/ Language: DE / Genre:prose_classic

Arc de Triomphe

Erich Maria Remarque


1

Die Frau kam schräg auf Ravic zu. Sie ging schnell, aber sonderbar taumelig. Ravic bemerkte sie erst, als sie fast neben ihm war. Er sah ein blasses Gesicht mit hochliegenden Wangenknochen und weit auseinanderstehenden Augen. Das Gesicht war starr und maskenhaft; es wirkte, als sei es eingestürzt, und die Augen hatten im Laternenlicht einen Ausdruck so gläserner Leere, daß er aufmerksam wurde.

Die Frau streifte ihn beinahe, so dicht ging sie an ihm vorüber. Er streckte seine Hand aus und griff nach ihrem Arm. Im nächsten Augenblick schwankte sie und wäre gefallen, wenn er sie nicht gehalten hätte.

Er hielt ihren Arm fest. »Wo wollen Sie hin?« fragte er nach einer Weile.

Die Frau starrte ihn an. »Lassen Sie mich los«, flüsterte sie.

Ravic erwiderte nichts. Er hielt ihren Arm weiter fest.

»Lassen Sie mich los! Was soll das?« Die Frau bewegte kaum die Lippen.

Ravic hatte den Eindruck, daß sie ihn gar nicht sah. Sie blickte durch ihn hindurch, irgendwohin in die leere Nacht. Es war nur etwas, das sie aufhielt und gegen das sie sprach. »Lassen Sie mich los!«

Er hatte sofort gesehen, daß sie keine Hure war. Sie war auch nicht betrunken. Er hielt ihren Arm nicht mehr sehr fest. Sie hätte sich leicht losmachen können, wenn sie gewollt hätte; aber sie bemerkte es nicht. Ravic wartete eine Weile. »Wo wollen Sie wirklich hin, nachts, allein, um diese Zeit in Paris?« sagte er dann noch einmal ruhig und ließ ihren Arm los.

Die Frau schwieg. Aber sie ging nicht weiter. Es war, als ob sie, einmal angehalten, nicht mehr weitergehen könne.

Ravic lehnte sich an das Geländer der Brücke. Er fühlte den feuchten, porösen Stein unter seinen Händen. »Dahin vielleicht?« Er deutete mit seinem Kopf rückwärts, hinunter, wo sich die Seine in grauem, verfließendem Glanz ruhelos gegen die Brückenschatten der Pont de l’Alma schob.

Die Frau antwortete nicht.

»Zu früh«, sagte Ravic. »Zu früh und viel zu kalt im November.«

Er zog ein Päckchen Zigaretten hervor und kramte in seinen Taschen nach Streichhölzern. Er fand, daß nur noch zwei in dem schmalen Karton waren, und beugte sich vorsichtig nieder, um die Flamme mit den Händen gegen den leichten Wind vom Fluß zu schützen.

»Geben Sie mir auch eine Zigarette«, sagte die Frau mit tonloser Stimme.

Ravic richtete sich auf und zeigte ihr das Päckchen. »Algerische. Schwarzer Tabak der Fremdenlegion. Wahrscheinlich zu stark für Sie. Ich habe keine anderen bei mir.«

Die Frau schüttelte den Kopf und nahm eine Zigarette. Ravic hielt ihr das brennende Streichholz hin. Sie rauchte hastig, mit tiefen Zügen. Ravic warf das Streichholz über das Geländer. Es fiel wie eine kleine Sternschnuppe durch das Dunkel und erlosch erst, als es das Wasser erreichte.

Ein Taxi kam langsam über die Brücke gefahren. Der Chauffeur hielt an. Er blickte herüber und wartete einen Augenblick; dann gab er Gas und fuhr weiter die feuchte, schwarz glänzende Avenue George V. hinauf.

Ravic fühlte plötzlich, daß er müde war. Er hatte den Tag über schwer gearbeitet und nicht schlafen können. Deshalb war er wieder fortgegangen, um zu trinken. Jetzt aber, auf einmal, fiel die Müdigkeit in der nassen Kühle der späten Nacht über seinen Kopf wie ein Sack.

Er sah die Frau an. Weshalb hatte er sie eigentlich angehalten? Es war etwas mit ihr los, das war klar. Aber was ging es ihn an? Er hatte schon viele Frauen gesehen, mit denen etwas los war, besonders nachts, besonders in Paris, und es war ihm jetzt egal, und er wollte nur noch ein paar Stunden schlafen.

»Gehen Sie nach Hause«, sagte er. »Was suchen Sie um diese Zeit noch auf der Straße? Sie können höchstens Unannehmlichkeiten haben.«

Er schlug seinen Mantelkragen hoch und wandte sich zum Gehen. Die Frau sah ihn an, als verstände sie ihn nicht. »Nach Hause?« wiederholte sie.

Ravic zuckte die Achseln. »Nach Hause, in Ihre Wohnung, ins Hotel, nennen Sie es, wie Sie wollen. Irgendwohin. Sie wollen doch nicht von der Polizei aufgegriffen werden?«

»Ins Hotel! Mein Gott!« sagte die Frau.

Ravic blieb stehen. Wieder einmal jemand, der nicht wußte, wohin er sollte, dachte er. Er hätte es voraussehen können. Es war immer dasselbe. Nachts wußten sie nicht, wohin sie sollten, und am nächsten Morgen waren sie verschwunden, ehe man erwachte. Dann wußten sie wohin. Die alte, billige Verzweiflung der Dunkelheit, die mit ihr kam und ging. Er warf seine Zigarette fort. Als ob er das nicht selbst bis zum Überdruß kannte!

»Kommen Sie, wir gehen irgendwo noch einen Schnaps trinken«, sagte er.

Es war das einfachste. Er konnte dann zahlen und aufbrechen, und sie konnte sehen, was sie machte.

Die Frau machte eine unsichere Bewegung und stolperte. Ravic ergriff ihren Arm. »Müde?« fragte er.

»Ich weiß nicht. Ich glaube ja.«

»Zu müde, um schlafen zu können?«

Sie nickte.

»Das gibt es. Kommen Sie nur. Ich halte Sie schon.«

Sie gingen die Avenue Marceau hinauf. Ravic fühlte, wie die Frau sich auf ihn stützte, sie stützte sich, als wäre sie im Fallen und müßte sich halten.

Sie gingen die Avenue Pierre I. de Serbie. Hinter der Kreuzung der Rue Chaillot öffnete sich die Straße, und fern, schwebend und dunkel, erschien vor dem regnerischen Himmel die Masse des Arc de Triomphe.

Ravic deutete auf einen schmalen, erhellten Eingang, der in ein Kellerloch führte. »Hier — da wird es schon noch etwas geben.«

Es war eine Chauffeurkneipe. Ein paar Taxichauffeure und ein paar Huren saßen darin. Die Chauffeure spielten Karten. Die Huren tranken Absinth. Sie musterten die Frau mit raschem Blick. Dann wandten sie sich gleichgültig ab. Die ältere gähnte laut; die andere begann sich faul zu schminken. Im Hintergrund streute ein Pikkolo mit einem Gesicht wie eine verdrossene Ratte Sägespäne auf die Fliesen und fing an den Flur auszufegen. Ravic setzte sich mit der Frau an einen Tisch neben dem Eingang. Es war bequemer; er konnte dann rascher weggehen. Er zog seinen Mantel nicht aus. »Was wollen Sie trinken?« fragte er.

»Ich weiß nicht. Irgend etwas.«

»Zwei Calvados«, sagte Ravic dem Kellner, der eine Weste trug und die Hemdsärmel aufgekrempelt hatte.

»Und ein Paket Chesterfield-Zigaretten.«

»Haben wir nicht«, erklärte der Kellner. »Nur französische.«

»Gut. Dann ein Paket Laurens grün.«

»Grün haben wir auch nicht. Nur blau.«

Ravic betrachtete den Unterarm des Kellners, auf den eine nackte Frau tätowiert war, die über Wolken ging. Der Kellner folgte seinem Blick, ballte die Faust und ließ seine Armmuskeln springen. Die Frau wackelte unzüchtig mit dem Bauch.

»Also blau«, sagte Ravic.

Der Kellner grinste. »Vielleicht haben wir noch eine grün.« Er schlurfte davon.

Ravic sah ihm nach. »Rote Pantoffeln«, sagte er. »Und eine Bauchtänzerin! Er scheint in der türkischen Marine gedient zu haben.«

Die Frau legte ihre Hände auf den Tisch. Sie tat das, als wollte sie sie nie wieder hochnehmen. Die Hände waren gepflegt, aber das besagte nichts. Sie waren auch nicht sehr gepflegt. Ravic sah, daß der Nagel des rechten Mittelfingers abgebrochen und scheinbar abgerissen und nicht weggefeilt worden war. An einigen Stellen war der Lack abgesprungen. — Der Kellner brachte die Gläser und eine Schachtel Zigaretten.

»Laurens grün. Fand noch eine.«

»Das dachte ich mir. Waren Sie in der Marine?«

»Nein. Zirkus.«

»Noch besser.« Ravic reichte der Frau ein Glas hinüber. »Hier, trinken Sie das. Es ist das beste um diese Zeit. Oder wollen Sie Kaffee?«

»Nein.«

»Trinken Sie es auf einmal.«

Die Frau nickte und trank das Glas aus. Ravic betrachtete sie.

Sie hatte ein ausgelöschtes Gesicht, fahl, fast ohne Ausdruck. Der Mund war voll, aber blaß, die Konturen schienen verwischt, und nur das Haar war sehr schön, von einem leuchtenden, natürlichen Blond. Sie trug eine Baskenmütze und unter dem Regenmantel ein blaues Schneiderkostüm. Das Kostüm war von einem guten Schneider gemacht, aber der grüne Stein des Ringes auf ihrer Hand war viel zu groß, um nicht falsch zu sein.

»Wollen Sie noch einen?« fragte Ravic.

Sie nickte.

Er winkte dem Kellner. »Noch zwei Calvados. Aber größere Gläser.«

»Größere Gläser? Auch mehr drin?«

»Ja.«

»Also zwei doppelte Calvados.«

»Erraten.«

Ravic beschloß, sein Glas rasch auszutrinken und dann aufzubrechen. Er langweilte sich und war sehr müde. Im allgemeinen war er geduldig mit Zwischenfällen; er hatte vierzig Jahre eines wechselvollen Lebens hinter sich. Aber er kannte Situationen wie diese hier schon zu sehr. Er lebte seit einigen Jahren in Paris und konnte nachts wenig schlafen; da sah man vieles unterwegs.

Der Kellner brachte die Gläser. Ravic nahm den scharf und aromatisch riechenden Apfelschnaps und stellte ihn behutsam vor die Frau. »Trinken Sie das noch. Es hilft nicht viel, aber es wärmt. Und was Sie auch haben — nehmen Sie es nicht zu wichtig. Es gibt wenig, das lange wichtig bleibt.«

Die Frau sah ihn an. Sie trank nicht.

»Es ist so«, sagte Ravic. »Besonders nachts. Die Nacht übertreibt.«

Die Frau sah ihn noch immer an. »Sie brauchen mich nicht zu trösten«, sagte sie dann.

»Um so besser.«

Ravic sah nach dem Kellner. Er hatte genug. Er kannte diesen Typ. Wahrscheinlich eine Russin, dachte er. Kaum saßen sie irgendwo, noch naß, da begannen sie schon, einem über den Mund zu fahren.

»Sie sind Russin?« fragte er.

»Nein.«

Ravic zahlte und stand auf, um sich zu verabschieden. Im gleichen Augenblick stand die Frau ebenfalls auf. Sie tat es schweigend und selbstverständlich. Ravic sah sie unschlüssig an. Gut, dachte er, ich kann es auch draußen tun.

Es hatte angefangen zu regnen. Ravic blieb vor der Tür stehen.

»In welche Richtung gehen Sie?« Er war entschlossen, in die entgegengesetzte Richtung einzubiegen. »Ich weiß nicht. Irgendwohin.« »Wo wohnen Sie denn?«

Die Frau machte eine rasche Bewegung. »Dahin kann ich nicht! Nein! Das kann ich nicht! Nicht dahin!«

Ihre Augen waren plötzlich voll von einer wilden Angst. Gezankt, dachte Ravic. Irgendeinen Krach gehabt und auf die Straße gelaufen. Morgen mittag würde sie sich alles überlegt haben und zurückgehen.

»Kennen Sie nicht irgend jemand, zu dem Sie gehen können? Eine Bekannte? Sie können in der Kneipe telefonieren.«

»Nein. Niemand.«

»Aber Sie müssen doch irgendwohin. Haben Sie kein Geld für ein Zimmer?«

»Doch.«

»Dann gehen Sie in ein Hotel. Es gibt hier überall welche in den Seitenstraßen.« Die Frau antwortete nicht.

»Irgendwohin müssen Sie doch«, sagte Ravic ungeduldig. »Sie können doch nicht im Regen auf der Straße bleiben.«

Die Frau zog ihren Regenmantel um sich. »Sie haben recht«, sagte sie, als fasse sie endlich einen Entschluß. »Sie haben ganz recht. Danke. Kümmern Sie sich nicht mehr um mich. Ich komme schon irgendwohin. Danke.« Sie nahm den Kragen des Mantels mit einer Hand zusammen. »Danke für alles.« Sie sah Ravic von unten herauf mit einem Blick voll Elend an und versuchte ein Lächeln, das ihr mißlang. Dann ging sie fort durch den nebligen Regen, ohne zu zögern, mit lautlosen Schritten.

Ravic stand einen Augenblick still. »Verdammt!« knurrte er überrascht und unschlüssig. Er wußte nicht, wie es kam und was es war, das trostlose Lächeln oder der Blick oder die leere Straße oder die Nacht — er wußte nur, daß er die Frau, die dort im Nebel plötzlich aussah wie ein verirrtes Kind, nicht allein lassen würde.

Er folgte ihr. »Kommen Sie mit«, sagte er unfreundlich. »Etwas wird sich schon finden für Sie.«

Sie erreichten den Etoile. Der Platz lag im rieselnden Grau mächtig und unendlich vor ihnen. Der Nebel hatte sich verdichtet, und die Straßen, die rundum abzweigten, waren nicht mehr zu sehen. Nur noch der weite Platz war da mit den verstreuten, trüben Monden der Laternen und dem steinernen Bogen des Arc, der sich riesig im Nebel verlor, als stütze er den schwermütigen Himmel und schütze unter sich die einsame, bleiche Flamme auf dem Grab des Unbekannten Soldaten, das aussah wie das letzte Grab der Menschheit inmitten von Nacht und Verlassenheit.

Sie gingen quer über den ganzen Platz. Ravic ging rasch. Er war zu müde, um zu denken. Er hörte neben sich die tappenden, weichen Schritte der Frau, die ihm schweigend folgte, den Kopf gesenkt, die Hände in die Taschen ihres Mantels vergraben, eine kleine, fremde Flamme Leben — und plötzlich, in der späten Einsamkeit des Platzes, obschon er nichts von ihr wußte, erschien sie ihm einen Augenblick gerade deshalb seltsam zugehörig zu ihm. Sie war ihm fremd, so wie er sich selbst überall fremd fühlte, und das schien ihm auf eine sonderbare Weise näher, als durch viele Worte und die abschleifende Gewohnheit der Zeit.

Ravic wohnte in einem kleinen Hotel in einer Seitenstraße der Avenue Wagram, hinter der Place des Ternes. Es war ein ziemlich baufälliger Kasten, an dem nur eines neu war: das Schild über dem Eingang mit der Inschrift : »Hotel International.«

Er klingelte. »Habt ihr noch ein Zimmer frei?« fragte er den Burschen, der ihm öff nete.

Der Junge glotzte ihn verschlafen an. »Der Concierge ist nicht da«, stotterte er schließlich.

»Das sehe ich. Ich habe dich gefragt, ob noch ein Zimmer frei wäre.«

Der Bursche hob verzweifelt seine Schultern. Er sah, daß Ravic eine Frau bei sich hatte, aber er verstand nicht, wozu er noch ein zweites Zimmer wollte. Dazu brachte man Frauen seiner Erfahrung nach nicht mit. »Madame schläft. Sie wirft mich ’raus, wenn ich sie wecke«, sagte er und kratzte sich mit dem Fuß.

»Schön. Dann müssen wir selbst einmal nachsehen.« Ravic gab dem Jungen ein Trinkgeld, nahm seinen Schlüssel und ging der Frau voran die Treppe hinauf. Bevor er sein Zimmer aufschloß, musterte er die Tür nebenan. Es standen keine Schuhe davor. Er klopfte zweimal. Niemand antwortete. Er versuchte vorsichtig den Drücker.

Die Tür war verschlossen. »Gestern war die Bude leer«, murmelte er. »Wir wollen es einmal von der anderen Seite versuchen. Die Wirtin hat sie wahrscheinlich abgeschlossen, weil sie Angst hatte, daß die Wanzen entkommen.«

Er schloß sein Zimmer auf. »Setzen Sie sich einen Augenblick.« Er zeigte auf ein rotes Roßhaarsofa. »Ich bin gleich zurück.«

Er öffnete eine Fenstertür, die auf einen schmalen Eisenbalkon führte, kletterte über ein Verbindungsgitter auf den Balkon daneben und versuchte die Tür. Sie war ebenfalls abgeschlossen. Resigniert kehrte er zurück. »Es hilft nichts. Ich kann Ihnen hier kein Zimmer verschaffen.«

Die Frau saß in der Ecke des Sofas. »Kann ich einen Augenblick hier sitzen bleiben?«

Ravic sah sie aufmerksam an. Ihr Gesicht war zerfallen vor Müdigkeit. Sie wirkte, als könne sie kaum noch aufstehen. »Sie können hier bleiben«, sagte er.

»Nur einen Augenblick...«

»Sie können hier schlafen. Das ist das einfachste.«

Die Frau schien ihn nicht zu hören. Sie bewegte langsam, fast automatisch den Kopf. »Sie hätten mich auf der Straße lassen sollen. Jetzt... ich glaube, ich kann jetzt nicht mehr.«

»Das glaube ich auch. Sie können hierbleiben und schlafen. Das ist das beste. Morgen werden wir dann weitersehen.«

Die Frau sah ihn an. »Ich will Sie nicht...«

»Mein Gott«, sagte Ravic. »Sie stören mich wirklich nicht. Es ist nicht das erstemal, daß jemand hier über Nacht bleibt, weil er nicht weiß, wohin. Das ist hier ein Hotel, wo Refugiés wohnen. Da kommt so etwas fast jeden Tag vor. Sie können das Bett nehmen. Ich werde auf dem Sofa schlafen. Ich bin das gewohnt.«

»Nein, nein — ich kann hier sitzen bleiben. Wenn ich nur hier sitzen bleiben kann, das ist genug.«

»Gut, wie Sie wollen.«

Ravic zog seinen Mantel aus und hängte ihn auf. Dann nahm er eine Decke und ein Kissen von seinem Bett und schob einen Stuhl neben das Sofa. Er holte einen Frotteemantel aus dem Badezimmer und hängte ihn über den Stuhl. »So«, sagte er, »das kann ich Ihnen geben. Wenn Sie wollen, können Sie auch einen Pyjama haben. Drüben in der Schublade sind welche. Ich werde mich nun nicht mehr um Sie kümmern. Sie können das Badezimmer jetzt haben. Ich habe hier noch zu tun.« Die Frau schüttelte den Kopf.

Ravic blieb vor ihr stehen. »Den Mantel werden wir aber ausziehen«, sagte er. »Er ist naß genug. Und die Mütze geben Sie auch einmal her.«

Sie gab ihm beides. Er legte das Kissen in die Ecke des Sofas. »Das ist für den Kopf. Der Stuhl hier, damit Sie nicht fallen, wenn Sie schlafen.« Er schob ihn gegen das Sofa. »Und nun noch die Schuhe. Klatschnaß natürlich. Gut für Erkältungen.« Er streifte sie ihr von den Füßen, holte aus der Schublade ein paar kurze, wollene Strümpfe und zog sie ihr über. »So, jetzt geht es einigermaßen. In kritischen Zeiten soll man auf etwas Komfort sehen. Altes Soldatengesetz.«

»Danke«, sagte die Frau. »Danke.«

Ravic ging ins Badezimmer und drehte die Hähne auf. Das Wasser schoß in das Waschbecken. Er löste seine Krawatte und betrachtete sich abwesend im Spiegel. Prüfende Augen, die tief in den Schatten der Höhlen saßen; ein schmales Gesicht, todmüde, wenn die Augen nicht gewesen wären; Lippen, die zu weich waren für die Furchen, die von der Nase zum Mund heruntergerissen waren — und über dem rechten Auge, zackig ins Haar verlaufend, die lange Narbe.

Das Telefon klirrte in seine Gedanken. »Verdammt!« Er hatte eine Sekunde alles vergessen gehabt. Es gab solche Augenblicke des Versinkens. Da war ja noch die Frau nebenan.

»Ich komme«, rief er.

»Erschrocken?« Er hob den Hörer ab. »Was? Ja. Gut... ja... natürlich, ja... es wird gehen... ja. Wo? Gut, ich komme sofort. Heißen Kaffee, starken Kaffee... ja...«

Er legte den Hörer sehr behutsam zurück und blieb ein paar Sekunden nachdenklich auf der Sofalehne sitzen. »Ich muß fort«, sagte er dann. »Eilig.«

Die Frau stand sofort auf. Sie schwankte etwas und stützte sich auf den Stuhl.

»Nein, nein...« Ravic war einen Moment gerührt von dieser gehorsamen Bereitwilligkeit. »Sie können hierbleiben. Schlafen Sie. Ich muß weg für ein, zwei Stunden; ich weiß nicht, wie lange. Bleiben Sie nur hier.« Er zog seinen Mantel an. Flüchtig kam ihm ein Gedanke. Er vergaß ihn sofort. Die Frau würde nicht stehlen. Sie war nicht der Typ. Den kannte er zu gut. Es war auch nicht viel da zu stehlen.

Er war schon an der Tür, als die Frau fragte: »Kann ich mitgehen?«

»Nein, unmöglich. Bleiben Sie hier. Nehmen Sie, was Sie noch brauchen. Das Bett auch, wenn Sie wollen. Kognak steht drüben. Schlafen Sie...«

Er wandte sich um. »Lassen Sie das Licht brennen«, sagte die Frau plötzlich und schnell.

Ravic ließ die Klinke los.

»Angst?« fragte er.

Sie nickte.

Er zeigte auf den Schlüssel. »Schließen Sie die Tür hinter mir ab. Ziehen Sie den Schlüssel heraus. Unten ist noch ein zweiter Schlüssel, mit dem ich hereinkommen kann.«

Sie schüttelte den Kopf. »Das ist es nicht. Aber bitte, lassen Sie das Licht brennen.«

»Ach so!« Ravic sah sie prüfend an. »Ich wollte es sowieso nicht auslöschen. Lassen Sie es nur brennen. Ich kenne das. Habe auch mal solche Zeiten gehabt.«

An der Ecke der Rue des Acacias kam ihm ein Taxi entgegen. »Fahren Sie vierzehn Rue Lauriston. — Rasch!«

Der Chauffeur drehte um und bog in die Avenue Carnot ein. Als er die Avenue le La Grande Armée kreuzte, schoß von rechts ein kleiner Zweisitzer heran. Die beiden Wagen wären zusammengestoßen, wenn die Straße nicht naß und glatt gewesen wäre. So schleuderte der Zweisitzer beim Bremsen zur Mitte der Straße hinüber, gerade an dem Kühler der Droschke vorbei. Der leichte Wagen drehte sich wie ein Karussell. Es war ein kleiner Renault, in dem ein Mann saß, der eine Brille und einen schwarzen, steifen Hut trug. Bei jeder Drehung sah man einen Augenblick sein weißes entrüstetes Gesicht. Dann fing sich der Wagen und hielt auf den Arc am Ende der Straße zu, wie auf das riesige Tor des Hades — ein kleines, grünes Insekt, aus dem eine blasse Faust in den Nachthimmel drohte.

Der Taxichauffeur drehte sich um. »Haben Sie so was schon mal gesehen?«

»Ja«, sagte Ravic.

»Aber mit so einem Hut. Was hat einer mit so einem Hut nachts so schnell zu fahren?«

»Er hatte recht. Er war auf der Hauptstraße. Wozu schimpfen Sie?«

»Natürlich hatte er recht. Darum schimpfe ich ja gerade.« — »Was würden Sie denn tun, wenn er unrecht hätte?« »Dann würde ich auch schimpfen.« »Sie scheinen sich das Leben bequem zu machen.« »Ich würde anders schimpfen«, erklärte der Chauffeur und bog in die Avenue Foch ein. »Nicht so erstaunt, verstehen Sie?«

»Nein. Fahren Sie langsamer an den Kreuzungen.«

»Das wollte ich sowieso. Verdammte Schmiere auf der Straße. Aber weshalb fragen Sie mich eigentlich, wenn Sie nachher nichts hören wollen?«

»Weil ich müde bin«, erwiderte Ravic ungeduldig. »Weil es Nacht ist. Meinetwegen auch, weil wir Funken in einem unbekannten Wind sind. Fahren Sie zu.«

»Das ist etwas anderes.« Der Chauffeur tippte mit einer gewissen Hochachtung an seine Mütze. »Das verstehe ich.«

»Hören Sie«, sagte Ravic, dem ein Verdacht kam. »Sind Sie Russe?«

»Nein. Lese aber allerlei, wenn ich auf Kunden warte.« Mit Russen habe ich heute kein Glück, dachte Ravic. Er lehnte den Kopf zurück. Kaffee, dachte er. Sehr heißen, schwarzen Kaffee. Hoffentlich haben sie genug. Meine Hände müssen verdammt ruhig sein.Wenn es nicht anders geht, muß Veber mir eine Spritze machen. Aber es wird gehen. Er drehte die Fenster herunter und atmete langsam und tief die feuchte Luft ein.

2

Der kleine Operationsraum war taghell erleuchtet. Er sah aus wie eine hygienische Metzgerei. Eimer mit blutgetränkter Watte standen herum, Verbände und Tupfer lagen zerstreut, und das Rot schrie festlich gegen das viele Weiß. Veber saß im Vorraum an einem lackierten Stahltisch und machte Notizen; eine Schwester kochte die Instrumente aus; das Wasser brodelte, das Licht schien zu zischen, und nur der Körper auf dem Tisch lag ganz für sich selbst da — ihn ging das alles nichts mehr an.

Ravic ließ die flüssige Seife über seine Hände rinnen und begann sich zu waschen. Er wusch sich mit ärgerlicher Verbissenheit, als wolle er sich die Haut herunterscheuem. »Scheiße!« murmelte er vor sich hin. »Verdammte, verfluchte Scheiße!«

Die Operationsschwester sah ihn angewidert an. Veber blickte auf. »Ruhig, Eugenie! Alle Chirurgen fluchen. Besonders, wenn etwas schiefgegangen ist. Sie sollten daran gewöhnt sein.«

Die Schwester warf eine Handvoll Instrumente in das kochende Wasser. »Professor Perrier fluchte nie«, erklärte sie beleidigt. »Und er rettete trotzdem viele Menschen.«

»Professor Perrier war ein Spezialist für Gehirnoperationen. Subtilste Feinmechanik, Eugenie. Wir schneiden in Bäuchen herum. Das ist etwas anderes.« Veber klappte seine Eintragungen zu und stand auf. »Sie haben gut gearbeitet, Ravic. Aber gegen Pfuscher kann man schließlich nichts machen.«

»Doch — manchmal kann man.« Ravic trocknete sich die Hände ab und zündete sich eine Zigarette an. Die Schwester öffnete in schweigender Mißbilligung ein Fenster. — »Bravo, Eugenie«, lobte Veber. »Immer nach der Vorschrift .«

»Ich habe Pflichten im Leben. Ich möchte nicht gern in die Luft fliegen.«

»Das ist schön, Eugenie. Und beruhigend.«

»Manche haben eben keine. Und wollen keine haben.«

»Das geht auf Sie, Ravic!« Veber lachte. »Besser, wir verschwinden. Eugenie ist morgens sehr aggressiv. Hier ist sowieso nichts mehr zu tun.«

Ravic sah sich um. Er sah die Schwester mit den Pflichten an. Sie erwiderte furchtlos seinen Blick. Die Brille mit dem Nickelrand gab ihrem kahlen Gesicht etwas Unantastbares. Sie war ein Mensch wie er, aber sie war ihm fremder als ein Baum. »Entschuldigen Sie«, sagte er. »Sie haben recht.«

Auf dem weißen Tisch lag das, was vor ein paar Stunden noch Hoffnung, Atem, Schmerz und zitterndes Leben gewesen war. Jetzt war es nur noch ein sinnloser Kadaver — und der menschliche Automat, Schwester Eugenie genannt, der stolz darauf war, nie einen Fehltritt begangen zu haben, deckte es zu und karrte es fort. Sie sind die ewig Überlebenden, dachte Ravic, das Licht liebt sie nicht, diese Holzseelen, deshalb vergißt es sie und läßt sie lange leben.

»Auf Wiedersehen, Eugenie«, sagte Veber. »Schlafen Sie sich aus heute.«

»Auf Wiedersehen, Doktor Veber. Danke, Herr Doktor.«

»Auf Wiedersehen«, sagte Ravic. — »Entschuldigen Sie mein Fluchen.«

»Guten Morgen«, erwiderte Eugenie eisig.

Veber schmunzelte. »Ein Charakter aus Gußeisen.«

Es war grauer Morgen draußen. Die Müllabfuhrwagen ratterten durch die Straßen. Veber schlug seinen Kragen hoch. »Ekelhaftes Wetter! Soll ich Sie mitnehmen, Ravic?«

»Nein, danke. Ich will gehen.«

»Bei dem Wetter? Ich kann Sie vorbeifahren. Es ist kaum ein Umweg.«

Ravic schüttelte den Kopf. »Danke, Veber.«

Veber sah ihn prüfend an. »Sonderbar, daß Sie sich immer noch aufregen, wenn Ihnen jemand unter dem Messer bleibt. Sie sind doch schon fünfzehn Jahre in der Kiste drin und kennen das.«

»Ja, ich kenne das. Ich rege mich auch nicht auf.«

Veber stand breit und behäbig vor Ravic. Sein großes, rundes Gesicht leuchtete wie ein normannischer Apfel. Der schwarze, gestutzte Schnurrbart war naß vom Regen und glitzerte. Am Bordrand stand ein Buick und glitzerte ebenfalls. Darin würde Veber behaglich nach Hause fahren — in ein rosafarbenes Puppenhaus in der Vorstadt, mit einer sauberen, blitzenden Frau darin und zwei sauberen, blitzenden Kindern, mit einem sauberen, blitzenden Dasein. Wie konnte man ihm etwas erklären von dieser atemlosen Spannung, wenn das Messer zum ersten Schnitt ansetzte, wenn die schmale, rote Spur Blutes dem leisen Druck folgte, wenn der Körper sich unter den Nadeln und Klammern wie ein vielfacher Vorhang auseinanderfaltete, wenn Organe frei wurden, die nie Licht gesehen hatten, wenn man wie ein Jäger im Dschungel einer Fährte folgte und plötzlich in zerstörten Geweben, in Knollen, in Wucherungen, in Rissen ihm gegenüberstand, dem großen Raubtier Tod — und den Kampf, in dem man nichts anderes brauchen konnte als eine dünne Klinge und eine Nadel und eine unendlich sichere Hand — wie sollte man ihm erklären, was es bedeutete, wenn dann durch all das blendende Weiß höchster Konzentration auf einmal ein dunkler Schatten in das Blut schlug, ein majestätischer Hohn, der das Messer stumpf zu machen schien, die Nadel brüchig und die Hand schwer — und wenn dieses Unsichtbare, Rätselhafte, Pulsierende: Leben, plötzlich fortebbte unter den machtlosen Händen, zerfiel, angezogen von einem geisterhaften, schwarzen Strudel, den man nicht erreichen und nicht bannen konnte, wenn aus einem Gesicht, das eben noch atmete und Ich war und einen Namen trug, eine namenlose, starre Maske wurde — diese sinnlose, rebellische Ohnmacht — wie konnte man sie erklären — und was war daran zu erklären? Ravic zündete sich eine neue Zigarette an. »Einundzwanzig Jahre war das alt«, sagte er.

Veber strich sich mit einem Taschentuch die blanken Tropfen vom Schnurrbart. »Sie haben großartig gearbeitet. Ich könnte das nicht. Daß Sie nicht retten konnten, was ein Pfuscher versaut hat, das ist etwas, was Sie nichts angeht. Wo kämen wir hin, wenn wir anders dächten?«

»Ja«, sagte Ravic. »Wo kämen wir hin?«

Veber steckte sein Taschentuch ein. »Nach allem, was Sie mitgemacht haben, müßten Sie doch verdammt abgehärtet sein.«

Ravic sah ihn mit einer Spur von Ironie an. »Abgehärtet ist man nie. Man kann sich nur an vieles gewöhnen.« »Das meine ich.« »Ja, und an manches nie. Aber das ist schwer herauszufinden. Nehmen wir an, es war der Kaffee. Vielleicht war es wirklich der Kaffee, der mich so wach gemacht hat. Und wir verwechseln das mit Aufregung.«

»Der Kaffee war gut, was?«

»Sehr.«

»Kaffeemachen verstehe ich. Ich hatte so eine Ahnung, daß Sie ihn brauchten, deshalb habe ich ihn selbst gemacht. War was anderes als die schwarze Brühe, die Eugenie gewöhnlich produziert, wie?«

»Nicht zu vergleichen. Im Kaffeemachen sind Sie ein Meister.«

Veber stieg in seinen Wagen. Er startete und beugte sich aus dem Fenster. »Soll ich Sie nicht doch rasch absetzen? Sie müssen verflucht müde sein.«

Wie ein Seehund, dachte Ravic abwesend. Er gleicht einem gesunden Seehund. Aber was soll das schon? Wozu fällt mir das ein? Wozu immer dieses Doppeldenken? »Ich bin nicht müde«, sagte er. »Der Kaffee hat mich aufgeweckt. Schlafen Sie gut, Veber.«

Veber lachte. Seine Zähne blitzten unter dem schwarzen Schnurrbart. »Ich gehe nicht mehr schlafen. Ich gehe in meinen Garten arbeiten. Tulpen und Narzissen setzen.«

Tulpen und Narzissen, dachte Ravic. In abgezirkelten Beeten mit sauberen Kieswegen dazwischen. Tulpen und Narzissen — der pfirsichfarbene und goldene Sturm des Frühlings. »Auf Wiedersehen, Veber«, sagte er. »Sie sorgen ja wohl für alles andere.«

»Natürlich. Ich rufe Sie abends noch an. Das Honorar wird niedrig sein, leider. Kaum nennenswert. Das Mädchen war arm und hatte anscheinend keine Verwandten. Wir werden das noch sehen.«

Ravic machte eine abwehrende Bewegung.

»Hundert Frank hat sie Eugenie übergeben. Scheint alles zu sein, was sie hatte. Das waren fünfundzwanzig für Sie.«

»Gut, gut«, sagte Ravic ungeduldig. »Auf Wiedersehen, Veber.«

»Auf Wiedersehen. Bis morgen früh um acht.«

Ravic ging langsam die Rue Lauriston entlang. Wenn es Sommer gewesen wäre, hätte er sich im Bois irgendwo auf eine Bank in die Morgensonne gesetzt und gedankenlos in das Wasser und auf den grünen Wald gestarrt, bis die Spannung nachgelassen hätte. Dann wäre er ins Hotel gefahren und hätte sich schlafen gelegt.

Er trat in ein Bistro an der Ecke der Rue La Boissiere. Ein paar Arbeiter und Lastwagenchauffeure standen an der Theke. Sie tranken heißen, schwarzen Kaffee und tunkten Brioches hinein. Ravic sah ihnen eine Weile zu. Da war sicheres, einfaches Leben, ein Dasein, mit Fäusten anzupacken, auszuarbeiten, Müdigkeit abends, Essen, eine Frau und ein schwerer, traumloser Schlaf.

»Einen Kirsch«, sagte er.

Eine schmale, billige Kette aus Golddoublée hatte das sterbende Mädchen um den rechten Fuß getragen — eine dieser Albernheiten, zu denen man nur fähig war, wenn man jung, sentimental und ohne Geschmack war. Eine Kette mit einer kleinen Platte und der Inschrift »Toujours Charles« um den Fuß geschmiedet, so daß man sie nicht abnehmen konnte; eine Kette, die eine Geschichte erzählte von Sonntagen in den Wäldern an der Seine, von Verliebtheit und dummer Jugend, von einem kleinen Juwelier irgendwo in Neuilly, von Nächten im September in einer Dachstube — und dann kam plötzlich das Ausbleiben, das Warten, die Angst — toujours Charles, der nichts mehr von sich hören ließ, die Freundin, die eine Adresse wußte, die Hebamme irgendwo, ein Wachstuchtisch, reißender Schmerz und Blut, Blut, ein verstörtes altes Weibergesicht, Arme, die einen rasch in ein Taxi drängten, um einen loszuwerden, Tage der Qual und des Verkrochenseins und schließlich der Transport, das Hospital, die letzten hundert Frank zerknüllt in der heißen, nassen Hand, und das: zu spät.

Das Radio begann zu plärren. Einen Tango, zu dem eine nasale Stimme blödsinnige Verse sang. Ravic ertappte sich, wie er die Operation noch einmal durchging. Er kontrollierte jeden Handgriff. Ein paar Stunden vorher wäre vielleicht noch eine Möglichkeit gewesen. Veber hatte telefonieren lassen. Er war nicht im Hotel gewesen. So hatte das Mädchen sterben müssen, weil er am Pont de l’Alma herumstand. Veber konnte solche Operationen nicht selber machen. Der Irrsinn des Zufalls. Der Fuß mit der Goldkette, schlaff einwärts gedreht. »Komm in mein Boot, der Vollmond scheint«, quäkte der Quetschtenor im Falsett. — Ravic zahlte und ging. Draußen hielt er ein Taxi an. »Fahren Sie zum ›Osiris‹.«

Die »Osiris« war ein großes, bürgerliches Bordell mit einer riesigen Bar in ägyptischem Stil.

»Wir schließen gerade«, sagte der Portier. »Niemand mehr da.«

»Niemand?«

»Nur Madame Rolande. Die Damen sind alle fort.«

»Gut.«

Der Portier stampfte mißmutig mit seinen Galoschen das Pflaster. »Wollen Sie das Taxi nicht behalten? Sie kriegen später nicht so leicht eines mehr. Hier ist Schluß.«

»Das haben Sie mir bereits einmal gesagt. Ich werde schon noch ein Taxi bekommen.«

Ravic steckte dem Portier ein Paket Zigaretten in die Brusttasche und ging durch die schmale Tür an der Garderobe vorbei in den großen Raum. Die Bar war leer; sie wirkte wie üblich nach einem kleinbürgerlichen Symposion — Lachen von vergossenem Wein, ein paar umgeworfene Stühle, Zigarettenreste auf dem Boden und der Geruch nach Tabak, süßem Parfüm und Haut.

»Rolande«, sagte Ravic.

Sie stand vor einem Tisch, auf dem ein Haufen rosa Seidenwäsche lag. »Ravic«, sagte sie ohne Erstaunen. »Spät. Was willst du — ein Mädchen oder etwas zu trinken? Oder beides?«

»Wodka. Den Polnischen.«

Rolande brachte die Flasche und ein Glas. »Schenk dir selbst ein. Ich muß noch die Wäsche sortieren und aufschreiben. Das Auto der Wäscherei kommt gleich. Wenn man nicht alles notiert, stiehlt die Bande wie eine Schar Elstern. Die Chauffeure, verstehst du? Als Geschenke für ihre Mädchen.«

Ravic nickte. »Laß die Musik spielen, Rolande. Laut.«

»Gut.«

Rolande schaltete den Kontakt ein. Die Musik donnerte mit Pauken und Schlagzeug durch den hohen, leeren Raum wie ein Sturm.

»Zu laut, Ravic?«

»Nein.«

Zu laut? Was war zu laut? Nur die Stille. Die Stille, in der man zersprang wie in einem luftleeren Raum.

»Fertig.« Rolande kam zu Ravic an den Tisch. Sie hatte eine feste Figur, ein klares Gesicht und ruhige, schwarze Augen. Das schwarze, puritanische Kleid, das sie trug, kennzeichnete sie als Aufseherin; es unterschied sie von den fast nackten Huren.

»Trink etwas mit mir, Rolande.« »Gut.«

Ravic holte ein Glas von der Bar und schenkte ein. Rolande hielt die Flasche zurück, als das Glas halb voll war. »Genug! Ich trinke nicht mehr.«

»Halbleere Gläser sind scheußlich. Laß stehen, was du nicht trinkst.«

»Warum? Das wäre doch Verschwendung.«

Ravic blickte auf. Er sah das verläßliche, vernünftige Gesicht und lächelte. »Verschwendung! Die alte französische Angst. Wozu sparen? Mit dir wird auch nicht gespart.«

»Dies hier ist Geschäft. Das ist etwas anderes.«

Ravic lachte. »Laß uns ein Glas darauf trinken! Was wäre die Welt ohne die Moral des Geschäftes! Ein Haufen Verbrecher, Idealisten und Faulenzer.«

»Du brauchst ein Mädchen«, sagte Rolande. »Ich kann Kiki telefonieren. Sie ist sehr gut. Einundzwanzig Jahre alt.«

»So. Auch einundzwanzig Jahre alt. Das ist heute nichts für mich.« Ravic goß sein Glas wieder voll. »Woran denkst du eigentlich, Rolande, bevor du einschläfst?«

»Meistens an gar nichts. Ich bin zu müde.«

»Und wenn du nicht zu müde bist?«

»An Tours.«

»Warum?« »Eine Tante von mir hat da ein Haus mit einem Laden drin. Ich habe zwei Hypotheken darauf gegeben.Wenn sie stirbt — sie ist sechsundsiebzig —, bekomme ich das Haus. Ich will dann aus dem Laden ein Café machen. Helle Wände mit Blumenmustern, eine Kapelle, drei Mann: Klavier, Geige, Cello; im Hintergrund eine Bar. Klein und gut. Das Haus liegt in einem guten Viertel. Ich glaube, daß ich es mit neuntausendfünfhundert Franks einrichten kann, mit den Vorhängen und Lampen sogar. Dann will ich noch fünftausend Franks in Reserve haben für die erste Zeit. Und natürlich die Mieten aus der ersten und zweiten Etage. Daran denke ich.«

»Bist du in Tours geboren?«

»Ja. Aber niemand weiß, wo ich seitdem war. Und wenn das Geschäft gut geht, wird auch niemand sich darum kümmern. Geld deckt alles zu.«

»Nicht alles. Aber vieles.«

Ravic fühlte die Schwere hinter den Augen, die die Stimme langsamer machte.

»Ich glaube, ich habe genug«, sagte er und zog ein paar Scheine aus der Tasche. »Wirst du in Tours heiraten, Rolande?«

»Nicht gleich. Aber in ein paar Jahren. Ich habe einen Freund da.«

»Fährst du ab und zu hin?«

»Selten. Er schreibt mir manchmal. An eine andere Adresse natürlich. Er ist verheiratet, aber seine Frau ist im Hospital. Tuberkulose. Höchstens noch ein bis zwei Jahre, sagen die Ärzte. Dann ist er frei.«

Ravic stand auf. »Gott segne dich, Rolande. Du hast einen gesunden Menschenverstand.«

Sie lächelte ohne Mißtrauen. Sie fand, daß er recht hatte. Ihr klares Gesicht war nicht eine Spur müde. Es war frisch, als sei sie gerade aufgestanden. Sie wußte, was sie wollte. Das Leben hatte keine Geheimnisse für sie.

Draußen war es heller Tag geworden. Es hatte aufgehört zu regnen. Die Pissoirs standen wie kleine Panzertürme an den Straßenecken. Der Portier war verschwunden, die Nacht fortgewischt, der Tag hatte begonnen, und Scharen eiliger Menschen drängten sich an den Eingängen der Untergrundbahnen — als wären es Erdlöcher, in die sie hineinstürzten, um sich einer finsteren Gottheit zu opfern.

Die Frau fuhr vom Sofa hoch. Sie schrie nicht — sie fuhr nur mit einem leichten, unterdrückten Laut auf, stützte sich auf die Ellbogen und erstarrte.

»Ruhig, ruhig«, sagte Ravic. »Ich bin es. Derselbe, der Sie vor ein paar Stunden hergebracht hat.«

Die Frau atmete wieder. Ravic sah sie nur undeutlich; die brennenden elektrischen Birnen mischten sich mit dem Morgen, der durch das Fenster kroch, zu einem gelblich bleichen, kranken Licht. »Ich glaube, wir können das jetzt ausmachen«, sagte er und drehte den Schalter um.

Er fühlte wieder die weichen Hämmer der Trunkenheit hinter der Stirn. »Wollen Sie frühstücken?« fragte er. Er hatte die Frau vergessen gehabt und dann geglaubt, als er seinen Schlüssel geholt hatte, sie sei schon gegangen. Er wäre sie gern losgeworden. Er hatte genug getrunken, die Kulissen seines Bewußtseins hatten sich verschoben, die klirrende Kette der Zeit war zersprungen, und stark und furchtlos umstanden ihn die Erinnerungen und die Träume. Er wollte allein sein.

»Wollen Sie Kaffee?« fragte er. »Es ist das einzige, was hier gut ist.«

Die Frau schüttelte den Kopf. Er sah sie genauer an. »Ist was los? War jemand hier?«

»Nein.«

»Aber irgendwas muß doch los sein. Sie starren mich ja an wie ein Gespenst.«

Die Frau bewegte die Lippen. »Der Geruch«, sagte sie dann.

»Geruch?« wiederholte Ravic verständnislos; »Wodka riecht doch nicht. Kirsch und Brandy auch nicht. Und Zigaretten rauchen Sie ja selbst.Was ist daran zu erschrekken?«

»Das meine ich nicht...«

»Was denn, Herrgott?«

»Es ist derselbe... derselbe Geruch...«

»Du lieber Himmel, es wird Äther sein«, sagte Ravic, dem es auf einmal einfiel. »Ist es Äther?«

Sie nickte.

»Sind Sie einmal operiert worden?«

»Nein... es ist...«

Ravic hörte nicht mehr zu. Er öffnete das Fenster. »Wird gleich vorbei sein. Rauchen Sie eine Zigarette inzwischen.« — Er ging ins Badezimmer und drehte die Hähne auf. Im Spiegel sah er sein Gesicht. Er hatte ein paar Stunden vorher schon einmal so gestanden. Inzwischen war ein Mensch gestorben. Es war nichts dabei. Jeden Augenblick starben Tausende von Menschen. Es gab Statistiken darüber. Es war nichts dabei. Aber für den einen, der starb, war es alles und wichtiger als die ganze Welt, die weiter kreiste.

Er setzte sich auf den Rand der Wanne und zog die Schuhe aus. Das blieb immer dasselbe. Die Dinge und ihr stummer Zwang. Die Trivialität, die schmale Gewohnheit in all dem irrlichternden Vergleiten. Das blühende Ufer des Herzens an den Wassern der Liebe — aber wer man auch war, Poet, Halbgott oder Idiot — alle paar Stunden wurde man aus seinen Himmeln geholt, um zu urinieren. Dem war nicht zu entgehen! Die Ironie der Natur. Der romantische Regenbogen über Drüsenreflexen und Verdauungsgequirl. Die Organe der Verzückung diabolisch gleichzeitig zur Ausscheidung organisiert. Ravic warf die Schuhe in eine Ecke. Verhaßte Gewohnheit des Ausziehens! Sogar dem war nicht zu entkommen. Nur wer allein lebte, begriff das. Irgendeine verdammte Ergebenheit, ein Aufgehen war darin. Er hatte oft schon in seinen Kleidern geschlafen, um ihr zu entgehen; aber es war nur ein Verschieben. Es war ihr nicht zu entkommen.

Er drehte die Dusche an. Das kühle Wasser strömte über seine Haut. Er atmete tief und trocknete sich ab. Der Trost der kleinen Dinge. Wasser, Atem, abendlicher Regen. Nur wer allein war, kannte auch sie. Dankbare Haut. Leichtes, in den dunklen Kanälen hinschießendes Blut. Auf einer Wiese zu liegen. Birken. Weiße Sommerwolken. Der Himmel der Jugend. Wo waren die Abenteuer des Herzens geblieben? Erschlagen von den finsteren Abenteuern des Daseins.

Er ging in das Zimmer zurück. Die Frau hockte in der Ecke des Sofas, die Decke hoch um sich gezogen.

»Kalt?« fragte er.

Sie schüttelte den Kopf.

»Angst?«

Sie nickte.

»Vor mir?«

»Nein.«

»Vor draußen?«

»Ja.«

Ravic schloß das Fenster. — »Danke«, sagte sie.

Er sah auf den Nacken vor sich. Schultern. Etwas, das atmete. Ein bißchen fremdes Leben — aber Leben. Wärme. Kein erstarrender Körper. Was konnte man sich schon anderes geben als etwas Wärme? Und was war mehr?

Die Frau bewegte sich. Sie zitterte. Sie sah Ravic an. Er spürte, wie die Welle zurückebbte. Die tiefe Kühle ohne Schwere kam. Die Spannung war vorüber. Die Weite kam. Es war, als würde er von einer Nacht auf einem fremden Planeten zurückgenommen. Alles wurde plötzlich einfach, der Morgen, die Frau — es war nichts mehr zu denken.

»Komm«, sagte er.

Sie starrte ihn an.

»Komm«, sagte er ungeduldig.

3

Er wachte auf. Er hatte das Gefühl, beobachtet zu werden. Die Frau war angezogen und saß auf dem Sofa. Aber sie sah ihn nicht an; sie blickte aus dem Fenster. Er hatte erwartet, sie würde längst fort sein. Es war ihm unbequem, daß sie noch da war. Er konnte morgens keine Menschen um sich leiden.

Er überlegte, ob er versuchen sollte, weiterzuschlafen; aber es störte ihn, daß sie ihn beobachten konnte. Er beschloß, sie rasch loszuwerden. Wenn sie auf Geld wartete, war es sehr einfach. Es würde auch sonst einfach sein. Er richtete sich auf.

»Sind Sie schon lange auf?«

Die Frau erschrak und drehte sich um. »Ich konnte nicht mehr schlafen. Es tut mir leid, wenn ich Sie geweckt habe.«

»Sie haben mich nicht geweckt.«

Sie stand auf. »Ich wollte fortgehen. Ich weiß nicht, weshalb ich hier noch gesessen habe.«

»Warten Sie. Ich bin gleich fertig. Sie bekommen noch Ihr Frühstück. Den berühmten Kaffee des Hotels. So lange werden wir beide noch Zeit haben.«

Er stand auf und klingelte. Dann ging er ins Badezimmer. Er sah, daß die Frau es benutzt hatte; aber alles war wieder ordentlich gerichtet worden, sogar die gebrauchten Frotteetücher. Während er sich die Zähne putzte, hörte er das Mädchen mit dem Frühstück kommen.

