/ Language: Deutsch / Genre:prose_rus_classic

Der Spieler

Fjodor Dostojewski


Der Spieler

Fjodor M. Dostowjewski

1866-1877

1

Inhaltsverzeichnis

I  Der Spieler

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II  Der ewige Gatte

Weltschaninoff

Der Herr mit dem Trauerflor am Hut

Páwel Páwlowitsch Trussózkij

Die Frau, der Gatte und der Liebhaber

Lisa

Ein neuer Einfall eines mäßigen Menschen

Der Gatte und der Liebhaber küssen sich

Lisa ist krank

Das Gespenst

Auf dem Friedhof

Páwel Páwlowitsch will heiraten

Bei Sachlebínins

Auf wessen Seite mehr ist

Ssáschenka und Nádjenka

Die Abrechnung

Die Analyse

Der ewige Gatte

III  Aufzeichnungen aus dem Untergrund

Der Untergrund

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Bei nassem Schnee

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IV  Das Krokodil

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V  Bobok

VI  Die Sanfte

Eine Vorbemerkung vom Verfasser

1

 Wer ich war und wer sie war

 Der Heiratsantrag

 Bin der edelste Mensch, glaube es jedoch selbst nicht

 Lauter Pläne und Pläne

 Die Sanfte revoltiert

 Eine schreckliche Erinnerung

2

 Ein Traum des Stolzes

 Plötzlich fällt die Binde von den Augen

 Begreife es nur zu gut

 Im ganzen nur fünf Minuten zu spät

VII  Traum eines lächerlichen Menschen

1

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Teil I

Der Spieler

1

Da bin ich nun endlich, nach vierzehntägiger Abwesenheit, wieder bei ihnen eingetroffen. Die Unsrigen sind schon seit drei Tagen in Roulettenburg. In meiner Annahme, daß sie mich, Gott weiß wie sehr, erwarteten, täuschte ich mich aber. Der General blickte überaus selbstbewußt drein, als er mich empfing, sprach mit mir in herablassendem Ton und schickte mich dann zu seiner Schwester. Jedenfalls ist es klar, daß sie inzwischen irgendwoher Geld erhalten haben. Dennoch wollte es mir scheinen, daß der General sich trotz all seines Selbstbewußtseins ein wenig vor mir schämte und meinem Blick auswich. Márja Filippowna war sehr beschäftigt und sprach nur oberflächlich mit mir. Das Geld nahm sie jedoch in Empfang, zählte es nach und hörte sogar meinen ganzen Bericht an. Zu Tisch wurden Mesenzóff und der Franzmann erwartet, und außer ihnen noch ein Engländer. Haben sie Geld, so muß natürlich sofort ein Diner gegeben werden; sie werden doch nicht die Moskowiter verleugnen. Als Polína Alexándrowna mich erblickte, fragte sie mich nur, weshalb ich so lange fortgeblieben sei, und ging an mir vorüber, ohne meine Antwort abzuwarten. Selbstverständlich lag Absicht in diesem Benehmen. Wir sind uns freilich Erklärungen schuldig. Es hat sich allerhand angesammelt.

Für mich war im Vierten Stock des Hotels ein kleines Zimmer reserviert worden. Hier weiß man, daß ich zur Suite des Generals gehöre, Aus allem ist zu ersehen, daß sie bereits zu imponieren verstanden haben. Den General hält man hier schon allgemein für einen steinreichen russischen Edelmann. Vor Tisch beauftragte er mich unter anderem, zwei Tausendfrankennoten zu wechseln. Ich wechselte sie im Büro des Hotels. Jetzt wird man uns mindestens eine Woche lang für Millionäre halten. Darauf wollte ich mit Mícha und Nádja einen Spaziergang machen, wurde jedoch auf der Treppe zurückgerufen: der General ließ mich zu sich bitten. Es erschien ihm plötzlich ratsam, sich bei mir zu erkundigen, wohin ich die Kinder führen wolle. Dieser Mensch bringt es entschieden nicht fertig, mir gerade in die Augen zu sehen; er würde es ja gern tun, aber ich begegne seinem Blick jedesmal unentwegt so offen, das heißt so unehrerbietig, daß er gleichsam verlegen wird. In einer reichlich schwülstigen Ansprache, in der er eine Phrase an die andere reihte, so daß er sich schließlich ganz verhedderte, gab er mir zu verstehen, daß ich mit den Kindern möglichst weit weg vom Kurhaus spazieren solle, am besten irgendwo in den entlegeneren Teilen des Parks. Plötzlich ärgerte er sich über sich selbst und fügte schroff hinzu:

»Sonst bringen Sie sie womöglich noch in die Spielsäle und spielen mit ihnen Roulette… Entschuldigen Sie meine Bemerkung«, unterbrach er sich, »aber Sie sind ja als junger Mann noch ziemlich leichtsinnig und am Ende gar fähig zu spielen. Jedenfalls habe ich, obschon ich nicht Ihr Mentor bin und diese Rolle auch gar nicht zu übernehmen wünsche, immerhin das Recht, den Wunsch zu äußern, daß Sie mich hier nicht kompromittieren…«

»Aber ich habe ja gar nicht das Geld dazu«, versetzte ich ruhig, »um welches verspielen zu können, müßte man es zuvor haben.«

»Sie werden es im Augenblick erhalten«, sagte er, leicht errötend, und wandte sich sogleich zum Schreibtisch, um nach seinem Notizbuch zu suchen. Es zeigte sich, daß ich noch hundertundzwanzig Rubel bei ihm zugute hatte.

»Wie verrechnen wir nun das?« fragte er stirnrunzelnd. »Wir müssen es in Taler übersetzen… Hm!… Nun, nehmen Sie zunächst hier diese hundert Taler, eine runde Summe — das übrige wird natürlich nicht verlorengehen.«

Schweigend nahm ich das Geld.

»Übrigens… bitte sich durch meine Worte nicht gekränkt zu fühlen… Sie sind so leicht verletzt… Wenn ich jene Bemerkung gemacht habe, so tat ich es gewissermaßen nur, um vorzubeugen, um Sie zu warnen, und dieses Recht werden Sie mir doch wohl zugestehen …«

Als ich kurz vor der Mahlzeit mit den Kindern vom Spaziergang zurückkehrte, begegnete ich einer ganzen Kavalkade: es waren die Unsrigen, die eine Ausfahrt gemacht hatten, um irgendwelche Ruinen zu besichtigen. Die Damen, Mademoiselle Blanche, Márja Filíppowna und Pólina, fuhren in einem schönen Wagen, den unsere drei Herren, der Franzmann, der Engländer und der General, hoch zu Roß begleiteten. Die Vorübergehenden blieben stehen und schauten; so wurde Eindruck gemacht. Nur wird der General seinem Schicksal doch nicht entgehen können. Zusammen mit den viertausend Franken, die ich ihm gebracht habe, und mit allem, was sie hier augenscheinlich noch aufgetrieben haben, können sie jetzt höchstens sieben- bis achttausend Franken besitzen. Das aber ist viel zu wenig für Mademoiselle Blanche.

Mademoiselle Blanche ist gleichfalls in unserem Hotel abgestiegen, zusammen mit ihrer Mutter. Und auch der Franzmann soll sich hier irgendwo niedergelassen haben. Die Bedienten nennen ihn »Monsier le Comte« und die Mutter der Mademoiselle heißt »Madame la Comtesse«. Nun, wer kann’s schließlich wissen, vielleicht sind sie auch wirklich Comte et Comtesse.

Ich wußte es im voraus, daß dieser Monsieur le Comte mich bei Tisch nicht erkennen würde. Dem General fiel es natürlich nicht ein, uns miteinander bekannt zu machen oder wenigstens mich ihm vorzustellen; Monsieur le Comte aber ist in Rußland gewesen und weiß daher ganz genau, wie gering der Vogel ist, den sie »un outchitel« [ein Lehrer] nennen. Übrigens kennt er mich sehr gut. Doch um die Wahrheit zu gestehen: ich erschien völlig unaufgefordert zum Diner. Ich glaube, der General hatte mich ganz vergessen, denn sonst hätte er mich sicherlich an die Table d’hote geschickt. Ich erschien also ungebeten und fing daher einen erfreuten Blick des Generals auf. Die gute Márja Filíppowna wies mir sogleich einen Platz an. Und die Anwesenheit Mister Astleys rettete mich vollends: ich gehörte nun ohne mein Zutun gleichfalls zu ihrer Gesellschaft.

Diesen sonderbaren Engländer hatte ich bereits in Preußen kennengelernt. Wir saßen im Abteil einander gegenüber, als ich den Unsrigen nachreiste; dann begegneten wir einander bei der Einreise nach Frankreich und zuletzt in der Schweiz; also im Laufe von drei Wochen dreimal. Und nun war ich nicht wenig überrascht, ihn plötzlich hier in Roulettenburg anzutreffen.

Ich habe noch nie in meinem Leben einen so schüchternen Menschen kennengelernt. Er ist bis zur Unglaublichkeit, geradezu bis zur Dummheit schüchtern, was er natürlich selbst ganz genau weiß; denn, daß er nicht dumm ist, sieht man ihm auf den ersten Blick an. Im übrigen ist er ein sympathischer, stiller Mensch. Bei unserer ersten Begegnung hatte ich ihn sogar zum Reden gebracht: er erzählte mir, daß er in diesem Sommer am Nordkap gewesen sei und sehr gern die Messe in Nishnij Nówgorod besucht hätte, Wie er mit dem General bekanntgeworden ist, weiß ich nicht. Jedenfalls scheint er mir in Polína grenzenlos verliebt zu sein. Als sie eintrat, wurde er feuerrot. Offenbar war er sehr froh darüber, daß ich bei Tisch neben ihm zu sitzen kam, und anscheinend hält er mich bereits für seinen besten Freund.

Bei Tisch führte der Franzmann mehr als je das große Wort; er benahm sich allen gegenüber sehr nachlässig, wenn nicht gar geringschätzig, und zeigte wieder mal unverhohlen, wie sehr er von sich eingenommen ist. In Moskau aber, entsinne ich mich, blies er noch auf einer ganz anderen Flöte. Diesmal sprach er sehr viel über Finanzen und über die russische Politik. Der General wagte mitunter, ihm zu widersprechen, doch tat er es nur sehr vorsichtig und gerade nur soweit als es die Wahrung seiner Würde erforderte.

Ich war ziemlich verstimmt. Natürlich stellte ich mir schon nach dem ersten Gang wie gewöhnlich die Frage: »Wozu plagst du dich eigentlich mit diesem General, weshalb hast du ihm und ihnen allen nicht schon längst den Rücken gekehrt?«

Hin und wieder blickte ich zu Polína Alexándrowna hinüber: sie übersah mich jedoch vollkommen. Es endete damit, daß ich wütend wurde und mich entschloß, einfach frech zu werden. Ich wollte mich ungebeten in ihr Gespräch einmischen, nur um mit dem Franzmann anzubändeln. So wandte ich mich plötzlich an den General und bemerkte laut — ich glaube, ich unterbrach ihn sogar —, daß es in diesem Sommer für einen Russen nahezu unmöglich sei, irgendwo an einer Table d’hote zu speisen. Der General sah mich verwundert an.

»… Wenn Sie ein Mensch mit Selbstachtung sind«, fuhr ich unbekümmert fort, »so setzen Sie sich damit direkt Beleidigungen aus und müssen sich allerhand kränkende Bemerkungen gefallen lassen. In Paris und am Rhein, ja sogar in der Schweiz sitzen jetzt an der Table d’hote so viele Polacken und mit diesen sympathisierende Französchen, daß es einem ganz unmöglich ist, auch nur ein Wort zu sagen, wenn man eben Russe ist.«2

Ich sagte das auf französisch. Der General sah mich verständnislos an, als wisse er nicht, ob er sich ärgern oder sich nur wundern sollte darüber, daß ich mich so vergessen konnte.

»Dann haben Sie wohl schlimme Erfahrungen gemacht«, warf unser Franzmann nachlässig und spöttisch hin.

»Ich hatte in Paris zunächst Streit mit einem Polen und danach mit einem französischen Offizier, der dem Polen beistand«, sagte ich. »Als ich aber zum besten gab, wie wenig ehrerbietig ich mich über den Kaffee des päpstlichen Prälaten geäußert hatte, ging ein Teil der Franzosen sogar auf meine Seite über.«

»Über den Kaffee?…« fragte der General in würdevollem Erstaunen und blickte sich fragend im Kreise um. Der Franzose musterte mich mißtrauisch.

»Jawohl, über den Kaffee«, bestätigte ich. »Da ich zwei Tage lang überzeugt war, daß ich in unserer Angelegenheit auf kurze Zeit nach Rom würde reisen müssen, begab ich mich in die Kanzlei der Gesandtschaft des Heiligen Vaters in Paris, um meinen Paß visieren zu lassen. Dort empfing mich ein kleiner Abbé, ein hageres Kerlchen von etwa fünfzig Jahren, mit frostiger Physiognomie. Er hörte mich höflich an und bat mich darauf nur trocken, zu warten. Ich hatte zwar wenig Zeit, doch setzte ich mich hin, zog die ›Opinion nationale‹ hervor und begann zu lesen. Der Leitartikel war ein einziges großes Geschimpfe über Rußland. Inzwischen hörte ich, wie durch das Nebenzimmer jemand zum Monseigneur geführt wurde; ich sah auch, wie mein Abbé vor ihm dienerte. Ich wandte mich zum zweitenmal mit meiner Bitte an ihn; er bat mich in noch trockenerem Tone, zu warten. Nach kurzer Zeit trat wieder ein Unbekannter ins Zimmer — es schien ein Österreicher zu sein —, der eine geschäftliche Angelegenheit zu erledigen hatte. Der Abbé hörte ihn aufmerksam an und ließ ihn dann sogleich nach oben führen. Das ärgerte mich nicht wenig. Ich erhob mich, trat auf ihn zu und sagte in nicht mißzuverstehendem Ton, daß Monseigneur, da er doch augenscheinlich empfange, wohl auch mein Anliegen ohne Aufschub erledigen könne. Mein Abbé aber wich einfach zurück vor Verwunderung. Er konnte es offenbar nicht fassen, daß ein nichtiger Russe sich mit den anderen, die sein Monseigneur empfing, gleichzustellen wagte! Er maß mich mit unendlicher Verachtung vom Kopf bis zu den Füßen und rief in einem Ton, dem man die Freude, mich verletzen zu können, förmlich anhörte:

›Ja, glauben Sie denn erwa, daß Monseigneur Ihretwegen seinen Kaffee werde kalt werden lassen?‹

Da wurde ich wütend und sagte ihm, daß mich der Kaffee seines Monseigneurs einen Dreck angehe, que je crache dans son café! ›Und wenn Sie mir nicht im Augenblick meinen Paß mit dem Visum zurückbringen, so gehe ich selbst zum Monseigneur!‹ schloß ich,

›Was! Während der Kardinal bei ihm sitzt!‹ schrie das Kerlchen, entsetzt vor mir zurückweichend, und plötzlich stürzte er zur Tür, vor der er sich mit ausgebreiteten Armen wie ein Kreuz hinstellte und eine Miene aufsetzte, die mir sagen sollte, daß er eher zu sterben gewillt sei als mich vorzulassen.

Da sagte ich ihm, ich sei ein Ketzer und Barbar — que je suis hérétique et barbare —, und alle seine Erzbischöfe, Kardinäle, Monseigneurs und wie sie da hießen, imponierten mir nicht im geringsten. Kurz, ich gab ihm zu verstehen, daß ich meinen Willen unbedingt durchsetzen würde. Er blickte mich haßerfüllt an, riß mir meinen Paß aus der Hand und brachte ihn nach oben zum Monseigneur. Nach einer Minute kam er zurück: der Paß war visiert. Hier, wenn’s gefällig ist, sich davon zu überzeugen…« Ich nahm den Paß aus meiner Brusttasche und zeigte das römische Visum.

»Sie haben indes…«, wollte der General beginnen, doch unser Franzmann fiel ihm grinsend ins Wort:

»Was Sie rettete, war, daß Sie sich für einen Ketzer und Barbaren ausgaben. Cela n’etait pas si bête.«

»Ja, wie sollten sie denn auch unsere Russen hier anders einschätzen?« fuhr ich fort. »Die wagen ja hier, wenn sie an einer Table d’hote sitzen, kein Wort zu sagen, und sind womöglich sofort bereit, falls jemand es wünschte, sich ganz von Rußland loszusagen! In Paris wenigstens begann man, sich viel aufmerksamer zu mir zu verhalten, nachdem ich ihnen von meinem Streit mit dem Abbé erzählt hatte. Ein dicker polnischer Pan, der bis dahin die erste Rolle an der Table d’hote gespielt hatte, mußte sich hinfort mit der zweiten Rolle begnügen. Ja, die Franzosen nahmen es nachher sogar hin, daß ich ihnen von einem Menschen erzählte, auf den ein französischer Chasseur im Jahre 1812 geschossen hat, einzig um sein Gewehr zu entladen. Dieser Mensch war damals ein zehnjähriger Knabe, und seine Familie hatte Moskau nicht rechtzeitig vor dem Einzug der Franzosen verlassen können.«

»Das ist unmöglich!« brauste mein Französchen auf. »Ein französischer Soldat wird niemals auf ein Kind schießen!«

»Indessen war es so«, versetzte ich unbeirrt. »Mein Gewährsmann war ein ehrenwerter alter Hauptmann a. D., und ich habe selbst die Schramme auf der Wange des Betreffenden gesehen, der von der Kugel zum Glück nur gestreift worden war.«

Der Franzose begann sehr schnell und sehr erregt zu sprechen. Der General wollte ihm bereits beipflichten, ich schlug ihm aber vor, doch wenigstens die Auszüge aus den Memoiren des 1812 in französische Gefangenschaft geratenen Generals Perówskij zu lesen. Da unterbrach uns Márja Filíppowna, die von etwas anderem zu sprechen begann, um dieses Gespräch zu beenden. Der General war sehr unzufrieden mit mir, denn unser Franzmann und ich hatten unsere Stimmen zum Schluß mehr als nötig erhoben. Doch Mr. Astley schien mein Streit mit dem anderen sehr gefallen zu haben, denn als wir uns vom Tisch erhoben, schlug er mir vor, ein Glas Wein mit ihm zu trinken.

Gegen Abend gelang es mir, mit Polína Alexándrowna unter vier Augen zu sprechen. Das geschah auf dem Spaziergang. Wir gingen alle in den Park zum Kurhaus. Polína setzte sich auf eine Bank gegenüber dem Springbrunnen und erlaubte Nádenjka, in der Nähe mit anderen Kindern zu spielen. Auch ich erlaubte meinem Mícha, zum Springbrunnen zu gehen, und so blieben wir endlich allein.

Natürlich begannen wir sogleich von Geschäftlichem zu sprechen. Polína war einfach empört, als ich ihr im ganzen nur siebenhundert Gulden einhändigte. Sie hatte mit aller Bestimmtheit erwartet, daß ich ihr für ihre in Paris versetzten Brillanten wenigstens zweitausend Gulden, wenn nicht noch mehr, bringen würde.

»Ich brauche vor allen Dingen, um jeden Preis Geld«, sagte sie, »es muß beschafft werden; sonst bin ich verloren.«

Ich begann zu fragen, was in meiner Abwesenheit geschehen sei.

»Nichts weiter, als daß aus Petersburg zwei Depeschen eingetroffen sind: zuerst die Nachricht, daß es der Bábuschka3 sehr schlecht gehe; und nach zwei Tagen, daß sie schon so gut wie im Sterben liege. Diese Nachricht stammt von Timoféi Petrówitsch«, fügte Polina hinzu, »er aber ist ein pedantisch gewissenhafter Mensch. Und jetzt erwarten wir die endgültige Nachricht.«

»So sind denn jetzt alle hier voll Hoffnung?« fragte ich.

»Natürlich, alle und alles; man hat doch seit ganzen sechs Monaten nur noch darauf gehofft.«

»Sie gleichfalls?« fragte ich.

»Ich bin doch als Stieftochter des Generals gar nicht verwandt mit ihr… Aber ich weiß, daß sie mich in ihrem Testament nicht übergehen wird.«

»Ich glaube, Sie werden sehr viel erben«, sagte ich überzeugt.

»Möglich; sie hatte mich gern; aber weshalb scheint es denn Ihnen so?«

»Sagen Sie«, antwortete ich mit einer Frage, »unser Marquis ist wohl gleichfalls in alle Familiengeheimnisse eingeweiht?«

»Weshalb interessiert Sie das?« fragte Polina trocken und sah mich streng an.

»Auch eine Frage! Wenn ich nicht irre, hat der General bereits Geld von ihm geborgt.«

»Ihre Vermutungen sind heute merkwürdig richtig.«

»Nun, würde er ihm denn Geld geliehen haben, wenn er vom Zustand der Großtante nichts wüßte? Und ist es Ihnen nicht aufgefallen, wie er bei Tisch, als von ihr die Rede war, sie etwa dreimal ›la babóulenka‹ nannte? Was für nahe und freundschaftliche Beziehungen!«

»Ja, Sie haben recht. Sobald er erfährt, daß auch mir etwas zugefallen ist, wird er sich sogleich um mich bewerben. War es das, was Sie erfahren wollten?«

»Erst ›wird er sich‹? Ich dachte, er tue es schon längst.«

»Sie wissen nur zu gut, daß er es nicht tut!« sagte Polina geärgert. »Wo haben Sie diesen Engländer kennengelernt?« fragte sie nach kurzem Schweigen.

»Ich wußte es im voraus, daß Sie mich jetzt nach ihm fragen würden.«

Ich erzählte ihr von meinen früheren Begegnungen mit Mr. Astley.

»Er ist schüchtern und sehr verliebter Natur und … hat sich natürlich in Sie verliebt?«

»Ja, er ist in mich verliebt«, antwortete Polina.

»Und natürlich ist er zehnmal reicher als der Franzose. Wie, hat denn der Franzose tatsächlich etwas? Ist das gar keinem Zweifel unterworfen?«

»Nein, das ist keinem Zweifel unterworfen. Er hat irgendwo ein Château. Noch gestern sagte es mir der General ganz positiv. Nun, genügt Ihnen das?«

»Ich würde an Ihrer Stelle unbedingt den Engländer heiraten.«

»Weshalb?« fragte Polina.

»Der Franzose ist ja hübscher, aber dafür ist er auch ein gemeiner Kerl. Der Engländer aber hat, ganz abgesehen davon, daß er uranständig ist, mindestens zehnmal mehr«, versetzte ich trocken.

»Ja; aber dafür ist der Franzose Marquis und klüger«, sagte sie kühl mit gleichmütigster Miene.

»Nur …. stimmt das auch wirklich?« fragte ich im selben Ton.

»Vollkommen.«

Meine Fragen mißfielen ihr sehr, aber ich merkte nur zu gut, daß sie mich mit ihrer Ruhe und ihren unmöglichen Antworten ärgern wollte. Ich sagte ihr das auch sofort.

»Nun ja, es amüsiert mich, zu sehen, wie Sie sich ärgern«, meinte sie. »Und … wie werden Sie mir schon das allein, daß ich Ihnen solche Fragen und Äußerungen gestatte, bezahlen müssen!«

»Ich fühle mich allerdings im Recht, jede beliebige Frage an Sie zu richten«, versetzte ich ruhig, »und zwar schon deshalb, weil ich zu jeder Bezahlung bereit bin und überhaupt das ganze Leben jetzt keinen Wert mehr für mich hat.«

Polina begann zu lachen.

»Sie sagten mir das letztemal auf dem Schlangenberg, Sie seien sogar bereit, sobald ich es nur wünschte, sich mit dem Kopf voran von der Terrasse drüben hinabzustürzen, die Terrasse aber ist dort, glaube ich, an tausend Fuß hoch. Nun, irgend einmal werde ich diesen Wunsch aussprechen, und zwar einzig um zu sehen, wie Sie ihn erfüllen. Und ich versichere Sie, daß ich charakterfest sein werde. Sie sind mir verhaßt, sind es mir eben deshalb, weil ich Ihnen so viel erlaubt habe, und sind mir noch verhaßter, weil ich Ihrer Hilfe so dringend bedarf. Und solange das der Fall ist, muß ich Sie noch am Leben lassen.«

Sie erhob sich. Die letzten Worte hatte sie geradezu gereizt gesagt. Überhaupt war es mir aufgefallen, daß sie in der letzten Zeit unsere Gespräche regelmäßig sehr gereizt abbrach.

»Gestatten Sie noch eine Frage«, hielt ich sie auf, um sie nicht ohne Erklärung fortgehen zu lassen, »wer ist Mademoiselle Blanche?«

»Das wissen Sie doch ebensogut wie ich, wer Mademoiselle Blanche ist. Sie hat weder ihre alten Eigenschaften verloren noch neue hinzubekommen. Mademoiselle Blanche wird ganz gewiß Generalin werden. Das heißt: vorausgesetzt natürlich, daß sich die Nachricht vom zu erwartenden Tode der Großtante bewahrheitet, denn sowohl Mademoiselle Blanche wie ihre Mutter und ihr Cousin, le Marquis, wissen alle sehr gut, daß wir ruiniert sind.«

»Und der General ist unrettbar verliebt?«

»Darum handelt es sich jetzt nicht. Hören Sie zu und merken Sie sich, was ich Ihnen jetzt sage: nehmen Sie hier diese siebenhundert Gulden und gehen Sie damit für mich Roulette spielen, und gewinnen Sie so viel wie möglich. Ich brauche jetzt um jeden Preis Geld.«

Damit wandte sie sich von mir ab, rief Nádenjka und ging mit ihr zum Kurhaus, wo sie sich den Unsrigen anschloß. Ich aber bog in den ersten Seitenpfad nach links ein, nachdenklich und noch ganz verwundert über den Auftrag, der mir so plötzlich zuteil geworden war. Eigentlich war mir zumut, als hätte ich einen Schlag auf den Kopf erhalten mit diesem Befehl, Roulette zu spielen. Doch sonderbar: obschon ich jetzt über allerhand nachzudenken hatte, versenkte ich mich doch ganz in eine Analyse meiner Gefühle für Polina. In der Tat, ich muß gestehen, daß mir in den zwei Wochen meiner Abwesenheit leichter zumut gewesen war als jetzt am Tage meiner Rückkehr, obschon ich unterwegs wie ein Wahnsinniger gelitten, mich gleichsam wie ein Verbrannter hin und her gewälzt hatte und sie mir sogar Nacht für Nacht im Traum erschienen war. Einmal (es war auf der Reise durch die Schweiz) begann ich, überwältigt von Müdigkeit, im Schlaf mit Polina zu sprechen, was alle meine Reisegefährten erheiterte. Und wieder stellte ich mir die Frage: liebte ich sie? Und wieder wußte ich mir darauf nichts zu antworten, oder richtiger, ich sagte mir wieder einmal, wohl zum hundertsten Mal, daß ich sie haßte. Ja, sie war mir verhaßt! Es gab Augenblicke (namentlich zum Schluß unserer Gespräche), wo ich mein halbes Leben dafür hingegeben hätte, sie erwürgen zu können! Ich schwöre: wenn es möglich gewesen wäre, ein scharfes Messer ihr langsam in die Brust zu stoßen, so hätte ich das, glaube ich, mit Wonne getan. Doch andererseits schwöre ich bei allem, was es Heiliges gibt, daß ich, wenn sie mir dort auf dem bekannten Aussichtspunkt des Schlangenbergs wirklich gesagt hätte: »Stürzen Sie sich hinab«, ich mich tatsächlich sogleich hinabgestürzt hätte, und das sogar gleichfalls mit Wonne. Das wußte ich. Aber so geht das nicht weiter, es muß etwas Entscheidendes geschehen. Sie begreift natürlich mit bewundernswerter Richtigkeit die ganze Situation, und der Gedanke, daß ich mir ihrer Unnahbarkeit und Unerreichbarkeit für mich, der ganzen Unmöglichkeit der Erfüllung meiner phantastischen Träume vollkommen bewußt bin, — dieser Gedanke muß ihr, meiner Überzeugung nach, eine unendliche Genugtuung gewähren, muß für sie geradezu ein Genuß sein. Denn wie könnte sie, die doch so vorsichtig und klug ist, sonst so unbekümmert offen und ungeniert im Verkehr mit mir sein? Ich glaube, sie hat bisher ungefähr ebenso auf mich herabgesehen wie jene Kaiserin im Altertum, die sich in Gegenwart ihres Sklaven entkleidete, da sie ihn ja gar nicht für einen Menschen hielt. Ja, sie hat mich schon mehr als einmal nicht für einen Menschen gehalten.

Indes, sie hatte mich beauftragt, unbedingt Geld für sie zu gewinnen. So hatte ich nicht einmal Zeit, darüber nachzudenken, wozu sie das Geld brauchte, wie bald ich es zu verschaffen hatte, und welche neuen Berechnungen in ihrem ewig berechnenden Kopf entstanden waren? Außerdem war in diesen letzten zwei Wochen offenbar eine Menge neuer Fakta hinzugekommen, von denen ich noch nichts ahnte. Da gab es nun viel zu enträtseln, zu kombinieren und nachzudenken, und das mußte schnell geschehen. Doch vorläufig hatte ich keine Zeit dazu: ich mußte ja zum Roulette.

2

Offen gestanden: dieser Auftrag war mir sehr unangenehm; denn, wenn ich auch fest beschlossen hatte, zu spielen, so wollte ich es doch für mich und nicht für andere tun. Diese plötzliche Durchkreuzung meiner Pläne machte mich eigentlich ganz konfus; ich betrat die Spielsäle mit einem höchst widerwärtigen Gefühl. Dort mißfiel mir vom ersten Blick an ausnahmslos alles. Nicht ausstehen kann ich dieses Lakaientum der Feuilletonschreiber der ganzen Welt, namentlich aber unserer russischen, die fast in jedem Frühjahr immer wieder von zwei Dingen erzählen: erstens, von der außergewöhnlichen Pracht und dem Luxus der Spielsäle gewisser Städte am Rhein, und zweitens, von den Goldhaufen, die dort angeblich auf den Tischen lägen. Man zahlt ihnen doch nichts extra für diese Lügen; es geschieht also einfach aus vielleicht ganz uneigennütziger Liebedienerei. In Wirklichkeit kann aber in diesen protzigen Sälen von Pracht überhaupt nicht die Rede sein, und Gold liegt auf den Tischen nicht nur nicht »in Haufen«, sondern ist so gut wie gar nicht zu sehen. Freilich kommt es mitunter vor — in jeder Saison vielleicht ein Mal —, daß plötzlich irgendein Sonderling auftaucht, ein Engländer oder irgendein Asiat, etwa ein Türke, wie in diesem Sommer, und daß dieser entweder sehr viel verspielt oder sehr viel gewinnt. Die übrige Gesellschaft spielt aber nur mit kleinen Summen, setzt gewöhnlich silberne Münzen, und so liegt durchschnittlich immer nur sehr wenig Gold auf den Tischen.

Als ich den Spielsaal betrat (zum erstenmal im Leben), nahm ich mir vor, eine Zeitlang noch nicht zu spielen. Das Gedränge um die Spieltische herum war auch so groß, daß ich kaum hätte setzen können. Doch selbst wenn ich allein im Saal gewesen wäre, hätte ich nicht zu spielen begonnen; wenigstens scheint es mir so; ich glaube sogar, daß ich eher weggegangen wäre. Um die Wahrheit zu sagen: mein Herz klopfte nicht wenig, und ich gestehe, daß ich nicht gleichmütig blieb. Ich wußte mit tödlicher Sicherheit, daß ich Roulettenburg nicht so verlassen, daß vielmehr hier etwas geschehen würde, was über mein Schicksal entschied. Und so muß es, und so wird es auch sein! Wie lächerlich es aber auch erscheinen mag, vom Roulette etwas zu erwarten, so finde ich doch die landläufige Meinung, daß es direkt dumm und unsinnig sei, auf das Spiel irgendeine Hoffnung zu setzen, noch viel lächerlicher. Inwiefern ist denn das Spiel schlechter als irgendeine andere Art Geldgewinn, als zum Beispiel — nun, sagen wir, der Gewinn im Handel? Allerdings gewinnt hier von hundert nur einer und neunundneunzig verlieren. Aber was geht das mich an? Jedenfalls sagte ich mir, daß es wohl das Beste sei, zunächst dem Spiel der anderen zuzusehen und selbst vorläufig noch nicht zu beginnen, wenigstens nicht ernstlich. Wenn ich. aber an diesem Abend dennoch spielen sollte, so würde ich es eben nur versuchsweise tun — das war mein fester Entschluß. Hinzu kam, daß ich noch nicht einmal zu spielen verstand; denn, ungeachtet der zahllosen Beschreibungen des Roulette, die ich stets mit so großem Interesse gelesen hatte, war mir das Spiel doch noch ein Rätsel. Das wurde nun freilich anders, als ich mit eigenen Augen spielen sah.

Der erste Eindruck, den ich empfing, war ein sehr unangenehmer: es erschien mir alles so schmutzig — gewissermaßen moralisch schmutzig und gemein. Ich rede nicht von den gierigen, unruhigen Gesichtern, die dutzendweis oder gar zu Hunderten die Spieltische umringten. Übrigens vermag ich in dem Wunsch, möglichst viel Geld in möglichst kurzer Zeit zu gewinnen, nichts Schmutziges zu sehen, und der Ausspruch eines satten und wohlversorgten Moralpredigers, der auf irgend jemandes Einwendung, man spiele ja nur um »kleinen Gewinn«, geantwortet haben soll: »Um so schlimmer, dann ist es eben kleinliche Habgier«, erscheint mir ziemlich dumm. Als wäre kleinliche Habgier und große Habgier nicht ein und dasselbe! Die Begriffe Klein und Groß sind doch hier ganz relativ: was für einen Rothschild eine kleine Summe ist, ist für meinen Beutel ein sehr großer Betrag. Was aber den Gewinn betrifft, so sind doch die Menschen nicht nur am Roulettetisch, sondern überall und zu jeder Zeit nur darauf bedacht, wie sie einem anderen etwas wegschnappen oder sonstwie etwas gewinnen könnten. Ob nun Erwerb und Gewinn überhaupt und im allgemeinen etwas Schlechtes sind, das ist eine Frage für sich, auf die ich hier nicht weiter eingehen will. Da aber auch ich, als ich den Spielsaal betrat, im höchsten Grade von dem Wunsche erfüllt war, möglichst viel und möglichst schnell zu gewinnen, so war mir diese allgemeine Habgier, dieser, wenn man will, habgierige Schmutz gewissermaßen recht und vertraut. Es gibt ja nichts Netteres, als wenn man sich untereinander nicht geniert, nicht ziert und Verstecken spielt, sondern sich offen und sans gêne benimmt. Ja, und wozu sich schließlich selber betrügen? Das wäre doch eine ganz überflüssige, leere Beschäftigung ohne die geringste Rentabilität.

