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Der kleine Mann und die kleine Miss

Erich Kästner

Eigentlich heißt er Mäxchen Pichelsteiner, aber berühmt ist er als der kleine Mann. Denn Mäxchen ist nur fünf Zentimeter groß, schläft bequem in einer streichholzschachtel und tritt außerdem mit Professor Jokus von Pokus als Artist im Zirkus stilke auf. so berühmt ist der kleine Mann, dass Mister Drinkwater höchstpersönlich aus Amerika anreist, um sein turbulentes Leben zu verfilmen. Ungewöhnliche Helden erleben nun einmal ungewöhnliche Abenteuer. Nach aufregenden Filmaufnahmen ist Mäxchen dann endlich weltweit im Fernsehen zu sehen. Im fernen Alaska sitzt ein kleines Mädchen und traut seinen Augen kaum. Das kleine Mädchen heißt Emily Simpson, ihre Mutter ist eine geborene Pichelsteiner und auch Emily ist nur - na, wie groß wohl? Erich Kästner Der Autor vieler weltbekannter Kinderbücher, ausgezeichnet u. a. mit dem Georg-Büchner-Preis und der Hans-Christian-Andersen-Medaille, hat einmal gesagt: »Die meisten Menschen legen ihre Kindheit ab wie einen alten Hut. Sie vergessen sie wie eine Telefonnummer, die nicht mehr gilt. Früher waren sie Kinder, dann wurden sie Erwachsene, aber was sind sie nun? Nur wer erwachsen wird und Kind bleibt, ist ein Mensch!«

Liebe Kinder,

gestern hatte ich überraschenden Besuch. Es klingelte. Ich öffnete. Und wer stand draußen? Der Schüler Jakob Hurtig aus der Kickelhahnstraße 17, Erdgeschoss links. »Unverhofft kommt oft«, erklärte er vergnügt.

»Treten Sie näher, Herr Unverhofft«, sagte ich, und dann marschierten wir erst einmal in die Küche. Denn dort steht der Eisschrank. »Du bist ja schon wieder gewachsen«, stellte ich fest.

»Was bleibt einem jungen Menschen weiter übrig?«, fragte er. »Das bisschen Schule, die paar Hausaufgaben, die kleinen Besorgungen für die liebe Mutter, die englische Privatstunde, der Turnverein, das Zähneputzen, das Schuheputzen, das Naseputzen, das Füßewaschen, das Nägelschneiden, das Haarekämmen, was ist das schon? Was, um alles in der Welt, soll man in der übrigen Zeit tun? Da ist Wachsen noch das Gescheiteste.«

»Freilich.« Ich nickte. »Außerdem hat man’s dann hinter sich. Aber Wachsen macht hungrig. Wie wär’s mit einem Sülzkotelett? Oder bist du satt?«

Jakob schielte kurz zum Eisschrank hinüber. Anschließend blickte er mir fest in die Augen und sagte: »Man soll nicht lügen.«

Nachdem er das Sülzkotelett vertilgt hatte, meinte er seufzend: »Ungewöhnlich schmackhaft«, wischte sich den Mund, wickelte den Kotelettknochen in die Papierserviette und fügte erläuternd hinzu: »Falls ich auf dem Nachhauseweg einen Hund treffe.«

»Noch ein Sülzkotelett?«, lockte ich. »Es ist noch eines im Eisschrank.«

»Danke nein«, sagte er. »Mein Magen ist vorübergehend wegen Überfüllung geschlossen. Außerdem bin ich ja nicht zu meinem Vergnügen hier. Ich habe den dienstlichen Auftrag, Ihnen tausend Grüße zu überbringen und einen Kuss auf die Nasenspitze zu geben.« Er stopfte den Kotelettknochen in die Hosentasche, rutschte verlegen auf dem Küchenstuhl hin und her und fragte nach einer Weile: »Ist es Ihnen recht, wenn wir die Sache mit der Nasenspitze weglassen? So was liegt mir nicht besonders.«

»Mir auch nicht«, gab ich zu. »Aber wer lässt mich denn, ob nun mit oder ohne Nasenspitze, tausendmal grüßen?«

»Natürlich Mäxchen«, sagte Jakob. »Er hat mir einen langen Brief geschickt. Zehn Seiten in Briefmarkengröße! Mir tun jetzt noch die Pupillen weh.«

»Er konnte den Brief doch der Rosa Marzipan in die Maschine diktieren!«

»Nein. Das konnte er nicht!«

»Und warum nicht, wenn ich fragen darf?«

»Weil sie im Bett liegt und ein Baby gekriegt hat. Einen Jungen.«

»Das ist eine gute Idee!«, rief ich. »Und wie heißt der Knabe?«

»Er heißt überhaupt noch nicht. Rosa will ihn Daniel nennen, aber der Jokus ist für Ferdinand.« Jakob kicherte. »Dabei hat ihnen Mäxchen einen bildschönen Vorschlag gemacht! Doch sie waren beide dagegen.«

»Das klingt verdächtig.«

»Weil der Vater Jokus von Pokus heißt, sollten sie den Sohn Joküsschen von Poküsschen nennen!«

»Ich habe es schon immer vermutet«, sagte ich, »und nun weiß ich’s endgültig: Mäxchen ist ein Ferkel.«

Jakob kicherte unverdrossen weiter. Er hörte erst auf, als ich ihn schräg ansah und kaltblütig erklärte: »Wer jetzt weiterlacht, kriegt keine Limonade.«

Die Limonade trank er drüben im Arbeitszimmer, während er an den Regalen entlangschob und die Buchtitel studierte. Plötzlich blieb er stehen, schlug sich mit der Hand vor die Stirn, dass es nur so klatschte, und sagte verbittert: »Da haben wir’s - ich werde alt.«

»Man soll nichts übereilen«, gab ich zu bedenken. »Warte damit wenigstens bis zur Konfirmation.«

»Ich werde alt und vergesslich«, fuhr er fort. »Und was vergesse ich jedes Mal? Ausgerechnet die Hauptsache!«

»Es muss auch alte Knaben geben«, sagte ich, um ihn zu trösten. »Trotzdem wüsste ich ganz gern, welche Hauptsache du diesmal fast vergessen hättest.«

Jakob trank sein Glas leer, stellte es aufs Fensterbrett, holte tief Luft, als wolle er Schillers >Lied von der Glocke< aufsagen, und begann: »Mäxchen schreibt, Sie hätten ihm im vorigen Jahr versprochen, die Geschichte vom kleinen Mann fortzusetzen und ...«

»Stimmt«, meinte ich. »In Lugano. Auf der Terrasse. Rosa Marzipan und der Jokus saßen dabei. Und Mrs. und Miss Simpson auch. Es gab Pfirsichbowle. Der Vollmond schien. Unten auf dem See wurde das große Feuerwerk abgebrannt, dass es nur so zischte und krachte. Der Himmel und das Wasser schillerten in allen Farben. Es war wunderbar. Und als der Jokus, nach dem Feuerwerk, die Lampen auf der Terrasse wieder anknipste, stellten wir fest, dass Mäxchen fehlte. Er war im Dunkeln an meinem Glas hochgeklettert und versehentlich hineingefallen. Wir fischten ihn heraus. Er war klitschnass, hatte einen Schwips und roch drei Tage lang nach Pfirsichbowle.«

Jakob Hurtig starrte mich an, sagte ehrfürchtig: »Mann, haben Sie ein Gedächtnis!« und setzte hinzu: »Das soll sonst nur noch bei Elefanten vorkommen!«

»Du bist der geborene Schmeichler«, antwortete ich. »Doch davon abgesehen: An jenem Abend habe ich ihm tatsächlich versprochen, den zweiten Band zu schreiben. Glaubt er, ich hätte mir’s anders überlegt? Hm?«

»Ich ... ich weiß nicht recht.« Jakob druckste herum und bekam vor Verlegenheit rote Ohren. »Er scheint sich einzubilden, Sie säßen lieber am Fenster oder in Cafes oder ... oder Sie gingen lieber bummeln und blieben lieber vor Schaufenstern stehen oder an Gartenzäunen und .«

»Ich ahne Fürchterliches«, sagte ich. »Der Bursche hält mich für ein ausgemachtes Faultier.«

»Also, das Wort >Faultier< kommt in seinem Brief kein einziges Mal vor. Nicht einmal >Faulpelz<. Das schwöre ich bei meinem Schulranzen!«

»Aber vielleicht das Eigenschaftswörtchen >faul<, ja?«

»Das wäre möglich«, gab Jakob zögernd zu. »Er hat sich allerdings sehr hübsch ausgedrückt. >Ich glaube<, hat er geschrieben, >unser edler Dichterfürst ist ziemlich faul geworden.<«

Als ich das hörte, musste ich lachen. Jakob stimmte erleichtert ein. Dann fragte er: »Wann werden Sie denn nun mit dem Schreiben loslegen?«

»Ich habe bereits losgelegt«, erklärte ich triumphierend und warf mich so stolz in die Brust, dass die Rippen knackten. »Dort auf dem Schreibtisch liegt das erste Kapitel. Die Schreibmaschine qualmt noch.«

Jakobs Augen glitzerten vor Neugierde. »Darf ich’s rasch mal lesen?«

»Nein. Unfertige Sachen zeig ich nicht her.«

Er blickte gebannt zum Schreibtisch hinüber. »Schade. Kolossal schade. Denn nun wird Mäxchen denken, Sie hätten es mir bloß nicht gezeigt, weil es gar nicht das erste Kapitel ist, sondern ganz was anderes!«

»Jakob Hurtig«, sagte ich hoheitsvoll, »du bist kein vornehmer Charakter. Ich habe eine Schlange an meinem Busen genährt. Noch dazu mit einem Sülzkotelett und kühler Limonade.«

Der Junge fragte geknickt: »Soll ich mich fortscheren?«

Ich schüttelte mein graues Haupt. »Nein. Du sollst, zur Strafe, auf der Stelle das erste Kapitel des zweiten Bandes vom kleinen Mann lesen.«

Und schwupp, schon saß er drüben, nahm das Manuskript in beide Hände und begann laut und vernehmlich: »Das erste Kapitel. Kriminalkommissar Steinbeiß beißt auf Granit. Bernhard hat einen Komplex, und .«

»Lies leise, Jakob!«, sagte ich nervös. »Ich kann den Text schon singen.« Dann zündete ich mir eine Zigarette an und blickte aus dem Fenster.

Schließlich hatte er es geschafft, legte das Manuskript behutsam auf den Schreibtisch zurück, nickte und meinte: »Genauso war es. Sogar der Schüler Hurtig kommt wieder vor. Mehr kann man nicht verlangen.«

»Ehre, wem Ehre gebührt«, stellte ich fest. »Wer weiß, was damals aus dem kleinen Mann geworden wäre, wenn du nicht aus dem Fenster geschaut hättest!«

»Aus dem Fenster gucken kann jeder.«

»Die Kunst besteht darin, im richtigen Augenblick hinauszugucken!«

»Da bin ich also ein Künstler«, sagte er und schnitt eine Grimasse. »Auch das noch! Wenn Sie meine Zensuren in Singen und Zeichnen gesehen hätten, würden Sie das stark bezweifeln. So, und nun geh ich.« Er stand auf. »Morgen schreib ich Mäxchen, dass Sie losgelegt haben.«

»Wo steckt er denn zur Zeit?«

»Sie gastieren in Kopenhagen. Diesmal im Zirkus Schumann. Natürlich mit Riesenerfolg. Und er bliebe gerne länger. Weil es ja dort das >Tivoli< gibt. >Der schönste Rummelplatz auf der Welt<, schreibt er. Und es gäbe in der Stadt Tausende von Läden mit

Schokolade und Bonbons und vor allem mit zehn Sorten Lakritze. Und diese Läden hätten viel länger auf als anderswo. Mögen Sie Lakritze?«

»Sehr.«

»Ich nicht.«

»Du schwärmst mehr für Ananastörtchen.«

Er verzog das Gesicht. »Sie sind ein Spaßvogel, Herr Dichterfürst. Na ja, und sie wohnen alle in einem Hotel am Meer, das dort >Öresund< heißt. Und auch da gibt’s einen berühmten Rummelplatz. Den ältesten überhaupt. Er ist fast hundertfünfzig Jahre alt und heißt >Bakken<. Und gegenüber einen Riesenpark mit fünftausend Rehen und Hirschen und mit Eichen, die sechshundert Jahre alt sind. Eine soll sogar achthundert Jahre alt sein. Und Hünengräber aus der Wikingerzeit liegen nur so herum. Und Pferdedroschken für Spazierfahrten kann man mieten, als wären’s Taxis. Und die Rehe haben überhaupt keine Angst, sondern wedeln höchstens mit den Ohren, wenn man vorbeifährt. Aber Direktor Brausewetter kann das Engagement nicht verlängern, weil sie im nächsten Monat in Oslo auftreten müssen. Na, Oslo ist sicher auch sehr schön.«

»Vermutlich«, sagte ich. »Und wo liegt inzwischen Mama Marzipan mit dem namenlosen Baby?«

»Mama Marzipan und das Baby sind doch auch in Kopenhagen! Vielleicht bleiben sie vierzehn Tage länger und fliegen erst dann nach Oslo. Vorsichtshalber und nur so. Denn es fehlt ihnen wirklich rein gar nichts. Bis .« Er biss sich auf die Unterlippe. »Bis auf den Vornamen.«

Er stand schon halb auf der Treppe, als ihm noch etwas einfiel. »Was ist denn nun mit den Kindern, die den ersten Band vom kleinen Mann nicht gelesen haben?«, fragte er. »Ich meine die Kinder, die zuerst den zweiten Band geschenkt kriegen! Das ist doch glatt möglich, oder?«

»Jawohl. Damit muss man rechnen.«

»Na und?« Jakob wurde eifrig. »Wenn die lieben Kleinen das erste Kapitel vom zweiten Band lesen, das Sie mir vorhin gegeben haben, und wenn sie den ersten Band noch nicht kennen, dann verstehen sie ja überhaupt nicht, was eigentlich los ist! Sie wissen nicht, dass Mäxchen gekidnappt und befreit wurde und wie aufgeregt die ganze Stadt war. Und von Bernhard und dem Kahlen Otto und dem Senor Lopez haben die armen Würmer keine blasse Ahnung. Womöglich wissen sie nicht einmal, dass Mäx-chen nur fünf Zentimeter groß ist und .«

»Hör auf!«, bat ich. Mir war der Schreck so in die Glieder gefahren, dass ich mich an der offenen Wohnungstür festhalten musste.

Aber er hörte nicht auf. »Na ja, vielleicht verkaufen die Buchhändler den zweiten Band nur für Kinder, die den ersten Band schon gelesen haben.«

»Dummes Zeug«, knurrte ich. »Woher sollen das denn die Buchhändler wissen? Und wer soll es ihnen denn erzählen? Tante Frieda, die nur alle Jubeljahre einen Buchladen betritt? Oder Onkel Theodor, der ein Buch bloß kauft, weil es billiger ist als eine Dampfmaschine?«

»Das sieht ja düster aus«, meinte Jakob und setzte sich auf die Treppe. Ich setzte mich neben ihn und murmelte: »Sehr düster, junger Freund.«

Nach einer Weile sagte er: »Ich weiß was! Sie müssen den zweiten Band damit beginnen, dass Sie zunächst den Inhalt des ersten Bandes erzählen. Ist das eine gute Idee?« Er strahlte, als habe er soeben Amerika entdeckt.

Ich winkte betrübt ab. »Dafür brauche ich mindestens dreißig, vielleicht sogar vierzig Buchseiten! Und was, glaubst du wohl, würden dann die anderen Kinder sagen, die den ersten Band schon kennen?«

»Sie würden fluchen.«

»Ganz richtig.«

»Sie würden ganz richtig fluchen. >Diesen Herrn Kästner sollte dreimal die Erde verschlingen! < könnten sie beispielsweise fluchen, oder >Man müsste ihm mit dem Tomahawk den Scheitel nachziehen!< oder >Auf, Kameraden, wir wollen ihm Reißzwecken ins Bier träufeln!< oder >Cassius Clay möge ihn aufdünsten!< oder .«

»Sei nicht so blutrünstig, Jakob! Hilf mir lieber aus der Patsche!« Aber ihm fiel nichts Gescheites ein. Mir fiel nichts Gescheites ein. Und so säßen wir womöglich noch heute auf der Treppe, wenn nicht plötzlich ein Windstoß durchs Haus gefegt wäre und mit lautem Knall die Wohnungstür zugeschlagen hätte. Und mein Schlüsselbund lag drin auf dem Schreibtisch!

»Künstlerpech«, meinte Jakob. »Dichterfürst hat Künstlerpech. Wo wohnt der nächste Schlosser?« Ein Glück, dass ich’s wusste. Der Junge versprach mir, auf dem Nachhauseweg dem Handwerker Bescheid zu sagen, verabschiedete sich und sauste wie ein geölter Blitz davon.

Der Schlosser war weniger gut geölt, und ein Blitz war er auch nicht gerade. Er kam, als es im Treppenhaus längst dämmerte. Und vielleicht lag es an der Dämmerung, dass mir, während ich auf den Stufen hockte, der rettende Einfall durch den Kopf schoss. (Wenn das stimmen sollte, werde ich mich künftig ziemlich oft bei Dämmerung ohne Schlüssel auf die Treppe setzen.)

Jedenfalls, als der Schlosser die Tür aufgesperrt hatte, gab ich ihm vor Freude zwei Mark zu viel, bedankte mich, weil er so spät gekommen war, und schrieb einen Brief an Herrn Lemke, der den ersten Band vom kleinen Mann illustriert hat. Ich schrieb:

»Machen Sie doch, bitte, für den Anfang des zweiten Bandes zehn Zeichnungen über den ersten Band! Dann wissen die Kinder, die ihn nicht kennen, was darin passiert ist. Und die anderen Kinder, die ihn schon kennen, werden trotzdem ihren Spaß haben, weil für sie die zehn Zeichnungen neu sind. Übrigens, sollten Sie beim Nachdenken Schwierigkeiten haben, machen Sie’s wie ich: Setzen Sie sich in der Dämmerung auf die Treppe!«

Ein paar Tage später kam die Antwort. »Ich habe«, schrieb Herr Lemke, »Ihren Rat befolgt und mich in der Dämmerung auf die Treppe gesetzt. Ihr guter Rat war leider teuer, denn die Treppe war frisch gestrichen, und das merkte ich erst, als jemand die Hausbeleuchtung anknipste. Graue Hosen mit rotem Hosenboden sehen grässlich aus. Die zehn Zeichnungen schicke ich trotzdem. Mit den besten Grüßen von Treppe zu Treppe

Ihr Horst Lemke.«

Er schickte die Zeichnungen. Ich machte die Unterschriften. Und nun hoffen er und ich, dass den Nochnichtkennern des ersten Bandes die nächsten Seiten von Nutzen sein und, wie das ganze Buch, allen Lesern Spaß machen werden.

Das sind die zwei kleinsten Mitglieder der chinesischen Akrobatentruppe >Familie Bambus< vom Zirkus >Stilke<. Sie heißt Tschin Tschin und er Wu Fu. Beide sind etwa fünfzig Zentimeter groß und miteinander verheiratet. Aber eigentlich heißen sie Pichelsteiner, stammen aus Pichelstein im Böhmerwald und sind gar keine Chinesen. Das böhmische Dorf Pichelstein ist aus drei Gründen berühmt: Alle Einwohner sind von winzigem Wuchs. Alle heißen Pichelsteiner. Und alle sind hervorragende Geräteturner.

Das ist Tschin Tschins und Wu Fus Sohn. Er heißt Mäxchen Pichelsteiner, wird der kleine Mann genannt und schläft, weil er nur fünf Zentimeter misst, in einer Streichholzschachtel. Mit sechs Jahren verliert er seine Eltern. Sie werden während eines Sturms vom Eiffelturm geweht. Zwei Wochen später fischt ein portugiesischer Dampfer ihre beiden schwarzen Chinesenzöpfe aus dem Atlantischen Ozean. Die Zöpfe werden in einem Elfenbeinkästchen von den Zirkusleuten feierlich begraben. Und Mäxchen ist sehr, sehr unglücklich.

Das ist Professor Jokus von Pokus, der Zauberkünstler des Zirkus. Er behütet und erzieht den kleinen Mann und bringt ihm Lesen, Schreiben und Rechnen bei. Das ist bei einem fünf Zentimeter kleinen Jungen sehr kompliziert. Nachts steht die Streichholzschachtel mit Mäxchen auf dem Nachttisch des Professors. Emma und Minna schlafen auf dem Schrank und Alba, das weiße Kaninchen, in einem Spankorb. Emma und Minna sind keine Dienstmädchen, sondern Lachtauben, die, genau wie das Kaninchen, dem Professor beim Zaubern helfen.

Das ist der Schöne Waldemar, von Beruf Schaufensterpuppe, bis ihn der Jokus kauft. Warum? Weil Mäxchen, so winzig er ist, Artist werden möchte. Der Jokus hat den rettenden Einfall: Er wird Mäxchen zum ersten unsichtbaren Artisten machen! Deshalb muss der Knirps monatelang auf dem Schönen Waldemar klettern und turnen, bis er alle Kunststücke beherrscht, die für eine sensationelle Zirkusnummer notwendig sind. Den Titel dafür haben sie schon: >Der große Dieb und der kleine Mann<.

Das sind der dicke Herr Mager und der Rechtsanwalt Dr. Hornbostel. Sie stehen, ohne Krawatte, Schnürsenkel und Hosenträger, in der Manege und sind vom Jokus und mit Mäxchens unsichtbarer Hilfe ratzeputzekahl ausgeraubt worden, ohne dass sie’s gemerkt hätten. Natürlich kriegen sie alle dreißig Gegenstände wieder. (Auf Seite 79 im ersten Band sind sie genau aufgezählt.) Das Publikum lacht sich halb tot. Und als der Jokus zum Schluss Mäxchen herumzeigt, nimmt der Jubel kein Ende. Der Professor und sein Zauberlehrling werden über Nacht berühmt.

Das ist Mäxchens Wohnung nach Maß, ein Geschenk des Königs Bileam von Bre-ganzona. Nun badet der Junge in einer Badewanne statt wie bisher in des Professors Seifenschale. Ja, der Ruhm hat angenehme Seiten. Der Turnverein Pichelstein (T.V. 1872) ernennt Mäxchen zum Ehrenmitglied. Und eine Spielzeugfirma verkauft Streichholzschachteln, worin Puppen liegen, die wie Mäxchen aussehen. - Als der Jokus eines Tages ins Hotel kommt, liegt nicht Mäxchen in der alten Streichholzschachtel, sondern eine Puppe! Der Junge ist gestohlen worden!

Das sind Bernhard und der Kahle Otto, zwei wüste Zeitgenossen. Sie sind Mitglieder einer internationalen Bande, haben den kleinen Mann in einem leeren Haus versteckt, bewachen ihn abwechselnd, warten auf weitere Befehle und ärgern sich, dass sie Kindermädchen spielen müssen. Mäxchen weiß nicht, wo er ist. Doch in einem ist er besser daran als der Jokus und Rosa Marzipan und die Kriminalpolizei und alle Übrigen: Er weiß, dass er noch lebt! Jokus von Pokus hat eine Belohnung von 50000 Mark ausgesetzt. Auch das hilft nichts.

Das sind Rosa Marzipan und der Jokus im >Goldenen Schinken<. Er hat anderthalb Tage nicht geschlafen und nichts gegessen. Nicht einmal die hübsche Rosa, eine Trampolinspringerin aus dem Zirkus, kann ihn trösten, als sie sagt: »Hier kann nur einer helfen, Mäxchen selber!« Und sie behält Recht. - Mäxchen beginnt in dem leeren Haus aus Leibeskräften zu brüllen, als habe er Magenkrämpfe. Der Kahle Otto stürzt in die Apotheke, um Baldriantropfen und, bei dieser Gelegenheit, für sich eine Flasche Schnaps zu holen. Die Türen hat er abgeschlossen. Aber die Streichholzschachtel ist trotzdem leer. Denn Mäxchen hat auf Ottos Rücken das Haus verlassen, ist aufs Gartentor gesprungen und sucht Hilfe.

Das ist Jakob Hurtig, der Junge aus dem Erdgeschoss gegenüber. Er spuckt Kirschkerne auf die Kickelhahnstraße und wird von jemandem gerufen und beschimpft, den er nicht sieht. Er rennt wütend hinüber und erkennt den kleinen Mann, der seit Tagen gesucht wird! Sie verständigen Kriminalkommissar Steinbeiß. Und als der Kahle Otto mit den Baldriantropfen (und dem Schnaps) zurückkommt, werden er und Bernhard verhaftet. - Am Abend vertilgt der Jokus vor Freude zwei Schnitzel. Mäxchen sitzt auf dem Tisch und berichtet seine Abenteuer. Der Hoteleingang muss abgesperrt werden. Die ganze Stadt jubelt, dass der kleine Mann gerettet worden ist.

So, wertgeschätzte Leser,

dies war der Versuch, die Nochnichtkenner durch zehn Bilder ins Bild zu setzen. Wem das nicht genügt, der kann sich ja den ersten Band nachwünschen. Schließlich hat jedes Kind jedes Jahr Geburtstag, und auch das mit Recht beliebte Weihnachtsfest findet alljährlich statt.

Ist euch übrigens aufgefallen, dass es gar nicht zehn Bilder sind? Zählt einmal nach! Es sind nur neun! Herr Lemke und ich wollten ausprobieren, ob ihr gut aufpasst. Man muss nicht alles blind glauben. Nicht einmal so netten Leuten wie den Herren Lemke und Kästner. Doch ab jetzt wird nicht mehr gemogelt.

Ab jetzt erzähle ich schlankweg, was alles nach der Verhaftung der zwei Halunken passierte. Man hatte sie ins Untersuchungsgefängnis gebracht, und jeder saß, vom anderen hübsch getrennt, in einer Einzelzelle. Bernhard starrte verkniffen an die leere Wand. Aber der Kahle Otto hämmerte mit den Fäusten gegen die Tür. »Ich will meine Flasche Schnaps wiederhaben!«, brüllte er. »Ihr habt sie mir aus der Hand gekloppt! Das ist gegen sämtliche Menschenrechte!«

Da öffnete sich das Guckfenster in der Zellentür, und ein Gefängniswärter fragte unfreundlich: »Wen oder was wollen Sie wiederhaben?«

»Meine Flasche Schnaps!«, schrie der Kahle Otto.

»Sie sind wohl nicht ganz bei Troste«, brummte der Beamte. »Hier wird gesessen und nicht gesoffen.«

Otto schielte vor lauter Durst. »Ich werde mich beschweren! Man wird Sie entlassen!«, heulte er.

»Das glaub ich nicht«, meinte der Wachtmeister. »Aber Sie wird man nicht entlassen. Das weiß ich!« Damit schlug er das Guckfenster zu.

Am nächsten Vormittag wurden die zwei Häftlinge unter strengster Bewachung ins Polizeipräsidium gebracht. Kriminalkommissar Steinbeiß wollte sie in Mäxchens Gegenwart vernehmen. Denn der kleine Mann war ja nicht nur das Opfer, sondern auch der Hauptzeuge des Verbrechens. Der Jokus steckte ihn also in die Brusttasche, und so fuhren sie los. Auch der Schüler Jakob Hurtig wurde als Zeuge vorgeladen und von einem Polizeiwagen aus der Schule geholt. Die Klasse beneidete ihn mächtig. Schon deshalb, weil sie über einem Rechendiktat schwitzte.

Mäxchen, der Jokus und der Jakob trafen sich also bei Herrn Steinbeiß, und damit beginnt ...

Das erste Kapitel

Kriminalkommissar Steinbeiß beißt auf Granit / Bernhard hat einen Komplex und der Kahle Otto hat Durst / In Tempelhof landet eine Reisegesellschaft aus Paris /Mister John F. Drinkwater kommt aus Hollywood, ist 1,90m lang und hat es eilig.

»Was wir bis jetzt über die zwei Halunken wissen, ist nicht der Rede wert«, sagte Kriminalkommissar Steinbeiß. »Wir haben ihre Pässe, ihre Flugscheine und ihre Fingerabdrücke. Die Pässe sind falsch. Das Flugziel war Madrid. Doch ich glaube nicht, dass sie dort bleiben wollten.«

»Aber die Fingerabdrücke, die lassen sich nicht fälschen«, meinte Mäxchen. Er saß, in der Mitte des Schreibtischs, auf der Kante des Aschenbechers und baumelte mit den Beinen. »Fingerabdrücke sind immer echt.«

»Stimmt auffallend!«, bekräftigte Jakob Hurtig. »Jeder Mensch hat seine eignen. Nicht einmal Zwillinge haben die gleichen. Und

wer früher schon mal im Gefängnis war, ist geliefert. Die Polizei vergleicht die neuen Finger abdrücke mit denen von damals, und aus ist der Husten.«

»Denkt ihr, wir haben geschlafen?«, fragte der Kommissar. »Wir haben kein Auge zugetan.« Er gähnte herzzerreißend. »Interpol in Paris, Scotland Yard in London, FBI in Washington und das Bundeskriminalamt in Wiesbaden wurden sofort verständigt.«

Professor Jokus von Pokus schien sich zu wundern. »Wozu die Umstände? Die zwei Strolche haben Mäxchen geraubt und wollten ihn ins Ausland verschleppen. Dafür gehören sie ins Zuchthaus, und an ihrer Verurteilung ist nicht zu zweifeln. Wie sie in Wirklichkeit heißen und ob sie früher silberne Löffel oder goldene Uhren gestohlen haben, spielt doch dabei überhaupt keine Rolle!«

»Für Sie nicht, aber für uns«, sagte Herr Steinbeiß nachsichtig. »Denn erstens verschärfen Vorstrafen das bevorstehende Strafmaß. Und zweitens möchten wir endlich dem sagenhaften Senor Lopez ans Leder. Der Kahle Otto hat dem kleinen Mann sehr interessante Dinge erzählt. Vielleicht bringe auch ich ihn ein bisschen zum Reden.«

Mäxchen erschrak. »Wollen Sie ihn foltern?«

»Unsinn«, knurrte Herr Steinbeiß.

»Für einen Räuber hat er sich nämlich ganz nett zu mir benommen. Er ist mehr dumm als böse.«

»Auch die Dummen sind gefährlich«, stellte der Kommissar fest.

In diesem Moment kippte Mäxchen hintenüber und fiel mitten

in den Aschenbecher. Als er sich wieder hochgerappelt hatte, sah er ziemlich unschön aus und musste niesen.

Der Jokus angelte den Dreckspatz mit spitzen Fingern aus der Zigarrenasche, putzte ihn, so gut es ging, sauber und erklärte: »Aschenbecher sind kein Aufenthalt für Nichtraucher. Merk dir das!«

Im Warteraum vorm Zimmer des Kommissars standen zwei braune Holzbänke. Auf der einen Bank saß, zwischen zwei Wachtmeistern in Uniform, der Kahle Otto. Und auf der anderen Bank saß Bernhard. Auch zwischen zwei Wachtmeistern.

»Dämliche Warterei«, brummte Otto. »Man sitzt rum wie beim Zahnarzt.«

Bernhard sah ihn drohend an. »Aber beim Zahnarzt muss man den Mund weit aufmachen. Bei der Polizei hingegen .«

»Ruhe!«, rief ein Wachtmeister ärgerlich.

»Sie sollen den Mund halten!«, befahl ein andrer.

»Da hörst du’s«, sagte Bernhard und lächelte hinterhältig. »Sogar die Polizei verlangt, dass du die Schnauze hältst.«

»Das gilt auch für Sie!«, rief der dritte Wachtmeister aufgebracht. »Und nun kein Wort mehr!«

»Einverstanden«, gab Bernhard zur Antwort.

»Einverstanden«, wiederholte der Kahle Otto und blickte ängstlich zu Bernhard hinüber. Dann schwiegen alle sechs und warteten weiter.

Zuerst wurde Bernhard geholt. Er nahm dem Kommissar gegenüber Platz, schlug ein Bein übers andere und musterte die Besucher flüchtig. Auch dem kleinen Mann, der jetzt auf einer angebrochenen Zigarettenschachtel hockte, schenkte er keine besondere Aufmerksamkeit. Er blickte sich seelenruhig in dem hässlichen Büro um und sagte: »Schön haben Sie’s hier.«

Der Schüler Hurtig kicherte. Der Kommissar hatte heute keinen Sinn für Humor. Er war zu müde. »Lassen Sie die Witze! Sie und Ihr Kumpan haben den minderjährigen Artisten Max Pichelsteiner aus einem Berliner Hotel entführt, in der Wohnung eines leer stehenden Hauses gefangen gehalten und wollten mit ihm ins Ausland fliehen.«

»Schon jetzt darf ich einiges richtig stellen«, erklärte Bernhard. »Den minderjährigen Artisten Max Pichelsteiner habe ich, als Kellner verkleidet, ohne Ottos Mithilfe entführt. Und dass wir ihn ins Ausland mitnehmen wollten, ist eine unbewiesene und unbeweisbare Behauptung Ihrerseits.«

»Sie wollten ihn also nicht nach Südamerika verschleppen?«

»Das hätte mir gerade noch gefehlt! Dieses kleine brüllende Ungeheuer?« Bernhard schüttelte sich vor Abscheu. »Bis nach Südamerika? Warum? Das kenne ich nur aus dem Schulatlas.«

Mäxchen sprang auf und drohte ihm mit den Fäusten. »Sie lügen! Sie wollten mich zu Lopez bringen!«

»Lopez?« Bernhard tat verwundert. »Nie gehört.«

»So, so. Und warum haben Sie dann den Jungen überhaupt gestohlen?«, fragte Herr Steinbeiß.

»Das ist eine lange Geschichte.«

»Machen Sie die lange Geschichte kurz«, sagte der Kommissar.

