/ Language: Deutsch / Genre:antique

Die Kathedrale des Meeres

Falcones Ildefonso


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Ildefonso Falcones

Die Kathedrale des Meeres

Inhaltsangabe

Das mittelalterliche Barcelona im 14. Jahrhundert steht in höchster Blüte. Dort erlebt der junge Arnau den Bau von Santa María del Mar, einer riesigen Kathedrale, wie sie das Land noch nicht gesehen hat. Im Schatten des mächtigen Bauwerks erfährt er am eigenen Leib, welch schweres Los die Arbeit dort ist. Mit den anderen Steinträgern schleppt der Vierzehnjährige die riesigen Felsblöcke vom Montjuïc bis hinunter an den Hafen. Doch während sich die Kathedrale des Meeres in den Himmel reckt, wirft sie auch dunkle Schatten auf das Leben der Menschen: Das Volk leidet unter der Willkür des Adels, die Pest lauert vor den Toren. Und Arnaus Aufstieg zu einem der angesehensten Bürger der Stadt droht ihm zum Verhängnis zu werden: Er wird Opfer einer Intrige, und sein Leben gerät in höchste Gefahr.

Die Originalausgabe erschien 2006 unter dem Titel La Catedral del Mar

bei Grupo Editorial Random House Mondadori , S. L. Barcelona.

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www.weltbild.de

Genehmigte Lizenzausgabe für Verlagsgruppe Weltbild GmbH,

Steinerne Furt, 86167 Augsburg

Copyright der Originalausgabe © 2006 by Ildefonso Falcones de Sierra.

Copyright der deutschen Ausgabe © 2007 by Scherz.

Ein Unternehmen der S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main.

Übersetzung: Lisa Grüneisen

Umschlaggestaltung: Alexandra Dohse (www.grafikkiosk.de), München

Umschlagmotiv: Getty Images, München

Gesamtherstellung: Freiburger Graphische Betriebe GmbH & Co. KG, Freiburg

Printed in the EU

ISBN 978-3-8289-9310-5

2012 2011 2010 2009

Die letzte Jahreszahl gibt die aktuelle Lizenzausgabe an.

Dieses eBook ist umwelt- und leserfreundlich, da es weder

chlorhaltiges Papier noch einen Abgabepreis beinhaltet! ☺

 

Für Carmen

 

ERSTER TEIL

DIENER DER ERDE

1

1320

Das Gehöft von Bernat Estanyol

Navarcles, Principado de Cataluña

In einem unbeobachteten Moment blickte Bernat in den strahlend blauen Himmel hinauf. Die milde Septembersonne fiel auf die Gesichter seiner Gäste. Er hatte so viel Zeit und Mühe auf die Vorbereitung verwendet, dass nur schlechtes Wetter das Fest hätte verderben können. Bernat lächelte in den Herbsthimmel, und als er wieder nach unten blickte und das muntere Treiben sah, das auf dem gepflasterten Hof vor den Stallungen herrschte, lächelte er noch mehr.

Die etwa dreißig Gäste waren bester Dinge, denn die Ernte war dieses Jahr außerordentlich gut gewesen. Alle, Männer, Frauen und Kinder, hatten von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang gearbeitet, zunächst bei der Weinlese, dann beim Keltern, ohne sich einen Tag Ruhe zu gönnen.

Erst wenn der Wein in den Fässern und die Traubenmaische eingelagert war, um während der Wintertage Schnaps daraus zu brennen, feierten die Bauern ihre Herbstfeste. Und Bernat Estanyol hatte beschlossen, in dieser Zeit zu heiraten.

Bernat beobachtete seine Gäste. Sie hatten bereits im Morgengrauen aufstehen müssen, um zu Fuß den für einige von ihnen sehr weiten Weg von ihren Gehöften zu jenem der Estanyols zurückzulegen. Sie unterhielten sich angeregt, vielleicht über die Hochzeit, vielleicht über die Ernte, vielleicht auch über beides. Einige, wie etwa das Grüppchen, bei dem seine Vettern Estanyol und die Familie Puig standen, lachten schallend und warfen ihm vielsagende Blicke zu. Bernat merkte, wie er errötete, und ging nicht darauf ein. Er wollte sich nicht einmal vorstellen, was die Ursache der Heiterkeit war. Auf dem Hof verstreut erkannte er die Fontanies, die Vilas, die Joaniquets und natürlich die Familie seiner Braut, die Esteves.

Verstohlen betrachtete Bernat seinen Schwiegervater Pere Esteve, der sich immer wieder über seinen gewaltigen Bauch strich, während er mit einigen Leuten redete, um sich dann unversehens einer anderen Gruppe zuzuwenden. Als Pere mit fröhlicher Miene in seine Richtung winkte, nickte Bernat ihm zum wiederholten Male zu. Dann schaute er sich nach den Brüdern seiner Braut um und entdeckte sie unter den Gästen. Vom ersten Moment an hatten sie ihn mit einem gewissen Argwohn behandelt, sosehr sich Bernat auch bemüht hatte, sie für sich zu gewinnen.

Er sah hinüber zu seinem Hof, dann wieder zu den Leuten, und verzog ein wenig den Mund. Plötzlich kam er sich trotz des heiteren Treibens alleingelassen vor. Es war noch kein Jahr her, dass sein Vater gestorben war, und was seine Schwester Guiamona anging, die seit ihrer Hochzeit in Barcelona lebte, so hatte sie nicht auf die Nachrichten geantwortet, die er ihr geschickt hatte – obwohl er sie so gerne wiedergesehen hätte. Sie war die einzige nahe Angehörige, die ihm nach dem Tod seines Vaters geblieben war.

Ein Todesfall, der den Hof der Estanyols für die ganze Gegend interessant gemacht hatte. Ein nicht enden wollender Strom von Kupplerinnen und Vätern mit Töchtern im heiratsfähigen Alter setzte ein. Vorher hatte sie nie jemand besucht, doch der Tod des Vaters, dem seine aufrührerische Art den Beinamen ›der verrückte Estanyol‹ eingetragen hatte, weckte wieder die Hoffnungen jener, die ihre Töchter mit dem reichsten Bauern der Region verheiraten wollten.

»Es wäre an der Zeit für dich zu heiraten«, sagten sie zu ihm. »Wie alt bist du?«

»Siebenundzwanzig, glaube ich«, war seine Antwort.

»In diesem Alter solltest du beinahe schon Enkel haben«, warfen sie ihm vor. »Was willst du alleine auf diesem Hof? Du brauchst eine Frau.«

Bernat nahm die Ratschläge geduldig entgegen, wohl wissend, dass sie unweigerlich von dem Vorschlag einer Kandidatin gefolgt wurden, die stärker war als ein Ochse und schöner als der unglaublichste Sonnenuntergang.

Das Thema war nicht neu für ihn. Schon der verrückte Estanyol, der seit Guiamonas Geburt Witwer war, hatte versucht, ihn zu verheiraten. Doch sämtliche Väter mit heiratsfähigen Töchtern hatten den Hof unter Verwünschungen wieder verlassen, denn niemand konnte die Forderungen des verrückten Estanyol bezüglich der Mitgift erfüllen, welche die zukünftige Schwiegertochter mitbringen sollte. So hatte das Interesse an Bernat nachgelassen. Im Alter war der Vater noch schlimmer geworden und seine Tobsuchtsanfälle hatten sich in Raserei verwandelt. Bernat hatte sich ganz der Bestellung des Landes und der Pflege seines Vaters gewidmet, und dann plötzlich, mit siebenundzwanzig Jahren, war er auf einmal allein und wurde förmlich belagert.

Der erste Besuch jedoch, den Bernat erhalten hatte, als er den Toten noch nicht begraben hatte, war der des Verwalters des Herrn von Navarcles gewesen, seines Feudalherren. »Wie recht du doch hattest, Vater!«, dachte Bernat, als er den Verwalter mit mehreren berittenen Soldaten kommen sah.

»Wenn ich sterbe«, hatte der Alte in seinen klaren Momenten immer wieder gesagt, »werden sie kommen. Dann musst du ihnen das Testament zeigen.«

Und mit diesen Worten hatte er auf den Stein gedeutet, unter dem, in Leder eingeschlagen, das Schriftstück mit dem letzten Willen des verrückten Estanyol lag.

»Warum, Vater?«, wollte Bernat beim ersten Mal wissen.

»Wie du weißt, besitzen wir dieses Land als Erbpacht. Aber ich bin Witwer, und wenn ich kein Testament gemacht hätte, hätte der Grundherr bei meinem Tod ein Anrecht auf die Hälfte unseres gesamten Hausrats und des Viehs. Dieses Recht nennt sich Intestia . Es gibt noch viele andere solcher Rechte zugunsten der Herren, und du solltest sie alle kennen. Sie werden kommen, Bernat, sie werden kommen, um mitzunehmen, was uns gehört, und nur wenn du ihnen das Testament zeigst, kannst du sie loswerden.«

»Und wenn sie es mir wegnehmen?«, fragte Bernat. »Du weißt ja, wie sie sind …«

»Selbst wenn sie es täten – es ist in den Büchern registriert.«

Der Zorn des Verwalters und des Grundherrn hatte sich in der ganzen Gegend herumgesprochen und den Sohn noch attraktiver gemacht, der den gesamten Besitz des Verrückten erbte.

Bernat erinnerte sich sehr gut an den Besuch, den ihm sein jetziger Schwiegervater vor dem Beginn der Ernte abgestattet hatte. Fünf Sueldos, eine Matratze und ein weißlinnenes Hemd, das war die Mitgift, die er für seine Tochter Francesca bot.

»Was soll ich mit einem weißlinnenen Hemd?«, wollte Bernat wissen, während er weiter das Stroh in der ebenerdigen Scheune des Hofes verteilte.

»Schau doch«, antwortete Pere Esteve.

Auf die Heugabel gestützt, blickte Bernat zum Eingang hinüber, zu dem Pere Esteve deutete. Das Gerät fiel ihm aus der Hand. Im Gegenlicht stand Francesca. Sie trug das weißleinene Hemd und ihr gesamter Körper zeichnete sich darunter ab.

Ein Schauder war Bernat den Rücken hinabgelaufen und Pere Esteve hatte gelächelt.

Bernat war auf das Angebot eingegangen, gleich dort im Heuschober, ohne sich dem Mädchen auch nur zu nähern. Aber er hatte kein Auge mehr von ihm gewendet.

Es war eine überstürzte Entscheidung gewesen, das wusste Bernat, aber er konnte nicht behaupten, dass er sie bereute. Dort drüben stand Francesca, jung, schön, stark. Sein Atem beschleunigte sich. Noch heute … Was das Mädchen wohl dachte? Empfand sie genauso wie er? Francesca beteiligte sich nicht an der fröhlichen Unterhaltung der Frauen. Sie stand schweigend und mit ernstem Gesicht neben ihrer Mutter und quittierte die Scherze und das Gelächter der anderen mit einem gezwungenen Lächeln. Ihre Blicke begegneten sich für einen Moment. Sie errötete und sah zu Boden, doch Bernat beobachtete, wie sich ihre Brüste unruhig hoben und senkten. Die Erinnerung an das weißleinene Hemd und den darunter durchschimmernden Körper beflügelte erneut Bernats Phantasie und Verlangen.

»Herzlichen Glückwunsch!«, hörte er hinter sich, während ihm jemand kräftig auf den Rücken klopfte. Sein Schwiegervater war zu ihm getreten. »Gib gut auf sie acht«, setzte er hinzu, während er Bernats Blick folgte und auf das Mädchen deutete, das nicht mehr wusste, wohin es schauen sollte. »Möge das Leben, das du ihr bietest, wie dieses Fest sein … Es ist der beste Festschmaus, den ich je gesehen habe. Mit Sicherheit kommt nicht einmal der Herr von Navarcles in den Genuss solcher Köstlichkeiten!«

Bernat hatte seine Gäste gut bewirten wollen und siebenundvierzig Laibe Weißbrot aus Weizenmehl vorbereitet – keine Gerste, kein Roggen oder Dinkel, wie sie die Bauern für gewöhnlich aßen. Helles Weizenmehl, weiß wie das Hemd seiner Frau! Mit den Laiben beladen, war er zur Burg von Navarcles gegangen, um sie im Backhaus des Grundherrn zu backen, in der Annahme, dass zwei Laibe, wie sonst auch, als Bezahlung ausreichen würden. Beim Anblick der Weizenbrote waren die Augen des Bäckers groß wie Teller geworden, um sich dann zu zwei schmalen Schlitzen zu verengen. Diesmal hatte der Preis sieben Laibe betragen, und als Bernat die Burg verließ, hatte er laut auf das Gesetz geflucht, das es ihnen untersagte, Backöfen in ihren Häusern zu haben.

»Gewiss«, antwortete er seinem Schwiegervater, während er die unangenehme Erinnerung beiseiteschob.

Die beiden blickten über den Hof. Man mochte ihm einen Teil des Brotes gestohlen haben, dachte Bernat, aber nicht den Wein, den seine Gäste nun tranken – den besten, den sein Vater abgefüllt hatte und der jahrelang gereift war –, nicht das gepökelte Schweinefleisch, den Gemüseeintopf mit Huhn und natürlich auch nicht die vier Lämmer, die, ausgenommen und auf Stangen gespießt, langsam über dem Feuer brieten und einen unwiderstehlichen Duft verbreiteten.

Plötzlich kam Bewegung in die Frauen. Der Eintopf war fertig, und die Schüsseln, die die Gäste mitgebracht hatten, wurden gefüllt. Pere und Bernat setzten sich an den einzigen Tisch, der im Hof stand, und die Frauen bedienten sie. Niemand nahm auf den übrigen vier Stühlen Platz. Stehend, auf Holzklötzen sitzend oder direkt auf der Erde hockend begannen die Leute, dem Festmahl zuzusprechen, den Blick auf die Lämmer gerichtet, um die sich unentwegt einige Frauen kümmerten, während sie Wein tranken, plauderten, riefen und lachten.

»Ein wirklich großartiges Fest«, urteilte Pere Esteve zwischen zwei Bissen.

Jemand ließ die Brautleute hochleben und alle stimmten mit ein.

»Francesca!«, rief ihr Vater und erhob das Glas auf die Braut, die bei den Frauen stand.

Bernat sah das Mädchen an, das erneut wegschaute.

»Sie ist aufgeregt«, entschuldigte Pere sie mit einem Augenzwinkern. »Francesca, Tochter!«, rief er. »Stoß mit uns an! Nutz die Gunst der Stunde, bald sind wir alle weg … fast alle jedenfalls …«

Das Gelächter verschüchterte Francesca noch mehr. Das Mädchen hob zögerlich ein Glas, das man ihm in die Hand gedrückt hatte, trank einen kleinen Schluck und wandte sich dann ab, um sich wieder dem Lamm zu widmen.

Pere Esteve stieß mit Bernat an, dass der Wein aus dem Glas schwappte. »Du wirst schon dafür sorgen, dass sie ihre Schüchternheit verliert«, sagte er mit seiner dröhnenden Stimme, sodass es alle Anwesenden hören konnten.

Lachend und scherzend sprachen alle dem Wein, dem Schweinefleisch und dem Gemüseeintopf zu. Als die Frauen gerade das Lamm vom Feuer nehmen wollten, verstummte eine Gruppe von Gästen und sah zum Waldrand hinter einigen weiten Feldern hinüber, am Ende einer sanften Anhöhe, auf dem die Estanyols einen Teil der Rebstöcke gepflanzt hatten, die so hervorragenden Wein gaben.

Binnen Sekunden herrschte Schweigen unter den Anwesenden.

Drei Reiter waren zwischen den Bäumen erschienen, gefolgt von einigen uniformierten Männern zu Fuß.

»Was mag er hier wollen?«, flüsterte Pere Esteve.

Bernats Blick folgte den Männern, die am Feldrain entlang auf sie zukamen. Die Gäste murmelten leise.

»Ich verstehe das nicht«, sagte Bernat schließlich, gleichfalls flüsternd. »Er ist noch nie hier vorbeigekommen. Das ist nicht der Weg zur Burg.«

»Dieser Besuch gefällt mir überhaupt nicht«, erklärte Pere Esteve.

Die Männer näherten sich langsam. Statt des munteren Plauderns, das bislang im Hof geherrscht hatte, waren nun alle verstummt. Nur die Stimmen der Reiter waren zu vernehmen; bis zum Hof konnte man ihr Lachen hören. Bernat blickte zu seinen Gästen. Einige von ihnen hielten die Köpfe gesenkt. Er sah sich nach Francesca um, die bei den Frauen stand. Die polternde Stimme des Herrn von Navarcles war weithin zu hören. Bernat spürte, wie ihn die Wut packte.

»Bernat! Bernat!«, rief Pere Esteve, während er ihn am Arm fasste. »Was machst du noch hier? Lauf zu ihnen, um sie zu begrüßen.«

Bernat sprang auf und lief los, um seinen Herrn willkommen zu heißen.

»Willkommen in Eurem Haus«, begrüßte er ihn keuchend, als er vor ihm stand.

Llorenç de Bellera, Herr von Navarcles, zügelte sein Pferd und hielt vor Bernat an.

»Bist du Estanyol, der Sohn des Verrückten?«, fragte er schroff.

»Ja, mein Herr.«

»Wir waren auf der Jagd und auf dem Heimweg zur Burg hat uns dieses Fest überrascht. Was ist der Anlass?«

Zwischen den Pferden konnte er die mit der Jagdbeute beladenen Soldaten sehen: Kaninchen, Hasen und Rebhühner. ›Euer Besuch ist es, der einer Erklärung bedarf‹, hätte er gerne geantwortet. ›Oder hat Euch der Bäcker von dem Weißbrot erzählt?‹

Sogar die Pferde schienen auf seine Antwort zu warten. Ganz still standen sie da und sahen ihn aus ihren großen Augen an.

»Es ist meine Hochzeit, mein Herr.«

»Mit wem hast du dich vermählt?«

»Mit Pere Esteves Tochter, mein Herr.«

Llorenç de Bellera sah Bernat schweigend über den Kopf seines Pferdes hinweg an. Die Tiere schnaubten laut.

»Und?«, bellte Llorenç de Bellera.

»Meine Frau und ich würden uns sehr geehrt fühlen, wenn Eure Herrschaft und Ihro Begleiter die Güte hätten, sich zu uns zu gesellen.«

»Wir sind durstig, Estanyol«, gab der Herr de Bellera zur Antwort.

Die Pferde setzten sich in Bewegung, ohne dass die Reiter ihnen die Sporen geben mussten. Bernat ging mit gesenktem Haupt neben seinem Herrn zum Gehöft zurück. Am Ende des Weges hatten sich sämtliche Gäste versammelt, um sie zu begrüßen. Die Frauen blickten zu Boden, die Männer hatten die Kopfbedeckungen abgenommen. Ein leises Raunen erhob sich, als Llorenç de Bellera vor ihnen anhielt.

»Los, los!«, befahl er, während er vom Pferd stieg. »Das Fest soll weitergehen.«

Die Leute gehorchten und machten schweigend kehrt. Mehrere Soldaten traten zu den Pferden und kümmerten sich um die Tiere. Bernat geleitete seine neuen Gäste zu dem Tisch, an dem zuvor Pere und er gesessen hatten. Ihre Schüsseln und ihre Gläser waren verschwunden.

Der Herr de Bellera und seine beiden Begleiter nahmen Platz. Bernat trat einige Schritte zurück, während sie sich zu unterhalten begannen. Die Frauen trugen eilig Weinkrüge, Gläser, Brot, Schüsseln mit Gemüseeintopf und Teller mit gepökeltem Schweinefleisch und frisch gebratenem Lamm auf. Bernat sah sich nach Francesca um, konnte sie aber nirgends entdecken. Sie befand sich nicht mehr unter den Frauen. Sein Blick begegnete dem seines Schwiegervaters, der bei den übrigen Gästen stand, und Bernat deutete mit dem Kinn in Richtung der Frauen. Pere Esteve schüttelte fast unmerklich den Kopf und wandte sich ab.

»Feiert weiter!«, rief Llorenç de Bellera, eine Lammhaxe in der Hand. »Los, macht schon!«

Schweigend gingen die Gäste zu den Feuerstellen, über denen das Lamm gebraten hatte. Nur eine Gruppe rührte sich nicht vom Fleck, unbemerkt von den Blicken des Herrn und seiner Freunde. Es waren Pere Esteve, seine Söhne und einige weitere Gäste. Bernat entdeckte das weißleinene Hemd seiner Braut in ihrer Mitte und trat zu ihnen.

»Verschwinde, du Dummkopf«, fuhr ihn sein Schwiegervater an.

Bevor er etwas sagen konnte, drückte ihm Francescas Mutter einen gefüllten Teller in die Hand und wisperte: »Kümmere du dich um den Herrn und halte dich von meiner Tochter fern.«

Die Bauern begannen, schweigend das Lamm zu verzehren, während sie verstohlen zu dem Tisch hinübersahen. Im Hof waren nur das Gelächter und das Johlen des Herrn von Navarcles und seiner beiden Kumpane zu hören. Die Soldaten ruhten sich abseits des Festes aus.

»Vorher hat man euch lachen hören«, schrie der Herr de Bellera, »so laut, dass ihr uns das Wild erschreckt habt. Lacht, verdammt nochmal! Nun lacht schon!«

Niemand lachte.

»Bauerntölpel«, sagte er zu seinen Begleitern, die ihrerseits die Bemerkung mit lautem Gelächter quittierten.

Die drei stillten ihren Hunger mit dem Lammbraten und dem Weißbrot. Das gepökelte Schweinefleisch und den Gemüseeintopf ließen sie stehen. Bernat aß etwas abseits im Stehen, während er aus den Augenwinkeln zu der Gruppe hinübersah, in deren Mitte Francesca sich verbarg.

»Mehr Wein!«, forderte der Herr von Bellera und hob sein Glas. »Estanyol!«, brüllte er dann, während er sich unter den Gästen nach ihm umsah. »Nächstes Mal, wenn du deine Pacht zahlst, bringst du mir von diesem Wein, nicht dieses Gesöff, mit dem dein Vater mich bisher betrogen hat«, hörte ihn Bernat hinter sich schreien. Francescas Mutter kam mit einem Krug herbeigelaufen.

»Estanyol, wo steckst du?«

Der Mann hieb mit der Faust auf den Tisch, als die Frau gerade neben ihm stand, um sein Glas zu füllen. Einige Tropfen Wein spritzten auf die Kleider von Llorenç de Bellera.

Bernat stand bereits neben ihm. Die Freunde des Grundherrn lachten über das Missgeschick und Pere Esteve hatte die Hände vors Gesicht geschlagen.

»Du alte Eselin! Wie kannst du es wagen, den Wein zu verschütten?« Die Frau senkte unterwürfig den Kopf, und als der Grundherr Anstalten machte, sie zu ohrfeigen, wich sie zurück, stolperte und fiel hin. Llorenç de Bellera wandte sich seinen Freunden zu und brach in schallendes Gelächter aus, als er sah, wie die Frau davonschlich. Dann wurde er wieder ernst und wandte sich an Bernat.

»Ah, da bist du ja, Estanyol. Sieh nur, was das alte Tatterweib angerichtet hat! Willst du deinen Herrn beleidigen? Bist du so blöd? Weißt du etwa nicht, dass die Gäste von der Herrin des Hauses bewirtet werden sollten? Wo ist die Braut?«, fragte er dann, während er seinen Blick über den Platz schweifen ließ. »Wo ist die Braut?«, brüllte er noch einmal, als Bernat schwieg.

Pere Esteve nahm Francesca am Arm und ging hinüber zum Tisch, um sie an Bernat zu übergeben. Das Mädchen zitterte.

»Eure Herrschaft«, sagte Bernat, »dies ist meine Frau Francesca.«

»Das ist schon besser«, bemerkte Llorenç, während er sie schamlos von oben bis unten musterte, »schon viel besser. Von nun an wirst du uns den Wein einschenken.«

Der Herr von Navarcles nahm wieder Platz und hielt dem Mädchen sein Glas hin. Francesca ging einen Krug holen und eilte zurück, um ihn zu bedienen. Ihre Hand zitterte, als sie versuchte, den Wein einzuschenken. Llorenç de Bellera packte sie am Handgelenk und hielt sie fest, während sich der Wein ins Glas ergoss. Dann zog er sie am Arm zu sich und nötigte sie, auch seine Begleiter zu bedienen. Die Brüste des Mädchens streiften sein Gesicht.

»So serviert man Wein!«, rief der Herr von Navarcles, während Bernat neben ihm die Fäuste ballte und die Zähne zusammenbiss.

Llorenç de Bellera und seine Freunde zechten weiter und riefen immer wieder nach Francesca, um die Szene ein ums andere Mal zu wiederholen.

Die Soldaten fielen jedes Mal in das Lachen ihres Herrn und seiner Kumpane ein, wenn das Mädchen sich über den Tisch beugen musste, um den Wein einzuschenken. Francesca versuchte, ihre Tränen zurückzuhalten, und Bernat stand ohnmächtig daneben und merkte, wie ihm das Blut über die Handflächen zu laufen begann, weil sich seine Fingernägel ins Fleisch gegraben hatten. Die Gäste sahen jedes Mal schweigend weg, wenn das Mädchen Wein nachschenken musste.

»Estanyol!«, grölte Llorenç de Bellera, während er aufstand und Francesca am Handgelenk packte. »In Ausübung des Rechts, das mir als deinem Herrn zusteht, habe ich beschlossen, die erste Nacht mit deiner Frau zu verbringen.«

Die Begleiter des Herrn de Bellera quittierten die Worte ihres Freundes mit lautem Beifall. Bernat stürzte zum Tisch, doch bevor er ihn erreichte, sprangen die beiden Männer, die betrunken wirkten, auf und legten die Hände auf ihre Schwerter. Bernat erstarrte. Llorenç de Bellera sah ihn an, grinste und brach dann in lautes Gelächter aus. Das Mädchen sah Bernat hilfesuchend an.

Bernat trat einen Schritt vor, doch die Schwertspitze eines der beiden Freunde des Adligen bohrte sich in seine Magengrube. Hilflos blieb er erneut stehen. Francesca sah ihn unverwandt an, während sie zur Außentreppe des Gehöfts geschleift wurde. Als der Besitzer des Landes sie um die Taille fasste und über seine Schulter warf, begann das Mädchen zu schreien.

Die Freunde des Herrn von Navarcles setzten sich wieder hin und tranken und lachten weiter, während sich die Soldaten am Fuß der Treppe postierten, um Bernat den Zutritt zu verwehren.

Bernat stand an der Treppe vor den Soldaten und nahm weder das Gelächter der Freunde des Herrn de Bellera wahr noch das Schluchzen der Frauen, weder das Schweigen seiner Gäste noch die groben Scherze der Soldaten, die mit vielsagenden Blicken zum Haus hinübersahen. Er hörte nur Francescas Schreie, die aus dem Fenster im ersten Stock drangen.

Der Himmel war immer noch strahlend blau.

Nach einer Zeit, die Bernat endlos vorkam, erschien Llorenç de Bellera erhitzt auf der Treppe und gürtete den Jagdrock zu.

»Jetzt bist du an der Reihe, Estanyol!«, rief er mit seiner dröhnenden Stimme, während er an Bernat vorbei zum Tisch zurückging. »Doña Caterina«, setzte er an seine Begleiter gewandt hinzu und meinte seine junge Ehefrau, die er erst kürzlich geheiratet hatte, »ist es leid, dauernd von meinen ganzen Bastarden zu erfahren, und mir hängt ihr Gejammer allmählich zum Hals heraus. Erfülle deine Pflicht als guter Ehemann!«, befahl er, wieder an Bernat gewandt.

Bernat senkte den Kopf. Unter den aufmerksamen Blicken aller Anwesenden stieg er mühsam die Außentreppe hinauf. Er betrat das erste Zimmer, einen großzügigen Raum, der als Küche und Esszimmer diente, mit einem gewaltigen Herd an der einen Wand, über dem sich ein beeindruckender schmiedeeiserner Kaminabzug befand. Bernat hörte seine eigenen Schritte auf dem Holzboden, während er die Treppe in den zweiten Stock hinaufstieg, wo die Schlafräume und der Speicher lagen. Er steckte den Kopf durch die Luke im obersten Zimmer und spähte in den Raum, ohne sich ganz hineinzuwagen. Es war kein Laut zu hören.

Mit dem Kinn auf Höhe des Fußbodens, der Körper noch auf der Treppe, sah er Francescas Kleider im Zimmer verstreut liegen; das weißleinene Hemd, der Stolz der Familie, war zerfetzt und zerrissen. Er stieg ganz nach oben.

Francesca lag völlig nackt und mit verlorenem Blick zusammengekauert auf der neuen Matratze, die nun mit Blut befleckt war. Ihr verschwitzter, mit Kratzern und blauen Flecken übersäter Körper regte sich nicht.

»Estanyol!«, hörte Bernat Llorenç de Bellera von unten brüllen. »Dein Herr wartet auf dich.«

Von Krämpfen geschüttelt, erbrach sich Bernat, bis nur noch grüne Galle kam. Francesca rührte sich immer noch nicht. Bernat stieg hastig hinab. Als er bleich unten ankam, gingen ihm die furchtbarsten Gedanken im Kopf herum. Nahezu blind, stieß er mit dem massigen Llorenç de Bellera zusammen, der am Fuß der Treppe stand.

»Es sieht mir nicht so aus, als hätte der frischgebackene Ehemann die Ehe vollzogen«, sagte Llorenç de Bellera zu seinen Begleitern.

Bernat musste aufschauen, um den Herrn von Navarcles anzusehen.

»Ich … ich konnte nicht, Euer Herrschaft«, stotterte er.

Llorenç de Bellera schwieg einen Moment.

»Nun, wenn du nicht kannst, so bin ich mir gewiss, dass einer meiner Freunde kann … oder einer meiner Soldaten. Ich habe dir doch gesagt, dass ich nicht noch mehr Bastarde will.«

»Ihr habt kein Recht …!«

Die Bauern, die die Szene beobachteten, zuckten zusammen bei dem Gedanken, welche Folgen diese Anmaßung nach sich ziehen würde. Der Herr von Navarcles packte Bernat mit einer Hand am Hals und drückte zu, während Bernat nach Luft schnappte.

»Wie kannst du es wagen? Willst du etwa Vorteile aus dem legitimen Vorrecht deines Herrn ziehen, mit der Braut zu schlafen, und später mit einem Bastard auf dem Arm ankommen, um Forderungen zu stellen?« Llorenç schüttelte Bernat, bevor er ihn losließ. »Willst du das? Was Recht ist, bestimme einzig und allein ich, verstanden? Hast du vergessen, dass ich dich bestrafen kann, wann immer und wie immer ich will?«

Llorenç de Bellera ohrfeigte Bernat so kräftig, dass dieser zu Boden ging.

»Meine Peitsche!«, brüllte er wütend.

Die Peitsche! Als Kind war Bernat gezwungen gewesen, gemeinsam mit seinen Eltern der öffentlichen Bestrafung eines armen Kerls beizuwohnen, dessen Vergehen nie genau bekannt geworden war. Das Geräusch, mit dem der Lederriemen auf den Rücken dieses Mannes niedergefahren war, klang ihm noch heute in den Ohren. Er hatte es lange Jahre seiner Kindheit hindurch Nacht für Nacht gehört. Damals hatte sich keiner der Anwesenden zu rühren gewagt, und so war es auch heute. Bernat rappelte sich hoch und sah zu seinem Herrn hinauf; dieser stand vor ihm wie ein Fels und wartete mit ausgestreckter Hand darauf, dass ihm einer seiner Diener die Peitsche reichte. Bernat erinnerte sich an den wunden Rücken des unglücklichen Mannes damals, eine blutige Masse, aus dem selbst der Zorn des Herrn keinen Fetzen mehr herauszureißen vermocht hatte. Er kroch auf allen vieren zur Treppe, die Augen verdreht und zitternd wie ein Kind, das von Albträumen heimgesucht wurde. Niemand rührte sich. Niemand sprach. Und die Sonne strahlte immer noch vom Himmel.

»Es tut mir leid, Francesca«, stammelte er, nachdem er sich, gefolgt von einem Soldaten, mühsam die Treppe hinaufgeschleppt hatte.

Er löste die Hose und kniete neben seiner Frau nieder. Das Mädchen hatte sich nicht bewegt. Bernat betrachtete seinen schlaffen Penis und fragte sich, wie er dem Befehl seines Herrn Folge leisten sollte. Mit einem Finger streichelte er Francesca sanft über die Seite.

Francesca reagierte nicht.

»Ich muss … wir müssen es tun«, flehte Bernat und packte sie am Handgelenk, um sie zu sich umzudrehen.

»Fass mich nicht an!«, schrie Francesca ihn an und erwachte aus ihrer Lethargie.

»Er wird mir die Haut in Fetzen herunterreißen!« Bernat drehte seine Frau mit Gewalt zu sich herum und wälzte sich auf ihren nackten Körper.

»Lass mich los!«

Sie rangen miteinander, bis es Bernat gelang, sie an beiden Handgelenken zu fassen und zu sich hochzuziehen. Trotzdem wehrte sich Francesca weiter.

»Es wird ein anderer kommen«, flüsterte er ihr zu. »Es wird sich ein anderer finden, der … der dir Gewalt antut!« Die Augen des Mädchens kehrten in die Realität zurück und sahen ihn anklagend an. »Er wird mir die Haut in Fetzen vom Körper ziehen …«

Francesca hörte nicht auf, sich zu sträuben, aber Bernat warf sich ungestüm auf sie. Die Tränen des Mädchens reichten nicht aus, um das Verlangen zu bezähmen, das bei der Berührung ihres nackten Körpers in Bernat aufgekeimt war, und er drang in sie ein, während Francesca die ganze Welt zusammenschrie.

Das Geschrei war ganz nach dem Geschmack des Soldaten, der Bernat gefolgt war und nun ohne jede Scham die Szene in der Bodenluke lehnend verfolgte.

Bernat war noch nicht fertig, als Francesca ihren Widerstand aufgab. Allmählich verwandelte sich ihr Geschrei in Schluchzen. Begleitet vom Weinen seiner Frau, kam Bernat zum Höhepunkt.

Llorenç de Bellera hatte die verzweifelten Schreie gehört, die aus dem Fenster im zweiten Stock drangen, und als sein Spitzel ihm meldete, dass die Ehe vollzogen worden sei, ließ er die Pferde holen und ritt mit seinem unheilvollen Gefolge davon. Die meisten Gäste folgten seinem Beispiel und machten sich niedergedrückt auf den Heimweg.

Es wurde still auf dem Hof. Bernat lag auf seiner Frau und wusste nicht, was er tun sollte. Erst jetzt bemerkte er, dass er sie fest an den Schultern gepackt hatte. Er ließ sie los, um sich neben ihrem Kopf auf der Matratze abzustützen, doch sein Körper sank wie leblos auf ihren. Er versuchte, sich aufzurichten, und da begegnete er Francescas Blick, die durch ihn hindurchsah. In dieser Haltung musste er bei jeder Bewegung erneut den Körper seiner Frau berühren. Bernat wollte dieser Situation entkommen, wusste aber nicht, wie er das anstellen sollte, ohne dem Mädchen wehzutun. Er wünschte sich, schweben zu können, um von Francesca wegzukommen, ohne sie berühren zu müssen.

Nach einigen endlosen Momenten der Unentschlossenheit rückte er ungeschickt von dem Mädchen ab und kniete neben ihr nieder. Er wusste immer noch nicht, was er tun sollte: aufstehen, sich zu ihr legen, das Zimmer verlassen oder sich rechtfertigen … Er wandte den Blick von Francescas Körper ab, die immer noch unbewegt dalag, ihre Blöße vulgär zur Schau gestellt. Er versuchte, ihr Gesicht zu erkennen, das weniger als zwei Handbreit von seinem entfernt war, aber es gelang ihm nicht. Er blickte nach unten und beim Anblick seines nackten Gliedes überkam ihn plötzlich Scham.

»Es tut mir …«

Eine unerwartete Bewegung von Francesca überraschte ihn. Das Mädchen hatte ihm das Gesicht zugewandt. Bernat versuchte, Verständnis in ihrem Blick zu erkennen, doch dieser war völlig leer.

»Es tut mir leid«, begann er noch einmal. Francesca sah ihn immer noch an, ohne die geringste Regung zu zeigen. »Es tut mir leid. Es tut mir leid. Er … er hätte mir die Haut vom Leib gerissen«, stotterte er.

Bernat dachte an den Herrn von Navarcles, wie er mit ausgestreckter Hand vor ihm gestanden und auf die Peitsche gewartet hatte. Er forschte erneut in Francescas Blick: Leere. Bernat versuchte, eine Antwort in den Augen des Mädchens zu finden, und erschrak: Ihr Blick war ein stummer Schrei, eine Fortsetzung des Schreis, den er zuvor von ihr gehört hatte.

Unbewusst streckte Bernat die Hand aus und näherte sie Francescas Wange, so als wollte er ihr begreiflich machen, dass er sie verstand.

»Ich …«, versuchte er es erneut.

Er berührte sie nicht. Als sich seine Hand näherte, verkrampften sich sämtliche Muskeln des Mädchens. Bernat schlug die Hände vors Gesicht und weinte.

Francesca blieb reglos und mit abwesendem Blick liegen.

Schließlich hörte Bernat auf zu weinen, stand auf, zog die Hose hoch und verschwand durch die Bodenluke, die ins Untergeschoss führte. Als seine Schritte verklungen waren, stand auch Francesca auf und ging zu der Truhe, die das gesamte Mobiliar der Schlafkammer darstellte, um sich ihre eigenen Kleider herauszuholen. Als sie sich angezogen hatte, suchte sie langsam ihre verstreut herumliegenden Habseligkeiten zusammen, darunter das kostbare weißleinene Hemd. Sie faltete es sorgfältig zusammen, wobei sie darauf achtete, dass die Fetzen genau aufeinander zu liegen kamen, und legte es in die Truhe.

2

Francesca schlich durchs Haus wie eine gequälte Seele. Sie erfüllte ihre hausfraulichen Pflichten, doch sie tat es schweigend, während eine Traurigkeit von ihr ausging, die schon bald jeden Winkel des Hauses der Estanyols erfasste.

Bernat hatte oft versucht, sich für das zu entschuldigen, was geschehen war. Je weiter der Schrecken ihres Hochzeitstages in die Ferne rückte, desto ausführlicher wurden Bernats Erklärungen: die Angst vor der Grausamkeit des Herrn, die Folgen sowohl für ihn als auch für sie, wenn er den Gehorsam verweigert hätte. Und »Es tut mir leid« – Tausende Male hatte Bernat diese Worte zu Francesca gesagt, die ihn ansah und ihm stumm zuhörte, so als wartete sie auf den Moment, in dem Bernats Ausführungen unweigerlich auf denselben entscheidenden Punkt kamen: »Es wäre ein anderer gekommen, hätte ich es nicht getan …« An diesem Punkt verstummte Bernat jedes Mal. Jede Entschuldigung versagte, und erneut stand die Vergewaltigung zwischen ihnen wie eine unüberwindliche Hürde. Die Entschuldigungen und das Schweigen, das er zur Antwort bekam, legten sich über die Wunde, die Bernat schließen wollte, und das schlechte Gewissen ging in den alltäglichen Pflichten verloren, bis Bernat schließlich vor Francescas Gleichgültigkeit resignierte.

Jeden Morgen, wenn er bei Tagesanbruch aufstand, um sein hartes Tagewerk als Bauer zu verrichten, sah Bernat aus dem Schlafzimmerfenster. Das hatte er schon mit seinem Vater getan, selbst in dessen letzten Zeiten. Gemeinsam hatten sie sich auf die mächtige steinerne Brüstung gelehnt und den Himmel betrachtet, um zu sehen, was für ein Tag sie erwartete. Sie hatten über ihr fruchtbares, von regelmäßigen Ackerfurchen durchzogenes Land geblickt, das sich in das weite Tal zu Füßen des Gehöfts erstreckte, sie hatten den Vögeln zugehört und aufmerksam auf die Geräusche der Tiere im Stall gelauscht. Es waren Momente stillen Einverständnisses zwischen Vater und Sohn und ihrem Land gewesen, die wenigen Minuten, in denen sein Vater wieder zu Sinnen zu kommen schien. Bernat hatte davon geträumt, diese Momente mit seiner Frau zu teilen, anstatt sie alleine zu erleben, während er sie im Untergeschoss wirtschaften hörte, und ihr all das erzählen zu können, was er selbst aus dem Mund seines Vaters gehört hatte, wie dieser vorher von seinem, und so weiter über Generationen hinweg.

Er hatte davon geträumt, ihr erzählen zu können, dass dieses reiche Land einmal freieigener Besitz der Estanyols gewesen war und seine Vorfahren es mit Freude und Sorgfalt bestellt und seine Früchte geerntet hatten, ohne Abgaben oder Steuern zahlen zu müssen oder überheblichen, ungerechten Herren verpflichtet zu sein. Er hatte davon geträumt, mit ihr, seiner Frau, der zukünftigen Mutter der Erben dieses Landes, dieselbe Trauer teilen zu können, die er mit seinem Vater geteilt hatte, als dieser ihm von den Gründen berichtet hatte, deretwegen die Kinder, die sie ihm einmal schenken würde, nun, dreihundert Jahre später, eines anderen Knechte sein würden. Er hätte ihr gerne voller Stolz erzählt, dass vor dreihundert Jahren die Estanyols und viele andere als freie Männer ihre Waffen in ihren Häusern aufbewahrt hatten, um unter dem Befehl des Grafen Ramon Borrell und seines Bruders Ermengol d'Urgell das alte Katalonien vor den Einfallen der Sarazenen zu verteidigen. Er hätte ihr gerne erzählt, wie mehrere Estanyols unter dem Befehl des Grafen Ramon in dem siegreichen Heer gekämpft hatten, welches in Albesa, unweit von Balaguer in der Ebene von Urgell, die Sarazenen des Kalifats von Cordoba besiegte. Sein Vater hatte ihm voller Begeisterung davon erzählt, wenn sie die Zeit dazu gehabt hatten, doch die Begeisterung war Wehmut gewichen, als er vom Tod des Grafen Ramon Borrell im Jahre 1017 berichtete. Ihm zufolge hatte dieser Todesfall sie zu Leibeigenen gemacht. Der fünfzehnjährige Sohn des Grafen Ramon Borrell war diesem auf den Thron gefolgt. Seine Mutter, Ermessenda von Carcassonne, hatte die Regierungsgeschäfte übernommen, und die Barone von Katalonien, die Seite an Seite mit den Bauern gekämpft hatten, nutzten nun, da die Grenzen des Prinzipats gesichert waren, das Machtvakuum. Sie bedrängten die Bauern, jene zu ermorden, die nicht nachgaben, und sich dann ihres Landes zu bemächtigen. Den früheren Besitzern erlaubten sie, den Boden weiterhin zu bestellen, wenn sie dem Grundherrn einen Teil ihrer Ernte ablieferten. Die Estanyols hatten nachgegeben, aber viele Familien auf dem Lande waren grausam dahingemetzelt worden.

»Als freie Männer, die wir waren«, hatte sein Vater ihm erzählt, »haben wir Seite an Seite mit den Rittern gegen die Mauren gekämpft – als Fußvolk natürlich –, aber gegen die Ritter hatten wir keine Chance. Als die nächsten Grafen von Barcelona die Zügel in Katalonien wieder an sich reißen wollten, sahen sie sich einem reichen und mächtigen Adel gegenüber, mit dem sie zu paktieren gezwungen waren, und das immer auf unsere Kosten. Zuerst war es unser Land, das alte Katalonien, dann unsere Freiheit, unser Leben … und schließlich unsere Ehre. Deine Großeltern waren es, die unsere Freiheit verloren«, hatte er mit zitternder Stimme erzählt, den Blick unverwandt auf die Felder gerichtet. »Man untersagte ihnen, ihr Land zu verlassen. Man machte sie zu Leibeigenen, die an ihren Grund und Boden gefesselt waren, wie später ihre Kinder – ich – und ihre Enkelkinder – du. Unser Leben … dein Leben liegt in den Händen des Grundherrn, dem es obliegt, Recht zu sprechen, und der das Recht hat, uns zu misshandeln und unsere Ehre zu verletzen. Wir können uns nicht einmal wehren! Wenn dir jemand Unrecht tut, musst du zu deinem Grundherrn gehen, damit dieser Entschädigung fordert, und wenn er sie bekommt, behält er die Hälfte für sich.«

Dann zählte er ihm immer wieder die zahlreichen Rechte des Herrn auf, Rechte, die sich Bernat ins Gedächtnis eingegraben hatten, weil er es nie gewagt hatte, den aufgebrachten Monolog seines Vaters zu unterbrechen. Der Herr konnte von einem Leibeigenen jederzeit einen Teil seines Besitzes einbehalten, wenn dieser ohne Testament starb, wenn er kinderlos blieb oder seine Frau Ehebruch beging, wenn der Hof abbrannte oder er diesen belieh, wenn er die Leibeigene eines anderen Grundherrn heiratete und natürlich, wenn er ihn verlassen wollte. Der Grundherr konnte in der ersten Nacht mit der Braut schlafen, er konnte die Frauen dazu verpflichten, seine Kinder zu stillen, und ihre Töchter, als Mägde auf der Burg zu dienen. Ein Leibeigener war verpflichtet, ohne Entgelt das Land des Grundherrn zu bestellen und zur Verteidigung der Burg zu kämpfen. Er musste einen Teil der Erträge seiner Felder abliefern und seinen Herrn oder seine Gesandten in seinem Haus aufnehmen und sie während ihres Aufenthaltes bewirten. Er musste für die Nutzung des Waldes oder des Weidelandes ebenso zahlen wie für die Benutzung der herrschaftlichen Schmiede, des Backhauses oder der Mühle, und er musste zu Weihnachten und anderen Feiertagen Geschenke abliefern.

Und was war mit der Kirche? Als er seinem Vater diese Frage gestellt hatte, war dessen Stimme noch wütender geworden.

»Mönche, Ordensleute, Priester, Diakone, Erzdiakone, Kanoniker, Äbte, Bischöfe … sie alle sind um keinen Deut besser als die Feudalherren, die uns unterdrücken! Sie haben uns sogar untersagt, den Habit zu nehmen, damit wir unser Land nicht verlassen können und unsere Knechtschaft ewig währt!«

»Bernat«, hatte er ihm bei diesen Gelegenheiten geraten, wenn die Kirche zur Zielscheibe seines Zorns wurde, »vertraue nie denen, die behaupten, Gott zu dienen. Sie werden dir gute Worte geben, die so hochgestochen sind, dass du sie nicht verstehst. Sie werden dich mit Argumenten zu überzeugen versuchen, denen nur sie folgen können, bis sie sich deines Verstandes bemächtigt haben. Sie werden dir gegenüber als gütige Menschen auftreten, die behaupten, uns vor dem Bösen und der Versuchung erretten zu wollen, doch in Wirklichkeit steht ihre Meinung über uns fest, und all diese Soldaten Christi, wie sie sich nennen, werden keinen Deut von dem abweichen, was in ihren Büchern steht.«

»Vater«, hatte Bernat ihn daraufhin gefragt, »was steht in ihren Büchern über uns Bauern?«

Sein Vater hatte über die Felder geblickt, bis dorthin, wo sie in den Himmel übergingen.

»Sie sagen, wir seien wie die Tiere, unfähig zu begreifen, was Höflichkeit bedeutet. Sie sagen, wir seien schändlich, niederträchtig und verabscheuungswürdig, schamlos und unwissend. Sie sagen, wir seien grausam und starrsinnig, wir hätten keine Ehre verdient, weil wir sie nicht zu schätzen wüssten, und verstünden nur die Sprache der Gewalt. Sie sagen …«

»Ist es denn so, Vater?«

»Das wollen sie aus uns machen, mein Sohn.«

»Aber Ihr betet jeden Tag, und als Mutter starb …«

»Zur Jungfrau bete ich, mein Sohn, zur Jungfrau. Unsere Jungfrau Maria hat nichts mit den Mönchen und Priestern zu schaffen. An sie können wir weiterhin glauben.«

Bernat Estanyol hätte sich gerne morgens auf die Fensterbrüstung gelehnt und mit seiner jungen Frau gesprochen, ihr erzählt, was ihm sein Vater erzählt hatte, und mit ihr gemeinsam über die Felder geschaut.

Im Oktober spannte Bernat die Ochsen an und lockerte mit dem Pflug die Felder auf, damit Sonne, Luft und Dünger der Erde wieder Kraft gaben. Dann säte er mit Francescas Hilfe das Getreide aus. Sie warf aus einem Korb die Saatkörner aus, während er zunächst mit dem Ochsengespann die Erde umpflügte und sie nach der Aussaat mithilfe einer schweren Eisenplatte wieder festdrückte. Sie arbeiteten schweigend, ein Schweigen, das nur von den Rufen unterbrochen wurde, mit denen Bernat die Ochsen antrieb und die im ganzen Tal widerhallten. Bernat glaubte, durch die gemeinsame Arbeit würden sie sich ein wenig näherkommen, aber Francesca blieb gleichgültig. Sie nahm ihren Korb und warf die Saat aus, ohne ihn auch nur anzusehen.

Der November kam, und Bernat widmete sich den Arbeiten, die in dieser Zeit des Jahres zu tun waren. Er mästete die Schweine, machte Feuerholz für das Gehöft und Häcksel für die Felder, bereitete die Äcker und Gemüsebeete vor, die im Frühjahr bestellt wurden, und beschnitt und pfropfte die Reben. Wenn er nach Hause kam, hatte sich Francesca um den Haushalt, den Gemüsegarten, die Hühner und die Kaninchen gekümmert. Abend für Abend setzte sie ihm schweigend das Essen vor und ging dann schlafen. Morgens stand sie vor ihm auf, und wenn Bernat nach unten kam, standen das Frühstück und der Brotbeutel mit dem Mittagessen auf dem Tisch. Während er frühstückte, hörte er, wie sie das Vieh im Stall versorgte.

Weihnachten war im Handumdrehen vorüber und im Januar endete die Olivenernte. Bernat besaß nicht sehr viele Olivenbäume, gerade genug, um den Bedarf des Hofes an Öl zu decken und die Abgaben an den Herrn zu zahlen.

Danach ging es für Bernat ans Schweineschlachten. Zu Lebzeiten seines Vaters hatten sich die Nachbarn, die sonst nur selten zum Hof der Estanyols kamen, stets am Schlachttag eingefunden. Bernat hatte diese Tage als wahre Festtage in Erinnerung. Die Schweine wurden geschlachtet, und dann wurde gegessen und getrunken, während die Frauen das Fleisch verarbeiteten.

Eines Morgens erschienen die Esteves: Vater, Mutter und zwei der Brüder. Bernat begrüßte sie im Hof. Francesca wartete hinter ihm.

»Wie geht es dir, Tochter?«, fragte ihre Mutter.

Francesca antwortete nicht, ließ sich jedoch umarmen. Bernat beobachtete die Szene: Die Mutter schloss ihre Tochter liebevoll in die Arme, in der Hoffnung, diese werde es ihr gleichtun. Doch das tat sie nicht; sie blieb stocksteif. Bernat sah seinen Schwiegervater an.

»Francesca«, sagte Pere Esteve nur, während er es nicht über sich brachte, seiner Tochter in die Augen zu blicken.

Ihre Brüder begrüßten sie mit einer Handbewegung.

Francesca ging zum Stall, um das Schwein zu holen; die übrigen blieben im Hof stehen. Niemand sagte etwas, nur das erstickte Schluchzen der Mutter war zu hören. Bernat war versucht, sie zu trösten, ließ es jedoch bleiben, als er sah, dass weder ihr Mann noch ihre Söhne Anstalten dazu machten.

Francesca erschien mit dem Schwein, das sich weigerte, ihr zu folgen, so als wüsste es, welches Schicksal ihm bevorstand, und übergab es ihrem Mann. Bernat und Francescas Brüder warfen das Schwein um und setzten sich darauf. Die schrillen Schreie des Tieres hallten durch das ganze Tal der Estanyols. Pere Esteve trennte ihm mit einem sicheren Schnitt die Kehle durch, und alle warteten schweigend ab, während das Blut des Tieres in die Schüsseln floss, die von den Frauen ausgetauscht wurden, wenn sie voll waren.

Sie tranken nicht einmal ein Glas Wein, während Mutter und Tochter das mittlerweile zerteilte Schwein verarbeiteten.

Als gegen Abend die Arbeit beendet war, versuchte die Mutter erneut, ihre Tochter zu umarmen. Bernat beobachtete die Szene und wartete auf eine Reaktion seiner Frau, doch die gab es nicht. Ihr Vater und ihre Brüder verabschiedeten sich mit gesenktem Blick von ihr. Die Mutter trat zu Bernat.

»Ruf mich, wenn du meinst, dass das Kind kommt«, sagte sie zu ihm, etwas abseits von den anderen. »Ich glaube nicht, dass sie es tun wird.«

Die Esteves machten sich auf den Heimweg. Als Francesca an diesem Abend die Treppe zur Schlafkammer hinaufstieg, konnte Bernat nicht anders, als auf ihren Leib zu starren.

Ende Mai, am ersten Tag der Ernte, blickte Bernat, die Sichel über der Schulter, auf seine Felder. Wie sollte er alleine das ganze Getreide einbringen? Vor zwei Wochen hatte er Francesca jegliche Anstrengung verboten, nachdem sie zweimal ohnmächtig geworden war. Bernat blickte erneut über die riesigen Felder, die ihn erwarteten. Die Frauen auf dem Land bekamen ihre Kinder während der Arbeit, aber nachdem Francesca zum zweiten Mal zusammengebrochen war, hatte er nicht umhingekonnt, sich Sorgen zu machen. Und wenn das Kind nicht seines war?

Bernat packte die Sichel und begann mit Kraft, das Korn zu schneiden. Die Ähren flogen nur so durch die Luft. Die Mittagssonne stand hoch am Himmel. Bernat hielt nicht einmal inne, um zu essen. Das Feld war schier endlos. Er hatte immer gemeinsam mit seinem Vater das Korn geschnitten, selbst als dieser bereits krank gewesen war. Die Getreideernte schien ihm neue Kraft zu verleihen. »Auf geht's, mein Sohn!«, hatte er ihn ermuntert. »Warten wir nicht, bis uns ein Unwetter oder ein Hagelschauer die Ernte vernichten.« Und dann hatten sie gesichelt. Wenn einer von beiden müde war, hatte er Unterstützung beim anderen gesucht. Sie hatten im Schatten gegessen und guten Wein getrunken, den gereiften seines Vaters, und geplaudert und gelacht … Nun hörte er seine Sichel durch die Luft zischen und die Ähren schneiden, sonst nichts, nur die Sichel, und die Frage, wer der Vater seines zukünftigen Kindes war, ging ihm einfach nicht mehr aus dem Kopf.

