/ Language: Deutsch / Genre:adv_indian

Das Kind der Prärie

Franz Treller

Diese Erzählung aus der Zeit der Landnahme im Wilden Westen schildert den Kampf der Siedler, die jeden Fußbreit Boden gegen den roten Mann erkämpfen mussten. Der Text der hier vorliegenden digitalen Ausgabe wurde nach der ersten Buchfassung von 1901 erfasst. Die alte Schreibweise wurde beibehalten, einzig offensichtliche Fehler wurden korrigiert und unterschiedlich geschriebene Eigennamen vereinheitlicht. Die vier Farbtafeln der Buchausgabe sind im Text enthalten.

Erstes Kapitel

Langsam senkte sich der Sonnenball, einer riesigen Feuerkugel gleich, dem Horizonte zu, und übergoß mit einer Flut rötlichen Lichtes die unabsehbar sich ausdehnende Ebene, deren Grenzen mit der Luft sich zu verschmelzen schienen.

    Kein Baum, kein Strauch zeigte sich dem Auge, Gras nur, Prärie- und hartes Büffelgras entsproß sterilem Boden, der oftmals an umfangreichen Stellen, ohne jeden Pflanzenschmuck, kahl und nackt zutage trat, und so den Eindruck trostloser Oede noch verstärkte.

    Wolkenlos spannte sich der Himmel aus, und sein eintöniges Blau erhöhte die Monotonie des Ganzen.

    Kein Laut ließ sich hier vernehmen, das animalische Leben schien erstorben, Schweigen des Todes herrschte überall.

    In der Ausdehnung der Fläche, welche der Blick zu umfassen vermochte, der Einförmigkeit der Bodengestaltung, der tiefen Stille, lag etwas furchtbar Großes.

    Es war die Majestät des Schreckens, die hier auf der Wüste lagerte. Nur das scheidende Tagesgestirn umhüllte in goldigem Schimmer alles mit dem Scheine warmen Lebens.

    Inmitten der Einöde bewegten sich drei Reiter langsam nach Norden zu, kaum vernehmbar war der Pferdehuf auf dem Steppengras, und das Schweigen ringsumher schien seine Wirkung auch auf sie auszuüben, denn wortlos ritten sie einher.

    Zwei von ihnen waren Männer, deren Art die Prairien weiter nördlich und östlich häufig zeigten, wo nach Tausenden von Köpfen zählende Rinderherden, die Sommer und Winter im Freien bleiben, die kühnen, abgehärteten Hirten erfordern, welche sie dem Besitzer bewachen und bewahren. Die Tracht: der breitrandige Hut, der hohe Stiefel, die Art der Bewaffnung, besonders aber die kurzgestielte Peitsche mit der weitreichenden schweren Schnur, die sie im Gürtel trugen, kennzeichneten sie als Cowboys.

    Die von Wind und Wetter gebräunten Gesichter der beiden Männer waren keineswegs vertrauenerweckend, und dürften den ihnen in der Einsamkeit der Wüste begegnenden friedlichen Wanderer wohl um seine Sicherheit besorgt gemacht haben.

    Der eine war von langer Gestalt, und das Gesicht mit dem adlerartigen Profil, aus dem zwei dunkle Augen blitzten, trug einen verwegenen Ausdruck, der durch eine Narbe, die sich von der Stirne bis zur Wange herabzog, bis sie in dem stoppeligen Barte verschwand, keineswegs gemildert ward.

    Die Erscheinung des anderen, eines Burschen, untersetzt, breitschultrig, mit massivem Kopfe und breitem Antlitz, bildete ein durchaus nicht angenehmes Seitenstück zu der seines langen Gefährten; die wilde Kühnheit auf dessen Gesicht war hier durch den Ausdruck roher Grausamkeit ersetzt.

    Bewaffnet waren die unheimlichen Gesellen mit langen Büchsen, die sie vor sich, quer über den Sattel gelegt, trugen, mit Messer und Pistolen im Gürtel.

    Zwischen den beiden rauhen, furchteinflößenden Gestalten ritt ein schlanker Knabe, welcher wohl kaum mehr als sechzehn Jahre zählen mochte. Um ein hübsches, aber sehr bleiches Gesicht hing langes kastanienbraunes Haar, das wellig hernieder fiel auf einen zerfetzten und beschmutzten Hemdkragen.

    Gekleidet war er in eine kurzen Jacke und lange Beinkleider von feinem, dunkelblauem Tuch, die aber, wie das gestickte Hemd, Spuren mühseliger Wanderung zeigten.

    Matt war die Haltung des Knaben, traurig der Ausdruck des blassen Gesichts, und das umflorte Auge richtete sich von Zeit zu Zeit wie fragend nach dem Himmel.

    Schweigend ritten die drei noch eine Weile fort, bis der Lange die Stille mit den Worten unterbrach: "Müssen uns hier ein Nachtlager suchen, Jim, erreichen den Arkansas nicht mehr."

    "Meinetwegen", brummte der andre, wie es schien, übel gelaunt; "denke, sind weit genug in der Steppe."