»Ich habe nämlich einen Komplex«, begann Bernhard. »Und ich hatte diesen Komplex schon als Kind. Wenn ich eine leere

Streichholzschachtel sah, nahm ich sie, tat was Lebendiges hinein und schleppte die Schachtel mit mir rum. Manchmal war’s ein Maikäfer oder eine Hummel oder ein Schmetterling. Oder ein Mistkäfer. Oder eine Schmeißfliege. Da surrte und brummte und flatterte es dann in der Schachtel und in meiner Hosentasche. Es gab für mich nichts Aufregenderes. Und als ich von dem kleinen Mann in der Zeitung las, hatte ich keine Ruhe mehr.«

»Ich bin aber kein Mistkäfer!«, schrie Mäxchen empört.

»Komplexe sind eine Krankheit«, seufzte Bernhard.

»Man sollte ihm die Hosentaschen zunähen«, meinte der Schüler Hurtig.

Der Kriminalkommissar drückte auf einen Klingelknopf. »Besten Dank für Ihren Komplex, Herr ... Wie heißen Sie eigentlich? Oder noch besser: Wie hießen Sie, als Sie noch Maikäfer vom Baum schüttelten?«

»Ich wäre Ihnen sehr gern behilflich«, sagte Bernhard. »Das ist ja klar. Aber ich habe meinen Geburtstag und den Geburtsort vergessen. Es ist alles schon so lange her.«

Einer der vier Wachtmeister trat ins Zimmer.

»Abführen!«, befahl Herr Steinbeiß. »Und bringen Sie den anderen.«

Der Kahle Otto saß nun auf dem Stuhl, auf dem vorher Bernhard gesessen hatte. Er döste vor sich hin und stierte auf die Schreibtischplatte.

»Hallo!«, rief Mäxchen.

»Mit so was wie du red ich nich«, sagte Otto. »Ich war wie ’ne Mutter zu dir, und du hast mich reingelegt. Bauchschmerzen und

Baldriantropfen, und ich Dussel sause los - nee, da verliert man jeden Glauben.« Er schüttelte verzweifelt den Kahlkopf. »Was soll bloß aus der Welt werden, wenn schon so kleine Jungs so heimtürkisch sind!«

»Heimtückisch«, verbesserte Jakob Hurtig.

Otto winkte ab. »Is ja egal und Jacke wie Hose. Ich bin ’ne Seele von Mensch, und er hat mich verpfiffen. Das darf nich mal ’n Zwerg.«

»Für einen Kinderdieb sind Sie mir ein bisschen zu vorlaut«, sagte der Jokus ruhig und beugte sich vor.

»Ich mach den Mund überhaupt nich mehr auf«, meinte Otto, »nur noch beim Zahnarzt.«

»Das wäre unklug, mein Lieber«, sagte der Kommissar. Dann holte er aus dem linken Seitenfach eine Flasche Schnaps und ein Wasserglas hervor, stellte beides auf den Schreibtisch und lächelte, als sei er Ottos Lieblingsonkel. »Sie haben den kleinen Mann nicht geraubt. Das hat Ihr Komplize Bernhard besorgt. Immerhin haben Sie sich der Beihilfe schuldig gemacht. Auch das ist ein schweres Verbrechen. Aber >Beihilfe< ist ein dehnbarer Begriff.«

Der Kahle Otto starrte wie hypnotisiert auf die volle Flasche und das leere Glas.

»Es liegt im Ermessen des Gerichts, wie hoch Ihre Strafe ausfallen wird.« Herr Steinbeiß goss das Wasserglas halb voll, schob es zu Otto hinüber und sagte: »Prost!«

Otto packte das Glas, und ehe die anderen bis drei zählen konnten, war es leer. Er grunzte vor Wonne, stellte das Glas auf den Schreibtisch zurück, holte tief Luft und fragte: »Also was wollense wissen?«

»Sie haben dem kleinen Mann, während Sie ihn gefangen hielten, allerlei erzählt. Von einem gewissen Senor Lopez. Er sei der reichste Mann der Welt, lebe zwischen Santiago und Valparaiso in einer geheimnisvollen Burg, sammle alte Gemälde und junge Ballettmädchen und lasse sich von hundert Scharfschützen bewachen. Sie selber und Bernhard hätten vor zwei Jahren in Lissabon eine Zigeunerin entführt, die dem Lopez seitdem täglich die Karten legen müsse. Was wissen Sie noch über diesen Mann und seine Mitarbeiter? Hat er Ihnen den Auftrag, den kleinen Mann zu stehlen, direkt erteilt? Wann und wo? Oder wer war der Mittelsmann? Wie heißt er?«

Otto starrte die Flasche an, fuhr sich mit der Zunge über die Lippen und schwieg.

»Eine Hand wäscht die andere«, stellte der Kommissar fest.

»Sie helfen mir, und ich helfe Ihnen.« Er goss das Glas wieder halb voll. »Prost!«

Der Kahle Otto nahm sich diesmal Zeit. Er trank in kleinen Schlucken, schüttelte sich, als wolle er den Schnaps im Innern gründlich verteilen, und sagte dann: »Das ist wohl die schärfste Räuberpistole, die ich nach meiner Geburt gehört habe! Davon könnten einem ja glatt die Trommelfelle platzen!«

Die anderen blickten ihn entgeistert an. Mäxchen fuchtelte mit den Armen und rief wütend: »Ich lüge nicht!«

»Natürlich nich«, meinte Otto. »Lügen is für so was gar kein Ausdruck. Das is ’n Weltrekord, Jungchen. So viel Phantasie in so ’nem kleenen Kopp, wie machst du das bloß?«

»Ich lüge nicht«, brüllte Mäxchen wie am Spieß. »Das ist eine bodenlose Gemeinheit!«

Professor Jokus von Pokus zupfte nervös an seinem eleganten Schnurrbart. »Ich bin ein verträglicher Mensch«, sagte er. »Aber jetzt beginnt es mir in den Fingern zu kribbeln.« Er stand langsam auf.

»Bravo«, rief der Schüler Hurtig. »Zerlegen Sie ihn in seine Bestandteile!« Er hatte knallrote Backen.

Da schlug der Kriminalkommissar mit der Faust so energisch auf den Schreibtisch, dass Mäxchen einen unfreiwilligen Luftsprung machte. »Ich bitte mir Ruhe aus«, knurrte Herr Steinbeiß. Dann stellte er die Flasche ins Seitenfach zurück und drückte auf den Klingelknopf. »Für heute die letzte Frage«, sagte er finster zum Kahlen Otto. »Wenn es den Senor Lopez nicht geben sollte -warum haben Sie versoffener Kehlkopf, nein, Kohlkopf, ach was, Kahlkopf, dann den Jungen überhaupt gestohlen?«

Otto machte runde Augen. »Sie wissen nich, was Sie wollen. Erst erzählen Sie mir lang und breit, dass ich’s gar nich gewesen bin, sondern der Bernhard. Und nu soll ich plötzlich wissen, warum ich’s getan hätte. Ich war doch bloß Beihilfe, und das is ’n kolossal dehnbarer Begriff. Fragense doch Bernhard!«

Ein Wachtmeister kam ins Zimmer. »Abführen!«, bellte der Kommissar.

Kaum war Otto draußen, wankte Steinbeiß zu dem Sofa in der Ecke, setzte sich, zog die Stiefel aus und sagte: »Es ist zwar erst Nachmittag, aber ich habe vierundzwanzig Stunden nicht geschlafen. Gute Nacht.« Dann kippte er um. Die Sprungfedern quiekten wie zwanzig Ferkel vor der Fütterung. Aber er hörte es nicht mehr.

Am gleichen Nachmittag geschah, was unsere Geschichte betrifft, noch zweierlei. In Berlin traf Mister Drinkwater ein. Und in Orly, auf dem Flugplatz in Paris, wurde das >Unternehmen Domröschem gestartet. Diese merkwürdige Bezeichnung erhielt das Unternehmen allerdings erst, als es zu spät war. Hinterher sind die Leute ja immer klüger.

Hinterher also stellte man fest, dass in Orly 16 Uhr 25 eine Chartermaschine mit achtunddreißig Passagieren nach Berlin abgeflogen war. Nun, solche Touristenflüge sind nichts Ungewöhnliches. Auch dass die Reisegesellschaft nur aus Männern bestand, war nicht weiter auffällig. Vielleicht handelte es sich um einen Kegelklub.

Der Flug nach Berlin verlief glatt. Die Maschine wurde in einem Hangar abgestellt. Sie war für drei Tage gemietet und der

Rückflug war vorausbezahlt worden. Der Reiseleiter, ein Monsieur Boileau, ließ sich vom Piloten das Hotel nennen, wo man ihn telefonisch erreichen könne. Denn vielleicht, sagte Monsieur Boi-leau, flöge er mit seiner Gesellschaft schon früher nach Paris zurück. Damit verabschiedete er sich und suchte seine Leute, die schon in der Halle neben dem Rollband auf ihre Koffer warteten. Was sie in Berlin vorhatten, blieb vorläufig ein Geheimnis. Für Mitglieder eines Kegelklubs oder eines mehrstimmigen Männergesangvereins hättet ihr sie, wie sie ihre schweren Koffer schulterten, sicher nicht gehalten. Aber ihr wart leider nicht am Flugplatz. Na ja, man kann nicht überall sein.

Am gleichen Nachmittag traf, wie ich schon sagte, auch Mister Drinkwater ein. John Foster Drinkwater, einer der großen amerikanischen Filmproduzenten. Er war überhaupt ein großer Mann: 1 Meter 90 in Socken. Das schafft nicht jeder.

Ursprünglich hatte er nur den Europachef der Firma schicken wollen. Ihm verdankte er den ersten Hinweis auf die Sensationen, die sich rund um den kleinen Mann abgespielt hatten. Doch dann hatte sich Mister Drinkwater höchstselbst in Bewegung gesetzt. Hollywood-New York-London-Berlin, die Zeit war ihm wie im Fluge vergangen. Er musste Mäxchens Geschichte verfilmen, koste es, was es wolle. Hoffentlich hatte die Konkurrenz noch nicht gewittert, was für ein Riesengeschäft hier mitten auf der Straße lag. Jetzt oder nie!

Als er am Hilton-Hotel in der Budapester Straße vorfuhr und in seiner ganzen Größe aus dem Taxi kletterte, standen bereits die Hoteldirektoren im Portal und verbeugten sich vor ihm.

»Was suchen Sie?«, fragte er, weil sie sich so tief bückten. Ehe sie über seinen Witz höflich lächeln konnten, war er schon am Lift. Und ehe sie am Lift waren, saß er schon im Hotelzimmer und telefonierte. Damit beginnt ...

Das zweite Kapitel

Direktor Brausewetter wechselt die Handschuhfarbe /Rosa Marzipan leiht Mister Drinkwater ein Opernglas / Filmgespräche im Blauen Salon / Manche dürfen nachts nicht schlafen, manche können es nicht, und manche wollen es nicht.

Mister Drinkwater war ein unermüdlicher Mann. »Ich schlafe nur zweimal im Jahr«, pflegte er zu sagen, »einmal im Juli und das zweite Mal im Dezember, dann aber den ganzen Monat hindurch, Tag für Tag vierundzwanzig Stunden lang, da kenne ich kein Erbarmen.«

Wenn die Reporter staunten und fragten, ob er denn nicht wenigstens gelegentlich aufstehe, um eine Kleinigkeit zu essen, antwortete er: »Nein. Von halben Sachen halte ich nichts. Ich verbringe die Schlafmonate auf meiner Jacht >Sleepwell< und habe, außer dem Kapitän und der Besatzung, zwei zuverlässige Angestellte an Bord. Der eine muss für mich essen und der zweite muss sich statt meiner waschen.« Ob er log oder nicht, war ihm nicht anzumerken. Denn er verzog dabei keine Miene.

Wie dem auch sei: Hier in Berlin machte John Foster Drinkwater, der große und lange Filmboss aus den USA, keinen schläfrigen Eindruck. Er telefonierte mit Jokus von Pokus. Er telefonierte mit Zirkusdirektor Brausewetter. Er telefonierte mit Kriminalkommissar Steinbeiß, dem das, weil er noch auf dem Sofa lag, gar nicht recht war. Er telefonierte mit dem amerikanischen Generalkonsul. Er telefonierte mit der Deutschen Bank. Und er telefonierte mit der Frankfurter Filiale seiner Filmgesellschaft. Dann wusch er sich. Diesmal eigenhändig, denn es war ja weder Juli noch Dezember. Später aß er in der >Golden City-Bar< des Hotels, auch das persönlich, ein mit Käse überbackenes Ragoüt fin.

Und zu Beginn der Zirkusvorstellung saß er in der für ihn reservierten Loge.

Direktor Brausewetter begrüßte ihn überschwänglich, trug blütenweiße Glacehandschuhe und erkundigte sich, ob er dem restlos ausverkauften Hause den interessanten Gast vorstellen dürfe.

»Warum fragen Sie ausgerechnet mich?«, meinte Drinkwater. »Fragen Sie ihn doch selber!«

Direktor Brausewetter schlug die weißen Handschuhe über dem Kopfe zusammen. »Welch ein Missverständnis!«, rief er bekümmert. »Der interessante Gast sind doch Sie.«

»Unterstehen Sie sich«, sagte Drinkwater ärgerlich. »Ich bin als Geschäftsmann hier. Verfrühte Reklame verteuert den Einkauf. Wollen Sie mir einen Gefallen tun?«

»Selbstverständlich.«

»Dann halten Sie sich, bis unser Vertrag perfekt ist, mit Ihren hübschen weißen Handschuhen den Mund zu.«

»Ich hoffe, Sie meinen das nur bildlich«, bemerkte Direktor Brausewetter spitz. »Und jetzt gehe ich.«

Mister Drinkwater blätterte im Programmheft und sagte nebenbei: »Ich dachte, Sie seien schon weg.«

In der Garderobe des Professors erzählte der Zirkusdirektor tief gekränkt, was er eben erlebt hatte. »So ein ungeschliffener Patron!«, schimpfte er. »Den Mund soll ich mir zuhalten!«

»Sehr höflich war das nicht«, meinte der Jokus. »Aber im Grunde hat er natürlich Recht. Er will nicht, dass die Konkurrenz aufmerksam wird und uns mehr Geld bietet als er.«

»Was geht denn das uns an?« Der Direktor zwirbelte seine Schnurrbartspitzen hoch. »Wir sollten mit dem abschließen, der am meisten zahlt.«

Der Jokus schüttelte lächelnd den Kopf. »Wir werden mit dem besten Mann abschließen. Das ist Mister Drinkwater. Darf ich Ihr Gedächtnis auffrischen, lieber Brausewetter! Vor einiger Zeit, es ist noch gar nicht so lange her, hatte die Nummer >Der große Dieb und der kleine Mann< in der Zirkuswelt einen sensationellen Erfolg. Die Gagen, die man den zwei Artisten von anderer Seite bot, waren immens. Und? Rannten sie hinter dem Geld her?«

Direktor Brausewetter blickte gequält auf die Spitzen seiner Lackschuhe. »Nein. Aber der neue Vertrag, den Sie mit mir abschlössen, war auch nicht von Pappe.«

»Das hätte gerade noch gefehlt«, sagte der Jokus. »Meine Devise heißt: der bestmögliche Vertrag mit dem bestmöglichen

Mann. Das galt für Sie, und das gilt für Mister Drinkwater. Sind wir uns einig?«

»Zu Befehl, Herr Professor!« Brausewetter schlug die Hacken zusammen, machte kehrt und marschierte zur Tür. Dort stieß er mit Rosa Marzipan zusammen.

Sie trug Trikot und Gazeröckchen, weil sie in die Manege und aufs Trampolin musste, um dort Luftsprünge zu machen. »Bleibt es dabei?«, rief sie. »Soll ich mich in der Pause zu unserem Filmzaren setzen?«

»Seien Sie vorsichtig«, warnte Direktor Brausewetter. »Der Filmzar beißt.«

»Mich nicht«, sagte Rosa und drehte eine Pirouette.

»Setz dich ruhig in seine Loge, Liebling«, meinte der Jokus. »Und wenn er dich beißen sollte, beiße ich ihn wieder.«

»Ich werd’s ihm ausrichten.« Sie machte einen tiefen Knicks und hüpfte in die Stallgasse.

Das Programm verlief, wie sich das für ein Programm gehört, programmgemäß. Die Artisten, die Clowns, die Pferde und sogar die Tiger gaben sich besondere Mühe. Die Zuschauer waren bester Laune. Und auch Mister Drinkwater fühlte sich gut unterhalten. Manchmal machte er sich Notizen. Es sah aus, als gäbe er Zensuren. Wahrscheinlich rechnete er. Geschäftsleute haben das so an sich. Sie rechnen sogar im Traum. Es scheint sich zu lohnen.

Jetzt kam die große Pause, und die meisten standen auf, aber er blieb sitzen. Doch dann kam Rosa Marzipan, blond und in einem silbernen Kleid, und nun stand er auf. »Sie waren sehr gut«, stellte er fest. »Und Sie sind sehr hübsch.«

Sie gab ihm amüsiert die Hand. »Es tut wohl, richtig beurteilt zu werden.« Nachdem sich beide gesetzt hatten, holte sie ein Opernglas aus der Abendtasche und hielt es ihm hin.

Er nahm es, betrachtete Rosa durch das Glas und nickte. »Sogar ganz besonders hübsch!«

»Sie sind ein Schwerenöter, Mister Drinkwater«, sagte sie. »Hindurchschauen sollen Sie doch erst, wenn der Jokus und Mäxchen auftreten!«

»Schade«, meinte er.

Nun, die zweite Programmhälfte geriet noch glänzender als die erste. Das war ja auch kein Wunder. Alles wartete fieberhaft auf die Sensation, auf die Nummer >Der große Dieb und der kleine Mann<. Und als Professor Jokus von Pokus unter donnerndem Beifall die Manege betrat, presste Mister Drinkwater Rosa Marzipans Opernglas fest an die Augen. Er ließ es erst wieder sinken, nachdem die Taube Emma, mit Mäxchen auf dem Rücken, von ihrem Flug in die Zirkuskuppel zurückgekehrt und wohlbehalten auf der Hand des Professors gelandet war.

Er war achtundzwanzig Minuten lang nicht der berühmte Filmproduzent Drinkwater gewesen, sondern einer unter ein paar tausend verzauberten Zuschauern. Er hatte mit ihnen gelacht. Er hatte wie sie gestaunt. Er hatte ihre Angst geteilt. Er hatte wie sie geklatscht.

Und er stürzte, als das Rundgitter aus der Versenkung hochstieg, wie die anderen zur Manege, um den kleinen Mann, der ihnen allen zuwinkte, endlich zu sehen. Denn: Gesehen hatte er ihn, trotz Opernglas, nicht eine Sekunde.

Das Marzipanfräulein hatte den Herrn aus Hollywood nicht aus den Augen gelassen. Ihr war nichts entgangen. Sie wusste nun, dass er nicht nur der kühle Kaufmann war, der statt des Lebens Zahlen sah, statt der Menschen ihre Gehaltsansprüche und statt eines Blumenstraußes dessen Ladenpreis.

Als er sich aber durch die aufgeregte Menge durchgequält hatte und in die Loge zurückkam, war er schon wieder der kühle Rechner. »Die Zeltkuppel wird sich schlecht ausleuchten lassen«, sagte er verdrossen. »Aber den Flug auf der Taube muss ich, scharf wie durch die Lupe, im Kasten haben. Gibt es denn bei euch keine festen Häuser? Zirkusgebäude aus Stein? Mit stabilen Rampen für die Scheinwerfer in der Kuppel? Und für meine Kameraleute? Außerdem sind für Aufnahmen in Viermastzelten die Versicherungsprämien blödsinnig hoch.«

Rosa lachte. »Wenn das nicht so wäre, müssten nicht wir Zirkusleute, sondern die Versicherungsangestellten in Zelten arbeiten.«

»Eine wundervolle Idee!«, sagte Mister Drinkwater und schloss genießerisch die Augen. »Es wäre ihnen von Herzen zu gönnen.«

Dann wurde Rosa sachlich. Beispielsweise in München, berichtete sie, gäbe es den Zirkus Krone. Am Marsplatz. Nicht weit vom Hauptbahnhof. Ein stabiles und vor wenigen Jahren renoviertes Gebäude.

»Kann man den Zirkus mieten?«, fragte Drinkwater.

»Wozu?«, fragte das Marzipanfräulein. »Wir gastieren dort sowieso. Noch in diesem Jahr.«

»Hoffentlich nicht im Dezember, denn dann schlafe ich.«

»Direktor Brausewetter hat für Oktober und November abgeschlossen«, sagte Rosa.

»Allright«, meinte Drinkwater. »München ist gut. Und zwei Monate sind gut. Den Zirkus drehen wir im Zirkus, die Atelierszenen bei der >Bavaria< in Grünwald, und Pichelstein liegt, glaube ich, auch in der Nähe.«

»Was wollen Sie denn in Pichelstein?«

»Aber dort beginnt doch unser Film!«, erklärte er. »In dem kleinen Dorf mit den kleinen Häusern und den kleinen Einwohnern und Turnern und mit Mäxchens kleinen Eltern, wie sie beide mit ihren kleinen Koffern zu dem kleinen Bahnhof marschieren, um in der großen Welt ihr Glück zu versuchen. Oder wissen Sie einen besseren Anfang?«

Sie schüttelte lächelnd den Kopf. »Es gibt keinen besseren, Mister Drinkwater.«

»Nennen Sie mich John«, sagte er vergnügt.

Die Zuschauer rundum wurden unruhig. Sie machten »Psst!« und »Schscht!«. Einer sagte sogar: »Nun halten Sie endlich die Klappe!«

Nach der Vorstellung traf man sich im Blauen Salon des Hotels, in dem der Jokus und Mäxchen wohnten. Anwesend waren, um das vorwegzunehmen, fünf Personen: Rosa Marzipan, John F. Drinkwater, der kleine Mann, Jokus von Pokus und - verlegen in eine Ecke geklemmt - Direktor Brausewetter. Er trug mausgraue Handschuhe. Sozusagen Halbtrauer. Die pomadisierten Schnurrbartspitzen trug er auf halbmast. Vielleicht war der Filmonkel aus Amerika noch immer auf ihn böse.

»O warte!«, flüsterte Mäxchen hingerissen, als Mister Drink-water auftauchte. »Der Mann hört ja oben gar nicht auf! Das wär was für mich! Die geborene Kletterstange!«

»Benimm dich!«, sagte der Jokus streng. Der kleine Mann saß auf dem Tisch und löffelte heiße Schokolade.

»Zu Befehl, Herr Professor«, wisperte Mäxchen.

Drinkwater zündete sich eine große schwarze Zigarre an und erklärte dann: »Ich möchte Mäxchen Pichelsteiners Lebensgeschichte verfilmen, und er muss die Rolle natürlich selber spielen. Auch die anderen Hauptrollen will ich nicht mit Schauspielern besetzen, sondern mit Ihnen. Gute Artisten sind fast immer brauchbare Schauspieler.«

»Und wer spielt den Zirkusdirektor?«, fragte Direktor Brausewetter vorsichtig.

Drinkwater lächelte. »Selbstverständlich Sie! Oder wissen Sie einen besseren? Nein? Ich auch nicht.«

Brausewetters welke Schnurrbartspitzen richteten sich wieder auf. Dann zog er, heimlich unterm Tisch, seine grauen Handschuhe aus und steckte sie weg. Kurz darauf trug er schneeweiße Handschuhe! Das war keine Hexerei, sondern er hatte immer ein weißes, ein graues und ein schwarzes Paar bei sich. Und er wechselte sie je nach der Laune, in der er sich befand. Das brauchte er zum Leben. Warum auch nicht? Es gibt schlechtere Gewohnheiten. Und die meisten sind teurer.

Mister Drinkwater erzählte ausführlich, wie er sich den Film vorstelle. Wann und wo er ihn drehen wolle. Dass er selbst die Regie übernehmen werde. Welche zwei Schauspieler er für die beiden Kinderdiebe im Auge habe, weil, so scherzte er, die echten Halunken, Bernhard und der Kahle Otto, vom Gefängnisdirektor höchstwahrscheinlich keinen Filmurlaub bekämen. So weit sei ihm alles klar. »Nur etwas fehlt mir noch«, meinte er. »Etwas sehr Wichtiges. Eine Liebesgeschichte. Denn eine Liebesgeschichte gehört in jeden Film. Aber die wird mir schon noch einfallen.«

Da lachte Mäxchen und hätte sich fast an der heißen Schokolade verschluckt.

»Vielleicht können wir Ihnen helfen«, sagte Rosa Marzipan und verzog keine Miene. »Wie wär’s, wenn sich in Ihrem Film eine der drei Luftspringerinnen in den Zauberkünstler verliebte? Und der Zauberkünstler in die hübsche blonde Luftspringerin?«

Drinkwater zog an seiner Havanna und dachte nach. »Keine schlechte Idee. Aber da fehlt noch der dramatische Konflikt. Der ist das Wichtigste. Den braucht das Publikum. Glück ohne Schwierigkeiten ist nichts fürs Kino.«

»Auch das ließe sich machen«, meinte Direktor Brausewetter, während er den linken weißen Handschuh zärtlich mit dem rechten streichelte. »Wenn zum Beispiel einer der Clowns auf den Zauberkünstler eifersüchtig wäre und in der Artistengarderobe dessen Frack mit dem des Kunstreiters vertauschte ...«

»Ich bin ganz Ohr«, sagte Drinkwater gespannt.

»Und wenn der Kunstreiter im Zauberfrack in die Manege ritte, ohne von dem Tausch etwas zu ahnen ... Und wenn dann plötz-

lich aus dem falschen Frack die großen Papierblumensträuße und die zwei dressierten Tauben herausflögen, und das weiße Kaninchen spränge in die Manege ... Und der Hengst würde kopfscheu, und der berühmte Kunstreiter fiele in den Sand .«

»Wundervoll!«, rief Drinkwater. »Das ist die Lösung! Liebe, Eifersucht, Spannung, vertauschte Fräcke, komische Szene vor ausverkauftem Haus, der Kunstreiter verprügelt den Clown, der Zauberkünstler küsst die appetitliche Blondine, mehr kann man nicht verlangen! Die Frage ist nur, ob ein so seriöser Herr wie Professor Jokus von Pokus die Rolle des Liebhabers spielen will.« Er blickte zu dem >seriösen Herrn< hinüber und riss die Augen auf.

Denn das Marzipanfräulein, von Beruf Luftspringerin, hatte sich zärtlich an den Zauberkünstler geschmiegt und meinte: »Er wird schon wollen.«

Und der Jokus fügte, ein bisschen verlegen, hinzu: »Ich werde wohl müssen.«

»Oha«, sagte Drinkwater. »Allmählich dämmert’s mir. Die Wirklichkeit war früher da als ich.«

»Stimmt.« Direktor Brausewetter freute sich wie ein Kind. »Auch der Clown und die vertauschten Fräcke und der Sturz vom Pferd - ich habe nichts erfunden, sondern alles ist neulich in meinem Zirkus passiert!«

»Hoch lebe die Wirklichkeit«, erklärte Mister Drinkwater vergnügt. »Manchmal hat das Leben fast so gute Einfälle wie die Filmleute.« Da lachten die anderen und er lachte fleißig mit.

Dann aber wurde er todernst, setzte sich kerzengerade und sagte: »Die so genannten künstlerischen Fragen wären damit fürs

Erste erörtert. Auch das musste sein. Doch jetzt beginnt der wichtigere Teil unsrer Konferenz, nämlich der geschäftliche.«

»Ich beantrage Vertagung«, meinte der Jokus. »Der Junge muss ins Bett. Es ist höchste Eisenbahn.«

»Bringen Sie ihn in seine Streichholzschachtel«, riet der Amerikaner. »Dann verhandeln wir weiter.«

Der Jokus schüttelte energisch den Kopf. »Ausgeschlossen. Er ist mein Partner.« Plötzlich zuckte er zusammen. »Wo bist du denn überhaupt?«

Es war, als habe der Blitz eingeschlagen. Alle starrten auf den Tisch. Der kleine Mann war verschwunden!

»Mäxchen!«, rief der Jokus. »Liebling!«, rief Rosa Marzipan. »Kleiner!«, rief Direktor Brausewetter.

Keine Antwort.

»Maxie!«, rief Mister Drinkwater.

Sie saßen still und steif wie hingemalt und hielten die Luft an. Nichts. Kein Laut. Nur draußen vor der Tür ging jemand langsam auf und ab.

Mit einem Satz war der Jokus an der Tür. Er riss sie auf. »Wer sind Sie?«

»Aber Herr Professor«, antwortete der Mann, »Sie kennen mich doch. Ich bin der Hoteldetektiv, der auf Mäxchen aufpasst.«

»Und wo ist er?«

»Die Frage verstehe ich nicht«, meinte der Detektiv perplex. »Er ist bei Ihnen. Ich habe die ganze Zeit die Tür bewacht, damit er nicht wieder gestohlen wird.«

»Er ist fort!«, rief Direktor Brausewetter und zog rasch die weißen Handschuhe aus.

»Das ist ganz unmöglich«, erklärte der Detektiv. »Der Blaue Salon hat nur diese eine Tür, und die habe ich, seit Sie hineingegangen sind, nicht aus den Augen gelassen.«

»Und warum antwortet er nicht, so laut wir auch rufen?«, fragte Drinkwater nervös. »Er ist verschwunden!«

»Ausgeschlossen.« Der Detektiv war nicht aus der Ruhe zu bringen. »Ihre Krawatte ist auch verschwunden. Trotzdem muss sie noch hier sein.« Tatsächlich. Drinkwaters bunte Krawatte war fort. Keiner hatte es bemerkt.

»Auf geht’s!«, rief Rosa Marzipan zuversichtlich. »In die Knie, meine Herren!«

Und schon krochen vier Männer auf allen vieren im Blauen Salon herum. Schade, dass kein Fotograf in der Nähe war. Es wäre ein prächtiger Schnappschuss geworden.

Rosa Marzipan kroch nicht. Ihr Rock war zu eng. Und sie dachte, vier Männer zu ihren Füßen seien genug. Sie durchforschte die höheren Regionen: die kleinen Ecktische, die Anrichte, den Bücherschrank, die Vitrine mit dem alten Porzellan und den zierlichen Schreibtisch aus der Biedermeierzeit. Eine der Schubladen stand offen und über ihren Rand hing der Zipfel einer bunten Krawatte aus weicher Foulardseide.

Behutsam hob Rosa den Krawattenzipfel hoch und sagte gerührt: »Hier liegt er ja, der Schurke!« Im Nu waren die vier Männer auf den Beinen. Sie drängten zum Schreibtisch, klopften die Hosenbeine sauber und blickten verzückt in die offene Schublade. Mäxchen schlief. Er schlief wie ein Murmeltier. Er wachte auch nicht auf, als der Jokus ihn hochnahm, vorsichtig in die hohle Hand legte und, mit ihm, auf Zehenspitzen den Salon verließ.

Erst als er ihn, oben im Schlafzimmer, in die alte Streichholzschachtel schob, schlug Mäxchen kurz die Augen auf, murmelte: »Ich war ja soo müde«, doch dann schlief er schon wieder.

Im Korridor vorm Schlafzimmer setzte sich der Hoteldetektiv auf einen Stuhl, trank schwarzen Kaffee und hielt Wache. Er durfte nicht schlafen.

Mister Drinkwater fuhr ins Hilton und rechnete. Denn er konnte nicht schlafen.

Und irgendwo in der großen Stadt Berlin saß Monsieur Boileau mit der merkwürdigen Reisegesellschaft aus Paris zusammen. Sie wollten nicht schlafen. Sie hatten finstere Pläne zu besprechen. Für den nächsten Tag. Und mit diesem nächsten Tage, wenn auch nicht gleich mit der merkwürdigen Reisegesellschaft, beginnt ...

Das dritte Kapitel

Es ist von Geschäften die Rede /Auch Rechnen gehört zu Leben / Das geheimnisvolle Kuvert / Herr von Goethe als Lehrmeister / Das zweite versiegelte Kuvert / Der Handel ist perfekt.

Die geschäftlichen Verhandlungen begannen gleich nach dem Frühstück. Wieder bewachte ein Hoteldetektiv den Blauen Salon, aber es war ein anderer Mann. Denn der Detektiv, der am Abend vorher und während der ganzen Nacht aufgepasst hatte, war natürlich müde und musste schlafen. Sie lösten einander alle zwölf Stunden ab.

Von den Geschäften will ich nur das Notwendigste erzählen, weil ich weiß, dass sich Kinder dafür nicht sonderlich interessieren. Es ist ihnen tausendmal lieber, wenn ein einäugiger Pferdedieb mit dem Lasso eingefangen wird oder wenn der beschwipste Bürgermeister beim Dirigieren der Feuerwehrkapelle in die Pauke fällt. Damit verglichen sind geschäftliche Verhandlungen langweilig.

Trotzdem darf ich um die Konferenz im Blauen Salon keinen Bogen machen. Erstens ist sie für unsere Geschichte wichtig. Und zweitens lernt ihr das Zusammenzählen, Abziehen, Malnehmen und Teilen in der Schule ja nicht nur, um den Lehrern und dem Rektor einen Gefallen zu tun. Wer nicht rechnen kann, wird eines Tages große Augen machen. Man wird ihn manchmal hineinlegen, dass es nur so qualmt. Denn nicht alle guten Rechner, mit denen man im Leben zu tun hat, sind gute Menschen.

»Was ich kaufen will und zu welchem Zweck, habe ich dargelegt«, sagte Mister John F. Drinkwater. »Nun sind Sie an der Reihe, Professor. Nennen Sie mir den Preis.«

»Zeig ihm doch das Kuvert«, riet Mäxchen. Er saß wieder an dem kleinen Tisch oben auf dem großen Tisch und löffelte an einem Ananastörtchen.

»Was für ein Kuvert?«, fragte Drinkwater verwundert.

