/ Language: Deutsch / Genre:sf / Series: Utopia-Classics

Alarm in der Tiefsee

Frederik Pohl

Aus der Reihe »Utopia-Classics« Band 8 Frederik Pohl und Jack Williamson Alarm in der Tiefsee Gefahr für Krakatau Dome, die Tiefseestadt Jim Eden, Kadett der US-Tiefsee-Akademie, wird überraschend nach Krakatau Dome abkommandiert. Dort, tief innerhalb der Erdrinde unter der Tiefseestadt, läuft ein geheimes Projekt an. Es gilt, Seebeben vorherzusagen und die permanente Bedrohung der Unterwasserstädte durch seismische Einwirkungen in Grenzen zu halten. Und es geht darum, den Elementen auf die Spur zu kommen, die durch künstlich erzeugte Beben Angst und Schrecken unter den Bewohnern Marinias verbreiten. Nach DUELL IN DER TIEFE und STÄDTE UNTER DEM OZEAN (UTOPIA-CLASSICS-Bände 4 und 6) legen wir hiermit den Abschlußband der TIEFSEE-TRILOGIE der beiden amerikanischen Autoren vor. Titel des Originals: UNDERSEA CITY

1. Der heiße Draht nach drinnen

»Kadett Eden - Ach-TUNG!«

Ich hielt am Rand des Tiefwasserbeckens an und knallte die Hacken zusammen. An einem heißen Samstagnachmittag hatte ich mit Bob Eskow Seetennis gespielt, und ich war gerade aus einem der Becken gekommen, um meine Sauerstofflunge nachzustellen. Eskow war noch im Wasser und glitt ruhelos hin und her, als er auf mich wartete. Der scharfe Befehl des Cadet Captains erwischte mich gerade, als ich wieder hineinspringen wollte.

»Kadett Eden, rühren!« Ich stellte mich locker hin und drehte mich um.

Beim Cadet Captain befand sich der O.O.D. der diensthabende Wachoffizier. »Kadett Eden, um genau dreizehn Uhr im Büro des Kommandanten melden!« sagte er. »Weitermachen.« Er erwiderte meine Ehrenbezeigung und ging mit dem Cadet Captain weg.

Bob Eskow streckte den Kopf aus dem Wasser, schob seine Maske zurück und beklagte sich: »Herrje, Jim, komm doch endlich wieder ‘rein! Warum trödelst du denn so herum?« Dann sah er den Cadet Captain mit dem O.O.D. und pfiff leise durch die Zähne. »Was wollten denn die?«

»Weiß ich nicht. Ich soll mich um dreizehn Uhr beim Kommandanten melden, das ist alles.«

Eskow kletterte heraus und legte sich neben mir am Rand des Beckens auf den Bauch. »Vielleicht geht es um das, was Danthorpe erwähnte.«

»Und was war das?«

Eskow schüttelte den Kopf. »Er machte nur ganz vage Andeutungen. Es soll dich und mich und ihn betreffen.«

»Das kannst du vergessen«, sagte ich und setzte mich auf. Ich nahm meine Atemmaske ab und prüfte das Ventil der Luftzufuhr nach. Da war etwas nicht in Ordnung gewesen. Ich hatte es zwar repariert, doch auf der Akademie und bei der TiefseeFlotte lernt man, alles doppelt nachzuprüfen, denn die ganze Tiefsee-Ausrüstung muß unter allen Umständen immer fehlerlos arbeiten. Die Tiefsee gibt einem keine zweite Chance.

Die Bermuda-Sonne brannte heiß auf meinen Nacken. Unter dieser Sonne waren wir als Kadetten der Tiefsee-Akademie sehr viel marschiert, zahllose Meilen, möchte ich sagen, aber jetzt waren wir die Sonne nicht mehr so recht gewöhnt. Wir waren immer zu lange unter den tödlichen schwarzen Wassern gewesen, Bob Eskow und ich. Die Sonne kam uns jetzt ziemlich fremd vor.

Nicht, daß wir sie nicht gemocht hätten. Trotz aller Entdek-kungen und Erfindungen, die es uns ermöglichten, die Tiefsee zu erobern, gibt es nichts, das dem Duft natürlicher Luft und der Weite des Horizonts gleichkäme. So faszinierend die Kuppelstädte der Tiefsee sind, sie sind uns im Grund fremder als der Mars. In den jeweils ersten Tagen an der Oberfläche kam uns dies besonders deutlich zu Bewußtsein.

Bob Eskow stand auf. Er schaute sich um und sah die hellgrünen Bäume und die Dächer mit den roten Ziegeln unter der heißen Sonne am weißen Strand. Und dann schaute er hinaus zu den weißen Schaumkappen der Brandung; und da sagte er genau das, was mir selbst durch den Kopf ging:

»Es ist alle Tonga-Perlen der Welt wert, wieder zurück zu sein.«

Ich weiß genau, wie es ihm ging.

Die Tiefsee geht einem ins Blut. Sie ist so anstrengend und gefährlich, daß man sie nie vergißt. Immer lauert da der schwarze Schatten des Todes. Er wartet auf einen außerhalb des Edenit-Films, der dünner ist als jedes Gewebe, und er wartet darauf, daß man den verkehrten Schalter umlegt oder das falsche Ventil öffnet, so daß er hereinkommen kann. Eine Stadtkuppel kann er zerquetschen wie eine Erdnuß unter einem Lastwagenreifen, oder auch einen Menschen zu dünnen, winzigen Fetzchen zerlegen ...

»Hört mit euren Tagträumereien auf, ihr zwei!« Wir schauten auf. Ein anderer Kadett näherte sich uns.

Kennengelernt hatte ich ihn noch nicht, doch sein Name war mir bekannt: Harley Danthorpe. Bob Eskow hatte ihn vorher erwähnt.

Er war schlank und ein wenig kleiner als Bob und trug seine neue scharlachrote Ausgehuniform mit messerscharfen Bügelfalten. Sein Haar war glatt an den Kopf geklatscht.

Mir gefiel sein Gesichtsausdruck nicht, als Bob uns bekanntmachte. Er schien mir zu feixen. »Jim«, sagte Bob, »Harley Danthorpe ist ein Austauschstudent und kommt aus der Tiefsee.«

»Und ich gehe auch wieder dorthin zurück«, ergänzte Danthorpe und schnippte ein unsichtbares Stäubchen von seinem Ärmel. »Zusammen mit euch beiden.«

Bob und ich schauten einander an. »Wovon redest du da, Danthorpe? Das Herbstsemester geht doch erst an.«

Danthorpe schüttelte den Kopf. »Wir werden da nicht hier sein. Die Befehle kommen diesen Nachmittag ‘raus.«

Ich schaute ihn scharf an. »Das ist doch ein Witz, oder? Woher willst du das denn wissen?«

Er zuckte die Schultern. »Ich hab’ einen Draht nach drinnen.«

Da geschah etwas.

Es geschah Bob und mir; ich fühlte es, und ich sah es auch in seinen Augen. Ich mochte Danthorpe nicht. Ich war mir nicht sicher, ob ich ihm glauben sollte oder nicht, aber die Gerüchte ... Die trockene Hitze der Sonne fühlte sich so gut an wie sonst auch, der Himmel war noch so blau und unendlich wie vorher, und die Inselbrise roch genau so süß.

Aber plötzlich war ich wieder bereit, nach unten zu gehen.

»Wohin denn?« fragte ich.

Er streckte sich und schaute Bob und mich an, dann blickte er hinaus auf die See. »Zur Krakatau-Kuppel«, sagte er.

»Zum Krakatau?« wiederholte Bob scharf.

»Ja, genau.« Danthorpe nickte und musterte Bob neugierig. Ich tat es auch. Denn plötzlich war, wie mir schien, Bobs Gesicht einen Schein blasser geworden.

Ich versuchte, Danthorpes Aufmerksamkeit von dem abzulenken, was Bob störte. »Und weshalb ausgerechnet zum Krakatau?« fragte ich.

Danthorpe schob die Schultern. »Ich hab’ zwar einen Draht nach innen, aber darüber nicht«, gab er zu. »Ich weiß nur, daß wir gehen.«

Krakatau! Ich hätte es ihm gerne geglaubt. In dieser Minute wollte ich das sehnlicher als sonst etwas auf der Welt. Krakatau Dome war eine der nähesten Tiefsee-Städte, stand nahe dem Rand des Java-Troges südlich der berühmten vulkanischen Inseln in der Sunda-Straße, drei Meilen tief unten.

Dorthin wollte ich sehr gerne gehen, doch ich konnte einfach nicht daran glauben, daß es möglich sein würde.

Über Krakatau Dome wußte ich einiges. Mein Onkel Stewart Eden hatte oft vom Reichtum um diese Stadt herum gesprochen. Hier gab es im Seeboden große Taschen mit Öl, Uran und dem kostbaren Zinn. Nie hatte ich jedoch etwas darüber gehört, daß die Tiefsee-Flotte dort eine Ausbildungsstätte hatte. Und welch anderen Grund sollte es sonst geben, wenn man drei Kadetten dorthin schickte, da das Jahr doch gerade erst beginnen sollte?

»Was ist denn los, Eskow?« fragte Danthorpe ziemlich verächtlich. »Daß du so besorgt dreinsiehst?«

Bob straffte sich und schaute den anderen böse an.

»Laß ihn doch in Ruhe«, sagte ich scharf, aber auch mich hatte Bobs Reaktion gestört. Vorher war sein Gesicht vom Aufenthalt in den Tiefen schon blaß gewesen, jetzt war es noch blasser.

Danthorpe kniff die Augen zusammen. »Vielleicht hast du Angst vor ... Seebeben«, sagte er leise.

Ich wußte, Bob litt unter irgendeiner Belastung. Seit dem ersten Tag in der Akademie hatte er sich sehr hart angetrieben, da er ständig Angst hatte, herausgewaschen zu werden. Ich wußte, daß unser Abenteuer im Tonga-Graben seine letzten Reserven aufgebracht hatte, doch dies konnte ich jetzt auch nicht ganz verstehen.

Dann schien er sich wieder zu beruhigen und schaute weg. »Vermutlich hast du recht«, sagte er leise. »Vielleicht habe ich Angst vor Seebeben.«

»Dann ist aber Krakatau Dome kein Platz für dich! Dort gibt es davon eine ganze Menge.« Danthorpe feixte jetzt offen, als prahle er mit der Tatsache dieser Beben, als seien sie auch etwas sehr Wertvolles, etwas wie das Öl im dortigen Seeboden. »Weißt du, das ist nämlich ganz in der Nähe der großen geologischen Falte, wo die Erdkruste abfällt in den Java-Trog. Hast du je von dem ungeheuren Ausbruch des Krakatau gehört? Das ist schon weit über hundert Jahre her. Da entstanden an der Oberfläche Wellen von dreißig Metern Höhe und mehr. Dieser Ausbruch war eine Folge der Instabilität der Gegend dort.«

Ich unterbrach ihn, denn ich war richtig neugierig geworden. »Sag mal, Danthorpe, was ist denn so Wunderbares an Seebeben?« Ich konnte nichts anders, ich mußte ein wenig ironisch fragen. Erdbeben sind schon schlimm genug, aber ein Seebeben kann noch sehr viel schlimmer sein. Selbst ein kleines Beben kann einen Transporttunnel aufbrechen, oder die irre See ergießt sich in den Schächten einer Mine. Auch das kleinste Beben kann den hauchdünnen Edenit-Film für eine Sekunde aufbrechen, und das genügt in der Tiefsee, um eine ganze Kuppel zu vernichten.

Danthorpe grinste. »Gut? Sie sind ausgezeichnet, Eden! Sie verscheuchen nämlich die ängstlichen Landratten!« Das klang richtig befriedigt. »Für den, der den Draht nach innen hat, bleibt damit viel mehr. Mein Dad, zum Beispiel, verdient in Krakatau Dome eine ganze Menge.«

Plötzlich schoß mir ein Gedanke durch den Kopf. »Dein Vater? Danthorpe? Dann muß er also .«

Er nickte. »Du hast also schon von ihm gehört«, sagte er stolz. »Er hat sich in der untersten Ebene des Krakatau Dome eingekauft, als die Stadt weiter nichts war als sechs Edenit-Blasen, die aneinandergekoppelt und ein Versprechen für die Zukunft waren. Und auf die Art ist er bis zur Spitze gelangt. Immer, wenn es ein Seebeben gibt, gehen die Preise nach unten. Da kauft er - und wird wieder ein Stück reicher. Er hat einen Sitz an der Börse und ist im Rat. Er lebt schon so lange in den Tiefen, daß ihn die Leute Barnacle Ben heißen .«

Bob unterbrach ihn. »Barnacle Ben? Scheint ein guter Name zu sein. Klingt gut für einen Parasiten. Wenn du von richtigen Pionieren reden willst, von den Erfindern und Forschern, die den Seeboden erschlossen, als das Festland hoffnungslos übervölkert war, dann frag’ Jim nach seinem Onkel Stewart. Stewart Eden, der das Edenit erfand!«

Danthorpe blieb stehen und musterte mich scharf. »Was? Der alte Stewart Eden ist dein Onkel?«

»Ja, das stimmt. Ich will nicht damit angeben. Onkel Stewart sagt, die Familie sei wichtig wegen der Inspiration und der Hilfe, die man von ihr hat, nicht zum Angeben. Aber natürlich bin ich wahnsinnig stolz auf den Mann, der das ganze TiefseeReich überhaupt erst möglich gemacht hat.«

»Mein Dad könnte ihn aber glatt auskaufen«, erklärte Danthorpe. »Und er läßt keine Chance aus.« Er wartete darauf, daß ich etwas sagte, doch das sparte ich mir auf. Deshalb wandte er sich an Bob. »Na, Eskow, und was ist mit deiner Familie?«

»Was soll schon damit sein?« fragte Bob Eskow abweisend.

»Hast du denn keine Familie? Wer sind deine Leute? Was haben sie? Wo leben sie? Was tut dein alter Herr?«

»Das sind eben ... Leute. Mein Vater verdient sein Geld ehrlich.«

»Wie tief? Oder ist er eine Landratte?« Mir genügte das jetzt. »Laß ihn endlich in Ruhe, Danthorpe«, warnte ich ihn. »Schau, wenn da wirklich ein wahres Wort an deinen angeblichen guten Beziehungen ist, mit denen du so prahlst, dann rate ich dir, vergiß deine Familie. Wir müssen miteinander auskommen. Konzentriere dich auf deinen Job, egal wie er aussehen wird.«

Danthorpe hob verächtlich die Schultern und deutete auf Bob, der auf die See hinausschaute. »Dann sag doch ihm, er soll sich konzentrieren. Der ist doch wirklich nicht der richtige Mann für Krakatau! Da gehört keiner hin, der sich vor Seebeben fürchtet.«

Nachdem Danthorpe endlich gegangen war, versuchte ich Bob aufzuheitern, als wir selbst zu unserer Unterkunft zurückkehrten. »Wir haben bis jetzt noch keinen Befehl bekommen«, sagte ich. »Vielleicht beginnen wir das Semester mit allen anderen zusammen.«

»Glaub’ ich nicht«, murmelte Bob düster. »Schau mal, was da am schwarzen Brett angeschlagen wird.«

Eine Ordonnanz vom vierten Jahr klebte gerade einen Befehl an das schwarze Brett. Er war für uns. Wir lasen:

Die hier genannten Kadetten melden sich heute um 17 Uhr im Büro des Kommandanten: Kadett Danthorpe, Harley Kadett Eden, James Kadett Eskow, Robert.

Wir schauten einander an. »Der O. O. D. hat doch was von 13 Uhr gesagt. Erinnerst du dich? Vorher am Tiefwasserbek-ken.«

Bob schüttelte den Kopf. »Ich hab’ ihn nicht gehört.«

Die Ordonnanz drehte sich um, salutierte und meldete: »Sir! Kadett Tilden, Walter S. bittet um die Erlaubnis, einen Oberklassenmann ansprechen zu dürfen.«

So gehörte sich’s, und ich habe es als Neuling nicht so gut gemacht. »Rede, Kadett Tilden!« sagte ich ihm.

Er stand stramm und schaute irgendwohin in die Unendlichkeit, wie es Vorschrift war. »Sir, Kadett Eden hat zwei Befehle. Der um 13 Uhr betrifft den möglichen Tod seines Onkels Stewart Eden.«

2. Der Mann namens Gezeitenvater

Die Gezeiten warten nicht!

Das stand in groben Silberbuchstaben über dem Korallenportal der Akademie und war ihr Motto.

Aber ich wartete. Ich war zehn Minuten früher gekommen, doch für den Kommandanten war 13 Uhr immer und jederzeit 13 Uhr, keine Sekunde früher oder später. Ich saß stramm in seinem Vorzimmer und überlegte, ob die Ordonnanz mit seiner Vermutung recht gehabt haben könne.

Mein Onkel Stewart war mein einziger naher Verwandter. Sein Heim lag zehntausend Meilen entfernt und drei Meilen tief im Tiefsee-Staat Marinia. Ich wußte, daß er in letzter Zeit nicht mehr recht gesund gewesen war, und vielleicht hatte sich sein Zustand verschlechtert. Aber daran wollte ich ja gar nicht denken. Möglicher Tod, das heißt, daß keine Krankheit vorausgegangen war .

Genau um 13 Uhr kam der Kommandant aus der Offiziersmesse. Er war ein düsterer Riese von einem Mann, so kraftvoll wie die See selbst. Begleitet wurde er von einem kleinen, zierlichen Mann in klerikalem Schwarz. Er mußte sich mit seinen viel kürzeren Beinen ordentlich ‘ranhalten, und gleichzeitig redete er drängend auf den Riesen ein.

»Ach-TUNG!« bellte der Posten und präsentierte seine Waffe. Ich sprang auf.

Der Kommandant blieb auf seinem Weg in sein Büro stehen, der kleine Mann ebenfalls. »Kadett Eden«, sagte der Kommandant ernst, »Sie haben einen Besucher. Das hier ist Vater Jonah Tidesley von der Gesellschaft Jesu. Er ist einen weiten Weg gekommen, um Sie zu sehen.«

Ich erinnere mich daran, des kleinen Mannes Hand geschüttelt zu haben, doch recht viel mehr weiß ich nicht, nur daß ich dann mit den beiden Männern im Kommandantenbüro saß. Der Kommandant, der großen Respekt vor dem Priester zu haben schien, musterte mich so scharf, daß ich mich fast unbehaglich fühlte. Sie sagten, der Kommandant könne die Gedanken der Kadetten lesen, und das konnte wahr sein.

Dann konzentrierte ich mich auf das, was Vater Tidesley sagte: »Ich kannte Ihren Onkel, Jim«, sprach er mit klarer, warmer Stimme. »Vielleicht hat er schon einmal von mir erzählt. Gewöhnlich nannte er mich Gezeitenvater. Das tun alle.«

»Ich kann mich nicht erinnern, Sir. Aber ich sehe ja meinen Onkel auch sehr selten.«

Er nickte. Er war ein liebenswerter kleiner Mann, doch seine blauen Augen waren ebenso scharf wie die des Kommandanten. Und er war nicht mehr jung. Sein Gesicht war rund und dicklich, doch die roten Wangen wiesen viele Falten auf. Ich wußte gar nichts von ihm. »Aber setzen Sie sich, Jim«, sagte er, und der Kommandant nickte aufmunternd. »Ich habe von Ihrem Abenteuer mit den Seeschlangen gehört, Jim. Ah, das war sicher keine Kleinigkeit! Ich selbst hätte den TongaGraben auch gerne einmal gesehen, doch bis jetzt war mir das nicht möglich. Vielleicht später einmal ...

Aber Sie haben viel mehr getan als dies. Ich weiß sehr viel über Sie, Junge, wenn wir einander auch noch nie begegnet sind.« Das war alles richtig. Möglich, daß Onkel Stewart mit ihm über mich gesprochen hatte, doch er mußte sich in der Tiefsee wirklich gut auskennen, diese Landra ...

Nein, bestimmt keine Landratte! Eine närrische Idee. Aber da kannte ich ja den Gezeitenvater noch nicht.

Er redete eine ganze Weile. Vermutlich wollte er mir eine gewisse Befangenheit nehmen, und das gelang ihm auch. Endlich öffnete er eine Aktentasche.

»Jim«, sagte er, »schauen Sie sich dies mal an.« Er nahm einen dicken Plastikumschlag heraus und schüttete den Inhalt auf den Tisch. »Erkennen Sie diese Gegenstände?«

Ich berührte sie. Es war nicht nötig. Da war der abgenützte Silberring mit einer milchigen Tonga-Perle; die Uhr, ein feines Chronometer in einem Gehäuse aus rostfreiem Stahl, Münzen und ein paar kleinere Scheine, amerikanische und mariniani-sche Dollars. Und ein aufgerissener Umschlag.

Die Adresse brauchte ich nicht anzuschauen. Ich wußte, er war für Mr. Stewart Eden, gerichtet an sein Büro in der Tiefsee-Stadt Thetis, Marinia. Ich hatte ihn selbst geschrieben. Der Ring gehörte meinem Onkel, und die Perle war ein Geschenk seines alten Freundes Jason Craken gewesen. Die Armbanduhr hatte Onkel Stewart vor vielen Jahren von meinem Vater erhalten.

»Das gehört meinem Onkel Stewart Eden«, sagte ich so ruhig wie möglich.

Vater Tide schaute mich lange nachdenklich und voll Mitgefühl an. Dann sammelte er alles wieder ein und legte es in den Plastikumschlag. »Das habe ich gefürchtet«, erwiderte er leise.

»Ist meinem Onkel Stewart etwas zugestoßen?« fragte ich.

»Das weiß ich nicht, Jim. Ich hoffte, Sie könnten es mir sagen.«

»Ich Ihnen? Wie denn? Woher haben Sie diese Sachen?«

Vater Tide sah mich an. »Ich fand dies alles in einem Seewagen. Jim, ich möchte das jetzt auf meine Art erklären.« Er stand auf und lief hin und her. »Vielleicht wissen Sie«, sagte er mit seiner klaren, warmen Stimme, »daß unser Orden Pionierarbeit geleistet hat in Vulkanologie und Seismologie, also in den Wissenschaften, die sich mit Vulkanen und Erdbeben befassen. Ich selbst gelte als Spezialist in diesen Dingen.« Er trat ans Fenster und schaute auf die ruhige Bermuda See hinaus. »Vor zwei Wochen nun gab es im Indischen Ozean eine überraschende Eruption. Sie kam wirklich ganz unerwartet.«

»Wieso unerwartet, Sir? Dann stimmt es also nicht, daß diese Dinge vorhergesagt werden können?«

Er nickte. »Natürlich, Jim. Das ist heute eine Wissenschaft. Aber diese Eruption wurde eben nicht vorhergesagt. Nichts deutete auf eine Aktivität in dieser Gegend hin, nichts, überhaupt nichts.

Trotzdem ereignete sich die Eruption. Ich war in Krakatau Dome, als die Wellen dieses Ausbruches von den Seismographen dort aufgezeichnet wurden. Das Epizenter war weniger als zweitausend Meilen entfernt. Ich machte mich sofort auf, um an Ort und Stelle Beobachtungen anzustellen. In der folgenden Nacht erreichte ich das Epizenter.«

Bisher hatte er mir über Onkel Stewart nichts erzählt, doch mein Respekt vor ihm wuchs beträchtlich, und ich war sehr interessiert.

»Die See-Oberfläche war noch recht erregt«, fuhr er fort. »Darunter entdeckte ich einen neuen Lavafluß und Schlamm, der sich über Dutzende von Quadratmeilen ausgebreitet hatte. Die Lava war noch heiß, und es wurde noch eine beträchtliche Menge Dampf erzeugt. Mein eigener Wagen ist so konstruiert, daß er in Seebebengebieten eingesetzt werden kann. Ich weiß nicht, ob Sie das Gebiet kennen, Jim, doch es ist fast unbewohnt. Zum Glück, kann man da nur sagen, denn wäre dort eine Kuppel gewesen, so wäre sie vernichtet worden und riesige Menschenmassen mit ihr. Ich fürchte, daß dieses Beben auch so vielen Minenarbeitern das Leben kostete.«

»Sir«, sagte ich und deutete auf die Aktentasche, »haben Sie diese Dinge dort gefunden?«

Er nickte düster. »Ja. Bitte, Jim, hören Sie mir weiter zu. Ich kreuzte über dem Seeboden, etwa am Rande des noch heißen Lavafelds. Ich stellte wissenschaftliche Beobachtungen an und hielt nach Überlebenden Ausschau, die vielleicht meiner Hilfe bedurften. Die Explosionen hatten meine MikrosonarAusrüstung beschädigt, und natürlich war das ganze Wasser trüb vor Schlamm.

Trotzdem nahm ich einen Notruf auf.«

»War es das Signal meines Onkels?«

»Das weiß ich nicht, Jim«, antwortete er leise. »Das Signal stammte von einem automatischen Notsender. Ich konnte ihn bis zum Rand des Lavaflusses verfolgen. Dort fand ich einen havarierten Seewagen, der halb begraben war unter Schlamm und Felsblöcken. Ich gab Signal, bekam aber keine Antwort. Da ich kein Anzeichen von irgendwelchen Überlebenden fand, zog ich den Edenit-Anzug an und ging in das Wrack.«

»Das haben Sie getan?« rief ich verblüfft. »Sie müssen doch wissen, wie gefährlich das ist.« Ich bemerkte, daß mich der Kommandant anschaute, und schwieg, aber ich wußte nun eine Menge über Vater Tide. Selbstverständlich hatte er die Gefahr gekannt, doch sie hatte ihn nicht aufgehalten.

»Es war doch nötig«, erwiderte er. »Ich fand aber niemanden. Ich nehme an, der Seewagen war von emporgeschleuderten Steinen getroffen und beschädigt worden. Die Schleusen waren offen, die Tauchgeräte weg.«

Er war nicht nur ein großer, wagemutiger Wissenschaftler, sondern auch ein wahrer Seemann. Er hatte nämlich für Tauchgeräte den Fachausdruck Scuba benützt.

»Dann konnten also die Leute im Seewagen noch herauskommen?« fragte ich hoffnungsvoll.

Er nickte. »Ja. Aber ich bin absolut nicht sicher, daß sie auch dem Vulkan entkamen.« Er deutete auf die Aktentasche. »Das hier habe ich im Seewagen gefunden. Ich mußte dann wieder weg, und ich schaffte es gerade noch rechtzeitig. Fast wäre ich in einen neuen Strom Lavaschlamm geraten.«

Ich schluckte heftig. »Und was, vermuten Sie, könnte mit meinem Onkel Stewart geschehen sein?«

Vater Tides Augen war kalt und scharf. Das erstaunte mich, denn ich hätte mitfühlende Wärme erwartet. »Ich hoffte, Sie könnten mir das sagen. Oder wenigstens ... Nun ja, ich hoffte, Sie würden mir erklären, diese Dinge gehörten ihm nicht.«

»Doch, sie gehören ihm. Ich kann nur nicht daran glauben, daß er ... umkam.«

»Dafür bete ich«, versicherte mir Vater Tide. »Vielleicht läge ihm daran nicht sehr viel.« Er seufzte. »Aber unglücklicherweise wäre das nicht die schlimmste Möglichkeit.«

»Sir, worüber sprechen Sie?« fragte ich erstaunt.

»Der Tod ist mir vertraut«, erklärte er. »Darauf sind wir alle wohl ziemlich gut vorbereitet. Aber dieser Tiefsee-Vulkan stellt mich einem anderen Problem gegenüber ... Jim, warum war Ihr Onkel im Indischen Ozean?«

»Das weiß ich nicht, Sir. Mir ist nur bekannt, daß er in Thetis Dome lebte.«

»Vor wie langer Zeit?«

»Noch vor zwei Monaten.«

»Und was tat er dort?«

»Er war krank, Vater Tide. Ich zweifle daran, daß er überhaupt viel tun konnte. Er ist nicht gesund und ...«

»Ah, ich verstehe. Das heißt, er war verzweifelt. Vielleicht so sehr, daß er ... alles tat.«

»Was wollen Sie damit ausdrücken, Sir?«

Der kleine Priester sah mich düster an. »Dieses Beben war nicht vorhergesagt. Es gibt Beweise dafür, daß es ... künstlich erzeugt wurde.«

»Das verstehe ich nicht.«

»Nur ein erfahrener Seismologe kann die Beweise richtig deuten. Ich gebe zu, daß kein Punkt der Erdoberfläche als garantiert erdbebensicher bezeichnet werden kann. Aber die Beobachtung könnte Hinweise auf bevorstehende Beben liefern. Und diese Eruption ist nur eine in einer Reihe verschiedener relativ kleinerer Beben, die alle in unbewohnten Gegenden stattfanden, aber einem gewissen Muster zu folgen scheinen.

Es waren sechs, und sie wurden zunehmend heftiger. Der Brennpunkt des ersten Bebens war relativ flach. Die späteren wurden immer intensiver.«

»Sie meinen also ...« Ich brach ab, denn die Idee war zu absurd.

Vater Tide nickte. »Ich vermute«, antwortete er mit seiner klaren, warmen Stimme, »daß jemand eine recht unheilige Technik vervollkommnet, die zu künstlichen Erdbeben führt.«

Ich schluckte. »Und mein Onkel .«

Er nickte. »Ja, Jim. Ich fürchte, daß Ihr Onkel, sollte er nicht am Leben sein, mitten drin steckt. Irgendwie.«

3. Feuer unter der See

Künstliche Seebeben! Und mein Onkel Stewart Eden beschuldigt, sie zu erzeugen. Beschuldigt von diesem merkwürdigen Priester, der sich selbst Vater Tide nannte. Gezeitenvater.

Das begriff ich nicht mehr. Ich war nicht mehr besorgt, sondern überaus zornig.

Er ließ mich im Kommandantenbüro, ohne daß er noch etwas sagte. An der Tür hielt ich ihn auf und bat um die Sachen aus meines Onkels Besitz.

Er zögerte und schaute den Kommandanten an, dann schüttelte er den Kopf. »Tut mir leid, Jim. Später wird es Ihnen sicher gehören. Aber das sind alles Beweise. Wird es nötig, daß die von mir eingeleiteten privaten Ermittlungen von der Tiefsee-Flotte weitergeführt werden, so wird man sie wohl überprüfen wollen.«

Mehr wollte er nicht sagen. Vermutlich ließ mich dann der Kommandant gehen, doch das weiß ich nicht.

Ich erinnere mich nur, daß ich in einer Telefonzelle stand und meinen Onkel in Thetis Dome zu erreichen versuchte. Es dauerte unendlich lange, bis die Verbindung kam, und dann erhielt ich aber von seiner Wohnung keine Antwort, auch nicht von seinem Büro. In meiner Verzweiflung ließ ich ihn in den Hotels und den Seewagen-Terminals ausrufen, und nicht nur ihn, sondern auch seinen treuen Helfer Gideon Park. Ich bekam keine Antwort.

Es stimmte also, was Vater Tide mir gesagt hatte: mein Onkel war spurlos verschwunden.

Ich starrte ins Leere und wußte selbst kaum mehr, wo ich war.

Allmählich erst kam mir zu Bewußtsein, was ich da anstarrte. Es war eine riesige Weltkarte der Mercator-Projektion; ich hatte sie in meinem ersten Akademie-Jahr unermüdlich studiert, weil sie in meinen Augen Glorie und Größe bedeutete. Für Landratten war es eine merkwürdige Karte, denn die Kontinente waren hier einfach schwarz eingezeichnet; nur die Ströme und ein paar von den größten Städten ließen sich erkennen. Aber die Ozeane!

Sie funkelten in strahlenden Farben. Blau und Grün in vielen Schattierungen bezeichneten die Wassertiefen und die Seegründe. Dünne Lagen aus Scharlachrot und Orange gaben die unterseeischen Bergzüge und Gipfel an. Leuchtendes Gold war für die Städte. Ein silbernes Spinnwebmuster zeigte die Rohrleitungen und Vakuumtunnels, die sie miteinander verbanden. Dunklere Flecken bedeuteten riesige Mineralvorkommen am Meeresgrund. Welch ungeheure Reichtümer lagen dort! Sie reichten aus, viele Millionen von Menschen zu Dollarmillionären zu machen. Aber immer wieder vernichteten unehrliche Männer das, was so mühsam von Forschern und Pionieren der Tiefen aufgebaut wurde, und zu jenen Pionieren gehörten mein Vater und mein Onkel Stewart.

Und doch: dieser Vater Tide hatte mehr oder weniger klar behauptet, mein Onkel sei einer dieser unehrlichen Männer!

Unvermittelt wurde ich aus meinen Tagträumen gerissen; ich schüttelte mich und wandte mich von der großen Landkarte der Tiefen ab.

Ich war in Dixon Hall, dem immer wieder aufregenden Museum der Akademie, wo die ganze Geschichte des Tiefsee-Diensts klar dargestellt war. Ich weiß nicht, wie ich dorthin kam. Jemand rief meinen Namen:

»Oh, hallo«, sagte ich. »Ich sah euch gar nicht kommen.«

Es war Bob mit Harley Danthorpe. »Du hast überhaupt nichts gesehen«, spöttelte Danthorpe. »Kannst du dir für deine Tagträume keinen besseren Platz aussuchen als diesen Abfallhaufen? Wir haben überall nach dir gesucht.«

Ich wartete darauf, daß Bob nun etwas sagen würde, denn ihm bedeuteten das Museum und die Geschichte, die es so lebendig darstellte, ungefähr ebenso viel wie mir. Doch er gab gar nicht acht auf das, was gesprochen wurde.

»Schau mal«, sagte er und deutete.

Es war eine spitz zulaufende Metallröhre, etwa vier Zoll dick und drei Fuß lang, ausgestellt in einem Glaskasten.

Die polierten Röhrenwände schimmerten wie Edenit, die phantastische Beschichtung, die mein Onkel erfunden hatte, dieser Druckfilm, der die tödlichen Wasserdrücke in sich selbst zurückdrängt, so daß Menschen damit in große Tiefen vordringen können.

Doch es war kein Edenit, und gesehen hatte ich dieses Material auch noch nicht. Der Schimmer war auch nicht das helle Grün der Edenit-Beschichtung der Tiefsee. Dieser Schimmer hier wies winzige funkelnde Punkte bunten Feuers auf, das kam und ging wie eine Weihnachtsbaum-Festbeleuchtung, gesehen durch die sich bewegenden Äste eines Baumes.

»Schau mal, das ist ein Modellmaulwurf!« rief Bob. »Hier, das Zeichen!« Er deutete auf die Karte im Schaukasten:

Arbeitsmodell des Mechanischen ortholytischen Exkavators Versuchsmaschine dieses Typs, jetzt unter Test bei der Tiefsee-Flotte; verspricht Graduierten der Akademie neue Möglichkeiten. Mit diesem Gerät werden sich vermutlich direkte Forschungen unter dem Seeboden ermöglichen lassen.

»Unter dem Seeboden«, las ich laut und nachdenklich. »Heißt das wirklich im Meeresboden selbst?«

»Wenn du was über den Maulwurf wissen willst, kannst du mich ja fragen«, tat Harley Danthorpe überlegen. Er kam hinter uns heran und blinzelte das glänzende Modell an. »Mein Dad hat Geld im Versuchsmodell stecken«, prahlte er. »Im Grundgerät, dem ortholytischen Bohrer. Kapiert? Mechanischer ortho-/ytischer Exkavator. MOLE.« Er tätschelte den Schaukasten. »Dad sagt, er geht durch Basalt wie eine Kugel durch Butter. Und er sagt, bald wird die Zeit kommen, da automatische Bohrmaschinen durch die Felsen unter dem Seeboden kreuzen werden wie die Unterseeboote unter der Wasseroberfläche. Und MOLE, sagt er, wird dem, der Zugang dazu hat, Millionen verdienen.«

»Ist ja großartig«, antwortete Bob angewidert. »Eine solche Sache wie die, und du kannst nur daran denken, wie man Geld damit scheffeln kann.«

»Ist denn am Geld was nicht richtig?« fragte Danthorpe hitzig. »Schließlich, wenn es nicht .«

»Moment mal«, unterbrach ich ihn. »Ich erinnere mich, schon davon gehört zu haben. Da gibt es doch Schwierigkeiten, was? Das Modell ist fein, aber die großen Maschinen haben Mucken.«

Danthorpe gab es zu. »Nun ja, alle Atombohrer erzeugen eine Menge Hitze, und der ortholytische Drill schneidet viel schneller, macht aber natürlich auch mehr Hitze. Und die Erdkruste ist auch schon ziemlich heiß, wenn man ein paar Meilen unten ist. Das Problem der Kühlung macht ihnen ordentlich zu schaffen.«

»Mindestens das eine Problem«, gab ihm Bob recht. »Aber das werden sie schon lösen. Und dann: Päng und durch!«

Da deutete er unvermittelt auf die große Wanduhr unter dem Wahlspruch der Akademie: DIE GEZEITEN WARTEN NICHT!

»Fünf Minuten vor siebzehn Uhr!« rief er. »Schnell, wir müssen zum Büro des Kommandanten.«

Wir standen stramm wie Stöcke, während der Kommandant um seinen großen Schreibtisch herumging und uns mit Augen, die so kalt waren wie arktische Gewässer, kritisch musterte. Er sagte nichts von der Szene in seinem Büro von ein paar Stunden vorher, und nicht mit einem Blick oder einer Geste verriet er, daß es sie gegeben hatte. Und dafür war ich ihm ungeheuer dankbar.

Er ging wieder hinter seinen Tisch und setzte sich umständlich.

»Gentlemen«, sagte er, und seine Stimme war so hart wie sein narbiges Gesicht, »Sie nähern sich nun dem Ende eines Trainigskurses. Sie haben einen Grad der Ausbildung erreicht, da ausgewählte Kadetten für bestimmte Aufgaben abgestellt werden, die Teil dieser Ausbildung sind. Diese Gelegenheit möchte ich dazu benützen, Sie an Ihre vielen Pflichten und Ihre ganz besonderen Gelegenheiten zu erinnern.«

Gelegenheiten!

Für ihn war das eine ungewohnte Ausdrucksweise. Ich sagte nichts, ich bewegte mich nicht einmal. Aber ich hörte, daß Bob den Atem anhielt.

»Die Tiefsee-Flotte«, sagte der Kommandant im Ton einer Vorlesung, »war ursprünglich dazu bestimmt, die amerikanischen Interessen unter der See zu schützen. Das war vor der Zeit, da die Waffen der Welt direkt der Aufsicht der Vereinten Nationen unterstellt wurden. Wir hielten Ausschau nach amerikanischen Städten, amerikanischen Minen, nach amerikanischen Schiffen. Das ist auch jetzt noch ein wichtiger Teil unserer Pflichten. Aber die Tiefsee-Flotte hat jetzt wesentlich größere Aufgaben.

Unsere Feinde unten in den Tiefen sind heutzutage selten Menschen. Es ist sogar eine Tatsache, daß die alte Institution Krieg in den Tiefen ertrank. Für jeden ist da Platz und Reichtum genug.

Um beides zu gewinnen, ist enge Zusammenarbeit nötig. Edenit war eine amerikanische Erfindung ...« Bildete ich mir das nur ein, oder schaute er mich wirklich dabei an? »Aber die Briten entwickelten die Techniken der Tiefsee-Farmen. Der ortholytische Drill war ursprünglich eine deutsche Idee. Die Japaner waren und sind die Pioniere in der Vorhersage von Seebeben.

Alle Menschen kämpfen geschlossen gegen die Unbilden der See.«

Er machte eine Pause und schaute uns nacheinander an.

»Die Gezeiten warten nicht!« Seine Stimme tönte laut, als er das Motto der Akademie aussprach. »Das heißt, daß die Tiefsee-Flotte nicht in der Vergangenheit lebt. Wir erkennen die Tatsache ständiger Veränderungen an. Wir bedienen uns schnell und gründlich der neuen Technologien.«

»Gentlemen«, sagte er mit seiner kalten Kommandostimme, »auf der Grundlage Ihrer ungewöhnlichen Fähigkeiten, die sich in zahlreichen psychologischen Tests und Ihren sonstigen Leistungen hier an der Akademie bewiesen haben, wurden Sie für eine Mission ausgewählt, welche die Anwendung eines solchen neuen Feldes wissenschaftlicher Entwicklung vorsieht.

Sie werden hiermit zu einem Sonderauftrag abgestellt.

Heute um 21 Uhr werden sie zum Abflug bereit sein. Sie reisen über New York und Singapur nach Krakatau Dome. Dort melden Sie sich beim kommandierenden Offizier der Flottenbasis für einen Spezialtrainingsauftrag.

Gentlemen, Sie sind hiermit entlassen.«

Wir salutierten, machten kehrt und marschierten hinaus.