Er beeilte sich.

»War es unangenehm?« fragte er, als er herauskam.

»Was?«

»Daß das Zimmermädchen Sie sah. Ich habe nicht daran gedacht.«

»Nein. Es war auch nicht überrascht.« Die Frau blickte auf das Tablett. Es war für zwei Personen, ohne daß Ravic etwas gesagt hätte.

»Sicher nicht. Dafür sind wir in Paris. Hier ist Ihr Kaffee. Haben Sie Kopfschmerzen?«

»Nein.«

»Gut. Ich habe welche. Aber das ist in einer Stunde vorbei. Hier sind Brioches.«

»Ich kann nichts essen.«

»Doch, Sie können. Sie glauben bloß, Sie könnten nicht. Versuchen Sie es nur.«

Sie nahm ein Brioche. Dann legte sie es wieder hin. »Ich kann wirklich nicht.«

»Dann trinken Sie den Kaffee und rauchen eine Zigarette. Das ist das Frühstück der Soldaten.«

»Ja.«

Ravic aß. »Sind Sie immer noch nicht hungrig?« fragte er nach einer Weile.

»Nein.«

Die Frau drückte ihre Zigarette aus. »Ich glaube...«, sagte sie und verstummte.

»Was glauben Sie?« fragte Ravic ohne Neugier.

»Ich sollte jetzt gehen.«

»Wissen Sie den Weg? Sie sind hier nahe der Avenue Wagram.«

»Nein.«

»Wo wohnen Sie?«

»Im Hotel Verdun.«

»Das ist wenige Minuten von hier. Ich kann es Ihnen zeigen, draußen. Ich werde Sie ohnehin am Portier vorbeibringen.«

»Ja... aber das ist es nicht...«

Sie schwieg wieder. Geld, dachte Ravic. Geld, wie immer. »Ich kann Ihnen leicht aushelfen, wenn Sie in Verlegenheit sind. « Er zog seine Brieftasche hervor.

»Lassen Sie das! Was soll das?« sagte die Frau schroff .

»Nichts.« Ravic steckte die Brieftasche wieder ein.

»Entschuldigen Sie...« Sie stand auf. »Sie waren... ich muß Ihnen danken... es wäre... die Nacht... ich hätte allein nicht gewußt...«

Ravic fiel ein, was geschehen war. Er hätte es lächerlich gefunden, wenn sie eine Angelegenheit daraus gemacht hätte — aber daß sie ihm dankte, hatte er nicht erwartet, und es war ihm viel unangenehmer.

»Ich hätte wirklich nicht gewußt«, sagte die Frau. Sie stand noch immer unschlüssig vor ihm. Weshalb geht sie nicht? dachte er.

»Aber jetzt wissen Sie...«, sagte er, um etwas zu sagen.

»Nein.« Sie sah ihn offen an. »Ich weiß es noch immer nicht. Ich weiß nur, daß ich etwas tun muß. Ich weiß, daß ich nicht weglaufen kann.«

»Das ist schon viel.« Ravic nahm seinen Mantel. »Ich werde Sie jetzt herunterbringen.«

»Das ist nicht nötig. Sagen Sie mir nur...« Sie zögerte und suchte nach Worten. »Vielleicht wissen Sie... was man tun muß... wenn...«

»Wenn?« fragte Ravic nach einer Weile.

»Wenn jemand gestorben ist«, stieß die Frau hervor und brach plötzlich zusammen. Sie weinte. Sie schluchzte nicht, sie weinte nur, fast ohne Laut.

Ravic wartete, bis sie ruhiger wurde. »Ist jemand gestorben?« Sie nickte. »Gestern abend?« Sie nickte wieder. »Haben Sie ihn getötet?« Die Frau starrte ihn an. »Was? Was sagen Sie da?« »Haben Sie es getan? Wenn Sie mich fragen, was Sie tun sollen, müssen Sie es mir sagen.« »Er ist gestorben!« schrie die Frau. »Plötzlich...« Sie verbarg ihr Gesicht. »War er krank?« fragte Ravic. »Ja.« »Hatten Sie einen Arzt?« »Ja... aber er wollte nicht ins Krankenhaus...«

»War der Arzt gestern da?«

»Nein. Vor drei Tagen. Er hat ihn... er schimpfte auf den Arzt und wollte ihn nicht mehr haben.«

»Hatten Sie keinen anderen danach?«

»Wir wußten keinen. Wir sind erst drei Wochen hier. Diesen hatte der Kellner uns besorgt... und er wollte ihn nicht mehr... er sagte... er glaubte, er könne es allein besser...«

»Was hat er gehabt?«

»Ich weiß es nicht. Der Arzt sagte Lungenentzündung... aber er glaubte es nicht... er sagte, alle Ärzte seien Betrüger... und es war auch besser gestern. Dann plötzlich...«

»Warum haben Sie ihn nicht in ein Hospital gebracht?«

»Er wollte nicht... er sagte... er... ich würde ihn betrügen, wenn er fort wäre... er... Sie kennen ihn nicht... es war nichts zu machen.«

»Liegt er noch im Hotel?«

»Ja.«

»Haben Sie dem Hotelbesitzer gemeldet, was geschehen ist?«

»Nein. Als er plötzlich still war... und alles so still... und seine Augen... da habe ich es nicht mehr ausgehalten und bin fortgelaufen.«

Ravic dachte an die Nacht. Er war einen Moment verlegen. Aber es war geschehen, und es war egal, für ihn und für die Frau. Besonders für die Frau. Es war alles egal für sie gewesen in dieser Nacht und nur das eine wichtig: daß sie überstand. Das Leben bestand aus mehr als aus sentimentalen Vergleichen. Die Nacht, als Lavigne gehört hatte, daß seine Frau tot war, hatte er im Hurenhaus verbracht. Die Huren hatten ihn gerettet; mit Priestern wäre er nicht durchgekommen. Wer das verstand, verstand es. Erklärungen dafür gab es nicht. Aber es gab Verpflichtungen dadurch.

Er nahm seinen Mantel. »Kommen Sie! Ich werde mit Ihnen gehen. War es Ihr Mann?«

»Nein«, sagte die Frau.

Der Patron des Hotels Verdun war dick. Er hatte kein Haar mehr auf dem Schädel, dafür aber einen gefärbten schwarzen Schnurrbart und schwarze, dichte Augenbrauen. Er stand im Eingangsraum, hinter ihm ein Kellner, ein Zimmermädchen und eine Kassiererin ohne Busen. Es war kein Zweifel, daß er bereits alles wußte. Er tobte auch sofort los, als er die Frau hereinkommen sah. Sein Gesicht verfärbte sich, er fuchtelte mit den fetten, kleinen Händen und strudelte Wut, Entrüstung und, wie Ravic sah, Erleichterung hervor. Als er bei Polizei, Fremden,Verdacht und Gefängnis war, unterbrach Ravic ihn.

»Sind Sie Provenzale?« fragte er ruhig.

Der Wirt stoppte. »Nein. Was soll das?« fragte er verblüfft.

»Nichts«, erwiderte Ravic. »Ich wollte Sie nur unterbrechen. Das geht am besten durch eine völlig sinnlose Frage. Sie würden sonst noch eine Stunde geredet haben.«

»Herr! Wer sind Sie? Was wollen Sie?«

»Das ist der erste vernünftige Satz, den Sie bisher gesagt haben.«

Der Wirt hatte sich gefaßt. »Wer sind Sie?« fragte er ruhiger, mit der Vorsicht, unter keinen Umständen einen einflußreichen Mann zu beleidigen.

»Der Arzt.«

Der Wirt sah keine Gefahr mehr. »Wir brauchen hier keinen Arzt mehr«, kollerte er aufs neue los. »Hier brauchen wir die Polizei.«

Er starrte Ravic und die Frau an. Er erwartete Angst, Protest und Bitten.

»Ein guter Gedanke.Warum ist sie nicht schon hier? Sie wissen doch schon seit einigen Stunden, daß der Mann tot ist.«

Der Patron erwiderte nichts. Er starrte Ravic nur weiter wütend an.

»Ich will es Ihnen sagen.« Ravic trat einen Schritt näher. »Weil Sie kein Aufsehen wollen Ihrer Gäste wegen. Es gibt eine Menge Leute, die ausziehen, wenn sie so etwas hören. Aber die Polizei wird kommen, das ist das Gesetz. Es liegt nur an Ihnen, es unauffällig zu machen. Das war auch gar nicht Ihre Sorge. Sie hatten Angst, daß man Ihnen durchgegangen sei und Ihnen alles überlassen hätte.

Das war unnötig. Außerdem hatten Sie Angst wegen Ihrer Rechnung. Sie werden bezahlt werden. Und jetzt möchte ich den Toten sehen. Ich werde dann für alles andere sorgen.«

Ravic ging an dem Wirt vorbei. »Welche Zimmernummer?« fragte er die Frau.

»Vierzehn.«

»Sie brauchen nicht mitzugehen. Ich kann das allein machen.«

»Nein. Ich möchte nicht hierbleiben.«

»Es ist einfacher, wenn Sie nichts mehr sehen.«

»Nein. Ich will nicht hierbleiben.«

»Gut. Wie Sie wollen.«

Das Zimmer war niedrig und lag nach der Straße. An der Tür drängten sich ein paar Zimmermädchen, Hausknechte und Kellner. Ravic schob sie beiseite. Der Raum hatte zwei Betten; in dem an der Wand lag der Mann. Er lag gelb und steif da wie eine Figur aus Kirchenwachs, mit krausen schwarzen Haaren, in einem roten Seidenpyjama. Die Hände waren zusammengelegt. Neben ihm auf dem Nachttisch stand eine kleine, billige, hölzerne Madonna, auf deren Gesicht Spuren von Lippenstift waren. Ravic nahm sie hoch, »made in Germany« stand auf dem Rücken eingedruckt. Ravic sah das Gesicht des Toten an; er hatte kein Lippenrouge auf den Lippen. Er sah auch nicht so aus. Die Augen waren halb offen; eines mehr als das andere — das gab dem Körper einen sehr gleichgültigen Ausdruck, als wäre er in einer ewigen Langeweile erstarrt.

Ravic beugte sich über ihn. Er musterte die Flaschen auf dem Tisch neben dem Bett und untersuchte den Körper. Keine Spur irgendeiner Gewalt. Er richtete sich auf. »Wie hieß der Arzt, der hier war?« fragte er die Frau. »Wissen Sie seinen Namen?«

»Nein.«

Er sah sie an. Sie war sehr blaß. »Setzen Sie sich einmal da herüber. Dort drüben auf den Stuhl in der Ecke. Und bleiben Sie dort sitzen. Ist der Kellner hier, der Ihnen den Arzt besorgt hat?«

Er blickte auf die Gesichter in der Tür. Auf allen lag der gleiche Ausdruck: Grauen und Gier. »François hat die Etage«, sagte die Scheuerfrau, die einen Besen wie einen Speer in der Hand hielt.

»Wo ist François?«

Ein Kellner drängte sich durch. »Wie hieß der Arzt, der hier war?« »Bonnet. Charles Bonnet.«

»Haben Sie seine Telefonnummer?«

Der Kellner kramte sie hervor. »Passy 27 43.«

»Gut.« Ravic sah, daß das Gesicht des Wirtes auftauchte. »Wir wollen jetzt einmal die Tür schließen. Oder haben Sie ein Interesse daran, daß man auch noch von der Straße hereinkommt?«

»Nein! ’raus! Alle ’raus! Was steht ihr überhaupt hier ’rum und stehlt die Zeit, die ich euch bezahle?«

Der Wirt trieb die Angestellten hinaus und schloß die Tür. Ravic nahm das Telefon ab. Er rief Veber an und sprach eine Weile mit ihm. Dann rief er die Passy-Nummer an. Bonnet war in seinem Sprechzimmer. Er bestätigte, was die Frau gesagt hatte. »Der Mann ist gestorben«, sagte Ravic. »Können Sie herüberkommen, den Totenschein ausstellen?«

»Der Mann hat mich herausgeworfen. In der beleidigendsten Weise.«

»Er wird Sie jetzt nicht mehr beleidigen.«

»Er hat mir mein Honorar nicht bezahlt. Dafür hat er mich einen habgierigen Kurpfuscher genannt.«

»Würden Sie kommen, damit man Ihnen die Rechnung bezahlt?«

»Ich kann jemand schicken.«

»Es ist besser, Sie kommen selbst. Sonst bekommen Sie Ihr Geld nie.«

»Gut«, sagte Bonnet nach einigem Zögern. »Aber ich unterschreibe nichts, ehe ich nicht bezahlt bin. Dreihundert Frank macht es.«

»Schön. Dreihundert Frank. Sie werden sie bekommen.«

Ravic hängte ab. »Tut mir leid, daß Sie das mit anhören mußten«, sagte er zu der Frau. »Es war nicht anders zu machen.Wir brauchen den Mann.« Die Frau holte bereits einige Scheine hervor. »Es macht nichts«, erwiderte sie. »So etwas ist nichts Neues für mich. Hier ist das Geld.«

»Warten Sie noch damit. Er kommt gleich. Sie können es ihm dann geben.«

»Können Sie den Totenschein nicht selbst ausstellen?« fragte die Frau.

»Nein«, sagte Ravic. »Dazu brauchen wir einen französischen Arzt. Am einfachsten den, der ihn behandelt hat.«

Als Bonnet die Tür hinter sich schloß, wurde es plötzlich still. Viel stiller, als wenn nur ein einzelner Mensch das Zimmer verlassen hätte. Der Autolärm von der Straße bekam etwas Blechernes, als pralle er gegen eine Wand schwerer Luft, durch die er nur mühsam sickerte. Nach dem Hin und Her der Stunde vorher begann der Tote jetzt zum ersten Male dazusein. Sein mächtiges Schweigen füllte den billigen Raum, und es war gleichgültig, ob er glänzend rote Seidenpyjamas trug — er herrschte, wie selbst ein toter Clown herrscht — weil er sich nicht mehr bewegte. Was lebte, bewegte sich — und was sich bewegte, konnte Kraft haben und Grazie und Lächerlichkeit — aber nicht die fremde Majestät dessen, das sich nie mehr bewegen, sondern nur noch zerfallen konnte. Das Vollendete allein hatte es — und der Mensch war nur im Tode vollendet — und nur für kurze Zeit. »Sie waren nicht verheiratet?« fragte Ravic. »Nein. Warum?« »Das Gesetz. Die Hinterlassenschaft. Die Polizei wird eine Aufstellung darüber machen, was Ihnen und was ihm gehört. Was Ihnen gehört, behalten Sie. Was ihm gehört, wird von der Polizei festgehalten. Für Angehörige, die sich melden sollten. Hat er welche?«

»Nicht in Frankreich.«

»Sie haben mit ihm gelebt?«

Die Frau antwortete nicht.

»Lange?«

»Zwei Jahre.«

Ravic sah sich um. Haben Sie keine Koff er?«

»Doch... sie waren hier... dort, drüben an der Wand. Gestern abend noch.«

»Aha, der Wirt.« Ravic öffnete die Tür. Die Putzfrau mit dem Besen prallte zurück. »Mutter«, sagte er, »für Ihr Alter sind Sie zu neugierig. Rufen Sie den Wirt.«

Die Putzfrau wollte protestieren.

»Sie haben recht«, unterbrach Ravic. »In Ihrem Alter hat man nur noch die Neugier. Aber rufen Sie den Wirt.«

Die Alte muffelte etwas, schob den Besen vor sich her und entschwand.

»Es tut mir leid«, sagte Ravic. »Doch es hilft nichts. Es mag roh aussehen, aber wir müssen es besser jetzt gleich machen. Es ist einfacher, wenn Sie es im Augenblick vielleicht auch nicht verstehen.«

»Ich verstehe es«, sagte die Frau.

Ravic sah sie an.

»Sie verstehen es?« »Ja.«

Der Wirt kam herein, einen Zettel in der Hand. Er klopfte nicht an.

»Wo sind die Koffer?« fragte Ravic.

»Zuerst einmal die Rechnung. Hier. Erst wird die Rechnung bezahlt.«

»Zuerst einmal die Koffer. Niemand hat sich bis jetzt geweigert, die Rechnung zu bezahlen. Das Zimmer ist noch immer vermietet. Das nächste Mal klopfen Sie an, wenn Sie hereinkommen. Geben Sie die Rechnung her, und lassen Sie die Koffer bringen.«

Der Wirt starrte ihn wütend an. »Sie werden Ihr Geld bekommen«, sagte Ravic.

Der Patron zog ab. Er warf die Tür hinter sich zu.

»Ist Geld in den Koffern?« fragte Ravic die Frau.

»Ich... nein, ich glaube nicht.«

»Wissen Sie, wo es ist? In seinem Anzug? Oder war keins da?«

»Er hatte Geld in seiner Brieftasche.«

»Wo ist sie?«

»Unter...« Die Frau zögerte. »Unter seinem Kopfkissen hatte er sie meistens.«

Ravic stand auf. Er hob vorsichtig das Kopfkissen mit dem Kopf des Toten und holte darunter eine lederne schwarze Brieftasche hervor. Er gab sie der Frau. »Nehmen Sie das Geld heraus und alles, was wichtig für Sie ist. Rasch. Es ist keine Zeit für Sentimentalität. Sie müssen leben. Zu was sonst ist es nütze? Soll es bei der Polizei verschimmeln?«

Er blickte eine Minute aus dem Fenster. Ein Lastwagenchauffeur beschimpfte auf der Straße einen Kutscher mit einem von zwei Pferden gezogenen Grünkramwagen. Er beschimpfte ihn mit der vollen Überlegenheit, die ein schwerer Motor verleiht. Ravic wandte sich um. »Fertig?«

»Ja.«

»Geben Sie mir die Brieftasche wieder zurück.« Er schob sie unter das Kissen. Er fühlte, daß sie dünner war als vorher. »Packen Sie die Sachen in Ihre Handtasche«, sagte er.

Sie tat es gehorsam. Ravic nahm die Rechnung und sah sie durch. »Haben Sie hier schon einmal eine Rechnung bezahlt?« »Ich weiß es nicht. Ich glaube schon.«

»Dies ist eine Rechnung für zwei Wochen. Bezahlte...« Ravic zögerte einen Moment. Es schien ihm sonderbar, von dem Toten als Herrn Raszinsky zu sprechen. »Wurden die Rechnungen immer pünktlich bezahlt?«

»Ja, immer. Er sagte oft, daß... in seiner Lage es wichtig wäre, immer pünktlich da zu zahlen, wo man müßte.«

»Dieser Halunke von Wirt! Haben Sie eine Ahnung, wo die letzte Rechnung sein kann?«

Es klopfte. Ravic konnte sich nicht enthalten zu lächeln. Der Hausknecht brachte die Koffer herein. Der Wirt folgte ihm.

»Sind das alle?« fragte Ravic die Frau.

»Ja.«

»Natürlich sind das alle«, grunzte der Wirt. »Was dachten Sie denn?«

Ravic nahm einen kleinen Koffer. »Haben Sie einen Schlüssel dazu? Nein? Wo können die Schlüssel sein?« »Im Schrank. In seinem Anzug.«

Ravic öffnete den Schrank. Er war leer. »Nun?« fragte er den Wirt.

Der Wirt wandte sich an den Valet: »Nun?« fauchte er.

»Der Anzug ist draußen«, stotterte der Valet.

»Warum?«

»Zum Bürsten und Reinigen.«

»Das braucht er wohl nicht mehr«, sagte Ravic.

»Bring ihn sofort herein, verdammter Dieb«, schnauzte der Wirt.

Der Hausdiener gab ihm einen kuriosen, zwinkernden Blick und ging. Gleich darauf brachte er den Anzug herein. Ravic schüttelte das Jackett, dann die Hose. Es klirrte in der Hose. Ravic zögerte einen Moment. Sonderbar, in die Hosentasche eines toten Mannes zu greifen. Als wäre der Anzug mitgestorben. Und sonderbar, so zu denken. Ein Anzug war ein Anzug.

Er nahm die Schlüssel heraus und öffnete die Koffer. Obenauf lag eine Segeltuchmappe. »Ist es diese?« fragte er die Frau. Sie nickte.

Ravic fand die Rechnung sofort. Sie war quittiert. Er zeigte sie dem Wirt. »Sie haben eine Woche zuviel gerechnet.«

»So?« schnappte der Patron zurück. »Und dann der Ärger? Die Schweinerei? Die Aufregung? Das ist wohl nichts, was? Daß ich meine Galle wieder fühle, das ist wohl inbegriffen, wie? Sie haben ja selbst gesagt, daß Gäste ausziehen werden! Der Schaden ist viel höher! Und das Bett? Das Zimmer, das ausgeschwefelt werden muß? Das Bettuch, das verdreckt ist?«

»Das Bettuch ist auf der Rechnung. Außerdem ein Diner für fünfundzwanzig Frank, das er gestern abend noch gegessen haben soll. Haben Sie etwas gegessen gestern?« fragte er die Frau.

»Nein. Aber kann ich es nicht einfach bezahlen? Es ist... ich möchte es rasch erledigen.«

Rasch erledigen, dachte Ravic. Wir kennen das. Und dann — die Stille und der Tote. Die Keulenschläge des Schweigens. Besser so — wenn es auch scheußlich ist. Er nahm einen Bleistift vom Tisch und rechnete. Dann gab er die Rechnung an den Wirt zurück.

»Einverstanden?«

Der Patron warf einen Blick auf die Endziffer. »Ich bin doch nicht verrückt?«

»Einverstanden?« fragte Ravic noch einmal.

»Wer sind Sie überhaupt? Was mischen Sie sich hier ein?«

»Ich bin der Bruder«, sagte Ravic. »Einverstanden?«

»Plus zehn Prozent Service und Steuer. Sonst nicht.«

»Gut.« Ravic fügte die Zahl hinzu. »Sie haben zweihundertzweiundneunzig Frank zu zahlen«, sagte er zu der Frau.

Sie nahm drei Hundert-Frank-Scheine aus der Tasche und gab sie dem Wirt, der sie nahm und sich zum Gehen wandte. »Um sechs Uhr muß das Zimmer geräumt sein. Sonst rechnet es für einen andern Tag.«

»Acht Frank zurück«, sagte Ravic.

»Und der Concierge?«

»Den zahlen wir selbst. Die Trinkgelder auch.«

Der Wirt zahlte mürrisch acht Frank auf den Tisch. »Sales etrangers«, murmelte er und verließ das Zimmer.

»Der Stolz mancher französischer Hoteliers besteht darin, daß sie die Fremden hassen, von denen sie leben.« Ravic bemerkte den Hausknecht, der mit einem Trinkgeldgesicht noch an der Tür stand. »Hier...«

Der Valet besah den Schein zuerst. »Merci, Monsieur«, erklärte er dann und ging.

»Jetzt kommt noch die Polizei, und dann kann er abgeholt werden«, sagte Ravic und sah die Frau an. Sie saß still in der Ecke zwischen den Koffern in der leise einfallenden Dämmerung. »Wenn man tot ist, ist man sehr wichtig... wenn man lebt, kümmert sich niemand.«

Er sah die Frau noch einmal an. »Wollen Sie nicht hinuntergehen? Es muß unten so etwas wie ein Schreibraum sein.« Sie schüttelte den Kopf.

»Ich kann mit Ihnen gehen. Ein Freund von mir kommt her, um die Sache mit der Polizei zu erledigen. Doktor Veber. Wir können unten auf ihn warten.«

»Nein. Ich möchte hierbleiben.«

»Sie können nichts tun. Warum wollen Sie hierbleiben?«

»Ich weiß nicht. Er... wird nicht mehr lange dasein. Und ich bin oft... er war nicht glücklich mit mir. Ich war oft fort. Jetzt will ich hierbleiben.«

Sie sagte das ruhig, ohne Sentimentalität.

»Er weiß nichts mehr davon«, sagte Ravic.

»Das ist es nicht...«

»Gut. Dann werden Sie hier etwas trinken. Sie brauchen das.«

Ravic wartete nicht auf Antwort. Er klingelte. Der Kellner erschien überraschend schnell. »Bringen Sie zwei große Kognaks.«

»Hierher?« — »Ja. Wohin sonst?«

»Sehr wohl, mein Herr.«

Der Kellner brachte zwei Gläser und eine Flasche Courvoisier. Er blickte in die Ecke, wo das Bett weiß in der Dämmerung schimmerte. »Soll ich Licht machen?« fragte er.

»Nein. Aber Sie können die Flasche hierlassen.«

Der Kellner stellte das Tablett auf den Tisch und verschwand mit einem zweiten Blick auf das Bett, so rasch er konnte.

Ravic nahm die Flasche und goß die Gläser voll. »Trinken Sie das. Es wird Ihnen guttun.« Er erwartete, daß die Frau sich weigern würde und er ihr zureden müsse. Aber sie trank das Glas ohne Zögern aus.

»Ist in den Koffern, die Ihnen nicht gehören, noch etwas Wichtiges?«

»Nein.«

»Etwas, das Sie behalten möchten. Das nützlich für Sie ist? Wollen Sie nicht nachsehen?«

»Nein. Es ist nichts drin. Ich weiß es.«

»Auch nicht in dem kleinen Koffer?«

»Vielleicht. Ich weiß nicht, was er darin hatte.«

Ravic nahm den Koffer, stellte ihn auf einen Tisch am Fenster und öffnete ihn. Ein paar Flaschen; etwas Wäsche; ein paar Notizbücher; ein Kasten mit Wasserfarben; einige Pinsel, ein Buch; in einem Seitenfach der Segeltuchmappe, in Seidenpapier gewickelt, zwei Geldscheine. Er hielt sie gegen das Licht. »Hier sind hundert Dollar«, sagte er. »Nehmen Sie das. Davon können Sie eine Zeitlang leben. Den Koffer werden wir zu den Ihren stellen. Er kann ebensogut Ihnen gehört haben.«

»Danke«, sagte die Frau.

»Es ist möglich, daß Sie das alles jetzt scheußlich finden. Aber es muß getan werden. Es ist wichtig für Sie. Es gibt Ihnen ein Stück Zeit.«

»Ich finde es nicht scheußlich. Ich hätte es nur nicht selbst tun können.«

Ravic schenkte die Gläser voll. »Trinken Sie das noch.«

Sie trank das Glas langsam aus. »Besser?« fragte er.

Sie sah ihn an. »Nicht besser und nicht schlechter. Gar nichts.«

Sie saß undeutlich in der Dämmerung. Manchmal huschte der rote Schein einer Leuchtreklame über ihr Gesicht und ihre Hände. »Ich kann nichts denken«, sagte sie, »solange er da ist.«

Die beiden Ambulanzgehilfen schlugen die Decke zurück und schoben die Bahre neben das Bett. Dann hoben sie den Körper hinüber. Sie taten es rasch und geschäftsmäßig. Ravic stand dicht neben der Frau für den Fall, daß sie ohnmächtig werden würde. Bevor die Gehilfen den Körper zudeckten, bückte er sich und nahm die kleine hölzerne Madonna vom Nachttisch. »Ich glaubte, das gehört Ihnen«, sagte er. »Wollen Sie es nicht behalten?«

»Nein.«

Er gab ihr die Figur. Sie nahm sie nicht. Er öffnete den kleinen Koffer und legte sie hinein.

Die Ambulanzgehilfen deckten ein Tuch über den Leichnam. Dann hoben sie die Bahre auf. Die Tür war schmal, und der Korridor draußen war nicht breit. Sie versuchten hindurchzukommen, aber es war unmöglich. Die Bahre stieß an.

»Wir müssen ihn herunternehmen«, sagte der ältere. »Wir kommen nicht um die Ecke mit ihm.«

Er sah Ravic an. »Kommen Sie«, sagte Ravic zu der Frau. »Wir können unten warten.«

Die Frau schüttelte den Kopf.

»Gut«, sagte er zu den Gehilfen. »Tun Sie, was nötig ist.«

Die beiden hoben den Körper an den Füßen und an den Schultern auf und legten ihn auf den Fußboden. Ravic wollte etwas sagen. Er sah die Frau an. Sie rührte sich nicht. Er schwieg. Die Gehilfen trugen die Bahre hinaus. Dann kamen sie in die Dämmerung zurück und holten den Körper in den trübe beleuchteten Korridor. Ravic ging ihnen nach. Sie mußten den Körper sehr hoch heben, um die Treppe zu passieren. Ihre Köpfe schwollen an und wurden rot und feucht unter dem Gewicht, und der Tote schwebte über ihnen. Ravic sah ihnen nach, bis sie unten waren. Dann ging er zurück.

Die Frau stand am Fenster und sah hinaus. Auf der Straße das Auto. Die Gehilfen schoben die Bahre hinein wie ein Bäcker Brot in einen Ofen. Dann kletterten sie auf die Sitze, der Motor heulte auf, als schrie jemand aus der Erde, und der Wagen schoß in einer scharfen Kurve um die Ecke.

Die Frau drehte sich um. »Sie hätten vorher weggehen sollen«, sagte Ravic. »Wozu mußte sie das letzte noch sehen?«

»Ich konnte nicht. Ich konnte nicht von ihm gehen. Verstehen Sie das nicht?«

»Ja. Kommen Sie. Trinken Sie noch ein Glas.«

»Nein.«

Veber hatte den Lichtschalter angedreht, als die Polizei und die Ambulanz kamen. Der Raum erschien jetzt größer, seit der Körper fort war. Größer und sonderbar tot, als wäre der Körper fortgegangen und der Tod allein geblieben.

»Wollen Sie hier im Hotel bleiben? Doch sicher nicht?«

»Nein.«

»Haben Sie Bekannte hier?«

»Nein. Niemand.«

»Wissen Sie ein Hotel, in das Sie möchten?«

»Nein.«

»In der Nähe ist ein kleines Hotel, ähnlich wie dieses. Sauber und ehrlich.Wir könnten dort etwas für Sie finden. Hotel Milan.«

»Kann ich nicht in das Hotel gehen, wo ...? In Ihr Hotel?«

»Ins International?«

»Ja. Ich... es ist... ich kenne es nun schon etwas. Es ist besser als ein ganz unbekanntes.«

»Das International ist kein gutes Hotel für Frauen«, sagte Ravic. Das fehlte noch, dachte er. Im selben Hotel. Ich bin kein Krankenwärter. Und dann — vielleicht dachte sie, er hätte bereits eine Verpflichtung. Es gab das. »Ich kann Ihnen nicht dazu raten«, sagte er schroffer, als er gewollt hatte. »Es ist immer überfüllt. Mit Refugiés. Besser, Sie gehen zum Hotel Milan. Wenn es Ihnen nicht gefällt, können Sie es ja immer noch wechseln.«

Die Frau sah ihn an. Er hatte das Gefühl, daß sie wußte, was er dachte, und er war beschämt. Aber es war besser, einen Augenblick beschämt zu sein und dafür später Ruhe zu haben.

»Gut«, sagte die Frau. »Sie haben recht.«

Ravic ließ die Koffer hinunter in ein Taxi bringen. Das Hotel Milan war nur wenige Minuten entfernt. Er mietete ein Zimmer und ging mit der Frau hinauf. Es war ein Raum im zweiten Stock mit einer Tapete mit Rosengirlanden, einem Bett, einem Schrank und einem Tisch mit zwei Stühlen.

»Ist das genug?« fragte er.

»Ja. Sehr gut.«

Ravic musterte die Tapete. Sie war schauderhaft. »Es scheint immerhin hell zu sein«, sagte er. »Hell und sauber.«

»Ja.«

Die Koffer wurden heraufgebracht. »So, jetzt haben Sie alles hier.«

»Ja. Danke. Danke vielmals.«

Die Frau saß auf dem Bett. Ihr Gesicht war sehr blaß und verwaschen. »Sie sollten schlafen gehen. Glauben Sie, daß Sie es können?«

»Ich werde es versuchen.«

Ravic zog eine Aluminiumröhre aus der Tasche und schüttelte ein paar Tabletten heraus. »Hier ist etwas zum Schlafen. Mit einem Glas Wasser. Wollen Sie es jetzt nehmen?«

»Nein, später.«

»Gut. Ich werde jetzt gehen. In den nächsten Tagen werde ich nach Ihnen fragen. Versuchen Sie, sobald wie möglich zu schlafen. Hier ist die Adresse des Beerdigungsinstituts, wenn Sie noch etwas zu tun haben. Gehen Sie nicht hin. Denken Sie an sich. Ich werde nach Ihnen fragen.« Ravic zögerte einen Moment. »Wie heißen Sie?« fragte er.

»Madou. Joan Madou.«

»Joan Madou. Gut. Ich werde das behalten.« Er wußte, daß er es nicht behalten würde und daß er nicht nachfragen würde. Aber da er es wußte, wollte er den Schein aufrechterhalten. »Ich werde es doch lieber aufschreiben«, sagte er und zog einen Rezeptblock aus der Tasche. »Hier — wollen Sie es selbst schreiben? Es ist einfacher.«

Sie nahm den Block und schrieb ihren Namen. Er blickte darauf, riß das Blatt ab und steckte es in die Seitentasche seines Mantels. »Gehen Sie gleich schlafen«, sagte er. »Morgen sieht alles anders aus. Es klingt albern und abgegriffen, aber es ist wahr; alles, was Sie jetzt brauchen, ist Schlaf und etwas Zeit. Eine gewisse Zeit, die Sie überstehen müssen. Wissen Sie das?«

»Ja, ich weiß es.«

»Nehmen Sie die Tabletten und schlafen Sie.«

»Ja. Danke. Danke für alles — ich weiß nicht, was ich getan hätte ohne Sie. Ich weiß es wirklich nicht.«

Sie gab ihm die Hand. Sie war kühl, aber sie hatte einen festen Druck. Gut, dachte er. Etwas von einem Entschluß ist schon da.

Ravic trat auf die Straße hinaus. Er atmete den Wind, der feucht und weich war. Automobile, Menschen, ein paar fremde Huren bereits an den Ecken, Brasserien, Bistros, der Geruch nach Tabak, Aperitifs und Benzin — schwankendes, rasches Leben. Er blickte die Hausfront hinauf. Ein paar erleuchtete Fenster. Hinter einem davon saß jetzt die Frau und starrte vor sich hin. Er zog den Zettel mit dem Namen aus der Tasche, zerriß ihn und warf ihn fort. Vergessen. Welch ein Wort. Voll von Grauen, Trost und Gespensterei! Wer konnte leben, ohne zu vergessen? Aber wer konnte genug vergessen? Die Schlacken der Erinnerung, die das Herz zerrissen. Erst wenn man nichts mehr hatte, für das man lebte, war man frei.

Er ging zum Etoile. Eine große Menschenmenge füllte den Platz. Hinter dem Arc de Triomphe waren Scheinwerfer. Sie beleuchteten das Grab des Unbekannten Soldaten. Eine riesige blauweißrote Fahne wehte darüber im Winde. Es war der zwanzigste Jahrestag des Waffenstillstandes von 1918.

Der Himmel war bedeckt, und die Strahlen der Scheinwerfer warfen den Schatten der Fahne matt, verwischt und zerrissen gegen die ziehenden Wolken. Es sah aus, als versinke dort ein zerfetztes Banner in der langsam tiefer werdenden Dunkelheit. Eine Militärkapelle spielte irgendwo. Es klang dünn und blechern. Niemand sang. Die Menge stand schweigend. »Waffenstillstand«, sagte eine Frau neben Ravic. »Mein Mann ist im letzten Krieg gefallen. Jetzt ist mein Sohn dran. Waffenstillstand. Wer weiß, was noch kommen wird...«

4

Die Fiebertabelle über dem Bett war neu und leer. Nur der Name stand darauf. Lucienne Martinet. Butte Chaumont, Rue Clavel.

Das Mädchen lag grau in den Kissen. Es war am Abend vorher operiert worden. Ravic prüfte vorsichtig das Herz. Dann richtete er sich auf. »Besser«, sagte er. »Die Blutübertragung hat ein kleines Wunder gewirkt. Wenn sie bis morgen durchhält, hat sie eine Chance.«

»Gut«, sagte Veber. »Gratuliere. Es sah nicht so aus. Hundertvierzig Puls und achtzig Blutdruck! Coffein, Coramin — das war verdammt nahe daran.«

Ravic zuckte die Achseln. »Da ist nichts zu gratulieren. Sie ist früher gekommen als die andere. Die mit der Goldkette um den Fuß. Das ist alles.«

Er deckte das Mädchen zu. »Das ist der zweite Fall in einer Woche.Wenn es so weitergeht, werden Sie noch eine Klinik für verpfuschte Aborte in der Butte Chaumont.War die andere nicht auch daher?«

Veber nickte. »Ja, auch von der Rue Clavel. Kannten sich wahrscheinlich und waren bei derselben Hebamme. Kam sogar um dieselbe Zeit, abends, wie die andere. Gut, daß ich Sie noch im Hotel erreicht habe. Dachte schon, Sie wären nicht mehr da.«

Ravic sah ihn an. »Wenn man im Hotel wohnt, ist man meistens abends nicht da, Veber — Hotelzimmer im November sind nichts besonders Trostvolles.«

»Das kann ich mir vorstellen. Aber weshalb wohnen Sie dann eigentlich immer im Hotel?«

»Es ist bequem und unpersönlich. Man ist allein und doch nicht allein.«

»Wollen Sie das?«

»Ja.«

»Das können Sie anderswie doch auch.Wenn Sie sich ein kleines Appartement mieten, haben Sie es doch ebenso.«

»Vielleicht.« Ravic beugte sich über das Mädchen.

»Finden Sie nicht auch, Eugenie?« fragte Veber.

Die Operationsschwester blickte auf. »Herr Ravic wird das nie tun«, sagte sie kalt.

»Doktor Ravic, Eugenie«, korrigierte Veber. »Er war Chefchirurg eines großen Hospitals in Deutschland. Viel mehr als ich.«

»Hier...«, begann die Schwester und rückte ihre Brille zurecht.

Veber winkte rasch ab. »Gut! Gut! Wir wissen das alles. Hier erkennt der Staat keine ausländischen Examen an. Blödsinnig genug! Aber woher wissen Sie so genau, daß er kein Appartement nehmen wird?«

»Herr Ravic ist ein verlorener Mensch; er wird nie ein Heim gründen.«

»Was?« fragte Veber verblüfft. »Was reden Sie da?«

»Herrn Ravic ist nichts mehr heilig. Das ist der Grund.«

»Bravo«, sagte Ravic vom Bett des Mädchens her.

»Hat man so etwas schon mal gehört?« Veber starrte Eugenie an.

»Fragen Sie ihn nur selbst, Doktor Veber.«

Ravic richtete sich auf. »Sie haben ins Schwarze getroffen, Eugenie. Aber wenn einem nichts mehr heilig ist, wird einem alles auf eine menschlichere Weise wieder heilig. Man verehrt den Funken Leben, der selbst in einem Regenwurm pulst und ihn ab und zu ans Licht treibt. Das soll kein Vergleich sein.«

»Sie können mich nicht treffen. Sie haben keinen Glauben.« Eugenie strich sich energisch den weißen Kittel über der Brust zurecht. »Ich habe gottlob meinen Glauben.«

Ravic griff nach seinem Mantel. »Glaube macht leicht fanatisch. Deshalb haben alle Religionen so viel Blut gekostet.« Er grinste offen. »Toleranz ist die Tochter des Zweifels, Eugenie. Sind Sie mit all Ihrem Glauben nicht viel aggressiver gegen mich als ich verlorener Ungläubiger gegen Sie?«

Veber lachte. »Da haben Sie es, Eugenie. Antworten Sie nicht. Es wird nur noch schlimmer!«

»Meine Würde als Frau...«

»Gut!« unterbrach Veber sie. »Bleiben Sie dabei!« Das ist immer gut. Ich muß jetzt fort. Habe noch im Büro zu tun. Kommen Sie, Ravic. Guten Morgen, Eugenie.«

»Guten Morgen, Doktor Veber.«

»Guten Morgen, Schwester Eugenie«, sagte Ravic.

»Guten Morgen«, erwiderte Eugenie mühsam und erst, nachdem Veber sich nach ihr umgesehen hatte.

Vebers Büro war vollgestopft mit Möbeln aus der Empirezeit; weiß, golden und zerbrechlich. Über dem Schreibtisch hingen Fotografien seines Hauses und seines Gartens. An der Längswand stand eine breite, moderne Chaiselongue.Veber schlief darauf, wenn er nachts einmal dablieb. Die Klinik gehörte ihm.

»Was wollen Sie trinken, Ravic? Kognak oder Dubonnet?«

»Kaffee, wenn Sie noch welchen da haben.«

»Natürlich.«

Veber stellte die Maschine auf den Schreibtisch und schaltete den Kontakt ein. Dann wandte er sich an Ravic.

»Können Sie mich heute nachmittag in der ›Osiris‹ vertreten?«

»Selbstverständlich.«

»Macht es Ihnen nichts?«

»Nicht das geringste. Ich habe nichts vor.«

»Gut. Ich brauche dann nicht extra wieder hereinzufahren. Kann in meinem Garten arbeiten. Ich hätte Fauchon gefragt, aber er ist in Urlaub.«

»Unsinn«, sagte Ravic. »Ich habe es doch schon oft genug gemacht.«

»Das ist richtig. Immerhin...«

»Immerhin gibt es heutzutage nicht mehr. Nicht für mich.«

»Ja. Idiotisch genug, daß ein Mann mit Ihrem Können hier nicht offiziell arbeiten darf und sich als schwarzer Chirurg verstecken muß.«

»Aber Veber! Das ist doch schon eine alte Geschichte. Geht ja allen Ärzten so, die aus Deutschland geflüchtet sind.«

»Trotzdem! Es ist lächerlich! Sie machen Durants schwierigste Operationen, und er macht sich einen Namen damit.«

»Besser, als wenn er sie selbst machte.«

Veber lachte.

»Ich sollte nicht reden. Sie machen meine ja auch. Aber schließlich bin ich hauptsächlich Frauenarzt und kein Spezialist als Chirurg.«

Die Kaffeemaschine begann zu pfeifen. Veber stellte sie ab. Er holte Tassen aus einem Schrank und goß den Kaffee ein. »Eines verstehe ich nicht, Ravic«, sagte er. »Weshalb wohnen Sie wirklich noch immer in dieser Bude, dem ›International‹. Warum mieten Sie sich nicht eines dieser neuen Appartements in der Nähe des Bois? Ein paar Möbel können Sie überall billig kaufen. Dann wissen Sie doch wenigstens, was Sie haben.«

»Ja«, sagte Ravic. »Dann wüßte ich, was ich hätte.«

»Na also, warum tun Sie es nicht?«

Ravic trank einen Schluck Kaffee. Er war bitter und sehr stark. »Veber«, sagte er, »Sie sind ein prächtiges Beispiel für die Krankheit unserer Zeit: bequemes Denken. In einem Atemzug bedauern Sie, daß ich illegal hier arbeiten muß, und gleichzeitig fragen Sie mich, warum ich kein Appartement miete.«

»Was hat das eine mit dem andern zu tun?«

Ravic lachte ungeduldig. »Wenn ich ein Appartement nehme, muß ich bei der Polizei angemeldet werden. Dazu brauche ich einen Paß und ein Visum.«

»Richtig. Daran habe ich nicht gedacht. Und im Hotel?«

»Da auch. Aber es gibt gottlob einige Hotels in Paris, die es mit dem Anmelden nicht so genau nehmen.« Ravic goß einen Schluck Kognak in seinen Kaffee. »Eines davon ist das ›International‹. Deshalb wohne ich da. Wie die Wirtin das arrangiert, weiß ich nicht. Sie muß gute Verbindungen haben. Entweder weiß die Polizei es wirklich nicht, oder sie wird geschmiert. Auf jeden Fall wohne ich schon ziemlich lange ungestört da.«

Veber lehnte sich zurück. »Ravic«, sagte er, »ich wußte das nicht. Ich dachte nur, Sie dürften hier nicht arbeiten. Das ist ja eine verdammte Situation.«

»Es ist ein Paradies, verglichen mit einem deutschen Konzentrationslager.«

»Und die Polizei? Wenn sie doch einmal kommt?«

»Wenn sie uns erwischt, gibt es ein paar Wochen Gefängnis und Ausweisung über die Grenze. Meistens in die Schweiz. Im Wiederholungsfalle sechs Monate Gefängnis.«

»Was?«

»Sechs Monate«, sagte Ravic.

Veber starrte ihn an. »Aber das ist doch unmöglich. Das ist ja unmenschlich.«

»Das dachte ich auch, bis ich es lernte.«

»Wieso lernte? Ist Ihnen denn das schon einmal passiert?«

»Nicht einmal. Dreimal. Ebenso wie hundert andern auch. Im Anfang, als ich noch nichts davon wußte und auf die sogenannte Humanität vertraute. Bevor ich nach Spanien ging — wo ich keinen Paß brauchte — und eine zweite Lektion in angewandter Humanität erhielt. Von deutschen und italienischen Fliegern. Später, als ich dann wieder hierher zurückkam, wußte ich natürlich Bescheid.«

Veber stand auf. »Aber um Himmels willen...« Er rechnete. »Dann sind Sie ja über ein Jahr für nichts im Gefängnis gewesen.«

»Nicht so lange. Nur zwei Monate.«

»Wieso? Sie sagten doch, im Wiederholungsfalle wären es schon sechs Monate?«

Ravic lächelte. »Es gibt eben keinen Wiederholungsfall, wenn man Erfahrung hat. Man wird unter einem Namen ausgewiesen und kommt einfach unter einem andern zurück. Möglichst an einer anderen Stelle der Grenze. So vermeidet man das. Da wir keine Papiere haben, ist das nur nachzuweisen, wenn jemand uns persönlich wiedererkennt. Das ist sehr selten. Ravic ist bereits mein dritter Name. Ich habe ihn seit fast zwei Jahren. Nichts passiert seitdem. Scheint mir Glück zu bringen. Gewinne ihn täglich lieber. Meinen wirklichen habe ich schon fast vergessen.«

Veber schüttelte den Kopf. »Und das alles nur, weil Sie kein Nazi sind.«

»Natürlich. Nazis haben erstklassige Papiere. Und sämtliche Visa, die sie wollen.«

»Schöne Welt, in der wir leben! Daß die Regierung da nichts tut.«

»Die Regierung hat einige Millionen Arbeitslose, für die sie zuerst sorgen muß. Außerdem ist das nicht nur in Frankreich so. Es ist überall dasselbe.« Ravic stand auf. »Adieu, Veber. In zwei Stunden werde ich wieder nach dem Mädchen sehen. Nachts auch noch einmal.«

Veber kam ihm nach zur Tür. »Hören Sie, Ravic«, sagte er, »kommen Sie doch einmal abends zu uns heraus. Zum Essen.«

»Bestimmt.« Ravic wußte, daß er nicht gelten würde. »In der nächsten Zeit. Adieu, Veber.«

»Adieu, Ravic. Und kommen Sie wirklich.«

Ravic ging ins nächste Bistro. Er setzte sich an ein Fenster, um auf die Straße blicken zu können. Er liebte das — gedankenlos dazusitzen und die Leute draußen vorbeigehen zu sehen. Paris war die Stadt, wo man mit nichts seine Zeit am besten verbringen konnte.

Der Kellner wischte den Tisch ab und wartete. »Einen Pernod«, sagte Ravic.

»Mit Wasser, mein Herr?«

»Nein. Warten Sie!« Ravic besann sich. »Bringen Sie mir keinen Pernod.«

Es war da etwas, das er wegspülen mußte. Ein bitterer Geschmack. Dazu war das süße Anis-Zeug nicht scharf genug.

»Einen Calvados«, sagte er zu dem Kellner. »Einen doppelten Calvados.«

»Gut, mein Herr.«

Es war die Einladung Vebers. Diese Spur von Mitleid darin. Jemand einmal einen Abend in der Familie möglich machen. Franzosen luden Freunde nur selten in ihre Häuser ein; sie erledigten das lieber in Restaurants. Er war noch nie bei Veber gewesen. Es war gut gemeint, aber man vertrug das schlecht. Gegen Beleidigungen konnte man sich wehren; gegen Mitleid nicht.

Er nahm einen Schluck von dem Apfelschnaps. Wozu hatte er Veber erklärt, warum er im International wohnte? Es war nicht nötig gewesen. Veber wußte, was er wissen mußte. Er wußte, daß Ravic nicht operieren durfte, das war genug. Daß er trotzdem mit ihm arbeitete, war seine Sache. Er verdiente dabei und konnte Operationen annehmen, die er sich nicht allein zu machen getraute. Niemand wußte davon — nur er und die Operationsschwester —; und die hielt dicht. Mit Durant war es dasselbe. Nur zeremonieller. Wenn der eine Operation hatte, blieb er bei dem Patienten, bis er narkotisiert war. Erst dann kam Ravic und machte die Operation, zu der Durant zu alt und zu unfähig war. Wenn der Patient dann später erwachte, erschien Durant wieder an seinem Bett als stolzer Operateur. Ravic sah den Patienten nur zugedeckt; er kannte von ihm nur die schmale, jodbraune Stelle Körper, die offen war für die Operation. Er wußte oft nicht einmal, wen er operierte. Durant gab ihm die Diagnose, und er begann zu schneiden. Er zahlte Ravic weniger als ein Zehntel dessen, was er selbst für die Operation bekam. Ravic hatte nichts dagegen. Es war immer noch besser, als nicht zu operieren. Mit Veber arbeitete er mehr kameradschaftlich. Veber zahlte ihm ein Viertel. Das war fair.

Ravic blickte durch das Fenster. Und sonst? Es war nicht viel, was übriggeblieben war. Er lebte, das war genug. Es lag ihm nichts daran in einer Zeit, wo alles schwankte, etwas aufzubauen, das in kurzer Zeit wieder zusammenstürzen mußte. Es war besser, zu treiben, als Kraft zu verschwenden, sie war das einzige, was unersetzbar war. Überstehen war alles, bis irgendwo wieder ein Ziel sichtbar wurde. Je weniger Kraft man dazu anwandte, um so besser; man hatte sie dann nachher. Ameisenhaft immer wieder in einem zusammenbrechenden Jahrhundert eine bürgerliche Existenz aufbauen zu wollen — das war das, woran er viele hatte scheitern sehen. Es war rührend, heroisch und lächerlich in einem — und nutzlos. Es machte mürbe. Eine Lawine war nicht aufzuhalten, wenn sie im Rollen war — wer es versuchte, kam darunter. Besser abzuwarten und später die Verschütteten auszugraben. Wenn viel marschiert wurde, mußte man leichtes Gepäck haben. Auf der Flucht auch...

Ravic blickte auf seine Uhr. Es war Zeit, nach Lucienne Martinet zu sehen. Und danach für das »Osiris«.

Die Huren im »Osiris« warteten schon. Sie wurden zwar regelmäßig von einem Amtsarzt untersucht; aber der Besitzerin war das nicht genug. Sie konnte sich nicht leisten, daß sich jemand in ihrem Lokal ansteckte, deshalb hatte sie mit Veber ein Abkommen getroffen, daß die Mädchen jeden Donnerstag noch einmal privat untersucht wurden. Ravic vertrat ihn manchmal dabei.