In den folgenden Tagen war Bernat bis Sonnenuntergang bei der Ernte. Einmal arbeitete er sogar im Mondschein. Wenn er zum Gehöft zurückkehrte, stand das Abendessen auf dem Tisch. Er wusch sich am Becken und aß lustlos. Bis sich eines Abends plötzlich die Wiege bewegte, die er während des Winters getischlert hatte, als Francescas Schwangerschaft nicht mehr zu übersehen gewesen war. Bernat bemerkte es aus den Augenwinkeln, löffelte aber weiter seine Suppe. Ein Löffel, zwei, drei. Die Wiege bewegte sich erneut. Bernat starrte hinüber, der vierte Löffel mit Suppe war in der Luft versteinert. Er sah sich im Raum um, ob etwas auf die Anwesenheit seiner Schwiegermutter hindeutete, aber nein. Francesca hatte das Kind alleine zur Welt gebracht … und sich dann schlafen gelegt.

Er legte den Löffel hin und erhob sich. Doch bevor er die Wiege erreichte, blieb er stehen, drehte sich um und setzte sich wieder. Stärker als je zuvor überkamen ihn Zweifel bezüglich dieses Kindes.

»Alle Estanyols haben ein Muttermal neben dem rechten Auge«, hatte sein Vater zu ihm gesagt. Er selbst hatte es, und auch sein Vater hatte es gehabt. »Dein Großvater hatte es auch«, hatte dieser beteuert, »und der Vater deines Großvaters …«

Bernat war erschöpft. Er hatte von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang ohne auszuruhen gearbeitet. Seit Tagen tat er das nun schon. Erneut sah er zu der Wiege hinüber.

Er stand wieder auf und trat zu dem Kind. Es schlief friedlich, die Fäustchen geöffnet, unter einer Decke, die aus den Fetzen eines weißleinenen Hemdes genäht war. Bernat drehte das Kind zu sich um, um sein Gesicht zu sehen.

3

Francesca sah das Kind nicht an. Sie gab dem Kleinen, den sie Arnau genannt hatten, erst die eine Brust, dann die andere, aber sie sah ihn nicht an. Bernat hatte viele Bäuerinnen ihre Kinder säugen sehen, und alle, von der reichsten bis zur ärmsten, hatten sie gelächelt, die Augen gesenkt oder ihre Kinder gestreichelt, während sie ihnen die Brust gaben. Nicht so Francesca. Sie wusch das Kind und versorgte es, doch in den zwei Monaten seines Lebens hatte Bernat nicht einmal gehört, dass sie mit ihm geschäkert hätte. Sie spielte nicht mit ihm, fasste es nicht an den Händchen, noch küsste oder kitzelte sie es. ›Was kann der Kleine dafür?‹, dachte Bernat, wenn er Arnau auf dem Arm hielt. Dann ging er mit ihm weg, um fernab von Francescas Kälte mit ihm zu sprechen und ihn zu streicheln.

Denn es war sein Kind. ›Alle Estanyols haben es‹, sagte sich Bernat, wenn er das Muttermal küsste, das Arnau neben der rechten Augenbraue hatte. »Wir alle haben es«, sagte er dann noch einmal laut, während er den Jungen zum Himmel hob.

Dieses Muttermal war bald mehr als nur eine Beruhigung für Bernat. Wenn Francesca zur Burg ging, um Brot zu backen, hoben die Frauen die Decke hoch, unter der Arnau lag, um ihn zu betrachten. Francesca ließ sie gewähren, und dann lächelten sie sich vor den Augen des Bäckers und der Soldaten zu. Und als Bernat ging, um das Land seines Herrn zu bestellen, klopften ihm die Bauern auf die Schultern und gratulierten ihm, diesmal vor den Augen des Verwalters, der ihre Arbeit überwachte.

Llorenç de Bellera hatte viele Bastarde, doch noch nie waren irgendwelche Forderungen erfolgreich gewesen. Sein Wort galt mehr als das einer ungebildeten Bäuerin, doch unter seinesgleichen wurde er nicht müde, mit seiner Männlichkeit zu prahlen. Es war offensichtlich, dass Arnau Estanyol nicht sein Sohn war, und der Herr von Navarcles begann ein spöttisches Grinsen bei den Bäuerinnen zu bemerken, die zur Burg kamen. Von seinen Gemächern aus sah er, wie sie untereinander und sogar mit seinen Soldaten tuschelten, wenn sie Estanyols Frau begegneten. Das Gerücht machte nicht nur unter den Bauern die Runde und Llorenç de Bellera wurde zum Gespött von seinesgleichen.

»Iss nur tüchtig, Bellera«, ermunterte ihn grinsend ein Baron, der zu Besuch auf der Burg weilte, »mir ist zu Ohren gekommen, dass du Kräfte brauchst.«

Alle Anwesenden, die am Tisch des Herrn von Navarcles saßen, quittierten die Bemerkung mit schallendem Gelächter.

»Auf meinem Grund und Boden«, erklärte ein anderer, »lasse ich nicht zu, dass ein Bauernweib meine Männlichkeit infrage stellt.«

»Lässt du etwa Muttermale verbieten?«, gab der Erste, schon unter dem Einfluss des Weins, zurück und erntete erneutes Gelächter, das Llorenç de Bellera mit einem gezwungenen Lächeln beantwortete.

Es geschah Anfang August. Arnau schlief in seiner Wiege im Schatten eines Feigenbaums auf dem Vorplatz des Gehöfts. Seine Mutter arbeitete im Garten bei den Ställen, und sein Vater, der stets ein Auge auf die hölzerne Wiege hatte, trieb die Ochsen immer wieder über das Getreide, das er im Hof ausgebreitet hatte, um die wertvollen Körner aus den Ähren zu dreschen, die sie während des Jahres ernähren sollten.

Sie hörten sie nicht kommen. Drei Reiter preschten im Galopp auf den Hof: Es waren der Verwalter Llorenç de Belleras sowie zwei weitere Männer. Sie waren bewaffnet und saßen auf beeindruckenden Schlachtrössern, die speziell für den Krieg gezüchtet worden waren. Bernat bemerkte, dass die Pferde nicht gepanzert waren wie bei den Ausritten seines Herrn. Wahrscheinlich hatten sie es nicht für nötig erachtet, sie zu wappnen, um einen einfachen Bauern einzuschüchtern. Der Verwalter hielt sich ein wenig abseits, aber die anderen beiden gaben ihren Tieren die Sporen. Die Pferde, die für den Kampf abgerichtet waren, zögerten nicht und gingen auf Bernat los. Bernat stolperte rückwärts und fiel schließlich hin, genau neben die Hufe der unruhigen Tiere. Erst jetzt zügelten die Reiter ihre Pferde.

»Dein Herr«, rief der Verwalter, »Llorenç de Bellera, verlangt nach den Diensten deiner Frau als Amme für Don Jaume, den Sohn deiner Herrin Doña Caterina.«

Bernat versuchte aufzustehen, doch einer der Reiter gab seinem Pferd erneut die Sporen.

Der Verwalter wandte sich an Francesca: »Nimm dein Kind und komm mit!«

Francesca nahm Arnau aus der Wiege und ging mit gesenktem Kopf hinter dem Pferd des Verwalters her. Bernat schrie auf und versuchte aufzustehen, doch bevor es ihm gelang, ging ihn einer der Reiter erneut mit seinem Pferd an und warf ihn um. Er versuchte es erneut, immer wieder, jedes Mal mit dem gleichen Ergebnis: Die beiden Reiter trieben unter Gelächter ihr Spiel mit ihm, indem sie ihm nachsetzten und ihn umwarfen. Schließlich blieb er keuchend und kraftlos auf dem Boden liegen, genau vor den Vorderläufen der Tiere, die unruhig auf ihren Trensen kauten. Als der Verwalter in der Ferne verschwunden war, machten die Reiter kehrt und gaben ihren Pferden die Sporen.

Es war wieder still auf dem Hof. Bernat blickte der Staubwolke hinterher, die die Reiter hinterließen, und sah dann hinüber zu den Ochsen, die sich an den Ähren gütlich taten, über die sie wieder und wieder getrottet waren.

Von jenem Tag an versorgte Bernat mechanisch das Vieh und die Felder, während er in Gedanken bei seinem Sohn war. Nachts wanderte er durchs Haus. Er vermisste das Kindergebrabbel, das Leben und Zukunft verhieß, das Knarren der Wiege, wenn Arnau sich bewegte, das durchdringende Weinen, wenn er Hunger hatte. Er versuchte in jedem Winkel, an den Wänden, überall den unschuldigen Duft seines Jungen zu erhaschen. Wo er jetzt wohl schlief? Da stand sein Bettchen, das er mit seinen eigenen Händen getischlert hatte. Wenn er schließlich Schlaf fand, weckte ihn die Stille wieder auf. Dann kauerte sich Bernat auf der Matratze zusammen und ließ die Stunden verstreichen. Die Geräusche des Viehs im Erdgeschoss waren seine einzige Gesellschaft.

Bernat ging regelmäßig zur Burg des Llorenç de Bellera, um Brot zu backen, und dachte dabei an Francesca, die dort eingeschlossen war und Doña Caterina und dem launischen Appetit ihres Sohnes zu Diensten sein musste. Die Burg – so hatte ihm sein Vater einmal erzählt, als sie dort zu tun hatten – war am Anfang nicht mehr als ein Wachturm auf der Anhöhe eines kleinen Vorgebirges gewesen. Jetzt gruppierten sich um den Burgturm herum ohne jegliche Ordnung das Backhaus, die Schmiede, einige neue, größere Pferdestallungen, Kornspeicher, Küchen und Gesindehäuser.

Die Burg war über eine Meile vom Hof der Estanyols entfernt. Die ersten Male hatte er nichts über seinen Jungen in Erfahrung bringen können. Wen auch immer er fragte, die Antwort war stets die gleiche: Seine Frau und sein Sohn befänden sich in Doña Caterinas Privatgemächern. Der einzige Unterschied bestand darin, dass einige, wenn sie ihm antworteten, höhnisch lachten, während andere den Kopf senkten, so als wollten sie dem Vater des Kindes nicht in die Augen schauen. Bernat nahm die Ausflüchte über einen ewig scheinenden Monat lang hin, bis er eines Tages, als er mit zwei Laiben Brot aus dem Backhaus kam, einem schmutzigen Schmiedeburschen begegnete, den er manchmal über seinen Kleinen ausgefragt hatte.

»Was weißt du über meinen Arnau?«, fragte er ihn.

Weit und breit war niemand zu sehen. Der Junge versuchte, ihm auszuweichen, als ob er ihn nicht gehört hätte, doch Bernat hielt ihn am Arm fest.

»Ich habe dich gefragt, was du über meinen Arnau weißt.«

»Deine Frau und dein Sohn …«, begann der Junge mit gesenktem Blick.

»Ich weiß, wo sie sind«, fiel ihm Bernat ins Wort. »Meine Frage ist, ob es Arnau gut geht.«

Der Junge bohrte seine Zehen in den Sand, den Blick immer noch gesenkt. Bernat schüttelte ihn.

»Geht es ihm gut?«

Der Bursche sah nicht auf und Bernat schüttelte ihn erneut.

»Nein, tut es nicht!«, schrie der Junge. Bernat trat einen Schritt zurück, um ihm in die Augen zu sehen. »Nein, tut es nicht«, wiederholte der Junge. Bernat sah ihn fragend an.

»Was ist mit ihm?«

»Ich kann nicht … Wir haben Befehl, dir nichts zu sagen …« Die Stimme des Jungen brach.

Bernat schüttelte ihn erneut heftig und erhob die Stimme, ohne sich darum zu scheren, dass er die Wache auf sich aufmerksam machen konnte.

»Was ist mit meinem Sohn? Was ist mit ihm? Antworte!«

»Ich kann nicht. Wir können nicht …«

»Würde das deine Meinung ändern?«, fragte er ihn und hielt ihm einen Brotlaib hin.

Der Schmiedebursche riss die Augen auf. Ohne zu antworten, riss er Bernat das Brot aus den Händen und biss hinein, als hätte er tagelang nichts gegessen. Bernat zog ihn in eine Ecke, wo sie vor Blicken sicher waren.

»Was ist mit meinem Arnau?«, fragte er noch einmal nachdrücklich.

Der Junge sah ihn mit vollem Mund an und gab ihm ein Zeichen, ihm zu folgen. Verstohlen schlichen sie sich an den Hauswänden entlang bis zur Schmiede. Sie schlüpften hinein und gingen in den hinteren Teil. Der Junge öffnete die Tür zu einem kleinen Verschlag, in dem Material und Werkzeug aufbewahrt wurden, und ging hinein. Bernat folgte ihm. Kaum waren sie drinnen, hockte sich der Bursche auf den Boden und stürzte sich auf das Brot. Bernat sah sich in dem kleinen Raum um. Es war brütend heiß. Er entdeckte nichts, was ihm erklärt hätte, warum der Schmiedelehrling ihn dorthin geführt hatte: In diesem Raum gab es nur Werkzeuge und altes Eisen.

Er sah den Jungen fragend an. Dieser deutete in eine Ecke des Verschlags, während er genüsslich weiterkaute. Bernat wandte sich dorthin.

Auf einigen Holzplanken lag in einem zerfransten Weidenkorb verlassen und abgemagert sein Sohn und schien dort auf seinen Tod zu warten. Die weißleinene Decke war schmutzig und zerlumpt. Bernat konnte den Schrei nicht unterdrücken, der sich seiner Brust entrang. Es war ein erstickter Schrei, ein unmenschliches Schluchzen. Er nahm Arnau und drückte ihn an sich. Das Kind reagierte nur sehr schwach, aber es reagierte.

»Der Herr hat befohlen, deinen Sohn hierzulassen«, hörte Bernat den Schmiedeburschen sagen. »Am Anfang ist deine Frau noch ein paar Mal am Tag vorbeigekommen, um ihn zu beruhigen und ihm die Brust zu geben.«

Bernat drückte den kleinen Körper mit Tränen in den Augen an seine Brust, um ihm Leben einzuhauchen.

»Zuerst kam der Verwalter«, erzählte der Junge weiter. »Deine Frau wehrte sich und schrie … Ich habe es gesehen, ich war in der Schmiede.« Er deutete auf einen Spalt in der Bretterwand. »Aber der Verwalter ist sehr kräftig … Als er fertig war, kam der Herr in Begleitung einiger Soldaten herein. Deine Frau lag auf dem Boden, und der Herr begann, über sie zu lachen. Dann lachten alle. Von da an warteten jedes Mal neben der Tür die Soldaten darauf, dass deine Frau herauskam, um deinen Sohn zu stillen. Sie konnte sich nicht wehren. Seit einigen Tagen kommt sie kaum noch. Die Soldaten … sie fallen über sie her, sobald sie Doña Caterinas Gemächer verlässt. Sie schafft es nicht mal mehr bis hierher. Manchmal sieht der Herr sie, aber er lacht nur.«

Ohne zu überlegen, hob Bernat sein Hemd und schob den kleinen Körper seines Sohnes darunter. Dann verbarg er die Ausbuchtung hinter dem Brot, das ihm verblieben war. Der Kleine bewegte sich nicht. Der Schmiedelehrling sprang auf, als Bernat zur Tür ging.

»Der Herr hat es verboten. Du kannst nicht einfach …!«

»Lass mich vorbei, Junge!«

Der Bursche versuchte, ihm zuvorzukommen. Bernat hatte keinen Zweifel daran. Während er mit einer Hand das Brot und den kleinen Arnau festhielt, ergriff er mit der anderen eine Eisenstange, die an der Wand lehnte, und drehte sich unerwartet um. Die Stange traf den Jungen am Kopf, als er gerade aus dem Verschlag schlüpfen wollte. Er fiel zu Boden, ohne dass ihm die Zeit blieb, ein Wort zu sagen. Bernat sah nicht einmal hin. Er ging einfach hinaus und zog die Tür hinter sich zu.

Es war leicht, die Burg Llorenç de Belleras zu verlassen. Niemand wäre auf die Idee gekommen, dass Bernat unter dem Brotlaib den geschundenen Körper seines Sohnes trug. Erst als er vor dem Burgtor stand, dachte er an Francesca und die Soldaten. In seiner Wut machte er ihr Vorwürfe, weil sie nicht versucht hatte, sich mit ihm in Verbindung zu setzen, ihn vor der Gefahr zu warnen, in der sich ihr Kind befand, dass sie nicht um Arnau gekämpft hatte … Bernat drückte den Körper seines Sohnes an sich und dachte an all die Zeit, die er untätig gewesen war, während Arnau auf ein paar elenden Holzplanken den Tod erwartete.

Wie lange würden sie brauchen, um den Jungen zu finden, den er niedergeschlagen hatte? Ob er tot war? Hatte er die Tür des Verschlags hinter sich geschlossen? Unzählige Fragen schossen Bernat durch den Kopf, während er zu seinem Hof zurückging. Ja, er hatte sie geschlossen, er erinnerte sich vage daran.

Als er um die erste Kehre des Serpentinenpfades bog, der zur Burg hinaufführte, und diese aus der Sicht verschwand, holte Bernat seinen Sohn hervor. Seine stumpfen Augen blickten ins Leere. Er war leichter als der Brotlaib! Seine Ärmchen und Beinchen … Bernat schluckte schwer. Tränen traten ihm in die Augen. Er sagte sich, dass dies nicht der Moment war, um zu weinen. Er wusste, dass sie ihn verfolgen würden, dass sie die Hunde auf ihn hetzen würden, aber … Was nützte es zu fliehen, wenn das Kind nicht überlebte? Bernat verließ den Weg und versteckte sich in einem Gebüsch. Er kniete nieder, legte das Brot hin und nahm Arnau in beide Hände, um ihn vor sein Gesicht zu halten. Das Kind lag hilflos vor seinen Augen, sein Köpfchen fiel zur Seite. »Arnau!«, flüsterte Bernat. Er schüttelte ihn sanft, immer und immer wieder. Seine kleinen Äuglein bewegten sich, um ihn anzusehen. Mit tränenüberströmtem Gesicht stellte Bernat fest, dass das Kind nicht einmal die Kraft hatte zu weinen. Er legte sich das Bündel auf den Arm, zerkrümelte ein wenig Brot, befeuchtete es mit Speichel und hielt es dem Kleinen vor den Mund. Arnau reagierte nicht, aber Bernat versuchte es geduldig immer wieder, bis es ihm schließlich gelang, das Brot in den winzigen Mund zu schieben. Er wartete ab. »Iss, mein Sohn«, bat er ihn. Bernats Lippen bebten, als sich Arnaus Kehle fast unmerklich zusammenzog. Er zerkrümelte noch mehr Brot und wiederholte den Vorgang. Arnau schluckte noch siebenmal.

»Wir schaffen das«, sagte er zu ihm. »Ich verspreche es dir.«

Bernat ging auf den Weg zurück. Alles blieb ruhig. Mit Sicherheit hatten sie den Jungen noch nicht entdeckt. Andernfalls hätte er Lärm gehört. Für einen Augenblick dachte er an Llorenç de Bellera, grausam, niederträchtig und gnadenlos, wie er war. Welche Befriedigung würde es ihm verschaffen, einen Estanyol zu jagen!

»Wir schaffen das, Arnau«, sagte er erneut und lief zum Gehöft.

Er sah sich auf dem ganzen Weg nicht einmal um. Auch bei seiner Ankunft gönnte er sich keinen Moment Ruhe. Er legte Arnau in die Wiege, holte einen Sack und tat gemahlenes Getreide und getrocknetes Gemüse hinein, einen Schlauch mit Wasser und einen zweiten mit Milch, Pökelfleisch, eine Schüssel, einen Löffel und Kleider, etwas Geld, das er versteckt hatte, ein Jagdmesser und seine Armbrust … Wie stolz war sein Vater auf diese Armbrust gewesen!, dachte er, während er sie in der Hand wog. Mit ihr hatten die Estanyols an der Seite des Grafen Ramón Borrell gekämpft, als sie noch freie Männer gewesen waren. Frei! Bernat band sich das Kind vor die Brust und schulterte den Rest. Er würde immer ein Leibeigener sein, es sei denn …

»Fürs Erste werden wir Flüchtlinge sein«, sagte er zu dem Kind, bevor er sich auf den Weg ins Gebirge machte. »Niemand kennt diese Berge besser als die Estanyols«, versicherte er ihm, als sie schon zwischen den Bäumen waren. »Wir sind immer schon hier auf die Jagd gegangen, weißt du.« Bernat ging durch den Wald bis zu einem Bach, stieg hinein und watete bis zu den Knien im Wasser bachaufwärts. Arnau hatte die Augen geschlossen und schlief, aber Bernat sprach weiter mit ihm. »Die Hunde des Herrn sind nicht besonders schlau, sie wurden zu oft misshandelt. Wir gehen bis ganz nach oben, wo der Wald dichter wird und man mit dem Pferd nur schwer vorankommt. Die Herrschaften jagen nur zu Pferde, und dorthin kommen sie nie. Sie würden sich ihre Kleider zerreißen. Und die Soldaten … Weshalb sollten sie hier jagen? Sie begnügen sich damit, uns das Essen wegzunehmen. Wir werden uns verstecken, Arnau. Niemand wird uns finden, ich schwöre es dir.« Bernat streichelte das Gesicht seines Sohnes, während er weiter den Bach hinaufwatete.

Am Nachmittag machte Bernat Rast. Der Wald war so dicht geworden, dass die Bäume bis an den Bach heranreichten und den Himmel vollständig verdeckten. Er setzte sich auf einen Felsbrocken und betrachtete seine Beine, die weiß waren und aufgeweicht vom Wasser. Erst jetzt nahm er den Schmerz in seinen Füßen wahr, aber er gab nichts darauf. Er legte das Gepäck ab und band Arnau los. Der Kleine hatte die Augen geöffnet. Er vermischte Milch mit Wasser, fügte gemahlenes Getreide hinzu, rührte die Mischung um und hielt dem Kind die Schüssel an die Lippen. Arnau verzog das Gesicht. Bernat tauchte einen Finger in den Bach, tunkte ihn dann in den Brei und versuchte es erneut. Nach mehreren Versuchen reagierte Arnau und ließ sich von seinem Vater mit dem Finger füttern. Als die Schüssel leer war, schloss er die Augen und schlief ein. Bernat aß nur ein wenig Pökelfleisch. Er hätte sich gerne ausgeruht, aber er hatte noch einen weiten Weg vor sich.

»Die Höhle der Estanyols«, so hatte sein Vater sie genannt. Sie erreichten sie im Dunkeln, nachdem sie eine weitere Rast eingelegt hatten, damit Arnau etwas zu essen bekam. Man betrat die Höhle durch einen schmalen Spalt im Fels, den Bernat, sein Vater und zuvor sein Großvater von innen mit Baumstämmen verschlossen hatten, um geschützt vor Unwetter und wilden Tieren zu schlafen, wenn sie auf der Jagd waren.

Er machte ein Feuer vor dem Eingang der Höhle und ging dann mit einer Fackel hinein, um sich zu vergewissern, dass kein Tier darin hauste. Dann legte er Arnau auf ein improvisiertes Lager aus dem Sack und trockenem Reisig und fütterte ihn erneut. Der Kleine nahm die Nahrung an und fiel dann in einen tiefen Schlaf, genau wie Bernat, der nicht einmal mehr die Kraft hatte, von dem Pökelfleisch zu essen. Hier waren sie in Sicherheit vor dem Grundherrn, dachte er, bevor er die Augen schloss und, dem Atem seines Sohnes lauschend, einschlief.

Llorenç de Bellera preschte mit seinen Männern im gestreckten Galopp davon, nachdem der Schmiedemeister seinen Gehilfen tot in einer Blutlache gefunden hatte. Arnaus Verschwinden und die Tatsache, dass sein Vater auf der Burg gesehen worden war, wiesen direkt auf Bernat hin. Der Herr von Navarcles, der hoch zu Pferde vor dem Tor des Gehöfts der Estanyols wartete, lächelte, als seine Männer ihm mitteilten, dass drinnen großes Durcheinander herrsche und Bernat offensichtlich mit seinem Sohn geflohen sei.

»Nach dem Tod deines Vaters bist du noch einmal davongekommen«, presste er hervor, »aber jetzt wird all das mir gehören. Sucht ihn!«, rief er seinen Männern zu. Dann wandte er sich an seinen Verwalter: »Mach eine Aufstellung aller Güter, des Hausrats und des Viehs dieses Anwesens und gib acht, dass kein Gran Korn fehlt. Dann mach dich auf die Suche nach Bernat.«

Nach einigen Tagen wurde der Verwalter bei seinem Herrn im Burgfried vorstellig.

»Wir haben auf den übrigen Gehöften gesucht, in den Wäldern und auf den Feldern. Keine Spur von Estanyol. Er muss in eine Stadt geflohen sein, vielleicht nach Manresa oder …«

Llorenç de Bellera brachte ihn mit einer Handbewegung zum Schweigen.

»Er wird schon auftauchen. Gib den übrigen Grundherren und unseren Spitzeln in den Städten Bescheid. Sag ihnen, ein Leibeigener sei von meinem Land verschwunden und müsse ergriffen werden.«

In diesem Moment erschienen Francesca und Doña Caterina. Francesca hatte Jaume, Caterinas Sohn, auf dem Arm. Llorenç de Bellera sah sie an und verzog das Gesicht. Er brauchte sie nicht mehr. »Meine Liebe«, sagte er zu seiner Frau, »ich begreife nicht, wie Ihr es zulassen könnt, dass eine Hure meinen Sohn nährt.« Doña Caterina zuckte zusammen. »Wisst Ihr etwa nicht, dass Eure Amme es mit der gesamten Soldatenschaft treibt?«

Doña Caterina riss Francesca ihren Sohn aus den Armen.

Als Francesca erfuhr, dass Bernat mit Arnau geflohen war, fragte sie sich, was wohl aus ihrem Kleinen geworden war. Das Land und der Besitz der Estanyols gehörte nun dem Herrn de Bellera. Sie wusste nicht wohin, und solange fielen die Soldaten weiter über sie her. Ein Stück hartes Brot, etwas verfaultes Gemüse, manchmal ein Knochen zum Abnagen, das war der Preis für ihren Körper.

Keiner der zahlreichen Bauern, die zur Burg hinaufkamen, würdigte sie auch nur eines Blickes. Francesca versuchte einige Male, einen von ihnen anzusprechen, aber sie wichen ihr aus. Nach Hause zu ihren Eltern traute sie sich nicht, denn ihre Mutter hatte sie vor dem Backhaus öffentlich verstoßen, und so war sie gezwungen, in der Nähe der Burg zu bleiben, eine von vielen Bettlern, die an der Burgmauer nach Abfällen wühlten. Ihr einziges Schicksal schien es zu sein, im Gegenzug für die Essensreste des Soldaten, der sie an diesem Tag ausgewählt hatte, von Hand zu Hand zu gehen.

Es wurde September. Mit Arnau ging es allmählich aufwärts. Bernat hatte seinen Sohn bereits lächeln sehen und er machte auf allen vieren Ausflüge durch die Höhle und in die nähere Umgebung. Aber die Vorräte begannen knapp zu werden und der Winter stand vor der Tür. Es war Zeit für den Aufbruch.

4

Zu seinen Füßen lag die Stadt.

»Sieh nur, Arnau«, sagte Bernat zu dem Kind, das friedlich an seine Brust geschmiegt schlief. »Barcelona. Dort werden wir frei sein.«

Seit seiner Flucht mit Arnau hatte Bernat immerzu an diese Stadt gedacht, die große Hoffnung aller Unfreien. Bernat hatte von ihr gehört, wenn sie das Land des Herrn bestellten, die Mauern der Burg ausbesserten oder irgendeine andere Arbeit für den Herrn de Bellera verrichteten. Immer auf der Hut, um nicht von dem Verwalter oder den Soldaten gehört zu werden, hatte das Getuschel lediglich Neugier in Bernat geweckt. Er war glücklich auf seinem Land und hätte niemals seinen Vater im Stich gelassen. Er hätte auch nicht mit ihm flüchten können. Aber nachdem er sein Land verloren hatte und nachts in der Höhle den Schlaf seines Sohnes bewachte, hatten diese Worte Gestalt angenommen, bis sie von den Wänden der Höhle widerhallten.

»Wenn man es schafft, ein Jahr und einen Tag dort zu leben, ohne von seinem Grundherrn entdeckt zu werden«, erinnerte er sich, »erhält man die Bürgerschaft und ist frei.« Damals hatten alle Leibeigenen geschwiegen. Bernat hatte sie angesehen. Einige hatten mit finsterer Miene die Lippen zusammengepresst, andere hatten den Kopf geschüttelt, und wieder andere hatten gelächelt und in den Himmel geblickt.

»Und man muss nur in der Stadt leben?«, hatte ein Junge das Schweigen gebrochen. Er war einer von denen, die davon geträumt hatten, die Fesseln zu zerreißen, die sie an ihr Land ketteten. »Weshalb kann man in Barcelona die Freiheit erhalten?«

Der Älteste hatte ihm bedächtig geantwortet: »Ja, mehr ist nicht nötig. Man muss nur eine Zeit lang dort leben.«

Der Junge hatte ihn mit leuchtenden Augen gebeten weiterzuerzählen.

»Barcelona ist sehr reich. Viele Jahre lang, von Jaime dem Eroberer bis zu Pedro dem Großen, haben die Könige von der Stadt Geld für ihre Kriege und für ihren Hof gefordert. In all diesen Jahren haben die Bürger Barcelonas dieses Geld bezahlt, dafür jedoch besondere Privilegien verlangt. Schließlich schrieb Pedro der Große diese Rechte während des Krieges gegen Sizilien in einem Kodex fest.« Der Alte hatte gestockt. » Recognoverunt proceres heißt er, glaube ich. Dort steht geschrieben, dass wir die Freiheit erwerben können. Barcelona braucht Arbeiter, freie Arbeiter.«

Am nächsten Tag war der Junge nicht zu der vom Herrn festgesetzten Zeit erschienen. Und auch nicht am darauffolgenden Tag. Sein Vater aber hatte schweigend weitergearbeitet. Nach drei Monaten hatte man den Jungen, angetrieben von Peitschenhieben, in Ketten zurückgebracht. Doch alle glaubten, einen Funken Stolz in seinen Augen erkennen zu können.

Von den Höhen der Sierra de Collserola, auf der alten Römerstraße, die Ampurias mit Tarragona verband, sah Bernat der Freiheit entgegen … und erblickte das Meer! Er hatte es noch nie zuvor gesehen, hatte sich diese gewaltige Wasserfläche, die kein Ende zu haben schien, nicht einmal ausmalen können. Er wusste, dass es auf der anderen Seite dieses Meeres katalanische Besitzungen gab, das erzählten die Händler, aber vorstellen konnte er sich das nicht so recht. Zum ersten Mal sah er etwas, das kein Ende zu haben schien. »Hinter diesen Bergen.« – »Auf der anderen Seite des Flusses.« Immer hatte er Fremden, die nach dem Weg fragten, einen solchen Punkt benennen können … Er blickte zum Horizont, der mit dem Wasser verschmolz. So schaute er eine Weile in die Ferne, während er Arnaus Köpfchen streichelte, über die weichen, lockigen Haare, die ihm während der Zeit in den Bergen gewachsen waren.

Dann sah er dorthin, wo das Meer auf Land traf. Fünf Schiffe ankerten vor der kleinen Insel Maians. Bis zu diesem Tag hatte Bernat lediglich Zeichnungen von Schiffen gesehen. Zu seiner Rechten erhob sich der Berg Montjuïc, der ebenfalls vom Meer umspült wurde. Zu seinen Füßen erstreckten sich Felder und Ebenen, bis hin zu den Stadtmauern von Barcelona. Innerhalb der Mauern befanden sich Hunderte von Häusern. Einige duckten sich flach zwischen die Nachbarbauten, andere waren von majestätischer Pracht: Paläste, Kirchen, Klöster … Bernat fragte sich, wie viele Leute dort leben mochten. Die Stadt schien ihm wie ein Bienenstock. Außer zum Meer hin war sie an allen Seiten von Mauern umgeben, und jenseits der Mauern nur noch Felder. Vierzigtausend Menschen lebten hier, hatte er gehört.

»Wie soll man uns unter vierzigtausend Menschen finden?«, murmelte er und sah Arnau an. »Du wirst frei sein, mein Sohn.«

Dort konnten sie untertauchen. Er würde nach seiner Schwester suchen. Doch Bernat wusste, dass er zuerst durch die Stadttore musste. Und wenn Llorenç de Bellera seine Beschreibung ausgegeben hatte? Das Muttermal … In den drei Nächten, die er von den Bergen bis hierher gebraucht hatte, hatte er darüber nachgedacht. Er setzte sich auf den Boden und ergriff einen Hasen, den er mit der Armbrust erlegt hatte. Er schnitt ihm die Kehle durch und ließ das Blut auf seine Handfläche tropfen, in der er ein kleines Häuflein Sand hielt. Er vermischte das Blut mit dem Sand, und als die Mischung zu trocknen begann, strich er sie über sein rechtes Auge. Dann steckte er den Hasen in den Sack.

Als er merkte, dass die Paste getrocknet war und er das Auge nicht mehr öffnen konnte, begann er den Abstieg zum Stadttor Santa Anna im nördlichen Teil der westlichen Stadtmauer. Die Leute bildeten eine Schlange auf dem Weg, um in die Stadt zu gelangen. Bernat schloss sich ihnen an, wobei er leicht die Füße nachzog, während er unablässig das Kind streichelte, das mittlerweile wach war. Ein barfüßiger Bauer, der sich unter einem großen Sack Rüben beugte, wandte sich zu ihm um. Bernat lächelte ihm zu.

»Lepra!«, schrie der Bauer, ließ den Sack fallen und sprang mit einem Satz vom Weg.

Bernat sah, wie die ganze Schlange bis hin zum Stadttor sich auflöste und zu beiden Seiten in den Straßengraben zurückwich. Sie rückten von ihm ab und ließen Gegenstände und Lebensmittel, mehrere Karren und einige Maultiere vor dem Stadttor zurück. Und mittendrin tappten schreiend die Blinden umher, die vor dem Stadttor Santa Anna um Almosen bettelten.

Arnau begann zu weinen, und Bernat sah, wie die Soldaten ihre Schwerter zogen und die Tore schlossen.

»Geh zum Siechenhaus!«, schrie ihm jemand von Ferne zu.

»Es ist keine Lepra!«, protestierte Bernat. »Ich habe mir einen Ast ins Auge gestoßen. Seht her!« Bernat hob die Hände und bewegte sie. Dann setzte er Arnau ab und begann sich zu entkleiden. »Seht her!«, sagte er noch einmal und zeigte seinen kräftigen, unversehrten, makellosen Körper, ohne eine Schwäre oder eine offene Stelle. »Seht her! Ich bin nur ein Bauer, aber ich brauche einen Arzt, der mein Auge heilt, andernfalls kann ich nicht mehr arbeiten.«

Einer der Soldaten näherte sich ihm. Der Hauptmann musste ihm einen Stoß in den Rücken geben. Einige Schritte vor Bernat blieb er stehen und musterte ihn.

»Dreh dich um«, wies er ihn an, während er eine kreisende Bewegung mit dem Finger machte.

Bernat gehorchte. Der Soldat wandte sich an den Hauptmann und schüttelte den Kopf. Vom Tor deuteten sie mit dem Schwert auf Arnau, der zu Bernats Füßen saß.

»Und das Kind?«

Bernat bückte sich, um seinen Sohn hochzunehmen. Er entkleidete ihn, wobei er ihn mit der rechten Körperseite an seine Brust drückte, packte ihn am Kopf und hielt ihn so vor sich, um ihn zu zeigen; mit den Finger verdeckte er das Muttermal.

Der Soldat schüttelte erneut den Kopf, während er zum Tor hinübersah.

»Du solltest die Wunde verbinden, Bauer«, sagte er. »Andernfalls wirst du keinen Schritt in der Stadt machen können.«

Die Leute kehrten auf den Weg zurück. Das Stadttor Santa Anna wurde wieder geöffnet, und der Bauer mit den Rüben schulterte seinen Sack, ohne Bernat eines Blickes zu würdigen.

Als Bernat das Stadttor durchquerte, hatte er sich ein Hemdchen von Arnau über die Wunde gebunden. Die Soldaten sahen ihm hinterher, aber wie sollte er nun keine Aufmerksamkeit erregen, da sein halbes Gesicht von einem Hemd bedeckt war? Er ließ das Kollegiat Santa Anna zur Linken liegen und ging hinter den Leuten her, die in die Stadt strömten. Den Kopf hielt er gesenkt. Die Bauern begannen sich in der Stadt zu zerstreuen; die nackten Füße, die Riemenschuhe und die Strohsandalen verschwanden, und Bernat sah plötzlich ein Paar Beine vor sich, die in feuerroten seidenen Strümpfen steckten. Diese wiederum endeten in grünen Schuhen aus feinem Stoff, die eng an den Füßen anlagen und in zwei Spitzen ausliefen, die so lang waren, dass sie mit einem goldenen Kettchen an den Knöcheln festgebunden waren.

Er blickte auf und sah sich einem Mann mit Hut gegenüber. Dieser trug ein mit Gold- und Silberfaden verziertes Gewand, einen gleichfalls goldbestickten Gürtel sowie Perlen und Edelsteine. Bernat starrte ihn mit offenem Mund an. Der Mann wandte sich ihm zu, sah jedoch durch ihn hindurch, als ob er nicht existierte.

Bernat zögerte, schlug die Augen wieder nieder und atmete erleichtert auf, als er sah, dass der Mann ihm nicht die geringste Aufmerksamkeit schenkte. Er ging bis zur Kathedrale, die sich noch im Bau befand, und allmählich begann er den Kopf zu heben. Niemand beachtete ihn. Eine Weile sah er zu, wie die Tagelöhner an der Kirche arbeiteten: Sie klopften Steine, liefen auf hohen Gerüsten herum, hievten riesige Steinquader mit Kränen nach oben … Dann begann Arnau zu weinen und verlangte seine Aufmerksamkeit.

»Guter Mann«, wandte er sich an einen Arbeiter, der an ihm vorbeiging, »wo finde ich das Töpferviertel?« Seine Schwester Guiamona hatte einen Töpfer geheiratet.

»Geh diese Straße entlang«, antwortete ihm der Mann in Eile, »bis du zum nächsten Platz kommst, der Plaza de Sant Jaume. Dort siehst du einen Brunnen. Halte dich rechts und geh weiter bis zur neuen Stadtmauer am Portal de la Boquería. Aber dort gehst du nicht ins Raval, sondern immer an der Mauer entlang in Richtung Meer bis zum nächsten Stadttor, dem Portal de Trentaclaus. Dort ist das Töpferviertel.«

Bernat versuchte vergeblich, sich all diese Namen zu merken, aber als er noch einmal nachfragen wollte, war der Mann bereits verschwunden.

»Geh diese Straße entlang bis zur Plaza de Sant Jaume«, sagte er zu Arnau. »Daran erinnere ich mich noch. Auf dem Platz biegen wir nach rechts ab, daran erinnern wir uns auch noch, nicht wahr, mein Sohn?«

Arnau hörte auf zu weinen, sobald er die Stimme seines Vaters hörte.

»Und jetzt?«, fragte Bernat laut. Sie standen auf einem anderen Platz, der Plaza de Sant Miquel. »Dieser Mann hat nur von einem Platz gesprochen. Aber wir können nicht falsch gegangen sein.«

Bernat versuchte einige Leute zu fragen, doch niemand blieb stehen.

»Alle haben es eilig«, sagte er zu Arnau, als er einen Mann vor – ja, vor was? einer Burg? – stehen sah. »Der da scheint keine Eile zu haben. Vielleicht … Guter Mann«, rief er ihm zu, während er an seinem schwarzen Umhang zupfte.

Selbst Arnau, der sich an seine Brust klammerte, zuckte zusammen, als der Mann sich umdrehte, so sehr erschrak Bernat.

Der alte Jude schüttelte nachsichtig den Kopf. »Sprich«, sagte er zu ihm.

Bernat konnte den Blick nicht von dem gelben Zeichen wenden, das auf der Brust des alten Mannes prangte. Dann warf er einen Blick in das, was er für eine befestigte Burg gehalten hatte. Alle, die dort ein und aus gingen, waren Juden! Alle trugen dieses Zeichen. Ob es erlaubt war, mit ihnen zu sprechen?

»Willst du etwas?«, fragte der Alte noch einmal.

»Wie … wie komme ich ins Töpferviertel?«

»Folge dieser Straße«, wies ihm der alte Mann die Richtung, »dann kommst du zum Portal de la Boquería. Folge der Mauer in Richtung Meer, und am nächsten Stadttor ist das Viertel, nach dem du suchst.«

Bernat hatte gehört, dass man keine fleischlichen Beziehungen mit Juden unterhalten dürfe. Deswegen zwang die Kirche sie, dieses Zeichen zu tragen, damit niemand behaupten konnte, er habe nicht gewusst, dass es sich um einen Juden handelte. Die Priester sprachen stets voller Empörung über diese Leute, doch dieser alte Mann …

»Danke, guter Mann«, sagte Bernat und lächelte vorsichtig.

»Ich danke dir«, antwortete dieser, »doch in Zukunft gib acht, dass man dich nicht mit einem von uns sprechen sieht, geschweige denn mit einem Lächeln.«

Der alte Mann verzog schmerzlich den Mund.

Am Portal de la Boquería sah Bernat eine große Anzahl von Frauen, die Fleisch kauften, Hühnerklein und Ziegenfleisch. Er sah ein Weilchen zu, wie sie die Ware prüften und mit den Händlern feilschten. »Das ist das Fleisch, das unserem Herrn solche Probleme macht«, sagte er zu dem Kind. Dann lachte er bei dem Gedanken an Llorenç de Bellera. Wie oft hatte er gesehen, wie dieser versucht hatte, die Hirten und Viehzüchter einzuschüchtern, die ihr Fleisch in die gräfliche Stadt lieferten! Aber mehr hatte er nicht gewagt, als ihnen mit seinen Pferden und seinen Soldaten Angst einzujagen. Wer Vieh nach Barcelona lieferte, hatte Weiderecht im gesamten Prinzipat, denn es durften nur lebende Tiere in die Stadt gebracht werden.

Bernat machte einen Bogen um den Markt und ging hinunter zum Portal de Trentaclaus. Hier waren die Straßen schmaler, und als er zu dem Stadttor kam, bemerkte er, dass vor den Häusern Dutzende von Keramikgegenständen trockneten, Teller, Schüsseln, Töpfe, Krüge oder Ziegel.

»Ich suche das Haus von Grau Puig«, sagte er zu einem der Soldaten, die das Stadttor bewachten.

Die Puigs waren Nachbarn der Estanyols gewesen. Bernat erinnerte sich an Grau, den vierten von acht Söhnen, die von dem wenigen Land, das die Puigs besaßen, nicht satt wurden. Seine Mutter hatte die Leute sehr geschätzt, weil die Mutter der Puigs ihr bei der Geburt von Bernat geholfen hatte. Grau war der Klügste und Fleißigste der acht. Deshalb war Josep Puigs Wahl auf den damals Zehnjährigen gefallen, als ein Verwandter sich angeboten hatte, einen seiner Söhne als Töpferlehrling in Barcelona anzunehmen.

Doch da Josep Puig schon kaum seine Familie ernähren konnte, hätte er nur schwerlich die zwei Scheffel Weizen und die zehn Sueldos aufbringen können, die sein Verwandter für die fünf Lehrjahre forderte. Dazu kamen noch die zwei Sueldos, die Llorenç de Bellera dafür verlangte, dass er einen seiner Untertanen freigab, und die Kleidung, die Grau während der ersten beiden Jahre benötigte. Im Lehrvertrag verpflichtete sich der Meister lediglich, diesen in den letzten drei Jahren einzukleiden.

Deshalb war Puig in Begleitung seines Sohnes Grau, der etwas älter war als Bernat und seine Schwester, auf dem Hof der Estanyols vorstellig geworden. Der verrückte Estanyol hörte sich Josep Puigs Vorschlag aufmerksam an: Wenn er seiner Tochter die verlangten Dinge als Mitgift gab und diese Grau im Voraus aushändigte, würde sein Sohn mit achtzehn Jahren, wenn er Töpfergeselle war, die Ehe mit Guiamona eingehen. Der verrückte Estanyol sah Grau an. Manchmal, wenn seine Familie nicht mehr ein noch aus gewusst hatte, hatte der Junge ihnen bei der Feldarbeit geholfen. Er hatte nie um etwas gebeten, aber er war immer mit einem bisschen Gemüse oder Getreide nach Hause zurückgekehrt. Der verrückte Estanyol hatte Vertrauen in ihn, und so ging er auf den Vorschlag ein.

Nach fünf harten Lehrjahren war Grau Geselle geworden. Er tat, was sein Meister von ihm verlangte, und zufrieden mit seinen Leistungen, begann dieser ihm einen Lohn zu zahlen. Mit achtzehn Jahren löste Grau sein Versprechen ein und heiratete Guiamona.

»Junge«, hatte sein Vater damals zu Bernat gesagt, »ich habe beschlossen, Guiamona noch einmal eine Mitgift zu geben. Wir sind nur zu zweit und haben das beste, größte und fruchtbarste Land in der ganzen Gegend. Sie können das Geld gut gebrauchen.«

»Aber Vater«, war ihm Bernat ins Wort gefallen, »weshalb rechtfertigt Ihr Euch?«

»Weil deine Schwester ihre Mitgift schon bekommen hat und du mein Erbe bist. Es ist dein Geld.«

»Tut das, was Ihr für richtig haltet.«

Vier Jahre später, mit zweiundzwanzig, stellte sich Grau der öffentlichen Prüfung, die von den vier Zunftmeistern abgenommen wurde. Unter den aufmerksamen Blicken der Männer fertigte er seine ersten eigenen Stücke an, einen Krug, zwei Teller und eine Schüssel, und wurde von ihnen zum Meister ernannt. Dies ermöglichte es ihm, eine eigene Werkstatt in Barcelona zu eröffnen und natürlich das Meisterzeichen zu verwenden, das für eventuelle Reklamationen in jede Keramik geprägt werden musste, die seine Werkstatt verließ. Grau wählte in Anlehnung an seinen Nachnamen einen stilisierten Berg.

Grau und Guiamona, die ein Kind erwartete, bezogen ein kleines eingeschossiges Häuschen im Töpferviertel, das auf königliche Anordnung im äußersten Westen der Stadt lag, zwischen der von König Jaime I. errichteten Stadtmauer und dem alten Festungsring der Stadt. Sie kauften das Haus von Guiamonas Mitgift, die sie für einen solchen Zweck zurückgelegt hatten.

In diesem Haus, in dem sich die Werkstatt im Wohnraum befand und der Brennofen in der Schlafkammer stand, begann Grau zu einem Zeitpunkt mit seinem Gewerbe, als sich der Handel in Katalonien im Aufschwung befand. Von den Handwerkern wurde verlangt, sich zu spezialisieren, was viele von ihnen, die in der Tradition verhaftet waren, verweigerten.

»Wir werden Krüge und Karaffen machen«, beschloss Grau, »nur Krüge und Karaffen.«

Guiamona betrachtete die vier Meisterstücke, die ihr Mann angefertigt hatte.

»Ich habe viele Händler gesehen«, fuhr ihr Mann fort, »die förmlich um Karaffen für Öl, Honig oder Wein bettelten, und Töpfermeister, die sie ohne Umschweife wieder wegschickten, weil sie ihre Öfen brauchten, um komplizierte Kacheln für ein neues Haus zu brennen, bunt glasierte Teller für das Tafelgeschirr eines Adligen oder Tiegel für einen Apotheker.«

Guiamona fuhr mit den Fingern über die Meisterstücke. Wie glatt sie waren! Als Grau sie ihr in seinem Glück nach seiner Prüfung geschenkt hatte, hatte sie geglaubt, dass sie stets von solchen Dingen umgeben sein würde. Sogar die Zunftmeister hatten ihm gratuliert. Mit diesen vier Stücken hatte Grau allen Töpfermeistern gezeigt, dass er sein Handwerk beherrschte. Der Krug, die beiden Teller und die Schüssel waren mit Zickzacklinien, Palmblättern, Rosetten und Lilien verziert und vereinten auf einer vorab aufgetragenen weißen Grundierung alle Farben auf sich: das für Barcelona so typische Kupfergrün, das auf keinem Meisterstück der gräflichen Stadt fehlen durfte, Manganrot, Eisenschwarz, Kobaltblau und Antimonatgelb. Jede Linie und jede Verzierung war in einer anderen Farbe gehalten. Guiamona hatte es kaum abwarten können, bis die Stücke gebrannt waren, aus Angst, sie könnten im Ofen zerspringen. Zum Schluss hatte Grau eine Bleiglasur aufgetragen, die sie vollständig versiegelte. Guiamona spürte erneut die glatte Oberfläche unter ihren Fingerkuppen. Und nun wollte er nur noch Krüge anfertigen.

Grau trat zu seiner Frau.

»Mach dir keine Sorgen«, beruhigte er sie, »für dich werde ich weiterhin solche Sachen machen.«

Grau war erfolgreich. Er füllte den Brennofen seiner kleinen Werkstatt mit Krügen und Karaffen, und bald wussten die Händler, dass sie bei Grau Puig jederzeit alles bekamen, was sie brauchten. Niemand musste mehr bei überheblichen Töpfermeistern betteln.

Und so unterschied sich das Haus, vor dem Bernat nun stand, während der kleine Arnau wach geworden war und nach seinem Essen verlangte, ganz erheblich von jener ersten Werkstatt. Soweit Bernat mit seinem linken Auge erkennen konnte, handelte es sich um ein großes, zweistöckiges Gebäude. Im Erdgeschoss, das zur Straße hin offen war, befand sich die Töpferei. In den beiden darüberliegenden Stockwerken wohnte der Meister mit seiner Familie. Neben dem Haus gab es ein Gemüsebeet und einen Garten, und auf der anderen Seite Nebengebäude, in denen sich die Brennöfen befanden, sowie ein Platz, wo unzählige Krüge und Karaffen in allen Formen, Größen und Farben zum Trocknen in der Sonne lagen. Hinter dem Haus befand sich eine Freifläche, wo der Ton und andere Materialien entladen und gelagert wurden, wie es städtische Vorschrift war. Dort wurden auch die Asche und andere Rückstände aus den Brennöfen aufbewahrt, denn es war den Töpfern verboten, diese einfach auf die Straße zu kippen.

In der Werkstatt, die von der Straße aus einsehbar war, arbeiteten zehn Mann. Ihrem Aussehen nach war keiner von ihnen der Meister. Bernat sah, wie sich vor der Tür neben einem mit neuen Krügen beladenen Ochsenkarren zwei Männer voneinander verabschiedeten. Einer von ihnen stieg auf den Karren und fuhr los. Der andere war gut gekleidet, und bevor er in die Werkstatt zurückkehren konnte, rief Bernat nach ihm.

»Wartet!«

Der Mann sah zu, wie Bernat näher kam.

»Ich suche Grau Puig«, erklärte dieser.

Der Mann musterte ihn von oben bis unten.

»Falls du Arbeit suchst, wir brauchen niemanden. Der Meister hat keine Zeit zu vergeuden«, sagte er dann missgelaunt, »und ich auch nicht.«

Mit diesen Worten kehrte er ihm den Rücken zu.

»Ich bin ein Verwandter des Meisters.«

Der Mann erstarrte und fuhr dann herum.

»Hat dir der Meister nicht schon genug Geld gegeben? Warum gibst du nicht endlich Ruhe?«, grummelte er, während er Bernat einen Schubs gab. Arnau begann zu weinen. »Du hast es doch gehört: Wenn du dich noch einmal hier blicken lässt, zeigen wir dich an. Grau Puig ist ein einflussreicher Mann.«

Bernat war zurückgewichen, während der Mann ihn vor sich her stieß. Er wusste nicht, wovon er sprach.

»Hört mich an«, verteidigte er sich, »ich …«

Arnau weinte.

»Hast du mich nicht verstanden?«, überbrüllte der Mann Arnaus Geschrei.

Doch dann kam aus einem der Fenster im Obergeschoss ein Schrei, der noch lauter war.

»Bernat! Bernat!«

Bernat und der Mann sahen zu der Frau hinauf, die mit dem Oberkörper aus dem Fenster lehnte und winkte.

»Guiamona!«, rief Bernat zurück.

Die Frau verschwand, und Bernat wandte sich wieder dem Mann zu, der die Augen zusammengekniffen hatte.

»Du kennst Doña Guiamona?«, fragte er ihn.

»Sie ist meine Schwester«, antwortete Bernat trocken. »Und damit du es weißt, mir hat niemand jemals irgendwelches Geld gegeben.«

»Es tut mir leid«, entschuldigte sich der Mann mit hochrotem Kopf. »Ich meinte die Brüder des Meisters: Erst kommt der eine, dann der nächste, und dann noch einer und noch einer.«

Als Bernat seine Schwester aus dem Haus kommen sah, ließ er den Mann einfach stehen und lief zu ihr hin, um sie zu umarmen.

»Und Grau?«, fragte Bernat seine Schwester, nachdem sie es sich bequem gemacht hatten. Zuvor hatte er sich das Blut vom Auge gewischt, Arnau der maurischen Sklavin übergeben, die sich um die kleinen Kinder von Guiamona kümmerte, und zugesehen, wie der Junge eine Schüssel Milch mit Getreide gegessen hatte. »Ich würde ihn gerne in die Arme schließen.«

Guiamona verzog das Gesicht.

»Was ist los?«, wunderte sich Bernat.

»Grau hat sich sehr verändert. Er ist jetzt wohlhabend und einflussreich.«

Guiamona wies auf die zahlreichen Truhen, die entlang der Wände standen, einen Schrank – ein Möbelstück, das Bernat noch nie zuvor gesehen hatte – mit einigen Büchern und Keramiken, die Teppiche, die den Boden zierten, und die Vorhänge, die vor den Fenstern hingen.

»Er kümmert sich kaum noch um die Werkstatt und den Verkauf; das macht Jaume, sein erster Geselle, den du auf der Straße getroffen hast. Grau handelt jetzt mit Schiffen, Wein und Öl. Er ist Zunftmeister und ein angesehener Mann in der Stadt, und er will unbedingt in den Rat der Hundert gewählt werden.«

Guiamona ließ ihren Blick durchs Zimmer schweifen.

»Er ist nicht mehr der Alte, Bernat.«

»Du hast dich auch sehr verändert«, unterbrach Bernat sie.

Guiamona sah an ihrem füllig gewordenen Körper hinunter und nickte lächelnd.

»Dieser Jaume«, hakte Bernat nach, »hat etwas über Graus Verwandte gesagt. Was meinte er damit?«

Guiamona schüttelte den Kopf, bevor sie antwortete.

»Nun, er meinte, dass sie alle in der Werkstatt aufgetaucht sind, als sie erfuhren, dass ihr Bruder zu Geld gekommen war. Brüder, Vettern und Neffen flohen von ihrem Land, um Graus Hilfe zu erbitten.«

Guiamona entging der Gesichtsausdruck ihres Bruders nicht.