»Ich hab’s euch doch gesagt«, zischte Harley Danthorpe, als wir das Büro des Kommandanten verlassen hatten. »Ich hab’ doch den Draht nach drinnen.«

Aber nicht einmal Danthorpe konnte uns sagen, wie dieses Spezialtraining aussehen sollte.

4. Die Seebeben-Stadt

Wir holten die Sonne ein. Sie stand noch eine knappe Stunde über dem Horizont, als das letzte Flugzeug unserer Reise den Donner der Jets mäßigte, die Bremsklappen ausfuhr und über den »Landebahnen« der See über Krakatau Dome einschwebte.

Das Flugzeug setzte ziemlich hart auf den kurzen Wellen auf; elektrostatische sogenannte Beruhiger hatten zwischen den Bojen, die unseren Landeplatz markierten, die hohen Wellen »ausgebügelt«. Aber unser Pilot hatte den ersten Kontakt genau im richtigen Moment gemacht. Wir hüpften nur ein einziges-mal, dann lagen wir ganz ruhig da. Einen Augenblick später hatten wir an dem hellerleuchteten X-förmigen Bau festgemacht, der über der Kuppel schwamm, über der mit Edenit beschichteten Stadt, die drei Meilen unter uns lag.

»Wir sind da, Männer. Fertigmachen zum Verlassen der Maschine!«

Eskow schaute mich an und runzelte die Brauen, doch ich schüttelte den Kopf. Danthorpes Name kam alphabetisch vor dem unseren, stand also auch so in unserem Marschbefehl. Er war also auch der Meinung, daß er damit so etwas wie eine Führerrolle hatte. Bob ärgerte sich darüber. Nun ja, genau besehen mußte ja einer von uns irgendwie die Führung übernehmen, und tat Danthorpe dies aus eigener Machtvollkom-menheit, so war er auch derjenige, der die Verbindung herstellen, Zollfragen regeln und ähnliche Dinge erledigen mußte. Wir standen also auf, holten unsere Siebensachen zusammen und stiegen vom Übersee-Jet hinüber zur Landeplattform.

Es war ein riesenhaftes Schwimmdock, jedes Bein hatte eine Länge von mindestens tausend Fuß. Im Notfall konnte jedes Flugzeug dort landen, wenn die See auch für die Beruhiger zu rauh war. Dieses Dock lag zweihundert Fuß über der Wasserlinie, die Kiele der Schwimmer zweihundert Fuß darunter. Es war eine kleine Stadt für sich selbst.

Und doch war es im Grund genommen nur eine Vordertür und eine Luftröhre für die Tiefsee-Stadt. Die Plattform war so etwas wie ein Schnorchel mit ganz speziellen flexiblen Zuleitungen, die selbstverständlich alle mit Edenit beschichtet waren. Damit wurde reine Luft zugeführt, die verbrauchte Luft abgeblasen. Ältere Städte mußten mit einem großen LuftRegenerationsapparat auskommen. Hier, in Krakatau Dome wurde von der Oberfläche her Frischluft hinuntergepumpt. Wir kletterten an den Gebläsen vorbei, die verbrauchte Luft aus fünfzehntausend Fuß Tiefe abgaben, und sie war kalt, feucht und roch nicht besonders gut, war natürlich auch mit den Abgasen der Tiefsee-Industrie beladen. Dort unten in den Kuppelstädten lebten die Menschen sehr dicht zusammengedrängt. Wir kannten den Geruch schon und schauten einander an.

»Allez hopp, ihr zwei!« rief Harley Danthorpe und führte uns aus dem betriebsamen Terminal hinaus zu den magnetischen Elevatoren, die drei Meilen hinabführten. Die Tür schloß sich, es machte wusch! und dann fiel der Boden des Lifts unter unseren Füßen weg. So fühlte es sich wenigstens an.

Eskow und ich griffen instinktiv nach einem Halt. Harley Danthorpe lachte schallend darüber. »Ihr Landratten!« röhrte er. »Solltet ihr euch nicht doch besser auf den Füßen halten? Wenn euch schon ein solcher Elevator Angst einjagt, was tut ihr denn dann, wenn es zu einem Seebeben kommt?«

Eskow war blaß, aber nicht um eine Antwort verlegen. »Wir sehen dann schon, was passiert, Danthorpe. Wenn du’s durchstehst - Eden und ich, wir zwei können es, das ist sicher.«

Mit weichen Knien verließen wir den Elevator, und sofort befanden wir uns in einer anderen Welt.

Drei Meilen unter der Oberfläche des Ozeans! Der blaue Himmel war weg, und der herrliche Seewind auch. Über unseren Köpfen rollten fünfzehntausend Fuß Indischer Ozean, und wo die Sonne stand, spielte jetzt keine Rolle mehr.

»Allez hopp!« schrie Danthorpe und marschierte uns voran von der Elevatorstation zu den Ausgängen ganz oben in der Kuppel, auf der obersten Ebene. Über Gleitrampen, Lifts und durch Gänge führte er uns hinab in das pulsende, geschäftige Herz von Krakatau Dome. Die Flottenbasis lag auf der Dockebene, also ganz unten, am äußersten Rand der Kuppel. Um sie zu erreichen, mußten wir die Kuppel in ihrer ganzen Höhe durchmessen. Harley schien sich ein besonderes Vergnügen daraus zu machen, den längsten Weg zu nehmen.

Wir sahen auch die großen Terrassenebenen, wo tatsächlich Bäume und Gras wuchsen, natürlich dünn und blaß im Troyon-Licht der Tiefsee-Städte, aber doch ein Symbol von Reichtum und Luxus für die reichen Krakatauer, die sich hier ein Heim geschaffen hatten. Wir spähten durch winzige Sichtluken hinaus auf den hell erleuchteten Seeboden, der die Kuppel umgab. Blasse, schwankende Stengel der Tiefsee-Vegetation wiegten sich in der Strömung. Wir kamen durch die Finanzebene, das Handelsgebiet für Erze und andere Produkte des Meeresboden, und hier herrschte hektischer Betrieb. Auch die Börse, die Versicherungen und die Finanzierungsbüros, durch die viele große Geschäfte finanziert wurden, befanden sich hier. »Seht ihr das?« schrie Harley Danthorpe. »Idee von meinem Dad!«

Wir schauten uns um, denn wir standen vor dem Eingang zur Börse von Krakatau, einem Gebäude mit dicken Säulen, das geformt war wir ein aufgestelltes Tiefsee-Schiffsgeschwader, und die hohen Rümpfe glühten in einem Feuer, das wie schimmerndes Edenit aussah.

»Mein Dad gehört zu den Gründungsmitgliedern«, erklärte uns Harley stolz. »Er hat diese Börse hier entworfen.«

»Das ist aber hübsch«, sagte Bob, doch ich bezweifle, daß er dies ernst gemeint hatte.

Harley blieb stehen und musterte ihn mißtrauisch. »Eskow«, sagte er, »du schaust ziemlich mißmutig drein. Gefällt dir Krakatau denn nicht?«

»Ich dachte an die Landeplattform oben. In anderen TiefseeStädten habe ich so etwas noch nie gesehen«, antwortete er.

Harley lachte. »Andere Städte«, schniefte er. »Was die schon haben! Krakatau ist die Stadt überhaupt, und merk dir das! Die Plattform allein hat eine halbe Milliarde Dollar gekostet, und drei Jahre lang hat man da ran hingebaut. Aber das ist eine phantastische Geldanlage.« Er blinzelte und redete leiser weiter. »Mein Dad hat ein Stück davon gekauft. Er hat nämlich den berühmten Draht nach drinnen, jawohl. Er sagt, die Konzession allein ist die ganze Geldanlage wert, weil diese Luftrohre die Atmungsorgane der Stadt sind, und .«

»Darüber habe ich ja eben nachgedacht«, unterbrach ihn Bob. »Nimm mal an, da gibt es eine Panne.«

»Was könnte da schon schadhaft werden?«

»Nun, ein Sturm könnte einen Bruch verursachen.« Harley grinste wie ein Mann, der gerade eine Million Dollar gefunden hat. »Ich kann euch einen ganzen Kabelabschnitt zeigen. Da seht ihr dann, daß die von keinem Sturm gebrochen werden. Außerdem können die Wellen glatt durch die Piers zwischen Plattform und Schwimmern, ohne irgendeinen Schaden anzurichten. Nein. Versuch’s mal mit was anderem.«

»Das ist ein Seebebengebiet«, erinnerte ihn Bob. »Es könnte eine riesige Flutwelle geben.«

»Du meinst eine Tsunami«, korrigierte ihn Harley Danthorpe überheblich. »Das ist nämlich der richtige Name für eine seismische Seewelle. Mensch, du bist und bleibst doch eine Landratte! Natürlich sind Tsunamis gefährlich, aber nur entlang einer Küste, wo sie Kraft und Tempo entwickeln können, doch nicht draußen im offenen Ozean! Wir würden es hier nicht mal bemerken, wenn eine vorbeirollt. Nur die Instrumente würden sie aufzeichnen.«

Bob zuckte die Schultern, doch überzeugt war er sicher nicht.

»Ich hoffe, du hast keine Angst vor Beben«, sagte Harley eine Spur zu höflich. Es war nämlich ein Feixen dahinter. »Schließlich müßte auch mal eine Landratte sich die Angst vor all dem Zeug abgewöhnen können. Bleib nur eine Weile da, Bob. Wir in Krakatau Dome haben keine Angst vor Beben. Wir nennen unsere Stadt sowieso Seebebenstadt. Die ist so gebaut, daß sie sogar Beben von Stärke Neun ohne weiteres aushält, und die kommen sehr selten vor. Wir wissen genau, was hier gespielt wird, und mein Dad ist reich geworden an dem Zinn, Uran und all dem anderen Zeug, das anzurühren alle anderen Angst hatten.«

Mehr wollte ich über diesen sagenhaften Draht nach drinnen und das Wissen, was hier gespielt wird, auch gar nicht erfahren. Mir genügte das, was ich bisher gehört hatte.

Bob störte dieses Prahlen noch mehr als mich. Dieser Harley Danthorpe war vielleicht ein richtiger Fachmann für Seebeben und das Leben in Krakatau Dome, aber wie man mit den Menschen gut zurechtkommt, davon hatte er nicht die geringste Ahnung. Ich sah direkt, wie Bob immer mehr seine Igelstacheln gegen ihn aufstellte.

Zum Glück war dies ungefähr das Ende der Diskussion, da wir am Tor der Flottenbasis angelangt waren.

»Halt!« schnarrte ein Posten der Tiefsee-Flotte, der in seiner scharlachroten Uniform Wache stand. »Herankommen und Meldung machen!«

Harley Danthorpe tat ganz zackig. Er marschierte drei Schritte voran, als sei er auf dem Exerzierfeld der Akademie. »Kadett Danthorpe, Harley!« schnappte er. »Mit zwei Kadetten zur Meldung beim kommandierenden Offizier!«

Der Posten ließ uns wortlos durch, aber als ich vorbeiging, glaubte ich ein Blinzeln zu bemerken. Offensichtlich hatte er so frischgebackene und angeberische Kadetten schon öfter gesehen.

Wir meldeten uns bei einem diensttuenden Offizier mit glattem Gesicht, der so aussah, als sei er selbst erst vor drei Stunden von der Akademie entlassen worden. Er las unsere Marschbefehle, runzelte die Stirn und sagte schließlich: »Sie werden hier bei der Basis einquartiert. Yeoman Harris wird Sie zu Ihren Quartieren führen. Dann melden Sie sich zum Dienst bei Lieutenant Tsuya.« Er schaute auf einer Liste nach, die auf seinem Schreibtisch lag. »Den finden Sie unten auf Station K ab 16 Uhr.«

»Station K?« Harley Danthorpe wiederholte dies unsicher und schaute uns an. Wir schüttelten die Köpfe. »Ah, Verzeihung, Sir, wo ist Station K?«

»Zehntausend Fuß unten«, bellte der junge Fähnrich.

»Zehn ...« Dies war offensichtlich etwas, wohin sein heißer Draht nicht reichte. Zehntausend Fuß tiefer? Aber das war doch reiner Fels!

Wir hatten keine Gelegenheit zu weiteren Fragen. »Yeoman Harris wird Ihnen den Weg zeigen«, erklärte der Diensttuende gereizt. »Wenn Sie sonst noch etwas wissen wollen, erfahren Sie es von Lieutenant Tsuya. Weg.«

Das Wort »wegtreten« konnte er nicht mehr ganz aussprechen, denn Harley Danthorpe schluckte und griff entschlossen nach dem heißen Draht. »Sir!« rief er ängstlich. »Bitte, Fähnrich. Meine Familie lebt hier in dieser Stadt. Ich denke, Sie haben schon von meinem Vater gehört, Mr. Benford Danthor-pe. Er gehört dem Aufsichtsrat der Börse an. Kann ich einen Paß bekommen, damit ich meine Familie besuchen kann?«

Der Offizier musterte ihn überaus gründlich.

Dann schluckte Harley noch einmal. »Oh«, sagte er und fügte das fehlende Wort hinzu: »Sir.«

»Na, schön«, antwortete ihm der Offizier. »Ihr Gesuch ist abgelehnt.«

»Abgelehnt? Aber wieso ...«

»Das genügt mir jetzt«, bellte der Offizier. »Ich habe Ihnen schon gesagt, der für Sie zuständige Offizier ist Lieutenant Tsuya. Ihn können Sie ja noch einmal fragen. Trotzdem kann ich Ihnen jetzt schon sagen, daß er ebenso ablehnen wird, wie ich, Mr. Danthorpe. Kadetten in der Ausbildung hier im Krakatau Stützpunkt bekommen für die ersten beiden Wochen überhaupt keinen Paß.«

»Zwei Wochen?« tat Harley gekränkt und zuckte sichtlich zusammen. »Aber Sir, mein Vater ist der wichtigste Mann in Kra.«

»Möglich, aber Sie sind Kadett!«

»Jawohl, Sir.« Zum erstenmal klang Harley Danthorpe recht kleinlaut.

Wir salutierten. Aber da bat Bob Eskow: »Darf ich bitte eine Frage stellen, Sir?«

»Und die wäre?«

»Sir, man hat uns nie etwas über unsere Pflichten gesagt. Können Sie uns da nichts verraten?«

Der Fähnrich spitzte die Lippen. Dann zuckte er die Schultern, und plötzlich war er viel menschlicher. »Das eine kann ich Ihnen sagen«, und seine Stimme verlor die militärische Rauheit, »ich beneide Sie.«

»Uns beneiden, Sir?«

Der Fähnrich nickte ernsthaft. »Ihre Pflichten sind etwas Brandneues in der Flottengeschichte. Sie drei sind abgestellt worden zur Ausbildung in maritimer Seismologie, der Wissenschaft der Seebeben. Sie werden also nicht nur die See an sich erforschen, sondern auch den darunterliegenden Fels!«

Irgendwie kamen wir heraus aus diesem Büro, doch wie - das weiß ich nicht.

Unter dem Meeresboden! Ein bestürzender, fast erschreckender Gedanke .

Yeoman Harris übernahm uns und führte uns zu unserem Quartier. Ich bemerkte kaum die wundervollen Ausblicke und Geräusche, an denen wir vorbeikamen - die geschäftigen Werkstätten, wo Reparaturen ausgeführt wurden, die schneidig marschierenden Trupps der Männer von der Tiefsee-Flotte, überhaupt alles, was mit einer Flottenbasis zusammenhing.

Ich schaute Bob an, der neben mir ging. Zehntausend Fuß hinab in den Fels! Er hatte doch immer Schwierigkeiten gehabt, und nur sein unwahrscheinlicher Mut und seine Beharrlichkeit hatten ihn bisher durch die Akademie gebracht. Was würde jetzt geschehen? Wenn schon die eisigen Meilen der See tödlich waren und mit ihrem ungeheuren Druck Körper und Geist gleichermaßen zerquetschen konnten, wieviel gefährlicher mußte dann die feste Erdkruste sein! Zehntausend Fuß weiter hinab ... Ich war überzeugt, das war noch viel schlimmer als alles, was die See gegen uns einsetzen konnte. Meines Onkels Erfindung, die Edenit-Beschichtung, war absolut zuverlässig. Damit konnte der Druck der See in sich selbst zurückgedrängt werden, und man hatte es auch gelernt, dieses Material so einzusetzen, daß es größten Nutzen brachte.

Aber MOLE war ja noch im Zustand der Erprobung. Da waren tausend Probleme zu lösen, Überlebensprobleme. Allein die Kühlung war, wie Bob noch in Dixon Hall bemerkt hatte, ein sehr ernsthaftes Problem. Dann der Druck. Edenit war sicher ungeheuer wirksam, aber konnte es auch dem Druck der Erdkruste standhalten? Und dann der Schutz vor atomarer Verseuchung. Ich wußte, daß der erste atomisch-ortholytische Bohrer in Nevada das ganze Gebirge verseucht hatte, so daß ein weites Gebiet eingezäunt und für mindestens hundert Jahre aufgegeben werden mußte.

Das waren so viele Probleme, die ich sowieso nicht lösen könnte. Ich versuchte mich also davon abzulenken.

Bob. Ich kannte ihn gut. Er würde es lernen, alles das anzunehmen, was auf ihn zukam. Trotzdem hatte ich das Gefühl, er hänge sich etwas zu sehr in Probleme, die sich vielleicht niemals stellen würden.

Wie wenig ich doch wußte ...

Aber Bob war von uns dreien nicht der Besorgteste. Hinter uns hinkte Harley Danthorpe drein, als sei seine Ausrüstung plötzlich tonnenschwer geworden. Ständig murmelte er etwas vor sich hin, von der Wichtigkeit seines Vaters, von der Würdelosigkeit, noch zehntausend Fuß tiefer hinabgeschickt zu werden.

Der heiße Draht nach drinnen schien abgerissen oder zu heiß zu sein, und er tat mir ehrlich ein bißchen leid.

5. Beben-Vorwarnung!

So tief unten gibt es keinen natürlichen Tag. Seit sich in Urzeiten die Ozeane aufgefüllt hatten, herrschte dort finsterste Nacht. Das Leben in der Tiefe bedurfte keiner Sonne als Uhr. Die Tiefsee-Zeit, die das Flotten-Observatorium auf den Bermudas setzt, ist überall dieselbe.

Um 15.15 Uhr erschien Yeoman Harris in unserem Quartier, um uns zur Station K zu bringen.

In einem Elevator kamen wir bis zum Boden der Kuppel, der noch unter den Docks lag. Aber von hier aus mußten wir noch ein ganzes Stück tiefer. Wir kamen durch die düsteren Lagerräume, schauten in finstere Tunnels mit den Luftleitungen und dem Röhrengewirr, das die ganze Stadt über uns versorgte und hörten das dumpfe Pochen der Pumpen, die aus Millionen von Leitungen das Tropf- und Sickerwasser sammelten, es in ein Abwasserbecken der Stadt leiteten und es dann unter ungeheurem Druck an die Meeresoberfläche beförderten.

»Jetzt haben wir den halben Weg«, bemerkte Yeoman Harris trocken, als wir in einen Tunnel kamen, dessen Bogendach aus schwarzem Basaltgestein bestand. Hier konnte man noch die Bohrstellen erkennen aus der Zeit, da die Kuppel gebaut wurde, um deren Verankerung aufzunehmen. Sehr viel erklärte uns Harris gewiß nicht. Er schien ein großer Schweiger zu sein.

Ein bewaffneter Posten trat uns aus einem metallenen Postenhäuschen entgegen. »Halt!« rief er.

Yeoman Harris zeigte ihm eine Kopie unseres Marschbefehls. Das war keine Höflichkeitsinspektion, auch kein militärischer Drill, das hier war ernst gemeint. Der Posten prüfte jedes Wort nach, und als er den Marschbefehl zurückgab, hatte ich den Eindruck, er habe ihn auswendig gelernt. Hier wurde einiges sehr ernst genommen, soviel war sicher.

»Kommt jetzt weiter«, brummte der schweratmende alte Yeoman und führte uns an dem Posten vorbei zu einem anderen Elevator.

Der hier war für mich eine völlig neue Sache. Eigentlich war er nur ein kleiner, runder Käfig, der in einem kreisrunden Schacht hing. Aber der Schacht war aus lebendem Fels gehauen, und innen schimmerte die Edenit-Beschichtung.

Hier war der Druck wesentlich höher als sonst irgendwo. Hier unten konnte man nicht einmal dem starren Basalt trauen, der die Ozeane der Welt wie eine Tasse umfaßt. Sogar der Basalt könnte einbrechen unter dem gewaltigen Druck von See und Gestein, und deshalb war er mit Edenit beschichtet worden.

Harris schob uns in den Käfig hinein und drückte auf einen Knopf. Der Käfig fiel unter uns weg, hinab in die schimmernde Tiefe; sie schimmerte in allen möglichen und unmöglichen Farbschattierungen je nach dem Druck, dem der Schacht ausgesetzt war. Für mich war das ein beruhigender Anblick, denn mit Edenit war ich ja aufgewachsen, und die Geschichte dieses Materials war so etwas wie eine Familiengeschichte. Aber Harley Danthorpe war kalkweiß. Und Bob wandte sein Gesicht ab.

Ein paar Minuten später verließen wir den Käfig in zehntausend Fuß Tiefe unter dem Meeresboden. Über uns befanden sich nahezu zwei Meilen soliden Gesteins, darüber die Masse des Krakatau Dome, eine ganze Stadt mit Menschen, Industrie, der Flottenbasis und den wuchtigen Säulen des Börsengebäudes, und darüber dann noch einmal drei ganze Meilen Ozean.

Wir kamen durch eine Edenitschleuse in einen Bogentunnel. Hier gab es kein Edenit. Vielleicht war auch nur dieser Schacht so gefährdet, denn hier war nur die rauhe Oberfläche des Druckbetons, der vor Feuchtigkeit glänzte. Zehntausend Fuß unter dem nächsten freien Wasser, und doch hingen überall die Wassertropfen, die von dem ungeheuren Druck durchgepreßt wurden. Während wir zusahen, wurden diese Tropfen langsam größer, daraus entstanden winzige Rinnsale, die sich dann in den kleinen Gullys verloren, die an den Wänden in den Basaltboden geschnitten waren.

»Hier unten gibt’s kein Edenit«, erklärte Yeoman Harris brummig. »Geht nicht. Wenn wir in den MOLEs hinausgehen, kämen wir nicht durch.«

Wortlos schauten wir einander an. Was sollten wir auch sagen?

Von den isotopischen Troyonröhren ergoß sich weißes Licht über uns. Wir standen in einer kleinen Gruft von einem Büro, salutierten und meldeten uns bei Lieutenant Tsuya, unserem neuen kommandierenden Offizier, unserem unmittelbaren Vorgesetzten.

»Danthorpe«, sagte er fröhlich. »Eskow. Eden.« Er schüttelte einem nach dem anderen die Hand. Er war mager und jung und sah sehr lebendig und recht energisch drein. »Freut mich, Sie zu sehen, Eden.« Und wie heftig er mir die Hand schüttelte! »Ich weiß eine Menge über Ihren Onkel. Guter Mann. Achten Sie nicht auf das Geschwätz mancher Leute. Die sind nur eifersüchtig.«

»Vielen Dank«, antwortete ich, doch das war es eigentlich nicht gewesen, was ich hören wollte. Dann waren also die Gerüchte über Onkel Stewart schon bis hierher durchgedrungen!

Nun wandte er sich an uns alle. »Gut, Sie alle hier zu haben. Setzen Sie sich doch. Wir fangen gleich mitten drin an.«

Wir setzten uns. Es war kalt hier. Trotz des weißen Lichtes schien es recht düster zu sein; das kam von den schwarzen, feuchten Wänden und schon allein von dem Bewußtsein, daß Meilen von Fels und Wasser über uns waren.

Lieutenant Tsuya lachte, als errate er unsere Gedanken. »Sie wundern sich wohl, weshalb es hier nicht heiß ist.«

Ich nickte. Er hatte recht. Ich war der Meinung gewesen, so tief in der Erde hätte die Temperatur um einige Grade höher sein müssen, nicht niedriger. Mich fröstelte hier.

»Das ist zum Teil eine Sache der Psychologie«, erklärte Lieutenant Tsuya. Dazu lachte er über sein ganzes rundes Kürbisgesicht. »Teils kommt das Wasser hier, teils daher, daß wir aus diesem Fels einen Kaninchenbau gemacht haben. Aber keine Angst. Es wird warm genug sein, wenn ihr erst einmal die Geosonden einsetzen müßt.«

»Geosonden ...« Danthorpe schluckte. »Lieutenant, ich möchte sofort um einen Urlaub von vierundzwanzig Stunden bitten, damit ich meine Familie besuchen kann. Mein Dad«, fügte er stolz hinzu, »ist Mr. Benford Danthorpe, ein sehr wichtiger .«

»Weiß ich«, unterbrach ihn der Lieutenant, und sein Lächeln schwand. »Hier gibt es jedoch keinen Urlaub. Oder so schnell wenigstens nicht. In den nächsten zwei Wochen seid ihr alle drei täglich sechzehn Stunden beschäftigt. Keiner wird auch nur eine Minute Freizeit haben. In vierundzwanzig Stunden gibt es nur acht Stunden Freizeit, die ausschließlich zum Schlafen benützt werden. Alles andere ist Dienst. Und den Schlaf braucht ihr.«

Er setzte sich und drehte eine Wählscheibe an seinem Tisch. An der Wand hinter ihm erschien eine merkwürdige Karte, wie ich sie noch niemals gesehen hatte. Sie schien den Seeboden zu zeigen, doch darüber lagen Linien und farblich abgesetzte Zonen, auf die ich mir keinen Reim machen konnte.

»Man hat Sie zu den schwierigsten Studien abgestellt«, sagte Lieutenant Tsuya. »Es gibt kaum schwierigere in Ihrer ganzen Tiefsee-Laufbahn. Ein kleiner Teil Ihrer Arbeit besteht darin, daß Sie den Fels um uns herum untersuchen, also fünf Meilen unter der See-Oberfläche, zwei Meilen tief im soliden Gestein.

Gentlemen, die Wichtigkeit Ihrer künftigen Aufgabe läßt sich kaum übertreiben.

Und Sie sind nur aus einem einzigen Grund hier. Sie werden sich mit der Wissenschaft der Vorhersage von Tiefsee-Beben befassen.«

Das waren zwei Wochen!

Unsere ersten Tage an der Akademie waren auch sehr rauh gewesen, doch das hier war kein Vergleich dazu. Ohne Pause, praktisch ohne daß uns einmal Zeit zum Atemholen blieb, schufteten wir in diesem elenden Verlies unter dem Meeresboden. Wir studierten, übten und studierten, und der rundgesich-tige, lächelnde Tsuya peitschte uns mit seiner nadelspitzen, höhnischen Zunge an. Lieutenant Tsuya war ein guter Mann, jawohl, aber er hatte den Befehl, in zwei kurzen Wochen die ganze Tiefsee-Seismologie in uns hineinzustopfen.

Dazu war er auch entschlossen, selbst um den Preis, daß er uns damit umbrachte. Sehr nahe daran war er ja auch.

Zuerst kam die Theorie: Vorlesungen, Studium, Prüfungen. Was ist die Erdkruste? Fels. Solider Fels? Nein, nicht unter Druck. Denn unter hohem Druck fließt sogar solider Fels. Fließt er gleichmäßig? Nein, er hängt einmal, dann fließt er, und schließlich baut sich Druck auf.

»Beben passieren«, dozierte der Lieutenant, »weil der Fels nicht völlig plastisch ist. Es baut sich Streß auf, der sich ansammelt. Der immer mehr zunimmt. Und dann macht es päng! Die Spannungen lösen sich.

Beben sind einfach die Vibrationen, welche die Energie dieses plötzlich abgebauten Stresses verteilen.«

Wir mußten eine Unmenge neuer Worte lernen, die Sprache der Seebeben. Ich erinnere mich gut daran, wie Bob murmelte: »Epizenter, Epizenter ... wenn sie das Zentrum des Bebens meinen, warum sagen sie das nicht auch?«

Und Harley Danthorpe: »Landratten! Das Epizenter ist der Punkt der Erdoberfläche genau über dem Zenter! Und das Zenter kann zwanzig Meilen tiefer liegen.«

Und wir mußten uns auch mit den drei Haupttypen seismischer Wellen vertraut machen:

Die schiebende, hämmernde Grundwelle, die »P«-Welle, die am schnellsten ist und daher auch die Instrumente zuerst erreicht. Sie rast mit einer Geschwindigkeit von fünf Meilen in der Sekunde durch die Substrata der Erde.

Die zweite Welle, die »S«-Welle, pflanzt sich mit drei Sekundenmeilen fort und vibriert rechtwinkelig zur Stoßrichtung, etwa so, als schüttle man eine Wäscheleine oder knalle mit einer Peitsche.

Dann kommt die riesige, mächtige und langsame »L«-Welle, die für die Zerstörungen verantwortlich ist. Wir lernten, wie man die Intervalle zwischen P und S mißt und daraus errechnet, wann die zerstörerische L-Welle ankommt.

Darüber hinaus lernten wir noch eine Menge anderer Dinge. Vor allem erfuhr ich einiges über unseren Lehrer Lieutenant Tsuya.

Wir zeichneten unsere ersten Karten, die jener ähnelten, die Lieutenant Tsuya für uns an die Wand projizierte; diese Karten zeigten die Fehler und Spannungen in der Erdkruste im Umkreis von vielen hundert Meilen. Die verschiedenen Farben und Schattierungen bezeichneten die Thermalenergien und die Konvektionsflüsse - denn, und das durften wir niemals vergessen, so weit unten fließt auch der solide Fels! Wir zeichneten die Linien des Mikroseismus ein, die Auslösekräfte, alles was zum »fließenden« Fels gehörte.

Lieutenant Tsuya kritisierte sie, und dann lockerte sich seine Art ein wenig.

Wir saßen da, machten ausnahmsweise eine kurze Pause, und an den Wänden aus Druckbeton hingen Perlen aus Salzwasser.

»Lieutenant«, sagte da Bob Eskow, »der Yeoman sagte uns, hier unten könne man kein Edenit verwenden, weil die Geosonde nicht durchkäme. Ist das richtig?«

Lieutenant Tsuyas Kürbisgesicht lächelte. »Nein, das ist eine Sache der Vorhersage.«

Er stand auf und berührte unsere Karten. »All diese Informationen erhalten wir von Instrumenten«, erklärte er. »Deshalb wurde auch die Station so weit unterhalb der Stadt angelegt. Jede Vibration, ob vom Verkehr oder von den Pumpen, würde sie stören. Sie müssen lernen, hier sehr vorsichtig zu gehen. Und Sie müssen vermeiden, schwere Gegenstände fallen zu lassen.«

»Ja, Sir«, antwortete Harley Danthorpe sofort und nickte aufmerksam. Dazu kniff er die Augen zusammen, als suche er nach dem heißen Draht, der nach innen führt. »Ich verstehe, Sir.«

»Wirklich?« Der Lieutenant musterte ihn nachdenklich. »Nun ja, gut. Deshalb müssen wir hier in der Station auf den Schutz des Edenits verzichten. Seismische Vibrationen erreichen uns durch den Fels. Sie würden durch die Eden-Anomalie aufgefangen werden, verstehen Sie? Wären unsere Instrumente hier mit einem Schutzschild versehen, könnten sie ja die leisesten Schwingungen nicht registrieren.«

»Ja, Sir.« Das war wieder Harley Danthorpe, doch seine Stimme klang jetzt nicht mehr ganz so forsch. Ich bemerkte, wie er die glitzernden Tropfen anblinzelte, die aus dem Fels sickerten.

»Unsere Arbeit ist hoch klassifiziert, also wird außerhalb dieser Station nicht darüber gesprochen«, sagte der Lieutenant fast barsch.

»Weshalb, Sir?« fragte ich.

Sein rundes Gesicht wirkte plötzlich müde. »Weil es eine böse Geschichte gibt, die mit der Seebeben-Vorher sage zusammenhängt.

Einige der ersten waren bei ihren Vorhersagen zu selbstsicher. Sie machten Fehler. Natürlich hatten sie noch nicht die Instrumente, die uns heute zur Verfügung stehen, und sie wußten sehr viele Dinge noch nicht, die wir heute wissen. Aber sie machten auch Fehler und gaben daher fehlerhafte Vorhersagen ab.

Am schlimmsten war die für Nansei Shoto Dome.«

Der Lieutenant wischte sich nervös mit der Hand über die Stirn, als wolle er eine störende Erinnerung wegwischen.

»Ich weiß einiges von dem, was in Nansei Shoto Dome passierte«, sagte er, »denn ich war einer der Überlebenden. Die Kuppel wurde völlig vernichtet.«

Er setzte sich wieder, schaute uns aber nicht an. »Ich war damals noch ein Junge. Meine Leute waren von Yokohama dorthin gezogen, als die Kuppel noch ganz neu war. Wir kamen im Frühling des Jahres an, und im Sommer gab es eine ganze Anzahl Beben. Natürlich bekamen die Menschen allmählich Angst.

Aber nicht alle hatten panische Angst. Unglücklicherweise.

Zu denen gehörte mein Vater. Ich erinnere mich gut, wie sehr meine Mutter ihn doch bettelte, dort wegzugehen, doch er wollte nicht. Das war zum Teil eine Geldsache, denn mein Vater hatte den letzten Yen ausgegeben, um dorthin zu kommen, zum Teil war es auch Mut. Mein Vater hatte keine Angst.

Es gab dort einen Wissenschaftler, Dr. John Koyetsu. Er war Seismologe, der Chef der experimentellen Vorhersagestation der Stadt. Er sprach im Fernsehen der Stadt. Er sagte, nein, ihr braucht keine Angst zu haben, es gibt keinen Grund dazu. Seid ruhig, das sind nur unbedeutende Beben, die euch erschrecken. Ihr braucht nicht zu fliehen. Hier besteht keine Gefahr für ein wirklich ernstes Beben. Seht, ich zeige euch meine Karten, und ihr könnt darauf sehen, daß im Nansei Shoto Graben mindestens seit einem Jahr kein ernstliches Beben war!

Seine Karten waren sehr überzeugend. Doch er hatte nicht recht.«

Der Lieutenant schüttelte seinen dunklen Kopf, und sein rundes Gesicht sah plötzlich mager und eingefallen aus.

»Es war am Freitag früh. Meine Mutter und mein Vater sprachen darüber, als ich von der Schule nach Hause kam. Sie waren recht beruhigt. Aber es war zufällig so, daß sie beschlossen hatten, mich auf dem Festland zur Schule zu schicken. Meine Mutter dachte, die Zeit sei genauso gut wie jede andere. Oh, Angst hatten sie nicht. Aber meine Mutter wollte kein Risiko eingehen.

Am Abend brachten sie mich auf ein Schiff nach Yokohama. Am nächsten Nachmittag schlug das Beben zu. Es zerstörte Nansei Shoto Dome. Nicht einer überlebte.«

Einen Augenblick lang stand Lieutenant Tsuya schweigend da, und seine dunklen Augen folgten dem kleinen Rinnsal schwarzen Wassers, das in den schmalen Gully unter der Betonwand floß.

Danthorpe musterte ihn scharf aus zusammengekniffenen Augen, als halte er wieder nach dem heißen Draht nach innen Ausschau. Bob besah sich den Beton mit ausdrucksloser Miene.

»Deshalb ist unsere Arbeit so streng geheim«, sagte der Lieutenant unvermittelt in die Stille hinein.

»Die Bebenvorhersage hatte einen schlechten Namen. Sie verhinderte die Evakuierung von Nansei Shoto Dome und hatte viele Todesfälle zur Folge. Meine Eltern waren unter den Toten.

Die Tiefsee-Flotte ist autorisiert, diese Station zu führen, doch an die Öffentlichkeit werden keine Vorhersagen geliefert. Ich hoffe, daß wir damit viel mehr Menschenleben erhalten können als durch Koyetsus Irrtum vernichtet wurden. Aber erst müssen wir die absolute Genauigkeit unserer Vorhersagemethoden sichern.

Im Moment dürfen Sie also mit keinem Menschen über unsere Arbeit hier sprechen. Das ist ein Befehl.«

6. Der Erdbohrer

Die Zeit verging, und wir lernten.

Eines Tages kam Lieutenant Tsuya zu uns, als wir an unseren Konvektionsdiagrammen arbeiteten.

»Sie lernen allmählich, zu verstehen«, stellte er fest. Er lächelte, sah unsere Karten Linie für Linie durch und nickte. »Sehr schön. Nun habe ich etwas Neues für Sie.«

Er nahm eine versiegelte Röhre aus gelbem Plastik aus seiner Aktentasche. »Beobachtungen sind der Schlüssel für Vorhersagen«, begann er. »Und Sie haben gesehen, es sind die Tiefenfokus-Beben Hunderte von Meilen unter der Oberfläche, die bestimmen, was mit unseren Kuppelstädten geschieht. Und dort sind Beobachtungen sehr schwierig. Aber jetzt .«

Er öffnete die Röhre. Innen war eine kleine Maschine, keinen halben Meter lang und nicht einmal fünf Zentimeter im Durchmesser. Das Maschinchen sah dem Modell-MOLE sehr ähnlich, das wir im Akademiemuseum gesehen hatten, nur war dies hier noch dünner und kleiner.

»Das ist die Geosonde«, erklärte er stolz. »Ein Telemeter, dazu bestimmt, in die Tiefen der Erde hinabzutauchen, etwa so, wie eine Radiosonde in die Atmosphäre und darüber hinaus reicht.

In der Nase ist ein atomisch-ortholytischer Bohrer. Der Körper ist ein Rohr, das mit Hochspannungs-Edenit ausgekleidet ist. Und innen sind dann die Sensoren und ein sonischer Transmitter.

Der Edenit-Film stellte uns vor ein schwieriges Problem. Sie wissen ja, daß unsere Instrumente nicht durch Edenit lesen können. Aber wir haben das Problem gelöst, denn einmal in der Minute schalten wir den Film für einen Sekundenbruchteil aus. Nicht sehr lange, aber jedenfalls lange genug für die Sensoren, daß sie registrieren können, ohne daß das Gerät durch den Druck vernichtet wird.

Mit dieser Geosonde können wir nun endlich die tiefsten Bebenzentren erreichen. Wir können damit, wie wir inständig hoffen, sicherstellen, daß sich keine solche Katastrophe mehr wie im Nansei Shoto Dome ereignet.

Oh, und noch etwas«, fügte er lachend hinzu, »unsere ersten zwei Ausbildungswochen sind vorüber. Morgen können Sie alle einen Paß bekommen.«

Da wurde Harley Danthorpe wieder lebendig. »Großartig, Lieutenant!« rief er. »Darauf habe ich dringend gewartet. Mein Vater wird jetzt ...«

»Ich weiß«, unterbrach ihn Lieutenant Tsuya trocken. »Von Ihrem Vater haben wir alle schon gehört. Ich bereite die Pässe für morgen 12 Uhr vor. Am Morgen möchte ich, daß jeder von euch noch eine Vorhersage fertigstellt, die sich auf die laufenden Ablesungen stützt, also eine echte Vorhersage. Ist dies geschehen, könnt ihr gehen.«

Wir kehrten zur Basis zurück, hoch über dem Tiefenobservatorium, und eilten zur Messehalle. Bob verschwand für einen Moment, und als er zu uns zurückkam, schien er etwas besorgt zu sein. Aber da dachte ich kaum darüber nach.

Harley Danthorpe prahlte die ganze Mahlzeit hindurch mit seinem Vater. Der Gedanke, in die ihm zustehende Umgebung zurückzukehren, als Kronprinz des Königreichs der See, über das sein Vater herrschte - so sah er es -, schien ihn zu erregen.

Bob war dagegen sehr schweigsam.

Nach dem Essen gingen Harley und ich zurück zu unseren Unterkünften, um ein paar Ablesungen für die Vorhersage morgen zu üben. Harley wollte seinen Vater anrufen. Bob sah ich eine ganze Weile nicht.

Dann bemerkte ich, daß das Mikroseismometer, das ich benützte, nicht ganz stimmte. Das sind Präzisionsinstrumente, und selbst wenn man daran für den Ernstfall übt, müssen sie in Ordnung sein.

Ich verließ also das Quartier - und fiel fast über Bob. Er sprach leise, aber ziemlich hitzig mit einem Mann, den ich noch nie vorher gesehen hatte, einem kleinen, runzeligen Mann mit gelblicher Haut, der ein Chinese oder Malaie sein konnte. Gekleidet war er wie ein ziviler Hausmeister.

Bob hatte die Hand ausgestreckt, als reiche er dem Mann etwas. Dann schaute er auf und sah mich.

Schlagartig veränderte er sich. »Du, was hast du mit meinem Buch gemacht?« rief er.