Die Besitzerin hatte einen Raum im ersten Stock als Untersuchungszimmer eingerichtet und ausgestattet. Sie war sehr stolz darauf, daß seit mehr als einem Jahr keiner ihrer Kunden sich in ihrem Etablissement etwas geholt hatte; dafür aber hatten, trotz aller Vorsicht der Mädchen, siebzehn Kunden Geschlechtskrankheiten eingeschleppt.

Rolande, die Gouvernante, brachte Ravic eine Flasche Brandy und ein Glas. »Ich glaube, Marthe hat etwas«, sagte sie.

»Gut. Ich werde sie genau ansehen.« »Ich habe sie schon gestern nicht mehr arbeiten lassen. Sie streitet es ab, natürlich. Aber ihre Wäsche...«

»Gut, Rolande.«

Die Mädchen kamen eine nach der anderen in ihren Hemden herein. Ravic kannte fast alle; es waren nur zwei Neue dabei.

»Mich brauchen Sie nicht zu untersuchen, Doktor«, sagte Leonie, eine rothaarige Gascognerin.

»Warum nicht?«

»Keine Kunden, die ganze Woche.«

»Was sagt die Madame dazu?«

»Nichts. Ich habe eine Menge Champagner gemacht. Sieben Flaschen jeden Abend. Drei Geschäftsleute aus Toulouse. Verheiratet. Wollten alle drei, aber genierten sich voreinander. Jeder hatte Angst, wenn er mit mir ginge, würden die andern zu Hause darüber reden. Soffen deshalb; jeder dachte, er würde allein übrigbleiben.« Leonie lachte und kratzte sich faul. »Der, der übrigblieb, konnte dann nicht mehr aufstehen.«

»Gut. Ich muß dich trotzdem untersuchen.«

»Meinetwegen. Haben Sie eine Zigarette, Doktor?«

»Ja, hier.«

Ravic machte den Abstrich und färbte ihn ein. Dann schob er die Glasplatte unter das Mikroskop.

»Wissen Sie, was ich nicht verstehe?« sagte Leonie, während sie Ravic beobachtete.

»Was?«

»Daß Sie, wenn Sie diese Sachen machen, noch Lust haben, mit einer Frau zu schlafen.«

»Das verstehe ich auch nicht. Du bist in Ordnung. Wer kommt jetzt?«

»Marthe.«

Marthe war blaß, schmal und blond. Sie hatte das Gesicht eines Botticelli-Engels, aber sie sprach den Jargon der Rue Blondel.

»Mir fehlt nichts, Doktor.«

»Das ist gut. Wir werden sehen.«

»Aber mir fehlt wirklich nichts.«

»Um so besser.«

Rolande stand plötzlich im Zimmer. Sie sah Marthe an. Das Mädchen sagte nichts mehr. Unruhig sah es Ravic an. Er untersuchte sie genau.

»Aber es ist nichts, Doktor. Sie wissen doch, wie vorsichtig ich bin.«

Ravic erwiderte nichts. Das Mädchen redete weiter — stockte und begann wieder. Ravic machte einen Abstrich und untersuchte ihn.

»Du bist krank, Marthe«, sagte er.

»Was?« Sie war mit einem Sprung auf. »Das kann nicht stimmen.«

»Es stimmt.«

Sie sah ihn an. Dann brach sie plötzlich los — eine Flut von Flüchen und Verwünschungen. »Dieses Schwein! Dieses gottverdammte Schwein! Ich habe ihm gleich nicht getraut, diesem glatten Aas! Student wäre er, sagte er, müsse es doch wissen, er wäre ja Medizinstudent, dieser Lump!«

»Warum hast du nicht aufgepaßt?«

»Ich habe ja aufgepaßt, aber es ging so schnell, und er sagte, als Student...« Ravic nickte. Die alte Sache — ein Medizinstudent, der sich einen Tripper geholt und selbst behandelt hatte. Nach zwei Wochen hatte er sich für gesund gehalten, ohne eine Reaktion zu machen.

»Wie lange wird es dauern, Doktor?«

»Sechs Wochen.« Ravic wußte, daß es länger dauern würde.

»Sechs Wochen?« Sechs Wochen kein Verdienst. Ins Hospital? »Muß ich ins Hospital?«

»Wir werden sehen. Vielleicht können wir dich später zu Hause behandeln — wenn du versprichst...«

»Ich verspreche alles! Nur nicht ins Hospital!«

»Zuerst mußt du hinein. Es geht nicht anders.«

Das Mädchen starrte Ravic an. Das Hospital war bei allen Huren gefürchtet. Die Aufsicht dort war sehr streng. Aber es war anders unmöglich. Zu Hause würden sie, trotz aller Versprechungen, nach ein paar Tagen heimlich ausgehen und sich Männer suchen, um sich etwas zu verdienen, und sie anstecken.

»Die Madame zahlt die Kosten«, sagte Ravic.

»Aber ich! Ich! Sechs Wochen ohne Verdienst. Und ich habe mir gerade einen Silberfuchs auf Abzahlung gekauft . Die Rate verfällt dann, und alles ist weg.«

Sie weinte. »Komm, Marthe«, sagte Rolande.

»Sie nehmen mich nicht wieder! Ich weiß es!« Marthe schluchzte stärker. »Sie nehmen mich nicht wieder nachher! Sie tun das nie! Dann muß ich auf die Straße. Und alles wegen diesem glatten Hund...«

»Wir nehmen dich wieder. Du warst gutes Geschäft . Die Kunden mögen dich.«

»Wirklich?« Marthe sah auf.

»Natürlich. Und nun komm.«

Marthe ging mit Rolande hinaus. Ravic sah ihr nach. Sie würde nicht wiederkommen. Madame war viel zu vorsichtig. Ihre nächste Etappe waren vielleicht noch die billigen Bordelle an der Rue Blondel. Dann die Straße. Dann Koks, Hospital, Blumen oder Zigarettenhandel. Oder, wenn sie Glück hatte, ein Louis, der sie prügelte, ausnutzte und sie später ’rausschmiß.

Der Speisesaal des Hôtels International lag unter der Erde. Die Bewohner nannten ihn deshalb die Katakombe. Er bekam tagsüber etwas trübes Licht durch einige dicke Milchglasscheiben, die einen Teil des Hofes bildeten; im Winter mußte er den ganzen Tag erleuchtet werden. Der Raum war gleichzeitig Rauchzimmer, Schreibzimmer, Halle, Versammlungsraum und die Rettung der Emigranten, die keine Papiere hatten — sie konnten, wenn die Polizei kontrollierte, durch ihn zum Hof in eine Garage und von dort auf die gegenüberliegende Straße entkommen.

Ravic saß mit dem Portier des Nachtklubs Scheherazade, Boris Morosow, in einer Ecke der Katakombe, die von der Wirtin der Palmenraum genannt wurde; eine jammervolle Palme in einem Majolikakübel auf einem dünnbeinigen Tischchen fristete dort ihr Leben. Morosow lebte seit fünfzehn Jahren in Paris. Er war ein Refugié vom ersten Weltkrieg, einer der wenigen Russen, die nicht in Garderegimentern gedient haben wollten und die nicht über ihre adlige Familie sprachen.

Sie spielten Schach. Die Katakombe war leer, bis auf einen Tisch, an dem einige Leute saßen und tranken und laut redeten und alle paar Minuten einen Toast ausbrachten.

Morosow sah sich ärgerlich um. »Kannst du mir erklären, Ravic, warum hier heute abend so ein Radau ist? Warum gehen diese Emigranten nicht schlafen?«

Ravic lachte. »Diese Emigranten da in der Ecke gehen mich nichts an. Das ist die faschistische Sektion des Hotels.«

»Spanien? Da warst du doch auch?«

»Ja, aber auf der anderen Seite. Außerdem als Arzt. Das da sind spanische Monarchisten, faschistisch verbrämt. Der Rest der Gesellschaft; die anderen sind längst drüben. Diese konnten sich noch nicht ganz entschließen. Franco war ihnen nicht fein genug. Die Mohren, die die Spanier schlachteten, haben sie natürlich nicht gestört.«

Morosow stellte seine Figuren auf. »Feiern dann wahrscheinlich das Massaker von Guernica. Oder den Sieg italienischer und deutscher Maschinengewehre über Bergarbeiter und Bauern. Habe die Brüder noch nie hier gesehen.«

»Sie sind seit Jahren hier. Du siehst sie nicht, weil du nie hier ißt.«

»Ißt du hier?«

»Nein.«

Morosow grinste. »Gut«, sagte er, »schenken wir uns meine nächste Frage und deine Antwort, die bestimmt beleidigend sein würde. Meinetwegen können sie hier geboren sein. Sie sollen nur leise reden. Hier — das gute, alte Damengambit.«

Ravic zog den gegenüberliegenden Bauern. Sie machten die ersten Züge rasch. Dann begann Morosow zu brüten. »Es gibt da eine Variante von Aljechin...«

Einer der Spanier kam herüber. Es war ein Mann mit eng zusammenstehenden Augen. Er blieb neben dem Tisch stehen. Morosow blickte ihn mißvergnügt an. Der Spanier stand nicht ganz gerade. »Meine Herren«, sagte er höflich. »Oberst Gomez bittet Sie, ein Glas Wein mit ihm zu trinken.«

»Mein Herr«, erwiderte Morosow ebenso höflich. »Wir spielen hier soeben eine Partie Schach um die Meisterschaft des XVII. Arrondissements. Wir danken verbindlichst, aber wir können nicht kommen.«

Der Spanier verzog keine Miene. Er wandte sich an Ravic mit einer Formalität, als wäre er am Hofe Philipps II. »Sie haben Oberst Gomez vor einiger Zeit eine Freundlichkeit erwiesen. Er möchte vor seiner Abreise deshalb gern ein Glas mit Ihnen trinken.«

»Mein Partner«, erwiderte Ravic ebenso formell, »hat Ihnen bereits erklärt, daß wir die Partie heute spielen müssen. Danken Sie dem Obersten Gomez. Ich bedaure sehr.«

Der Spanier verbeugte sich und ging zurück. Morosow schmunzelte. »Ganz wie die Russen in den ersten Jahren. Hielten sich an ihre Titel und Manieren wie an Schwimmgürteln. Was für eine Freundlichkeit hast du dem Hottentotten erwiesen?«

»Ich habe ihm einmal ein Abführmittel verschrieben. Lateinische Völker halten sehr auf gute Verdauung.«

»Nicht schlecht.« Morosow blinzelte. »Die alte Schwäche der Demokratie. Ein Faschist in derselben Lage hätte einem Demokraten Arsenik gegeben.«

Der Spanier kam zurück. »Mein Name ist Oberleutnant Navarro«, erklärte er mit dem schweren Ernst eines Mannes, der zuviel getrunken hat und es nicht weiß. »Ich bin der Adjutant des Obersten Gomez. Der Oberst verläßt Paris diese Nacht. Er geht nach Spanien, um sich der glorreichen Armee des Generalissimus Franco anzuschließen. Er möchte deshalb mit Ihnen ein Glas auf Spaniens Freiheit und Spaniens Armee trinken.«

»Oberleutnant Navarro«, sagte Ravic kurz. »Ich bin kein Spanier.«

»Wir wissen das; Sie sind ein Deutscher.« Navarro zeigte den Schatten eines konspiratorischen Lächelns. »Das ist gerade der Grund für den Wunsch des Obersten Gomez. Deutschland und Spanien sind Freunde.«

Ravic sah Morosow an. Die Ironie der Situation war stark. Es zuckte um Morosows Mund. »Oberleutnant Navarro«, sagte er. »Ich bedaure, darauf bestehen zu müssen, diese Partie mit Doktor Ravic zu beenden. Die Resultate müssen heute nacht noch nach New York und Kalkutta gekabelt werden.«

»Mein Herr«, erwiderte Navarro kalt. »Wir haben erwartet, daß Sie ablehnen würden, Rußland ist der Feind Spaniens. Die Einladung bezog sich nur auf Doktor Ravic. Wir mußten Sie miteinladen, da Sie mit ihm zusammen sind.«

Morosow setzte einen Springer, den er gewonnen hatte, auf seine riesige, flache Hand und sah Ravic an. »Glaubst du nicht, daß es genug ist mit diesem Affentheater?«

»Ja.« Ravic drehte sich um. »Ich denke, es ist am einfachsten, Sie gehen zurück, junger Mann. Sie beleidigen den Obersten Morosow, der ein Feind der Sowjets ist, ohne Grund.«

Er beugte sich, ohne eine Antwort abzuwarten, über das Schachbrett. Navarro stand einen Moment unschlüssig. Dann ging er.

»Er ist betrunken und dann, wie viele Lateiner, ohne Humor«, sagte Ravic. »Das ist kein Grund, daß wir keinen haben sollen. Ich habe dich deshalb soeben zum Obersten befördert. Soviel ich weiß, warst du nur ein armseliger Oberstleutnant. Schien mir unerträglich, daß du nicht den gleichen militärischen Rang wie dieser Gomez haben solltest.«

»Rede nicht, Knabe. Ich habe die Aljechinische Variante über den Unterbrechungen verpfuscht. Dieser Läufer scheint verloren zu sein.« Morosow sah auf. »Mein Gott, da kommt schon wieder einer. Ein anderer Adjutant. Was für ein Volk!«

»Das ist der Oberst Gomez selbst.« Ravic lehnte sich behaglich zurück. »Dies wird eine Diskussion zwischen zwei Obersten.«

»Eine kurze, mein Sohn.«

Der Oberst war noch förmlicher als Navarro. Er entschuldigte sich bei Morosow wegen des Irrtums seines Adjutanten. Die Entschuldigung wurde entgegengenommen. Gomez lud nun, da alle Schwierigkeiten überstanden waren, äußerst zeremoniell ein, als Zeichen der Versöhnung gemeinsam das Glas auf Franco zu trinken. Diesmal lehnte Ravic ab.

»Aber als verbündeter Deutscher...« Der Oberst war sichtlich verwirrt.

»Oberst Gomez«, sagte Ravic, der allmählich ungeduldig wurde, »lassen wir die Situation, wie sie ist. Trinken Sie, auf wen Sie wollen, und ich spiele Schach.«

Der Oberst versuchte nachzudenken. »Dann sind Sie also ein...«

»Besser, Sie stellen nichts fest«, unterbrach Morosow ihn. »Führt nur zu Streitigkeiten.«

Gomez wurde immer verwirrter.

»Aber Sie, als Weißrusse und zaristischer Offizier, müßten doch gegen...«

»Wir müssen gar nichts. Wir sind veraltete Kreaturen. Wir haben verschiedene Meinungen und schlagen uns trotzdem nicht die Schädel ein.«

Gomez schien endlich ein Licht aufzugehen. Er straffte sich. »Ich sehe«, erklärte er schneidend. »Verweichlichte, demokratische...«

»Mein Lieber«, sagte Morosow plötzlich gefährlich. »Verschwinden Sie! Sie hätten schon vor Jahren verschwunden sein sollen. Nach Spanien. Um zu kämpfen. Statt dessen kämpfen Deutsche und Italiener da für Sie. Adieu!«

Er stand auf. Gomez trat einen Schritt zurück. Er starrte Morosow an. Dann machte er abrupt kehrt und ging zu seinem Tisch zurück. Morosow setzte sich wieder. Er seufzte und klingelte dem Serviermädchen. »Bringen Sie uns zwei doppelte Calvados, Clarisse.«

Clarisse nickte und verschwand. »Brave, soldatische Seelen.« Ravic lachte. »Einfacher Verstand und komplizierte Ehrbegriffe. Erschweren das Leben, wenn man betrunken ist.«

»Das sehe ich. Da kommt bereits der nächste. Das ist ja eine Prozession. Wer ist es diesmal? Franco selbst?«

Es war Navarro. Er hielt zwei Schritte vor dem Tisch und adressierte Morosow. »Oberst Gomez bedauert, Ihnen keine Forderung überbringen zu können. Er verläßt Paris diese Nacht. Außerdem ist seine Mission zu wichtig, um mit der Polizei Schwierigkeiten zu haben.« Er wandte sich an Ravic. »Oberst Gomez schuldet Ihnen noch das Honorar für Ihre Konsultation.« Er warf eine zusammengefaltete Fünf-Frank-Note auf den Tisch und wollte kehrtmachen.

»Einen Augenblick«, sagte Morosow. Clarisse stand gerade neben ihm mit dem Tablett. Er nahm das Glas Calvados, betrachtete es kurz, schüttelte den Kopf und stellte es zurück. Dann nahm er eines der Wassergläser vom Tablett und schüttete es Navarro ins Gesicht. »Das ist, um Sie nüchtern zu machen«, erklärte er ruhig. »Merken Sie sich künftig, daß man Geld nicht wirft. Und nun fort mit Ihnen, Sie mittelalterlicher Idiot.«

Navarro stand überrascht. Er trocknete sich das Gesicht ab. Die anderen Spanier kamen heran. Es waren vier. Morosow erhob sich langsam. Er überragte die Spanier um mehr als einen Kopf. Ravic blieb sitzen. Er sah Gomez an. »Machen Sie sich nicht lächerlich«, sagte er. »Sie sind alle nicht nüchtern. Sie haben nicht die geringste Chance. In ein paar Minuten würden Sie mit gebrochenen Knochen hier herumliegen. Selbst wenn Sie nüchtern wären, hätten Sie keine Chance.« Er stand auf, griff Navarro rasch an den Ellbogen, hob ihn an, drehte ihn herum und stellte ihn so dicht neben Gomez auf den Boden, daß Gomez beiseite treten mußte. »Und nun lassen Sie uns in Ruhe. Wir haben Sie nicht aufgefordert, uns zu belästigen.« Er nahm die Fünf-Frank-Note vom Tisch und legte sie auf das Tablett. »Das ist für Sie, Clarisse. Von den Herren hier.«

»Erstmals, daß ich von denen etwas bekomme«, erklärte Clarisse. »Danke.«

Gomez sagte etwas in Spanisch. Die fünf machten kehrt und gingen zu ihrem Tisch zurück. »Schade«, sagte Morosow. »Ich hätte die Brüder gern verprügelt. Geht leider deinetwegen nicht, du illegaler Findling. Bedauerst du es nicht manchmal, daß du es nicht kannst?«

»Nicht bei denen. Es gibt andere, die ich haben möchte.«

Man hörte von dem Tisch in der Ecke ein paar Worte Spanisch. Die fünf standen auf. Ein dreifaches Viva erscholl. Die Gläser wurden klirrend niedergesetzt, und die Gruppe verließ martialisch den Raum.

»Fast hätte ich ihm den guten Calvados ins Gesicht gegossen.«

Morosow nahm das Glas und trank es aus. »Und so was regiert jetzt in Europa! Waren wir auch einmal so blödsinnig?« »Ja«, sagte Ravic.

Sie spielten ungefähr eine Stunde. Dann sah Morosow auf. »Da kommt Charles«, sagte er. »Er will scheinbar etwas von dir.«

Ravic sah auf. Der Bursche aus der Conciergenloge kam heran. Er hatte ein kleines Paket in der Hand. »Dies hier ist für Sie abgegeben worden.«

»Für mich?«

Ravic betrachtete das Paket. Es war klein, in weißes Seidenpapier gewickelt und verschnürt. Eine Adresse stand nicht drauf. »Ich erwarte keine Pakete. Muß ein Irrtum sein. Wer hat es gebracht?« »Eine Frau... eine Dame...«, stotterte der Bursche.

»Eine Frau oder eine Dame?« fragte Morosow.

»So... so dazwischen.«

Morosow schmunzelte. »Ziemlich scharfsinnig.«

»Es steht kein Name darauf. Hat sie gesagt, es sei für mich?«

»Das nicht gerade. Nicht Ihren Namen. Sie hat gesagt, für den Arzt, der hier wohnt. Und... Sie kennen die Dame.«

»Hat sie das gesagt?«

»Nein«, platzte der Bursche heraus. »Aber sie kam doch neulich nachts mit Ihnen.«

»Es kommen ab und zu Damen mit mir, Charles. Aber du solltest wissen, daß Diskretion die erste Tugend eines Hotelangestellten ist. Indiskretion ist für die Kavaliere der großen Welt.«

»Mach das Paket auf, Ravic«, sagte Morosow. »Selbst wenn es nicht für dich ist. Wir haben schon Schlimmeres angestellt in unserem bedauernswürdigen Leben.«

Ravic lachte und öffnete es. Er wickelte einen kleinen Gegenstand aus. Es war die hölzerne Madonna, die er im Zimmer der Frau — er dachte nach — wie hieß sie doch? Madeleine- Mad-, er hatte es vergessen. Irgend so ein ähnlicher Name. Er sah in dem Seidenpapier nach. Es war kein Zettel dabei. »Gut«, sagte er zu dem Burschen. »Es stimmt.«

Er stellte die Figur auf den Tisch. Sie stand sonderbar fremd zwischen den Schachfiguren. »Russin?« fragte Morosow.

»Nein. Hatte ich anfangs auch gedacht.«

Ravic sah, daß das Lippenrot abgewaschen war. »Was soll ich nur damit machen?«

»Stelle es irgendwo hin. Man kann vieles irgendwo hinstellen. Es gibt für alles genug Platz in der Welt. Nur nicht für Menschen.«

»Sie werden den Mann beerdigt haben.«

»Ist es die?«

»Ja.«

»Hast du dich noch einmal um sie gekümmert?«

»Nein.«

»Sonderbar«, sagte Morosow, »daß wir immer glauben, etwas getan zu haben, und dann aufhören, wenn es für den anderen am schwierigsten wird.«

»Ich bin kein Wohltätigkeitsinstitut, Boris. Und ich habe schon Schlimmeres gesehen als das und nichts getan. Warum soll es für sie jetzt schwieriger sein?«

»Weil sie jetzt erst wirklich allein ist. Bisher war der Mann immer noch da, auch wenn er tot war. Er war über der Erde. Jetzt ist er unter der Erde — fort, nicht mehr da. Das da« — Morosow zeigte auf die Madonna — »ist kein Dank. Es ist ein Hilferuf.«

»Ich habe mit ihr geschlafen«, sagte Ravic, »ohne zu wissen, was los war. Ich will das vergessen.«

»Unsinn! So was ist das Unwichtigste von der Welt, solange es keine Liebe ist. Ich kannte eine Frau, die sagte, es sei leichter, mit einem Mann zu schlafen, als ihn beim Vornamen zu nennen.« Morosow beugte sich vor. Sein großer, kahler Schädel spiegelte sich im Licht. »Ich will dir etwas sagen, Ravic, wir sollen freundlich sein, wenn wir es können und solange wir es können — denn wir werden in unserem Leben noch einige sogenannte Verbrechen begehen. Ich wenigstens. Und du wohl auch.«

»Ja.«

Morosow legte seinen Arm um den Kübel der dürftigen Palme. Sie schwankte leicht. »Leben heißt, von andern leben. Wir fressen alle voneinander. So ein bißchen Flimmern von Güte ab und zu — das soll man sich nicht nehmen lassen. Es stärkt, wenn man schwierig lebt.«

»Gut. Ich werde morgen mal nachfragen bei ihr.«

»Schön«, sagte Morosow. »Das war es, was ich meinte. Und nun laß das viele Reden. Wer hat Weiß?«

5

Der Wirt kannte Ravic gleich wieder. »Die Dame ist in ihrem Zimmer«, sagte er.

»Können Sie ihr telefonieren, daß ich hier bin?«

»Das Zimmer hat kein Telefon. Sie können ruhig hinaufgehen.« »Welche Nummer ist es?«

»Siebenundzwanzig.«

»Ich habe den Namen nicht mehr im Kopf. Wie hieß sie doch?« Der Wirt zeigte kein Erstaunen. »Madou. Joan Madou«, fügte er hinzu. »Glaube nicht, daß sie wirklich so heißt. Künstlername wahrscheinlich.«

»Wieso Künstlername?«

»Sie hat sich als Schauspielerin eingetragen. Klingt doch so, wie?«

»Das weiß ich nicht. Ich kannte einen Schauspieler, der nannte sich Gustav Schmidt. Er hieß in Wirklichkeit Alexander Marie Graf von Zambona. Gustav Schmidt war sein Künstlername. Klang gar nicht so, wie?«

Der Wirt gab sich nicht geschlagen. »Heutzutage passiert viel«, erklärte er.

»Es passiert gar nicht einmal so viel. Wenn Sie Geschichte studieren, werden Sie finden, daß wir noch in verhältnismäßig ruhigen Zeiten leben.«

»Danke, mir genügt’s.«

»Mir auch. Aber man muß seinen Trost suchen, wo man kann. Nummer siebenundzwanzig, sagten Sie?«

»Ja, mein Herr.«

Ravic klopfte. Niemand antwortete. Er klopfte noch einmal und hörte eine undeutliche Stimme. Als er die Tür öffnete, sah er die Frau. Sie saß auf dem Bett, das an der Querwand stand, und blickte langsam auf. Sie war angezogen und trug das blaue Schneiderkostüm, in dem Ravic sie zum ersten Male gesehen hatte. Sie hätte weniger verlassen gewirkt, wenn sie vernachlässigt, in irgendeinem Schlafrock herumgelegen hätte. Aber so, angezogen für niemand und nichts, aus einer Gewohnheit heraus, die jetzt nichts mehr bedeutete, hatte sie etwas, daß Ravic einen Schlag aufs Herz gab. Er kannte das — er hatte Hunderte von Menschen so sitzen sehen, Emigranten, verschlagen in fremdeste Fremde. Eine kleine Insel ungewissen Daseins — so saßen sie da und wußten nicht wohin — und nur die Gewohnheit erhielt sie am Leben.

Er zog die Tür hinter sich zu. »Ich hoffe, ich störe Sie nicht«, sagte er und empfand sofort, wie sinnlos das war. Was konnte die Frau schon stören? Da war nichts, was sie noch stören konnte.

Er legte seinen Hut auf einen Stuhl. »Konnten Sie alles erledigen?« fragte er.

»Ja. Es war nicht viel.«

»Keine Schwierigkeiten?«

»Nein.«

Ravic setzte sich in den einzigen Sessel des Zimmers.

Die Sprungfedern knarrten, und er fühlte, daß eine zerbrochen war.

»Wollten Sie fortgehen?« fragte er.

»Ja. Irgendwann. Später. Nirgendwohin — nur so. Was soll man sonst tun?«

»Nichts. Es ist richtig; für ein paar Tage. Kennen Sie niemand in Paris?«

»Nein.«

»Niemand?«

Die Frau hob mit einer müden Bewegung den Kopf. »Niemand — außer Ihnen, den Wirt, den Kellner und das Zimmermädchen.« Sie lächelte trübe. »Das ist nicht viel, wie?«

»Nein. Kannte...« Ravic suchte nach dem Namen des toten Mannes. Er hatte ihn vergessen.

»Nein«, sagte die Frau. »Raczinsky hatte keine Bekannten hier, oder ich habe sie nie gesehen. Er wurde gleich krank, als wir hier ankamen.«

Ravic hatte nicht lange bleiben wollen. Jetzt, als er die Frau so dasitzen sah, änderte er seine Absicht. »Haben Sie schon zu Abend gegessen?«

»Nein. Ich bin auch nicht hungrig.«

»Haben Sie heute überhaupt schon etwas gegessen?«

»Ja. Heute mittag. Tagsüber ist das einfacher. Abends...« — Ravic blickte sich um. Das kleine, kahle Zimmer roch nach Trostlosigkeit und November. »Es wird Zeit, daß Sie hier herauskommen«, sagte er. »Kommen Sie.Wir werden zusammen essen gehen.«

Er hatte erwartet, daß die Frau Einwendungen machen würde. Sie schien so gleichgültig, als könne sie sich zu nichts mehr aufraffen. Aber sie stand gleich auf und griff nach ihrem Regenmantel.

»Das da ist nicht genug«, sagte er. »Der Mantel ist viel zu dünn. Haben Sie keinen wärmeren? Es ist kalt draußen.«

»Es regnete vorhin...«

»Es regnet immer noch. Aber es ist kalt. Können Sie nicht etwas darunter anziehen. Einen anderen Mantel oder wenigstens einen Sweater?«

»Ich habe einen Sweater.«

Sie ging zu dem größeren Koffer. Ravic sah, daß sie fast nichts ausgepackt hatte. Sie holte einen schwarzen Sweater aus dem Koffer, zog die Jacke aus und streifte ihn über. Sie hatte gerade und schöne Schultern. Dann nahm sie die Baskenmütze und zog die Jacke und den Mantel an. »Ist es so besser?«

»Viel besser.«

Sie gingen die Treppe hinunter. Der Wirt war nicht mehr da. Statt dessen saß der Concierge neben dem Schlüsselbrett. Er sortierte Briefe und roch nach Knoblauch. Neben ihm saß regungslos eine gefleckte Katze und sah ihm zu.

»Haben Sie immer noch das Gefühl, daß Sie nichts essen können?« fragte Ravic draußen.

»Ich weiß es nicht. Nicht viel, glaube ich.«

Ravic winkte ein Taxi heran. »Gut. Dann werden wir in die ›Belle Aurore‹ fahren. Da braucht man kein langes Diner zu essen.«

Die »Belle Aurore« war nicht sehr besetzt. Es war schon zu spät dafür. Sie fanden einen Tisch in dem schmalen, oberen Raum mit der niedrigen Decke. Außer ihnen war nur noch ein Paar da, das am Fenster saß und Käse aß, und ein einzelner, dünner Mann, der einen Berg Austern vor sich hatte. Der Kellner kam und besah das gewürfelte Tischtuch kritisch. Dann entschloß er sich, es zu wechseln.

»Zwei Wodkas«, bestellte Ravic. »Kalt.«

»Wir werden etwas trinken und Vorspeisen essen«, sagte er zu der Frau. »Ich glaube, das ist das richtige für Sie. Dies ist ein Restaurant für Hors d’œuvres. Es gibt kaum etwas anderes hier. Jedenfalls kommt man fast nie dazu, etwas anderes zu essen. Es gibt Dutzende, warme und kalte, und alle sind sehr gut; wir werden es einmal versuchen.«

Der Kellner brachte den Wodka und holte einen Notizblock heraus. »Eine Karaffe Vin rosé«, sagte Ravic. »Haben Sie Anjou?«

»Anjou, offen, rosé, sehr wohl, mein Herr.«

»Gut. Eine große Karaffe in Eis. Und die Vorspeisen.«

Der Kellner ging. Er stieß an der Tür fast zusammen mit einer Frau in einem roten Federhut, die rasch die Treppe heraufkam. Sie schob ihn beiseite und ging auf den dünnen Mann mit den Austern zu. »Albert«, sagte sie. »Du Schwein...«

»Tsk, tsk«, machte Albert und sah sich um.

»Nicht tsk, tsk!« Die Frau legte ihren nassen Regenschirm quer über den Tisch und setzte sich entschlossen.

Albert schien nicht überrascht zu sein. »Chérie«, sagte er und begann zu flüstern.

Ravic lächelte und hob sein Glas. »Wir wollen das hier einmal auf einen Schluck austrinken. Salute.«

»Salute«, sagte Joan Madou und trank.

Die Vorspeisen wurden auf kleinen Wagen herbeigerollt. »Was möchten Sie?« Ravic sah die Frau an. »Ich glaube, das einfachste ist, ich stelle Ihnen etwas zusammen.«

Er häufte einen Teller voll und gab ihn ihr hinüber. »Es macht nichts, wenn Ihnen davon nichts schmeckt. Es kommen noch ein paar andere Wagen. Dies ist nur der Anfang.«

Er füllte sich selbst einen Teller und begann zu essen, ohne sich um sie weiter zu kümmern. Er spürte plötzlich, daß auch sie aß. Er schälte eine Langustine und hielt sie ihr hinüber. »Probieren Sie das einmal. Besser als Langusten. Und nun die Paté Maison. Mit einer Kruste von dem weißen Brot dazu. So, das geht ja ganz gut. Und jetzt etwas von dem Wein. Leicht, herbe und kühl.«

»Sie machen sich viel Mühe mit mir«, sagte die Frau.

»Ja, wie ein Oberkellner.« Ravic lachte.

»Nein. Aber Sie machen sich viel Mühe mit mir.«

»Ich esse nicht gern allein. Das ist alles. Genau wie Sie.« »Ich bin kein guter Partner.«

»Doch«, erwiderte Ravic. »Zum Essen schon. Zum Essen sind Sie ein erstklassiger Partner. Ich kann keine geschwätzigen Menschen leiden. Und keine, die zu laut sprechen.«

Er sah zu Albert hinüber. Der rote Federhut erklärte dem gerade sehr vernehmlich, warum er ein solches Schwein sei, und klopfte dabei rhythmisch mit dem Regenschirm auf den Tisch. Albert hörte geduldig zu und war nicht sehr beeindruckt.

Joan Madou lächelte flüchtig. »Das kann ich nicht.«

»Hier kommt der nächste Vorratswagen. Wollen wir gleich heran, oder wollen Sie vorher eine Zigarette rauchen?«

»Lieber vorher eine Zigarette.«

»Gut. Ich habe heute andere bei mir als die mit dem schwarzen Tabak.«

Er gab ihr Feuer. Sie lehnte sich zurück und atmete tief den Rauch ein. Dann sah sie Ravic voll an. »Es ist gut, so zu sitzen«, sagte sie, und es schien ihm einen Augenblick, als würde sie sofort in Tränen ausbrechen.

Sie tranken Kaffee im »Colysée«. Der große Raum zu den Champs Elysées war überfüllt, aber sie bekamen einen Tisch unten in der Bar, in der die obere Hälfte der Wände mit Glasscheiben verkleidet war, hinter denen Papageien und Kakadus hockten und bunte tropische Vögel hin und her flogen.

»Haben Sie schon darüber nachgedacht, was Sie tun wollen?« fragte Ravic.

»Nein, noch nicht.«

»Hatten Sie irgendwas Bestimmtes vor, als Sie hierher kamen?«

Die Frau zögerte. »Nein, nichts Genaues.«

»Ich frage Sie nicht aus Neugier.«

»Das weiß ich. Sie meinen, ich solle etwas tun. Das will ich auch. Ich sage es mir selbst jeden Tag. Aber dann...«

»Der Wirt sagte mir, Sie seien Schauspielerin. Ich habe ihn nicht danach gefragt. Er sagte es mir, als ich nach Ihrem Namen fragte.«

»Wußten Sie ihn nicht mehr?«

Ravic blickte auf. Sie sah ihn ruhig an. »Nein«, sagte er. »Ich hatte den Zettel im Hotel gelassen und konnte mich nicht mehr erinnern.«

»Wissen Sie ihn jetzt?«

»Ja. Joan Madou.«

»Ich bin keine gute Schauspielerin«, sagte die Frau. »Ich habe nur kleine Rollen gespielt. In der letzten Zeit nichts mehr. Ich spreche auch nicht gut genug Französisch dafür.«

»Was sprechen Sie denn?«

»Italienisch. Ich bin da aufgewachsen. Und etwas Englisch und Rumänisch. Mein Vater war Rumäne. Er ist tot. Meine Mutter Engländerin; sie lebt noch in Italien, ich weiß nicht, wo.«

Ravic hörte nur halb zu. Er langweilte sich und wußte nicht mehr recht, was er reden sollte. »Haben Sie außerdem noch etwas getan?« fragte er, um etwas zu fragen. »Außerhalb der kleinen Rollen, die Sie gespielt haben?«

»Das, was so dazugehört. Etwas singen und tanzen.«

Er blickte sie zweifelnd an. Sie sah nicht so aus. Sie hatte etwas Fahles, Verwischtes, und sie war nicht attraktiv. Sie sah nicht einmal aus wie eine Schauspielerin. Das war ohnehin ein weites Wort.

»So etwas können Sie ja leichter hier versuchen«, sagte er. »Dazu brauchen Sie nicht perfekt zu sprechen.«

»Nein. Aber ich muß erst etwas finden. Das ist schwer, wenn man niemand kennt.«

Morosow, dachte Ravic plötzlich. Die Scheherazade. Natürlich. Morosow mußte von solchen Sachen etwas wissen. Der Gedanke belebte ihn. Morosow hatte ihn in diesen trüben Abend hineingebracht — jetzt konnte er die Frau an ihn weiterschieben, und Boris sollte einmal zeigen, was er konnte. »Können Sie Russisch?« fragte er.

»Etwas. Ein paar Lieder. Zigeunerlieder. Sie sind so ähnlich wie rumänische. Warum?«

»Ich kenne jemand, der von diesen Dingen etwas versteht. Vielleicht kann er Ihnen helfen. Ich werde Ihnen seine Adresse geben.«

»Ich fürchte, es hat nicht viel Zweck. Agenten sind überall gleich. Empfehlungen nützen da wenig.«

Ravic merkte, daß sie annahm, er wolle sie auf bequeme Art loswerden. Da es stimmte, protestierte er. »Der Mann, den ich meine, ist kein Agent. Er ist Portier in der Scheherazade. Das ist ein russischer Nachtklub in Montmartre.«

»Portier?« Joan Madou hob den Kopf. »Das ist etwas anderes. Portiers wissen mehr als Agenten. Das kann etwas sein. Kennen Sie ihn gut?«

»Ja.«

Ravic war überrascht. Sie hatte auf einmal ganz geschäftsmäßig gesprochen. Das geht ja schnell, dachte er. »Es ist ein Freund von mir. Er heißt Boris Morosow«, sagte er. »Er ist seit zehn Jahren in der Scheherazade. Sie haben da immer eine ziemlich große Show. Die Nummern wechseln oft. Morosow ist mit dem Manager befreundet.Wenn in der Scheherazade nichts für Sie frei ist, weiß er sicher etwas anderes — irgendwo. Wollen Sie es versuchen?«

»Ja. Wann?«

»Am besten so um neun Uhr abends. Dann ist noch nichts zu tun, und er hat Zeit für Sie. Ich werde ihm Bescheid sagen.« Ravic freute sich bereits auf das Gesicht Morosows. Er fühlte sich plötzlich besser. Die leichte Verantwortung, die er immer noch gespürt hatte, war verschwunden. Er hatte getan, was er konnte, und nun mußte sie weitersehen. »Sind Sie müde?« fragte er.

Joan Madou blickte ihm gerade in die Augen. »Ich bin nicht müde«, sagte sie. »Aber ich weiß, daß es kein Vergnügen ist, mit mir hier zu sitzen. Sie haben Mitleid mit mir gehabt, und ich danke Ihnen dafür. Sie haben mich aus dem Zimmer genommen und mit mir gesprochen. Das war viel für mich, denn ich habe seit Tagen kaum mit jemand ein Wort gewechselt. Ich werde jetzt gehen. Sie haben mehr als genug für mich getan. All die Zeit schon. Was wäre sonst aus mir geworden!«

Mein Gott, dachte Ravic, jetzt fängt sie auch noch damit an! Er sah unbehaglich auf die Glaswand vor sich. Eine Taube versuchte dort, einen Kakadu zu vergewaltigen. Der Kakadu war so gelangweilt, daß er sie nicht einmal abschüttelte. Er fraß einfach weiter und ignorierte sie.

»Es war kein Mitleid«, sagte Ravic.

»Was sonst?«

Die Taube gab auf. Sie hüpfte von dem breiten Rükken des Kakadus herunter und begann ihre Federn zu putzen. Der Kakadu lüftete gleichgültig seinen Schwanz und schiß.

»Wir werden jetzt einen guten, alten Armagnac trinken«, sagte Ravic. »Das ist die beste Antwort. Glauben Sie mir: Ich bin kein so besonderer Menschenfreund. Es gibt viele Abende, wo ich allein irgendwo herumsitze. Halten Sie das für besonders interessant?«

»Nein, aber ich bin ein schlechter Partner, und das ist schlimmer.«

»Ich habe verlernt, nach Partnern zu suchen. Hier ist Ihr Armagnac. Salute!«

»Salute!«

Ravic setzte sein Glas nieder. »So, und jetzt werden wir aus dieser Menagerie hier verschwinden. Sie möchten doch noch nicht ins Hotel zurück?«

Joan Madou schüttelte den Kopf.

»Gut. Dann werden wir weitergehen. Und zwar zur Scheherazade.Wir werden da trinken. Das haben wir beide scheinbar nötig, und Sie können dann gleich ansehen, was dort los ist.«

Es war gegen drei Uhr nachts.

Sie standen vor dem Hotel Milan. »Haben Sie genug getrunken?« fragte Ravic.

Joan Madou zögerte. »Ich dachte, es wäre genug drüben in der Scheherazade. Aber jetzt hier, wenn ich diese Tür ansehe — es war nicht genug.«

»Dagegen läßt sich etwas tun. Vielleicht gibt es hier im Hotel noch etwas. Sonst gehen wir in eine Kneipe und kaufen eine Flasche. Kommen Sie.«

Sie sah ihn an. Dann sah sie die Tür an. »Gut«, sagte sie mit einem Entschluß. Doch sie blieb stehen. »Da hinaufgehen«, sagte sie. »In das leere Zimmer...«

»Ich werde Sie hinaufbringen. Und wir werden eine Flasche mitnehmen.«

Der Portier erwachte. »Haben Sie noch etwas zu trinken?« fragte Ravic.

»Champagnercocktail?« fragte der Portier sofort geschäftsmäßig zurück, während er noch gähnte.

»Danke. Etwas Herzhafteres. Kognak. Eine Flasche.«

»Courvoisier, Martell, Hennessy, Biscuit Dubouche?«

»Courvoisier.«

»Sehr wohl, mein Herr. Ich werde den Kork ziehen und die Flasche heraufbringen.«

Sie gingen die Treppe hinauf. »Haben Sie Ihren Schlüssel?« fragte Ravic die Frau.

»Das Zimmer ist nicht abgeschlossen.«

»Man kann Ihnen Ihr Geld und Ihre Papiere stehlen, wenn Sie nicht abschließen.«

»Das kann man auch, wenn ich abschließe.«

»Das ist wahr — bei diesen Schlössern. Trotzdem — es ist dann nicht ganz so einfach.«

»Vielleicht. Aber ich mag nicht allein von der Straße zurückkommen, einen Schlüssel nehmen und aufschließen, um in ein leeres Zimmer zu gehen — das ist wie ein Grab aufschließen. Es ist schon genug, daß man ohne das hier hineingeht — wo nichts auf einen wartet als ein paar Koffer.«

»Es wartet nirgendwo etwas«, sagte Ravic. »Man muß alles immer selbst mitbringen.«

»Das mag sein. Aber es ist dann noch eine barmherzige Illusion dabei. Hier ist nichts...«

Joan Madou warf ihren Mantel und ihre Baskenmütze auf das Bett und sah Ravic an. Ihre Augen waren hell und groß in dem blassen Gesicht und wie erstarrt in einer zornigen Verzweiflung. Sie stand einen Augenblick so da. Dann begann sie in dem kleinen Raum hin und her zu gehen, die Hände in den Taschen ihrer Jacke, mit langen Schritten, geschmeidig den Körper herumwerfend, wenn sie sich umdrehte. Ravic sah sie aufmerksam an. Sie hatte plötzlich Kraft und eine ungestüme Grazie, und das Zimmer schien viel zu eng für sie.

Es klopfte. Der Portier brachte den Kognak herein. »Wollen die Herrschaften noch etwas essen? Kaltes Huhn. Sandwiches...«

»Das wäre Zeitverschwendung, Bruder.« Ravic bezahlte ihn und schob ihn hinaus. Dann schenkte er zwei Gläser ein. »Hier. Es ist einfach und barbarisch — aber in schwierigen Situationen ist das Primitive das beste.Verfeinerung ist etwas für ruhige Zeiten. Trinken Sie das.«

»Und dann?«

»Dann trinken Sie das nächste.«

»Ich habe das versucht. Es nützt nichts. Es ist nicht gut, betrunken zu sein, wenn man allein ist.«

»Man muß nur genug betrunken sein. Dann geht es.«

Ravic setzte sich auf eine schmale, wacklige Chaiselongue, die an der Zimmerwand dem Bett quer gegenüberstand. Er hatte sie früher nicht gesehen. »Stand das schon hier, als Sie einzogen?« fragte er.

Sie schüttelte den Kopf. »Ich habe es hereinstellen lassen. Ich wollte nicht in dem Bett schlafen. Es schien sinnlos. Ein Bett und sich ausziehen und alles. Wofür? Morgens und am Tage ging es. Aber nachts...«

»Sie müssen etwas zu tun haben.« Ravic zündete sich eine Zigarette an. »Schade, daß wir Morosow nicht getroffen haben. Ich wußte nicht, daß er heute seinen freien Tag hatte. Gehen Sie morgen abend hin. Gegen neun. Irgend etwas wird er schon für Sie finden. Und wenn es Arbeit in der Küche wäre. Dann sind Sie nachts beschäftigt. Das wollen Sie doch?«

»Ja.« Joan Madou hörte auf, hin und her zu gehen. Sie trank das Glas Kognak und setzte sich auf das Bett. »Ich bin draußen herumgegangen jede Nacht. Solange man geht, ist alles besser. Erst wenn man sitzt, und die Decke fällt einem auf den Kopf...«

»Ist Ihnen nie etwas passiert unterwegs? Nichts gestohlen worden?«

»Nein. Ich sehe wohl nicht so aus, als ob viel zu stehlen wäre bei mir.« Sie hielt Ravic ihr leeres Glas hin. »Und das andere? Ich habe oft genug darauf gewartet, daß wenigstens einer zu einem spricht! Daß man nicht nur so nichts ist, nur Gehen! Daß wenigstens Augen einen ansehen, Augen und nicht nur Steine! Daß man nicht sowie ein Ausgestoßener herumrennt! Wie jemand auf einem fremden Planeten!« Sie warf das Haar zurück und nahm das Glas, daß Ravic ihr hinüberreichte. »Ich weiß nicht, weshalb ich davon spreche. Ich will es gar nicht. Vielleicht, weil ich stumm war all die Tage.Vielleicht, weil heute abend zum erstenmal...« Sie brach ab.

»Hören Sie nicht auf mich...«

»Ich trinke«, sagte Ravic. »Sagen Sie, was Sie wollen. Es ist Nacht. Niemand hört Sie. Ich höre auf mich selbst. Morgen ist alles vergessen.«

Er lehnte sich zurück. Irgendwo im Hause rauschte Wasser. Die Heizung knackte, und an das Fenster klopfte immer noch mit weichen Fingern der Regen.

»Wenn man dann zurückkommt und das Licht ausmacht — und die Dunkelheit fällt über einen wie ein Wattebausch mit Chloroform — und man macht das Licht wieder an und starrt und starrt...«

Ich muß schon betrunken sein, dachte Ravic. Früher als sonst, heute. Oder ist es das halbe Licht? Oder beides? Das ist nicht mehr dieselbe, belanglose, ausgeblichene Frau. Das ist etwas anderes. Da sind plötzlich Augen. Da ist ein Gesicht. Da sieht mich etwas an. Es müssen die Schatten sein. Es ist das sanfte Feuer hinter meiner Stirn, das sie anleuchtet. Der erste Glanz der Trunkenheit.

Er hörte nicht auf das, was Joan Madou sprach. Er kannte es und wollte es nicht mehr kennen. Allein sein — der ewige Refrain des Lebens. Es war nicht schlimmer und nicht besser als manches andere. Man sprach zuviel davon. Man war immer allein und nie. Eine Geige war plötzlich da, irgendwo auf einem Zwielicht. Ein Garten auf den Hügeln von Budapest. Der schwere Geruch der Kastanien. Der Wind. Und wie junge Eulen, geduckt auf der Schulter hockend, die Träume, mit Augen, die heller wurden in der Dämmerung. Die Nacht, die nie Nacht wurde. Die Stunde, wo alle Frauen schön waren. Die großen, braunen Schmetterlingsflügel des Abends.

Er blickte auf. »Danke«, sagte Joan Madou.

»Warum?«

»Weil Sie mich sprechen ließen, ohne zuzuhören. Es war gut. Ich brauchte das.«

Ravic nickte. Er sah, daß ihr Glas wieder leer war. »Gut«, sagte er. »Ich werde Ihnen die Flasche hierlassen.«

Er stand auf. Ein Zimmer. Eine Frau. Nichts weiter. Ein blasses Gesicht, in dem nichts mehr leuchtete. »Wollen Sie gehen?« fragte Joan Madou. Sie sah sich um, als sei jemand im Zimmer versteckt.

»Hier ist die Adresse Morosows. Sein Name, damit Sie ihn nicht vergessen. Morgen abend um neun.« Ravic schrieb es auf einen Rezeptblock. Dann riß er das Blatt ab und legte es auf den Koffer.

Joan Madou war aufgestanden. Sie griff nach ihrem Mantel und ihrer Mütze. Ravic sah sie an. »Sie brauchen mich nicht herunterzubringen.«

»Das will ich auch nicht. Ich will nur nicht hierbleiben. Nicht jetzt. Ich will noch irgendwo herumgehen.«

»Dann müssen Sie später doch wieder zurückkommen. Noch einmal dasselbe.Warum bleiben Sie nicht hier? Jetzt ist es schon überstanden.«

»Es ist bald Morgen. Wenn ich zurückkomme, wird es Morgen sein. Dann ist es einfacher.«

Ravic ging zum Fenster. Es regnete immer noch. Naß und grau wehten die Strähnen im Wind vor den gelben Lichthöfen der Laternen.

»Kommen Sie«, sagte er. »Wir trinken noch ein Glas, und Sie legen sich schlafen. Das ist kein Wetter für Spaziergänge.«

Er griff nach der Flasche. Joan Madou war plötzlich dicht neben ihm. »Laß mich nicht hier«, sagte sie rasch und dringend, und er fühlte ihren Atem. »Laß mich nicht allein hier, nur heute nicht; ich weiß nicht, was es ist, aber nur heute nicht! Morgen werde ich Mut haben, aber heute kann ich es nicht; ich bin mürbe und weich und falle zusammen und habe keine Kraft mehr; Sie hätten mich nicht herausnehmen sollen, nur heute nicht — ich kann jetzt nicht allein sein.«

Ravic stellte die Flasche behutsam hin und machte ihre Hände von seinem Arm los. »Kind«, sagte er — »irgendwann müssen wir uns alle daran gewöhnen.« Er musterte die Chaiselongue. »Ich kann hier schlafen. Es hat keinen Zweck, noch anderswo hinzugehen. Ich brauche ein paar Stunden Schlaf. Muß morgen um neun operieren. Kann ebenso gut hier schlafen wie bei mir. Ist nicht meine erste Nachtwache. Ist das ausreichend?«

Sie nickte.

Sie stand noch immer dicht neben ihm.

»Ich muß um halb acht ’raus. Verdammt früh. Wird Sie aufwecken.«

»Das macht nichts. Ich werde aufstehen und Frühstück für Sie machen, alles...«

»Sie werden gar nichts tun«, sagte Ravic. »Ich werde frühstücken im nächsten Café wie ein vernünftiger Arbeiter; Kaffee mit Rum und Croissants. Alles andere kann ich in der Klinik machen. Wird nicht schlecht sein, Eugenie um ein Bad zu fragen. Gut, bleiben wir hier. Zwei verlorene Seelen im November. Sie nehmen das Bett. Wenn Sie wollen, kann ich solange zu dem alten Portier ’runtergehen, bis Sie fertig sind.«

»Nein«, sagte Joan Madou.

