/ Language: Deutsch / Genre:prose_contemporary

Wem die Stunde schlägt

Ernest Hemingway


Wem die Stunde schlägt

Ernest Hemingway

1940

1

In seinem berühmtesten Roman schildert Hemingway eine kurze, nur drei Tage währende Episode aus dem Spanischen Bürgerkrieg. Es ist zugleich die Geschichte Robert Jordans, des Amerikaners, der den Befehl hat, in den Bergen eine Brücke zu sprengen. Mit einer Schar mutiger Republikaner — Guerillas, Bauern, Zigeunern — führt er seinen Auftrag aus. Und in dieser kurzen Zeit erfüllt sich die Liebe Roberts zu Maria, der Partisanin. Inmitten der spannungsreichen Ereignisse, die von allen das Äußerste an Opferbereitschaft und Entschlossenheit fordern, vollzieht sich das Schicksal dieser Gruppe, die sich in der Gefahr und der Bedrohung durch den heranrückenden Feind zusammenfindet. ‘Wem die Stunde schlägt’ wurde erfolgreich verfilmt.

Inhaltsverzeichnis

I

II

III

IV

V

VI

VII

VIII

IX

X

XI

XII

XIII

XIV

XV

XVI

XVII

XVIII

XIX

XX

XXI

XXII

XXIII

XXIV

XXV

XXVI

XXVII

XXVIII

XXIX

XXX

XXXI

XXXII

XXXIII

XXXIV

XXXV

XXXVI

XXXVII

XXXVIII

XXXIX

XL

XLI

XLII

XLIII

No man is an Iland, intire of it selfe; every man is a peece of the Continent, a part of the maine; if a Clod bee washed away by the Sea, Europe is the lesse, as well as if a Promontorie were, as well as if a Mannor of thy friends or of thine owne were; any mans death diminishes me, because I am involved in Mankinde; and therefore never send to know for whom the bell tolls; it tolls for thee.

JOHN DONNE

I

Er lag der Länge nach auf dem braunen, nadelbedeckten Boden des Waldes, das Kinn auf die verschränkten Arme gestützt, und hoch über ihm wehte der Wind durch die Wipfel der Kiefern. Dort, wo er lag, ging es sanft bergab, aber ein Stück weiter unten wurde der Berghang steil, und er sah die geölte Straße, wie sie sich in schwärzlichen Windungen durch die Paßenge schlängelte. Ein Fluß lief an der Straße entlang, und in der Tiefe des Passes sah er eine Mühle am Ufer und die stürzenden Wasser des Dammes, weiß im sommerlichen Sonnenschein.

≫Ist das die Sägemühle?≪ fragte er.

≫Ja.≪

≫Ich kann mich nicht an sie erinnern.≪

≫Sie wurde später gebaut. Die alte Mühle steht weiter unten, tief unten.≪

Er entfaltete die Photokarte auf dem Waldboden und betrachtete sie aufmerksam. Der alte Mann blickte ihm über die Schulter; ein alter Mann, untersetzt und stämmig, in schwarzem Bauernkittel und grauen, brettsteifen Hosen, an den Füßen die mit Hanf schnüren besohlten Schuhe. Er atmete schwer, erschöpft von dem Anstieg, und seine Hand ruhte auf einem der beiden gewichtigen Packen, die sie heraufgeschleppt hatten.

≫Dann kann man von hier aus die Brücke nicht sehen.≪

≫Nein≪, sagte der Alte. ≫Wir sind auf der ebenen Seite des Passes, wo der Fluß langsam fließt. Weiter unten, wo die Straße zwischen den Bäumen verschwindet, wird’s plötzlich steil, und dort ist eine tiefe Schlucht…≪

≫Ich erinnere mich.≪

≫Über diese Schlucht führt eine Brücke.≪

≫Und wo haben sie ihre Posten?≪

≫Ein Posten liegt in der Mühle, die du dort siehst.≪

Der junge Mann, der die Gegend studierte, holte sein Fernglas aus der Tasche des verschossenen khakigelben Flanellhemdes hervor, wischte mit einem Taschentuch die Linsen ab, schraubte die Okulare zurecht, bis die Bretter der Mühle mit einem Male ganz deutlich wurden, und jetzt sah er die Holzbank neben der Tür, den riesigen Haufen von Sägespänen hinter dem offenen Schuppen, in dem die Kreissäge stand, und ein Stück der Rutsche, die am anderen Ufer des Flusses die Stämme den Berghang hinunterbeförderte. Der Fluß, ein glattes Band, trat deutlich im Rund der Gläser hervor, und unterhalb des Staudamms mit dem Gekräusel der fallenden Wasser stob der Gischt in den Wind.

≫Ich sehe keinen Wachtposten.≪

≫Aus dem Mühlenhaus kommt Rauch≪, sagte der Alte. ≫Und Wäsche hängt auf einer Leine.≪

≫Das sehe ich, aber ich sehe keinen Wachtposten.≪

≫Vielleicht steht er im Schatten≪, sagte der Alte erklärend. ≫Es ist heiß dort unten. Er steht wohl im Schatten, am anderen Ende, das nicht zu sehen ist.≪

≫Wahrscheinlich. Wo liegt der nächste Posten?≪

≫Unterhalb der Brücke, in der Hütte des Chausseewärters, fünf Kilometer von der Paßhöhe.≪

≫Wieviel Mann liegen hier?≪ Er deutete auf die Mühle.

≫Vielleicht vier und ein Korporal.≪

≫Und unten?≪

≫Mehr. Ich werde es herauskriegen.≪

≫Und an der Brücke?≪

≫Immer zwei. Einer an jedem Ende.≪

≫Wir werden etliche Leute brauchen≪, sagte der junge Mann. ≫Wieviel Leute kannst du schaffen?≪

≫Ich kann Leute schaffen, soviel du willst≪, sagte der Alte. ≫Es sind jetzt viel Leute hier in den Bergen.≪

≫Wieviele?≪

≫Über hundert. Aber in kleinen Trupps. Wieviel Leute wirst du brauchen?≪

≫Das sage ich dir, wenn wir die Brücke besichtigt haben.≪

≫Willst du sie jetzt besichtigen?≪

≫Nein. Jetzt will ich den Platz sehen, wo wir den Sprengstoff verstecken, bis es soweit ist. Ich möchte ihn an einem durchaus sicheren Ort wissen, nicht mehr als eine halbe Stunde von der Brücke entfernt, wenn das möglich ist.≪

≫Das ist einfach≪, sagte der Alte. ≫Wenn wir erst mal an Ort und Stelle sind, geht’s bis zur Brücke immerzu bergab. Aber jetzt müssen wir erst noch ein bißchen klettern, um hinzukommen. Bist du hungrig?≪

≫Ja≪, sagte der junge Mann. ≫Aber wir werden später essen. Wie heißt du? Ich habe es vergessen.≪ Daß er’s vergessen hatte, hielt er für ein schlechtes Zeichen.

≫Anselmo≪, sagte der Alte. ≫Ich heiße Anselmo und bin aus Barco de Ávila. Komm, ich helfe dir mit dem Rucksack.≪

Der junge Mann, der groß war und mager, mit blondem, sonngestreiftem Haar und wind- und sonnverbranntem Gesicht, der junge Mann, der das sonngebleichte Flanellhemd, eine Bauernhose und hanfbesohlte Schuhe trug, bückte sich zur Erde, schob den Arm unter einen der Riemen und warf den schweren Rucksack mit einem Schwung über die Schulter. Dann schob er den anderen Arm unter den zweiten Gurt und schüttelte die Last auf dem Rücken zurecht. Das Hemd war noch naß vom Schleppen der Last.

≫Jetzt hab’ ich ihn oben≪, sagte er. ≫Wie geht es weiter?≪

≫Klettern≪, sagte Anselmo.

Gebeugt unter dem Gewicht der Packen, schwitzend stiegen sie mit steten Schritten durch den Kiefernwald, der den Berghang bedeckte. Pfad war keiner zu sehen, aber sie arbeiteten sich empor, um die vordere Wand des Berges herum, und nun überquerten sie einen Bach, und der alte Mann stapfte unverdrossen weiter, am Rande der felsigen Rinne entlang. Immer schroffer und schwieriger wurde die Steigung, bis sie schließlich den Rand einer glatten, hochragenden Granitklippe erblickten, über den das Wasser jäh herabzustürzen schien, und am Fuß dieser Klippe wartete der Alte auf den jungen Mann.

≫Wie schaffst du’s?≪

≫Ganz gut≪, sagte der junge Mann. Er schwitzte stark, und seine Schenkelmuskeln zuckten von der Mühe des steilen Anstiegs.

≫Warte hier auf mich. Ich gehe voraus, um uns anzukündigen. Willst du, daß sie auf dich schießen — mit diesem Zeug auf dem Buckel?≪

≫Nicht mal im Scherz≪, sagte der junge Mann. ≫Ist es weit?≪

≫Ganz nahe. Wie heißt du?≪

≫Roberto≪, erwiderte der junge Mann. Er hatte den Packen abgestreift und legte ihn behutsam zwischen zwei Felsblöcke neben dem Flußbett.

≫Dann warte also hier, Roberto; ich hole dich.≪

≫Gut≪, sagte der junge Mann. ≫Aber soll das der Weg zur Brücke sein?≪

≫Nein. Wenn wir zur Brücke gehen, nehmen wir einen anderen Weg. Einen kürzeren und bequemeren.≪

≫Ich möchte nicht, daß der Lagerplatz weit von der Brücke entfernt ist.≪

≫Du wirst sehen. Wenn du nicht zufrieden bist, wählen wir einen anderen Platz.≪

≫Wir werden sehen≪, sagte der junge Mann.

Er setzte sich neben die Rucksäcke und beobachtete, wie der Alte die Klippe erklomm. Es war keine allzu schwere Kletterei, und an der Art, wie er seine Griffe fand, ohne erst lange zu suchen, merkte der junge Mann, daß der Alte wohl schon mehr als einmal dort hinaufgeklettert war. Aber die, die dort oben saßen, hatten Sorge getragen, keine Spuren zu hinterlassen.

Der junge Mann namens Robert Jordan war sehr hungrig und voller Sorgen. Hungrig war er oft, aber nur selten machte er sich Sorgen, denn ihn kümmerte nicht, was mit ihm geschah, und er wußte aus Erfahrung, wie leicht es ist, in solchem Gelände sich hinter der feindlichen Front zu bewegen. Das ist ebenso einfach, wie es einfach ist, sich durch die Linien hindurchzuschleichen, sofern man nur einen guten Führer hat. Schwierig wird es erst, wenn du fragst, was dir passiert, falls sie dich erwischen. Das erstens. Und zweitens: — entscheiden, wem du vertrauen sollst. Den Leuten, mit denen man arbeitet, muß man ganz vertrauen oder gar nicht, und da heißt es, seine Entscheidung treffen, ob ja oder nein. Das alles machte ihm keine Sorgen. Aber es gab andere Dinge.

Anselmo war ein guter Führer und ein ausgezeichneter Bergsteiger. Robert Jordan selbst konnte einiges leisten, und da er ihm seit Tagesanbruch gefolgt war, wußte er recht gut, daß es dem Alten nicht schwerfallen würde, ihn, Jordan, zu Tode zu hetzen. Vorläufig hatte er Vertrauen zu dem alten Anselmo, in allen Dingen, bis auf den Verstand. Er hatte noch keine Gelegenheit gehabt, seinen Verstand zu prüfen, und in dieser Beziehung hatte schließlich er selbst die volle Verantwortung zu tragen. Nein, Anselmo machte ihm keine Sorgen, und das Problem der Brücke war nicht schwieriger als so manches andere Problem. Er wußte, wie man Brücken sprengt, Brücken jeder erdenklichen Art, und er hatte ihrer eine Unzahl gesprengt. Brücken von jeglicher Konstruktion und Größe. Die beiden Packen enthielten genug Sprengstoff und das nötige Werkzeug, um diese Brücke kunstgerecht zu sprengen, auch wenn sie doppelt so groß gewesen wäre, wie Anselmo sie schilderte oder wie er selbst sie in Erinnerung hatte aus der Zeit, da er sie 1933 auf einer Fußtour nach La Granja passiert hatte, oder wie Golz sie ihm nach schriftlichen Angaben beschrieben hatte, vorgestern nacht, in jenem Zimmer im oberen Stockwerk des Hauses neben dem Escorial…

≫Die Brücke sprengen ist gar nichts≪, hatte Golz gesagt, den zernarbten, glattrasierten Schädel im Lichtkreis der Lampe, mit einem Bleistift auf die große Karte zeigend. ≫Sie verstehen?≪

≫Ja, ich verstehe.≪

≫Absolut gar nichts. Bloß die Brücke sprengen, das ist eine Schlappe.≪

≫Ja, Genosse General.≪

≫Die Brücke zu einer bestimmten Stunde sprengen, entsprechend dem Zeitpunkt, der für den Angriff festgesetzt ist — so gehört es sich. Sie verstehen das natürlich. Das ist Ihr Recht, und so gehört es sich.≪

Golz betrachtete den Bleistift, klopfte dann damit an seine Zähne.

Robert Jordan hatte geschwiegen.

≫Sie verstehen, das ist Ihr Recht, und so gehört es sich≪, fuhr Golz fort, blickte Jordan an und nickte. Jetzt klopfte er mit dem Bleistift auf die Karte. ≫So würde ich es machen. Und so läßt es sich nicht machen.≪

≫Warum nicht, Genosse General?≪

≫Warum?≪ fragte Golz ärgerlich. ≫Wie viele Angriffe haben Sie miterlebt — und Sie fragen mich: warum? Wer garantiert dafür, daß meine Befehle nicht geändert werden? Wer garantiert dafür, daß der Angriff nicht abgeblasen wird? Wer garantiert dafür, daß der Angriff nicht verschoben wird? Wer garantiert dafür, daß er nicht später als sechs Stunden nach dem festgelegten Zeitpunkt losgeht? Hat ein Angriff je so ausgesehen, wie er aussehen sollte?≪

≫Wenn es Ihr Angriff ist, wird er rechtzeitig beginnen≪, sagte Robert Jordan.

≫Es ist nie mein Angriff≪, sagte Golz. ≫Ich mache ihn. Aber es ist nicht mein Angriff. Die Artillerie gehört nicht mir. Ich muß sie anfordern. Ich bekomme nie, was ich verlange, auch wenn ich es zu bekommen habe. Das ist noch das wenigste. Es gibt andere Dinge. Sie wissen, wie dieses Volk ist. Es ist nicht nötig, auf das alles einzugehen. Immer ist irgend etwas los. Immer mischt sich jemand ein. Sehen Sie also zu, daß Sie mich richtig verstehen.≪

≫Wann also soll die Brücke gesprengt werden?≪ fragte Robert Jordan.

≫Nachdem der Angriff begonnen hat. Sobald der Angriff begonnen hat, und nicht früher. Damit keinerlei Verstärkungen auf dieser Straße herankommen.≪ Er deutete mit dem Bleistift auf die Karte. ≫Ich muß die Gewißheit haben, daß auf dieser Straße nichts herankommt.≪

≫Und wann beginnt der Angriff?≪

≫Das werde ich Ihnen sagen. Aber Sie haben Tag und Stunde nur als einen Anhaltspunkt für die Wahrscheinlichkeit zu betrachten. Um diese Zeit müssen Sie sich bereit halten. Sie sprengen die Brücke, nachdem der Angriff begonnen hat. Verstehen Sie mich?≪ Er deutete mit dem Bleistift auf die Karte. ≫Das ist die einzige Straße, auf der der Gegner Verstärkungen heranschaffen kann. Das ist die einzige Straße, auf der er Tanks heranschaffen kann oder Geschütze oder auch nur ein Transportauto — zu der Paßhöhe, die ich angreife. Ich muß die Gewißheit haben, daß die Brücke weg ist. Nicht zu früh, damit sie nicht repariert werden kann, falls der Angriff verschoben wird. Nein, sie muß in die Luft fliegen, sowie der Angriff beginnt, und ich muß wissen, daß sie weg ist. Es stehen nur zwei Posten an der Brücke. Der Mann, der Sie begleiten wird, ist eben von dort gekommen. Er gilt als sehr zuverlässig. Sie werden ja sehen. Er hat Leute in den Bergen. Nehmen Sie soviel Leute, wie Sie brauchen. Verwenden Sie möglichst wenig Leute, aber nehmen Sie eine genügende Anzahl. Ich brauche Ihnen das alles nicht zu sagen.≪

≫Und wie stelle ich fest, daß der Angriff begonnen hat?≪

≫Wir setzen eine ganze Division ein. Zur Vorbereitung erfolgt ein Luftbombardement. Sie sind doch nicht taub, oder wie?≪

≫Dann darf ich also annehmen, daß der Angriff begonnen hat, sobald die Flugzeuge ihre Bomben abwerfen?≪

≫Das dürfen Sie nicht immer annehmen≪, sagte Golz und schüttelte den Kopf. ≫Aber in diesem Fall dürfen Sie es. Es ist mein Angriff.≪

≫Ich verstehe≪, sagte Robert Jordan. ≫Ich kann nicht behaupten, daß mir die Sache gefällt.≪

≫Auch mir gefällt sie nicht sehr. Wenn Sie es nicht machen wollen, sagen Sie es gleich. Wenn Sie glauben, daß Sie es nicht machen können, sagen Sie es gleich.≪

≫Ich werde es machen≪, sagte Robert Jordan. ≫Und ich werde es ordentlich machen.≪

≫Mehr will ich nicht wissen≪, sagte Golz. ≫Daß nichts über diese Brücke gelangt! Das ist entscheidend.≪

≫Ich verstehe.≪

≫Ich verlange nicht gerne von einem Menschen, daß er so etwas macht, und auf solche Art≪, fuhr Golz fort. ≫Ich könnte es Ihnen nicht befehlen. Ich verstehe genau, in welche Zwangslage Sie dadurch geraten können, daß ich solche Bedingungen stelle. Ich erkläre Ihnen alles sehr sorgfältig, damit Sie es verstehen und damit Sie alle eventuellen Schwierigkeiten verstehen und die Wichtigkeit der Sache!≪

≫Und wie wollen Sie nach La Granja weitermarschieren, wenn die Brücke gesprengt ist?≪

≫Nachdem wir den Paß gestürmt haben, halten wir uns bereit, sie zu reparieren. Es ist eine sehr komplizierte und schöne Operation. So kompliziert und schön wie immer. Den Plan hat man in Madrid fabriziert. Ein neues Meisterwerk des unglücklichen Professors Vicente Rojo. Ich führe den Angriff und, wie immer, mit unzulänglichen Kräften. Trotzdem hat die Sache ihre Chancen. Ich habe ein besseres Gefühl als sonst. Es kann gelingen, wenn die Brücke beseitigt ist. Wir können Segovia nehmen. Kommen Sie, ich zeige Ihnen, wie das geht. Sehen Sie? Wir greifen nicht die Paßhöhe an, die haben wir bereits. Sondern hier, ein ganzes Stück weit hinter dem Paß. Sehen Sie… hier… so…≪

≫Es ist mir lieber, wenn ich es nicht weiß≪, sagte Robert Jordan.

≫Gut≪, sagte Golz. ≫Je weniger Gepäck man auf die andere Seite mitschleppt, desto besser, wie?≪

≫Mir ist es lieber, wenn ich gar nichts weiß. Was dann auch passieren mag — ich war es nicht, der geredet hat.≪

≫Es ist besser, wenn man nichts weiß.≪ Golz strich sich mit dem Bleistift über die Stirn. ≫Oft wünsche ich mir, daß auch ich nichts wüßte. Aber das, was Sie wissen müssen, das wissen Sie jetzt?≪

≫Ja. Das weiß ich.≪

≫Ich glaube es Ihnen≪, sagte Golz. ≫Ich will darauf verzichten, eine kleine Rede zu halten. Trinken wir ein Gläschen. Das viele Sprechen macht mich sehr durstig, Genosse Hordan. Der Name klingt komisch auf spanisch, Genosse Hordan.≪

≫Wie klingt Golz auf spanisch, Genosse General?≪

≫Hotz≪, sagte Golz grinsend, mit einem tiefen Kehllaut, als ob er vor Heiserkeit krächzte. ≫Genosse Heneral Hotz. Wenn ich gewußt hätte, wie man Golz auf spanisch ausspricht, hätte ich mir einen besseren Namen ausgesucht, bevor ich hierherging. Wenn ich bedenke, ich komme hierher, um eine Division zu kommandieren, und ich kann mir jeden Namen aussuchen, den ich will, und ich suche mir Hotz aus. Heneral Hotz. Jetzt ist es zu spät, zu wechseln. Wie gefällt Ihnen die Partisanenarbeit?≪ Das ist der russische Ausdruck für den Guerillakrieg im Rücken des Feindes.

≫Sehr≪, sagte Jordan lächelnd. ≫In der frischen Luft bleibt man gesund.≪

≫Mir hat es recht gut gefallen, früher, als ich so jung war wie Sie≪, sagte Golz. ≫Ich höre, daß Sie ein guter Sprengfachmann sind. Wissenschaftlich. Man sagt so. Ich selber habe Sie nie bei der Arbeit gesehen. Vielleicht kommt nichts dabei heraus. Fliegen die Dinger wirklich in die Luft?≪ Das war jetzt Scherz. ≫Trinken Sie!≪ Er reichte Robert Jordan das Glas spanischen Cognacs. ≫Fliegen sie wirklich in die Luft?≪

≫Manchmal!≪

≫Aber kein manchmal bei dieser Brücke, wenn ich bitten darf! Nein, reden wir nicht mehr von der Brücke. Sie wissen nun Bescheid. Wir meinen es sehr ernst, da können wir uns Witze erlauben. Sagen Sie, gibt es viele Mädchen hinter der anderen Front?≪

≫Nein. Keine Zeit für Mädchen.≪

≫Bin nicht dieser Meinung. Je ungeregelter der Dienst, desto ungeregelter das Leben. Sie haben einen sehr ungeregelten Dienst. Außerdem müssen Sie sich die Haare schneiden lassen.≪

≫Ich lasse mir die Haare schneiden, wenn es unbedingt nötig ist≪, sagte Jordan. (Der Teufel soll mich holen, wenn ich mir den Schädel rasieren lasse wie dieser Golz.) ≫Ich habe genug im Kopf — auch ohne Mädchen≪, sagte er mürrisch. ≫Was für eine Uniform soll ich tragen?≪ fragte er.

≫Gar keine≪, sagte Golz. ≫Ihr Haarschnitt ist all right. Ich mache Spaß. Sie sind ganz anders als ich≪, sagte Golz und füllte von neuem die Gläser.

≫Sie denken niemals nur an Mädchen. Ich denke überhaupt nie. Warum auch? Ich bin Général Soviétique. Ich denke nie. Versuchen Sie ja nicht, mich zum Denken zu verleiten.≪

Ein Stabsoffizier, der vor einem Zeichentisch saß und an einer Karte arbeitete, brummte ihm etwas in der Sprache zu, die Robert Jordan nicht verstand.

≫Halt den Mund≪, sagte Golz. ≫Ich scherze, wenn ich will. Ich bin so ernst, deshalb kann ich scherzen. Trinken Sie jetzt aus, und gehen Sie. Sie verstehen, ja?≪

≫Ja≪, sagte Robert Jordan. ≫Ich verstehe.≪

Sie hatten einander die Hände geschüttelt, er hatte salutiert, und dann war er zu dem Dienstauto hinausgegangen, wo der alte Mann, in tiefen Schlummer versunken, auf ihn wartete, und in diesem Auto waren sie die Straße entlanggerollt, die an Guadarrama vorbeiführt, während der Alte weiterschlief, dann die Navacerrada-Straße hinauf bis zur Hütte des Alpenklubs, wo er, Robert Jordan, drei Stunden lang schlief, bevor sie sich auf die Beine machten.

So hatte er Golz verlassen, Golz mit dem sonderbaren weißen Gesicht, das sich nie bräunen wollte, mit den Falkenaugen, der großen Nase, den dünnen Lippen und dem kreuz und quer von Runzeln und Narben zerfurchten glatten Schädel. Morgen nacht werden sie vor dem Escorial in der Finsternis aufmarschieren, die lange Kette der Lastautos, die die Infanterie transportieren, die schwerbepackten Mannschaften, wie sie in die Autos klettern, die Maschinengewehrabteilungen, wie sie ihre Maschinengewehre in die Autos wuchten, die Tanks, die über die Ladebalken auf die langgestreckten Tankautos hinaufrollen, die Division, die sich formiert, um im Schutze der Nacht zum Angriff auf den Paß vorzurücken. Daran will er nicht denken. Das ist nicht seine Sache. Das ist Golz’ Sache. Er hat nur eines zu tun, und daran muß er denken, und er muß es klar durchdenken und alles so nehmen, wie es kommt, und nicht so viel grübeln. Grübeln ist ebenso schlimm wie Angst haben. Dadurch wird alles nur viel schwieriger.

Er saß am Ufer des Baches, sah das klare Wasser über die Steine gleiten, und am anderen Ufer wuchs ein dichtes Büschel Brunnenkresse. Er stieg über den Bach, rupfte zwei Handvoll aus dem Büschel, säuberte die schmutzigen Wurzeln in der Strömung, setzte sich dann wieder neben seinen Packen hin und aß die sauberen, kühlen, grünen Blätter und die knirschenden, pfeffrigscharfen Stengel. Er kniete neben dem Bach nieder, schob seine Armeepistole am Gürtel entlang bis ins Kreuz, damit sie nicht naß wurde, beugte sich nieder, sich mit den Händen auf zwei Felsblöcke stützend, und trank aus dem Bach. Das Wasser war beißend kalt.

Als er sich wieder aufrichtete und den Kopf zur Seite wandte, sah er den Alten die Klippe herunterkommen. In seiner Begleitung befand sich ein zweiter Mann, gleichfalls mit einem schwarzen Bauernkittel und der dunkelgrauen Hose bekleidet, die in dieser Gegend fast wie eine Uniform waren. An den Füßen trug er die mit Hanfschnüren besohlten Schuhe und quer über dem Rücken einen Karabiner. Er war barhäuptig. Die beiden kamen wie die Ziegen über den Fels heruntergeklettert.

Sie näherten sich ihm, und Robert Jordan stand auf.

≫Salud, camarada≪, sagte er lächelnd zu dem Mann mit dem Karabiner.

≫Salud≪, erwiderte der Mann widerwillig. Robert Jordan betrachtete sein grobes, mit Bartstoppeln bedecktes Gesicht. Es war ein fast rundes Gesicht, auch der Kopf war ganz rund und saß dicht auf den Schultern. Die Augen waren klein und standen zu weit auseinander, und die Ohren waren klein und saßen dicht am Kopfe. Er war stämmig, etwa einsachtzig groß und hatte große Hände und Füße. Sein Nasenbein war gebrochen und der Mund an der einen Seite durch eine Narbe zerspalten, die quer über die Oberlippe und die Kinnbacke lief, deutlich sichtbar unter den Bartstoppeln.

Der Alte deutete mit einem Kopfnicken auf diesen Mann und lächelte.

≫Er ist hier der Macher≪, sagte er grinsend, dann beugte er die Arme, wie um die Muskeln zu straffen, und warf dem Mann mit dem Karabiner einen halb spöttischen, halb bewundernden Blick zu. ≫Er ist sehr stark.≪

≫Das sehe ich≪, sagte Robert Jordan und lächelte wieder. Ihm gefiel der Mann nicht, und in seinem Innern lächelte er ganz und gar nicht.

≫Wie kannst du nachweisen, wer du bist?≪ sagte der Mann mit dem Karabiner.

Robert Jordan entfernte eine Sicherheitsnadel von seiner Taschenklappe, zog ein zusammengefaltetes Papier aus der linken Brusttasche des Flanellhemds und reichte es dem Mann, der es aufmachte, es mißtrauisch betrachtete und zwischen den Fingern hin- und herdrehte.

Er kann also nicht lesen, stellte Robert Jordan fest.

≫Schau dir das Siegel an≪, sagte er.

Der Alte zeigte auf das Siegel, und der Mann mit dem Karabiner betrachtete es aufmerksam, betastete es mit den Fingern.

≫Was ist das für ein Siegel?≪

≫Hast du es noch nie gesehen?≪

≫Nein.≪

≫Es gibt zwei≪, sagte Robert Jordan. ≫Das eine vom S. I. M., dem militärischen Nachrichtendienst. Das andere vom Generalstab.≪

≫Ja, ich habe dieses Siegel schon gesehen. Aber hier befiehlt niemand außer mir≪, sagte der andere mürrisch. ≫Was habt ihr in den Packen?≪

≫Dynamit≪, sagte der Alte stolz. ≫Gestern nacht haben wir uns in der Dunkelheit hinter die Front geschlichen, und den ganzen Tag lang haben wir dieses Dynamit den Berg hinaufgeschleppt.≪

≫Dynamit kann ich brauchen≪, sagte der Mann mit dem Karabiner. Er gab Robert Jordan das Papier zurück und musterte ihn.

≫Ja. Ich habe Verwendung für Dynamit. Wieviel hast du mir gebracht?≪

≫Ich habe dir kein Dynamit gebracht≪, sagte Robert Jordan gelassen. ≫Das Dynamit ist für andere Zwecke bestimmt. Wie heißt du?≪

≫Was geht dich das an?≪

≫Er heißt Pablo≪, sagte der Alte. Der Mann mit dem Karabiner betrachtete verdrossen die beiden.

≫Gut. Ich habe viel Gutes über dich gehört≪, sagte Robert Jordan.

≫Was hast du über mich gehört?≪ fragte Pablo.

≫Ich habe gehört, daß du ein ausgezeichneter Guerilla-Chef bist, daß du treu zur Republik stehst und deine Treue durch deine Handlungen beweist und daß du ein ernster und tapferer Mensch bist. Ich bringe dir Grüße vom Generalstab.≪

≫Wo hast du das alles gehört?≪ fragte Pablo. Robert Jordan merkte, daß keine dieser Schmeicheleien auf den Mann Eindruck machte.

≫Von Buitrago bis zum Escorial≪, sagte er, das gesamte Gebiet jenseits der Front bezeichnend.

≫Ich kenne niemand in Buitrago und im Escorial≪, sagte Pablo.

≫Es sind ihrer jetzt viele dort drüben, die früher nicht dort waren. Wo stammst du her?≪

≫Ávila. Was willst du mit dem Dynamit machen?≪

≫Eine Brücke sprengen.≪

≫Welche Brücke?≪

≫Das ist meine Sache.≪

≫Wenn die Brücke in dieser Gegend liegt, ist es meine Sache. Das geht nicht, daß man Brücken sprengt, wenn man in der Nähe lebt. Hier mußt du leben und anderswo arbeiten. Ich verstehe mein Geschäft. Wenn einer nach einem vollen Jahr noch am Leben ist, dann versteht er sein Geschäft.≪

≫Das ist meine Sache≪, sagte Robert Jordan. ≫Wir können uns darüber unterhalten. Willst du uns die Packen tragen helfen?≪

≫Nein≪, sagte Pablo und schüttelte den Kopf.

Da wandte sich plötzlich der Alte zu ihm und redete schnell und wütend auf ihn ein, in einem Dialekt, den Robert Jordan nur mit knapper Not verstehen konnte. Es war, als läse man Quevedo. Anselmo sprach altkastilianisch, und was er sagte, lautete ungefähr folgendermaßen: ≫Bist du ein Vieh? Ja. Bist du ein Klotz? Ja, ein siebenfacher. Hast du ein Hirn? Nein. Keines. Wir kommen hierher in einer überaus wichtigen Sache, und du, mit deiner Wohnung, die man in Frieden lassen soll, du stellst dein Fuchsloch über die Interessen der Menschheit. Über die Interessen deines Volkes. Ich — in die — deines Vaters. Ich — und — in dein —! Nimm den Sack.≪

Pablo blickte zu Boden.

