ist nicht fair«, sagte sie. »Es war immer ebenso deins wie meins. Ich habe alles hinter mir gelassen und bin dir überallhin gefolgt und habe alles getan, was du wolltest. Aber ich wünschte, wir wären nie hierher gekommen.«

»Du hast gesagt, du magst es hier.«

»Das war auch so, als es dir gut ging. Aber jetzt hasse ich es. Ich verstehe nicht, warum das mit deinem Bein passieren musste. Was haben wir getan, dass uns so etwas passiert?«

»Was ich getan habe? Vergessen, es gleich mit Jod zu behandeln, als ich es mir aufgeschrammt hatte. Dann habe ich nicht weiter darauf geachtet, weil ich mich niemals infiziere. Und als es dann schlimmer wurde und die anderen Antiseptika aufgebraucht waren, hätte ich wohl besser auf diese schwache Karbollösung verzichtet, die die kleinen Blutgefäße gelähmt und den Wundbrand ausgelöst hat.« Er sah sie an. »Noch etwas?«

»Das habe ich nicht gemeint.«

»Wenn wir einen guten Automechaniker angeheuert hätten, statt einen grünschnäbligen Kikuyu-Fahrer, hätte er nach dem Öl gesehen, und dann wäre dieses Radlager nicht heiß gelaufen.«

»Das habe ich nicht gemeint.«

»Wenn du deine Leute nicht verlassen hättest, deine gottverdammten Leute in Old Westbury, Saratoga, Palm Beach, um mit mir loszuziehen —«

»Aber ich habe dich geliebt. Das ist nicht fair. Ich liebe dich auch jetzt. Ich werde dich immer lieben. Liebst du mich nicht?«

»Nein«, sagte der Mann. »Ich glaube nicht. Habe ich nie.«

»Harry, was sagst du da? Hast du den Verstand verloren?«

»Nein. Ich hab keinen Verstand, den ich verlieren könnte.«

»Trink das nicht«, sagte sie. »Liebling, bitte trink das nicht. Wir müssen alles tun, was wir können.«

»Tu, was du willst«, sagte er. »Ich bin müde.«

Jetzt sah er vor seinem inneren Auge einen Bahnhof in Karagatsch, und er stand da mit seinem Bündel, und jetzt zerschnitt der Scheinwerfer des Simplon-Orient-Expresses die Dunkelheit, und er ließ Thrakien nach dem Rückzug hinter sich. Dies war eins der Dinge, über die zu schreiben er sich aufgespart hatte: Wie er morgens beim Frühstück aus dem Fenster schaute und Schnee auf den bulgarischen Bergen sah und Nansens Sekretärin den alten Mann fragte, ob das Schnee sei, und der alte Mann da hinblickte und sagte: Nein, das ist kein Schnee. Für Schnee ist es noch zu früh. Und die Sekretärin wiederholte es für die anderen Mädchen. Nein, hört zu. Das ist kein Schnee, und sie alle sagten: Das ist kein Schnee, wir haben uns getäuscht. Aber es war doch Schnee, und als er mit dem Austausch von Bevölkerungsgruppen anfing, schickte er sie da hinein. Und es war Schnee, durch den sie in diesem Winter stapften, bis sie starben.

Es war auch Schnee, der dieses jahr die ganze Weihnachtswoche hindurch im Gauertalfiel, damals, im Haus des Holzfällers, mit dem großen bulligen Kachelofen, der das halbe Zimmer einnahm, wo sie auf Matratzen schliefen, die mit Buchenlaub gefüllt waren, als der Deserteur mit blutenden Füßen durch den Schnee gekommen war. Er sagte, die Polizei sei hinter ihm her, und sie gaben ihm Wollsocken und lenkten die Gendarmen so lange ab, bis seine Fährte verweht war.

An Weihnachten war der Schnee in Schruns so hell, dass einem die Augen wehtaten, wenn man aus der Weinstube hinausschaute und die Leute von der Kirche nach Hause gehen sah. Dort wanderten sie den von Schlitten geglätteten und von Urin gelb gefärbten Weg hinauf flussaufwärts an den steilen Kiefernhängen entlang, die Skibretter schwer auf der Schulter, und dortf obren sie die großartige Strecke über den Gletscher oberhalb des Madlenerlauses hinunter, der Schnee so glatt anzusehen wie Zuckerguss auf einer Torte und leicht wie Pulver, und er erinnerte sich an das von der Geschwindigkeit verursachte geräuschlose Brausen, wenn man dort hinunterschoss wie ein Vogel.

Damals, nach dem Schneesturm, waren sie eine Woche lang im Madlenerbaus eingescbneit und spielten im Rauch und bei Laternenlicht Karten, und je mehr Herr Lent verlor, desto höher stiegen die Einsätze. Schließlich hatte er alles verloren. Alles, das Geld der Skischule und den ganzen Profit der Saison und dann sein Vermögen. Er sah ihn, seine lange Nase, und wie er die Karten aufnahm und sagte: »Sans voir.« Immer wurde um Geld gespielt.

Man spielte, wenn es keinen Schnee gab, und man spielte, wenn es zu viel davon gab. Er dachte an all die Zeit in seinem Leben, die er mit Spielen verbracht hatte.

Aber darüber hatte er noch keine Zeile geschrieben, auch nicht über jenen kalten hellen Weihnachtstag, als man die Berge jenseits der Ebene sehen konnte und Barker die feindlichen Linien überflogen und den Urlauberzug voller österreichischer Offiziere bombardiert und sie, als sie auseinander liefen, mit dem Maschinengewehr beschossen hatte. Er erinnerte sich, wie Barker anschließend zur Messe kann und davon zu erzählen anfing. Und wie es still wurde und dann jemand sagte: »Du verfluchtes Mörderschwein.«

Das waren die gleichen Österreicher, die sie damals getötet hatten, mit denen er später Ski gelaufen war. Nein, nicht die gleichen. Hans, mit dem er das ganze Jahr Ski gelaufen war, war bei den Kaiserjägern gewesen, und als sie in dem kleinen Tal oberhalb der Sägemühle zusammen auf Hasenjagd gegangen waren, hatten sie von der Schlacht auf dem Pasubio und den Angriffen auf Perticara und Asalone gesprochen, und darüber hatte er nie ein Wort geschrieben. Auch nicht über Monte Corona, die Sette Communi und Arsiero.

Wie viele Winter hatte er in Vorarlberg und am Arlberg verlebt? Es waren vier, und dann erinnerte er sich an den Mann, der den Fuchs zu verkaufen hatte, als sie nach Bludenz gewandert waren, diesmal, um Geschenke zu kaufen, und an den Kirschkerngeschmack von gutem Kirsch, an das schnelle Gleiten im rieselnden Pulverschnee auf verharschtem Schnee, und wie man jauchzte, wenn man das letzte Stück zu dem steilen Abhang fuhr und ihn geradeaus hinunterjagte und dann in drei Kehren durch den Obstgarten und über den Graben auf die vereiste Straße hinter dem Gasthaus sauste. Die Bindung losklopfen, die Skier abnehmen und an die Holzwand des Gasthauses lehnen und das Lampenlicht aus dem Fenster, wo in der verräucherten, nach jungem Wein duftenden Wärme das Akkordeon spielte.

»Wo haben wir in Paris gewohnt?«, fragte er die Frau, die jetzt in Afrika neben ihm auf dem Leinwandstuhl saß.

»Im Crillon. Das weißt du.«

»Warum sollte ich das wissen?«

»Weil wir immer dort gewohnt haben.«

»Nein. Nicht immer.«

»Dort und im Pavillon Henri-Quatre in St. Germain. Du hast gesagt, du liebst dieses Hotel.«

»Liebe ist ein Misthaufen«, sagte Harry. »Und ich bin der Hahn, der sich oben draufsetzt und kräht.«

»Wenn man weggehen muss«, sagte sie, »ist es da unbedingt nötig, alles zu zerstören, was man zurücklässt? Ich meine, muss man alles kaputt machen? Muss man sein Pferd und seine Frau töten und seinen Sattel und seine Rüstung verbrennen?«

»Ja«, sagte er. »Dein verfluchtes Geld war meine Rüstung. Mein Schwert und meine Rüstung.«

»Hör auf.«

»Na schön. Ich höre auf. Ich will dich nicht verletzen.«

»Das kommt ein bisschen spät jetzt.«

»Also gut. Dann verletze ich dich weiter. Ist auch amüsanter. Das Einzige, was ich wirklich immer gern mit dir getan habe, kann ich jetzt nicht mehr.«

»Nein, das ist nicht wahr. Du hast viele Dinge gern getan, und ich habe alles mitgemacht, was du wolltest.«

»Ah, lass die Prahlerei, um Gottes willen!«

Er sah sie an und bemerkte, dass sie weinte.

»Hör mich an«, sagte er. »Glaubst du, es macht mir Spaß, das zu tun? Ich weiß nicht, warum ich das mache. Das ist, als ob man zu töten versucht, um am Leben zu bleiben, denke ich mir. Als wir anfingen zu reden, ging’s mir gut. Ich wollte nicht damit anfangen, und jetzt bin ich völlig übergeschnappt und so grausam zu dir wie nur möglich. Hör nicht auf das, was ich sage, Darling. Ich liebe dich, wirklich. Du weißt, dass ich dich liebe. Ich habe niemals eine andere so geliebt wie dich.«

Er verfiel auf die vertraute Lüge, mit der er sich durchs Leben schlug.

»Wie lieb du bist.«

»Du Miststück«, sagte er. »Du Miststück zu meinem Glück. Das ist Poesie. Ich bin voller Poesie. Fäule und Poesie. Verfaulte Poesie.«

»Hör auf, Harry, was musst du jetzt so ein Teufel werden?«

»Ich will nichts hinterlassen«, sagte der Mann. »Ich lasse nicht gern etwas zurück.«

___________

Es war jetzt Abend, und er hatte geschlafen. Die Sonne war hinter dem Hügel verschwunden, und über der ganzen Ebene lag ein Schatten, und die kleinen Tiere weideten in der Nähe des Camps; Köpfe zuckten auf und nieder, Schwänze schlugen, und er beobachtete, wie sorgfältig sie sich jetzt vom Busch fernhielten. Die Vögel warteten nicht mehr am Boden. Sie hockten alle hölzern in einem Baum. Es waren viel mehr geworden. Sein Privatboy saß neben seinem Feldbett.

»Memsahib jagen gegangen«, sagte der Junge. »Möchte Bwana etwas?«

»Nein.«

Sie war gegangen, um ein Stück Fleisch zu schießen, und da sie wusste, wie gern er das Wild beobachtete, hatte sie sich weit entfernt, um die Tiere nicht von dem kleinen Stück der Ebene, das er überblicken konnte, zu verscheuchen. Wie rücksichtsvoll sie immer ist, dachte er. In allem, worin sie sich auskennt oder wovon sie gelesen oder hört hat.

Es war nicht ihre Schuld, dass er bereits hinüber war, als er auf sie traf. Wie konnte eine Frau wissen, dass man nichts von dem, was man sagte, ernst meinte; dass man nur aus Gewohnheit sprach und um es bequem zu haben? Seitdem er nicht mehr ernst meinte, was er sagte, hatte er mit seinen Lügen bei Frauen mehr Erfolg als früher, wenn er ihnen die Wahrheit gesagt hatte.

Es ging gar nicht so sehr darum, dass er log, als vielmehr darum, dass es keine Wahrheit zu sagen gab. Er hatte sein Leben gehabt und hinter sich gelassen, und dann hatte er es mit anderen Leuten und mehr Geld und an den besten der alten Orte und einigen neuen noch einmal angefangen.

Denk nicht nach, und es war alles wunderbar. Du warst innerlich gut ausgestattet, sodass du dabei nicht kaputtgegangen bist wie die meisten anderen, und nachdem du die Arbeit, die du früher getan hattest, nicht mehr tun konntest, hast du nach außen so getan; als liege dir nichts daran. Aber dir selbst hast du gesagt, dass du über diese Leute schreiben würdest; über die Schwerreichen; dass du im Grunde keiner von ihnen warst, sondern ein Spion in ihrem Land; dass du es verlassen und darüber schreiben würdest, und dann würde ausnahmsweise einmal von einem darüber geschrieben werden, der wusste, worüber er schrieb. Aber er hatte es nie getan, weil jeder Tag, an dem er bequem und ohne zu schreiben ein Dasein führte, das er verachtete, sein Können auszehrte und seinen Willen zur Arbeit schwächte, sodass er schließlich überhaupt nicht mehr arbeitete. Die Leute, die er jetzt kannte, fühlten sich alle viel besser, wenn er nicht arbeitete. In Afrika war er in der guten Zeit seines Lebens am glücklichsten gewesen, und um noch einmal anzufangen, war er hierher zurückgekommen. Sie hatten diese Safari mit einem Minimum an Komfort angetreten. Nicht dass es beschwerlich war; aber es gab keinen Luxus, und er hatte gedacht, er könnte auf diese Weise wieder in Übung kommen. Er könnte irgendwie das Fett von seiner Seele wegtrainieren, so wie ein Boxer zum Arbeiten und Trainieren in die Berge geht, um es von seinem Körper wegzubrennen.

Es hatte ihr gefallen. Sehr sogar, hatte sie gesagt. Ihr gefiel alles, was aufregend war, was an neue Schauplätze führte, wo es schön war und es neue Leute und angenehme Dinge gab. Und er hatte sich der Illusion hingegeben, seinen Willen zur Arbeit wiederkehren zu spüren. Wenn das jetzt das Ende war, und er wusste, das war es, durfte er sich nicht wie eine Schlange winden, die sich selbst beißt, weil ihr Rückgrat gebrochen ist. Nicht diese Frau war daran schuld. Wäre sie nicht gewesen, wäre es eben eine andere gewesen. Wenn sein Leben auf einer Lüge beruhte, sollte er auch im Sterben daran festhalten. Er hörte einen Schuss hinter dem Hügel.

Sie war eine sehr gute Schützin, dieses gute, dieses reiche Miststück, diese freundliche Hüterin und Zerstörerin seines Talents. Unsinn. Er hatte sein Talent selbst zerstört. Wie kam er dazu, dieser Frau vorzuwerfen, dass sie ihn ausgehalten hatte? Er hatte sein Talent zerstört, indem er es nicht benutzte, indem er sich selbst und alles verriet, woran er glaubte, indem er so viel trank, dass die Schärfe seiner Wahrnehmung abstumpfte, indem er träge, faul und eingebildet, stolz und rechthaberisch wurde — auf Biegen und Brechen. Was war das? Eine Sammlung alter Bücher? Worin bestand sein Talent überhaupt? Sicher, es war schon ein Talent, aber statt es anzuwenden, hatte er es verkauft. Nie war es darum gegangen, was er tat, immer nur um das, was er tun könnte. Und er hatte sich dafür entschieden, sein Geld mit etwas anderem als Feder oder Bleistift zu verdienen. Und war es nicht auch merkwürdig, dass, wenn er sich in eine neue Frau verliebte, diese Frau jedes Mal mehr Geld hatte als die vorige? Aber wenn er nicht mehr verliebt war, wenn er nur noch log, wie jetzt bei dieser Frau, die mehr Geld hatte als alle anderen, die unglaubliche Reichtümer besaß, die einen Mann und Kinder gehabt hatte, die sich Liebhaber genommen und unzufrieden wieder abgelegt hatte und die ihn als Schriftsteller, als Mann, als Gefährten und als kostbare Trophäe innig liebte; wie merkwürdig, dass er, wenn er keine Liebe und nur noch Lügen für sie übrig hatte, in der Lage sein konnte, ihr mehr für ihr Geld zu geben als zu der Zeit, als er sie wirklich geliebt hatte.

Wir alle sind offenbar für das geschaffen, was wir tun, dachte er. Wie auch immer man sein Geld verdient, es hängt vom jeweiligen Talent ab. Er hatte seine Lebenskraft zeitlebens auf die eine oder andere Weise verkauft, und wenn die Gefühle nicht allzu sehr beteiligt sind, gibt man viel Wertvolleres für das Geld zurück. Das hatte er herausgefunden, aber auch darüber würde er nun nicht mehr schreiben. Nein, darüber würde er nicht schreiben, auch wenn es das durchaus wert wäre.

Jetzt kam sie in Sicht, schritt über das offene Gelände auf das Lager zu. Sie trug eine Reithose, ihr Gewehr in der Hand. Hinter ihr schleppten die zwei Boys eine Gazelle. Wie gut sie immer noch aussieht, dachte er, was für einen attraktiven Körper sie hat. Sie war sehr begabt und aufgeschlossen fürs Bett; hübsch war sie nicht, aber er mochte ihr Gesicht; sie las ungeheuer viel, ritt und jagte gern und trank mit Sicherheit zu viel. Als ihr Mann starb, war sie noch relativ jung; danach widmete sie sich eine Zeitlang ihren schon erwachsenen Kindern, die sie nicht brauchten und denen es peinlich war, sie um sich zu haben, ihre Pferde, die Bücher und das Trinken. Sie las gern abends vor dem Essen und trank dabei Scotch mit Soda. Beim Essen war sie dann schon ziemlich betrunken, und nach einer Flasche Wein zum Essen war sie meist betrunken genug, sich schlafen zu legen.

Das war vor den Liebhabern. Als es mit den Liebhabern losging, trank sie nicht mehr so viel, weil sie zum Einschlafen nicht mehr betrunken sein musste. Aber die Liebhaber langweilten sie. Sie war mit einem Mann verheiratet gewesen, der sie nie gelangweilt hatte, und diese Leute langweilten sie sehr.

Dann kam eins ihrer beiden Kinder bei einem Flugzeugabsturz ums Leben, und danach wollte sie keine Liebhaber mehr, und da der Alkohol kein Vergessen brachte, musste sie ein neues Leben anfangen. Plötzlich überkam sie gewaltige Angst vor dem Alleinsein. Aber sie brauchte jemanden, vor dem sie Achtung haben konnte.

Es hatte ganz einfach angefangen. Ihr gefiel, was er schrieb, und sie hatte das Leben, das er führte, immer beneidet. Sie glaubte, dass er nur tat, wozu er Lust hatte. Die Manöver, mit denen sie ihn erobert hatte, und die Art und Weise, wie sie sich schließlich in ihn verliebt hatte, das alles war Teil einer planmäßigen Entwicklung, in deren Verlauf sie sich ein neues Leben aufgebaut und er die Trümmer seines alten Lebens abgetragen hatte.

Er hatte es für Sicherheit weggegeben, auch für Bequemlichkeit, das war nicht zu leugnen, und wofür noch? Er wusste es nicht. Sie hätte ihm alles gekauft, was er wollte. Das wusste er. Außerdem war sie eine verdammt gutmütige Frau. Er schlief mit ihr so gern wie mit jeder anderen; mit ihr sogar noch lieber, weil sie reicher war, weil sie so gefällig und aufgeschlossen war und weil sie keine Szenen machte. Und dieses Leben, das sie sich wieder aufgebaut hatte, fand jetzt sein Ende, weil er es vor zwei Wochen versäumt hatte, sich mit Jod zu behandeln, nachdem er sich an einem Dorn das Knie aufgekratzt hatte, als sie eine Herde Wasserböcke fotografieren wollten, die mit erhobenen Köpfen umherspähten und mit den Nüstern witterten und mit weit gespreizten Ohren auf das erste Geräusch horchten, das sie in den Busch fliehen lassen würde. Und sie waren dann auch geflohen, bevor er ein Foto schießen konnte.

Jetzt kam sie zu ihm.

Er wandte den Kopf auf dem Feldbett und sah sie an. »Hallo«, sagte er.

»Ich habe einen Gazellenbock geschossen«, sagte sie. »Der gibt eine kräftige Brühe, und ich lasse die Boys etwas Milchpulver in den Kartoffelbrei rühren. Wie fühlst du dich?«

»Viel besser.«

»Ist das nicht schön? Weißt du, ich dachte mir das schon. Du hast geschlafen, als ich ging.«

»Ich habe gut geschlafen. Bist du weit gegangen?«

»Nein. Nur um den Hügel herum. Ich habe die Gazelle mit einem ziemlich guten Schuss erwischt.«

»Du bist eine ausgezeichnete Schützin.«

»Ich tu’s auch sehr gern. Ich habe Afrika geliebt. Wirklich. Wenn es dir gut geht, ist es das Schönste, was ich jemals erlebt habe. Du ahnst ja nicht, wie schön es war, mit dir auf die Jagd zu gehen. Ich habe dieses Land geliebt.«

»Ich liebe es auch.«

»Liebling, du ahnst ja nicht, wie sehr es mich freut, dass es dir besser geht. Ich konnte es kaum ertragen, als es dir so schlecht ging. Du wirst nicht mehr so mit mir sprechen, ja? Versprichst du’s mir?«

»Nein«, sagte er. »Ich weiß nicht mehr, was ich gesagt habe.«

»Du brauchst mich nicht zu vernichten. Oder? Ich bin nur eine nicht mehr ganz junge Frau, die dich liebt und die tun will, was du tun willst. Ich bin schon zwei- oder dreimal vernichtet worden. Du willst mich nicht noch einmal vernichten, oder?«

»Im Bett würde ich dich gern noch ein paarmal vernichten«, sagte er.

»Ja. Das ist die gute Vernichtung. Dafür sind wir da: so vernichtet zu werden. Morgen kommt das Flugzeug.«

»Wie kannst du das wissen?«

»Ich bin mir sicher. Es kommt bestimmt. Die Boys haben Holz und Gras für das Signalfeuer gesammelt. Ich hab es mir heute noch einmal angesehen. Es ist genug Platz zum Landen da, und die Feuerstellen an beiden Enden sind vorbereitet.«

»Wieso glaubst du, dass es morgen kommt?«

»Ich weiß es einfach. Es ist längst überfällig. Und dann, in der Stadt, wird man dein Bein gesund machen, und dann können wir uns wieder auf die gute Art vernichten. Nicht auf diese schreckliche Art mit Zanken.«

»Sollen Wir was trinken? Die Sonne ist untergegangen.«

»Findest du das richtig?«

»Ich trinke was.«

»Dann trinken wir zusammen. Molo, letti dui Whisky-Soda!«, rief sie.

»Zieh besser deine Moskitostiefel an«, sagte er.

»Nachher, wenn ich gebadet habe …«

Sie tranken, während es dunkel wurde, und kurz bevor es ganz dunkel war und kein Licht mehr zum Schießen, überquerte eine Hyäne auf dem Weg um den Hügel das freie Gelände.

»Dieses Mistvieh läuft hier jeden Abend rum«, sagte der Mann. »Seit zwei Wochen, jeden Abend.«

»Und macht nachts diese Geräusche. Mich stört’s nicht. Aber es sind schon eklige Viecher.«

Sie tranken, und er hatte keine Schmerzen, nur die Unbequemlichkeit, immer in derselben Haltung liegen zu müssen; die Boys machten Feuer, dessen Schatten an den Zelten hochsprangen, und er empfand wieder Einverständnis mit diesem Leben in behaglicher Resignation.

Sie war doch wirklich sehr gut zu ihm. Er war am Nachmittag grausam und ungerecht gewesen. Sie war eine gute Frau, ganz wunderbar. Und in dem Augenblick ging ihm auf, dass er sterben würde.

Es überfiel ihn; nicht wie heranbrausendes Wasser oder ein Windstoß; sondern wie ein stinkendes Nichts, an dessen Rand, wie seltsam, die Hyäne herumstrich.

»Was ist, Harry«, fragte sie.

»Nichts«, sagte er. »Setz dich lieber auf die andere Seite. Gegen den Wind.«

»Hat Molo den Verband gewechselt?«

»Ja. Ich nehme jetzt nur die Borsäure.«

»Wie fühlst du dich?«

»Ein bisschen wacklig.«

»Ich geh mich jetzt waschen«, sagte sie. »Bin gleich zurück. Wir essen zusammen, dann bringen wir das Feldbett rein.«

Gut, sagte er sich, dass wir aufgehört haben, uns zu streiten. Mit dieser Frau hatte er sich selten gestritten, während er sich mit den Frauen, die er liebte, immer und immer wieder gestritten hatte, bis am Ende, ausgehöhlt vom Streit, jedes Mal alles zerstört gewesen war, was sie teilten. Er hatte zu viel geliebt, zu viel verlangt, und er hatte alles kaputt gemacht.

Er dachte an die Zeit damals allein in Konstantinopel, nach dem Streit in Paris kurz vor seiner Abreise. Er hatte die ganze Zeit herumgehurt, und als das vorbei war und er es nicht geschafft hatte, seine Einsamkeit abzutöten, sondern sie nur noch schlimmer gemacht hatte, hatte er ihr, der Ersten, der, die ihn verlassen hatte, einen Brief geschrieben und ihr erzählt, es sei ihm einfach nicht gelungen, die Einsamkeit abzutöten …Dass ihm, als er sie einmal mal vor dem Regence zu sehen glaubte, ganz schwach und elend wurde, und wie er einer Frau, die ihr nur ein wenig zu ähneln schien, den Boulevard hinunter folgte, voller Angst, erkennen zu müssen, dass sie es nicht sei, Angst, das Gefühl zu verlieren, das er gerade empfand. Wie jede, mit der er schlief, ihm nur klarer machte, wie sehr sie ihm fehlte. Dass, was sie getan hatte, überhaupt keine Rolle spielte, weil er sich niemals davon heilen konnte, sie zu lieben. Er schrieb diesen Brief im Club, stocknüchtern, und schickte ihn ihr nach New York mit der Bitte, ihm an das Pariser Büro zu antworten. Das schien ihm sicher. Und an diesem Abend, als er sich vor Sehnsucht nach ihr innerlich ganz leer und elend fühlte, ging er am Maxim vorbei, las ein Mädchen auf und lud sie zum Essen ein. Hinterher nahm er sie in ein Tanzlokal mit, aber sie tanzte schlecht, und er tauschte sie gegen eine scharfe armenische Nutte, die ihren Bauch so heftig an ihm rieb, dass sie ihn beinahe versengte. Die nahm er einem britischen Kanonier ab, nach einer Schlägerei. Der Kanonier forderte ihn auf, mit ihm nach draußen zu geben, und dann prügelten sie sich im Dunkeln auf dem Pflaster. Er traf ihn zweimal hart am Kinn, und als er nicht zu Boden ging, wusste er, er musste sich auf einen richtigen Kampf gefasst machen. Der Kanonier tmf ihn am Bauch, dann neben einem Auge. Er antwortete mit einem linken Haken, und der Kanonier sank ihm entgegen und krallte sich an seinen Mantel und riss ihm einen Ärmel ab, und er versetzte ihm zwei Schläge hinters Ohr, stieß ihn von sich und legte noch einmal mit der Rechten nach. Als der Kanonier zu Boden ging, schlug er mit dem Kopf auf, und als sie die Militärpolizei kommen hörten, lief er mit dem Mädchen weg. Sie nahmen ein Taxi und fuhren zur Rumelischen Festung am Bosporus, machten kehrt, fuhren in der kühlen Nacht zurück und gingen ins Bett, und sie fühlte sich so überreif an, wie sie aussah, aber weich, rosenblättrig, honigsüß, ihr Bauch weich, die Brüste groß, und sie brauchte kein Kissen unterm Hintern, und er verließ sie, bevor sie anfwachte, reichlich verludert im ersten Tageslicht, und betrat das Pera Palas mit einem blauen Auge, den Mantel überm Arm, weil ein Ärmel fehlte.

Noch am Abend dieses Tages reiste er nach Anatolien ab, und er erinnerte sich, wie er dann den ganzen Tag durch Mohnfelder fuhr, aus denen man Opium gewann, und wie seltsam man sich davon am Ende fühlte und alle Entfernungen einem falsch vorkamen, dorthin, wo sie mit den frisch aus Konstantinopel eingetroffenen, vollkommen ahnungslosen Offizieren den Angriff gestartet hatten, und wie die Artillerie in ihre Reihen gefeuert und der britische Beobachter geweint hatte wie ein Kind.

Das war der Tag, an dem er zum ersten Mal tote Männer in weißen Ballettröckchen und mit Pompons geschmückten Schnabelschuhen gesehen hatte. Die Türken waren pausenlos in kleinen Haufen vorgerückt, und er hatte die berockten Männer laufen und die Offiziere in sie hineinfeuern und sie dann selbst davonlaufen sehen, und er und der britische Beobachter waren auch gelaufen, bis seine Lungen schmerzten und er einen Geschmack im Mund hatte wie von Kupfermünzen, und als sie sich hinter ein paar Felsen ausruben wollten, rückten die Türken immer noch weiter in kleinen Haufen nach. Später hatte er Dinge gesehen, an die er niemals denken konnte, und noch später hatte er noch viel Schlimmeres gesehen. Als er dann nach Paris zurückkam, konnte er nicht darüber sprechen und hielt es kaum aus, wenn andere davon anfingen. Und einmal kam er dort an einem Café vorbei, da saß dieser amerikanische Dichter mit einem Stapel Unterteller vor sich und einem dummen Ausdruck in seinem Kartoffelgesicht und sprach über die Dada-Bewegnng mit einem Rumänen, der sich Tristan Tzara nannte und immer ein Monokel trug und immer Kopfschmerzen hatte, und er kam in die Wohnung zu seiner Frau zurück, die er jetzt wieder liebte, aller Streit vorbei, der ganze Wahnsinn vorbei, er freute sich nur, zu Hause zu sein, und das Büro leitete seine Post zu ihm nach Hause weiter. Und eines Morgens wurde ihm der Antwortbrief auf den, den er geschrieben hatte, auf einem Tablett gebracht, und als er die Handschrift sah, überlief es ihn eiskalt, und er versuchte den Brief unter einen anderen zu schieben. Aber seine Frau sagte: »Von wem ist denn dieser Brief, Liebster?« und das war das Ende vom Anfang dieser Geschichte.

Er erinnerte sich an die guten Zeiten mit ihnen allen und an das Gezänk. Für das Gezänk suchten sie sich immer die schönsten Orte aus. Und warum hatten sie immer zu zanken angefangen, wenn er sich am wohlsten fühlte? Darüber hatte er nie geschrieben, anfangs, weil er niemals irgendwem weh tun wollte, und dann schien es immer genug anderes zu geben, worüber er schreiben konnte. Aber er hatte immer gedacht, dass er eines Tages darüber schreiben würde. Es gelb so viel zu schreiben. Er hatte gesehen, wie die Welt sich veränderte; nicht nur die großen Ereignisse; obwohl er viele davon miterlebt und die Menschen beobachtet hatte, aber er hatte die feineren Veränderungen gesehen und konnte sich erinnern, wie die Menschen zu verschiedenen Zeiten gewesen waren. Er war dabei gewesen, und er hatte es beobachtet, und es war seine Pflicht, darüber zu schreiben; aber jetzt würde er das nie mehr tun.

»Wie fühlst du dich?«, sagte sie. Sie war nach ihrem Bad unter dem Zelt hervorgekommen.

»Ganz gut.«

»Kannst du jetzt essen?« Er sah Molo mit dem Klapptisch hinter ihr und den anderen Boy mit den Schüsseln.

»Ich möchte schreiben«, sagte er.

»Du solltest etwas Brühe trinken, damit du bei Kräften bleibst.«

»Ich werde heute Nacht sterben«, sagte er. »Ich muss nicht bei Kräften bleiben.«

»Sei nicht so melodramatisch‘ Harry, bitte«, sagte sie.

»Du kannst es doch riechen. Ich bin jetzt bis zum halben Oberschenkel rauf verfault. Was zum Teufel soll ich mich noch mit Brühe abgeben? Molo, bring Whisky—Soda.«

»Bitte, nimm die Brühe«, sagte sie sanft.

»Na schön.«

Die Brühe war zu heiß. Er musste den Becher halten, bis sie etwas abgekühlt war, dann trank er und bekam sie eben noch runter, ohne zu Würgen.

»Du bist eine gute Frau«, sagte er. »Achte einfach nicht auf mich.«

Sie betrachtete ihn mit ihrem beliebten, aus Spur und Town & Country bekannten Gesicht, das jetzt nur vom Trinken etwas mitgenommen, nur vom Bett etwas mitgenommen aussah, aber Town & Country zeigte niemals diese großartigen Brüste und diese patenten Schenkel und diese sacht sein Kreuz streichelnden Hände, und als er ihr bekanntes freundliches Lächeln sah, fühlte er wieder den Tod nahen. Diesmal nicht als Überfall. Nur als Hauch, wie ein leichter Wind, der eine Kerze flackern und die Flamme groß werden lässt.

»Nachher können sie mir das Netz rausbringen und am Baum aufhängen und Holz ins Feuer nachlegen. Ich lege mich heute Nacht nicht ins Zelt. Lohnt sich nicht, da reinzugehen. Die Nacht ist klar. Es wird nicht regnen.«

So starb man also, mit einem Flüstern, das man nicht hörte. Nun, Zank würde es nicht mehr geben. Das konnte er versprechen. Die einzige Erfahrung, die er noch nie gemacht hatte, wollte er sich jetzt nicht verderben. Wahrscheinlich würde er es doch tun. Du hast alles verdorben. Aber vielleicht tat er’s auch nicht.

»Du kannst wohl kein Diktat aufnehmen?«

»Das hab ich nie gelernt«, sagte sie.

»Auch gut.«

Es blieb natürlich keine Zeit, auch wenn es schien, dass alles so nah zusammenrückte, dass man es in einen einzigen Absatz bekäme, wenn man es richtig anpackte.

Auf einem Hügel über dem See stand ein Blockhaus, mit weißem Mörtel in den Fugen. An einem Pfahl neben der Tür hing eine Glocke, mit der die Leute zu den Mahlzeiten gerufen wurden. Hinter dem Haus waren Äcker, und jenseits der Äcker begann der Wald. Den Weg vom Haus zur Anlegestelle säumte eine Reihe Pyramidenpappeln. Andere Pappeln standen auf der Landzunge. Am Waldrand ging ein Weg den Hügel hinauf, und an diesem Weg pflückte er Brombeeren. Dann wurde dieses Blockhaus niedergebrannt, und alle Gewehre, die an Haltern aus Hirschläufen über dem offenen Kamin gehangen hatten, verbrannten mit, und hinterher lagen die Läufe, das Blei in den Magazinen geschmolzen und die Schäfte weggebrannt, auf dem Haufen Asche verstreut, aus der man Lauge für die großen eisernen Seifenkessel gemacht hatte, und du hast Großvater gefragt, ob du sie zum Spielen haben kannst, und er hat nein gesagt. Verstehst du, es waren immer noch seine Gewehre, und er hat niemals mehr neue gekauft. Und er ist auch nie mehr auf die Jagd gegangen. Das Haus wurde am selben Platz aus Holz wiederaufgebaut und weiß getüncht, und von der Veranda waren die Pappeln und dahinter der See zu sehen; aber Gewehre gab es niemals mehr. Die Laufe der Gewehre, die an den Hirschläufen an der Wand des Blockbauses gehangen hatten, blieben auf dem Aschehaufen liegen, und niemand hat sie mehr angerührt.

Im Schwarzwald pachteten wir nach dem Krieg einen Forellenbach, und es gab zwei Wege dorthin. Einer führte von Triberg aus das Tal hinunter und um die Talstraße herum im Schatten der Bäume, die dort an der weißen Straße standen, und dann eine Nebenstraße hinauf, die über die Hügel, vorbei an vielen kleinen Gehöften mit den großen Schwarzwaldhäusern, nach oben ging, bis sie den Bach kreuzte. Dort begann unser Fischgebiet.

Der andere Weg führte über einen steilen Anstieg an den Waldrand, dann über die Hügelkuppen durch Kiefernwälder, dann hinaus auf eine Wiese und diese Wiese hinunter zur Brücke. An dem Bach wuchsen Birken, und er war nicht breit, sondern schmal, klar und schnell, mit ruhigen Stellen, wo er die Erde unter den Wurzeln der Birken weggespühlt hatte. Der Inhaber des Hotels in Triberg hatte eine glänzende Saison. Es war sehr schön, und wir alle waren gute Freunde. Im jahr darauf kam die Inflation, und das Geld, das er im jahr zuvor eingenommen hatte, reichte nicht, um Vorräte für die neue Saison zu kaufen, und er erhängte sich.

Das könntest du diktieren, aber nicht diktieren könntest du die Place Contrescarpe, wo die Blumenhändler ihre Blumen auf der Straße färbten und die Farbe über das Pflaster rann, wo der Autobus abfuhr, und die alten Männer und die Frauen, immer betrunken von Wein und schlechtem Marc; und die Kinder, deren Nasen in der Kälte liefen; den Geruch von schmutzigem Schweiß und Armut und Betrunkenheit im Café des Amateurs und die Huren im Ball Musette, über dem sie wohnten. Die Concierge, die den Kavalleristen von der Garde Republicaine bei sich aufgenommen hatte, seinen mit Rosshaar geschmückten Helm auf einem Stuhl. Die Locataire anf der anderen Seite des Flurs, deren Mann Radrennfahrer war, und ihre Freude an jenem Morgen in der crémerie, als sie L’Auto aufschlug und sah, dass er bei Paris-Tours, seinem ersten großen Rennen, Dritter geworden war. Sie errötete und lachte und ging dann, mit der gelben Sportzeitung in der Hand, weinend nach oben. Der Mann der Frau, die den Bal Musette betrieb, hatte ein Taxi, und als er, Harry, einmal früh mit dem Flugzeug wegmusste, klopfte der Mann an die Tür, um ihn zu wecken, und bevor sie losfuhren, tranken sie am Tresen ein Glas Weißwein. Er kannte seine Nachbarn in diesem Viertel damals, weil sie alle arm waren.

Um diesen Platz herum lebten zwei Arten von Menschen: die Trinker und die sportifs. Die Trinker liquidierten ihre Armut auf diese Weise; die sportifs töteten sie durch Bewegung. Sie waren die Nachkommen der Kommunarden und hatten keine Mühe, ihren politischen Standpunkt zu beschreiben. Sie wussten, wer ihre Väter, ihre Verwandten, ihre Brüder und ihre Freunde erschossen hatte, als die Versailler Truppen anrückten und die Stadt nach der Commnne einnahmen und jeden exekutierten, der schwielige Hände hatte oder eine Mütze trug oder durch irgendetwas anderes verriet, dass er Arbeiter war. Und in dieser Armut, und in diesem Viertel gegenüber einer Boncherie Chevaline und einer Weingenossenschaft, hatte er den Anfang von allem gemacht, was er jemals schreiben sollte. Keinen anderen Teil von Paris hatte er jemals so geliebt, die wuchernden Bäume, die alten, weiß verputzten, unten braun gestrichenen Häuser, das lange Grün der Autobusse auf dem runden Platz, die violette Blumenfarbe auf dem Pflaster, die steil zum Fluss hin abfallende rue Cardinal Lemoine und in der anderen Richtung die enge, dicht bevölkerte Welt der rue Maouffetard. Die Straße, die zum Panthéon hinaufführte, und die andere, die er immer mit dem Fahrrad fuhr; die einzige asphaltierte Straße im ganzen Viertel, glatt unter den Reifen, mit den hohen schmalen Häusern und dem billigen großen Hotel, in dem Paul Verlaine gestorben war. Die Wohnungen, in denen sie lebten, hatten immer nur zwei Zimmer, und zum Schreiben hatte er ein Zimmer im Obergeschoss dieses Hotels genommen, das ihn sechzig Franc im Monat kostete und von wo er über die Dächer und Schornsteine und alle Hügel von Paris hinsehen konnte.