»Ich laufe nicht fort. Wir brauchen außerdem noch ein paar Sachen, Kissen, Decke und so was.«

»Ich kann klingeln.«

»Das kann ich auch.« Ravic suchte nach dem Knopf. »Besser, ein Mann macht das.«

Der Portier kam schnell. Er hatte eine zweite Kognakflasche in der Hand. »Sie überschätzen uns«, sagte Ravic. »Herzlichen Dank. Wir gehören zur Nachkriegsgeneration. Eine Decke, ein Kissen und etwas Leinen. Ich muß hier schlafen. Zu kalt und zu viel Regen draußen. Ich bin gerade zwei Tage aus dem Bett nach einer schweren Lungenentzündung. Können Sie das machen?«

»Selbstverständlich, mein Herr. Dachte mir schon so etwas.«

»Gut.« Ravic zündete sich eine Zigarette an.

»Ich werde auf den Korridor gehen. Schuhe ansehen vor den Türen. Ein alter Sport von mir. Ich laufe nicht weg«, sagte er, als er den Blick von Joan Madou sah. »Ich bin nicht Josef von Ägypten. Ich lasse meinen Mantel nicht im Stich.«

Der Portier kam mit den Sachen. Er stoppte, als er Ravic im Korridor stehen sah. Dann verklärte sich sein Gesicht. »Das findet man selten«, sagte er.

»Ich tue das auch selten. Nur an Geburtstagen und Weihnachten. Geben Sie mir die Sachen. Ich nehme sie mit hinein. Was ist denn das da?«

»Eine Wärmflasche. Wegen Ihrer Lungenentzündung.«

»Vortrefflich. Aber ich wärme meine Lungen mit Kognak.« Ravic zog ein paar Scheine aus der Tasche.

»Mein Herr, Sie haben sicher keine Pyjamas. Ich kann Ihnen ein Paar geben.«

»Danke, Bruder.« Ravic sah den Alten an. »Sie würden mir sicher zu klein sein.«

»Im Gegenteil. Sie werden Ihnen passen. Es sind ganz neue. Im Vertrauen gesagt, ein Amerikaner hat sie mir einmal geschenkt. Dem hatte sie eine Dame geschenkt. Ich trage so etwas nicht. Ich trage Nachthemden. Sie sind ganz neu, mein Herr.«

»Gut, bringen Sie sie herauf. Wir können sie ja mal ansehen.«

Ravic wartete im Korridor. Drei Paar Schuhe standen vor den Türen. Ein Paar Zugstiefeletten mit ausgeleierten Gummizügen. Aus dem Raum dahinter klang ein brausendes Schnarchen. Die anderen beiden waren ein Paar braune Männerhalbschuhe und ein Paar hochhackige Damenlackschuhe mit Knöpfen. Sie standen vor derselben Tür und wirkten sonderbar verlassen, obschon sie nebeneinander standen.

Der Portier brachte die Pyjamas. Sie waren Prachtstükke. Blaue Kunstseide mit goldenen Sternen darauf. Ravic betrachtete sie eine Weile sprachlos. Er verstand den Amerikaner. »Herrlich, was?« fragte der Portier stolz.

Die Pyjamas waren neu. Sie waren sogar noch in dem Karton des Magazin du Louvre, in dem sie gekauft waren. »Schade«, sagte Ravic. »Ich hätte gern die Dame gesehen, die sie ausgesucht hat.«

»Sie können sie haben für diese Nacht. Sie brauchen sie nicht zu kaufen, mein Herr.«

»Was kostet die Miete?«

»Nach Belieben.«

»Sind Sie kein Franzose?«

»Doch. Aus St. Nazaire.«

»Dann sind Sie verdorben worden durch den Umgang mit Amerikanern. Außerdem — für diese Pyjamas ist nichts zuviel.«

»Freut mich, daß Sie Ihnen gefallen. Gute Nacht, mein Herr. Ich werde sie dann morgen bei der Dame abholen.«

»Ich werde sie Ihnen morgen früh selbst übergeben. Wecken Sie mich um halb acht. Klopfen Sie nur leise an. Ich höre es schon. — Gute Nacht.«

»Sehen Sie sich das an«, sagte Ravic zu Joan Madou und zeigte die Pyjamas. »Ein Kostüm für einen Weihnachtsmann. Dieser Portier ist ein Zauberer. Ich werde die Sachen sogar anziehen. Man muß nicht nur den Mut, sondern auch die Unbefangenheit zur Lächerlichkeit haben.«

Er ordnete die Decken auf der Chaiselongue. Es war ihm gleichgültig, wo er schlief, in seinem Hotel oder hier. Er hatte auf dem Korridor ein erträgliches Badezimmer gefunden und von dem Portier eine neue Zahnbürste bekommen. Alles andere war ihm egal. Die Frau war irgend etwas wie ein Patient.

Er füllte ein Wasserglas mit Kognak und stellte es mit einem der kleinen Gläser, die der Portier gebracht hatte, neben das Bett. »Ich glaube, das ist genug für Sie«, sagte er dann. »Es ist einfacher so. Ich brauche dann nicht mehr aufzustehen und nachzufüllen. Die Flasche und das andere Glas nehme ich herüber zu mir.«

»Ich brauche das kleine Glas nicht. Ich kann aus dem anderen trinken.«

»Noch besser.« Ravic packte sich auf der Chaiselongue zurecht. Es gefiel ihm, daß die Frau sich nicht weiter darum kümmerte, ob er es bequem hatte. Sie hatte erreicht, was sie wollte — jetzt entwickelte sie gottlob keine überflüssigen Hausfraueneigenschaften.

Er goß ein Glas voll und stellte die Flasche auf den Boden. »Salute!«

»Salute! Und danke!«

»Das ist in Ordnung. Ich hatte ohnehin nicht viel Lust, durch den Regen zu gehen.«

»Regnet es noch?«

»Ja.«

Das leise Klopfen kam von draußen durch die Stille, als wolle etwas hinein, grau, trostlos und ohne Form, etwas, das trauriger war als Traurigkeit — eine ferne, anonyme Erinnerung, eine endlose Welle, die heranwehte und zurückhaben und begraben wollte, was sie früher einmal herangebracht und auf einer Insel vergessen hatte — ein bißchen Mensch und Licht und Denken.

»Gute Nacht zum Trinken.«

»Ja — und eine schlechte, allein zu sein.«

Ravic schwieg eine Weile. »Daran haben wir uns alle gewöhnen müssen«, sagte er dann. »Das, was uns früher einmal zusammenhielt, ist heute zerstört. Wir sind heute auseinandergefallen wie eine Kette aus Glasperlen, deren Band zerrissen ist. Nichts ist mehr fest.« Er goß sein Glas aufs neue voll. »Als Junge habe ich einmal nachts auf einer Wiese geschlafen. Es war Sommer, und der Himmel war sehr klar. Bevor ich einschlief, sah ich den Orion über den Wäldern am Horizont stehen. Dann wachte ich auf, mitten in der Nacht — und der Orion stand auf einmal hoch über mir. Ich habe das nie vergessen. Ich hatte gelernt, daß die Erde ein Stern ist und sich dreht; aber ich hatte es gelernt, wie man vieles lernt, was in Büchern steht, und nie darüber nachgedacht. Jetzt zum erstenmal empfand ich, daß es wirklich so war. Ich fühlte, wie sie lautlos durch den ungeheuren Raum flog.

Ich fühlte es so stark, daß ich fast glaubte, mich festhalten zu müssen, um nicht heruntergeschleudert zu werden. Es kam wohl, weil ich, aufgewacht aus tiefem Schlaf, einen Augenblick verlassen von Gedächtnis und Gewohnheit, in den riesig verschobenen Himmel sah. Die Erde war plötzlich nicht mehr fest für mich — und sie ist es seitdem nie wieder ganz geworden.«

Er trank sein Glas aus. »Das macht manches schwerer und vieles leichter.« Er sah zu Joan Madou hinüber. »Ich weiß nicht, wie weit Sie sind«, sagte er. »Wenn Sie müde sind, antworten Sie einfach nicht mehr.‹.

»Noch nicht. Bald. Es ist noch eine Stelle, die wach ist. Wach und kalt.«

Ravic stellte die Flasche neben sich auf den Boden. Aus der Wärme des Zimmers sickerte langsam eine braune Müdigkeit in ihn hinüber. Die Schatten kamen. Das Wehen der Flügel. Ein fremdes Zimmer, Nacht, und draußen — wie ferne Trommeln — das monotone Klopfen des Regens — eine Hütte mit etwas Licht am Rande des Chaos, ein kleines Feuer in der Wildnis ohne Sinn — ein Gesicht, gegen das man sprach.

»Haben Sie das auch einmal gespürt?« fragte er.

Sie schwieg eine Weile. »Ja. Nicht so. Anders. Wenn ich tagelang mit niemandem gesprochen hatte und nachts umherging, und überall waren Menschen, die irgendwohin gehörten, die irgendwohin gingen, irgendwo zu Hause waren. Nur ich nicht. Dann wurde langsam alles unwirklich, als wäre ich ertrunken und ginge durch eine fremde Stadt unter Wasser...«

Jemand kam draußen die Treppe hinauf. Ein Schlüssel klirrte, und eine Tür klappte. Gleich darauf rauschte die Wasserleitung. »Warum bleiben Sie in Paris, wenn Sie niemand hier kennen?« fragte Ravic. Er fühlte, daß er schläfrig wurde.

»Ich weiß nicht. Wohin soll ich sonst gehen?«

»Haben Sie nichts, wohin Sie zurückgehen können?«

»Nein. Man kann auch nirgendwohin zurückgehen.«

Der Wind jagte einen Regenschauer über das Fenster. »Weshalb sind Sie nach Paris gekommen?« fragte Ravic.

Joan Madou antwortete nicht. Er glaubte schon, sie sei eingeschlafen. »Raczinsky und ich kamen nach Paris, weil wir uns trennen wollten«, sagte sie dann.

Ravic hörte es, ohne überrascht zu sein. Es gab Stunden, wo einen nichts überraschte. Im Zimmer gegenüber begann der Mann, der kurz vorher gekommen war, zu kotzen. Man hörte sein Stöhnen gedämpft durch die Tür.

»Warum waren Sie dann so verzweifelt?« fragte Ravic.

»Weil er tot war! Tot! Plötzlich nicht mehr da! Nie zurückzuholen! Tot! Nie mehr etwas zu machen! Verstehen Sie das nicht?« Joan Madou hatte sich im Bett halb aufgerichtet und starrte Ravic an. Weil er fortgegangen ist, bevor du es tun konntest. Weil er dich allein gelassen hat, bevor du dafür bereit warst.

»Ich... ich hätte anders sein sollen zu ihm... ich war...«

»Vergessen Sie das. Reue ist das Nutzloseste in der Welt. Man kann nichts zurückholen. Man kann nichts gutmachen. Wir wären sonst alle Heilige. Das Leben hat nicht beabsichtigt, uns vollkommen zu machen. Wer vollkommen ist, gehört in ein Museum.«

Joan Madou antwortete nicht. Ravic sah, daß sie trank und sich wieder in die Kissen zurücklehnte. Da war noch etwas — aber er war zu müde, um noch darüber nachzudenken. Es war ihm auch gleichgültig. Er wollte schlafen. Morgen mußte er operieren. Dies alles ging ihn nichts mehr an. Er stellte das leere Glas auf den Boden neben die Flasche. Sonderbar, wo man manchmal so landet, dachte er.

6

Lucienne Martinet saß am Fenster, als Ravic hereinkam. »Wie ist das« fragte er, »so zum erstenmal aus dem Bett zu sein?«

Das Mädchen sah ihn an und dann hinaus in den grauen Nachmittag und wieder zurück zu ihm. »Kein gutes Wetter heute«, sagte er.

»Doch«, erwiderte sie. »Für mich schon.«

»Warum?«

»Weil ich nicht ’raus muß.«

Sie saß zusammengekauert in ihrem Sessel, einen billigen baumwollenen Kimono um die Schultern gezogen, ein schmales, unansehnliches Wesen mit schlechten Zähnen — aber für Ravic war sie im Augenblick schöner als Trojas Helena. Sie war ein Stück Leben, das er mit seinen Händen gerettet hatte. Es war nichts, um besonders stolz zu sein; eine hatte er kurz vorher verloren. Die nächste verlor er vielleicht wieder; und am Ende verlor man sie alle und sich selbst auch. Aber diese hier war für den Augenblick gerettet.

»Hüte herumschleppen ist kein Spaß bei diesem Wetter«, sagte Lucienne. »Haben Sie Hüte herumgeschleppt?« »Ja. Für Madame Lanvert. Das Geschäft an der Avenue Matignon. Bis fünf Uhr mußten wir arbeiten. Dann mußte ich die Kartons zu den Kunden bringen. Jetzt ist es halb sechs. Jetzt wäre ich unterwegs.« Sie blickte durch das Fenster. »Schade, daß es nicht mehr regnet. Gestern war es besser. Da regnete es in Strömen. Jetzt muß jemand anders da hindurch.«

Ravic setzte sich ihr gegenüber auf die Fensterbank. Merkwürdig, dachte er. Man erwartet immer, Menschen müßten hemmungslos glücklich sein, wenn sie dem Tode entronnen sind. Sie sind es fast nie. Diese hier ist es auch nicht. Ein kleines Wunder ist geschehen, und alles, was sie daran interessiert, ist, daß sie nicht durch den Regen gehen muß. »Wie sind Sie gerade hierher, in die Klinik, gekommen, Lucienne?« fragte er.

Sie sah ihn vorsichtig an. »Jemand hat es mir gesagt.«

»Wer?«

»Eine Bekannte.«

»Was für eine Bekannte?«

Das Mädchen zögerte. »Eine Bekannte, die auch hier war. Ich habe sie hierhergebracht, bis vor die Tür. Daher wußte ich es.«

»Wann war das?«

»Eine Woche bevor ich kam.«

»War es die, die während der Operation gestorben ist?«

»Ja.«

»Und trotzdem sind Sie hierhergekommen?«

»Ja«, sagte Lucienne gleichgültig. »Warum nicht?«

Ravic sagte nicht, was er sagen wollte. Er sah das kleine kalte Gesicht an, das einmal weich gewesen war und das das Leben so rasch hart gemacht hatte. »Waren Sie vorher auch bei derselben Hebamme?« fragte er.

Lucienne antwortete nicht. »Oder bei demselben Arzt? Sie können es mir ruhig sagen. Ich weiß ja nicht, wer es ist.«

»Marie war zuerst da. Eine Woche früher. Zehn Tage früher.« »Und Sie sind später hingegangen, trotzdem Sie wußten, was Marie passiert war?«

Lucienne hob die Schultern. »Was sollte ich machen? Ich mußte es riskieren. Ich wußte niemand anderes. Ein Kind... was sollte ich mit einem Kind?« Sie sah aus dem Fenster. Auf einem Balkon gegenüber stand ein Mann in Hosenträgern, der einen Schirm über sich hielt. »Wie lange muß ich noch hierbleiben, Doktor?«

»Ungefähr zwei Wochen.«

»Zwei Wochen noch?«

»Das ist nicht lange. Warum?«

»Es kostet und kostet...«

»Vielleicht können wir es ein paar Tage früher machen.« »Glauben Sie, daß ich es abzahlen kann? Ich habe nicht genug Geld. Es ist teuer, jeden Tag dreißig Frank.« »Wer hat Ihnen denn das gesagt?« »Die Schwester.« »Welche? Eugenie, natürlich...«

»Ja. Sie sagte, die Operation und die Verbände wären noch extra. Ist das sehr teuer?«

»Die Operation haben Sie schon bezahlt.«

»Die Schwester sagt, es wäre längst nicht genug gewesen.«

»Das weiß die Schwester nicht so genau, Lucienne. Da fragen Sie besser später Doktor Veber.«

»Ich möchte es gern bald wissen.«

»Warum?«

»Ich kann es mir dann besser einteilen, wie lange ich dafür arbeiten muß.« Lucienne blickte auf ihre Hände. Die Finger waren dünn und zerstochen. »Ich muß auch noch einen Monat Zimmermiete zahlen«, sagte sie. »Als ich hierherkam, war es gerade der dreizehnte. Am fünfzehnten hätte ich kündigen müssen. Jetzt muß ich noch den Monat bezahlen. Für nichts.«

»Haben Sie nicht jemand, der Ihnen hilft ?«

Lucienne blickte auf. Ihr Gesicht war plötzlich zehn Jahre älter. »Das wissen Sie doch selbst, Doktor! Der war nur ärgerlich. Er hätte nicht gewußt, daß ich so dumm sei. Sonst hätte er nie mit mir angefangen.«

Ravic nickte. So etwas war nichts Neues. »Lucienne«, sagte er, »wir können versuchen, von der Frau, die den Eingriff gemacht hat, etwas zu bekommen. Sie war schuld. Sie müssen uns nur ihren Namen geben.«

Das Mädchen richtete sich rasch auf. Es war plötzlich nichts als Abwehr. »Polizei? Nein, da fliege ich selbst ’rein.«

»Ohne Polizei. Wir drohen nur.«

Sie lachte nur. »Von der kriegen Sie damit nichts. Die ist aus Eisen. Dreihundert Frank habe ich ihr bezahlen müssen. Und dafür...« Sie strich ihren Kimono glatt. »Manche Menschen haben eben gar kein Glück«, sagte sie ohne Resignation, als spräche sie von jemand anderem als sich selbst.

»Doch«, erwiderte Ravic. »Sie hatten eine Menge Glück.«

Er sah Eugenie im Operationssaal. Sie putzte Nickelsachen blank. Es war eine ihrer Liebhabereien. Sie war so versunken in ihre Arbeit, daß sie ihn nicht kommen hörte.

»Eugenie«, sagte er.

Sie fuhr herum. »Ach Sie! Müssen Sie einen dauernd erschrecken?«

»Ich glaube nicht, daß ich soviel Persönlichkeit habe. Aber Sie sollten die Patienten nicht erschrecken mit Ihren Geschichten über Honorare und Kosten.«

Eugenie richtete sich auf, die Putzlappen in der Hand. »Die Hure hat natürlich sofort geklatscht.«

»Eugenie«, sagte Ravic. »Es gibt mehr Huren unter Frauen, die nie mit einem Mann geschlafen haben, als unter denen, die einen schwierigen Broterwerb daraus machen. Ganz zu schweigen von den Verheirateten. Außerdem hat das Mädchen nicht geklatscht. Sie haben ihm nur den Tag verdorben, das ist alles.«

»Na, wennschon! Empfindlichkeit noch bei dem Lebenswandel!«

Du wandelnder Moralkatechismus, dachte Ravic. Du ekelhafter Tugendprotz — was weißt du von der Verlassenheit dieser kleinen Hutmacherin, die tapfer zu derselben Hebamme gegangen ist, die ihre Freundin verpfuscht hat — und zum selben Hospital, in dem die andere gestorben ist, und die nichts weiter dazu sagt als: Was sollte ich machen, und: wie kann ich es bezahlen...

»Sie sollten heiraten, Eugenie«, sagte er. »Einen Witwer mit Kindern. Oder den Besitzer eines Begräbnisinstituts.«

»Herr Ravic«, sagte die Schwester mit Würde. »Wollen Sie sich bitte nicht um meine Privatsachen kümmern? Ich muß mich sonst bei Herrn Doktor Veber beschweren.«

»Das tun Sie ohnehin den ganzen Tag.« Ravic sah mit Freude zwei rote Flecken auf ihren Wangenknochen erscheinen. »Warum können fromme Menschen so selten loyal sein, Eugenie? Den besten Charakter haben Zyniker; am unerträglichsten sind Idealisten. Gibt Ihnen das nicht zu denken?«

»Gottlob nein.«

»Das dachte ich mir. Ich gehe jetzt hinüber zu den Kindern der Sünde. Zum ›Osiris.‹ Für den Fall, daß Doktor Veber etwas für mich hat.«

»Ich glaube kaum, daß Doktor Veber etwas für Sie haben wird.«

»Jungfräulichkeit macht noch nicht zur Hellseherin. Es könnte doch sein. Ich werde bis ungefähr fünf Uhr dort sein. Dann in meinem Hotel.«

»Schönes Hotel, die Judenbude.«

Ravic drehte sich um. »Eugenie, nicht alle Refugiés sind Juden. Noch nicht einmal alle Juden sind Juden. Und manche sind es, von denen man es nicht glaubt. Ich kannte sogar mal einen jüdischen Neger. War ein furchtbar einsamer Mensch. Das einzige, was er liebte, war chinesisches Essen. So geht es in der Welt zu.«

Die Schwester antwortete nicht. Sie putzte eine Nickelplatte, die völlig blank war.

Ravic saß in dem Bistro an der Rue La Boissiere und starrte durch die verregneten Scheiben, als er den Mann draußen sah. Es war wie ein Schlag in den Magen. Im ersten Augenblick fühlte er nur den Schock, ohne zu realisieren, was es war — aber gleich darauf stieß er den Tisch beiseite, sprang von seinem Stuhl auf und drängte sich rücksichtslos durch den vollen Raum der Tür zu.

Jemand hielt ihn am Arm fest. Er drehte sich um. »Was?« fragte er verständnislos. »Was?«

Es war der Kellner. »Sie haben nicht bezahlt, mein Herr.«

»Was? — Ach so... ich komme zurück...« Er zerrte seinen Arm los.

Der Kellner wurde rot. »Das gibt es hier nicht! Sie...«

»Hier...«

Ravic riß einen Schein aus der Tasche, warf ihn dem Kellner zu und riß die Tür auf. Er drängte sich an einer Gruppe von Leuten vorbei und stürzte nach rechts, um die Ecke, die Rue La Boissiere entlang.

Jemand schimpfte hinter ihm her. Er besann sich, hörte auf zu laufen und ging weiter, so schnell er konnte, ohne aufzufallen. Es ist unmöglich, dachte er, es ist völlig unmöglich, ich bin verrückt, es ist unmöglich! Das Gesicht, dieses Gesicht, es muß eine Ähnlichkeit sein, irgendeine hundsgemeine, verfluchte Ähnlichkeit, ein blöder Trick, den meine Nerven mir spielen — es kann nicht in Paris sein, dieses Gesicht, es ist in Deutschland, es ist in Berlin, die Scheibe war verregnet, man konnte nicht deutlich sehen, ich muß mich geirrt haben, bestimmt…

Er ging weiter, eilig, er schob sich durch die Menge, die aus einem Kino strömte, er musterte jedes Gesicht, das er überholte, genau, er starrte unter Hüte, er begegnete ärgerlichen und erstaunten Blicken, weiter, weiter, andere Gesichter, andere Hüte, graue, schwarze, blaue, er überholte sie, er wandte sich um, er starrte sie an...

An der Kreuzung der Avenue Kléber blieb er stehen. Eine Frau, eine Frau mit einem Pudel, erinnerte er sich plötzlich. Gleich hinterher war der andere gekommen.

Die Frau mit dem Pudel hatte er schon längst überholt. Rasch ging er zurück. Als er die Frau mit dem Hund von weitem sah, blieb er an der Bordkante stehen. Er ballte die Fäuste in den Taschen und musterte jeden Vorübergehenden genau. Der Pudel blieb an einem Laternenpfahl stehen, schnupperte und hob unendlich langsam ein Hinterbein. Dann kratzte er umständlich das Pflaster und lief weiter. Ravic spürte plötzlich, daß sein Nacken naß war von Schweiß. Er wartete noch einige Minuten — das Gesicht kam nicht. Er musterte die geparkten Autos. Niemand saß darin. Er kehrte wieder um und ging bis zur Untergrundbahn an der Avenue Kleber. Er lief den Eingang hinunter, löste ein Billett und ging den Bahnsteig entlang. Es waren ziemlich viel Leute da. Bevor er durch war, lief ein Zug ein, hielt und verschwand in dem Tunnel. Der Bahnsteig war leer.

Langsam ging er zurück in das Bistro. Er setzte sich an den Tisch, an dem er vorher gesessen hatte. Da stand noch ein Glas, halbvoll mit Calvados. Es schien sonderbar, daß es immer noch da stand...

Der Kellner schlurfte heran. »Entschuldigen Sie, mein Herr. Ich wußte nicht...«

»Gut, gut«, sagte Ravic. »Bringen Sie mir ein anderes Glas Calvados.«

»Ein anderes?« Der Kellner blickte auf das halbvolle Glas auf dem Tisch. »Wollen Sie dieses nicht erst trinken?«

»Nein. Bringen Sie mir ein anderes.«

Der Kellner nahm das Glas und roch daran. »Ist er nicht gut?«

»Doch. Ich will nur ein anderes haben.«

»Gut, mein Herr.«

Ich habe mich geirrt, dachte Ravic. Die verregnete Scheibe, halb beschlagen, wie konnte man da etwas genau erkennen? Er starrte durch das Fenster. Er starrte aufmerksam hinaus, wie ein Jäger auf dem Anstand, er beobachtete jeden Menschen, der vorüberging — aber schattenhaft, grau und scharf, jagte gleichzeitig ein Film darüber, ein Fetzen Erinnerung...

Berlin. Ein Sommerabend 1934 — das Haus der Gestapo; Blut; ein kahles Zimmer ohne Fenster; das grelle Licht nackter elektrischer Birnen; ein rotbespritzter Tisch mit Riemen zum Festschnallen; die übernächtige Helligkeit seines Gehirns, das ein dutzendmal aus Ohnmachten durch halbes Ersticken in einem Wassereimer wieder aufgeschreckt worden war; seine Nieren, die so zerschlagen waren, daß sie nicht mehr schmerzten; das verzerrte, fassungslose Gesicht Sybils; ein paar Henkersknechte in Uniform, die sie hielten — und eine Stimme und ein lächelndes Gesicht, das freundlich erklärte, was mit der Frau geschehen würde, wenn man nicht gestand — Sybil, die dann drei Tage später angeblich erhängt aufgefunden wurde.

Der Kellner erschien und stellte das Glas auf den Tisch. »Dies ist eine andere Sorte, mein Herr. Von Didier aus Caën. Älter.«

»Gut, gut. Danke.«

Ravic trank das Glas aus. Er holte ein Päckchen Zigaretten aus der Tasche, zog eine heraus und zündete sie an. Seine Hände waren noch immer nicht ruhig. Er warf das Streichholz auf den Boden und bestellte einen anderen Calvados.

Das Gesicht, dieses lächelnde Gesicht, das er soeben wiedergesehen zu haben glaubte — es mußte ein Irrtum sein! Es war unmöglich, daß Haake in Paris war. Unmöglich! Er schüttelte die Erinnerungen ab. Es hatte keinen Zweck, sich damit kaputtzumachen, solange man nichts tun konnte. Die Zeit dafür war, wenn das drüben zusammenkrachte und man zurückkonnte. Bis dahin...

Er rief den Kellner und zahlte; aber er konnte es nicht hindern, daß er jeden unterwegs genau beobachtete.

Er saß mit Morosow in der Katakombe.

»Du glaubst nicht, daß er es war?« fragte Morosow.

»Nein. Aber er sah so aus. Irgendeine verdammte Ähnlichkeit. Oder mein Gedächtnis, das nicht mehr sicher ist.«

»Pech, daß du im Bistro warst.«

»Ja.«

Morosow schwieg eine Weile. »Regt einen verflucht auf, was?« sagte er dann.

»Nein. Warum?«

»Weil man es nicht weiß.«

»Ich weiß es.«

Morosow erwiderte nichts.

»Gespenster«, sagte Ravic. »Dachte, ich wäre drüber weg.«

»Das ist man nie. Ich habe das auch gehabt. Im Anfang hauptsächlich. In den ersten fünf, sechs Jahren. Ich warte noch auf drei in Rußland. Es waren sieben. Vier sind gestorben. Zwei davon erschossen von der eigenen Partei. Ich warte jetzt schon seit über zwanzig Jahren. Seit 1917. Einer von den dreien, die noch leben, ist jetzt an siebzig. Die anderen beiden um vierzig, fünfzig herum. Die werde ich hoffentlich noch kriegen. Es sind die für meinen Vater.«

Ravic sah Boris an. Er war ein Riese, aber über sechzig. »Du wirst sie kriegen«, sagte er.

»Ja.« Morosow öffnete und schloß die großen Hände. »Darauf warte ich. Lebe deshalb vorsichtiger. Trinke nicht mehr so oft. Vielleicht dauert es noch eine Zeit. Ich muß kräftig sein dann. Ich will nicht schießen und nicht stechen.«

»Ich auch nicht.«

Sie saßen eine Zeitlang. »Wollen wir eine Partie Schach spielen?« fragte Morosow.

»Ja. Aber ich sehe kein freies Brett.«

»Drüben der Professor hört auf. Hat mit Levy gespielt. Gewonnen wie immer.«

Ravic ging, das Brett und die Figuren holen. »Sie haben lange gespielt, Professor, den ganzen Nachmittag.«

Der alte Mann nickte. »Es lenkt ab. Schach ist vollkommener als Kartenspielen. Kartenspielen ist Glück und Pech. Das lenkt nicht genug ab. Schach ist eine Welt für sich. Solange man spielt, tritt sie an die Stelle der anderen da draußen.« Er hob seine entzündeten Augen. »Die ist nicht so vollkommen.«

Levy, sein Partner, meckerte plötzlich auf. Dann schwieg er, sah sich erschrocken um und folgte dem Professor.

Sie machten zwei Spiele. Dann stand Morosow auf. »Ich muß gehen, Türen öffnen für die Blüte der Menschheit. Warum schaust du eigentlich nie mehr bei uns herein?«

»Ich weiß nicht. Zufall.«

»Wie ist es mit morgen abend?«

»Morgen abend kann ich nicht. Da gehe ich essen. Ins Maxime.«

Morosow grinste. »Für einen illegalen Flüchtling treibst du dich eigentlich ziemlich frech in den elegantesten Lokalen von Paris herum.«

»Das sind die einzigen, in denen man völlig sicher ist, Boris. Wer sich benimmt wie ein Refugié, wird bald erwischt. Das solltest selbst du noch wissen, du Nansenpaßbesitzer.«

»Stimmt. Mit wem gehst du denn? Mit dem deutschen Gesandten als Protektion?«

»Mit Kate Hegström.«

Morosow tat einen Pfiff. »Kate Hegström«, sagte er. »Ist sie zurück?«

»Sie kommt morgen früh. Von Wien.«

»Gut. Dann sehe ich dich also doch später bei uns.«

»Vielleicht auch nicht.«

Morosow winkte ab. »Unmöglich! Die Scheherazade ist Kate Hegströms Hauptquartier, wenn sie in Paris ist.« »Diesmal ist es anders. Sie kommt, um in die Klinik zu gehen. Wird in den nächsten Tagen operiert.«

»Dann wird sie gerade kommen. Du verstehst nichts von Frauen.« Morosow kniff die Augen zusammen. »Oder willst du nicht, daß sie kommt?«

»Warum nicht?«

»Mir fällt gerade ein, daß du nicht bei uns warst, seit du mir damals die Frau geschickt hast. Joan Madou. Scheint mir doch kein reiner Zufall zu sein.«

»Unsinn. Ich weiß nicht einmal, daß sie noch bei euch ist. Konntet ihr sie gebrauchen?« »Ja. Sie war zuerst im Chor. Jetzt hat sie eine kleine Solonummer. Zwei oder drei Lieder.« »Hat sie sich inzwischen einigermaßen gewöhnt?« »Natürlich. Warum nicht?« »Sie war verdammt verzweifelt. Ein armer Teufel.« »Was?« fragte Morosow. »Ein armer Teufel, sagte ich.« Morosow lächelte. »Ravic«, erwiderte er väterlich mit einem Gesicht, in dem plötzlich Steppen, Weite, Wiesen und alle Erfahrung der Welt waren. »Rede keinen Unsinn. Das ist ein ziemlich großes Luder.«

»Was?« sagte Ravic.

»Ein Luder. Keine Hure. Ein Luder. Wenn du ein Russe wärest, würdest du das verstehen.«

Ravic lachte. »Dann muß sie sich sehr geändert haben. Servus, Boris! Gott segne deine Augen.«

7

»Wann muß ich in der Klinik sein, Ravic?« fragte Kate Hegström.

»Wann Sie wollen. Morgen, übermorgen, irgendwann. Es kommt auf einen Tag nicht an.«

Sie stand vor ihm, schmal, knabenhaft , selbstsicher, hübsch und nicht mehr ganz jung.

Ravic hatte ihr vor zwei Jahren den Blinddarm herausgenommen. Es war seine erste Operation in Paris gewesen. Sie hatte ihm Glück gebracht. Er hatte seitdem gearbeitet und keine Schwierigkeiten mit der Polizei gehabt. Sie war für ihn eine Art Maskottchen.

»Diesmal habe ich Angst«, sagte sie. »Ich weiß nicht, warum. Aber ich habe Angst.«

»Das brauchen Sie nicht. Es ist eine Routinesache.«

Sie ging zum Fenster und sah hinaus. Draußen lag der Hof des Hotels Lancaster. Eine mächtige alte Kastanie reckte ihre alten Arme aufwärts zum nassen Himmel. »Dieser Regen«, sagte sie. »Ich bin in Wien weggefahren, und es regnete. Ich bin in Zürich aufgewacht, und es regnete. Und jetzt hier...« Sie schob die Vorhänge zurück. »Ich weiß nicht, was mit mir los ist. Ich glaube, ich werde alt.«

»Das glaubt man immer, wenn man es nicht ist.«

»Ich sollte anders sein. Ich bin vor zwei Wochen geschieden worden. Ich sollte froh sein. Aber ich bin müde. Alles wiederholt sich, Ravic. Warum?«

»Nichts wiederholt sich. Wir wiederholen uns, das ist alles.«

Sie lächelte und setzte sich in ein Sofa, das neben dem künstlichen Kamin stand. »Es ist gut, daß ich zurück bin«, sagte sie. »Wien ist eine Kaserne geworden. Trostlos. Die Deutschen haben es zertrampelt. Und mit ihnen die Österreicher. Die Österreicher auch, Ravic. Ich dachte, es sei ein Widerspruch der Natur; ein österreichischer Nazi. Aber ich habe sie gesehen.«

»Das ist nicht überraschend. Macht ist die ansteckendste Krankheit, die es gibt.«

»Ja, und die am meisten deformierende. Deshalb bin ich geschieden worden. Der scharmante Nichtstuer, den ich vor zwei Jahren geheiratet hatte, wurde plötzlich ein brüllender Sturmführer, der den alten Professor Bernstein Straßen waschen ließ und dabeistand und lachte. Bernstein, der ihn ein Jahr vorher von einer Nierenentzündung geheilt hatte. Angeblich, weil das Honorar zu hoch gewesen war.« Kate Hegström verzog die Lippen. »Das Honorar, das ich bezahlt hatte, nicht er.«

»Seien Sie froh, daß Sie ihn los sind.«

»Er verlangte zweihundertfünfzigtausend Schilling für die Scheidung.«

»Billig«, sagte Ravic. »Alles, was man mit Geld abmachen kann, ist billig.«

»Er hat nichts bekommen.« Kate Hegström hob das schmale Gesicht, das fehlerfrei wie eine Gemme geschnitten war. »Ich habe ihm gesagt, was ich über ihn, seine Partei und seinen Führer denke — und daß ich das von nun an öffentlich tun würde. Er drohte mir mit Gestapo und Konzentrationslager. Ich habe ihn ausgelacht. Ich sei immer noch Amerikanerin und unter dem Schutz der Gesandtschaft. Mir würde nichts geschehen, aber ihm, weil er mit mir verheiratet sei.«

Sie lachte. »Daran hatte er nicht gedacht. Er machte von da an keine Schwierigkeiten mehr.«

Gesandtschaft, Schutz, Protektion, dachte Ravic. Das war wie von einem anderen Planeten. »Mich wundert, daß Bernstein noch praktizieren darf«, sagte er.

»Er darf nicht mehr. Er hat mich heimlich untersucht, als ich die erste Blutung hatte. Gottlob, daß ich kein Kind bekommen darf. Ein Kind von einem Nazi...«

Sie schüttelte sich.

Ravic stand auf. »Ich muß jetzt gehen. Veber wird Sie nachmittags noch einmal untersuchen. Nur der Form wegen.«

»Ich weiß. Trotzdem — ich habe Angst diesmal.«

»Aber Kate — es ist doch nicht das erstemal. Einfacher als der Blinddarm, den ich Ihnen vor zwei Jahren herausgenommen habe.« Ravic nahm sie leicht um die Schultern. »Sie waren meine erste Operation, als ich nach Paris kam. Das ist etwas wie eine erste Liebe. Ich werde schon aufpassen. Außerdem sind Sie mein Maskottchen. Sie haben mir Glück gebracht. Das sollen Sie auch weiter.«

»Ja«, sagte sie und sah ihn an.

»Gut. Adieu, Kate. Ich hole Sie abends um acht Uhr ab.«

»Adieu, Ravic. Ich gehe jetzt, mir ein Abendkleid bei Mainbocher kaufen. Ich muß diese Müdigkeit loswerden. Und das Gefühl, in einem Spinngewebe zu sitzen. Dieses Wien«, sagte sie mit einem bitteren Lächeln, »die Stadt der Träume...«

Ravic fuhr mit dem Aufzug herunter und ging an der Bar vorbei durch die Halle. Ein paar Amerikaner saßen herum. In der Mitte stand auf einem Tisch ein riesiger Strauß roter Gladiolen. Sie hatten in dem grauen, zerstreuten Licht die Farbe von altem Blut, und erst als er nahe herankam, sah er, daß sie ganz frisch waren. Es war nur das Licht von draußen, das sie so machte.

Im zweiten Stock des »International« war großer Betrieb. Eine Anzahl Zimmer stand offen, das Mädchen und der Valet rannten hin und her und die Proprietaire dirigierte alles vom Korridor her. Ravic kam die Treppe herauf. »Was ist los?« fragte er.

Die Proprietaire war eine kräftige Frau mit mächtigem Busen und einem zu kleinen Kopf mit kurzen, schwarzen Locken. »Die Spanier sind doch fort«, sagte sie.

»Das weiß ich. Aber wozu räumen Sie so spät die Zimmer noch auf?«

»Wir brauchen sie morgen früh.«

»Neue deutsche Emigranten?«

»Nein, spanische.«

»Spanische?« fragte Ravic, der einen Augenblick nicht verstand, was sie meinte. »Wieso, die sind ja gerade weg?«

Die Wirtin sah ihn mit ihren schwarzen, glänzenden Augen an und lächelte. Es war ein Lächeln aus einfachstem Wissen und einfachster Ironie. »Die anderen kommen zurück«, sagte sie.

»Welche anderen?«

»Die von der Gegenseite natürlich. Das ist doch immer so.« Sie rief dem aufräumenden Mädchen ein paar Worte zu. »Wir sind ein altes Hotel«, sagte sie dann mit einem gewissen Stolz. »Die Gäste kommen gern zu uns zurück. Sie warten schon auf ihre alten Zimmer.«

»Sie warten schon?« fragte Ravic erstaunt. »Wer wartet schon?«

»Die Herren von der Gegenseite. Die meisten waren doch schon einmal hier. Eine Anzahl ist natürlich inzwischen getötet worden. Aber die andern haben in Biarritz und St. Jean de Luz gewartet, bis Zimmer bei uns frei wurden.«

»Waren die denn schon einmal hier?«

»Aber, Herr Ravic!« Die Wirtin war überrascht, daß er das nicht sofort wußte. »In der Zeit doch, als Primo de Rivera Diktator in Spanien war. Sie mußten damals fliehen und lebten hier. Als Spanien dann republikanisch wurde, gingen sie zurück, und die Monarchisten und Faschisten kamen her. Jetzt gehen die letzten davon zurück, und die Republikaner kommen wieder. Die, die noch übrig sind.«

»Richtig. Daran habe ich nicht gedacht.«

Die Wirtin blickte in eines der Zimmer. Ein farbiger Druck des ehemaligen Königs Alfons hing über dem Bett. »Nimm das herunter, Jeanne«, rief sie.

Das Mädchen brachte das Bild.

»Hier. Stell es hierher.«

Die Wirtin lehnte das Bild rechts an die Wand und ging weiter. Im nächsten Zimmer hing ein Bild des Generals Franco. »Das da auch. Stelle es zu dem andern.«

»Weshalb haben diese Spanier ihre Bilder eigentlich nicht mitgenommen?« fragte Ravic.

»Emigranten nehmen selten Bilder mit, wenn sie zurückgehen«, erklärte die Wirtin. »Bilder sind ein Trost in der Fremde.Wenn man zurückgeht, braucht man sie nicht mehr. Die Rahmen sind auch zu unbequem beim Reisen, und das Glas bricht leicht. Bilder werden fast immer in Hotels gelassen.«

Sie stellte zwei andere Bilder des fetten Generalissimus, eines von Alfons und ein kleines von Queipo de Llano zu den übrigen im Korridor. »Die Heiligenbilder können wir drin lassen«, entschied sie, als sie eine grellfarbige Madonna entdeckte. »Heilige sind neutral.«

»Nicht immer«, sagte Ravic.

»In schwierigen Zeiten hat Gott immer eine Chance. Ich habe hier schon manchen Atheisten beten sehen.« Die Wirtin rückte mit einer energischen Bewegung ihren linken Busen zurecht. »Haben Sie nicht auch schon einmal gebetet, wenn Ihnen das Wasser am Halse stand?«

»Natürlich. Aber ich bin auch kein Atheist. Ich bin nur ein Schwergläubiger.«

Der Hausknecht kam die Treppe herauf.

Er schleppte einen Haufen Bilder über den Korridor heran.

»Wollen Sie umdekorieren?« fragte Ravic.

»Natürlich. Man muß eine Menge Takt haben im Hotelfach. Das gibt einem Hause erst den wirklichen guten Ruf. Besonders bei unserer Art von Kundschaft, die, ich kann wohl sagen, in diesen Dingen sehr delikat ist. Man kann nicht erwarten, daß jemand Freude an einem Zimmer hat, in dem sein Todfeind stolz in bunten Farben und oft sogar in einem Goldrahmen auf ihn heruntersieht. Habe ich recht?«

»Hundertprozentig.«

Die Wirtin wandte sich an den Hausknecht. »Leg die Bilder hierher, Adolphe. Nein, stell sie besser an die Wand ins Licht, nebeneinander, damit man sie sehen kann.«

Der Mann grunzte und bückte sich, um die Ausstellung vorzubereiten. »Was hängen Sie jetzt da hinein?« fragte Ravic interessiert. »Hirsche und Landschaften und Vesuvausbrüche und so was.«

»Nur, wenn’s nicht reicht. Sonst gebe ich die alten Bilder zurück.«

»Welche alten?«

»Die von früher. Die die Herren hiergelassen haben, als sie die Regierung übernahmen. Hier sind sie.«

Sie zeigte auf die linke Wand des Korridors. Der Hausknecht hatte dort inzwischen die neuen Bilder aufgestellt, in einer Reihe, gegenüber denen, die aus den Zimmern geholt worden waren. Es waren zwei Marx, drei Lenin, von denen eines zur Hälfte mit Papier überklebt war, ein Trotzki und ein paar kleinere gerahmte schwarze Drucke von Negrin und andern republikanischen Führern Spaniens. Sie waren unscheinbar, und keines war so leuchtend in Farben mit Orden und Emblemen wie die pompöse Reihe der Alfonsos, Primos und Francos gegenüber auf der rechten Seite. Die beiden Reihen Weltanschauung starrten sich schweigend in dem schwach erleuchteten Korridor an, und dazwischen stand die französische Wirtin mit Takt, Erfahrung und der ironischen Weisheit ihrer Rasse.

»Ich habe die Sachen damals aufbewahrt«, sagte sie, »als die Herren auszogen. Regierungen dauern heutzutage nicht lange. Sie sehen, daß ich recht hatte — jetzt kommen sie uns zugute. Im Hotelfach muß man einen weiten Blick haben.«

Sie ordnete an, wo die Bilder aufgehängt werden sollten. Den Trotzki schickte sie zurück; er war ihr zu unsicher. Ravic inspizierte den Druck von Lenin, dessen Hälfte überklebt war. Er kratzte etwas von dem Papier in der Höhe von Lenins Kopf ab — hinter dem aufgeklebten Stück kam ein anderer Kopf Trotzkis hervor, der zu Lenin herüberlächelte. Ein Anhänger Stalins hatte ihn wahrscheinlich überklebt. »Hier«, sagte Ravic. »Noch ein versteckter Trotzki. Aus der guten alten Zeit der Freundschaft und Brüderschaft .«

Die Wirtin nahm das Bild. »Das können wir wegwerfen. Das ist ganz wertlos. Eine Hälfte davon beleidigt dauernd die andere.« Sie gab es dem Hausknecht. »Hebe den Rahmen auf, Adolphe. Er ist gute Eiche.«

»Was machen Sie mit den übrigen?« fragte Ravic. »Den Alfonsos und den Francos?«

»Die kommen in den Keller. Man weiß nie, ob man sie nicht noch einmal gebrauchen kann.«

»Ihr Keller muß fabelhaft sein. Ein temporäres Mausoleum. Haben Sie da noch mehr?«

»Oh, natürlich! Wir haben russische — ein paar einfachere Lenin — in Papprahmen zur Aushilfe und dann die vom letzten Zaren. Von Russen, die hier gestorben sind. Ein wunderbares Original in Öl und schwerem Goldrahmen von einem Herrn, der Selbstmord begangen hat. Dann sind da die Italiener. Zwei Garibaldis, drei Könige und ein etwas beschädigter Mussolini auf Zeitungspapier, aus der Zeit, als er noch Sozialist war in Zürich. Das Ding hat allerdings nur Seltenheitswert. Keiner will es hängen haben.«

»Haben Sie auch Deutsche?«

»Noch ein paar Marx; das sind die häufigsten; einen Lassalle; einen Bebel — dann ein Gruppenbild von Ebert, Scheidemann, Noske und vielen anderen. Noske ist darauf mit Tinte zugeschmiert. Die Herren sagten mir, daß er ein Nazi geworden sei.«

»Das stimmt. Sie können es zu dem sozialistischen Mussolini hängen. Von der andern Seite in Deutschland haben Sie keine, wie?«

»O doch! Wir haben einen Hindenburg, einen Kaiser Wilheim, einen Bismarck — und«, die Wirtin lächelte, »sogar einen Hitler im Regenmantel. Wir sind ziemlich komplett.«

»Was?« fragte Ravic. »Hitler? Woher haben Sie den denn?«

»Von einem Homosexuellen. Er kam 1934, als Röhm und die andern drüben getötet wurden. Hatte Angst und betete viel. Später wurde er von einem reichen Argentinier mitgenommen. Er hieß Putzi mit Vornamen. Wollen Sie das Bild sehen? Es steht im Keller.«

»Jetzt nicht. Nicht im Keller. Ich sehe es lieber, wenn alle Zimmer im Hotel mit derselben Sorte vollhängen.«

Die Wirtin sah ihn einen Augenblick scharf an.

»Ach so«, sagte sie dann. »Sie meinen, wenn die als Emigranten kommen?«

Boris stand in seiner goldbetreßten Uniform vor der Scheherazade und öffnete die Tür des Taxis. Ravic stieg aus. Morosow schmunzelte. »Ich dachte, du wolltest nicht kommen?« »Das wollte ich auch nicht.«

»Ich habe ihn gezwungen, Boris.« Kate Hegström umarmte Morosow. »Gottlob, daß ich wieder zurück bin bei euch!«

»Sie haben eine russische Seele, Katja. Der Himmel weiß, warum Sie in Boston geboren werden mußten. Komm, Ravic.« Morosow stieß die Tür zum Eingang auf. »Der Mensch ist groß in seinen Vorsätzen, aber schwach in der Ausführung. Darin liegt unser Elend und unser Scharm.«

Die Scheherazade war wie ein kaukasisches Zelt eingerichtet. Die Kellner waren Russen in roten Tscherkessenuniformen. Das Orchester bestand aus russischen und rumänischen Zigeunern. Man saß an kleinen Tischen, die vor einer Bankette standen, die an der Wand entlanglief. Der Raum war dunkel und ziemlich besetzt.

»Was wollen Sie trinken, Kate?« fragte Ravic.

»Wodka. Und die Zigeuner sollen spielen. Ich habe genug vom ›Wiener Wald‹ im Parademarsch.« Sie schlüpfte aus ihren Schuhen und zog die Füße auf die Bankette. »Ich bin jetzt nicht mehr müde, Ravic«, sagte sie. »Ein paar Stunden Paris haben mich schon verändert. Aber mir ist immer noch, als wäre ich aus einem Konzentrationslager entkommen. Können Sie sich das vorstellen?«

Ravic sah sie an. »So ungefähr«, sagte er.

Der Tscherkesse brachte eine kleine Flasche Wodka und die Gläser. Ravic füllte sie und gab eines an Kate Hegström. Sie trank es rasch und durstig und stellte es zurück. Dann sah sie sich um. »Eine Mottenbude«, sagte sie und lächelte. »Aber nachts wird sie eine Höhle der Zuflucht und der Träume.«

Sie lehnte sich zurück. Das weiche Licht unter der Tischplatte erleuchtete ihr Gesicht. »Warum, Ravic? Nachts wird alles farbiger. Nichts erscheint einem mehr schwer, man glaubt, alles zu können, und was man nicht erreichen kann, füllt man mit Träumen aus. Warum?«

Er lächelte. »Wir haben unsere Träume, weil wir ohne sie die Wahrheit nicht ertragen könnten.«

Das Orchester begann zu stimmen. Ein paar Quinten und ein paar Geigenläufe flatterten auf. »Sie sehen nicht so aus, als ob Sie sich mit Träumen betrügen würden«, sagte Kate.

»Man kann sich auch mit der Wahrheit betrügen. Das ist ein noch gefährlicherer Traum.«

Das Orchester fing an zu spielen. Anfangs war es nur das Cymbal. Die weichen umwickelten Hämmer pflückten leise, fast unhörbar, eine Melodie aus der Dämmerung, warfen sie hoch in ein sanftes Glissando und gaben sie dann zögernd weiter an die Violinen.

Der Zigeuner kam langsam über die Tanzfläche heran an den Tisch. Er stand da, lächelnd, die Geige an der Schulter, mit zudringlichen Augen und gierig abwesendem Gesicht. Ohne seine Geige wäre er ein Viehhändler gewesen — mit ihr war er der Bote der Steppe, der weiten Abende, der Horizonte und all dessen, was nie Wirklichkeit war.

Kate Hegström fühlte die Melodie auf ihrer Haut wie Quellwasser im April. Sie war plötzlich voller Echos, aber niemand war da, der nach ihr rief. Verwehte Stimmen murmelten, vage Erinnerungsfetzen flatterten, manchmal blinkte es wie Brokat, aber es verwirbelte, und niemand war da, der rief. Niemand rief.