Der kleine Hausmeister warf mir einen Blick zu, dann wich er zurück. »Nein, Mister!« quiekte er. »Nicht Buch genommen, Mister.«

»Was ist denn los?« fragte ich.

»Der Kerl da hat meinen Koyetsu genommen! Frag mich nicht, warum, aber ich will ihn zurück!«

»Koyetsu?« Er meinte Koyetsus Buch über die Grundlagen der Seismologie, das war eines unserer Lehrbücher. »Aber Bob, hast du das nicht Harley geliehen? Ich glaube bestimmt, daß ich ihn damit gesehen habe.«

»Harley?« Bob zögerte. Dann brummte er: »Na, gut. Verschwinde!«

Der kleine Hausmeister hob die Hände über den Kopf, als habe er Angst, Bob werde ihn schlagen. Dann rannte er davon.

Ich kehrte in die Unterkunft zurück - und da lag es. Bobs Buch auf dem Regal über Harleys Lager, deutlich zu sehen.

Ich zeigte es ihm. »Oh ... Ja ... Ich erinnere mich jetzt.« Aber Bob schaute mich dabei nicht an.

»Ich werde jetzt eine kleine Pause einlegen«, sagte er, und seine Stimme klang noch immer unsicher. Ohne mich anzuschauen, warf er sich auf sein Bett. Ich fand das recht rätselhaft.

Unterwegs zum Ersatzteillager, wo es die Mikroseismometer gab, die ich brauchte, dachte ich darüber nach. Ich fand eines, und da fiel mir ein, daß ich auch die Geosonde nachprüfen sollte, da Lieutenant Tsuya uns aufgegeben hatte, ein schematisches Diagramm davon zu zeichnen. Damit hätte ich zwei Dinge auf einmal erledigt.

Die Geosonde war in einer feuchtigkeitsdichten Kiste gelagert. Ich fand sie und begann sie zu öffnen. Dann hatte ich keine Zeit mehr, über Bobs sonderbares Benehmen nachzudenken.

Ich hatte die Kiste offen. Sie war voll, aber was da drinnen war, sah mir absolut nicht nach Geosonde aus. Sie enthielt Bleigewichte eines Schwerkraft-Anzeige-Instruments mit dazwischengestopftem Papier, damit nichts klapperte.

Die Geosonde war verschwunden.

Lieutenant Tsuya ging an die Decke. »Scheußliche Sache, Eden«, wütete er, als ich am nächsten Morgen den Verlust des wertvollen Instrumentes berichtete. »Warum sind Sie nicht sofort zu mir gekommen?«

»Nun ja, Sir ...« Ich zögerte, denn ich hatte mir um Bob Eskow zu große Sorgen gemacht, doch den Grund wollte ich nicht nennen, weil ich Bobs merkwürdiges Verhalten nicht mit dem Lieutenant besprechen wollte.

»Keine Entschuldigung, was?« fragte Tsuya gereizt. »Natürlich nicht. Nun, Sie bleiben alle drei hier und arbeiten an den Vorhersagen. Ich werde eine Ermittlung in die Wege leiten. Es geht natürlich nicht an, daß Eigentum der Flotte gestohlen wird.«

Besonders dann nicht, fügte ich für mich hinzu, wenn es sich um ein so geheimes Projekt wie die Vorhersage von Beben handelte. Er ging also, um das Personal der Station zu befragen.

Als er zurückkam, war sein Gesicht der reinste Gewitterhimmel. »Ich will wissen, was mit diesem Instrument geschehen ist«, sagte er. »Vor zwei Wochen war es da, weil ich es selbst in die Kiste legte.« Er schaute einen nach dem anderen an. »Wenn jemand von Ihnen weiß, wer es weggenommen hat, dann soll er reden! Haben Sie jemanden gesehen, der etwas aus der Station wegtrug?«

Ich schüttelte den Kopf, doch da fiel mir Bob ein und der kleine Hausmeister. Hatte Bob ihm etwas gegeben? Ausgesehen hatte es so. Aber sicher wußte ich es nicht. Also schwieg ich.

»Na, schön«, brummte Lieutenant Tsuya. »Ich muß es also dem Kommandanten berichten. Und nun möchte ich diese Vorhersagen sehen.«

Schweigend zeigten wir ihm unsere Karten und synoptischen Diagramme und die ausführlichen Vorhersagen, die wir nach unseren eigenen Instrumentenablesungen gemacht hatten.

Lieutenant Tsuya sah sie sehr genau an und runzelte die Brauen. Er hatte natürlich seine eigene Vorhersage im normalen Stationsprogramm erstellt, und die verglich er nun mit den unseren. Die seine war die amtliche Vorhersage dessen, was man in Krakatau Dome an Erdbewegungen, größeren und kleineren, in den nächsten vierundzwanzig Stunden zu erwarten hatte.

Es war deutlich zu erkennen, daß ihm etwas nicht gefiel.

Er schaute uns über seinen dunkelgerahmten Gläsern an.

»Genaue Vorhersagen«, erinnerte er uns, »hängen von genauen Beobachtungen ab.«

Harley Danthorpes Arbeit und die meine gab er zurück mit der Bemerkung »zufriedenstellend.«

Dann wandte er sich an Bob. »Eskow, Ihren Angaben kann ich nicht folgen. Sie haben für heute 21 Uhr ein Beben der Stärke zwei vorhergesagt. Ist das richtig?«

»Ja, Sir«, erwiderte Bob mit steinerner Miene.

»Hm. Ich verstehe. In der offiziellen Vorhersage der Station gibt es keine solche Angabe, Eskow. Enthalten ist sie auch nicht in der Arbeit von Eden oder Danthorpe. Wie erklären Sie sich das?«

»So habe ich die Instrumente abgelesen, Sir«, antwortete Eskow. »Fokus zwanzig Meilen Nord-Nordwest von Krakatau Dome. Der thermale Fluß .«

»Verstehe«, schnappte Lieutenant Tsuya. »Ihr Wert für den thermalen Fluß liegt nahezu fünfzig Prozent niedriger als jener der beiden anderen Berechnungen. Die Spannungen werden also nicht abgebaut. So ist es doch, oder?«

»Jawohl, Sir.«

»Aber ich bin mit Ihren Ablesungen nicht einverstanden«, fuhr der Lieutenant nachdenklich fort. »Ich fürchte, deshalb kann ich Ihnen keine gute Note für diese Vorhersage geben. Tut mir leid, Eskow. Ich muß Ihren Paß streichen.«

»Aber Sir ...«, begann Bob. »Ich meine, Sir, ich habe fest mit einem Paß gerechnet.«

»Geht nicht, Eskow«, erwiderte der Lieutenant kalt. »Ein Paß ist eine Belohnung für die zufriedenstellende Erfüllung von Pflichten. Diese Vorhersage ist nicht zufriedenstellend. Wegtreten!«

Im Quartier duschten Danthorpe und ich und schlüpften in unsere scharlachrote Uniform, damit wir bei Yeoman Harris unseren Paß abholen konnten.

Bob war verschwunden, während wir duschten. Mir war das angenehm, denn ich ließ ihn äußerst ungern allein zurück. Hartley Danthorpe ließ sich natürlich von nichts stören. Er blubberte vor Plänen und Hoffnungen. »Komm, Eden«, drängte er. »Komm doch mit. Zum Dinner bei meinem Vater. Er wird dir zeigen, was man in der Tiefsee alles kochen kann! Er hat einen Küchenchef - prima! Komm doch, Eden!«

Yeoman Harris sah ihn säuerlich an, doch ehe er etwas sagen konnte, klingelte das Telefon. »Jawohl, Sir«, keuchte er mit seiner Asthmastimme. »Sofort, Sir.« Er legte auf. »Ihr zwei, wißt ihr, wo Kadett Eskow ist?« fragte er.

»Ich nehme an, in der Unterkunft«, sagte Harley. »Harris, geben Sie uns doch endlich unsere Pässe.«

»Moment noch. Das war Lieutenant Tsuya. Er will, daß Eskow sich um 20 Uhr bei Station K für eine Spezialaufgabe meldet. Und er ist nicht in der Unterkunft.«

Harley und ich schauten einander an. Wo konnte er nur sein? Doch nirgends sonst als in der Unterkunft.

»Was wohl die Spezialaufgabe ist?« fragte Harley.

Ich nickte. Wir beide konnten es uns leicht vorstellen. 20 Uhr, also eine Stunde vor dem von Bob vorausgesagten Beben. Der Lieutenant wollte offensichtlich, daß Bob um diese Zeit im Dienst war, um ihm zu beweisen, daß seine Vorhersage nicht stimmte, und zwar auf eine Art, die Bob nicht anzweifeln konnte. Und Bob war nicht da.

»Sein Paß fehlt«, sagte Yeoman Harris und zeigte uns die leere Schublade, wo er gelegen hatte, seit Lieutenant Tsuya ihn zurückzog. »Ich wollte ihn zerreißen. Jetzt ist er nicht mehr da.«

Ich fand das unverständlich. Bob benahm sich in allerletzter Zeit seltsam; diese Sache mit dem kleinen Chinesenhausmeister, danach das Verschwinden des Mikroseismometers. Aber Bob war mein Freund. Ich konnte mir nicht vorstellen, daß Bob aus irgendeinem Grund seinen Dienst schwänzte oder sonst so eklatant gegen alle Vorschriften verstieß.

»Dann sucht ihn aber mal besser«, riet uns Yeoman Harris. »Lieutenant Tsuya ist ein guter Offizier, solange ihr spurt.«

Wir nahmen unsere Pässe und eilten wortlos in unser Quartier zurück. Bob war nicht da. Und seine Ausgehuniform auch nicht.

»Was sagst du nun dazu, er ist ausgerückt!« rief Harley Danthorpe.

»Du kannst dich wieder abregen. Bob ist ein guter Kadett«, sagte ich ihm. »Er tut so etwas nicht.«

»Wo ist er denn dann?«

Darauf wußte ich allerdings keine Antwort.

7. Leben am Rand

Harley sagte in seiner Besserwisserart: »Du hast eben nicht den heißen Draht nach innen. Bob ist jetzt sicher oben in der Kuppel und macht sich eine gute Zeit. Verlaß dich drauf.«

»Nein, das glaube ich nicht«, widersprach ich ihm, aber insgeheim fürchtete ich, Harley könne doch recht haben.

Die Posten prüften unsere Pässe, und wir nahmen den Elevator zur Kuppel. Da kamen wir durch den Lärm der Pumpenräume und der Luftanlage, an den Anlegestellen der schlanken Fracht-Tiefsee-Boote vorbei, die sich zum Entladen in eine Edenit-beschichtete Druckkammer schieben mußten.

»Suchen wir nach ihm«, sagte ich plötzlich.

»Ha, du glaubst also selbst ...«

Er sah mein Gesicht, hob die Schultern und setzte eine andere Miene auf. »Ich sag dir was«, begann er ein wenig zögernd, »mir macht es ja nichts aus, aber in drei Stunden bin ich bei meinen Leuten zum Dinner verabredet. Kommst du mit?«

»Hilf mir erst Bob suchen«, sagte ich.

»Meinetwegen. Warum nicht? Aber laß dir sagen, das Essen bei meinem Vater lasse ich nicht aus. Wenn wir ihn bis 19 Uhr nicht finden .«

Auf einem Rollsteg näherten wir uns der Kuppelmitte.

»Die meisten Männer suchen sich für ihre Freizeit den oberen südöstlichen Oktanten aus«, erklärte mir Harley mit Kennermiene. »Wir nennen ihn den Weißen Weg, und dort sind die Läden, Theater und Restaurants. Ihr Landratten müßt natürlich auf den Rollwegen sehr vorsichtig sein. Paß auf, wie ich mich einstemme.«

»Ich bin eigentlich keine richtige Landratte«, berichtigte ich ihn.

»Hm. Ansichtssache«, meinte er. »Sicher, du hast ein paar Wochen in einer Kuppel verbracht, aber ich war mein ganzes Leben lang hier. Ich weiß nicht, was du sonst bist, aber was du für mich bist, das weiß ich.« Er grinste breit. »Komm, ich geb dir einen ordentlichen Einblick, während wir gehen.«

Er führte mich zu einer Reihe von Aufzügen. »Krakatau Dome ist«, begann er in lehrhaftem Ton, »eine perfekte Halbkugel, bis auf das Rohr an der Spitze, das zum Terminal an der Oberfläche geht. Diese Halbkugel hat einen Durchmesser von zweitausend Fuß und ist tausend Fuß hoch, von den Drainagepumpen, den Lagerhäusern und so weiter einmal abgesehen, die sich am Boden der Kuppel befinden, Station K überhaupt nicht zu erwähnen.«

»Ah, ich verstehe«, sagte ich und hörte ihm kaum zu, denn ich schaute in jedes Gesicht in der Hoffnung, Bob zu sehen.

»Diese Pumpen halten uns die See draußen. Kein Beben, sagt man, kann die Kuppel selbst beschädigen. Dafür wäre mindestens Stärke acht nötig, vielleicht sogar neun oder zehn. Aber selbst ein kleineres Beben, das sich auf eine falsche Stelle auswirkt, könnte unter uns den Fels irgendwie aufreißen, hätten wir die Edenit-Beschichtung nicht. Dann geht’s wummm! Und die See würde einbrechen.«

Ich schaute ihn an. Solche Möglichkeiten schien er zu genießen.

»Jim, nimm’s nicht so tragisch«, meinte er tröstend. »Ich weiß, es ist wahr, daß wir am Rand einer aktiven seismischen Zone leben. Na, und? Richtig, wenn die Pumpen versagen und sich der Grundfels spaltet, dann bricht die See ein, aber da gibt es dann immer noch eine Überlebensmöglichkeit. Natürlich nicht unten auf Station K. Die wäre mit Sicherheit erledigt. Aber die Kuppel selbst ist in Oktanten eingeteilt, und jeder kann in einer Sekunde völlig versiegelt werden.

Natürlich«, fügte er nachdenklich hinzu, »wäre es immerhin möglich, daß wir keine Sekunde Zeit hätten. Besonders dann nicht, wenn etwas mit der Energieversorgung wäre und die automatischen Oktanten-Barrieren nicht funktionierten.«

Ich ließ ihn reden. Warum auch nicht? Er versuchte einer Landratte Angst einzujagen, aber ich war ja keine Landratte, egal was er auch von mir dachte. Ich liebe die Tiefen viel zu sehr, als daß ich sie mir als Feind vorstellen könnte.

Als wir etwa ein Dutzend Decks hinter uns hatten, sagte ich: »Das reicht jetzt, Harley. In Ordnung? Ich möchte nach Bob suchen.«

Er lachte. »Geht dir wohl unter die Haut, eh?« Aber so, wie er das sagte, klang es falsch, nicht liebenswürdig, wie es wohl hätte klingen sollen. »Wir haben noch ein ganz schönes Stück zum Deck Null. Das hier ist die Einkaufszone. Schauen wir uns doch mal um.«

Wir waren in einer Straße mit vielen Menschen. Eigentlich sah sie kaum anders aus als eine Einkaufsstraße oben, wenn man davon absah, daß hier das Licht aus Troyon-Röhren kam, die in die Metalldecken vierzig Fuß über uns eingebaut waren.

Wir kamen auch an SD-Theatern und Restaurants vorbei. Überall gab es sehr viele Menschen, Zivilisten und Mannschaften von den Tiefsee-Frachtern und Passagierschiffen und die Männer von der Flotte in Uniform. Auch Kadetten in den scharlachroten Ausgehuniformen sah ich, doch Bob war nicht darunter.

Wir fuhren auf einem Rollweg zur nächsten Radiale, dann zurück zu den Elevatoren. Harley schaute auf seine Uhr. »Die Kuppel hat ungefähr hundert Meilen Straßen, und wenn du alle Rollwege abklapperst, die mit vier Meilen in der Stunde dahinschleichen, dann brauchst du ungefähr vier Tage, um die ganze Kuppel abzusuchen. Eskow wird vermutlich in einem Gebäude sein, an dem du vorbeigehst. Gib lieber auf und komm mit mir nach Hause.«

»Noch ein Deck wollen wir versuchen«, schlug ich vor.

Wir gingen also zum nächsten Deck hinauf. Dort gab es Schießbuden, Pinballmaschinen und Andenkenläden, die kleine Plastikmodelle der Kuppel verkauften. Sie wurden in Kartons verpackt, so daß man sie gleich verschicken konnte. Hier sahen wir viele Uniformen, aber keinen Bob.

»So, für mich ist das jetzt alles«, erklärte Harley Danthorpe. »Geh doch mit ‘rauf zum nächsten Deck. Da lebt meine Familie. Du kannst ja dort auch suchen, genauso gut wie sonstwo.«

In der Straße oben gab es viele teuer aussehende Restaurants. Wir nahmen den Rollsteg durch die Sicherheitsmauer in den Wohnoktanten, wo die Danthorpes lebten. Hier waren die Straßen breiter, und unter den Troyon-Lichtern waren neben den Rollwegen schmale, sehr gepflegte Rasenstreifen. Die Wohnhäuser sahen nach Reichtum aus. An den Toren standen teure Robotbutler.

»Na, komm schon mit herein«, schlug Harley Danthorpe gastfreundlich vor. »Und bleib zum Dinner. Meines Vaters Chefkoch kann .«

»Danke«, sagte ich und schüttelte den Kopf. Danthorpe hob die Schultern und verließ mich. Ich fuhr weiter zur nächsten Sicherheitsmauer.

Hier sah es ganz anders aus. Ich befand mich im Finanzdistrikt, die Geschäftsstunden waren vorüber, die Straßen waren leere Tunnels aus Glas, Granit und Edelstahl. Hier konnte ich Bob ganz bestimmt nicht finden. Aber ich fuhr weiter zum nächsten Oktanten.

Hier ging es lebendiger zu. Es war ein Wohnviertel für die weniger Reichen, also die Büroangestellten und Fabrikarbeiter, die Familien der Flottenangehörigen und die Mannschaften der Handelsschiffe der Tiefsee. Luxus gab es hier nicht. Die Läden waren hier klein, und darüber lagen Wohnungen. Männer in Unterhemden lasen Zeitungen auf den Balkonen, Kinder liefen herum und machten Lärm, und Frauen in Hausmänteln holten sie von der Straße ins Haus.

Hier würde ich Bob wohl auch nicht finden. Eben wollte ich dieses Viertel verlassen - da sah ich Bob!

Er sprach mit einem kleinen, verrunzelten Chinesen, mit dem Mann, den ich unten in unserem Quartier gesehen hatte.

Ich wollte schon zu ihm laufen, aber ich überlegte es mir doch anders. Gerne gab ich das nicht zu, doch mir schien, hier ging etwas vor, und mir gefiel es nicht, daß sich mein Freund Bob Eskow auf solch offensichtlich zwielichtige Sache einließ. Ich war kein Spion, dem es Vergnügen bereitete, einen anderen zu beschatten, um ihn auf einer bösen Tat zu ertappen. Aber hier verstand ich einiges nicht, doch ich mußte warten, bis ich wenigstens ahnte, was hier gespielt wurde.

Und die beiden benahmen sich, das muß gesagt werden, merkwürdig. Es war fast so, als wüßten sie, daß jemand ihnen folgte. Sie sprachen kurz miteinander, dann trennten sie sich. Bob kniete nieder, um an seinen Schuhen etwas zu tun und schaute sich heimlich dabei um. Der kleine Chinese trippelte ein Stück weg, warf eine Münze in einen Kaugummiautomaten und spähte ebenfalls in die Runde. Ich hielt mich im Hintergrund.

Erst als sie auf dem Rollsteig schon fast die Trennmauer erreicht hatten, sprang ich auf und folgte ihnen so nahe, wie ich es gefahrlos tun konnte. Wir glitten tiefer, zu einer Elevatorbank, dann noch weiter nach unten.

Ich kam mir vor wie ein verbundener Daumen. Meine rote Uniform war die schlechteste Verkleidung für einen Nachwuchsagenten bei einem Geheimauftrag. Ich kam mir sehr närrisch dabei vor. Die Zeit, mir um meine Gefühle Sorgen zu machen, hatte ich jedenfalls nicht, ich mußte ja bei ihnen bleiben.

Bob stand nun schon in einer Reihe hinter drei lauten Tiefsee-Männern vor einem Elevator, der nach unten ging. Der Chinese hatte einen Penny in eine Nachrichtenmaschine gesteckt und stand so über das Lesepult gebeugt, daß er, wenn er die Augen hob, den ganzen Platz vor der Liftreihe im Blick hatte. Je vorsichtiger sich die beiden benahmen, desto überzeugter war ich, sie müßten etwas in Schild führen.

Ich hielt mich nun auch an die Taktik. Ein paar Kadetten von einem im Dock liegenden Trainings-Tiefsee-Schiff, der Simon Lake, wie ich ihren Emblemen entnahm, standen vor einem Schaufenster. Dort war eine Menge Scuba-Gerät ausgestellt, das für zivilen Gebrauch in seichtem Wasser bestimmt war. Sie amüsierten sich darüber. Ich stellte mich neben sie. Solange ich mein Gesicht abwandte, hielt ich es für unwahrscheinlich, daß Bob oder der Chinese mich erkannte. Die Kadetten nahmen nicht einmal Notiz von mir. Sie waren zu sehr damit beschäftigt, über das angeberische Chromzeug dieser Geräte zu lachen.

Die verchromte Seite einer Elektrokieme benützte ich als Spiegel. Ich beobachtete, wie Bob den lauten Tiefsee-Männern in den nach unten führenden Elevator folgte. Der kleine Chinese verließ die Nachrichtenmaschine und stellte sich vor dem nächsten Wagen an. Ich packte die Gelegenheit beim Schopf und stieg mit ihm in den nächsten Wagen.

Er wickelte sein kleines Kaugummipäckchen mit der Ernsthaftigkeit eines Dreijährigen aus. Aber als sich die automatische Tür des Wagens hinter mir zuschob, schaute er für einen Sekundenbruchteil auf.

Plötzlich war er mehr als nur ein alter Chines. Er war ein Mensch. In dem Blick, den er mir zuwarf, war hellwache Intelligenz. Ich war sicher, daß er mich erkannte, doch er machte nicht einmal den Versuch, mit mir zu sprechen. Seinen Gesichtsausdruck werde ich aber niemals vergessen.

Ich hatte für einen verrückten Moment geglaubt, ich sei hier in Gefahr. Doch nicht ich war in Gefahr, denn in seinen Augen hockte nackte Angst wie bei einem Tier, das in eine Falle geraten war. Sein faltiges Gesicht wirkte hager und gehetzt. Aus hohlen Augen musterte er mich kurz, dann schaute er weg, als warte er, von seinem Elend erlöst zu werden. Das verstand ich nicht.

Ich schaute auch weg, danach kreuzten sich unsere Blicke nicht mehr. Unten angekommen stiegen wir aus. Ich schaute mich schnell nach Bob um - nichts war von ihm zu sehen.

Mir blieb also nichts anderes übrig, als bei diesem Chinesen zu bleiben. Ich folgte ihm länger als eine Stunde.

Wir machten eine Tour rund um die Kuppel, und bald wußte ich, daß er mit mir spielte. Er wußte, wer ich war, und daß ich ihm folgte. Also würde ich nichts erfahren. Trotzdem folgte ich ihm. Ich hatte sonst nichts zu tun.

Es ging auf 20 Uhr. Um diese Zeit sollte Bob zurück sein in der Bebenstation, denn da wollte Lieutenant Tsuya ihm beweisen, daß sich das von ihm vorhergesagte Beben nicht ereignen würde. Er hatte genug Zeit zur Rückkehr gehabt, seit ich ihn aus den Augen verloren hatte, und ich konnte nur hoffen, daß er auch wirklich zurückgekehrt war. Das Geheimnis, weshalb er unerlaubt die Station verlassen hatte, war nicht geklärt, und ein Geheimnis blieb auch seine Verbindung mit dem Mann, dem ich folgte.

Als es 20 Uhr und später wurde, erschien mir der Mann, dem ich folgte, immer aufgeregter. Ein paarmal schaute er zu mir zurück, öfter als einmal kam er mir sogar ein paar Schritte entgegen, doch jedesmal änderte er wieder seine Absicht. Er schien nicht nur meinetwegen besorgt zu sein, er schaute auch immer nach oben, an die Mauern, die Gebäude und nach den Menschen.

Etwas sehr Wichtiges schien ihn zu beschäftigen.

Ich konnte mir nicht vorstellen, was es war - bis ein schrecklich klagender Ton die ganze Kuppel erfüllte. Er kam von irgendwoher tief unter uns, und die Entfernung mußte so groß sein, daß das schreckliche Heulen gar keinen Sinn ergab.

Dann bewegte sich der Boden unter meinen Füßen. Nun wußte ich, was los war.

Ein Seebeben!

Bobs Vorhersage hatte gestimmt. Ich hörte Schreie von den Menschen um uns herum, sah den alten Chinesen, der sich umdrehte und mir entgegenrannte. Dann segelte ein großes, zerklüftetes Ding vom Deckdach herab, mir entgegen. Ich versuchte ihm auszuweichen, doch es war zu spät. Es streifte mich. Ich wurde etliche Meter weggeschleudert, und dann gingen für mich die Lichter aus.

8. Ein Millionen-Dollar-Seebeben

In meinen Ohren röhrte es, ich versuchte mich aufzusetzen.

Jemand hielt meinen Kopf. Benommen öffnete ich die Augen. Es war der alte Chinese. Seine Augen waren weder gehetzt, noch gefährlich, nur sehr traurig. Er schaute mich an, dann legte er sanft meinen Kopf zurück.

Als es mir endlich gelang, mich aufzusetzen, war er verschwunden.

Ein Angehöriger des Sanitätskorps kam herangelaufen. »Hier, Sie da! Alles in Ordnung mit Ihnen?« rief er.

»Ich ... glaube schon«, murmelte ich, doch er nahm schon eine rasche Untersuchung vor. Über uns tönte aus den Lautsprechern eine dröhnende Stimme:

»Achtung, Achtung! Das ist ein Beben-Alarm! Ich wiederhole: das ist ein Beben-Alarm. Routine-Vorsichtsmaßnahmen sind angelaufen. Die Sicherheitsmauern sind aktiviert. Alle Rollwege bleiben stehen. Alle Sicherheitstore werden sofort geschlossen. Keine Versuche, die Oktantbarrieren zu durchbrechen! Ich wiederhole: Keine Versuche, die Oktantbarrieren zu durchbrechen!«

»Ihnen fehlt nichts«, sagte der Mann vom Sanitätskorps und stand auf.

»Das wollte ich Ihnen ja vorher schon sagen«, versuchte ich ihm zu antworten, doch er war schon unterwegs zu einem anderen offensichtlich Verletzten. Ich stand auf. Meine Knie fühlten sich recht weich an. Ich schaute mich um. Die Troyon-Leuchtschrift eines kleinen Feinkostladens war herabgefallen und hatte mich erwischt, zum Glück aber nur mit einer Ecke gestreift.

Die Lautsprecherstimme dröhnte weiter:

»Es besteht kein Grund zur Panik. Nur kleine Schäden wurden bis jetzt gemeldet, auch nur leichte Verletzungen. Die Sicherheitsmaßnahmen werden nur zur Vorsicht ergriffen. Bitte, bleiben Sie in den Häusern, bis der Alarm aufgehoben werden kann. Die öffentlichen Wege müssen für den öffentlichen Gebrauch freigehalten werden.«

Daran war nichts zu ändern. Die Oktantbarrieren waren nun herabgelassen, und ich mußte bleiben, wo ich war.

Es dauerte etwa zwei Stunden, bis der Alarm aufgehoben wurde. Mit der verbleibenden kurzen Zeit meines Urlaubs konnte ich nichts mehr anfangen.

Um mich herum reagierten die Leute von Krakatau Dome ganz natürlich auf das Beben. Besorgt schienen sie nicht zu sein; im großen und ganzen gingen sie ihrer Beschäftigung nach. Natürlich waren kleinere Beben hier fast alltäglich, denn die Kuppel lag ja im großen Bebengürtel, der von Mexiko quer durch Westindien und Südeuropa reicht, dann weiter durch Kleinasien bis nach Ostindien. Die Ingenieure, die Krakatau entworfen hatten, verstanden ihr Geschäft schon. Die Kuppel hatte man so geplant, daß sie kleinere Beben ohne weiteres aushielt.

Aber dieses Beben war doch etwas Außergewöhnliches. Niemand von uns hatte es vorhergesagt, nur Bob Eskow.

Ich kehrte zurück zur Station und hatte einen Kopf voller Fragezeichen. In erster Linie natürlich über das Beben. Lieutenant Tsuya hatte eine seiner Geosonden aufgeschickt, doch dies war gefährlich, wenn man die Edenit-Schilde zwischen der Bebenstation und dem Rest der Basis beziehungsweise der Kuppel selbst nicht aktivierte, besonders wenn das letzte Beben so kurz vorüber war und die Gefahr bestand, ein weiteres könne folgen.

Ich mußte unbedingt Bob sehen.

Mein Kopf schmerzte, ich konnte kaum wach bleiben, also ging ich zu Bett. Ich wollte aber wach sein, wenn Bob von der Station zurückkam.

Als ich aufwachte, war Bobs Bett zwar benützt, doch er war schon wieder weg. Harley Danthorpe saß daneben und schaute mich merkwürdig an.

»Eden«, sagte ich, »ich muß dir’s mitteilen.«

»Was?«

Er lachte, doch in seinen Augen las ich Respekt - und noch etwas, das ich nicht recht verstand. Es war so, als bewundere er mich irgendwie voll Zögern, vielleicht auch voll Enttäuschung. »Das vom heißen Draht natürlich.« Er schüttelte den Kopf. »Junge, Junge, du und dein Onkel, ihr bringt uns ja direkt zum Kentern.«

Ich stand auf und zog mich an. »Ich habe nicht die leiseste Ahnung, wovon du redest«, sagte ich und verließ ihn, um zur Messehalle zu gehen. Als ich von dort zurückkam, war Bob Eskow da - und Danthorpe schaute ihn genauso an wie vorher mich!

Vor Danthorpe wollte ich nicht mit ihm über den alten Chinesen reden, denn ich fürchtete, Bob könne dafür keine überzeugende Erklärung haben. »Bin ich froh, daß du wieder da bist«, sagte ich nur.

Bob zuckte die Schultern und sah mich ruhig an. »Jim, du hättest dir meinetwegen keine Sorgen zu machen brauchen.«

»Keine Sorgen! Du bist ja ein Herzchen! Bob, weißt du, was passiert wäre, hätte Lieutenant Tsuya herausgefunden, daß du ohne Erlaubnis einfach ausgebüchst bist?«

»Hscht«, machte Harley Danthorpe lachend. »Ihr zwei Haie sollt euch erst mal überlegen, was ihr redet. Kommt, ihr zwei. Warum wollt ihr mich nicht ins Vertrauen ziehen?«

Ich sah erst ihn, dann Bob an. Aber Bob war offensichtlich ebenso ratlos, weil er nicht wußte, was Harley meinte.

»Na, komm schon! Bob, warum sagst du mir nicht, über welchen heißen Draht du das vom Beben gestern erfahren hast?«

Bob zuckte die Schultern. »Ich hab’ die Vorhersage gemacht, das ist alles.«

»Ah, klar! Aber du hast sie genau auf die Nase getroffen, und Lieutenant Tsuya und wir zwei haben absolut falsch gelegen.« Danthorpe zwinkerte ihm verschwörerisch zu.

»Ich hab’ gar keinen heißen Draht gehabt«, erklärte Bob nachdrücklich. »Ich hab’ nur die Instrumente abgelesen und die Grundsätze der Seismologie angewandt. Sicher wußte ich doch nicht, daß es zu einem Beben kommen würde.«

»Aber es hat eines gegeben. Eskow, du bist ein richtiger Hai!« Er blinzelte auch mich an. »Und Eden ist auch einer. Weißt du das?« Er setzte sich auf Bobs Lager und flüsterte vertraulich. »Ich hab’ natürlich mit meinem Dad über das Beben gesprochen. Ich konnte ihm selbstverständlich nicht sagen, was wir hier tun, aber wir kamen dann rein zufällig auf das Thema der Bebenvorhersage. Und Dad sagt, in einem genauen Vorhersagesystem stecken Millionen!«

»Natürlich«, erwiderte Bob ernsthaft. »Aber das Geld ist doch am unwichtigsten dabei, Harley. Denk doch an die vielen Leben! Ein zuverlässiges System der Vorhersage sollte Tragödien vermeiden können wie jene im Nansei Shoto Dome.«

»Klar, natürlich. Aber ich rede vom Geld. Weißt du, ein ganz geschickter Bursche braucht nicht auf ein großes Beben zu warten. Er kann ein Vermögen auch an einem kleinen verdienen, an so einem wie gestern ... Und mein Dad sagt« - er schaute mich dabei seltsam an - »ein Händler hat es auch getan.«

Nach einer verblüfften Pause fragte Bob: »Wovon redest du eigentlich?«

Danthorpe grinste. »Frag doch ihn«, antwortete er und deutete auf mich. »Frag ihn mal nach seinem Onkel.«

Ich wußte gar nichts. »Meinen Onkel, Stewart Eden? Den meinst du doch? Ich habe ihn schon lange nicht mehr gesehen. Willst du damit etwa sagen, Onkel Stewart sei hier in Krakatau Dome?«

Danthorpe hob die Schultern. »Ich weiß nicht, ob er da ist oder nicht. Aber ich weiß, was mein Vater sagt. Gestern war der Makler deines Onkels jedenfalls sehr aktiv an der Börse. Verschiedene Papiere gingen weg wie warme Semmeln. Er wußte, daß es heute eine Marktpause geben würde. Und ich vermute, er wußte auch, daß es ein Beben geben würde, das die Marktpause veranlaßt.«

Er schaute mich wieder mit diesem merkwürdig respektvollen Ausdruck an. »Für deinen Onkel«, sagte er nachdrücklich, »war es nämlich ein Millionen-Dollar-Beben!«

Mir verschlug es den Atem. Ich wußte, daß mein Onkel Stewart überall Geldanlagen in Unternehmen der Tiefsee hatte. Ich wußte, daß er manchmal recht wohlhabend, dann wieder einmal ziemlich bankrott war. Lange ehe er Edenit erfand, hatte er mit der See ein gefährliches Spiel getrieben und dabei sein Gehirn und sein Geld und oft genug auch das Leben eingesetzt. Manchmal hatte er gewonnen. Nun, alle TiefseeStädte waren dafür Beweis! Aber oft hatte ihn die unschlagbare See doch besiegt.

Aber dies - Geld aus einem Unglück ziehen! Nein, das konnte ich niemals glauben. Diese Andeutung lenkte mich aber von Bob Eskow ab. »Komm doch, Jim«, drängte Danthorpe, »wo ist er? Ist er jetzt in Krakatau Dome?«

»Als ich zuletzt von ihm hörte, war er in Marinia, ich glaube, in Thetis Dome. Ich habe keine Ahnung, wo er jetzt ist.«

»Na, klar.« Aber Harley Danthorpe schien enttäuscht zu sein. »Mein Dad hätte ihn furchtbar gerne kennengelernt.«

Bob lächelte angestrengt. »Darauf möchte ich wetten«, sagte er mit rauher Stimme. »Und ich wette, er selbst ist durchaus fähig, aus einem Beben ein paar Millionen ‘rauszuholen.«

Das war keine sehr hübsche Bemerkung, doch Danthorpe nickte. »Selbstverständlich. Beide sind doch am heißen Draht. Sie müßten doch auch zusammenarbeiten können.«

Ich zweifelte sehr heftig daran, daß mein Onkel Stewart mit dem alten Hai Ben Danthorpe zusammenarbeiten würde, sagte es aber nicht. Außerdem betrat da Yeoman Harris unser Quartier.

»Eden?« fragte er und schaute sich um. »Ah, da sind Sie ja. Sie sollten sich sofort bei Lieutenant Tsuya auf Station K melden. Punkt acht Uhr.«

Soweit war es schon fast. »Bin schon dort«, versprach ich.

Trotzdem zögerte ich noch, denn ich wußte nicht, was er von mir wollte. »Sie haben keine Ahnung?«

»Ich und eine Ahnung?« schnappte er. »Ihr Kadetten steckt schon tiefer in der Klemme als ihr ahnt ... Und Sie, Eskow? Ich würde ja eine Menge dafür geben, wenn ich wüßte, wo Sie gestern abend waren, als Ihr Paß fehlte.«

»Ich dachte, den hätten Sie gefunden«, erwiderte Bob mit unschuldiger Miene.

»Hab’ ich, hab’ ich! Aber wo war er, als ich ihn nicht finden konnte? Sie könnten ihn nicht zum Beispiel heimlich weggenommen, benützt und wieder zurückgelegt haben?«

Bob schaute nur höflich drein, doch für mich reichte das. Ich hatte aber keine Zeit, darüber nachzudenken, denn Yeoman Harris setzte schon zum Akademie-Motto an: »Die Gezeiten warten nicht, Eden!« bellte er, und ich war weg wie der Blitz.

Geistesabwesend schaute Lieutenant Tsuya auf, als ich in die Station kam. Er murmelte etwas und besah sich seine Karte. Er war rund um die Uhr im Dienst gewesen. Wann er schlief, ahnte ich nicht. Sein rundes Gesicht war schlaff vor Müdigkeit, aber seine Augen waren, wie immer, hellwach.

Er arbeitete an einer sehr stark unterteilten Karte, auf der besonders die Erd- und Felslagen unter der Kuppel genauestens eingezeichnet waren, auch die große Java-Falte. Dort zeichnete er sorgfältig mit roter Tinte eine Fehlerlinie ein, dann schaute er auf.

»Eden«, sagte er, »ich hörte, Sie wurden gestern bei dem Beben verletzt.«

Ihm entging offensichtlich gar nichts. »War nicht schlimm, Sir. Nur ein Kratzer.«

»Ja.« Er nickte und lehnte sich zurück. »Krakatau Dome hat Glück gehabt. Wäre es ein großes Beben gewesen wie im Nansei Shoto ...« Er schüttelte den Kopf und schloß für einen Moment die Augen. »Sie, Eden, haben es nicht vorhergesagt.« Er knetete überanstrengte Muskeln an seinem Nacken. »Das ist keine Schande. Ich hab’s auch nicht vorhergesagt. Nur Bob Eskow tat es.«

»Jawohl, Sir.« »Wie gut kennen Sie eigentlich den Kadetten Eskow?«

»Warum . Nun ja . « Die Frage kam recht überraschend, und ich war perplex. »Wir sind gute Freunde, seit wir gemeinsam als elende Landratten zur Akademie kamen, Sir.«

»Hm. Ich verstehe. Und wie, glauben Sie, war er in der Lage, dieses gestrige Beben vorherzusagen?«

Die Frage war gut, nur hatte ich keine ebenso gute Antwort. Ich hätte freilich wissen müssen, daß er gerade diese Frage stellen würde, denn dem Lieutenant entging nichts.

Ich sagte: »Sir, ich habe keine Erklärung dafür.«

Der Lieutenant nickte. »Sie hätten aber gerne eine, Kadett Eden, nicht wahr?«

»Ich weiß nicht, wie Sie das meinen, Sir.«

Lieutenant Tsuya wurde nachdenklich. »Ich habe ihn ausgefragt und bekam von ihm zur Antwort, seine Vorhersage gründe sich auf die Beobachtungen, die wir alle gemeinsam gemacht hätten. Es ist richtig, daß seine Beobachtungen seine Vorhersage stützen, wenn man sie von einem bestimmten Standpunkt aus sieht. Das ist eine Sache der Möglichkeiten, der Wahrscheinlichkeiten. Ich war der Meinung, das Beben sei sehr unwahrscheinlich; Sie und Kadett Danthorpe waren der gleichen Meinung, nur nicht Kadett Eskow. Nein! Er hielt es für wahrscheinlich.« Er sah mich scharf an. »Ich wundere mich darüber, Eden, und Sie tun das auch.«

Ich sagte nichts, aber ich dachte unwillkürlich darüber nach, was und wieviel dieser Lieutenant wußte.

»Eden«, fuhr er fort, »ich werde Sie ins Vertrauen ziehen. Sie kennen doch den Gezeitenvater, den Jesuiten und Seismologen, nicht wahr?«

»Ja, Sir. Ich bin ihm in der Akademie begegnet.«

»Und Sie kennen auch seine Theorie bezüglich der letzten Beben in diesem Gebiet?«

»Nein, Sir. Eigentlich nicht«, erwiderte ich zögernd.