»Du etwa auch …?«

Bernat nickte.

»Aber … du hattest so ein wunderbares Stück Land!«

Guiamona konnte die Tränen nicht zurückhalten, während Bernat seine Geschichte erzählte. Als er ihr von dem Jungen in der Schmiede berichtete, stand sie auf und kniete neben dem Stuhl nieder, auf dem ihr Bruder saß.

»Aber das erzählst du niemandem«, riet sie ihm. Dann hörte sie ihm weiter zu, den Kopf an sein Bein angeschmiegt.

»Mach dir keine Sorgen«, schluchzte sie, als Bernat mit seiner Erzählung zu Ende war. »Wir werden dir helfen.«

»Aber Schwester«, sagte Bernat, während er ihr über den Kopf strich, »wie wollt ihr mir helfen, wenn Grau nicht einmal seinen eigenen Brüdern geholfen hat?«

»Weil du anders bist!«, flüsterte Guiamona schniefend.

Es war bereits dunkel, als ihr Mann nach Hause kam. Der kleine, schmale Grau kam aufgeregt schimpfend die Treppe hinauf. Guiamona hatte auf ihn gewartet und hörte ihn kommen. Jaume hatte Grau über die neue Situation informiert: »Euer Schwager schläft in der Scheune bei den Lehrlingen und das Kind … bei Euren Kindern.«

Grau ging wütend auf seine Frau los, als sie ihm entgegentrat.

»Wie konntest du es wagen?«, schrie er sie an, nachdem er sich ihre ersten Erklärungen angehört hatte. »Er ist ein Leibeigener auf der Flucht! Weißt du, was es bedeuten würde, wenn man einen Flüchtigen in meinem Haus fände? Mein Ruin! Es wäre mein Ruin!«

Guiamona hörte ihm zu, ohne ihn zu unterbrechen, während er vor ihr auf und ab lief und mit den Händen fuchtelte. Sie war einen Kopf größer als er.

»Du bist verrückt! Ich habe meine eigenen Brüder auf Schiffen in die Fremde geschickt. Ich habe den Frauen meiner Familie Mitgift gegeben, damit sie Männer von anderswo heiraten. Und das alles, damit niemand etwas dieser Familie anhaben kann. Und jetzt kommst du … Warum sollte ich bei deinem Bruder anders handeln?«

»Weil mein Bruder anders ist!«, schrie sie zu seiner Überraschung.

Grau zögerte.

»Was … was willst du damit sagen?«

»Das weißt du ganz genau. Ich glaube nicht, dass ich dich daran erinnern muss.«

Grau senkte den Blick.

»Gerade heute«, murmelte er, »habe ich mich mit einem der fünf Ratsherren der Stadt getroffen, damit man mich als Zunftmeister in den Rat der Hundert wählt. Es sieht so aus, als hätte ich drei der fünf Ratsherren auf meiner Seite. Kannst du dir vorstellen, was meine Gegner sagen werden, wenn sie erfahren, dass ich einem flüchtigen Leibeigenen Unterschlupf gewährt habe?«

Guiamona sagte sanft zu ihrem Mann: »Wir verdanken ihm alles.«

»Ich bin nur ein Handwerker, Guiamona. Reich, aber ein Handwerker. Die Adligen verachten mich, und die Händler hassen mich, auch wenn sie mit mir zusammenarbeiten. Wenn sie herausbekommen, dass wir einen Flüchtigen aufgenommen haben … Weißt du, was die adligen Grundherren dazu sagen würden?«

»Wir verdanken ihm alles«, wiederholte Guiamona.

»Gut, dann geben wir ihm Geld und er soll verschwinden.«

»Was er braucht, ist die Freiheit. Ein Jahr und einen Tag.«

Grau wanderte erneut nervös im Zimmer auf und ab. Dann schlug er die Hände vors Gesicht.

»Wir können nicht«, sagte er. »Wir können nicht, Guiamona.« Er sah sie an. »Stell dir vor …«

»Stell dir vor! Stell dir vor!«, fiel sie ihm ins Wort und erhob erneut die Stimme. »Stell dir vor, was geschieht, wenn wir ihn wegschicken, die Häscher Llorenç de Belleras oder deine eigenen Feinde ihn festnehmen und erfahren, dass du alles ihm verdankst, einem flüchtigen Leibeigenen, der einer Mitgift zustimmte, die mir nicht zustand.«

»Willst du mir drohen?«

»Nein, Grau, nein. Aber es steht geschrieben. Alles steht geschrieben. Wenn du es nicht aus Dankbarkeit tun willst, dann tu es für dich selbst. Es ist besser, wenn du ihn unter Kontrolle hast. Bernat wird Barcelona nicht verlassen. Alles, was er will, ist die Freiheit. Wenn du ihn nicht aufnimmst, laufen ein flüchtiger Bauer und ein Kind durch Barcelona, beide mit demselben Muttermal am rechten Auge wie ich, hilflos deinen Gegnern ausgeliefert, die du so fürchtest.«

Grau Puig sah seine Frau eindringlich an. Er wollte etwas erwidern, winkte dann aber ab. Er verließ den Raum, und Guiamona hörte ihn die Treppe zum Schlafzimmer hinaufgehen.

5

»Dein Sohn wird im großen Haus bleiben. Doña Guiamona wird sich um ihn kümmern. Wenn er alt genug ist, kann er als Lehrling in der Werkstatt anfangen.«

Bernat hörte nicht länger, was Jaume sagte. Der Geselle hatte bei Tagesanbruch in der Schlafkammer der Scheune gestanden. Sklaven und Lehrburschen waren wie vom Dämon besessen von ihren Strohsäcken aufgesprungen und waren schiebend und rempelnd hinausgelaufen. Bernat dachte, dass Arnau hier gut aufgehoben war und später ein Lehrling sein würde, ein freier Mann mit einem ehrbaren Beruf.

»Hast du verstanden?«, fragte ihn der Geselle.

Als Bernat schwieg, entfuhr Jaume ein Fluch.

»Verdammtes Bauernpack!«

Bernat war kurz davor, sich auf ihn zu stürzen, doch das Grinsen auf Jaumes Gesicht hielt ihn davon ab.

»Versuch es nur«, sagte er. »Tu es, und deine Schwester hat niemanden mehr, an den sie sich halten kann. Ich wiederhole dir noch einmal das Wichtigste, Bauer: Du wirst von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang arbeiten, wie alle anderen. Dafür erhältst du ein Bett, Essen und Kleidung … und Doña Guiamona sorgt für deinen Sohn. Der Zutritt zum Haus ist dir untersagt. Unter keinen Umständen darfst du es betreten. Es ist dir außerdem verboten, die Werkstatt zu verlassen, bis das Jahr und der Tag vergangen sind, die du brauchst, damit man dir die Freiheit gewährt. Wenn ein Fremder die Werkstatt betritt, musst du dich verstecken. Du darfst niemandem von deiner Situation erzählen, nicht einmal den Leuten hier, obwohl … mit diesem Muttermal …« Jaume schüttelte den Kopf. »Das ist die Abmachung, die der Meister mit Doña Guiamona getroffen hat. Bist du damit einverstanden?«

»Wann kann ich meinen Sohn sehen?«, fragte Bernat.

»Das ist nicht meine Sache.«

Bernat schloss die Augen. Als sie Barcelona zum ersten Mal gesehen hatten, hatte er Arnau die Freiheit versprochen. Sein Sohn sollte nicht der Sklave eines Herrn sein wie er.

»Was muss ich tun?«, fragte er schließlich.

Die Brennöfen mit Holz befeuern, mit Hunderten, Tausenden von Holzscheiten, damit die Öfen immer arbeiteten. Und dafür sorgen, dass diese nie verloschen. Ton schleppen und aufräumen, den Lehm entfernen, Tonstaub aufkehren und Asche schippen. Immer und immer wieder im Schweiße seines Angesichts Asche und Staub in den Hinterhof schleppen. Wenn er mit Staub und Asche bedeckt zurückkam, war die Werkstatt erneut schmutzig, und die Arbeit begann von vorne. Die Krüge zusammen mit den Sklaven zum Trocknen in die Sonne bringen, stets bewacht von den aufmerksamen Blicken Jaumes, der brüllend zwischen ihnen umherlief, Backpfeifen unter den jungen Lehrlingen austeilte und die Sklaven misshandelte, bei denen er ohne zu zögern die Peitsche einsetzte, wenn etwas nicht zu seiner Zufriedenheit war.

Als ihnen einmal ein großes Gefäß aus den Händen fiel, das sie gerade in die Sonne tragen wollten, und über den Boden rollte, schlug Jaume mit der Peitsche auf die Schuldigen ein. Dabei war das Gefäß nicht einmal zerbrochen, aber der Verwalter brüllte wie von Sinnen und hieb erbarmungslos auf die drei Sklaven ein, die es gemeinsam mit Bernat geschleppt hatten. Irgendwann erhob er die Peitsche auch gegen Bernat.

»Wenn du das tust, bringe ich dich um«, drohte ihm dieser ganz ruhig.

Jaume zögerte. Dann lief er rot an und schlug mit der Peitsche nach den anderen, die sich bereits beeilt hatten, ausreichend Abstand zu bekommen. Jaume rannte ihnen hinterher. Als er ihn davonlaufen sah, atmete Bernat tief durch.

Dennoch schuftete er hart, ohne dass ihn jemand züchtigen musste. Er aß, was man ihm vorsetzte. Er hätte der dicken Frau, die ihnen das Essen brachte, gerne gesagt, dass seine Hunde besser ernährt worden waren, aber als er sah, wie gierig sich die Lehrjungen und die Sklaven über die Schüsseln hermachten, beschloss er zu schweigen. Er schlief im Gemeinschaftsschlafraum auf einem Strohsack, unter dem er seine wenigen Habseligkeiten und das Geld aufbewahrte, das ihm geblieben war. Aber die Auseinandersetzung mit Jaume schien ihm den Respekt der Sklaven und Lehrlinge und auch der übrigen Gesellen eingebracht zu haben, und so schlief Bernat ruhig, trotz der Flöhe, des Schweißgestanks und des Schnarchens ringsum.

Er ertrug das alles für die zweimal in der Woche, die ihm die maurische Sklavin den zumeist schlafenden Arnau nach unten brachte, wenn Guiamona sie nicht mehr benötigte. Bernat nahm ihn in die Arme und sog seinen Duft nach sauberen Kleidern und Kinderöl ein. Dann schob er vorsichtig, um ihn nicht zu wecken, die Kleider beiseite, um seine Ärmchen und Beinchen und das runde Bäuchlein zu betrachten. Er wuchs und gedieh. Bernat wiegte seinen Sohn in den Armen und sah Habiba an, die junge Maurin, um sie stumm um etwas mehr Zeit zu bitten. Manchmal versuchte er ihn zu streicheln, aber seine schwieligen Hände schadeten der zarten Kinderhaut, und Habiba nahm ihm den Kleinen sofort wieder weg. Im Laufe der Wochen gelangte er zu einem stummen Einverständnis mit der Maurin – sie sprach nie mit ihm –, und Bernat streichelte mit dem Handrücken über die rosigen Wangen des Kleinen. Wenn das Mädchen ihm schließlich bedeutete, den Jungen zurückzugeben, küsste er ihn auf die Stirn, bevor er ihn ihr überreichte.

Im Laufe der Monate stellte Jaume fest, dass Bernat sinnvollere Aufgaben in der Werkstatt übernehmen konnte. Die beiden hatten sich zu respektieren gelernt.

»Die Sklaven haben keinen Verstand im Kopf«, berichtete der Verwalter Grau Puig. »Sie arbeiten nur aus Angst vor der Peitsche, sie geben überhaupt nicht acht. Euer Schwager hingegen …«

»Sag nicht, dass er mein Schwager ist!«, unterbrach ihn Grau wieder einmal, da sich Jaume nur zu gerne seinem Meister gegenüber diese Spitze herausnahm.

»Der Bauer«, verbesserte sich der Verwalter mit vorgetäuschter Verlegenheit, »der Bauer hingegen ist anders. Er zeigt Interesse selbst an den niedersten Arbeiten. Er reinigt die Öfen, wie sie noch nie …«

»Und was schlägst du vor?«, unterbrach ihn Grau erneut, ohne von den Papieren aufzublicken, die er gerade durchsah.

»Nun, man könnte ihm Aufgaben mit größerer Verantwortung übertragen, und so billig, wie er uns kommt …«

Bei diesen Worten sah Grau den Verwalter an.

»Täusch dich nicht«, sagte er. »Er hat uns kein Geld gekostet wie die Sklaven, er erhält auch keinen Lehrvertrag und muss nicht entlohnt werden wie die Gesellen. Aber er ist der teuerste Arbeiter, den ich je hatte.«

»Ich meinte ja auch nur …«

»Ich weiß, was du meintest.« Grau widmete sich wieder seinen Papieren. »Tu, was du für richtig hältst, aber lass dir eines gesagt sein: Der Bauer darf nie vergessen, wo sein Platz in dieser Werkstatt ist. Andernfalls werfe ich dich hinaus, und du wirst niemals Meister werden. Hast du mich verstanden?«

Jaume nickte, doch von diesem Tag an arbeitete Bernat direkt den Gesellen zu. Er stand sogar über den Lehrlingen, die nicht in der Lage waren, mit den großen, schweren Formen aus feuerfestem Ton zurechtzukommen, die auf die richtige Temperatur gebracht werden mussten, um das Steingut oder die Keramik zu brennen. Mit diesen wurden große, bauchige Krüge mit kleiner Öffnung, schmalem Hals und flachem Boden gefertigt, die bis zu zweihundertachtzig Liter fassten und zum Transport von Getreide oder Wein gedacht waren. Bislang hatte Jaume diese Arbeit mindestens zweien seiner Gesellen übertragen müssen. Mit Bernats Hilfe genügte einer für den gesamten Vorgang: Die Form musste gefertigt und gebrannt werden, dann wurde eine Schicht aus Zinn- und Bleioxid als Schmelzmittel auf die Krüge aufgetragen, und diese wurden ein zweites Mal bei geringerer Temperatur gebrannt, damit sich Zinn und Blei miteinander verbanden und die Krüge mit einer harten weißen Glasur überzogen.

Jaume war zufrieden mit seiner Entscheidung: Die Produktion der Werkstatt hatte sich beträchtlich gesteigert und Bernat arbeitete weiterhin mit der gleichen Sorgfalt wie zuvor. »Besser sogar als jeder der Gesellen!«, musste er eines Tages eingestehen, als er zu Bernat und dem zuständigen Gesellen ging, um das Meistersiegel auf den Boden eines neuen Krugs zu prägen.

Jaume versuchte die Gedanken zu erraten, die sich hinter dem Blick des Bauern verbargen. Es war weder Hass in seinen Augen, noch schien er nachtragend zu sein. Er fragte sich, was ihm widerfahren war, dass es ihn hierher verschlagen hatte. Er war nicht wie die anderen Verwandten des Meisters, die in der Töpferei erschienen waren. Sie alle hatten sich für Geld kaufen lassen, Bernat hingegen … Wie er seinen Sohn streichelte, wenn die Maurin ihn zu ihm brachte! Er wollte die Freiheit und arbeitete dafür härter als jeder andere.

So vergingen das Jahr und der eine Tag, die nötig waren, um Bernat und seinem Sohn das Ende der Leibeigenschaft zu bringen. Grau Puig erhielt den erwünschten Sitz im Rat der Hundert der Stadt. Aber Jaume konnte keine Veränderung an dem Bauern bemerken. Ein anderer hätte seine Bürgerrechte eingefordert und sich auf der Suche nach Vergnügungen und Frauen in die Straßen Barcelonas gestürzt, doch Bernat tat nichts dergleichen. Was war mit dem Bauern los?

Bernat wurde den Gedanken an den Jungen aus der Schmiede nicht los. Er fühlte sich nicht schuldig, denn dieser Unglücksrabe hatte ihm den Weg zu seinem Sohn verstellt. Aber wenn er tot war … Er konnte sich zwar von dem Joch seines Herrn befreien, aber auch nach einer Frist von einem Jahr und einem Tag war er nicht vor der Bestrafung wegen Mordes losgesprochen. Guiamona hatte ihm geraten, keinem davon zu erzählen, und so hatte er es gehalten. Er durfte kein Risiko eingehen. Vielleicht hatte Llorenç de Bellera nicht nur Befehl gegeben, ihn wegen Landflucht zu verhaften, sondern auch wegen Mordes. Was würde aus Arnau, wenn man ihn festnahm? Auf Mord stand die Todesstrafe.

Sein Sohn wuchs und gedieh prächtig. Er sprach noch nicht, aber er lief bereits und gluckste fröhlich vor sich hin. Obwohl Grau immer noch nicht das Wort an ihn richtete, hatte Bernat sich durch seine neue Position in der Werkstatt – um die sich Grau nicht kümmerte, weil er mit seinen Geschäften und Aufträgen beschäftigt war – noch mehr Achtung erworben. Mit dem stillschweigenden Einverständnis Guiamonas, die aufgrund der neuen Situation ihres Mannes ebenfalls sehr beschäftigt war, brachte ihm die Maurin das Kind, das nun meist wach war, öfter als früher vorbei.

Bernat durfte sich nicht in der Stadt blicken lassen, wollte er nicht die Zukunft seines Sohnes zerstören.

 

ZWEITER TEIL

DIENER DES ADELS

6

Weihnachten 1329

Barcelona

Arnau war nun acht Jahre alt und hatte sich zu einem aufgeweckten Jungen entwickelt. Das lange, kastanienbraune Haar fiel ihm lockig auf die Schultern und umrahmte ein hübsches Gesicht, in dem die großen, klaren, honigfarbenen Augen hervorstachen.

Grau Puigs Haus war weihnachtlich geschmückt. Der Töpfermeister, der im Alter von zehn Jahren dank der Hilfe eines großzügigen Nachbarn den väterlichen Grund und Boden verlassen konnte, hatte seinen Weg in Barcelona gemacht. Nun wartete er gemeinsam mit seiner Frau auf das Eintreffen der Gäste.

»Sie kommen, um mir ihre Ehrerbietung zu erweisen«, sagte er zu Guiamona. »Wann hat man schon einmal gesehen, dass Adlige und Händler das Haus eines Handwerkers betreten?«

Sie beschränkte sich darauf, ihm zuzuhören.

»Selbst der König unterstützt mich. Verstehst du? Der König! König Alfons.«

An diesem Tag wurde in der Werkstatt nicht gearbeitet. Bernat und Arnau saßen trotz der Kälte draußen auf dem Boden und beobachteten von dem Platz aus, auf dem die Krüge lagerten, das unablässige Kommen und Gehen der Sklaven, Gesellen und Lehrburschen. In den vergangenen acht Jahren hatte Bernat keinen Fuß mehr ins Haus der Puigs gesetzt. Doch das machte ihm nichts aus, sagte er sich, während er Arnaus Haar streichelte. Da saß, an ihn geschmiegt, sein Sohn – was wollte er mehr? Der Junge aß und lebte bei Guiamona und wurde sogar gemeinsam mit Graus Kindern von einem Lehrer im Lesen, Schreiben und Rechnen unterwiesen. Doch er wusste, dass Bernat sein Vater war, denn Guiamona hatte dafür gesorgt, dass er es nicht vergaß. Was Grau anging, so behandelte er seinen Neffen mit absoluter Gleichgültigkeit.

Arnau benahm sich gut im Haus. Bernat hatte ihn immer wieder dazu ermahnt. Wenn er lachend in die Werkstatt stürmte, erhellte sich Bernats Gesicht. Die Sklaven und die Gesellen, selbst Jaume, beobachteten mit einem Lächeln auf den Lippen, wie der Junge auf den Vorplatz gerannt kam, um dort zu warten. Wenn Bernat mit seiner Arbeit fertig war, lief er zu ihm und umarmte ihn stürmisch. So manchen Abend, wenn die Werkstatt schloss, ließ Habiba ihn entwischen, und dann saßen Vater und Sohn schwatzend und lachend beisammen, unbeeindruckt von dem geschäftigen Treiben um sie herum.

Die Lage hatte sich verändert. Grau kümmerte sich nicht mehr um die Einnahmen aus der Werkstatt und schon gar nicht um die anderen Dinge, die mit ihr zusammenhingen. Trotzdem war sie unverzichtbar für ihn, denn dem Betrieb verdankte er seine Ämter als Zunftmeister, Ratsherr von Barcelona und Mitglied des Rats der Hundert. Doch nachdem er diese Bedingung erfüllt hatte, war Grau Puig ganz in die Politik und die Hochfinanz eingestiegen, was für einen Ratsherrn der gräflichen Stadt nicht sonderlich schwer war, und hatte seinem Gesellen Jaume die Verwaltung der Werkstatt überlassen.

Seit dem Beginn seiner Herrschaft im Jahr 1291 hatte Jaime II. versucht, sich gegen die Oligarchie der Feudalherren Kataloniens durchzusetzen, und dazu die Hilfe der freien Städte und ihrer Bürger gesucht, angefangen mit Barcelona. Sizilien war bereits seit den Zeiten Pedros des Großen im Besitz der Krone; als der Papst nun Jaime II. das Recht auf die Eroberung Sardiniens zugestand, finanzierten Barcelona und seine Bürger dieses Unternehmen.

Die Annexion der beiden Mittelmeerinseln durch die Krone war im Interesse aller Parteien: Sie garantierte die Getreideversorgung Kataloniens ebenso wie die katalanische Vorherrschaft im westlichen Mittelmeer und damit die Kontrolle über die Handelsrouten zu Wasser. Die Krone wiederum behielt sich die Ausbeutung der Silberminen und Salinen der Inseln vor.

Grau hatte diese Ereignisse nicht selbst miterlebt. Seine Gelegenheit kam mit dem Tod Jaimes II. und der Thronbesteigung Alfons' III. In diesem Jahr, 1329, erhoben sich die Sarden in der Stadt Sassari. Zur gleichen Zeit erklärten die Genuesen Katalonien den Krieg, weil sie dessen Handelsmacht fürchteten, und griffen die Schiffe an, die unter der Flagge des Prinzipats fuhren. Weder der König noch die Händler zweifelten auch nur einen Moment daran, dass der Feldzug zur Unterdrückung des Aufstands auf Sardinien und der Krieg gegen Genua von der Bürgerschaft Barcelonas finanziert werden musste. Und so geschah es, hauptsächlich angetrieben von einem Ratsherren der Stadt: Grau Puig, der großzügig seinen Beitrag zu den Kriegskosten leistete und mit flammenden Reden auch die Zögerer davon überzeugte, sich zu beteiligen. Der König selbst hatte ihm öffentlich für seine Hilfe gedankt.

Während Grau immer wieder an die Fenster trat, um Ausschau nach seinen Gästen zu halten, verabschiedete sich Bernat mit einem Kuss auf die Wange von seinem Sohn.

»Es ist bitterkalt, Arnau. Besser, du gehst hinein.« Der Junge wollte widersprechen. »Heute werdet ihr ein feines Essen bekommen, nicht wahr?«

»Hähnchen, Nougat und Waffeln«, antwortete sein Sohn beiläufig.

Bernat gab ihm einen zärtlichen Klaps auf den Hintern.

»Lauf ins Haus. Wir sprechen ein andermal weiter.«

Arnau kam gerade rechtzeitig zum Essen. Er selbst sowie die beiden jüngeren von Graus Kindern – Guiamon, der so alt war wie er, und die anderthalb Jahre ältere Margarida – würden in der Küche essen, die beiden Älteren – Josep und Genis – oben mit den Eltern.

Das Eintreffen der Gäste machte Grau noch nervöser.

»Ich mache das schon alles«, hatte er zu Guiamona gesagt, als er die Feier vorbereitete. »Du brauchst dich nur um die Frauen zu kümmern.«

»Aber wie willst denn du …?«, hatte Guiamona protestiert, doch Grau war bereits dabei gewesen, der Köchin Estranya, einer korpulenten, störrischen Mulattensklavin, Anweisungen zu geben. Diese blickte verstohlen zu ihrer Herrin hinüber, während sie den Ausführungen des Hausherrn lauschte.

Hinter dem Rücken ihres Mannes hatte Guiamona versucht, Ordnung in die Dienerschaft zu bringen und alles vorzubereiten, damit das Weihnachtsfest ein Erfolg wurde. Doch am Tag der Feier kümmerte sich Grau um alles, sogar um die kostbaren Umhänge seiner Gäste, und so blieb ihr nichts anderes übrig, als sich im Hintergrund zu halten, wie es ihr Mann bestimmt hatte, und den Frauen zuzulächeln, die sie von oben herab ansahen. Unterdessen plauderte Grau mit diesem oder jenem, während er gleichzeitig den Sklaven Zeichen gab, was sie zu tun hatten und um wen sie sich kümmern sollten. Doch je wilder er gestikulierte, desto kopfloser wurden sie. Schließlich beschlossen sämtliche Sklaven – mit Ausnahme von Estranya, die in der Küche das Essen vorbereitete –, Grau durchs ganze Haus zu folgen, um seine dringlichen Befehle entgegenzunehmen.

Von jeder Aufsicht befreit – denn Estranya und ihre Hilfen hantierten mit dem Rücken zu ihnen an ihren Töpfen und Herdfeuern –, vermatschten Margarida, Guiamon und Arnau das Hähnchen mit dem Nougat und den Waffeln und tauschten Häppchen aus, wobei sie unaufhörlich herumalberten. Irgendwann griff Margarida nach einem Krug mit unverdünntem Wein und nahm einen kräftigen Schluck. Das Mädchen verzog das Gesicht und machte dicke Backen, doch es brachte die Mutprobe hinter sich, ohne den Wein auszuspucken. Dann drängte sie ihren Bruder und ihren Cousin, es ihr nachzutun. Arnau und Guiamon tranken. Sie gaben sich Mühe, gleichfalls Haltung zu bewahren wie Margarida, doch sie mussten husten und tasteten den Tisch nach Wasser ab, während ihnen die Tränen in die Augen schossen. Dann begannen die drei zu lachen.

»Raus hier!«, rief die Sklavin, nachdem sie die Albernheiten der Kinder eine Zeit lang über sich hatte ergehen lassen.

Die drei liefen johlend und lachend aus der Küche.

»Pssst!«, ermahnte sie einer der Sklaven, der an der Treppe stand. »Der Herr will keine Kinder hier sehen.«

»Aber …«, begann Margarida.

»Da gibt es kein Aber«, erklärte der Sklave.

In diesem Moment kam Habiba die Treppe hinunter, um neuen Wein zu holen. Der Herr hatte sie mit zornfunkelnden Augen angeschaut, weil einer seiner Gäste sich nachschenken wollte und nur ein paar armselige Tropfen gekommen waren.

»Hab ein Auge auf die Kinder«, sagte Habiba zu dem Sklaven an der Treppe, als sie an ihm vorbeiging. »Ich brauche Wein!«, rief sie dann Estranya zu, noch bevor sie die Küche betrat.

Grau, der befürchtete, dass die Maurin den einfachen Wein brachte statt den, den sie servieren sollte, kam hinter ihr hergerannt.

Die Kinder lachten nicht mehr. Am Fuß der Treppe stehend, beobachteten sie das hektische Treiben, zu dem sich plötzlich auch Grau gesellte.

»Was habt ihr hier zu suchen?«, fuhr er sie an, als er sie bei dem Sklaven stehen sah. »Und du? Was stehst du hier herum? Geh und sag Habiba, dass es der Wein aus den alten Karaffen sein soll. Merk dir das! Wenn du dich irrst, ziehe ich dir bei lebendigem Leib das Fell über die Ohren. Und ihr, Kinder, ab ins Bett!«

Der Sklave rannte wie angestochen in die Küche. Die Kinder sahen sich grinsend an, ihre Augen funkelten vom Wein. Als Grau die Treppe wieder hochrannte, begannen sie zu lachen. Ins Bett? Margarida sah zur Haustür, die weit offen stand, zog die Lippen kraus und hob die Augenbrauen.

»Und die Kinder?«, fragte Habiba, als sie den Sklaven kommen sah.

»Wein aus den alten Krügen«, gab dieser weiter.

»Und die Kinder?«

»Aus den alten Krügen. Den alten.«

»Und die Kinder?«, fragte Habiba noch einmal.

»Der Herr hat gesagt, geht ins Bett. Sie sind bei ihm. Den aus den alten Krügen, ja? Er zieht uns das Fell über die Ohren …«

Es war Weihnachten, und Barcelona würde wie ausgestorben sein, bis die Leute zur Christmette strömten, um einen Hahn darzubringen. Der Mond spiegelte sich im Meer, so als würde die Straße, in der sie sich befanden, bis zum Horizont reichen. Die drei Kinder betrachteten den silbernen Streif auf dem Wasser.

»Heute wird niemand am Strand sein«, wisperte Margarida.

»Niemand fährt an Weihnachten aufs Meer hinaus«, setzte Guiamon hinzu.

Die beiden wandten sich zu Arnau um, der den Kopf schüttelte.

»Niemand wird es merken«, behauptete Margarida. »Wir gehen kurz hin und sind gleich wieder zurück. Es sind nur ein paar Schritte.«

»Feigling«, warf ihm Guiamon vor, als er zögerte.

Sie liefen bis Framenors, dem Franziskanerkonvent am östlichen Ende der Stadtmauer, direkt am Meer. Von dort blickten sie über den Strand, der sich bis zum Kloster Santa Clara am westlichen Ende von Barcelona erstreckte.

»He, seht doch!«, rief Guiamon. »Die Flotte der Stadt!«

»So habe ich den Strand noch nie gesehen«, erklärte Margarida.

Arnau nickte mit großen Augen.

Von Framenors bis Santa Clara war der Strand mit Schiffen in allen Größen übersät. Kein Gebäude stand diesem herrlichen Anblick im Wege. Vor etwa hundert Jahren hatte König Jaime der Eroberer verboten, den Strand zu bebauen. Dies hatte Grau seinen Kindern einmal erzählt, als sie ihn zusammen mit ihrem Lehrer zum Hafen begleiteten, um zuzusehen, wie ein Schiff be- oder entladen wurde, dessen Miteigner er war. Der Strand musste frei bleiben, damit die Seeleute ihre Schiffe an Land ziehen konnten. Aber keines der Kinder hatte Graus Erklärung die geringste Beachtung geschenkt. Es war doch selbstverständlich, dass die Schiffe am Strand lagen. Sie waren schon immer dort gewesen.

»In den Häfen unserer Feinde und Handelsrivalen«, hatte der Lehrer erklärt, »werden die Schiffe nicht auf den Strand gezogen.«

»Das stimmt«, hatte Grau bestätigt. »Genua, unsere Feindin, hat einen wunderbaren geschützten, natürlichen Hafen, sodass die Schiffe nicht an Land gezogen werden müssen. Venedig, unsere Verbündete, besitzt eine große Lagune, die man durch enge Kanäle erreicht. Sie ist vor Stürmen gefeit und die Schiffe können ruhig vor Anker gehen. Der Hafen von Pisa ist durch den Arno mit dem Meer verbunden, und auch Marseille nennt einen natürlichen Hafen sein Eigen, geschützt vor den Unbilden der See.«

»Bereits die Griechen aus Phokis nutzten den Hafen von Marseille«, ergänzte der Lehrer.

»Unsere Feinde haben bessere Häfen?«, fragte Josep, der Älteste. »Aber wir haben sie besiegt! Wir sind die Herren des Mittelmeers!«, rief er und wiederholte die Worte, die er so oft aus dem Mund seines Vaters gehört hatte. Die Übrigen pflichteten ihm bei. »Wie ist das möglich?«

Grau sah den Lehrer fragend an, auf der Suche nach einer Erklärung.

»Barcelona hat stets die besten Seefahrer gehabt. Nun besitzen wir keinen Hafen mehr, und doch …«

»Wieso haben wir keinen Hafen?«, brach es aus Genis hervor. Er deutete auf den Strand. »Und das hier?«

»Das ist kein Hafen. Ein Hafen muss ein vor der See geschützter Ort sein, und was du da meinst …« Der Lehrer wies mit der Hand aufs offene Meer hinaus, das an den Strand schlug. »Barcelona ist immer eine Seefahrerstadt gewesen. Früher, vor vielen Jahren, hatten auch wir einen Hafen, wie all diese Städte, die euer Vater erwähnte. Zu Zeiten der Römer ankerten die Schiffe im Schutz des Mons Taber, ungefähr dort.« Er deutete in Richtung der Stadt. »Doch das Meer ist nach und nach verlandet, und der Hafen verschwand. Danach hatten wir den Hafen Comtal, der ebenfalls verschwand, und zuletzt den Hafen Jaimes I. im Schutz einer kleinen natürlichen Bucht, dem Puig de les Falsies. Wisst ihr, wo sich dieser Puig de les Falsies heute befindet?«

Die vier Kinder blickten sich fragend an und sahen dann Hilfe suchend zu Grau, der mit verschwörerischer Miene, so als sollte der Lehrer es nicht sehen, auf den Boden zu ihren Füßen deutete.

»Hier?«, fragten die Kinder wie aus einem Munde.

»Ja«, antwortete der Lehrer, »wir stehen darauf. Auch er verlandete, und Barcelona blieb ohne Hafen zurück. Doch damals waren wir bereits Seefahrer – die besten, und das sind wir immer noch. Auch ohne Hafen.«

»Wozu braucht man dann einen Hafen?«, warf Margarida ein.

»Das kann dir dein Vater besser erklären«, antwortete der Lehrer, und Grau nickte.

»Ein Hafen ist wichtig, Margarida, sehr wichtig. Siehst du das Schiff dort?« Er deutete auf eine Galeere, die von kleinen Booten umgeben war. »Wenn wir einen Hafen hätten, könnte es seine Ladung an der Mole löschen, ohne all diese Boote, die die Ware aufnehmen. Wenn jetzt ein Sturm aufkäme, befände es sich außerdem in großer Gefahr, da es sehr nahe am Ufer vor Anker liegt. Es müsste Barcelona verlassen.«

»Warum?«, wollte das Mädchen wissen.

»Weil es hier nicht beidrehen kann und auf Grund laufen könnte. Es ist sogar im Seegesetzbuch Barcelonas vorgeschrieben, dass ein Schiff im Falle eines Unwetters Schutz in den Häfen von Salou oder Tarragona suchen muss.«

»Wir haben keinen Hafen«, beklagte sich Guiamon, als hätte man ihm etwas Wichtiges weggenommen.

»Nein«, bestätigte Grau lachend und legte den Arm um ihn, »aber wir sind immer noch die besten Seefahrer, Guiamon. Wir sind die Herren des Mittelmeers! Und wir haben den Strand. Hier landen wir unsere Schiffe an, wenn die schifffahrtsfreie Jahreszeit gekommen ist, hier reparieren und bauen wir sie. Siehst du die Werft dort drüben? Sie liegt am Strand, gegenüber den Arkaden …«

»Dürfen wir mal auf die Schiffe?«, fragte Guiamon.

»Nein«, hatte sein Vater ernst geantwortet. »Die Schiffe sind heilig, mein Junge.«

Arnau war nie mit Grau und seinen Kindern aus dem Haus gegangen, und schon gar nicht mit Guiamona. Er war immer bei Habiba zu Hause geblieben. Aber wenn seine Cousins zurückkamen, hatten sie ihm alles erzählt, was sie gesehen und gehört hatten. Auch das mit den Schiffen hatten sie ihm erklärt.

Und da lagen sie nun alle in dieser Weihnachtsnacht. Da waren die kleinen Feluken, Jollen und Barkassen, die mittelgroßen Koggen, Brigantinen und Galeoten, sogar eine große bauchige Nao. Außerdem zahlreiche Karavellen, Karacken und Galeeren, die trotz ihrer Größe auf königlichen Befehl zwischen Oktober und April ihre Fahrt einstellen mussten.

»Seht nur!«, rief Guiamon noch einmal.

Bei der Werft, gegenüber der Plaza Regomir, brannten mehrere Lagerfeuer, um die herum einige Wachen saßen. Von der Plaza Regomir bis zum Kloster Framenors lagen still die Schiffe am Strand, nur vom Mondlicht beschienen.

»Folgt mir, Matrosen!«, befahl Margarida, den rechten Arm erhoben.

Und so führte Kapitänin Margarida ihre Männer von einem Schiff zum anderen, durch Stürme, Piratenangriffe und Seeschlachten. Sie sprangen von Bord zu Bord, besiegten die Genuesen und die Mauren und eroberten unter Siegesrufen auf König Alfons Sardinien.

»Wer da?«

Die drei blieben wie angewurzelt auf einer Felucke stehen.

Margarida lugte über die Reling. Drei Fackeln wanderten zwischen den Schiffen umher.

»Lasst uns abhauen«, flüsterte Guiamon, der bäuchlings auf dem Deck lag, an den Rockzipfel seiner Schwester geklammert.

»Wir können nicht«, antwortete Margarida. »Sie schneiden uns den Weg ab …«

»Und die Werft?«, fragte Arnau.

Margarida sah zur Plaza Regomir herüber. Zwei weitere Fackeln hatten sich in Bewegung gesetzt.

»Geht auch nicht«, wisperte sie.

Die Schiffe sind heilig! Graus Worte hallten in den Köpfen der Kinder wider. Guiamon begann zu schluchzen. Margarida zischte ihn an, er solle still sein. Eine Wolke verdeckte den Mond.

»Ins Meer«, befahl die Kapitänin dann.

Sie sprangen über Bord und wateten ins Wasser. Margarida und Arnau duckten sich, Guiamon blieb aufrecht stehen. Gebannt starrten die drei auf die Fackeln, die sich zwischen den Schiffen bewegten. Als die Fackeln auf die Schiffe am Ufersaum zukamen, wateten die drei noch weiter hinaus. Margarida blickte zum Mond hinauf, während sie stumm betete, er möge noch länger verborgen bleiben.

Die Suche zog sich ewig hin, doch zum Meer sah niemand. Die Kinder warteten, ins Wasser gekauert, verängstigt. Und völlig durchnässt. Es war bitterkalt.

Auf dem Heimweg konnte Guiamon nicht mehr laufen. Er klapperte mit den Zähnen, seine Knie zitterten, und er hatte Krämpfe. Margarida und Arnau hakten ihn unter, und so legten sie die kurze Strecke zurück.

Als sie ankamen, waren die Gäste bereits gegangen. Nachdem man das Fehlen der Kinder entdeckt hatte, wollten sich Grau und die Sklaven gerade auf die Suche nach ihnen machen.

»Es war Arnau«, beschuldigte ihn Margarida, während Guiamona und die maurische Sklavin den Kleinen in ein heißes Bad setzten. »Er hat uns überredet, zum Strand zu gehen. Ich wollte nicht …« Das Mädchen unterstrich seine Lügen durch bittere Tränen, die beim Vater stets Wirkung zeigten.

Doch weder das heiße Bad noch die Decken noch die heiße Suppe brachten Guiamon wieder auf die Beine. Das Fieber stieg. Grau ließ nach seinem Arzt schicken, aber auch dessen Behandlung zeigte keine Wirkung. Das Fieber stieg weiter. Guiamon begann zu husten und sein Atem wurde zu einem mühsamen Keuchen.

»Mehr kann ich nicht für ihn tun«, resignierte Doktor Sebastià Font in der dritten Nacht, die er vorbeikam.

Guiamona schlug die Hände vor ihr blasses, eingefallenes Gesicht und brach in Tränen aus.

»Das kann nicht sein!«, brüllte Grau. »Es muss doch irgendein Mittel geben.«

»Mag sein, aber …« Der Arzt kannte Grau und seine Abneigungen genau, doch die Situation war verzweifelt. »Du müsstest Jafudà Bonsenyor rufen lassen.«

Grau schwieg.

»Hol ihn her«, bat Guiamona schluchzend.

Ein Jude, dachte Grau. Wer einen Juden schlägt, schlägt den Teufel, hatte man ihm in seiner Jugend beigebracht. Als junger Bursche war Grau mit den anderen Lehrlingen hinter den jüdischen Frauen hergelaufen, um ihre Krüge zu zerbrechen, wenn sie zu den öffentlichen Brunnen gingen, um Wasser zu schöpfen. Schließlich hatte der König auf Bitten der jüdischen Gemeinde von Barcelona diese Demütigungen verboten. Grau hasste die Juden. Sein ganzes Leben lang hatte er jene verfolgt oder angespuckt, die das Judenzeichen trugen. Sie waren Ketzer, sie hatten Jesus Christus getötet … Und nun sollte er einen von ihnen in sein Haus lassen?

»Hol ihn her!«, schrie Guiamona.

Das Geschrei hallte durchs ganze Viertel. Bernat und die anderen hörten es und kauerten sich auf ihren Strohsäcken zusammen. Seit drei Tagen hatte Bernat weder Arnau noch Habiba gesehen, aber Jaume hielt ihn über die Ereignisse auf dem Laufenden.

»Deinem Sohn geht es gut«, sagte er zu ihm, wenn sie niemand beobachtete.

Jafudà Bonsenyor eilte gleich herbei, als man ihn rief. Er trug einen schlichten schwarzen Umhang mit Kapuze und dem gelben Zeichen der Juden. Grau beobachtete ihn aus dem Esszimmer, wie er sich, gebückt und mit seinem langen grauen Bart, in Guiamonas Anwesenheit Sebastiàs Erklärungen anhörte. »Mach ihn gesund, Jude!«, sagte er stumm, als sich ihre Blicke begegneten. Jafudà Bonsenyor neigte den Kopf. Er war ein Gelehrter, der sein ganzes Leben dem Studium der Philosophie und der heiligen Schriften gewidmet hatte. Im Auftrag König Jaimes II. hatte er das Llibre de páranles de savis y filósofs verfasst. Aber er war auch Arzt, der bedeutendste Arzt der jüdischen Gemeinde. Doch als er Guiamon sah, schüttelte Jafudà Bonsenyor nur den Kopf.

Als Grau die Schreie seiner Frau hörte, stürzte er zur Treppe. Guiamona kam in Begleitung von Sebastià die Treppe hinunter, gefolgt von Jafudà.

»Du Jude!«, entfuhr es Grau, und er spuckte vor ihm aus.

Zwei Tage später starb Guiamon.

Gleich nach der Beerdigung des Jungen, als alle in Trauerkleidung nach Hause zurückkamen, winkte Grau Jaume zu sich und Guiamona.

»Ich möchte, dass du jetzt gleich Arnau mitnimmst und dafür sorgst, dass er nie wieder einen Fuß in dieses Haus setzt.«

Guiamona hörte schweigend zu.

Grau berichtete Jaume, was Margarida erzählt hatte: Arnau habe sie angestiftet. Seine beiden Kinder hätten diesen verbotenen Ausflug niemals aushecken können. Guiamona hörte seine Worte und seine Anschuldigungen, mit denen er ihr vorwarf, ihren Bruder und ihren Neffen bei sich aufgenommen zu haben. Und obwohl sie im Grunde ihres Herzens wusste, dass das Unglück nur durch ein Zusammentreffen unseliger Umstände geschehen war, hatte der Tod ihres Jüngsten ihr die Kraft geraubt, ihrem Mann zu widersprechen. Dass Margarida Arnau bezichtigte, machte es ihr nahezu unmöglich, dem Jungen gegenüberzutreten. Er war der Sohn ihres Bruders. Sie wünschte ihm nichts Böses, aber es war ihr lieber, ihn nicht mehr sehen zu müssen.

»Binde die Maurin an einen Deckenbalken in der Töpferei«, befahl Grau Jaume, bevor sich dieser auf die Suche nach Arnau machte, »und rufe das gesamte Personal zusammen, auch den Jungen.«

Der Gedanke war Grau bei der Beerdigung gekommen: Die Sklavin trug die Schuld. Sie hatte auf die Kinder aufpassen sollen. Während Guiamona weinte und der Priester seine Gebete aufsagte, hatte er die Augen zusammengekniffen und sich gefragt, wie er sie bestrafen sollte. Das Gesetz verbot ihm lediglich, sie zu töten oder zu verstümmeln, doch niemand konnte ihm einen Vorwurf daraus machen, wenn sie an den Folgen der Bestrafung starb. Grau hatte es noch nie mit einem so schweren Vergehen zu tun gehabt. Er dachte an die Foltern, von denen er gehört hatte: den Körper mit siedendem Tierfett übergießen … Ob Estranya genügend Fett in der Küche hatte? Sie in Fesseln legen oder in ein Verlies werfen – das war zu wenig. Sie prügeln, in Fußeisen legen … oder auspeitschen.

»Pass auf, wenn du sie benutzt«, hatte der Kapitän eines seiner Schiffe gesagt, nachdem er ihm das Geschenk gemacht hatte. »Mit einem einzigen Hieb kannst du einem Menschen die Haut abziehen.« Seit damals hatte er sie aufbewahrt: eine kostbare orientalische Peitsche aus geflochtenem Leder, dick, aber leicht und einfach zu handhaben. Sie endete in einer Reihe von Riemen, die mit scharfkantigen Metallstücken besetzt waren.

Irgendwann war der Priester verstummt, und mehrere Messdiener waren mit Weihrauchfässern um den Sarg herumgegangen. Guiamona hatte gehustet.

Nun war die Maurin mit den Händen an einen Deckenbalken gefesselt, sodass nur ihre Zehenspitzen den Boden berührten.

»Ich will nicht, dass mein Junge das mit ansieht«, sagte Bernat zu Jaume.

»Das ist nicht der richtige Moment, Bernat«, riet ihm Jaume. »Bring dich nicht in Schwierigkeiten …«

Bernat schüttelte erneut den Kopf.

»Du hast sehr hart gearbeitet, Bernat, bring deinen Jungen nicht in Schwierigkeiten.«

Noch in Trauerkleidung trat Grau in den Kreis, den die Sklaven, Lehrlinge und Gesellen um Habiba bildeten.

»Zieh sie aus«, befahl er Jaume.

Die Maurin versuchte die Beine anzuziehen, als sie merkte, dass er ihr Hemd zerriss. Ihr nackter, dunkler, schweißnasser Körper war den Blicken der unfreiwilligen Zuschauer ausgeliefert … und der Peitsche, die Grau auf dem Boden ausgebreitet hatte. Bernat packte Arnau, der zu schluchzen begonnen hatte, fest bei den Schultern.

Grau holte aus und ließ die Peitsche auf den nackten Torso niederfahren. Das Leder klatschte auf den Rücken und die metallbesetzten Riemen schlangen sich um den Körper und gruben sich in ihre Brüste. Ein feiner Blutstriemen erschien auf der dunklen Haut der Maurin, während an ihren Brüsten das rohe Fleisch hervortrat. Der Schmerz durchfuhr sie. Habiba warf den Kopf nach hinten und heulte auf. Arnau begann heftig zu zittern und flehte Grau an aufzuhören.

Grau holte erneut aus.

»Du solltest auf meine Kinder aufpassen!«

Das Klatschen des Leders zwang Bernat, seinen Sohn zu sich umzudrehen und seinen Kopf gegen seinen Bauch zu drücken. Die Sklavin schrie erneut auf. Arnaus Schreie wurden durch den Körper seines Vaters gedämpft. Grau peitschte die Maurin aus, bis ihr Rücken und ihre Schultern, ihre Brüste, ihr Hintern und ihre Beine eine einzige blutige Masse waren.

»Sag deinem Meister, dass ich gehe.«

Jaume presste die Lippen aufeinander. Für einen Moment war er versucht, Bernat zu umarmen. Doch sie wurden von einigen Lehrlingen beobachtet.

Bernat sah, wie der Geselle zum Haus hinüberging. Er hatte versucht, mit Guiamona zu sprechen, doch seine Schwester hatte ihn nicht empfangen. Seit Tagen hatte Arnau das Lager nicht mehr verlassen, auf dem sein Vater schlief. Er hockte den ganzen Tag auf Bernats Strohsack, den sie nun teilen mussten. Wenn sein Vater in den Raum kam, um nach ihm zu sehen, starrte er unablässig dorthin, wo sie versucht hatten, die Wunden der Maurin zu versorgen.

Nachdem Grau die Werkstatt verlassen hatte, hatten sie die Sklavin losgebunden, wobei sie gar nicht wussten, wo sie den Körper anfassen sollten. Estranya kam mit Öl und Salben in die Werkstatt geeilt, doch als sie die blutige Masse rohen Fleisches sah, schüttelte sie nur den Kopf. Arnau sah alles aus einiger Entfernung mit an, stumm, mit Tränen in den Augen. Bernat versuchte ihn hinauszuführen, doch der Junge weigerte sich. Habiba starb noch in derselben Nacht. Das einzige Zeichen, das ihren nahenden Tod ankündigte, war, dass die Maurin nicht mehr dieses unablässige Wimmern von sich gab, wie das eines Neugeborenen, das sie den ganzen Tag verfolgt hatte.

Grau hörte sich an, was sein Schwager ihm durch Jaume ausrichten ließ. Das war das Letzte, was er gebrauchen konnte: die beiden Estanyols mit ihren Muttermalen neben dem Auge, die auf der Suche nach Arbeit durch Barcelona liefen und jedem, der es hören wollte, von Grau erzählten … und das waren viele, jetzt, da er sich anschickte, den Gipfel der Macht zu erklimmen. Sein Magen revoltierte und er hatte einen trockenen Mund: Grau Puig, Ratsherr von Barcelona, Zunftmeister der Töpfer, Mitglied des Rats der Hundert, gewährt geflohenen Leibeigenen Zuflucht. Das durfte unter keinen Umständen herauskommen! Er wusste den Adel gegen sich. Je mehr Unterstützung Barcelona König Alfons gewährte, desto weniger war dieser von den Feudalherren abhängig und desto geringer fielen die Pfründen aus, die der Adel vom Monarchen zu erwarten hatte. Und wer hatte sich besonders für die Unterstützung des Königs eingesetzt? Er. Und wem schadete die Flucht der leibeigenen Bauern? Den Landadligen. Grau schüttelte den Kopf und seufzte. Verflucht die Stunde, in der er zugelassen hatte, dass dieser Bauer in seinem Haus unterkam!

»Er soll herkommen«, sagte er zu Jaume.

»Jaume hat mir gesagt, dass du uns verlassen willst«, sagte Grau, als sein Schwager vor ihm stand.

Bernat nickte.

»Und was gedenkst du zu tun?«

»Ich werde mir Arbeit suchen, um meinen Jungen zu versorgen.«

»Du hast keinen Beruf. Barcelona ist voll von Leuten wie dir: Bauern, die nicht von ihrem Land leben konnten, die Arbeit suchen und am Ende Hungers sterben. Außerdem«, setzte er hinzu, »bist du nicht einmal im Besitz des Bürgerbriefes, auch wenn du dich bereits lange genug in der Stadt aufhältst.«

»Was ist das, ein Bürgerbrief?«, fragte Bernat.

»Ein Dokument, das bescheinigt, dass du ein Jahr und einen Tag in Barcelona gelebt hast und deshalb ein freier Bürger bist, der keinem Herrn unterworfen ist.«

»Wo bekommt man dieses Dokument?«

»Das stellen die Ratsherren der Stadt aus.«

»Ich werde es verlangen.«

Grau musterte Bernat. Er war schmutzig, trug ein einfaches, zerschlissenes Hemd und Hanfschuhe. Grau stellte sich vor, wie sein Schwager vor den Ratsherren der Stadt stehen würde, nachdem er Dutzenden von Schreibern seine Geschichte erzählt hatte: der Schwager und der Neffe von Grau Puig, Ratsherr der Stadt, die dieser jahrelang in seiner Werkstatt versteckt hatte. Die Nachricht würde von Mund zu Mund gehen. Er selbst hatte oft genug Situationen wie diese ausgenutzt, um seine Gegner zu attackieren.

»Setz dich«, forderte er ihn auf. »Nachdem Jaume mir von deinen Absichten erzählt hat, habe ich mit Guiamona gesprochen.« Er log, um seinen Gesinnungswechsel zu erklären. »Und sie hat mich gebeten, mich gnädig zu zeigen.«

»Ich brauche keine Gnade«, unterbrach ihn Bernat. Er dachte an Arnau, wie er mit verlorenem Blick auf dem Strohsack kauerte. »Ich habe jahrelang hart gearbeitet, um …«

»So war die Abmachung«, fiel ihm Grau ins Wort, »und du hast sie akzeptiert. Damals war sie in deinem Interesse.«

»Mag sein«, gab Bernat zu, »aber ich habe mich nicht als Sklave verkauft, und jetzt ist sie nicht mehr in meinem Interesse.«

»Vergessen wir das mit der Gnade. Ich glaube nicht, dass du irgendwo in der Stadt Arbeit finden wirst, schon gar nicht, wenn du nicht nachweisen kannst, dass du ein freier Bürger bist. Ohne dieses Dokument wird man dich nur ausbeuten. Weißt du, wie viele unfreie Bauern hier herumlaufen, ohne Kinder am Bein, die bereit sind, umsonst zu arbeiten, nur um ein Jahr und einen Tag in Barcelona bleiben zu können? Du kannst nicht mit ihnen konkurrieren. Noch bevor du den Bürgerbrief erhalten hast, wirst du verhungert sein. Du oder dein Sohn. Und trotz allem, was vorgefallen ist, können wir nicht zulassen, dass den kleinen Arnau das gleiche Schicksal ereilt wie unseren Guiamon. Einer reicht. Deine Schwester würde es nicht ertragen.« Bernat wartete schweigend ab, dass sein Schwager weitersprach. »Wenn du willst, kannst du weiter hier arbeiten, zu denselben Bedingungen … und für einen Lohn, der dem eines ungelernten Arbeiters entspricht, abzüglich der Kosten für Kost und Logis für dich und deinen Sohn.«

»Und Arnau?«

»Was ist mit dem Jungen?«

»Du hast versprochen, ihn als Lehrling anzunehmen.«

»Und das werde ich auch tun … wenn er alt genug ist.«

»Ich möchte das schriftlich.«

»Sollst du bekommen«, versprach Grau.

»Und den Bürgerbrief?«

Grau nickte. Für ihn war es ein Leichtes, ihn zu erhalten … und vor allem diskret.

7

»Hiermit erklären wir Bernat Estanyol und seinen Sohn Arnau zu freien Bürgern der Stadt Barcelona.« Endlich! Bernat lief es kalt den Rücken hinunter, als er den Mann mit stockender Stimme die Dokumente vorlesen hörte. Er hatte ihn bei der Werft getroffen, nachdem er gefragt hatte, wo er jemanden finden könne, der des Lesens mächtig sei, und ihm eine kleine Münze für diese Gefälligkeit angeboten. Während im Hintergrund der Lärm aus der Werft zu hören war, der Geruch von Teer in der Luft lag und eine Brise Meeresluft sein Gesicht streichelte, hörte Bernat sich an, was in dem zweiten Schriftstück stand: Grau würde Arnau als Lehrling annehmen, wenn dieser zehn Jahre alt war, und verpflichtete sich, ihn im Töpferhandwerk zu unterweisen. Sein Sohn war frei. Er würde eines Tages seinen Lebensunterhalt verdienen und seinen Weg in dieser Stadt machen.

