/ Language: Deutsch / Genre:sf_horror

Das schwarze Buch der Geheimnisse

F. Higgins

Unwiderstehlich gruselig: das Buch von Licht und Schatten Auf der Flucht vor seiner Vergangenheit rast Ludlow durch die Nacht, als blinder Passagier an eine Kutsche geklammert. Schließlich wird der Junge Lehrling beim Pfandleiher Joe Zabbidou, der einen besonderen Handel treibt: Er kauft Geheimnisse und trägt sie in sein schwarzes Buch ein. Aber die Dorfbewohner wollen nicht nur ihr Gewissen erleichtern, sondern sehen in Joe den Retter, der sie von dem grausamen Grundbesitzer Ratchet befreit. Bald reicht es ihnen nicht mehr, ihre Schuld zu verkaufen, und sie erwarten mehr von Joe. Doch auch Ludlow verbirgt ein Geheimnis. Das Netz um die beiden zieht sich immer enger zusammen Rätsel, Krimi, Spannung! Ein außergewöhnlicher Roman, super spannend und literarisch zugleich. Die englische Originalausgabe erschien bei Macmillan Children’s Books, London, unter dem Titel »The Black Book of Secrets«

Für Beatrix

Non mihi, non tibi, sed nobis

Anmerkung von F. E. Higgins

Auf das Schwarze Buch der Geheimnisse von Joe Zabbidou und die Erinnerungen von Ludlow Fitch bin ich auf äußerst merkwürdige Weise gestoßen. Beides lag eng zusammengerollt im Inneren eines hölzernen Beines verborgen. Wie ich in den Besitz dieses Holzbeines gelangte, spielt hier keine Rolle. Es geht einzig um die Geschichte, die diese Dokumente erzählen.

Leider haben weder Joes Schwarzes Buch noch Ludlows Erinnerungen die Jahrzehnte heil überdauert, und als ich sie aufrollte, wurde schnell deutlich, dass sie Schaden genommen hatten. Nicht nur waren die Seiten spröde und wiesen Wasserflecke auf, es war auch ein großer Teil der Texte unleserlich geworden. Die Fragmente und Auszüge sind hier so wortgetreu wie möglich wiedergegeben. Ludlows Rechtschreibung habe ich korrigiert – sie war ziemlich miserabel –, aber mehr habe ich daran nicht getan. Was die fehlenden Teile angeht, was sollte ich anderes tun, als mithilfe meiner Fantasie die Lücken zu schließen?

Und so habe ich die Geschichte zusammengefügt, wie sie mir am schlüssigsten erschien. Ich denke, ich kann mit gutem Gewissen sagen, dass ich mich dabei so eng an die Wahrheit hielt, wie mir das mit den wenigen zur Verfügung stehenden

Tatsachen möglich war. Ich behaupte nicht, der Autor dieser Geschichte zu sein, sondern lediglich der Vermittler, der versucht, sie der Welt wieder zugänglich zu machen.

F. E. Higgins

England

Kapitel 1

Fragment aus den

Erinnerungen des Ludlow Fitch

Als ich die Augen aufschlug, ahnte ich, dass jeden Moment etwas Schlimmes passieren würde – schlimmer als alles, was ich in meinem elenden Leben bisher erlebt hatte. Ich lag auf dem kalten Lehmboden eines Kellerraumes im Licht einer einzigen Kerze, die höchstens noch eine Stunde brennen würde. Irgendwelche medizinischen Instrumente hingen an Haken von den Balken. Dunkle Flecken auf dem Boden ließen mich sofort an Blut denken. Aber es war der Stuhl an der gegenüberliegenden Wand, der meine böse Vorahnung endgültig bestätigte. Feste Lederriemen an Armlehnen und Beinen waren nur zu einem einzigen Zweck daran befestigt: um zappelnde Patienten festzuhalten. Ma und Pa beugten sich über mich.

»Er ist wach«, krächzte Ma aufgeregt.

Pa zerrte mich hoch. Er drehte mir den Arm auf den Rücken und hielt mich mit eisernem Griff fest. Ma hatte mich an den Haaren gepackt. Ich sah von einem zum anderen. Ihre grinsenden Gesichter waren nur Zentimeter von meinem entfernt. Ich brauchte sie nicht anzusehen, um zu wissen, dass ich mir von meinen Eltern keine Rettung erhoffen durfte.

Ein anderer Mann, der sich bisher im Halbdunkel verborgen hatte, trat hervor und fasste mich am Kinn. Er riss mit Gewalt meinen Mund auf und fuhr mit einem schwärzlichen, stinkenden Finger über mein Zahnfleisch.

»Wie viel?«, fragte Pa lechzend vor gespannter Erwartung.

»Nicht schlecht«, sagte der Mann. »Drei Pence das Stück. Zusammen vielleicht zwölf.«

»Abgemacht«, sagte Pa. »Wer braucht denn Zähne?«

»Irgendjemand schon, hoffe ich«, antwortete der Mann trocken. »Schließlich lebe ich von ihrem Verkauf.«

Da lachten sie alle drei, Ma, Pa und Barton Gumbroot, der berüchtigte Zahndoktor aus der Old Goat’s Alley.

Nachdem man sich über die Kaufsumme für meine Zähne geeinigt hatte, ging alles schnell. Gemeinsam zerrten sie mich zu dem Zahnarztstuhl. Ich stieß um mich, ich tobte und schrie und spuckte und biss; leicht würde ich es ihnen nicht machen. Ich wusste, wie Barton Gumbroot sein Geld verdiente: Er suchte sich arme Leute, zog ihnen die Zähne, zahlte ein paar Pennys dafür und verkaufte sie für das Zehnfache weiter. Panische Angst stieg in mir auf. Ich war dem Zahndoktor hilflos ausgeliefert. Ich würde alles spüren. Das Zucken von jedem Nerv.

Zu dritt rückten sie mir zu Leibe, um ihr böses Werk zu vollbringen. Ma befestigte mühsam eine Schnalle um mein Fußgelenk, wobei ihre Hände noch von den Auswirkungen des gestrigen Besäufnisses zitterten, und Pa versuchte, mich im Stuhl niederzudrücken. Barton Gumbroot aber, dieses abscheuliche Monster, stand schon mit seiner glänzenden Zange bereit, kichernd und sabbernd, und ließ sie auf-und zuschnappen, auf und zu. Bis heute bin ich der festen Überzeugung, dass es für ihn das größte Vergnügen im Leben war, anderen Schmerz zu bereiten. So gierig war er, dass er das Warten nicht länger ertrug, und im nächsten Augenblick spürte ich schon das kalte Metall seines Folterinstruments an einem vorderen Schneidezahn. Er stützte sich mit einem Bein auf meiner Brust ab und fing an zu ziehen. Ich kann den Schmerz nicht beschreiben, der mir jäh durch den Schädel schoss, durch das Hirn und in jeden Nerv meines Körpers. Es war ein Gefühl, als würde mir der Kopf abgerissen. Leicht bewegte sich der Zahn schon im Kiefer, und hinter meinen Augen explodierte ein zweiter, glühend heißer Schmerz. Ma und Pa lachten die ganze Zeit wie Verrückte.

Da schwoll in mir der Zorn an wie eine riesige Woge. Ich hörte ein Brüllen, das einem wilden Tier aus dem Dschungel alle Ehre gemacht hätte – ich war plötzlich von heller Wut gepackt. Mit aller Kraft rammte ich Pa mein freies Bein in den Bauch und er fiel zu Boden. Barton, der völlig verblüfft war, ließ die Zange los, ich fing sie auf und schlug sie ihm an den Kopf. Ich löste die Schnalle an meinem anderen Bein und sprang vom Stuhl herunter. Pa lag stöhnend auf dem Boden, Barton stand gegen die Wand gelehnt und hielt sich den Kopf, und Ma kauerte in der Ecke.

»Schlag mich nicht«, winselte sie. »Schlag mich nicht.«

Ich will nicht leugnen, dass ich versucht war, es doch zu tun, andererseits war dieser Augenblick meine einzige Chance zur Flucht. Pa war schon fast wieder auf den Beinen. Ich ließ die Zange fallen, war im Nu aus der Tür, rannte die Treppe hinauf und hinaus auf die Gasse. Ich hörte Ma rufen und Pa schreien und fluchen. Jedes Mal, wenn ich mich umdrehte, sah ich Pas verzerrtes Gesicht und Bartons gekrümmte Zange im gelben Licht der Gaslampen glitzern.

Beim Rennen überlegte ich fieberhaft, wohin ich mich wenden sollte. Sie kannten so viele meiner Versteckplätze. Schließlich entschloss ich mich für Mr Jellico, doch als ich sein Geschäft erreicht hatte, war alles dunkel und der Laden heruntergelassen. Ich hämmerte ans Fenster und rief seinen Namen, aber niemand antwortete. Ich verfluchte mein Pech. Wenn Mr Jellico zu dieser Nachtzeit nicht zu Hause war, würde er tagelang nicht zurückkehren, das wusste ich. Doch das nützte mir in meiner gegenwärtigen Notlage wenig.

Wohin also jetzt? Die Brücke über den Fluss Foedus und das Wirtshaus Zum Flinken Finger. Vielleicht würde mir Betty Peggotty, die Wirtin, helfen. Doch als ich aus der Gasse herauskam, warteten sie schon auf mich.

»Da! Da isser!«, kreischte Ma, und weiter ging die wilde Jagd. Das Durchhaltevermögen der drei überraschte mich, besonders Pa hätte ich das nicht zugetraut. Sie verfolgten mich mindestens eine halbe Meile weit durch ungepflasterte schmale Gassen und morastige Straßen bis zum Fluss. Sie stolperten über am Boden liegende Körper und wichen Händen aus, die nach ihnen griffen. Immer, wenn ich zurückblickte, schienen sie näher gekommen. Ich wusste, was passieren würde, falls sie mich noch einmal in die Finger bekämen. Der Schmerz in meinem blutenden Kiefer sagte es mir deutlich genug.

Als ich schließlich auf die Brücke wankte, konnte ich mich kaum mehr aufrecht halten. Vor dem Flinken Finger sah ich eine Kutsche stehen, und als ihre Räder schon anrollten, klammerte ich mich mit letzter Kraft an die Rückwand und hielt mich verzweifelt fest. Die Kutsche fuhr allmählich schneller, und das Letzte, woran ich mich erinnern kann, ist Ma, wie sie auf die Knie sank. Sie schrie mir vom Flussufer aus nach, und der Unhold Barton Gumbroot schüttelte wütend die Faust.

Ich heiße Ludlow Fitch. Wie zahllose andere Menschen hatte ich das große Pech, in der Stadt geboren zu sein – einer stinkenden Stadt, nicht wert, dass man ihren Namen nennt. Und wenn Ma und Pa nicht gewesen wären, wäre ich dort auch gestorben. Sie waren meine Rettung, obwohl das ganz und gar nicht in ihrer Absicht lag, als sie mich, ihren einzigen Sohn, an Barton Gumbroot auslieferten. Vielleicht war aber gerade dieser Verrat der größte Glücksfall in meinem Leben, denn der teuflische Plan meiner Eltern bedeutete für mich das Ende des einen und den Beginn eines anderen Daseins: meines Lebens mit Joe Zabbidou.

Kapitel 2

Fragment aus den Erinnerungen des Ludlow Fitch.

Ich hatte mich an die Kutsche eines gewissen Mr Jeremiah Ratchet gehängt, der sogar persönlich darin saß, aber das wusste ich damals noch nicht. Stundenlang rumpelten wir dahin, er im Innern der Kutsche schnarchend wie ein Blasebalg, so laut, dass ich es über das Rattern der Räder hören konnte, und ich, der ich mich von außen festklammerte wie das Äffchen eines Drehorgelmannes. Das Wetter wurde schlechter und es begann zu schneien. Die Straße verengte sich und die Schlaglöcher wurden immer größer, tiefer und häufiger. Der Kutscher machte sich keine Gedanken um die Bequemlichkeit seiner Reisegäste. Wären nicht meine Hände so gut wie festgefroren gewesen, hätte ich leicht herunterfallen können. Trotz dieser misslichen Lage und obwohl mein Magen rebellierte (ich leide schwer an Reisekrankheit), war ich gegen Ende der Fahrt eingedöst. Die Kutsche fuhr einen steilen Berg hinauf, und endlich erreichten wir den Ort, der für die nächste Zeit mein Zuhause werden sollte: das Bergdorf Pagus Parvus.

Unter anderen Umständen hätte ich nie beschlossen, nach Pagus Parvus zu kommen, aber es lag ja von Anfang an nicht in meiner Hand, mein Reiseziel zu bestimmen. Die Kutsche hielt vor einem großen Haus und der Fahrer stieg vom Bock. Ich hörte ihn an den Kutschenschlag klopfen.

»Mr Ratchet«, rief er. »Mr Ratchet!«

Da er keine Antwort bekam, ging er zum Haus und klingelte nach dem Dienstmädchen. Ein junges Mädchen kam heraus, sie schien nicht sehr erfreut. Der Kutscher nannte sie Polly. Gemeinsam schleppten sie Ratchet die Eingangstreppe hinauf – begleitet von lautem Schnarchen (Ratchets) und schwerem Stöhnen (Pollys und des Kutschers) – und beförderten ihn ins Haus. Diese Gelegenheit ergriff ich, um abzuspringen und einen raschen Blick ins Innere der Kutsche zu werfen. Ich fand einen ledernen Geldbeutel, ein gesäumtes bedrucktes Seidentuch und ein Paar Handschuhe. Ich schlang mir das Tuch um den Hals und streifte die Handschuhe über meine vor Kälte starr gewordenen Finger. Der Lederbeutel enthielt nur ein paar Pennys, aber es war immerhin ein Anfang. Als ich aus der Kutsche stieg, sah ich das junge Mädchen in der Tür stehen. Ein vorsichtiges Lächeln lag auf ihrem Gesicht, und einen Augenblick sah sie mir direkt in die Augen. Dann hörte ich den Kutscher zurückkommen – höchste Zeit für mich zu verschwinden. Nun hätte ich mich in die eine oder in die andere Richtung wenden können, den Hang hinauf oder hinunter. Ich weiß selber nicht warum, aber ich ging bergauf.

Es war ein mühsames Vorankommen. Während ich weiter hinaufstieg, hörte ich die Kirchenglocke vier Uhr schlagen. Es schneite zwar nicht mehr, aber der Wind war schneidend wie ein Messer. Ich brauchte einen Unterschlupf. Trotz der nächtlichen Stunde und obwohl es keine Straßenlampen gab, konnte ich ganz gut sehen, wo ich ging. Es war aber nicht der Mond, der meinen Weg erhellte – der verbreitete nur einen schwachen Schimmer –, sondern die Lampen, die hinter den Fenstern leuchteten. Anscheinend war ich nicht der Einzige, der in diesem Dorf noch wach war.

Vor einem leeren Gebäude am oberen Ortsende blieb ich stehen. Es lag allein im Schatten der Kirche und wirkte verlassen. Ein Gässchen trennte es von den anderen Häusern und Läden. Gerade wollte ich nach einer Möglichkeit suchen, hineinzukommen, als ich Schritte im Schnee hörte. Ich duckte mich in das Seitengässchen und wartete. Ein Mann kam den Berg herunter, vornübergebeugt und vorsichtig. Er hatte eine große Holzschaufel über der Schulter und murmelte vor sich hin. Er kam direkt an mir vorüber, sah aber weder nach links noch nach rechts und ging die Dorfstraße hinunter.

Kaum war er in der Nacht verschwunden, erschien eine zweite Gestalt. Bis zum heutigen Tag ist mir der Augenblick im Gedächtnis: Wie durch Zauber tauchte plötzlich dieser Mann aus dem Dunkel auf. Ich sah, wie er entschlossen die Straße heraufkam, auf mich zu. Er ging mit weit ausgreifenden Schritten und näherte sich schnell. Trotzdem hinkte er, drückte den rechten Fuß tiefer in den Schnee als den linken.

Ich glaube, ich war der erste Mensch im Dorf, der Joe Zabbidou zu sehen bekam, und wie ich heute weiß, war ich auch der letzte. Ob es nur Zufall war, dass wir gleichzeitig hier oben ankamen? Ich denke, da waren andere Mächte am Werk. Im Gegensatz zu mir war er nicht auf der Flucht. Und er hatte ein Ziel, das er still und heimlich verfolgte.

Kapitel 3

Ankunft

Es war nicht einfach, Joe Zabbidou genau zu beschreiben. Sein Alter ließ sich unmöglich bestimmen. Er war weder dick noch dünn, eher von schmaler Gestalt. Und er war groß, was sich in Pagus Parvus als eindeutiger Nachteil erwies: Da der Ort aus einer Zeit stammte, als die Menschen noch um die zwölf Zentimeter kleiner waren, hatte man die Häuser entsprechend niedrig gebaut. Genau genommen war der Ort während der Jahre der »Großen Holzknappheit« entstanden. Der damalige König hatte einen Erlass herausgegeben, dass nach Kräften Holz gespart werden müsse – mit der Folge, dass Türen und Fenster kleiner und schmaler ausfielen und die Decken besonders niedrig.

Joe war dem Wetter entsprechend gekleidet, allerdings nicht in einen Mantel mit hohem Kragen, wie es zur damaligen Zeit Mode war. Stattdessen trug er einen von silbernen Spangen zusammengehaltenen grünen Umhang, der ihm bis an die Knöchel reichte. Der Umhang selbst war aus feinster Jocastar-Wolle. Das Jocastar, ein dem Schaf ähnliches Tier, nur mit längeren, zierlicheren Beinen und schönerem Gesicht, lebte hoch in den Bergen der nördlichen Halbkugel. Einmal im Jahr, im September, wechselte es sein Haarkleid, und nur die geschicktesten Bergsteiger wagten sich hinauf in die dünne Luft, um seine Wolle zu holen. Gefüttert war Joes Umhang mit dem weichsten Fell, das es überhaupt gab: mit Chinchillapelz.

An den Füßen trug er glänzende schwarze Lederstiefel, auf denen die gebügelten Umschläge seiner malvenfarbenen Hose auflagen. Ein Seidentuch war um seinen Hals geschlungen, und auf dem Kopf hatte er eine eng anliegende Pelzmütze von der Form eines Kochtopfes, die bis weit über die Ohren gezogen war. Trotzdem konnte sie sein Haar nicht ganz fassen, sodass sich etliche Silberlocken darunter hervorkräuselten.

Ein Schlüsselbund, der an Joes Gürtel hing, klimperte im Takt seiner Schritte gegen seinen Oberschenkel. In der Rechten trug er einen ziemlich mitgenommenen Lederranzen, der in den Nähten ächzte, und in der Linken einen feuchten Beutel, aus dem in Abständen ein Quaken zu hören war.

Schnell und geräuschlos stieg er die steile Straße aufwärts, bis er das letzte Haus auf der linken Seite erreicht hatte. Es war ein leer stehender Laden. Dahinter lag nur noch der von einer Mauer umgebene Friedhof mit der Kirche, die Ortsgrenze. Ab hier verlor sich die Straße im grauen Nichts. Schnee hatte die Ladentür zugeweht und sich in den Ecken der Fenster angesammelt. Der Putz an den Mauern war abgeblättert, über der Tür knarrte schneidend im Wind ein altes Schild in Hutform. Joe blieb einen Moment stehen und warf einen prüfenden Blick die Dorfstraße hinunter. Trotz der frühen Morgenstunde sah er im gelben Schein von Öllampen oder Kerzen mehr als einmal die Silhouette eines Menschen, der unruhig hinter dem Fenster auf und ab ging. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht.

»Hier bin ich richtig«, murmelte er vor sich hin und öffnete die Tür.

Der Laden selbst war winzig. Zwischen Schaufenster und Ladentisch lagen nicht mehr als drei Schritte. Joe trat hinter den Ladentisch und öffnete die massive Tür zum hinteren Raum. Durch ein Fensterchen an der gegenüberliegenden Wand fiel schwacher Mondschein und brachte ein wenig Licht in die Dunkelheit. Die Einrichtung war spärlich und schäbig: zwei Stühle und ein Tisch, ein kleiner Herd und an der Wand ein schmales Bett. Im Gegensatz dazu war der Kamin riesig. Fast zwei Meter breit und einen halben Meter tief, beherrschte er die eine Wand fast vollständig. Zu beiden Seiten des Kamins stand je ein ausgeblichener Polstersessel. Es war nicht viel, aber es würde ausreichen.

Mitten in der Nacht richtete Joe sich hier ein. Er drehte den Docht hoch und zündete die Lampe auf dem Tisch an. Er nahm Halstuch und Mütze ab, schälte sich aus seinem Umhang und legte alles aufs Bett. Danach öffnete er seinen Ranzen und leerte ihn auf dem Tisch aus – während die ganze Zeit ein stummer Beobachter durchs Fenster linste. Der Zuschauer rührte sich nicht, wenn auch seine ohnehin schon großen dunklen Augen noch größer wurden, als er sah, was Joe nun aus seinem Ranzen nahm: Kleider, Schuhe, allerlei wertlosen Tand und Plunder, auch ein paar recht schöne Schmuckstücke, eine Flasche dunkles Bier, eine zweite dunkle Glasflasche ohne Etikett, vier Uhren (mit Goldketten), eine Sturmlaterne aus Messing, einen rechteckigen Glasbehälter, in dessen Deckel Luftöffnungen waren, ein großes schwarzes Buch, eine Feder, ein Tintenfass und ein Bein aus glänzendem Mahagoniholz. Der Ranzen war wundersam geräumig.

Geschickt setzte Joe den Glasbehälter zusammen, dann öffnete er das Zugband des Stoffbeutels. Er legte ihn behutsam auf den Tisch, und im Nu tauchte aus den Falten ein Frosch auf, ein außergewöhnliches Exemplar von unterschiedlichen Farbschattierungen und mit klugen Augen. Vorsichtig nahm Joe ihn in die Hand und setzte ihn in den Glasbehälter, woraufhin das Tier träge blinzelte und versonnen auf irgendwelchen getrockneten Insekten kaute.

Joe warf dem Frosch eine weitere Fliege ins Glas und verharrte dann auf einmal fast unmerklich in seiner Bewegung. Ohne sich umzuschauen, verließ er den Raum, während die Augen vor dem Fenster ihm weiterhin neugierig folgten. Aber sie sahen nicht, dass Joe sich auf die Straße hinausstahl; kein menschliches Ohr vermochte ihn um die Ecke des Ladens schleichen zu hören. Plötzlich stürzte er sich auf die Gestalt vor dem Schaufenster, packte sie am Kragen und zerrte sie ins Licht.

»Warum spionierst du mir nach?«, fragte Joe in einem Ton, der eine unverzügliche Antwort forderte.

Joe hielt den Jungen so im Griff, dass der keuchte und spuckte und hustete, denn seine Füße berührten kaum den Boden. Er versuchte zu sprechen, aber vor Angst und Schrecken brachte er kein Wort heraus. Er konnte nur den Mund auf-und zuklappen wie ein Fisch auf dem Trockenen. Joe schüttelte ihn und wiederholte seine Frage, diesmal aber weniger scharf. Als er immer noch keine Antwort erhielt, ließ er dieses jämmerliche Bündel von einem Jungen in den Schnee fallen.

»Hmm.« Joe musterte den Jungen mit einem langen strengen Blick. Wahrhaftig ein blasses, armseliges Kerlchen, schwächlich und unterernährt und vor Kälte dermaßen zitternd, dass man glaubte, seine Knochen klappern zu hören. Doch seine Augen waren auffallend: dunkelgrün mit gelben Pünktchen und tiefen Schatten darum herum. Seine Haut passte zum Schnee, sowohl die Farbe als auch die Temperatur. Joe seufzte und zog ihn auf die Füße.

»Und wer bist du?«, fragte er.

»Fitch«, sagte der Junge. »Ludlow Fitch.«

Kapitel 4

Von Dichtkunst und Pfandleihern

Stumm und zitternd saß Ludlow am Tisch, während Joe sich um das Feuer kümmerte. Ein geschwärzter Kessel hing über den Flammen, und ab und zu rührte Joe darin herum.

»Willst du einen Teller Suppe?«

Ludlow nickte, und Joe schöpfte das dicke Gebräu in zwei Schalen und stellte sie auf den Tisch. Geräuschvoll machte sich der Junge darüber her.

»Woher kommst du?«

Ludlow wischte sich Suppe vom Kinn und brachte eine geflüsterte Antwort zustande. »Aus der Stadt.«

»Verstehe. Und willst du dorthin zurück?«

Ludlow schüttelte heftig den Kopf.

»Kann ich dir nicht verdenken. Meiner Erfahrung nach ist die Stadt ein verkommener, krank machender Ort, eine Ansammlung der übelsten Exemplare der Menschheit. Der gemeinsten und niedrigsten.«

Wieder nickte Ludlow und schlürfte gleichzeitig seine Schale aus, mit dem Ergebnis, dass Suppe auf seinen grauen Hemdkragen tropfte. Ohne zu zögern, steckte er den bekleckerten Stoff in den Mund und saugte die Flüssigkeit auf. Joe lächelte nicht, doch in seinem Blick lag Belustigung.

»Und was hast du in der Stadt gemacht?«

Ludlow stellte die Schale ab. Die wärmende Suppe hatte wieder Leben in seine erstarrten Glieder gebracht. »Alles Mögliche eben«, sagte er ausweichend, doch unter Joes eindringlichem Blick ergänzte er: »Aber hauptsächlich Taschen geplündert.«

»Deine Aufrichtigkeit ist wohltuend, Ludlow, aber ich bezweifle, dass diese Art von Arbeit hier sehr einträglich sein wird«, sagte Joe trocken. »Das ist ein kleines Dorf. Da gibt es wenig zu stehlen.«

»Ich finde immer irgendwas«, sagte Ludlow stolz.

»Das glaube ich wohl«, sagte Joe lachend und betrachtete den Jungen gedankenvoll. »Sag, hast du noch andere Talente?«

»Schnell rennen kann ich. Und mich zusammenrollen, so eng, dass ich noch an den kleinsten Stellen ein Versteck finde.«

Ob Joe diese Fähigkeiten beeindruckten oder nicht, war schwer zu erkennen. »Sicher recht nützlich«, sagte er, »aber wie steht’s mit Schulunterricht? Kannst du lesen und schreiben?«

»Aber natürlich«, sagte Ludlow, als wäre Joe ein Dummkopf, wenn er etwas anderes auch nur andeuten wollte. Falls Joe von dieser Antwort überrascht war, ließ er es sich nicht anmerken.

»Dann zeig mir deine Kenntnisse.«

Er stöberte in dem Durcheinander auf dem Tisch und gab Ludlow schließlich eine Feder, ein Tintenfass und ein Blatt Papier.

Einen Augenblick überlegte der Junge, dann schob er die Zungenspitze in den Mundwinkel und schrieb langsam in seiner unscheinbaren Krakelschrift:

Ein Gedichd

Das Karnickel is ein liber Has

Sein Fäll is weich, sein Schwans is weiss

Es sizt iner Wiese unn frist Gras

Nachts schläfts in eim Erdloch meist

Joe strich sich über das Kinn, um sein Lächeln zu verbergen. »Wer hat dir die Rechtschreibung beigebracht? Deine Eltern?«

Die bloße Vorstellung ließ Ludlow verächtlich schnauben. »Meine Eltern kümmern sich doch nicht um Geschriebenes! Und um mich erst recht nicht. Mr Lembart Jellico hat’s mir beigebracht, ein Pfandleiher in der Stadt.«

»Lembart Jellico?«, wiederholte Joe. »Wie interessant.«

»Kennt Ihr ihn etwa?«, fragte Ludlow, aber Joe suchte schon nach einem neuen Blatt Papier.

»Schreib«, sagte er und diktierte Ludlow ein paar Sätze. Der Junge schrieb sie sorgfältig nieder, bevor er Joe das Blatt zur Korrektur zurückgab.

»Zabbidou mit zwei b«, brummte Joe, »aber das konntest du ja nicht wissen.«

Er trat zurück und musterte den Jungen mit einem langen Blick. Er glich so vielen anderen Stadtjungen, schmutzig und mager. Ganz sicher aber roch er wie einer. Seine Kleider erfüllten kaum mehr ihren Zweck (abgesehen von dem Halstuch und den Handschuhen, die von viel besserer Qualität waren), und der misstrauische Gesichtsausdruck ließ das Elend seines bisherigen Daseins ahnen. Überall hatte er blaue Flecken und sein Mund war geschwollen, aber in seinen dunklen Augen blitzte Intelligenz auf – und noch etwas anderes.

»Wenn du willst, ich hätte Arbeit für dich.«

Ludlows Augen wurden schmal. »Gibt’s was zu verdienen?«

Joe gähnte. »Lass uns morgen darüber sprechen. Es ist Zeit zum Schlafen.«

Er warf Ludlow seinen warmen Umhang zu, und der Junge rollte sich in der Nische neben dem Kamin zusammen. Noch nie hatte er einen so weichen Pelz gefühlt, er wickelte sich fast wie von selbst um seine Beine. Durch halb geschlossene Augen beobachtete Ludlow, wie Joe sich auf dem Bett gegenüber niederließ, und hörte ihn schon schnarchen, bevor seine Beine ganz ausgestreckt waren. Als Ludlow sicher war, dass Joe fest schlief, zog er den Geldbeutel hervor, den er in der Kutsche gestohlen hatte, und versteckte ihn hinter einem losen Mauerstein in der Wand. Dann nahm er das Papier und las noch einmal, was er geschrieben hatte:

Mein Name ist Joe Zabbidou. Ich bin der Geheimnis-Pfandleiher.

Geheimnis-Pfandleiher?, dachte Ludlow. Was mochte das für ein Beruf sein? Aber lange dachte er nicht darüber nach, denn bald schlief er ein und träumte wilde Dinge, die sein Herz rasen ließen.

Kapitel 5

Fragment aus den

Erinnerungen des Ludlow Fitch

Eigentlich hatte ich Joe gar nicht erzählen wollen, dass ich ein Taschendieb war, keine Ahnung, warum ich ihm die Wahrheit verraten habe. Was Pfandleiher angeht, so wusste ich natürlich Bescheid über sie und ihr Gewerbe. Oft genug bin ich in ihren Läden ein und aus gegangen, als ich noch in der Stadt lebte. Was Ma und Pa zusammenklauten und selber nicht brauchen konnten, versetzten sie bei Pfandleihern. Oder sie schickten mich hin. Pfandleihhäuser gab es so ziemlich an jeder Ecke und sie hatten zu jeder Zeit geöffnet. Nach dem Wochenende, wenn alle ihren Lohn in Bier umgesetzt oder das Geld beim Kartenspielen verloren hatten, war dort am meisten los. An Montagvormittagen, das könnt ihr mir glauben, bot das Schaufenster eines Pfandleihhauses einen sehenswerten Anblick. Alles Mögliche hatten die Leute angeschleppt: Hemden, alte Schuhe, Pfeifen, Geschirr – alles, was vielleicht einen halben Penny einbringen könnte.

Der Pfandleiher nahm aber längst nicht alles. Er zahlte auch nicht viel, doch wenn sich jemand beschwerte, sagte er nur: »Ich bin kein Wohltätigkeitsverein. Entweder du gehst drauf ein oder du lässt’s bleiben.«

Und gewöhnlich nahmen sie sein Angebot an, weil ihnen nichts anderes übrig blieb. Was man verpfändet hatte, konnte man natürlich jederzeit zurückkaufen, aber dann musste man mehr dafür hinlegen, als man bekommen hatte. Auf diese Weise verdiente ein Pfandleiher seinen Lebensunterhalt – er bereicherte sich auf Kosten der Armen.

Lembart Jellico aber war nicht so wie die anderen. Das sah man schon daran, dass sein Laden in einem versteckten Seitengässchen der Pledge Street lag. Finden konnte ihn nur, wer ihn schon kannte, wenn ihr versteht, was ich meine. Ich selbst hatte ihn zufällig gefunden, als ich wieder einmal auf der Suche nach einem Versteck vor Ma und Pa gewesen war. Die Einmündung des Seitengässchens war so schmal, dass ich mich seitwärts hineinschieben musste. Wenn man emporschaut, kann man dort nur ein Stückchen des verqualmten Stadthimmels sehen. Mr Jellicos Laden war am Ende des Gässchens, und zuerst dachte ich, er sei geschlossen, doch als ich meine Nase gegen die Tür drückte, gab sie nach. Der Pfandleiher stand hinter seinem Ladentisch, aber er sah mich nicht. Er schaute vor sich hin, als träumte er am helllichten Tag.

Ich hustete.

»Entschuldige«, sagte der Mann blinzelnd. »Wie kann ich dir helfen, mein Junge?« Das waren die ersten freundlichen Worte, die ich an diesem Tag hörte. Ich gab ihm, was ich hatte: einen Ring, den ich einer Dame vom Finger gestreift hatte. (Es war eine meiner besonderen Fähigkeiten, einen unseligen Passanten mit meinem traurigen Blick zu betören und ihn zugleich von der Last seiner Juwelen zu befreien.) Mr Jellicos Augenbrauen hoben sich, als er das Schmuckstück sah.

»Er gehört wohl deiner Mutter?«, sagte er, drängte aber nicht auf eine Antwort.

Mr Jellico sah genauso arm aus wie seine Kunden. Er trug Sachen, die nie zurückgekauft worden waren (und die auch sonst keiner haben wollte). Seine Haut war bleich, weil er nie an die Sonne kam, und sie glänzte ein wenig wie feuchter Teig. Seine langen Fingernägel waren meistens schwarz, und auf seinem zerfurchten Gesicht sprossen graue Stoppeln. Immer hing ein Tropfen an seiner Nasenspitze, und ab und zu wischte er ihn mit dem roten Taschentuch weg, das in seiner Westentasche steckte. Für den Ring gab er mir damals einen Shilling, und so brachte ich ihm am nächsten Tag mehr von meiner Beute und bekam einen zweiten Shilling. Danach ging ich so oft wie möglich zu ihm.

Ich weiß nicht, ob Mr Jellico überhaupt etwas verdiente. In seinen Laden verirrte sich kaum je ein Kunde, das Schaufenster war schmutzig und nie gab es viel darin zu sehen. Einmal lag ein Laib Brot auf dem Regal.

»Ein junges Mädchen«, sagte Mr Jellico, als ich ihn danach fragte. »Hat das Brot gegen einen Topf getauscht, damit sie Schinken darin auskochen kann. Morgen wird sie den Topf zurückbringen und ihr Brot dafür wieder mitnehmen – vielleicht ein bisschen härter, aber im Wasser lässt es sich wohl wieder aufweichen.«

Was für eine merkwürdige Abmachung zwischen Pfandleiher und Kunde!

Ich weiß nicht, warum Mr Jellico so freundlich zu mir war, warum er – bei den Heerscharen anderer Jungen, die durch die gefährlichen Straßen zogen – ausgerechnet mir sein Mitgefühl schenkte. Was immer der Grund war, ich hatte nichts dagegen. Ich erzählte ihm von Ma und Pa, wie sie mich behandelten, wie wenig ich ihnen bedeutete.

Manchmal, wenn es zu kalt war, um sich draußen aufzuhalten, und ich Angst vor dem Nach-Hause-Kommen hatte, durfte ich mich an seinem Feuer aufwärmen und er gab mir Tee und Brot. Er brachte mir das Alphabet und die Zahlen bei und ließ mich auf den Rückseiten alter Fahrkarten das Schreiben üben. Er zeigte mir Bücher, und ich musste Seite um Seite daraus abschreiben, bis er mit meiner Handschrift zufrieden war. Man hat mir gesagt, meine Ausdrucksweise sei ein wenig steif und formell. Aber das liegt an den Texten, nach denen ich gelernt habe. Es ging darin immer um ernste Dinge, um Kriege, um Ereignisse aus der Geschichte und um die Schriften großer Denker. Da war für Humor wenig Platz.

Als Gegenleistung für seinen Unterricht erledigte ich mancherlei für Mr Jellico. Am Anfang schrieb ich die Preisschilder für das Schaufenster, und als meine Schrift allmählich besser wurde, ließ er mich die verpfändeten Sachen samt den Beträgen in sein Geschäftsbuch eintragen. Von Zeit zu Zeit ging die Tür auf und es kam ein Kunde. Mr Jellico unterhielt sich gern und verwickelte die Leute eine ganze Weile in Gespräche, bevor er ihre Sachen annahm und bezahlte.

So verbrachte ich viele Stunden hinten im Laden, ohne dass Ma und Pa davon wussten. Ich sah keinen Grund, ihnen von Mr Jellico zu erzählen; sie hätten nur verlangt, dass ich etwas von ihm stehlen solle. Die Gelegenheit dazu bot sich mir oft genug, aber wenn ich auch nicht zögerte, meine Eltern um ein paar Shilling zu betrügen – bei Mr Jellico konnte ich das nicht.

Ich wäre am liebsten jeden Tag zu ihm gegangen, aber er war nicht immer da. Das erste Mal, als ich den Laden verschlossen fand, dachte ich, er hätte seinen Job aufgegeben und sei weggegangen. Es überraschte mich, dass er sich nicht verabschiedet hatte, auch wenn ich nach all meinen Erfahrungen kein anderes Verhalten von Menschen erwartete. Dann, nach ein paar Tagen, war er wieder da. Er sagte nicht, wo er gewesen war, und ich fragte nicht. Ich war einfach nur froh, ihn wiederzusehen.

Diese Zeit der Besuche bei Mr Jellico dauerte ungefähr fünf Monate, nämlich bis zu der Nacht, als ich aus der Stadt floh. Als ich dann zum ersten Mal bei Joe Zabbidou neben dem Kamin lag, bedauerte ich nur eines: dass ich weggegangen war, ohne Lembart Jellico Lebwohl gesagt zu haben. Ich würde ihn wohl kaum je wiedersehen.

Deshalb freute ich mich, als Joe erzählte, er sei Pfandleiher. Er schien zwar anders als Mr Jellico, und mir war auch klar, dass Pagus Parvus etwas anderes war als die Stadt, aber ich fühlte mich sicher. Ich glaubte zu wissen, was mich erwartete. Was allerdings ein Geheimnis-Pfandleiher war, wusste ich damals noch nicht.

Kapitel 6

Eine große Eröffnung

Pagus Parvus unterschied sich tatsächlich sehr von der Stadt. Es war ein kleines, sich eng an den Hang eines steilen Berges klammerndes Dorf, und es lag in einem Land, das seinen Namen wieder und wieder geändert hatte. Für die meisten Menschen ist diese Zeit nur noch ferne Vergangenheit. Der Ort bestand aus einer Hauptstraße mit Kopfsteinpflaster, zu beiden Seiten gesäumt von Wohnhäusern und Läden, die in einem Stil erbaut waren, wie er zur Zeit des großen Feuers in der berühmten Stadt London verbreitet war. Die ersten und zweiten Stockwerke (und beim Haus des wohlhabenden Jeremiah Ratchet auch das dritte und vierte) ragten ein Stück über den Bürgersteig. In manchen Fällen schränkten die überhängenden Stockwerke sogar das Sonnenlicht ein. Die Fenster waren klein, mit bleiverglasten Scheiben, und an den Außenmauern verliefen parallel zueinander dunkle Balken. Die Mauern zeigten sonderbare, sogar bedenkliche Neigungen, weil jedes Gebäude im Lauf der Jahre leicht abwärtsgerutscht und allmählich immer tiefer ins Erdreich gesunken war. Wäre auch nur ein einziges eingestürzt, hätte es zweifellos alle anderen mit sich gerissen.

Das Dorf wurde überragt von einer Kirche, einem uralten Gebäude, das in jenen Tagen hauptsächlich dann aufgesucht wurde, wenn jemand geboren oder gestorben war. Der Eintritt ins Leben und der Austritt aus demselben galten als besondere Anlässe. Für das dazwischenliegende Dasein hielten die meisten der Dorfbewohner einen regelmäßigen Kirchgang jedoch für verzichtbar. Alles in allem war das Pfarrer Stirling Oliphaunt nur recht. Er suchte seine Herde nicht auf; ihm war es lieber, wenn sie zu ihm kam. Der Berghang war ja auch ungewöhnlich steil.

Dennoch und trotz des tiefen Schnees drängte sich bereits am Vormittag eine kleine Menschenmenge vor Ludlows neuem Zuhause. Noch ehe die Sonne ganz hinter den Wolken hervorgekrochen war, ging das Gerücht um, im Hutladen habe sich ein neuer Inhaber niedergelassen. Keuchend und schnaufend stiegen die Dorfbewohner einer nach dem anderen den Berg hinauf, um sich selbst zu überzeugen. Die trüben Fensterscheiben waren jetzt sauber und klar, wenn auch die Sachen im Schaufenster wegen der unterschiedlichen Dicke des Glases leicht verzerrt wirkten. Neugierig drückten die Leute ihre Gesichter an die Scheiben, um zu sehen, was hier angeboten wurde.

»Ist es ein Trödelladen?«, fragte ein Mann. Eine verständliche Frage, denn bis auf die Ess-und Trinksachen war der gesamte Inhalt aus Joes Ranzen mit Preisschildern versehen im Fenster ausgestellt. Das Holzbein lehnte in der Ecke, aber in diesem Fall gab es keinen Hinweis darauf, was es kostete.

»Hier gibt’s Tiere«, meinte ein anderer.

Deutlich war Joes Frosch zu erkennen, er saß in seinem Glasbehälter auf dem Ladentisch. Bei Tageslicht war sein Anblick noch ungewöhnlicher: Auf seiner Haut glänzte ein Muster in kräftigen Rot-, Grün-und Gelbtönen. Er glich kein bisschen den Fröschen, die in den trüben Tümpeln von Pagus Parvus lebten. Seine Füße waren nicht mit Schwimmhäuten versehen, sondern erinnerten eher an langgliedrige Hände mit knotigen Gelenken, die das Schwimmen erschweren mussten.

Wie auf ein Stichwort erschien Joes Gesicht am Fenster. Er hatte ein Schild in der Hand, das er nun sorgfältig vor die ausgestellten Waren legte. Darauf stand:

Joe Zabbidou – Pfandleiher

Die Dorfbewohner nickten einander zu, nicht unbedingt beifällig, eher wie um zu sagen: »Hab ich doch gleich gesagt« – auch wenn sie gar nichts dergleichen geäußert hatten. Dann erschien Joe mit einer Leiter, die er von außen gegen die Wand über der Tür lehnte. Geschickt stieg er hinauf und entfernte das alte hutförmige Schild von der Stange. Stattdessen befestigte er das allgemein gebräuchliche Symbol der Pfandleiher daran: drei im Dreieck angeordnete goldene Kugeln. Sie schwangen träge an der Kette und glitzerten in der Wintersonne.

»Ist der Frosch zu verkaufen?«, fragte jemand.

»Leider nicht«, sagte Joe ernst. »Er ist mein Gefährte.«

Diese Bemerkung erheiterte die Menge sichtlich, und ihr Gekicher ließ eine Atemwolke über ihre Köpfe wehen.

»Was kostet das Bein?«, fragte einer. Joe schmunzelte, stieg mit erstaunlicher Geschicklichkeit von der Leiter und blieb vor der Menge stehen.

»Ah ja«, rief er. »Das Bein. Nun, dazu gibt es eine Sage.«

»Eine Waage? Zu dem Bein einfach so dazu?«, fragte ein Junge, der weniger für seine Geistesblitze als für seine Neugier bekannt war. Seine beiden Brüder neben ihm kicherten.

»Eine Sage, allerdings«, antwortete Joe. »Doch die erzähle ich ein andermal.«

Mit hörbaren Seufzern zeigten die Leute ihre Enttäuschung, aber schon räusperte sich Joe und hob die Hand.

»Meine Damen und Herren, mein Name ist Joe Zabbidou«, verkündete er, wobei er das J so weich aussprach, dass es eher wie Sch klang. »Ich bin gekommen, um euch zu helfen. Ich arbeite unter dem Zeichen der drei goldenen Kugeln, weil ich Pfandleiher bin, ein ehrbarer Beruf seit Jahrhunderten, der, glaube ich, in Italien seine Wurzeln hat. Ich gebe euch mein Wort« – an dieser Stelle legte er die rechte Hand aufs Herz und richtete den Blick himmelwärts –, »ich gebe euch mein Wort, dass ich einen guten Preis für eure Sachen zahle und nur eine geringe Gebühr verlange, sobald ihr sie wieder auslösen wollt. Angenommen wird alles: Wäsche und Schuhe, Schmuck, Uhren und …«

»Holzbeine!«, ertönte eine Stimme.

Joe überging diesen Zwischenruf und ließ sich nicht aus der Ruhe bringen.

»Ihr habt mein Wort. Joe Zabbidou betrügt euch nicht.«

Einen Augenblick herrschte Schweigen, dann brach wohlwollender Beifall aus.

Lächelnd verbeugte sich Joe. »Ich danke euch«, sagte er, als seine Zuhörer herankamen, um ihm die Hand zu schütteln.

»Ihr seid sehr freundlich.«

Im Haus war Ludlow plötzlich aus einem Traum erwacht, in dem ihn tausend feine Nadeln gepikst hatten. Als er sich aufsetzte, merkte er, dass das Feuer neu entfacht war: Glühende Funken von einem zischenden Holzscheit flogen ihm an die Wange. Joe konnte er nirgends sehen, doch auf dem Tisch waren Brot, Milch und ein Krug Bier. Ludlow spürte plötzlich, dass er einen Bärenhunger hatte. Er trank von der schäumenden Milch und aß eine dicke Scheibe von dem noch warmen Brot, dann lehnte er sich zufrieden zurück. Aber nicht lange. Von draußen war Lärm zu hören, und er ging nachsehen.

Immer noch ließ sich Joe von den Dorfleuten die Hand drücken. Als er Ludlow an der Tür sah, nickte er den Leuten zu, die alle unschlüssig herumstanden und den Gegenstand ihrer Neugier offenbar nicht gern verlassen mochten. Joes Ankunft war ein aufregendes Ereignis für die Einwohner von Pagus Parvus. Fremde kamen nur sehr selten in ihr Dorf.

Und das ist schade, dachte Joe, während er die eifrigen Gesichter vor sich musterte. Wieder und wieder tauchte die gleiche Hakennase auf, die schmalen, eng zusammenstehenden Augen, das schiefe Lächeln – in jedem Gesicht in anderer Verbindung.

Diesem Ort würde frisches Blut guttun, dachte er. Dann sagte er laut zu Ludlow: »Was für ein freundlicher Empfang, Ludlow, wie?«

Er wandte sich wieder seinem Publikum zu, immer noch grüßend und Hände schüttelnd. Ludlow dagegen überlegte instinktiv, ob hier wohl jemand etwas Lohnenswertes in der Tasche mit sich herumtrüge.

Kapitel 7

Der Morgen danach

Ein Stück die Straße hinunter litt Jeremiah Ratchet unter den Ausschweifungen der vergangenen Nacht. Er war mit pochenden Kopfschmerzen und gereiztem Magen aufgewacht.

»Billiges Bier«, brummte er. »Möchte wissen, warum ich ausgerechnet in dieser stinkigen Stadt in die Schenke gehe.«

Aber natürlich wusste er das. Er fuhr hin, weil er den Wirten in Pagus Parvus nicht zutraute, dass sie ihm ein anständiges Bier hinstellen würden. Das einzige Mal, als er in die Blaue Forelle unten an der Straße gegangen war, hatte er sich des Verdachts nicht erwehren können, der Wirt Benjamin Tup habe in sein Bier gespuckt. Aber die Anschuldigung war nicht besonders gut angekommen. Ohnehin verachtete er die anderen Biertrinker aus dem Dorf, von denen die meisten in seiner Schuld standen. Ihr Geld nahm er gern, doch ihre Gesellschaft in der Schenke vermied er lieber. Eine Einstellung, die durchaus wechselseitig war.

So kam es, dass Jeremiah lieber in die Stadt fuhr, wo er im Flinken Finger auf der Brücke über dem Foedus Unterhaltung suchte. Dort trank er Wein und Bier, rauchte dicke Zigarren, spielte Karten bis in die Morgenstunden und saß mit einem bunt gemischten Haufen beisammen: Dieben und Spielern, sogenannten Wiedererweckern und zweifellos mit dem einen oder anderen Mörder. Nie würde er es zugeben, aber er fühlte sich im Flinken Finger wie zu Hause.

Als ihm einfiel, dass er gestern beim Kartenspielen eine gehörige Summe verloren hatte, stöhnte er wieder.

Da hilft alles nichts, dachte er, ich werde die Mieten erhöhen müssen.

Jeremiah bevorzugte einfache Lösungen, und die einfachste Lösung für die meisten seiner Probleme waren nun mal Mieterhöhungen. Die schwierige Situation, in die er seine Mieter damit stürzte, interessierte ihn nicht. Er drehte sich im Bett um, doch der Mief, der unter der Decke hervorwehte, vereitelte jeden Versuch, weiterzuschlafen.

Zu viele Zwiebeln gegessen, dachte er, als er schließlich die Bettvorhänge zurückzog und seine Beine über den Rand schwang. Er blinzelte im hellen Licht, und erst jetzt hörte er den Lärm auf der Straße. Rülpsend und auf unsicheren Beinen tappte er zum Fenster und sah Scharen von Menschen die Bergstraße hinaufziehen.

»Polly!«, rief er. »Polly!«

»Ja, Sir«, antwortete sie und sprang auf. Sie hielt sich im gleichen Zimmer auf, denn sie hatte gerade das Feuer im Kamin geschürt und dabei an den Jungen mit den grünen Augen gedacht, den sie letzte Nacht gesehen hatte.

»Was ist das für ein Lärm? Kein Mensch kann schlafen bei einem derartigen Tumult!«

»Ich glaube, im Hutladen ist jemand eingezogen, Sir.«

»Ein Hutmacher?« Jeremiah trug gern Hüte, je höher, desto besser. Einen Hut betrachtete er als sichtbares Zeichen seiner Wichtigkeit. Außerdem ließ ihn ein Hut größer erscheinen, denn was Jeremiah Ratchet an Aufgeblasenheit zu viel hatte, das fehlte ihm an Zentimetern.

»Ich weiß es nicht, Sir. Die Leute sagen, es könnte ein Laden für Haustiere sein.«

»Haustiere!«, spottete Jeremiah. »Wer kann sich denn in diesem Dorf den Luxus leisten, Haustiere zu halten?«

Die Vorstellung, dass auch nur ein einziger seiner Mieter ein Haustier besitzen könnte, war zu viel für Jeremiah. Obwohl er sich selbst gern alle möglichen Ausgefallenheiten leistete, wurmte ihn der Gedanke, dass auch andere sich welche erlauben könnten. Höchst verärgert kleidete er sich an und stiefelte mit hochrotem Gesicht die Dorfstraße bergauf, der Alkoholdunst der vergangenen Nacht drang durch seine erweiterten Poren, und ihm war übel. Er bohrte die Hände in die Taschen und schlug den Kragen hoch. Seine Stimmung hatte sich nicht gerade gehoben, als Polly gemeldet hatte, sie könne weder seine Handschuhe noch das Tuch und den Geldbeutel finden.

»Verdammter Kutscher!«, fluchte Jeremiah, während er durch den Schnee trottete. »Diebischer Hund, verlogener. Prügel verdient der Kerl.«

Polly wartete, bis ihr Herr ein Stück die Straße hinauf war, dann warf sie sich ihren schäbigen roten Umhang über und folgte in sicherem Abstand. Jeremiah erreichte den Laden gerade rechtzeitig, um Joes Ansprache zu hören. Danach aber machte er auf seine, Jeremiahs, Person aufmerksam (obwohl die Umstehenden seine üble Ausdünstung längst erschnuppert hatten und von ihm abgerückt waren).

Kapitel 8

Fragment aus den

Erinnerungen des Ludlow Fitch

Ich blieb, während Joe draußen war, in der Tür stehen und sah zu, wie die Dorfleute, einer nach dem anderen, zu ihm gingen. Jeder reichte ihm die Hand, und er nahm sie und umschloss sie mit der seinen. Dabei beugte er sich vor und sagte etwas. Was immer das sein mochte, es brachte die Frauen zum Lächeln, und die Männer strafften ihre Schultern und warfen sich in die Brust. Ich musste unwillkürlich grinsen, ohne zu wissen warum.