Rosa Marzipan lächelte spitzbübisch. »Wir Zirkusleute sind ein raffiniertes Völkchen, mein lieber John.«

»Unser Preis steht auf einem Zettel«, erklärte Mäxchen. »Der Zettel steckt in einem Kuvert. Das Kuvert ist versiegelt. Und das versiegelte Kuvert steckt in der Brusttasche meines Vormunds und Partners Jokus von Pokus.«

Direktor Brausewetter war überrascht und gekränkt. »Davon weiß ich ja gar nichts!« Er zog die grauen Handschuhe aus und saß, ganz gegen seine Gewohnheit, etwa eine halbe Stunde mit völlig nackten Händen da. Weil er noch nicht wusste, ob er die weißen oder die schwarzen Handschuhe anziehen solle.

»Lieber Brausewetter«, sagte der Jokus, »der Vertrag zwischen Mister Drinkwater und Ihrem Zirkus ist eine Sache für sich. Damit haben wir nichts zu tun. Auf dem Zettel im Kuvert steht nur der Preis, den Mäxchen, Fräulein Marzipan und ich verlangen.«

»Ihr versiegeltes Kuvert macht mich nervös«, erklärte Mister Drinkwater. »Ich will einen Film in Breitwand und Farbe drehen. Ich will außerdem Mäxchens Geschichte in sechs Fortsetzungen fürs Fernsehen produzieren. Das wird ein teurer Spaß. Deshalb brauche ich die Weltrechte für zehn Jahre. Und deshalb brauche ich Ihr Mäxchen, Sie selber und Ihr Fräulein Braut als Hauptdarsteller für die Monate Oktober und November im Kronebau in München. Das ist doch alles sonnenklar.«

»Der Film wird ja gar kein teurer Spaß«, rief Mäxchen.

»Mein Partner hat Recht«, sagte der Jokus liebenswürdig. »Ihr Film wird, samt der Fernsehserie, keinen Dollar teurer als jeder andere Zirkusfilm. Aber er wird mindestens zehnmal so viel Geld einspielen wie jeder andere. Weil noch nie vorher der Star nur fünf Zentimeter groß war. So etwas hat die Welt noch nicht gesehen, und jeder Erdbewohner wird ins nächste Kino rennen.«

»Sie werden sich dumm und dämlich verdienen!«, rief Mäx-chen begeistert.

Die anderen blickten ihn missbilligend an.

»Schon gut«, brummte Drinkwater. »Also, vielleicht wird unser Film wirklich ein großes Geschäft. Aber was soll das versiegelte Kuvert? Und wo ist es?«

Der Jokus holte einen Briefumschlag aus der Tasche, legte ihn auf den Tisch und sagte: »Hier.« Doch als der Amerikaner danach greifen wollte, hielt er dessen Hand fest. »Das Kuvert wird erst geöffnet, nachdem Sie den Betrag, den Sie uns freiwillig zahlen wollen, Ihrerseits auf einen Zettel geschrieben haben.«

»Ein bisschen umständlich«, meinte Drinkwater. »Dann öffnen wir Ihr komisches Kuvert, vergleichen die beiden Summen und beginnen zu handeln. Wozu also das ganze Brieftheater?«

»Warten Sie nur ab«, rief Mäxchen. »Das Schönste kommt ja erst.« Er rieb sich vor Vergnügen die Hände.

»Wir werden nicht miteinander handeln«, erklärte der Jokus. »Die Beträge auf Ihrem und auf unserem Zettel sind endgültig. Wenn Ihre Summe höher ist als unsere, ist der Vertrag perfekt.«

»Und wenn ich weniger geboten habe, als in Ihrem verrückten Kuvert verlangt wird?«

»Dann«, sagte Rosa lächelnd, »ist das Geschäft leider geplatzt.«

Mister Drinkwater machte, was er sehr selten tat, ein verblüfftes Gesicht. Er schwieg. Und Direktor Brausewetter zog einen schwarzen und einen weißen Handschuh über. Nun konnte kommen, was wollte.

Nach einer Weile zündete sich Mister Drinkwater eine seiner schwarzen Zigarren an, blickte den Rauchwölkchen nach, starrte bekümmert auf das geheimnisvolle Kuvert und sagte: »Die Methode ist neu. Sie sind sehr raffiniert.«

»Beides stimmt nicht«, erwiderte der Jokus. »Wir verstehen nichts von Geschäften. Und die Methode ist fast hundertfünfzig Jahre alt.«

»Sie stammt vom alten Goethe«, rief Mäxchen. »Vom größten deutschen Dichter.«

»Kenne ich«, bemerkte Drinkwater. »Und derselbe Goethe hat den Trick mit dem Kuvert erfunden? Damals gab es doch noch gar keine Filmproduzenten!«

Rosa lachte. »Aber Buchverleger gab es schon, und die waren auch nicht von schlechten Eltern.«

»Geschäftsleute sind auf der Welt, um Geschäfte zu machen«, sagte Drinkwater. »Wo sollen wir hinkommen, wenn uns die Dichter und Zauberer versiegelte Kuverts auf den Tisch legen?«

»Geschehen ist geschehen«, bemerkte der Jokus. »Ein Verleger, ich glaube, er hieß Göschen, wollte Goethes nächstes Buch herausbringen und erkundigte sich, was das Manuskript koste. Daraufhin schickte der Dichter einen guten Bekannten zu dem Verleger und ließ ihm das bewusste Kuvert vorlegen. Wenn der Verleger weniger böte, als im Brief verlangt werde, sei das Geschäft .«

». geplatzt«, rief Mäxchen vergnügt.

»Und wie ging die Sache aus?«, fragte Drinkwater.

»Der Verleger dachte ziemlich lange nach.«

»Das kann ich gut verstehen«, meinte der Amerikaner. Er trocknete sich mit dem Taschentuch die Stirn. Ihm war heiß geworden. »Und dann?«

»Dann nannte er einen hohen Betrag. Es war der höchste, den er bieten konnte. Nun öffneten sie das Kuvert und verglichen die beiden Summen. Das Angebot des Verlegers lag höher als Goethes Forderung. Und damit war der Handel abgeschlossen.«

»Ihr großer Goethe war ein großer Halsabschneider«, erklärte Drinkwater grimmig. »Schade, dass Sie nicht nur seine Bücher gelesen haben, sondern auch noch seine Geschäftsbücher.«

»Wir wollen Sie nicht zwingen«, sagte der Jokus ruhig. »Sie können unseren Vorschlag ablehnen.«

»Nein, das kann ich eben nicht. Ich will und ich werde den Film vom kleinen Mann drehen. Deshalb muss ich die Weltrechte kaufen.«

»Nun gut«, sagte der Jokus. »Dann erwarten wir Ihr Angebot. Wenn der Betrag unsere Summe im Kuvert übertrifft, ist alles in Ordnung. Denken Sie in Ruhe darüber nach. Es eilt nicht.«

»Ich brauche keine Bedenkzeit«, knurrte Drinkwater. »Ich weiß, was ich Ihnen äußerstens zahlen kann, ohne mich zu ruinieren.« Er stand auf, ging rasch zu dem Schreibtisch an der Wand, schrieb kurz entschlossen etwas auf einen Zettel, kam zurück, schob Jokus den Zettel hin, sagte: »Da!« und sank in seinen Stuhl.

Der Jokus las die Summe und schwieg. Rosa schaute auf den Zettel und machte »Oh!«. Direktor Brausewetter blickte dem Jokus über die Schulter und murmelte: »Donnerwetter noch mal!« Und Mäxchen, der an den Zettelrand gelaufen war, um die Summe lesen zu können, sprang von der Tischkante zum Jokus hinüber, kletterte wie ein Wiesel an ihm hoch, gab ihm einen Kuss auf die Nasenspitze und landete, nach eleganter Schussfahrt, in der altgewohnten, gemütlichen Brusttasche.

»Wir gratulieren Ihnen«, erklärte Professor Jokus von Pokus feierlich. »Sie haben gewonnen.«

Mister Drinkwater seufzte erleichtert auf.

»Wir werden uns bei den Filmaufnahmen große Mühe geben«, rief Mäxchen. »Und wenn der Film fertig ist, setzen wir uns zur Ruhe.«

Direktor Brausewetter erschrak bis in die Schnurrbartspitzen. »Sie wollen meinen Zirkus im Stich lassen?«

»Der Junge übertreibt«, meinte der Jokus. »Aber zwei Monate Ferien machen wir bestimmt.«

Nun werdet ihr wahrscheinlich wissen wollen, was auf dem Zettel stand. Ich habe ihn mit eigenen Augen gesehen. Der Professor zeigte ihn mir in Lugano, während wir auf der Terrasse Bowle tranken und auf das große Feuerwerk warteten. Also, auf dem Zettel stand:

2000000 Dollar! In DM umgerechnet sind das ... Doch das kriegt ihr auch ohne mich heraus. Jedenfalls, eine so große Menge Geld verdient man nicht alle Tage. Auch nicht als Zauberkünstler und als kleiner Mann. Von Luftspringerinnen ganz zu schweigen.

»Dass mir die Filmrechte gehören, weiß ich nun«, sagte Mister Drinkwater. »Und was ich Ihnen zahlen muss, weiß ich leider auch. Doch was in Ihrem verflixten Kuvert steht, das weiß ich noch nicht. Darf ich nachsehen?«

»Selbstverständlich«, erwiderte der Jokus.

»Au Backe!«, meinte Mäxchen.

Das Marzipanfräulein lächelte geheimnisvoll wie eine blonde Sphinx. Direktor Brausewetter hüpfte hoch und trabte hinter Drinkwaters Stuhl. Diesmal zitterte er nicht vor Schreck, sondern vor lauter Neugierde. Er zitterte oft und gern.

Der Amerikaner riss das Kuvert auf, holte einen Zettel heraus, faltete ihn auseinander und erstarrte.

Direktor Brausewetter, der ihm über die Schulter sah, verdrehte die Augäpfel und flüsterte: »Ich falle um.« Aber dann fiel er doch nicht um, weil er sich rechtzeitig an Mister Drinkwaters Lehnstuhl, nein, an dessen Stuhllehne festhielt. Er ging nur ein bisschen in die Knie.

Der Filmgewaltige aus den USA merkte das gar nicht. Er saß noch immer starr im Stuhl wie eine Wachsfigur in einem Wachsfigurenkabinett.

Und nun werdet ihr wissen wollen, was auf diesem zweiten Zettel stand. Auch ihn habe ich in Lugano mit eignen Augen gesehen. Mister Drinkwater hatte ihn nicht behalten wollen. Eine solche Blamage, hatte er geäußert, müsse man sich nicht auch noch einrahmen und übers Sofa hängen. Na ja, ich kann ihn verstehen. Denn der Zettel, den er aus dem versiegelten Kuvert herausgefingert hatte, sah folgendermaßen aus:

Mit anderen Worten: Der Zettel war leer! Es stand keine Zahl darauf. Es stand keine Unterschrift unter der Zahl, die nicht daraufstand. Nichts. Es war der leerste Zettel, der jemals in ein Kuvert gesteckt wurde.

Und es dauerte etwa fünf Minuten, bis sich die Wachsfigur namens John F. Drinkwater bewegte. Sie klapperte mit den Augendeckeln. Das war das erste Lebenszeichen.

»Er wird wieder«, stellte Mäxchen fest.

Nach weiteren zwei Minuten war der Amerikaner endlich sprechbereit. »Ich bin ein Esel«, sagte er zornig. »Ich hätte mir eine der zwei Millionen sparen können, und dann wären Sie immer noch gut weggekommen. Ein leerer Zettel! Ihr Mister Goethe war ein gescheiter Teufel, wie der Mephisto in seinem >Faust<.«

Der Jokus lächelte. »Ein gescheiter Teufel war unser Mister Goethe nur zur Hälfte. Außerdem: Das Kuvert und der Zettel stammen zwar von ihm, aber der Einfall, auf den Zettel überhaupt nichts zu schreiben, der stammt von mir selber.«

»Meinen Respekt«, sagte Drinkwater verärgert. »Aber wenn ich nun auf meinen eigenen Zettel, beispielsweise, nur zehn- oder zwanzigtausend Dollar geschrieben hätte?«

»Das hätten Sie nie getan«, meinte Rosa Marzipan. »Sie wollten ja unbedingt die Filmrechte haben.«

Drinkwater nickte. »Das ist richtig, Rosie. Trotzdem. Nehmen wir an, ich hätte es riskiert. Ich bin ein ziemlich guter Pokerspieler.«

»Und ich bin ein ziemlich guter Zauberkünstler«, stellte der ’ Jokus fest. »Wir wussten natürlich nicht, wie hoch Sie bieten würden. Denn wir sind Laien. Wenn Sie uns aber nur ein Trinkgeld geboten hätten, dann hätte ein anderes Kuvert auf dem Tisch gelegen.«

»Ein anderes Kuvert? Wo hätten Sie das denn so schnell hergenommen?«

»Ach sind Sie komisch«, rief Mäxchen und zog sich vor Vergnügen an den Haaren. »Es liegt doch längst vor Ihrer Nase!«

Mister Drinkwater blickte auf den Tisch. Tatsächlich. Vor seiner Nase lag ein zweites versiegeltes Kuvert. Er bückte es an, als sei er, trotz seiner Körperlänge (1,90 m), ein Kaninchen und das Kuvert eine Klapperschlange.

»Schauen Sie nach«, schlug der Jokus vor. »Lassen Sie sich nicht stören.«

Mister Drinkwater riss das zweite Kuvert auf, zog den Zettel heraus und wurde weiß wie die Wand. »Da ... das ist doch unmöglich! So viel Geld gibt’s ja gar nicht!«

Der Professor nickte. »Wenn ich gemerkt hätte, dass Sie viel zu wenig böten, hätte ich viel zu viel verlangt. Damit wären unsere Verhandlungen .«

». geplatzt!«, rief Mäxchen fröhlich.

»Und wir hätten auf einen solideren Käufer gewartet«, fügte Rosa Marzipan hinzu.

»Sie sind ein raffiniertes Trio«, sagte Drinkwater. »Und wenn Sie während der Filmaufnahmen nur halb so gut sein sollten wie heute, wird der Film ein Meisterwerk.«

»Er wird eines. Wollen wir wetten?«, fragte Mäxchen.

Drinkwater hob abwehrend die Hände. »Wetten? Mit einem so gerissenen Kerlchen wie dir? Ich werde mich hüten. So reich bin ich nicht.«

»Aber ich bin jetzt reich«, sagte Mäxchen stolz. »Darf ich Sie zu einem Ananastörtchen einladen?«

»Pfui Spinne! Ananastörtchen! Ein doppelter Whisky wäre mir wesentlich lieber.«

»Geht in Ordnung«, meinte Mäxchen. »Nur eines verstehe ich nicht: wieso ein Mann, der so gerne Whisky trinkt, ausgerechnet Drinkwater heißt.«

Eigentlich wollte ich ja im dritten Kapitel noch über das Unternehmen Dornröschen< berichten. Doch die Affäre mit den drei Zetteln und den zwei Kuverts hat mich länger aufgehalten, als ich dachte. Und allzu lange Kapitel mag ich nicht. Deshalb beginnt nun .

Das vierte Kapitel

Das Unternehmen Dornröschen /HauptwachtmeisterMühlen-schulte erinnert sich dunkel / Der Kahle Otto hat wieder einmal Durst / Was soll das Klavier in der Luft? / Kommissar Steinbeiß packt die Koffer / Zirkus Stilke gastiert in Glasgow und London.

In der Nacht, die diesem Tag folgte, geschah ein Aufsehen erregender Überfall. Er vollzog sich lautlos. Die Täter entkamen unerkannt. Sie raubten weder Geld noch Pelze oder Juwelen. Sie raubten zwei Gefangene. Sie überfielen kein Schmuckgeschäft und kein Bankgebäude. Sie überfielen das Untersuchungsgefängnis.

Das war natürlich eine bodenlose Frechheit. Doch außerdem war es etwas Neues. Und Presse, Funk und Tagesschau knöpften sich die Neuigkeit gründlich vor. Aber das war später und überhaupt zu spät. Man konnte nur noch lachen oder schimpfen.

Der Polizeipräsident schimpfte. Der Gefängnisdirektor trat von seinem Posten zurück. Und Kriminalkommissar Steinbeiß ließ sich beurlauben. Aber was half’s? Die Polizei fühlte sich bis auf die Knochen blamiert.

Dabei hatte der Gefängnisdirektor den Überfall immerhin als Erster entdeckt. Allerdings, schätzungsweise, sechs bis sieben Stunden danach. Aber das war nicht seine Schuld. Denn Doktor Heublein, so hieß er, wohnte ja nicht im Gefängnis, sondern in einem Vorort der Stadt.

Es wird am besten sein, wenn ich alles der Reihe nach erzähle. Das ist noch immer die richtige Methode. Neu ist sie nicht, nein. Doch wozu auch? Neues muss nicht immer richtig und Richtiges muss nicht immer neu sein.

Also: Herr Doktor Heublein fuhr, wie jeden Morgen, Punkt acht Uhr am Gefängniseingang vor und hupte dreimal, damit man ihm das Tor aufschließe. Aber es öffnete niemand. Er wartete und hupte wieder. Nichts rührte sich. Das war noch nie vorgekommen.

Wütend kletterte er aus dem Wagen, stellte sich auf die Zehenspitzen und blickte durch das vergitterte Fenster in die Wachstube. Zunächst verschlug es ihm die Sprache. Dann sagte er zu sich selbst: »So etwas gibt’s doch gar nicht.« Er trommelte mit der Hand gegen die Scheibe. »Witschoreck!«, rief er. »Was fällt Ihnen eigentlich ein?«

Wachtmeister Witschoreck saß vorm Schreibtisch und schlief. Neben seinem Stuhl lag die Schäferhündin Diana und schlief. Da half kein Trommeln.

Doktor Heublein rannte zum Tor und schlug mit den Fäusten dagegen. Knarrend bewegte sich der eine eiserne Torflügel. Heublein hörte, wie drinnen der schwere Schlüsselbund klapperte. Um alles in der Welt, sein Gefängnis war nicht abgeschlossen! Er warf sich mit letzter Kraft gegen das massive Tor, bis es so weit aufging, dass er zitternd in den Hof wanken konnte. Dann schob er den Torflügel zu, drehte den Schlüssel im Schloss um und wollte gerade ein bisschen aufatmen. Doch daraus wurde nichts.

Denn er erblickte zwar den Hauptwachtmeister Mühlenschulte, der den Schäferhund Pluto an der Stahlkette hielt, aber sie erblickten ihn nicht. Sie lagen friedlich am Boden und schliefen.

Doktor Heublein ging knieweich über den Hof zum Gefängnisbau hinüber. Ihm sträubten sich die Haare. Auch diese Tür stand offen! Er schlich durch die Korridore. Er stieg von Stockwerk zu Stockwerk. Es war überall dasselbe. Die Gefangenen schliefen. Die Gefängniswärter schliefen. Die Krankenschwester in der Ambulanz schlief. Die Köchin und ihre Lehrmädchen schliefen. Der Heizer und sein Wellensittichpärchen schliefen. Und es schliefen sogar die Fliegen an der Wand.

Doktor Heublein rief in seiner Verzweiflung den Polizeipräsidenten an und berichtete stotternd die unheimliche Neuigkeit. Der Präsident brüllte in den Apparat: »Solche Märchen können Sie Ihrer Frau Großmutter unterm Christbaum erzählen!« Aber er begann nachzudenken. Vielleicht war es gar kein Märchen?

Zehn Minuten später jagte ein Dutzend Streifenwagen durch die Stadt. Die Blaulichter rotierten. Die Martinshörner jaulten. Große Dienstwagen folgten. Im ersten saßen der Polizeipräsident persönlich, Obermedizinalrat Dr. Grieneisen, Kriminalkommissar Steinbeiß und Professor Dickhut, der Direktor des Gerichtschemischen Instituts. Die Passanten blickten verdutzt hinter der wilden Jagd her.

»Warum haben die es denn so eilig?«, fragte eine Frau mit einer schweren Einkaufstasche.

»Vielleicht ist bei jemandem die Milch übergekocht«, meinte ein Schuljunge, der neben ihr stand.

»Du liebe Güte!«, rief sie entsetzt. »Da hab ich also schon wieder vergessen, das Gas abzudrehen!« Und schon machte sie kehrt und rannte um die nächste Ecke.

»Du scheinst ein rechter Lümmel zu sein«, sagte ein streng aussehender Herr.

»Ich will mich nicht loben«, entgegnete der Junge. »Aber man tut, was man kann.«

Der Polizeipräsident saß in der Wachstube und erklärte mit dumpfer Stimme: »Das ist kein Untersuchungsgefängnis, meine Herren. Das ist ein Irrenhaus.« Er betrachtete den schlafenden Wachtmeister Witschoreck und die schlafende Schäferhündin Diana. Auch den schlafenden Hauptwachtmeister Mühlenschulte und den vorjährigen Europameister Pluto musterte er finster. Man hatte die beiden hereingeschleppt. Denn man konnte sie schließlich nicht im Gefängnishof herumliegen lassen.

Obermedizinalrat Grieneisen und Professor Dickhut hatten die zwei Wachtmeister und die zwei Hunde untersucht. Grieneisen sagte: »Kein Fieber. Puls normal. Atmung in schönster Ordnung. Alle vier sind kerngesund.«

»Nur ziemlich müde«, meinte der Polizeipräsident ironisch. »Wann, glauben Sie, wird dieses verrückte Gefängnis endlich aufwachen? Ich muss doch jemanden fragen können, was gestern Nacht passiert ist!«

Doktor Heublein, der Gefängnisdirektor, starrte aus dem vergitterten Fenster und murmelte: »Im Märchen von Dornröschen hat es hundert Jahre gedauert.«

»So viel Zeit haben wir nicht!« Der Polizeipräsident krächzte vor Aufregung. »Dann sind wir längst pensioniert!«

Da ergriff Professor Dickhut das Wort. Von Märchen hielt er nichts. Er war Chemiker. »Amerikanische Kollegen«, sagte er, »haben so genannte humane Kampfstoffe entwickelt, die wir noch nicht kennen. So etwas könnte es gewesen sein. Man schießt Schlafgranaten auf die feindlichen Truppen. Im Nu sinken sie um und schlafen ...«

»Hundert Jahre lang?«

»Ach wo, ein paar Stunden.«

»Und Sie glauben im Ernst, gestern Nacht sei ein Panzer mit amerikanischen Schlafgranaten vorgefahren und habe das Gefängnis bombardiert?«

»Nicht doch, Herr Präsident«, sagte Professor Dickhut lächelnd. »Solche Schlafgifte kann man natürlich dosieren, wenn man sie erst einmal erfunden hat. In Tablettenform, in Sprühdosen, in Kanistern. Man kann damit operieren wie Gärtner, wenn sie Ungeziefer bekämpfen.«

»Ich muss Ihnen glauben«, erklärte der Polizeipräsident. »Sie sind der Fachmann. Es könnte sich so ähnlich abgespielt haben. Ich frage mich nur, warum? Warum und wozu versetzt man ein ganzes Gefängnis in einen modernen Dornröschenschlaf?«

»Ich kenne den Grund«, rief Kriminalkommissar Steinbeiß atemlos. Er war eben aus dem Gefängnisbau zurückgekommen und hatte die Frage gehört. »Man hat zwei Häftlinge gestohlen. Die beiden Halunken, die den kleinen Mann entführt hatten.« Dann stürzte er ans Telefon.

Professor Jokus von Pokus und der kleine Mann saßen, als das Telefon klingelte, in ihrem Hotelzimmer und frühstückten. Der Jokus hob den Hörer ab, meldete sich und rief erfreut: »Guten Morgen, Herr Kommissar. Natürlich ist er hier. Er hat sich wieder einmal mit Erdbeermarmelade voll geschmiert. Na ja, als Millionär darf er das. - Was ist passiert? - Bernhard und der Kahle Otto sind verschwunden? Das ist ja allerhand. - Wie bitte? Nächtlicher Überfall? Alle schlafen? Auch die Schäferhunde? - Aha. Ein chemischer Großangriff. Keine Spuren? - Seien Sie ohne Sorge. Ich lasse den Jungen nicht aus dem Auge. Wie? - Sicher. Es muss eine ganze Bande gewesen sein. Haben Sie schon in Tempelhof angerufen? Der Flugplatz ist das Wichtigste. Erkundigen Sie sich nach Chartermaschinen! - Richtig. - Rufen Sie uns wieder an? Schön. Und herzlichen Dank.«

Als ihm der Jokus alles berichtet hatte, meinte Mäxchen: »Da steckt Senor Lopez dahinter oder ich fresse einen Besen.«

»Hoffentlich gibt’s so kleine Besen«, sagte der Jokus. »Und nun putze dir die Marmelade aus dem Gesicht.«

Mäxchen putzte. Dann fragte er: »Glaubst du, dass man mich diesmal wieder klauen wollte?«

Der Jokus schüttelte den Kopf. »Nein. Die Bande ist sicher längst über alle Berge. Es war ein Rückzugsgefecht.«

»Und warum hat dieser Lopez den Bernhard und den Kahlen Otto aus dem Gefängnis herausholen lassen? Das war doch sehr gefährlich und sehr teuer. Oder?«

»Geld spielt für den Mann überhaupt keine Rolle«, sagte der Jokus und trank den letzten Schluck Kaffee. »Und was war für ihn gefährlicher? Dass er die zwei Halunken rauben ließ oder dass es

zu einem Prozess gekommen wäre? Wer weiß, was sie alles verraten hätten, nur um nicht allzu lange eingesperrt zu werden.«

»Verstehe«, meinte Mäxchen. »So wird es sein. Und ich bin froh, dass ich den Besen nicht zu fressen brauche.«

Der erste Tiefschläfer, der aufwachte, war der Europasieger Pluto. Er riss das Maul auf, aber nur um zu gähnen. Schäferhunde mögen zwar klug sein, doch vom Reden halten sie nicht viel.

Der nächste Schläfer, der sich zu Wort meldete, war Hauptwachtmeister Mühlenschulte. Er schlug plötzlich die Augen auf, sah sich um und sagte: »Nanu.« Viel war das nicht. Aber der Polizeipräsident ließ ihm einen Liter schwarzen Kaffee einflößen. Das half.

Er begann sich zu erinnern. »Witschoreck und ich spielten eine Partie Dame, als die Klingel an der Einfahrt läutete. Ich ging also mit Pluto und dem Schlüsselbund hinaus, öffnete das Schiebefenster und sah einen Mann in einem schwarzen, hochgeschlossenen Jackett. Er sei der Stellvertreter des Gefängnisgeistlichen, behauptete er, und man habe ihn gerufen, weil ihm der Häftling von Zelle 34 einen Raubüberfall gestehen wolle.«

»So ein Blödsinn!«, rief Doktor Heublein aufgebracht.

»Sie nehmen mir das Wort aus dem Munde, Herr Direktor. >So ein Blödsinn<, sagte ich zu ihm. Da schob er einen Metallschlauch durch die offene Fensterklappe. Ich dachte noch: >Er wird mir doch nicht einen Staubsauger vorführen wollen . Mitten in der Nacht ... Am Gefängnistor .< Und .«

»Und?«, fragte Obermedizinalrat Dr. Grieneisen.

»Weiter weiß ich nichts«, meinte Mühlenschulte. »Totale Mattscheibe. Tut mir Leid.« Er stutzte. »Witschoreck! Warum schläfst du denn? Gustav! Wach doch auf!«

Aber Wachtmeister Witschoreck war noch nicht so weit.

Etwa um die gleiche Zeit schlug der Kahle Otto die Augen auf und staunte nicht schlecht. Er saß in einem Flugzeug. Die Morgensonne schien. Der Himmel schimmerte stahlblau. Man flog über weißen Wolken hin wie über hunderttausend feinsten Federbetten. »Komisch«, brummte er. »Sieht nicht mehr nach Gefängnis aus.« Da sagte jemand neben ihm: »Guten Morgen wünsch ich. Ausgeschlafen?«

Otto betrachtete seinen Nachbarn misstrauisch. Doch dann grinste er bis hinter die Ohren. »Boileau, oller Kumpel, wie kommst denn du hierher?«

»Frag mich lieber, wie du hierher gekommen bist«, meinte Monsieur Boileau.

»Eins nach ’m andern. Erst ’n Schnaps, wenn’s geht. Oder is das ’n alkoholfreies Flugzeug?« Nach dem dritten Glas fühlte er sich frischer. »Is Bernhard auch hier?«

»Ja, aber er schläft noch.«

»Schade«, erklärte der Kahle Otto. »Ich meine, es is schade, dass ihr ’n nich im Gefängnis gelassen habt. Mensch, kann der eklig sein! Er hat mich wie sein’ Schuhputzer schickeniert. Das liegt mir nich. Lass mich aus der Ecke raus, ich wisch ihm eine!«

»Rege dich nicht auf«, warnte Boileau. »Denke an deinen hohen Blutdruck!«

»Denken liegt mir nich«, sagte Otto.

Boileau nickte. »Ein Glück, dass du es endlich einsiehst. Deine Dämlichkeit kostet den Chef viel Geld. Du lässt dich von einem Fünfzentimeterknirps auf den Arm nehmen. Ihr werdet eingebuchtet. Kollege Ballhaus funkt dem Lopez. Der Lopez funkt mir. Ich miete ein Flugzeug und ein paar Dutzend Spezialisten. Wir spielen >Berlin ist eine Reise wert<, schläfern ein Gefängnis ein, riskieren Kopf und Kragen - und wozu das alles? Nur um zwei solchen Nachtwächtern wie euch aus der Patsche zu helfen!«

»Mach die Klappe zu, sonst zieht’s«, rief da jemand ärgerlich. Es war Bernhard. Er war aufgewacht und hatte Boileaus Vorwürfe gehört. »Und erzähle bloß nich, dass euch Lopez losgeschickt hat, weil er uns so liebt. Er hatte einfach Angst, Otto könnte auspacken. Für eine Flasche Schnaps verkauft der seine zwei Großmütter.«

»Tu mir ’n Gefallen und schlaf noch ’n bisschen«, knurrte der Kahle Otto. »Warum habt ihr bloß den Kerl nich in der Zelle gelassen? Ich kann den Ton nich leiden. Schon gar nich auf nüchternen Magen.«

»Hast du Hunger?«, fragte Boileau.

»Klar, Mensch.«

»Belegte Brote?«

»Neee, ’n paar Schnäpse«, erklärte Otto. »Was das Essen betrifft, bin ich noch ’n Flaschenkind.«

Mittlerweile war die Kriminalpolizei nicht faul gewesen. Kommissar Steinbeiß hatte auf dem Flugplatz Tempelhof den Hangar ausfindig gemacht, von dem aus das Charterflugzeug in der Nacht abgeflogen war. Aber es war in Paris nicht eingetroffen, sondern sonst wo und über alle Berge.

Doch auch die Reporter waren nicht faul gewesen. Und was sie wussten und nicht wussten, stand bereits in den Zeitungen, die man nachmittags auf der Straße kaufen konnte. Die Berichte prangten auf der ersten Seite. Das >Unternehmen Dornröschen< hieß es in Riesenbuchstaben.

Als Kriminalkommissar Steinbeiß die Zeitungen las, wurde er grün vor Ärger. Andere Leute kriegen vor Ärger die Gelbsucht. Er bekam die Grünsucht, eine völlig neue Krankheit. Doch das war noch gar nichts. Es kam noch dicker.

Zwei Stunden später rief seine Frau im Büro an. Sie war völlig außer Fassung und schrie und weinte und tobte, dass er den Hörer vom Ohr weit weghalten musste. Sonst wäre ihm das Trommelfell geplatzt. »Bist du verrückt geworden?«, rief sie im höchsten Diskant. »Wozu brauchen wir denn ein Klavier?«

»Ein Klavier?« Er hielt sich am Schreibtisch fest.

»Jawohl! Sie kriegten es nicht die Treppe herauf, und jetzt holen sie einen Flaschenzug, um es an der Hauswand hochzuziehen und durchs Fenster zu bugsieren.«

»Aber Mausi«, sagte Steinbeiß, »ich habe doch kein Klavier bestellt.«

»Du hast es sogar bezahlt«, rief sie. »Sie haben mir die Rechnung gezeigt! Und wenn du schon ein Klavier kaufst, warum schickst du dann andere Leute, die unsere Wohnung mieten wollen, weil wir auszögen?«

Steinbeiß hielt die Luft an.

»Und ein Krankenwagen war auch hier«, kreischte sie, »er wollte deinen Neffen abholen, der sich bei uns im Badezimmer ein Bein gebrochen hätte!«

»Behalte, bitte, die Nerven«, sagte er ruhig. »Ich komme gleich. Und gehe nicht vor die Tür.«

»Das kann ich sowieso nicht! Es stehen ja zehn große Kisten mit Weinessig davor! Wozu bestellst du zehn große Kisten Weinessig?«

Kriminalkommissar Steinbeiß knallte den Hörer auf die Gabel und hieb sich den Hut auf den Schädel.

Als er in die Konstanzer Straße einbog, sah er schon von weitem die Menschenmenge, die sich vor seinem Haus angesammelt hatte. Hoch in der Luft baumelte ein Klavier. Und Frau Steinbeiß, Hildegard mit Vornamen, eine mollige und sonst sehr geduldige Person, beugte sich weit aus dem offenen Fenster im dritten Stock und verweigerte, mit den Händen rudernd, die Annahme.

Und auf der Straße standen nicht nur neugierige Passanten und Müßiggänger, o nein. Pressefotografen, Kameraleute, Reporter mit Notizblöcken waren darunter. Es wurde geknipst und gekurbelt, notiert und gelacht, dass man sein eigenes Wort nicht verstand.

Steinbeiß sprang aus dem Wagen.

»Endlich kreuzt die Hauptperson auf!«, rief ein Reporter.

»Wie kommen Sie hierher?«, fragte er voller Zorn.