Ganz besonders unschön aber war an diesem Spielergesindel — so als erster Eindruck — jene Achtung vor ihrer Beschäftigung, jener Ernst, der fast sogar an Ehrerbietung grenzt, mit dem sie die Spieltische umstanden. Deshalb wird hier auch ein großer Unterschied gemacht zwischen dem Spiel, das man »mauvais genre« nennt, und dem Spiel, das einem anständigen Menschen erlaubt ist: dieses ist gentlemanlike, das andere plebejisch, habgierig, das Spiel solcher Leute, die man mit »Spielsaalgesindel« bezeichnet. Wie gesagt: der Unterschied ist groß, aber — wie ist dieser Unterschied im Grunde doch verächtlich! Ein Gentleman kann zum Beispiel fünf oder sechs Louisdors setzen, selten mehr — übrigens, wenn er sehr reich ist, auch tausend Franken —, aber er setzt sie einzig um des Spieles willen, nur so zu seinem Vergnügen, nur um dem Vorgang des Verlierens oder Gewinnens zuzusehen und ohne sich im geringsten speziell für den Gewinn zu interessieren. Gewinnt er zufällig, so kann er zum Beispiel amüsiert lächeln, kann eine scherzhafte Bemerkung zu einem der Nebenstehenden machen, er kann sogar noch einmal setzen und den Einsatz wieder verdoppeln, doch alles nur aus Neugier, nur zu seinem »Amüsement«, um den Wechsel der Chancen zu beobachten, also gewissermaßen um zu experimentieren, doch beileibe nicht um des Gewinnes willen! Ein so plebejischer Beweggrund ist absolut ausgeschlossen! Kurz, er darf dieses Spiel nicht anders auffassen denn als amüsanten Zeitvertreib, der nur zu seiner Unterhaltung inszeniert wird. Alle Berechnungen und Fallen, auf denen das Spiel beruht, ohne die es überhaupt nicht existieren würde, darf er nicht einmal vermuten. Und einen äußerst vorteilhaften Eindruck macht es, wenn er zum Beispiel ganz naiv vorausgesetzt — oder sich den Anschein gibt, als setze er es voraus — daß auch alle übrigen Spieler, dieses ganze Gesindel, das um jeden Gulden zittert, ebensolche Krösusse und Gentlemen seien wie er, und gleichfalls nur zu ihrer Belustigung mitspielten. Eine so vollkommene Unkenntnis der Wirklichkeit und naive Auffassung der Menschen würden natürlich sehr aristokratisch wirken. Ich habe beobachtet, wie viele Mamas ihre unschuldig aussehenden und hübsch gekleideten fünfzehn- oder sechzehnjährigen Töchter vorschoben, ihnen einige Goldstücke in die Hand drückten und dann erklärten, wie man spielt. Und das junge Fräulein, das dann gewann oder verlor, lächelte unbedingt, wenn es den Tisch anscheinend sehr zufrieden verließ. Einmal sah ich auch, wie unser General spielte. Würdevoll und langsam, wie in gleichmütiger Ruhe trat er an den Tisch; ein Lakai eilte herbei, um ihm einen Stuhl zurechtzurücken, doch er übersah den Lakai und den Stuhl; langsam, ohne Hast und Erregung zog er seine Börse hervor, langsam, sehr langsam entnahm er ihr dreihundert Goldfranken und setzte sie auf Schwarz: er gewann. Aber er rührte den Gewinn nicht an, er ließ ihn liegen, wo er lag. Und er gewann wieder, und er rührte auch diesmal den Gewinn nicht an. Und als dann statt Schwarz Rot gewann, verlor er auf einen Schlag eintausendzweihundert Franken. Mit einem Lächeln ging er fort, ohne auch nur einen Augenblick seine Selbstbeherrschung zu verlieren. Ich bin überzeugt, daß sein Herz zum Zerspringen schmerzte und daß er, wenn der Verlust zwei- oder dreimal größer gewesen wäre, seine Selbstbeherrschung wohl kaum bewahrt und seine Erregung verraten hätte. Übrigens stand ich einmal neben einem Franzosen, der dreißigtausend Franken gewann und verlor und dabei doch seine unbekümmert heitere Miene beibehielt. Ein richtiger Gentleman darf sich nie beim Spiel aufregen, und sollte er auch sein ganzes Vermögen verspielen. Das Geld muß so tief unter seiner Würde stehen, daß es für ihn kaum der Mühe wert ist, sich darum zu kümmern. So ist es denn sehr aristokratisch, den Schmutz sowohl dieses Spielergesindels wie der ganzen Umgebung gar nicht zu bemerken. Mitunter aber ist auch das Gegenteil nicht minder vornehm: dieses ganze Gesindel in seinem Treiben zu beobachten, ja, es sogar ostentativ zu betrachten — etwa durch ein Lorgnon —, jedoch nicht anders, als indem man zu verstehen gibt, daß man das Betrachten dieses Gesindels und der allgemeinen, doch ängstlich kaschierten Habgier nur als originelle Zerstreuung auffasse, als interessantes Schauspiel, das sich ebenfalls nur zur Unterhaltung des Beobachters vor seinen Augen abspielt. Man kann sich sogar selbst in das Gewühl drängen, nur muß man dabei in Blick und Miene die vollkommene Überzeugung ausdrücken, daß man nur sich allein für den einzigen Beobachter halte und selbst keineswegs zu dieser Gesellschaft gehöre. Übrigens ist ein gar zu interessiertes Beobachten doch wieder nicht zu empfehlen. Das wäre wiederum nicht ganz gentlemanlike, denn im Grunde steht dieses Schauspiel doch zu tief, als daß man ein wirklich großes Interesse dafür empfinden könnte — wie es ja überhaupt wenig Schauspiele gibt, die in den Augen eines Gentleman besonderer Aufmerksamkeit wert sind. Mir persönlich aber wollte nichtsdestoweniger scheinen, daß alles dies sehr wohl der Mühe wert sei, mit größter Aufmerksamkeit beobachtet zu werden, und zwar namentlich für den, der nicht studienhalber gekommen ist, sondern sich selbst gewissenhaft und aufrichtig zu diesem ganzen Gesindel zählt. Was jedoch meine geheimen sittlichen Überzeugungen betrifft, so sind sie natürlich hier unter diesen meinen Betrachtungen nicht am Platz. Mag das also auf sich beruhen; das sei hier nur zur Erleichterung meines Gewissens gesagt. Nur eines möchte ich noch hinzufügen: daß es mich in der ganzen letzten Zeit eigentümlich angewidert hat, meine Gedanken und Handlungsweisen gleichviel mit welch einem moralischen Maßstäbchen zu messen. Etwas ganz Anderes beherrschte mich…

Das Spielergesindel spielt in der Tat auf eine sehr schmutzige Art. Ich bin sogar nicht abgeneigt anzunehmen, daß dort an den Tischen sehr oft ganz gewöhnlicher Diebstahl betrieben wird. Die Croupiers, die an beiden Enden des Tisches sitzen, müssen nach den Einsätzen sehen und die Gewinne berechnen; sie haben ohnehin schon viel zuviel zu tun, als daß sie auf alle Hände aufpassen könnten. Das ist aber erst recht ein Pack, diese Croupiers! Größtenteils sind es Franzosen. Übrigens mache ich hier alle diese Bemerkungen nicht etwa, um das Roulette zu beschreiben; ich beobachte nur so für mich selbst und merke mir dieses und jenes, um zu wissen, wie ich mich späterhin beim Spiel zu verhalten habe. Unter anderem ist mir dort aufgefallen, daß sich sehr oft eine Hand ausstreckt, die nicht zu den in der ersten Reihe Sitzenden gehört, und das fortnimmt, was ein anderer gewonnen hat. Es entsteht ein Streit, nicht selten kommt es sogar zu beträchtlichem Lärm, doch — nun versuche man zu beweisen und Zeugen dafür zu finden, wem der Einsatz gehört!

Anfangs war mir das ganze Spiel so unverständlich wie eine arabische Grammatik. Nach und nach erriet ich mehr als ich begriff, daß die Einsätze nach der Zahl, nach der Farbe und auf Paar oder Unpaar gemacht wurden. Ich beschloß, von dem Gelde, das Polina mir gegeben hatte, nur hundert Gulden zu riskieren. Der Gedanke, daß ich nun doch nicht für mich begann, machte mich gewissermaßen unsicher. Jedenfalls war es ein sehr unangenehmes Gefühl, das ich schnell loswerden wollte. Es schien mir die ganze Zeit, daß ich, indem ich für Polina mein Glück versuchte, damit das eigene Glück untergrub.

Sollte man wirklich mit dem grünen Tisch nicht in Berührung kommen können, ohne sogleich vom schlimmsten Aberglauben befallen zu werden?

Ich begann damit, daß ich fünf Friedrichsdore, also fünfzig Gulden, herausnahm und sie auf Paar setzte. Das Rad drehte sich, und es kam dreizehn heraus — ich hatte verloren. Mit einer gewissen krankhaften Empfindung, nur um mich irgendwie loszumachen und mit Anstand fortgehen zu können, setzte ich noch fünf Friedrichsdore auf Rot. Es kam Rot. Ich setzte alle zehn Friedrichsdore auf Rot — wieder kam Rot. Und ich ließ wieder alles stehen, und wieder kam Rot. Von den erhaltenen vierzig Friedrichsdoren setzte ich zwanzig auf die zwölf mittleren Ziffern, ohne zu wissen, was daraus werden würde. Man gab mir das Dreifache. So hatte ich anstatt der zehn Friedrichsdore auf einmal achtzig. Es wurde mir aber von einer ungewohnten, seltsamen Empfindung so unerträglich zumut dort am Tisch, daß ich beschloß, sogleich fortzugehen. Denn es schien mir, daß ich ganz anders vorgegangen wäre, wenn ich für mich gespielt hätte. Doch plötzlich setzte ich alle achtzig Friedrichsdore noch einmal auf Paar. Diesmal kam vier: ich gewann noch achtzig Friedrichsdore. Da nahm ich den ganzen Haufen von hundertundsechzig Friedrichsdoren vom Tisch und ging, um Polina Alexándrowna aufzusuchen.

Sie spazierten alle zusammen im Park, und so gelang es mir erst nach dem Abendessen, unter vier Augen mit ihr zu sprechen. Diesmal war der Franzmann nicht zugegen, und der General wurde gesprächig. Unter anderem fand er es für nötig, mir nochmals zu sagen, daß er eigentlich nicht wünsche, mich am Spieltisch zu sehen. Seiner Ansicht nach würde es ihn sehr kompromittieren, wenn ich einmal gar zuviel verspielte — »doch selbst wenn Sie sehr viel gewinnen sollten, würde ich auch dann noch stark kompromittiert sein«, fügte er bedeutsam hinzu. »Ich habe allerdings nicht das Recht, Ihnen für Ihr Tun und Lassen Vorschriften zu machen, aber Sie werden doch selbst einsehen, daß…«

Nach seiner alten Gewohnheit sprach er den Satz wieder nicht zu Ende. Ich erwiderte darauf nur trocken, daß ich sehr wenig Geld hätte und folglich nicht auffallend viel verlieren könne, falls ich überhaupt spielen wollte. Als ich zu mir hinaufging, konnte ich Polina noch ihren Gewinn übergeben, bei welcher Gelegenheit ich ihr erklärte, daß ich fernerhin nicht mehr für sie spielen werde.

»Warum nicht?« fragte sie beunruhigt.

»Weil ich für mich und nicht für andere spielen will«, antwortete ich, sie etwas verwundert betrachtend, da sie das nicht von selbst erriet, »und das stört mich nur.«

»So sind Sie immer noch überzeugt, daß das Roulette Ihre Rettung sein werde?« fragte sie spöttisch.

»Ja«, erwiderte ich sehr ernst. »Was jedoch meine Überzeugung, daß ich unfehlbar gewinnen werde, betrifft, so mag sie vielleicht sehr lächerlich sein, meinetwegen, doch jedenfalls wünsche ich, in Ruhe gelassen zu werden.«

Polina Alexindrowna bestand darauf, daß ich den Gewinn mit ihr teilen müsse, und wollte mir unbedingt achtzig Friedrichsdore aufdrängen, mit dem Vorschlag, auch fernerhin das Spiel unter dieser Bedingung fortzusetzen. Ich weigerte mich jedoch mit aller Entschiedenheit, das Geld anzunehmen, und erklärte ihr, daß ich für andere nicht nur deshalb nicht spielen würde, weil ich nicht wolle, sondern weil ich ganz gewiß verlieren würde.

»Und doch setze auch ich, wie dumm es auch sein mag, meine ganze Hoffnung fast nur noch auf das Spiel«, sagte sie nach einer Weile wie in Gedanken versunken. »Nein, Sie müssen das Spiel unbedingt fortsetzen und den Gewinn mit mir teilen, und — natürlich werden Sie das auch tun.«

Damit verließ sie mich, ohne meine weiteren Einwendungen anzuhören.

3

Gestern hat sie zu mir, ganz wider meine Erwartung, kein Wort vom Spiel gesprochen. Und überhaupt vermied sie es gestern, mit mir zu sprechen. Ihr Benehmen gegen mich hat sich nicht im geringsten verändert. Im Verkehr wie überhaupt bei jeder kurzen Begegnung immer dieselbe Geringschätzung, in die sich mitunter sogar etwas wie Verachtung und Haß mischt. Ja, sie scheint sogar die Abneigung, die sie doch augenscheinlich gegen mich empfindet, nicht einmal verbergen zu wollen. Das sehe ich. Dabei gibt sie sich aber gar keine Mühe, zu verbergen, daß sie meiner bedarf und mich zu irgendeinem Zweck noch »aufspart«. Es hat sich zwischen uns ein seltsames Verhältnis herausgebildet, das mir in mancher Hinsicht unverständlich ist — wenn ich ihren Stolz und Hochmut gegen alle in Betracht ziehe.

Sie weiß zum Beispiel, daß ich sie bis zum Wahnsinn liebe, sie erlaubt mir sogar, von meiner Leidenschaft zu sprechen — und selbstverständlich könnte sie mir ihre Verachtung durch nichts deutlicher zu verstehen geben, als durch diese gleichgültige Erlaubnis, soviel und wie immer ich nur will, sozusagen mit aller Zensurfreiheit, von meiner Liebe zu ihr zu sprechen. Was kann sie damit anderes sagen wollen, wenn nicht: »Ich achte deine Gefühle viel zu gering, als daß es mich nicht vollkommen gleichgültig ließe, was du da zu mir sprichst oder für mich fühlst.«

Von ihren eigenen Angelegenheiten hat sie auch früher schon oft mit mir gesprochen, aber doch niemals mit ganzer Offenherzigkeit. Ja, mehr noch als das: in ihrer Geringschätzung gegen mich kam mitunter noch eine ganz besondere Raffiniertheit zum Ausdruck, wie zum Beispiel: Sie weiß, sagen wir, daß mir irgendein Umstand aus ihrem Leben bekannt ist, oder irgend etwas, was sie sehr beunruhigt, sie erzählt mir sogar selbst einiges davon — wenn ich ihr etwa wie ein Sklave oder Laufbursche einen Dienst erweisen soll , erzählt mir dann aber genau nur so viel, wieviel ein Sklave oder Laufbursche zu wissen braucht, um den Dienst erweisen zu können. Und wenn sie auch sehr gut sieht, daß es mich quält, nicht den ganzen Zusammenhang der Dinge erraten zu können, wenn sie auch tausendmal sieht, wie ihre Unruhe und ihre Sorgen mich quälen und aufregen, so wird sie mich doch nie dessen würdigen, mich durch volle Offenheit zu beruhigen. Und sie hat mir oft genug nicht nur schwierige, sondern direkt mit Gefahr verbundene Aufträge gegeben, was ihr doch, wenigstens meiner Meinung nach, geradezu zur Pflicht machen müßte, vollkommen aufrichtig zu sein. Doch … lohnt es sich denn für sie, sich überhaupt um meine Gefühle zu kümmern, und darum, daß ich gleichfalls besorgt und unruhig bin, und daß ihre, nur ihre Sorgen und ihr Mißgeschick mich vielleicht noch dreimal mehr quälen als sie selbst?

Ich wußte schon drei Wochen vorher um ihre Absicht, Roulette zu spielen. Sie hatte mich darauf vorbereitet, daß ich für sie würde spielen müssen, da es sich für sie selbst nicht schicke. Und aus dem Ton ihrer Worte glaubte ich schon damals zu erraten, daß eine wirklich ernste Sorge sie bedrücke und aus ihr nicht etwa der Wunsch sprach, nur so für sich Geld zu gewinnen. Was ist ihr denn Geld! Nein, sie muß eine ganz besondere und ernste Absicht haben, es muß etwas geschehen sein, was ich nur halb erraten kann, ohne deshalb den ganzen Zusammenhang auch nur zu ahnen. Natürlich kann ich diese Sklaverei, in der sie mich hält, sehr wohl insofern ausnutzen, als sie mir doch gewissermaßen erlaubt, ganz ungeniert und ohne Umschweife Fragen zu stellen: wenn ich in ihren Augen so unwichtig bin, so darf sie sich doch durch meine unhöfliche Neugier nicht verletzt fühlen. Und so habe ich sie bisweilen ganz unumwunden gefragt. Nun war aber die Sache die, daß sie mir zwar diese Fragen erlaubte, doch deshalb noch lange nicht auf dieselben zu antworten geruhte. Mitunter aber überhörte sie sie einfach. Das ist nun unser Verhältnis zueinander!

Gestern wurde viel von einem Telegramm gesprochen, das schon vor vier Tagen nach Petersburg abgegangen und auf welches seltsamerweise noch keine Antwort eingetroffen war. Den General scheint das nicht wenig aufzuregen, weshalb er denn recht wortkarg und nachdenklich ist. Natürlich handelt es sich um die Bábuschka. Auch der Franzmann ist aufgeregt. Gestern zum Beispiel hatte er gleich nach Tisch eine sehr lange und ernste Unterredung mit dem General. Das Benehmen dieses Franzosen gegen uns alle läßt viel zu wünschen übrig, da er mit jedem Tag hochmütiger wird und immer geringschätziger auf uns herabblickt. Auf ihn paßt vorzüglich das Sprichwort: »Setzt du ihn an den Tisch, so setzt er auch schon die Füße auf den Tisch.« Sogar gegen Polina benimmt er sich bis zur Unhöflichkeit nachlässig, doch hindert ihn das nicht, mit Vergnügen an den gemeinsamen Spaziergängen im Kurpark oder an den Ausfahrten in die Umgebung und an den Spazierritten teilzunehmen. Einzelne Motive der soi-disant-Freundschaft, die den General mit dem Franzosen verknüpft, sind mir bekannt. In Rußland wollten sie zusammen eine Fabrik gründen, nur weiß ich nicht, ob das Projekt bereits endgültig vergessen ist oder ob von ihm mitunter noch gesprochen wird. Außerdem habe ich zufällig noch ein gewisses Familiengeheimnis erfahren: der Franzose hat nämlich im vorigen Jahr dem General wirklich einmal aus der Verlegenheit geholfen, und zwar, indem er ihm mit dreißigtausend unter die Arme griff, als dieser bei Übergabe seines Amtes auch die ihm anvertrauten Staatsgelder übergeben mußte, von denen rund dreißigtausend abhanden gekommen waren. Selbstverständlich hat er den General seitdem am Gängelband. Jetzt aber, gerade jetzt spielt die Hauptrolle in der ganzen Geschichte nur Mademoiselle Blanche — darin täusche ich mich gewiß nicht.

Wer Mademoiselle Blanche ist? Nun, hier bei uns heißt es, sie sei eine vornehme Französin, die in Begleitung ihrer Mutter reist und ein kolossales Vermögen besitzt. Bekannt ist ferner, daß sie mit unserem Marquis verwandt ist, oder sein soll, jedoch nur ziemlich entfernt: Kusine oder noch um einen Grad weiter, oder so ungefähr. Man sagt aber, daß der Franzose und Mademoiselle Blanche vor meiner Fahrt nach Paris im Verkehr miteinander bedeutend zeremonieller gewesen seien, sich wenigstens weit rücksichtsvoller und diskreter vor der Gesellschaft gegeben hätten, während sich ihre Bekanntschaft, Freundschaft und Verwandtschaft jetzt viel plumper und gewissermaßen intimer äußert. Vielleicht erscheint ihnen unsere finanzielle Lage bereits so schlecht, daß sie sich die Mühe größerer Zeremonien sparen.

Schon vorgestern fiel es mir auf, wie kritisch Mister Astley Mademoiselle Blanche und deren Mutter betrachtete. Es ist fast anzunehmen, daß er sie früher gekannt hat. Und plötzlich schien es mir, daß er sogar unserem Franzosen bereits früher irgendwo begegnet sein müsse. Übrigens ist Mister Astley so schüchtern, menschenscheu und schweigsam, daß man sich wohl unter allen Umständen auf ihn verlassen kann — der wird nichts auf die Straße tragen! Wenigstens grüßt ihn der Franzose kaum und sieht ihn kaum an, folglich fürchtet er ihn nicht. Das Benehmen des Franzosen ist noch begreiflich, aber warum beachtet auch Mademoiselle Blanche den Engländer kaum? Das ist noch um so verwunderlicher, als der Franzose gestern im allgemeinen Gespräch — ich entsinne mich nicht mehr, wovon gerade die Rede war — die Bemerkung machte, daß Astley kolossal reich sei; er, der Marquis, wisse das ganz genau. Da hätte doch Mademoiselle Blanche den Mister ansehen müssen!

Kurz, der General fühlt sich sehr beunruhigt. Na, es ist ja begreiflich, wenn man bedenkt, was für ihn ein Telegramm mit der Nachricht vom Tode der Tante im Augenblick bedeuten würde!

Obschon ich mit Sicherheit zu bemerken glaubte, daß Polina absichtlich ein Gespräch mit mir zu vermeiden suchte, als verfolge sie damit einen bestimmten Zweck, so trug doch vielleicht auch ich einen Teil der Schuld, indem ich möglichst kühl und gleichgültig tat. Im geheimen aber hoffte ich die ganze Zeit, daß sie sich im nächsten Augenblick an mich wenden werde. Dafür habe ich gestern und heute meine Aufmerksamkeit hauptsächlich Mademoiselle Blanche zugewandt. Der arme General! Jetzt ist er doch so gut wie verloren. Im fünfundfünfzigsten Lebensjahr sich mit solch einer brennenden Leidenschaft zu verlieben, das ist natürlich mehr als ein Unglück. Und jetzt füge man noch hinzu, daß er als Witwer Kinder hat, daß sein Gut über und über verschuldet ist, und denke dann an das Frauenzimmer, in das er sich — ausgerechnet — verlieben mußte.

Mademoiselle Blanche ist hübsch. Nur… ich weiß nicht, ob ich mich verständlich ausdrücke, wenn ich sage, daß sie eines jener Gesichter hat, die einem unheimlich werden können. Ich wenigstens habe solche Frauenzimmer von jeher etwas gefürchtet. Sie wird mindestens ihre fünfundzwanzig Jahre alt sein, ist hoch gewachsen, mit breiten, vollen Schultern; ihr Haar und ihre Büste sind wundervoll. Ihre Gesichtsfarbe hat den gelblich-bräunlichen Schimmer der Südländerin, ihr Haar ist schwarz wie Tusche und in solcher Überfülle vorhanden, daß es für zwei Frisuren ausreichen würde. Ihre Augen sind braunschwarz, und das Weiße im Auge ist etwas gelblich. Ihr Blick ist frech. Die Zähne sind blendend weiß und die Lippen stets geschminkt. Ihr Lieblingsparfüm ist musc, das ihre Gestalt immer als leise Duftwolke umgibt. Sie kleidet sich sehr effektvoll, schick, doch zugleich mit viel Geschmack. Ihre Hände und Füße sind wohlgestalt. Sie hat eine Altstimme, die mitunter etwas belegt klingt. Wenn sie lacht, sieht man fast ihr ganzes Gebiß, aber sie lacht eigentlich selten. Gewöhnlich sitzt sie schweigend da und blickt frech die Anwesenden an — wenigstens pflegt sie in Polinas und Márja Filíppownas Gegenwart nur äußerst wenig zu sprechen. Übrigens, eine seltsame Neuigkeit: es heißt, Marja Filíppowna werde nach Rußland zurückreisen. Mir scheint, daß Mademoiselle Blanche ganz ungebildet ist, wenigstens was ihr Wissen betrifft, und vielleicht ist sie auch nicht mal von Natur klug, wenn man so sagen darf, doch dafür ist sie argwöhnisch und folglich vorsichtig, und außerdem scheint sie über viel instinktive Schlauheit zu verfügen. Ich glaube, ihr bisheriges Leben wird nicht ganz ohne Abenteuer abgelaufen sein. Ja, wenn ich aufrichtig sein soll, so glaube ich sogar, daß der Marquis überhaupt nicht ihr Cousin oder ein sonstwie Verwandter von ihr, und ihre Mutter auch nicht ihre leibliche Mutter ist. Doch wie man hört, sollen beide Damen in Berlin, wo wir sie kennenlernten, ziemlich vornehme Bekannte haben. Und was den Marquis betrifft, so scheint es doch wahr zu sein, obschon ich es immer noch stark bezweifle, daß er wirklich ein Marquis ist. Jedenfalls soll seine Zugehörigkeit zur anständigen Gesellschaft, wenigstens bei uns in Moskau und in einzelnen Städten Deutschlands, keinem Zweifel unterliegen. Nur weiß ich nicht, wie es sich damit in Frankreich verhält. Es heißt, er habe dort ein Château.

Ich dachte, während dieser zwei Wochen werde viel Wasser den Fluß hinabgeflossen, wollte sagen, es werde vieles geschehen sein; heute aber erscheint es mir noch immer sehr fraglich, ob es zwischen Mademoiselle Blanche und dem General endlich zu einer entscheidenden Aussprache gekommen ist. Wie gesagt, es hängt jetzt alles von unserem Vermögensstand ab, das heißt wieviel der General ihnen vorweisen kann. Wenn jetzt zum Beispiel die Nachricht käme, die alte Dame sei nicht gestorben und werde voraussichtlich nicht so bald sterben, so wird Mademoiselle Blanche — davon bin ich überzeugt — binnen kürzester Zeit verschwinden.

In der Tat, ich muß mich selbst darüber wundern, was für eine Klatschbase ich doch geworden bin. Wie lächerlich! Und wie mich das doch alles anekelt! Mit welchem Vergnügen würde ich hier allen und allem den Rücken kehren, oh! mit welch einem erlösenden Wonnegefühl ich es täte! Aber — kann ich mich denn von Polina trennen, kann ich es denn lassen, um sie herumzuspionieren? Zur Spionage gehört natürlich immer eine gewisse Gemeinheit, doch — was kümmert das mich?

Sehr interessiert hat mich gestern und heute auch Mister Astley. Ja, ich bin positiv überzeugt, daß er in Polina verliebt ist! Es ist ganz merkwürdig und sogar zum Lachen, wieviel mitunter der Blick eines verschämten und fast schon krankhaft keuschen Menschen, den plötzlich die Liebe gepackt hat, zu verraten vermag, und zwar gerade dann, wenn dieser Mensch lieber in die Erde versinken als durch einen Blick oder ein Wort etwas von seinen Gefühlen verraten möchte. Mister Astley begegnet uns sehr oft auf unseren Spaziergängen. Er grüßt und geht vorüber, äußerlich wie ein gleichgültiger Fremder, doch innerlich, versteht sich, vergeht er fast vor Verlangen, sich uns anzuschließen. Fordert man ihn aber dazu auf, so lehnt er es mit einer Entschuldigung sofort ab. An allen Ruhepunkten, im Kursaal, beim Springbrunnen oder vor dem Musikpavillon, kurz, wo wir uns gerade befinden, wird er unfehlbar irgendwo in unserer Nähe stehenbleiben; und wo wir auch sonst sein mögen, im Walde, auf der Promenade, im Park oder auf dem Schlangenberg — man braucht nur einmal aufzuschauen oder sich umzuschauen und mit tödlicher Sicherheit wird man in nächster Nähe oder hinter einem Gebüsch oder auf einem Nebenwege einen Zipfel von Mister Astley erblicken. Mir scheint, er sucht eine Gelegenheit, unter vier Augen mit mir zu sprechen. Heute morgen begegneten wir uns zufällig nicht in Gegenwart der anderen und wechselten ein paar Worte. Mitunter spricht er förmlich in abgerissenen Brocken. Noch hatte er mir nicht guten Tag gesagt, als er schon ohne Einleitung von Mademoiselle Blanche zu sprechen begann — wohl im Anschluß an die Gedanken, die ihn gerade beschäftigt haben mochten.

»Ja, Mademoiselle Blanche! … Ich habe viele solche Damen gesehen! … und ähnliche! …«

Ein bedeutsamer Seitenblick sollte wohl als Erläuterung dienen, allein ich bin wahrscheinlich dieser Redeweise gegenüber etwas schwer von Begriff, denn was er damit sagen wollte, habe ich mir noch immer nicht ganz zu erklären vermocht. Auf meine Frage, was er damit meine, erwiderte er nur mit listigem Lächeln und mit dem Kopfe nickend: »Das ist schon so.«

Und nach kurzer Pause fragte er plötzlich ganz unvermittelt:

»Liebt Miß Polina Blumen?«

»Das weiß ich nicht. Keine Ahnung«, erwiderte ich.

»Wie? Auch das wissen Sie nicht?« rief er höchst verwundert aus.

»Nein, in der Tat, ich weiß es nicht. Es ist mir nicht aufgefallen«, sagte ich lachend.

»Hm! Das bringt mich auf einen besonderen Gedanken.«

Und damit nickte er mir zu und ging weiter. Er sah übrigens sehr zufrieden aus. Wir sprachen Französisch miteinander, obwohl er diese Sprache sehr schlecht spricht.

4

Heute war es wirklich ein lächerlicher, ein unsinniger, ein geradezu blödsinniger Tag! Jetzt ist es elf Uhr nachts. Ich sitze in meinem Zimmer — von dem ich eigentlich nur im Diminutiv sprechen sollte —, sitze am Tisch und durchlebe in Gedanken nochmals den ganzen Tag.

Er begann damit, daß mich Polina Alexándrowna am Morgen doch zu zwingen wußte, nochmals für sie Roulette nn zu spielen. Ich nahm alle ihre hundertsechzig Friedrichsdore wieder mit, hatte aber zwei Bedingungen gestellt: erstens, daß ich den Gewinn nicht mit ihr teilen würde, das heißt wenn ich gewänne, so behielte ich nichts für mich; und zweitens, daß sie mir erklären müsse, wieviel und wozu sie das Geld zu gewinnen wünsche. Ich kann es mir nicht denken, daß sie einfach nur Geld gewinnen will, nur Geld! Nein, hier handelt es sich um etwas Ernstes. Sie braucht das Geld und sie möchte es sich möglichst bald verschaffen, und zwar zu einem ganz bestimmten Zweck. Nun, sie versprach, mir das später zu erklären, und ich ging.

In den Spielsälen war ein furchtbares Gedränge. Wie rücksichtslos sie doch alle sind und wie geldgierig! Ich drängte mich glücklich bis zu einem Tisch durch und stellte mich neben den Croupier. Ich begann etwas zaghaft zu spielen, setzte nur zwei bis drei Geldstücke auf einmal. Dabei machte ich meine Beobachtungen und merkte mir verschiedenes. Es scheint mir, daß alle diese Spielberechnungen sehr wenig wert sind, — oder zum mindesten nicht den Wert haben, den viele Spieler ihnen beilegen. Da sitzen sie mit ihren rubrizierten Papierblättern, notieren sorgfältig, was herausge- kommen ist, rechnen und berechnen, wägen die Chancen ab, rechnen nochmals nach, bevor sie endlich setzen und — verlieren ganz ebenso wie wir gewöhnlichen Sterblichen, die ohne Berechnung spielen. Dafür aber habe ich eine Beobachtung gemacht, die mir richtig scheint. In der Reihenfolge, in der die verschiedenen Farben und Zahlen gewinnen, liegt wirklich, wenn nicht gerade ein System, so doch ein gewisser Anklang an eine Regel, was natürlich sehr seltsam ist. So pflegten zum Beispiel nach den zwölf mittleren Ziffern gewöhnlich die zwölf ersten herauszukommen; zweimal, nehmen wir an, trifft es die zwölf ersten, dann geht es auf die zwölf letzten über. Nach den zwölf letzten folgen wieder die zwölf mittleren, die es drei- oder viermal nach der Reihe trifft, um dann wieder zu den zwölf ersten überzugehen, von denen es, nachdem es sie etwa zweimal getroffen hat, wieder zu den zwölf letzten zurückkehrt. Die letzten trifft es, sagen wir, nur einmal, dann kommen dreimal wieder die zwölf mittleren an die Reihe, und so geht es weiter, anderthalb oder gar zwei Stunden lang. Immer eins, drei und zwei. Das ist sehr merkwürdig. — An einem andern Tage oder nur Vormittage kommt es dagegen vor, daß Rot immer mit Schwarz abwechselt; bald dies, bald jenes, es wechselt alle Augenblicke, und eine Regel besteht dann insofern, als es weder die eine noch die andere Farbe mehr als zwei- oder dreimal nach der Reihe trifft. An einem anderen Tage oder Abend wiederum kommt nur die eine Farbe, Rot zum Beispiel, Schlag auf Schlag heraus, mehr als zweiundzwanzigmal nach der Reihe, dann tritt plötzlich eine kleine Unterbrechung ein und — wieder folgt Rot, Rot, Rot. Und das dauert mitunter eine lange Zeit, zuweilen sogar einen ganzen Tag. Einige dieser Beobachtungen hat mir Mister Astley erzählt. Er scheint viel beobachtet zu haben. Heute stand er den ganzen Morgen über am Spieltisch, hat aber selbst nicht ein einziges Mal gesetzt. Was nun mich betrifft, so habe ich heute alles verspielt, alles bis aufs Letzte, und das ging sehr schnell.

Ich begann damit, daß ich sogleich zwanzig Friedrichsdore auf Paar setzte und gewann, nochmals setzte und nochmals gewann, und so noch drei oder viermal. Wenn ich nicht irre, hatte ich in einigen Minuten vierhundert Friedrichsdore gewonnen. Da wäre es richtig gewesen, fortzugehen. In mir aber stieg etwas Seltsames auf: ich glaube, es war das Verlangen, das Schicksal herauszufordern, ihm ein Schnippchen zu schlagen, ihm einfach die Zunge zu zeigen! Ich setzte die größte Summe, die den Spielern gestattet wird, viertausend Gulden, und verlor. Das erregte mich, ich nahm alles heraus, was ich bei mir hatte, und setzte es auf dieselbe Zahl und verlor wieder. Wie betäubt verließ ich den Tisch. Ich begriff: zunächst nicht einmal, was geschehen war, und teilte Polina Alexándrowna erst kurz vor Tisch mit, daß ich alles verspielt hatte. Bis dahin irrte ich die ganze Zeit im Park umher.

Bei Tisch lebte ich wieder auf und wurde gesprächig, ähnlich wie vorgestern. Der Franzose und Mademoiselle Blanche speisten wieder mit uns. Es stellte sich heraus, daß Mademoiselle Blanche am Morgen gleichfalls im Spielsaal gewesen war und meine Heldentat gesehen hatte. Sie verhielt sich diesmal etwas aufmerksamer zu mir. Der Franzose ging offener vor und fragte mich ohne Umschweife, ob es denn wirklich mein eigenes Geld gewesen sei, das ich verspielt habe. Das kam mir so vor, als habe er Polina in Verdacht. Jedenfalls muß etwas dahinter stecken. Ich beschloß natürlich sofort, nicht die Wahrheit zu sagen, und bestätigte, daß es mein eigenes Geld gewesen sei.

Der General war darob höchst verwundert: wie war ich in den Besitz einer so hohen Summe gelangt? Ich erklärte, daß ich mit zehn Friedrichsdor das Spiel begonnen und Schlag auf Schlag den Einsatz verdoppelt, bis ich nach etwa sieben Sätzen fast sechstausend Gulden gewonnen und dann in zwei Einsätzen wieder verloren hatte.

Das klang alles ziemlich glaubwürdig. Während ich dieses erzählte, blickte ich flüchtig zu Polina hinüber, wurde aber nicht klug aus ihrem Gesichtsausdruck. Aber sie ließ mich doch ruhig lügen; daraus schloß ich, daß ich das Richtige tat, indem ich nicht die Wahrheit sagte und es verheimlichte, für wen ich gespielt hatte.

»Jedenfalls ist sie mir jetzt eine Aufklärung des Sachverhalts schuldig«, dachte ich bei mir, und sie hat mir doch versprochen, mir noch anderes mitzuteilen.

Ich erwartete eigentlich, daß der General mir noch eine Bemerkung machen werde, er schwieg aber wohlweislich. Ich sah ihm deutlich an, wie aufgeregt und ängstlich er war. Vielleicht fiel es ihm in seiner finanziell so peinlichen Lage einfach nur schwer, ruhig anzuhören, wie ein so großer Haufen Gold einem so unschlauen Dummkopf wie mir in den Schoß gefallen war, und wie dieser unbedachte Dummkopf ihn nicht festzuhalten verstanden hatte.

Ich vermute, daß er und der Franzose gestern abend stark aneinandergeraten sind. Ich weiß, daß sie bei verschlossenen Türen sehr erregt gesprochen haben. Der Franzose verließ ihn darauf sichtlich gereizt, um sich heute schon früh am Morgen wieder mit ihm einzuschließen und wahrscheinlich das gestrige Gespräch fortzusetzen.

Nachdem ich: von meinem Spielerlebnis erzählt hatte, machte der Franzose in beißendem und sogar boshaftem Ton die Bemerkung, daß man vernünftiger sein müsse, und nach kurzer Pause fügte er hinzu — ich weiß nicht, wie er darauf kam —, daß von den Russen zwar viele spielten, sie jedoch nicht einmal zu spielen verstünden.

»Meiner Meinung nach aber ist das Spiel speziell für die Russen erfunden«, sagte ich.

Und als der Franzose als Antwort auf meine Bemerkung nur verächtlich auflachte, äußerte ich mich dahin, daß die Wahrheit doch augenscheinlich auf meiner Seite sei, da ich, wenn ich die Russen als Spieler kritisierte, weit mehr Schlechtes als Gutes von ihnen sagte und man mir folglich glauben könne. ’

»Womit begründen Sie denn Ihre Meinung?« fragte mich darauf der Franzose.

»Damit, daß im Katechismus der Tugend- und Ehrbegriffe des zivilisierten Westeuropäers die Fähigkeit, Kapital zu erwerben, in historischer Entwicklung fast zum ersten Hauptstück geworden ist. Der Russe dagegen ist nicht nur unfähig, Kapital zu erwerben, er ist auch im Verschwenden von Geld ganz unbedacht und formlos. Leider können aber auch wir Russen nicht ohne Geld auskommen«, fuhr ich fort, »wir haben es zuweilen sehr nötig und da sind wir sehr froh über solche Erwerbsmöglichkeiten, wie sie im Spiel, im Roulette zum Beispiel, geboten werden, und gehen mit Vergnügen auf den Leim. Denn so ohne Arbeit, ohne Mühe und Geduld in zwei Stunden reich zu werden, das ist gerade das, was wir wollen. Und da wir auch im Spiel unbedacht sind und jede Mühe scheuen, so verspielen wir eben, was wir gewinnen.«

»Das ist zum Teil richtig«, bemerkte der Franzose selbstzufrieden.

»Nein, das ist keineswegs richtig, und Sie sollten sich schämen, so von Ihrem Volk und Vaterlande zu sprechen!« bemerkte der General streng und mit vielsagendem Nachdruck.

»Aber ich bitte Sie«, versetzte ich schnell, »damit ist ja noch längst nicht gesagt, was nun eigentlich widerlicher ist, die russische Neigung zur Unanständigkeit im Erwerb oder die deutsche Methode des Sparens durch anständigen Fleiß.«

»Was für ein schändlicher Gedanke!« rief der General aus.

»Was für ein russischer Gedanke!« rief der Franzose.

Ich lachte. Es machte mir Spaß, sie zu foppen.

»Nun, was mich betrifft«, sagte ich lachend, »so würde ich es vorziehen, mein ganzes Leben nomadisierend nach Kirgisenart zu verbringen als — den deutschen Götzen anzubeten.«

»Was für einen Götzen?« fuhr der General auf; er begann sich ernstlich zu ärgern.