Während Joe noch dabei war, Hände zu schütteln, entstand in den hinteren Reihen eine leichte Unruhe. Ich reckte den Kopf und sah einen unförmigen Mann mit schweißglänzendem Gesicht, der sich durch die Menge nach vorn drängte. Unwillig machten die Leute Platz, um ihn durchzulassen. Als er schließlich im Schnee stehen blieb, nahm er eine derart großspurige Haltung an, dass man hätte denken können, er werde allein von seiner Selbstgefälligkeit gestützt. Er neigte seinen großen Kopf zur Seite und warf einen flüchtigen Blick auf die goldenen Kugeln über dem Eingang.

Der Mann hatte etwas Unangenehmes an sich: Sein massiger Körper wirkte abstoßend, seine Haltung aggressiv. Ich hatte keine Lust, seine Bekanntschaft zu machen, und blieb deshalb, wo ich war.

Ich glaube, Joe hatte ihn längst bemerkt, doch übersah er ihn geflissentlich. Endlich, nachdem der Mann sich unweit vor ihm aufgebaut und dreimal laut gehustet hatte, nahm Joe seine Anwesenheit wahr und stellte sich ihm vor.

»Joe Zabbidou«, sagte er und streckte ihm die Hand entgegen.

Der Mann musterte Joe, als wäre der eine Schnecke auf seinem Schuh.

»Ratchet«, sagte er schließlich, ohne Joes Hand zu ergreifen. »Jeremiah Ratchet. Geschäftsmann hier am Ort. Mir gehört der größte Teil des Dorfes.«

Ich spitzte die Ohren, als ich diesen Namen hörte. Das also war Jeremiah Ratchet, der Mann, der mich unbeabsichtigt nach Pagus Parvus und somit in ein neues Leben geführt hatte. Mit dieser ziemlich prahlerischen Erklärung erntete er leises, verächtliches Schnauben aus der Menge, hier und da sogar ein Zischen. Seine breite Stirn kräuselte sich ärgerlich. Er stemmte die Hände in die Hüften und sog dabei die Luft ein, laut prustend wie ein nach Wurzeln grabender Eber. Hätte ich in der Menge gestanden, hätte ich ihm in null Komma nichts seinen Geldbeutel geklaut. Er gehörte genau zu der Sorte von Menschen, die es verdienten, dass ihnen die Taschen ausgeräumt wurden. Als mir plötzlich einfiel, dass ich das ja längst getan hatte, musste ich mir zum zweiten Mal ein Grinsen verkneifen.

Die beiden Männer standen einander gegenüber, und Joes ruhiger Blick wanderte über Ratchets Gestalt. Alles an Jeremiah roch nach Geld: von seinem parfümierten Haar bis zu dem dunklen, dreiviertellangen Wollmantel; von seinen senfgelben Kniehosen bis zum glänzenden Leder seiner Reitstiefel. Leider roch nichts an ihm nach gutem Geschmack.

»Hört zu, Mr Zappelhut oder wie Ihr Euch nennt. Hier könnt Ihr kein Geschäft machen. Hier werdet Ihr nicht gebraucht. Diese Leutchen besitzen nichts von Wert.« Jeremiah lachte unfreundlich und reckte seine Brust noch weiter heraus. »Ich muss es schließlich wissen, die meisten sind bei mir mit der Miete im Rückstand.«

»Wir werden sehen«, sagte Joe und wich ein wenig zurück. Jeremiahs Atem roch ziemlich unangenehm. »Ich habe in der Vergangenheit immer wieder die Erfahrung gemacht, dass meine Hilfe den meisten Menschen wohltut.«

»Hilfe?«, sagte Jeremiah zweifelnd. »Ich glaube nicht, dass wir Eure Art von Hilfe brauchen. Ich helfe den Menschen hier. Sie wissen, wen sie um Geld bitten können, wenn sie welches brauchen. Ihr werdet feststellen, dass ich gut für diesen Ort sorge. Nicht lange, und Ihr werdet Eure Siebensachen wieder einpacken.«

Abrupt machte er kehrt, hochzufrieden, dass er Joe die hiesigen Verhältnisse von Anfang an unmissverständlich klargemacht hatte. Dann stolzierte er breitbeinig davon, wobei sein Gang umso lächerlicher wirkte, je schneller er wurde.

»Jeremiah Ratchet«, hörte ich Joe nachdenklich sagen. »Unsere Wege werden sich wohl noch öfters kreuzen.«

Irgendwie hatte Jeremiahs Anwesenheit einen dunklen Schatten über die Menge geworfen. Sie machten sich zu zweit oder zu dritt auf den Weg die abschüssige Straße hinunter und stützten sich gegenseitig. Nur ein junges Mädchen blieb noch. Ich meinte ihr Gesicht zu kennen, konnte es aber erst einordnen, als sie fast unmittelbar vor mir stand.

»Hallo, du«, sagte sie schüchtern. Es war Polly, Jeremiahs Dienstmädchen.

»Hallo«, antwortete ich. Etwas Interessanteres fiel mir nicht ein, obwohl ich mir das Hirn zermarterte, und so blieben wir stumm voreinander stehen. Sie sah müde und durchgefroren aus. Sie trug keine Handschuhe, ihre Knöchel waren rot und ihre Fingerspitzen blau.

»Besser, ich gehe jetzt«, sagte sie schließlich. »Ratchet wäre ganz schön wütend, wenn er wüsste, dass ich mit dir gesprochen habe.« Dann machte sie kehrt und sprang davon. Sie tat mir ein bisschen leid mit ihren dürren Steckenbeinen und der roten Nase. Dass Jeremiah Ratchet nicht unbedingt der sympathischste Dienstherr war, konnte ich mir lebhaft vorstellen.

Joe stand lässig gegen die Leiter gelehnt und sah zu uns herüber, plötzlich aber drehte er den Kopf in eine andere Richtung. Als ich seinem Blick folgte, sah ich ein zweites Mal die kleine gebeugte Gestalt mit der Schaufel auf der Schulter. Während des ganzen Spektakels hatte sich der Mann im Hintergrund gehalten, sein kantiges Gesicht war ausdruckslos geblieben. Jetzt ging er, im Gegensatz zu den anderen Dorfleuten, bergauf in Richtung Kirche. Joe sah ihm nach, wie er durch das Friedhofstor verschwand, und zwinkerte mir zu.

»Beeil dich«, sagte er, dann marschierte er los und folgte dem gebückt gehenden Fremden. Ich zog die Tür hinter mir zu, und vor Aufregung lief mir ein leichtes Kribbeln über den Rücken.

Kapitel 9

Obadiah Strang

Ein uralter Friedhof umgab die Kirche. Der Hang war so steil, dass sich keine Graböffnung ausheben ließ, ohne dass die eine Seite des Grabes höher lag als die andere. Glücklicherweise verrichtete Obadiah, der Totengräber, seine Arbeit sehr gewissenhaft und gab sich große Mühe, damit der Boden eines jeden Grabes schön eben war und die arme tote Seele im Sarg in Frieden auf dem Rücken liegen konnte und nicht etwa auf die Seite rollte. Bei Beerdigungen waren die Trauernden in ständiger Bewegung und traten von einem Fuß auf den anderen, um aufrecht stehen zu bleiben. Nur die Bergziegen, die ab und zu über den Friedhof wanderten, bewegten sich hier sichtlich ohne Mühe: Sie besitzen ganz einfach die Fähigkeit, sich bei jeder Steigung im Gleichgewicht zu halten. Offenbar fühlten sie sich auf dem Friedhof wie zu Hause.

Dicht gefolgt von Ludlow trat Joe durch das rostige Tor und blieb stehen, um zu lauschen. Der Wind trug das rhythmische Geräusch einer grabenden Schaufel heran, und als er zwischen den Grabsteinen hangabwärts blickte, sah er Obadiah Strang beim Ausheben einer frischen Grube.

Obadiah, der schon als Kind bucklig gewesen war, hatte endlich das Alter erreicht, das ein gekrümmter Rücken normalerweise vermuten lässt. Man sah dem Mann an, dass er seinen Lebensunterhalt mit dem Schaufeln von Löchern verdiente, und im Lauf der Jahre hatte sich die Form seiner Hände dem Schaufelgriff angepasst. Kleine Gegenstände aufzunehmen, bereitete ihm Probleme, doch war er schon dankbar, dass seine gekrümmten Finger noch bequem eine Flasche Bier halten konnten.

Obadiah arbeitete eine ganze Weile weiter, bevor er merkte, dass er Besuch hatte. Schließlich stieg er mithilfe einer kleinen Leiter aus der Grube und steckte seine Schaufel mit Nachdruck in den Erdhaufen. In seinen Augenbrauen klebten gefrorene Schweißtropfen, er fuhr sich mit dem Handrücken über die Stirn und hinterließ dabei einen dunklen Schmierer. Es war nicht einfach, im Winter ein zwei Meter tiefes Loch zu graben.

Joe begrüßte ihn mit einem herzlichen Händedruck. »Ich habe Euch vor meinem Laden gesehen«, erklärte er.

»Aha«, sagte Obadiah schroff. »Ihr seid der Pfandleiher. Also, ich will Euch gleich sagen, dass Ihr mit mir kein Geschäft machen werdet. Ich besitze kaum mehr als die Kleider, in denen ich hier stehe.«

Misstrauisch sah er zu Ludlow hin, der hinter einem halb eingesunkenen Grabstein zurückgeblieben war. Dieser Junge gefiel ihm kein bisschen. Dem traute er nicht über den Weg. Überhaupt, einem Menschen, der nicht blinzelte, traute er nun mal nicht, und Ludlows Blick ging ihm schlichtweg auf die Nerven.

»Und wer ist das?«

»Mein Gehilfe«, erklärte Joe ruhig und zog Ludlow zu sich heran.

Ludlow lächelte und streckte Obadiah die Hand entgegen, wenn auch zögernd. Obadiah übersah sie.

»Gehilfe? Ihr bezahlt einen Gehilfen? Ihr Pfandleiher seid doch alle gleich. Ihr beruft euch auf eure Armut, dabei lebt ihr ganz anders.« Er griff wieder nach seiner Schaufel, doch Joe nahm ihn am Arm.

»Wartet.«

»Was wollt Ihr von mir?«, sagte Obadiah ungeduldig. »Ich habe zu tun.«

Joe blickte fest in Obadiahs müde Augen. Eigentlich wollte der Totengräber Joes Blick ausweichen, aber aus irgendeinem Grund war ihm das nicht möglich. In seinen Ohren rauschte es plötzlich, sanft wie Meereswellen an einem Kiesstrand. Er spürte, wie seine Knie zitterten, und in seinen Fingerspitzen kribbelte es. Staunend sah Ludlow, wie der ruppige alte Mann sichtlich milder wurde und sich entspannte.

»Ihr seht aus wie ein Mann, der etwas zu erzählen hat«, sagte Joe langsam. »Kommt doch heute Nacht in meinen Laden. Um Mitternacht. Niemand muss davon erfahren.«

Obadiah brachte nur mühsam eine Antwort heraus. »Vielleicht«, sagte er. »Vielleicht auch nicht.«

»Also, bis dahin«, erwiderte Joe, als wäre seine Einladung angenommen. Dann brach er mit einem Zwinkern den Bann, und Obadiah musste sich erst mal auf seine Schaufel stützen.

Kapitel 10

Fragment aus den

Erinnerungen des Ludlow Fitch

Eigentlich hatte ich gar nicht richtig verstanden, was auf dem Friedhof geschehen war. Ich wusste nur, dass man eine Art von Vereinbarung getroffen hatte, aber die näheren Einzelheiten waren mir entgangen. Als wir den Friedhof verließen, hatte ich plötzlich das Gefühl, dass wir beobachtet würden. Aus dem Augenwinkel sah ich eine Gestalt hinter einem Baum stehen, die zu uns herüberblickte. Der Kleidung nach vermutete ich in dem Mann den Pfarrer des Ortes. Ich stieß Joe an. Er hatte ihn ebenfalls gesehen und nickte grüßend in seine Richtung, woraufhin der Pfarrer tiefrot wurde, auf dem Absatz kehrtmachte und in die Kirche floh.

Vor dem Laden standen nur noch drei Jungen herum, und die rannten davon, sobald sie Joe sahen. Er lachte, als sie die Straße hinunterschlitterten. Wir gingen durch den Ladenraum ins Hinterzimmer und setzten uns ans Feuer. Als Joe nach minutenlangem Schweigen immer noch keine Anstalten machte, sich mit mir zu unterhalten, sondern im Gegenteil eher aussah wie einer, der jeden Moment einschläft, fragte ich ihn nach meiner Aufgabe.

»Deine Aufgabe?«, wiederholte er mit herzhaftem Gähnen. »Ich erkläre sie dir später. Für den Augenblick genügt es, dass du mich weckst, falls Kundschaft kommt.«

Das war alles.

Ich ging nach vorn in den Laden, stützte die Ellbogen auf die Theke und überdachte meine Situation. Der Frosch musterte mich ein, zwei Minuten lang, dann wandte er sich ab. Zwar hatte ich immer selbst für mich gesorgt, aber eine richtige Stelle hatte ich noch nie gehabt. Ich war auch nicht gerade zu rechtschaffener Lebensführung erzogen worden. Pa und Ma waren das größte Gaunerpaar, das je Gottes Luft geatmet hat. Sie lebten von Diebstahl, und mir blieb kaum eine andere Wahl, als in ihre Fußstapfen zu treten, noch bevor ich laufen konnte. Ich war schon als Baby klein gewesen und ich blieb auch später ein Leichtgewicht. Im Alter von achtzehn Monaten fing Pa damit an, mich in einem Brotkorb auf seinem Kopf herumzutragen. Er versteckte mich unter ein paar altbackenen Brotlaiben. Ich erinnere mich gut an das entsetzliche Schwanken von einer Seite zur anderen und daran, dass ich ständig in Angst und Schrecken da oben hockte. Bis heute kann ich mich in keinem Gefährt bewegen, ohne dass mir übel wird.

Wann immer sich auf solchen Gängen die Gelegenheit bot, zischte Pa, ohne die Lippen zu bewegen: »Lud, mein Junge!« Und das war das Zeichen für mich, mit ausgestrecktem Arm nach dem Hut, manchmal auch nach der Perücke eines arglos vorübergehenden Herrn zu greifen. Man stelle sich die Bestürzung des armen Kerls vor, der sich mit entblößtem Haupt nicht nur einer peinlichen Situation ausgesetzt sah, sondern auch jeder Laune des Wetters. Bevor er jedoch nach dem Missetäter Ausschau halten konnte, waren wir längst in der Menge verschwunden.

Solche Gaunereien brachten eine hübsche Summe ein, für Perücken und Hüte ließen sich ordentliche Preise erzielen. Unweigerlich aber kam die Zeit, da ich nicht mehr in den Brotkorb passte. Ma schlug vor, mich an einen Schornsteinfeger zu verkaufen. Meine magere Gestalt sei bestens geeignet für die engen Schornsteine. Ich hatte inzwischen allmählich begriffen, dass meine Eltern, wenn sie mich mit ihren glasigen Blicken musterten, in mir nicht den Sohn und Erben sahen, sondern nur eine bequeme Einkommensquelle, mit der sie ihre Trinkgewohnheiten finanzieren konnten. Das Leben eines Schornsteinfegers war hart und kurz, und so war ich äußerst dankbar, als Pa entschied, ich könne mehr Geld für sie beschaffen, wenn ich das Handwerk eines Taschendiebes erlerne. So kam es, dass ich mit einem Minimum an Training (und angespornt von den Schlägen mit Pas Gürtel) hinaus auf die Straßen geschickt wurde, und zwar mit der nachdrücklichen Mahnung, dass ich ohne wenigstens sechs Shilling pro Tag erst gar nicht nach Hause kommen dürfe.

Diese Summe zu verdienen, bereitete mir wenig Schwierigkeiten, und alles Übrige behielt ich für mich. Es schien so, als hätte ich eine natürliche Begabung für diese Art Arbeit: Meine Finger waren geschickt, mein Schritt leicht und mein Gesichtsausdruck harmlos und unschuldig. Manchmal war ich etwas zu sorglos und meine Opfer spürten meine Finger in ihren Taschen, dann musste ich nur für einen Augenblick ihren Blicken standhalten, und schon waren sie überzeugt, dass keinesfalls ich es gewesen sein konnte, der ihre Geldbörse oder Brieftasche gemopst hatte. Wenn ich Ma auf diese Weise ansah, verpasste sie mir jedes Mal eine Ohrfeige und zischte: »Sieh mich nicht mit diesen großen Augen an! Das funktioniert nicht bei deiner alten Ma.«

Aber ehrlich gesagt, ich glaube, es funktionierte doch, und genau das war der Grund, weshalb sie so wütend wurde.

Sie konnte mich aber nur ohrfeigen, wenn sie mich erwischte, und die meiste Zeit mied ich sie und Pa wie die Pest. Hatte ich genug Geld beisammen, gewöhnlich gegen Mittag, und wollte ich mich gern aufwärmen, ging ich zu Mr Jellico. Nach Hause hätte ich ohnehin nicht gekonnt, auch nicht, wenn ich gewollt hätte, weil Ma und Pa unser Zimmer tagsüber an Männer vermieteten, die nachts auf dem Fluss arbeiteten.

Im Grunde genommen war mein Leben gar nicht so schlecht, zuerst jedenfalls nicht, und ich kannte ja nichts anderes. Man soll seine Eltern lieben, so hatte ich gehört, aber ich glaube nicht, dass ich für meine Eltern Liebe empfand. Vielleicht eine Art von Loyalität, Verwandtschaft, aber nicht Liebe. Als das Verlangen nach Schnaps Ma und Pa allmählich immer mehr verzehrte, wurde mein Leben unerträglich. Egal, wie viel sie hatten, sie wollten immer mehr. Ich konnte nach Hause bringen, so viel ich wollte, es reichte nie. Ich glaube, um diese Zeit ersannen sie ihren teuflischen Plan. Ich hätte ahnen können, dass sie etwas im Schilde führten: Sie lächelten mich manchmal an.

Ich schauderte bei der Erinnerung an die verzweifelte Verfolgungsjagd der vergangenen Nacht. Immer noch konnte ich Pas Hand auf meiner Schulter spüren, und immer noch hallte in meinem Kopf Mas kreischende Stimme. Und dann waren da Barton Gumbroots funkelnde Marterinstrumente. Ich konnte den Gedanken daran kaum ertragen. Wie merkwürdig, dass ich von alldem jetzt so weit weg war.

Weil Joe immer noch schnarchte, nutzte ich die Gelegenheit, mir die Waren im Schaufenster näher anzusehen. Der Schmuck glänzte, die Sturmlaterne war poliert und machte einen funktionsfähigen Eindruck. Die Uhren waren aufgezogen und tickten. Ohne weiter darüber nachzudenken, steckte ich zwei davon in die Tasche, fast gleichzeitig aber ließ mich ein hartes Klopfen an der Scheibe zusammenzucken. Draußen stand Polly und winkte mir zu. Wie lange mochte sie mich wohl schon beobachtet haben? Ich ging zu ihr hinaus. Wo sich vorher die Menge gedrängt hatte, war der Schnee niedergetrampelt, und dort auf dem verharschten Eis stand sie.

»Still ist es heute«, sagte ich.

»So wie immer«, antwortete sie.

Es war später Vormittag, und meine Ohren waren an das lärmende Durcheinander der Stadt gewöhnt, an die Straßenverkäufer, die ihre Waren anpriesen, an die fahrenden Musikanten mit ihren Fideln, die Balladensänger, die Kühe, wenn sie mit klappernden Hufen über das Kopfsteinpflaster zum Schlachthaus geführt wurden, an die quietschenden Steinräder der Scherenschleifer, die Balgereien und Streitigkeiten, die gewöhnlich an jeder Straßenecke ausbrachen. Aber Pagus Parvus war nicht die Stadt, sondern ein nahezu stummer Ort. Ein-, zweimal hörte ich ein Lachen, einen Schmiedehammer, aber sonst kaum etwas.

»Willst du reinkommen?«

»Darf ich mal den Frosch sehen?«, fragte sie.

Der Frosch beäugte uns, als wir in den Laden traten. Er war tatsächlich ein herrliches Geschöpf, seine Haut schimmerte und glänzte wie ein feuchter Stein. Aus dem Hinterzimmer kam kein Ton, deshalb hob ich vorsichtig den Deckel vom Behälter und griff hinein. Der Frosch schien ein wenig unruhig, als ich ihn mit einer Fliege anlocken wollte, und zog sich in die andere Ecke zurück.

»Bist du sicher, dass du das darfst?«, fragte Polly nervös.

»Warum sollte ich …«

»Fass den Frosch nicht an!«, blaffte eine Stimme hinter mir, und sofort sprang ich zurück. Joe stand plötzlich ganz in meiner Nähe, und ich hatte keinen Ton gehört. Ein eisiger Luftzug wehte herein, bevor Polly die Tür von draußen zuwarf.

»Ich wollte ihn nur …«

Joe legte den Deckel wieder auf den Glasbehälter und drückte ihn gut fest. »Du darfst ihn auf keinen Fall berühren«, sagte er streng. »Bis du sein Vertrauen gewonnen hast, lässt er sich nur von mir anfassen. Hast du verstanden?«

Ich nickte, und dann wurde das unbehagliche Schweigen vom abermaligen Öffnen der Tür gebrochen und von der zögerlichen Anfrage unserer ersten Kundin, einer älteren Frau mit einem Monokel im linken Auge. Sie zwinkerte ständig und runzelte die Stirn, um es an Ort und Stelle zu halten.

»Mr Zabbidou? Ich habe etwas zum Versetzen.«

Joe sah sie strahlend an.

»Ein hübsches Stück«, sagte er. »Sieh mal, Ludlow, ein Nachttopf.«

Kapitel 11

Ein mitternächtlicher Besucher

Wach auf«, flüsterte Joe und rüttelte Ludlow am Arm. »Er ist da.«

Ludlow setzte sich langsam auf und lauschte: Gerade schlug die Kirchenglocke Mitternacht. Er fröstelte. Das Feuer war niedergebrannt, er konnte seinen Atem sehen. Joe legte ein kleines Holzscheit in die Glut und zündete die Lampe an. Auf den Kaminsims stellte er zwei Gläser und eine dunkle Flasche, dann legte er sein schwarzes Buch auf den Tisch, dorthin, wo der Stuhl stand.

»Setz dich«, sagte er zu Ludlow. »Verhalte dich mucksmäuschenstill, und wenn ich dir ein Zeichen gebe, schreibst du, was du hörst, in dieses Buch. Ich habe die Seite gekennzeichnet.«

Ludlow schüttelte seine Schläfrigkeit ab und setzte sich an den Tisch. Er nahm das Buch und betrachtete es prüfend. Es war alt, aber in gutem Zustand, dick und fast zu schwer, um es in einer Hand halten zu können. Auf dem Lederumschlag waren mit Blattgold die Worte eingeprägt: Verba Volant Scripta Manent.

Rechts unten in der Ecke standen in großen verzierten Goldbuchstaben die Initialen JZ. Ein rotes Seidenband kennzeichnete die neue Seite, und in der Mitte des Buches lag eine Feder bereit. Die weißen Seiten schienen im Halbdunkel zu schimmern, und Ludlow strich unwillkürlich mit den Fingern über ihre glatte Oberfläche. Er blätterte flüchtig durch die vorhergehenden Seiten; sie waren von plumper Hand beschrieben und raschelten, als er sie berührte. Joe hatte ihm zwar nicht ausdrücklich verboten, in dem Buch zu lesen, doch Ludlow hatte das deutliche Gefühl, dass es ihm nicht recht wäre. Leise legte er das schwarze Buch wieder so hin, wie er es vorgefunden hatte, die leere Seite aufgeschlagen.

Auf dem Bürgersteig vor dem Leihhaus stand Obadiah Strang und knetete seine verkrümmten Hände. Er wollte klopfen, schreckte aber davor zurück. Die Toten machten ihm keine Angst, die Lebenden anscheinend schon. Schließlich verlor er endgültig den Mut, machte auf dem Absatz kehrt, doch gerade als er wieder gehen wollte, öffnete sich hinter ihm die Tür.

»Obadiah, mein guter Mann«, sagte Joe herzlich, trat hinaus auf die Straße und nahm ihn am Arm. »Ich erwarte Euch schon.«

Und wieder verließ Obadiah unter Joes tiefgründigem Blick jeder Widerstand, er ließ sich in das Hinterzimmer führen und sanft zu dem Sessel am Feuer dirigieren. Ludlow saß, ein wenig nervös und ohne sich zu rühren, auf seinem Stuhl und beobachtete alles genau. Obadiah umklammerte die weichen Armlehnen des Sessels, und als sie laut knirschten, zuckte Ludlow zusammen.

»Wollt Ihr etwas mit mir trinken?«, fragte Joe. »Ein ganz besonderes Tröpfchen?«

Obadiah murmelte etwas Unverständliches. Joe füllte die Gläser und reichte eines Obadiah. Dann griff er nach seinem eigenen und nahm auf dem Sessel gegenüber Platz.

»Zum Wohl«, sagte er und stieß mit dem Totengräber an.

Obadiah nahm erst einen zaghaften Schluck, dann einen kräftigeren. Schnaps war nicht sein gewohntes Getränk, und einen von diesem Kaliber hatte er noch nie gekostet. Er genoss das Gefühl von Wärme, während ihm der Alkohol durch die Kehle rann. Als er spürte, wie sich seine verkrampften Schultern allmählich lockerten, lehnte er sich im Sessel zurück.

»Warum bin ich hier?«, fragte er. Eigentlich hatte er das gar nicht sagen wollen, es kam wie von selbst über seine Lippen.

»Weil Ihr Hilfe braucht«, erwiderte Joe.

»Und Ihr könnt mir helfen?«

Joe nickte und beugte sich vor. »Wenn ich Euch so betrachte, Obadiah, sehe ich einen Mann vor mir, der ein Geheimnis hat. Ein Geheimnis, das eine solche Last darstellt, dass es Euch zu verschlingen droht. Nachts lässt es Euch nicht schlafen, und Tag für Tag frisst es an Eurer Seele.« Er beugte sich noch weiter vor. »Das muss nicht sein.«

Obadiahs Augen glänzten. Eine kleine Träne löste sich aus dem einen Augenwinkel und rollte über die tiefen Runzeln hinweg, die sich in seine Wangen gegraben hatten.

»Was kann ich denn tun?«, flüsterte er verzweifelt.

Joes Stimme klang beruhigend und voller Zuversicht. »Verpfändet Euer Geheimnis und macht Euch frei von seiner schrecklichen Last.«

»Verpfänden?« Obadiah war ein wenig verwirrt von dem ungewohnten Getränk, von Joes Blicken und seiner sanften Stimme. In seinem Kopf drehte sich alles, und ihm war, als würde er langsam ertrinken.

»Ihr meint, Ihr wollt mein Geheimnis kaufen? Aber warum?«

»Das ist mein Geschäft«, sagte Joe. »Ich bin Pfandleiher.«

Obadiah schüttelte langsam den Kopf und legte vor Ratlosigkeit die Stirn in Falten. »Aber wenn ich es verpfände … muss ich es dann auch wieder zurückkaufen? Wenn ich es nämlich nicht zurückkaufe, habt Ihr das Recht, es weiterzuverkaufen. Und wenn Ihr es verkauft, dann ist es kein Geheimnis mehr.« Obadiah legte sich das Leben gern auf einfache Weise zurecht, indem er es schlicht und logisch betrachtete.

»Ah«, rief Joe. »Ich denke, Ihr werdet meine Bedingungen recht annehmbar finden. Falls Ihr Euer Geheimnis zurückhaben wollt, zahlt Ihr, was Ihr von mir bekommen habt, plus eine kleine Gebühr. Falls nicht, werde ich das Geheimnis für Euch hüten, solange Ihr wollt, lebenslang, wenn es Euer Wunsch ist. Falls Ihr es aber tatsächlich nie mehr zurückfordert, werde ich es bewahren, bis Ihr im Grab liegt und darüber hinaus – und dass es Euch dann noch besonders interessiert, möchte ich bezweifeln.«

»Also … das klingt ganz in Ordnung, Mr Zabbidou.«

Joe lächelte. »Dann wollen wir beginnen. Ich brenne darauf, einem Menschen seine Ruhe wiederzugeben.«

Unauffällig nickte er Ludlow zu, der diese Geste als sein Zeichen erkannte. Mit zitternder Hand hob er die Feder, tauchte sie in die Tinte und hielt sie, zum Schreiben bereit, über die leere Seite.

»Und Ihr schwört, dass Ihr es nicht weitererzählt?«, fragte Obadiah mit bebender Stimme.

Joe schüttelte ernst den Kopf. »Niemals«, sagte er. »Bei meinem Leben.«

»So hört meine Geschichte, und vielleicht könnt Ihr ja helfen. Weiß Gott, sonst kann’s keiner.«

Während der folgenden Stunde waren die einzigen Geräusche im Raum Obadiahs stockende Stimme und das leise Kratzen der Feder auf Papier.

Ludlows Arbeit hatte begonnen.

Kapitel 12

Auszug aus dem

Schwarzen Buch der Geheimnisse

Das Geständnis des Totengräbers

Ich heiße Obadiah Strang und ich habe ein schreckliches Geheimnis. Es verfolgt mich zu jeder wachen Stunde, und des Nachts, wenn ich endlich eingeschlafen bin, beherrscht es meine Träume.

Ich mag nur ein einfacher Totengräber sein, aber ich bin stolz darauf. Nie habe ich einen Menschen betrogen: Jeder bekommt zwei Meter, nicht mehr und nicht weniger. Ich habe immer ein bescheidenes Leben geführt. Ich brauche wenig und ich verlange nichts. Ich war ein zufriedener Mann – bis vor wenigen Monaten, als ich mit meinem Vermieter, Jeremiah Ratchet, in Schwierigkeiten geriet.

Es war eine schlechte Woche gewesen, wenige Gräber zu schaufeln und noch weniger Trinkgeld. Am Tag der Mietzahlung konnte ich die erforderliche Summe nicht aufbringen. Gewiss habt Ihr schon von Jeremiah Ratchet gehört. Er ist ein gehasster Mann in dieser Gegend, und ich hatte Angst, wie er mit mir umspringen würde. Doch dann verblüffte er mich mit dem Vorschlag, ich solle einfach in der nächsten Woche den doppelten Betrag zahlen. Und ich Dummkopf bin auf sein Angebot eingegangen. Als aber der nächste Zahltag kam, behauptete er, ich schulde ihm achtzehn Shilling, nicht zwölf.

»Sechs Shilling Zinsen für den Kredit«, erklärte er mit hinterhältigem Grinsen.

Natürlich hatte ich das zusätzliche Geld nicht, und eine Woche später war meine Schuld noch höher geworden. Ich bezahlte, so viel ich konnte, und versuchte ihm meine Notlage klarzumachen, aber Jeremiah Ratchet muss dort, wo sein Herz sein sollte, ein Loch haben. Nach vier Wochen schuldete ich ihm so viel, dass ich nicht mehr hoffen konnte, das Geld jemals aufzubringen.

Genau das hatte er die ganze Zeit bezweckt.

»Ich will dir etwas vorschlagen«, sagte er, als er das nächste Mal kam. »Eine Möglichkeit, wie du deine Schuld abarbeiten kannst.«

Inzwischen traute ich dem Mann nicht mehr, aber mir blieb nichts anderes übrig, als seinen Vorschlag anzuhören.

»Du sollst eine gewisse Arbeit für mich erledigen, eine, die deinen Fähigkeiten durchaus entspricht. Das Werkzeug werde ich stellen.«

Dann erklärte er mir seinen abscheulichen Plan, und ich wurde wütend und warf ihn raus. Auf dem Gehweg blieb er stehen und rief: »Wenn du’s nicht tust, setze ich dich auf die Straße. Du weißt ja, wo du mich findest – falls du’s dir anders überlegst. Ich gebe dir eine Woche Bedenkzeit.«

In dieser Nacht verfluchte ich mich ein ums andere Mal und machte mir die größten Vorwürfe, dass ich mich in die Schuld dieses Ungeheuers begeben hatte. Und als die Sonne aufging, wusste ich, dass ich keine Wahl hatte. Ich schickte nach Ratchet, und er kam in meine Hütte, um mir zu erklären, was ich zu tun hätte. Er gab mir das einzig notwendige Werkzeug: eine hölzerne Schaufel.

»Macht nicht so viel Lärm wie eine aus Metall«, sagte Jeremiah. »Das weiß jeder, der sich in dem Geschäft auskennt.«

Und was das für ein Geschäft war! Das Geschäft der Leichenräuberei.

In dieser Nacht, kurz nach ein Uhr, ging ich schweren Herzens auf den Friedhof. Wie ich mich hasste für das, was ich im Begriff war zu tun. Ich kannte das betreffende Grab. Hatte ich es nicht tags zuvor eigenhändig ausgeschaufelt und gesehen, wie noch am gleichen Nachmittag der Sarg hinabgelassen worden war? Und nun war ich gekommen, um es wieder aufzugraben. Bei jeder Schaufel voll Erde dachte ich nur an Ratchet, diesen Schuft. Er war auf dem Rücken der Armen zu Wohlstand gelangt. Das halbe Dorf musste in seiner Schuld stehen.

Es regnete, und der Mond hatte sich hinter Wolken verkrochen, als ob er sich schämte, Zeuge meiner Tat zu sein. Der Wind fegte um meinen Kopf. Wasser rann in Strömen von meinem Hut. Die Kälte machte meine Hände starr. Der dunkle, mit Wasser vollgesogene Lehm war zäh. Es kostete viel Kraft, die beladene Schaufel zu heben; sie löste sich nur mit lautem Schmatzen – als wäre die Erde selbst lebendig geworden und würde versuchen, die Schaufel und mich mit hinabzuziehen in die Tiefe der Hölle.

Der Erdhaufen am Rand des Grabes wuchs immer höher, und allmählich vermischte sich mein Schweiß mit dem strömenden Regen. Mein Herz klopfte wie ein Schmiedehammer in meiner Brust. Endlich stieß ich auf Holz. Ich ließ mich auf die Knie nieder und kratzte den Sarg mit den Händen sauber. Der Deckel war mit je einem Nagel an den Ecken befestigt. Ich zwängte die Schaufelkante in den Spalt und machte mich daran, den Sarg aufzuhebeln. Das Holz knackte, riss, splitterte. »Guter Gott, vergib mir«, flüsterte ich und bekreuzigte mich. Da zerriss ein Blitz den Himmel, und flüchtig sah ich in seinem scharfen Licht die arme Seele im Sarg liegen.

Nach der Qualität des Sarges und der billigen Ausstattung zu urteilen, war der Tote kein reicher Mann, aber wer war schon reich in dieser Gegend? Ob reich oder arm, er endete wie wir alle in der Erde. Aber er war jung und sein schönes Gesicht war nicht entstellt von dem Unfall, der ihn das Leben gekostet hatte: Er war unter die Räder eines Wagens geraten. Seine bleichen Hände waren auf der Brust gefaltet und sein aschfahles Gesicht sah friedlich aus. Seine irdischen Sorgen hatten ein Ende. Meine hatten gerade begonnen.

Ich zauderte nur einen Augenblick, dann fasste ich den armen Kerl bei den Schultern, zog ihn aus dem Sarg und hievte ihn aus dem Grab heraus. Ich wandte meinen Blick zum Himmel und schwor, dies sei das erste und letzte Mal, dass ich eine so schändliche Tat begehe. Ich hatte gedacht, nachdem die Seele eines Menschen entwichen und die Bürde des Lebens von ihm genommen ist, wäre sein Körper leichter, aber nun hatte ich das Gefühl, als müsste ich ein totes Pferd transportieren. Ich zerrte den Mann über das Gras zwischen den Grabsteinen zum Tor des Friedhofs, wo nach Jeremiahs Angaben jemand warten würde.

Ich sah sie. Zwei schwarz gekleidete Männer, die Gesichter und Köpfe mit Kapuzen verhüllt. Ohne ein Wort ergriffen sie die Leiche und warfen sie zwischen Bierfässer hinten auf ihren Wagen. Sie deckten Stroh darüber und fuhren davon.

Ich wartete, bis ich die Hufe der Pferde nicht mehr hören konnte, dann ging ich auf den Friedhof zurück und schaufelte das Grab wieder zu. Ich arbeitete wie ein Besessener, ich schaufelte mit der Kraft eines Dämons, und als das Werk endlich getan war, ging ich nach Hause.

Beim Erwachen am nächsten Tag war ich überzeugt, ich hätte alles nur geträumt – aber neben dem Kamin lehnte die hölzerne Schaufel. Ich konnte mich kaum im Spiegel ansehen. Was auch der Grund für meine Tat gewesen sein mochte, ich war nicht besser als ein gewöhnlicher Leichenräuber. Wiedererwecker nannten die sich gern, aber ein ausgefallener Name garantiert noch längst keinen guten Charakter. Sicher war die Leiche schon weit weg, in der Stadt höchstwahrscheinlich, und lag unter dem Messer eines Doktors in der Anatomie-Schule – alles im Interesse der Wissenschaft. Das jedenfalls behaupteten die Ärzte. Sie zahlten gutes Geld für Leichen, und Jeremiah füllte sich die Taschen damit. Aber nie hätte ich gedacht, dass ich jemals selber in ein so grausiges, sündiges Geschäft verwickelt sein würde.

In der Nacht kam Jeremiah zu mir.

»Meine Leute sagen, du hast gute Arbeit geleistet.«

Das war beileibe kein Lob, das mich erfreuen konnte.

»Aber wo sind die Wertgegenstände?«, fragte er.

»Wertgegenstände? Wie meint Ihr das? Ist es nicht genug, dass ich eine Leiche für Euch ausgegraben habe? Jetzt verlangt Ihr noch mehr?«

Er zog die Schultern hoch. »Ich weiß aus zuverlässiger Quelle, dass dieser junge Mann mit einer silbernen Uhr und einem Goldring beerdigt worden ist. Die Sachen gehörten seinem Vater. Ist ja wohl eine merkwürdige Sitte, Dinge zu vergraben, obwohl man sie gut verkaufen könnte.«

Ich traute meinen Ohren nicht. Nach Ratchets Vorstellungen sollte ich ihm also nicht nur als Leichenräuber, sondern auch als Dieb dienen.

»Ich habe getan, was Ihr verlangt habt«, sagte ich. »Die Schuld ist bezahlt.«

Er schüttelte den Kopf.

»Das glaube ich nicht, Obadiah Strang. Schließlich schuldest du mir eine beträchtliche Summe, und die Wertgegenstände hast du ihm auch nicht abgenommen. Du wirst nächstes Mal gründlicher arbeiten müssen.«

»Nächstes Mal?«

Ich wagte nicht mehr zu widersprechen, weil ich inzwischen meine Zwangslage erkannt hatte. Grabräuberei wurde mindestens mit Gefängnisstrafe belegt, aber nur, wenn man das Glück hatte, nicht vorher von den Verwandten des Toten aufgeknüpft zu werden.

Das alles ist jetzt sechs Monate her, und seitdem hat Jeremiah wieder und wieder von mir verlangt, diese schmutzige Arbeit für ihn zu tun. Ich denke nicht gern daran, wie viele Leichen ich schon ausgegraben habe. Ich weiß nur, dass Jeremiah gewiss kein Haar gekrümmt wird, falls sie mich erwischen.

Dieser Mann bereichert sich an den Früchten meiner Gottlosigkeit, und ich kann nichts dagegen tun. Ich liege wach bis in die Morgenstunden, ständig gequält von meinen bösen Taten. Ich missbrauche das Vertrauen der Dorfleute, ein Vertrauen, das ich mein Leben lang aufgebaut habe. Wenn sie Bescheid wüssten, würden sie mich aufhängen.

Jeremiah Ratchet. Wie ich diesen Mann hasse. Meine Schaufel würde ich ihm über seinen dicken Schädel ziehen, wenn ich wüsste, dass ich ungestraft davonkäme.

Beim letzten Satz zögerte Ludlow, aber er hatte die Anweisung, alles niederzuschreiben, was er hörte. Also schrieb er auch den letzten Satz in das Buch. Verstohlen sah er zu Obadiah hin, dessen Gesicht jetzt so fahl war wie das der Leichen, die er ausgegraben hatte. Dann legte er seine Feder weg, schob einen Bogen Löschpapier zwischen die Seiten und klappte das Buch zu. Obadiah lehnte sich erschöpft zurück und schlug die Hände vors Gesicht.

»Ihr müsst mir helfen, Mr Zabbidou. Ich bin ein gebrochener Mann, des Lebens nicht würdig.«

Joe legte Obadiah fest die Hand aufs Knie.

»Macht Euch frei von diesen furchtbaren Gedanken«, sagte er. »Sie fressen nur Eure Seele auf. Es gibt eine natürliche Gerechtigkeit auf dieser Welt. Vielleicht stellt sie sich nicht so prompt ein, wie wir es uns wünschen, aber glaubt mir, Jeremiah Ratchet wird ihre Macht zu spüren bekommen. Nun geht nach Hause. Ihr werdet schlafen können und Ihr werdet nicht träumen.«

Obadiah seufzte schwer.

»Wisst Ihr, Mr Zabbidou, ich glaube, Ihr könntet recht haben.« Er erhob sich und wollte gehen, aber Joe hielt ihn zurück.

»Eure Bezahlung, wie vereinbart.« Joe reichte ihm einen Lederbeutel mit Münzen, und Obadiahs Augen weiteten sich, als er ihr Gewicht spürte.

»Ich danke Euch sehr, Mr Zabbidou«, sagte Obadiah. »Das kann ich gut gebrauchen.«

»Und so soll es auch sein«, erwiderte Joe und drückte ihm herzlich die Hand. »So soll es sein.«

»Und Jeremiah? Was ist mit Jeremiah?«, fragte Obadiah vorsichtig.

Joe zwinkerte nur. »Habt Geduld, Mr Strang. Habt Geduld.«

Kapitel 13

Fragment aus den

Erinnerungen des Ludlow Fitch

So endete mein erster langer Tag bei Joe Zabbidou. Es war nach zwei Uhr, als Obadiah aufbrach. Joe blieb an der Tür stehen und sah ihm nach, wie er die Straße hinunterging und in seiner Hütte verschwand. Er wartete, bis das Licht gelöscht und alles wieder dunkel war, dann kam er herein und machte die Tür hinter sich zu. Ich war am Tisch sitzen geblieben und starrte verwundert auf das geschlossene Buch. Mir war schwindlig von all dem, was ich eben gehört hatte. Jetzt begriff ich. Es ist ein Buch der Geheimnisse, dachte ich, und Joe ist tatsächlich der Geheimnis-Pfandleiher.

Ich konnte kaum glauben, dass mich Joe ein solches Buch anfassen, geschweige denn mich hineinschreiben ließ. Wie gern hätte ich es aufgeschlagen und von vorn bis hinten durchgelesen! Was für Geschichten von Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit würde ich darin finden?

Ich hörte Joe im Laden umherlaufen und mit seinem Frosch reden. Schnell schlug ich das Buch auf, blätterte darin und las die ersten Zeilen der Geständnisse:

»Mein Name ist Eleanor Hardy, ich kann nicht länger mit meinen Lügen leben …«

»Mein Name ist George Cutchpole, und ich habe ein höchst schändliches Geheimnis …«

»Mein Name ist Oscar Carpue. In einem unkontrollierten Wutanfall habe ich wie von Sinnen …«

Das war alles, was ich lesen konnte, bevor Joe pfeifend zurück ins Hinterzimmer kam. Ich schlug das Buch zu und sprang so ungeschickt auf, dass ich dabei den Stuhl umstieß.

»Dann lass mal sehen, wie du dich angestellt hast«, sagte Joe, indem er meine Verlegenheit übersah. Er nahm das Buch vom Tisch. Nervös sah ich zu, wie er prüfte, was ich geschrieben hatte.

»Hervorragende Arbeit, Junge«, sagte er, dann legte er das rote Band zwischen die nächsten leeren Seiten und schloss das Buch. »Ich hätte es nicht besser machen können.«

Jäh schoss mir brennende Röte in die Wangen. Lob war ich nicht gewohnt. Um meine Verlegenheit zu verbergen, zeigte ich auf die goldene Schrift auf dem Einband.

»Was ist das für eine Sprache?«

Joes Gesicht leuchtete auf. »Ah, Latein«, sagte er. »Die Sprache der Präzision. ›Gesprochenes vergeht, Geschriebenes besteht.‹ Merk dir diese Worte, Ludlow. Die Menschen glauben, was sie lesen, gleichgültig, wie viel Wahrheit das Geschriebene enthalten mag.«

Joe hielt das Buch hoch und sagte leise: »Die Berichte, die wir hier haben, bedeuten ihrem jeweiligen Besitzer sehr viel und können folglich von finanziellem Nutzen für andere sein. Die Leute haben sich mir anvertraut und mir ihre größten Geheimnisse gestanden – es ist meine Pflicht, sie gut zu hüten. Wohin ich auch komme, es gibt überall verbrecherische Elemente, die viel Geld für dieses Buch bezahlen und es zu ihrer finanziellen Bereicherung oder Schlimmerem verwenden würden. Doch diese Geständnisse, Ludlow, sind allein uns anvertraut, deshalb dürfen wir niemals außerhalb dieses Zimmers darüber sprechen.«

Joe schien mich nicht zu diesen verbrecherischen Elementen zu rechnen. Und ausgerechnet in diesem Moment spürte meine Hand etwas Kaltes in der Tasche. Mein Herz machte einen Hüpfer. Die Uhren. Ich hatte sie immer noch. Anscheinend war Joe ihr Verschwinden noch nicht aufgefallen. Ich beschloss, sie so bald wie möglich an ihren Platz zurückzulegen.

Ich nickte ernst. »Ich kann ein Geheimnis für mich behalten«, erklärte ich.

»Das glaube ich dir, Ludlow. Aber ich kenne auch die menschliche Natur. Versuchung ist ein Fluch, der auf allen Menschen lastet.«

»Ich kann es«, sagte ich unbeirrt. »Gebt mir eine Chance.«

Einen Augenblick lang dachte ich, er würde Nein sagen, aber er lachte nur und sagte: »Was wäre das Leben, wenn man nicht ab und zu ein Risiko einginge? Ich kannte mal einen, der traf seine Entscheidungen allein durch das Werfen einer Münze. Sollte er aufstehen oder im Bett liegen bleiben? Er warf eine Münze. Sollte er essen oder nicht? Er warf eine Münze. Das ging fast zwei Jahre so, dann wurde er eines Tages krank. Er warf also eine Münze, um zu entscheiden, ob er nach einem Arzt schicken sollte oder lieber nicht. Die Münze sagte Ja.«

»Und er wurde geheilt?«

»Nun, unglücklicherweise war der Arzt nicht gerade der beste. Seine Diagnose war mehr falsch als richtig, und die Arznei, die er ihm gab, viel zu stark. Der arme Kerl starb am nächsten Tag.«

Ich begriff nicht, was Joe mir damit sagen wollte.

»Verstehst du, Ludlow«, erklärte er, »das Leben ist ein Spiel, ganz gleich, wie du es spielst. Aber nun, wo waren wir stehen geblieben?« Er klopfte auf das Schwarze Buch der Geheimnisse und schlug einen ernsteren Ton an. »Natürlich gibt es ein paar Dinge, die du wissen musst, wenn du für mich arbeiten willst. Erstens, wir beginnen stets auf einer neuen Seite. Ich habe es mir zur Regel gemacht, vorauszublicken, nicht zurück.« Er lächelte vielsagend und sah mir in die Augen. Er wusste genau, dass ich in dem Buch geblättert hatte.

»Und zweitens, wenn alles niedergeschrieben ist, müssen wir das Buch so aufbewahren, dass es vor neugierigen Blicken geschützt ist.«

Ich beobachtete, wie er das Buch an keinen sichereren Platz als unter seine Matratze schob. Sollte das eine Art Probe sein? Wollte er mich in Versuchung führen, es zu stehlen?

Während ich noch hinschaute, stellte er mir eine sonderbare Frage.

»Glaubst du an das Glück, Ludlow?«

Darüber hatte ich in meinem Leben schon mehr als einmal nachgedacht. »Ich glaube, manche Menschen haben einfach mehr Glück als andere. Zum Beispiel die, die nicht in der Stadt zur Welt kommen.«

Joe lachte. »Ah, ja«, sagte er, »ein höchst unseliger Geburtsort. Die meisten, die dort geboren werden, sterben auch dort. Dir aber ist es gelungen, herauszukommen.«

»Dann habe ich also Glück gehabt.«

Joe zog die Schultern hoch. »Vielleicht ist es nicht nur Glück. Möglicherweise war es das Schicksal selbst, das dich zu mir geführt hat.«

»Schicksal? Schon eher meine beiden Füße!« Dann fragte ich ihn: »Woran glaubt Ihr? An Glück oder an Schicksal?«

Joe dachte eine Weile nach, bevor er antwortete. »Für unser Glück können wir selbst etwas tun, Ludlow. Durch unser Handeln und durch unsere Einstellung. Und damit nehmen wir Einfluss auf unser Schicksal. Gewiss ist nur eins: Dem Grab kann keiner von uns entrinnen.«

Dann überraschte er mich ein zweites Mal, indem er mir einen Shilling gab.

»Für eine gewissenhaft ausgeführte Arbeit. Steck es zu den anderen Münzen in deinem Beutel«, sagte er augenzwinkernd.

Kurz darauf gingen wir zu Bett. Als ich Joe schnarchen hörte, tastete ich hinter dem losen Mauerstein nach meinem Geldbeutel und warf den Shilling hinein. Dann wickelte ich mich in den Umhang und legte mich wieder hin. Ich fand aber keinen Schlaf, weil ich viel zu aufgewühlt war. Ich drehte mich um und dachte an Obadiah und Jeremiah Ratchet. Armer Obadiah, er war zu Recht empört über sich selbst; Grab-und Leichenräuber wurden tief verachtet. Was für eine schreckliche Ironie, wenn ausgerechnet ein Totengräber Tote wieder ausgraben muss. Je mehr ich Obadiah bedauerte, desto größer wurde meine Verachtung für Ratchet. Er hatte mich zwar nach Pagus Parvus gebracht, aber das war mehr Zufall als Absicht gewesen.

Eine Stunde verging, und ich war immer noch wach. Meine Gedanken drehten sich wie ein Karussell. Ich wusste, wenn Pa und Ma hier gewesen wären, hätten sie nicht lange überlegt, sondern Joe eins über den Kopf gezogen und das Schwarze Buch der Geheimnisse geklaut. Die Flasche auf dem Kaminsims wäre ohnehin längst geleert.

Dasselbe hätten sie von mir erwartet. Zu lügen, zu stehlen und zu betrügen war mir sozusagen in die Wiege gelegt. Aber hier in Pagus Parvus bei Joe schienen diese Eigenschaften fehl am Platz.

Ich litt unter quälender Unentschlossenheit. Mein Gewissen wollte mich zurückhalten, aber ich schäme mich zu gestehen, dass ich meiner Natur schließlich doch nachgab – trotz Joes Freundlichkeit mir gegenüber und seines Hinweises vorhin. Wie konnte man von mir erwarten, dass ich jetzt nicht das tat, was mein Leben lang selbstverständlich für mich gewesen war?

Vorsichtig zog ich das Buch unter Joes Matratze hervor und klemmte es mir unter den Arm. Ich wickelte mich fester in den Umhang und ging auf Zehenspitzen durch den Laden. Der Frosch beobachtete mich vorwurfsvoll, ich konnte Joes tiefes, lautes Atmen hören. Es überraschte mich, dass die Tür zur Straße nicht abgesperrt war. Ich öffnete sie und trat hinaus. Alles war so einfach gegangen. Kein Dielenbrett hatte geknarrt, keine Türangel gequietscht. Es schneite leicht, und die Lichter in den Fenstern warfen einen Schimmer auf die Straße. Wie in der vergangenen Nacht schienen die meisten der Einwohner von Pagus Parvus auch diesmal noch wach. Wenn ich jetzt fortginge, einfach die Straße hinunter, könnte ich auf Nimmerwiedersehen verschwinden.

Plötzlich spürte ich die Uhren in meiner Hosentasche und hielt inne. Ich lachte lautlos über meine eigene Dummheit. Was dachte ich mir eigentlich? Es war mitten in der Nacht, mitten im Winter. Hinter mir lagen ein warmes Bett, Essen und jemand, der sich anscheinend etwas aus mir machte; vor mir lagen nichts als Schnee und bittere Kälte.