≫Jeder tut, was er kann, je nachdem, wie es richtig ist≪, sagte er. ≫Ich lebe hier, und ich arbeite in der Gegend um Segovia. Wenn ihr hier Wirbel macht, wird man uns aus den Bergen verjagen. Nur weil wir hier nichts machen, können wir uns in den Bergen halten. Das ist der Grundsatz des Fuchses.≪

≫Ja≪, sagte Anselmo böse. ≫Der Grundsatz des Fuchses, wenn wir den Wolf brauchen.≪

≫Ich bin mehr Wolf als du≪, sagte Pablo, und Robert Jordan wußte, daß er den Packen aufnehmen würde.

≫Hi, ho…≪ Anselmo blickte ihn an. ≫Du bist mehr Wolf als ich, und ich bin 68 Jahre alt.≪

Er spuckte aus und schüttelte den Kopf.

≫So alt bist du?≪ fragte Robert Jordan. Er sah, daß für den Augenblick alles in Ordnung war, und versuchte, eine gemütlichere Stimmung zu schaffen.

≫Achtundsechzig im Juli.≪

≫Wenn wir so lange leben≪, sagte Pablo. Dann zu Robert Jordan: ≫Ich werde dir helfen. Laß den Alten den anderen Packen tragen.≪ Jetzt war sein Ton nicht mehr mürrisch, sondern fast melancholisch. ≫Er ist ein sehr kräftiger alter Mann.≪

≫Ich werde den Packen tragen≪, sagte Robert Jordan.

≫Nein≪, sagte der Alte. ≫Überlaß das diesem anderen starken Mann.≪

≫Ich trage ihn≪, sagte Pablo, und in seiner Verdrossenheit lag eine Trauer, die Robert Jordan beunruhigte. Er kannte diese Trauer, und ihr hier zu begegnen, bereitete ihm Unbehagen.

≫Dann gib mir den Karabiner≪, sagte er, und als Pablo ihm das Gewehr reichte, hängte er es über den Rücken. Die beiden Männer kletterten voran, und sie arbeiteten sich mühsam die Felsklippe hinan, bis sie den oberen Rand erreichten. Und dort lag eine grüne Lichtung im Wald.

Sie gingen am Rande der kleinen Wiese entlang, und Robert Jordan, leicht ausschreitend ohne die schwere Last (angenehm hart ist der Karabiner über der Schulter nach der schweren, heißen Last), sah, daß das Gras an mehreren Stellen abgegrast war, und hier und dort war die Spur eines Pikettpfahles zu sehen, der in der Erde gesteckt hatte. Er sah die Fährte im Grase, wo die Pferde zum Bache gewandert waren, um zu trinken, und frischer Dung lag umher. Hier binden sie des Nachts die Pferde an und lassen sie grasen, dachte er, und am Tage verstecken sie sie im Wald. Wieviel Pferde mag dieser Pablo haben?

Jetzt erinnerte er sich: er hatte festgestellt, ohne es sich bewußt zu machen, daß Pablos Hosen an den Knien und Schenkeln abgescheuert war und wie Seife glänzten. Ob er Reitstiefel hat, oder ob er in diesen alpargatas reitet? Er muß gut equipiert sein. Aber diese Traurigkeit gefällt mir nicht, dachte Jordan. Diese Traurigkeit ist schlecht. Das ist die Traurigkeit, der sie verfallen, bevor sie desertieren — oder verraten. Das ist die Traurigkeit, die vor dem Schlappmachen kommt.

Dicht vor ihnen wieherte ein Pferd, und dann erblickte er zwischen den braunen Stämmen der Kiefern — nur ganz wenig Sonnenlicht drang durch die dichten, fast ineinander verfitzten Wipfel — die Hürde, zwei Stricke, die um die Baumstämme gespannt waren. Die Pferde richteten ihre Köpfe den herankommenden Männern zu, und am Fuß eines Baumes außerhalb des Pferchs lagen die Sättel, mit einem Zelttuch zugedeckt.

Als sie angelangt waren, blieben die beiden Männer mit den Packen stehen, und Robert Jordan wußte, daß er jetzt die Pferde zu bewundern habe.

≫Ja≪, sagte er. ≫Sie sind schön.≪ Er wandte sich zu Pablo. ≫Du hast deine eigene Kavallerie.≪

Fünf Pferde standen in der Seilhürde, drei Braune, ein Rotfuchs und ein Grauer. Nachdem Robert Jordan sie im ganzen betrachtet hatte, ließ er nun sorgsam seine Blicke von dem einen zum anderen wandern. Pablo und Anselmo wußten, was für feine Tiere das waren, und während Pablo nun in stolzer Haltung dastand und etwas weniger traurig dreinsah, liebevoll die Pferde betrachtend, benahm sich der Alte, als handelte es sich hier um eine große Überraschung, die er selber ganz plötzlich produziert habe.

≫Wie findest du sie?≪ fragte er.

≫Alle fünf habe ich erbeutet≪, sagte Pablo, und Robert Jordan freute sich über den stolzen Ton.

≫Das da≪, sagte Robert Jordan und zeigte auf einen der Braunen, einen großen Hengst mit einer weißen Blesse auf der Stirn und einem einzelnen weißen Vorderfuß, ≫das ist Pferdefleisch.≪

Es war ein prächtiger Gaul, er sah aus wie aus einem Bilde von Velazquez entsprungen.

≫Sie sind alle sehr fein≪, sagte Pablo. ≫Verstehst du was von Pferden?≪

≫Ja.≪

≫Nicht übel≪, sagte Pablo. ≫Siehst du irgendwo einen Fehler?≪

Robert Jordan wußte, daß jetzt der Mann, der nicht lesen konnte, seine Papiere prüfte.

Die Pferde reckten die Köpfe empor und schauten den Mann an. Robert Jordan schlüpfte durch das Doppelseil des Pferchs und klatschte mit der flachen Hand auf die Hanke des Grauen. Er lehnte sich gegen die Seile und beobachtete die Pferde, wie sie rund um die Hürde trabten, betrachtete sie dann noch eine Minute länger, während sie still standen, bückte sich dann und verließ die Hürde.

≫Der Rotfuchs lahmt an einem Hinterhuf≪, sagte er zu Pablo, ohne ihn anzuschauen. ≫Der Huf ist gespalten. Beschlägt man ihn richtig, dann wird es sich vielleicht nicht so bald verschlimmern, aber man muß damit rechnen, daß er zusammenbricht, wenn das Gelände hart ist.≪

≫Das war schon so, als wir ihn schnappten≪, sagte Pablo.

≫Das beste Pferd, das du hast, der braune Hengst mit der Blesse, hat am oberen Teil des Schienbeins eine Schwellung, die mir nicht gefällt!≪

≫Das ist nichts≪, sagte Pablo. ≫Vor drei Tagen hat er sich angeschlagen. Wenn daraus was werden sollte, wär’s schon geworden.≪

Er zog das Segeltuch beiseite und zeigte die Sättel: zwei gewöhnliche Vaquero-oder Hirtensättel, ein sehr hübscher Vaquerosattel mit handgearbeitetem Leder und schweren geschuhten Steigbügeln und zwei schwarzlederne Militärsättel.

≫Wir haben zwei von der guardia civil erledigt≪, sagte er, auf die Militärsättel deutend.

≫Edelwild.≪

≫Sie waren abgesessen, auf der Straße zwischen Segovia und Santa María la Real. Sie waren abgesessen, um von einem Kutscher die Papiere zu verlangen. Wir konnten sie abschießen, ohne die Pferde zu beschädigen.≪

≫Habt ihr viele Zivielgarden erledigt?≪ fragte Robert Jordan.

≫Etliche≪, sagte Pablo. ≫Aber nur diese beiden ohne Schaden für die Gäule.≪

≫Er, Pablo, hat den Zug bei Arévalo gesprengt≪, sagte Anselmo. ≫Das war Pablo.≪

≫Wir hatten einen Fremden bei uns, der hat die Explosion gemacht≪, sagte Pablo. ≫Kennst du ihn?≪

≫Wie heißt er?≪

≫Ich erinnere mich nicht. Es war ein sehr merkwürdiger Name.≪

≫Wie hat er ausgesehen?≪

≫Er war blond wie du, aber nicht so groß, und hatte große Hände und eine gebrochene Nase.≪

≫Kaschkin≪, sagte Robert Jordan. ≫Das dürfte Kaschkin gewesen sein.≪

≫Ja≪, sagte Pablo. ≫Es war ein sehr merkwürdiger Name. So ähnlich. Was ist aus ihm geworden?≪

≫Er ist tot, seit April.≪

≫So geht es jedem≪, sagte Pablo finster. ≫So werden wir alle enden.≪

≫So enden alle Menschen≪, sagte Anselmo. ≫So haben die Menschen schon immer geendet. Was ist mit dir los, Mensch? Was liegt dir im Magen?≪

≫Sie sind sehr stark≪, sagte Pablo. Es war, als spreche er mit sich selbst. Er betrachtete mit düsterem Blick die Pferde. ≫Ihr wißt nicht, wie stark sie sind. Ich sehe, sie werden immer stärker, immer besser bewaffnet. Und haben immer mehr Material. Da stehe ich mit solchen Pferden. Und was habe ich zu erwarten? Gehetzt werden und sterben. Weiter nichts.≪

≫Du hetzt die anderen, so wie sie dich hetzen≪, sagte Anselmo.

≫Nein≪, sagte Pablo. ≫Jetzt nicht mehr. Und wenn wir aus diesen Bergen weg müssen, wo sollen wir hin? Antworte mir! Wohin?≪

≫Es gibt viele Berge in Spanien. Es gibt die Sierra de Gredos, wenn man von hier weg muß.≪

≫Nicht für mich≪, sagte Pablo. ≫Ich habe es satt, mich hetzen zu lassen. Hier geht es uns gut. Wenn ihr jetzt eine Brücke sprengt, wird man uns hetzen. Wenn sie wissen, daß wir hier sind, und Flugzeuge schicken, werden sie uns aufspüren. Wenn sie die Mauren auf uns hetzen, werden sie uns finden, und wir müssen weg. Ich habe das alles satt. Hörst du?≪ Er wandte sich zu Robert Jordan. ≫Mit welchem Recht kommst du Ausländer zu mir und sagst mir, was ich zu tun habe?≪

≫Ich habe dir keineswegs gesagt, was du zu tun hast≪, erwiderte Robert Jordan.

≫Aber das wird kommen≪, sagte Pablo. ≫Da! Das ist das Übel!≪

Er zeigte auf die zwei schweren Packen, die sie abgelegt hatten, während sie die Pferde betrachteten. Der Anblick der Pferde hatte wohl dies alles in ihm aufgewühlt, und daß er sah, was für ein Pferdekenner Robert Jordan war, hatte ihm anscheinend die Zunge gelöst. Alle drei standen sie nun an der Seilhürde, und die Flecken des Sonnenlichtes ruhten auf dem Fell des braunen Hengstes. Pablo schaute ihn an, stieß dann mit dem Fuß gegen den schweren Packen. ≫Das ist das Übel.≪

≫Ich bin hier, um meine Pflicht zu tun≪, sagte Robert Jordan zu ihm. ≫Ich habe meine Befehle von der militärischen Leitung erhalten. Wenn ich dich bitte, mir zu helfen, kannst du es ablehnen, und ich werde andere finden, die mir helfen. Ich habe dich noch nicht einmal um deine Hilfe gebeten. Ich habe durchzuführen, was man mir aufgetragen hat, und ich kann dir versichern, daß es wichtig ist. Daß ich Ausländer bin, ist nicht meine Schuld. Ich möchte lieber hier geboren sein.≪

≫Für mich ist das wichtigste, daß wir hier nicht gestört werden≪, sagte Pablo. ≫Für mich ist es die Pflicht gegen die Meinen und gegen mich selbst.≪

≫Gegen dich selbst, ja≪, sagte Anselmo. ≫Du selbst, schon seit langem! Du selbst und deine Pferde. Solang du keine Pferde hattest, warst du mit uns. Jetzt bist du auch nur so ein Kapitalist.≪

≫Das ist ungerecht≪, sagte Pablo. ≫Immer setze ich die Pferde aufs Spiel für die Sache.≪

≫Sehr selten≪, sagte Anselmo verächtlich. ≫Sehr selten, meiner Meinung nach. Rauben, ja. Gut essen, ja. Morden, ja. Kämpfen, nein.≪

≫Du bist ein alter Mann, der sich den Mund verbrennen wird.≪

≫Ich bin ein alter Mann, der vor niemandem Angst hat≪, erwiderte Anselmo. ≫Außerdem bin ich ein alter Mann, der keine Pferde hat.≪

≫Du bist ein alter Mann, der nicht sehr lange leben wird.≪

≫Ich bin ein alter Mann, der so lange leben wird, bis er stirbt≪, sagte Anselmo. ≫Ich habe keine Angst vor Füchsen.≪

Pablo schwieg, hob aber den Packen auf.

≫Und auch vor Wölfen nicht≪, sagte Anselmo, nach dem anderen Packen greifend. ≫Wenn du ein Wolf bist.≪

≫Halt’s Maul≪, sagte Pablo zu ihm. ≫Du bist ein alter Mann, der immer zuviel quatscht.≪

≫Und tut, was er sagt, daß er’s tun will≪, sagte Anselmo, gebeugt unter der schweren Last. ≫Und jetzt hungrig ist. Und durstig. Los, du Guerillaführer mit der Trauermiene. Führe uns irgendwohin, wo wir was zu essen kriegen.≪

Es fängt schlimm genug an, dachte Robert Jordan. Aber Anselmo ist ein Kerl. Wenn sie in Ordnung sind, dachte er, sind sie prächtig. Es gibt nicht ihresgleichen, wenn sie in Ordnung sind. Und wenn sie ins falsche Fahrwasser geraten, dann gibt es keine Schlimmeren als sie. Anselmo muß gewußt haben, was er tut, als er mich hierherschleppte. Aber mir gefällt das nicht. Mir gefällt das alles nicht.

Das einzige gute Zeichen war, daß Pablo den Packen trug und daß er ihm den Karabiner gegeben hatte. Vielleicht ist er immer so, dachte Robert Jordan, vielleicht gehört er ganz einfach zu der mürrischen Sorte.

Nein, sagte er zu sich selber, mach dir nichts vor. Du weißt nicht, wie er früher war, aber du weißt, daß er auf der schiefen Bahn ist, und er macht gar kein Hehl daraus. Wenn er anfängt, es zu verstecken, dann hat er seinen Entschluß gefaßt. Vergiß das nicht, sagte Jordan zu sich selber. Sowie er sich freundlich stellt, wird er seinen Entschluß gefaßt haben. Aber verdammt gute Pferde sind das, dachte er, schöne Pferde. Ich möchte wissen, was auf mich so wirken könnte, wie diese Gäule auf Pablo wirken. Der Alte hat recht. Die Pferde haben ihn reich gemacht, und als er reich war, wollte er das Leben genießen. Nicht lange, und er wird traurig sein, weil er nicht in den Jockey-Klub eintreten kann. Pauvre Pablo. Il a manqué son Jockey.

Bei diesem Gedanken wurde ihm wohl. Grinsend betrachtete er die zwei gebeugten Rücken und die schweren Säcke, die sich vor ihm durch den Wald bewegten. Er hatte den ganzen Tag lang an nichts Lustiges gedacht, und jetzt fühlte er sich besser. Du wirst, sagte er zu sich, genauso werden wie alle die anderen. Auch du wirst trübsinnig. Ja, als er bei Golz saß, war er trübsinnig und feierlich. Der Auftrag hatte ihn ein bißchen überwältigt. Ein klein wenig überwältigt, dachte er. Sehr überwältigt. Golz war heiter und hatte sich bemüht, auch ihn aufzuheitern, bevor er wegging, aber er, Jordan, war gar nicht heiter gewesen.

Die Besten, wenn du es dir genau überlegst, sind immer heiter. Es ist viel besser, heiter zu sein, und hat auch seine Bedeutung, so als ob man noch bei Lebzeiten unsterblich wäre. Eine komplizierte Sache. Aber es sind nicht mehr viele von ihnen übrig. Nein, es sind nicht mehr viele von den Heiteren übrig. Verdammt wenige sind übriggeblieben. Und wenn du so weitergrübelst, mein Junge, wirst auch du nicht übrigbleiben. Stell jetzt das Denken ein, alter Knabe, alter Freund. Du bist jetzt ein Brückensprenger. Kein Denker. Junge, bin ich hungrig, dachte er. Hoffentlich ißt man gut bei Pablo.

II

Sie hatten nun, durch den dichten Wald stapfend, das napfförmige obere Ende des kleinen Tales erreicht, und dort mußte das Lager sein, unter der Schutthalde, die vor ihren Augen zwischen den Bäumen emporstieg.

Ja, das war das Lager, und es war ein gutes Lager. Man konnte es nicht eher sehen, als bis man ganz in der Nähe war, und Robert Jordan wußte, daß es von der Luft aus nicht zu erspähen war. Nichts würde man von oben sehen können. Es lag so gut geschützt wie eine Bärenhöhle. Aber es schien auch nicht viel besser bewacht zu sein. Sorgfältig schaute Jordan sich um, während sie näher kamen.

Im felsigen Geröll öffnete sich eine große Höhle, und neben der Öffnung saß ein Mann, mit dem Rücken an den Fels gelehnt, die Beine vor sich hin gestreckt, den Karabiner neben sich. Er schnitzelte mit einem Messer an einem Stück Holz herum, starrte die Herankommenden an, schnitzelte dann weiter.

≫¡Hola!≪ sagte der Sitzende. ≫Was kommt denn da?≪

≫Der Alte und ein Dynamiter≪, sagte Pablo und setzte den Packen innerhalb des Höhleneingangs ab. Auch Anselmo legte seinen Packen ab, und Robert Jordan nahm die Flinte vom Rücken und lehnte sie gegen den Fels.

≫Laß das Zeug nicht so dicht bei der Höhle liegen≪, sagte der Holzschnitzer. Er hatte blaue Augen in einem dunklen, hübschen, trägen Zigeunergesicht von der Farbe geräucherten Leders. ≫Drin brennt das Feuer.≪

≫Steh auf und schaff’s selber weg≪, sagte Pablo. ≫Leg’s unter den Baum dort.≪

Der Zigeuner rührte sich nicht, dann sagte er etwas Nichtwiederzugebendes, und dann in trägem Ton: ≫Laß es liegen. Flieg in die Luft! Wirst deine Krankheiten los.≪

≫Was machst du da?≪ Robert Jordan setzte sich neben den Zigeuner. Der Zigeuner zeigte ihm, was er machte. Es war eine Falle, und er schnitzte gerade den Querbalken zurecht.

≫Für Füchse≪, sagte er, ≫mit einem Klotz, der sie tötet. Bricht ihnen das Kreuz.≪ Er grinste Jordan an. ≫So, siehst du?≪ Er deutete mit Gebärden an, wie das Gerüst in der Falle zusammenklappt und der Klotz herabfällt, dann schüttelte er den Kopf, zog die Hand zurück und breitete die Arme aus, um den Fuchs mit dem gebrochenen Rückgrat zu demonstrieren. ≫Sehr praktisch≪, erklärte er.

≫Er fängt Kaninchen≪, sagte Anselmo. ≫Er ist ein Zigeuner. Deshalb, sagt er, es sind Füchse. Wenn er einen Fuchs fängt, dann wird er sagen, es war ein Elefant.≪

≫Und wenn ich einen Elefanten fange?≪ fragte der Zigeuner und zeigte wieder die weißen Zähne und zwinkerte Robert Jordan zu.

≫Dann wirst du sagen, es war ein Tank≪, sagte Anselmo.

≫Ich fange einen Tank≪, sagte der Zigeuner. ≫Ich werde einen Tank fangen. Und du kannst sagen, es ist, was du willst.≪

≫Zigeuner reden viel und töten wenig≪, sagte Anselmo.

Der Zigeuner zwinkerte Robert Jordan zu und schnitzelte weiter.

Pablo war in der Höhle verschwunden. Robert Jordan hoffte, er würde etwas zu essen holen. Er saß neben dem Zigeuner auf der Erde, die Nachmittagssonne schien durch die Baumwipfel und wärmte seine ausgestreckten Beine. Nun kam ein Essengeruch aus der Höhle, ein Geruch von Öl und Zwiebeln und gebratenem Fleisch, und sein Magen krampfte sich vor Hunger zusammen.

≫Wir können einen Tank fangen≪, sagte er zu dem Zigeuner. ≫Es ist nicht allzu schwer.≪

≫Damit?≪ Der Zigeuner zeigte auf die beiden Säcke.

≫Ja, ich werde es dir beibringen. Man baut eine Falle. Es ist nicht allzu schwierig.≪

≫Wir beide?≪

≫Gewiß≪, sagte Robert Jordan. ≫Warum nicht?≪

≫He≪, sagte der Zigeuner zu Anselmo. ≫Schaff die beiden Säcke an einen sicheren Ort, ja! Sie sind wertvoll.≪

Anselmo brummte. ≫Ich hole Wein≪, sagte er zu Robert Jordan.

Robert Jordan stand auf, schleppte die Säcke von dem Höhleneingang weg und lehnte sie gegen einen Baumstamm, aber nicht beide an dieselbe Seite. Er wußte, was sie beide enthielten, und er sah sie nicht gerne dicht beisammen.

≫Bring eine Tasse für mich mit≪, sagte der Zigeuner.

≫Habt ihr Wein?≪ fragte Robert Jordan und setzte sich wieder neben den Zigeuner.

≫Wein? Warum nicht? Einen ganzen Schlauch voll. Einen halben Schlauch auf jeden Fall.≪

≫Und was zu essen?≪

≫Alles, Mann≪, sagte der Zigeuner. ≫Wir essen wie die Generale.≪

≫Was tun Zigeuner im Krieg?≪ fragte ihn Robert Jordan.

≫Sie bleiben Zigeuner.≪

≫Das ist eine schöne Beschäftigung.≪

≫Die beste≪, sagte der Zigeuner. ≫Wie heißt du?≪

≫Roberto. Und du?≪

≫Rafael. Und das mit dem Tank ist ernst gemeint?≪

≫Gewiß. Warum nicht?≪

Anselmo kam aus der Höhle mit einem tiefen Steinnapf voller Rotwein, und an seinen Fingern baumelten drei Henkeltassen. ≫Schau!≪ sagte er. ≫Sie haben Tassen und alles.≪ Hinter ihm erschien Pablo.

≫Es gibt bald was zu essen≪, sagte er. ≫Hast du Tabak?≪

Robert Jordan ging zu den Rucksäcken hinüber, öffnete den einen, tastete nach einer Innentasche und holte eine der flachen Schachteln mit russischen Zigaretten hervor, die er in Golz’ Hauptquartier bekommen hatte. Er ritzte mit dem Daumennagel den Rand der Schachtel, öffnete den Deckel und reichte die Zigaretten Pablo hin, der sich ein halbes Dutzend nahm. Pablo, die Zigaretten in der riesigen Hand, hielt eine davon gegen das Licht. Es waren lange, schmale Zigaretten mit Pappmundstück.

≫Viel Luft und wenig Tabak≪, sagte er. ≫Ich kenne sie. Der andere mit dem sonderbaren Namen hat solche gehabt.≪

≫Kaschkin≪, sagte Robert Jordan und bot die Zigaretten dem Zigeuner und Anselmo an, die jeder eine nahmen.

≫Nehmt mehr≪, sagte er, und sie nahmen jeder noch eine. Er gab jedem noch vier dazu, und sie dankten ihm mit einem zweimaligen Winken der Hand, die die Zigaretten hielt, so daß das Zigarettenende nach vorne wippte wie ein Degen, den man zum Gruß senkt.

≫Ja≪, sagte Pablo. ≫Es war ein sonderbarer Name.≪

≫Da ist der Wein.≪ Anselmo schöpfte eine Tasse voll aus dem Napf und reichte sie Robert Jordan, dann schöpfte er eine für sich und eine für den Zigeuner.

≫Ist für mich kein Wein da?≪ fragte Pablo. Sie saßen alle beisammen neben dem Eingang der Höhle.

Anselmo reichte ihm eine Tasse und ging in die Höhle, um noch eine zu holen. Als er wieder herauskam, beugte er sich über den Napf, füllte die Tasse, und sie alle stießen mit ihren Tassen an.

Der Wein war gut, mit einem leichten Harzgeschmack von dem Schlauch, aber ausgezeichnet, leicht und angenehm auf der Zunge. Robert Jordan trank langsam, er fühlte, wie die Wärme seine Müdigkeit durchströmte. ≫Gleich kommt das Essen≪, sagte Pablo. ≫Und dieser Ausländer mit dem merkwürdigen Namen, wie ist er gestorben?≪

≫Er geriet in Gefangenschaft und beging Selbstmord.≪

≫Wie kam das?≪

≫Er war verwundet, und er wollte kein Kriegsgefangener sein.≪

≫Weißt du Näheres?≪

≫Nein≪, log Jordan. Er kannte die Einzelheiten sehr genau, und er wußte, daß sie jetzt kein gutes Gesprächsthema abgeben würden.

≫Wir mußten ihm versprechen, ihn zu erschießen≪, sagte Pablo, ≫wenn er bei der Zuggeschichte verwundet wird und nicht mehr weg kann. Er hat sehr sonderbar dahergeredet.≪

Er muß schon damals nervös gewesen sein, dachte Robert Jordan. Armer Kaschkin.

≫Er hatte ein Vorurteil dagegen, sich selber umzubringen≪, sagte Pablo. ≫Er hat es mir gesagt. Auch hatte er große Angst davor, gefoltert zu werden.≪

≫Hat er es auch dir gesagt?≪ fragte Robert Jordan.

≫Ja≪, sagte der Zigeuner. ≫So hat er mit uns allen geredet.≪

≫Warst du auch mit bei dem Zug?≪

≫Ja. Wir waren alle mit bei dem Zug.≪

≫Er hat sehr verwunderlich geredet≪, sagte Pablo. ≫Aber er war sehr tapfer.≪

Armer Kaschkin, dachte Robert Jordan. Er hat wohl mehr Schaden angerichtet als Nutzen. Wenn ich bloß gewußt hätte, daß er schon damals so nervös war. Man hätte ihn abberufen müssen. Es tut nicht gut, wenn Leute, die diese Arbeit machen, solches Zeug reden. So redet man nicht. Auch wenn sie ihren Auftrag durchführen, schaden sie mehr, als sie nützen, mit solchem Gerede.

≫Er war ein wenig sonderbar≪, sagte Robert Jordan. ≫Ich glaube, er war ein bißchen verrückt.≪

≫Aber sehr geschickt. Was für schöne Explosionen er gemacht hat≪, sagte der Zigeuner. ≫Und sehr tapfer.≪

≫Aber verrückt≪, sagte Robert Jordan. ≫Bei solchen Geschichten muß man sehr viel Kopf haben, und einen sehr kühlen Kopf. So redet man nicht.≪

≫Du≪, sagte Pablo. ≫Wenn du bei einer solchen Sache wie der Brücke verwundet wirst, möchtest du dann, daß man dich zurückläßt?≪

≫Hör mal≪, sagte Robert Jordan, beugte sich vor und füllte seine Tasse wieder mit Wein. ≫Hör genau zu. Wenn ich mal von jemandem eine kleine Gefälligkeit zu verlangen habe, dann werde ich ihn im entsprechenden Augenblick darum bitten.≪

≫Gut≪, sagte der Zigeuner beifällig. ≫So reden die Richtigen. Ah, da kommt es.≪

≫Du hast schon gegessen≪, sagte Pablo.

≫Und ich kann noch zweimal soviel essen≪, erwiderte der Zigeuner. ≫Schau mal, wer das Essen bringt.≪

Das Mädchen bückte sich, als sie mit der großen, eisernen Kochpfanne aus der Höhle kam, und Robert Jordan sah ihr Gesicht von der Seite, und sah zugleich das Seltsame an ihr. Sie lächelte und sagte: ≫Hola, Genosse≪, und Robert Jordan sagte: ≫Salud≪ und bemühte sich, sie nicht anzustarren und auch nicht wegzuschauen. Sie stellte die flache Pfanne vor ihn hin, und ihm fielen ihre schönen braunen Hände auf. Jetzt blickte sie ihm voll ins Gesicht und lächelte. Ihre Zähne waren weiß in dem braunen Gesicht, ihre Haut und ihre Augen waren von dem gleichen goldgelben Braun. Sie hatte hohe Backenknochen, lustige Augen und einen regelmäßigen Mund mit vollen Lippen. Ihr Haar hatte das goldene Gelb eines Kornfeldes, das die Sonne gebräunt hat, aber sie trug es sehr kurz geschnitten, so daß es nicht viel länger war als die Haare eines Biberpelzes. Sie lächelte Robert Jordan ins Gesicht und hob die braune Hand und strich sich über den Kopf, das Haar glättend, das, kaum geglättet, sich wieder aufrichtete.

Sie hat ein schönes Gesicht, dachte Robert Jordan, sie würde schön sein, wenn man ihr nicht die Haare gestutzt hätte.

≫So kämme ich mich≪, sagte sie lachend zu Robert Jordan. ≫Los! Iß! Starr mich nicht an! So haben sie mir in Valladolid das Haar geschnitten. Es ist jetzt schon fast wieder nachgewachsen.≪

Sie setzte sich ihm gegenüber hin und betrachtete ihn. Er erwiderte ihren Blick, und sie lächelte und faltete die Hände über den Knien. Ihre Beine ragten lang und schlank aus den offenen Stulpen der Hose hervor, wie sie so dasaß, die Hände über den Knien, und er sah die Kontur ihrer kleinen, emporstehenden Brüste unter dem braunen Hemd. Sooft Robert Jordan sie ansah, wurde ihm das Atmen schwer.

≫Teller sind keine da≪, sagte Anselmo. ≫Du mußt dein eigenes Messer benützen.≪ Das Mädchen hatte vier Gabeln mit den Zinken nach unten an den Rand der eisernen Pfanne gelehnt.

Nun aßen sie alle aus der Pfanne, wortlos, wie das spanische Sitte ist. Es war Kaninchenfleisch, mit Zwiebeln und grünem Pfeffer gekocht, und Kichererbsen schwammen in der Rotweinsoße. Das Essen war gut gekocht, das Kaninchenfleisch von den Knochen gelöst, und die Soße schmeckte ausgezeichnet. Robert Jordan trank während des Essens noch eine Tasse Wein. Das Mädchen beobachtete ihn unablässig. Die anderen kümmerten sich alle nur um ihr Essen. Mit einem Stück Brot tunkte Robert Jordan den letzten Rest Soße auf, schob die Knochen zur Seite, tunkte auch dort, wo sie gelegen hatten, die Soße mit Brot auf, wischte dann an dem Brot seine Gabel ab, wischte das Messer ab, steckte es weg und aß das Brot. Er beugte sich vor und tauchte seine Tasse in den Wein, und das Mädchen beobachtete ihn immer noch.

Robert Jordan trank die Tasse zur Hälfte leer, aber es verschlug ihm den Atem, wenn er das Mädchen ansah.

≫Wie heißt du?≪ fragte er. Pablo warf ihm einen raschen Blick zu, als er den Ton seiner Stimme hörte. Dann stand er auf und ging weg.

≫Maria. Und du?≪

≫Roberto. Bist du schon lange in den Bergen?≪

≫Drei Monate.≪

≫Drei Monate?≪ Er blickte nach ihrem Haar, das so dicht und kurz und gewellt war, jetzt da sie verlegen mit der Hand darüber wegstrich, wie ein Kornfeld im Winde an einem Hügelhang.