»Na so was«, sagte der Zeitungsmann, und er war ehrlich gekränkt. »Sie haben uns ja alle feierlich einladen lassen! Wer sonst hätte uns denn anrufen und vor Ihr Haus bestellen sollen?«

»Wenn Sie’s nicht selber waren«, meinte ein Pressefotograf, »dann kann es nur jemand gewesen sein, der Sie nicht sehr mag. Ein Klavier in der Luft, Ihre Frau am Fenster, in allen Zeitungen und in der Tagesschau, mit einem flotten Kommentar .«

Kriminalkommissar Steinbeiß stürzte die Treppe hoch, kletterte über die Essigkisten und schlug mit den Fäusten gegen die Tür, bis Mausi öffnete. Dann rannte er zum Telefon, rief die Funkstreife an, dass sie ihm helfe, und ließ sich anschließend mit dem Polizeipräsidenten verbinden. »Herr Präsident«, sagte er, »ich stelle meinen Posten zur Verfügung.«

»Ich weiß schon, worum sich’s handelt«, antwortete der Polizeipräsident. »Machen Sie sich nichts daraus, lieber Steinbeiß. Diesem Senor Lopez ist keiner gewachsen. Ich denke nicht im Traum daran, einen so tüchtigen Mann wie Sie für immer einzubüßen. Aber ich beurlaube Sie für ein halbes Jahr. Dann sehen wir weiter. Einverstanden?«

»Einverstanden«, sagte Steinbeiß. »Und wenn ich den Atlantischen Ozean zu Fuß durchwaten müsste, diesen Senor Lopez kauf ich mir.«

Am Abend saß er mit Mister Drinkwater im Hotel Hilton in der Bar. Der Amerikaner ließ sich alles, was mit dem >Unternehmen Dornröschen< den dürftigen Auskünften der Interpol und dem geschenkten Klavier zusammenhing, noch einmal haarklein erzählen. »Und wie soll ich Ihnen helfen?«, fragte er.

»Ich muss diesen Lopez finden«, erklärte Steinbeiß. »Er hat mich für dumm verkauft. Das lasse ich mir nicht bieten. Heute lacht die Welt über mich. Ich will, dass sie möglichst bald über ihn lacht.«

»Das verstehe ich«, sagte Drinkwater. »Sie wollen also nach Südamerika fliegen.«

»Jawohl.«

»Und sich dort mit der Polizei verbünden.«

»Nein. Wer so reich wie Lopez ist, hat auch bei der Polizei Freunde. Man würde ihn warnen, und ich wäre wieder der Lackierte.«

»Wer soll Ihnen denn sonst helfen?«

»Sie.«

»Ich?«

»Hören Sie zu«, bat der Kommissar. »Sie schicken eine Filmexpedition in die Gegend, wo wir den Senor Lopez vermuten. Dass ein paar Detektive aus New York und Kriminalkommissar Steinbeiß aus Berlin dabei sind, fällt nicht auf. Wir betätigen uns als Mitglieder der Expedition. Als Lastwagenfahrer, als Essenholer, als Zeltbauer, mein Freund MacKintosh aus New York als Dolmetscher. Er kennt Südamerika wie seine Westentasche und ist einer der gescheitesten Detektive unter der Sonne. Die Expedition dreht angeblich einen Kulturfilm über Land und Leute, Sitten und Gebräuche, Schulwesen, seltene Pflanzen und exotische Schmetterlinge ...«

»Ein grässliches Zeug«, sagte Drinkwater und schüttelte sich. »Aber ich verstehe, was Sie im Sinn haben.«

»Wir kurbeln ein paar Kakteen und Papageien und horchen dabei die Leute aus. Dass dieser Lopez keine Feinde hat, ist vollkommen ausgeschlossen. Wir werden seine seltsame Burg finden .«

»So eine Expedition ist ein teurer Spaß. Sie kann schief gehen.

Aber wenn wir auch nur hundert Meter Zelluloid in den Kasten kriegen, die wir gebrauchen können, finanziere ich die Sache.«

»Ich kann nichts versprechen«, sagte der Kriminalkommissar. »Ich habe etwas Geld auf der Bank und eine Lebensversicherung, die man beleihen kann.«

»Entweder mache ich so etwas überhaupt nicht«, antwortete Drinkwater trocken, »oder ich übernehme das gesamte Risiko, und das werde ich tun. Wann fliegen Sie?«

»Übermorgen.«

»Gut. Sie kabeln Ihrem Freund MacKintosh. Und ich informiere mein Büro in New York. Die Filmexpedition wird zusammengestellt werden. Alles Nähere erzähle ich Ihnen morgen. Wie geht’s Ihrer Frau?«

»Sie zieht zu ihrer Schwester«, sagte der Kommissar. »Denn zu Hause traut sie sich nicht mehr vor die Tür. Man lacht uns aus. Wir sind Witzblattfiguren geworden. Heute früh stand, mit Kreide hingeschmiert, an der Hauswand: >Klavierunterricht erteilen ab heute vierhändig Kriminalkommissar a. D. Steinbeiß und Gemahlin / Anmeldungen im 3. Stock.< Wir haben die Klingel abgestellt und das Telefon auf Kundendienst schalten lassen. Es war nicht mehr zum Aushalten.«

»Dieser Lopez ist ein Erzgauner«, sagte Mister Drinkwater. »Aber wer sind seine hiesigen Hintermänner? Wer hat das Klavier bezahlt? Wer hat den Krankenwagen bestellt? Und wer die zehn Kisten mit dem blöden Essig?«

»Die Polizei weiß es nicht. Lauter falsche Namen und Adressen. Nur die Geldscheine waren echt.«

»Wer hat das Charterflugzeug gemietet? Wer war der Reiseleiter? Wer war der Pilot? Wie wurde das >Unternehmen Dornrö-schen< im Einzelnen durchgeführt? Wo ist das Flugzeug von Tempelhof aus mit diesem Kahlen Otto und dem Bernhard hingeflogen?«

»Die Polizei weiß es nicht. In Paris wissen sie so wenig wie wir. Unser Laboratorium hat die Zusammensetzung des Sprüh-stoffs analysiert, mit dem das Gefängnis eingeschläfert wurde. Doch das hilft uns keinen Schritt weiter. Was nützt uns eine chemische Formel?«

Mister Drinkwater erhob sich energisch. »Auf in den Kampf!«, sagte er. »Packen Sie Ihre Koffer!«

Am übernächsten Tag flog Kommissar Steinbeiß nach New York, und wir werden längere Zeit nichts von ihm hören.

Mister Drinkwater saß häufig im Zirkus Stilke und machte sich Notizen. Noch öfter kam er zu Mäxchen, dem Jokus und Rosa Marzipan ins Hotel. Manchmal war auch der Schüler Jakob Hurtig dabei. Und meist sprachen sie von dem Film, den sie im Oktober und November in München drehen wollten. Jakob wusste schon, dass er ein paar Wochen schulfrei bekäme, um mitspielen zu können. »Ich freue mir noch ein mittelgroßes Loch in den Kopf«, sagte er. »Das wird der Film des Jahrhunderts. Warum ist denn noch nicht Oktober?«

»Weil du noch vor einigen Tagen Kirschkerne auf die Straße gespuckt hast«, sagte Mäxchen. »Bring bloß nicht den Kalender durcheinander!«

Diese Bitte war nur zu berechtigt. München war noch nicht an der Reihe. Im August gastierte der >Zirkus Stilke< in der Kelvin Hall in Glasgow, droben in Schottland. Im September trat man in London auf. In der Olympia Hall. Der Erfolg war, wie sogar die >Ti-mes< schrieb, ohne Beispiel. >Maxie ist das Wunder Nummer eins< hieß es.

Und erst am vorletzten Septembertag war es dann so weit. Wieder wurden die Menschen und die Tiere verladen. Wieder ratterte ein Güterzug mit den Käfigen und Wohnwagen durch die Nacht. Wieder überquerte man, diesmal zwischen Harwich und Hoek, auf einem Frachtboot den Kanal. Wieder wurden eine Giraffe, der Kunstreiter Galoppinski und der Löwe Ali seekrank. Wieder ratterte der Zug durch Holland. Diesmal hieß das Ziel: München. Und damit beginnt ...

Das fünfte Kapitel

Pressekonferenz in München / Das Dorf auf Rädern / Mäxchen >frisiert< eine Reporterin /Der Kunstreiter Galoppinski muss sein Pferd um Erlaubnis fragen / Fünf Portionen Karamellpudding sind zu viel / Wie wär ’s mit einem Ausflug nach Pichelstein?

So ein Zirkus ist, wie gesagt, keine Kleinigkeit. Und der Zirkusdirektor hat nichts zu lachen. Er ließe sich am ehesten mit einem Bürgermeister vergleichen. Mit dem Unterschied, dass in anderen Städten und Dörfern, außer braven Haustieren, nur Menschen leben und auf gar keinen Fall Löwen, Tiger, Elefanten, Bären, Affen und Seehunde.

Und ein zweiter wichtiger Unterschied kommt hinzu: Der Zirkus ist ein Dorf, das reist. Jeden Monat oder jeden zweiten Monat wohnt man woanders. Man bricht das Dorf kurzerhand und über Nacht ab. Und schon am nächsten, spätestens am übernächsten Tage steht das gleiche Dorf, als sei nichts gewesen, am Rand einer anderen Großstadt und in einem anderen Land mit einer anderen Sprache. Und am selben Abend findet die erste Galavorstellung statt. Es grenzt an Hexerei.

Doch es wird nicht gehext. Es wird gearbeitet. Jeder Handgriff sitzt. Jeder Mann funktioniert wie ein Rädchen im Uhrwerk. Der Verlademeister, der Menageriechef, der Zeltmeister, der Wagenparkchef und der Chef-Elektriker sind die größeren Rädchen. Und wer hat die ganze Uhr im Kopf und unterm Zylinder? Der Herr Direktor. Der Bürgermeister des Dorfs auf Rädern. Dazu braucht man Nerven wie Stricke. Oder, wie Direktor Brausewetter, viele graue und schwarze Handschuhe.

Auch die Reise von London nach München hatte wie am Schnürchen geklappt. Als Brausewetter nachmittags die Münchner Presseleute im Zirkus Krone empfing, trug er blütenweiße Handschuhe, und seine Schnurrbartspitzen standen auf Schönwetter.

Er gab einen kurzen Überblick: »Meine Damen und Herren«, sagte er, »wir sind ein reisendes Dorf. 150 Angestellte und Artisten leben mit ihren Familien in Wohnwagen. Sie kochen und verpflegen sich selbst.«

»Nanu«, rief ein Fräulein mit Notizblock und Hornbrille. »Sie kochen sich sogar selber? Schmeckt das denn?«

Direktor Brausewetter drohte ihr mit seinem weiß behandschuhten Zeigefinger. »Legen Sie mich nicht auf die Goldwaage, junge Dame! Ich will ein paar Zahlen nennen, nichts weiter. Also: Allein für unsere 300 Tiere kaufen wir täglich 150 kg Fleisch, 20 kg Brot, 100 kg Gemüse und Früchte, 25 Liter Milch, 12 Kubikmeter Sägemehl und 6 Kubikmeter Erde. Für den Fahrzeugpark brauchen wir pro Tag 400 Liter Treibstoff. Für Lichtmaschine und Heizung 500 Liter Heizöl.«

»Donnerkiel«, meinte ein Journalist, »das nenne ich einen teuren Spaß.«

Brausewetter nickte lebhaft. »Und wenn wir abends nicht ausverkauft sind, ist es überhaupt kein Spaß, sondern nur noch teuer. Denn die Mannschaft richtet ihren Hunger nicht nach dem Kartenverkauf an der Kasse. Täglich konsumiert sie, beispielsweise, einen Zentner Brot, einen Zentner Kartoffeln und einen halben Zentner Frischfleisch.«

»Und wie viel isst der kleine Mann?«, fragte ein Journalist. »Das interessiert unsere Leser ganz bestimmt.«

Der Direktor zeigte auf die Tür. Professor Jokus von Pokus und Mister Drinkwater waren soeben erschienen. »Fragen Sie ihn doch selber!«

Die Journalisten, auch das vorlaute Fräulein, sprangen von den Stühlen hoch und klatschten in die Hände. Mäxchen, der in der Brusttasche des Professors steckte, winkte ihnen zu. Als sich alle gesetzt hatten, wiederholte der Reporter seine Frage.

»Wie viel ich am Tag esse und trinke?« Mäxchen dachte kurz nach. »Na ja, auf den Millimeter genau weiß ich das nicht, und manchmal ist es etwas mehr und manchmal etwas weniger, nicht anders wie bei Leuten, die dreißig- und vierzigmal länger sind als ich. Ich verzehre also ungefähr zwei Quadratzentimeter Schwarzbrot, eine Messerspitze Butter, einen Teelöffel Kakao, einen Fingerhut Limonade, einen Pfifferling, drei Kubikzentimeter Kalbsschnitzel oder Rindsfilet, den zehnten Teil einer Salzkartoffel, zwei Häppchen Wurst ...«

»Und keinen Käse?«, fragte das vorlaute Fräulein.

»Doch, doch. Aber nur Schweizerkäse. Sogar sehr viel! Täglich zwanzig bis dreißig Löcher!«

Da lachten alle miteinander. Außer dem Fräulein.

Die Pressekonferenz dauerte noch eine geschlagene Stunde. Erst unterhielt sich der Jokus mit den Herrschaften, und zum Schluss kam Mister Drinkwater an die Reihe. Er erzählte von dem Film, den er drehen werde. Von den Aufnahmen im Zirkus und, mit dem kleinen Mann auf der Taube Emma, oben in der Kuppel. Von den Atelieraufnahmen im Studio 5 draußen in Geiselgasteig. Und von den Außenaufnahmen in Pichelstein, wo kein Einwohner größer sei als 51 Zentimeter. In jenem seltsamen Dorf, das Mäxchens Eltern eines Tages verlassen hätten, um als Artisten ihr Glück zu versuchen.

»Kannst du dich überhaupt noch an Pichelstein erinnern?«, fragte das ungemütliche Fräulein.

»Nein«, sagte Mäxchen. »Ich war noch nie dort.« Er konnte die Gans nicht leiden. Sie war ihm ausgesprochen zuwider.

»Aber an deine kleinen niedlichen Eltern erinnerst du dich sicher noch«, fuhr sie zuckersüß fort. »Und wie dir zumute war, als man dir erzählte, sie seien vom Eiffelturm geweht worden. Und an die Beisetzung der falschen Chinesenzöpfchen. Hast du damals sehr geweint?«

Mäxchen schwieg. Die anderen saßen stumm und steif auf den Stühlen.

»Warum antwortest du denn nicht?«, fragte das Fräulein ungeduldig.

»Er antwortet nicht, weil Sie eine taktlose Person sind«, sagte der Jokus leise.

»Was heißt hier Takt?« Sie klopfte mit dem Kugelschreiber auf den Tisch. »Ein tüchtiger Reporter darf nicht zimperlich sein. Also, Kleiner, wird’s bald?«

Mäxchen nickte. »Sofort, meine Dame.« Schon stand er auf dem Tisch. Im Nu kletterte er an ihr hoch. Im nächsten Moment stand er mitten in ihrer kunstvoll aufgedonnerten Frisur und zog und zerrte aus Leibeskräften an ihren Haaren.

»Aua!«, schrie sie gellend. »Lass los!«, brüllte sie. »Hilft mir denn keiner?«

Niemand rührte einen Finger. Sie ruderte mit den Händen in der Luft herum. Doch Mäxchen ließ sich nicht stören. Er schuftete wie bei der Heuernte. Die Haare flogen büschelweise durch die Luft. Sie kreischte. Sie heulte. Sie schrie wie am Spieß. Aber Mäxchen war unerbittlich. Die Fotoreporter knipsten. Es war eine tolle Szene.

Das Fräulein sah sich nicht mehr ähnlich. Die kunstvolle Frisur war zum Teufel. Die Wimperntusche war, vor lauter Tränen, breit gelaufen. Mit letzter Kraft schlug sich die junge Dame auf den Kopf, um den kleinen Mann zu erwischen. Doch sie traf nur sich selbst und eine Haarnadel und stöhnte schmerzlich. Die Tusche brannte ihr in den Augen. Sie konnte nichts mehr sehen. Die Haare hingen in langen Strähnen bis zur Bluse. Sie sah scheußlich aus.

Mäxchen saß längst wieder beim Jokus in der Brusttasche. Er war noch ganz außer Atem. »So«, sagte er schließlich, »und nun will ich Ihnen antworten. Jawohl, ich habe damals sehr geweint! Sind Sie jetzt zufrieden?«

Mister Drinkwater war ein hervorragender Organisator und, wie man in seinen Kreisen einen so erfahrenen Mann zu bezeichnen pflegt, ein alter Filmhase. Ihm konnte niemand etwas vormachen, kein Kameramann, kein Tonmeister, kein Regieassistent, kein Aufnahmeleiter und kein Beleuchter. Er hatte die Terminpläne für die Fernsehserie und den Film vom kleinen Mann im Kopf, als seien sie hineinfotografiert worden. Jeden Tag wurde das von ihm vorgesehene Pensum bewältigt. Es gab keine Panne. Es galt keine Ausrede.

Nachts sah und hörte er sich, mit den wichtigsten Mitarbeitern, im Vorführraum die >Muster< an. So nennt man die in der Kopieranstalt entwickelten Aufnahmen. Neben ihm saß der Schnittmeister, und er gab ihm Anweisungen, wo und wie man die Szenen schneiden und als Teile ins künftige Ganze einbauen solle.

Ihm selber machte diese Plackerei von früh bis spät und ohne Pause nichts weiter aus. Die Mitarbeiter hingen freilich abends in den Gräten. Doch sie rissen sich zusammen. Er war der Chef. Er war der Boss. »Der Mann ist eine Wucht«, sagten sie voller Bewunderung. Er war die Lokomotive und zog alle mit sich fort.

Der Jokus und er verstanden sich prächtig. Sie duzten sich vom ersten Drehtag an und nannten einander beim Vornamen. Der Professor sagte allerdings nur selten »John« zu dem langen Amerikaner. Manchmal nannte er ihn »Johannes« und noch häufiger »Hänschenklein«.

Mäxchen, aber auch alle anderen Zirkusleute machten ihre Sache sehr gut. Nur mit dem Kunstreiter gab es Ärger, weil er weder den Zauberfrack anziehen noch vor den Kameras vom Pferd fallen wollte.

»Das verstößt gegen meine Berufsehre«, erklärte Maestro Galoppinski stolz. »Den Film wird die ganze Welt sehen, und Nero und ich wären für alle Zeiten erledigt.« Nero war sein schwarzer Hengst.

Auch als ihm Drinkwater ein Extrahonorar und dem Pferd einen Doppelzentner Würfelzucker anbot, blieben beide hart und unerbittlich. Es war aussichtslos. Drinkwater wollte schon dem Cowboydarsteller Tom Middleton telegrafieren, ob dieser und sein Schimmel Whitehorse Zeit hätten, als sich der Jokus ins Gespräch mischte.

»Ehrgefühl verdient Respekt«, meinte er. »Aber ich kenne Tom Middleton samt seinem Schimmel. Beide sind ausgezeichnete Könner. Nur, lieber Kollege Galoppinski, zur Weltklasse wie Sie und Ihr Nero gehören Tom und Whitehorse keineswegs. Tom ist nicht elegant genug. Er wird vom Pferd fallen wie ein verstimmtes Klavier, und sein Schimmel wird vor Nervosität nicht in die Stallgasse, sondern in die Logen preschen.«

»Ich fürchte, dass Sie Recht haben, lieber Professor«, sagte der Kunstreiter. »Doch es lässt sich nicht ändern. Nero und ich haben uns ein einziges Mal im Leben blamiert. Damals in Berlin, als ich, ohne es zu ahnen, Ihren verrückten Frack angezogen hatte. Wir leiden noch heute darunter. Und diese Blamage sollen Nero und ich, für Film und Fernsehen, absichtlich wiederholen? Damit man uns von Washington bis Moskau und von Buenos Aires bis Hongkong auslacht? Nein, meine Herren. So viel Würfelzucker gibt es ja gar nicht.«

Der Jokus und Drinkwater ließen die Köpfe hängen. Plötzlich rief Mäxchen: »Ich weiß was!« Sie zuckten zusammen, weil sie vor lauter Sorgen vergessen hatten, dass er in der Brusttasche des Professors hockte und zuhörte.

»Ich weiß was«, wiederholte Mäxchen und rieb sich die Hände. »In jedem Kino werden doch Programmhefte verkauft. Dort könnte man drucken, wie schwer es Herrn Galoppinski gefallen ist, von Nero herunterzupurzeln. Weil doch beide zur Weltklasse gehören und so etwas eigentlich gar nicht mehr können. Deshalb hätten sie das Herunterfallen monatelang üben müssen. Wie Clowns.«

»Ich lasse mich nicht gerne auslachen«, gestand Galoppinski. Er war ein bisschen verlegen.

»Seit wann werden Clowns ausgelacht?«, fragte Mister Drink-water erstaunt. »Der letzte Dummkopf im Zirkus weiß, dass sie nicht ungeschickt sind, sondern nur so tun. Man lacht sie nicht aus. Man lacht an ihrer Stelle, weil sie selber ernst bleiben.«

Maestro Galoppinski war ein Reiter und kein Denker, und ohne sein Pferd war er sowieso nur eine halbe Portion. Deshalb stand er plötzlich auf, schnarrte: »Ich bitte um Bedenkzeit« und marschierte zur Tür.

»Wo wollen Sie denn hin?«, fragte Mister Drinkwater.

»In den Stall.« Fort war er.

»Was will er denn im Stall?«

»Das Pferd will er fragen«, meinte Mäxchen. »Ohne Nero tut er nichts.«

»Erzähle mir bloß nicht, dass der Gaul reden kann!«

»Nein, aber er kann zuhören«, sagte der Jokus. »Wenn Galoppinski mit ihm gesprochen hat, schaut er ihn an. Weiter nichts. Und schon weiß er, ob Nero einverstanden ist.«

»Das machen die beiden immer so«, fügte Mäxchen hinzu.

Mister Drinkwater war sprachlos.

Fünf Minuten später kam Galoppinski aus dem Stall zurück. »Die Sache ist in Ordnung«, sagte er. »Mein Pferd hat nichts dagegen.«

Es waren harte Wochen. Abend für Abend und dreimal nachmittags Zirkusvorstellung. Morgens um sieben Ankunft im Filmstudio. Der Maskenbildner wartete schon mit der Schminkschatulle. Wenn er Mäxchen schminkte, brauchte er eine Lupe.

In der Halle 5 war Verschiedenes aufgebaut: ein Hotelzimmer, ein Hotelkorridor, ein Schaufenster mit dem Schönen Waldemar und anderen Kleiderpuppen, das Innere des Herrengeschäfts, das Zimmer der Räuber, Jakob Hurtigs Parterrefenster, das Wohnzimmer seiner Eltern, das Büro des Kriminalkommissars, der Blaue Salon, der Wohnwagen des Direktors Brausewetter und wer weiß, was noch alles. Man kam sich vor wie auf einem Jahrmarkt. Zwei Tage drehte man im Blauen Salon, drei Tage in der Räuberhöhle, einen halben Tag in der Gaststube des >Krummen Würfels<, wo die Schauspielerin, welche die Wirtin spielte, dem Darsteller des Räubers Bernhard den Karamellpudding ins Gesicht klatschte.

Diese Szene musste, weil es mit der Beleuchtung nicht klappen wollte, viermal gedreht werden. Der Schauspieler war schon beim dritten Pudding eine einzige Wut. Aber Mister Drinkwater ließ nicht locker, bis sein Kameramann mit der vierten Aufnahme zufrieden war.

Mittags aßen sie in der Kantine. Da saßen nun die zwei Räuber mit Rosa, dem Jokus und dem Darsteller des Kriminalkommissars Steinbeiß friedlich zusammen. Mäxchen stand neben Jakob Hur-tigs Teller und probierte die Leberknödelsuppe. Mister Drinkwater unterhielt sich mit dem unrasierten Darsteller des Kahlen Otto. Die Wirtin der Filmkantine bediente die Schauspielerin, die eben noch die Wirtin des >Krummen Würfels< gespielt hatte. Kurz, es ging reichlich komisch zu. Und es wurde viel gelacht.

Am meisten aber wurde gelacht, als an jenem Tag, von dem die Rede ist, der Nachtisch serviert wurde. Das heißt, der Schauspieler, der den Bernhard darstellte, lachte nicht mit. Er schrie vor Entsetzen laut auf. Denn was, glaubt ihr, gab es als Nachtisch? Karamellpudding mit Himbeersoße!

Vier Puddings mitten ins Gesicht und jetzt den fünften vor der Nase, das war ihm entschieden zu viel. Er schüttelte sich vor Grausen und beruhigte sich erst, als ihm die Kantinenwirtin statt der >Zittersülze< Camembert mit Pumpernickel brachte.

Mäxchen hielt sich wacker. Das Filmen machte ihm Spaß. Und was einem Jungen Spaß macht, strengt ihn zehnmal weniger an als eine Arbeit, die er nicht leiden kann. Uns Erwachsenen geht es ja nicht anders. Deshalb ist es so wichtig, welchen Beruf man eines Tages wählt. (Aber ich merke, ich komme vom Thema ab.)

Mäxchen, erzählte ich gerade, machte das Filmen Spaß. Doch er sah auch gern zu, wenn er drehfrei hatte. Manchmal kletterte er am Kameramann hoch und durfte durch den Sucher sehen. Sogar wenn die Kamera auf Schienen lief oder von einem Kran geschwenkt wurde.

Am interessantesten fand er freilich die Außenaufnahmen in Pichelstein. In dem Dorf, wo alle Einwohner Pichelsteiner hießen und viel kleiner waren als die übrige Menschheit. In dem Dorf, aus dem seine Eltern stammten und das sie, etwa zehn Jahre vor seiner Geburt, mit Sack und Pack verlassen hatten, um zum Zirkus zu gehen.

Als man, an einem Oktoberabend nach der Vorstellung, zu viert in dem Künstlerrestaurant >Die Kanne< saß, sagte Mister Drink-water: »Morgen fahre ich früh um sechs mit dem Wagen nach Pichelstein. Der Aufnahmeleiter ist schon dort. Das Team fährt heute Nacht. Wenn morgen so schönes buntes Herbstwetter sein sollte wie heute, drehe ich mittags im Freien. Sonst in der Turnhalle. Der Verein will zeigen, was er kann: Bodenturnen, Hochreck, Ringe, Pferd, die Mädchen am Stufenbarren und auf dem Schwebebalken, damit wird unser Film anfangen.« Er machte eine kleine Pause, lächelte und fragte: »Wollt ihr mitkommen?«

»Oh«, flüsterte Mäxchen.

»Und was wird inzwischen aus dem Zirkus Stilke?«, fragte der Jokus.

»Ihr fahrt rechtzeitig mit dem Wagen zurück«, sagte Drinkwa-ter. »Ich selber bleibe während der Aufnahmen in Pichelstein. Übernachten muss ich allerdings in Regensburg. Denn die Betten im Pichelsteiner Gasthof sind zu kurz. Das längste misst siebzig Zentimeter. Da müsste man für mich drei Betten hintereinander stellen, aber dafür sind die Zimmer zu klein.«

»Selbstverständlich kommen wir mit«, erklärte Rosa Marzipan resolut. »Der Junge soll endlich die Heimat seiner Eltern kennen lernen.«

»Ist es dir recht?«, fragte der Jokus behutsam.

Mäxchen sah ihn unschlüssig an. »Ich möchte schon«, sagte er. »Aber ich habe auch ein bisschen Angst davor.«

»Wir sind ja bei dir«, meinte der Professor.

»Das stimmt. Denn sonst ... Lauter kleine Menschen, die Pichelsteiner heißen und mit mir verwandt sind und erzählen werden, dass sie mit meinen Eltern in der Schule waren .«

Als sie früh am nächsten Morgen in München abfuhren, war es noch finster und neblig. Später, als es heller wurde, löste sich der Nebel auf, und in Regensburg schien schon die Sonne. Der Himmel wurde seidenblau. Die Bäume waren bunt wie Herbststräuße. Hinter Regensburg ging es durch Dorfstraßen. Der Weg führte bergan und durch Wiesen und Wälder.

»Dort oben liegt Pichelstein«, sagte Drinkwaters Chauffeur. Und damit beginnt .

Das sechste Kapitel

»Achtung, beim Besuch der Kirche und des Rathauses bücken!« / Seit wann ist die Riesenwelle erblich? /Mäxchens nachgemachte Eltern /Kommissar Steinbeiß kommt aus Südamerika zurück/ Senor Lopez wird fotografiert und flieht.

Neben der Landstraße stand ein Schild. Sie hielten und lasen: »Achtung! Kein Durchgangsverkehr! Parkplatz vorm Ortseingang! Übernachtungsgelegenheit nur für Kinder bis 50 cm! Beim Besuch der Kirche und des Rathauses bücken! Wir bitten um Verständnis! Willkommen in Pichelstein! Alois Pichelsteiner, Bürgermeister.«

Rosa Marzipan lachte. »Da werden wir am besten auf allen vieren kriechen. Hoffentlich sind die Dorfstraßen breit genug.«

»Für uns Männer schon«, meinte der Jokus.

»Sei nicht so frech«, sagte Rosa, »sonst löse ich unsere Verlobung auf.«

Doch dann schwiegen sie und blickten gespannt nach rechts. Denn durch die herbstlichen Stoppelfelder rumpelte ein winziger Leiterwagen, den ein Pony zog. Der Wagen war nicht größer als ein Handkarren, und der Bauer sah aus wie ein Junge im ersten Schuljahr. Aber er war ein grauhaariger Mann. Er winkte dem Auto, als er aus dem Feldweg in die Landstraße einbog.

»Es sieht aus wie eine Kinderkutsche im Zoo«, meinte Mister Drinkwater.

»So groß wie der alte Bauer war dein Vater«, sagte der Jokus zu Mäxchen, der hinter dem kleinen Wagen dreinblickte.

Der Junge saß auf der Schulter des Professors, blickte auf die vielen kleinen Rechtecke der Wiesen und der umgepflügten Felder rechts und links und schwieg.

»Ob die Kartoffeln hier so groß sind wie bei uns?«, fragte der Chauffeur. »Dann haben sie’s verdammt schwer mit der Ernte.«

Mäxchen sagte: »Nun werden also zwei aus dem Dorf beim Filmen tun, als wären sie meine Eltern.«

Der Empfang fand am Parkplatz statt, nachdem die Gäste aus dem Auto gestiegen waren. Die Feuerwehrkapelle, lauter kleine Männer mit kleinen Instrumenten, spielte den Pichelsteiner Marsch. Der Jubel der Einwohner, so klein sie waren, war riesengroß. Alois Pichelsteiner, der Bürgermeister, hielt eine gewaltige Rede. Ferdinand Pichelsteiner, der Vorsitzende des Turnvereins, begrüßte Mäxchen als Ehrenmitglied. Mister Drinkwater überreichte dem Bürgermeister, als Dank für die Mitwirkung der Gemeinde am Film, einen Scheck auf die Deutsche Bank. Und Ferdinand Pichelsteiner kündigte Mäxchen ein Geschenk an, das ihn immer an den Turnverein Pichelstein 1872 erinnern möge.

»Wir sind eine Turngemeinde seit fast hundert Jahren«, rief er.

»Deine lieben Eltern waren bei uns Vorturner. Sie trugen unseren Ruf in die Welt hinaus. Du, verehrtes Ehrenmitglied, hast ihre Talente geerbt und gemehrt. Was könnten wir dir Besseres und Schöneres schenken als - ein Turngerät? Der Schlossermeister Fidelis Pichelsteiner und meine Wenigkeit haben dir aus feinstem Stahl ein Hochreck gebaut, deiner Größe angemessen, mit vierfach verstellbarer Reckstange. Dazu gehört ein weicher Filzteppich, zehn Zentimeter im Quadrat, damit du dir, wenn du die Schwungkippe und die Riesenwelle und den Absprung in der Grätsche übst, nicht die Knöchelchen brichst. Deine Eltern waren Turner, ehe sie Artisten wurden. Du bist ein Artist, nun werde ein Turner, wie es sich für einen Pichelsteiner von echtem Schrot und Korn ziemt!«

Die Feuerwehrkapelle spielte einen Tusch. Die Pichelsteiner brüllten »Bravo«. Und schon kam ein Eselgespann um die Ecke getrabt. In dem Wagen stand ein kleiner Tisch und auf dem Tisch hatte man das winzige Hochreck montiert. Alles staunte. Alle klatschten.

Mäxchen beugte sich weit aus der Brusttasche des Professors und rief: »Liebe Namensvettern, liebe Freunde meiner Eltern! Wir danken euch für den festlichen Empfang, und ich danke euch für das wundervolle Geschenk. Ich werde euer Hochreck stets hoch in Ehren halten. Doch zunächst einmal muss ich probieren, ob die Maße stimmen. Artisten sind gründlich.« Und ehe man sich’s versah, hing der kleine Mann längelang an der Reckstange.

Der Esel stellte die Löffel hoch. Ihm war ungemütlich zumute, weil er nicht sehen konnte, was hinter ihm vorging. Aber er hielt still wie ein Denkmal, das die Ohren spitzt.

Mäxchen hing also eine Weile regungslos am Reck. Dann hob er langsam die Beine bis zur Waagrechten, brachte die Füße aus der Vorhebhalte, bei durchgedrückten Knien, bis an die Reckstange, schob die Beine senkrecht höher, schwang nach vorn weit aus, schwang zurück, machte die Schwungstemme und eine Bauchwelle vorwärts und pausierte kurz, auf die Stange gestützt, um mit den Fingern nachzugreifen. »Das ist lustig«, sagte er zum Jokus, der erschrocken neben dem Karren niedergekniet war.

»Du bist ja total übergeschnappt«, meinte der Jokus. »Mach, dass du herunterkommst!«

»Nur noch ein paar Sekunden. Es gefällt mir so. Streck, bitte, die Hand aus.« Und ehe ihn der Jokus vom Reck pflücken konnte, schwang Mäxchen erneut durch die Luft. Hoch, höher, am höchsten. Die Arme und Beine gestreckt. Und plötzlich wurde eine Riesenwelle daraus, dann die zweite und dritte. Wie ein Sekundenzeiger rotierte er ums Reck. Dann hielt er im Handstand auf der vibrierenden Stange inne, rief »Juhu!« und sprang, mit gegrätschten Beinen, übers Reck und mitten in die ausgestreckte Hand, die ihm der Jokus entgegenhielt. Er brachte sogar die abschließende Kniebeuge fehlerlos zustande.