Von der Wohnung aus sah man nur den Laden des Holz- und Kohlehändlers. Der verkaufte auch Wein, schlechten Wein. Und den vergoldeten Pferdekopf vor der Boucherie Chevaline, wo das Fleisch goldgelb und rot im Schaufenster hing, und die grün gestrichene Genossenschaft, wo sie ihren Wein kauften: guten Wein und billig. Ansonsten nichts als Mauern und die Fenster der Nachbarn. Der Nachbarn, die nachts, wenn jemand betrunken auf der Straße lag und in jener typisch französischen ivresse vor sich hin stöhnte, die es nach den offiziellen; Verlautbarungen gar nicht gab, ihre Fenster aufmachten und leise miteinander zu reden begannen.

»Wo bleibt der Polizist? Wenn man ihn nicht braucht, ist der Mistkerl immer zu Stelle. Bestimmt schläft er mit irgendeiner Concierge. Man muss ihn holen.« Bis jemand einen Eimer Wasser aus dem Fenster kippte und das Stöhnen auflhörte. »Was ist das? Wasser. Ah, gute Idee.« Und die Fenster gingen zu. Marie, seine femme de ménage, die gegen den Achtstundentng war: »Wenn ein Ehemann bis sechs Uhr arbeitet, betrinkt er sich anf dem Heimweg nur ein bisschen und verschwendet nicht so viel. Wenn er nur bis fünf arbeitet, ist er jeden Abend betrunken, und es bleibt kein Geld übrig. Es ist die Frau des Arbeiten, die unter der Verkürzung der Arbeitszeit zu leiden hat.«

»Möchtest du nicht noch etwas Brühe?«, fragte ihn die Frau jetzt.

»Nein, vielen Dank. Hat großartig geschmeckt.«

»Nur ein bisschen.«

»Ich möchte einen Whisky-Soda.«

»Das tut dir nicht gut.«

»Richtig. Das ist schlecht für mich. Text und Musik von Cole Porter. Zu wissen, dass du verrückt nach mir bist.«

»Du weißt, ich gönne dir immer einen Drink.«

»O ja. Nur dass es nicht gut für mich ist.«

Wenn sie geht, dachte er, bekomme ich alles, was ich will. Nicht alles, was ich will, aber alles, was da ist. Wie müde er war. Zu müde. Er würde ein wenig schlafen. Er lag still und vom Tod keine Spur. Anscheinend hatte er einen anderen Weg eingeschlagen. Er bewegte sich paarweise, auf Fahrrädern, und vollkommen geräuschlos übers Pflaster.

Nein, er hatte nie über Paris geschrieben. Nicht über das Paris, an dem ihm etwas lag. Aber was war mit all dem anderen, worüber er nie geschrieben hatte?

Zum Beispiel die Ranch und das Silbergrau des Wüstensalbeis, das flinke klare Wasser in den Bewässerungsgräben und das saftige Grün der Luzerne. Der Pfad führte in die Hügel hinauf, und im Sommer war das Vieh scheu wie Rehe. Das Brüllen und der stetige Lärm und die langsam dahinziehenden Massen, der Staub, den sie aufwirbelten, wenn sie im Herbst hinuntergetrieben wurden. Und jenseits der Berge die scharfe Kontur des Gipfels im Abendlicht, und der Pfad, den man hinunterritt, hell im Mondlicht quer durch das Tal. Jetzt erinnerte er sich, wie er im Dunkeln durch den Wald hinabgegangen war und sich am Schwanz des Pferdes festgehalten hatte, weil man nichts sehen konnte, und an all die Geschichten, die er hatte schreiben wollen.

Über den schwachsinnigen jungen Stallburschen, den sie einmal allein auf der Ranch ließen, nachdem sie ihm aufgetragen hatten, niemanden an das Heu zu lassen, und diesen alten Schweinehund von den Forks, der den Jungen, als er noch für ihn gearbeitet hatte, immer geprügelt hatte und der dann anftauchte, um Futter zu holen. Der Junge schlug es ihm aus, und der alte Mann drohte ihm wieder Prügel an. Der Junge holte das Gewehr aus der Küche und schoss ihn nieder, als er in die Scheune eindringen wollte, und als sie zur Ranch zurückkamen, lag er seit einer Woche tot und steifgefroren im Pferch und teilweise von den Hunden angefressen. Aber was noch übrig war, hast du, in eine Decke gewickelt, auf einen Schlitten gepackt und festgebunden, und du hast den Jungen um Hilfe beim Ziehen gebeten, und dann habt ihr zwei ihn auf Skiern sechzig Meilen weit in die nächste Stadt gezogen, wo du den Jungen dem Sheriff übergeben hast. Er hatte keine Ahnung, dass man ihn festnehmen würde. Er glaubte, er habe nur seine Pflicht erfüllt, und du seist sein Freund, und er bekomme eine Belohnung. Er hatte geholfen, den alten Mann in die Stadt zu bringen, damit jeder erführe, wie böse der alte Mann gewesen war und dass er versucht hatte, Futter zu stehlen, das ihm nicht gehörte, und als der Sheriff dem jungen Handschellen anlegte, konnte er es nicht fassen. Dann brach er in Tränen aus. Das war eine Geschichte, die zu schreiben er sich aufgespart hatte. Er hatte mindestens zwanzig gute Geschichten von da draußen, und nicht eine davon hatte er geschrieben. Warum?

»Sag du ihnen, warum«, sagte er.

»Warum was, Liebster?«

»Schon gut.«

Sie trank jetzt nicht mehr so viel, seit sie ihn hatte. Aber falls er überleben sollte, würde er nicht über sie schreiben, das wusste er jetzt. Über keine von ihnen. Die Reichen waren geistlos und tranken zu viel, oder sie spielten zu viel Backgammon. Sie waren geistlos, und sie wiederholten sich ständig. Er erinnerte sich an den armen Julian und seine romantische Ehrfurcht vor ihnen und wie der einmal eine Geschichte angefangen hatte mit dem Satz: »Die Schwerreichen sind anders als du und ich.« Und wie jemand zu Julian gesagt hatte: Ja, sie haben mehr Geld. Aber darüber konnte Julian nicht lachen. Er hielt sie für eine besondere grandiose Rasse, und als er dahinterkam, dass sie das nicht waren, entmutigte ihn dies genauso wie alles andere, was ihn sonst auch entmutigte.

Er hatte alle verachtet, die sich entmutigen ließen. Es muss dir nicht gefallen, nur weil du es durchschaut hast. Er konnte alles besiegen, dachte er, weil nichts ihn verletzen konnte, wenn er ihm keine Beachtung schenkte.

Also gut. Jetzt würde er dem Tod keine Beachtung schenken. Was er immer gefürchtet hatte, waren die Schmerzen. Er konnte Schmerzen aushalten wie jeder, bis sie zu lange anhielten und ihn zermürbten, aber hier hatte er es mit einem Schmerz zu tun, der entsetzlich weh getan hatte und gerade, als er daran zu zerbrechen glaubte, verebbt war.

Er erinnerte sich an den Vorfall vor langer Zeit, als Williamson, der Artillerieoffizier, von einer Handgranate getroffen wurde, die jemand aus einem deutschen Spähtrupp geworfen hatte, als er in jener Nacht durch den Stacheldraht zwrückkam und kreischend alle angefleht hatte, ihn zu töten. Er war ein dicker Mann, sehr mutig und ein guter Soldat, neigte jedoch zu phantastischen Auftritten. Aber in jener Nacht hing er im Stacheldraht, im Licht eines Leuchtgeschosses, und seine Eingeweide hatten sich im Drahtverhau verfangen, sodass sie ihn erst einmal losschneiden mussten, bevor sie ihn lebend reinbringen konnten. Erschieß mich, Harry. Um Gottes willen, erschieß mich. Einmal hatten sie über den Satz debattiert, unser Herrgott teile einem niemals etwas zu, was man nicht ertragen könne, und jemand hatte die Ansicht vertreten, dies bedeute, dass der Schmerz einen zu einem bestimmten Zeitpunkt automatisch das Bewusstsein verlieren lasse. Aber er hatte immer an Williamson denken müssen, an jene Nacht. Nichts hatte Willinmson das Bewusstsein verlieren lassen, bis er ihm alle seine Morphiumtabletten gegeben hatte, die er eigentlich für sich selbst anfgespart hatte, und selbst deren Wirkung war erst mit Verzögerung eingetreten.

Aber was er jetzt hatte, war gar nichts dagegen; und falls es nicht schlimmer wurde, brauchte er sich keine Sorgen zu machen. Nur dass er lieber in besserer Gesellschaft gewesen ware.

Er dachte ein wenig über die Gesellschaft nach, die er jetzt gern gehabt hätte.

Nein, dachte er, wenn du alles, was du tust, zu lang verschleppst und zu spät anfängst, kannst du nicht erwarten, dass die Leute noch da sind. Die Leute sind alle weg. Die Party ist vorbei, und jetzt bist du mit der Gastgeberin allein.

Das Sterben beginnt mich ebenso zu langweilen wie alles andere, dachte er.

»Ist das langweilig«, sagte er laut.

»Was denn, Liebster?«

»Alles, was man verdammt noch mal zu lange macht.«

Er betrachtete ihr Gesicht zwischen sich und dem Feuer. Sie saß im Stuhl zurückgelehnt, der Feuerschein beleuchtete ihr schön geschnittenes Gesicht, und er sah, dass sie müde war. Er hörte die Hyäne gerade außerhalb des Lichtkreises winseln.

»Ich habe geschrieben«, sagte er. »Bin’s aber satt geworden.«

»Meinst du, du wirst schlafen können?«

»Ganz bestimmt. Geh doch schon vor.«

»Ich sitze gern hier bei dir.«

»Fühlst du dich irgendwie seltsam?«, fragte er.

»Nein. Nur etwas müde.«

»Ich schon«, sagte er.

Er hatte wieder einmal den Tod vorbeihuschen gespürt.

»Das Einzige, was ich nie verloren habe, ist Neugier«, sagte er.

»Du hast überhaupt nichts verloren. Du bist der vollständigste Mann, den ich kenne.«

»Gott«, sagte er. »Wie wenig eine Frau weiß. Was ist das? Deine Intuition?«

Denn in dem Augenblick hatte der Tod seinen Kopf aufs Fußende des Feldbetts gelegt, und er konnte seinen Atem riechen.

»Glaub niemals diese Geschichten von wegen Sense und Schädel«, sagte er. »Genauso gut können es zwei Fahrradpolizisten sein oder ein Vogel. Oder er hat eine breite Schnauze wie eine Hyäne.«

Er war ihm jetzt ganz nahe, aber gestaltlos. Nur etwas, das Raum einnahm.

»Sag ihm, er soll gehen.«

Er ging nicht, sondern rückte noch näher.

»Dein Atem stinkt fürchterlich«, sagte er zu ihm. »Du dreckiges Schwein.«

Er rückte ihm noch näher, und jetzt konnte er nicht zu ihm sprechen, und als der Tod sah, dass er nicht sprechen konnte, rückte er noch ein wenig näher, und er versuchte, ihn ohne Worte fortzuschicken, aber jetzt war er so nah herangerückt, dass er mit seinem ganzen Gewicht auf seiner Brust lag, und während der Tod auf ihm kauerte und er sich nicht bewegen oder sprechen konnte, hörte er die Frau sagen: »Bwana schläft. Hebt das Feldbett ganz vorsichtig hoch und tragt ihn ins Zelt.«

Er konnte nicht sprechen und ihr sagen, sie solle ihn fortschicken, und er hockte jetzt so schwer auf ihm, dass er keine Luft mehr bekam. Und als sie das Feldbett anhoben, war plötzlich alles gut, und das Gewicht fiel ab von seiner Brust.

Es war Morgen und schon seit einiger Zeit Morgen, und er hörte das Flugzeug. Es tauchte ganz winzig auf und beschrieb einen weiten Kreis, und die Boys liefen los und entzündeten die Feuer mit Kerosin und häuften Gras darüber, sodass an den beiden Enden der geebneten Fläche zwei fette Rauchsäulen aufstiegen, die der Morgenwind auf das Camp zuwehte, und das Flugzeug flog noch zwei Kreise, tiefer diesmal, und glitt dann hinab und landete sanft, und dann kam in Tweedjacke, langer Hose und braunem Filzhut der alte Compton auf ihn zu.

»Was gibt’s denn, alter Freund?«, sagte Compton.

»Bein kaputt«, antwortete er. »Möchtest du frühstücken?«

»Danke. Nur etwas Tee. Ich bin mit der Puss Moth gekommen. Da kann ich die Memsahib nicht mitnehmen. Ist nur Platz für einen. Euer Lastwagen ist schon auf dem Weg.«

Helen hatte Compton beiseitegenommen und sprach mit ihm. Compton kam noch besser gelaunt zurück.

»Wir laden dich gleich rein«, sagte er. »Nachher hole ich die Mem. Nur muss ich dann leider in Arusha zwischenlanden, um nachzutanken. Wir sollten los.«

»Und der Tee?«

»Muss nicht unbedingt sein.«

Die Boys hatten das Feldbett hochgehoben und trugen es um die grünen Zelte herum und an den Felsen entlang auf die Ebene hinunter und an den jetzt, nachdem alles Gras verbrannt war und der Wind sie anfachte, hell emporlodernden Signalfeuern vorbei zu dem kleinen Flugzeug. Es war schwierig, ihn hineinzubekommen, aber als er dann drin war, sank er hinten in den Ledersitz und legte das Bein steif ausgestreckt neben Comptons Sitz. Compton warf den Motor an und stieg ein. Er winkte Helen und den Boys, und als das Knattern in das vertraute alte Brausen überging, wendeten sie, wobei Compie auf die Warzenschweinlöcher achtete, und brausten dann holpernd die Strecke zwischen den Feuern hinunter und hoben mit dem letzten Holpern ab, und er sah sie alle da unten stehen und winken, und das Camp neben dem Hügel flach werden und die Ebene sich weiten, Baumgruppen und den Busch schrumpfen, und die Wildpfade den trockenen Wasserlöchern zustreben und dann ein neues Wasser, von dem er noch gar nicht gewusst hatte. Zebras, jetzt kleine runde Rücken, und Gnus, großköpfige Punkte, die aufwärtszusteigen schienen, als sie in langen Linien über die Ebene liefen, und sich zerstreuten, als der Schatten des Flugzeugs auf sie zukam, wie klein sie jetzt waren, und in ihrer Bewegung war kein Galopp, und die Ebene, graugelb, so weit, wie man sehen konnte, und vor ihm Compies Tweedrücken und der braune Filzhut. Dann waren sie über den ersten Hügeln, und die Gnus zogen darüber hinweg, und dann waren sie über Bergen mit jähen Senken und grünen Wäldern und üppigen Bambushängen, und dann kam wieder dichter Wald, in Gipfel und Senken gemeißelt, bis sie darüber hinweg waren und über sanft abfallende Hügel flogen, und dann wieder eine Ebene, heiß und braunviolett und wellig vor Hitze, und Compie drehte sich um und sah nach, wie es ihm ging. Dann tauchten vorne andere dunkle Berge auf.

Und statt nach Arusha zu fliegen, bogen sie nach links, offenbar nahm er an, dass der Treibstoff reichte, und als er nach unten blickte, sah er eine rosa rieselnde Wolke in der Luft über den Boden treiben wie ersten Schnee vor einem Blizzard, der aus dem Nichts kommt, und er wusste, das waren Heuschrecken, die von Süden heranzogen. Dann stiegen sie höher und wandten sich nach Osten, wie es schien, und dann wurde es dunkel, und sie waren in einem Gewitter, der Regen so dicht, dass es schien, als flögen sie durch einen Wasserfall, und dann kamen sie heraus, und Compie drehte sich um und zeigte grinsend nach vorn, und er sah, weit wie die ganze Welt, riesenhaft und hoch und unglaublich weiß in der Sonne, den breiten Gipfel des Kilimandscharo. Und dann wusste er, das war der Ort, an den er ging.

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In dem Augenblick hörte die Hyäne in der Nacht zu winseln auf und begann seltsame, menschliche Töne auszustoßen, beinahe ein Weinen. Die Frau hörte es und bewegte sich unruhig. Sie erwachte nicht. Im Traum war sie in dem Haus auf Long Island, und es war der Abend vor dem Debüt ihrer Tochter. Irgendwie war ihr Vater da und hatte sich sehr ungehobelt aufgeführt. Dann wurde die Hyäne so laut, dass sie aufwachte und anfangs nicht wusste, wo sie war, und es mit der Angst zu tun bekam. Dann nahm sie die Taschenlampe und richtete sie auf das andere Feldbett, das sie hineingetragen hatten, nachdem Harry eingeschlafen war. Sie sah seinen Körper unter dem Moskitonetz, aber irgendwie hatte er das Bein herausgestreckt, sodass es neben dem Feldbett hing. Die Verbände hatten sich alle gelöst, und sie konnte den Anblick nicht ertragen.

»Molo«, rief sie. »Molo! Molo!«

Dann sagte sie: »Harry, Harry!« Dann hob sie die Stimme: »Harry! Bitte. Oh, Harry!«

Es kam keine Antwort, und sie konnte ihn nicht atmen hören.

Draußen vor dem Zelt stieß die Hyäne immer noch dieselben seltsamen Laute aus, die sie geweckt hatten.

Aber die hörte sie nicht, so laut schlug ihr Herz.

Teil II

Ein sauberes, gut beleuchtetes Cafe

Es war spät, und alle hatten das Café verlassen, bis auf einen alten Mann, der in dem Schatten saß, den das Laub des Raums unter der elektrischen Beleuchtung warf. Tagsüber war die Straße staubig, abends jedoch schlug der Tau den Staub nieder, und der alte Mann saß gern so spät noch da, weil er taub war und es zu dieser Stunde ruhig war und er den Unterschied spürte. Die zwei Kellner drinnen im Café wussten, dass der alte Mann ein bisschen betrunken war, und mochte er auch ein guter Kunde sein, so wussten sie doch, dass er, wenn er zu betrunken wurde, sich ohne zu bezahlen davonmachen würde, weshalb sie ihn im Auge behielten.

»Vorige Woche hat er versucht, sich umzubringen«, sagte ein Kellner.

»Warum?«

»Er war verzweifelt.«

»Worüber?«

»Nichts.«

»Nichts? Wie kannst du das wissen?«

»Er hat jede Menge Geld.«

Sie saßen an einem Tisch an der Wand neben der Eingangstür und sahen auf die Terrasse des Cafés hinaus, wo alle Tische unbesetzt waren, bis auf den, an dem der alte Mann im Schatten des Baumes saß, dessen Blätter sich leise im Wind bewegten. Auf der Straße gingen ein Mädchen und ein Soldat vorbei. Das Laternenlicht glänzte auf der Messingnummer an seinem Kragen. Das Mädchen trug keine Kopfbedeckung und trippelte neben ihm her.

»Die Wache wird ihn hochnehmen«, sagte ein Kellner. »Wen kümmert’s, Hauptsache, er kriegt, was er will.«

»Er sollte sich von der Straße machen. Sonst erwischt ihn die Wache. Die sind vor fünf Minuten vorbeigekommen.«

Der alte Mann im Schatten klapperte mit seinem Glas auf dem Unterteller. Der jüngere Kellner ging zu ihm.

»Was darf’s sein?«

Der alte Mann sah ihn an. »Noch einen Brandy«, sagte er.

»Sie werden sich betrinken«, sagte der Kellner. Der alte Mann sah ihn an. Der Kellner ging.

»Der bleibt die ganze Nacht«, sagte er zu seinem Kollegen. »Ich bin müde. Nie komme ich vor drei ins Bett. Er hätte sich letzte Woche umbringen sollen.«

Der Kellner nahm die Brandyflasche und einen weiteren Unterteller vorn Tresen im Café und marschierte zum Tisch des alten Mannes hinaus. Er stellte den Unterteller hin und schenkte ihm Brandy nach.

»Sie hätten sich vorige Woche umbringen sollen«, sagte er zu dem Tauben. Der alte Mann zeigte mit dem Finger. »Etwas mehr«, sagte er. Der Kellner goss nach, sodass der Brandy überschwappte und am Stiel des Glases hinunter in den obersten Unterteller des Stapels lief. »Danke«, sagte der alte Mann. Der Kellner ging mit der Flasche ins Café zurück. Er setzte sich wieder zu seinem Kollegen.

»Jetzt ist er betrunken«, sagte er.

»Er ist jeden Abend betrunken.«

»Weswegen hat er sich umbringen wollen?«

»Woher soll ich das wissen.«

»Wie hat er es gemacht?«

»Hat sich an einem Strick aufgehängt.«

»Wer hat ihn abgeschnitten?«

»Seine Nichte.«

»Warum hat man das getan?«

»Aus Angst um seine Seele.«

»Wie viel Geld hat er denn?«

»Jede Menge.«

»Er ist bestimmt schon achtzig.«

»Eher noch drüber.«

»Ich finde, er soll endlich gehen. Nie komme ich vor drei ins Bett. Das ist doch keine Zeit zum Schlafengehen.«

»Er bleibt auf, weil es ihm Spaß macht.«

»Er ist einsam. Ich bin nicht einsam. Ich habe eine Frau, die im Bett auf mich wartet.«

»Er hatte auch mal eine Frau.«

»Eine Frau würde ihm jetzt nichts nützen.«

»Das kann man nie wissen. Mit einer Frau würde es ihm vielleicht besser gehen.«

»Seine Nichte kümmert sich um ihn. Du hast gesagt, sie hat ihn abgeschnitten.«

»Ich weiß.«

»Ich möchte nicht so alt werden. Alte Männer sind widerlich.«

»Nicht immer. Der hier ist sauber. Er trinkt, ohne zu kleckern. Sogar jetzt, betrunken. Sieh ihn dir an.«

»Ich will ihn nicht ansehen. Wenn er nur endlich gehen würde. Er denkt kein bisschen an die Leute, die arbeiten müssen.«

Der alte Mann sah von seinem Glas auf und über den Platz, dann zu den Kellnern hinüber.

»Noch einen Brandy«, sagte er und zeigte auf sein Glas. Der Kellner, der es eilig hatte, ging zu ihm.

»Ende«, sagte er, ohne sich um die Syntax zu scheren, wie es dumme Leute tun, wenn sie mit Betrunkenen oder Ausländern reden. »Schluss für heute. Machen zu.«

»Noch einen«, sagte der alte Mann.

»Nein. Ende.« Der Kellner fuhr mit einem Tuch über die Tischkante und schüttelte den Kopf.

Der alte Mann stand auf, zählte bedächtig die Unterteller, zog einen ledernen Geldbeutel aus seiner Tasche, bezahlte und legte eine halbe Pesete Trinkgeld dazu.

Der Kellner sah ihm nach, wie er sich die Straße hinunter entfernte, ein sehr alter Mann mit unsicherem, aber doch würdevollem Gang.

»Warum hast du ihn nicht bleiben und noch etwas trinken lassen?«, fragte der Kellner, der es nicht eilig hatte. Sie machten den Laden zu. »Es ist noch nicht mal halb drei.«

»Ich will nach Hause ins Bett.«

»Was macht eine Stunde schon aus?«

»Für mich mehr als für ihn.«

»Eine Stunde ist eine Stunde.«

»Du redest selbst wie ein alter Mann. Er kann sich eine Flasche kaufen und zu Hause weitertrinken.«

»Das ist nicht dasselbe.«

»Nein, ist es nicht«, räumte der Kellner ein, der eine Frau hatte. Er wollte nicht ungerecht sein. Er hatte es nur eilig.

»Und du? Hast du keine Angst, vor der üblichen Zeit nach Hause zu kommen?«

»Willst du mich beleidigen?«

»Nein, hombre, sollte ein Scherz sein.«

»Nein«, sagte der Kellner, der es eilig hatte, und richtete sich auf, nachdem er die eisernen Rollläden heruntergelassen hatte. »Ich habe Vertrauen. Vollstes Vertrauen.«

»Du hast deine Jugend, du hast Vertrauen und Arbeit«, sagte der ältere Kellner. »Du hast alles.«

»Und was fehlt dir?«

»Alles außer Arbeit.«

»Du hast doch alles, was ich habe.«

»Nein. Ich hatte niemals Vertrauen, und ich bin nicht jung.«

»Hör schon auf. Red keinen Unsinn und schließ ab.«

»Ich bin einer von denen, die nachts gern lange im Café bleiben«, sagte der ältere Kellner. »Bei all denen, die nicht ins Bett wollen. Bei all denen, die nachts ein Licht brauchen.«

»Ich will nach Hause, ins Bett.«

»Wir zwei sind verschieden«, sagte der ältere Kellner. Er war jetzt für den Heimweg angezogen. »Das ist nicht nur eine Frage der Jugend und des Vertrauens, auch wenn das sehr schöne Dinge sind. Ich mache jeden Abend nur sehr ungern zu, weil doch noch jemand kommen könnte, der das Café nötig hat.«

»Hombre, es gibt bodegas, die die ganze Nacht geöffnet haben.«

»Du verstehst das nicht. Das hier ist ein sauberes und freundliches Café. Und gut beleuchtet. Das Licht ist sehr gut, und dazu gibt es auch noch den Schatten unter dem Baum.«

»Gute Nacht«, sagte der jüngere Kellner.

»Gute Nacht«, sagte der andere. Während er das elektrische Licht ausmachte, setzte er das Gespräch mit sich selbst fort. Vor allem ist es natürlich das Licht, wichtig ist aber, dass ein Lokal sauber und freundlich ist. Musik will keiner. Musik braucht man nicht. Man kann auch nicht mit Würde an einer Theke stehen, obwohl das alles ist, was man zu dieser Stunde noch haben kann. Was fürchtete er? Es war weder Furcht noch Angst. Es war ein Nichts, das er nur zu gut kannte. Es war alles ein Nichts, auch ein Mann war ein Nichts. Es war nur das, und mehr als Licht und eine gewisse Sauberkeit und Ordnung waren nicht nötig. Manche lebten darin und merkten es gar nicht, aber er wusste, alles war nadaz y pues nada y nada y pues nada. Nada unser, der du bist im nada, nada sei dein Name, dein Reich nada, dein Wille nada, wie im nada so auf nada. Unser täglich nada gib uns nada und nada; uns unsere nada, wie auch wir nada unseren nadas. Nada uns nicht in nada, sondern erlöse uns von dem nada; pues nada. Gegrüßet seist du, Nichts, voll des Nichts, das Nichts ist mit dir. Er stand grinsend an einer Theke mit einer glänzenden Espressomaschine.

»Was darf’s sein«, fragte der Barmann.

»Nada.«

»Otro loco más«, sagte der Barmann und wandte sich ab.

»Eine kleine Tasse«, sagte der Kellner.

Der Barmann machte ihm eine.

»Das Licht ist schön hell und freundlich, aber die Theke ist nicht abgewischt«, sagte der Kellner.

Der Barmann sah ihn an, antwortete aber nicht. Es war zu spät am Abend für ein Gespräch.

»Möchten Sie noch eine copita?«, fragte der Barmann.

»Nein, danke«, sagte der Kellner und ging. Er mochte Kneipen und bodegas nicht. Ein sauberes, gut beleuchtetes Café war doch etwas ganz anderes. Jetzt würde er, ohne weiter nachzudenken, nach Hause in sein Zimmer gehen. Er würde sich ins Bett legen, und wenn der Tag anbrach, würde er endlich einschlafen. Schließlich, sagte er sich, ist es wahrscheinlich nur Schlaflosigkeit. Das haben bestimmt viele.

Teil III

Ein Tag Warten

Wir lagen noch im Bett, als er ins Zimmer kam, um die Fenster zu schließen, und ich fand, er sah krank aus. Er zitterte, er war ganz bleich und ging so langsam, als bereite ihm jede Bewegung Schmerzen.

»Was hast du, Schatz?«

»Kopfschmerzen.«

»Dann leg dich wieder hin.«

»Nein. Schon gut.«

»Leg dich hin. Ich seh nach dir, wenn ich mich angezogen habe.«

Aber als ich nach unten kam, saß er angezogen am Kamin und schien sehr krank und elend für einen Jungen von neun Jahren. Ich legte ihm eine Hand an die Stirn und merkte, dass er Fieber hatte.

»Leg dich ins Bett«, sagte ich, »du bist krank.«

»Mir geht’s gut«, sagte er.

Der Arzt kam und maß seine Temperatur.

»Wie viel?«, fragte ich.

»Hundertzwei.«

Unten gab uns der Arzt drei verschiedene Arzneien in verschiedenfarbigen Kapseln und erklärte, wie sie zu nehmen waren. Eine sollte das Fieber senken, eine wirkte abführend, die dritte war gegen Übersäuerung. Die Grippeerreger können nur in einem übersäuerten Körper existieren, erklärte er. Er schien alles über Grippe zu wissen und sagte, man brauche sich keine Sorgen zu machen, solange das Fieber nicht über hundertvier steige.

Zurzeit gehe eine leichte Grippewelle um, und solange man keine Lungenentzündung bekomme, bestehe keinerlei Gefahr.

Wieder im Zimmer, notierte ich die Temperatur des Jungen und die Zeiten, zu denen er die verschiedenen Kapseln nehmen sollte.

»Soll ich dir etwas vorlesen?«

»Na schön. Wenn du willst«, sagte der Junge. Er war sehr bleich und hatte dunkle Ringe unter den Augen. Er lag reglos im Bett und schien sehr weit weg von allem, was um ihn herum vorging.

Ich las ihm aus Howard Pyles Piratenbuch vor; aber ich merkte, dass er mir nicht richtig zuhörte.

»Wie geht’s dir, Schatz?«, fragte ich.

»Immer noch so wie eben«, sagte er.

Ich saß am Fußende des Bettes und las für mich weiter ter, während ich wartete, bis es Zeit war, ihm die nächste Kapsel zu geben. Eigentlich hätte er einschlafen müssen, doch als ich aufblickte, starrte er ans Fußende des Betts . und sah mich mit einem ganz seltsamen Ausdruck an.

»Versuch doch zu schlafen. Ich weck dich, wenn du die Medizin nehmen musst.«

»Ich möchte lieber wach bleiben.«

Nach einer Weile sagte er: »Du brauchst nicht hier bei mir zu bleiben, Papa, wenn es dir lästig ist.«

»Es ist mir nicht lästig.«

»Nein, ich meine, du brauchst nicht zu bleiben, wenn es dir lästig wird.«

Ich dachte, er phantasiere vielleicht ein bisschen, und nachdem ich ihm um elf die verschriebenen Kapseln gegeben hatte, ging ich für eine Weile hinaus.

Es war ein klarer, kalter Tag, der Boden mit Graupeln bedeckt, die gefroren waren, sodass es schien, als seien all die kahlen Bäume, die Büsche, die Reisighaufen, das Gras und die nackte Erde mit einer Eisschicht überzogen. Ich nahm den jungen Irish Setter auf einen kleinen Spaziergang mit, die Straße hinauf und an einem zugefrorenen Bach entlang, aber auf dem spiegelglatten Boden konnte man kaum stehen oder gehen, und der rötlich braune Hund geriet dauernd in Rutschen, und ich fiel zweimal böse hin, wobei mir einmal das Gewehr aus der Hand fiel und über das Eis davonschlitterte.

Wir scheuchten einen Schwarm Wachteln unter einer hohen Böschung mit überhängendem Buschwerk auf, und ich schoss zwei von ihnen, kurz bevor sie hinter der Böschung wieder außer Sicht gerieten. Andere ließen sich in Bäumen nieder, aber die meisten flüchteten in Reisighaufen, und um sie dort hinauszutreiben, musste man mehrmals auf den mit Eis bezogenen Stapeln aus Zweigen und Ästen herumspringen. Und wenn sie dann herauskamen, während man auf diesem glatten, federnden Gesträuch balancierte, war das Schießen sehr schwierig, und ich erwischte zwei und verfehlte fünf und machte mich auf den Rückweg, erfreut, so nah beim Haus einen Schwarm entdeckt zu haben, und froh, dass noch so viele übrig waren, die ich mir an einem anderen Tag vornehmen konnte.

Im Haus sagte man, der Junge habe niemanden zu sich ins Zimmer lassen wollen.

»Ihr dürft nicht hier rein«, sagte er. »Ihr dürft euch nicht anstecken.«

Ich ging hinauf und fand ihn exakt so, wie ich ihn verlassen hatte, bleich, aber mit Fieberflecken auf den Wangen, und er starrte immer noch wie zuvor das Fußende des Bettes an.

Ich maß seine Temperatur.

»Wie viel?«

»Knapp hundert«, sagte ich. Tatsächlich waren es hundertzwei Komma vier.

»Vorhin waren es hundertzwei«, sagte er.

»Wer hat das gesagt?«

»Der Arzt.«

»Deine Temperatur ist in Ordnung«, sagte ich. »Kein Grund zur Sorge.«

»Ich mach mir keine Sorgen«, sagte er, »aber ich mach mir Gedanken.«

»Lass das«, sagte ich. »Reg dich nicht auf.«

»Ich reg mich nicht auf«, sagte er und sah starr vor sich hin. Er nahm sich offensichtlich wegen irgendetwas sehr zusammen.

»Nimm das mit Wasser.«

»Meinst du, es hilft?«

»Aber ja.«

Ich setzte mich, schlug das Piratenbuch auf und begann vorzulesen, merkte aber, dass er nicht zuhörte, und hörte auf.

»Was meinst du, wie lange wird es ungefähr dauern, bis ich sterbe?«, fragte er.

»Was?«

»Wie lange habe ich noch, bis ich sterbe?«

»Du wirst nicht sterben. Was hast du nur?«

»Oh doch, ich sterbe. Er hat hundertzwei gesagt, ich hab’s gehört.«

»An einem Fieber von hundertzwei stirbt man nicht. Das ist dummes Gerede.«

»Doch, ich weiß es. Auf der Schule in Frankreich haben mir die Jungen erzählt, vierundvierzig Grad überlebt man nicht. Und ich hab hundertzwei.«

Er hatte den ganzen Tag auf den Tod gewartet, seit neun Uhr morgens.

»Du armer Schatz«, sagte ich. »Armer Schatz. Das ist wie mit Meilen und Kilometern. Du wirst nicht sterben. Die haben andere Thermometer. Bei denen sind siebenunddreißig normal. Bei unseren sind achtundneunzig normal.«

»Bist du sicher?«

»Absolut«, sagte ich. »Denk an Meilen und Kilometer. Also, zum Beispiel, wie viele Kilometer es sind, wenn wir rnit dem Auto siebzig Meilen fahren.«

»Oh«, sagte er.

Aber sein Blick zum Fußende des Betts entspannte sich langsam. Auch seine starre Selbstbeherrschung schwand allmählich, und am nächsten Tag war sie ganz verschwunden, und er brach bei allen möglichen Kleinigkeiten, die keinerlei Bedeutung hatten, in Tränen aus.

Teil IV

Der Spieler, die Nonne und das Radio

Man brachte sie gegen Mitternacht herein, und dann hörten alle im Flur die ganze Nacht lang den Russen.

»Wo wurde er getroffen?«, fragte Mr. Frazer die Nachtschwester.

»In den Oberschenkel, glaube ich.«

»Und der andere?«

»Ach, der wird wohl sterben, fürchte ich.«

»Wo ist er getroffen?«

»Zweimal in den Bauch. Sie haben nur eine der Kugeln gefunden.«

Die beiden halfen bei der Rübenernte, ein Mexikaner und ein Russe, und sie saßen gerade beim Kaffee in einem die ganze Nacht hindurch geöffneten Restaurant, als jemand zur Tür hereinkam und auf den Mexikaner zu schießen begann. Der Russe kroch unter einen Tisch und bekam am Ende eine verirrte Kugel ab, die auf den mit zwei Kugeln im Bauch am Boden liegenden Mexikaner abgefeuert worden war. So wurde es von der Zeitung berichtet.

Der Mexikaner sagte der Polizei, er habe keine Ahnung, wer auf ihn geschossen habe. Er hielt das für ein Versehen.

»Ein Versehen, dass er acht Schüsse auf Sie abgegeben und Sie zweimal getroffen hat?«

»Si, señor«, sagte der Mexikaner, dessen Name Cayetano Ruiz war.

»Ein Versehen, dass er mich überhaupt getroffen hat, dieser cabrón«, sagte er zu dem Dolmetscher.

»Was sagt er?«, fragte der Polizist und sah den Dolmetscher über das Bett hin an.

»Er sagt, es war ein Versehen.«

»Sagen Sie ihm, er soll die Wahrheit sagen und dass er sterben wird«, sagte der Polizist.

»Nein«, sagte Cayetano. »Aber sagen Sie ihm, ich fühle mich sehr schlecht und würde lieber nicht so viel reden.«

»Er sagt, dass er die Wahrheit sagt«, sagte der Dolmetscher. Dann mit Überzeugung zu dem Polizisten: »Er weiß nicht, wer auf ihn geschossen hat. Man hat ihn in den Rücken geschossen.«

»Ja«, sagte der Polizist. »Das ist mir klar, aber warum sind die Kugeln alle vorne reingegangen?«

»Vielleicht rotiert er ja«, sagte der Dolmetscher.

»Hören Sie«, sagte der Polizist und fuchtelte mit dem Zeigefinger vor Cayetanos Nase herum, die aus seinem wachsgelben Totengesicht ragte, in dem die Augen lebendig wie die eines Falken waren. »Es ist mir völlig egal, wer auf Sie geschossen hat, aber ich muss diesen Fall lösen. Wollen Sie nicht, dass der Mann, der auf Sie geschossen hat, bestraft wird? Sagen Sie ihm das«, sagte er zu dem Dolmetscher.

»Er sagt, Sie sollen sagen, wer auf Sie geschossen hat.«

»Mandarlo al carajo«, sagte Cayetano, der sehr müde war.

»Er sagt, er hat den Kerl überhaupt nicht gesehen«, sagte der Dolmetscher. »Ich sag’s Ihnen, man hat ihn in den Rücken geschossen.«

»Fragen Sie ihn, wer auf den Russen geschossen hat.«

»Der arme Russe«, sagte Cayetano. »Er hat sich auf den Boden geworfen und seinen Kopf mit den Armen geschützt. Fing an zu schreien, als die Schießerei losging, und schreit seither die ganze Zeit. Der arme Russe.«

»Er sagt, das war einer, den er nicht kennt. Vielleicht derselbe, der auf ihn geschossen hat.«

»Hören Sie«, sagte der Polizist. »Wir sind hier nicht in Chicago. Sie sind kein Gangster. Sie brauchen sich nicht wie in einem Film aufzuführen. Sie können ruhig sagen, wer auf Sie geschossen hat. jeder würde sagen, wer auf ihn geschossen hat. Das kann man ruhig machen. Angenommen, Sie sagen nicht, wer das war, und er schießt noch auf andere. Angenommen, er schießt auf eine Frau oder ein Kind. Sie dürfen ihn nicht damit davonkommen lassen. Sagen Sie ihm das«, sagte er zu Mr.Frazer. »Ich traue diesem verdammten Dolmetscher nicht.«

»Ich bin sehr zuverlässig«, sagte der Dolmetscher. Cayetano sah Mr. Frazer an.