≫Rasiert≪, sagte sie. ≫Im Gefängnis von Valladolid hat man uns regelrecht rasiert. Drei Monate hat’s gedauert, bis es so weit nachgewachsen ist. Ich war im Zug. Ich sollte nach dem Süden kommen. Viele von den Gefangenen hat man wieder erwischt, nachdem der Zug in die Luft geflogen war, mich aber nicht. Ich bin mit den Leuten hier mitgegangen.≪

≫Ich habe sie gefunden, sie hatte sich in den Felsen versteckt≪, sagte der Zigeuner. ≫Gerade als wir weg wollten. Junge, das war nicht schön. Wir nahmen sie mit. Aber ich dachte oft, wir müßten sie zurücklassen.≪

≫Der andere, der mit beim Zug war?≪ fragte Maria. ≫Der andere Blonde. Der Ausländer. Wo ist er?≪

≫Tot≪, sagte Robert Jordan. ≫Seit April.≪

≫April? Im April war die Sache mit dem Zug.≪

≫Ja≪, sagte Robert Jordan. ≫Zehn Tage nachher ist er gestorben.≪

≫Armer Kerl≪, sagte sie, ≫er war sehr tapfer. Und du machst dasselbe wie er?≪

≫Ja.≪

≫Du hast auch schon Züge gesprengt?≪

≫Ja. Dreimal.≪

≫Hier?≪

≫In Estremadura≪, sagte er. ≫Bevor ich hierherkam, war ich in Estremadura. Wir machen viel in Estremadura. Viele von uns arbeiten in Estremadura.≪

≫Und warum kommst du jetzt zu uns in die Berge?≪

≫Ich habe den Platz des anderen Blonden übernommen. Außerdem kenne ich die Gegend aus der Zeit vor der Bewegung.≪

≫Kennst du sie gut?≪

≫Nein, eigentlich nicht. Aber ich lerne schnell. Ich habe eine gute Karte und einen guten Führer.≪

≫Der Alte≪, sagte sie und nickte. ≫Der Alte ist sehr gut.≪

≫Danke≪, sagte Anselmo zu ihr, und Robert Jordan merkte plötzlich, daß er mit dem Mädchen nicht allein war, und er merkte auch, daß es ihm schwerfiel, sie anzuschauen, weil sich dann seine Stimme so sehr veränderte. Er war im Begriff, sich gegen die zweite der beiden Regeln zu versündigen, die man beachten muß, wenn man mit Spanisch sprechenden Menschen gut auskommen will: Gib den Männern Tabak und laß die Weiber in Frieden. Und er hatte ganz plötzlich das Gefühl, daß es ihm egal sei. Es gab so vieles, das ihm egal sein mußte, warum sollte ihm nicht auch das egal sein?

≫Du hast ein sehr schönes Gesicht≪, sagte er zu Maria. ≫Daß ich nicht das Glück hatte, dich zu sehen, bevor sie dir das Haar gestutzt haben!≪

≫Es wird nachwachsen. In sechs Monaten wird es genügend lang sein.≪

≫Du hättest sie sehen müssen, wie wir sie damals mitschleppten. Sie war so häßlich, daß einem schlecht wurde.≪

≫Wessen Frau bist du?≪ fragte Robert Jordan. Er versuchte jetzt, sich herauszuwinden. ≫Bist du Pablos Frau?≪

Sie schaute ihn an und lachte, schlug ihm mit der Hand aufs Knie.

≫Pablo? Hast du Pablo gesehen?≪

≫Gut, also dann Rafael. Rafael habe ich gesehen.≪

≫Auch nicht Rafael.≪

≫Niemand≪, sagte der Zigeuner. ≫Sie ist ein sonderbares Ding und gehört niemand. Aber sie kocht gut.≪

≫Wirklich niemandem?≪ fragte Jordan sie.

≫Niemandem, keinem einzigen. Weder im Scherz noch im Ernst. Und auch dir nicht.≪

≫Nein?≪ sagte Robert Jordan, und wieder fühlte er, wie es ihm die Kehle zuschnürte. ≫Gut. Denn ich habe keine Zeit für Weiber. Wirklich nicht.≪

≫Keine fünfzehn Minuten?≪ fragte der Zigeuner spottend. ≫Nicht einmal eine Viertelstunde?≪ Robert Jordan antwortete nicht. Er sah das Mädchen Maria an, und es würgte ihn so sehr in der Kehle, daß er nicht zu sprechen wagte.

Maria betrachtete ihn lachend, dann errötete sie plötzlich, aber sie wandte den Blick nicht von ihm.

≫Du wirst rot≪, sagte Robert Jordan zu ihr. ≫Wirst du oft rot?≪

≫Nie.≪

≫Aber jetzt bist du rot geworden.≪

≫Dann werde ich in die Höhle gehen.≪

≫Bleib hier, Maria.≪

≫Nein≪, sagte sie, ohne zu lächeln. ≫Ich werde jetzt in die Höhle gehen.≪ Sie griff nach der eisernen Pfanne, aus der sie gegessen hatten, und nach den vier Gabeln. Sie bewegte sich unbeholfen wie ein Füllen, aber mit der Anmut eines jungen Tieres. ≫Braucht ihr die Tassen?≪ fragte sie.

Robert Jordan sah sie immer noch an, und sie errötete wieder.

≫Mach mich nicht erröten. Ich will nicht rot werden.≪

≫Laß die Tassen hier≪, sagte der Zigeuner zu ihr. ≫Da.≪ Er tauchte eine Tasse in den steinernen Napf und reichte sie Robert Jordan, der dem Mädchen nachblickte, wie es sich bückte und mit der schweren Eisenpfanne in der Höhle verschwand.

≫Danke≪, sagte Robert Jordan. Jetzt, da das Mädchen weg war, klang seine Stimme wieder ruhig. ≫Das ist die letzte. Wir haben genug getrunken.≪

≫Wir trinken den Napf leer≪, sagte der Zigeuner. ≫Der halbe Schlauch ist noch voll. Wir haben ihn mit einem der Gäule geschnappt.≪

≫Das war Pablos letzter Streifzug≪, sagte Anselmo. ≫Seit damals hat er nichts mehr gemacht.≪

≫Wie viele seid ihr?≪ fragte Robert Jordan.

≫Wir sind sieben, und dazu die zwei Weiber.≪

≫Zwei?≪

≫Ja, Pablos mujer.≪

≫Und sie?≪

≫In der Höhle. Das Mädchen kann ein bißchen kochen. Ich habe gesagt, sie kocht gut, damit sie sich freut. Aber meistens hilft sie der mujer von Pablo.≪

≫Und wie ist sie, die mujer von Pablo?≪

≫Etwas barbarisch≪, sagte der Zigeuner grinsend. ≫Etwas sehr barbarisch. Wenn du Pablo häßlich findest, warte, bis du seine Frau siehst. Aber mutig. Hundertmal mutiger als Pablo. Aber etwas barbarisch.≪

≫Anfangs war Pablo sehr mutig≪, sagte Anselmo. ≫Anfangs war Pablo sehr ernst zu nehmen.≪

≫Er hat mehr Menschen umgebracht als die Cholera≪, sagte der Zigeuner. ≫Zu Beginn der Bewegung hat Pablo mehr Menschen umgebracht als der Typhus.≪

≫Aber jetzt ist er schon seit langem muy flojo≪, sagte Anselmo. ≫Sehr schlapp. Er hat große Angst vor dem Sterben.≪

≫Vielleicht deshalb, weil er zu Anfang so viele umgebracht hat≪, sagte der Zigeuner philosophierend. ≫Pablo hat mehr Menschen umgebracht als die Pest.≪

≫Das und der Reichtum≪, sagte Anselmo. ≫Außerdem trinkt er sehr viel. Jetzt möchte er sich gern zur Ruhe setzen wie ein matador de toros. Wie ein Stierkämpfer. Aber er kann sich nicht zur Ruhe setzen.≪

≫Wenn er auf die andere Seite der Front geht, nehmen sie ihm seine Pferde weg und stecken ihn in die Armee≪, sagte der Zigeuner. ≫Ich bin auch nicht darauf versessen, in die Armee zu kommen.≪

≫Wie alle Zigeuner≪, sagte Anselmo.

≫Warum auch?≪ fragte der Zigeuner. ≫Wer will schon zur Armee? Machen wir Revolution, um zur Armee zu kommen? Ich will gern kämpfen, aber nicht zur Armee kommen.≪

≫Wo sind die andern?≪ fragte Robert Jordan. Er fühlte sich wohl und schläfrig vom Wein, er legte sich rücklings auf den Waldboden und sah zwischen den Baumwipfeln die kleinen Abendwölkchen des Gebirges langsam über den hohen spanischen Himmel gleiten.

≫Zwei schlafen in der Höhle≪, sagte der Zigeuner. ≫Zwei stehen oben Wache bei unserer Kanone. Einer hält unten Wache. Wahrscheinlich schlafen sie alle.≪

Robert Jordan wälzte sich auf die Seite.

≫Was für eine Kanone ist das?≪

≫Es ist ein sonderbarer Name≪, sagte der Zigeuner. ≫Er ist mir jetzt ganz entfallen. Es ist ein Maschinengewehr.≪

Es muß ein leichtes MG sein, dachte Robert Jordan.

≫Wie schwer ist es?≪ fragte er.

≫Ein Mann kann es tragen, aber es ist schwer. Es hat drei Beine, die man zusammenklappt. Wir haben es bei dem letzten ernsthaften Streifzug erbeutet. Dem vor dem Wein.≪

≫Wieviel Munition habt ihr?≪

≫Unendlich viel≪, sagte der Zigeuner. ≫Eine ganze Kiste, die unglaublich schwer ist.≪

Das dürften etwa fünfhundert Magazine sein, dachte Robert Jordan.

≫Wie wird es geladen? Aus einer Scheibe oder einem Gurt?≪

≫Oben drauf sind runde Blechdosen.≪

Teufel noch mal, ein Lewis-Gewehr, dachte Robert Jordan.

≫Verstehst du etwas von Maschinengewehren?≪ fragte er den Alten.

≫Nada≪, sagte Anselmo. ≫Nichts.≪

≫Und du?≪ zu dem Zigeuner.

≫Daß sie sehr schnell schießen und so heiß werden, daß man sich die Hand verbrennt, wenn man den Lauf angreift≪, sagte der Zigeuner stolz.

≫Das weiß jeder≪, sagte Anselmo voller Verachtung.

≫Vielleicht≪, sagte der Zigeuner, ≫aber er hat mich gefragt, was ich von einer máquina weiß, und ich habe es ihm gesagt.≪ Dann fügte er hinzu: ≫Und anders als ein gewöhnliches Gewehr schießen sie immerzu weiter, solange man auf den Abzug drückt.≪

≫Außer es gibt‘ne Ladehemmung oder die Munition ist zu Ende, oder das Ding wird so heiß, daß es schmilzt≪, sagte Robert Jordan auf englisch.

≫Was sagst du?≪ fragte Anselmo.

≫Nichts≪, sagte Robert Jordan. ≫Ich habe bloß auf englisch in die Zukunft geguckt.≪

≫Das ist wirklich etwas Seltenes≪, sagte der Zigeuner. ≫Auf inglés in die Zukunft gucken. Kannst du aus der Hand lesen?≪

≫Nein≪, sagte Robert Jordan und füllte seine Tasse abermals mit Wein. ≫Aber wenn du es kannst, solltest du mir aus der Hand lesen und mir sagen, was in den nächsten drei Tagen passieren wird.≪

≫Pablos mujer liest aus der Hand≪, sagte der Zigeuner. ≫Aber sie ist so reizbar und so barbarisch, daß ich nicht weiß, ob sie es tun wird.≪

Nun richtete Robert Jordan sich auf und nahm einen Schluck Wein.

≫Gehen wir gleich zu Pablos mujer. Wenn es so schlimm ist, wollen wir’s hinter uns haben.≪

≫Ich möchte sie nicht stören≪, sagte Rafael. ≫Sie haßt mich sehr.≪

≫Warum?≪

≫Sie behandelt mich wie einen Tagedieb.≪

≫Wie ungerecht!≪ sagte Anselmo spottend.

≫Sie kann Zigeuner nicht leiden.≪

≫Was für ein Fehler!≪ sagte Anselmo.

≫Sie hat selber Zigeunerblut≪, sagte Rafael. ≫Sie weiß, was sie redet.≪ Er grinste. ≫Aber sie hat eine Zunge, eine ätzende Zunge, die beißt wie eine Ochsenpeitsche. Mit ihrer Zunge schindet sie einem die Haut vom Leibe. In Streifen. Sie ist unglaublich barbarisch.≪

≫Wie verträgt sie sich mit Maria?≪ fragte Robert Jordan.

≫Gut. Sie kann sie gut leiden. Aber wenn ihr einer ernsthaft in die Nähe kommt…≪ Er schüttelte den Kopf und schnalzte mit der Zunge.

≫Sie ist sehr gut zu dem Mädchen≪, sagte Anselmo. ≫Sie paßt sehr auf sie auf.≪

≫Als wir damals bei der Zuggeschichte≪, sagte Rafael, ≫das Mädchen aufklaubten, war sie sonderbar. Sie redete kein Wort, und sie heulte die ganze Zeit, und wenn man sie anrührte, zitterte sie wie ein nasser Hund. Erst in der letzten Zeit ist es mit ihr besser geworden. In der letzten Zeit ist es viel besser mit ihr geworden. Heute war sie fein beisammen. Gerade vorhin, als sie mit dir sprach, war sie sehr gut beisammen. Wir hätten sie nach der Zuggeschichte zurücklassen sollen. Es hat sich bestimmt nicht gelohnt, daß man sich durch so was Trauriges und Häßliches und scheinbar Wertloses aufhalten ließ. Aber die Alte band sie an einen Strick, und wenn das Mädchen glaubte, sie kann nicht mehr weiter, da prügelte die Alte sie mit dem Strick, damit sie weiterging. Und dann, als sie wirklich nicht mehr weiter konnte, nahm die Alte sie auf die Schultern. Und als die Alte sie nicht länger schleppen konnte, mußte ich sie schleppen. Wir gingen bergauf, bis an die Brust in Ginster und Heidekraut. Und als ich sie nicht länger schleppen konnte, mußte Pablo sie schleppen. Aber wie die Alte auf uns einreden mußte, um uns dazu zu kriegen!≪ Er schüttelte den Kopf in Erinnerung an dieses Erlebnis. ≫Freilich, sie hat lange Beine, aber sie ist nicht schwer. Sie hat leichte Knochen und wiegt wenig. Aber sie war schwer genug, als wir sie schleppen mußten, und dann haltmachen, um zu schießen, und sie dann weiterschleppen, während die Alte mit dem Strick auf Pablo losschlägt und sein Gewehr trägt, und wenn er das Mädchen fallen läßt, zwingt sie ihn, es wieder aufzuheben, und sie lädt ihm das Gewehr, während sie ihn beschimpft, nimmt die Patronen aus seinen Taschen und schiebt sie ins Magazin und schimpft auf ihn los. Es wurde schon reichlich dunkel, und als die Nacht kam, war alles gut. Aber es war ein Glück, daß sie keine Kavallerie hatten.≪

≫Es muß recht hart zugegangen sein≪, sagte Anselmo. Und erklärend zu Robert Jordan: ≫Ich war nicht mit dabei. Pablos Bande, dann die Leute von El Sordo, den wir heute abend treffen werden, und noch zwei Trupps aus den Bergen. Ich war auf der anderen Seite der Front.≪

≫Außer dem Blonden mit dem merkwürdigen Namen≪, sagte der Zigeuner.

≫Kaschkin.≪

≫Ja. Das ist ein Name, den ich nie behalten kann. Wir hatten zwei Mann mit einem Maschinengewehr. Die hatte uns auch die Armee geschickt. Sie konnten das Maschinengewehr nicht wegschaffen, und es ging verloren. Es hat sicher nicht mehr gewogen als das Mädchen, und wenn die Alte ihnen auf den Leib gerückt wäre, hätten sie es mitgenommen.≪ Er schüttelte den Kopf und fuhr dann fort: ≫Nie in meinem Leben habe ich so was gesehen wie damals, als die Explosion losging. Der Zug kam langsam näher. Wir sahen ihn schon von weitem. Und ich war so aufgeregt, daß ich es gar nicht sagen kann. Wir sahen den Dampf, und dann hörten wir die Lokomotive pfeifen. Dann kam er heran, tsch-tsch-tsch-tsch-tsch, immer größer und größer, und dann, als die Explosion losging, bäumten die Vorderräder der Lokomotive sich auf, und die ganze Erde schien sich aufzubäumen in einer schwarzen Wolke und mit einem lauten Getöse, und die Lokomotive bäumte sich hoch empor in der Wolke von Dreck und Holzsplittern, bäumte sich in die Luft wie in einem Traum, und dann fiel sie auf die Seite wie ein großes, verwundetes Tier, und weißer Dampf explodierte, während noch die Erdklumpen von der ersten Explosion auf uns niederregneten, und die máquina begann zu sprechen, tack-tacktack-tacktack!≪ Der Zigeuner reckte die geballten Fäuste vor sich hin, mit dem Daumen nach oben, schüttelte sie, ein imaginäres Maschinengewehr bedienend. ≫Tacktack-tack-tacktack≪, sagte er triumphierend. ≫Nie in meinem Leben habe ich so was gesehen, wie die Soldaten aus dem Zug rannten, und die máquina tackte in sie hinein, und die Leute fielen um. Gerade da legte ich in meiner Aufregung die Hand auf die máquina und merkte, daß der Lauf brennend heiß war, und da gab mir die Alte eine Ohrfeige und sagte: ‘Schieß, du Idiot! Schieß, oder ich schlage dir den Schädel ein!’ Dann fing ich zu schießen an, aber es war sehr schwer, das Gewehr ruhig zu halten, und auf der anderen Seite liefen Soldaten den Hügel hinauf. Später, als wir unten beim Zug waren, um zu sehen, was wir mitnehmen könnten, jagte ein Offizier ein paar seiner Leute mit gezogenem Revolver zurück. Er schwenkte den Revolver und schrie seine Leute an, und wir zielten alle auf ihn, aber keiner konnte ihn treffen. Dann legten sich ein paar Soldaten hin und fingen zu schießen an, und der Offizier ging hinter ihnen auf und ab mit seinem Revolver, und wir konnten ihn noch immer nicht treffen, und die máquina konnte nicht auf ihn schießen, weil der Zug dazwischen war. Dieser Offizier erschoß zwei von seinen Leuten, wie sie dort lagen, und sie wollten noch immer nicht aufstehen, und er beschimpfte sie, und schließlich standen sie auf, zwei und drei auf einmal, und kamen auf uns und den Zug zugelaufen. Dann warfen sie sich wieder flach auf den Boden und schossen. Dann zogen wir ab, und die máquina feuerte noch immer über unsere Köpfe weg. Und da fand ich das Mädchen, wie sie vom Zug weg zu den Felsen gelaufen war, und sie lief mit uns mit. Diese Soldaten waren es, die uns dann nachsetzten, bis in die Nacht hinein.≪

≫Es muß sehr schwer gewesen sein≪, sagte Anselmo. ≫Sehr aufregend.≪

≫Es war die einzige gute Sache, die wir gemacht haben≪, sagte eine tiefe Stimme. ≫Was machst du jetzt, du fauler, besoffener — Sohn einer unaussprechlichen ledigen Zigeunerhure? Was machst du?≪

Robert Jordan sah eine ungefähr fünfzigjährige Frau vor sich, die fast so groß war wie Pablo und fast so breit wie groß, in schwarzem Bauernkittel und schwarzem Leibchen, schwere wollene Socken an den schweren Beinen, schwarze, hanfbesohlte Schuhe und ein braunes Gesicht wie das Modell eines Granitmonuments. Sie hatte große, aber sympathische Hände, und ihr dichtes, krauses, schwarzes Haar war im Nacken zu einem Knoten geschlungen.

≫Antworte≪, sagte sie zu dem Zigeuner, ohne sich um die anderen zu kümmern.

≫Ich habe mit diesem Genossen geredet. Er hat Dynamit mitgebracht.≪

≫Ich weiß das alles≪, sagte Pablos mujer. ≫Jetzt raus mit dir und löse Andrés ab, der oben Wache steht.≪

≫Me voy≪, sagte der Zigeuner. ≫Ich gehe.≪ Er wandte sich zu Robert Jordan. ≫Wir sehen uns beim Essen.≪

≫Nicht mal im Spaß!≪ sagte die Frau zu ihm. ≫Dreimal hast du heute gegessen, nach meiner Rechnung. Geh jetzt und schick Andrés zu mir.≪

≫Hola≪, sagte sie zu Robert Jordan und reichte ihm lächelnd die Hand. ≫Wie geht es dir, und wie geht es der Republik?≪

≫Gut≪, sagte er und erwiderte ihren kräftigen Händedruck. ≫Sowohl mir wie der Republik.≪

≫Das freut mich≪, sagte sie. Sie schaute ihm lächelnd ins Gesicht, und er sah, daß sie schöne graue Augen hatte. ≫Sollen wir wieder einen Zug erledigen?≪

≫Nein≪, sagte Robert Jordan, der sogleich Vertrauen zu ihr faßte. ≫Eine Brücke.≪

≫No es nada≪, sagte sie. ≫Eine Brücke ist gar nichts. Wann erledigen wir wieder einen Zug, jetzt, wo wir Pferde haben?≪

≫Später. Diese Brücke ist sehr wichtig.≪

≫Das Mädchen sagt, dein Genosse, der mit uns bei dem Zug war, ist tot.≪

≫Ja.≪

≫Schade. Noch nie habe ich so eine Explosion gesehen. Er war ein begabter Mann. Er hat mir sehr gefallen. Ist es nicht doch möglich, wieder einen Zug zu erledigen? Wir haben jetzt viele Leute hier in den Bergen. Zu viele. Es ist schon schwer, sie zu füttern. Es wäre besser, von hier wegzugehen. Und wir haben Pferde.≪

≫Wir müssen die Brücke erledigen.≪

≫Wo ist sie?≪

≫Ganz in der Nähe.≪

≫Um so besser≪, sagte Pablos mujer. ≫Sprengen wir alle Brücken in die Luft, die es nur gibt, und hauen wir ab! Ich habe dieses Loch satt. Viel zuviel Menschen sind hier beisammen. Das kann nicht gut ausgehen. Hier staut sich alles, und das ist widerlich.≪

Sie erblickte Pablo zwischen den Bäumen.

≫¡Borracho!≪ rief sie. ≫Säufer! Elender Säufer!≪ Dann wandte sie sich wieder mit fröhlicher Miene Robert Jordan zu. ≫Er ist mit einer Lederflasche Wein in den Wald gegangen, um allein zu saufen. Er säuft unaufhörlich. Dieses Leben richtet ihn zugrunde. Junger Mann, ich bin sehr zufrieden, daß du gekommen bist.≪ Sie klopfte ihm auf die Schulter. ≫Ha. Du bist kräftiger, als du aussiehst.≪ Sie strich mit der Hand über seine Schulter und betastete die Muskeln unter dem Flanellhemd. ≫Gut. Ich bin sehr zufrieden, daß du gekommen bist.≪

≫Ich auch.≪

≫Wir werden einander verstehen≪, sagte sie. ≫Trink eine Tasse Wein.≪

≫Wir haben schon etwas getrunken≪, sagte Robert Jordan. ≫Aber vielleicht du?≪

≫Nicht vor dem Essen≪, sagte sie. ≫Sonst kriege ich Sodbrennen.≪ Dann fiel ihr Blick wieder auf Pablo. ≫¡Borracho!≪ rief sie. ≫Säufer.≪ Sie wandte sich kopfschüttelnd zu Robert Jordan. ≫Er war ein braver Mann≪, sagte sie. ≫Aber jetzt ist es aus mit ihm. Und noch etwas will ich dir sagen. Sei sehr gut und vorsichtig zu dem Mädchen, der Maria. Sie hat Schlimmes durchgemacht. Verstehst du?≪

≫Ja. Warum sagst du mir das?≪

≫Ich habe gesehen, wie es mit ihr steht, nachdem sie dich gesehen hatte, als sie in die Höhle kam. Ich sah, wie sie dich anschaute, bevor sie hinausging.≪

≫Ich habe ein bißchen mit ihr gescherzt.≪

≫Sie war sehr schlimm dran≪, sagte Pablos Weib. ≫Jetzt geht es ihr besser. Sie müßte weg von hier.≪

≫Man kann sie doch mit Anselmo auf die andere Seite hinüberschicken.≪

≫Ihr beide, du und der Anselmo, ihr könnt sie mitnehmen, wenn diese Sache vorbei ist.≪

Robert Jordan fühlte den Krampf in seiner Kehle und das Stocken in seiner Stimme. ≫Das ließe sich machen≪, sagte er.

Pablos mujer betrachtete ihn kopfschüttelnd. ≫Ja, ja. Ja, ja≪, sagte sie. ≫Sind alle Männer so?≪

≫Ich habe nichts gesagt. Sie ist schön, das weißt du.≪

≫Nein, sie ist nicht schön, aber du meinst, sie beginnt schön zu werden≪, sagte Pablos Weib. ≫Männer. Eine Schande für uns Weiber, daß wir sie zur Welt bringen. Nein. Im Ernst. Gibt es unter der Republik keine Heime für solche wie sie?≪

≫Ja≪, sagte Robert Jordan. ≫Gute Plätze. An der Küste bei Valencia. Und auch anderswo. Man wird sie dort gut behandeln, und sie kann Kinderarbeit machen. Es sind dort Kinder aus den evakuierten Dörfern. Man wird sie anlernen.≪

≫Das will ich gerade≪, sagte Pablos mujer. ≫Pablo ist schon krank nach ihr. Das ist auch eines der Dinge, die ihn umbringen. Es lastet auf ihm wie eine Krankheit, wenn er sie sieht. Am besten, sie geht jetzt.≪

≫Wir können sie mitnehmen, wenn diese Sache vorüber ist.≪

≫Du wirst jetzt sehr vorsichtig mit ihr umgehen, wenn ich dir vertraue? Ich spreche zu dir, als ob ich dich schon lange kennen würde.≪

≫So ist es immer, wenn Menschen einander verstehen.≪

≫Setz dich≪, sagte Pablos Weib. ≫Ich verlange kein Versprechen. Was geschehen soll, wird geschehen. Nur wenn du sie nicht mitnehmen willst, fordere ich ein Versprechen.≪

≫Warum dann, wenn ich sie nicht mitnehme?≪

≫Weil ich keine Verrückte hier haben will, wenn du wieder weg bist. Sie war schon einmal verrückt, und ich habe auch ohnedies genug zu tun.≪

≫Wir nehmen sie mit≪, sagte Robert Jordan. ≫Wenn wir nach der Brückengeschichte noch am Leben sind, nehmen wir sie mit.≪

≫Ich höre es nicht gern, wenn du so redest. So reden bringt kein Glück.≪

≫Ich habe nur so geredet, weil ich dir ein Versprechen geben will≪, sagte Robert Jordan. ≫Ich gehöre nicht zu denen, die Trübsal blasen.≪

≫Zeig mir deine Hand≪, sagte die Frau. Robert Jordan streckte die Hand aus, und die Frau öffnete seine Finger, nahm sie in ihre eigene große Hand, rieb mit dem Daumen die Handfläche, betrachtete sie sorgfältig, ließ sie dann fallen. Sie stand auf, und sie schaute ihn an, ohne zu lächeln.

≫Was hast du in meiner Hand gesehen?≪ fragte Robert Jordan. ≫Ich glaube nicht daran, du wirst mich nicht erschrecken.≪

≫Nichts≪, sagte sie. ≫Ich habe nichts gesehen.≪

≫Doch, du hast sicher was gesehen. Ich bin bloß neugierig, ich glaube nicht an solche Sachen.≪

≫Woran glaubst du?≪

≫An vieles, aber nicht daran.≪ ≫Woran?≪

≫An meine Arbeit.≪

≫Ja, das habe ich gesehen.≪

≫Sag mir, was du noch gesehen hast.≪

≫Ich habe sonst nichts gesehen≪, sagte sie schroff. ≫Die Brücke ist sehr schwierig, sagtest du?≪

≫Nein. Ich sagte, sie ist sehr wichtig.≪

≫Aber sie kann schwierig sein?≪

≫Ja. Und ich gehe jetzt hinunter, sie mir ansehen. Wie viele Leute habt ihr hier?≪

≫Fünf, die was taugen. Der Zigeuner ist wertlos, obwohl er es gut meint. Er hat ein gutes Herz. Pablo traue ich nicht mehr.≪

≫Wie viele Leute hat El Sordo, die etwas taugen?≪

≫Vielleicht acht. Das werden wir heute abend sehen. Er kommt hierher. Er ist ein sehr praktischer Mensch. Er hat auch ein wenig Dynamit. Aber nicht sehr viel. Du wirst mit ihm reden.≪

≫Hast du ihn verständigt?≪

≫Er kommt jeden Abend. Er ist unser Nachbar. Nicht nur ein Genosse, sondern auch ein Freund.≪

≫Was hältst du von ihm?≪

≫Er ist ein sehr tüchtiger Mann! Und auch sehr praktisch. Bei der Geschichte mit dem Zug war er fabelhaft.≪

≫Und die anderen Gruppen?≪

≫Wenn man sie rechtzeitig unterrichtet, müßte es möglich sein, fünfzig Gewehre von einer gewissen Verläßlichkeit zu sammeln.≪

≫Wie weit verläßlich?≪

≫Verläßlich je nach dem Ernst der Lage.≪

≫Und wieviel Patronen pro Gewehr?≪

≫Vielleicht zwanzig. Das hängt davon ab, wieviel sie bei dieser Geschichte mitnehmen. Falls sie überhaupt bei dieser Geschichte mitmachen. Vergiß nicht, daß dabei kein Geld zu holen ist und keine Beute, und wenn man dich reden hört, ist die Sache gefährlich, und nachher muß man auch noch die Gegend verlassen. Viele werden gegen die Brückengeschichte sein.≪

≫Sicherlich.≪

≫Deshalb ist es besser, nicht unnütz darüber zu reden.≪

≫Einverstanden.≪

≫Wenn du deine Brücke studiert hast, werden wir heute abend mit El Sordo reden.≪

≫Ich gehe jetzt mit Anselmo hinunter.≪

≫Dann wecke ihn auf≪, sagte sie. ≫Willst du einen Karabiner haben?≪

≫Danke. Es ist ganz angenehm, einen zu haben, aber ich werde ihn nicht benützen. Ich will mich nur umschauen und nicht Krach machen. Danke für alles, was du mir erzählt hast. Deine Art zu reden gefällt mir sehr.≪

≫Ich bemühe mich, offen zu reden.≪

≫Dann sage mir, was du in meiner Hand gesehen hast.≪

≫Nein≪, sagte sie und schüttelte den Kopf. ≫Ich habe nichts gesehen. Geh jetzt zu deiner Brücke. Ich werde mich um dein Material kümmern.≪

≫Deck es gut zu, und daß niemand es anrührt! Hier liegt es besser als in der Höhle.≪

≫Ich werde es zudecken, und niemand wird es anrühren≪, sagte Pablos Weib. ≫Geh jetzt zu deiner Brücke.≪

≫Anselmo≪, sagte Robert Jordan und legte die Hand auf die Schulter des Alten, der schlummernd dalag, den Kopf auf die Arme gebettet.