»Er glaubt, daß sie künstlich erzeugt sind«, erklärte Lieute-nant Tsuya grimmig. »Er glaubt, daß jemand sie auslöst, vielleicht des Profits wegen, den er an der Börse mit Spekulationen machen kann. Was halten Sie davon?«

»Ich wußte nicht, daß dies möglich ist, Sir.«

Er nickte. »Ich wußte es auch nicht«, gab er zu. »Aber jetzt bin ich dessen nicht mehr so sicher. Und Sie sind es auch nicht. Ich weiß von Ihren . Nachforschungen gestern abend, Eden. Ich weiß, was Sie oben in der Kuppel taten. Und ich weiß auch, daß es wegen Ihres Onkels eine große Frage gibt.«

Er sah mich lange und nachdenklich an, dann schien er zu einem Entschluß zu kommen. »Kadett Eden, Ihre eigene Loyalität gegenüber der Tiefsee-Flotte wurde noch nie in Frage gestellt. Ich erwarte von Ihnen auch nicht, daß Sie ein Vertrauen mißbrauchen, das man Ihnen möglicherweise entgegenbrachte. Aber ... wenn Sie es vorziehen würden, Ihre ... hm ... Suche der letzten Nacht fortzusetzen, werde ich mich bemühen, sie Ihnen in jeder Beziehung zu erleichtern. Besonders dann, wenn Sie wieder einen Paß benötigen, um Nachforschungen anzustellen. Ich werde dafür sorgen, daß Sie ihn bekommen.«

Mehr wollte er nicht sagen.

Ich war ziemlich verstört, als ich in unser Quartier zurückkehrte. Was Lieutenant Tsuya da vorschlug, war entsetzlich. Ich konnte es nicht glauben. Er wußte eindeutig von Bob Eskows Abwesenheit, wußte, daß ich ihm gefolgt war und argwöhnte dasselbe wie ich, daß Bobs Vorhersage kein reiner Zufall war.

Das war mehr, als ich im Moment begreifen konnte oder wollte.

Was hatte Bob nur dem alten Chinesen gegeben, kurz bevor wir entdeckten, daß die Geosonde verschwunden war?

Und was hatte Harley Danthorpe vom Makler meines Onkels erzählt? Und was hatte der Gezeitenvater zu mir auf der Akademie gesagt? Doch klar und deutlich, daß ein Seewagen bei einer Eruption unter dem Indischen Ozean eingeklemmt worden war.

Ja, und diese beiden - mein Onkel und Bob - bedeuteten mir auf der ganzen Welt am allermeisten. Wie konnte ich an ihnen zweifeln?

Ich war entschlossen, die Sache ganz aus meinem Bewußtsein zu verdrängen und keinen Paß zu beantragen. Nein, ein Spion wollte ich ganz gewiß nicht werden! Bob konnte mir sicher einiges erklären. Und mein Onkel - wahrscheinlich war er ein paar tausend Meilen von Krakatau Dome entfernt! Die ganze Angelegenheit war ein glattes Mißverständnis.

Ich fand Bob und Harley Danthorpe dabei, als sie ihre Ausrüstung zur Inspektion zusammenstellten, und machte mich auch an die Arbeit. Viel Zeit hatte ich nicht mehr. Von der Bebenvorhersage erwähnte ich nichts. Das mußte warten.

In dem Moment, als ich meinen Schrank öffnete, flatterte meines Onkels Bild heraus. Harley Danthorpe hob es auf und reichte es mir, und erst da sah er die Unterschrift. »Oh, das ist er also. Jim, ich wollte, du würdest dir’s anders überlegen und ihn mal herbringen, damit er meinen Dad kennenlernt.«

»Ich weiß nicht einmal, wo er ist, Harley«, erwiderte ich. »Er kann ebenso gut in der Antarktis wie im Golf von Mexiko sein.«

»Er ist hier«, sagte Bob geistesabwesend. »Ich dachte ...«

»Was hast du da gesagt?«

Bob sah mich verwirrt an, als habe er etwas ausgeplaudert, ohne es sich zu überlegen. »Nun ja, äh ... hm .« Er wand sich unbehaglich. »Ich habe ihn gesehen, meine ich. Oder glaubte es wenigstens. Jedenfalls war es einer, der ihm erstaunlich ähnlich sah. Vielleicht war es wirklich nur eine Ähnlichkeit, Jim, nur jemand, der so aussah wie er. Und ich hatte auch keine Zeit, mit ihm zu reden.«

Ich sah ihn lange an. »Ich verstehe«, sagte ich und ließ es dabei.

Aber nun wußte ich, daß Bob etwas vor mir verbarg, das meinen Onkel betraf. Deshalb änderte ich meine Absicht und war nun entschlossen, doch einen Paß von Lieutenant Tsuya zu erbitten.

9. Eden Enterprises, Unlimited

Ich rückte meine Mütze zurecht, prüfte nach, ob mein Uniformrock auch ordentlich zugeknöpft war, und betrat das riesige Tor, dessen Säulen geformt waren wie Seewagen. Sie reichten vierzig Fuß in die Höhe und bestanden aus Seebasalt. Ein solcher Eingang war fast so eindrucksvoll wie der vom Tadsch Mahal, aber durch dieses Tor kam man zu den Büros von Barnacle Ben Danthorpe.

Ein blonder Eisberg am Empfangstisch musterte mich. Sie erweckte nicht den Verdacht, daß sie einmal auftauen könnte.

»Ich möchte zu Mr. Ben Danthorpe«, sagte ich und erntete Schweigen. »Ich bin ein guter Freund von Harley Danthorpe.« Wieder Schweigen. »Harley ist Mr. Danthorpes Sohn.«

Sie musterte mich nur vom Kopf bis zu den Füßen.

Dann zuckte sie nach einer ganzen Weile die Schultern. »Moment, Sir«, sagte sie und hob das Telefon ab.

Ich wartete. Hierher gehörte ich nicht, doch es war die einzige Stelle, wo ich eventuell eine Spur aufnehmen konnte.

War mein Onkel wirklich in Krakatau Dome, so strapazierte er meine Fähigkeit, ihn zu orten, über die Maßen. Ich hatte das Telefonbuch durchgesehen, die Hotels und die großen einschlägigen Unternehmen befragt, und niemand hatte je von ihm gehört. Also mußte ich mit Ben Danthorpe reden. Er hatte seinem Sohn gesagt, er wisse von einem Gerücht, daß Onkel Stewart hier sei. Diesem Gerücht mußte ich folgen.

Der blonde Eisberg hob die schneefarbenen Brauen. »Sie können hineingehen, Mr. Eden«, sagte sie eisig und nickte zu den Bürolifts hinüber. »Mr. Danthorpe ist auf Sub-Ebene A zu finden.«

Ben Danthorpe erwartete mich schon, als ich aus der Kabine stieg. Er schüttelte mir herzlich die Hand, richtig wie ein Kaufmann, der ein gutes Geschäft wittert. »Jim Eden!« rief er. »Harley hat mir über Sie eine ganze Menge erzählt. Und Ihr Onkel ... Stewart Eden und ich - viele Jahre, mein Junge, viele Jahre!« Er sagte nichts darüber, was in den vielen Jahren war, und ich erwartete es auch nicht. Ich wußte, daß er und mein Onkel nicht gerade gute Freunde gewesen waren. »Feinde«, das wäre ein treffenderer Ausdruck gewesen. Trotzdem war er der einzige Ausgangspunkt, den ich hatte.

Er führte mich in ein großes, schalldichtes Büro, dessen Wände getäfelt waren mit Holz aus versunkenen Schiffen. »Was ist los, Jim?« Er blinzelte ebenso wie sein Sohn. »Was kann ich für Sie tun?«

»Sie können mir helfen, meinen Onkel zu finden«, platzte ich heraus.

»Ah ... Sie wissen also nicht, wo er ist?«

»Nein, Sir«, erwiderte ich der Wahrheit entsprechend. »Ich hörte, er sei in Krakatau Dome. Ich hoffe, Sie können mir sagen, wo.«

Er schüttelte den Kopf. »Nein, Jim. Das kann ich nicht. Aber vielleicht .«

Er stand auf und lief in seinem Büro herum. »Über Ihren Onkel, Jim, habe ich seltsame Dinge gehört. Ich wußte ja, daß er immer am Erfinden ist, auch am Gründen und Stiften. Hat er vielleicht eine närrische Investition zuviel gemacht?« Er schüttelte den Kopf. »Das zahlt sich niemals aus, Jim. Man steckt nie das Geld da hinein, wo das Herz ist. Ihr Onkel neigte immer dazu, sehr riskante Abenteuer zu unterstützen, weil sie, wie er sagte, gut seien für die Leute von der See. Verrückt. Das hab’ ich ihm oft genug gesagt. Aber es sieht so aus, als habe er schließlich doch seine Lektion gelernt.«

»Ich weiß nicht, was Sie damit meinen, Sir.«

»Ah Jim!« Er lachte mich schlau an. »Junge, jetzt hat er endlich den heißen Draht nach drinnen! Das weiß doch jeder. Bei dem Beben gestern hat sein Makler Millionen für ihn gemacht. Millionen! Ich weiß es, denn mich hat er auch geschröpft.« Er schnitt eine Grimasse, doch seine scharfen Augen ließen mich nicht los. »Harley hat mir erzählt, ein Freund von Ihnen wußte, daß dieses Beben kommen würde. Könnte das etwas mit Ihrem Onkel zu tun haben, Jim?«

»Ich habe keine Erlaubnis, über Bebenvorhersagen zu sprechen, Sir«, entgegnete ich steif. »Und Harley auch nicht.«

»Hm. Ich verstehe. Nun, Jim, das ist natürlich absolut richtig. Aber wenn Sie Ihren Freund wieder treffen, geben Sie ihm auch den heißen Draht. Sagen Sie ihm, er soll zu mir kommen.« Er nickte. »Wenn er wirklich mit seinen Vorhersagen so trifft, werde ich ihn reich machen.«

»Mr. Danthorpe«, drängte ich, »können Sie mir helfen? Ich muß unbedingt meinen Onkel finden.«

Ben Danthorpe blinzelte mich heftig an, als überlege er, ob er nicht zuviel gesagt habe.

»Vielleicht kann ich das, Jim. Wenigstens kenne ich den Makler Ihres Onkels.«

Er nahm ein Telefon ab. Es hatte eine Spezialsprechmuschel, so daß man das, was gesprochen wurde, nur als schwaches Wispern hörte, aber nichts verstand. Nach einem Moment legte er den Hörer zurück und runzelte die Brauen. »Ich habe die Adresse des Maklers Ihres Onkels«, sagte er, und nun klang seine Stimme merklich kühler. Er war nicht einmal mehr freundlich. »Die ist unten auf Deck Vier Plus, Radiale Sieben Nummer Achtundachtzig. Und wenn Sie mich jetzt entschuldigen, ich muß wieder an meine Geschäfte zurück.« Damit eilte er zur Tür hinaus.

Bald wußte ich, weshalb er es so eilig gehabt hatte. Deck Vier Plus lag an der Grenze zwischen Finanzdistrikt und den Docks für die Tiefsee-Handelsflotte. Die meisten Gebäude waren Lagerhäuser und Schiffahrtsbüros. Ein Maklerbüro in dieser Gegend war nicht sehr eindrucksvoll, und dies schon gar nicht.

Daran lag mir jedoch nichts. Hier gab es keinen Gehsteig für Fußgänger, und in den Straßen drängten sich die Frachttransporter. Es roch nach Seekaffee und säuerlich nach Kopra und nach den modrigen Seeflachsballen. Nach großer Finanz roch es jedenfalls nicht, doch für mich war es ein aufregender Duft, der Geruch der See.

Ich wand mich zwischen den Wagen durch und gelangte zur Nr. 88. Es war eine Tür zwischen zwei Lagerhäusern. Eine dunkle Treppe führte innen nach oben. Ich kletterte hinauf zu einem langen, leeren Korridor im Oberstock über den Lagerhäusern, denn dort waren Büros untergebracht. Der einzige Mann, den ich sah, stand mit dem Rücken zu mir. Er hatte einen farbbeklecksten Overall an und malte auf eine Metalltür am Ende des Korridors

EDEN ENTERPRISES, UNLIMITED

Ich lief den trüben Korridor entlang. Jede Tür trug eine ähnliche Inschrift, und all diese hier angesiedelten Unternehmen schienen ein bißchen rätselhaft zu sein:

A. Yelverton, Consulting Benthologist and Siminski Submarine Engineering; The Sunda Salvage Company; Hong Lee, Oriental Importer, also eine Beraterfirma für TiefseeKonstruktionen, eine Bergungsfirma und ein Importeur für orientalische Waren. Sehr blühende Unternehmen konnten das nicht sein.

Das war mir egal. Ich fragte den Maler: »Entschuldigen Sie, ist Mr. Eden hier?«

Der Maler drehte sich um und gefährdete damit die Farbdose.

»Jim!« schrie er. »Du bist’s! Wie gut, dich zu sehen!«

Es war Gideon Park.

»Gideon!« schrie ich genauso laut und aufgeregt. Ich schüttelte ihm die Hand. Gideon Park, meines Onkels getreuer Freund und Helfer, der Mann, der mir in Marinia das Leben gerettet, der mit uns die großen Abenteuer in der Tiefsee bestanden hatte!

Sein ganzes schwarzes Gesicht lachte. »Jim, mein Junge, ich dachte, du bist in Bermuda.« Er entzog mir seine Hand und musterte die meine. »Da siehst du, Jim.« Er reichte mir einen Lappen und rieb sich mit einem anderen die Farbe von den Fingern. »Ich fürchte, ich bin kein sehr guter Maler.«

»Das spielt wirklich keine Rolle, Gideon«, sagte ich. »Aber was tust du hier? Vor zwei Monaten waren wir im TongaGraben und haben gegen die Saurier gekämpft. Ich dachte, du bist in Marinia.«

»Sieht ganz so aus, als hätten wir beide danebengeraten. Aber komm doch ‘rein, Jim. Viel Büro ist es nicht, aber wir können dort sitzen.«

»Gut, Gideon. Aber erst noch - was ist mit meinem Onkel?«

Er musterte mich ernst. »Dachte ich mir doch, daß du mich das gleich fragen wirst. Weißt du, allzu gut geht es ihm nicht. Das weißt du ja wohl. Aber er ist noch nicht gekentert, noch lange nicht! Einen Stewart Eden kann man nicht versenken, egal, wer’s auch versucht.«

Ich zögerte, weil mir Vater Tide einfiel. »Gideon, ich hörte etwas, meines Onkels Seewagen sei ein Wrack, irgendwo unten im Indischen Ozean, vor ein paar Wochen. Stimmt das?«

Er wandte sich von mir ab, wischte die Pinsel ab und nickte dann zur Bürotür. »Komm doch ‘rein, Jim. Und sag mir, was du davon weißt.«

Das Büro von Eden Enterprises, Unlimited, bestand aus zwei nackten, kleinen Räumen. Sie waren frisch gemalt; seegrün. Diese Farbe hatte Gideon auch im Gesicht. Aber die Farbe war das einzige, was frisch war. Die Möbel sahen recht dürftig aus. Es war da ein alter, recht hergenommener Tisch mit ein paar wackeligen Stühlen, vermutlich von den vorigen Mietern zurückgelassen, weil das Zeug nicht wert war, mitgenommen zu werden. Nur ein Stück war neu: ein schwerer Safe. Und der Firmenname darauf, EDEN ENTERPRISES, UNLIMITED, war von einer geübteren Hand als der Gideons aufgemalt worden.

Gideon setzte sich und deutete auf den anderen Stuhl. Gespannt hörte er mir zu, was ich vom Gezeitenvater zu erzählen wußte.

»Es ist wahr, daß wir einen kleinen Unfall hatten«, sagte er, nachdem ich geendet hatte. »Aber wir wollen nicht, daß es die ganze Welt erfährt. Dein Onkel kümmert sich auch nur um seine eigenen Angelegenheiten.

Natürlich mußte es Vater Tide herausfinden!« Er lachte nun doch über den Scharfsinn des Jesuiten, den er offensichtlich bewunderte. »Jim, dieser Mann scheint immer überall zu sein. Wo es Stunk gibt, findest du ihn, bewaffnet mit seinem Glauben und im allerbesten Edenit.«

Doch dann wurde er wieder ernst. »Manchmal macht er mir aber Sorgen. Du sagst, er hat dir erzählt, jemand erzeuge künstliche Seebeben?«

Ich nickte.

»Und er dachte, daß dieser Jemand dein Onkel sei?«

»Ja, das stimmt, Gideon.«

Er schüttelte den Kopf.

»Es kann auch gar nicht wahr sein, Gideon«, platzte ich heraus. »Onkel Stewart ist solcher Dinge gar nicht fähig!«

»Natürlich nicht. Nur ... Jim, deinem Onkel geht es nicht besonders gut. Wir wurden von diesem Beben im Indischen Ozean erwischt. Der Seewagen wurde so beschädigt, daß er nicht mehr zu reparieren ist. Also gaben wir ihn auf. Aber wir hingen sechzig Stunden lang in unseren Überlebensgeräten, Jim, ehe uns ein Tiefsee-Frachter aufpickte, weil er unser Notsignal gehört hatte. Sechzig Stunden! Selbst ein so junger Mensch wie du brauchte einige Zeit, über eine solche Anstrengung wegzukommen, und so jung ist ja dein Onkel nicht mehr. Er hat sich noch nicht recht erholt davon. Aber er ist hier, in Krakatau Dome. Ich ließ ihn heute im Hotel, damit er ausruhen kann.«

»Ich muß ihn unbedingt sehen, Gideon!«

»Aber klar, Jim! Aber warte nur, bis er hereinkommt.«

Er setzte sich wieder und schaute besorgt drein. »Du kennst ja deinen Onkel. Er hat sein ganzes langes Leben damit verbracht, die See zu zähmen. Das brauche ich dir nicht zu erzählen. Er hat das Edenit erfunden und viele andere Dinge auch noch. Jim, er ist ein ganz großer Erfinder. Und er ist kein Theoretiker, der nur im Labor herumsitzt. Er hatte viele Seeberge erklettert und die Tiefen erforscht. Er hat Minenclaims abgesteckt unten am Seeboden und schwimmende Seefarmen oben angelegt. Und immer hat er anderen geholfen, immer und überall. Wieviele See-Prospektoren hat er ausgestattet! Und wieviele Männer sind mit neuen Erfindungen zu ihm gekommen, oder mit neuen, wilden Geschichten, denen er auf den Grund gehen wollte. Es waren Tausende, Jim. Für ihn gibt es keine begrenzten Interessen, wenn es um die See geht.«

Ich konnte nicht anders, ich mußte die schäbigen Möbel mustern.

Gideon sah es und sagte schnell: »Oh, ich weiß, dein Onkel ist seit einiger Zeit in seichtem Wasser. Vielleicht war er viel zu großzügig. Ich weiß nur, daß er etwas mehr ausgab als er einnahm - und das seit langer Zeit, Jim.«

»Und was war gestern, Gideon? Hast du nicht die Spekulationen an der Börse ... Waren da nicht Millionen drinnen?«

Gideon sah düster zu Boden. »Das muß dir dein Onkel selbst beantworten, Jim«, sagte er leise.

Ich wechselte das Thema. Was Gideon sagte, stimmte, und ich kannte ja meinen Onkel. Er war schon immer eher ein Träumer. Manchmal löschten seine Träume alle vernünftigen

Überlegungen aus.

»Ich nehme an, mein Onkel Stewart hat Fehler gemacht«, gab ich zu. »Einer meiner Lehrer an der Akademie behauptete immer, Stewart Eden sei nicht einmal ein Wissenschaftler, obwohl er das Edenit erfunden hatte. Er sagte, ein Wissenschaftler hätte das gar nicht getan, denn er hätte das Newton-sche Gesetz gekannt, daß jede Kraft von einer entgegengesetzten, gleichwertigen Kraft ausgewogen werden müsse. Er hätte sich nicht mit so verrückten Dingen wie dem Edenit abgegeben, das diesem Gesetz nicht zu gehorchen scheint. Ich denke, dieser Lehrer beneidete Onkel Stewart nur, weil er den Mut hatte, auch etwas Unwahrscheinliches zu wagen. Es klappte aber.«

»Ja, das klappte«, pflichtete mir Gideon bei. »Aber dein Onkel hat auch viele Dinge gestützt, die nicht klappten.«

»Und was stützt er jetzt wieder?«

Gideon schüttelte den Kopf. »Weißt du, Jim, ich würde es dir sagen, wenn ich es wüßte.«

Er hob seine breiten Schultern. »Du weißt ja, wie dein Onkel seine Geschäfte erledigt. Seine Bücher führt er im Kopf. Wenn er einen Mann finanziert, will er nie etwas Schriftliches mit Unterschriften. Ein Händedruck genügt für Stewart Eden. Er sagt, wenn ein Mann ehrlich ist, genügt ein Händedruck, und wenn nicht, dann hilft auch der schönste schriftliche Vertrag nicht. Sämtliche Anwälte der Tiefsee können einen Lumpen nicht zum ehrlichen Menschen umkrempeln. Und es gibt viele Dinge, die mir dein Onkel nicht sagt, Jim. Nicht weil er sich ihrer schämen müßte, sondern weil er immer so gelebt hat.

Und das, was er mir sagt, Jim, das kann ich nicht weitersagen. Er rechnet damit, daß ich das niemals tue. Nicht einmal bei dir, Jim.«

Ich entschuldigte mich, denn Gideon hatte recht. Mein Onkel vertraute ihm, und ich hatte kein Recht, Gideon zu drängen, dieses Vertrauen zu mißbrauchen.

Aber meine Gedanken waren nicht von der fröhlichsten Art. Ich dachte an das Lieutenant Tsuya gegebene Versprechen, für das ich den Paß bekommen hatte. Mit einfachen Worten: ich hatte versprochen, ein Spion zu werden.

Der Gedanke, es könnte mein Onkel Stewart sein, den ich ausspionieren mußte, war mir nicht gekommen; auch nicht, daß ich Bob Eskow beschatten sollte. Aber so war es doch.

»Jim, mein Junge!« tönte eine Stimme hinter mir.

Die Tür war aufgegangen, und herein kam mein Onkel Stewart Eden!

10. Das Paket im Zellstoff

Ich war so verblüfft, daß ich gar nichts sagen konnte.

Mein Onkel hatte sich sehr verändert. Seine breiten Schultern waren gebeugt, und er hatte einiges Gewicht verloren. Seine Haut war ungesund gelblich, und sein Gang hatte alle Frische verloren und erschien mir schleppend. Seine blauen Augen blinzelten mich trübe an, als erkenne er mich kaum.

»Onkel Stewart!« rief ich.

Er drückte meine Hand mit verzweifelter Kraft. Dann wandte er sich unsicher dem wackeligen Stuhl hinter dem wackeligen Tisch zu und setzte sich langsam. Dann mußte er sich erst die Nase putzen und die Augen wischen. »Ist was nicht in Ordnung, Jim?« erkundigte er sich besorgt. »Ich dachte, du bist in Bermuda.«

»Da war ich, Onkel Stewart. Wir kamen zu einem Spezialkurs hierher.« Dabei beließ ich es. Die Sicherheitsvorschriften ließen weitere Auskünfte nicht zu. Aber ich hatte das Gefühl, mein Onkel wisse es sowieso. »Und wie geht es dir, Onkel Stewart?« fragte ich schnell.

Er straffte sich. »Mir geht es besser als ich aussehe, Junge. Ich mußte durch ziemlich grobes Wasser, das siehst du ja selbst. Aber das habe ich jetzt hinter mir.«

Ich holte tief Atem. »Das hörte ich, Onkel Stewart. Und ich hörte sogar, du hast letzte Nacht aus dem Beben eine Million Dollar herausgeholt.«

Er sah mich mit ausdruckslosen Augen an. Ich konnte nicht erraten, was er dachte. Dann seufzte er. »Ja, vielleicht hab’ ich das«, meinte er fast gleichgültig. »Es gab einen großen Profit, aber ich bin noch nicht flüssig, Jim.«

Er beugte sich mir entgegen. »Aber was soll’s, über Geld zu reden, Junge? Laß dich anschauen. Du bist ja jetzt ein Mann, Jim. Fast schon ein Offizier.« Leise lachte er und besah sich prüfend den Sitz meiner Uniform. »Ah, Jim. Dein Vater wäre sehr stolz, könnte er dich so sehen.«

Als er sich so zurücklehnte, als seine Augen blitzten, sah er fast wieder gesund aus, so wie in den aufregenden Tagen von Marinia. »Keine Angst, Jim, du und ich, wir beide bekommen das, was wir von dieser Welt wollen! Du wirst Offizier der Tiefsee-Flotte sein, und ich schaffe mir das wieder, was ich verloren habe, Gesundheit und Geld, Jim. Ich bin schon früher immer wieder flott geworden und werde es auch diesmal wieder.«

Nachdenklich schaute er seinen neuen Tresor an.

Gideon hüstelte vorsichtig. »Stewart«, sagte er mit seiner warmen, leisen Stimme, »hast du deine Verabredung vergessen?«

»Verabredung?« Mein Onkel schaute auf seine Uhr. »Was, schon so spät? Jim, ich ...« Plötzlich sah er wieder müde und besorgt aus, und seine Stimme hatte die vorige Wärme und Vitalität verloren. »Jim, mein Junge, ich freue mich, wenn ich mit dir zusammen sein kann, aber im Moment habe ich eine Verpflichtung. Zum Lunch, weißt du. Ich glaube nicht, daß du diesen Mann kennst. Wenn du mich also entschuldigst .«

»Ganz selbstverständlich, Onkel Stewart«, sagte ich und stand auf. »Ich muß jetzt sowieso wieder zurück. Ich rufe dich aber an, sobald ich wieder einen Paß bekommen kann. Dann essen wir zusammen.«

Hier gab es eine Unterbrechung, gerade als ich gehen wollte. Der Lunchpartner meines Onkels kam. Ich kannte ihn. Der Mann war Vater Tide.

Der nette kleine Mann mit dem faltigen Seekorallengesicht redete ununterbrochen auf dem Weg zum Restaurant. »Jim«, sagte er, »Sie sehen aber gut aus.« Er nickte dazu wie ein alter, freundlicher Mönch auf einer alten bayerischen Bierreklame. »Schön! Es ist mir ein Vergnügen, Sie hier zu sehen, ein sehr unerwartetes Vergnügen. Was, Stewart?« Er lachte leise. Es war sein Vorschlag gewesen, zum Lunch mitzukommen, nicht der meines Onkels.

Und dabei hatte ich das bestimmte Gefühl, meinem Onkel wäre es viel lieber, er hätte mich nicht dabei.

An diesem Nachmittag erfuhr ich jedoch nichts. Nicht ein Wort fiel, das mir von einiger Wichtigkeit erschien. Man sprach in erster Linie vom Essen. Fast alles kam aus der See, und zubereitet wurde hier jedes Essen auf orientalische Art, wie es in Krakatau Dome Sitte war. Es schmeckte wundervoll.

Gegen Ende machte Vater Tide eine Bemerkung über seine seismischen Forschungen, und mein Onkel antwortete darauf: »Tut mir leid, Vater. Ich kann nichts mehr zu diesem Projekt beitragen.« Das war alles und zugegebenermaßen nicht viel und vor allem nicht aufschlußreich.

»Stewart, es geht doch nicht nur um das Geld«, erinnerte ihn Vater Tide sanft. »Und die seismische Forschung macht sich erst noch bezahlt. Falls einer weiß, wie Tiefsee-Beben präzise vorherzusagen sind, kann er ein Vermögen damit machen. Das hörte ich wenigstens. Nur so mit der Vorhersage. Oder, wollen wir’s so ausdrücken, auch mit ihrer Erzeugung.«

Der Kaffee in der Tasse meines Onkels schwappte über. Er wischte sich die vom heißen Getränk verbrühten Finger mit der Serviette ab und funkelte Vater Tide wütend an.

»Mein lieber Gezeitenvater«, sagte er vorwurfsvoll, »dein Problem ist, daß deine Ausbildung allzu großes Gewicht auf die Sünde legt. Das führt immer dazu, das Allerschlimmste zu vermuten. Und es macht dich, sobald es um Menschen geht, zum ausgesprochenen Pessimisten.«

Ich bin überzeugt, das war ein in Scherz gefaßter milder Vorwurf, doch Vater Tide dachte ernsthaft darüber nach. »Vielleicht stimmt das, Stewart«, antwortete er mit seiner klaren Stimme. »Das über die menschlichen Schwächen. Aber ich bin wenigstens hinsichtlich der Möglichkeiten einer Erlösung Optimist.«

Er trank den Rest seines Kaffees und lehnte sich zurück. »Mein ganzes Leben lang, seit ich mein Studium und das Noviziat begann, haben mich Seismologie und Vulkanologie fasziniert. Und warum? Weil ich sie als direkten Ausdruck des Willens Gottes sehe. Selbst ein lebenslanges Studium ihrer Ursachen konnte daran nichts ändern.

Du darfst nicht denken, ich würde daran zweifeln, daß der Mensch dazwischentreten kann. Natürlich nicht. Ich bin auch nicht der Meinung, das Eingreifen des Menschen sei ein Unrecht. Stewart, du kannst mich ruhig einen Sünderjäger nennen, aber denken kannst du das nicht. Die Vorhersage von Seebeben ist so wichtig und unsündig und proper wie eine Wettervorhersage. Daran ist nichts falsch.«

Er schaute mich an, und mir lief ein kalter Schauer den Rük-ken hinab. Wußte denn jeder in Krakatau Dome das, was Lieutenant Tsuya für ein wohlgehütetes Geheimnis hielt?

»Da gibt es noch ein anderes Gebiet als die Vorhersage«, fuhr der Gezeitenvater fort. »Wenn man sich hier einmischt, ist es gefährlich. Ein Spiel mit dem Leben von Menschen, mit ihren Seelen. Stewart, du weißt, was ich meine. Ich habe allen Grund anzunehmen, daß jemand - den Namen dieser Person kenne ich nicht sicher - ganz nach Belieben Seebeben erzeugen kann. Falls das richtig ist, dann muß diese Kraft dazu benützt werden, Leben und Besitz zu retten und nicht dazu, sündige Menschen zu bereichern!«

Das war alles, was gesprochen wurde. Vielleicht genügte es, denn es wirkte auf meinen Onkel. Er aß schweigend und düster weiter.

Es war ein Zusammenprall zweier starker Menschen, und ich muß zugeben, er erschütterte mich. Mein Onkel glaubte unerschütterlich an sich selbst, an seinen Verstand und sein überragendes Wissen von der See, auch wenn er jetzt nicht mehr der starke Mann war wie früher; und Vater Tide war ebenso unerschütterlich im Glauben an seine Religion.

Daß mein Onkel ein durch und durch ehrenhafter Mann war, konnte und wollte ich nie bezweifeln. Nie würde ich glauben, er könne einem Lebewesen, egal ob Mensch oder Tier, etwas Böses tun. Und doch: warum hatte er nicht das abgestritten, was Vater Tide behauptet hatte?

Und noch eine Frage: warum hielt Vater Tide die enge Verbindung mit meinem Onkel aufrecht, wenn er glaubte, er sei fähig, so etwas zu tun? Das paßte nicht zu beiden Männern!

Vater Tide blieb heiter bis zum Schluß. Er rühmte den delikaten Geschmack der See-Steaks und die saftige Frische der Seefrüchte, die wir zum Nachtisch bekamen, doch mein Onkel Stewart blieb wortkarg.

Ich war froh, als das Essen vorbei war. Vater Tide verließ uns, und ich ging mit meinem Onkel durch die lauten, lebhaften Straßen zurück zu seinem schäbigen Büro. Ich bemerkte, daß ihm das Gehen schwerfiel.

Vor dem Hauseingang blieb er stehen und griff nach meinem Arm. »Tut mir leid, Jim«, sagte er. »Ich hoffte, du könntest noch eine Weile oben bei mir bleiben. Aber ich habe eine Verabredung. Sie ist sehr wichtig für mich. Ich weiß, du verstehst das.«

»Natürlich, Onkel Stewart«, antwortete ich und verabschiedete mich gleich auf der Straße. Ich verstand es dete mich gleich auf der Straße. Ich verstand es nämlich.

Als wir uns der Nr. 88 näherten, hatte ein Mann aus dem Haus gespäht. Und diesen Mann hatte mein Onkel einen Sekundenbruchteil vor mir gesehen und deshalb gesagt, er habe eine Verabredung. Und den Mann hatte ich schon gesehen, unter Umständen, die den jetzigen sehr ähnlich waren. Es war der alte, zusammengeschrumpfte Chinese, den ich in der Unterkunft und später auf den Straßen der Kuppel mit Bob Eskow gesehen hatte. Er hatte ein kleines, schweres Paket bei sich, eingewickelt in Zellstoff. Es war genau von der Größe des fehlenden Modells der ortholytischen Sonde .

Ich weiß nicht mehr, wie ich zur Station kam. Bob Eskow und Harley Danthorpe schauten mich sonderbar an, voll Neid Harley Danthorpe, und mit Gefühlen, die ich nicht zu deuten vermochte, Bob Eskow. Ich hatte das unbestimmte Gefühl, Bob habe irgendwie Angst.

»Du glückliche Landratte!« rief Harley. »Sag mal, welchen Stein hast du bei Lieutenant Tsuya im Brett? Das war jetzt dein zweiter Paß.«

»Der Lieutenant wünscht, du sollst dich sofort auf Station K melden«, sagte Bob leise.

Ich eilte also hinab, denn in diesem Moment hatte ich nicht den Wunsch, mit Bob zu sprechen. Lieutenant Tsuya arbeitete an seinem Tisch im feuchten, toten Schweigen der Station und zog Isobaren, Isogeothermen und Isogale auf der plutonischen Karte nach.

»Nun, Eden?« seine Stimme klang angestrengt. »Haben Sie etwas zu berichten?«

Ich zögerte nur eine Sekunde. »Nichts, Sir.« Es stimmte ja, ich hatte keine Tatsachen. Und was mein Onkel auch tun mochte, mit Vermutungen und Verdachten konnte ich dem Lieutenant nicht kommen.

»Genau das habe ich erwartet«, antwortete der Lieutenant bekümmert. Er nahm einen roten Stift und schattierte mechanisch die Gefahrenzonen seiner plutonischen Karte. Ich bemerkte, daß die möglichen Frakturebenen fast unmittelbar neben der Kuppel von Krakatau lagen.

Er blinzelte mich an. Ich sah, daß seine Augen geschwollen waren. »Ich habe Kadett Eskow einen Paß gegeben«, sagte er. »Denn er bat darum, und ich meinte, er solle ihn haben.«

Das brachte mich aus dem Gleichgewicht. »Aber er war doch eben jetzt in der Unterkunft.«

»Das ist richtig. Ich ließ den Paß in Yeoman Harris’ Büro liegen, bis Sie zurückkamen, Eden. Ich möchte, daß Sie ihm folgen.«

»Ich und ihm folgen?« fuhr ich auf. »Das kann ich nicht. Er ist mein bester Freund. Ich würde nie .«

»Eden, Achtung!« bellte er mich an. Ich versteifte mich und schwieg. Etwas freundlicher fuhr er fort: »Ich weiß, daß er Ihr Freund ist. Aus genau diesem Grund will ich ja, daß Sie der Sache nachgehen. Ist Ihnen denn die Alternative nicht klar?«

»Warum ... Nein, Sir. Ich meine, ich habe darüber noch nicht nachgedacht.«

»Die Alternative wäre die Überweisung der ganzen Sache an die Sicherheitsabteilung der Tiefsee-Flotte«, sagte Lieutenant Tsuya leise. »Und sobald dies geschieht, liegt die Sache nicht mehr in meinen Händen. Ist Kadett Eskow eines schweren Verstoßes gegen die Vorschriften schuldig, dann ist er dort an der richtigen Stelle. Ich kann nämlich nicht billigen, wenn gegen Befehle verstoßen wird, sofern die Befehle so wichtig sind wie in diesem Fall.

Hat sich aber Kadett Eskow nur eines, sagen wir, kleinen Irrtums schuldig gemacht, dann wäre es eine grobe Ungerechtigkeit, wollten wir die Sache der Sicherheitsabteilung übergeben. Es liegt also an Ihnen, Eden.«

Der Lieutenant musterte mich schweigend und wartete auf meine Antwort.

»Ich sehe, daß ich keine Wahl habe, Sir«, sagte ich schließlich.

Er nickte schwer. »Das sehe ich auch so.«

11. Das Schiff in der Grube

Eine Stunde später war ich wieder im zivilen Bereich der Kuppel; übrigens auch Bob Eskow, nicht nur ich. Und Bob war nicht allein.

Es war kindisch einfach, ihm zu folgen. Ich hatte nur am Haupttor der Flottenbasis gewartet, einen Wettermantel über meine Uniform gezogen und mich ein bißchen versteckt. Bob kam wie eine Granate aus einem Kanonenrohr geschossen und rannte sofort zu den Elevatoren, die nach oben gingen. Dort traf er mit dem alten Chinesen zusammen.

Der Chinese hatte nun nicht mehr das vorige Paket bei sich. Er mußte es also irgendwo gelassen haben. Ich konnte mir nur einen einzigen Platz dafür denken - meines Onkels Tresor.

Getroffen hatten sie einander auf dem Deck Minus Eins, genau über dem Haupttor der Flottenbasis. Dann fuhren sie wieder nach unten, über das unterste Deck hinaus und weiter zum Drainagedeck. Sie gingen über das Deck, als ich ein paar »Pumpenaffen«, wie die Drainageleute genannt wurden, aus der Kabine folgte.

Wir kamen zu einem Quertunnel, der Sammelstation Vier. Ich spürte das Vibrieren der mächtigen Pumpen, die alles Brauchwasser von Krakatau Dome sammelten und drei Meilen nach oben zur Meeresoberfläche preßten, doch ich hatte keine Zeit, über dieses Wunderwerk der Technik nachzudenken, denn Bob und der alte Chinese gingen rasch weiter. Ich wartete einen Moment, dann nahm ich die Verfolgung wieder auf.

Im nächsten Tunnel war der Boden eben, mit kleinen Drainagerinnen entlang den Mauern; sie waren mit Druckbeton verkleidet und nicht besonders hell mit weitgesetzten Troyon-Röhren beleuchtet. Es war hier ziemlich trocken, nur von den Wänden lief dann und wann ein Tropfen hinab in die Rinne. Unvermittelt verschwanden die beiden vor mir.

Ich blieb eine Sekunde stehen und ging dann langsamer weiter. Ich sah, daß sie einen Drainage-Sammelbehälter betreten hatten. Und da blieb ich ein wenig länger stehen.

Mir wurde nämlich klar, was ich vorher nicht bedacht hatte, daß ich mich nicht mehr unter der Kuppel befand. Ich war draußen auf dem Meeresboden, das heißt, darunter. Über mir waren ein paar hundert Fuß Fels, der vom Beben erschüttert war .

Und darüber kamen dann drei senkrechte Meilen Salzwasser.

Die Drainagetunnels waren nicht verstärkt und nicht versiegelt, oder nur an ein paar sehr kritischen Punkten. Hier tropfte und platschte und murmelte die eindringende See. Es war hier sehr kalt, nahe dem Gefrierpunkt der Tiefen, schlecht belüftet; und vor allem roch es intensiv nach Salzwasser.

Und meine Beute verschwand mit jeder Sekunde mehr aus meinem Blickfeld.

Am Ende dieses Service-Tunnels war eine etwa metertiefe Stufe, die in den Drainagering führte; er schwang zu beiden Seiten in einem Bogen weg von mir. Ausgehoben worden war dieser Ring von automatischen Exkavatoren, und an den schwarzen Felswänden waren jetzt noch die Spuren zu sehen. Hier drang ziemlich viel Wasser durch, und der Tunnelboden war fast fußhoch damit bedeckt. Da wäre ich am liebsten umgekehrt.

Ich mußte aber unbedingt wissen, wohin sie verschwunden waren. Lauschend blieb ich stehen, doch ich hörte nur das Wasser aus den Undichtigkeiten der Wände tropfen. Dann gewöhnten sich meine Augen allmählich an das äußerst dürftige Licht, und ich sah rechts von mir einen schwankenden Schimmer auf dem schwarzen Wasser. Das war der Schein einer isotopischen Handlampe, aber nun fast schon außer Sichtweite.

Mein Entschluß, ihnen zu folgen, war schnell gefaßt. So lautlos wie möglich stapfte ich durch das Wasser, das mir bis zu den Knöcheln reichte; es war beißend kalt und nahm mir fast den Atem. Ich folgte dem Lichtschein, bis er hinter einem lärmenden Wasservorhang verschwand, der sich aus einer Felsspalte ergoß.

Allmählich wurde die Sache immer schwieriger. Meine Füße waren taub vom eisigen Wasser, ich war durchfeuchtet und zitterte vor Kälte, kurz, ich fror erbärmlich. Und ich war nicht bewaffnet.