Der Zigeuner verbeugte sich. Ravic schob ihm unter dem Tisch einen Schein in die Hand. Kate Hegström rührte sich in ihrer Ecke. »Waren Sie einmal glücklich, Ravic?«

»Oft .«

»Das meine ich nicht. Ich meine richtig glücklich. Atemlos, besinnungslos, mit allem, was Sie haben.«

Ravic sah in das bewegte, schmale Gesicht vor ihm, das nur eine Deutung für Glück kannte, die schwankendste von allen: Liebe, und keine von den anderen. »Oft , Kate«, sagte er und meinte etwas ganz anderes und wußte, auch das war es nicht.

»Sie wollen mich nicht verstehen. Oder nicht darüber sprechen. Wer singt da jetzt mit dem Orchester?«

»Ich weiß es nicht. Ich war lange nicht hier.«

»Man kann die Frau von hier nicht sehen. Sie ist nicht mit den Zigeunern. Sie muß irgendwo an einem Tisch sitzen.« »Dann ist es wahrscheinlich ein Gast. Das passiert hier oft .«

»Eine sonderbare Stimme«, sagte Kate Hegström. »Traurig und rebellisch in einem.«

»Das sind die Lieder.«

»Oder ich bin es. Verstehen Sie, was sie singt?«

»Ja wass loubill« — »ich habe dich geliebt. Ein Lied von Puschkin.«

»Können Sie Russisch?«

»Nur so viel, wie Morosow mir beigebracht hat. Meistens Flüche. Russisch ist eine hervorragende Sprache für Flüche.«

»Sie sprechen nicht gern über sich, wie?«

»Ich denke nicht einmal gern über mich nach.«

Sie saß eine Weile. »Manchmal glaube ich, das alte Leben ist vorbei«, sagte sie dann. »Die Sorglosigkeit, die Erwartung — all das von früher.«

Ravic lächelte. »Es ist nie vorbei, Kate. Leben ist eine viel zu große Sache, als daß es vorbei sein könnte, bevor wir aufhören zu atmen.«

Sie hörte nicht auf das, was er sagte. »Es ist eine Angst oft«, sagte sie. »Eine plötzliche, unerklärliche Angst. So, als ob, wenn wir hier herauskommen, die Welt draußen auf einmal zusammengebrochen sein könnte. Kennen Sie das auch?«

»Ja, Kate. Jeder kennt das. Es ist eine europäische Krankheit. Seit zwanzig Jahren.«

Sie schwieg. »Das ist aber nicht mehr russisch«, sagte sie dann und horchte zu der Musik hinüber.

»Nein. Das ist italienisch. Santa Lucia Luntana.«

Der Scheinwerfer wanderte vom Geiger zu einem Tisch neben dem Orchester hinüber. Ravic sah die Frau jetzt, die sang. Es war Joan Madou. Sie saß allein an dem Tisch, einen Arm aufgestützt, und blickte vor sich hin, als wäre sie in Gedanken und außer ihr niemand da. Ihr Gesicht war sehr bleich in dem weißen Licht. Es hatte nichts mehr von dem flachen, verwischten Ausdruck, den er kannte. Es war plötzlich von einer aufregenden, verlorenen Schönheit, und er erinnerte sich, es einmal flüchtig so gesehen zu haben — nachts in ihrem Zimmer —, aber damals hatte er geglaubt, es sei der sanfte Betrug der Trunkenheit gewesen, und es war gleich darauf erloschen und verschwunden. Jetzt war es ganz da, und es war noch mehr da.

»Was ist los, Ravic?« fragte Kate Hegström.

Er wandte sich um. »Nichts. Ich kenne nur das Lied. Ein neapolitanischer Schmachtfetzen.«

»Erinnerungen.«

»Nein. Ich habe keine Erinnerungen.«

Er sagte es heftiger, als er wollte. Kate Hegström sah ihn an. »Manchmal wollte ich wirklich, ich wüßte, was mit Ihnen los ist, Ravic.«

Er machte eine abwehrende Bewegung. »Nicht mehr als mit jedem anderen. Die Welt ist heute voll von Abenteurern wider Willen. In jedem Refugié-Hotel sitzen sie. Und jeder hat eine Geschichte, die für Alexander Dumas und Victor Hugo eine Sensation gewesen wäre; jetzt gähnt man schon, bevor er anfängt, sie zu erzählen. Hier ist ein neuer Wodka für Sie, Kate. Das große Abenteuer heute ist ein klares, ruhiges Leben.«

Das Orchester begann einen Blues zu spielen. Es spielte Tanzmusik ziemlich schlecht. Ein paar Gäste ringen an zu tanzen. Joan Madou stand auf und ging dem Ausgang zu. Sie ging, als wäre das Lokal leer. Ravic fiel plötzlich ein, was Morosow über sie gesagt hatte. Sie kam ziemlich nahe an seinem Tisch vorbei. Es schien ihm, als hätte sie ihn gesehen; aber ihr Blick glitt gleich darauf gleichgültig über ihn hinweg, und sie verließ den Raum.

»Kennen Sie die Frau?« fragte Kate Hegström, die ihn beobachtet hatte.

»Nein.«

8

»Sehen Sie das, Veber?« fragte Ravic. »Hier — und hier — und hier...«

Veber beugte sich über die aufgeklammerte Wunde. »Ja...«

»Die kleinen Höcker hier — und da, das ist keine Geschwulst und keine Verwachsung...«

»Nein...«

Ravic richtete sich auf. »Krebs«, sagte er. »Klarer, einwandfreier Krebs! Das ist die verfluchteste Operation, die ich seit langem gemacht habe: Das Speculum zeigt nichts, die Pelvisuntersuchung nur eine leichte Weichheit an einer Seite, ein bißchen Schwellung, Möglichkeit einer Zyste oder eines Myoms, nichts Wichtiges, aber wir können nicht von unten arbeiten, müssen schneiden, und plötzlich finden wir Krebs.«

Veber sah ihn an. »Was wollen Sie machen?«

»Wir können einen Gefrierschnitt machen. Mikroskopischen Befund feststellen. Ist Boisson noch im Laboratorium?«

»Bestimmt.« Veber gab der Infirmiere den Auftrag, das Laboratorium anzurufen. Sie verschwand eilig, auf geräuschlosen Gummisohlen.

»Wir müssen weiterschneiden. Den Hysterektomieschnitt machen«, sagte Ravic. »Keinen Sinn, was anderes zu tun. Das verdammte ist nur, daß sie es nicht weiß. Wie ist der Puls?« fragte er die Narkoseschwester.

»Regelmäßig. Neunzig.«

»Blutdruck?«

»Hundertzwanzig.«

»Gut.« Ravic sah auf den Körper Kate Hegströms, der, den Kopf tief, in der Trendelenburg-Position auf dem Operationstisch lag. »Sie müßte es vorher wissen. Sie müßte einverstanden sein. Wir können nicht so einfach in ihr herumschneiden. — Oder können wir?«

»Nach dem Gesetz nicht. Sonst... wir haben ja schon angefangen.«

»Das mußten wir. Die Ausschabung war nicht von unten zu machen. Dies hier ist eine andere Operation. Eine Gebärmutter herausnehmen, ist etwas anderes als eine Auskratzung.«

»Ich glaube, sie vertraut Ihnen, Ravic.«

»Ich weiß es nicht. Vielleicht. Aber ob sie einverstanden wäre ...?« Er schob mit dem Ellbogen die Gummischürze über dem weißen Kittel zurecht. »Immerhin... ich kann zuerst einmal versuchen, weiterzufahren. Wir können dann immer noch entscheiden, ob wir die Hysterektomie machen müssen. Messer, Eugenie.«

Er machte den Schnitt bis zum Nabel und klammerte die kleineren Blutgefäße ab. Dann stoppte er die größeren mit Doppelknoten, nahm ein anderes Messer und durchschnitt die gelbliche Fascia. Die Muskeln darunter separierte er mit dem Messerrücken, hob dann das Peritoneum an, öffnete es und klammerte es auf.

»Den Spreizapparat!«

Die Hilfsschwester hatte ihn schon bereit. Sie warf die Kette mit dem Gewicht zwischen die Beine Kate Hegströms und hakte die Blasenplatte an. »Tücher.«

»Tücher!«

Er schob die feuchten, warmen Tücher ein, legte die Bauchhöhle frei und setzte behutsam die Greifzange an. Dann sah er auf. »Sehen Sie hier, Veber... und hier... das breite Ligament. Die dicke, harte Masse. Unmöglich, eine Kocherzange anzulegen. Es ist schon zu weit.«

Veber starrte auf die Stelle, die Ravic ihm wies. »Sehen Sie das hier«, sagte Ravic. »Wir können die Arterien nicht mehr abklammern. Brüchig. Da wuchert es auch schon. Hoffnungslos...«

Er löste vorsichtig ein schmales Stück los. »Ist Boisson im Laboratorium?«

»Ja«, sagte die Infirmiere. »Er wartet schon.«

»Gut. Schicken Sie es hinüber. Wir können auf den Befund warten. Wird nicht länger als zehn Minuten dauern.«

»Sagen Sie ihm, er soll telefonieren«, sagte Veber. »Sofort. Wir warten mit der Operation.«

Ravic richtete sich auf.

»Wie ist der Puls?«

»Fünfundneunzig.«

»Blutdruck?«

»Hundertfünfzehn.«

»Gut. Ich glaube, Veber, wir brauchen jetzt nicht mehr nachzudenken, ob wir ohne Zustimmung operieren sollen oder nicht. Hier ist nichts mehr zu tun.«

Veber nickte.

»Zunähen«, sagte Ravic. »Das Kind wegnehmen, das ist alles. Zunähen und nichts sagen.«

Er stand einen Moment und sah auf den offenen Körper unter den weißen Tüchern. Das grelle Licht machte die Tücher noch weißer, wie frischer Schnee, unter dem der rote Krater der klaffenden Wunde gähnte. Kate Hegström, vierunddreißig Jahre alt, kapriziös, schmal, braun, trainiert, voll von Willen zum Leben — zum Tode verurteilt durch den neblig unsichtbaren Griff, der ihre Zellen zerstört hatte.

Er beugte sich wieder über den Körper. »Wir müssen ja noch...«

Das Kind. In diesem zerfallenen Körper wuchs ja noch blind ein tappendes Leben heran.Verurteilt mit ihm. Noch fressend, saugend, gierig, nichts als Trieb zum Wachsen, irgend etwas, das einmal spielen wollte in Gärten, das irgend etwas werden wollte, Ingenieur, Priester, Soldat, Mörder, Mensch, etwas, das leben, leiden, glücklich sein wollte und zerbrechen... vorsichtig ging das Instrument die unsichtbare Wand entlang — fand den Widerstand, brach ihn behutsam, brachte ihn heraus — vorbei. Vorbei mit all dem unbewußten Kreisen, vorbei mit dem ungelebten Atem, Jubel, Klage, Wachsen, Werden. Nichts mehr als etwas totes, bleiches Fleisch und etwas gerinnendes Blut.

»Schon Nachricht von Boisson?«

»Noch nicht. Muß bald kommen.«

»Wir können noch ein paar Minuten warten.«

Ravic trat zurück. »Puls?«

Er sah hinter dem Bügel Kate Hegströms Augen. Sie blickte ihn an — nicht starr, sondern als ob sie ihn sähe und alles wüßte. Einen Augenblick glaubte er, sie sei erwacht. Er machte einen Schritt und stoppte dann. Unmöglich! Es war ein Zufall; das Licht. »Wie ist der Puls?«

»Hundert. Blutdruck hundertzwölf. Fällt.«

»Es wird Zeit«, sagte Ravic. »Boisson könnte jetzt fertig sein.«

Das Telefon klingelte gedämpft von unten.Veber blickte zur Tür. Ravic sah nicht hin. Er wartete. Er hörte die Tür. Die Schwester kam herein. »Ja«, sagte Veber.

»Krebs.«

Ravic nickte und begann weiterzuarbeiten. Er löste die Zangen, die Klammern. Er hob den Retraktor heraus; die Handtücher. Neben ihm zählte Eugenie die Instrumente.

Er begann zu nähen. Fein, methodisch, genau, völlig konzentriert und ohne jeden Gedanken. Das Grab schloß sich, die Häute legten sich aneinander, bis zur letzten, äußeren; er klammerte sie ab und richtete sich auf. »Fertig.«

Eugenie kurbelte mit dem Fuß den Tisch wieder horizontal und deckte Kate Hegström zu. Scheherazade, dachte Ravic, vorgestern, ein Kleid von Mainbocher, waren Sie einmal glücklich, oft, ich habe Angst, eine Routinesache; die Zigeuner spielen. — Er sah auf die Uhr über der Tür. Zwölf. Mittag. Draußen öffneten sich jetzt die Büros und Fabriken, und gesunde Leute strömten heraus. Die beiden Schwestern schoben den flachen Wagen aus dem Operationssaal heraus. Ravic riß die Gummihandschuhe von den Händen, ging in den Waschraum und begann sich zu waschen.

»Ihre Zigarette«, sagte Veber, der sich neben ihm an dem zweiten Becken wusch. »Sie verbrennen sich die Lippen.«

»Ja. Danke. Wer wird es ihr nur sagen, Veber?«

»Sie«, erklärte Veber ohne Zögern.

»Wir müssen ihr erklären, weshalb wir geschnitten haben. Sie hatte erwartet, wir würden es von innen machen. Wir können ihr nicht sagen, was es wirklich war.«

»Es wird Ihnen schon etwas einfallen«, sagte Veber zuversichtlich.

»Meinen Sie?«

»Natürlich. Sie haben ja bis heute abend Zeit.«

»Und Sie?«

»Mir würde sie nichts glauben. Sie weiß, daß Sie sie operiert haben, und wird es von Ihnen wissen wollen. Sie würde nur mißtrauisch werden, wenn ich käme.«

»Stimmt.«

»Ich verstehe nicht, wie es sich in so kurzer Zeit entwickeln konnte.«

»Es kann. Ich wollte, ich wüßte, was ich sagen soll.«

»Ihnen wird schon etwas einfallen, Ravic. Irgendeine Zyste oder ein Myom.«

»Ja«, sagte Ravic. »Irgendeine Zyste oder ein Myom.«

Nachts ging er noch einmal zur Klinik. Kate Hegström schlief. Sie war abends aufgewacht, hatte erbrochen, ungefähr eine Stunde unruhig gelegen und war dann wieder eingeschlafen.

»Hat sie irgend etwas gefragt?«

»Nein«, sagte die rotbackige Schwester. »Sie war noch benommen und hat nichts gefragt.«

»Ich nehme an, daß sie durchschlafen wird bis morgen. Wenn sie aufwacht und fragt, sagen Sie ihr, alles sei gut abgelaufen. Sie solle weiterschlafen. Geben Sie ihr, wenn es nötig wird, ein Mittel. Wenn sie unruhig wird, rufen Sie Doktor Veber oder mich an. Ich hinterlasse im Hotel, wo ich bin.«

Er stand auf der Straße wie jemand, der noch einmal entkommen war. Ein paar Stunden Frist, ehe er in ein vertrauendes Gesicht hineinlügen mußte. Die Nacht erschien ihm plötzlich warm und schimmernd. Der graue Aussatz des Lebens wurde wieder einmal barmherzig überdeckt von ein paar geschenkten Stunden, die wie Tauben emporflogen. Auch sie waren Lügen — es wurde einem nichts geschenkt; sie waren nur ein Aufschub, aber was war es nicht? War nicht alles Aufschub, barmherziger Aufschub, eine bunte Fahne, die das ferne, schwarze, unerbittlich näher kommende Tor verdeckte?

Er trat in ein Bistro und setzte sich an einen Marmortisch am Fenster. Der Raum war rauchig und voll Lärm. Der Kellner kam. »Einen Dubonnet und ein Paket Colonial.«

Er öffnete das Paket und zündete sich eine der schwarzen Zigaretten an. Neben ihm debattierten ein paar Franzosen über die korrupte Regierung und den Pakt von München. Ravic hörte nur halb hin. Jeder wußte, daß die Welt apathisch in einen neuen Krieg hineintrieb. Niemand hatte etwas dagegen — Aufschub, noch ein Jahr Aufschub — das war alles, worum man sich aufraffte, zu kämpfen. Aufschub auch hier — immer wieder.

Er trank das Glas Dubonnet. Der süßlich dumpfe Geruch des Aperitifs füllte den Mund mit schalem Widerwillen. Wozu hatte er ihn nur bestellt? Er winkte dem Kellner. »Einen fi ne.«

Er blickte durch die Scheiben hinaus und schüttelte die Gedanken ab. Wenn man nichts tun konnte, sollte man sich nicht verrückt machen. Er erinnerte sich, wann er diese Lehre bekommen hatte. Eine der großen Lehren seines Lebens. —

Es war 1916 gewesen, im August, in der Nähe von Ypern. Die Kompanie war einen Tag vorher von der Front zurückgekommen. Es war ein ruhiger Abschnitt gewesen, in dem sie das erstemal, seit man sie ins Feld geschickt hatte, eingesetzt worden war. Nichts war passiert. Jetzt lagen sie in der warmen Augustsonne um ein kleines Feuer herum und brieten Kartoffeln, die sie in den Feldern gefunden hatten. Eine Minute später war nichts mehr davon da. Ein plötzlicher Artillerieüberfall — eine Granate, die mitten ins Feuer geschlagen hatte —; als er wieder zu sich kam, heil, unverletzt, sah er zwei seiner Kameraden tot — und etwas weiter seinen Freund Paul Meßmann, den er kannte, seit sie beide laufen konnten, mit dem er gespielt hatte, die Schule besuchte, von dem er unzertrennlich gewesen war — er lag da, den Magen und den Bauch aufgerissen, die Eingeweide hervorquellend...

Sie schleppten ihn auf einer Zeltbahn zum Feldlazarett, den nächsten Weg, durch ein Getreidefeld einen flachen Abhang hinauf. Sie schleppten ihn zu viert, jeder an einer Ecke, und er lag in der braunen Zeltbahn, die Hände in die weißen, fetten, blutigen Eingeweide gepreßt, den Mund offen, die Augen verständnislos starr.

Er starb zwei Stunden später. Eine davon schrie er.

Ravic erinnerte sich, wie sie zurückgekommen waren. Er hatte stumpf und verstört in der Baracke gesessen. Es war das erstemal, daß er so etwas gesehen hatte. Katczinsky hatte ihn da gefunden, der Gruppenführer, Schuhmacher im Privatleben. »Komm mit«, hatte er gesagt. »In der Bayernkantine gibt es heute Bier und Schnaps. Wurst auch.« Er hatte ihn angestarrt. Hatte solche Roheit nicht begriffen. Katczinsky hatte ihn eine Weile beobachtet, hatte dann gesagt: »Du kommst mit. Und wenn ich dich hinprügeln sollte. Du wirst heute fressen und saufen und in einen Puff gehen.« Er hatte nicht geantwortet. Katczinsky hatte sich neben ihn gesetzt. »Ich weiß, was los ist. Ich weiß auch, was du jetzt über mich denkst. Aber ich bin zwei Jahre hier und du zwei Wochen. Hör zu! Können wir noch etwas für Meßmann tun? — Nein. — Glaubst du, daß wir alles riskieren würden, wenn eine Chance da wäre, ihn zu retten?« — Er hatte aufgeblickt. Ja, das wußte er. Er wußte das von Katczinsky. »Gut. Er ist tot. Wir können nichts mehr machen. Aber in zwei Tagen müssen wir wieder ’raus und nach vorn. Diesmal wird es nicht so ruhig da sein. Wenn du jetzt hier hockst und an Meßmann denkst, frißt du es in dich ’rein. Es macht deine Nerven kaputt, wirst unsicher. Gerade genug vielleicht, daß du beim nächsten Feuerüberfall draußen nicht schnell genug bist. Halbe Sekunde zu spät. Dann schleppen wir dich wie Meßmann zurück. Wem nützt das? Meßmann? Nein. Jemand anderem? Nein. Dich haut es um, das ist alles.Verstehst du nun?« — »Ja, aber ich kann nicht.« — »Halt’s Maul, du kannst! Andere haben es auch gekonnt. Du bist nicht der erste.«

Es war besser geworden nach dieser Nacht. Er war mitgegangen, er hatte seine erste Lektion gelernt. Hilf, wenn du kannst — tu alles dann —; aber wenn du nichts mehr tun kannst, vergiß! Dreh dich um! Halt dich fest! Mitleid ist etwas für ruhige Zeiten. Nicht, wenn es ums Leben geht.

Begrabe die Toten und friß das Dasein! Du wirst es noch brauchen müssen. Trauer ist eines, Tatsachen sind ein anderes. Man trauert nicht weniger, wenn man trotzdem die Tatsachen sieht und anerkennt. Nur so überlebt man.

Ravic trank den Kognak aus. Die Franzosen am Nebentisch schwatzten immer noch über ihre Regierung. Über das Versagen Frankreichs. Über England. Über Italien. Über Chamberlain. —

Worte, Worte. Die einzigen, die handelten, waren die anderen. Sie waren nicht stärker, nur entschlossener. Sie waren nicht mutiger; sie wußten nur, daß die anderen nicht kämpfen würden. Aufschub, aber was tat man damit? Rüstete man, holte man nach, raffte man sich auf? Man sah zu, wie die andern weiterrüsteten — und wartete, hoffte untätig auf neuen Aufschub. Die Geschichte der Walroßherde. Hunderte am Strand; zwischen ihnen der Jäger, der eines nach dem andern mit der Keule erschlug. Zusammen konnten sie ihn leicht erdrücken — aber sie lagen da, sahen ihn kommen, morden und rührten sich nicht; er erschlug ja nur gerade den Nachbarn — einen Nachbarn nach dem andern. Die Geschichte der europäischen Walrosse. Das Abendrot der Zivilisation. Müde, gestaltlose Götterdämmerung. Die leeren Banner der Menschenrechte. Der Ausverkauf eines Kontinents. Anbrandende Sintflut. Krämergeschäftigkeit um die letzten Preise. Der alte Jammertanz auf dem Vulkan. Völker, wieder einmal langsam auf die Schlachtbank getrieben. Die Flöhe würden sich schon retten, wenn das Schaf geopfert wurde. Wie immer.

Ravic drückte seine Zigarette aus. Er blickte sich um. Was sollte das alles? War der Abend nicht wie eine Taube gewesen vorhin, wie eine weiche, graue Taube? Begrabe die Toten und friß das Leben. Die Zeit ist kurz. Überstehen war alles. Irgendwann würde man gebraucht werden. Man sollte sich dafür heil und bereit halten. Er winkte dem Kellner und zahlte.

Die Scheherazade war dunkel, als er eintrat. Die Zigeuner spielten, und nur das Licht des Scheinwerfers lag voll auf dem Tisch neben dem Orchester, an dem Joan Madou saß.

Ravic blieb am Eingang stehen. Einer der Kellner kam heran und rückte ihm einen Tisch zurecht. Aber Ravic blieb stehen und sah zu Joan Madou hinüber.

»Wodka?« fragte der Kellner.

»Ja. Eine Karaffe.«

Ravic setzte sich hin. Er goß sich ein Glas Wodka ein und trank es rasch. Er wollte loswerden, was er draußen gedacht hatte. Die Fratze der Vergangenheit und die Fratze des Todes — einen von Granaten zerrissenen Bauch und einen von Krebs zerfressenen. Er sah, daß er an demselben Tisch saß, an dem er vor zwei Tagen mit Kate Hegström gesessen hatte. Nebenan wurde ein anderer Tisch frei. Er rückte nicht hinüber. Es war gleichgültig, ob er an diesem Tisch saß oder am nächsten — es half Kate Hegström nicht. Was hatte Veber einmal gesagt? Weshalb regen Sie sich auf, wenn eine Operation hoffnungslos ist? Man tut, was man kann, und geht nach Hause. Wo bliebe man sonst? Ja, wo bliebe man sonst? Er hörte die Stimme Joan Madous vom Orchester her. Kate Hegström hatte recht gehabt — es war eine erregende Stimme. Er griff nach der Karaffe mit dem klaren Schnaps. Einer dieser Augenblicke, wo die Farben zerfielen und das Leben grau wurde unter machtlosen Händen. Die mystische Ebbe. Die tonlose Zäsur zwischen den Atemzügen. Der Biß der Zeit, die langsam das Herz zernagte. Santa Lucia Luntana, sang die Stimme neben dem Orchester. Es kam herüber wie ein Meer — von einem vergessenen anderen Ufer, an dem etwas blühte.

»Wie gefällt sie Ihnen?«

»Wer?« Ravic stand auf. Der Manager stand neben ihm. Er machte eine Bewegung zu Joan Madou hinüber.

»Gut. Sehr gut.«

»Sie ist gerade keine Sensation. Aber zu brauchen, zwischen den anderen Nummern.«

Der Manager glitt weiter. Sein Spitzbart stand einen Augenblick schwarz vor dem weißen Licht. Dann verschwand er in der Dunkelheit. Ravic blickte ihm nach und griff nach seinem Glas.

Der Scheinwerfer erlosch. Das Orchester begann einen Tango zu spielen. Die erleuchteten Tischflächen tauchten wieder auf und über ihnen die undeutlichen Gesichter.

Joan Madou erhob sich und ging zwischen den Tischen hindurch. Sie mußte einige Male warten, weil die Paare zur Tanzfläche gingen. Ravic sah sie an, und sie sah ihn an. Ihr Gesicht verriet keine Überraschung. Sie ging gerade auf ihn zu. Er stand auf und schob den Tisch beiseite. Ein Kellner kam, um ihm zu helfen. »Danke«, sagte er, »das mache ich schon allein. Wir brauchen nur noch ein Glas.«

Er rückte den Tisch wieder zurecht und füllte das Glas, das der Kellner brachte. »Das ist Wodka hier«, sagte er. »Ich weiß nicht, ob Sie das trinken.«

»Ja. Wir haben es schon einmal getrunken. In der Belle Aurore.«

»Richtig.«

Wir waren auch schon einmal hier, dachte Ravic. Vor einer Ewigkeit. Vor drei Wochen. Damals hast du hier gesessen, zusammengekauert in deinem Regenmantel, nichts als ein bißchen Unglück und Ausgelöschtsein im Halbdunkel. Jetzt... »Salute«, sagte er.

Ein Schein flog über ihr Gesicht. Sie lachte nicht; ihr Gesicht wurde nur heller. »Das habe ich lange nicht gehört«, sagte sie. »Salute.«

Er trank sein Glas aus und sah sie an. Die hohen Brauen, die weit auseinanderstehenden Augen, der Mund — alles, was früher verwischt und einzeln und ohne Zusammenhang gewesen war, hatte sich auf einmal versammelt zu einem hellen, geheimnisvollen Gesicht, einem Gesicht, dessen Geheimnis seine Offenheit war. Es versteckte nichts und gab dadurch nichts preis. Daß ich das früher nicht gesehen habe, dachte er. Aber vielleicht war es damals nicht da, vielleicht war es da ganz ausgefüllt von Verwirrung und Angst.

»Haben Sie eine Zigarette?« fragte Joan Madou.

»Nur die algerischen. Die mit dem schweren, schwarzen Tabak.«

Ravic wollte dem Kellner winken. »Sie sind nicht zu schwer«, sagte sie. »Sie haben mir schon einmal eine gegeben. Am Pont de l’Alma.«

»Das ist wahr.«

Es ist wahr, und es ist nicht wahr, dachte er. Damals warst du ein gehetztes, fahles Wesen, nicht du; da ist noch manches andere zwischen uns gewesen, und plötzlich ist nichts mehr davon wahr. »Ich war schon einmal hier«, sagte er.

»Vorgestern.«

»Ich weiß es. Ich habe Sie gesehen.«

Sie fragte nicht nach Kate Hegström. Sie saß ruhig und entspannt in der Ecke und rauchte, und sie schien ganz hingegeben daran, daß sie rauchte. Dann trank sie, ruhig und langsam, und schien ganz hingegeben daran, daß sie trank. Sie schien alles ganz zu tun, was sie gerade tat, auch wenn es noch so nebensächlich war. Sie war auch ganz verzweifelt damals, dachte Ravic — und ebenso ist sie es jetzt nicht mehr. Sie hatte plötzlich Wärme und eine selbstverständliche, sichere Gelassenheit. Er wußte nicht, ob es daher kam, weil nichts im Augenblick ihr Leben bewegte; er fühlte nur, wie es ihn anstrahlte.

Die Karaffe Wodka war leer. »Wollen wir das weiter trinken?« fragte Ravic.

»Was war es, das Sie mir damals zu trinken gegeben haben?«

»Wann? Hier? Ich glaube, wir haben da eine Menge durcheinander getrunken.«

»Nein. Nicht hier. Am ersten Abend.«

Ravic dachte nach. »Ich weiß es nicht mehr. — War es nicht Kognak?«

»Nein. Es sah aus wie Kognak, aber es war etwas anderes. Ich habe versucht, es zu bekommen, aber ich habe es nicht gefunden.«

»Warum? War es so gut?«

»Nicht deshalb. Es war das Wärmste, was ich je in meinem Leben getrunken habe.«

»Wo haben wir es getrunken?«

»In einem kleinen Bistro in der Nähe des Arc. Man mußte ein paar Stufen hinuntergehen. Es waren Chauffeure da und ein paar Mädchen. Der Kellner hatte eine Frau auf seinem Arm tätowiert.«

»Ah, ich weiß. Es wird Calvados gewesen sein. Apfelschnaps aus der Normandie. Haben Sie den schon versucht?«

»Ich glaube nicht.«

Ravic winkte dem Kellner. »Haben Sie Calvados?«

»Nein. Leider nicht. Er wird nie verlangt.«

»Zu elegant hier dafür. Es wird also Calvados gewesen sein. Schade, daß wir es nicht herausfinden können. Am einfachsten wäre, noch einmal in die Kneipe zu gehen. Aber das können wir ja jetzt nicht.«

»Warum nicht?«

»Müssen Sie nicht hierbleiben?«

»Nein. Ich bin fertig.«

»Gut. Wollen wir gehen?« — »Ja.«

Ravic fand die Kneipe ohne Mühe. Sie war ziemlich leer. Der Kellner mit der tätowierten Frau auf dem Arm warf beiden einen kurzen Blick zu; dann schlurfte er hinter der Theke hervor und wischte die Tischplatte ab. »Ein Fortschritt«, sagte Ravic. »Das hat er damals nicht gemacht.«

»Nicht diesen Tisch«, sagte Joan. »Den dort.«

Ravic lächelte. »Sind Sie abergläubisch?«

»Manchmal.«

Der Kellner stand neben ihnen. »Stimmt«, sagte er und ließ die Tätowierung springen. »Damals haben Sie auch hier gesessen.«

»Erinnern Sie sich noch daran?«

»Genau.«

»Sie sollten General werden«, sagte Ravic. »Mit so einem Gedächtnis.«

»Ich vergesse nie etwas.«

»Dann wundert es mich, daß Sie noch leben. Aber wissen Sie auch noch, was wir damals getrunken haben?« »Calvados«, sagte der Kellner ohne Zögern. »Gut. Das wollten wir jetzt wieder trinken.« Ravic wandte sich an Joan Madou. »Wie einfach sich manchmal Probleme lösen! Jetzt werden wir sehen, ob er auch noch genauso schmeckt.«

Der Kellner brachte die Gläser. »Doppelte. Sie bestellten damals doppelte Calvados.« »Sie werden mir langsam unheimlich, Mann. Wissen Sie auch noch, wie wir angezogen waren?« »Regenmantel. Die Dame trug ein Béret de Basque.« »Sie sind zu schade hier. Sie gehören in ein Varieté.« »War ich doch«, erwiderte der Kellner erstaunt. »Zirkus. Habe ich Ihnen doch erzählt. Haben Sie das denn vergessen?« »Ja. Zu meiner Schande, ja.« »Der Herr vergißt leicht«, sagte Joan Madou zu dem Kellner. »Er ist ein Künstler im Vergessen. So wie Sie ein Künstler im Nichtvergessen.«

Ravic blickte auf. Sie sah ihn an. Er lächelte. »Vielleicht doch nicht«, sagte er. »Und jetzt wollen wir den Calvados versuchen. — Salute!«

»Salute!«

Der Kellner blieb stehen. »Was man vergißt, das fehlt einem später im Leben, mein Herr«, erklärte er. Das Thema war für ihn noch nicht erschöpft .

»Richtig. Und was man nicht vergißt, macht es einem zur Hölle.«

»Mir nicht. Es ist ja vorbei. Wie kann es einem da das Leben zur Hölle machen?«

Ravic blickte auf. »Gerade deshalb, Bruder. Aber Sie sind ein glücklicher Mensch, nicht nur ein Künstler. Ist der gleiche Calvados?« fragte er Joan Madou. — »Er ist besser.«

Er sah sie an. Eine leichte Wärme stieg ihm in die Stirn. Er wußte, was sie meinte; aber es war entwaffnend, daß sie es sagte. Sie schien sich nicht darum zu kümmern, wie es wirken konnte. Sie saß in der kahlen Kneipe, als wäre sie ganz bei sich selbst. Das Licht der ungeschützten elektrischen Birnen war unbarmherzig. Zwei Huren, die ein paar Tische weiter saßen, sahen darin aus wie ihre Großmütter. Aber es tat ihr nichts. Was vorher, im Dämmer des Nachtklubs, dagewesen war, hielt hier stand. Das kühne, helle Gesicht, das nicht fragte, das nur da war und wartete — es war ein leeres Gesicht, dachte er; ein Gesicht, das jeder Wind des Ausdrucks ändern konnte. Man konnte alles hineinträumen. Es war wie ein schönes, leeres Haus, das auf Teppiche und Bilder wartete. Alle Möglichkeiten waren in ihm — es konnte ein Palast und eine Hurenbude werden. Es kam auf den an, der es füllte. Wie begrenzt erschien dagegen alles, was schon vollgestopft war und eine Maske hatte...

Er sah, daß sie ihr Glas ausgetrunken hatte. »Alle Achtung«, sagte er. »Das war ein doppelter Calvados. Wollen Sie noch einen?«

»Ja. Wenn Sie Zeit haben.«

Warum sollte ich keine Zeit haben, dachte er. Dann fiel ihm ein, daß sie ihn das letztemal mit Kate Hegström gesehen hatte. Er blickte auf.

Ihr Gesicht verriet nichts.

»Ich habe Zeit«, sagte er. »Ich muß morgen um neun operieren, das ist alles.«

»Können Sie das, wenn Sie so spät aufbleiben?«

»Ja. Das hat nichts damit zu tun. Es ist Gewohnheit. Ich operiere auch nicht jeden Tag.«

Der Kellner füllte die Gläser nach. Er brachte mit der Flasche eine Schachtel Zigaretten und legte sie auf den Tisch. Es war ein Paket Laurens grün. »Die hatten Sie doch damals auch, wie?« fragte er Ravic triumphierend.

»Keine Ahnung. Sie wissen mehr als ich. Aber ich glaube Ihnen ohne weiteres.«

»Es stimmt«, sagte Joan Madou.

»Es waren Laurens grün.«

»Sehen Sie! Die Dame hat ein besseres Gedächtnis als Sie, mein Herr.«

»Das weiß man noch nicht. Auf jeden Fall können wir die Zigaretten brauchen.«

Ravic öffnete das Paket und hielt es ihr hinüber. »Wohnen Sie noch in demselben Hotel?« fragte er.

»Ja. Ich habe nur ein größeres Zimmer genommen.«

Eine Gruppe von Chauffeuren kam herein. Sie setzten sich an den Nebentisch und begannen ein lautes Gespräch.

»Wollen wir gehen?« fragte Ravic. Sie nickte.

Er winkte dem Kellner und zahlte. »Müssen Sie nicht doch noch zurück zur Scheherazade?«

»Nein.«

Er nahm ihren Mantel. Sie zog ihn nicht an. Sie hängte ihn nur über ihre Schultern. Es war ein billiger Nerz und möglicherweise eine Imitation — aber er sah an ihr nicht billig aus. Billig war nur, was man nicht selbstverständlich trug, dachte Ravic. Er hatte schon billige Kronenzobel gesehen.

»Dann werden wir Sie jetzt zu Ihrem Hotel bringen«, sagte er, als sie draußen vor dem Eingang in dem leise sprühenden Regen standen.

Sie wandte sich langsam zu ihm. »Gehen wir nicht zu dir?«

Ihr Gesicht war dicht unter seinem, schräg aufwärts zu ihm gerichtet. Das Licht von der Laterne vor der Tür lag voll darauf. Die feinen Sprühperlen der Feuchtigkeit glitzerten in ihrem Haar.

»Ja«, sagte er.

Ein Taxi kam heran und hielt. Der Chauffeur wartete eine Weile. Dann gab er einen schnalzenden Laut von sich, schaltete knarrend und fuhr weiter.

»Ich habe auf dich gewartet. Wußtest du das?« fragte sie. — »Nein.«

Ihre Augen glänzten im Widerschein der Laterne. Man konnte hindurchsehen, und sie schienen nirgendwo aufzuhören. »Ich habe dich heute erst gesehen«, sagte er. »Das früher warst du nicht.«

»Nein.«

»Das früher war alles nicht.«

»Nein. Ich habe es vergessen.«

Er fühlte die leichte Ebbe und Flut ihres Atems. Unsichtbar bebte es ihm entgegen, sanft, ohne Schwere, bereit und voll Vertrauen — ein fremdes Dasein in der fremden Nacht. Er spürte plötzlich sein Blut. Es kam und kam und war mehr als das: Leben, tausendmal verflucht und gegrüßt, oft verloren und wiedergewonnen — vor einer Stunde noch eine dürre Landschaft, kahl, voll Gestern und ohne Trost — und jetzt wieder strömend und nahe dem rätselhaften Augenblick, an den er nie mehr geglaubt hatte; man war wieder der erste Mensch am Rande des Meeres, und aus den Fluten stieg es auf, weiß und leuchtend, Frage und Antwort in einem, es kam und kam, und der Sturm über den Augen begann...

»Halte mich«, sagte Joan. Er sah in ihr Gesicht hinunter und legte den Arm um sie. Ihre Schultern kamen ihm entgegen wie ein Schiff, das sich in einen Hafen legen will.

»Muß man dich halten?« fragte er.

»Ja.«

Ihre Hände lagen dicht zusammen an seiner Brust. »Ich werde dich schon halten.«

»Ja.«

Ein zweites Taxi bremste quietschend an der Bordkante. Der Chauffeur schaute ungerührt zu ihnen hinüber. Auf seiner Schulter saß ein kleiner Hund, der eine Strickweste trug. »Taxi?« krächzte der Mann unter einem langen, flächsernen Schnurrbart hervor.

»Sieh«, sagte Ravic. »Der dort weiß von nichts. Er weiß nicht, daß uns etwas angerührt hat. Er sieht uns, und er sieht nicht, daß wir uns verändert haben. Das ist das Verrückte in der Welt: Du kannst dich in einen Erzengel, einen Narren oder einen Verbrecher verwandeln, niemand sieht es. Aber wenn dir ein Knopf fehlt — das sieht jeder.«

»Es ist nicht verrückt. Es ist gut. Es läßt uns bei uns.«

Ravic sah sie an. Uns — dachte er. Welch ein Wort! Das geheimnisvollste Wort der Welt.

»Taxi?« krächzte der Chauffeur ungeduldig, aber lauter, und zündete sich eine Zigarette an.

»Komm«, sagte Ravic. »Den dort werden wir nicht los. Er hat Berufserfahrung.«

»Wir wollen nicht fahren. Laß uns gehen.«

»Es fängt an zu regnen.«

»Das ist kein Regen. Das ist Nebel. Ich will kein Taxi. Ich will mit dir gehen.«

»Gut. Aber dann will ich dem da drüben wenigstens klarmachen, daß inzwischen hier etwas geschehen ist.«

Ravic ging hinüber und sprach mit dem Chauff eur. Der Mann lächelte ein wunderschönes Lächeln, grüßte mit einer Geste, wie sie nur Franzosen in solchen Augenblicken haben, zu Joan hin und fuhr ab.

»Wie hast du es ihm klargemacht«, fragte sie, als Ravic zurückkam.

»Durch Geld. Es ist das einfachste. Nachtarbeiter und Zyniker. Er verstand sofort. War wohlwollend mit einer Spur liebenswürdiger Verachtung.«

Sie lächelte und lehnte sich an ihn. Er spürte, wie etwas in ihm sich öffnete und ausbreitete, warm und weich und weit, etwas, das ihn niederzog wie mit vielen Händen, und es war plötzlich unerträglich, daß sie nebeneinander standen, auf Füßen, schmalen Plattformen, lächerlich aufgerichtet, balancierend; anstatt es zu vergessen und niederzusinken, dem Schluchzen der Haut nachzugeben, dem Ruf hinter den Jahrtausenden, als es das alles noch nicht gab, Gehirn und Fragen und Qual und Zweifel — nur das dunkle Glück des Blutes...

»Komm«, sagte er.

Sie gingen durch den feinen Regen die leere, graue Straße entlang, und plötzlich, als sie an das Ende kamen, lag der Platz wieder mächtig und ohne Grenzen vor ihnen, und schwebend, hoch, hob sich das schwere Grau des Arc aus dem fließenden Silber.

9

Ravic ging zum Hotel zurück. Joan Madou hatte morgens noch geschlafen, als er weggegangen war. Er hatte geglaubt, in einer Stunde zurück zu sein. Jetzt war es drei Stunden später.

»Hallo, Doktor«, sagte jemand, der ihm auf der Treppe zum zweiten Stock begegnete.

Ravic sah den Mann an. Ein blasses Gesicht, ein Busch wilder, schwarzer Haare, eine Brille. Er kannte ihn nicht.

»Alvarez«, sagte der Mann. »Jaime Alvarez. Erinnern Sie sich nicht?«

Ravic schüttelte den Kopf.

Der Mann bückte sich und streifte ein Hosenbein hoch. Eine lange Narbe lief vom Schienbein aufwärts zum Knie. »Erinnern Sie sich jetzt?«

»Habe ich das operiert?«

Der Mann nickte. »Auf einem Küchentisch hinter der Front. In einem provisorischen Lazarett von Aranjuez. Kleine, weiße Villa in einem Mandelhain. Erinnern Sie sich nun?«

Ravic spürte plötzlich den schweren Geruch der Mandelblüten. Er roch ihn, als käme er die dunkle Treppe herauf, faulig, unentwirrbar gemischt mit dem süßeren und fauleren von Blut.

»Ja«, sagte er. »Ich erinnere mich.«

Die Verwundeten hatten auf der mondhellen Terrasse gelegen, in Reihen nebeneinander. Ein paar deutsche und italienische Flugzeuge hatten das fertiggebracht. Kinder, Frauen, Bauern, zerrissen von Bombensplittern. Ein Kind ohne Gesicht; eine schwangere Frau, aufgerissen bis zur Brust; ein alter Mann, der die Finger der Hand, die ihm weggeschmettert waren, ängstlich in der andern hielt, weil er glaubte, man könne sie wieder annähen. Über allem der schwere Nachtgeruch und der klare, fallende Tau.

»Ist das Bein wieder ganz in Ordnung?« fragte Ravic.

»Ungefähr. Ich kann es nicht voll biegen.« Der Mann lächelte. »Es war gut genug, um über die Pyrenäen damit zu kommen. Gonzales ist tot.«

Ravic wußte nicht mehr, wer Gonzales war. Aber er erinnerte sich jetzt an einen jungen Studenten, der ihm geholfen hatte. »Wissen Sie, was aus Manolo geworden ist?«

»Gefangen. Erschossen.«

»Und Serna? Der Brigadekommandeur?«

»Tot. Vor Madrid.« Der Mann lächelte wieder. Es war ein starres, automatisches Lächeln, das plötzlich kam und ohne jede Emotion war. »Mura und La Pena sind gefangen worden. Erschossen.«

Ravic wußte nicht mehr, wer Mura und La Pena waren. Er hatte Spanien nach sechs Monaten verlassen, als die Front durchbrachen war und das Lazarett aufgelöst wurde.

»Carnero, Orta und Goldstein sind im Konzentrationslager«, sagte Alvarez. »In Frankreich. Blatzky ist auch sicher. Versteckt hinter der Grenze.«

Ravic erinnerte sich nur noch an Goldstein. Es waren zu viele Gesichter damals gewesen. »Wohnen Sie jetzt hier im Hotel?« fragte er.

»Ja. Wir sind vorgestern eingezogen. Drüben.« Der Mann zeigte auf die Zimmer im zweiten Stock. »Wir waren lange im Lager unten an der Grenze. Sind endlich ’rausgelassen worden. Wir hatten noch Geld.« Er lächelte wieder. »Betten. Richtige Betten. Gutes Hotel. Sogar Bilder von unseren Führern an den Wänden.«

»Ja«, sagte Ravic ohne Ironie. »Das muß angenehm sein, nach all dem drüben.«

Er verabschiedete sich von Alvarez und ging auf sein Zimmer.

Das Zimmer war aufgeräumt und leer. Joan war fort. Er sah sich um. Sie hatte nichts hinterlassen. Er hatte es auch nicht erwartet.

Er klingelte. Das Mädchen kam nach einer Weile. »Die Dame ist fort«, sagte es, bevor er fragen konnte.

»Das sehe ich selbst.Woher wissen Sie denn, daß jemand hier war?«

»Aber Herr Ravic«, sagte das Mädchen, ohne weiter etwas hinzuzufügen, mit einem Gesicht, als sei ihre Ehre schwer beleidigt worden.

»Hat sie Frühstück gehabt?«

»Nein. Ich habe sie nicht gesehen. Ich hätte sonst schon daran gedacht. Ich weiß das doch von früher.«

Ravic sah es an. Der Nachsatz gefiel ihm nicht. Er zog ein paar Frank hervor und steckte sie dem Mädchen in die Schürzentasche. »Schön«, sagte er. »Machen Sie es das nächstemal ebenso. Bringen Sie nur Frühstück, wenn ich es Ihnen ausdrücklich sage. Und kommen Sie nicht zum Aufräumen, bevor Sie genau wissen, daß das Zimmer leer ist.«

Das Mädchen lächelte vertraut. »Sehr wohl, Herr Ravic.«

Er blickte ihm unbehaglich nach. Er wußte, was es dachte. Es glaubte, Joan sei verheiratet und wolle nicht gesehen werden. Früher hätte er darüber gelacht. Jetzt gefiel es ihm nicht. Warum eigentlich nicht, dachte er. Er zuckte die Achseln und ging zum Fenster. Hotels waren Hotels. Man konnte das nicht ändern.

Er öffnete das Fenster. Ein wolkiger Mittag stand über den Häusern. Spatzen schrien in den Dachrinnen. Einen Stock tiefer zankten zwei Stimmen. Es mußte die Familie Goldberg sein. Der Mann war zwanzig Jahre älter als die Frau. Getreidehändler en gros aus Breslau. Die Frau hatte ein Verhältnis mit dem Emigranten Wiesenhoff . Sie glaubte, daß niemand das wußte. Der einzige, der es nicht wußte, war Goldberg.

Ravic schloß das Fenster. Er hatte morgens eine Gallenblase operiert. Eine anonyme Gallenblase für Durant. Ein Stück unbekannten, männlichen Bauch, den er für Durant aufgeschnitten harte. Zweihundert Frank Honorar. Danach war er bei Kate Hegström gewesen. Sie hatte Fieber. Zuviel Fieber. Er war eine Stunde dagewesen. Sie hatte unruhig geschlafen. Es war nichts Außergewöhnliches. Aber es hätte besser nicht sein sollen.

Er starrte durch das Fenster. Das sonderbare, leere Gefühl des Nachher. Das Bett, das nichts mehr sagte. Der Tag, der das Gestern unbarmherzig zerriß wie ein Schakal das Fell einer Antilope. Die Wälder der Nacht, zauberhaft in der Dunkelheit hochgeschossen, schon wieder endlos entfernt, eine Fata Morgana nur noch über der Wüste der Stunden...

Er wandte sich ab. Auf einem Tisch fand er die Adresse Lucienne Martinets. Sie war vor kurzem entlassen worden. Sie hatte keine Ruhe gegeben. Er war vor zwei Tagen bei ihr gewesen. Es war nicht nötig, sie schon wieder zu sehen; er hatte nichts weiter zu tun und beschloß, hinzugehen.

Das Haus lag in der Rue Clavel. Zu ebener Erde lag eine Schlächterei, in der eine mächtige Frau das Beil schwang und Fleisch verkaufte. Sie war in Trauer. Der Mann war vor zwei Wochen gestorben. Jetzt regierte die Frau das Geschäft mit einem Gesellen. Ravic sah sie im Vorbeigehen. Sie schien einen Besuch vorzuhaben. Sie trug einen Hut mit einem langen, schwarzen Kreppschleier und hackte für eine Bekannte aus Gefälligkeit rasch noch ein Schweinebein ab. Der Schleier wehte über das offene Schwein, das Beil blitzte und krachte hernieder.

»Mit einem Schlag«, sagte die Witwe befriedigt und warf das Bein auf die Waage.

Lucienne wohnte im obersten Stock in einem kleinen Zimmer unter dem Dach. Sie war nicht allein. Ein Bursche von etwa fünfundzwanzig Jahren lungerte auf einem Stuhl herum. Er hatte eine Radfahrermütze auf und rauchte eine selbstgedrehte Zigarette, die beim Sprechen an der Oberlippe klebenblieb. Als Ravic eintrat, blieb er sitzen.

Lucienne lag im Bett. Sie war verwirrt und errötete. »Doktor — ich wußte nicht, daß Sie heute kommen würden.« Sie sah nach dem Burschen.

»Dies ist...«

»Irgend jemand«, unterbrach der Bursche sie grob. »Nicht weiter nötig, mit Namen herumzuwerfen.« Er lehnte sich zurück. »So, Sie sind also der Doktor?«

»Wie geht es, Lucienne?« fragte Ravic, ohne sich um ihn zu kümmern. »Vernünftig, daß Sie noch im Bett liegen.«

»Sie könnte längst aufstehen«, erklärte der Bursche. »Ihr fehlt nichts mehr. Wenn sie nicht arbeitet, kostet und kostet das nur.«

Ravic sah sich nach ihm um. »Gehen Sie mal ’raus«, sagte er.

»Was?«

»’raus. Vor die Tür. Ich will Lucienne untersuchen.«

Der Bursche brach in ein Gelächter aus. »Das können Sie auch so.Wir sind nicht so fein. Und wieso untersuchen? Sie waren ja erst vorgestern hier. Das kostet dann wieder einen Besuch extra, was?«

»Bruder«, sagte Ravic ruhig. »Sie sehen nicht so aus, als ob Sie es bezahlen. Und ob es was kostet, ist außerdem eine andere Sache. Und nun verschwinden Sie.«

Der Bursche grinste und spreizte behaglich die Beine. Er trug spitze Lackschuhe und violette Strümpfe.