»Die deutsche Art und Weise, Geld zusammen zu sparen. Ich bin noch nicht lange in Deutschland, doch was ich hier zu beobachten und zu vergleichen Gelegenheit habe, das empört mein tatarisches Rassegefühl. Bei Gott, ich danke für solche Tugenden! Ich bin hier gestern wohl über zehn Werst weit in der Umgegend herumgekommen. Und ich finde, daß alles genau so ist, wie in den moralpredigenden deutschen Bilderbüchern. Jedes Familienoberhaupt ist hier ein entsetzlich tugendhafter und außerordentlich ehrbarer Vater. Er ist schon so ehrbar, daß einem wider Willen bange wird, wenn man sich ihm nähert. Ich kann aber ehrbare Leute von diesem Schlage, denen man kaum näherzutreten wagt, nicht ausstehen. Jeder dieser Väter hat natürlich eine Familie, und abends wird aus lehrreichen Büchern laut vorgelesen. Über dem Häuschen rauschen Ulmen und Kastanienbäume. Dazu Sonnenuntergang, ein Storchennest auf dem Dach — und alles ist überaus poetisch und rührend … Ärgern Sie sich nicht, Exzellenz, es lohnt nicht! Erlauben Sie mir lieber, es noch rührender zu erzählen. Ich erinnere mich noch sehr gut, wie mein verstorbener Vater abends unter den Linden in unserem Garten mir und meiner Mutter aus ähnlichen Büchern vorlas… Ich kann also darüber urteilen. Nun, so lebt denn jede dieser Familien hierzulande in vollkommener Hörigkeit und widerspruchslosem Gehorsam beim Familienvater. Alle arbeiten sie wie die Jochochsen, und alle sparen sie Geld wie die Juden. Nehmen wir an, der Vater hat schon so und so viele Taler zusammengespart und beabsichtigt, dem ältesten Sohn, der das Handwerk des Vaters erlernt hat, seine Werkstätte mit allem Zubehör oder sein Stück Land zu vererben. Deshalb wird der Tochter keine Mitgift ausgesetzt und sie bleibt eine alte Jungfer. Deshalb muß auch der jüngere Sohn sich als Knecht verdingen oder als Soldat seinen Lohn suchen, und das Geld, das damit erspart wird, kommt zum Familienerbkapital. Tatsächlich, so wird es hier gemacht; ich habe mich erkundigt. Alles wird einzig aus Ehrbarkeit getan, fast sogar aus einer Art Überehrbarkeit, die in allem so weit geht, daß sogar der verkaufte jüngere Sohn daran glaubt, man habe nur aus lobesamer Ehrbarkeit sein Leben verkauft. Das aber ist doch schon einfach ideal, wenn das Opfer sich selbst darüber freut, daß man es schlachtet. Und was nun weiter? Weiter sehen wir, daß der Älteste es deshalb doch nicht leichter hat. Denn es lebt dort irgendwo ein Amalchen, dessen Herz sich zu seinem Herzen gefunden hat, doch heiraten darf er sie nicht, da vorher noch soundso viel Taler gespart werden müssen. Und so warten sie beide sittsam und von Herzen aufrichtig und sehen beide gleichfalls mit einem Lächeln ihrem Opfer zu. Amalchen beginnt zu welken, die Wangen fallen ein, doch was hat das schon zu sagen! Endlich, nach etwa zwanzig Jahren, ist der Besitzstand ein wesentlich besserer geworden, die Taler sind ehrlich und tugendsam zusammengespart. Der Vater segnet seinen vierzigjährigen Altesten und das fünfunddreißigjährige Amalchen mit der eingefallenen Brust und der rotgewordenen Nasenspitze… Bei der Gelegenheit vergießt er eine Träne; predigt noch Moral und stirbt bald darauf. Der Älteste wird nun seinerseits ein tugendsamer Vater, und es fängt wieder dieselbe Geschichte an … So nach fünfzig oder siebzig Jahren hat dann der Enkel jenes ersten Vaters schon ein ganz ansehnliches Vermögen, das er wieder seinem ältesten Sohne vermacht, dieser hinterläßt es wieder seinem Sohne, dieser wieder seinem und so weiter, bis endlich ein Sproß nach fünf oder sechs Generationen so etwas wie ein zweiter Baron Rothschild wird oder Hoppe und Kompagnie oder der Teufel weiß was sonst. Nun, wie sollte da der Anblick dieser Ahnenreihe kein erhebendes Schaustück sein: hundert- oder zweihundertjähriger Fleiß, Geduld, Verstand und Ehrlichkeit, praktische Berechnung, Charakter und Festigkeit, und dazu ein Storchennest auf dem Dach! Was will man mehr? Das ist doch das Höchste, was es gibt, und von diesem Standpunkt aus beginnen sie selbst die ganze Welt zu beurteilen und die Schuldigen, das heißt solche, deren Lebensweise der ihrigen mehr oder weniger unähnlich ist, ohne weiteres zu verdammen, und zwar schonungslos. Nun, ich für meine Person wollte nur sagen, daß ich denn doch vorziehe, nach russischer Art das Leben zu verschwelgen und durch das Roulette ein Vermögen zu erwerben. Ich danke dafür, nach fünf Generationen Hoppe und Co. zu sein! Ich will mein Geld für mich besitzen, und mir soll es gehören, nicht ich ihm, denn niemals könnte ich mich als Zugabe zum Kapital, als Nebensache betrachten… Das heißt, pardon, ich weiß übrigens selbst, daß ich Unsinn zusammengeredet und entsetzlich übertrieben habe, aber mag es nun einmal so sein. Ich bleibe dabei, was ich gesagt habe.«

»Ich weiß nicht, ob viel Wahres daran ist, was Sie gesagt haben«, bemerkte der General nachdenklich. »nur weiß ich dafür sehr genau, daß Sie sich selbst zu überbieten suchen, sobald man Ihnen nur ein bißchen erlaubt, sich zu vergessen…«

Wie gewöhnlich brach er wieder kurz ab. Wenn unser General irgend etwas Bedeutsameres sagen will, etwas, das ein wenig über dem Niveau der alltäglichen Unterhaltung steht, so spricht er seine Gedanken nie ganz aus. Der Franzose hörte nachlässig zu und machte kalbige Augen. Er hat wohl kaum etwas davon begriffen, was ich sagte. Polina schaute mit einem gewissen hochmütigen Gleichmut drein. Es hatte fast den Anschein, als habe sie nicht nur mich, sondern alles heute bei Tisch Gesprochene überhört.

5

Ihre Gedanken waren mit etwas ganz Anderem beschäftigt; das sah man ihr an; doch sogleich nach Tisch sagte sie zu mir, ich solle sie auf einem Spaziergang begleiten. Wir nahmen die Kinder mit und gingen in den Park zum Springbrunnen.

Da ich in ganz besonders aufgeregter Stimmung war, platzte ich dumm und grob mit der Frage heraus, weshalb denn unser Marquis des Grieux,4 so heißt mein Franzmann, sie jetzt weder auf ihren Spaziergängen begleite noch sich mit ihr wie früher unterhalte. Es war mir aufgefallen, daß er oft tagelang kein Wort mit ihr sprach.

»Weil er ein verächtliches Subjekt ist«, sagte sie seltsamerweise.

Noch nie hatte ich von ihr eine solche Außerung über des Grieux gehört und ich schwieg unwillkürlich. Ich fürchtete mich, nach einer Erklärung dieser Gereiztheit zu suchen.

»Haben Sie nicht bemerkt, daß er und der General heute nicht gut aufeinander zu sprechen sind?«

»Damit wollen Sie wohl fragen, um was es sich handelt?« fragte sie trocken und gereizt. »Sie wissen doch, daß der General von ihm Geld geliehen, wofür er ihm Wechsel ausgestellt und das ganze Gut verpfändet hat, so daß des Grieux, falls die Bábuschka nicht stirbt, sogleich in den Besitz dessen treten kann, was er als Pfand bereits in der Hand hat.«

»Ah, dann ist es also wirklich wahr, daß alles verpfändet ist? Ich habe davon gehört, nur wußte ich nicht, ob es sich tatsächlich um alles handelte.«

»Um was denn sonst?«

»Nun, dann Adieu, Mademoiselle Blanche«, bemerkte ich, »dann ist’s nichts mit der Generalin! Aber wissen Sie, mir scheint, der General ist so verliebt, daß er sich womöglich erschießen wird, wenn Mademoiselle Blanche ihn verläßt. In seinen Jahren sich so zu verlieben, ist sehr gefährlich.«

»Ja, auch ich glaube, daß man sich in dem Fall auf etwas Schlimmes wird gefaßt machen müssen«, sagte Polina Alexándrowna nachdenklich vor sich hin.

»Und wie wundervoll deutlich das wäre!« lachte ich. »Nicht wahr, deutlicher könnte man es doch nicht gut zeigen, daß sie es nur auf sein Geld abgesehen hat! Hier wird ja nicht einmal der äußere Anstand gewahrt, nicht einmal um den Schein ist es ihr zu tun! Wundervoll! Und was die Bábuschka betrifft, was kann es Lächerlicheres und Schmutzigeres geben, als Depesche auf Depesche abzusenden mit ewig derselben gierigen Frage: Ist sie tot? — ist sie schon gestorben? stirbt sie? … Wie gefällt Ihnen das, Polina Alexandrowna?«

»Lassen Sie doch den Unsinn!« schnitt sie kurz ab. »Ich wundere mich nur, daß er Sie in so gute Laune versetzt. Worüber freuen Sie sich denn? Etwa darüber, daß Sie mein Geld verspielt haben?«

»Warum gaben Sie es mir zum Verspielen? Ich sagte Ihnen doch, daß ich nicht für andere spielen kann, und für Sie am allerwenigsten! Ich werde jeden Ihrer Befehle ausführen, gleichviel welcher Art er sein sollte, doch die Folgen hängen nicht von mir ab. Ich sagte Ihnen im voraus, daß nichts dabei herauskommen werde. Sagen Sie, ist es Ihnen sehr nahe gegangen, daß Sie so viel Geld verloren haben? Wozu haben Sie so viel nötig?«

»Was sollen diese Fragen?«

»Aber Sie haben doch selbst versprochen, mir das zu erklären… Hören Sie: ich bin fest überzeugt, daß ich, wenn ich für mich zu spielen beginne — ich besitze zwölf Friedrichsdore — unfehlbar gewinnen werde. Nehmen Sie dann von mir, soviel Sie wollen!«

Sie machte eine verächtliche Miene.

»Ärgern Sie sich nicht über dieses Angebot meinerseits«, fuhr ich fort. »Ich bin ja doch so durchdrungen von dem Bewußtsein, daß ich vor Ihnen eine Null bin — das heißt, in Ihren Augen —, daß Sie sogar Geld von mir annehmen können. Sie können sich durch ein Geschenk von mir nicht beleidigt fühlen. Und außerdem habe ich ja das Ihrige verspielt.«

Sie warf einen raschen Blick auf mich, und als sie sah, daß ich gereizt war und sarkastisch sprach, gab sie dem Gespräch schnell eine andere Wendung, indem sie der Fortsetzung zuvorkam.

»Es ist nichts, was Sie interessieren könnte«, sagte sie rasch. »Wenn Sie es durchaus wissen wollen, — ich schulde es einfach. Ich habe Geld geborgt und würde es gern zurückgeben. Und da kam der dumme und seltsame Einfall, daß ich hier im Spiel unbedingt gewinnen würde. Wie ich auf diesen Gedanken gekommen bin, begreife ich jetzt selbst nicht, aber ich glaubte an ihn, ich war überzeugt, daß es so sein werde. Wer weiß, vielleicht glaubte ich nur deshalb an ihn, weil mir sonst keine andere Rettungsmöglichkeit zur Auswahl blieb.«

»Oder weil Sie es schon gar zu nötig hatten. Das ist ganz wie bei einem Ertrinkenden, der nach einem Strohhalm greift: unter anderen Umständen würde er ihn doch gewiß nicht für einen Balken halten, der ihn retten könnte oder kann.«

Polina schien erstaunt zu sein.

»Wie, ich verstehe Sie nicht … Haben Sie denn Ihre Hoffnung nicht auf ganz dasselbe gesetzt?« fragte sie mich. »Haben Sie mir nicht noch vor zwei Wochen lang und breit erklärt, daß Sie vollkommen überzeugt seien, hier am Roulette zu gewinnen, und sagten Sie nicht, ich solle Sie deshalb nicht für wahnsinnig halten? Oder scherzten Sie damals nur? Soviel ich mich erinnere, sprachen Sie in so ernstem Ton, daß man es unter keinen Umständen als Scherz hätte auffassen können.«

»Es ist wahr, ich bin fest überzeugt, daß ich gewinnen werde … Sonderbar«, fuhr ich nach kurzem Besinnen fort, »Sie haben mich auf eine naheliegende Frage gebracht: weshalb mein heutiger unsinniger und dummer Verlust diese meine Zuversicht nicht durch den geringsten Zweifel beeinträchtigt? Denn ich bin nach wie vor unerschütterlich überzeugt, daß ich, sobald ich für mich selbst zu spielen beginne, unfehlbar gewinnen werde.«

»Woher denn diese Siegesgewißheit?«

»Wenn ich aufrichtig sein soll: ich weiß es nicht. Ich weiß nur, daß ich gewinnen muß, daß es gleichfalls meine einzige Rettungsmöglichkeit ist. Nun, und deshalb scheint es mir denn vielleicht, daß ich unfehlbar gewinnen werde.«

»Also auch Sie haben es ›schon gar zu nötig‹, wenn Sie so fanatisch daran glauben.«

»Ich wette, daß Sie natürlich daran zweifeln, ich könnte wirklich ein ernst zu nehmendes Bedürfnis haben!«

»Das ist mir ganz gleichgültig«, sagte sie halblaut, ruhig, gleichmütig. »Wenn Sie wollen — ja, ich bezweifle, daß etwas Ernstes Sie quält. Sie können sich vielleicht quälen, jedoch nicht ernstlich. Sie sind ein zerfahrener und unbeständiger Mensch. Wozu brauchen Sie Geld? Wenigstens habe ich unter all jenen Gründen, die Sie mir damals aufzählten, keinen einzigen gefunden, der wirklich ernst zu nehmen wäre.«

»A propos«, unterbrach ich sie, »sagten Sie nicht, daß Sie eine Schuld zurückzahlen wollten? Das muß ja ein nettes Sümmchen sein! — Doch nicht etwa dem Franzmann?«

»Was für Fragen! Sie sind ja heute ganz besonders … oder sind Sie vielleicht betrunken?«

»Sie wissen, daß ich Ihnen erlaube, mir alles zu sagen, und dafür meinerseits ebenso frei frage. Ich wiederhole Ihnen: ich bin Ihr Sklave, vor einem Sklaven aber schämt man sich nicht, und ein Sklave kann auch nicht beleidigen.«

»Reden Sie keinen Unsinn! Ich kann Ihre Sklaventheorie nicht ausstehen!«

»Vergessen Sie nicht, daß ich nicht deshalb von meiner Sklaverei rede, weil ich etwa Ihr Sklave zu sein wünsche, sondern einfach — weil es eine Tatsache ist, die nicht von mir abhängt.«

»Sagen Sie ganz offen — wozu brauchen Sie das Geld?«

»Wozu brauchen Sie das zu wissen?«

»Wie Sie wollen«, sagte sie schroff und wandte stolz den Kopf ab.

»Die Sklaventheorie sagt Ihnen nicht zu, aber sklavischen Gehorsam verlangen Sie doch wie etwas Selbstverständliches. ›Antworten, nicht denken, wenn ich frage!‹ Schön, mag es so sein. Wozu ich das Geld brauche, fragen Sie? Wie denn! Geld bedeutet doch — alles!«

»Ich verstehe. Aber deshalb braucht man doch nicht irrsinnig zu werden, wenn man es sich bloß wünscht! Sie gehen ja schon bis zum Fanatismus, sogar bis zum Fatalismus. Da kann es nicht anders sein, Sie müssen ein bestimmtes Ziel haben, Sie wollen damit etwas Besonderes bezwecken. Also sprechen Sie es offen aus, ohne Umschweife, ich will es so!«

Sie ärgerte sich, und mich freute es ungeheuer, daß sie so nachdrücklich darauf bestand. Der Grund interessierte sie also doch.

»Selbstverständlich verfolge ich damit ein bestimmtes Ziel«, sagte ich, »nur verstehe ich nicht, es Ihnen zu erklären. Es ist nichts weiter, als daß ich mit Geld in der Tasche auch in Ihren Augen ein ganz anderer Mensch und nicht mehr ein elender Sklave sein werde.«

»Was? Wie wollen Sie das erreichen?«

»Wie ich das erreichen will? … Sie halten also nicht einmal die Möglichkeit für möglich, daß ich es erreichen könnte, von Ihnen anders denn als Sklave betrachtet zu werden! … Nun, sehen Sie, gerade das ist es, was ich nicht will, eine solche Verwunderung und Verständnislosigkeit!«

»Sie haben mir gesagt, diese Sklaverei sei für Sie eine Wonne. Und ich habe es mir selbst auch so gedacht.«

»Sie haben es sich selbst auch so gedacht!« entfuhr es mir unwillkürlich und ich empfand dabei plötzlich eine seltsame Genugtuung, die mit Schmerz und Entzücken gepaart war. »Ach, wie diese Ihre Naivität doch schön ist! Nun ja, ja, Ihr Sklave zu sein — ist für mich ein Genuß. Es gibt, glauben Sie mir, es gibt ein Lustgefühl, das man in dem Bewußtsein empfinden kann, auf der letzten Stufe der Erniedrigung und Nichtigkeit zu stehen!« delirierte ich fast wie im Fieber. »Weiß der Teufel, vielleicht empfindet man es auch unter der Knute, wenn der Riemen einem über den Rücken leckt und das Fleisch zerfetzt. … Ich will aber vielleicht auch noch andere Genüsse auskosten. Der General hat mir doch vorhin bei Tisch in Ihrer Gegenwart Moral gepredigt für siebenhundert Rubel im Jahr, die ich vielleicht noch nicht einmal von ihm erhalten werde. Marquis des Grieux betrachtet mich mit hochgezogenen Augenbrauen oder bemerkt mich nicht. Ich aber, nun, ich wünsche vielleicht nichts so sehr und trage vielleicht kein leidenschaftlicheres Verlangen, als diesen Monsieur le Marquis in Ihrer Gegenwart an der Nase zu ziehen!«

»Sie reden wie ein Milchbart. In jeder Lage kann man sich durch sein Auftreten Achtung verschaffen. Und wenn es hierbei einen Kampf gilt, so kann man durch ihn an Achtung eher gewinnen als verlieren.«

»Wie ein Aphorismus aus dem Schönschreibeheft! Sie nehmen an, daß ich eben nicht so würdevoll aufzutreten verstehe. Das heißt, daß ich — nun ja — vielleicht auch ein ganz achtbarer Mensch sei, mir aber doch keine Achtung zu verschaffen wisse. Also eigene Schuld? Das ist es doch, was Sie meinen? Ja, aber so sind doch alle Russen, und wissen Sie warum? — Weil die Russen gar zu reich und vielseitig begabt sind, um schnell eine anständige Form für sich zu finden. Und hierbei handelt es sich doch gerade nur um die Form. Größtenteils sind wir aber, wir Russen, so reich begabt, daß wir zur Gestaltung einer uns angemessenen neuen Form des Anstands direkt Genialität besitzen müßten. Nun, diese Genialität aber fehlt uns gewöhnlich, zumal sie überhaupt ein seltenes Ding ist. Nur bei den Franzosen und, sagen wir, auch bei einigen anderen Europäern steht die Form bereits so fest, und man hat sich schon so lange in ihr geübt, daß man äußerlich den größten Anstand markieren kann, selbst wenn man innerlich der niederträchtigste Mensch ist. Deshalb wird bei ihnen auch so viel Gewicht gelegt auf die Form. Deshalb hat diese so viel bei ihnen zu bedeuten. Der Franzose wird eine Beleidigung, eine wirkliche, tiefe Beleidigung, gelassen ertragen, wird sie ruhig einstecken, wird nicht einmal mit der Wimper zucken, einen Nasenstüber aber wird er unter keinen Umständen ertragen, denn ein Nasenstüber verletzt die einmal festgesetzten, durch das Alter von Jahrhunderten geheiligten Anstandsformen. Deshalb sind denn auch unsere Damen so eingenommen von den Franzosen, eben weil sie sich von den äußeren Umgangsformen bestechen lassen. Ich verstehe sie nicht. Meiner Ansicht nach ist da überhaupt keine Form vorhanden, ich sehe in ihnen nur den Hahn, le coq gaulois. Übrigens kann ich das wohl deshalb nicht verstehen, weil ich es nicht beurteilen kann: ich bin keine Dame. Vielleicht sind Hähne gerade das Richtige … Übrigens, pardon, ich bin wieder aus dem Konzept geraten, und Sie haben mich nicht unterbrochen. Unterbrechen Sie mich öfter, wenn ich mit Ihnen rede … Ich will alles aussprechen, alles, endlich einmal alles! Ich verliere jede Form. Ich gebe sogar zu, daß ich nicht nur keine Form, daß ich nicht einmal irgendwelche Würde habe. Ich teile Ihnen das selbst mit, wie Sie sehen. Ja, und es liegt mir auch nichts an all den Würden; ich begehre keine einzige von ihnen und mache mir nicht einmal Sorgen darüber. Es stockt jetzt alles in mir. Sie wissen, weshalb. Ich habe keinen einzigen menschlichen Gedanken im Kopf. Schon seit Monaten weiß ich nicht mehr, was in der Welt geschieht, weder in Rußland noch hier. Da bin ich zum Beispiel durch Dresden gefahren, ich weiß aber nichts mehr davon. Sie wissen, was mich so absorbiert hat. Doch da ich nicht die geringste Hoffnung habe und in Ihren Augen eine vollständige Null bin, so kann ich es Ihnen offen sagen: ich sehe nur Sie überall, das übrige ist mir gleichgültig. Wie, warum und wofür ich Sie liebe — ich weiß es nicht. Wissen Sie, vielleicht sind Sie gar nicht einmal schön? Stellen Sie sich vor, ich weiß es nicht, ob Sie schön sind oder nicht, ich weiß nicht einmal, wie Ihr Gesicht aussieht. Sie haben gewiß kein gutes Herz, und es ist sehr möglich, daß Ihr ganzer geistiger Mensch nicht edel ist.«

»Dann rechnen Sie vielleicht deshalb darauf, mich mit Geld kaufen zu können«, sagte sie, »weil Sie mich für unedel halten?«

»Wann habe ich darauf gerechnet, Sie mit Geld kaufen zu können?« rief ich aufs äußerste erregt.

»Sie verrieten sich vorhin. Wenn nicht gerade mich zu kaufen, so glauben Sie doch, meine Achtung mit Geld in der Tasche erkaufen zu können.«

»Ach nein, das war nicht ganz so gemeint. Ich sagte Ihnen doch, daß es mir schwer fällt, mich zu erklären. Sie erdrücken mich mit Ihrer Gegenwart. Ärgern Sie sich nicht über mein Geschwätz. Sie sehen doch ein, weshalb Sie sich nicht über mich ärgern dürfen? Ich bin doch einfach ein Wahnsinniger. Übrigens ist mir alles gleich, ärgern Sie sich meinetwegen soviel Sie wollen. Oben in meinem Zimmer brauche ich mich nur an das Rauschen Ihres Kleides zu erinnern, und ich könnte mir die Hände zerbeißen. Und weshalb ärgern Sie sich denn über mich? Etwa deshalb, weil ich mich einen Sklaven nenne? Bedienen Sie sich, bedienen Sie sich nur meiner Sklaverei, bedienen Sie sich ihrer! Wissen Sie, daß ich Sie einmal töten werde? Und nicht aus Eifersucht oder weil ich aufhörte, Sie zu lieben, sondern so; ich werde Sie einfach töten, denn — es verlangt mich zuweilen so maßlos, Sie zu zerreißen, Sie zu ver… schlingen! Sie lachen…«

»Ich lache durchaus nicht!« fuhr sie zornig auf. »Ich befehle Ihnen aber zu schweigen!«

Sie blieb stehen und rang fast nach Atem vor Zorn. Bei Gott, ich weiß nicht, ob sie in diesem Augenblick schön war, aber ich liebte es, wenn sie so vor mir stehenblieb, und deshalb rief ich gern ihren Zorn hervor. Vielleicht hatte sie das bemerkt und stellte sich absichtlich erzürnt. Ich sagte ihr das.

»Pfui, wie schmutzig!« sagte sie angeekelt.

»Mir ist alles gleich«, fuhr ich fort. »Wissen Sie, daß es für uns gefährlich ist, so zu zweit zu gehen? Es hat mich schon mehr als einmal unwiderstehlich getrieben, Sie zu prügeln, Sie zu verstümmeln, zu erwürgen. Und meinen Sie, daß es nicht dazu kommen werde? Sie machen mich irrsinnig, ich fange an zu delirieren. Oder glauben Sie etwa, ich fürchtete einen Skandal? Oder Ihren Zorn? Was ist mir Ihr Zorn? Ich liebe Sie, ohne mir die geringste Hoffnung machen zu können, und ich weiß, daß ich Sie nachher noch tausendmal mehr lieben werde. Wenn ich Sie einmal umgebracht habe, werde ich auch mir das Leben nehmen müssen. Nun wohl. … so werde ich denn meinen eigenen Tod so lange wie möglich hinausschieben, um diesen unerträglichen Schmerz, ohne Sie zu leben, ganz, ganz auskosten zu können. Wissen Sie, ich werde Ihnen etwas Unglaubliches sagen: ich liebe Sie mit jedem Tage mehr — wie ist das nur möglich? Und da soll ich nicht Fatalist werden? Erinnern Sie sich noch, was ich Ihnen auf dem Schlangenberge auf Ihre Herausforderung hin zuflüsterte? — ›Ein Wort von Ihnen, und ich springe in den Abgrund.‹ Und wenn Sie damals dieses Wort gesprochen hätten, so wäre ich hinabgesprungen. Oder glauben Sie, ich hätte nicht Wort gehalten?«

»Hören Sie auf mit Ihrem dummen Geschwätz!« unterbrach sie mich geärgert.

»Was geht das mich an, ob es dumm oder klug ist!« rief ich aus. »Ich weiß nur, daß ich in Ihrer Gegenwart sprechen muß, immer nur sprechen, daß ich versuchen muß, alles auszudrücken — und so versuche ich es denn. Ich verliere jede Eigenliebe in Ihrer Gegenwart, es ist mir alles so gleichgültig.«

»Wozu sollte ich Sie veranlassen, vom Schlangenberg hinabzuspringen?« fragte sie trocken und irgendwie besonders beleidigend. »Das wäre für mich doch ganz nutzlos.«

»Nutzlos … Prachtvoll!« rief ich. »Sie haben absichtlich dieses Wort gewählt, dieses ›nutzlos‹, um mich ganz und gar unter die Füße zu treten. Ich durchschaue Sie vollkommen. ›Nutzlos‹, sagen Sie? Aber ein Vergnügen ist doch niemals ›nutzlos‹, und gar erst wilde, grenzenlose Macht über ein Wesen — und wenn’s auch nur eine Fliege ist — ist doch ein ganz besonderer Genuß. Der Mensch ist von Natur ein Despot und liebt es, zu quälen. Sie lieben es ungeheuer.«

Ich weiß noch, sie musterte mich mit einem ganz eigentümlich forschenden, aufmerksamen, unbeweglichen Blick. Mein Gesicht muß wohl alle meine sinnlosen Empfindungen widergespiegelt haben. Ich glaube, daß ich unser Gespräch hier wirklich Wort für Wort wiedergegeben habe. Meine Augen waren blutunterlaufen, an den Mundwinkeln klebte, glaube ich, Schaum. Was aber den Schlangenberg betrifft, so schwöre ich bei meiner Ehre, daß ich, wenn sie mir damals befohlen hätte, mich hinabzustürzen, unfehlbar mein Wort gehalten hätte und hinabgesprungen wäre! Und hätte sie es auch nur zum Scherz gesagt oder mit der größten Verachtung, mich gleichsam anspeiend — ich wäre auch dann in den Abgrund gesprungen!

»Nein, wieso, ich glaub’s Ihnen gern«, sagte sie — sagte es aber so, wie nur sie allein mitunter etwas zu sagen versteht, sagte es mit einer solchen Verachtung, mit einer solchen Anmaßung und solchem Sarkasmus, daß ich sie— bei Gott! — in dem Augenblick hätte erwürgen mögen.

Sie riskierte viel. Was ich ihr von der Gefahr gesagt hatte, war richtig.

»Sie sind kein Feigling?« fragte sie mich plötzlich.

»Ich weiß nicht, vielleicht bin ich einer. Ich weiß nicht … Ich habe lange nicht mehr darüber nachgedacht.«

»Wenn ich Ihnen sagen würde: töten Sie diesen Menschen — würden Sie ihn dann töten?«

»Wen?«

»Den, den ich bezeichnen werde.«

»Den Franzosen?«

»Fragen Sie nicht, antworten Sie! Wen ich bezeichnen werde. Ich will wissen, ob Sie soeben im Ernst gesprochen haben.«

Und sie wartete so ungeduldig und mit so ernstem Gesicht auf meine Antwort, daß mir seltsam zumut wurde.

»Ja, werden Sie mir denn nicht endlich einmal sagen, was hier vorgeht!« entfuhr es mir in plötzlicher Empörung. »Oder fürchten Sie mich etwa? Ich sehe doch, wie hier alles zusammenhängt! Da sind zuerst Sie, die Stieftochter eines total ruinierten Mannes, den die Liebe zu diesem Satan, dieser Blanche, wahnsinnig macht! Hinzu kommt dieser Franzmann mit seinem geheimnisvollen Einfluß auf Sie, und da stellen Sie plötzlich so ernst … eine solche Frage. So sagen Sie mir doch nur ein einziges Wort, damit ich wenigstens kombinieren kann! Sonst werde ich noch verrückt und stelle etwas an! Oder schämen Sie sich, mich Ihres Vertrauens zu würdigen? Wie können Sie sich denn überhaupt so weit herablassen, sich vor mir zu schämen?«

»Ich rede gar nicht davon mit Ihnen … Ich habe nur eine Frage an Sie gestellt und warte auf die Antwort.«

»Selbstverständlich werde ich ihn töten!« rief ich wütend. »Wen Sie mir nur bezeichnen! Aber können Sie denn … werden Sie mir denn diesen Befehl geben?«

»Was glauben Sie? — daß es mir um Sie leid tun werde? Ich gebe Ihnen nur den Befehl und bleibe selbst ganz aus dem Spiel. Werden Sie das ertragen? Übrigens, was fällt mir ein! Sie würden vielleicht den Befehl ausführen, dann aber zu mir kommen, um mich zu töten, und zwar nur deshalb, weil ich es gewagt habe, Sie hinzuschicken.«

Es war mir bei diesen Worten, als versetze mir jemand einen Schlag auf den Kopf. Natürlich hatte ich ihre Frage zunächst mehr für einen Scherz gehalten, für eine Herausforderung, doch um so angenehmer war mir ihr Ernst. Es machte mich doch ganz betroffen, daß sie sich so deutlich aussprach und sich ein solches Recht über mich anmaßte, oder auch — daß sie eine solche Macht über mich sich selbst zuzugestehen geruhte. »Geh du ins Verderben, ich aber bleibe aus dem Spiel!« Diese Worte enthielten so viel Zynismus und verachtende Aufrichtigkeit, daß es meiner Meinung nach denn doch schon zuviel war. Als was betrachtet sie mich denn? fragte ich mich. Das überschreitet doch die Grenze der Sklaverei und Erniedrigung! Nein, wenn sie so auf mich sieht, dann stellt sie mich auf eine Stufe mit sich selbst! — Aber wie dumm, wie unmöglich auch unser Gespräch war — mein Herz erzitterte dennoch.

Plötzlich begann sie zu lachen. Wir saßen gerade auf einer Bank vor den spielenden Kindern, nicht weit von der Stelle, wo die Allee beginnt, die zum Kurhaus führt, und wo gewöhnlich die Equipagen anhalten, wenn die Insassen zu den Spielsälen wollen.

»Sehen Sie dort diese dicke Baronin?« rief sie lachend. »Das ist die Baronin Wurmerhelm. Sie ist erst vor drei Tagen angekommen. Und sehen Sie ihren Mann, den langen hageren Preußen mit dem Stock in der Hand? Erinnern Sie sich noch, wie er uns vorgestern ansah? Gehen Sie sofort hin, treten Sie auf die Baronin zu, nehmen Sie den Hut ab und sagen Sie ihr irgend etwas auf französisch.«

»Weshalb?«

»Sie haben mir geschworen, daß Sie vom Schlangenberg hinabspringen würden, daß Sie bereit seien, auf meinen Befehl hin zu töten — anstatt all dieser Verbrechen und Tragödien will ich nur einmal lachen. Gehen Sie sofort, ich will es so! Ich will zusehen, wie der Baron Sie mit seinem Stock verprügelt.«

»Sie fordern mich heraus. Glauben Sie, daß ich es nicht tun werde?«

»Ja, es soll eine Herausforderung sein, gehen Sie, ich will es!«

»Wie Sie wünschen, ich werde gehen, wenn’s auch ein unglaublicher Einfall ist. Nur eines noch: werden nicht für den General und durch ihn auch für Sie Unannehmlichkeiten daraus entstehen? Bei Gott, ich trage nicht wegen meiner Person Bedenken, ich denke dabei nur an Sie und — auch an den General, versteht sich. Und was hat das für einen Sinn, hinzugehen und eine Frau zu beleidigen?«

»Nein, Sie sind doch nur ein Schwätzer, wie ich sehe«, sagte sie mit unendlicher Verachtung. »Ihre Augen waren vorhin blutunterlaufen, doch wird das wohl nur darauf zurückzuführen sein, daß Sie bei Tisch zu viel Wein getrunken haben. Als ob ich nicht selbst wüßte, daß es dumm und verächtlich ist und daß der General sich ärgern wird! Ich will einfach nur lachen. Ich will eben, und damit basta. Und übrigens — bevor Sie dazu kämen, die Frau zu beleidigen, wird man Sie doch schon verprügelt haben.«

Ich erhob mich und ging schweigend auf die Baronin zu, um den Auftrag auszuführen. Natürlich war es dumm und ich verstand mich nicht aus der Affäre zu ziehen. Doch während ich mich noch der Baronin näherte, war es mir, als erfasse mich jetzt selbst die Lust, einen Streich zu spielen. Ich war aufs äußerste gereizt und fast wie ein Betrunkener kaum noch meiner Sinne mächtig.

6

Erst zweimal vierundzwanzig Stunden sind seit jenem dummen Tage vergangen, und wieviel Geschrei, Geschwätz, Streit und Lärm hat es schon gegeben! Und was für eine Unordnung und Dummheit und Gemeinheit dabei überall zutage tritt! Doch übrigens — mitunter ist es wirklich zum Lachen! Wenigstens von mir kann ich ehrlich sagen, daß mich mehr als einmal unbändige Lachlust angewandelt hat. Ich vermag mir keine Rechenschaft darüber zu geben, was mit mir geschehen ist: ob ich mich in einem noch zurechnungsfähigen oder bereits in einem unzurechnungsfähigen Zustand befinde oder ob ich einfach nur aus dem Geleise geraten bin und vorläufig nichts als Unfug treibe — bis man mich bindet. Von Zeit zu Zeit scheint es mir, daß ich meine Vernunft einbüßen werde, und bisweilen wiederum, daß ich kaum der Schulbank entwachsen bin und einfach nach Schülerart tolle Streiche mache.

Polina, nur Polina ist an allem schuld! Wäre sie nicht, so täte ich keinem etwas zuleide! Ich glaube, ich tue alles nur aus Verzweiflung — wie dumm es auch sein mag, so zu denken. Und wirklich … wirklich, ich begreife nicht, was an ihr ist, das so toll machen kann! Schön ist sie übrigens, ja, schön ist sie. Ich glaube wenigstens, daß sie schön ist. Bringt sie doch auch andere um den Verstand. Hoch gewachsen ist sie und schlank. Zum Biegen schlank. Ich glaube, man könnte sie zum Knoten schlingen oder wie ein Taschenmesser zusammenknicken. Ihre Fußspur ist schmal und lang. Qualvoll ist das! Ja: qualvoll! Ihr Haar hat einen rötlichen Schimmer. Ihre Augen sind richtige Katzenaugen, aber wie stolz und hochmütig sie blicken können! Vor etwa vier Monaten, kurz nachdem ich die Stelle als Hauslehrer angenommen hatte, sah ich sie an einem Abend im Saal, wie sie mit des Grieux lange und heftig sprach. Und sie sah ihn so an… daß ich später, als ich in mein Zimmer ging und mich schlafen legte, dachte, sie habe ihm eine Ohrfeige gegeben in jenem Augenblick, als sie so vor ihm stand und ihn ansah … Und seit jenem Abend … ja, an jenem Abend begann ich sie zu lieben.

Doch zur Sache.

Ich ging den etwas abseits führenden Weg zur großen Allee hinab, blieb in der Mitte der Allee stehen und erwartete die Baronin und den Baron. Als sie bis auf etwa fünf Schritte an mich herangekommen waren, lüftete ich den Hut und verbeugte mich.

Ich erinnere mich noch genau der ganzen Situation. Die Baronin trug ein seidenes Kleid von hellgrauer Farbe und unheimlichem Umfang, mit unzähligen Volants über der Krinoline und einer Schleppe obendrein. Sie selbst ist klein von Wuchs, entsetzlich dick und hat ein erschreckend großes, hängendes Doppelkinn, das den ganzen Hals vollständig verdeckt. In ihrem dicken, himbeerroten Gesicht sitzen zwei kleine, bös und unverschämt blickende Augen. Sie geht — als würdige sie damit alle einer besonderen Ehre. Der Baron ist hager und sehr lang. Sein Gesicht besteht fast nur aus Runzeln. Auf der Nase eine Brille. Alter: etwa fünfundvierzig, taxiere ich. Seine Beine beginnen fast gleich unter der Brust; das bezeichnet, heißt es, Rasse. Stolz ist er wie ein Pfau. Ein wenig unbeholfen. Im Gesichtsausdruck etwas Schafiges, was vielleicht in seiner Art Gedankenreichtum ersetzt.

Alles das übersah ich in noch nicht fünf Sekunden.

Mein Gruß und meine Verbeugung lenkten anfangs kaum ihre Aufmerksamkeit auf mich. Nur der Baron runzelte leicht die Stirn. Die Baronin jedoch schwamm in ihrer Krinoline wie ein Schwimmtier gerade auf mich zu.