»Der Junge zehrt an meinen Nerven«, erklärte Rosa Marzipan aufgeregt. Doch das hörte niemand, weil sämtliche Pichelsteiner klatschten. Ferdinand Pichelsteiner drängte sich nach vorn und fragte: »Wo hat er das gelernt?«

»Nirgendwo«, antwortete der Jokus, der den kleinen Mann in die Brusttasche stopfte.

»Seine Eltern konnten’s natürlich«, sagte Ferdinand Pichelsteiner. »Aber seit wann ist die Riesenwelle erblich?«

Mäxchen kicherte. »Ich habe beim Fernsehen zugeschaut. Bei den Weltmeisterschaften. Die russischen und die japanischen Geräteturner sind fabelhaft.«

»Die Grätsche am Hochreck lernt man nicht durchs Fernsehen«, stellte Turnvater Ferdinand fest.

»Ich schon«, behauptete Mäxchen. »Ich bin Artist.«

»Das weiß ich«, sagte Ferdinand Pichelsteiner. »Das weiß ich ja, mein Junge. Du bist sogar ein weltberühmter Artist. Aber das Turnen musst du gelernt haben. Eine andere Erklärung gibt’s nicht. Du hast die Riesenwelle gewissermaßen im Blut.«

Es wurde ein interessanter Tag. Und es war ein anstrengender Tag. Die Straßen waren zu schmal. Die Häuser waren zu niedrig. Mister Drinkwater musste sich manchmal an den Dachrinnen festhalten und konnte in die Stockwerke hineinschauen. Die Kameraleute hatten mit ihren Apparaten in der Turnhalle keinen Platz. Sie mussten das Schauturnen der Männer- und der Frauenriege von draußen drehen. Durch das Fenster am Niedermarkt. Dort, auf dem Niedermarkt, wurde den Gästen auch das Mittagessen serviert. Es gab Pichelsteiner Fleisch. Das ist ja klar. Alles andere war weniger klar. Die Stühle waren für die Gäste zu niedrig und zerbrechlich, die Teller und die Löffel waren zu klein. Man musste sich statt auf Stühle notgedrungen auf Tische setzen und die Mahlzeit mit Suppenkellen aus Töpfen löffeln. So ging es einigermaßen.

Am Nachmittag wurde weitergefilmt. Und weil die Sonne schien, entschloss sich Mister Drinkwater, ein paar wichtige Straßenszenen zu drehen. Nachdem er mit dem Kameramann alles Nötige besprochen hatte, nahm er Rosa Marzipan beiseite und sagte leise: »Machen Sie mit dem Jokus und dem Jungen einen längeren Spaziergang.«

»Warum denn?«, fragte Rosa. »Wir wollen doch bei den Aufnahmen zusehen.«

»Wandern Sie lieber«, bat Drinkwater. »Denn ich drehe nachher, wie sich Mäxchens Eltern auf der Straße von den Nachbarn verabschieden und das Dorf verlassen, um in der Welt ihr Glück zu versuchen.«

»Ich verstehe.«

»Das junge Mädchen und der junge Mann, die wir für die zwei Rollen ausgewählt haben, sehen Mäxchens Eltern sehr ähnlich. Und der Maskenbildner hat das Pärchen nach alten Fotografien so echt hergerichtet, dass Mäxchen erschrecken könnte. Der Junge war ja, als er die Eltern verlor, immerhin sechs Jahre alt, und die Fotografien kennt er auch ...«

»Hänschenklein«, sagte Rosa Marzipan, »Sie sind noch viel netter, als ich bis vor einer Minute dachte.«

»Ich hätte es lieber dem Jokus selber erzählt. Nur, Mäxchen hockt bei ihm in der Brusttasche und .«

»Keine Sorge. Ich werde mit meinem Bräutigam wandern, bis er auf Pichelsteins Feldern zusammenbricht.«

Doch das war leichter gesagt als getan. Eine Zeit lang ließen sich der Professor und Mäxchen das Wandern gefallen. Dann wurden sie aufsässig. Sie begannen zu murren.

Und so bedeutungsvoll das Marzipanmädchen dem Jokus zuzwinkerte - er verstand heute Rosas Augensprache nicht. Sie erreichte nur, dass der Junge misstrauisch wurde. »Warum klappert dein Fräulein Braut in einem fort mit den Augendeckeln?«, fragte er neugierig.

»Keine Ahnung«, meinte der Jokus. »Frauen sind bekanntlich rätselhafte Wesen. Sogar für Zauberkünstler.«

»Ich will beim Filmen zuschauen«, maulte Mäxchen. »Wie Stoppelfelder aussehen, weiß ich schon.«

Und so kehrten sie um. Rosa Marzipan blieb nichts übrig, als mitzutrotten. >Hoffentlich hat Drinkwater die Szene mit den falschen Eltern schon abgedreht<, dachte sie. Aber ihre Hoffnung war vergeblich.

Sie liefen mitten in die Aufnahmen hinein. Die Kamera war auf einem Elektrokarren montiert worden. Er fuhr langsam vor dem mit Koffern und Bündeln beladenen Paar her, das die schmale Straße entlangkam.

Die junge Frau war bildhübsch. Der junge Mann hatte einen prächtigen schwarzen Schnurrbart. Sie waren nicht größer als zwei fünfjährige Kinder und hatten an ihrem Gepäck schwer zu schleppen.

In den Haustüren und offenen Fenstern lehnten andere kleine Pichelsteiner, winkten und riefen: »Viel Glück!« und »Macht’s gut!« und »Schreibt mal eine Ansichtskarte!« und »Vergesst uns nicht ganz!«

Das Pärchen hätte gerne zurückgewinkt. Aber sie waren zu beladen. Sie konnten nur lächeln und den anderen zunicken, und auch das schien ihnen Mühe zu machen. Denn die Zukunft, der sie entgegenmarschierten, lag im Lande Ungewiss. Da lächelt sich’s nicht so leicht.

Der Jokus stand starr. Nun begriff er, warum Rosa mit ihm und dem Jungen in die Felder gezogen war. Er begriff auch, warum sie nur gezwinkert hatte.

»Frauen sind bekanntlich rätselhafte Wesen«, flüsterte sie und sah ihn vorwurfsvoll an.

Und Mäxchen? Mäxchen blickte wie gebannt auf die falschen Eltern. Dann schluckte er schwer und sagte: »Lieber Jokus, bring mich fort! So schnell du kannst!«

Alles hat einmal ein Ende. Das gilt auch für Filmaufnahmen. Mitte November war es so weit. Die Kameraleute hatten, wie sie dann zu sagen pflegen, alle Einstellungen im Kasten. Sie hatten die Geschichte vom kleinen Mann abgedreht, marschierten im Regen aus dem Studio übers Gelände in die gemütlich warme Kantine und zwitscherten ein großes Helles. Doch sie tranken nicht nur ein oder zwei oder vier oder sieben Glas Bier, sondern auch schärfere Sachen. In kleineren Gläsern. Und kleine Gläser sind rascher leer als große. Das leuchtet ein.

Zwischendurch gab es Schweinsbraten mit Knödeln und Krautsalat. Man ließ sich nicht lange nötigen. Hunger macht durstig, und Durst macht hungrig. Drinkwater, der Boss, hatte sie eingeladen. Er hielt sie frei, dankte ihnen, lobte sie und ging ins Nebenzimmer, wo andere Mitarbeiter auf ihn warteten. Ein Film besteht ja nicht nur aus belichtetem Zelluloid.

Im Nebenzimmer saßen - außer dem Jokus, Rosa Marzipan und Mäxchen - der Tonmeister Sohnemann, der Schnittmeister Wegehenkel und Mademoiselle Odette. Sie war Scriptgirl, stammte aus Genf und beherrschte fünf Sprachen, als sei jede der fünf ihre Muttersprache. Es war zum Staunen.

Mister Drinkwater steckte sich eine seiner schwarzen Zigarren ins Gesicht und sagte: »Wenn die Ohren der Menschen so gescheit wären wie die Augen, könnten wir uns jetzt zu den Kameraleuten setzen und mitfeiern. Aber die Ohren sind dümmer als die Augen.«

»Tatsächlich?«, fragte Mäxchen.

Der Jokus nickte. »Sehr viel dümmer. Das Auge versteht alles, was es sieht. Das Ohr versteht nur Englisch oder Japanisch oder Portugiesisch.«

»Das stimmt nicht«, meinte Mäxchen. »Mademoiselle Odette versteht fünf Sprachen.«

Fräulein Odette lachte. »Es gibt mehr als fünf. Verlass dich drauf. Es gibt Hunderte.«

»Mir genügen fünf«, sagte Mister Drinkwater. »Auch das sind noch vier Sprachen zu viel. Doch ich kann’s nicht ändern. Ich bin kein Ohrenarzt, sondern Kaufmann. Ich will nicht die Welt verbessern. Ich will Filme machen, die man überall versteht, damit ich sie überallhin verkaufen kann.« Dann legte er den Zeitplan fürs Synchronstudio, das er gemietet hatte, auf den Tisch und eröffnete ein Fachgespräch, in dem von Versionen und >takes< und Terminen für die Musikaufnahmen und fürs >Über-spielen< und davon die Rede war, wie viele Kopien gezogen werden müssten.

Die Unterhaltung dauerte drei Stunden und ihr hättet kaum den zehnten Teil verstanden. Ein wahres Glück, dass ihr nicht dabei wart. Die Wirtin blieb an der Tür stehen, nachdem sie das Licht angeknipst hatte. Doch dann zuckte sie die Achseln, ging in die Küche zurück und sagte zur Köchin: »Eher verstehe ich Chinesisch.«

»Na und?«, fragte die Köchin ungerührt. »Die einen machen Filme, die andren machen Knödel. Hauptsache, dass jeder seinen Kram versteht. Mehr wäre zu viel.«

Um sieben Uhr am Abend redete Mister Drinkwater immer noch. Er wurde wieder einmal nicht müde. »Am 30. November fliege ich nach Genua, begebe mich an Bord meiner Jacht >Sleepwell< und bin einen Monat lang für niemanden zu sprechen. Dass mir mit den Kopien der Fernsehserie alles klappt!«, sagte er. »Der erste Teil läuft am ersten Weihnachtsfeiertag über dreißig Stationen. Wer einen Fehler hineinbringt, kriegt es mit mir zu tun.«

»Aber nicht, bevor Sie ausgeschlafen haben«, bemerkte Herr Wegehenkel. Und Herr Sohnemann ergänzte: »Also nicht vorm 1. Januar. Da können wir ja vorher noch in aller Ruhe Silvester feiern.«

Drinkwater sagte düster: »Es wäre Ihr letztes.« Und weil Mäxchen lachte und auch Rosa Marzipan herausplatzte, fuhr er noch düsterer fort: »Ich fürchte, ich werde in diesem Kreise nicht ernst genommen.« Jetzt lachten alle miteinander. Denn sie hatten den langen Amerikaner sehr gern, und sie wussten, dass er es wusste.

In diesem Augenblick ging die Tür auf. Ein Taxichauffeur stellte zwei Koffer in die Stube, brummte »Grüß Gott!« und verschwand. Dann geschah eine Weile gar nichts.

Schließlich hörte man kräftige Schritte. Im Türrahmen erschien ein braun gebrannter Mann. Und Mäxchen rief: »Das ist ja Kriminalkommissar Steinbeiß!«

Nach viel Hallo und etwas Whisky sahen sie sich im Vorführraum den Farbfilm an, den der Kriminalkommissar aus Südamerika mitgebracht hatte. Der Film war kurz. Und er war stumm. Deshalb übernahm Herr Steinbeiß, als das Deckenlicht erlosch und die Leinwand hell wurde, den Kommentar. Er erklärte, was es zu sehen gab.

»Auf diesem abgelegenen Hochplateau vor Ihren Augen«, so begann er, »herrscht subtropisches Klima. Es ist ein fruchtbares Land. Künstliche Bewässerung tut ein Übriges. Man pflanzt und erntet Zuckerrohr, Baumwolle, Wein, Bananen und Feigen, aber auch Kartoffeln, Weizen, Mais und Gerste. Die Bauern sind Nachkommen der Araucos, eines Indianerstamms, der in früheren Zeiten den Inkas und bis ins 18. Jahrhundert den Spaniern das Leben schwer gemacht hat. Heute treiben sie Landwirtschaft und Viehzucht, benutzen Lamas als Lastesel, lieben Pferde und leben in Ranchos aus Lehm oder Wellblech. Das Dorf zur Linken heißt San Cristobal. Hier fanden wir Unterkunft. Die ersten Wochen filmten wir Kolibris, Schmetterlinge und Papageien. Wir kurbelten Kakteen, Zypressen, Magnolien, kleine Kinder, Lorbeerbäume, verwitterte Großmütter vor der Haustür, Schafe bei der Schur, die Schneegipfel der Kordilleren im Osten, kurz, wir führten uns auf, als drehten wir einen Schulaufsatz mit der Überschrift >Mein schönstes Ferienerlebnis<!«

»Ein teurer Schulaufsatz«, stöhnte Drinkwater. »Und das alles für mein Geld.« Doch dann wurde er mucksmäuschenstill. Denn auf der Leinwand erschien eine alte graue Burg. Mit Mauern, Zinnen und Schießscharten und mit einem dicken runden Turm. Hinter den Schießscharten patrouillierten bewaffnete Wachtposten.

»Da wohnt er also, der Senor Lopez«, flüsterte Mäxchen aufgeregt.

»Es handelt sich um ein Kastell, das im 17. Jahrhundert einer der spanischen Vizekönige bauen ließ«, berichtete der Kriminalkommissar. »Hier residierte der jeweilige Generalkapitän während seiner Inspektionsreisen. Hier hielt er Gericht, und von hier aus bekämpfte er aufständische Indios. Später verfiel das Fort. Lopez kaufte es vor dreißig Jahren, ließ das Gemäuer wieder herstellen und technisch auf Hochglanz bringen. Eigne Funkstation, eigne Wasserversorgung, eigne Elektrizität. Es ist alles vorhanden. Es gibt nichts, was es nicht gäbe.«

»Waren Sie denn drin?«, fragte Mäxchen gespannt.

»Jawohl. Davon später. Was man jetzt sieht, ist der quadratische Innenhof. Er ist, bis auf den Rosengarten links, mit Betonplatten ausgelegt. Die Mädchen, die im Badeanzug herumhüpfen, sind die Tänzerinnen, die den Senor abends unterhalten müssen. Sie trainieren.«

»Sehr späte Mädchen«, meinte Rosa Marzipan.

»Kein Wunder«, sagte Steinbeiß. »Sie wurden vor zehn Jahren aus einem Nachtklub in Mexiko City entführt und waren schon damals nicht mehr ganz neu.«

»Mit dem Teleobjektiv aufgenommen?«, fragte der Jokus.

»Ja.«

»Aber wo, um alles in der Welt, stand die Kamera?«, fragte Drinkwater.

»Sie stand nicht. Sie hing. Im Wipfel einer sechzig Meter hohen Araukarie, eines der riesigen Nadelbäume, die hier wachsen. Unsre Indios hatten einen Hochsitz montiert. Der Kameramann wurde nachts hochgehievt und in der Nacht darauf abgeseilt. Eine luftige Angelegenheit.«

»Sind das die Scharfschützen, die im Hof antreten?«, fragte Mäxchen.

»Ja. Wachablösung«, erklärte Steinbeiß. »Die Gruppe links kommt vom Mittagessen, die Gruppe rechts geht zum Mittagessen.«

»Müde Löwen«, sagte der Jokus abfällig.

»Müde?« Mäxchen schien es zu bezweifeln. »Der eine Herr Löwe hat dem Fräulein im roten Badeanzug eben eins hin-tendraufgehauen.«

»So etwas sieht man nicht«, bemerkte Rosa Marzipan streng. »Du wirst nie ein feines Kind.«

Mäxchen kicherte.

»Etwas mehr Ruhe«, bat der Kriminalkommissar. »Der Lastwagen, der aufs Burgtor zufährt, gehört Miguel, einem Viehzüchter. Dreimal in der Woche bringt er frisches Fleisch, Wurst, Schmalz und Hühner. Der Indio, der auf der Plane hockt, ist kein Indio, sondern der Detektiv MacKintosh. Er hat sich die Haare gefärbt.«

»Und wie wurde die Fahrt gefilmt?«, fragte Mister Drinkwater. »Von einem zweiten Wagen aus?«

»Jawohl. Wir folgten in zehn Meter Abstand. Im Wagen von Gonzales, der das Obst und Gemüse liefert. Richardson, der mit seiner Handkamera unter vier Bananenstauden lag, dachte, er werde sich das Kreuz brechen.«

»Waren Sie auch als Indio verkleidet?«, fragte Mäxchen.

»Natürlich. Achtung, das Tor öffnet sich.«

Das Burgtor öffnete sich. Miguels Wagen bremste in der Hofmitte. MacKintosh sprang vom Wagen, schlug die Plane hoch und schulterte ein ausgeschlachtetes Kalb. Ein paar Männer kamen angetrabt und halfen beim Abladen. Als sie einem von ihnen einen halben Ochsen aufpackten, schrie Mäxchen: »Das ist ja der Kahle Otto!«

»Stimmt«, sagte Herr Steinbeiß. »Das ist er. Und der Mann mit der weißen Schürze und der Kochmütze, der ins Bild kommt, ist der Küchenchef, Monsieur Gerard, Inhaber von drei Goldmedaillen. Er war, leider gleichzeitig, mit drei Frauen verheiratet gewesen und hatte nichts dagegen einzuwenden gehabt, als ihm Lopez aus der Klemme half. Doch nun bitte ich um Ihre ganz besondere Aufmerksamkeit. Die Kamera schwenkt zum Rosengarten hinüber. Wir sehen einen rundlichen Herrn.«

Der Herr trug einen Anzug aus Rohseide, hatte einen Strohhut auf dem Kopf und schnitt behutsam eine dunkelrote Rose ab. An seinen kurzen, dicken Fingern funkelten und blitzten Ringe wie in einem Juwelierladen.

»Das muss er sein«, flüsterte Mäxchen.

»Das ist er«, sagte der Kriminalkommissar. »Das ist Senor Lopez, der reichste Mann der Welt. Er lässt Menschen rauben, die ihm die Zeit vertreiben und die er füttert. Sie leben wie in einem Zoo für seltene Zweibeiner.«

Mäxchen seufzte. »Hier wäre ich gelandet!«

Senor Lopez kam nun mit wiegenden Schritten über den Hof, blieb vor Miguels Lieferwagen stehen, sprach mit dem französischen Koch und musterte, während er an der Rose schnupperte, einen halben Ochsen, der abgeladen wurde. Dann nickte er, machte kehrt und ging auf ein Gebäude zu, an dessen Portal ihn ein altes, zotteliges Frauenzimmer erwartete. Beide verschwanden im Haus.

»Das war die Zigeunerin, von der er sich wahrsagen lässt«, erklärte der Kommissar. »Und nun kommen zwei Indios mit einer Bananenstaude ins Bild. Sie stapeln das Obst und Gemüse neben Miguels Wagen, damit Richardson, der Kameramann, im zweiten Wagen nicht entdeckt wird. Der eine Indio ist der Bauer Gonzales, und der andere Indio heißt im bürgerlichen Leben Steinbeiß.«

Mister Drinkwater lachte. »Nicht zum Wiedererkennen!« Auch die anderen im Vorführraum freuten sich über die Verkleidungskünste des Kriminalkommissars.

Nur Mäxchen war nicht wohl zumute. »Ein Glück, dass Bernhard Sie nicht gesehen hat«, sagte er mit zittriger Stimme. »Denn Bernhard hätte Sie vielleicht erkannt.«

»Du bist fast so schlau wie Bernhard«, meinte Steinbeiß. »Als ich, eine Woche später, zum dritten Male, beim Abladen half, kam dieser verdammte Schlauberger dazu. Er hatte einen Zahnstocher zwischen den Zähnen und stand gelangweilt neben uns.

Plötzlich stutzte er und griff mir, ehe ich’s mir versah, ins Gesicht. An seinen Fingern klebte braune Schminke. Und nun ging alles sehr rasch. Denn jetzt griff ich ihm ins Gesicht. Er verdrehte die Augen und kippte um. Gonzales ließ die Bananenstaude los. Sie fiel auf Bernhards Bauch. MacKintosh und Miguel sprangen auf den ersten, Gonzales und ich auf den zweiten Lastwagen, und ehe die Wachtposten wussten, worum sich’s drehte, ratterten wir durchs Tor. Es gab eine kleine Schießerei. Verletzte gab es nicht.«

»Entweder waren es keine Scharfschützen«, sagte der Jokus, »oder sie haben in die Luft geschossen.«

»Sie haben in die Luft geschossen. Jedenfalls haben sie das nach ihrer Verhaftung erklärt.«

»Sie wurden verhaftet?«, fragte Rosa Marzipan.

»Und Senor Lopez?«, rief Mäxchen.

»Das ist ein anderes Kapitel«, sagte der Kriminalkommissar, und seine Stimme klang sehr traurig. Dann drückte er auf einen Schaltknopf und der Film lief weiter. »Der andere Kameramann saß ja noch immer in seinem Nadelbaum. Die Aufnahmen, die Sie sehen werden, machte er zwei Stunden nach unserer Flucht aus dem Burghof. Geben Sie gut Obacht. Sie sehen meine Niederlage.«

Die anderen starrten gebannt auf die Leinwand. Man erblickte den menschenleeren Burghof. Ach nein, ganz leer war er nicht. Am Rosenbeet stand ein rundlicher, eleganter Herr. Er trug einen Anzug aus Rohseide, hatte einen Strohhut auf dem Kopf und schnitt behutsam eine dunkelrote Rose ab. Dann drehte er sich um, schnupperte an der Rose und schien auf etwas zu warten.

»Der Mann hat Nerven«, murmelte Mister Drinkwater.

Plötzlich verschoben sich im Hofe die Betonplatten. Eine Versenkung wurde sichtbar. Und aus der Versenkung stieg, Meter um Meter, ein Flugzeug empor. Die Betonplatte, auf der es stand, fügte sich in die übrigen Platten ein. Senor Lopez ging mit wiegenden Schritten auf das Flugzeug zu. Die Bordtür wurde geöffnet. Eine Leiter senkte sich herab. Senor Lopez kletterte an Bord. Die Leiter wurde eingezogen. Die Tür schloss sich. Kurz danach hob sich das Flugzeug in die Luft und verschwand am Horizont. Der Himmel war so leer wie der Burghof.

»Ein Senkrechtstarter«, stellte Mäxchen fest.

»Ganz recht«, knurrte Herr Steinbeiß. »Die Maschinen sind aber noch nicht zur Serienfabrikation freigegeben.«

»Wozu braucht der reichste Mann der Welt auf Serien zu warten?«, fragte Mister Drinkwater. »Ein Versuchspilot verfliegt sich. Nun? Die Maschine ist verschwunden. Der Pilot ist verschwunden. Nun? Vielleicht liegen sie irgendwo im Gletschereis.

Vielleicht wurden sie aber auch bestochen und landen wohlbehalten in den Kasematten einer Burg.«

»So muss es gewesen sein«, sagte der Kriminalkommissar. »Jedenfalls verschwanden mit Senor Lopez und dem Flugzeug der Koch, die Zigeunerin, die Ballettratten, unsere Freunde Bernhard und Otto, der Hauptmann der Scharfschützen, ein Kunsthistoriker und einhundertvierundsiebzig gerahmte Gemälde. Wir

konnten nur noch die Nägel zählen, an denen die Bilder gehangen hatten.«

»Weiß man, wohin die Maschine geflogen ist?«

»Man weiß es nicht. Nach Paraguay? Nach Bolivien? Nach Peru? Lopez besitzt Minen und Gruben, Haziendas, Fischereiflotten, Konservenfabriken, Kettenhotels und Kreditinstitute. Krösus war, mit ihm verglichen, ein armes Luder. Er ist verschwunden. In einem anderen Kastell? In einem anderen Erdteil? Er hat mich überlistet.«

»Wait and see«, sagte Mister Drinkwater. »Abwarten und Tee trinken. Ich werde Ihre Aufnahmen in allen Kinos als Vorfilm laufen lassen. Mit den nötigen Erklärungen und mit dem Hinweis auf den Großfilm vom kleinen Mann. Die Expedition war nicht vergeblich. Die Interpol wird nun endlich eingreifen müssen. Senor Lopez hat nicht mehr viel Zeit, an roten Rosen zu schnuppern.«

»Haben Sie die Scharfschützen ausgefragt, die er im Stich gelassen hat?«, fragte der Jokus.

»MacKintosh hat das besorgt. Sie waren wütend. Er hat die Tonbänder nach New York mitgenommen. Die Gespräche werden in diesen Tagen übersetzt. Wir haben die Kerle auch gefilmt und fotografiert.«

»Großartig«, erklärte Drinkwater. »Daraus machen wir einen Dokumentarbericht für >Life< und andere Illustrierte.« Er klopfte dem Kriminalkommissar auf die Schulter. »Warum sind Sie mit sich so unzufrieden?«

»Warum habe ich Ihnen die Expedition eingeredet?«, fragte Steinbeiß. »Um Kolibris zu fotografieren? Um eine alte Burg zu filmen? Um einem Flugzeug nachzuwinken? Wahrhaftig nicht. Ich wollte ein bisschen mehr.«

»Man will immer ein bisschen mehr«, sagte Drinkwater, »und erreicht immer ein bisschen weniger.«

Rosa Marzipan amüsierte sich. »Sie sind ein Philosoph.«

Mister Drinkwater stand auf. »In der Hauptsache bin ich Zigarrenraucher. Und nun muss ich mit New York telefonieren.«

Alles hat einmal ein Ende. Auch der November. Und sogar das sechste Kapitel meines Buches. John F. Drinkwater flog nach Genua, wo die Jacht >Sleepwell< auf ihn wartete. Kriminalkommissar Steinbeiß flog nach Berlin. Der Zirkus Stilke ratterte per Eisenbahn ins Winterquartier. Mäxchen und der Jokus machten sich auf die Reise, um König Bileam zu besuchen. Und damit beginnt ...

Das siebente Kapitel

Wo Breganzona liegt, ist unklar /König Bileams Kopfbedeckung / Beschreibung der Hauptstadt / Judith näht, und Mäxchen singt / Vierzehn Tage dauern nur zwei Wochen.

Mister Drinkwater flog also nach Genua. Wo Genua liegt, wisst ihr. Und wer es nicht wissen sollte, kann im Schulatlas nachsehen. Professor Jokus von Pokus fuhr, mit Mäxchen in der Brusttasche, nach Calais, kletterte in das Flugzeug >Dagobert<, das sie dort erwartete, und flog nach Breganzona. Wo Breganzona liegt, wisst ihr nicht. Und wer im Schulatlas nachsieht, wird sich wundern.

Sogar in den größten und dicksten Atlanten findet man es nicht. Da hilft kein Blättern. Und auch in meinem alten fünfundzwan-zigbändigen Lexikon wird es nicht genannt. Mit keinem Wort. Obwohl sogar das Dorf Pichelstein erwähnt ist. Man fasst sich an den Kopf. Nur in dem berühmtesten englischen Nachschlagewerk, der Encyclopaedia Britannica, stehen ein paar Hinweise. Ins Deutsche übersetzt, lauten sie folgendermaßen:

Breganzona. Sämtl. Angaben ohne Gewähr. Lage, Größe und Einwohnerzahl unbekannt. Vermutlich Stadt und Insel im Atlantik. Ursprünglich Künstlerkolonie. Seit 1912 Wahlkönigtum. König Dagobert der Weise (1912-1950), fran-zös. Abstammung, Kulturphilosoph.

Seit 1951 Bileam der Nette, dtsch. Herkunft, Kunstmaler. Ausfuhrartikel: Spielzeug, Bilder, Bücher, Bilderbücher, Süß-und Wurstwaren, Turnschuhe, Luftballons, Farbkästen, Leb- und Kirschkuchen, Kau- und Knetgummi usw.

Einfuhr: nicht nennenswert. Fremdenverkehr: keiner. Deckadresse für Export: Calais, Frachthafen, Dock XIIB; für Briefpost und Päckchen: Calais, postlagernd Box 97.

Literatur über Br.: keine. Beitrag fußt auf Gerüchten.

Die Red.

Der Flug dauerte knapp zwei Stunden. Meist erblickte man Wasser, manchmal ein Stück Küste und schließlich nur noch Ozean. Keine Wellen, keine weiße Gischt, nur Gänsehaut aus zitterndem Wasser. Und ab und zu, mit Ost- oder Westkurs, winzige Schiffe.

Als die Stewardess auf dem Klapptisch Rührei mit Schinken servierte, fragte der Jokus: »Wie oft fliegen Sie diese Strecke? Täglich? Oder zwei-, dreimal in der Woche?«

Sie schaute ihn verwundert an. »Machen Sie Spaß? Wir fliegen doch nur, um Gäste abzuholen. Und das tun wir nicht zwei-, dreimal in der Woche, sondern zwei-, höchstens dreimal im ganzen Jahr.«

»Kommen denn keine Touristen?«, fragte Mäxchen, während er ein Schinkenhäppchen vom Teller angelte. »Keine Reporter und Fotografen?«

Die Stewardess schlug die Hände über ihrem flotten Mützchen zusammen. »König Bileam bewahre uns! Solchen Störenfrieden ist der Zutritt verboten. Den letzten, der es probierte, hat Bileam der Nette eigenhändig ins Motorboot zurückgeprügelt.«

»Womtrdendamzurkprlt?« Mäxchen musste husten.

Der Jokus sagte streng: »Man spricht nicht mit vollem Mund.«

Mäxchen hustete noch eine Weile, bis er wieder deutlich sprechen konnte. »Ich wollte nur wissen, womit ihn der König zurückgeprügelt hat.«

»Mit einem Teppichklopfer«, erklärte die junge Dame. »Aber hab keine Angst, mein Kleiner. Seine Gäste haut er nicht.« Nach diesen Worten ging sie zur Bordküche und mit einem beladenen Tablett zum Cockpit, damit der Pilot und der Funker nicht verhungerten.

»Sie hat leicht reden«, sagte Mäxchen leise. »Wenn ich jetzt allein wäre, würde ich mich vermutlich fürchten. Geht’s dir auch so? Ein leeres Flugzeug. Nur die Besatzung. Und wo Breganzona liegt, weiß niemand .«

»Iss noch ein bisschen Rührei«, schlug der Jokus vor. »Das stärkt die Nerven.«

»Nein, ich bin satt und mache mir Sorgen.« Schon kletterte der kleine Mann am Professor hoch und verschwand in dessen Brusttasche. Plötzlich steckte er noch einmal den Kopf heraus. »Beschütz mich gut.«

»Besser als mich selber«, sagte der Jokus. Dann spürte er, wie sich Mäxchen in der Brusttasche zurechtkuschelte. Er lächelte, zündete sich eine Zigarette an und blickte durch das runde Fenster zum Horizont, wo sich der Ozean und der Himmel guten Tag wünschten.

König Bileam der Nette stand auf dem Rollfeld des Flugplatzes von Breganzona, zog die Taschenuhr aus der Brokatweste und erklärte laut und deutlich: »Wenn sie nicht gleich kommen, kommen sie später oder nie. Eine vierte Möglichkeit gibt es nicht.«

Neben ihm standen Judith und Osram, seine Sprösslinge. Und hinter den dreien bildeten vierzig Schulklassen Spalier. Mit Triangeln, Mundharmonikas, Gitarren und Querpfeifen. Alles wartete.

Der König sah aus wie ein glatt rasierter Weihnachtsmann. Er hatte weißes Haar, gesunde rote Backen und trug einen steifen schwarzen Hut auf dem Kopf. Aber außerdem trug er auch die Königskrone. Sie lag, von der Krempe gestützt, auf dem runden Hutrand, blitzte golden und war von der Königin festgenäht worden. Sonst wäre sie ja beim Hutabnehmen jedes Mal heruntergefallen. (Ich meine die Krone, nicht die Königin.)

»Hut und Krone gehören bei mir untrennbar zusammen«, pflegte Bileam der Nette zu sagen. »Ohne Hut wäre ich nur ein König, ohne Krone wäre ich nur ein Bürger. Ich bin beides, und ich trage beides, bis mir eines Tages die Krone zu schwer wird. Dann nehme ich sie ab, habe nur noch den Hut auf dem Kopf und male wieder Bilder.«

Prinzessin Judith zupfte ihn am Ärmel. »Papa, die Maschine kommt!«

Sie hatte Recht. Das Flugzeug >Dagobert< war am Horizont aufgetaucht, wurde größer und lauter, flog eine Schleife, landete, mit gedrosselten Motoren, auf dem Rollfeld, wurde vom Bodenpersonal eingewinkt und stand zitternd still. Der Ausstieg öffnete sich. Die Gangway wurde hingefahren. Zuerst erschien die Stewardess. Hinter ihr tauchte der Jokus auf. Er winkte.

»Musik!«, rief König Bileam, und schon begannen die vierzig Schulklassen zu musizieren, dass die Wände gewackelt hätten, wenn Wände in der Nähe gewesen wären. Ob es sehr schön klang, weiß ich nicht so genau. Sehr laut klang es ganz bestimmt. Man könnte am ehesten sagen: Es klang sehr schön laut.

Die Begrüßung verlief äußerst herzlich. Der König nahm Hut und Krone ab. Judith machte einen Knicks. Osram machte einen Diener. Der Jokus schüttelte allen dreien die Hand. Mäxchen winkte aus der Brusttasche und lachte. Aber man hörte nicht, dass er lachte. Und man hörte nicht, was Bileam und der Jokus sagten. Denn in jeder Schulklasse des Königreichs Breganzona sitzen zwar nur fünfundzwanzig Kinder, aber wenn vierzig Klassen Musik machen, machen tausend Kinder Musik.