Schnell ging ich wieder hinein und legte die Uhren ins Fenster zurück. Mit zitternden Händen schob ich das Schwarze Buch unter die Matratze, in der Hoffnung, Joe möge nicht aufwachen. Dann schlich ich zu meinem Platz neben dem Kamin, rollte mich neben den orangerot glühenden Kohlen zusammen und ging mit mir selber ins Gericht.

Kaum zu glauben, dass ich noch vor einem Tag in der schmutzigen Stadt gewesen war, ein unsicheres Dasein als gewöhnlicher Dieb geführt hatte und von den eigenen Eltern grausam verraten worden war. Und doch war ich jetzt hier und verdiente auf ehrliche Weise mein Geld – mit einer Arbeit, die geheimnisvoller und aufregender war, als ich es mir je hätte vorstellen können. Ludlow, sagte ich zu mir, du bist ein Trottel.

Ich sah zu Joe hinüber, der fest schlief, und da wusste ich: Was auch geschehen mochte, morgen und am übernächsten Tag und am Tag darauf, in die Stadt wollte ich nie wieder zurück. Mit meiner Vergangenheit musste ich wohl oder übel leben, aber hier bei Joe hatte ich eine Zukunft.

Kapitel 14

Von Fröschen und Beinen

Am nächsten Morgen erwachte Ludlow vom Duft warmen Brotes. Joe stand vor dem Kamin und war dabei, die Endstücke eines Brotlaibs zu rösten, die er auf den Schürhaken gespießt hatte.

»Genau zur rechten Zeit«, sagte er, als Ludlow aus seiner Ecke kam. »Hast du gut geschlafen? Also, ich war ein bisschen durcheinander.«

»Gut, ganz gut«, nuschelte Ludlow gähnend.

Joe ließ das geröstete Brot auf einen Teller gleiten und setzte sich an den Tisch. »Ich habe gestern Nacht vergessen, die Tür abzuschließen. Wir hätten sozusagen im Schlaf ermordet werden können.«

Ludlows Wangen wurden so heiß wie das Röstbrot.

Unbeirrt fuhr Joe fort: »Nun, du hast jetzt Zeit zum Nachdenken gehabt. Willst du bleiben? Die Arbeit ist nicht schwer. Du wärst mir eine große Hilfe.«

»Ich würde gern bleiben«, sagte Ludlow. »Sehr gern.«

»Dann also abgemacht. Und nun wollen wir frühstücken.«

In der Stadt hätte Ludlows Frühstück aus einem verschimmelten Stück Brot oder zähem Haferbrei bestanden. In Pagus Parvus, im Hinterzimmer des Geheimnis-Pfandleihers, war es ein wahres Festmahl. Der Tisch war überreichlich gedeckt mit geröstetem Brot, gekochten Hühnereiern, dicken Scheiben rosa Schinken, goldgelber Butter und zwei Krügen, der eine mit Bier, der andere mit frischer Milch. Sogar Besteck gab es, doch davon ließ sich Ludlow nicht bremsen: Er aß, als wäre es die letzte Mahlzeit seines Lebens. Joe sah ihm zu und staunte über den Appetit des Jungen, als Ludlow einen zweiten Becher Milch hinunterstürzte und dann die Fleischpastete in der Mitte des Tisches ins Visier nahm.

»Die hat der Fleischer heute Morgen vorbeigebracht«, sagte Joe. »Und der Bäcker das Brot. Was für eine Gastfreundschaft.«

»Vielleicht wollen die Leute nur, dass Ihr mehr von ihrem alten Plunder kauft«, murmelte Ludlow.

Joe biss von seinem Brot ab und spülte mit einem Schluck Bier nach. Mit einer Serviette, die auf seinen Knien lag, tupfte er sich das Kinn ab. Solch vornehme Umgangsformen hatte Ludlow noch nie erlebt, und er wischte sich verstohlen mit dem Ärmel über den Mund. Danach wartete er ausnahmsweise, bis er hinuntergeschluckt hatte, bevor er sprach.

»Obadiah tut mir eigentlich leid«, sagte er. »Ich glaube, er ist ein anständiger Mann.«

»Anständig zu sein ist nicht immer genug«, sagte Joe.

»Ihr habt sicher schon viele Geschichten dieser Art gehört?«

Joe nickte. »Auch viele, die noch schlimmer waren. Aber das ist wohl kaum ein Trost für den armen Kerl. Wenn man ihn erwischt, wird er mit Sicherheit ins Gefängnis gesteckt oder am nächsten Baum aufgeknüpft.«

»Und Jeremiah? Was ist mit ihm?«

Joe zog die Stirn in Falten. »Er würde alles abstreiten. Was gibt es schließlich schon für einen Beweis, dass Jeremiah hinter der Sache steckt? Hier steht das Wort eines Armen gegen das Wort eines Reichen. Das Urteil wäre so gut wie gesprochen. Ich fürchte, Jeremiah hat das ganze Dorf so fest in seiner Gewalt, dass es niemand hier wagen würde, ihn anzuklagen, geschweige denn ihn zu verurteilen.«

»Meint Ihr, dass Obadiah das Geld reicht?«

»Für den Moment schon«, sagte Joe. »Er wird zumindest seine Miete zahlen können. Aber ich frage mich, was Jeremiah sonst noch auf Lager hat.«

»Vielleicht können wir Obadiah noch irgendwie anders helfen«, sagte Ludlow.

Joe schüttelte den Kopf. »Nein, nein. In den Lauf der Dinge darf ich nicht eingreifen. Unsere Aufgabe ist es, Geheimnisse zu hüten. Steht ein Geheimnis erst mal im Buch, ist die Angelegenheit abgeschlossen. Genau genommen sollten wir auch jetzt nicht darüber sprechen.«

»Es gibt also gar nichts, was wir tun könnten?«

Joe schwieg.

Das Geschäft ging den ganzen Tag stoßweise, und bei Ladenschluss gab es in Joes Schaufenster zusätzlich eine Blumenvase in griechischem Stil, lederne Hosenträger mit Silberschnallen (eine davon fehlte), ein Paar robuste abgewetzte Stiefel (mit nur unwesentlich schief getretenen Absätzen) und eine Reihe Zierknöpfe aus Messing. Der Nachttopf stand in der Ecke neben dem Holzbein. Am späten Nachmittag war Ludlow gerade dabei, die Knöpfe im Schaufenster neu anzuordnen, da merkte er, dass er Zuschauer hatte. Drei Jungen standen draußen – dieselben drei, die gestern in der Menge standen, als Joe sich vorgestellt hatte. Ihre Körpergröße nahm von rechts nach links ab. Sie drückten ihre Gesichter gegen das Fenster, waren aber anscheinend zu schüchtern, um hereinzukommen. Joe ging zur Tür.

»Kann ich euch helfen, Jungs?«, fragte er und musterte sie mit seinem durchdringenden Blick.

Der Jüngste zeigte sich als der Mutigste. »Wir haben nichts zu versetzen«, sagte er, »aber wir wollen den Frosch sehen.«

Joe lachte. »Aber natürlich, tretet näher!« Die drei kamen herein, hintereinander, wobei der Jüngste nun an die letzte Stelle geschubst wurde.

Es waren die Brüder Sourdough, die Söhne der Bäckersleute Ruby und Elias. Sie traten vor den Glasbehälter und betrachteten respektvoll das farbenprächtige Tier, das ihr Interesse dadurch erwiderte, dass es ihnen prompt den Rücken kehrte.

»Wie heißt er?«, fragte der Mittlere der drei.

»Sie«, verbesserte Joe. »Sie heißt Saluki.«

»Was frisst sie?«

Joe zeigte ihnen die Tüten voll glibberiger, zappelnder Würmer und die gepanzerten Insekten, die Saluki fraß. Dann durften sie dem Frosch ein paar von den schmackhaften Leckerbissen durch eine Öffnung im Deckel des Behälters zuwerfen.

»Kann ich ihn mal halten?« Diesmal war es der Jüngste, der fragte.

»Darf ich«, verbesserte Joe. »Dass du ihn halten kannst, denke ich mir schon. Ist ja nicht schwer, einen Frosch zu halten. Du willst lediglich um meine Erlaubnis bitten.«

»Darf ich?«, fragte der Junge zappelnd vor Ungeduld.

»Nein.« Bei allen folgenden Besuchen (die Sourdough-Brüder kamen täglich) baten sie erneut darum, und wenn Joe auch fand, dass die Jungen für ihren Optimismus und ihre Beharrlichkeit zu bewundern seien, gab er ihnen doch stets eine abschlägige Antwort, mit der Begründung, Saluki gehöre nicht zu der Art von Fröschen, die sich gern in der Hand halten ließen.

»Würde sie davonspringen?«

»Sie ist ein Baumfrosch«, erklärte Joe. »Mehr ein Kletterer als ein Springer.«

»Woher habt Ihr sie?«

Ein träumerischer Ausdruck kam in Joes Augen. Er hakte die Daumen in die Westentaschen und wippte auf den Absätzen vor und zurück.

»Sie kommt aus einem Land auf der anderen Seite der Welt, dort, wo sich die Erde nach Süden wölbt. Da gibt es Tiere, die ihr euch im Traum nicht vorstellen könnt.«

»Habt Ihr den Frosch selber gefangen?«

»Sie war ein Geschenk«, sagte Joe. »Ein Geschenk von einem alten Mann an einen Jungen in eurem Alter.«

Die Sourdough-Brüder kicherten.

»Doch, sogar ich bin mal jung gewesen«, sagte Joe.

Fast jeden Tag, wenn die Jungen in den Laden kamen, erzählte Joe ihnen etwas. Er faszinierte sie mit Geschichten von all den fernen Ländern, die er besucht hatte, von Bergen, die Feuer und geschmolzenes Gestein spuckten, von Wäldern, in denen die Bäume so hoch waren, dass auf dem Waldboden immer kalte Nacht herrschte, obwohl ihre Blätter von der Sonne versengt wurden. Er sprach von Schiffen und Städten, die auf dem Grund des Ozeans lagen, von den gefrorenen eintönigen Weiten, wo niemals die Sonne hinkam. Doch eines gab es, wovon er ihnen nie erzählte, sosehr sie auch flehten und bettelten.

»Erzählt uns von dem hölzernen Bein«, drängten sie ihn.

Und immer schüttelte Joe den Kopf. »Heute nicht«, sagte er dann. »Vielleicht morgen.«

Kapitel 15

Gelöste Zungen

Polly hätte sich gern genauso oft im Pfandleihgeschäft aufgehalten wie die Sourdough-Brüder, doch während Elias und Ruby sich freuten, dass Joe ihren Jungen Geschichten erzählte, war Jeremiah längst nicht so wohlwollend. Pollys Besuche waren deshalb kürzer und weniger häufig. Sie und Ludlow hatten nach wie vor ihren Spaß an den kurzen Plaudereien über den Ladentisch, wenn es auch eher so war, dass Ludlow zuhörte und Polly redete. Wenn nämlich Polly erst einmal angefangen hatte, war sie so leicht nicht zu bremsen. »Ich weiß nicht, was das Besondere an diesem Laden ist«, sagte sie mehr als einmal kichernd. »Aber immer, wenn ich hier reinkomme, macht sich meine Zunge selbstständig.«

Ludlow hörte ihr gern zu. Er war neugierig auf das Dorf und seine Bewohner, besonders auf Jeremiah, und Polly erzählte ihm mit dem größten Vergnügen von den Begebenheiten im stattlichen Haus unten an der Straße.

Sie erzählte ihm von Jeremiahs Gewohnheiten (im Allgemeinen schlechten), seinen Stimmungen (ebenso) und seinen überzogenen Forderungen (zahlreich und häufig). Ludlow erkannte schnell, dass das Leben es mit Polly bisher nicht gut gemeint hatte. Sie war gescheit und litt unter der Benachteiligung, nur wenig Unterricht erhalten zu haben. Anders als heute war es damals nicht so leicht möglich, seinen Wissensdurst zu befriedigen, und obwohl Polly alles andere als zufrieden war mit ihrem Los, hatte sie sich damit abgefunden. Ihre Eltern waren gestorben, als sie noch ein Baby war, und Lily Weaver, die Näherin im Dorf, hatte sie aufgenommen. Sie brachte ihr später das Nähen bei, und Polly stellte sich auch recht geschickt dabei an, doch Lily begriff schnell, dass es im Dorf nicht genug Arbeit für zwei Näherinnen gab. Bald sah sie in dem Mädchen nichts anderes mehr als einen zusätzlichen Esser. Es war Pollys Glück, oder richtiger gesagt ihr Pech, dass gerade zu dieser Zeit Jeremiah Ratchet ein Dienstmädchen suchte. Da hatte sie ihre wenigen Habseligkeiten in einem alten fleckigen Leintuch zusammengebunden, an einen Stock geknotet und war über die Straße zu Jeremiahs Haus gegangen, wo sie nun seit sechs Jahren lebte und arbeitete.

»Es ist nicht so schlimm, wie du denkst«, sagte sie. »Solange ich meine Arbeit mache, kann er sich nicht groß beschweren.« Aber Polly sah immer müde und hungrig aus, und Ludlow hatte fast ein schlechtes Gewissen, dass er für Joe arbeiten durfte, Jeremiahs absolutes Gegenstück.

»Als Stanton Cleaver noch lebte, war es besser«, sagte Polly eines Tages zu ihm.

»Stanton Cleaver?«

»Der Vater des Fleischers. Am Anfang, als ich zu Jeremiah kam, haben er und Stanton fast jeden Abend miteinander gegessen. Da hatte ich immer eine Weile Ruhe.«

»Und was ist mit ihm?«, fragte Ludlow.

»Er hatte ein schwaches Herz, so hat Dr. Mouldered jedenfalls gesagt. Er ist ganz plötzlich gestorben. Seine Leiche hat niemand gesehen, so schnell ist er beerdigt worden. Alle hielten Stanton für einen großen Mann, aber ich weiß nicht. Zu seinem Sohn Horatio war er immer ganz schön gemein. Als Stanton tot war, hatte Jeremiah jedenfalls keine Freunde mehr im Dorf, und da fing er in der Stadt an zu spielen. Das macht er immer noch, und ich weiß nie, ob er spät nach Hause kommen wird oder nicht, aber egal, wann er kommt, betrunken ist er immer.« Sie seufzte. »Ich verstehe nicht, warum du aus der Stadt weg bist, nur um hierherzukommen – an einen Ort, wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen. War es wirklich so schlimm?«

»Viel schlimmer noch, als ich dir erzählt habe«, sagte Ludlow grimmig. »Du würdest es schrecklich finden, Poll. Die Stadt ist voller Gemeinheiten.«

»Manche hier sagen, du wärst aus der Stadt weg, weil du ein Verbrechen begangen hast«, sagte Polly. »Sie denken, du bist auf der Flucht.«

Ludlow runzelte die Stirn. »Lass sie denken, was sie wollen.«

»Und Joe?«, bohrte sie. »Woher ist er gekommen?«

Ludlow zog die Schultern hoch. Sooft er ihn danach gefragt hatte, war Joe einer Antwort erfolgreich ausgewichen. Im Grunde genommen wusste Ludlow nicht sehr viel über seinen neuen Herrn. Selbst in den Geschichten aus fremden Ländern, die Joe den Sourdough-Brüdern erzählte, brachte er es fertig, nicht viel von sich preiszugeben.

»Auch egal«, sagte Polly mit einem Grinsen. »Jedenfalls hat er Jeremiah ganz schön wütend gemacht. Du solltest hören, wie er euch beide verflucht. Eines Tages wird der noch mal explodieren!«

Jeremiah Ratchet konnte von Joe und Ludlow halten, was er wollte, die Dorfbewohner nutzten das Pfandleihgeschäft fleißig. Es stimmte, dass sie kaum etwas von Wert besaßen, doch anders als die meisten Pfandleiher nahm Joe alles an, was man ihm anbot, selbst die lächerlichsten und wertlosesten Dinge. Eine ausgestopfte, von Motten zerfressene, halb vermoderte Katze zum Beispiel. Und Joe bezahlte gut, ganz wie er versprochen hatte. Nicht einmal Lembart Jellico würde ein solches Pfand annehmen, dachte Ludlow.

Da die meisten Kunden außer Atem waren, nachdem sie die steile Straße heraufgekommen waren, musste Ludlow einen Stuhl neben die Tür stellen, und der wurde dankbar angenommen. Von seinem Platz hinter dem Ladentisch aus beobachtete Ludlow die Leute, wie sie keuchten und husteten und jammerten. Nach einer Weile ließ das Keuchen nach, dann kamen sie heran und zeigten vor, was sie an armseligen Sachen mitgebracht hatten. Joe hielt jedes Stück ins Licht, drehte es in diese und in jene Richtung. Manchmal (aber nur selten) nahm er sein Vergrößerungsglas und prüfte etwas aus der Nähe. Der Kunde stand dann die ganze Zeit daneben, kaum atmend und mit so fest geballten Fäusten, dass die Knöchel weiß hervortraten, und hoffte inständig, Joe würde das wertlose Objekt als Pfand nehmen. Das tat er natürlich, und so waren alle froh und erleichtert und dankten Joe überschwänglich. Meistens endete das Geschäft damit, dass sie rückwärts aus der Tür gingen und dabei immer noch dankten. Manchmal aber zögerte jemand, trat von einem Fuß auf den andern und gab vor, sich für Saluki zu interessieren.

Dann drehte sich Joe irgendwann um und fragte ganz ahnungslos: »Ist noch etwas?« Und in seinen Mundwinkeln zuckte der Anflug eines Lächelns.

In solchen Fällen sprachen die Leute ausnahmslos über Jeremiah Ratchet.

»Ihr müsst ein mutiger Mann sein, Mr Zabbidou. Nicht viele würden so gegen Jeremiah auftreten.«

Damit meinten sie die Begegnung am ersten Tag, als Joe es gewagt hatte, anderer Meinung zu sein als Mr Ratchet. Das hatte großen Eindruck auf die Dorfleute gemacht.

Joes Antwort war immer die gleiche. »Ich habe nur die Wahrheit ausgesprochen.«

»Ihr müsst wissen, er hat schon wieder eine Familie auf die Straße gesetzt«, fuhr der Betreffende fort, ohne sich von Joes scheinbarer Gleichgültigkeit abschrecken zu lassen. »Er hat ja seine Schläger, die das für ihn erledigen. Sie tragen Masken über den Gesichtern, deshalb wissen wir nicht, wer sie sind. Und alles wegen ein paar Pennys Miete, Mr Zabbidou. Es ist nicht recht.«

Wenn sie erwarteten, Joe würde etwas dagegen unternehmen, wurden sie enttäuscht. Er schüttelte nur traurig den Kopf.

»Eine schlimme Sache«, sagte er. »Wirklich eine schlimme Sache.«

Kapitel 16

Fragment aus den

Erinnerungen des Ludlow Fitch

Die Stadt war grau von Schmutz und Krankheit; auch Pagus Parvus lag immer in grauem Licht, aber das kam von den offenbar nie abziehenden Wolken. Ich machte bald die Erfahrung, dass in dieser Gegend selten anderes Wetter herrschte als in jener Nacht, in der ich gekommen war. Da der Ort an der ungeschützten Seite eines Berges lag, acht von zwölf Monaten mit Schnee bedeckt war und während der restlichen vier dem Regen ausgesetzt, war Pagus Parvus bei Fremden nicht beliebt, und die Menschen, die hier lebten, verließen es kaum je. Zwar waren Gerüchte von einem Fahrzeug, das sich von selbst bewegte, zu ihnen durchgedrungen, aber noch nie hatten sie eines dieser großen eisernen Ungeheuer gesehen – die zwei Schienen, auf denen es rollte, führten nicht nach Pagus Parvus. Wer die Wahl hatte, reiste am liebsten mit Pferd und Wagen, was allerdings ein Privileg einiger weniger war. Man war also hauptsächlich zu Fuß unterwegs.

Wäre Joe nicht gewesen, hätte mich kaum etwas hier gehalten, trotzdem fühlte ich mich in Pagus Parvus langsam zu Hause. Meine Zeit als Taschendieb war lange vorbei, und ich war froh, nicht mehr stehlen zu müssen. Aber Ratchets Handschuhe und seinen Schal trug ich weiterhin. Es war einfach zu schön, wie er mich deshalb bei jeder Begegnung anglotzte.

Immer abends nach dem Essen saß ich mit Joe am Feuer und wir unterhielten uns. Wir sprachen über vieles, kamen aber so gut wie nie zu einem Schluss. Joe war ein Mann, in dessen Gesicht sich wenig spiegelte; selten verriet sein Ausdruck, was in ihm vorging, und nur wenn wir von Saluki sprachen, wurde er ziemlich lebhaft. Dieser Frosch wurde wie eine Königin behandelt. Joe fütterte Saluki mit den fettesten Insekten, Schnecken und Würmern, und die Jungen aus der Bäckerei machten jeden Tag ein großes Getue um sie.

Wir sprachen auch über Jeremiah Ratchet. Ich hatte mir angewöhnt, wenn die Ladenglocke bimmelte, zu raten, ob jemand mit einem Pfandgegenstand käme oder mit einer Klage über Ratchet. Der aufgeplusterte Kerl hatte sich praktisch das ganze Dorf verpflichtet gemacht. Er schien seine Tage damit zu verbringen, dass er seinen Pächtern entweder drohte, sie aus ihren Häusern zu werfen, oder dass er seine maskierten Männer schickte, um diese Drohung wahr zu machen. Jedes Mal, wenn ich seinen Namen hörte, wuchs meine Enttäuschung darüber, dass niemand im Dorf willens oder in der Lage schien, es mit ihm aufzunehmen.

»Warum, meint Ihr, erzählen Euch die Leute so viel von Jeremiah Ratchet?«

»Weil sie ungeduldig sind.«

Eine typisch knappe Antwort. Manchmal waren die Unterhaltungen mit Joe wie Rätselraten.

»Für einen kleinen Ort wie diesen«, fuhr er fort, »ist Jeremiah eine schwere Bürde.«

»Warum tun sie dann nichts gegen ihn? Sie sind doch genug.«

Joe schüttelte den Kopf. »Jeremiah ist ein raffinierter Bursche. Hier ist jeder in seiner eigenen Notlage gefangen, und keiner sieht, dass wahre Macht nur in der Menge liegt. Um Jeremiah zu Fall zu bringen, müssten sie zusammenstehen, aber er hat sie entzweit und zieht Nutzen aus ihrer Angst. Sie glauben, er hat seine Informanten im Dorf.«

»Die Dorfleute würden sich ja wohl nicht gegenseitig verraten?«

»Zweifellos werden sie dazu gezwungen«, sagte Joe. »Und weil sie einander nicht trauen können, sind sie nicht bereit, sich gegen Jeremiah zu verschwören. Er könnte ja dahinterkommen. Mir erzählen sie von ihren Nöten, weil ich ein Fremder bin und Jeremiah mich nicht in der Hand hat. In ihrer Verzweiflung denken sie, ich würde sie vor dem Gauner schützen.«

»Und werdet Ihr das tun?«, fragte ich. Im Stillen wünschte ich, Joe würde es mit ihm aufnehmen.

»Wie übel die Situation auch sein mag, den Lauf der Dinge kann ich nicht ändern«, erwiderte er. Mehr wollte er zu dem Thema nicht sagen.

Unzählige Male hat Joe diesen Satz mit dem Lauf der Dinge gesagt. Ich fragte mich dann immer: Wollte er andeuten, dass er den Lauf der Dinge kannte? Aber auch wenn er nichts ändern wollte, wie er immer wieder beteuerte, so hatte allein seine Gegenwart schon eine merkliche Auswirkung auf die Dorfbewohner. Immerhin war Joe als Fremder nach Pagus Parvus gekommen, hatte seinen Laden eröffnet und schon in wenigen Tagen die Achtung und Bewunderung der Menschen seiner Umgebung gewonnen. Wir alle wurden von ihm angezogen wie die Motten, die nachts geräuschvoll gegen die erleuchteten Fenster flatterten. Manche Menschen machen mit lauter Stimme und großen Gesten auf sich aufmerksam, aber das hatte Joe nicht nötig. Seine Stimme war leise, er machte keine überflüssigen Worte. Und doch konnte man spüren, wenn er in der Nähe war.

Wie Joe zu Geld kam, war mir ein vollkommenes Rätsel. Überhaupt, was war das für ein seltsames Geschäft, Geld zu verschenken? Oder wie sollte man seine Tätigkeit sonst beschreiben? Die Schaufensterauslage nahm jeden Tag zu, doch obwohl er für viele Sachen bezahlte, sah ich ihn selten etwas verkaufen.

Und dann das Schwarze Buch der Geheimnisse. Die Einwohner von Pagus Parvus waren schnell bereit, Joes Angebot zu nutzen, und um Mitternacht verteilte er Beutel voller Münzen an alle und jeden. Es gab viele Geheimnisse in Pagus Parvus. Tagsüber schien der Ort nichts anderes, als was er war: ein kleines Bergdorf. Erst in den Stunden der Dunkelheit war zu erkennen, dass nicht alles zum Besten stand. In meinen schlaflosen Nächten, wenn ich über die Häuser am Hang blickte, ahnte ich, dass jede brennende Lampe, jede flackernde Kerze hinter den Fenstern eine Geschichte erzählte. Schatten bewegten sich hinter den Gardinen, Silhouetten, die unruhig im Dunkeln auf und ab gingen und vor Verzweiflung und Schuldgefühlen die Fäuste an die Stirnen pressten.

Joe hörte sich aufmerksam alle Nöte an und fällte nie ein Urteil – ungeachtet des Geständnisses. Ich wusste, dass er gut dafür zahlte, aber ich wusste nicht, nach welchen Maßstäben er den Wert eines Geheimnisses berechnete. Einmal fragte ich ihn, woher er sein Geld habe, da antwortete er nur: »Erbschaft«, und gab zu verstehen, dass die Unterhaltung damit beendet sei.

Eines Nachts kam Elias Sourdough aus der Bäckerei zu uns herauf und gestand, dass er das Mehl mit Alaun und Kreide gestreckt habe. Das war Joe vier Shilling wert gewesen. Als Lily Weaver kam und erzählte, sie habe ihre Kunden betrogen, indem sie ein zu kurzes Maß zum Stoffabschneiden verwendet habe, gab er ihr sieben. Sogar Polly stattete uns einen Besuch ab. Sie schlich sich eines Nachts aus Ratchets Haus, um zu gestehen, dass sie sein Besteck gestohlen habe. Joe und ich wussten es schon. Vor kaum zwei Tagen hatte Polly nämlich ein Messer und eine Gabel bei uns verpfändet, und erst nachdem sie wieder weg war, sahen wir auf jedem Teil Jeremiahs Initialen. Ich konnte nicht anders, als Pollys Dreistigkeit zu bewundern. Sie wusste, dass wir das Besteck nicht ins Fenster legen konnten (aber ich hätte zu gern Jeremiahs Gesicht gesehen, wenn er sein eigenes Besteck in unserem Schaufenster entdeckt hätte). Joe benutzte es nun selber.

Jeden Abend schürte Joe das Feuer und stellte die Schnapsflasche und zwei Gläser auf den Kaminsims, ich holte das Schwarze Buch aus dem Versteck und füllte das Tintenfass. Dann setzten wir uns und warteten, er in seinem Sessel neben dem Feuer und ich auf meinem Platz am Tisch. Es verging kaum eine Nacht, ohne dass jemand beim zwölften Glockenschlag an die Tür klopfte. Dann spielte ich meine Rolle: Während die Dorfleute ihre Geständnisse machten, saß ich unauffällig im Hintergrund und schrieb alles auf, Wort für Wort.

Manchmal war es schwer, nicht aufzuschreien bei dem, was ich zu hören bekam. Ich warf oft einen verstohlenen Blick zu Joe hinüber, der am Feuer saß, die Ellbogen auf die Armlehnen gestützt, die Fingerspitzen leicht aneinandergelegt. Sein Gesicht war leer wie eine weiße Seite, gleichgültig, was gesprochen wurde. Nur ab und zu krümmte er für den Bruchteil einer Sekunde die Zeigefinger, beschrieb mit ihnen Kreise in der Luft und legte sie dann wieder locker zu den anderen. Aber kein einziges Mal veränderte sich sein Gesichtsausdruck.

Kapitel 17

Horatio Cleaver

Der ist ein Mörder«, flüsterte der älteste Sourdough-Junge. »Macht sich nachts mit seinem Hackbeil auf die Jagd nach frischem Fleisch. Menschenfleisch.«

»Und das mischt er in seine Pasteten«, ergänzte der mittlere Bruder. Der jüngste fing an zu weinen.

Die drei standen vor dem Fenster der Fleischerei und sahen zu, wie Horatio Cleaver seine Messer wetzte. Mit wohligem Gruseln lauschten sie dem schabenden Geräusch der Klingen auf Metall und beobachteten die Funken, die um den Kopf des Fleischers flogen.

»Wenn ihr das wisst«, sagte der Jüngste zitternd, »warum sitzt er dann nicht im Gefängnis bei den anderen Mördern?«

Seine Brüder hatten nur Spott für ihn übrig.

»Es gibt keinen Beweis, du Dummkopf. Ohne Beweis kann man einen Menschen nicht ins Gefängnis stecken.«

»Der Beweis steckt doch in den Pasteten«, sagte der andere. »Und wenn der Mord entdeckt wird, ist es zu spät.«

»Eben! Weil die Leichen dann nämlich aufgegessen sind!«, riefen beide gemeinsam.

Sobald Horatio Cleaver, der Gegenstand dieser Verleumdungen, ihre feuchten Nasen an seiner Scheibe sah, brüllte er die Jungen an, rannte zur Tür und schwenkte seine Messer.

»Geht bloß mit euren Ro-Rotznasen von meiner Sch-Scheibe weg!«, rief er.

Schreiend und lachend rannte das Trio davon und stolperte und rutschte mit wild rudernden Armen den vereisten Hang hinunter.

Ludlow und Joe kamen zur Fleischerei, als die Sourdough-Jungen gerade in der Ferne verschwanden. Horatio stand noch mit geballten Fäusten unter seiner Ladentür, als er auf sie aufmerksam wurde. Ein wunderlicher Anblick waren diese beiden Fremden. Joe überragte alle anderen Leute hier, und das nicht nur wegen seiner ungewöhnlichen Körpergröße. Trotz seines Humpelns lag in seinem Gang eine Selbstsicherheit, die entwaffnend und beneidenswert war. Nicht einmal Leute, die schon ihr Leben lang im Dorf wohnten, bewegten sich auf dem abschüssigen, fast ständig vereisten Hang so mühelos. Ludlow, der Joe höchstens bis zum Ellbogen reichte, war immer ein paar Schritte zurück und musste fast rennen, um hinter ihm herzukommen.

Schnell ging Horatio wieder in seinen Laden und stellte sich hinter den Tresen. Joe blieb eine Weile vor dem Fenster stehen und betrachtete die Waren des Fleischers. Im Angebot waren an diesem Tag: Schweinefleischpastehten, außerdem Fassanenprust, beste Lammklotetts und Ganse Hünchen. Horatio hatte nicht oft eine Schule von innen gesehen.

»Ich bin gleich wieder da«, sagte Joe und ging hinein, während Ludlow draußen wartete.

Horatio Cleaver war bei Weitem nicht der beste Metzger, aber da er der einzige im Dorf war, mussten die Leute mit ihm vorliebnehmen. Sein Vater, Stanton Cleaver, war wegen seiner Fleischerkunst weit und breit bekannt gewesen, und seine Kunden hatten ihn noch in liebevoller Erinnerung. Er konnte eine ganze Kuh in weniger als drei Minuten schlachten und zerlegen, vom Kopf bis zum Schwanz, eine Meisterleistung, die er unter stürmischem Beifall alljährlich auf dem Markt der Grafschaft vorgeführt hatte. Wer würde diesen Anblick je vergessen: Stanton in seiner weißen, blutgetränkten Schürze, die Hände rot verschmiert, wie er unter ohrenbetäubendem Jubel den Fleischer-Pokal schwang?

Horatio konnte ihn gewiss nicht vergessen, denn zu seinem Leidwesen würde er den Platz des Vaters wohl nie ausfüllen. Daran wurde er jeden Tag erinnert, wenn er die missbilligenden Seufzer seiner Kunden zu hören bekam und ihr »Tztztz«, wenn er mit ihren Bratenstücken und Koteletts kämpfte. Doch immer nahmen sie das grob zerlegte Fleisch, das er ihnen gab, denn wenn sie auch mehr bekamen, als sie verlangt hatten, so bezahlten sie ganz sicher weniger, als es wert war. Horatio war nie gut im Rechnen gewesen, und der komplizierte Bezug zwischen Gewicht und Preis war etwas, das er noch nie recht hatte begreifen können.

Und waren es nicht die Kunden, die ihm verächtliche Blicke zuwarfen, so war es Stanton selbst, denn hinter dem Ladentisch befand sich ein Wandgemälde, ein lebensgroßes Porträt des Vaters mit allem, was zu ihm gehörte: Knochenmesser in der Hand, spöttisches Grinsen im Gesicht. Ständig spürte Horatio den bohrenden Blick in seinem Rücken, er wurde schnell nervös und geriet leicht ins Stottern – ein Vermächtnis aus der Zeit, als er unter seinem Vater gearbeitet hatte. Er stotterte aber nur, wenn er ganz besonders nervös war oder wenn man ihn reizte.

Stanton war ein Mann gewesen, den man nicht so leicht vergessen konnte. Fast fünf Jahre war er nun schon tot, doch sein Einfluss reichte weit über das Grab hinaus. Oft wachte Horatio nachts keuchend auf, als könnte er die würgenden Hände des Fleischermeisters um seinen Hals spüren. Er hatte keine glückliche Lehrzeit gehabt, und sein bescheidenes Talent für das Fleischerhandwerk hatte seinen Vater oft zu Gewalttätigkeiten getrieben.

Horatio hatte im Geschäft angefangen, kaum dass er über den Ladentisch blicken konnte, und im Lauf der Jahre hatte sich seine äußere Erscheinung der des Fleisches angeglichen, mit dem er den ganzen Tag zu tun hatte. Sein Körper war mit der Zeit stämmiger geworden, ein wenig wie der eines Stiers, und seine dicken haarlosen Unterarme hatten die Form von Lammkeulen. Er hatte ein längliches Gesicht und weite Nasenlöcher, und seine braunen Augen betrachteten die Umgebung mit mäßigem Interesse. Seine Fingerkuppen waren dick und stumpf; für einen Mann, der seinen Lebensunterhalt durch die Arbeit mit Messern verdiente, ging er erstaunlich leichtsinnig mit seinen Werkzeugen um.

Horatio wischte sich die Hände an seiner grau gestreiften Schürze ab und begrüßte Joe mit einem freundlichen »Schönen Nachmittag« und einem nervösen Lächeln. Er nickte in Richtung der flüchtenden Kinder.

»Würstchen sollte ich aus denen machen«, scherzte er, und die Klingen seiner Messer funkelten im Licht der Lampe. Ludlow, der draußen stand, schauderte bei dem Anblick.

Joe lachte höflich. »Darf ich mich vorstellen«, sagte er. »Ich bin Joe Zabbidou …«

»Der Pf-Pfandleiher«, unterbrach Horatio.

Joe antwortete mit einer kleinen Verbeugung.

»Ihr wohnt oben im alten Laden der Putzmacherin. Hoffentlich ergeht’s Euch besser als Betty P-P-Peggotty.«

Joe hob fragend eine Augenbraue.

»Sie hat Hüte gemacht«, fuhr Horatio fort und blies dabei in seine großen roten Hände. Die Temperatur im Laden war nur wenig höher als die im Freien. »Sehr teure Hüte, müsst Ihr wissen. Mit Pf-Pfauenfedern, Straußenfedern, seidenen Blumen und lauter solchen Sachen. Nicht mein Geschmack. Zu verrückt. Also ich, ich habe lieber eine einfache Kopfbedeckung.« Er strich stolz über seine weiße Fleischermütze und hinterließ Fettflecke darauf.

»Das sehe ich.«

»Sie konnte hier nichts verdienen, deshalb ist sie in die Stadt. Wollte da eine Schenke aufmachen, glaube ich.« Er rückte mit der Hand ein Stück Schweinefleisch auf dem Ladentisch zurecht und hackte gedankenverloren darauf herum.

»Falsche Lage, versteht Ihr. Zu weit oben auf dem verdammten Berg. Da kommt heute kaum mehr einer rauf, es sei denn, er liegt flach in der Kiste. Und selbst dann muss er raufgezogen werden. Sechs Pf-Pferde braucht man dazu. Und der Lärm auf dem Kopfsteinpflaster! Zum Tote-Aufwecken.« Er hielt einen Moment inne, das Messer mitten in der Luft, um über seinen Witz zu lachen.

»Zu mir kommen sie schon«, sagte Joe.

»Hab ich gehört, ja. Vielleicht habt Ihr mehr Glück als sie.«

»Jeremiah Ratchet glaubt das nicht.«

Voll Verachtung spuckte Horatio in die Sägespäne auf dem Boden.

»Der hat ja nicht lange gebraucht, bis er seinen Senf dazugegeben hat.«

»Er sagt, er sei Geschäftsmann.«

»P-Pah!«, rief Horatio. »Diese schleimige Kröte. Ich wette, der hat schon zu seinen Lebzeiten das eine oder andere Geschäft mit dem Teufel gemacht. Der lebt doch von der Not der Armen. Leiht ihnen Geld, und wenn sie’s dann nicht zurückzahlen können, nimmt er ihnen alles ab, was sie haben. Wirft sie aus ihren Häusern, nur wegen ein p-paar Tagen Mietrückstand. Der wird noch das ganze Dorf ausbluten lassen. Kein Wunder, dass er sich so gut mit meinem Vater verstanden hat; sie sind aus dem gleichen Holz geschnitzt.«

Mit einem gewaltigen Krach ließ er sein Messer niedersausen, sodass ein großer Fleischbrocken in die Luft und quer über den Ladentisch flog. Joe fing ihn blitzschnell auf.

Er sah dem Fleischer fest in die Augen, und obwohl Horatio seinem Blick ausweichen wollte, gelang ihm das aus irgendeinem Grund nicht. Seine Ohren wurden von einem sanften Rauschen erfüllt wie von Wind, der in den Bäumen raschelt, und die Beine wurden ihm schwach. In seinen tauben Fingern kribbelte es wie von tausend kleinen Ameisen.

»Ihr hört Euch an wie einer, der sich etwas von der Seele reden muss«, sagte Joe leise. »Kommt heute Nacht in meinen Laden. Vielleicht kann ich helfen.«

»Glaube ich nicht«, erwiderte Horatio schwerfällig und wie gebannt von Joes Blick.

Joe blieb beharrlich. »Nach Mitternacht, dann erfährt keiner davon.«

»Mal sehen.«

»Ausgezeichnet«, sagte Joe mit einem breiten Lächeln und brach damit den Bann. »Bis später also.«

»Was ist mit meinem Fleisch?«

»Das mache ich mir zum Abendessen«, sagte Joe. »Ich bezahle Euch später, wenn Ihr raufkommt.«

Die Kirchenglocke schlug Mitternacht, als Horatio vor dem Laden stand. Er zog seinen Umhang fester und hob die Hand zur Tür. Ungerührt sah der bleiche Halbmond zu, wie der Mensch dort unten zögerte und hin-und hergerissen war, ob er klopfen sollte oder nicht. Er hatte nicht herkommen wollen, und er begriff wirklich nicht, warum er jetzt hier stand, aber als Mitternacht herangekommen war, hatten ihn seine Beine ganz wie von selbst aus der Tür und den Berg hinauf geführt. Wie konnte ihm dieser Fremde helfen? Und überhaupt, woher wusste dieser Fremde, dass er Hilfe brauchte? Er dachte daran, wie Joe ihn angesehen hatte. Hatte er ihm den Verstand aus dem Kopf gesaugt?

Horatio schob die Hand vor, aber bevor er anklopfen konnte, öffnete Joe schon die Tür.

»Kommt herein, Horatio«, sagte er herzlich. »Wir haben Euch erwartet.«

Er geleitete den schweigenden Fleischer ins Hinterzimmer, wo im Kamin ein Feuer brannte. Horatio ließ seine massige Gestalt in den angebotenen Sessel sinken und runzelte die Stirn, als die Flammen beängstigend knackten. Joe reichte ihm ein Glas mit dem goldfarbenen Schnaps, und nachdem Horatio einen tiefen Zug genommen hatte und gleich noch einen, röteten sich seine Wangen, und seine Augen begannen zu glänzen.

»Ein starkes Tröpfchen«, sagte er und leerte das Glas.

»Ich glaube, Ihr habt ein Geheimnis, das Ihr nur zu gern verpfänden würdet«, half Joe ihm auf die Sprünge.

Fragend zogen sich Horatios Augenbrauen zusammen. »Was meint Ihr damit?«

»Das ist nun mal mein Beruf«, erklärte Joe. »Ich kaufe Geheimnisse.«

Ein Weilchen dachte Horatio über den Vorschlag nach. »Dann kauft dieses«, sagte er endlich.

Ludlow saß schon am Tisch, das Schwarze Buch vor sich aufgeschlagen, und Horatio begann.

Kapitel 18

Auszug aus dem

Schwarzen Buch der Geheimnisse

Das Geständnis des Fleischers

Ich heiße Horatio Cleaver und ich muss ein schreckliches Geständnis machen.

Mein Schuldgefühl hat mich an den Rand des Wahnsinns getrieben. Ich kann nicht mehr schlafen. Jede Nacht gehe ich auf und ab, bis der Morgen kommt, und dann drehen sich meine Gedanken immer wieder um das, was ich getan habe. Für mich gibt es nur den einen Wunsch: erlöst zu werden von meiner schrecklichen Last.

Ich weiß, dass mich die Leute für unfähig halten, sowohl als Mensch wie auch als Fleischer. Mir fehlt das Talent, das mein Vater hatte, und ich bin der Erste, der das zugibt. Er war ein wahrer Meister seines Gewerbes. Sein Geschick mit dem Hackbeil war unübertroffen, und mit seinem Tempo und seiner Genauigkeit hat er jeden Fleischer-Wettbewerb in der Grafschaft gewonnen. Stan, der Blitz, so haben sie ihn genannt. Für Pagus Parvus war er der größte Held seit Mick MacMuckle, dem einarmigen Hufschmied, der mit verbundenen Augen ein Pferd beschlagen konnte.

Für mich war er eine Bestie.

Solange meine Mutter lebte, blieb ich von seinen schlimmsten Ausfällen verschont, aber sie starb noch als junge Frau, und danach war ich ihm auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Er war ein hinterhältiger Mann, müsst Ihr wissen. Für die Leute im Dorf war er der fröhliche Kumpel, den Frauen wusste er immer etwas Nettes zu sagen und mit den Männern scherzte er. Aber abseits vom Ladentisch, hinten im Kühlhaus, war er ein anderer Mensch. Dort wurde er zu einem Monster. Er schlug mich jeden Tag, und zwar mit allem, was ihm gerade in die Hände fiel: Schweinshaxen, Rumpsteaks, sogar mit Hühnern, an denen noch die Federn hingen. Dauernd schärfte er mir ein, wie dankbar ich ihm sein müsse, dass er mir sein Handwerk beibrächte.

»Niemand sonst würde dich nehmen«, sagte er, und mit der Zeit glaubte ich ihm.

Ich wurde so nervös, dass ich immer mehr Fehler machte und er immer wütender wurde. Er spottete über meine Rechtschreibung, ließ mich aber nicht zur Schule gehen; er lachte über mein Stottern, obwohl er wusste, dass es dadurch nur schlimmer wurde. Was meine Arbeit anging, so gab ich mein Bestes, aber ich bin nun mal kein Fleischhauer – ich habe zwei linke Hände. Zur Strafe oder zum Spaß sperrte er mich in den Kühlraum, bis meine Hände so steif waren, dass ich kein Messer mehr halten konnte.

Es war ein elendes Leben. Nachts schlief ich auf den Sägespänen hinter dem Ladentisch, während er mit einem Glas Whisky hinaufging und sich oben am warmen Feuer zur Ruhe legte. Ich wäre am liebsten weggelaufen, aber er hatte mir solche Angst eingejagt, dass ich nicht mehr frei denken konnte. So ertrug ich die Prügel, die er mit seiner Zunge und seinem Gürtel austeilte, aber in mir brodelte es wie in einem Vulkan, der jeden Moment ausbrechen kann.

Und dann kam Jeremiah Ratchet. Mein Vater sah in ihm einen Gesinnungsgenossen, nämlich einen, der genauso unersättlich war in seiner hemmungslosen Gier nach Geld. Oft saßen die beiden im Zimmer über dem Laden am Feuer und tranken Bier und Schnaps bis in die frühen Morgenstunden, während ich jede ihrer Launen zu ertragen hatte.

»Gieß uns no-noch mal ein, Horatio«, spottete Jeremiah, und die beiden schütteten sich aus vor Lachen. Oder er sagte: »Wie war das, Horatio, was kostet euer Lammfleisch noch mal?«

»Zwölf P-Pennys das Pf-Pfund.«

Eines Tages kam Jeremiah lachend in den Laden. »Ich sehe, Ihr habt da etwas ganz Neues im Angebot«, sagte er und zeigte auf ein Schild im Schaufenster – ein Schild, das ich geschrieben hatte. Zu meiner Schande stand darauf:

›Kinderhack-Pastehten – drei Pence.‹

»Kinderhack-Pasteten?«, blaffte mein Vater und griff mit zornrotem Gesicht nach einem toten Huhn.

In dieser Nacht begriff ich, dass es für mich nichts zu verlieren gab. Meine Zeit war gekommen. Rache soll man mit kaltem Herzen ausführen, heißt es. Ich tischte sie heiß und dampfend auf.

Am nächsten Abend setzte sich mein Vater wie gewöhnlich vor ein herzhaftes Gericht aus Kartoffeln mit Fleischpastete, eine Eigenkreation von mir, und wie so oft gesellte sich Jeremiah zu ihm. Die beiden Männer am Tisch sitzen zu sehen war in höchstem Maße abstoßend. Sie fraßen, als hätten sie nur noch Stunden zu leben. Kaum war der eine Bissen verschlungen, wurde der nächste in den Mund gestopft. Fett triefte ihnen übers Kinn, Krümel hingen an ihren verschmierten Wangen und ihre Servietten waren bekleckert.

Ich sah ihnen gleichzeitig fasziniert und angewidert zu, wie sie ihr Essen in sich hineinschaufelten. Denn an diesem Abend hatten sie eine ganz besondere Pastete gegessen: Kleintier-Allerlei!

Am nächsten Morgen weckten mich Schmerzensschreie, die aus dem oberen Zimmer kamen. Ich fand meinen Vater stöhnend und zusammengekrümmt auf dem Bett liegen. Sein Gesicht war von eitrigen Furunkeln übersät, Schweiß rann ihm von der Stirn und sein Atem ging schwer und stoßweise. Er umschlang krampfhaft seinen Bauch und schrie immer wieder qualvoll auf. Ich rief Dr. Mouldered, aber schon als er kam, war uns klar, dass mein Vater dem Tode nahe war.

Mouldered schien überrascht. »Nun, ich nehme zwar an, dass es sich um ein Herzversagen handelt, was mich aber etwas irritiert, sind die Furunkel. Wie sonderbar. Ist Mr Cleaver vielleicht von einer Ratte gebissen worden?«

Ich spürte, wie mein Gesicht glühte und mein Herz raste. Woran er auch gestorben sein mochte, ein Rattenbiss war es ganz sicher nicht, eher ein Rattenimbiss. Wahrscheinlich von der Ratte, die ich ihm am Abend zuvor in der Pastete aufgetischt hatte. Vielleicht war es auch die eine oder andere meiner Zutaten. Das Rezept war einfach: Was tot war, wurde hineingemischt, Haare, Fell, Krallen, Pfoten, alles. Eine fein zerhackte Maus war dabei, zwei Handvoll hart gepanzerte Käfer, dicke Schmeißfliegen und dunkelrote, saftige Würmer. Nicht zu vergessen die Kröte, die ich, von einem Wagenrad zerquetscht, auf der Straße gefunden hatte.

Einen Tag und eine Nacht lang beobachtete ich meinen Vater, und während er sich vor Schmerzen wand, machte ich mir bittere Vorwürfe. Ich hatte ihn ja nur bestrafen wollen. Seinen Tod hatte ich nicht gewollt.

Aber er starb.

Er tat seinen letzten Atemzug, während ich vor ihm stand. Und was fühlte ich? Alles: Reue, Schuld, Zorn – und Erleichterung. Ich schloss ihm die Augen, deckte ihn zu und holte Dr. Mouldered.

»Herzversagen«, bemerkte er ungerührt, ohne auch nur seine Tasche zu öffnen. Und schon war er wieder weg.

Die Leute im Dorf beklagten seinen Tod natürlich.

»Was sollen wir ohne Stanton anfangen?«, jammerten sie. »Wer wird uns jetzt im Wettbewerb der Grafschaft vertreten?«

»Ich könnt’s ja versuchen«, hatte ich einmal gesagt, da musterten sie mich nur, als wäre ich ein Knorpelstück in einer billigen Pastete.

Mein Leben hätte nun, ohne meinen Vater, eine Wendung zum Besseren nehmen können. Aber ich hatte nicht mit dem Schuldgefühl gerechnet, das mich verzehrte – und auch nicht mit Jeremiah Ratchet.

Nach ein paar Tagen stattete er mir einen Besuch ab. Ich hatte ihn seit dem Abend des verhängnisvollen Essens nicht mehr gesehen. Er war weiß wie ein Blatt, das noch nie die Sonne gesehen hat, und seine blutunterlaufenen Augen lagen tief in den Höhlen.

»Mit dir habe ich ein Hühnchen zu rupfen«, sagte er streng. »Oder soll ich sagen ›ein Füßchen‹?« Er streckte die Hand aus und darin lag ein winziger, aber gut erkennbarer Zeh einer Ratte.

»Das habe ich zwischen meinen Zähnen gefunden«, sagte er. »Und zwar nach dem Essen, das du uns serviert hast. Diese Pastete, nach der mir die letzten drei Tage hundeelend war. Dieselbe Pastete, an der dein Vater gestorben ist. Wie ich sehe, hast du ihn ja ziemlich schnell unter die Erde gebracht.«

Mir stand fast das Herz still, aber ich zwang mich zu stottern: »W-Wie meint Ihr das, Mr Ratchet? Wenn mein Vater an der P-Pastete gestorben wäre, warum seid Ihr dann noch g-gesund und munter?«

Ratchet sah mich aus schmalen Augen an. »Offenbar habe ich von der vergifteten Ratte nicht so viel erwischt wie er.«

Er beugte sich über den Ladentisch, sodass ich seinen üblen Atem riechen konnte.

»Dich werde ich im Auge behalten«, sagte er.

Damit ging er, aber nicht ohne sich noch ein paar schöne Steaks und ein Stück Hammelfleisch zu nehmen. Die Pasteten ließ er links liegen. Und weil ich es ihm nicht verwehrte, wusste Jeremiah, dass er recht hatte.

Was ist das Schicksal für ein grausames, launisches Weib: Den einen tötet es, doch den anderen lässt es am Leben, damit er mich peinigen kann. Ratchet kommt regelmäßig jede Woche und nimmt sich, was ihm gefällt. Eine Gans oder auch zwei, einen Fasan, ein Stück Rindfleisch. Wie lange wird er damit zufrieden sein? Was passiert mit mir, wenn er alles erzählt? Ich weiß, dass ich falsch gehandelt habe, aber muss ich deshalb für den Rest meines Lebens leiden? Gibt es denn nie ein Ende dieser Qual? Ich bin nicht etwa ein Mensch ohne Gewissen, ich schäme mich meiner Tat zutiefst, aber ich weiß nicht, wie lange ich diese Last noch tragen kann. Seit dem Tag, an dem mein Vater beerdigt wurde, habe ich keine Nacht mehr ruhig geschlafen.

Ludlow legte die Feder weg, schob einen Bogen Löschpapier zwischen die Seiten und klappte das Buch zu.

»Ich kann Euch Linderung verschaffen«, sagte Joe und sah in Horatios unstete Augen. »Euer Geheimnis ist gut aufgehoben in meinem Buch, das schwöre ich Euch.«

Horatio seufzte tief, und langsam verschwanden die Falten auf seiner Stirn. Sein Blick hellte sich auf und er gähnte herzhaft.