»Madame la Baronne«, sagte ich laut, jede Silbe markant aussprechend, »j’ ai l’honneur d’être votre esclave.«

Darauf verbeugte ich mich, setzte den Hut wieder auf und ging an dem Baron vorüber, indem ich ihm höflich mein Gesicht zuwandte und ihn anlächelte.

Nur den Hut abzunehmen hatte sie mir befohlen, alles übrige, so wie es sich frei aus der Situation heraus ergab, war mein eigener Mutwille. Der Teufel weiß, was mich im Augenblick dazu antrieb! Ich rutschte gleichsam einen Berg hinab.

»Hn?« rief der Baron, oder richtiger, trompetete er durch die Nase, und wandte sich in zorniger Verwunderung nach mir um.

Ich wandte mich sofort zurück und blieb in höflicher Erwartung stehen, stand, sah ihn an und lächelte. Er schien sich jedenfalls über den Beweggrund meiner Handlungsweise nicht klar zu sein und zog seine Augenbrauen bis zum non plus ultra hinauf. Sein Gesicht wurde mit jedem Augenblick finsterer und drohender. Die Baronin wandte sich gleichfalls nach mir um und sah mich mit derselben zornigen Verständnislosigkeit an. Die Vorübergehenden wurden auf uns aufmerksam, sie blickten uns an. Manche blieben sogar stehen.

»Hn?« trompetete nochmals in zornigem Nasenton der Baron — sein Ärger schien sich zu verdoppeln.

»Jawohl!« sagte ich auf deutsch sehr gedehnt und fuhr fort, ihm unverwandt in die Augen zu sehen.

»Sind Sie rasend?« schrie er und fuchtelte einmal mit dem Stock, doch, wie mir schien, begann ihm bange zu werden. Ihn verwirrte vielleicht auch mein Äußeres: ich war sehr anständig, war sogar elegant gekleidet, wie einer, der fraglos zur besten Gesellschaft gehört.

»Jawo-o—hl!« sagte ich plötzlich so laut, wie ich nur konnte, das o möglichst in die Länge ziehend, wie es die Berliner tun, die im Gespräch fast nach jedem Satz »jawohl« sagen, wobei sie durch die größere oder geringere Dehnung des o sehr verschiedene Nuancen ihrer Gedanken und Empfindungen ausdrücken.

Der Baron und die Baronin wandten sich rasch von mir ab und eilten fast erschrocken, so schnell sie konnten, fort. Von den Zuschauern schienen einige amüsiert zu sein und begannen unter sich zu sprechen, andere blickten mich verwundert an. Übrigens entsinne ich mich dessen nicht mehr genau.

Ich wandte mich um und ging gelassen zu Polina Alexándrowna zurück. Doch plötzlich — ich war noch etwa hundert Schritt von ihrer Bank entfernt —, sah ich, wie sie aufstand und mit den Kindern zum Hotel zurückkehrte.

Ich erreichte sie erst vor dem Eingang.

»Ist besorgt …«, sagte ich, neben ihr hergehend, »die gewünschte Albernheit.«

»Nun, und? So tragen Sie doch jetzt die Konsequenzen«, sagte sie, ohne mich überhaupt anzusehen, und stieg die Treppe hinauf.

Den ganzen Nachmittag strich ich im Park umher, von dort ging ich in den Wald und ging immer weiter geradeaus und kam sogar in ein anderes Fürstentum. In einer Hütte verzehrte ich eine Portion Rührei und trank Wein dazu. Für dieses Idyll zapfte man mir volle anderthalb Taler ab.

Erst gegen elf Uhr kehrte ich ins Hotel zurück. Ich wurde sogleich zum General gerufen.

Die Unsrigen nehmen im Hotel ein großes Appartement von vier Zimmern ein. Das erste ist ein großer Salon, in dem ein Flügel steht. Nebenan ist ein zweites großes Zimmer — das Kabinett des Generals. Hier erwartete er mich, in höchst imposanter Haltung mitten im Zimmer stehend. Der Marquis saß in lässiger Pose auf dem Sofa.

»Mein Herr, gestatten Sie die Frage, was das für Geschichten sind, die Sie hier angerichtet haben?« begann der General.

»Es wäre mir angenehm, General, wenn Sie ohne weiteres zur Sache kämen«, sagte ich. »Sie wollen wahrscheinlich von meiner heutigen Begegnung mit einem Deutschen reden?«

»Mit einem Deutschen?! Dieser Deutsche ist der Freiherr von Wurmerhelm und eine überaus wichtige Persönlichkeit! Und Sie, Sie haben sich gegen ihn und seine Gemahlin unanständig benommen!«

»Ich wüßte nicht, inwiefern.«

»Sie haben sie erschreckt, mein Herr!« rief der General.

»Aber keineswegs! Gestatten Sie, daß ich Ihnen den Sachverhalt klarlege. Mir klingt noch von Berlin her das deutsche ›Jawohl‹ in den Ohren, das man dort nach jedem Satz zu hören bekommt und das sie so widerwärtig in die Länge ziehen. Als ich ihnen heute in der Allee begegnete, kam mir plötzlich dieses ›Jawohl‹ in den Sinn, und das wirkte auf mich selbstverständlich aufreizend … Überdies hat die Baronin, die mir jetzt schon zum dritten Mal begegnet ist, die Gewohnheit, geradeaus auf mich zuzugehen, als wäre ich ein Wurm, den man mit dem Fuß zertreten darf. Sie werden doch zugeben, daß auch ich ein gewisses Selbstbewußtsein haben kann. Nun, und diesmal, als sie wieder tat, als sei die Allee nur für sie geschaffen, zog ich den Hut und sagte höflich (ich versichere Sie, daß ich es mit ausgesuchter Höflichkeit sagte): ›Madame, j’ai l’honneur d’être votre esclave‹. Und als der Baron sich darauf umwandte und einen Nasenton à la ›Hn‹ hervorstieß — da ritt mich plötzlich der Teufel, ihm dieses wundervolle ›Jawohl‹ zu sagen. Und so tat ich’s denn auch: das erstemal ganz gewöhnlich, das zweitemal jedoch mit ausgesprochener Berliner Dehnung. Und das war alles.«

Ich muß gestehen, daß diese meine bengelhafte Erklärung mir selbst ungeheuren Spaß machte. Ich weiß nicht, wie es kam, daß mich plötzlich die Lust anwandelte, die ganze Geschichte so unsinnig wie möglich darzustellen. Und mit jeder weiteren Phrase kam mir mehr Geschmack.

»Wollen Sie sich etwa über mich lustig machen?« fuhr mich der General an. Und mit einer brüsken Bewegung wandte er sich zu dem Franzosen, um ihm auf französich lebhaft gestikulierend auseinanderzusetzen, daß ich es entschieden auf Händel abgesehen habe. Der Marquis lächelte geringschätzig, lachte kurz auf und zuckte mit den Achseln.

»Sie sind durchaus im Irrtum«, unterbrach ich den General, »Händel habe ich weder gesucht, noch suche ich sie jetzt. Mein Benehmen war natürlich nicht lobenswert, das sehe ich sehr wohl ein und gebe es offen zu. Man kann meine Handlungsweise schlimmstenfalls als dumm, als einen Schuljungenstreich bezeichnen, jedoch — mehr war sie nicht. Und übrigens bereue ich sie aufrichtig. Es spricht aber hier noch ein gewisser Umstand mit, der mich in meinen Augen sogar der pflichtschuldigen Reue enthebt. Ich fühle mich nämlich seit einiger Zeit, seit zwei oder sogar drei Wochen, nicht ganz wohl; ich bin krank, nervös, reizbar, zu allem Phantastischen aufgelegt, und in manchen Augenblicken verliere ich sogar jede Gewalt über mich selbst. Wirklich, ich habe zum Beispiel schon ein paarmal die größte, ich versichere Ihnen, die größte Lust verspürt, mich plötzlich an den Marquis des Grieux zu wenden und … Du reste, brisons-là, es lohnt nicht, alles auszusprechen, und vielleicht könnte es ihn auch kränken. Mit einem Wort, das sind alles Krankheitssymptome. Leider weiß ich nicht, ob die Baronin Wurmerhelm diesen Umstand als Entschuldigungsgrund gelten lassen wird, wenn ich sie um Entschuldigung bitten werde, denn das ist meine Absicht. Ich nehme jedoch an, daß sie ihn gelten lassen wird, um so mehr, als die Juristen in letzter Zeit, soviel mir bekannt ist, mit ähnlichen Entschuldigungen sogar schon Mißbrauch treiben. Tatsächlich! Die Rechtsanwälte wenigstens verteidigen bei Kriminalprozessen ihre Klienten, oft die schändlichsten Verbrecher, damit, daß sie im Augenblick der Tat nicht bei vollem Bewußtsein gewesen seien, heißt es, und daß dieser Zustand eine Art Krankheit sei. ›Nun ia, er hat zwar erschlagen, weiß aber selbst nichts davon.‹ Und was das Unglaublichste dabei ist: die Mediziner geben ihnen noch recht, sie sagen, es gäbe tatsächlich solch ein zeitweiliges Irresein. Der Mensch wisse in diesem Zustand so gut wie nichts von dem, was er tut, oder wisse es nur halb, oder vielleicht nur zu einem Viertel. Freilich will das in diesem Fall wenig besagen, denn der Baron und die Baronin sind Leute vom alten Schlag, außerdem preußische Junker und Gutsbesitzer. Daher dürfte ihnen dieser Fortschritt im juristischen und medizinischen Leben wohl noch unbekannt sein, womit denn mein Entschuldigungsgrund leider hinfällig wird. Was meinen Sie dazu, General?«

»Genug, mein Herr!« sagte der General scharf und in verhaltenem Zorn, »genug! Ich sehe mich gezwungen, Maßregeln zu ergreifen, um mich ein für allemal davon zu befreien, den Folgen Ihrer Schuljungenstreiche ausgesetzt zu sein. Entschuldigen werden Sie sich weder bei der Baronin noch bei dem Baron, denn jede Annäherung Ihrerseits wäre für beide nur eine erneute Beleidigung. Da es dem Baron ein leichtes gewesen ist, zu erfahren, daß Sie zu meinem Hause gehören, hat er mich im Kurhaus bereits um eine Erklärung ersucht, und ich will es Ihnen nur gestehen, es fehlte nicht viel, daß er von mir Genugtuung verlangt hätte. Begreifen Sie denn nicht, welchen Unannehmlichkeiten Sie mich ausgesetzt haben — mich, mein Herr! Ich war gezwungen, den Baron um Entschuldigung zu bitten, und ich habe ihm mein Wort gegeben, daß Sie sogleich, daß Sie noch heute nicht mehr zu meinem Hause gehören werden.«

»Erlauben Sie … erlauben Sie, General, so hat er selbst unbedingt verlangt, daß ich hinfort nicht mehr zu Ihrem Hause gehöre, wie Sie sich auszudrücken belieben?«

»Nein, das nicht; aber ich hielt es selbst für meine Pflicht, ihm diese Genugtuung zu geben, und der Baron gab sich damit selbstverständlich zufrieden. Also wir gehen auseinander, mein Herr. Sie haben von mir noch diese vier Friedrichsdore und drei Gulden nach hiesigem Geld zu erhalten. Hier ist das Geld und hier die Abrechnung. Sie können sich von ihrer Richtigkeit überzeugen. So, und jetzt — leben Sie wohl. Von nun an sind wir geschiedene Leute. Außer Unannehmlichkeiten und Scherereien habe ich von Ihnen nichts gehabt. Ich werde sogleich den Kellner rufen lassen, und ihm sagen, daß ich von morgen an für Ihre Ausgaben im Hotel nicht mehr aufkomme. Habe die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen.«

Ich nahm das Geld und das Papier, auf dem mit Bleistift die Abrechnung geschrieben war, machte eine kurze Höflichkeitsverbeugung gegen den General und sagte sehr ernst:

»Damit ist die Sache natürlich nicht abgetan, General. Es tut mir sehr leid, daß Sie sich Unannehmlichkeiten ausgesetzt haben, doch — verzeihen Sie — die Schuld daran müssen Sie nur sich selbst zuschreiben. Wie kamen Sie dazu, dem Baron gegenüber die Verantwortung für mich zu übernehmen? Was bedeutet der Ausdruck, daß ich ›zu Ihrem Hause gehöre‹? Ich bin oder war nur Lehrer in Ihrem Hause und nichts weiter. Ich bin weder Ihr Sohn noch Ihr Mündel, weshalb niemand Sie für meine Vergehen verantwortlich machen kann. Ich bin eine juridisch selbständige Person, bin fünfundzwanzig Jahre alt, Kandidat der Philosophie, bin Edelmann und Ihnen ein vollkommen Fremder. Nur meine unendliche Achtung für Ihre Verdienste hält mich davon ab, Sie um Rechenschaft zu bitten und ohne weiteres Genugtuung dafür zu verlangen, daß Sie sich anmaßen, für mich die Verantwortung übernehmen zu wollen.«

Der General war sprachlos vor Verwunderung. Plötzlich kam er zu sich, wandte sich wieder an den Franzosen und begann ihm eilig auseinanderzusetzen, daß ich ihn soeben fast zum Duell gefordert hätte.

Der Franzose brach in schallendes Gelächter aus.

»Und was den Baron betrifft«, fuhr ich mit vollkommener Kaltblütigkeit fort, ohne mich im geringsten durch das Gelächter verwirren zu lassen, »so habe ich nicht die Absicht, um etwas zu schenken. Und da Sie, General, indem Sie die Klagen des Barons anhörten und seine Partei ergriffen, sich gewissermaßen zu einem an dem Vorfall Beteiligten gemacht haben, so erlaube ich mir, Sie davon in Kenntnis zu setzen, ich nicht später als morgen früh von dem Baron eine Erklärung der Gründe verlangen werde, weshalb er sich in einer Angelegenheit, in der er es ausschließlich mit mir zu tun hatte, an eine andere, eine fremde Person zu wenden vorgezogen hat — ganz als wäre ich unfähig, für mich selbst die Verantwortung zu tragen, oder als wäre es unter seiner Würde, sich an mich zu wenden.«

Was ich vorausgesehen, geschah: Der General erschrak entsetzlich, als er diese neue Dummheit hörte.

»Wie, wollen Sie denn diese ver… Geschichte noch fortsetzen!« rief er aus. »Aber so bedenken Sie doch, was Sie mir damit antun, Herr des Himmels! Wagen Sie es nur, wagen Sie es nur, mein Herr … unterstehen Sie sich nicht, oder … ich schwöre Ihnen … Auch hier gibt es eine Obrigkeit und ich… ich… mit einem Wort, bei meinem Rang … und ebenso der Baron … mit einem Wort, man wird Sie durch die Polizei zu beseitigen wissen, wenn Sie es nicht lassen wollen, Unfug zu treiben! Merken Sie sich das!«

Obschon er vor Zorn ganz außer Atem geriet, so war ihm doch entsetzlich bange geworden.

»General«, erwiderte ich mit einer Ruhe, die ihm furchtbar auf die Nerven ging, »wegen Unfugs verhaften kann man nicht früher, als bis der Unfug verübt worden ist. Ich habe meine Auseinandersetzung mit dem Baron noch nicht einmal begonnen, folglich können Sie nicht wissen, in welcher Form und auf welcher Grundlage ich die Sache anfangen werde. Ich wünsche in erster Linie nur die mich beleidigende Annahme ausgeschaltet zu sehen, daß ich mich unter der Vormundschaft einer Person befinde, von der mein freier Wille irgendwie abhängen soll. Sie regen sich ganz unnötigerweise so auf.«

»Um Gottes willen, um Gottes willen, Alexéi Iwánowitsch, so geben Sie doch dieses unsinnige Vorhaben auf!« stotterte der General, plötzlich vom zornigsten Ton in einen fast kläglich flehenden verfallend. Und er ergriff sogar meine Hände. »So bedenken Sie doch, was daraus alles enstehen kann! Doch nichts als neue Unannehmlichkeiten! Sie werden doch einsehen, daß ich mich namentlich jetzt nach außen hin so korrekt wie möglich benehmen muß! … namentlich jetzt… Sie… Sie können doch nicht wissen, in welchen Verhältnissen ich mich augenblicklich befinde! … Wenn wir diesen Ort hier verlassen haben, werde ich Sie gern wieder engagieren, nur jetzt… nun, mit einem Wort Sie begreifen doch, daß es besondere Gründe geben kann, die ich berücksichtigen muß!« rief er ganz verzweifelt aus. »Alexéi Iwánowitsch, ich bitte Sie, Alexéi Iwánowitsch!« …

Ich zog mich zur Tür zurück, bat ihn nochmals aufrichtig, sich nicht zu beunruhigen, versprach, daß ich alles tun würde, damit die Sache gut und anständig ablaufe, und beeilte mich, das Zimmer zu verlassen.

Die Russen sind im Ausland in einer Beziehung oft übertrieben ängstlich: sie fürchten sich entsetzlich davor, was man von ihnen sagen oder wofür man sie halten könnte, und ob dieses oder jenes wohl anständig oder unanständig wäre. Kurz, sie bewegen sich wie in einem Korsett, und zwar tun das vornehmlich solche, die sich für angesehene, würdevolle Leute halten. Daher ist für sie das Angenehmste eine alte, feststehende Form, die sie dann sklavisch befolgen können — gleichviel ob in Hotels, auf dem Spaziergang, in Versammlungen oder sonstwo … Doch der General hatte in der ersten Angst verraten, daß er noch besondere Umstände zu berücksichtigen habe, weshalb er sich »so korrekt wie möglich« benehmen müsse. Deshalb war er plötzlich so ängstlich geworden und hatte seinen Ton ganz umgestimmt. Das merkte ich mir, denn das gab mir zu denken. Und schließlich konnte er sich ja sehr wohl aus Dummheit morgen an irgendeine Obrigkeit hier wenden, weshalb ich es für klüger hielt, wirklich vorsichtiger zu sein.

Übrigens war es mir durchaus nicht darum zu tun, den General zu ärgern; Polina aber hätte ich gern geärgert. Sie hat mich so grausam behandelt, nachdem sie mich selbst auf diesen dummen Weg gestoßen, daß ich nun versuchen will, so weit zu treiben, daß sie mich selbst um Einhalt bitten muß. Meine Jungenstreiche können doch schließlich auch sie kompromittieren!

Außerdem hatten sich in mir, bereits während ich sprach, noch andere Gefühle und Gedanken entwickelt. Wenn mich zum Beispiel vor ihr freiwillig bis zum Sklaven erniedrigte, so sollte das doch längst nicht bedeuten, daß ich mich auch von anderen Leuten treten lasse, und natürlich auch nicht, daß dieser Baron mich mit seinem Stock »verprügeln« kann. Ich will über sie lachen und mich selbst durch Mut hervortun. Mögen sie doch einmal sehen, wer ich bin. Na! selbstverständlich wird die Aussicht auf einen Skandal sie erschrecken und — dann wird sie mich eben zurückrufen. Oder sollte sie es nicht tun, so wird sie doch wenigstens sehen, daß ich kein Jammerlappen bin.

(Eine seltsame Neuigkeit übrigens: soeben erfuhr ich von der Kinderfrau, der ich auf der Treppe begegnete, daß Márja Filíppowna heute mit dem Abendzug ganz allein zu ihrer Kusine nach Karlsbad gereist sei. Was mag das nun wieder zu bedeuten haben? Die Kinderfrau sagte, Márja Filíppowna habe schon seit langer Zeit die Absicht gehabt hinzureisen. Wie kommt es dann nur, daß niemand etwas von diesen Plänen wußte? Übrigens: vielleicht habe nur ich nichts gewußt? Die Kinderfrau verschnappte sich hierbei, und so erfuhr ich, daß Marja Filíppowna vorgestern eine heftige Auseinandersetzung mit dem General gehabt habe. Ich verstehe. Es wird natürlich wegen Mademoiselle Blanche gewesen sein. Ja, es scheint sich bei uns etwas Entscheidendes vorzubereiten.)

7

Am Morgen rief ich den Kellner und sagte ihm, daß meine Rechnung von nun ab auf meinen Namen zu führen sei. Mein Zimmer war nicht so teuer, daß ich ob der Zukunft sehr besorgt zu sein brauchte oder sogleich das Hotel hätte verlassen müssen. Ich besaß am Morgen noch sechzehn Friedrichsdore und in den nächsten Tagen … kann ich ein Vermögen besitzen! Seltsam, ich habe noch nichts gewonnen, handle aber, fühle und denke bereits wie ein Krösus und könnte es mir gar nicht mehr anders vorstellen.

Ich hatte gerade beschlossen, mich trotz der frühen Stunde ins Hotel d’Angleterre zu Mister Astley zu begeben, als plötzlich der Franzose in mein Zimmer trat. Es war das erstemal, daß er zu mir kam, und das wunderte mich um so mehr, als mein Verhältnis zu diesem Herrn in der letzten Zeit ein äußerst gespanntes gewesen war. Er suchte seine Geringschätzung für mich sonst doch nie zu verbergen, er bemühte sich sogar, sie möglichst deutlich hervorzukehren; ich aber … ich hatte meine besonderen Gründe, ihm nicht gewogen zu sein. Kurz gesagt: ich haßte ihn. Jedenfalls sagte ich mir sofort, daß dieser erstaunliche Besuch etwas Besonderes zu bedeuten habe.

Er trat sehr liebenswürdig ein, schaute sich flüchtig um und sagte mir etwas Angenehmes über mein Zimmer. Als er bemerkte, daß ich meinen Hut in der Hand hielt, erkundigte er sich, ob ich denn schon so früh einen Spaziergang zu machen gedächte. Doch als er hörte, daß ich in einer gewissen Angelegenheit Mister Astley aufsuchen wollte, wurde er nachdenklich und überlegte, wie es schien, denn sein Gesicht nahm einen überaus besorgten Ausdruck an.

Des Grieux ist wie alle Franzosen aufgeräumt und liebenswürdig, wenn ihm das nötig und vorteilhaft erscheint, und unerträglich langweilig, wenn die Notwendigkeit, heiter und liebenswürdig zu sein, nicht mehr vorhanden ist. Ein Franzose ist selten natürlich liebenswürdig; er ist es immer gewissermaßen auf Befehl, auf eigenen Befehl, das heißt aus Berechnung. Hält er es zum Beispiel für notwendig, phantastisch oder sonstwie nicht ganz alltäglich zu sein, so äußert sich seine Phantasie in der Regel unglaublich dumm und unnatürlich und bedient sich ausschließlich bereits benutzter, einmal angenommener und durch ihre Abgedroschenheit längst schon schal gewordener Formen. Ein natürlicher Franzose besteht aus spießbürgerlichstem, kleinlichstem, alltäglichstem und absolutestem Materialismus — ist, mit einem Wort, das langweiligste Geschöpf der Welt. Meiner Meinung nach können überhaupt nur naive Neulinge und namentlich unsere russischen jungen Damen an Franzosen Gefallen finden. Jeder erwachsene anständige Mensch dagegen durchschaut doch sofort diese Schablonenhaftigkeit der Franzosen innerhalb der einmal angenommenen Formen ihrer Salonliebenswürdigkeit, ihrer Unterhaltung und maßvollen Heiterkeit und findet sie unerträglich.

»Ich komme zu Ihnen in der bewußten Angelegenheit«, begann er möglichst ungezwungen, obschon übrigens noch höflich, »und zwar, was ich durchaus nicht verbergen will, als Abgesandter des Generals, oder richtiger als Vermittler. Ich habe gestern fast nichts von Ihrem Gespräh mit dem General verstanden, da ich die russische Sprache nur sehr schlecht beherrsche, aber der General hat mir heute alles ausführlich erklärt, und ich gestehe …«

»Erlauben Sie, Monsieur des Grieux«, unterbrach ich ihn, »Sie sagen, daß Sie den Vermittler spielen wollen. Nun gut. Ich bin natürlich ›un outchitel‹ und habe in dieser Stellung nie auf die Ehre Anspruch erhoben, ein nahestehender Freund dieser Familie zu sein oder sonstwie in einem näheren Verhältnis zu ihr zu stehen, und deshalb sind mir auch selbstverständlich nicht ihre augenblicklichen Verhältnisse so genau bekannt. Gestatten Sie deshalb die Frage: zählen Sie sich jetzt bereits ganz zur Familie — oder? Ich frage nur, weil Sie an allem so lebhaften Anteil nehmen und sofort den Vermittler zu spielen suchen …«

Meine Frage schien ihm sehr zu mißfallen. Sie war für ihn gar zu durchsichtig. Er aber wollte sich doch bestimmt nicht in die Karten blicken lassen.

»Mich verbinden mit dem General zum Teil geschäftliche Interessen, zum Teil noch gewisse andere Umstände«, sagte er trocken. »Der General hat mich zu Ihnen geschickt, um Sie zu bitten, Ihr gestriges Vorhaben aufzugeben. Alles, was Sie da gestern vorbrachten, war natürlich sehr scharfsinnig; aber er hat mich gerade gebeten, Sie auf die unbedingte Erfolglosigkeit Ihres geplanten Schrittes aufmerksam zu machen. Ja, der Baron wird Sie gewiß nicht einmal empfangen, und überdies stehen ihm doch alle Mittel zur Verfügung, um Sie unschädlich zu machen; ich meine, um nicht weiteren Unannehmlichkeiten durch Sie ausgesetzt zu sein. Das müssen Sie doch zugeben. Wozu also versuchen, mit dem Kopf durch die Wand zu rennen? Und der General verspricht Ihnen doch noch, Sie wieder in sein Haus aufzunehmen, sobald es für ihn nur möglich sein wird; bis dahin aber werden Sie vos appointements ungeschmälert weiterbeziehen. Ich dächte, das ist doch ganz vorteilhaft, n’est-ce pas?«

Ich erwiderte darauf sehr ruhig, daß er sich in einem kleinen Irrtum befinde; daß der Baron mich vielleicht doch nicht so ohne weiteres abweisen lassen, sondern womöglich sogar bis zu Ende anhören werde, worauf ich ihn bat, doch ruhig einzugestehen, daß er nur deshalb bei mir erschienen sei, um zu erforschen, wie ich in der Sache vorzugehen gedächte.

»Mein Gott, da diese Geschichte den General doch mehr oder weniger angeht, so wäre es ihm selbstverständlich angenehm, wenn er erführe, auf was er sich gefaßt zu machen hat. Das ist doch ganz natürlich!«

Ich begann also zu erklären, und er hörte mir zu — den Kopf ein wenig auf die Seite geneigt und mit einer bewußt unverhohlenen Andeutung von Ironie im Gesichtsausdruck. Überhaupt spielte er den Herablassenden, während ich mich nach Kräften bemühte, ihn glauben zu machen, daß ich die Sache todernst auffaßte. Ich erklärte ihm, daß der Baron, indem er sich mit einer Klage über mich an den General gewandt, als wäre ich ein Dienstbote desselben, mich damit erstens um meine Stellung gebracht und zweitens mich so behandelt habe, als wäre ich nicht imstande, für mich selbst einzustehen, oder als lohnte es sich gar nicht, sich mit mir persönlich auseinanderzusetzen. Natürlich fühlte ich mich dadurch beleidigt. Nichtsdestoweniger wolle ich die möglichen Einwendungen, wie zum Beispiel den Altersunterschied, die Verschiedenheit unserer sozialen Stellung usw. usw. (ich konnte mir kaum noch das Lachen verbeißen, als ich das sagte), gern gelten lassen, und deshalb würde ich von einem Duell absehen, das heißt davon, offiziell volle Genugtuung von ihm zu verlangen. Doch, wie dem auch sei, jedenfalls aber hätte ich das volle Recht, sowohl bei ihm als namentlich bei der Baronin meine Entschuldigungsgründe geltend zu machen, da ich mich in letzter Zeit tatsächlich krank, nervös, reizbar und, wie gesagt, zu allem Exzentrischen aufgelegt fühlte usw. usw. Leider aber könne das jetzt nicht mehr von mir aus geschehen, da man infolge des Vorgehens des Barons und seiner Bitte an den General, mich zu verabschieden, ganz sicherlich annehmen würde, ich käme nur deshalb mit meinen Entschuldigungen, um wieder vom General gnädigst aufgenommen zu werden. Aus all dem folge, daß ich jetzt gezwungen sei, den Baron zu ersuchen, sich zuerst bei mir zu entschuldigen — zum Beispiel mir zu sagen, daß er mich durchaus nicht habe beleidigen wollen. Damit würde er mir dann erst die Möglichkeit schaffen, mich frei, aufrichtig und offen bei ihm zu entschuldigen. Mit einem Wort, so schloß ich meine Auseinandersetzung, ich würde den Baron nur bitten, mir die Hände freizumachen.

»Fi donc, was für eine Pedanterie und was für Finessen! Wozu brauchen Sie sich zu entschuldigen? Geben Sie doch zu, Monsieur … Monsieur … daß Sie alles das absichtlich aufbauschen wollen, um den General zu ärgern … Vielleicht aber haben Sie dabei noch andere Dinge im Auge … mon cher Monsieur … pardon, j’ai oublié votre nom, Monsieur Alexis? … n’est-ce pas?«

»Aber erlauben Sie, mon cher Marquis, was geht denn das Sie an?«

»Mais le général …«

»Aber was hat denn das mit dem General zu tun? Er sprach zwar gestern so etwas von — sich besonders korrekt benehmen müssen, und namentlich jetzt … und er schien sich auch nicht wenig aufzuregen … nur begreife ich nicht, was ihn dazu veranlaßt haben könnte.«

»Ja, sehen Sie, es gibt da nämlich gewisse Umstände …« fuhr der Franzose in einem eigenartigen Tonfall fort — es war, als wolle er mich um etwas bitten, und gleichzeitig war es, als ärgere er sich immer mehr. »Sie kennen Mademoiselle de Cominges?«

»Sie meinen Mademoiselle Blanche?«

»Nun ja, Mademoiselle Blanche de Cominges … et Madame sa mère…. und Sie werden doch zugeben, daß der General … mit einem Wort, daß der General verliebt ist und sogar… es ist möglich, daß es vielleicht sogar zu einer Heirat kommen wird. Und nun, wie denken Sie sich das, wenn sich plötzlich ein Skandal an den anderen reiht…«

»Ich vermag keine Anzeichen eines zu erwartenden Skandals zu entdecken, und noch gar eines solchen, der mit seiner Heirat etwas zu tun haben könnte.«

»Oh, le Baron est si irascible, un caractère prussien, vous savez, enfin … il fera une querelle d’Allemand!«

»Aber das geht doch nur mich etwas an, nicht Sie und auch nicht den General, da ich doch nicht mehr zu seinem Hause gehöre…« (Ich stellte mich mit Absicht schwer von Begriff.) »Aber erlauben Sie — dann ist es also schon entschieden, daß Mademoiselle Blanche den General heiraten wird? Worauf wartet man dann noch? Ich meine, weshalb wird es denn noch so geheim gehalten, sogar vor uns, die wir doch sozusagen zum Hause gehören?«

»Ich kann Ihnen das nicht … übrigens ist es doch noch nicht so ganz … einstweilen ….Sie wissen doch, daß aus Rußland jeden Augenblick Nachrichten eintreffen können, und der General muß noch seine Verhältnisse ordnen…«

»Aha! La baboulinka!«

Ein haßerfüllter Blick des Franzosen streifte mich flüchtig.

»Eh bien«, fuhr er fort, »ich verlasse mich ganz auf Ihre angeborene Liebenswürdigkeit, auf Ihren Verstand und Takt … Sie werden es natürlich für diese Familie tun, in der Sie wie ein Angehöriger aufgenommen worden sind, die Sie geliebt hat und geachtet…«

»Aber ich bitte Sie: ich bin hinausgeworfen worden! Sie behaupten jetzt, es handle sich nur um den Schein, aber wie würden Sie sich dazu verhalten, wenn man zu Ihnen sagte: ›Ich will dich selbstverständlich nicht an den Ohren ziehen, aber erlaube mir, daß ich dich an den Ohren ziehe, damit die anderen es sehen …‹ Das läuft doch auf eins hinaus!«

»Wenn es so ist, wenn keine Bitte Sie umzustimmen vermag«, begann er streng und hochmütig, »so gestatten Sie mir, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß wir Maßregeln ergreifen werden. Es gibt auch hier eine Obrigkeit, man wird Sie noch heute ausweisen — que diable! Un blan-bec comme vous will eine Persönlichkeit wie den Baron zum Duell herausfordern! Und Sie glauben, daß man Ihnen das so ruhig erlauben wird? Ich versichere Sie, daß sich hier niemand vor Ihnen fürchtet! Wenn ich Sie gebeten habe, so habe ich es mehr von mir aus getan, weil ich den General beunruhigt sah. Und glauben Sie denn wirklich, der Baron werde Sie nicht einfach durch seinen Diener hinauswerfen lassen?«

»Ich werde ja nicht selbst zu ihm gehen«, versetzte ich mit äußerster Ruhe. »Sie irren sich, Monsieur des Grieux, es wird alles weit anständiger vor sich gehen, als Sie annehmen. Ich war vor Ihrem Erscheinen gerade im Begriff, mich zu Mister Astley zu begeben, um ihn zu bitten, mein Vermittler und, falls nötig, mein Sekundant zu sein. Ich weiß, daß er mich gern hat und meine Bitte erfüllen wird. Er wird zum Baron gehen und zweifellos empfangen werden. Wenn ich als Hauslehrer dem deutschen Freiherrn zu subaltern erscheinen sollte, so ist Mister Astley der Neffe eines Lords — eines wirklichen Lords, nicht zu vergessen, wie hier jeder weiß… Dieser Lord Peabroke hält sich sogar gegenwärtig hier auf. Sie können mir also aufs Wort glauben, wenn ich Ihnen versichere, daß Monsieur le Baron sich dem Engländer von einer höflicheren Seite zeigen und ihn anhören ’ wird. Sollte er das jedoch nicht tun wollen, so wird Mister Astley diese Weigerung als persönliche Beleidigung auffassen — Sie wissen doch, wie hartnäckig Engländer sind —, und von sich aus einen Sekundanten zum Freiherrn senden, und wie Sie wissen, sind seine Freunde nicht zu verachtende Leute… Wie Sie sehen, kann es unter Umständen auch anders ausgehen, als Sie voraussetzen.«

Dem Franzosen wurde bange. Es klang freilich so ziemlich glaubhaft, was ich sagte, und jedenfalls sah er ein, daß ich »unter Umständen« tatsächlich die Möglichkeit hatte, einen »Skandal« heraufzubeschwören.

»Aber ich bitte Sie doch aufrichtig, von diesem tollen Vorhaben abzulassen!« suchte er mich förmlich zu beschwören. »Es ist wirklich, als bereite es Ihnen ein Vergnügen, diese Unannehmlichkeiten zu verursachen! Sie wollen nicht Genugtuung, sondern Aufsehen! Wie ich Ihnen sagte, will ich Ihnen gern glauben, daß alles sehr interessant und geistreich sein wird — worauf Sie es vielleicht einzig abgesehen haben — doch… mit einem Wort«, beeilte er sich zu schließen, da ich nach meinem Hut griff, »ich … ich habe Ihnen noch diesen Brief hier von einer Dame zu übergeben. Lesen Sie Ihn, ich bin beauftragt, auf Ihre Antwort zu warten.«

Damit reichte er mir ein kleines, schmales Briefchen, das mit einer Oblate geschlossen war.

Es war Polinas Handschrift.

Sie schrieb:

»Sie beabsichtigen, wie es scheint, diese Geschichte nicht ruhen zu lassen. Sie haben sich geärgert und wollen sich durch neue Streiche rächen. Es gibt aber hier besondere Umstände, die ich Ihnen später vielleicht erklären werde; vorläufig bitte ich Sie, aufzuhören und sich zu beruhigen. Was sind das doch für Dummheiten! Ich brauche Sie, und Sie haben mir versprochen, mir zu gehorchen. Denken Sie an den Schlangenberg. Ich bitte Sie, gehorchen Sie mir, oder falls nötig, befehle ich es Ihnen. Ihre P.

P. S. Wenn Sie mir wegen gestern böse sind, so verzeihen Sie, bitte.«

Es war mir, nachdem ich diese Zeilen gelesen hatte, als drehe sich alles vor meinen Augen. Sogar meine Lippen wurden blaß, und ich begann zu zittern. Der verwünschte Franzose trug eine Miene zur Schau, die diskrete Bescheidenheit vortäuschen sollte, und sah absichtlich zur Seite, als wolle er meine Verwirrung nicht bemerken. Hätte er doch laut über mich gelacht! — wahrlich, das wäre mir angenehmer gewesen.

»Gut«, sagte ich, »teilen Sie Mademoiselle Polina mit, daß sie sich beruhigen könne. Erlauben Sie jedoch die Frage«, fuhr ich fort, und zwar in sehr scharfem Ton, »weshalb Sie mir diesen Brief erst jetzt übergeben haben? Anstatt diesen ganzen Unsinn zu schwatzen, hätten Sie sich sogleich Ihres Auftrages entledigen sollen … wenn dieses der ganze Auftrag war, mit dem man Sie zu mir geschickt hat.«

»Oh, ich wollte nur … es ist überhaupt alles so sonderbar, daß Sie meine begreifliche Ungeduld entschuldigen werden. Ich wollte von Ihnen persönlich Ihre Absichten erfahren. Überdies ist mir der Inhalt des Briefes ganz unbekannt, und ich dachte, daß ich immer noch frühzeitig genug zum Übergeben käme.«

»Ich verstehe, man hat Ihnen befohlen, mir den Brief nur im äußersten Fall einzuhändigen, falls Sie aber selbst durch Ihre Überredungskunst zum Ziele gelangen sollten, dann eben — überhaupt nicht. So verhält es sich doch? Sagen Sie es offen, Monsieur des Grieux!«

»Peut-être«, sagte er. Seine Miene drückte eine ganz besondere Zurückhaltung aus und er sah mich dabei mit einem seltsamen Blick an.

Ich nahm meinen Hut vom Tisch. Er nickte nur mit dem Kopf und verließ mein Zimmer. Wie mir schien, zuckte ein spöttisches Lächeln um seine Lippen. Wie verständlich!