Bernat trennte sich lächelnd von der versprochenen Münze und ging zur Werkstatt zurück. Dass man ihnen den Bürgerbrief ausgestellt hatte, bedeutete, dass Llorenç de Bellera sie nicht bei der Obrigkeit angezeigt hatte und keine Strafsache gegen ihn vorlag. Ob der Junge aus der Schmiede überlebt hatte? Wie auch immer … »Du kannst unser Land haben, Llorenç de Bellera. Wir haben unsere Freiheit«, murmelte Bernat trotzig. Graus Sklaven und auch Jaume unterbrachen ihre Arbeit, als sie Bernat, vor Glück strahlend, hereinkommen sahen. Auf dem Boden klebte immer noch Habibas Blut. Grau hatte angeordnet, es nicht wegzuwischen. Bernat versuchte, nicht daraufzutreten, und seine Miene verdüsterte sich.

»Arnau …«, flüsterte er seinem Sohn in der Nacht zu, als sie auf dem Strohsack lagen, den sie sich teilten.

»Ja, Vater?«

»Wir sind jetzt freie Bürger Barcelonas.«

Arnau antwortete nicht. Bernat tastete nach dem Kopf des Jungen und streichelte ihn. Er wusste, wie wenig das für ein Kind bedeutete, dem man die Freude genommen hatte. Bernat hörte das regelmäßige Atmen der Sklaven und strich seinem Sohn weiter über den Kopf. Doch dann befiel ihn ein Zweifel: Würde der Junge zustimmen, irgendwann für Grau zu arbeiten? In dieser Nacht lag Bernat lange wach.

Jeden Morgen, wenn es hell wurde und die Männer ihr Tagwerk begannen, verließ Arnau Graus Werkstatt. Jeden Morgen versuchte Bernat, mit ihm zu sprechen und ihn aufzumuntern. Du musst dir Freunde suchen, wollte er einmal zu ihm sagen, doch bevor er dazu kam, kehrte Arnau ihm den Rücken und schlich niedergeschlagen auf die Straße. Genieße deine Freiheit, mein Sohn, wollte er ihm ein andermal raten, als der Junge ihn erwartungsvoll anschaute. Doch als er gerade zum Sprechen ansetzen wollte, kullerte eine Träne über die Wange des Jungen. Bernat ging in die Knie und konnte ihn nur umarmen. Dann sah er Arnau mit gesenktem Kopf über den Hof davonschleichen. Als Arnau zum wiederholten Mal den Blutflecken von Habiba auswich, hallte erneut Graus Peitsche in Bernats Kopf wider. Er schwor sich, nie mehr vor einer Peitsche zu kuschen – einmal war genug gewesen.

Bernat lief hinter seinem Sohn her, der sich umdrehte, als er seine Schritte hinter sich hörte. Als er neben Arnau stand, begann er, mit dem Fuß die getrocknete Erde zu lockern, auf der immer noch die Blutflecken der Maurin zu sehen waren. Arnaus Gesicht hellte sich auf und Bernat scharrte fester.

»Was machst du da?«, rief Jaume von der anderen Seite des Hofes herüber. Bernat erstarrte. Erneut hallte die Peitsche durch seine Erinnerung.

»Vater …«

Mit der Spitze seiner Hanfschuhe schob Arnau langsam die geschwärzte Erde beiseite, die Bernat gelockert hatte.

»Was machst du da?«, rief Jaume noch einmal.

Bernat gab keine Antwort. Sekunden verstrichen. Als Jaume sich umdrehte, sah er, dass sämtliche Sklaven dort standen und ihn ansahen.

»Bring mir Wasser, mein Junge«, nutzte Bernat Jaumes Zögern aus.

Arnau rannte los, und zum ersten Mal seit Monaten sah Bernat ihn wieder laufen. Jaume nickte zustimmend.

Auf Knien schrubbten Vater und Sohn schweigend den Boden, bis die Spuren des Unrechts verschwunden waren.

»Jetzt geh spielen, mein Junge«, sagte Bernat an jenem Morgen, nachdem sie mit der Arbeit fertig waren.

Arnau sah zu Boden. Er hätte seinen Vater gerne gefragt, mit wem er spielen sollte. Bernat fuhr ihm durchs Haar, bevor er ihn zur Tür schob. Als Arnau auf der Straße stand, ging er wie jeden Tag um Graus Haus herum und kletterte auf einen dichtbelaubten Baum, der an der Gartenmauer stand. Dort wartete er in seinem Versteck darauf, dass seine Cousins mit Guiamona nach draußen kamen.

»Weshalb mögt ihr mich nicht mehr?«, murmelte er. »Es war doch nicht meine Schuld.«

Seine Cousins wirkten glücklich. Guiamons Tod trat immer weiter in den Hintergrund, und nur im Gesicht seiner Mutter spiegelte sich die schmerzliche Erinnerung. Josep und Genis rauften miteinander, beobachtet von Margarida, die eng an ihre Mutter geschmiegt dasaß. Arnau in seinem Baumversteck verspürte bei der Erinnerung an diese Umarmungen einen schmerzlichen Stich.

Morgen für Morgen kletterte Arnau auf den Baum.

»Mögen sie dich nicht mehr?«, hörte er eines Tages eine Stimme fragen.

Vor Schreck verlor er für einen Moment das Gleichgewicht und wäre beinahe heruntergefallen.

Arnau sah sich nach der Stimme um, konnte jedoch niemanden entdecken.

»Hier«, hörte er.

Er spähte in das Innere der Baumkrone, von wo die Stimme gekommen war, konnte jedoch immer noch nichts erkennen. Schließlich bewegten sich einige Äste. Dazwischen war die Gestalt eines Kindes auszumachen. Rittlings in einer Baumgabelung hockend, winkte ihm der Junge ernsthaft zu.

»Was hast du hier zu suchen … in meinem Baum?«, fragte Arnau kurz angebunden.

Der Junge, der vor Schmutz starrte, ließ sich nicht aus der Fassung bringen.

»Dasselbe wie du«, antwortete er. »Zuschauen.«

»Das darfst du nicht«, behauptete Arnau.

»Warum nicht? Das mache ich schon lange. Früher habe ich auch dir zugesehen.« Der schmutzige Bursche schwieg einen Moment. »Mögen sie dich nicht mehr? Warum weinst du so oft?«

Arnau merkte, wie ihm eine Träne die Wange hinabkullerte. Er war wütend. Der Kerl hatte ihm nachspioniert.

»Komm da runter«, befahl er, als er wieder auf dem Boden stand.

Der Junge schwang sich behände nach unten und pflanzte sich vor ihm auf. Arnau war einen Kopf größer, doch der Junge schien keine Angst zu haben.

»Du hast mir nachspioniert«, warf Arnau ihm vor.

»Du spionierst doch selber«, verteidigte sich der Kleine.

»Ja, aber sie sind meine Cousins. Ich darf das.«

»Warum spielst du dann nicht mehr mit ihnen wie früher?«

Arnau hielt es nicht länger aus und schluchzte auf. Seine Stimme zitterte, als er versuchte, die Frage zu beantworten.

»Mach dir nichts draus«, versuchte ihn der Kleine zu beruhigen. »Ich weine auch sehr oft.«

»Und warum weinst du?«, fragte Arnau schluchzend.

»Ich weiß nicht … Manchmal muss ich weinen, wenn ich an meine Mutter denke.«

»Du hast eine Mutter?«

»Ja. Aber …«

»Was machst du dann hier, wenn du eine Mutter hast? Warum spielst du nicht bei ihr?«

»Ich kann nicht bei ihr sein.«

»Warum nicht? Wohnt sie nicht bei euch im Haus?«

»Nein …«, antwortete der Junge zögernd. »Oder doch. Im Haus ist sie schon …«

»Warum bist du dann nicht bei ihr?«

Der schmutzige Junge gab keine Antwort.

»Ist sie krank?«, fragte Arnau weiter.

Der andere schüttelte den Kopf. »Nein. Es geht ihr gut.«

»Was dann?« Arnau ließ nicht locker.

Der Junge sah ihn traurig an. Er biss sich ein paar Mal auf die Lippen, dann fasste er einen Entschluss. »Los«, sagte er und zog Arnau am Ärmel. »Komm mit.«

Der unbekannte Junge flitzte in einem Tempo davon, das man dem kleinen Burschen gar nicht zugetraut hätte. Arnau heftete sich an seine Fersen und versuchte, ihn nicht aus den Augen zu verlieren, was ihm nicht schwerfiel, solange sie sich in dem offenen, übersichtlichen Töpferviertel befanden. Doch je weiter sie nach Barcelona hineinkamen, desto schwieriger wurde es. Die engen Gassen der Stadt mit all ihren Menschen und den zahllosen Verkaufsständen wurden zu wahren Trichtern, die ein Durchkommen nahezu unmöglich machten.

Arnau wusste nicht, wo er sich befand, aber darum machte er sich keine Gedanken. Sein einziges Ziel war es, den flinken, wendigen Jungen nicht aus den Augen zu verlieren, der durch die Menschenmenge und an den Markständen vorbeischlüpfte, sehr zum Ärgernis des einen oder anderen. Arnau, der nicht so geschickt darin war, den Passanten auszuweichen, musste den Unmut ausbaden, den der Junge in seinem Kielwasser hinterließ, und wütende Rufe und Beschimpfungen über sich ergehen lassen. Einer verpasste ihm einen Schubs, ein anderer versuchte ihn am Hemd zu packen, doch Arnau riss sich von beiden los, verlor dabei allerdings seinen Führer aus den Augen und stand plötzlich alleine an einem großen, belebten Platz.

Er kannte diesen Platz. Er war schon einmal mit seinem Vater dort gewesen. »Das ist die Plaza del Blat«, hatte dieser gesagt. »Das Herz von Barcelona. Siehst du den Stein dort in der Mitte des Platzes?« Arnau hatte dorthin geschaut, wohin sein Vater zeigte. »Dieser Stein bedeutet, dass sich die Stadt von hier aus in ihre Viertel aufteilt: Mar, Framenors, Pi, La Salada oder Sant Pere.« Arnau betrat den Platz von der Straße der Seidenhändler her. Vor dem Portal des Palasts des Stadtrichters stehend, versuchte er, die Gestalt des schmutzigen Jungen ausfindig zu machen. Doch die Menschenmassen auf dem Platz hinderten ihn daran. Neben dem Portal befand sich der größte Schlachthof der Stadt, auf der anderen Seite wurde an mehreren Ständen frisches Brot verkauft. Arnau versuchte angestrengt, den kleinen Jungen zwischen den steinernen Bänken zu beiden Seiten des Platzes auszumachen, an denen sich die Bürger entlangschoben. »Das ist der Getreidemarkt«, hatte ihm Bernat erklärt. »Auf der einen Seite dieser Bänke dort verkaufen die Zwischenhändler und Händler der Stadt ihr Getreide, und auf der anderen Seite bieten die Bauern, die in die Stadt kommen, um ihre Ernte zu verkaufen, ihre Ware feil.« Arnau konnte den schmutzigen Jungen, der ihn hierher gelockt hatte, weder auf der einen noch auf der anderen Seite entdecken und auch nicht zwischen den Menschen, die um die Preise feilschten oder Getreide kauften.

Während Arnau dastand und versuchte, den Jungen ausfindig zu machen, wurde er von der Menge weitergeschoben, die auf den Platz strömte. Er wollte dem Strom entgehen, indem er sich zu den Brotständen stellte, aber als er mit dem Rücken gegen einen der Tische stieß, erhielt er eine schmerzhafte Kopfnuss.

»Hau ab, du Rotzlöffel!«, schrie ihn der Brotverkäufer an.

Arnau verschwand erneut in der lärmenden Menschenmenge des Marktes, ohne zu wissen, wohin. Er wurde hin und her geschoben von Leuten, die viel größer waren als er und ihn gar nicht bemerkten, weil sie mit Getreidesäcken beladen waren.

Arnau war den Tränen nahe, als plötzlich wie aus dem Nichts das verschmitzte, schmutzige Gesicht des Jungen auftauchte, den er durch halb Barcelona verfolgt hatte.

»Was stehst du hier herum?«, fragte der Kleine, wobei er die Stimme erhob, um sich bemerkbar zu machen.

Arnau antwortete nicht. Diesmal klammerte er sich an dem Hemd des Jungen fest und ließ sich über den ganzen Platz bis in die Calle Bòria schleifen. Durch diese gelangten sie in das Viertel der Kesselflicker. In den engen Gassen hallte das Hämmern auf Kupfer und Eisen wider. Jetzt rannten sie nicht mehr. Erschöpft nötigte Arnau, der immer noch den Hemdsärmel des Jungen umklammert hielt, seinen unaufmerksamen und ungeduldigen Führer, seine Schritte zu verlangsamen.

»Hier wohne ich«, sagte der Junge schließlich und deutete auf ein kleines, einstöckiges Häuschen. Vor der Tür stand ein Tisch mit Kupferkesseln in allen Größen, an dem ein dicker Mann arbeitete, der sie keines Blickes würdigte. »Das war mein Vater«, setzte der Junge hinzu, nachdem sie an dem Haus vorbei waren.

»Warum sind wir nicht …?«, begann Arnau, während er zu dem Haus zurückblickte.

»Warte ab«, unterbrach ihn der schmutzige Junge.

Sie gingen weiter die Straße entlang, um eine Biegung herum, bis sie sich an der Rückseite der kleinen Häuschen befanden, an der die Gärten lagen. Als sie zu dem Garten kamen, der zu dem Haus des Jungen gehörte, schwang sich der Kleine auf die Mauer und forderte Arnau auf, es ihm nachzutun.

»Warum …?«

»Jetzt kletter schon rauf!«, befahl ihm der Junge, rittlings auf der Mauer sitzend.

Die beiden sprangen in den kleinen Garten. Doch dann blieb der Junge stehen und blickte zu einem Anbau am Haus hinüber. Es war ein enger Raum, der zum Garten hin, in einiger Höhe, eine winzige Fensteröffnung besaß. Arnau ließ einige Sekunden verstreichen, doch der Junge rührte sich nicht vom Fleck.

»Und jetzt?«, fragte er schließlich.

Der Junge wandte sich Arnau zu.

»Was ist?«

Aber der Kleine achtete nicht auf ihn. Arnau blieb wie angewurzelt stehen, während sein Begleiter eine Holzkiste nahm und sie unter das Fensterchen schob. Dann kletterte er hinauf und presste sein Gesicht an die Öffnung.

»Mama …«, flüsterte er.

Ein blasser Frauenarm erschien und berührte mühsam den Rand der Luke; der Ellenbogen blieb auf dem Fenstersims liegen, und die Hand begann, zärtlich über das Haar des Jungen zu streicheln.

»Du bist heute früher dran, Joanet«, hörte Arnau eine sanfte Stimme sagen. »Die Sonne hat noch nicht den höchsten Punkt erreicht.«

Joanet nickte lediglich mit dem Kopf.

»Ist etwas?«, fragte die Stimme.

Joanet brauchte einige Sekunden, bevor er antwortete. Er zog die Nase hoch und sagte: »Ich bin mit einem Freund gekommen.«

»Ich freue mich, dass du Freunde hast. Wie heißt er?«

»Arnau.«

Woher wusste er seinen Namen? Natürlich! Er hatte ihm nachspioniert!, dachte Arnau.

»Ist er hier?«

»Ja, Mama.«

»Hallo, Arnau.«

Arnau sah zu dem Fenster hinauf. Joanet drehte sich zu ihm um.

»Guten Tag … Señora«, wisperte er, unsicher, was er zu einer Stimme sagen sollte, die aus einem Fenster kam.

»Wie alt bist du?«, wollte die Frau wissen.

»Acht Jahre … Señora.«

»Zwei Jahre älter als mein Joanet, aber ich hoffe, dass ihr euch gut versteht und immer Freunde bleibt. Es gibt nichts Besseres auf dieser Welt als einen guten Freund. Vergesst das nie!«

Dann sagte die Stimme nichts mehr. Joanets Mutter strich ihrem Jungen weiter übers Haar, während Arnau beobachtete, wie der Kleine, den Rücken an die Mauer gelehnt, mit baumelnden Beinen auf der Holzkiste saß und die Liebkosung genoss, ohne sich zu rühren.

»Geht jetzt spielen«, sagte die Frau plötzlich, während sich die Hand zurückzog. »Leb wohl, Arnau! Gib gut auf meinen Jungen acht, du bist schließlich älter als er.«

Arnau wollte sich verabschieden, brachte aber keinen Ton heraus.

»Bis bald, mein Junge«, sagte die Stimme. »Kommst du mich wieder besuchen?«

»Natürlich, Mama.«

»Dann geht jetzt.«

Die beiden Jungen kehrten in die belebten Straßen Barcelonas zurück und liefen ziellos umher. Arnau wartete auf eine Erklärung von Joanet. Als diese ausblieb, wagte er schließlich zu fragen: »Warum kommt deine Mutter nicht heraus in den Garten?«

»Sie ist eingesperrt«, antwortete Joanet.

»Warum?«

»Das weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass sie eingesperrt ist.«

»Und warum kletterst du nicht durch das Fenster hinein?«

»Ponç hat es mir verboten.«

»Wer ist Ponç?«

»Ponç ist mein Vater.«

»Und warum hat er es dir verboten?«

»Das weiß ich nicht.«

»Warum nennst du ihn Ponç und nicht Vater?«

»Auch das hat er mir verboten.«

Arnau blieb stehen und zog Joanet zu sich, bis dessen Gesicht genau vor seinem war.

»Ich weiß nicht, warum«, kam ihm der Junge zuvor.

Sie gingen weiter. Arnau versuchte, dieses Durcheinander zu verstehen, und Joanet wartete auf die nächste Frage seines neuen Gefährten.

»Wie ist deine Mutter?«, fragte Arnau schließlich.

»Sie war schon immer dort eingesperrt.« Joanet bemühte sich krampfhaft zu lächeln. »Einmal, als Ponç nicht in der Stadt war, habe ich versucht, mich durch das Fenster zu zwängen, aber sie hat es mir nicht erlaubt. Sie sagte, sie will nicht, dass ich sie sehe.«

»Warum lächelst du?«

Joanet ging einige Meter weiter, bevor er antwortete: »Sie sagt, ich soll immer lächeln.«

Für den Rest des Vormittags trottete Arnau mit gesenktem Kopf hinter diesem schmutzigen Jungen her, der niemals das Gesicht seiner Mutter gesehen hatte.

»Seine Mutter streichelt ihm durch ein kleines Fenster über den Kopf«, erzählte Arnau seinem Vater an diesem Abend im Flüsterton, als sie gemeinsam auf der Matratze lagen. »Er hat sie noch nie gesehen. Sein Vater erlaubt es ihm nicht, und sie auch nicht.«

Auch Bernat strich seinem Sohn über den Kopf, genau wie Arnau es ihm von der Mutter seines neuen Freundes erzählt hatte. Das Schnarchen der Sklaven und Lehrlinge, mit denen sie den Raum teilten, war in der Stille zu hören, die zwischen ihnen herrschte. Bernat fragte sich, welches Vergehen diese Frau begangen haben mochte, um eine solche Strafe verdient zu haben.

Ponç, der Kupferschmied, hätte ihm die Antwort ohne zu zögern geben können: »Ehebruch!«

Er hatte es Dutzende Male erzählt, jedem, der es hören wollte.

»Ich habe sie dabei ertappt, wie sie es mit ihrem Liebhaber trieb, einem jungen Burschen in ihrem Alter. Sie nutzten die Stunden aus, die ich in der Schmiede arbeitete. Ich ging natürlich zum Stadtrichter, um die gerechte Wiedergutmachung einzufordern, die unsere Gesetze vorschreiben.«

Und der kräftige Kupferschmied machte sich sogleich daran, von dem Gesetz zu erzählen, das dazu beigetragen hatte, Gerechtigkeit walten zu lassen.

»Unsere Oberen sind kluge Männer, sie wissen um die Ruchlosigkeit des Weibes. Nur adlige Damen können sich durch einen Eid von der Anklage des Ehebruchs freisprechen. Die Übrigen, wie meine Joana, müssen ihre Unschuld in einem Duell unter Beweis stellen und werden einem Gottesurteil unterworfen.«

Diejenigen, die bei dem Duell dabei gewesen waren, erinnerten sich daran, wie Ponç Joanas jugendlichen Liebhaber in Stücke zerrissen hatte. Gott hatte nur wenig zwischen dem von der Arbeit in der Schmiede gestählten Kesselmacher und dem zarten, liebestrunkenen Jüngling auszurichten vermocht.

Das königliche Urteil wurde gemäß den örtlichen Gesetzen gesprochen: »Gewinnt die Frau, soll ihr Gatte sie in Ehren wieder aufnehmen und für sämtliche Ausgaben aufkommen, welche die Frau oder ihre Freunde in dieser Sache gehabt haben mögen, sowie für mögliche Verletzungen des Duellanten. Sollte sie indes verlieren, werde sie selbst mitsamt ihrem ganzen Besitz an ihren Mann übergeben.« Ponç konnte nicht lesen, aber er betete den Inhalt des Urteils aus dem Gedächtnis herunter, während er jedem, der es sehen wollte, das Dokument zeigte:

»Hiermit verfügen wir, dass Ponç, sollte er wollen, dass ihm Joana übergeben wird, eine angemessene Kaution zu leisten und die Versicherung zu geben hat, dass er sie bei sich zu Hause in einem Raum von zwölf Spannen Länge, sechs Spannen Breite und zwei Stockbreit Höhe unterbringt. Er verpflichtet sich, ihr ausreichend Stroh zu geben, um darauf zu schlafen, und eine Decke, um sich darunter zu wärmen. Er muss ein Loch ausheben, damit sie ihre Notdurft verrichten kann, und ein Fenster brechen, durch welches Joana ihre Verpflegung erhält. Ponç ist gehalten, ihr täglich zwölf Unzen durchgebackenes Brot zu geben, des Weiteren so viel Wasser, wie sie verlangt. Es ist ihm verboten, ihr etwas zu reichen, das ihren Tod beschleunigt, oder etwas zu tun, das besagte Joana töten könnte. Aus all diesen Gründen muss Ponç eine angemessene Kaution und Versicherung abgeben, bevor man ihm Joana übergibt.«

Ponç brachte die Kaution, die der Stadtrichter von ihm verlangte, und dieser übergab ihm Joana. Der Kupferschmied errichtete in seinem Garten einen Raum von zweieinhalb Metern auf einen Meter zwanzig, hob eine Grube aus, damit die Frau ihre Notdurft verrichten konnte, brach das Fenster in die Wand, durch das sich Joanet, der neun Monate nach dem Urteil zur Welt kam und nie von Ponç anerkannt wurde, über den Kopf streicheln ließ, und mauerte seine junge Frau ein.

»Vater«, flüsterte Arnau Bernat zu, »wie war meine Mutter? Weshalb habt Ihr mir nie von ihr erzählt?«

Was soll ich ihm sagen? Dass sie ihre Jungfräulichkeit unter den Stößen eines betrunkenen Adligen verlor? Dass aus ihr die öffentliche Frau auf der Burg des Herrn von Bellera wurde?, fragte sich Bernat.

»Deiner Mutter«, antwortete er, »war kein Glück beschieden. Sie war eine bedauernswerte Person.«

Bernat hörte, wie Arnau die Nase hochzog, bevor er weitersprach.

»Hat sie mich geliebt?«, fragte der Junge mit belegter Stimme.

»Sie hatte keine Gelegenheit dazu. Sie starb bei deiner Geburt.«

»Habiba hat mich geliebt.«

»Ich liebe dich auch.«

»Aber Ihr seid nicht meine Mutter. Selbst Joanet hat eine Mutter, die ihm übers Haar streicht.«

»Nicht alle Kinder haben eine …«, wollte er ihn korrigieren.

Die Mutter aller Christen! Die Worte der Priester kamen ihm wieder in den Sinn.

»Was sagtet Ihr, Vater?«

»Doch, du hast eine Mutter. Natürlich hast du eine Mutter.« Bernat bemerkte, wie sein Sohn ruhig wurde. »Kindern wie dir, die keine Mutter haben, schenkt Gott eine neue Mutter: die Jungfrau Maria.«

»Wo ist diese Maria?«

»Die Jungfrau Maria«, korrigierte er ihn. »Und sie ist im Himmel.«

Arnau schwieg eine Weile, bevor er erneut nachhakte. »Und was hat man von einer Mutter, die im Himmel ist? Sie wird mich nicht streicheln, nicht mit mir spielen, mich nicht küssen, nicht …«

»Doch, das wird sie.« Bernat erinnerte sich klar und deutlich an die Erklärungen seines Vaters, die dieser ihm gegeben hatte, als er selbst die gleichen Fragen stellte. »Sie schickt die Vögel, damit sie dich streicheln. Wenn du einen Vogel siehst, dann gib ihm eine Botschaft an deine Mutter mit. Du wirst sehen, dass er in den Himmel fliegt, um sie der Jungfrau Maria zu überbringen. Dann geben sie die Nachricht einer an den anderen weiter, und einer von ihnen wird kommen, um fröhlich zwitschernd um dich herumzuflattern.«

»Aber ich verstehe die Vogelsprache nicht.«

»Du wirst lernen, sie zu verstehen.«

»Aber ich werde sie nie sehen können …«

»Doch, du kannst sie sehen. Du kannst sie in einigen Kirchen sehen und du kannst sogar mit ihr sprechen.«

»In den Kirchen?«

»Ja, mein Sohn. Sie ist im Himmel und in einigen Kirchen, und du kannst durch die Vögel mit ihr sprechen oder in diesen Kirchen. Sie wird dir durch die Vögel antworten oder nachts, wenn du schläfst, und sie wird dich mehr lieben und verwöhnen als jede Mutter, die du sehen kannst.«

»Mehr als Habiba?«

»Viel mehr.«

»Und heute Nacht?«, fragte der Junge. »Heute habe ich nicht mit ihr gesprochen.«

»Keine Sorge, ich habe das für dich getan. Schlaf jetzt, und du wirst sehen.«

8

Die beiden neuen Freunde trafen sich jeden Tag. Sie liefen zusammen zum Strand, um die Schiffe zu betrachten, oder streiften durch die Straßen von Barcelona. Jedes Mal, wenn sie vor der Gartenmauer spielten und die Stimmen von Josep, Genis oder Margarida aus dem Garten der Puigs zu hören waren, sah Joanet, wie sein Freund in den Himmel blickte, so als hielte er Ausschau nach etwas, das über den Wolken schwebte.

»Was schaust du da?«, fragte er ihn eines Tages.

»Ach, nichts«, antwortete Arnau.

Das Lachen im Garten wurde lauter und Arnau blickte erneut in den Himmel.

»Sollen wir auf den Baum klettern?«, fragte Joanet, der glaubte, es seien die Äste, die die Aufmerksamkeit seines Freundes weckten.

»Nein«, antwortete Arnau, während er nach einem Vogel Ausschau hielt, dem er eine Botschaft an seine Mutter mitgeben konnte.

»Warum willst du nicht auf den Baum klettern? Dann könnten wir sehen, wie …«

Was sollte er der Jungfrau Maria sagen? Was sagte man einer Mutter? Joanet unterhielt sich nicht mit seiner Mutter. Er hörte ihr nur zu und sagte ja oder nein … Aber er konnte wenigstens ihre Stimme hören und ihre Liebkosungen spüren, dachte Arnau.

»Klettern wir rauf?«

»Nein!«, schrie Arnau so laut, dass Joanet das Lächeln verging. »Du hast schon eine Mutter, die dich liebt, du brauchst keinen anderen Müttern hinterherzuspionieren.«

»Wenn wir raufklettern …«, erwiderte Joanet.

Dass sie sie liebten! Das sagten ihre Kinder zu Guiamona. »Sag ihr das, Vögelchen.« Arnau sah den Vogel in den Himmel fliegen. »Sag ihr, dass ich sie liebe.«

»Was ist jetzt? Klettern wir rauf?«, beharrte Joanet, während er bereits nach den unteren Ästen griff.

»Nein. Ich brauche das nicht …« Joanet ließ den Ast los und sah seinen Freund fragend an. »Ich habe auch eine Mutter.«

»Eine neue?«

Arnau zögerte.

»Ich weiß nicht. Sie heißt Jungfrau Maria.«

»Jungfrau Maria? Und wer ist das?«

»Sie lebt in bestimmten Kirchen. Ich weiß, dass sie immer in diese Kirche gegangen sind.« Er deutete in Richtung Mauer. »Aber sie haben mich nie mitgenommen.«

»Ich weiß, wo eine ist.« Arnau sah Joanet mit großen Augen an. »Wenn du willst, bringe ich dich hin. Zu der größten von Barcelona!«

Wie immer rannte Joanet davon, ohne die Antwort seines Freundes abzuwarten. Aber Arnau war schon auf der Hut und hatte ihn gleich eingeholt.

Sie liefen bis zur Calle de la Boquería und durch die Calle de Bisbe am Judenviertel entlang, bis sie vor der Kathedrale standen.

»Und du glaubst, die Jungfrau Maria ist da drin?«, fragte Arnau seinen Freund und deutete auf die Gerüste, die an den noch unvollendeten Mauern emporwuchsen. Er folgte mit dem Blick einem großen Stein, der von mehreren Männern mithilfe eines Seilzugs nach oben gehoben wurde.

»Natürlich«, antwortete Joanet überzeugt. »Das ist eine Kirche.«

»Das ist keine Kirche!«, hörten die beiden jemanden hinter ihrem Rücken sagen. Sie fuhren herum und standen vor einem grobschlächtigen Mann, der einen Hammer und eine Raspel in der Hand hielt. »Das ist die Kathedrale«, erklärte er, stolz auf seine Arbeit als Gehilfe des Steinmetzmeisters. »Verwechselt sie nie mit einer Kirche.«

Arnau warf Joanet einen wütenden Blick zu.

»Wo gibt es eine Kirche?«, fragte Joanet den Mann, als dieser sich bereits zum Gehen wandte.

»Gleich dort drüben«, antwortete dieser zu ihrer Überraschung, während er mit der Raspel zu der Straße zeigte, durch die sie gekommen waren. »An der Plaza Sant Jaume.«

Sie rannten die Calle del Bisbe wieder hinunter bis zur Plaza de Sant Jaume. Dort entdeckten sie ein kleines Gebäude, das sich von den übrigen unterschied, mit unzähligen Reliefbildern über dem Portal, zu dem eine kleine Treppe hinaufführte. Die beiden zögerten nicht lange und schlüpften rasch hinein. Innen war es dunkel und kühl. Bevor ihre Augen Zeit hatten, sich an das dämmrige Licht zu gewöhnen, wurden sie von kräftigen Händen an den Schultern gepackt und ebenso schnell die Stufen wieder hinunterbefördert, wie sie hineingekommen waren.

»Wie oft muss ich euch noch sagen, dass ich kein Gerenne in der Kirche Sant Jaume will!«

Arnau und Joanet sahen sich an, ohne den Pfarrer weiter zu beachten. Die Kirche Sant Jaume! Auch dies war nicht die Kirche der Jungfrau Maria, sagten sie sich schweigend.

Als der Pfarrer verschwunden war, rappelten sie sich auf. Sie waren von einer Gruppe von sechs Jungen umringt, die genauso barfuß, zerlumpt und schmutzig waren wie Joanet.

»Mit dem ist nicht gut Kirschen essen«, sagte einer von ihnen, wobei er mit dem Kopf zum Kirchenportal hinüberdeutete.

»Wenn ihr wollt, können wir euch verraten, wo man hineinkann, ohne dass er es merkt«, sagte ein anderer, »aber dann müsst ihr selbst zurechtkommen. Wenn er euch erwischt …«

»Nein, darum geht es uns nicht«, antwortete Arnau. »Kennt ihr noch eine andere Kirche?«

»Man wird euch nirgendwo hineinlassen«, beteuerte ein Dritter.

»Das lasst unsere Sache sein«, entgegnete Joanet.

»Schaut euch den Kleinen an!«, lachte der Älteste von ihnen und kam auf Joanet zu. Er war um einiges größer und Arnau hatte Angst um seinen Freund. »Alles, was auf diesem Platz passiert, ist unsere Sache, kapiert?«, sagte er und gab ihm einen Schubs.

Joanet wollte sich gerade auf den älteren Jungen stürzen, als etwas auf der anderen Seite des Platzes ihre Aufmerksamkeit erregte.

»Ein Jude!«, rief einer der Jungs.

Die ganze Bande rannte in Richtung eines Jungen, auf dessen Brust das gelbe Zeichen prangte. Der kleine Jude nahm die Beine in die Hände, als er merkte, was da auf ihn zukam, und erreichte den Eingang zum Judenviertel, bevor die Bande ihn erwischte. Die Jungen blieben wie angewurzelt vor dem Torbogen stehen. Einer von ihnen war allerdings bei Arnau und Joanet stehen geblieben. Er war noch kleiner als Joanet und hatte mit großen Augen beobachtet, wie diese gegen den Ältesten aufbegehrt hatten.

»Dort drüben ist noch eine Kirche, hinter Sant Jaume«, erklärte er ihnen. »Seht zu, dass ihr hier wegkommt.« Er machte eine Kopfbewegung zu der Gruppe, die jetzt zu ihnen zurückgeschlendert kam. »Pau wird sehr wütend sein und euch dafür büßen lassen. Er ist immer wütend, wenn ihm ein Jude entwischt.«

Arnau wollte Joanet wegziehen, der herausfordernd auf diesen Pau wartete. Aber als er sah, wie die Jungs plötzlich losliefen, gab Joanet dem Drängen seines Freundes nach.

Sie rannten die Straße hinunter in Richtung Meer, aber als sie feststellten, dass Pau und seine Bande ihnen nicht folgten – wahrscheinlich galt ihr Augenmerk eher den Juden, die über ihren Platz gingen –, verlangsamten sie ihre Schritte. Sie waren kaum eine Straße von der Plaza Sant Jaume entfernt, als sie auf eine weitere Kirche stießen. Sie blieben vor der Treppe stehen und sahen sich an. Joanet deutete auf die Tür.

»Lass uns warten«, sagte Arnau.

In diesem Moment kam eine alte Frau aus der Kirche und stieg langsam die Treppe hinunter. Arnau überlegte nicht lange.

»Gute Frau«, sagte er, als sie auf der Straße stand, »was ist das für eine Kirche?«

»Sant Miquel«, antwortete die Frau, ohne stehen zu bleiben.

Arnau seufzte. Sant Miquel.

»Wo gibt es hier noch eine Kirche?«, fragte Joanet dazwischen, als er den enttäuschten Gesichtsausdruck seines Freundes sah.

»Gleich am Ende dieser Straße.«

»Und was ist das für eine?« Mit seiner erneuten Frage weckte er zum ersten Mal die Aufmerksamkeit der Frau.

»Das ist die Kirche Sant Just i Pastor. Weshalb wollt ihr das so genau wissen?«

Die Jungen gaben keine Antwort und ließen die alte Frau stehen, die ihnen hinterhersah, wie sie mit gesenkten Köpfen davonschlichen.

»Alles Männerkirchen!«, entfuhr es Arnau. »Wir müssen eine Frauenkirche finden. Dort ist bestimmt auch die Jungfrau Maria.«

Joanet ging nachdenklich weiter.

»Ich kenne da einen Ort …«, sagte er schließlich. »Da sind nur Frauen. Es ist am Ende der Stadtmauer, gleich am Meer. Er heißt …« Joanet versuchte sich zu erinnern. »Er heißt Santa Clara.«

»Santa Clara ist nicht die Jungfrau Maria.«

»Aber sie ist eine Frau. Bestimmt ist deine Mutter bei ihr. Oder ist sie mit einem Mann zusammen, der nicht dein Vater ist?«

Sie gingen die Calle de la Ciutat entlang bis zum Portal de la Mar, dem Stadttor am Meer, das sich neben der Festung Regomir in der alten römischen Stadtmauer befand. Von dort führte ein Weg zum Konvent Santa Clara, das den östlichen Abschluss der neuen Stadtmauer bildete, gleich am Meer. Nachdem sie die Festung Regomir hinter sich gelassen hatten, wandten sie sich nach links und gingen weiter bis zur Calle de la Mar, die von der Plaza del Blat bis zur Kirche Santa María del Mar führte und weiter in kleinen, parallel verlaufenden Gässchen auslief, die am Strand mündeten. Von dort gelangte man, wenn man die Plaza del Born und den Pia d'en Llull überquerte, durch die Calle de Santa Clara zu dem gleichnamigen Kloster.

Trotz des unbedingten Wunsches, die Kirche zu finden, nach der sie suchten, konnte keiner der beiden Jungen dem Impuls widerstehen, an den Ständen der Silberschmiede zu verweilen, die sich zu beiden Seiten der Calle de la Mar befanden. Barcelona war eine prosperierende, reiche Stadt, und die zahllosen kostbaren Gegenstände, die an diesen Ständen feilgeboten wurden, waren ein guter Beleg dafür: Silbergeschirr, Krüge und Becher aus wertvollen Metallen mit eingearbeiteten Edelsteinen, Ketten, Armbänder und Ringe, Gürtel, eine schier endlose Menge von Kunstwerken, die in der Sommersonne funkelten und auf die Arnau und Joanet einen Blick zu erhaschen versuchten, bevor der Goldschmied sie zum Weitergehen nötigte.

Während sie vor dem Lehrling eines der Silberschmiede Reißaus nahmen, gelangten sie zur Plaza de Santa María. Zu ihrer Rechten lag ein kleiner Friedhof, der Fossar Mayor, zu ihrer Linken die Kirche.

»Nach Santa Clara müssen wir dort entlang …«, begann Joanet, doch dann verstummte er. Das hier war beeindruckend!

»Wie sie das wohl gemacht haben?«, fragte sich Arnau, während er mit offenem Mund dastand.

Vor ihnen erhob sich eine mächtige, trutzige Kirche, streng, abweisend, gedrungen, ohne Fenster und mit außergewöhnlich dicken Mauern. Rund um den Kirchenbau hatte man das Gelände geräumt und eingeebnet. Überall waren Pflöcke in den Boden geschlagen, die durch Seile miteinander verbunden waren und geometrische Figuren bildeten.

Rings um die Apsis der kleinen Kirche erhoben sich zehn schlanke Säulen von sechzehn Metern Höhe, deren weißer Stein unter den Gerüsten hervorstrahlte, von denen sie umgeben waren.

Die hölzernen Gerüste, die am hinteren Teil der Kirche angebracht waren, wuchsen wie riesige Treppen nach oben. Selbst aus der Ferne musste Arnau den Kopf in den Nacken legen, um das Ende der Gerüste zu sehen, das weit oberhalb der Säulen lag.

»Gehen wir weiter«, drängte Joanet, als er lange genug das gefährliche Hin und Her der Arbeiter auf den Gerüsten beobachtet hatte. »Das ist bestimmt wieder eine Kathedrale.«

»Es ist keine Kathedrale«, hörten sie eine Stimme hinter sich. Arnau und Joanet blickten sich an und lächelten. Dann drehten sie sich um und sahen den kräftigen, schwitzenden Mann, der einen riesigen Steinquader auf dem Rücken trug, fragend an. Was ist es dann?, schien Joanet mit seinem Lächeln sagen zu wollen.

»Die Kathedrale wird von den Adligen und der Stadt finanziert. Diese Kirche hingegen, die noch viel bedeutender und schöner sein wird als die Kathedrale, wird vom Volk bezahlt und gebaut.«

Der Mann war nicht einmal stehen geblieben. Das Gewicht des Steins schien ihn vorwärts zu treiben. Aber er hatte ihnen zugelächelt.

Die beiden Jungen folgten ihm bis zur Seitenmauer der Kirche, an die ein weiterer Friedhof grenzte, der Fossar Menor.

»Können wir Euch helfen?«, fragte Arnau.

Der Mann schnaufte, bevor er sich umwandte und erneut lächelte.

»Vielen Dank, mein Junge, aber besser nicht.«

Schließlich bückte er sich und wuchtete den Stein auf den Boden. Die Jungen blickten sich an und Joanet trat näher heran. Er versuchte, den Stein zu bewegen, doch es gelang ihm nicht. Der Mann brach in schallendes Lachen aus, das Joanet mit einem Lächeln beantwortete.

»Wenn es keine Kathedrale ist, was ist es dann?«, fragte Arnau, wobei er auf die achteckigen Säulen deutete.

»Das hier ist die neue Kirche, die das Ribera-Viertel in Dankbarkeit und Verehrung für unsere Schutzpatronin, die Jungfrau, erbaut …«

Arnau zuckte zusammen. »Die Jungfrau Maria?«, unterbrach er ihn mit weit aufgerissenen Augen.

»Natürlich, mein Junge«, antwortete der Mann und fuhr ihm übers Haar. »Die Jungfrau Maria, Schutzpatronin des Meeres.«

»Und … und wo ist die Jungfrau Maria?«, fragte Arnau weiter und sah zur Kirche herüber.

»Dort drüben in der kleinen Kirche. Aber wenn dieser Bau fertig ist, wird sie das größte Gotteshaus ihr Eigen nennen, das sie je besaß.«

Dort drinnen! Arnau hörte nicht mehr länger zu. Dort drinnen war seine Jungfrau. Plötzlich war ein Rauschen zu hören und alle blickten nach oben: Ein Schwarm Vögel war vom obersten Gerüst aufgeflogen.

9

Das Stadtviertel Ribera de Mar, wo die Kirche zu Ehren der Jungfrau Maria erbaut wurde, war aus einer Vorstadt des karolingischen, von den alten römischen Stadtmauern umgebenen Barcelonas hervorgegangen. In seinen Anfängen war es ein einfaches Viertel der Fischer, Stauer und anderer einfacher Leute gewesen. Schon damals gab es dort ein kleines Gotteshaus, Santa María de las Arenas, ›Die Heilige Jungfrau vom Sande‹, errichtet an jener Stelle, wo angeblich die heilige Eulàlia im Jahre 303 den Märtyrertod erlitten hatte. Die kleine Kirche Santa María de las Arenas erhielt diesen Namen, weil sie direkt auf dem Sandstrand von Barcelona erbaut wurde, doch durch die Sedimentablagerungen, die auch die Häfen unbrauchbar gemacht hatten, die Barcelona früher einmal besaß, hatte sich die Küstenlinie immer weiter von der Kirche entfernt, bis schließlich ihr ursprünglicher Name verlorenging. Seit damals hieß sie Santa María del Mar, denn auch wenn die Entfernung zum Ufer größer geworden war, änderte dies nichts an der Verehrung all jener Männer, die vom Meer lebten.

Im Laufe der Zeit war auch die Stadt gezwungen gewesen, nach neuem Terrain vor den Toren zu suchen, um Platz für das aufstrebende Bürgertum Barcelonas zu schaffen, für das der römische Stadtkern zu klein geworden war. Unter den drei möglichen Himmelsrichtungen entschied sich die Bürgerschaft für den östlichen Bereich, wo der Verkehr vom Hafen in die Stadt strömte. Dort, in der Calle de la Mar, ließen sich die Silberschmiede nieder. Die übrigen Straßen erhielten ihre Namen von den Geldwechslern, Tuchhändlern, Metzgern und Bäckern, Wein- und Käsehändlern, Hutmachern, Waffenschmieden und einer Vielzahl anderer Handwerker. Es gab außerdem einen Handelshof, wo die auswärtigen Händler abstiegen, die in der Stadt weilten, und hinter der Kirche Santa María wurde die Plaza del Born gebaut, auf der Wettkämpfe und Turniere stattfanden. Doch das neue Viertel am Ufer zog nicht nur reiche Handwerker an; auch viele Adlige zogen im Gefolge des Seneschalls Guillem Ramon de Monteada dorthin, dem der Graf von Barcelona, Ramon Berenguer IV. das Bauland für jene Straße überlassen hatte, die dann seinen Namen trug. Diese Calle Monteada mit ihren mächtigen, luxuriösen Palästen mündete in die Plaza del Born, neben der Kirche Santa María del Mar.

Nachdem sich Ribera de la Mar zu einem wohlhabenden Viertel gemausert hatte, wurde die alte romanische Kirche, in der die Fischer und Seeleute ihre Schutzpatronin verehrten, zu klein und zu ärmlich für die aufstrebenden und reichen Gläubigen. Doch die finanziellen Zuwendungen der Barceloneser Kirche und des Königs flossen ausschließlich in den Wiederaufbau der Kathedrale der Stadt.

Die Gläubigen von Santa María del Mar, Reich und Arm in ihrer Verehrung der Jungfrau geeint, ließen sich jedoch von der mangelnden Unterstützung nicht entmutigen. Im Gefolge des kürzlich zum Erzdiakon von Santa María del Mar ernannten Bernat Llull erbaten sie von der kirchlichen Obrigkeit die Erlaubnis, ein Bauwerk zu errichten, welches das größte Monument zu Ehren der Jungfrau Maria sein sollte. Und sie bekamen sie.

So wurde mit dem Bau von Santa María del Mar begonnen, errichtet vom Volk für das Volk. Davon kündete der Grundstein des Bauwerks, der genau dort gelegt wurde, wo später der Hauptaltar stehen sollte. Anders als bei Bauwerken, die von der Obrigkeit unterstützt wurden, war in ihn lediglich das Wappen der Pfarrei eingemeißelt als Zeichen dafür, dass dieser Bau mit all seinen Rechten einzig und allein den Gläubigen gehörte, die ihn errichtet hatten – die Reichen mit ihrem Geld, die einfachen Leute mit ihrer Arbeit.

Arnau betrachtete den Mann mit dem Steinquader. Noch immer schwitzend und keuchend, sah er lächelnd zu dem Bau hinüber.

»Kann man sie sehen?«, fragte Arnau.

»Die Jungfrau?«, fragte der Mann zurück, während er nun den Jungen anlächelte.

Und wenn Kinder nicht alleine in die Kirchen durften?, fragte sich Arnau. Was, wenn sie in Begleitung ihrer Eltern sein mussten? Wie hatte der Pfarrer von Sant Jaume noch einmal zu ihnen gesagt?

»Natürlich. Die Jungfrau wird sich freuen, Besuch von solchen Jungs wie euch zu bekommen.«

Arnau lachte nervös. Dann sah er Joanet an.

»Gehen wir?«, fragte er.

»He! Einen Moment!«, sagte der Mann zu ihnen. »Ich muss wieder an die Arbeit.« Er sah zu den Steinmetzen hinüber, die den Steinquader bearbeiteten. »Angel!«, rief er einem etwa zwölfjährigen Knaben zu, der rasch zu ihnen gelaufen kam. »Begleite diese beiden Jungs in die Kirche! Sag dem Pfarrer, dass sie die Jungfrau sehen möchten!«

Dann verschwand der Mann in Richtung Meer. Arnau und Joanet blieben mit Angel zurück, aber als der Junge sie anschaute, blickten beide zu Boden.

»Ihr wollt die Jungfrau sehen?«

Seine Stimme klang ehrlich. Arnau nickte und fragte: »Kennst du sie?«

»Na klar«, lachte Angel. »Sie ist die Schutzpatronin des Meeres. Mein Vater ist Seemann«, setzte er stolz hinzu. »Kommt.«

Die beiden folgten ihm zum Eingang der Kirche, Joanet mit weit aufgerissenen Augen, Arnau mit gesenktem Kopf.

»Hast du eine Mutter?«, fragte er plötzlich.

»Ja, natürlich«, antwortete Angel, während er weiter vor ihnen herging.

Sie traten durch das Portal von Santa María. Arnau und Joanet blieben stehen, bis sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Es roch nach Wachs und Weihrauch. Arnau verglich die hohen, schlanken Säulen, die draußen standen, mit denen im Inneren der Kirche. Diese waren niedrig, dick und viereckig. Das einzige Licht kam durch ein paar schmale, längliche Fenster im dicken Mauerwerk und warf hier und dort gelbliche Rechtecke auf den Boden. An der Decke, an den Wänden, überall hingen und standen Schiffe, die einen sorgfältig gearbeitet, andere etwas grober geschnitzt.

»Kommt weiter«, raunte Angel ihnen zu.

Während sie zum Altar gingen, deutete Joanet auf einige Gestalten, die auf dem Fußboden knieten. Sie hatten sie nicht sofort bemerkt. Als sie an ihnen vorüberkamen, staunten die Jungen über die gemurmelten Gebete.

»Was tun sie da?«, flüsterte Joanet Arnau ins Ohr.

»Sie beten«, antwortete dieser.

Wenn Guiamona mit seinen Cousins aus der Kirche zurückgekommen war, hatte sie ihn immer in seinem Schlafzimmer vor einem Kreuz niederknien lassen und ihn zum Beten angehalten.

Als sie schließlich vor dem Altar standen, kam ein schlanker Priester auf sie zu. Joanet versteckte sich hinter Arnau.

»Was führt dich hierher, Angel?«, fragte der Mann mit leiser Stimme, sah dabei jedoch die beiden Jungen an.

Der Priester hielt Angel seine Hand hin und dieser kniete nieder.

»Diese beiden Jungen, Pater. Sie möchten die Jungfrau sehen.«

Die Augen des Priesters glänzten im Dunkeln, als er sich an Arnau wandte.

»Dort ist sie«, sagte er und deutete zum Altar.

Arnau sah in die Richtung, in die der Priester wies, bis er eine kleine, schlichte Frauenfigur aus Stein entdeckte. Auf ihrer rechten Schulter saß ein Kind und zu ihren Füßen befand sich ein Schiff. Er blickte zu ihr auf. Die Frau hatte ein gütiges Gesicht. Seine Mutter!

»Wie heißt ihr?«, wollte der Priester wissen.

»Arnau Estanyol«, antwortete der eine.

»Joan, aber ich werde Joanet genannt«, erklärte der andere.

»Und der Nachname?«

Das Lächeln verschwand von Joanets Gesicht. Seine Mutter hatte ihm gesagt, dass er nicht den Nachnamen von Ponç, dem Kesselschmied, verwenden solle, da dieser sehr ungehalten sein würde, wenn er davon erfuhr. Ihren Namen sollte er allerdings auch nicht verwenden. Bislang war er nie in die Verlegenheit gekommen, jemandem seinen Nachnamen nennen zu müssen. Weshalb wollte ihn jetzt dieser Priester wissen?

»Genau wie er«, sagte er schließlich. »Estanyol.«

Arnau wandte sich zu ihm um und sah das Flehen in den Augen seines Freundes.

»Dann seid ihr also Brüder.«

»J … ja«, stotterte Joanet, als er Arnaus stillschweigendes Einverständnis bemerkte.

»Wisst ihr, wie man betet?«

»Ja«, antwortete Arnau.

»Ich nicht … noch nicht«, ergänzte Joanet.

»Dann lass es dir von deinem älteren Bruder beibringen«, sagte der Priester. »Ihr könnt nun zur Jungfrau beten. Und du komm mit mir, Angel. Ich habe eine Botschaft für deinen Meister. Da sind einige Steine, die …«

Die Stimme des Priesters verlor sich in der Ferne. Die beiden Jungen blieben vor dem Altar stehen.

»Muss man niederknien beim Beten?«, flüsterte Joanet Arnau zu.

Arnau wandte sich zu den Gestalten um, auf die Joanet deutete. Als Joanet zu den rotsamtenen Betschemeln ging, die vor dem Hauptaltar standen, hielt er ihn am Arm zurück.

»Die Leute knien auf dem Fußboden«, sagte er gleichfalls flüsternd, während er auf die Gläubigen zeigte. »Aber sie beten ja auch.«

»Und du?«

»Ich bete nicht. Ich spreche mit meiner Mutter. Du kniest doch auch nicht nieder, wenn du mit deiner Mutter sprichst, oder?«

Joanet sah ihn an. Nein, das tat er nicht …

»Aber der Priester hat nicht gesagt, dass wir mit ihr sprechen sollen. Nur, dass wir beten könnten.«

»Komm bloß nicht auf die Idee, dem Priester davon zu erzählen. Wenn du das tust, sage ich ihm, dass du gelogen hast und gar nicht mein Bruder bist.«

Joanet blieb neben Arnau stehen und betrachtete die vielen Schiffe, mit denen die Kirche geschmückt war. Er hätte gerne eines dieser Schiffe gehabt. Er fragte sich, ob sie wohl schwimmen konnten. Ganz bestimmt – wozu hätte man sie sonst schnitzen sollen? Er könnte mit einem dieser Schiffe zum Meer hinuntergehen und …

Arnau sah unverwandt zu der steinernen Figur auf. Was sollte er ihr sagen? Ob die Vögel ihr seine Botschaft überbracht hatten? Er hatte ihnen gesagt, dass er sie liebte. Er hatte es ihnen oft gesagt.

»Mein Vater hat gesagt, dass sie jetzt bei dir ist, auch wenn sie eine Maurin war. Aber das soll ich keinem erzählen, weil die Leute behaupten, dass die Mauren nicht in den Himmel kommen«, flüsterte er. »Sie war eine gute Frau. Sie hatte keine Schuld. Es war Margarida.«

Arnau sah die Jungfrau unverwandt an. Sie war von Dutzenden brennender Kerzen umgeben. Die Luft rings um die steinerne Figur vibrierte.

»Ist Habiba bei dir? Wenn du sie siehst, dann sag ihr, dass ich sie auch lieb habe. Du bist mir nicht böse, wenn ich sie lieb habe, oder? Auch wenn sie eine Maurin ist.«

Durch das Dämmerlicht und das Flackern der Kerzen hindurch sah Arnau, wie sich die Lippen der kleinen Statue zu einem Lächeln verzogen.

»Joanet!«, sagte er zu seinem Freund.

»Was ist?«

Arnau deutete auf die Jungfrau, doch nun waren ihre Lippen wieder … Vielleicht wollte die Jungfrau nicht, dass ein anderer das Lächeln sah. Vielleicht war es ein Geheimnis.

»Was denn?«, fragte Joanet noch einmal.

»Ach, nichts.«

»Habt ihr schon gebetet?«

Angel und der Priester waren zurückgekehrt.

»Ja«, antwortete Arnau.

»Ich konnte nicht, weil …«, versuchte sich Joanet zu entschuldigen.

»Ich weiß, ich weiß«, unterbrach ihn der Priester freundlich und strich ihm übers Haar. »Und du, was hast du gebetet?«

»Das Ave Maria«, antwortete Arnau.

»Ein schönes Gebet. Nun lasst uns gehen«, setzte der Priester hinzu, während er sie zur Tür brachte.

»Pater«, fragte Arnau, als sie wieder draußen standen, »dürfen wir wiederkommen?«

Der Priester lächelte ihnen zu.

»Natürlich. Aber ich hoffe, dass du deinem Bruder das Beten beigebracht hast, wenn ihr das nächste Mal kommt.« Joanet ließ sich von dem Priester die Wangen tätscheln. »Kommt wieder, wann immer ihr wollt. Ihr seid stets willkommen.«

Angel machte sich auf den Weg zu der Stelle, wo die Steine aufgehäuft lagen. Arnau und Joanet folgten ihm.

»Und wohin geht ihr jetzt?«, fragte Angel und wandte sich zu ihnen um. Die beiden Jungen blickten sich an und zuckten mit den Schultern. »Ihr könnt nicht auf der Baustelle herumlaufen. Wenn der Meister euch sieht …«

»Der Mann mit dem Steinquader?«, unterbrach ihn Arnau.