»Hören Sie, Amigo«, sagte Mr.Frazer. »Der Polizist sagt, wir sind hier nicht in Chicago, sondern in Hailey, Montana. Sie sind kein Bandit, und das alles hier hat nichts mit Kino zu tun.«

»Ich glaube ihm«, sagte Cayetano leise. »Ya lo creo.«

»Man darf seinen Angreifer guten Gewissens anzeigen. Alle tun das hier, sagt er. Er sagt, was wäre wohl, wenn der Mann, nachdem er auf Sie geschossen hat, auf Frauen oder Kinder schießt?«

»Ich bin nicht verheiratet«, sagte Cayetano.

»Er sagt, irgendwelche Frauen oder Kinder.«

»Der Mann ist doch nicht verrückt«, sagte Cayetano.

»Er sagt, Sie sollen ihn anzeigen«, schloss Mr. Frazer.

»Danke«, sagte Cayetano. »Sie sind einer von den guten Dolmetschern. Ich spreche Englisch, aber nicht gut. Aber ich versteh’s einigermaßen. Wie haben Sie sich das Bein gebrochen?«

»Vom Pferd gefallen.«

»So ein Pech. Tut mir sehr leid für Sie. Ist es sehr schmerzhaft?«

»Nicht mehr. Am Anfang sehr.«

»Hören Sie, Amigo«, fing Cayetano an. »Ich bin sehr schwach. Also verzeihen Sie mir. Außerdem habe ich starke Schmerzen; mehr als genug Schmerzen. Es ist sehr gut möglich, dass ich sterbe. Bitte bringen Sie diesen Polizisten weg, ich bin schrecklich müde.« Er schien sich auf die Seite drehen zu wollen, rührte sich dann aber doch nicht.

»Ich habe ihm alles genau so gesagt, wie Sie es gesagt haben, und er lässt Ihnen sagen, dass er wirklich nicht weiß, wer auf ihn geschossen hat, und dass er sehr schwach ist und Sie bittet, die Befragung später fortzusetzen«, sagte Mr. Frazer.

»Später ist er wahrscheinlich tot.«

»Das ist gut möglich.«

»Deswegen möchte ich ihn jetzt befragen.«

»Jemand hat ihn in den Rücken geschossen, ich sag’s Ihnen«, sagte der Dolmetscher.

»Ach, Herrgott noch mal«, sagte der Polizist und schob sein Notizbuch in die Tasche.

Draußen auf dem Flur stand der Polizist mit dem Dolmetscher neben Mr. Frazers Rollstuhl.

»Ich nehme an, Sie denken ebenfalls, jemand hat ihn in den Rücken geschossen?«

»Ja«, sagte Frazer. »Jemand hat ihn in den Rücken geschossen. Was ist Ihnen daran so wichtig?«

»Schnappen Sie nicht gleich ein«, sagte der Polizist. »Wenn ich bloß Spanisch könnte.«

»Lernen Sie’s doch.«

»Sie brauchen nicht einzuschnappen. Meinen Sie, es macht mir Spaß, diesem Mexikaner Fragen zu stellen? Wenn ich Spanisch könnte, wäre alles anders.«

»Sie brauchen nicht Spanisch zu sprechen«, sagte der Dolmetscher. »Ich bin ein sehr zuverlässiger Dolmetscher.«

»Ach, Herrgott«, sagte der Polizist. »Also, bis später. Ich komme Sie dann abholen.«

»Danke. Ich bin immer da.«

»Sie werden schon wieder. So ein Pech. Riesenpech.«

»Seit er das Bein geschient hat, geht es gut voran.«

»Ja, aber es dauert lange. Sehr, sehr lange.«

»Lassen Sie sich von keinem in den Rücken schießen.«

»So ist’s recht«, sagte er. »So ist’s recht. Na, freut mich, dass Sie nicht eingeschnappt sind.«

»Bis später«, sagte Mr. Frazer.

Mr. Frazer sah Cayetano lange Zeit nicht wieder, erfuhr aber jeden Morgen von Schwester Cecilia, wie es ihm ging. Er sei so tapfer, sagte sie, dabei gehe es ihm sehr schlecht. Er habe eine Bauchfellentzündung, und man glaube nicht, dass er das überleben werde. Der arme Cayetano, sagte sie. Er habe so schöne Hände und so ein feines Gesicht, und er beklage sich nie. Der Gestank sei jetzt wirklich furchtbar. Er zeige mit einem Finger auf seine Nase und schüttle grinsend den Kopf, sagte sie. Der Gestank mache ihm zu schaffen. Der sei ihm peinlich, sagte Schwester Cecilia. Oh, was für ein feiner Patient. Er lächle immerzu. Die Beichte wolle er nicht ablegen, aber er habe versprochen, seine Gebete aufzusagen, und kein einziger Mexikaner habe ihn besucht, seit er eingeliefert worden sei. Der Russe werde Ende der Woche entlassen. Mit dem Russen konnte ich nicht viel anfangen, sagte Schwester Cecilia. Armer Kerl, hat auch viel gelitten. Es war eine geölte Kugel und schmutzig, und die Wunde hat sich entzündet, aber er machte ein solches Geschrei, und ich habe sowieso mehr für die Schlimmen übrig. Dieser Cayetano, das ist ein Schlimmer. Oh, der muss ein ganz Schlimmer sein, ein durch und durch Schlimmer, er ist so fein und Zierlich gebaut und hat niemals mit den Händen gearbeitet. Der ist kein Rübenhacker. Ich weiß, dass er kein Rübenhacker ist. Er hat ganz glatte Hände und überhaupt keine Schwielen dran. Der muss ein ganz Schlimmer sein. Ich gehe jetzt nach unten und bete für ihn. Der arme Cayetano, es geht ihm entsetzlich schlecht, und er gibt keinen Laut von sich. Wieso hat man auf ihn geschossen? Ach, der arme Cayetano! Ich gehe gleich nach unten und bete für ihn.

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Sie ging gleich nach unten und betete für ihn. Radios funktionierten in diesem Krankenhaus erst richtig, wenn es Abend wurde. Angeblich kam das daher, dass so viel Erz im Erdboden war, oder hatte irgendwie mit den Bergen zu tun, auf alle Fälle funktionierten sie erst, wenn es draußen dunkel wurde; aber nachts funktionierten sie immer prächtig, und wenn ein Sender aufhörte, konnte man sich einen anderen weiter westlich suchen. Der letzte, den man empfangen konnte, war Seattle, Washington, und aufgrund des Zeitunterschieds war es, wenn dort um vier Sendeschluss war, im Krankenhaus fünf Uhr morgens; und um sechs bekam man die Morgenmusikanten aus Minneapolis. Auch das lag am Zeitunterschied, und Mr. Frazer pflegte sich auszumalen, wie die Morgenmusikanten im Studio eintrafen und wie es wohl aussah, wenn sie vor Tagesanbruch mit ihren Instrumenten aus der Straßenbahn stiegen. Vielleicht stimmte das gar nicht, und sie bewahrten ihre Instrumente in dem Studio auf, wo sie spielten, aber er stellte sie sich gern mit ihren Instrumenten vor. Er war nie in Minneapolis gewesen und nahm an, er würde wohl auch nie dort hinkommen, aber er wusste, wie es dort am frühen Morgen aussah.

Vom Krankenhausfenster aus sah man eine mit Schnee und Gestrüpp bedeckte Fläche und einen kahlen Lehmhügel. Eines Morgens wollte der Arzt Mr. Frazer zwei Fasane draußen im Schnee zeigen, und als er das Bett ans Fenster zog, kippte die Leselampe von dem eisernen Bettgestell und fiel Mr. Frazer auf den Kopf. Das klingt jetzt nicht so komisch, aber damals war es sehr komisch. Alle schauten aus dem Fenster, und der Arzt, ein ganz hervorragender Arzt, zeigte auf die Fasane und zog das Bett ans Fenster, und plötzlich, wie in einem Comicstreifen, fiel der bleibeschwerte Fuß der Leselampe Mr. Frazer auf den Kopf und schlug ihn k. o. Es wirkte wie das Gegenteil von Gesundwerden oder wozu auch immer man im Krankenhaus ist, und alle fanden es sehr komisch, als einen Spaß auf Kosten Mr. Frazers und des Arztes. In einem Krankenhaus ist alles viel einfacher, auch die Witze.

Vom anderen Fenster aus sah man, wenn das Bett gedreht wurde, die Stadt mit ein wenig Rauch darüber und die Dawson-Berge, die im Winterschnee wie richtige Berge aussahen. Das waren die beiden Aussichten, da der Rollstuhl sich als verfrüht erwiesen hatte. Am besten bleibt man tatsächlich im Bett, solange man Krankenhaus ist; denn zwei Aussichten und Zeit genug, sie von einem Zimmer aus zu beobachten, dessen Temperatur man einstellen kann, sind viel besser als etliche verschiedene, auf wenige Minuten begrenzte Aussichten aus überhitzten leeren Zimmern, die auf jemand anderen warten oder gerade verlassen wurden und in die man im Rollstuhl geschoben wird. Bleibt man lange genug in einem Zimmer, wird die Aussicht von dort, was auch immer man sieht, immer wertvoller und wichtiger, und man möchte nichts mehr daran ändern, nicht einmal den Blickwinkel. Genau wie beim Radio gibt es gewisse Dinge, die einem ans Herz wachsen und auf die man sich freut, während Neues mit Ablehnung gestraft wird. Die besten Songs in jenem Winter waren »Sing Something Simple«, »Singsong Girl« und »Little White Lies«. Nichts anderes war so befriedigend, fand Mr. Frazer. Auch »Betty Coed« war ein guter Song, aber die Parodie auf den Text, an die Mr. Frazer unweigerlich denken musste, war dermaßen unanständig, dass er mangels Mitmenschen, die sie zu würdigen gewusst hätten, schließlich jedes Mal, wenn der Song lief, zum Football zurückwechselte.

Gegen neun Uhr morgens wurde der Röntgenapparat eingeschaltet, und ab da war das Radio, das inzwischen nur noch Hailey empfing, zu gar nichts mehr zu gebrauchen. Viele Leute in Hailey, die ein Radio besaßen, beschwerten sich über den Röntgenapparat des Krankenhauses, der ihren Morgenempfang ruinierte, aber unternommen wurde nichts, obwohl viele es als Schande bezeichneten, dass das Krankenhaus den Apparat nicht zu einer Zeit betreiben konnte, wo man kein Radio hörte.

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Etwa um die Zeit, wo das Radio ausgemacht werden musste, kam Schwester Cecilia herein.

»Wie geht es Cayetano, Schwester Cecilia?«, fragte Mr. Frazer.

»Ach, sehr schlecht.«

»Phantasiert er?«

»Nein, aber ich fürchte, er stirbt.«

»Und wie geht es Ihnen?«

»Ich mache mir Sorgen um ihn, und wissen Sie eigentlich, dass er überhaupt keinen Besuch bekommt? Diesen Mexikanern ist alles egal, die würden ihn sterben lassen wie einen Hund. Schrecklich ist das.«

»Möchten Sie heute Nachmittag raufkommen und sich das Spiel anhören?«

»O nein«, sagte sie. »Das ist mir zu aufregend. Ich werde in der Kapelle beten.«

»Der Empfang wird wohl ganz gut sein«, sagte Mr. Frazer. »Das Spiel findet an der Westküste statt, und durch den Zeitunterschied ist es spät genug, dass wir es ganz gut hören können.«

»O nein. Das halte ich nicht aus. Die World Series haben mich die letzten Nerven gekostet. Als die Athletics am Schlag waren, habe ich laut gebetet: ›O Herr, schärfe ihren Blick für den Ball! O Herr, lass ihn einen treffen! O Herr, lass ihn sauber treffen!‹ Als sie dann im dritten Spiel die Bases besetzten, wissen Sie noch?, hab ich es nicht mehr ausgehalten. ›O Herr, lass ihn den Ball vom Platz schlagen! O Herr, lass ihn den Ball weit über den Zaun schlagen!‹ Und als dann die Cardinals am Schlag waren, wurde es ganz fürchterlich. ›O Herr, lass sie den Ball nicht sehen! O Herr, lass sie bitte, bitte den Ball nicht sehen! O Herr, lass sie einen Strike—out machen!‹ Und das Spiel heute ist ja noch schlimmer. Notre Dame. Unsere Liebe Frau. Nein, ich geh in die Kapelle. Für Unsere Liebe Frau. Sie spielen für Unsere Liebe Frau. Ich finde, Sie sollten etwas für Unsere Liebe Frau schreiben. Sie könnten das. Sie wissen, Sie können das, Mr. Frazer.«

»Ich kann nicht über sie schreiben, weil ich nichts von ihr weiß. Das meiste ist doch schon geschrieben«, sagte Mr. Frazer. »Ihnen würde nicht gefallen, wie ich schreibe. Und ihr würde auch nichts daran liegen.«

»Eines Tages schreiben Sie über sie«, sagte die Schwester. »Das weiß ich. Sie müssen über Unsere Liebe Frau schreiben.«

»Kommen Sie lieber und hören sich das Spiel an.«

»Das halte ich nicht aus. Nein, ich gehe in die Kapelle und tue, was ich kann.«

Am Nachmittag hatte das Spiel gerade vor fünf Minuten angefangen, als eine Novizin ins Zimmer kam und sagte: »Schwester Cecilia möchte wissen, wie es steht.«

»Sagen Sie ihr, sie haben schon einen Touchdown.«

Nach einer Weile kam die Novizin wieder ins Zimmer.

»Sagen Sie ihr, sie sind ihnen haushoch überlegen«, sagte Mr. Frazer.

Etwas später läutete er nach der diensthabenden Schwester. »Gehen Sie bitte in die Kapelle oder lassen Sie Schwester Cecilia ausrichten, Notre Dame führt am Ende des ersten Viertels mit vierzehn zu null, alles ist gut. Sie kann aufhören zu beten.«

Minuten später kam Schwester Cecilia ins Zimmer. Sie war ganz aufgeregt. »Was bedeutet vierzehn zu null? Ich habe keine Ahnung von diesem Spiel. Im Baseball ist das eine sichere Führung. Aber von Football habe ich nicht die geringste Ahnung. Am Ende besagt das gar nichts. Ich gehe sofort wieder in die Kapelle und bete, bis es aus ist.«

»Die haben so gut wie gewonnen«, sagte Frazer. »Ganz sicher. Bleiben Sie, hören Sie mit.«

»Nein. Nein. Nein. Nein. Nein. Nein. Nein«, sagte sie. »Ich gehe sofort wieder zum Beten in die Kapelle.«

Wann immer Notre Dame Punkte machte, ließ Mr. Frazer das nach unten ausrichten; und schließlich, da war es schon lange dunkel, das Endresultat.

»Was macht Schwester Cecilia?«

»Sind alle in der Kapelle«, sagte sie.

Am nächsten Morgen kam Schwester Cecilia herein. Sie war sehr zufrieden und selbstgewiss.

»Ich wusste, dass sie Unsere Liebe Frau nicht schlagen können«, sagte sie. »Ausgeschlossen. Cayetano geht es auch besser. Viel besser. Und er bekommt Besuch. Noch kann er die Leute nicht empfangen, aber sie werden kommen, und dann wird er sich noch besser fühlen und wissen, dass seine Leute ihn nicht vergessen haben. Ich habe auf der Polizeiwache mit diesem O’Brien gesprochen ünd ihm gesagt, er soll ein paar Mexikaner schicken, die den armen Cayetano besuchen sollen. Heute Nachmittag schickt er ein paar vorbei. Dann wird der arme Mann sich besser fühlen. Ist doch schlimm, dass ihn noch niemand besucht hat.«

Gegen fünf an diesem Nachmittag kamen drei Mexikaner ins Zimmer.

»Darf man?«, fragte der Größte, ein schwergewichtiger Mann mit sehr dicken Lippen.

»Aber natürlich«, antwortete Mr. Frazer. »Nehmen Sie Platz, meine Herren. Möchten Sie etwas trinken?«

»Vielen Dank«, sagte der Große.

»Danke«, sagte der Dunkelste und Kleinste.

»Danke, nein«, sagte der Dünne. »Das steigt mir zu Kopf.« Er klopfte sich an den Schädel.

Die Schwester brachte Gläser. »Bitte geben Sie ihnen die Flasche«, sagte Frazer. »Die ist aus Red Lodge«, erklärte er.

»In Red Lodge haben sie den besten«, sagte der Große.

»Viel besseren als in Big Timber.«

»Stimmt«, sagte der Kleinste, »und kostet auch mehr.«

»In Red Lodge gibt’s welche in allen Preisklassen«, sagte der Große.

»Wie viele Röhren hat das Radio?«, fragte der, der nicht trank.

»Sieben.«

»Sehr schön«, sagte er. »Was hat es gekostet?«

»Das weiß ich nicht«, sagte Mr. Frazer. »Es ist gemietet.«

»Sie sind Freunde von Cayetano, meine Herren?«

»Nein«, sagte der Große. »Wir sind Freunde von dem, der ihn verwundet hat.«

»Die Polizei hat uns hergeschickt«, sagte der Kleinste.

»Wir haben ein kleines Lokal«, sagte der Große. »Er und ich.« Er zeigte auf den, der nicht trank. »Und er hat auch ein kleines Lokal.« Er zeigte auf den kleinen Dunklen. »Die Polizei hat gesagt, wir sollen kommen — und hier sind wir.«

»Freut mich sehr, dass Sie gekommen sind.«

»Gleichfalls«, sagte der Große.

»Möchten Sie noch ein Schlückchen?«

»Warum nicht«, sagte der Große.

»Wenn Sie gestatten«, sagte der Kleinste.

»Ich nicht«, sagte der Dünne. »Das steigt mir zu Kopf.«

»Der ist sehr gut«, sagte der Kleinste.

»Probieren Sie doch mal«, bat Mr. Frazer den Dünnen. »Lassen Sie sich ein bisschen zu Kopf steigen.«

»Hinterher krieg ich Kopfschmerzen«, sagte der Dünne.

»Konnten Sie keine Freunde von Cayetano schicken, ihn zu besuchen?«, fragte Frazer.

»Er hat keine Freunde.«

»Jeder Mann hat Freunde.«

»Der nicht.«

»Was macht er eigentlich?«

»Er ist Kartenspieler.«

»Ist er gut?«

»Soweit ich weiß.«

»Von mir«, sagte der Kleinste, »hat er hundertachtzig Dollar gewonnen. Jetzt gibt es keine hundertachtzig Dollar mehr auf der Welt.«

»Von mir«, sagte der Dünne, »hat er zweihundertelf Dollar gewonnen. Stellen Sie sich das mal vor.«

»Ich habe nie mit ihm gespielt«, sagte der Dicke.

»Er muss ganz schön reich sein«, meinte Mr. Frazer.

»Er ist ärmer als wir«, sagte der kleine Mexikaner. »Er hat nichts als das Hemd an seinem Leib.«

»Und das Hemd ist jetzt auch nicht mehr viel wert«, sagte Mr. Frazer. »Mit den Löchern drin.«

»Stimmt.«

»Der ihn verwundet hat: War der auch ein Kartenspieler?«

»Nein, ein Rübenhacker. Er musste die Stadt verlassen.«

»Stellen Sie sich das vor«, sagte der Kleinste. »Er war der beste Gitarrenspieler, den wir jemals hier hatten. Der allerbeste.«

»Eine Schande.«

»Wirklich wahr«, sagte der Große. »Der hatte ein Händchen für die Gitarre.«

»Und jetzt gibt es keine guten Gitarrenspieler mehr?«

»Weit und breit keinen Gitarrenspieler.«

»Aber einen Akkordeonspieler, der ist ganz gut«, sagte der Dünne.

»Und noch ein paar, mit verschiedenen Instrumenten«, sagte der Große. »Sie mögen Musik?«

»Aber natürlich.«

»Sollen wir abends mal kommen und Musik machen? Meinen Sie, die Schwester erlaubt das? Sie scheint ja recht freundlich zu sein.«

»Ganz bestimmt wird sie es gestatten, wenn Cayetano zuhören kann.«

»Ist sie ein bisschen verrückt?«, fragte der Dünne.

»Wer?«

»Diese Schwester.«

»Nein«, sagte Mr.Frazer. »Sie ist eine prächtige Frau und sehr klug und mitfühlend.«

»Ich misstraue allen Priestern, Mönchen und Krankenschwestern«, sagte der Dünne.

»Er hat als Kind schlechte Erfahrungen gemacht«, sagte der Kleinste.

»Ich war Messdiener«, erklärte der Dünne stolz. »Jetzt glaube ich an nichts mehr. Und ich gehe auch nicht in die Messe.«

»Warum? Steigt Ihnen das zu Kopf?«

»Nein«, sagte der Dünne. »Alkohol, der steigt mir zu Kopf. Religion ist das Opium der Armen.«

»Ich dachte, Marihuana ist das Opium der Armen«, sagte Frazer.

»Haben Sie schon mal Opium geraucht?«, fragte der Große.

»Nein.«

»Ich auch nicht«, sagte er. »Anscheinend ist es sehr schlecht. Man fängt damit an und kann nicht mehr aufhören. Ein richtiges Laster.«

»Wie Religion«, sagte der Dünne.

»Der da«, sagte der kleinste Mexikaner, »verabscheut Religion.«

»Jeder braucht etwas, das er verabscheuen kann«, sagte Mr. Frazer höflich.

»Ich habe Respekt vor denen, die glauben, obwohl sie alle keine Ahnung haben«, sagte der Dünne.

»Gut«, sagte Mr. Frazer.

»Was können wir Ihnen mitbringen?«, fragte der große Mexikaner. »Fehlt Ihnen was Bestimmtes?«

»Ein wenig Bier würde ich Ihnen abkaufen, wenn es gutes Bier gibt.«

»Wir bringen Bier mit.«

»Noch eine copita, bevor Sie gehen?«

»Schmeckt sehr gut.«

»Wir trinken Ihnen alles weg.«

»Ich vertrage das nicht. Es steigt mir zu Kopf. Dann kriege ich schlimme Kopfschmerzen, und mir wird schlecht.«

»Auf Wiedersehen, meine Herren.«

»Auf Wiedersehen und danke.«

Sie gingen, dann gab es Abendessen und dann das Radio, so leise wie möglich gestellt, gerade noch hörbar, und einer nach dem anderen beendeten die Sender ihr Programm in dieser Reihenfolge: Denver, Salt Lake City, Los Angeles und Seattle. Das Radio übermittelte Mr. Frazer kein Bild von Denver. Er kannte Denver aus der Denver Post und korrigierte das Bild mit Hilfe der Rocky Mountain News. Was er aus Salt Lake City oder Los Angeles hörte, vermittelte ihm auch kein richtiges Bild von diesen Städten. Salt Lake City schien ihm sauber, aber langweilig, und Los Angeles ging in allzu vielen Berichten aus den Ballsälen der großen Hotels unter. Die Stadt verschwand hinter den Ballsälen. Aber Seattle lernte er recht gut kennen, das Taxiunternehmen mit den großen weißen Taxen (die alle mit Funk ausgestattet waren), mit denen er jeden Abend zu dem Gasthaus auf der kanadischen Seite fuhr, wo er anhand der Musik, die man sich telefonisch wünschen konnte, dem Geschehen auf Partys folgte. Jede Nacht ab zwei Uhr lebte er in Seattle, hörte die Stücke, die von all den verschiedenen Leuten gewünscht wurden, und es war so real wie Minneapolis, wo die Musikanten jeden Morgen aus dem Bett stiegen und die Fahrt zum Studio antraten. Seattle, Washington, wuchs Mr.Frazer richtig ans Herz.

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Die Mexikaner kamen und brachten Bier mit, aber das Bier war nicht gut. Mr. Frazer empfing sie, hatte aber keine Lust, sich zu unterhalten, und als sie gingen, wusste er, dass sie nicht wiederkommen würden. Er war mit den Nerven am Ende und wollte in diesem Zustand niemanden um sich haben. Fünf Wochen hatten seine Nerven durchgehalten, und einerseits war er froh, dass sie es so lange geschafft hatten, andererseits aber ärgerte es ihn, dass er gezwungen war, dieses Experiment zu wiederholen, wo er die Antwort doch schon wusste. Mr. Frazer hatte das alles schon einmal durchgemacht. Neu war für ihn nur das Radio. Er ließ es die ganze Nacht lang laufen, so leise, dass es kaum zu hören war, und lernte zuhören, ohne zu denken.

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An diesem Tag kam Schwester Cecilia gegen zehn Uhr morgens ins Zimmer und brachte die Post. Sie war sehr attraktiv, und Mr. Frazer erfreute sich an ihrem Anblick und hörte ihr gerne zu, aber die Post, scheinbar aus einer anderen Welt, war ihm noch wichtiger. Diesmal jedoch war die Post vollkommen uninteressant.

»Sie sehen sehr viel besser aus«, sagte sie. »Bald werden Sie uns verlassen.«

»Ja«, sagte Mr. Frazer. »Und Sie sehen heute sehr zufrieden aus.«

»Oh, das bin ich auch. Ich fühle mich beinahe wie eine Heilige.«

Mr. Frazer fand das ein wenig merkwürdig.

»Ja«, fuhr Schwester Cecilia fort. »Das möchte ich nämlich sein. Eine Heilige. Seit ich ein kleines Mädchen war, wollte ich eine Heilige sein. Als Mädchen habe ich mir vorgestellt, wenn ich der Welt entsage und ins Kloster gehe, werde ich eine Heilige. Das wollte ich sein, und das glaubte ich tun zu müssen, um eine zu werden. Ich habe fest daran geglaubt, eine Heilige zu werden. Ich war mir absolut sicher, eine zu werden. Eine Zeitlang glaubte ich, ich wäre eine. Da war ich so glücklich, und es schien so einfach. Wenn ich morgens aufwaehte, erwartete ich, eine Heilige zu sein, aber ich war keine. Ich bin nie eine geworden. Ich sehne mich so sehr danach, eine zu sein. Es ist das Einzige, was ich will. Mehr habe ich nie gewollt. Und heute habe ich das Gefühl, als könnte ich eine werden. Oh, ich hoffe, eines Tages werde ich eine.«

»Das werden Sie. Jeder bekommt, was er will. Das höre ich von allen Seiten.«

»Also, ich weiß nicht. Als ich ein Mädchen war, schien es so einfach. Da wusste ich, ich würde mal eine Heilige. Und als ich erkannte, dass es nicht plötzlich geschah, glaubte ich eben, es würde einfach Zeit brauchen. Jetzt kommt es mir fast unmöglich vor.«

»Ich würde sagen, Sie haben gute Chancen.«

»Meinen Sie wirklich? Nein, ich will nicht, dass man mir Mut macht. Machen Sie mir keinen Mut. Ich möchte eine Heilige sein. Ich möchte so sehr eine Heilige sein.«

»Natürlich werden Sie eine Heilige sein«, sagte Mr. Frazer.

»Nein, wahrscheinlich nicht. Aber, ach, wenn ich doch nur eine Heilige sein könnte! Dann wäre ich rundum glücklich.«

»Drei zu eins, dass Sie eine Heilige werden.«

»Nein, machen Sie mir keinen Mut. Aber, ach, wenn ich doch nur eine Heilige sein könnte! Wenn ich doch nur eine Heilige sein könnte!«

»Wie geht’s Ihrem Freund Cayetano?«

»Er wird wieder gesund, bleibt aber gelähmt. Eine der Kugeln hat den großen Nerv getroffen, der in den Oberschenkel führt; das Bein ist gelähmt. Das hat man erst festgestellt, als es ihm gut genug ging, dass er sich bewegen konnte.«

»Vielleicht wächst der Nerv wieder nach.«

»Dafür bete ich«, sagte Schwester Cecilia. »Sie sollten ihn mal besuchen.«

»Mir ist nicht danach, jemanden zu besuchen.«

»Ich denke schon, dass Sie ihn sehen möchten. Man könnte ihn im Rollstuhl hierher bringen.«

»Na schön.«

Man schob ihn herein, dünn, die Haut durchsichtig, die Haare schwarz und zu lang, die Augen strahlend, die Zähne schlecht, wenn er lächelte.

»Hola, amigo! Qué tal?«

»Wie Sie sehen«, sagte Mr. Frazer. »Und Sie?«

»Ich lebe, und das Bein ist gelähmt.«

»Schlimm«, sagte Mr.Frazer. »Aber der Nerv kann nachwachsen, dann ist er wieder wie neu.«

»Habe ich auch gehört.«

»Und die Schmerzen?«

»Sind weg. Eine Zeitlang bin ich fast verrückt davon geworden. Ich dachte, die Bauchschmerzen bringen mich um.«

Schwester Cecilia beobachtete die beiden zufrieden.

»Sie sagt, Sie hätten nie einen Laut von sich gegeben.«

»So viele Leute im Krankensaal«, sagte der Mexikaner vorwurfsvoll. »Welche Schmerzkategorie haben Sie?«

»Hoch genug. Natürlich nicht so schlimm wie Ihre. Wenn die Schwester gegangen ist, weine ich eine Stunde, zwei Stunden. Das macht es mir erträglicher. Ich bin mit den Nerven am Ende.«

»Sie haben ja auch das Radio. Wenn ich ein Privatzimmer und ein Radio hätte, würde ich auch die ganze Nacht heulen und schreien.«

»Das bezweifle ich.«

»Hombre, sí. Das ist sehr gesund. Aber bei so vielen Leuten geht es einfach nicht.«

»Immerhin«, sagte Mr. Frazer, »sind die Hände noch in Ordnung. Wie ich höre, verdienen Sie Ihren Lebensunterhalt mit den Händen.«

»Und mit dem Kopf«, sagte er und tippte sich an die Stirn. »Aber der Kopf taugt nicht so viel.«

»Drei Landsleute von Ihnen waren hier.«

»Von der Polizei geschickt, mich zu besuchen.«

»Die haben mir Bier mitgebracht.«

»Wahrscheinlich kein gutes.«

»Ja, schlechtes.«

»Heute Abend werden sie mir im Auftrag der Polizei ein Ständchen bringen.« Er lachte, dann klopfte er sich auf den Bauch. »Ich kann noch nicht lachen. Als Musiker sind sie grauenhaft.«

»Und der auf Sie geschossen hat?«

»Auch ein Idiot. Ich habe beim Kartenspiel achtunddreißig Dollar von ihm gewonnen. Kein Grund, einen umzubringen.«

»Die drei haben mir erzählt, Sie gewinnen viel.«

»Und ich bin ärmer als die Vögel.«

»Wie das?«

»Ich bin ein armer Idealist. Ich bin das Opfer von Illusionen.« Er lachte, dann klopfte er sich grinsend auf den Bauch. »Ich bin Berufsspieler, aber ich riskiere gern etwas. Richtig was. Wenig riskieren ist unfair. Wer richtig was riskiert, braucht Glück. Ich habe kein Glück.«

»Nie?«

»Nie. Ich bin ganz vom Glück verlassen. Sehen Sie, dieser cabrón, der da auf mich schießt. Kann er schießen? Nein. Den ersten Schuss feuert er ins Nichts. Der zweite Schuss wird von einem armen Russen abgefangen. Das sieht nach Glück aus. Und was dann? Er schießt mir zweimal in den Bauch. Er hat Glück. Ich hab keins. Er könnte nicht mal ein Pferd treffen, das er selbst am Steigbügel hält. Reines Glück.«

»Ich dachte, er hat zuerst Sie und dann den Russen getroffen.«

»Nein, erst den Russen, dann mich. In der Zeitung stand das falsch.«

»Warum haben Sie nicht zurückgeschossen?«

»Ich trage nie eine Waffe. Bei meinem Glück würde ich, wenn ich eine Waffe hätte, zehnmal im Jahr am Galgen landen. Ich bin nur ein lausiger Kartenspieler, sonst nichts.« Er unterbrach sich und fuhr dann fort: »Wenn ich etwas gewonnen habe, werde ich leichtsinnig und riskiere was, und dann verliere ich. Ich habe beim Würfeln dreitausend Dollar auf Pass gesetzt und die Sechs nicht geschafft. Mit guten Würfeln. Mehr als einmal.«

»Und warum tun Sie’s dann noch?«

»Wenn ich lange genug lebe, wendet sich das Glück. Ich habe jetzt seit fünfzehn Jahren Pech. Aber wenn ich irgendwann mal Glück habe, bin ich reich.« Er grinste. »Ich bin ein guter Spieler; reich sein, das würde mir schon gefallen.«

»Haben Sie bei allen Spielen Pech?«

»Bei allen und bei den Frauen.« Wieder lächelte er und zeigte seine schlechten Zähne.

»Wirklich?«

»Wirklich.«

»Und was kann man da machen?«

»Weiterspielen, bedächtig, und darauf warten, dass das Glück sich wendet.«

»Und bei den Frauen?«

»Kein Spieler hat Glück bei den Frauen. Er ist zu konzentriert. Er arbeitet nachts. Wenn er bei seiner Frau sein sollte. Niemand, der nachts arbeitet, kann eine Frau halten, wenn die Frau etwas wert ist.«

»Sie sind ja ein Philosoph.« »Nein, hombre. Ein Kleinstadtspieler. Eine Kleinstadt, dann die nächste und die nächste, dann eine Großstadt und dann wieder von vorn.«

»Und dann in den Bauch geschossen werden.«

»Zum ersten Mal«, sagte er. »Das ist mir erst einmal passiert.«

»Langweile ich Sie?«, fragte Mr. Frazer.

»Nein«, sagte er. »Eher ich Sie.«

»Und das Bein?«

»Mit dem Bein kann ich nicht viel anfangen. Ich komme mit oder ohne das Bein zurecht. Ich kann auch so meine Runden drehen.«

»Ich wünsche Ihnen von Herzen Glück«, sagte Mr. Frazer.

»Gleichfalls«, sagte er. »Und dass die Schmerzen aufhören.«

»Die bleiben bestimmt nicht. Das geht vorbei. Hat nichts zu bedeuten.«

»Dass sie schnell vorbeigehen.«

»Gleichfalls.«

___________

An diesem Abend kamen die Mexikaner in den Krankensaal und spielten Akkordeon und andere Instrumente und sorgten für gute Stimmung, und das Lärmen der Atemzüge des Akkordeons, der Glocken, der Becken und Trommeln drang durch den Flur. In diesem Saal lag ein Rodeoreiter, der an einem heißen staubigen Nachmittag vor großem Publikum auf Midnight angetreten war und jetzt mit gebrochenem Rückgrat Pläne machte, Lederarbeiten und Korbflechten zu lernen, wenn er gesund genug war, das Krankenhaus zu verlassen. Dort lag auch ein Zimmermann, der sich beim Sturz von einem Gerüst beide Knöchel und beide Handgelenke gebrochen hatte. Er war aufgekommen wie eine Katze, nur nicht so geschmeidig wie eine Katze. Man würde ihn zusammenflicken, sodass er wieder arbeiten konnte, aber das dauerte seine Zeit. Da lag auch ein Junge von einer Farm, etwa sechzehnjahre alt, mit einem gebrochenen Bein, das schlecht gerichtet worden war und noch einmal gebrochen werden musste. Und da lag Cayetano Ruiz, ein Kleinstadtspieler mit einem gelähmten Bein. Mr. Frazer hörte ihr Lachen im Flur und wie vergnügt die Musik der Mexikaner sie machte, die von der Polizei geschickt worden waren. Die Mexikaner amüsierten sich prächtig. Sie kamen ganz aufgeregt zu Mr. Frazer herein und wollten wissen, ob sie etwas Bestimmtes für ihn spielen sollten, und an zwei weiteren Abenden kamen sie aus freien Stücken und spielten.

Als sie das letzte Mal spielten, lag Mr. Frazer bei offener Tür in seinem Zimmer und lauschte der lärmenden schlechten Musik und dachte die ganze Zeit nach. Als sie wissen wollten, was sie für ihn spielen sollten, verlangte er nach La Cucaracha, das die unheilvolle Heiterkeit und Leichtfüßigkeit so vieler Lieder hat, zu denen Männer gestorben sind. Sie spielten laut und mit Gefühl. Das Lied war besser als die meisten solcher Lieder, fand Mr. Frazer, aber die Wirkung war dieselbe.

Trotz dieser Gefühlsaufwallung dachte Mr. Frazer weiter nach. Normalerweise ging er dem Nachdenken möglichst aus dem Weg, außer wenn er schrieb, aber jetzt dachte er über diese Musiker nach und das, was der Kleine gesagt hatte.

Religion ist das Opium des Volkes. Der glaubte das, dieser dyspeptische kleine Kneipenwirt. Ja, und Musik ist das Opium des Volkes. Daran hatte Herr Steigt-zu-Kopf nicht gedacht. Und jetzt ist die Ökonomie das Opium des Volkes; zusammen mit Patriotismus das Opium für die Völker Italiens und Deutschlands. Was ist mit Geschlechtsverkehr, ist der auch das Opium des Volkes? Für manche im Volk bestimmt. Für manche der Besten im Volk. Aber Trinken ist ein erstklassiges Opium des Volkes, oh, ein ausgezeichnetes Opium. Obwohl manche das Radio vorziehen, auch ein Opium des Volkes, ein billiges, das er selbst gerade benutzt hatte. Dazu gehört auch das Glücksspiel, ein Opium des Volkes, wie es im Buche steht, eins der ältesten. Ehrgeiz ist auch eins, ein Opium des Volkes, zusammen mit dem Glauben an irgendeine neue Regierungsform. Du hast immer nur ein Minimum an Regierung gewollt, möglichst wenig Regierung. Freiheit, an die wir geglaubt haben, ist jetzt der Titel einer Zeitschrift von MacFadden. Wir haben daran geglaubt, obwohl sie noch keinen neuen Namen dafür gefunden hatten. Aber was ist das wirkliche? Was ist das wirkliche, das tatsächliche Opium des Volkes? Er wusste es genau. Es hielt sich nur ein wenig bedeckt in jenem gut beleuchteten Teil seines Kopfs, den er abends nach zwei oder mehr Drinks hatte; von dem er wusste, dass er ihn hatte (in Wirklichkeit hatte er ihn natürlich nicht). Was ist es also? Er wusste es sehr genau. Was ist es? Natürlich: Brot ist das Opium des Volkes. Würde er sich daran erinnern, und hätte es bei Tageslicht noch einen Sinn? Brot ist das Opium des Volkes.