Der Alte blickte auf. ≫Ja≪, sagte er. ≫Gewiß. Gehen wir.≪

III

Sie legten die letzten zweihundert Meter zurück, sich vorsichtig im Schatten von Baumstamm zu Baumstamm schleichend, und nun erblickten sie zwischen den letzten Kiefern auf dem steilen Bergeshang die Brücke, die nur noch fünfzig Meter entfernt war. Schwarz ragte sie in die steile Öde der Schlucht, im Licht der Spätnachmittagssonne, das immer noch über die braune Schulter des Berges fiel. Es war eine Stahlbrücke mit einem einzigen Boden, und an jedem Ende stand eine Wachthütte. Die Brücke war so breit, daß zwei Autos nebeneinander fahren konnten, und sie schwang sich mit präziser, metallener Eleganz über die tiefe Schlucht, auf deren Grund, tief unten, das weiße Wasser eines Baches über felsiges Gestein sprang, talwärts zu dem Hauptgewässer des Passes.

Die Sonne blendete Robert Jordans Augen, so daß er nur die Konturen der Brücke sah. Dann verblaßte das Licht und verschwand, und als er zwischen den Bäumen die braune, rundliche Kuppe betrachtete, hinter der die Sonne untergegangen war, sah er, nun da kein greller Schein ihn mehr blendete, daß der Berghang mit einem zarten, frischen Grün bedeckt war und daß dicht unter dem Kamm an einigen Stellen noch alter Schnee lag.

Dann betrachtete er wieder die Brücke, in der jähen kurzen Klarheit des letzten Lichts, das bald verschwinden würde, und studierte ihre Bauart. Sie zu zerstören war kein schwieriges Problem. Während er scharf hinsah, zog er ein Notizbuch aus der Brieftasche und fertigte mit schnellen Strichen ein paar Skizzen an. Die Ladungen würde er später berechnen. Jetzt notierte er nur die Punkte, an denen der Sprengstoff zu placieren war, um die Stützen des Bogens zu brechen und einen Teil der Brücke in die Schlucht zu schleudern. Man konnte das auf gemächliche Art machen, wissenschaftlich-korrekt, mit einem halben Dutzend Ladungen, die so gekoppelt werden, daß sie gleichzeitig explodieren — oder man konnte die Sache auf gröbere Art durchführen, mit zwei großen Ladungen. Es müssen das sehr große Ladungen sein, eine an jedem Ende, und sie müssen natürlich zu gleicher Zeit losgehen. Er zeichnete drauflos, rasch und vergnügt, froh, daß er endlich mit dem eigentlichen Problem zu tun hatte, froh, daß die Arbeit nun wirklich begann. Dann klappte er das Notizbuch zu, schob den Bleistift in die Ledertasche am Rande des Deckels, steckte das Notizbuch ein und knöpfte die Tasche zu. Während er zeichnete, hatte Anselmo Straße, Brücke und Wachthütten betrachtet. Seiner Meinung nach war man zu nahe an der Brücke, und er atmete auf, als Jordan das Notizbuch zuklappte.

Während Jordan die Klappe an seiner Tasche zuknöpfte und sich dann hinter einer Kiefer flach auf den Boden legte, hinter dem Stamm hervorspähend, legte Anselmo die Hand auf seinen Ellbogen und deutete mit dem Finger.

In der Wachthütte, gerade gegenüber, am oberen Ende der Brücke, saß der Wachtposten, das Gewehr mit aufgepflanztem Bajonett zwischen den Knien. Er rauchte eine Zigarette und war mit einer gestrickten Haube und einem losen Filzüberwurf bekleidet. Auf diese Entfernung hin konnte man seine Züge nicht unterscheiden. Robert Jordan setzte das Glas an die Augen, sorgfältig mit der gewölbten Hand die Linsen beschattend, obgleich die Sonne nicht mehr schien und kein Glitzern ihn verraten konnte — und da war das Geländer der Brücke, so scharf umrissen, als hätte man hinlangen und es anrühren können, und da war das Gesicht des Wachtpostens, so deutlich, daß man die eingesunkenen Wangen sah, die Asche an der Zigarette und den fettigen Schimmer des Bajonetts. Es war ein Bauerngesicht, die Wangen ganz hohl unter den hervorstehenden Backenknochen, das Kinn von einem Stoppelbart bedeckt, die Augen von schweren Brauen überschattet, große Hände, die die Flinte hielten, schwere Stiefel, die unter den Falten der Filzpelerine hervorschauten. An der Wand der Hütte eine abgenutzte, geschwärzte, lederne Weinflasche, einige Zeitungen und kein Telefon. Es hätte ja freilich an der anderen Wand, die Jordan nicht sah, ein Telefon hängen können, aber es waren auch keinerlei Telefondrähte zu sehen, die zu dem Häuschen geführt hätten. Die Straße entlang lief eine Telefonleitung, und ihre Drähte führten über die Brücke. Vor der Wachthütte ruhte auf zwei Steinen ein Holzkohlenöfchen, aus einer alten Benzinkanne verfertigt, deren Deckel man entfernt und in deren Boden man einige Löcher gebohrt hatte; aber es enthielt kein Feuer. In der Asche unter dem Blechding lagen einige rußgeschwärzte leere Konservendosen.

Robert Jordan reichte das Glas Anselmo, der neben ihm lag. Der Alte grinste und schüttelte den Kopf. Er klopfte mit dem Finger an seine Schläfe. ≫Ya lo veo≪, sagte er. ≫Ich habe ihn gesehen.≪ Er sprach ganz vorne an den Zähnen, fast ohne die Lippen zu bewegen, in einer Manier, die leiser ist als jedes Geflüster. Während Robert Jordan ihm zulächelte, zeigte der Alte mit dem einen Finger auf den Wachtposten und fuhr sich mit dem anderen quer über die Gurgel. Robert Jordan nickte, aber er lächelte nicht mehr.

Die Wachthütte am anderen Ende der Brücke kehrte ihnen die Hinterseite zu, so daß sie nicht hineinschauen konnten. Die Straße, breit, geölt und gut gebaut, bog am anderen Ende der Brücke nach links ab und entschwand dann mit einer Rechtskurve den Blicken. An dieser Stelle hatte man einen Teil des festen Gesteins wegsprengen müssen, um die alte Straße zu ihrer jetzigen Breite zu erweitern, und der linke, westliche Rand — vom Paß und von der Brücke aus gesehen —, der jählings in die Schlucht hinabführte, war durch eine Reihe aufrecht stehender behauener Steinblöcke bezeichnet und geschützt. Fast wie ein Cañon war hier die Schlucht, hier, wo der Bach, über den die Brücke sich wölbte, in das Hauptgewässer des Passes mündete.

≫Und der andere Posten?≪ fragte Robert Jordan.

≫Fünfhundert Meter unterhalb dieser Biegung. In der Straßenwärterhütte, die in den Felsen hineingebaut ist.≪

≫Wieviel Leute?≪ fragte Robert Jordan.

Wieder beobachtete er durch sein Fernglas den Wachtposten. Der Mann drückte seine Zigarette an der Bretterwand des Häuschens aus, zog dann einen ledernen Tabaksbeutel aus der Tasche, öffnete das Papier der erloschenen Zigarette und schüttelte den Rest nichtverbrauchten Tabaks in den Beutel. Dann stand er auf, lehnte das Gewehr gegen die Wand und rekelte sich, dann griff er nach dem Gewehr, hängte es über die Schulter und ging hinaus, auf die Brücke zu.

Anselmo preßte sich flach auf den Boden, Robert Jordan schob das Fernglas in die Hemdtasche und verbarg vorsichtig seinen Kopf hinter dem Kiefernstamm.

≫Sieben Mann und ein Korporal≪, sagte Anselmo dicht an Jordans Ohr. ≫Ich habe mich bei dem Zigeuner erkundigt.≪

≫Sobald er stillsteht, gehen wir≪, sagte Robert Jordan. ≫Wir sind zu nahe dran.≪

≫Hast du alles gesehen, was du brauchst?≪

≫Ja. Alles, was ich brauche.≪

Jetzt nach Sonnenuntergang wurde es sehr schnell kühl, und die Dunkelheit brach herein, da der letzte Schimmer des Sonnenlichts hinter den Bergen verblaßte.

≫Wie sieht die Sache aus?≪ fragte Anselmo leise, während sie den Wachtposten beobachteten, wie er über die Brücke zu der anderen Hütte marschierte, das Bajonett hell schimmernd im Nachglanz des Abendlichts, seine Gestalt unförmig in der Filzpelerine.

≫Sehr gut≪, sagte Robert Jordan. ≫Sehr, sehr gut.≪

≫Das freut mich≪, sagte Anselmo. ≫Wollen wir gehen? Jetzt besteht keine Gefahr, daß er uns sieht.≪

Der Wachtposten stand mit dem Rücken zu ihnen am anderen Ende der Brücke. Aus der Tiefe der Schlucht kam das Rauschen des Wassers. Dann mischte ein anderes Geräusch sich in diesen Lärm, ein gleichmäßiges lautes Surren, und sie sahen, wie der Wachtposten aufblickte und seine gestrickte Mütze nach hinten rutschte, und als sie sich umdrehten und aufblickten, da sahen sie hoch oben am Abendhimmel drei Eindecker in V-Formation, winzig und silbrig in jener Höhe, in der die Sonne noch schien, mit unglaublicher Schnelligkeit über den Himmel gleitend, während die Motoren gleichmäßig dröhnten.

≫Unsere?≪ fragte Anselmo.

≫Es scheint so≪, sagte Robert Jordan, aber er wußte, daß man bei solcher Höhe nie ganz sicher sein konnte. Es konnte das eine Abendpatrouille des einen wie des anderen Partners sein. Aber man behauptet immer, daß es die unseren seien, wenn es sich um Jagdflugzeuge handelt, weil dann die Leute sich ruhiger fühlen. Mit Bombern ist es anders.

Anselmo hatte anscheinend das gleiche Gefühl. ≫Es sind unsere≪, sagte er. ≫Ich kann sie erkennen. Es sind Moscas.≪

≫Gut≪, sagte Robert Jordan. ≫Ich glaube auch, daß es Moscas sind.≪

≫Es sind Moscas≪, sagte Anselmo.

Robert Jordan hätte das Fernglas nehmen und sich sogleich Gewißheit verschaffen können, aber das wollte er vermeiden. Ihm war es heute abend gleichgültig, ob das eigene oder feindliche Flieger waren, und wenn es dem Alten Spaß machte, sie für eigene zu halten, wollte er ihm seine Illusion nicht rauben. Als sie jetzt in der Richtung gegen Segovia entschwanden, ähnelten sie keineswegs der grünen, an den Flügeln rot geränderten, nach Tiefdeckerart gebauten russischen Variante der Boeing P 32, die die Spanier Mosca nannten. Die Farben konnte man nicht unterscheiden, aber die Form stimmte nicht. Nein. Das war eine heimkehrende Fliegerpatrouille der Faschisten.

Der Wachtposten stand immer noch mit dem Rücken zu ihnen neben der anderen Hütte.

≫Gehen wir≪ sagte Robert Jordan. Er schritt den Berg hinan, sehr vorsichtig, jede Deckung ausnützend, bis sie außer Sichtweite waren. Anselmo folgte ihm in einem Abstand von hundert Meter. Dann, als man sie von der Brücke her nicht mehr sehen konnte, blieb er stehen, und der Alte kam heran, übernahm die Führung und stapfte mit gleichmäßigen Schritten im Dunkel den steilen Berghang hinan.

≫Wir haben eine unheimlich starke Flugwaffe≪, sagte der Alte fröhlich.

≫Ja.≪

≫Und wir werden siegen.≪

≫Wir müssen siegen.≪

≫Ja. Und wenn wir gesiegt haben, mußt du mit uns auf die Jagd gehen.≪

≫Was für Wild?≪

≫Eber, Bären, Wölfe, Steinböcke —≪

≫Gehst du gern auf die Jagd?≪

≫Ja, Mann. Ich kenne nichts Schöneres. Bei mir zu Hause in meinem Dorf sind wir alle begeisterte Jäger. Du gehst nicht gerne jagen?≪

≫Nein≪, sagte Robert Jordan. ≫Ich töte nicht gern ein Tier.≪

≫Bei mir ist das gerade umgekehrt≪, sagte der Alte. ≫Ich töte nicht gern einen Menschen.≪

≫Niemand tut es gern, wenn er nicht gerade verrückt ist≪, sagte Robert Jordan. ≫Aber ich habe nichts dagegen, wenn es sein muß. Wenn es für die Sache ist.≪

≫Aber es ist doch was anderes!≪ sagte Anselmo. ≫In meinem Haus, als ich noch ein Haus hatte, und jetzt habe ich kein Haus mehr, hingen die Hauer der Wildeber, die ich im Unterholz geschossen hatte. Und dazu die Felle der Wölfe, die ich geschossen hatte. Im Winter, im Schnee. Einen ganz großen erledigte ich in der Dämmerung, am Rand des Dorfes, eines Abends im November auf dem Nachhauseweg. Vier Wolfsfelle hatte ich auf dem Fußboden meines Hauses liegen. Sie waren schon ganz abgenutzt von dem vielen Drauftreten, aber es waren Wolfsfelle. Und dann hatte ich da das Gehörn eines Steinbocks, den ich in der hohen Sierra erlegt hatte, und einen Adler, den mir ein Präparator aus Ávila ausgestopft hatte, mit ausgebreiteten Flügeln und Augen so gelb und wirklich wie die Augen eines lebenden Adlers. Er war sehr schön anzuschauen, und ich hatte viel Freude an allen diesen Sachen.≪

≫Ja≪, sagte Robert Jordan.

≫An der Kirchentür in meinem Dorf war die Tatze eines Bären angenagelt, den hatte ich im Frühling geschossen, im Schnee, an einem Abhang, wie er gerade mit dieser selben Tatze einen Baumstamm auf die Seite wälzte.≪

≫Wann war das?≪

≫Vor sechs Jahren. Und immer, wenn ich diese Tatze sah, wie eine Menschenhand, aber mit langen Klauen, vertrocknet und mit dem Nagel quer durch die Fläche an die Kirchentür genagelt, da freute ich mich.≪

≫Vor Stolz?≪

≫Vor Stolz in der Erinnerung an das Zusammentreffen mit dem Bären an jenem Abhang im Vorfrühling. Aber wenn man einen Menschen tötet, der ein Mensch ist wie wir, bleibt nichts Gutes zurück.≪

≫Du kannst doch wohl nicht seine Tatze an die Kirchentür nageln≪, sagte Robert Jordan.

≫Nein. Eine solche Barbarei ist undenkbar. Aber eine Menschenhand sieht genauso aus wie eine Bärentatze.≪

≫Und die Brust eines Menschen wie die Brust eines Bären≪, sagte Robert Jordan. ≫Zieht man dem Bären die Haut ab, dann findet man auch viele Ähnlichkeiten in der Muskulatur.≪

≫Ja≪, sagte Anselmo. ≫Die Zigeuner glauben, der Bär ist ein Bruder des Menschen.≪

≫Auch die Indianer in Amerika≪, sagte Robert Jordan. ≫Und wenn sie einen Bären töten, dann entschuldigen sie sich bei ihm und bitten ihn um Verzeihung. Sie hängen seinen Schädel an einen Baum, und bevor sie weggehen, bitten sie ihn, ihnen zu verzeihen.≪

≫Die Zigeuner glauben, der Bär ist ein Bruder des Menschen, weil er unter seinem Fell denselben Körper hat, weil er Bier trinkt, weil er Musik liebt und weil er gerne tanzt.≪

≫Das glauben auch die Indianer.≪

≫Sind denn die Indianer Zigeuner?≪

≫Nein. Aber sie glauben dasselbe vom Bären.≪

≫Ja. Die Zigeuner glauben auch, er ist ein Bruder, weil er zum Vergnügen stiehlt.≪

≫Hast du Zigeunerblut?≪

≫Nein. Aber ich habe viel mit ihnen zu tun gehabt und jetzt, seit der Bewegung, noch mehr. Es gibt viele in den Bergen. Für sie ist es keine Sünde, außerhalb des Stammes zu töten. Sie leugnen das ab, aber es stimmt.≪

≫Wie die Mauren.≪

≫Ja. Aber die Zigeuner haben viele Gesetze, die sie nicht eingestehen. Im Krieg sind viele Zigeuner wieder so schlecht geworden, wie sie früher in alten Zeiten waren.≪

≫Sie verstehen nicht, worum es in diesem Krieg geht. Sie wissen nicht, wofür sie kämpfen.≪

≫Nein≪, sagte Anselmo. ≫Sie wissen nur, daß jetzt Krieg ist und daß man wieder töten darf, wie in den alten Zeiten, ohne gleich bestraft zu werden.≪

≫Hast du schon einen Menschen getötet?≪ fragte Jordan in der Vertrautheit des Zwielichts und des gemeinsam verbrachten Tages.

≫Ja. Mehrmals. Aber nicht mit Freude. Für mich ist es eine Sünde, einen Menschen zu töten. Selbst einen Faschisten, den wir töten müssen. Für mich ist ein großer Unterschied zwischen dem Bären und dem Menschen, und ich glaube nicht an das Zaubergerede der Zigeuner über die Bruderschaft mit den Tieren. Nein. Ich bin gegen jedes Menschentöten.≪

≫Und doch hast du getötet.≪

≫Ja. Und ich werde es wieder tun. Wenn ich am Leben bleibe, will ich versuchen, so zu leben, niemandem etwas anzutun, daß mir verziehen wird.≪

≫Von wem?≪

≫Wer weiß? Seit wir hier keinen Gott mehr haben und auch seinen Sohn nicht und nicht den Heiligen Geist, wer verzeiht jetzt? Das weiß ich nicht.≪

≫Du hast keinen Gott mehr?≪

≫Nein. Bestimmt nicht. Wenn es einen Gott gäbe, hätte er nie das zugelassen, was ich mit meinen Augen gesehen habe. Überlassen wir ihnen den Gott.≪

≫Sie erheben Anspruch auf ihn.≪

≫Natürlich geht er mir ab, denn ich bin fromm erzogen worden. Aber jetzt muß der Mensch vor sich selber verantwortlich sein.≪

≫Dann wirst du selbst dir das Morden verzeihen.≪

≫Wahrscheinlich≪, sagte Anselmo. ≫Wenn du es so deutlich aussprichst, glaube ich, so muß es sein. Aber mit oder ohne Gott, ich halte Töten für eine Sünde. Einem anderen das Leben nehmen ist für mich etwas sehr Ernstes. Ich tue es, wenn es sein muß, aber ich gehöre nicht zu Pablos Rasse.≪

≫Um einen Krieg zu gewinnen, müssen wir unsere Feinde töten. Das war schon immer so.≪

≫Sicherlich. Im Krieg müssen wir töten. Aber ich habe sehr eigene Ideen≪, sagte Anselmo.

Sie gingen jetzt Seite an Seite durch das Dunkel, und Anselmo redete ganz leise, und manchmal wendete er den Kopf um, während er weiterstapfte. ≫Ich würde nicht einmal einen Bischof töten. Ich würde auch keinen Grundbesitzer töten. Ich würde sie jeden Tag arbeiten lassen, so wie wir auf den Feldern gearbeitet haben, und wie wir mit dem Holz auf den Bergen arbeiten — ihr ganzes Leben lang —, dann würden sie sehen, wozu der Mensch geboren ist. Daß sie so schlafen, wie wir schlafen. Daß sie so essen, wie wir essen. Aber vor allem, daß sie arbeiten. So würden sie es lernen.≪

≫Und sie würden so lange leben, bis sie dich wieder versklavt haben.≪

≫Sie töten, ist keine Lehre≪, sagte Anselmo. ≫Du kannst sie nicht ausrotten, weil aus ihrem Samen andere kommen mit noch viel mehr Haß. Das Gefängnis ist nichts. Das Gefängnis schafft nur Haß. Eine Lehre müßten alle unsere Feinde bekommen.≪

≫Und trotzdem hast du getötet.≪

≫Ja≪, sagte Anselmo. ≫Viele Male, und ich werde es wieder tun. Aber nicht mit Freude, und ich werde es für eine Sünde halten.≪

≫Und der Wachtposten? Du hast einen Spaß gemacht, als ob du ihn umbringen wolltest.≪

≫Das war im Scherz. Ich würde ihn umbringen. Ja. Sicherlich. Und mit reinem Gewissen, weil wir eine Aufgabe haben. Aber nicht mit Freude.≪

≫Wir wollen sie denen überlassen, die Freude daran haben≪, sagte Robert Jordan. ≫Es sind ihrer acht und fünf. Das macht dreizehn für die, die Freude dran haben.≪

≫Es gibt viele, die Freude dran haben≪, sagte Anselmo im Dunkel des Waldes. ≫Wir haben viele von der Sorte. Mehr als wir Leute haben, die zum Kämpfen taugen.≪

≫Hast du schon einmal einen Kampf mitgemacht?≪

≫Nein≪, sagte der Alte. ≫In Segovia haben wir am Beginn der Bewegung gekämpft, aber wir wurden geschlagen, und wir liefen davon. Ich lief mit den anderen mit. Wir wußten gar nicht richtig, was wir machten oder wie es zu machen wäre. Ich hatte auch nur eine Jagdflinte mit Schrotpatronen, und die guardia civil hatte Mausers. Ich konnte sie nicht auf hundert Meter mit Schrot treffen, und sie knallten uns auf dreihundert Meter ab, ganz nach Belieben, als ob wir Karnickel gewesen wären. Sie schossen viel und gut, und wir standen da wie die Schafe.≪ Er verstummte. Dann fragte er: ≫Glaubst du, es wird an der Brücke gekämpft werden?≪

≫Möglicherweise.≪

≫Ich habe noch nie einen Kampf miterlebt, ohne wegzulaufen≪, sagte Anselmo. ≫Ich weiß nicht, wie ich mich aufführen würde. Ich bin ein alter Mann und weiß es wirklich nicht.≪

≫Ich bürge für dich≪, sagte Robert Jordan.

≫Hast du viele Kämpfe miterlebt?≪

≫Mehrere.≪

≫Und was hältst du von diesem Kampf an der Brücke?≪

≫Zuallererst denke ich an die Brücke. Das ist mein Geschäft. Die Brücke zerstören ist nicht schwer. Dann werden wir alles übrige regeln. Die Präliminarien. Es wird alles schriftlich niedergelegt.≪

≫Es sind nicht viele, die lesen können≪, sagte Anselmo.

≫Es wird schriftlich festgelegt, damit alle Bescheid wissen, aber es wird auch jedem einzelnen genau erklärt werden.≪

≫Was man mir zuweist, das werde ich machen≪, sagte Anselmo. ≫Aber weil ich mich an die Schießerei in Segovia erinnere — falls es zum Kampf kommt, oder falls auch nur sehr viel geschossen wird, möchte ich genau wissen, was ich unter allen Umständen tun muß, damit ich nicht davonlaufe. Ich erinnere mich, damals in Segovia hatte ich einen großen Hang zum Davonlaufen.≪

≫Wir bleiben beisammen≪, sagte Robert Jordan. ≫Ich werde dir zu jedem Zeitpunkt sagen, was zu tun ist.≪

≫Dann ist es kein Problem≪, sagte Anselmo. ≫Ich tue alles, was man mir befiehlt.≪

≫Unser die Brücke und der Kampf und die Schlacht, wenn es dazu kommt!≪ sagte Robert Jordan, und wie er das so in der Dunkelheit sagte, kam er sich ein wenig theatralisch vor, aber im Spanischen klang es gut.

≫Es müßte eigentlich sehr interessant sein≪, sagte Anselmo, und als Robert Jordan ihn das so ehrlich und klar und ohne jede Pose sagen hörte — ohne die englische Pose der Nüchternheit und ohne alle lateinische Prahlerei —, schätzte er sich glücklich, diesen alten Mann an seiner Seite zu haben, und da er nun die Brücke gesehen und seine Berechnungen angestellt und erkannt hatte, wie einfach es sein würde, die Posten zu überrumpeln und die Brücke auf normale Weise zu sprengen, ärgerte er sich über Golz’ Befehle und darüber, daß sie notwendig waren. Sie mißfielen ihm, nicht nur seinetwegen, sondern auch des Alten wegen. Verdammt unangenehme Befehle für alle die, die sie durchzuführen hatten.

Und so soll man nicht denken, sagte er zu sich selber, und warum soll gerade dir nichts passieren oder diesem und jenem? Weder ein Robert Jordan noch dieser alte Mann bedeutet irgend etwas. Ihr seid Werkzeuge und habt eure Pflicht zu tun. Hier liegen notwendige Befehle vor, für die wir nichts können, und da ist eine Brücke, und diese Brücke kann ein Wendepunkt für das ganze Menschengeschlecht werden. Wie alles, was in diesem Krieg geschieht. Du hast nur eines zu tun, und das mußt du tun. Nur eines, verdammt noch mal, dachte er. Wenn es nur eines wäre, wär’s leicht. Hör auf zu grübeln, du alberner Hohlkopf, sagte er zu sich selber. Denk an was anderes.

Und so dachte er an das Mädchen Maria, Haut, Haare und Augen von der gleichen goldbraunen Farbe, das Haar ein wenig dunkler, aber es wird heller werden, wenn die Haut sich tiefer bräunt, die glatte Haut, mit dem blaßgoldenen Schimmer über einem dunklen Schatten. Glatt wird ihre Haut sein, glatt am ganzen Körper, und sie bewegte sich unbeholfen, und ihre Bewegungen waren unbeholfen, als wäre etwas an ihr und um sie, das sie verlegen machte, als ob es sichtbar wäre, obgleich es nicht sichtbar war, sondern nur in ihren Gedanken existierte. Und sie errötete, wenn er sie ansah, und sie saß da, die Hände über den Knien gefaltet und das Hemd am Halse offen, die Hügel ihrer Brüste unter dem Hemd, und als er an sie dachte, würgte es ihn in der Kehle, und das Gehen wurde ihm schwer, und er und Anselmo redeten kein Wort mehr, bis der Alte sagte:

≫Jetzt gehen wir durch diese Felsen bis zum Lager.≪

Als sie im Finstern durch die Felsen kamen, rief jemand sie an: ≫Halt! Wer da?≪ Sie hörten das Klicken des Gewehrverschlusses und dann das dumpfe Geräusch, wie der Bolzen gegen das Holz schlug und einschnappte.

≫Genossen≪, sagte Anselmo.

≫Was für Genossen?≪

≫Genossen von Pablo≪, sagte der Alte. ≫Kennst du uns nicht?≪

≫Ja≪, sagte die Stimme. ≫Aber es ist Befehl. Wißt ihr das Losungswort?≪

≫Nein. Wir kommen von unten.≪

≫Ich weiß≪, sagte der Mann im Finstern. ≫Ihr kommt von der Brücke. Ich weiß das alles. Es ist nicht mein Befehl. Ihr müßt die zweite Hälfte von einem Losungswort wissen.≪

≫Wie ist denn die erste Hälfte?≪ sagte Robert Jordan.

≫Ich habe sie vergessen≪, sagte der Mann im Finstern und lachte. ≫So geh schon, du Sch…, zum Lagerfeuer mit deinem besch… Dynamit.≪

≫Das nennt man Guerilladisziplin≪, sagte Anselmo. ≫Entspann den Hahn.≪

≫Er ist entspannt≪, sagte der Mann im Finstern. ≫Ich hab’ ihn mit Daumen und Zeigefinger runtergelassen.≪

≫Das wirst du mal mit einer Mauser machen, die keinen Haken am Hahn hat, und das Ding wird losgehen.≪

≫Das ist eine Mauser≪, sagte der Mann. ≫Aber ich habe einen großartigen Griff mit Daumen und Zeigefinger. Ich mach’s immer so.≪

≫Wohin zielt der Lauf?≪ fragte Anselmo im Finstern.

≫Auf dich≪, sagte der Mann, ≫die ganze Zeit, wie ich den Hahn runtergelassen habe, und wenn du zum Lager kommst, gib Befehl, daß mich jemand ablöst, weil ich einen unbeschreiblichen besch… Hunger habe, und das Losungswort hab ich auch vergessen.≪

≫Wie heißt du?≪ fragte Robert Jordan.

≫Agustín≪, sagte der Mann. ≫Ich heiße Agustín, und ich verrecke hier vor Langeweile.≪

≫Wir werden alles ausrichten≪, sagte Robert Jordan, und er überlegte, daß das Wort aburmiento, das im Spanischen ≫Langeweile≪ bedeutet, ein Wort ist, welches kein Bauer in irgendeinem Land verwenden würde. Aber im Mund eines Spaniers, gleichgültig welcher Klasse, ist es eines der gebräuchlichsten Wörter.

≫Hör mal≪, sagte Agustín. Er kam dicht heran und legte die Hand auf Robert Jordans Schulter. Dann schlug er Feuer mit Stein und Stahl, blies auf den Schwamm und hielt ihn empor, das Gesicht des jungen Mannes im trüben Schein betrachtend.

≫Du siehst aus wie der andere≪, sagte er. ≫Aber ein bißchen anders. Hör zu.≪ Er ließ das Feuerzeug sinken und stand da, die Flinte in der Hand. ≫Sag mir eines. Stimmt das mit der Brücke?≪

≫Was denn?≪

≫Daß wir die besch… Brücke sprengen und dann wie die besch… Hunde aus diesen besch… Bergen abhauen müssen?≪

≫Ich weiß es nicht.≪

≫Du weißt es nicht≪, sagte Agustín. ≫So eine Barbarei! Wem gehört denn das Dynamit?≪

≫Mir.≪

≫Und du weißt nicht, wofür es ist? Erzähl mir nichts!≪

≫Ich weiß, wofür es ist, und auch du wirst das rechtzeitig erfahren≪, sagte Robert Jordan. ≫Aber jetzt gehen wir zum Lager.≪

≫Geh zum Teufel!≪ sagte Agustín. ≫Und — dich selber. Aber soll ich dir was sagen, was für dich von Nutzen sein kann?≪

≫Ja≪, sagte Robert Jordan. ≫Wenn es nicht unaussprechlich ist. Wenn es nicht — ist≪, und er erwähnte hier das hervorstechendste der ordinären Wörter, mit denen Agustín das Gespräch gewürzt hatte. Agustín führte eine so ordinäre Sprache, jedes Hauptwort mit einem obszönen Adjektiv verknüpfend und die gleiche Schweinerei als Verbum benützend, daß Robert Jordan zweifelte, ob er überhaupt imstande wäre, einen geraden Satz hervorzubringen. Als Agustín das Wort hörte, lachte er im Finstern. ≫Das ist meine Art zu reden. Vielleicht klingt es häßlich. Wer weiß? Jeder redet nach seiner Art. Hör zu. Die Brücke ist mir gar nichts. Die Brücke ist mir ebenso gut wie was anderes. Außerdem langweile ich mich hier in den Bergen. Hauen wir ab, wenn es sein muß. Diese Berge sagen mir gar nichts. Gehen wir weg. Aber eines will ich dir sagen! Paß gut auf deinen Sprengstoff auf.≪

≫Danke≪, sagte Robert Jordan. ≫Ich werde mich in acht nehmen. Vor dir?≪

≫Nein≪, sagte Agustín. ≫Vor Leuten, die weniger besch… equipiert sind als ich.≪

≫So?≪ sagte Robert Jordan.

≫Du verstehst Spanisch≪, sagte Agustín in ernstem Ton. ≫Gib gut acht auf deinen besch… Sprengstoff.≪

≫Danke.≪

≫Nein, bedank dich nicht bei mir. Gib auf dein Zeug acht.≪

≫Ist etwas passiert?≪

≫Nein, sonst würde ich dir nicht mit solchem Gerede die Zeit stehlen.≪

≫Ich danke dir trotzdem. Wir gehen jetzt zum Lager.≪

≫Gut≪, sagte Agustín. ≫Und daß sie jemand herschicken, der das Losungswort kennt!≪

≫Treffen wir dich im Lager?≪

≫Ja, Mann. Und bald.≪

≫Komm≪, sagte Robert Jordan zu Anselmo.