»Bitte, Bobo«, sagte Lucienne. »Es dauert sicher nur einen Augenblick.«

Bobo beachtete sie nicht. Er fixierte Ravic. »Ganz gut, daß Sie da sind«, sagte er. »Da kann ich Ihnen gleich einmal Bescheid stoßen. Wenn Sie vielleicht denken, mein Lieber, Sie könnten eine Rechnung schinden, Hospital, Operation und so was — ist nicht! Wir haben nicht verlangt, daß sie ins Hospital sollte — von Operation gar nicht zu reden, also mit großem Geld ist Essig. Sie können sich noch freuen, daß wir keinen Schadenersatz beanspruchen! Operation wider Willen.« Er zeigte eine Reihe fleckiger Zähne. »Da staunen Sie, was? Ja. Bobo weiß Bescheid; er ist nicht so leicht anzuschmieren.«

Der Bursche sah sehr zufrieden aus. Er hatte das Gefühl, sich glänzend herausgedreht zu haben. Lucienne war blaß geworden. Sie blickte ängstlich von Bobo zu Ravic.

»Verstanden?« fragte Bobo triumphierend.

»War es der?« fragte Ravic Lucienne. Sie antwortete nicht. »Der also«, sagte er und betrachtete Bobo.

Ein magerer, langer Lümmel mit einem kunstseidenen Schal um den dünnen Hals, an dem der Adamsapfel auf und ab stieg. Abfallende Schultern, eine zu lange Nase, ein degeneriertes Kinn — ein Vorstadtzuhälter aus dem Buche.

»Was der also?« fragte Bobo herausfordernd.

»Ich habe Ihnen, glaube ich, jetzt oft genug gesagt, daß Sie ’rausgehen sollen. Ich will untersuchen.«

»Merde«, erwiderte Bobo.

Ravic ging langsam auf ihn zu. Er hatte genug von Bobo. Der Bursche sprang auf, wich zurück und hatte plötzlich einen dünnen Strick von etwa einem Meter Länge in den Händen. Ravic wußte, was er wollte. Er hatte vor, wenn Ravic näher kam, zur Seite zu springen, dann schnell hinter ihn, um ihm dann den Strick über den Kopf zu streifen und ihn von hinten zu drosseln. Es war gut, wenn der andere es nicht kannte oder zu boxen versuchte.

»Bobo«, rief Lucienne. »Bobo, nicht!«

»Du Rotzjunge«, sagte Ravic. »Der jämmerliche alte Seiltrick — weiter weißt du nichts?« Er lachte.

Bobo war einen Moment verblüfft. Seine Augen wurden unsicher. Ravic hatte ihm gleich darauf das Jackett mit beiden Händen über die Schultern heruntergezogen, so daß er die Arme nicht mehr heben konnte. »Das hier kanntest du wohl noch nicht?« sagte er, öffnete rasch die Tür und stieß den überraschten, wehrlosen Burschen ziemlich grob hinaus. »Wenn du Lust auf so was hast, werde Soldat, du Möchtegern-Apache! Aber belästige keine Erwachsenen.«

Er schloß die Tür von innen ab. »So, Lucienne«, sagte er. »Nun wollen wir mal sehen.«

Sie zitterte. »Ruhig, ruhig. Es ist schon vorbei.« Er nahm das verschlissene, baumwollene Plumeau und legte es auf den Stuhl. Dann rollte er die grüne Decke zurück. »Pyjama? Warum denn das? Es ist doch unbequemer. Sie sollen sich noch nicht viel bewegen, Lucienne.«

Sie schwieg einen Augenblick. »Ich habe sie nur heute angezogen«, sagte sie dann.

»Haben Sie keine Nachthemden mehr? Ich kann Ihnen zwei von der Klinik schicken.«

»Nein, nicht deshalb. Ich habe sie angezogen, weil ich wußte...«, sie blickte nach der Tür und flüsterte, »... daß er kam. Er sagt, ich wäre nicht mehr krank. Er will nicht mehr warten.«

»Was? Schade, daß ich das vorher nicht gewußt habe.« Ravic blickte grimmig nach der Tür. »Er wird warten!«

Lucienne hatte die sehr weiße Haut anämischer Frauen. Die Adern lagen blau unter der dünnen Oberschicht. Sie war hübsch gewachsen, mit schmalen Knochen, schlank, aber nirgendwo mager. Eines der zahllosen Mädchen, dachte Ravic, bei denen man sich fragte, warum die Natur den Aufwand gemacht hatte, sie so zierlich zu bilden — wenn man wußte, was aus fast allen von ihnen wurde — ein überarbeitetes, durch falsches und ungesundes Leben rasch formlos werdendes Wesen.

»Sie müssen noch eine Woche ziemlich viel im Bett liegenbleiben, Lucienne. Sie können aufstehen und hier herumgehen. Aber seien Sie vorsichtig; heben Sie nichts. Und steigen Sie keine Treppen in den nächsten Tagen. Haben Sie jemand, der nach Ihnen sieht? Außer diesem Bobo?«

»Die Vermieterin. Aber die knurrt auch schon.« »Sonst niemand?« »Nein. Marie war früher da. Sie ist tot.« Ravic musterte das Zimmer. Es war ärmlich und sauber. Vor dem Fenster standen ein paar Fuchsien. »Und Bobo?« fragte er. »Der ist also wieder aufgetaucht, nachdem alles vorbei war...«

Lucienne antwortete nicht.

»Warum schmeißen Sie ihn nicht ’raus?«

»Er ist nicht so schlecht, Doktor. Nur wild...«

Ravic sah sie an. Liebe, dachte er. Auch das ist Liebe.

Das alte Mirakel. Es wirft nicht nur den Regenbogen der Träume an den grauen Himmel der Tatsachen — es verklärt sogar einen Scheißhaufen mit romantischem Licht —; ein Wunder und ein toller Hohn. Er hatte plötzlich das sonderbare Gefühl, in einer fernen Weise zum Mitschuldigen geworden zu sein. »Gut, Lucienne«, sagte er. »Machen Sie sich nichts daraus. Werden Sie nur erst gesund.«

Sie nickte erleichtert. »Und das mit dem Geld«, sagte sie verlegen und eilig, »das ist nicht wahr. Er hat das nur so gesagt. Ich werde alles bezahlen. Alles. In Raten. Wann kann ich wieder arbeiten?«

»In ungefähr zwei Wochen, wenn Sie keinen Unsinn machen. Und nichts mit Bobo! Absolut nichts, Lucienne! Sie können sonst sterben, verstehen Sie?«

»Ja«, erwiderte sie ohne Überzeugung.

Ravic legte die Decke über den schmalen Körper. Als er aufblickte, sah er, daß sie weinte. »Geht es nicht doch früher?« sagte sie. »Ich kann ja sitzen, wenn ich arbeite. Ich muß...«

»Vielleicht. Wir werden sehen. Es hängt davon ab, wie Sie sich verhalten. Sie sollten mir sagen, wie die Hebamme hieß, die den Eingriff gemacht hat, Lucienne.«

Er sah die Abwehr in ihren Augen. »Ich gehe nicht zur Polizei«, sagte er. »Bestimmt nicht. Ich will nur versuchen, das Geld herauszubekommen, das Sie ihr bezahlt haben, Sie können dann ruhiger sein. Wieviel war es?«

»Dreihundert Frank. Sie werden es nie von ihr kriegen.«

»Man kann es versuchen. Wie heißt sie, und wo wohnt sie? Sie werden sie nie mehr brauchen, Lucienne. Sie können keine Kinder mehr bekommen. Und sie kann nichts gegen Sie tun.«

Das Mädchen zögerte. »In der Schublade dort«, sagte sie dann. »Rechts in der Schublade.«

»Dieser Zettel hier?« — »Ja.«

»Gut. Ich werde in den nächsten Tagen hingehen. Haben Sie keine Angst.« Ravic zog seinen Mantel an. »Was ist denn?« fragte er. »Weshalb wollen Sie aufstehen?«

»Bobo. Sie kennen ihn nicht.«

Er lächelte. »Ich glaube, ich kenne schlimmere. Bleiben Sie nur liegen. Nach dem, was ich gesehen habe, brauchen wir keine Sorge zu haben. Auf Wiedersehen, Lucienne. Ich komme bald wieder.«

Ravic drehte den Schlüssel und die Klinke zur selben Zeit und öffnete rasch die Tür. Niemand stand auf dem Flur. Er hatte es auch nicht erwartet; er kannte Bobos Typ.

In der Schlächterei unten stand jetzt der Geselle, ein gelbgesichtiger Mensch ohne die Passion der Wirtin. Er hackte lustlos herum. Seit dem Trauerfall war er bedeutend müder geworden.

Seine Chance, die Meisterin zu heiraten, war gering. Ein Bürstenbinder gegenüber im Bistro erklärte das laut und auch, daß sie ihn vorher ebenfalls zum Friedhof bringen würde. Der Geselle habe bereits stark verloren. Die Witwe aber sei mächtig aufgeblüht. Ravic trank einen Cassis und zahlte. Er hatte geglaubt, Bobo in dem Bistro zu treffen; aber Bobo war nicht da.

Joan Madou kam aus der Tür der Scheherazade. Sie öffnete die Tür des Taxis, in dem Ravic wartete. »Komm«, sagte sie. »Laß uns weg von hier. Wir wollen zu dir.«

»Ist etwas passiert?«

»Nein. Nichts. Ich habe nur genug vom Nachtklubleben.«

»Einen Augenblick.« Ravic winkte die Blumenverkäuferin, die vor dem Eingang stand, heran. »Muttchen«, sagte er. »Gib mir alle deine Rosen. Was kosten sie? Aber sei nicht wahnsinnig.«

»Sechzig Frank. Für Sie.Weil Sie mir das Rezept für den Rheumatismus gegeben haben.«

»Hat es genützt?«

»Nein. Kann es auch nicht, solange ich die Nacht im Nassen stehe.«

»Sie sind der vernünftigste Patient, den ich im Leben getroffen habe.«

Er nahm die Rosen. »Hier ist eine Entschuldigung, weil du heute morgen allein aufwachen mußtest und kein Frühstück bekommen hast«, sagte er zu Joan und packte die Blumen auf den Boden des Taxis.

»Willst du noch etwas trinken?«

»Nein. Wir wollen zu dir. Leg die Blumen hierher auf den Sitz. Nicht auf den Boden.«

»Sie liegen da gut. Man soll Blumen lieben, aber nicht zu viele Umstände mit ihnen machen.«

Sie wendete rasch den Kopf. »Du meinst, was man liebt, soll man nicht verwöhnen?«

»Nein. Ich meine nur, daß man schöne Dinge nicht dramatisieren soll. Im Augenblick ist es außerdem besser, wenn keine Blumen zwischen uns liegen.«

Joan blickte ihn einen Moment zweifelnd an. Dann erhellte sich ihr Gesicht. »Weißt du, was ich heute getan habe? Ich habe gelebt. Wieder gelebt. Ich habe geatmet. Wieder geatmet. Ich war da. Wieder da. Zum ersten Male. Ich habe wieder Hände. Und Augen und einen Mund.«

Der Chauffeur manövrierte das Taxi in der schmalen Straße aus den anderen Wagen heraus. Dann fuhr er mit einem Ruck an. Der Stoß warf Joan gegen Ravic. Er hielt sie einen Augenblick in seinen Armen und fühlte sie. Es war wie ein warmer Wind, als wehte sie ihn an und schmelze die Krusten des Tages hinweg, die sonderbare, abwehrende Kühle in ihm, während sie dasaß und sprach, hingerissen von ihrem Gefühl und von sich selbst.

»Den ganzen Tag — es strömte, als wären überall Brunnen, es warf sich mir über den Nacken und gegen die Brust, als müßte ich grün werden und Blätter treiben und Blüten — es hielt mich und hielt mich und hielt mich und ließ mich nicht los — und da bin ich nun — und du...«

Ravic sah sie an. Sie saß vorgebeugt auf dem schmutzigen Ledersitz, und ihre Schultern leuchteten aus ihrem schwarzen Abendkleid. Sie war offen und unbedenklich und ohne Scham, sie sagte, was sie fühlte, und er kam sich ärmlich und trocken gegen sie vor.

Ich habe operiert, dachte er. Ich habe dich vergessen gehabt. Ich war bei Lucienne. Ich war irgendwo in der Vergangenheit. Ohne dich. Dann, als der Abend kam, kam langsam die Wärme. Ich war nicht bei dir. Ich habe an Kate Hegström gedacht.

»Joan«, sagte er und legte seine Hände über ihre Hände, die sie auf den Sitz gestützt hatte. »Wir können noch nicht gleich zu mir fahren. Ich muß noch einmal zur Klinik. Nur für einige Minuten.«

»Mußt du nach der Frau sehen, die du operiert hast?«

»Nicht nach der von heute morgen. Nach einer anderen. Willst du irgendwo auf mich warten?«

»Mußt du gleich hingehen?«

»Es ist besser. Ich will nicht, daß man mich später anruft .«

»Ich kann bei dir warten. Haben wir so viel Zeit, bei deinem Hotel vorbeizufahren?« »Ja.«

»Dann laß uns hinfahren. Du kommst dann später. Ich kann auf dich warten.«

»Gut.« Ravic sagte dem Chauffeur die Adresse. Er lehnte sich zurück und fühlte die Kante des Sitzes an seinem Nacken. Seine Hände waren noch auf den Händen Joans. Er spürte, daß sie wartete, er solle etwas sagen. Etwas über ihn und sie. Aber er konnte es nicht. Sie hatte schon zuviel gesagt. Es war nicht so viel, dachte er.

Der Wagen hielt. »Fahr weiter«, sagte Joan. »Ich werde schon hier fertig. Ich habe keine Angst. Gib mir nur deinen Schlüssel.«

»Der Schlüssel ist im Hotel.«

»Ich werde ihn mir geben lassen. Ich muß das lernen.« Sie nahm die Blumen vom Boden. »Bei einem Mann, der mich verläßt, während ich schlafe, und wiederkommt, wenn ich es nicht erwarte — ich muß da wohl manches lernen. Laß mich gleich anfangen.«

»Ich werde mit dir hinaufgehen. Wir wollen nicht übertreiben. Schlimm genug, daß ich dich gleich wieder allein lasse.«

Sie lachte. Sie sah sehr jung aus. »Warten Sie bitte einen Moment«, sagte Ravic zu dem Chauffeur.

Der Mann schloß langsam ein Auge. »Auch länger.«

»Gib mir den Schlüssel«, sagte Joan, als sie die Treppe hinaufgingen.

»Warum?«

»Gib ihn mir.«

Sie schloß die Tür auf. Dann blieb sie stehen. »Schön«, sagte sie in das dunkle Zimmer hinein, in dem hinter dem Fenster ein kahler Mond durch die Wolken schien.

»Schön? Diese Bude?«

»Ja, schön! Alles ist schön.«

»Jetzt vielleicht noch. Jetzt ist es dunkel. Aber...« Ravic griff nach dem Lichtschalter.

»Laß. Ich mache das selbst. Und nun geh. Aber komm nicht erst morgen mittag wieder.«

Sie stand an der Türöffnung im Dunkeln. Das silberne Licht vom Fenster war hinter ihren Schultern und ihrem Kopf. Sie war undeutlich und aufregend und geheimnisvoll. Ihr Mantel war hinuntergeglitten; er lag wie ein Haufen schwarzer Schaum zu ihren Füßen. Sie lehnte in der Türöffnung, und nur einer ihrer Arme fing einen langen Streifen Licht vom Korridor her. »Geh und komm wieder«, sagte sie und schloß die Tür.

Das Fieber Kate Hegströms war heruntergegangen. »Ist sie aufgewacht?« fragte Ravic die verschlafene Schwester.

»Ja. Um elf. Sie hat nach Ihnen gefragt. Ich habe ihr gesagt, was Sie mir aufgetragen haben.«

»Hat sie etwas über die Verbände gesagt?«

»Ja. Ich habe ihr gesagt, Sie hätten schneiden müssen. Eine leichte Operation. Sie würden es ihr morgen erklären.«

»Das war alles?«

»Ja. Sie sagte, wenn Sie es für richtig gehalten hätten, wäre alles in Ordnung. Ich sollte Sie grüßen, wenn Sie noch einmal kämen, heute nacht, und Ihnen sagen, sie vertraue Ihnen.«

»So...«

Ravic stand eine Weile und sah auf das schwarze, gescheitelte Haar der Schwester hinab. »Wie alt sind Sie?« fragte er dann.

Sie hob verwundert den Kopf. »Dreiundzwanzig.«

»Dreiundzwanzig. Und wie lange pflegen Sie schon?«

»Seit zweieinhalb Jahren. Im Januar werden es zweieinhalb Jahre.«

»Lieben Sie Ihren Beruf?«

Die Schwester lächelte über ihr Apfelgesicht. »Ich habe ihn gern«, erklärte sie redselig. »Manche Kranke sind natürlich anstrengend, aber die meisten sind sehr nett. Madame Brissot hat mir gestern ein schönes, fast neues Seidenkleid geschenkt. Und die letzte Woche habe ich von Madame Lerner ein Paar Lackschuhe bekommen. Von der, die dann zu Hause gestorben ist.« Sie lächelte wieder. »Ich brauche mir fast keine Garderobe zu kaufen. Ich bekomme fast immer irgend etwas. Wenn ich es nicht verwerten kann, tausche ich es um bei einer Freundin, die ein Geschäft hat. Mir geht es dadurch sehr gut. Madame Hegström ist auch immer sehr freigebig. Sie gibt Geld. Das letztemal waren es einhundert Frank. Für nur zwölf Tage. Wie lange wird sie diesmal liegen, Doktor?«

»Länger. Ein paar Wochen.«

Die Schwester sah glücklich aus. Sie rechnete hinter ihrer klaren, faltenlosen Stirn aus, wieviel ihr das einbringen würde. Ravic beugte sich noch einmal über Kate Hegström. Sie atmete ruhig. Der schwache Wundgeruch mischte sich mit dem herben Parfüm ihres Haares. Er konnte es plötzlich nicht ertragen. Sie hatte Vertrauen zu ihm. Vertrauen. Der schmale, zerschnittene Bauch, in dem das Tier fraß. Zugenäht, ohne etwas tun zu können. Vertrauen.

»Gute Nacht, Schwester«, sagte er. — »Gute Nacht, Doktor.« Die rundliche Schwester setzte sich in den Sessel in der Ecke des Zimmers. Sie schirmte das Licht gegen das Bett hin ab, wikkelte sich eine Decke um die Füße und griff nach einem Magazin. Es war eines der billigen Hefte mit Detektivgeschichten und Filmbildern. Sie rückte sich behaglich zurecht und begann zu lesen. Neben sich auf dem Tischchen hatte sie eine geöffnete Tüte mit Schokoladenplätzchen liegen. Ravic sah noch, wie sie ohne aufzuschauen eines herausnahm. Manchmal begreift man die einfachsten Dinge nicht, dachte er — daß in demselben Raum einer todkrank liegt, und den andern geht es überhaupt nichts an. Er schloß die Tür. Aber ist es nicht mit mir dasselbe? Gehe ich nicht aus diesem Zimmer in ein anderes, in dem...

Das Zimmer war dunkel. Die Tür zum Badezimmer war etwas geöffnet. Dahinter brannte Licht. Ravic zögerte. Er wußte nicht, ob Joan noch im Badezimmer war. Dann hörte er sie atmen. Er ging durch den Raum zum Bad. Er sagte nichts. Er wußte, sie war da, und sie schlief nicht, aber auch sie sagte nichts. Das Zimmer war plötzlich voll Schweigen und Warten und Spannung — wie ein Strudel, der lautlos rief —; ein unbekannter Abgrund, jenseits der Gedanken, aus dem der Schwindel und der Mohn einer roten Betäubung aufwölkte.

Er schloß die Badezimmertür. Im klaren Licht der weißen Birnen war alles wieder vertraut und bekannt. Er drehte die Hähne der Brause an. Es war die einzige Brause im Hotel. Ravic hatte sie selbst bezahlt und anbringen lassen. Er wußte, daß sie in seiner Abwesenheit als Sehenswürdigkeit noch immer den französischen Verwandten und Freunden der Hotelbesitzerin gezeigt wurde.

Das heiße Wasser strömte über seine Haut. Nebenan lag jetzt Joan Madou und wartete auf ihn. Ihre Haut war glatt, ihr Haar überstürzte wie eine heftige Welle das Kissen, und ihre Augen glänzten, sogar, wenn das Zimmer fast dunkel war, als fingen sie selbst das spärliche Licht der Wintersterne vor dem Fenster und reflektierten es. Sie lag da, geschmeidig und veränderlich und aufregend, weil nichts übrigblieb von der Frau, die man noch eine Stunde vorher kannte, sie war alles, was es an Reiz und Lockung ohne Liebe geben konnte — und doch empfand er auf einmal etwas wie Abneigung gegen sie — eine sonderbare Abwehr, gemischt mit einer heftigen und plötzlichen Zuneigung. Er blickte sich unwillkürlich um — wenn das Badezimmer noch einen zweiten Ausgang gehabt hätte, hätte er es für möglich gehalten, daß er sich angezogen hätte und fortgegangen wäre, um zu trinken.

Er trocknete sich ab und zögerte noch eine Weile herum. Merkwürdig, was ihn da angeflogen war aus dem Nirgendwo. Ein Schatten, ein Nichts. Vielleicht war es gekommen, weil er bei Kate Hegström gewesen war. Oder durch das, was Joan vorher im Taxi gesagt hatte. Viel zu schnell und viel zu leicht. Oder einfach nur, weil jemand wartete — statt daß er wartete. Er verzog die Lippen und öffnete die Tür.

»Ravic«, sagte Joan aus dem Dunkel. »Der Calvados steht auf dem Tisch am Fenster.«

Er blieb stehen. Er merkte, daß er in einer Spannung gewesen war. Er hätte vieles nicht ertragen können, was sie gesagt hätte. Dieses war richtig. Die Spannung löste sich zu loser, leiser Sicherheit. »Hast du die Flasche gefunden?« fragte er.

»Das war einfach. Sie stand ja da. Aber ich habe sie geöffnet. Ich habe einen Korkenzieher entdeckt, irgendwo unter deinen Sachen. Gib mir noch ein Glas.«

Er schenkte zwei Gläser ein und brachte ihr eines »Hier...« Es war gut, den klaren Apfelgeist zu spüren. Es war gut, daß Joan das richtige Wort gefunden hatte.

Sie lehnte den Kopf zurück und trank. Das Haar fiel auf die Schultern, und sie schien nichts zu sein als Trinken in diesem Augenblick. Ravic hatte das schon vorher an ihr bemerkt. Sie gab sich ganz hin an das, was sie gerade tat. Es streifte ihn vage, daß darin nicht nur ein Reiz, sondern auch eine Gefahr lag. Sie war nichts als Trinken, wenn sie trank; nichts als Liebe, wenn sie liebte; nichts als Verzweiflung, wenn sie verzweifelte; und nichts als Vergessen, wenn sie vergaß.

Joan setzte das Glas ab und lachte plötzlich. »Ravic«, sagte sie. »Ich weiß, was du gedacht hast.«

»Wirklich?«

»Ja. Du fühltest dich schon halb verheiratet vorhin. Ich mich auch. Vor der Tür verlassen zu werden, ist kein besonderes Erlebnis. Noch dazu mit Rosen im Arm. Gottlob war der Calvados da. Sei nicht so vorsichtig mit der Flasche.«

Ravic goß ein. »Du bist eine großartige Person«, sagte er. »Es ist wahr. Drüben im Badezimmer konnte ich dich nicht besonders ausstehen. Jetzt finde ich dich wunderbar. Salute!«

»Salute!«

Er trank seinen Calvados aus. »Es ist die zweite Nacht«, sagte er. »Sie ist gefährlich. Der Reiz des Unbekannten ist vorbei, und der Reiz des Vertrauens ist noch nicht da. Wir werden sie überstehen.«

Joan setzte ihr Glas nieder. »Du scheinst ja eine ganze Menge darüber zu wissen.«

»Ich weiß gar nichts. Ich rede nur. Man weiß nie etwas. Alles ist immer anders. Jetzt auch. Es ist nie die zweite Nacht. Es ist immer die erste. Die zweite wäre das Ende.«

»Gottlob! Wohin käme man sonst. In irgend etwas wie Arithmetik. Und nun komm. Ich will noch nicht schlafen. Ich will mit dir trinken. Die Sterne stehen nackt da oben in der Kälte. Wie leicht man friert, wenn man allein ist! Auch wenn es heiß ist. Zu zweien nie.«

»Zu zweien kann man sogar erfrieren.«

»Wir nicht.«

»Natürlich nicht«, sagte Ravic, und sie sah im Dunkeln den Ausdruck nicht, der über sein Gesicht flog. »Wir nicht.«

10

»Was war los mit mir, Ravic?« fragte Kate Hegström.

Sie lag in ihrem Bett, etwas hochgeschoben, mit zwei Kissen unter dem Kopf. Das Zimmer roch nach Eau de Sante und Parfüm. Das obere Fenster war einen Spalt geöffnet. Die klare, etwas frostige Luft von draußen kam herein und mischte sich mit der Zimmerwärme, als wäre es nicht Januar, sondern schon April.

»Sie haben Fieber gehabt, Kate. Ein paar Tage. Dann haben Sie geschlafen. Fast vierundzwanzig Stunden. Jetzt ist das Fieber vorbei, und alles ist in Ordnung. Wie fühlen Sie sich?«

»Müde. Immer noch. Aber anders als vorher. Nicht so verkrampft. Ich habe kaum Schmerzen.«

»Sie werden noch welche haben. Nicht sehr viel, und wir werden schon dafür sorgen, daß Sie es aushalten können. Aber ganz so wie jetzt wird es nicht bleiben. Das wissen Sie ja selbst...«

Sie nickte. »Ihr habt mich aufgeschnitten, Ravic...«

»Ja, Kate.«

»War es nötig?«

»Ja.«

Ravic wartete. Es war besser, sie fragen zu lassen. »Wie lange werde ich liegen müssen?«

»Ein paar Wochen.«

Sie schwieg eine Weile. »Ich glaube, es wird gut für mich sein. Ich kann Ruhe gebrauchen. Ich hatte genug. Ich merke es jetzt. Ich war müde. Ich wollte es nicht wahrhaben. Hatte es etwas mit dieser Sache zu tun?«

»Sicher, ganz sicher.«

»Auch das, daß ich ab und zu geblutet habe? Zwischen den Monaten?«

»Das auch, Kate.«

»Dann ist es gut, daß ich jetzt Zeit habe. Vielleicht war es nötig. Jetzt aufstehen müssen und all dem wieder gegenüberstehen — ich glaube, ich könnte das nicht.«

»Sie brauchen es nicht. Vergessen Sie es. Denken Sie nur an das Allernächste. Ihr Frühstück zum Beispiel.«

»Gut.« Sie lächelte schwach. »Dann geben Sie mir einmal den Spiegel herüber.«

Er gab ihr den Handspiegel vom Nachttisch. Sie sah sich aufmerksam darin an. »Sind die Blumen drüben von Ihnen, Ravic?«

»Nein. Von der Klinik.«

Sie legte den Spiegel auf das Bett. »Kliniken schicken im Januar keinen Flieder. Kliniken schicken Astern oder so etwas. Kliniken wissen auch nicht, daß Flieder meine Lieblingsblumen sind.«

»Hier schon. Hier sind Sie ja ein Veteran, Kate.« Ravic stand auf. »Ich muß jetzt gehen. Ich komme so gegen sechs noch einmal vorbei, um nach Ihnen zu sehen.«

»Ravic...«

»Ja...«

Er wandte sich um. Jetzt kommt es, dachte er. Jetzt wird sie fragen.

Sie streckte die Hand aus. »Danke«, sagte sie. »Danke für die Blumen. Und danke, daß Sie auf mich aufgepaßt haben. Ich fühle mich immer so sicher bei Ihnen.«

»Gut, Kate, gut. Da war weiter nichts aufzupassen. Und nun schlafen Sie noch, wenn Sie können. Wenn Sie Schmerzen haben, klingeln Sie der Schwester. Ich werde dafür sorgen, daß sie ein Mittel da hat. Nachmittags komme ich noch einmal.«

»Veber, wo ist der Schnaps?«

»War es so schlimm? Hier ist die Flasche. Eugenie, geben Sie einmal ein Glas heraus.«

Eugenie holte widerwillig ein Glas. »Das ist ein Fingerhut«, protestierte Veber. »Holen Sie ein vernünftiges Glas. Oder warten Sie, Sie könnten sich die Hand dabei brechen. Ich mache es selbst.«

»Ich weiß nicht, Herr Doktor Veber«, erklärte Eugenie spitz. »Immer, wenn Herr Ravic hereinkommt, werden Sie...«

»Gut, gut«, unterbrach Veber sie. Er schenkte ein Glas Kognak ein. »Hier, Ravic. Was glaubt sie?«

»Sie fragt gar nicht. Sie glaubt, ohne zu fragen.«

Veber blickte auf. »Sehen Sie«, erwiderte er triumphierend. »Ich habe es ja gleich gesagt.«

Ravic trank sein Glas aus. »Hat sich schon einmal ein Patient bei Ihnen dafür bedankt, daß Sie nichts für ihn tun konnten?« »Oft .«

»Und Ihnen alles geglaubt?«

»Selbstverständlich.«

»Und wie haben Sie sich gefühlt?«

»Erleichtert«, sagte Veber erstaunt. »Sehr erleichtert.«

»Ich fühle mich zum Kotzen. Wie ein Schwindler.«

Veber lachte. Er stellte die Flasche wieder weg. »Zum Kotzen«, wiederholte Ravic.

»Das ist das erstemal, daß ich eine menschliche Regung bei Ihnen entdecke«, sagte Eugenie. »Abgesehen natürlich von der Art, wie Sie sich ausdrücken.«

»Sie sind keine Entdeckerin, Sie sind eine Pflegerin, Eugenie, das vergessen Sie oft«, erklärte Veber. »Die Sache ist also in Ordnung, Ravic?«

»Ja, vorläufig.«

»Gut. Sie hat heute morgen zu der Schwester gesagt, wenn sie das Hospital verließe, wolle sie nach Italien fahren. Dann sind wir aus allem ’raus.« Veber rieb sich die Hände. »Dann können die Ärzte drüben sich damit beschäftigen. Ich habe nicht gern, wenn jemand hier stirbt. Schadet immer dem Ruf.«

Ravic klingelte an der Tür der Hebamme, die bei Lucienne den Eingriff gemacht hatte. Ein schwärzlich aussehender Mann öffnete nach langer Zeit. Er behielt die Tür in der Hand, als er Ravic sah. »Was wollen Sie?« knurrte er.

»Ich will mit Madame Boucher sprechen.«

»Sie hat keine Zeit.«

»Das macht nichts. Ich werde solange warten.«

Der Mann wollte die Tür schließen. »Wenn ich nicht warten kann, werde ich in einer Viertelstunde wiederkommen«, sagte Ravic. »Aber nicht allein. Mit jemand, für den sie auf jeden Fall zu sprechen sein wird.«

Der Mann starrte ihn an. »Was soll das? Was wollen Sie?«

»Ich sagte es Ihnen schon. Ich will mit Madame Boucher sprechen.«

Der Mann überlegte. »Warten Sie«, sagte er dann und schloß die Tür.

Ravic betrachtete die abgestoßene, braungestrichene Tür mit dem blechernen Briefkasten und dem runden Emailleschild mit dem Namen. Eine Menge Elend und Angst war durch diese Tür gegangen. Ein paar sinnlose Gesetze, die viele Leben zwangen, anstatt zu Ärzten zu Pfuschern zu gehen, waren die Ursache. Kein Kind wurde dadurch mehr geboren. Wer es nicht wollte, fand einen Weg, Gesetz oder nicht. Der einzige Unterschied war nur, daß jährlich Tausende von Müttern ruiniert wurden.

Die Tür öffnete sich wieder. »Sind Sie von der Polizei?« fragte der unrasierte Mann.

»Wenn ich von der Polizei wäre, würde ich nicht mehr hier warten.«

»Kommen Sie ’rein.«

Der Mann bugsierte Ravic durch einen dunklen Korridor in einen Raum, der mit Möbeln vollgestopft war. Ein Plüschsofa und eine Anzahl vergoldeter Stühle, ein falscher Aubussonteppich, Nußbaumvertiko und an den Wänden Drucke aus der Schäferzeit. Vor dem Fenster stand ein metallener Ständer mit einem Vogelkäfig und einem Kanarienvogel darin. Wo nur irgendwo Platz war, sah man Porzellan und Nippesfiguren.

Madame Boucher erschien. Sie war enorm dick und trug eine Art von herumflutendem Kimono, der nicht ganz sauber wirkte. Sie war ein Monstrum; aber das Gesicht war glatt und hübsch, bis auf die Augen, die unruhig umherwanderten. »Monsieur?« fragte sie geschäftlich und blieb stehen.

Ravic stand auf. »Ich komme für Lucienne Martinet. Sie haben bei ihr einen Eingriff gemacht.«

»Unsinn!« erwiderte die Frau sofort und völlig ruhig. »Ich kenne keine Lucienne Martinet, und ich mache keine Eingriffe. Sie müssen sich geirrt haben, oder man hat Sie belogen.«

Sie tat, als sei die Sache damit erledigt und als wolle sie gehen.

Aber sie ging nicht. Ravic wartete. Sie drehte sich um. »Sonst noch etwas?«

»Der Eingriff ist mißlungen. Das Mädchen hatte eine schwere Blutung und ist fast gestorben. Sie mußte operiert werden. Ich habe sie operiert.«

»Lüge!« zischte die Boucher plötzlich. »Lüge! Die Ratten! Murksen an sich selbst herum und wollen dann andere hereinreißen. Aber ich werde ihr das schon beibringen. Diese Ratten! Mein Anwalt wird das schon erledigen. Ich bin bekannt und ein Steuerzahler, und ich will doch mal sehen, ob so ein freches, kleines Biest, das herumhurt...«

Ravic betrachtete sie fasziniert. Ihr Gesicht hatte sich bei dem Ausbruch nicht verändert. Es war glatt und hübsch geblieben, nur der Mund war zusammengezogen und spuckte wie ein Maschinengewehr.

»Das Mädchen will wenig«, unterbrach er die Frau. »Es will nur das Geld zurückhaben, das es Ihnen gezahlt hat.«

Die Boucher lachte. »Geld? Zurückzahlen? Wann habe ich denn etwas von ihr bekommen? Hat sie eine Quittung?«

»Natürlich nicht. Sie werden doch keine Quittungen ausstellen.«

»Weil ich sie nie gesehen habe! Und das soll ihr jemand glauben?«

»Ja. Sie hat Zeugen. Sie ist operiert worden in der Klinik Doktor Vebers. Der Befund war klar. Es gibt ein Protokoll darüber.«

»Sie können tausend Protokolle haben! Wo steht, daß ich sie angerührt habe! Klinik! Doktor Veber! Zum Totlachen! So eine Ratte muß in eine feine Klinik! Haben Sie sonst nichts zu tun?«

»Doch. Genug. Hören Sie. Das Mädchen hat Ihnen dreihundert Frank gezahlt. Es kann Sie verklagen auf Schadenersatz...«

Die Tür öffnete sich. Der schwärzliche Mann trat ein. »Irgend etwas los, Adele?«

»Nein. Schadenersatz klagen? Wenn sie klagt, wird sie selbst verurteilt. Zuerst sie einmal, das ist sicher, denn sie gibt zu, daß ein Eingriff gemacht worden ist. Daß ich es war, muß sie dann noch beweisen. Das kann sie nicht.«

Der schwärzliche Mann meckerte. »Ruhig, Roger«, sagte Madame Boucher. »Du kannst gehen.«

»Brunier ist draußen.«

»Gut. Sag ihm, er soll warten. Du weißt ja...«

Der Mann nickte und verschwand. Mit ihm verschwand ein intensiver Kognakgeruch. Ravic schnupperte. »Das ist alter Kognak«, sagte er. »Mindestens dreißig, vierzig Jahre alt. Glücklicher Mensch, der so etwas schon am Nachmittag trinkt.«

Die Boucher starrte ihn einen Augenblick konsterniert an. Dann verzog sie langsam die Lippen. »Stimmt.Wollen Sie einen?«

»Warum nicht?«

Sie war trotz ihrer Dicke überraschend schnell und lautlos an der Tür. »Roger!«

Der schwärzliche Mann erschien. »Du bist wieder an dem guten Kognak gewesen! Lüg nicht, ich rieche es! Bring die Flasche! Rede nicht, bring die Flasche!«

Roger brachte eine Flasche. »Ich habe Brunier einen gegeben. Er zwang mich, einen mitzutrinken.«

Die Boucher antwortete nicht. Sie schloß die Tür und holte aus dem Nußbaumvertiko ein geschweiftes Glas. Ravic betrachtete es mit Abscheu. Es hatte einen Frauenkopf eingraviert. Die Boucher schenkte ein und stellte das Glas vor ihn auf die Tischdecke, die mit Pfauen verziert war. »Sie scheinen ein vernünftiger Mensch zu sein, mein Herr«, sagte sie.

Ravic konnte ihr eine gewisse Achtung nicht versagen. Sie war nicht aus Eisen, wie Lucienne ihm erzählt hatte; sie war schlimmer — aus Gummi. Eisen konnte man brechen, Gummi nicht.

Der Einwand gegen die Schadenersatzforderung war richtig. »Ihre Operation ist mißglückt«, sagte er. »Sie hatte schlimme Folgen. Das sollte Grund genug für Sie sein, das Geld zurückzugeben.«

»Zahlen Sie Geld zurück, wenn ein Patient nach der Operation stirbt?«

»Nein. Aber wir nehmen manchmal kein Geld für eine Operation. Zum Beispiel von Lucienne.«

Die Boucher sah ihn an. »Na also — wozu macht sie dann noch Geschichten? Kann doch froh sein!«

Ravic hob das Glas. »Madame«, sagte er. »Meine Hochachtung. Sie sind nicht kleinzukriegen.«

Die Frau stellte langsam die Flasche auf den Tisch. »Mein Herr, das haben schon viele versucht. Aber Sie scheinen vernünftiger zu sein. Meinen Sie, das Geschäft ist ein Spaß oder alles Verdienst? Von den dreihundert Frank gehen fast hundert weg an die Polizei. Glauben Sie, ich könnte sonst arbeiten? Da draußen sitzt schon wieder einer, um Geld zu holen. Schmieren muß man, immer schmieren. Sonst geht es nicht. Ich sage Ihnen das hier allein, zwischen uns, und sollten Sie etwas damit anfangen wollen, würde ich es abstreiten, und die Polizei würde die Sache versacken lassen. Sie können das glauben.«

»Ich glaube es.«

Die Boucher warf ihm einen schnellen Blick zu. Als sie sah, daß er es nicht ironisch meinte, rückte sie einen Stuhl heran und setzte sich. Sie rückte den Stuhl heran wie eine Feder; unter ihrem Fett schien sie enorme Kraft zu haben. Sie goß sein Glas mit dem Bestechungskognak noch einmal voll. »Dreihundert Frank sieht nach viel Geld aus — aber es geht noch mehr davon ab als nur die Polizei. Die Miete — hier natürlich viel höher als anderswo, Wäsche, Apparate — für mich doppelt so teuer wie für Ärzte, Provisionen, Bestechungen — gut stehen muß man mit allen, Getränke, Geschenke zu Neujahr und zu den Geburtstagen für die Beamten und ihre Frauen — allerhand, mein Herr! Manchmal bleibt kaum etwas.«

»Dagegen ist nichts zu sagen.«

»Wogegen denn?«

»Daß so etwas passiert, wie mit Lucienne.«

»Passiert das bei Ärzten nie?« fragte die Boucher rasch.

»Längst nicht so oft .«

»Mein Herr!« Sie richtete sich auf. »Ich bin ehrlich. Ich sage jeder, die kommt, daß etwas passieren kann dabei. Und keine geht zurück. Sie flehen mich an, es zu machen. Sie jammern und sind verzweifelt. Sie wollen Selbstmord begehen, wenn ich ihnen nicht helfe. Was für Szenen sich hier schon abgespielt haben. Auf dem Teppich haben sie sich gewälzt und mich angefleht! Sehen Sie dort das Vertiko, die Ecke, wo die Politur abgeschlagen ist? Eine wohlhabende Dame hat das in ihrer Verzweiflung getan. Ich habe ihr geholfen. Wollen Sie etwas anderes sehen? In der Küche stehen zehn Pfund Pflaumenmarmelade, die sie gestern geschickt hat. Aus reiner Dankbarkeit, obschon sie bezahlt hat. Ich will Ihnen etwas sagen, mein Herr...« die Stimme der Boucher hob sich und wurde voller —, »Sie mögen mich eine Abtreiberin nennen — andere nennen mich ihren Wohltäter und Engel.«

Sie war aufgestanden. Ihr Kimono umfaltete sie majestätisch. Der Kanarienvogel im Käfig fing wie auf Kommando an zu singen. Ravic erhob sich. Er hatte Sinn für Melodramatik. Aber er wußte auch, daß die Boucher nicht übertrieb. »Schön«, sagte er. »Ich gehe jetzt. Für Lucienne waren Sie gerade kein Wohltäter.«

»Sie hätten sie sehen sollen, vorher! Was will sie denn mehr? Sie ist gesund — das Kind ist weg — das ist doch alles, was sie wollte. Und die Klinik braucht sie nicht zu bezahlen.«

»Sie kann nie wieder ein Kind bekommen.«

Die Boucher stutzte eine Sekunde. »Um so besser«, erklärte sie dann ungerührt. »Da wird sie selig sein, die kleine Hure.«

Ravic sah, daß nichts zu machen war. »Au revoir, Madame Boucher«, sagte er. »Es war interessant bei Ihnen.«

Sie kam dicht an ihn heran. Ravic hätte gern vermieden, ihr die Hand zu gehen. Aber sie dachte gar nicht daran. Sie dämpfte vertraulich ihre Stimme. »Sie sind vernünftig, mein Herr.Vernünftiger als die meisten Ärzte. Schade, daß Sie...« sie stockte und sah ihn aufmunternd an. »Manchmal braucht man für gewisse Fälle... ein verständiger Arzt würde eine große Hilfe sein können...«

Ravic widersprach nicht. Er wollte mehr hören. »Es würde Ihr Schaden nicht sein«, fügte die Boucher hinzu. »Gerade in speziellen Fällen.« Sie beobachtete ihn wie eine Katze, die vorgibt, Vögel zu lieben. »Wohlhabende Klienten sind darunter, manchmal... Zahlung natürlich nur im voraus, und... wir sind sicher, todsicher mit der Polizei... ich nehme an, daß Sie ganz gut einige hundert Frank Nebenverdienst brauchen könnten...« sie klopfte ihm auf die Schulter — »ein gutaussehender Mann wie Sie...«

Sie ergriff mit einem breiten Lächeln die Flasche. »Nun, was meinen Sie?«

»Danke«, sagte Ravic und hielt die Flasche zurück. »Keinen mehr. Ich vertrage nicht viel.« Es fiel ihm schwer, denn der Kognak war hervorragend. Die Flasche hatte kein Fabriketikett und stammte bestimmt aus einem erstklassigen Privatkeller. »Die andere Sache werde ich mir überlegen. Ich komme nächstens einmal wieder. Ich würde ganz gern einmal Ihre Instrumente sehen.Vielleicht kann ich Ihnen da einen Rat geben.«

»Meine Instrumente zeige ich Ihnen, wenn Sie wiederkommen. Sie zeigen mir dann Ihre Papiere. Ein Vertrauen um das andere.«

»Sie haben mir schon ein gewisses Vertrauen gezeigt.«

»Nicht das mindeste«, lächelte die Boucher. »Ich habe Ihnen nur einen Vorschlag gemacht, den ich jederzeit abstreiten kann. Sie sind kein Franzose, das hört man, obschon Sie gut sprechen. Sie sehen auch nicht so aus. Sie sind wahrscheinlich ein Refugié.« Sie lächelte stärker und sah ihn mit kühlen Augen an. »Man würde Ihnen nicht glauben und sich höchstens für das französische Diplom interessieren, das Sie nicht haben. Draußen im Vorzimmer sitzt ein Polizeibeamter. Wenn Sie wollen, können Sie mich da gleich anzeigen. Sie werden es nicht tun. Aber meinen Vorschlag können Sie sich überlegen. Sie würden mir Ihren Namen und Ihre Adresse nicht geben, nicht wahr?«

»Nein«, sagte Ravic, der sich geschlagen fühlte.

»Das dachte ich mir.« Die Boucher sah jetzt wirklich aus wie eine ungeheure, vollgefressene Katze. »Au revoir, Monsieur! Überlegen Sie mein Angebot. Ich habe schon öfter daran gedacht, einen Refugié-Arzt hinzuzuziehen.«

Ravic lächelte. Er wußte, weshalb. Einen Refugié-Arzt hatte sie vollkommen in der Hand. Wenn irgendwann einmal etwas passierte, war er der Schuldige. »Ich werde darüber nachdenken«, sagte er. »Au revoir, Madame!«

Er ging den dunklen Korridor entlang. Hinter einer der Türen hörte er jemand stöhnen. Er nahm an, daß die Zimmer wie Kojen eingerichtet waren, mit Betten. Die Frauen blieben ein paar Stunden dort liegen, bevor sie nach Hause wankten.

Im Vorzimmer saß ein schlanker Mann mit einem gestutzten Schnurrbärtchen und olivfarbener Haut. Er betrachtete Ravic aufmerksam. Neben ihm saß Roger. Er hatte eine zweite Flasche des alten Kognaks auf dem Tisch. Unwillkürlich suchte er sie zu verstecken, als er Ravic sah. Dann grinste er und ließ die Hand fallen. »Bonsoir, docteur«, sagte er und zeigte ein fleckiges Gebiß. Er schien an der Tür gelauscht zu haben.

»Bonsoir, Roger.« Es schien Ravic angemessen, familiär zu sein. Innerhalb einer halben Stunde hatte das unverwüstliche Weib dadrinnen ihn aus einem offenen Feind nahezu in einen Komplicen verwandelt. Da war es danach direkt eine Erlösung, nicht zu formell zu Roger zu sprechen, der plötzlich, nach all dem, etwas erstaunlich Menschliches hatte.

Unten auf der Treppe begegneten ihm zwei Mädchen. Sie suchten an den Türen herum. »Mein Herr«, fragte die eine dann mit einem Entschluß.

»Wohnt Madame Boucher hier im Hause?«

Ravic zögerte. Aber was hatte es für einen Zweck, etwas zu sagen? Es würde nichts nützen. Sie würden doch gehen. Er konnte ihnen ja auch nichts anderes angeben. »Im dritten Stock. Es ist ein Schild an der Tür.«

Das Leuchtzifferblatt der Uhr schimmerte wie eine winzige, geborgte Sonne durch das Dunkel. Es war fünf Uhr morgens. Joan hätte um drei Uhr kommen sollen. Möglich, daß sie noch kam. Möglich auch, daß sie zu müde gewesen und gleich in ihr Hotel gegangen war.

Ravic legte sich zurück, um weiter zu schlafen. Aber er schlief nicht ein. Er lag lange und blickte auf die Decke, auf der das rote Band der Leuchtreklame vom Dach schräg gegenüber in regelmäßigen Abständen entlanglief. Er fühlte sich leer und wußte nicht warum. Es war, als ob die Wärme seines Körpers langsam durch die Haut tropfte, irgendwohin, und als ob sein Blut sich anlehnen wollte, an etwas, das nicht da war, und als ob es fiel und fiel in ein sanftes Nirgendwo. Er kreuzte die Hände hinter dem Kopf und lag still. Er wußte jetzt, daß er wartete. Und er wußte, daß nicht nur sein Bewußtsein auf Joan Madou wartete, daß seine Hände und seine Adern und eine sonderbare, fremde Zärtlichkeit in ihm warteten.

Er stand auf, zog seinen Morgenmantel an und setzte sich ans Fenster. Er fühlte die Wärme der weichen Wolle auf seiner Haut. Der Mantel war alt; er hatte ihn durch viele Jahre mitgeschleppt. Er hatte in ihm auf der Flucht geschlafen; er hatte in den kalten Nächten Spaniens, wenn er todmüde aus dem Lazarett in seine Baracke zurückkam, sich in ihm gewärmt, Juana, zwölf Jahre alt, mit Augen, die achtzig Jahre alt waren, war unter ihm in einem zerschossenen Hotel Madrids gestorben — mit dem einzigen Wunsch, einmal ein Kleid aus so weicher Wolle zu besitzen und zu vergessen, wie man ihre Mutter vergewaltigt und ihren Vater zu Tode getrampelt hatte.

Er blickte sich um. Das Zimmer, ein paar Koffer, ein paar Sachen, eine Handvoll zerlesener Bücher — ein Mann braucht wenige Dinge, um zu leben. Es war gut, sich nicht an viele zu gewöhnen, wenn das Leben unruhig war. Man hatte sie immer wieder zu verlassen, oder sie wurden genommen. Man mußte jeden Tag aufbrechen können. Das war der Grund, weshalb er allein gelebt hatte; wenn man unterwegs war, sollte man nichts haben, was einen festhalten konnte. Nichts, was das Herz bewegte. Das Abenteuer — aber nicht mehr.

Er sah auf das Bett. Das verwühlte, blasse Leinen. Es machte nichts, daß er wartete. Er hatte oft auf Frauen gewartet. Aber er fühlte, daß er anders gewartet hatte — einfach, klar und brutal. Manchmal auch mit der anonymen Zärtlichkeit, die die Begierde umsilberte — aber lange nicht mehr so wie heute. Es war da etwas in ihn hineingeschlichen, auf das er nicht geachtet hatte. Regte es sich da wieder? Bewegte es sich? Wie lange war das her? Rief da nicht schon wieder etwas aus der Vergangenheit, aus blauen Tiefen; wehte es nicht bereits wie ein Hauch von Wiesen, voll von Pfefferminz, eine Pappelreihe am Horizont, der Geruch von Wäldern im April? Er wollte es nicht mehr. Er wollte es nicht besitzen. Er wollte nicht besessen werden.

Er war unterwegs.

Er stand auf und begann sich anzuziehen. Man mußte unabhängig bleiben. Alles begann mit kleinen Abhängigkeiten. Man achtete nicht darauf — und plötzlich hing man im Netz der Gewohnheit. Gewohnheit, für die es viele Namen gab — Liebe war eine davon. Man sollte sich an nichts gewöhnen. Nicht einmal an einen Körper.

Er schloß die Tür nicht ab. Wenn Joan Madou kam, würde sie ihn nicht finden. Sie konnte bleiben, wenn sie wollte. Er überlegte eine Sekunde, ob er einen Zettel hinterlassen sollte. Aber er wollte nicht lügen, und er wollte ihr auch nicht sagen, wohin er ging.

Er kam gegen acht Uhr morgens zurück. Er war durch die kalte Laternenfrühe gegangen und hatte sich klar und entspannt gefühlt. Aber als er vor dem Hotel stand, spürte er die Spannung wieder.