»Warte nur, wir werden noch miteinander abrechnen, elender Franzmann!« murmelte ich vor mich hin, als ich die Treppe hinabstieg. Ich versuchte zu kombinieren; konnte es aber nicht; mein Kopf war wie von einem Keulenschlag betäubt. Die frische Luft tat mir gut.

Da tauchten plötzlich zwei Gedanken in mir auf, beide von erstaunlicher Klarheit und Schärfe. Der erste war: wie diese doch sicherlich nicht glaubhaften Drohungen eines machtlosen »blanc-bec«, die er in der Erregung nur so hingeworfen hatte, eine so allgemeine Aufregung hervorrufen konnten! Und der zweite Gedanke: wie groß muß, nach diesem Brief zu urteilen, doch der Einfluß dieses Franzosen auf Polina sein! Es hat nur eines Wortes von ihm bedurft, und sie tut alles, was er will, ja, sie schreibt selbst einen Brief an mich, und bittet mich sogar um Verzeihung! Ihr Verhältnis zueinander ist mir zwar von Anfang an ein Rätsel gewesen, seit dem Augenblick, wo ich sie kennenlernte. In diesen letzten Tagen aber habe ich nur zu deutlich gesehen, daß sie ganz entschieden Widerwillen und Verachtung für ihn empfindet, er aber übersieht sie meistens und benimmt sich gegen sie sogar unhöflich. Das habe ich ganz genau beobachtet. Polina macht ja aus ihrer Abneigung kein Geheimnis und so sind ihr auch schon einige recht bemerkenswerte Geständnisse entschlüpft… Daraus folgt, daß er irgend etwas in der Hand haben muß, wodurch er sie einfach zwingen kann…

8

Auf der Promenade, wie man das hier nennt, das heißt in der Kastanienallee, begegnete ich meinem Engländer.

»Oh, oh! Ich wollte soeben zu Ihnen, und Sie wohl zu mir?« waren seine ersten Worte. »So haben Sie sich von den Ihrigen schon getrennt?«

»Sagen Sie mir erst, woher Sie das alles wissen?« fragte ich verwundert. »Ist es denn schon allen bekannt?«

»O nein, längst nicht allen; das wäre auch ganz überflüssig. Niemand spricht davon.«

»Aber woher wissen Sie es denn«’

»Ich weiß es, das heißt, ich erfuhr es zufällig. Wohin werden Sie jetzt von hier reisen? Ich habe Sie gern, deshalb kam ich zu Ihnen.«

»Sie sind ein prächtiger Mensch, Mister Astley«, sagte ich erfreut (übrigens frappierte es mich nicht wenig, daß er schon etwas davon wußte: woher, durch wen konnte er es erfahren haben? fragte ich mich beunruhigt.) »Aber wissen Sie, ich habe noch keinen Kaffee getrunken, und Sie werden wahrscheinlich auch nur halb gefrühstückt haben — gehen wir also zum Kurhaus! Dort können wir uns im Café gemütlich hinsetzen, eine Zigarette rauchen und dann erzähle ich Ihnen alles und … Sie werden mir gleichfalls erzählen…«

Das Café war keine hundert Schritte entfernt. Wir setzten uns, bestellten Kaffee, ich zündete mir eine Zigarette an — Mister Astley rauchte nicht. Er saß, sah mich an und war bereit, mich anzuhören.

»Ich reise nirgends hin, ich bleibe hier«, begann ich.

»Das wußte ich im voraus, ich war sogar überzeugt, daß Sie hierbleiben würden«, bemerkte Mister Astley beifällig.

Als ich das Hotel verlassen hatte, um mich zu ihm zu begeben, war es durchaus nicht meine Absicht gewesen, ihm etwas von meiner Liebe zu Polina zu sagen; ja, ich wollte sogar absichtlich mit keinem Wort ihrer Erwähnung tun. Hatte ich ihm doch in all den Tagen noch mit keiner Silbe von meiner Liebe etwas gesagt. Er war aber auch ein so schüchterner und verschämter Mensch, daß man unwillkürlich seine Gefühle schonen mußte. Schon beim ersten Zusammensein mit ihm in Polinas Gegenwart hatte ich bemerkt, daß sie einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht haben mußte, aber noch hatte ich ihn nie von ihr sprechen hören. Aber seltsam — plötzlich, wie er da so vor mir saß und mich, ohne sich zu rühren, mit einem so bleischweren Blick ansah, da ich weiß nicht, wie es kam — empfand ich plötzlich das Verlangen, ihm alles zu erzählen, das heißt ihm die ganze Geschichte meiner Liebe mit allen ihren Nuancen völlig zu enthüllen. Und ich sprach wohl über eine halbe Stunde nur von meiner Liebe, und es tat mir unsagbar wohl, von meiner Liebe sprechen zu können. Es geschah doch zum ersten Mal, daß ich zu jemandem davon sprach! Als ich aber bemerkte, daß ihm einzelne Offenheiten, zu denen ich mich von meiner Leidenschaft hinreißen ließ, peinlich waren, sprach ich aus Trotz noch rückhaltloser. Nur eines bereue ich: ich habe vielleicht etwas Überflüssiges über den Franzosen gesagt.

Mister Astley saß, während er mir zuhörte, unbeweglich auf seinem Platz, sagte kein Wort, keinen Ton, und sah mir nur unverwandt in die Augen. Als ich aber auf den Franzosen zu sprechen kam, unterbrach er mich plötzlich mit der Frage, ob ich das Recht zu haben glaubte, von dieser Nebensache zu reden? Und der strenge Ton der Frage verriet, daß ihm meine Bemerkung mißfallen hatte. Mister Astley hat überhaupt eine sehr sonderbare Art, seine Fragen zu stellen. »Sie haben recht: ich fürchte, daß ich dieses Recht nicht habe«, gab ich zu. »Sie können doch von diesem Marquis und Miß Polina nichts Bestimmtes sagen, außer bloßen Vermutungen?«

Ich wunderte mich wieder über diese kategorische Frage von einem so diskreten und schüchternen Menschen wie Mister Astley.

»Nein, nichts Bestimmtes«, sagte ich, »selbstverständlich nichts Bestimmtes.«

»Dann war es häßlich von Ihnen, nicht allein, daß Sie mir etwas davon sagten, sondern daß Sie überhaupt etwas derartiges gedacht haben.«

»Gut, gut! Sie haben recht, ich gebe es zu; aber jetzt handelt es sich nicht darum«, unterbrach ich ihn, innerlich doch etwas verwundert. Dann erzählte ich ihm alles, was sich gestern zugetragen, angefangen von Polinas Herausforderung, ferner meine Begegnung mit dem Freiherrn, meine Entlassung und wie sehr sich der General aufgeregt hatte, und schilderte darauf ausführlich den heutigen Besuch des Franzosen. Zum Schluß zeigte ich ihm noch Polinas Brief.

»So, und nun sagen Sie mir, bitte, wie Sie die Sache auffassen«, schloß ich. »Gerade deshalb wollte ich Sie aufsuchen, um Ihre Ansicht zu hören, und vor allem, was Sie daraus für Schlüsse ziehen. Was jedoch mich betrifft, so könnte ich dieses französische Subjekt ohne weiteres totschlagen, und vielleicht werde ich es noch tun.«

»Das könnte ich gleichfalls«, sagte Mister Astley. »Was sich aber hier von Miß Polina sagen läßt, ist nur … Sie wissen doch, daß wir Menschen uns unter Umständen, wenn die Notwendigkeit es verlangt, sogar mit uns verhaßten Leuten abgeben. Es kann sich hier um Ihnen ganz unbekannte Beziehungen handeln, die vielleicht nur von den Verhältnissen anderer abhängen. Ich glaube, daß Sie sich beruhigen können, zum Teil wenigstens. Was aber Miß Polinas gestrige Handlungsweise betrifft, so ist sie natürlich seltsam — nicht, weil sie Sie, um Sie loszuwerden, den Stockschlägen des Barons aussetzte — ich begreife nicht, warum er von seinem Stock nicht Gebrauch gemacht hat, da ihn doch im Augenblick niemand daran hätte hindern können —, sondern weil ein solcher Ausfall nicht … nicht zu einer so vortrefflichen Miß paßt, kurz, weil er nicht ladylike ist. Allerdings konnte sie nicht ahnen, daß Sie ihr scherzhaftes Verlangen buchstäblich ausführen würden…«

»Wissen Sie was!« rief ich plötzlich aus, ihn scharf beobachtend. »Es scheint mir, daß Sie alles bereits gehört haben, und wissen Sie von wem? — von Miß Polina selbst!«

Mister Astley sah mich erstaunt an.

»Ihre Augen blitzen, und ich lese aus ihnen einen Verdacht«, sagte er, seine frühere Ruhe sogleich wiedergewinnend, »Sie haben aber nicht das geringste Recht, Ihren Verdacht zu äußern. Wenigstens kann ich Ihnen ein solches Recht nicht zugestehen und deshalb lehne ich es entschieden ab, auf Ihre Frage zu antworten.«

»Schon gut! Ist auch nicht nötig!« rief ich seltsam aufgeregt, und ich begriff selbst nicht, wie ich auf diesen Einfall gekommen war! Und wann, wo, wie hätte auch Polina Mister Astley zu ihrem Vertrauten machen können? Übrigens — daran habe ich noch gar nicht gedacht: ich habe ja in letzter Zeit Mister Astley durchaus nicht immer im Auge behalten, Polina aber ist mir doch von Anfang an ein Rätsel gewesen — sogar ein so unlösbares, daß ich mir zum Beispiel während der Erzählung meiner Liebesgeschichte ganz plötzlich dessen bewußt wurde, daß ich fast nichts Feststehendes und Bestimmtes von meinem Verhältnis zu ihr, und umgekehrt, sagen konnte. Im Gegenteil, alles erschien mir jetzt phantastisch, seltsam, unbegründet und sogar direkt abscheulich.

»Nun gut, gut; Sie haben mich etwas aus dem Konzept gebracht und jetzt kann ich mir über vieles noch nicht klar werden«, sagte ich mit einer Empfindung, als hetzte man mich. »Ich sehe aber, Sie sind ein guter Mensch. Jetzt von etwas anderem … Ich möchte Sie nicht um einen Rat, sondern nur um Ihre Meinungsäußerung bitten.«

Ich schwieg ein wenig, und dann begann ich von neuem.

»Was meinen Sie, weshalb wurde der General gestern so ängstlich, als er meine Drohung hörte? Weshalb wird aus meinem dümmsten Jungenstreich eine solche Staatsaktion gemacht? — eine solche, daß sogar Monsieur des Grieux es für nötig befunden hat, sich in die Angelegenheit einzumischen (was er doch nur in äußersten Fällen zu tun pflegt), ja, daß er mich sogar in meinem Zimmer aufsucht — er! — und mich sogar bittet und beschwört — er, des Grieux, mich! Und noch eines ist bemerkenswert: er kam um neun zu mir, oder etwas vor neun, und schon hatte er einen Brief von Miß Polina in der Tasche. Wann, fragt es sich, hat sie diesen denn geschrieben? Vielleicht hat man sie deshalb sogar aus dem Schlaf geweckt! Und ganz abgesehen davon, wie deutlich dieser Brief mir beweist, daß Miß Polina einfach seine Sklavin ist (da sie doch auf seinen Wunsch sogar mich um Verzeihung bittet!), ganz abgesehen davon, sage ich, muß ich mich doch fragen, was denn diese ganze Geschichte sie persönlich angeht? Weshalb interessiert sie sich überhaupt dafür? Was fürchten sie sich denn alle plötzlich so vor einem Baron? Und was ist denn schließlich dabei, daß der General Mademoiselle Blanche de Cominges heiraten will? Er sagt, daß er sich gerade jetzt ganz besonders korrekt benehmen müsse — aber, weiß Gott, das heißt denn doch schon, die Korrektheit übertreiben wollen! Was meinen Sie, sagen Sie es mir, bitte! An Ihren Augen sehe ich, daß Sie auch hierüber mehr wissen als ich!« Mister Astley lächelte und nickte mit dem Kopf.

»Allerdings … es scheint mir auch so, daß ich in dieser Sache mehr weiß als Sie«, sagte er. »Es handelt sich hier wohl nur um Mademoiselle Blanche — sie ist der ganze Haken, wie man zu sagen pflegt. Und ich bin überzeugt, daß ich mich nicht irre.«

»Nun, und was ist’s mit ihr?« fragte ich gespannt — und plötzlich erwachte in mir die Hoffnung, gleichzeitig etwas Neues über Polina zu erfahren.

»Ich glaube, daß es Mademoiselle Blanche im Augenblick sehr darum zu tun ist, einer Begegnung mit dem Baron und der Baronin aus dem Wege zu gehen, und um so mehr, versteht sich, einer unangenehmen Begegnung oder gar — einem offenen Skandal.«

»Nun, und?!« drängte ich ungeduldig.

»Mademoiselle Blanche ist nicht zum erstenmal hier. Sie hat sich bereits früher einmal in Roulettenburg aufgehalten. Und das war vor zwei Jahren, zur Saison. Ich hielt mich zu der Zeit gleichfalls hier auf. Nur hieß sie damals nicht Mademoiselle de Cominges, und ebensowenig wußte man hier etwas von einer Madame veuve de Cominges. Wenigstens ist hier nie von einer solchen oder überhaupt von einer Mutter der betreffenden Dame die Rede gewesen. Des Grieux … des Grieux … ja, den gab es damals auch noch nicht. Und ich sehe mich sogar sehr versucht anzunehmen, daß Mademoiselle Blanche mit ihm keineswegs verwandt, und vielleicht nicht einmal seit allzu langer Zeit bekannt ist. Zum Marquis ist der Monsieur des Grieux wohl gleichfalls erst vor kurzer Zeit avanciert. Davon bin ich sogar überzeugt, und zwar auf Grund gewisser Tatsachen. Ja, und ebenso wahrscheinlich ist, daß er sich auch diesen Familiennamen erst neuerdings beigelegt hat. Ich habe hier mit einem Menschen gesprochen, dem er unter einem anderen Namen vorgestellt worden ist.«

»Aber er hat doch einen sehr anständigen Bekanntenkreis!«

»Oh, das ist leicht möglich. Selbst Mademoiselle Blanche kann sich durch einen solchen auszeichnen. Nur ist es nichtsdestoweniger Tatsache, daß Mademoiselle Blanche vor zwei Jahren auf eine Beschwerde hin, eine Beschwerde dieser selben deutschen Baronin, von der hiesigen Polizei aufgefordert wurde, die Stadt zu verlassen, und daß sie der Aufforderung nachkam.«

»Wie kam denn das?«

»Sie war damals mit einem Italiener hier aufgetaucht — einem Fürsten mit historischem Namen, Barberini oder so ähnlich. Der Mensch trug unzählige Ringe und seine Brillanten waren sogar wirklich echt. Sie hatten eine prachtvolle Equipage. Mademoiselle Blanche spielte Trente et quarante mit sehr gutem Erfolg, aber dann ließ das Glück sie im Stich und sie verlor immer mehr. An einem Abend, entsinne ich mich, verlor sie eine Riesensumme. Doch was noch weit schlimmer war: un beau matin war ihr Fürst spurlos verschwunden, auch die Pferde und die Equipage — alles war fort. Die Schulden im Hotel hatten eine erschreckende Höhe erreicht. Mademoiselle Selmá (denn anstatt Barberini hieß sie nun plötzlich Mademoiselle Selmá) blieb in der größten Verzweiflung zurück: sie schrie und weinte, daß man es im ganzen Hotel hören konnte, und zerriß ihr Kleid. Zum Glück war in demselben Hotel ein polnischer Graf abgestiegen (alle reisenden Polen sind Grafen) und die kratzende, verzweifelte, ihre schönen parfümierten Hände ringende Mademoiselle Selmá machte einen gewissen Eindruck auf ihn. Sie hatten eine Unterredung und gegen Mittag beruhigte sie sich. Am Abend erschien er mit ihr im Kursaal, sie lachte wie gewöhnlich sehr laut, in ihrem Benehmen aber machte sich eine nur noch größere Ungebundenheit bemerkbar. Sie trat sogleich in die Reihe jener Damen, die, wenn sie hier an den Spieltisch treten wollen, mit der Schulter ganz ungeniert einen Spieler fortstoßen, um sich Platz zu schaffen. Das gilt ja hier für besonders schick — bei diesen Damen. Sie haben sie natürlich schon bemerkt?«

»O ja!«

»Eigentlich nicht der Mühe wert. Zum Ärger des anständigen Publikums sind sie hier ununterbrochen vertreten, wenigstens jene, die täglich am Spieltisch Tausendfranken-Banknoten wechseln. Übrigens werden sie, sobald sie aufhören, Banknoten zu wechseln, sogleich gebeten, sich zu entfernen. Mademoiselle Selmá fuhr aber weiter fort, Banknoten zu wechseln, nur hatte sie jetzt noch weniger Glück als zuvor. Im allgemeinen spielen solche Damen mit gutem Erfolg; sie haben eine bewundernswerte Selbstbeherrschung. Übrigens ist meine Geschichte schon zu Ende. Eines Tages verschwand auch der Graf, ebenso wie der italienische Fürst verschwunden war. Mademoiselle Selmá erschien am Abend allein im Spielsaal; diesmal hatte sich ihr niemand als Ersatz angeboten. In zwei Tagen verspielte sie ihr letztes Geld. Nachdem sie den letzten Louisdör gesetzt und verloren hatte, sah sie sich suchend um und erblickte neben sich den Freiherrn von Wurmerhelm, der sie eine Zeitlang sehr aufmerksam und mit sichtlich größtem Unwillen betrachtet hatte. Doch leider gewahrte sie den Unwillen nicht und wandte sich mit ihrem bekannten Lächeln an den Freiherrn, um ihn zu bitten, zehn Louisdor für sie auf Rot zu setzen. Und die Folge davon war, daß sie noch am Abend desselben Tages auf Grund der Anzeige der Frau Baronin die Aufforderung erhielt, sich nicht mehr im Spielsaal sehen zu lassen. — Wundern Sie sich nicht darüber, daß mir alle diese kleinen und unanständigen Details bekannt sind. Mir hat sie ein entfernter Verwandter erzählt, der noch an demselben Abend mit Mademoiselle Selmá nach Spa reiste. Verstehen Sie jetzt: Mademoiselle Selmá möchte gern Generalin werden, wahrscheinlich, um in Zukunft nicht mehr Gefahr zu laufen, solche Aufforderungen von der Polizei des Kursaales zu erhalten, wie vor zwei Jahren. Sie spielt nicht mehr, doch unterläßt sie das nur deshalb, weil sie jetzt offenbar Kapital besitzt, von dem sie den hiesigen Spielern verschiedene Summen leiht, auf Prozente, versteht sich. Das ist bedeutend vorteilhafter. Ja, ich vermute sogar, daß auch der General ihr Geld schuldet und vielleicht sogar des Grieux. Vielleicht aber ist des Grieux ihr Kompagnon. Nun, jetzt werden Sie doch einsehen, daß sie wenigstens bis zur Hochzeit nicht unnürzerweise die Aufmerksamkeit des Barons und der Baronin auf sich zu lenken wünscht. Kurz, in ihrer gegenwärtigen Lage käme ihr ein Skandal höchst ungelegen. Sie aber sind mit der Familie des Generals mehr oder weniger verknüpft, weshalb man auf dieselbe sicherlich zu sprechen käme, wenn Ihre Streiche Aufsehen erregen oder gar einen Skandal verursachen sollten. Nun, und Mademoiselle Blanche erscheint täglich am Arm des Generals in der Öffentlichkeit und in Miß Polinas Gesellschaft. Begreifen Sie jetzt?«

»Nein, ich begreife trotzdem nichts!« rief ich erregt aus und schlug mit der Faust so heftig auf den Tisch, daß der Gargon ganz erschrocken herbeistürzte. »Sagen Sie mir, Mister Astley«, fuhr ich in heller Wut fort, »wenn Sie diese ganze Geschichte schon früher gewußt haben und so genau wissen, was für ein Geschöpf diese Mademoiselle Blanche de Cominges ist, warum haben Sie dann nicht wenigstens mich darüber aufgeklärt oder den General selbst, und schließlich — nein, in erster Linie, ja, in erster Linie Miß Polina, die jetzt ahnungslos im Kursaal, auf der Promenade, im Park, überall mit dieser Blanche promeniert? Das ist doch unverantwortlich von Ihnen!«

»Ich habe Ihnen nichts mitgeteilt, weil Sie an der Sache doch nichts hätten ändern können«, antwortete Mister Astley ruhig. »Und übrigens, was hätte ich denn mitteilen sollen? Der General ist doch über die Vergangenheit der Person vielleicht noch besser unterrichtet als ich, und trotzdem spaziert er mit ihr und seiner Stieftochter. Der General ist ein bedauernswerter Mensch. Ich sah gestern, wie sie ausritten: Mademoiselle Blanche auf einem prachtvollen Pferde, ihr zur Seite Monsieur des Grieux und jener kleine rusische Fürst, und hinter ihnen trabte auf einem Schweißfuchs der General. Am Morgen hatte er noch gesagt, daß seine Füße schmerzten, doch im Sattel hielt er sich tadellos. Als ich ihn aber so sah, kam es mir plötzlich in den Sinn, daß er doch schon ein verlorener Mann ist. Aber das geht mich ja im Grunde alles nichts an, ich habe nur vor kurzem die Ehre gehabt, Miß Polina kennenzulernen … Übrigens«, unterbrach er sich plötzlich, »ich wiederhole nur, was ich Ihnen bereits gesagt habe, daß ich Ihnen kein Recht zu gewissen Fragen zugestehen kann, obschon ich Sie gern habe…«

»Genug«, unterbrach ich ihn, indem ich mich erhob, »jetzt ist mir vollkommen klar, daß auch Miß Polina über Mademoiselle Blanche unterrichtet ist, daß sie sich aber von ihrem Franzosen nicht trennen kann und deshalb trotz allem mit Mademoiselle Blanche promeniert. Glauben Sie mir, sonst gäbe es auf der ganzen Welt keine Macht, die sie zwingen könnte, sich mit Mademoiselle Blanche öffentlich zu zeigen und mich brieflich zu bitten, den Baron in Ruhe zu lassen. Hier kann nur dieser eine Einfluß in Frage kommen, dieses eine, vor dem alles andere zurücktritt! Und doch hat sie mich selbst auf den Baron gehetzt! Zum Teufel, da soll einer draus klug werden!«

»Sie vergessen, erstens, daß diese Mademoiselle de Cominges die Braut des Generals ist, und zweitens, daß Miß Polina, die Stieftochter des Generals, einen kleinen Bruder und eine kleine Schwester hat, die die leiblichen Kinder ihres Stiefvaters sind, und die dieser Wahnsinnige schon so gut wie ganz vergessen und deren Besitz er, wie mir scheint, auch schon angegriffen hat.«

»Ja, — ja richtig! Das ist es! Sie haben recht! — Die Kinder verlassen, hieße, sie preisgeben, während bei ihnen bleiben heißt: sie beschützen, ihre Interessen verteidigen und vielleicht noch einen Rest ihres Vermögens retten! Ja! — ja, das ist es!… Aber… aber dennoch! … Oh, jetzt begreife ich, weshalb sie sich alle so lebhaft für das Befinden der alten Großtante interessieren!«

»Für wessen Befinden?« forschte Mister Astley.

»Nun, für jene alte Hexe dort in Moskau, die immer noch nicht sterben will.«

»Ach so! Nun ja, selbstverständlich konzentrieren sich alle Interessen auf die in Aussicht stehende Erbschaft. Sobald sich die Erwartung erfüllt, wird der General sich trauen lassen. Miß Polina wird gleichfalls befreit sein und des Grieux…«

»Und des Grieux…«

»Und des Grieux wird das Geld zurückerhalten, das er geliehen hat. Darauf wartet er doch nur.«

»Nur? Glauben Sie, daß er wirklich nur darauf wartet?«

»Ich wüßte nicht, worauf er sonst noch warten könnte«, sagte Mister Astley kühl abweisend und verstummte sodann.

»Aber ich weiß es, ich!« sagte ich mit verhaltenem Haß, und die Wut kochte in mir. »Er wartet gleichfalls auf die Erbschaft, denn Polina wird eine Mitgift erhalten, und sobald sie das Geld in Händen hat — wird sie sich ihm sogleich an den Hals werfen. Alle Weiber sind so! Und die stolzesten von ihnen erweisen sich als die abgeschmacktesten Sklavinnen! Polina ist nur dazu fähig, leidenschaftlich zu leben, und zu nichts weiter! Das ist meine Meinung von ihr, oder meine Überzeugung, wenn Sie wollen. Betrachten Sie sie doch einmal etwas aufmerksamer, namentlich wenn sie allein ist, in Gedanken versunken: es ist doch — etwas Prädestiniertes, Verfluchtes an ihr! Sie ist fähig, alle Schrecken des Lebens und der Leidenschaft … sie… Wer ruft mich?« unterbrach ich mich erschrocken und verwundert. »Wer rief mich? — Hörten Sie nicht? Ich hörte ganz deutlich meinen Namen rufen, auf russisch ….. eine Frauenstimme … Hören Sie! Hören Sie?«

Wir näherten uns in diesem Augenblick schon dem Hotel — das Café hatten wir schon vor einiger Zeit verlassen.

»Ja, ich hörte eine Frauenstimme rufenz aber ich weiß nicht, was. Es klang wie Russisch … Ah, jetzt sehe ich, dort, jene Dame scheint es zu sein! Die dort im großen Korbstuhl auf der Freitreppe! Hinter ihr werden Koffer abgeladen … der Zug muß soeben angekommen sein.«

»Aber weshalb ruft sie mich? Was will sie von mir? Sehen Sie doch, wahrhaftig, sie winkt uns zu sich.«

»Das sehe ich, daß sie winkt … was mag sie wollen?« fragte Mister Astley.

»Alexéi Iwánowitsch! Alexéi Iwánowitsch! Ach Gott, was das doch für ein Tölpel ist!« tönte es ganz verzweifelt von der Hoteltreppe.

Wir eilten fast im Laufschritt auf sie zu, ich nahm die paar Stufen — und meine Knie wurden schwach vor Schreck. Meine Fußsohlen waren wie angewachsen am Stein.

9

Auf dem obersten Absatz der Freitreppe des Hotels, umgeben von Dienern, Zofen und dem zahlreichen Troß des Hotelpersonals, sogar einschließlich des Hotelverwalters, der es offenbar noch mit seiner Würde vereinigen zu können glaubte, einem so geräuschvoll und originell, mit eigener Bedienung und einem ganzen Berg von Gepäck eintreffenden Gast bis zum Portal entgegenzugehen, thronte auf einem bequemen Krankenstuhl — die Großtante!

Ja, das war sie, das war sie selbst, die gefürchtete, angsteinflößende, reiche, fünfundsiebzigjährige Antonída Wassíljewna Tarasséwitschewa, die Gutsbesitzerin und unverfälschte Moskowiterin, die Großtante, die schon im Sterben lag und doch nicht starb, die Dame, deretwegen so viele Depeschen empfangen und aufgegeben worden waren, und die nun plötzlich wie ein Blitz aus heiterem Himmel in höchsteigener Person bei uns erschien. Zweimal hatte ich, seit ich Hauslehrer im Hause des Generals war, bereits die Ehre gehabt, sie zu sehen, und genau so sah ich sie jetzt wieder: in straffer Haltung im Rollstuhl sitzend, auf den sie schon seit fünf Jahren infolge gelähmter Beine angewiesen war, doch ungeachtet dessen nach wie vor mutig bis zur Verwegenheit, schlagfertig, rechthaberisch und selbstzufrieden. Nicht einmal ihre Stimme hatte an Kraft eingebüßt, und auch ihre Redeweise schien sich nicht im geringsten verändert zu haben. Natürlich stand ich im ersten Augenblick wie vom Schlage gerührt vor ihr. Sie hatte mich mit ihren Luchsaugen schon auf hundert Schritte erkannt, als man sie in ihrem Stuhl die Treppe hinauftrug, hatte mich erkannt und sogleich zu sich zu rufen begonnen, und das sogar bei meinem Ruf- und Vatersnamen, die sie sich ihrer alten Gewohnheit gemäß ein für allemal gemerkt hatte.

»Und solch eine glaubte man schon beerdigen zu können, zu beerdigen und zu beerben!« fuhr es mir durch den Sinn. »Sie wird uns ja noch allesamt und auch noch das ganze Hotel überleben! Aber Herr des Himmels, was wird jetzt aus den Unsrigen werden, aus dem General! Sie wird doch das ganze Hotel auf den Kopf stellen!«

»Na, Väterchen, was stehst du denn so vor mir da und starrst mich an!« fuhr die rüstige alte Dame in ihrer lauten, brüsken Weise fort. »Hast du vergessen, wie man eine Verbeugung macht? Verstehst du nicht mehr guten Tag zu sagen, oder was fehlt dir sonst? Oder bist du stolz geworden und willst nicht? Oder hast du mich etwa nicht erkannt? Potápytsch«, wandte sie sich an ihren alten Diener, der in Frack und weißer Binde hinter ihrem Korbstuhl stand, und dessen rosige Glatze ein Kranz ehrwürdig grauer Haare umgab, »Potapytsch, hast du gehört, er erkennt mich nicht! Da haben wir’s! Also schon beerdigt! Ich sag’s ja: Depesche auf Depesche mußte abgesandt werden, da man doch nicht früh genug erfahren konnte, ob sie denn nun endlich gestorben sei oder noch immer nicht. Ich weiß ja doch alles! Nun, ich bin aber inzwischen noch ganz fix und munter, wie du siehst.«

»Aber ich bitte Sie, Antonída Wassíljewna, wie sollte ich darauf kommen, Ihnen Schlechtes zu wünschen?« versetzte ich, mich nach dem im ersten Augenblick lähmenden Schreck besinnend, lebhaft und mit wiedergefundenem Humor. »Ich war nur zu überrascht … Und meine Verwunderung war, denke ich, ganz erklärlich, da Sie so unerwarteterweise…«

»Weshalb denn Verwunderung? Ich habe mich einfach ins Kupee gesetzt und bin hergereist. Mit der Eisenbahn ist das Reisen sehr schön, da gibt’s weder Püffe noch Stöße. Du gingst gerade spazieren, nicht wahr?«

»Ja, ich wollte zum Kurhaus gehen.«

»Es gefällt mir hier«, bemerkte sie, sich wohlgefällig umschauend, »vor allen Dingen ist es warm und die Bäume sind schön. Das lieb’ ich! Nun, wo sind die Unsrigen? — Der General? — Zu Hause?«

»Oh! versteht sich, um diese Zeit sind gewiß alle zu Hause.«

»Also auch hier haben sich ihre Stunden eingeführt und alle ihre übrigen Zeremonien? Natürlich, sie müssen doch tonangebend sein. Auch eine Equipage halten sie sich, wie ich hörte, les Seigneurs russes! Haben sie ihr Geld verzettelt, dann gehen sie wieder ins Ausland. Und Praskówja5 ist auch hier?«

»Ja, auch Polina Alexándrowna ist hier.«

»Und auch der Franzúsischka? Nun, ich werde sie ja selber alle sehen. Jetzt sei mal so gut, Alexéi Iwánowitsch, und zeig uns den Weg zu ihnen. Und wie geht es denn dir hier?«

»Es geht, Antonída Wassíljewna.«

»Du, Potápytsch, sag mal diesem Dummkopf, dem Kellner da, daß er mir ein bequemes Appartement verschafft, ein gutes, und nicht hoch gelegen; und dorthin laß auch sogleich das Gepäck tragen, hörst du? Aber warum drängen sich denn alle zum Tragen? Was drängen Sie sich vor? Weg da! Solche Dienerseelen! Wer ist das, dieser dein Bekannter dort?« wandte sie sich wieder an mich.

»Das ist Mister Astley«, antwortete ich.

»Was ist das für ein Mister Astley?«

»Ein Bekannter von mir, der sich vorübergehend hier aufhält. Er ist auch mit dem General bekannt.«

»Ein Engländer also? Deshalb: er sieht mich an, ohne den Mund aufzutun. Übrigens habe ich Engländer sehr gern. Nun… jetzt schleppt mich mal hinauf, direkt zu ihnen. Wo wohnen sie denn hier?«

Der Stuhl wurde aufgehoben, und wir begaben uns hinauf. Unser Emporstieg war jedenfalls sehr effektvoll. Alle, die uns erblickten, blieben stehen und sahen uns mit großen Augen nach. Unser Hotel gilt für das beste, teuerste und vornehmste am Ort. Auf der Treppe und in den Korridoren begegnet man zu jeder Zeit eleganten Damen und selbstbewußten, selbstzufriedenen Engländern. Viele erkundigten sich unten beim Portier nach der fremden Dame, und der berichtete natürlich, daß es eine Ausländerin sei, une russe, une Comtesse, grande dame, und daß sie dasselbe Appartement bewohnen werde, das vor einer Woche la Grande-Duchesse de N. innegehabt. Doch die Hauptursache des gro-ßen Eindrucks, den sie auf alle machte, lag sicherlich in ihrer äußeren Erscheinung, die wohl mit jeder Geste die Gewohnheit, zu herrschen und zu befehlen, verriet. Jede neue Person, der wir begegneten, wurde von ihr sogleich mit großem Interesse betrachtet, und dann erkundigte sie sich bei mir ganz ungeniert und laut nach allem, was ein Hotelgast unter Umständen vom anderen wissen kann. Und ebenso interessiert wurde sie von den Hotelgästen betrachtet. Obschon man sie nur sitzend sah, konnte doch ein jeder auf den ersten Blick erraten, daß man eine Dame von hohem Wuchs vor sich hatte. Sie saß sehr gerade und lehnte sich nie an die Rückenlehne des Stuhls. Ihren großen Kopf mit dem grauen Haar und den großen, scharfen Gesichtszügen hielt sie ebenso aufrecht wie ihren Körper; ihr Blick hatte geradezu etwas Herausforderndes und Hochmütiges an sich; doch sah man es ihr sogleich an, daß alles an ihr, sowohl ihr Blick wie ihre Bewegungen, vollkommen natürlich waren. Trotz der fünfundziebzig Jahre sah ihr Gesicht noch ziemlich frisch aus, und nicht einmal ihre Zähne hatten viel gelitten. Sie trug ein schwarzes Seidenkleid und ein weißes Häubchen auf dem grauen Haar.

»Sie interessiert mich ungemein!« flüsterte mir Mister Astley, der neben mir die Treppe hinaufstieg, leise zu.

»Von den Depeschen scheint sie alles zu wissen«, überlegte ich, »des Grieux ist ihr gleichfalls bekannt, bloß Mademoiselle Blanche kennt sie noch nicht, und sie dürfte auch kaum etwas von ihr gehört haben.«

Ich teilte leise meine Befürchtungen Mister Astley mit.

Aber der Mensch ist doch immerzu ein Sünder! Kaum hatte sich mein erster Schreck gelegt, da freute ich mich schon wie ein Lausbub über den Keulenschlag, den unser Erscheinen dem General versetzen würde. Ich fühlte mich ganz unwiderstehlich versucht, den Schreck noch zu vergrößern, und ich schritt in gehobener Stimmung voran.

Ich ließ uns weder anmelden, noch klopfte ich an die Tür. Ich stieß die Tür einfach weit auf, und die Großtante ward wie im Triumph hineingetragen. Sie waren alle, wie gerufen, im Empfangszimmer des Generals versammelt. Es hatte gerade zwölf geschlagen und ich glaube, man hatte einen Ausflug vor — die einen sollten in der Equipage fahren, die anderen reiten —, und ein paar Bekannte, die sich am Ausflug beteiligen wollten, waren gleichfalls zugegen. Außer dem General, Polina, den Kindern und der Kinderfrau befanden sich dort der Franzose, Mademoiselle Blanche im Reitkleid, Madame veuve de Cominges, der kleine Fürst und ein deutscher Gelehrter, den ich zum erstenmal sah.

Der Stuhl mit der Großtante wurde von den Trägern, die sie die zwei Treppen hinaufgetragen hatten, mitten im Zimmer niedergesetzt, keine drei Schritte vor dem General. Gott, nie im Leben werde ich sein Gesicht in dem Augenblick vergessen! Vor unserem Eintritt hatte er irgend etwas erzählt, und der Franzose schien gerade eine Bemerkung gemacht zu haben. Ich muß hier noch erwähnen, daß dieser und Mademoiselle Blanche sich schon seit zwei oder drei Tagen bei dem kleinen Fürsten einzuschmeicheln suchten — à la barbe du pauvre général, versteht sich. Die ganze Gesellschaft war, wenigstens äußerlich bei bester Stimmung: heiter, gemütlich und zum Scherzen aufgelegt. Als der General die Großtante erblickte, sperrte er tonlos den Mund auf, während ihm das halbe Wort in der Kehle steckenblieb. Er starrte sie mit fast hervorquellenden Augen an, regungslos, wie durch ein Zauberwort gelähmt. Und ebenso regungslos und stumm sah ihn die alte Dame an, aber was war das für ein triumphierender, herausfordernd spöttischer Blick! Und so sahen sie sich wohl geschlagene zehn Sekunden lang an — beim tiefsten Grabesschweigen aller übrigen. Des Grieux war zunächst einfach baff, doch bald drückte sich Unruhe und Besorgnis in seinem Gesicht aus. Mademoiselle Blanche zog die Augenbrauen in die Höhe, vergaß, den Mund zu schließen und musterte die Unbekannte mit gierigem Blick, während der Fürst und der Deutsche höchst verwundert dem Ganzen zusahen. Im Blick Polinas drückte sich zuerst nichts als grenzenloses Erstaunen aus und absolute Verständnislosigkeit, plötzlich aber erbleichte sie unheimlich; und im nächsten Augenblick schoß ihr das Blut heiß ins Gesicht.

Ja, das war für sie alle eine Katastrophe!

Ich sah von der alten Dame auf die anderen und von diesen wieder zurück auf sie.