»Ich fühle mich schon besser.« Er erhob sich, zögerte aber, die Münzen anzunehmen, die Joe ihm gab – eine große Summe.

»Ich habe das Gefühl, Mr Zabbidou, dass eher ich Euch bezahlen sollte!«

Joe schüttelte den Kopf. »Keineswegs, Mr Cleaver. Es ist ein ehrlicher Handel.«

»Also gut«, sagte Horatio und ging zur Tür, wo er einen Augenblick stehen blieb. »Ich habe geschworen, nie wieder eine Kleintierpastete zu machen, aber ich kann nicht leugnen, dass es mich an manchen Tagen in den Fingern juckt. Jedes Mal, wenn Jeremiah Ratchet hereinstolziert kommt und so tut, als ob ihm mein Laden gehört, wenn er mit seinen vornehmen Kleidern protzt und wie eine ganze Parfümerie stinkt, also dann würde ich zu gern noch mal was ganz Besonderes für ihn zusammenmischen.«

»Der Tag wird kommen, da Ihr nicht länger unter diesem Mann zu leiden haben werdet«, sagte Joe. »Ratchet wird bekommen, was ihm zusteht. Habt Geduld.«

Er brachte Horatio zur Tür, und Ludlow blieb schweigend am Tisch sitzen. Horatios Geschichte hatte ihn an Dinge erinnert, die er lieber vergessen würde. Ludlow wusste, wie es war, einen gewalttätigen Vater zu haben. Was für ein Unglück für Horatio, als Sohn eines solchen Mannes geboren zu sein! Aber hieß das, dass er von Geburt an dazu ausersehen war, ihn zu ermorden?

Joe sah Horatio nach, der die Straße zur Fleischerei hinunterging. Er wartete, bis er ihn im Laden verschwinden sah und bis oben das Licht gelöscht wurde. Er lächelte. Horatio würde heute Nacht schlafen. Aber es gab andere, die konnten es nicht.

Kapitel 19

Eine unruhige Nacht

Während Joe den Klagen der Dorfleute zuhörte, lag auf halbem Weg hangabwärts Jeremiah Ratchet hellwach in seinem Bett. Vor Joes Ankunft war in Jeremiahs Haus selten ein Licht nach Mitternacht zu sehen gewesen. Ein Mensch ohne Gewissen schläft für gewöhnlich tief und fest, und Jeremiah schnarchte stundenlang und so laut, dass selbst Polly in ihrem Dachzimmer kein Auge zubekam. Der Umstand, dass Jeremiah die Hauptursache all der Schlaflosigkeit in Pagus Parvus war, konnte seinen eigenen Schlaf jedenfalls nicht trüben.

Seit Kurzem aber wälzte er sich jede Nacht unruhig im Bett hin und her. Er rief zu unchristlichen Zeiten nach Polly und verlangte etwas Warmes zu trinken, ein Buch zum Lesen oder frische Glut für seinen Bettwärmer. Aber nichts half. Der Schlaf kam nicht.

Jeremiah Ratchet wohnte in der Mitte des Dorfes in einem Haus, das fünfmal so groß war wie die Häuschen, die er an seine unglückseligen Pächter vermietete. Im Lauf vieler Jahre hatte er es mit allen möglichen Kostbarkeiten angefüllt, doch am Ende war es mit seiner Einrichtung wie mit seiner Kleidung: zu schrill, zu aufdringlich, alles in allem kein schöner Anblick. Das Haus hatte sieben Schlafzimmer (obwohl er noch nie einen Gast über Nacht eingeladen hatte), ein herrliches Speisezimmer, in dem von einer großen Küche aus aufgetragen wurde (an den meisten Abenden aß er aber allein da). Es gab auf dem Dachboden Platz für fünf Dienstboten, aber aus angeborenem Geiz beschäftigte er nur zwei: Polly und einen Jungen, der die Pferde versorgte, aber der schlief im Heu.

Mit großem Vergnügen pflegte Jeremiah, selbstgefällig die Hände hinter dem Rücken verschränkt, die muffigen, düsteren Gänge seines Hauses abzuschreiten. Dabei betrachtete er die Porträts an den Wänden: Sieben Generationen Ratchets sahen mit kalten Augen und spöttisch gekräuselten Lippen auf ihn herunter. Er bewunderte den Schimmer auf seinem Silberzeug und schwelgte im Luxus seiner importierten Teppiche – handgeknüpft von Teppichwebern in einer afrikanischen Wüste. Manchmal, wenn er seine Finger in ihrem Flor vergrub, bildete er sich ein, er könne die Sandkörnchen unter den Nägeln spüren. Eine Einbildung, die sogar Wirklichkeit war: Pollys Reinlichkeit ließ zu wünschen übrig.

So war das, bevor Joe Zabbidou ins Dorf kam.

Joe hatte Jeremiah gleich vom ersten Morgen an aus der Fassung gebracht. Obwohl er seitdem nicht mehr zum Pfandleihhaus hinaufgegangen war, jedenfalls nicht bei Tageslicht, wusste Ratchet genau, was im Schaufenster lag. Er hatte Polly angewiesen, regelmäßig hinzugehen – das Geschäft jedoch nicht zu betreten – und ihm die ausgestellten Sachen in allen Einzelheiten zu beschreiben.

»Zersprungene Nachttöpfe und alte Stiefel!«, rief Jeremiah. »Wie kann ein Mensch auf diese Art und Weise Geld verdienen? Er muss ein Narr sein!«

Schon seit Generationen hatte die Familie Ratchet in Pagus Parvus ihren Nutzen aus den Armen im Dorf gezogen. Diese Tradition hatte Jeremiah mit List, Zwang und ererbter Falschheit fortgesetzt. Er hatte Häuser und Grundstücke erworben und vermietete beides an die Dorfleute für Summen, die nur als kriminell zu bezeichnen waren. In regelmäßigen Abständen setzte er sie auf die Straße, um ihnen zu beweisen, dass er es ernst meinte, kurz darauf ließ er sie wieder einziehen und presste ihnen das Einverständnis ab, dass sie ihm von nun an noch mehr Miete schuldeten. Obadiah war nicht der Einzige, der in diese Schuldenfalle geraten war, und auf diese Weise wuchs Jeremiahs Wohlstand.

Seiner Meinung nach war dieser Reichtum allein auf seine Begabung als Geschäftsmann zurückzuführen. Natürlich ist es nicht schwer, ein geschickter Geschäftsmann zu sein, wenn es keine Konkurrenz gibt. Allmählich aber ahnte Jeremiah, dass Joe der Rivale sein könnte, den er bisher nicht gehabt hatte. Dummerweise war Joes Laden nicht sein Eigentum, ein Umstand, der ihn sehr verärgerte. Was ihn aber noch mehr wurmte, war Joes offensichtlicher Reichtum. Er hatte sich persönlich davon überzeugt, dass es nur das Geld war, das Joe zu seiner herausgehobenen Stellung verhalf – besonders sein freigiebiger Umgang damit. Das durfte so nicht weitergehen. Zwei Wochen nachdem der Pfandleiher seinen Laden eröffnet hatte, musste Jeremiah verblüfft feststellen, dass das Leihhaus immer noch existierte. Und nach der Zahl von Leuten zu schließen, die auf ihrem Weg den Berg hinauf an Jeremiahs Haus vorbeikamen, blühte das närrische Gewerbe mit Nachttöpfen und alten Stiefeln sogar.

Jeremiah hatte sich grün und blau geärgert, als kürzlich Obadiah Strang auf der Straße auf ihn zugekommen war, einen sonderbaren Ausdruck in den Augen.

»Nun, Obadiah«, hatte Jeremiah genörgelt. »Ich hoffe, du willst dich nicht schon wieder um die wöchentliche Miete drücken. Ich habe dir gesagt …«

»Da«, sagte Obadiah triumphierend. »Nehmt das hier.« Er warf Jeremiah einen Lederbeutel zu, und als Jeremiah ihn neugierig öffnete, fand er ihn voller Münzen.

»Es ist die ganze Summe«, sagte Obadiah. »Meine Schuld ist abbezahlt.«

Mit hoch erhobenem Kopf ging der Totengräber davon, und Jeremiah blieb im Schnee stehen und sah mit offenem Mund hinter ihm her. Als die Vorüberkommenden anfingen, hinter vorgehaltener Hand über ihn zu lachen, machte er schleunigst kehrt und ging hastig nach Hause. In der Eingangshalle kam Polly auf ihn zu.

»Das hat jemand für Euch abgegeben«, sagte sie. Sie hielt die hölzerne Schaufel in der Hand. Wutschnaubend stürmte Jeremiah an ihr vorbei in sein Arbeitszimmer und schlug die Tür so heftig zu, dass die Fenster klapperten.

Nicht nur Obadiah war plötzlich zu Geld gekommen. Mindestens noch drei andere Schuldner hatten bezahlt. Woher haben sie das?, fragte sich Jeremiah, und die einzig vorstellbare Antwort war Joe Zabbidou. Jeremiahs Laune wurde immer schlechter, und das bekamen Polly und der Stalljunge am stärksten zu spüren. Niemals hatte Jeremiah gedacht, dass auch nur einer aus dem Dorf seine Schulden würde bezahlen können. Wenn das so weiterginge, würde er andere Wege finden müssen, an Geld zu kommen.

Vor Kurzem hatte er gehört, dass sich der Verkauf von Zähnen, falschen wie echten, lohnen würde. Ironischerweise litten die Reichen mehr unter Zahnfäule als die Armen. Das lag zweifellos an ihrer süßeren und exotischeren Nahrung, im Gegensatz zu der groben Kost ihrer ärmeren Mitmenschen. Gut betuchte Damen und Herren zahlten ein hübsches Sümmchen für echte Zähne, die sie sich in ihre Lücken setzen lassen konnten – nicht zuletzt deshalb, weil das als deutliches Zeichen ihres Reichtums galt. Jeremiah hatte schon daran gedacht, ob er einen Nutzen aus dieser Geschäftsmöglichkeit ziehen könnte. Das letzte Mal, als er im Flinken Finger war, hatte er von einem gewissen Barton Gumbroot gehört, der auf diesem Gebiet Bescheid wisse. Im Hinterkopf machte er sich eine Notiz, sobald er nächstens in der Stadt wäre, diesen Gumbroot aufzusuchen.

Zuerst aber musste er mit diesem Pfandleiher fertig werden. Sobald er nur an Joe dachte, diese Bohnenstange von Mann, dessen Haar jeder Beschreibung spottete, spürte er, wie er unwillkürlich die Zähne aufeinanderbiss und wie vom Nacken her ein Schmerz in seinen Kopf kroch. Und was den Jungen anging, seinen mageren, kurzbeinigen Gehilfen, der ihm auf Schritt und Tritt folgte, der schien ein verschlagener kleiner Teufel zu sein. Er trug ein Tuch und Handschuhe, die verdächtig Jeremiahs eigenen glichen, beides Sachen, deren Diebstahl er dem Kutscher anlastete. Und dann diese großen dunklen Augen. Noch kein einziges Mal hatte Jeremiah Ludlows Blick standhalten können. Er hatte immer wegsehen müssen.

Seit ihrer ersten Begegnung hatte sich ein schleichendes Gefühl der Unzufriedenheit in Jeremiah breitgemacht. Wenn er jetzt die Straße entlangging, warfen ihm die Dorfleute verstohlene Seitenblicke zu, und das machte ihn nervös. Gelächter drang ihm in die Ohren, obwohl die Gesichter um ihn herum grimmig und verbissen waren. Im Dorf ging eine Veränderung vor sich. Sie lag sozusagen in der Luft. Er konnte sie in den Knochen spüren, dass ihn schauderte. Und er ahnte, dass alles irgendwie mit dem Pfandleiher zusammenhing.

Es dauerte nicht lange, bis Jeremiah etwas von Joes nächtlichen Besuchern bemerkte. Was hatte das alles zu bedeuten?

Er lag die Nacht über wach in seinem Himmelbett und wälzte sich unruhig. Das kleinste Geräusch schien ihm zehnmal so laut, während er auf die Schritte unter seinem Fenster horchte. Er hatte versucht, sie zu überhören, hatte das Gesicht unter dem Federbett vergraben, aber er konnte den Geruch seines eigenen Atems nicht ertragen und war jedes Mal schnell wieder aufgetaucht. Dann setzte er sich auf, legte nachdenklich die Stirn in Falten, murmelte vor sich hin und trommelte mit den Fingern auf die Bettdecke, bis er wieder einmal leise knirschende Schritte draußen im Schnee hörte. Da sprang er aus dem Bett und lief zum Fenster. Er sah die dunklen Gestalten, die zu Joe hinaufgingen, aber er konnte sie nicht erkennen. Was auch immer sie im Schilde führten, für ihn konnte es nur noch mehr Ärger bedeuten. In seinem Nachthemd stand er da, schüttelte die geballte Faust und stampfte zornig auf den Boden.

»Diesem Mann muss das Handwerk gelegt werden!«, schrie er in die Nacht.

Kapitel 20

Fragment aus den

Erinnerungen des Ludlow Fitch

War Joe von anhaltendem Interesse für die Dorfleute, so war ich von ebenso anhaltendem Interesse für die Jüngeren, nämlich für Polly und die Brüder Sourdough. Ich hatte nie Freunde gehabt, denn dort, wo ich herkomme, waren die Menschen einzig dem Geld verpflichtet. Doch die Sourdough-Jungen waren nicht so. Sie waren unterhaltsam und brachten mich zum Lachen. Ich mochte sie. Bis auf den ältesten vielleicht. Bei ihm hatte ich immer das Gefühl, als könne ich ihm nicht ganz trauen. Man wusste nie so recht, was er dachte.

Im Gegensatz zu den Brüdern war Polly weniger an Saluki interessiert, vielmehr an Geschichten aus meiner Vergangenheit. »Erzähl mir von der Stadt«, drängte sie immer wieder. »Ich will alles wissen.«

Da erzählte ich. Ich erzählte ihr von den düsteren Straßen, die so dicht von Häusern gesäumt waren, dass die Sonne nie bis zum Boden drang; von den ramponierten Bürgersteigen, auf denen halb verfaulte Nahrungsreste herumlagen, tote Hunde und verwesende Ratten; von den stinkenden Pfützen und den Fliegenschwärmen, die in Wolken darüber hinsummten. Ich erzählte ihr von den Menschen, die im Rinnstein hockten und um Geld bettelten, damit sie in eine der Schenken gehen konnten, und von anderen, die betrunken am Straßenrand lagen, weil sie aus einer Schenke hinausbefördert worden waren; und ich erzählte ihr von der unerträglichen Kälte im Winter, wenn Menschen und Tiere an Ort und Stelle erfroren.

Durch all dieses Elend strömt der Fluss Foedus, dessen Wasser langsam wie eine dicke Suppe dahintreibt. Aber bei Gott, er macht seinem Namen alle Ehre. Sein abscheulicher Gestank hängt wie ein Leichentuch über der Stadt. Nie kann man ihm trauen. Ich habe gesehen, wie er versucht, die Schiffe von seiner Oberfläche abzuschütteln: Er lässt sie schwanken wie wild, sodass sich ihr empörtes Knarren und Ächzen mit den angstvollen Rufen der Schiffer und Passagiere mischt, die auf den kleinen Fähren den breiten Strom überqueren. Alle fürchten sein trübes Wasser. Man weiß nur von wenigen, die ein Untertauchen in dieser Giftbrühe überlebt haben. Hat der Foedus erst jemanden verschlungen, gibt er ihn so schnell nicht heraus. Er reißt ihn in die Tiefe, saugt ihm das Leben aus, und erst Tage später spuckt er sein Opfer ans Ufer – vergiftet von den tödlichen Gasen.

Der Foedus teilt die Stadt in zwei Hälften, und er trennt auch die Menschen. Am Nordufer leben die Reichen, am Südufer die Armen. Es gibt nur eine einzige Brücke über den Fluss. Vielleicht hatte sie früher mal einen Namen, doch jetzt wird sie einfach nur »die Brücke« genannt. Zu beiden Seiten ist sie gesäumt von Schenken, Wirtshäusern und Herbergen der übelsten Sorte, und in diesen dunklen, rauchigen Lasterhöhlen sind alle Menschen gleich, ob sie vom Nordufer oder vom Südufer kommen: Sie prügeln sich, sie spielen, sie trinken, sie bringen sich gegenseitig um. Ich war selber schon im Flinken Finger, das ist die Schenke, in die Jeremiah Ratchet und Ma und Pa gern gehen.

In einer Stadt, deren Lebensnerv das Verbrechen ist, gibt es auch Strafen, um es einzudämmen. Jede Sache hat auch ihr Gutes, und wenn ich das jetzt auch nicht gern sage: Damals habe ich von den Missetaten anderer gut gelebt, vor allem mittwochs, wenn am Galgeneck Verbrecher gehenkt wurden.

Eine Hinrichtung war wie ein Feiertag. Die Menge freute sich an dem Spektakel fast so sehr, wie der arme Kerl am Galgen Angst davor hatte. Der Verurteilte wurde auf einem Karren gebracht, man hatte ihn aus dem Irongate-Gefängnis geholt und durch die Melancholy-Gasse zum Galgenplatz gefahren. Ich denke, er war schon zu Beginn der Fahrt in trauriger Verfassung, aber an ihrem Ende ging es ihm erbärmlich. Es war üblich, dass die Zuschauer dem Karren im Vorüberfahren nachwarfen, was gerade greifbar war: verfaultes Obst und Gemüse aus dem Rinnstein, auch mal eine tote Katze. Ich selbst habe keinem dieser armen Teufel je auch nur eine Kartoffelschale nachgeworfen. Wer konnte wissen, ob ich nicht nächste Woche selber im Karren sitzen würde?

Die Menge jubelte, wenn der Verbrecher dann die Stufen hinaufgeführt wurde und man ihm die Schlinge um den Hals legte (nicht selten auch war es eine Frau, die dort oben stand). Das war der Augenblick, in dem ich mich immer abwandte, nicht zuletzt deshalb, weil dann die günstigste Zeit für mich gekommen war. Wenn alle wie gebannt auf die entsetzliche Szene schauten, die sich vor ihren Augen abspielte, schob ich mich unauffällig zwischen den Leuten hindurch und nahm mit, was ich ergattern konnte. Ich hörte, wie die Falltür aufklappte und wie der Balken ächzte, wenn das Gewicht herabfiel. Und während die Menge noch johlte, schlich ich mich davon, bevor jemand den Verlust seines Geldbeutels bemerken konnte.

Polly saugte gierig jedes Wort auf. »Eines Tages gehe ich dorthin«, verkündete sie mit glänzenden Augen. Und ich konnte sagen, was ich wollte, sie ließ sich ihren Entschluss nicht ausreden.

Obwohl ich Polly vieles erzählte, sagte ich ihr nichts von Ma und Pa. Ich sagte ihr nicht, wie sie mich bestohlen und geschlagen hatten oder warum ich wirklich die Stadt verlassen hatte. Und mit keinem Wort sprach ich davon, was sie mir hatten antun wollen und dass mich dieses Erlebnis nachts in meinen Träumen verfolgte. Das Gesicht meines Vaters stand immer noch drohend über mir, und seine Hände lagen um meinen Hals … oder waren es meine, die um seinen Hals lagen?

Ich konnte Ma und Pa nie verzeihen, was sie getan hatten, und trotzdem war ich ihnen in gewisser Weise auch dankbar. Mit Taschendieben ging man streng ins Gericht, egal wie alt sie waren. Hätten Ma und Pa mich also nicht aus der Stadt vertrieben, so hätte sich früher oder später ganz sicher die Schlinge um meinen Hals gelegt, und mein lebloser Körper hätte an einem dieser Galgen gebaumelt.

Kapitel 21

Stirling Oliphaunt

Die Tage vergingen, und immer mehr Dorfleute profitierten von Joes Hilfe, die nicht nur in seiner großzügigen Bezahlung für ihre verpfändeten Sachen, sondern auch in seinem mitternächtlichen Handel bestand. Obwohl niemand über die glückliche Wendung seines persönlichen Schicksals sprach, war deutlich zu spüren, dass etwas vor sich ging. Ohne Zweifel war Joe der frische Wind, den das Dorf seit Langem so dringend ersehnt hatte. Der ganze Ort schien irgendwie heller, so als hätten sogar die Häuser tief aufgeseufzt und sich dann entspannt zurückgelehnt, um das Licht hereinzulassen. Als eines Morgens für ein, zwei Minuten die Wolken aufrissen und dazwischen ein Stück blauer Himmel zu sehen war, blieben die Leute auf der Straße stehen.

»Ein Wunder«, erklärte Ruby Sourdough. Der blaue Himmel verschwand, doch dieser eine Moment hatte genügt, um zu wissen: Es gibt ihn tatsächlich.

Ob es nun ein Wunder war oder nicht, der einzige Mensch im Dorf, der zu einer solchen Feststellung berufen war, lag noch im Bett und verpasste das historische Ereignis.

Das war Stirling Oliphaunt, der Pfarrer.

Schon seit zwanzig Jahren betrachtete sich Stirling Oliphaunt jeden Morgen im Spiegel (sein Morgen begann gewöhnlich um die Mittagszeit) und beglückwünschte sich zu seinem Posten in Pagus Parvus. Eine bessere Stelle konnte sich ein Mann seines Charakters kaum wünschen – und sein Charakter war der eines faulen, oberflächlichen Menschen, dessen angeblicher Glaube an eine höhere Macht ihm ein leichtes Leben ermöglichte. Als er vor zwei Jahrzehnten ins Dorf gekommen war, war er eine Weile an der Kirchentür stehen geblieben und hatte den Blick aus seinen fettgepolsterten Augen bedächtig hangabwärts über die Häuser wandern lassen.

Auf einen solchen Ort habe ich schon lange gewartet, hatte er gedacht. Dieser Berg muss eine Steigung von vierzig Prozent haben, wenn nicht mehr.

Zu jener Zeit waren die Dorfleute noch eher dazu bereit, dem Wort Gottes zu lauschen, deshalb sah sich Stirling – sehr zu seiner Enttäuschung – gezwungen, fast acht Monate lang jeden Sonntag zu predigen. Seine monotone Stimme und die immer gleichen Themen (der Teufel, die Dunkle Seite, Hölle, Pech und Schwefel und alles, was damit zusammenhing) garantierten, dass er zu einer allmählich schwindenden Zuhörerschaft sprach. Zuletzt schwand sie auf null, ganz nach Stirlings Wunsch. Von da an verbrachte er seine Tage ruhig und beschaulich, erfreute sich an edlen Weinen und gutem Essen auf Kosten der Kirche und tat im Großen und Ganzen, was ihm gefiel – und das war wenig. Er dachte auch an Gott. Es musste einen Gott geben, denn wie sonst konnte ein Mensch mit einem so glücklichen Schicksal gesegnet sein?

Nun war Stirling mehr als leicht irritiert durch die Ereignisse der vergangenen Wochen. Von seiner erhöhten Lage oben auf dem Berg war ihm nicht entgangen, dass immer öfter immer mehr Menschen die Straße heraufkamen. Zuerst hatte er gedacht, die Leute wollten möglicherweise zu ihm und ihm einen Gottesdienst abverlangen. Als er jedoch erkannte, dass Joe Zabbidou ihr Ziel war, hatte er tief aufgeseufzt vor Erleichterung.

Stirling hatte sich an ein bequemes Leben gewöhnt, in dem es kaum Störungen und gewiss keine Forderungen von seiner Gemeinde gab. Als Jeremiah wegen des Leichenraub-Plans zu ihm gekommen war, hatte er keinen Grund gesehen, ihm im Wege zu stehen. Für diese Haltung war er reichlich mit Geschenken aus Jeremiahs Weinkeller belohnt worden. Man täusche sich aber nicht in Jeremiahs Charakter: Den größten Teil seiner Gaben trank er selbst, wenn er Stirling jeden Donnerstag besuchte.

Damals, an dem ersten Morgen, hatte Stirling Joe Zabbidou und seinen jungen Gehilfen auf dem Friedhof gesehen, aber er hatte keine Lust gehabt, die neuen Mitglieder seiner Gemeinde förmlich zu begrüßen. Polly, die nach einer Übereinkunft zwischen Stirling und Jeremiah jeden Tag heraufkam, um bei ihm zu kochen und zu putzen, hatte ihm später erzählt, dass der Hutladen einen neuen Besitzer habe.

»Einen Hutmacher?«, hatte der Pfarrer gefragt.

»Nein, einen Pfandleiher.«

»Einen Pfandleiher?«

Polly antwortete nicht. Stirling hatte nämlich den Hang, eine Erklärung in eine Frage umzuwandeln, was er immer dann äußerst hilfreich fand, wenn er keine Antworten wusste. Er hatte diese Angewohnheit in einer früheren Pfarrei angenommen. Die Leute dort waren schrecklich wissbegierig gewesen, sie liebten ein lebhaftes Gespräch über Glaubensfragen und waren der festen Überzeugung, dass auch Stirling Vergnügen daran finden müsse.

»Ein Pfandleiher?«, wiederholte er. Er überlegte kurz, wie sich das auf seine Stellung im Dorf auswirken könnte, und kam zu dem Schluss, dass es wohl für ihn persönlich folgenlos sei. Im Grunde genommen glaubte er, dass Joes Ankunft hier überhaupt niemanden groß berühren würde. Er war deshalb verblüfft von dem Ausmaß an Feindseligkeit, das Jeremiah Ratchet dem Neuankömmling gegenüber empfand.

Es war später Nachmittag. Der Pfarrer saß in einem Sessel und döste vor sich hin, da riss ihn ein Poltern an der Tür jäh aus dem Schlaf. Polly öffnete, wurde aber zur Seite gestoßen, als Jeremiah schnurstracks an ihr vorbei ins Wohnzimmer stürmte.

»Jeremiah?«, sagte Stirling. »Freut mich. Haben wir denn schon Donnerstag?«

»Es ist Dienstag, aber ich habe eine wichtige Sache mit Euch zu besprechen.«

»Geht es um Obadiah und die Leichen?«

»Nicht um Obadiah. Um diesen verdammten Pfandleiher.«

Stirling richtete sich auf.

»Mr Sebbi… oder wie ist sein Name noch mal? Ist er nicht ein harmloser Zeitgenosse?«

»Harmlos!«, sprudelte Jeremiah. »Harmlos! Der Mann ist der Teufel in Person.«

Erschöpft von seinem Ausbruch und dem steilen Weg bergauf sank Jeremiah in den Sessel dem Pfarrer gegenüber. Polly reichte ihm etwas zu trinken und goss Stirling nach, dann machte sie sich eiligst aus dem Staub. Es war nicht ratsam, sich im selben Zimmer wie die beiden aufzuhalten. Lieber lauschte sie von draußen an der Tür.

Jeremiah leerte sein Glas in einem Zug. Er griff nach der Karaffe und stellte sie neben sich auf den Kaminsims.

»Ich sag Euch, Stirling«, verkündete er, »dieser Pfandleiher ist schlecht fürs Geschäft. Besonders für mein Geschäft. Sein Schaufenster hat er vollgestellt mit der größten Sammlung an Plunder, die Ihr je gesehen habt. Und nicht nur das, er hat auch noch dafür bezahlt.«

»Wie kann das ein Problem sein?« Stirling gab sich Mühe, Interesse zu heucheln, aber er spürte einen aufkommenden Kopfschmerz und musste ein Gähnen unterdrücken.

»Seine Bezahlung liegt so weit über dem wahren Wert der Sachen, dass ich befürchte, in Kürze werden alle Leute im Dorf ihre Schulden bezahlen können.«

»Verstehe«, sagte Stirling.

»Und wenn mir die Leute nichts mehr schulden, wie soll ich dann an Geld kommen?«, fuhr Jeremiah fort. Um seinen Worten zusätzlich Nachdruck zu verleihen, beugte er sich vor und tippte Stirling mit seinem dicken Zeigefinger an die Brust. »Ihr müsst etwas tun. Es geht um meine Existenzgrundlage.«

Jetzt wurde Stirling hellwach. »Ich? Etwas tun? Was kann ich denn tun?«

»Ihr müsst diese Bauern davon überzeugen, dass Joe Zabbidou eine Ausgeburt des Teufels ist.«

»Eine Hausgeburt? Stimmt denn das?«

»Aus! Eine Ausgeburt!«, rief Jeremiah höchst verärgert. »Was hat denn die Wahrheit damit zu tun? Das ist eben Geschäft. Sie dürfen sich nicht mehr mit ihm abgeben, sonst werden sie unter Höllenqualen leiden.«

»Also, ich weiß nicht recht«, sagte Stirling vorsichtig.

»Ihr tut es und basta!«, fuhr Jeremiah ihn an.

Kapitel 22

Stirling greift ein

Ihr guten Leute von Pagus Parvus«, fing Stirling an. »Ich verschwöre euch, hört mich an.« Verschwören?, dachte er in jähem Schreck. War das das richtige Wort? Egal, es mochte hingehen. Hier gab es keinen Experten für die Feinheiten der Sprache. Seine Stimme bebte hörbar, seine Hände zitterten. Er wünschte, er hätte sich einen zweiten Whisky zur Beruhigung seiner Nerven genehmigt. Es war Jahre her, seit er zum letzten Mal vor einer Menschenmenge gesprochen hatte, und erst recht hatte er es nie in einer derart unwirtlichen Umgebung getan. Es schneite leicht, und er stand auf einer Kiste mitten auf der Dorfstraße, etwas oberhalb von Jeremiahs Haus. Dieser Platz schien ihm gut geeignet. Er räusperte sich und erhob die Stimme.

»Denn ich sage euch jetzt, dass ich in der Nacht von einem Engel besucht worden bin.«

Bis zu dieser Stelle hatte seine Zuhörerschaft aus drei Menschen bestanden, nämlich den mit Schneebällen bewaffneten Sourdough-Jungen. Alle anderen waren, sobald sie ihn erkannt hatten, im Bogen um ihn herumgegangen, sodass der Schnee um sein Podest inzwischen von einem Ring aus Fußabdrücken niedergetrampelt war. Erst als er »Engel« sagte, blieben die Leute stehen. Solche himmlischen Wesen weckten ihre ausgehungerte Fantasie. Bald hatte sich eine kleine Schar vor Stirling zusammengefunden, und jeder blickte mit rotnasigem Gesicht erwartungsvoll zu ihm auf.

»Ein Engel?«, fragte einer nach.

»Ja, ein Engel.«

»Seid Ihr sicher, Stirling?«, rief Horatio. »Vielleicht war es ja eine Erscheinung aus der Flasche? Zu viel Portwein kann so was leicht bewirken.«

Der Pfarrer errötete und fuhr fort. »Ein wunderbarer Engel kam aus den Wolken und riss mich aus dem Bett.«

»Was hat er denn gesagt, der Engel?«, spottete Horatio und bemühte sich nicht, seinen Unglauben zu verbergen.

»Er sagte zu mir: ›Stirling, du musst den Menschen von Pagus Parvus sagen, sie sollen sich hüten, denn der Teufel ist in ihre Mitte gekommen. Er will sie verführen mit seinen Schlichen und seinem schnöden Mammon.‹«

»Schliche und schnöder Mammon?«, sagte Elias Sourdough lachend. »Was ist denn das für eine Sprache? War es ein Engel aus einem fremden Land?«

»Geld«, sagte Stirling gereizt. »Der Teufel ist unter uns und ködert uns mit seinem Geld.«

»Es gibt nur einen Teufel hier im Ort, und von dem seinen Geld sehen wir keinen Penny«, sagte Job Wright, der Hufschmied, und zeigte in die Richtung von Jeremiahs Haus. In diesem Augenblick wackelte der Vorhang hinter einem der oberen Fenster, und Stirling fragte sich, ob er sein Podest nicht doch besser ein Stück weiter oben an der Straße hätte aufstellen sollen.

»Doch nicht Mr Ratchet«, zischte er. Und lauter fuhr er fort: »Sondern Joe Zabbidou, des Teufels Pfandleiher.« Er sagte das mit großer Inbrunst und schüttelte dabei die geballte Faust gen Himmel. Ringsum wurden erstaunte Ausrufe laut, und Stirling spürte, dass er endlich ihre volle Aufmerksamkeit hatte. Er wollte sich diesen Vorteil nicht entgehen lassen und sprach hastig weiter.

»Joe Zabbidou ist ohne jede Ankündigung zu uns gekommen, bei Nacht aus dem Nichts hier aufgetaucht, um euch in seinen Laden mit seinen ausgefallenen Waren zu locken.«

Ludlow, der alles von Horatios Eingang her beobachtete, zog die Augenbrauen hoch. »Ausgefallene Waren? Ein zersprungener Nachttopf? Wohl kaum.«

»Was hat er mit uns vor?«, fragte Lily Weaver.

»Was hat er mit uns vor?«, wiederholte Stirling aus Gewohnheit.

Mit dieser Frage hatte er bei der Vorbereitung seiner Rede nicht gerechnet. Er war überhaupt nicht auf die Idee gekommen, dass man ihm Fragen stellen könnte. Er konnte sich nicht erinnern, dass so etwas je in der Kirche vorgekommen wäre; jedenfalls waren dort die Leute während seiner Predigt meistens eingeschlafen.

Das Schweigen dröhnte in den Ohren.

»Äh, nun, lasst mich … ah ja, sobald er euch also angelockt hat, wird er euch auf seine Seite ziehen, auf die Dunkle Seite

Leider war das nun der Punkt, an dem Stirling die ohnehin schwache Verbindung zu seinem Publikum endgültig verlor. In Pagus Parvus hielt man die Dunkle Seite keineswegs für bedrohlich. Die Dorfleute hatten die um Jahre zurückliegenden ausgedehnten Sonntagspredigten nicht vergessen. Damals hatte sie der Pfarrer halb zu Tode gelangweilt, während er sich in leierndem Tonfall lang und breit über ebendieses Thema ausgelassen hatte. Sie traten unruhig von einem Fuß auf den andern, unterhielten sich mit ihren Nachbarn oder gingen einfach weg. Verzweifelt versuchte Stirling, sie noch einmal einzufangen. Jeremiah hatte ihm eine Kiste von seinem besten Portwein versprochen.

»Wenn ihr zur Dunklen Seite übergeht, seid ihr für immer verloren und werdet im Höllenfeuer braten.«

»Da haben wir’s wenigstens warm«, rief Obadiah, und die Leute lachten.

»Macht euch nicht lustig über den Teufel«, mahnte Stirling in einem letzten Versuch, sie zu halten. »Man kann nie wissen, wann er zuhört.«

»Moment mal, Herr Pfarrer«, sagte Ruby Sourdough. »Hier kommt der Böse persönlich. Fragen wir ihn doch, was es mit der Dunklen Seite auf sich hat.«

Und wirklich, gerade da kam Joe in seinem gewohnt raschen Tempo die Straße herunter. Er bewegte sich mit dem sicheren Tritt einer Bergziege. Und schon fragten sich ein, zwei Leute, ob seine Schuhe nicht möglicherweise doch die verräterischen Pferdefüße des Teufels verbargen …

»Guten Morgen zusammen«, rief er lächelnd, »habe ich da nicht meinen Namen gehört?«

Obwohl niemand Stirling ernst nahm, erschien es manchen doch als ein merkwürdiger Zufall, dass Joe genau in diesem Augenblick aufgetaucht war.

»Hier, hört Euch das an, Mr Zabbidou«, rief der kleine Sourdough vorn in der Menge. »Stirling sagt, dass Ihr der Teufel seid und dass Ihr gekommen seid, weil Ihr uns in der Hölle braten wollt.«

Stirling protestierte sofort. Es war nie seine Absicht gewesen, sich dem Teufel in Person entgegenzustellen, nur ein bisschen verleumden wollte er ihn, und zwar, solange er nicht anwesend war. »Das habe ich nicht gesagt«, erklärte er hastig. »Lügen ist eine Sünde, Junge.«

»Doch, hat er«, sagte Elias Sourdough zu Joe. »Er hat gesagt, Ihr wollt uns anlocken mit Euren Tricks und Schlichen.«

Joe lächelte. »Ich habe keine Tricks. Ihr wisst, was ich bin – ein Pfandleiher. Habe ich mich je für etwas anderes ausgegeben? Und was Schliche angeht, so könnt ihr gern zu mir kommen und nachsehen. Vielleicht sind sie ja im Schaufenster versteckt?«

Darauf brachen alle in schallendes Gelächter aus. Stirling zog ein finsteres Gesicht, nahm seine Kiste und stahl sich davon.

Kapitel 23

Fragment aus den

Erinnerungen des Ludlow Fitch

Stirlings Auftritt war drei Tage lang Dorfgespräch. In den Augen der Leute war die Blamage des Pfarrers nur ein weiterer Sieg für Mr Zabbidou und ein weiterer Schlag in Richtung von Mr Ratchet (der die ganze Vorstellung, nur unzureichend hinter der Gardine verborgen, von seinem Fenster aus beobachtet hatte). Die Frontlinien waren so klar, dass man sie im Schnee hätte abstecken können.

Keine Frage, Joe war in Pagus Parvus mit großer Herzlichkeit aufgenommen worden. Das war schon in dem Augenblick sichtbar geworden, als er Jeremiah Ratchet widerstanden hatte. Und die anfängliche Begeisterung hatte nicht nachgelassen, im Gegenteil, sie war enorm gewachsen. Inzwischen traten ihm die Dorfleute, kaum dass sie ihn sahen, wie einem König entgegen. Ich schwöre bei meinem miesen Pa, dass ich mehr als einmal erlebt habe, wie jemand vor ihm niederkniete. Der arme Joe, er konnte nicht durchs Dorf gehen, ohne ein Dutzend Mal von wohlwollenden Leuten angehalten zu werden, die sich nach seiner Gesundheit, nach seinem Geschäft und sogar nach Saluki erkundigten. Immer war Joe höflich, unverändert herzlich und liebenswürdig, aber ich spürte, dass ihn diese Vergötterung allmählich beunruhigte.

»Ich bin nicht hergekommen, um mich verehren zu lassen«, murmelte er vor sich hin.

In langen schlaflosen Nächten wälzte ich die gleiche Frage in meinem Hirn: Warum bist du hergekommen, Joe Zabbidou? Ich ahnte inzwischen, dass die Dinge nicht so einfach waren – und nicht so einfach sein konnten –, wie sie schienen. Ein Mann kommt von nirgendwoher in ein abgelegenes Dorf und zahlt für wertlosen Plunder und für Geheimnisse viel Geld, das scheinbar aus einer unerschöpflichen Quelle fließt. Ich verstand das nicht. Wenn ich aber versuchte, Joe nach seiner Vergangenheit zu fragen, ging er nicht darauf ein und sprach schnell von etwas anderem.

Ob Joes Abneigung gegen diese ganze Aufmerksamkeit an seinem zurückhaltenden Wesen lag? Jedenfalls achtete ich nicht weiter auf sein Unbehagen. Während er versuchte, das Rampenlicht zu meiden, sonnte ich mich in seinem Ruhm. Damals, als ich mich durch die Straßen der Stadt geschlichen hatte, war ich niemand. In Pagus Parvus war ich der Prinz neben König Joe. Natürlich war es Joe, mit dem alle sprechen wollten, seine Hand wollten sie schütteln, aber sie sprachen auch mit mir, und sei es nur, um mir einen guten Morgen zu wünschen. Dann musste ich jedes Mal grinsen. In der Stadt wären sie bei meinem Anblick auf die andere Straßenseite gegangen.

Vielleicht war es die abgeschiedene Lage des Ortes, die Joe (und mich) zu etwas Besonderem machte. Doch besonders oder nicht, ich hatte so eine Ahnung, dass uns das nicht viel nützen würde, solange Jeremiah Ratchet in Pagus Parvus lebte.

Unsere Tage waren immer ausgefüllt. Ich hatte meine Aufgaben, und Joe hatte seine, aber wir waren nie in Eile. Das Leben in Joes Laden war manchmal wie ein Leben in einer anderen Welt, in der alles mit halber Geschwindigkeit vor sich geht. Nie habe ich von Joe eine hastige Bewegung gesehen; es gab nichts Dringliches in seinem Leben, und dennoch ließ sich nur schwer die Vorahnung abschütteln, dass wir auf irgendein Ereignis warteten.

Am späten Nachmittag, wenn Ruhe eingekehrt war, wenn Polly und die Jungen aus der Bäckerei hier gewesen und wieder gegangen waren, saßen wir oft am Kaminfeuer und genossen die Wärme und Behaglichkeit, die es ausstrahlte. In solchen Stunden konnte ich mir nicht vorstellen, jemals wieder in die Stadt zurückzukehren.

»Ich gehe nie wieder zurück«, sagte ich eines Abends zu Joe.

»Sag niemals nie«, erwiderte er schnell. »Alles ändert sich.«

Geändert hatte sich ganz bestimmt mein Schicksal. Für mich war Joe der Vater, den ich mir immer gewünscht hatte. Ich trug neue Kleider, die er mir geschenkt hatte. Mit Vergnügen sahen wir zu, wie meine alten Fetzen im Kaminfeuer verbrannten. Mindestens alle zwei Wochen durfte ich mich vor dem Feuer in eine große Zinkwanne setzen, die bis zum Rand mit warmem Wasser gefüllt war. Und jeden Tag hatten wir zwei ordentliche Mahlzeiten. Die Leute aus Pagus Parvus zeigten sich sehr gastfreundlich uns gegenüber, und es verging kaum ein Tag, ohne dass ein Esspaket auf unserer Eingangstreppe lag: Kaninchen, Tauben, Spatzen (köstlich gefüllt mit Zwiebeln und Lauch, eine Delikatesse in dieser Gegend) und gelegentlich ein ganzes Hähnchen vom Fleischer.

»Bestechungsgaben«, sagte Joe lachend. »Sie glauben, wenn sie für meine Ernährung sorgen, werde ich mir die Sache mit Ratchet anders überlegen.« Er änderte seine Meinung nicht, aber das Fleisch steckte er trotzdem in den Kochtopf.

Nach und nach verloren die Erinnerungen an mein früheres Leben an Schärfe, stattdessen spielte mir mein Verstand jetzt seltsame Streiche. Ich fing an, darüber zu grübeln, ob das Leben es nicht zu gut mit mir meinte. Ein Junge wie ich, einer mit meiner Vergangenheit, einer mit so vielen Gaunereien auf dem Gewissen, der verdiente doch wohl Bestrafung und nicht Belohnung? Joe versuchte, mich zu beruhigen.

»Es ist ganz normal, so zu denken«, sagte er. »Zu glauben, man habe sein gutes Schicksal nicht verdient. Aber hast du vergessen, was ich dir über das Glück gesagt habe?«

»Ihr habt gesagt, wir können selbst etwas zu unserem Glück tun.«

»Richtig. Du hast zu deinem Glück beigetragen, indem du hierhergekommen bist. Jetzt arbeitest du und verdienst, was du hast.«

»Aber ich hatte nie vor, hierherzukommen«, bohrte ich weiter. »Es war Zufall, dass ausgerechnet Ratchets Kutsche vor dem Flinken Finger stand.«

»Aber es war deine Entscheidung, gerade auf diese Kutsche aufzuspringen.«

»Was, wenn ich in jener Nacht den Berg abwärts-statt aufwärtsgegangen wäre? Dann würde ich jetzt vielleicht in der Schmiede bei Job Wright Pferde beschlagen. Dann hättet Ihr einen der Sourdoughs angestellt, damals, als sie zum ersten Mal in den Laden kamen, um sich den Frosch anzuschauen.«

»Das ist eine Möglichkeit«, sagte Joe. »Aber die Sourdough-Jungen sind schwer von Begriff.«

»Ich kann auch nur lesen und schreiben, weil ich oft bei Mr Jellico war.«

»Aber es war deine Entscheidung, zu ihm zu gehen.«

Und so ging es weiter, immer im Kreis herum. Eines Abends fragte Joe: »Bist du glücklich hier?«

»Ja.«

»Wenn du die Zeit zurückdrehen könntest: Was hättest du damals in der Stadt anders gemacht?«

»Ich weiß nicht«, sagte ich. »Wenn ich etwas anders gemacht hätte, wäre ich Euch ja vielleicht nie begegnet.«

»Genau«, sagte Joe entschieden. »Alles, was du erlebt hast, schlecht oder gut, hat dich letztendlich hierhergeführt.«

An dieser Stelle endete unser Gespräch, weil die Ladentür aufging und ein Kunde bedient werden musste. Beim Klappern der Tür wachte Joe immer auf, egal wie fest er zu schlafen schien. Überhörte er es aber doch einmal, gab Saluki einen knallenden Rülpser von sich, sobald jemand eintrat. Es kam mir wie eine Warnung vor.

Für einen Frosch war Saluki ein angenehmer Mitbewohner. Wenn es sich ergab, fütterte ich sie gern und sah zu, wie ihre Zunge über den Rand des Glasbehälters hinausschoss und wie das Insekt oder die Made im Nu verschwunden war – so blitzschnell, dass man es kaum verfolgen konnte. Den Deckel hatte ich seit meinem ersten Tag bei Joe nicht mehr angerührt. Joe hatte es mir verboten, und ich wollte den Frosch auch nicht anfassen. Joe nahm Saluki ab und zu heraus und ließ sie auf seiner Handfläche sitzen. Er streichelte behutsam ihren Rücken, dann rülpste sie leise und schien zu leuchten. Ich hatte nicht vergessen, was Joe gesagt hatte – dass ich sie nicht anfassen dürfe, bis ich ihr Vertrauen gewonnen hätte. Ich hoffte, Saluki würde mir eines Tages vertrauen.

Ich erinnere mich gern an diese Tage im Laden, wir hatten es warm und behaglich, und die kalte Welt draußen berührte uns nicht. Aber natürlich kam die Welt nach wie vor in unseren Laden. Die Dorfbewohner waren sichtlich dankbar für alles, was Joe für sie getan hatte, und allmählich konnte sich einer nach dem anderen aus Jeremiahs eisernem Griff befreien. Aus ihrer früheren Verzweiflung war Wut geworden, Wut darüber, dass Jeremiah sie so lange so schlecht behandelt hatte, dass er ihnen so viel abverlangt, dass er sie in Angst und Schrecken gehalten hatte. So wie sie Jeremiah ihre Schulden zurückzahlen konnten, so wollten sie ihm nun auch anderes zurückzahlen.

Eines Nachts bekamen wir Besuch von dem hiesigen Arzt, Dr. Samuel Mouldered. Es überraschte mich nicht. Joe hatte ihn ja am Tag vorher aufgesucht, wie er es bei seinen mitternächtlichen Kunden immer tat, und hatte ihn aufgefordert zu kommen. Wie die meisten hatte auch er eine interessante Geschichte zu erzählen.

Samuel Mouldered war ein kränklich aussehender Mann, an dessen stets griesgrämigem Gesichtsausdruck seine Patienten nie erkennen konnten, ob sie leben oder sterben sollten. Hätten sie geahnt, dass der Arzt das oft selbst nicht wusste, wären sie gewiss alarmiert gewesen. Mouldered war nämlich kein Arzt, sondern nur ein Quacksalber, der sich überzeugend genug darstellen konnte und der sich auf der Flucht vor einer Schar betrogener Patienten befand. Sie hatten herausgefunden, dass sein Wundermittel nicht viel mehr war als eine Mixtur aus gekochten Nesseln und Wein, der nach Kork schmeckte.

Pagus Parvus war ein ideales Versteck für einen solchen Mann. Gerechterweise muss aber gesagt werden, dass Mouldered völlig harmlos war. Seit er vor mehr als zehn Jahren ins Dorf gekommen war, praktizierte er hier als Arzt und ging dabei strikt davon aus, dass die meisten Krankheiten innerhalb von sieben Tagen von selbst vergingen. Also verschrieb er sein Wundermittel (inzwischen eine schmackhaftere Variante aus Honig und Bier), das eine Woche lang angewendet werden musste, und verzeichnete im Großen und Ganzen recht annehmbare Ergebnisse. Was die Todesfälle anging, so hinterfragte nie jemand das ungewöhnlich hohe Auftreten von Herzversagen hier in der Gegend. Die Leute vertrauten dem Doktor und seinen Diagnosen.

Samuel Mouldereds größte Angst war es, dass Jeremiah sein Geheimnis entdecken würde.

»Ich kann nicht versprechen, dass Jeremiah nie dahinterkommt«, sagte Joe am Ende. »Aber von uns wird er es nicht erfahren. Da habt Ihr mein Wort.«

Joe hielt ihm die Tür auf, doch Mouldered schien zu zögern.

»Der Mann ist ein Ungeheuer«, erklärte er. »Jahrelang haben wir durch ihn gelitten. Die Dorfleute wollen Rache. Ich weiß, dass sie auf Eure Hilfe hoffen.«

»Was kann ich tun?«, fragte Joe ruhig. »Ich bin nur ein Pfandleiher.«

»Das glaubt hier niemand«, murmelte der Doktor, während er hinaus auf die Straße trat. Joe zog nur die Schultern hoch und reichte Dr. Mouldered einen Beutel mit Münzen.

»Vincit qui patitur«, rief er ihm nach, aber der Doktor war schon außer Hörweite.

Ich sah Joe fragend an.

»Wer wartet, gewinnt.«

Ich hatte zugehört und alles niedergeschrieben, wie es meine Pflicht war, aber ich hatte ein ungutes Gefühl dabei. Wieder einmal fragte ich Joe, ob wir nicht etwas unternehmen sollten.

»Das Leben der Menschen hier ist in Gefahr«, sagte ich. »Dr. Mouldered hat doch keine Ahnung.«

Joe blieb unnachgiebig. »Er richtet keinen Schaden an. Außerdem gibt es niemanden im Dorf, der seine Arbeit tun könnte.«

Ich protestierte noch eine Weile, und Joe musste mich daran erinnern, dass es unsere Aufgabe sei, Geheimnisse zu hüten.

»Was meinst du, wie lange wir uns halten könnten, wenn wir diese Informationen weitergeben würden? Das Geschäft wäre verdorben.«

Das Geschäft, dachte ich. Was für ein Geschäft? Wir machten doch gar keinen Gewinn. Irgendwann musste das Geld zu Ende gehen, und was dann? Aber weil ich so leicht in dieses Leben hineingeglitten war und weil ich den Gedanken nicht ertragen konnte, dass es sich einmal ändern könnte, behielt ich meine Bedenken für mich. Ob ich nun verstand oder nicht, was hier gespielt wurde, auf keinen Fall wollte ich etwas tun, das Joe verstimmen könnte.

Kapitel 24

Jeremiah hat einen Plan

Jeremiah Ratchet war mit seinem Latein so gut wie am Ende. Er hatte endgültig genug von Joe Zabbidous deutlicher Missachtung für seine, Ratchets, Position in der Gemeinde. Seine Geschäfte, seine Art, zu leben, seine Vergnügungen – alles war in Gefahr wegen dieses Mannes. Er brachte seinen Namen kaum mehr über die Lippen, und wenn doch, dann spuckte er ihn mehr oder weniger aus, meistens begleitet von Krümeln und bräunlichen Speichelfäden: Mit Vorliebe ließ sich Jeremiah seine Probleme beim Essen durch den Kopf gehen.

In seinem großartigen Speisezimmer aß er selten, gewöhnlich setzte er sich mit einem Tablett auf dem Schoß in sein Arbeitszimmer und nahm dort seine Mahlzeiten ein. Es war ein Raum von großzügigen Ausmaßen, nur schlecht beleuchtet, weil die Wände vom Boden bis zur Decke mit Bücherregalen zugestellt waren. Jedes Regal war bis zum Bersten voll und bog sich unter der Last stattlicher Bücherreihen. Jeremiah war ein Sammler. Er besaß gern Dinge, manchmal aus keinem anderen Grund, als sie zu besitzen. Ein großer Leser war er nicht; er fand die erforderliche Konzentration ziemlich anstrengend für seinen Kopf. Er hatte es sich zum Prinzip gemacht, sich nur solche Bücher ins Regal zu stellen, mit denen er andere Leute beeindrucken konnte, oder solche, deren Preis vermutlich steigen würde. Die Folge war, dass die meisten Bücher zu einer schwer verständlichen Ausdrucksweise neigten und dass es darin entweder um Fakten ging, die er nicht begriff, oder um Handlungen, die er nicht nachvollziehen konnte. Jeremiah war ein glänzendes Beispiel für einen Menschen, der von allem den Preis kannte, aber von nichts den Wert.