»Nein«, antwortete Angel lachend. »Das war Ramon, ein Bastaix.« Joanet schloss sich dem fragenden Blick seines Freundes an. »Die Bastaixos sind die Packesel des Meeres; sie tragen die Waren vom Strand zu den Lagerhäusern der Händler und umgekehrt. Sie entladen die Waren, nachdem die Boote sie zum Strand gebracht haben.«

»Dann arbeiten sie nicht in Santa María?«, fragte Arnau.

»Doch. Sie leisten sogar am meisten.« Angel lachte über den ratlosen Gesichtsausdruck der beiden Jungen. »Sie sind einfache Leute ohne finanzielle Mittel, aber fromme Verehrer der Jungfrau vom Meer, frommer als alle anderen. Da sie kein Geld zum Bau beitragen können, hat sich die Zunft der Bastaixos verpflichtet, die Felsblöcke aus dem königlichen Steinbruch am Montjuïc herbeizuschaffen. Sie schleppen sie auf dem Rücken herbei« – Angel sah in die Ferne – »und legen Meilen zurück, beladen mit Steinen, die wir später zu zweit bewegen müssen.«

Arnau dachte an den riesigen Felsbrocken, den der Bastaix auf den Boden gewuchtet hatte.

»Natürlich arbeiten sie für ihre Jungfrau«, beteuerte Angel noch einmal. »Mehr als alle anderen. Jetzt geht spielen«, setzte er dann hinzu, bevor er seinen Weg fortsetzte.

10

»Weshalb bauen sie die Gerüste noch höher?«

Arnau deutete auf den rückwärtigen Teil der Kirche Santa María. Angel sah nach oben und nuschelte eine unverständliche Erklärung, den Mund voller Brot und Käse. Joanet begann zu kichern, Arnau stimmte mit ein, und schließlich konnte sich auch Angel selbst das Lachen nicht verkneifen, bis er sich verschluckte und das Lachen in einen Hustenanfall überging.

Arnau und Joanet gingen jetzt jeden Tag nach Santa María, um in der Kirche niederzuknien. Bestärkt von seiner Mutter, hatte Joanet beschlossen, das Beten zu lernen, und sagte ein ums andere Mal die Gebete auf, die Arnau ihm beibrachte. Wenn die beiden Freunde sich später verabschiedeten, lief der Kleine zu dem Fensterchen und erzählte, wie viel er an diesem Tag gebetet hatte. Arnau hielt stumme Zwiesprache mit seiner Mutter. Nur wenn Pater Albert – denn so hieß der Pfarrer – zu ihnen trat, stimmte er in Joanets Gemurmel ein.

Wenn Arnau und Joanet die Kirche verließen, blieben sie immer in einiger Entfernung stehen, um die Bauarbeiten zu beobachten, die Zimmerleute, Steinmetze und Maurer. Dann hockten sie sich auf den Platz und warteten, bis Angel eine Pause machte und sich zu ihnen setzte, um Brot und Käse zu essen. Pater Albert betrachtete sie mit Wohlwollen, die Arbeiter von Santa María lächelten ihnen zu, und sogar die Bastaixos schenkten den beiden Kindern, die dort vor der Kirche saßen, einen Blick, wenn sie mit Steinen beladen zur Baustelle kamen.

»Weshalb bauen sie die Gerüste noch höher?«, fragte Arnau noch einmal.

Die drei sahen zum hinteren Teil der Kirche hinüber, wo sich die zehn Pfeiler in den Himmel reckten, acht im Halbkreis, zwei etwas weiter weg. Dahinter hatte man mit dem Bau der Streben und der Mauern begonnen, aus denen die Apsis entstehen sollte. Die Pfeiler überragten die kleine romanische Kirche, doch die Gerüste wuchsen immer weiter in die Höhe, als wären die Handwerker verrückt geworden und wollten eine Leiter bis in den Himmel bauen.

»Ich weiß es nicht«, antwortete Angel.

»Diese Gerüste tragen ja gar nichts«, stellte Joanet fest.

»Aber sie werden etwas tragen müssen«, behauptete da eine sichere Männerstimme.

Die drei fuhren herum. Vor lauter Lachen und Husten hatten sie nicht bemerkt, dass hinter ihnen mehrere Männer standen. Einige waren vornehm gekleidet, andere trugen Priestergewänder mit edelsteinbesetzten Goldkreuzen auf der Brust, schweren Ringen und gold- und silberdurchwirkten Schärpen.

Pater Albert sah sie von der Kirchentür aus und eilte ihnen entgegen, um sie zu begrüßen. Angel sprang mit einem Satz auf und verschluckte sich erneut. Er sah den Mann, der ihnen geantwortet hatte, nicht zum ersten Mal, doch nur selten hatte er ihn von so viel Prunk umgeben gesehen. Es war Berenguer de Montagut, der Baumeister von Santa María del Mar.

Auch Arnau und Joanet standen auf. Pater Albert trat zu der Gruppe und begrüßte die Bischöfe, indem er ihre Ringe küsste.

»Was werden sie tragen?«

Joanets Frage ließ Pater Albert auf halbem Wege zu einem weiteren Handkuss verharren. Aus seiner unbequemen Haltung heraus sah er den Jungen streng an. Sprich nicht, wenn du nicht gefragt wirst, schien sein Blick zu sagen. Einer der Pröpste machte Anstalten, zur Kirche zu gehen, doch Berenguer de Montagut fasste Joanet an der Schulter und beugte sich zu ihm hinunter.

»Kinder können oft sehen, was wir nicht sehen«, sagte er laut zu seinen Begleitern. »Es würde mich also nicht wundern, wenn diese Knaben etwas bemerkt hätten, was uns womöglich entgangen ist. Du willst wissen, weshalb wir die Gerüste noch höher bauen?« Joanet nickte, nicht ohne zuvor zu Pater Albert hinüberzusehen. »Siehst du das Ende der Pfeiler? Von dort oben, von jedem einzelnen, werden acht Bögen ausgehen, und auf ihnen wird das Gewölbe der neuen Apsis ruhen.«

»Was ist ein Gewölbe?«, fragte Arnau.

Berenguer lächelte und blickte sich um. Einige der Anwesenden lauschten den Erklärungen ebenso aufmerksam wie die Kinder.

»Ein Gewölbe ist in etwa so.« Der Baumeister legte die Finger gegeneinander, sodass sie eine Art Kuppel bildeten. Die Jungen blickten gebannt auf diese magischen Hände. Einige aus der hinteren Reihe reckten die Hälse, auch Pater Albert. »Stellt euch vor, meine Finger wären die Gewölberippen, für die wir vorher Holzgerüste gebaut haben. Und ganz oben, hier« – er öffnete die Hände und wies auf die Spitze seines Zeigefingers – »kommt ein großer Stein hin, den man Schlussstein nennt. Diesen Stein müssen wir ganz nach oben auf die Gerüste hieven. Seht ihr, dort?« Alle schauten nach oben. »Wenn wir ihn an seinen Platz gebracht haben, verkleiden wir den Raum zwischen zwei Gerüsten mit Brettern und formen die Gewölbeschale aus leichtem Stein und Mörtel. Dafür brauchen wir diese hohen Gerüste. Nachher kommt das Holz natürlich wieder weg.«

»Und wozu diese ganze Arbeit?«, hakte Arnau nach. Der Priester zuckte zusammen, als er den Jungen so sprechen hörte, auch wenn er sich bereits an seine Fragen und Beobachtungen zu gewöhnen begann. »Das alles wird man doch gar nicht sehen, wenn man in der Kirche ist. Es ist über dem Dach.«

Berenguer lachte, und einige seiner Begleiter stimmten mit ein. Pater Albert seufzte.

»Natürlich wird man es sehen, mein Junge. Die kleine Kirche, die jetzt hier steht, wird im Verlauf der Bauarbeiten verschwinden. Es ist, als entstünde aus dieser kleinen Kirche eine neue, größere und …«

Joanets unwilliges Gesicht überraschte ihn. Der Junge hatte sich an die Intimität der kleinen Kirche gewöhnt, an ihren Geruch, die Dunkelheit, die Geborgenheit, die er fand, wenn er dort betete.

»Liebst du die Jungfrau vom Meer?«, fragte ihn Berenguer.

Joanet sah Arnau an und beide nickten einhellig.

»Nun, wenn ihre neue Kirche fertig ist, wird diese Jungfrau, die ihr so sehr liebt, mehr Licht haben als jede andere Madonna auf der Welt. Sie wird nicht mehr im Dunkeln sein wie jetzt, und sie wird die schönste Kirche ihr Eigen nennen, die man sich nur vorstellen kann. Nicht mehr dicke, niedrige Mauern werden sie umgeben, sondern hohe, lichte Wände mit Pfeilern und Fenstern, die bis in den Himmel hinaufreichen.«

Alle schauten gen Himmel.

»Ja«, fuhr Berenguer de Montagut fort, »die neue Kirche der Jungfrau vom Meer wird bis in den Himmel reichen.«

Dann schritt er gemeinsam mit seinen Begleitern auf Santa María zu. Die Kinder und Pater Albert blieben zurück und sahen ihnen nach.

»Pater«, fragte Arnau schließlich, als die Besucher außer Hörweite waren, »was geschieht denn mit der Jungfrau, wenn die kleine Kirche abgebrochen wird, die neue aber noch nicht fertiggestellt ist?«

»Siehst du die Strebepfeiler dort drüben?«, antwortete der Pfarrer und deutete auf zwei der Pfeiler, die sich im Bau befanden, um den Umgang hinter dem Hauptaltar zu schließen. »Zwischen diesen beiden Pfeilern wird die Hauptkapelle errichtet, die Sakramentskapelle. Dort wird man die Jungfrau vorläufig unterbringen, neben dem Leib Christi und den Gebeinen der heiligen Eulàlia, damit sie keinen Schaden nimmt.«

»Und wer wird sie bewachen?«

»Keine Sorge«, antwortete der Priester, nun mit einem Lächeln auf den Lippen, »die Jungfrau wird gut bewacht sein. Die Sakramentskapelle gehört der Bruderschaft der Bastaixos. Sie besitzen den Schlüssel und werden deine Jungfrau bewachen.«

Arnau und Joanet kannten die Bastaixos inzwischen. Angel hatte ihnen ihre Namen genannt, wenn sie, einer hinter dem anderen, mit ihren riesigen Steinen beladen ankamen. Da war Ramon, den sie als Ersten kennengelernt hatten. Guillem, hart wie der Stein, den er auf seinem Rücken trug, von der Sonne gegerbt, das Gesicht von einem Unfall schrecklich entstellt, aber sanft und freundlich im Umgang. Ein weiterer Ramon, ›der Kleine‹ genannt, weil er kleiner war als der erste Ramon und von gedrungener Gestalt. Miquel, ein sehniger Mann, dem man gar nicht zutraute, dem Gewicht seiner Last standzuhalten, doch er schaffte es, indem er alle Sehnen seines Körpers anspannte, bis es aussah, als könnten sie jeden Augenblick reißen. Sebastià, der Schweigsamste unter ihnen, und sein Sohn Bastianet. Pere, Jaume und so viele andere Namen, die jenen Arbeitern aus dem Ribera-Viertel gehörten, die es sich zur Aufgabe gemacht hatten, die Tausende von Steinen, die für den Bau der Kirche benötigt wurden, vom königlichen Steinbruch La Roca nach Santa María del Mar zu schleppen.

Arnau dachte an die Bastaixos, daran, wie sie zu der Kirche hinübersahen, wenn sie, unter ihrer Last gebeugt, in Santa María ankamen. Wie sie lächelten, nachdem sie die Steine abgeladen hatten. Wie stark ihre Schultern waren. Er war sich sicher, dass sie seine Jungfrau gut beschützen würden.

Keine Woche später wurde in die Tat umgesetzt, was Berenguer de Montagut angekündigt hatte.

»Kommt morgen bei Tagesanbruch«, riet ihnen Angel, »wir ziehen den Schlussstein hoch.«

Und die Jungen waren da. Sie liefen hinter den Handwerkern herum, die sich allesamt vor den Gerüsten versammelt hatten. Es waren über hundert Personen: Arbeiter, Bastaixos und sogar Priester. Pater Albert hatte seinen Habit abgelegt und war gekleidet wie alle anderen. Um die Hüften trug er eine Schärpe aus festem rotem Stoff.

Arnau und Joanet mischten sich unter die Menge, wobei sie den einen oder anderen freundlich grüßten.

»Kinder«, sagte einer der Maurermeister zu ihnen, »wenn wir anfangen, den Schlussstein hochzuziehen, will ich euch hier nicht mehr sehen.«

Die beiden nickten.

»Und wo ist der Schlussstein?«, fragte Joanet und sah zu dem Meister auf.

Sie liefen zu der Stelle, die der Mann ihnen zeigte, vor dem ersten Gerüst, dem niedrigsten von allen.

»Gütige Jungfrau!«, riefen sie wie aus einer Kehle, als sie vor dem großen, runden Stein standen.

Auch viele der Männer betrachteten den Stein, doch sie schwiegen. Sie wussten, dass dies ein wichtiger Tag war.

»Er wiegt über sechstausend Kilo«, sagte jemand zu ihnen.

Joanet sah mit tellergroßen Augen zu Ramon hinüber, dem Bastaix, den er neben dem Stein entdeckt hatte.

»Nein«, erriet dieser seine Gedanken, »den haben wir nicht hergeschleppt.«

Die Bemerkung wurde mit nervösem Gelächter quittiert, das jedoch rasch wieder verstummte. Arnau und Joanet sahen, wie die Männer einer nach dem anderen vorbeikamen, den Stein betrachteten und dann zu den Gerüsten hinaufblickten. Sie mussten über sechstausend Kilo mithilfe von Seilen auf eine Höhe von dreißig Metern hinaufziehen!

»Wenn etwas schiefgeht …«, hörten sie einen von ihnen sagen, während er sich bekreuzigte.

»… wird er uns unter sich begraben«, brachte ein anderer den Satz zu Ende und biss sich auf die Lippen.

Niemand stand still. Sogar Pater Albert in seiner ungewohnten Kleidung lief unruhig zwischen den Männern umher, klopfte ihnen aufmunternd auf die Schultern und nahm sich Zeit für ein paar kurze Worte. Zwischen den Leuten und den Gerüsten erhob sich die alte Kirche. Viele sahen zu ihr herüber. Barceloneser Bürger begannen sich in einiger Entfernung von der Baustelle zu versammeln.

Schließlich erschien Berenguer de Montagut. Noch bevor ihn jemand grüßen konnte, schwang er sich auf das unterste Gerüst und wandte sich an die versammelte Menge. Während er sprach, befestigten einige Maurer einen großen Seilzug an dem Stein.

»Wie ihr seht«, rief Berenguer de Montagut, »wurden oben am Gerüst mehrere Flaschenzüge angebracht, mit denen wir den Schlussstein nach oben ziehen. Die Seilzüge dort oben, wie auch jener, der den Stein hält, bestehen aus drei Laufrädern hintereinander, die wiederum jeweils aus drei Blockrollen bestehen. Wie ihr wisst, benutzen wir keine Winden, da wir den Stein jederzeit auch seitlich bewegen können müssen. Über die Rollen laufen drei Trossen, sie werden nach oben geführt und dann wieder auf den Boden.« Hundert Köpfe folgten dem Lauf der Seile, den der Baumeister beschrieb. »Ich möchte, dass ihr euch hier um mich herum in drei Gruppen aufteilt.«

Die Maurermeister begannen, die Männer einzuteilen. Arnau und Joanet schlichen zu der rückwärtigen Fassade der alten Kirche und verfolgten von dort aus, an die Mauer gelehnt, die Vorbereitungen. Als Berenguer sah, dass sich die drei Gruppen formiert hatten, sprach er weiter: »Jede der drei Gruppen wird an einem der Seile ziehen. Ihr«, setzte er, an eine der Gruppen gewandt, hinzu, »seid Santa María. Sprecht mir nach: Santa María!« Die Männer riefen Santa María. »Ihr seid Santa Clara.« Die zweite Gruppe rief im Chor den Namen Santa Clara. »Und ihr seid Santa Eulàlia. Ich werde euch mit diesen Namen ansprechen. Wenn ich sage: ›Alle zusammen!‹, dann meine ich alle drei Gruppen. Ihr müsst gerade ziehen, so wie man euch aufstellt. Orientiert euch an eurem Vordermann und achtet auf die Befehle des Meisters, der die Gruppe leitet. Jetzt stellt euch in Reihen auf!«

Jede Gruppe hatte einen Meister, der die Männer in einer Reihe ausrichtete. Die Seile lagen bereit. Die Männer ergriffen sie. Berenguer de Montagut ließ ihnen keine Zeit zum Nachdenken.

»Alle zusammen! Auf los beginnt ihr zu ziehen, zunächst ganz langsam, bis die Seile unter Spannung stehen. Los!«

Arnau und Joanet sahen, wie Bewegung in die Reihen kam, bis sich die Trossen spannten.

»Alle zusammen! Feste!«

Die Jungen hielten den Atem an. Die Männer stemmten die Hacken in die Erde und begannen zu ziehen, und ihre Arme, ihre Rücken und ihre Gesichter spannten sich an. Arnau und Joanet sahen zu dem riesigen Stein hinüber. Er bewegte sich nicht von der Stelle.

»Alle zusammen! Fester!«

Der Befehl hallte auf dem Platz wider. Die Gesichter der Männer begannen sich zu verzerren. Die Holzplanken der Gerüste knarrten, und der Stein hob sich eine Handbreit vom Boden. Sechstausend Kilo!

»Weiter!«, brüllte Berenguer, ohne den Stein aus den Augen zu lassen.

Noch eine Handbreit. Die Jungen vergaßen zu atmen.

»Santa María! Fester! Höher!«

Arnau und Joanet sahen zu der Gruppe Santa María. Dort stand Pater Albert und zog mit geschlossenen Augen am Seil.

»Gut so, Santa María, gut so! Alle zusammen! Fester!«

Das Holz knarrte. Arnau und Joanet blickten zu den Gerüsten und dann zu Berenguer de Montagut, der nur auf den Stein achtete, der sich nun langsam, ganz langsam nach oben bewegte.

»Weiter! Weiter! Weiter! Alle zusammen! Feste!«

Als der Schlussstein auf Höhe des ersten Gerüsts war, wies Berenguer die Reihen an, nicht weiterzuziehen und den Stein in der Schwebe zu halten.

»Santa María und Santa Eulàlia, halt!«, befahl er dann. »Santa Clara, zieht!« Der Schlussstein bewegte sich seitlich auf das Gerüst zu, von dem aus Berenguer seine Befehle gab. »Jetzt alle! Lasst ganz langsam los.«

Alle, auch die, die an den Seilen zogen, hielten die Luft an, als sich der Stein vor Berenguer auf das Gerüst senkte.

»Langsam!«, rief der Baumeister.

Die Planke bog sich unter dem Gewicht des Steins.

»Und wenn sie nachgibt?«, flüsterte Arnau Joanet zu.

Dann würde Berenguer …

Aber sie hielt. Doch dieses Gerüst war nicht darauf ausgelegt, dem Gewicht des Steins lange standzuhalten. Er musste weiter nach oben, wo die Gerüste nach Berenguers Berechnungen standhalten würden. Die Maurer befestigten die Trossen am nächsten Flaschenzug, und die Männer zogen erneut an den Seilen. Das nächste Gerüst und das übernächste. Der sechstausend Kilo schwere Stein schwebte höher und höher, bis er sich an der Stelle befand, wo die Gerüste der Bogenrippen zusammenliefen, hoch über den Köpfen der Leute, ganz oben am Himmel.

Die Männer schwitzten, ihre Muskeln waren verkrampft. Manchmal fiel einer hin, und der zuständige Meister lief zu ihm, um ihn unter den Füßen seiner Vorderleute herauszuziehen. Einige kräftige Bürger waren dazugetreten, und wenn einer nicht mehr konnte, wählte der Meister einen von ihnen aus, damit er dessen Platz einnahm.

Von oben gab Berenguer seine Anweisungen, die ein weiterer Meister, der auf einem niedrigeren Gerüst stand, an die Männer weitergab. Als der Schlussstein das letzte Gerüst erreichte, entspannten sich so manche fest zusammengepresste Lippen zu einem Lächeln. Doch dies war der schwierigste Moment. Berenguer hatte genau berechnet, wo der Schlussstein platziert werden musste, damit er exakt in die Rippen eingepasst werden konnte. Tagelang hatte er mit Seilen und Pflöcken den Raum zwischen den zehn Pfeilern vermessen, hatte mit dem Senkblei auf den Gerüsten gestanden und immer neue Schnüre von den in die Erde gesteckten Pflöcken zu den Gerüsten hinaufgezogen. Tagelang hatte er Zahlen auf Pergamente gekritzelt, sie wieder ausradiert und neu beschrieben. Wenn der Schlussstein nicht exakt an der richtigen Stelle lag, würden die Bögen dem Schub nicht standhalten, und das Gewölbe könnte einstürzen.

Nach Tausenden von Berechnungen und unendlich vielen Skizzen hatte er schließlich die exakte Stelle auf den Planken des obersten Gerüsts angezeichnet. Dort musste der Schlussstein liegen, keine Handbreit weiter rechts oder links. Die Männer wurden ungeduldig, als Berenguer de Montagut, anders als auf den anderen Ebenen, nicht zuließ, dass sie den Stein auf die Planken absenkten, und immer neue Anweisungen gab.

»Noch ein Stückchen, Santa María. Nein! Zieht, Santa Clara. Jetzt wartet. Santa Eulàlia! Santa Clara! Santa María! Weiter nach oben! Nach unten! Jetzt!«, rief er plötzlich. »Halt! Nach unten! Stück für Stück! Ganz langsam!«

Plötzlich war keine Spannung mehr auf den Seilen. Schweigend sahen alle nach oben, wo Berenguer de Montagut sich bückte, um die Lage des Schlusssteins zu prüfen. Er ging um den Stein herum, der zwei Meter im Durchmesser maß, dann richtete er sich auf und winkte nach unten.

An die Mauer der alten Kirche gelehnt, glaubten Arnau und Joanet den Widerhall des Jubelgeschreis zu spüren, der aus den Kehlen der Männer kam, die seit Stunden an den Seilen gezogen hatten. Einige umarmten sich und vollführten Luftsprünge vor Freude. Die Hunderte von Zuschauern, die das Schauspiel verfolgt hatten, johlten und applaudierten. Arnau hatte einen Kloß im Hals und eine Gänsehaut.

»Ich wäre so gerne schon älter«, flüsterte Arnau an diesem Abend seinem Vater zu, als sie nebeneinander auf dem Strohsack lagen. Ringsum war das Husten und Schnarchen der Sklaven und Lehrlinge zu hören.

Bernat versuchte zu ergründen, woher dieser Wunsch rührte. Arnau war glückstrahlend nach Hause gekommen und hatte tausendmal erzählt, wie sie den Schlussstein der Apsis von Santa María an seinen Platz gebracht hatten. Selbst Jaume hatte gebannt zugehört.

»Warum denn das, mein Junge?«

»Alle haben eine Aufgabe. In Santa María sind viele Jungen, die ihren Vätern oder Lehrmeistern zur Hand gehen. Joanet und ich hingegen …«

Bernat legte den Arm um die Schultern des Jungen und zog ihn an sich. Tatsächlich lungerte Arnau jeden Tag dort herum, außer wenn man ihm hin und wieder einen Auftrag erteilte. Was also konnte er Sinnvolles tun?

»Du magst doch die Bastaixos, nicht wahr?«

Bernat hatte die Begeisterung bemerkt, mit der sein Sohn ihm von diesen Männern erzählte, die die Steine zur Kirche schleppten. Die Jungen folgten ihnen bis vor die Tore der Stadt, um dort auf sie zu warten und dann mit ihnen am Strand entlang zurückzugehen, von Framenors bis zur Kirche Santa María.

»Ja«, antwortete Arnau, während sein Vater etwas unter der Matratze hervorholte.

»Hier, nimm«, sagte er und überreichte ihm den alten Wasserschlauch, der sie auf ihrer Flucht begleitet hatte. »Biete ihnen kühles Wasser an. Du wirst sehen, sie werden es nicht zurückweisen und dir dankbar dafür sein.«

Am nächsten Morgen wartete Joanet wie immer in aller Frühe vor Graus Werkstatt auf ihn. Arnau zeigte ihm den Schlauch. Dann hängte er ihn sich um den Hals und sie liefen zum Strand hinunter, zum Angel-Brunnen am Markt Los Encantes. Es war der einzige Brunnen, der am Weg der Bastaixos lag. Der nächste befand sich bereits bei der Kirche Santa María.

Als die Jungen die Schlange der Bastaixos, die gebückt unter der Last der Steine liefen, langsam herannahen sahen, kletterten sie auf eines der Boote, das am Strand lag. Arnau hielt dem ersten Bastaix den Schlauch hin. Der Mann lächelte und blieb neben dem Boot stehen, damit ihm Arnau einen Strahl Wasser direkt in den Mund spritzen konnte. Die übrigen warteten, bis er mit dem Trinken fertig war, dann kam der Nächste an die Reihe. Auf dem Rückweg zum Steinbruch, von ihrer Last befreit, hielten die Bastaixos bei dem Boot an, um ihnen für das kühle Wasser zu danken.

Von diesem Tag an wurden Arnau und Joanet die Wasserträger der Bastaixos. Sie warteten neben dem Angel-Brunnen auf sie, und wenn ein Schiff zu entladen war und die Bastaixos nicht in Santa María arbeiteten, folgten sie ihnen durch die Stadt, um ihnen Wasser zu geben, ohne dass sie die schweren Bündel abladen mussten, die sie auf dem Rücken trugen.

Sie gingen auch weiterhin nach Santa María, um die Bauarbeiten zu verfolgen, mit Pater Albert zu sprechen und Angel beim Essen zuzusehen. Wer sie sah, konnte einen neuen Glanz in ihren Augen entdecken, wenn sie die Kirche betrachteten. Auch sie trugen nun zu ihrem Bau bei! So hatten es ihnen die Bastaixos und sogar Pater Albert gesagt.

Während der Schlussstein oben auf dem Gerüst thronte, konnten die Jungen beobachten, wie von den zehn Pfeilern die Rippen emporzuwachsen begannen. Die Maurer reihten auf den Bogengerüsten einen Stein an den anderen, immer näher auf den Schlussstein zu. Um die ersten acht Pfeiler herum waren bereits die Mauern des Chorumgangs errichtet worden. Die Strebepfeiler ragten nach innen, ins Innere der Kirche. Zwischen zweien dieser Strebepfeiler, so hatte ihnen Pater Albert erzählt, sollte sich die Sakramentskapelle befinden, die Kapelle der Bastaixos, wo die Jungfrau ihren Platz finden würde.

»Wisst ihr, woraus das Deckengewölbe bestehen wird?«, fragte der Pfarrer sie. Die Jungen schüttelten die Köpfe. »Aus allen zersprungenen Keramikgefäßen der Stadt. Zuerst werden Quader angebracht und darauf eine Schicht aus sämtlichen Keramikscherben, eine auf der anderen. Darüber erst kommt das Kirchendach.«

Arnau hatte die ganzen Gefäße auf einem Haufen neben den Steinen für Santa María liegen sehen. Er hatte seinen Vater gefragt, warum sie dort lagen, doch Bernat hatte keine Antwort gewusst.

»Ich weiß nur«, erklärte er, »dass alle zerbrochenen Stücke gesammelt werden, bis sie abgeholt werden. Ich wusste nicht, dass sie für deine Kirche bestimmt sind.«

So nahm die neue Kirche hinter der Apsis der alten Kirche Gestalt an. Man hatte bereits damit begonnen, diese vorsichtig abzubrechen, um die Steine wieder verwenden zu können. Das Ribera-Viertel sollte nicht auf eine Kirche verzichten müssen, auch nicht in der Zeit, während die neue, wunderbare Marienkirche entstand. Die Gottesdienste gingen unverändert weiter. Dennoch war es ein sonderbares Gefühl. Wie alle anderen betrat Arnau die Kirche durch das trichterförmige Portal des kleinen romanischen Baus. Im Inneren war die Dunkelheit, in die er sich immer geflüchtet hatte, um mit seiner Jungfrau zu sprechen, dem Licht gewichen, das durch die großen Fenster der neuen Apsis flutete. Die alte Kirche glich einem kleinen Raum, der von der Großartigkeit eines weiteren, größeren Raums umgeben war, ein Raum, der immer weiter verschwand, je weiter der Bau des zweiten voranschritt. Ein winziger Raum, an dessen Ende sich die hohe, bereits überwölbte Apsis von Santa María del Mar öffnete.

11

Doch Arnaus Leben beschränkte sich nicht auf Santa María und darauf, den Bastaixos zu trinken zu geben. Zu seinen Aufgaben, mit denen er sich Kost und Logis verdiente, gehörte es unter anderem, der Köchin zu helfen, wenn diese in der Stadt ihre Einkäufe erledigte.

Alle zwei oder drei Tage verließ Arnau bei Tagesanbruch Graus Werkstatt, um Estranya, die Sklavin, zu begleiten. Sie ging mit schwankenden, unsicheren Schritten, wobei ihre üppigen Fleischmassen bedenklich wogten. Sobald Arnau in der Küchentür erschien, überreichte ihm die Sklavin wortlos zwei Körbe mit Brotlaiben, die er zum Backhaus in der Calle Ollers Blanc bringen sollte. In dem einen befanden sich die Brotlaibe für Grau und seine Familie. Sie waren aus hellem Weizenmehl geformt und würden ein köstliches Weißbrot ergeben. In dem anderen waren die Brote für die übrigen Haushaltsmitglieder. Diese Brote waren aus Gerste, Hirse oder gar Bohnen- oder Kichererbsenmehl, und sie waren dunkel, fest und hart.

Nachdem sie die Brotlaibe abgegeben hatten, verließen Estranya und Arnau das Töpferviertel und betraten durch die Stadtmauer das Zentrum Barcelonas. Am Anfang war Arnau der Sklavin problemlos gefolgt, während er über das Wogen ihrer dunklen Fleischmassen grinste.

»Was gibt es da zu grinsen?«, hatte ihn die Mulattin mehr als einmal gefragt.

Dann hatte Arnau in ihr rundes, plattes Gesicht gesehen und sich das Lachen verkniffen.

»Du willst lachen? Dann lach«, herrschte sie ihn auf der Plaza del Blat an, während sie ihm einen Sack Mehl aufbürdete. »Und, wo ist dein Grinsen jetzt hin?«, fragte sie ihn an der Bajada de la Llet, als sie ihm die Milch zu tragen gab, die seine Cousins trinken würden. Sie wiederholte ihre Frage noch einmal auf der Plazoleta de les Cols, wo sie Kohl, Hülsenfrüchte oder Gemüse einkauften, und auf der Plaza de l'Oli, wo sie Öl, Wild oder Geflügel erstanden.

Ab da trottete Arnau mit gesenktem Kopf quer durch Barcelona hinter der Sklavin her. An den Fastentagen, die mit hundertsechzig Tagen fast die Hälfte des Jahres ausmachten, wogten die Fleischberge der Mulattin zum Strand hinunter, unweit der Kirche Santa María. Dort kämpfte Estranya auf einem der beiden Fischmärkte der Stadt – dem alten und dem neuen – darum, die besten Delphine, Thunfische, Störe, Makrelen, Zackenbarsche oder Adlerfische zu ergattern.

»Jetzt werden wir deinen Fisch kaufen«, sagte sie lächelnd, wenn sie das Gewünschte bekommen hatte.

Dann gingen sie zum Hinterausgang des Fischmarktes und die Mulattin kaufte die Abfälle. Auch dort standen auf beiden Märkten viele Leute an, doch diesmal stritt sie sich mit niemandem.

Trotzdem waren Arnau die Fastentage lieber als jene, an denen Estranya Fleisch zu besorgen hatte, denn um die Fischabfälle zu kaufen, waren es nur zwei Schritte bis zum Hinterausgang. Für Schlachtabfälle hingegen musste Arnau durch halb Barcelona laufen, bevor er sich, mit den Einkäufen der Mulattin beladen, auf den Heimweg machen konnte.

In den Fleischereien neben den Schlachthäusern der Stadt kauften sie das Fleisch für Grau und seine Familie. Wie alles Fleisch, das innerhalb der Stadt angeboten wurde, war es erstklassige Ware. Es war verboten, tote Tiere in die Stadt zu bringen. Das Fleisch, das in der gräflichen Stadt verkauft wurde, stammte ausnahmslos von lebenden Tieren, die erst in der Stadt geschlachtet wurden.

Um die Schlachtabfälle zu kaufen, die den Bediensteten und den Sklaven vorgesetzt wurden, musste man die Stadt über die Carrer de la Portaferrisa verlassen, bis man zu dem Markt kam, auf dem verendete Tiere und allerlei Fleisch unbekannter Herkunft feilgeboten wurden. Estranya lächelte Arnau an, wenn sie dieses Fleisch kaufte. Dann lud sie ihm das Bündel auf, und nachdem sie noch einmal am Backhaus vorbeigegangen waren, um das Brot abzuholen, kehrten sie in Graus Haus zurück, Estranya mit ihren wogenden Hüften, Arnau mit hängender Zunge.

Eines Morgens, als Estranya und Arnau gerade ihre Besorgungen bei dem großen Schlachthof an der Plaza del Blat machten, begannen die Glocken der Kirche Sant Jaume zu läuten. Es war weder Sonntag noch ein Feiertag. Estranya blieb wie angewurzelt stehen, groß und mächtig, wie sie war. Jemand rief etwas über den Platz. Arnau konnte nicht verstehen, was er sagte, doch viele andere stimmten in sein Geschrei ein, und die Menschen begannen, in alle Himmelsrichtungen davonzustieben. Der Junge sah Estranya an, eine Frage auf den Lippen, die jedoch ungestellt blieb. Er legte die Bündel ab. Die Getreidehändler schlugen hastig ihre Stände ab. Die Leute rannten immer noch schreiend hin und her und die Glocken von Sant Jaume hörten gar nicht mehr auf zu läuten. Arnau wollte zur Plaza de Sant Jaume laufen, aber … Läuteten da nicht auch die Glocken von Santa Clara? Er spitzte die Ohren, und in diesem Augenblick begannen auch die Glocken von Sant Pere, von Framenors und von Sant Just zu läuten. Alle Glocken der Stadt! Wie betäubt blieb Arnau mit offenem Mund stehen, während er die Menschen kopflos hin und her laufen sah.

Plötzlich sah er Joanets Gesicht vor sich. Sein Freund konnte nicht stillstehen vor Aufregung.

»Via fora ! Via fora!«, schrie er.

»Was?«, fragte Arnau.

»Via fora!«, brüllte ihm Joanet ins Ohr.

»Was heißt das?«

Joanet bedeutete ihm zu schweigen und zeigte auf das alte Hauptportal des stadtrichterlichen Palasts.

Arnau sah genau in dem Moment zu dem Portal hinüber, als ein Amtsdiener des Stadtrichters auf die Straße trat. Er war zum Kampf gerüstet, trug einen silbern schimmernden Harnisch und ein großes Schwert am Gürtel. In seiner Rechten hielt er eine vergoldete Fahnenstange mit dem Banner von Sant Jordi, einem roten Kreuz auf weißem Grund. Hinter ihm erschien, ebenfalls zum Kampf gerüstet, ein weiterer Mann, der das Banner der Stadt trug. Die beiden Männer gingen zur Mitte des Platzes bis zu dem Stein, der die Stadt in Viertel aufteilte. Dort angekommen, erhoben sie die Banner von Sant Jordi und Barcelona und riefen wie aus einem Munde: »Via fora! Via fora!«

Die Glocken läuteten noch immer und das ›Via fora‹ wurde von den Bürgern durch alle Straßen der Stadt getragen.

Joanet, der das Schauspiel mit ehrfürchtigem Schweigen verfolgt hatte, brach in ein ohrenbetäubendes Geschrei aus.

Endlich schien Estranya zu reagieren und zog Arnau weiter. Doch der Junge riss sich von der Hand der Mulattin los, wie gebannt von den beiden Männern, die in ihren schimmernden Harnischen und mit ihren Schwertern reglos mitten auf dem Platz standen und die bunten Banner hochhielten.

»Wir gehen, Arnau«, befahl ihm Estranya.

»Nein«, widersetzte sich dieser, angestachelt von Joanet.

»Los, komm schon. Das hier geht uns nichts an.«

»Was sagst du da, Sklavin?« Die Worte kamen von einer Frau, die genauso gebannt wie die Kinder gemeinsam mit anderen Frauen die Ereignisse beobachtete und den Wortwechsel zwischen Arnau und der Mulattin mit angehört hatte. »Ist der Junge ein Sklave?« Estranya schüttelte den Kopf. »Er ist also ein Bürger der Stadt?« Arnau nickte. »Wie kannst du es dann wagen, zu behaupten, das ›Via fora‹ gehe den Jungen nichts an?«

Estranya zögerte.

»Wer bist du, Sklavin«, fragte sie eine andere Frau, »dass du dem Jungen die Ehre verweigerst, die Rechte Barcelonas zu verteidigen?«

Estranya senkte den Kopf. Was würde ihr Herr sagen, wenn er davon erfuhr? Er hielt so große Stücke auf die Ehre der Stadt. Die Glocken läuteten noch immer. Joanet war zu den Frauen getreten und forderte Arnau auf, sich ihm anzuschließen.

»Frauen dürfen nicht mit dem Bürgerheer ziehen«, rief die erste Frau Estranya in Erinnerung.

»Und Sklaven erst recht nicht«, setzte eine andere hinzu.

»Wer, glaubst du, soll sich um unsere Männer kümmern, wenn nicht solche Jungen wie diese beiden?«

Estranya wagte es nicht, den Blick zu heben.

»Wer soll ihnen das Essen kochen, Botengänge erledigen, ihnen die Stiefel putzen oder die Armbrüste säubern?«

»Geh dorthin, wo du hingehörst«, rieten sie ihr. »Sklaven haben hier nichts verloren.«

Estranya nahm die Taschen, die bislang Arnau getragen hatte, und machte sich davon. Joanet lächelte erfreut und sah die Frauen bewundernd an. Arnau stand immer noch an derselben Stelle.

»Lauft schon, Jungs«, forderten die Frauen sie auf, »und kümmert euch um unsere Männer.«

»Und sag meinem Vater Bescheid!«, rief Arnau Estranya hinterher, die erst drei oder vier Meter weit gekommen war.

Joanet merkte, dass Arnau der Sklavin, die sich mühsam vorwärtsschleppte, unverwandt hinterhersah, und erriet seine Zweifel.

»Hast du nicht gehört, was die Frauen gesagt haben?«, erklärte er. »Wir sollen uns um die Soldaten von Barcelona kümmern. Dein Vater wird das verstehen.«

Arnau nickte, zuerst zögerlich, dann immer heftiger. Natürlich würde er das verstehen! Schließlich hatte er doch so dafür gekämpft, dass sie Bürger von Barcelona wurden.

Als sie wieder auf den Platz sahen, stellten sie fest, dass sich zu den beiden ersten Bannern ein drittes gesellt hatte: das Banner der Händler. Der Bannerträger trug keine Rüstung, aber er hatte eine Armbrust auf dem Rücken und ein Schwert am Gürtel. Wenig später kam ein weiteres Banner hinzu, das Banner der Silberschmiede, und nach und nach füllte sich der Platz mit bunten Fahnen, auf denen allerlei Symbole und Figuren zu sehen waren: das Banner der Gerber, der Chirurgen und Barbiere, der Zimmerleute, Kupferschmiede, Töpfer …

Unter den Bannern sammelten sich, nach Berufen geordnet, die freien Bürger der Stadt Barcelona. Alle waren, wie es das Gesetz verlangte, mit einer Armbrust, einem Köcher mit hundert Pfeilen sowie einem Schwert oder einer Lanze bewaffnet. Binnen zweier Stunden war das Bürgerheer Barcelonas bereit auszuziehen, um die Privilegien der Stadt zu verteidigen.

In diesen zwei Stunden erfuhr Arnau, was das alles zu bedeuten hatte. Joanet erklärte es ihm.

»Barcelona verteidigt sich nicht nur, wenn es nötig ist«, sagte er, »wir greifen auch jeden an, der sich uns gegenüber zu viel herausnimmt.« Der kleine Bursche überschlug sich fast, während er auf die Soldaten und die Banner deutete und man ihm seinen Stolz darüber ansah, dass sie alle gekommen waren. »Es ist phantastisch! Du wirst schon sehen. Mit etwas Glück sind wir ein paar Tage unterwegs. Wenn jemand einem Bürger von Barcelona Unrecht tut oder die Rechte der Stadt angreift, kommt der Fall vor … naja, so genau weiß ich das nicht, vor den Stadtrichter oder den Rat der Hundert. Wenn die Obrigkeit zu dem Schluss gelangt, dass der Vorwurf gerechtfertigt ist, wird das Bürgerheer unter dem Banner von Sant Jordi zusammengerufen – das dort drüben, siehst du? Dort, in der Mitte des Platzes, das alle anderen überragt. Die Glocken läuten, und die Leute laufen mit dem Ruf ›Via fora‹ auf die Straßen, damit ganz Barcelona davon erfährt. Die Zunftmeister holen ihre Banner hervor, und die Zunftmitglieder versammeln sich darunter, um in die Schlacht zu ziehen.«

Arnau beobachtete staunend, was um ihn herum geschah, während er sich hinter Joanet durch die auf der Plaza del Blat versammelten Gruppen zwängte.

»Und was muss man tun? Ist es gefährlich?«, fragte Arnau angesichts der waffenklirrenden Menge.

»Normalerweise ist es nicht gefährlich«, antwortete Joanet und lächelte ihm zu. »Du musst bedenken, dass der Stadtrichter das Heer im Namen der Stadt, aber auch im Namen des Königs einberuft. Es geht also nie gegen die königlichen Truppen. Es kommt immer darauf an, wer der Angreifer ist, aber wenn ein Feudalherr das Bürgerheer von Barcelona anrücken sieht, unterwirft er sich in der Regel ihren Forderungen.«

»Es kommt also gar nicht zum Kampf?«

»Das hängt davon ab, wie die Obrigkeit entscheidet, und von der Haltung des Feudalherrn. Beim letzten Mal wurde eine Festung geschleift. Damals kam es schon zum Kampf, es gab Tote und Angriffe und … Sieh mal! Da drüben ist dein Onkel.« Joanet deutete zu dem Banner der Töpferzunft hinüber. »Los, gehen wir hin.«

Unter dem Banner stand neben den anderen drei Zunftmeistern Grau Puig. Er war für den Kampf gerüstet, in Stiefeln, einem ledernen Waffenrock, der ihm von der Brust bis zu den Waden reichte, und mit einem Schwert am Gürtel. Um die vier Zunftmeister drängten sich die Töpfer der Stadt. Als Grau den Jungen bemerkte, gab er Jaume ein Zeichen, und dieser stellte sich den Kindern in den Weg.

»Wo wollt ihr hin?«, fragte er sie.

Arnau blickte Hilfe suchend zu Joanet.

»Wir kommen, um dem Töpfermeister unsere Hilfe anzubieten«, antwortete Joanet. »Wir könnten die Tasche mit dem Essen tragen … oder was immer er will.«

»Bedaure«, entgegnete Jaume kurz angebunden.

»Und jetzt?«, fragte Arnau, als der Geselle ihnen den Rücken zukehrte.

»Was soll's!«, antwortete Joanet. »Keine Sorge, hier sind genug Leute, die sich freuen, wenn wir ihnen zur Hand gehen. Außerdem werden sie gar nicht merken, dass wir mit ihnen ziehen.«

Die beiden Jungen mischten sich unter die Männer. Sie betrachteten die Schwerter, Armbrüste und Lanzen, staunten über jene, die eine Rüstung trugen, oder versuchten, die angeregten Unterhaltungen aufzuschnappen.

»Wo bleibt denn das Wasser?«, hörten sie plötzlich eine laute Stimme hinter sich.

Arnau und Joanet fuhren herum. Die Gesichter der beiden Jungen begannen zu strahlen, als sie Ramon sahen, der ihnen zulächelte. Neben ihm waren die Augenpaare von zwanzig beeindruckend bewaffneten Bastaixos auf sie gerichtet.

Arnau tastete auf seinem Rücken nach dem Wasserschlauch. Er schien so betreten dreinzuschauen, als er ihn nicht fand, dass mehrere Bastaixos lachend zu ihm traten und ihm ihren anboten.

»Man muss immer vorbereitet sein, wenn die Stadt ruft«, scherzten sie.

Das Heer marschierte hinter dem roten Kreuz des Sant Jordi-Banners aus der Stadt heraus in Richtung Creixell, unweit von Tarragona. Die Einwohner dieser Stadt hielten eine Viehherde zurück, die den Metzgern von Barcelona gehörte.

»Ist das so schlimm?«, fragte Arnau Ramon, dem sie sich angeschlossen hatten.

»Selbstverständlich. Das Vieh der Schlachter von Barcelona besitzt Weide- und Wegrecht in ganz Katalonien. Niemand, nicht einmal der König, darf eine Viehherde aufhalten, die für die Stadt Barcelona bestimmt ist. Unsere Kinder sollen das beste Fleisch des Prinzipats essen«, setzte er hinzu und fuhr beiden durchs Haar. »Der Grundherr von Creixell hat eine solche Herde zurückgehalten und verlangt von dem Hirten Bezahlung für das Weiden und Passieren seines Landes. Stellt euch einmal vor, alle Adligen und Barone zwischen Tarragona und Barcelona würden Geld für das Weiden verlangen. Wir hätten nichts mehr zu essen!«

»Wenn du wüsstest, was für Fleisch uns Estranya vorsetzt«, dachte Arnau. Er war versucht gewesen, seinem Vater zu erzählen, woher das Fleisch kam, das in der Suppe schwamm, die sie an den Tagen zu essen bekamen, an denen kein Fasten vorgeschrieben war. Doch als er ihn mit Genuss essen sah und beobachtete, wie sich Graus Sklaven und Arbeiter allesamt auf die Suppe stürzten, riss er sich zusammen, schwieg und aß ebenfalls.

»Gibt es noch andere Gründe, warum das Heer ins Feld zieht?«, fragte Arnau.

»Natürlich«, antwortete ihm Ramon. »Jeder Angriff auf die Privilegien Barcelonas oder auf einen Bürger der Stadt kann das Ausrücken des Heeres nach sich ziehen. Wird zum Beispiel ein Einwohner Barcelonas entführt, so zieht das Heer aus, um ihn zu befreien.«

Unter derlei Gesprächen zogen Arnau und Joanet die Küste entlang – vorbei an Sant Boi, Castelldefels und Garraf –, argwöhnisch beäugt von den Leuten, denen sie begegneten und die schweigend am Straßenrand stehen blieben, während das Bürgerheer vorüberzog. Selbst das Meer schien Respekt vor der Armee Barcelonas zu haben. Sein Rauschen ging in den Schritten der Hunderte von Männern unter, die hinter dem Banner von Sant Jordi marschierten. Die Sonne war den ganzen Tag ihr Begleiter, und als sich das Meer silbern zu färben begann, machten sie halt, um in Sitges zu übernachten. Der Herr von Fonollar empfing die Ratsherren der Stadt in seiner Burg, der Rest des Heeres kampierte vor den Toren der Stadt.

»Wird es zum Kampf kommen?«, fragte Arnau.

Alle Bastaixos blickten ihn an. In der Stille war das Knistern des Feuers zu hören. Joanet schlief, den Kopf auf Ramons Oberschenkel. Mehrere Bastaixos sahen sich auf Arnaus Frage hin an. Würde es zum Kampf kommen?

»Nein«, antwortete Ramon. »Der Grundherr von Creixell hat uns nichts entgegenzusetzen.«

Arnau wirkte enttäuscht.

»Vielleicht ja doch«, versuchte ihn ein anderer Zunftmeister von der anderen Seite des Lagerfeuers aus zu trösten. »Vor vielen Jahren, als ich noch ein junger Bursche war, ungefähr in deinem Alter«, Arnau brannte darauf, seine Geschichte zu hören, »wurde das Heer einberufen, um nach Castellbisbal zu ziehen. Der dortige Grundherr hatte eine Herde aufgehalten, so wie jetzt der Herr von Creixell. Der Herr von Castellbisbal lenkte nicht ein und stellte sich dem Heer der Stadt entgegen. Vielleicht glaubte er, die Bürger Barcelonas – Händler, Handwerker oder Bastaixos wie wir – seien nicht in der Lage zu kämpfen. Barcelona stürmte die Burg, nahm den Burgherrn und seine Soldaten gefangen und machte die Festung dem Erdboden gleich.«

Arnau sah sich bereits mit gezücktem Schwert eine Sturmleiter erklimmen oder siegreich von den Zinnen der Burg von Creixell herabrufen: »Wer wagt es, sich dem Heer von Barcelona entgegenzustellen?« Sämtliche Bastaixos beobachteten den Jungen, der verträumt in die Flammen starrte, während er mit den Händen einen Stock umklammerte, mit dem er zuvor herumgespielt hatte, und wild in der Glut herumstocherte. »Ich, Arnau Estanyol …« Das Gelächter brachte ihn wieder nach Sitges zurück.

»Leg dich schlafen«, riet ihm Ramon und stand selbst auf, Joanet auf dem Arm. Arnau verzog unwillig das Gesicht. »Du kannst ja vom Krieg träumen«, tröstete ihn ein Bastaix.

Die Nacht war kühl und jemand gab den beiden Jungen eine Decke.

Am nächsten Morgen machten sie sich schon früh wieder auf den Weg nach Creixell. Sie kamen durch La Geltrú, Vilanova, Cubelles, Segur und Barà, alles Orte mit eigener Burg. In Barà ließen sie die Küste hinter sich und wandten sich landeinwärts nach Creixell. Der Ort lag eine knappe Meile vom Meer entfernt auf einem Hügel, an dessen höchstem Punkt sich die Burg des Herrn von Creixell erhob, eine Festungsanlage auf einer elfeckigen Steinwehr mit mehreren Verteidigungstürmen, um die sich die Häuser des Dorfes drängten.

Es waren noch einige Stunden bis zum Einbruch der Dunkelheit. Die Zunftmeister wurden zu den Ratsherren und dem Stadtrichter gerufen. Das Heer von Barcelona nahm in Kampflinie Aufstellung vor Creixell, die Banner stets voran. Arnau und Joanet liefen durch die Reihen und boten den Bastaixos Wasser an, doch fast alle lehnten ab, den Blick fest auf die Burg gerichtet. Niemand sprach, und die Jungen wagten es nicht, das Schweigen zu brechen. Dann kehrten die Zunftmeister zurück und begaben sich zu ihren Leuten. Das ganze Heer konnte sehen, wie sich drei Gesandte Barcelonas dem Ort Creixell näherten, während die gleiche Anzahl Männer die Burg verließ. Sie trafen sich in der Mitte.

Wie alle Barcelonesen beobachteten Arnau und Joanet die Unterhändler schweigend.

Es kam nicht zum Kampf. Dem Herrn von Creixell war hinter dem Rücken des Heeres die Flucht durch einen Geheimgang geglückt, der von der Burg zum Meer herunterführte. Der Dorfschulze gab angesichts der zum Kampf formierten Bürgerschaft Barcelonas den Befehl, sich den Forderungen der gräflichen Stadt zu beugen. Seine Mitbürger gaben das Vieh zurück, ließen den Schäfer frei, akzeptierten die Zahlung einer satten Entschädigung und verpflichteten sich, zukünftig die Privilegien der Stadt zu achten. Dann lieferten sie zwei ihrer Einwohner aus, denen sie die Schuld an dem Streit gaben. Diese wurden augenblicklich verhaftet.

»Creixell hat sich ergeben«, teilten die Ratsherren dem Heer mit.

Ein Raunen ging durch die Reihen. Die verhinderten Soldaten steckten ihre Schwerter zurück in die Scheiden, senkten die Armbrüste und Lanzen und legten die Rüstungen ab. Überall war Lachen, Rufen und Scherzen zu hören.

»Her mit dem Wein, Jungs!«, forderte Ramon sie auf. »Was ist denn mit euch los?«, fragte er, als sie sich nicht von der Stelle rührten. »Ihr hättet wohl gerne einen Kampf gesehen, stimmt's?«

Die Gesichter der Jungen waren Antwort genug.

»Jeder von uns hätte verwundet werden oder gar sterben können. Hätte euch das gefallen?« Arnau und Joanet schüttelten rasch den Kopf. »Ihr solltet es anders sehen: Ihr gehört zu der größten und mächtigsten Stadt des Prinzipats, und alle haben Angst, sich mit uns anzulegen.« Arnau und Joanet hörten Ramon mit großen Augen zu. »Jetzt geht und holt den Wein, Jungs. Auch ihr sollt auf diesen Sieg anstoßen.«

Das Banner von Sant Jordi kehrte ehrenvoll nach Barcelona zurück und mit ihm die beiden Jungen, die voller Stolz waren auf ihre Stadt, ihre Mitbürger und darauf, Barcelonesen zu sein. Die Gefangenen aus Creixell wurden in Ketten durch die Straßen Barcelonas geführt. Die Frauen und alle, die sich dort drängten, ließen das Heer hochleben und spien vor den Gefangenen aus. Arnau und Joanet begleiteten den Zug auf seinem ganzen Weg, voller Ernst und Stolz, und so traten sie auch vor Bernat, nachdem die Gefangenen schließlich in den Palast des Stadtrichters gebracht worden waren. Erleichtert, seinen Sohn gesund und munter wiederzusehen, vergaß Bernat die Standpauke, die er den Jungen hatte halten wollen, und lauschte lächelnd ihren Erzählungen.

12

Seit dem Abenteuer, das sie nach Creixell geführt hatte, waren bereits einige Monate vergangen, doch an Arnaus Leben hatte sich in dieser Zeit wenig geändert. Bis er zehn Jahre alt werden und als Lehrling in Graus Werkstatt anfangen würde, streifte er weiterhin mit Joanet durch das wunderbare, stets überraschende Barcelona. Er gab den Bastaixos zu trinken, und vor allem hatte er seine Freude an Santa María del Mar. Er sah den Bau voranschreiten und betete zur Jungfrau, erzählte ihr von seinen Sorgen und Nöten, während er sich an dem Lächeln erfreute, das er auf den Lippen der steinernen Figur zu erkennen glaubte.