»Könnten Sie mir«, sagte Mr. Frazer, als die Schwester hereinkam, »bitte den kleinen dünnen Mexikaner hereinschicken?«

»Wie gefällt es Ihnen?«, fragte der Mexikaner in der Tür.

»Sehr gut.«

»Das ist ein historisches Lied«, sagte der Mexikaner. »Das Lied der wahren Revolution.«

»Sagen Sie«, sagte Mr. Frazer. »Warum sollte das Volk ohne Betäubungsmittel operiert werden?«

»Verstehe ich nicht.«

»Warum ist nicht jedes Opium des Volkes gut? Was wollen Sie mit dem Volk machen?«

»Es von der Unwissenheit befreien.«

»Reden Sie keinen Unsinn. Bildung ist ein Opium des Volkes. Das sollten Sie doch wissen. Sie haben ja selbst ein wenig davon.«

»Sie glauben nicht an Bildung?«

»Nein«, sagte Mr. Frazer. »Nur an Wissen.«

»Ich kann Ihnen nicht folgen.«

»Ich folge mir selbst oft nicht gern.«

»Möchten Sie La Cucaracha noch einmal hören?«, fragte der Mexikaner besorgt.

»Ja«, sagte Mr. Frazer. »Spielen Sie La Cucaracha noch einmal. Das ist besser als Radio.«

Revolution, dachte Mr. Frazer, ist kein Opium. Revolution ist eine Katharsis; eine Ekstase, die nur durch Tyrannei verlängert werden kann. Die Opiate sind für vorher und nachher. Seine Gedanken waren klar, ein wenig zu klar.

Bald gehen sie, dachte er, und nehmen La Cucaracha mit sich. Dann würde er sich ein Gläschen Feuerwasser genehmigen und das Radio anmachen, das Radio so leise einstellen, dass es kaum zu hören war.

Teil V

Väter und Söhne

Mitten auf der Hauptstraße dieses Orts stand ein Umleitungsschild, aber da manche offensichtlich vor ihm durchgefahren waren, nahm Nicholas Adams an, etwaige Straßenarbeiten seien bereits beendet, und fuhr die leere, mit Backsteinen gepflasterte Straße weiter entlang, hielt an einer Verkehrsampel, die an diesem verkehrslosen Sonntag vor sich hin blinkte und nächstes Jahr, wenn die Kosten für die Anlage nicht beglichen wurden, nicht mehr da sein würde, fuhr weiter unter den mächtigen Bäumen der Kleinstadt her, die einem ans Herz gewachsen sind, wenn es die eigene Stadt ist und man oft unter ihnen gegangen ist, die aber eigentlich nur zu mächtig sind, die die Sonne nicht durchlassen und die Häuser in den Augen eines Fremden unscheinbar machen; am letzten Haus vorbei hinaus und auf die Landstraße, die hügelauf und hügelab zwischen sauber geglätteten und mit jungen Bäumen bepflanzten Böschungen aus roter Erde schnurgerade in die Ferne lief. Es war nicht sein Land, aber jetzt war Herbst, und es fühlte sich gut an, durch all dieses Land zu fahren und es sich anzusehen. Die Baumwolle war gepflückt, und auf den gerodeten Flächen gab es Getreidefelder, manche mit Streifen roter Zuckerhirse durchsetzt, und so fuhr er gemächlich dahin, seinen Sohn, auf dem Beifahrersitz schlafend, neben sich, die Tagesetappe geschafft, die Stadt, in der er übernachten wollte, nicht mehr fern, und Nick registrierte, auf welchen Feldern Sojabohnen oder Erbsen wuchsen, wie die Gehölze und Brachflächen angeordnet waren, wo die Hütten und Häuser im Verhältnis zu den Feldern und Gehölzen standen; im Fahren stellte er sich vor, in diesem Land auf Jagd zu gehen; taxierte jede Lichtung in Hinblick auf Futtermöglichkeiten und Deckung und überlegte, wo es Wachteln geben könnte und wohin sie fliegen würden.

Bei der Jagd auf Wachteln darf man, wenn die Hunde sie aufgestöbert haben, nicht zwischen sie und ihre gewohnte Deckung geraten, sonst fliegen sie, einmal aufgescheucht, alle auf einen zu, manche steigen steil aufwärts, manche sausen einem direkt um die Ohren und wachsen dabei zu einer Größe an, die man ihnen von weitem im Flug nicht zutrauen würde, und dann kann man sich nur noch umdrehen und sie über die Schulter anvisieren, bevor sie die Flügel anlegen und ins Dickicht abtauchen. Während er jetzt in diesem Land Wachteln jagte, wie sein Vater es ihn gelehrt hatte, musste Nicholas Adams an ihn denken. Wenn er an seinen Vater dachte, fielen ihm als Erstes immer die Augen ein. Die kräftige Gestalt, die flinken Bewegungen, die breiten Schultern, die Habichtsnase, der Bart, der das schwache Kinn bedeckte, daran dachtest du nie — immer nur an die Augen. Sie lagen unter wulstigen Bremen tief in seinen Schädel eingebettet wie kostbare Instrumente, die besonders geschützt werden mussten. Sie sahen viel weiter und viel schneller als jedes andere menschliche Auge und waren die große Gabe seines Vaters. Er hatte die scharfen Augen eines Dickhornschafs oder buchstäblich Adleraugen.

Einmal stand er mit seinem Vater am Seeufer, er selbst hatte damals auch sehr gute Augen, und sein Vater sagte: »Die Fahne ist oben.« Nick konnte weder die Fahne noch den Mast sehen. »Da«, sagte sein Vater, »deine Schwester Dorothy. Sie hat die Fahne hochgezogen und geht auf den Steg hinaus.«

Nick spähte über den See und sah die lang gestreckte bewaldete Uferlinie, das höher gelegene Waldland dahinter, die Landzunge, die die Bucht schützte, die Hügel der Farm und das Weiß ihres Hauses zwischen den Bäumen, aber den Fahnenmast oder den Steg sah er nicht, nur das Weiß des Ufers und die Krümmung der Küste.

»Kannst du die Schafe auf dem Hügel in Richtung Landzunge sehen?«

»Ja.«

Sie waren ein weißgrauer Fleck auf dem Graugrün des Hügels.

»Ich kann sie zählen«, sagte sein Vater.

Wie alle, die eine Fähigkeit besitzen, die menschliche Anforderungen übersteigt, war sein Vater ein sehr reizbarer Mensch. Er war auch sentimental, und wie die meisten sentimentalen Leute war er grausam und versehrt zugleich. Außerdem hatte er viel Pech und nicht nur durch eigene Schuld. Er war in einer Falle gestorben, die er selbst nur ein wenig mit aufgestellt hatte, und vor seinem Tod hatten sie alle, jeder auf seine Weise, Verrat an ihm geübt. Alle sentimentalen Leute erleben immer wieder Verrat. Noch konnte Nick nicht über ihn schreiben, das würde er erst später tun, aber hier, in dieser Wachtelgegend, erinnerte Nick sich an ihn, wie er zur Zeit seiner Kindheit gewesen war, und war ihm für zweierlei sehr dankbar: Angeln und Jagen. In diesen zwei Dingen war sein Vater so geschickt, wie er auf anderen Gebieten, zum Beispiel Sex, ungeschickt war, und Nick war froh, dass es so gewesen war; denn irgendjemand muss einem das erste Gewehr in die Hand drücken oder die Gelegenheit geben, sich eins zu besorgen und es zu benutzen, und man muss in einer Gegend leben, wo es Wild oder Fische gibt, wenn man etwas darüber lernen will, und jetzt, mit achtunddreißig, liebte er das Angeln und das Jagen noch genauso sehr wie damals, als er zum ersten Mal mit seinem Vater losgezogen war. Die Leidenschaft hatte ihn niemals losgelassen, und er war seinem Vater sehr dankbar, dass er ihn damit bekannt gemacht hatte.

Für das andere hingegen, das Gebiet, auf dem sein Vater ungeschickt war, hat man die nötige Ausstattung von der Natur mitbekommen, und was es da zu wissen gibt, lernt jeder Mann allein und ohne Anleitung; und es spielt auch keine Rolle, wo man lebt. Er erinnerte sich sehr deutlich an die zwei Dinge, die sein Vater ihm darüber mitgeteilt hatte. Als sie einmal gemeinsam Jagen waren, hatte Nick ein Eichhörnchen aus einer Hemlocktanne geschossen. Es fiel verletzt herunter, und als Nick es aufhob, biss es ihm glatt den Handballen durch.

»Dieser dreckige kleine Mistkerl«, sagte Nick und schlug den Kopf des Eichhörnchens an den Baum. »Hat mich gebissen.«

Sein Vater sah sich die Wunde an und sagte: »Lutsch das ordentlich aus, und wenn du nach Hause kommst, tu Jod drauf.«

»Dieser kleiner Sodo«, sagte Nick.

»Weißt du, was ein Sodo ist?«, fragte sein Vater.

»Wir sagen zu allem Sodo«, sagte Nick.

»Ein Sodo ist ein Mann, der Geschlechtsverkehr mit Tieren hat.«

»Warum?«, sagte Nick.

»Das weiß ich nicht«, sagte sein Vater. »Aber es ist ein abscheuliches Verbrechen.«

Fasziniert und angewidert zugleich dachte Nick an verschiedene Tiere, aber keins schien ihm verlockend oder brauchbar, und das war, von einem einzigen weiteren Punkt abgesehen, auch schon alles an konkretem sexuellen Wissen, was ihm von seinem Vater vermacht wurde. Eines Morgens las er in der Zeitung, Enrico Caruso sei wegen Handgreiflichkeiten gegenüber einer Dame festgenommen worden.

»Was sind Handgreiflichkeiten?«

»Ein ganz abscheuliches Verbrechen«, antwortete sein Vater. Nick versuchte sich auszumalen, wie der große Tenor auf irgendeine seltsame, abartige und abscheuliche Weise nach der Hand einer schönen Dame griff, die aussah wie Anna Held, die er von den Bildern in den Zigarrenkisten kannte. Mit beträchtlichem Grausen nahm er sich vor, wenn er alt genug wäre, es wenigstens einmal auch mit Handgreiflichkeiten zu versuchen.

Sein Vater hatte die ganze Angelegenheit mit der Erklärung zusammengefasst, Masturbation führe zu Erblindung, Wahnsinn und Tod, und wer zu Prostituierten gehe, ziehe sich scheußliche Geschlechtskrankheiten zu; am besten halte man sich überhaupt von Menschen fern. Andererseits hatte sein Vater die besten Augen, die er je gesehen hatte, und Nick hatte ihn sehr und für lange Zeit lieb gehabt. Jetzt, wo er über das alles Bescheid wusste, war selbst die Erinnerung an die frühesten Zeiten, bevor alles schiefgegangen war, keine schöne Erinnerung. Wenn er darüber schrieb, könnte er es loswerden. Er war vieles losgeworden, indem er darüber geschrieben hatte. Aber noch war es zu früh dafür. Noch waren zu viele Leute da. Also beschloss er, an etwas anderes zu denken. An seinem Vater ließ sich nichts mehr ändern, und er hatte schon viele Male über das alles nachgedacht. Die ansehnliche Arbeit, die der Bestatter am Gesicht seines Vaters geleistet hatte, war in seinem Gedächtnis nicht verblasst, und auch alles andere war noch ganz deutlich da, einschließlich der Verbindlichkeiten. Er hatte dem Bestatter ein Kompliment gemacht. Der Bestatter hatte stolz und selbstgefällig erfreut reagiert. Aber es war nicht der Bestatter, der ihm dieses letzte Gesicht gemacht hatte. Der Bestatter hatte nur gewisse fingerfertige Reparaturen von künstlerisch zweifelhaftem Wert durchgeführt. Das Gesicht war von allein entstanden, und das über lange Zeit hinweg. In den letzten drei Jahren hatte es sich zusehends modelliert. Das war eine gute Geschichte, aber noch waren zu viele Leute am Leben, als dass er darüber schreiben konnte.

Seine Erziehung in jenen frühen Dingen hatte Nick in dem Tannenwald hinter dem Indianerlager bekommen. Dorthin gelangte man auf einem Pfad, der vom Haus durch den Wald zur Farm führte, und dann weiter auf einem Weg, der sich durch Einschläge zum Lager wand. Er spürte diesen Pfad noch heute in ganzer Länge unter seinen nackten Füßen. Als Erstes den mit Nadeln bedeckten Lehmboden des Tannenwalds hinter dem Haus, wo die umgestürzten Bäume zu Staub zerfielen und lange abgesplitterte Holzstücke wie Speere von dem Baum hingen, den der Blitz getroffen hatte. Dann ging es auf einem Baumstamm über den Bach, und auf der anderen Seite war der schwarze Schlamm des Sumpfs. Dann aus dem Wald heraus und über einen Zaun, dann der von der Sonne gehärtete Pfad über die gemähte Wiese, auf der Sauerampfer und Königskerzen wuchsen, und links der morastige Boden des Bachbettes, wo der Regenpfeifer seine Nahrung holte. Das Brunnenhaus stand in diesem Bach. Unterhalb der Scheune lag frischer warmer Dung, obendrauf älterer Dung, der schon getrocknet war. Dann noch ein Zaun und der harte, heiße Pfad von der Scheune zum Haus und der heiße, sandige Weg, der zum Wald hinunter und, auf einer Brücke diesmal, über den Bach führte, wo die Rohrkolben wuchsen, die man mit Petroleum tränkte und beim nächtlichen Fischspeeren als Fackeln benutzte.

Dann wand sich der Hauptweg nach links, am Waldrand entlang den Hügel hinauf, aber du nahmst die Schneise durch den Wald, kühl unter den Bäumen und dort angelegt, um die von den Indianern abgeschälte Tannenrinde hinunterzuschleifen. Die Tannenrinde war in langen Reihen zu Stapeln geschichtet, die wiederum mit Rinde überdacht waren wie Häuser, und die geschälten Stämme lagen riesig und gelb, so wie sie beim Fällen umgestürzt waren. Man ließ die Stämme im Wald vermodern, nicht einmal die Baumspitzen wurden weggebracht oder verbrannt. Man wollte nur die Rinde für die Gerberei in Boyne City; die wurde im Winter über den zugefrorenen See gezogen, und mit jedem Jahr gab es weniger Wald und mehr offene, heiße, schattenlose, von Unkraut überwucherte Einschläge.

Aber damals war noch viel Wald übrig, unberührter Wald, wo die Bäume erst in großer Höhe Äste hatten, wo es kein Unterholz gab und es auch an den heißesten Tagen kühl war, und ihr drei gingt auf dem braunen, sauberen, mit Nadeln bedeckten, federnden Boden und ruhtet am Stamm einer Tanne aus, der breiter war als zwei Bettenlängen, und es gab Wind in den Wipfeln und kühle Flecken Sonnenlichts, und Billy sagte:

»Willst du Trudy noch mal?«

»Willst du?«

»Mhm.«

»Dann lass uns gehen.«

»Nein, hier.«

»Aber Billy —«

»Billy stört mich nicht. Ist doch mein Bruder.«

___________

Hinterher saßen die drei dann da und horchten auf ein schwarzes Eichhörnchen ganz oben in den Ästen, wo sie es nicht sehen konnten. Sie warteten, dass es noch einmal schreien würde, denn wenn es schrie, würde es mit dem Schwanz zucken, und dann konnte Nick es, sobald er die Bewegung sah, vom Baum schießen. Sein Vater gab ihm nur drei Patronen pro Tag zum Jagen mit, und er hatte eine einläufige Schrotflinte Kaliber zwanzig mit sehr langem Lauf.

»Das Mistvieh rührt sich nicht«, sagte Billy.

»Schieß, Nicky. Erschreck es. Wenn es springt, schieß noch mal«, sagte Trudy. Das war eine lange Rede für ihre Verhältnisse.

»Ich hab nur noch zwei Patronen«, sagte Nick.

»Dieses Mistvieh«, sagte Billy.

Sie saßen an dem Baum und schwiegen. Nick fühlte sich leer und glücklich.

»Eddie sagt, irgendwann geht er mal nachts zu deiner Schwester Dorothy und legt sich zu ihr ins Bett.«

»Was?«

»Hat er gesagt.«

Trudy nickte.

»Er denkt an nichts anderes«, sagte sie. Eddie war ihr älterer Halbbruder. Er war siebzehn.

»Wenn Eddie Gilby sich jemals nachts zu uns schleicht und es wagt, auch nur mit Dorothy zu sprechen — wisst ihr, was ich dann mit ihm mache? Ich bring ihn um. So.« Nick spannte den Hahn, ziehe kaum und drückte ab, schoss diesem Mischlingsbastard Eddie Gilby ein Loch in Kopf oder Bauch, so groß wie eine Hand. »Genau so würd ich’s machen.«

»Dann sollte er besser nicht kommen«, sagte Trudy. Sie schob eine Hand in Nicks Tasche.

»Er sollte sehr gut aufpassen«, sagte Billy.

»Er ist ein Angeber«, sagte Trudy und wühlte in Nicks Tasche herum. »Aber bring ihn nicht um. Dann kriegst du viel Ärger.«

»Ich bring ihn um«, sagte Nick. Eddie Gilby lag am Boden, er hatte ihm die ganze Brust weggeschossen. Nick setzte stolz einen Fuß auf ihn.

»Ich skalpiere ihn«, sagte er zufrieden.

»Nein«, sagte Trudy. »Das ist gemein.«

»Ich ziehe ihm den Skalp ab und schick ihn seiner Mutter.«

»Seine Mutter ist tot«, sagte Trudy. »Bring ihn nicht um, Nickie. Bring ihn nicht um, mir zuliebe.«

»Und wenn ich ihn skalpiert habe, werfe ich ihn den Hunden vor.«

Billy war ganz geknickt. »Er sollte besser aufpassen«, sagte er düster.

»Die reißen ihn in Stücke«, sagte Nick, der sich an der Vorstellung weidete. Und nachdem er diesen niederträchtigen Mischling skalpiert und mit unbewegter Miene zugesehen hatte, wie er von den Hunden zerfleischt wurde, lehnte er sich wieder an den Baum, und Trudy packte ihn am Hals, würgte ihn und schrie: »Nicht umbringen! Nicht umbringen! Nicht umbringen! Nein. Nein. Nein. Nickie. Nickie!«

»Was hast du denn?«

»Nicht umbringen!«

»Ich muss ihn umbringen.«

»Er ist bloß ein Angeber.«

»Na schön«, sagte Nick. »Ich bringe ihn nicht um, es sei denn, er schleicht bei uns ums Haus herum. Lass mich los.«

»Gut«, sagte Trudy. »Willst du jetzt? Ich fühl mich jetzt gut.«

»Wenn Billy weggeht.« Nick hatte Eddie Gilby umgebracht und ihn dann begnadigt, und jetzt war er ein Mann.

»Geh, Billy. Dauernd hängst du hier rum. Geh.«

»Dieses Mistvieh«, sagte Billy. »Ich hab’s satt. Wozu sind wir hier? Zum Jagen, oder was?«

»Nimm du die Flinte. Eine Patrone ist noch da.«

»Gut. Ich geh ein fettes Schwarzes schießen.«

»Ich ruf dich dann«, sagte Nick.

___________

Nachher, eine ganze Weile danach, war Billy immer noch nicht zurück.

»Meinst du, wir machen ein Baby?« Trudy legte zufrieden ihre braunen Beine zusammen und schmiegte sich an ihn. Etwas in Nick hatte sich ein weites Stück entfernt.

»Glaub ich nicht«, sagte er.

»Auch egal, machen viele Babys.«

Sie hörten Billy schießen.

»Möchte wissen, ob er eins erwischt hat.«

»Mir egal«, sagte Trudy.

Billy kam zwischen den Bäumen hervor. Er trug die Flinte auf der Schulter und hielt ein schwarzes Eichhörnchen an den Vorderpfoten.

»Hier«, sagte er. »Größer als eine Katze. Seid ihr fertig?«

»Wo hast du es erwischt?«

»Da drüben. Hab’s springen sehen.«

»Ich muss nach Hause«, sagte Nick.

»Nein«, sagte Trudy.

»Ich muss zum Abendessen da sein.«

»Na schön.«

»Gehen wir morgen wieder jagen?«

»Na schön.«

»Das Eichhörnchen kannst du behalten.«

»Na schön.«

»Kommst du nach dem Abendessen noch mal raus?«

»Nein.«

»Wie fühlst du dich?«

»Gut.«

»Na schön.«

»Gib mir einen Kuss aufs Gesicht«, sagte Trudy.

Als er jetzt bei einbrechender Dunkelheit im Auto die Landstraße hinunterfuhr, ließ Nick alle Gedanken an seinen Vater hinter sich. Das Ende eines Tages erinnerte ihn nie an ihn. Das Ende eines Tages hatte immer Nick allein gehört, und nur wenn er es für sich allein hatte, fühlte er sich wohl. Sein Vater kam im Herbst zu ihm zurück, oder mit Anfang des Frühjahrs, wenn Zwergschnepfen in die Prärie kamen, oder wenn er Getreidehocken sah, oder einen See, oder wenn er mal einen Pferdekarren sah, oder wenn er Wildgänse sah oder hörte, oder auf Entenjagd; dann musste er etwa an den Adler denken, der einmal durchs Schneegestöber auf den mit Segeltuch abgedeckten Lockvogel herabgestoßen und, die Krallen in dem Tuch verheddert, mit schlagenden Flügeln wieder aufgestiegen war. Dann war sein Vater plötzlich wieder bei ihm, in verlassenen Obstgärten und auf frisch gepflügten Feldern, in dichtem Wald, auf kleinen Hügeln, oder beim Gehen durch abgestorbenes Gras, oder wenn er Holz hackte oder Wasser holte, oder in der Nähe von Getreidemühlen, Mostpressen und Dämmen und immer an offenen Feuern. Die Orte, an denen er lebte, hatte sein Vater nie kennengelernt. Nach seinem fünfzehnten Lebensjahr hatte er nichts mehr mit ihm gemein gehabt.

Bei kalter Witterung hatte sein Vater Raureif im Bart, und wenn es heiß war, schwitzte er stark. Er arbeitete auf der Farm gern in der Sonne, weil er nicht musste und weil er, im Gegensatz zu Nick, gern mit den Händen arbeitete. Nick liebte seinen Vater, hasste aber den Geruch, den er verströmte, und als er einmal Unterwäsche tragen musste, die seinem Vater zu klein geworden war, wurde ihm ganz schlecht davon, und er zog sie aus und versteckte sie unter zwei Steinen im Bach und sagte, er habe sie verloren. Er hatte seinem Vater gesagt, wie sich das anfühlte, als sein Vater ihn die Sachen anziehen ließ, aber sein Vater hatte gesagt, die seien frisch gewaschen. Das stimmte auch. Als Nick verlangte, er solle daran riechen, schnüffelte sein Vater entrüstet daran und sagte, die Sachen seien sauber und frisch. Als Nick ohne sie vom Angeln nach Hause kam und sagte, er habe sie verloren, bekam er für die Lüge eine Tracht Prügel.

Nachher hatte er bei offener Tür im Holzschuppen gesessen, seine Flinte geladen und gespannt, hatte seinen Vater beobachtet, der hinter dem Fliegengitter auf der Veranda saß und Zeitung las, und gedacht: »Ich kann ihn zur Hölle jagen. Ich kann ihn töten.« Schließlich verrauchte seine Wut, und ihm war ein wenig schlecht bei dem Gedanken, dass dies die Flinte war, die sein Vater ihm geschenkt hatte. Dann war er zum Indianerlager gegangen, durch die Dunkelheit dorthin gewandert, um den Geruch loszuwerden. Es gab nur einen Menschen in seiner Familie, dessen Geruch er mochte: eine Schwester. Allen anderen wich er aus. Als er zu rauchen anfing, stumpfte sein Geruchssinn ab. Das war gut. Einem Hühnerhund mochte das nützlich sein, einem Mann half es nicht weiter.

»Wie war das, Papa, als du ein kleiner Junge warst und mit den Indianern auf Jagd gegangen bist?«

»Ich weiß nicht«, sagte Nick erschrocken. Er hatte gar nicht bemerkt, dass der Junge aufgewacht war. Er sah ihn an, den Jungen da neben ihm auf dem Sitz. Er hatte sich ganz allein gefühlt, aber der Junge war bei ihm gewesen.

Er fragte sich, wie lange schon. »Oft waren wir den ganzen Tag unterwegs, schwarze Eichhörnchen jagen«, sagte er. »Mein Vater gab mir immer nur drei Patronen mit, er meinte, auf die Weise würde ich das Jagen lernen, und es sei nicht gut für einen Jungen, einfach so in der Gegend herumzuballern. Mit dabei waren mein Freund Billy Gilby und seine Schwester Trudy. In einem Sommer sind wir fast jeden Tag losgezogen.«

»Das sind komische Namen für Indianer.«

»Da hast du recht«, sagte Nick.

»Aber erzähl mir, wie sie waren.«

»Das waren Ojibwa«, sagte Nick. »Und sie waren sehr nett.«

»Aber wie war es mit ihnen?«

»Schwer zu sagen«, sagte Nick Adams. Kannst du sagen, sie hat als Erste getan, was keine jemals besser getan hat, ihre strammen braunen Beine erwähnen, den flachen Bauch, die festen kleinen Brüste, die zupackenden Arme, die flink forschende Zunge, die flachen Augen, den köstlichen Mund, und dann, beunruhigend, eng, herrlich, feucht, wunderbar, eng, schmerzhaft, tief, endlich, niemals endend, niemals enden sollend und plötzlich vorbei, der große Vogel aufgeflogen wie eine Eule in der Dämmerung, nur dass es taghell war im Wald und dir die Tannennadeln in den Bauch stachen. Sodass du, wann immer du an einen Ort kommst, wo Indianer gelebt haben, ihr Fortsein riechst, und all die leeren Sorgenbrecherflaschen und die summenden Fliegenschwärme übertönen nicht den Duft von Mariengras, den Geruch von Rauch und diesen anderen, der an ein frisch abgezogenes Marderfell erinnert. Weder irgendwelche Witze über sie noch alte Squaws können daran etwas ändern. Auch nicht der unangenehm süßlich Geruch, den sie annehmen. Auch nicht, was sie am Ende getan haben. Es ging nicht darum, wie es mit ihnen zu Ende gegangen war. Ihr Ende war immer dasselbe. Vor langer Zeit gut. Jetzt nicht mehr gut.

Und das andere. Wenn man einen Vogel im Flug geschossen hat, hat man alle Vögel im Flug geschossen. Sie sind alle verschieden und fliegen auf unterschiedliche Weise, aber das Gefühl ist dasselbe, und der letzte ist so gut wie der erste. Dafür konnte er seinem Vater danken.

»Kann sein, dass sie dir nicht gefallen würden«, sagte Nick zu dem Jungen. »Aber ich denke, eigentlich doch.«

»Und mein Großvater war als Junge auch mit ihnen zusammen?«

»Ja. Als ich ihn gefragt habe, wie sie sind, hat er gesagt, er habe viele Freunde unter ihnen.«

»Werde ich auch mal mit ihnen zusammen sein?«

»Das weiß ich nicht«, sagte Nick. »Das musst du selber wissen.«

»Wie alt werde ich sein, wenn ich eine Schrotflinte bekomme und auf die Jagd gehen darf?«

»Zwölf Jahre, wenn ich sehe, dass du vorsichtig bist.«

»Ich wäre gern schon zwölf.«

»Das kommt noch früh genug.«;

»Wie war mein Großvater? Ich kann mich kaum an ihn erinnern, nur dass er mir ein Luftgewehr und eine amerikanische Flagge geschenkt hat, als ich damals aus Frankreich zurückgekommen bin. Wie war er?«

»Schwer zu sagen. Er war ein sehr guter Jäger und Angler, und er hatte wunderbare Augen.«

»War er besser als du?«

»Er war ein viel besserer Schütze, und auch sein Vater war ein großartiger Flugschütze.«

»Ich wette, er war nicht besser als du.«

»Oh doch, das war er. Er schoss sehr schnell und sauber. Ich kenne keinen, dem ich beim Schießen lieber zugesehen hätte. Von meiner Art zu schießen war er immer sehr enttäuscht.«

»Warum gehen wir nie zum Grab meines Großvaters und beten?«

»Weil wir in einem anderen Teil des Landes leben. Es ist zu weit weg.«

»In Frankreich wäre es egal. In Frankreich würden wir hingehen. Ich finde, ich sollte einmal am Grab meines Großvaters beten.«

»Eines Tages tun wir das auch.«

»Hoffentlich leben wir nicht mal irgendwo, wo ich nicht an deinem Grab beten kann, wenn du tot bist.«

»Das wird sich regeln lassen.«

»Meinst du nicht, wir könnten alle an einem günstig gelegenen Ort begraben werden? Wir könnten alle in Frankreich begraben werden. Das wäre schön.«

»Ich möchte nicht in Frankreich begraben werden«, sagte Nick.

»Dann müssen wir uns in Amerika etwas Passendes suchen. Könnten wir nicht alle draußen auf der Ranch begraben werden?«

»Gute Idee.«

»Dann könnte ich auf dem Weg zur Ranch haltmachen und am Grab meines Großvaters beten.«

»Wie ungeheuer pragmatisch du bist.«

»Ich finde es einfach nicht gut, dass ich noch nie das Grab meines Großvaters besucht habe.«

»Dann müssen wir hin«, sagte Nick. »Ich kann das verstehen, wir müssen dahin.«

Teil VI

In einem anderen Land

In diesem Herbst war der Krieg allgegenwärtig, aber wir gingen nicht mehr hin. Es war kalt im Herbst in Mailand, und es wurde sehr früh dunkel. Dann gingen die elektrischen Lichter an, und es war schön, von den Straßen aus in die Fenster zu sehen. Vor den Läden hing viel Wild, und der Schnee bepuderte das Fell der Füchse, und der Wind bauschte ihre Schweife. Die Rebe hingen steif und schwer und leer, und kleine Vögel baumelten im Wind, und der Wind blies ihr Gefieder auf. Es war ein kalter Herbst, und der Wind kam von den Bergen herunter.

Wir alle waren jeden Nachmittag im Krankenhaus, und es gab verschiedene Möglichkeiten, in der Dämmerung durch die Stadt zum Krankenhaus zu gehen. Zwei Wege führten an Kanälen entlang, waren aber weit. Immer jedoch musste man eine Brücke über einen Kanal überqueren, um ins Krankenhaus zu gelangen. Drei Brücken standen zur Auswahl. Auf einer davon verkaufte eine Frau Röstkastanien. Vor ihrem Holzkohlefeuer hatte man es warm, und dann hatte man die warmen Kastanien in der Tasche. Das Krankenhaus war sehr alt und sehr schön, und man betrat es durch ein Tor und ging über einen Hof und durch ein Tor auf der anderen Seite wieder hinaus. Fast immer machten sich Leichenzüge von dem Hof aus auf den Weg. Hinter dem alten Krankenhaus standen die neuen Backsteingebäude, und dort trafen wir uns jeden Nachmittag und waren alle sehr höflich und interessiert an dem, was gerade anlag, und saßen in den Apparaten, die unseren Zustand angeblich bedeutend bessern sollten.

Der Arzt kam zu dem Apparat, in dem ich saß, und sagte: »Was haben Sie vor dem Krieg am liebsten getan? Haben Sie Sport getrieben?«

Ich sagte: »Ja, Football.«

»Gut«, sagte er. »Sie werden wieder Football spielen können und noch besser als früher.«

Mein Knie ließ sich nicht beugen, das Bein hing ohne Wade zwischen Knie und Knöchel gerade hinunter, und der Apparat sollte das Knie beugen und zu einer Bewegung veranlassen wie beim Dreiradfahren. Aber noch beugte es sich nicht, und der Apparat geriet ins Stottern, wenn es ans Beugen ging. Der Arzt sagte: »Das wird schon wieder. Sie sind ein Glückspilz, junger Mann. Sie werden wieder Football spielen wie ein Champion.«

In dem Apparat neben mir saß ein Major, der eine kleine Hand hatte wie ein Baby. Er zwinkerte mir zu, während der Arzt seine Hand untersuchte, deren Finger von zwei Lederriemen auf und ab bewegt wurden, und sagte: »Und werde ich auch wieder Football spielen, Doktor?« Er war ein sehr guter Fechter gewesen, vor dem Krieg der beste Fechter Italiens.

Der Arzt ging in seine Praxis in einem Nebenraum und kam mit der Fotografie einer Hand zurück, die vor der Behandlung mit so einem Apparat fast so verkümmert gewesen war wie des Majors und hinterher ein wenig größer aussah. Der Major hielt die Fotografie in seiner gesunden Hand und betrachtete sie eingehend. »Eine Verletzung?«, fragte er.

»Arbeitsunfall«, sagte der Arzt.

»Sehr interessant, sehr interessant«, sagte der Major und gab sie dem Arzt zurück.

»Macht Sie das zuversichtlich?«

»Nein«, sagte der Major.

Jeden Tag kamen auch drei Jungen, die etwa in meinem Alter waren. Sie stammten alle drei aus Mailand, und einer von ihnen wollte Anwalt werden, ein anderer Maler, und einer hatte Soldat werden wollen, und wenn wir mit den Apparaten fertig waren, gingen wir manchmal zusammen ins Café Cova gleich neben der Scala. Da wir zu viert waren, gingen wir die kurze Strecke durch das Kommunistenviertel zu Fuß. Die Leute hassten uns, weil wir Offiziere waren, und es kam vor, dass jemand aus einem Weinlokal »A basso gli ufficiali!« rief, wenn wir vorbeikamen. Ein anderer Junge, der manchmal mit uns ging, sodass wir zu fünft waren, trug ein schwarzes Seidentuch vors Gesicht gebunden, weil er zu der Zeit keine Nase hatte und sein Gesicht erst wieder rekonstruiert werden sollte. Er war direkt von der Militärakademie an die Front gekommen und hatte kaum eine Stunde an vorderster Front verbracht, als er verwundet worden war. Man machte ihm ein neues Gesicht, aber er stammte aus einer alteingesessenen Familie, und irgendwie bekam man die Nase nicht mehr richtig hin. Er ging nach Südamerika und arbeitete bei einer Bank. Aber das war lange her, und damals wusste keiner von uns, was später aus uns werden sollte. Damals wussten wir nur eins: Der Krieg war immer da, aber wir gingen nicht mehr hin.

Wir hatten alle dieselben Orden, bis auf den Jungen mit dem schwarzen Seidenverband vorm Gesicht; der war nicht lange genug an der Front gewesen, um irgendwelche Orden zu bekommen. Der Große mit dem sehr bleichen Gesicht, der Anwalt werden wollte, war Leutnant der Arditi gewesen und hatte drei Orden der Kategorie, von der wir anderen jeder nur einen hatten. Er hatte sehr lange Zeit mit dem Tod gelebt und war ziemlich verschlossen. Wir alle waren ziemlich verschlossen, und das Einzige, was uns zusammenhielt, waren die nachmittäglichen Treffen im Krankenhaus. Aber wenn wir in der Dunkelheit durch das berüchtigte Viertel zum Cova gingen und Licht und Gesang aus den Weinlokalen kamen und wir manchmal auf die Straße ausweichen mussten, wenn Männer und Frauen sich auf dem Bürgersteig drängten, sodass wir sie hätten anrempeln müssen, um vorbeizukommen, fühlten wir uns zusammengehalten von Dingen, die uns geschehen waren und von denen diese Leute, die uns nicht leiden konnten, gar keinen Begriff hatten.

Vom Cova hatten wir alle einen Begriff, dort war es luxuriös und warm und nicht zu hell und zu bestimmten Zeiten sehr laut und verraucht, und immer waren Mädchen an den Tischen und illustrierte Zeitungen in einem Regal an der Wand. Die Mädchen im Cova waren sehr patriotisch, und mir schien, dass die Cafémädchen die patriotischsten Menschen von ganz Italien waren — und ich glaube, das sind sie noch immer.

Die Jungen waren anfangs sehr höflich wegen meiner Orden und wollten wissen, wofür ich sie bekommen hatte. Ich zeigte ihnen die Urkunden, die in sehr schöner Sprache geschrieben waren, voller fratellanza und abnegazione, die aber, wenn man die Adjektive wegließ, im Grunde nur besagten, dass mir die Orden verliehen worden waren, weil ich Amerikaner bin. Danach änderte sich ihr Verhalten mir gegenüber ein wenig, auch wenn ich gegen Außenstehende ihr Freund blieb. Ich war ein Freund, aber nie wirklich einer von ihnen, nachdem sie die ehrenvollen Erwähnungen gelesen hatten, denn bei ihnen war es anders gewesen, sie hatten ganz andere Dinge getan, für die sie ihre Orden bekommen hatten. Es stimmte schon, ich war verwundet worden; aber wir alle wussten, eigentlich war es eher ein Unfall, wenn man verwundet wurde. Ich habe mich der Ordensbänder jedoch nie geschämt, und nach der Cocktailstunde stellte ich mir manchmal vor, ich hätte all die Dinge getan, die sie getan und für die sie ihre Orden bekommen hatten: Aber wenn ich abends durch die leeren Straßen im kalten Wind an den geschlossenen Läden vorbei nach Hause ging und mich dabei möglichst nah an den Laternen zu halten versuchte, erkannte ich, dass ich solche Dinge niemals getan hätte, dass ich große Angst vor dem Sterben hatte, und allein in meinem Bett hatte ich oft Angst vor dem Sterben und fragte mich, wie es mir ergehen würde, wenn ich wieder an die Front zurückginge.

Die drei mit den Orden waren wie Jagdfalken; und ich war kein Falke, auch wenn Leute, die nie gejagt hatten, mich für einen Falken halten konnten; sie, diese drei, wussten es besser, und so trieben wir auseinander. Aber ich blieb gut Freund mit dem Jungen, der an seinem ersten Tag an der Front verwundet worden war, denn der würde nun nie erfahren, wie er sich gehalten haben würde, und konnte daher auch nicht akzeptiert werden, und ich mochte ihn, weil ich dachte, dass er sich vielleicht auch nicht als Falke erwiesen hätte.

Der Major, der ein guter Fechter gewesen war, glaubte nicht an Tapferkeit und verbrachte, während wir in den Apparaten saßen, viel Zeit damit, meine Grammatik zu verbessern. Er hatte mir zu meinem Italienisch Komplimente gemacht, und wir konnten uns ganz gut unterhalten. Einmal hatte ich gesagt, Italienisch komme mir so einfach vor, dass ich kein großes Interesse daran entwickeln könne. »Ach ja?«, sagte der Major. »Und warum machen Sie dann keinen Gebrauch von der Grammatik?« Also machten wir von der Grammatik Gebrauch, und bald war Italienisch eine so schwierige Sprache, dass ich mich scheute, mit ihm zu sprechen, bevor ich mir nicht die Grammatik zurechtgelegt hatte.