Joan war nicht da. Ravic erklärte sich, daß er nichts anderes erwartet hatte. Aber das Zimmer erschien ihm leerer als sonst. Er sah sich um und suchte nach einem Zeichen, ob sie dagewesen sei. Er fand nichts.

Er klingelte dem Mädchen. Sie kam nach einer Weile. »Ich möchte Frühstück haben«, sagte er.

Sie sah ihn an. Sie sagte nichts. Er wollte sie auch nichts fragen. »Kaffee und Croissants, Eve.«

»Sehr wohl, Herr Ravic.«

Er sah das Bett an. Wenn Joan gekommen war, konnte man nicht gut erwarten, daß sie sich in ein zerwühltes, leeres Bett legte. Sonderbar, wie tot alles wurde, was mit dem Körper zu tun hatte, wenn es nicht mehr seine Wärme hatte — ein Bett, Wäsche, sogar ein Bad. Es wurde abstoßend, wenn es die Wärme verlor.

Er zündete sich eine Zigarette an. Sie konnte angenommen haben, er wäre zu einem Patienten gerufen worden. Aber dann hätte er einen Zettel hinterlassen können. Er fand sich plötzlich idiotisch. Er hatte unabhängig sein wollen und war nur rücksichtslos gewesen. Rücksichtslos und albern wie ein Achtzehnjähriger, der sich selbst etwas beweisen will. Es war mehr Abhängigkeit darin, als wenn er gewartet hätte.

Das Mädchen brachte das Frühstück. »Soll ich das Bett machen?« fragte es.

»Warum jetzt?«

»Wenn Sie noch schlafen wollen. Es schläft sich besser in einem frischen Bett.«

Sie sah ihn ausdruckslos an.

»War jemand hier?« fragte er.

»Ich weiß es nicht. Ich bin erst um sieben gekommen.«

»Eve«, sagte Ravic. »Wie fühlt man sich, wenn man jeden Morgen ein Dutzend Betten von fremden Leuten machen muß?«

»Es geht, Herr Ravic. Solange die Herrschaften weiter nichts wollen. Aber es sind immer einige da, die mehr wollen. Dabei sind die Bordelle doch so billig in Paris.«

»Morgens kann man nicht ins Bordell gehen, Eve. Und morgens fühlen sich manche Gäste besonders stark.«

»Ja, besonders die alten.« Sie zuckte die Schultern. »Man verliert das Trinkgeld, wenn man es nicht tut, das ist alles. Einige beschweren sich auch hinterher jeden Augenblick — daß das Zimmer nicht sauber sei oder daß man frech wäre. Aus Wut natürlich. Man kann nichts dagegen tun. So ist das Leben.«

Ravic zog einen Geldschein hervor. »Machen wir uns heute das Leben etwas einfacher, Eve. Kaufen Sie sich einen Hut dafür. Oder eine Wolljacke.«

Eves Augen belebten sich. »Danke, Herr Ravic. Der Tag fängt gut an. Soll ich dann das Bett später machen?«

»Ja.«

Sie sah ihn an. »Die Dame ist eine sehr interessante Dame«, sagte sie. »Die Dame, die jetzt immer kommt.«

»Noch ein Wort, und ich nehme Ihnen den Schein wieder ab.« Ravic schob Eve zur Tür hinaus. »Die alten Erotiker warten schon auf Sie. Enttäuschen Sie sie nicht.«

Er setzte sich an den Tisch und aß. Das Frühstück schmeckte ihm nicht besonders. Er stand auf und aß stehend. Es schmeckte besser.

Die Sonne kam rot über die Dächer. Das Hotel erwachte. Der alte Goldberg im Stock unter ihm begann sein Morgenkonzert. Er hustete und krächzte, als hätte er sechs Lungen. Der Emigrant Wiesenhoff öffnete sein Fenster und pfiff einen Parademarsch. Im Stock darüber rauschte Wasser. Türen klappten. Nur bei den Spaniern war alles still. Ravic reckte sich. Die Nacht war vorbei. Die Korruption der Dunkelheit war vorüber. Er beschloß, ein paar Tage allein zu bleiben.

Draußen riefen die Zeitungsjungen die Morgennachrichten aus. — Zwischenfälle an der tschechischen Grenze. Deutsche Truppen an der Sudetenlinie. Der Pakt von München in Gefahr.

11

Der Junge schrie nicht. Er starrte die Ärzte nur an. Er war noch so verstört, daß er den Schmerz nicht fühlte. Ravic warf einen Blick auf das zerschmetterte Bein. »Wie alt ist er?« fragte er die Mutter.

»Was?« fragte die Frau verständnislos.

»Wie alt ist er?«

Die Frau mit dem Kopftuch bewegte die Lippen. »Sein Bein!« sagte sie. »Sein Bein! Es war ein Lastauto.«

Ravic horchte das Herz ab. »Ist er einmal krank gewesen, früher?«

»Sein Bein!« sagte die Frau.

»Es ist doch sein Bein!«

Ravic richtete sich auf. Das Herz schlug rasch wie ein Vogelherz, aber es war nichts Alarmierendes zu hören. Er mußte den Jungen, der abgezehrt und rachitisch aussah, während der Narkose beobachten. Er mußte sofort anfangen. Das zerrissene Bein war voll Straßenschmutz.

»Wird nun das Bein abgenommen?« fragte der Junge.

»Nein«, sagte Ravic, ohne es zu glauben.

»Es ist besser, Sie nehmen es ab, anstatt daß es steif wird.«

Ravic sah aufmerksam in das altkluge Gesicht. Es war noch kein Zeichen von Schmerz darin. »Wir werden sehen«, sagte er. »Wir müssen dich jetzt einschläfern. Es ist sehr einfach. Du brauchst keine Angst zu haben. Sei ganz ruhig.«

»Einen Augenblick, mein Herr. Die Nummer ist FO 2019. Wollen Sie das aufschreiben für meine Mutter?«

»Was? Was, Jeannot?« fragte die Mutter aufgeschreckt.

»Ich habe mir die Nummer gemerkt. Die Nummer des Autos. FO 2019. Ich sah sie dicht vor mir. Es war rotes Licht. Der Fahrer war schuld.« Der Junge begann mühsam zu atmen. »Die Versicherung muß zahlen. Die Nummer...«

»Ich habe sie aufgeschrieben«, sagte Ravic. »Sei ruhig. Ich habe alles aufgeschrieben.« Er winkte Eugenie, mit der Narkose anzufangen.

»Meine Mutter muß zur Polizei gehen. Die Versicherung muß zahlen.« Dicke Schweißperlen standen so plötzlich auf dem Gesicht, als hätte es darauf geregnet. »Wenn Sie das Bein abnehmen, zahlt sie mehr... als wenn es... steif bleibt...«

Die Augen versanken in blauschwarzen Ringen, die aus der Haut hervortraten wie schmutzige Teiche. Der Junge stöhnte und versuchte, rasch noch etwas zu sagen. »Meine Mutter... versteht nicht... Sie... helfen...« Er konnte nicht mehr. Er fing an zu brüllen, als hocke in ihm ein gemartertes Tier.

»Was macht die Welt draußen, Ravic?« fragte Kate Hegström.

»Wozu wollen Sie das wissen, Kate? Denken Sie lieber an etwas Erfreulicheres.«

»Ich habe das Gefühl, daß ich schon seit Wochen hier bin. Alles andere ist weit fort, wie versunken.«

»Lassen Sie es ruhig eine Weile versunken bleiben.«

»Nein. Ich fürchte sonst, daß dieses Zimmer die letzte Arche ist und daß unter dem Fenster schon die Sintflut kommt. Was ist draußen los, Ravic?«

»Nichts Neues, Kate. Die Welt fährt eifrig fort, ihren Selbstmord vorzubereiten und sich gleichzeitig darüber hinwegzutäuschen.«

»Gibt es Krieg?«

»Daß es Krieg gibt, weiß jeder.Was man noch nicht weiß, ist wann. Jeder wartet auf ein Wunder.« Ravic lächelte. »Ich habe noch nie so viele wundergläubige Staatsmänner gesehen wie augenblicklich in Frankreich und England. Und noch nie so wenige wie in Deutschland.«

Sie lag eine Zeitlang still. »Daß das möglich ist...«, sagte sie dann.

»Ja — es scheint so unmöglich, daß es eines Tages geschehen wird. Eben deshalb, weil man es für unmöglich hielt und sich deshalb nicht schützte. Haben Sie Schmerzen, Kate?«

»Nicht so viel, daß ich es nicht aushalten kann.« Sie schob das Kissen unter ihrem Kopf zurecht. »Ich möchte fort von dem allem, Ravic.«

»Ja...«, erwiderte er ohne Überzeugung. »Wer möchte das nicht?«

»Wenn ich hier ’rauskomme, will ich nach Italien gehen. Nach Fiesole. Ich habe da ein stilles, altes Haus mit einem Garten. Da will ich eine Zeitlang bleiben. Es wird noch kühl sein. Eine blasse, heitere Sonne. Mittags die ersten Eidechsen auf der Südmauer. Abends die Glocken von Florenz. Und nachts der Mond und die Sterne hinter den Zypressen. Es sind Bücher in dem Haus, und es ist da ein großer, steinerner Kamin mit Holzbänken darin. Man kann am Kamin vor dem Feuer sitzen. Die eisernen Feuerböcke sind so gemacht, daß sie einen Halter tragen, in den man sein Glas stellen kann. Der rote Wein wird so gewärmt. Keine Menschen. Nur ein altes Ehepaar, das Ordnung hält.«

Sie blickte Ravic an. »Schön«, sagte er. »Ruhe, ein Feuer, Bücher und Frieden. Früher galt so etwas als Bürgerlichkeit. Heute ist es der Traum von einem verlorenen Paradies.«

Sie nickte. »Ich will eine Zeitlang da bleiben. Ein paar Wochen. Vielleicht auch einige Monate. Ich weiß es nicht. Ich will ruhig werden. Und dann werde ich wiederkommen und nach Amerika zurückgehen.«

Ravic hörte, wie auf dem Korridor Tabletts mit dem Abendessen vorübergetragen wurden. Ein paar Schüsseln klapperten. »Gut, Kate«, sagte er.

Sie zögerte. »Kann ich noch ein Kind haben, Ravic?«

»Nicht sofort. Sie müssen erst viel kräftiger werden.«

»Das meine ich nicht. Kann ich es irgendwann? Nach dieser Operation. Ist nicht...«

»Nein«, sagte Ravic. »Wir haben nichts herausgeschnitten.«

Sie atmete tief. »Das wollte ich wissen.«

»Es wird aber noch lange dauern, Kate. Ihr ganzer Organismus muß sich erst ändern.«

»Es macht nichts, wie lange es dauern wird.« Sie strich sich das Haar zurück. Der Stein auf ihrer Hand funkelte in der Dämmerung. »Es ist lächerlich, daß ich das frage, wie? Gerade jetzt.«

»Nein. Das kommt oft vor. Öfter als man glaubt.«

»Ich habe genug von allem hier, plötzlich. Ich will zurückgehen und heiraten, richtig, altmodisch, und Kinder haben und ruhig sein und Gott loben und das Leben lieben.«

Ravic blickte aus dem Fenster. Ein wildes Abendrot stand über den Dächern. Die Lichtreklamen ertranken darin wie blutlose Farbenschatten.

»Es muß Ihnen albern erscheinen, nach allem, was Sie von mir kennen«, sagte Kate Hegström hinter ihm.

»Nein, gar nicht. Gar nicht, Kate.«

Joan Madou kam um vier Uhr nachts. Ravic erwachte, als er die Tür hörte. Er hatte geschlafen und nicht auf sie gewartet. Er sah sie in der Türöffnung stehen. Sie versuchte, einen Armvoll riesiger Chrysanthemen hindurchzuzwängen. Er sah ihr Gesicht nicht. Er sah nur ihre Gestalt und die großen, hellen Dolden der Blumen. »Was ist denn das?« sagte er. »Ein Wald von Chrysanthemen. Was um Himmels willen soll das bedeuten?«

Joan brachte die Blumen durch die Tür und warf sie mit einem Schwung auf das Bett. Die Blüten waren feucht und kühl, und die Blätter rochen stark nach Herbst und Erde. »Geschenke«, sagte sie. »Seit ich dich kenne, fange ich an, Geschenke zu bekommen.«

»Nimm sie weg. Ich bin noch nicht tot. Unter Blumen zu liegen — Chrysanthemen noch dazu —, das gute alte Bett des Hotels International sieht ja aus wie ein Sarg.«

»Nein!« Joan raffte mit einer heftigen Bewegung die Blumen zusammen und warf sie auf den Boden. »Sprich nicht so! Nie!« Ravic sah sie an. Er hatte vergessen gehabt, wie sie sich kennengelernt hatten. »Vergiß es!« sagte er. »Ich habe mir nichts dabei gedacht.«

»Sprich nie wieder so. Auch nicht im Scherz. Versprich es mir.«

Ihre Lippen zitterten. »Aber Joan...«, sagte er. »Erschreckt es dich wirklich so?«

»Ja. Es ist mehr als Erschrecken. Ich weiß nicht, was.«

Ravic stand auf. »Ich werde nie wieder Witze darüber machen. Bist du nun zufrieden?«

Sie nickte an seiner Schulter. »Ich weiß nicht, was es ist. Ich kann es einfach nicht ertragen. Es ist, als ob eine Hand aus dem Dunkeln nach mir greife. Es ist Angst — besinnungslose Angst, als warte es irgendwo auf mich.« Sie schmiegte sich an ihn. »Laß es nicht zu.«

Ravic hielt sie fest in seinem Arm. »Nein — ich lasse es nicht zu.«

Sie nickte wieder. »Du kannst es doch...«

»Ja«, sagte er mit einer Stimme voll Trauer und Hohn und dachte an Kate Hegström. »Ich kann es, natürlich kann ich es...«

Sie rührte sich in seinem Arm. »Ich war gestern hier...«

Ravic regte sich nicht. »Warst du?«

»Ja.«

Er schwieg. Wie da etwas verwehte! Wie kindisch er gewesen war! Warten oder Nichtwarten — wozu das alles? Ein törichtes Spiel mit jemand, der nicht spielte.

»Du warst nicht da...«

»Nein.«

»Ich weiß, ich sollte dich nicht fragen, wo du warst...«

»Nein.«

Sie löste sich von ihm. »Ich möchte baden«, sagte sie mit veränderter Stimme. »Ich bin kalt. Kann ich das noch? Oder weckt das das Hotel auf?«

Ravic lächelte. »Frag nicht nach den Konsequenzen, wenn du etwas tun willst. Sonst tust du es nie.«

Sie sah ihn an. »In kleinen Dingen soll man schon fragen. In großen nie.«

»Auch richtig.«

Sie ging ins Badezimmer und ließ das Wasser ein. Ravic setzte sich ans Fenster und zog eine Schachtel Zigaretten hervor. Über den Dächern draußen stand der rötliche Widerschein der Stadt, in dem lautlos der Schnee wirbelte. Ein Taxi kläffte durch die Straßen. Die Chrysanthemen schimmerten bleich auf dem Fußboden. Auf dem Sofa lag eine Zeitung. Er hatte sie abends mitgebracht. — Kämpfe an der tschechischen Grenze, Kämpfe in China, ein Ultimatum, ein gestürztes Kabinett. Er nahm die Zeitung und schob sie unter die Blumen.

Joan kam aus dem Badezimmer. Sie war warm und hockte sich auf den Boden neben ihn, zwischen die Blumen. »Wo warst du gestern nacht?« fragte sie.

Er reichte ihr eine Zigarette herüber. »Willst du es wirklich wissen?«

»Ja.«

Er zögerte. »Ich war hier«, sagte er dann, »und wartete auf dich. Ich glaubte, du würdest nicht mehr kommen, und da bin ich fortgegangen.«

Joan wartete. Ihre Zigarette glühte in der Dunkelheit auf und erlosch wieder.

»Das ist alles«, sagte Ravic.

»Bist du trinken gegangen?«

»Ja...«

Joan drehte sich um und sah ihn an. »Ravic«, sagte sie, »bist du wirklich deswegen fortgegangen?«

»Ja.«

Sie legte die Arme auf seine Knie. Er fühlte ihre Wärme durch seinen Mantel. Es war ihre Wärme und die Wärme des Mantels, der ihm bekannter war, als manche Jahre seines Lebens, und es erschien ihm plötzlich, als gehörten beide schon lange zusammen und als wäre Joan von irgendwoher aus seinem Leben zurückgekehrt.

»Ravic, ich bin doch jeden Abend zu dir gekommen. Du mußtest doch wissen, daß ich gestern auch kommen würde. Bist du nicht fortgegangen, weil du mich nicht sehen wolltest?«

»Nein.«

»Du kannst es mir ruhig sagen, wenn du mich nicht sehen willst.«

»Ich würde es dir sagen.«

»War es nicht das?«

»Nein, es war wirklich nicht das.«

»Dann bin ich glücklich.«

Ravic sah sie an. »Was sagst du da?«

»Ich bin glücklich«, wiederholte sie.

Er schwieg eine Weile. »Weißt du auch, was du sagst?« fragte er dann.

»Ja.«

Der matte Lichtschein von draußen spiegelte sich in ihren Augen. »Man soll so etwas nicht leichtfertig sagen, Joan.«

»Ich sage es auch nicht leichtfertig.«

»Glück«, sagte Ravic. »Wo fängt es an, und wo hört es auf?«

Sein Fuß stieß an die Chrysanthemen. Glück, dachte er. Die blauen Horizonte der Jugend. Die goldhelle Balance des Lebens, Glück! Mein Gott, wo war das geblieben?

»Es fängt mit dir an und hört mit dir auf«, sagte Joan. »Das ist doch ganz einfach.«

Ravic erwiderte nichts. Was redete sie da, dachte er. »Du wirst mir gleich noch sagen, daß du mich liebst«, sagte er dann.

»Ich liebe dich.«

Er machte eine Bewegung. »Du kennst mich doch kaum.«

»Was hat das damit zu tun?«

»Viel. Lieben — das ist jemand, mit dem man alt werden will.«

»Davon weiß ich nichts. Es ist jemand, ohne den man nicht leben kann. Das weiß ich.«

»Wo ist der Calvados?«

»Auf dem Tisch. Ich hole ihn dir. Bleib sitzen.«

Sie brachte die Flasche und ein Glas und stellte sie auf den Boden zwischen die Blumen. »Ich weiß, daß du mich nicht liebst«, sagte sie.

»Dann weißt du mehr als ich.«

Sie sah rasch auf. »Du wirst mich lieben.«

»Gut. Darauf wollen wir trinken.«

»Warte.« Sie füllte das Glas und trank es aus. Dann goß sie es wieder voll und reichte es ihm. Er nahm es und hielt es einen Augenblick. Dies alles ist nicht wahr, dachte er.

Ein halber Traum in der verwelkenden Nacht. Worte, im Dunkeln gesprochen — wie können sie schon wahr sein? Wirkliche Worte brauchen viel Licht. »Woher weißt du das alles so genau?« fragte er.

»Weil ich dich liebe.«

Wie sie mit dem Wort umgeht, dachte Ravic. Ohne Bedenken, wie mit einer leeren Schüssel. Sie füllt sie mit irgend etwas und nennt es Liebe. Was hat man schon alles hineingefüllt! Angst vor dem Alleinsein, Aufregung an einem andern Ich, Steigerung des Selbstgefühls, schimmernde Spiegelung der Phantasie! Aber wer weiß es wirklich? Ist das, was ich gesagt habe vom Altwerden, nicht das Törichtste von allem? Hat sie nicht viel mehr recht mit ihrer Unbedenklichkeit? Und wozu sitze ich hier in einer Winternacht zwischen Krieg und Krieg wie ein Schulmeister und spalte Worte? Wozu wehre ich mich, anstatt mich ungläubig hineinzustürzen?

»Wozu wehrst du dich?« fragte Joan.

»Was?«

»Wozu wehrst du dich?« wiederholte sie.

»Ich wehre mich nicht — wogegen sollte ich mich wehren?«

»Ich weiß es nicht. Irgend etwas in dir ist verschlossen, und du willst nichts und niemand hineinlassen.«

»Komm«, sagte Ravic. »Gib mir noch etwas zu trinken.«

»Ich bin glücklich, und ich möchte, daß du auch glücklich bist. Ich bin ganz glücklich. Ich wache auf mit dir, und ich gehe schlafen mit dir. Ich weiß nichts anderes. Mein Kopf ist aus Silber, wenn ich an uns denke, und manchmal wie eine Violine. Die Straßen sind voll von uns wie von Musik, und ab und zu reden Menschen hinein, und wie im Film gleiten Bilder vorbei, aber die Musik bleibt. Sie bleibt immer.«

Vor ein paar Wochen noch warst du unglücklich, dachte Ravic, und kanntest mich nicht. Ein leichtes Glück! Er trank das Glas Calvados aus. »Warst du oft glücklich?« fragte er.

»Nicht oft .«

»Aber manchmal. Wann war dein Kopf das letztemal aus Silber?«

»Wozu fragst du das?«

»Um etwas zu fragen. Ohne Grund.«

»Ich habe es vergessen. Ich will es auch nicht mehr wissen. Es war anders.«

»Es ist immer anders.«

Sie lächelte ihm zu. Ihr Gesicht war hell und offen wie eine Blume mit wenigen Blütenblättern, die nichts versteckt. »Vor zwei Jahren«, sagte sie. »Es dauerte nicht lange. In Mailand.«

»Warst du damals allein?«

»Nein. Ich war schon mit jemand anderem. Er war sehr unglücklich und eifersüchtig und verstand es nicht.«

»Natürlich nicht.«

»Du würdest es verstehen. Er machte furchtbare Szenen.« Sie rückte sich zurecht, zog ein Kissen vom Sofa und schob es hinter den Rücken. Dann lehnte sie sich gegen das Sofa. »Er beschimpfte mich. Ich sei eine Hure und untreu und undankbar. Es war nicht wahr. Ich war ihm treu, solange ich ihn liebte. Er verstand nicht, daß ich ihn nicht mehr liebte.«

»Das versteht man nie.«

»Doch, du würdest es verstehen. Aber ich werde dich auch immer lieben. Du bist anders, und alles ist anders mit uns. Er wollte mich töten.« Sie lachte. »Immer wollen sie einen töten. Ein paar Monate später wollte mich der andere töten. Sie tun das nie. Du würdest mich nie töten wollen.«

»Höchstens mit Calvados«, sagte Ravic. »Gib mir die Flasche mal her. Die Unterhaltung wird gottlob menschlicher. Vor ein paar Minuten war ich ziemlich erschrokken.«

»Weil ich dich liebe?«

»Wir wollen nicht wieder davon anfangen. Das ist wie Spazierengehen in Reifrock und Perücke. Wir sind zusammen — für kurz oder lang, wer weiß das? Wir sind zusammen, das ist genug. Wozu brauchen wir dann ein Etikett?«

»Für kurz oder lang gefällt mir nicht. Aber das sind ja nur Worte. Du wirst mich nicht verlassen. Das sind auch nur Worte, und du weißt es.«

»Natürlich. Hat dich schon einmal jemand verlassen, den du liebtest?«

»Ja.« Sie sah ihn an. »Einer verläßt doch immer. Manchmal ist der andere schneller.«

»Und was hast du getan?«

»Alles!« Sie nahm das Glas aus seiner Hand und trank den Rest aus. »Alles! Aber es hat nichts genutzt. Ich war entsetzlich unglücklich.«

»Lange?«

»Eine Woche.«

»Das ist nicht lange.«

»Es ist eine Ewigkeit, wenn man wirklich unglücklich ist. Ich war so, mit allem, was ich bin, unglücklich, daß nach einer Woche alles erschöpft war. Mein Haar war unglücklich, meine Haut, mein Bett, meine Kleider sogar. Ich war so voll Unglück, daß nichts sonst existierte. Und wenn nichts anderes existiert, fängt Unglück an, kein Unglück mehr zu sein — weil nichts mehr da ist, womit man es vergleichen kann. Dann ist es nur noch völlige Erschöpfung. Und dann ist es vorbei. Man fängt langsam wieder an zu leben.«

Sie küßte seine Hand. Er fühlte die weichen, behutsamen Lippen. »Was denkst du?« fragte sie.

»Nichts«, sagte er. »Nichts, als daß du von einer wilden Unschuld bist. Völlig korrupt und überhaupt nicht. Das Gefährlichste auf der Welt. Gib mir mal das Glas. Ich will auf meinem Freund Morosow, den Kenner des menschlichen Herzens, trinken.«

»Ich mag Morosow nicht. Können wir nicht auf etwas anderes trinken?«

»Natürlich magst du ihn nicht. Er hat gute Augen. Laß uns auf dich trinken.«

»Auf mich?«

»Ja, auf dich.«

»Ich bin nicht gefährlich«, sagte Joan. »Ich bin gefährdet, aber nicht gefährlich.«

»Das gehört dazu, daß du das glaubst. Dir wird nie etwas passieren. Salute!«

»Salute. Aber du verstehst mich nicht.«

»Wer will schon verstehen? Daher kommen alle Mißverstandnisse der Welt. Gib mir die Flasche herüber.«

»Du trinkst soviel. Wozu willst du so viel trinken?«

»Joan«, sagte Ravic. »Es wird der Tag kommen, da du sagen wirst: zuviel! Du trinkst zuviel, wirst du sagen und glauben, daß du nur mein Bestes willst. In Wirklichkeit wirst du nur meine Ausflüge in eine Zone verhüten wollen, die du nicht kontrollieren kannst. Salute! Wir zelebrieren heute. Wir sind der Pathetik, die wie eine Wolke drohend vor dem Fenster stand, glorreich entkommen. Wir haben sie mit der Pathetik totgeschlagen. Salute!«

Er fühlte, wie sie zuckte. Sie richtete sich halb auf, stützte sich mit den Händen auf den Boden und sah ihn an. Ihre Augen waren weit geöffnet, der Bademantel war von der Schulter geglitten, das Haar war in den Nacken geworfen, und sie hatte im Dunkel etwas von einer hellen, sehr jungen Löwin. »Ich weiß«, sagte sie ruhig. »Du lachst mich aus. Ich weiß es, und ich mache mir nichts daraus. Ich fühle, daß ich lebe; ich fühle es mit allem, was ich bin, mein Atem ist anders, und mein Schlaf ist nicht mehr tot, meine Gelenke haben wieder Sinn, und meine Hände sind nicht mehr leer, und es ist mir ganz gleich, was du darüber denkst und was du darüber sagst, ich lasse mich fliegen und lasse mich laufen, und ich werfe mich hin, ohne Gedanken, und ich bin glücklich und habe weder Vorsicht noch Angst, es zu sagen, auch wenn du lachst und mich verspottest...«

Ravic schwieg eine Weile. »Ich verspotte dich nicht«, sagte er dann. »Ich verspotte mich, Joan...«

Sie lehnte sich an ihn. »Warum? Da ist etwas hinter deiner Stirn, das nicht will. Warum?«

»Da ist nichts, was nicht will. Ich bin nur langsamer als du.«

Sie schüttelte den Kopf. »Es ist nicht nur das. Es ist da etwas, das allein bleiben will. Ich fühle es. Es ist wie eine Barriere.«

»Da ist keine Barriere, da sind nur fünfzehn Jahre mehr Leben, als du hast. Nicht jedermanns Leben ist ein Haus, das ihm gehört und das er mit den Möbeln der Erinnerung immer reicher dekoriert. Mancher lebt in Hotels, in vielen Hotels. Die Jahre klappen hinter ihm zusammen wie Hoteltüren — und das einzige, was bleibt, ist ein bißchen Courage und kein Bedauern.«

Sie antwortete eine Zeitlang nicht. Er wußte nicht, ob sie ihm zugehört hatte. Er sah aus dem Fenster und spürte den tiefen Glanz des Calvados ruhig in seinen Adern. Das Klopfen der Pulse schwieg und wurde zu einer ausgebreiteten Stille, in der die Maschinengewehre der rastlos dahintickenden Zeit schwiegen. Der Mond hob sich verschwommen und rot über die Dächer, wie die Kuppel einer halb in die Wolken verschwundenen Moschee, die langsam aufstieg, während die Erde im Schneetreiben versank.

»Ich weiß«, sagte Joan, die Hände auf seinen Knien und ihr Kinn auf die Hände gestützt, »es ist töricht, wenn ich dir diese Dinge von mir von früher erzähle. Ich könnte schweigen oder könnte lügen, aber ich will es nicht.Warum soll ich dir nicht alles sagen, was in meinem Leben war, und warum soll ich mehr daraus machen? Ich will lieber weniger daraus machen, denn es ist nur noch lächerlich jetzt für mich, und ich verstehe es nicht mehr, und du sollst lachen darüber und meinetwegen auch über mich.«

Ravic sah sie an. Ihre Knie preßten die großen, weißen Blüten gegen die Zeitung, die er unter die Chrysanthemen geschoben hatte. Eine sonderbare Nacht, dachte er. Irgendwo wird jetzt geschossen, und Menschen werden gejagt und eingesperrt und gequält und gemordet, und ein Stück friedliche Welt wird zertreten, und man ist da und weiß es und ist hilflos, und in den hellen Bistros summt es von Leben, niemand kümmert sich, Menschen gehen ruhig schlafen, und ich sitze hier mit einer Frau zwischen bleichen Chrysanthemenblüten und einer Flasche Calvados, und der Schatten der Liebe steigt auf, schaudernd, fremd und traurig, einsam auch sie, vertrieben aus den sicheren Gärten der Vergangenheit, scheu und wild und rasch, als hätte sie kein Recht…

»Joan«, sagte er langsam und wollte etwas ganz anderes sagen. »Es ist schön, daß du da bist.«

Sie sah ihn an.

Er nahm ihre Hände. »Du verstehst, was das heißt? Mehr als tausend Worte...«

Sie nickte. Ihre Augen waren plötzlich voll Tränen. »Es heißt gar nichts«, sagte sie. »Ich weiß es.«

»Das ist nicht richtig«, erwiderte Ravic und wußte, daß es richtig war.

»Nein. Gar nichts. Du mußt mich lieben, Liebster, das ist alles.«

Er antwortete nicht.

»Du mußt mich lieben«, wiederholte sie. »Sonst bin ich verloren.«

Verloren ..., dachte er. Wie schnell sie das sagt! Wer wirklich verloren ist, spricht nicht mehr.

12

»Haben Sie das Bein abgenommen?« fragte Jeannot.

Sein schmales Gesicht war blutlos und weiß wie eine alte Hauswand. Die Sommersprossen stachen so dunkel daraus hervor, als gehörten sie nicht dazu und wären mit Farbe übergesprenkelt. Der Beinstumpf lag unter einem Drahtkorb, über den die Decke gebreitet war.

»Hast du Schmerzen?« fragte Ravic.

»Ja. Im Fuß. Der Fuß tut sehr weh. Ich habe die Schwester gefragt. Der alte Drache will es mir nicht sagen.«

»Dein Bein ist amputiert«, sagte Ravic.

»Über dem Knie oder unter dem Knie?«

»Zehn Zentimeter darüber. Das Knie war zerschmettert und nicht zu retten.«

»Gut«, sagte Jeannot. »Das gibt ungefähr zehn Prozent mehr bei der Versicherung. Sehr gut. Ein künstliches Bein ist ein künstliches Bein, über oder unter dem Knie. Aber fünfzehn Prozent mehr sind etwas, was man jeden Monat in die Tasche stecken kann.« Er zögerte einen Augenblick. »Besser, Sie sagen es meiner Mutter vorläufig nicht. Sehen kann sie es ja nicht mit diesem Papageienkäfig über dem Stumpf da.«

»Wir werden ihr nichts sagen, Jeannot.«

»Die Versicherung muß eine Rente fürs Leben zahlen. Das stimmt doch, nicht wahr?«

»Ich glaube.«

Das käsige Gesicht verzog sich zu einer Grimasse. »Die werden staunen. Ich bin dreizehn Jahre alt. Die werden lange zahlen müssen. Wissen Sie schon, welche Versicherung es ist?«

»Noch nicht. Aber wir haben die Nummer des Autos. Du hast sie dir ja gemerkt. Die Polizei war schon hier. Sie will dich vernehmen. Du schliefst noch heute morgen. Sie will heute abend wiederkommen.«

Jeannot dachte nach. »Zeugen«, sagte er dann. »Es ist wichtig, daß wir Zeugen haben. Haben wir welche?«

»Ich glaube, deine Mutter hat zwei Adressen. Sie hatte die Zettel in der Hand.«

Der Junge wurde unruhig. »Sie wird sie verlieren. Wenn sie sie nur nicht schon verloren hat. Sie wissen, wie alte Leute sind. Wo ist sie jetzt?«

»Deine Mutter hat die Nacht über bis heute mittag an deinem Bett gesessen. Dann haben wir sie wegschicken können. Sie wird bald wiederkommen.«

»Hoffentlich hat sie sie noch. Die Polizei...« Er machte eine schwache Geste mit der abgezehrten Hand. »Gauner«, murmelte er. »Alles Gauner. Stecken mit den Versicherungen zusammen. Aber wenn man gute Zeugen hat... wann kommt sie zurück?«

»Bald. Reg dich nicht auf deswegen. Es wird schon in Ordnung sein.«

Jeannot bewegte den Mund, als kaue er an etwas. »Manchmal zahlen sie das Geld auch auf einen Schlag aus. Als Abfindung. Statt einer Rente. Wir könnten ein Geschäft damit anfangen, Mutter und ich.«

»Ruh dich jetzt aus«, sagte Ravic. »Du kannst darüber noch immer nachdenken.«

Der Junge schüttelte den Kopf. »Doch«, sagte Ravic. »Du mußt frisch sein, wenn die Polizei kommt.«

»Ja, richtig. Was soll ich denn machen?«

»Schlafen.« — »Aber dann...«

»Man wird dich schon wecken.«

»Rotes Licht. Es war bestimmt rotes Licht.«

»Bestimmt. Und nun versuche, etwas zu schlafen. Da ist eine Klingel, wenn du etwas brauchst.«

»Doktor...«

Ravic drehte sich um.

»Wenn alles klappt...« Jeannot lag in seinen Kissen, und etwas wie ein Lächeln ging über sein altkluges, verkrampftes Gesicht... »Manchmal hat man doch Glück, was?«

Der Abend war feucht und warm. Zerrissene Wolken zogen niedrig über die Stadt. Vor dem Restaurant Fouquet’s waren runde Koksöfen aufgestellt. Ein paar Tische und Stühle standen darum herum. An einem Morosow. Er winkte Ravic zu. »Komm, trink was mit mir.«

Ravic setzte sich zu ihm. »Wir sitzen zuviel in Zimmern«, erklärte Morosow. »Ist dir das schon mal aufgefallen?«

»Du nicht. Du stehst ja dauernd auf der Straße vor der Scheherazade.«

»Knabe, laß deine armselige Logik. Ich bin abends eine Art zweibeiniger Tür zur Scheherazade, aber kein Mensch im Freien. Wir sitzen zuviel in Zimmern, sage ich. Wir denken zuviel in Zimmern. Wir leben zuviel in Zimmern. Wir verzweifeln zuviel in Zimmern. Kann man im Freien verzweifeln?«

»Und wie!« sagte Ravic.

»Nur weil man zuviel in Zimmern lebt. Nicht, wenn man es gewohnt ist. Man verzweifelt anständiger in einer Landschaft als in einem Zimmer-Appartement mit Küche. Auch komfortabler. Widersprich nicht! Widerspruch zeigt abendländische Enge des Geistes. Wer will schon recht haben? Ich habe heute meinen freien Abend und will das Leben spüren. Wir trinken übrigens auch zuviel in Zimmern.«

»Wir pissen auch zuviel in Zimmern.«

»Bleib mir mit deiner Ironie vom Leibe. Die Fakten des Daseins sind simpel und trivial. Erst unsere Phantasie gibt ihnen Leben. Sie macht aus den Wäschepfählen der Tatsachen Flaggenmaste der Träume. Habe ich recht?«

»Nein.«

»Selbstverständlich nicht. Will ich auch gar nicht.«

»Natürlich hast du recht.«

»Gut, Bruder. Wir schlafen auch zuviel in Zimmern. Wir werden Möbelstücke. Die Steinhäuser haben unser Rückgrat gebrochen. Wir sind wandelnde Sofas, Toilettentische, Kassenschränke, Mietkontrakte, Gehaltsempfänger, Kochtöpfe und Wasserklosetts geworden.«

»Richtig. Wandelnde Parteiprogramme, Munitionsfabriken, Blindenanstalten und Irrenhäuser.«

»Unterbrich mich nicht dauernd. Trink, schweige und lebe, du Mörder mit dem Skalpell. Sieh, was aus uns geworden ist! Soviel ich weiß, hatten nur die alten Griechen Götter für das Trinken und die Lebenslust: Bacchus und Dionysos. Wir haben dafür Freud, Minderwertigkeitskomplexe und die Psychoanalyse — Angst vor zu großen Worten in der Liebe und viel zu große Worte in der Politik. Ein trauriges Geschlecht?« Morosow blinzelte.

Ravic blinzelte. »Alter, braver Zyniker mit Träumen«, sagte er.

Morosow grinste. »Elender Romantiker ohne Illusion — für eine kurze Zeit auf Erden Ravic genannt.«

»Für eine sehr kurze Zeit. Was Namen anbelangt, ist dieses bereits mein drittes Leben. Ist das polnischer Wodka?«

»Estnischer. Von Riga. Der beste. Schenk dir ein — und dann laß uns ruhig hier sitzen und auf die schönste Straße der Welt starren und diesen milden Abend loben und gelassen der Verzweiflung in die Schnauze spucken.«

Die Feuer in den Koksöfen knackten. Ein Mann mit einer Violine stellte sich am Rand des Bürgersteiges auf und begann »Auprès de ma blonde« zu spielen. Die Vorübergehenden stießen ihn an. Der Bogen kratzte, aber der Mann spielte weiter, als wäre er allein. Es klang dürr und leer. Die Violine schien zu frieren. Zwei Marokkaner gingen zwischen den Tischen umher und boten Teppiche aus greller Kunstseide an.

Die Zeitungsjungen kamen mit den letzten Ausgaben vorbei. Morosow kaufte den »Paris Soir« und den »Intransigeant«. Er überflog die Überschriften und schob dann die Zeitung beiseite. »Falschmünzer«, knurrte er. »Hast du schon mal bemerkt, wie wir im Zeitalter der Falschmünzer leben?«

»Nein. Ich dachte, wir lebten im Zeitalter der Konserven.«

»Konserven? Wieso?«

Ravic zeigte auf die Zeitungen. »Wir brauchen nicht mehr zu denken. Alles ist vorgedacht, vorgekaut, vorgefühlt. Konserven. Nur aufzumachen. Dreimal am Tage ins Haus geliefert. Nichts mehr selbst zu ziehen, wachsen zu lassen, auf dem Feuer der Fragen, des Zweifels und der Sehnsucht zu kochen. Konserven.« Er grinste. »Wir leben nicht leicht, Boris. Nur billig.«

»Wir leben als Falschmünzer.« Morosow hob die Zeitungen hoch. »Sieh dir das an. Ihre Waffenfabriken bauen sie, weil sie Frieden wollen; ihre Konzentrationslager, weil sie die Wahrheit lieben; Gerechtigkeit ist der Deckmantel für jede Parteiraserei; politische Gangster sind Erlöser, und Freiheit ist das große Wort für alle Gier nach Macht. Falsches Geld! Falsches geistiges Geld! Die Lüge der Propaganda. Küchenmacchiavellismus. Der Idealismus in den Händen der Unterwelt. Wenn sie noch wenigstens ehrlich wären...« Er knüllte die Blätter zusammen und warf sie fort.

»Wir lesen auch zuviel Zeitungen in Zimmern«, sagte Ravic.

Morosow lachte. »Natürlich. Im Freien braucht man sie, um Feuer...«

Er hielt inne. Ravic saß nicht mehr neben ihm. Er war aufgesprungen und drängte sich durch die Menge vor dem Café in der Richtung zur Avenue George V.

Morosow saß nur eine Sekunde überrascht da. Dann zog er Geld aus der Tasche, warf es in einen der Porzellanuntersätze unter den Gläsern und folgte Ravic. Er wußte nicht, was los war, aber er folgte ihm auf alle Fälle, um dazusein, wenn er ihn brauchte. Er sah keine Polizei. Auch nicht, daß ein Zivildetektiv hinter Ravic her war. Der Bürgersteig war gepackt voll von Menschen. Gut für ihn, dachte Morosow. Wenn ein Polizist ihn wiedererkannt hat, kann er leicht entwischen. Er sah ihn erst wieder, als er die Avenue George V. erreichte. Der Verkehr wechselte gerade, und die gestauten Wagenreihen schössen vorwärts. Ravic versuchte trotzdem, die Straße zu überqueren. Ein Taxi fuhr ihn fast um. Der Chauffeur tobte. Morosow packte Ravic von hinten am Arm und riß ihn zurück. »Bist du verrückt?« schrie er. »Willst du Selbstmord begehen? Was ist los?«

Ravic antwortete nicht. Er starrte zur anderen Seite hinüber. Der Verkehr war sehr dicht. Wagen schob sich an Wagen, vier Reihen tief. Es war unmöglich, durchzukommen. Ravic stand am Rande des Trottoirs, vorgebeugt und starrte hinüber.

Morosow schüttelte ihn. »Was ist los? Polizei?«

»Nein.« Ravic ließ die Augen nicht von den gleitenden Wagen.

»Was denn? Was denn, Ravic?«

»Haake...«

»Was?« Morosows Augen verengten sich. »Wie sieht er aus? — Rasch!«

»Grauer Mantel...«

Der schrille Pfiff des Verkehrspolizisten kam von der Mitte der Champs-Elysées her. Ravic stürzte los, zwischen den letzten Wagen hindurch. Ein dunkelgrauer Mantel — das war alles, was er wußte. Er überquerte die Avenue George V. und die Rue de Bassano. Es gab plötzlich Dutzende von grauen Mänteln. Er fluchte und drängte sich weiter, so rasch er konnte. An der Rue de Galilée war der Verkehr gestoppt. Er überquerte sie eilig und schob sich rücksichtslos vorwärts durch die Menschenmasse, weiter die Champs-Elysées entlang. Er kam an die Rue de Presbourg, er lief über die Kreuzung weiter und stand plötzlich still: Vor ihm lag der Place de l’Etoile, riesig, verwirrend, voll Verkehr, mit Straßenmündungen nach allen Seiten. Vorbei! Hier war nichts mehr zu finden.

Er kehrte um, langsam, aufmerksam die Gesichter in der Menge immer noch beobachtend — aber die Aufregung schlug um. Er fühlte sich plötzlich leer. Er hatte sich wieder getäuscht — oder Haake war ihm zum zweitenmal entschlüpft. Aber konnte man sich zweimal täuschen? Konnte jemand zweimal vom Erdboden verschwinden? Da waren noch die Seitenstraßen. Haake konnte abgebogen sein. Er blickte die Rue de Presbourg entlang. Wagen, Wagen, und Menschen, Menschen. Die geschäftigste Stunde des Abends. Es hatte keinen Zweck, sie noch zu durchsuchen. Wieder zu spät.

»Nichts?« fragte Morosow, der ihm entgegenkam.

Ravic schüttelte den Kopf. »Ich sehe wahrscheinlich wieder einmal Gespenster.«

»Hast du ihn erkannt?«

»Ich glaubte es. Eben noch. Jetzt... ich weiß überhaupt nichts mehr.«

Morosow sah ihn an. »Es gibt viele Gesichter, die sich ähnlich sehen.«

»Ja, und manche, die man nie vergißt.«

Ravic blieb stehen. »Was willst du denn machen?« fragte Morosow.«

»Ich weiß es nicht. Was soll ich schon machen?«

Morosow starrte auf die Menschenmenge.

»Verdammtes Pech! Gerade um diese Zeit. Geschäft sschluß. Alles voll...«

»Ja...«

»Und dazu noch dieses Licht! Halbdunkel. Hast du ihn genau gesehen?«

Ravic antwortete nicht.

Morosow nahm ihn am Arm. »Hör zu«, sagte er. »Weiter hier durch die Straßen und Querstraßen zu rennen, hat keinen Zweck mehr. Wenn du in einer bist, wirst du glauben, er sei gerade in der nächsten. Keine Chance. Laß uns zurückgehen zu Fouquet’s. Das ist der richtige Platz. Von da kannst du besser beobachten, als wenn du herumläufst.Wenn er zurückkommen sollte, mußt du ihn von da sehen.«

Sie setzten sich an einen Tisch, der am Rande stand und frei nach allen Seiten war. Sie saßen lange da. »Was willst du machen, wenn du ihn treffen solltest?« fragte Morosow schließlich. »Weißt du das schon?«

Ravic schüttelte den Kopf.

»Denk darüber nach. Besser, du weißt es vorher. Es hat keinen Zweck, überrascht zu werden und Dummheiten zu machen. Besonders nicht in deiner Lage. Du willst doch nicht für Jahre ins Gefängnis.«

Ravic sah auf. Er antwortete nicht. Er sah Morosow nur an.

»Mir wäre es auch egal«, sagte Morosow. »Mit mir. Aber es ist mir nicht egal mit dir. Was hättest du getan, wenn er es jetzt gewesen wäre und du ihn erwischt hättest drüben an der Ecke?«

»Ich weiß es nicht, Boris. Ich weiß es wirklich nicht.«

»Du hast nichts bei dir, wie?«

»Nein.«

»Wenn du ihn angefallen hättest, ohne Überlegung, wäret ihr in einer Minute getrennt gewesen. Du wärest jetzt auf der Polizei, und er hätte wahrscheinlich nur ein paar blaue Flecken, das weißt du, wie?«

»Ja.« Ravic starrte auf die Straße.

Morosow dachte nach. »Du hättest höchstens versuchen können, ihn an einer Kreuzung unter die Autos zu stoßen. Aber das wäre auch unsicher gewesen. Er hätte mit ein paar Schrammen davonkommen können.«

»Ich werde ihn nicht unter ein Auto stoßen.« Ravic starrte auf die Straße.

»Das weiß ich. Ich werde es auch nicht tun.«

Morosow schwieg eine Weile. »Ravic«, sagte er dann. »Wenn er es war und wenn du ihn triffst, dann mußt du todsicher sein, das weißt du? Du hast nur eine einzige Chance.« »Ja, das weiß ich.« Ravic starrte weiter auf die Straße.

»Wenn du ihn sehen solltest, folge ihm. Nichts anderes. Folge ihm nur. Finde heraus, wo er wohnt. Weiter nichts. Alles andere kannst du später überlegen. Laß dir Zeit. Mach keinen Unsinn, hörst du?«

»Ja«, sagte Ravic abwesend und starrte auf die Straße.

Ein Pistazienverkäufer kam an den Tisch. Ihm folgte ein Junge mit künstlichen Mäusen. Er ließ sie auf der Marmorplatte tanzen und auf seinem Ärmel emporlaufen. Der Geigenspieler erschien zum zweitenmal. Er spielte jetzt »Parlez moi d’amour« und trug einen Hut. Eine alte Frau mit syphilitischer Nase bot Veilchen an.

Morosow sah auf seine Uhr. »Acht«, sagte er. »Zwecklos, weiter zu warten, Ravic. Wir sitzen schon über zwei Stunden hier. Der Mann kommt um diese Zeit nicht mehr zurück. Jeder Mensch in Frankreich ißt im Augenblick irgendwo zu Abend.«

»Geh ruhig, Boris. Wozu sollst du überhaupt mit mir hier ’rumsitzen?«

»Das hat nichts zu tun. Ich kann mit dir hier sitzen, solange wir wollen. Aber ich will nicht, daß du dich verrückt machst. Es ist sinnlos, daß du hier noch stundenlang wartest. Die Wahrscheinlichkeit, ihn zu treffen, ist jetzt überall gleich. Im Gegenteil: Sie ist jetzt sogar größer in jedem Restaurant, in jedem Nachtklub, in jedem Bordell.«

»Ich weiß, Boris.«

Morosow legte seine große, behaarte Hand auf Ravics Arm. »Ravic«, sagte er. »Hör mich an. Wenn du den Mann treffen sollst, wirst du ihn treffen — und wenn nicht, dann kannst du Jahre auf ihn warten. Du weißt, was ich meine. Halte deine Augen offen — überall. Und sei auf alles vorbereitet. Aber sonst lebe so, als hättest du dich geirrrt. Wahrscheinlich hast du das auch. Das ist das einzige, was du tun kannst. Du machst dich sonst kaputt. Ich habe das auch schon gehabt. Vor ungefähr zwanzig Jahren. Glaubte alle Augenblicke, einen der Henker meines Vaters zu sehen; Halluzinationen.« Er trank sein Glas aus. »Verdammte Halluzinationen. Und jetzt komm mit mir. Wir wollen irgendwo essen gehen.«

»Geh du essen, Boris. Ich komme später.«

»Willst du hier sitzen bleiben?«

»Nur noch einen Augenblick. Ich gehe dann zum Hotel. Habe da noch etwas zu tun.«

Morosow sah ihn an. Er wußte, was Ravic im Hotel wollte. Aber er wußte auch, daß er nichts mehr tun konnte. Dies ging Ravic allein an. »Gut«, sagte er. »Ich bin bei der ›Mère Marie‹. Später im ›Bubilshki‹. Ruf mich an oder komm.« Er hob seine buschigen Augenbrauen. »Und riskiere nichts. Sei kein unnötiger Held! Und kein verdammter Idiot. Schieße nur, wenn du bestimmt entkommen kannst. Dies ist kein Kinderspiel und kein Gangsterfilm.«

»Das weiß ich, Boris, sei unbesorgt.«

Ravic ging zum Hotel International und von da gleich zurück. Unterwegs kam er am Hotel Milan vorbei. Er sah auf die Uhr. Es war halb neun.

Er konnte Joan noch zu Hause treffen.

Sie kam ihm entgegen. »Ravic«, sagte sie überrascht. »Du kommst hierher?«

»Ja...«

»Du bist noch nie hiergewesen, weißt du das? Seit damals, als du mich abgeholt hast.«

Er lächelte abwesend. »Es ist wahr, Joan, wir führen ein sonderbares Leben.«

»Ja. Wie die Maulwürfe oder Fledermäuse. Oder Eulen. Wir sehen uns nur, wenn es dunkel ist.«

Sie ging mit langen, weichen Schritten im Zimmer hin und her. Sie trug einen dunkelblauen Dressinggown, der wie der eines Mannes geschnitten und mit einem Gürtel fest um die Hüften gezogen war. Auf dem Bett lag das schwarze Abendkleid, das sie in der Scheherazade brauchte. Sie war sehr schön und unendlich weit weg.

»Mußt du nicht gehen, Joan?«

»Noch nicht. Erst in einer halben Stunde. Dies ist meine beste Zeit. Die Stunde, bevor ich fort muß. Du siehst, was ich dann habe. Kaffee und alle Zeit der Welt. Und nun bist du sogar da. Ich habe auch Calvados.«

Sie brachte die Flasche. Er nahm sie und stellte sie ungeöffnet auf den Tisch. Dann nahm er behutsam ihre Hände.