Mister Astley stand etwas abseits und verhielt sich, wie gewöhnlich, ruhig und taktvoll.

»Na, da bin ich selbst! Anstatt der erwarteten Depesche!« entlud sich endlich die alte Dame und machte damit der Spannung ein Ende. »Was, darauf wart ihr wohl nicht ganz vorbereitet?«

»Antonída Wassíljewna… verehrteste Tante… Aber wie in aller Welt…«, stotterte noch ganz fassungslos der General.

Hätte das Schweigen nur noch eine Sekunde länger gewährt, so hätte ihn vielleicht der Schlag gerührt.

»Was, wie ich hergekommen bin? Sehr einfach: ich bin eingestiegen und gefahren. Wozu gibt es denn jetzt eine Eisenbahn? Und ihr glaubtet hier wohl alle, ich hätte mich schon gestreckt und euch die Erbschaft hinterlassen! Ich weiß doch, daß du von hier Depesche auf Depesche abgesandt hast. Wieviel Geld du damit hinausgeworfen hast, kann ich mir denken. Von hier aus ist’s nicht billig. Nun, ich aber war dort nicht angewachsen. Ist das derselbe Franzose? Monsieur des Grieux, wenn ich mich nicht irre?«

»Oui, Madame«, bestätigte sogleich des Grieux, »et croyez moi: je suis si enchanté de vous voir ici!… Votre santé…mais c’est un miracle… C’est vraiment une surprise charmante!«

»Ja, ja, charmante; ich kenne dich besser. Siehst du, nicht so viel glaube ich dir!« und zur Erklärung wies sie ihm das letzte Glied ihres kleinen Fingers. »Wer ist denn das?« fragte sie, auf Mademoiselle Blanche deutend. Die elegante Französin im Reitkleide und mit der Reitgerte in der Hand lenkte naturgemäß ihr Interesse auf sich. »Eine Hiesige, nicht?«

»Das ist Mademoiselle Blanche de Cominges, und hier ist ihare Frau Mutter, Madame de Cominges. Sie wohnen gleichfalls in diesem Hotel«, berichtete ich.

»Ist sie verheiratet, die Tochter?« fragte die alte Dame ganz ungeniert.

»Nein, Mademoiselle de Cominges ist nicht verheiratet«, antwortete ich möglichst respektvoll und absichtlich nur halblaut.

»Ist sie lustig?«

Ich verstand ihre Frage nicht gleich.

»Ist es nicht langweilig mit ihr? Versteht sie Russisch? Der Franzose hat ja bei uns in Moskau das Wunder fertig gebracht, fünf bis zehn Brocken zu behalten!«

Ich erklärte ihr, daß Mademoiselle de Cominges niemals in Rußland gewesen sei.

»Bonjour!« sagte sie plötzlich, sich ganz unvermittelt an Mazdemoiselle Blanche wendend.

»Bonjour, Madame«, erwiderte mit einer zeremoniellen, französisch eleganten réverence Mademoiselle Blanche, wobei sie sich sichtlich bemühte, unter dem Deckmantel äußerer ungewöhnlicher Bescheidenheit und Höflichkeit durch den ganzen Ausdruck ihres Gesichtes und womöglich auch ihrer Gestalt ihre grenzenlose Verwunderung über diese seltsame Frage und Behandlung zu verstehen zu geben.

»Oh, sie schlägt die Augen nieder, ziert sich und tut zeremoniell! Da sieht man gleich, was für ein Vogel das ist! Eine Schauspielerin natürlich. — Ich bin hier unten im Hotel abgestiegen«, wandte sie sich plötzlich an den General. »Wir werden unter einem Dach wohnen; ist dir das recht oder nicht?«

»Oh, Tantchen! Glauben Sie der aufrichtigsten Versicherung… meiner Freude!« beteuerte der General so schnell er nur seine Gedanken sammeln konnte. Er war inzwischen offenbar schon zu sich gekommen und schien sogar einigermaßen gefaßt zu sein, und da er sich gelegentlich ganz gut auszudrücken verstand — selbstverständlich nicht ohne dabei Anspruch auf einen gewissen Eindruck zu machen —, so wollte er sich wieder in einer Rede ergehen. »Wir waren alle so besorgt wegen Ihrer Krankheit… Wir erhielten so alarmierende Nachrichten… die erste gar wirkte geradezu erschütternd auf uns… und nun plötzlich Sie in eigener Person hier zu sehen…«

»Schon gut, schon gut, lüg nur nicht,« unterbrach ihn sogleich die Großtante.

»Aber erlauben Sie«, fiel ihr der General schleunigst mit erhobener Stimme ins Wort, wie um das »lüg nur nicht« zu übertönen, »wie haben Sie sich denn überhaupt zu dieser Reise entschließen können? In Ihren Jahren, nicht wahr, und bei Ihrem Gesundheitszustand ist es doch… wenigstens war das nicht vorauszusehen, so daß Sie gewiß unser Erstaunen verstehen und verzeihen werden. Ich bin aber so erfreut«, (er begann gerührt und entzückt zu lächeln) »… und wir alle werden uns nach Kräften bemühen, Ihnen den Aufenthalt hier zu einem möglichst angenehmen zu machen, und was die Zerstreuungen betrifft…«

»Na, genug, behalt dein Geschwätz für dich; verstehst ja doch nur leeres Zeug zu reden! Ich werde schon selbst wissen, wie ich die Zeit verbringe. Übrigens habe ich nichts gegen euch; ich trage nichts nach. ›Wie?‹ fragst du? Ja, was ist denn dabei Wunderbares? Auf die allereinfachste Weise. Aber nein, ein jeder muß sich darüber noch aufregen! Guten Tag, Praskówja. Was treibst denn du hier?«

»Guten Tag, Bábuschka«, grüßte Polina, sich der alten Dame nähernd. »Waren Sie lange unterwegs?«

»Nun, seht, die hat am vernünftigsten von allen gefragt, aber sonst: ach und ach! — und weiter hört man nichts. Ja, siehst du: ich lag und lag, ließ mich kurieren, kurieren — bis ich sie alle davonjagte, die Ärzte, und statt ihrer den Kirchendiener von Sankt Nikolai rufen ließ. Der hat ein altes Weib von derselben Krankheit mit Heukompressen kuriert. Nun, und der hat auch mir geholfen; am dritten Tage hat mich sein Tee noch gründlich zum Schwitzen gebracht und dann stand ich auf. Darauf versammelten sich wieder meine Deutschen6 , setzten ihre Brillen auf und berieten: ›Wenn Sie jetzt‹, sagten sie, ›im Ausland bald eine Kur durchmachten, so könnten die Blutstockungen ganz behoben werden.‹ Ja, warum denn nicht, denke ich. Na, natürlich, da begannen die Unken wieder zu jammern und zu seufzen: Großer Gott, eine so weite Reise können Sie doch nicht mehr unternehmen¡ Das fehlte noch! An einem Tage war alles eingepackt, und in der vorigen Woche, am Freitag, nahm ich das Mädchen, den Potápytsch und den Fjódor, den Diener — übrigens diesen Fjódor habe ich aus Berlin wieder zurückgeschickt, denn ich sah doch, er war ja ganz überflüssig, ich hätte auch allein fahren können. Ich nehme ein Kupee für mich, und Träger gibt es auf allen Stationen. Für eine Mark tragen sie dich, wohin du nur willst… Sieh mal an, was für Räume ihr hier bewohnt!« schloß sie plötzlich, sich umschauend. »Mit wessen Geld bezahlst du denn das hier, Väterchen? Du hast doch alles verpfändet. Was du allein diesem Franzúsischka da schuldest! Ich weiß doch, weiß doch alles!«

»Ich….. erlauben Sie, Tantchen…..«, begann der General ganz verwirrt, »ich wundere mich, liebe Tante… ich glaube daß ich ohne jemandes Kontrolle auskommen kann … Zudem übersteigen meine Ausgaben durchaus noch nicht meine Mittel, und wir leben hier…«

»Was, bei dir übersteigen sie sie nicht? Hört doch nur! Die Kinder hast du wohl schon ganz und gar ausgeraubt? Schöner Vormund!«

»Nach solchen Worten… nach dieser Bemerkung, liebe Tante…«, begann der General, »weiß ich wirklich nicht mehr, was ich…«

»Glaub’s schon, daß du es nicht weißt. Vom Roulette trennst du dich wohl überhaupt nicht? Hast wohl schon alles verspielt?«

Der General war so verblüfft, daß er unter all den auf ihn einstürmenden Gefühlen nur noch nach Luft schnappen konnte.

»Vom Roulette! Ich? Bei meiner Würde als General… Ich? Besinnen Sie sich, liebe Tante, Sie sind gewiß noch etwas angegriffen…«

»Nun, genug, schwatz nicht, ich bin sicher, daß man dich nur mit Müh und Not fortschleppen kann; dir glaube ich kein Wort. Ich werde jetzt selbst sehen, was denn das für ein Roulette hier ist, heute noch. Du, Praskówja, wirst mir erzählen, was man hier alles sehen muß, ja, und auch Alexéi Iwánowitsch kann uns herumführen, und du Potápytsch, schreibst alles auf, hörst du, wohin wir fahren müssen. So, also was muß man sich hier denn ansehen?« wandte sie sich wieder an Polina.

»Nicht weit von hier ist eine Schloßruine, und dann der Schlangenberg …«

»Was ist denn dort zu sehen?«

»Vom Gipfel des Berges hat man eine sehr schöne Aussicht.«

»Also auf einen Berg muß ich mich schleppen lassen? Wird man mich hinauftragen können oder geht das nicht?«

»Oh, Träger werden sich hier schon finden lassen«, sagte ich.

In dem Augenblick näherte sich ihr Fedóssja, die Kinderfrau, mit ihren beiden Schutzbefohlenen, den Kindern des Generals, damit sie die Babuschka begrüßten.

»Nun, schon gut, behaltet die Küsse für euch! Ich lieb’s nicht, kleine Kinder zu küssen. Sie sind doch alle Schmutznasen. Nun, und wie geht es dir hier, Fedóssja?«

»Ach, hier ist es wunderwunderschön, Mütterchen Antonída Wassíljewna!« antwortete Fedóssja. »Aber wie ist es denn Ihnen ergangen, Mütterchen? Wir haben uns hier doch schon so um Sie geängstigt!«

»Ich weiß, dir will ich’s glauben, du bist eine einfache Seele. Sind das hier lauter Gäste bei euch oder wer sonst?« wandte sie sich wieder an Polina. »Wer ist dieses ekelhafte Kerlchen dort mit der Brille?«

»Fürst Nilskij, Bábuschka«, sagte Polina leise.

»Ah, ein Russe? Und ich dachte, er würde es nicht verstehen! Er hat es vielleicht gar nicht gehört! Mister Astley habe ich schon gesehen. Da ist er wieder!« rief sie angenehm überrascht aus, als sie ihn erblickte. »Guten Tag!« wandte sie sich plötzlich an ihn.

Mister Astley verbeugte sich schweigend.

»Nun, was sagen Sie mir Gutes? Sagen Sie mir irgend etwas! Übersetze es ihm, Praskowja.«

Polina übersetzte ihm den Wunsch.

»Ich kann Ihnen nur sagen, daß ich Sie mit großem Vergnügen kennenlerne, und es freut mich, daß Sie sich wohlbefinden«, erwiderte Mister Astley mit größter Bereitwilligkeit, ernst und höflich.

Seine Worte wurden übersetzt und gehielen ihr augenscheinlich sehr.

»Wie doch die Engländer stets gut zu antworten verstehen!« bemerkte sie. »Ich habe die Engländer immer sehr gern gehabt. Kein Vergleich mit den Franzosen! Besuchen Sie mich«, wandte sie sich wieder an Mister Astley. »Ich werde mich bemühen, Sie nicht zu sehr zu belästigen. Übersetze ihm das und sage ihm, daß ich hier unten wohne, hier unten — hören Sie, unten, unten«, wiederholte sie, ihn fest dabei ansehend und mit dem Finger nach unten deutend.

Mister Astley war sehr erfreut über die Einladung.

Doch die Großtante betrachtete bereits Polina aufmerksam und mit zufriedenem Blick vom Kopf bis zu den Füßen.

»Ich könnte dich lieben, Praskowja«, sagte sie plötzlich, »bist ein entzückendes Mädchen, besser als sie alle, aber in Charakterchen hast du — oje! Nun was, auch ich habe einen! Dreh dich mal um: ist das alles dein eigenes Haar oder hast du da noch sonst was angesteckt?«

»Nein, Bábuschka, es ist alles mein eigenes.«

»So, das ist vernünftig, ich liebe die jetzige dumme Mode nicht. Schön bist du. Ich würde mich in dich verlieben, wenn ich ein Kavalier wäre. Weshalb heiratest du nicht? Aber es ist Zeit für mich. Ich will auch einmal hinaus und mir das alles ansehen, ich habe es satt, dieses ewige Im-Waggon-Sitzen … Nun, und du, ärgerst du dich noch?« wandte sie sich zum General.

»Oh, ich bitte Sie, Tante, vergessen wir es!« griff der General die Möglichkeit zur Versöhnung auf. »Ich begreife ja vollkommen, daß man in Ihren Jahren…«

»Cette vieille est tombée en enfance!« flüsterte mir der Franzose zu.

»Ich will mir hier alles ansehen. Wirst du mir Alexéi Iwánowitsch abtreten?« fuhr die alte Dame, zum General gewandt, fort.

»Oh, soviel Sie wünschen, aber ich kann ja auch selbst …und Polina, Monsieur des Grieux … uns allen wird es ein Vergnügen sein, Sie zu begleiten.«

»Mais, Madame, cela sera un plaisir pour nous…«, beteuerte sogleich des Grieux mit bezaubernder Liebenswürdigkeit.

»Ja, ja, plaisir! Lächerlich bist du, Väterchen. — Geld werde ich dir übrigens nicht geben«, sagte sie, sich nochmals zum General wendend. »So, und jetzt nach unten in meine Zimmer: ich muß sie mir doch ansehen, und dann machen wir uns auf zu den Sehenswürdigkeiten. Nun, vorwärts!«

Der Rollstuhl wurde hinausgeschoben, gefolgt von fast allen Anwesenden, und dann die Treppen hinabgetragen. Der General stand, ging und bewegte sich, wie von einem betäubenden Schlag getroffen. Der Franzose schien zu überlegen. Mademoiselle Blanche wollte zuerst im Zimmer bleiben, besann sich dann aber und folgte den anderen. Ihr schloß sich sogleich auch der Fürst an, und so blieben im Salon des Generals nur der Deutsche und Madame veuve de Cominges zurück.

10

In den Hotels der Kurorte — und im ganzen übrigen Europa wohl nicht minder — richten sich die Hotelverwalter und Oberkellner bei der Zuteilung der Zimmer für einen neu eingetroffenen Gast nicht so sehr nach dessen Wünschen als nach ihrer eigenen, persönlichen Einschätzung des Beteffenden, und wie man zugeben muß, irren sie sich dabei selten. Was nun aber die Bábuschka betraf, da hatten sie doch ein wenig zu hoch gegriffen: vier prächtig ausgestattete Räume, ein Badezimmer, ein Zimmer für den Diener und eines für die Zofe. Dieses Appartement hatte vor einer Woche tatsächlich eine Grande-Duchesse bewohnt, was natürlich als erstes der neuen Einwohnerin mitgeteilt und weshalb der Preis entsprechend hinaufgeschraubt wurde.

Die Großtante wurde mit ihrem Stuhl durch alle Zimmer gefahren und sie musterte sie streng und aufmerksam. Der Hotelverwalter, ein schon bejahrter Mann mit einer Glatze, begleitete sie ehrerbietig bei dieser ersten Besichtigung.

Ich weiß nicht, für wen man sie hielt, jedenfalls aber benahm man sich, als sei sie der vornehmste und reichste Hotelgast. Ins Fremdenbuch ward sofort eingetragen: Madame la générale Princesse de Tarassévitscheff, obschon sie keine Fürstin war. Offenbar hatte der ganze Aufwand ihrer Reise, die eigene Dienerschaft, das besondere Kupee im Waggon, die Unmenge ihrer Gepäckstücke, Koffer und sogar Kisten, die mit ihr eingetroffen waren, die Grundlage zu diesem Prestige gelegt; und der Rollstuhl mit den Trägern zur Überwindung der Treppen, der schroffe Ton und die Stimme der alten Dame, ihre exzentrischen Fragen, die sie wie mit der größten Selbstverständlichkeit stellte, und noch dazu mit einer Miene, welche widerspruchloseste Beantwortung heischte, kurz, die ganze Erscheinung und Haltung der Bábuschka, so wie sie nun einmal war — aufrecht, straff, schroff und gebieterisch — gab natürlich noch den Rest und steigerte die allgemeine Ehrerbietung zu wahrer Ehrfurcht vor ihr.

Bei der Besichtigung der Zimmer befahl sie zuweilen plötzlich anzuhalten, wies auf irgendeinen Gegenstand der Einrichtung und wandte sich mit nicht vorherzusehenden Fragen an den ehrerbietig lächelnden Hotelverwalter, dem es aber in ihrer Nähe nachgerade etwas unheimlich zu werden schien. Sie fragte ihn auf französisch, und da sie diese Sprahe ziemlich mangelhaft beherrschte, mußte ich ihre Fragen gewöhnlich noch übersetzen. Doch die Antworten des Hotelverwalters mißfielen ihr größtenteils oder erschienen ihr mindestens nicht befriedigend. Aber sie fragte auch immer so wenig gegenständlich, oder so — ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken soll —, so daß es wohl, weiß Gott, jedem nicht ganz leicht gewesen wäre, befriedigend zu antworten. Plötzlich zum Beispiel läßt sie vor einem Gemälde halten — einer ziemlich schwachen Kopie irgendeines bekannten Originals, das eines der vielen mythologischen Wesen darstellen soll.

»Wessen Porträt ist das?«

Der Hotelverwalter erlaubt sich, ehrerbietig zu meinen, daß es wahrscheinlich eine Gräfin sei.

»Wie, weißt du denn das nicht? Lebst hier und weißt es nicht. Wozu ist er überhaupt hier? Warum schielt er?«

Auf alle diese Fragen wußte der gute Mann nichts Positives zu antworten, ja, sie schienen ihn sogar sichtlich zu verwirren.

»Ist das ein Tölpel!« äußerte sie sich dann auf russisch.

Der Stuhl wurde weitergeschoben. Dieselbe Geschichte wiederholte sich vor einer kleinen sächsischen Porzellanstatuette, die sie lange betrachtete und dann aus unbekannten Gründen fortzubringen befahl. Darauf wandte sie sich plötzlich an den Repräsentanten des Hotels mit der Frage, wieviel die Teppiche im Schlafzimmer gekostet hätten und wo sie gewebt würden. Der Arme versprach, sich sogleich danach zu erkundigen.

»Das sind mir mal Esel!« brummte sie und wandte ihre ganze Aufmerksamkeit dem Bett zu.

»Was für ein pompöser Baldachin! Schlagt ihn zurück.«

Man tat es.

»Noch, noch weiter, ganz fort! Nehmt die Kissen fort, die Decken, alles, das Federbett, hebt die Matratzen auf.«

Alles wurde umgedreht und aufmerksam von ihr betrachtet.

»Gut, daß sie keine Wanzen haben. Nehmt die ganze Bettwäsche fort! Deckt meine Wäsche auf und meine Kissen. Das ist aber doch alles viel zu luxuriös für mich Alte, eine solche Wohnung! Allein ist es langweilig. Alexéi Iwánowitsch, du kommst öfter zu mir, wenn du mit dem Unterricht der Kinder fertig bist.«

»Ich bin seit gestern nicht mehr Hauslehrer der Kinder des Generals«, versetzte ich, »ich lebe hier im Hotel ganz für mich.«

»Warum denn das?«

»Vor einigen Tagen traf hier ein angesehener deutscher Baron mit seiner Gemahlin aus Berlin ein. Gestern auf der Promenade redete ich ihn deutsch an, wobei ich mich befleißigte, von der Berliner Redeweise nicht gar zu abweichend zu sprechen.«

»Und nun?«

»Der Baron hielt das für eine Frechheit und beklagte sich beim General, und der General hat mich daraufhin noch gestern verabschiedet.«

»Ja, was hast du denn, hast du ihn denn beleidigt oder gar gescholten? Na, und wenn auch, was wäre denn dabei gewesen! Große Herrlichkeit!«

»Oh, nein. Im Gegenteil, der Baron machte Miene, mich mit seinem Stock zu schlagen.«

»Und du Lappen hast es erlaubt, daß man sich so etwas deinem Hauslehrer gegenüber herausnimmt?« wandte sie sich brüsk an den General, »und hast ihn obendrein noch entlassen … Schlafmützen seid ihr alle, alle ohne Ausnahme!«

»Beunruhigen Sie sich nicht, verehrte Tante«, erwiderte der General mit einem gewissen hochmütig-familiären Klang, »ich kann auch ohne Beistand meine Angelegenheiten ordnen. Überdies hat Ihnen Alexéi Iwánowitsch den Sachverhalt nicht ganz richtig wiedergegeben.«

»Und du hast es dir auch ruhig gefallen lassen?« wandte sie sich wieder an mich.

»Ich wollte den Baron fordern«, antwortete ich möglichst ruhig und gleichgültig, »doch der General widersetzte sich dem.«

»So, weshalb hast du dich denn widersetzt?« wandte sie sich an den General. »Du aber, Väterchen, du kannst jetzt gehen; komm wieder, wenn man dich rufen wird«, wandte sie sich sogleich an den Hotelverwalter. »Wozu steht er hier mit offenem Munde, das ist ganz überflüssig. Nicht ausstehen kann ich diese Nürnberger Fratze!« Jener verbeugte sich ehrerbietigst und verließ uns, ohne das Kompliment der Babuschka verstanden zu haben.

»Aber ich bitte Sie, Tantchen, sind denn Duelle heutzutage überhaupt noch möglich?« fragte mit einem halb mokanten Lächeln der General.

»Ja warum denn nicht? Männer sind doch alle Hähne; also soll man sie sich duellieren lassen. Schlafmützen seid ihr hier allesamt, wie ich sehe, keiner versteht von euch, für sein Vaterland einzustehn! Nun, vorwärts! Potápytsch, sorge dafür, daß stets zwei Träger zur Stelle sind, sprich mit ihnen und mach mit ihnen fest ab. Mehr als zwei sind nicht nötig. Zu tragen brauchen sie mich nur auf den Treppen, auf ebener Erde aber, auf der Straße nur zu schieben, und so sag du es ihnen auch. Ja, und bezahle sie im voraus, dann werden sie höflicher sein. Du aber wirst immer bei mir sein, Potápytsch, und du, Alexéi Iwánowitsch, zeig mir mal diesen Baron auf der Straße: ich möchte ihn mir doch wenigstens ansehen, was für ein Von-Baron er denn eigentlich ist. Nun, wo ist denn hier dieses Roulette?«

Ich erklärte ihr, daß das Roulette sich in den Sälen des Kurhauses befinde. Dann folgten noch weitere Fragen: Wieviel sind es? Spielen dort viele Menschen? Wird den ganzen Tag gespielt? Wie spielt man denn dieses Spiel? — Mir blieb zum Schluß nichts anderes übrig, als zu sagen, daß es wohl am besten wäre, sich das Spiel einmal mit eigenen Augen anzusehen, da es schwierig sei, es zu erklären.

»Nun, dann vorwärts, bringt mich hin! Und du, Alexéi Iwánowitsch, geh voran und zeige uns den Weg.«

»Wie, Tantchen, wollen Sie sich denn nicht einmal von der Reise erholen?« fragte der General ganz besorgt. Er schien unruhig zu werden, und auch die anderen tauschten untereinander besorgte Blicke aus. Offenbar waren sie durch diese neue Überraschung etwas unangenehm berührt; vielleicht aber genierten sie sich auch, die Großtante so ohne weiteres in den Spielsaal zu begleiten, wo sie durch ihr originelles Wesen ganz gewiß Aufsehen erregen würde, was in der Öffentlichkeit sehr unangenehm wäre. Indessen erboten sich doch alle, sie zu begleiten.

»Wovon soll ich mich erholen? Ich bin nicht müde; habe ohnehin ganze fünf Tage gesessen. Später aber wollen wir sehen, was für Heilquellen es hier gibt und wo sie sind. Und dann … wie hieß das nun gleich wieder, Praskówja — der Schlangenberg, nicht?«

»Ja, Babuschka, der Schlangenberg.«

»Nun, dann meinetwegen der Schlangenberg. Was aber gibt es hier sonst noch zu sehen?«

»Es gibt hier noch verschiedenes zu sehen, Bábuschka«, sagte Polina etwas unsicher.

»Nun, scheinst ja selbst nichts zu wissen. Marfa, du kommst auch mit«, sagte sie zu ihrem Kammermädchen.

»Aber warum denn auch die noch, Tantchen?« warf der General ein, wohl um das Gefolge möglichst zu verringern. »Und übrigens wird man sie kaum das Kurhaus betreten lassen, ja, selbst bei Potápytsch bin ich dessen nicht ganz sicher.«

»Na, solch ein Unsinn! Bloß weil sie meine Dienerin ist, soll ich sie hier allein sitzen lassen? Sie ist doch auch ein lebendiger Mensch. Fast eine ganze Woche waren wir unterwegs — sie will doch auch etwas sehen. Mit wem soll sie denn gehen, wenn nicht mit mir? Allein würde sie ja nicht mal wagen, ihre Nase zur Tür hinaus zu stecken.«

»Aber…«

»Oder schämst du dich etwa, mit mir und ihr zu gehen? So bleib doch zu Haus, niemand bittet dich. Seht doch mal an, was das für ein General ist! Ich bin selbst eine Generalin. Und überhaupt, wozu soll mir denn so ein ganzer Schweif folgen? Ich werde mir auch ohne euch mit Alexéi Iwánowitsch alles ansehen können …«

Doch des Grieux bestand mit größtem Eifer darauf, daß alle sie begleiteten, und erging sich in den liebenswürdigsten Phrasen bezüglich des Vergnügens, sie begleiten zu dürfen usw. usw. So brachen wir auf.

»Elle est tombée en enfance«, flüsterte des Grieux dem General zu, »seule elle fera des bêtises…«, weiter konnte ich das Geflüster nicht verstehen, doch genügte mir das, um zu erraten, daß er gewisse Absichten haben mußte und daß er vielleicht sogar neue Hoffnung schöpfte.

Bis zum Kurhaus hatten wir von unserem Hotel aus kaum tausend Schritte zu gehen. Unser Weg führte uns durch die Kastanienallee bis zum Square vor dem Kurhaus. Der General beruhigte sich unterwegs ein wenig, denn wenn unsere Völkerwanderung auch etwas auffallend war, so machten wir doch zweifellos einen guten Eindruck. Und übrigens war es ja gar nicht erstaunlich, daß eine kranke Person, die im Stuhl gefahren werden mußte, hier zur Kur erschienen war, in gutem Vertrauen auf die Wirkung der Heilquellen. Der General hegte denn auch einzig wegen der Spielsäle seine Befürchtungen, denn: daß ein kranker Mensch zu einer Heilquelle reiste, war sehr natürlich, viel weniger natürlich war es aber, wenn dieser Kranke — in diesem Fall noch dazu eine alte Dame — die Spielsäle besuchte. Polina und Mademoiselle Blanche gingen jede zu einer Seite des Rollstuhls. Mademoiselle Blanche lachte und war fröhlich, doch in bescheidenen Grenzen, und widmete sich sogar sehr liebenswürdig der alten Dame, so daß diese sich schließlich lobend über sie äußerte. Polina auf der anderen Seite war wiederum verpflichtet, alle Augenblicke die unzähligen plötzlichen Fragen der Bábuschka zu beantworten, Fragen von der Art wie: »Wer war das, der soeben vorüberging? Ist die Stadt groß? Wie groß ist der Park? Was sind das für Bäume? Was sind das dort für Berge? Fliegen hier auch Adler? Was ist das da für ein eigentümliches Dach?«

Mister Astley ging neben mir und raunte mir heimlich zu, daß er für diesen Tag noch vieles erwarte.

Potápytsch und Marfa gingen hinter dem Rollstuhl: Potápytsch in seinem Frack mit weißer Krawatte, auf dem Kopf aber eine Mütze mit einem Schirm, und Marfa — ein vierzigjähriges, rotwangiges Mädchen, dessen Haar schon zu ergrauen begann — in einem Kattunkleid und in knarrenden, bockledernen Schuhen. Auf dem Kopf trug sie eine weiße Haube. Die Bábuschka wandte sich sehr oft nach den beiden um und machte sie auf dieses und jenes aufmerksam oder fragte sie, wie ihnen dieses oder jenes gefalle.

Der Franzose unterhielt sich mit dem General. Vielleicht sprach er ihm Mut zu. Jedenfalls aber schien er ihm Ratschläge zu erteilen. Leider hatte die Erbtante das entscheidende Wort bereits ausgesprochen: »Geld werde ich dir übrigens nicht geben.« Es ist jedoch möglich, daß des Griux die Androhung nicht so ernst nahm. Dafür aber kannte der General den Charakter der alten Dame zu gut, um sich über die Bedeutung der Worte tröstende Illusionen zu machen. Es fiel mir auf, daß der Franzose und Mademoiselle Blanche fortfuhren, heimlich Blicke auszutauschen.

Den Fürsten und den deutschen Wissenschaftler erblickte ich weit hinter uns am Ende der Allee. Sie waren wohl absichtlich zurückgeblieben und schlugen eine andere Richtung ein.

Wie ein Triumphzug erschienen wir im Kurhaus. Der Portier und die Diener legten hier gegen uns dieselbe an Ehrerbietung grenzende Höflichkeit an den Tag, wie das Dienstpersonal des Hotels, sahen uns aber doch mit größtem Interesse nach.

Die Bábuschka wollte zuerst alle Säle sehen; manches fand sie gut, anderes war ihr ganz gleichgültig; nach allem aber fragte sie. Endlich langten wir bei den Spielsälen an. Der Diener, der dort als Schildwache an der geschlossenen Tür steht, war bei unserem Anblick zuerst ganz verblüfft, faßte sich aber im Augenblick und riß beide Türflügel sperrweit auf.

Wie sollten wir da nicht Aufsehen erregen! Dazu war noch unser Mittelpunkt eine alte Dame, die sich trotz Krankheit und Lähmung in die Spielsäle fahren ließ — wie hätte da ihr Erscheinen nicht Eindruck auf das Spielerpublikum machen sollen?

An den Tischen, an denen Roulette gespielt wurde, und ebenso am anderen Ende des Saales, wo man Trente et quarante spielte, drängten sich etwa hundertfünfzig bis zweihundert Menschen, die die Tische in drei- und vierfachen Reihen umstanden. Jene, die sich glücklich bis an einen Tisch hatten durchdrängen können, wußten ihren schwereroberten Platz mit größter Zähigkeit zu behaupten und gaben ihn gewöhnlich nicht früher auf, als bis sie alles verspielt hatten… Nur so als Zuschauer am Tisch zu stehen, ohne zu spielen, das lassen die anderen natürlich nicht zu. Obschon rings um jeden Tisch Stühle stehen, setzen sich doch nur sehr wenige Spieler, namentlich wenn sich viele an den Tisch drängen, da stehend eine größere Anzahl Platz hat; wer unmittelbar am Tisch steht, kann am bequemsten sein Geld anbringen. Die zweite und dritte Reihe drängen sich auf die erste, und man beobachtet und wartet nur auf eine Gelegenheit, sich näherdrängen und dann gleichfalls setzen zu können. Doch nicht alle sind so geduldig, und gewöhhlich machen sie ihre Einsätze über die Schultern der vor ihnen Stehenden, oder sie zwängen ihre Hand zwischen den anderen durch, und sogar aus der dritten Reihe bringen manche das Kunststück fertig, über zwei Reihen hinweg ihre Einsätze zu plazieren. Infolgedessen vergehen meist keine zehn Minuten, ohne daß an einem der Tische Streit um einen Einsatz entsteht. Die Polizei der Spielsäle ist übrigens nicht schlecht. Das Gedränge läßt sich selbstverständlich nicht vermeiden, ganz abgesehen davon, daß es für die Bank vorteilhafter ist: je mehr Menschen an einem Tisch spielen, um so mehr verdient die Bank. Die acht Croupiers, die an jedem Tisch sitzen, verfolgen natürlich aufmerksam die Einsätze der Spieler, und da sie jedem das gewonnene Geld auszuzahlen haben, sind sie in der Regel diejenigen, die gelegentliche Streitigkeiten dieser Art schlichten. In äußersten Fällen wird aber die Polizei herbeigerufen und die Sache damit schnell erledigt.

Die Polizeibeamten tragen hier unauffällige Zivilkleidung und halten sich, gleich den unzähligen Promenierenden und Zuschauenden, wie Privatleute in den Sälen auf, so daß niemand sie als Angestellte der Bank erkennen kann. Ihre Hauptaufgabe besteht darin, die kleinen Diebe und Schwindler im Auge zu behalten. Solcher gibt es an den Roulettetischen sehr viele, da ihnen die Ausübung ihres Gewerbes so leicht gemacht wird. In der Tat, an jedem anderen Ort muß man, wenn man stehlen will, in fremde Taschen greifen oder Schlösser sprengen, das aber zieht im Fall eines Mißlingens unangenehme Folgen nach sich. Beim Roulette jedoch braucht man nur an den Tisch zu treten, ein paar Franken zu setzen und plötzlich ganz offen und nur mit größter Unverfrorenheit einen fremden Gewinn vom Tisch zu nehmen und in die Tasche zu stecken, und, wenn dann ein Streit entsteht, ganz entrüstet zu behaupten, daß es der eigene Einsatz gewesen sei. Wenn der Spitzbube es geschickt und unauffällig zu machen versteht und die übrigen Spieler in ihren Zeugenaussagen nicht ganz sicher sind, so bleibt der Dieb oft im Besitz des fremden Geldes — das heißt, wenn die Summe nicht sehr groß war. Die großen Einsätze werden in der Regel von den Croupiers oder den übrigen Spielern und Zuschauern mehr beachtet. Ist aber die Summe nicht so groß, so verzichtet ihr wirklicher Besitzer sehr oft auf eine Fortsetzung des Streites, da ihm ein Skandal zu unangenehm ist, und er verläßt den Tisch. Gelingt es aber, den Dieb zu überführen, so wird er sofort unter großem Aufsehen von den Polizeibeamten hinausgeschafft.

Alles das sah sich die Bábuschka aus der Ferne mit gespanntem Interesse an. Es gefiel ihr sehr, daß die Diebe abgeführt wurden. Trente et quarante fand bei ihr kein besonderes Interesse; besser gefiel ihr das Roulette und daß die kleine Kugel rollte.

Schließlich wünschte sie, das Spiel aus der Nähe anzusehen.

Ich weiß selbst nicht, wie es zuging, aber den angestellten und den freipraktizierenden Dienern (letztere sind vornehmlich Polen, die ihr Geld verspielt haben und nun den glücklichen Spielern oder Ausländern ihre Dienste aufdrängen) gelang es jedenfalls im Augenblick, trotz des Gedränges, neben dem Hauptcroupier, der an der Mitte des Tisches sitzt, Platz zu schaffen, und ehe ich mich dessen versah, wurde auch schon ihr Rollstuhl dorthin gelenkt. Sogleich drängten sich viele Zuschauer, die sich der Kuriosität halber in den Spielsälen aufhielten, ohne selbst zu spielen (meist Engländer mit ihren Familien), von allen Seiten an den Tisch heran, um die alte Dame zu betrachten. Unzählige Lorgnons richteten sich auf sie. Die Croupiers schöpften Hoffnung: eine so absonderliche Spielerin verhieß ja wirklich etwas Außergewöhnliches. Freilich, eine fünfundsiebzigjährige Dame, die trotz halber Lähmung noch zu spielen wünschte — das war allerdings nichts Alltägliches. Ich drängte mich gleichfalls an den Tisch und blieb neben ihrem Stuhl stehen. Potápytsch und Marfa waren ganz von uns fortgedrängt worden und standen irgendwo wie verloren unter den vielen fremden Menschen. Der General, Polina, der Franzose und Mademoiselle Blanche hielten sich gleichfalls unter den Zuschauern auf, doch absichtlich etwas weiter weg von uns.

Die Bábuschka begann zunächst, die Spieler zu betrachten. Und natürlich folgten dann wieder ihre plötzlichen Fragen, die sie mir schnell und halblaut zuflüsterte. »Wer ist dieser dort? Und wer ist jene?« Am meisten gefiel ihr ein ganz junger Mensch, der am Ende des Tisches saß und sehr hoch spielte: er setzte zu Tausenden und hatte, wie man ringsum flüsterte, schon gegen vierzigtausend Franken gewonnen, die in einem Haufen von Gold und Banknoten vor ihm lagen. Er war bleich; seine Augen glänzten fieberhaft und seine Hände zitterten. Er setzte bereits ohne jede Berechnung, setzte, soviel die Hand griff, und immer noch gewann und gewann er und scharrte das Geld zusammen. Die Diener überboten sich in ihrem Diensteifer für ihn, schleppten sogar einen Sessel für ihn herbei und hielten ihm die anderen vom Leibe, damit er es bequemer habe — alles das selbstverständlich in Erwartung gemünzter Dankbarkeit. Die meisten Spieler geben ihnen nämlich, wenn sie größere Summen gewonnen haben, beim Fortgehen in der Freude über den Gewinn reichen Lohn für diese kleinen Dienstleistungen, gewöhnlich so viel, wie die Hand aus der Tasche greift. Deshalb hatte sich auch neben diesem jungen Menschen schon einer von den bewußten Polen eingefunden, der sich nun nach Kräften mühte und ihm ununterbrochen, doch untertänigst etwas zuflüsterte — wahrscheinlich riet er ihm, wie er spielen solle — selbstverständlich gleichfalls in Erwartung eines Trinkgelds. Der Spieler aber beachtete ihn nicht einmal und setzte planlos, achtlos, gleichviel wie — und gewann immer noch. Allem Anschein nach war er schon vollkommen verwirrt.