Der Major kam sehr regelmäßig ins Krankenhaus. Soweit ich weiß, hat er keinen einzigen Tag versäumt; dabei bin ich mir sicher, dass er von den Apparaten nichts hielt. Es gab eine Zeit, da glaubte niemand von uns an die Apparate, und einmal sagte der Major, das sei alles Unsinn. Damals waren die Apparate neu, und an uns probierte man sie aus. Das sei eine idiotische Idee, sagte er, »eine Theorie wie jede andere«. Ich hatte meine Grammatiklektion nicht gelernt, und er sagte, er sei ein Narr, dass er sich mit mir abgebe. Er war ein kleiner Mann und saß aufrecht auf seinem Stuhl, die rechte Hand in dem Apparat und den Blick starr an die Wand gerichtet, während die Riemen seine Finger auf und ab bewegten.

»Was werden Sie tun, wenn der Krieg vorbei ist, falls er jemals vorbei sein wird?«, fragte er mich.

»Ich gehe in die Staaten zurück.«

»Sind Sie verheiratet?«

»Nein, aber ich hab’s vor.«

»Dann sind Sie erst recht ein Narr«, sagte er. Er schien sehr zornig. »Ein Mann darf nicht heiraten.«

»Warum, Signor Maggiore?«

»Sagen Sie nicht ›Signor Maggiore‹ zu mir.«

»Warum darf ein Mann nicht heiraten?«

»Weil er nicht darf. Er darf nicht heiraten«, sagte er zornig. »Er verliert sowieso alles, aber er sollte sich nicht selbst in die Lage bringen, es zu verlieren. Er sollte sich nicht in eine Lage bringen, in der er verliert. Er sollte Dinge finden, die er nicht verlieren kann.«

Er sprach sehr zornig und verbittert und sah dabei starr vor sich hin.

»Aber warum muss er es denn verlieren?«

»Er verliert es«, sagte der Major. Er starrte die Wand an. Dann senkte er den Blick auf den Apparat, zerrte seine kleine Hand aus den Riemen und schlug sie fest auf seinen Oberschenkel. »Er verliert es«, schrie er beinahe. »Widersprechen Sie mir nicht!« Dann rief er nach dem Aufseher, der die Apparate bediente. »Stellen Sie diese verdammte Maschine ab.«

Er ging zur Lichttherapie und Massage in das andere Zimmer. Ich hörte ihn den Arzt fragen, ob er sein Telefon benutzen dürfe, dann schloss er die Tür. Als er zurückkam, saß ich in einem anderen Apparat. Er trug seinen Umhang und seine Mütze, und er kam direkt zu meinem Apparat und legte mir einen Arm um die Schulter.

»Entschuldigen Sie«, sagte er und klopfte mir mit der gesunden Hand auf die Schulter. »Ich wollte nicht unhöflich sein. Meine Frau ist gerade gestorben. Verzeihen Sie mir bitte.«

»Oh …«, sagte ich ernüchtert, und mir war übel vor Mitgefühl. »Es tut mir so leid.«

Er biss sich in die Unterlippe. »Es ist sehr schwer«, sagte er. »Ich verkrafte das nicht.«

Er sah starr an mir vorbei aus dem Fenster. Dann begann er zu weinen. »Ich kann das einfach nicht verkraften«, sagte er und schluckte. Und weinend, den Blick ins Leere gerichtet, Tränen auf den Wangen und sich auf die Lippen beißend, schritt er in soldatisch steifer Haltung an den Apparaten vorbei zur Tür hinaus.

Von dem Arzt erfuhr ich, dass die Frau des Majors an Lungenentzündung gestorben war; sie war noch sehr jung, und er hatte sie erst geheiratet, nachdem man ihn für dauerhaft kriegsuntauglich erklärt hatte. Sie war nur wenige Tage krank gewesen. Niemand hatte damit gerechnet, dass sie sterben würde. Der Major kam drei Tage lang nicht ins Krankenhaus. Dann erschien er wieder zur gewohnten Stunde, mit einem schwarzen Band am Ärmel seiner Uniform. Als er zurückkam, hingen große gerahmte Fotografien an der Wand, Aufnahmen von allen möglichen Verletzungen vor und nach der Behandlung mit den Apparaten. Vor dem Apparat, den der Major benutzte, hingen drei Fotografien von Händen wie die seine, die vollständig wiederhergestellt waren. Ich weiß nicht, woher der Arzt sie hatte. Ich hatte immer gedacht, wir seien die Ersten, die mit diesen Apparaten behandelt würden. Die Fotografien bedeuteten dem Major nicht viel, denn er schaute immer nur zum Fenster hinaus.

Teil VII

Die Killer

Die Tür von Henrys Imbiss ging auf, und zwei Männer kamen herein. Sie setzten sich an den Tresen.

»Was darf’s sein?«, fragte George.

»Weiß nicht«, sagte einer der Männer. »Was willst du essen, Al?«

»Weiß nicht«, sagte Al. »Ich weiß nicht, was ich essen will.«

Draußen wurde es dunkel. Vor dem Fenster gingen die Straßenlaternen an. Die zwei Männer am Tresen lasen die Speisekarte. Nick Adams beobachtete sie vom anderen Ende des Tresens aus. Er hatte mit George gesprochen, als sie kamen.

»Ich nehme gebratenes Schweinefilet mit Apfelmus und Kartoffelpüree«, sagte der Erste.

»Das ist noch nicht fertig.«

»Warum zum Teufel setzen Sie’s dann auf die Karte?«

»Das ist das Abendessen«, erklärte George. »Das gibt es ab sechs.«

George sah auf die Uhr an der Wand hinter der Theke.

»Jetzt ist es fünf.«

»Die Uhr zeigt zwanzig nach fünf«, sagte der Zweite.

»Die geht zwanzig Minuten vor.«

»Ach, zum Teufel mit der Uhr«, sagte der Erste. »Was gibt es zu essen?«

»Verschiedene Sandwiches«, sagte George. »Mit Schinken und Ei, Speck und Ei, Leber und Speck oder Steak.«

»Bringen Sie mir Hähnchenkroketten mit Erbsen und Sahnesauce und Kartoffelpüree.«

»Das ist das Abendessen.«

»Alles, was wir wollen, gibt’s erst abends, was? So läuft das bei Ihnen?«

»Ich kann Ihnen ein Sandwich mit Schinken und Ei geben, Speck und Ei, Leber …«

»Ich nehme das mit Schinken und Ei«, sagte der Mann, der Al hieß. Er trug eine Melone und einen schwarzen, vor der Brust zugeknöpften Mantel. Er hatte ein schmales bleiches Gesicht und verkniffene Lippen. Er trug ein seidenes Halstuch und Handschuhe.

»Bringen Sie mir Eier mit Speck«, sagte der andere. Er war etwa so groß wie Al. Ihre Gesichter waren verschieden, aber gekleidet waren sie wie Zwillinge. Beide trugen zu enge Mäntel. Sie saßen nach vorn gebeugt, die Ellbogen auf dem Tresen.

»Was gibt’s zu trinken?«, fragte Al.

»Silver Beer, Bevo, Ginger Ale«, sagte George.

»Ich meine, was es zu trinken gibt.«

»Nur das, was ich gesagt habe.«

»Ist ja ein tolles Kaff«, sagte der andere. »Wie heißt es überhaupt?«

»Summit.«

»Schon mal gehört?«, fragte Al seinen Freund.

»Nein«, sagte der Freund.

»Was kann man hier abends machen?«, fragte Al.

»Zu Abend essen«, sagte sein Freund. »Die kommen alle her und essen das große Abendessen.«

»Das ist richtig«, sagte George.

»Sie finden das also richtig?«, fragte Al George.

»Allerdings.«

»Sie sind wohl ein ganz Schlauer, was?«

»Allerdings«, sagte George.

»Nein, sind Sie nicht«, sagte der andere kleine Mann.

»Hab ich recht, Al?«

»Er ist dumm«, sagte Al. Er wandte sich an Nick.

»Und wie heißen Sie?«

»Adams.«

»Noch so ein Schlaumeier«, sagte Al. »Ist er nicht ein Schlaumeier, Max?«

»In dem Kaff wimmelt es von Schlaumeiern«, sagte Max.

George stellte die zwei Teller auf den Tresen, einmal Schinken und Ei und einmal Speck und Ei. Er stellte zwei Schälchen Bratkartoffeln dazu und schloss die Durchreiche zur Küche.

»Welches ist Ihres?«, fragte er Al.

»Schon vergessen?«

»Schinken und Ei.«

»Tatsächlich ein Schlaumeier«, sagte Max. Er beugte sich vor und nahm den Teller mit dem Schinken-Ei-Sandwich. Beide Männer ließen beim Essen die Handschuhe an. George sah ihnen zu.

»Was gibt’s da zu glotzen?«, fragte Max George.

»Nichts.«

»Von wegen. Du hast mich angesehen.«

»Vielleicht hat der Junge es als Scherz gemeint, Max«, sagte Al.

George lachte.

»Du hast hier nicht zu lachen«, sagte Max. »Du hast hier absolut nicht zu lachen, ist das klar?«

»Ist gut«, sagte George.

»Das findet er also gut.« Max wandte sich an Al. »Er findet das gut. Großartiger Witz.«

»Ja, er ist ein Denker«, sagte Al. Sie aßen weiter.

»Wie heißt der Schlaumeier dahinten am Tresen?«, fragte Al Max.

»He, Schlaumeier«, sagte Max zu Nick. »Verzieh dich zu deinem Freund hinter die Theke.«

»Was soll das?«, fragte Nick.

»Das soll gar nichts.«

»Ab, hinter die Theke, Schlaumeier«, sagte Al. Nick ging hinter die Theke.

»Was soll das?«, fragte George.

»Geht dich einen Scheißdreck an«, sagte Al. »Wer ist in der Küche?«

»Der Nigger.«

»Was soll das heißen: der Nigger?«

»Der Koch.«

»Sag ihm, er soll herkommen.«

»Was soll das?«

»Sag ihm, er soll herkommen.«

»Was glauben Sie eigentlich, wo Sie sind?«

»Das wissen wir ganz genau, wo wir sind«, sagte der Mann, der Max hieß. »Sehen wir wie Dummköpfé aus?«

»Du redest wie ein Dummkopf«, sagte Al zu ihm.

»Was zum Teufel zankst du dich mit diesem Burschen rum? Also«, sagte er zu George, »ruf jetzt den Nigger her.«

»Was wollen Sie denn von ihm?«

»Nichts. Denk mal nach, Schlaumeier. Was sollten wir von einem Nigger wollen?«

George öffnete die Durchreiche zur Küche. »Sam«, rief er. »Komm mal kurz her.«

Die Küchentür ging auf, und der Nigger kam rein.

»Was gibt’s?«, fragte er. Die zwei Männer am Tresen nahmen ihn in Augenschein.

»Also gut, Nigger. Bleib da stehen«, sagte Al.

Sam, der Nigger, stand da in seiner Schürze und sah die zwei Männer am Tresen an. »Ja, Sir«, sagte er. Al glitt von seinem Hocker.

»Ich geh mit dem Nigger und dem Schlaumeier in die Küche«, sagte er. »Los, zurück in die Küche, Nigger. Du gehst mit ihm, Schlaumeier.« Der kleine Mann ging hinter Nick und Sam, dem Koch, in die Küche. Die Tür fiel hinter ihnen zu. Der Mann, der Max hieß, blieb George gegenüber am Tresen sitzen. Er sah George nicht an, sondern blickte in den Spiegel an der Wand hinter dem Tresen. Das Lokal war von einer Kneipe zu einem Imbiss umgebaut worden.

»Na, Schlaumeier«, sagte Max und blickte in den Spiegel, »warum sagst du nicht was?«

»Was soll das alles?«

»He, Al«, rief Max, »der Schlaumeier will wissen, was das alles soll.«

»Sag’s ihm doch!«, rief Al aus der Küche.

»Was glaubst du, was das soll?«

»Keine Ahnung.«

»Was glaubst du?«

Max sah beim Reden die ganze Zeit in den Spiegel.

»Will ich nicht sagen.«

»He, Al, der Schlaumeier will nicht sagen, was er glaubt, was das soll.«

»Ich kann euch hören«, sagte Al aus der Küche. Er hatte eine Ketchupflasche in die Durchreiche gestellt, damit sie nicht zufiel. »He, Schlaumeier«, sagte er aus der Küche zu George, »stell dich ein bisschen weiter hinten an die Theke. Und du etwas nach links, Max.« Er redete wie ein Fotograf, der ein Gruppenfoto arrangiert.

»Sprich mit mir, Schlaumeier«, sagte Max. »Was glaubst du, was wird passieren?«

George sagte nichts.

»Ich sag’s dir«, sagte Max. »Wir werden einen Schweden töten. Kennst du einen großen Schweden, der Ole Andreson heißt?«

»Ja.«

»Er kommt hier jeden Abend zum Essen, richtig?«

»Er kommt manchmal.«

»Er kommt um sechs, richtig?«

»Wenn er kommt.«

»Das wissen wir alles, Schlaumeier«, sagte Max. »Erzähl was anderes. Gehst du schon mal ins Kino?«

»Ab und zu.«

»Du solltest öfter ins Kino gehen. Genau das Richtige für einen Schlaumeier wie dich.«

»Weshalb wollen Sie Ole Andreson töten? Was hat er Ihnen getan?«

»Nichts hat er uns getan. Wie sollte er? Er hat uns noch nie gesehen.«

»Und er sieht uns auch nur ein einziges Mal«, sagte Al aus der Küche.

»Warum wollen Sie ihn dann töten?«, fragte George.

»Wir töten ihn für einen Freund. Nur um einem Freund einen Gefallen zu tun, Schlaumeier.«

»Halt’s Maul«, sagte Al aus der Küche. »Du redest zu viel.«

»Ich muss den Schlaumeier doch bei Laune halten. Stimmt’s, Schlaumeier?«

»Du quatschst zu viel«, sagte Al. »Der Nigger und mein Schiaumeier hier halten sich allein bei Laune. Ich hab sie Wie zwei Freundinnen im Kloster zusammengebunden.«

»Schätze, du warst mal im Kloster?«

»Wer weiß.«

»Muss ein koscheres Kloster gewesen sein.«

George sah nach der Uhr.

»Wenn welche reinkommen, sagst du, der Koch ist nicht da, und wenn sie trotzdem was wollen, sagst du, du gehst nach hinten und kochst selber. Kapiert, Schlaumeier?«

»In Ordnung«, sagte George. »Was haben Sie hinterher mit uns vor?«

»Kommt drauf an«, sagte Max. »Das gehört zu den Sachen, die man vorher nicht weiß.«

George sah nach der Uhr. Es war Viertel nach sechs. Die Eingangstür ging auf. Ein Straßenbahnfahrer kam herein.

»Hallo, George«, sagte er. »Krieg ich was zu essen?«

»Sam ist nicht da«, sagte George. »Kommt erst in einer halben Stunde wieder.«

»Dann such ich mir was nebenan«, sagte der Straßenbahnfahrer. George sah nach der Uhr. Es war zwanzig nach sechs.

»Das war gut, Schlaumeier«, sagte Max. »Du bist ja ein echter kleiner Gentleman.«

»Er wusste, dass ich ihm ‘ne Kugel verpasst hätte«, sagte Al aus der Küche.

»Nein«, sagte Max. »Nicht doch. Der Schlaumeier ist gut. Ein guter Junge. Ich mag ihn.«

Um fünf vor sieben sagte George: »Er kommt nicht.«

Zwei andere waren noch in den Imbiss gekommen. Einmal war George in die Küche gegangen und hatte für den Kunden ein Schinken-Ei-Sandwich »zum Mitnehmen« gemacht. In der Küche sah er Al; die Melone im Nacken, saß er auf einem Hocker neben der Durchreiche, die Läufe der abgesägten Schrotflinte ruhten auf dem Sims. Nick und der Koch saßen, jeder mit einem Handtuch geknebelt, Rücken an Rücken in einer Ecke. George hatte das Sandwich zubereitet, es in Butterbrotpapier gewickelt, in eine Tüte gesteckt und hineingebracht, und der Mann hatte bezahlt und das Lokal verlassen.

»Schlaumeier ist ein Alleskönner«, sagte Max. »Kann kochen und alles. Einen wie dich würde ein Mädchen bestimmt gern zur Frau haben.«

»Ach ja?«, sagte George. »Ihr Freund Ole Andreson kommt bestimmt nicht mehr.«

»Wir geben ihm noch zehn Minuten«, sagte Max.

Max behielt den Spiegel und die Uhr im Blick. Die Uhrzeiger rückten auf sieben und weiter auf fünf nach sieben.

»Komm, Al«, sagte Max. »Wir verschwinden. Er kommt nicht.«

»Lass uns noch fünf Minuten warten«, sagte Al aus der Küche.

Während dieser fünf Minuten kam ein Mann herein, und George erklärte, der Koch sei krank.

»Warum zum Teufel besorgen Sie sich keinen Ersatzkoch?«, fragte der Mann. »Und so was betreibt einen Imbiss!« Er ging.

»Komm, Al«, sagte Max.

»Was ist mit den zwei Schlaumeiern und dem Nigger?«

»Die sind in Ordnung.«

»Findest du?«

»Sicher. Wir sind hier fertig.«

»Mir gefällt das nicht«, sagte Al. »Das ist unprofessionell. Du redest zu viel.«

»Ach, was soll’s«, sagte Max. »Wir wollen doch unseren Spaß haben.«

»Du redest trotzdem zu viel«, sagte Al. Er kam aus der Küche. Die abgesägten Läufe der Schrotflinte beulten den Stoff unterhalb der Taille seines zu eng sitzenden Mantels ein wenig aus. Er zupfte den Mantel mit seinen behandschuhten Händen zurecht.

»Bis bald, Schlaumeier«, sagte er zu George. »Bist ein Glückspilz.«

»Stimmt«, sagte Max. »Du solltest bei den Pferdewetten einsteigen, Schlaumeier.«

Die beiden gingen zur Tür hinaus. George beobachtete durchs Fenster, wie sie an der Bogenlampe vorbei die Straße überquerten. In ihren engen Mänteln und den Melonen sahen sie aus wie ein Komikergespann. George ging durch die Schwingtür in die Küche und band Nick und den Koch los.

»Ich hab die Nase voll«, sagte Sam, der Koch. »Ich hab die Nase gestrichen voll.«

Nick stand auf. Er hatte noch nie ein Handtuch im Mund gehabt.

»Was, zum Teufel«, sagte er, »war das denn?« Er versuchte, großspurig darüber hinwegzukommen.

»Die wollten Ole Andreson töten«, sagte George. »Wolken ihn erschießen, wenn er zum Essen kommt.«

»Ole Andreson?«

»Sag ich doch.«

Der Koch fuhr sich mit den Daumen über die Mundwinkel.

»Sind sie weg?«, fragte er.

»Ja«, sagte George. »Sie sind weg.«

»Mir gefällt das nicht«, sagte der Koch. »Mir gefällt das überhaupt nicht.«

»Wäre gut«, sagte George zu Nick, »wenn du Ole Andreson Bescheid sagen könntest.«

»Mach ich.«

»Mischt euch da besser nicht ein«, sagte Sam, der Koch. »Ich würde mich raushalten.«

»Wenn du nicht gehen willst, lass es«, sagte George.

»Das bringt überhaupt nichts, sich da einzumischen«, sagte der Koch. »Haltet euch da raus.«

»Ich geh ihn suchen«, sagte Nick zu George. »Wo wohnt er?«

Der Koch wandte sich ab.

»Kleine Jungen wissen immer genau, was sie wollen«, sagte er.

»Er wohnt in Hirschs Pension«, sagte George zu Nick.

»Ich geh da mal hin.«

Draußen leuchtete die Bogenlampe durch das kahle Astwerk eines Baums. Nick ging an den Straßenbahnschienen entlang und wandte sich an der nächsten Bogenlampe in eine Nebenstraße. Drei Häuser weiter war Hirschs Pension. Nick ging die zwei Stufen hinauf und läutete. Eine Frau machte die Tür auf.

»Ist Ole Andreson da?«

»Wollen Sie zu ihm?«

»Ja, wenn er da ist.«

Nick folgte der Frau eine Treppe hinauf und ans Ende eines Flurs. Sie klopfte an die Tür.

»Wer ist da?«

»Besuch für Sie, Mr. Andreson«, sagte die Frau.

»Ich bin’s, Nick Adams.«

»Komm rein.«

Nick öffnete die Tür und ging in das Zimmer. Ole Andreson lag vollständig angezogen auf dem Bett. Er war Schwergewichtsboxer gewesen und zu lang für das Bett. Sein Kopf lag auf zwei Kissen. Er sah Nick nicht an.

»Was gibt’s?«, fragte er.

»Ich war eben bei Henry«, sagte Nick. »Da sind zwei Kerle reingekommen, haben mich und den Koch gefesselt und gesagt, sie wollen dich töten.«

Es hörte sich blöd an, wie er das sagte. Ole Andreson schwieg.

»Die haben uns in die Küche gesteckt«, fuhr Nick fort. »Wolten dich erschießen, wenn du zum Essen reinkommst.«

Ole Andreson sah weiter schweigend die Wand an.

»George meinte, es wäre besser, wenn ich dir Bescheid sage.«

»Ich kann ja doch nichts daran ändern«, sagte Ole Andreson.

»Ich sag dir, wie sie aussehen.«

»Ich will nicht wissen, wie sie aussehen«, sagte Ole Andreson. Er sah die Wand an. »Danke, dass du mir Bescheid gesagt hast.«

»Schon gut.«

Nick musterte den großen Mann auf dem Bett.

»Soll ich für dich zur Polizei gehen?«

»Nein«, sagte Ole Andreson. »Das bringt nichts.«

»Kann ich denn nichts für dich tun?«

»Nein. Da gibt es nichts zu tun.«

»Vielleicht haben sie nur geblufft.«

»Nein. Die haben nicht geblufft.«

Ole Andreson drehte sich zur Wand um.

»Es ist nur so«, sagte er zu der Wand, »dass ich mich nicht aufraffen kann, rauszugehen. Bin schon den ganzen Tag hier drin.«

»Könntest du nicht die Stadt verlassen?«

»Nein«, sagte Ole Andreson. »Ich hab das ewige Herumgerenne satt.«

Er sah die Wand an.

»Da ist nichts zu machen.«

»Kannst du die Sache nicht irgendwie regeln?«

»Nein. Ich hab’s mir mit denen verdorben«, sagte er, immer mit derselben tonlosen Stimme. »Da ist nichts zu machen. Nachher raffe ich mich auf und gehe raus.«

»Dann geh ich mal wieder zu George«, sagte Nick.

»Bis bald«, sagte Ole Andreson. Er sah Nick nicht an. »Danke, dass du gekommen bist.«

Nick ging. Als er die Tür zumachte, sah er Ole Andreson vollständig bekleidet auf dem Bett liegen und die Wand anstarren.

»Er war den ganzen Tag in seinem Zimmer«, erzählte die Vermieterin unten. »Anscheinend fühlt er sich nicht wohl. Ich habe zu ihm gesagt: ›Mr. Andreson, an einem, so schönen Tag wie heute sollten Sie einmal einen Spaziergang machen.‹ Aber er hatte keine Lust.«

»Er möchte nicht ausgehen.«

»Tut mir leid, dass er sich nicht wohlfühlt«, sagte die Frau. »Er ist so ein netter Mensch. Er war Boxer, müssen Sie wissen.«

»Ich weiß.«

»Man würde nie darauf kommen, außer wenn man sein Gesicht sieht«, sagte die Frau. Sie standen vor der Tür, die auf die Straße führte. »So ein freundlicher Mensch.«

»Na, gute Nacht, Mrs. Hirsch«, sagte Nick.

»Ich bin nicht Mrs. Hirsch«, sagte die Frau. »Der gehört der Laden. Ich passe hier nur für sie auf. Ich bin Mrs. Bell.«

»Na, dann gute Nacht, Mrs. Bell«, sagte Nick.

»Gute Nacht«, sagte die Frau.

Nick ging die dunkle Straße bis zur Bogenlampe an der Ecke hinauf und an den Straßenbahnschienen entlang zu Henrys Imbiss zurück. George stand hinter der Theke.

»Hast du mit Ole gesprochen?«

»Ja«, sagte Nick. »Er ist in seinem Zimmer und will nicht raus.«

Der Koch stieß die Küchentür auf, als er Nicks Stimme hörte.

»Ich hör mir das nicht an«, sagte er und machte die Tür zu.

»Hast du ihm von der Sache erzählt?«, fragte George.

»Sicher, ich hab’s ihm erzählt, aber er wusste es schon.«

»Was hat er vor?«

»Nichts.«

»Die bringen ihn um.«

»Denke ich auch.«

»Muss in Chicago in irgendwas reingerasselt sein.«

»Anzunehmen«, sagte Nick.

»Verdammter Mist.«

»Schlimme Sache«, sagte Nick.

Dann schwiegen sie. George langte nach einem Handtuch und wischte den Tresen ab.

»Möchte wissen, was er angestellt hat«, sagte Nick.

»Irgendwen aufs Kreuz gelegt. Da wird dann kurzer Prozess gemacht.«

»Ich verschwinde aus dieser Stadt«, sagte Nick.

»Ja«, sagte George. »Das sollte man tun.«

»Schreckliche Vorstellung, wie er da in seinem Zimmer hockt und weiß, dass sie ihn kriegen werden. Muss verdammt scheußlich sein.«

»Tja«, sagte George, »am besten denkt man gar nicht drüber nach.«

Teil VIII

Wie du niemals sein wirst

Sie hatten die Attacke querfeldein geführt, waren durch Maschinengewehrfeuer von der tief gelegenen Straße und den Bauernhäusern her aufgehalten worden, waren dann im Ort auf keinerlei Widerstand gestoßen und hatten das Flussufer erreicht. Er fuhr auf einem Fahrrad die Straße entlang, und als er absteigen und schieben musste, weil die Straße zu kaputt war, konnte Nicholas Adams an der Lage der Toten erkennen, was sich abgespielt hatte.

Sie lagen allein oder in Haufen im hohen Gras des Feldes und am Straßenrand, ihre Taschen umgestülpt, von Fliegen umschwärmt, und um jede Leiche oder Gruppe von Leichen lag Papier verstreut.

Im Gras und im Getreide, am Straßenrand und zum Teil auch mitten auf der Straße lag viel Material herum: eine Feldküche, die man rübergeschickt haben musste, als alles gut lief; die mit Kalbsleder bezogenen Tornister, Stielhandgranaten, Helme, Gewehre, gelegentlich ein Bajonett, das mit dem Kolben nach oben im Boden steckte; am Ende mussten sie ordentlich zu graben angefangen haben; Stielhandgranaten, Helme, Gewehre, Schanzzeug, Munitionskisten, Leuchtpistolen, die Patronen dazu verstreut, Verbandskästen, Gasmasken, leere Gasmaskenbehälter, ein kompaktes Maschinengewehr auf einem Dreifuß mitten in einem Wust leerer Geschosshülsen, volle Munitionsgurte, die aus den Kisten quollen, der Kanister für die Wasserkühlung leer und umgekippt, der Verschluss weg, die Mannschaft in allen möglichen Stellungen, und im Gras um sie herum noch mehr von dem typischen Papier.

Da lagen Gebetbücher, Postkarten mit Gruppenfotos der Maschinengewehrschützen, zwanglos munter aufgereiht wie ein Footballteam fürs College-Jahrbuch; jetzt lagen sie verkrümmt und aufgedunsen im Gras; Propagandapostkarten mit der Abbildung eines Soldaten in österreichischer Uniform, der eine Frau auf einem Bett nach hinten bog; die beiden waren impressionistisch gezeichnet; sehr anziehend gestaltet, hatte die Szene nichts gemein mit tatsächlicher Vergewaltigung, bei der man der Frau den Rock über den Kopf zieht, um ihre Schreie zu ersticken, und manchmal auch ein Kamerad auf ihrem Kopf sitzt. Dort lagen viele von diesen anregenden Karten, die offenbar unmittelbar vor dem Angriff ausgegeben worden waren. Und überall dazwischen die schlüpfrigen Fotopostkarten; die kleinen Fotos von Dorfmädchen, aufgenommen von Dorffotografen, vereinzelte Bilder von Kindern und Briefe, Briefe, Briefe. Um die Toten lag immer viel Papier herum, und die Überbleibsel dieser Attacke bildeten keine Ausnahme.

Das hier waren neue Tote, und niemand hatte sich mit ihnen aufgehalten, nur mit ihren Taschen. Von unseren eigenen Toten, oder was für ihn damals noch unsere eigenen Toten waren, gab es erstaunlich wenig, stellte Nick fest. Auch ihre Jacken waren aufgerissen und die Taschen umgestülpt, und an ihren Stellungen war zu erkennen, wie und mit welchem Geschick sie den Angriff geführt hatten. Die warme Witterung hatte sie alle gleichermaßen aufquellen lassen, ohne Rücksicht auf Nationalitäten.

Am Ende hatte man die Ortschaft offenbar von der tief gelegenen Straße aus verteidigt, und nur wenige oder gar keine Österreicher hatten sich dorthin zurückziehen können. Nur drei Leichen lagen auf der Straße, und die sahen aus, als seien sie im Lauf erschossen worden. Die Häuser waren von Granaten zerstört, und auf der Straße lag alles voll Mörtel und Gips und zerfetzten Balken und zertrümmerten Dachziegeln, und überall waren Löcher, manche vom Senfgas gelb umrandet. Und überall in dem Schutt lagen Granatsplitter und Schrapnellkugeln herum. In dem Ort war niemand mehr.

Seit er in Fornaci aufgebrochen war, hatte Nick Adams niemanden mehr gesehen, nur, als er auf dem Fahrrad durch die üppig belaubte Landschaft fuhr, links von der Straße einige mit Maulbeerblättern getarnte Geschütze, die er an dem Hitzeflimmern der Luft über den Blättern erkannte, wo die Sonne auf das Metall schien. Jetzt ging er weiter durch den Ort, überrascht, ihn verlassen vorzufinden, und erreichte den Weg unterhalb der Uferböschung. Der Weg senkte sich aus dem Ort heraus über kahles offenes Gelände, und er sah den stillen Fluss und das leicht gekrümmte Ufer gegenüber und den gebleichten, von der Sonne getrockneten Schlamm, wo die Österreicher gegraben hatten. Alles war viel üppiger und grüner, als er es zuletzt gesehen hatte, und dass der Fluss historisch geworden war, hatte seinen unteren Lauf kein bisschen verändert.

Das Bataillon lag am Ufer zur Linken. Oben in der Böschung gab es eine Reihe von Löchern, die mit einigen Männern besetzt waren. Nick bemerkte, wo die Maschinengewehre und die Signalraketen in ihren Gestellen postiert waren. Die Männer in den Löchern am Böschungshang schliefen. Niemand hielt ihn an. Er ging weiter, und als er um eine Biegung des schlammigen Ufers kam, richtete ein junger Leutnant mit Stoppelbart und rot geränderten, stark blutunterlaufenen Augen eine Pistole auf ihn.

»Wer sind Sie?«

Nick sagte es ihm.

»Wie kann ich sicher sein?«

Nick zeigte ihm die tessera mit Foto und Legitimation und dem Siegel der Dritten Armee. Der andere nahm den Ausweis an sich.

»Das behalte ich.«

»Nein«, sagte Nick. »Geben Sie mir den Ausweis zurück und stecken Sie die Waffe weg. Dorthin. In den Halfter.«

»Woher soll ich wissen, wer Sie sind?«

»Steht alles in der tessera.«

»Und wenn die tessera gefälscht ist? Geben Sie her.«

»Machen Sie keine Dummheiten«, sagte Nick gut gelaunt. »Bringen Sie mich zu Ihrem Kompaniechef.«

»Ich sollte Sie ins Bataillonshauptquartier schicken.«

»Also gut«, sagte Nick. »Kennen Sie Hauptmann Paravicini? Großer Mann mit kleinem Schnurrbart, war früher Architekt und spricht Englisch?«

»Sie kennen ihn?«

»Ein wenig.«

»Welche Kompanie befehligt er?«

»Die zweite.«

»Er befehligt das Bataillon.«

»Gut«, sagte Nick. Er vernahm mit Erleichterung, dass Para wohlauf war. »Gehen wir zum Bataillon.«

Als Nick aus dem Ort herausgekommen war, waren in einiger Höhe rechts über einem der zerstörten Häuser drei Schrapnelle explodiert; seither hatte es keinen Beschuss mehr gegeben. Aber das Gesicht dieses Soldaten sah aus wie das eines Mannes im Bombenhagel. Dieselbe Angespanntheit, und die Stimme klang nicht natürlich. Seine Pistole machte Nick nervös.

»Tun Sie die weg«, sagte er. »Zwischen denen und Ihnen ist doch der ganze Fluss.«

»Wenn ich Sie für einen Spion halten würde, würde ich Sie auf der Stelle erschießen«, sagte der Leutnant.

»Kommen Sie«, sagte Nick. »Gehen wir zum Bataillon.« Der Soldat machte ihn sehr nervös.

Hauptmann Paravicini, stellvertretender Major, dünner und britischer aussehend als je zuvor, erhob sich, als Nick hinter dem Tisch in dem Unterstand salutierte, der als Bataillonshauptquartier diente.

»Hallo«, sagte er. »Ich habe Sie nicht gleich erkannt. Wie kommen Sie denn an diese Uniform?«

»Man hat mich reingesteckt.«

»Freut mich sehr, Sie zu sehen, Nicolo.«

»Schön. Sie sehen gut aus. Wie war die Vorstellung?«

»Wir haben einen großartigen Angriff geführt. Wirklich, einen großartigen Angriff. Ich zeig’s Ihnen. Sehen Sie.«

Er zeigte auf der Karte, wie der Angriff verlaufen war.

»Ich komme jetzt aus Fornaci«, sagte Nick. »Da konnte ich sehen, wie es gelaufen ist. Wirklich sehr gut.«

»Es war außerordentlich. Ganz und gar außerordentlich. Sind Sie dem Regiment zugewiesen?«

»Nein, ich soll durch die Gegend fahren und meine Uniform sehen lassen.«

»Sehr merkwürdig.«

»Man nimmt an, wenn sie eine amerikanische Uniform sehen, glauben sie, dass noch mehr kommen.«

»Aber woher sollen sie wissen, dass es eine amerikanische Uniform ist?«

»Sagen Sie es ihnen.«

»Oh. Ja, verstehe. Ich gebe Ihnen einen Unteroffizier mit, der Sie herumführen und Ihnen den Frontverlauf zeigen kann.«

»Wie ein verfluchter Politiker«, sagte Nick.

»In Zivil würden Sie noch viel nobler aussehen. Das wäre wirklich nobel.«

»Mit einem Homburg.«

»Oder mit einem pelzbesetzten Filzhut.«

»Eigentlich hätte ich die Taschen voll mit Zigaretten und Postkarten und so Zeugs haben sollen«, sagte Nick. »Einen Tornister voll Schokolade. Die sollte ich mit freundlichen Worten und Schulterklopfen verteilen. Aber es gab weder Zigaretten noch Postkarten, noch Schokolade. Man hat mich trotzdem losgeschickt.«

»Ihre Erscheinung wird den Soldaten bestimmt viel Mut machen.«

»Können Sie das nicht lassen?«, sagte Nick. Ich fühle mich auch so schon schlimm genug. »Normalerweise hätte ich Ihnen eine Flasche Brandy mitgebracht.«

»Normalerweise«, sagte Para und lächelte zum ersten Mal, wobei seine gelben Zähne zum Vorschein kamen. »Was für ein schönes Wort. Möchten Sie Grappa?«

»Nein, danke«, sagte Nick.

»Da ist kein Äther drin.«

»Ich hab den Geschmack immer noch im Mund«, erinnerte sich Nick plötzlich genau.

»Dass Sie betrunken waren, habe ich erst gemerkt, als Sie auf der Rückfahrt irn Lastwagen zu reden angefangen haben.«

»Ich war bei jedem Angriff besoffen«, sagte Nick.

»Ich kann das nicht«, sagte Para. »Beim ersten Mal hab ich’s getan, beim allerersten Mal, und es hat mich bloß konfus gemacht und dann furchtbar durstig.«

»Man muss es nicht tun.«

»Sie sind beim Angriff viel mutiger als ich.«

»Nein«, sagte Nick. »Ich kenne mich, und ich ziehe es vor, mich zu besaufen. Ich schäme mich nicht dafür.«

»Ich habe Sie nie betrunken gesehen.«

»Nein?«, sagte Nick. »Nie? Auch nicht in der Nacht, als wir von Mestre nach Portogrande gefahren sind und ich schlafen wollte und ein Fahrrad statt einer Decke benutzt und es mir bis zum Kinn hochgezogen habe?«

»Das war nicht an der Front.«

»Reden wir nicht von mir«, sagte Nick. »Das ist ein Thema, über das ich zu viel weiß, als dass ich noch darüber nachdenken will.«

»Bleiben Sie doch eine Weile hier«, sagte Paravicini.

»Legen Sie sich schlafen, wenn Sie wollen. Das Bombardement hat hier nicht viel Schaden angerichtet. Und es ist zu heiß, um jetzt schon wieder loszuziehen.«

»Ja, kein Grund zur Eile, nehme ich an.«

»Wie geht’s Ihnen wirklich?«

»Sehr gut. Mir geht’s großartig.«

»Nein, ich meine wirklich.«

»Mir geht’s gut. Aber ich kann nur bei Licht einschlafen. Sonst fehlt mir nichts.«

»Ich fand ja, man hätte es trepanieren sollen. Ich bin zwar kein Arzt, aber das weiß ich.«

»Na ja, die haben eben gemeint, es wird schon absorbiert werden, und das hab ich jetzt davon. Was ist denn? Wirke ich auf Sie etwa wie ein Verrückter?«

»Sie wirken prima in Form.«

»Man hat’s verdammt schwer, wenn man erst mal für verrückt erklärt worden ist«, sagte Nick. »Da traut einem niemand mehr über den Weg.«

»Ich würde mich schlafen legen, Nicolo«, sagte Paravicini. »Das hier ist kein Bataillonshauptquartier, wie wir sie früher hatten. Wir warten nur darauf, abgezogen zu werden. Sie sollten bei der Hitze jetzt nicht rausgehen — das wäre dumm. Nehmen Sie die Pritsche da.«

»Ein bisschen hinlegen kann ich mich ja«, sagte Nick.