Sie gingen am Rande der Lichtung entlang, ein grauer Nebel bedeckte den Boden. Nun war das Gras unter den Füßen von einer üppigen Weichheit, anders als zuvor der harte Nadelboden des Waldes, und die Feuchte des Taus drang durch die leinenen Schuhe. Ein Stück weiter vorne zwischen den Stämmen sah Robert Jordan ein Licht schimmern, und er wußte, dort mußte der Eingang zur Höhle liegen.

≫Agustín ist ein sehr braver Kerl≪, sagte Anselmo. ≫Er redet sehr dreckig und macht immer Witze, aber er ist ein sehr ernster Mensch.≪

≫Kennst du ihn gut?≪

≫Ja. Seit langem. Ich habe großes Vertrauen zu ihm.≪

≫Und was er da erzählt?≪

≫Ja, Mann. Übel steht es jetzt mit Pablo, wie du gesehen hast.≪

≫Und was geschieht am besten?≪

≫Wir müssen das Zeug immerfort bewachen.≪

≫Wer?≪

≫Du, ich, die Frau und Agustín. Da er die Gefahr kennt.≪

≫Hast du erwartet, daß es so schlimm ist, wie es jetzt aussieht?≪

≫Nein≪, sagte Anselmo. ≫Es hat sich rasch verschlimmert. Aber es war nötig, Pablo aufzusuchen. Das ist das Gebiet Pablos und El Sordos. Da es ihr Gebiet ist, müssen wir uns mit ihnen abgeben, wenn es sich nicht um eine Sache handelt, die man allein erledigen kann.≪

≫Und El Sordo?≪

≫Brav≪, sagte Anselmo. ≫So brav, wie der andere nichts taugt.≪

≫Du bist der Meinung, daß Pablo wirklich nichts mehr taugt?≪

≫Ich habe den ganzen Abend darüber nachgedacht, und wo wir jetzt gehört haben, was wir gehört haben, glaube ich: Ja! Wirklich!≪

≫Wäre es nicht besser, von einer anderen Brücke zu reden, wegzugehen und andere Leute zu holen?≪

≫Nein≪, sagte Anselmo. ≫Das hier ist sein Gebiet. Du kannst dich hier nicht bewegen, ohne daß er es sofort erfährt. Aber wir müssen uns mit sehr viel Vorsicht bewegen.≪

IV

Sie kamen zu dem Eingang der Höhle. Unter dem Rand einer Decke, die vor der Öffnung hing, schimmerte ein Lichtschein hervor. Die beiden Packen lagen am Fuß eines Baumstammes, mit einem Stück Leinwand zugedeckt, und Robert Jordan kniete nieder und betastete die Leinwand, die steif war und naß. Im Finstern tastete er unter der Leinwand nach der äußeren Tasche des einen Rucksacks, holte eine lederumhüllte Flasche hervor und steckte sie ein. Dann sperrte er die länglichen Balkenschlösser auf, die an dem Metallring hingen, welcher die Öffnung der Säcke verschloß, löste die Zugschnur am oberen Teil der beiden Packen, griff hinein und überzeugte sich davon, daß der Inhalt in Ordnung war. Tief unten in dem einen Packen fühlte er die gebündelten Stangen in den Säckchen, die Säckchen in den Schlafsack gewickelt. Er zog die Schnur wieder zu, ließ das Schloß einschnappen, dann steckte er die Hände in den anderen Sack und fühlte die scharfe, hölzerne Kontur der Hülse des alten Zünders, die Zigarrenschachtel mit den Hütchen, jeder einzelne kleine Zylinder rund umwickelt mit seinen zwei Drähten (alle so sorgfältig verpackt, wie er als Junge seine Sammlung von Vogeleiern verpackt hatte), den Schaft des Schnellfeuergewehrs, vom Lauf gelöst und in die Lederjacke eingewickelt, die beiden Scheiben und fünf Klammern in einer der Innentaschen des großen Rucksacks und in der anderen Tasche die kleinen Knäuel von Kupferdraht und den großen Knäuel von leichtem Isolierdraht. In der Tasche mit den Drähten fühlte er die Zangen und die zwei hölzernen Ahlen zum Bohren der Löcher in den Blockenden, und dann holte er aus der letzten Innentasche eine große Schachtel russischer Zigaretten hervor, von dem Vorrat, den er in Golz’ Hauptquartier bekommen hatte. Schließlich verschnürte er die Öffnung des Rucksacks, schob das Schloß zurecht, schnallte die Klappen fest und deckte beide Packen wieder mit der Leinwand zu. Anselmo war in die Höhle gegangen.

Robert Jordan richtete sich auf, um ihm zu folgen, dann besann er sich, schlug abermals die Leinwand zurück, hob die beiden Packen auf, mit jeder Hand einen, und steuerte, die schwere Last mit Mühe schleppend, auf den Eingang der Höhle zu. Dort legte er den einen Packen hin, schob die Decke zur Seite, und dann, den Kopf gebeugt, in jeder Hand einen der Rucksäcke an den Lederriemen haltend, betrat er die Höhle.

Drinnen war es warm und rauchig. An der einen Wand stand ein Tisch und darauf eine Talgkerze in einem Flaschenhals, und an dem Tisch saßen Pablo, drei Männer, die er nicht kannte, und der Zigeuner Rafael. Die Kerze warf Schatten auf die Wand hinter den Männern, und Anselmo stand rechts neben dem Tisch, so wie er eben hereingekommen war. In der einen Ecke beugte Pablos Weib sich über ein Holzkohlenfeuer auf dem offenen Herd. Neben ihr kniete das Mädchen und rührte in einem eisernen Topf. Sie hob den hölzernen Löffel in die Höhe und blickte zu Jordan hin, der im Eingang stand, und im Schein des Feuers, das die Frau mit einem Blasebalg schürte, sah er des Mädchens Gesicht, ihren Arm, und die Tropfen, die vom Löffel tropften und in den eisernen Topf fielen.

≫Was trägst du da?≪ fragte Pablo.

≫Meine Sachen≪, sagte Robert Jordan und stellte die beiden Packen nieder, ein wenig abseits, gleich neben dem Eingang an der von dem Tisch entfernteren Seite.

≫Sind sie draußen nicht gut aufgehoben?≪ fragte Pablo.

≫Es könnte jemand im Finstern über sie stolpern≪, sagte Robert Jordan, ging zu den Männern hin und legte die Schachtel mit Zigaretten auf den Tisch.

≫Ich habe nicht gern Dynamit in der Höhle≪, sagte Pablo.

≫Wenn es weit genug vom Feuer entfernt ist?≪ sagte Robert Jordan. ≫Nimm Zigaretten.≪ Er ritzte mit dem Daumennagel den Rand der Papierschachtel, auf deren Deckel ein großes buntes Kriegsschiff zu sehen war, und schob die Schachtel Pablo hin.

Anselmo brachte ihm einen mit Rohleder bespannten Schemel, und er setzte sich an den Tisch. Pablo schaute ihn an, als wollte er wieder etwas sagen, griff dann nach den Zigaretten.

Robert Jordan schob die Schachtel zu den anderen hin. Noch blickte er keinen der Männer an, aber er merkte, daß der eine Zigaretten nahm und die beiden anderen nicht. Seine ganze Aufmerksamkeit war auf Pablo konzentriert.

≫Wie geht’s, Zigeuner?≪ sagte er zu Rafael.

≫Gut≪, erwiderte der Zigeuner. Robert Jordan merkte genau, daß sie über ihn gesprochen hatten, gerade als er hereinkam. Sogar der Zigeuner war etwas verlegen.

≫Läßt sie dich wieder mitessen?≪ fragte Robert Jordan den Zigeuner.

≫Ja. Warum auch nicht?≪ erwiderte der Zigeuner. Und dabei hatten sie am Nachmittag so freundschaftlich miteinander gescherzt!

Pablos Frau sagte gar nichts und schürte weiterhin das Kohlenfeuer.

≫Einer dort oben namens Agustín sagt, er stirbt vor Langeweile≪, sagte Robert Jordan.

≫Davon stirbt man nicht≪, sagte Pablo. ≫Laß ihn ein wenig sterben.≪

≫Habt ihr Wein?≪ Robert Jordan richtete diese Frage an die ganze Tischgesellschaft. Er beugte sich ein wenig vor, die Hände auf den Tisch gestützt.

≫Es ist nur noch wenig da≪, sagte Pablo mürrisch.

Robert Jordan hielt es für das beste, einen Blick auf die drei anderen zu werfen, um möglicherweise festzustellen, woran er sei.

≫Dann möchte ich eine Tasse Wasser haben. Du!≪ rief er dem Mädchen zu. ≫Bring mir eine Tasse Wasser.≪

Das Mädchen schaute die Frau an, die kein Wort sagte und sich nicht anmerken ließ, ob sie überhaupt etwas gehört habe, dann ging sie zu einem Kessel mit Wasser und füllte eine Tasse, die sie an den Tisch brachte und vor Robert Jordan hinstellte. Er lächelte ihr zu. Gleichzeitig aber zog er die Bauchmuskeln ein und machte eine kleine Wendung nach links, so daß die Pistole an seinem Gürtel näher dorthin rutschte, wo er sie haben wollte. Er langte mit der Hand in die Hüfttasche, und Pablo beobachtete ihn. Er wußte, daß auch die anderen ihn beobachteten, aber er selbst beobachtete nur Pablo. Er holte die lederbezogene Flasche aus der Tasche, schraubte den Deckel ab, nahm die Tasse, trank sie halb leer und goß dann sehr langsam etwas von dem Inhalt der Flasche in die Tasse.

≫Für dich ist das zu stark, sonst würde ich dir etwas davon abgeben≪, sagte er zu Maria und lächelte sie wieder an. Dann sagte er zu Pablo: ≫Es ist nur noch wenig da, sonst würde ich dir etwas davon anbieten.≪

≫Ich mag Anis nicht≪, sagte Pablo.

Der scharfe Geruch hatte sich über den ganzen Tisch verbreitet, und diese eine Ingredienz war Pablo bekannt.

≫Gut≪, sagte Robert Jordan. ≫Weil nur noch sehr wenig da ist.≪

≫Was ist das für ein Getränk?≪ fragte der Zigeuner.

≫Eine Medizin≪, sagte Robert Jordan. ≫Willst du kosten?≪

≫Wofür?≪

≫Für alles≪, antwortete Robert Jordan. ≫Sie heilt alles. Wenn dir irgendwas fehlt, hilft dir diese Medizin.≪

≫Laß mich kosten≪, sagte der Zigeuner.

Robert Jordan schob ihm die Tasse hin. Die Mischung war von einem milchigen Gelb. Er hoffte, der Zigeuner würde nicht mehr als einen Schluck nehmen. Es war nur noch sehr wenig davon übrig, und eine einzige Tasse ersetzte ihm die Abendzeitung, alle die schönen Abende im Café, alle die Kastanienbäume, die wohl jetzt schon in Blüte standen, die plumpen, schwerfälligen Gäule auf den äußeren Boulevards, die Bücherläden, die Kioske und Galerien, den Parc Montsouris, das Stade Buffalo, die Buttes Chaumont, die Guaranty Trust Company und die Île de la Cité, Foyots altes Hotel, und daß man abends lesen kann und sich entspannen, alles, was ihm einmal Freude gemacht und was er vergessen hatte und was ihm wieder einfiel, wenn er von diesem trüben, bitteren, die Zunge lähmenden, Hirn und Magen wärmenden, die Gedanken ablenkenden Alchimistentrunk kostete.

Der Zigeuner verzog das Gesicht und reichte die Tasse zurück. ≫Es riecht nach Anis, aber es ist bitter wie Galle≪, sagte er. ≫Lieber krank sein, als diese Medizin nehmen.≪

≫Das ist der Wermut≪, sagte Robert Jordan. ≫Der echte Absinth enthält Wermut. Man sagt, er erzeugt Gehirnfäule, aber das glaube ich nicht. Man kommt bloß auf andere Gedanken. Eigentlich soll man ganz langsam das Wasser in den Absinth gießen, tropfenweise. Ich aber habe den Absinth ins Wasser gegossen.≪

≫Was sagst du da?≪ fragte Pablo ärgerlich. Er fühlte den Spott.

≫Ich beschreibe die Medizin≪, erwiderte Robert Jordan grinsend. ≫Ich habe sie in Madrid gekauft. Es war die letzte Flasche, und sie hat nun schon drei Wochen gereicht.≪ Er nahm einen großen Schluck und fühlte, wie die Flüssigkeit köstlich betäubend über seine Zunge rann. Er blickte Pablo an und grinste abermals.

≫Wie stehen die Geschäfte?≪ fragte er.

Pablo gab keine Antwort, und Robert Jordan betrachtete aufmerksam die drei anderen Männer am Tisch. Der eine hatte ein breites, plattes Gesicht, platt und braun wie ein SerranoSchinken, mit einer abgeplatteten und gebrochenen Nase, und die lange, dünne russische Zigarette, die schief in seinem Mundwinkel hing, ließ das Gesicht noch platter erscheinen. Dieser Mann hatte kurzgeschnittenes graues Haar und einen grauen Stoppelbart, und er trug den üblichen schwarzen, am Hals zugeknöpften Kittel. Als Robert Jordan ihn ansah, senkte er den Blick, aber sein Blick war fest, und er zuckte nicht mit den Wimpern. Die beiden anderen waren offenbar Brüder. Sie sahen einander sehr ähnlich und waren beide untersetzt, stämmig, schwarzhaarig, das Haar tief in die Stirn gewachsen, dunkeläugig und braungebrannt. Der eine hatte über dem linken Auge quer über die Stirn eine Narbe, und als Robert Jordan die beiden ansah, erwiderten sie ruhig seinen Blick. Den einen schätzte er auf etwa sechs- bis achtundzwanzig, der andere mochte zwei Jahre älter sein. ≫Was schaust du so?≪ fragte der mit der Narbe.

≫Ich schaue dich an≪, sagte Robert Jordan.

≫Siehst du was Besonderes an mir?≪

≫Nein≪, sagte Robert Jordan. ≫Zigarette?≪

≫Warum nicht?≪ sagte der Mann. Er hatte zuvor keine Zigarette genommen. ≫Das sind solche, wie sie der andere hatte. Der am Zug.≪ — ≫Warst du mit dabei?≪

≫Wir waren alle mit dabei≪, erwiderte der Mann gelassen. ≫Alle, bis auf den Alten.≪

≫Und so etwas sollten wir uns jetzt wieder vornehmen≪, sagte Pablo. ≫Einen Zug!≪

≫Warum nicht?≪ sagte Robert Jordan. ≫Nach der Brücke.≪

Er merkte jetzt, daß Pablos Weib sich vom Herdfeuer abgewendet hatte und zuhörte. Als das Wort ≫Brücke≪ fiel, schwiegen alle.

≫Nach der Brücke≪, wiederholte er absichtlich und nahm einen Schluck Absinth. Warum nicht gleich damit anfangen? dachte er. Es läßt sich doch nicht umgehen.

≫Ich will mit der Brücke nichts zu tun haben≪, sagte Pablo mit gesenktem Blick. ≫Weder ich noch meine Leute.≪

Robert Jordan sagte nichts. Er sah Anselmo an und hob die Tasse. ≫Dann machen wir’s alleine, Alter≪, sagte er lächelnd.

≫Ohne diesen Feigling≪, sagte Anselmo.

≫Was hast du gesagt?≪ sagte Pablo zu dem Alten.

≫Zu dir gar nichts. Ich habe nicht mit dir geredet.≪

Robert Jordans Blick wanderte nun am Tisch vorbei zu Pablos Frau, die neben dem Herd stand. Sie hatte bisher kein Wort geredet und auf nichts reagiert. Jetzt aber sagte sie zu dem Mädchen ein paar Worte, die er nicht hören konnte, und das Mädchen erhob sich vom Herdfeuer, glitt die Wand entlang, lüftete die Decke, die vor dem Eingang der Höhle hing, und ging hinaus. Ich glaube, jetzt geht’s los, dachte Robert Jordan. Ich glaube, jetzt haben wir’s. Ich wollte es so nicht haben, aber so scheint es nun mal zu sein.

≫Dann werden wir die Brücke ohne deine Hilfe erledigen≪, sagte Robert Jordan zu Pablo.

≫Nein≪, erwiderte Pablo, und Robert Jordan sah die Schweißtropfen auf seiner Stirn. ≫Du wirst mir hier keine Brücke sprengen.≪

≫Nein?≪

≫Du wirst mir keine Brücke sprengen≪, wiederholte Pablo mit Nachdruck.

≫Und du?≪ Robert Jordan sprach zu Pablos Weib, die still und mächtig neben dem Feuer stand. Sie wandte sich den Männern zu und sagte: ≫Ich bin für die Brücke!≪ Der Feuerschein beleuchtete ihr Gesicht, es war leicht gerötet, schimmerte warm und dunkel und hübsch im Feuerschein, wie es beabsichtigt war.

≫Was sagst du?≪ sagte Pablo zu ihr, und als er den Kopf wandte, sah Robert Jordan seine enttäuschte Miene und den Schweiß auf seiner Stirn.

≫Ich bin für die Brücke und gegen dich≪, sagte Pablos Weib. ≫Weiter nichts.≪

≫Auch ich bin für die Brücke≪, sagte der Mann mit dem platten Gesicht und der gebrochenen Nase und drückte den Stummel der Zigarette auf der Tischplatte aus.

≫Mir ist die Brücke ganz egal≪, sagte einer der Brüder. ≫Ich bin für die mujer von Pablo.≪

≫Ebenfalls≪, sagte der andere Bruder.

≫Ebenfalls≪, sagte der Zigeuner.

Robert Jordan beobachtete Pablo, und seine rechte Hand tastete sich allmählich immer tiefer, um bereit zu sein, falls es nötig sein würde, halb in der Hoffnung, es würde nötig sein (in dem Gefühl vielleicht, daß das das Einfachste und Bequemste wäre, obwohl er nicht verderben wollte, was so gut begonnen hatte, denn er wußte, wie schnell eine Familie, ein Clan, eine Bande sich im Streit gegen den Fremden kehren kann, aber zugleich überlegend, daß das, was seine Hand ausrichten könnte, jetzt, da das alles passiert war, vielleicht das Einfachste und Beste und chirurgisch Gesündeste wäre), und er sah zugleich Pablos Weib dastehen und erröten, stolz, brav, ehrlich, als sie hörte, wie die Männer sich zu ihr bekannten.

≫Ich bin für die Republik≪, sagte Pablos Frau zufrieden. ≫Und die Republik ist die Brücke. Nachher haben wir Zeit für andere Pläne.≪

≫Und du!≪ sagte Pablo erbittert. ≫Du mit dem Kopf eines Zuchtstiers und dem Herz einer Hure! Du glaubst, es wird ein Nachher geben, wenn die Brücke vorbei ist? Du hast eine Ahnung, was passieren wird.≪

≫Was passieren muß≪, sagte Pablos Weib. ≫Was passieren muß, wird passieren.≪

≫Und es macht dir nichts aus, dich wie ein Vieh hetzen zu lassen, wegen dieser Geschichte, die uns gar nichts einbringt? Oder dabei zu krepieren?≪

≫Nichts≪, sagte Pablos Weib. ≫Und versuch nicht, mich zu schrecken, du Feigling.≪

≫Feigling≪, sagte Pablo bitter. ≫Für euch ist jeder ein Feigling, der etwas von Taktik versteht. Der im voraus kennt, wohin eine dumme Sache führt. Man ist nicht feige, wenn man weiß, was dumm ist.≪

≫Und man ist nicht dumm, wenn man weiß, was feige ist≪, sagte Anselmo. Er konnte der Versuchung nicht widerstehen, diesen Satz zu formulieren.

≫Willst du sterben?≪ fragte Pablo ernst, und Robert Jordan merkte, daß das keineswegs nur eine rhetorische Frage war.

≫Nein.≪

≫Dann hüte deine Zunge. Du redest zuviel über Dinge, die du nicht verstehst. Begreifst du denn nicht, daß das ernst ist?≪ sagte er in fast jammerndem Ton. ≫Bin ich der einzige, der begreift, wie ernst das ist?≪

Sehr wahrscheinlich, dachte Robert Jordan. Sehr wahrscheinlich, Pablo, alter Knabe. Außer mir. Du begreifst es, und ich begreife es, und die Frau hat es in meiner Hand gelesen, aber sie begreift es noch nicht. Noch begreift sie es nicht.

≫Bin ich umsonst euer Führer?≪ fragte Pablo. ≫Ich weiß, was ich rede. Ihr wißt es nicht. Der Alte da schwatzt dummes Zeug. Er ist ein alter Mann, weiter nichts als ein Botengänger und ein Führer für die Fremden. Dieser Fremde ist hierher gekommen, um etwas für die Fremden Nützliches zu tun. Zu seinem Nutzen sollen wir uns opfern. Ich bin für das, was allen nützt und Sicherheit bringt.≪

≫Sicherheit≪, sagte Pablos Weib. ≫So etwas gibt es gar nicht. Hier laufen jetzt so viele herum, die Sicherheit suchen, daß sie schon eine große Gefahr sind. Wenn du jetzt Sicherheit suchst, wirst du alles verlieren.≪

Sie stand am Tisch, einen großen Löffel in der Hand.

≫Es gibt Sicherheit≪, sagte Pablo. ≫In der Gefahr ist man sicher, wenn man die Chancen einzuschätzen weiß. Ein Stierkämpfer, der weiß, was er tut, riskiert gar nichts und ist in Sicherheit.≪

≫Bis er aufgespießt wird≪, sagte die Frau bitter. ≫Wie oft habe ich die Matadore so reden hören, bevor sie aufgespießt wurden. Wie oft habe ich Finito sagen hören, nur die Klugheit macht’s, und der Stier hat den Kerl gar nicht aufgespießt, sondern der Kerl hat sich selber auf dem Hörn des Stiers aufgespießt. Immer reden sie so daher, in ihrem Hochmut, bevor sie aufgespießt werden. Nachher besuchen wir sie im Spital.≪ Nun spielte sie den Besuch am Krankenlager. ≫Hallo, alter Freund, hallo!≪ rief sie mit ihrer dröhnenden Stimme. Dann imitierte sie das leise Geflüster des verwundeten Stierkämpfers: ≫Buenas, compadre. Wie geht’s, Pilar?≪ Mit ihrer natürlichen Stimme: ≫Wie ist denn das passiert, Finito, Chico, wie ist dir denn dieser scheußliche Unfall passiert?≪ Dann mit leiser, schwacher Stimme: ≫Es ist weiter nichts, Weib. Pilar, es ist nichts. Es hätte nicht passieren dürfen. Ich habe ihn sehr schön getötet, verstehst du. Keiner hätte ihn schöner töten können. Dann, als ich ihn getötet hatte, genau wie sich’s gehörte, und er war richtig tot, da wackelte er auf den Beinen und wäre gleich von seinem eigenen Gewicht hingefallen, da ging ich von ihm weg, mit einem bißchen Arroganz und viel Haltung, und da stößt er mir von hinten das Horn zwischen die Hinterbacken, daß es bei der Leber wieder rauskommt.≪ Sie begann zu lachen, hörte auf, die fast weichliche Stimme des Stierkämpfers zu imitieren, und fuhr mit ihrer dröhnenden Stimme fort: ≫Du mit deiner Sicherheit! Habe ich neun Jahre lang mit drei von den schlechtest bezahlten Matadoren der Welt gelebt, um nicht zu wissen, was Furcht ist und was Sicherheit? Sprich, wovon du willst, nur nicht von Sicherheit. Und du! Was für Illusionen ich mir über dich gemacht habe, und was aus ihnen geworden ist! Nach einem Jahr Krieg bist du ein Faulenzer geworden, ein Säufer und ein Feigling.≪

≫Du hast kein Recht, so zu sprechen≪, sagte Pablo. ≫Und schon gar nicht vor den Leuten und einem Fremden.≪

≫Ich will so sprechen≪, sagte Pablos Weib. ≫Hast du mich gehört? Glaubst du immer noch, daß du hier befiehlst?≪

≫Ja≪, sagte Pablo. ≫Hier befehle ich.≪

≫Nicht mal im Scherz!≪ sagte die Frau. ≫Hier befehle ich! Hast du nicht la gente gehört? Hier befiehlt keiner außer mir. Du kannst bleiben, wenn du willst, und mitessen und mittrinken, aber nicht so verdammt viel, du kannst mitarbeiten, wenn du willst. Aber befehlen tue ich.≪

≫Ich sollte dich und den Fremden übern Haufen schießen, euch alle beide≪, sagte Pablo mürrisch.

≫Versuch’s≪, sagte die Frau. ≫Du wirst ja sehen, was dann geschieht.≪

≫Kann ich eine Tasse Wasser haben?≪ sagte Robert Jordan. Er wandte kein Auge von dem Mann mit dem finsteren, fleischigen Gesicht und von der Frau, die in stolzer Haltung dastand und den großen Löffel so gebieterisch in Händen hielt, als wär’s ein Marschallstab.

≫Maria≪, rief Pablos Weib, und als das Mädchen im Eingang erschien, ≫Wasser für diesen Genossen.≪

Robert Jordan griff nach der Hüfttasche, und indem er sie hervorholte, lockerte er die Pistole im Futteral und schwenkte das Futteral mit einem Ruck auf den linken Schenkel. Dann goß er einen zweiten Absinth in seine Tasse, nahm die Tasse mit Wasser, die das Mädchen ihm brachte, und träufelte das Wasser in den Absinth, immer nur ganz wenig. Das Mädchen stand neben ihm und schaute zu.

≫Hinaus!≪ sagte Pablos Weib zu ihr, mit dem Löffel deutend. ≫Es ist kalt draußen≪, sagte das Mädchen. Ihre Wange war dicht an Robert Jordans Wange, sie beobachtete, was in der Tasse vorging, wie die Flüssigkeit sich trübte.

≫Vielleicht≪, sagte Pablos Weib. ≫Aber hier drin ist es zu heiß.≪ Dann fügte sie freundlich hinzu: ≫Es ist nicht für lange.≪

Das Mädchen schüttelte den Kopf und ging hinaus.

Ich glaube nicht, daß er sich das noch lange gefallen läßt, dachte Robert Jordan. In der einen Hand hielt er die Tasse, die andere ruhte, gar nicht heimlich mehr, auf der Pistole. Er hatte die Waffe entsichert, und tröstlich war die altgewohnte Berührung mit dem fast glattgescheuerten, gerippten Griff, tröstlich die runde, kühle Kameradschaft des Abzugsbügels. Pablo starrte nur noch seine Frau an. Sie fuhr fort: ≫Schau mich an, du Säufer! Du weißt jetzt, wer hier befiehlt?≪

≫Ich befehle.≪

≫Nein. Hör zu. Nimm das Wachs aus deinen haarigen Ohren. Hör gut zu. Ich befehle.≪

Pablo sah sie an, und seine Miene verriet nicht, was er dachte. Er sah sie sehr bedachtsam an, und dann wanderte sein Blick über den Tisch weg zu Robert Jordan. Lange betrachtete er ihn, sehr nachdenklich, dann kehrte sein Blick wieder zu der Frau zurück.

≫Gut. Du befiehlst≪, sagte er. ≫Und wenn du willst, kann auch er befehlen. Und ihr könnt beide zum Teufel gehen.≪ Er schaute ihr voll ins Gesicht. Er schien sich weder ducken zu wollen noch schien er sonderlich berührt zu sein. ≫Möglich, daß ich faul bin und daß ich zuviel saufe. Du kannst mich auch für einen Feigling halten, aber da irrst du dich. Aber auf jeden Fall bin ich nicht dumm.≪ Er machte eine Pause. ≫Auf daß du befehlen sollst, und auf daß es dir Spaß machen soll! Und wenn du nicht nur Befehlshaber, sondern auch ein Weib bist, wollen wir was zu essen haben.≪

≫Maria!≪ rief Pablos Weib. Das Mädchen steckte den Kopf zum Eingang der Höhle herein.

≫Komm jetzt herein und stell das Essen auf den Tisch.≪

Das Mädchen trat ein, ging zu dem niedrigen Tisch neben dem Herd, nahm die emaillierten Schüsseln und trug sie zum Tisch.

≫Es ist Wein genug da für alle≪, sagte Pablos Weib zu Robert Jordan. ≫Achte nicht auf das, was dieser Saufbold sagt. Wenn der hier alle ist, holen wir frischen. Trink das sonderbare Zeug aus, das du da trinkst, und nimm eine Tasse Wein.≪

Robert Jordan goß den Rest des Absinths hinunter. Er fühlte, wie dieser hastige Schluck eine kleine, dampfende, feuchte, chemisch aktive Wärme in ihm erzeugte, und dann schob er die Tasse dem Mädchen hin, die sie lächelnd mit Wein füllte.

≫Hast du nun die Brücke gesehen?≪ fragte der Zigeuner. Die anderen, die nach ihrem Frontwechsel den Mund nicht mehr aufgemacht hatten, beugten sich nun vor, um zuzuhören.

≫Ja≪, sagte Robert Jordan. ≫Es ist ganz leicht. Soll ich es euch zeigen?≪

≫Ja, Mann. Es interessiert uns sehr.≪

Robert Jordan holte das Notizbuch aus der Hemdtasche und zeigte ihnen die Skizzen.

≫Schau, wie das aussieht!≪ sagte der Plattgesichtige. Er hieß Primitivo. ≫Es ist die Brücke selbst.≪

Robert Jordan demonstrierte nun mit der Spitze des Bleistifts, wie man es anzustellen habe, um die Brücke in die Luft zu sprengen, und warum die Ladungen so und nicht anders placiert werden müssen.

≫Welche Einfachheit!≪ sagte der Bruder mit dem Narbengesicht. Er hieß Andrés. ≫Und wie bringst du sie zum Explodieren?≪

Auch das erklärte ihnen Robert Jordan, und während er es ihnen zeigte, fühlte er des Mädchens Arm auf seiner Schulter ruhen. Auch Pablos Weib schaute aufmerksam zu. Nur Pablo selbst blieb völlig teilnahmslos. Er saß ganz allein da, vor einer Tasse Wein, die er von Zeit zu Zeit in den großen Napf tauchte, welchen Maria aus dem Weinschlauch gefüllt hatte, der links neben dem Eingang der Höhle hing.

≫Hast du so etwas schon oft gemacht?≪ fragte das Mädchen Robert Jordan mit leiser Stimme.

≫Ja.≪

≫Und können wir sehen, wie es gemacht wird?≪

≫Ja. Warum nicht?≪

≫Du wirst es schon sehen≪, sagte Pablo vom anderen Ende des Tisches her. ≫Ich bin überzeugt, du wirst es sehen.≪

≫Halt’s Maul!≪ sagte Pablos Weib, und da ihr plötzlich einfiel, was sie am Nachmittag in Jordans Hand gelesen hatte, überkam sie mit einem Male ein wilder, sinnloser Zorn.