Nun saß er in seinem Arbeitszimmer, kaute auf einer Lammkeule herum und dachte an Joe Zabbidou. Dieser Mann war eine einzige Plage. Erst heute war Job Wright vor der Bäckerei auf ihn zugekommen und hatte ihm einen Beutel mit einer Geldsumme überreicht, die mehr als die Hälfte seiner Schuld ausmachte. Später dann, nach dem Mittagessen, hatte Polly ihm erzählt, sie habe im Fenster des Pfandleihers ein Paar Hufeisen gesehen, und da hatte Jeremiah gewusst, dass wieder einmal Joe Zabbidou am Werk gewesen war.

»Schöne Hufeisen sind es, sie glänzen richtig«, hatte Polly mit Unschuldsmiene gesagt. »Ich könnte mir denken, dass Joe gutes Geld dafür bezahlt hat.« Dann hatte sie sich schnell aus dem Staub gemacht, und Jeremiah war sicher, dass er sie auf dem Weg zur Küche hatte kichern hören.

»Gleich am ersten Tag hätte ich ihn rauswerfen sollen«, sagte er reuevoll. »Ich habe ihn zu lange gewähren lassen.« Doch selbst Jeremiah ahnte, dass ein Rauswurf gar nicht so einfach gewesen wäre.

Er hatte natürlich erkannt, dass es zwischen der plötzlichen Zahlungsfähigkeit seiner Pächter und dem Schaufenster des Pfandleihers einen direkten Zusammenhang gab. Er rechnete sich aber aus, dass Joe unmöglich jedermanns Schulden finanzieren könne, dass er früher oder später ruiniert sein würde und dass dann alles wieder so werden würde wie früher. Aber Joe handelte nicht nach den üblichen Zwängen der Geschäftswelt.

Erschöpft schüttelte Jeremiah den Kopf.

»Wie kann ein Mann zu Reichtum kommen, wenn er ein halbes Vermögen für wertlosen Ramsch zahlt?«, fragte er sich jeden Tag. Und jeden Tag wartete er gespannt auf Polly, die ihm immer die aktuelle Beschreibung des Schaufensters lieferte, sobald sie von Pfarrer Stirling zurückkam. Und Tag für Tag stürzten ihn diese Berichte in tiefere Verzweiflung. Wie hatte er es bedauert, Stirling um Hilfe gebeten zu haben, nachdem sich gezeigt hatte, dass dieser Kerl eine absolute Null war.

»Was soll ich bloß tun?«, stöhnte Jeremiah, als er seine Einnahmen immer mehr schwinden sah. Jeremiahs hoher Lebensstandard hatte seinen Preis. Er schuldete seinem Schneider Geld, seinem Hutmacher, seinem Perücken-und seinem Schuhmacher, und an die Summen, die er beim Kartenspiel verloren hatte, wollte er erst gar nicht denken.

Auf der Bank hatte er zum Glück noch Geld aus dem Erbe seines Vaters, doch das war im Lauf der Jahre rapide geschrumpft. Wenn die Schulden einmal beglichen waren, konnte er unmöglich von den Mieteinnahmen allein leben. Dann natürlich seine Erpressungen. Seit er Horatios kleines Geheimnis entdeckt hatte, gab es keinen Mangel an frischem Fleisch in seiner Küche. Und bis vor Kurzem waren da ja auch noch Obadiah und die Leichenräuberei gewesen. Doch leider sah es gerade in diesem Bereich nicht allzu gut aus, und das war nicht nur Joes Schuld. Jeremiahs Leichenräuber (die tagsüber auch als Verwalter auftraten, wenn Jeremiah Hilfe bei einer Zwangsräumung brauchte) hatten ihm die schlechte Nachricht erst unlängst überbracht.

»Leichen von alten Leuten wollen die Mediziner in der Stadt nicht mehr«, hatte einer der Grabräuber gesagt. »Sie wollen frische, junge.«

Jeremiah stöhnte. »Was denken die sich? Es gibt nun mal keine jungen Leichen in Pagus Parvus.«

»Das muss nicht unbedingt ein Problem sein …«, sagte der andere bedächtig.

»Wie meinst du das?«, hatte Jeremiah gefragt.

Die zwei Gauner wechselten vielsagende Blicke, was durch ihre schwarzen Gesichtsmasken nicht leicht war, dann brachen sie in ein heiseres Gelächter aus. »Mal angenommen, der junge Kerl da droben auf dem Berg, der im alten Hutladen … also, der wäre schon mal ein gutes Exemplar …«

»Ludlow?«, fragte Jeremiah. »Aber der ist doch gesund und munter.«

»Je knackiger, desto besser«, sagte der erste.

Tatsächlich zog Jeremiah flüchtig in Betracht, was die Kerle da andeuteten. Viele Male hatte er schon gewünscht, nie wieder Ludlows wissendem Blick begegnen zu müssen, doch ein hinterrücks geplanter Mord als Lösung dieses Problems war selbst Jeremiah zu ungeheuerlich.

»Nein, nein«, sagte er hastig. »Das wird sicher nicht nötig sein. Es muss andere Möglichkeiten geben. Wie steht’s mit Zähnen?«

»Zähnen?«

»Ich habe gehört, die lassen sich ganz gut verkaufen«, fing Jeremiah an, aber die zwei Männer lachten nur. »Na, dann eben nicht«, sagte Jeremiah enttäuscht.

Einträchtig zuckten beide Männer mit den Schultern. »Dann können wir nichts weiter für Euch tun. Gebt uns unser Geld und wir werden Euch nicht mehr behelligen.«

Und damit war die Angelegenheit zu Ende.

Jeremiah schob den Teller mit dem erst halb gegessenen Gericht beiseite und lehnte sich in seinem Sessel zurück. Er hatte keinen Appetit. Er war zu niedergeschlagen, um in seinen Büchern zu blättern; nicht einmal Die Einsamkeit des Bergschäfers konnte ihn fesseln – das war sein absolutes Lieblingsbuch, was wahrscheinlich daran lag, dass Schäfer einen eher begrenzten Wortschatz haben und ihre Geschichten schlicht erzählt sind.

Jeremiah war klar, dass sich für ihn noch viel mehr Probleme ergeben würden, falls Joe im Ort bliebe und so weitermachte wie bisher. Nein, er würde die Sache selbst in die Hand nehmen müssen.

»Pagus Parvus ist nicht groß genug für uns beide«, erklärte er den Schatten an der Wand. »Einer von uns muss gehen.«

Von Selbstmitleid erfüllt stieg er die Treppe hinauf und machte sich zum Schlafengehen fertig. Er konnte nicht widerstehen, einen Blick aus dem Fenster zu werfen. Das tat er inzwischen fast zwanghaft. Oben an der Straße konnte er den Laden des Pfandleihers erkennen, auch den Rauch, der sich jede Nacht bis in die frühen Morgenstunden aus dem Schornstein kringelte.

Was treibt der da oben?, fragte sich Jeremiah zum hundertsten Mal.

Noch immer war er nicht dahintergekommen, warum der Pfandleiher bis spät in die Nacht hinein Besucher empfing, und ihm fehlte die Fantasie, um selbst eine Erklärung dafür zu finden. Von irgendjemandem hatte er gehört, Joe würde den Leuten Ratschläge geben, aber mehr war nicht zu erfahren. Wie oft hatte er schon Polly gefragt, ob sie nicht wisse, was das alles zu bedeuten habe. Aber sie hatte ihn nur verständnislos angeschaut.

Wenn ich es wüsste, dachte Jeremiah, könnte ich ja vielleicht etwas dagegen tun. Doch was es auch für Geschäfte sein mochten, die nachts dort oben getätigt wurden, kein Mensch sprach je darüber. Da zog Jeremiah seine eigenen Schlüsse und erklärte es sich so, dass die ganze Geheimnistuerei Teil der Verschwörung gegen ihn sein müsse. Angesichts dieses Ergebnisses drängte es ihn nur umso mehr, die Wahrheit zu erfahren.

Und so lauerte Jeremiah eines Morgens dem ältesten Sohn des Bäckers an der Küchentür auf, als dieser das Brot brachte. Er packte den Jungen am Kragen.

»Ich will, dass du einen kleinen Auftrag für mich erledigst«, knurrte er.

»Bekomme ich was dafür?«, fragte der Junge.

Jeremiah lachte, und der arme Junge durfte einen Panoramablick in seinen Mund werfen: auf die belegte Zunge, das fleischige Gaumenzäpfchen und die fleckigen Zähne samt den Essensresten, die noch vom gestrigen Abend dazwischenhingen.

»Ich werd dir sagen, was du bekommst, wenn du’s nicht tust«, zischelte er. »Ich sag deinem Vater, dass ich dich erwischt habe, wie du in meiner Küche rumgeschlichen bist und was zum Stehlen gesucht hast. Das hier zum Beispiel!« Und mit einer Fingerfertigkeit, die selbst Joe verblüfft hätte, gelang es Jeremiah irgendwie, dem Jungen einen silbernen Kerzenhalter aus der Tasche zu ziehen, was den armen Kerl in Tränen ausbrechen ließ.

Jeremiah lockerte seinen Griff. »Tu, was ich dir sage«, flüsterte er, »dann passiert dir nichts. Du musst nur in Erfahrung bringen, was oben beim Pfandleiher vor sich geht.«

Der Junge zögerte, aber die Drohung mit seinem Vater genügte. Er hatte wirklich keine Wahl. Eine Woche lang verbarg er sich jede Nacht hinter der Ecke des Ladens und stand von Mitternacht an Stunde um Stunde in der eisigen Kälte. Und jede Nacht passierte das Gleiche. Er hörte knirschende Schritte im Schnee und ein Klopfen an der Tür. Er beobachtete, wie Joe dem Besucher etwas zu trinken gab und wie er ihn am Kaminfeuer Platz nehmen ließ. In der Ecke sah er Ludlow sitzen, der eifrig in ein großes schwarzes Buch schrieb. Was gesprochen wurde, konnte er nicht hören, aber er erriet schnell, was in den Lederbeuteln war, die Joe jedes Mal am Ende der Sitzung überreichte. Schließlich fand er, dass er nun so viel wie möglich wusste (auch fürchtete er zunehmend, Joe könnte ihn gesehen haben). Am Ende der Woche fand er sich also wieder in Jeremiahs Arbeitszimmer ein.

»Und?«, fragte Jeremiah aufgeregt. »Was hast du herausgefunden?«

»Sie reden mit Joe, und Ludlow schreibt alles, was sie sagen, in ein großes schwarzes Buch.«

»Und sonst nichts?« Das war nicht das, was Jeremiah erwartet hatte.

Der Junge schüttelte den Kopf. »Was sie ihm erzählen, ist Geld wert. Joe zahlt dafür Beutel voll Geld. Gestern war Dr. Mouldered oben. Ich konnte nicht hören, was er gesagt hat, aber so wie er aussah, muss es was Wichtiges gewesen sein. Und ich weiß, dass auch mein Vater schon dort war.«

Das wusste Jeremiah auch: Elias Sourdough hatte fast seine ganzen Mietschulden zurückgezahlt.

»Und was ist mit dem Frosch?«, fragte Jeremiah verzweifelt. Er konnte nicht erkennen, wie ihn diese Auskünfte in irgendeiner Weise weiterbringen sollten.

»Er heißt Saluki. Joe behandelt ihn wie etwas ganz Besonderes. Keiner darf ihn anfassen, aber manchmal sitzt er bei Joe auf der Hand. Könnte mir denken, dass der ein paar Shilling wert ist. So was wie diesen Frosch hab ich noch nie gesehen.«

Jeremiah war verblüfft. Nachts im Bett grübelte er über das, was er gehört hatte, und allmählich dämmerte es ihm, dass ihm der Bäckerjunge eigentlich genau das geliefert hatte, was er wissen musste.

»Das Buch«, sagte er laut, und schon saß er kerzengerade im Bett. »In dem Buch liegt die Antwort.«

Jeremiahs Gedanken rasten. Egal, was in dem Buch stehen mochte, Joe zahlte gut dafür. Also erschien es ihm logisch, dass Joe, sollte er dieses Buch verlieren oder sollte es ihm gestohlen werden, auch gut bezahlen würde, um es zurückzubekommen. Oder noch besser, vielleicht wäre er einverstanden, Pagus Parvus zu verlassen und für die Rückgabe des Buches zu zahlen. Wäre Joe erst fort, wären Jeremiahs Probleme mit einem Schlag gelöst. Seine Erregung wuchs. Was für eine prächtige Rache für all die Scherereien, die Joe ihm gemacht hatte! Es gab da nur noch eine kleine Schwachstelle in dem Plan.

Wie komme ich an das Buch heran?, fragte er sich. Aber kurz vor Sonnenaufgang hatte er die Antwort gefunden: Für Jeremiah Ratchet war es an der Zeit, Joe Zabbidou einen Besuch abzustatten.

Kapitel 25

Die Katze ist aus dem Haus

Ludlow zuckte zusammen. Im Kamin zerbarst ein Holzscheit, und eine neue Flamme schoss daraus hervor. Er genoss die Wärme. Joe hatte seinen Umhang schon lange zurückgefordert.

»Eines Tages wirst du selber einen solchen Umhang haben, Ludlow«, hatte er gesagt. »Aber er muss verdient sein. Jocastar-Wolle ist nicht billig.«

Doch Joe hatte ihn nicht ohne Zudecke gelassen. Statt des Umhangs hatte er Ludlow einen großen Strohsack und zwei grobe, doch sauber riechende Decken gegeben. Jede Nacht rollte sich Ludlow auf dem Strohsack zusammen und zog sich die Decken bis über die Ohren.

Aber so leicht kam der Schlaf nicht, und wenn ihm schließlich doch die Augen zufielen, ließen ihn wilde Träume zusammenschrecken und er murmelte im Schlaf vor sich hin. Nicht selten wachte er nach einem merkwürdigen Traum von einem der Dorfbewohner schweißgebadet auf. Er träumte von Jeremiah, der so unangenehm roch, dass Ludlow selbst im Schlaf die Nase rümpfte; von Obadiah, der in einem Loch stand und schaufelte und schaufelte; von Horatio, der die Zutaten für eine seiner Ekelpasteten zusammenrührte. Die Geständnisse der Leute aus Pagus Parvus verfolgten ihn, bis aus dem Traum schließlich ein Albtraum wurde. Dann verschwammen die Dorfleute in einer Art Nebel, und plötzlich erschien das Gesicht seines Vaters über ihm. Seine Hände griffen aus dem Nebel heraus nach Ludlow und schlossen sich fest um seinen Hals, bis alles um ihn schwarz wurde. An dieser Stelle wachte er jedes Mal auf und sprang von seinem Lager, um aus dem Fenster die Straße hinunterzuschauen, so lange, bis ihn die Kälte wieder unter die Decke trieb.

Jeden Morgen fragte Joe: »Wie hast du geschlafen?« Und jeden Morgen gab Ludlow die gleiche Antwort: »Gut, ganz gut.« Dann hob Joe zweifelnd die Augenbraue, sagte aber weiter nichts.

Eines Morgens, nach einer besonders schlimmen Nacht, als Ludlow fünf Mal von diesem Würgegriff aus dem Schlaf gerissen worden war, kündigte Joe an, er würde für ein paar Tage verreisen.

»Du musst den Laden nicht unbedingt offen halten«, sagte er. »Es ist ziemlich stürmisch draußen, ich denke nicht, dass bei solchem Wetter viele Leute unterwegs sind.«

Obwohl Ludlow seinen guten Willen zeigen wollte, protestierte er nur schwach. Der Gedanke, den Laden eine Weile ganz für sich allein zu haben, gefiel ihm.

»Wann werdet Ihr zurückkommen?«, fragte er, als Joe auf die Straße hinaustrat.

»Sobald mein Geschäft erledigt ist.«

Ludlow ahnte, dass es wenig Zweck haben würde, das Thema zu vertiefen. Er sah seinem Arbeitgeber nach, der hinkend am Friedhof vorbei den Berg hinaufstieg. Joe hatte recht. Der Himmel war heute bedrohlich dunkel und das Kopfsteinpflaster von einer frischen Schneeschicht bedeckt. Niemand war auf der Straße, aber es war auch erst fünf Uhr morgens. Kaum war Joe außer Sicht, schloss Ludlow die Tür, kroch, ohne zu zögern, in Joes Bett und schlief weiter.

Als er Stunden später wieder aufwachte, dachte er einen Augenblick lang, er habe den ganzen Tag und bis in die Nacht hinein geschlafen. Tatsächlich war es mitten am Nachmittag, doch ungewöhnlich dunkel und kalt. Von draußen peitschte ein heulender Wind gegen Mauern und Fenster; Schnee war durch den Schornstein hereingeweht und häufte sich im Kamin. Das Feuer war fast aus, Ludlow würde es neu entfachen müssen. Schließlich, nachdem er es wieder in Gang gebracht und einen Kessel über die Flammen gehängt hatte, ging er durch den Ladenraum und blieb an der Tür stehen. Er konnte die Straße nur verschwommen sehen, denn über dem Dorf hatte sich ein Schneesturm zusammengebraut, wie er ihn bisher noch nie erlebt hatte. Die drei goldenen Kugeln über der Ladentür wurden wild geschüttelt, in jedem Winkel und Eingang türmte sich der Schnee. Man konnte kaum einen Meter weit sehen.

Wie mag es Joe ergehen?, dachte er. Hoffentlich hatte er Schutz vor dem Sturm gefunden.

Plötzlich blitzte etwas Rotes durch das weiße Schneetreiben. Da draußen war jemand.

»Mein Gott«, murmelte Ludlow. »Das ist Polly.« Vorsichtig öffnete er die Tür, aber der Wind riss sie ihm sofort aus der Hand. Große Flocken wehten ihm beißend ins Gesicht, der wirbelnde Schnee blendete ihn.

»Polly!«, schrie er. »Polly!«

Sie war fast in seiner Reichweite, aber Ludlows Stimme konnte sie im Heulen des Sturms nicht hören. Er überlegte nicht lange und trat hinaus in das Schneetreiben. Er packte Polly am Arm und zog sie zu sich heran, ihr weißes Gesicht schimmerte unter der Kapuze. Gemeinsam stemmten sie sich gegen den Wind und fielen mehr oder weniger in den Laden hinein. Die Tür schlug hinter ihnen zu.

»Was machst du denn da draußen?«, fragte Ludlow keuchend.

Polly antwortete in kurzen, abgerissenen Worten. »Komme … von Stirling Oliphaunt.« Sie zitterte, ihre Nase leuchtete rot vor Kälte. »Dem ist … das Wetter egal … ich muss trotzdem … putzen.«

Ludlow schüttelte ungläubig den Kopf. »Sterben hättest du können da draußen. Du bist ja kurz vorm Erfrieren. Komm mit und iss erst mal eine heiße Suppe. Das Feuer brennt schon. Du kannst bleiben, bis der Sturm nachlässt.«

Polly zögerte. Hinter dem Ladentisch war sie erst ein einziges Mal gewesen. Damals war sie nachts gekommen und hatte verschiedene kleine Vergehen gestanden – die meisten im Zusammenhang mit Jeremiah Ratchet –, zum Beispiel, dass sie ab und zu ein paar Kleinigkeiten aus seinem Haus mitgehen ließ. Obwohl sie fand, sie habe die Sachen verdient, und obwohl sie das Geld dringend brauchte, hatte sie doch auch das Gefühl gehabt, sie sollte auf alle Fälle beichten.

»Wo ist er?«, fragte sie und blickte sich ängstlich um. Sie wusste nicht warum, aber sie fühlte sich irgendwie eingeschüchtert von Joe Zabbidou, und wenn er sie mit seinen kühlen grauen Augen ansah, hatte sie immer Angst, sie würde Dinge sagen, die sie eigentlich gar nicht sagen wollte.

Ludlow schüttelte den Kopf. »Er ist fort. Ich habe die Verantwortung für den Laden.«

Polly entspannte sich ein wenig und folgte Ludlow in den hinteren Raum. Dort stellte sie sich ans Kaminfeuer, so dicht, dass die Flammen sie fast versengten. »Mr Ratchet würde mich umbringen, wenn er wüsste, dass ich bei dir im Laden bin.« Sie lachte. »Er hat nichts dagegen, dass ich euch hinterherspioniere, aber er sagt, ich soll mich ja nicht mit euch gegen ihn ver … ver … irgendwas.«

»Verschwören?«, fragte Ludlow.

»Das ist das Wort, ja.«

»Was meinst du mit ›hinterherspionieren‹?«, wollte Ludlow wissen. »Bist du deshalb gekommen?«

»Natürlich nicht«, sagte Polly empört. »Aber damit habe ich eine gute Ausrede. Mr Ratchet rauft sich nämlich die Haare wegen deinem Mr Zabbidou. Er will so dringend wissen, was hier oben vor sich geht, dass er mir aufgetragen hat, jeden Tag in euer Fenster zu schauen und ihm zu erzählen, was ich gesehen habe.«

»Und was hast du gesehen?«, fragte Ludlow unfreundlich.

»Plunder«, erwiderte sie.

»Und?«

Sie sah Ludlows Gesichtsausdruck und fuhr schnell fort: »Sonst erzähle ich ihm nichts. Auch nichts von dem Buch.«

»Vielleicht sollte Jeremiah mal selber zu uns kommen«, sagte Ludlow.

»Hach ja! Ich wette, der hat allerhand Geheimnisse.« Polly trat einen Schritt vom Feuer zurück und sah Ludlow direkt ins Gesicht. »Und du? Hast du auch welche?«

Ludlow runzelte die Stirn. »Ich? Nein. Wie meinst du das?«

»Mach dir nicht gleich in die Hosen«, spottete Polly. »Ich frage ja nur. Bei dem Lohn, den dir Joe zahlt, hast du’s wahrscheinlich gar nicht nötig, deine Geheimnisse zu verkaufen.«

»Hmm«, machte Ludlow und suchte nach einer Möglichkeit, das Thema zu wechseln.

»Ich habe ein-, zweimal gelogen, als ich hier war«, sagte Polly plötzlich. »Als Joe nämlich gesagt hat, er zahlt Geld für Geheimnisse, da dachte ich, je schlimmer das Geheimnis, desto mehr Geld bekommt man vielleicht.« Hastig legte sie die Hand über ihren Mund und schüttelte den Kopf, verärgert über sich selbst. »Ich weiß gar nicht, warum ich dir das erzähle. Du darfst nicht schlecht von mir denken.« Dann lachte sie. »Hör auf, mich so anzusehen, das macht mich ganz geschwätzig!«

Wieder sah sie sich im Zimmer um, bedächtiger jetzt. »Wo ist es denn?«

»Was?« Ludlow wünschte, Polly würde ihm nicht so viele Fragen stellen.

»Das Buch der Geheimnisse. Das Buch, in das du immer reinschreibst.«

»Es ist gut versteckt«, sagte er schnell, doch ohne es verhindern zu können, huschte sein Blick zu Joes Bett hinüber. Polly sah es und war mit einem Satz dort. Ludlow stürzte ihr nach, aber nicht schnell genug. Mit der Hand fuhr Polly unter die Matratze und griff nach dem Schwarzen Buch. Sie zog es hervor, sprang aufs Bett und hielt es hoch aus Ludlows Reichweite.

»Wir schauen mal kurz rein, ja?«, sagte sie schelmisch und schwenkte das Buch über ihrem Kopf. »Da müssen doch interessante Geschichten drinstehen.«

»Nein!«, rief Ludlow verzweifelt. »Das ist verboten. Joe sagt, das ist verboten.«

Polly lachte. »Joe ist nicht da, falls du’s noch nicht gemerkt hast. Und was kann es auch schaden?«

»Nein«, sagte Ludlow, aber schon weniger überzeugt. Eigentlich schlug ja Polly etwas vor, woran er selbst schon längst gedacht hatte.

»Ich habe es Joe versprochen«, sagte er schwach.

»Joe erfährt es doch nicht«, sagte Polly eindringlich. »Und die meisten dieser Geheimnisse hast du sowieso schon gehört.«

»Nur die von Pagus Parvus.«

»Dann schauen wir uns die früheren an, die aus der Zeit vor Pagus Parvus, das sind Geheimnisse aus einem Ort, von dem wir die Leute nicht kennen. Was kann daran falsch sein?«

Ludlow fand den Vorschlag ganz vernünftig – wahrscheinlich deshalb, weil er ihn ganz vernünftig finden wollte. Er saß auf dem Bett und spürte lähmende Gewissensbisse, doch er schob sie zur Seite. Es war das erste Mal, dass Joe ihn mit dem Schwarzen Buch allein ließ, und schon war er dabei, ihn zu hintergehen. Doch wenn er ehrlich sein sollte, war er genauso gespannt auf die Geschichten wie Polly.

»Wir fangen am besten von vorn an.«

Polly nickte eifrig. »Mit der allerersten Geschichte, der ältesten.«

»Gut«, sagte Ludlow bestimmt. »Aber nicht mehr.«

»Natürlich nicht«, sagte Polly und gab Ludlow das Buch. »Fang an.«

»Ich denke, du willst darin lesen?«, sagte Ludlow und versteckte seine Hände hinter dem Rücken. Wenn er das Buch nicht anfasste, wer weiß, vielleicht würde er dann mit dem Betrug nichts zu tun haben …

»Aber ich kann doch nicht lesen, du Dummkopf«, sagte Polly nüchtern. »Wir sind hier nicht alle so gebildet wie du.«

Ludlow seufzte, aber länger mochte er die Sache nicht aufschieben, und so nahm er Polly das schwere Buch aus den Händen. Ihm wurde ein wenig schwindlig, während er es langsam aufschlug und die erste Seite glatt strich. Dann begann er zu lesen.

Kapitel 26

Auszug aus dem

Schwarzen Buch der Geheimnisse

Das Geständnis des Sargmachers

Ich heiße Septimus Stern und ich habe ein grässliches Geheimnis. Es verfolgt mich schon seit fast zwanzig Jahren. Wohin ich auch komme, überall lauert schon sein Schatten, und wenn ich am wenigsten damit rechne, stürzt es sich auf mich, quält mich wieder eine Nacht, macht meinen Hass auf mich selbst noch größer, als er schon ist.

Ich bin ein Gefangener meines Gewissens, und Ihr, Mr Zabbidou, seid meine letzte Hoffnung.

Von Beruf bin ich Sargmacher, und zwar ein guter. Im Lauf der Jahre habe ich mir landauf, landab einen Namen gemacht, und die Arbeit ging mir nie aus. Mag sein, es kommt Euch sonderbar vor, dass ich vom Unglück anderer lebe, aber ich bin kein sentimentaler Mensch, Mr Zabbidou. Ich bin überzeugt, dass ich denen helfe, die mich brauchen – ungeachtet der traurigen Begleitumstände –, und ich verdiene mein Geld redlich.

Eines Morgens im Spätherbst kam zu früher Stunde ein Fremder in meine Werkstatt. Er behauptete, er sei Arzt, und wünschte mit Dr. Sturgeon angesprochen zu werden.

»Einer meiner Patienten ist gestorben«, sagte er kummervoll. »Ich brauche einen Sarg.«

Er schien ein wenig zerfahren, aber das war nichts Ungewöhnliches. Ich sagte also, das sei mein Geschäft und ich könne ihm sicher helfen.

»Man hat mir versichert, dass Ihr ein guter Sargmacher seid«, fuhr er fort. »Ihr sollt mir etwas Besonderes machen.«

Wieder dachte ich mir nichts bei seinem Wunsch. Ich nahm an, er meinte, ich solle den Sarg mit einem luxuriösen Stoff ausstatten, Seide vielleicht, oder ich solle teureres Holz verwenden. Manchmal wurden auch Gold-oder Silbergriffe und Beschläge verlangt. Ich sagte ihm, dass ich all das schon gemacht hatte, aber er schüttelte den Kopf.

»Nein, das ist es nicht, was ich möchte. Vielleicht erinnert Ihr Euch an den Fall kürzlich, als ein junger Mann beerdigt wurde, obwohl er noch lebte. Ich möchte jedoch gleich hinzufügen, dass nicht ich ihn für tot erklärt habe. Aber sicher könnt Ihr Euch die Verzweiflung seiner Angehörigen vorstellen, als man später herausfand, dass der junge Mann vergeblich versucht hatte, sich aus dem Sarg zu befreien.«

Ich sagte Mr Sturgeon, dass ich mich allerdings an den betreffenden Fall erinnerte, denn ich hatte den Sarg geliefert. Der Tote war im Grab der Familie beigesetzt worden. Einen Monat später, als nach dem Tod eines weiteren Familienmitglieds das Grab geöffnet wurde, fand man den Sarg auf die Seite gewälzt. Der Deckel wurde geöffnet, aber es war natürlich zu spät. Die Leiche war bereits in Verwesung übergegangen, trotzdem ließ sich noch deutlich erkennen, dass die Hände des jungen Mannes nicht mehr seitlich am Körper lagen und dass sein Mund in einem schmerzvollen Ausdruck der Verzweiflung geöffnet war.

»Ich möchte sichergehen, dass eine solche Tragödie nicht noch einmal vorkommt.«

Ein verständlicher Wunsch, dachte ich und hörte zu, als er seine Vorstellungen erläuterte: Der Sarg sollte mit einem Mechanismus versehen sein, der Luft im Innern zirkulieren lässt, für den Fall, der Verstorbene würde aufwachen. Wir vereinbarten einen Preis, und da die Zeit drängte, machte ich mich sofort an die Arbeit. Es war keine schwierige Konstruktion, am Sarg musste lediglich ein bis zur Erdoberfläche reichendes Rohr befestigt werden, durch das die Luft einströmen konnte. (Der Doktor bestand darauf, die Sache geheim zu halten – möglicherweise würde sich der Pfarrer darüber aufregen, so hatte er erklärt.) Spätnachts war ich mit dem Sarg fertig. Ich lieferte ihn am nächsten Tag an die Adresse, die ich bekommen hatte, ein großer Landsitz, ein paar Reitstunden entfernt. Der Doktor öffnete selbst.

»Willkommen«, sagte er. »Der Gutsherr ist heute ein wenig unpässlich. Er hat mich gebeten, die Sache für ihn zu regeln.«

Er winkte mich herein, und wir gingen an einer offenen Tür vorbei. Als ich einen kurzen Blick hineinwarf, sah ich einen Mann, den ich für den Gutsherrn hielt, er saß reglos in einem Sessel am Fenster. Er war blass, alt und sah recht krank aus. Der Doktor untersuchte den Sarg gründlich und stellte viele Fragen hinsichtlich seiner zuverlässigen Funktion. Endlich, als er ihn für gut befunden hatte, trugen wir ihn in den Keller hinunter.

»Die Verstorbene ist die Frau des Gutsherrn«, sagte er. »Sie liegt im Keller, wo es kühl ist.«

»Wie ist sie gestorben?«, fragte ich, während wir die sperrige Last mühsam die Treppe hinunterschafften.

»Schüttelfrost«, sagte er. Mitteilsamer war er nicht.

Endlich waren wir unten. Die Temperatur war hier sehr viel niedriger als oben, und ich sah die Frau des Hauses auf einem Tisch aufgebahrt. Sie sah blass aus, aber friedlich, und entgegen meinen Erwartungen zeigte sie keine äußeren Anzeichen einer Krankheit. Ich weiß nicht, woran es lag, aber plötzlich war mein Misstrauen geweckt. Sie wirkte so ruhig und entspannt, dass man schwer glauben konnte, sie sei tot, aber natürlich gab es auch keine Spur von Leben in ihr. Ein merkwürdiger Geruch hing im Raum, den ich damals der Feuchtigkeit zuschrieb.

»Wie schrecklich«, murmelte ich.

»Allerdings«, erwiderte der Doktor, und ich sah, dass er trotz der Kälte hier unten schwitzte. Er streichelte zärtlich die Hand der Toten, was mir unangebracht schien, so wie es mich überhaupt irritierte, wie besorgt er um sie war. Schließlich war sie nicht seine Frau.

»So jung und schön«, sagte er. »Der Pfarrer kommt heute Nachmittag, sie soll in der Familiengruft beigesetzt werden.«

Kaum hatten wir den Sarg abgestellt, schien es der Doktor eilig zu haben, mich zu verabschieden. »Ihr solltet Euch besser nicht länger aufhalten«, drängte er. »Das Wetter schlägt um und der Tag ist bald zu Ende. Ich möchte Euch nicht gern nachts auf der Landstraße wissen. Sie ist berüchtigt wegen ihrer Wegelagerer.«

Ich entnahm seinem Ton, dass ich länger geblieben war als erwünscht, und so brach ich unverzüglich auf. Mir kam das Wetter nicht schlechter vor als am Morgen, im Gegenteil, es schien mir sogar besser, doch war ich froh, dieses Haus hinter mir zu lassen. Meine Arbeit war gut entlohnt worden, und doch spürte ich einen nagenden Zweifel in mir, dass hier etwas nicht in Ordnung war. Der Geruch, der in diesem Keller geherrscht hatte, blieb mir tagelang in der Nase.

Ein paar Monate später hatte ich zufällig wieder in dieser Gegend zu tun. Einer spontanen Eingebung folgend bog ich an der Weggabelung zur Einfahrt des Gutshauses ab und blieb vor dem Tor stehen. Es war abgesperrt, doch durch die Stäbe sah ich, dass das Haus verschlossen und der Garten verwildert war. Am Torpfosten hing ein Schild, das Anwesen sei zu verkaufen, Interessenten sollten sich an die Makler Cruickshank und Butterworth in der Stadt wenden. Da ich ohnehin auf dem Weg in die Stadt war, ging ich in das Maklerbüro, um mich nach dem Aufenthaltsort des Gutsherrn zu erkundigen. Ich sprach mit Mr Cruickshank, einem äußerst liebenswürdigen Mann, der bereitwillig auf meine Fragen einging und mir umfassend antwortete.

»Eine merkwürdige Sache«, sagte er. »Erst stirbt die Frau und dann der Gutsherr. Nur der Sohn lebt noch. Er hat das Ganze geerbt. Er ist ins Ausland gegangen und hat uns beauftragt, den Besitz in seinem Namen zu verkaufen. Das dürfte ihm ein kleines Vermögen einbringen.«

»Es gibt einen Sohn?«, fragte ich zweifelnd.

»Ja, ein Doktor.«

»Wie ist denn der alte Herr gestorben?«, fragte ich.

»Nun, das ist eine noch merkwürdigere Geschichte. In der Nacht nachdem man die Frau beerdigt hatte, hörte der Doktor Schreie aus dem Zimmer seines Vaters. Er rannte hinauf und fand seinen Vater halb tot im Bett liegen, das Gesicht rot angelaufen, anscheinend zu keiner Bewegung mehr fähig und kaum mehr in der Lage, zu sprechen. Er sagte dem Doktor noch, er sei aufgewacht, weil seine tote Frau auf ihm kniete und ihn würgte. Kurz darauf starb er. Der Schock hat ihn umgebracht – er hatte eine schwache Konstitution, und sein Herz hielt die Belastung nicht aus. Der Sohn tut mir leid. Mit einem Schlag hat der arme Kerl Vater und Stiefmutter verloren.«

»Ihr meint, die Tote war nicht seine Mutter?«

Mr Cruickshank schüttelte den Kopf. »Seine leibliche Mutter starb, als er noch ein Junge war, und sein Vater hat wieder geheiratet. Die hübscheste Frau, die ich je gesehen habe, aber sie war fast vierzig Jahre jünger als er. Ich weiß nicht, was sie an ihm fand.«

Ich dankte Mr Cruickshank für seine Zeit und machte mich auf den Weg, noch unruhiger als vorher. Meine Neugier war befriedigt, aber meine Bedenken nicht zerstreut worden. Wie ich mir vorgenommen hatte, ging ich anschließend zum Apotheker, um eine Arznei gegen Husten zu kaufen. Kaum hatte ich den Laden betreten, überwältigte mich ein starker, unverwechselbarer Geruch, und ich blieb wie angewurzelt stehen. Es war derselbe Geruch, den ich im Keller des Gutshauses wahrgenommen hatte. Als der Apotheker die Ladenglocke bimmeln hörte, kam er aus dem hinteren Raum.

»Was ist das für ein Geruch?«, fragte ich rundheraus.

»Ah«, sagte er verschwörerisch. »Das ist ein ganz besonderes Schlafmittel, eine meiner Eigenmischungen. Hochwirksam, sehr stark. Es versetzt einen Menschen in Tiefschlaf, wobei die betreffende Person fast leblos aussieht und keinerlei Schmerzempfindung hat. Ich denke, Krankenhausärzten wird dieses Mittel bei Operationen sehr hilfreich sein.«

»Sagt mir«, fuhr ich mit klopfendem Herzen fort, »kennt Ihr einen Dr. Sturgeon?«

»Einer meiner besten Kunden«, sagte der Apotheker stolz. »Er schwört auf dieses Mittel, er sagt, es sei das beste und einzige gegen seine Schlaflosigkeit gewesen.«

Ich nahm meinen Hustensaft und machte mich schweren Herzens auf den Heimweg. Nun kannte ich das wahre Ausmaß der Täuschung, in die ich unwissentlich hineingezogen worden war. Was für ein vertrackter Plan! Nur ein teuflisches Gehirn konnte ihn ersonnen haben. Wie soll man schließlich einen Geist wegen Mordes vor Gericht bringen?

Ihr müsst wissen, Mr Zabbidou, ich stelle es mir so vor: Der junge Doktor verabreichte der Frau seines Vaters das Schlafmittel und redete seinem Vater ein, sie sei gestorben. Dann ließ er sie in dem von mir angefertigten Sarg beerdigen. Durch das Rohr konnte sie weiteratmen, und als die Wirkung des Schlafmittels nachließ und er sie in der Nacht des Beerdigungstages aus dem Grab befreite, war sie quicklebendig. So lebendig, dass sie am Bett ihres Mannes erscheinen und ihn halb erwürgen konnte – wohl wissend, dass er ein schwaches Herz hatte. Auf diese Weise erbte der Doktor nicht nur das Anwesen seines Vaters, sondern auch dessen junge Frau. Zweifellos genießen die beiden jetzt die Früchte ihrer Gottlosigkeit in einem fernen Land.

Ich kann es mir nicht verzeihen, dass ich selbst eine Rolle bei diesem Plan gespielt habe. Ihr seid der einzige Mensch, Mr Zabbidou, der davon weiß. Ich kann den Gedanken nicht ertragen, dass sonst noch jemand dahinterkommen könnte. Die Leute sagen, man kann Euch vertrauen, und ich glaube ihnen. Ich denke, jetzt kann ich wieder schlafen.

Kapitel 27

Fragment aus den

Erinnerungen des Ludlow Fitch

Nachdem ich das Geheimnis des Sargmachers vorgelesen hatte, sahen wir uns schuldbewusst an.

»Der Arme«, sagte Polly leise. »Es war gar nicht seine Schuld.«

»Da steht noch was«, sagte ich. »Ganz unten auf der Seite.«

»Was?«

»Quae nocent docent.«

Polly sah mich verständnislos an.

»Ich glaube, das ist Latein.«

»Latein?«

»Eine andere Sprache. Joe benutzt sie manchmal. Er sagt, auf Latein kann man mit wenigen Worten mehr sagen. Und das gefällt ihm.«

»Dann frag ihn lieber nicht, was es bedeutet«, sagte Polly schnell. »Sonst weiß er, dass wir herumgeschnüffelt haben.«

Ich sagte nichts. Aber ich hatte so eine Ahnung, dass Joe ohnehin Bescheid wissen würde. Ich klappte das Buch zu und legte es beiseite.

»Ich will nichts mehr hören«, sagte Polly, und ich war erleichtert.

So saßen wir da und warteten darauf, dass der Sturm nachließe: nur wir zwei, in Decken gehüllt vor dem Feuer sitzend und Suppe schlürfend. Ich glaube, wir wussten beide, dass es falsch gewesen war, in dem Buch zu lesen, doch Polly tat es mit einem Lachen ab.

»Er wird’s ja nie erfahren«, versuchte sie sich einzureden. »Mach dir nicht so viele Gedanken.«

Gegen Abend beruhigte sich der Wind, das Schneetreiben hatte nachgelassen. Polly stand auf und streckte sich. »Ich muss los«, sagte sie. »Mr Ratchet wird nach seinem Abendessen fragen.« Bevor sie ging, sah sie mich mit einem ängstlichen Blick an.

»Du sagst es ihm doch nicht, Ludlow?«

Ich schüttelte den Kopf. »Wenn er dahinterkommt, sage ich, dass nur ich es war.«

Sie grinste. »Dir wird er verzeihen. Du musst ihn nur lange genug mit deinen großen grünen Augen anschauen.«

Irgendwie aber glaubte ich nicht daran, dass dieser Trick bei Joe funktionieren würde.

Nach vier Tagen war zwar die Schneefront vorübergezogen, doch immer noch war es dunkel, winterlich und sehr kalt. Ich hatte den Laden geöffnet. Die Stunden schleppten sich dahin. Ich fütterte Saluki, fegte den Boden und staubte die Sachen im Schaufenster ab. Zum Nachdenken hatte ich genügend Zeit, und bevor der vierte Tag zu Ende ging, war es mir gelungen, mich selbst zu überzeugen, dass ich mir wegen unseres heimlichen Lesens wirklich keine Sorgen machen musste. Schließlich war niemand zu Schaden gekommen. Wir hatten es ja auch nicht aus Bosheit getan, nur aus Neugier. Ganz hinten in meinem Kopf nagte die leise Ahnung, dass Joe mir eine Falle hatte stellen wollen. Der Gedanke, dass er mir nicht traute, verletzte mich, aber schlimmer fand ich, dass sein Misstrauen begründet schien. Aber war das etwa gerecht? Gab es irgendwo einen Menschen, der stark genug gewesen wäre, einem heimlichen Blick zu widerstehen?

In der Nacht bevor Joe zurückkam, war ich fast schon eingeschlafen, da glaubte ich draußen ein Geräusch zu hören. Ich öffnete die Tür zur Straße, aber da war niemand, nur Fußabdrücke im Schnee unter dem Fenster, große Fußabdrücke. Von wem sie stammten, erkannte ich nicht an der Größe, sondern an dem Geruch, der in der Luft hing: der Jeremiah-Ratchet-Geruch.

Am nächsten Morgen ließ Saluki ein durchdringendes Quaken hören, und einen Augenblick später polterte es an der Tür. »Ludlow!«, rief eine Stimme. »Lass mich ein.«

Es war Joe. Ich freute mich sehr, dass er wieder da war, und hoffte nur, dass ich mein schlechtes Gewissen vor ihm würde verbergen können. Er kam herein, ließ seinen Blick durch den Laden wandern und schlug mir auf den Rücken.

»Schön, dass du in meiner Abwesenheit den Laden in Schuss gehalten hast«, sagte er. Ich hatte natürlich darauf geachtet, dass alles ordentlich an seinem Platz lag.

»Hier gab es einen schrecklichen Sturm«, sagte ich, ohne zu überlegen. »Polly war vorbeigekommen und hat sich eine Weile zu mir ans Feuer gesetzt.« Das hatte ich ihm gar nicht sagen wollen, aber wenn Joe mich mit seinem gewissen Blick ansah, musste ich unweigerlich sagen, was ich gerade dachte. Ich starrte auf den Boden. Auf keinen Fall wollte ich noch mehr von meinen Gedanken verraten.

»Ich weiß«, erwiderte er.

»Ihr wisst es?« Hatte er meine Gedanken gelesen?

»Polly war gerade unterwegs zum Fleischer, da habe ich sie getroffen. Sie hat es mir erzählt.«

Mein Herz flatterte. Hoffentlich war das alles, was Polly erzählt hatte.

»Hat jemand geklopft?«, fragte Joe.

Ich schüttelte den Kopf. »Nein. Aber ich glaube, Ratchet hat draußen herumgeschnüffelt.«

»Würde mich nicht wundern. Er ist ein neugieriger Patron. Gewiss nicht der Erste, der vor dem Fenster spioniert.«

Joe meinte nicht mich. Ich erinnerte mich, dass er mir nach Dr. Mouldereds Besuch gesagt hatte, er sei überzeugt, dass jemand draußen gelauscht habe. Doch im Augenblick war ich mehr an Ratchet interessiert. »Warum unternehmt Ihr nichts gegen ihn?«, drängte ich. »Ist es wirklich so unverständlich, wenn Euch die Dorfleute darum bitten?«

Joe seufzte. »Du musst Geduld haben, Ludlow.«

»Warum? Worauf warten wir? Kennt Ihr etwa die Zukunft?«

Das schien ihn zu belustigen. »Hast du meine Kristallkugel schon gesehen?«, fragte er. »Wenn ja, würde ich gern wissen, wo sie ist.« Er lachte halbwegs, aber dann wurde er gleich wieder ernst.

»Ich bin kein Seher, Ludlow, glaub mir. Wenn ich einer wäre, meinst du, dann würde ich das hier tun?« Er machte eine Handbewegung, die den ganzen Laden umfasste.

Diesmal wollte ich ihn nicht so leicht vom Haken lassen. »Was genau habt Ihr vor, Joe? Wer seid Ihr? Warum seid Ihr hierhergekommen?«

Er lehnte sich an den Ladentisch und streckte seine langen Beine vor sich aus. »Ich bin nur ein alter Mann, Ludlow, der versucht, Menschen in Not zu helfen.«

»Aber das Buch, das Geld. Ihr gebt immerzu. Was bekommt Ihr zurück?«

»Es muss nicht immer darum gehen, dass man etwas zurückbekommt. Meinst du nicht, es ist genug, wenn man etwas gibt? Warum soll ich dafür eine Gegenleistung erwarten?«

Es war nicht leicht, und doch fing ich langsam an zu begreifen. Wahrscheinlich war ich in meinem Herzen immer noch ein Dieb. Während meines ganzen Lebens in der Stadt war es darauf angekommen, mir etwas zu verschaffen und für mich selbst zu sorgen.

»Du hast ihre Gesichter gesehen«, fuhr Joe fort. »Du weißt, wie ihnen zumute ist, wenn sie um Mitternacht kommen, und mit welchem Gefühl sie wieder gehen. Warum sollte ich mehr verlangen?«

»Aber sie verlangen mehr«, sagte ich.

»Und das, Ludlow, ist genau mein Problem.« Er machte auf dem Absatz kehrt und ging in den hinteren Raum. Ich folgte ihm. Er zog unter der Matratze das Schwarze Buch hervor und blieb mit suchendem Blick neben seinem Bett stehen.

»Ich habe nachgedacht«, sagte er. »Vielleicht sollten wir das Buch an einer anderen Stelle aufbewahren.«

Mir fiel nichts Geeigneteres ein. Für eine Auswahl an Versteckplätzen war der Raum nicht groß genug.

»Aha«, rief er nach einer Weile. »Ich weiß auch schon, wo. Dort kannst du es immer im Auge behalten.« Er bückte sich und schob das Buch unter meinen Strohsack.

Ich war tief betroffen, aber ich bemühte mich, es nicht zu zeigen. »Meint Ihr, da ist es sicher?«

»In deinen Händen?«, sagte Joe augenzwinkernd. »Aber gewiss. Und wenn wir nun schon von Büchern sprechen, da gibt es eins, das ich gern haben möchte. Komm mit.«

Und so gingen wir zu Perigoe Leafbinder.

Kapitel 28

Perigoe Leafbinder

Perigoe Leafbinder war seit mehr als dreißig Jahren im Buchgewerbe tätig, und daran erinnerte sie gern, wenn jemand in ihren Laden kam. Sie wusste von jedem Buch, das gedruckt worden war, und sie verdiente ganz ordentlich, wenn auch nicht gerade durch die Einheimischen. Obwohl es an den dunklen Abenden außer Lesen kaum etwas anderes zu tun gab, hatten nur wenige sich diese Fähigkeit angeeignet. Perigoe unterhielt einen gut funktionierenden Zustelldienst und belieferte mit Pferd und Wagen den Norden der Stadt. Dort wohnten die Reichen und Müßigen, die Bücher nur kauften, um ihren Lebensstil und ihre geistige Überlegenheit zu zeigen. Perigoe hatte schon früh gelernt, dass es nicht schwer war, mit der Eitelkeit anderer Menschen Geld zu verdienen.

Sie war eine kleine Frau, fast eine Zwergin, mit vergrämtem Gesicht und schiefem Lächeln. In den vergangenen Monaten hatte sich an ihrem linken Auge ein lästiges Zucken ausgeprägt, das sich verstärkte, sobald sie nervös wurde. Leider war das ein Zustand, in dem sie sich meistens befand, und so kam es, dass sie fast ständig zwinkerte. Eine runde Brille saß auf ihren geblähten Nasenlöchern, die beinahe so aussahen, als wären sie eigens zum Tragen einer Brille geformt. Sie machten Brillenbügel überflüssig: Die Brille fiel auch dann nicht herunter, wenn sich Perigoe vorbeugte. Seit dem Tod ihres Mannes vor mehr als drei Jahren hatte sie sich angewöhnt, ausschließlich Schwarz zu tragen, und so war sie wegen ihrer geringen Größe und ihrer Kleidung im Halbdunkel ihres Buchladens oft kaum zu erkennen. Sie fand Vergnügen daran, aus dunklen Ecken aufzutauchen und unschlüssigen Kunden so unerwartet auf den Rücken zu klopfen, dass diese erschrocken zusammenfuhren.

Joe ließ Ludlow draußen warten, betrat den Laden und blieb ein paar Minuten stehen, um die Umgebung zu mustern. Er musste sich ein wenig vorbeugen, und als er den Hut abnahm, strich sein ungebändigtes Haar über die Eichenbalken unter der Decke. Regale zogen sich an den Wänden entlang, und im ganzen Raum standen eng nebeneinander Reihen von Bücherregalen. Joe ging zwischen den Regalreihen hindurch und fuhr mit seinen langen Fingern über die dunklen Buchrücken. Es schien keine bestimmte Ordnung zu herrschen: Romane standen neben wissenschaftlichen Werken, Kunst neben Mathematik, antiquarische neben neuen Büchern.

Wie aus dem Nichts erschien Perigoe und tippte ihn mit ihrem verhutzelten Zeigefinger an.

»Mr Zabbidou, glaube ich?« Ihre Stimme war fast unhörbar. Perigoe sprach immer, als befürchte sie, jemand könne lauschen.

»So ist es«, antwortete Joe. »Freut mich, Eure Bekanntschaft zu machen, Mrs Leafbinder.« Er nahm ihre blutleere Hand in seine und küsste sie in aller Form.

Für einen Moment überließ ihm Perigoe ihre Hand und dachte flüchtig an eine Zeit, in der sie bei einer solchen Geste errötet wäre.

»Wie kann ich Euch helfen?«, fragte sie und zwinkerte dreimal.

»Ich suche ein Buch über Tiere«, sagte Joe. »Speziell eines über Amphibien, von S. E. Salter. Ich hatte gehofft, Ihr könntet diesen Band haben.«

»Ich glaube, ich habe ihn«, sagte Perigoe und glitt davon, so schwebend, als habe sie keine Füße. Sie war schnell zurück und reichte Joe das Buch, eine schmale gebundene Ausgabe mit Farbtafeln. Er hielt es zwischen Daumen und Zeigefinger und sah Perigoe tief in die Augen. Es fiel ihr schwer, seinem Blick auszuweichen.

»Ich dachte, Ihr würdet vielleicht gern ein Gläschen mit mir trinken«, schlug er vor. »Heute Nacht?«

Perigoe nickte langsam, und ihr Augenlid zuckte wie ein Blatt Papier im Wind. Sie hätte gern zur Seite geschaut, aber das war aus irgendeinem Grund nicht möglich. Eine leise Melodie wie von Vogelgezwitscher am frühen Morgen ging ihr durch den Kopf, und ihre knochigen Finger fingen an zu kribbeln, als hätte sie in Brennnesseln gegriffen.

»Um Mitternacht?«

Wieder nickte Perigoe.

»Bis dahin also«, sagte Joe und brach damit den Bann. Er ging zur Tür und hielt das Buch in die Höhe.

»Was schulde ich Euch?«

Perigoes Herz flatterte wie eine gefangene Motte, sie musste sich an einem Regal festhalten. »Es kostet nichts«, flüsterte sie.

Als Joe nach dem Türknauf griff, verdunkelte ein Schatten auf der anderen Seite den Türrahmen. Er hörte schweres Atmen, und schon platzte Jeremiah Ratchet herein wie eine Flasche obergäriges Bier, aus der der Korken knallt. Als er Joe sah, schnaubte er verächtlich. Joe trat ein wenig zurück und machte den Eingang frei, dann tippte er zum Gruß an seinen Hut und ging hinaus, ohne sich umzuschauen.