Nick lag auf der Pritsche. Es entmutigte ihn sehr, dass er sich so fühlte, und gar noch mehr, dass es für Hauptmann Paravicini so offensichtlich war. Der Unterstand war kein so großer wie der, wo die vom 1899er-Jahrgang, zum ersten Mal an der Front, während des Bombardements vor dem Angriff hysterisch geworden waren, und Para ihm befohlen hatte, jeweils mit zweien von ihnen draußen herumzuspazieren, um ihnen zu zeigen, dass nichts geschah, und er selbst sich den Kinnriemen fest vor den Mund geklemmt hatte, damit seine Lippen nicht zuckten. Er wusste, im Ernstfall würden sie die Stellung nicht halten können. Wusste, das war alles ein einziger Murks — wenn er nicht aufhören kann zu weinen, schlag ihm die Nase ein, das bringt ihn auf andere Gedanken. Ich würde einen erschießen, aber dafür ist es jetzt zu spät. Das würde es für die noch schlimmer machen. Ihm die Nase einschlagen. Auf zwanzig nach fünf verschoben. Uns bleiben nur noch vier Minuten. Schlag diesem anderen Idioten die Nase ein und schmeiß den Trottel raus. Meinst du, sie kommen rüber? Wenn nicht, erschieß zwei und versuch die andern irgendwie rauszuholen. Bleib hinter ihnen, Sergeant. Bringt nichts, wenn man vorangeht und dann keiner nachkommt. Hau sie raus. So ein verdammter Murks. Gut so. Richtig so. Dann ein Blick auf die Uhr, und mit ruhiger Stimme, mit dieser unbezahlbaren ruhigen Stimme: »Savoia.« Nüchtern los, keine Zeit mehr, was zu holen, nach dem Einsturz fand er seins sowieso nicht mehr, ein ganzes Ende war eingestürzt; jetzt mussten sie raus; nüchtern den Hang hinauf, das einzige Mal, dass er es nicht besoffen gemacht hatte. Und als sie zurückkamen, schien das teleferica-Haus zu brennen, und manche von den Verwundeten kamen erst vier Tage später runter und manche überhaupt nicht, aber wir gingen da rauf und nachher wieder runter — runter kamen wir immer. Und dann war da Gaby Delys, seltsam genug, mit Federn an; und Püppchen hast du mich genannt vorm Jahr, tadada, und geschwärmt, was fürn netter Junge ich war, tadada, mit Federn an, ohne Federn an, die große Gaby, und mein Name ist auch Harry Pilcer, und wir sind immer auf der anderen Seite aus dem Taxi gestiegen, wenn es steil bergauf ging, und er sah diesen Hügel immer noch jede Nacht im Traum, obendrauf Sacré Cœur, der weiße Hauch, wie eine Seifenblase. Manchmal war sein Mädchen da, und manchmal war sie mit einem anderen da, was er nicht begreifen konnte, aber das waren die Nächte, wo der Fluss sehr viel breiter und ruhiger war, als man meinen sollte, und dann außerhalb von Fossalta das kleine gelbe Haus inmitten von Weidenbäumen und der kleine Stall und ein Kanal, und tausendmal war er da gewesen und hatte es nicht gesehen, aber jede Nacht war es da, so deutlich wie der Hügel, nur dass es ihm Angst machte. Dieses Haus bedeutete mehr als alles andere, und er hatte es jede Nacht. Er brauchte es, aber es machte ihm Angst, besonders wenn das Boot dort ruhig auf dem Kanal zwischen den Weiden lag, aber die Ufer waren anders als die hier an diesem Fluss. Viel flacher, genau wie in Portogrande, wo sie gesehen hatten, wie sie durch das überschwemmte Gelände mit hochgehaltenen Gewehren auf sie zugewatet kamen, ehe sie damit ins Wasser stürzten. Wer hatte das befohlen? Wenn es nicht allzu durcheinanderging, kam er schon ganz gut mit. Deshalb merkte er sich immer alle Einzelheiten, um nicht durcheinanderzugeraten und immer genau zu wissen, wo er war, aber plötzlich verwirrte sich grundlos alles, so wie jetzt, wo er im Bataillonshauptquartier auf einer Pritsche lag und Para ein Bataillon befehligte und er eine verdammte amerikanische Uniform anhatte. Er setzte sich auf und blickte umher; alle beobachteten ihn. Para war nicht da. Er legte sich wieder hin.

Das mit Paris kam vorher, und davor fürchtete er sich nicht, außer die Sache, als sie mit einem anderen weggegangen war und er fürchtete, sie könnten zweimal dasselbe Taxi nehmen. Das war es, was beängstigend war. Nicht die Front, die nicht. Er träumte jetzt nie mehr von der Front, aber was ihm solche Angst machte, dass er es nicht loswerden konnte, war das längliche gelbe Haus und dass der Fluss anders war. Jetzt war er wieder hier an dem Fluss, er war durch denselben Ort gegangen, und das Haus war nicht da. Und auch der Fluss war nicht mehr so. Wohin also ging er jede Nacht, und was war die Gefahr, und was war der Grund, warum er völlig durchnässt und in größerer Panik aufwachte als je unter Beschuss — ein Haus und ein längliches Stallgebäude und ein Kanal?

Er setzte sich auf; schwang vorsichtig die Beine herunter; sie versteiften sich jedes Mal, wenn sie längere Zeit ausgestreckt waren; erwiderte die Blicke des Adjutanten, der Funker und der zwei Melder an der Tür und setzte seinen Grabenhelm auf.

»Ich bedaure das Fehlen der Schokolade, der Postkarten und Zigaretten«, sagte er. »Ich trage jedoch die Uniform.«

»Der Major kommt gleich zurück«, sagte der Adjutant. In dieser Armee ist ein Adjutant kein Offizier.

»Die Uniform ist nicht ganz korrekt«, erklärte ihnen Nick. »Aber sie vermittelt schon einen Eindruck. In Bälde werden hier etliche Millionen Amerikaner sein.«

»Sie meinen, man wird Amerikaner hierher schicken?«, fragte der Adjutant.

»Oh, ganz sicher. Amerikaner, die doppelt so groß sind wie ich, gesund und reinen Herzens, noch nie verwundet gewesen, nie in die Luft gesprengt, nie den Schädel eingestürzt, nie Angst gehabt, trinken nicht, sind den Mädchen treu, die sie daheim gelassen haben, viele von ihnen wissen gar nicht, was Filzläuse sind, wunderbare Burschen. Sie werden sehen.«

»Sind Sie Italiener?«, fragte der Adjutant.

»Nein, Amerikaner. Beachten Sie die Uniform. Die hat Spagnolini gemacht, aber nicht ganz korrekt.«

»Nord- oder Südamerikaner?«

»Nord«, sagte Nick. Er fühlte es kommen. Er musste sich zusammenreißen.

»Aber Sie sprechen Italienisch.«

»Na und? Stört es Sie, wenn ich Italienisch spreche? Habe ich nicht das Recht, Italienisch zu sprechen?«

»Sie haben italienische Orden.«

»Nur die Bänder und die Urkunden. Die Orden kommen später. Oder man gibt sie irgendwelchen Leuten, und die Leute ziehen weiter; oder sie gehen mit dem Gepäck verloren. In Mailand kann man sich neue kaufen. Wichtig sind die Urkunden. Nehmen Sie’s nicht so schwer. Wenn Sie lang genug an der Front bleiben, kriegen Sie auch welche.«

»Ich bin Veteran des Eritrea-Feldzugs«, sagte der Adjutant steif. »Ich habe in Tripoli gekämpft.«

»Freut mich sehr, Sie kennengelernt zu haben.« Nick streckte die Hand aus. »Das müssen harte Zeiten gewesen sein. Ich habe die Bänder bemerkt. Waren Sie zufällig auf dem Carso?«

»Ich bin gerade erst zu diesem Krieg einberufen worden. Mein Jahrgang war zu alt.«

»Ich war auch mal unter der Altersgrenze«, sagte Nick. »Aber jetzt bin ich durch den Krieg reformiert.«

»Aber warum sind Sie jetzt hier?«

»Ich führe die amerikanische Uniform vor«, sagte Nick. »Finden Sie die nicht sehr beachtlich? Sie sitzt am Kragen ein wenig eng, bald aber werden Sie ungezählte Millionen in dieser Uniform wie die Heuschrecken umherschwärmen sehen. Der Grashüpfer, wissen Sie, was wir in Amerika Grashüpfer nennen, das sind in Wirklichkeit Heuschrecken. Der echte Grashüpfer ist klein und grün und vergleichsweise schwach. Den darf man jedoch nicht mit der Zikade verwechseln, die ein eigenartig anhaltendes Geräusch von sich gibt, an das ich mich im Augenblick nicht erinnern kann. Ich versuche mich daran zu erinnern, aber ich kann es nicht. Ich kann es beinahe hören, und dann ist es wieder ganz weg. Verzeihen Sie mir, wenn ich unsere Unterhaltung abbreche?«

»Versuch den Major aufzutreiben«, sagte der Adjutant zu einem der beiden Melder. »Wie ich sehe, sind Sie verwundet«, sagte er zu Nick.

»An verschiedenen Stellen«, sagte Nick. »Wenn Sie an Narben interessiert sind, kann ich Ihnen ein paar sehr interessante zeigen, aber ich würde lieber über Grashüpfer sprechen. Also über das, was wir Grashüpfer nennen; und was in Wirklichkeit Heuschrecken sind. Diese Insekten haben einmal eine ganz wichtige Rolle in meinem Leben gespielt. Das könnte Sie interessieren, und während ich rede, können Sie sich die Uniform ansehen.«

Der Adjutant machte eine Handbewegung, und der andere Melder ging ebenfalls.

»Richten Sie Ihren Blick auf die Uniform. Die hat Spagnolini angefertigt, müssen Sie wissen. Sie können sich das auch gleich ansehen«, sagte Nick zu den Funkern. »Ich habe keinen Rang. Wir unterstehen dem amerikanischen Konsul. Sehen Sie nur hin. Starren Sie mich an, wenn Sie wollen. Ich erzähle Ihnen von der amerikanischen Heuschrecke. Wir haben immer eine genommen, die wir die Mittelbraune nannten. Die halten sich im Wasser am besten, und die Fische mögen sie. Die größeren, die fliegen können und dabei ein Geräusch machen, das sich so ähnlich anhört wie das einer Klapperschlange, wenn sie mit ihren Klappern klappert, ein sehr trockenes Geräusch, haben kräftig bunte Flügel, manche sind knallrot, andere gelb mit schwarzen Streifen, aber deren Flügel gehen im Wasser kaputt, die sind als Köder also ganz schlecht geeignet, während die Mittelbraunen schön fette, feste, saftige Hüpfer sind, die ich nur empfehlen kann, sofern ich hier etwas empfehlen darf, das Sie, meine Herren, wahrscheinlich niemals zu Gesicht bekommen werden. Aber ich weise darauf hin, Sie werden niemals einen für einen Angeltag ausreichenden Vorrat an diesen Insekten zusammenbekommen, wenn Sie versuchen, sie mit bloßen Händen zu fangen, oder mit einem Knüppel danach schlagen. Das ist vollkommen witzlos und reine Zeitverschwendung. Ich wiederhole, meine Herren, das führt zu nichts. Bei dem korrekten Verfahren, das allen jungen Offizieren bei jedem Kleinwaffentraining beigebracht werden sollte, wenn ich ein Wörtchen mitzureden hätte, und wer weiß, ob ich es nicht mal so weit bringe, kommt ein Schlagnetz oder Fangnetz zum Einsatz, das man sich aus einem Moskitonetz zurechtbasteln kann. Zwei Offiziere halten das Netz an verschiedenen Enden oder, sagen wir, an beiden Enden, bücken sich, halten das untere Ende in einer Hand und das obere Ende in der anderen und laufen gegen den Wind. Die Hüpfer, die mit dem Wind fliegen, fliegen in das Netz und verfangen sich darin. Auf die Weise ist es ein Kinderspiel, eine große Menge einzufangen, und meiner Meinung nach sollte jeder Offizier mit einem Stück Moskitonetz ausgerüstet sein, das zur behelfsmäßigen Verwendung als ein solches Grashüpferfangnetz geeignet ist. Ich hoffe, ich habe mich klar ausgedrückt, meine Herren. Noch Fragen? Falls Sie irgendetwas an meinen Ausführungen nicht verstanden haben, fragen Sie nur. Heraus damit. Keine? Dann komme ich zum Schluss. Mit den Worten des großen Soldaten und Gentleman Sir Henry Wilson: Meine Herren, entweder müssen Sie regieren, oder Sie müssen regiert werden. Lassen Sie mich das wiederholen. Meine Herren, ich möchte, dass Sie sich dies eine merken. Dies eine nehmen Sie bitte mit, wenn Sie diesen Raum verlassen. Meine Herren, entweder müssen Sie regieren — oder Sie müssen regiert werden. Das ist alles, meine Herren. Guten Tag.«

Er lüpfte seinen stoffbezogenen Helm, setzte ihn wieder auf, bückte sich und ging durch die niedrige Tür des Unterstandes ins Freie. Para kam in Begleitung der beiden Melder auf der tief gelegenen Straße heran. Es war sehr heiß in der Sonne, und Nick nahm den Helm ab.

»Es sollte eine Methode geben, diese Dinger zu befeuchten«, sagte er. »Ich werde meinen im Fluss befeuchten.« Er ging die Böschung hinauf.

»Nicolo«, rief Paravicini. »Nicolo. Wo willst du hin?«

»Eigentlich muss ich nicht gehen.« Nick kam den Hang herunter, den Helm in den Händen. »Die sind verdammt lästig, ob feucht oder trocken. Haben Sie Ihren immer auf?«

»Immer«, sagte Para. »Das Ding macht mich kahl. Kommen Sie rein.«

Drinnen sagte Para, er solle sich setzen.

»Die Dinger taugen zu gar nichts«, sagte Nick. »Ich weiß noch, als wir sie bekamen, gab uns das ein Gefühl von Sicherheit, aber ich habe sie zu oft mit Hirnmasse gefüllt gesehen.«

»Nicolo«, sagte Para. »Ich finde, Sie sollten zurückgehen. Am besten kommen Sie erst wieder an die Front, wenn Sie diese Lieferungen erhalten haben. Hier können Sie nichts tun. Solange Sie hier sind, auch wenn Sie brauchbare Sachen zu verteilen hätten, kommt es zu Aufläufen, und das lädt den Gegner zum Beschuss ein. Ich kann das nicht dulden.«

»Ich weiß, es ist dumm«, sagte Nick. »War auch nicht meine Idee. Ich hatte gehört, die Brigade sei hier, und da dachte ich, ich könnte Sie oder andere besuchen, die ich kenne. Ich hätte auch nach Zenzon oder San Dona gehen können. Ich würde gern noch einmal die Brücke in San Dona sehen.«

»Ich kann nicht dulden, dass Sie hier ohne Sinn und Zweck herumlaufen«, sagte Hauptmann Paravicini.

»Ist gut«, sagte Nick. Er fühlte es wiederkommen.

»Haben Sie verstanden?«

»Ja, natürlich«, sagte Nick. Er versuchte es zu unterdrücken.

»Derartige Dinge sollten bei Nacht getan werden.«

»Selbstverständlich«, sagte Nick. Er wusste, er konnte es jetzt nicht mehr zurückhalten.

»Immerhin befehlige ich dieses Bataillon«, sagte Para.

»Und warum auch nicht?«, sagte Nick. Jetzt kam es. »Sie können doch lesen und schreiben?«

»Ja«, sagte Para freundlich.

»Das Dumme ist, Sie haben ein verdammt kleines Bataillon unter sich. Sobald es wieder Kampfstärke hat, wird man Ihnen Ihre Kompanie zurückgeben. Warum begräbt man die Toten nicht? Ich habe sie vorhin gesehen. Ich habe keine Lust, sie noch einmal zu sehen. Von mir aus kann man sie jederzeit begraben, und für Sie wäre das auch viel besser. Euch allen wird kotzübel werden.«

»Wo haben Sie Ihr Fahrrad gelassen?«

»Im letzten Haus.«

»Meinen Sie, es ist noch da?«

»Keine Sorge«, sagte Nick. »Ich geh’s bald holen.«

»Legen Sie sich etwas hin, Nicolo.«

»Na schön.«

Er schloss die Augen, und anstelle des bärtigen Mannes, der ihn ganz ruhig über das Visier seines Gewehrs anblickte, bevor er abdrückte, der grelle Blitz, die Kugel, die ihn wie eine Keule traf, auf die Knie sinken, heftig Würgen und das süße Blut auf die Felsen kotzen ließ, während sie an ihm vorbeirannten, sah er ein längliches gelbes Haus mit einem niedrigen Stall und den Fluss viel breiter als vorher und ruhiger. »Gott«, sagte er. »Ich sollte jetzt gehen.«

Er stand auf.

»Ich gehe, Para«, sagte er. »Wir haben Nachmittag, ich fahre zurück. Falls irgendwelche Sachen gekommen sind, bringe ich sie Ihnen heute Abend. Falls nicht, komme ich nachts, wenn ich was zu bringen habe.«

»Es ist noch zu heiß zum Radfahren«, sagte Hauptmann Paravicini.

»Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen«, sagte Nick. »Jetzt geht’s mir erst mal für eine Weile gut. Eben hatte ich einen, aber der war harmlos. Die werden immer besser. Ich merk’s, wenn einer kommt, weil ich dann immer zu viel rede.«

»Ich schicke Ihnen einen Melder mit.«

»Das ist nicht nötig. Ich kenne den Weg.«

»Kommen Sie bald wieder?«

»Ganz bestimmt.«

»Ich rufe den Melder —«

»Nein«, sagte Nick. »Als Zeichen des Vertrauens.«

»Na dann, ciao.«

»Ciao«, sagte Nick. Er machte sich auf den Rückweg, die tief gelegene Straße entlang, wo er das Rad gelassen hatte. Am Nachmittag lag die Straße im Schatten, wenn er den Kanal erst einmal hinter sich hatte. Jenseits davon waren auf beiden Seiten Bäume, die noch überhaupt keine Treffer abbekommen hatten. An diesem Abschnitt waren sie einmal an den Kavalleristen vom Regiment Terza Savoia vorbeimarschiert, die mit ihren Lanzen durch den Schnee geritten waren. Die Pferde atmeten Dampfwölkchen in die kalte Luft. Nein, das war anderswo gewesen. Aber wo?

»Ich muss dieses verdammte Fahrrad holen«, sagte Nick vor sich hin. »Ich darf nicht vom Weg nach Fornaci abkommen.«

Teil IX

Fünfzigtausend

»Wie geht’s dir, Jack?«, fragte ich ihn.

»Hast du diesen Walcott gesehen?«, sagt er.

»Eben beim Training.«

»Na«, sagt Jack, »bei dem werd ich viel Glück brauchen.«

»Der landet keinen Treffer bei dir, Jack«, sagte Soldier.

»Wenn’s nur so wäre.«

»Der trifft dich nicht mal mit ‘ner Handvoll Schrot.«

»Schrot wär gut«, sagt Jack. »Gegen Schrot hätt ich nichts einzuwenden.«

»Den kann man leicht treffen«, sagte ich.

»Klar«, sagt Jack, »lange wird er’s nicht machen. Nicht so lange wie du und ich, Jerry. Aber zurzeit ist er mächtig in Form.«

»Den schlägst du mit links.«

»Vielleicht«, sagt Jack. »Klar. Eine Chance hab ich.«

»Mach’s mit ihm wie mit Kid Lewis.«

»Kid Lewis«, sagt Jack. »Dieser blöde Jude!«

Wir drei, Jack Brennan, Soldier Bartlett und ich, saßen bei Hanley. Am Nebentisch hockten ein paar Nutten. Sie hatten getrunken.

»Was soll das heißen, blöder Jude?«, sagt eine von den Nutten. »Was soll das heißen, blöder Jude, du fetter Irenarsch?«

»Klar«, sagt Jack. »Ganz genau.«

»Blöde Juden«, quatscht die Nutte weiter. »Alle reden sie von blöden Juden, diese fetten Iren. Was soll das heißen, blöde Juden?«

»Kommt. Gehen wir.«

»Blöde Juden«, quatscht die Nutte weiter. »Wer hat von dir schon mal ‘nen Drink spendiert gekriegt? Deine Frau näht dir doch jeden Morgen die Taschen zu. Diese Iren und ihre blöden Juden! Ted Lewis würde auch mit dir fertigwerden.«

»Klar«, sagt Jack. »Und du gibst ja wohl auch dauernd was gratis her, oder?« Wir gingen. So war Jack. Er konnte sagen, was er wollte, wenn er es sagen wollte.

Jack begann sein Training auf Danny Hogans Gesundheitsfarm drüben in Jersey. Es war nett da draußen, aber Jack gefiel es nicht so. Er mochte es nicht, von seiner Frau und den Kindern getrennt zu sein, und war die meiste Zeit ziemlich mürrisch und verbiestert. Er mochte mich, und wir kamen gut miteinander aus; und er mochte Hogan, aber Soldier Bartlett ging ihm nach einer Weile auf die Nerven. Ein Clown wie er kann im Trainingslager zur Plage werden, wenn seine Späße ranzig werden. Soldier zog Jack ständig auf, zog ihn praktisch die ganze Zeit auf. Das war weder besonders komisch noch besonders gut, und allmählich wurde Jack sauer. Das lief dann etwa so: Jack machte mit den Gewichten und dem Sandsack Schluss und zog die Handschuhe an.

»Sollen wir?«, sagte er zu Soldier.

»Klar. Was genau soll ich machen?«, fragte Soldier. »Soll ich dich zusammenhauen wie Walcott? Soll ich dich ein paar Mal k. o. schlagen?«

»Ganz genau«, sagte Jack. Es gefiel ihm aber gar nicht.

Eines Morgens waren wir alle draußen auf der Straße. Wir waren ziemlich weit rausgegangen, und jetzt gingen wir zurück. Wir gingen drei Minuten sehr schnell, dann eine Minute langsam und dann wieder drei Minuten schnell. Jack war niemals das, was man einen Sprinter nennen würde. Im Ring bewegte er sich schnell genug, wenn es sein musste, aber auf der Straße war er kein bisschen schnell. Während wir langsam gingen, zog Soldier ihn die ganze Zeit auf. Wir schlenderten den Hügel zur Farm hinauf.

»Soldier«, sagte Jack, »ich finde, du solltest in die Stadt zurückfahren.«

»Wie war das?«

»Fahr in die Stadt zurück und bleib da.«

»Was hast du denn?«

»Mir wird schlecht von deinem Gequassel.«

»Ach ja?«, sagt Soldier.

»Ja«, sagt Jack.

»Dir wird’s noch schlechter gehen, wenn Walcott dich in die Mangel nimmt.«

»Klar«, sagt Jack, »schon möglich. Aber von dir hab ich jetzt schon genug.«

Also fuhr Soldier noch am selben Vormittag in die Stadt. Ich begleitete ihn zum Zug. Er war ziemlich aufgewühlt.

»Ich hab ihn doch nur aufgezogen«, sagte er. Wir warteten auf dem Bahnsteig. »Das kann er doch nicht mit mir machen, Jerry.«

»Er ist nervös und reizbar«, sagte ich. »Er ist ein guter Junge, Soldier.«

»Von wegen. Guter Junge, dass ich nicht lache.«

»Na ja«, sagte ich, »bis bald, Soldier.«

Der Zug war eingefahren. Er stieg mit seiner Tasche ein.

»Bis bald, Jerry«, sagt er. »Kommst du vor dem Kampf noch mal in die Stadt?«

»Glaub ich kaum.«

»Also bis dann.«

Er ging rein, und der Schaffner schwang sich hoch, und der Zug fuhr ab. Ich nahm den Wagen zur Farm zurück. Jack saß auf der Veranda und schrieb einen Brief an seine Frau. Die Post war gekommen, und ich nahm die Zeitungen und setzte mich auf der anderen Seite der Veranda zum Lesen hin. Hogan kam heraus und auf mich zu.

»Hat er sich mit Soldier angelegt?«

»Nein«, sagte ich. »Er hat ihm bloß gesagt, er soll in die Stadt zurückfahren.«

»Ich hab’s kommen sehen«, sagte Hogan. »Er konnte Soldier noch nie leiden.«

»Na ja. Er kann die meisten Leute nicht leiden.«

»Der ist kalt wie ein Fisch«, sagte Hogan.

»Zu mir war er immer freundlich.«

»Zu mir auch«, sagte Hogan. »Ich hab nichts gegen ihn. Aber kalt ist er trotzdem.«

Hogan ging durch die Fliegentür ins Haus, und ich blieb auf der Veranda und las die Zeitungen. Es wurde allmählich Herbst, und das Land oben in den Hügeln von Jersey ist schön, und nachdem ich mit den Zeitungen fertig war, blieb ich sitzen und schaute in die Landschaft und sah den Autos zu, die auf der Straße unten vor dem Wald Staub aufwirbelten. Es war schönes Wetter und ein wunderbares Land. Hogan kam zur Tür, und ich sagte: »Hogan, kann man hier draußen auf Jagd gehen?«

»Nein«, sagte Hogan. »Hier gibt’s nur Spatzen.«

»Schon die Zeitung gelesen?«, fragte ich.

»Was steht denn drin?«

»Sande hat gestern drei von ihnen geschlagen.«

»Hab ich schon gestern Abend am Telefon gehört.«

»Du verfolgst das ziemlich genau, oder?«, sagte ich.

»Ja, ich bin ständig in Kontakt mit denen«, sagte Hogan.

»Was ist mit Jack?«, sage ich. »Wettet er immer noch; auf die?«

»Der?«, sagte Hogan. »Traust du ihm das zu?«

Gerade da kam Jack mit dem Brief in der Hand um die Ecke. Er trug einen Pullover und eine alte Hose und Boxschuhe.

»Hast du ‘ne Briefmarke, Hogan?«, fragt er.

»Gib mir den Brief«, sagte Hogan. »Ich werf ihn für dich ein.«

»Jack«, sagte ich, »hast du nicht mal auf Pferde gewettet?«

»Klar.«

»Dachte ich mir. Hab dich oft draußen in Sheepshead gesehen.«

»Weshalb hast du aufgehört?«

»Geld verloren.«

Jack setzte sich neben mich auf die Veranda. Er lehnte sich an einen Pfosten. Er schloss die Augen in der Sonne.

»Willst du einen Stuhl?«, fragte Hogan.

»Nein«, sagte Jack. »Ist gut so.«

»Schöner Tag«, sagte ich. »Recht nett hier auf dem Land.«

»Ich wär verdammt viel lieber bei meiner Frau in der Stadt.«

»Na, ist ja nur noch eine Woche.«

»Ja«, sagte Jack. »Auch wieder wahr.«

Wir saßen auf der Veranda. Hogan war drinnen im Büro.

»Was hältst du von meiner Form?«, fragte mich Jack.

»Na ja, man kann nie wissen«, sagte ich. »Du hast noch eine Woche, um richtig in Form zu kommen.«

»Weich mir nicht aus.«

»Also gut«, sagte ich, »mit dir stimmt was nicht.«

»Ich kann nicht schlafen«, sagte Jack.

»In ein paar Tagen geht’s dir besser.«

»Nein«, sagte Jack. »Ich kann wirklich nicht schlafen.«

»Was bedrückt dich denn?«

»Meine Frau fehlt mir.«

»Lass sie herkommen.«

»Nein. Dafür bin ich zu alt.«

»Lass uns einen langen Spaziergang machen, bevor du dich hinlegst, damit du schön müde wirst.«

»Müde!«, sagte Jack. »Ich bin nur noch müde.«

So war er die ganze Woche. Nachts konnte er nicht schlafen, und wenn er morgens aufstand, fühlte er sich wie einer, der nicht mal eine Faust machen kann. »Er ist völlig ausgebrannt«, sagte Hogan. »Ein Nichts.«

»Ich habe Walcott noch nie gesehen«, sagte ich.

»Der bringt ihn um«, sagte Hogan. »Der reißt ihn in Stücke.«

»Tja«, sagte ich, »irgendwann muss jeder mal dran glauben.«

»Aber doch nicht so«, sagte Hogan. »Die werden denken, er hat überhaupt nicht trainiert. Das bringt die Gesundheitsfarm in Misskredit.«

»Hast du gehört, was die Reporter über ihn sagen?«

»Allerdings! Die finden ihn grauenhaft. Die sagen, man sollte ihn nicht antreten lassen.«

»Na und«, sagte ich, »die liegen doch immer daneben, oder?«

»Sicher«, sagte Hogan. »Aber diesmal haben sie recht.«

»Was zum Teufel wissen die schon davon, ob einer gut oder schlecht ist?«

»Na ja«, sagte Hogan, »so dumm sind die nun auch wieder nicht.«

»Ja, Willard in Toledo war für sie der Größte. Und jetzt frag mal diesen Klugscheißer Lardner, wie das damals war, als er in Toledo auf Willard gesetzt hat.«

»Ach, der war gar nicht hier«, sagte Hogan. »Der schreibt nur über die großen Kämpfe.«

»Ist mir egal, wer die sind«, sagte ich. »Was wissen die denn schon? Schreiben können sie ja vielleicht, aber was wissen die denn schon?«

»Du meinst also, Jack ist kein bisschen in Form?«, fragte Hogan.

»Nein. Er ist am Ende. Fehlt nur noch, dass Corbett auf ihn setzt, dann ist alles aus.«

»Nun ja, Corbett wird auf ihn setzen«, sagt Hogan.

»Klar. Wird er.«

In dieser Nacht schlief Jack auch nicht. Am Morgen brach der letzte Tag vor dem Kampf an. Nach dem Frühstück waren wir wieder draußen auf der Veranda.

»Woran denkst du, Jack, wenn du nicht schlafen kannst?«, sagte ich.

»Oh, ich denke an meine Sorgen«, sagt Jack. »Die Sorgen um meine Immobilien in der Bronx. Sorgen um meine Immobilien in Florida. Sorgen um meine Kinder. Sorgen um meine Frau. Manchmal denke ich an Boxkämpfe. Ich denke an diesen blöden Juden Ted Lewis und reg mich auf. Ich hab auch Aktien, über die ich mir Sorgen mache. Was glaubst du, woran ich alles denken muss, verdammt.«

»Na ja«, sagte ich, »morgen Abend ist alles vorbei.«

»Klar«, sagte Jack. »Das hilft immer, stimmt’s? Das bringt alles wieder in Ordnung, nehm ich an. Klar.«

Er war den ganzen Tag schlecht drauf. Von Training konnte keine Rede sein. Jack bewegte sich nur ein bisschen, um locker zu werden. Er machte ein paar Runden Schattenboxen. Nicht mal dabei sah er gut aus. Er versuchte ein bisschen Seilspringen. Er kam nicht ins Schwitzen.

»Am besten macht er gar nichts mehr«, sagte Hogan.

Wir sahen ihm beim Seilspringen zu. »Kommt er denn überhaupt nicht mehr ins Schwitzen?«

»Nein, kommt er nicht.«

»Meinst du, er hat Tb? Er hatte doch noch nie Schwierigkeiten, Gewicht zuzulegen.«

»Nein, er hat nicht Tb. Er hat bloß nichts mehr in sich drin.«

»Aber schwitzen müsste er doch.«

Jack kam seilspringend rüber. Er hüpfte vor uns herum, rauf und runter, vor und zurück, und kreuzte bei jedem dritten Sprung die Arme.

»Na«, sagt er. »Worüber redet ihr Geier?«

»Ich finde, du solltest aufhören zu trainieren«, sagt Hogan. »Das läugt dich nur aus.«

»Das wär ja furchtbar«, sagt Jack und hüpft mit kräftigen Seilschlägen davon.

Am Nachmittag ließ sich John Collins auf der Farm blicken. Jack war oben in seinem Zimmer. John kam mit dem Auto aus der Stadt. Er hatte ein paar Freunde dabei. Das Auto hielt, und sie stiegen aus.

»Wo ist Jack?«, fragte mich John.

»Hat sich in seinem Zimmer etwas hingelegt.«

»Hingelegt?«

»Ja«, sagte ich.

»Wie geht’s ihm?«

Ich sah nach den zwei Männern, die John mitgebracht hatte.

»Das sind Freunde von ihm«, sagte John.

»Geht ihm ziemlich schlecht.«

»Was hat er denn?«

»Er kann nicht schlafen.«

»Na und«, sagte John. »Dieser Ire hat noch nie schlafen können.«

»Ihm geht’s nicht gut«, sagte ich.

»Na und«, sagte John. »Dem geht’s nie gut. Ich kenne ihn seit zehn Jahren, und es ist ihm noch nie gut gegangen.«

Seine Begleiter lachten.

»Ich möchte dir Mr. Morgan und Mr. Steinfelt vorstellen«, sagte John. »Das ist Mr. Doyle. Er hat Jack trainiert.«

»Angenehm«, sagte ich.

»Gehen wir rauf und sehen uns den Jungen mal an«, sagte der, der Morgan hieß.

»Ja, sehen wir ihn uns an«, sagte Steinfelt. Wir gingen alle nach oben.

»Wo steckt Hogan?«, fragte John.

»Draußen in der Scheune mit ein paar von seinen Kunden«, sagte ich.

»Hat er zurzeit viele Leute hier?«, fragte John.

»Nur zwei.«

»Ganz schön ruhig, wie?«, sagte Morgan.

»Ja«, sagte ich. »Ganz schön ruhig.«

Wir standen vor Jacks Zimmer. John klopfte an die Tür. Es kam keine Antwort.

»Vielleicht schläft er«, sagte ich.

»Was zum Teufel hat er tagsüber zu schlafen?«

John drückte die Klinke, und wir gingen alle rein. Jack lag auf seinem Bett und schlief. Mit dem Gesicht nach unten, das Gesicht im Kopfkissen. Beide Arme um das Kissen geschlungen.

»He, Jack!«, sagte John.

Jacks Kopf bewegte sich ein bisschen auf dem Kissen. »Jack!«, sagt John und beugt sich über ihn. Jack vergrub sich noch tiefer in das Kissen. John berührte ihn an der Schulter. Jack richtete sich auf und sah uns an. Er war unrasiert und hatte einen alten Pullover an.

»Gott! Warum kannst du mich nicht schlafen lassen?«, sagte er zu John.

»Reg dich ab«, sagt John. »Ich wollte dich nicht wecken.«

»O nein«, sagt Jack. »Natürlich nicht.«

»Morgan und Steinfelt kennst du ja«, sagte John.

»Schön, euch zu sehen«, sagt Jack.

»Wie fühlst du dich, Jack?«, fragt Morgan.

»Prächtig«, sagt Jack. »Wie soll ich mich wohl fühlen, verdammt?«

»Du siehst gut aus«, sagt Steinfelt.

»Ja, von wegen«, sagt Jack. »Du«, sagt er zu John. »Du bist mein Manager. Du kriegst einen fetten Anteil. Warum zum Teufel kommst du nicht her, wenn die Reporter hier herumlungern? Sollen etwa Jerry und ich mit denen reden?«

»Ich musste Lew bei dem Kampf in Philadelphia betreuen«, sagte John.

»Ist mir doch egal!«, sagt Jack. »Du bist mein Manager. Du kriegst einen fetten Anteil. Was krieg ich denn von dem Kampf in Philadelphia ab? Warum zum Teufel bist du nicht hier, wenn ich dich brauche?«

»Hogan war hier.«

»Hogan«, sagt Jack. »Hogan ist auch nicht heller als ich.«

»Hat nicht Soldier Bartlett ‘ne Weile hier mit dir gearbeitet?«, sagte Steinfelt, um das Thema zu wechseln.

»Ja, der war hier«, sagt Jack. »Allerdings war der hier.«

»Sag mal, Jerry«, sagte John zu mir. »Kannst du mal zu Hogan gehen und ihm sagen, dass wir ihn in einer halben Stunde sprechen wollen?«

»Klar«, sagte ich.

»Warum zum Teufel kann er nicht bleiben?«, sagt Jack.

»Bleib hier, Jerry.«

Morgan und Steinfelt sahen sich an.

»Beruhige dich, Jack«, sagte John.

»Ich geh mal Hogan suchen«, sagte ich.

»Na schön, wenn du willst«, sagt Jack. »Aber keiner von denen hier schickt dich weg.«

»Ich geh Hogan suchen«, sagte ich.

Hogan war in der Scheune bei der Arbeit. Er trainierte zwei Patienten seiner Gesundheitsfarm. Sie standen sich mit Handschuhen gegenüber, keiner wollte den anderen schlagen, aus Angst, der andere würde zurückschlagen.

»Das reicht«, sagte Hogan, als er mich reinkommen sah. »Schluss mit dem Gemetzel. Gehen Sie duschen, Bruce wird Sie massieren.«

Sie kletterten zwischen den Seilen heraus, und Hogan kam zu mir rüber.

»John Collins ist mit zwei Freunden bei Jack aufgetaucht«, sagte ich.

»Ich hab sie mit dem Auto kommen sehen.«

»Was sind das für welche, die John da angeschleppt hat?«

»Das sind zwei Profis«, sagte Hogan. »Kennst du die nicht?«

»Nein«, sagte ich.

»Happy Steinfelt und Lew Morgan. Betreiben einen Billardsalon.«

»Ich war lange weg«, sagte ich.

»Klar«, sagte Hogan. »Happy Steinfelt ist eine ganz große Nummer.«

»Den Namen hab ich schon mal gehört«, sagte ich.

»Aalglatter Bursche«, sagte Hogan. »Vor den beiden muss man sich hüten.«

»Nun«, sagte ich. »Sie wollen uns sprechen, in einer halben Stunde.«

»Du meinst, sie wollen uns vor einer halben Stunde nicht sprechen?«

»Richtig.«

»Komm mit ins Büro«, sagte Hogan. »Zum Teufel mit diesen Geiern.«

Nach etwa dreißig Minuten gingen Hogan und ich nach oben. Wir klopften an Jacks Tür. Drinnen wurde geredet.

»Moment noch«, sagte jemand.

»Was soll dieser Mist«, sagte Hogan. »Wenn ihr mich sprechen wollt, ich bin unten im Büro.«

Wir hörten, wie die Tür aufgeschlossen wurde. Steinfelt machte auf.

»Komm rein, Hogan«, sagt er. »Wir wollten gerade was trinken.«

»Na«, sagt Hogan. »Das ist doch schon mal was.«

Wir gingen rein. Jack saß auf dem Bett. John und Morgan saßen auf Stühlen. Steinfelt blieb stehen.

»Ihr seid mir schon welche«, sagte Hogan.

»Hallo, Danny«, sagt John.

»Hallo, Danny«, sagt Morgan und gibt ihm die Hand.

Jack sagt kein Wort. Er sitzt bloß da auf dem Bett. Er ist nicht bei den anderen. Er ist nur bei sich. Er trug einen alten blauen Pullover, eine Hose und Boxschuhe. Er war unrasiert. Steinfelt und Morgan waren elegant gekleidet. John war auch elegant gekleidet. Jack saß da, ein abgebrühter irischer Bursche.

Steinfelt packte eine Flasche aus, und Hogan kam mit Gläsern, und alle tranken was. Jack und ich tranken einen, die anderen machten weiter und tranken jeder zwei oder drei.

»Spart euch lieber noch was für die Rückfahrt auf«, sagte Hogan.

»Keine Sorge. Wir haben reichlich«, sagte Morgan.

Jack hatte nach dem einen Glas nichts mehr getrunken. Er war aufgestanden und sah sie an. Morgan setzte sich aufs Bett, wo Jack gesessen hatte.

»Trink was, Jack«, sagte John und hielt ihm das Glas und die Flasche hin.