Erst als sich Bileam entsetzt die Ohren zuhielt, wurden die Musikanten still. Nun sagten der König und der Jokus noch einmal dasselbe, was sie schon gesagt, aber wegen des Lärms nicht verstanden hatten. Der Jokus holte Mäxchen aus der Brusttasche, setzte ihn dem König auf den Handteller, und nun schritten sie, unter dem Jubel der tausend Kinder, zu dem Auto, das auf sie wartete. Es war ein Rolls-Royce aus dem Baujahr 1930. Ein geräumiges und bequemes Vehikel. Beim Einsteigen musste sich, trotz Hut und Krone, nicht einmal der König bücken.

»Meine Frau lässt sich entschuldigen. Sie konnte nicht mitkommen«, sagte der König, während sie durch die Stadt fuhren. »Sie kocht Kakao und stellt belegte Brötchen her. Das lässt sie sich nicht nehmen. Dabei weiß sie doch, dass wir vorher beim Würstchengott einkehren wollen.«

»Beim Würstchengott?«, fragte Mäxchen. »Wer ist denn das?« Er saß auf der königlichen Krempe, mit dem Rücken zur goldenen Krone, und fühlte sich wie zu Hause.

»Der Würstchengott ist ein Fleischermeister«, sagte Osram. »Sein Lachen ist berühmt, und .«

». und am berühmtesten sind seine heißen Würstchen«, schwärmte Judith. »Die macht ihm keiner nach. Sie zergehen einem auf der Zunge.«

»Wie machen sie das denn?«, fragte Mäxchen. »Ich kenne nur Würstchen, in die man hineinbeißt, dass es knackt, und die man tüchtig kauen muss.«

Fast wären sich die Kinder in die Haare geraten. Erst als sich der König umdrehte und gemütlich meinte: »Zankt euch nicht, haut euch lieber«, wurden sie wieder friedlich, und die zwei Männer konnten ihre Unterhaltung in aller Ruhe fortsetzen.

»Warum haben Sie eigentlich die Dame Ihres Herzens nicht mitgebracht?«, fragte Bileam. »Ihr hübsches Marzipanfräulein?«

»Sie besucht eine alte Tante«, sagte der Professor, »und lässt sich vielmals entschuldigen.«

»Rosa hat gar keine alte Tante«, rief Mäxchen, »und du mogelst.«

»Stimmt das?«, fragte der König amüsiert und faltete die Hände überm Bauch.

Der Jokus zwinkerte ihm verstohlen zu. »Es stimmt, dass sie keine alte Tante hat, und es stimmt, dass ich gemogelt habe.«

Mäxchen schob den Kopf über den königlichen Hutrand und drohte dem Professor mit dem Finger. »Ihr habt Geheimnisse vor mir.«

»Auch das stimmt, Söhnchen. Es ist allerdings nur ein einziges Geheimnis, aber .«

»Können Sie mir’s nicht ins Ohr sagen?«, fragte Bileam.

»Erst wenn der Lümmel nicht mehr auf Ihrem Hut sitzt. Denn für das, was er nicht hören soll, hat er besonders feine Ohren.«

»Mit meinen Kindern ist es genau dasselbe«, gestand der König. »Wenn man ihnen etwas befiehlt, sind sie taub wie der Mann im Mond. Doch wenn mir ihre Mutter was ins Ohr tuschelt, verstehen sie jedes Komma.«

»Ist es wenigstens ein schönes Geheimnis?«, wollte der kleine Mann wissen.

»Du wirst Augen machen, so groß wie Suppentassen.«

»Und wann werde ich so große Augen machen?«

»In vierzehn Tagen.«

Breganzona ist eine heitere Stadt. Die Leute sind vergnügter als anderswo. Die Verkäuferinnen sind freundlicher. Die Gardinen an den Fenstern, ja sogar die Regenwolken über den Dächern blicken lächelnd auf die Straßen und Plätze. Wer in der Straßenbahn mindestens zehn Stationen weit fährt, erhält vom Schaffner einen Becher Limonade gratis. Und keine der vielen städtischen Laternen gleicht der anderen. Sie sind bunt und verschieden wie Lampions bei einem Gartenfest.

Wer Einkäufe macht, muss nicht, wie ein Hase bei der Treibjagd, über die Fahrbahn springen. Die Autobesitzer parken ihre Wagen außerhalb des Geschäftsviertels, holen ihre Trittroller aus dem Kofferraum und trittrollern gemütlich von Laden zu Laden.

»Sonst machen wir das auch«, sagte König Bileam. »Nur wenn wir Gäste abholen, bleiben wir in der Staatskarosse sitzen. Ehre, wem Ehre gebührt.«

Mäxchen gefiel so viel Ehre ganz und gar nicht. »Können wir denn nicht trotzdem umsteigen? Sie auf dem Trittroller und ich auf Ihrem Kronenhut oder Ihrer Hutkrone - das wäre ein Riesenspaß.«

»Vielleicht ein andermal«, meinte der König.

»Außerdem sind wir schon da«, stellte Osram fest. »Alles aussteigen.«

Der Würstchengott war ein umfangreicher Fleischermeister und schüttelte ihnen kräftig die Hand. Nur bei Mäxchen traute er sich nicht. Die Kundschaft in dem engen Laden nahm vom König und seiner Begleitung keine Notiz. Das war in Breganzona so üblich.

Ob er auf dem Jahrmarkt mit seiner Familie Achterbahn fuhr oder auf den Lukas haute, ob er irgendwo für Judiths Aquarium Wasserflöhe kaufte oder für Hildegard, die Königin, eine Langspielplatte oder eine Eieruhr - die Leute bückten freundlich beiseite.

Natürlich kam es trotzdem vor, dass sie gelegentlich zu ihm hinschielten. Noch dazu heute, wo der kleine Mann auf der königlichen Hutkrempe saß. Denn so etwas sah man ja nun wirklich nicht alle Tage.

Hinter der Ladentafel glänzten und dampften die Verkäuferinnen und die Wurstkessel. Davor standen, blank gescheuert, sieben runde mannshohe Holztische. Für Stühle war kein Platz. Man aß im Stehen. Deshalb waren ja auch die Tische doppelt so hoch wie anderswo. Außerdem hatten sie, in halber Höhe, eine untere Tischplatte. Dort standen die Teller für die Kinder, wenn man welche mitbrachte. Sechs Tische waren mit Tellern, Würstchen, Semmeln und Senftöpfen beladen und von schwatzenden und schmatzenden Kunden umlagert.

Den leeren Tisch in der Mitte schmückte ein bestickter Wimpel mit der Inschrift: >Hier schmeckt’s dem König. Täglich zwischen 16 und 17 Uhr. Würstchengott, Hoflieferant.<

»Das nenne ich praktisch«, meinte der Jokus, »jeder Tisch hat zwei Etagen.«

Der Meister, der sie persönlich bediente, strahlte. »Meine eigne Erfindung«, sagte er stolz. »Ich habe sie als den >Zweistöckigen Steh- und Esstisch für Groß und Klein< beim Patentamt angemeldet. Guten Appetit allerseits.« Dann stapfte er ins Schlachthaus, um für die dampfenden Kessel noch ein paar Spieße mit Würstchen zu holen.

»Solche Tische nennst du praktisch?«, fragte Mäxchen den Professor. »Da kann ich nur staunen.«

Der Jokus und der König bissen andächtig in die heißen Würstchen und seufzten selig. Mäxchen bekam von beiden Männern einen Happen ab, seufzte gleichfalls und rutschte an einem der Tischbeine in die untere Etage.

Dort bissen gerade Judith und Osram in ihre Würstchen, dass es nur so knackte. Sie verdrehten vor Wonne die Augen. Mäxchen

kostete auch hier, hätte sich fast die Zunge verbrannt und schnappte nach Luft.

»Was sagst du nun?«, fragte Osram.

Aber Mäxchen sagte gar nichts. Er war schon wieder am Tischbein hochgeklettert und ließ sich droben vom König weiterfüttern.

»Noch zwei Paar heiße Würstchen!«, rief der König.

Kurz darauf rief Judith: »Noch zwei Paar heiße Würstchen, bitte! Für die Kinderetage!«

Der Fleischermeister brachte wieder vier Paar angeschleppt.

Wieder ließ man sich’s schmecken. Und wieder kletterte Mäx-chen zwischen den zwei Tischplatten hin und her und hinauf und herunter. Erst nach der zwanzigsten Klettertour gab er das Rennen auf.

»Wie hat’s geschmeckt?«, fragte Judith.

»Du hast Recht gehabt«, antwortete Mäxchen. »Sie zergehen einem auf der Zunge.«

Auf der Fahrt zum Schloss kaufte König Bileam fünf rote Tulpen. »Für meine liebe Frau«, sagte er.

»Damit Mutti nicht schimpft«, stellte Osram sachlich fest. Prinzessin Judith lächelte klug vor sich hin. »Zwei Tulpen, weil wir zu spät kommen, und zwei Tulpen, weil wir satt sind. Doch wozu die fünfte?«

»Damit sie sich freut«, erklärte der König. »Und nun putzt euch den Mund. Hier ist mein Taschentuch.«

Die Königin blieb bis zur vierten Tulpe ungnädig. Doch bei der fünften schmolz ihr strenger Bück. Denn in der fünften Tulpe stand Mäxchen, steckte den Wuschelkopf über den Blumenrand und sagte: »Je später der Abend, umso schöner die Gäste.« Da band sich die Königin vor Vergnügen die Küchenschürze ab.

Nach der Begrüßung liefen die zwei Königskinder, mit Mäx-chen in der Hand, ins Spielzimmer, wo sie schon am Vormittag die Ritterburg, die Eisenbahn und das Blockhaus mit den Trappern und den Siouxindianern aufgebaut hatten. Zuerst setzten sie die elektrische Eisenbahn in Betrieb. Osram stellte die Weichen.

Judith bediente die Signale. Und Mäxchen war der Lokomotivführer. Er hatte genau die richtige Größe. (Aber wir wollen die drei beim Spielen nicht stören. Kinder haben das gar nicht gerne.)

Inzwischen saßen Bileam, seine Frau und der Jokus in der Schlossbibliothek. Die Herren tranken ein Glas Wein. Die Königin nähte mit ein paar Stichen die Krone auf dem Hut ihres Mannes fester. Und manchmal hörten sie das Kindergeschrei aus dem Spielzimmer.

»Das Schloss ist nicht sehr groß«, sagte der König. »Und alt ist es erst recht nicht. Dagobert, mein Vorgänger, ließ es nach seiner Wahl im Jahre 1912 bauen, und der Geschmack war damals ziemlich schauderhaft.«

»Aber die Mauern sind solide«, meinte seine Frau, »die Zimmer sind nicht so niedrig wie heutzutage, und seit wir Ölheizung haben, gibt es auch keine feuchten Wände mehr.« Sie biss den Nähfaden ab. »So, Bileam, nun sitzt die Krone wieder fest. Ich hänge den Hut in die Garderobe.« Sie ging und ließ die beiden allein.

»Stimmt es, dass Breganzona ursprünglich eine Künstlerkolonie war?«, fragte der Jokus.

»Eine Ferieninsel für Maler, Musiker und Schriftsteller, nichts weiter. Aber die Welt draußen wurde immer lauter, die Fabrikschornsteine qualmten immer giftiger, die Kriege wurden immer übler, und das Goldene Kalb wuchs, bis es ein Riesenochse war -da blieben die Sommergäste für immer hier.«

»Und aus dem Künstlervölkchen wurde ein Volk.«

»Nennen wir’s weiterhin ein Völkchen«, meinte der König. »Mehr sind wir nicht, und mehr wollen wir nicht sein. Wir wollen weder in den Atlas noch ins Lexikon. Wir wollen weder Ruhm noch Reichtum.«

»Seien Sie froh, dass Breganzona so klein ist«, sagte der Jokus. »Sonst hätten Sie großen Ärger.«

»Prosit, Professor.« Der König hob sein Glas. »Und nun verraten Sie mir endlich, warum Rosa Marzipan nicht mitgekommen ist.«

»Wir haben, ohne dass der Junge es ahnt, ein Haus gekauft, und sie richtet es heimlich ein. Man kann nicht ewig von einem Hotel ins nächste ziehen.«

»Nur zu wahr«, brummte Bileam. »Man will wissen, wohin man gehört. Man wird nicht jünger.«

»Das gilt sogar für Mäxchen. Auch er wird älter. Er braucht endlich ein Zuhause. Er braucht endlich gründlichen Privatunterricht. Außerdem will ich meine >Geschichte der Zauberkunst< schreiben ...«

»... und Fräulein Marzipan heiraten.«

»Das ist leichter gesagt als getan.«

»Nanu. Will sie nicht?«

»Lieber König Bileam, können Sie schweigen?«

»Nicht nur wie das Grab, sondern wie ein ganzer Friedhof. Was ist los?«

»Wir haben Angst um Mäxchen«, sagte der Jokus bekümmert. »Wo ich bin und schlafe und gehe und stehe, er ist bei mir, er war bei mir, und er kennt es nicht anders. Was soll werden, wenn Rosa und ich heiraten? Wenn wir Kinder haben? Ich kann mich nicht in Stücke schneiden. Er würde glauben, ich liebte ihn weniger. Er wäre unglücklich, der kleine Kerl, und ich wäre es auch.«

»So unglücklich können glückliche Menschen sein«, meinte König Bileam bedächtig. »Was sollen erst die Unglücklichen machen?«

Mittlerweile ging es im Spielzimmer hoch her. Mäxchen hatte den Beruf des Lokomotivführers längst an den Nagel gehängt. Er war, trotz der hochgeklappten Zugbrücke und des tiefen Wassergrabens, in die Burg eingedrungen. Im Burghof, auf den Wehrgängen und auf dem Söller hatte er sämtliche Ritter umgelegt, von den Knappen und Knechten ganz zu schweigen.

Nachdem Maximilian von Pichelstein, der edle Ritter, jeglichen Widerstand gebrochen hatte, nahm er den erbeuteten Helm vom Haupt, trocknete sich die Heldenstirn und blickte kühn in die Ferne. »Ich dürste nach neuen Taten«, rief er. »Den nächsten Feind, bitte!«

Prinz Osram wusste Rat. »Im Wilden Westen tut sich was. Die Sioux belagern das Blockhaus. Wie wär’s?«

»Wer wird siegen, o Fremdling?«

»Die Rothäute wollen die Palisaden anzünden. Die Fackeln lodern schon.«

»Wir werden sie auslöschen.«

»Womit?«, fragte Osram ratlos. »Die Brunnen sind leer. Die Wasserleitung ist kaputt.«

»Dann nehmen wir Spucke«, rief Trapper Max, das unerschrockene Bleichgesicht.

»Jawohl«, schrie Osram. »Das ist die Lösung!«

»Ihr seid zwei kleine Dreckschweine«, sagte Judith pikiert. »Untersteht euch, im Zimmer herumzuspucken.«

Mäxchen blickte Osram an. »Wer ist die vorlaute Squaw? Was mischt sie sich in Männersachen?«

»Soll ich sie auf den Rücken eines Mustangs binden und in die Prärie jagen?«

Doch daraus wurde nichts. Die rüden Männer aus dem Wilden Westen vergaßen ihre grausamen Pläne mit einem Schlag und starrten fasziniert auf Judiths Hände. Denn die Prinzessin nähte. Sie nähte auf einem runden schwarzen Hut eine goldene Krone fest!

Die Krone war Judiths kleiner goldener Geburtstagsring, und der Hut war auch nicht viel größer, weil er eigentlich einer Puppe gehörte, einem fingerlangen Hirten aus der Puszta. Nun lag er kahl und unbeachtet neben Judiths Nähzeug. Sie biss den Faden ab und sagte: »So.«

»Genau wie Papas Ausgehkrone«, rief Osram.

»Für mich?«, fragte Mäxchen vorsichtig.

»Vielleicht«, sagte Judith. Und während sie ihm den Kronenhut aufsetzte, verdrehte er die Augen, als wolle er sich selber auf den Kopf sehen.

Die Geschwister klatschten vor Begeisterung in die Hände. »Er passt wie angegossen«, rief Judith. Und Osram rief: »Wie Vati auf den Briefmarken!«

Und Mäxchen? Da stand er nun neben Judiths Nähkästchen und wusste nicht, wie schön er aussah. Wie schön man aussieht, sehen immer nur die anderen. »Habt ihr denn keinen Spiegel im Haus?«, fragte er zappelig.

Judith holte ihren Handspiegel, lehnte ihn ans Nähkästchen, und nun konnte sich der kleine Mann endlich betrachten. Er ließ sich Zeit und fand sich wunderbar. Er stolzierte auf und ab, winkte seinem Spiegelbild zu, schwenkte den Hut zum Gruß und rief: »Majestät sehen heute wieder blühend aus! Na ja, kein Wunder. Heiße Würstchen sind die beste Medizin. Vor allem für Leber und Galle. Es gibt keine bessere Diät.«

Mäxchen war aufgezogen wie ein Uhrwerk. Ihm fiel ein Unsinn nach dem anderen ein. Und die Königskinder wollten sich schief und scheckig lachen.

Bileam runzelte die Stirn. »Der Krach wird ja immer toller. Waren wir als Kinder auch so schrecklich laut? Ich fürchte, wir müssen mal dazwischenfahren. Kommen Sie, Professor.« Sie verließen die Bibliothek, gingen auf Zehenspitzen den Korridor entlang und blieben vorm Spielzimmer stehen. Sie hörten, wie Mäxchen rief: »Und nun, meine Dame und mein Herr, bringe ich das Lied auf König Bileam zum Vortrag. Ich habe es vorhin in der roten Tulpe gedichtet. Sie dürfen klatschen. Der Beifall ist das Brot des Künstlers. Wollen Sie mich verhungern lassen?«

Der Jokus schmunzelte. Im Zimmer wurde laut geklatscht. Der König öffnete die Tür. Natürlich nur einen Spalt. Sie schauten hindurch und hielten sich vor Staunen aneinander fest. Mäxchen mit Hut und Krone!

Judith und Osram hockten auf dem Fußboden. Mäxchen stand vor dem Nähkästchen und erklärte: »Ich bitte um Ihre geschätzte Aufmerksamkeit. Die Kapelle lässt sich entschuldigen. Sie hat den Keuchhusten und liegt bei Doktor Ziegenpeter im Krankenhaus. Mir bleibt auch nichts erspart. Trotzdem, es - geht - los!«

Er machte ein paar Tanzschritte, drehte eine Pirouette, breitete die Arme aus und sang:

»König Bileam der Nette
trägt die Krone auf dem Hut.
Doch er trägt sie nicht im Bette,
weil sie ihn dort stören tut.
König Bileam der Nette
liegt ganz ohne goldne Krone
und Melone nachts im Bette,
wenn er ruht.
Denn -wenn -
Bileam der Nette
beides nachts im Bett aufhätte,
schliefe er nur halb so gut.«

Mäxchen machte noch ein paar Tanzschritte, drehte noch eine Pirouette, zog den Hut und sagte: »Aus. Das war’s. Wenn es Ihnen nicht gefallen hat, können Sie an der Kasse Ihr Eintrittsgeld zurückverlangen.«

»Es war großartig«, rief Judith, »du wirst ein Dichter wie Az-navour. Der ist ja auch nicht groß.«

»Sing’s noch einmal«, bat Osram. »Wir klatschen im Takt in die Hände und singen mit.«

»Wir auch«, sagte Bileam und trat mit dem Jokus ins Zimmer. »Los, kleiner König, eins und zwei und ...«

Sie klatschten zu fünft in die Hände. Mäxchen schmetterte sein Lied. Die anderen sangen mit, manchmal allerdings nur »Lalala«, wenn Bileam, zum Spaß, plötzlich ins Schloss zurückwollte und fragte: »Oder haben wir etwas vergessen?«, beugte sich Mäxchen jedes Mal schnell über die große Hutkrempe und flüsterte: »Die heißen Würstchen!«

»Wahrhaftig«, rief dann der König erschrocken, »mein Gedächtnis lässt nach. Geht’s Ihnen ähnlich, Professor?«

So kehrten sie schließlich, bevor sie heimfuhren, doch noch beim Würstchengott ein. Das gehörte zu den Fahrten in die Stadt wie der Donner zum Blitz.

Gegen Abend, wenn sie im Spielzimmer saßen, zauberte der Jokus. Er hatte ja den Zauberfrack mitgebracht. Oder Mäxchen und er zeigten ihre Glanznummer >Der große Dieb und der kleine Mann<. Sie stahlen wie die Raben. Sie stahlen auch die Krone von Bileams Hut, obwohl sie festgenäht war. Die Königin konnte es überhaupt nicht fassen. Im >Lokalanzeiger< stand sogar, die beiden hätten am Freitag das Nadelöhr aus Judiths Nähnadel gestohlen. Doch das halte ich für leicht übertrieben, und auch der Pressechef der Königlichen Staatskanzlei schrieb in einem Leserbrief an die Zeitung, das Nadelöhr sei keine Minute vermisst worden.

Viel Spaß machte der Königsfamilie und der Dienerschaft auch die Nummer >Der Bauchredner und seine Puppe<. Der Jokus tat während dieser Szene, als könne er bauchreden, und Mäxchen, der auf seinem Knie saß, bewegte, während sie sich unterhielten, den Kopf, die Augen und die Arme, als sei er eine vom Jokus heimlich gelenkte Gliederpuppe.

Liebe Leser, ich hätte euch diese Darbietung gerne näher beschrieben, aber der verehrte Herr Bauchredner war dagegen. Und Mäxchen sagte: »Die Nummer ist noch lange nicht bühnenreif.«

Außerdem fand die Vorstellung am 14. Dezember statt und wurde, trotz aller Bitten, nicht wiederholt. Denn es war Zeit zum Kofferpacken. Sogar höchste Zeit. Habt ihr schon einmal einen Zauberfrack in einem Koffer verstaut? Nein? Dazu braucht man eine bis anderthalb Stunden.

Frühmorgens am 15. Dezember brachte die königliche Familie den Professor und den kleinen Mann zum Flugplatz. Der Abschied war herzlich und schmerzlich. Alle sagten gleichzeitig: »Auf baldiges Wiedersehen.« Die Maschine >Dagobert< stieg in die Lüfte. Und damit beginnt .

Das achte Kapitel

Mäxchen zählt Schweizer Tunnels /Das Geheimnis lüftet sich / Rosa soll gemästet werden / Villa Glühwürmchen /Eine Fernsehsendung und viele Ferngespräche /Fairbanks 3712 /Mrs.Simpson hieß vor ihrer Heirat Hannchen Pichelsteiner.

In Calais kletterten sie in eine Caravelle der Air France und flogen mit vielen vergnügten Franzosen, die zum Wintersport wollten, nach Zürich. Dort hatte es geschneit. Vorm Flugplatz stieg der Jokus in ein Taxi.

»Bleiben wir in Zürich?«, fragte Mäxchen.

»Nein, mein Kleiner«, sagte der Professor.

Im Züricher Hauptbahnhof kletterten sie in einen hochmodernen Zug, der nur aus vier Waggons 1. Klasse bestand, und nahmen in der Bar des Speisewagens Platz.

»Draußen steht auf einem Schild >Zürich-Mailand<. Fahren wir nach Mailand?«

»Nein, mein Kleiner«, sagte der Professor. Dann bestellte er für sich einen Whisky und für den Jungen einen Tom Collins. »Natürlich ohne Wodka.«

»Sehr gern«, meinte das Servierfräulein und musterte Mäxchen. »Aber Fingerhüte haben wir leider nicht.«

»In einem normalen Glas und mit einem Strohhalm. Der Kleine sitzt gern auf dem Glasrand. Doch das Glas nicht zu voll. Sonst kriegt er nasse Füße.«

»Sehr gern«, sagte das Servierfräulein. »Ganz wie die Herren wünschen.«

Die Welt war schneeweiß. Der Zug sauste am Zürcher See entlang. Er raste am Vierwaldstätter See vorbei. Die Berge kamen näher. Die Strecke stieg an. Ein Tunnel folgte dem anderen. Die Lampen brannten.

Nachdem der Jokus seine Zeitungen gelesen hatte, vertiefte er sich in ein Buch mit dem Titel >Wichtige Winke eines Fachmanns zur Erlernung der Bauchredekunst<. Mäxchen saß auf dem Rande des Glases, hielt sich am Strohhalm fest, schlürfte seinen Tom Collins schlückchenweise und zählte die Tunnels. »Kannst du mir dein Geheimnis noch immer nicht verraten?«, bohrte er.

»Nein, mein Kleiner.«

»Pfui Spinne! Und du willst mein väterlicher Freund sein? Sechsundzwanzig.«

»Was heißt hier sechsundzwanzig?«

»Der sechsund... , schon wieder einer: der siebenundzwanzigste Tunnel.«

Es schneite dicke Flocken. Man konnte Gletscher sehen. Und zu Eis erstarrte Wasserfälle. Es ging stampfend bergan. Immer höher. >Göschenen< stand an einem Bahnhof. Und schon wurde es von neuem dunkel.

»Jetzt fahren wir durch den Sankt Gotthard«, erklärte der Professor. »Mindestens zehn Minuten lang. Und wenn wir drüben in Airolo wieder aus dem Berg herauskommen, scheint die Sonne.«

»Bist du sicher?«

»Nein.«

Trotzdem behielt der Jokus Recht. Als sie zehn Minuten später aus der Finsternis auftauchten, mussten sie vor lauter Sonnenschein erst einmal die Augen zukneifen. Der Himmel schimmerte blitzblau. Die Reisenden strahlten. Und der Zug selber freute sich auch. Denn nun ging es endlich bergab. Tiefer und tiefer. Schneller und schneller. Bunt bemalte Häuser sausten vorbei. Auf den Balkonen wiegte sich Wäsche, die in der Sonne trocknen sollte.

Die Bahnhöfe hatten italienisch klingende Namen. Alles hatte sich geändert. Nur Tunnels gab es noch immer.

»Dreiundvierzig«, sagte Mäxchen. »Seit Zürich dreiund... Nein, vierundvierzig.« Denn schon wieder ratterten sie durch eine halbe Minute Finsternis.

»Verzähle dich nicht«, meinte der Jokus amüsiert. »Sonst müssen wir nach Zürich zurück und die Fahrt wiederholen.«

»Mach keine Witze, sonst verzähle ich mich wirklich.« Es wurde wieder dunkel. Es wurde wieder hell. »Fünfundvierzig«, stellte Mäxchen fest.

Der Zug brauste durch die Ebene. Man sah grüne Hecken mit roten Beeren. Die ersten Zypressen und Palmen tauchten links und rechts von den Gleisen auf. An einem großen Umladebahnhof hing das Schild >Bellinzona<. Und als der Schaffner nach einer Weile durch die Waggons ging und ausrief: »Die nächste Station ist Lugano. Wir halten nur eine Minute!«, da steckte der Professor den kleinen Mann in die Brusttasche und stand auf.

»Das ist das ganze Geheimnis?«, fragte Mäxchen enttäuscht. »Wir steigen in Lugano aus? Aber wieso ist das denn geheimnis-

voll?« Der Jokus wollte antworten. Doch es kamen noch ein paar Tunnels, und Mäxchen war vollauf mit Zählen beschäftigt.

Dann hielt der Zug. Draußen rief jemand: »Lugano! Beim Aussteigen, bitte, beeilen!« Sie beeilten sich also. Es ging überhaupt sehr eilig zu. Kaum dass der Jokus auf dem Bahnsteig stand, breitete er auch schon die Arme aus, und kaum dass er die Arme ausgebreitet hatte, fiel ihm auch schon eine junge blonde Dame um den Hals. »Vorsicht«, warnte er, »zerdrücke Mäxchen nicht!«

Der Kleine lachte. »Lasst euch nicht stören. Mich stört’s auch nicht. Marzipan ist ja weich.«

Vorm Bahnhof stiegen sie in ein Auto, und das Marzipanfräulein setzte sich hinter das Steuer. »Wieso?«, fragte Mäxchen verwundert. »Ist das ein Mietwagen?«

»Nein. Er gehört uns«, antwortete der Jokus. »Jedem gehört ein Drittel. Welches Drittel möchtest du haben?«

Aber Mäxchen schwieg. Sie waren nach Zürich geflogen. Warum? Um nach Lugano zu fahren. Wozu? Weil Rosa auf dem Bahnsteig wartete. Weshalb? Um in ein Auto zu steigen, wovon ihm ein Drittel gehörte. Und jetzt? Jetzt fuhren sie durch eine hübsche Stadt, die Lugano hieß, über einen hübschen Platz, in dessen Mitte ein riesiger Christbaum stand, an einem hübschen See und hübschen Hotels entlang. Wohin? Vor welchem Hotel würden sie halten?

Aber sie hielten vor keinem der Hotels. Sie durchquerten die Stadt und fuhren einen der Hügel hinauf, die den See umkränzten.. An Villen und Gärten vorüber. Durch Kastanienwälder und durch Dörfer mit Kirchen, Friedhöfen, Schulen, Konsumläden, Kneipen und Tankstellen. Die Straßen wurden schmäler. Sie waren nicht mehr asphaltiert. Das Auto hoppelte wie ein Kaninchen. Doch dann, ganz unerwartet, bog es in einen Wiesenweg ein und hielt vor einer weißen Mauer. Neben der Einfahrt war ein Schild angebracht. >Villa Sorgenklein<, las Mäxchen.

Rosa Marzipan sperrte das Tor auf, fuhr mit dem Wagen über den knirschenden Kies bis zur Garage, stieg wieder aus und sagte lächelnd: »Herzlich willkommen! Wir sind zu Hause.«

Das also war das Geheimnis. Deshalb hatte Rosa eine alte Tante besucht, obwohl sie gar keine Tante hatte. Deswegen hatten sie den kleinen Mann angeschwindelt. Es sollte eine Überraschung sein, und das war es ja auch.

Mäxchen betrachtete die schöne ockergelbe Villa mit den grünen Fensterläden und meinte: »Ich bin platt.« Und nachdem sie über den Rasen, zwischen den Bäumen und Beeten, bis zur Terrasse spaziert waren, von der aus man, tief unten, den Luganer See und, überm anderen Ufer, den Monte Bre und den San Salvatore mit ihren Seilbahnen sah, sagte Mäxchen, nach einer Schweigeminute, sogar: »Ich bin total geplättet.« Das war das höchste Lob, das er kannte, und er ging damit sehr sparsam um.

Die Villa >Sorgenklein< war weder zu klein noch zu groß. Sie hatte Platz für die dressierten Tauben Emma und Minna, für das weiße Zylinderkaninchen Alba und den Schönen Waldemar. Es gab, von den Schlaf- und Schrankzimmern abgesehen, ein Wohnzimmer mit hohen, breiten Fenstern und eine Küche, worin man nicht nur kochen und braten, sondern auch, wenn man wollte, in aller Gemütlichkeit essen konnte.

Sie hatten Appetit. Sie aßen. Es war gemütlich. Emma und Minna pickten Körner. Alba knabberte Chicoree. Die drei Hausbesitzer verzehrten Wiener Schnitzel und goldgelbe Bratkartoffeln. Mäxchen aß an einem kleinen Tisch auf dem großen Küchentisch und erfuhr, während es allen schmeckte, alles, was er noch nicht wusste. (Fast alles.)

Der Jokus, erfuhr er, habe die Villa in aller Heimlichkeit gekauft. Rosa habe das leere Haus, während er und Mäxchen in Breganzona gewesen waren, mit schönen alten Möbeln eingerichtet und dabei drei Pfund und siebzig Gramm abgenommen. Das seien eintausendfünfhundertundsiebzig (1570) Gramm, und sie, Rosa, denke nicht im Traum daran, diese Abmagerungskur fortzusetzen.

»Andere Frauen sind heilfroh, wenn sie dünn werden«, sagte der Jokus zu Mäxchen und zwinkerte.

Rosa erklärte: »Ich bin aber keine andere Frau.«

»Da hat sie, glaube ich, Recht«, sagte Mäxchen zwinkernd zum Jokus. »Außerdem weiß sie, dass du runde Damen liebst. Vielleicht sollten wir sie mästen.«

Der Professor nickte. »Ein guter Vorschlag.«

»Mit >Leichsenrings Kraftfutter<? Oder hilft das nur bei Hühnern?«

»Wahrscheinlich. Es wäre mir auch zu teuer. Wir füttern sie, fünfmal täglich, mit Spaghetti und Makkaroni. Teigwaren sind hier billig.«

»Sechsmal«, schlug Mäxchen vor. »Mit viel Butter, Tomatenmark und Fleischsoße. Bis sie schön dick ist.«

»Aber was machen wir, wenn sie uns auch dann nicht gefällt?«, fragte der Jokus. »Wenn sie zu breit wird?«

Mäxchen wusste Rat. »Dann lassen wir sie überall tätowieren und zeigen sie auf dem Jahrmarkt. Als entflohene Haremswitwe. Gegen Eintrittsgeld.«

»Kinder und Militär die Hälfte«, sagte der Jokus. »Und du bist der Ausrufer.«

»Jawohl!« Mäxchen rieb sich die Hände. »Treten Sie näher, meine Herrschaften! Hier sehen Sie etwas völlig Neues. Tätowiertes Marzipan, frisch aus Arabien eingetroffen. Die Lieblingswitwe des Emirs Omar.«

»Hereinspaziert, meine Herr- und Damschaften«, rief der Jokus. »Sie heißt Prinzessin Corpulenta, liest Ihnen aus der Hand, falls dieselbe gewaschen ist, und zeigt in der Zweiten Abteilung ihren Siebenschleierharemstanz, wobei sie Gewichte stemmt und Füttern verboten ist.«

»Wunderbar«, sagte Mäxchen. »So machen wir’s. Und von dem Geld, das wir mit ihr verdienen, kaufen wir uns eine Makkaronifarm.«

Rosa Marzipan, die Hübsche, blickte die beiden entgeistert an. Dann flüsterte sie: »Ihr seid ja zwei fürchterliche und ausgekochte Halunken. Wäre ich doch bloß in Arabien geblieben. Dort gab es zwar zum Frühstück verdünntes Wasser und zehn Stockhiebe auf die Fußsöhlchen - aber ihr zwei seid ja noch viel schlimmer als mein lieber Emir Omar mit dem Beinamen der Grässliche.«

Dann mussten sie endlich laut lachen. Auch Minna und Emma, die Lachtauben, lachten mit. Nur das weiße Kaninchen beteiligte sich nicht. Kaninchen lachen höchstens im Traum.