≫Halt’s Maul, du Feigling! Halt’s Maul, du Unglücksvogel! Halt’s Maul, du Mörder!≪

≫Gut≪, sagte Pablo. ≫Ich halt’s Maul. Du bist es jetzt, die befiehlt. Schaut euch nur weiter die hübschen Bildchen an. Aber vergiß nicht, ich bin nicht dumm.≪

Pablos Weib fühlte, wie ihr Zorn sich in Trauer verwandelte, in ein Gefühl enttäuschter Hoffnung, enttäuschter Versprechungen. Sie kannte dieses Gefühl aus ihrer Jugendzeit, und sie wußte, was das für Dinge waren, die ihr Leben lang, stets von neuem, dieses selbe Gefühl in ihr erzeugt hatten. Nun kam es plötzlich über sie, und sie schob es von sich weg und wollte nicht zulassen, daß es sie anrühre, weder sie noch die Republik, und sie sagte: ≫Jetzt wollen wir essen. Füll die Schüsseln aus dem Topf!≪

V

Robert Jordan schob die Satteldecke beiseite, die vor dem Eingang der Höhle hing, er trat hinaus und atmete tief die kalte Nachtluft ein. Der Nebel hatte sich gelichtet, und die Sterne standen am Himmel. Es war windstill, und nun, entronnen der heißen Luft in der Höhle, die schwer war vom Rauch des Tabaks und der Holzkohlen, schwer vom Geruch des gekochten Fleisches und Reises, des Safrans, des Nelkenpfeffers und Öls, vom teerigen, weingetränkten Geruch des großen Schlauchs, der am Eingang hing, am Halse hängend und die vier Beine gespreizt, und Wein aus einem Spund gezapft, der in dem einen Bein steckt, Wein, ein wenig auf dem Erdboden verschüttet, den Staubgeruch verdrängend — entronnen jetzt den Düften der vielen Kräuter, deren Namen er nicht kannte, die in Büscheln von der Decke hingen, neben langen Schnüren Knoblauch, fern von dem Rotwein und Knoblauch, Pferdeschweiß und Menschenschweiß, der in die Kleider eingebeizt ist (scharf und grau der Menschenschweiß, süßlich und ekelerregend der getrocknete, abgestreifte Schaum des Pferdeschweißes), fern von den Männern am Tisch atmete Robert Jordan tief die reine Nachtluft der Berge, die nach Kiefern roch und nach dem Tau auf dem Gras der Wiesen neben dem Fluß. Viel Tau war gefallen, seit der Wind sich gelegt hatte, aber Robert Jordan dachte, morgen früh werde es Frost geben.

Wie er so dastand, tief atmend und in die Nacht hineinhorchend, hörte er zuerst in der Ferne einen Schuß und dann einen Eulenschrei im Wald zu seinen Füßen, aus der Richtung des Pferdepferchs. Dann fing drinnen in der Höhle der Zigeuner zu singen an, zu den Klängen einer Gitarre.

≫Ein Erbe hat mir mein Vater vererbt…≪

Die gekünstelt harte Stimme stieg grell empor und hing in der Luft.

≫Den ganzen Mond und die Sonne,

Und zieh ich auch durch die ganze Welt,

Ich kann es nicht vergeuden.≪

Dumpfe Gitarrenakkorde applaudierten dem Sänger. ≫Gut≪, hörte Robert Jordan eine Stimme sagen. ≫Sing uns den Katalanen, Zigeuner.≪

≫Nein.≪

≫Ja, den Katalanen.≪

≫Also gut≪, sagte der Zigeuner und begann in trübseligem Ton zu singen:

≫Meine Nase ist platt,

Mein Gesicht ist schwarz.

Und trotzdem bin ich ein Mann.≪

≫¡Olé!≪ sagte jemand. ≫Weiter, Zigeuner!≪ Die Stimme des Zigeuners stieg tragisch und spottend empor.

≫Gott sei Dank, daß ich ein Neger bin,

Und nicht ein Katalan!≪

≫So viel Lärm!≪ sagte Pablos Stimme. ≫Halt’s Maul.≪

≫Ja≪, ertönte die Stimme der Frau. ≫Viel zuviel Lärm. Mit dieser Stimme kannst du die guardia civil herbeilocken, und trotzdem taugt sie nichts.≪

≫Ich weiß noch eine Strophe≪, sagte der Zigeuner, und die Gitarre setzte ein.

≫Schenk sie dir!≪ sagte die Frau.

Die Gitarre verstummte.

≫Ich bin heute nicht gut bei Stimme, also versäumt ihr nichts≪, sagte der Zigeuner. Dann schob er die Decke beiseite und trat in die Nacht hinaus.

Robert Jordan sah, wie er zu einem Baum hinüberging und dann auf ihn zukam.

≫Roberto≪, sagte der Zigeuner leise.

≫Ja.≪

Robert Jordan merkte an der Stimme, daß der Mann nicht ganz nüchtern war. Er selbst hatte die beiden Absinthe getrunken und etwas Wein, aber sein Kopf war klar und kalt geblieben, dank dem harten Rencontre mit Pablo.

≫Warum hast du Pablo nicht getötet?≪ fragte der Zigeuner ganz leise.

≫Warum sollte ich ihn töten?≪

≫Früher oder später mußt du ihn töten. Warum hast du nicht die Gelegenheit benützt?≪

≫Meinst du das im Ernst?≪

≫Was glaubst du denn, worauf sie alle gewartet haben? Was glaubst du denn, warum das Weib die Kleine weggeschickt hat? Glaubst du, das kann alles jetzt so weitergehen wie vorher?≪

≫Tötet ihn doch selbst!≪

≫¡Qué va!≪ sagte der Zigeuner ruhig. ≫Das ist deine Sache. Drei- oder viermal erwarteten wir, daß du ihn umbringst. Pablo hat keine Freunde.≪

≫Ich habe daran gedacht≪, sagte Robert Jordan. ≫Aber ich habe es sein lassen.≪

≫Ja, das haben wohl alle gesehen. Alle haben deine Vorbereitungen gesehen. Warum hast du es nicht gemacht?≪

≫Ich dachte, es könnte euch oder der Frau lästig sein.≪

≫¡Qué va! Und sie wartet, wie eine Hure wartet, bis der große Vogel geflogen kommt. Du bist jünger, als du aussiehst.≪

≫Möglich.≪

≫Töte ihn jetzt≪, sagte der Zigeuner.

≫Das wäre Mord.≪

≫Um so besser!≪ sagte der Zigeuner ganz leise. ≫Weniger gefährlich. Los. Töte ihn jetzt.≪

≫So etwas bringe ich nicht über mich. Das ist mir widerwärtig, und so handelt man nicht, wenn man der Sache dienen will.≪

≫Dann provoziere ihn. Aber du mußt ihn töten. Es läßt sich nicht vermeiden.≪

Während sie redeten, flog die Eule auf ihrem Jagdflug zwischen den Stämmen umher, weich wie das Schweigen, segelte auf und nieder mit raschem Flügelschlag, lautlos das Gefieder bewegend.

≫Schau sie dir an!≪ sagte der Zigeuner im Dunkeln. ≫So sollten die Menschen sich bewegen.≪

≫Und am Tag blind in einem Baum sitzen, von Krähen umzingelt≪, sagte Robert Jordan.

≫Das passiert selten≪, sagte der Zigeuner. ≫Und dann ist es ein Zufall. Töte ihn!≪ fuhr er fort. ≫Warte nicht, bis es schwierig wird.≪

≫Der günstige Augenblick ist vorbei.≪

≫Provoziere≪, sagte der Zigeuner. ≫Oder benütze die Stille der Nacht.≪

Die Decke, die den Höhleneingang verschloß, wurde zurückgeschlagen, und ein heller Lichtschein fiel heraus. Jemand kam auf die beiden zu.

≫Eine schöne Nacht≪, sagte der Mann mit schwerer, dumpfer Stimme. ≫Wir bekommen gutes Wetter.≪

Es war Pablo.

Er rauchte eine der russischen Zigaretten, und im Schimmer der aufglimmenden Zigarette war sein rundes Gesicht zu sehen. Sie sahen auch im Sternenlicht seinen schweren, langarmigen Körper.

≫Achte nicht auf das Weib!≪ sagte er zu Robert Jordan. Im Dunkeln glühte hell das Ende der Zigarette, dann sah man sie zwischen seinen Fingern, wie er sie aus dem Mund nahm. ≫Manchmal ist sie schwer zu behandeln. Sie ist eine brave Frau. Hält treu zur Republik.≪ Das Glimmlicht der Zigarette schwankte leicht hin und her, während er sprach. Er hat wohl die Zigarette im Mundwinkel, dachte Robert Jordan. ≫Wozu Schwierigkeiten? Wir sind uns einig. Ich bin froh über dein Kommen.≪ Die Zigarette schimmerte hell. ≫Achte nicht auf Zänkereien!≪ sagte er. ≫Du bist hier sehr willkommen.≪

Dann sagte er: ≫Entschuldige mich jetzt. Ich will nachsehen, wie sie die Pferde angepflockt haben.≪

Er entfernte sich zwischen den Bäumen nach dem Rand der Lichtung hin, und sie hörten aus der Tiefe ein Pferd wiehern.

≫Siehst du?≪ sagte der Zigeuner. ≫Siehst du es jetzt? So ist die Gelegenheit wieder entschlüpft.≪

Robert Jordan schwieg.

≫Ich gehe hinunter≪, sagte der Zigeuner zornig.

≫Wozu?≪

≫Qué va, wozu? Um wenigstens zu verhindern, daß er durchbrennt.≪

≫Kann er von dort unten zu Pferd entwischen?≪

≫Nein.≪

≫Dann stell dich oben hin, wo es Zweck hat.≪

≫Dort steht Agustín.≪ ≫Dann geh und sprich mit Agustín. Erzähle ihm, was geschehen ist.≪

≫Agustín wird ihn mit Vergnügen töten.≪

≫Nicht übel≪, sagte Robert Jordan. ≫Dann geh hinauf und erzähle ihm alles.≪

≫Und dann?≪

≫Ich gehe zur Lichtung hinunter.≪

≫Gut, Mann, gut.≪ Er konnte Rafaels Gesicht im Finstern nicht sehen, aber er fühlte Rafaels Lächeln. ≫Jetzt hast du deine Lenden gegürtet≪, sagte der Zigeuner beifällig.

≫Geh zu Agustín≪, wiederholte Robert Jordan.

≫Ja, Roberto, ja≪, sagte der Zigeuner.

Robert Jordan tastete sich von Baum zu Baum bis an den Rand der Wiese. Das Licht der Sterne ruhte über der Lichtung, und Robert Jordan sah die dunklen Umrisse der angepflockten Gäule. Er zählte sie, wie sie verstreut zwischen ihm und dem Bach grasten. Fünf. Dann setzte er sich an den Fuß einer Kiefer und behielt die Wiese im Auge.

Ich bin müde, dachte er, und vielleicht ist mein Urteil nicht richtig. Aber für mich gibt es nur eine Pflicht, die Brücke, und ich darf mich nicht unnütz in Gefahr bringen, bevor ich meine Pflicht erfüllt habe. Freilich ist es manchmal gefährlicher, einer Chance, die man eigentlich ausnützen müßte, aus dem Wege zu gehen, aber bisher habe ich es immer so gehalten und stets versucht, den Dingen ihren Lauf zu lassen. Wenn es stimmt, was der Zigeuner sagt, daß sie von mir erwarteten, ich würde Pablo töten, dann hätte ich es tun müssen. Aber das war mir nicht klar. Schlimm für einen Fremden, wenn er zur Waffe greifen muß, unter Menschen, mit denen er nachher arbeiten soll. Im Kampf selbst kann man so etwas tun, oder auch dann, wenn man genügend disziplinierte Leute hinter sich hat, aber in diesem Falle, glaube ich, wäre es falsch gewesen, obgleich die Versuchung groß war und die Prozedur anscheinend sehr kurz und einfach. Aber ich glaube nicht, daß irgend etwas in diesem Lande so kurz oder so einfach sein kann, und obwohl ich zu der Frau völliges Vertrauen habe, weiß ich nicht recht, wie sie auf eine so drastische Handlungsweise reagieren würde. Ein Sterbender an einem solchen Ort kann sehr häßlich, schmutzig und abstoßend wirken. Man weiß nicht, wie sie reagieren würde. Ohne die Frau aber habe ich weder Organisation noch Disziplin, und habe ich die Frau auf meiner Seite, dann kann alles noch gut gehen. Es wäre ideal, wenn sie oder der Zigeuner (aber der wird es nicht tun) oder der Wachtposten Agustín ihn umbringen würde. Anselmo würde es tun, wenn ich es von ihm verlangte, obwohl er behauptet, daß er gegen jedes Töten ist. Ich glaube, er haßt ihn, und er hat bereits Vertrauen zu mir und sieht in mir den Vertreter dessen, woran er glaubt. Soviel ich sehen kann, glauben nur er und die Frau wirklich an die Republik, aber es ist noch zu früh, um das genau festzustellen.

Als seine Augen sich an das Sternenlicht gewöhnten, sah er Pablo neben einem der Pferde stehen. Das Pferd hob den Kopf, ließ ihn dann ungeduldig wieder sinken. Pablo stand neben dem Gaul, lehnte sich an ihn an, folgte seinen Bewegungen, die das lange Pflockseil regierte, und tätschelte ihn auf den Hals. Seine Zärtlichkeiten machten das grasende Tier ungeduldig. Robert Jordan konnte nicht sehen, was Pablo machte, und nicht hören, was er zu dem Pferd sagte, aber er sah, daß er das Pferd weder lospflockte noch sattelte. Er saß da und beobachtete ihn und bemühte sich, sein Problem gründlich zu durchdenken.

≫Du mein großes, braves Pferdchen≪, sagte Pablo zu dem Gaul in der Dunkelheit. Es war der große braune Hengst, zu dem er sprach. ≫Du reizende, weißstirnige, große Schönheit. Du mit dem langen Hals, der sich wölbt wie der Viadukt in meinem pueblo… aber viel schöner gewölbt ist und viel feiner.≪ Der Gaul rupfte Gras, der Kopf schwang zur Seite, während die Zähne das Gras rupften, der Mann und sein Gerede waren ihm lästig. ≫Du bist kein Weib und auch kein Dummkopf≪, sagte Pablo zu dem Braunen. ≫Du, o du, du mein großes Pferdchen. Du bist kein Weib wie ein brennheißer Fels. Du bist nicht ein Fohlen von einem Mädchen mit geschorenem Kopf und dem Getue eines Fohlens, das noch feucht ist von der Mutter. Du beleidigst niemanden und lügst nicht und bist nicht unverständig. Du, o du, o mein braves, großes Pferdchen.≪

Es wäre für Robert Jordan sehr interessant gewesen, Pablos Gespräch mit dem Braunen zu belauschen, aber er hörte seine Worte nicht, denn nun, da er überzeugt war, daß Pablo nur seine Pferde zähle und daß es nicht praktisch wäre, ihn jetzt zu töten, stand er auf und ging zu der Höhle zurück. Lange blieb Pablo auf der Wiese und redete mit dem Pferd. Das Pferd verstand nicht, was er zu ihm sagte, es merkte nur am Ton der Stimme, daß es Zärtlichkeiten waren, und es war den ganzen Tag im Pferch gewesen und war jetzt hungrig und graste ungeduldig am straff gespannten Seil, und der Mann war ihm lästig. Schließlich steckte Pablo den Pflock um und stand schweigend neben dem Pferd. Der Gaul graste weiter und war nun zufrieden, weil der Mann ihn nicht länger belästigte.

VI

Drinnen in der Höhle saß Robert Jordan auf einem der Lederschemel in einer Ecke neben dem Herd und hörte der Frau zu. Sie wusch das Geschirr, und das Mädchen Maria trocknete das Geschirr und stellte es weg und mußte niederknien, um es in die Höhlung in der Wand zu legen, die als Schrank diente.

≫Es ist sonderbar≪, sagte sie, ≫daß El Sordo nicht gekommen ist. Er sollte schon seit einer Stunde hier sein.≪

≫Hast du ihm sagen lassen, er soll kommen?≪

≫Nein. Er kommt jeden Abend.≪

≫Vielleicht hat er etwas zu tun. Arbeit.≪

≫Möglich≪, sagte sie. ≫Wenn er nicht kommt, müssen wir ihn morgen aufsuchen.≪

≫Ja. Ist es weit von hier?≪

≫Nein. Ein netter Spaziergang. Mir fehlt Bewegung.≪

≫Kann ich mitkommen?≪ fragte Maria. ≫Darf ich auch mitkommen, Pilar?≪

≫Ja, du Schöne≪, sagte die Frau, wandte dann ihr breites Gesicht Robert Jordan zu. ≫Ist sie nicht hübsch? Wie findest du sie? Ein bißchen mager?≪

≫Ich finde sie ganz richtig≪, sagte Robert Jordan.

Maria füllte seine Schale mit Wein. ≫Trink das. Dann werde ich noch besser aussehen. Man muß viel davon trinken, um mich schön zu finden.≪

≫Dann will ich lieber aufhören≪, sagte Robert Jordan. ≫Ich finde dich jetzt schon mehr als schön!≪

≫Das höre ich gern!≪ sagte die Frau. ≫Du redest wie die Richtigen. Was gefällt dir noch an ihr?≪

≫Ihre Klugheit≪, sagte Robert Jordan, aber es klang recht lahm. Maria kicherte, und die Frau schüttelte betrübt den Kopf.

≫Wie fein du begonnen hast, und wie es nun endet, Don Roberto!≪

≫Nenn mich nicht Don Roberto.≪

≫Nur im Scherz. Hier sagen wir im Scherz Don Pablo. So wie wir im Scherz Señorita Maria sagen.≪

≫Ich mag solche Scherze nicht≪, sagte Robert Jordan. ≫Camarada — das ist für mich in diesem Krieg der Name aller ernsten Dinge. Solche Scherze wirken korrumpierend.≪

≫Du machst aus deiner Politik eine Religion≪, spottete die Frau. ≫Kennst du keinen Spaß?≪

≫Ja. Ich liebe Späße, aber nicht solche Spaße. Camarada — das ist wie eine Fahne.≪

≫Ich könnte auch über eine Fahne Witze machen, über jede Fahne≪, sagte die Frau lachend. ≫Mir kann niemand etwas lächerlich machen. Zu der alten rotgelben Fahne sagten wir ‘Blut und Eiter’ und zu der Fahne der Republik mit dem roten Streifen: ‘Blut, Eiter und übermangansaures Kali.’ Ein Witz!≪

≫Er ist Kommunist≪, sagte Maria. ≫Das sind sehr ernste gente.≪

≫Bist du Kommunist?≪

≫Nein, ich bin Antifaschist.≪

≫Seit langem?≪

≫Seit ich weiß, was Faschismus ist.≪

≫Wie lange ist das her?≪

≫Fast zehn Jahre.≪

≫Das ist nicht lang≪, sagte die Frau. ≫Ich bin seit zwanzig Jahren Republikanerin.≪

≫Mein Vater war sein Leben lang Republikaner≪, sagte Maria. ≫Deshalb haben sie ihn erschossen.≪

≫Auch mein Vater war sein Leben lang Republikaner und ebenso mein Großvater≪, sagte Robert Jordan.

≫In welchem Land?≪

≫In den Vereinigten Staaten.≪

≫Hat man sie erschossen?≪

≫¡Qué va!≪ sagte Maria. ≫Die Vereinigten Staaten sind ein republikanisches Land, dort wird man nicht erschossen, weil man Republikaner ist.≪

≫Trotzdem ist es gut, einen Großvater zu haben, der Republikaner war≪, sagte die Frau. ≫Das zeugt von gutem Blut.≪

≫Mein Großvater saß im Nationalausschuß der Republikaner≪, sagte Robert Jordan. Das machte sogar auf Maria Eindruck.

≫Und ist dein Vater noch immer in der Republik tätig?≪ fragte Pilar.

≫Nein. Er ist tot.≪

≫Darf man fragen, wie er starb?≪

≫Er hat sich erschossen.≪

≫Um der Folter zu entgehen?≪ fragte die Frau. ≫Ja≪, sagte Robert Jordan. ≫Um der Folter zu entgehen.≪

Maria hatte Tränen in den Augen. ≫Mein Vater≪, sagte sie, ≫konnte keine Waffe finden. Oh, ich bin sehr froh, daß dein Vater das Glück hatte, eine Waffe zu finden.≪

≫Ja, es war ein ziemliches Glück≪, sagte Robert Jordan. ≫Sollten wir nicht von etwas anderem reden?≪

≫Dann sind wir beide gleich≪, sagte Maria. Sie legte die Hand auf seinen Arm und sah ihm ins Gesicht. Er betrachtete ihr braunes Gesicht und ihre Augen, die, seit er sie gesehen hatte, nie so jung gewesen waren wie das übrige Gesicht und die jetzt plötzlich voller Hunger waren und jung und verlangend.

≫Nach dem Aussehen könntet ihr Geschwister sein≪, sagte die Frau. ≫Aber es ist wohl ein Glück, daß ihr es nicht seid.≪

≫Jetzt weiß ich, warum ich so ein Gefühl hatte!≪ sagte Maria. ≫Jetzt ist es klar.≪

≫¡Qué va!≪ sagte Robert Jordan. Er streckte die Hand aus und strich ihr über den Kopf. Den ganzen Tag hatte er das tun wollen, und nun, da er es tat, fühlte er, wie seine Kehle sich zusammenzog. Sie bewegte den Kopf unter seiner Hand und blickte zu ihm empor, und er fühlte zwischen seinen Fingern das rauhe Gekräusel ihres dichten, aber seidigen Haars. Dann berührte seine Hand ihren Nacken, und dann ließ er die Hand sinken.

≫Noch einmal≪, sagte sie. ≫Den ganzen Tag habe ich mir das gewünscht.≪

≫Später≪, sagte Robert Jordan, und seine Stimme war heiser.

≫Und ich?≪ sagte Pablos Frau mit ihrer dröhnenden Stimme. ≫Ich soll einfach zuschauen? Mich soll das gar nicht rühren? Wie ist das möglich? Daß bloß Pablo zurückkäme — wenn schon nichts Besseres da ist.≪

Maria kümmerte sich weder um sie noch um die anderen, die am Tisch saßen und beim Kerzenlicht Karten spielten.

≫Willst du noch eine Tasse Wein, Roberto?≪ fragte sie.

≫Ja≪, sagte er. ≫Warum nicht?≪

≫Du wirst einen Säufer kriegen genauso wie ich≪, sagte Pablos Weib zu Maria. ≫Schon dieses sonderbare Zeug, das er aus der Tasse getrunken hat! Hör mich an, Inglés.≪

≫Nicht Inglés. Amerikaner.≪

≫Dann hör zu, Amerikaner! Wo gedenkst du zu schlafen?≪

≫Draußen. Ich habe einen Schlafsack.≪

≫Gut≪, sagte sie. ≫Die Nacht ist hell.≪

≫Und wird kalt werden.≪

≫Also draußen≪, sagte sie. ≫Schlaf draußen. Deine Sachen können bei mir schlafen.≪

≫Gut≪, sagte Robert Jordan.

≫Laß uns einen Augenblick allein≪, sagte er dann zu dem Mädchen und legte die Hand auf ihre Schulter.

≫Warum?≪

≫Ich möchte mit Pilar sprechen.≪

≫Muß ich gehen?≪

≫Ja.≪

≫Was willst du?≪ fragte Pablos Weib, nachdem das Mädchen zu dem Eingang der Höhle hinübergegangen war. Dort stand sie nun neben dem großen Weinschlauch und sah den Kartenspielern zu.

≫Der Zigeuner meint, ich hätte…≪

≫Nein≪, unterbrach ihn die Frau. ≫Er irrt sich.≪

≫Wenn es sein muß, daß ich…≪ sagte Robert Jordan mit erzwungener Ruhe.

≫Ich glaube, du hättest es getan≪, sagte die Frau. ≫Nein, es ist nicht nötig. Ich habe dich beobachtet, aber dein Urteil war richtig.≪

≫Aber wenn es nötig ist —≪

≫Nein≪, sagte die Frau. ≫Ich sage dir, es ist nicht nötig. Der Zigeuner hat ein verdorbenes Gemüt.≪

≫Aber ein Schwächling kann gefährlich werden.≪

≫Nein. Du verstehst das nicht. Dieser da ist ganz und gar nicht mehr imstande, gefährlich zu werden.≪

≫Ich verstehe das nicht.≪

≫Du bist noch sehr jung≪, sagte sie. ≫Du wirst es verstehen.≪

Dann zu dem Mädchen: ≫Komm, Maria. Wir sprechen nicht mehr.≪

Das Mädchen kam, Robert Jordan streckte die Hand aus und tätschelte ihren Kopf. Sie schmiegte sich unter seine Hand wie ein Kätzchen. Dann dachte er, sie würde zu weinen beginnen. Aber ihre Lippen strafften sich wieder, und sie blickte ihn an und lächelte.

≫Du tätest gut daran, jetzt schlafen zu gehen≪, sagte die Frau zu Robert Jordan. ≫Du hast einen langen Weg hinter dir.≪

≫Gut≪, sagte Robert Jordan. ≫Ich hole meine Sachen.≪

VII

Er lag schlafend im Schlafsack und hatte, wie ihm schien, schon lange geschlafen. Der Schlafsack war auf dem Waldboden ausgebreitet, an der geschützten Seite der Felsen hinter dem Höhleneingang, und im Schlafen wälzte Robert Jordan sich zur Seite, und dabei wälzte er sich auf seine Pistole, die mit einer Schnur am Handgelenk befestigt war und neben ihm unter der Hülle gelegen hatte, als er schlafen ging, Schultern und Rücken müde, die Beine ermattet, die Muskeln von Müdigkeit gespannt, so daß der harte Boden ihm weich erschien; und sich ausstrecken im Schlafsack unter dem Flanellfutter, das allein war voll köstlicher Trägheit. Als er nun aufwachte, wußte er nicht gleich, wo er sei, erinnerte sich, schob die Pistole zurecht und streckte sich behaglich aus, um wieder einzuschlafen, die Hand auf dem Kleiderbündel, das säuberlich um die Schuhe gewickelt war und als Kissen diente. Den einen Arm hatte er um das Kissen gelegt.

Dann fühlte er eine Hand an seiner Schulter und drehte sich rasch um. Die Finger seiner Rechten umklammerten den Griff der Pistole.

≫Oh, du bist es!≪ sagte er. Er ließ die Pistole los, streckte beide Arme aus und zog sie zu sich herab. Er fühlte, wie sie zitterte.

≫Komm herein≪, sagte er leise. ≫Es ist kalt.≪

≫Nein. Ich darf nicht.≪

≫Komm herein≪, sagte er. ≫Wir werden uns später darüber unterhalten.≪

Sie zitterte, und er umklammerte nun mit der einen Hand ihr Handgelenk, und mit dem anderen Arm hielt er sie fest. Sie hatte den Kopf abgewandt.

≫Komm herein, kleines Kaninchen≪, sagte er und küßte sie auf den Nacken.

≫Ich fürchte mich.≪

≫Nein. Fürchte dich nicht. Komm herein.≪

≫Wie?≪

≫Schlüpf einfach hierherein. Platz ist genug. Soll ich dir helfen?≪

≫Nein≪, sagte sie, und dann war sie bei ihm im Schlafsack, und er drückte sie fest an sich und versuchte ihre Lippen zu küssen, und sie drückte ihr Gesicht in das Kleiderbündel, hatte aber beide Arme um seinen Hals gelegt. Dann fühlte er, wie ihre Arme erschlafften, und sie zitterte wieder in seiner Umarmung.

≫Nein≪, sagte er und lachte. ≫Fürchte dich nicht. Das ist die Pistole.≪

Er hob die Pistole auf und schob sie hinter sich.

≫Ich schäme mich≪, sagte sie mit abgewandten Gesicht.

≫Nein. Das darfst du nicht. Hier nicht. Jetzt nicht.≪

≫Nein, ich darf nicht. Ich schäme mich, und ich fürchte mich.≪

≫Nein, mein Kaninchen. Bitte.≪

≫Ich darf nicht. Wenn du mich nicht liebst.≪

≫Ich liebe dich.≪

≫Ich liebe dich. Oh, ich liebe dich. Leg deine Hand auf meinen Kopf.≪

Sie hatte immer noch das Gesicht in das Kissen vergraben. Er legte die Hand auf ihren Kopf und streichelte sie, dann löste sich plötzlich ihr Gesicht aus dem Kissen, und sie lag in seinen Armen, drückte sich fest an ihn an, ihr Gesicht ruhte an dem seinen, und sie weinte.

Er hielt sie fest im Arm, er fühlte die Länge des jungen Körpers, er streichelte ihren Kopf, er küßte das salzige Naß ihrer Augen, und während sie weinte, fühlte er unter dem Hemd, das sie trug, die gerundeten, festen, spitzen Brüste.

≫Ich kann nicht küssen≪, sagte sie. ≫Ich verstehe es nicht.≪

≫Du brauchst mich nicht zu küssen.≪

≫Doch. Ich muß küssen. Ich muß alles tun.≪

≫Du brauchst gar nichts zu tun. Es ist alles gut so. Aber du hast viele Kleider an.≪

≫Was soll ich tun?≪

≫Ich werde dir helfen.≪

≫Ist das besser?≪

≫Ja. Viel besser. Ist es nicht besser für dich?≪

≫Ja. Viel besser. Und ich darf mit dir gehen, wie Pilar sagt?≪

≫Ja.≪

≫Aber nicht in ein Heim. Mit dir.≪

≫Nein. In ein Heim.≪

≫Nein. Nein. Nein. Mit dir, und ich will deine Frau sein.≪

Nun, als sie so nebeneinander lagen, war alle Schutzwehr durchbrochen. Wo rauher Stoff gewesen war, da war alles nun glatt, mit einer Glätte und einem festen, runden Druck und einer langen warmen Kühle, äußerlich kühl und innerlich warm, lang und leicht und fest umfassend, fest umfaßt, einsam, festgesogen mit allen Konturen, beglückend, jung und liebevoll und nun ganz warm und glatt in aushöhlender, brustbeklemmender, fest umfaßter Einsamkeit, die so groß war, daß Robert Jordan das Gefühl hatte, er könne sie nicht länger ertragen, und er sagte: ≫Hast du schon andere geliebt?≪

≫Nie.≪

Dann wurde sie plötzlich schlaff in seinen Armen. ≫Aber man hat mir was getan.≪

≫Wer?≪

≫Mehrere.≪

Nun lag sie völlig still, als ob sie tot wäre, den Kopf von ihm abgewandt.

≫Jetzt wirst du mich nicht mehr lieben.≪

≫Ich liebe dich≪, sagte er.

Aber es war mit ihm etwas geschehen, und sie wußte es.

≫Nein≪, sagte sie, und ihre Stimme war matt und tonlos geworden. ≫Du wirst mich nicht lieben. Aber vielleicht wirst du mich in das Heim bringen. Und ich werde in das Heim gehen, und ich werde nie deine Frau sein und nichts.≪

≫Ich liebe dich, Maria.≪

≫Nein. Das ist nicht wahr≪, sagte sie. Dann, zuletzt noch, kläglich und hoffend: ≫Aber ich habe nie einen Mann geküßt.≪

≫Dann küsse mich jetzt.≪

≫Und das wollte ich≪, sagte sie. ≫Aber ich weiß nicht, wie. Als sie mir was antaten, da wehrte ich mich, bis ich nichts mehr sah. Ich wehrte mich, bis — bis — bis sich einer auf meinen Kopf setzte — und ich habe ihn gebissen — und dann haben sie mir den Mund verbunden und mir die Arme unter dem Kopf festgehalten — und andere haben mir was getan.≪

≫Ich liebe dich, Maria≪, sagte er. ≫Und niemand hat dir was angetan. Dich können sie nicht anrühren. Niemand hat dich angerührt, mein Häschen.≪

≫Glaubst du das wirklich?≪

≫Ich weiß es.≪

≫Du kannst mich lieben?≪ Nun wieder warm an ihn angeschmiegt.