»Nein«, sagteJack, »ich mag solche Trauerfeiern nicht.«

Alle lachten. Jack lachte nicht.

Sie fühlten sich alle ziemlich gut, als sie gingen. Jack stand auf der Veranda, als sie ins Auto stiegen. Sie winkten ihm.

»Bis dann«, sagte Jack.

Wir aßen zu Abend. Jack sagte während der ganzen Mahlzeit kein Wort, außer »Reich mir das mal« oder »Gib mir das mal«. Die beiden Gesundheitsfarmpatienten aßen mit uns am Tisch. Ganz nette Leute. Nach dem Essen gingen wir auf die Veranda. Es wurde früh dunkel.

»Möchtest du einen Spaziergang machen, Jerry?«, fragte Jack.

»Klar«, sagte ich.

Wir zogen unsere Mäntel an und brachen auf. Es war ein gutes Stück Weg bis zur Hauptstraße, und dann gingen wir anderthalb Meilen an der Hauptstraße entlang. Immer wieder kamen Autos, denen wir seitlich ausweichen mussten, bis sie vorbei waren. Jack sagte kein Wort. Nachdem wir wegen eines großen Autos wieder mal in die Büsche gesprungen waren, sagte Jack: »Schluss damit. Lass uns zu Hogan zurückgehen.«

Wir nahmen eine Nebenstraße, die querfeldein und über den Hügel zu Hogan zurückführte. Oben auf dem Hügel sahen wir die Lichter des Hauses. Als Wir uns dem Haus näherten, stand da Hogan in der Tür.

»Schön herumspaziert?«, fragte Hogan.

»Ja, großartig«, sagte Jack. »Hör zu, Hogan. Hast du! Schnaps da?«

»Klar«, sagt Hogan. »Was hast du vor?«

»Schick was auf mein Zimmer«, sagt Jack. »Heute Nacht will ich schlafen.«

»Du bist der Arzt«, sagt Hogan.

»Komm mit mir rauf, Jerry«, sagt Jack.

Oben setzte sich Jack aufs Bett und legte den Kopf in die Hände.

»Ist das ein Leben«, sagt Jack.

Hogan brachte eine Literflasche Schnaps und zwei Gläser. .

»Willst du auch Ginger Ale?«

»Du willst wohl, dass mir schlecht wird!«

»Ich frag ja nur«, sagte Hogan.

»Was trinken?«, sagte Jack.

»Nein, danke«, sagte Hogan. Er ging.

»Und du, Jerry?«

»Ich trinke einen mit«, sagte ich.

Jack schenkte zwei Gläser ein. »So«, sagte er, »und jetzt schön langsam und gemütlich.«

»Tu ein bisschen Wasser rein«, sagte ich.

»Ja«, sagte Jack. »Ist wohl besser.«

Wir tranken zwei Gläser, ohne etwas zu sagen. Jack wollte mir noch einen eingießen.

»Nein«, sagte ich, »ich hab genug.«

»Na schön«, sagte Jack. Er goss sich ordentlich was ein und tat Wasser dazu. Seine Laune besserte sich ein wenig.

»Reizende Bande, die von heute Nachmittag«, sagte er. »Die riskieren nichts, die beiden.«

Dann, etwas später, sagt er: »Aber sie haben ja recht. Warum zum Teufel sollte man ein Risiko eingehen?«

»Willst du nicht doch noch einen, Jerry?«, sagte er.

»Komm, trink noch einen mit.«

»Ich hab das nicht nötig, Jack«, sagte ich. »Mir geht’s gut.«

»Nur noch einen«, sagte Jack. Das Zeug entspannte ihn.

»Na schön«, sagte ich.

Jack schenkte mir ein und nahm selbst noch einen großen Schluck.

»Weißt du«, sagte er, »ich mag Schnaps ganz gern. Wenn ich nicht Boxer wäre, würde ich ziemlich viel trinken.«

»Klar«, sagte ich.

»Weißt du«, sagte er, »durch das Boxen ist mir viel entgangen.«

»Du hast eine Menge Geld gemacht.«

»Sicher, das will ich ja auch. Aber ich muss auf vieles verzichten, Jerry.«

»Wie meinst du das?«

»Na ja«, sagt er, »zum Beispiel meine Frau. Und ich bin so selten zu Hause. Das tut meinen Töchtern gar nicht gut. ›Wer ist eigentlich dein Vater?‹ werden sie vielleicht von irgendwelchen feinen Pinkeln gefragt. ›Mein Vater ist Jack Brennan.‹ Das tut ihnen gar nicht gut.«

»Mann«, sagte ich, »am Ende zählt doch nur, dass sie Kohle haben.«

»Ja«, sagt Jack, »Kohle kann ich ihnen genug geben.«

Er schenkte sich noch einen ein. Die Flasche war bald leer.

»Tu ein bisschen Wasser rein«, sagte ich. Jack goss ein bisschen Wasser rein.

»Weißt du«, sagt er, »du kannst dir gar nicht vorstellen, Wie sehr meine Frau mir fehlt.«

»Klar.«

»Du kannst es dir nicht vorstellen. Du kannst dir nicht vorstellen, wie das ist.«

»Auf dem Land dürfte es nicht so schlimm sein wie in der Stadt.«

»Bei mir«, sagte Jack, »macht es keinen Unterschied, wo ich bin. Du kannst dir nicht vorstellen, wie das ist.«

»Trink noch einen.«

»Hab ich schon einen sitzen? Rede ich komisches Zeug?«

»Du bist auf dem besten Weg.«

»Du kannst dir nicht vorstellen, wie das ist. Kein Mensch kann sich vorstellen, wie das ist.«

»Außer deiner Frau«, sagte ich.

»Die weiß das«, sagte Jack. »Und wie die das weiß. Die weiß das. Und ob die das weiß.«

»Tu ein bisschen Wasser rein«, sagte ich.

»Jerry«, sagt Jack, »du kannst dir nicht vorstellen, wie man sich da fühlt.«

Er war‘ziemlich betrunken. Er sah mich starr an. Sein Blick war irgendwie zu starr.

»Jetzt kannst du schlafen«, sagte ich.

»Hör zu, Jerry«, sagt Jack. »Willst du ein bisschen Geld verdienen? Dann setz auf Walcott.«

»Ach ja?«

»Hör zu, Jerry«, Jack stellte das Glas hin. »Ich bin nicht betrunken. Weißt du, was ich auf ihn setze? Fünfzigtausend.«

»Das ist ‘ne Menge Kohle.«

»Fünfzigtausend«, sagt Jack, »bei zwei zu eins. Ich kriege fünfundzwanzigtausend. Du solltest auch auf ihn setzen, Jerry.«

»Hört sich gut an«, sagte ich.

»Wie soll ich ihn schlagen können?«, sagt Jack. »Von Schiebung kann keine Rede sein. Wie soll ich ihn schlagen können? Da verdien ich doch lieber mit daran.«

»Tu ein bisschen Wasser rein«, sagte ich.

»Nach diesem Kampf steig ich aus«, sagt Jack. »Mir reicht’s. Einmal lass ich mich noch verprügeln. Aber ich will wenigstens was dran verdienen.«

»Klar.«

»Ich hab seit einer Woche nicht geschlafen«, sagt Jack. »Die ganze Nacht lieg ich wach und mach mir Sorgen. Ich kann nicht schlafen, Jerry. Du kannst dir nicht vorstellen, wie das ist, wenn man nicht schlafen kann.«

»Klar.«

»Ich kann nicht schlafen. Das ist alles. Ich kann einfach nicht schlafen. Wozu passt man jahrelang auf sich auf, wenn man dann nicht schlafen kann?«

»Ist schon schlimm.«

»Du kannst dir nicht vorstellen, wie das ist, Jerry, wenn man nicht schlafen kann.«

»Tu ein bisschen Wasser rein«, sagte ich.

Gegen elf kippt Jack um, und ich bring ihn ins Bett. Endlich ist er so weit, dass er gar nicht anders kann als schlafen. Ich half ihm beim Ausziehen und brachte ihn ins Bett.

»Jetzt wirst du schlafen, Jack«, sagte ich.

»Klar«, sagt Jack. »Jetzt schlaf ich.«

»Gute Nacht, Jack«, sagte ich.

»Gute Nacht, Jerry«, sagt Jack. »Du bist mein einziger Freund.«

»Oh, Mist«, sagte ich.

»Du bist mein einziger Freund«, sagt Jack, »mein einziger Freund.«

»Schlaf jetzt«, sagte ich.

»Mach ich«, sagt Jack.

Unten im Büro saß Hogan am Schreibtisch und las die Zeitungen. Er blickte auf. »Na, hast du deinen Freund ins Bettchen gebracht?«, fragt er.

»Der ist hinüber.«

»Besser als noch ‘ne schlaflose Nacht«, sagte Hogan.

»Klar.«

»Wär aber verdammt schwierig, das den Sportreportern zu erklären«, sagte Hogan.

»Ich leg mich jetzt auch hin«, sagte ich.

»Gute Nacht«, sagte Hogan.

Am Morgen kam ich gegen acht zum Frühstück runter. Hogan war mit seinen zwei Kunden beim Training in der Scheune. Ich ging hin und sah ihnen zu.

»Eins! Zwei! Drei! Vier!«, zählte Hogan ihnen vor.

»Hallo, Jerry«, sagte er. »Ist Jack schon auf?«

»Nein. Er schläft noch.«

Ich ging in mein Zimmer und packte für die Fahrt in die Stadt. Gegen halb zehn hörte ich Jack im Zimmer nebenan aufstehen. Als ich ihn die Treppe runtergehen hörte, ging ich ihm nach. Jack saß am Frühstückstisch. Hogan war reingekommen und stand neben ihm.

»Wir fühlst du dich, Jack?«, fragte ich.

»Gar nicht so schlecht.«

»Gut geschlafen?«, fragte Hogan.

»Ja, ganz gut«, sagte Jack. »Ich hab Pelz auf der Zunge, aber keine Kopfschmerzen.«

»Gut«, sagte Hogan. »War ein guter Schnaps.«

»Schreib ihn auf die Rechnung«, sagt Jack.

»Wann willst du in die Stadt?«, fragte Hogan.

»Vor dem Mittagessen«, sagt Jack. »Mit dem Zug um elf.«

»Setz dich, Jerry«, sagte Jack. Hogan ging.

Ich setzte mich an den Tisch. Jack aß eine Grapefruit.

Die Kerne spuckte er in einen Löffel und legte sie dann auf den Teller.

»Bin gestern Abend wohl ziemlich knülle gewesen«, fing er an. .

»Du hast reichlich Schnaps getrunken.«

»Hab ich dummes Zeug gefaselt?«

»Geht so.«

»Wo ist Hogan?«, fragte er. Er war mit der Grapefruit fertig.

»Vorne im Büro.«

»Hab ich was von einem Wetteinsatz für den Kampf gesagt?«, fragte Jack. Er stocherte mit dem Löffel in der Grapefruit herum.

Das Mädchen brachte Eier und Schinken und nahm die Grapefruit mit.

»Bringen Sie mir noch ein Glas Milch«, sagte Jack zu ihr. Sie ging.

»Du hast gesagt, du hast fünfzigtausend auf Walcott gesetzt«, sagte ich.

»Stimmt«, sagte Jack.

»Das ist ein Haufen Geld.«

»Ich hab kein sehr gutes Gefühl dabei«, sagte Jack.

»Passieren kann immer was.«

»Nein«, sagte Jack. »Er will den Titel unbedingt. Die lassen nichts anbrennen.«

»Man kann nie wissen.«

»Nein. Er will den Titel. Das lässt er sich was kosten.«

»Fünfzigtausend ist eine Menge Geld«, sagte ich.

»So läuft das Geschäft«, sagte Jack. »Ich kann nicht gewinnen. Du weißt doch, ich kann sowieso nicht gewinnen.«

»Solange du im Ring stehst, hast du eine Chance.«

»Nein«, sagt Jack. »Ich bin erledigt. so läuft das.«

»Wie fühlst du dich?«

»Ganz gut«, sagteJack. »Den Schlaf hab ich gebraucht.«

»Vielleicht schaffst du’s ja.«

»Ich liefere ihnen eine gute Show«, sagte Jack.

Nach dem Frühstück rief Jack seine Frau an. Ferngespräch. Er telefonierte in der Zelle.

»Das ist das erste Mal, seit er hier ist, dass er seine Frau anruft«, sagte Hogan.

»Er schreibt ihr täglich.«

»Klar«, sagt Hogan, »ein Brief kostet nur zwei Cent.«

Hogan verabschiedete sich von uns, und Bruce, der schwarze Masseur, fuhr uns mit dem Wagen zum Bahnhof.

»Auf Wiedersehen, Mr. Brennan«, sagte Bruce am Zug, »hoffentlich schlagen Sie dem Kerl den Schädel ein.«

»Bis dann«, sagte Jack. Er gab Bruce zwei Dollar. Bruce hatte viel mit ihm gearbeitet. Er wirkte irgendwie enttäuscht. Jack bemerkte, wie ich Bruce mit seinen zwei Dollar ansah.

»Ist alles geregelt«, sagte er. »Hogan hat mir die Massagen auf die Rechnung gesetzt.«

Während der Fahrt in die Stadt sagte Jack nicht viel. Er saß in einer Ecke, die Fahrkarte im Hutband, und schaute aus dem Fenster. Einmal drehte er sich um und sprach mit mir.

»Ich hab meiner Frau gesagt, ich übernachte heute im Shelby«, sagte er. »Das ist beim Garden gleich um die Ecke. Morgen früh geh ich dann nach Hause.«

»Gute Idee«, sagte ich. »Hat deine Frau dich schon mal kämpfen sehen, Jack?«

»Nein«, sagt Jack. »Sie hat mich noch niemals kämpfen sehen.«

Ich nahm an, er ging davon aus, ganz schrecklich zugerichtet zu werden, wenn er hinterher nicht gleich nach Hause will. In der Stadt fuhren Wir mit dem Taxi zum Shelby. Ein Page kam raus und nahm unser Gepäck, und wir gingen zur Rezeption.

»Was kosten die Zimmer?«, fragte Jack.

»Wir haben nur Doppelzimmer«, sagt der Empfangschef. »Ich kann Ihnen ein schönes Doppelzimmer für zehn Dollar geben.«

»Das ist zu teuer.«

»Ich kann Ihnen ein Doppelzimmer für sieben Dollar geben.«

»Mit Bad?«

»Selbstverständlich.«

»Teilst du das Zimmer mit mir, Jerry?«, sagt Jack.

»Nein«, sagte ich, »ich schlafe bei meinem Schwager.«

»Du brauchst nichts zu bezahlen«, sagt Jack. »Ich will bloß was Richtiges für mein Geld.«

»Tragen Sie sich bitte ein?«, sagt der Empfangschef. Er sah sich die Namen an. »Zimmer 238, Mr. Brennan.«

Wir nahmen den Aufzug. Es war ein schönes großes Zimmer mit zwei Betten und einer Tür zum Bad.

»Gar nicht so übel«, sagt Jack.

Der Page, der uns nach oben begleitet hatte, zog die Vorhänge auf und trug unser Gepäck herein. Jack rührte keinen Finger, also gab ich dem Pagen einen Vierteldollar. Wir machten uns frisch, dann sagte Jack, wir sollten was essen gehen.

Wir aßen bei Jimmy Haley zu Mittag. Der Laden war ziemlich voll. Etwa in der Mitte der Mahlzeit kam John herein und setzte sich zu uns. Jack sagte nicht viel.

»Wie sieht’s mit deinem Gewicht aus, Jack?«, fragte John. Jack futterte ordentlich was weg.

»Von mir aus steige ich in voller Montur auf die Waage«, sagte Jack. Er hatte nie Probleme mit dem Abnehmen. Er war das geborene Weltergewicht und hatte nie Fett angesetzt. Bei Hogan hatte er abgenommen.

»Da hast du dir nie Sorgen zu machen brauchen«, sagte John.

»Aber auch nur da«, sagt Jack.

Nach dem Essen gingen wir zum Wiegen in den Garden. Neunundsechzig Kilogramm waren die Obergrenze, gemessen um drei Uhr. Jack stellte sich mit einem Handtuch um die Hüften auf die Waage. Der Zeiger bewegte sich nicht. Walcott war schon gewogen worden und stand in einem Pulk daneben.

»Sehen wir mal, was du wiegst, Jack«, sagte Freedman, Walcotts Manager.

»Gut, und dann wieg ihn«, sagte Jack und wies mit dem Kinn auf Walcott.

»Lass das Handtuch fallen«, sagt Freedman.

»Wie viel?«, fragte Jack die Männer, die ihn wegen. »Siebenundsechzig Kilo«, sagte der Dicke an der Waage.

»Gut abgespeckt, Jack«, sagt Freedman.

»Wieg ihn«, sagt Jack.

Walcott kam rüber. Er war blond und hatte breite Schultern und Arme wie ein Schwergewichtler. Mit seinen Beinen war nicht viel los. Jack war ungefähr einen halben Kopf größer als er.

»Hallo, Jack«, sagte er. Sein Gesicht war ziemlich verbeult.

»Hallo«, sagte Jack. »Wie geht’s?«

»Gut«, sagt Walcott. Er ließ das Handtuch von seinen Hüften fallen und stieg auf die Waage. Seine Schultern und sein Rücken waren unglaublich breit.

»Achtundsechzig Kilogramm und neunhundert Gramm.«

Walcott stieg runter und grinste Jack an.

»Tja«, sagte John zu ihm, »Jack ist fast zwei Kilo leichter als du.«

»Das wird noch mehr sein, wenn ich in den Ring steige«, sagt Walcott. »Ich geh jetzt essen.«

Wir gingen zurück, und Jack zog sich an. »Scheint ein harter Bursche zu sein«, sagte Jack zu mir.

»Hat aber anscheinend schon viel Prügel einstecken müssen.«

»Oh ja«, sagt Jack. »Der ist nicht schwer zu treffen.«

»Wo gehst du jetzt hin?«, fragte John, als Jack angezogen war.

»Ins Hotel«, sagt Jack. »Hast du an alles gedacht?«

»Ja«, sagt John. »Ich hab an alles gedacht.«

»Ich leg mich ‘ne Weile aufs Ohr«, sagt Jack.

»Ich hol dich um Viertel vor sieben ab, dann gehen wir essen.«

»In Ordnung.«

Oben im Hotel zog Jack Schuhe und Mantel aus und legte sich hin. Ich schrieb einen Brief. Ab und zu sah ich nach Jack; er schlief nicht. Er lag völlig reglos da, öffnete aber hin und wieder die Augen. Schließlich setzt er sich auf.

»Wollen wir ‘ne Runde Cribbage spielen, Jerry?«, sagt er.

»Klar«, sagte ich.

Er ging zu seinem Koffer und nahm die Karten und das Cribbagebrett heraus. Wir spielten, und er knöpfte mir drei Dollar ab. John klopfte an und kam herein.

»Spielst du ‘ne Runde Cribbage mit, John?«, fragte Jack.

John legte seinen Hut auf den Tisch. Der war ganz nass. Auch sein Mantel war nass.

»Regnet’s?«, fragt John.

»Es schüttet«, sagt John. »Mein Taxi ist im Verkehr stecken geblieben, da bin ich ausgestiegen und zu Fuß gegangen.«

»Komm, spiel mit«, sagt Jack.

»Du solltest was essen gehen.«

»Nein«, sagt Jack. »Ich will noch nicht essen.«

Also spielten sie eine halbe Stunde lang Cribbage, und Jack gewann ihm anderthalb Dollar ab.

»Schätze, jetzt sollten wir essen gehen«, sagt Jack. Er trat ans Fenster und sah hinaus.

»Regnet’s immer noch?«

»Ja,«

»Essen wir im Hotel«, sagt John.

»In Ordnung«, sagt jack. »Noch ein Spiel, und wer verliert, zahlt das Essen.«

Nach einer Weile steht Jack auf und sagt: »Du zahlst, John.« Dann gingen wir in den großen Speisesaal runter.

Nach dem Essen gingen wir rauf, und Jack spielte wieder Cribbage mit John und gewann zweieinhalb Dollar. Jack fühlte sich ziemlich gut. John hatte einen Koffer mit seinen ganzen Sachen mitgebracht. Jack zog sein Hemd aus und zwei Pullover übereinander, um sich draußen nicht zu erkälten, und packte seine Boxsachen und den Bademantel in eine Tasche.

»Bist du so weit?«, fragt John. »Dann ruf ich an und lass ein Taxi holen.«

Wenig später klingelte das Telefon, und man sagte, das Taxi warte.

Wir nahmen den Aufzug und gingen durchs Foyer nach draußen, stiegen in ein Taxi und fuhren zum Garden. Es regnete stark, trotzdem waren eine Menge Leute auf den Straßen. Der Garden war ausverkauft. Als wir drinnen zur Umkleide gingen, sah ich, wie voll es war. Bis zum Ring schien es eine halbe Meile zu sein. Alles war dunkel. Bis auf das Licht über dem Ring.

»Bei dem Regen kann man froh sein, dass der Kampf nicht im Stadion stattfindet«, sagte John.

»Ganz schön viele Zuschauer«, sagt Jack.

»Diesen Kampf wollen viel mehr Leute sehen, als in den Garden reinpassen.«

»Beim Wetter kann man nie wissen«, sagt Jack.

John machte die Tür zur Umkleide auf und spähte hinein. Jack saß mit verschränkten Armen in seinem Bademantel da und starrte den Boden an. John hatte zwei Betreuer mitgebracht. Sie linsten über seine Schulter. Jack blickte auf.

»Ist er da?«, fragte er.

»Er ist eben reingegangen«, sagte John.

Wir zogen los. Walcott stieg gerade in den Ring. Er bekam Riesenbeifali. Er kletterte zwischen den Seilen durch, legte grinsend die Fäuste zusammen und hob sie in Richtung Publikum, erst nach der einen Seite, dann nach der anderen, dann setzte er sich. Auch Jack bekam Beifall, als er zwischen den Zuschauern nach unten ging. Jack ist Ire, und die Iren bekommen immer ziemlich viel Beifall. Iren ziehen in New York nicht so wie Juden oder Italiener, aber Beifall bekommen sie immer. Jack kletterte hoch und bückte sich, um durch die Seile zu steigen, und Walcott kam aus seiner Ecke und drückte das Seil runter, damit Jack durchsteigen konnte. Die Zuschauer fanden das wunderbar. Walcott legte Jack eine Hand auf die Schulter, und so blieben sie kurz stehen.

»Ein Publikumsliebling wirst du ganz bestimmt«, sagt Jack zu ihm. »Nimm deine verdammte Hand von meiner Schulter.«

»Reiß dich zusammen«, sagt Walcott.

Die Zuschauer finden das großartig. Dass die Jungs sich vor dem Kampf wie Gentlemen benehmen. Und sich gegenseitig viel Glück wünschen.

Solly Freedman kam in unsere Ecke, während Jack seine Hände bandagiert und John in Walcotts Ecke rübergeht. Jack steckt den Daumen durch den Schlitz in der Bandage und wickelte den Rest sauber und ordentlich um seine Hand. Ich befestigte das Ganze mit Klebeband, einmal ums Handgelenk, zweimal um die Knöchel.

»He«, sagt Freedman. »Was soll das mit dem vielen Klebeband?«

»Fühlt sich gut an«, sagt Jack. »Ganz weich. Stell dich nicht dumm.«

Freedman steht die ganze Zeit daneben, während Jack die andere Hand bandagiert und einer der beiden Betreuer die Handschuhe bringt und ich sie ihm anziehe und festmache.

»Sag mal, Freedman«, fragt Jack, »wo kommt dieser Walcott eigentlich her?«

»Keine Ahnung«, sagt Solly. »Irgendwie aus Dänemark oder so.«

»Der ist aus Böhmen«, sagt der Junge, der die Handschuhe gebracht hat.

Der Ringrichter rief sie in die Mitte, und Jack geht hin. Walcott ebenfalls, grinsend. Sie trafen sich, und der Ringrichter legte jedem von ihnen einen Arm um die Schulter.

»Hallo, Publikumsliebling«, sagt Jack zu Walcott.

»Reiß dich zusammen.«

»Warum nennst du dich ›Walcott‹«, sagt Jack. »Weißt du nicht, dass der ein Nigger war?«

»Zuhören —«, sagt der Ringrichter und hält die übliche Predigt. Einmal unterbricht Walcott ihn. Er packt Jacks Arm und sagt: »Darf ich ihn schlagen, wenn er mich so hält?«

»Finger weg«, sagt Jack. »Hiervon gibt’s keine Filmaufnahmen.«

Sie gingen in ihre Ecken zurück. Ich nahm Jack den Bademantel ab, und er lehnte sich in die Seile und beugte ein paar Mal die Knie und scharrte mit den Schuhen im Kolophonium. Der Gong ertönte, und Jack drehte sich abrupt um und ging in die Mitte. Walcott kam auf ihn zu, sie schlugen die Handschuhe aneinander, und kaum ließ Walcott die Hände sinken, rammte Jack ihm zweimal seine Linke ins Gesicht. Einen besseren Boxer als Jack hatte es noch nie gegeben. Walcott setzte ihm zu, griff ihn, Kinn auf der Brust, unablässig an. Er ist ein Schläger und hält die Hände ziemlich tief. Er ist nur darauf aus, sich reinzustürzen und loszuprügeln. Aber jedes Mal, wenn er nah rankommt, kriegt er Jacks Linke ins Gesicht. Automatisch, könnte man sagen. Jack nimmt einfach die Linke hoch, und schon sitzt sie in Walcotts Gesicht. Drei- oder viermal setzt Jack die Rechte ein, trifft Walcott aber nur an der Schulter oder weit oben am Kopf. Er ist ein typischer Schläger. Angst hat er nur vor einem, der genauso ist wie er selber. Er hat alles abgedeckt, wo man ihm weh tun kann. Eine Linke im Gesicht macht ihm nichts aus. Nach vier Runden hat Jack ihm das Gesicht blutig geschlagen, aber Walcott konnte ihm jedes Mal, wenn er rankam, ein paar so derbe Schläge versetzen, dass Jack unterhalb der Rippen auf beiden Seiten dicke rote Flecken hat. Jedes Mal, wenn er rankommt, klammert Jack, kriegt eine Hand frei und verpasst ihm einen Kinnhaken, aber wenn Walcott die Hände frei bekommt, landet er solche Körpertreffer, dass man es noch auf der Straße hören kann. Er ist ein Schläger.

So geht es drei Runden weiter. Beide sagen kein Wort. Sie arbeiten die ganze Zeit. Auch wir müssen zwischen den Runden arbeiten, an Jack. Er sieht gar nicht gut aus, aber er verausgabt sich niemals im Ring. Er bewegt sich nicht viel, und seine Linke kommt einfach automatisch. Als sei sie mit Walcotts Gesicht verbunden, und Jack brauche sie nur da hineinzuwünschen. Jack bleibt im Nahkampf immer ruhig und vergeudet seine Kräfte nicht. Im Nahkampf kennt er sich bestens aus und setzt auch da eine Menge Treffer. Als sie einmal in unserer Ecke boxten, konnte ich beobachten, wie er Walcott in die Zange nahm, seine Rechte rauszog und zu einem Uppercut ausholte, der Walcott mit dem unteren Teil des Handschuhs an der Nase traf. Walcott blutete heftig und lehnte sich mit der Nase auf Jacks Schulter, als wollte er Jack auch etwas davon abgeben, worauf Jack die Schulter hochriss und seine Nase auch damit traf und dann mit einem rechten Schwinger noch einen draufsetzte.

Walcott kochte vor Wut. Schon nach der fünften Runde hätte er Jack am liebsten in Stücke gerissen. Jack war nicht wütend; das heißt, er war nicht wütender, als er sonst auch immer war. Fest steht jedenfalls, er lehrte seine Gegner das Boxen hassen. Deshalb konnte er Kid Lewis nicht ausstehen. Weil er es nie schaffte, Kid auf die Palme zu bringen. Kid Lewis kann jedes Mal mit drei neuen schmutzigen Tricks, gegen die Jack nichts machen konnte. Jack fühlte sich im Ring immer ungeheuer sicher, solange er bei Kräften war. Und er nahm Walcott wahrhaftig in die Mangel. Das Komische daran war, dass Jack ganz offen, auf die klassische Art zu boxen schien. Aber auch die beherrschte er perfekt.

Nach der siebten Runde sagt Jack: »Meine Linke wird schwer.«

Von da an bekam er Prügel. Anfangs machte sich das; nicht bemerkbar. Aber jetzt lenkte nicht mehr er den Kampf, sondern Walcott, und statt der Herrscher im Ring zu bleiben, geriet er in Schwierigkeiten. Er schaffte es nicht mehr, ihn mit der Linken von sich fernzuhalten. Von außen betrachtet, sah es aus wie vorher, nur dass Walcotts Schläge ihn jetzt nicht mehr um Haaresbreite verfehlten, sondern voll ins Ziel trafen. Er bekam eine Menge schwere Körpertreffer ab.

»Welche Runde kommt jetzt?«, fragte Jack.

»Die elfte.«

»Ich kann nicht mehr«, sagt Jack. »Meine Beine machen nicht mehr mit.«

Er hatte gerade eine Menge von Walcott einstecken müssen. Wie beim Baseball, wenn der Fänger den Ball zu sich ranzieht und so den Aufprall etwas mildert. Von jetzt an gelangen Walcott immer mehr harte Treffer. Unermüdlich prügelte er drauflos. Jack versuchte nur noch, möglichst viel abzublocken. Man sah nicht, wie fürchterlich er verdroschen wurde. Zwischen den Runden massierte ich ihm die Beine. Die Muskeln flatterten nur so unter meinen Händen. Ihm war kotzübel.

»Wie steht’s?«, fragte er John und drehte sich mit seinem völlig verschwollenen Gesicht zu ihm um.

»Er liegt vorn.«

»Ich glaub, ich halte durch«, sagt Jack. »Ich lass mich nicht von diesem blöden Böhmen aufhalten.«

Es lief genauso, wie er es sich gedacht hatte. Er wusste, dass er Walcott nicht schlagen konnte. Er hatte keine Kraft mehr. Aber gut ging es ihm trotzdem. Er bekam gutes Geld, und jetzt wollte er die Sache mit Anstand hinter sich bringen. Er wollte sich nicht k. o. schlagen lassen.

Der Gong ertönte, und wir schoben ihn nach vorn. Er ging langsam. Walcott stürzte sofort auf ihn los. Jack schlug ihm die Linke ins Gesicht, und Walcott steckte sie weg, rückte vor und bearbeitete Jack mit Körpertreffern. Jack versuchte zu klammern, aber das war etwa so, als würde man versuchen, sich an einer Kreissäge festzuhalten. Jack wand sich raus und verfehlte ihn mit seiner Rechten. Walcott erwischte ihn mit einem linken Haken, und Jack ging zu Boden. Er landete auf Händen und Knien und sah uns an. Der Ringrichter fing an zu zählen. Jack beobachtete uns und schüttelte den Kopf. Bei acht gab John ihm ein Zeichen. Hören konnte ihn beim Geschrei der Menge niemand. Jack stand auf. Der Ringrichter hatte Walcott beim Zählen mit einem Arm zurückgehalten. Kaum war Jack auf den Beinen, ging Walcott auf ihn los.

»Pass auf, Jimmy«, hörte ich Solly Freedman brüllen. Walcott ging gleich wieder auf Jack los. Jack verpasste ihm seine Linke, Walcott schüttelte bloß den Kopf. Er drängte Jack in die Seile, nahm Maß, streifte ihn mit einem ganz leichten linken Haken am Kopf und rammte ihm die Rechte mit aller Kraft in den Bauch, und zwar so tief, wie er nur konnte. Mindestens zwei Handbreit unter dem Gürtel. Ich dachte, Jack springen die Augen aus dem Kopf. Jedenfalls traten sie weit hervor. Und sein Mund ging auf.

Der Ringrichter hielt Walcott fest. Jack machte einen Schritt nach vorn. Wenn er umkippte, waren fünfzigtausend Dollar im Eimer. Er ging, als müssten ihm gleich sämtliche Eingeweide rausfallen.

»Das war nicht tief«, sagte er. »Nur ein Ausrutscher.«

Die Menge brüllte dermaßen, dass man nichts hörte.

»Alles in Ordnung«, sagt Jack. Sie standen direkt vor uns. Der Ringrichter sieht John an, und der schüttelt den Kopf.

»Komm schon, du Polackenschwein«, sagt Jack zu Walcott.

John lehnte sich über die Seile. Er hielt schon das Handtuch, bereit, es reinzuwerfen. Jack stand etwas von den Seilen entfernt. Er machte einen Schritt nach vorn. Ich sah den Schweiß auf sein Gesicht treten, als hätte es jemand ausgepresst, und ein dicker Tropfen lief ihm die Nase runter.

»Na los, weiter«, sagt Jack zu Walcott.

Der Ringrichter sah zu John und gab Walcott ein Zeichen.

»Komm schon, du Penner«, sagt er.

Walcott ging in Stellung. Er wusste nicht, was er tun sollte. Er hätte nie gedacht, dass Jack das wegstecken würde. Jack rammte ihm die Linke ins Gesicht. Die Zuschauer machten einen Höllenlärm. Sie waren direkt vor uns. Walcott traf ihn zweimal. Jacks Gesicht — so was Übles habe ich noch nie gesehen, diese Augen! Er riss sich und seinen ganzen Körper zusammen, und das sah man ihm an. Offenbar dachte er nach und konzentrierte sich gleichzeitig auf die zerschundene Stelle seines Körpers.

Dann drosch er los. Sein Gesichtsausdruck war fürchterlich. Er ließ die Hände sinken und begann auf Walcott einzuprügeln. Walcott nahm die Deckung hoch, und Jack schlug wie wild nach seinem Kopf. Dann holte er mit der Linken aus und rammte sie Walcott in den Unterleib, während seine Rechte Walcott genau dort traf, wo dieser Jack getroffen hatte. Sehr weit unterhalb des Gürtels. Walcott ging zu Boden, hielt sich die Stelle und Wälzte sich zuckend herum.

Der Ringrichter hielt Jack fest und schob ihn in seine Ecke. John springt in den Ring. Die Menge tobte. Der Ringrichter sprach mit den Punktrichtern, und dann stieg der Ansager mit seinem Megaphon in den Ring und sagt: »Walcott Sieger durch Disqualifikation.«

Der Ringrichter spricht mit John und sagt: »Was sollte ich machen? Jack wollte von dem Foul nichts wissen. Aber er war so groggy, dass er dann selbst gefoult hat.«

»Er hätte sowieso verloren«, sagt John.

Jack sitzt auf dem Stuhl in der Ecke. Ich habe ihm die Handschuhe ausgezogen, und er hält sich mit beiden Händen den Unterleib. Ein wenig Druck auf die Stelle, und schon sieht sein Gesicht nicht mehr so fürchterlich aus.

»Geh rüber und entschuldige dich«, sagt John ihm ins Ohr. »Das macht einen guten Eindruck.«

Jack steht auf, und der Schweiß strömt ihm übers Gesicht. Ich lege ihm den Bademantel um, und er hält sich mit einer Hand unter dem Bademantel zusammen und geht durch den Ring. Inzwischen hat man Walcott aufgehoben und bearbeitet ihn. In Walcotts Ecke sind eine Menge Leute. Keiner spricht mit Jack. Er beugt sich über Walcott.

»Tut mir leid«, sagt Jack. »Wollte dich nicht foulen.«

Walcott sagt nichts. Ihm scheint’s verdammt schlecht zu gehen.

»Also, du bist jetzt der Champion«, sagt Jack zu ihm. »Ich wünsch dir viel Spaß damit.«

»Lass den Jungen in Ruhe«, sagt Solly Freedman.

»Hallo, Solly«, sagt Jack. »Tut mir leid, dass ich deinen Kleinen gefoult habe.«

Freedman sieht ihn nur an.

Jack kam mit diesem komischen zuckenden Gang in seine Ecke zurück, und wir brachten ihn durch die Seile nach unten und zwischen den Tischen der Reporter hindurch und den Gang hinunter nach draußen. Viele wollen Jack auf die Schulter klopfen. Er geht in seinem Bademantel durch das Gedränge zur Umkleide. Walcotts Sieg ist den Leuten recht. Viele im Garden haben auf ihn gesetzt.

In der Umkleide legte Jack sich hin und schloss die Augen.

»Lass uns zum Hotel fahren und einen Arzt holen«, sagt John.

»Ich bin nur noch Brei«, sagt Jack.

»Tut mir schrecklich leid«, sagt John.

»Schon gut«, sagt Jack.

Er bleibt mit geschlossenen Augen liegen.

»Fast hätten sie uns aufs Kreuz gelegt«, sagte John.

»Deine Freunde Morgan und Steinfelt«, sagte Jack.

»Schöne Freunde hast du.«

Er liegt da, hat aber jetzt die Augen offen. Sein Gesicht ist immer noch furchtbar verzerrt.

»Komisch, wie schnell man denken kann, wenn es um so viel Geld geht«, sagt Jack.

»Du bist mir einer, Jack«, sagt John.

»Nein«, sagt Jack. »Das war doch nichts.«

Teil X

Das kurze glückliche Leben des Francis Macomber

Es war jetzt Mittag, und sie saßen unter dem grünen Vordach des Esszelts und taten, als sei nichts passiert.

»Nehmen wir Limonensaft oder Zitronenlimonade?«, fragte Macomber.

»Ich nehme einen Gimlet«, sagte Robert Wilson.

»Ich nehme auch einen Gimlet. Ich brauche jetzt was Richtiges«, sagte Macombers Frau.

»Sehe ich genauso«, stimmte Macomber zu. »Sagen Sie ihm, er soll drei Gimlets machen.«

Der Küchenjunge hatte schon damit angefangen und die Flaschen aus den Segeltuchkühltaschen genommen; sogleich beschlugen sie in dem Wind, der durch die Bäume wehte, die den Zelten Schatten spendeten.

»Wie viel sollte ich ihnen geben?«, fragte Macomber.

»Ein Pfund reicht«, erklärte Wilson. »Man darf sie nicht verwöhnen.«

»Wird der Häuptling es unter ihnen verteilen?«

»Mit Sicherheit.«

Vor einer halben Stunde hatten der Koch, die Privatboys, der Abdecker und die Träger Francis Macomber auf Armen und Schultern im Triumph vom Rand des Camps zu seinem Zelt getragen. Die Gewehrträger hatten an diesem Umzug nicht teilgenommen. Nachdem die Eingeborenen ihn vorm Eingang seines Zelts abgesetzt hatten, schüttelte er ihnen allen die Hand, nahm ihre Glückwünsche entgegen und ging dann in sein Zelt, wo er sich aufs Bett setzte und auf seine Frau wartete. Als sie hereinkam, sagte sie kein Wort zu ihm, und er ging sofort hinaus, wusch sich in dem tragbaren Waschbecken draußen Gesicht und Hände und ging zum Esszelt, wo er auf einem bequemen Segeltuchstuhl in Wind und Schatten Platz nahm.