Auf dem Rückweg zum Leihhaus fragte sich Ludlow, was Jeremiah bei Perigoe wohl zu tun gehabt hatte. Ein Büchermensch war er ganz sicher nicht. Ludlow versuchte, den Titel auf Joes neuem Buch zu lesen, aber die Falten des Umhangs verdeckten es.

Von außen betrachtet hatte Perigoe Leafbinder, verglichen mit den meisten anderen Dorfbewohnern, ein gutes Leben. Sie besaß ein erfolgreiches Geschäft, an Geld mangelte es ihr nicht. Sie hatte ein schönes Eheleben gehabt und war nun genauso zufrieden in ihrem Witwenstand. Trotzdem fand sie sich um Mitternacht unter den drei goldenen Kugeln ein. Wie so viele andere aus Pagus Parvus hatte auch sie ein quälendes Geheimnis, das ihr keine Ruhe ließ. Im Licht des zunehmenden Mondes hob sie den Arm.

Joe öffnete die Tür, bevor sie klopfen konnte.

»Mrs Leafbinder«, sagte er, »ich habe Euch erwartet.«

Leise schlüpfte Perigoe in den Laden, und Joe führte sie in den hinteren Raum.

»Was sind das eigentlich für Geschäfte, die Ihr spätnachts hier abwickelt?«, fragte sie, und ihr Augenlid zuckte wild.

»Ich kaufe Geheimnisse.«

Nervös rückte Perigoe ihre Brille zurecht, während sie über Joes Auskunft nachdachte. Schließlich sagte sie: »Ich habe ein Geheimnis, das ich gern verkaufen würde. Wollt Ihr es haben?«

»Aber selbstverständlich«, erwiderte Joe und reichte ihr ein Glas. »Ich bin sicher, ein Geheimnis von Euch ist von höchster Qualität und wird wohl eine schöne Summe wert sein.«

Perigoe errötete. Sie zwinkerte zweimal, nippte an dem süßen Schnaps und begann.

Kapitel 29

Auszug aus dem

Schwarzen Buch der Geheimnisse

Das Geständnis der Buchhändlerin

Mein Name ist Perigoe Leafbinder und ich habe eine elende Sache zu bekennen.

Die Leafbinders sind seit fast zwei Jahrhunderten im Buchgewerbe tätig, und ich bin stolz darauf, diese Tradition weiterzuführen. Dreißig Jahre meines Lebens habe ich in dem Buchladen zugebracht, und so Gott will, mache ich gern noch dreißig Jahre weiter, aber wenn ich mich nicht von meinen quälenden Gedanken befreien kann, bezweifle ich, dass ich auch nur noch ein Jahr überstehe.

Es gibt ein Buch, von dessen Auflage drei Exemplare als enorm wertvoll gelten. Die Geschichte selbst ist weder von besonderem Interesse noch von literarischem Wert, es geht dabei nur um die schlichte Erzählung eines Bergschäfers. Was diese drei Exemplare so begehrt macht, ist der Umstand, dass die dreizehnte Zeile auf der dreizehnten Seite verkehrt herum gedruckt ist. Niemand weiß, wie das passieren konnte; manche glauben, der Drucker sei im Bund mit dem Satan gewesen und die Wörter seien durch Teufelswerk verdreht worden. Andere sagen, ein Blitz vom Himmel habe die Buchstaben umgestellt: ein Zeichen des Wohlwollens vom größten aller Schäfer, von Gott selbst. Oder es war vielleicht der junge Lehrling des Druckers – er trank gern ein Gläschen und war immer zu einem Spaß aufgelegt. Doch was auch der Grund sein mag, der Fehler taucht jedenfalls nur bei drei von den zweihundert gedruckten Exemplaren des Buches auf.

Wo zwei dieser verdruckten Bücher stehen, ist bekannt: das eine im Museum einer fremden Stadt, das andere bei der Familie des Schäfers, der die Geschichte geschrieben hat. Die Leute leben mit ihren Schafen in den Bergen und lassen sich kaum je blicken. Schon seit Generationen ist das Buch in ihrem Besitz, und sie wollen es um keinen Preis verkaufen. Geld bedeutet ihnen nichts, sagen sie. Das dritte Exemplar aber war fast hundert Jahre lang verschwunden. Man hatte angenommen, dass es nicht mehr existierte.

Der Besitz dieses Buches würde jedem schnell zu Ruhm und Reichtum verhelfen, und wie viele andere habe auch ich jahrelang und vergebens davon geträumt, es zu finden.

Vor ein paar Monaten kam eine alte, gebrechliche Frau in meinen Laden. Ich sah sie langsam zwischen den Bücherregalen hindurchgehen, sie bewegte sich steif und mithilfe von zwei Krücken. Den linken Ellbogen hielt sie fest an den Körper gepresst, was ihren mühsamen Gang zusätzlich erschwerte. Ich sah sofort, dass sie etwas unter ihrem Umhang verbarg.

Ich trat ihr entgegen, begrüßte sie und führte sie ins Büro, wo sie ihre Krücken an den Tisch lehnte. Es war fast sechs Uhr, und ich freute mich auf den Feierabend. Deshalb bemühte ich mich, die Kundin möglichst schnell abzufertigen, und fragte ziemlich schroff: »Madam, wie kann ich Euch helfen?«

Sie sah mich misstrauisch an und fragte: »Kauft Ihr Bücher?«

Ich nickte.

»Was, meint Ihr, ist das hier wert?«

Damit zog sie ein abgegriffenes Buch mit rötlich braunem Ledereinband unter ihrem Umhang hervor und schob es über den Tisch. Sie schien es aber auf keinen Fall aus der Hand geben zu wollen, ich musste es ihr fast mit Gewalt entziehen. Unablässig hatte sie ihre kleinen schwarzen Augen auf mich geheftet.

Ich warf einen Blick auf den Roman, ziemlich gleichgültig erst, denn ich merkte sofort, dass er nicht viel wert sein konnte. Der Ledereinband war fleckig und abgeschabt, der Titel unleserlich, und das Buch sah aus, als hätte es schon schlimme Zeiten durchgemacht.

Aber was ich dann beim Öffnen des Buches sah, darauf war ich nicht gefasst. Auf der Titelseite stand: »Die Einsamkeit des Bergschäfers« von Arthur Wolman.

Mein Herz machte einen Hüpfer. Konnte dieses Buch das fehlende dritte Exemplar sein? Während ich es prüfte, ließ mich die Frau keine Sekunde aus den Augen, sie durchbohrte mich sozusagen mit ihren Blicken. Flüchtig blätterte ich in den Seiten. Sie waren braun vor Alter, leicht angeschimmelt, zum Teil klebten sie aneinander. Ich kam zu Seite dreizehn, und da traf mich fast der Schlag: Die dreizehnte Zeile war verkehrt herum gedruckt.

gatnnoS ma nreg efahcS eniem erehcs hcI

»Hmm«, machte ich nachdenklich, als sei ich mir über etwas nicht ganz im Klaren. Und das war allerdings der Fall. Stellt Euch vor: Ich hielt ein Buch in Händen, das mir Anerkennung und Reichtum einbringen könnte, und begriff erst jetzt, dass ich gar nicht genug Geld hatte, um es zu kaufen. In meinen Wunschträumen hatte ich mir nie Gedanken darum gemacht, wie ich dieses Buch je bezahlen würde. Ich hatte mir immer nur vorgestellt, irgendwie einmal in seinen Besitz zu gelangen.

Ich sah nur zwei Möglichkeiten. Ich könnte der Frau sagen, das Buch sei wertlos, und ihr einen symbolischen Betrag anbieten. Oder ich könnte ihr die Wahrheit sagen, dann würde sie gehen und es an jemanden verkaufen, der es bezahlen konnte.

Die Frage war: Kannte sie den Wert des Buches? Ich hatte Schweißtropfen auf der Stirn, und nur mit Mühe gelang es mir, das Zittern meiner Hände unter Kontrolle zu bringen. Die Blicke der Frau stachen wie Nadeln auf meiner Haut.

»Also?«, sagte sie gereizt.

Mit meiner Antwort besiegelte ich mein elendes Schicksal.

»Es ist ein interessantes Buch«, sagte ich bedächtig. »Aber besonders wertvoll ist es nicht.« Diese Worte führten mich auf einen Pfad, von dem es keine Rückkehr gab.

Sie sah mich enttäuscht an, und für den Bruchteil einer Sekunde wagte ich zu hoffen. War es möglich, dass sie über den wahren Wert des Buches nicht Bescheid wusste?

»Aber«, sagte ich und versuchte, sie zu trösten, »ich habe zufällig einen Kunden, der sich für diesen Autor interessiert. Ich biete Euch also gern zehn Shilling dafür. Wenn man den schlechten Zustand des Buches bedenkt, werdet Ihr mir sicher recht geben, dass dies ein großzügiges Angebot ist.«

Ich lächelte wohlwollend, wie ich dachte. Die alte Frau lächelte auch, aber irgendwie gemein und verkniffen.

Dann machte sie den Mund auf und zischelte durch ihre schmalen Lippen: »Du dreckige Lügnerin! Du miese Betrügerin! Du hältst mich wohl für eine Närrin? Du denkst, weil ich an Krücken gehe, habe ich Federn im Hirn?«

Ich war ertappt. Ich stand auf und versuchte, die Frau in ihrer wachsenden Wut zu beschwichtigen.

»Möglich, dass ich mich geirrt habe. Lasst noch mal sehen.« Aber es war zu spät. Da war nichts mehr zu retten.

»Das Buch ist ein Vielfaches wert von dem, was du mir geboten hast! Du hast mich beleidigt, und du beleidigst mich ein zweites Mal! Eine Gaunerin bist du, weiter nichts. Gib’s her!«

Mit ausgestrecktem Arm griff sie nach dem Buch, und ich konnte nichts anderes mehr denken, als dass mein Traum wie eine Seifenblase zerplatzte.

»Ich gehe damit woandershin«, sagte sie und zerrte weiter an dem Buch. »Zu jemandem, der Anstand im Leib hat.«

»Es tut mir leid!«, rief ich, den Tränen nahe. »Ein Moment der Schwäche. Ich bin nur ein Mensch, ich habe mich verleiten lassen.« Immer noch hielt ich das Buch fest. Ich brachte es einfach nicht über mich, lozulassen.

»Pah«, fuhr sie mich an. »Von dir habe ich genug gehört.«

Wir zogen und zerrten das Buch über die Tischplatte hin und her. Zuerst war sie im Vorteil, dann ich, bis ich es nach einem kräftigen Ruck endlich ganz in der Hand hatte. Die alte Frau kippte nach hinten, und entsetzt sah ich, dass sie mit dem Hinterkopf gegen die Armlehne des Sessels schlug und wie ein Kleiderbündel auf den Boden sank. Ich stürzte zu ihr, ging in die Knie und beugte mich über ihren Mund, um festzustellen, ob sie noch atmete.

Sie zischelte in mein Ohr: »gatnnoS ma nreg efahcS eniem erehcs hcI.« Dann hauchte sie ihren letzten Atem auf meine Brillengläser und starb.

»Oh Gott im Himmel«, flüsterte ich. »Was soll ich jetzt tun?« Normalerweise stirbt ja kein Kunde in meinem Laden, und ich wusste nicht, wie ich mich jetzt verhalten sollte. Während ich noch hin und her überlegte, flüsterte mir die Stimme des Teufels ins Ohr – es kann wirklich nur der Teufel gewesen sein.

»Nimm das Buch«, raunte er. »Nimm das Buch! Wer erfährt es schon?«

Gern würde ich sagen, dass ich mit ihm gestritten habe, dass ich eine Diskussion anfing über das Sündhafte seines Vorschlags, aber es wäre nicht die Wahrheit. Nein, ich nahm das Buch und steckte es hinter Gibbons »Aufstieg und Fall des Römischen Reiches« auf ein hohes Regalbrett über dem Schreibtisch. Als ich mich umdrehte, sah ich mit Schrecken, dass in der offenen Tür Jeremiah Ratchet stand. Und ich hatte keine Ahnung, wie lange schon.

»Meine liebe Perigoe«, sagte er, »was treibt Ihr denn da, um Himmels willen?«

»Sie ist in meinem Laden gestorben«, jammerte ich. »Einfach zusammengebrochen.«

»Das sehe ich«, sagte er.

Dr. Mouldered kam, Ratchet hielt sich im Hintergrund und ließ sich nichts entgehen. Ich fühlte mich mehr als unwohl in seiner Anwesenheit.

»Herzversagen«, erklärte Mouldered nach kürzester Untersuchung. Ratchet ließ sein lautes verächtliches Schnauben hören, und Mouldered schloss seine Tasche und machte sich schleunigst davon. Zu meiner großen Erleichterung kamen kurz darauf die Leute vom Bestattungsunternehmen, die Leiche wurde weggeschafft, und Jeremiah ging.

Als es endlich dunkel geworden war, hatte ich einen Entschluss gefasst. Ich wollte das Buch verkaufen, nur vorsichtig musste ich sein. Man konnte nicht wissen, wem die alte Frau von dem Besitz des Buches erzählt hatte. Ich hatte gehört, in der Stadt gebe es jemanden, der mir einen guten Preis für dieses Buch zahlen würde und dem ich vertrauen könnte, dass er meine Identität nicht preisgab. Zu Ruhm und Ansehen würde ich auf diese Weise natürlich nicht kommen, aber das war nur ein kleiner Verzicht. Wenn ich sofort aufbräche, könnte ich vor der Morgendämmerung zurück sein, und niemand würde etwas bemerken. Ich verbarg also das Buch unter meinem Umhang, ging hinaus – und lief geradewegs Jeremiah Ratchet in die Arme.

»Meine liebe Perigoe«, sagte er in seiner schmierigen Art, »ich möchte ja zu gern wissen, welches Geschäft Euch um diese Nachtzeit aus Pagus Parvus treibt.«

»Das ist meine Sache«, antwortete ich heftig. »Geht aus dem Weg und lasst mich vorbei.«

Er blieb stehen, wo er war. »Ich habe mir so meine Gedanken gemacht über das, was heute Abend passiert ist. Der Tod dieser armen, unglücklichen Frau, das Buch …«

»Das Buch?«

»Es hat seinen Preis, Geheimnisse für sich zu behalten.«

Sein Ton machte mir Angst. »Was wollt Ihr damit sagen, Mr Ratchet?«

»Ich will sagen, dass Ihr Euch wahrscheinlich gerade in die Stadt aufmachen wollt, um das Buch zu verkaufen, dasselbe Buch, das Ihr der alten Frau heute Nachmittag gestohlen habt. Ihr wollt es für gutes Geld verkaufen und alles für Euch allein behalten.«

»Ich weiß von keinem Buch, Mr Ratchet.«

»Nun«, sagte Jeremiah, »dann haben wir ein Problem. Falls Ihr nämlich das Buch nicht findet – ich weiß genau, dass es da ist –, sehe ich mich gezwungen, dem Friedensrichter etwas zu melden. Und zwar, dass ich beobachtet habe, wie die Frau von Eurer Hand zu Tode kam. Ihr wisst, darauf steht Tod durch den Strang. Wegen Mord.«

»Mord?«

»Ich habe alles gesehen«, erklärte Jeremiah. »Ich habe gesehen, wie Ihr die alte Frau überfallen und zu Boden gestoßen habt, nur um ihren sterbenden Händen dieses Buch zu entreißen.«

»So war es nicht!«, protestierte ich, aber Jeremiah lachte nur.

»Überlegt Euch gut, was ich gesagt habe, Mrs Leafbinder. Ich bin überzeugt, Ihr werdet Euch schnell meiner Auffassung der Dinge anschließen.«

Ich schäme mich, gestehen zu müssen, dass ich den doppelzüngigen Schuft einen Augenblick lang verwünschte, aber ich kann auch sehr wohl einschätzen, wenn ich mich geschlagen geben muss.

»Was wollt Ihr also, Mr Ratchet?«, fragte ich schließlich.

»Ganz einfach, meine Liebe. Ich wünsche jederzeit freien Zugriff auf Eure Bücher und außerdem eine geringe Bezahlung, sagen wir fünf Shilling wöchentlich.«

»Und das Buch?«

Er tat, als würde er sich die Sache durch den Kopf gehen lassen. »Tja, ich könnte es natürlich in die Stadt bringen, aber ich denke, damit warte ich noch. Vielleicht bekomme ich nach ein paar Jahren den vollen Preis dafür. Wenn Ihr inzwischen so gut sein wollt, mir das Buch zu geben, werde ich es sicher aufbewahren.«

Was für ein herzloser Sadist dieser Mann war! Mir blieb nichts übrig, als auf seine Bedingungen einzugehen. Er würde, ohne zu zögern, direkt zum Friedensrichter laufen, und der würde für Geld zweifellos alles glauben, was Ratchet ihm eingab. Und ich käme wegen Mordes an den Galgen.

»Ich komme also am Freitag wieder wegen meiner Bezahlung«, sagte er und ging mit dem wertvollen Buch unter dem Arm davon.

Unnötig zu sagen, dass er sein Wort gehalten hat. Jeden Freitag holt er sein Geld ab und nimmt mit, was ihm sonst noch gefällt. Was »Die Einsamkeit des Bergschäfers« angeht, nun, ich liege jede Nacht im Bett und verfluche tausendmal meine Gier und meine Dummheit. Unterdessen ruiniert Jeremiah mein Geschäft.

Ich kann nicht ändern, was ich getan habe, Mr Zabbidou, und ich bedauere es. Ich möchte nur wieder schlafen können, vergessen können.

Ludlow legte die Feder weg, schob einen Bogen Löschpapier zwischen die Seiten und klappte das Buch zu.

Joe nahm Perigoes kalte Hand.

»Ihr werdet wieder schlafen«, sagte er. »Nun ist Euer Geheimnis gut aufgehoben.«

»Und was ist mit Ratchet?«, fragte Perigoe, und ein Zittern lag in ihrer Stimme. »Er hat das Buch immer noch.«

»Habt Geduld, Perigoe. Er wird zahlen für das, was er getan hat. Das ist alles, was ich sagen kann.« Er drückte ihr einen Beutel Münzen in die Hand. »Nehmt das hier. Und nun geht nach Hause und schlaft Euch aus.«

Joe blickte Perigoe nach, als sie die Dorfstraße hinunterging. Er sah sie in ihrem Laden verschwinden und wartete, bis die Lichter gelöscht wurden. Dann ging er zu Bett, lächelnd. Mit dem Schlafen hatte Joe Zabbidou keine Probleme.

Kapitel 30

Fragment aus den

Erinnerungen des Ludlow Fitch

Perigoes Geheimnis war das letzte, das ich im Schwarzen Buch eintrug. Am Morgen nach ihrem Besuch schickte mich Joe nach Brot. Ich grüßte die Bäckersleute wie immer, aber ihre Reaktion war frostig. Elias bediente mich schweigend und seine Blicke durchbohrten mich wie Dolche. Der älteste der Söhne, der hinter dem Ladentisch stand, wollte mir nicht einmal ins Gesicht sehen. Ich verabschiedete mich und zermarterte mir das Hirn, womit ich sie beleidigt haben könnte. Als ich aus der Tür kam, sah ich die beiden anderen Sourdough-Jungen auf der gegenüberliegenden Straßenseite stehen. Gewöhnlich begleiteten sie mich gern ein Stück, aber an diesem Tag rannten sie die Straße hinunter und beobachteten mich nur aus der Ferne. Einer warf einen Schneeball. Er traf mich am Kopf, und ich spürte einen brennenden Schmerz. Instinktiv fuhr ich mit der Hand nach der schmerzenden Stelle, und als ich meine Finger ansah, stellte ich fest, dass sie blutig waren: Vor meinen Füßen lag ein kleiner Stein.

Dann ging plötzlich über mir das Fenster auf, ein Kübel wurde ausgekippt, und ein Schwall eiskaltes Schmutzwasser durchnässte mich von Kopf bis Fuß. »Das ist das Richtige für dich!«, rief eine höhnische Stimme. »Scher dich rauf zu deinem Teufelsfreund. Wir wollen euch hier nicht!« Es war Ruby, die Bäckersfrau.

Ich rannte los, rannte die ganze Straße hinauf bis zu unserem Laden und stürmte zur Tür hinein. Ich schlug sie hinter mir zu und schob hastig den Riegel vor.

»Was ist denn los?«, fragte Joe, als er das Blut in meinem Gesicht sah.

»Ich weiß nicht«, sagte ich, »aber Elias hat kein Wort mit mir gesprochen, und Ruby hat einen Eimer Wasser über meinem Kopf ausgegossen.«

Joe machte ein verblüfftes Gesicht. »Warum?«

»Ich weiß es nicht«, sagte ich keuchend. »Ich habe nur einen Laib Brot verlangt.«

Ich schälte mich aus meinem Umhang und hängte ihn vor dem Feuer auf. Joe saß vornübergebeugt auf seinem Sessel, die Hände unter dem Kinn verschränkt. Als ich mein nasses Haar schüttelte, verdampften Wassertropfen auf den glühenden Scheiten.

»Habt Ihr geahnt, dass so was passieren wird?«, fragte ich. »Hat es mit Jeremiah zu tun?«

»Ob es mit Jeremiah zu tun hat, weiß ich nicht«, sagte Joe langsam. »Aber ich muss sagen, dass ich etwas in dieser Richtung erwartet habe.«

»Warum?«

»Weil es zwischen Dank und Unzufriedenheit keine scharfe Grenze gibt. Jeder nimmt gern mein Geld an, die Leute sind freundlich und bedanken sich, sie gehen nach Hause und vergessen, wie schlecht sie dran waren, bevor ich hierherkam. Aber es dauert nicht lange, da kommen sie wieder zu mir und verlangen mehr.«

Ich wunderte mich über den bitteren Unterton in seiner Stimme. Das war nicht der Joe, den ich kannte, der Joe, bei dem es keine Unzufriedenheit und keine Enttäuschung gab und der mit allem fertig wurde. Es irritierte mich, ihn von dieser Seite kennenzulernen.

»Ihr hört Euch an, als hättet Ihr so was schon erlebt«, sagte ich.

»Das habe ich auch. Aber für gewöhnlich weiß ich, warum es geschieht.«

»Egal, warum, ich finde es jedenfalls ungerecht«, sagte ich, doch in diesem Augenblick ließ Saluki ein durchdringendes Gequake hören, und die friedliche Ruhe des Morgens wurde plötzlich von einem heftigen Streit auf der Straße unterbrochen.

Joe sprang auf und lief zur Tür, ich hinterher, und zusammen rannten wir die Straße hinunter. Der Anblick, der sich uns bot, war ziemlich lächerlich, fast theaterreif, hätte nicht bitterer Ernst dahintergestanden. Mitten auf der Straße standen Jeremiah Ratchet und Horatio Cleaver und stritten, besser gesagt, sie kämpften miteinander. Und der Grund ihrer Meinungsverschiedenheit? Ein Truthahn.

Joes Augen funkelten. »Es hat angefangen«, sagte er.

Als wir den Schauplatz der Rauferei erreichten, wurde deutlich, worum es ging.

»Du nimmst mir kein Stück Fleisch mehr, du diebisches Großmaul!«, schrie Horatio, und die Zuschauer jubelten. Das ganze Dorf schien sich versammelt zu haben: die Sourdoughs, Perigoe, Obadiah, Benjamin Tup, Job Wright, Lily Weaver, Dr. Mouldered, Polly. Ich entdeckte sogar Gesichter, die mir unbekannt waren.

Ratchet sagte nichts, er stemmte nur die Füße fester in den Boden und zerrte mit aller Kraft an dem Truthahn. Er hatte die Beine, Horatio den Kopf, und so wurde der arme tote Vogel fast auseinandergerissen. Jeremiah war rot vor Anstrengung, und Horatios Wangen sahen ähnlich aus.

Die Männer waren einander gewachsen: beide stämmig und fest auf dem Boden stehend. Horatio war etwas größer als Jeremiah, doch war das nicht unbedingt ein Vorteil auf der vereisten Straße. Die Luft war erfüllt von Flüchen und Verwünschungen, Speichel und weißen Atemwolken.

»Es ist mein Truthahn!«, brüllte Jeremiah. »Du stehst in meiner Schuld, Horatio!«

Mit einem kräftigen Ruck brachte er den Fleischer aus dem Gleichgewicht, und der ließ den Vogel los, um einen Sturz zu vermeiden. Natürlich fiel nun stattdessen Jeremiah hin, und dass er den Truthahn hatte, war kein Trost für seine verlorene Würde: Er drehte sich dreimal um sich selbst und kam schließlich neben Joes Füßen zum Stillstand.

Die Leute jubelten, lachten und applaudierten, während sich Jeremiah mühsam aufrappelte. Nur Joe streckte ihm die Hand entgegen, um ihm aufzuhelfen, aber Jeremiah übersah sie geflissentlich. Schließlich machte er sich mit dem schlaffen Vogel in der Hand auf den Heimweg.

»Gott sei Dank, den sind wir los!«, schrie Elias Sourdough hinter ihm her.

Jeremiah drehte sich nicht um. Das überraschte mich. Er war sonst nicht der Mann, der einem andern das letzte Wort überließ.

In großer Aufregung über seine eben vollbrachte Tat kam Horatio auf Joe zu. Ich hatte nie gedacht, dass ich diesen ruhigen Mann einmal in solcher Hochstimmung sehen würde.

»Habt Ihr das gesehen, Joe?« Er atmete schwer, er zitterte am ganzen Leib. »Ich habe mich gegen ihn gewehrt! Ich habe ihm klargemacht, dass er sich kein Stück Fleisch mehr von mir nehmen darf. Wie Ihr gesagt habt.«

Dass am Ende doch Jeremiah den Truthahn hatte, schien vergessen zu sein.

Er wartete darauf, dass Joe ihn loben würde, dass er ihm auf den Rücken klopfen und ihm gratulieren würde. Aber Joe schwieg. Sein Gesicht war grau geworden, nun wurde es weiß, und für den Bruchteil einer Sekunde flackerte Zorn in seinen Augen auf.

»Das habe ich nicht gesagt«, murmelte er. »Das habe ich ganz und gar nicht gesagt.«

Der Hufschmied Job Wright trat auf ihn zu, die Lippen verächtlich vorgeschoben.

»Ah«, sagte er mit vor Spott triefender Stimme. »Ihr wollt uns also endlich helfen.«

»Ratchets Zeit wird kommen«, sagte Joe schlicht. »Ihr müsst nur warten. Könnt ihr nicht erst mal zufrieden sein, dass sich euer Schicksal gewendet hat?«

»Aber wie lange müssen wir denn warten?«, fragte Obadiah. »Ihr habt mir gesagt, Jeremiah wird die Macht Eurer Gerechtigkeit zu spüren bekommen.«

Horatio warf einen Blick in die Menge. »Und mir hat er gesagt, er wird ihm schon geben, was ihm zusteht.«

Dann meldete sich Perigoe zu Wort. »Ich war auch bei ihm«, sagte sie, so laut sie konnte. »Und er hat gesagt, er wird dafür sorgen, dass Jeremiah zahlen muss.«

»Das hat er mir auch gesagt«, kam eine andere Stimme aus der Menge.

»Mir auch«, rief jemand anders, »aber ich dachte, ich wäre der Einzige gewesen!«

»Wovon redet ihr eigentlich?«, fragte einer, da drehte sich sein Nebenmann (der erst vor Kurzem sein Geheimnis verkauft hatte) zu ihm um und fing an, ihm die Sache von den mitternächtlichen Geständnissen und Joes Schwarzem Buch zu erklären.

Als die Leute erkannten, wie viele ihrer Mitbürger nachts beim zwölften Glockenschlag heimlich Joe Zabbidou besucht hatten, redeten plötzlich alle gleichzeitig. Wer persönlich in Joes Hinterzimmer eingeladen worden war, fühlte sich betrogen, weil es gar kein besonderes Angebot gewesen war – Joe verstand es eben, Menschen eine Ahnung ihrer Einzigartigkeit zu geben –, und wer nicht eingeladen worden war, fühlte sich betrogen, weil Joe ihn dessen nicht für wert gehalten hatte. Doch wie unterschiedlich die Lebensumstände jedes Einzelnen auch waren: In der aufgebrachten Menge, die noch vor wenigen Augenblicken über Jeremiah gelacht hatte, wandten sie sich nun alle geschlossen gegen Joe Zabbidou und starrten ihn mit eisigen Blicken an. Ich sah, wie ihre Gesichter in der Kälte glühten, wie sie Joe aus zusammengekniffenen Augen anfunkelten. Meine Hände waren feucht von kaltem Schweiß. Das waren keine freundlichen Gesichter mehr, und ich bekam plötzlich Angst.

Job Wright stand mit gespreizten Beinen da, die kräftigen Arme vor der Brust verschränkt. Da sonst niemand reden mochte, schien er die Rolle des Dorfsprechers übernommen zu haben.

»Nun, Mr Zabbidou, was habt Ihr dazu zu sagen?«

Sofort verstummte das Gerede und Getuschel. Sekunden vergingen, die Stille war zum Zerreißen gespannt und drohte jeden Moment zu explodieren. Ich sah, wie sich Joes Kinnmuskeln spannten und lockerten, und als er sprach, sprach er durch zusammengebissene Zähne.

»Ich habe nichts von alldem gesagt. Ihr dreht mir die Worte im Mund herum, Worte, mit denen ich versucht habe, euch zu trösten.«

»Was habt Ihr also genau gesagt?«, wollte der Hufschmied wissen.

»Ich habe gesagt, ihr sollt Geduld haben.« Joes Blick wanderte über die höhnischen Gesichter und blieb schließlich auf Perigoe, Horatio und Obadiah hängen, die sich nervös aneinanderdrängten. »Ist das nicht die Wahrheit?«

Zuerst antwortete niemand.

Dann nickte Horatio verlegen. »Ja, ich glaube, das könntet Ihr gesagt haben.«

Perigoe und Obadiah erröteten und nickten auch, aber so schnell gab sich Job Wright nicht zufrieden.

»Was soll der Unsinn?«, schnaubte er und stieß seine Faust in die offene Handfläche. »Erst versprecht Ihr zu helfen, und jetzt, wenn wir um diese Hilfe bitten, versteckt Ihr Euch hinter Worten. Ihr seid nicht besser als Jeremiah Ratchet. Ihr seid sogar schlimmer. Er tut nämlich wenigstens, was er sagt.«

Er drehte sich um und wandte sich an die faszinierten Zuschauer. Job hatte etwas geschafft, was Stirling Oliphaunt nie gelungen wäre: Sie saugten ihm jedes Wort von den Lippen. Ich konnte kaum glauben, wie er sich verändert hatte. Wie viele andere war auch er um Mitternacht bei uns gewesen und hatte gern Joes Geld und seinen Zuspruch angenommen, aber nun schien er darauf erpicht zu sein, das ganze Dorf gegen uns aufzubringen.

»Jeremiah Ratchet muss bestraft werden für das, was er uns angetan hat«, verkündete Job. »Gewartet haben wir lange genug. Wir sind bisher ohne Joe Zabbidou ausgekommen, und wir werden auch jetzt ohne ihn fertig werden.«

»Hört! Hört!«, rief eine Stimme aus den hinteren Reihen, und beifälliges Gemurmel ging durch die Menge.

»Ihr versteht nicht«, sagte Joe, der versuchte, sich über das unzufriedene Gemurmel hinweg Gehör zu verschaffen. Aber es war Zeitverschwendung, niemand hörte ihm mehr zu. Aller Augen waren auf den Schmied gerichtet. Ich hatte jetzt wirklich Angst um Joe und mich. Ich spürte die Wut der Leute. Am liebsten hätte ich sie angeschrien, ich wollte ihnen sagen, sie sollten Joe endlich zuhören, aber aus meinem Mund kam kein Ton.

Job Wright drehte sich zu Joe um. »Ihr kommt hierher«, spottete er. »Ihr nehmt Euch unsere Geheimnisse und macht falsche Versprechungen. Sagt schon, was Ihr mit diesen Geheimnissen vorhabt! Wie viele von uns stehen in Eurer Schuld?«

»Ich habe euch für eure Geheimnisse bezahlt«, erklärte Joe entschieden. »Mein Teil des Handels ist erfüllt.«

Job triumphierte. »Aha! Es geht also um Geld. Stimmt es etwa nicht, dass Ihr nur deshalb so viel bezahlt habt, damit wir es uns unmöglich leisten könnten, unsere Geheimnisse wieder zurückzukaufen? Auch nicht, wenn wir wollten?«

»Es war ein fairer Handel«, rief Joe, der inzwischen gereizt und der Auseinandersetzung überdrüssig war. »Ich habe nie eine Rückzahlung erwartet.« Alle redeten durcheinander. »Ihr wisst, dass das mein Geschäft ist.«

Job trat so dicht vor ihn hin, dass sich ihre Nasen beinahe berührten.

»Geschäft?«, sagte er verächtlich. »Endlich kommen wir der Wahrheit auf den Grund. Jeremiah Ratchet nennt sich auch Geschäftsmann. Ich verstehe es so, dass zwischen euch beiden gar nicht so viel Unterschied ist.«

Er wandte sich wieder der unruhigen Menschenmenge zu. »Vielleicht haben wir es ja überhaupt auf den falschen Mann abgesehen. Wer weiß, ob nicht Jeremiah Ratchet und unser guter Freund Joe Zabbidou unter einer Decke stecken!«

Ich sah in die wütenden Gesichter vor uns. Es war kaum zu glauben, dass das dieselben Leute waren, die Joe einmal mit offenen Armen aufgenommen hatten. Ich hörte »Lügner« und »Betrug« und war empört. Ich trat einen Schritt vor, weil ich dachte, ich könnte Joe vielleicht schützen, aber er hielt mich zurück.

»Das stimmt nicht«, sagte er. »Ich habe euch nicht angelogen. Ich habe nie verspro…«

Aber Joe konnte nicht ausreden, weil sich die Menge jetzt offen gegen ihn wandte. Sie buhten, sie zischten ihn aus.

Benommen stand Joe da, die Arme schlaff am Körper. Die Leute fingen an, ihn mit Schnee zu bewerfen, mit Steinchen und mit allem, was sie gerade fanden. Da nahm ich ihn an der Hand und zog ihn fort. Hier im Freien waren wir in Gefahr. Nur einmal drehte ich mich um, da sah ich zu meiner Bestürzung Jeremiah Ratchet unter seiner Tür stehen. Er hatte die Arme vor der Brust verschränkt, und als er meinem Blick begegnete, riss er den Mund auf und lachte und lachte.

Ich schloss den Laden auf und ließ die Jalousien herunter. Für den Rest des Tages blieben wir drinnen. Ich konnte immer noch nicht glauben, was geschehen war, ich lief zwischen Laden und Hinterzimmer auf und ab und ließ die Szene in Gedanken noch einmal vor mir ablaufen.

»Wie konnten sie Euch so behandeln? Nach allem, was Ihr für sie getan habt.«

Joe saß ruhig am Feuer. Er hörte mein wütendes Geschimpfe, aber er antwortete nicht. Den ganzen Nachmittag lang sagte er so gut wie nichts, aber ich sah ihm an, dass es in seinem Hirn arbeitete. Was hatte er vor? Wollte er sich rächen an Pagus Parvus? Oder an Jeremiah? Das eine oder das andere war es bestimmt. Doch im Inneren wusste ich, dass er nichts dergleichen tun würde. Sich zu rächen war nicht Joes Art.

Er sprach mit sich selbst und versicherte sich ein ums andere Mal, dass er nichts Unrechtes getan habe. »Immer habe ich ihnen einen gerechten Preis gezahlt«, murmelte er. »Ist der Handel einmal abgeschlossen, ist er abgeschlossen, und keiner ist dem anderen etwas schuldig. Und trotzdem ist es diesen Leuten nicht genug. Sie beschuldigen mich, ich hätte falsche Versprechungen gemacht.«

»Sie haben Euch falsch verstanden«, sagte ich.

Er sah zu mir auf. »Ich habe nichts versprochen. Jeremiah hat mich nicht in seiner Gewalt, aber das heißt noch lange nicht, dass ich etwas gegen ihn tun kann.« Er zog die Stirn so tief in Falten, dass sich beinahe seine Augenbrauen berührten. »Es gibt bestimmte Regeln, und die muss ich befolgen.«

»Regeln? Welche Regeln?«, fragte ich. Aber Joe sprach wieder zu sich selbst.

»Ich habe ihnen Geld gegeben, viel mehr, als sie verdient haben, und ich habe gesagt, sie sollen Geduld haben. Das ist alles. Das ist ja wohl kaum ein Versprechen. Aber jetzt behandeln sie mich, als hätte ich sie betrogen. Warum muss es in der menschlichen Natur liegen, dass man das eine hört und etwas anderes glaubt?«

»Weil wir wollen, dass es besser wird auf der Welt«, sagte ich. »Sonst könnten wir ja keine Hoffnung mehr haben.«

Joe schloss die Augen. »Dum spiro, spero«, sagte er. »Solange ich atme, hoffe ich.«

Kapitel 31

Die zaudernde Botin

In der Schenke Zur Blauen Forelle hatte Benjamin Tup alle Hände voll zu tun, um den Wünschen seiner Gäste nachzukommen. Ein voll besetztes Wirtshaus hatte er noch nie erlebt, heute Abend jedoch drängten sich hier die Dorfbewohner, auch solche wie Perigoe Leafbinder, die noch kein einziges Mal über seine Schwelle gekommen waren. Dicht nebeneinander saßen und standen sie auf jeder verfügbaren Fläche, lehnten und lümmelten sich gegen Schränke und Tische und schafften es irgendwie, gleichzeitig auch noch einen Becher oder einen Krug Bier festzuhalten. Job Wright war der Einzige, der einigermaßen bequem saß: Er hatte mitten im Raum an einem wackligen, bierbefleckten Tisch Platz genommen.

»Liebe Freunde, Nachbarn, Mitbürger!«, rief er dröhnend in die erregte, leicht beschwipste Versammlung. »Ich sage euch, die Zeit ist reif, dass wir uns zurückholen, was uns rechtmäßig zusteht. Ihr alle habt heute Nachmittag Horatio gesehen – einen mutigeren Mann habe ich noch nicht erlebt. Wie er diesen Truthahn festgehalten hat, das war ein Anblick, den ich mein Lebtag nicht vergessen werde.«

Horatio errötete bei dem Lob und geriet fast ins Taumeln von all den anerkennenden Schlägen, die plötzlich auf seinen Rücken niederprasselten. Er musste sich die Ohren zuhalten, weil ihn der stürmische Beifall ganz durcheinanderbrachte.

»Aber das ist erst der Anfang«, fuhr Job fort. »Die ganze Zeit hielten wir Jeremiah für die Quelle unseres Elends. Aber jetzt wissen wir, er ist nur der Lakei von Joe Zabbidou. Stirling hat ganz recht, Joe ist der Teufel in Person, und er treibt seine bösen Spielchen mit uns. Gibt’s etwa einen Einzigen unter uns, der behaupten kann, er stünde nicht in seiner Schuld?«

»Wir alle haben Schulden bei ihm«, schrien sie durcheinander. »Jeder von uns.«

»Zum Narren hat er uns gehalten«, sagte Job grimmig. »Aber es ist nicht zu spät. Wir können ihm immer noch das Handwerk legen.«

Eine einzige Stimme protestierte, und die gehörte Polly. Sie sprang auf den Tisch und pflanzte sich vor Job auf. Unter den verblüfften Dorfleuten entstand eine angespannte Stille.

»Hört nicht auf ihn!«, rief sie. »Nicht über Joe müssen wir uns Gedanken machen, sondern über Jeremiah. Joe hat euch doch allen geholfen. Warum wollt ihr euch gegen ihn wenden?«

Manche von den Dorfleuten, die noch einigermaßen nüchtern waren, murmelten, da sei wohl was dran.

»Das Mädchen hat recht«, sagte Lily Weaver. »Sollten wir uns nicht erst mit Jeremiah befassen?«

Da stieg Elias Sourdough auf den Tisch, der nun bedenklich wackelte. »Nein«, rief er. »Joe ist’s, über den wir reden müssen. Und wenn ihr einen Beweis braucht, dann hört euch das an.« Er griff in seine Tasche, zog ein Papier heraus und las vor: »Wenn euer Geheimis sicher sein sol, hinderlegt fünf Shilling neben der Kirchentühr, dann sage ich nichts.«

Erstaunte Ausrufe wurden laut. »Ein Erpresserbrief, jawohl!«, rief Elias. »Unauffällig bei mir im Laden liegen gelassen – bestimmt von Ludlow. Und geschrieben von keinem anderen als Joe Zabbidou. Sicher ist das erst der Anfang. Wer wird als Nächster erpresst werden?«

Überzeugendere Argumente brauchten die Dorfleute nicht. Vor der Kneipe hatte sich Jeremiah Ratchet in einen dunklen Winkel gedrückt und presste das Ohr ans Fenster. Er hörte, was Elias sagte. Seine feuchten Lippen kräuselten sich zu einem unangenehmen, spöttischen Grinsen, das sich bis über die fleischigen Wangen zog. Nun wusste er alles.

Polly wurde das Herz schwer. Ich muss es Ludlow sagen, dachte sie. Sie stahl sich aus der Kneipe, hastete den Berg hinauf und klopfte ungeduldig an die Tür des Pfandleihers. Als Ludlow sie endlich einließ, führte er sie gleich ins Hinterzimmer. Verlegen blieb Polly vor dem Kaminfeuer stehen und knetete unschlüssig ihre Hände. Sie war blass und leckte sich nervös über die Lippen.

»Was kann ich für dich tun, meine Liebe?«, fragte Joe ruhig.

»Ich muss Euch etwas sagen.« Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. »Etwas, das Ihr vielleicht wissen solltet.«

Ludlow, der in der Ecke saß, wurde blass. Was konnte sie damit meinen? Erzähl ihm nicht, was wir getan haben, beschwor er sie stumm.

»Ich will Euch helfen.« Das klang fast untertänig, und schon sprudelten die Worte nur so aus ihr heraus. »Ich komme, um Euch zu warnen. Ich glaube nämlich, Ihr seid in Gefahr. Seit heute Nachmittag, seit dem Kampf um den Truthahn, sitzen sie alle in der Blauen Forelle beisammen. Sie sind so wütend. Ich habe furchtbare Drohungen gehört. Etwas Schlimmes wird passieren, ich weiß es.«

»Mir oder Ratchet?«, sagte Joe leise.

Die Antwort stand klar in Pollys Augen. »Jetzt, wo alle wissen, was Ihr um Mitternacht tut, reden sie nur noch von dem Schwarzen Buch. Sie denken nämlich, Ihr habt ihnen ihre Geheimnisse mit Zauberei entlockt.«

»Mit Zauberei?« Leicht überrascht zog Joe die Augenbrauen hoch.

»Obadiah hat gesagt, Ihr hättet ihm einen Zaubertrank gegeben, um ihm die Zunge zu lösen.«

Joe machte große Augen. »Was diese Leute für eine blühende Fantasie haben! Es war nichts anderes als Schnaps, der ihre Nerven beruhigen sollte.«

»Job sagt, Ihr hättet den Leuten nur deshalb so viel gezahlt, damit sie für immer in Eurer Schuld stehen. Er sagt, Ihr wollt Jeremiah Ratchets Rolle hier übernehmen.«

»Job Wright ist ein Unruhestifter«, sagte Joe und schüttelte verächtlich den Kopf. »Die Dorfleute können mich also nicht mehr leiden, weil ich ihnen zu viel gezahlt habe? Das ist verrückt.«

»Sie beurteilen Euch nach dem, was sie kennen, und was sie kennen, ist das Leben unter der Knute von Jeremiah Ratchet. Ihr habt Dinge versprochen …«

»Nein«, unterbrach er schneidend. Versprochen hatte er nie etwas.

Polly korrigierte sich. »Sie glauben, Ihr hättet ihnen Hilfe versprochen, aber jetzt würdet Ihr Euch hinter Euren Worten verstecken. Wie Ratchet.« Sie schwieg einen Augenblick. »Und dann war da die Sache mit dem Brief.«

»Brief?« Joe und Ludlow sprachen gleichzeitig.

Polly trat unbehaglich von einem Fuß auf den anderen. »Ich habe es nicht geglaubt, bis Elias Sourdough den Brief jedem im Wirtshaus gezeigt hat. Er hat ihn vorgelesen. Es ist ein Erpresserbrief. Elias sagt, er sei von Euch. In dem Brief steht, Elias muss fünf Shilling an der Kirchentür hinterlegen, wenn sein Geheimnis sicher sein soll.«

»Deshalb wollten die Sourdoughs also nicht mit mir reden!«, rief Ludlow.

»Sie glauben, ich hätte einen Erpresserbrief geschrieben? Wegen fünf Shilling?« Joe war fassungslos. »Sie glauben, ich will ihnen drohen?«

»Ja«, sagte Polly hastig. »Und wenn Ihr ihr Vertrauen zurückgewinnen wollt, müsst Ihr ihnen zeigen, dass Ihr auf ihrer Seite steht. Bevor sie etwas Schreckliches tun.«

»Auf wessen Seite glauben sie denn, dass ich stehe?«

Sie antwortete nicht, sondern machte nur eine Kopfbewegung bergabwärts.

»Und wie soll ich ihnen das zeigen?«, sagte Joe mit ungewohnt ausdrucksloser Stimme. »Was soll ich denn ihrer Meinung nach mit Jeremiah Ratchet tun?«

»Vielleicht könntet Ihr den Trank … ich meine, den Schnaps, Jeremiah geben?«

»Und wenn ich das tun würde? Was dann?«

Polly sah ihn ein wenig verlegen an. »Unter der Wirkung von dem Schnaps gibt er vielleicht irgendwas Schlimmes zu, und dann könnt Ihr ihn damit erpressen.«

Ludlow schnaubte verächtlich. Nie würde Joe etwas so Hinterhältiges tun.

»Das ist unglaublich«, polterte Joe los. »Erpressung ist nicht meine Sache.«

»Entschuldigung, Mr Zabbidou«, sagte Polly schnell und wich zurück. »Ich will ja nur helfen. Alle sind so wütend auf Euch. Ich dachte, Ihr solltet es wissen.«

»Was ist mit Jeremiah?«, fragte Joe plötzlich. »Was weiß er von all diesen Vorgängen?«

Polly schüttelte den Kopf. »Keine Ahnung. Vielleicht gar nichts. Aber ich bin sicher, dass er auch irgendwas plant. Gestern hat er einen der Sourdough-Jungs in sein Arbeitszimmer kommen lassen. Ich würde zu gern wissen, warum.«

Müde schüttelte Joe den Kopf und lehnte sich gegen den Kaminsims. »Es macht mich sehr traurig, zu sehen, wie schnell Menschen sich gegeneinanderwenden.«

Polly sah verzweifelt zu Ludlow hin. »Bitte seid vorsichtig«, sagte sie und ging.

Kapitel 32

Fragment aus den

Erinnerungen des Ludlow Fitch

Als Polly fort war, brachte Joe den Schnaps und zwei Gläser und stellte alles auf den Kaminsims. Dann ließ er sich schwer in seinen Sessel fallen und schloss die Augen. »Jetzt müssen wir warten«, sagte er.

»Wird denn jemand kommen?«

»Vielleicht.«

»Soll ich das Buch holen?«

»Noch nicht.«

Ich setzte mich an den Tisch. Was konnte ich auch sonst tun? Schon den ganzen Tag fröstelte ich, und mein Mund war trocken. Ich hörte die Kirchenglocke jede Stunde schlagen. Mitternacht kam und ging, draußen war alles still. Die Augenlider wurden mir schwer, ich legte den Kopf auf den Tisch, nickte ein und fing an zu träumen. Ich rannte um mein Leben. Ich wusste, dass jemand hinter mir war, aber ich wusste nicht, wer. Sobald ich mich umdrehte, blendete mich ein grelles Licht, das aus der Dunkelheit kam. Meine Lungen brannten, meine Beine waren schwer wie Blei. Ich wollte rufen, aber ich brachte den Mund nicht auf. Pa tauchte im Nebel auf, warf mich zu Boden und würgte mich. Ich hörte, wie Ma und noch jemand mit hämmernden Schritten angerannt kamen.

Zitternd und mit rasendem Herzen fuhr ich hoch, aber das Hämmern ging weiter: Jemand pochte gegen unsere Tür. Joe war bereits vorn im Laden. Ich wusste, wer es war. Es gab nur einen Menschen in Pagus Parvus, der es für nötig hielt, sich auf so plumpe Art anzukündigen.

Jeremiah Ratchet.

Ich lief nach vorn und sah Jeremiahs riesige Silhouette, die das Mondlicht aussperrte. Gerade hob er die Faust, um ein weiteres Mal gegen die Tür zu schlagen, da öffnete Joe so überraschend, dass Jeremiah fast hereinstürzte.

»Hrrmph«, machte er, während er um sein Gleichgewicht bemüht war.

»Ah, Mr Ratchet, was für eine angenehme Überraschung.«

Resolut pflanzte sich Jeremiah vor Joe auf und sah sich ausführlich im Laden um, als wolle er das Ganze schon für sich beanspruchen. Er entdeckte den Frosch, und für einen Moment beäugten sich beide Lebewesen interessiert, doch schwand Salukis Interesse zuerst. Dann stapfte Jeremiah Ratchet ohne Weiteres in den hinteren Raum. Joe folgte ihm. Ich setzte mich unauffällig an den Tisch, drückte mich gegen die Wand und versuchte, mich im Halbdunkel möglichst unsichtbar zu machen.

Vor dem Kaminfeuer blieb Jeremiah stehen und ließ sich den Hosenboden wärmen. Er verschränkte die Arme und schnupperte mit gerümpfter Nase, als hinge ein schlechter Geruch im Zimmer. Joe goss Schnaps in die beiden Gläser, in das eine mehr, ins andere weniger, und reichte die große Portion dem Besucher. Jeremiah leerte es mit einem Zug.

»Mr Zabbidou«, sagte er. »Ich will gleich zur Sache kommen. Von Haarspaltereien halte ich nicht viel. Ich sage gern klipp und klar, was ich meine.«

»Und das wäre?« Joe blieb merkwürdig gelassen, aber mir drehte sich fast der Magen um.

»Eine Weile habe ich mich tatsächlich von Euch täuschen lassen, aber jetzt bin ich Euch auf die Schliche gekommen. Ich durchschaue Euer Spiel.«

Mit einem selbstgefälligen Lächeln im Gesicht wartete er auf Joes Reaktion, als rechnete er mit Lob.

»Mein Spiel?«

»Ich will nicht bestreiten, dass Ihr mir und meinem Geschäft endlose Scherereien verursacht habt. Zuerst dachte ich, Ihr wollt eine Verschwörung gegen mich anzetteln. Ich habe das Kommen und Gehen mitten in der Nacht beobachtet. Die Dorfleute hielten Euch für eine Art Held, aber ich habe nie verstanden, warum. Für mich wart Ihr immer nur ein Ärgernis. Jetzt aber weiß ich Bescheid, und ich komme, weil ich Eure Hilfe in Anspruch nehmen will.«

Er wirkte fahrig, Schweißtropfen rannen ihm aus dem Haar über die Stirn. Er tupfte sie mit dem Taschentuch ab.

»Was?«, rief ich, bevor ich mich bremsen konnte. Ich sah zu Joe hinüber. »Das glaubt Ihr doch wohl nicht?«

Mit einem Wink gebot mir Joe zu schweigen. »Wie kann ich Euch helfen, Mr Ratchet?«

Jeremiah seufzte tief, setzte sich und zwängte sein wabbelndes Hinterteil in den Sessel. Dann fing er zu meiner Verblüffung an zu schluchzen. Kein sehr erfreulicher Anblick.

»Ich möchte mich von einem schrecklichen Geheimnis befreien«, murmelte er durch die Tränen. »Ich weiß nicht, an wen ich mich sonst wenden soll. Ihr seid der Einzige, der helfen kann.«

Ich konnte mich kaum beherrschen. Ratchet wollte ein Geständnis machen? Ratchet weinte? Das musste ein Trick sein. Aber Joe machte weiter, als sei dieses Benehmen völlig normal.

»Und wie kann ich das?«, fragte er freundlich.