»Joan«, sagte er.

Das Licht in ihren Augen erlosch. Sie stand dicht vor ihm. »Sag mir nur gleich, was es ist...«

»Warum? Was soll es sein?«

»Irgend etwas. Wenn du so bist, ist es immer irgend etwas. Bist du deshalb gekommen?«

Er fühlte, daß ihre Hände von ihm wegstrebten. Sie bewegte sich nicht. Auch ihre Hände bewegten sich nicht. Es war nur, als ob in ihnen sich etwas fortzöge von ihm. »Du kannst heute abend nicht kommen, Joan. Heute nicht und vielleicht morgen und einige Tage nicht.«

»Mußt du in der Klinik bleiben?«

»Nein. Es ist etwas anderes. Ich kann nicht darüber sprechen. Aber es ist etwas, das nichts mit dir und mir zu tun hat.«

Sie stand eine Weile regungslos. »Gut«, sagte sie dann.

»Du verstehst es?«

»Nein. Aber wenn du es sagst, wird es richtig sein.«

»Du bist nicht böse?«

Sie sah ihn an. »Mein Gott, Ravic«, sagte sie. »Wie könnte ich dir jemals für etwas böse sein?«

Er blickte auf. Ihm war, als hätte eine Hand sich fest auf sein Herz gelegt. Joan hatte ohne Absicht gesagt, was sie gesagt hatte, aber sie hätte nicht mehr tun können, um ihn zu treffen. Er gab nur wenig auf das, was sie in den Nächten stammelte und flüsterte; es war vergessen, wenn der Morgen grau vor dem Fenster rauchte. Er wußte, daß die Hingerissenheit in den Stunden, wenn sie neben ihm hockte oder lag, ebensoviel Hingerissenheit über sie selbst war, und er nahm es als Rausch und leuchtende Konfession der Stunde, aber nie mehr als das. Jetzt zum erstenmal, wie ein Flieger, der durch einen Riß glänzender Wolken, auf denen das Licht Verstecken spielt, unten plötzlich die Erde grün und braun und glänzend erblickt, sah er mehr. Er sah unter Hingerissenheit Hingabe, unter Rausch Gefühl, unter dem Geklirr der Worte einfaches Vertrauen. Er hatte Mißtrauen, Fragen und Verständnislosigkeit erwartet — aber nicht dieses. Es waren immer die kleinen Dinge, die Aufschluß gaben, nie die großen. Die großen lagen zu nahe der dramatischen Geste und der Verführung zur Lüge.

Ein Raum. Ein Hotelraum. Ein paar Koffer, ein Bett, Licht, vor dem Fenster die schwarze Öde der Nacht und der Vergangenheit — und ein helles Gesicht hier mit grauen Augen und hohen Brauen und dem kühnen Schwung des Haares — Leben, biegsames Leben, ihm offen zugewandt, wie ein Oleanderbusch dem Licht — da war es, da stand es, wartend, schweigend, ihm zurufend: Nimm mich! Halte mich! Hatte er nicht einmal, vor langer Zeit, gesagt: Ich werde dich schon halten?

Er stand auf. »Gute Nacht, Joan.«

»Gute Nacht, Ravic.«

Er saß vor dem Café Fouquet’s. Er saß an demselben Tisch wie vorher. Er saß Stunde um Stunde da, vergraben in der Finsternis der Vergangenheit, in der nur ein einziges schwaches Licht brannte: die Hoffnung auf Rache.

Man hatte ihn im August 1933 verhaftet. Er hatte zwei Freunde, die von der Gestapo gesucht wurden, vierzehn Tage bei sich verborgen gehalten und ihnen dann geholfen, zu fliehen. Einer davon hatte ihm 1917, vor Bixschoote in Flandern, das Leben gerettet und ihn, als er langsam verblutend im Niemandsland lag, unter gedecktem Maschinengewehrfeuer zurückgeholt. Der zweite war ein jüdischer Schriftsteller, den er seit Jahren kannte. Man brachte ihn zum Verhör; man wollte wissen, in welcher Richtung beide geflohen wären, was für Papiere sie hätten und wer ihnen unterwegs behilflich sein würde. Haake hatte ihn verhört. Nach der ersten Ohnmacht hatte er versucht, Haake mit seinem Revolver zu erschießen oder ihn zu erschlagen. Er sprang in eine krachende, rote Dunkelheit hinein. Es war ein sinnloser Versuch gegen vier bewaffnete, kräftige Leute gewesen. Drei Tage lang tauchte dann aus Ohnmacht, langsamem Erwachen, rasenden Schmerzen immer wieder das kühle, lächelnde Gesicht Haakes auf. Drei Tage dieselben Fragen — drei Tage derselbe Körper, zerschlagen, fast unfähig, mehr zu leiden. Und dann, am Nachmittag des dritten Tages, brachte man die Frau. Sie wußte von nichts. Man zeigte ihn ihr, damit sie aussagen solle. Sie war ein luxuriöses, schönes Geschöpf, das ein spielerisches, belangloses Leben geführt hatte. Er erwartete, daß sie schreien und zusammenbrechen würde. Sie war nicht zusammengebrochen. Sie war auf die Henker losgefahren. Sie hatte tödliche Worte gesagt.

Tödlich für sie, und sie wußte es. Haake hatte nicht mehr gelächelt. Er hatte das Verhör abgebrochen. Am nächsten Tage hatte er Ravic erklärt, was mit ihr geschehen würde im Konzentrationslager für Frauen, wenn er nicht gestehen würde. Ravic hatte nicht geantwortet. Haake hatte ihm dann erklärt, was vorher mit ihr geschehen würde. Ravic hatte nichts gestanden, weil nichts zu gestehen war. Er hatte Haake zu überzeugen versucht, daß die Frau nichts wissen konnte. Er hatte ihm gesagt, daß er sie oberflächlich kannte. Daß sie wenig mehr in seinem Dasein bedeutete als ein schönes Bild. Daß er sie nie zu irgend etwas ins Vertrauen hätte ziehen können. Alles war wahr gewesen. Haake hatte nur gelächelt. Drei Tage später war die Frau tot. Sie hatte sich im Konzentrationslager für Frauen erhängt. Einen Tag darauf brachte man einen der Flüchtlinge wieder. Es war der jüdische Schriftsteller. Als Ravic ihn sah, kannte er ihn nicht wieder, selbst an der Stimme nicht. Es dauerte noch eine Woche unter Haakes Verhör, bis er ganz tot war. Dann kam für ihn selbst das Konzentrationslager. Das Hospital. Die Flucht aus dem Hospital.

Der Mond stand silbern über dem Arc de Triomphe. Die Laternen die Champs-Elysées hinauf wehten im Wind. Das mächtige Licht spiegelte sich in den Gläsern auf dem Tisch. Unwirklich, diese Gläser, dieser Mond, diese Straße, diese Nacht und diese Stunde, die mich anweht, fremd und vertraut, als wäre sie schon einmal dagewesen, in einem anderen Leben, auf einem anderen Stern — unwirklich diese Erinnerungen an Jahre, die vergangen sind, versunken, lebendig und tot zugleich, die nur noch in meinem Gehirn phosphoreszieren und sich zu Worten versteint haben — und unwirklich dieses, das durch das Dunkel meiner Adern rollt, ohne Ruhe, 37,6 Grad warm, etwas salzig schmeckend, vier Liter Geheimnis und Weitertreiben, Blut, Spiegelung in Ganglienzellen, unsichtbarer Storeraum im Nichts, Gedächtnis genannt, Stern um Stern, Jahr um Jahr hochwerfend, das eine hell, das andere blutig wie der Mars über der Rue de Berry und manches düster schimmernd und voll Flecken — der Himmel der Erinnerung, unter der die Gegenwart unruhig ihr konfuses Wesen trieb.

Das grüne Licht der Rache. Die Stadt, leise schwimmend im späten Mondlicht und dem Sausen der Automobilmotoren.

Häuserreihen, lang, endlos sich dehnend, Fensterreihen, und hinter sie gepackt Bündel von Schicksalen, straßenweit. Herzklopfen von Millionen Menschen, unaufhörliches Herzklopfen, wie von einem millionenfältigen Motor, langsam, langsam die Straße des Lebens entlang, mit jedem Klopfen einen geringen Millimeter näher dem Tode zu.

Er stand auf. Die Champs-Elysées waren fast leer. Ein paar Huren lungerten an den Ecken herum. Er ging die Straße herunter, an der Rue Pierre Charron, der Rue Marbeuf, der Rue de Marignan vorüber, bis zum Rond Point und zurück bis zum Arc de Triomphe. Er stieg über die Ketten und stand vor dem Grab des Unbekannten Soldaten. Die kleine, blaue Lampe flackerte im Schatten. Ein verwelkender Kranz lag davor. Er überquerte den Etoile und ging zu dem Bistro, vor dem er Haake zuerst gesehen zu haben glaubte. Ein paar Chauffeure saßen darin. Er setzte sich an das Fenster, wo er damals gesessen hatte, und trank einen Kaffee. Die Straße draußen war leer. Die Chauffeure unterhielten sich über Hitler. Sie fanden ihn lächerlich und prophezeiten ihm ein rasches Ende, wenn er sich an die Maginotlinie wagen sollte. Ravic starrte auf die Straße. Wozu sitze ich hier noch, dachte er. Ich könnte überall in Paris sitzen: die Chance ist gleich. Er sah auf die Uhr. Es war kurz vor drei. Zu spät. Haake — wenn er es war — würde um diese Zeit nicht mehr auf der Straße herumlaufen.

Er sah draußen eine Hure herumschlendern. Sie blickte durch das Fenster hinein und ging weiter. Wenn sie zurückkommt, gehe ich, dachte er. Die Hure kam zurück. Er ging nicht. Wenn sie noch einmal wiederkommt, gehe ich bestimmt, beschloß er. Haake ist dann nicht in Paris. Die Hure kam zurück. Sie winkte ihm mit dem Kopf und ging vorüber. Er blieb sitzen. Sie kam noch einmal zurück. Er ging nicht.

Der Kellner stellte die Stühle auf den Tisch. Die Chauffeure zahlten und verließen das Bistro. Der Kellner drehte das Licht über der Theke aus. Der Raum sank in schmutzige Dämmerung. Ravic sah sich um. »Zahlen«, sagte er.

Draußen war es windiger und kälter geworden. Die Wolken zogen höher und rascher. Er kam an Joans Hotel vorbei und blieb stehen. Alle Fenster waren dunkel, bis auf eines, in dem eine Lampe hinter den Vorhängen schimmerte. Es war Joans Zimmer. Er wußte, daß sie es haßte, in ein dunkles Zimmer zu kommen. Sie hatte das Licht brennen lassen, weil sie heute nicht zu ihm kam. Er blickte auf und begriff sich plötzlich nicht mehr. Wozu hatte er sie nicht sehen wollen? Die Erinnerung an jene Frau war längst verschollen; nur die Erinnerung an ihren Tod war geblieben.

Und das andere? Was hatte das mit ihr zu tun? Was hatte es sogar mit ihm selbst noch zu tun? War er nicht ein Narr, daß er einer Täuschung nachjagte, dem Reflex einer verknäuelten, schwarzen Erinnerung, einer finsteren Reaktion — daß er wieder zu wühlen begann in den Schlacken toter Jahre, aufgerührt durch einen Zufall, eine verfluchte Ähnlichkeit — daß er ein Stück verfaulter Vergangenheit, eine Schwäche kaum verheilter Neurose wieder aufbrechen ließ und alles dadurch in Gefahr brachte, was er in sich aufgebaut hatte, und den einzigen Menschen, in all dem Gleiten, der ihm verbunden war? Was hatte das eine mit dem andern zu tun? Hatte er sich das nicht selbst immer wieder gelehrt? Wie wäre er sonst entkommen? Und wo wäre er sonst geblieben?

Er spürte, wie das Blei in seinen Gliedern schmolz. Er atmete tief. Der Wind kam mit raschen Stößen die Straßen entlang. Er blickte wieder auf das erleuchtete Fenster. Da war jemand, dem er etwas bedeutete, jemand, für den er wichtig war, jemand, dessen Gesicht sich veränderte, wenn es ihn sah — und er hatte es einer verzerrten Illusion, dem ungeduldig abweisenden Hochmut einer blassen Rachehoffnung opfern wollen...

Was wollte er denn? Wozu wehrte er sich? Wozu hob er sich auf? Das Leben hielt sich ihm hin, und er machte Einwendungen. Nicht, weil es zuwenig — weil es zuviel war. Mußte erst das blutige Gewitter der Vergangenheit über ihn hinweggehen, damit er das erkennen konnte? Er bewegte die Schultern. Herz, dachte er. Herz! Wie es sich öffnete! Wie es sich bewegte! Fenster, dachte er, einsames, leuchtendes Fenster in der Nacht, Widerschein eines anderen Lebens, das sich ungestüm ihm entgegengeworfen hatte, offen, bereit, bis auch er sich öffnete. Die Flamme der Lust, das Elmsfeuer der Zärtlichkeit, das helle, rasche Wetterleuchten des Blutes — man kannte das, man kannte alles, man kannte so viel, daß man glaubte, nie wieder würde die weiche, goldene Verwirrung das Gehirn überschwemmen können —, und dann stand man plötzlich in einer Nacht vor einem drittklassigen Hotel, und es stieg wie Rauch aus dem Asphalt, und man spürte es, als käme von der andern Seite der Erde, von blauen Kokosinseln, die Wärme eines tropischen Frühlings, filtere sich durch Ozeane, Korallengründe, Lava und Dunkelheit und stiege jäh auf in Paris, in der schäbigen Rue de Poncelet, mit dem Duft von Hibiskus und Mimosen, in einer Nacht voll Rache und Vergangenheit, unwiderstehlich, unwidersprechlich, rätselhafte Erlösung des Gefühls...

Die Scheherazade war voller Menschen. Joan saß an einem Tisch mit einigen Leuten. Sie sah Ravic sofort. Er blieb an der Tür stehen. Das Lokal schwamm in Rauch und Musik. Sie sagte etwas zu den Leuten am Tisch und kam rasch auf ihn zu. »Ravic...«

»Hast du hier noch zu tun?«

»Warum?«

»Ich will dich mitnehmen.«

»Aber du sagtest doch...«

»Das ist vorbei. Hast du hier noch etwas zu tun?«

»Nein. Ich muß nur denen drüben sagen, daß ich gehe.« »Tu es schnell — ich warte draußen im Taxi auf dich.« »Ja.« Sie blieb stehen. »Ravic...« Er sah sie an. »Bist du meinetwegen zurückgekommen?« fragte sie.

Er zögerte eine Sekunde. »Ja«, sagte er dann leise in das atmende Gesicht hinein, das sich ihm hinhielt. »Ja. Joan. Deinetwegen. Nur deinetwegen!«

Sie machte eine rasche Bewegung. »Komm«, sagte sie dann. »Laß uns gehen! Was kümmern uns diese Leute hier noch.«

Das Taxi fuhr die Rue de Liège entlang. »Was war, Ravic?« »Nichts.« »Ich hatte Angst.« »Vergiß es. Es war nichts.« Joan sah ihn an. »Ich dachte, du kämest nie wieder.« Er beugte sich über sie. Er fühlte, wie sie zitterte. »Joan«, sagte er. »Denk an nichts und frage nichts. Siehst du die Laternenlichter und die tausend bunten Schilder da draußen? Wir leben in einer sterbenden Zeit, und diese Stadt bebt von Leben. Wir sind losgerissen von allem und haben nur noch unsere Herzen. Ich war auf einer Mondlandschaft, und ich bin wiedergekommen, und du bist da und bist das Leben. Frage nichts mehr. Es gibt mehr Geheimnisse in deinem Haar als in tausend Fragen. Da, vor uns ist die Nacht, ein paar Stunden und eine Ewigkeit, bis der Morgen an das Fenster dröhnt. Daß Menschen sich lieben, ist alles; ein Wunder und das Selbstverständlichste, was es gibt, das habe ich heute gefühlt, als die Nacht in einen Blütenbusch zerschmolz und der Wind nach Erdbeeren roch, und ohne Liebe ist man nur ein Toter auf Urlaub, nichts als ein paar Daten und ein zufälliger Name, und man kann ebensogut sterben...«

Das Licht der Laterne flog durch das Fenster des Taxis wie die kreisenden Scheinwerfer eines Leuchtturms durch die Dunkelheit einer Schiffskabine. Joans Augen waren abwechselnd sehr durchsichtig und sehr schwarz in dem bleichen Gesicht. »Wir sterben nicht«, flüsterte sie in Ravics Armen.

»Nein. Nicht wir. Nur die Zeit. Die verdammte Zeit. Sie stirbt immer. Wir leben. Wir leben immer. Wenn du erwachst, ist es Frühling, und wenn du einschläfst, ist es Herbst, und tausendmal dazwischen ist es Winter und Sommer, und wenn wir uns genug lieben, sind wir ewig und unzerstörbar wie der Herzschlag und der Regen und der Wind, und das ist viel. Wir siegen in Tagen, Geliebte, und wir verlieren in Jahren, aber wer will es wissen, und wen kümmert es? Die Stunde ist das Leben. Der Augenblick am nächsten der Ewigkeit, deine Augen schimmern, der Sternstaub tropft durch die Unendlichkeit, Götter vergreisen, aber dein Mund ist jung, das Rätsel zittert zwischen uns, das Du und Ich, Ruf und Antwort, aus den Abenden, aus den Dämmerungen, aus den Entzückungen aller Liebenden, gekeltert aus fernsten Brunstschreien zum goldenen Sturm, den unendlichen Weg von der Amöbe zu Ruth und Esther und Helena und Aspasia, zu blauen Madonnen in Kapellen am Wege, von Kriechen und Tier zu dir und mir...«

Sie lag in seinem Arm, regungslos, mit blassem Gesicht und so hingegeben, daß sie fast abweisend erschien — und er beugte sich über sie und sprach und sprach —, und es war ihm im Anfang, als sähe ihm jemand über die Schultern, ein Schatten, und spräche lautlos, mit einem undeutlichen Lächeln, mit, und er beugte sich tiefer und fühlte, wie sie ihm entgegenkam, und noch war es da, und dann nicht mehr.

13

»Ein Skandal«, sagte die Frau mit den Smaragden, die Kate Hegström gegenübersaß. »Ein herrlicher Skandal! Ganz Paris lacht darüber. Hast du je gewußt, daß Louis homosexuell ist? Sicher nicht. Wir alle haben das nicht gewußt; er hat das sehr gut kaschiert. Lina de Newbourg galt als seine offizielle Mätresse — und nun stell dir vor: Vor einer Woche kommt er aus Rom zurück, drei Tage früher, als er gesagt hat, und geht abends zu dem Appartement dieses Nickys, will ihn überraschen, und wen fi ndet er da?«

»Seine Frau«, sagte Ravic.

Die Frau mit den Smaragden blickte auf. Sie sah plötzlich aus, als hätte sie gerade gehört, ihr Mann sei bankrott. »Sie kennen die Geschichte schon?« fragte sie.

»Nein. Aber es muß so sein.«

»Das verstehe ich nicht.« Sie starrte Ravic irritiert an. »Es war doch äußerst unwahrscheinlich.«

Kate Hegström lächelte. »Doktor Ravic hat eine Th eorie, Daisy. Er nennt sie Systematik des Zufalls. Danach ist das Unwahrscheinliche immer nahezu das Logischste.«

»Interessant.« Daisy lächelte höflich und gänzlich uninteressiert. »Es wäre nichts herausgekommen«, fuhr sie fort, »wenn Louis nicht eine fürchterliche Szene gemacht hätte. Er war völlig außer sich. Jetzt wohnt er im Crillon. Will sich scheiden lassen. Jeder wartet auf die Gründe. Sie lehnte sich voll Erwartung in ihren Sessel zurück. »Was sagst du dazu?«

Kate Hegström sah rasch zu Ravic hinüber. Er betrachtete einen Zweig Orchideen, der zwischen Hutschachteln und einem Obstkorb mit Trauben und Pfi rsichen auf dem Tisch stand — schmetterlinghafte, weiße Blüten mit lasziven, rotgesprenkelten Herzen.

»Unwahrscheinlich, Daisy«, sagte sie. »Wirklich unwahrscheinlich!«

Daisy genoß ihren Triumph. »Das hätten Sie doch wohl nicht vorher gewußt, wie?« fragte sie Ravic.

Er steckte behutsam den Zweig in die schmale Kristallvase zurück.

»Nein, das allerdings nicht.«

Daisy nickte befriedigt und sammelte ihre Handtasche, ihre Puderdose und ihre Handschuhe ein. »Ich muß davon. Louise hat um fünf eine Cocktailparty. Ihr Minister kommt. Man munkelt da so allerlei.« Sie stand auf. »Übrigens, Fery und Marthe sind wieder auseinander. Sie hat ihm ihren Schmuck zurückgeschickt. Nunmehr zum drittenmal. Es beeindruckt ihn immer noch. Das gute Schaf. Glaubt, um seiner selbst willen geliebt zu werden. Er wird ihr alles zurückgeben und zur Belohnung noch ein Stück dazu. Wie immer. Er weiß es nicht — aber sie hat sich bei Ostertag schon ausgesucht, was sie haben will. Er kauft da immer. Eine Rubinbrosche; viereckige, große Steine, bestes Taubenblut. Sie ist gescheit.«

Sie küßte Kate Hegström. »Adieu, mein Lamm. Jetzt bist du wenigstens etwas auf dem laufenden über das, was in der Welt passiert. Kannst du noch nicht bald hier heraus?« Sie sah Ravic an.

Er fing einen Blick Kate Hegströms auf. »Vorläufig noch nicht«, sagte er. »Leider.«

Er half Daisy in ihren Mantel. Es war ein dunkler Nerz ohne Kragen. Ein Mantel für Joan, dachte er. »Kommen Sie doch einmal mit Kate zum Tee«, sagte Daisy. »Mittwochs sind immer nur ein paar Leute da; wir können dann ungestört plaudern. Ich interessiere mich sehr für Operationen.«

»Gern.«

Ravic schloß die Tür hinter ihr und kam zurück. »Schöne Smaragden«, sagte er.

Kate Hegström lachte. »Das war nun früher mein Leben, Ravic. Können Sie das verstehen?«

»Ja. Warum nicht? Herrlich, wenn man es kann. Schützt einen vor vielem.«

»Ich kann es nicht mehr verstehen.« Sie stand auf und ging vorsichtig zu ihrem Bett.

Ravic sah ihr nach. »Es ist ziemlich belanglos, wo man lebt, Kate. Es kann bequemer sein, aber es ist nie wichtig. Wichtig ist nur, was man daraus macht. Und das auch nicht immer.«

Sie zog die langen, schönen Beine aufs Bett. »Alles ist belanglos«, sagte sie, »wenn man ein paar Wochen im Bett gelegen hat und wieder gehen kann.«

»Sie brauchen nicht mehr hierzubleiben, wenn Sie nicht wollen. Sie können im ›Lancaster‹ wohnen, wenn Sie eine Schwester mitnehmen.«

Kate Hegström schüttelte den Kopf. »Ich bleibe hier, bis ich reisen kann. Hier bin ich vor allzu vielen Daisys geschützt.«

»Werfen Sie sie ’raus, wenn sie kommen. Nichts ist anstrengender als Geschwätz.«

Sie streckte sich vorsichtig im Bett aus. »Können Sie sich denken, daß diese Daisy trotz ihrer Klatschereien eine großartige Mutter ist? Sie erzieht ihre beiden Kinder ausgezeichnet.«

»Das kommt vor«, erklärte Ravic ungerührt.

Sie zog die Decke über sich. »Eine Klinik ist wie ein Konvent«, sagte sie. »Man lernt die einfachsten Sachen wieder schätzen. Gehen, Atmen, Sehen.«

»Ja. Das Glück liegt nur um uns herum. Wir brauchen es bloß aufzuheben.«

Sie sah ihn an.

»Ich meine das wirklich, Ravic.«

»Ich auch, Kate. Nur einfache Dinge enttäuschen nie. Und mit Glück kann man gar nicht weit genug unten anfangen.«

Jeannot lag im Bett, einen Haufen Broschüren über die Decke verstreut.

»Warum machst du kein Licht?« fragte Ravic.

»Ich kann noch genug sehen. Ich habe gute Augen.«

Die Broschüren waren Beschreibungen künstlicher Beine. Jeannot hatte sie sich auf alle mögliche Weise besorgt. Seine Mutter hatte ihm die letzten gebracht. Er zeigte Ravic einen besonders farbigen Prospekt. Ravic drehte das Licht an. »Dieses ist das teuerste«, sagte Jeannot.

»Es ist nicht das beste«, erwiderte Ravic.

»Aber es ist das teuerste. Ich werde der Versicherung erklären, daß ich es haben muß. Ich will es natürlich überhaupt nicht haben. Die Versicherung soll es nur bezahlen. Ich will einen Holzstumpf haben und das Geld.«

»Die Versicherung hat Vertrauensärzte, die alles kontrollieren, Jeannot.«

Der Junge richtete sich auf. »Meinen Sie, daß sie mir kein Bein bewilligen werden?«

»Doch. Vielleicht nicht das teuerste. Aber sie werden dir nicht das Geld geben; sie werden dafür sorgen, daß du es wirklich bekommst.«

»Dann muß ich es nehmen und sofort zurückverkaufen. Dabei verliere ich natürlich. Glauben Sie, daß zwanzig Prozent Verlust genug sind? Ich werde es zuerst mit zehn anbieten. Vielleicht kann man mit dem Händler vorher reden. Was geht es die Versicherung an, ob ich das Bein nehme? Bezahlen muß sie es; alles andere kann ihr doch egal sein — oder nicht?«

»Natürlich. Du kannst es ja einmal versuchen.«

»Es würde etwas ausmachen. Wir könnten für das Geld schon die Theke und eine Ausstattung für eine kleine Cremerie kaufen.« Jeannot lachte verschmitzt. »So ein Bein mit Gelenk und allem ist Gott sei Dank ziemlich teuer. Präzisionsarbeit. Das ist gut.«

»War schon jemand von der Versicherung da?«

»Nein. Für das Bein und die Abfindung noch nicht. Nur für die Operation und die Klinik. Müssen wir einen Rechtsanwalt nehmen? Was glauben Sie? Es war rotes Licht! Ganz bestimmt! Die Polizei...«

Die Schwester kam mit dem Abendessen. Sie stellte es auf den Tisch neben Jeannot. Der Junge sagte nichts, bis sie fort war. »Es gibt hier viel zu essen«, sagte er dann. »So gut habe ich es nie gehabt. Ich kann es nicht allein aufessen. Meine Mutter kommt immer und ißt den Rest. Es ist genug für uns beide. Sie spart so. Das Zimmer hier kostet ohnedies sehr viel.«

»Das bezahlt die Versicherung. Es ist ganz gleich, wo du liegst.«

Ein Schimmer huschte über das graue Gesicht des Jungen. »Ich habe mit Doktor Veber gesprochen. Er gibt mir zehn Prozent. Die Rechnung für das, was es kostet, schickt er an die Versicherung. Die bezahlt es; aber er gibt mir zehn Prozent in bar zurück.«

»Du bist tüchtig, Jeannot.«

»Man muß tüchtig sein, wenn man arm ist!«

»Das stimmt. Hast du Schmerzen?«

»Im Fuß, den ich nicht mehr habe.«

»Das sind die Nerven, die noch da sind.«

»Ich weiß. Komisch, trotzdem. Daß man Schmerzen hat in etwas, das nicht mehr da ist. Vielleicht ist die Seele von meinem Fuß noch da.« Jeannot grinste. Er hatte einen Witz gemacht. Dann deckte er die oberen Schüsseln seines Abendessens ab. »Suppe, Huhn, Gemüse, Pudding. Das ist was für meine Mutter. Sie ißt gern Huhn. Haben wir nicht oft gehabt zu Hause.« Er legte sich behaglich zurück. »Manchmal wache ich nachts auf und denke, wir müßten hier alles selbst bezahlen. Wie man nachts so denkt, im ersten Augenblick. Dann erinnere ich mich, daß ich hier liege wie ein Sohn von feinen Leuten, und habe ein Recht, alles zu verlangen, und kann Schwestern klingeln, und sie müssen kommen, und andere Leute müssen das alles bezahlen. Großartig, was?«

»Ja«, sagte Ravic.

»Großartig.«

Er saß im Untersuchungszimmer der »Osiris«. »Ist noch jemand da?« fragte er.

»Ja«, sagte Leonie. »Yvonne. Sie ist die letzte.«

»Schick sie herein. Du bist gesund, Leonie.«

Yvonne war fünfundzwanzig Jahre alt, fleischig, blond, mit einer breiten Nase und den kurzen, dicken Händen und Füßen vieler Huren. Sie schaukelte selbstzufrieden herein und hob den seidenen Fetzen, den sie trug, hoch.

»Dorthin«, sagte Ravic.

»Geht es nicht so?« fragte Yvonne.

»Warum?«

Statt zu antworten, drehte sie sich schweigend um und zeigte ihren kräftigen Hintern. Er war blau von Striemen. Sie mußte eine furchtbare Tracht Prügel von jemand bekommen haben.

»Ich hoffe, der Kunde hat dich gut dafür bezahlt«, sagte Ravic. »So was ist kein Spaß.«

Yvonne schüttelte den Kopf. »Keinen Centime, Doktor. Es war kein Kunde.«

»Dann hat es dir also Spaß gemacht. Ich wußte nicht, daß du das gern hast.«

Yvonne schüttelte wieder den Kopf, ein zufriedenes, mysteriöses Lächeln auf dem Gesicht. Ravic sah, daß ihr die Situation gefiel. Sie fühlte sich wichtig. »Ich bin keine Masochistin«, sagte sie. Sie war stolz, das Wort zu kennen.

»Was war es denn? Krach?«

Yvonne wartete eine Sekunde. »Liebe«, sagte sie dann und dehnte wohlig die Schultern.

»Eifersucht?«

»Ja.« Yvonne strahlte.

»Tut es sehr weh?«

»So was tut nicht weh.« Sie legte sich vorsichtig hin. »Wissen Sie, Doktor, daß Madame Rolande mich erst nicht arbeiten lassen wollte? Nur eine Stunde, habe ich gesagt; probieren Sie es nur eine Stunde! Sie werden sehen! Und jetzt habe ich viel mehr Erfolg mit dem blauen Hintern als je früher.«

»Warum?«

»Ich weiß nicht. Es gibt Kerle, die verrückt danach sind. Es regt sie auf. Ich habe in den letzten Tagen zweihundertfünfzig Frank mehr gemacht. Wie lange wird das noch zu sehen sein?«

»Mindestens zwei bis drei Wochen.«

Yvonne schnalzte mit der Zunge. »Wenn das so weitergeht, kann ich mir davon einen Pelzmantel kaufen. Fuchs — tadellos geblendete Katzenfelle.« »Wenn es nicht reicht, kann dein Freund dir ja leicht nachhelfen mit einer neuen Tracht Prügel.«

»Das macht er nicht«, sagte Yvonne lebhaft. »So ist er nicht. Kein berechnendes Aas, wissen Sie! Er macht das nur aus Leidenschaft. Wenn es über ihn kommt. Ich könnte ihn auf den Knien bitten, er täte es sonst nicht.«

»Charakter.« Ravic blickte auf. »Du bist gesund, Yvonne.«

Sie erhob sich. »Dann kann ja die Arbeit losgehen. Unten wartet schon ein Alter auf mich. Einer mit einem grauen Spitzbart. Ich habe ihm die Striemen gezeigt. Er ist wild danach. Hat zu Hause nichts zu sagen. Träumt davon, daß er seine Alte verhauen möchte, glaube ich.« Sie brach in ein glockenklares Gelächter aus. »Doktor, die Welt ist komisch, wie?« Sie schaukelte selbstzufrieden hinaus.

Ravic wusch sich. Dann stellte er die Sachen, die er gebraucht hatte, beiseite und trat ans Fenster. Die Dämmerung hing silbergrau über den Häusern. Die kahlen Bäume griffen wie schwarze Hände von Toten durch den Asphalt. In verschütteten Schützengraben hätte man manchmal solche Hände gesehen. Er öffnete das Fenster und sah hinaus. Die Stunde der Unrealität, schwebend zwischen Tag und Nacht. Die Stunde der Liebe in den kleinen Hotels — für Leute, die verheiratet waren und abends würdig der Familie präsidierten. Die Stunde, in der die Italienerinnen der Lombardischen Tiefebene schon begannen, felicissima notte zu sagen. Die Stunde der Verzweiflung und die Stunde der Träume.

Er schloß das Fenster. Das Zimmer schien plötzlich viel dunkler geworden zu sein. Schatten waren hereingeflogen und hockten in den Winkeln, voll von lautlosem Geschwätz. Die Kognakflasche, die Rolande gebracht hatte, leuchtete wie ein polierter Topasquarz auf dem Tisch. Ravic stand einen Augenblick — dann ging er hinunter.

Der Musikapparat spielte, und der große Raum war bereits hell erleuchtet. Die Mädchen saßen in ihren rosa Seidenhemden in zwei Reihen auf den gepolsterten Puffs. Alle hatten die Brüste frei. Die Kunden wollten sehen, was sie kauften. Ein halbes Dutzend war schon da. Meistens Kleinbürger mittleren Alters. Es waren die vorsichtigen Fachleute, die wußten, wann die Untersuchung war, und sie kamen um diese Zeit, um absolut keinen Tripper zu riskieren. Yvonne war mit ihrem Alten. Er saß an einem Tisch, mit einem Dubonnet vor sich. Sie stand neben ihm, einen Fuß auf einem Stuhl, und trank Champagner. Sie bekam zehn Prozent von der Flasche. Der Mann mußte sehr verrückt sein, daß er das spendierte. Es war eine Sache für Ausländer. Yvonne war sich dessen bewußt. Sie hatte eine Haltung wie ein leutseliger Zirkusdompteur.

»Fertig, Ravic?« fragte Rolande, die an der Tür stand.

»Ja. Alles in Ordnung.«

»Willst du etwas trinken?«

»Nein, Rolande. Ich muß zum Hotel. Habe bis jetzt gearbeitet. Ein heißes Bad und frische Wäsche — das ist alles, was ich jetzt brauche.«

Er ging an der Garderobe neben der Bar vorüber hinaus. Der Abend stand mit violetten Augen vor der Tür. Einsam und eilig summte ein Flugzeug über den blauen Himmel. Ein Vogel zwitscherte schwarz und klein auf dem obersten Ast eines der kahlen Bäume.

Eine Frau mit Krebs, der in ihr fraß wie ein augenloses, graues Tier; ein Krüppel, der seine Rente ausrechnete — eine Hure mit einem goldbringenden Hintern — die erste Drossel im Geäst —; das glitt und glitt, und jetzt ging er, unbewegt von dem allem, langsam durch die Dämmerung, die nach warmem Bett roch, zu einer Frau.

»Willst du noch einen Calvados?«

Joan nickte. »Ja, gib mir noch etwas.«

Ravic winkte dem Mâitre d’Hôtel. »Gibt es noch einen älteren Calvados als diesen?«

»Ist dieser nicht gut?«

»Doch. Aber vielleicht haben Sie noch einen anderen im Keller.«

»Ich will sehen.«

Der Kellner ging zur Kasse, an der die Wirtin mit ihrer Katze schlief. Von dort verschwand er hinter einer Tür mit einer Milchglasscheibe, hinter der der Patron mit seinen Rechnungen hauste. Nach einer Weile kam er mit wichtiger, gesammelter Miene zurück und ging, ohne zu Ravic hinüberzusehen, die Treppe zum Keller hinunter.

»Es scheint zu klappen.«

Der Kellner kam mit einer Flasche zurück, die er wie ein Wickelkind in den Armen hielt. Es war eine schmutzige Flasche; nicht eine der malerisch verkrusteten für Touristen, sondern einfach eine sehr schmutzige Flasche, die viele Jahre im Keller gelegen hatte. Er öffnete sie vorsichtig, beroch den Korken und holte dann zwei große Gläser.

»Mein Herr«, sagte er zu Ravic und schenkte ein paar Tropfen ein.

Ravic nahm das Glas und atmete den Duft ein. Dann trank er, lehnte sich zurück und nickte. Der Kellner nickte feierlich zurück und füllte dann die beiden Gläser zu einem Drittel.

»Versuch das einmal«, sagte Ravic zu Joan.

Sie nahm einen Schluck und setzte das Glas nieder. Der Kellner beobachtete sie. Sie sah Ravic erstaunt an. »So etwas habe ich noch nie gehabt«, sagte sie und nahm einen zweiten Schluck. »Man trinkt es nicht, man atmet es nur einfach ein.«

»Das ist es, meine Dame«, erklärte der Kellner befriedigt. »Sie haben es erfaßt.«

»Ravic«, sagte Joan. »Du tust hier etwas Gefährliches. Nach diesem Calvados will ich nie mehr einen andern trinken.«

»O doch, du wirst auch noch einen andern trinken.«

»Aber ich werde immer von diesem träumen.«

»Gut. Du wirst dadurch ein Romantiker. Ein Calvados-Romantiker.«

»Der andere wird mir dann aber nicht mehr schmekken.«

»Im Gegenteil, er wird dir sogar noch besser schmekken, als er in Wirklichkeit ist. Es wird ein Calvados mit Sehnsucht nach einem andern Calvados sein. Das macht ihn dann bereits weniger alltäglich.«

Joan lachte. »Das ist doch Unsinn. Du weißt das auch.«

»Natürlich ist es Unsinn. Aber wir leben von Unsinn. Nicht vom magern Brot der Tatsachen. Wo bliebe die Liebe sonst?«

»Was hat das mit Liebe zu tun?«

»Eine Menge. Es sorgt für das Fortbestehen.Wir würden sonst nur einmal lieben und alles später ablehnen. So aber wird das bißchen Sehnsucht nach dem, den man verläßt oder der einen verläßt, schon zur Glorie um den Schädel dessen, der nachher kommt. Daß man aber vorher etwas verloren hat, gibt dem Neuen bereits eine gewisse romantische Verklärung. Eine alte, fromme Gaukelei.«

Joan blickte ihn an. »Ich finde es scheußlich, wenn du so redest.«

»Ich auch.«

»Du solltest das nicht tun. Nicht einmal im Scherz. Es macht ein Wunder zu einem Trick.« Ravic antwortete nicht.

»Und es klingt, als wärest du schon müde und dächtest darüber nach, mich zu verlassen.«

Ravic sah sie mit einer fernen Zärtlichkeit an. »Darüber brauchst du nie nachzudenken, Joan. Wenn es einmal soweit ist, wirst du mich verlassen. Nicht ich dich. Das ist sicher.«

Sie setzte ihr Glas hart nieder. »Was ist das für ein Unsinn! Ich werde dich nie verlassen. Wohin willst du mich da wieder hineinreden?«

Die Augen, dachte Ravic. Als gingen Blitze dahinter nieder. Sanfte, rötliche Blitze von einem Gewirr von Kerzen. »Joan«, sagte er. »Ich will dich in nichts hineinreden. Aber ich will dir einmal die Geschichte von der Welle und dem Felsen erzählen.

Es ist eine alte Geschichte. Älter als wir. Hör zu. Es war einmal eine Welle, die liebte den Felsen irgendwo im Meer, sagen wir in der Bucht von Capri. Sie umschäumte und umbrauste ihn, sie küßte ihn Tag und Nacht, sie umschlang ihn mit ihren weißen Armen. Sie seufzte und weinte und flehte ihn an, zu ihr zu kommen, sie liebte ihn und umschwärmte ihn und unterspülte ihn dabei langsam, und eines Tages gab er nach und war ganz unterspült und sank in ihre Arme.«

Er nahm einen Schluck Calvados. »Und?« fragte Joan.

»Und plötzlich war er kein Felsen mehr zum Umspielen, zum Umlieben und zum Umtrauern. Er war nur noch ein Steinbrocken auf dem Meeresgrund, untergegangen in ihr. Die Welle fühlte sich enttäuscht und betrogen und suchte sich dann einen neuen Felsen.«

»Und?« Joan sah ihn mißtrauisch an. »Was heißt das schon? Er hätte eben ein Felsen bleiben sollen.«

»Das sagen die Wellen immer. Aber alles Bewegliche ist stärker als alles Starre. Wasser ist stärker als Felsen.«

Sie machte eine ungeduldige Bewegung. »Was hat das alles mit uns zu tun? Das ist doch nur eine Geschichte, die nichts bedeutet. Oder du machst dich wieder einmal lustig über mich. Wenn es einmal dazu kommt, wirst du mich verlassen, das ist alles, was ich bestimmt weiß.«

»Das«, sagte Ravic lachend, »wird die letzte Feststellung sein, wenn du gehst. Du wirst mir erklären, ich habe dich verlassen. Und du wirst Gründe dafür haben — und es glauben —, und du wirst recht haben vor dem ältesten Gerichtshof der Welt: Natur.«

Er winkte dem Kellner. »Können wir diese Flasche Calvados kaufen?«

»Sie wollen Sie mitnehmen?«

»Exakt.«

»Mein Herr, das ist gegen unsere Grundsätze. Wir verkaufen keine Flaschen.«

»Fragen Sie den Patron.«

Der Kellner kam mit einer Zeitung zurück. Es war der »Paris Soir«. »Der Wirt will eine Ausnahme machen«, erklärte er, drückte den Korken fest ein und wickelte die Flasche in den »Paris Soir«, nachdem er die Sportbeilage herausgenommen, zusammengefaltet und in die Tasche gesteckt hatte. »Hier, mein Herr.

Lagern Sie ihn dunkel und kühl. Er stammt vom Gut des Großvaters unseres Patrons.«

»Gut.« Ravic zahlte. Er nahm die Flasche und sah sie an. »Sonnenschein, auf Äpfeln einen heißen Sommer und einen blauen Herbst lang gelegen in einem windverwehten, alten Obstgarten der Normandie, komm mit uns.Wir brauchen dich. Es stürmt irgendwo im Universum.«

Sie traten auf die Straße. Es hatte angefangen zu regnen. Joan blieb stehen. »Ravic! Liebst du mich?«

»Ja, Joan. Mehr als du glaubst.«

Sie lehnte sich an ihn. »Es sieht manchmal nicht so aus.«

»Im Gegenteil. Ich würde dir sonst solche Dinge nie erzählen.«

»Du solltest mir lieber andere erzählen.«

Er sah in den Regen und lächelte. »Liebe ist kein Teich, in dem man sich immer spiegeln kann, Joan. Sie hat Ebbe und Flut. Und Wracks und versunkene Städte und Oktopusse und Stürme und Goldkisten und Perlen. Aber die Perlen liegen tief.«

»Davon weiß ich nichts. Liebe ist Zusammengehören. Für immer.«

Für immer, dachte er. Das alte Kindermärchen. Wenn man nicht einmal die Minute halten kann! Joan knöpfte ihren Mantel zu. »Ich wollte, es wäre Sommer«, sagte sie. »Ich habe es noch nie so gewollt wie in diesem Jahr.«

Sie nahm ihr schwarzes Abendkleid aus dem Schrank und warf es auf das Bett. »Wie ich das manchmal hasse. Dieses ewige schwarze Kleid! Diese ewige Scheherazade! Immer dasselbe! Immer dasselbe!«

Ravic blickte auf. Er sagte nichts.

»Verstehst du das nicht?« fragte sie.

»O ja...«

»Warum nimmst du mich nicht da weg, Liebster?«

»Wohin?«

»Irgendwohin! Irgendwohin!«

Ravic wickelte die Flasche Calvados aus und zog den Pfropfen heraus. Dann holte er ein Glas und goß es voll. »Komm«, sagte er. »Trink das.« Sie schüttelte den Kopf. »Es nützt nichts. Manchmal nützt es nicht, zu trinken. Manchmal nützt alles nicht. Ich will heute abend nicht dahin gehen, zu diesen Idioten.« »Bleib hier.« »Und dann?« »Telefoniere, du seist krank.« »Dann muß ich morgen trotzdem hin, und das ist noch schlimmer.« »Du kannst für ein paar Tage krank sein.« »Das bleibt dasselbe.« Sie sah ihn an. »Was ist das nur?

Was ist das nur mit mir, Liebster? Ist es der Regen? Ist es die nasse Dunkelheit? Manchmal ist es wie ein Sarg, in dem man liegt. Die grauen Nachmittage, in denen man ertrinkt. Ich hatte es vergessen vorhin, ich war glücklich mit dir in dem kleinen Restaurant — warum mußtest du über Verlassen und Verlassenwerden sprechen? Ich will nichts davon wissen und will nichts davon hören! Es macht mich traurig, es hält mir Bilder hin, die ich nicht sehen will, und es macht mich unruhig. Ich weiß, du meinst es nicht so, aber es trifft mich. Es trifft mich, und dann kommt der Regen und die Dunkelheit. Du kennst das nicht. Du bist stark.«

»Stark?« wiederholte Ravic.

»Ja.«

»Woher weißt du das?«

»Du hast keine Angst.«

»Ich habe schon keine Angst mehr. Das ist nicht dasselbe, Joan.«

Sie hörte nicht, was er sagte. Sie ging auf und ab mit ihren langen Schritten, für die der Raum zu klein war. Sie geht immer, als ginge sie gegen den Wind, dachte Ravic. »Ich möchte weg von dem allem«, sagte sie. »Weg von diesem Hotel, weg von diesem Nachtklub mit den klebrigen Blicken, weg!« Sie blieb stehen. »Ravic, müssen wir so leben, wie wir leben? Können wir nicht leben wie andere Menschen, die sich lieben? Beieinandersein und Dinge haben, die einem gehören, und Abende und Sicherheit, anstatt dieser Koffer und leeren Tage und dieser Hotelzimmer, in denen man fremd ist?«

Ravics Gesicht war undeutbar. Da kommt es, dachte er. Er hatte es irgendwann erwartet. »Siehst du das wirklich für uns, Joan?«

»Warum nicht? Andere haben es auch! Wärme, Zusammengehören, ein paar Zimmer, und wenn man die Tür zumacht, ist die Unruhe fort, und es kriecht nicht durch die Wände, wie hier.«

»Siehst du es wirklich?« wiederholte Ravic. »Ja.«

»Eine hübsche, kleine Wohnung mit einer hübschen, kleinen Bürgerlichkeit. Eine hübsche, kleine Sicherheit am Rande des Kraters. Siehst du das wirklich?«

»Man kann es auch anders nennen«, sagte sie traurig. »Nicht gerade so — verächtlich. Wenn man jemand liebt, hat man andere Namen dafür.«

»Es bleibt dasselbe, Joan. Siehst du es wirklich? Wir sind beide nicht dafür geschaffen.«

Sie blieb stehen. »Ich schon.«

Ravic lächelte. Es war Zärtlichkeit, Ironie und ein Schatten von Traurigkeit darin. »Joan«, sagte er. »Du auch nicht. Du noch weniger als ich. Aber das ist nicht der einzige Grund. Da ist noch ein anderer.«

»Ja«, erwiderte sie bitter. »Das weiß ich.«

»Nein, Joan. Das weißt du nicht. Aber ich will es dir sagen. Es ist besser. Du sollst nicht denken, was du jetzt denkst.«

Sie stand immer noch vor ihm. »Wir wollen es rasch machen«, sagte er. »Und frag mich nicht viel nachher.«

Sie antwortete nicht. Ihr Gesicht war leer. Es war plötzlich wieder das Gesicht, das sie früher gehabt hatte. Er nahm ihre Hände. »Ich lebe illegal in Frankreich«, sagte er. »Ich habe keine Papiere. Das ist der wirkliche Grund. Deshalb kann ich nie eine Wohnung nehmen. Ich kann auch nie heiraten, wenn ich jemand liebe. Ich brauche Ausweise und Visa dazu. Die habe ich nicht. Ich darf nicht einmal arbeiten. Ich muß es schwarz tun. Ich kann nie anders leben als jetzt.«

Sie starrte ihn an. »Ist das wahr?«

Er zuckte die Achseln. »Es gibt ein paar tausend Menschen, die so ähnlich leben. Du weißt das doch sicher auch. Jeder weiß das ja heute. Ich bin einer davon.« Er lächelte und ließ ihre Hände los. »Ein Mensch ohne Zukunft, wie Morosow das nennt.«

»Ja... aber...«

»Ich habe es sogar noch sehr gut. Ich arbeite, ich lebe, ich habe dich — was sind da ein paar Unbequemlichkeiten?«

»Und die Polizei?«

»Die Polizei kümmert sich nicht allzuviel darum. Wenn sie mich zufällig erwischt, würde ich ausgewiesen, das ist alles. Aber das ist unwahrscheinlich. Und nun geh und telefoniere deinem Nachtklub, daß du heute nicht kommst. Wir wollen heute den Abend für uns haben. Den ganzen Abend. Sag, daß du krank seiest. Wenn sie ein Attest wollen, besorge ich dir eines von Veber.«

Sie ging nicht. »Ausgewiesen«, sagte sie, als begriffe sie das nur langsam. »Ausgewiesen? Aus Frankreich? Und dann bist du fort?«

»Nur für eine kurze Zeit.«

Sie schien nicht zu hören. »Fort«, sagte sie. »Fort! Und was soll ich dann machen?«

Ravic lächelte ihr zu. »Ja«, sagte er. »Was sollst du dann machen?«

Sie saß da, die Hände aufgestützt, wie erstarrt. »Joan«, sagte Ravic. »Ich bin seit zwei Jahren hier, und es ist nichts passiert.«

Ihr Gesicht veränderte sich nicht. »Und wenn es trotzdem passiert?«

»Dann bin ich bald wieder zurück. In ein, zwei Wochen. Es ist wie eine Reise, weiter nichts. Und nun ruf die Scheherazade an.«

Sie erhob sich zögernd. »Was soll ich sagen?«

»Daß du Bronchitis hast. Sprich etwas heiser.«

Sie ging zum Telefon hinüber. Dann kam sie rasch zurück. »Ravic...«

Er machte sich vorsichtig los. »Komm«, sagte er. »Das ist vergessen. Es ist sogar ein Segen. Es behütet uns davor, Rentiers der Leidenschaft zu werden. Es hält uns die Liebe rein — sie bleibt eine Flamme — und wird kein Kochherd für den Familienkohl. Geh jetzt und telefoniere.«

Sie nahm den Hörer hoch. Er sah ihr zu, wie sie sprach. Im Anfang war sie nicht dabei; sie sah ihn immer noch an, als würde er gleich verhaftet. Aber dann begann sie allmählich ziemlich leicht und selbstverständlich zu lügen. Sie log sogar mehr hinzu, als notwendig war. Ihr Gesicht belebte sich und zeigte die Schmerzen in der Brust, die sie beschrieb. Ihre Stimme wurde müde und immer heiserer, und am Schluß begann sie zu husten. Sie sah Ravic nicht mehr an; sie blickte vor sich hin und war ganz hingegeben an ihre Rolle. Er beobachtete sie schweigend und trank dann einen großen Schluck Calvados. Keine Komplexe, dachte er. Ein Spiegel, der wunderbar spiegelt — aber nichts hält.