»Jetzt haben Sie Ihren Löwen«, sagte Robert Wilson, »und was für ein Prachtexemplar.«

Mrs. Macomber warf Wilson einen Blick zu. Sie war eine außerordentlich gut aussehende und gepflegte Frau, und vor fünf Jahren hatten ihre Schönheit und gesellschaftliche Stellung ihr fünftausend Dollar dafür eingebracht, dass mit Fotografien von ihr Reklame für ein Kosmetikprodukt gemacht wurde, das sie selbst nie benutzt hatte. Sie war seit elf Jahren mit Francis Macomber verheiratet.

»Das ist wirklich ein guter Löwe, oder?«, sagte Macomber. Seine Frau sah ihn jetzt an. Sie sah diese beiden Männer an, als hätte sie sie noch nie zuvor gesehen. Den einen, Wilson, den weißen Jäger, hatte sie tatsächlich nie zuvor richtig gesehen. Er war mittelgroß, hatte sandfarbenes Haar, einen stoppligen Schnurrbart, ein sehr rotes Gesicht und äußerst kalte blaue Augen mit blassen weißen Runzeln um die Winkel, die sich munter furchten, wenn er lachte. Jetzt lächelte er ihr zu, und ihr Blick wanderte von seinem Gesicht hinunter über seine gewölbten Schultern, über die weite Jagdjacke mit den vier großen Patronen in Schlaufen dort, wo sonst die linke Brusttasche wäre, und über seine großen braunen Hände, seine abgetragene Hose, seine stark verschmutzten Stiefel und wieder hinauf zu seinem roten Gesicht. Das Backsteinrot seines Gesichts, bemerkte sie, hörte an einer weißen Linie auf, die der Stetson hinterlassen hatte, der jetzt an einem der Pflöcke der Zeltstange hing.

»Also, auf den Löwen«, sagte Robert Wilson. Wieder lächelte er ihr zu, während sie, ohne zu lächeln, ihren Mann mit einem sonderbaren Blick bedachte.

Francis Macomber war sehr groß, sehr gut gebaut, wenn man sich nicht an derart langen Knochen störte, dunkel, sein Haar kurz geschoren wie das eines Ruderers, schmallippig und nach allgemeiner Auffassung gut aussehend. Er trug die gleiche Safarikleidung wie Wilson, allerdings war seine neu; er war fünfunddreißig Jahre alt, hielt sich bestens in Form, war ein guter Sportler, hatte etliche Erfolge beim Hochseefischen aufzuweisen und sich soeben vor aller Augen als Feigling entpuppt.

»Auf den Löwen«, sagte er. »Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken soll.«

Margaret, seine Frau, sah von ihm weg und wieder zu Wilson.

»Reden wir nicht von dem Löwen«, sagte sie.

Wilson sah sie, ohne zu lächeln, an, und diesmal sah sie lächelnd zurück.

»Das war ein sehr seltsamer Tag«, sagte sie. »Sollten Sie mittags nicht besser den Hut aufsetzen, auch unter dem Vorzelt? Mir haben Sie das jedenfalls geraten.«

»Kann ihn auch aufsetzen«, sagte Wilson.

»Ihr Gesicht ist ganz rot, Mr.Wilson«, sagte sie und lächelte wieder.

»Vom Trinken«, sagte Wilson.

»Glaube ich kaum«, sagte sie. »Francis trinkt andauernd, aber sein Gesicht ist niemals rot.«

»Heute ist es rot«, versuchte Macomber einen Scherz.

»Nein«, sagte Margaret. »Meins ist heute rot. Aber Mr. Wilsons ist immer rot.«

»Wahrscheinlich angeboren«, sagte Wilson. »Aber könnten wir mal von was anderem reden als von meiner Schönheit?«

»Ich habe doch gerade erst angefangen.«

»Lassen wir das«, sagte Wilson.

»Dann wird die Unterhaltung recht schwierig werden«, sagte Margaret.

»Sei nicht albern, Margot«, sagte ihr Mann.

»Was soll da schwierig sein«, sagte Wilson. »Haben einen verdammt guten Löwen geschossen.«

Margaret sah die beiden an, und die beiden sahen, dass sie gleich in Tränen ausbrechen würde. Wilson hatte das schon lange kommen sehen, und ihm graute davor. Macomber nicht, darüber war er längst hinaus.

»Ich wünschte, das wäre uns erspart geblieben. Ach, wäre uns das doch erspart geblieben«, sagte sie und ging zu ihrem Zelt. Sie weinte tonlos, aber sie sahen ihre Schultern heben unter der rosenfarbenen sonnenechten Bluse, die sie trug.

»Frauen sind dünnhäutig«, sagte Wilson zu dem großen Mann. »Hat nichts zu besagen. Die Nervenbelastung und überhaupt das alles.«

»Nein«, sagte Macomber. »Ich schätze, das wird sie mir bis an mein Lebensende vorwerfen.«

»Unsinn. Trinken wir einen Schluck Feuerwasser«, sagte Wilson. »Vergessen Sie die Sache. War doch nichts.«

»Versuchen wir’s«, sagte Macomber. »Aber was Sie für mich getan haben, werde ich nicht vergessen.«

»Das war nichts«, sagte Wilson. »Alles Unsinn.«

So saßen sie im Schatten der ausladenden Akazien, unter denen das Camp aufgeschlagen war, hinter ihnen ein mit Geröll übersäter Abhang, vor ihnen ein Stück Grasland, das sich bis ans Ufer eines mit Geröll gefüllten Flussbetts erstreckte, auf dessen anderer Seite der Wald begann, tranken ihre noch kühlen Gimlets und vermieden es, sich in die Augen zu sehen, während die Boys den Tisch fürs Mittagessen deckten. Wilson spürte, die Boys wussten jetzt alle Bescheid, und als er sah, wie Macombers Privatboy, während er die Teller auf den Tisch stellte, neugierig nach seinem Herrn schielte, schnauzte er ihn auf Suaheli an. Der Junge wandte sich mit ausdrucksloser Miene ab.

»Was haben Sie zu ihm gesagt?«, fragte Macomber.

»Nichts. Nur, dass er sich beeilen soll, wenn er nicht fünfzehn kräftige Schläge kriegen will.«

»Mit der Peitsche?«

»Erlaubt ist das nicht«, sagte Wilson. »Nur Geldstrafen.«

»Sie lassen sie trotzdem auspeitschen?«

»Oh ja. Wenn sie sich beschweren würden, könnte es Ärger geben. Aber das tun sie nicht. Ist ihnen lieber als Geldstrafen.«

»Seltsam!«, sagte Macomber.

»Eigentlich nicht«, sagte Wilson. »Was wäre Ihnen denn lieber? Ein paar Schläge einstecken oder auf Ihren Lohn verzichten?«

Die Frage war ihm peinlich, und bevor Macomber antworten konnte, fuhr er fort: »Wir alle müssen täglich Schläge einstecken, auf die eine oder andere Weise.«

Das machte es nicht besser. »Großer Gott«, dachte er. »Ich bin vielleicht ein Diplomat!«

»Ja, und ob wir Schläge einstecken müssen«, sagte Macomber, immer noch seinem Blick ausweichend. »Das mit dem Löwen tut mir schrecklich leid. Die Sache muss sich doch nicht herumsprechen, oder? Ich meine, das bleibt unter uns, ja?«

»Sie glauben, ich erzähle das im Mathaiga-Club?« Wilson bedachte ihn mit einem kalten Blick. Das hatte er nicht erwartet. Er ist also nicht nur ein Fatzke, dachte er, sondern auch noch ein verdammter Feigling. Bis heute hatte ich ihn eigentlich ganz gern. Aber wie soll man aus diesen Amerikanern schlau werden?

»Nein«, sagte Wilson. »Ich bin Profi. Wir reden nie über unsere Kunden. Seien Sie unbesorgt. Aber wir finden es ungehörig, wenn man uns bittet, den Mund zu halten.«

Ein Bruch, fand er, würde alles einfacher machen. Dann konnte er die Mahlzeiten allein einnehmen und ein Buch dabei lesen. Und sie würden allein essen. Er würde die Safari rein geschäftsmäßig mit ihnen zu Ende bringen — wie nannten die Franzosen das? Mit vorzüglicher Hochachtung —, und das wäre erheblich einfacher, als weiter diesen Gefühlsmist mitmachen zu müssen. Er würde ihn beleidigen und einen sauberen Bruch herbeiführen. Dann konnte er beim Essen ein Buch lesen und würde weiterhin ihren Whisky trinken. So nannte man das, wenn eine Safari aus dem Ruder lief. Wenn man einen anderen weißen Jäger traf und fragte: »Wie läuft’s bei dir?«, und der antwortete: »Ich trinke immer noch ihren Whisky«, dann wusste man, dass alles im Eimer war.

»Tut mir leid«, sagte Macomber und sah ihn an mit seinem amerikanischen Gesicht, das bis in die mittleren Jahre das eines Halbwüchsigen bleiben würde, und Wilson betrachtete sein kurz geschorenes Haar, seine feinen, nur etwas unsteten Augen, seine ebenmäßige Nase, seine schmalen Lippen und das wohlgeforrnte Kinn. »Tut mir leid, das habe ich nicht bedacht. Es gibt so vieles, was ich nicht weiß.«

Wie mache ich das jetzt, dachte Wilson. Er war drauf und dran gewesen, kurzen Prozess zu machen, und jetzt entschuldigte sich dieser Kerl, nachdem er ihn gerade beleidigt hatte. Er versuchte es noch einmal. »Keine Sorge, ich plaudere nichts aus«, sagte er. »Schließlich lebe ich davon. Aber Sie sollten wissen, in Afrika verfehlt keine Frau jemals ihren Löwen, und kein weißer Mann läuft jemals davon.«

»Ich bin davongelaufen wie ein Hase«, sagte Macomber.

Was zum Teufel macht man nur mit einem Mann, der so redet, dachte Wilson.

Wilson musterte Macomber mit seinen flachen blauen Scharfschützenaugen, und der andere lächelte ihm zu. Er hatte ein angenehmes Lächeln, wenn man ignorierte, wie es seinen Augen anzumerken war, wenn er sich gekränkt fühlte.

»Vielleicht kann ich es bei den Büffeln wiedergutmachen«, sagte er. »Die kommen als Nächstes dran, oder?«

»Morgen früh, wenn Sie wollen«, sagte Wilson. Vielleicht hatte er sich getäuscht. Das war schon eine anständige Art, damit umzugehen. Bei diesen Amerikanern wusste man wirklich nie, woran man war. Jetzt war er wieder ganz auf Macombers Seite. Wenn man nur den Morgen vergessen könnte. Aber das konnte man natürlich nicht. Schlimmer als am Morgen hätte es gar nicht laufen können.

»Da kommt die Memsahib«, sagte er. Sie kam aus ihrem Zelt heran und machte einen erfrischten und gut gelaunten und ganz reizenden Eindruck. Ihr ovales Gesicht war vollkommen makellos, so makellos, dass man sie für dumm halten konnte. Aber sie ist nicht dumm, dachte Wilson, nein, dumm ist sie nicht.

»Wie geht’s dem schönen rotgesichtigen Mr. Wilson? Und du, Francis, meine Perle, fühlst du dich besser?«

»Ja, sehr«, sagte Macomber.

»Ich habe das Thema abgehakt«, sagte sie, indem sie am Tisch Platz nahm. »Was hat es schon zu bedeuten, ob Francis ein guter Löwenjäger ist oder nicht? Das ist nicht sein Gewerbe. Das ist Mr. Wilsons Gewerbe. Mr. Wilson ist ein ganz großartiger Jäger. Sie erlegen alles, nicht wahr?«

»Oh ja, alles«, sagte Wilson. »Einfach alles.« Das sind die Härtesten überhaupt, dachte er; die Härtesten, die Grausamsten, die Gierigsten und die Attraktivsten, und ihre Männer sind weich geworden oder haben den Mut verloren, während sie so hart geworden sind. Oder suchen sie sich Männer aus, die sie um den Finger wickeln können? In dem Alter, wo sie heiraten, dachte er, können sie das noch gar nicht wissen. Er war dankbar, dass er seine Ausbildung in Sachen amerikanische Frauen schon hinter sich hatte, denn die hier war ein besonders attraktives Exemplar.

»Morgen früh gehen wir auf Büffeljagd«, sagte er zu ihr.

»Ich komme mit«, sagte sie.

»Nein, das tun Sie nicht.«

»Oh doch. Ich darf doch mit, Francis?«

»Bleib lieber im Camp.«

»Kommt nicht in Frage«, sagte sie. »So etwas wie heute möchte ich um keinen Preis verpassen.«

Vorhin, dachte Wilson, als sie sich zurückzog, um zu weinen, schien sie eine verdammt anständige Frau zu sein. Sie schien zu verstehen, zu begreifen, seinen Schmerz zu teilen und sich über den wahren Stand der Dinge im Klaren zu sein. Zwanzig Minuten bleibt sie weg, und jetzt ist sie zurück und wieder ganz in diese Grausamkeit amerikanischer Frauen gehüllt. Schlimmere Frauen gibt es nicht. Das sind wirklich die allerschlimmsten.

»Morgen ziehen wir eine neue Schau für dich ab«, sagte Francis Macomber.

»Sie kommen nicht mit«, sagte Wilson.

»Da täuschen Sie sich sehr«, gab sie zurück. »Ich will Sie unbedingt wieder in Aktion erleben. Heute früh waren Sie hinreißend. Das heißt, falls man es hinreißend nennen kann, Tieren den Schädel wegzuschießen.«

»Hier kommt das Essen«, sagte Wilson. »Sie sind bester Laune, was?«

»Warum nicht? Ich bin nicht hier, um mich zu langweilen.«

»Nun, langweilig war es nicht«, sagte Wilson. Er sah die Steine im Fluss und das hohe bewaldete Ufer dahinter und dachte an den Morgen.

»Oh nein«, sagte sie. »Es war entzückend. Und morgen. Sie glauben gar nicht, wie sehr ich mich auf morgen freue.«

»Das ist Antilope, was er Ihnen da hinstellt«, sagte Wilson.

»Sind das diese großen Viecher, die aussehen wie Kühe und herumhüpfen wie Hasen?«

»So könnte man es beschreiben«, sagte Wilson.

»Das Fleisch ist sehr gut«, sagte Macomber.

»Hast du das Tier geschossen, Francis?«, fragte sie.

»Ja.«

»Die sind wohl nicht so gefährlich?«

»Nur wenn sie über einem zusammenbrechen«, erklärte Wilson.

»Da bin ich aber froh.«

»Könntest du nicht mal kurz mit deinem Gemaule aufhören, Margot?«, sagte Macomber, schnitt ein Stück Antilopensteak ab und schob etwas Kartoffelbrei, Sauce und Karotten auf die Gabel, die das aufgespießte Fleisch hielt. »Könnte ich«, sagte sie, »zumal du mich so nett darum bittest.«

»Heute Abend trinken wir Champagner auf den Löwen«, sagte Wilson. »Mittags ist es ein bisschen zu warm dafür.«

»Oh, der Löwe«, sagte Margot. »Den Löwen hatte ich ganz vergessen!«

Na, dachte Robert Wilson, sie hackt ja ordentlich auf ihm rum. Oder ist das nur ihre Art, das Gesicht zu wahren? Wie soll eine Frau sich verhalten, wenn sie entdeckt, dass ihr Mann ein verdammter Feigling ist? Sie ist verdammt grausam, aber grausam sind sie alle. Sie führt das Regiment, natürlich, und da muss man manchmal grausam sein. Aber ihr verdammter Terror steht mir bis hier.

»Nehmen Sie noch etwas Antilope«, forderte er sie höflich auf.

Am späten Nachmittag machten Wilson und Macomber mit dem eingeborenen Fahrer und den zwei Gewehrträgern eine Ausfahrt mit dem Auto. Mrs. Macomber blieb im Camp. Es sei ihr zu heiß, sagte sie, aber morgen früh werde sie mitfahren. Als sie aufbrachen, sah Wilson sie unter dem großen Baum stehen, eher hübsch als schön in ihrem matt rosa Khaki, ihr dunkles Haar straff nach hinten gebunden und im Nacken zu einem Knoten geschlungen, ihr Gesicht so frisch, dachte er, als sei sie in England. Sie winkte ihnen nach, als das Auto die Senke mit hohem Gras durchquerte und zwischen den Bäumen hindurch ins Buschwerk der hügeligen Savanne abschwenkte.

Im Buschwerk entdeckten sie eine Herde Impalas; sie verließen das Auto und pirschten sich an einen alten Bock mit langen, breit gespreizten Hörnern heran, und Macomber erlegte das Tier aus gut zweihundert Metern Entfernung mit einem recht beachtlichen Schuss, der die ganze Herde hektisch davonstieben ließ, wobei sie mit angezogenen Knien in weiten Sätzen übereinander her sprangen, so unglaublich und schwerelos wie die, die man manchmal im Traum macht.

»Das war ein guter Schuss«, sagte Wilson. »Auf ein so kleines Ziel.«

»Lohnt sich das Gehörn?«, fragte Macomber.

»Es ist großartig«, sagte Wilson. »Wenn Sie so schießen, werden Sie keine Probleme bekommen.«

»Meinen Sie, wir werden morgen auf Büffel stoßen?«

»Die Chancen stehen gut. Morgens kommen sie zum Äsen heraus, und mit etwas Glück erwischen wir sie in offenem Gelände.«

»Ich möchte die Scharte mit dem Löwen auswetzen«, sagte Macomber. »Es ist nicht sehr erfreulich, wenn einem die eigene Frau bei so etwas zusieht.«

Ich finde es noch viel unerfreulicher, so etwas zu tun, ob die Frau dabei ist oder nicht, dachte Wilson, oder darüber zu reden, nachdem man es getan hat. Aber er sagte: »Ich würde nicht mehr daran denken. Der erste Löwe kann jeden aus der Fassung bringen. Das ist jetzt vorbei.«

Aber als Francis Macomber an diesem Abend, nach dem Essen und einem Whisky mit Soda am Feuer vor dem Schlafengehen, unter dem Moskitonetz auf seinem Feldbett lag und den Geräuschen der Nacht lauschte, war es ganz und gar nicht vorbei. Es war weder vorbei, noch fing es gerade erst an. Es war genauso da, wie es sich abgespielt hatte, und manches davon unauslöschlich, und er schämte sich entsetzlich dafür. Aber noch größer als die Scham war die kalte, hohle Angst, die ihn erfüllte. Die Angst, die immer noch da war wie ein kaltes schleimiges Loch in all der Leere, wo einst seine Zuversicht gewesen war, und ihm wurde ganz schlecht. Sie war immer noch bei ihm.

Angefangen hatte es in der Nacht zuvor, als er aufgewacht war und den Löwen irgendwo weiter oben am Fluss hatte brüllen hören. Es war ein tiefer Ton, der in einer Art hustendem Grunzlaut endete und den Eindruck erweckte, als sei der Löwe direkt draußen vor dem Zelt, und als Francis Macomber nachts aufwachte und das hörte, bekam er es mit der Angst. Er hörte den ruhigen Atem seiner Frau, sie schlief. Er hatte niemanden, dem er sagen konnte, dass er Angst hatte, oder mit dem zusammen er Angst haben konnte, und so lag er allein da und kannte nicht das somalische Sprichwort, wonach ein tapferer Mann sich dreimal vor einem Löwen zu fürchten hat: wenn er zum ersten Mal seine Fährte entdeckt, wenn er ihn zum ersten Mal brüllen hört und wenn er ihn zum ersten Mal zu Gesicht bekommt. Als sie dann vor Sonnenaufgang bei Laternenlicht draußen im Esszelt frühstückten, brüllte der Löwe abermals, und Francis glaubte, er streiche dicht am Rand des Camps umher.

»Hört sich wie ein Alter an«, sagte Robert Wilson und sah von seinen Kippers und Kaffee auf. »Hören Sie, wie er hustet.«

»Ist er sehr nah?«

»Etwa eine Meile flussaufwärts.«

»Werden wir ihn zu sehen bekommen?«

»Wir schauen mal nach.«

»Trägt sein Gebrüll wirklich so weit? Es hört sich an, als wäre er mitten im Camp.«

»Es trägt verdammt weit«, sagte Robert Wilson. »Das ist schon merkwürdig, wie weit es trägt. Hoffentlich erwischen wir ihn. Die Boys sagen, da draußen treibe sich ein Riesenexemplar herum.«

»Falls ich ihn vor die Flinte bekomme, wo sollte ich ihn treffen«, fragte Macomber, »um ihn zu erledigen?«

»In die Schulter«, sagte Wilson. »Am besten ins Genick. Zielen Sie auf Knochen. Brechen Sie seinen Widerstand.«

»Hoffentlich gelingt mir das«, sagte Macomber.

»Sie sind ein sehr guter Schütze«, sagte Wilson. »Lassen Sie sich Zeit. Bis Sie ganz sicher sind. Der erste Schuss ist der wichtigste.«

»Auf welche Entfernung wird das sein?«

»Schwer zu sagen. Da hat der Löwe ein Wörtchen mitzureden. Schießen Sie erst, wenn er nah genug ist.«

»Weniger als hundert Meter?«, fragte Macomber. Wilson sah ihn rasch an.

»Hundert kommt hin. Besser vielleicht noch etwas näher. Aus viel größerer Entfernung sollte man keinen Schuss riskieren. Hundert ist ideal. Von da können Sie ihn treffen, wo Sie wollen. Hier kommt die Memsahib.«

»Guten Morgen«, sagte sie. »Nehmen wir uns diesen Löwen vor?«

»Sobald Sie gefrühstückt haben«, sagte Wilson. »Wie fühlen Sie sich?«

»Phantastisch«, sagte sie. »Ich bin ganz aufgeregt.«

»Ich gehe schon mal nachsehen, ob alles bereit ist.«

Wilson stand auf. Als er ging, brüllte der Löwe wieder. »Radaubruder«, sagte Wilson. »Dem werden wir ein Ende machen.«

»Was hast du, Francis?«, fragte seine Frau.

»Nichts«, sagte Macomber.

»Doch, du hast etwas«, sagte sie. »Was macht dir Sorgen?«

»Nichts«, sagte er.

»Sag’s mir.« Sie sah ihn an. »Fühlst du dich nicht gut?«

»Dieses verfluchte Gebrüll«, sagte er. »Das geht schon die ganze Nacht so.«

»Warum hast du mich nicht geweckt?«, sagte sie. »Ich hätte es gern gehört.«

»Ich muss dieses verdammte Vieh töten«, sagte Macomber unglücklich.

»Nun, dafür bist du doch hier draußen, oder?«

»Sicher. Aber ich bin nervös. Das Gebrüll geht mir an die Nerven.«

»Na, dann tu, was Wilson sagt, töte ihn und mach seinem Gebrüll ein Ende.«

»Ja, Liebling«, sagte Francis Macomber. »Hört sich ganz einfach an, oder?«

»Du hast doch nicht etwa Angst?«

»Natürlich nicht. Aber sein Gebrüll die ganze Nacht hat mich nervös gemacht.«

»Du schaffst das bestimmt«, sagte sie. »Du wirst ihn töten. Ich kann es kaum erwarten.«

»Iss dein Frühstück, dann brechen wir auf.«

»Es ist noch nicht mal hell«, sagte sie. »Absurd, so früh aufzubrechen.«

In diesem Moment stieß der Löwe ein tiefes Stöhnen aus, das in einen kehligen, zitternd aufsteigenden Ton umschlug, der die Luft zu erschüttern schien und mit einem Seufzen und einem schweren tiefen Grunzen endete.

»Als ob er ganz in der Nähe wäre«, sagte Macombers Frau.

»Mein Gott«, sagte Macomber. »Ich kann dieses Gebrüll nicht ausstehen.«

»Es ist schon sehr beeindruckend.«

»Beeindruckend. Es ist zum Fürchten.«

Robert Wilson kam mit seinem kurzen, hässlichen, erschreckend großkalibrigen 505er-Gibbs heran und grinste.

»Kommen Sie«, sagte er. »Ihr Gewehrträger hat Ihre Springfield und die große Büchse vorbereitet. Liegt alles im Auto. Haben Sie Vollmantelgeschosse?«

»Ja.«

»Ich bin bereit«, sagte Mrs. Macomber.

»Müssen diesem Lärm ein Ende machen«, sagte Wilson. »Sie sitzen vorne. Die Memsahib kann hinten bei mir sitzen.«

Sie stiegen in das Auto und fuhren im grauen ersten Tageslicht zwischen den Bäumen flussaufwärts. Macomber öffnete den Verschluss seiner Büchse, sah noch einmal nach den Stahlmantelgeschossen, schloss die Kammer und sicherte. Er sah seine Hand zittern. Er tastete in seiner Tasche nach weiteren Patronen und strich mit den Fingern über die Patronen in den Schlaufen vorne an seiner Jacke. Er drehte sich zu Wilson herum, der neben seiner Frau auf der Rückbank des türlosen Kastenwagens saß; beide grinsten vor Aufregung, und Wilson beugte sich vor und flüsterte:

»Beachten Sie, wie die Vögel runterkommen. Das heißt, der Alte hat seine Beute verlassen.«

Über den Bäumen am jenseitigen Flussufer sah Macomber Geier kreisen und steil herabstoßen.

»Wahrscheinlich kommt er hier irgendwo zum Saufen hin«, flüsterte Wilson. »Bevor er sich schlafen legt. Halten Sie die Augen offen.«

Sie fuhren langsam zwischen den großen Bäumen an dem hohen Ufer entlang, das hier steil zu dem steinigen Flussbett abfiel. Macomber beobachtete das jenseitige Ufer, als er sich von Wilson am Arm gepackt fühlte. Das Auto hielt an.

»Da ist er«, hörte er ihn flüstern. »Vorne rechts. Steigen Sie aus und erledigen Sie ihn. Ein großartiges Exemplar.«

Jetzt sah Macomber den Löwen auch. Er stand im Profil, das riesige Haupt erhoben und ihnen zugewandt. Der Morgenwind, der ihnen entgegenblies, spielte in seiner dunklen Mähne, und gewaltig ragte seine Silhouette im grauen Morgenlicht über die Böschung, die kräftigen Schultern, der mächtige geschmeidige Rumpf.

»Entfernung?«, fragte Macomber und hob seine Büchse.

»Ungefähr fünfundsiebzig. Steigen Sie aus und erledigen sie ihn.«

»Kann ich nicht von hier aus schießen?«

»Man schießt nicht vom Auto aus«, hörte er Wilson nah an seinem Ohr. »Steigen Sie aus. Er wird nicht den ganzen Tag dort stehen bleiben.«

Macomber stieg durch die gewölbte Öffnung neben dem Beifahrersitz aufs Trittbrett und von dort auf den Boden. Der Löwe stand immer noch da und sah kühl majestätisch nach diesem Ding, das sich seinen Augen nur als Silhouette zeigte, ähnlich dem Umriss eines Riesennashorns. Kein Menschengeruch wurde ihm zugeweht, und er beobachtete das Ding, wobei er den mächtigen Kopf ein wenig hin und her bewegte. Er ließ das Ding nicht aus den Augen, er fürchtete sich nicht, zögerte aber, in Gegenwart eines solchen Dings zum Trinken ans Ufer hinabzugehen, und dann sah er eine Menschengestalt sich davon ablösen und wandte den schweren Kopf und schwang gerade herum, um hinter den Bäumen in Deckung zu gehen, als er ein berstendes Krachen hörte und den Einschlag eines von einer 30-06 abgefeuerten Vollmantelgeschosses spürte, das sich in seine Flanke biss und in heiß aufsiedender Übelkeit seinen Magen zerfetzte. Benommen, verwundet, vollgefressen schwankend trabte er auf seinen großen Pfoten zwischen den Bäumen hindurch auf das hohe Gras und die Deckung zu, als das Krachen noch einmal kam und dicht neben ihm die Luft zerriss. Wieder krachte es, und er spürte einen Schlag seine unteren Rippen treffen und tief eindringen, und plötzlich heiß schäumendes Blut im Maul, galoppierte er auf das hohe Gras zu, wo er sich ducken und unsichtbar machen und sie dazu bringen konnte, mit dem krachenden Ding so nah heranzukommen, dass er sich auf den Mann stürzen konnte, der es hielt.

Was der Löwe empfand, war Macomber gleichgültig, als er aus dem Auto stieg. Er wusste nur, dass seine Hände zitterten, und seine Beine ließen sich kaum bewegen, ihn vom Auto wegzutragen. Seine Oberschenkel waren verkrampft, aber er fühlte die Muskeln schlottern. Er hob das Gewehr, zielte auf die Stelle zwischen Kopf und Schultern des Löwen und drückte ab. Nichts geschah, obwohl er so fest den Abzug drückte, dass ihm fast der Finger brach. Dann erkannte er, das Gewehr war noch gesichert, und während er es zum Entsichern senkte, tat er einen weiteren steifen Schritt nach vorn, und als der Löwe seine Silhouette sich von der Silhouette des Autos lösen sah, wandte er sich ab und trabte davon, und als Macomber dann schoss, hörte er einen dumpfen Schlag, der ihm sagte, dass die Kugel getroffen hatte; aber der Löwe lief weiter. Macomber schoss noch einmal, und alle sahen, wie die Kugel hinter dem trabenden Löwen Erde aufspritzen ließ. Er schoss noch einmal, dachte daran, diesmal tiefer zu zielen, und alle hörten die Kugel einschlagen, und der Löwe fiel in Galopp und verschwand im hohen Gras, bevor Macomber nachladen konnte.

Ihm war speiübel, er stand da, die noch schussbereite Springfield in den zitternden Händen, als seine Frau und Robert Wilson neben ihn traten. Auch die beiden Gewehrträger kamen dazu und schnatterten in Wakamba.

»Ich habe ihn getroffen«, sagte Macomber. »Ich habe ihn zweimal getroffen.«

»Ja, einmal in den Magen und einmal weiter vorn«, sagte Wilson wenig begeistert. Die Gewehrträger machten sehr ernste Gesichter. Sie waren jetzt still.

»Kann sein, dass Sie ihn getötet haben«, fuhr Wilson fort. »Wir werden eine Weile warten müssen, ehe wir hingehen und es herausfinden können.«

»Wie meinen Sie das?«

»Er soll erst schwach werden, bevor wir nach ihm suchen.«

»Oh«, sagte Macomber.

»Ein verdammt prächtiger Bursche«, sagte Wilson gut gelaunt. »Aber er hat sich einen schlechten Platz ausgesucht.«

»Warum schlecht?«

»Weil man ihn erst sehen kann, wenn man direkt vor ihm steht.«

»Oh«, sagte Macomber.

»Kommen Sie«, sagte Wilson. »Die Memsahib kann im Auto bleiben. Sehen wir uns mal die Blutspur an.«

»Du bleibst hier, Margot«, sagte Macomber zu seiner Frau. Er hatte einen ganz trockenen Mund, und das Sprechen fiel ihm schwer.

»Warum?«, fragte sie.

»Wilson hat es gesagt.«

»Wir sehen uns das an«, sagte Wilson. »Sie bleiben hier. Von hier aus haben Sie sogar einen besseren Blick.«

»Also gut.«

Wilson sprach auf Suaheli mit dem Fahrer. Der nickte und sagte: »Ja, Bwana.«

Dann gingen sie das steile Ufer hinunter und über den Fluss, kletterten über und um die Felsen herum, zogen sich an hervorstehenden Wurzeln das andere Ufer hinauf und gingen daran entlang, bis sie die Stelle fanden, wo der Löwe gelaufen war, als Macomber den ersten Schuss abgegeben hatte. Die Gewehrträger wiesen mit Grashalmen auf die Spur dunklen Bluts im flachen Gras, die sich hinter den Uferbäurnen verlor.

»Was machen wir jetzt?«, fragte Macomber.

»Wir haben keine große Wahl«, sagte Wilson. »Mit dem Auto kommen wir nicht rüber. Das Ufer ist zu steil. Wir warten, bis seine Kräfte noch etwas geschwunden sind, dann gehen wir beide rein und sehen nach ihm.«

»Können wir das Gras nicht anzünden?«, fragte Macomber.

»Zu grün.«

»Können wir keine Treiber reinschicken?«

Wilson sah ihn prüfend an. »Natürlich können wir das«, sagte er. »Aber das ist lebensgefährlich. Sehen Sie, wir wissen, der Löwe ist verwundet. Einen unverletzten Löwen kann man treiben — er bewegt sich von der Geräuschquelle fort —, aber ein verwundeter Löwe greift an. Und man sieht ihn erst, wenn man direkt vor ihm steht. Er kann sich unsichtbar machen, in jedem bisschen Deckung von dem Sie nicht mal glauben würden, dass sich ein Hase darin verstecken könnte. Unter solchen Umständen darf man da keine jungen Burschen reinschicken. Es würde garantiert Verletzte geben.«

»Und was ist mit den Gewehrträgern?«

»Ob, die begleiten uns überallhin. Das ist ihre shauri. Die haben sich dazu verpflichtet. Aber besonders glücklich sehen sie nicht gerade aus, oder?«

»Ich will da nicht rein«, sagte Macomber. Die Worte waren heraus, ehe er sich dessen versah.

»Ich auch nicht«, sagte Wilson belustigt. »Aber uns wird nichts anderes übrig bleiben.« Doch als er jetzt zu Macomber hinübersah, bemerkte er auf einmal, wie sehr er zitterte und was für ein klägliches Gesicht er machte.

»Natürlich müssen Sie da nicht rein«, sagte er. »Dafür bin ich schließlich hier. Deswegen bin ich ja so teuer.«

»Sie meinen, Sie würden allein reingehen? Warum lassen wir ihn nicht einfach liegen?«

Robert Wilson, der sich bis dahin nur auf den Löwen und das Problem, das er darstellte, konzentriert und von Macomber allenfalls mitbekommen hatte, dass er ziemlich nervös war, fühlte sich plötzlich wie jemand, der im Hotel die falsche Tür aufmacht und etwas Peinliches zu sehen bekommt.

»Wie bitte?«

»Warum lassen wir ihn nicht einfach?«

»Sie meinen, wir sollen uns vormachen, er sei nicht getroffen?«

»Nein. Einfach liegen lassen.«

»Das geht nicht.«

»Warum?«

»Erstens leidet er Schmerzen. Zweitens könnte sonst jemand auf ihn stoßen.«

»Verstehe.«

»Aber Sie müssen sich nicht darum kümmern.«

»Ich möchte aber«, sagte Macomber. »Ich habe nur Angst.«

»Ich gehe voran, wenn wir reingehen«, sagte Wilson, »und Kongoni liest die Fährte. Sie halten sich leicht versetzt hinter mir. Wahrscheinlich werden wir ihn knurren hören. Sobald wir ihn sehen, schießen wir beide. Machen Sie sich keine Sorgen. Ich gebe Ihnen Deckung. Aber ehrlich gesagt, Sie sollten es lieber lassen. Das wäre sicher das Beste. Gehen Sie zur Memsahib zurück und warten Sie, bis ich die Sache erledigt habe.«

»Nein. Ich möchte mitkommen.«

»Na schön«, sagte Wilson. »Aber nur, wenn Sie wirklich wollen. Das ist jetzt meine shauri

»Ich möchte mitkommen«, sagte Macomber.

Sie setzten sich unter einen Baum und rauchten.

»Wollen Sie zur Memsahib zurück und mit ihr reden, solange wir hier warten?«, fragte Wilson.

»Nein.«

»Dann gehe ich mal kurz und sage ihr, dass sie sich gedulden muss.«

»Gut«, sagte Macomber. Da saß er, schwitzte unter den Armen, hatte einen trockenen Mund und ein hohles Gefühl im Magen und suchte den Mut aufzubringen, Wilson zu sagen, er solle den Löwen ohne ihn erledigen. Er konnte nicht wissen, dass Wilson sich ärgerte, weil er nicht früher bemerkt hatte, in welchem Zustand er sich befand, und ihn nicht zu seiner Frau zurückgeschickt hatte. Er saß noch immer da, als Wilson zurückkam. »Ich habe Ihr großes Gewehr mitgebracht«, sagte er. »Nehmen Sie es. Ich denke, wir haben ihm Zeit genug gegeben. Kommen Sie.«

Macomber nahm das große Gewehr, und Wilson sagte: »Halten Sie sich hinter mir und etwa fünf Meter nach rechts und tun Sie genau, was ich Ihnen sage.« Dann sprach er auf Suaheli mit den beiden Gewehrträgern, die ausgesprochen finstere Gesichter machten.

»Gehen wir«, sagte er.

»Könnte ich einen Schluck Wasser haben?«, fragte Macomber. Wilson sagte etwas zu dem älteren Gewehrträger, der eine Feldflasche am Gürtel trug, und der schnallte sie los, schraubte den Verschluss ab und reichte sie Macomber, der sie nahm und bemerkte, wie schwer sie schien und wie fasrig und abgeschabt der Filzbezug in seiner Hand lag. Er setzte sie an und trank und sah nach dem hohen Gras und den Bäumen mit den flachen Wipfeln dahinter. Der Wind wehte ihnen entgegen und bewegte das Gras in sanften Wellen. Er sah zu dem Gewehrträger und bemerkte, dass auch er sich ängstigte.

Fünfunddreißig Meter entfernt lag der große Löwe, flach auf den Boden gestreckt. Er hatte die Ohren angelegt, und das Einzige, was sich an ihm bewegte, war der Schwanz mit der schwarzen Quaste, der leicht auf und ab zuckte. Er war, sobald er diese Deckung erreicht hatte, in Lauerstellung gegangen, die Wunde in seinem vollen Bauch hatte ihn erbrechen lassen, und die Wunde in seiner Lunge, die ihm bei jedem Atemzug ein dünnes schaumiges Rot ins Maul trieb, lehrte an seinen Kräften. Seine Flanken waren feucht und heiß, und Fliegen bedeckten die kleinen Öffnungen, die die massiven Kugeln in sein gelbbraunes Fell gebohrt hatten, und seine großen gelben, hassvoll verkniffenen Augen sahen starr geradeaus und blinzelten nur, wenn beim Atmen der Schmerz kam und seine Krallen sich in die weiche ausgedorrte Erde gruben. Sein ganzes Sein, Schmerz, Übelkeit, Hass und alle verbliebene Kraft, ballte sich zu absoluter Konzentration auf einen Sprung. Er hörte die Männer reden und wartete, sammelte all seine Kräfte, um zum Angriff bereit zu sein, sobald die Männer ins Gras kamen. Als er ihre Stimmen hörte, versteifte sich sein Schwanz und zuckte auf und nieder, und als sie an den Rand des Grases kamen, stieß er ein hustendes Grunzen aus und griff an.

Kongoni, der alte Gewehrträger, der als Vorhut die Blutspur im Auge behielt, Wilson, der mit schussbereitem Gewehr das Gras nach jeder Bewegung absuchte, der zweite Gewehrträger, der nach vorn schaute und lauschte, Macomber mit schussbereitem Gewehr