Jeremiah linste zwischen seinen Wurstfingern hindurch. »Mit dem Buch«, sagte er. »Mit dem Schwarzen Buch der Geheimnisse.«

Empört schüttelte ich den Kopf. Jeremiah Ratchet war nicht einen einzigen Tropfen Tinte in diesem Buch wert. Ich wollte gerade etwas in dieser Art sagen, aber Joe war schneller.

»Eine kluge Entscheidung«, sagte er. »Ludlow, hol bitte das Buch.«

Ich war vor Ratlosigkeit wie gelähmt. Joe ging auf dieses Affentheater ein! Er würde Ratchets Geheimnis tatsächlich kaufen. Warum? Um ihn zu erpressen, wie Polly vorgeschlagen hatte? So etwas würde Joe bestimmt nicht tun!

»Das Buch, Ludlow!«, wiederholte Joe nachdrücklich.

Während ich zu meiner Nische neben dem Kamin schlurfte, spürte ich die ganze Zeit Ratchets Blick auf mich gerichtet. Ich zog das Buch unter meinem Strohsack hervor und wollte es gerade auf den Tisch legen, da fuhr Jeremiah mit einem lauten Schmatzgeräusch aus seinem Sessel und stürzte sich auf mich. Die Geschwindigkeit seiner Bewegung war verblüffend, sein schwerer Körper verlieh ihm große Wucht, und ich hielt mir Schutz suchend die Arme vor den Kopf. Jeremiah stieß mich grob gegen den Tisch. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie das Buch, das mir aus den Händen gerutscht war, mit flatternden Seiten durch die Luft flog, wie eine dicke Hand danach griff und es auffing.

Jeremiah Ratchet war im Besitz des Schwarzen Buches der Geheimnisse.

Kapitel 33

Ein Tausch

Es kam zu einer komischen Szene. Jeremiah war durch das Überraschende seines Angriffs und durch sein Gewicht im Vorteil, aber der Schnaps, den er intus hatte, glich diesen Vorteil wieder aus. Joe war leichtfüßig und der Schnellere von beiden. Mit einer Geschwindigkeit, die sich jedem physikalischen Gesetz entzog, und mit der Flinkheit und Anmut einer jungen Gazelle sprang er über die Sessellehne, war in zwei Sätzen neben Jeremiah und schlug ihm das Buch aus den schwitzigen Händen. Jeremiah fluchte und schwankte wie ein betrunkener Elefant von einer Seite des Zimmers zur anderen, während Joe seinen ungeschickten Versuchen, wieder nach dem Buch zu greifen, gewandt auswich. Ich lag auf dem Boden, zu nichts zu gebrauchen, und musste hilflos zusehen. Nach dem Zusammenprall mit Jeremiahs ganzem Gewicht war mir fast die Luft weggeblieben.

Das Schauspiel dauerte keine Minute, dann sah sich Jeremiah gezwungen aufzugeben. Er ließ sich mit dem Rücken an der Wand zu Boden gleiten, wo er in höchst unwürdiger Position sitzen blieb, Beine gespreizt, Mund weit offen. Sein Gesicht war puterrot angelaufen, die Augen traten fast aus den Höhlen, und seine Lunge rasselte bei jedem Atemzug.

Joe stand über ihm, die Kleider unordentlich verrutscht, das Haar wilder denn je. Spinnenartig tanzte sein Schatten an der Wand. Ich rappelte mich auf und ging zu ihm.

»Ich muss doch Einspruch erheben gegen Euer Benehmen, Mr Ratchet«, sagte Joe tadelnd. »Von einem Mann Eures Ansehens hätte ich das nicht erwartet.«

Mühsam stand Jeremiah auf.

»Hört zu, Zabbidou«, sagte er, und jede Vortäuschung von Tränen und Reue war verschwunden. »Ihr scheint nicht zu begreifen. Ihr seid fertig hier. Die Dorfleute werden Euch holen und von hier verjagen. Aber bevor Ihr geht, will ich das Buch haben. Und ich bekomme immer, was ich haben will.«

Ich lachte. Armer Ratchet. Er selber war es, der nicht begriff. Nie würde Joe das Buch herausgeben.

»Ganz gewiss nicht«, sagte Joe. »Was in dem Buch steht, ist vertraulich, ich werde es nie aushändigen.«

»Ach, nun kommt schon, Joe«, beharrte Jeremiah, und Joe zuckte zusammen bei so viel plumper Vertraulichkeit. »Ziert Euch nicht so. Was nützt Euch das Buch noch? Warum wollt Ihr es mitnehmen, wo ich hier ordentlich Nutzen daraus ziehen kann? Wir sind doch beide Geschäftsleute, Zabbidou. Es zu behalten wäre schlichtweg boshaft von Euch.«

»Was würdet Ihr denn damit tun, Mr Ratchet?«, fragte Joe.

Überrascht sah Jeremiah auf. »Erpressung natürlich. Nur würde ich es schlauer anfangen als Ihr. Fünf Shilling an der Kirchentür? Nicht sehr anspruchsvoll, wenn ich das mal sagen darf.«

Mir blieb die Spucke weg bei so viel Dreistigkeit.

»Joe hat diesen Brief nicht geschrieben!«, fing ich an, aber wieder bedeutete mir Joe zu schweigen.

»Unter diesen Umständen, Mr Ratchet«, sagte er, »sehe ich mich nicht in der Lage, Euer Pfand anzunehmen. Ich glaube, Ihr müsst jetzt gehen.«

Jeremiah überraschte uns beide, indem er demutsvoll die Hände ausstreckte. »Wie Ihr wollt«, sagte er und ging lammfromm nach vorn in den Laden. Bei Salukis Glasbehälter blieb er stehen und legte die Hände auf den Deckel. Mein Mund wurde noch trockener. Was hatte er jetzt vor?

»Rückt das Buch heraus«, zischte er da plötzlich durch seine gelblichen Zähne. »Oder ich bring Euren kostbaren Frosch um.«

»Ich warne Euch«, sagte Joe ruhig. »Fasst den Frosch nicht an. Das hat er nicht gern.«

»Hat er nicht gern«, äffte Jeremiah ihn nach wie ein trotziges Kind. »Gebt mir das Buch, dann kommt es nicht so weit.«

»Fasst den Frosch nicht an!« Joes Stimme klang drohend.

»Ha!«, schrie Jeremiah, schleuderte den Deckel weg, griff in den Behälter und packte Saluki mit beiden Händen.

»Nein!«, schrie Joe, aber es war zu spät.

Jeremiah heulte auf und ließ den Frosch fallen. Mit einem dumpfen Laut landete Saluki auf dem Boden, wo sie reglos und leicht benommen sitzen blieb.

»Ich glaube, der Frosch hat mich gebissen«, sagte Jeremiah verwirrt, die Augen staunend aufgerissen. »Ich glaube, er hat mich gebissen.« Verzweifelt, doch immer noch nicht abgeschreckt, nahm er den Glasbehälter und hob ihn hoch über seinen Kopf.

»Gebt mir das verdammte Buch, oder der Frosch kriegt das hier ab!«

Joe und Saluki sahen ihn traurig an. »Glaubt mir«, sagte Joe und trat auf ihn zu, »es wird Euch nichts nützen.« Und damit überreichte er Jeremiah Ratchet das Schwarze Buch der Geheimnisse.

Triumphierend und mit glänzenden Augen griff Jeremiah danach. »Nun bin ich der Richter über diese Geheimnisse.«

Ohne ein weiteres Wort stapfte er hinaus und schlug die Tür hinter sich zu. Saluki kletterte anmutig und mit wohlbemessenen Bewegungen auf den Ladentisch und zurück in ihren Behälter. Joe legte den Deckel darauf, warf ein paar Insekten ins Glas, und der Frosch fraß, als sei nichts geschehen. Und komisch, ich hätte nie gedacht, dass ein Frosch irgendwie zufrieden aussehen könnte, aber genau so sah Saluki in diesem Moment aus, das schwöre ich. Ihre Farben leuchteten so intensiv, dass sie fast den Raum erhellten, und ihre klugen Augen schienen zu sagen: »Du bist gewarnt worden, Ratchet, du bist gewarnt worden.«

Kapitel 34

Abgang

Jeremiah Ratchet war hell entzückt. Am liebsten wäre er gehüpft und gesprungen, aber die vereiste Straße ließ nur vorsichtige kleine Schritte zu. So schlug er stattdessen die Faust in die Luft und schrie ein ums andere Mal: »Ha! Ha!«

Er war höchst zufrieden mit sich. Seine Vermutung, dass das Schwarze Buch der Schlüssel war, hatte sich bewahrheitet. Dass er es nun besaß, machte seine heutige Demütigung in der Sache mit Horatio und dem Truthahn fast wett. Wäre es nämlich nicht zu dieser Auseinandersetzung gekommen, hätte er nie erfahren, was es mit diesem Buch auf sich hatte. Nachdem er mit dem Truthahn nach Hause gekommen war, hatte er die Leute, und besonders Joe und Ludlow, vom Fenster aus beobachtet. Er hatte alles gehört, jedes Wort. Was waren sie doch für Einfaltspinsel, diese Dorfleute, dass sie Joe Zabbidou ihre Geheimnisse anvertrauten. Aber genau dadurch war ihm seine Idee gekommen: Er würde vortäuschen, selber ein Geheimnis verpfänden zu wollen, und sich auf diese Weise das Buch verschaffen. Was er aus den Gesprächen in der Blauen Forelle erlauscht hatte, war dann nur noch das i-Tüpfelchen auf seinem Plan gewesen. Wie dumm von Joe, diesen Erpresserbrief loszulassen. Damit hatte er seine Chancen im Dorf verspielt und gleichzeitig Jeremiah einen großen Gefallen getan. Hätten nämlich die Dorfleute Joe erst mal verjagt, wäre es zu spät gewesen. Nun aber war Jeremiah im Besitz des Schwarzen Buches, mit dessen Hilfe er seine rechtmäßige Machtstellung in Pagus Parvus zurückgewinnen würde.

Wenn er ehrlich war, hatte er tief im Innern nie geglaubt, dass es so einfach sein würde, sich das Schwarze Buch der Geheimnisse anzueignen. Aber wer hätte auch gedacht, dass Joe es freiwillig hergeben würde, nur um seinen kostbaren Frosch zu retten? Jeremiah strotzte vor Selbstgefälligkeit.

So leise es ihm in seiner Freude möglich war, betrat er sein Haus und merkte nicht, dass er die Tür nicht richtig hinter sich geschlossen hatte. Er bemerkte auch nicht die schmächtige Gestalt, die ihm nachgeschlichen war und ihm nun in sein Arbeitszimmer folgte. Der heimliche Eindringling kauerte sich in die dunkelste Ecke und beobachtete und wartete. Der Vollmond warf sein milchig schimmerndes Licht durchs Fenster. Es erhellte die Uhr auf dem Kaminsims: Viertel nach drei. Jeremiah zog seinen Mantel aus und ließ ihn zu Boden fallen, den Hut warf er in eine Ecke. Bei jedem Schritt fiel Schnee von seinen Stiefeln und zerschmolz in dunklen Flecken auf dem Teppich. In wildem Triumph hob Jeremiah seine Beute hoch, und das rote Seidenband zwischen den Seiten flatterte.

»Denen werd ich’s zeigen!« Er lachte und schwenkte das Buch durch die Luft. »Sie werden alle büßen für ihren Verrat.«

Jeremiah trat vor das allmählich verlöschende Kaminfeuer und machte es sich in einem seiner teuren Ledersessel bequem. Flüchtig blickte er auf die Worte auf dem Bucheinband, und weil er nichts damit anfangen konnte, schlug er das Buch auf und legte es auf seinen Schoß. Er leckte die Kuppe seines dicken Zeigefingers ab und blätterte mit sichtlichem Vergnügen in den Seiten, erst langsam, dann immer schneller. Er zitterte, er kicherte, er rief mehr als einmal: »Großer Gott!«, und immer wieder hielt er inne, um sich die Hände zu reiben. Das tat er jedoch nicht vor lauter Freude, sondern um den Schmerz in den Händen zu lindern. Salukis Biss, wenn es denn tatsächlich ein Biss gewesen war, erwies sich als fast so lästig wie sein Besitzer.

»Mein Glück ist gemacht«, freute sich Jeremiah. »In diesem Buch stehen Geheimnisse, auf die wäre ich nicht mal im Traum gekommen! Und nicht nur welche aus Pagus Parvus. Von überall her. Na, und erst Dr. Mouldered! Nein, nein, wer hätte das gedacht!«

Tief befriedigt klappte er das Buch zu, da flatterte eine einzelne Seite zu Boden und blieb neben seinen Füßen liegen. Jeremiah, der jetzt schwer atmete, beugte sich vor, hob das Blatt auf und hielt es ins Licht. Eine unregelmäßig gezackte Kante ließ darauf schließen, dass die Seite vor Kurzem aus einem anderen Buch gerissen worden war. Sie zeigte eine kunstvolle, handkolorierte Zeichnung.

»Frösche?«, prustete Jeremiah geringschätzig und las neugierig die Bildunterschrift. Nur wenige Sekunden darauf sank er jämmerlich stöhnend in seinen Sessel zurück.

»Was hat er getan?«, wimmerte er. »Dieser große doppelzüngige Teufel hat mich ausgetrickst!«

In seinen Händen pochte und brannte der Schmerz. Seine Bewegungen wurden schwerfälliger. Eine schleichende Taubheit breitete sich in den Armen und im ganzen Körper aus. Die Brust wurde ihm eng, die Kehle schwoll an. Das Atmen fiel immer schwerer. Und als er den Jungen sah, der plötzlich aus dem Halbdunkel auftauchte und auf ihn zukam, konnte er nicht einmal seine Überraschung ausdrücken.

»We-wer ist d-da?«, stammelte er heiser.

Der Junge antwortete nicht, er warf nur einen Blick auf den Sterbenden, dann bückte er sich und hob das Buch vom Boden auf.

»Wer hat Euch das angetan?«, flüsterte der Eindringling.

Lautlos, mit einer kaum wahrnehmbaren Bewegung formten Jeremiahs Lippen ein Wort.

Der Junge schüttelte den Kopf und ging.

Kapitel 35

Fragment aus den

Erinnerungen des Ludlow Fitch

Kaum war Jeremiah verschwunden, drehte ich mich zu Joe um. Noch immer konnte ich mir sein Verhalten nicht erklären. Ich wusste nur, dass er Jeremiah mit seinem kostbarsten Besitz hatte gehen lassen.

Nein, dachte ich, auch mit meinem kostbarsten Besitz.

Dieses Buch war ein Teil meines Lebens geworden. Ich konnte mich nicht zurückhalten und schlug mit den Fäusten auf Joes Brust, blind vor Wut und Enttäuschung.

»Warum habt Ihr ihn einfach so gehen lassen? Ihr wisst genau, wie er das Buch benutzen wird!«

Joe schob mich behutsam von sich weg, sein Lächeln machte mich nur noch wütender. »Beruhige dich, Ludlow. Verstehst du nicht? Das ist das Ereignis, auf das wir gewartet haben.«

Er goss sich noch einen Schnaps ein (nie hatte ich ihn mehr als einen trinken sehen), legte den Kopf in den Nacken und leerte das Glas in einem Zug.

»Ich muss sagen, der Kerl hat mir einiges Kopfzerbrechen bereitet. Ich habe schon vor Tagen mit seinem Besuch gerechnet, das hätte uns eine Menge Ärger erspart. Er hat sich wirklich Zeit gelassen.«

Ich verstand nichts, ich war wütend, Fragen brannten mir auf der Zunge, und ich war fest entschlossen, die Wahrheit herauszufinden.

»Wollt Ihr damit sagen, Ihr habt gewollt, dass Jeremiah das Buch stiehlt?«

»Nicht ich«, sagte Joe. »Jeremiah hat es gewollt. Er hat ganz so gehandelt, wie es seinem Wesen entspricht. Dieser Mann kann es nicht ertragen, wenn andere besitzen, was er haben will.«

»Ihr sprecht schon wieder in Rätseln. Sagt mir doch einfach, was hier gespielt wird. Ich finde, ich habe es verdient, die Wahrheit zu erfahren.«

»Was möchtest du wissen, Ludlow? Was meinst du, dass ich dir verschweige?«

Seine Ruhe nahm mir den Wind aus den Segeln. Meine Wut verrauchte und ich wurde nervös. »Vieles. Ihr habt gesagt, Leute zu erpressen sei nicht Eure Sache, und doch wolltet Ihr Euch Jeremiahs Geheimnis anhören, genau wie Polly es vorgeschlagen hat. Hättet Ihr ihm etwa auch Geld gegeben?«

Leicht empört sah Joe mich an. »Ich hätte etwas Besseres von dir erwartet als einen solchen Vorwurf. Trotz all seiner Fehler muss doch auch Jeremiah die Chance haben, sich seine Sorgen von der Seele reden zu können – genau wie alle anderen. Meinst du, seine angeborene Grausamkeit kann ihn vor Schuld-und Reuegefühlen bewahren? Ich musste ihm die Gelegenheit geben. Das gehört zu meinem Tun.«

»Gelegenheit wozu?«

»Zu sagen, dass es ihm leidtut.«

»Und dann? Wenn er es bedauert hätte?«

»Nun, wenn er mir tatsächlich ein Geheimnis mitgeteilt hätte, hätte ich ihn bezahlen müssen. Regeln sind Regeln, man muss sie einhalten. Dann wäre freilich alles ganz anders gekommen. So aber hat er sich selbst die Schuld zuzuschreiben.«

Verzweifelt sprudelte ich heraus: »Aber was sind das für Regeln, nach denen Ihr lebt?«

Er sagte nichts.

»Wer seid Ihr, Joe?«

»Du wirst die Wahrheit erfahren, Ludlow, das verspreche ich dir«, sagte er endlich. »Im Moment ist es wichtiger, dass du das Buch zurückholst.«

Ich lachte spöttisch. »Und wie soll ich das anstellen?«

»Du wirst schon eine Möglichkeit finden, aber beeil dich besser. Er muss schon den halben Berg hinunter sein.«

»Ihr kommt nicht mit?«

Joe schüttelte den Kopf. »Ich habe meine Rolle gespielt. Jetzt bist du an der Reihe.«

Resigniert streckte ich die Hände aus, verschwendete aber nun keine Sekunde mehr. Was ich Joe noch sagen wollte, konnte vorerst warten. Er hatte recht. Ich musste das Schwarze Buch zurückholen. Die Geheimnisse des ganzen Dorfes standen darin, auch solche aus anderen Gegenden. Die von Perigoe, Horatio und Obadiah kannte Jeremiah bereits, aber was war mit all den anderen? Es gab so viele Geheimnisse. Ich begriff, dass ich dieses ganze Geschäft bis jetzt für eine Art Spiel gehalten hatte, das Joe und ich mit den Dorfbewohnern gespielt hatten – wir alle gegen Jeremiah Ratchet. Aber es war längst kein Spiel mehr. Es war todernst. Ich hatte ihre Geständnisse aufgeschrieben, und nun war es meine Pflicht, sie in Sicherheit zu bringen.

Ich stürmte also aus der Tür, schlitterte und rutschte die Straße hinunter, ich verwünschte sowohl Jeremiah als auch Joe und wurde von tiefen Zweifeln gequält. Vielleicht lag Job Wright gar nicht falsch. Vielleicht benutzte Joe das ganze Dorf, und ich war zu blind gewesen, es zu bemerken? Ich hatte mich in meiner Sehnsucht nach einem richtigen Vater so selbstsüchtig an dieses neue Leben geklammert, dass mir gar nicht aufgefallen war, was vor meinen Augen passierte. War das nun die Strafe dafür, dass ich angenommen hatte, was mir nicht zustand? Trotzdem ergab das alles keinen Sinn.

»Es geht nicht um Geld«, sagte ich in die Nacht. »Es muss um etwas anderes gehen.«

Jeremiah war schon im Haus, hatte aber in seiner Eile die Tür nicht ganz geschlossen. Ich schlich mich in die Eingangsdiele und folgte den nassen Fußspuren bis in Jeremiahs Arbeitszimmer. Unmittelbar hinter der Tür kauerte ich mich auf den Boden und sah zu, wie er sich in einem Sessel niederließ. Irgendwo in der Nähe stand Fleischpastete, ihr Duft ließ mir das Wasser im Mund zusammenlaufen.

Einen Plan hatte ich noch nicht. Mein Herz klopfte so laut, dass ich befürchtete, es könnte mich verraten. Ich sah Jeremiahs Kopf, ich hörte, wie er Seiten umblätterte. Bald würde es zu spät sein, und er würde alles wissen. Dann hörte ich, wie er das Buch zuklappte, und ich sah eine lose Seite zu Boden flattern. Er beugte sich vor und hob sie auf. Er murmelte etwas, dann stöhnte er und sank in seinem Sessel zurück. Jetzt konnte ich nur noch sein lautes, keuchendes Atmen hören.

Ich weiß nicht mehr, wie lange ich wartete, bevor ich auf Zehenspitzen zu ihm hinging. Er saß so still da, dass ich dachte, er sei eingeschlafen. Ich stellte mich direkt vor ihn hin. Seine Augen waren weit aufgerissen, und einen Moment dachte ich, er wollte nach mir greifen, aber er saß einfach nur da – ein schrecklicher Anblick. Sein Gesicht war weiß, sein Atem ging stoßweise und rasselnd. Ich ahnte, dass ich vor einem Sterbenden stand.

»Wer ist da?«, flüsterte er keuchend, und ich konnte ihn kaum verstehen.

Ich bückte mich und hob das Buch vom Boden auf.

»Wer hat Euch das angetan?«, fragte ich.

Langsam und lautlos formten Jeremiahs Lippen ein Wort.

Joe.

Ich konnte nichts weiter tun und ging weg.

Kapitel 36

Fragment aus den

Erinnerungen des Ludlow Fitch

Jeremiahs Sterbewort hatte meine Welt zertrümmert. Ich sah in seine Augen und konnte keine Lüge darin erkennen. Langsam ging ich den Berg hinauf, mein Herz war schwer wie Blei. Ich fühlte mich innerlich entzweigerissen. Die ganze Zeit hatte ich Joe für besser gehalten als alle anderen, besser, als ich je hoffen durfte, selbst zu sein. Doch am Ende war er genauso schlecht wie meine Ma und mein Pa, wenn nicht schlechter; meines Wissens hatten sie immerhin noch nie jemanden vorsätzlich umgebracht. Gut, ich hatte mir wie alle andern gewünscht, Joe möge sich gegen Jeremiah wenden. Aber nie hätte ich gedacht, dass es so ausgehen würde. Es ließ sich nicht anders sagen, Joe Zabbidou war ein Mörder.

Aber wie hatte er es getan?

Wieder und wieder ging ich in Gedanken die letzte Begegnung der beiden durch und suchte nach Hinweisen. Es war keine Waffe im Spiel gewesen, Jeremiah hatte keinerlei Verletzung. Vielleicht war er vergiftet worden. Aber wie? In dem Schnaps hätte Gift sein können. Aber sie hatten beide vom selben Schnaps getrunken. War es vielleicht im Glas gewesen?

Das war’s! Joe hatte Gift in Jeremiahs Glas getan, bevor er den Schnaps eingoss. Jeremiah hatte ihn in einem Zug ausgetrunken und das Gift – gewiss zu Joes Freude – mit einem zweiten Glas vollends hinuntergespült.

Joe saß vor dem Kaminfeuer und wartete auf mich. Er hatte ein Glas in der Hand und sah aus, als wäre nichts Ungewöhnliches geschehen. Sogar das Zimmer hatte er aufgeräumt.

»Hast du’s?«

Ich gab ihm das Buch.

»Gut gemacht. Ich wusste, dass ich mich auf dich verlassen kann.«

Ich wollte etwas sagen, aber ich war noch immer ganz durcheinander. Da sah ich seinen Ranzen auf dem Tisch. Er war ausgebeult und so prall gefüllt, dass sich die Nähte spannten. Daneben stand der kleine Beutel zum Zuziehen. Kalte Angst überkam mich. Endlich fand ich meine Stimme wieder.

»Ihr wollt doch nicht weggehen?«

Er hob die Hand, um mir Schweigen zu gebieten.

»Schscht«, sagte er. »Hör mal!«

Draußen ging etwas vor sich. Ich hörte Stimmengemurmel und das Knirschen von Schritten auf verharschtem Schnee. Ich schlich zur Tür des hinteren Zimmers und linste in den Laden. Gestalten in Umhängen bewegten sich auf der anderen Seite des Fensters, Gesichter wie Teufelsfratzen im Schein brennender Fackeln. Dicht zusammengedrängt bildeten sie eine unheimliche Silhouette: Obadiah Strang, daneben die kleine Gestalt von Perigoe Leafbinder und neben ihr die wuchtige von Horatio Cleaver.

»Komm raus, Joe Zabbidou!«, johlten die Schattengestalten vielstimmig. »Oder wir räuchern dich aus!«

Beim Anblick dieser dämonischen Schar wurden mir die Beine schwach, und entsetzt wankte ich zu Joe zurück. »Sie sind draußen!«, flüsterte ich. »Alle! Sie wollen uns was antun, wie Polly gesagt hat. Sie werden uns umbringen.«

Aber Joe blieb seelenruhig sitzen und nahm einen langen Schluck aus seinem Glas.

»Hab Geduld«, sagte er. »Hab Geduld.«

»Dafür ist keine Zeit«, rief ich verzweifelt und zerrte an seinem Umhang.

Er fasste mich an den Handgelenken und hielt mich auf Abstand. »Warte noch.«

»Komm raus, Joe Zabbidou, komm raus!« Die Stimmen schwollen zu einem drohenden Chor an. Dann zersprang mit Getöse die Schaufensterscheibe, Glassplitter prasselten auf den Ladentisch, und der Raum wurde erfüllt von Rauch, vom Geruch nach brennendem Öl und vom durchdringenden Knacken von Flammen. Die Leute auf der Straße traten gegen die Tür und schlugen sie mit Knüppeln ein. Der Lärm war ohrenbetäubend, der Rauch schwarz und erstickend, die Hitze nahm zu.

»Komm raus, Joe Zabbidou!«, schrien sie. »Komm raus!«

Er rührte sich immer noch nicht und hielt mich weiterhin fest. Ich wollte mich losreißen, aber sein Griff war wie ein Schraubstock. »Wollt Ihr mich auch sterben lassen?«, schrie ich, aber er hörte nicht auf mich. Er hatte den Kopf zur Seite geneigt und lauschte gespannt.

Inzwischen schrie ich gellend. Das abscheuliche Konzert draußen hatte sich zu fast unmenschlichen Lauten gesteigert. Dichte Rauchwolken quollen ins hintere Zimmer, sodass ich kaum mehr die Hand vor Augen sehen konnte. Da drang eine Stimme aus dem Chaos. Eine kreischende Stimme, die alles andere übertönte. Pollys Stimme.

»Ratchet ist tot! Jeremiah Ratchet ist tot!«

Da ließ Joe mein Handgelenk los und hob triumphierend die Arme über seinen Kopf.

»Acta est fabula«, sagte er. »Es ist vorbei.«

Kapitel 37

Essensreste

Mitten in der Nacht war Polly aufgewacht, sie wusste nicht warum, aber jetzt, da sie wach war, spürte sie auch ihren Hunger. Überzeugt, Jeremiah sei längst im Bett, nahm sie eine Kerze und schlich die Treppe hinunter. Auf dem Weg zur Küche sah sie, dass die Haustür nicht richtig zu war, und schloss sie. Er war also doch noch ausgegangen. »Wird nicht lange dauern, dann kommt er sternhagelvoll nach Hause«, murmelte sie. Da sah sie Licht im Arbeitszimmer.

Sie ging hinein und stellte fest, dass noch das Tablett mit dem Abendessen von gestern auf dem Schreibtisch stand. Ärgerlich schüttelte sie den Kopf. Sie konnte es nicht ausstehen, wenn gutes Essen verschwendet wurde. Auf dem Teller lag eine Scheibe Fleischpastete, unangetastet. Sie probierte ein Stückchen von der Kruste, spuckte es aber sofort aus – sie hatte auf einen Kieselstein gebissen. Polly rümpfte die Nase.

»Eine von Horatio Cleavers Pasteten«, sagte sie vor sich hin. Der Fleischer hatte die Pastete gestern Abend persönlich ins Haus gebracht. In Gedanken merkte sich Polly vor, Horatio bei nächster Gelegenheit zu erzählen, was sie von seiner Fleischerkunst hielt. Dann fielen ihr die nassen Fußspuren auf, die über den Teppich zum Kaminfeuer führten, und sie sah Hut, Schal und Umhang auf dem Boden liegen.

»Herr im Himmel!«, rief sie und wischte sich hastig etwaige verräterische Krümel vom Mund. »Mr Ratchet, was macht Ihr denn da?«

Über der Sessellehne erkannte Polly seinen Hinterkopf, und zwar an dem glänzend kahlen Fleck in der Mitte und an den grauen und weißen Haaren, die trotz täglicher Anwendung teurer Haarcremes widerspenstig über den Ohren abstanden. Als Polly neugierig um den Sessel herumging, traf sie plötzlich der steinerne Todesblick aus Jeremiahs offenen Augen. Sie schrie auf vor Schreck.

Niemand hat je behauptet, dass Jeremiah Ratchet ein attraktiver Mann sei. Er hatte viel Ähnlichkeit mit einer zum Platzen aufgeblähten Kröte. Daran hatte sich im Tod nicht viel geändert, nur dass er weniger beweglich war, sondern starr in seinem Sessel hing. In den steif gewordenen Fingern hielt er noch die lose Seite. Polly interessierte es nicht, was er gelesen hatte (obwohl sie das schöne Bild beeindruckte), sie war eher fasziniert von Jeremiahs Gesichtsausdruck. Sein Mund stand wie zu einem verzerrten Gähnen offen, und seine Augen waren unnatürlich weit aufgerissen. Er sah aus, als habe er gerade etwas Furchtbares erfahren.

Die arme Polly hatte noch nie eine Leiche aus solcher Nähe gesehen, und es dauerte eine Weile, bis sie ihre fünf Sinne wieder beisammenhatte. Dann aber erwies sie sich als praktisch denkendes Mädchen. Mit zitternden Fingern tastete sie in Jeremiahs Westentasche, fand seinen Geldbeutel und steckte ihn in ihre Schürze. Ein letztes Mal betrachtete sie den armen Jeremiah. Dann wich sie zurück und stieß dabei mit dem Fuß gegen etwas Hartes. Sie sah nach unten: Es war der Kohleneimer.

»Nur das Höllenfeuer wird jetzt deine kalte Seele wärmen«, murmelte sie, bevor sie auf die Straße lief und mit ihrer gellenden Stimme dem ganzen Dorf verkündete:

»Ratchet ist tot! Jeremiah Ratchet ist tot!«

Kapitel 38

Diagnose

Solange er lebte, hatte sich Jeremiah die Dorfbewohner erfolgreich vom Leibe gehalten; wenige Minuten nach seinem Tod jedoch wimmelte es in seinem Haus von Leuten. Sie liefen treppauf und treppab, öffneten und schlossen Türen und steckten ein, was sie unter ihren Umhängen verbergen konnten. Jeder glaubte den einen oder anderen Grund zu haben, dass ihm etwas zustehe.

»Ich hab mal gehört, dass seine Badewanne aus purem Gold ist«, tuschelte einer, während er einen glänzend polierten Spucknapf in seiner Brusttasche verstaute.

»Und dass er nur von silbernen Tellern gegessen und aus feinsten Kristallgläsern getrunken hat«, sagte sein Begleiter und riss einen prächtigen Messingleuchter von der Wand.

Ein Dritter war damit beschäftigt, mit den Fingerknöcheln die Bretter der Treppenstufen abzuklopfen. Er suchte nach Geheimgängen zu unterirdischen Kellerräumen, in denen Schmuck, Schätze und, weit wichtiger, Bier und Wein lagern sollten.

»Da isser«, kam von unten der Schrei des jüngsten Sourdough-Jungen. »Iiiih, ganz schwarz und blau!«

Lärmend fiel die Menge im Arbeitszimmer ein und verteilte sich um Ratchets Sessel wie Wasser, das einen Felsen im Strom umspült. Es stimmte, was der kleine Sourdough sagte, Jeremiahs Haut hatte ein seltsam fleckiges Aussehen angenommen. Diese Verfärbung, der gelbliche Schaum in den Mundwinkeln und dazu die abstoßende Grimasse, das war zu viel für Lily Weaver. Mit einem tiefen Seufzer sank sie in Ohnmacht. Sie wäre zu Boden gestürzt, aber weil so viele Leute im Zimmer waren, blieb sie aufrecht stehen, und als sie nach wenigen Minuten wieder zu sich kam, sah sie sich von allen Seiten gestützt von ihren Mitbürgern aus Pagus Parvus. Sie wurde hochgehoben, über das Meer der Köpfe gereicht wie eine von der Flut ergriffene Flasche und unsanft im Flur abgelegt.

Dann übertönte eine Stimme den Tumult, und mit Ellbogenstößen, Schubsen und Schieben gelang es Dr. Samuel Mouldered, sich Zutritt zu verschaffen.

»Gott sei Dank, dass Ihr da seid«, sagte Elias Sourdough. »Ratchet hat endlich ins Gras gebissen.«

Im Zimmer wurde es still, weil alle gespannt auf Dr. Mouldereds Beurteilung des Falls warteten. Einige der Dorfbewohner waren mit der Selbstdiagnose vertraut, einer Modeerscheinung der Zeit. Sie hielten sich dabei an Dr. Moriartis Medizinisches Wörterbuch für jedermann, das preisgünstig in Perigoe Leafbinders Buchhandlung erhältlich war. Nun wollten sie die Diagnose vom Fachmann hören.

Mouldered umrundete ein paarmal den Sessel und strich sich dabei über das spärlich behaarte Kinn. Es kam nicht oft vor, dass er so im Mittelpunkt stand, deshalb gewann seine Nervosität, die sich in den letzten Tagen immer mehr gesteigert hatte, die Oberhand. Schweiß sammelte sich in seinen Stirnfalten, und mit der blassrosa Zunge befeuchtete er seine trockenen Lippen. Endlich räusperte er sich und erklärte heiser: »Ich glaube, dass Jeremiah Ratchet eine Art Anfall erlitten hat, einen Herzanfall, der seinen vorzeitigen Tod verursachte.«

Die Menge stöhnte auf, und die allgemeine Enttäuschung war deutlich zu spüren. Alle hatten irgendetwas Grauenhaftes erwartet. Es wäre gewiss nicht unverdient gewesen.

»Für mich sieht er eher aus, als wäre er erstickt. Und mit seinen Händen stimmt auch was nicht. Seid Ihr denn sicher?«

Dass Jeremiah erstickt sein könnte, war kaum mehr als Wunschdenken, doch nach einem gründlicheren Blick auf den Toten konnte auch Mouldered nicht bestreiten, dass Jeremiahs Hände ziemlich rot und von Blasen übersät waren, als hätte er sich schwer verbrannt.

»Jawohl, ich bin sicher«, sagte er mit der Überzeugungskraft eines Menschen, der keineswegs sicher ist. »Ein Herzanfall bringt es manchmal mit sich, dass dabei die Hände, äh …« Er fummelte in seinen Taschen, als suche er dort nach dem korrekten medizinischen Begriff. Als er aber nichts fand, gab er auf und beendete seine Erklärung lahm: »Nun, dass die Hände so … aussehen.«

Augenbrauen zuckten hoch, Köpfe wurden geschüttelt, kaum unterdrücktes Kichern wurde laut, aber da Mouldered nichts weiter sagte und die Aufregung ohnehin vorbei war, schoben sich die Dorfleute, mit ihren heimlichen Beutestücken klirrend, langsam aus dem Zimmer. In der Stille, die nun einkehrte, schloss Mouldered mit zitternden Fingern Jeremiahs Augen und löste das Papier aus den starren Händen. Er warf einen flüchtigen Blick darauf, faltete es zusammen und wollte es eben einstecken, da erschien Perigoe.

»Das gehört Joe«, sagte sie. »Es ist aus einem Buch über Amphibien, das er bei mir gekauft hat.«

»Ah, Perigoe«, sagte Mouldered und gab es ihr. »Könntet Ihr wohl dafür sorgen, dass er es zurückbekommt?«

Sie nickte und ging schnell hinaus – ein abgegriffenes rötlich braunes Buch unter dem Arm.

Nur eins? Wie bescheiden, dachte Mouldered.

Kapitel 39

Fragment aus den

Erinnerungen des Ludlow Fitch

Kaum hatten die versammelten Dorfleute gehört, dass Ratchet tot sei, hatten sie kehrtgemacht und waren die Straße hinuntergerannt. Joe lief nach vorn in den Laden und fing an, mit einem alten Mantel aus dem Schaufenster auf die Flammen einzuschlagen. Um ehrlich zu sein, es war mehr Rauch als Feuer, und das Löschen dauerte nicht lange. Trotzdem war der Schaden beträchtlich. Alles war angekohlt oder rauchgeschwärzt, und der beißende Geruch machte das Atmen unangenehm. Zu retten gab es wenig. Der schneidende Wind, der jetzt durch die zerbrochenen Fenster und die zertrümmerte Tür hereinblies, fegte den Rauch davon und machte die Luft allmählich wieder klar. Ich half Joe, ohne zu wissen warum. Keuchend vor Anstrengung zertrampelte er schließlich eine letzte eigensinnige Flamme, dann setzte er sich und ruhte sich aus.

»Was für eine Schande, diese unnötige Zerstörung«, murmelte er. »Aber ich denke, es hätte schlimmer kommen können. Immerhin habe ich das hier noch.« Er bückte sich und zog unter Mauerbrocken, Glassplittern und Asche das Holzbein hervor, wundersamerweise unversehrt, und ging damit ins Hinterzimmer. Als ich zur Tür hineinschaute, hatte er schon Schal und Umhang an und mühte sich, das Holzbein in seinem Ranzen unterzubringen.

Plötzlich ging alles viel zu schnell. Einerseits war ich wütend auf Joe wegen seines Verhaltens und wegen des Mordes, den er nach meiner festen Überzeugung begangen hatte, und andererseits hatte ich Angst, weil er wegging.

»Das ist alles? Ihr wollt einfach so gehen?«

»Ich kann hier nicht mehr viel tun«, sagte er. »Es gibt keinen Grund, zu bleiben.«

»Und der Laden?«

»Der Laden ist am Ende. Wir können irgendwo anders neu anfangen.« Er schwang sich den Beutel über die Schulter, kam nach vorn und stieg auf dem Weg zur Tür vorsichtig über die Trümmer. »Kommst du mit?«

Wie konnte er nur so ruhig sein? Mein Herz raste.

Ich zögerte. »Ich weiß nicht, ob ich mit Euch gehen kann.«

»Oh.« Das klang, als habe er mit dieser Möglichkeit nicht gerechnet. Er runzelte die Stirn. »Ich dachte, du hast gewusst, dass wir nicht für immer hier bleiben können. Vielleicht hätte ich ja schon eher etwas sagen sollen. Meine Arbeit zwingt mich zu ständigem Weiterziehen.«

»Das ist es nicht«, sagte ich. »Ich wäre mit Euch überallhin gegangen, aber …« Ich konnte es nicht sagen. Die Worte blieben mir im Hals stecken. Wortlos standen wir voreinander, bis das Schweigen von einer leisen Stimme gebrochen wurde. Wir blickten auf. Es war Perigoe.

»Mr Zabbidou«, sagte sie. »Mr Zabbidou.« Sie stieg durch die Überreste der Tür, fassungslos beim Anblick der Zerstörung. »Ich möchte mich entschuldigen«, flüsterte sie. »Alle wollen sich entschuldigen. Wir wissen, dass es falsch war, Euch so zu behandeln. Wir hätten Euch vertrauen sollen. Es war der Brief, der uns so einen großen Schreck eingejagt hat.«

»Ah«, sagte Joe. »Der Brief.«

Perigoe machte ein Gesicht, als würde sie jeden Moment in Tränen ausbrechen. »Es war der älteste der Bäckerjungen, er hat den Brief geschrieben und seinen eigenen Vater erpresst, um sich auf diese Weise die Taschen zu füllen. Er war dahintergekommen, dass Elias bei Euch war, und er wusste, dass man Euch den Brief anlasten würde. Ruby hat einen zweiten gefunden, den der Junge Dr. Mouldered schicken wollte. Sie fühlen sich alle ganz schrecklich, Mr Zabbidou. Ihr habt recht gehabt: Wir hätten nur eine Weile warten müssen. Seid Ihr auch Arzt? Habt Ihr gewusst, dass Jeremiah was mit dem Herzen hatte?«

Ich hätte laut lachen können. Jetzt hielten sie Joe wieder für einen Helden. Was aber quälte mich eigentlich so? Jeremiah hatte so viele Feinde gehabt, dass es irgendwann einmal ein böses Ende mit ihm hatte nehmen müssen, so oder so. Spielte es da wirklich eine Rolle, wie es nun dazu gekommen war? Trotzdem konnte ich den Gedanken nicht ertragen, dass Joe etwas mit einer so erbärmlichen Sache zu tun hatte. Die ganze Zeit über hatten mich Gewissensbisse geplagt, weil ich einmal heimlich in dem Schwarzen Buch gelesen hatte. Dabei wurden wirklich viel größere Sünden begangen als diese!

»Sein Herz?«, wiederholte Joe. »Ja, ich dachte mir schon, dass mit dem Mann etwas nicht stimmt.«

Perigoes Blick fiel auf den Beutel auf Joes Schulter. Ihr Augenlid zuckte heftig, und sie wurde rot.

»Wollt Ihr weggehen?«

»Allerdings. Ich denke, Pagus Parvus kommt jetzt ohne mich aus.«

Eine Träne rollte aus ihrem Augenwinkel, doch Perigoe schniefte und wischte sie schnell weg. »Dann bin ich froh, dass ich Euch noch erreicht habe. Ich möchte Euch etwas geben.« Sie händigte ihm ein kleines Buch aus. »Es bedeutet mir nichts mehr, jetzt, wo Jeremiah tot ist. Zu viele böse Erinnerungen. Ich meine, wen interessieren schon Schafe?«

Joe zögerte. »Ihr wisst doch aber, was es wert ist, nicht wahr?«

Perigoe nickte. »Ich könnte kein Geld dafür nehmen. Ihr aber verdient es, nach allem, was Ihr uns gegeben habt.«

»Wenn es Euer Wunsch ist, dann nehme ich es.« Joe steckte das Buch in seinen Umhang, aber ich konnte gerade noch den Titel lesen: Die Einsamkeit des Bergschäfers.

»Und dann noch das hier. Nun hätte ich es beinahe vergessen. Dr. Mouldered hat es gefunden. Ich dachte, es könnte wichtig sein.«

Sie gab ihm ein Papier, und Joe küsste ihre Hand. Dann flüsterte sie einen Abschiedsgruß und huschte davon.

»Siehst du«, sagte Joe, während er das zusammengefaltete Papier einsteckte. »Erbschaft. Wenn ich das Buch verkaufe, können wir monatelang von dem Geld leben.«

»Erbschaft?«, sagte ich spöttisch. »Ihr meint, Ihr bekommt Euer Geld von Toten.«

Joe lächelte. »Das kommt der Wahrheit vermutlich recht nahe.«

»Von Leuten, die Ihr umbringt.«

»Ich habe nie jemanden für Geld umgebracht, Ludlow. Das liegt nicht in meinem Wesen.«

»Gleich werdet Ihr mir erzählen, es verstößt gegen Eure Regeln.«

Joe seufzte und stellte seinen Ranzen ab. »Du warst mir in all diesen Wochen eine große Hilfe, Ludlow, ich bin dir sehr dankbar. Du bist ehrlich und loyal gewesen, und ich weiß sehr wohl, dass es nicht leicht für dich war. Mehr als das, ich dachte, ich hätte in dir etwas gesehen, etwas, das ich seit Jahren suche. Damals, in dieser Nacht, als ich dich draußen im Schnee fand, hast du mich an mich selbst erinnert, als ich jung war. Ich habe eine Zukunft für dich gesehen. Deshalb möchte ich gern, dass du mit mir kommst. Ich habe große Hoffnungen in dein Talent. Wir sollten gemeinsam weiterarbeiten. Ich kann dir die Welt zeigen. Sag doch, warum du nicht mitkommen willst.«

Warum nicht, ja, warum nicht? Natürlich wollte ich mitgehen, sehnlichst sogar. Hätte er vor einem Tag gefragt, noch vor ein paar Stunden, ich hätte nicht gezögert. Aber nun lagen die Dinge anders. Ich war nicht sicher, ob er der Mensch war, für den ich ihn immer gehalten hatte. Ich wusste nicht einmal mehr genau, wer ich selbst war.

»Du hättest eine wunderbare Zukunft, Ludlow. Es gibt so vieles, was ich dich lehren könnte.«

»Zum Beispiel Mord?« Endlich war das Wort heraus, und meine Erleichterung war unbeschreiblich – so unbeschreiblich wie meine plötzliche Furcht.

»Ah«, sagte er, und seine Miene hellte sich auf. »Ich habe mich schon gefragt, wann du damit herausrücken würdest. Du glaubst offenbar, ich hätte Jeremiah umgebracht?«

Ich nickte langsam. »Könnt Ihr denn beweisen, dass Ihr’s nicht getan habt?«

»Ich …«, fing Joe an, aber da rief wieder eine Stimme von der Ladentür her. Es war Horatio, atemlos und schwitzend vom Lauf die steile Straße aufwärts.

»Ich musste kommen«, rief er, während er über den Schutt sprang. »Bevor Ihr geht, Joe, muss ich Euch sagen, dass ich etwas Schreckliches getan habe. Es war nicht sein Herz. Ich habe es getan! Ich habe ihn getötet.«

Joe nahm ihn am Arm und ließ ihn Platz nehmen.

»Was ist, Horatio? Was glaubt Ihr getan zu haben?«

»Ich habe Jeremiah Ratchet umgebracht. Ich habe seine Pastete vergiftet und Polly aufgetragen, sie ihm zu geben. Ich weiß, ich habe geschworen, dass ich nie wieder eine solche Mischung herstellen würde, aber ich musste einfach etwas tun. Dr. Mouldered hat gesagt, Ihr würdet uns nicht helfen, da konnte ich es nicht länger ertragen.«

»Hört zu«, sagte Joe, »Ihr dürft Euch keine Vorwürfe machen. Was geschehen ist, ist geschehen. Dr. Mouldered hat gesagt, es war ein Herzanfall, und dabei sollten wir es belassen. Sprecht nicht weiter darüber, aber sorgt dafür, dass die Pastetenreste verschwinden, bevor jemand sie essen kann. Es gibt genügend Leute, die Hunger haben.«

»Seid Ihr sicher, Mr Zabbidou?«

»Ganz sicher. Vernichtet nun schnell die Pastete, bevor ein Unschuldiger zu Schaden kommt.«

»Ich weiß nicht, wie ich Euch danken soll, Mr Zabbidou«, sagte Horatio. »Ich verdiene Eure Hilfe nicht.«

»Die Pastete!«, mahnte Joe. »Schafft die Pastete weg.«

Sobald Horatio gegangen war, legte mir Joe die Hände auf die Schultern und sah mir fest in die Augen. »So, Ludlow, kannst du mir jetzt vertrauen?«

Ich war sprachlos. Ich war so sicher gewesen. »Ihr-Ihr habt es also ga-gar nicht getan?«, stotterte ich. Ich konnte ihm kaum in die Augen schauen. »Könnt Ihr mir verzeihen?« Plötzlich kam mir ein schrecklicher Gedanke. »Wollt Ihr denn trotzdem noch, dass ich mit Euch komme?«

Joe lachte. »Ludlow, mein lieber Junge, natürlich will ich das. Wie kannst du nur etwas anderes denken? Komm jetzt, und ich verspreche dir, wenn dir nicht gefällt, was du siehst, und wenn du meinst, nicht leben zu können mit dem, was du weißt, dann können wir uns trennen, und unsere Wege brauchen sich nie wieder zu kreuzen.«

Mein Herz platzte fast vor Aufregung, und ich grinste so breit, dass ich spürte, wie sich meine Haut spannte. Nun verschwendete ich keine Minute mehr. Ich holte meine Geldbörse aus der Nische neben dem Kamin und zog mir den Umhang fest um die Schultern. Aber etwas gab es noch, was ich loswerden musste.

»Ich bin nicht immer ehrlich zu Euch gewesen«, fing ich an, aber Joe schüttelte den Kopf.

»Das hat Zeit«, sagte er. »Jetzt müssen wir gehen.«

Wir drückten uns durch die eingeschlagene Tür ins Freie und hatten nicht mehr dabei als das, was wir bei unserer Ankunft vor Wochen bei uns gehabt hatten. Ich warf einen letzten Blick über die Schulter, aber die Straße war leer und verlassen. Ein einziges Licht brannte in Jeremiahs Fenster, die anderen Häuser waren alle dunkel, und wir verließen Pagus Parvus, wie wir gekommen waren: unbemerkt.

Kapitel 40

Fragment aus den

Erinnerungen des Ludlow Fitch

Wir wanderten zwei Tage und zwei Nächte lang. Es ging ständig bergauf, und ununterbrochen schneite es. Eine Unterhaltung war unmöglich. Unsere ganze Anstrengung war darauf gerichtet, uns durch die hohen Schneeverwehungen zu arbeiten und gegen den Wind anzukämpfen. Es war überlebenswichtig, dass wir beisammenblieben. Wären wir getrennt worden, hätten wir uns zweifellos für immer aus den Augen verloren. Ich konnte nicht sagen, ob wir nach Norden oder Süden, nach Osten oder Westen gingen. Keine Sonne wies uns den Weg und nachts kein Mond.

Beim Gehen hatte ich Zeit zum Nachdenken und Grübeln über die jüngst vergangenen Ereignisse. Obwohl ich froh war, dass Joe Jeremiah nicht umgebracht hatte (und mich schämte, dass ich ihn dieser Tat je hatte beschuldigen können), hatte ich das Gefühl, Jeremiah würde noch leben, wenn Joe nicht nach Pagus Parvus gekommen wäre. Und dann war da die Sache mit Joes »Erbschaft«, wie er es nannte. Joe hatte gesagt – und ich glaubte ihm –, dass er für Geld nie jemanden umgebracht habe. Und doch schienen in seiner Nähe Geld und Tod untrennbar miteinander verbunden.

Es gab natürlich noch andere unbeantwortete Fragen, und im Lauf unserer Wanderung fielen mir auch manche Antworten ein, als aber die Temperaturen sanken und der Schnee immer dichter fiel, fragte ich mich allmählich, ob es so klug gewesen war, mitzugehen. Doch in Pagus Parvus hatte ich nichts mehr verloren, und so marschierte ich weiter und gab mir alle Mühe, optimistisch zu bleiben. Gegen Ende der Reise war ich so erschöpft, dass ich kaum mehr die Füße heben konnte. Die letzten paar Meilen trug mich Joe auf dem Rücken unter seinem Umhang. Ich konnte noch immer den Sturm heulen hören, aber allmählich wiegte mich der Rhythmus von Joes Schritten – trotz des Hinkens – in einen angenehmen Schlummer. Was danach geschah, habe ich nur noch undeutlich in Erinnerung, bis zu dem Moment, als ich aufwachte und merkte, dass ich ausgestreckt auf dem Boden lag.

Es war ein Lager aus belaubten Zweigen auf hartem Untergrund, und ich war mit meinem Umhang zugedeckt. Kein Schnee, kein Wind, keine Kälte. Ein paar Minuten blieb ich liegen, ohne mich zu bewegen, und genoss die Wärme und Behaglichkeit. Über mir sah ich eine Felsendecke, und als ich die Hand ausstreckte, spürte ich, dass der Boden sandig war. Ich setzte mich auf und blickte mich neugierig um. Ich befand mich in einer niedrigen Höhle, die von brennenden Fackeln an den Wänden erhellt war. Als ich das letzte Mal solche Fackeln gesehen hatte, in der Nacht, als Jeremiah gestorben war, hatten sie kein so angenehmes Licht verbreitet. Wenn ich mich konzentrierte, konnte ich draußen den Sturm heulen hören, aber es klang sehr weit weg. Zu meinen Füßen brannte ein Feuer, über dem ein geschwärzter Kessel hing. Was darin kochte, hatte einen vertrauten Geruch. Joe saß mit gekreuzten Beinen vor dem Feuer und hielt mir eine Tasse entgegen.