Falls sie - nur angenommen - hinter dem Wasserfall warteten, wäre ich ein leichtes Opfer. Trotzdem, von Bob Eskow konnte ich so etwas nicht glauben. Eine Troyon-Röhre weiter vorne spiegelte sich nur matt in der Feuchtigkeit der Tunnelwand. Ich spähte in die Dunkelheit, tat ein paar platschende Schritte - und dann hielt ich den Atem an und watete weiter durch den eisigen Wasserfall. Der Tunnel dahinter war völlig dunkel. Das eisige Wasser war hier tiefer und lief schneller. Wie blind tappte ich weiter, etwa fünfzig Meter.

Dann sah ich voraus einen schwachen Schimmer. Ich wartete und rührte mich nicht. Dann sah ich, daß sich das Licht in nassem Fels spiegelte. Das Licht kam aus einer größeren Röhre, die von dem runden Tunnel nach unten führte. Eine Anzahl dieser Röhren leitete das Sickerwasser in der Form von Radspeichen zu den Pumpen hinab.

Und am Ende einer Speiche erblickte ich weit unten zwei Gestalten - Bob Eskow und den Chinesen. Diese Speiche war eine gerade Linie, und ich sah ihre Umrisse schwarz vor dem beweglichen Schein der isotopischen Handlampe.

Ich betrat den »Speichen«-tunnel. Er war so steil, daß ich fast stürzte. Das Wasser lief hier reißend und zerrte an meinen tauben Füßen. Doch ich fand schnell festeren Stand. Ich ent-deckte mitten im Tunnelboden eine erhöhte Rippe, die kaum im Wasser lag. An die mußte ich mich also halten.

Die beiden Männer waren nun ein gutes Stück vor mir. Dann verschwanden sie plötzlich. Der Tunnel schien dunkel und leer zu sein. Schließlich entdeckte ich wieder einen schwachen Lichtschimmer auf einer schwarzen Wasseroberfläche.

Ich tappte so vorsichtig weiter, wie es meine halberfrorenen Füße erlaubten. Links und rechts von mir rauschte das Wasser vorbei. Die Mittelrippe war zwar nicht oder kaum mit Wasser bedeckt, doch von oben und den Wänden tropfte und spritzte das Wasser so sehr, daß meine Uniform nur noch ein nasser Lappen war. Und ich fror entsetzlich.

Endlich erreichte ich den Fuß dieser Speiche. Das Wasser ergoß sich in ein riesiges, höhlenartiges Becken. Man hatte hier den Fels so weit ausgehöhlt, daß im Fall von Schwierigkeiten mit den Drainagepumpen die Stadt immer noch eine relativ große Sicherheit hatte. Diese Wasserkammer dehnte sich nach beiden Seiten hin ungefähr dreißig Meter aus, und wie tief sie war, konnte ich nicht ahnen. Das Dach war mit DruckEisenbeton verkleidet, doch die Wände waren reiner Basalt. Aus einem halben Dutzend »Speichen« ergoß sich das Wasser in dieses Riesenbecken, und der Fels unter meinen Füßen bebte von den Vibrationen der unsichtbaren Pumpen, die das Wasser hinauspreßten.

Im schwachen Licht konnte ich nur ein paar Einzelheiten erkennen, und dieses Licht kam von unterhalb des Abflußtunnels, dem ich gefolgt war. Ich trat ein wenig näher an den Rand der »Grube«. Hier schäumte das Wasser um meine Füße, obwohl ich mich auf der schmalen Rippe zwischen zwei Rinnen hielt. Viel hätte nicht gefehlt, und ich wäre mitgerissen worden. Um über den Rand schauen zu können, mußte ich auf Hände und Knie niedergehen.

Da fand ich die Quelle des blaßschimmernden Lichtes. Es war ein Edenit-Film, die Beschichtung eines langen Tiefsee-Schiffes, das unter dem Rand auf dem Wasser schwamm!

Das war der erstaunlichste Anblick meines Lebens.

Ich klammerte mich an den rauhen Felsen, wurde vom Wasser überspült und wußte es kaum. Ein Seewagen! Ein großer sogar, hier in diesem Becken, ohne Schleuse, ohne einen Weg hinein oder heraus. Das erschien mir unglaublich, doch hier sah ich es selbst.

Natürlich konnte ich die Tiefe des Beckens nicht abschätzen, doch die Oberfläche des dunklen Wassers lag ein paar Dutzend Fuß unter mir. Aus den Röhrentunnels kam das Drainagewasser wie Wasserfälle, und der Lärm übertönte jedes Geräusch. Wegen der großen Dunkelheit bestand kaum Gefahr, daß mich jemand sehen konnte.

Der lange, schimmernde Rumpf wurde gerade vom Wasser überspült. Ein gedrungener Kommandoturm ragte einen Meter etwa über das Wasser. Der alte Chinese kletterte eben in diesen Turm hinein. Eine andere Person stand außerhalb auf der kleinen Plattform davor, hielt sich an einem Geländer fest und schaute in das schwarze Wasser.

Er wartete. Ich wartete auch, nur ein paar Meter über ihm, bis der Kopf eines Tauchers durch das Wasser stieß. Hier ein Taucher! Das war ja phantastisch, schier unglaublicher als das Schiff selbst. Der Taucher trug einen schweren Thermoanzug, denn ohne ihn hätte er in diesem Wasser kaum eine Minute überlebt. Der Helm verbarg sein Gesicht. Er hob den Arm. In der plumpen Hand hielt er das Ende einer Leine.

»Fertig?« Die Stimme klang durch den Helm ziemlich gedämpft und verzerrt. Das Echo rumpelte in der dunklen Betonkuppel. »Einholen!« Er ließ sich wieder ins Wasser gleiten.

Der Mann auf dem Deck holte die Leine ein. Sie mußte schwer sein, denn er atmete heftig. Einmal legte er eine kleine Pause ein und wischte sich mit dem Ärmel die Stirn ab. Er sah mich nicht, doch ich konnte ihn erkennen. Einen Irrtum gab es nicht. Es war Bob Eskow.

Plötzlich wurde ich mir der beißenden Kälte bewußt. Die ganze Welt war für mich eisig kalt. Immer hatte ich gehofft, daß alles nur ein Irrtum, vielleicht ein grotesker Zufall wäre, aber nun konnte ich nicht mehr zweifeln.

Wie betäubt wartete ich, bis der Taucher wieder heraufkam und den Gegenstand, den Bob so mühsam auf das Deck des Seewagens hievte, anhob. Der Taucher ging sehr vorsichtig damit um und schützte ihn mit seinem Körper vor einem Anprall an der Schiffswand.

Ich lehnte mich so weit hinaus, wie ich es wagen konnte, um zu sehen, was es war. Wie konnte dieses Schiff überhaupt hier sein, im Abwasserbecken der Kuppel und tief unter ihr? Es gab von hier aus keinen Ausgang zur See, gar keine Möglichkeit dafür, denn der ganze Ozean würde, angetrieben von drei Meilen Salzwasser, mit einem ungeheuren Druck hereinströmen. Hier konnte es auch keine Schleuse geben. Ein Edenit-Schleusensystem war etwas überaus Kompliziertes. Es wäre einfacher und billiger, einen neuen Seewagen unten auf dem See selbst zu bauen, als hier ein ganzes Schleusensystem zu konstruieren.

Selbst wenn man all diese phantastischen Tatsachen und Überlegungen einmal wegschob, blieb immer noch eine Frage: Warum?

Was war der Zweck? Wem konnte es nützen, einen Edenit-beschichteten Seewagen hier hereinzuschmuggeln? Nun ja, dieses Wort deutete eine Erklärung an: Schmuggler. Aber das war doch lächerlich! Nein, hier gab es nichts so Wertvolles zu schmuggeln, das einen solchen Aufwand rechtfertigen würde.

Dann sah ich, was auf das Schiff gehievt wurde. Sie gingen überaus sorgsam damit um, und das Ding wirkte irgendwie bekannt. Es war eine polierte goldene Kugel von etwa fünfzehn Zentimetern Durchmesser. Für ihre Größe mußte sie unverhältnismäßig schwer sein. Ein Reifen aus Edelstahl lag um die Kugel, daran war ein Ring, und die Schleppleine war an diesem Ring befestigt.

Im Labor für thermonukleare Waffen an der Akademie hatte ich mit einem solchen Ding gearbeitet, darum kannte ich es.

Es war der Zünder einer H-Bombe.

Niemand brauchte mir zu sagen, daß die private Verwendung einer thermonuklearen Waffe eine sehr ernste Angelegenheit war.

Was wurde hier gespielt? Wurde dieses Schiff hier für eine Piratenreise ausgestattet, um Beute zu machen oder Zerstörungen vorzunehmen? Das war mein erster Gedanke, doch Bob Eskow paßte nicht in mein Piratenbild.

Fast vergaß ich, wie erbärmlich mich fror, denn ich mußte ja sehen, was jetzt geschah. Bob hob die kleine tödliche Kugel äußerst behutsam durch die Luke. Der alte Chinese unten mußte sie ihm dann wohl abgenommen haben, denn Bob warf das Leinenende zum Taucher zurück, der sofort wieder nach unten ging.

Davon schien es also noch mehr zu geben.

Nicht nur ein einziger H-Bombenzünder, es mußten einige sein. Vielleicht viele. Bald hoben sie noch eine Goldkugel heraus, dann eine dritte, und noch eine und noch eine. Es waren acht von diesen tödlichen Dingern.

Acht thermonukleare Zünder! Und jeder konnte eine Explosion auslösen, die diese ganze Kuppel einfach wegblasen würde. Das war keine Piraterie mehr, es war sehr viel ernster.

In halber Betäubung sah ich zu, während der Taucher, der seine gefährliche Arbeit vollendet hatte, sich aus dem Wasser stemmte und seinen umfangreichen Thermoanzug öffnete. Und als er den Helm abnahm, wäre ich um ein Haar in die Grube gestürzt, denn das Gesicht, das ich erblickte, war das freundliche, ehrliche Negergesicht der rechten Hand meines Onkels, das von Gideon Park!

Das genügte. Es war ein erschreckendes Finale für den schlimmsten Tag meines Lebens. Doch der Tag war noch lange nicht zu Ende. Das dicke Ende sollte erst noch nachkommen.

Während ich zusah, faltete Gideon schnell den Thermoanzug, wickelte die Leine auf und verstaute alles auf der kleinen Plattform. Er sagte etwas zu Bob, doch ich konnte es nicht verstehen. Dann kletterten beide durch die Luke hinein. Im Schiff begannen Motoren zu summen, der Lukendeckel schloß sich.

Dann wurde der Turm eingezogen, bis der Deckel mit der Deckebene abschloß. Der Edenit-Film schimmerte pulsend und wurde heller.

Dann begriff ich wenigstens etwas von diesem sonderbaren Rätsel. Schleusen? Gab es keine! Denn das Schiff brauchte keine. Es war auch nicht irgendein Tiefsee-Schiff, das einen offenen Weg in die Tiefe brauchte. Es war viel mächtiger, viel geheimnisvoller:

Ein MOLE!

Ein Tiefsee-Kreuzer also, der mit den ortholytischen Bohrern ausgerüstet war, die sich durch den soliden Fels fressen konnten. Jetzt, da der Turm eingezogen war, konnte ich die Spiralelemente des ortholytischen Bohrers erkennen.

Das konnte nur eines bedeuten: Jemand hatte eines der bestgehüteten Geheimnisse der Tiefsee-Flotte verraten ...

Das Schiff tauchte, das schwarze Wasser wusch darüber weg. Der Edenit-Film des Rumpfes wurde noch heller, als er auf den veränderten Druck reagierte. Es glitt nach unten, das Wasser verwischte die Umrisse des Schiffes, dann war es weg. Es war in den Fels getreten.

Das riesige Becken war nun völlig dunkel. Mühsam kam ich auf die Füße. Ich zitterte vor Schock und Kälte, stolperte zum Abfluß und machte den langen, mühseligen Weg zurück in das erstickende Dunkel. Der Fels zitterte unter meinen Füßen. Die Pumpen? Oder die Bohrer des MOLES?

Erschöpft, naß und halb erfroren taumelte ich weiter, wäh-rend unter meinen Füßen ein winziges Schiff mit zweien von meinen besten Freunden vielleicht zu einem verräterischen Auftrag unterwegs war.

12. Vorhersage: Ärger!

Ich kam erst nach 24 Uhr ins Quartier zurück, brauchte dringend ein heißes Bad und eine trockene Uniform, noch dringender aber einen Menschen, der mir versicherte, meine Augen seien Lügner, und nichts von dem, was ich gesehen hatte, sei wahr.

Aber ich meldete mich auf Station K. Lieutenant Tsuya war schon wieder im Dienst und befahl mir sofortigen Bericht.

Er saß an seinem großen Arbeitstisch und musterte finster seine seismische Spannungs-Karte. Er schwang sich auf seinem hohen Hocker herum und schaute mich an. Sein rundes Gesicht wirkte verkniffen und besorgt, bevor ich ihm noch erzählte, was ich erlebt hatte.

Er saß danach lange schweigend da und starrte seine Karte an, ohne etwas darauf zu sehen. »Ich wollte, die Computerabteilung würde sich beeilen«, sagte er schließlich.

»Sir?« Ich war verwirrt. Er schien geistesabwesend zu sein, obwohl ich ihm doch von den tödlichen Ereignissen im Abwasserbecken erzählt hatte!

Er schüttelte den Kopf und schien sich erst allmählich wieder meiner zu erinnern. »Oh, ja. Eden. Sie erzählten mir von ... äh .«

»Sir, vielleicht habe ich mich nicht klar genug ausgedrückt«, fiel ich ihm ins Wort. »Sie haben ein MOLE! Und es ist mit Wasserstoffbombenzündern beladen!«

»Hm. Ich verstehe.« Er nickte ernst, doch ich fand sein Verhalten recht merkwürdig. Entweder er glaubte mir nicht, oder ... Was konnte es sonst sein?

»Eden«, sagte er so gereizt, wie ich es bei ihm noch nie erlebt hatte, »Sie kommen da herein mit einer so phantastischen Geschichte, wie ich sie noch nicht gehört habe, und Sie erwarten auch noch, daß ich sie Ihnen glaube. Lächerlich, Mann! Es gibt keine sechs MOLEs auf der ganzen Welt, und ich garantiere Ihnen, höchstens ein Seismologe von der höchsten Rangstufe kann seine Hand darauf legen. Niemand sonst! Hätten Sie mir gesagt, Vater Tide stecke in der Sache - das hätte ich eher für möglich gehalten. Aber auch da bestünde nur eine winzige Chance, Eden. Aber Bob Eskow? Unsinn!«

Er schüttelte den Kopf, dann sprach er in einem ganz anderen Ton weiter. »Eden, ich möchte, daß Sie genau nachdenken, ehe Sie meine nächste Frage beantworten. Haben Sie irgendeinen Beweis für das, was Sie mir da erzählt haben?«

Damit hatte er mich. Ich war darauf nicht vorbereitet. Hätte er die Sicherheitsabteilung angerufen, oder angeordnet, Bob Eskow sei noch in dieser Nacht zu erschießen, oder wenn er nur hinausgerast wäre, um zusammen mit mir diese Grube zu inspizieren - alles hätte ich für vernünftiger gehalten als diese Frage.

Er schien also an dem zu zweifeln, was ich ihm erzählt hatte, und mehr noch: es war ihm auch offensichtlich egal.

»Sir, sicher gibt es da einen Beweis. Schauen Sie ...« Ich zeigte ihm meine verdorbene Uniform. Aus meinen Schuhen lief noch immer eisiges Seewasser. Er schaute und schüttelte den Kopf.

»Sie sind naß, Kadett Eden«, sagte er und kniff die Augen zusammen. »Einen besseren Beweis haben Sie wohl nicht?«

»Nein, Sir«, antwortete ich hoffnungslos. »Nur ... ich glaube nicht, daß Bob Eskow von seinem Ausgang zurückkommt, ehe diese Maschine unter dem Seeboden wieder da ist.«

»Und auch das wäre kein schlagender Beweis. Er kann doch irgendwo sein. Irgendwo sonst. Das wäre viel logischer ...« Er holte tief Atem. »Eden, ich muß Ihnen schon sagen, daß ich das, was Sie mir eben berichtet haben, nicht glauben kann. Es tut mir leid. Ich weiß nicht, ist etwas Wahrheit dahinter -vielleicht falsch verstanden -, oder haben Sie das alles nur zusammengekocht, um Ihren Onkel zu schützen.«

Diese Anschuldigung verschlug mir den Atem. »Sir ...«

»Wenn ich mich irre, werde ich mich zu gegebener Zeit bei Ihnen entschuldigen, aber jetzt ... Moment mal!«

An seinem Tisch blinkte ein rotes Licht, und ein Alarm schrillte. Lieutenant Tsuya vergaß mich vollständig und tauchte nach dem Ausgabeschlitz, weil der Alarm eine eben ankommende Nachricht signalisiert hatte. Ich sah die Kapsel, die Lieutenant Tsuya schnell packte und öffnete. Ich las den Absender darauf: Computer-Abteilung.

Da begann ich allmählich Lieutenant Tsuyas Verhalten zu verstehen. Er schickte mich mit einem Auftrag weg, und als ich mit wichtigen Informationen zurückkam, zweifelte er an der Wahrheit meiner Worte und schien den Verstand verloren zu haben. Doch er hatte ihn nicht verloren.

Die Sache war ganz anders. Etwas ungeheuer Wichtiges war geschehen, und darüber mußte er die fehlende Geosonde und Bob Eskow zurückstellen und meine phantastische Geschichte vom MOLE im Drainagebecken, sogar meinen Bericht über die Nuklearzünder.

Computer-Abteilung. Das sagte eine ganze Menge!

Die Wissenschaft der Bebenvorhersage umfaßt eine Unzahl von Faktoren, und jeder muß auf seine Bedeutung hin untersucht werden, ehe man ihn in die Rechnung mit einbeziehen kann - sonst können die Computer mit den Daten nicht viel anfangen. In unglaublich kurzer Zeit kann ein Computer mathematische Wunder vollbringen, ganz gewiß. Aber ein Computer kann nicht selbständig denken, und vor allem weiß er nichts, was ihm nicht vorher eingegeben worden ist. Das sogenannte Know-how geht ihm ab. Er kann jedes Problem lösen, das sich der Mensch ausdenken kann, doch der Mensch muß es eben erst ausdenken. Die Ausarbeitung eines seismischen Programms mit einer Problemlösung erfordert eine Unmenge Vorarbeit. Die Lösung ist im Vergleich dazu kinderleicht. Aus diesem Grund setzt man Computer hier nicht ein -oder nur in einem Ausnahmefall.

Dieser Ausnahmefall tritt dann ein, wenn der Vorhersagende seinen eigenen Ergebnissen nicht glaubt. Er gibt dann alles dem Computer ein und hofft, einen mathematischen Fehler zu finden.

Ich sah dem Lieutenant an, daß er keinen Fehler in seiner Rechnung gefunden hatte. Er warf die Karte mit den Computerangaben auf den Tisch, ließ sich auf den hohen Hocker fallen und starrte ins Leere.

»Etwas nicht in Ordnung, Sir?« fragte ich.

»Nicht in Ordnung?« Er schien Mühe zu haben, sich von seinem Problem loszureißen. Er lächelte schief. »Hm. Ja, das könnte man sagen. Es gibt Hinweise darauf, daß sich die Spannungen sehr tief unten schnell intensivieren.«

»Aber die heutigen Beobachtungen ...«:, begann ich.

»Die Beobachtungen von heute abend zeigen den Aufbau gewaltiger Spannungen. Etwas braut sich da unten zusammen.«

Zum erstenmal, seit ich diesen Raum betreten hatte, warf ich einen Blick auf die Karten. Wenn seine Analyse richtig war, dann braute sich da wirklich einiges zusammen. Zwischen 9 und 21 Uhr war der Lageunterschied ungeheuer.

»Ich werde jetzt eine Prüfung mit der Geosonde anordnen«, sagte Lieutenant Tsuya sorgenvoll. »Wenn wir sie bis zu zweihundert Kilometer hinunterbringen könnten, hätten wir eine gesunde Basis für eine Bebenvorhersage. Aber ...«

Er brauchte den Satz nicht zu beenden. Ich kannte unsere Chance, eine Sonde in diese Tiefen zu bringen: sie war viel zu klein. Das heißt, der Druck war zu hoch. Neun von zehn Sonden wurden durch Implosionen vernichtet, meistens schon in viel geringeren Tiefen.

»Mit unseren besten Tiefendaten aus Reflexion und Refraktion bei zwanzig Kilometern ...«, dröhnte er weiter, dann brach er ab. Er drehte sich zu mir um.

»Verstehen Sie, Eden, daß ich genug im Kopf haben muß und also keinen Märchen über Piraten-MOLEs lauschen kann, solange es keine Beweise für deren Wahrheitsgehalt gibt.«

»Sir«, erwiderte ich eifrig, »wenn es eine Sache der Beweise ist, dann muß etwas unten in der Grube zu finden sein. Wenn wir sie entleeren und den Fels untersuchen könnten .«

»Heute entleeren wir ganz bestimmt keine Grube«, unterbrach er mich scharf. »Und jetzt muß ich die Crew für die Sonarsonde zusammenstellen. Eden, abgetreten. Sehen Sie zu, daß Sie etwas Schlaf finden.«

Seine müden, besorgten Augen hingen schon wieder an den Karten, als ich den Raum verließ.

In jener Nacht fand ich aber sehr wenig Schlaf.

Ich stellte mich so lange unter die heiße Dusche, bis meine kältetauben Füße schmerzten und wieder lebendig wurden. Dann ging ich zu Bett und lag lange da und kämpfte verzweifelt mit Alpträumen.

Natürlich konnte ich es Lieutenant Tsuya nicht verdenken, wenn er glaubte, ich hätte die Geschichte nur erfunden, um meinen Onkel irgendwie zu schützen. Für mich war es wirklich schon hart genug, selbst das zu glauben, was ich gesehen hatte. Wie waren Bob Eskow, der alte Chinese und meines Onkels guter Freund Gideon Park überhaupt an eine MOLE geraten? Und wie sie an diese thermonuklearen Zünder gekommen waren, ließ sich überhaupt nicht begreifen. Wofür brauchten sie das alles? Ich konnte es mir nicht vorstellen. Außer ... außer

Plötzlich saß ich kerzengerade im Bett.

Außer sie hatten irgend etwas zu tun mit den seismischen Störungen, die Lieutenant Tsuya so viel Kummer machten!

Was hatte Vater Tide gesagt? Jemand erzeuge künstliche Beben! Er schaffe sie, um den Aktienmarkt zu beeinflussen.

Die Reaktion war da. Aber das paßte doch alles gar nicht. Das ganze Muster war falsch. Es mußte Zufall sein.

Denn hier waren zwei verschiedene Dinge am Werk. Lieutenant Tsuyas Karten und Instrumente schienen einen Aufbau von Spannungen anzugeben, das Recken und Drehen von ungeheuren Felsmassen, die sich bereitmachten, nachzugeben und sich zu spalten - das gäbe ein Beben - doch nichts dergleichen geschah.

Selbst wenn es stimmte, daß Atomwaffen ein Beben auslösen konnten, war es schlechterdings unmöglich, daß sie jenes Muster erzeugten, das Lieutenant Tsuya so besorgt machte. Nein, das war ausgeschlossen. Eher konnten sie solche Spannungen abbauen als sie erzeugen. Ich würde sagen: das Muster konnte nicht stimmen.

Ich schob diese Gedanken von mir weg und schlief auch schließlich ein.

Ich träumte, daß ich einen Spalt in der Stadtkuppel entdeckt hatte. Ich beobachtete ihn, sah die Tropfen eisigen Wassers, die erst durchsickerten, dann zu einem Rinnsal, einem Bach und einem reißenden Strom wurden, schließlich eine Druckfontäne von etwa hundert Metern Breite. Ich versuchte meinen Onkel zu finden, damit er die Edenit-Schicht reparierte, aber der erste eisige Schwall hatte mich eingeschlossen und gelähmt. Ich war hilflos. Ich konnte nichts tun, und das Wasser stand mir schon bis zum Kinn .

Jemand packte mich und weckte mich ziemlich unsanft auf. Es war Harley Danthorpe. »Du hast ja ganz verzweifelt getan, Jim«, sagte er. »Hast du abends Muscheln gegessen? Oder einen Tintenfisch?« Er lachte dazu, denn dies war ein uralter Witz der Tiefsee-Leute. Dabei weiß jeder, daß ein Tintenfisch bestimmt keine Alpträume erzeugt, auch keine Muschel. »In dreißig Minuten sind wir zur Station K befohlen.«

Benommen tastete ich nach meiner Uhr.

»Fünf Uhr ist’s«, sagte Harley.

Da war ich schnell wach. Man wollte uns also drei Stunden früher im Dienst haben. Und das wiederum hatte zu bedeuten, daß sich etwas zusammenbraute.

Als wir zur Station kamen, war Lieutenant McKerrow im Dienst. Er tat düster und gereizt. Lieutenant Tsuya hatte immer den Dienst mit einem kurzen Gespräch über die Kräfte begonnen, die sich auf das Gestein unter unserer Dienststelle auswirkten. Die Mühe machte sich Lieutenant McKerrow nicht. Die übermüdete Crew an der Geosonde machte neue Versuche, und wir sollten dabei helfen.

Bob Eskow war nicht auf der Station, auch im Quartier war er nicht gewesen. Insoweit stimmte das also, was ich Lieutenant Tsuya berichtet hatte. Sehr interessiert war er aber daran anscheinend nicht. Er befand sich jetzt in seinem kleinen Kartenraum, der zur Station gehörte, und schlief dort auf dem schmalen Feldbett, während wir den neuen Test mit der Sonarsonde beendeten.

Es war kein besonders erfolgreicher Test. Der Endpunkt, wo die Implosion der Sonde erfolgte, lag bei siebzigtausend Fuß unter der Station K, also bei ungefähr zwanzig Kilometern.

Doch schon diese Ergebnisse waren, als wir sie umrechneten, beunruhigend genug. Sie zeigten einen scharfen Anstieg der negativen Schwerkraftanomalien. Angenommen, die Sensorelemente der Sonde hätten sehr genau aufgezeichnet, so konnte das bedeuten, daß plötzlich ein Fluß heißeren und daher weniger dichten Gesteins in eine Zone unter der Station eindrang.

Heißer und weniger dichter Stein. Zum Beispiel flüssiges Magma.

McKerrow sah müde und überanstrengt aus, als er die Karten studierte. Er nickte und hatte die Augen halb geschlossen. »Ungefähr so wie es Tsuya erwartet hat«, murmelte er. »Ansteigend. Eden, Danthorpe, Sie beide machen sich sofort an die Analyse. Jeder für sich. Ich möchte sehen, ob Sie beide getrennt voneinander zu gleichen Ergebnissen kommen. Wenn Sie begriffen haben, was es heißt, Beben vorherzusagen, dann können Sie das jetzt beweisen.«

So machten wir uns also an die Arbeit, Harley und ich, jeder an seinem Tisch.

Ich skizzierte die Druckisobaren, die Isogeothermen der Temperatur, die Milligale der Schwerkraftanomalien, die Kraftvektoren; die Veränderungen bei den früheren Analysen gab ich dem Computer ein und projizierte sie in die Zukunft. Dabei bediente ich mich zur Errechnung der Spannungen der geodynamischen Gleichungen, die von Vater Tide entwickelt worden waren. So lokalisierte ich die wahrscheinlichen Fehlerebenen. Ich maß die Gezeitendrücke und schätzte die anderen Auslösefaktoren ab. Schließlich baute ich meine Zahlen in die Gleichungen der möglichen Zeit und Kraft ein.

Das Ergebnis, das ich bekam, gefiel mir ganz und gar nicht.

Ich besah mir noch einmal meine Zahlen, dann schaute ich zu Harley Danthorpe hinüber. Offensichtlich hatten ihn seine Berechnungen zu ähnlich beunruhigenden Resultaten geführt. Er sah sehr blaß aus und blinzelte mehr als sonst. Er radierte heftig und malte seine Ziffern neu.

Die Bebenvorhersage ist, genaugenommen, keine Wissenschaft, wie es auch die Wettervorhersage nicht ist.

Man versteht die Ursachen und Wirkungen der großen daran beteiligten Prozesse sehr gut, aber ein Mensch ist nun einmal nicht darauf eingerichtet, restlos alle Daten zu sehen, um alle Tatsachen berücksichtigen zu können.

Ich glaube, wenn man eine absolut genaue Bebenvorhersage machen will, müßte man eingehende Informationen vielleicht über jedes Molekül der Erdkruste haben; man müßte die Temperaturen und die Schmelzpunkte kennen, die chemischen Zusammensetzungen und Unreinheiten, die Drücke, die Trenn-und Fliehkräfte, die magnetischen und elektrostatischen Einflüsse, die Radioaktivität - alles und noch viel mehr. Weiß man dies alles, dann müßte man doch noch ein gutes Stück mehr erfahren, denn man müßte auch noch wissen, wie sich in welcher Stärke und in welchem Zeitraum die einzelnen Daten, Zusammensetzungen und Kräfte verändern, ob sie nach oben oder unten gehen, wie schnell, gleichmäßig ansteigend oder abfallend, oder ungleichmäßig und in welchem Ausmaß ...

Man kam sich da ungefähr so vor wie in einem riesigen Theater mit einer Million Zuschauern, und jemand schrie »Feuer!« Es gibt keine Möglichkeit, genau vorherzusagen, was die Menge in einem solchen Fall tut. Man müßte vorher wissen, wie jede einzelne Person reagieren wird, denn ein einziges kopfloses Individuum kann alle Vorsichtsmaßnahmen über den Haufen werfen. In einem solchen Fall läßt sich also nichts vorhersagen, und so ist es im Grund auch bei den Beben. Selbst wenn man alle Daten hätte, könnte man höchstens von Möglichkeiten oder Wahrscheinlichkeiten sprechen.

Man muß also immer von dem ausgehen, was man hat. Die Daten sammelt man. Da man nicht jedes Felsstückchen messen kann, nimmt man hier und dort ein Muster, um - hoffentlich -ein durchschnittliches Bild zu bekommen. Selbst Instrumente sind Fehlern unterworfen, da sie unter ungeheuren Drücken arbeiten, auch unter zum Teil sehr hohen Temperaturen oder großen Temperaturschwankungen. Diese Instrumentendaten liest man also ab, bringt sie zueinander in Relation und legt sie aus. Diese Auslegung ist ungeheuer wichtig, fast noch wichtiger als die Daten selbst.

Und dann ist es ja schwierig, wenn nicht überhaupt unmöglich, mit den Sonden zum Bebenherd hinabzukommen; das heißt natürlich, zum vermutlichen oder voraussichtlichen Bebenherd. Viele Beben kommen aus einer Tiefe von hundert Meilen und mehr unter der Oberfläche. Zwanzig Meilen, die wir bestenfalls messen können, sind lächerlich wenig, der Rest ist Theorie, ein bißchen Erfahrung, indirekter Beweis - und Vermutung.

Ausgehend von diesem Wissen, rechnete ich meine ganze Arbeit noch einmal nach, fütterte noch einmal den Computer mit den Gleichungen. Ich prüfte alles nach, was nur irgendwie möglich war, ich warf die Ziffern der Schwerkraftanomalien aus, die mir unwahrscheinlich hoch erschienen und setzte sie wieder ein, als die letzten drei Versuche mit der Geosonde die gleiche rasche Zunahme negativer Anomalien ergaben. Meine neu gewonnenen Ziffern kamen in die Gleichungen der möglichen Zeit und der möglichen Kraft - und ich kam zu denselben Ergebnissen.

Natürlich ließ sich nie eine eindeutige Antwort errechnen, etwa der Art: es gibt kein Beben, aus dem ganz einfachen Grund, weil es jederzeit und überall ein Beben geben kann. Davon gingen auch die Gleichungen aus.

Die beste erreichbare Möglichkeit war die, daß kein meßbares Beben sich in vorhersehbarer Zeit ereignen werde. Unter solchen Bedingungen ist die Ziffer für die mögliche Kraft: Null, und die für die mögliche Zeit heißt: Unendlich.

Aber diese Antworten bekam ich nicht.

Harley Danthorpe blinzelte mich besorgt an. »Jim? Bist du schon fertig?« fragte er mit heiserer Stimme.

Ich nickte.

»Was kriegst du heraus?«

Ich holte tief Atem und sagte es ihm. »Mögliche Stärke: Zehn, plus oder minus zwei als Toleranz. Mögliche Zeit: Sechsunddreißig Stunden, plus oder minus vierundzwanzig.«

Er legte seinen Radiergummi weg und sah mich fast erleichtert an.

»Ich dachte, ich hätte meinen ganzen Ballast verloren«, flüsterte er. »Aber es stimmt. Ich kam zum gleichen Ergebnis. Ganz genau.«

Einen Augenblick lang saßen wir nur so da. Es war eine unheimliche Stille, die uns umgab. Die Wände schwitzten Wasser; Wasser tröpfelte und gluckerte überall um uns herum. Über unseren Köpfen waren zwei Meilen Fels und drei weitere Meilen See.

»Das heißt also, es könnte in zwölf Stunden schon passieren«, sagte Harley. Seine Stimme klang atemlos, ein wenig heiser. »Und das Beben könnte Stärke Zwölf haben.« Er drehte sich zur Uhr um. »Und nichts«, sagte er nun noch leiser, kaum hörbar, »und gar nichts kann ein Beben der Stärke Zwölf überstehen.«

13. Eine Milliarden-Dollar-Panik

Wir brachten unsere Vorhersagen zu Lieutenant McKerrow.

»Aufwachen, Lieutenant Tsuya!« rief er scharf und machte sich dann sofort an die Überprüfung unserer Ziffern. Gleich darauf kam Lieutenant Tsuya noch ziemlich schlaftrunken herein, und die beiden rechneten unsere Ergebnisse unendlich lange nach. Dann seufzte Tsuya und legte unsere Vorhersagen weg. Er beobachtete Lieutenant McKerrow und wartete.

»Das haben wir uns so vorgestellt, Tsuya«, sagte McKerrow endlich. Er drehte sich zu uns um. »Gratuliere«, brummte er. »Wir haben die gleichen Beobachtungen gemacht, und Ihre Schlüsse bestätigen die von Lieutenant Tsuya und meine. Spätestens innerhalb der nächsten sechzig Stunden haben wir vermutlich ein großes Beben zu erwarten.«

Ein paar Sekunden lang sagte niemand etwas. Die Stille wurde nur von ein paar Wassertropfen unterbrochen und gleichzeitig betont. Die Mikroseismographen zitterten bei jedem fallenden Tropfen.

Dann atmete Harley Danthorpe tief durch. »Ein großes Beben!« rief er. »Und was können wir dagegen tun?«

Lieutenant McKerrow zuckte die Schultern. »Geschehen lassen, denke ich. Oder haben Sie andere Vorschläge?« Sein mageres Gesicht verhärtete sich. »Eines werden wir jedenfalls nicht tun. Darüber reden. Unsere Arbeit ist streng geheim. Sie werden also keine privaten Bebenvorhersagen abgeben. Keinem Menschen gegenüber.«

»Aber Lieutenant«, wandte ich ein, »wenn die Stadt in Gefahr ist, hat sie doch ein Recht, es zu erfahren!«

»Die Stadt war immer gefährdet und wird es auch immer sein«, erwiderte Lieutenant McKerrow eisig.

»Aber doch nicht so! Nehmen wir an, es wird ein Beben der Stärke Zwölf - können Sie sich ausrechnen, was das an Leben kostet? Man müßte doch wenigstens den Versuch einer Evakuierung ...«

»Das«, erklärte McKerrow grimmig, »ist nicht unsere Aufgabe. Lieutenant Tsuya kümmert sich schon darum.« Besorgt musterte er unsere Karten. »Die Regierung der Stadt hat mit der Flotte zusammengearbeitet, um diese Station hier aufbauen zu können. Eine Bedingung war, daß wir ohne Genehmigung der Stadt keine Bebenvoraussagen abgeben. Lieutenant Tsuya hat vergangene Nacht den Bürgermeister angerufen und ihn alarmiert. Jetzt will der den Stadtrat zu einer Notsitzung zusammenrufen lassen, um die Genehmigung zu erhalten, die Vorhersage hinauszugeben.«

»Aber wir können nicht einfach auf der Vorhersage sitzen bleiben!«

»Etwas anderes können wir im Moment nicht tun«, erwiderte McKerrow.

In den nächsten zwei Stunden prüften wir jede einzelne Ziffer noch einmal nach. Immer kamen wir zum gleichen Ergebnis.

Dann kam Lieutenant Tsuya zurück. Er hatte sich rasiert und eine frische Uniform angezogen, aber sein rundes Gesicht sah verkniffen aus. Wortlos las er alle Instrumente ab, besonders gründlich die mikroseismographischen Aufzeichnungen, und kam langsam zum Tisch zurück.

Lieutenant McKerrow skizzierte gerade wieder einen Abschnitt des vermutlichen Bebenzentrums. Er schaute auf. »Hat sich etwas verändert?«

»Nein, nichts. Und wie war’s bei den Stadtvätern?«

»Die stecken zu tief in ihren Geschäften und haben dafür keine Zeit«, erwiderte Tsuya voll Bitterkeit. »Die meisten sind ja Geschäftsleute. Ich fürchte, sie meinen, eine Panik könnten sie nicht riskieren. Die ist aber jetzt schon groß genug.«

»Wieso Panik?« McKerrow funkelte Danthorpe und mich wütend an. »Hat einer von euch geredet?«

»Nein, das glaube ich nicht«, sagte Tsuya nachdenklich. »Nein. Wahrscheinlich ist die Panik nur ein verzögertes Ergebnis des ersten Bebens. Gestern früh gab es nämlich eine ganze Verkaufswelle. Und heute - nun, die Börse öffnete erst, als ich zum Büro des Bürgermeisters kam. Das reinste Irrenhaus. Ich konnte nicht einmal Mr. Danthorpe ans Telefon bekommen.« Er musterte Harley, schüttelte dann aber den Kopf. »Nein, wir müssen diese Sache so erledigen, wie es sich gehört. Durch die normalen Kanäle. Und der Bürgermeister sagt, den Rat können wir erst nach Börsenschluß zusammenrufen. Das ist ... knapp drei Stunden noch .«

»Sir, können wir etwas tun?« fragte ich.

Tsuya musterte mich für einen Moment, fast fragend, meinte ich. Ich wußte, er hatte sehr vieles im Kopf, nicht nur die Gefahr des zu erwartenden Bebens, wie groß sie auch sein mochte. Ich verstand auch seine Lage. Er führte eine Versuchsstation, die sich erst bewähren mußte, und hatte zu seiner Verfügung noch einen Offizier und drei Kadetten; und jeder davon war wohl für ihn, als Leiter der Station, ein Problem. Bob Eskow, der sich zweifellos recht seltsam benahm; ich war vielleicht im Moment das größte Fragezeichen, weil ich keinen Beweis für das vorlegen konnte, was ich beobachtet hatte, und er mußte ja mit der Möglichkeit rechnen, daß ich irgendwie mit meinem Onkel unter einer Decke steckte, wenn er dunkle Pläne ausbrütete. Und dann war da noch Harley Danthorpe, der Sohn eines Mannes, von dessen gutem Willen die Existenz der Station weitgehend abhing.

Er war in keiner beneidenswerten Lage!

»Angenommen, Eden«, sagte Lieutenant Tsuya erstaunlich ruhig und vernünftig, »wir nehmen die Sache in unsere Hände und geben eine Vorhersage heraus, ohne uns vorher der Mitarbeit des Rates von Krakatau und der Polizei zu versichern. Können Sie sich vorstellen, was dann passiert? Es käme zu einer unvorstellbaren Panik. Eden, damit könnten wir nicht ein einziges Leben retten.

Andererseits ...« - seine ruhige Stimme wurde nun härter -»wenn Sie sich um Ihre eigene Haut sorgen, dann können Sie gleich damit aufhören. Die Flotte hat ihren eigenen Evakuierungsplan. Und vor allem genug Schiffe dafür. Ich habe dem Stützpunktkommandanten die Vorhersage mitgeteilt. Diese Station hier wird natürlich bis zum allerletzten Moment in Betrieb bleiben. Aber wenn Sie Ihre Versetzung beantragen wollen, können Sie evakuiert werden ...«

»Sir!« unterbrach ich ihn scharf. »Nein, Sir!«

Er lächelte. »Dann bitte ich um Verzeihung, Eden. Bringen Sie eine neue Geosonde aus. Wir machen noch einen Test.«

Die Sonde implodierte bei siebzigtausend Fuß.