Nach dem Essen wusch Rosa das Geschirr. Der Jokus trocknete ab. Und Mäxchen sang, mit Judiths Kronenhut auf dem Kopf, das Lied von König Bileam.

Als es draußen finster geworden war, gingen sie noch einmal durch den Garten bis zur Terrasse hinaus und freuten sich am Glanz der Dunkelheit. Lugano glitzerte, tief unten, wie ein Juwelierladen. Über den schwarzen See fuhr ein illuminierter Dampfer. Der Monte Bre, der kleine zugespitzte Berg mit seinen Villen, Hotels und Dörfern, glich einem schimmernden Christbaum.

Doch der Märchenhimmel über den drei Hausbesitzern, mit seinen goldenen, grünen, blauen und weißen Sternen, dieser uralte funkelnde Himmel übertraf auch diesmal die Welt der Glühbirnen, so schön sie sein kann.

»Ich bin ja nicht neugierig«, meinte Mäxchen, als er es sich in der alten Streichholzschachtel bequem machte, »aber wo ist eigentlich meine Wohnung geblieben?«

Professor Jokus von Pokus räkelte sich in dem breiten französischen Bett zurecht, das ihm seit heute gehörte, und fragte beiläufig: »Was denn für eine Wohnung?«

Mäxchen sagte: »Die Zweizimmerwohnung. Wer weiß, wo Rosa sie hingestellt hat.«

»Sie steht nirgends. Rosa hat uns, als wir ankamen, alle Zimmer gezeigt. Ich bin doch nicht blind.«

»Nein, das kann man dir nicht vorwerfen. Vielleicht hat sie beim Umzug vergessen, sie einzupacken?«

»Ihr zwei macht mir Spaß«, meinte Mäxchen verdrossen. »Eher hätte sie ihren Namen vergessen als meine niedliche Wohnung. Das weiß ich. Und ich weiß noch etwas: Ihr habt schon wieder Heimlichkeiten vor mir.«

»Das ist natürlich auch möglich«, sagte der Jokus. »Um Weihnachten herum kommt das vor. Weil du aber Heimlichkeiten nicht leiden kannst, werde ich dir jetzt klipp und klar erzählen, was wir dir bis zum Heiligabend verschweigen wollten. Also ...«

»Hör auf!«, rief Mäxchen. »Ich will es gar nicht mehr wissen. Ich bin ein kleiner Schafskopf.«

»Irrtum«, sagte der Jokus. »Du bist ein großer Schafskopf. Und man lösche das Licht aus, ja? Der Herr Zauberkünstler sind müde.«

»Der kleine Herr Schafskopf auch«, murmelte Mäxchen und drückte auf den Knopf der Nachttischlampe.

Am 24. Dezember nach dem Mittagessen fuhr ein Kombiwagen durchs Tor der Villa >Sorgenklein<. Drei Männer kletterten heraus, trugen Kisten und Kasten und allerlei Geräte in den Garten und machten sich, auf halbem Wege zwischen der Terrasse und der Villa, in der Wiese zu schaffen. Was sie dort trieben, war nicht zu sehen.

Außerdem musste Mäxchen die zwei Meter hohe Tanne schmücken, die im Wohnzimmer stand. Er hüpfte, leicht wie ein Vogel, von Zweig zu Zweig, steckte Kerzen fest, hängte Glaskugeln, Zuckerkringel und Engelshaar in den Baum. Der Jokus stand wie ein General daneben und sagte nur: »Die blaue Kugel etwas weiter rechts ... Die dritte Kerze am vierten Ast von unten steht schief ... Den Schokoladenring mehr in die Mitte ... Noch ein bisschen ... Das war zu viel .«

Rosa schaute zu ihnen ins Zimmer, erklärte: »So gut möchte ich’s auch mal haben«, und wollte wieder in die Küche zurück. »Kannst du nicht hier bleiben?«, fragte Mäxchen. »Wir könnten dich gut gebrauchen.«

»Wofür denn?«

»Als Marzipan am Christbaum!«

Sie stemmte die Hände in die Hüften. »Du bist und bleibst das nichtschmutzigste, nein, das nichtsnutzigste Kind, das ich kenne.«

Aber Mäxchen, der sich in einem Zuckerkringel schaukelte, rief: »Warte nur ab, bis du selber welche hast.«

Da räumte sie das Feld, murmelte: »Ich glaube, der Gänsebraten verbrennt«, und fort war sie.

Als es hübsch dunkel geworden war, zündeten sie am Baum die Lichter an, ließen ein paar Wunderkerzen zischen und sprühen, sangen >O du fröhliche<, und jeder gab jedem einen Kuss. Das machte insgesamt sechs.

»Andere Geschenke gibt es nicht«, erklärte der Jokus energisch. »Wir haben einander die Villa geschenkt. Das ist Bescherung genug.«

»Ihr Schwindler«, meinte Mäxchen seelenruhig. »Wo ist denn meine Zweizimmerwohnung? Und was haben die Leute mittags im Garten gemacht?«

»Na schön«, sagte der Jokus. »Es ist zwar nicht üblich, am Heiligabend im Garten Ostereier zu suchen, aber wir können ja einmal nachschauen.« Er steckte den Jungen in die Brusttasche. Rosa nahm zwei Klappstühle. Und so spazierten sie ins Freie.

Zunächst zeigten ihnen die beiden Scheinwerfer am Dach der Villa den Weg. Dann wurde es für kurze Zeit finster. Doch ganz plötzlich begann es in der Wiese zu schimmern und zu leuchten und zu flimmern, als hielten, zu ihren Füßen, tausend Glühwürmchen ihre Weihnachtsfeier ab. Doch es waren keine tausend Glühwürmchen, sondern es war ein kleines Haus, kaum höher als zwanzig Zentimeter, und aus allen Fenstern zwinkerte Licht.

Mäxchens Zweizimmerwohnung mit Bad und Küche nahm den ersten Stock ein. Im Erdgeschoss lagen ein Arbeits- und ein Spielzimmer, sowie ein Turnsaal mit einem Duschraum. Eine Treppe war natürlich auch da. Sie führte bis ins Dachgeschoss, und auch hier oben, im schrägen Dach, glänzten drei Fenster.

Rosa und der Jokus saßen auf den Klappstühlen, schwiegen und lächelten zufrieden. Wisst ihr übrigens, was Mäxchen sagte? Er sagte gar nichts! Es gibt solche Kinder. Je mehr sie sich freuen, umso stiller werden sie. Mir ging es, als ich ein kleiner Junge war, ganz genauso. Und manche Erwachsene verstehen das falsch. Das ist schade, lässt sich aber nicht ändern.

Das Marzipanfräulein und der Professor gehörten glücklicherweise nicht zu der falschen Sorte. Sie konnten warten, und so warteten sie. Sie blieben auch still, als Mäxchen am Jokus hinunterkletterte, langsam zu dem Häuschen schlich und durch die Fenster blickte. Er konnte sich nicht satt sehen.

Schließlich räusperte sich der Jokus. »Willst du den Schlüssel haben und hineingehen?«

Der kleine Mann schüttelte den Kopf.

»Der Schlüssel ist entsetzlich klein. Vielleicht verlieren wir ihn«, meinte Rosa.

Mäxchen schüttelte wieder den Kopf, lief plötzlich auf das Paar zu, kletterte am Jokus hoch, kroch in die Brusttasche und sagte ein einziges Wort. »Morgen«, sagte er.

Am ersten Feiertag, also am 25. Dezember, war er munter und vorlaut wie immer. Der Jokus nahm eine Kamelhaardecke mit und setzte sich, weil das Wetter mild und sonnig war, vor dem Liliputhaus mitten in die Wiese. Mäxchen inspizierte inzwischen sein Eigenheim vom Keller bis zum Boden, und immer wieder einmal riss er ein Fenster auf und rief: »Hier steht ja das Hochreck aus Pichelstein!« und: »Auch meine Bibliothek ist da!« und: »Ist das ein richtiges Telefon?«

»Natürlich, mein Kleiner. Und wenn du die Nummer 01 wählst, meldet sich eine uns nicht ganz unbekannte Dame.«

Mäxchen hockte sich in den Lehnstuhl und wählte die Nummer 01. (So einen kleinen Apparat habt ihr noch nie gesehen.)

»Wer spricht?«, fragte er. »Mademoiselle Rosa? Sind Sie es höchstpersönlich? Mein Name ist Hausbesitzer Max Pichelsteiner. Ich begrüße Sie auf das Herzlichste ... Was tut Not? ...

Eile? . Wieso? Warum sollen wir denn schon jetzt zum Essen kommen? ... Waaas?« Der kleine Mann starrte zum Professor hinaus und legte auf. »Weißt du, was sie gefragt hat?«; rief er.

»Nein, mein Kleiner.«

»Ob wir zwei Spielmätze verschwitzt hätten, dass 15 Uhr 15 eine interessante Fernsehsendung gezeigt wird.«

Der Jokus blickte auf die Uhr und sprang hoch. »Wie die Zeit vergeht, wenn man nichts zu tun hat! Komm, mach die Fenster zu und schließ die Tür ab!«

Als sie dann schließlich durch die Wiese zurückmarschierten, hatte es Mäxchen wieder einmal mit dem Dichten. Er sang:

»Wohlauf zu frischen Taten!
Es riecht nach Gänsebraten.
Das merkt sogar ein Kind.
Als Nachtisch gibt es Fernsehn.
Da werden wir zwei Herrn sehn,
die werden wir sehr gern sehn,
 weil wir es selber sind!«

An diesem Nachmittag saßen viele Millionen Kinder mit ihren Eltern vorm Fernsehschirm und hatten eine halbe Stunde lang rote Ohren. Sie sahen Pichelstein und den Zirkus, den Zauberprofessor mit dem weißen Kaninchen und den beiden Tauben, die drei Schwestern Marzipan als Luftspringerinnen, und sie sahen, das war die Hauptsache, mit eignen Augen den fünf Zentimeter großen Jungen, der in einer Streichholzschachtel schlief. Sie sahen und hörten, wie er beim Jokus Lesen und Schreiben lernte. Sie erlebten, wie die beiden in einem Herrengeschäft die Schaufensterpuppe kauften und wie dann Mäxchen, im Hotelzimmer, auf dem Schönen Waldemar die Kunst des Kletterns übte. Die Sendung endete mit dem Lied vom >Leutnant Unsichtbar<, und die Ansagerin wies auf die Fortsetzung am Sonntag in vierzehn Tagen hin.

Die Kinder waren allesamt begeistert und schwärmten bis zum Schlafengehen vom kleinen Mann. Auch die Erwachsenen sprachen noch stundenlang darüber und meinten, wenn sie das Kerlchen nicht selbst gesehen hätten, könnten sie kaum glauben, dass es so etwas überhaupt gäbe.

Inzwischen saßen die Hauptdarsteller im Wohnzimmer ihrer stillen Villa und blickten nachdenklich vor sich hin. »Ich finde, wir waren ziemlich gut«, sagte der Jokus, »aber ganz genau weiß ich’s nicht.«

»Mein Absprung zum doppelten Salto war miserabel«, erklärte Rosa Marzipan zerknirscht. »Ich sah aus wie ein lahmer Schimmel.« Dann klingelte das Telefon und der erste Gratulant meldete sich. Es war der Schüler Jakob Hurtig aus Berlin, und er schwor bei seinem Schulranzen, dass er, seine Eltern, die Verwandten, die Nachbarn und die gesamte Kickelhahnstraße so etwas Fabelhaftes noch nie vorher gesehen hätten. »Sie sind ganz weg«, rief er aus der Ferne, »und ich bin auch gleich weg, sonst wird das Gespräch zu teuer.« Weg war er.

»Schade«, sagte Mäxchen. »Ich wollte ihm gerade von meinem kleinen Haus erzählen. Wisst ihr schon, wie ich es nennen werde? >Villa Glühwürmchen<! Gefällt euch das?«

Während es ihnen noch gefiel, klingelte das Telefon von neuem. Diesmal meldete sich der Bürgermeister aus dem völlig verschneiten Dorf Pichelstein. Sie seien hell begeistert und fühlten sich kolossal geehrt, weil ihr Dorf ja nun weltberühmt geworden sei, was sich auch auf den Fremdenverkehr vorteilhaft auswirken werde.

Das nächste Ferngespräch kam aus Breganzona. König Bileam gratulierte im Namen sämtlicher Schlossbewohner. Es sei großartig gewesen, und er gäbe den Apparat an die Kinder weiter. Nun fand Mäxchen endlich Gelegenheit, die >Villa Glühwürmchen< zu beschreiben. Judith und Osram eigneten sich als Zuhörer wie niemand sonst. Denn das jetzige erste Stockwerk, die Zweizimmerwohnung mit Küche und Bad, hatten sie ihm ja seinerzeit geschenkt.

Die Anrufe rissen nicht ab. Der nächste Gratulant war Mister Drinkwater, und der Jokus rief: »Hallo, Hänschenklein. Ich denke, du schläfst?«

»Nein. Ich habe mich wecken lassen. Die Sendung war sehr gut. Ich kann mit euch und ihr könnt mit mir zufrieden sein. Und somit: Gute Nacht allerseits.«

»Wo steckst du denn?«, fragte der Jokus.

Da sagte eine fremde Stimme: »Hier spricht der Bordfunker der Jacht >Sleepwell<. Mister Drinkwater schläft bereits wieder. Wir liegen im Hafen von Alexandria vor Anker. Es war eine unvergessliche halbe Stunde. Grüßen Sie, bitte, den kleinen Mann. Ende der Durchsage.«

Der letzte Anruf an diesem denkwürdigen Tage kam aus dem Winterquartier des Zirkus Stilke. Direktor Brausewetter war, schien es, völlig aus dem Häuschen. »Dass ich euch drei jetzt nicht an meine gerührte Brust drücken kann, ist das Einzige, was mir zu meinem Glücke fehlt. Ihr wart göttlich. Ihr wart umwerfend. Ihr wart .«

Mäxchen rollte von der Hör- zur Sprechmuschel. »Direktor Brausepulver, was für Handschuhe haben Sie an?«

»Goldene«, rief der Direktor zurück. »Goldene Handschuhe, du Goldjunge! Meine Gattin legte mir ein Paar unter den Christbaum. Sie hat ein prophetisches Gemüt.«

Und wer rief am Morgen des zweiten Feiertags noch einmal und schon wieder an? Direktor Brausewetter. »Professor, sind Sie allein? Oder ist Mäxchen in der Nähe?«

»Nein, er badet zur Zeit in seinem Eigenheim. Wo brennt’s denn?«

»Ich habe vorhin ein Telegramm aus Alaska erhalten, das höchst merkwürdig klingt.«

»Aus Alaska? Liegt das nicht beim Nordpol gleich um die Ecke?«, fragte der Jokus.

»Das ist leicht möglich. Der Text des Telegramms lautet jedenfalls: >Übermittelt Professor Jokus dringende Bitte, Fairbanks 3712 anzurufen, weil lebenswichtig. Danke schön. Jane Simpson, geborene Hannchen Pichelsteiner.< Haben Sie die Nummer notiert?«

»Fairbanks 3712. Jane Simpson.«

»Geborene Pichelsteiner! Hannchen, auch das noch! Mitten in Alaska! Wo es dort angeblich nur Goldsucher, Eskimos und Hundeschlitten gibt. Meine Frau meint ...«

»Vielleicht hat Ihre Frau Recht«, sagte der Jokus, legte rasch den Hörer auf, hob ihn sofort wieder ab und meldete beim Fernamt Lugano >Fairbanks 3712< an.

»Fairbanks 3712«, wiederholte das Fräulein vom Amt, »sehr gern. Aber dort ist jetzt, glaube ich, Mitternacht oder gestern.«

»Ich bitte um ein Blitzgespräch.«

»Sehr gern, Herr Professor. Und herzlichen Dank für die schöne Fernsehsendung. Es war einmalig.«

Nach dem Essen klagte der Jokus über Kopfschmerzen, legte sich aufs Sofa, sagte, dass er Ruhe brauche, und bat die beiden, eine Spazierfahrt zu machen. Sie hatten nichts dagegen einzuwenden. Doch zuvor zwang ihn Rosa, zwei Kopfschmerztabletten zu schlucken. Das war ihm gar nicht recht, weil er ja gar keine Kopfschmerzen hatte.

Als die zwei aus dem Hause waren, setzte er sich ans Telefon und wartete. Warum er ihnen von Fairbanks 3712 kein Wort erzählt hatte, wusste er selbst nicht genau.

Inzwischen kutschierten Rosa und Mäxchen nach Carona hinüber, wo sie den alten und den kleinen Esel sowie den meckernden Ziegenbock bewunderten, die dort seit Jahren über eine bröcklige Mauer auf die Straße schauen und sich fotografieren lassen. Dann rollten sie nach Morcote hinunter und, am See entlang, nach Melide.

Hier bestaunten sie >La Suisse miniature<, eine im Freien für Kinder erbaute >Schweiz im Kleinen<: mit Bergen und Burgen, Seen und Städten, fahrenden Dampfern, Eisenbahnen und Omnibussen. Man konnte zu Fuß in einer Viertelstunde bequem durch die gesamte Schweiz spazieren. Mäxchen hockte in Rosas Manteltasche und sagte, als sie wieder ins Auto stiegen: »Das wäre ein Ländchen für mich! Genau meine Kragenweite!«

In Lugano kehrten sie im >Kursaal< ein, wo ihnen ein reizender Oberkellner heiße Schokolade und frische Ananastörtchen servierte. Als er Mäxchen sah, strahlte er. »So ein Zufall! An demselben Tisch hat seinerzeit Dottore Kästner jeden Nachmittag gesessen und an dem Buch >Der kleine Mann< geschrieben.«

»Auf welchem Stuhl?«, fragte Mäxchen.

»Auf dem Stuhl, auf dem jetzt Fräulein Marzipan sitzt.«

»Woher wissen Sie denn, wie ich heiße?«, fragte Rosa.

Mäxchen blinzelte dem Oberkellner zu. Dieser blinzelte zurück, verbeugte sich und begrüßte neue Gäste.

»Was gibt es denn da zu blinzeln?«, fragte Rosa spitz. »Woher weiß er es denn wirklich?«

»Aus dem Buch >Der kleine Mann<. Woher denn sonst?«

Rosa lachte, dass sich die Leute umdrehten. »Natürlich!«, rief sie. »Aber nun rasch in den Spielsaal! Dumme Menschen haben Glück beim Roulette.« Und tatsächlich, sie gewann in zehn Minuten dreißig Franken.

Als sie in die Villa heimkamen, wollte Rosa dem Professor noch zwei Tabletten geben. Er aber wollte nicht, sondern sagte: »Ich hatte gar keine Kopfschmerzen. Ich wollte euch nur für einige Zeit los sein.«

»Da habe ich mir ja einen feinen Mann als Bräutigam eingehandelt«, sagte Rosa Marzipan zu Mäxchen.

»Einen notariellen Lügner«, sagte Mäxchen zu Rosa.

»Einen >notorischen< Lügner«, verbesserte sie.

Der Jokus drohte ihnen. »Wenn ihr euch nicht sofort auf eure vier Buchstaben setzt .«

»Wir sind zwei Personen«, meinte Mäxchen.

». dann meinetwegen auf eure acht Buchstaben .«

»Wir sitzen schon, o Herr«, flötete Rosa. »Nicht nur auf vier oder acht Buchstaben, sondern auf dem ganzen Alphabet. Mäx-chen auf dem kleinen, und ich .«

»Ruhe!«, befahl der Professor. »Ich habe vorhin mit Alaska telefoniert. Mit einer Mrs. Jane Simpson. Es sei lebenswichtig, hatte in ihrem Telegramm an Brausewetter gestanden, der mich heute früh anrief. Lebenswichtig, was konnte das bedeuten? Ihr Mädchenname sei Hannchen Pichelsteiner. Ich meldete sofort ein Gespräch an, schützte Kopfschmerzen vor, schluckte zwei scheußliche Tabletten und bat euch spazieren zu fahren.«

Rosa saß auf dem Sofa. Mäxchen saß auf der Sofalehne. Und sie schwiegen um die Wette.

»Vor etwa einer Stunde kam die Verbindung zustande. Ich habe mich mit Mrs. Simpson lange unterhalten, und sie versprach mir, sofort die Koffer zu packen. Morgen überweise ich ihr telegrafisch das Reisegeld, und wenn alles gut geht, werden wir mit den beiden Silvester feiern.«

»Mit den beiden?«, fragte Rosa. »Wieso mit den beiden?«

»Mrs. Simpson hat eine Tochter. Miss Emily Simpson ist neun Jahre alt, und wir könnten sie, wenn sie damit einverstanden ist,

Emilie nennen. Oder Miss Emil. Uns wird schon etwas Unpassendes einfallen.«

Mäxchen saß wie versteinert.

»Sie haben uns auf dem Bildschirm gesehen und den ganzen Abend geweint«, erzählte der Professor. »Mrs. Simpson scheint eine kleine unglückliche Frau zu sein.«

»Wie klein?«, flüsterte Mäxchen.

»Fünfzig Zentimeter groß.«

»Und wie unglücklich?«, fragte Rosa.

»Ihr gefiel es nicht in Pichelstein. Damit fing es an, und deshalb lief sie vor zehn Jahren bei Nacht und Nebel davon. Sie wollte keinen Pichelsteiner, sondern einen richtigen großen Mann haben. Und große Kinder. Dreimal so groß, wie sie selber war. >Guten Tag<, sollten die Leute zu ihren Kindern sagen, >wer ist denn die kleine Frau, die ihr an der Hand haltet?< >Ach, das ist doch unsere Mutti<, sollten die Kinder vergnügt antworten. Das war damals Hannchen Pichelsteiners sehnlichster Wunsch. Sie fuhr als blinder Passagier auf einem Transportdampfer bis nach Kanada. Der Matrose, der sie versteckt hatte, wurde vom Kapitän erwischt und gefeuert. Und weil der Matrose, der Simpson hieß, ein richtiger großer Mann war, heirateten sie. Er fand Arbeit als Packer in einer Konservenfabrik. Dann ließ er sich von einem Agenten für eine Pelztierfarm in Alaska anwerben. Dort bekam Mrs. Simpson eine Tochter. Und am nächsten Tag verschwand Mister Simpson. Er ist nie wieder aufgetaucht.«

»Das verstehe ich nicht«, meinte Rosa. »War er denn so sehr enttäuscht, dass es kein Junge war? Mädchen können doch auch ganz nett sein. Ich zum Beispiel .«

Doch sie brachte ihren Satz nicht zu Ende. Denn Mäxchen riss sich an den Haaren und rief: »Lieber, lieber Jokus, nun erzähle mir endlich, wie groß die Tochter ist! Ich halte es nicht länger aus!«

»Du hast es ja schon erraten«, sagte der Jokus und lächelte.

»Ist sie wirklich . ?«

»Sie ist wirklich ganz genauso klein wie du.«

Von diesem denkwürdigen Abend ließe sich noch allerlei berichten. Doch ich tue es nicht. Es gibt, finde ich, Augenblicke, in denen der Erzähler auf Zehenspitzen aus dem Zimmer gehen und seine Romanfiguren allein lassen sollte. Er schließt hinter sich die Tür, lauscht noch eine Weile und spaziert dann, an der schimmernden >Villa Glühwürmchen< vorbei, bis zur Terrasse und blickt auf Lugano hinunter. Welch ein Glanz und Geglitzer!

>Miss Emily heißt das daumenlange Mädchen<, denkt er, während er hinunterblickt. >Ob sie so hübsch und gescheit wie Mäx-chen ist?<, fragt er sich bekümmert. >Aber Emily oder Emilie, nein, das passt nicht. Mäxchen und Emily? Nein. Mäxchen und Emilie? Nein. Mäxchen und ...< Plötzlich ruft er: »Ich hab’s! Mäxchen und Mielchen!« Und damit beginnt .

Das neunte und letzte Kapitel

Freundschaft auf den ersten Blick /Mielchen kocht Quatsch mit Soße< / Mrs. Simpson will fort und bleibt / Was sind männliche Knopflöcher? / Polterabend und Aschermittwoch / Mäxchen und Mielchen sagen nicht, worüber sie gelacht haben.

Als Mrs. Jane Simpson (aus Fairbanks, Alaska) in Kloten bei Zürich aus dem Flugzeug stieg und an der Sperre ihren Pass stempeln ließ, wunderte sich kein Mensch, dass sie nur fünfzig Zentimeter groß war. Auf internationalen Flugplätzen hat man sich das Wundern längst abgewöhnt.

Sogar wenn jemand mit zwei Köpfen ankäme oder ganz und gar ohne Kopf, auch dann gäbe es nicht die mindeste Aufregung. Wenn im Pass unter der Rubrik >Besondere Kennzeichen< >zwei Köpfe< oder >kopflos< stünde, wäre alles in bester Ordnung.

Wie gesagt, über die bloß einen halben Meter große Mrs. Simpson in ihrem Mantel aus Seehundfell wunderte sich niemand. Es bemerkte auch keiner, wie sie dem Jokus rasch und ängstlich etwas in die Hand drückte und wie er dieses Etwas behutsam in die Brusttasche steckte. Erst danach fand die förmliche Begrüßung statt. Mrs. Simpson hatte vor lauter Dankbarkeit Tränen in den Augen. Rosa Marzipan meinte munter, das sei übertrieben. Und der Professor winkte einem Taxi.

Nun steckten also zwei Däumlinge in seiner Brusttasche, hoffentlich haben sie genügend Platz<, dachte er. >Ich muss mit meinem Schneider darüber sprechen.< Dann reckte er den Hals, drehte die Augen nach unten und versuchte, sich in die eigne Brusttasche zu blicken. Er sah Mäxchens Wuschelkopf und, gleich daneben, eine winzige Pferdeschwanzfrisur mit einem roten Samtbändchen. Das war also Miss Emily Simpson.

Der kleine Mann und die kleine Miss staunten einander an und sagten kein einziges Wort, doch dann lächelten beide. Später spürte Mäxchen, wie sich eine Hand in seine Hand schob. Da drückte er herzhaft zu.

Es war Freundschaft auf den ersten Blick, und das ist ja auch kein Wunder. Das große Los zieht man nicht alle Tage, sondern nur einmal im Leben, und nicht einmal das ist ganz sicher. Die meisten ziehen Nieten, oder sie erwischen mit Ach und Krach einen Trostpreis. Doch wir wollen nicht neidisch sein. Neid verdirbt den Teint.

Im Zug nach Lugano waren sie immer noch sehr scheu und schüchtern. Eigentlich hatte Mäxchen mit ihr zusammen die vielen Tunnels zählen wollen. Aber dann traute er sich doch nicht, den Mund aufzumachen. Ihm war zumute, als habe man ihm ein Heftpflaster draufgeklebt.

Erst in dem zehn Minuten langen Gotthardtunnel fasste er sich ein Herz. »Ich werde dich Mielchen nennen«, flüsterte er ihr ins Ohr.

Da lachte sie leise und flüsterte: »Mäxchen und Mielchen, das klingt hübsch.«

»Und Mielchen und Mäxchen«, sagte er, »das klingt noch hübscher. Außerdem ist es höflicher.«

Sie kicherte. »Du bist ein regelrechter Gentleman.«

In diesem Augenblick fuhr der Zug aus dem Tunnel mitten in die südliche Sonne hinein. Sie blinzelten und lächelten. »So schön kann es also sein«, sagte Mielchen und wunderte sich. Glück war ihr völlig neu.

Am nächsten Abend feierten sie Silvester. Tags darauf feierten sie das neue Jahr. Und auch die Wochentage, die dann folgten, sahen Feiertagen zum Verwechseln ähnlich. Natürlich schlug man nicht in einem fort Kobolz. Und Mielchen und Mäxchen hopsten auch nicht pausenlos im Weihnachtsbaum herum. Schon deswegen nicht, weil die kleine Miss leicht schwindlig wurde. Als Mäxchen mit ihr auf der Taube Emma ein paar Runden gedreht hatte, musste sie sich eine Viertelstunde hinlegen.

»Schade«, sagte Mäxchen, »eine Artistin wirst du nicht.«

»Es muss auch Zuschauer geben«, meinte Mielchen. Und ich halte es für ausgeschlossen, dass zu diesem Thema Treffenderes zu sagen wäre. Wenn sie in der >Villa Glühwürmchen< kochte, war die kleine Miss völlig schwindelfrei. Sie kochte, backte und briet, dass es nur so rauchte. Und wenn sie wirklich nicht mehr weiterwusste, rief sie von dem kleinen Telefon aus ihre Mutter an, die in der großen Villa für die Großen kochte.

Mäxchen saß gern in der Küche und schaute Mielchen zu. Manchmal las er ihr auch etwas vor. Und manchmal kochten sie, absichtlich, dummes Zeug. »Heute Mittag gibt’s >Quatsch mit Soße<«, sagten sie dann begeistert, oder >Unsinn mit rechteckigem Kartoffelsalat< oder >Veilchenpastillen mit Dill vom Grill<, und was das Tollste ist: Es schmeckte ihnen auch noch!

Einmal wollte eine Amsel unbedingt durchs offene Küchenfenster und mitessen. Das war eine Aufregung! Mäxchen schickte Mielchen zum Telefon und hielt den Vogel inzwischen mit einem Bratenmesser in Schach. Die Amsel schimpfte. Der Junge schrie: »Hau ab, oder ich mache dich zu Geflügelsalat!«

Doch das war glücklicherweise nicht nötig. Denn mitten in der Redeschlacht kam der Jokus über die Wiese gerannt, als wolle er den Weltrekord im Wiesenlauf unterbieten, und die Amsel suchte das Weite. Das Weite? Sie flog auf den nächsten Baum und schimpfte.

Es ist wirklich merkwürdig: Wenn Amseln singen, singen sie so süß wie Nachtigallen. Womöglich noch süßer und einfallsreicher. Doch wenn sie schimpfen, dann schimpfen und zetern sie wie Autofahrer bei Blechschaden.

Als die Zankamsel endlich davongeflogen war, bückte sich der Jokus und fragte: »Was gibt’s denn zu Mittag?«

»Gänseleber vom Huhn mit Meerrettich und noch mehr Meerrettich«, meldete Mielchen. »Wollen Sie mal kosten?« Sie hielt ihm einen Löffel voll durchs Fenster.

Er kostete, musste husten und meinte: »Eine scharfe Sache.«

»Aber gesund«, sagte Mielchen. »Meerrettich reinigt die Luftwege.«

»Und noch mehr Meerrettich reinigt die Luftwege noch mehr«, erklärte Mäxchen. »Außerdem ist es ein lustiges Essen, weil man dabei weint.«

»Ihr solltet eure Rezepte aufschreiben und ein >Kochbuch für Kinder< herausgeben«, meinte Jokus. »Das würde Aufsehen erregen.«

»Lieber nicht«, sagte Mielchen. »Sonst kämen alle Eltern angerückt und zögen uns die Hosen straff.«

Mäxchen war trotzdem für das Kochbuch. »Dabei lernst du Lesen und Schreiben, und Spaß haben wir außerdem. Über unsere Rezepte wird man ziemlich staunen.«

»Davon bin ich überzeugt«, sagte der Jokus. »Und nun wünsche ich euch guten Appetit. Bei uns drüben gibt’s Sahnegulasch mit Semmelknödeln. Wenn’s dunkel wird, hole ich euch ab. Auf Wiedersehen.«

Als er über die Wiese stelzte, tat ihm das Kreuz weh. Das kommt davon, wenn man sich so lange und so tief bückt, um fremde Küchen zu bewundern.

Nach dem ebenso lustigen wie tränenreichen Menü mit Meerrettich und noch mehr Meerrettich setzten sich die kleine Miss und der kleine Mann in die Bibliothek und tranken aus ihren klitzekleinen Porzellantassen Schokolade. Dazu gab es Mandelsplitter und gehackte Rosinen. »Es war mir ein Festessen«, sagte Mäx-chen. »Du bist die geborene Hausfrau. Aber nun erkläre mir einmal, wieso du nicht lesen und schreiben kannst.«

»Wer hätte mir’s denn beibringen sollen?«

»Deine Mutter.«

»Aber Mäxchen, sie stand doch von früh bis spät im Laden, und abends war sie todmüde.«

»Gab es denn sonst niemanden? Keinen Lehrer? Keine Kindergärtnerin? Keinen Jungen aus der Nachbarschaft, der in eine richtige Schule ging? Wo du doch ein so niedliches Mädchen bist? Kannst du mir das erklären?«

Mielchen sah ihm fest in die Augen und nickte. »Ich kann dir’s erklären. Aber nur, wenn du mir schwörst, es keinem Menschen weiterzusagen.«

»Ich schwöre es. Bei Jakob Hurtigs Schulranzen. Er ist mein Freund und noch toller schwören kann ich nicht.«

»In Fairbanks wusste doch überhaupt niemand, dass es mich gab«, flüsterte Mielchen geheimnisvoll. »Ich habe nicht einmal einen Geburtsschein.«

Er saß und staunte.

»Als ich zur Welt gekommen war und mein Vater sah, wie klein ich war, lief er doch fort. Ich weiß nicht, wo er ist und ob er noch lebt, und ich will’s auch gar nicht wissen. Ein paar Wochen später fuhr Mutti nach Fairbanks und mietete von ihrem letzten Geld ein Kolonialwarengeschäft. Dazu gehörte eine Ladenstube. Und dort hat sie mich versteckt, bis wir hierher gekommen sind.«

Da nahm Mäxchen seine Porzellantasse und schmetterte sie an die Wand. »Neun Jahre in der Ladenstube?«, schrie er. »Das war gemein! Das durfte sie nicht! Niemals!«

Mielchen kniete am Boden, sammelte die Scherben und sagte: »Schade um die schöne Tasse.«

»Ach was!«, rief Mäxchen wütend. »Um die neun Jahre ist es schade!« Doch wie er die kleine Miss auf dem Teppich zwischen den Scherben hocken sah, sprang er vom Stuhl, schlang den Arm um sie und drückte sie fest an sich. So saßen sie eine ganze Weile. Mielchen weinte, und diesmal lag es nicht am Meerrettich. Der Junge wischte ihr die Tränen von den Backen, betrachtete seine Hände und sagte: »Ausgerechnet heute habe ich dreckige Finger.«

»Das macht nichts«, meinte sie und lächelte schon wieder ein bisschen.