»Suppe?«

Nach dem Essen war Zeit zum Reden. Ausnahmsweise schien Joe meine Fragen diesmal gern zu beantworten. Er wirkte irgendwie anders als sonst, entspannt, als wäre er hier an einem vertrauten Ort.

»Es ist Zeit für die Wahrheit«, sagte er. »Wenn wir unsere Reise gemeinsam fortsetzen sollen, musst du mir vertrauen. Wenn du also etwas wissen möchtest, jetzt kannst du fragen.«

Wo anfangen? Ich war so nervös, dass ich zitterte, aber ich wusste, was ich sagen wollte. Diesen Moment hatte ich tagelang geprobt. »Erzählt mir von Euren Regeln.«

Joe nickte und fing an. »Es sind nur zwei, beide einfach, aber gerade ihre Einfachheit macht es schwer, sie einzuhalten. Ich denke, die erste kennst du.«

Ich kannte sie. »Man darf den Lauf der Dinge nicht ändern.«

»Genau. Das soll nicht heißen, dass ich keinen Einfluss habe. Schon die Tatsache, dass ich an einen Ort komme, wirkt sich in irgendeiner Weise auf die Zukunft aus, aber egal, wohin ich gehe: Jeder Mensch ist verantwortlich für sein eigenes Tun. Ich finde, von den beiden Regeln ist es diese, die schwerer zu befolgen ist. Ich habe schon schreckliche Dinge gesehen, Ludlow, und nicht einzugreifen ist manchmal qualvoll. In Pagus Parvus war ich fast jeden Tag versucht, mich über diese Regel hinwegzusetzen. Die Dorfleute brauchten meine Hilfe so dringend, aber ich musste ihren Bitten gegenüber taub sein. Ich weiß wirklich nicht, was ich ihrer Meinung nach tun sollte – vielleicht wollten sie, dass ich Jeremiah umbringe (das sagte er mit ironischem Unterton) –, aber ich konnte nur weitermachen wie immer und darauf hoffen, dass sie warten könnten. Jede andere Reaktion meinerseits hätte zu einer Katastrophe geführt. Dura lex sed lex. Das Gesetz ist hart, aber es ist das Gesetz.«

»Und die zweite Regel?«

»Auch die kennst du schon. Jedermann, egal wer es ist, verdient eine Chance zur Wiedergutmachung, eine Chance, etwas zu bedauern und um Gnade zu bitten. Selbst Leute wie Jeremiah Ratchet. Du wirst dich erinnern, dass ich ihm diese Gelegenheit gegeben habe, als er wegen des Buches kam.«

Ich erinnerte mich an den Anblick des um Hilfe winselnden Jeremiah, und mich schauderte.

»Freilich wollte er meine Hilfe in Wirklichkeit gar nicht«, fuhr Joe fort. »Trotzdem musste ich sie ihm anbieten. Du hast befürchtet, dass ich, falls er etwas gestanden hätte, sein Geheimnis gegen ihn verwenden würde. Es hat mir das Herz gebrochen, zu erleben, wie dein Vertrauen in mich ins Wanken geriet. Allerdings hat es mich sehr gefreut, dass du so um das Schicksal der Dorfleute besorgt warst. Von da an wusste ich, dass ich mich nicht in dir getäuscht hatte. Deine Loyalität ihnen gegenüber ist ein Wesenszug, der Bewunderung verdient. Wir handeln für die Menschen, Ludlow. Vergiss das nie.

Ich will nicht bestreiten, dass Jeremiahs Schicksal auf die eine oder andere Art besiegelt war, als ich nach Pagus Parvus kam, aber umgebracht hat er sich selbst, und zwar schon lange vor meiner Zeit dort: durch seine Selbstsucht, seine Habgier, seinen harten Charakter. – Das sind die Regeln, Ludlow, und ich befolge sie strikt.«

Er sah mich erwartungsvoll an, und ich hatte auch schon die nächste Frage auf den Lippen. »Das Geld, das Ihr in Pagus Parvus verteilt habt … woher stammt es?«

»Von einem Toten, ganz wie du vermutet hast, aber bevor du mich irgendwelcher Schandtaten verdächtigst, lass mich dir versichern, dass alles mit rechten Dingen zuging. Bevor ich nach Pagus Parvus kam, lebte ich eine Zeit lang in einer kleinen Stadt nahe der Grenze. Das Geschäft ging gut. Du wirst gleich auf den ersten Seiten des Schwarzen Buches einige Geheimnisse der dortigen Bewohner finden. Ich erinnere mich da an ein besonders interessantes von einem Sargmacher …«

Mir wurde das Herz schwer, ich spürte, dass ich puterrot wurde, und schlug die Hände vors Gesicht. »Ihr habt es gewusst!«

Joe grinste. »Natürlich habe ich es gewusst. Es war ja deutlich in deinem Gesicht zu lesen, als ich zurückkam.«

»Seid Ihr denn nicht böse?«

»Damals schon. Mehr auf dich als auf Polly. Aber wenigstens habt ihr auf den ersten Seiten angefangen.«

»Weiter hätten wir auch nicht gelesen«, sagte ich. »Wir hatten ein scheußliches Gefühl hinterher.«

»Dann bin ich ja froh«, sagte Joe lachend. »Das solltet ihr auch. Es wäre nicht schwer gewesen, dir ein Geständnis zu entlocken, aber ich fand es richtig, dich eine Weile mit deinem schlechten Gewissen allein zu lassen. Und das Buch unter deinem Kissen, nun, ich war überzeugt, es war Strafe genug, dass du es jede Nacht spüren musstest. Wie ich schon einmal gesagt habe: ›Quae nocent docent.‹«

Das waren die lateinischen Worte am Ende der Geschichte des Sargmachers.

»Es bedeutet: ›Aus Fehlern wird man klug.‹«

Jetzt fühlte ich mich noch schlechter. »Was ist also in dieser kleinen Stadt passiert?«, drängte ich, gespannt darauf, alles zu erfahren.

»Nach ein paar Wochen kam ich dahinter, dass der ortsansässige Arzt seine Patienten gezielt vergiftete und ihr Hab und Gut an sich brachte. Als er starb, belohnten mich die Einwohner mit einem üppigen Anteil aus seinem zusammengestohlenen Reichtum. Und dann zog ich weiter.«

»Aber wie ist er gestorben?«

»Nicht durch meine Hand, das schwöre ich.«

»Wie dann? Wieder durch vergiftete Pastete?«

Joe lachte. »Nein, es war ein Unfall, das versichere ich dir. Aber wir wollen das Thema nicht vertiefen. Es gibt Wichtigeres zu tun. Komm mit.«

Joe nahm seinen Ranzen und ging quer durch die Höhle zur gegenüberliegenden Wand, in der ich erst jetzt den Eingang eines Tunnels bemerkte. Ich zögerte, als ich vor der Öffnung stand, sie war schmal und dunkel, aber Joe war schon hindurchgegangen. Da nahm ich eine Fackel von der Wand und lief hinter ihm her.

Kapitel 41

Fragment aus den

Erinnerungen des Ludlow Fitch

Der Weg durch den felsigen Tunnel wurde immer enger. Bald konnte Joe nicht mehr aufrecht stehen und ich nicht mehr neben ihm gehen. Je tiefer wir kamen, desto drückender und stickiger wurde es, so als hätte es hier seit Jahren keine Luftbewegung gegeben. Das Licht der Fackel schrumpfte zu einem bernsteingelben Schimmer, und ich hatte Angst, es könnte ganz verlöschen. Ich spürte und hörte Lebewesen an mir vorbeifliegen, Fledermäuse vielleicht, aber ich sah sie nie, sondern fühlte nur etwas über meine Wangen streichen oder durch mein Haar huschen.

»Keine Angst, Ludlow!«, rief Joe über die Schulter. »Dir wird nichts passieren.«

Jetzt ging es bergab. Erst nur wenig, aber bald wurde der Gang noch abschüssiger, und ich musste mich an den Seitenwänden abstützen, um nicht hinzufallen. Ständig stieg der Luftdruck, und ein dumpfer Schmerz war in meinen Ohren. Als ich schon glaubte, es nicht länger zu ertragen, wurde der Boden eben, der Tunnel weitete sich, und die Decke wurde wieder so hoch, dass wir uns aufrichten konnten. Vor mir sah ich Joe, eingerahmt von einem Torbogen, in dessen gelblichem Lichtschein sich die Silhouette seiner schlanken Gestalt abzeichnete. Kaum war ich bei ihm, legte er mir die Hand über die Augen und führte mich so die letzten Meter weiter. Ich spürte, dass wir den Tunnel verließen, weil die Luft sofort frischer und kühler wurde. Sie war erfüllt von hohen Heul-und Klagelauten und tiefem Dröhnen und Grollen, das immer wieder anschwoll und verhallte. Mir pochte das Herz in den Ohren.

»Lasst mich sehen«, flüsterte ich, »lasst mich doch sehen.«

Als Joe die Hände von meinen Augen nahm, glaubte ich mich in einem Traum. Es war, als sei ich aus der Realität in eine Welt eingetreten, die nur in der Vorstellung existierte – denn wie konnte das sein? Wir standen wie winzige Insekten in einer weiten Halle mit einem gewölbten Dach, vielleicht dreißig Meter über uns. Riesige geriffelte Säulen, dicker als uralte Baumstämme, ragten in die Höhe und stützten die Kupferdecke. Licht kam aus flachen Schalen mit brennendem Öl, die auf schlanken weißen, silbern schillernden Marmorpfeilern standen. Die Wände waren dunkel, nicht aus Stein, sondern aus einem Material, das ich nicht bestimmen konnte. Der Boden, ein Meisterstück an handwerklichem Geschick, bestand aus lauter farbigen, in die Erde eingelassenen Steinchen.

Ich schaute und schaute. Ich glaube, ich brachte den Mund nicht zu vor Staunen. Während ich den Blick durch die unermessliche Halle wandern ließ, hatte ich das Gefühl, als würde ich zum ersten Mal richtig sehen. Ich konnte gar nicht alles fassen. Meine Augen wanderten von einer Seite zur anderen, und mit jedem Blinzeln sah ich etwas Neues. In die Säulen, auf den ersten Blick glatt, waren in Wirklichkeit komplizierte Muster gemeißelt. Zierliche Ranken wanden sich spiralförmig daran empor, und zwischen den Blättern blickten Augenpaare hindurch. Sie sahen so echt aus, dass ich fast erwartete, sie würden blinzeln. Der Fußboden bestand bei näherem Hinsehen aus zahllosen Bildern, jedes eine eigenständige Szene von seltener Schönheit. Dazwischen erkannte ich Ungeheuer und Engel, Feen und Kobolde, geschuppte Kreaturen des Meeres und der Luft, manche scheußlich, manche verführerisch, alle atemberaubend.

Mein Blick fiel auf den Bodenabschnitt zu meinen Füßen, direkt am Eingang der prunkvollen Halle. Ich stand am Rand eines hellen Mosaiks, das drei Gestalten darstellte: Eine saß an einem Spinnrad, eine zweite hielt ein Metermaß an den gesponnenen Faden und die dritte stand mit einer glänzenden Schere über ihr. Ihre Gesichter wirkten verhärmt und sie schienen zu streiten.

»Wer sind diese Hexen?«, fragte ich, denn es waren wirklich hässliche Gestalten. Meine Worte kamen als Echo von den Wänden zurück: »…exen …exen …exen …«

»Es sind die drei Parzen«, sagte Joe. »Die eine spinnt den Lebensfaden, die andere misst ihn ab und die dritte schneidet ihn mit ihrer Schere durch. Sie streiten sich immerzu, welche von ihnen die wichtigste sei.«

»Die mit der Schere?«, wagte ich zu sagen.

Joe lächelte. »Gewiss gilt sie als die Bedrohlichste, aber der Streit der Schwestern ist nicht zu schlichten, denn keine kann ohne die andere existieren.«

»Die drei Schicksalsschwestern«, murmelte ich. »Warum die hier wohl abgebildet sind?«

Ich ging ein Stück weiter in die Halle hinein und erkannte staunend, dass die schwarzen Wände gar keine Wände waren, sondern unbeschriftete Rücken von Büchern, die dicht nebeneinander auf Regalen bis unter die Decke standen.

»Nimm eins«, sagte Joe.

Also lief ich hin und nahm ein Buch aus einem der Regale – es ging nur mühsam, weil es so fest zwischen den danebenstehenden Büchern eingeklemmt war. Kaum hatte ich es in der Hand, wusste ich, was es war. Auf dem Einband standen die gleichen goldenen Worte:

Verba Volant Scripta Manent

»Großer Gott«, staunte ich. »Ist das etwa ein Buch der Geheimnisse?«

Joe nickte. Ich öffnete es vorsichtig, denn es war uralt und seine Seiten zerbröselten schon fast zu Staub. Ich versuchte, die unbekannte Schrift zu entziffern. Jede Seite war von oben bis unten beschrieben, jede berichtete unersetzliche Geschichten von längst gestorbenen Menschen. Ich schloss das Buch und trat einen Schritt zurück. Joe beobachtete mich gespannt. Konnte es sein, dass …?

»Sind das alles Bücher der Geheimnisse?«

»Ja. Jedes einzelne. Aus jedem Winkel der Welt.«

Es mussten Tausende sein. Und in jedem Buch vielleicht fünfzig, hundert Geheimnisse oder mehr. Ich konnte nicht annähernd erfassen, was das bedeutete. Es dauerte eine Weile, bis ich meine Sprache wiederfand. »Wer hat sie hierhergebracht?«

»Ich«, sagte Joe. »Und andere natürlich. Du siehst hier die Geständnisse aus Jahrhunderten, Ludlow. Mein Lebenswerk und das Werk jedes anderen Geheimnis-Pfandleihers, den es je gab.«

»Aber ich dachte … Ihr meint, Ihr seid nicht der einzige?«

Joe lächelte. »Ich hoffe, du bist nicht enttäuscht«, sagte er. »Aber es hat schon viele gegeben, und es wird noch viele geben. Zurzeit habe ich die Ehre. Freilich kann ich nicht ewig weitermachen. Ich bin ein Mensch, egal was du von mir denken magst. Auch ich werde eines Tages wieder zu Staub.«

Plötzlich wurde ich nervös. Meine Stimme zitterte, meine Knie wurden weich, aber ich musste einfach fragen: »Hierher seid Ihr damals gegangen, oder? Als Ihr für ein paar Tage aus Pagus Parvus fort wart?«

Joe nickte. »Das ist etwas, das ich immer wieder tun muss. Denn ich bin zum Teil für diesen Ort verantwortlich. In gewisser Hinsicht ist dieser Saal mein einziges Zuhause.«

»Und warum habt Ihr mich hierhergebracht?«

»Weil es auch dein Zuhause werden könnte. Du wirst bald eine Entscheidung treffen müssen, und falls sie so ausfällt, wie ich es mir denke, musst du das alles wissen. Komm mit, ich möchte dir jemanden vorstellen.«

Während ich ihm folgte, drehte ich ständig den Kopf nach links und nach rechts, zur Decke und zum Boden, um mehr zu sehen, um alles in mich aufzunehmen und im Gedächtnis zu bewahren. Zwischen den Säulen hindurch gingen wir zum anderen Ende der Halle, wo ein großer, dunkler Schreibtisch mit wuchtigen, kunstvoll geschnitzten Beinen stand. Verschieden hohe Stapel Bücher türmten sich darauf. Als wir näher kamen, hörte ich das kratzende Geräusch eines Stuhles, der zurückgeschoben wird. Ein Mann, der im Sitzen nicht zu sehen war, erhob sich und kam mit ausgebreiteten Armen auf uns zu. Er trug einen langen Samtumhang, dessen Farbe sich mit jeder Bewegung änderte. Das Gesicht des Mannes war unter einer Kapuze verborgen, doch kaum hatte er sie zurückgeschoben, blickte ich in ein Paar Augen, das ich nie wiederzusehen geglaubt hatte.

»Mr Jellico?«, brachte ich gerade noch heraus, da hatte er mich schon so fest in seine Arme geschlossen, dass ich Angst bekam, er würde mir die Knochen brechen.

Als er mich endlich losließ, klopfte er mir auf den Rücken und schüttelte mir wieder und wieder die Hand. »Was für eine Freude, dich wiederzusehen, Ludlow!« Eine Träne glänzte in seinem Auge. »Ich wusste ja gar nicht, was ich denken sollte. Ich war für ein paar Tage verreist, und dann, nachdem ich zurück war, bist du nie mehr zu Besuch gekommen. Da habe ich natürlich das Schlimmste befürchtet: dass deine Eltern dir etwas Schreckliches angetan haben könnten. Aber dem Himmel sei Dank, meine Sorgen waren unbegründet. Ich hätte es mir nie verzeihen können, wenn dir etwas zugestoßen wäre. Du kannst dir nicht vorstellen, wie erleichtert ich bin, dass letztendlich alles so gekommen ist. Ganz sicher auch dank meines guten Freundes hier, dank Joe Zabbidou.«

Entgeistert schaute ich von einem zum anderen.

»Ihr kennt Euch!«, rief ich. »Joe, warum habt Ihr mir das nicht gesagt?« Ich konnte gar nicht aufhören, ungläubig meinen Kopf zu schütteln. »Aber ich dachte, es gibt immer nur einen Geheimnis-Pfandleiher?«

Mr Jellico lachte. »Ich bin ja auch kein Geheimnis-Pfandleiher, nein, nicht so etwas Außergewöhnliches. Ich kümmere mich gewissermaßen um diesen Ort. Man nennt mich Kustos, Verwalter, und das hier ist mein Reich: Atrium Arcanorum, der Saal der Geheimnisse.«

»Und Euer Laden in der Stadt?«

»Hmm, tja«, sagte er nachdenklich und strich über sein rasiertes Kinn. Seine Fingernägel waren ausnahmsweise sauber und geschnitten, wie ich sah. Sogar seine Haut sah frisch und gesund aus. »An zwei Orten gleichzeitig sein, das ist nicht einfach. Es tut mir leid, dass ich nicht immer für dich da sein konnte, aber wie du siehst, habe ich noch andere Verpflichtungen.«

Während ich damit zu tun hatte, eine neue Enthüllung nach der anderen zu verarbeiten, traten Joe und Mr Jellico zur Seite und schlenderten, ins Gespräch vertieft, den Saal hinunter. Ich blieb neben dem Tisch stehen. Vor lauter Denken und Schauen war ich wie benommen, meine Gedanken wirbelten durcheinander und ich versuchte krampfhaft zu verstehen. Tausend »Was-wenn-Fragen« gingen mir durch den Kopf. Was, wenn ich nie nach Pagus Parvus gekommen wäre? Was, wenn ich eine andere Kutsche als die von Jeremiah Ratchet genommen hätte? Was, wenn Ma und Pa …

Schluss!, rief ich mich selbst zur Ordnung. Schluss damit. Sonst würde ich mich ja ewig im Kreis drehen.

Ich kam zu der Überzeugung, dass alles genau so hatte kommen sollen, wie es gekommen war. Es war nicht Glück, es sollte so sein.

Weiter vorn im Saal sah ich Mr Jellico, wie er von Joe das Schwarze Buch der Geheimnisse entgegennahm – dieses Buch, in das ich die Geständnisse der Leute aus Pagus Parvus geschrieben hatte – und es in ein Regal schob. Als ich noch einmal hinsah, hätte ich nicht mehr sagen können, wo es stand. Joe winkte mich zu sich.

»Nun, was meinst du?«, fragte er.

»Unglaublich«, flüsterte ich. »So was habe ich noch nie gesehen. Es … es macht mir fast Angst.«

»Das habe ich auch gedacht, als ich zum ersten Mal hierherkam«, sagte Mr Jellico wehmütig. »Aber das ist lange, lange her.«

»Lembart hält hier alles wunderbar in Ordnung«, sagte Joe.

»Ich tu mein Bestes«, sagte Mr Jellico bescheiden. Dann ging er und ließ uns allein.

Joe wandte sich mir zu, und er sah jetzt sehr ernst aus. »Ich möchte dir etwas geben, Ludlow«, sagte er. »Das heißt, falls du es haben willst.«

Er fasste unter seinen Umhang und reichte mir ein schwarzes Buch, ledergebunden und mit einem roten Seidenband zwischen den Seiten. Es war noch unbeschrieben, doch in der rechten unteren Ecke auf dem Einband sah ich die goldenen Buchstaben:

LF

»Ein Schwarzes Buch? Ein eigenes für mich?« Mir wurde schwindlig.

»Es ist kein leichtes Leben«, sagte Joe nachdenklich. »Ich glaube, du weißt das, aber es hat seine Vorzüge. Wenn du dieses Leben nicht führen magst, ist jetzt Zeit, es zu sagen.«

Ich brachte kein Wort heraus, konnte Joe nur anstarren mit offenem Mund und weit aufgerissenen Augen. Was hatte das alles zu bedeuten?

»Du würdest nicht sofort damit anfangen, natürlich nicht«, fuhr er fort. »Aber eines Tages. Und bis dahin bin ich immer da, um dir zu helfen.«

Endlich brachte ich über die Lippen: »Heißt das, Ihr fragt mich, ob ich ein Geheimnis-Pfandleiher sein will?«

»Nicht ein, sondern der Geheimnis-Pfandleiher«, erwiderte er. »Habe ich eine gute Wahl getroffen, Ludlow? Wirst du es können, was meinst du?«

Mir fiel inzwischen das Atmen schwer. Die Zunge schien wie festgeklebt an meinem Gaumen. Dieser Augenblick war der bedeutungsvollste in meinem Leben, und ausgerechnet jetzt ließ mich mein Körper im Stich. Ich nahm meine ganze Kraft zusammen, atmete tief ein und versuchte, das Hämmern gegen meine Rippen unter Kontrolle zu bekommen. »Aber … aber wie kann ich das?«, stotterte ich. »Ich habe doch keine Erfahrung. Was weiß ich denn von alldem?«

»Genug«, sagte er lächelnd. »Und was die Erfahrung angeht, nun, keiner kann wissen, was die drei Schwestern für uns spinnen, aber wenn die Zeit reif ist, wirst du es spüren.«

Die drei Schwestern, dachte ich, und langsam fing ich an zu begreifen, warum ihr Bild in dem Bodenmosaik dargestellt war. In diesem Raum ging es nicht nur um Geheimnisse, es ging um Schicksal. Und Joe, dieser große Mann mit dem wilden Haarschopf, war ein Werkzeug des Schicksals. Er war der Schlüssel zu meiner Zukunft. Seine Stimme schnitt in meine Gedanken.

»Solange du glaubst, du wirst es können«, sagte er, »gibt es keinen Grund, dass es nicht auch so kommen wird.«

»Ich glaube, dass ich es kann«, sagte ich endlich mit etwas mehr Bestimmtheit.

Joe klopfte mir auf die Schulter. »Das ist alles, was ich hören wollte«, sagte er. »Jetzt will ich dich nur noch eines fragen.«

Wir gingen wieder zum Tisch, und ich spürte ein unsichtbares Band zwischen uns, das vorher nicht da gewesen war. Es gab mir Sicherheit und bewirkte, dass ich beim Gehen den Kopf hoch und den Rücken gerade hielt. Er setzte sich auf den einen Stuhl, ich auf einen anderen. Aus seinem Ranzen nahm er den Schnaps und zwei Gläser. Er goss gleich viel in jedes Glas und reichte mir eins.

»Trink.«

Ich musste lachen. »Ich hab mal gedacht, es könnte vergiftet sein«, gestand ich.

Joe sah mich belustigt an, als ich von dem Schnaps nippte. Das brennende Getränk wärmte mir die Kehle, ich musste husten. Wieder fuhr Joe mit der Hand in seine Tasche und kramte Tinte und Feder heraus. Automatisch griff ich danach, aber er hielt die Sachen zurück.

»Ich schreibe«, sagte er.

Ich war irritiert. »Aber wer soll uns denn hier sein Geheimnis erzählen?«

Joe, der noch immer mein Buch in der Hand hatte, schlug die erste Seite auf.

»Du, Ludlow«, sagte er. »Die erste Geschichte in deinem ersten Schwarzen Buch wird deine eigene sein.« Er blickte mir in die Augen: Da erfüllte ein Gesang wie von Engeln meinen Kopf, und weil ich das Gefühl hatte, ich würde plötzlich auf und davon schweben, wollte ich ihm alles erzählen.

»Es ist an der Zeit, dass du dein Geheimnis preisgibst.«

Kapitel 42

Auszug aus dem

Schwarzen Buch der Geheimnisse

Ludlows Geständnis

Mein Name ist Ludlow Fitch und ich muss ein beschämendes Geständnis machen. Ich habe es schon mit nach Pagus Parvus gebracht und nun sogar bis hierher in diese tiefe unterirdische Bibliothek der Geheimnisse. Obwohl ich Angst habe, dass Ihr danach schlecht von mir denkt, will ich es Euch erzählen, denn ich kann die Last nicht mehr tragen.

Ihr wisst, woher ich komme, Ihr wisst, was für ein Leben ich in der Stadt geführt habe. Ich bin nicht stolz auf meine Vergangenheit, aber ich verleugne sie auch nicht. Was ich getan habe, musste ich tun, um zu überleben.

Als der Alkohol Ma und Pa immer fester in den Griff nahm, erkannte ich, dass sie in ihrer Jagd nach Branntwein vor kaum etwas haltmachen würden. Dass ich aber in ihrem selbstsüchtigen Spiel zu einer bloßen Marionette werden sollte, damit hatte ich nicht gerechnet. Stellt Euch meine Verblüffung vor, als ich eines Abends nach Hause kam und feststellen musste, dass sie mir aufgelauert hatten. Ich hatte kaum meinen Fuß in die Dachkammer gesetzt, die wir unser Zuhause nannten, da schlug mir Ma ein Stuhlbein über den Schädel, und ich ging krachend zu Boden. Sie packten mich an den Füßen, schleiften mich die Treppe hinunter und ließen dabei meinen Kopf auf jeder einzelnen Stufe aufschlagen – ich war mehr tot als lebendig. Unten schwang mich Pa über die Schulter, und der pochende Schmerz in meinem Schädel wurde noch stärker. Ich weiß nicht, wie lange wir gingen; irgendwann verlor ich die Orientierung über all die Kurven und Abzweigungen, und die Straßennamen konnte ich in meiner angeschlagenen Verfassung nicht lesen. Ich spürte, dass wir in der Nähe des Foedus waren, sein aufdringlicher Gestank stieg mir in die Nase, und vielleicht habe ich ausgerechnet ihm dafür zu danken, dass ich so lange nicht ohnmächtig wurde. Schließlich aber musste ich vor dem scheußlichen Pochen in meinem Hirn kapitulieren: Ich verlor das Bewusstsein. Als ich die Augen wieder aufschlug, befand ich mich in dem geheimen Kellerraum von Barton Gumbroot.

Noch jetzt denke ich mit Schaudern daran, was er mit mir vorhatte. Ich konnte zum Glück fliehen, aber schon damals ahnte ich, dass mein Leben nie wieder so sein würde wie zuvor. Zu dritt verfolgten sie mich bis an den Fluss. Ich sah die Brücke vor mir aufragen, und da dachte ich, wenn ich bis dorthin komme, finde ich vielleicht Hilfe in einer der Kneipen. Aber ich merkte bald, dass ich das Tempo nicht halten konnte, ich war außer Atem, und sehen konnte ich auch nicht richtig. Zu meinem Entsetzen dauerte es nicht lange, bis Pa mich erwischte.

Er packte mich an der Schulter und riss mich herum. Wir fielen beide in den Uferschlamm, er stürzte sich auf mich und drückte mir die Hände um den Hals. Seine Gier nach Geld, nach Alkohol verlieh ihm übermenschliche Kraft, aber meine Gier nach Leben war noch größer. Ich griff nach seinen Armen, stemmte sie auseinander und rammte ihm gleichzeitig ein Knie in den Bauch. Er fiel zur Seite und rollte auf den Rücken – der Spieß hatte sich umgedreht. Jetzt saß ich auf seiner Brust und drückte ihm die Arme über dem Kopf zu Boden.

Ich blickte in sein grausames Gesicht und sah nichts darin, was mich hätte bremsen können. Ich schloss meine Hände um seinen mageren Hals und drückte zu, bis sein Gesicht blau anlief und die Augäpfel langsam hervortraten. Er krümmte sich, trat um sich und versuchte, meine Hände wegzureißen. Sprechen konnte er nicht, aber seine Augen bettelten um Gnade, und über diesen flehenden Blick konnte ich mich nicht einfach so hinwegsetzen. Wie er auch sein mochte, er war trotzdem mein Vater. Mit einem Schrei ließ ich los, blieb aber über ihm stehen. Hustend und röchelnd rang er nach Atem.

»Warum hast du das getan?«, fragte ich keuchend.

»Es tut mir leid, Sohn«, krächzte er reumütig, und ich Narr glaubte es. Inzwischen kamen Ma und Barton näher, ich konnte sie schon hören. Ich drehte mich kurz um, kaum eine Sekunde lang, da sprang Pa auf die Füße und schlang mit eisernem Griff seine Arme um meinen Hals. Ich stieß mit den Ellbogen auf ihn ein, um seinen Griff zu lockern, und dann … Dann schubste ich ihn, so fest ich konnte, und er stolperte rückwärts die steile Uferböschung hinunter.

»Nein!«, schrie er. »Neiiiin!« Er landete mit dem Rücken im dunklen Wasser des Foedus. Ungläubig sah ich, wie ihn der Fluss innerhalb von Sekunden in die Tiefe riss. Ich konnte unter der Oberfläche noch sein weißes Gesicht sehen, den aufgerissenen Mund, aus dem Blasen kamen, und dann war er verschwunden. »Pa«, flüsterte ich, und einen Augenblick war ich starr vor Schreck. Als ich meine fünf Sinne wieder beisammenhatte, taumelte ich auf die Brücke, wo ich in diesem Moment Jeremiahs Kutsche losfahren sah. Mit letzter Anstrengung schaffte ich es, hinten aufzuspringen. Wir wurden allmählich schneller, doch immer noch konnte ich Ma sehen. Sie schrie und tobte, und Barton drohte mir fluchend mit der Faust.

Ich habe meinen eigenen Vater umgebracht, Joe. Das hat er gewiss nicht verdient, egal was er mir angetan hat. Ich hätte ihn retten können. Ich hätte die Böschung hinunterklettern und ihn aus dem Wasser ziehen können. Ich kann mir meine Tat nicht verzeihen. Jede Nacht träume ich davon, und dann sehe ich jedes Mal sein Gesicht aus dem Wasser zu mir heraufschauen.

Joe legte die Feder weg, schob einen Bogen Löschpapier zwischen die Seiten und klappte das Buch zu.

Ludlow liefen Tränen über die Wangen.

»Ein gemeiner Mörder bin ich«, schluchzte er. »Warum solltet Ihr mich zu Euch nehmen?«

»Ludlow«, sagte Joe behutsam, »es war nicht deine Absicht, deinen Vater umzubringen. Hättest du’s von Anfang an vorgehabt, hättest du ihn erdrosselt, als die Gelegenheit da war; stattdessen hast du Mitleid mit ihm gehabt. Du weißt nicht einmal sicher, ob er tot ist.«

»Ich habe ihn in den Foedus geschubst. Keiner kommt lebendig aus diesem vergifteten Fluss heraus.«

»Vielleicht haben deine Ma und Barton ihn rausgezogen. Das wirst du nie erfahren, es sei denn, du gehst zurück. Und was meinen Wunsch angeht, dich zu mir zu nehmen – nun, ich wusste, was du getan hast. Ich habe es die ganze Zeit gewusst.«

»Ihr habt es gewusst?«, schniefte Ludlow. »Woher?«

»Seit du nach Pagus Parvus gekommen bist, hast du vermutlich keine Nacht durchgeschlafen. Ich habe dich umherlaufen hören, ich habe dich am Fenster stehen sehen, und ich habe gehört, wenn du in deinen Albträumen geredet hast. Es war nicht schwer zu erraten, was geschehen war. Glaub mir, deine Geschichte ist nicht die schlimmste, die in ein Schwarzes Buch geschrieben wurde. Aber jetzt ist sie nicht mehr wichtig: Sie ist erzählt. Wir sollten uns lieber auf das konzentrieren, was vor uns liegt, und nicht auf das, was früher war.«

Ludlow schwieg eine Weile, dann sagte er: »Habt Ihr auch ein Geheimnis, Joe?«

Joe lächelte. »Ich habe eins, ja, und es steht in meinem allerersten Schwarzen Buch.«

»Und wo ist das?«

»Hmm«, antwortete er. »Das wirst du Mr Jellico fragen müssen. Obwohl, es liegt nun schon so lange zurück, dass wahrscheinlich nicht einmal er weiß, in welchem Regal es steht!«

Kapitel 43

Fragment aus den

Erinnerungen des Ludlow Fitch

Saluki in ihrem Glasbehälter quakte laut, als wir ziemlich atemlos in die obere Höhle zurückkamen. Joe nahm den Frosch heraus und streichelte ihn.

»Willst du sie mal halten?«

»Gern – aber wird sie sich von mir in die Hand nehmen lassen?«

»Wir werden sehen.«

Ich streckte meine zitternde Hand aus, und Joe setzte mir behutsam den Frosch darauf. Saluki war leicht wie eine Feder. Nie hatte ich darauf geachtet, wie feingliedrig sie war. Ihr Rücken war leuchtend rot und gelb gesprenkelt, ihre langen, schlanken Beine hatten das Grün junger Triebe im Frühjahr, und der Unterbauch war weiß mit hellblauen Flecken.

»Sie hat Zutrauen zu dir«, sagte Joe. Ich lachte. Nie im Leben hätte ich gedacht, jemals so ein wunderschönes Lebewesen in der Hand zu halten. Joe nahm den Frosch wieder und brachte ihn vorsichtig im Beutel unter. Dabei flatterte ein Papier unter seinem Umhang hervor – die Seite, die ihm Perigoe im Laden zuletzt noch gegeben hatte – und landete auf dem Boden.

»Was ist das?«, fragte ich.

»Lies«, sagte er mit einem merkwürdigen Blick. Ich hielt die Seite in das trübe Licht, und wenn ich angenommen hatte, mich könnte nichts mehr überraschen, so hatte ich mich getäuscht. Was ich hier sah und las, beantwortete endlich meine allerletzte Frage.

»Ein schlauer Fuchs seid Ihr«, sagte ich. »So also habt Ihr’s gemacht! Es war gar nicht Horatios Pastete.«

»Ich? Ich hab es gemacht?«, fragte er nach und sah mich ein wenig verärgert an. »Bist du sicher?«

»Nein, Ihr habt recht«, rief ich, als ich begriff, worauf er hinauswollte. »Nicht Ihr. Es ist, wie Ihr gesagt habt: Jeremiah hat es sich selbst zuzuschreiben.« Dann begriff ich noch etwas, und zwar etwas viel Schrecklicheres. »Oh mein Gott«, flüsterte ich. »Oh mein Gott!«

»Was ist, Ludlow?«

»Woher habt Ihr denn gewusst, dass Saluki jetzt Zutrauen zu mir hat?«, fragte ich zögernd.

Joe zog die Schultern hoch. »Fortuna favet fortibus.«

Wer wagt, gewinnt.

Meine Hände zitterten, als ich ihm die Seite zurückgab. »Bitte macht keine so abenteuerlichen Versuche mehr«, sagte ich. »Jedenfalls nicht mit mir.«

»Aber Ludlow«, sagte er ginsend, »ich bin enttäuscht von dir. Das Leben ist ein Wagnis, was sonst?«

Kapitel 44

Herausgerissene Buchseite aus dem Werk:

Amphibien der Südhalbkugel

(Diese Seite wurde von Perigoe an Joe zurückgegeben, der sie später Ludlow in der Höhle gezeigt hat.)

Phyllobates tricolor

Der farbenprächtige Baumfrosch gehört zur Familie der Pfeilgiftfrösche (Dendrobatidae) und ist ein Bewohner der Regenwälder Südamerikas. Gerät das Tier unter Druck, beispielsweise durch ein Raubtier, sondert es durch bestimmte Drüsen im Rücken ein starkes Gift ab. Dieses Gift verursacht Hautbrennen und Bläschenbildung, es dringt in den Blutkreislauf ein, bewirkt eine rasche Muskel-und Atemlähmung und führt unweigerlich zum Tod. Die einheimischen Indianer bringen das Gift auf ihre Pfeile auf, daher die Bezeichnung »Pfeilgift«. Ein Gegenmittel ist nicht bekannt.

Es empfiehlt sich, einen solchen Frosch nicht anzufassen, es sei denn, man hat sich gut mit ihm vertraut gemacht.

Kapitel 45

Fragment aus den

Erinnerungen des Ludlow Fitch

Als wir wieder im Freien standen, ließ sich beim besten Willen nicht mehr erkennen, wo wir aus der Höhle gekommen waren, obwohl wir uns kaum ein paar Meter vom Eingang entfernt hatten. Ich beschirmte meine Augen, um sie vor dem grellen Weiß des Schnees zu schützen, und sah Joe an. »Wohin jetzt?«

»Ich denke, wir sollten in die Stadt gehen«, sagte er. »Dort gibt es viele, denen unsere Hilfe guttun würde.«

»Müssen wir unbedingt?« Ich hatte keine Sehnsucht, schon wieder an diesen abscheulichen Ort zurückzukehren.

»Wir sind Herr unseres Schicksals, Ludlow«, sagte Joe. »Wir können gehen, wohin wir wollen.«

»Dann sparen wir uns die Stadt für ein andermal auf.«

»Nun, wie du willst. Aber für immer kannst du sie nicht umgehen.« Joe schlug eine andere Richtung ein und setzte sich in Bewegung.

»Wartet«, sagte ich. »Beantwortet mir noch eine Frage.«

»Gern.«

»Was ist eigentlich so wichtig an dem Holzbein?«

»Das werden wir eines Tages gut gebrauchen können, Ludlow.«

»Hat es was mit Eurem Hinken zu tun?«

»Das waren zwei Fragen.«

»Bitte«, beschwor ich ihn, doch umsonst. Mit einem angedeuteten Lächeln und einem kaum wahrnehmbaren Augenzwinkern sah Joe mich an.

»Wenigstens ein Geheimnis muss man haben dürfen, Ludlow, findest du nicht?«

Kapitel 46

Was aus den Leuten im Dorf geworden ist

Horatio Cleaver erzählte nie jemandem etwas von der vergifteten Pastete. Als er noch einmal in Jeremiahs Haus ging, um sie zu holen, stellte er mit Verblüffung und Erleichterung fest, dass sie nicht angerührt worden war. Lediglich ein Stückchen Kruste war abgebrochen, und das lag – nach dem matschigen Aussehen zu urteilen – ausgespuckt auf dem Teller. Daraus schloss Horatio erleichtert, dass Dr. Mouldereds Diagnose richtig gewesen war.

Was Jeremiah anging, so wurde er auf dem Friedhof von Pagus Parvus begraben – in einem drei Meter tiefen Grab. Obadiah hatte es mit kaum verhohlener Begeisterung ausgehoben. Man hätte annehmen können, dass nicht viele Menschen an diesem Begräbnis teilnehmen würden, doch das Gegenteil war der Fall. Es schien, dass aus meilenweitem Umkreis alle gekommen waren, um Ratchets Bestattung mitzuerleben. Geweint wurde natürlich wenig. Im Gegenteil, es herrschte eine fast heitere, ausgelassene Stimmung, und in der Blauen Forelle floss hinterher reichlich Bier, und es wurde gelacht, dass die Wände wackelten.

Jeremiahs Grab wurde nur wenige Tage nach der Beerdigung geplündert. Der zusätzliche Meter Tiefe brachte die Missetäter zwar ins Schwitzen, hinderte sie aber nicht an der Ausführung ihres Plans. Nach dem Erhalt ihrer Bezahlung von zwanzig Shilling und sechs Pence endete Jeremiah auf dem kalten Tisch einer Anatomie-Schule in der Stadt. Als der wissbegierige Chirurg seine Brust öffnete, entdeckte er etwas höchst Ungewöhnliches: Jeremiahs Herz war so klein, dass es in einem Marmeladenglas Platz gefunden hätte.

Nachdem bedeutende Ärzte und Chirurgen von dieser abnormen Herzgröße gehört hatten, rätselten viele, wie ein derart kleines Organ das Leben eines so groß gewachsenen Mannes hatte gewährleisten können. Manche überlegten sogar, ob nicht doch die Alten recht gehabt hatten mit ihrer Theorie, die Quelle des Lebens allein der Leber zuzuschreiben. Man nimmt an, dass Jeremiahs Herz den medizinischen Fortschritt mindestens um ein Jahrzehnt zurückgeworfen hat.

Jeremiah hatte keine Familie, und da es kein Testament gab, wurde entschieden, dass seine Pächter Besitzanspruch auf ihre Häuser stellen konnten. Ob das juristisch in Ordnung war oder nicht, darüber dachte man nicht groß nach. Manchmal hat es eben Vorteile, in einem abgelegenen Teil der Welt zu leben.

Polly jedoch hielt nicht mehr viel in Pagus Parvus: Jeremiah war tot, und Joe und Ludlow waren weggegangen. So kam es, dass sie sich ein paar Tage später in Perigoes Einspänner mit in die Stadt nehmen ließ. Dass es dort so schlimm sein könnte, wie Ludlow es ihr beschrieben hatte, hielt sie nach wie vor für unmöglich.

Anmerkung von F. E. Higgins

Das also war die Geschichte von Joe Zabbidou und Ludlow Fitch. Nicht zu vergessen natürlich der Frosch Saluki, ohne den sich das Schicksal nicht hätte erfüllen können.

Natürlich ist das nicht das Ende der Geschichte. Wohin wandten sich Ludlow und Joe? In welcher kleinen Ortschaft, in welcher mittleren oder großen Stadt würden der Geheimnis-Pfandleiher und sein Lehrling ihre nächste Wirkungsstätte finden? Diese Fragen gingen mir wieder und wieder durch den Kopf, und ich wusste, dass ich mich auf die Suche nach Antworten machen musste. Zu diesem Zweck reiste ich in ein Land im Herzen der nördlichen Berge, bis ich in das alte Dorf Pachspass kam. Ich würde zu gern wissen, ob euch dieser Ortsname genauso elektrisiert hat wie mich damals, als ich ihn zum ersten Mal las. Wenn man ihn langsam und deutlich ausspricht, klingt er ganz ähnlich wie ein Ort, der uns inzwischen ziemlich vertraut ist.

Ich mietete ein winziges Dachzimmer in einem hohen Haus mit kleinen, bleigefassten Fenstern, die auf eine steile Hauptstraße hinausgehen. Jede Nacht stehe ich am Fenster und stelle mir vor, ich könnte draußen Schritte hören und ganz oben am Hang ein Licht sehen.

Ein Monat ist seitdem vergangen, und ich sitze immer noch hier fest, eingeschneit und von der Außenwelt abgeschnitten. Die funkelnde Schneepracht ist überwältigend schön, aber auch lästig, denn sie hindert mich an der Fortsetzung meiner Reise. Sobald es geht, will ich aufbrechen, um das Rätsel zu lösen, und ich werde nur einen einzigen Gegenstand mitnehmen: das Holzbein. Noch hat es mir sein Geheimnis nicht verraten, aber ich ahne, dass ich der Lösung so nahe bin wie nie zuvor.

Wünscht mir also Glück auf meiner Reise. Ich verspreche, dass ich euch so schnell wie möglich zugänglich machen werde, was ich herausfinde. Bis dahin, Vincit qui patitur, wie Joe gesagt hätte.

F. E. Higgins

Pachspass

Anhang

Über die Leichenräuberei

Obadiah Strang war nicht der Einzige, der in das grausige Gewerbe der Leichenräuberei verwickelt war. Zu seiner Zeit war das ein fast alltägliches Problem. Manchmal stellte man sogar Wachen auf, damit die frisch begrabenen Toten auch tatsächlich unter der Erde blieben. Für die Menschen damals war der menschliche Körper ein großes Rätsel. Die gewöhnlichen Leute waren zu sehr mit ihrem Lebensunterhalt beschäftigt, um sich Gedanken über seine geheimnisvollen Funktionen zu machen, doch andere, wie Wissenschaftler und Ärzte, waren fasziniert von diesem Rätsel aus Fleisch und Knochen. Sie wussten, dass genauere Forschungen die einzige Methode waren, um mehr herauszufinden.

An lebenden Menschen konnte man nur ganz bestimmte Untersuchungen anstellen. Für gründlichere Forschungen brauchte man eine Leiche. Aber da gab es Gesetze: Nur die Leichen hingerichteter Verbrecher durften für derartige Forschungszwecke genutzt werden. Anscheinend waren nicht genügend solcher Leichen verfügbar, um die Nachfrage zu decken. Folglich kam es zu dem Geschäft der Leichenräuberei. Es gab Zeiten, da ließ es sich ganz gut leben vom Verkauf hinterrücks beschaffter Leichen an Ärzte und Chirurgen, die sie dann sezierten – allein oder unter den neugierigen Blicken von Medizinstudenten.

Jeremiah war zwar entsetzt, als seine Handlanger andeuteten, Ludlow würde als frische Leiche gut verwendbar sein, aber diese Leute waren nicht die Einzigen mit derartigen Ideen. Ein paar Jahre später wurden zwei Männer, William Burke und William Hare, geradezu berüchtigt auf diesem Gebiet. Sie sahen im Leichenraub eine gute Gelegenheit, Geschäfte zu machen, doch die schwere Arbeit des Ausgrabens war nichts für sie. Das hinterlistige Duo beschloss also, das Grab ganz und gar zu umgehen und stattdessen Menschen umzubringen. Ihr erstes Opfer war ein Gast in Hares Pension. Ein Fall von »Übernachtung ohne Frühstück« …

Über das Herstellen von Fleischpasteten

Als die Sourdough-Brüder andeuteten, Horatio Cleaver würde in seinen Pasteten »Menschenfleisch« verarbeiten, hatten sie das als Witz gemeint. Mir fällt da jedoch ein Mann ein, der mit seinen Pasteten tödlichen Ernst machte: Sweeney Todd, der berüchtigte Mörder aus der Fleet Street.

Er lebte in London, ein paar Jahre nach der Zeit, in der Horatio sein Fleischergewerbe in Pagus Parvus ausgeübt hatte. Sweeney, schon in frühem Alter von seinen Eltern verlassen, wurde zu einem Mr John Crook, einem Messerschmied, der unter anderem Rasiermesser fertigte, in die Lehre gegeben. Höchstwahrscheinlich hat Crook Sweeney zum Stehlen gezwungen – damals keine unübliche Vereinbarung zwischen Meister und Lehrling –, und so überrascht es kaum, dass Sweeney schließlich im Gefängnis Newgate landete. Inzwischen hatte er einen ausgeprägten Selbsterhaltungstrieb entwickelt. Er konnte den Gefängnisbarbier, der die Gefangenen vor der Hinrichtung kahl rasierte, überreden, ihn als Seifenjungen einzustellen. Diese Arbeit hatte den Vorteil, dass sie eine günstige Gelegenheit zum Taschendiebstahl bot. Als Sweeney aus dem Gefängnis kam, war er also bestens ausgebildet und konnte sich den bösen Neigungen hingeben, die ihm einen Platz in der Geschichte einbringen sollten.

Er eröffnete ein Barbiergeschäft in der Fleet Street, damals eine heruntergekommene Gegend, und ging hemmungslos seinem Drang nach Diebstahl und Mord nach. Wer auf Sweeneys Barbierstuhl Platz nahm, hatte sozusagen sein Schicksal besiegelt. Der Stuhl war so konstruiert, dass er nach Betätigung eines Hebels in den unter dem Laden liegenden Kellerraum sank. An seiner Stelle erschien ein leerer Stuhl. Ob Sweeney seinem Kunden die Kehle durchschnitt und ihn ausraubte, solange er noch im Stuhl saß, oder ob er sein Verbrechen ausführte, nachdem das Opfer im Kellerraum verschwunden war, ist unklar. Gewiss ist nur: Hatte man Sweeneys Laden betreten, gab es keine Garantie, lebendig wieder herauszukommen.

Das Problem bei Mord ist, dass man dabei zwangsläufig eine Leiche loswerden muss. Wie es das Glück wollte, lag Sweeneys Laden auf dem Grundstück einer alten Kirche, von der noch unterirdische Gänge und Grabkammern existierten. Einer dieser Gänge führte unterhalb der Straße direkt zum Keller seiner Komplizin, einer gewissen Mrs Lovett. Auch sie besaß einen Laden in der Fleet Street.

Sie verkaufte Pasteten.

Es scheint, dass sie und Sweeney eine schaurige Vereinbarung trafen, von der beide profitierten. Sweeney löste das Problem mit der Beseitigung der Leichen; und was Mrs Lovett angeht … nun, es genügt wohl, wenn ich sage, dass Berichten aus jener Zeit zu entnehmen ist, dass ihre Pasteten wegen ihrer Qualität und ihres Geschmacks sehr gefragt waren.

Wenn Sweeney in Pagus Parvus gelebt hätte, wer weiß, vielleicht hätte er dann auch einmal um Mitternacht vor Joes Tür gestanden. Sein Geständnis hätte das von Horatio Cleaver wahrscheinlich in den Schatten gestellt.

Über das Begraben-Werden bei lebendigem Leib

Ihr erinnert euch vielleicht an das Geständnis des Sargmachers Septimus Stern. Er berichtet vom Fall eines jungen Mannes, der lebendig begraben worden war. Man wundert sich, wie oft das zu Ludlows Zeit tatsächlich passiert ist – allerdings darf man nicht vergessen, dass den damaligen Ärzten das medizinische Wissen und Können fehlte, das wir heute haben, um den Tod eines Menschen eindeutig festzustellen. Ein gewisser Graf Karnice-Karnicki, der im neunzehnten Jahrhundert lebte und bei bester Gesundheit war, hatte so geringes Vertrauen in die Ärzteschaft, dass er für sein späteres Grab eine Vorrichtung konstruierte, die ein mögliches Begraben-Werden bei lebendigem Leib verhindern sollte. In ähnlicher Weise wie der Sargmacher befestigte er ein Rohr am Sarg, das er bis zur Erdoberfläche führte. Hätte es nach dem Begräbnis eine Bewegung gegeben, Atmen vielleicht oder das Heben und Senken der Brust, hätte sich oben eine Fahne entrollt, und eine Warnglocke hätte geläutet. Mit solchen Ängsten stand der Graf keinesfalls allein da. Um dieselbe Zeit entwarf ein Mr Martin Sheets sein eigenes Grab und ließ es mit Telefon ausstatten, damit er Hilfe herbeirufen könnte, falls er lebendig unter der Erde aufwachen würde.

Über das Zahnziehen

Wir können nicht zum Ende kommen, ohne schließlich noch Barton Gumbroot, den berüchtigten Zahndoktor aus der Old Goat’s Alley, zu erwähnen. Zahnfäule stellte zu Ludlows Zeit ein ernstes Problem dar, und Zahnmedizin war keine hoch entwickelte, sondern eher eine brutale Angelegenheit – anders als heute. Falsche Zähne waren in vielen Materialien erhältlich, aus Nilpferd-und Walrosszähnen, aus dem Elfenbein von Elefantenzähnen und natürlich aus Menschenzähnen. Es gab auch die Möglichkeit einer Zahntransplantation (wie Ludlow erfahren musste). Für derartige Verpflanzungen glaubte man herausgefunden zu haben: Je frischer der Spenderzahn, desto größer die Chance, dass er sich im Zahnfleisch des Empfängers verwurzelte. Weit verbreitete Armut brachte es mit sich, dass manche Menschen bereitwillig für Geld ihre Zähne opferten, doch zu Ludlows Pech wartete Barton Gumbroot nicht immer auf Freiwillige. Jeremiah hatte einmal überlegt, die Zähne von Leichen zu verkaufen, doch wie nicht anders zu erwarten, wuchsen solche Zähne nicht an.

F. E. Higgins wurde in London geboren und wuchs in Irland auf. Heute lebt sie in einem kleinen englischen Dorf, von dem man sagt, dass es dort spukt – mehr noch als an allen anderen Orten des Landes. In ihrem alten Haus aus dem 15. Jahrhundert schrieb F. E. Higgins ihren ersten Roman »Das Schwarze Buch der Geheimnisse«, richtig gruselig und nichts für schwache Nerven. Es war auf Anhieb ein internationaler Erfolg, genau wie »Silbertod«, das zweite Buch des »beeindruckendsten neuen Autorentalentes der letzten Jahre« (The Times).