Die Bábuschka betrachtete ihn eine Weile regungslos. Plötzlich stieß sie mich ganz erregt an und flüsterte mir schnell zu:

»Sag ihm, sag ihm doch, daß er weggehen soll, daß er sein Geld nehmen und weggehen soll, schnell, schnell, sag’s ihm doch! Er wird es verlieren, er wird sofort alles verlieren, so geh doch! — Wo ist Potápytsch? Schick Potápytsch zu ihm! Schnell! Aber so sag’s ihm, so sag’s ihm doch!« Und sie stieß mich immer heftiger, damit ich ginge. »Wo ist Potápytsch? Sortez! Sortez!« begann sie selbst dem jungen Menschen zuzurufen. Ich beugte mich schnell zu ihr nieder und flüsterte ihr scharf zu, daß man hier nicht so schreien dürfe, daß es nicht einmal erlaubt sei, etwas lauter als im Flüsterton zu sprechen, da fremdes Gespräch die Spieler in ihren Berechnungen störe, und daß man uns andernfalls sogleich hinausweisen würde.

»Ach, wie ärgerlich! Der Mensch ist verloren! Aber er will es ja selbst… ich mag ihn nicht mehr sehen, er bringt mich aus der Haut. Solch ein Tölpel.« Und sie wandte sich geärgert von ihm fort und begann die Spieler an der anderen Hälfte des Tisches zu betrachten.

Dort an der linken Seite des Tisches fiel unter den Spielern namentlich eine junge Dame auf, neben der ein Zwerg stand. Wer dieser Zwerg war, das weiß ich nicht — vielleicht war es ein Verwandter von ihr, vielleicht nahm sie ihn nur so mit, um Aufsehen zu erregen. Diese Dame war mir auch früher schon aufgefallen. Sie erschien täglich um die Mittagszeit in den Spielsälen, gewöhnlich um ein Uhr, und um zwei Uhr ging sie wieder fort — nur eine Stunde spielte sie. Man kannte sie schon und verschaffte ihr sogleich einen Stuhl. Sie nahm dann aus ihrer Tasche ein paar Goldmünzen, einige Tausendfrankenscheine und begann ruhig, kaltblütig, berechnend zu setzen, notierte sich mit ihrem Bleistift die Zahlen, die herauskamen, und bemühte sich, das System zu raten, nach dem im gegebenen Augenblick die Chancen wechselten. Sie setzte ziemlich bedeutende Summen und gewann täglich ein-, zwei-, höchstens dreitausend Franken — nicht mehr, und sobald sie die gewonnen hatte, ging sie fort. Der Bábuschka fiel sie sogleich auf, und sie betrachtete sie lange.

»Nun, diese dort wird gewiß nicht verlieren! Nein, diese ganz gewiß nicht! Die ist die Richtige! — Weißt du nich, wer sie ist?«

»Eine Französin wahrscheinlich, eine von jenen«, flüsterte ich.

»Ah! Das sieht man! Man erkennt den Vogel schon am Flug; ja, die hat scharfe Krallen. So, und jetzt erkläre mir, was jede Drehung zu bedeuten hat und wie man setzen muß.«

Ich versuchte, mich kurz zu fassen und ihr ungefähr die verschiedenen Kombinationen des Spiels, Rouge et Noir, Pair et Impair, Manque et Passe und die verschiedenen Bedeutungen der Zahlen zu erklären. Sie folgte sehr aufmerksam meiner Erläuterung, prägte sich die Hauptsache ein fragte zuweilen nochmals und schien alles gut zu behalten. Übrigens hatten wir die Beispiele vor Augen, was das Begreifen und Behalten wesentlich erleichterte. Die Bábuschkha war jedenfalls sehr zufrieden mit meiner Erklärung.

»Aber was bedeutet zéro? Dieser Croupier hier, der Krauskopf, rief soeben zéro! Und weshalb zieht er alles ein, sieh doch, alles was auf dem Tisch ist? Und den ganzen Haufen behält er für sich! Was hat denn das zu bedeuten?«

»Ja, zéro, Bábuschka, ist der Gewinn der Bank. Wenn die Kugel auf zéro fällt, so gehören alle Einsätze der Bank, die dann niemandem etwas auszahlt.«

»So, das ist mir mal nett! Und ich erhalte gar nichts?«

»Oh, doch, Bábuschka, aber nur, wenn Sie vorher auch schon auf zéro gesetzt haben, dann aber das Fünfunddreißigfache Ihres Einsatzes.«

»Was, fünfunddreißigmal mehr? Und kommt das oft heraus? Warum setzen sie dann nicht auf zéro, die Dummköpfe?«

»Weil sechsunddreißig Chancen dagegen sind.«

»Unsinn! Potápytsch, Potápytsch! Wart, auch ich habe Geld bei mir — hier!« Sie zog aus ihrer Handtasche einen zum Platzen vollen Geldbeutel hervor und entnahm ihm einen Friedrichsdor. »Da, setz ihn gleich auf zéro!«

»Aber zéro hat doch soeben erst gewonnen«, bemerkte ich, »jetzt wird es sobald nicht wieder gewinnen. Sie würden viel verlieren, wenn Sie jetzt schon anfangen wollten, auf zéro zu setzen. Warten Sie noch ein wenig.«

»Unsinn, tu, was ich dir sage!«

»Wie Sie wünschen, nur wird zéro vielleicht nicht vor dem Abend gewinnen, und Sie können bis dahin Tausende verlieren. Das ist schon vorgekommen.«

»Ach, Unsinn, sprich nicht! Wer den Wolf fürchtet, der gehe nicht in den Wald. Was? Verloren? Setz noch einmal!«

Auch der zweite Friedrichsdor wurde verspielt. Wir setzten den dritten. Die Bábuschka konnte kaum ruhig bleiben, und ihre Augen folgten wie gebannt der rollenden Kugel. Und wir verloren auch den dritten. Die Bábuschka war außer sich, sie saß wie auf Kohlen und klopfte sogar mit der Faust auf den Tisch, als der Croupier »trente six« rief, anstatt des erwarteten zéro.

»Ach, das ist doch!…« ärgerte sie sich, »wird denn nicht endlich einmal diese elende Null herauskommen! Ich will nicht leben, wenn ich das nicht zurückgewinne! Ich bleibe hier bis zum zéro. Das macht ja doch alles dieser verwünschte Croupierbengel, der Krauskopf, dieser Elende! Der macht es absichtlich! Alexéi Iwánowitsch, setze zwei Goldstücke auf zéro! Du setzt ja immer so wenig, daß man doch nichts bekäme, wenn es mal trifft!«

»Bábuschka!«

»Setz, sag ich dir, setz! Ist nicht dein Geld.«

Ich setzte zwei Friedrichsdore. Die Kugel kreiste lange im Rad, endlich begann sie an den Zacken zu springen. Die Bábuschka hielt den Atem an und preßte meine Hand sie in einem Schraubstock, und plötzlich —

»Zero!« rief der Croupier.; ’

»Siehst du! siehst du!« wandte sie sich hastig zu mir, rahlend vor Zufriedenheit. »Ich sagte dir doch! Muß mir doch Gott selbst eingegeben haben, zwei Goldstücke statt eines zu setzen! Nun, wieviel bekomme ich denn jetzt? Warum zahlen sie mich denn noch nicht aus? Potápytsch, Marfa, wo seid ihr denn alle? Wo sind die Unsrigen geblieben? Potápytsch! Potápytsch!«

»Babuschka, später!« flüsterte ich ihr zu. »Potapytsch steht an der Tür, man läßt ihn gar nicht zum Tisch. Sehen Sie, da zahlt man Ihnen das Geld aus, nehmen Sie es!«

Man schob uns eine in blaues Papier eingeschlagene und versiegelte Rolle zu, die fünfzig Friedrichsdore enthielt, und außerdem noch zwanzig Friedrichsdore, die der Croupier einzeln aufzählte. Alles das zog ich mit der Krücke näher zur Bábuschka.

»Faites le jeu, Messieurs! Faites le jeu, Messieurs! Rien ne va plus?« rief der Croupier, um die Spieler zum Einsatz aufzufordern, und bereits im Begriff, das Rad zu drehen.

»Mein Gott! Jetzt kommen wir zu spät! Gleich wird er drehen! So setz doch, setz doch« trieb mich die Bábuschka an, »aber so trödle doch nicht! schneller!« Sie geriet ganz aus dem Häuschen und stieß mich immer wieder an.

»Aber auf was denn, Bábuschka?«

»Auf zéro, auf zéro! Wieder auf zéro! Setz soviel als möglich! Wieviel haben wir? Siebzig Friedrichsdore? Wozu sie aufheben! Setze sie alle, aber immer je zwanzig auf einmal.«

»Bábuschka, besinnen Sie sich! Zero kommt oft zweihundertmal nicht wieder! Ich versichere Sie, so können Sie Ihr ganzes Vermögen verspielen.«

»Unsinn, schwatz nicht! Setz! Ich weiß, was ich tue!« Sie zitterte am ganzen Körper.

»Nach der Vorschrift ist es nicht erlaubt, mehr als zwölf Friedrichsdore auf einmal auf zéro zu setzen«, sagte ich, »so — und die habe ich jetzt gesetzt.«

»Wieso nicht erlaubt? Lügst du nicht etwa? Mßjö! Mßjö!« wandte sie sich an den Croupier, der links neben ihr saß, und im Begriff war, das Rad zu drehen, und sie stieß ihn fragend mit dem Finger an, »combien zéro? Douze? Douze?«

Ich beeilte mich, die Frage auf französisch verständlich zu erläutern.

»Oui, Madame«, bestätigte der Croupier höflich, »ganz wie auch jeder andere Einsatz nicht die Höhe von viertausend Florins überschreiten darf — der Vorschrift gemäß«, fügte er zur Erklärung hinzu.

»Nun, nichts zu machen, dann setz nur zwölf.«

»Le jeu est fait!« rief der Croupier.

Das Rad drehte sich, und es kam Dreizehn heraus. Wir hatten verloren.!

»Noch! noch! noch! Setz noch einmal auf zéro!«

Ich widersprach nicht mehr, zuckte nur mit der Achsel und setzte nochmals zwölf Friedrichsdore auf zéro.

Das Rad drehte sich sehr lange. Die Babuschka bebte am ganzen Leibe, und ihr Blick folgte wie gebannt der Kugel. »Sollte sie wirklich glauben, daß jetzt zéro gewinnen wird?« fragte ich mich, indem ich sie ganz verwundert betrachtete. In ihrem Gesicht las ich die unerschütterliche Überzeugung, daß sie gewinnen, daß der Croupier jetzt gleich, im nächsten Augenblick, zéro rufen werde.

Die Kugel sprang in ein Fach.

»Zero!« rief der Croupier.

»Was!« wandte sich die Bábuschka mit triumphierender Genugtuung strahlend nach mir um.

Ich bin selbst ein Spieler. Das fühlte ich in diesem Augenblick. Meine Hände und Beine zitterten, in meinem Gehirn hämmerte es. Natürlich war es nur ein seltener Zufall, daß von etwa zehn Spielen dreimal zéro gewann; doch schließlich war es nichts gar so Verwunderliches. Ich hatte es noch vor drei Tagen erlebt, daß zéro dreimal hintereinander herauskam, und bei der Gelegenheit bemerkte einer der Spieler, der sich eifrig alles notierte, daß während des ganzen vorigen Tages zéro nur ein einziges Mal herausgekommen sei.

Der Babuschka wurde der Gewinn, da er der größte war, ganz besonders aufmerksam und höflich ausgezahlt. Sie erhielt vierhundertundzwanzig Friedrichsdore, also viertausend Florins und zwanzig Friedrichsdore. Die zwanzig Friedrichsdore zahlte man ihr in Gold aus, die viertausend Florins in Banknoten.

Diesmal rief sie nicht mehr nach Potápytsch; sie war jetzt mit anderem beschäftigt. Und auch äußerlich zitterte sie weder, noch stieß sie mich wie zuvor. Ihre Gedanken schienen vollkommen konzentriert zu sein, nichts hätte sie mehr ablenken können.

»Alexéi Iwánowitsch! Er sagte, daß man nicht mehr als viertausend Florins auf einmal setzen darf? Hier, nimm, setz diese ganzen vier auf Rot.«

Ich sparte mir die vergebliche Mühe, ihr zu widersprechen. Das Rad begann sich zu drehen.

»Rouge!« rief der Croupier.

Wieder ein Gewinn von viertausend Florins, im ganzen waren es jetzt acht.

»Vier gib mir her, die anderen vier aber setz wieder auf Rot!« kommandierte die Bábuschka.

Ich setzte wieder viertausend Florins.

»Rouge!« rief wieder der Croupier.

»Das macht im ganzen zwölf! Gib sie mir alle her. Das Gold schütte hierher, so, in die Handtasche, das Papiergeld bewahre du auf. So! Basta! Nach Haus jetzt! Schiebt den Stuhl weg!«

11

Der Stuhl wurde zum Ausgang am anderen Ende ds Saales gerollt. Die Bábuschka strahlte.

Die Unsrigen drängten sich jetzt sogleich mit Glückwünschen zu ihr und belagerten sie förmlich. So exzentrisch das Benehmen der alten Dame war — ihr Triumph am Spieltisch machte doch alles wieder gut, und so befürchtete denn auch der General nicht mehr, sich durch verwandtschaftliche Beziehungen zu dieser originellen alten Dame zu kompromittieren. Mit einem familiär-heiteren und sozusagen nachsichtigen Lächeln, als gelte es, ein Kind zu beruhigen, näherte er sich ihr und gratulierte zum Gewinn. Übrigens war er sichtlich verblüfft, wie es auch alle anderen Zuschauer zu sein schienen. Wenigstens sprach man ringsum nur von ihr, und alle sahen sich nach ihr um oder deuteten mit dem Blick auf sie hin. Viele gingen sogar an ihr vorüber, um sie näher zu betrachten. Mister Astley, der mit zwei Engländern, seinen Bekannten, etwas abseits stand, sprach mit diesen gleichfalls von ihr. Einige majestätische Damen musterten sie mit Verwunderung, als wäre sie etwas noch nie Dagewesenes…. Unser Franzose zerfloß nur so in lächelnden Bonmots und Komplimenten.

»Quelle victoire!« rief er aus.

»Mais, Madame, c’était du feu!« fügte mit bezauberndem Lächeln Mademoiselle Blanche hinzu.

»Ja, seht mal, da habe ich im Handumdrehen zwölftausend Florins gewonnen! Was sage ich: zwölf! — und das Gold? Mit dem Golde zusammen werden es fast volle dreizehn sein. Wieviel ist das nach unserem Geld? So an sechstausend wird’s sein, nicht?«

Ich sagte, daß es auch siebentausend übersteige und nach dem gegenwärtigen Kurs vielleicht nicht viel an achttausend Rubel fehlten.

»Spaß! Achttausend! Und ihr sitzt hier wie die Schlafmützen und tut nichts! Potápytsch, Márfa, habt ihr gesehen?«

»Mütterchen! Achttausend Rubel! Du meine Güte, wie macht man das?« rief Marfa aus, die ganz erschüttert die Hände zusammenschlug.

»Hier, nehmt das, hier habt ihr von mir fünf Goldstüke!«

Potápytsch und Marfa wußten kaum, wie ihnen geschah, und sie küßten ihr die Hände.

»Und die Träger müssen auch jeder einen Friedrichsdor erhalten. Gib ihnen, Alexéi Iwánowitsch, gib jedem ein Goldstück. — Was will der, was ist er? — ein Diener? Warum grüßt er und der andere auch? Ah, sie wollen gratulieren! Gib auch ihnen einen Friedrichsdor, jedem einen.«

»Madame la Princesse… un pauvre expatrié… malheur continuel … les Princes russes sont si généreux …«, murmelte unter fortgesetzten Bücklingen eine Gestalt in einem ziemlich schäbigen Überrock, bunter Weste, die Mütze in der Hand und mit einem kriechenden Lächeln unter dem Schnurrbart.

»Gib ihm auch einen Friedrichsdor…. Nein, gib ihm zwei! Nun, genug jetzt, sonst nimmt das überhaupt kein Ende. Nun, vorwärts, vorwärts! Praskówja«, wandte sie sich an Polina Alexándrowna, »ich werde dir morgen ein Kleid kaufen und dieser meinetwegen auch, dieser Mademoiselle — wie heißt sie, Mademoiselle Blanche, nicht, so war’s doch? — Die soll auch ein Kleid bekommen. Übersetz ihr das, Praskowja!«

»Merci, Madame«, dankte Mademoiselle Blanche mit einer graziösen Verbeugung und einem spöttischen Lächeln, während sie mit dem Franzosen und dem General flüchtig einen Blick austauschte. Letzterer wurde nach diesem Blick sehr verlegen und atmete auf, als wir endlich in der Allee anlangten.

»Fedóssja, wie sich Fedóssja jetzt wundern wird!« entsann sich die Bábuschka plötzlich der Kinderfrau. »Auch ihr muß ich Stoff zu einem Kleid schenken. Du, Alexéi Iwánowitsch, Alexéi Iwánowitsch, gib diesem Armen!«

Irgendein heruntergekommenes Subjekt in zerlumpter Kleidung ging an uns vorüber und sah uns an.

»Das ist vielleicht gar kein Armer, sondern nur so ein Strolch, Bábuschka.«

»Gib nur, gib! Gib ihm einen Gulden.«

Ich ging ihm nach und gab ihm einen Gulden. Er sah mich ganz verständnislos an, nahm aber doch schweigend den Gulden in Empfang. Er roch nach Branntwein.

»Und du, Alexéi Iwanowitsch, hast du dein Glück noch nicht versucht?«

»Nein, noch nicht, Bábuschka.«

»Und dabei blitzen deine Augen nur so — glaubst du, ich habe es nicht bemerkt?«

»Ich werde schon noch mein Glück versuchen, aber später.«

»Und setze unbedingt auf zéro! Du wirst sehen. Wieviel Geld hast du?«

»Im ganzen nur zwanzig Friedrichsdore, Bábuschka.«

»Das ist nicht viel. Wenn du willst, werde ich dir fünfzig Friedrichsdore leihen. Nein, nimm gleich diese Rolle. Du aber, Väterehen, brauchst deshalb noch längst nicht zu glauben, daß du auch was erhältst! Dir geb ich nichts!« wandte sie sich von mir zum General.

Es ging ihm, wie mir schien, durch Mark und Bein, aber er sagte nichts. Der Franzose ärgerte sich.

»Que diable, c’est une terrible vieille!« stieß er unwirsch zwischen den Zähnen hervor. Er ging neben dem General.

»Ein Armer, ein Armer, sieh, dort kommt wieder ein Armer!« rief Bábuschka. »Alexéi Iwánowitsch, gib auch diesem einen Gulden.«

Diesmal war es ein Greis mit silberweißem Haar, einem Stelzfuß, einem altmodischen Stock in der Hand und in einem dunkelblauen langen Rock. Er sah aus wie ein alter Soldat. Als ich ihm aber den Gulden geben wollte, trat er einen Schritt zurück und maß mich mit zornigem Blick.

»Was soll das, zum Teufel!« rief er, und es folgte noch eine Reihe von Kraftausdrücken.

»Nun, nun! Solch ein Dummkopf!« rief die Bábuschka, »nun, dann nicht! Vorwärts! Ich bin hungrig. Jetzt können wir sogleich zu Mittag speisen, dann lege ich mich ein wenig hin, und dann kehren wir dorthin zurück.«

»Was, Sie wollen noch weiterspielen, Bábuschka!« rief ich erschrocken.

»Ja, was denn sonst? Soll ich etwa, bloß weil ihr hier alle versauert, nur euch dabei zuschauen und gleichfalls nichts tun?«

»Mais, Madame«, legte sich der Franzose ins Mittel, »les chances peuvent tourner, une seule mauvaise chance et vous perdrez tout… surtout avec votre jeu…. c’était terrible!«

»Vous perdrez absolument«, pflichtete ihm Mademoiselle Blanche schleunigst bei.

»Was geht denn das euch an? Nicht euer Geld werde ich verspielen, sondern meines! Aber wo ist dieser Mister Astley geblieben?« fragte sie mich.

»Er ist im Kurhaus zurückgeblieben, Babuschka.«

»Schade; das ist doch gewiß ein guter Mensch.«

Kaum waren wir im Hotel angelangt, da tauchte auch schon der Hotelverwalter vor uns auf, den die Bábuschka sogleich zu sich heranwinkte, um sich ihres Glückes im Spiel zu rühmen. In ihrem Zimmer war das erste, was sie tat, daß sie Fedóssja rufen ließ, der sie drei Friedrichsdore schenkte. Dann wünschte sie zu essen. Fedóssja und Márfa schwammen in Seligkeit, während sie sie bedienten.

»Ach, Mütterchen«, schnatterte Marfa, »das war was!… Wie ich da so stand, sagte ich zu Potápytsch: was will denn unser Mütterchen dort machen? Auf dem Tisch aber liegt Geld und Geld — Himmel, wie viel! In meinem ganzen Leben hab ich nicht soviel Geld gesehn, und ringsum ind alles nur Herrschaften, lauter Herrschaften! Und woher kommen sie nur, frage ich den Potápytsch, alle die vielen feinen Leute? Und ich denke noch so bei mir: mag ihr nur immer die heilige Mutter Gottes beistehen! Und da betete ich für Sie, Mütterchen, mein Herz aber wurde ganz schwach, und ganz flau wurde mir zumut. Steh ihr nur immer bei, lieber Gott, denke ich so bei mir, und da hat Ihnen denn auch Gott dies große Glück geschenkt! Ach, du mein Himmel, wenn ich das so bedenke! Ich zittere auch jetzt noch, Mütterchen, sehen Sie nur, wie ich zittere! …«

»Alexéi Iwánowitsch, nach dem Essen —so um vier—mach dich bereit, dann gehen wir wieder hin. Jetzt aber leb wohl, bis auf weiteres. Vergiß nur nicht, mir einen Arzt herzuschicken, man muß doch auch Brunnen trinken. Sieh nur zu, daß du es nicht vergißt!« rief sie mir noch nach.

Ich verließ sie wie betäubt. Obschon ich nicht darüber nachdenken wollte, beschäftigten sich meine Gedanken doch unausgesetzt mit der Vorstellung, was jetzt aus den Unsrigen werden würde und was das für Folgen haben könnte. Ich sah es ja deutlich, daß sie alle (namentlich aber der General) noch gar nicht so recht zu sich gekommen waren, nicht einmal vom ersten Schreck hatten sie sich erholt. Die Tatsache des Erscheinens der Großtante anstatt des stündlich erwarteten Eintreffens der Todesnachricht — die doch gleichbedeutend gewesen wäre mit der Anzeige der Erbschaft — hatte alle ihre Pläne, Hoffnungen und Berechnungen so über den Haufen geworfen, daß sie sich, wie unter dem Bann völliger Gedankenlähmung, zu den weiteren Heldentaten der Bábuschka am Spieltisch zunächst noch ganz teilnahmslos verhielten. Indessen war aber diese zweite Tatsache, daß die Bábuschka zu spielen begonnen, doch fast noch schlimmer als die erste, denn wenn sie auch zweimal gesagt hatte, daß sie dem General kein Geld geben werde, so konnte man doch nichts Näheres wissen und brauchte deshalb noch nicht jede Hoffnung aufzugeben. Gab doch auch der Franzmann, der an den Unternehmungen des Generals so stark beteiligt war, die Hoffnung noch nicht auf, und Mademoiselle Blanche, die an der Sache wohl nicht minder interessiert war (das fehlte noch: Titel einer Generalin und die bedeutende Erbschaft!) — Mademoiselle Blanche tat’s erst recht nicht, wandte vielmehr alle Mittel der Koketterie an, um die Bábuschka sich wenigstens geneigt zumachen… sehr im Gegensatz zu Polina, der der Hochmutsteufel im Nacken saß und die sich wohl nie zu Einschmeichelungsversuchen herablassen würde. Aber jetzt, jetzt, nachdem die Bábuschka mit soviel Glück gespielt, jetzt, nachdem sich ihr Charakter so typisch und scharf vor ihnen enthüllt hatte (eine eigensinnige und herrschsüchtige Greisin, und nichts weniger als tombée en enfance!), jetzt, ja, jetzt war allerdings alles verloren. Freute sie sich doch wie ein Kind über ihren Gewinn, folglich aber würde sie — das ist nun einmal so — alles verspielen. »Mein Gott«, dachte ich (und verzeih mir, Grundgütiger! — mit herzlich schadenfrohem Lachen dachte ich’s) »mit welch einer Zentnerschwere muß doch jeder Friedrichsdor, den die Alte vorhin aufs Spiel setzte, dem General aufs Herz gefallen sein, wie muß der Franzmann geflucht und Mademoiselle Blanche, die äußerlich lächelnde, innerlich gerast haben, als sie zusehen mußte, wie der Löffel so an ihrem Munde vorübergeführt wurde!«

Und dann noch etwas Bedeutsames: selbst als die Bábuschka in der Freude über den Gewinn jedem ärmer Gekleideten Geld schenkte, selbst dann noch hatte sie den General angefahren mit ihrem: »Dir aber gebe ich doch nichts!« Das bedeutete gewiß, daß sie sich das geschworen, sich in diesen Gedanken verbissen hatte. Das war sehr gefährlich!

Alle diese Erwägungen fuhren mir durch den Kopf, während ich von der Babuschka die Haupttreppe des Hotels bis in den höchsten Stock zu meinem Zimmerchen emporstieg. Ich muß sagen, daß mich diese ganze Komödie, die sich hier vor meinen Augen abspielte, mehr denn je interessierte, oder vielmehr erst jetzt wirklich zu interessieren begann. Freilich habe ich auch früher schon die dicksten Fäden, die die Schauspieler dieser Komödie untereinander verbinden, zum Teil erraten können, aber hinter die Kulissen habe ich doch noch nicht gesehen — und so sind mir auch die Geheimnisse dieses Spieles hier bisher unbekannt geblieben. Polina hat mir ja nie ihr ganzes Vertrauen geschenkt. Mitunter, ja, hat sie mir allerdings ihr Herz halbwegs verraten, aber im nächsten Augenblick zog sie dann das Gesagte doch wieder ins Scherzhafte oder sie verwirrte alles dermaßen, daß nichts mehr glaubhaft klang. Oh, sie verbarg mir vieles! Jedenfalls aber fühlte ich in diesem Augenblick, daß das Ende dieser ganzen unhaltbaren Situation mit ihrer nervösen Spannung, die von der allgemeinen Geheimnistuerei noch erhöht wurd, herannahte. Noch ein Schlag, und alles wird aufgedeckt und beendet sein! Um mein eigenes Schicksal, das doch im Grunde mit dem der anderen mehr oder weniger zusammenhing, machte ich mir so gut wie gar keine Sorgen. Und auch jetzt noch, wirklich, ich vermag mir meine Stimmung kaum selbst in zu erklären: ich habe kaum zwanzig Friedrichsdore in der Tasche, befinde mich fern von der Heimat und ganz allein in einem fremden Lande, ohne Stelle und ohne Mittel zur Existenz, ohne Hoffnung und ohne Zukunftspläne und — mache mir überhaupt keine Sorgen deshalb! Wenn das ewige Denken an Polina nicht wäre, so würde ich mich ganz meinem Interesse für die Komik der bevorstehenden Lösung hingeben und würde lachen, aus vollem Halse lachen! Aber Polina verwirrt mich. Ihr Schicksal entscheidet sich jetzt, das fühle ich, aber ich muß gestehen, es ist doch nicht ihr Schicksal, was mich beunruhigt. Ich will nur in ihre Geheimnisse eindringen. Ich wünschte, sie käme zu mir und sagte: »Aber ich liebe dich doch«; und wenn nicht, wenn diese Verrücktheit undenkbar ist, dann … nun, was sollte ich dann wünschen? Weiß ich denn, was ich wünsche? Ich bin doch wie verloren: nur bei ihr möchte ich sein, in dem Licht, das von ihr ausgeht und sie wie eine Aureole umgibt, nur bei ihr sein, immer, ewig, mein ganzes Leben lang! Das ist alles, was ich weiß! Und könnte ich denn überhaupt niemals von ihr fortgehen?

Im Dritten Stock mußte ich durch den Korridor gehen, an dem ihre Zimmer liegen. Da war es mir plötzlich, als habe mich im Augenblick etwas gestoßen. Ich sah mich um und erblickte etwa zwanzig oder mehr Schritte von mir entfernt Polina, die gerade aus der Tür ihres Zimmers trat. Es schien mir, als habe sie hinter der Tür auf mich gewartet, denn sie winkte mich sogleich zu sich.

»Polina Alexándrowna …«

»Leise!« flüsterte sie.

»Stellen Sie sich vor«, flüsterte ich, »es war mir soeben, als habe mich jemand in die Seite gestoßen, und wie ich mich umblickte — sah ich Sie! Es scheint ja von Ihnen geradezu eine Art Elektrizität auszugehen!«

»Nehmen Sie diesen Brief«, sagte Polina, die besorgt und unmutig aussah und meine Bemerkung wohl ganz überhört hatte, »und übergeben Sie ihn Mister Astley persönlich. Gehen Sie jetzt gleich, so schnell wie möglich, ich bitte Sie. Eine Antwort ist nicht nötig. Er wird selbst ….«

Sie stockte.

»An Mister Astley?« fragte ich verwundert.

Aber Polina war schon hinter der Tür verschwunden.

»Aha, also sie korrespondieren bereits!«

Natürlich beeilte ich mich sogleich, Mister Astley aufzusuchen. Ich ging zuerst in sein Hotel, wo ich ihn nicht antraf, ging dann ins Kurhaus, wo ich ihn in allen Sälen suchte, ohne ihn zu finden. Ärgerlich, fast sogar wütend, wollte ich mich in unser Hotel zurückbegeben — da traf ich ihn endlich unterwegs: er ritt in Gesellschaft mehrerer englischer Herren und Damen. Ich winkte ihn zu mir heran und übergab ihm den Brief. Wir kamen nicht einmal dazu, einen Blick auszutauschen. Ich vermute aber, daß Mister Astley absichtlich seinem Pferde die Sporen gab, um schneller fortzukommen.

Quälte mich Eifersucht? Ich weiß es selbst nicht; ich weiß nur, daß ich in der niedergedrücktesten Stimmung war und mich nicht einmal vergewissern wollte, worüber sie korrespondierten. Also ihr Vertrauensmann! »Freund hin, Freund her«, dachte ich, »nun ja (wann hat er denn Gelegenheit gehabt, es zu werden?), aber ist hier nicht doch Liebe im Spiel? …Natürlich nicht!« flüsterte mir meine Vernunft zu. Aber Vernunft pflegt ja in solchen Fällen kaum maßgebend zu sein. Jedenfalls mußte ich mir auch hierüber noch Aufklärung verschaffen. Die Geschichte verwickelte sich in unangenehmer Weise.

Kaum hatte ich das Hotel wieder betreten, als mir sogleich der Portier aus seiner Loge und nach ihm auch der Hotelverwalter entgegentraten und mir mitteilten, daß der General mich zu sprechen wünsche und schon dreimal habe fragen lassen, wo ich sei. Er lasse mich bitten, mich unverzüglich zu ihm zu begeben. Das verdarb mir endgültig meine Stimmung, die ohnehin nichts weniger als freundlich war.

Im Kabinett des Generals traf ich außer ihm selbst noch Monsieur des Grieux und Mademoiselle Blanche an — ohne madame veuve de Cominges. Entschieden ist diese nichts als ein Dekorationsmöbel, das nur zu Paradezwecken dient! Wird die Sache einmal ernst, so agiert Mademoiselle Blanche allein. Und es ist auch kaum anzunehmen, daß jener von ihrer sogenannten Tochter jemals ein Einblick in die Karten gestattet worden sei.

Sie mußten übrigens alle drei über sehr wichtige Dinge verhandelt haben — sogar die Tür hatten sie abgeschlossen, was sonst noch nie geschehen war. Als ich mich der Tür näherte, hörte ich laute Stimmen erregt durcheinander sprechen: ich erkannte den anmaßenden Tonfall des Franzosen mit allen seinen boshaften Nuancen, die im Zorn fast kreischende Stimme der Mademoiselle Blanche, die sich sogar in Schimpfwörtern zu ergehen schien, und dazwischen die kleinlaute und schuldbewußte Stimme des Generals, der sich offenbar gegen die Vorwürfe der anderen zu verteidigen und zu rechtfertigen suchte. Bei meinem Erscheinen verstummten sie alle ganz plötzlich und nahmen sich zusammen. Des Grieux strich sich mit der Hand mehrfach übers Haar und machte aus seinem wütenden Gesicht ein lächelndes — verzog es zu jenem widerlichen, offiziell-höflichen, französischen Lächeln, das mir so maßlos verhaßt ist. Der General, der im ersten Augenblick noch ganz schuldbewußt und halb vernichtet aussah, räusperte sich und warf sich wieder in Positur. Aber er tat es doch etwas mechanisch, fast wie geistesabwesend. Einzig Mademoiselle Blanche veränderte kaum ihre zornige Miene und begnügte sich damit, zu verstummen. Sie sah mich wie in ungeduldiger Erwartung an. Ich muß hier bemerken, daß sie sich bis dahin ganz unglaublich nachlässig gegen mich benommen hatte, sogar meine Verbeugung pflegte sie kaum mit einem Kopfnicken zu quittieren oder mich einfach zu übersehen.

»Alexéi Iwánowitsch«, begann der General in milde vorwurfsvollem Ton, »gestatten Sie, daß ich Sie darauf aufmerksam mache, wie sonderbar, wie im höchsten Grade sonderbar… äh, hm! … mit einem Wort, Ihr Verhalten gegen mich und meine Familie… Kurz, ich muß Ihnen gestehen, daß ich es mehr als sonderbar empfinde …«

»Eh, ce n’est pas ça«, unterbrach ihn ärgerlich und mit einem verächtlichen Seitenblick der Franzose. Der war hier offenbar schon Herr und Meister! »Mon cher monsieur, notre cher général se trompe«, und so weiter, und so weiter in französischen Phrasen. Der Sinn war der, daß der General sich im Ton vergriffen habe, er wolle mir nur sagen — »das heißt, Sie nur warnen, oder richtiger, Sie aufrichtig bitten, ihn nicht zugrunde zu richten … nun ja, eben wie gesagt, nicht zugrunde zu richten! Ich drücke mich mit Absicht so aus…«

»Aber inwiefern tue ich denn das?« unterbrach ich ihn.

»Aber ich bitte Sie, Sie haben es übernommen, der … manager — oder wie soll ich es sonst nennen? — dieser Alten, de cette pauvre terrible vieille zu sein …« Er geriet selbst etwas aus dem Konzept. »Aber sie wird doch so alles verspielen, alles, bis aufs Letzte! Sie haben doch selbst gesehen, Sie waren doch Augenzeuge, wie sie spielte! Wenn sie erst einmal zu verlieren beginnt, wird sie den Spieltisch überhaupt nicht mehr verlassen, ich versichere Sie! Aus Eigensinn wird sie nicht fortgehen, aus Wut, und sie wird spielen und spielen — und da man hin und wieder auch gewinnt, so…«

»So richtet sie damit die ganze Familie zugrunde!« half ihm der General. »Ich und meine Familie — wir sind ihre Erben, nähere Verwandte hat sie nicht. Und ich will Ihnen ganz aufrichtig sagen: meine Verhältnisse sind eben derart … mit einem Wort, sie sind durchaus nicht so, wie ich wünschte, daß sie wären. Sie wissen es ja selbst … Zum Teil, wenigstens. Wenn Sie nun hier eine bedeutende Summe verspielt oder gar ihr ganzes Vermögen — Gott behüte uns davor! — was soll dann aus… meinen Kindern werden!« (Er sah sich nach dem Franzosen um) »und … und aus mir!« — sein Blick suchte Mademoiselle Blanche, die sich mit Verachtung von ihm abwandte. »Alexéi Iwánowitsch, retten Sie uns, retten Sie uns! …«

»Aber ich bitte Sie, General, inwiefern könnte ich hier … Was habe ich hier überhaupt zu sagen?«

»Weigern Sie sich, weigern Sie sich, helfen Sie ihr nicht, verlassen Sie sie!«

»Dann wird sich ein anderer finden …«

»Ce n’est pas ça, ce n’est pas ça!« unterbrach uns wieder der Franzmann — »que diable! Nein, verlassen Sie sie nicht, aber versuchen Sie, oui, versuchen Sie wenigstens, sie zu bereden, sie abzulenken, sie zurückzuhalten … Enfin… lassen Sie sie wenigstens nicht gar zu viel verspielen, lenken Sie sie irgendwie vom Spiel ab!«

»Vielleicht geben Sie mir auch einen Rat, wie ich das machen könnte? Aber wie wäre es, Monsieur, wenn Sie es selbst versuchen wollten?« fragte ich möglichst harmlos.

Da bemerkte ich einen schnellen fragenden Blick, den Mademoiselle Blanche ihm zuwarf. In seinem Gesicht ging eine seltsame Veränderung vor sich, fast als wolle er einmal aufrichtig sein.

»Das ist es ja, daß sie mich jetzt nicht…« Er schnippte ärgerlich mit den Fingern. »Wenn… später vielleicht…«

Er sah plötzlich mit einem bedeutsamen Blick zu Mademoiselle Blanche hinüber.

»Oh, mon cher Monsieur Alexis, soyez si bon!« bat mich plötzlich Mademoiselle Blanche, auf mich zutretend — daß sie sich dazu herabließ! — »soyez si bon!« und sie ergriff sogar meine beiden Hände und drückte sie herzlich. Teufel! Dieses diabolische Gesicht konnte sich in einer einzigen Sekunde verändern! In diesem Augenblick hatte sie ein so flehendes, so liebes, kindlich lächelndes und schelmisches Kindergesicht! Und zum Schluß zwinkerte sie mir plötzlich noch spitzbübisch zu — ganz heimlich, so daß die anderen es nicht sahen. Sie wollte mich wohl in einer einzigen Minute umgarnen! Sie verstand es gut, nur wirkte es doch shrecklich plump.