Über die Aussage gab es keinen Zweifel: die negative Schwerkraft-Anomalie nahm unter der Stadt ständig zu. Nichts hatte sich verändert.

Als ich alle Instrumentenablesungen übertragen und die Gleichungen von Stärke und Zeit durch den Computer gejagt hatte, bekam ich als Ergebnis Stärke Elf - plus/minus eins -und dreißig Stunden Zeit, plus/minus zwölf.

Lieutenant Tsuya verglich meine Ziffern mit den seinen und nickte.

»Wir stimmen wieder überein, Kadett Eden«, erklärte er förmlich. »Die einzige Veränderung ist die, daß das Beben vielleicht eine Kleinigkeit schwerer, die Zeit ein wenig kürzer sein wird.« Seine Stimme klang noch immer ruhig, doch um seinen Mund zeigten sich weiße Linien. »Ich werde den Bürgermeister noch einmal anrufen.«

Harley Danthorpe kam in die Station, als der Lieutenant in sein Privatbüro zum Telefonieren verschwand. Harley brachte große weiße Kaffeetassen von der Messehalle mit. Er reichte mir eine. »Hier. Und magst du ein Sandwich?« Ich schaute den Teller an, den er mir vor die Nase hielt und schüttelte den Kopf. Bei diesen Ziffern konnte einem schon der Appetit vergehen. »Mir geht’s ähnlich«, meinte Harley düster. »Was macht der Lieutenant?«

»Er ruft den Bürgermeister an.«

»Wenn er mich mit meinem Vater reden ließe!« rief Harley gereizt. »Wenn ich ihm den heißen Draht verschaffen könnte, hätte er in fünf Minuten seine Ratssitzung!«

Dann schaute er auf. Tsuyas Bürotür war offen, und der Lieutenant kam heraus. »Das wird nicht nötig sein, Kadett Danthorpe. Die Ratssitzung läuft bereits.«

»Hurra!« schrie Harley. »Jetzt passiert endlich was! Wenn mein Vater . Verzeihung, Lieutenant«, sagte er verlegen.

Der Lieutenant nickte. »MacKerrow!« rief er, »ich gehe nach oben und lege dem Rat die Vorhersage vor. Du übernimmst inzwischen die Station.« McKerrow nickte. »Wird eine rauhe Sache werden«, fuhr Tsuya nachdenklich fort. »Einige Ratsmitglieder wollen von diesen Vorhersagen absolut nichts wissen. Jetzt sieht die Sache natürlich sehr viel ernster aus.«

»Sir, kann ich mitkommen?« bat Harley eifrig. »Ich meine, wenn ich hier bin, wird mein Vater wissen, daß mit den Vorhersagen alles in Ordnung ist .« Wieder schwieg er verwirrt.

»Danke, Kadett Danthorpe«, erwiderte Tsuya trocken. »Ich hatte schon geplant, Sie und Kadett Eden mitzunehmen. Ihre Pflicht besteht allerdings nur darin, mir die Karten vorführen zu helfen. Reden werde ich. Vergessen Sie das nicht.«

Die Ratshalle von Krakatau Dome lag hoch im nordwestlichen oberen Oktanten, zwischen dem Finanzbezirk und dem Plattform-Terminaldeck.

Bürgermeister und Ratsmitglieder warteten in einem großen Raum mit Wandmalereien, die Tiefsee-Szenen darstellten -eine Kelpfarm, eine Uranmine, Tiefsee-Frachter beim Ein- und Ausladen und dergleichen. Es waren sehr schöne, sehr beruhigende Wandmalereien. Die Ratsversammlung war dagegen weder das eine, noch das andere.

Vor allem war es eine sehr laute Angelegenheit, und jeder äußerte seine Meinung streitsüchtig, ausfallend und unbeherrscht. Der Bürgermeister mußte mindestens ein Dutzendmal um Ruhe bitten, bevor der Lärm aufhörte, und als er Lieutenant Tsuya bat, die Lage zu erklären, herrschte immer noch mehr Rechthaberei als Aufmerksamkeit.

Aber der Lieutenant fand schon nach den ersten paar Worten ihre Aufmerksamkeit, denn er erläuterte ihnen recht trocken und ohne jede Beschönigung, daß man mit einem Seebeben der Stärke Elf zu rechnen habe. »Vielleicht sogar Stärke Zwölf«, schloß der Lieutenant grimmig.

Barnacle Ben Danthorpe meldete sich. »Möglicherweise Zwölf, nur möglicherweise? Und möglicherweise Stärke Elf, richtig?«

»Das sagte ich ja schon, Mr. Danthorpe.«

»Vielleicht aber auch Stärke Zehn?«

»Auch das ist möglich.«

»Oder Neun, eh? Vielleicht nur Acht oder Sieben?«

»Das, Mr. Danthorpe, sind äußerst geringe Chancen.«

»Gering? Na, vielleicht. Aber nicht ausgeschlossen, eh?«

»Nicht ausgeschlossen«, gab Lieutenant Tsuya zu. »Das sind alles relative Möglichkeiten.«

»Und wegen dieser relativen Möglichkeiten«, meinte Ben Danthorpe lachend, »wollen Sie, daß wir die Stadt evakuieren. Haben Sie eine Ahnung, Lieutenant, was das kostet?«

»Geld sollte hier nicht die einzige Überlegung sein, Mister!« fuhr Lieutenant Tsuya auf.

»Aber man muß daran denken. Selbstverständlich. Wir müssen es ja auch verdienen, Lieutenant. Verstehen Sie, wir leben ja nicht auf Kosten der Steuerzahler.«

Da rauchte Lieutenant Tsuya aus allen Poren. Ich sah die gefährlichen Linien in seinem Kürbisgesicht. Doch Danthorpe kannte sie nicht und fuhr leichthin fort: »Ich leugne ja nicht, daß ihr Wissenschaftler uns recht nützliche Informationen geben könnt. Mein eigener Sohn arbeitet ja bei Ihnen, nicht wahr? Und er ist ein kluger Junge, ein sehr kluger.« Harley Danthorpe wurde vor Stolz eine Handbreite größer. »Aber er ist ja noch ein Junge!« bellte sein Vater plötzlich, »und von Jungen können wir uns nicht vorschreiben lassen, wie wir Krakatau Dome zu verwalten haben. Sie sagen uns, wir sitzen auf einer Erdbebenfalte. Na, schön. Das wissen wir längst. Und was schlagen Sie vor, dagegen zu unternehmen?«

»Wir haben innerhalb von achtundvierzig Stunden ein katastrophales Beben zu erwarten«, erklärte Lieutenant Tsuya nachdrücklich. »Sogar möglicherweise schon in zwölf Stunden. Die Stadt muß evakuiert werden!«

»Nichts muß sie!« fuhr Danthorpe auf. »Sie machen Ihre Vorhersage, und wir entscheiden, was geschieht. Nehmen Sie das als Richtschnur: die Stadt kann nicht evakuiert werden!«

Einen Augenblick lang herrschte Schweigen. Dann holte Lieutenant Tsuya tief Atem, zog eine Karte aus seinen Unterlagen und studierte sie. »Ich habe mit den Stadtingenieuren gesprochen. Hier ist ihr Bericht.

Die Stadt wurde so angelegt, daß sie ein Beben der Stärke Neun mit einiger Sicherheit überstehen könnte. Sie glauben, daß die Edenit-Sicherheitsbeschichtung dafür garantieren könnte, daß die meisten Einwohner überleben; das heißt natürlich nur dann, wenn das Beben nicht übermäßig lange dauert. Aber unter Stärke Zehn wird die Kuppel einstürzen.

Und unsere Vorhersage geht, wie Sie wissen, nach einem Beben der Stärke Elf, eher noch Zwölf.«

Ben Danthorpe hörte schweigend zu, dann nickte er. »Lieutenant, genau die gleichen Zahlen habe ich vor mir liegen. Trotzdem wiederhole ich meine Antwort: Die Kuppel kann nicht evakuiert werden. Euer Ehren«, wandte er sich an den Bürgermeister, »sagen Sie ihm bitte, weshalb nicht.«

Der Bürgermeister erschrak sichtlich. Er war ein dicker, rosiger, schwitzender Mann, der offensichtlich seine Befehle gern von Ben Danthorpe entgegennahm. Daß er bei einer solchen Diskussion den Mund auftun sollte, schien ihn zu überraschen. Und nun hatte er dies zu sagen:

»Mein Büropersonal hat schon vor Jahren die Evakuierungspläne ausgearbeitet, und sie sind praktisch immer greifbar. Heute früh habe ich die Leute nun beauftragt, alles auf den neuesten Stand zu bringen. Es ist wirklich ein Problem, Lieutenant! Und ich fürchte, wir haben dafür keine Lösung. Unsere Einwohnerschaft beträgt Dreiviertel Millionen. Die verfügbare Tiefsee-Tonnage könnte nicht mehr als fünfzigtausend wegbringen. Wir können einen Luftpendler einsetzen, der in zwei Tagen weitere hunderttausend Menschen wegbringen kann, falls wir zwei Tage Zeit haben.

Für weitere fünfzigtausend Einwohner können wir einen Notraum auf der Plattform schaffen, vielleicht sogar für hunderttausend, wenn wir sie auf die Flugdecks stellen. Aber dann haben wir immer noch eine halbe Million hier. Lieutenant, fünfhunderttausend Männer, Frauen und Kinder warten dann hier unten, um dem alten Neptun die Hand zu schütteln ...«

»Warum haben Sie nicht längst bessere Pläne ausgearbeitet?« fuhr ihn Lieutenant Tsuya an. »Wußten Sie nicht, daß dies eines Tages passieren könnte?«

»Lieutenant!« röhrte der Bürgermeister mit violett angelaufenem Kopf. »Vergessen Sie sich nicht!«

Barnacle Ben Danthorpe schaltete sich ein, ehe sich die Gemüter noch mehr erhitzten. »Das ist nur das physische Problem, Lieutenant. Wir haben aber auch ein psychologisches. Die meisten Leute würden die Stadt auch dann nicht verlassen, wenn sie könnten. Wir sind hier zu Hause. Und die meisten Leute sind, ebenso wie ich, der Meinung, daß wir keinen Bebenpropheten brauchen, der uns sagt, was wir zu tun haben .« Er wandte sich wieder an den Bürgermeister. »Euer Ehren, ich meine, wir sollten uns beim Lieutenant bedanken für die Mühe, die er sich gemacht hat, und ihn zu seinem Spielzeug zurückschicken.«

Es kam noch zu einer stürmischen Diskussion, die länger als eine Stunde dauerte, und vor allem wurde nach den Beträgen gefragt, die für verschiedene Bebenkontrollmaßnahmen ausgeworfen worden waren. Doch schließlich beruhigten sich die Leute wieder.

Wir wurden zu unserem Spielzeug zurückgeschickt, mit unserem Wissen, daß die Lebenserwartung der Menschen in Krakatau Dome kaum noch zwei Tage betrug.

14. Der Safe mit dem Bleifutter

Lieutenant Tsuya kochte vor Wut, als wir schweigend die Stadthalle verließen und zur Elevatorplattform marschierten. »Sir«, sagte Harley Danthorpe bedrückt, »ich hoffe, Sie verstehen meines Vaters .«

»Das reicht jetzt, Danthorpe«, bellte der Lieutenant. »Ich will keine Entschuldigungen hören.«

»Aber ich wollte ihn ja gar nicht entschuldigen, Sir. Er ist ein Geschäftsmann. Sie müssen das verstehen.«

»Ich verstehe nur, daß er ein Mörder ist!« röhrte der Lieutenant.

Harley Danthorpe blieb stehen. »Er ist mein Vater, Sir!«

Lieutenant Tsuya zögerte. »Tut mir leid, Danthorpe«, murmelte er nach einem Augenblick. »Diese Sache geht allmählich an meine Nerven.« Er sah sich um, und ich wußte, was in seinem Kopf vorging. Hier waren die Menschenmengen und die prunkvollen Gebäude einer blühenden Stadt. Und doch, wenn die Vorhersagen stimmten, dann war dies alles, Menschen und Gebäude, in ein paar Tagen von der See zerquetscht, total vernichtet. Wenn die Tiefsee-Felsen nur einmal ein wenig den Kopf schüttelten, dann wurde die Edenit-Haut des Krakatau Dome glatt abgerissen. Und dann schlug die See zu mit ihrem ungeheuren Druck von drei senkrechten Meilen und ließ nichts mehr übrig. Eine Woche später konnten dann die Riesenkraken in den Ruinen, die einmal die stolze Tiefsee-Stadt Krakatau Dome waren, neue Höhlen beziehen.

Und wir konnten diese Katastrophe nicht abwenden.

Die Stadt selbst wollte nichts tun, um das Leben ihrer Einwohner zu retten.

»Danthorpe!« rief der Lieutenant unvermittelt. Harley stand stramm. »Gehen Sie schnellstens zu einem Telefon. Übermitteln Sie dem Kommandanten meine ergebensten Grüße und berichten Sie ihm, daß die Stadt meine Empfehlungen in den Wind geschlagen hat. Und sagen Sie ihm, ich schlage vor, daß er sofort durch die Flotte die nötigen Maßnahmen ergreift.«

»Aye aye, Sir!« schnappte Harley Danthorpe und rannte zum nächsten Telefon.

»Die Flotte kann ja im Moment und rechtzeitig auch nichts mehr tun«, brummte der Lieutenant und schaute ihm nach. »Aber vielleicht kann noch ein Teil der Bevölkerung gerettet werden.«

»Jawohl, Sir«, sagte ich. »Falls ich etwas tun kann .«

»Können Sie, Eden. Sobald Harley Danthorpe zurück ist. Wir müssen alle Möglichkeiten überprüfen, daß diese Beben künstlich erzeugt werden.«

»Gut, Sir!« rief ich. »Ich werde Sie zu diesem Sammelbek-ken führen, wo ich das MOLE sah. Sir, wir brauchen das Becken gar nicht zu leeren. Ich habe es mir genau überlegt. Wir können tauchen. In Thermoanzügen .«

»Bißchen bremsen, Eden«, empfahl mir der Lieutenant und lächelte dünn. »Sie machen einen Fehler. Ich werde diese Ermittlungen nicht im Sammelbecken beginnen. Sondern ... im Büro Ihres Onkels.«

Wir fuhren zum Deck Vier Plus hinab, sobald Harley zurück war. Keiner von uns sprach; es war auch nichts zu sagen. Die Stadtbewohner schienen von einer Panik wenig zu halten. Auf Radiall Sieben rumpelten die schweren Elektrolaster, die Fabriken und Lagerhäuser waren überaus geschäftig. Es roch scharf nach Tang, der getrocknet und in Ballen gelagert wurde.

Ich führte den Lieutenant und Harley die steile Treppe zum Büro meines Onkels im Dachboden des Lagerhauses hoch. Unsere Schritte hallten in dem langen Korridor. Vor der Tür zögerte ich.

»Na, weiter«, befahl mir Lieutenant Tsuya scharf. Ich stieß die Tür auf und ging, gefolgt von den anderen, hinein.

Gideon Park saß an dem sehr mitgenommenen Holztisch in dem nackten kleinen Vorzimmer und tippte mühsam auf einer uralten mechanischen Schreibmaschine. Er schaute auf, sah mich und warf fast den Tisch um.

»Jim!« rief er, »Junge, Junge, wir hatten so sehr gehofft, du würdest kommen!« Erst jetzt sah er, daß ich nicht allein war. Sein glücklich lachendes Gesicht legte sich in ausdruckslose Falten. Sorgfältig deckte er die Maschine zu und verbarg damit das, was er geschrieben hatte. Dann stand er betont höflich auf.

»Das ist Lieutenant Tsuya, Gideon«, sagte ich.

»Es freut mich, Lieutenant, Sie kennenzulernen«, begrüßte ihn Gideon höflich.

Aber der Lieutenant hatte keinen Magen für Höflichkeiten. »Wir möchten zu Stewart Eden«, erklärte er barsch. »Warum ist er nicht da?«

»Aber er ist doch da, Lieutenant«, erwiderte Gideo. »In seinem Privatbüro.«

»Gut.« Lieutenant Tsuya ging auf die andere Tür zu, doch schnell stellte sich Gideon davor.

»Tut mir leid«, entschuldigte er sich. »Mr. Eden kann im Moment nicht gestört werden. Verstehen Sie, er schläft.«

»Dann wecken Sie ihn auf.«

»Nein, Lieutenant. Ich fürchte, das geht nicht«, antwortete Gideon betont höflich. »Mr. Eden ist nicht gesund. Anordnung des Arztes, wissen Sie. Um diese Zeit muß er jeden Nachmittag ruhen. Ich würde vorschlagen, kommen Sie etwa in einer Stunde wieder.«

Jetzt explodierte der Lieutenant. »Sie verstecken etwas, Mr. Park! Gehen Sie mir aus dem Weg!«

Aber Gideon rührte sich nicht vom Fleck. Sein dunkles, breites Gesicht war noch immer ausdruckslos, und so stand er vor der Tür. Der Lieutenant kochte sichtlich. Ich fürchtete schon, es könnte zu Handgreiflichkeiten kommen. Aber dann trat Tsuya einen Schritt zurück.

»Verzeihung, Mr. Park«, sagte er ruhiger, »es handelt sich um eine sehr kritische Angelegenheit, und ich fürchte, ich bin zu aufgeregt. Aber ich komme im Auftrag der Tiefsee-Flotte.«

»Der Tiefsee-Flotte?« wiederholte Gideon.

»Es geht um eine wichtige Ermittlung, Mr. Park. Wenn Stewart Eden tatsächlich hier ist, wecken Sie ihn besser auf. Ich versichere Ihnen, er kommt sonst in große Schwierigkeiten.

Sie übrigens auch, Mr. Park. Sie beide sind es schon. Kadett Eden hat berichtet, daß Sie in eine sehr geheimnisvolle Sache verwickelt sind, die den Besitz eines MOLEs miteinschließt und sogar vermutlich nukleare Zünder.«

Gideon Park nickte. Langsam drehte er sich zu mir um. »Du bist uns also gefolgt, Jim«, sagte er leise.

Ich nickte. »Es stimmt, Gideon, was der Lieutenant sagt. Ich denke, du würdest gut daran tun, Onkel Stewart aufzuwecken.«

Gideon seufzte. »Vielleicht, Junge. Na, gut.«

Er klopfte an der Tür. Keine Antwort. Dann drückte er auf die Klinke. Die Tür sprang auf.

Mein Blick fiel auf den großen Stahltresor in der Ecke und auf das schmale Feldbett daneben. Neben dem Bett standen die Seestiefel meines Onkels, und darauf ...

Mein Onkel Stewart stützte sich auf einen Ellbogen und sah uns verschlafen entgegen. »Jim!« rief er, und seine Augen leuchteten auf. »Jim wie schön, dich zu sehen!«

Da erst bemerkte er, daß ich nicht allein war, und seine Miene veränderte sich ebenso wie vorher die Gideons. Ein Schleier schien zwischen uns herabgezogen zu werden, um das zu verbergen, was er fühlte. »Ist etwas nicht in Ordnung?« fragte er.

»Sehr viel sogar nicht!« knurrte der Lieutenant. »Kadett Eden, ist dies Ihr Onkel?«

»Ja, Sir.«

»Dann möchte ich mich selbst mit ihm bekanntmachen. Ich bin Lieutenant Tsuya von der Tiefsee-Flotte und in einer offiziellen Sache hier.« Er sah sich gründlich jm Raum um und runzelte die Brauen, als er den Safe sah. »Mr. Eden, die Flotte hat Gründe, zu glauben, daß Sie an einem Plan zur Erzeugung künstlicher Beben beteiligt sind - aus finanziellen Gründen. Ich warne Sie: alles, was Sie sagen, kann als Beweis gegen Sie verwendet werden.«

»Ah, so« sagte mein Onkel und setzte sich auf. »Ich verstehe.« Er nickte und sah drein wie ein alter Buddha. Sehr besorgt schien er gerade nicht zu sein. Überrascht auch nicht. Im Gegenteil, diesen Besuch hatte er vielleicht schon lange erwartet. Er stand auf und ging langsam zum Stuhl hinter seinem schäbigen Tisch. Er setzte sich schwerfällig und sah den Lieutenant an.

»Was wollen Sie wissen?« fragte er schließlich.

»Sehr vieles. Über dieses MOLE, zum Beispiel. Und über Nukleargeräte, die Ihr Assistent benützte.«

Mein Onkel sah erst mich an, dann Gideon. Er nickte. »Ah, ich verstehe. Aber was hat das mit mir zu tun?«

Diese Frage kam äußerst überraschend. Nie hätte ich geglaubt, daß er eine Verantwortung von sich abschütteln würde für etwas, das Gideon tat. Aber Tsuya nickte.

»Gut, Mr. Eden. Dann wollen wir über ein paar Dinge reden, die Sie direkt betreffen.

Erstens«, zählte er an seinen Fingern ab, »ist da die Frage, was Sie bei der kürzlichen Eruption, in der Ihr Wagen verlorenging, beim Mount Calcutta zu suchen hatten.«

»Tiefsee-Bergung, Lieutenant, ist eines meiner Hauptanliegen«, erwiderte mein Onkel. »Wir hatten in einem der Canons unter dem Seeberg ein verlorenes Schiff entdeckt, und wir versuchten es zu bergen.«

Der Lieutenant hob eine Augenbraue. »Die Geschichte des Indischen Ozeans ist mir einigermaßen bekannt. Ich glaube nicht, daß in der Umgebung von Mount Calcutta im letzten Vierteljahr hundert ein Schiff verlorenging.«

Mein Onkel nickte. »Stimmt. Es war ein älteres Wrack.«

»Ah, ich verstehe«, meinte Lieutenant Tsuya skeptisch. »Und wenn die Tiefsee-Bergung Ihr Geschäft ist - warum haben Sie hier in Krakatau Dome ein Büro aufgemacht?«

»Bergung ist nur eines meiner Geschäfte. Deshalb heißt mein Firmenname ja auch EDEN ENTERPRISES, UNLIMITED. Das schließt alles mit ein, was sich irgendwie ergeben könnte.«

»Auch Börsenspekulationen?« knurrte Lieutenant Tsuya. »Ich hörte, bei dem letzten Beben machten Sie einen Millionenprofit.«

»Gelegentlich auch Börsenspekulationen, jawohl«, gab mein Onkel zu. »Seit dreißig Jahren handle ich mit den Reichtümern der See, Lieutenant. Als ich hier nach dem Verlust meines Seewagens am Mount Calcutta ankam, entdeckte ich, daß die

Versicherungen ungewöhnlich teuer waren. Ich war daher überzeugt, daß selbst ein kleines Beben eine Panik auslösen könnte und zweifelte nicht daran, daß es auch bald eines geben würde. Ich verkaufte also einiges auf dem Markt. Ist Ihre Frage beantwortet?«

Jetzt war der Lieutenant aber zornig. »Noch nicht alle!« schnappte er. »Und ich warne Sie! Ich lasse Ihnen keine Ruhe, bis alle beantwortet sind. Was ist in diesem Safe?«

»Lieutenant Tsuya«, erwiderte mein Onkel scharf, »so weit gehen Ihre Rechte nicht! Ich bin Bürger Marinias. Mein Visum gewährt mir den Schutz der Stadtregierung hier. Wenn Sie in diesen Safe schauen wollen, brauchen Sie einen Durchsuchungsbefehl.«

»Dafür habe ich keine Zeit.«

»Dann öffne ich ihn auch nicht.«

»Ich denke schon, daß Sie das tun werden, Mr. Eden. Aus mehreren Gründen. Erstens, dieses letzte Seebeben wurde am vorletzten Abend von Kadett Eskow vorhergesagt.

Zweitens, Eskow und Ihr ... Helfer hier wurden beobachtet, als sie sich zu einem ortholytischen Exkavator in einem Drainagebecken unter Krakatau Dome begaben.

Drittens, Eskow und Mr. Park wurden gesehen, wie sie ein MOLE mit Zündern für thermonukleare Bomben beluden.

Viertens, der Mann, der Eskow und Park folgte und das MOLE entdeckte und dessen Aussage Sie wohl kaum anzweifeln wollen, ist Ihr eigener Neffe, Kadett Eden.«

Mein Onkel war im Stuhl zusammengesunken und zuckte nun zurück, als sei ein Punkt nach dem anderen ein körperlicher Schlag. Sein Gesicht wurde rot vor Zorn, aber als der Lieutenant meinen Namen nannte, ließ er die Fäuste auf seine Knie fallen.

»Das reicht jetzt, Lieutenant. Sie haben gewonnen. Ich werde den Safe öffnen.« Er stand auf, hielt sich aber an der Stuhllehne fest, als fühle er sich nicht recht sicher auf den Beinen.

Dann kniete er nieder, so daß er die Kombination vor den Augen hatte. Dann klickten die Riegel. Mein Onkel stand mühsam auf und öffnete die Tür.

Ich folgte dem Lieutenant, um hineinzuschauen. Was ich sah, war ein Schlag für mich. Es war schon schlimm genug gewesen, daß Bob Eskow und Gideon Park in der Sache mit den künstlichen Beben und den Nuklearzündern steckte, aber nun dies noch ...

Der Safe war »gefüttert« mit einem dicken stumpfgrauen Bleibelag. Und dicke Bleiziegel bildeten innen noch eine zweite Tür.

Aber diese Bleiziegel reichten nicht bis ganz zum oberen Türrand. Licht fiel darüber hinein und spiegelte sich auf schweren goldenen Kugelflächen, und um jede Kugel lag ein breiter Streifen aus Edenstahl.

»Das sind ja verbotene Atomzünder!« rief der Lieutenant triumphierend. Wütend wirbelte er zu meinem Onkel herum. »Erklären Sie mir das, Mister!«

15. Stewart Edens Verbrechen

Lieutenant Tsuya schlug die Safetür zu und trat vorsichtig zurück, denn er hatte großen Respekt vor dem atomaren Tod, den der Tresor enthielt. Dann schaute er meinen Onkel an. Seine Miene war eine merkwürdige Mischung von Gefühlen: Sorge, Schock, Trauer - und Triumph.

»Na, schön, Eden. Was haben Sie dazu zu sagen?«

»Ich ...« Schwerfällig stapfte mein Onkel vom Safe zum Feldbett und ließ sich darauf nieder. Er schüttelte den Kopf, als wolle er seine Gedanken klären. Dann lehnte er sich matt an die grüne Wand zurück.

»Das sind thermonukleare Geräte!« rief Tsuya. »Sie gehören nicht in die Hände von Zivilisten, Eden! Sie wissen das sehr genau. Sie müssen der Flotte gestohlen worden sein. Aber selbst die Regierung von Krakatau hat sich verpflichtet, die internationalen Gesetze zu achten, die der Flotte die exklusiven Rechte über die Herstellung und Verwendung nuklearer Geräte einräumen. Das ist Konterbande! Und Sie können nicht leugnen, daß diese Dinge in Ihrem Besitz gefunden wurden!«

Mein Onkel blinzelte ihn an. »Ich leugne es ja gar nicht«, flüsterte er so, daß ich es kaum hören konnte.

»Und Sie haben diese Dinge vermutlich zur Erzeugung von Seebeben benützt!« rief der Lieutenant und deutete auf meinen Onkel. »Leugnen Sie das?«

Angestrengt schüttelte mein Onkel den Kopf.

Der Lieutenant war bestürzt. Er schaute mich an, dann wieder meinen Onkel. Er hatte wohl mit mehr Schwierigkeiten gerechnet. »Und Sie geben das alles zu?« fragte er ungläubig. »Sie geben zu, ein so schweres Verbrechen begangen zu haben, daß es keinen Namen dafür gibt? Tod und Vernichtung hervorgerufen zu haben, als Sie Seebeben auslösten?«

»Tod?« flüsterte mein Onkel. »Aber es hat doch gar keine Todes ...« Er sprach den Satz nicht fertig, sondern holte tief Atem. Er wurde sehr blaß, dann sank er auf das Feldbett, und sein Kopf hing schlaff über den Rand. Er atmete schwer.

»Onkel Stewart!« schrie ich und rannte zu ihm. Auch Gideon eilte an seine Seite.

»Stopp!« röhrte Lieutenant Tsuya. »Zurück! Nicht berühren! Der Mann ist ein Verbrecher!«

»Aber er ist doch krank«, wandte Gideon sanft ein. »Er braucht seine Medizin. Sie bringen ihn um, wenn ich ihm nicht helfen darf.«

»Das ist meine Verantwortung«, herrschte ihn der Lieutenant an. »Er ist mein Gefangener.« Er drehte sich zu meinem Onkel um, der nun bewußtlos war. »Stewart Eden«, dröhnte er, »als autorisierter Offizier der Tiefsee-Flotte und in Ausübung meiner Pflicht stelle ich Sie hiermit unter Arrest!«

Wenn mein Onkel diese Rede gehört hatte, so ließ er es nicht erkennen. Er lag keuchend da. Ich stand schweigend dabei, aber Gideon kümmerte sich um meinen Onkel. Geschickt schob er ihm ein Kissen unter den Kopf, hob ihm die Füße auf das Feldbett und breitete Decken über ihn. »Stewart, gleich bist du wieder in Ordnung«, redete er ihm zu. »Ich mach dir schon deine Injektion zurecht.«

»Sie tun nichts dergleichen!« schnappte der Lieutenant. »Er ist mein Gefangener!«

Gideon stand auf und wandte sich zum Lieutenant um. Ich kann mich nicht erinnern, ihn jemals zornig gesehen zu haben. Aber nun war ich froh, daß es der Lieutenant mit ihm zu tun hatte, nicht ich.

Wie ein riesiger Krieger aus dem alten Afrika stand er da, und seine Augen waren so schwarz wie der tiefste Grund der Tiefen. Er sagte mit seiner tiefen, leisen Stimme so drohend, wie ich es noch nie gehört hatte: »Stewart Eden hat ein schwaches Herz, Lieutenant. Ich werde ihm jetzt eine Injektion machen. Wenn Sie mich daran hindern wollen, müssen Sie mich schon erschlagen.«

Der Lieutenant hörte sich einen Moment die mühsamen Atemzüge meines Onkels an, und Gideon holte aus dem Schreibtisch eine Spritze und krempelte den Hemdsärmel meines Onkels hoch. »Na, schön. Geben Sie ihm die Injektion«, knurrte er und schaute mich wütend an.

Aber da hatte es Gideon schon getan, geschickt und vorsichtig wie eine altgediente Krankenschwester. Natürlich dauerte es ein paar Augenblicke, bis die Wirkung sichtbar wurde.

Wir alle standen um meinen Onkel herum. Gideon kniete neben ihm und redete leise auf ihn ein. Meines Onkels Gesicht sah hager und blutlos aus, und auf der Haut standen winzige Schweißperlen.

»Sie halten ihn besser am Leben«, schnappte der Lieutenant. »Wir haben eine Menge Fragen an ihn. Gestohlene Atomzünder! Seebeben veranstalten, um daraus privaten Profit zu ziehen. Erschütternde Verbrechen! Und dies bei einem Mann, den die ganze Welt als Helden verehrt! Park, ich will ihn am Leben haben!«

»Ich auch«, erwiderte Gideon leise. Er stand auf. »Es wird noch ein paar Minuten dauern, aber ich glaube, es wird jetzt schon gut. Wenn er aufwacht, möchte ich, daß Sie dem zuhören, was er zu sagen hat.«

»Das werde ich auch tun«, bellte der Lieutenant grimmig. »Damit können Sie rechnen. Aber ich warne Sie. Ich werde nicht alles glauben, was er zusammenkocht.«

»Angenommen, es sind keine Lügen?« warf Gideon leise ein.

Da mischte ich mich ein, ich konnte nicht anders, obwohl mein Hals wie ausgetrocknet war. Ich hatte schon zu lange geschwiegen. Das war schließlich mein Onkel, der größte Mann der Welt! Nie hatte ich etwas anderes in ihm gesehen, und auf bestimmte Art ging es mir noch heute so.

»Lieutenant, geben Sie ihm eine Chance«, sagte ich. »Sie kennen meinen Onkel nicht, aber ich kenne ihn. Er kann kein solches Verbrechen begangen haben, es ist einfach ausgeschlossen. Ich garantiere Ihnen, er hat gute Gründe und noch bessere Erklärungen. Warten Sie und hören Sie ihn an, wenn er aufwacht.«

Tsuya sah mich fest an, ehe er sprach. Natürlich war ich mir darüber klar, wie überanstrengt er war. In den letzten Tagen hatte er kaum einmal eine Stunde Ruhe gehabt, noch viel weniger als ich, und ich war schon gefährlich übermüdet.

»Kadett Eden«, sagte er leise und tonlos, »Sie gehen mit Ihrer Familienloyalität etwas zu weit. Ich kenne Ihren Onkel gut genug, um zu wissen, welch großer und bewunderter Mann er war - früher. Was hat das aber mit der jetzigen Lage zu tun? Sie hörten doch selbst, Eden, daß er seine Schuld zugab.«

Das war ein furchtbarer Schlag, und ich hatte keine Antwort.

Gideon setzte zum Sprechen an, doch da gab es eine Unterbrechung. Ich fand, daß ich unsicher auf meinen Füßen stand, streckte die Arme aus, um mich irgendwo festzuhalten und schaute zu den anderen .

Alle taumelten leicht und schauten ebenso verblüfft drein wie ich.

Und dann war mir alles klar. Von ganz tief unten, aus den Felsen unter der Stadt kam das rumpelnde Grollen eines Riesen, ein Baß-Stöhnen. Der große Tresor schüttelte sich ein wenig und rollte mir entgegen. Dann nahmen die Vibrationen zu. Eine Tintenflasche auf dem Tisch meines Onkels tanzte auf der Platte und zerschellte dann auf dem Boden. Blauschwarze Tinte bespritzte die Aufschläge meiner scharlachroten Uniform. Harley Danthorpe tat einen raschen Schritt - und lag auf dem Boden.

»Ein Beben!« schrie ich. »Ein Seebeben! Und viel zu früh!«

Die Vibrationen mußten wohl meinen Onkel aus dem Koma geweckt haben, denn Onkel Stewart war ein Mann der See, den ein solches Ereignis selbst von den Pforten des Todes zurückgeholt hätte. Benommen stützte er sich auf einen Ellbogen. »Beben«, flüsterte er. »Gideon ...«

Gideon nickte. »Richtig, Stewart. Genau nach Programm. Jetzt verschwinden wir aber lieber von hier.«

»Wartet!« schrie Lieutenant Tsuya und hielt sich am Tisch fest. »Wovon reden Sie überhaupt?«

»Dieses Gebäude«, erklärte Gideon grimmig, »wird nicht viel vertragen. Wenn Sie hoffen, Ihren Gefangenen lebendig hereinzubringen, Lieutenant, dann schaffen Sie ihn am besten hinaus in die Radiale Sieben und uns alle mit.«

Jetzt tanzte der Boden unter den Füßen wie irr. Noch war es kein schweres Beben, vielleicht Drei oder Vier, schätzte ich. In solchen Momenten hat man ja keine Zeit, etwas genau abzuschätzen. Und es war ja auch noch nicht vorüber. Dieses Beben konnte sich durchaus noch zu einem der Stärke Elf oder Zwölf entwickeln, und in diesem Fall - war alles vorüber.

Dann kam ein Gurgeln aus dem Lautsprecher der Alarmanlage:

»Achtung, Achtung, an alle Bürger der Stadt! Dies ist ein Bebenalarm! Ab jetzt sind alle Routine-Vorsichtsmaßnahmen in Kraft. Die Sicherheitsmauern werden aktiviert, die Rollwege werden angehalten, um Energie zu sparen! Alle öffentlichen Wege sind nur noch für den offiziellen Verkehr frei!«

Die Stimme hustete, dann wurde der Strom abgeschaltet. »Haben Sie das gehört?« fragte Gideon. »Lieutenant, wir müssen hier weg.«

Aber so leicht war das nicht.

Der Boden unter uns schwankte, und der Safe, der sich in die Zimmermitte geschoben hatte, rutschte wieder in seine Ecke zurück. Nicht nur in die Ecke, sondern noch ein Stückchen weiter. Es war ein schwerer Tresor, und da sich der Boden etwas geneigt hatte, krachte er donnernd an die Wand. Mörtel brach heraus, von innen kam ein Poltern, als schlügen Kegelkugeln aneinander - kein angenehmes Geräusch! Theoretisch waren diese Dinger sicher, bis sie von ihren eigenen Zündern aktiviert wurden, aber keiner von uns wollte die Richtigkeit der Theorie überprüfen. Wenn eine dieser Kugeln infolge eines irren Zufalls explodierte .

Nun ja, dann würde unsere Vorhersage gar keine Rolle mehr spielen. Ein Beben der Stärke Zwölf konnte dann die Kuppel treffen, und keinem würde es mehr etwas ausmachen, weil schon alle tot wären, denn die Explosion einer Kugel zündete sofort die nächste und so weiter; die Explosion wäre so ungeheuer, daß die ganze Kuppel vernichtet wäre.

Gideon befahl: »Das Ding festhalten! Pack hier an, Jim. Festhalten!«

Wir alle sprangen herzu, sogar mein Onkel versuchte es. Die Injektion, die Gideon ihm verpaßt hatte, zeigte nun Wirkung. Sein Gesicht hatte wieder etwas Farbe bekommen, seine Augen wurden wieder lebhafter. Neben mir stemmte er seine Schulter ein, und zu zweit hielten wir den Tresor auf der einen Seite fest, Danthorpe und der Lieutenant taten es auf der anderen Seite, während Gideon mit Telefonbüchern, der Matratze vom Feldbett und allem, was er sonst noch fand, die Räder blockierte.

»Und jetzt nichts wie weg!« rief Gideon.

Der Lieutenant besah sich noch einmal mißtrauisch die schwankenden Wände, dann gab er nach. Das Gebäude war aus Stahl, es konnte also kaum zusammenbrechen. Aber die Innenwände - das war schon eine andere Sache. Sie waren alt, und wenn da ein bißchen daran gerüttelt wurde, war das eine Katastrophe. Gideon hatte recht. Wir konnten nichts Besseres tun, als zur Radiale Sieben flüchten, wo wir solange sicher waren, als die Kuppel standhielt.

Der Lautsprecher hustete und machte ein paarmal »hick«, dann krackelte er, als wir gerade zur Tür hinauseilten.

»Achtung, Achtung! Alle Bürger, Achtung! Hier ist eine Mitteilung des Bürgermeisters. Es besteht kein Grund zur Beunruhigung. Ich wiederhole: es besteht kein Grund zur Beunruhigung. Unsere Sicherheitsvorrichtungen funktionieren ausgezeichnet. Der Bürgermeister erwartet keine Verletzungen oder ernstliche Schäden. Der Bebenalarm wird so schnell wie möglich wieder aufgehoben. Ich wiederhole: Es besteht kein Grund zur Beunruhigung!«

»Aber ich gehe jede Wette ein, der hat Angst wie ein junger Hund, wenn es donnert.« Gideon winkte mir zu. Wir hatten schon allerhand Gefahren gemeinsam durchgestanden - künstliche Beben, verbotene nukleare Geräte und dergleichen Dinge zählten in diesem Moment nicht mehr. Wichtig waren jetzt nur mein Onkel und Gideon Park. Sie würden schon alles erklären, und wir brauchten nur ein bißchen zu warten und zu glauben.

Und da passierte etwas.

Wir kamen zum Straßenausgang und schauten hinaus auf die Radiale Sieben, durch die nun viele Menschen rannten, um Sicherheit zu finden oder nach Hause zu eilen und ihren Besitz zu schützen. Schäden schien es aber keine gegeben zu haben. Lieutenant Tsuya flüsterte mir zu: »Wenn es nur kein weiteres Beben mehr gibt ...«

»Es wird noch weitere sieben geben«, sagte da mein Onkel Stewart laut und deutlich.

»Sieben!« Der Lieutenant wirbelte herum, sein Gesicht war verzerrt. »Dann geben Sie also zu, daß .«

Den Satz konnte er nicht vervollständigen.

Das alte Gebäude zitterte unter den Restspannungen des Bebens. Nicht nur die Innenwände waren brüchig. Ein altes, reich verziertes Gesims über der Tür knackte ein wenig, es gab ein Geräusch wie einen tiefen Seufzer, das Ding hing noch ein bißchen in der Luft - und krachte herunter.

»Spring, Jim!« schrie mir Gideon zu, und ich sprang. Nicht mehr ganz rechtzeitig, denn ich knallte in Harley Danthorpe, dieser in den Lieutenant. Es war ein altes, häßliches Ding, zum Glück für uns nur aus Gips, nicht aus Granit, aus dem zu sein es vorgab. Trotzdem traf es mich noch an der Schulter, so daß ich zusammen mit Harley und dem Lieutenant so etwas wie einen Salto tat. Ich hörte noch ein paar Schreie und ein Getümmel, dann war ich weg.