Ich weiß ja nicht, wie ihr darüber denkt. Mäxchens erste Wut war begreiflich, und diese erste Wut war nicht seine letzte. Wochenlang konnte er Mielchens Mutter vor lauter Zorn nicht in die Augen sehen. Und sagen durfte er nichts. Er hatte bei Jakob Hurtigs Schulranzen geschworen, das wollen wir nicht vergessen. Andrerseits ...

Immer gibt es dieses ruhelose Einerseits und Andrerseits. Es plagt einen noch, wenn man graue Haare oder überhaupt keine Haare mehr hat. Andrerseits, meine ich, war doch Mrs. Jane Simpson nicht so schlimm wie die beiden Eltern, die, weil sie nichts zu essen hatten, Hänsel und Gretel nachts ganz einfach in den Wald schickten!

Sie hatte sich abgerackert und in ihrem armseligen Laden Konserven und Schnaps an Eskimos und Indianer, an Lachsfischer und Pelzhändler verkauft. Auch an amerikanische Flieger und Mechaniker, die in der Nähe stationiert waren und mitunter nach Fairbanks kamen, um eine Nacht durchzubummeln.

»Sperr deinen blöden Laden zu«, hatten sie gegrölt. »Mit einem Fräulein, das nur einen halben Meter groß ist, wollten wir schon lange mal tanzen gehen.« Einer hatte sogar nach der Ladenkasse gegriffen. Und wenn sie damals nicht mit dem spitzen Büchsenöffner zugeschlagen hätte ...

Doch wozu soll ich euch mit solchen abenteuerlichen Geschichten langweilen? Ich versuche ja nur, euch und mir selber zu erklären, warum Mrs. Simpson ihr Kind so lange versteckt und totgeschwiegen hatte. Es war doch das reine Wunder, dass Mielchen trotz der neun einsamen Jahre ein gesundes und normales Kind geblieben war. Hatte das die Mutter denn nicht bedacht?

Ich kann es einfach nicht glauben. Deshalb schlage ich vor, dass wir uns anhören, was sie, etwa zur gleichen Zeit, im Wohnzimmer der >Villa Sorgenklein< erzählte.

Rosa Marzipan und der Jokus saßen auf dem Sofa. Mrs. Simpson saß ihnen gegenüber auf einem Sessel, ließ den Kopf hängen und wirkte wie ein Schulmädchen aus der vierten oder fünften Klasse. Doch wenn sie den Kopf hob, sah man ein müdes und abgehärmtes Frauengesicht.

»Alles, was ich getan habe, war falsch«, erklärte sie. »Ich wollte einen großen Mann und große Kinder haben. Ist das eine Sünde? Sind es zwei Sünden? Sind es siebenundachtzig Sünden?«

»Nein«, sagte Rosa. »Aber ...«

»Ich fand den großen Mann. Aber ich bekam ein fünf Zentimeter kleines Kind. Der Mann lief vor Schreck auf und davon. Er hielt mich für verhext. Ich hatte Angst. Angst vor mir selber, Angst vor dem Baby, Angst um das Baby, Angst vor der Farm mit den Blaufüchsen, Angst vor der Kälte. Und in dem Laden in Fairbanks gab es neue Angst. Wenn ich nun krank geworden wäre? Oder Emily? Und die Angst vor den betrunkenen Männern im Laden ...« Mrs. Jane Simpson, geborene Pichelsteiner, hob den Kopf und blickte das Paar auf dem Sofa traurig an. »Ich bin kein schlechter Mensch, aber ich war keine gute Mutter. Können Sie meine Tochter hier behalten?«

»Natürlich bleibt sie hier«, sagte der Jokus. »Mäxchen würde uns den Kragen umdrehen, wenn Mielchen nicht bliebe. Aber warum fragen Sie?«

Rosa Marzipan beugte sich vor. »Sie wollen doch nicht etwa ...?«

»Doch, ich will fort. Ich bin ein überflüssiger Mensch. Nicht einmal das Kind wird mich vermissen.«

»Das glauben Sie ja selber nicht«, meinte der Jokus. »Kein Quadrat ist rund und keine Mutter ist überflüssig.«

»Sie müssen bleiben«, sagte Rosa. »Nicht nur Mielchen zuliebe, sondern auch wegen Ihrer Semmelknödel.«

»Außerdem muss jemand das große und das kleine Haus hüten, während wir mit dem Zirkus unterwegs sind.« Der Jokus zündete sich eine Zigarette an. »Wir wollen uns doch noch nicht endgültig zur Ruhe setzen. Kurz und gut, meine liebe Mrs. Simpson, Sie bleiben, weil wir Sie brauchen, und damit basta!«

Die Aussprache hatte Mielchens Mutter gut getan. Das merkte man schon nach ein paar Tagen. Sie war nicht mehr so schüchtern und niedergedrückt wie zu Anfang. Es kam sogar vor, dass sie lächelte, wenn die anderen lachten, und da sah man erst, wie hübsch sie eigentlich war.

Einmal holte Rosa den Jokus aus dem Arbeitszimmer, legte den Finger vor den Mund und machte an der Küchentür Halt. Sie hörten Tellergeklapper, weil Mrs. Simpson das Geschirr abwusch, aber sie hörten noch etwas. Sie sang!

Da schlichen sie wieder ins Arbeitszimmer zurück, und der Professor sagte: »Na also. Das hätten wir geschafft. Sie ist über den Berg.«

»Und morgen schleppe ich sie zum Friseur«, teilte Rosa Marzipan mit. »Eine neue Frisur verleiht uns Frauen neue, ungeahnte Kräfte.«

Am selben Abend, gleich nach dem Essen, sagte Mrs. Simpson, sie wolle Rosa und Mielchen etwas zeigen. So kam es, dass der Jokus und Mäxchen allein waren.

»Eine günstige Gelegenheit für ein Gespräch unter Männern«, meinte der Jokus.

Mäxchen fühlte sich geehrt. »Ich bin ganz Ohr.«

»Du hast Mrs. Simpson in den letzten Tagen so unverhohlen wütend angestarrt, dass ich dachte, du wolltest ihr den Kopf abbeißen.« Weil der Junge schwieg, fuhr der Professor fort: »Vermutlich hast du ein paar Dinge aus Fairbanks erfahren. Zum Beispiel über Ladenstuben. Und sicher hast du geschworen, den Mund zu halten.«

Mäxchen schwieg noch immer.

»Halte dein Wort und halte den Mund«, sagte der Jokus. »Das ist völlig in Ordnung. Ich habe aber niemandem Stillschweigen versprochen. Deshalb darf ich wenigstens zu dir über Mielchens Mutter sprechen. Du tust ihr Unrecht.«

»Nein!«, rief Mäxchen empört. Er zitterte vor Zorn.

»Doch, doch«, sagte der Jokus. »Vor ein paar Tagen hat sie uns alles erzählt. Hier in diesem Zimmer.«

»Weil sie ein schlechtes Gewissen hatte.«

»Ganz sicher. Aber auch, weil sie fortwollte.« »Fort? Wohin denn?«

»Ich weiß es nicht. Und sie wusste es ebenso wenig.«

»Mit Mielchen?« Mäxchen war sehr blass geworden.

»Nein«, sagte der Jokus. »Allein. Sie sei ein überflüssiger Mensch.«

»Und warum ist sie .?«

»Warum sie nicht fortgegangen ist? Weil ich ihr befohlen habe hier zu bleiben.«

Damit war das ernste Männergespräch zu Ende. Denn das Marzipanfräulein und Mrs. Jane Simpson kamen ins Zimmer, setzten sich und schienen recht vergnügt zu sein. Der Junge blickte von einer zur anderen und fragte: »Wo ist denn Mielchen?«

Da legte Mrs. Simpson eine halb offene Streichholzschachtel auf den Tisch. In der Streichholzschachtel lag die kleine Miss und schlief.

Das heißt, sie tat nur so, als ob sie schliefe. Und Mäxchen tat, als ärgere er sich. »Das ist ja der Gipfel«, schimpfte er. »Wenn man einer Frau den kleinen Finger gibt, nimmt sie gleich die ganze Schachtel! Und was hat die freche Person an? Einen meiner Pyjamas! Man merkt es ganz deutlich an den männlichen Knopflöchern.«

»Um alles in der Welt, was sind denn männliche Knopflöcher?«, fragte der Jokus.

»Wir Männer haben die Knopflöcher links und die Knöpfe rechts. Und die Frauen erkennt man daran, dass es bei ihnen genau umgekehrt ist«, erklärte Mäxchen eifrig. »Also hat sie den Schlafanzug gestohlen. Ich rufe die Funkstreife.«

Da setzte sich Mielchen mit einem Ruck hoch. Ihre Augen blitzten vor Übermut. »Aber die Streichholzschachtel ist meine eigne Schachtel, und die Matratze, das Plumeau und die Kissen hat meine Mutter extra für mich genäht. Merk dir das, du . du ... du männliches Knopfloch!« Und dann streckte sie ihm, man sollte es nicht für möglich halten, die Zunge heraus. »Bäh!«

Mäxchen wollte sich nicht lumpen lassen. Doch der Jokus hielt ihm den Mund zu und sagte: »Morgen bestelle ich mir beim Schneider ein Jackett mit zwei Brusttaschen, einer auf der linken und einer auf der rechten Seite, damit ihr euch wenigstens nicht zanken könnt, wenn wir unterwegs sind.«

»Da hast du’s«, meinte der Professor später, als er sich voller Wohlbehagen im Bett ausstreckte. »Sie ist gar keine schlechte Mutter. Sie hatte vor lauter Freude rote Backen.«

Mäxchen, der in seiner Streichholzschachtel saß, nickte. »Einmal hat sie sogar ganz richtig gelacht.«

»Seit neun Jahren wahrscheinlich zum ersten Male. Ihr beiden wart aber auch sehr ulkig«, sagte der Jokus. »Merkwürdig, mir ist, als lebte dieses Mädchen schon seit einer Ewigkeit bei uns. Dabei haben wir sie doch erst vor einer Woche am Flugplatz abgeholt! Rosa begreift es genauso wenig.«

Plötzlich machte es >Klick<, und sie lagen im Dunkeln. Der Junge hatte die Lampe ausgeknipst.

»Nanu, bist du denn schon müde?«, fragte der Jokus.

»Nein.«

»Sondern?«

»Ich bin über Mielchen sooo froh, dass ich’s bei elektrischem Licht gar nicht sagen könnte. Nicht einmal dir.«

Sie lagen eine ganze Weile still. Vorm Fenster zauste der Wind die Zypressen. Es war der Südwind, der aus Italien kam und über die Alpen nach Norden wollte, wo es seine Leibspeise gab: frisch gefallenen Schnee.

Der Jokus glaubte schon, der Junge sei eingeschlafen.

Doch mit einem Male fing Mäxchen wieder zu reden an. »Da ist noch etwas. Noch ein Gespräch ohne Licht. Hörst du zu?«

»Freilich.«

»Ich weiß, warum ihr nicht geheiratet habt.«

»So?«

»Mir zuliebe. Ich tat euch Leid. Ihr dachtet, ich käme mir sonst zu einzeln vor.«

»Werde nicht melodramatisch«, warnte der Jokus. »Sonst knipse ich die Lampe an.«

»Bitte nicht!«

»Na schön. Ich frage dich also im Dunkeln: Warum glaubst du, wir hätten deinetwegen nicht geheiratet?«

»Weil es wahr ist«, erklärte Mäxchen. »Du hast es selber gesagt: zweimal, als der Zirkus in Glasgow gastierte, einmal in London, zweimal im Schloss von Breganzona und einmal hier, in der Silvesternacht.«

»Da hört doch alles auf«, meinte der Jokus. »Dass du schwindelst, ist schon hart genug. Dass du dabei aber auch noch mit Orts- und Zeitangaben um dich wirfst .«

»Du sprichst nämlich im Schlaf!«, sagte Mäxchen laut. Kein Wort weiter. Aber das genügte. Daraufhin war es lange Zeit sehr still. Wenigstens in dem dunklen Zimmer. Draußen rumorte der Südwind heftiger als zuvor. Die Bäume bogen sich und stöhnten und seufzten, als hätten sie Rückenschmerzen. In der Ferne pfiff ein Zug.

Schließlich seufzte der Jokus, als habe auch er Rückenschmerzen, und sagte: »Ab morgen stopfe ich dir jeden Abend vorm Schlafengehen Watte in die Ohren.«

Mäxchen lachte leise. »Wozu denn?«, fragte er. »Seit Mielchen da ist, bin ich ja nicht mehr einzeln! Jetzt könnt ihr doch heiraten, ohne dass euch das Gewissen beißt! Mielchen ist ganz meiner Meinung.«

»Was denn? Du hast mit ihr über Rosa und mich und das alles gesprochen?«

»Ich wollte gar nicht. Aber sie hat es herausgekriegt.«

»Was soll das heißen? Herausgekriegt?«

»Nun ja, das kam so . Wir aßen bei uns zu Mittag. Es gab Sternsuppenschnupfen, nein, Sternschnuppensuppe mit Grüßklößchen. Dann legte ich mich für Nureinviertelstündchen aufs Sofa und schlief ein. Mielchen saß daneben. Sie häkelte an einem Topflappen aus Topflappland. Das gibt es natürlich gar nicht.«

»Und?«, fragte der Jokus ungeduldig. »Weiter?«

»Mielchen häkelte und hörte mir zu.«

»Wieso hörte sie dir zu? Ich denke, du schliefst?«

»Lieber Jokus, sei nicht böse«, sagte Mäxchen ängstlich, »und auslachen darfst du mich auch nicht. Aber .«

»Was aber?«

». mir geht es ganz genau wie dir. Und ich habe es genauso wenig gewusst. Bis es Mielchen gemerkt hat. Ich ... ich spreche auch im Schlaf!«

Da begann der Jokus zu lachen, dass die Fensterscheiben klirrten. Es klang, als könne er nie wieder aufhören. Mäxchen fing auch an. Und so lachten sie zweistimmig, bis jemand die Tür aufriss und das Licht einschaltete.

Es war Rosa Marzipan. Sie trug einen hellblauen Pyjama, hatte bereits geschlafen und fragte entgeistert: »Was soll denn dieses Höllengelächter? Noch dazu im Dunkeln? Seid ihr übergeschnappt?«

»Nein, das nicht«, fing der Jokus an. Doch dann packte ihn die Lachlust von neuem, und auch Mäxchen stimmte wieder ein und zog sich vor Wonne an den Haaren.

Das Marzipanfräulein setzte sich auf die Bettkante, nahm die Hand des Professors, fühlte ihm den Puls und sagte, sanft wie eine Krankenschwester: »Lasst euch bitte nicht stören. Ich habe Zeit.«

Alles hat einmal ein Ende. Auch ein Gelächter, das nicht enden will. So erfuhr Rosa nach und nach, worüber die beiden im Dunkeln gesprochen hatten.

»Na schön«, meinte sie fröhlich, »da werde ich also meine Marzipanjahre einmotten und Frau Hokuspokus werden.«

»Aber vorher musst du bei mir um seine Hand anhalten«, erklärte Mäxchen. »Am besten ist, du tust es gleich. Dann haben wir’s hinter uns.«

»Jetzt?«, fragte sie. »Im Pyjama? Schickt sich das?«

»Jetzt!«, befahl Mäxchen.

Und der Jokus sagte: »Sonst bleibst du Fräulein.«

Da stand sie rasch auf, machte vor der Streichholzschachtel auf dem Nachttisch einen tiefen Hofknicks und deklamierte: »Allerwertester Herr von Pichelsteiner, ich bitte Sie trotz der vorgerückten Stunde um die berühmte Hand des berühmten Taschendiebes Jokus von Pokus.«

Mäxchen war aus seiner Schachtel herausgeklettert, verbeugte sich vor Rosa Marzipan und sagte: »Es sei. Ich händige Ihnen hiermit seine Hand aus.«

»Ich möchte nicht unbescheiden sein«, fuhr sie fort, »aber daran erinnern, dass er zwei Hände hat.«

»Da hast du’s, mein Kleiner«, seufzte der Jokus. »Erst bat sie nur um eine Hand. Nun will sie beide. In spätestens einer Minute will sie auch noch die Füße.«

»Selbstverständlich halte ich auch um seine Füße an«, sagte Rosa und machte einen zweiten Knicks. »Ferner um seine Kniekehlen, Schlüsselbeine und Bandscheiben .«

»Sie will mich an die Anatomie verkaufen«, rief der Professor.

Rosa Marzipan knickste in einem fort und zählte dabei weiter auf. »Auch bitte ich um seinen Schnurrbart, seine Augenbrauen, Ohrläppchen und Sorgenfalten. Ich werde ihm eine gute Frau sein, und wenn seine Schädeldecke eines Tages zu dünn werden sollte, häkle ich ihm eine neue.« Damit versank sie in einem abgrundtiefen Knicks und erhob sich erst, als Mäxchen es gnädig erlaubte.

»Sie haben«, erklärte er salbungsvoll, »um seine Hand und alles Übrige angehalten. Das genügt, und jetzt ist alles in Butter. Miss Emily Simpson aus Alaska schließt sich meinem Jawort von Ja bis Z an.«

»Besten Dank, Exzellenz«, flüsterte Rosa.

»Jubeln Sie nicht zu früh«, warnte Mäxchen. »Unser Jawort hängt von zweierlei ab.«

»Ich habe geahnt, dass etwas dahinter steckt«, seufzte der Jokus. »Also? Heraus mit der Sprache.«

»Ihr müsst einen richtigen Polterabend machen. Mit Blindekuh und Knallbonbons und anderem Unsinn. Ja?«

»Genehmigt. Und zweitens?«

»Der Polterabend soll am Faschingsdienstag stattfinden. Mielchen hat beides noch nie erlebt. Und wenn man beides am gleichen Tage feiert, wird es billiger. Mielchen will für sich und mich rote Pappnasen machen. Das kann sehr lustig werden.«

»Davon bin ich überzeugt«, meinte der Jokus. »Nur an eines habt ihr nicht gedacht. Ihr seid zwar ein geriebenes Pärchen, aber ihr habt vergessen, welcher Tag auf den Faschingsdienstag folgt.«

»Wieso? Der nächste Tag ist der Aschermittwoch. Und?«

»Und an einem so traurigen Tage sollen wir heiraten?«, fragte Rosa.

»Das ist ein sehr praktischer Tag«, erklärte Mäxchen. »Da ist das Standesamt nicht so überfüllt.«

Der Polterabend am Faschingsdienstag wurde ein großer Erfolg. Dazu trugen nicht nur Mäxchen und Mielchen mit ihren karminroten Pappnasen bei, sondern auch die Brautleute und, nicht zuletzt, die Trauzeugen, die pünktlich eingetroffen waren: Mister John F. Drinkwater und Zirkusdirektor Brausewetter. Auch den Kriminalkommissar Steinbeiß hatte man eingeladen, aber er musste in Berlin einen Banküberfall aufklären. Das ging vor.

Weil Fasching war, hatten sich alle verkleidet. Mrs. Simpson zum Beispiel erschien als Eskimomädchen, Mister Drinkwater als algerischer Seeräuber, Rosa Marzipan als dressierter weißer Pudel - aber den ersten Preis erhielt dann doch, noch dazu einstimmig, Direktor Brausewetter. »Mich wird keiner erkennen«, hatte er schon am Nachmittag verkündet, und er behielt Recht. Denn er kam abends völlig ohne Handschuhe!

Da riefen alle: »Das kann unmöglich unser lieber Brausewetter sein«, und damit hatte er gewonnen. Als Preis wurde ihm vom Jo-kus ein Paar eiserner Handschuhe aus der Ritterzeit überreicht, und er war selig. Eiserne Handschuhe besaß er noch nicht.

Weil nicht nur Faschingsdienstag, sondern gleichzeitig Polterabend war, wurde selbstverständlich auch mächtig gepoltert. Vor allem beim Topf schlagen.

Es ist gar nicht so einfach, mit einem Stock einen Topf zu treffen, wenn man die Augen verbunden hat, und es wurde viel danebengehauen. Mister Drinkwater schlug versehentlich so sehr daneben, dass er, statt des Topfes, Direktor Brausewetters Zylinder traf!

Na, der arme Brausewetter sah ziemlich merkwürdig aus, mit dem Zylinder bis über die Nase! Und es dauerte fünf Minuten, bis man ihn befreit hatte.

Mäxchen rief: »Sie sahen aus wie der Schwarze Prinz!«

»Hauptsache, dass es dir gefallen hat«, sagte Direktor Brausewetter und massierte sich die Ohren.

Anschließend gab es heiße Würstchen aus Breganzona. König Bileam hatte zwanzig Dosen geschickt. In jeder Dose steckten

sechs Paar. Und so blieben schließlich, trotz heißem Bemühen, elf Dosen übrig.

»Für unsere silberne Hochzeit«, sagte Rosa zum Jokus.

Am Aschermittwoch fuhren alle miteinander nach Lugano hinunter. Zum Standesamt. Mäxchen hatte Recht gehabt: Das Rathaus war so leer, dass sich der Beamte geradezu freute, als er Besuch bekam.

Er prüfte die Papiere. Das Brautpaar und die Zeugen schrieben ihre Namen. Mäxchen und Mielchen durften neben dem Tintenfass sitzen. Der Beamte hielt eine schwungvolle italienische Ansprache und schüttelte allen die Hand, dann war es überstanden. Fräulein Marzipan hieß nun Frau von Pokus. Aber sonst hatte sie sich glücklicherweise überhaupt nicht verändert.

Das Festessen fand im Ristorante Bianchi statt. Der Tisch war wunderschön gedeckt. Er war mit so vielen Blumen dekoriert, dass Brausewetter, beim Filet Cafe de Paris, drei Blümchen mitaß, weil er dachte, es sei die Gemüsebeilage. Den kleinen Irrtum bemerkte nur der Oberkellner, und er ließ sofort frische Blumen bringen.

Am Nachmittag saßen die Großen, von all den festlichen Anstrengungen erschöpft, im Wohnzimmer der >Villa Sorgenklein< und tranken starken Kaffee. Mister Drinkwater berichtete über den Erfolg der Fernsehserie >Der kleine Mann< sowie über den für Ostern geplanten Start des Films in tausend Kinos. Und er erzählte auch, dass die Reportage über Senor Lopez großes Aufsehen erregt habe. Die Interpol sei ihm dicht auf den Fersen.

»Er wird wieder Fersengeld zahlen«, meinte Direktor Brausewetter, »reich genug ist er ja.« Nun war das zwar kein umwerfender Witz, doch weil er von ihm selbst war, lachte er, bis ihm der Magen wehtat. Vielleicht lag es aber auch an den Tischblumen. Wer kann das wissen? Es ist schwer, in das Innere eines Menschen zu blicken.

»Nun zu etwas Wichtigerem als Ihrem Magendrücken«, sagte Drinkwater. »Ich habe seit gestern einen Plan.«

»Lass ihn fallen«, erklärte der Jokus.

»Erlaube mal«, rief Drinkwater. »Du kennst doch meinen Plan gar nicht.«

»Selbstverständlich kenne ich ihn. Du willst mit Mielchen und Mäxchen einen Film drehen.«

»Du bist ein Gedankenleser. >Der kleine Mann und die kleine Miss< soll der Film heißen.«

»Das klingt hübsch«, meinte Mrs. Simpson und blickte den Filmonkel aus Amerika erwartungsvoll an.

Mister Drinkwater begann: »Zunächst möchte ich ...«

»Mir geht es genau wie dir«, unterbrach ihn der Professor. »Auch ich möchte noch eine Tasse Kaffee. Wie wäre es, wenn die Dame des Hauses und die Hausdame in die Küche marschierten und einen Mokka brauten, der alle Sprachen spricht? Vielleicht sogar Türkisch?«

»Sehr wohl, mein Gebieter«, flüsterte Rosa und verneigte sich orientalisch. Dann zwinkerte sie dem Gebieter zu und zog Mielchens Mutter aus dem Zimmer.

»Was soll denn das?«, fragte Mister Drinkwater gereizt. »Warum muss ich denn türkischen Mokka trinken?«

»Damit Mrs. Simpson nicht hört, was ich dir jetzt klipp und klar sagen werde«, erklärte der Jokus, und seine Stimme klang sehr energisch. »Diesen Film wirst du nicht drehen! Kaum haben sich Mielchen und ihre Mutter von ihrer Zeit in Alaska erholt, kommst du daher und willst sie, als Schauspieler, noch einmal in das gleiche Elend zurückjagen - was fällt dir eigentlich ein?«

»Im Allgemeinen ist er ja ein guter Kerl«, meinte Direktor Brausewetter. »Nur beim Topfschlagen oder wenn er Filmpläne hat, wird er roh wie ein Fleischerhund.«

Mister Drinkwater nagte eine Minute an der Unterlippe. Dann sagte er: »Okay, gentlemen.«

»Du gibst den Plan auf?«, fragte der Jokus erleichtert.

Drinkwater lächelte. »Darüber unterhalten wir uns in einem Jahr.«

Mielchen und Mäxchen saßen in ihrer >Villa Glühwürmchen< gemütlich am offenen Fenster und übten Faulsein. Es stand als Pflichtfach auf dem Stundenplan, der an der Wand hing. >Faul-sein, täglich 15 bis 16 Uhr, auch sonntags<, hatte der Jokus in Schönschrift eingetragen.

Mäxchen musterte die tickende Pendeluhr überm Sofa. »Noch vier Minuten«, stellte er fest. »Dann können wir wieder Krach machen. Was wollen wir spielen? >Frau Vogelbauer beim Friseur<? Oder >Der Opernsänger hat den Keuchhusten<?«

»Bis die Uhr schlägt, bin ich faul«, sagte Mielchen und betrachtete die Gänseblümchen vorm Fenster. Sie waren so groß wie Mielchen selbst. Und daneben wuchs ein Himmelschlüsselchen, das war sogar einen Kopf größer.

»Oder wir gehen in den Turnsaal«, schlug er vor. »Ich mache am Hochreck die Riesenwelle, und du fängst mich auf. Wie wäre das? Auch nicht?«

Sie legte den Finger vor die Lippen.

»Na schön«, brummte er. »Faul, fauler, am faulsten.« Und dann blickten sie in die Wiese, bis die Wanduhr viermal geschlagen hatte. »So«, rief er tatendurstig, »jetzt geht’s los! Aber was?«

Mielchen lachte ihn an. »Ich weiß was. Wir spielen >Das kleinste Ehepaar der Welt<. Das ist ein Spiel ganz für uns allein, weil andere Kinder dafür viel zu groß sind.«

Mäxchen war Feuer und Flamme. »Jawohl«, rief er. »Womit fangen wir an? Mit dem Polterabend?«

»Bloß nicht«, sagte sie entsetzt. »Geschirr zerschlagen, das könnte dir so passen!«

»Oder: Wir sind schon ein paar Jahre verheiratet, und ich komme von einer Reise zurück. Wir fallen uns um die Hälse, freuen uns, dass wir gesund geblieben sind .«

». und dann fragst du, wo die Kinder stecken«, meinte Mielchen. »Das ist gut.«

»Was denn für Kinder?«, fragte Mäxchen.

»Na hör mal«, sagte sie. »Unsere eignen! Wir sind doch verheiratet und haben zwei. Einen kleinen Jungen und ein kleines Mädchen. Er heißt Fridolin, und sie heißt vielleicht Kunigunde. Ist dir das recht?«

»Fridolin und Kunigunde? Schön. Dann also los!« Und schon flitzte er aus dem Zimmer. Mielchen strich ihr Kleid glatt und stellte sich erwartungsvoll auf den Teppich.

Dann hörte sie im Flur schwere Schritte, und eine Stimme rief: »Hallo! Wo ist denn meine liebe Frau?«

»Hier, mein lieber Mann«, rief sie laut zurück. »Hier ist deine liebe Gemahlin.« Sie breitete die Arme aus, so weit sie konnte.

Mäxchen riss die Tür auf, strahlte und sagte: »Da bin ich wieder.«

»Blühend siehst du aus«, sagte er auch noch. Dann stolperte er versehentlich über den Teppichrand und fiel ihr nicht um den Hals, sondern auf seine Nase. Darüber gerieten sie ins Kichern. Doch das ging vorbei.

Als sie, Hand in Hand, auf dem Sofa saßen, fragte sie zärtlich: »Was macht dein Husten? Wie waren die Geschäfte? Hast du großen Hunger? Wie war der Flug? Ist mein Liebling sehr müde? Soll ich dir den Schlafrock holen? Willst du einen Whisky? Oder einen Tom Collins? Warum sagst du denn gar nichts, mein Schatz?«

Mäxchen räkelte sich genüsslich. »Endlich wieder daheim«, meinte er. »Endlich wieder diese himmlische Ruhe in den eignen vier Wänden .«

Sie stieß ihn an und flüsterte: »Jetzt musst du nach den Kindern fragen.«

Er nickte kurz. Dann fragte er laut: »Hatten wir, bevor ich verreiste, nicht ein paar Kinder? Zwei oder drei?«

»Zwei, mein lieber Mann. Den goldigen Fridolin und Kunigunde, unser Zuckerpüppchen.«

»Richtig, meine liebe Frau! Sind sie, während ich fort war, tüchtig gewachsen?«

»Leider nein. Ich habe sie gestern mit dem Lineal nachgemessen. Fridolin und auch Kunigündchen sind nach wie vor nur fünf Millimeter groß. Viel ist das nicht. Dabei essen sie wie die Scheunendrescher.«

»Fünf Millimeter sind ein halber Zentimeter.«

»Gewiss, mein kluger Mann.«

»Und wo stecken sie jetzt, statt an ihrem Vater hochzuklettern?«

»Schimpfe nicht«, bat Mielchen. »Aber ich musste sie in die Schnellwäscherei bringen. Dort hängen sie zum Trocknen auf der Leine.«

Mäxchen schien entsetzt zu sein. »Ist das dein Ernst?«

»Nein«, rief sie. »Das ist nicht mein Ernst, sondern unser Fridolin! Und nach Kunigündchen fragst du gar nicht erst. Es ist ja nur ein Mädchen!«

»Erzähle, was passiert ist, oder ich zerhacke die Kommode«, knurrte er.

»Sie waren plötzlich beide weg. Ich rief und suchte und kroch durchs ganze Haus. Nichts. Endlich fiel mir der Staubsauger ein! Ich hatte alle Zimmer geputzt .«

». und der Staubsauger hatte die Kinder verschluckt?«

»Ja. Sie saßen bis über die Ohren im Dreck, als ich den Beutel aufmachte. Staub und Teppichhaare und Zigarettenasche und Blumenerde - und dazwischen unsere beiden Lieblinge! Nicht zum Wiedererkennen. Verschmiert, verklebt, hustend, mit Rotznasen, und wie sie heulten!«

»Die lieben Kleinen«, meinte Mäxchen ergriffen.

»Ich stopfte sie in eine Tragtüte und sauste zur Schnellwäscherei.«

»Dort hängen sie nun auf der Leine?«

»Sie tropften vorhin noch ein bisschen. Aber in einer Stunde können wir sie abholen. Bis dahin hat man sie auch schon gebügelt. Sie werden wieder wie neu, hat mir der Besitzer versprochen.« Weil Mäxchen nicht antwortete, fragte sie: »Warum spielst du denn nicht weiter?«

Er zeigte in den Garten. »Wir bekommen Besuch.«

Rosa Marzipan, Verzeihung, Frau von Pokus spazierte mit ihrem Ehemann in der Wiese auf und ab. Sie hatten sich untergehakt und schienen mit sich, mit der Welt und den umliegenden Ortschaften restlos zufrieden zu sein.

»Was meinst du«, fragte Mielchen, »ob sie bald ein Baby kriegen?«

»Ob bald, weiß ich nicht«, sagte Mäxchen. »Aber schön wär’s schon. Dann setzen wir uns mit in den Kinderwagen und kitzeln ihn, wenn er heult.«

»Ihn?«, fragte Mielchen. »Den Kinderwagen?«

»Den Jungen!«

»Und wenn’s ein Mädchen wird?«

»Dann kitzeln wir eben das Mädchen. Aber es wird bestimmt ein Junge, verlass dich drauf. Ich habe mir sogar schon einen bildschönen Namen für ihn ausgedacht. Weil der Vater Jokus von Pokus heißt, müsste der Junge ...« Mäxchen flüsterte Mielchen rasch etwas ins Ohr.

»Nicht so schnell. Noch einmal, Joküsschen von .?«

Da flüsterte er ihr den bildschönen Namen zum zweiten Male ins Ohr. Langsamer und deutlicher.

Jetzt hatte sie ihn genau verstanden, rief »Guuut!« und lachte und klatschte in die Hände. Mäxchen lachte tüchtig mit. Und sie lachten noch, als Herr und Frau von Pokus neugierig durchs offene Fenster blickten.

»Euch scheint’s gut zu gehen«, sagte der Jokus. »Das merken sogar Schwerhörige.«

Und Rosa von Pokus fragte: »Worüber lacht ihr denn?«

Aber Mäxchen und Mielchen riefen wie aus einem Munde: »Das verraten wir nicht!«

Liebe Leser,

da saßen nun Herr und Frau von Pokus verdutzt im Gras und hatten nichts zu lachen. Na ja, Hauptsache, dass ihr selber wisst, was Mäxchen der kleinen Miss ins Ohr geflüstert hat.

Wer von euch es nicht wissen sollte, der hat vielleicht die ersten Seiten dieses Buches schon wieder vergessen. Dort erzählt nämlich Jakob Hurtig ... Doch keine Angst, ich fange nicht wieder von vorne an, sondern schreibe, mit kühnem Schwung, das Wörtchen

Ende