Wie ihm Pater Albert erzählt hatte, wurde die Jungfrau nach der Entfernung des Altars der romanischen Kirche in die kleine Sakramentskapelle gebracht. Diese befand sich zwischen zwei Strebepfeilern im Chorumgang hinter dem neuen Hauptaltar von Santa María und war mit einem hohen, schweren Eisengitter versehen. Die Bastaixos waren die einzigen Stifter der Kapelle; es war ihre Aufgabe, sich um die Kapelle zu kümmern, sie zu bewachen, für Ordnung zu sorgen und darauf zu achten, dass die Kerzen nie verloschen. Dies war ihre Kapelle, die wichtigste der Kirche, in welcher der Leib Christi aufbewahrt wurde, und dennoch hatte die Pfarrei sie den einfachen Lastenträgern überlassen. Viele Adlige und reiche Händler würden gutes Geld dafür zahlen, als Stifter und Wohltäter der übrigen dreiunddreißig Kapellen aufzutreten, die zwischen den Strebepfeilern im Chorumgang oder in den Seitenschiffen von Santa María del Mar errichtet werden sollten, erklärte ihnen Pater Albert. Doch diese, die Sakramentskapelle, gehörte den Bastaixos, und der junge Wasserträger konnte stets problemlos zu seiner Jungfrau.

Eines Morgens war Bernat gerade dabei, seine Habseligkeiten unter die Matratze zu räumen, wo er die Börse mit dem Geld aufbewahrte, das er bei seiner überstürzten Flucht vom Hof vor knapp neun Jahren retten konnte, sowie dem kargen Lohn, den ihm sein Schwager zahlte, als Jaume den Schlafsaal der Sklaven betrat. Bernat sah den Gesellen erstaunt an. Normalerweise ließ sich Jaume nicht dort blicken.

»Was …?«

»Deine Schwester ist tot«, kam Jaume seiner Frage zuvor.

Bernats Beine gaben nach. Er sank auf die Matratze, die Börse mit den Münzen in den Händen.

»Wie … Wie ist es passiert?«

»Der Meister weiß es nicht. Sie lag am Morgen tot im Bett.«

Bernat ließ die Börse fallen und schlug die Hände vors Gesicht. Als er sie wieder wegnahm und aufblickte, war Jaume bereits verschwunden. Mit zugeschnürter Kehle erinnerte sich Bernat an das kleine Mädchen, das gemeinsam mit ihm und dem Vater auf den Feldern gearbeitet hatte, an die junge Frau, die stets ein Lied auf den Lippen hatte, während sie das Vieh versorgte. Bernat hatte oft gesehen, wie sein Vater in der Arbeit innehielt und die Augen schloss, um sich für einen Augenblick von dieser fröhlichen, unbekümmerten Stimme davontragen zu lassen. Und nun …

Arnaus Gesicht wirkte ungerührt, als ihm sein Vater beim Essen die Nachricht mitteilte.

»Hast du gehört, was ich gesagt habe, mein Junge?«, fragte Bernat.

Arnau nickte. Er hatte Guiamona seit einem Jahr nicht mehr gesehen, abgesehen von den inzwischen auch schon eine Weile zurückliegenden Gelegenheiten, bei denen er auf den Baum geklettert war, um zuzusehen, wie sie mit seinen Cousins spielte. Da saß er, verborgen in seinem Versteck, und weinte stumme Tränen, während sie lachten und umherliefen, und niemand … Er war versucht, seinem Vater zu sagen, dass Guiamona ihn nicht geliebt hatte, dass ihm daher ihr Tod gleichgültig war, doch der traurige Ausdruck in Bernats Augen hielt ihn davon ab.

»Vater …« Arnau trat zu seinem Vater.

Bernat umarmte seinen Sohn.

»Nicht weinen«, murmelte Arnau, den Kopf an die Brust des Mannes gelehnt.

Bernat drückte ihn fest an sich und Arnau schlang seine Arme um ihn.

Gemeinsam mit den Sklaven und Lehrlingen nahmen sie schweigend ihre Mahlzeit ein, als der erste Klagelaut ertönte. Es war ein markerschütternder Schrei, der die Luft zu zerreißen schien. Alle sahen zum Haus herüber.

»Klageweiber«, sagte einer der Lehrlinge. »So wie meine Mutter. Vielleicht ist sie das. Keine in der ganzen Stadt weint so ergreifend wie sie«, setzte er stolz hinzu.

Arnau blickte zu seinem Vater. Ein weiterer Schrei erklang, und Bernat sah, wie sein Sohn zusammenzuckte.

»Wir werden noch einige davon hören«, warnte er ihn. »Ich habe gehört, dass Grau sehr viele Klageweiber hat rufen lassen.«

Und so war es. Den ganzen Tag und die ganze Nacht hindurch beweinten mehrere Frauen Guiamonas Tod, während die Leute in das Haus der Puigs strömten, um ihr Beileid auszusprechen. Weder Bernat noch sein Sohn taten bei diesem unablässigen Jammern der Klageweiber ein Auge zu.

»Ganz Barcelona weiß davon«, erzählte Joanet Arnau am nächsten Morgen, als dieser seinen Freund in der Menge entdeckte, die sich vor Graus Haus drängte. Arnau zuckte mit den Schultern. »Alle sind zur Beerdigung gekommen«, ergänzte Joanet angesichts der Geste seines Freundes.

»Warum?«

»Weil Grau reich ist und jedem, der kommt, um mit ihm zu trauern, etwas zum Anziehen schenkt. So wie das hier«, sagte Joanet lächelnd und zeigte Arnau ein langes, schwarzes Hemd.

Am späten Vormittag, als alle Anwesenden schwarz gekleidet waren, machte sich der Trauerzug auf den Weg zur Nazareth-Kirche. Dort befand sich die Kapelle des heiligen Hippolitus, Schutzpatron der Töpferzunft. Die Klageweiber gingen weinend und heulend neben dem Sarg her und rauften sich vor Trauer die Haare.

Die Kirche war voller wichtiger Persönlichkeiten, Zunftmeister verschiedener Innungen, Stadträte und die meisten Mitglieder des Rats der Hundert. Nun, da Guiamona tot war, achtete niemand auf die Estanyols. Doch Bernat zog seinen Sohn zu der Stelle, wo der Leichnam aufgebahrt war und sich die schlichten, von Grau verteilten Kleider mit Seidenstoffen und kostbarem schwarzen Leinen mischten. Man hatte ihm nicht einmal erlaubt, Abschied von seiner Schwester zu nehmen.

Während die Priester die Totenmesse lasen, konnte Arnau von dort die betrübten Gesichter seiner Cousins erkennen. Josep und Genis waren gefasst. Margarida zeigte Haltung, konnte jedoch nicht verhindern, dass ihre Unterlippe unablässig bebte. Sie hatten ihre Mutter verloren, genau wie er. Arnau fragte sich, ob sie das mit der Jungfrau Maria wussten. Dann sah er zu seinem Onkel hinüber, der reglos dastand. Arnau war sich sicher, dass Grau Puig seinen Kindern nicht davon erzählen würde. Die Reichen sind anders, hörte er immer wieder. Vielleicht gab es für sie einen anderen Weg, eine neue Mutter zu finden.

Die Trauerzeit war noch nicht vorüber, als Grau die ersten Ehevorschläge angetragen wurden. Und er hatte keine Bedenken, sie zu prüfen. Schließlich fiel seine Wahl auf Isabel, ein junges und wenig ansehnliches, aber adliges Mädchen. Sie sollte die neue Mutter von Guiamonas Kindern werden. Grau hatte die Vorzüge aller Anwärterinnen abgewägt, entschied sich jedoch letztlich für die einzige Adlige. Ihre Mitgift waren keinerlei Pfründen, Ländereien oder Reichtümer, lediglich ein Titel. Doch dieser würde ihm Zugang zu einer Klasse verschaffen, die ihm bislang verwehrt geblieben war. Was hatte er von der großzügigen Mitgift, die ihm einige Händler boten, weil sie auf eine Teilhabe an Graus Reichtum hofften? Die großen Adelsfamilien der Stadt kümmerte die Witwerschaft eines einfachen Töpfers nicht, so reich er auch sein mochte. Lediglich Isabels Vater, der über keinerlei Vermögen verfügte, erkannte in Graus Persönlichkeit die Möglichkeit zu einer vorteilhaften Allianz für beide Seiten, und er täuschte sich nicht.

»Du wirst gewiss verstehen«, wandte er sich an seinen zukünftigen Schwiegersohn, »dass meine Tochter nicht in einer Töpferwerkstatt leben kann.« Grau nickte. »Genauso wenig kann sie sich mit einem einfachen Töpfer vermählen.«

Diesmal wollte Grau etwas erwidern, doch sein Schwiegervater machte eine unwirsche Handbewegung.

»Grau«, setzte er hinzu, »wir Adligen können uns nicht mit dem Handwerk abgeben, verstehst du? Mag sein, dass wir nicht reich sind, aber wir werden niemals Handwerker werden.«

Wir Adligen … Grau ließ sich seine Befriedigung darüber, darin mit eingeschlossen zu sein, nicht anmerken. Und sein Schwiegervater hatte recht: Welcher Adlige in der Stadt besaß schon einen Handwerksbetrieb? Von nun an würde er bei seinen Handelsgeschäften und im Rat der Hundert der ›Herr Baron‹ sein. Baron! Wie sollte ein Baron von Katalonien einen Handwerksbetrieb unterhalten?

Durch Graus Protektion, der nach wie vor Zunftmeister war, hatte Jaume keinerlei Probleme, in den Meisterstand aufzusteigen. Die Angelegenheit wurde in aller Hast erledigt, weil es Grau sehr eilig damit war, Isabel zu heiraten. Ihn plagte die Angst, dass diese stets launischen Adligen es sich noch einmal anders überlegen könnten. Der zukünftige Baron hatte keine Zeit zu verlieren. Jaume würde Meister werden, und Grau würde ihm die Werkstatt und das Haus verkaufen, zahlbar in Raten. Es gab nur ein Problem.

»Ich habe vier Söhne«, erklärte Jaume. »Es wird schon schwierig genug für mich werden, Euch den Kaufpreis zu zahlen.« Grau forderte ihn auf fortzufahren. »Ich kann nicht alle Beschäftigten halten, die Ihr habt, Sklaven, Gesellen, Lehrlinge … Ich könnte sie nicht einmal ernähren! Wenn ich vorwärtskommen will, muss ich mit meinen vier Söhnen zurechtkommen.« Grau erklärte sich mit allem einverstanden.

Der Tag der Hochzeit stand bereits fest. Auf Vermittlung von Isabels Vater hatte Grau einen kostspieligen Stadtpalast in der Calle de Monteada erworben, wo die Adelsfamilien Barcelonas lebten.

Sie hatten jeden Winkel seines neuen Zuhauses inspiziert. Grau überschlug im Kopf, was es ihn kosten würde, all diese Räume zu füllen. Hinter dem großen Portal zur Calle de Monteada lag ein gepflasterter Innenhof. Gegenüber befanden sich die Stallungen, die den größten Teil des Erdgeschosses einnahmen, sowie der Küchentrakt und die Schlafräume der Sklaven. Zur Rechten führte ein großer, steinerner Treppenaufgang in den ersten Stock, wo sich die Salons und weitere Wohnräume befanden. Darüber lagen im zweiten Stock die Schlafräume. Der gesamte Stadtpalast war aus Stein erbaut. Die großzügigen Spitzbogenfenster der Wohnetagen gingen auf den Patio hinaus.

Noch am selben Tag unterzeichneten sie den Kaufvertrag für die Werkstatt und Grau erschien stolz mit dem Schriftstück bei seinem Schwiegervater.

»Herr Baron«, antwortete dieser und reichte ihm die Hand.

»Und nun?«, überlegte Grau, als er wieder alleine war. »Die Sklaven sind kein Problem. Ich behalte die, die ich gebrauchen kann, die anderen kommen auf den Markt. Was die Gesellen und Lehrlinge betrifft …«

Grau sprach mit den Zunftmitgliedern und brachte sein gesamtes Personal gegen Zahlung geringer Summen anderweitig unter. Blieben nur sein Schwager und der Junge. Bernat hatte keinerlei Stand in der Zunft; er war nicht einmal Geselle. Niemand würde ihn in seiner Werkstatt einstellen, abgesehen davon, dass es verboten war. Der Junge hatte noch nicht einmal mit seiner Lehre begonnen, aber es existierte ein Vertrag. Und überhaupt: Wie sollte er jemanden darum bitten, einen Estanyol einzustellen? So würden alle erfahren, dass diese beiden Landflüchtigen mit ihm verwandt waren. Sie hießen Estanyol, wie Guiamona. Alle würden erfahren, dass er zwei Leibeigenen Unterschlupf gewährt hatte, und nun, da er in den Adelsstand aufgenommen werden würde … Waren nicht die Adligen die erbittertsten Feinde der flüchtigen Bauern? Waren es nicht ebendiese Adligen, die den König drängten, die Gesetze so zu ändern, dass solche Fluchten unmöglich wurden? Wie sollte er ein Adliger werden, wenn die Estanyols in aller Munde waren? Und was würde sein Schwiegervater sagen?

»Ihr kommt mit mir«, sagte er zu Bernat, der schon seit Tagen in Sorge wegen der neuen Ereignisse war.

Jaume, der als neuer Besitzer der Werkstatt nicht länger Graus Anweisungen befolgen musste, setzte sich zu einem vertraulichen Gespräch mit ihm hin.

»Er wird es nicht wagen, etwas gegen euch zu unternehmen. Ich weiß es, er hat es mir gesagt. Er will nicht, dass eure Situation bekannt wird. Ich habe ein gutes Geschäft gemacht, Bernat. Er hat es eilig, er muss dringend seine Angelegenheiten regeln, bevor er Isabel heiratet. Du hast einen unterzeichneten Vertrag für deinen Sohn. Nutze ihn, Bernat. Setz diesen Schurken unter Druck. Droh ihm damit, vor Gericht zu gehen. Du bist ein guter Mann. Ich möchte, dass du weißt, dass alles, was in diesen Jahren geschehen ist …«

Bernat wusste es. Und bestärkt von den Worten des früheren Gesellen wagte er es, seinem Schwager Widerworte zu geben.

»Was sagst du da?«, brüllte Grau, nachdem Bernat ihn gefragt hatte: »Wozu sollen wir dorthin mitkommen?«

»Weil ich es will!«, brüllte Grau weiter, während er nervös gestikulierte.

»Wir sind nicht deine Sklaven, Grau.«

»Dir bleibt nicht viel anderes übrig.«

Bernat musste sich räuspern, bevor er Jaumes Ratschläge weiter befolgte. »Ich kann vor Gericht gehen.«

Außer sich vor Wut, zitternd, klein und dünn, sprang Grau von seinem Stuhl auf. Doch Bernat zuckte nicht einmal mit der Wimper, sosehr es ihn auch drängte, das Weite zu suchen. Die Drohung mit dem Gericht hallte in den Ohren des Witwers wider.

Sie würden sich um die Pferde kümmern, die Grau sich gezwungenermaßen gemeinsam mit dem Stadtpalast zugelegt hatte. »Du willst doch nicht etwa die Ställe leer stehen lassen?«, hatte sein Schwiegervater beiläufig gesagt, als spräche er mit einem dummen Jungen. Grau überschlug immer neue Summen im Kopf. »Meine Tochter ist von klein auf geritten«, setzte der Adlige hinzu.

Doch das Wichtigste für Bernat war der gute Lohn, den er für sich und Arnau erhielt. Der Junge sollte ebenfalls im Pferdestall anfangen. Sie würden außerhalb des Palasts leben können, in einem eigenen Zimmer, ohne Sklaven, ohne Lehrlinge. Er und sein Sohn würden genügend Geld haben, um zurechtzukommen.

Es war Grau selbst, der Bernat drängte, Arnaus Lehrvertrag aufzuheben und einen neuen zu unterschreiben.

Seit man ihm die Bürgerschaft verliehen hatte, verließ Bernat hin und wieder die Werkstatt. Dabei war er stets allein oder in Begleitung von Arnau. Es schien keine Anzeige gegen ihn vorzuliegen, sonst hätte man ihn schon verhaftet. Schließlich stand sein Name in den Bürgerregistern, dachte er jedes Mal, wenn er auf die Straße trat. Meist ging er zum Strand hinunter und mischte sich unter die Dutzende von Seeleuten. Den Blick auf den Horizont gerichtet, ließ er sich den Wind um die Nase wehen und sog den herben Geruch nach Schiffen und Teer ein, der über dem Strand lag.

Arnau und Joanet sprangen um ihn herum. Sie liefen voraus, dann kamen sie genauso schnell zu ihm zurückgerannt und sahen ihn mit glänzenden Augen und einem Lächeln an.

»Unser eigenes Haus!«, rief Arnau. »Lass uns im Ribera-Viertel wohnen, bitte!«

»Ich fürchte, es wird nur ein Zimmerchen werden«, versuchte Bernat ihm klarzumachen, doch der Junge lächelte weiterhin, als ginge es um den prächtigsten Palast von Barcelona.

»Das ist kein schlechter Ort«, meinte Jaume, als Bernat ihm von dem Vorschlag seines Sohnes erzählte. »Dort wirst du ein Zimmer finden.«

Und dorthin gingen die drei nun. Die beiden Kinder liefen voran, Bernat trug ihre wenigen Habseligkeiten. Seit ihrer Ankunft in der Stadt waren fast zehn Jahre vergangen.

Auf dem gesamten Weg bis Santa María grüßten Arnau und Joanet unablässig die Leute, denen sie begegneten.

»Das ist mein Vater!«, rief Arnau einem Bastaix zu, der einen Sack mit Getreide trug, und zeigte auf Bernat, der mehr als zwanzig Meter hinter ihnen zurück war.

Der Bastaix lächelte, ohne jedoch, unter der Last gebeugt, seine Schritte zu verlangsamen. Arnau drehte sich um und wollte erneut zu Bernat zurücklaufen, doch nach einigen Schritten blieb er stehen. Joanet folgte ihm nicht.

»Los, komm schon«, forderte er ihn auf und wedelte ungeduldig mit den Händen.

Doch Joanet schüttelte den Kopf.

»Was ist denn los, Joanet?«, fragte er und ging zu ihm zurück.

Der Kleine sah zu Boden.

»Er ist nur dein Vater«, murmelte er. »Was wird jetzt aus mir?«

Er hatte recht. Alle hielten sie für Brüder. Daran hatte Arnau nicht gedacht.

»Los, komm mit«, sagte er und zog ihn am Arm.

Bernat sah sie auf sich zukommen. Arnau zog Joanet hinter sich her, der sich zu sträuben schien. »Ich beglückwünsche Sie zu Ihren Söhnen«, sagte der Bastaix, als er an ihm vorbeiging. Bernat lächelte. Seit über einem Jahr streiften die Jungs gemeinsam umher. Und die Mutter des kleinen Joanet? Bernat stellte sich vor, wie der Kleine auf einer Kiste hockte und sich von einem Arm ohne dazugehöriges Gesicht übers Haar streicheln ließ. Er hatte einen Kloß im Hals.

»Papa …«, begann Arnau, als sie vor ihm standen. Joanet versteckte sich hinter seinem Freund. »Papa, würde es dir etwas ausmachen, Joanets Vater zu sein?«, brach es aus Arnau heraus.

Bernat sah, wie der Kleine seinen Kopf hinter Arnau hervorstreckte.

»Komm her, Joanet«, forderte Bernat ihn auf. »Du willst mein Sohn sein?«, fragte er, als der Junge sein Versteck verließ.

Joanets Gesicht begann zu strahlen.

»Heißt das ja?«, fragte Bernat.

Der Junge klammerte sich an Bernats Bein. Arnau lächelte seinem Vater zu.

»Geht spielen«, befahl ihnen Bernat, und seine Stimme versagte.

Die Jungen führten Bernat zu Pater Albert.

»Er kann uns bestimmt helfen«, meinte Arnau, und Joanet nickte zustimmend.

»Unser Vater!«, sagte der Kleine und kam Arnau damit zuvor. So hatte er Bernat auf dem ganzen Weg vorgestellt, selbst denen, die er nur vom Sehen kannte.

Pater Albert bat die Kinder, sie allein zu lassen, und lud Bernat zu einem Glas süßen Weins ein, während er sich seine Erklärungen anhörte.

»Ich weiß, wo ihr unterkommen könntet«, sagte er schließlich. »Es sind gute Leute. Sag mir, Bernat … Du hast eine gute Arbeit für Arnau gefunden, er bekommt guten Lohn und lernt einen Beruf, und Stallburschen werden immer gebraucht. Aber was ist mit deinem anderen Sohn? Was hast du mit Joanet vor?«

Bernat verzog das Gesicht und vertraute sich dann dem Priester an.

Pater Albert begleitete sie zum Haus von Pere und seiner Frau, zwei alten Leuten ohne Familie, die in einem kleinen, zweigeschossigen Häuschen gleich am Strand lebten, mit einem ebenerdigen Wohnraum und drei Schlafkammern im ersten Stock. Pater Albert wusste, dass sie daran interessiert waren, eine davon zu vermieten.

Während des gesamten Weges – auch, als er Pere und seiner Frau die Estanyols vorstellte und zusah, wie Bernat ihnen sein Geld zeigte – hatte Pater Albert den Arm um Joanets Schulter gelegt. Wie hatte er nur so blind sein können? Wie hatte er nicht bemerken können, welche Qualen dieser kleine Kerl litt? Wie oft hatte er ihn gedankenverloren dasitzen sehen, den Blick ins Leere gerichtet!

Pater Albert drückte den Jungen an sich. Joanet sah ihn an und lächelte.

Das Zimmer war einfach, aber sauber. Die ganze Einrichtung bestand aus zwei Matratzen auf dem Boden, und im Hintergrund rauschte das Meer. Arnau spitzte die Ohren, um das Hämmern der Handwerker von Santa María zu hören, die genau hinter ihnen lag. Sie aßen von der Suppe, die Peres Frau gekocht hatte. Arnau betrachtete den Teller, dann sah er auf und lächelte seinen Vater an. Wie weit war nun Estranyas Fraß entfernt! Die drei aßen mit Appetit, beobachtet von der alten Frau, die jederzeit bereit war, ihre Schüsseln erneut zu füllen.

»Ab ins Bett«, verkündete Bernat, als er satt war. »Morgen wartet die Arbeit.«

Joanet zögerte. Er sah Bernat an, und als alle vom Tisch aufgestanden waren, ging er zur Tür.

»Das ist keine Uhrzeit, um noch nach draußen zu gehen, mein Sohn«, sagte Bernat zu ihm, sodass die beiden alten Leute es hören konnten.

13

»Das ist der Bruder meiner Mutter mit seinem Sohn«, erklärte Margarida ihrer Stiefmutter, als diese sich wunderte, dass Grau zwei weitere Leute für nur sieben Pferde eingestellt hatte.

Grau hatte ihr gesagt, dass er nichts mit den Pferden zu tun haben wolle, und tatsächlich ging er nicht einmal hinunter, um die herrlichen Stallungen im Erdgeschoss des Palastes in Augenschein zu nehmen. Sie kümmerte sich um alles, wählte die Tiere aus und brachte ihren besten Stallmeister mit, Jesús, der ihr außerdem riet, einen erfahrenen Stallburschen einzustellen: Tomás.

Aber vier Leute für sieben Pferde waren zu viel, selbst für die Gewohnheiten der Baronin. Das brachte sie bei ihrem ersten Besuch in den Stallungen zur Sprache, nachdem die Estanyols eingestellt worden waren.

Isabel bat Margarida, doch mehr zu erzählen.

»Sie waren Bauern, Leibeigene.«

Isabel sagte nichts, doch in ihr keimte ein Verdacht auf. Das Mädchen fuhr fort: »Der Junge, Arnau, war schuld am Tod meines kleinen Bruders Guiamon. Ich hasse sie! Ich weiß nicht, warum mein Vater sie eingestellt hat.«

»Wir werden es herausfinden«, murmelte die Baronin, den Blick auf Bernats Rücken geheftet, der gerade damit beschäftigt war, eines der Pferde zu striegeln.

Doch an diesem Abend ließ Grau nicht mit sich reden.

»Ich hielt es für angebracht«, antwortete er knapp, nachdem er Isabels Verdacht bestätigt hatte, dass die beiden Landflüchtige waren.

»Wenn mein Vater davon erfährt …«

»Aber er wird es nicht erfahren, nicht wahr, Isabel?«

Grau sah seine Frau an. Sie war bereits zum Abendessen angekleidet, eine der neuen Gewohnheiten, die sie in Graus Familie gebracht hatte. Sie war gerade zwanzig geworden und außergewöhnlich dünn, genau wie Grau. Ihr fehlten die Reize und die sinnlichen Kurven, mit denen ihn Guiamona seinerzeit empfangen hatte, doch sie war eine Adlige, und auch ihr Charakter sollte von Adel sein, dachte Grau.

»Du würdest doch nicht wollen, dass dein Vater erfährt, dass du mit zwei Landflüchtigen unter einem Dach lebst.«

Die Baronin warf ihm einen wütenden Blick zu und verließ den Raum.

Trotz der Abneigung der Baronin und ihrer Stiefkinder stellte Bernat sein Geschick im Umgang mit den Tieren unter Beweis. Er wusste, wie man mit ihnen umgehen musste, wie man sie fütterte, ihre Hufe auskratzte, wie man sie kurierte, wenn es nötig war, und wie man sich in ihrer Nähe bewegte. Wenn es ihm irgendwo an Erfahrung mangelte, dann darin, wie man sie aufputzte.

»Sie wollen, dass sie glänzen«, sagte er eines Tages zu Arnau, als sie auf dem Heimweg waren, »ohne ein einziges Staubkörnchen. Man muss sie immer und immer wieder bürsten, um den Sand aus dem Fell zu entfernen, und sie dann striegeln, bis sie glänzen.«

»Und die Mähnen und Schweife?«

»Die werden gestutzt, geflochten und geschmückt.«

»Wozu brauchen sie so viel Putz an den Pferden?«

Es war Arnau verboten, sich den Tieren zu nähern. Er bewunderte sie in den Ställen, sah zu, wie sie auf die Pflege seines Vaters ansprachen, und genoss es, wenn dieser ihm erlaubte, sie zu streicheln, wenn sie alleine waren. Hin und wieder, wenn niemand zuschaute, hob Bernat den Jungen ausnahmsweise auf eines der Tiere, ohne Sattel, während dieses im Stall stand. Die Aufgaben, die man Arnau zugewiesen hatte, erlaubten es ihm nicht, die Geschirrkammer zu verlassen. Dort putzte er ein ums andere Mal das Sattelzeug; er fettete das Leder ein und rieb mit einem Lappen darüber, bis das Fett eingezogen war und die Oberfläche der Sättel und Zaumzeuge glänzte. Er reinigte die Trensen und Steigbügel und bürstete die Decken und anderes Zubehör, bis auch das letzte Pferdehaar verschwunden war, eine Arbeit, bei der er am Ende Finger und Fingernägel zu Hilfe nehmen musste, um die feinen Borsten zu entfernen, die sich im Stoff verhakt hatten. Wenn er dann noch Zeit hatte, polierte er sorgfältig die Kutsche, die Grau erstanden hatte.

Im Laufe der Monate musste sogar Jesús anerkennen, dass der Bauer ein Händchen für Pferde hatte. Wenn Bernat einen der Ställe betrat, rührten sich die Tiere nicht von der Stelle. Meistens suchten sie sogar seine Nähe. Er tätschelte und streichelte sie und flüsterte ihnen zu, um sie zu beruhigen. Wenn hingegen Tomás in den Stall kam, legten die Pferde die Ohren an und drängten sich an die am weitesten entfernte Wand, während der Stallknecht sie anbrüllte. Was war nur mit dem Mann los? Bisher war er ein vorbildlicher Stallbursche gewesen, dachte Jesús, wenn er wieder einmal das Geschrei hörte.

Jeden Morgen, wenn Vater und Sohn zur Arbeit gingen, machte sich Joanet mit Feuereifer daran, Peres Frau Mariona zu helfen. Er putzte, räumte auf und begleitete sie zum Einkaufen. Später, während sie das Essen kochte, lief er zum Strand, um Pere zu suchen. Dieser hatte sein Leben lang als Fischer gearbeitet und verdiente sich zusätzlich zu den gelegentlichen Zuwendungen seiner Zunft ein paar Münzen dazu, indem er Segel flickte. Joanet leistete ihm Gesellschaft, lauschte aufmerksam seinen Erklärungen und lief hierhin und dorthin, wenn der alte Fischer etwas brauchte.

Und sooft er konnte, ging er seine Mutter besuchen.

»Heute Morgen«, erzählte er ihr eines Tages, »wollte Bernat Pere die Miete bezahlen, aber Pere hat ihm einen Teil des Geldes zurückgegeben. Er hat gesagt, dass der Kleine – weißt du Mama, ›der Kleine‹ bin ich – also, er sagte, Bernat brauchte meinen Anteil nicht zu bezahlen, weil ich im Haus und am Strand helfe.«

Die Gefangene hörte zu, ihre Hand ruhte auf dem Kopf des Kindes. Wie viel hatte sich doch verändert! Seit ihr kleiner Junge bei den Estanyols lebte, hockte er nicht mehr schluchzend dort draußen, um auf ihre stummen Liebkosungen und ein liebes Wort zu warten – eine blinde Liebe, jetzt sprach er, erzählte er, lachte er sogar!

»Bernat hat mich umarmt«, erzählte Joanet weiter, »und Arnau hat mir auf die Schulter geklopft.«

Die Hand schloss sich über dem Haar des Jungen.

Und Joanet sprach weiter. Ohne Punkt und Komma. Von Arnau und Bernat, von Mariona, von Pere, dem Strand, den Fischern, den Segeln, die sie flickten, doch die Frau hörte nicht mehr zu, glücklich darüber, dass ihr Sohn endlich wusste, was eine Umarmung war. Dass ihr Kleiner endlich glücklich war.

»Lauf, mein Junge«, unterbrach ihn seine Mutter irgendwann und versuchte, das Zittern in ihrer Stimme zu verbergen. »Sie warten bestimmt schon auf dich.«

Aus dem Inneren ihres Kerkers hörte Joana, wie ihr Kleiner von der Kiste hüpfte und davonlief. Sie stellte sich vor, wie er über die Mauer sprang, die sie aus ihren Erinnerungen zu verbannen versuchte.

Welchen Sinn hatte das alles noch? Jahrelang hatte sie bei Wasser und Brot in diesen vier Wänden ausgehalten, dessen kleinsten Winkel sie Hunderte Male mit ihren Fingern abgetastet hatte. Sie hatte gegen die Einsamkeit und den Wahnsinn angekämpft, indem sie durch das winzige Fensterchen, das ihr der König, dieser großherzige Herrscher!, zugestanden hatte, den Himmel betrachtete. Sie hatte Fieber und Krankheit überstanden, und das alles nur für ihren kleinen Jungen, um ihm über den Kopf zu streichen, ihm Mut zu machen, ihm das Gefühl zu geben, dass er trotz allem nicht alleine auf der Welt war.

Doch nun war er nicht länger allein. Bernat umarmte ihn! Bernat war wie ein Bekannter für sie. Sie hatte von ihm geträumt, während Stunden zu Ewigkeiten wurden. »Gib gut auf ihn acht, Bernat«, sagte sie ins Leere hinein. Joanet war glücklich, er lachte und rannte, und …

Joana ließ sich zu Boden gleiten und blieb so sitzen. An diesem Tag rührte sie weder das Brot noch das Wasser an. Ihr Körper hatte kein Verlangen danach.

Joanet kehrte anderntags wieder und auch am nächsten und am übernächsten Tag. Sie hörte ihm zu, wie er lachte und voller Hoffnung von der Welt erzählte. Durch das Fenster drangen nur mehr schwache Laute: ja, nein, geh, lauf, lebe!

»Lauf und genieße das Leben, das du durch meine Schuld nicht gehabt hast«, flüsterte Joana noch, als der Junge schon über die Gartenmauer gesprungen war.

Das Brot stapelte sich in Joanas Gefängnis.

»Weißt du, was passiert ist, Mama?« Joanet schob die Kiste an die Wand und setzte sich darauf. Seine Füße reichten noch nicht bis auf den Boden. »Nein – woher solltest du das wissen?« Zusammengekauert lehnte er sich mit dem Rücken gegen die Wand, an der Stelle, wo er wusste, dass die Hand seiner Mutter nach seinem Kopf tasten würde. »Ich werde es dir erzählen. Es ist sehr lustig. Offenbar hat gestern eines von Graus Pferden …«

Es erschien kein Arm in dem Fensterchen.

»Mama? Hör mal zu, ich sag's dir, es ist wirklich lustig. Eines der Pferde …«

Joanet sah zu dem Fensterchen hinauf.

»Mama?«

Er wartete.

»Mama?«

Er spitzte die Ohren und versuchte, etwas durch das Hämmern der Kesselschmiede hindurch zu hören, das durch das ganze Viertel hallte. Nichts.

»Mama!«, rief er.

Er kniete sich auf die Kiste. Was sollte er tun? Sie hatte ihm immer verboten, sich dem Fenster zu nähern.

»Mama!«, rief er noch einmal, während er sich zu der Öffnung hochreckte.

Sie hatte ihm immer gesagt, er solle sie nicht ansehen, er solle nie versuchen, einen Blick auf sie zu erhaschen. Aber sie antwortete nicht! Joanet spähte durch das Fenster. Drinnen war es ziemlich dunkel.

Er zog sich hoch und schwang ein Bein in die Öffnung. Es ging nicht. Er konnte nur seitlich hinein.

»Mama?«, wiederholte er noch einmal.

Er hielt sich oben am Fenster fest, stellte beide Füße auf das Fensterbrett und schwang sich hinein.

»Mama?«, wisperte er, während sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnten.

Er wartete, bis er ein Loch ausmachen konnte, von dem ein unerträglicher Gestank ausging. Auf der anderen Seite, links von ihm, lag auf einem Strohsack zusammengekauert ein Körper.

Joanet wartete. Der Körper regte sich nicht. Das Dröhnen der Hämmer auf dem Kupfer war draußen geblieben.

»Ich wollte dir etwas Lustiges erzählen«, sagte er und trat näher. Tränen begannen, über seine Wangen zu kullern. »Du hättest gelacht«, stammelte er, als er neben ihr stand.

Joanet hockte sich neben seine tote Mutter. Joana hatte das Gesicht zwischen ihren Händen verborgen, als hätte sie geahnt, dass ihr Sohn in den Kerker kommen würde, als hätte sie nicht gewollt, dass er sie in diesem Zustand sah – nicht einmal im Tod.

»Darf ich dich berühren?«

Der Junge streichelte über das schmutzige, verfilzte, spröde Haar seiner Mutter.

»Du musstest erst sterben, damit wir zusammen sein können.«

Und Joanet begann, bitterlich zu weinen.

Bernat zögerte keinen Augenblick, als ihm Pere und seine Frau bei seiner Heimkehr noch in der Tür aufgeregt mitteilten, dass Joanet nicht nach Hause gekommen war. Sie hatten ihn nie gefragt, wo er hinging, wenn er das Haus verließ. Sie hatten angenommen, dass er nach Santa María ging, doch dort hatte ihn an diesem Tag niemand gesehen. Mariona schlug die Hand vor den Mund.

»Und wenn ihm etwas zugestoßen ist?«, schluchzte sie.

»Wir werden ihn finden«, versuchte Bernat sie zu beruhigen.

Joanet war neben seiner Mutter sitzen geblieben. Er strich ihr mit der Hand übers Haar, fuhr mit den Fingern hindurch, um es zu entwirren. Er unternahm keinen Versuch, ihre Gesichtszüge zu erkennen. Dann stand er auf und sah zu dem Fenster hinauf.

Es wurde dunkel.

»Joanet?«

Joanet sah erneut zum Fenster.

»Joanet?«, hörte er noch einmal eine Stimme auf der anderen Seite des Fensters fragen.

»Arnau?«

»Was ist los?«

Er antwortete von drinnen: »Sie ist tot.«

»Warum bist du nicht …?«

»Ich kann nicht. Hier drinnen gibt es keine Kiste. Es ist zu hoch.«

»Es stinkt entsetzlich«, stellte Arnau fest. Bernat klopfte an die Tür von Ponç, dem Kupferschmied. Was hatte der Junge den ganzen Tag dort drinnen gemacht? Er hämmerte noch einmal kräftig gegen die Tür. Warum machte er nicht auf? In diesem Augenblick öffnete sich die Tür und ein Hüne erschien. Er füllte den gesamten Türrahmen aus. Arnau wich zurück.

»Was wollt ihr?«, raunzte der Kupferschmied. Er war barfuß und trug lediglich ein zerschlissenes Hemd, das ihm bis zu den Knien reichte.

»Ich heiße Bernat Estanyol, und das ist mein Sohn«, sagte Bernat und schob Arnau nach vorne, »der Freund Eures Sohnes Joanet …«

»Ich habe keinen Sohn«, unterbrach ihn Ponç und machte Anstalten, die Tür zuzuschlagen.

»Aber Ihr habt eine Frau«, entgegnete Bernat und drückte die Tür mit dem Arm wieder auf. Ponç gab nach. »Ihr hattet eine Frau«, erklärte er angesichts der Blicke des Kupferschmieds. »Sie ist tot.«

Ponç zeigte keine Regung.

»Und?«, fragte er und zog fast unmerklich die Schultern hoch.

»Joanet ist bei ihr dort drinnen.« Bernat versuchte, alle Härte in seinen Blick zu legen, deren er fähig war. »Er kann nicht heraus.«

»Da hätte er schon sein ganzes Leben lang hingehört, dieser Bastard.«

Bernat hielt dem Blick des Kupferschmieds stand, während er seinen Sohn an der Schulter festhielt. Arnau hätte sich am liebsten ganz klein gemacht, aber als der Kupferschmied ihn ansah, blieb er aufrecht stehen.

»Was gedenkt Ihr zu tun?«, beharrte Bernat.

»Nichts«, antwortete der Kupferschmied. »Morgen, wenn der Raum abgerissen wird, kann der Junge wieder raus.«

»Ihr könnt das Kind nicht die ganze Nacht …«

»In meinem Haus kann ich tun und lassen, was ich will.«

»Ich werde es dem Stadtrichter melden«, drohte Bernat, wohl wissend, dass seine Drohung nutzlos war.

Ponç kniff die Augen zusammen und verschwand wortlos im Haus. Die Tür ließ er offen stehen. Bernat und Arnau warteten, bis er mit einem Seil zurückkehrte, das er Arnau überreichte.

»Hol ihn raus«, wies er ihn an, »und sag ihm, dass ich ihn hier nicht mehr sehen will, jetzt, wo seine Mutter tot ist.«

»Wie …?«, begann Bernat.

»Genauso, wie er sich all die Jahre hineingeschlichen hat«, kam Ponç ihm zuvor. »Über die Gartenmauer. Durch mein Haus kommt ihr nicht.«

»Und die Mutter?«, fragte Bernat.

»Die hat mir der König überlassen mit der Maßgabe, sie nicht zu töten, und dem König werde ich sie zurückgeben, nun, da sie tot ist«, antwortete Ponç rasch. »Ich habe teures Geld als Sicherheit hinterlegt, und bei Gott, ich gedenke nicht, es wegen einer Hure in den Wind zu schreiben.« Mit diesen Worten schlug der Kupferschmied die Tür zu.

Nur Pater Albert, der Joanets Geschichte bereits kannte, und der alte Pere und seine Frau, denen Bernat davon erzählte, erfuhren von dem Unglück des Jungen. Die drei kümmerten sich rührend um ihn, doch der Junge blieb verschlossen. Er, der zuvor ungestüm und quirlig gewesen war, bewegte sich nun schleppend, als lastete ein unerträgliches Gewicht auf seinen Schultern.

»Die Zeit heilt alle Wunden«, sagte Bernat eines Morgens zu Arnau. »Wir müssen abwarten und ihm unsere Zuneigung und unsere Hilfe anbieten.«

Doch Joanet schwieg weiter, abgesehen von den Weinkrämpfen, die ihn jede Nacht schüttelten. Vater und Sohn lagen still auf ihrem Lager und hörten ihm zu, bis Joanets Kräfte nachzulassen schienen und der Schlaf ihn übermannte.

»Joanet«, hörte Bernat Arnau eines Nachts nach ihm rufen, »Joanet …«

Er bekam keine Antwort.

»Wenn du willst, kann ich die Jungfrau bitten, auch deine Mutter zu sein.«

Gut gemacht, mein Junge!, dachte Bernat. Er hatte ihm diesen Vorschlag nicht machen wollen. Es war Arnaus Jungfrau, Arnaus Geheimnis. Er musste es sein, der diese Entscheidung traf.

Doch Joanet antwortete nicht. Es herrschte absolute Stille im Zimmer.

»Joanet?«, versuchte es Arnau noch einmal.

»So hat mich meine Mutter genannt.« Es war das Erste, was Joanet seit Tagen sagte. Bernat blieb still liegen. »Und sie ist nicht mehr da. Ich heiße jetzt Joan.«

»Wie du willst … Hast du gehört, was ich über die Jungfrau gesagt habe, Joanet … Joan?«, korrigierte sich Arnau.

»Aber deine Mutter spricht nicht mit mir. Meine hat mit mir gesprochen.«

»Erzähl ihm das mit den Vögeln!«, flüsterte Bernat.

»Aber ich kann die Jungfrau sehen, und du konntest deine Mutter nicht sehen.«

Der Junge schwieg erneut.

»Woher weißt du, dass sie dich hört?«, fragte er schließlich. »Sie ist nur eine Figur aus Stein, und Figuren aus Stein können nicht hören.«

Bernat hielt den Atem an.

»Wenn sie nicht hören kann«, entgegnete Arnau, »warum sprechen dann alle mit ihr? Sogar Pater Albert tut das. Du hast es selbst gesehen. Glaubst du vielleicht, Pater Albert irrt sich?«

»Aber sie ist nicht Pater Alberts Mutter«, beharrte der Kleine. »Er hat mir gesagt, dass er schon eine Mutter hat. Woher soll ich wissen, dass die Jungfrau meine Mutter sein will, wenn sie nicht mit mir spricht?«

»Sie wird es dir nachts sagen, wenn du schläfst, und durch die Vögel.«

»Durch die Vögel?«

Arnau zögerte. Ehrlich gesagt, hatte er das mit den Vögeln nie verstanden, sich aber nicht getraut, es seinem Vater zu sagen. »Das ist ein bisschen komplizierter. Mein … unser Vater wird es dir erklären.«

Bernat hatte erneut einen Kloß im Hals. Es wurde wieder still im Zimmer, bis Joanet weitersprach: »Arnau, könnten wir die Jungfrau jetzt sofort fragen gehen?«

»Jetzt?«

Ja, jetzt, mein Junge. Er braucht das, dachte Bernat.

»Bitte.«

»Du weißt, dass es verboten ist, nachts in die Kirche zu gehen. Pater Albert …«

»Wir werden ganz leise sein. Niemand wird etwas merken. Bitte.«

Arnau gab nach, und die beiden Jungen schlichen sich leise aus Peres Haus, um die wenigen Schritte bis Santa María del Mar zurückzulegen.

Bernat rollte sich auf der Matratze zusammen. Was konnte den Jungen schon zustoßen? Alle in der Kirche mochten sie.

Das Mondlicht ergoss sich auf die Gerüste, die halb fertigen Mauern, die Strebepfeiler, Bögen und Gewölbe … Santa María lag still da, und nur das eine oder andere Feuer wies auf die Anwesenheit von Wächtern hin. Arnau und Joanet gingen um die Kirche herum bis zur Calle del Born. Das Portal war verschlossen, und der Bereich um den Friedhof, wo der größte Teil des Baumaterials lagerte, war am besten bewacht. Ein einsames Feuer beleuchtete die im Bau befindliche Chormauer. Es war nicht schwer, in die Kirche zu gelangen: Dort, wo die Eingangstreppe entstehen sollte, befand sich ein hölzernes Gerüst, auf dem der Baumeister Montagut angezeichnet hatte, wo genau das Portal und die Stufen entstehen sollten. Sie betraten die Kirche und schlichen leise zur Sakramentskapelle im Chorumgang, wo hinter einem schön gearbeiteten, schmiedeeisernen Gitter die Jungfrau auf sie wartete, wie stets von den Kerzen erleuchtet, die immer wieder von den Bastaixos erneuert wurden.

Die beiden bekreuzigten sich – »Das müsst ihr immer tun, wenn ihr die Kirche betretet«, hatte ihnen Pater Albert gesagt – und umklammerten die Gitterstäbe vor der Kapelle.

»Ich möchte, dass du seine Mutter wirst«, hielt Arnau stumme Zwiesprache mit der Madonna. »Seine ist gestorben, und mir macht es nichts aus, dich zu teilen.«

Joan umklammerte mit den Händen die Gitterstäbe und blickte zwischen der Jungfrau und Arnau hin und her.

»Und?«, fragte er.

»Still!«

»Papa sagt, dass er viel mitgemacht hat. Seine Mutter war eingesperrt, weißt du? Sie streckte nur ihren Arm durch ein kleines Fensterchen, und er konnte sie nicht sehen, bis sie starb. Aber er hat mir erzählt, dass er sie auch dann nicht angesehen hat. Sie hatte es ihm verboten.«

Der Rauch der Bienenwachskerzen, der von dem Leuchter vor der Statue aufstieg, vernebelte Arnaus Sicht, und die steinernen Lippen lächelten.

»Sie wird deine Mutter sein«, erklärte er und drehte sich zu Joan um.

»Woher weißt du das? Du hast doch gesagt, dass sie durch die Vögel …«

»Ich weiß es eben«, unterbrach Arnau ihn unwirsch.

»Und wenn ich sie frage …«

»Nein«, fiel ihm Arnau erneut ins Wort.

Joan sah zu der steinernen Figur. Er wollte auch mit ihr sprechen können, wie Arnau es tat. Weshalb hörte sie ihn nicht an, seinen Bruder aber wohl? Wie konnte Arnau wissen …? Während Joan sich schwor, dass auch er eines Tages ihrer Worte würdig sein würde, hörten sie ein Geräusch.

»Pssst!«, wisperte Arnau, während er zu dem dunklen Portal hinübersah.

»Wer ist da?« Der Widerschein einer Laterne erschien in der Öffnung.

Arnau begann, in Richtung Calle del Born davonzuschleichen, von wo sie gekommen waren, doch Joan blieb wie angewurzelt stehen und starrte auf die Laterne, die sich nun bereits dem Chorumgang näherte.

»Los, lass uns verschwinden!«, flüsterte Arnau ihm zu und zog ihn mit sich.

Als sie auf die Calle del Born traten, sahen sie mehrere Laternen auf sie zukommen. Arnau blickte sich um; zu dem ersten Licht im Inneren der Kirche waren weitere hinzugekommen.

Es gab keinen Ausweg. Die Wächter sprachen miteinander und riefen einander etwas zu. Was sollten sie bloß tun? Das Gerüst! Arnau stieß Joan zu Boden. Der Kleine war wie gelähmt. Das Gerüst war seitlich offen. Er gab Joan erneut einen Schubs, und die beiden krochen darunter, bis sie die Grundmauern der Kirche erreichten. Joan presste sich gegen die Steinquader. Die Lichter wanderten an dem Gerüst entlang. Die Schritte der Wächter auf den Holzbrettern hallten Arnau in den Ohren und ihre Stimmen übertönten das Pochen seines Herzens.

Sie warteten ab, während die Männer sich in der Kirche umsahen. Es erschien ihnen eine Ewigkeit! Arnau spähte nach oben und versuchte herauszufinden, was dort geschah, doch jedes Mal, wenn ein Lichtstrahl durch die Bretterritzen fiel, duckte er sich noch tiefer.

Schließlich gaben die Wächter auf. Zwei von ihnen blieben auf dem Gerüst stehen und leuchteten von dort aus die Umgebung ab. Wie war es möglich, dass sie sein Herz nicht pochen hörten? Und das von Joan. Die Männer stiegen von dem Gerüst. Doch wo war Joan überhaupt? Arnau sah zu der Stelle hinüber, wo der Kleine gekauert hatte. Einer der Wächter hängte eine Laterne an das Gerüst, der andere verschwand in der Dunkelheit. Joan war nicht mehr da! Wo mochte er nur stecken? Arnau kroch zu der Stelle, an der das Gerüst an das Fundament der Kirche stieß. Er tastete mit der Hand im Dunkeln. Dort war eine Öffnung, ein schmaler Gang, der sich in der Mauer öffnete.

Von Arnau vorwärtsgestoßen, war Joan unter das Gerüst gekrochen. Nichts hatte sich ihm in den Weg gestellt, und der Junge war weitergekrochen, durch die Öffnung und in den Gang, der leicht abschüssig in Richtung Hauptaltar führte. Durch das Geräusch, mit dem sein Körper an den Wänden des Gangs entlangschleifte, konnte er nichts hören, aber Arnau musste direkt hinter ihm sein. Erst als sich der enge Tunnel weitete und er sich umdrehen, ja sogar hinknien konnte, hatte Joan bemerkt, dass er alleine war. Wo befand er sich? Es war stockfinster.

»Arnau?«, rief er.

Seine Stimme hallte in seinem Kopf wider. Es war … es war wie in einer Höhle. Eine Höhle unter der Kirche!

Er rief erneut, immer wieder. Zuerst leise, dann immer lauter, doch seine eigene Stimme erschreckte ihn. Er konnte versuchen zurückzukriechen. Doch wo war der Tunnel? Joan streckte die Arme aus, aber seine Hände griffen ins Leere. Er war zu weit gekrochen.

»Arnau!«, rief er erneut.

Nichts. Er begann zu weinen. Was befand sich wohl an diesem Ort? Ungeheuer? Und wenn er in der Hölle war? Er befand sich unter einer Kirche – hieß es nicht, die Hölle sei dort unten? Und wenn nun der Teufel erschien?

Arnau kroch in den Gang. Joan konnte nur dort sein. Niemals hätte er sein Versteck unter dem Gerüst verlassen. Nachdem er ein Stück zurückgelegt hatte, rief er nach seinem Freund. Draußen konnte man ihn unmöglich hören. Nichts. Er kroch weiter.

»Joanet!« rief er, dann verbesserte er sich: »Joan!«

»Hier«, hörte er ihn antworten.

»Wo ist hier?«

»Am Ende des Tunnels.«

»Alles in Ordnung?«

Joan hörte auf zu zittern.

»Ja.«

»Dann komm her.«

»Ich kann nicht.« Arnau seufzte. »Hier ist so eine Art Höhle, und ich weiß nicht mehr, wo der Ausgang ist.«

»Taste dich an den Wänden entlang, bis du … oder nein!«, korrigierte sich Arnau sofort. »Tu das nicht, hörst du, Joan? Es könnte noch weitere Gänge geben. Wenn ich es bis dorthin schaffe … Sieht man etwas, Joan?«

»Nein«, antwortete der Kleine.

Er konnte sich weitertasten, bis er ihn fand – aber wenn er sich ebenfalls verirrte? Ah! Jetzt wusste er, wie er es schaffen könnte. Er brauchte Licht. Mit einer Laterne würden sie zurückfinden.

»Warte dort auf mich! Hörst du, Joan? Bleib ganz ruhig und rühr dich nicht von der Stelle! Hörst du?«

»Ja. Was hast du vor?«

»Ich hole eine Laterne und komme dann zurück. Warte hier auf mich und rühr dich nicht vom Fleck, verstanden?«

»Ja«, antwortete Joan zögerlich.

»Denk daran, direkt über dir ist die Jungfrau, deine Mutter.« Arnau hörte keine Antwort. »Joan, hast du mich gehört?«

Natürlich hatte er ihn gehört. »Deine Mutter«, hatte er gesagt. Aber er hatte ihn nicht mit ihr reden lassen. Und wenn Arnau seine Mutter nicht teilen wollte und ihn hier in der Hölle eingesperrt hatte?

»Joan?«, vergewisserte sich Arnau.

»Was?«

»Warte auf mich, und rühr dich nicht vom Fleck!«

Mühsam robbte Arnau rückwärts, bis er sich wieder unter dem Gerüst an der Calle del Born befand. Ohne lange zu überlegen, nahm er die Laterne, die der Wächter dort aufgehängt hatte, und verschwand wieder in dem Tunnel.

Joan sah das Licht näher kommen. Arnau drehte die Flamme höher, als die Seitenwände zurückwichen. Sein Freund kniete einige Schritte vom Ausgang entfernt und sah ihn ängstlich an.

»Hab keine Angst«, versuchte ihn Arnau zu beruhigen.

Arnau hielt die Laterne hoch und drehte die Flamme noch höher. Was war das …? Ein Friedhof! Sie befanden sich auf einem Friedhof. Eine kleine Höhle, die aus irgendeinem Grund unter Santa María überdauert hatte wie eine Luftblase. Die Decke war so niedrig, dass sie nicht einmal aufrecht stehen konnten. Arnau leuchtete auf mehrere große Amphoren, ähnlich den Krügen, die er in Graus Werkstatt gesehen hatte, nur grober gearbeitet. Einige waren zerbrochen und gaben den Blick auf die Gerippe frei, die sich darin befanden. Andere waren unversehrt: große Amphoren, die aus zwei aufeinanderliegenden, versiegelten Hälften bestanden.

Joan starrte zitternd auf eines der Skelette.

»Ganz ruhig«, sagte Arnau und wollte zu ihm gehen. Doch Joan wich hastig zurück.

»Was ist …?«, fragte Arnau.

»Lass uns von hier verschwinden«, bat Joan.

Ohne eine Antwort abzuwarten, kroch er in den Tunnel, und Arnau folgte ihm. Als sie das Gerüst erreichten, erlosch die Laterne. Es war niemand zu sehen. Arnau hängte die Laterne wieder an ihren Platz und sie kehrten zu Peres Haus zurück.

»Kein Wort darüber, einverstanden?«, sagte er unterwegs zu Joan.

Joan gab keine Antwort.

14

Seit Arnau beteuert hatte, dass die Jungfrau nun auch seine Mutter sei, lief Joan in jeder freien Minute zur Kirche. Er umklammerte das Gitter vor der Sakramentskapelle, schob den Kopf zwischen die Stäbe und betrachtete die steinerne Figur mit dem Kind auf der Schulter und dem Schiff zu ihren Füßen.

»Irgendwann wirst du mit dem Kopf stecken bleiben«, sagte Pater Albert einmal zu ihm.

Joan zog den Kopf hervor und lächelte. Der Priester legte ihm die Hand auf die Schulter und beugte sich zu ihm hinunter.

»Liebst du sie?«, fragte er ihn und deutete ins Innere der Kapelle.

Joan zögerte.

»Sie ist jetzt meine Mutter«, antwortete er, mehr aus dem Wunsch als aus der Gewissheit heraus.

Pater Albert hatte einen Kloß im Hals. Es gab so vieles, was er dem Jungen über die heilige Jungfrau erzählen konnte! Er versuchte, etwas zu sagen, brachte aber keinen Ton heraus. Er umarmte den Kleinen und wartete, dass seine Stimme zurückkehrte.

»Betest du zu ihr?«, fragte er, als er sich wieder gefasst hatte.

»Nein. Ich spreche nur mit ihr.« Pater Albert sah ihn fragend an. »Ich erzähle ihr von mir.«

Der Priester betrachtete die Madonna.

»Nur weiter so, mein Sohn, nur weiter so«, setzte er hinzu, dann ließ er ihn allein.