≫Ich kann dich noch mehr lieben.≪

≫Ich will versuchen, dich sehr gut zu küssen.≪

≫Küß mich ein wenig.≪

≫Ich weiß nicht, wie.≪

≫Küß mich einfach.≪

Sie küßte ihn auf die Wange.

≫Nein.≪

≫Wo kommen die Nasen hin? Ich habe mich immer gewundert, wo die Nasen hinkommen.≪

≫Schau, dreh den Kopf zu mir.≪ Und dann preßten seine Lippen, sich auf ihren Mund, und sie drückte sich dicht an ihn an, und ihr Mund öffnete sich allmählich ein wenig, und dann, ganz plötzlich, sie fest umarmend, war er glücklicher denn je in seinem Leben, heiter, zärtlich, jubelnd, zuinnerst glücklich, ohne nachzudenken, ohne Müdigkeit zu fühlen, ohne sich Sorgen zu machen, nichts anderes empfindend als ein tiefes Entzücken, und er sagte: ≫Mein kleines Kaninchen. Mein Schatz. Mein Süßes. Mein langes Liebliches.≪

≫Was sagst du?≪ Ihre Stimme kam wie aus weiter Ferne.

≫Mein Reizendes≪, sagte er.

So lagen sie da, und er fühlte ihren Herzschlag an seiner Brust, und er streichelte mit der Seite seines Fußes ganz sanft die Seite ihres Fußes. ≫Du bist barfuß gekommen≪, sagte er.

≫Ja.≪

≫Dann hast du gewußt, daß du zu mir ins Bett kommst.≪

≫Ja.≪

≫Und du hast dich nicht gefürchtet?≪

≫Ja. Sehr. Aber noch mehr habe ich mich davor gefürchtet, wie es sein würde, wenn ich mir die Schuhe ausziehen müßte.≪

≫Und wie spät ist es jetzt? Lo sabes?≪

≫Nein. Du hast keine Uhr?≪

≫Ja. Aber sie liegt hinter deinem Rücken.≪

≫Hol sie.≪

≫Nein.≪

≫Dann schau über meine Schulter.≪

Es war ein Uhr. Das Zifferblatt schimmerte hell in der Finsternis unter der Hülle des Schlafsacks.

≫Dein Kinn kratzt mich an der Schulter.≪

≫Verzeih ihm. Ich habe kein Rasierzeug.≪

≫Ich habe das gern. Ist dein Bart blond?≪

≫Ja.≪

≫Und wird er lang?≪

≫Nicht ehe die Brücke geschafft ist. Maria, hör zu.≪

≫Ja.≪

≫Willst du —?≪

≫Ja. Alles. Bitte. Und wenn wir alles zusammen machen, wird das andere vielleicht nie gewesen sein.≪

≫Hast du dir das gedacht?≪

≫Nein. Ich denke es im geheimen, aber Pilar hat es mir gesagt.≪

≫Sie ist sehr klug.≪

≫Und noch etwas≪, sagte Maria leise. ≫Sie sagte, ich soll dir sagen, daß ich nicht krank bin. Sie versteht sich auf solche Dinge, und sie sagte, ich soll dir das sagen!≪

≫Sie sagte, du sollst es mir sagen?≪

≫Ja. Ich habe mit ihr gesprochen und ihr gesagt, daß ich dich liebe. Ich habe dich geliebt, als ich dich heute sah, und ich habe dich immer geliebt, aber ich habe dich vorher nie gesehen, und das erzählte ich Pilar, und sie sagte, wenn ich dir überhaupt etwas erzähle, dann soll ich dir sagen, daß ich nicht krank bin. Das andere hat sie mir schon vor langem gesagt. Gleich nach dem Zug.≪

≫Was sagte sie?≪

≫Sie sagte, daß man dir nichts antun kann, wenn du es nicht hinnimmst, und wenn ich jemand lieb hätte, würde alles weggewischt sein. Ich wollte sterben, weißt du.≪

≫Was sie sagt, ist wahr.≪

≫Und jetzt bin ich froh, daß ich nicht gestorben bin. Ich bin so froh, daß ich nicht gestorben bin. Und du kannst mich lieben?≪

≫Ja. Ich liebe dich jetzt.≪

≫Und ich kann deine Frau sein?≪

≫Ich kann keine Frau haben bei meiner Arbeit. Aber du bist jetzt meine Frau.≪

≫Wenn ich es einmal bin, dann werde ich es bleiben. Bin ich jetzt deine Frau?≪

≫Ja, Maria. Ja, mein kleines Kaninchen.≪

Sie drückte sich eng an ihn an, und ihre Lippen suchten die seinen und fanden sie, und sie küßte ihn, und er fühlte ihren Körper, frisch, glatt, jung und reizend in warmer, sengender Kühle, und so unfaßbar, daß sie da neben ihm lag in dem Schlafsack, der ihm so vertraut war wie seine Kleider oder seine Schuhe oder seine Pflichten, und dann sagte sie in erschrecktem Ton: ≫Und machen wir es jetzt schnell, damit das andere ganz verschwindet.≪

≫Willst du?≪

≫Ja≪, sagte sie fast ungestüm. ≫Ja. Ja. Ja.≪

VIII

Es war kalt in der Nacht, und Robert Jordan schlief einen schweren Schlaf. Einmal wachte er auf, und als er sich ausstreckte, merkte er, daß das Mädchen neben ihm lag, tief in den Schlafsack verkrochen, leicht und regelmäßig atmend, und in der kalten Finsternis, der Himmel hart und scharf voller Sterne, die Luft kalt in seinen Nasenlöchern, schob er den Kopf in die Wärme des Schlafsacks und küßte des Mädchens glatte Schulter. Sie wachte nicht auf, und er wälzte sich auf seine Seite, weg von ihr, und streckte den Kopf wieder in die Kälte hinaus, lag einen Augenblick wach, fühlte die lang hinsickernde Wollust seiner Mattigkeit und dann die glatte, tastende Seligkeit ihrer Körper, die einander berührten, und dann, als er die Beine so tief wie nur möglich in den Schlafsack streckte, glitt er jählings in den Schlummer zurück.

Er erwachte im Morgengrauen, und das Mädchen war verschwunden. Er merkte es gleich beim Erwachen, und als er den Arm ausstreckte, fühlte er die warme Stelle, wo sie gelegen hatte. Er blickte nach dem Eingang der Höhle, reifbedeckt schimmerte der Vorhang, und er sah aus der Felsenspalte den dünnen grauen Rauch hervorquellen, und der Rauch sagte ihm, daß das Herdfeuer brannte.

Aus dem Wald kam ein Mann, eine Decke wie einen Poncho über den Kopf gebreitet. Er ist unten gewesen und hat die Pferde in den Pferch getrieben, dachte er.

Pablo verschwand in der Höhle, ohne Robert Jordan einen Blick zu gönnen.

Robert Jordan fühlte mit der Hand den leichten Reif, der auf der abgenutzten fleckiggrünen ballonseidenen Außenhülle des fünf Jahre alten, mit Daunen gefütterten Schlafsacks lag, legte sich dann wieder zurecht. Bueno, sagte er zu sich selber. Er fühlte die vertraute Liebkosung des Flanellfutters, er breitete die Beine aus, zog sie wieder zusammen und drehte sich dann auf die Seite, weg von der Richtung, in der, wie er wußte, die Sonne aufgehen würde. Qué más da, warum soll ich nicht noch ein bißchen schlafen?

Er schlief, bis ein Motorgeräusch ihn weckte.

Auf dem Rücken liegend sah er die Flugzeuge, eine Faschistenpatrouille, drei Fiats, hell und winzig, schnell über den Berghimmel huschen und in die Richtung fliegen, aus der er und Anselmo gestern gekommen waren. Die drei verschwanden, und dann kamen weitere neun, in noch größerer Höhe, in Dreierformation, drei winzige Keile.

Pablo und der Zigeuner standen im Schatten neben der Höhle und beobachteten den Himmel. Robert Jordan lag ganz still. Und nun, da das hämmernde Geräusch der Motoren den Himmel erfüllte, hörte er plötzlich ein neues Geräusch, ein dumpfes Dröhnen, und drei weitere Flugzeuge kamen in kaum dreihundert Meter Höhe über die Lichtung geflogen. Diese drei waren Heinkel 111, zweimotorige Bomber.

Robert Jordan, den Kopf im Schatten der Felsen, wußte, daß sie ihn nicht sehen konnten und daß es einerlei war, wenn sie ihn sahen. Wenn sie überhaupt etwas in den Bergen suchten, würden sie vielleicht die Pferde im Pferch erblicken können. Wenn sie nichts weiter suchten, würden sie sie vielleicht trotzdem sehen, aber sie natürlich für eigene Kavalleriegäule halten. Dann kam ein noch lauteres Dröhnen, und drei weitere Heinkel 111 tauchten auf, in steilem, präzisem Flug, noch tiefer als die anderen, flogen in starrer Formation über die Lichtung, das dampfende Getöse näherte sich crescendo dem Absolutum des Lärms, wurde schwächer und entschwand.

Robert Jordan wickelte das Kleiderbündel auf, das ihm als Kissen gedient hatte, und zog sein Hemd an. Er war gerade dabei, es über den Kopf zu ziehen, als er die nächsten Flugzeuge kommen hörte, und er zog im Schlafsack die Hose an und lag ganz still, während drei weitere zweimotorige Heinkel-Bomber über ihn hinwegflogen. Noch bevor sie hinter dem Berghang verschwunden waren, hatte er seine Pistole umgeschnallt, den Schlafsack zusammengerollt und zwischen die Felsen geschoben, und nun saß er da, dicht unter den Felsen, seine Schuhe zuknöpfend, als ein heranrollendes Dröhnen zu noch lauterem Getöse anwuchs als zuvor und neun weitere leichte Heinkel-Bomber in Staffeln heranrückten, den Himmel entzweihämmernd.

Robert Jordan schlich sich an der Felswand entlang zum Eingang der Höhle. Pablo, einer der Brüder, der Zigeuner, Anselmo, Agustín und die Frau standen im Eingang und blickten zum Himmel.

≫Sind schon mal solche Flugzeuge hier gewesen?≪ fragte er.

≫Noch nie≪, sagte Pablo. ≫Geh hinein. Sie werden dich sehen.≪

Die Sonne hatte noch nicht den Eingang der Höhle erreicht. Sie schien jetzt gerade auf die Wiese neben dem Fluß, und Robert Jordan wußte, daß man ihn nicht sehen konnte, weder ihn noch die anderen, in dem dunklen, morgendlichen Schatten der Bäume und dem massigen Schatten des Gesteins; aber er ging in die Höhle, um die anderen nicht nervös zu machen.

≫Es sind viele≪, sagte die Frau.

≫Es werden noch mehr werden≪, sagte Robert Jordan.

≫Woher weißt du das?≪ fragte Pablo argwöhnisch.

≫Diese da, die wir eben gesehen haben, werden von Jagdflugzeugen begleitet sein.≪

Gerade in diesem Augenblick hörten sie aus größerer Höhe ein winselndes Geräusch, und als die Flugzeuge in einer Höhe von etwa sechzehnhundert Meter vorbeiflogen, zählte Robert Jordan fünfzehn Fiats in einer Staffel von Staffeln, wie ein Zug von Wildgänsen in V-förmiger Formation.

Die Gesichter im Höhleneingang sahen alle ernst aus, und Robert Jordan sagte: ≫Ihr habt noch nie so viele Flugzeuge gesehen?≪

≫Noch nie≪, erwiderte Pablo.

≫In Segovia sind nicht sehr viele?≪

≫Es sind nie viele dort gewesen, wir haben fast immer nur drei gesehen. Manchmal sechs Jäger. Vielleicht drei Junkers, die großen mit den drei Motoren, und die Jäger dabei. Noch nie haben wir solche Flugzeuge gesehen.≪

Das ist schlimm, dachte Robert Jordan. Das ist wirklich schlimm. Diese Anhäufung von Flugzeugen bedeutet nichts Gutes. Ich muß horchen, wann sie ihre Bomben abschmeißen. Aber nein, unsere Truppen können noch nicht zum Angriff aufmarschiert sein. Nicht vor heute nacht oder vor morgen nacht, sicherlich jetzt noch nicht. Sicherlich werden sie nicht zu dieser Tageszeit marschieren.

Immer noch hörte er das davoneilende Dröhnen. Er schaute auf seine Taschenuhr. Jetzt müßten sie über der Front sein, zumindest die ersten. Er drückte auf den Knopf, der den Sekundenzeiger auslöste, und er beobachtete, wie der Zeiger die Runde machte. Nein, vielleicht jetzt noch nicht. Aber jetzt. Ja. Jetzt müssen sie über der Front sein. Vierhundert Kilometer in der Stunde, zumindest die Hundertelfer. In fünf Minuten müssen sie dort sein. Jetzt sind sie schon ziemlich weit hinter dem Paß, und unter ihnen liegt Kastilien, gelblich, bräunlich im Morgenlicht, von weißen Straßen durchzogen, mit kleinen Dörfern übersät, und die Schatten der Heinkels gleiten über das Land, wie die Schatten der Haifische über den sandigen Meerboden gleiten.

Und noch immer nicht das bum-bum-bummernde Platzen der Bomben. Die Uhr tickte weiter.

Sie fliegen wohl nach Colmenar, zum Escorial, dachte er, oder zum Flugfeld von Manzanares el Real, mit dem alten Schloß über dem See, mit den Enten im Schilf und dem falschen Flugplatz gleich hinter dem richtigen, mit den Flugzeugattrappen, die nicht ganz versteckt sind und deren Propeller im Winde kreisen. Das muß ihr Ziel sein. Sie können nichts von dem Angriff wissen, sagte er zu sich selber, und dann sagte eine Stimme in ihm: Warum können sie nicht? Sie haben bisher noch jedesmal Bescheid gewußt.

≫Glaubst du, sie haben die Pferde gesehen?≪ fragte Pablo.

≫Die suchen nicht nach Pferden≪, sagte Robert Jordan.

≫Aber haben sie sie gesehen?≪

≫Nein, wenn sie nicht den Auftrag hatten, nach ihnen zu suchen.≪

≫Konnten sie sie sehen?≪

≫Wahrscheinlich nicht≪, sagte Robert Jordan. ≫Wenn nicht die Sonne auf die Bäume schien.≪

≫Sie scheint sehr früh auf die Bäume≪, sagte Pablo kläglich.

≫Ich glaube, sie haben an anderes zu denken als an deine Gäule≪, sagte Robert Jordan.

Acht Minuten waren vergangen, seit er den Zeiger der Stoppuhr ausgelöst hatte, und noch immer war kein Bombenlärm zu hören.

≫Was machst du mit der Uhr?≪ fragte die Frau.

≫Ich horche, wohin sie geflogen sind.≪

≫Oh≪, sagte sie. Als zehn Minuten vergangen waren, steckte er die Uhr weg. Jetzt würde die Entfernung schon zu groß sein, um etwas zu hören, auch wenn man eine Minute für die Wanderung des Schalls einrechnete. Er sagte zu Anselmo: ≫Ich möchte mit dir sprechen.≪

Anselmo trat aus dem Eingang der Höhle hervor, sie gingen ein Stück weit in den Wald hinein und blieben neben einer Kiefer stehen.

≫¿Qué tal?≪ fragte Robert Jordan. ≫Wie geht’s?≪

≫Gut.≪

≫Hast du gegessen?≪

≫Nein. Keiner hat gegessen.≪

≫Dann iß und nimm dir etwas zum Mittagessen mit. Du sollst die Straße beobachten. Notiere alles, was die Straße entlangkommt, in beiden Richtungen.≪

≫Ich kann nicht schreiben.≪

≫Das ist nicht nötig.≪ Robert Jordan riß zwei Blätter aus seinem Notizbuch und schnitt mit dem Taschenmesser ein kurzes Stück von seinem Bleistift ab. ≫Nimm das und mach ein Zeichen für Tanks — so.≪ Er zeichnete einen schiefen Tank. ≫Und dann ein Zeichen für jeden einzelnen, und wenn es vier sind, dann machst du einen Strich durch die vier, für den fünften.≪

≫So pflegen wir zu zählen.≪

≫Gut. Dann mach ein weiteres Zeichen, zwei Räder und eine Kiste, für die Lastwagen. Wenn sie leer sind, mach einen Kreis. Wenn sie mit Soldaten besetzt sind, mach einen geraden Strich. Ein Zeichen für Geschütze. Große so. Kleine so. Ein Zeichen für Autos. Ein Zeichen für Ambulanzen. So — zwei Räder und eine Kiste mit einem Kreuz darauf. Ein Zeichen für Infanterie nach Kompanien, so, siehst du? Ein kleines Viereck und dann ein Strich daneben. Ein Zeichen für die Kavallerie, so, siehst du? Wie ein Pferd. Eine Schachtel mit vier Beinen. Das ist eine Abteilung von zwanzig Pferden. Du verstehst. Für jede Abteilung ein Strich.≪

≫Ja. Das ist sehr sinnreich.≪

≫Und nun!≪ Jordan zeichnete zwei große Räder, von Kreisen umgeben, und einen kurzen Strich, der ein Kanonenrohr darstellen sollte. ≫Das sind Tankabwehrgeschütze. Sie haben Gummireifen. Das ist das Zeichen für sie. Und das sind Flugzeugabwehrgeschütze.≪ Zwei Räder mit einem schräg nach oben gerichteten Geschützrohr. ≫Die sollst du auch verzeichnen. Verstehst du? Hast du solche Geschütze schon gesehen?≪

≫Ja≪, sagte Anselmo. ≫Natürlich. Es ist alles klar.≪

≫Nimm den Zigeuner mit, damit er weiß, wohin du dich postierst, damit man dich ablösen kann. Such dir einen Platz aus, der sicher ist, nicht allzu nah, einen Platz, von dem aus du bequem und genau die Straße beobachten kannst. Bleib dort, bis du abgelöst wirst.≪

≫Ich verstehe.≪

≫Gut. Und daß ich, wenn du zurückkommst, genau weiß, was sich auf der Straße bewegt! Ein Blatt für die eine Richtung, das zweite für die andere.≪ Sie gingen zu der Höhle hinüber.

≫Schick mir Rafael her≪, sagte Robert Jordan. Er blickte Anselmo nach, wie er in der Höhle verschwand und die Decke wieder hinter ihm herabfiel. Dann kam der Zigeuner herausgeschlendert, sich mit der Hand den Mund abwischend.

≫¿Qué tal?≪ sagte der Zigeuner. ≫Hast du dich gestern nacht amüsiert?≪

≫Ich habe geschlafen.≪

≫Nicht übel≪, sagte der Zigeuner grinsend. ≫Hast du eine Zigarette?≪

≫Hör zu≪, sagte Robert Jordan und tastete in der Tasche nach den Zigaretten. ≫Du sollst Anselmo zu seinem Beobachtungsplatz begleiten. Dort wirst du ihn verlassen und dir den Platz genau merken, damit du mich oder den Mann, der ihn ablösen soll, hinführen kannst. Dann gehst du und beobachtest die Sägemühle und stellst fest, ob sich dort etwas verändert hat.≪

≫Was verändert?≪

≫Wieviel Mann liegen jetzt dort?≪

≫Acht. Das letzte, was ich weiß.≪

≫Sieh nach, wie viele jetzt dort sind. Und sieh nach, in welchen Abständen die Wachtposten an der Brücke abgelöst werden.≪

≫In welchen Abständen?≪

≫Wie viele Stunden es dauert, bis der Wachtposten abgelöst wird, und um welche Zeit die Ablösung erfolgt.≪

≫Ich habe keine Uhr.≪

≫Nimm meine.≪ Er machte sie von der Kette los.

≫Was für eine Uhr!≪ sagte Rafael bewundernd. ≫Schau, wie kompliziert. So eine Uhr müßte eigentlich lesen und schreiben können. Schau, was für komplizierte Ziffern. Das ist die Uhr aller Uhren.≪

≫Mach keine Dummheiten damit≪, sagte Robert Jordan. ≫Kannst du die Zeit unterscheiden?≪

≫Warum nicht? Zwölf Uhr Mittag — Hunger. Zwölf Uhr Mitternacht — Schlaf. Sechs Uhr morgens — Hunger. Sechs Uhr abends besoffen. Wenn man Glück hat. Zehn Uhr nachts —≪

≫Halt den Mund!≪ sagte Robert Jordan. ≫Du sollst nicht immer den Clown spielen. Du sollst auch den Wachtposten an der großen Brücke und den Posten an der Straße unterhalb der Brücke kontrollieren, genauso wie den Posten und die Wache an der Sägemühle und an der kleinen Brücke.≪

≫Das ist viel Arbeit≪, sagte der Zigeuner lächelnd. ≫Bist du sicher, daß du nicht einen anderen lieber schicken würdest als mich?≪

≫Nein, Rafael. Es ist sehr wichtig. Du mußt es ordentlich machen und gut aufpassen, daß man dich nicht sieht.≪

≫Ich werde schon aufpassen, daß man mich nicht sieht!≪ sagte der Zigeuner. ≫Warum sagst du mir, ich soll aufpassen? Glaubst du, ich will mich abschießen lassen?≪

≫Nimm die Dinge ein wenig ernster≪, sagte Robert Jordan. ≫Es handelt sich hier um ernste Dinge.≪

≫Du verlangst von mir, daß ich die Dinge ernst nehme? Wo du dich gestern abend so benommen hast? Wo du einen Menschen hättest töten sollen und statt dessen ganz was anderes gemacht hast? Du hättest einen töten sollen und nicht einen machen! Wo wir gerade den Himmel voller Flugzeuge gesehen haben, in einer Menge, die genügen müßte, um uns alle umzubringen, bis zurück zu unseren Großvätern und bis zu allen ungeborenen Enkeln, einschließlich der Katzen, Ziegen und Wanzen. Flugzeuge, die einen Lärm machen, daß die Milch in den Brüsten deiner Mutter gerinnt, wie sie den Himmel verdunkeln und wie die Löwen brüllen, und da verlangst du von mir, ich soll’s ernst nehmen. Ich nehm’s schon viel zu ernst.≪

≫Gut≪, sagte Robert Jordan lachend und legte die Hand auf die Schulter des Zigeuners. ≫Dann nimm es also nicht zu ernst. Beende dein Frühstück und geh.≪

≫Und du?≪ fragte der Zigeuner. ≫Was machst du?≪

≫Ich werde El Sordo besuchen.≪

≫Sehr gut möglich, daß du in der ganzen Gegend keinen Menschen mehr antriffst≪, sagte der Zigeuner. ≫Viele werden heute früh ordentlich und dick geschwitzt haben, als die Flugzeuge kamen.≪

≫Diese Flieger haben anderes vor, als Guerillas zu jagen.≪

≫Ja≪, sagte der Zigeuner. Dann schüttelte er den Kopf. ≫Aber wenn sie erst einmal Lust kriegen!≪

≫¡Qué va!≪ sagte Robert Jordan. ≫Das sind die besten deutschen leichten Bomber, die schickt man nicht hinter Zigeunern her.≪

≫Vor den Bomben graut mir≪, sagte Rafael. ≫Ja, vor so was fürchte ich mich.≪

≫Sie wollen einen der Flugplätze bombardieren≪, sagte Robert Jordan, während sie in die Höhle gingen. ≫Das scheint mir ziemlich sicher.≪

≫Was sagst du?≪ fragte Pablos Weib. Sie schenkte ihm eine Tasse Kaffee ein und reichte ihm eine Dose kondensierte Milch.

≫Milch? Was für ein Luxus!≪

≫Es ist alles vorhanden≪, sagte sie. ≫Und neuerdings auch sehr viel Angst. Was, sagtest du, haben sie vor?≪

Robert Jordan träufelte aus dem Schlitz der Dose ein wenig von der dicken Milch in den Kaffee, streifte die Dose am Rand der Tasse ab und rührte den Kaffee um, bis er eine hellbraune Färbung bekam.

≫Ich glaube, sie wollen einen unserer Flugplätze bombardieren. Escorial und Colmenar vielleicht. Oder alle drei.≪

≫Sie sollen nur recht weit fliegen und sich hier nicht mehr blicken lassen≪, sagte Pablo.

≫Und was haben sie hier zu suchen?≪ fragte die Frau. ≫Was führt sie hierher? Noch nie haben wir solche Flugzeuge gesehen. Oder in solcher Menge. Bereiten sie einen Angriff vor?≪

≫War gestern nacht viel Verkehr auf der Straße?≪ fragte Robert Jordan. Das Mädchen Maria stand dicht neben ihm, aber er blickte sie nicht an.

≫Du≪, sagte die Frau, ≫Fernando! Du warst gestern abend in La Granja. Hat sich dort was gerührt?≪

≫Nichts≪, antwortete der Mann, den Robert Jordan bisher noch nicht gesehen hatte. Er war etwa 35 Jahre alt, untersetzt, hatte ein offenes Gesicht und schielte. ≫Ein paar Militärautos, wie gewöhnlich. Aber keine Truppenbewegungen, solange ich da war.≪

≫Gehst du jeden Abend nach La Granja?≪ fragte ihn Robert Jordan.

≫Ich oder ein anderer≪, sagte Fernando. ≫Einer geht immer.≪

≫Neuigkeiten hören, Tabak und Kleinigkeiten holen≪, sagte die Frau.

≫Haben wir Leute dort?≪ ≫Ja. Warum nicht? Die Arbeiter im Elektrizitätswerk. Und noch ein paar andere.≪

≫Und was gibt es für Neuigkeiten?≪

≫Pues nada. Nichts. Im Norden geht es immer noch schlecht. Das ist aber keine Neuigkeit. Im Norden ist es von Anfang an schlecht gegangen.≪

≫Hast du etwas aus Segovia gehört?≪

≫Nein, hombre. Ich habe nicht gefragt.≪

≫Kommst du auch nach Segovia?≪

≫Manchmal≪, sagte Fernando. ≫Aber das ist gefährlich. Dort gibt es Kontrollstellen, wo man seine Papiere vorzeigen muß.≪

≫Kennst du den Flugplatz?≪

≫Nein, hombre. Ich weiß, wo er liegt, aber ich bin nie an ihn herangekommen. Dort wird man immerzu nach Papieren gefragt.≪

≫Und hat gestern abend niemand von diesen Flugzeugen gesprochen?≪

≫In La Granja? Niemand. Aber heute wird man sicherlich darüber reden. Man hat über die Rundfunkrede von Queipo de Llano geredet. Weiter nichts. Oh, ja. Es scheint, daß die Republik eine Offensive vorbereitet.≪

≫Was?≪

≫Daß die Republik eine Offensive vorbereitet.≪

≫Wo?≪

≫Das ist nicht sicher. Vielleicht hier. Vielleicht in einem anderen Teil der Sierra. Hast du davon gehört?≪

≫Das sagt man in La Granja?≪

≫Ja, hombre. Ich hatte es vergessen. Aber es wird immer so viel von Offensiven geredet.≪

≫Woher kommt dieses Gerede?≪

≫Woher? Nun, von verschiedenen Leuten. Die Offiziere reden in den Cafés von Segovia und Ávila, und die Kellner hören zu. Schnell verbreiten sich die Gerüchte. Schon seit einiger Zeit ist davon die Rede, daß die Republik in dieser Gegend eine Offensive plant.≪

≫Die Republik und nicht die Faschisten?≪

≫Die Republik. Wenn es die Faschisten wären, dann würden alle davon wissen. Nein, das soll eine ziemlich umfangreiche Offensive werden. Manche sagen sogar, zwei Offensiven. Die eine hier und die andere über den Alto del León beim Escorial. Hast du was davon gehört?≪

≫Was hast du sonst noch gehört?≪

≫Nada, hombre. Nichts. Oh, doch. Es wurde davon geredet, daß die Republikaner versuchen werden, die Brücken zu sprengen, wenn sie eine Offensive machen. Aber die Brücken sind bewacht.≪

≫Ist das ein Scherz?≪ sagte Robert Jordan, seinen Kaffee schlürfend.

≫Nein, hombre≪, sagte Fernando.

≫Fernando macht keine Scherze≪, sagte die Frau. ≫Unser Pech, daß er’s nicht tut.≪

≫So≪, sagte Robert Jordan. ≫Ich danke dir für alle die Neuigkeiten. Sonst hast du weiter nichts gehört?≪

≫Nein. Es ist immer die Rede davon, daß sie Soldaten schicken wollen, um das Gebirge zu säubern. Es heißt sogar, sie sind schon unterwegs. Sie sind schon von Valladolid abmarschiert. Aber das ist das übliche Gerede. Das soll man gar nicht beachten.≪

≫Und du!≪ sagte Pablos Frau fast böse zu Pablo. ≫Du mit deinem Geschwätz über Sicherheit!≪

Pablo musterte sie nachdenklich und kratzte sich das Kinn.

≫Du≪, sagte er, ≫du und deine Brücken.≪

≫Was für Brücken?≪ fragte Fernando heiter. ≫Dumm≪, sagte die Frau zu ihm. ≫Holzkopf. Tonto. Trink noch einen Kaffee und denk nach, ob dir noch eine Neuigkeit einfällt.≪

≫Sei nicht böse, Pilar≪, sagte Fernando ruhig und heiter. ≫Man soll sich auch nicht durch Gerüchte erschrecken lassen. Ich habe dir und dem Genossen alles erzählt, was mir einfiel.≪

≫Sonst erinnerst du dich an nichts?≪ fragte Robert Jordan.

≫Nein≪, sagte Fernando mit Würde. ≫Es ist ein Glück, daß ich mich an diese Dinge erinnert habe, weil es doch bloße Gerüchte sind, die ich sonst gar nicht beachte.≪

≫Es könnte also noch mehr Gerüchte geben?≪

≫Ja. Möglich. Aber ich habe nicht darauf geachtet. Seit einem Jahr höre ich nichts als Gerüchte.≪

Robert Jordan hörte, wie dem Mädchen Maria, die hinter ihm stand, ein rasches, kurzes Lachen entschlüpfte.

≫Erzähl uns doch noch ein Gerücht, Fernandito≪, sagte sie, und dann zuckten wieder ihre Schultern.

≫Und wenn ich noch eines wüßte, würde ich es nicht erzählen≪, sagte Fernando. ≫Es ist unter der Würde eines Mannes, auf Gerüchte zu hören und sie zu beachten.≪

≫Damit werden wir die Republik retten!≪ sagte die Frau.

≫Nein≪, sagte Pablo. ≫Du wirst sie durch Brückensprengen retten.≪

≫Geht!≪ sagte Robert Jordan zu Anselmo und Rafael. ≫Wenn ihr gegessen habt.≪

≫Wir gehen jetzt≪, sagte der Alte, und die beiden standen auf.

Robert Jordan fühlte eine Hand auf seiner Schulter. Es war Maria. ≫Du solltest etwas essen≪, sagte sie und ließ die Hand auf seiner Schulter ruhen. ≫Iß ordentlich, damit dein Magen noch mehr Gerüchte verdauen kann.≪

≫Die Gerüchte haben mir den Appetit verdorben.≪

≫Nein. Das darf nicht sein. Iß jetzt, bevor neue Gerüchte kommen.≪ Sie stellte die Schüssel vor ihn hin.

≫Mach dich nicht über mich lustig!≪ sagte Fernando zu ihr. ≫Ich bin dein guter Freund, Maria.≪

≫Ich mache mich nicht über dic h lustig, Fernando. Ich scherze nur mit ihm. Er soll essen, sonst wird er hungrig sein.≪

≫Wir wollen alle essen≪, sagte Fernando. ≫Pilar, was ist geschehen, daß man uns nichts vorsetzt?≪

≫Nichts, Mann≪, sagte Pablos Frau und füllte seine Schüssel mit dem Fleischragout. ≫Iß. Ja, essen kannst du. Iß jetzt!≪

≫Das ist lieb von dir, Pilar≪, sagte Fernando mit unerschütterlicher Würde.