Als ich wieder da war, hörte ich Lieutenant Tsuya wie einen übergroßen Raben kreischen, weil seine Beine eingeklemmt waren. »Mörder! Verräter! Sie sind davongelaufen! Stewart Eden, dich krieg’ ich noch, und wenn es meine letzte Tat auf Erden ist!«

Gideon und mein Onkel waren in der allgemeinen Verwirrung glatt entkommen.

Als wir endlich den Lieutenant frei hatten und uns mit der Stadtpolizei in Verbindung setzen wollten, waren zu viele kostbare Minuten vergangen. Die Polizei hatte alle Hände voll zu tun, da der Bebenalarm noch andauerte. Verrückte Ge-schichten interessierten keinen, besonders dann nicht, wenn ein Flottenoffizier von Konterbande, Atomzündern und künstlichen Beben redete.

Lieutenant Tsuya wandte sich schließlich voll Bitterkeit an mich. »Na, schön, Kadett Eden«, bellte er. »Was haben Sie jetzt noch zur Verteidigung Ihres Onkels zu sagen? Er hat die Flucht ergriffen, und das beweist seine Schuld.«

Was sollte ich darauf antworten?

16. Der Eindringling auf Station K

Krakatau Dome hatte ganz schöne Prügel bezogen, doch die Stadt hatte noch genügend Reserven, um darüber wegzukommen; sie war durchgerüttelt worden, aber mehr nicht.

Endlich schafften wir es, einen Trupp der Tiefsee-Mariner von der Flottenbasis zu veranlassen, sich um die Nuklearzünder in meines Onkels Tresor zu kümmern. Wir selbst eilten zurück zur Station K, um die Auswirkungen des Bebens zu überprüfen.

»Stärke Vier«, stellte Lieutenant Tsuya fest und sah finster drein. »Komisch. Nein, erstaunlich! So weit können wir doch von unserer Vorhersage gar nicht abweichen!«

Lieutenant McKerrow hatte vor Schlafmangel rotgeränderte Augen, denn er hatte die Station K die ganze Zeit über allein gehalten. »Schau doch selbst, Tsuya«, schnappte er. »Ich glaube, wir liegen ziemlich schief mit unserer Vorhersage!«

Aber Lieutenant Tsuya ließ sich so schnell nicht überzeugen. »Hol die Crew von der Geosonde heraus«, bellte er. »Neue Messungen! Instrumente überprüfen, neuen Kartensatz anlegen! Ich will innerhalb von dreißig Minuten eine neue Vorhersage sehen! Ich glaube nämlich nicht, daß dies das von uns vorhergesagte Beben war.«

Schlafen. Ich wollte nur noch schlafen, doch wir hatten jetzt keine Zeit dazu. Lieutenant Tsuya hatte recht, und wir mußten wissen, was jetzt kommen müßte, egal ob wir erschöpft waren oder nicht. Stimmte es, daß die meisten der kürzlichen Beben von Menschen künstlich erzeugt worden waren, so bestand die große Gefahr, daß das von uns vorhergesagte schwere Beben doch noch kommen würde. Das letzte in Stärke Vier war ja nur eine kleine Probe gewesen. Und wenn uns das große traf, machte es nichts aus, ob wir dazu ausgeschlafen waren oder nicht.

Während ich mir die Zahlen der Sonde ansah und sie umrechnete, kam ein Trupp der Tiefesee-Mariner herein. Der kommandierende Captain meldete sich: »Lieutenant Tsuya, wir bringen die Nukleargeräte, die Sie fanden, zur Aufbewahrung hierher. Befehl des Stützpunktkommandanten.«

»Hierher?« wunderte sich der Lieutenant. »Wirklich hierher?« Dann brüllte er: »Schafft sofort die Dinger von hier weg! Glaubt ihr denn, ich hab’ noch nicht genug am Hals, daß ich auch noch ein paar lose Bomben brauchen kann, die hier herumkollern auf meiner Station?«

»Tut mir leid, Lieutenant.« Der Captain schien ein wenig amüsiert zu sein. »Befehl des Kommandanten ... Schließlich«, meinte er versöhnlich, »können Sie doch nicht erwarten, daß er diese Dinger irgendwo in der Kuppel läßt. Sie könnten doch losgehen!«

Wir schauten einander nur an, als etliche Mariner hereinkamen und unter der Last der schweren goldenen Kugeln schwankten.

Selbstverständlich lag mehr als ein Körnchen Wahrheit in dem, was der Captain gesagt hatte. Wir waren tief unten im gewachsenen Fels. Station K wurde vermutlich bei einem schweren Beben sofort und für immer zerstört, wohl aber hauptsächlich ertränkt. Und eine Flut brachte keinen nuklearen Zünder zur Explosion, sehr viel eher schon eine schwere Erschütterung.

Wir setzten unsere Arbeit fort, und als der letzte Mariner mit seiner Last hereinkam, bemerkte ich aus dem Augenwinkel heraus eine Gestalt in schwarzem Talar mit einem Klerikerkragen.

Ich starrte ihn an. »Vater Tide!« schrie ich dann.

»Ja, genau.« Er nickte. »Hallo, Jim. Guten Abend, Lieutenant Tsuya. Sie werden hoffentlich nichts dagegen haben, wenn ich hier so hereinplatze.«

Lieutenant Tsuya sprang auf und schüttelte Vater Tide die Hand, als wolle er sie ihm ausreißen. »Glauben Sie mir, Sir, niemand könnte mir willkommener sein. Verstehen Sie, unsere Vorhersagen .«

»Ich weiß«, unterbrach ihn Vater Tide fast fröhlich. »Natürlich. Ich weiß. Sie haben Stärke Zwölf vorhergesagt, und dann mußten Sie mit Stärke Vier zufrieden sein. Aber Sie bezweifeln, daß dieses Beben jenes war, das Sie vorhergesagt haben, nicht wahr? Und ich denke, Sie haben recht damit. Wenn es Ihnen nichts ausmacht, helfe ich Ihnen, die Ziffern nachzuprüfen.«

Ich hatte inzwischen meine umgerechneten Zahlen auf die Karte übertragen und Harley Danthorpe hatte seine mikroseismischen Ablesungen vervollständigt. Wir waren für die Arbeit bereit.

Jeder begann zu rechnen - die beiden Lieutenants, Harley Danthorpe, Vater Tide und ich. Schwierig war das nicht, denn jeder von uns kannte das Ergebnis schon im voraus.

Vater Tide war zuerst fertig. Er nickte und wartete.

Dann schaute Lieutenant Tsuya auf. »Ich komme auf Stärke Zehn.«

»Ich habe Stärke Elf bekommen«, meldete sich Harley Danthorpe.

Vater Tide pflichtete ihm bei. »Das heißt also, Gentlemen, wir sind uns darin einig, daß ein schweres Beben noch vor uns liegt, vielleicht in nicht mehr als zwölf bis vierundzwanzig Stunden. Richtig?«

Wir alle nickten.

»Das beweist also, daß das letzte Beben nicht das von Ihnen vorhergesagte war. Und das führt mich zu der Annahme, daß es von Menschen erzeugt wurde, möglicherweise von Stewart Eden und jenen, die mit ihm zusammenarbeiten.«

Lieutenant Tsuya nickte.

Lieutenant McKerrow nickte.

Harley Danthorpe warf mir einen vorsichtigen Seitenblick zu. »So sieht es aus«, sagte er.

Und ich ... Was hätte ich tun oder sagen sollen?

Es war auch nicht nötig, denn in diesem Moment schlug ohne Vorwarnung das zweite Beben zu.

Vielleicht war es etwas leichter als das erste. Die Instrumente zeigten Stärke Vier an, aber nur knapp. Vielleicht war auch nur unsere allernächste Umgebung davon betroffen. Gebäude schwanken und vergrößern somit die Vibrationen eines Bebens. In Station K waren wir tief unten im Muttergestein. Das mahlende, röhrende Schütteln machten mich nur für einen Moment benommen, und niemand von uns verlor seinen festen Stand.

»So, das ist die Bestätigung!« brüllte Lieutenant Tsuya, als er wieder zu Atem gekommen war. »Diese Irren bringen noch die ganze Kuppel auf uns herunter. Vater Tide, ich gehe jetzt zum Stadtrat und fordere die sofortige Evakuierung. Wollen Sie mitkommen?«

»Natürlich«, entgegnete Vater Tide.

Wieder einmal verließen wir unsere Station. McKerrow, übermüdet wie er war, blieb allein zurück. Lieutenant Tsuya, Vater Tide, Harley Danthorpe und ich eilten zur Ratshalle. Jetzt herrschte große Angst in den Straßen von Krakatau Dome. Die Schäden waren noch erstaunlich gering, doch die öffentliche Moral hatte sehr gelitten, öfter als einmal mußten wir umkehren und uns einen anderen Weg suchen, da der kürzeste von verängstigten Menschen versperrt wurde.

Endlich hatten wir die Stadthalle erreicht. Von den Ratsherren war nicht einmal die Hälfte anwesend. Vielleicht hatten die anderen ihre persönliche Evakuierung vorgezogen, als Vorsichtsmaßnahme sozusagen, und möglicherweise waren das vorher die ärgsten Schreier gegen eine allgemeine Evakuierung gewesen. Der Rest benahm sich auch nicht mehr wie ein nüchternes Parlament; jeder Ratsherr versuchte die Kollegen zu überschreien, jeder warf allen übrigen Anschuldigungen an den Kopf, und nicht einer kam ungeschoren davon.

Auch Barnacle Ben Danthorpe war da. »Bill, du bist der Bürgermeister!« schrie er schrill. »Bring mal diese elenden Landratten zum Schweigen, damit wir hören, was die Jungs von der Flotte zu sagen haben!«

Der Bürgermeister stand rosig und schwitzend unter den heiteren, schönen Wandgemälden und murmelte: »Gentlemen, Gentlemen! Das ist eine Krise! Wir müssen Ruhe bewahren!« Aber niemand hörte ihn, weil er ja nur murmelte, während die anderen schrien und kreischten.

Der Gezeitenvater schaute sich einmal gründlich um und schritt dann, mutig wie Daniel in der Löwengrube, zum Rednerpult des Ratssaals. Er hob die Stimmgabel des Bürgermeisters vom Boden auf, verbeugte sich vor dem rosigen Stadtvater, schlug einmal an das Podium, um den Stimmgabelton zum Schwingen zu bringen und rief »Ruhe!« Es war wie ein Zauber: der Lärm legte sich, alle Gesichter wandten sich ihm zu.

Höflich verbeugte sich Vater Tide. »Lieutenant Tsuya hat Ihnen etwas zu sagen«, verkündete er mit seiner ruhigen, klaren Stimme. »Bitte, verhalten Sie sich ruhig, solange er spricht.«

Man brauchte den Lieutenant nicht zu drängen. Mit ein paar Sprüngen stand er auf dem Podium und erklärte dem Rat mit wenigen Worten ganz genau die Lage. »Wir wissen nicht, wieviele künstliche Beben noch kommen werden«, sagte er schließlich. »Wir haben Grund zur Annahme, es könnte noch ein halbes Dutzend werden. Eines wissen wir aber: das große Beben steht noch bevor.

Und wenn es kommt, wird es das Ende von Krakatau Dome sein.«

»Danke.« Vater Tide nickte dem Lieutenant höflich zu. »Und jetzt, Gentlemen, ist, so scheint mir, nur noch eines zu tun. Mit Euer Ehren Erlaubnis ...« - damit verbeugte er sich leicht vor dem Bürgermeister - »schlage ich eine Abstimmung vor. Es geht darum, ob sofort mit der Evakuierung aller Menschen aus Krakatau Dome begonnen werden soll. Wer für die Abstimmung ist, hebt bitte die Hand.«

Wie unter Hypnose hoben sich sofort fast sämtliche Hände, sogar die des Bürgermeisters; auch die von Harley Danthorpe und die meine, obwohl wir keine Stimme im Rat hatten.

Eine laute, barsche Stimme rief dazwischen. »Wartet!« schrie Barnacle Ben Danthorpe und lief zum Podium. »Vater Tide, das ist gegen jede Vorschrift! Sie haben hier keine Stimme und keinen Platz!«

»Verzeihung«, murmelte Vater Tide höflich und noch immer ruhig. »Mir schien, eine Abstimmung sei sehr zweckmäßig.«

»Abstimmung?« schniefte Danthorpe. »Ah, natürlich. Warum nicht? Dann stimmen Sie doch ab! Beschließen Sie, Krakatau Dome zu evakuieren! Und dann ist für die nächsten fünfzig Jahre in der ganzen Kuppel nichts mehr einen lausigen Penny wert, weil jeder Investor abgeschreckt wird. Wir sind dann nur noch die Kuppel, die evakuiert wurde. Jeder kauft sich anderswo ein.

Nein, Vater Tide. Mir ist von ganzem Herzen schnuppe, wer Sie sind! Auch von Ihnen lasse ich mir meine Investitionen in Krakatau Dome nicht ruinieren!

Und ihr elenden Landratten - macht schon weiter und stimmt ab! Aber vergeßt nicht, jeder, der jetzt für die Evakuierung stimmt, wird sich danach vor mir zu verantworten haben!«

Eine ganze Weile herrschte Schweigen. Und dann sagte Vater Tide mit seiner ruhigen, klaren Stimme: »Jeder, der für die Evakuierung ist, möge die Hand heben!«

Langsam hoben sich zwei Hände, eine dritte; dann fiel eine zurück, die zweite, dann auch die dritte. Nicht ein einziger Mann stimmte für die Evakuierung.

Vater Tide seufzte. Er legte ruhig die Stimmgabel weg und verbeugte sich vor dem Bürgermeister. »Möge Gott euch gnädig sein«, sagte er.

Das dritte Beben traf uns auf dem Rückweg zur Flottenbasis. »Stärke Vier«, flüsterte Vater Tide, klammerte sich mit der einen Hand an ein Geländer und hielt mit der anderen Lieutenant Tsuya fest.

Der Lieutenant richtete sich hoch auf. Sein Gesicht wirkte gehetzt. »Ja, Stärke Vier«, bestätigte er. »Immer Stärke Vier. Können sie nicht einmal ordentlich zuschlagen und dann Ruhe geben?« Seine Stimme klang dünn und angestrengt. Er war wohl am Ende seiner Nervenkraft.

»Junge, bleiben Sie ruhig«, riet ihm Vater Tide. Versuchsweise ließ er das Geländer los. »Das Schlimmste ist jetzt vorbei. Und ich muß gehen ... Ich fürchte, mehr als wir hier getan haben, können wir nicht tun, Lieutenant. Höchste Zeit, daß ich in meinen Seewagen steige und hinausfahre in die Tiefen. Wissen Sie, das hier ist nicht das Epizenter der Beben. Sie haben ja Ihre eigenen Karten gesehen. Ich möchte so nahe wie möglich an das Epizenter herangehen und Messungen vornehmen ... Und Maßnahmen treffen ... Ich wollte nur, ich könnte das wirklich tun, statt nur Messungen vorzunehmen .«

Dann strich er sich mit der Hand über das Gesicht. »Ich will so viele Flüchtlinge mitnehmen, wie mein Wagen fassen kann. Ich fürchte, es wird eine lange Reise zu einem sicheren Hafen werden, wenn die Kuppel einstürzt .«

Lieutenant Tsuya richtete sich straff auf und salutierte. »Kadett Danthorpe, Sie werden Vater Tide zu seinem Seewagen begleiten. Leben Sie wohl, Sir.«

»Leben Sie wohl«, sagte auch der Jesuit und schüttelte erst dem Lieutenant, dann mir die Hand. Zu mir sagte er noch etwas, das ich im Moment gar nicht voll begriff, doch ich wußte, für Vater Tide war es bedeutsam. Es war eine Generalanweisung für alle Fälle. Er sagte: »Haben Sie Vertrauen.«

Später war dieses Wort für mich sehr viel wert. Ich hätte das Vertrauen gar nicht verlieren dürfen ...

Als wir uns dem Bereich der Flottenbasis näherten, rief Lieutenant Tsuya: »Schauen Sie!«

Wir waren an den Landungsbecken der Flotte angelangt. In der Kuppel befanden sich in kurzen Abständen Sichtluken. Durch sie war zu sehen, daß die Flotte hereinkam.

Dutzende von Tiefsee-Schiffen der Flotte kamen herein, um in Krakatau Dome anzulegen. Was immer auch der Stadtrat und der Bürgermeister beschließen mochten, die Flotte hatte ihre eigenen Befehle und würde sie auch ausführen. Ganze Geschwader, über Radio und Mikrosonar aus ihren Standorten und Übungsgebieten herangeholt, standen bereit. Aber sie reichten nicht annähernd, denn ich erinnerte mich der Ziffern: mehr als eine halbe Million Bürger wäre trotzdem noch in der Falle der Kuppel, wenn das große Beben zuschlug, egal wie nachdrücklich man auch die Evakuierung betreiben würde. Aber diese langen, schlanken Schiffe in ihrer schimmernden Edenit-Panzerung waren ein erhebender Anblick.

Trotzdem - es reichte nicht. Müde und fast hoffnungslos kehrten wir zur Station K zurück, um an weiteren Vorhersagen zu arbeiten.

Im Radio der Kuppel kam Tanzmusik, und dann folgten beruhigende Erklärungen der Stadtverwaltung. Angewidert schaltete Lieutenant Tsuya ab.

Wir hatten eine neue Vorhersage ausgearbeitet, doch das Ergebnis war wie vorher. Die Zeitangaben schwankten um ein paar Stunden, die errechnete Stärke um einige Punkte.

Wir warteten auf das große Beben. Es mußte ja kommen.

Die bisherigen Erschütterungen hatten schon einen Teil unserer Instrumente beschädigt. Das war nicht zu ändern, denn sie mußten ja so ungeheuer empfindlich sein, da sie sonst nichts nützten. Ein Beben der Stärke Vier war schon zuviel für sie. Yeoman Harris hatte schnellstens alle verfügbaren Instrumen-tentechniker zusammengeholt und brachte das Gerät wieder in Ordnung, während wir unsere nächste Vorhersage berechneten.

»Was ist, Harris? Arbeitet alles wieder?« erkundigte sich Tsuya.

Harris kratzte sich den Kopf. »Da bin ich nicht ganz sicher, Lieutenant«, gab er zu. »Alles scheint in Ordnung zu sein, aber ... sehen Sie selbst.«

Lieutenant Tsuya trottete zum Mikroseismographen und musterte ihn. »Lächerlich!« fuhr er auf. »Da stimmt was nicht! Diese Ablesungen .«

Dann schwieg er, schaute noch einmal, runzelte die Brauen und schaute erneut. »McKerrow. Eden. Kommt mal her und sagt mir, was ihr daraus macht.«

Und wir schauten. Stärke und Entfernung waren völlig falsch. Aufgezeichnet war da ein kleines, ständiges, nahes Vibrieren, zu schnell und regelmäßig, als daß es feine Gesteinsbewegung sein konnte, zu stark und mächtig für eine Maschinenbewegung. Es war ungeheuerlich! Solche Vibrationen konnte es gar nicht geben. Und dann die Richtung - sie kam überhaupt nicht in Frage. Denn das Epizenter dieser kleinen Störung lag nicht im Magma oder in den festgestellten Falten, es lag überhaupt nicht tief, sondern höher als die Station K!

»Die Maschine ist naß geworden. Harris, an die Arbeit. Die habt ihr verdorben«, sagte Lieutenant Tsuya. »Nein, warten Sie noch. Das Ding ist nicht konstant. In den letzten paar Sekunden hat es sich verändert.«

Wir alle beobachteten angestrengt. Es stimmte! Was immer auch die Ursache dieser Vibrationen sein mochte, sie war nicht auf einen Platz fixiert, sie bewegte sich langsam, jedoch wahrnehmbar. Die Aufzeichnungen veränderten sich unter unseren Blicken. Die Richtung wich allmählich um drei bis vier Grad ab, auch die Höhe schwankte leicht. Dann lag die Störquelle auf der Höhe der Station K, gleich darauf etwas tiefer, und die Entfernungs- und Stärkespur machte deutlich, daß die Ursache sich näherte.

»Was, in aller Welt ...«, rief Lieutenant McKerrow. »Tsuya, sag mal, hast du dein Lieblingsbeben bestellt, weil es zu uns zu Besuch kommt?«

Tsuya schüttelte den Kopf. »Wenn ich nicht verrückt bin, dann weiß ich, was das ist. Der MOLE! Er kommt aus den Tiefen zurück und kreuzt jetzt unter der Kuppel von Krakatau!«

Lange standen wir da und beobachteten die Aufzeichnungen. Es war unglaublich, und ich hätte niemals gedacht, daß sich eine von Menschen geschaffene Maschine durch soliden Fels bewegen könnte. Ich hatte gesehen, wie unsere Geosonden in den Basalt vordringen konnten, und nicht einmal das hätte ich geglaubt; ich hatte das Schiff in diesem Abwasserbecken gesehen und es nicht geglaubt.

Doch nun mußte ich glauben. Nichts sonst konnte das erklären, was wir hier sahen. Im Gestein unter uns bohrte sich eine Maschine durch, die vielleicht meinen Onkel, Bob Eskow und noch ein paar andere an Bord hatte, und diese Maschine schwamm so sicher durch festes Gestein, wie ein Hering durch das seichte Gewässer der See schwimmt.

Die Tür ging auf, Harley Danthorpe kam herein. Er sah blaß und verhärmt aus, und das verstand ich nicht ganz. »Kadett Danthorpe meldet sich zum Dienst zurück«, sagte er mit einem fast tragischen Versuch, schneidig zu tun.

»Schon gut«, murmelte Lieutenant Tsuya geistesabwesend, dann schaute er auf. »Danthorpe! Was ist mit Ihnen los?« bellte er.

Harley quollen fast die Augen aus den Höhlen. Er starrte entsetzt etwas hinter uns an. Er deutete und versuchte zu sprechen, doch er gurgelte nur. »Der . Fels .«

Wir drehten uns um und schauten total verblüfft drein. Der Schreibstift des Mikroseismographen kratzte wie irr ungeheure Vibrationen auf das Papier, viel stärkere als aufzuzeichnen ihm je zugedacht worden war. Dann öffnete sich in der Mauer ein Spalt, und Wasser stürzte herein.

Ein Erdbeben?

Nein, ein Erdbeben war es nicht. Das hier war sehr viel merkwürdiger. Denn aus diesem Spalt kam ein mahlendes, reißendes Geräusch und das hohe Sirren schnellaufender Maschinen.

Und durch den Spalt schob sich eine schimmernde Edenit-Nase.

Dahinter wurden ortholytische Spiralbohrelemente sichtbar; sie drehten sich mit unglaublicher Geschwindigkeit.

Dann ratterte es, Staub und Splitter flogen herum ...

Und in den tiefstgelegenen Raum der Station K schob sich wie ein Frettchen in einen Kaninchenbau der lange, mechanische Körper eines MOLEs, jenes gestohlenen MOLEs, in den ich Bob Eskow im Sammelbecken hatte klettern sehen und der seither die Beben verursacht hatte, die Krakatau Dome und damit uns durchschüttelten .

17. Die Bebenärzte

Für einen kleinen, mageren Mann bewegte sich Lieutenant Tsuya ungeheuer schnell. Im Nu hatte er aus seinem Privatbüro einen Revolver geholt und war wieder da, als wir uns noch nicht von unserem Schrecken erholt hatten.

»Zurück!« schrie er. »Aus dem Weg!«

Der MOLE kroch ratternd und sirrend noch ein paar Meter in den Raum, demolierte die Wandkarten und den Arbeitstisch und zerbiß ein ganzes Regal mit leeren Karten und Diagrammblättern zu Konfetti. Endlich verlangsamte sich das Wirbeln der ortholytischen Drillelemente, dann standen sie still.

Die Luke oben an dem Seewagen bewegte sich. Eine Hand schob den Deckel ein Stück in die Höhe. Er schlug an ein Felsstück. Die Hand schob ein wenig fester an, zögerte und schlug mit dem Deckel ein paarmal gegen den schon mürben Stein. Ein paar Brocken fielen herab. Die Luke öffnete sich.

Und heraus kam Bob Eskow, der aussah wie das Ende eines Rachetags.

»Halt!« schrie Lieutenant Tsuya, den Revolver in der Hand. »Keine Bewegung, Eskow!«

Bob schaute so benommen drein, als begreife er nicht, was Tsuya mit dem Revolver in der Hand wolle. Er ließ sich die Einstiegleiter herabgleiten, torkelte, brach fast zusammen und hielt sich mühsam am Edenit-Rumpf fest. Und das war ein Fehler, denn die Schicht war ungeheuer heiß von der Reibung der Bohrelemente im nackten Fels. Bob tat einen Schrei und zog die Hand weg. Aber der Schmerz brachte ihn wieder zu sich.

»Tut mir leid«, flüsterte er und hielt die verbrannte Hand mit der anderen fest. »Sir, ich fürchte, wir haben hier in Ihrer Station ein schauerliches Durcheinander angerichtet.«

»Und nicht nur hier, Eskow«, knurrte der Lieutenant böse.

»Ich ... ich .« Bob schien keine Worte zu finden. Erst nach einer Pause gelang es ihm, zu fragen: »Sir, können die anderen aus dem MOLE herauskommen?«

»Die anderen? Na, schön«, antwortete er schließlich.

Mühselig kletterte Bob wieder die Leiter hoch und sprach in die Luke hinein. Dann erschien zuerst mein Onkel Stewart Eden. Er sah erschöpft aus, er war in Schweiß gebadet und furchtbar dreckig, doch an sich wirkte er gesünder als am Tag vorher. »Jim!« rief er strahlend, und dann erst sah er Lieutenant Tsuya mit dem Revolver. Er runzelte fragend die Brauen, sagte aber nichts.

Nach meinem Onkel kam Gideon Park heraus. Er stand in der offenen Luke und lachte breit auf uns herab, dann griff er nach unten und half dem letzten Crewangehörigen des MOLEs heraus. Es war der alte Chinese, den ich mit Bob gesehen hatte.

Lieutenant Tsuya schien es den Atem verschlagen zu haben.

»Dr. Koyetsu!« stöhnte er. Der Lauf seines Revolvers schwankte, dann klapperte die Waffe auf den Boden. »Doktor, was tun Sie hier?«

Der alte Chinese war kein Chinese, sondern der japanische Seismologe, der die meisten der Bücher auf den Regalen der Station geschrieben hatte, John Koyetsu!

Als Lieutenant Tsuya seinen eigenen persönlichen Helden sah, noch dazu in Gesellschaft meines Onkels und der beiden anderen, schwand seine Überzeugung, mein Onkel sei ein Verbrecher. Es war eine plötzliche Umkehr von der Nacht zum Tag. Wortlos drehte er sich um, hob seinen Revolver auf und steckte ihn weg.

Dann sagte er nur: »Doktor Koyetsu, wollen Sie mir bitte sagen, was dies alles soll?«

»Aber natürlich«, erwiderte ihm der Gelehrte müde. Der magere, alte Herr schaute sich um, denn er wollte sich setzen, da er unsagbar erschöpft war. Eiligst zog Harley Danthorpe einen Faltstuhl für ihn heran. »Danke«, sagte der Doktor lächelnd und setzte sich. »Sie wissen doch, was in Nansei Shoto Dome geschehen ist«, sagte er abrupt. Tsuya nickte. Wir nickten alle, denn die Zerstörung von Nansei Shoto war die größte Tiefsee-Tragödie der Geschichte. Damals hatte dieser Doktor John Koyetsu eine falsche Vorhersage herausgegeben und damit die Evakuierung der Kuppel verhindert.

»In Nansei Shoto hatte ich nicht recht«, fuhr er fort. »Und den Rest meines Lebens habe ich dazu bestimmt, den Grund dafür zu finden und etwas dagegen zu tun. In erster Linie arbeitete ich mit Vater Tide für die Fordham Stiftung, wo wir die Geosonde und später diesen MOLE entwarfen.« Er tätschelte die sich abkühlende Flanke. »Sie wissen, mit Hilfe der Sonden waren wir in der Lage, Beben viel genauer vorherzusagen als je zuvor.«

»Da bin ich nicht allzu sicher«, warf ich voll Bitterkeit ein, doch dann entschuldigte ich mich eiligst wegen dieser Unterbrechung. Aber Doktor Koyetsu lächelte.

»Jim, Ihre Vorhersagen waren aus guten Gründen falsch«, sagte er. »Wir machten sie falsch.

Reine Vorhersagen genügen nicht. Ich war entschlossen, eine Möglichkeit zu finden, Beben zu verhindern. Und die einzige Möglichkeit, sie zu verhindern, war die Schaffung künstlicher Beben. Kleiner Beben. Zeitlich und örtlich so gesetzt, daß Spannungen im Gestein, die sonst zu größten Zerstörungen hätten führen müssen, in kleinen, harmlosen Beben abreagiert werden konnten. In solchen etwa, die wir hier in Krakatau gesehen haben. Denn die haben wir vier geschaffen.«

Das erschütterte uns viel mehr als jedes der letzten Beben. Lieutenant Tsuya sah unglaublich verblüfft drein, Harley Danthorpe schaute unbeschreiblich entgeistert drein und war wie versteinert. Lieutenant McKerrow konnte mit dem Kopf schütteln nicht mehr aufhören.

Aber ich - ich freute mich über alle Maßen.

»Ich hab’s ja gesagt!« schrie ich. »Immer hab’ ich gesagt, daß mein Onkel nichts Unehrenhaftes oder Schlechtes tun könnte. Sie hätten mir glauben sollen!«

»Moment mal, Eden«, fuhr mich Lieutenant Tsuya an. »Ich kann Ihnen garantieren, daß ich auf Doktor Koyetsus Wort sehr viel gebe, aber da gibt es noch eine ganze Menge Fragen zu beantworten, ehe ich zufriedengestellt bin. Ihr Onkel hat zum Beispiel schon zugegeben, daß er aus dem ersten Beben eine Million Dollar Profit gemacht hat. Von den Nuklearzündern in seinem Besitz ganz zu schweigen!«

»Aber das erklärt doch alles!« rief ich aufgeregt. »Wenn Sie nur zuhören würden! Ich meine, er hat sehr viel mehr Geld ausgegeben als eine Million Dollar, und das Geld sollte ja nur das große Projekt finanzieren, an dem er arbeitete.«

»Und wie sieht dieses Projekt aus?« bellte Tsuya.

»Die Reitung von Krakatau Dome!«

Mein Onkel lachte. »Guter Junge, Jim«, sagte er mit seiner warmen Stimme. »Und wie, glaubst du, sollte ich das anstellen?«

»Nun ja . « Ich versuchte mich genau an das zu erinnern, was der kleine Gelehrte gesagt hatte, und es einzupassen in die Theorien der seismischen Prozesse, mit denen man mich hier in dieser Station vertraut gemacht hatte. »Nun, ich denke, es wäre ungefähr so gelaufen: Die Stadt steht auf einer gefährlichen Gesteinsspalte. Entlang dieser Falte haben wir den ständigen Aufbau seismischer Spannungen beobachtet. Die einzige Frage war also die, wann die Sache sich abspielen würde.

Könnte man vorzeitig ein Beben auslösen, so konnten sich die Spannungen erst gar nicht voll aufbauen. Wenn die Spannungen immer wieder ein wenig abgebaut werden könnten, dann entstünde kein Beben, das zur Vernichtung einer ganzen Kuppel ausreichte oder sonst großen Schaden anrichtete. Diese Kleinbebenwirkung würde das große Beben verhindern.

Es wäre eine Sache der Auslöserkräfte«, fuhr ich schnell fort, und Gideon blinzelte mir zu. Da wußte ich, daß ich auf dem richtigen Weg war. »Um so kleine, künstliche Beben zu erzeugen, würde man natürlich nukleare Energie einsetzen. Man müßte tatsächlich die H-Bombenzünder verwenden, die wir in deinem Safe fanden, Onkel Stewart!«

Doktor Koyetsu nickte lächelnd und dozierte: »Genau richtig, Kadett Eden. Aufgestaute Spannungen in der Erdkruste werden abgebaut mit einer Reihe kontrollierter kleiner Beben, die durch nukleare Sprengungen erzeugt werden.«

»Jim, du bist eindeutig Klassenbester!« rief mein Onkel strahlend.

Für Lieutenant Tsuya genügte das aber noch nicht.

Überzeugt war er, daran ließ sich nicht zweifeln, denn für ihn war Dr. Koyetsu sowieso ein Halbgott, und von meinem Onkel hatte er ja auch immer sehr viel gehalten. Aber er war Offizier der Tiefsee-Flotte und hatte seine Pflichten, deren Erfüllung er notfalls erzwingen mußte.

»Bleiben noch drei Fragen«, bellte er. »Woher haben Sie einen MOLE bekommen? Woher die Nuklearzünder? Und warum war es nötig, das alles heimlich zu machen?«

Mein Onkel lächelte. »Die letzte Frage müßten Sie aber wirklich selbst beantworten können.« Er setzte sich, seine Wangen bekamen Farbe, seine Augen waren wieder voll Feuer. »Es war doch absolut nötig, diese Sache in aller Heimlichkeit durchzuführen. Was sollten wir sonst tun? In der Stadt herumlaufen und sagen: Bitte, Leute, wir haben eine Idee, wie wir Bebenschäden an der Kuppel vermeiden können. Natürlich müssen wir damit anfangen, ein paar künstliche Beben zu veranstalten ... Hätten wir etwa so vorgehen sollen? Hätten Sie das getan, wenn Sie die Schwierigkeiten kennen, die ein von Barnacle Ben Danthorpe beherrschter Stadtrat einem bereiten kann?«

Harley Danthorpe wurde tiefrot, doch er sagte nichts. Lieutenant Tsuya legte die Stirn in nachdenkliche Falten, dann nickte er. »Na, schön. Und die anderen Fragen?«

»Wir taten nur das, was wir tun mußten, um Menschenleben zu retten!« erklärte mein Onkel voll Nachdruck. »Es begann vor ein paar Jahren, als Doktor Koyetsu zu mir nach Marinia kam. Er hatte die Krakatau-Falte genau beobachtet. Er wußte, daß hier große Gefahr bestand, daß es hier früher oder später zu einem großen Beben kommen mußte, das für Krakatau Dome das Ende bedeuten würde.

Aus Gründen, die uns allen bekannt sind, war er entschlossen, mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln den Verlust von Leben durch die Vernichtung einer Unterwasserstadt zu verhindern. Können Sie ihn dafür tadeln?«

»Warum ist er damit aber zu Ihnen gekommen?« wollte Tsuya wissen. »Warum nicht zu irgendwelchen Leuten in der Kuppel?«

»Das tat er doch«, erwiderte mein Onkel leise. »Erst suchte er Mr. Danthorpe auf. Ich denke, Sie können sich vorstellen, was dieser zu ihm sagte. Wir wollen die wirtschaftliche Blüte der Stadt nicht mit einem hirnverbrannten Unsinn vernichten, sagte er und wie Koyetsu überhaupt wisse, daß man so etwas machen könne und so weiter.

Natürlich vergaß er nicht, Dr. Koyetsu an das zu erinnern, was in Nansei Shoto geschehen war. Also war der Doktor abgelehnt. Danthorpe weigerte sich, die Erlaubnis zur Erprobung seines Planes zu geben und drohte ihm mit Verhaftung, wenn er sich je wieder in Krakatau Dome zeigen sollte.«

»Unter einer Bedingung ließ er mich bleiben, Stewart«, warf Dr. Koyetsu ein.

»Oh, natürlich, John. Er bot Dr. Koyetsu einen Job an - die Vorhersage von Beben, damit er selbst einen heißen Draht zur Beeinflussung der Börse hätte. Das faßte Dr. Koyetsu damals als Beleidigung auf. Aber mir macht es nichts aus, nun zuzugeben, daß diese Idee später für uns nützlich wurde.

Da kam John Koyetsu zu mir. Er berichtete mir von seinen Sorgen um Krakatau Dome und seinen Hoffnungen, das große Beben abwenden zu können. Und nicht nur hier, sondern überall, wo man seine Technik anwandte.

Erst war ich auch skeptisch. Man darf mir das nicht verdenken. Auch Vater Tide zweifelte anfangs. Aber Doktor Koyetsu überzeugte mich, und ich ging das Risiko ein. Schließlich habe ich mein ganzes Leben lang ein Risiko nach dem anderen auf mich genommen, um die Reichtümer der Tiefsee der ganzen Menschheit zugänglich zu machen.

Die Frage war nur die: wie konnte ich helfen?

Meine Gesundheit war und ist nicht mehr besonders gut, wenn ich auch glaube, das Schlimmste ist nun vorüber. Viel Geld hatte ich nicht, und wir brauchten sehr viel davon. Der MOLE kostete nahezu zehn Millionen Dollar. Und ich hatte ja auch die Nuklearzünder nicht, die wir dazu brauchten. Aber ich bekam sie.

Auch das Geld; durch Spekulationen an der Börse, die sich auf Johns Vorhersagen stützten. Und die Zünder? Nun, da fiel mir das Wrack der Hamilcar Barca ein.«

»Hamilcar Barca?« wiederholte Tsuya. »Ah, ja! Das ist aber schon sehr lange her. Ich war damals noch ein Kind. Sank dieses Schiff damals nicht, ehe Sie die Edenit-Beschichtung erfanden? Und hatte es nicht eine Ladung von .«

»Natürlich. Es hatte eine Ladung von Nuklearzündern an Bord. Lieutenant, Sie haben ein ausgezeichnetes Gedächtnis«, stellte mein Onkel lächelnd fest. »Das Schiff sank vor einunddreißig Jahren am Mount Calcutta. Und nach achtundzwanzig Jahren gehört die Ladung eines jeden versunkenen Schiffes dem, der sie birgt. Das ist Gesetz.

Ich beschloß also, derjenige müßte ich sein. Mehr noch, um den Mount Calcutta herum gab es eine Menge Arbeit. John hatte dort ein starkes Beben vorhergesagt und wollte seine Theorien erproben. Nun, ich bekam die Ladung, und Johns Theorien erwiesen sich als wundervoll richtig, aber wir kamen dann in Schwierigkeiten.« Er lachte verschmitzt. »Mein alter Seewagen ist zwar ein Totalschaden, aber wir entkamen.

Dann rettete uns Dr. Koyetsu im MOLE, mit der Ladung. Anschließend kamen wir hierher nach Krakatau Dome. Die Reaktoren versteckten wir im Ablaufbecken, auch den MOLE selbst, bis es an der Zeit war, Johns Theorien in die Praxis umzusetzen.

Das ist jetzt vier Tage her. Den Rest kennt man ja.«

»Stewart, die Zeit!« rief Doktor Koyetsu.

Mein Onkel zögerte und schaute auf die Uhr der Station. Dann nickte er ernst. »Meine Herren, halten Sie sich fest«, riet er.

Schweigen. Sekunden vergingen. Eine Minute. »Worauf warten wir noch?« fragte Lieutenant Tsuya. »Wir ... Es ist ...«

»Moment noch«, befahl mein Onkel. Und dann spürten wir es, wie auf ein Stichwort.

Unter uns schüttelte sich der Fels. In der Luft sang ein heulender Chor seismischer Massen. Jeder hielt sich irgendwo fest.

»Das dritte Beben!« rief mein Onkel in den Lärm hinein. »Und es wird noch weitere fünf geben!«

Der Fels unter uns stöhnte, dehnte und schüttelte sich. Der Boden der Station hob und senkte sich.

Die ortholytischen Elemente an der Nase des MOLEs zitterten und drehten sich langsam infolge der Erdbewegungen, und das sah aus, als protestiere der MOLE gegen die Wirkungen des von ihm erzeugten Bebens. Aus der Decke des Raumes fielen Gesteinsbrocken.

Und aus sich verbreiternden Spalten schoß kaltes Salzwasser.

18. Das Grab tief unten

Von den Tunnels draußen kam ein plötzliches donnerndes Röhren. Konnte das ein neues Beben sein, so kurz nach dem vorigen? Aber nein, nur die Drainagepumpen hatten die Arbeit aufgenommen, die automatisch alles Wasser absaugten, das in die Station eindrang.

Sie waren sehr groß und wurden mit ihrer Aufgabe schon fertig. Die Station würde noch nicht ertrinken, wenn uns das Beben auch die Hälfte der uns noch verbliebenen Seismographen gekostet hatte und ein langer Riß in der Wand des Haupttunnels entstanden war. Aus dem Riß sickerte dunkles Wasser.

»War das eines eurer künstlichen Beben?« fragte Tsuya scharf.