Es war nicht schwer. Pater Albert fasste drei oder vier Kandidaten ins Auge und entschied sich schließlich für einen reichen Silberschmied. Bei der letzten Jahresbeichte war der Handwerker sehr zerknirscht gewesen wegen mehrerer ehebrecherischer Beziehungen, die er unterhalten hatte.

»Wenn du seine Mutter bist«, murmelte Pater Albert und richtete den Blick gen Himmel, »wird es dich nicht stören, dass ich diese kleine List für deinen Sohn anwende, nicht wahr?«

Der Silberschmied wagte es nicht, nein zu sagen.

»Es handelt sich lediglich um eine kleine Spende an die Domschule«, erklärte ihm der Pfarrer. »Du hilfst damit einem Jungen, und Gott … nun, Gott wird es dir vergelten.«

Er musste nur noch mit Bernat reden. Pater Albert machte sich auf die Suche nach ihm.

»Ich habe erreicht, dass man Joanet an der Domschule aufnimmt«, erklärte er ihm, während sie unweit von Peres Haus am Strand entlangspazierten.

Bernat sah den Priester an.

»Ich habe nicht genug Geld, Pater«, sagte er entschuldigend.

»Es wird dich nichts kosten.«

»Ich dachte, die Schulen …«

»Ja, aber das gilt für die städtischen Schulen. In der Domschule genügt es …« Wozu es ihm erklären? »Nun, ich habe es jedenfalls erreicht.«

Die beiden spazierten weiter.

»Er wird Lesen und Schreiben lernen, zuerst in Fibeln, später auch Psalmen und Gebete.«

Weshalb sagte Bernat nichts?

»Mit dreizehn Jahren kann er in die Oberschule übertreten und Latein und die sieben freien Künste erlernen: Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie.«

»Pater«, wandte Bernat ein, »Joanet hilft im Haushalt, sodass Pere mir einen Esser weniger berechnet. Wenn der Junge nun zur Schule geht …«

»Er wird in der Schule beköstigt werden.«

Bernat sah ihn an und wiegte den Kopf, als dächte er darüber nach.

»Außerdem«, fügte der Priester hinzu, »habe ich bereits mit Pere gesprochen, und er ist damit einverstanden, dir auch in Zukunft denselben Preis zu berechnen.«

»Ihr habt Euch sehr für den Jungen eingesetzt.«

»Ja. Hast du etwas dagegen?« Bernat verneinte lächelnd. »Stell dir vor, Joanet könnte schließlich sogar zur Universität gehen, zur Hochschule in Lérida oder sogar an eine ausländische Universität, nach Bologna, Paris …«

Bernat lachte herzlich. »Wenn ich nein sagte, wäret Ihr enttäuscht, oder irre ich mich?«

Pater Albert nickte.

»Er ist nicht mein Sohn, Pater«, fuhr Bernat fort. »Wenn er es wäre, würde ich nicht zulassen, dass der eine Sohn für den anderen arbeitet. Aber wenn es mich nichts kostet, warum nicht? Der Junge hat es verdient. Vielleicht kommt er eines Tages an all die Orte, von denen Ihr erzählt habt.«

»Ich hätte lieber mit Pferden zu tun, so wie du«, sagte Joanet zu Arnau, während sie am Strand entlangspazierten, genau dort, wo Pater Albert und Bernat über seine Zukunft entschieden hatten.

»Es ist sehr hart, Joanet … Joan. Ich putze und putze, und wenn endlich alles glänzt, macht ein Pferd einen Ausritt, und ich fange wieder von vorne an. Und das nur, wenn Tomás mich nicht anschreit und mir ein Paar Steigbügel oder Zaumzeug bringt, damit ich noch einmal darübergehe. Beim ersten Mal gab er mir eine Kopfnuss, doch dann kam unser Vater … Das hättest du sehen sollen! Er setzte ihm die Mistgabel auf die Brust und drückte ihn gegen die Wand, und Tomás begann zu stottern und sich zu entschuldigen.«

»Deshalb wäre ich so gerne bei euch.«

»Ach was!«, entgegnete Arnau. »Seither rührt er mich nicht mehr an, aber es gibt immer etwas, das schlecht geputzt ist. Er macht es selbst schmutzig, weißt du? Ich hab's gesehen.«

»Weshalb sagt ihr es nicht Jesús?«

»Papa sagt, er würde mir nicht glauben. Jesús ist mit Tomás befreundet und würde ihn verteidigen, und die Baronin würde jede Gelegenheit nutzen, um uns anzugreifen. Sie hasst uns. Weißt du, du wirst viele Dinge in der Schule lernen. Ich werde nur das Zeug putzen, das andere schmutzig machen, und mich anschreien lassen.«

Die beiden schwiegen eine Weile, stapften durch den Sand und schauten aufs Meer hinaus.

»Nutz deine Chance, Joan«, sagte Arnau plötzlich und wiederholte die Worte, die er von Bernat gehört hatte.

Joan kam gut voran im Unterricht. Er legte großen Eifer an den Tag, seit ihn der Priester, der zugleich ihr Lehrer war, vor den anderen belobigt hatte. Joan durchfuhr ein angenehmes Kribbeln und er ließ sich von seinen Klassenkameraden bestaunen. Wenn seine Mutter noch lebte! Er würde auf der Stelle losrennen, um sich auf die Kiste zu hocken und ihr zu berichten, wie man ihn gelobt hatte. Der Klassenbeste, hatte der Lehrer gesagt, und alle, alle hatten ihn angesehen. Er war noch nie irgendwo der Beste gewesen!

An diesem Abend kam Joan, eingehüllt in eine Wolke der Zufriedenheit, nach Hause. Pere und Mariona hörten ihm lächelnd und erwartungsvoll zu und baten ihn, noch einmal zu wiederholen, was er gesagt hatte, denn vor lauter Freudenrufen und Gestikulieren war eigentlich nichts zu verstehen gewesen. Als Arnau und Bernat eintrafen, sahen die drei zur Tür. Joan wollte ihnen entgegenlaufen, doch das Gesicht seines Bruders hielt ihn davon ab. Man sah, dass er geweint hatte, und Bernat hatte eine Hand um seine Schulter gelegt und drückte ihn fest an sich.

»Was ist denn?«, fragte Mariona und ging auf Arnau zu, um ihn zu umarmen. Doch eine Handbewegung von Bernat ließ sie innehalten.

»Das muss man aushalten«, sagte er, an niemand Bestimmtes gewandt.

Joan suchte den Blick seines Bruders, doch Arnau sah Mariona an.

Und sie hielten es aus. Tomás, der Stallbursche, wagte es nicht, Bernat zu piesacken, Arnau hingegen schon.

»Er ist auf Streit aus, mein Junge«, versuchte Bernat Arnau zu trösten, wenn dieser wieder einmal beinahe platzte vor Wut. »Wir dürfen nicht in die Falle tappen.«

»Aber wir können nicht ein Leben lang so weitermachen, Papa«, beschwerte sich Arnau irgendwann.

»Das werden wir nicht. Ich habe gehört, wie Jesús ihn ein paar Mal ermahnt hat. Er arbeitet nicht gut und Jesús weiß das. Die Pferde, mit denen er zu tun hat, sind nicht mehr zu führen, sie treten aus und beißen. Nicht mehr lange, und er wird fallen. Nicht mehr lange, mein Junge.«

Und wie Bernat vorausgesehen hatte, ließen die Folgen nicht lange auf sich warten. Die Baronin legte großen Wert darauf, dass Graus Kinder reiten lernten. Es war besser, wenn Grau nichts davon erfuhr, doch die beiden Knaben mussten reiten lernen. Also verließen sie mehrmals wöchentlich nach dem Unterricht die Stadt, Isabel und Margarida in der von Jesús gelenkten Kutsche, die Jungen, der Hauslehrer und Tomás zu Fuß, wobei der Stallbursche ein Pferd am Zügel führte. Auf einem freien Feld vor den Stadttoren erhielten sie nacheinander von Jesús Reitunterricht.

Jesús hielt in der rechten Hand ein langes Seil, das er am Zaumzeug des Pferdes befestigt hatte, sodass das Tier gezwungen war, im Kreis zu laufen. In der linken Hand hielt er eine Peitsche, um das Tier anzutreiben. Die Reitschüler saßen einer nach dem anderen auf und ritten, seinen Anweisungen und Ratschlägen folgend, im Kreis um den Stallmeister herum.

An diesem Tag ließ Tomás, der das Gespann vor der Kutsche beaufsichtigte, kein Auge vom Maul des Pferdes. Es war nur ein Ruck nötig, der fester war als gewöhnlich, nur einer. Es kam immer ein Moment, in dem das Tier scheute.

Genis Puig saß nun auf dem Pferd.

Der Stallbursche sah in das Gesicht des Knaben. Panische Angst stand darin geschrieben. Dieser Junge hatte eine Höllenangst vor Pferden und klammerte sich fest. Es kam immer ein Moment, in dem ein Pferd scheute.

Jesús schnalzte mit der Peitsche, damit das Pferd in Galopp fiel. Das Tier warf den Kopf zurück und zog an dem Seil.

Über Tomás' Gesicht huschte ein Lächeln, das sofort wieder verschwand, als sich das Seil löste und das Pferd plötzlich frei war. Es war nicht schwer gewesen, sich in die Sattelkammer zu schleichen und das Leder des Zaumzeugs so anzuschneiden, das es nur noch lose zusammenhielt.

Isabel und Margarida schrien entsetzt auf. Jesús ließ die Peitsche fallen und versuchte, das Pferd aufzuhalten, doch vergeblich.

Als Genis sah, dass sich das Seil gelöst hatte, begann er zu kreischen und klammerte sich an den Hals des Pferdes. Er presste seine Füße gegen die Flanken des Tieres, welches daraufhin durchging und im gestreckten Galopp auf die Stadttore zurannte, während Genis auf seinem Rücken hin und her geschleudert wurde. Als das Pferd einen kleinen Hügel übersprang, flog der Junge durch die Luft, überschlug sich mehrmals und landete kopfüber in einer Hecke.

Bernat, der in den Stallungen war, hörte zuerst die Hufe der Pferde im gepflasterten Patio und dann die Schreie der Baronin. Statt ruhig und im Schritt in den Hof zu kommen wie sonst, stampften die Pferde heftig auf. Als Bernat zum Stalltor ging, kam Tomás gerade mit dem Pferd hinein. Das Tier war unruhig, es war mit Schweiß bedeckt und schnaubte heftig.

»Was ist los?«, fragte Bernat.

»Die Baronin will deinen Sohn sprechen«, schrie Tomás, während er auf das Pferd einhieb.

Vor den Stallungen war immer noch das Zetern der Frau zu hören. Bernat betrachtete erneut das arme Tier, das unruhig auf den Boden stampfte.

»Die Herrin will dich sprechen!«, brüllte Tomás noch einmal, als Arnau aus der Sattelkammer kam.

Arnau blickte zu seinem Vater. Der zuckte mit den Schultern.

Sie gingen in den Patio. Die Baronin fuchtelte wütend mit der Reitgerte herum, die sie immer bei sich hatte, wenn sie ausritt, und brüllte Jesús, den Hauslehrer und die Sklaven an, die alle zusammengelaufen waren. Margarida und Josep standen hinter ihr. Und daneben Genis, mit blauen Flecken übersät, blutend und mit zerrissenen Kleidern. Als Arnau und Bernat erschienen, ging die Baronin ein paar Schritte auf den Jungen zu und zog ihm die Reitgerte durchs Gesicht. Arnau hielt sich die Wange. Bernat wollte eingreifen, doch Jesús ging dazwischen.

»Sieh dir das an«, brüllte der Stallmeister und reichte Bernat das Seil und das zerrissene Zaumzeug. »Das ist das Werk deines Sohnes!«

Bernat nahm die Gegenstände und untersuchte sie. Auch Arnau, der sich immer noch die Wange hielt, sah sich das Zaumzeug an. Er hatte es tags zuvor überprüft. Er blickte zu seinem Vater auf, und der sah zur Stalltür herüber, von wo aus Tomás die Szene beobachtete.

»Es war in Ordnung«, schrie Arnau. Er nahm das Zaumzeug und das Seil und hielt es Jesús unter die Nase. Er sah erneut zur Stalltür hinüber. »Es war in Ordnung«, beteuerte er noch einmal, während die ersten Tränen in seinen Augen aufblitzten.

»Sieh nur, wie er weint«, war plötzlich eine Stimme zu vernehmen. Es war Margarida, die mit dem Finger auf Arnau zeigte. »Er ist schuld an deinem Unfall und weint«, sagte sie dann, an ihren Bruder Genis gewandt. »Du hast nicht geweint, als du durch seine Schuld vom Pferd gefallen bist«, log sie.

Josep und Genis zögerten kurz, doch dann machten sie sich über Arnau lustig.

»Heulsuse«, sagte der eine.

»Ja, Heulsuse«, wiederholte der andere.

Arnau sah, wie sie mit dem Finger auf ihn zeigten und über ihn lachten. Er konnte einfach nicht aufhören zu weinen! Die Tränen rollten ihm über die Wangen und sein Brustkorb verkrampfte sich vor lauter Schluchzen. Er stand da wie angewurzelt, streckte die Hände aus und zeigte noch einmal allen das Zaumzeug und den Strick, auch den Sklaven.

»Anstatt zu heulen, solltest du lieber um Verzeihung für deine Unachtsamkeit bitten«, fuhr ihn die Baronin an, nachdem sie ihren Stiefkindern ein überhebliches Lächeln zugeworfen hatte.

Um Verzeihung bitten? Arnau sah seinen Vater an. Die Frage war ihm ins Gesicht geschrieben. Bernat starrte die Baronin an. Margarida zeigte immer noch mit dem Finger auf ihn und tuschelte mit ihren Brüdern.

»Nein«, widersetzte er sich. »Es war in Ordnung.«

Und mit diesen Worten warf er Seil und Zaumzeug auf die Erde.

Die Baronin begann, mit den Händen zu fuchteln, erstarrte jedoch, als Bernat einen Schritt auf sie zu machte. Jesús hielt Bernat am Arm fest.

»Sie ist eine Adlige«, flüsterte er ihm ins Ohr.

Arnau sah einen nach dem anderen an und verließ dann den Palast.

»Nein!«, schrie Isabel, als Grau, nachdem er von dem Vorfall erfahren hatte, Vater und Sohn entlassen wollte. »Der Vater soll bleiben und für deine Kinder arbeiten. Er soll sich jeden Moment daran erinnern, dass wir auf die Entschuldigung seines Sohnes warten. Ich will, dass sich dieser Junge öffentlich bei deinen Kindern entschuldigt! Und das werde ich nicht erreichen, wenn du sie hinauswirfst. Lass ihm ausrichten, dass sein Sohn nicht mehr zur Arbeit zu erscheinen braucht, bis er sich entschuldigt hat.« Isabel gestikulierte unablässig, ihre Stimme überschlug sich. »Sag ihm, dass er so lange nur den halben Lohn erhält, und sollte er sich eine andere Arbeit suchen wollen, werden wir ganz Barcelona darüber in Kenntnis setzen, was hier vorgefallen ist, damit er nirgendwo ein Auskommen findet. Ich will eine Entschuldigung!«, forderte sie hysterisch.

»… werden wir ganz Barcelona darüber in Kenntnis setzen …« Grau merkte, wie es ihn eiskalt überlief. So viele Jahre hatte er nun versucht, seinen Schwager zu verstecken, und nun … Und nun wollte seine Frau, dass ganz Barcelona von seiner Existenz erfuhr!

»Ich bitte dich, diskret vorzugehen«, war alles, was ihm einfiel.

Isabel sah ihn aus blutunterlaufenen Augen an.

»Ich will sie demütigen!«

Grau wollte etwas sagen, doch dann schwieg er und kniff die Lippen zusammen.

»Diskretion, Isabel, Diskretion«, sagte er schließlich.

Grau fügte sich den Forderungen seiner Frau. Schließlich lebte Guiamona nicht mehr, es gab keine weiteren Muttermale in der Familie, und sie waren unter dem Namen Puig bekannt, nicht Estanyol. Nachdem Grau die Stallungen verlassen hatte, wurde Bernat vom Stallmeister über seine neuen Arbeitsbedingungen unterrichtet.

»Vater, das Zaumzeug war in Ordnung«, rechtfertigte sich Arnau am Abend, als die drei in dem kleinen Zimmer saßen, das sie sich teilten. »Ich schwöre es!«, beteuerte er, als Bernat schwieg.

»Aber du kannst es nicht beweisen«, warf Joanet ein, der bereits von dem Vorfall wusste.

»Du musst mir nichts schwören«, dachte Bernat, »aber wie soll ich dir beibringen, dass …?«

Bernat lief es kalt den Rücken herunter, wenn er an die Reaktion seines Jungen in Graus Stall dachte: »Ich bin nicht schuld, ich muss mich nicht entschuldigen.«

»Ich schwöre es, Vater«, sagte Arnau noch einmal.

»Aber …«

Bernat bedeutete Joan, zu schweigen.

»Ich glaube dir, mein Sohn. Und jetzt wird geschlafen.«

»Aber …«, sagte diesmal Arnau.

»Schlaft jetzt!«

Arnau und Joan löschten das Licht, doch es dauerte bis spät in die Nacht, bis Bernat das gleichmäßige Atmen hörte, das ihm verriet, dass die beiden Jungen eingeschlafen waren. Wie sollte er Arnau nur beibringen, dass sie eine Entschuldigung von ihm verlangten?

»Arnau …« Bernats Stimme bebte, als er sah, wie sein Sohn aufhörte, sich anzuziehen, und ihn ansah. »Grau … verlangt, dass du dich entschuldigst. Andernfalls …«

Arnau sah ihn fragend an.

»Andernfalls darfst du nicht mehr zur Arbeit kommen.«

Er hatte den Satz noch nicht ganz beendet, als er in den Augen seines kleinen Jungen eine Entschlossenheit entdeckte, die er noch nie zuvor gesehen hatte. Bernat blickte zu Joan hinüber und sah, dass auch er wie angewurzelt dastand, halb angezogen und mit offenem Mund. Er versuchte weiterzusprechen, doch seine Stimme versagte.

»Und jetzt?«, brach Joan das Schweigen.

»Findet Ihr, dass ich mich entschuldigen sollte?«

»Arnau, ich habe alles aufgegeben, was ich hatte, damit du frei sein kannst. Ich habe unser Land verlassen, das den Estanyols über Jahrhunderte gehörte, damit niemand dir antun kann, was man mir angetan hat, meinem Vater und dem Vater meines Vaters … Und nun befinden wir uns wieder in der gleichen Lage: den Launen jener ausgeliefert, die sich adlig nennen. Mit einem Unterschied: Wir können uns weigern. Mein Sohn, lerne die Freiheit zu nutzen, die zu erlangen uns so viele Opfer gekostet hat. Die Entscheidung liegt nur bei dir.«

»Aber was ratet Ihr mir, Vater?«

Bernat schwieg einen Augenblick.

»Ich an deiner Stelle würde mich nicht unterwerfen.«

Joan versuchte sich an der Unterhaltung zu beteiligen. »Sie sind nur katalanische Barone! Vergeben kann nur der Herr.«

»Und wovon sollen wir leben?«, fragte Arnau.

»Mach dir darum keine Sorgen, mein Junge. Ich habe ein wenig Geld gespart, damit werden wir zurechtkommen. Wir werden uns anderswo Arbeit suchen. Grau Puig ist nicht der Einzige, der Pferde hat.«

Bernat ließ keinen Tag verstreichen. Noch am selben Abend versuchte er, eine neue Anstellung für sich und Arnau zu finden. Er fand ein Adelshaus mit Stallungen und wurde vom Hausverwalter freundlich empfangen. Viele in Barcelona beneideten Grau Puig um seine gut gepflegten Pferde, und als Bernat sich als der zuständige Mann vorstellte, zeigte der Verwalter Interesse, ihn einzustellen. Doch als Bernat am nächsten Tag erneut in den Stallungen erschien, um die Bestätigung für eine Nachricht zu erhalten, die er bereits mit seinen Söhnen gefeiert hatte, wurde er nicht einmal empfangen. »Sie haben nicht genug bezahlt«, log er beim Abendessen. Bernat versuchte es auch in anderen Adelshäusern, die über Stallungen verfügten, doch wenn es schien, als sei man gewillt, sie anzustellen, war am nächsten Morgen alles anders.

»Du wirst keine Arbeit finden«, erklärte ihm schließlich ein Stallmeister. Er hatte Mitleid mit Bernat, dem die Verzweiflung ins Gesicht geschrieben stand. »Die Baronin wird nicht zulassen, dass du eine Anstellung findest. Nachdem du bei uns warst, erhielt mein Herr eine Nachricht von der Baronin, in der diese ihn bat, dir keine Arbeit zu geben. Es tut mir leid.«

»Du Bastard.«

Er sagte es ihm ins Ohr, leise, aber bestimmt, die Vokale lang gedehnt. Tomás fuhr zusammen und versuchte zu entkommen, doch Bernat packte ihn von hinten um den Hals und drückte zu, bis der Stallknecht zusammensackte. Erst dann lockerte er den Griff. Wenn die Adligen Botschaften erhielten, hatte Bernat überlegt, musste ihm jemand folgen. »Lass mich durch die Hintertür raus«, bat er den Stallmeister. Tomás, der sich in einer Ecke gegenüber der Stalltür postiert hatte, sah ihn nicht kommen. Bernat schlich sich von hinten an.

»Du hast das Zaumzeug so präpariert, dass es sich löste, stimmt's? Und jetzt, was willst du noch?« Bernat drückte erneut den Hals des Stallburschen zu.

»Was … was tut das noch zur Sache?« Tomás schnappte nach Luft.

»Was willst du damit sagen?« Bernat drückte fest zu. Der Stallknecht ruderte mit den Armen, konnte sich jedoch nicht befreien. Nach einigen Sekunden merkte Bernat, wie Tomás erneut in sich zusammensackte. Er ließ seinen Hals los, bis er wieder zu sich kam. »Was willst du damit sagen?«, fragte er noch einmal.

Tomás schnappte ein paar Mal nach Luft, bevor er antwortete. Sobald wieder Farbe in sein Gesicht kam, erschien ein spöttisches Grinsen auf seinen Lippen.

»Bring mich um, wenn du willst«, sagte er atemlos, »aber du weißt ganz genau, wenn es nicht das Zaumzeug gewesen wäre, dann wäre es eben etwas anderes gewesen. Die Baronin hasst dich und wird dich immer hassen. Du bist nur ein flüchtiger Unfreier und dein Sohn der Sohn eines flüchtigen Unfreien. Du wirst keine Arbeit in Barcelona finden. Die Baronin hat es befohlen, und wenn ich es nicht mache, wird dir ein anderer hinterherspionieren.«

Bernat spuckte ihm ins Gesicht. Tomás rührte sich nicht und sein Grinsen wurde noch breiter.

»Es gibt keinen Ausweg, Bernat Estanyol. Dein Sohn wird um Entschuldigung bitten müssen.«

»Ich werde mich entschuldigen«, gab Arnau an diesem Abend mit geballten Fäusten und Tränen in den Augen nach, nachdem er die Erklärungen seines Vaters angehört hatte. »Gegen den Adel kommen wir nicht an, und wir brauchen Arbeit. Diese Schweine! Diese verdammten Schweine!«

Bernat sah seinen Sohn an. »Dort werden wir frei sein«, hatte er ihm wenige Monate nach seiner Geburt beim Anblick von Barcelona versprochen. Und dafür alle diese Mühen und all diese Anstrengungen?

»Nein, Junge. Warte. Wir werden uns etwas anderes suchen …«

»Sie haben das Sagen, Papa. Der Adel hat das Sagen. Auf dem Land, auf Eurem Grund und Boden und auch in der Stadt.«

Joanet beobachtete sie schweigend. »Man schuldet der Obrigkeit Gehorsam und Fügsamkeit«, hatten ihm seine Lehrer beigebracht. »Des Menschen Freiheit liegt in Gottes Reich, sie ist nicht von dieser Welt.«

»Sie können nicht ganz Barcelona beherrschen. Nur die Adligen besitzen Pferde, aber wir können einen anderen Beruf erlernen. Irgendetwas wird sich schon finden, Junge.«

Bernat bemerkte einen Funken Hoffnung in den Augen seines Sohnes. Er sah aus, als wollte er die letzten Worte förmlich aufsaugen.

»Ich habe dir die Freiheit versprochen, Arnau. Ich schulde sie dir, und ich werde sie dir geben. Gib sie nicht zu schnell verloren, mein Junge.«

In den folgenden Tagen lief Bernat auf der Suche nach der Freiheit durch die Straßen. Am Anfang folgte ihm Tomás – nun ganz offen –, wenn er seine Arbeit in Graus Stallungen beendet hatte. Doch als die Baronin begriff, dass sie auf Handwerker, kleine Händler oder Schiffsbauer keinen Einfluss hatte, hörte er damit auf.

»Er wird schwerlich etwas erreichen«, versuchte Grau seine Frau zu beruhigen, als diese zu ihm kam, um sich unter Tränen über das Verhalten des Bauern zu beschweren.

»Wie meinst du das?«, fragte sie.

»Er wird keine Arbeit finden. Barcelona leidet an den Folgen seiner wenig vorausschauenden Politik.«

Die Baronin bat ihn fortzufahren. Grau irrte sich nie in seinen Urteilen.

»Die Ernten der letzten Jahre waren katastrophal«, erklärte er seiner Frau. »Das Land ist übervölkert, und das wenige, was der Boden hergibt, gelangt nicht in die Städte. Sie essen es selber auf.«

»Aber Katalonien ist groß«, wandte die Baronin ein.

»Täusche dich nicht, meine Liebe. Katalonien ist groß, gewiss, doch seit Jahren pflanzen die Bauern kein Getreide mehr an, und das ist es, was gegessen wird. Jetzt kultivieren sie Flachs, Wein, Oliven oder Obst, aber kein Getreide. Die Umstellung hat die Herren der Bauern reich gemacht, und es ist uns, den Händlern, sehr gut gegangen, doch nun beginnt die Situation untragbar zu werden. Bislang ernähren wir uns von Getreide aus Sizilien und Sardinien, doch durch den Krieg mit Genua können wir uns nicht länger mit diesen Produkten versorgen. Bernat wird keine Arbeit finden, aber die Lage wird für alle schwierig werden, auch für uns, und die Schuld daran tragen vier unfähige Adlige …«

»Warum sprichst du so?«, unterbrach ihn die Baronin, die sich angesprochen fühlte.

»Du wirst sehen, meine Liebe«, antwortete Grau ernst. »Wir leben vom Handel und verdienen viel Geld damit. Einen Teil unserer Gewinne investieren wir wieder in unsere eigenen Geschäfte. Heute haben wir andere Schiffe als noch vor zehn Jahren, und deswegen fahren wir weiterhin Gewinne ein. Die adligen Grundbesitzer hingegen haben keinen einzigen Sueldo in ihr Land oder ihre Anbaumethoden investiert. Tatsächlich verwenden sie immer noch dieselben Gerätschaften und Anbaumethoden wie die Römer. Die Römer! Die Felder müssen alle zwei oder drei Jahre brachliegen, wo sie doch doppelt oder dreimal so lange Ertrag bringen könnten, wenn man sie besser bestellte. Diese adligen Grundherren, die du so sehr verteidigst, kümmern sich keinen Deut um die Zukunft; alles, was sie wollen, ist leicht verdientes Geld. Sie werden das Prinzipat in den Ruin treiben.«

»So schlimm wird es schon nicht werden«, beharrte die Baronin.

»Weißt du, was ein Scheffel Weizen kostet?« Seine Frau antwortete nicht, und Grau schüttelte den Kopf, bevor er fortfuhr. »Um die hundert Sueldos. Weißt du, wo der Preis normalerweise liegt?« Diesmal erwartete er erst gar keine Antwort. »Bei zehn Sueldos ungemahlen und sechzehn Sueldos gemahlen. Der Preis für ein Scheffel hat sich verzehnfacht!«

»Aber wir werden doch weiterhin zu essen haben?« Der Baronin war die Besorgnis anzumerken, die sie überkommen hatte.

»Du willst es nicht verstehen, Frau. Wir können den Weizen zahlen – wenn es welchen gibt, denn es kann der Moment kommen, in dem es keinen mehr gibt … Das Problem ist, dass das Volk von Barcelona immer noch dasselbe für das Getreide bezahlt, obwohl der Preis um das Zehnfache gestiegen ist …«

»Dann werden wir also genug Getreide haben«, unterbrach ihn seine Frau.

»Ja, aber …«

»Und Bernat wird keine Arbeit finden.«

»Ich glaube nicht, aber …«

»Nun, das ist das Einzige, was mich interessiert«, sagte sie, bevor sie ihm, der ganzen Erklärungen überdrüssig, den Rücken zukehrte.

»… aber es steht etwas Schreckliches bevor«, brachte Grau seinen Satz zu Ende, als die Baronin schon nicht mehr hören konnte, was er sagte.

Es war ein schlechtes Jahr. Bernat war es leid, immer und immer wieder diese Erklärung zu hören. Überall, wo er nach Arbeit fragte, war von einem schlechten Jahr die Rede. »Ich musste die Hälfte meiner Lehrlinge entlassen. Wie soll ich dir da Arbeit geben?«, fragte einer. »Es ist ein schlechtes Jahr. Ich habe nicht einmal genug, um meine Kinder zu ernähren«, sagte ein anderer. »Hast du es noch nicht bemerkt?«, fuhr ihn ein anderer an. »Es ist ein schlechtes Jahr. Ich musste über die Hälfte meiner Ersparnisse ausgeben, um meine Kinder zu ernähren. Früher hätte ein Viertel ausgereicht.«

»Wie sollte ich es nicht bemerken«, dachte Bernat. Aber er suchte weiter, bis der Winter kam und mit ihm die Kälte. Nun wagte er vielerorts gar nicht mehr zu fragen. Die Kinder hungerten, die Eltern sparten sich das Essen vom Mund ab, um ihre Kinder zu ernähren, und Pocken, Typhus und Diphtherie begannen, ihre tödliche Runde zu machen.

Jedes Mal, wenn sein Vater außer Haus war, warf Arnau einen Blick in dessen Geldbörse, anfangs jede Woche, mittlerweile täglich. Manchmal sah er mehrmals am Tag nach, weil er wusste, dass Bernats Rücklagen zur Neige gingen.

»Was ist der Preis der Freiheit?«, fragte er eines Tages Joan, als sie beide zur Jungfrau beteten.

»Der heilige Gregor sagt, dass ursprünglich alle Menschen gleich geboren wurden und folglich alle frei waren.« Joan sprach mit ruhiger, gleichmütiger Stimme, so als sagte er eine Lektion auf. »Es waren freie Menschen, die sich zu ihrem eigenen Wohl einem Herrn unterwarfen, damit dieser für sie sorge. Sie verloren einen Teil ihrer Freiheit, doch sie gewannen einen Herrn, der seine schützende Hand über sie hielt.«

Arnau sah zur Jungfrau auf, während er seinem Bruder zuhörte. Weshalb lächelte sie nicht? Hatte der heilige Gregor wohl auch eine leere Börse, so wie sein Vater?

»Joan?«

»Ja?«

»Was soll ich deiner Meinung nach tun?«

»Du selbst musst die Entscheidung treffen.«

»Aber was denkst du?«

»Das habe ich dir bereits gesagt. Es waren freie Menschen, die die Entscheidung trafen, sich einen Herrn zu suchen, damit er für sie sorge.«

Noch am selben Tag wurde Arnau in Grau Puigs Haus vorstellig, ohne dass sein Vater davon wusste. Er ging durch die Küche, um nicht von den Stallungen aus gesehen zu werden. Dort traf er Estranya an. Sie war dick wie eh und je, als beträfe sie der Hunger nicht. Plump wie eine Ente stand sie vor einem Topf, der über dem Feuer hing.

»Sag deinen Herrschaften, dass ich gekommen bin, um mit ihnen zu sprechen«, sagte er, als die Köchin ihn bemerkte.

Ein dummes Lächeln erschien auf dem Gesicht der Sklavin. Estranya sagte Graus Hausverwalter Bescheid und dieser informierte seinen Herrn. Sie ließen ihn stundenlang warten. Unterdessen defilierte das gesamte Personal durch die Küche, um Arnau in Augenschein zu nehmen. Einige grinsten, anderen – den wenigsten – war eine gewisse Traurigkeit darüber anzumerken, dass er klein beigab. Arnau hielt den Blicken stand und begegnete jenen, die ihn angrinsten, mit Hochmut. Doch es gelang ihm nicht, den Spott aus ihren Gesichtern zu löschen.

Nur Bernat fehlte, obwohl Tomás, der Stallbursche, ihm sofort Bescheid gab, dass sein Sohn gekommen war, um sich zu entschuldigen. »Es tut mir leid, Arnau, es tut mir leid«, murmelte Bernat immer wieder, während er eines der Pferde striegelte.

Nachdem er lange gewartet hatte – seine Beine schmerzten ihn von dem langen Stehen, da Estranya ihm verboten hatte, sich hinzusetzen –, wurde Arnau in den großen Salon der Graus geführt. Er hatte keine Augen für den Luxus, mit dem das Haus eingerichtet war. Gleich beim Eintreten richtete sich sein Blick auf die fünf Familienmitglieder, die dort auf ihn warteten. Baron und Baronin saßen, seine drei Cousins standen daneben. Die Männer trugen kostbare, farbige Seidenhosen und knielange, mit goldenen Schärpen gegürtete Wämser, die Frauen perlen- und edelsteinbestickte Kleider.

Der Hausverwalter führte Arnau in die Mitte des Raumes, einige Schritte von der Familie entfernt. Dann begab er sich wieder zur Tür, wo er auf Graus Anweisung hin stehen blieb.

»Sprich«, sagte Grau, reglos wie stets.

»Ich bin gekommen, um Euch um Entschuldigung zu bitten.«

»Dann tu es.«

Arnau wollte zum Sprechen ansetzen, doch die Baronin fuhr ihm ins Wort.

»So gedenkst du dich zu entschuldigen? Stehend?«

Arnau zögerte einige Sekunden, doch schließlich beugte er ein Knie. Margaridas blödes Kichern hallte durch den Raum.

»Ich bitte Euch alle um Verzeihung«, sagte Arnau, während er die Baronin direkt ansah.

Die Frau durchbohrte ihn mit Blicken.

»Ich mache es nur für meinen Vater«, sagte Arnaus Miene.

»Die Füße!«, kreischte die Baronin. »Küss uns die Füße!«

Arnau wollte sich erheben, doch die Baronin hinderte ihn daran.

»Auf die Knie!«, brüllte sie durch den ganzen Salon.

Arnau gehorchte und rutschte auf den Knien zu ihnen. Nur für meinen Vater. Nur für meinen Vater. Ich tue es nur für meinen Vater … Die Baronin hielt ihm ihre seidenen Pantoffeln hin und Arnau küsste sie, zuerst den linken, dann den rechten. Ohne hochzusehen rutschte er hinüber zu Grau. Der zögerte, als der Junge vor ihm kniete, den Blick starr auf seine Füße geheftet. Doch als seine Frau ihn wutentbrannt ansah, hob er sie nacheinander zum Mund des Jungen. Arnaus Cousins taten es ihren Eltern nach. Arnau versuchte den seidenen Pantoffel zu küssen, den Margarida ihm entgegenstreckte, doch als seine Lippen den Schuh berühren wollten, zog sie ihn weg und kicherte. Arnau versuchte es erneut, und wieder lachte seine Cousine ihn aus. Schließlich wartete sie, bis der Junge seinen Mund auf den Pantoffel presste, erst den einen, dann den anderen.

15

Barcelona

15. April 1334

Bernat zählte die Münzen, die Grau ihm ausbezahlt hatte, und tat sie, vor sich hin murmelnd, in die Geldbörse. Sie müssten eigentlich ausreichen, aber … diese verfluchten Genuesen! Wann würde die Belagerung enden, unter der das Prinzipat litt? Barcelona hungerte.

Bernat befestigte die Börse an seinem Gürtel und machte sich auf die Suche nach Arnau. Der Junge war abgemagert. Bernat sah ihn besorgt an. Es war ein harter Winter gewesen. Aber zumindest hatten sie ihn überstanden. Wie viele konnten das von sich behaupten? Bernat presste die Lippen aufeinander und strich seinem Sohn übers Haar. Dann legte er ihm die Hand um die Schulter. Wie viele Kinder waren an Kälte, Hunger und Krankheiten gestorben? Wie viele Väter konnten nun noch die Hand um die Schultern ihrer Söhne legen? »Zumindest bist du am Leben«, dachte er.

An diesem Tag lief ein Schiff mit Weizen im Hafen von Barcelona ein, eines der wenigen, denen es gelungen war, den Belagerungsring der Genuesen zu durchbrechen. Das Getreide wurde von der Stadt zu astronomischen Summen aufgekauft, um es dann zu einem bezahlbaren Preis an die Bewohner weiterzugeben. An diesem Freitag gab es Weizen auf der Plaza del Blat. Seit den frühen Morgenstunden strömten die Menschen herbei und machten sich die Plätze streitig, um zuzusehen, wie die Beamten das Korn abmaßen.

Trotz der Bemühungen der Ratsherren, ihn zum Schweigen zu bringen, predigte seit einigen Monaten ein Karmelitermönch gegen die Mächtigen. Er warf ihnen vor, die Hungersnot verursacht zu haben, und beschuldigte sie, heimlich Getreide zu horten. Die Brandreden des Mönchs hatten Eindruck auf die Gläubigen gemacht und die Gerüchte verbreiteten sich in der ganzen Stadt. An diesem Freitag versammelten sich immer mehr Menschen auf der Plaza del Blat. Sie diskutierten und drängten sich vor den Ständen, an denen die städtischen Beamten mit dem Getreide hantierten.

Die Behörden berechneten die Menge an Korn, die jedem Barcelonesen zustand, und betrauten den Marktaufseher der Plaza del Blat mit der Überwachung des Verkaufs.

»Mestre hat gar keine Familie!«, wurden wenige Minuten nach dem Beginn des Verkaufs die ersten Rufe laut. Sie galten einem zerlumpten Mann, der in Begleitung eines noch abgerisseneren Jungen war. »Sie sind alle während des Winters gestorben.«

Die Beamten nahmen Mestre das Getreide wieder weg, doch immer neue Beschuldigungen waren zu hören: Der da habe einen Sohn an einem anderen Stand anstehen. Jener habe bereits gekauft. Dieser habe keine Familie. Das sei nicht sein Sohn. Er habe ihn nur mitgebracht, um mehr zu bekommen …

Der Platz verwandelte sich in eine Gerüchteküche. Die Menschenschlangen lösten sich auf, es kam zu Auseinandersetzungen, und aus Argumenten wurden Beschimpfungen. Jemand verlangte lautstark, dass die Obrigkeit das heimlich gehortete Getreide verkaufen sollte, und das wütende Volk stimmte in die Forderung mit ein. Die Beamten sahen sich einer zahlenmäßig überlegenen Menge gegenüber, die sich vor den Verkaufsständen drängte. Die Büttel des Königs begannen, gegen die hungernden Menschen vorzugehen, und nur eine rasche Entscheidung des Marktaufsehers rettete die Lage. Er ordnete an, das Getreide in den Palast des Stadtrichters am östlichen Ende des Platzes zu bringen, und setzte den Verkauf für den Vormittag aus.

Enttäuscht darüber, das begehrte Lebensmittel nicht bekommen zu haben, kehrten Bernat und Arnau zu Graus Haus zurück, um sich wieder an die Arbeit zu machen. Noch im Hofeingang, gegenüber den Stallungen, erzählten sie dem Stallmeister und jedem, der es hören wollte, was auf der Plaza del Blat vorgefallen war. Beide hielten sich nicht mit Schmähungen gegenüber den Behörden zurück und beklagten sich über den Hunger, den sie litten.

Angelockt von dem Geschrei, stand die Baronin an einem der Fenster zum Hof und ergötzte sich an der Not des flüchtigen Leibeigenen und seines unverschämten Sohnes. Während sie die beiden beobachtete, huschte ein Lächeln über ihre Lippen bei dem Gedanken an die Anweisungen, die Grau ihr gegeben hatte, bevor er auf eine Reise aufgebrochen war. Er hatte doch gewollt, dass seine Schuldner etwas zu essen hatten?

Die Baronin nahm die Börse mit dem Geld, das für die Ernährung der Gefangenen bestimmt war, die als Schuldner ihres Mannes im Gefängnis saßen, ließ den Hausverwalter rufen und trug ihm auf, Bernat Estanyol mit dieser Aufgabe zu betrauen. Für den Fall, dass es Schwierigkeiten gab, sollte er seinen Sohn Arnau mitnehmen.

»Erinnere sie daran, dass dieses Geld dafür bestimmt ist, Getreide für die Gefangenen meines Mannes zu kaufen«, sagte sie, während der Bedienstete verschwörerisch lächelte.

Der Hausverwalter gab die Anweisungen seiner Herrin weiter und ergötzte sich an den ungläubigen Mienen von Vater und Sohn. Dieser schaute noch fassungsloser drein, als er den Beutel nahm und die Münzen abwägte, die sich darin befanden.

»Für die Gefangenen?«, fragte Arnau seinen Vater, als sie den Palast der Puigs verlassen hatten.

»Ja.«

»Warum für die Gefangenen, Vater?«

»Sie sind im Gefängnis, weil sie Grau Geld schulden, und dieser ist verpflichtet, für ihre Verpflegung aufzukommen.«

»Und wenn er es nicht täte?«

Sie gingen weiter in Richtung Strand.

»Dann kämen sie frei und das will Grau nicht. Er zahlt die Abgaben an den König, er zahlt den Kerkermeister und er zahlt das Essen für die Gefangenen. So ist das Gesetz.«

»Aber …«

»Lass es gut sein, mein Junge, lass es gut sein.«

Die beiden gingen schweigend nach Hause.

An diesem Abend machten sich Arnau und Bernat auf den Weg zum Gefängnis, um ihren sonderbaren Auftrag zu erfüllen. Von Joan, der auf dem Heimweg von der Domschule zu Peres Haus die Plaza del Blat überqueren musste, erfuhren sie, dass sich die Gemüter nicht beruhigt hatten. Schon in der Calle del la Mar, die, von Santa María kommend, auf den Platz mündete, hörten sie das Geschrei der Menge. Eine Menschenmenge hatte sich vor dem Palast des Stadtrichters zusammengerottet, wo sich das Getreide befand, das am Morgen in Sicherheit gebracht worden war, und wo auch Graus Schuldner in Haft saßen.

Die Menschen forderten die Herausgabe des Getreides, doch die Behörden Barcelonas verfügten nicht über die nötigen Mittel für eine geordnete Ausgabe. Die fünf Ratsherren, die mit dem Stadtrichter zusammensaßen, versuchten, eine Lösung zu finden.

»Sie sollen schwören«, sagte einer. »Ohne Schwur kein Getreide. Jeder Käufer soll schwören, dass die Menge, die er verlangt, für den Unterhalt seiner Familie benötigt wird und dass er nicht mehr fordert, als ihm bei der Zuteilung zusteht.«

»Ob das genügen wird?«, zweifelte ein anderer.

»Der Schwur ist heilig!«, entgegnete der erste. »Schließlich werden auch Verträge, Unschuldsbeteuerungen oder Verpflichtungen mit einem Schwur besiegelt.«

So wurde es von einem Fenster des stadtrichterlichen Palasts aus verkündet. Die Neuigkeit sprach sich herum bis hin zu denen, zu denen die Verlautbarung nicht durchgedrungen war, und die gläubigen Christen, die sich auf dem Platz drängten, um Getreide zu fordern, machten sich bereit zu schwören.

Das Getreide wurde auf den Platz zurückgebracht. Einige leisteten ihren Schwur. Andere waren misstrauisch, wieder wurden Vorwürfe laut, und es kam zu lauten Auseinandersetzungen. Das Volk empörte sich erneut und forderte die Herausgabe des Getreides, das die Behörden dem Karmelitermönch zufolge versteckt hielten.

Arnau und Bernat standen immer noch an der Einmündung der Calle de la Mar gegenüber dem Palast des Stadtrichters, wo der Verkauf des Getreides begonnen hatte.

»Papa«, fragte Arnau, »wird noch Getreide für uns übrig bleiben?«

»Ich hoffe es, mein Junge.«

Bernat versuchte, seinen Sohn nicht anzusehen. Wie sollte etwas für sie übrig bleiben? Das Getreide würde nicht einmal für ein Viertel der Bevölkerung reichen.

»Vater«, sagte Arnau, »warum bekommen die Gefangenen Getreide und wir nicht?«

Bernat tat, als hätte er in dem Lärm die Frage nicht gehört. Aber er sah seinen Sohn an: Er war ausgehungert, seine Arme und Beine waren streichholzdünn, und aus seinem ausgezehrten Gesicht standen die großen Augen hervor, die früher so sorglos gelächelt hatten.

»Vater, habt Ihr gehört?«

»Ja«, dachte Bernat, »aber was soll ich dir antworten? Dass wir Armen im Hunger vereint sind? Dass nur die Reichen essen können? Dass nur die Reichen es sich erlauben können, ihre Schuldner durchzufüttern? Dass wir Armen für sie nichts wert sind? Dass die Kinder der Armen weniger wert sind als einer der Gefangenen im Palast des Stadtrichters?«

Bernat gab keine Antwort.

»Es gibt Getreide im Palast!«, stimmte er in die Rufe des Volkes ein. »Es gibt Getreide im Palast!«, rief er noch lauter, als die Umstehenden verstummten und sich zu ihm umwandten. Bald waren es viele, die diesen Mann anstarrten, der behauptete, dass es im Palast Getreide gebe.

»Wie sollten die Gefangenen sonst essen können?«, rief er und hielt Graus Geldbörse hoch. »Die Adligen und die Reichen zahlen für das Essen der Gefangenen! Woher haben die Kerkermeister das Getreide für die Gefangenen? Gehen sie es vielleicht kaufen, so wie wir?«

Die Menge wich auseinander, um Bernat durchzulassen, der wie von Sinnen war. Arnau lief hinter ihm her und versuchte, seine Aufmerksamkeit zu erhaschen.

»Vater, was macht Ihr da?«

»Müssen die Kerkermeister etwa schwören, so wie ihr?«

»Was ist mit Euch los, Vater?«

»Woher haben die Kerkermeister das Getreide für die Gefangenen? Warum können wir unsere Kinder nicht ernähren, während die Gefangenen durchgefüttert werden?«

Bernats Worte brachten die Menge noch mehr auf. Diesmal konnten die Beamten das Getreide nicht rechtzeitig in Sicherheit bringen. Die Menge stürzte sich auf sie. Der Marktaufseher und der Stadtrichter wurden beinahe gelyncht. Sie verdankten ihr Leben einigen Gerichtsdienern, die sich vor sie stellten und sie in den Palast brachten.

Nur wenige bekamen die begehrte Ware. Das Getreide wurde auf dem Platz verstreut und von der Menge zertreten, während einige vergeblich versuchten, es aufzusammeln, bevor sie selbst von ihren Mitbürgern niedergetrampelt wurden.

Jemand schrie, dass der Rat an allem schuld sei, und die Menge zerstreute sich auf der Suche nach den Ratsherren der Stadt, die sich in ihren Häusern verschanzten.

Auch Bernat war von dem kollektiven Wahn erfasst und schrie aus voller Kehle, während er sich von der aufgebrachten Menge mitreißen ließ.

»Vater! Vater!«

Bernat sah seinen Sohn an.

»Was machst du hier?«, fragte er, während er weiterlief und immer wieder in die Schreie einstimmte.

»Ich … Was ist mit Euch los, Vater?«

»Verschwinde! Kinder haben nichts hier verloren.«

»Wohin soll ich …«

»Hier, nimm!«

Bernat übergab ihm zwei Geldbörsen, seine eigene und die mit dem Geld für die Gefangenen.

»Was soll ich damit?«, fragte Arnau.

»Geh, mein Junge. Geh.«

Arnau sah, wie sein Vater in der Menge verschwand. Das Letzte, was er von ihm sah, war der Hass in seinen Augen.

»Wohin geht Ihr, Vater?«, schrie er, als er ihn bereits aus den Augen verloren hatte.

»Er sucht die Freiheit«, antwortete ihm eine Frau, die gleichfalls beobachtete, wie sich die Menge in die Straßen der Stadt ergoss.

»Wir sind schon frei«, wagte Arnau zu sagen.

»Es gibt keine Freiheit, wenn man hungert, mein Sohn«, erklärte die Frau.

Weinend kämpfte sich Arnau gegen den Strom durch die Menge.

Die Aufstände dauerten zwei ganze Tage. Die Häuser der Ratsherren und viele andere Adelshäuser wurden geplündert. Das aufgebrachte Volk zog wütend durch die Straßen, zuerst auf der Suche nach Essen, später auf der Suche nach Rache.

Zwei ganze Tage herrschte angesichts der ohnmächtigen Stadtherren Chaos in Barcelona, bis ein Gesandter König Alfons', mit ausreichenden Truppen ausgestattet, den Aufstand niederschlug. Hundert Männer wurden festgenommen und viele andere mit Geldstrafen belegt. Von diesen hundert wurden zehn nach einem Eilprozess gehenkt. Unter den aufgerufenen Zeugen waren nur wenige, die in Bernat Estanyol mit seinem Muttermal neben dem rechten Auge nicht einen der Rädelsführer des Bürgeraufstands auf der Plaza del Blat wiedererkannten.

16

Arnau rannte die Calle de la Mar hinunter bis zu Peres Haus, ohne der Kirche Santa María auch nur einen Blick zu schenken. Die Augen seines Vaters hatten sich in ihm eingebrannt und seine Schreie hallten immer noch in seinen Ohren wider. Noch nie hatte er ihn so gesehen. »Was ist los mit Euch, Vater? Stimmt es, dass wir nicht frei sind, wie diese Frau behauptet?« Er betrat Peres Haus, und ohne irgendjemandem Beachtung zu schenken, verschwand er in seinem Zimmer. Dort fand Joan ihn weinend vor.

»Die Stadt ist verrückt geworden«, sagte er, als er die Zimmertür öffnete. »Was hast du?«

Arnau gab keine Antwort. Sein Bruder blickte sich um.

»Und Vater?«

Arnau schniefte und machte eine Handbewegung in Richtung Stadt.

»Er ist dabei?«, fragte Joan weiter.

»Ja«, brachte Arnau mühsam heraus.

Joan dachte an die Unruhen, denen er auf dem Weg vom Bischofspalast nach Hause ausweichen musste. Die Soldaten hatten die Tore zum Judenviertel geschlossen und sich davor postiert, um zu verhindern, dass es von der Menge gestürmt wurde. Diese hatte sich nun darauf verlegt, die Häuser der Christen zu plündern. Wie konnte Bernat sich unter ihnen befinden? Bilder von entfesselten Horden, die die Türen der Wohlhabenden aufbrachen und mit deren Besitz beladen wieder herauskamen, kehrten Joan ins Gedächtnis zurück. Es konnte einfach nicht sein.

»Das kann nicht sein«, wiederholte er laut. Arnau sah von der Matratze, auf der er saß, zu ihm hoch. »Bernat ist nicht wie sie. Wie ist das möglich?«

»Ich weiß es nicht. Da waren viele Leute. Alle schrien …«

»Aber … Bernat? Bernat ist zu so etwas nicht fähig. Vielleicht hat er nur … Ich weiß nicht, vielleicht hat er nur versucht, jemanden zu finden!«

Arnau sah Joan an. Wie sollte er ihm sagen, dass es Bernat gewesen war, der am lautesten geschrien hatte und die Leute aufwiegelte? Wie sollte er ihm das sagen, wo er es doch selbst nicht glauben konnte?

»Ich weiß es nicht, Joan. Da waren so viele Leute.«

»Sie plündern, Arnau! Sie greifen die Ratsherren der Stadt an.«

An diesem Abend warteten die Jungen vergeblich auf ihren Vater. Am nächsten Morgen machte sich Joan bereit, zum Unterricht zu gehen.

»Du solltest nicht gehen«, riet ihm Arnau.

Joan ging trotzdem.

»Die Soldaten von König Alfons haben den Aufstand niedergeschlagen«, erzählte Joan knapp, als er in Peres Haus zurückkehrte.

Auch in dieser Nacht kam Bernat nicht zum Schlafen nach Hause.

Am Morgen verabschiedete sich Joan erneut von Arnau.

»Du solltest mal aus dem Haus gehen«, sagte er zu ihm.

»Und wenn er zurückkommt? Er kann nur hierhin kommen«, erklärte Arnau, und seine Stimme versagte.

Die beiden Brüder umarmten sich. »Wo seid Ihr, Vater?«

Pere machte sich auf die Suche nach Neuigkeiten. Sie zu erhalten war nicht so schwer wie der Weg zurück nach Hause.

»Es tut mir leid, Junge«, sagte er zu Arnau. »Dein Vater wurde festgenommen.«

»Wo ist er jetzt?«

»Im Palast des Stadtrichters, aber …«

Arnau war bereits losgerannt. Pere sah seine Frau an und schüttelte dann den Kopf. Die alte Frau schlug die Hände vors Gesicht.

»Es waren Eilprozesse«, erklärte ihr Pere. »Eine ganze Menge Zeugen haben in Bernat mit seinem Muttermal den Rädelsführer des Aufstands wiedererkannt. Warum hat er das nur gemacht? Offenbar …«

»Weil er zwei Kinder zu versorgen hat«, fiel ihm seine Frau ins Wort. Tränen standen in ihren Augen.

»Er hatte«, korrigierte Pere mit müder Stimme. »Sie haben ihn und neun weitere Aufrührer auf der Plaza del Blat gehängt.«

Mariona schlug erneut die Hände vors Gesicht, ließ sie dann aber plötzlich sinken.

»Arnau«, rief sie und lief zur Tür, blieb jedoch auf halbem Wege stehen, als sie die Worte ihres Mannes hörte: »Lass ihn, Frau. Von heute an wird er kein Kind mehr sein.«

Mariona nickte langsam. Pere nahm sie in die Arme.

»Lass mich zumindest dem Priester Bescheid geben«, bat Mariona.

»Das habe ich bereits getan. Er wird dort sein.«

Die Hinrichtungen waren auf ausdrücklichen Befehl des Königs sofort vollstreckt worden. Es war nicht einmal Zeit gewesen, ein Gerüst zu errichten. Die Verurteilten waren auf einfachen Karren hingerichtet worden.

Als Arnau die Plaza del Blat erreichte, blieb er abrupt stehen. Er keuchte. Der Platz war voller Menschen. Sie standen mit dem Rücken zu ihm und betrachteten schweigend zehn leblose Körper, die über den Köpfen der Leute vor dem Palast baumelten.