≫Danke≪, sagte die Frau. ≫Vielen Dank und nochmals vielen Dank.≪

≫Bist du böse auf mich?≪ fragte Fernando.

≫Nein. Iß. Los, iß!≪

≫Ja≪, sagte Fernando. ≫Danke.≪

Robert Jordan sah Maria an, und wieder begannen ihre Schultern zu zittern, und er blickte weg. Fernando aß gemächlich, mit stolzer und würdiger Miene. Nicht einmal der riesige Löffel, den er benützte, nicht einmal das Gesabber der Soße in seinen Mundwinkeln konnte seiner Würde Abbruch tun.

≫Schmeckt dir das Essen?≪ fragte ihn Pablos Frau.

≫Ja, Pilar≪, sagte er mit vollem Munde. ≫Es ist dasselbe wie immer.≪

Robert Jordan fühlte Marias Hand auf seinem Arm, und er fühlte, wie ihre Finger vor Vergnügen seinen Arm drückten.

≫Und deshalb schmeckt es dir?≪ fragte die Frau Fernando.

≫Ja≪, fuhr sie fort. ≫Ich verstehe. Das Ragout wie immer. Como siempre. Im Norden steht es schlimm wie immer. Eine Offensive hier — wie immer. Soldaten kommen, um uns zu jagen — wie immer. Dich könnte man als ein Monument benützen für das Wie immer.≪

≫Aber die beiden letzten Geschichten sind bloße Gerüchte, Pilar.≪

≫Spanien≪, sagte Pablos Frau in erbittertem Ton. Dann wandte sie sich an Robert Jordan. ≫Gibt es auch in anderen Ländern solche Menschen?≪

≫Es gibt kein zweites Land wie Spanien≪, sagte Robert Jordan höflich.

≫Du hast recht≪, sagte Fernando. ≫Auf der ganzen Welt gibt es kein zweites Land wie Spanien.≪

≫Hast du schon mal ein anderes Land gesehen?≪ fragte ihn die Frau.

≫Nein≪, sagte Fernando. ≫Und ich will auch gar nicht.≪

≫Siehst du!≪ sagte Pablos Frau zu Robert Jordan.

≫Fernandito≪, sagte Maria, ≫erzähl uns, wie du nach Valencia kamst.≪

≫Valencia hat mir nicht gefallen.≪

≫Warum?≪ fragte Maria und drückte wieder Robert Jordans Arm. ≫Warum hat es dir nicht gefallen?≪

≫Die Leute dort hatten keine Manieren, und ich konnte sie nicht verstehen. Immerzu schreien sie ché, ché.≪

≫Haben sie dich verstanden?≪ fragte Maria.

≫Sie haben so getan, als ob sie mich nicht verstünden.≪

≫Und was hast du in Valencia gemacht?≪

≫Ich bin wieder weggegangen und habe nicht einmal das Meer gesehen≪, sagte Fernando. ≫Die Leute gefielen mir nicht.≪

≫Schau, daß du hier rauskommst≪, sagte Pablos Frau. ≫Raus mit dir, bevor mir übel wird. Nie im Leben habe ich mich so gut amüsiert wie in Valencia. ¡Vamos! Valencia. Rede mir nicht von Valencia!≪

≫Und was hast du dort gemacht?≪ fragte Maria.

Pablos Frau setzte sich zu Tisch mit einer Tasse Kaffee, einem Stück Brot und einer Schüssel Ragout.

≫¿Qué? Was wir dort gemacht haben? Finito hatte einen Vertrag auf drei Stierkämpfe während der Feria. Noch nie habe ich so viele Menschen an einem Ort gesehen. Noch nie habe ich so volle Cafés gesehen. Stundenlang konnte man keinen Platz bekommen, und in die Straßenbahn reinzukommen war ganz unmöglich. In Valencia ist Tag und Nacht Betrieb.≪

≫Aber was hast du denn dort gemacht?≪ fragte Maria.

≫Alles mögliche≪, erwiderte die Frau. ≫Wir gingen an den Strand und lagen im Wasser, und da kamen Ochsen und schleppten Segelboote ans Ufer. Sie wurden ins Wasser getrieben, bis sie schwimmen mußten, und dann an die Boote geschirrt, und wenn sie dann wieder Grund unter die Hufe bekamen, stolperten sie den Sand hinauf. Zehn Ochsengespanne in der Morgensonne, wie sie ein Boot mit vielen Segeln aus dem Meer ziehen, und die kleinen Wellen brechen sich am Strand. Das ist Valencia.≪

≫Aber was hast du sonst noch gemacht außer den Ochsen zugesehen?≪

≫Wir haben gegessen, am Strand, in kleinen Pavillons. Pasteten aus gekochtem und kleingeschnittenem Fisch und rote und grüne Pfefferschoten und Nüsse, klein wie Reiskörner. Köstliche und flockige Pasteten und der Fisch von einer Würze, die unglaublich war. Steingarnelen, frisch aus dem Meer, mit Zitronensaft beträufelt. Sie waren rosig und süß, und vier Bissen waren eine Garnele. Davon haben wir eine Unmenge gegessen. Dann haben wir paella gegessen mit frischen Meertieren, Muscheln in der Schale, Krebsen und kleinen Aalen. Und dann aßen wir auch noch kleinere Aale, in Öl gekocht, so winzig wie Bohnenkeime und nach allen Richtungen gekräuselt, und so zart, daß sie im Mund zerflossen, ohne Kauen. Und die ganze Zeit tranken wir einen weißen Wein, kalt, leicht und gut, zu 30 Céntimos die Flasche. Und zum Abschluß eine Melone. Dort ist die Heimat der Melonen.≪

≫In Kastilien sind die Melonen besser≪, sagte Fernando.

≫¡Qué va!≪ sagte Pablos Frau. ≫Die Melonen von Kastilien, die steckt man sich zwischen die Beine. Die Melonen von Valencia, die ißt man. Wenn ich an diese Melonen denke, lang wie ein Mannsarm, grün wie das Meer und frisch und saftig zu schneiden und süßer als ein früher Sommermorgen! Ach, wenn ich an die ganz kleinen Aale denke, winzig klein, zart und in Häufchen auf dem Teller! Und dann das Bier im Becher, den ganzen Nachmittag hindurch das Bier, schwitzend vor Kälte in den Bechern, groß wie Wasserkrüge…≪

≫Und was hast du gemacht, wenn du nicht gegessen und getrunken hast?≪

≫Liebe — im Zimmer mit den schrägen Holzrouleaus über dem Balkon, und ein kühler Luftzug durch die Öffnung über der Tür, die sich in den Angeln drehte. Dort haben wir uns geliebt, das Zimmer ganz dunkel am Tage, weil vor dem Fenster die Rouleaus hingen, und von der Straße kam der Duft des Blumenmarkts und ein Geruch nach verbranntem Pulver von den Knallfröschen der traca, die jeden Mittag während der Feria lärmend durch die Straßen lief. Eine einzige Kette von Feuerwerk durch die ganze Stadt, viele Knallfrösche an Schnüren aneinandergereiht, und das knallte an den Pfosten und Drähten der Straßenbahn entlang, mit lautem Lärm explodierend, und sprang von Mast zu Mast mit einem Krachen und Knattern, das man sich nicht vorstellen kann…

Ja, wir liebten uns, und dann bestellten wir noch einen Krug Bier, mit kalten Tropfen auf dem Glas, und als das Mädchen das Bier brachte, nahm ich’s von ihr an der Tür und stellte das kalte Glas auf Finitos Rücken, er lag da und schlief jetzt und war nicht aufgewacht, als das Bier kam, und er sagte: Nein, Pilar, nein, Weib, laß mich schlafen… Und ich sagte: Nein, wach auf und trink, damit du siehst, wie kalt es ist… und er trank, ohne die Augen aufzumachen, und schlief wieder ein, und ich legte mich ans Fußende des Bettes mit dem Rücken gegen ein Kissen und schaute zu, wie er schlief, braun und schwarzhaarig und jung und still im Schlaf, und ich trank den ganzen Krug leer und horchte nach der Musik einer Kapelle, die vorüberzog… Du≪, sagte sie zu Pablo, ≫weißt du was von solchen Dingen?≪

≫Wir haben auch allerlei zusammen gemacht≪, sagte Pablo.

≫Ja≪, sagte die Frau. ≫Warum nicht? Und du warst mehr von einem Mann zu deiner Zeit als Finito. Aber nie sind wir zusammen in Valencia gewesen. Nie haben wir in Valencia zusammen im Bett gelegen, und auf der Straße zog eine Kapelle vorüber…≪

≫Das war gar nicht möglich≪, sagte Pablo. ≫Wir hatten gar keine Möglichkeit, nach Valencia zu gehen. Das weißt du sehr gut, wenn du vernünftig sein willst. Aber mit Finito hast du auch keinen Zug in die Luft gesprengt.≪

≫Nein≪, sagte die Frau. ≫Das ist uns geblieben. Der Zug. Ja. Immer der Zug. Dagege n kann man nichts sagen. Das bleibt von aller Faulheit, von allem Dreck und allem Kaputtgehn zurück. Das bleibt von der Feigheit dieses Augenblicks zurück. Und es gab auch sonst noch allerlei — ich will nicht ungerecht sein. Aber auch gegen Valencia läßt sich nichts sagen. Hörst du?≪

≫Mir hat es nicht gefallen≪, sagte Fernando gelassen. ≫Mir hat Valencia nicht gefallen.≪

≫Und da sagt man, daß der Maulesel eigensinnig ist!≪ sagte die Frau. ≫Räum ab, Maria, damit wir wegkommen!≪

Gerade als sie das sagte, hörten sie das Geräusch der zurückkehrenden Flugzeuge.

IX

Sie standen im Eingang der Höhle und blickten zum Himmel auf. Die Bomber flogen nun sehr hoch, in raschen, häßlichen Pfeilspitzen, den Himmel mit dem Lärm ihrer Motoren zerschmetternd. Sie sehen wirklich wie Haifische aus, dachte Robert Jordan, wie die breitflossigen, spitznäsigen Haifische des Golfstroms. Aber diese da, breitflossig und silbern, brüllend, mit dem feinen Dunst der Propeller im Sonnenlicht, sie bewegen sich nicht wie Haifische. So, wie sie sich bewegen, hat noch nie auf Erden ein Ding sich bewegt. Sie bewegen sich wie das mechanisierte Verhängnis.

Du solltest schreiben, sagte er zu sich selber. Vielleicht wirst du wieder einmal schreiben. Er fühlte, wie Maria seinen Arm festhielt. Sie blickte in die Höhe, und er sagte zu ihr: ≫Was meinst du, wie sie aussehen, guapa?≪

≫Ich weiß nicht≪, erwiderte sie. ≫Wie der Tod, glaube ich.≪

≫Ich finde, sie sehen wie Flugzeuge aus≪, sagte Pablos Frau. ≫Wo sind die kleinen?≪

≫Wahrscheinlich nehmen sie eine andere Route≪, sagte Robert Jordan. ≫Die Bomber sind schnell, wollen nicht auf die Jäger warten und sind allein zurückgekehrt. Wir folgen ihnen niemals bis hinter die Front, wir haben nicht genug Flugzeuge, und das Risiko ist zu groß.≪

In diesem Augenblick kamen drei Heinkel-Kampfflugzeuge in V-Formation ganz niedrig über die Lichtung geflogen, dicht über den Baumwipfeln, wie knatternde, flatternde, plattnasige, häßliche Spielzeuge, wurden plötzlich ganz groß, erschreckend in ihrer wirklichen Größe, und strömten vorbei mit winselndem Getöse. Sie flogen so niedrig, daß man vom Eingang der Höhle aus die behelmten und bebrillten Piloten sehen konnte, und hinter dem Kopf des Patrouillenführers flatterte ein Schal im Wind.

≫Die können aber die Pferde sehen≪, sagte Pablo.

≫Die können deinen Zigarettenstummel sehen≪, sagte die Frau. ≫Laß die Decke runter.≪

Es kamen keine Flieger mehr. Die übrigen hatten wohl an einer anderen Stelle das Gebirge überquert, und als das Gedröhne verklungen war, ging man wieder ins Freie hinaus.

Der Himmel war nun leer, hoch, blau und klar.

≫Es ist wie ein Traum, aus dem man erwacht≪, sagte Maria zu Robert Jordan. Nicht einmal mehr das letzte, unendlich leise Summen war zu hören, das einen leise anrührt, wie ein Finger, und wieder weghuscht und einen abermals anrührt, wenn das Geräusch selber schon fast außer Hörweite ist.

≫Es ist kein Traum, und du geh hinein und räume auf≪, sagte Pilar zu Maria. Dann wandte sie sich an Robert Jordan. ≫Was meinst du? Sollen wir reiten oder zu Fuß gehen?≪

Pablo sah sie an und brummte.

≫Wie du willst≪, sagte Robert Jordan.

≫Dann gehen wir zu Fuß≪, sagte sie. ≫Das ist gut für die Leber.≪

≫Reiten ist gut für die Leber.≪

≫Ja, aber schlecht für den Hintern. Wir gehen zu Fuß, und du —≪ Sie sprach zu Pablo: ≫Du geh hinunter und zähl deine Gäule und schau nach, ob nicht ein paar mit weggeflogen sind.≪

≫Willst du ein Pferd haben?≪ fragte Pablo.

≫Nein≪, sagte Robert Jordan. ≫Vielen Dank. Und das Mädchen?≪

≫Für sie ist es besser, wenn sie zu Fuß geht≪, sagte Pilar. ≫Sonst werden ihre Glieder steif, und dann taugt sie zu nichts mehr.≪

Robert Jordan fühlte, wie er rot wurde.

≫Hast du gut geschlafen?≪ fragte Pilar. Dann sagte sie: ≫Sie ist wirklich nicht krank. Es hätte leicht sein können. Ich weiß nicht, warum sie nicht krank ist. Wahrscheinlich gibt es doch noch einen Gott, obwohl wir ihn abgeschafft haben. Geh!≪ sagte sie zu Pablo. ≫Das geht dich nichts an. Das gilt Menschen, die jünger sind als du. Und aus anderem Stoff. Vorwärts!≪ Und dann zu Robert Jordan: ≫Agustín paßt auf deine Sachen auf. Wenn er kommt, gehen wir.≪

Es war ein klarer, heller Tag, und warm schien die Sonne. Robert Jordan betrachtete die dicke, braunhäutige Frau mit den freundlichen, weit auseinanderstehenden Augen und dem plumpen, kantigen Gesicht voller Falten, ein angenehm häßliches Gesicht, heiter die Augen, aber traurig das Gesicht, solange die Lippen sich nicht bewegten. Er betrachtete zuerst sie und dann den stämmigen, schwerfälligen Mann, der sich in der Richtung des Pferchs entfernte. Und auch die Frau blickte ihm nach.

≫Habt ihr miteinander geschlafen?≪ fragte die Frau.

≫Was hat sie erzählt?≪

≫Sie will mir nichts erzählen.≪

≫Ich auch nicht.≪

≫Dann habt ihr miteinander geschlafen≪, sagte die Frau. ≫Sei nur recht vorsichtig mit ihr.≪

≫Und wenn sie ein Kind kriegt?≪

≫Das schadet nichts≪, sagte die Frau. ≫Das ist nicht so schlimm.≪

≫Ist das hier der richtige Ort dafür?≪

≫Sie wird nicht hier bleiben. Du wirst sie mitnehmen.≪

≫Kann ich dorthin eine Frau mitnehmen?≪

≫Wer weiß? Dorthin kannst du vielleicht zwei mitnehmen.≪

≫Sprich nicht so!≪

≫Hör zu!≪ sagte die Frau. ≫Ich bin nicht feige. Aber ich sehe alles sehr klar am frühen Morgen, und ich glaube, es gibt viele, die wir kennen und die jetzt noch am Leben sind und die den nächsten Sonntag nicht erleben werden.≪

≫Was ist heute für ein Tag?≪

≫Sonntag.≪

≫¡Qué va!≪ sagte Robert Jordan. ≫Bis zum nächsten Sonntag ist es noch lange hin. Wenn wir den Donnerstag erleben, sind wir fein heraus. Aber ich höre dich nicht gerne so reden.≪

≫Jeder Mensch muß mit irgendeinem anderen Menschen reden≪, sagte die Frau. ≫Früher hatten wir die Religion und noch sonst allerlei Unsinn. Jetzt muß jeder jemanden haben, mit dem er offen reden kann, denn ob man auch noch so tapfer ist, man wird mit der Zeit recht einsam.≪

≫Wir sind nicht einsam. Wir gehören alle zusammen.≪

≫Der Anblick dieser Maschinen nimmt einen mit≪, sagte die Frau. ≫Nichts sind wir gegen solche Maschinen!≪

≫Und doch können wir sie besiegen.≪

≫Schau≪, sagte die Frau, ≫ich gestehe dir meine Traurigkeit, aber du sollst nicht denken, daß es mir an Entschlossenheit mangelt. Meine Entschlossenheit ist nicht kleiner geworden.≪

≫Die Traurigkeit wird verschwinden, wenn die Sonne höher steigt. Wie ein Nebel.≪

≫Sicherlich≪, sagte die Frau. ≫Wenn du meinst! Vielleicht kommt das davon, daß wir so viel dummes Zeug über Valencia geschwatzt haben. Und diese Niete von einem Mann, der jetzt zu seinen Gäulen gegangen ist! Meine Geschichte hat ihn sehr gekränkt. Ihn umbringen — ja. Ihn beschimpfen — ja. Aber ihn kränken — nein!≪

≫Wie bist du zu ihm gekommen?≪

≫Wie kommt ein Mensch zum andern? In den ersten Tagen der Bewegung, und auch vorher, da war er ein Kerl. Ein ernst zu nehmender Mensch. Aber jetzt ist er erledigt. Man hat den Zapfen entfernt, und der ganze Wein ist ausgelaufen.≪

≫Er gefällt mir nicht.≪

≫Und du gefällst ihm nicht, mit Recht. Gestern nacht habe ich mit ihm geschlafen.≪ Sie lächelte jetzt und schüttelte den Kopf. ≫Vamos a ver≪, sagte sie. ≫Ich sagte zu ihm: ‘Pablo, warum hast du den Fremden nicht getötet?’

‘Er ist ein braver Junge, Pilar’, sagte er, ‘er ist ein braver Junge.’

Und da sagte ich: ‘Du verstehst jetzt, daß ich hier befehle?’

‘Ja, Pilar, ja’, sagte er, und mitten in der Nacht höre ich ihn aufwachen und höre, wie er weint. Er weint auf eine kurze und häßliche Art, wie ein Mensch weint, wenn es so aussieht, als ob ein Tier in ihm säße und ihn schüttelte…

‘Was geschieht mit dir, Pablo?’ sagte ich zu ihm und packte ihn und hielt ihn fest.

‘Nichts, Pilar, nichts.’

‘Doch, etwas geschieht mit dir.’

‘Die Leute’, sagte er. ‘Die Art, wie sie mich im Stich gelassen haben. Die gente.’

‘Ja, aber sie stehen zu mir, sagte ich, ‘und ich bin deine Frau.’

‘Pilar’, sagte er, ‘denk an den Zug.’ Dann sagte er: ‘Gott steh dir bei, Pilar.’

‘Warum redest du von Gott?’ sagte ich zu ihm. ‘Was ist das für eine Art zu reden?’

‘Ja’, sagte er. ‘Gott und die Virgen.’

‘Qué va, Gott und die Virgen!’ sagte ich zu ihm. ‘Ist das eine Art zu reden?’

‘Ich habe Angst vor dem Sterben, Pilar’, sagte er. ‘¡Tengo miedo de morir! Verstehst du das?’

‘Dann raus aus dem Bett!’ sagte ich zu ihm. ‘Es ist kein Platz in einem Bett für dich und mich und deine Furcht dazu.’ Dann schämte er sich und war still, und ich schlief ein, aber, Mann, es ist vorbei mit ihm.≪

Robert Jordan schwieg.

≫Mein ganzes Leben lang hat mich ab und zu diese Traurigkeit überfallen≪, sagte die Frau, ≫aber es ist nicht wie die Traurigkeit Pablos. Meine Entschlossenheit leidet nicht darunter.≪

≫Das glaube ich dir.≪

≫Vielleicht ist es wie die Monatszeiten der Frau≪, sagte sie. ≫Vielleicht ist es gar nichts.≪ Sie hielt inne und fuhr dann fort: ≫Ich mache mir große Illusionen über die Republik. Ich glaube fest an die Republik, ich glaube an sie so eifrig, wie die frommen Leute an die Mysterien glauben.≪

≫Das glaube ich dir.≪

≫Und du hast denselben Glauben?≪

≫An die Republik?≪

≫Ja.≪

≫Ja≪, sagte er und hoffte zuinnerst, es möge wahr sein.

≫Das freut mich≪, sagte die Frau. ≫Und du fürchtest dich nicht?≪

≫Nicht vor dem Sterben≪, sagte er wahrheitsgemäß.

≫Aber sonst?≪

≫Nur davor, daß ich meine Pflicht versäumen könnte.≪

≫Nicht vor der Gefangenschaft — wie der andere?≪

≫Nein≪, sagte er wahrheitsgemäß. ≫Wenn man sich davor fürchtet, dann ist man so beschäftigt, daß man zu nichts mehr taugt.≪

≫Du bist ein sehr kalter Bursche.≪

≫Nein≪, sagte er. ≫Das glaube ich nicht.≪

≫Nein. Du hast einen sehr kalten Kopf.≪ ≫Weil mich meine Arbeit sehr beschäftigt.≪

≫Aber liebst du nicht die Dinge des Lebens?≪

≫Ja. Sehr. Aber sie dürfen mich nicht bei der Arbeit stören.≪

≫Ich weiß, daß du gerne trinkst. Ich habe es gesehen.≪

≫Ja. Sehr gern. Aber es darf mich nicht bei der Arbeit stören.≪

≫Und Frauen?≪

≫Ich habe die Frauen gern, aber ich habe sie bisher nicht sehr wichtig genommen.≪

≫Du liebst sie nicht?≪

≫Doch. Aber ich habe noch keine gefunden, die so auf mich gewirkt hätte, wie sich’s gehört — nach dem, was die Leute behaupten!≪

≫Ich glaube, du lügst.≪

≫Vielleicht ein wenig.≪

≫Aber Maria hast du gern.≪

≫Ja. Ganz plötzlich — und sehr gern.≪

≫Ich auch. Ich habe sie sehr gern. Ja, sehr.≪

≫Ich auch≪, sagte Robert Jordan, und er fühlte, wie es ihn in der Kehle zu würgen begann. ≫Ich auch, ja.≪ Es machte ihm Freude, es auszusprechen, und er sagte es in sehr feierlichem Spanisch: ≫Ich liebe sie sehr.≪

≫Nachdem wir mit El Sordo gesprochen haben, lasse ich dich mit ihr allein.≪

Robert Jordan schwieg.

Dann sagte er: ≫Das ist nicht nötig.≪

≫Doch, Mann. Es ist nötig. Du hast nicht viel Zeit.≪

≫Hast du das in meiner Hand gelesen?≪ fragte er.

≫Nein. Vergiß dieses dumme Zeug!≪

Sie hatte das einfach beiseite geschoben wie alles, was der Republik schaden konnte.

Robert Jordan schwieg. Er sah Maria zu, wie sie drinnen in der Höhle das Geschirr wegräumte. Sie wischte sich die Hände ab und drehte sich um und lächelte ihm zu. Sie konnte nicht hören, was Pilar sagte, aber während sie Robert Jordan zulächelte, errötete sie unter dem Braun ihrer Haut und lächelte dann abermals.

≫Es gibt auch noch den Tag!≪ sagte die Frau. ≫Ihr habt die Nacht, aber es gibt auch noch den Tag. Freilich, so bequem ist es nicht wie zu meiner Zeit in Valencia. Aber ihr könnt wilde Erdbeeren pflücken oder dergleichen.≪ Sie lachte.

Robert Jordan legte den Arm um ihre breiten Schultern. ≫Auch dich habe ich gern≪, sagte er. ≫Ich habe dich sehr gern.≪

≫Du bist ein richtiger Don Juan Tenorio≪, sagte die Frau, die nun vor Zärtlichkeit ganz verlegen wurde. ≫Du fängst schon an, alle zu lieben. Da kommt Agustín.≪

Robert Jordan ging in die Höhle und näherte sich Maria. Sie sah ihn herankommen, ihre Augen schimmerten hell, und wieder glitt ein Erröten über ihre Wangen und ihren Hals.

≫Hallo, kleines Kaninchen≪, sagte er und küßte sie auf den Mund. Sie drückte ihn fest an sich, sah ihm ins Gesicht und sagte: ≫Hallo. Oh, hallo. Hallo!≪

Fernando, der am Tisch saß und eine Zigarette rauchte, stand auf, schüttelte den Kopf und ging hinaus und griff nach seinem Karabiner, der an der Felswand lehnte.

≫Das ist sehr würdelos≪, sagte er zu Pilar. ≫Das gefällt mir nicht. Du solltest auf das Mädchen aufpassen.≪

≫Das tue ich≪, sagte Pilar. ≫Dieser Genosse ist ihr novio.≪

≫Oh≪, sagte Fernando. ≫In diesem Fall, da sie verlobt sind, finde ich ihr Verhalten völlig normal.≪

≫Das freut mich≪, sagte die Frau.

≫Ganz meinerseits≪, sagte Fernando feierlich. ≫Salud, Pilar!≪

≫Wo willst du hin?≪ ≫Zu den oberen Posten, Primitivo ablösen.≪

Agustín kam hinzu.

≫Wo zum Teufel gehst du hin?≪ fragte Agustín den feierlichen kleinen Mann.

≫Meine Pflicht tun≪, sagte Fernando voller Würde.

≫Deine Pflicht!≪ sagte Agustín höhnisch. ≫Ich spucke auf den Saft deiner Pflicht.≪ Dann zu der Frau: ≫Wo zum Teufel ist denn der Dreck, den ich bewachen soll?≪

≫In der Höhle≪, sagte Pilar. ≫In zwei Säcken. Und ich habe deine Schweinereien satt.≪

≫Ich — auf den Saft deines Satthabens≪, sagte Agustín.

≫Dann geh und besudle dich selber≪, erwiderte Pilar völlig ruhig.

≫Deine Mutter!≪ erwiderte Agustín.

≫Du hast nie eine gehabt!≪ sagte Pilar. Die Beleidigungen hatten nun jenes letzte Stadium spanischer Förmlichkeit erreicht, da die entsprechenden Handlungen nicht mehr ausgesprochen, sondern nur noch angedeutet werden.

≫Was machen die zwei dort drin?≪ fragte nun Agustín in vertraulichem Ton.

≫Nichts≪, erwiderte Pilar. ≫Nada. Wir sind schließlich im Frühling, du Vieh.≪

≫Vieh≪, sagte Agustín, das Wort auskostend. ≫Vieh. Und du. Du Tochter der großen Hure aller Huren. Ich bedrecke mich im Saft des Frühlings.≪

Pilar schlug ihm auf die Schulter.

≫Du!≪ sagte sie und lachte ihr dröhnendes Lachen. ≫Deinen Flüchen fehlt jede Abwechslung. Aber sie sind kräftig. Hast du die Flugzeuge gesehen?≪

≫Ich sch… in den Saft ihrer Motoren!≪ sagte Agustín, nickte heftig und biß sich auf die Unterlippe.

≫Das läßt sich hören≪, sagte Pilar. ≫Das läßt sich wirklich hören. Aber es ist schwer durchzuführen.≪

≫In dieser Höhe ja!≪ sagte Agustín grinsend. ≫Desde luego. Aber es ist besser, man macht Witze.≪

≫Ja≪, sagte Pablos Frau. ≫Es ist viel besser, man macht Witze, und du bist ein braver Kerl, und deine Witze sind kräftig.≪

≫Hör mal, Pilar≪, sagte Agustín ernst. ≫Irgend etwas geht vor. Meinst du nicht?≪

≫Was meinst du?≪

≫Scheußlich! Könnte nicht schlimmer sein. Es waren viele Flugzeuge, Weib. Viele Flugzeuge.≪

≫Und du hast Angst gekriegt wie alle?≪

≫¡Qué va!≪ sagte Agustín. ≫Was glaubst du, haben sie vor?≪

≫Sieh mal≪, sagte Pilar. ≫Die Republik hat offenbar eine Offensive vor, deshalb hat man diesen Burschen hergeschickt. Die Faschisten bereiten einen Gegenschlag vor — deshalb die Flugzeuge. Aber warum zeigen sie ihre Flugzeuge?≪

≫In diesem Krieg geschehen viele Dummheiten≪, sagte Augustin. ≫In diesem Krieg herrscht ein grenzenloser Blödsinn.≪

≫Sicher≪, sagte Pilar. ≫Sonst säßen wir nicht hier.≪

≫Ja≪, sagte Agustín. ≫Jetzt schwimmen wir schon seit einem Jahr in diesem Blödsinn. Aber Pablo ist ein sehr einsichtsvoller Mann, Pablo ist sehr schlau.≪

≫Warum sagst du das?≪

≫Ich sage es.≪

≫Aber du mußt eines verstehen!≪ sagte Pilar. ≫Jetzt ist es schon zu spät, um sich durch Schlauheit zu retten, und alles andere hat er längst eingebüßt.≪

≫Ich verstehe≪, sagte Agustín. ≫Ich weiß, daß wir weg müssen. Und weil wir siegen müssen, um am Leben zu bleiben, ist es nötig, daß die Brücken gesprengt werden. Aber Pablo, mag er auch jetzt ein Feigling sein, ist sehr schlau.≪

≫Auch ich bin schlau.≪

≫Nein, Pilar≪, sagte Agustín. ≫Du bist nicht schlau, du bist tapfer. Du bist treu. Du bist entschlossen. Du hast einen scharfen Blick. Viel Entschlossenheit und viel Herz. Aber du bist nicht schlau.≪

≫Meinst du?≪ fragte die Frau nachdenklich.

≫Ja, Pilar.≪

≫Aber der Bursche ist schlau≪, sagte die Frau. ≫Schlau und kalt. Er hat einen kühlen Kopf.≪

≫Ja≪, sagte Agustín. ≫Er muß wohl sein Geschäft verstehen, sonst hätten sie ihm nicht diesen Auftrag gegeben. Aber ich weiß nicht, ob er schlau ist. Von Pablo weiß ich, daß er schlau ist.≪

≫Aber er taugt zu nichts, weil er Angst hat und nicht handeln will.≪

≫Trotzdem ist er schlau.≪

≫Und was meinst du?≪

≫Nichts. Ich bemühe mich, die Sache vernünftig zu überlegen. Wir müssen jetzt vernünftig handeln. Nach der Brückengeschichte müssen wir sofort verschwinden. Alles muß vorbereitet sein. Wir müssen wissen, wohin wir verschwinden und wie.≪

≫Selbstverständlich.≪

≫Dazu brauchen wir Pablo. Seine Schlauheit.≪

≫Ich habe kein Vertrauen zu Pablo.≪

≫In diesem Punkt, ja.≪

≫Nein. Du weißt nicht, wie sehr es mit ihm aus ist.≪

≫Pero es muy vivo. Er ist sehr schlau. Und wenn wir jetzt nicht schlau vorgehen, sind wir besch… dran.≪

≫Ich werde darüber nachdenken≪, sagte Pilar. ≫Ich habe den ganzen Tag vor mir, um nachzudenken.≪

≫Für die Brücke der Bursche!≪ sagte Agustín. ≫Das versteht er bestimmt. Schau nur, wie fein der andere den Zug organisiert hat!≪