Mein Onkel nickte. »Dr. Koyetsus Programm umfaßt acht künstliche Beben in einer Diagonallinie abwärts zur Faltenebene. Wir haben vier gesetzt. Das hier war das vierte.«

»Und die anderen vier?«

»Die müssen erst noch gesetzt werden.«

Das Schweigen in der Station wurde nur unterbrochen von dem dumpfen Pochen der Pumpen und dem Gluckern des Wassers, das über den Boden lief.

Dr. Koyetsu stand auf. »Die Zünder aus dem Wrack waren sehr lange unter Wasser«, sagte er. »Ein paar sind beschädigt. Wir verwendeten alle noch aktiven, die wir an Bord des MOLEs hatten. Dann mußten wir zurückkommen, um Nachschub zu holen. Wir begaben uns zum Becken. Gideon und Bob Eskow gingen in Ihres Onkels Büro, aber das Lager in seinem Safe war leer. Vom Gebäudeverwalter erfuhren wir, was geschehen war. Die Flotte hatte die restlichen Zünder abgeholt.

Wir mußten also zurückkommen, um sie abzuholen, denn wir brauchen sie!« rief er. »Ohne sie ist alles, was wir bisher taten, umsonst geschehen. Das große Beben verzögert sich etwas und wird vielleicht um höchstens zwei Grade schwächer ausfallen, aber es wird kommen.

Und dann wird Krakatau Dome zerstört .«

Lieutenant Tsuya brauchte keine Zeit für seine Entscheidung. Er war ein erstklassig ausgebildeter Offizier der Tiefsee-Flotte, und sein Training gewährt ihm auch keine Sekunde, um frühere Taten zu erklären oder zu rechtfertigen. Er hatte sich vorher geirrt. Jetzt hatte er recht. Also weitermachen mit dem Job!

»Das wird nicht geschehen, Doktor«, sagte er. »Die Zünder sind hier, in einem der Lagerräume. Wir helfen Ihnen, sie einzuladen.«

Viel Zeit brauchten wir dafür nicht. Je zwei von uns legten Schlingen um die leuchtenden goldenen Kugeln und schleppten sie den Tunnel hinab, um sie von Gideon an Bord des MOLEs nehmen zu lassen. »Nur immer weiter so!« rief Gideon lachend und hob die schweren Kugeln in die Luke, wo Lieutenant Tsuya und Harley Danthorpe unter Aufsicht meines Onkels sie verstauten. Dr. Koyetsu und Lieutenant McKerrow waren ein Team, Bob Eskow und ich das zweite.

Als alle Zünder verstaut waren, standen Bob und ich eine Weile keuchend da und schauten einander an. Es war schon ein Moment der Verlegenheit, denn es war der erste Augenblick seit Beginn der ganzen Verwirrungen. Wir erinnerten uns beide der mißtrauischen Gedanken, die mich gegen Bob beherrscht hatten, und mir wäre lieber gewesen, ich hätte sie ganz einfach auslöschen können. Aber Bob lachte schließlich und streckte mir seine Hand entgegen.

»Du bist ein großer Detektiv«, bemerkte er schließlich voll Anerkennung. »Gratuliere! Ich hätte viel besser aufpassen müssen, ob man mir folgte, aber ehrlich, ich hätte nicht im Traum daran gedacht, daß du so gut bist!«

»Mir tut’s leid, Bob«, sagte ich ernst, doch er lachte. »Nein, du solltest die Sache nicht einfach weglachen. Ich hätte dir vertrauen sollen. Nicht nur dir, auch Gideon und meinem Onkel. Aber .«

Ich zögerte, denn es fiel mir nicht ganz leicht, es zuzugeben. »Eines verstand ich nicht. Ich verstehe zwar, daß die Sache geheim gehalten werden mußte, weshalb aber auch vor mir? Wenn mein Onkel hier in der Station Hilfe brauchte, warum konnte er damit nicht zu mir kommen, sondern mußte an dich herantreten?«

»Weil deine Spur direkt zu ihm geführt hätte«, erwiderte Bob sofort. »Verstehst du das nicht, Jim? Für ihn war die beste Möglichkeit, seine eigene Aktivität zu verbergen, doch die, mich hineinzuziehen, nicht dich. Als er unmittelbar nach meiner Ankunft zu mir kam, erklärte er mir die ganze Sache. Dich müßten wir auslassen, sagte er, aber er rechnete fest damit, daß du doch alles schließlich verstehen würdest, wenn es erklärt wurde. Und das tust du ja, Jim.«

»Ich glaube schon.« Aber ganz sicher war ich dessen nicht. Ich wollte, ich hätte an der Sache teilnehmen können. Ich hätte mir dann schon meine eigenen Sorgen gemacht.

Aber Lieutenant Tsuya, der eben die Leiter herab kletterte, unterbrach mich. »Ich habe auch noch eine Frage«, sagte er. »Sie haben dieses erste Beben doch deshalb richtig vorhergesagt, weil Sie wußten, was kommen würde, daß Stewart Eden es auslösen wollte. Stimmt doch?«

Bob nickte. »Ich denke, das hätte ich besser fälschen sollen«, gab er zu. »Aber mir sah das nach einer guten Chance aus, einmal zu zeigen, welch kluger Bursche ich doch bin. Aber so klug war das gar nicht .«

»Das war auch nicht meine Frage«, erwiderte der Lieutenant und schüttelte den Kopf. »Das war danach. Ich rede eigentlich von der Geosonde, die aus der Station gestohlen wurde.«

Bob schaute ihn verständnislos an.

»Die Sonde, die die Flotte etliche tausend Dollar kostet. Ich will wissen, was mit der ist! Verstehen Sie, ich bin dafür verantwortlich!«

Aber Bob schüttelte den Kopf. »Sir, ehrlich, da kann ich Ihnen nicht helfen. Davon weiß ich nichts.«

Harley Danthorpe schob seinen Kopf aus der Luke des MOLEs. »Alles verstaut!« meldete er. »Ihr könnt ablegen!«

Da schlug das fünfte Beben zu.

Ich glaube, schlimmer war es nicht als die vier vorhergehenden. Die Wellen waren nicht höher, die von den noch verbliebenen Seismographen aufgezeichnet wurden. Aber der Lärm war viel größer, der die eisige Stille der Tunnels erschütterte, und die Vibrationen waren schmerzhafter zu spüren.

Und - das war am wichtigsten! - es war nicht Teil von Dr. Koyetsus Plan!

Mein Onkel wurde ganz blaß. »Wir müssen sofort diese anderen Bomben auslegen! Jetzt haben wir die Sache angefangen, wir müssen sie auch zu Ende bringen.«

Aus den Spalten in den Wänden und der Decke kollerten Steine. Mein Onkel stürzte zu Boden. Er blutete an Kopf und Schulter. Steine knallten wie Maschinengewehrfeuer gegen den Edenit-Rumpf des MOLEs. Ich wurde getroffen, Dr. Koyetsu bekam etwas ab, Gideon lag platt am Boden, aber ihm hatte es nur sehr gründlich den Atem verschlagen, und mehr Schaden wurde nicht angerichtet.

Koyetsu und mein Onkel waren jedoch zu geschwächt, um einer solchen Behandlung standzuhalten. Beide waren alt, hatten ungeheuer viel mitgemacht und wurden nun gleichzeitig von einem herab stürzenden Stein getroffen in einem Beben, das von größter Gefahr für uns alle war.

Lieutenant Tsuya nahm die Sache in die Hand, und Bob und ich halfen, die beiden Verletzten zu einem trockenen, ebenen Platz auf den Kartentischen zu tragen. »Jim, du blutest ja auch«, sagte Bob, und das stimmte wohl, doch bei mir war es nicht viel mehr als ein Kratzer. Mir hatte ja nur ein scharfkantiger Steinsplitter Nacken und Schulter ein wenig aufgerissen, aber nicht tief.

Wir kümmerten uns um die Verletzten, während Lieutenant Tsuya fieberhaft am Computer arbeitete. Geräuschaufzeichnungen hatten wir keine, die seismographische Spur war nicht vollständig, da unsere meisten Geräte durch die wiederholten Beben ausgefallen waren, aber die Kunst des Vorhersagens besteht ja nicht nur im Ablesen von Instrumenten. Man muß die Daten auch auswerten können, und seien es noch so wenige.

»Hier!« rief Lieutenant Tsuya. »Schaut euch das an!« Er zeichnete flink die Lage des Brennpunkts vom fünften Beben ein, das die Natur selbst ausgelöst hatte und dazu die Punkte der vier künstlichen. »Schaut doch!« Rote Kreuze bezeichneten das Zentrum eines jeden Bebens, zwischen ihnen lag eine gepunktete rote Linie. »Dieses fünfte Beben ist gar nicht so schlecht. Das baut die Spannungen ab, vorausgesetzt allerdings, daß die nächsten Explosionen rechtzeitig erfolgen. Der MOLE muß sofort wieder hinausgehen. Wir haben kaum eine Stunde Zeit, um das nächste Beben auszulösen.«

Mein Onkel schob sich vom Kartentisch herab. »Ich bin soweit«, erklärte er heiser und klammerte sich an den nächsten Stuhl. »John, Gideon, kommt!«

Aber Lieutenant Tsuya schob ihn auf den nächsten Stuhl. »Sie gehen nirgendwohin Jetzt übernehmen wir die Sache«, erklärte er energisch.

»Sie?« Mein Onkel blinzelte noch etwas benommen. »Aber Sie wissen doch nichts davon. John und ich, wir beide haben jetzt genug Erfahrungen. Für alle anderen ist die Sache zu gefährlich.«

»Und für Sie ist es reiner Selbstmord!« rief der Lieutenant und pochte mit dem Stift auf die Karte. »Hier und hier und hier! Da müssen die drei nächsten Explosionen losgehen. Was müssen wir sonst noch wissen? Wir nehmen Bob mit, wenn er gehen will, und natürlich Gideon. Und dann brauchen wir noch einen.«

»Mich!« schrie ich sofort, doch im gleichen Moment trat auch Harley Danthorpe vor.

»Mich!« schrie auch er, dann schaute er mich an. »Jim, ich muß ganz einfach gehen, verstehst du?«

Für einen Augenblick war nur das Tropfen des Wassers, das Dröhnen der Pumpen und das gelegentliche Rieseln kleiner Steinchen zu hören. Wir alle dachten an die Reise, die der MOLE vor sich hatte; Meilen unter uns mußte es sich durch die Erdkruste fressen, unter ungeheurer Hitze und unvorstellbaren Drücken. Fünf Beben waren erfolgt. Drei lagen noch vor uns.

Diese drei mußten tiefer angelegt werden, wo der MOLE auch in größerer Gefahr schwebte, von rutschendem Gestein erdrückt oder vom geschmolzenen Magma verschluckt zu werden. Wieviele unserer Sonden implodierten doch bei siebzigtausend Fuß oder weniger! Und der MOLE mußte nun sehr viel tiefer hinab.

»Na, schön, wir nehmen euch beide mit«, erklärte Lieutenant Tsuya schließlich. »McKerrow, dir gehört wieder einmal die Station, und du kümmerst dich um die beiden Gentlemen. Sieh zu, daß sie ordentlich versorgt werden.«

»Danke schön«, brummte McKerrow. »Aber hör mal, warum sollten wir nicht zu sechst gehen? Eden und Koyetsu können sicher selbst zurechtkommen.«

»Das ist ein Befehl«, schnappte Tsuya. »Hier gibt es genug zu tun. Und jetzt ...« Er besah sich die schimmernde Nase des MOLEs mit dem ortholythischen Werkzeug. »Wir legen ab.«

Mit dem Beladen waren wir schnell fertig und konnten an Bord gehen. Die Lautsprecher, die so lange geschwiegen hatten, husteten und krächzten und gaben Warnungen aus. Es klang schlimm, obwohl der Sprecher nicht viel wissen konnte. Er berichtete von neuen Spalten in den Drainagetunnels, daß sich die Becken schneller füllten, als die Pumpen sie entleeren konnten; Pläne wurden gemacht, um die ganze Kuppel zu evakuieren. Aber in der Stimme des Ansagers lag viel größere Sorge als in seinen Worten, und den Grund kannte ich. Edenit war eine mächtige Panzerung gegen den Druck des Ozeans, aber ohne Energie war dieser Panzer nicht mehr wert als eine Papierserviette. Ein Stromausfall lag immer im Bereich des Möglichen. Ein Mob im oberen Nordost-Oktanten hatte in die Plattformlifts einzudringen versucht, und dort hatte es Schwierigkeiten gegeben. Kampf: das bedeutete Waffengebrauch, und bei Feuergefechten waren die Generatoren gefährdet.

Wir hatten also keine Zeit zu verlieren!

Dr. Koyetsu und mein Onkel winkten, als sich über uns der Lukendeckel schloß. Wir waren von allen Geräuschen ausgeschlossen.

Es war recht eng in der winzigen Kabine. Gideon nahm seinen Platz an den Kontrollen ein, und wir schauten einander im trüben Flackerlicht an; das war alles, was wir an Licht hatten. Beschichtung und Drillelemente fraßen ungeheuer viel Strom, und für andere Zwecke blieb nicht viel übrig.

»Ab!« befahl Lieutenant Tsuya.

Gideon nickte. Einen Augenblick lang schwebten seine Finger über den Knöpfen, dann drückte er vier sehr schnell nacheinander.

Die Edenit-Beschichtung pulste hell, die ortholytischen Elemente begannen sich zu drehen. Der MOLE schüttelte sich, schien sich einzustemmen und bewegte sich.

Der Lärm war so, wie man sich das Heulen eines riesigen Dinosauriers vorstellt, der einen Felsen zermalmt. Selbst im Innern des MOLE s war er betäubend. Der gewaltige Maulwurf krabbelte rückwärts aus dem Loch heraus, das er in die Mauern der Station K gefressen hatte.

Wir waren auf dem Weg in die Eingeweide der Erde!

19. Steinseen

»Schneller, Park!« brüllte Lieutenant Tsuya über den unbeschreiblichen Krach. »Wenn es was nützen soll, müssen wir in fünfzig Minuten unten an der Falte sein!«

»Aye, aye, Sir!« brüllte Gideon zurück und blinzelte mir zu. Er genoß die Sache, trotz der Widerwärtigkeiten und Gefahren. Mir fiel ein, wie er mich aus den Abwassern von Marinia gefischt hatte und welche Abenteuer wir danach bestehen mußten. Gefahr? Für Gideon war sie ein Aufmunterungsmittel.

Uns allen machte das Bewußtsein der Gefahr nichts aus. Wir konnten handeln, wir kämpften. Nur Harley Danthorpe schwieg und schien sich Sorgen zu machen.

Mir fiel seine tragische Miene ein, als er zur Station K zurückkehrte, nachdem er Vater Tide zum Tiefsee-Kai gebracht hatte. In diesem Moment war der MOLE durch die Mauer gebrochen, und da hatte ich nicht viel Gelegenheit gehabt, Harley zu studieren. Aber etwas stimmte hier ganz und gar nicht.

Ich stemmte mich gegen das Schaukeln des Schiffes ein, das sich durch den Fels fraß, und ging zu ihm. Doch auch dafür blieb keine Zeit, denn Gideon Park befahl: »Die Zünder bereitmachen zum Ablegen! Dieser alte Eimer hat schon zuviel hinter sich. Sobald wir sie ausgelegt haben, müssen wir schleunigst von hier weg.«

Die nächste Zeit konnte ich also nicht mit ihm reden. Jede goldene Kugel mußte sehr sorgfältig im Entladeport ausgelegt werden. Das war so ähnlich wie eine pneumatische Torpedoröhre der alten U-Boote, hier natürlich mit Edenit verkleidet. Diese Ports waren allerdings dazu bestimmt, ihre Last im Gestein abzulegen, nicht im Wasser. Jede Torpedoröhre hatte ein Schneidewerkzeug am äußeren Verschluß. Die Einstellung dieser Werkzeuge war überaus schwierig. Nur die tüchtigsten Mechaniker der Flotte wurden für diesen Job bestimmt. Aber außer uns war niemand da. Also mußten wir die Sache machen. Und das taten wir auch.

Damit war unsere Arbeit noch lange nicht zu Ende. Danach mußten ja die Zünder noch aktiviert werden. Die Edelstahlbänder, die sie umgaben, waren eine Art Spannvorrichtung. Durch die vielen Jahre im Wasser hatten die Instrumente natürlich gelitten und waren nicht gerade leicht einzustellen. Jedes dieser Bänder mußte so gespannt werden, daß innen ein Sicherheitsstift eingedrückt wurde. Solange eine bestimmte Stelle dieses Bandes auch nur den Bruchteil eines Millimeters von diesem Sicherheitsstift entfernt war, konnte nichts passieren; da konnten wir sie in den heißen Fels werfen, so weit wir nur wollten. Nur ein unwahrscheinlicher Zufall konnte sie zur Explosion bringen.

Das genügte aber nicht. Man mußte diesen Sicherheitsstift eindrücken ... Die Möglichkeit bestand natürlich, daß uns ein solches Ding, das durch das lange Liegen im Wasser gelitten haben konnte, vorzeitig losging, uns sozusagen mitten ins Gesicht.

Selbstverständlich wäre dies das Ende des MOLEs und unser eigenes.

Doch dies geschah nicht. Zwei der Kugeln waren zu sehr beschädigt, diese Stahlbänder ließen sich nicht mehr bewegen. Gideons Gesicht wurde immer länger, als er sah, daß wir zwei ausscheiden mußten. Zwei waren an Ort und Stelle, zwei hatten wir noch, und wenn die auch schadhaft waren ...

Sie waren es nicht. Die benötigten Kugeln brachten wir in Stellung, genau zwei Minuten, bevor Gideon berichtete, wir seien nun exakt im Brennpunkt des nächsten Bebens.

Der MOLE bockte ein wenig, röhrte und ging kreischend durch das Gestein.

»Zünder ab!« röhrte Gideon. Lieutenant Tsuya zeigte weiße Linien der Anstrengung um seinen Mund; er drückte auf das Auslöseventil. Im Port surrte der ortholythische Drill mit höchster Geschwindigkeit, dann ratterte Metall an den Fels, als der Port sich öffnete .

Und unsere erste kleine Atombombe war draußen.

Der MOLE hatte mit der neuen Crew das erste Ei gelegt. Zwei blieben noch.

Vierzehn Minuten später, genau nach Plan, wurde unser kleines Schiff ordentlich durchgeschüttelt, und das Dröhnen sprengte uns fast die Trommelfelle, als wir durch den Fels flohen. Der MOLE war wie ein riesiges Tier, das sich mit unglaublicher Geschwindigkeit durch den härtesten Fels wühlte. Einmal flackerten die Lichter, gingen aus und kamen wieder zurück; sie waren viel schwächer als vorher. Einmal setzte der Drill für einen Sekundenbruchteil aus. Uns blieb auch fast das Herz stehen, denn wenn er nicht weiterging, waren wir unten im Fels begraben, und nichts konnte uns herausholen. Aber er fing sich wieder, und der MOLE war stark genug, auch die Schockwelle zu überleben.

»He, das war aber knapp!« schrie Gideon und lachte breit. »Beim nächsten Ding lassen wir uns ein bißchen mehr Zeit mit dem Zünder.«

»Ausgeschlossen«, wandte Lieutenant Tsuya sofort ein. »Wir können die Abschußports nicht mehr öffnen, also muß die Einstellung so bleiben, wie sie ist.«

Da sah ich, daß Gideon ihn anlachte, und einen Augenblick später lachte Tsuya auch. »Ich dachte schon, Sie meinen das ernst«, entschuldigte er sich.

»Es könnte schon ernst werden«, meinte Gideon trocken und lauschte dem Lauf des Drills. Bob Eskow neben mir flüsterte mir zu: »Ich höre es auch. Eines der Drillelemente muß sich gelockert haben.«

Ja, es stimmte. Da war etwas, doch ich war kein Fachmann und konnte nichts bestimmen. Es war nur eine Unebenheit im Lauf, fast so, wie wenn bei einem Verbrennungsmotor ein Zylinder nicht mehr ganz mittut. Der MOLE schien sich durch den Fels zu stottern, statt zu beißen.

Ich schaute Bob an. Er hob die Schultern. Wir sagten nichts. Tun konnten wir sowieso nichts.

Das zweite Ei ging nach Plan los, und die Explosion schüttelte uns ungefähr so wie die erste. Aber wir überlebten. Eigentlich erstaunlich, wenn man bedenkt, daß jeder dieser Zünder soviel Atomenergie freimachte, die genügte, eine ganze Stadt zu erschlagen. Aber selbst eine H-Bombe ist winzig im Vergleich zu den Energien, die bei einem Erdbeben freigesetzt werden. Die Explosion der Bomben wurde gemildert von Meilen soliden Gesteins zwischen ihnen und uns. Was uns gefährdete, war das von uns selbst ausgelöste Beben. Dagegen konnten wir nichts tun.

Lieutenant Tsuya nahm einen Bleistift und rechnete fieberhaft, aber er warf ihn dann bald weg. »Ich hatte gehofft, das letzte Beben würde vielleicht reichen, aber da bin ich nicht sicher«, erklärte er.

»Lieutenant, vertrauen Sie John Koyetsu!« rief Gideon durch den Lärm. »Wenn er sagt, wir brauchen acht Beben, dann brauchen wir sie auch.«

Sofort wurde Tsuya wieder ganz nüchtern. »Wenn man bedenkt«, seufzte er, »daß all dies rechtzeitig hätte getan werden können mit Extra-Mannschaften und zusätzlichen MOLEs -dieser elende Stadtrat! Ich bin ein friedlicher Mensch, aber denen wünsche ich, daß sie das kriegen was sie verdienen!«

»Sir«, ließ sich da Harley Danthorpe vernehmen, »Ihr Wunsch ging schon in Erfüllung. Sie haben es bekommen.«

Der Lieutenant drehte sich zu ihm um. »Wovon reden Sie da?«

Harley Danthorpes Gesicht zeigte kein Gefühl. »Genau das, was ich sagte, Sir«, erklärte er ruhig. »Sie bekamen das, was sie verdienten.« Einen Augenblick lang verzerrte sich sein Gesicht vor Bewegung, dann beruhigte es sich wieder. »Mein Vater und der Bürgermeister. Und drei oder vier vom Rat. Lieutenant, sie sind tot.

Erinnern Sie sich, wie Sie mich mit Vater Tide zum Kai schickten? Ich sah es, als ich dort war. Meines Vaters TiefseeJacht war dort, ein wunderschönes Spezialschiff, für das er eine halbe Million Dollar hingeblättert hatte. Es war sein ganzer Stolz. Er ließ es eben erst überholen. Als ich es sah, dachte ich, er hätte es den Leuten von Krakatau für die Evakuierung zur Verfügung gestellt. Aber das war ganz und gar nicht der Fall.«

Er war sehr blaß, und da tat mir Harley plötzlich furchtbar leid. »Acht Mann«, erzählte er weiter, »gingen an Bord der Jacht. Acht, wo doch Platz für fünfzig war! In den übrigen Raum stopften sie Papiere. Aktien. Eigentumsnachweise. Schuldverschreibungen. Bargeld. Alles, was mein Vater an Reichtümern besaß und mitnehmen konnte. Er evakuierte sich selbst und ein paar Freunde, nicht die Leute von Krakatau! Der Bürgermeister war bei ihm. Ich sah, wie sie die Luken schlossen und in die Schleusen gingen. Und dann passierte es. Ich sah es, als sich die äußere Schleusentür öffnete.« Harley schluckte und schüttelte den Kopf. »Das Edenit hielt nicht. Als das Seewasser hineinströmte, wurde das Schiff plattgedrückt. Alle sind tot, Sir.«

Wir schwiegen eine ganze Weile.

Dann sagte Lieutenant Tsuya: »Das tut mir leid, Danthorpe. Ihr Vater .«

»Sie brauchen nichts zu sagen«, unterbrach ihn Harley grimmig. »Ich verstehe das schon. Aber ich möchte Ihnen noch etwas sagen. Sie erinnern sich an die fehlende Geosonde?«

»Natürlich.«

»Sir, die habe ich weggenommen. Mein Vater bat mich darum. Ich weiß, ich habe gegen strenge Befehle schon dadurch verstoßen, daß ich darüber sprach. Noch mehr, als ich sie stahl. Ich ... ich habe keine Entschuldigung dafür, Sir. Aber ich habe es getan. Verstehen Sie, er wollte mehrere nach dieser einen bauen lassen und brauchte ein Modell dafür. Er wollte sich damit einen privaten Bebendienst aufbauen. Diese Stellung hatte er Doktor Koyetsu angeboten. Er wollte mit Spekulationen viel Geld verdienen.

Ich habe keine Entschuldigung«, wiederholte Harley, »und ich werde mich selbstverständlich der Untersuchungsbehörde stellen, wenn wir je hier herauskommen. Ich hoffe aber, doch noch eine Chance zu bekommen, Lieutenant.

Dieser heiße Draht nach innen - ich will nie mehr etwas davon hören, ihn nie mehr erwähnen. Wenn ich lebend aus dieser Sache herauskomme, will ich nur noch eines vom Leben: daß ich ein ordentlicher Kadett der Tiefsee-Flotte werde.«

Lieutenant Tsuya stand auf. »Kadett Danthorpe! Das sind Sie schon. Und damit ist die Sache abgeschlossen.«

Es war ein sehr dramatischer Moment.

»Schaut doch mal auf die Uhr!« brüllte Gideon von den Kontrollen her. »Beeilt euch da unten! Wir sind in Position. Legt euer letztes Ei, so daß wir endlich in unsere Scheune heimkehren können!«

Diesmal blieb uns kaum Zeit, dem Beben aus dem Weg zu gehen. Wir fraßen uns eine steile Platte hinauf, und unser MOLE mußte erbittert kämpfen, um am Leben zu bleiben. Als die Schockwelle uns traf, gingen die meisten Lichter aus. Aber der Rumpf blieb ganz, wenn er auch unheildrohend ächzte.

Dies war ein Moment größten Triumphes. »Wir haben es geschafft!« schrie Bob und boxte mich in den Rücken. »Ich hätte es nie geglaubt!«

»Wir haben es noch nicht geschafft!« brüllte Gideon. »Bob, komm sofort her zu mir und hilf mir bei den Instrumenten!«

Das letzte Beben hatte das gesamte Druckknopf system wirkungslos gemacht, denn die Stromkreise waren unterbrochen. Gideon mußte also die umständlichen Hebel für die ortholytischen Elemente bedienen. Das konnte ein Mann allein nicht schaffen. Mit einem Fingerdruck ließen sich Geräte, die sich durch härtesten Fels fraßen, nicht steuern, dazu brauchte man Kraft.

Es ging sehr knapp her mit der zur Verfügung stehenden Energie, die überanstrengten Drillelemente verloren einiges von ihrer Beißkraft und kauten nur noch mühsam am nackten Gestein herum. Das Licht war so schwach, daß wir einander nur als Schatten sahen. Ich wollte etwas zu Bob sagen und entdeckte, daß es Lieutenant Tsuya war. Harleys und Gideons Gesichter ließen sich kaum mehr erkennen. Die Hitze nahm zu, da auch das Kühlsystem abgeschaltet werden mußte, um alle Energie für Panzerung und Drill aufzusparen.

Minuten vergingen. Unsere Instrumente zeigten an, daß wir nun eigentlich genau am Rand der Station K sein mußten, fast genau dort, wo sich der MOLE Stunden vorher durchgefressen hatte. Aber die Instrumente logen, sie widersprachen einander. Nur dem Trägheits-Richtungs-Rechner konnte man noch trauen, und die Energie, die ihn antrieb, wurde immer schwächer; da ließ auch seine Genauigkeit nach.

Und dann kreischte der Drill und drehte in der Nase leer durch.

»Wir sind aus dem Gestein heraus!« schrie Gideon überglücklich, und wir alle schrien vor Erleichterung mit. Dann hatten wir also unsere Mission erfüllt. Wir waren ...

Wir waren zu voreilig, denn plötzlich machte das Metall klang-klang-klang, und Gideon schaute erst verdutzt, dann sehr besorgt drein.

»Unsere Beschichtung ist aufgebrochen.« Er sah auf die Instrumente. »Wir sind in Wasser geraten«, erklärte er tonlos. »Der Thermalschock hat unsere Beschichtung beschädigt. Das Wasser ist kalt, die Beschichtung war sehr heiß ... Aber das ist noch nicht das Schlimmste. Die Instrumente zeigen richtig an. Wir sind genau da, wo wir sein wollten. In Station K. Aber die ist geflutet.«

Eine Sekunde lang starrten wir einander entgeistert an, aber wir hatten keine Zeit, darüber nachzudenken, was dies bedeutete. Station K geflutet! Mein Onkel und Dr. Koyetsu - was war aus ihnen geworden? Wenn die Station vernichtet war, dann konnte die ganze Kuppel ebenso zerstört sein. Vielleicht waren all unsere Anstrengungen umsonst gewesen .

Aber für solche Überlegungen hatten wir keine Sekunde Zeit. »Wir müssen hier ‘raus!« drängte Lieutenant Tsuya. »Wenn unsere Panzerung schadhaft ist ...«

Mehr brauchte er nicht zu sagen.

War die Beschichtung dahin, so waren wir der See ausgeliefert, dem ungeheuren Druck. Für eine ganz kurze Zeit konnte der Film noch halten, aber das hing davon ab, wie sorgfältig der Rumpf darunter gebaut war. Er mußte ungeheuer glatt und ohne erkennbare Nahtstellen sein, denn an jeder Unebenheit war der Film besonders gefährdet. Und riß er ...

Drei Meilen Wasser würden uns zusammenstampfen wie ein schwerer Stiefel eine winzige Ameise.

»Schnell, helft mir!« rief Gideon. »Wir müssen irgendwo im Fels eine Luftblase finden. Weiß der Himmel, wo! Aber wenn die Kuppel .«

Er brauchte nicht weiterzureden. Der MOLE war zu sehr strapaziert und würde niemals mehr ein Seewagen sein können. Die Maschinen hatten zu wenig Kraft. Wir konnten nur blind das zu durchbohren versuchen, was sich noch durchbohren ließ und auf eine Luftblase hoffen. Es war eine sehr winzige Hoffnung und alles, was wir hatten.

Ein paar Minuten später war uns auch die genommen. Der MOLE hatte einen Schock zuviel erlebt.

Die Hitze schwächte uns und machte uns benommen. Das ungleichmäßige Kreischen des Drills war eine Qual für unsere Ohren. Mit den uns verbliebenen schwachen Kräften konnten wir kaum mehr die Hebel bedienen.

Ich sah, wie Lieutenant Tsuya einfach vom Sitz rutschte und weg war. Erst wunderte ich mich noch, was er am Boden suchte.

Dann wußte ich, daß es die Hitze war. Die Luft war angereichert mit dem von uns ausgeatmeten Kohlendioxid und schwer von den chemischen Gerüchen der beschädigten Maschinen. Er war ohnmächtig. Die lange Schlaflosigkeit und Überanstrengung waren zuviel gewesen.

Harley Danthorpe fiel als nächster aus. Ich taumelte nach vorne und wunderte mich, was Bob Eskow auf dem Deck tat. Er schlief. »Bob, aufwachen!« schrie ich und rüttelte ihn. »Was ist denn los mit dir!«

»Jim!« rief da Gideon voll Angst. »Komm, hilf mir, ich kann nicht mehr halten .«

Jeder Schritt war eine unendliche Anstrengung. Der MOLE tat einen Satz und machte eine schleifenartige Wendung, so daß ich selbst auf dem Deck lag. Was war mit dem MOLE? Ich wußte es nicht.

Es spielte auch keine Rolle mehr. Ich lag auf dem heißen, harten Metalldeck und wußte nur noch, daß es sehr wichtig war, sofort aufzustehen, etwas zu tun, das Schiff wieder in die Hand zu bekommen.

Ich hatte keine Kraft mehr. Das letzte Licht ging für mich aus. Ich war ohnmächtig.

20. Die Findlinge des Gezeitenvaters

Ein kleiner Weihnachtsmann in klerikalem Schwarz sagte immer wieder zu mir: »Jim, Junge, komm, nimm das!« Etwas Brennendes, Scharfes wurde mir in den Mund geschoben.

Ich setzte mich auf, keuchte und würgte und sah in die klaren, seeblauen Augen von Vater Tide.

»W-was .«

»Nicht reden, Junge«, riet mir Vater Tide gemütlich mit seiner warmen Stimme. Er lächelte, und seine roten Wangen wiesen Lachfalten auf. »Ist schon in Ordnung, Jim. Du bist in meinem Seewagen. Wir sind auf dem Rückweg nach Krakatau.«

»Krakatau?« fragte ich. Und dann kam mir wieder die Erinnerung. »Aber Krakatau ist doch geflutet, Vater Tide! Wir waren dort. Wasser in der Bebenstation. Kein Zeichen von Leben!«

Besorgt runzelte er die Brauen. »Wir gehen zurück, Jim. Vielleicht finden wir Überlebende ...« Anschauen konnte er mich dabei freilich nicht.

Ich stand auf und stellte fest, daß ich in der vorderen Kabine von Vater Tides eigenem Seewagen war. Die ganzen Wände waren mit seinem seismologischen Instrumentarium bedeckt, mit Mikroseismographen, Erzsammlern, Echolotgeräten und allen möglichen ähnlichen Dingen. In diesem kleinen Schiff hatte Vater Tide alle Weltmeere durchstreift und die Geheimnisse der Gesteinsverwerfungen und Bebenfalten studiert. Er hatte Wissen angesammelt, ohne das Dr. Koyetsus Grundsätze niemals hätten entwickelt werden können. Von diesem Seewagen hatte ich schon viel gehört, und jetzt war ich selbst da.

Und ich war nicht allein.

Gideon Park beugte sich über mich, und sein breites, schwarzes Gesicht strahlte wie ein Sonnenaufgang. »Jim, du bist ganz in Ordnung. Wir haben uns schon Sorgen gemacht. Wir anderen sind schon seit ungefähr einer Stunde wieder da, aber du bist ein ganz vertrackter Fall, Junge.«

»Wir anderen?« fragte ich.

Gideon nickte. »Alle. Vater Tide kreuzte gerade in der Gegend. Wir befanden uns über einem Epizenter, verstehst du, und er hatte die Vibrationen des MOLEs entdeckt. Der Steuermechanismus hatte endgültig den Geist aufgegeben, aber der ortholytische Drill ging immer noch rund, nach oben, rührte den ganzen Schlamm des Seebodens auf, und wir lagen drinnen alle flach. Aber Vater Tide holte uns ‘raus ... Herrje, das ist ein Mann! Sein winziger Seewagen war schon vollgestopft mit Flüchtlingen und Gerät. Aber ihn hat das nicht gestört. Er nahm uns an Bord.«

Gideon wandte sich ab. »Wir sind in Sicherheit, Jim. Aber die anderen in Krakatau Dome . Dein Onkel und Doktor Koyetsu .«

Mehr brauchte er nicht zu sagen.

Alles andere war ein Triumph.

Ich trauerte zutiefst um meinem Onkel und die guten Leute von Krakatau Dome, aber wenn sie umgekommen waren, so hatten wir doch den Trost, daß sie die letzten sein würden, da nun die seismischen Kräfte unter Kontrolle genommen waren. Mit Dr. Koyetsus Technik war die Gefahr vorüber. Wir alle hatten wie die Teufel geschuftet und taten es auch jetzt wieder in der winzigen Kabine von Vater Tides Seewagen. Wir maßen, rechneten und zeichneten Karten. Und ...

»Es hat gewirkt!« rief Harley Danthorpe und wedelte mit seiner Vorhersagekarte. »Schaut mal, was ich da habe. Mögliche Stärke: Null. Mögliche Zeit: Unendlich. Und möglicher Irrtum: so gering, daß überhaupt keine Zahl herauskam.«

»Genau«, bestätigte Lieutenant Tsuya, und zum erstenmal seit Tagen strahlte sein abgemagertes Gesicht. »Ich hab’ die gleichen Ergebnisse. Und Sie, Eden und Eskow?«

Wir nickten beide.

Die negative Schwerkraftanomalie sank immer weiter ab, die Spannungen hatten sich gelöst. Was auch immer der Kuppel geschehen sein mochte - das Verfahren wirkte.

Wir hatten bewiesen, daß sich Beben vorhersagen ließen. Und wenn sich Seebeben vorhersagen ließen, konnte man sie auch unter Kontrolle bekommen. Ein neues Nansei Shoto Dome-Drama brauchte es also nie mehr zu geben. Selbst die Trockenstädte waren jetzt sicherer. Die ungeheuren Tragödien von Lissabon und San Franzisko und alle späteren brauchten nie mehr zu passieren.

Aber denen, die in Krakatau umgekommen waren, nützte dies nicht mehr ...

Düster schüttelten wir einander die Hände.

In der nächsten Stunde surrte der kleine Seewagen geschäftig zurück nach Krakatau. Wir hingen über unseren Seismographen und Geosonden, um nur ja jede Vibration in der Erdrinde aufzufangen, die vielleicht unser strahlendes Bild verdüstern konnte. Aber die Spannungen in der Erdrinde hatten sich gelöst, soviel war sicher. Die Erde unter der Stadt war ruhig. Die Flüchtlinge in den hinteren Abteilungen verhielten sich geduldig; ihre Gesichter waren grimmig, aber entschlossen. Man hatte ihnen schließlich erzählt, wie wir entdeckten, daß die untersten Ebenen der Krakatau-Kuppel von der hämmernden See überflutet worden waren, und sie wußten, wie gering die Aussicht war, dort noch Leben vorzufinden. Jeder hatte Freunde oder Verwandte dort. Kein Wunder also, daß sie über alle Maßen besorgt waren. Aber alle waren Pioniere der Tiefsee, und wenn die Kuppel vernichtet war, würden sie anderswo eine neue bauen!

Nach langen, spannungsgeladenen Minuten näherten wir uns Krakatau Dome.

Vater Tide rief, und seine Stimme klang halb erstickt: »Ich sehe ... Anzeichen des ... Edenit-Effekts! Die elektronischen Impulse auf meinen Schirmen ... Ich meine, die Kuppel ist noch intakt .«

Einen Augenblick später sahen wir es.

Es war ein ungeheurer Bau, der da in den Tiefen stand, und ganze Schwärme von Seewagen eilten zu den Docks. Die blaßschimmernde Kuppel stand stark und sicher da.

Die Beschichtung hatte gehalten!

Nicht nur Dr. Koyetsus Technik hatte sich für die Zukunft bewiesen, sie hatte auch Krakatau selbst gerettet, die Hunderttausende, die dort lebten, sogar die ganzen Bauten.

Wir waren kaum eines Wortes mächtig vor bewunderndem Staunen, als sich unser Schiffchen an die lange Reihe jener anschloß, die alle vor den Schleusen warteten, um die Menschen wieder in ihre selbstgewählte und selbstgeschaffene Heimat zurückzubringen. Die Zeit blieb stehen. Es dauerte wohl länger als eine Stunde, doch uns schienen es nur ein paar Minuten gewesen zu sein, bis wir in der Schleuse waren und die Luken öffnen konnten .

Wir traten wieder hinaus in das warme, geschäftige Leben von Krakatau Dome!

Meinen Onkel und Dr. Koyetsu fanden wir im Krankenhaus. »Nichts Ernstes, Junge«, wisperte mir mein Onkel zu, und in seiner Stimme war das alte, vertraute Lachen. »Nur ein bißchen abgenützt. Als ihr mit dem MOLE verschwunden wart, hämmerte die See auf Station K ein. Wir mußten schnellstens verschwinden.

Und wir schafften es. Die ganze Flottenbasis war auf eine höhere Ebene evakuiert worden, innerhalb des Edenit-Schildes. Und der hielt, Junge, trotz aller Beben!« Der drehte sich zu Dr. Koyetsu um und lachte über sein ganzes Gesicht.

Gideon Park legte seinen Arm ein bißchen fester um meine Schulter. »Wir machten uns da ja überhaupt keine Sorgen, Stewart. Was, Jim?«

»Natürlich nicht«, versicherte ich meinem Onkel ernsthaft. »Wir wußten doch, daß du schon durchkommst.«

Das sagte ich ganz ernst, aber Bob und Harley Danthorpe verpatzten mir die Wirkung, weil sie sich fast den Kopf vom Hals lachten. Und mein Onkel grinste verschmitzt.

»Ist ja alles vorbei«, sagte er. »Und wir können wieder an unsere Arbeit zurückkehren. Die See hat noch eine Menge Kampf für uns, und wir können sie nicht besiegen, wenn wir in Krankenhausbetten herumfaulenzen. Schwester!« bellte er, stieß die Decken von sich und stand auf. Er sah komisch aus in seinem kurzen Krankenhausnachthemd. »Schwester! Bringen Sie mir meine Kleider, damit ich hier ‘raus kann! Die Gezeiten warten nicht!«

ENDE