Sogleich eilte auch der General herbei.

»Alexéi Iwánowitsch, verzeihen Sie, daß ich vorhin so… etwas unwirsch begann, es war ja gar nicht so gemeint! Ich bitte Sie, ich bitte Sie inständig, ich flehe Sie an! — Sie allein, nur Sie allein können uns retten! Ich und Mademoiselle de Cominges bitten Sie von ganzem Herzen — Sie begreifen doch, Sie verstehen doch?« flehte er, mit dem Blick vielsagend auf Mademoiselle Blanche weisend. So hilflos hatte ich ihn noch nie gesehen.

Da wurde plötzlich dreimal respektvoll leise an die Tür gepocht; wir machten auf — es war ein Hoteldiener; einige Schritte hinter ihm stand Potápytsch. Die Bábuschka hatte sie gesandt. Sie sollten mich aufsuchen und sogleich zu ihr führen.

»Belieben sich zu ärgern«, meldete Potápytsch zur Erklärung.

»Aber es ist doch erst halb vier.«

»Ja, aber die Gnädige konnten nicht einmal einschlafen, warfen sich von einer Seite auf die andere, dann standen sie plötzlich auf, verlangten, in den Stuhl gehoben zu werden und daß man Sie rufe. Jetzt sind sie schon unten auf der Treppe …«

»Quelle mégère!« verwünschte sie der Franzose.

In der Tat fand ich die Bábuschka bereits unten auf der Treppe — ärgerlich vor Ungeduld, weil sie auf mich hatte warten müssen. Sie hatte es nicht ausgehalten bis vier.

»Nun, hebt jetzt, vorwärts!« kommandierte sie, und wir begaben uns wieder zum Roulette.

12

Die Bábuschka befand sich in einer reizbaren und ungeduldigen Gemütsverfassung; man sah es ihr an, daß das Roulette ihr nicht mehr aus dem Kopf ging. Alles andre war ihr jetzt gleichgültig, und überhaupt schien sie sehr zerstreut zu sein, oder richtiger, nur mit einem Gedanken beschäftigt. Unterwegs zum Beispiel stellte sie keine einzige Frage von der Art wie am Vormittag. Als eine wunderbare Equipage blitzschnell an uns vorüberrollte, hob sie wohl einmal die Hand und fragte: »Wer war das? Wem gehört der Wagen?«, schien aber meine Antwort ganz zu überhören und sich wieder nur mit ihren eigenen Gedanken zu beschäftigen. Ihre Nachdenklichkeit unterbrach sie von Zeit zu Zeit durch hastige Bewegungen und Ausfälle. Als ich ihr kurz vor dem Kurhaus den Baron und die Baronin Wurmerhelm zeigte, die ich in ziemlicher Entfernung von uns erblickte, sah sie nur zerstreut hin, sagte gleichmütig »Ah?« und wandte sich plötzlich nach Potápytsch und Marfa um, die hinter ihr gingen, und fuhr sie schroff an:

»Weshalb kommt ihr denn mitgelaufen? Nicht jedesmal kann ich euch mitschleppen! Marsch zurück nach Haus! Du genügst mir vollkommen«, wandte sie sich an mich, als jene schleunigst dienerten und zum Hotel zurückkehrten.

Im Spielsaal wurde die Babuschka bereits erwartet. Im Augenblick wurde derselbe Platz neben dem Croupier für sie freigemacht. Ich glaube, daß diese Croupiers, die stets so ruhig scheinen, als ginge es sie nichts an, ob die Bank gewinnt oder verliert, im Grunde doch nichts weniger als gleichgültig dem Spiel gegenüber sind, gewiß auch einige Instruktionen in betreff der Anlockung der Spieler erhalten und sich für den Gewinn der Bank interessieren müssen, wofür sie dann zweifellos Prämien und Prozente erhalten. Wenigstens schien es mir, daß sie die Bábuschka bereits als ihr Opfer betrachteten. Und das, was sie und die Unsrigen erwarteten, geschah natürlich, und zwar folgendermaßen:

Die Bábuschka wandte sich, wie vorauszusehen war, sogleich ihrem lieben zéro zu und befahl mir zwölf Friedrichsdore zu setzen. Ich setzte einmal, noch einmal und dann noch einmal — zéro kam nicht.

»Setze, setze«, drängte sie vor Ungeduld mich stoßend. Ich gehorchte.

»Wievielmal haben wir schon gesetzt?« fragte sie schließlich, knirschend vor Ungeduld.

»Schon zwölfmal, Bábuschka. Hundertundvierundvierzig Friedrichsdore haben wir verloren. Ich sage Ihnen, bis zum Abend können Sie ja…«

»Schweig!« unterbrach sie mich kurz. »Setz auf zéro und zugleich auf Rot tausend Gulden. Wart, hier ist das Geld, nimm.«

Rot gewann, doch den Einsatz auf zéro verloren wir wieder. Viertausend Gulden wurden uns ausbezahlt.

»Siehst du, siehst du!« flüsterte die Bábuschka mir zu, »fast alles, was wir verloren haben, ist damit zurückgewonnen! Setz wieder auf zéro, noch zehnmal wollen wir auf zéro setzen, dann basta.«

Doch nach dem fünften Verlust hatte sie es satt.

»Ach, hol’s der Kuckuck, dieses scheusälige zéro! Da, setze alle viertausend Gulden auf Rot!« befahl sie.

»Bábuschka! Das wird etwas zu viel sein; bedenken Sie doch, wenn nun Rot nicht gewinnt«, versuchte ich sie zu bereden, aber die Bábuschka hätte mich fast geprügelt. Tatsächlich stieß sie mich immer so unsanft, daß es gar nicht so übertrieben wäre, von Schlägen zu reden. Es war nichts zu machen! Ich setzte die vorher gewonnenen viertausend Gulden auf Rot. Das Rad drehte sich. Die Bábuschka saß ruhig und stolz aufgerichtet da und zweifelte keinen Augenblick daran, daß der Croupier sogleich »Rouge« rufen werde. »Zero!« rief der Croupier.

Zuerst begriff sie gar nicht, was das bedeutete, als sie aber sah, daß der Croupier ihre viertausend Gulden und alles übrige Geld, das auf dem Tische lag, einzog, und als sie dann erst allmählich sich dessen bewußt wurde, daß dieses Zero, auf das wir fast zweihundert Friedrichsdore gesetzt und verloren hatten, nun so plötzlich herausgekommen war, gerade jetzt, nachdem sie es zum Kuckuck gewünscht und zum erstenmal nicht darauf gesetzt hatte — da ächzte sie nur einmal auf und schlug die Hände zusammen, daß es im ganzen Saal zu hören war. Ringsum begann man zu lachen.

»Gott im Himmel! Und gerade jetzt, gerade jetzt mußte es herauskommen!« Ganz verzweifelt war sie! »Solch ein Scheusal, solch ein nichtsnutziges Scheusal! Das ist deine Schuld! Daran bist du ganz allein schuld!« wandte sie sich zornbebend wieder mit einem Stoß an mich. »Du, du hat mich dazu beredet!«

»Bábuschka, ich habe ganz sachlich meine Meinung gesagt, aber ich kann nicht alle Chancen voraussehen!«

»Ich werde dir! … Chancen!« flüsterte sie zornig. »Mach, daß du fortkommst, marsch!«

»Adieu, Bábuschka.« Ich wandte mich zum Gehen.

»Alexéi Iwánowitsch, Alexéi Iwánowitsch, so bleib doch hier! Wohin! Nun, was fehlt dir, was fehlt dir? Ärgerst dich? Dummkopf! Nun, bleib doch hier, nun ärgere dich nicht; ich bin selbst ein Dummkopf! Nun, sag, nun — was jetzt?«

»Nein, Bábuschka, raten werde ich Ihnen nicht mehr, Sie werden mich doch wieder beschuldigen. Spielen Sie nach eigenem Gutdünken. Bestimmen Sie, ich werde setzen.«

»Schon gut, schon gut! Nun, setze noch einmal viertauend Gulden auf Rot! Hier ist die Brieftasche; nimm sie!« Sie zog sie aus ihrer Tasche hervor und reichte sie mir. »Nun, mach aber schnell, hier sind zwölftausend Gulden in barem Gelde.«

»Babuschka«, stotterte ich, »solche Einsätze…«

»Ich will nicht leben, wenn ich es nicht wiedergewinne!«

Wir setzten und verloren.

»Noch, setz noch, setz alle acht!«

»Das geht nicht, der größte Einsatz ist viertausend! …«

»Nun, dann setz viertausend!«

Diesmal gewannen wir. Die Babuschka lebte auf.

»Siehst du, siehst du!« sagte sie und stieß mich wieder an, »setze wieder vier!«

Ich setzte — wir verloren. Dann verloren wir noch einmal und dann noch einmal.

»Bábuschka, alle zwölftausend sind hin«, meldete ich.

»Das sehe ich, daß sie hin sind«, sagte sie, gewissermaßen wie in erstarrter Raserei, wenn man sich so ausdrücken darf; »das sehe ich, Väterchen, das sehe ich«, murmelte sie, starr vor sich hinsehend und in Gedanken versunken — »nein! und koste es mein Leben, setze noch viertausend Gulden!«

»Aber ich habe ja kein Geld: mehr, Bábuschka. Hier in der Brieftasche sind wohl noch fünfprozentige Wertpapiere und dann noch andere, aber kein bares Geld mehr.«

»Aber im Portemannaie?«

»Nur Kleingeld ist hier noch.«

»Gibt es hier in der Nähe eine Bank, wo man die Papiere verkaufen könnte? Man hat mir gesagt, daß hier alle unsere russischen Papiere angenommen werden«, sagte sie entschlossen.

»Oh, gewiß! Aber was Sie dabei verlieren, das… würde selbst einen Juden entsetzen!«

»Unsinn! Ich gewinne es wieder zurück! Vorwärts! Ruf die Tölpel her!«

Damit meinte sie die Träger.

Ich zog ihren Rollstuhl vom Tisch zurück, winkte die Träger herbei, und wir verließen den Saal und das Kurhaus.

»Schneller, schneller, schneller!« kommandierte die Bábuschka. »Geh du voran, Alexéi Iwánowitsch, und zeige uns den Weg, aber den kürzesten, hörst du!… Ist es weit?«

»Nur ein paar Schritte, Bábuschka.«

Doch wie wir vom Square in die Allee einbiegen wollten, ’ erblickten wir plötzlich unsere ganze Gesellschaft vor uns: den General, des Grieux und Mademoiselle Blanche mit ihrer Mutter. Polina Alexándrowna war nicht unter ihnen, ebensowenig Mister Astley.

»Nun? Nicht stehen bleiben!« rief die Bábuschka, »nun, was wollt ihr? Keine Zeit, keine Zeit, mich hier mit euch abzugeben!«

Ich trat zurück; der Franzose war im Augenblick neben mir.

»Den ganzen Gewinn vom Vormittag und außerdem noch zwölftausend Gulden verspielt. Gehen jetzt, um Fünfprozentige flüssig zu machen«, flüsterte ich ihm zu.

Er stampfte mit dem Fuß auf und beeilte sich, den General davon in Kenntnis zu setzen. Wir gingen weiter.

»Halten Sie sie zurück, halten Sie sie zurück!« flehte mich der General im Flüsterton an. Er sah ganz verzweifelt aus.

»Bitte, versuchen Sie es doch, sie zurückzuhalten«, antwortete ich ebenso leise.

»Tantchen!« begann der General, neben ihren Stuhl tretend, »Tantchen …wir werden sogleich … sogleich…« — seine Stimme wurde unsicher und ängstlich — »Pferde mieten und Wagen und ins Grüne fahren … Wundervolle Aussicht… von der Terrasse namentlich… Wir kamen, um Sie aufzufordern, sich uns anzuschließen.«

»Ach, geh mir mit deinen Terrassen!« trieb ihn die Bábuschka mit einer ärgerlichen Handbewegung und in gereiztem Ton fort.

»Es ist dort ein Dorf in der Nähe… wir werden dort Tee trinken…«, fuhr der General mit dem Mut der Verzweiflung fort.

»Nous boirons du lait, sur l’herbe fraiche«, fügte der Franzose, innerlich knirschend, hinzu.

Du lait, de l’herbe fraiche — das ist der Inbegriff alles dessen, was der Pariser Bourgeois an idyllischen Idealen besitzt. Es ist aber auch alles, was er unter »la nature et la vérité« versteht!

»Ach, geh du mit deiner Milch! Trink sie selber, wenn du willst, ich bekomme davon Leibweh. Was wollt ihr eigentlich von mir?!« fuhr sie sie gereizt an, »ich sage doch, ich habe keine Zeit!«

»Wir sind schon angelangt, Babuschka, hier ist es.«;

Wir waren vor dem Hause angelangt, in dem sich ein Bankkontor befand. Ich ging hinein, während die Bábuschka vor dem Portal blieb. Der Franzose, der General und Mademoiselle Blanche standen etwas weiter zurück und wußten nicht, was sie tun sollten. Die Bábuschka sah sich noch einmal zornig nach ihnen um — da gingen sie die Allee zum Kurhaus zurück.

Mir wurde eine so unheimliche Berechnung vorgelegt, daß ich mich nicht entschließen konnte, darauf einzugehen, und ich kehrte zu Bábuschka zurück, um ihre Instruktionen einzuholen.

»Ach, diese Räuber!« rief sie, die Hände zusammenschlagend. »Nun, gleichviel! Wechsle!« rief sie entschlossen. »Halt, ruf zuerst den Bankier her!«

»Vielleicht einen von den Angestellten, Babuschka?«

»Nun, meinetwegen, gleichviel! Ach, diese Räuber!«

Der Betreffende, an den ich mich wandte, folgte meiner Bitte, nachdem ich ihm gesagt, daß es eine alte Gräfin sei, die ihn zu sich bitten lasse, da sie selbst nicht gehen könne. Die Bábuschka überhäufte ihn lange, laut und zornig mit Vorwürfen wegen seiner Betrügerei und versuchte mit ihm zu handeln, und alles das in einem freien Gemisch von Russisch, Französisch und Deutsch, weshalb ich der Verständlichkeit halber nachhelfen mußte. Der Mensch aber sah nur todernst bald sie, bald mich an und schüttelte schweigend den Kopf. Die Bábuschka betrachtete er dabei mit einem so unverhohlenen Interesse, daß es direkt unhöflich war. Endlich begann er zu lächeln.

»Ach nun, pack dich! Krepier meinetwegen an meinem Gelde!« unterbrach sich da die Babuschka zornig. »Wechsle bei ihm, Alexéi Iwánowitsch; wir haben keine Zeit, sonst könnten wir zu einem anderen gehn, um Geld zu wechseln!«

»Dieser sagt, daß die anderen noch weniger geben würden«, bemerkte ich.

Genau entsinne ich mich nicht mehr seiner Berechnung, jedenfalls aber war sie fürchterlich. Etwa zwölftausend Florins in Gold und Banknoten gab er mir; ich nahm die Rechnung und das Geld und brachte sie der Bábuschka.

»Nun, nun, schon gut, schon gut! Wozu da noch zählen!« wehrte sie mit der Hand ab. »Schneller, schneller, schneller!«

»Nie mehr werde ich auf dieses verwünschte Zero setzen und auf Rot ebensowenig!« murmelte sie, als wir uns dem Kurhaus näherten.

Diesmal bemühte ich mich aus allen Kräften, sie zu möglichst kleinen Einsätzen zu bewegen, mit der Versicherung, daß sie, sobald die Chancen stabiler würden, immer noch zeitig genug große Einsätze machen könne. Sie hatte aber nicht die Geduld dazu: anfangs willigte sie ein, doh während des Spiels war es ganz unmöglich, sie noch zurückzuhalten, denn kaum begannen ihre kleinen Einsätze zu gewinnen, etwa zehn oder zwanzig Friedrichsdore, so stieß sie mich gleich ärgerlich an und machte mir Vorwürfe.

»Nun sieh! nun sieh! nun, da haben wir doch gewonnen! Hätten wir viertausend gesetzt, anstatt zehn, so hätten wir viertausend gewonnen, aber so, was ist denn das? Daran bist du schuld, nur du!«

Was blieb mir da anderes übrig als zu schweigen und zu nichts mehr zu raten, wie sehr mich ihre Spielweise auch ärgerte.

Plötzlich näherte sich ihr unser Franzose. Sie waren alle vier im Saal. Mademoiselle Blanche stand mit ihrer Mutter etwas abseits und kokettierte mit dem kleinen Fürsten. Der General war sichtlich in Ungnade: Mademoiselle Blanche schien ihn nicht einmal eines Blickes würdigen zu wollen, obschon er sich alle erdenkliche Mühe gab, sich wieder bei ihr einzuschmeicheln. Der Arme! Er wurde bald blaß, bald rot und hatte Augen und Ohren nur noch für sie, so daß er ganz vergaß, dem Spiel der Bábuschka zu folgen. Endlich verließen Blanche und das Fürstchen den Saal, und der General eilte ihnen natürlich nach.

»Madame, Madame«, flüsterte derweilen des Grieux mit honigsüßer Stimme der Bábuschka fast ins Ohr: »Madame, so geht das nicht… nein, nein, geht nicht! …«, radebrechte . er auf russisch, »nein!«

»Ja, wie denn?« wandte sich die Babuschka nach ihm um. »Nun, so sag mir doch, wie — wenn du es besser weißt!«

Da begann des Grieux geschwind auf französisch irgend etwas sehr Kompliziertes zu erklären, sprach als gewandter Causeur unendlich viel, ohne damit etwas zu sagen, meinte zwar zwischendurch, daß man auf eine günstigere Chance warten müsse, zählte dann noch verschiedene Zahlen auf … die Bábuschka wurde aber um keinen Deut klüger. Er wandte sich auch immer wieder an mich, damit ich seine Worte übersetze, nur kam dabei nicht viel heraus, und so erklärte er denn weiter, mit dem Finger des Nachdruckes halber fortwährend auf den Tischrand drückend. Zum Schluß zog er noch einen Bleistift hervor und begann ihr auf einem Stück Papier Unbegreifliches vorzurechnen.

Der Bábuschka riß aber endlich doch die Geduld.

»Ach, packe dich, marsch! Mir gellen schon die Ohren von deinem Blödsinn! ›Madame, Madame‹, und weiter hört man nichts, geh mir vom Halse!«

»Mais, Madame«, und des Grieux erging sich in neuen Versicherungen — im Ton nur eine Note höher — und fuhr mit doppeltem Eifer in seinen Erklärungen fort. Weiß Gott, der Verlust mußte ihm doch sehr nahegegangen sein.

»Nun, setze einmal so, wie er sagt«, befahl mir plötzlich die Babuschka, »wir wollen sehen, vielleicht kommt es auch wirklich so heraus.«

Des Grieux wollte sie nur von den großen Einsätzen abbringen, deshalb empfahl er das System der kleinen Einsätze, und zwar auf die Zahlen, als bedeutend aussichtsvoller. Nach seiner Anweisung setzte ich je einen Friedrichsdor auf die ersten zwölf, je fünf Friedrichsdore auf die Zahlengruppen von zwölf bis achtzehn und von achtzehn bis vierundzwanzig, im ganzen sechzehn Friedrichsdore.

Das Rad drehte sich.

»Zero!« rief der Croupier.

Wir hatten alles verloren.

»Solch ein Schafskopf!« rief die Babuschka, sich heftig an des Grieux wendend. »Solch ein nichtsnutziger Franzúsischka, der du bist! Und kommst mir noch mit deinen Ratschlägen, du Taugenichts! Geh! Mach, daß du fortkommst! Selbst hat er keine Ahnung von der Sache, erteilt aber Ratschläge! Noch besser!«

Tief gekränkt zuckte der Franzose nur mit den Achseln, blickte mit Verachtung auf die Bábuschka hinab und ging. Ich glaube, er schämte sich, daß er sich überhaupt mit ihr abgegeben hatte.

Nach einer Stunde war — trotz aller Mühen und Versuche — alles verspielt.

»Nach Haus!« rief die BAbuschka.

Bis zur Allee sprach sie kein Wort. Erst am Ende der Allee, kurz bevor wir das Hotel erreichten, brach es aus ihr heraus:

»Du Närrin! Du Erznärrin! Du alte, alte Närrin!« sagte sie zu sich selbst.

Kaum in ihren Räumen angelangt, gab sie sogleich ihre Befehle:

»Tee!« wünschte sie zuerst, »und sogleich einpacken! Wir fahren!«

»Wohin werden Mütterchen denn zu fahren belieben?« wagte Marfa zu fragen.

»Was geht das dich an? Kümmere dich um deine Arbeit! Potápytsch, packe alles ein, mach das ganze Gepäck fertig. Wir fahren zurück nach Moskau. Ich habe fünfzehntausend Rubel verspielt!«

»Fünfzehntausend, Mütterchen! Großer Gott!« rief Potápytsch, und wie überwältigt schlug er die Hände zusammen, da er wohl annahm, daß Staunen und Bedauern jetzt erwünscht seien.

»Nun, nun! — Dummkopf! Was hast du zu heulen? Schweig! Pack die Sachen ein! Die Rechnung! Schnell!«

»Der nächste Zug geht um neun Uhr dreißig, Babuschka«, bemerkte ich, um sie zu beruhigen.

»Und wieviel ist es jetzt?«

»Erst halb acht.«

»Wie dumm! Nun, gleichviel! Du, Alexéi Iwánowitsch, Geld habe ich keine Kopeke bei mir. Hier hast zu zwei Wertpapiere, lauf dorthin zu dem Kerl und laß dir dafür Geld geben. Sonst habe ich nichts, womit ich fahren könnte.«

Ich ging. Als ich nach einer halben Stunde zurückkehrte, traf ich alle die Unsrigen bei der Bábuschka an. Die Nachricht, daß die Bábuschka nach Moskau zurückfahre, hatte sie, glaube ich, noch mehr erschreckt als ihr Verlust im Spiel. Freilich konnte man jetzt sicher sein, daß sie nicht ihr ganzes Vermögen verspielen werde, dafür aber — was sollte jetzt aus dem General werden? Wer wird nun dem Franzosen die Schulden bezahlen? Und Mademoiselle Blanche wird natürlich nicht so lange warten, bis die Alte stirbt, sondern aller Voraussicht nach mit dem Fürstchen oder irgendeinem anderen losziehen. Sie standen alle vor der Bábuschka, trösteten und redeten auf sie ein. Polina war wieder nicht erschienen. Die Bábuschka, die ihnen wohl schon eine Zeitlang zugehört hatte, schrie sie wütend an:

»Ach, geht mir vom Halse, ihr Teufel, was geht das euch an? Was kriecht dieser Ziegenbart ewig zu mir!« schrie sie den Franzosen an, »und du Kiebitzin, was willst du denn von mir?« wandte sie sich wütend an Mademoiselle Blanche.

»Diantre«, murmelte Mademoiselle Blanche mit einem haßfunkelnden Blick auf die Alte. Doch plötzlich lachte sie auf und ging zur Tür.

»Elle vivra cent ans!« rief sie, noch bevor sie das Zimmer verließ, über die Schulter dem General zu.

»Ah! so wartest du auf meinen Tod?« wandte sich die Babuschka zornbebend an den General, »hinaus! Jage sie alle hinaus, Alexéi Iwánowitsch! Nicht euer Geld habe ich verzettelt! Mein Geld! Was geht das euch an!«

Der General hob nur kurz die Schulter, verbeugte sich und ging. Der Franzose folgte ihm.

»Ruf Praskówja her!« befahl sie der Marfa.

Nach kaum fünf Minuten kehrte diese mit Polina zurück. Die ganze Zeit hatte Polina mit den Kindern in ihrem Zimmer zugebracht und hatte das, glaube ich, mit Absicht getan. Ihr Gesicht war ernst und traurig und sie schien besorgt zu sein.

»Praskowja«, begann die Babuschka, »ist es wahr, was ich vor kurzem erfahren habe, daß dieser Dummkopf, dein Stiefvater, diese dumme Wetterfahne, diese Französin — eine Schauspielerin oder was? oder vielleicht noch Schlimmeres — daß er diese heiraten will? Sag mir ganz offen, ist es wahr?«

»Genau weiß ich es nicht, Bábuschka«, sagte Polina, »aber nach den Worten der Mademoiselle Blanche, die aus ihren Plänen kein Geheimnis macht, schließe ich…«

»Genug!« unterbrach die Babuschka sie kategorisch, »ich verstehe! Ich habe ihn von jeher für den dümmsten und leichtsinnigsten Menschen gehalten und auch nichts anderes von ihm erwartet. Er glaubt, Gott weiß was zu sein, weil er General ist! — große Herrlichkeit, dabei erst beim Abschied erhalten, als er als Oberst abging! Ich weiß alls, mein Mütterchen, ich weiß, daß ihr Depesche auf Depesche nach Moskau gesandt habt, immer mit der Frage, ob denn die Alte sich noch immer nicht gestreckt habe. Die Erbshaft ließ zu lange auf sich warten! Ohne Geld aber wird ihn dieses gemeine Weib — de Cominges oder wie sie da heißt? — wird sie ihn nicht mal als Diener zu sich nehmen! Man sagt, sie soll selbst eine Menge Geld haben, das sie anderen leiht, wofür sie dann Prozente nimmt. Schön erworbenes Geld, das sieht man. Dir, Praskówja, mache ich deshalb keine Vorwürfe, nicht du hast die Depeschen gesandt; und auch was gewesen ist, daran wollen wir nicht denken. Ich weiß, daß du einen gefährlichen Charakter hast, wie eine Wespe. Stichst du, so schwillt es an; aber es tut mir leid um dich, denn deine Mutter, die verstorbene Katerina, habe ich lieb gehabt. Nun, willst du? Laß sie alle hier und komm mit mir nach Moskau. Du hast ja doch niemanden und nichts, wo du dich lassen könntest; und es ist auch unpassend für dich, hier mit diesen zusammen zu sein. Wart!« hielt die Bábuschka Polina auf, da diese schon antworten wollte, »ich habe dir noch nicht alles gesagt. Von dir werde ich nichts verlangen. Mein Haus in Moskau — nun, du weißt ja, wie es ist — ein Palais. Nimm meinetwegen eine ganze Etage für dich ein und komm wochenlang nicht zu mir nach unten, wenn mein Charakter dir nicht zusagt! Nun, willst du oder willst du nicht!«

»Erlauben Sie zuerst eine Frage, Bábuschka: wollen Sie wirklich jetzt gleich zurückreisen?«

»Du glaubst wohl, ich scherze, mein Kind? Ich habe es gesagt und ich fahre. Fünfzehntausend Rubel hat mir hier euer dreifach verwünschtes Roulette heute abgenommen. Vor fünf Jahren habe ich einmal versprochen, eine hölzerne Kirche in der Nähe von Moskau in eine steinerne umzubauen, statt dessen habe ich nun hier das Geld vergeudet. Jetzt, mein Kind, jetzt fahre ich zurück, um die Kirche umzubauen.«

»Aber die Brunnenkur, Bábuschka? Sie kamen doch her, um Brunnen zu trinken?«

»Geh du mir mit deinem Brunnen! Reiz’ du mich nicht, Praskówja, das sag ich dir! Oder tust du’s etwa mit Willen? Sag jetzt — kommst du mit oder nicht?«

»Ich bin Ihnen sehr, sehr dankbar, Bábuschka, für das Angebot«, sagte Polina mit tiefem Gefühl. »Und Sie haben auch meine Lage sehr richtig erkannt. Ich weiß Ihr Anerbieten vollkommen zu würdigen und ich versichere Sie, daß ich zu Ihnen kommen werde, vielleicht sogar schon sehr bald; jetzt aber habe ich Gründe… sehr wichtige Gründe …deshalb kann ich mich jetzt, in diesem Augenblick, noch nicht dazu entschließen. Wenn Sie wenigstens noch zwei Wochen hierblieben…«

»Das heißt also: du willst nicht?«

»Nein, das nicht, aber ich kann nicht. Außerdem kann ich nicht meinen Bruder und meine Schwester hier allein zurücklassen, da … weil … da es vielleicht wirklich geschehen kann, daß… daß sie ganz vergessen und verlassen zurückbleiben, deshalb … wenn Sie mich mit den Kleinen aufnehmen wollten, Bábuschka, so werde ich natürlich zu Ihnen kommen, und glauben Sie mir, ich werde alles tun, um Ihnen meine Dankbarkeit zu beweisen!« fügte sie mit Wärme hinzu, »aber ohne die Kleinen kann ich nicht, Bábuschka.«

»Na, heul’ nur nicht!« — Polina dachte nicht daran, zu weinen, und überhaupt habe ich sie niemals Tränen vergießen sehen. »Auch für die Kleinen wird sich Platz finden in meinem großen Stall. Übrigens wird’s für sie bald Zeit, daß man sie in die Schule steckt. Nun, also dann kommst du jetzt nicht mit! Nur — sieh dich vor, Praskowja! Ich meinte es gut mit dir, aber ich weiß ja doch, weshalb du nicht kommst. Alles weiß ich, Praskowja. Glaube mir, dieser Franzúsischka wird dich zu nichts Gutem führen!«

Polina wurde feuerrot. Ich zuckte zusammen: Alle wissen etwas! Nur ich weiß nichts!

»Nun, nun, ärgere dich nicht. Ich werde nichts breittreten. Nur nimm dich in acht, Praskówja, damit nichts Schlimmes geschieht, verstanden? Du bist ein kluges Mädchen, du tätest mir leid. Nun, genug, es wäre besser gewesen, ich hätte euch alle nicht wiedergesehen! Geh, leb wohl!«

»Ich werde Sie noch begleiten, Bábuschka«, sagte Polina.

»Ist nicht nötig; geh nur und störe nicht; hab’ euch sowieso schon alle satt!«

Polina küßte der Bábuschka die Hand, doch diese zog die Hand fort und küßte sie auf die Wange.

Als Polina an mir vorüberging, warf sie nur einen schnellen Blick auf mich, dann aber sah sie sogleich wieder fort.

»Nun, auch du leb wohl, Alexéi Iwánowitsch; es bleibt mir nur noch eine Stunde bis zur Abfahrt. Und ich werde dich wohl schon weidlich ermüdet haben, denke ich. Hier, nimm diese fünfzig Goldstücke.«

»Besten Dank, Bábuschka, aber es ist mir peinlich …«

»Nun, nun!« rief sie, aber so energisch und drohend, daß ich nicht abzulehnen wagte und das Geld annahm.

»Wenn du in Moskau ohne Stelle herumläufst — komm zu mir: werde dich irgendwo empfehlen. Aber jetzt scher dich!«

Ich ging in mein Zimmer und legte mich auf das Bett. Ich glaube, ich lag so eine halbe Stunde, ausgestreckt auf dem Rücken, die Hände unter den Kopf geschoben. Die Katastrophe hatte ja eigentlich schon begonnen, da gab es genug zu denken. Ich beschloß, am nächsten Tage einmal energisch mit Polina zu reden. Ah! Der Franzúsischka! Also ist es doch wahr! Aber schließlich — was konnte es denn sein? Polina und des Grieux! Herrgott, was war das für eine Zusammenstellung!

Nein, das war doch alles viel zu unwahrscheinlich! Ich sprang plötzlich aus dem Bett, bebend vor Zorn, um sogleich Mister Astley aufzusuchen und ihn um jeden Preis zum Sprechen zu bringen. Natürlich weiß er auch hiervon mehr als ich. Mister Astley! Weiß der Teufel, der ist auch noch ein Rätsel für mich!

Plötzlich wurde an meiner Tür geklopft. Ich sah nach — Potápytsch war’s.

»Väterchen Alexéi Iwánowitsch, die Gnädige lassen Sie zu sich bitten.«

»Was ist denn los? Fährt sie schon fort? Der Zug geht erst in zwanzig Minuten.«

»Nein, Väterchen, aber sie beunruhigen sich, zittern nur so vor Ungeduld. ›Schnell, schnell!‹ sagten sie nur — das heißt, sollte man Sie rufen. Um Christi willen, kommen Sie!«

Ich eilte sogleich hinunter zu ihr. Die Bábuschka wurde in ihrem Stuhl gerade auf den Korridor hinausgerollt. Sie hatte ihre Brieftasche in der Hand.

»Alexéi Iwanowitsch, geh voran! Wir gehen!…«

»Wohin, Bábuschka?«

»Ich will nicht leben, wenn ich’s nicht wiedergewinne! Nun, marsch, und frage nicht! Dort wird doch bis Mitternacht gespielt?«

Ich war starr. Doch im Augenblick hatte ich meinen Entschluß gefaßt.

»Tun Sie, was Sie wollen, Antonída Wassíljewna, ich aber gehe nicht mit.«

»Weshalb nicht? Was soll denn das heißen? Du bist wohl nicht recht bei Trost?«

»Tun Sie, was Sie wollen, ich aber würde mir nachher Vorwürfe machen. Ich will nicht! — ich will weder Zeuge noch Mitschuldiger sein; verlangen Sie es nicht von mir, Antonída Wassíljewna! Hier gebe ich Ihnen Ihre fünfzig Friedrichsdore zurück. Verzeihen Sie, aber ich kann nicht anders!« Und ich legte die Geldrolle auf einen kleinen Wandtisch im Korridor, neben dem ihr Stuhl angelangt war, verbeugte mich und ging.

»Solch ein Unsinn!« hörte ich die Bábuschka mir nachrufen. »Nun, dann nicht, bleib, wo du bist; ich werde auch ohne dich den Weg finden! Potápytsch, du kommst mit! Nun, vorwärts, schnell!«

Mister Astley konnte ich nicht finden und so kehrte ich bald ins Hotel zurück. Erst spät in der Nacht, gegen ein Uhr ungefähr, erfuhr ich von Potápytsch, wie dieser Tag für die Babuschka geendet hatte.

Sie hatte alles verloren, das ganze Bargeld, das ich vorher für sie eingewechselt, nach unserem Geld noch zehntauend Rubel. Derselbe Polack, dem sie am Vormittag zwei Friedrichsdore geschenkt, hatte sich so geschickt ihr aufzudrängen gewußt, daß er bald ihr ganzes Spiel dirigierte. Anfangs hatte sie Potápytsch die Einsätze für sie machen lassen, doch nach einer Reihe von Verlusten hatte sie ihn fortgejagt. Da war dann schnell der Polack an ihre Seite geschlüpft. Zum Unglück verstand er ein wenig Russisch, so daß sie sich in einem Gemisch von drei Sprachen ungefähr verständigen konnten. Die Babuschka hatte ihn unbarmherzig geschimpft. Und obschon dieser ihr ununterbrochen auf polnisch versichert habe, daß er sich unter ihre »stopki panjski«, unter ihre herrschaftlichen Füße breite — »war sie doch gegen ihn, daß Gott erbarm!« erzählte Potápytsch. »Mit Ihnen, Alexéi Iwánowitsch, ging sie doch ganz wie mit einem Herrn um«, meinte er naiv, »jener aber — ich hab’s doch mit meinen eigenen Augen gesehen, Gott straf mich! — jener hat ihr Geld unter ihren Augen vom Tisch gestohlen. Zweimal hat sie ihn sogar selbst dabei erwischt, wie er wieder stehlen wollte, und gescholten hat sie ihn, Väterchen, gescholten ganz ohne Barmherzigkeit, sogar an den Haaren hat sie ihn einmal gerissen, aber gründlich — bei Gott, ich lüge nicht —, so daß ringsum sogar gelacht wurde. Alles hat sie verloren, Väterchen, alles was sie nur bei sich hatte an Geld. Wir brachten sie dann zurück, hierher, unser Mütterchen — nur ein Schlückchen Wasser wollte sie trinken, bekreuzte sich und gleich ins Bett! War sie nur müde, oder was? Jedenfalls schlief sie sofort ein. Schick ihr nur gute Träume, Allbarmherziger! Ach, ich sag wohl, dieses Ausland!« schloß Potápytsch mit dem Kopfnicken eigener Erfahrung. »Ich hab’s ja vorausgesagt, daß dabei nichts Gutes herauskommen wird! Ja, wenn wir nur wieder in unserem Moskau wären! Und was haben wir nicht alles zu Hause? Es ist doch alles in Hülle und Fülle da! Haben einen Garten und Blumen, wie sie hier gar nicht zu sehen sind, und die Appelchen werden jetzt rot, und schöne Luft dazu und Platz überall genug — aber nein: es mußte ins Ausland gefahren werden! Óchhoho!«

13

Nun ist fast schon ein ganzer Monat vergangen, seit ich diese meine Aufzeichnungen, die ich unter dem Einfluß zwar wirrer, doch starker Eindrücke begonnen, nicht mehr fortgesetzt habe. Die Katastrophe, deren Herannahen ich damals vorausfühlte, trat wirklich ein, nur geschah es noch hundertmal überraschender und umwälzender, als ich erwartet hatte. Es war alles so seltsam und widerwärtig und sogar tragisch, wenigstens was mich betraf. Einzelne Erlebnisse möchte ich fast Wunder nennen; jedenfalls fasse ich sie noch jetzt als solche auf — obschon man sie andererseits, namentlich wenn man den Wirbelsturm von Gefühlen und Wünschen, der mich damals erfaßt hatte, in Betracht zieht, höchstens als nicht gerade ganz alltägliche Erlebnisse bezeichnen könnte. Doch am meisten wundere ich mich über mein eigenes Verhalten zu all diesen Geschehnissen. Auch heute noch verstehe ich mich selbst nicht! Und alles das ist wie ein Traum verflogen, — sogar meine Leidenschaft, und sie war doch stark und aufrichtig, aber … wohin ist sie denn jetzt entschwunden? Tatsächlich, mitunter ist mir, als wolle ein bestimmter Gedanke in meinem Hirn aufblitzen: »War ich damals nicht vielleicht doch verrückt und habe ich nicht während der ganzen Zeit irgendwo in einer Irrenanstalt gesessen und sitze ich nicht vielleicht auch jetzt noch in ihr, so daß alles das nur Halluzinationen waren und auch jetzt noch alles mir nur so