»Nein! Vater!«

Der Schrei hallte über den ganzen Platz. Die Leute drehten sich zu ihm um. Arnau ging langsam durch die Menge, die ihm Platz machte. Er sah sich die zehn Männer genau an …

Arnau übergab sich, als er den Leichnam seines Vaters entdeckte. Die Leute ringsum traten einen Schritt zurück. Der Junge betrachtete noch einmal das aufgedunsene, bläulich-schwarz verfärbte Gesicht. Bernats Kopf war zur Seite gefallen, die Gesichtszüge verzerrt, die weit aufgerissenen Augen waren aus den Höhlen getreten, und die Zunge hing schlaff zwischen den Lippen. Als Arnau ihn zum zweiten und dritten Mal ansah, spuckte er nur noch Galle.

Arnau bemerkte, wie sich ein Arm um seine Schultern legte.

»Lass uns gehen, mein Sohn«, sagte Pater Albert zu ihm.

Der Priester versuchte ihn in Richtung Santa María zu ziehen, doch Arnau rührte sich nicht von der Stelle. Er betrachtete erneut seinen Vater, dann schloss er die Augen. Er würde nie wieder Hunger leiden. Der Junge krümmte sich unter Krämpfen zusammen. Pater Albert versuchte noch einmal, ihn von dem makabren Schauspiel wegzuziehen.

»Lasst mich, Pater. Bitte.«

Unter den Blicken des Priesters und der übrigen Anwesenden legte Arnau schwankend die wenigen Schritte zurück, die ihn von dem improvisierten Blutgerüst trennten. Er presste die Hände auf den Magen und zitterte am ganzen Körper. Als er vor seinem Vater stand, blickte er zu einem der Soldaten, die bei den Gehenkten Wache hielten.

»Kann ich ihn abnehmen?«, fragte er ihn.

Der Soldat zögerte angesichts des Blicks dieses Jungen, der dort vor dem Leichnam seines Vaters stand und zu diesem hinaufdeutete. Was hätten seine Söhne getan, wenn man ihn gehängt hätte?

»Nein«, sagte er schließlich. Er wünschte sich, nicht dort zu sein. Lieber hätte er gegen eine ganze Maurenarmee gekämpft. Was war das für ein Tod? Dieser Mann hatte es nur für seine Kinder getan, für diesen Jungen, der ihn nun fragend ansah, wie alle Anwesenden auf dem Platz. Warum war der Stadtrichter nicht hier?

»Der Stadtrichter hat angeordnet, dass sie drei Tage hier auf der Plaza zur Schau gestellt werden«, sagte er schließlich.

»Ich werde warten.«

»Danach werden sie vor die Stadttore gebracht, wie jeder Hingerichtete in Barcelona, damit alle, die dort ein und aus gehen, das Gesetz des Stadtrichters kennenlernen.«

Der Soldat kehrte Arnau den Rücken und begann seine Runde.

»Es war der Hunger«, hörte er hinter sich. »Er hatte nur Hunger.«

Als ihn seine sinnlose Runde erneut zu Bernat führte, saß der Junge zu Füßen seines Vaters auf der Erde. Er hatte den Kopf in die Hände gestützt und weinte. Der Soldat wagte es nicht, ihn anzusehen.

»Lass uns gehen, Arnau«, sagte der Pater, der nun wieder neben ihm stand.

Arnau schüttelte den Kopf. Pater Albert wollte etwas sagen, doch ein Schrei hielt ihn davon ab. Die Angehörigen der übrigen Gehängten begannen auf dem Platz einzutreffen. In einem fassungslosen Schweigen, das nur hin und wieder von einem schmerzlichen Aufschrei übertönt wurde, versammelten sich Mütter, Kinder und Geschwister zu Füßen der Toten. Der Soldat konzentrierte sich auf seine Runde, während er sich an den Schlachtruf der Ungläubigen zu erinnern versuchte. Joan, der auf dem Nachhauseweg über den Platz musste, sank ohnmächtig zusammen, als er das entsetzliche Schauspiel sah. Ihm blieb nicht einmal Zeit, Arnau zu entdecken, der immer noch am selben Platz saß und den Oberkörper vor- und zurückwiegte. Joans Klassenkameraden hoben ihn auf und trugen ihn zum Bischofspalast zurück. Auch Arnau sah seinen Bruder nicht.

Die Stunden vergingen, und Arnau hatte immer noch keinen Blick für die Bürger, die aus Mitleid, Neugier oder Schaulust auf die Plaza del Blat strömten. Nur die Schritte des Soldaten, der vor ihm auf und ab ging, rissen ihn aus seinen Gedanken.

»Arnau, ich habe alles aufgegeben, was ich besaß, damit du frei sein kannst«, hatte sein Vater vor nicht allzu langer Zeit zu ihm gesagt. »Ich habe unser Land verlassen, das den Estanyols über Jahrhunderte gehörte, damit niemand dir antun kann, was man mir angetan hat, meinem Vater und dem Vater meines Vaters … Und nun befinden wir uns wieder in der gleichen Lage: den Launen jener ausgeliefert, die sich adlig nennen. Aber mit einem Unterschied: Wir können uns weigern. Mein Sohn, lerne die Freiheit zu nutzen, die zu erlangen uns so viele Opfer gekostet hat. Die Entscheidung liegt nur bei dir.«

»Können wir uns wirklich weigern, Vater?« Erneut ging der Soldat an ihm vorüber. »Es gibt keine Freiheit, wenn man hungert. Ihr habt nun keinen Hunger mehr, Vater. Und Eure Freiheit?«

»Seht sie euch genau an, Kinder.«

Diese Stimme …

»Sie sind Verbrecher. Seht sie euch gut an.« Zum ersten Mal nahm Arnau die Menschen wahr, die sich vor den Leichen drängten. Die Baronin und ihre drei Stiefkinder betrachteten das aufgedunsene Gesicht von Bernat Estanyol. Arnaus Blick fiel auf Margaridas Füße. Er sah ihr ins Gesicht. Seine Cousins waren blass geworden, doch die Baronin lächelte und sah ihn direkt an. Arnau stand auf. Er zitterte.

»Sie haben es nicht verdient, Bürger Barcelonas zu sein«, hörte er Isabel sagen. Seine Fingernägel gruben sich in seine Handflächen. Sein Gesicht verzerrte sich und seine Unterlippe bebte. Die Baronin lächelte immer noch. »Was konnte man auch von einem geflohenen Leibeigenen anderes erwarten?«

Arnau wollte sich auf die Baronin stürzen, doch der Soldat stellte sich ihm in den Weg. Arnau stieß mit ihm zusammen.

»Was ist denn mit dir los, Junge?« Der Soldat folgte Arnaus Blick. »Ich würde es nicht tun«, riet er ihm. Arnau versuchte an dem Soldaten vorbeizukommen, doch dieser hielt ihn fest am Arm gepackt. Isabel lächelte nun nicht mehr, den Kopf hoch erhoben, hochmütig, herausfordernd. »Ich würde es nicht tun. Du läufst in dein Verderben«, hörte er den Mann sagen. Arnau blickte zu ihm auf. »Er ist tot, aber du lebst«, beschwor ihn der Soldat. »Setz dich wieder hin, Junge.« Der Soldat bemerkte, dass Arnaus Anspannung ein wenig nachließ. »Setz dich wieder hin«, forderte er ihn noch einmal auf.

Arnau gab nach. Der Soldat wich nicht von seiner Seite.

»Seht sie euch genau an, Kinder.« Die Baronin lächelte wieder. »Morgen kommen wir wieder. Die Gehenkten bleiben an ihrem Strick, bis sie verfaulen, so wie auch die flüchtigen Verbrecher verfaulen sollen.«

Arnau konnte nichts gegen das Beben seiner Unterlippe tun. Er starrte die Puigs an, bis die Baronin beschloss, ihm den Rücken zuzukehren.

»Eines Tages … eines Tages wirst du tot sein … Ihr alle werdet tot sein …«, schwor er sich. Arnaus Hass verfolgte die Baronin und ihre Stiefkinder über den ganzen Platz. Sie hatte gesagt, dass sie am nächsten Tag wiederkommen würde. Arnau sah zu seinem Vater hinauf.

»Ich schwöre bei Gott, dass sie sich nicht noch einmal am Anblick meines toten Vaters ergötzen werden. Aber was kann ich tun?« Wieder sah er den Soldaten vorbeigehen. »Vater, ich werde nicht zulassen, dass Ihr an diesem Strick verfault.«

Die folgenden Stunden verbrachte Arnau damit, darüber nachzugrübeln, wie er es anstellen sollte, den Leichnam seines Vaters verschwinden zu lassen. Doch jede Idee, die ihm in den Sinn kam, scheiterte an den Stiefeln, die vor ihm auf und ab gingen. Er konnte ihn nicht vom Seil abnehmen, ohne gesehen zu werden, und nachts würden Fackeln brennen … Fackeln … Fackeln. In diesem Augenblick erschien Joan auf dem Platz. Sein Gesicht war bleich, beinahe weiß, seine Augen waren verquollen und gerötet, seine Schritte bleischwer. Arnau stand auf, und Joan kam auf ihn zu und warf sich in seine Arme.

»Arnau … ich …«, stammelte er.

»Hör mir gut zu«, unterbrach ihn Arnau, die Arme um ihn gelegt. »Und hör nicht auf zu weinen.«

»Das könnte ich gar nicht, Arnau«, dachte Joan, überrascht über den Ton seines Bruders.

»Warte heute Abend um zehn an der Ecke auf mich, wo die Calle de la Mar auf den Platz stößt. Niemand darf dich sehen. Bring eine Decke mit, die größte, die du in Peres Haus finden kannst. Und jetzt geh.«

»Aber …«

»Geh, Joan. Ich will nicht, dass die Soldaten auf dich aufmerksam werden.«

Arnau musste seinen Bruder wegstoßen, um sich aus seiner Umarmung zu befreien. Joan sah forschend in Arnaus Gesicht. Dann sah er noch einmal zu Bernat hinauf. Er zitterte.

»Jetzt geh, Joan!«, wisperte Arnau ihm zu.

Am Abend, als der Platz verwaist war und nur noch die Angehörigen zu Füßen der Gehenkten saßen, wechselte die Wache. Die neuen Soldaten gingen nicht länger vor den Toten auf und ab, sondern setzten sich rund um ein Feuer, das sie am Ende der nebeneinander aufgereihten Karren entzündet hatten. Alles war ruhig und die Nachtluft hatte sich abgekühlt. Arnau stand auf und ging an den Soldaten vorbei, wobei er sich bemühte, sein Gesicht zu verbergen.

»Ich gehe mir eine Decke holen«, sagte er.

Einer der Soldaten warf ihm einen kurzen Blick zu.

Er ging über die Plaza del Blat bis zur Einmündung der Calle de la Mar. Dort wartete er eine Weile, während er sich fragte, wo Joan steckte. Es war die vereinbarte Zeit, er hätte bereits da sein müssen. Arnau stieß einen Pfiff aus. Ringsum blieb es still.

»Joan?«, wagte er zu rufen.

Aus einem Hauseingang löste sich ein Schatten.

»Arnau?«, war in der Dunkelheit zu hören.

»Natürlich bin ich das.« Joans erleichterter Seufzer war über mehrere Meter zu hören. »Was dachtest du, wer ich bin? Warum hast du nicht geantwortet?«

»Es ist stockfinster«, entgegnete Joan.

»Hast du die Decke dabei?« Der Schatten hob ein Bündel hoch. »Gut. Ich habe ihnen gesagt, dass ich eine Decke holen gehe. Jetzt leg sie dir um und nimm meinen Platz ein. Geh auf Zehenspitzen, damit du größer aussiehst.«

»Was hast du vor?«

»Ich werde ihn verbrennen«, antwortete er, als Joan neben ihm stand. »Ich will, dass du meinen Platz einnimmst. Die Soldaten sollen glauben, dass ich es bin. Du brauchst dich nur dorthin zu setzen, wo ich gesessen habe, nichts weiter. Verhülle einfach dein Gesicht. Und rühr dich nicht von der Stelle. Du tust nichts, was auch immer du siehst und was auch immer geschieht, hast du verstanden?« Arnau wartete Joans Antwort nicht ab. »Wenn alles vorbei ist, bist du ich. Du bist Arnau Estanyol und dein Vater hatte keinen anderen Sohn. Hast du verstanden? Wenn die Soldaten dich fragen …«

»Arnau …«

»Was?«

»Ich traue mich nicht.«

»Wie bitte?«

»Ich traue mich nicht. Sie werden es bemerken. Wenn ich Vater sehe …«

»Willst du zusehen, wie er dort verwest? Willst du zusehen, wie er vor den Toren der Stadt baumelt, während Krähen und Würmer seinen Körper auffressen?«

Arnau machte eine Pause, damit sein Bruder sich diese Szenerie vorstellen konnte.

»Willst du, dass die Baronin unseren Vater weiter verspottet … sogar noch im Tod?«

»Ist es auch keine Sünde?«, fragte Joan plötzlich.

Arnau versuchte, seinen Bruder in der Dunkelheit zu erkennen, doch er erahnte nur einen Schatten.

»Er hatte nur Hunger! Ich weiß nicht, ob es eine Sünde ist, aber ich werde nicht zulassen, dass unser Vater an einem Strick verfault. Wenn du mir helfen willst, dann leg dir diese Decke um und tu weiter gar nichts. Wenn nicht …«

Arnau lief die Calle de la Mar hinunter, während Joan, in die Decke gehüllt, auf die Plaza del Blat ging. Er hatte den Blick fest auf Bernat gerichtet, eines von zehn Gespenstern, die auf den Karren baumelten, schwach beleuchtet vom Widerschein des Feuers, um das die Soldaten saßen. Joan wollte sein Gesicht nicht sehen, seine heraushängende, schwarz verfärbte Zunge, doch seine Augen gehorchten seinem Willen nicht, und so ging er weiter, den Blick starr auf Bernat gerichtet. Die Soldaten beobachteten ihn, während er näher kam. Unterdessen lief Arnau zu Peres Haus. Er nahm seinen Wasserschlauch und schüttete das Wasser aus, dann füllte er Lampenöl hinein. Pere und seine Frau, die am Feuer saßen, sahen ihm zu.

»Mich gibt es nicht«, sagte Arnau mit versagender Stimme zu ihnen. Er kniete vor ihnen nieder und ergriff die Hand der alten Frau, die ihn liebevoll ansah. »Joan wird ich sein. Mein Vater hatte nur einen Sohn. Kümmert euch um ihn, wenn etwas passiert.«

»Aber Arnau …«, begann Pere.

»Psst«, wisperte Arnau.

»Was hast du vor, Junge?«, wollte der Alte wissen.

»Ich muss es tun«, entgegnete Arnau und stand auf.

Es gibt mich nicht. Ich bin Arnau Estanyol. Die Soldaten beobachteten Joan immer noch. Einen Toten zu verbrennen musste eine Sünde sein, dachte er. Bernat sah ihn an! Joan blieb einige Meter vor dem Gehenkten stehen. Er sah ihn an!

»Ist etwas, Junge?« Einer der Soldaten machte Anstalten, aufzustehen.

»Nein, nichts«, antwortete Joan, bevor er weiter auf die Augen des Toten zuging, die ihn fragend ansahen.

Arnau nahm eine Lampe und verließ das Haus. Unterwegs rieb er sich das Gesicht mit Schlamm ein. Sein Vater hatte ihm so oft von ihrer Ankunft in dieser Stadt erzählt, die ihn nun getötet hatte. Auch er hatte sich damals Schlamm ins Gesicht reiben müssen, um am Stadttor nicht erkannt zu werden. Arnau ging um die Plaza del Blat herum, über die Plaza de la Llet und die Plaza de la Corretgeria, bis er die Calle Tapineria erreichte. Dann stand er vor den aufgereihten Karren mit den Gehängten. Joan saß zu Füßen seines Vaters und versuchte das verräterische Zittern zu unterdrücken.

Arnau ließ die Lampe in der Straße stehen, warf sich den Schlauch über den Rücken und schlich zur Rückseite der Karren, die direkt an der Mauer des stadtrichterlichen Palasts standen. Bernat befand sich auf dem vierten Karren. Die Soldaten saßen immer noch schwatzend um das Feuer am anderen Ende der Reihe. Arnau kroch hinter die ersten Karren. Als er den zweiten erreichte, wurde eine Frau auf ihn aufmerksam. Ihre Augen waren vom Weinen verquollen. Arnau erstarrte, doch die Frau wandte den Blick ab und gab sich weiter ihrem Schmerz hin. Der Junge kletterte auf den Karren, auf dem sein Vater baumelte. Joan hörte ihn und drehte sich um.

»Schau nicht hin!« Sein Bruder hörte auf, in die Dunkelheit zu spähen. »Und versuch, nicht so zu zittern«, raunte Arnau ihm zu.

Er richtete sich auf, um Bernats Körper zu erreichen, doch ein Geräusch zwang ihn, sich wieder hinzulegen. Er wartete einige Sekunden und unternahm einen weiteren Versuch. Erneut ließ ihn ein Geräusch zusammenzucken, doch diesmal blieb Arnau stehen. Die Soldaten schwatzten immer noch. Arnau hob den Schlauch hoch und begann, das Öl über den Leichnam seines Vaters zu gießen. Der Kopf war ziemlich hoch, also reckte er sich, so gut er konnte, und presste den Schlauch fest zusammen, damit das Öl herausspritzte. Ein zähflüssiger Strahl begann Bernats Haar zu verkleben. Als das Öl aufgebraucht war, schlich Arnau in die Calle Tapineria zurück.

Er hatte nur einen einzigen Versuch. Arnau hielt die Lampe hinter seinen Rücken, um den schwachen Lichtschein zu verbergen. »Ich muss beim ersten Mal treffen.« Er sah zu den Soldaten hinüber. Nun war er es, der zitterte. Er atmete tief ein und betrat dann den Platz. Bernat und Joan waren etwa zehn Meter von ihm entfernt. Er drehte die Flamme hoch und trat aus dem Verborgenen hervor. Die Lampe in der Hand, kam es ihm vor, als würde es taghell auf der Plaza del Blat. Die Soldaten blickten zu ihm hinüber. Arnau wollte schon losrennen, als er feststellte, dass keiner von ihnen Anstalten machte, sich zu bewegen. »Weshalb sollten sie auch? Woher sollen sie wissen, dass ich meinen Vater verbrennen will? Meinen Vater verbrennen!« Die Lampe in seiner Hand zitterte. Beobachtet von den Soldaten, erreichte er Joan. Niemand unternahm etwas. Arnau blieb vor dem Leichnam seines Vaters stehen und betrachtete ihn ein letztes Mal. Das glänzende Öl auf seinem Gesicht verbarg die Angst und den Schmerz, der zuvor in ihm zu erkennen gewesen war.

Arnau schleuderte die Lampe auf den Leichnam, und Bernat fing Feuer. Die Soldaten sprangen auf, sahen die Flammen und rannten hinter Arnau her. Die Scherben der Lampe fielen auf den Karren, auf dem sich das Öl gesammelt hatte, das von Bernats Körper herabgetropft war, und auch dieser ging in Flammen auf.

»Stehen bleiben!«, hörte er die Soldaten rufen.

Arnau wollte loslaufen, als er sah, dass Joan immer noch vor dem Karren saß. Er war vollständig von der Decke bedeckt und wirkte wie paralysiert. Die übrigen Trauernden betrachteten stumm die Flammen, in ihrem eigenen Schmerz versunken.

»Halt! Halt, im Namen des Königs!«

»Beweg dich, Joan.« Arnau wandte sich zu den Soldaten um, die jetzt auf ihn zugerannt kamen. »Beweg dich! Du wirst verbrennen!«

Er konnte Joan nicht dort lassen. Das Öl, das auf den Boden getropft war, kam der zitternden Gestalt seines Bruders immer näher. Arnau wollte ihn wegziehen, als sich die Frau, die ihn zuvor entdeckt hatte, zwischen sie stellte.

»Lauf«, drängte sie ihn.

Arnau schüttelte den ersten Soldaten ab und rannte davon. Verfolgt von den Rufen der Soldaten, lief er durch die Calle Bòria bis zum Portal Nou. Je länger sie ihn verfolgten, desto später würden sie zu seinem Vater zurückkehren, um das Feuer zu löschen, dachte er im Laufen. Die Soldaten, die nicht mehr die Jüngsten waren und ihre Ausrüstung schleppen mussten, würden niemals einen Jungen einholen, dessen Füße förmlich vom Feuer getragen wurden.

»Im Namen des Königs!«, hörte er hinter sich.

Etwas zischte an seinem rechten Ohr vorbei. Arnau konnte hören, wie die Lanze vor ihm auf dem Boden aufschlug. Er sauste über die Plaza de la Llana, während mehrere Lanzen ihr Ziel verfehlten. Dann lief er an der Kapelle Bernat Marcus vorbei bis zur Galle Carders. Die Rufe der Soldaten begannen, sich in der Ferne zu verlieren. Zum Portal Nou konnte er nicht; dort waren mit Sicherheit weitere Soldaten postiert. In Richtung Meer würde er bis Santa María kommen, in Richtung Berge bis Sant Pere de les Puelles, doch dort würde er wieder auf die Stadtmauer treffen.

Arnau entschied sich für das Meer. Er ging um das Kloster San Agustín herum und verlor sich in dem Gewirr der Gassen hinter dem Mercadal-Viertel. Er sprang über Mauern, schlich durch Gärten und hielt sich immer im Dunkeln. Als er sicher war, dass ihm nur das Echo seiner Schritte folgte, ging er langsamer. Dem Wasserlauf des Rec Comtal folgend, erreichte er den Pia d'en Llull beim Kloster Santa Clara und von dort aus ohne weitere Schwierigkeiten die Plaza del Born, seine Kirche, seine Zufluchtsstätte. Doch als er unter das hölzerne Gerüst am Portal kriechen wollte, bemerkte er etwas, das seine Aufmerksamkeit erregte: Auf dem Boden lag eine Laterne, deren schwache Flamme kurz vor dem Verlöschen war. Er spähte ringsum und entdeckte die Gestalt des Aufsehers. Er lag reglos auf dem Boden, als hätte ihn jemand niedergeschlagen.

Arnaus Herz schlug schneller. Warum? Die Aufgabe dieses Mannes war es, Santa María zu bewachen. Wer konnte ein Interesse daran haben …? Die Jungfrau! Die Sakramentskapelle! Die Kasse der Bastaixos!

Arnau überlegte nicht lange. Sie hatten seinen Vater hingerichtet. Er konnte nicht zulassen, dass man nun auch noch seine Mutter entweihte. Vorsichtig betrat er durch das offene Portal die Kirche und schlich zum Chorumgang. Links von ihm, zwischen zwei Strebepfeilern, lag die Sakramentskapelle. Auf Zehenspitzen schlich er durch die Kirche und versteckte sich hinter einem Pfeiler am Hauptaltar. Von dort hörte er Geräusche aus der Kapelle, konnte jedoch noch nichts sehen. Er schlich zum nächsten Pfeiler, und nun konnte er zwischen zwei Pfeilern hindurch die Kapelle sehen, wie stets von zahllosen Kerzen erhellt.

Im Inneren der Kapelle war ein Mann gerade dabei, an dem schmiedeeisernen Gitter hochzuklettern. Arnau sah zur Madonna hin. Alles schien in Ordnung zu sein. Und nun? Er ließ den Blick durch die Kapelle schweifen. Die Kasse der Bastaixos war aufgebrochen. Während der Dieb an dem Gitter hochkletterte, glaubte Arnau das Klimpern der Münzen zu hören, die die Bastaixos zur Versorgung ihrer Waisen und Witwen in diese Kasse einzahlten.

»Du Dieb!«, rief er und warf sich gegen das Gitter.

Mit einem Satz hatte Arnau das Gitter erklommen und stieß den Mann vor die Brust. Der überraschte Dieb polterte lärmend zu Boden. Arnau blieb keine Zeit zum Nachdenken. Der Mann rappelte sich rasch auf und verpasste dem Jungen einen gewaltigen Fausthieb ins Gesicht. Arnau fiel rückwärts auf den Kirchenboden.

17

»Er muss gestürzt sein, als er nach dem Raub der Kasse der Bastaixos zu flüchten versuchte«, urteilte einer der königlichen Soldaten, der neben dem immer noch bewusstlosen Arnau stand.

Pater Albert schüttelte den Kopf. Wie konnte Arnau eine solch schreckliche Tat begangen haben? Die Kasse der Bastaixos, in der Sakramentskapelle, vor den Augen seiner Jungfrau! Die Soldaten hatten ihn einige Stunden vor Morgengrauen hergerufen.

»Das kann nicht sein«, murmelte er vor sich hin.

»Doch, Pater«, beteuerte der Beamte. »Der Junge trug diese Börse bei sich.« Er zeigte die Börse mit Graus Geld für die Gefangenen vor. »Was macht ein Junge mit so viel Geld?«

»Und sein Gesicht«, wandte ein anderer Soldat ein. »Wozu sollte sich jemand das Gesicht mit Lehm beschmieren, außer um auf Raubzug zu gehen?«

Pater Albert schüttelte erneut den Kopf, den Blick auf die Börse gerichtet, die der Soldat hochhielt. Was hatte Arnau zu dieser Nachtstunde dort verloren? Woher hatte er diese Börse?

»Was habt ihr jetzt vor?«, fragte er die Soldaten, als er sah, dass sie Arnau zum Aufstehen nötigten.

»Wir bringen ihn ins Gefängnis.«

»Auf gar keinen Fall«, hörte er sich selbst sagen.

Vielleicht gab es für das alles eine Erklärung. Es konnte nicht sein, dass Arnau versucht hatte, die Kasse der Bastaixos zu stehlen. Nicht Arnau.

»Er ist ein Dieb, Pater.«

»Das wird ein Gericht zu entscheiden haben.«

»So ist es«, bestätigte der Soldat, während seine Männer Arnau unter den Achseln packten, »aber er wird den Prozess im Gefängnis abwarten.«

»Wenn er in ein Gefängnis kommt, dann in das des Bischofs«, sagte der Priester. »Das Verbrechen wurde an einem geheiligten Ort begangen. Folglich fällt es unter die Zuständigkeit der Kirche, nicht des Stadtrichters.«

Der Soldat sah seine Männer an und dann Arnau. Dann befahl er ihnen mit einer Geste, den Jungen wieder loszulassen. Dieser Aufgabe kamen sie nach, indem sie ihn einfach fallen ließen. Ein höhnisches Lächeln erschien auf seinen Lippen, als er sah, wie das Gesicht des Jungen hart auf den Fußboden aufschlug.

Pater Albert sah sie wütend an.

»Bringt ihn zur Besinnung«, forderte Pater Albert, während er die Schlüssel zur Kapelle hervorzog, das Gitter öffnete und hineinging. »Ich will hören, was der Junge zu sagen hat.«

Er ging zur Kasse der Bastaixos, deren drei Schlösser aufgebrochen worden waren, und vergewisserte sich, dass sie leer war. Sonst fehlte nichts in der Kapelle, es war auch nichts zerstört worden.

»Was ist geschehen?«, hielt er stumme Zwiesprache mit der Jungfrau. »Wie konntest du zulassen, dass Arnau dieses Verbrechen begeht?« Er hörte, wie die Soldaten dem Jungen Wasser ins Gesicht schütteten. Als er aus der Kapelle kam, betraten gerade mehrere Bastaixos, die man über den Raub ihrer Kasse in Kenntnis gesetzt hatte, die Kirche.

Als Arnau das eiskalte Wasser spürte, kam er zu sich und sah, dass er von Soldaten umringt war. Er hörte erneut das Geräusch der Lanze, die in der Calle Bòria an seinem Ohr vorbeigezischt war. Er war vor ihnen davongerannt. Wie hatten sie ihn erwischen können? War er gestolpert? Die Gesichter der Soldaten beugten sich über ihn. Sein Vater! Er brannte! Er musste fliehen! Arnau rappelte sich auf und versuchte einen der Soldaten zur Seite zu stoßen, doch die Männer hielten ihn mühelos fest.

Niedergeschlagen sah Pater Albert zu, wie der Junge darum kämpfte, sich von den Soldaten loszureißen.

»Wollt Ihr noch mehr hören, Pater?«, warf ihm der Soldat spöttisch vor. »Oder ist Euch das Geständnis genug?« Dabei blickte er auf den verzweifelt sich wehrenden Arnau.

Pater Albert barg das Gesicht in den Händen und seufzte. Dann trat er zu den Soldaten, die Arnau festhielten.

»Warum hast du das getan?«, fragte er den Jungen, als er vor ihm stand. »Du weißt, dass diese Kasse deinen Freunden, den Bastaixos, gehört. Dass sie damit für die Witwen und Waisen ihrer Zunftbrüder sorgen, ihre Toten begraben, mildtätige Werke tun, deine Mutter, die Jungfrau, schmücken und dafür sorgen, dass stets Kerzen vor ihr brennen. Warum hast du es getan, Arnau?«

Die Gegenwart des Priesters beruhigte Arnau. Aber was machte er hier? Die Kasse der Bastaixos! Der Dieb! Er hatte ihm einen Schlag versetzt, doch was war dann geschehen? Mit weit aufgerissenen Augen blickte er um sich. Hinter den Soldaten erkannte er unzählige bekannte Gesichter, die ihn beobachteten und auf seine Antwort warteten. Er erkannte Ramon und den kleinen Ramon, Pere, Jaume, Joan, der sich auf Zehenspitzen stellte, um etwas zu sehen, Sebastià und seinen Sohn Bastianet und viele andere, denen er zu trinken gegeben und mit denen er unvergessliche Momente auf dem Marsch des Bürgerheers nach Creixell erlebt hatte. Sie beschuldigten ihn! Das war es!

»Ich war's nicht …«, stotterte er.

Der Beamte hielt ihm Graus Geldbörse vors Gesicht. Arnau fasste an die Stelle, wo sie hätte sein sollen. Er hatte sie nicht unter der Matratze zurücklassen wollen, falls die Baronin sie anzeigte und man Joan beschuldigte, und nun … Dieser verfluchte Grau! Diese verfluchte Börse!

»Suchst du das?«, warf ihm der Beamte entgegen.

Ein Raunen ging durch die Bastaixos.

»Ich war's nicht, Pater«, verteidigte sich Arnau.

Der Soldat lachte schallend und seine Männer stimmten mit ein.

»Ramon, ich war es nicht. Ich schwöre es euch«, wiederholte Arnau und sah dem Bastaix in die Augen.

»Was hast du dann in der Nacht hier zu suchen? Woher hast du diese Börse? Weshalb hast du versucht zu fliehen? Weshalb hast du dein Gesicht mit Lehm beschmiert?«

Arnau betastete sein Gesicht. Der Lehm war getrocknet.

Die Börse! Der Soldat ließ sie vor seinen Augen hin und her baumeln. Inzwischen trafen immer mehr Bastaixos ein. Leise erzählte einer dem anderen, was vorgefallen war. Arnau starrte auf die baumelnde Börse. Diese verfluchte Börse! Dann wandte er sich an den Pater.

»Da war ein Mann«, sagte er. »Ich habe versucht, ihn aufzuhalten, aber es ging nicht. Er war sehr stark.«

Erneut schallte das ungläubige Gelächter des Soldaten durch den Chorumgang.

»Arnau«, bat ihn Pater Albert, »beantworte die Fragen des Soldaten.«

»Nein … Ich kann nicht«, gestand er ein und sorgte damit für abfällige Gesten bei den Soldaten und für Aufruhr unter den Bastaixos.

Pater Albert schwieg. Er sah Arnau an. Wie oft hatte er diese Worte schon gehört? Wie viele Gläubige weigerten sich, ihm ihre Sünden zu offenbaren? »Ich kann nicht«, sagten sie zu ihm, Angst im Blick, »wenn das bekannt wird …« Natürlich, dachte der Priester dann, wenn Raub, Ehebruch oder Gotteslästerung bekannt würden, konnte man sie verhaften. Dann musste er weiter in sie dringen und ihnen schwören, das Beichtgeheimnis zu wahren, bis sich ihr Gewissen Gott und seiner Vergebung öffnete.

»Würdest du es mir unter vier Augen erzählen?«, fragte er.

Arnau nickte, und der Priester forderte ihn auf, in die Kapelle zu gehen.

»Wartet hier«, sagte er zu den Übrigen.

»Es geht um die Kasse der Bastaixos«, war da eine Stimme hinter den Soldaten zu vernehmen. »Es sollte auch ein Bastaix anwesend sein.«

Pater Albert nickte und sah Arnau an.

»Ramon?«, schlug er ihm vor.

Der Junge nickte erneut, und die drei verschwanden in der Kapelle. Dort drinnen schüttete Arnau sein ganzes Herz aus. Er erzählte von Tomás, dem Stallknecht, von seinem Vater, von Graus Börse, von dem Auftrag der Baronin, dem Aufstand, der Hinrichtung, dem Feuer … der Verfolgung, dem Dieb der Kasse und seinem aussichtlosen Kampf. Er sprach von seiner Angst, dass herauskommen könnte, dass die Börse Grau gehörte, oder dass man ihn verhaftete, weil er den Leichnam seines Vaters verbrannt hatte.

Es waren lange Erklärungen. Arnau konnte den Mann nicht beschreiben, der ihn niedergeschlagen hatte. Es sei dunkel gewesen, antwortete er auf die Fragen der beiden, aber er war groß und von kräftiger Statur. Schließlich sahen sich der Priester und der Bastaix an. Sie glaubten dem Jungen. Doch wie sollten sie den Leuten, die vor der Kapelle zu murren begannen, beweisen, dass er es nicht gewesen war? Der Priester sah zur Jungfrau auf, betrachtete die aufgebrochene Kasse und verließ dann die Kapelle.

»Ich glaube, der Junge sagt die Wahrheit«, verkündete er der kleinen Menge, die im Chorumgang wartete. »Ich glaube, dass er die Kasse nicht gestohlen hat. Vielmehr hat er versucht, den Raub zu verhindern.«

Ramon war hinter ihn getreten und nickte zustimmend.

»Warum kann er dann meine Fragen nicht beantworten?«, wollte der Soldat wissen.

»Ich kenne die Gründe.« Ramon nickte erneut. »Und sie sind hinreichend überzeugend. Wenn mir jemand nicht glaubt, möge er sprechen.«

Niemand sagte etwas.

»Wo sind die Zunftmeister der Bruderschaft?«

Drei Bastaixos traten zu Pater Albert.

»Jeder von euch bewahrt einen der drei Schlüssel zur Kasse auf, nicht wahr?«

Die Zunftmeister nickten.

»Schwört ihr, dass diese Kasse nur von euch dreien gemeinsam und in Anwesenheit von zehn Zunftbrüdern geöffnet wurde, wie es die Regeln vorsehen?«

Die Zunftmeister schworen laut, im gleichen Ton, in dem der Priester sie befragte.

»Schwört ihr also, dass der letzte Eintrag im Kassenbuch mit der Summe übereinstimmt, die sie enthalten sollte?«

Die drei Männer schworen erneut.

»Und Ihr, Soldat, schwört Ihr, dass dies die Börse ist, die der Junge bei sich trug?«

Der Soldat nickte.

»Schwört Ihr, dass der Inhalt derselbe ist wie zu dem Zeitpunkt, als Ihr sie fandet?«

»Ihr beleidigt einen Soldaten König Alfons'!«

»Schwört Ihr oder schwört Ihr nicht?«, herrschte der Priester ihn an.

Mehrere Bastaixos kamen auf den Soldaten zu und verlangten mit Blicken nach einer Antwort.

»Ich schwöre.«

»Gut«, fuhr Pater Albert fort. »Ich gehe jetzt das Kassenbuch holen. Wenn dieser Junge der Dieb ist, muss der Inhalt der Börse genauso hoch oder höher sein als der zuletzt eingetragene Betrag. Ist er geringer, muss man ihm Glauben schenken.«

Ein zustimmendes Gemurmel ging durch die Reihen der Bastaixos. Die meisten sahen Arnau an. Sie alle hatten das kühle Wasser aus seinem Wasserschlauch getrunken.

Nachdem der Pfarrer Ramon die Schlüssel zur Kapelle übergeben und ihn angewiesen hatte, diese abzuschließen, begab er sich in seine Wohnräume, um das Kassenbuch zu holen, das gemäß der Zunftordnung der Bastaixos in den Händen einer dritten Person bleiben musste. Soweit er sich erinnerte, konnte der Inhalt der Kasse unmöglich mit der Summe übereinstimmen, die Grau dem Kerkermeister zur Ernährung seiner Schuldner schickte, sondern musste um ein Vielfaches höher sein. Es wäre ein unanfechtbarer Beweis, dachte er lächelnd.

Während Pater Albert das Buch holte und dann wieder in die Kirche zurückkehrte, schloss Ramon das Gitter zur Kapelle ab. Dabei bemerkte er ein Funkeln in der Kapelle. Er trat näher und betrachtete den Gegenstand, von dem das Funkeln ausging, ohne ihn jedoch zu berühren. Er sagte niemandem etwas davon, schloss das Gitter ab und gesellte sich zu den Bastaixos, die um Arnau und die Soldaten herumstanden und auf die Rückkehr des Priesters warteten.

Ramon raunte dreien von ihnen etwas zu, und gemeinsam verließen sie, unbemerkt von den anderen, die Kirche.

»Dem Kassenbuch zufolge«, verkündete Pater Albert und zeigte es den drei Zunftmeistern, damit sie sich davon überzeugen konnten, »befanden sich vierundsiebzig Silbermünzen und fünf Sueldos in der Kasse. Nun zählt das Geld in der Börse«, setzte er, an den Soldaten gewandt, hinzu.

Bevor er die Börse öffnete, schüttelte der Soldat den Kopf. Darin konnten sich keine vierundsiebzig Silbermünzen befinden.

»Dreizehn«, verkündete er, und dann, lauter werdend: »Aber der Junge könnte einen Komplizen haben, der den fehlenden Teil an sich genommen hat.«

»Und weshalb sollte dieser Komplize dreizehn Silbermünzen bei Arnau zurücklassen?«, fragte einer der Bastaix.

Seine Beobachtung erntete zustimmendes Gemurmel.

Der Soldat sah die Bastaixos an. Einige von ihnen waren bereits zu Arnau getreten und klopften ihm auf den Rücken oder fuhren ihm übers Haar.

»Aber wenn es nicht der Junge war, wer war es dann?«

»Ich glaube, ich weiß es«, war Ramons Stimme von jenseits des Hauptaltars zu vernehmen.

Hinter ihm schleiften zwei der Bastaixos, mit denen er zuvor gesprochen hatte, einen korpulenten Mann herbei.

»Er muss es gewesen sein«, sagte einer aus der Gruppe der Bastaixos.

»Das ist der Mann!«, rief Arnau im gleichen Augenblick.

Mit El Mallorquí hatte es immer wieder Reibereien gegeben, bis die Zunftmeister irgendwann herausfanden, dass er eine Geliebte hatte, und ihn aus der Bruderschaft ausschlossen. Ein Bastaix durfte kein außereheliches Verhältnis unterhalten, genauso wenig wie seine Frau. In diesem Fall wurde der Bastaix aus der Zunft ausgeschlossen.

»Was sagt der Junge da?«, brüllte El Mallorquí, als sie den Chorumgang erreichten.

»Er beschuldigt dich, die Kasse der Bastaixos geplündert zu haben«, entgegnete ihm Pater Albert.

»Er lügt!«

Der Priester sah zu Ramon hinüber und dieser nickte leicht mit dem Kopf.

»Auch ich beschuldige dich!«, rief er und wies mit dem Finger auf ihn.

»Er lügt ebenfalls.«

»Du wirst Gelegenheit haben, das im Kloster Santes Creus durch siedendes Wasser zu beweisen.«

Das Verbrechen war in einer Kirche begangen worden, und nach den Beschlüssen des Konzils von Gerona musste die Unschuld durch die Wasserprobe bewiesen werden.

El Mallorquí wurde blass. Der Soldat und seine Männer sahen den Priester verwundert an, doch dieser bedeutete ihnen zu schweigen. Die Probe mit dem siedenden Wasser wurde nicht mehr angewandt, doch die Priester drohten Verdächtigen immer noch häufig damit, ihre Gliedmaßen in kochendes Wasser zu tauchen.

Pater Albert sah El Mallorquí scharf an.

»Wenn der Junge und ich lügen, dann wirst du das kochende Wasser an deinen Armen und Beinen gewiss aushalten, ohne dein Verbrechen zu gestehen.«

»Ich bin unschuldig«, stammelte El Mallorquí.

»Wie gesagt, du wirst Gelegenheit haben, es zu beweisen«, wiederholte der Priester.

»Wenn du unschuldig bist«, schaltete sich Ramon ein, »dann erkläre uns doch, was dein Dolch in der Kapelle zu suchen hat.«

El Mallorquí fuhr zu Ramon herum.

»Das ist eine Falle!«, antwortete er hastig, »jemand wird ihn dort hingelegt haben, um mich zu beschuldigen. Der Junge! Bestimmt ist er es gewesen!«

Pater Albert schloss erneut das Gitter zur Kapelle auf und kehrte mit einem Dolch zurück.

»Ist das dein Dolch?«, fragte er den Verdächtigen und hielt ihm die Waffe vor die Nase.

»Nein … nein.«

Die Zunftmeister und mehrere Bastaixos traten zu dem Pfarrer und baten darum, den Dolch in Augenschein nehmen zu dürfen.

»Natürlich ist das deiner«, sagte einer der Zunftmeister, während er den Dolch in der Hand wiegte.

Sechs Jahre zuvor hatte König Alfons aufgrund der vielen Aufstände im Hafen den Bastaixos und anderen Freien, die dort arbeiteten, das Tragen von Messern und ähnlichen Waffen verboten. Einzig Dolche ohne Spitze waren erlaubt. El Mallorquí hatte sich geweigert, dem königlichen Befehl Folge zu leisten, und sich seines herrlichen spitzen Dolches gerühmt, den er immer wieder vorzeigte, um seinen Ungehorsam zu beweisen. Erst als man ihm mit Ausschluss aus der Zunft drohte, hatte er zugestimmt, ihn zum Schmied zu bringen, damit dieser die Spitze abfeilte.

»Lügner!«, entfuhr es einem der Bastaixos.

»Dieb!«, rief ein anderer.

»Jemand muss ihn mir gestohlen haben, um mir die Schuld in die Schuhe zu schieben!«, protestierte El Mallorquí, während er sich von den beiden Männern loszureißen versuchte, die ihn festhielten.

Da erschien der dritte Bastaix, der sich mit Ramon auf die Suche nach El Mallorquí gemacht hatte. In der Zwischenzeit hatte er dessen Haus nach dem gestohlenen Geld durchsucht.

»Hier ist es«, rief er und hielt eine Börse hoch, die er dann dem Priester überreichte. Dieser wiederum händigte sie dem Soldaten aus.

Während der Soldat das Geld zählte, hatten die Bastaixos einen Kreis um El Mallorquí gebildet. Einer der Ihrigen konnte unmöglich so viel Geld besitzen!

»Vierundsiebzig Silbermünzen und fünf Sueldos«, verkündete der Soldat, nachdem er den Inhalt gezählt hatte.

Als die Summe feststand, stürzten sich die Bastaixos auf den Dieb. Es hagelte Beschimpfungen, Fußtritte und Fausthiebe, einige spuckten ihn sogar an. Die Soldaten hielten sich heraus. Ihr Anführer sah Pater Albert an und zuckte mit den Schultern.

»Dies hier ist ein Gotteshaus!«, rief daraufhin der Priester, während er versuchte, die Bastaixos beiseitezudrängen. »Dies hier ist ein Gotteshaus!«, rief er noch einmal, bis es ihm gelang, zu El Mallorquí vorzudringen, der auf dem Boden kauerte. »Dieser Mann ist ein Dieb, gewiss, und ein Feigling zudem, doch er hat einen Richterspruch verdient. Ihr könnt euch nicht wie Verbrecher verhalten. Bringt ihn zum Bischof«, wies er dann den Soldaten an.

Während der Pfarrer mit dem Soldaten sprach, kassierte El Mallorquí einen weiteren Fußtritt. Viele spuckten ihn an, während die Soldaten ihn hochzerrten und abführten.

Nachdem die Soldaten die Kirche mit El Mallorquí verlassen hatten, traten die Bastaixos lächelnd zu Arnau und baten ihn um Verzeihung. Dann zerstreuten sie sich und gingen nach Hause. Schließlich blieben nur Pater Albert, Arnau und die drei Zunftmeister vor der nun wieder offenen Sakramentskapelle zurück, des Weiteren die zehn von der Zunftordnung vorgeschriebenen Zeugen, wenn es um die Kasse der Bastaixos ging.

Der Priester tat das Geld in die Kasse zurück und vermerkte die Vorfälle der Nacht in dem Buch. Inzwischen war es hell geworden, und man hatte bereits nach einem Schlosser geschickt, damit er die drei Schlösser wieder in Ordnung brachte. Alle mussten warten, bis sich die Kasse wieder abschließen ließ.

Pater Albert legte einen Arm um Arnaus Schulter. Erst jetzt dachte er wieder daran, wie der Junge unter Bernats Leichnam gesessen hatte, der an einem Strick baumelte. Den Gedanken an das Feuer verdrängte er. Er war doch noch ein Kind! Der Pfarrer sah die Jungfrau an und hielt stumme Zwiesprache mir ihr. »Er wäre vor dem Stadttor verwest, also was macht es schon? Er ist nur ein kleiner Junge, dem nichts geblieben ist – kein Vater und keine Arbeit, die ihn ernährt …«

»Ich glaube«, entschied er plötzlich, »ihr solltet Arnau in eure Zunft aufnehmen.«

Ramon lächelte. Nachdem sich die Lage beruhigt hatte, war ihm bereits durch den Kopf gegangen, was Arnau ihnen erzählt hatte.

»Er ist noch ein Kind«, wandte einer der Zunftmeister ein.

»Er ist schwach. Wie soll er Lasten oder Steine auf seinen Schultern tragen können?«, zweifelte ein anderer.

»Er ist noch sehr jung«, bestätigte ein Dritter.

Arnau sah mit großen Augen von einem zum anderen.

»Was ihr sagt, stimmt«, antwortete der Priester, »doch weder seine Größe noch seine fehlende Kraft oder seine Jugend haben ihn daran gehindert, euer Geld zu verteidigen. Wäre er nicht gewesen, wäre die Kasse jetzt leer.«

Die Bastaixos nahmen Arnau genau in Augenschein.

»Ich denke, wir könnten es versuchen«, sagte Ramon schließlich, »und wenn er nicht taugt …«

Einer aus der Gruppe pflichtete bei.

»Einverstanden«, sagte schließlich einer der Zunftmeister. Er sah die beiden anderen an. Keiner von ihnen widersprach. »Wir lassen ihn auf Probe zu. Wenn er in den nächsten drei Monaten seinen Eifer unter Beweis stellt, nehmen wir ihn als Bastaix auf. Hier, nimm«, sagte er dann und überreichte ihm El Mallorquís Dolch, den er immer noch in der Hand hielt. »Das ist dein erstes Arbeitsmesser. Pater, vermerkt das im Buch, damit der Junge keine Schwierigkeiten bekommt.«

Arnau spürte, wie der Priester seine Schulter drückte. Er wusste nicht, was er sagen sollte, und so zeigte er den Bastaixos seine Dankbarkeit durch ein Lächeln. Er war ein Bastaix! Wenn sein Vater ihn jetzt sehen könnte!

18

»Wer war das? Kennst du ihn, Junge?«

Noch immer hallten eilige Schritte und die Rufe der Soldaten, die Arnau verfolgten, über den Platz, doch Joan hörte sie nicht. Das Prasseln, mit dem Bernats Leichnam verbrannt war, hallte in seinen Ohren wider.

Der Wachsoldat, der neben dem Gerüst stehen geblieben war, schüttelte Joan und wiederholte seine Frage: »Kennst du ihn?«

Doch Joan konnte den Blick nicht von der lodernden Fackel wenden, in die sich der Mann verwandelt hatte, der ihn an Kindes statt angenommen hatte.

Der Soldat schüttelte ihn erneut, bis der Junge ihn schließlich ansah. Sein Blick war wirr und er klapperte mit den Zähnen.

»Wer war das? Weshalb hat er deinen Vater verbrannt?«

Joan hörte die Frage nicht einmal. Er begann zu zittern.

»Er kann nicht sprechen«, mischte sich die Frau ein, die Arnau gedrängt hatte zu fliehen. Sie war es auch gewesen, die Joan, der wie erstarrt gewesen war, von den Flammen weggezerrt hatte. Sie hatte in Arnau den Jungen wiedererkannt, der den ganzen Tag neben dem Erhängten gewacht hatte. »Wenn ich den Mut gehabt hätte, das Gleiche zu tun«, dachte sie, »würde der Körper meines Mannes nicht vor der Stadtmauer verfaulen, den Vögeln zum Fräße.« Ja, dieser Junge hatte etwas getan, was jeder von denen, die hier waren, gerne getan hätte, und der Soldat … Er war für die Nachtwache zuständig, konnte also Arnau nicht erkannt haben. Für ihn war der Sohn der andere, der dort vor dem Leichnam seines Vaters hockte. Die Frau nahm Joan in die Arme und wiegte ihn hin und her.

»Ich muss wissen, wer ihn angezündet hat«, erklärte der Soldat.

Die Frau mischte sich mit Joan unter die Leute, die den toten Bernat anstarrten.

»Was tut das zur Sache?«, murmelte sie, während Joan von Krämpfen geschüttelt wurde. »Dieser Junge ist halb tot vor Hunger und Angst.«

Der Soldat sah nach oben. Dann nickte er langsam. Er hatte selbst einen Sohn verloren. Der Kleine war immer magerer geworden, bis ihn schließlich ein harmloses Fieber dahingerafft hatte. Seine Frau hatte ihn genauso in die Arme geschlossen, wie es diese Frau mit dem Jungen tat. Er sah die beiden an. Die Frau weinte, während sich der Junge schutzsuchend an ihre Brust schmiegte.

»Bring ihn nach Hause«, sagte er zu der Frau. Dann blickte er wieder zu Bernats brennendem Leichnam auf. »Verfluchte Genuesen!«

Es war Tag geworden in Barcelona.

»Joan!«, rief Arnau, kaum dass er die Tür geöffnet hatte.

Pere und Mariona, die im Erdgeschoss am Herd saßen, bedeuteten ihm, still zu sein.

»Er schläft«, sagte Mariona.

Die fremde Frau hatte Joan nach Hause gebracht und ihnen erzählt, was passiert war. Die beiden alten Leute kümmerten sich um Joan, bis er schließlich einschlief. Dann setzten sie sich an den wärmenden Herd.

»Was soll aus ihnen werden?«, fragte Mariona ihren Mann. »Ohne Bernat wird es der Junge nicht in den Ställen aushalten.«

»Und wir können sie nicht versorgen«, dachte Pere. Sie konnten es sich nicht leisten, den beiden Jungen das Zimmer unentgeltlich zu überlassen oder sie mit durchzufüttern. Pere wunderte sich über das Strahlen in Arnaus Augen. Sein Vater war gerade hingerichtet worden! Er hatte ihn sogar angezündet; die Frau hatte es ihm erzählt. Woher kam dieses Strahlen?

»Ich bin ein Bastaix!«, verkündete Arnau und machte sich über den Topf mit den kalten Resten des gestrigen Abendessens her.

Die beiden alten Leute wechselten einen Blick und sahen dann zu dem Jungen, der mit dem Rücken zu ihnen direkt aus dem Schöpflöffel aß. Er war völlig abgemagert! Der Getreidemangel hatte seine Spuren bei ihm hinterlassen, wie überall in Barcelona. Wie sollte dieser magere Junge Lasten schleppen?

Mariona schüttelte den Kopf und sah ihren Mann an.

»Man wird sehen«, sagte Pere.

»Was sagt Ihr?«, fragte Arnau, während er sich mit vollem Mund umdrehte.

»Nichts, mein Sohn, nichts.«

»Ich muss los«, sagte Arnau. Er nahm ein Stück hartes Brot und biss herzhaft hinein. Der Drang, Joan zu fragen, was auf dem Platz geschehen war, rang mit einem anderen drängenden Wunsch: sich seinen neuen Arbeitskollegen anzuschließen. Er traf eine Entscheidung. »Erzählt Joan davon, wenn er aufwacht.«

Im April wurde die Schifffahrt wieder aufgenommen, die seit Oktober geruht hatte. Die Tage wurden länger, und die großen Schiffe begannen, im Hafen einzulaufen oder Anker zu lichten. Niemand, weder Reeder noch Ausrüster oder Steuermänner, wollte sich länger als unbedingt nötig in dem gefährlichen Hafen von Barcelona aufhalten.

Bevor er sich zu der Gruppe der Bastaixos gesellte, die dort wartete, sah Arnau vom Strand aufs Meer hinaus. Es war immer dort gewesen, doch wenn er mit seinem Vater am Strand entlanggegangen war, hatte er dem Meer nach wenigen Schritten den Rücken gekehrt. An diesem Tag betrachtete er es mit anderen Augen: Er würde von ihm leben. Im Hafen ankerten neben unzähligen kleinen Booten auch zwei große, soeben eingelaufene Handelsschiffe sowie ein Verband von sechs riesigen Kriegsgaleeren mit je sechsundzwanzig Ruderbänken à zehn Ruderern.

Arnau hatte schon von der Flotte gehört. Die Stadt hatte sie ausgerüstet, um den König im Krieg gegen Genua zu unterstützen. Sie stand unter dem Befehl des vierten Ratsherren von Barcelona, Galcerà Marquet. Nur ein Sieg über die Genuesen würde den Weg für den Handel und die Versorgung der Hauptstadt des Prinzipats wieder freimachen. Aus diesem Grund hatte sich Barcelona großzügig gegenüber König Alfons gezeigt.

»Du willst doch nicht etwa einen Rückzieher machen?«, hörte er eine Stimme hinter sich sagen. Arnau drehte sich um. Vor ihm stand einer der Zunftmeister der Bastaixos. »Auf geht's«, munterte er ihn auf und ging weiter zum Treffpunkt der Bastaixos.

Arnau folgte ihm. Als er zu der Gruppe trat, begrüßten ihn die Männer mit einem Lächeln.

»Das hier wird etwas anderes sein, als Wasser auszugeben, Arnau«, sagte einer zu ihm. Die übrigen lachten.

»Hier, nimm«, forderte ihn Ramon auf. »Es ist die kleinste, die wir finden konnten.«

Arnau nahm behutsam die Capçana entgegen, das schützende Kopfpolster, mit welchem die Männer ihre Lasten trugen.

»Sie geht schon nicht kaputt!«, sagte einer der Bastaixos lachend, als er sah, wie vorsichtig Arnau sie festhielt.

»Natürlich nicht!«, dachte Arnau und lächelte dem Bastaix zu. Er setzte das Polster auf den Hinterkopf, zog den Lederriemen über die Stirn, um es zu befestigen, und lächelte erneut.

Ramon prüfte, ob das Polster richtig saß.

»In Ordnung«, sagte er und tätschelte ihm die Wange. »Fehlen nur noch die Schwielen.«

»Welche Schwielen?«, fragte Arnau, doch als nun die Zunftmeister eintrafen, richtete sich alle Aufmerksamkeit auf sie.