    Dem Knaben schien bei diesen Worten ein Schauder zu erfassen, und seine Blicke flogen ängstlich von einem seiner Begleiter zum andern.

    Der Lange entgegnete nichts, nur suchte sein Auge umher. Als es auf einem dunklen Punkte haftete, der, einem Erdhaufen gleich, sich unfern erhob, sprengte er dahin, und bald hielt er neben dem Kadaver eines Büffels, der fast zur Hälfte schon von den gefräßigen Prairiewölfen verzehrt war.

    Er pfiff und sein Gefährte galoppierte zu ihm.

    Der Knabe hielt sein Pferd an, und wenn die beiden Cowboys nach ihm hingeblickt hätten, konnten sie gewahren, wie er, die Hände gefaltet, zum Himmel blickte und seine Lippen sich bewegten.

    "Will dir was sagen, Ben", sagte mit rauher, doch unterdrückter Stimme der Jim angeredete Mann, "habe deine Sentimentalität jetzt satt, sind weit genug in der Wüste. Heute abend jage ich ihm eine Kugel durch den Kopf, und die Sache ist abgemacht."

    Der andre blickte einen Augenblick vor sich nieder, richtete dann die dunklen Augen auf seinen Gefährten und entgegnete gedämpften Tones: "Geht mir gegen die Natur, Jim. Ist ein Kind - sage dir, geht mir gegen die Natur. Wär's ein Bursche mit 'ner Büchse in der Hand, wollte ich ihm geschwind hinhelfen - aber, ist ein waffenloses Kind, Jim, schäme mich, sage dir, schäme mich."

    "Hättest dann das Geschäft gar nicht übernehmen sollen."

    "Habe es mir so nicht gedacht - und sind hundert Dollar viel Geld - aber hätt's nicht übernommen, wenn ich gewußt hätte, wie schwer es ist, mit ruhigem Blute ein Kind zu töten. Hat mancher mein Messer gespürt oder meine Kugel, aber waren Männer und ich dabei im Zorn oder in Selbstverteidigung. Sage dir, ist das dort ein Kind."

    "Nun, und was soll nun geschehen? Wollen wir das Bürschchen wieder zurückbringen? He?"

    Der lange Ben dachte einen Augenblick nach und sagte dann: "Will dir was sagen, Fellow, sind hier in einer Einöde - auf hundert Meilen kein Mensch - nicht einmal eine schleichende Rothaut - lassen den Jungen hier - mag's dann gehen wie's will."

    "Unnütze Grausamkeit, eine Kugel ist Barmherzigkeit dagegen."

    "Mag sein, kann's nicht übers Herz bringen. Habe das Kind beten hören -"

    Der andre lachte roh auf, aber Ben fuhr, ohne es zu beachten, fort: "Fiel mir ein, daß ich auf dem Schoße meiner Mutter auch einmal gebetet habe, sage dir, Jim, wollen ihn hier allein lassen -"

    "Na, meinetwegen, wenn das dein weiches Herz beruhigt, mag's sein. Aber sagt dir der Büffel nicht, daß Jäger in der Nähe waren?"

    "Nein. Das Tier ist von der Herde versprengt und von den Coyotes totgehetzt. Hier kommen weder Büffel noch Jäger her."

    "Well, bin einverstanden, lassen den Jungen hier - nur fort aus dieser elenden Steppe."

    Schweigend ritten sie hierauf zurück zu dem ergeben harrenden Knaben, den eben die letzten Strahlen der sinkenden Sonne beschienen.

    "Wollen hier zur Nacht bleiben, Master Paul, sucht euch ein Plätzchen, können heute den Arkansas nicht erreichen."

    Gehorsam stieg der Knabe ab. Ihm folgten hierin die beiden Männer. Die Pferde wurden abgesattelt, angepflockt, und alle drei ließen sich auf wollenen Decken nieder, die sie von den Sätteln genommen hatten, der Knabe etwas abseits von den Gefährten.

    Sie zogen Mundvorrat hervor, bestehend aus gedörrtem Fleisch und Maisbrot. Ben bot dem Knaben Speise, die dieser auch nahm und langsam zu verzehren begann, während Jim aus seiner Satteltasche eine Blechflasche hervorholte, und mit deren stark duftenden Inhalt sein Mahl würzte. Ein gleiches tat auch der Lange.

    Nachdem er einen herzhaften Schluck genommen, bot er sie dem Knaben; dieser wollte sie zurückweisen, aber ein rauhes: "Wird's bald!" veranlaßte ihn, einen Schluck des feurigen Trankes zu nehmen. Hustend gab er dann die Flasche zurück.

    Bald hatten die Männer ihr frugales Mahl beendet. Die Nacht war völlig herabgesunken und Jim zog den Sattel heran, und streckte sich, diesen als Kopfkissen benutzend, zur Ruhe aus. Bald verkündete sein Schnarchen, daß er schlief.

    Ben saß noch aufrecht.

    Nach einer Weile sagte er zu dem Knaben: "Legt euch nieder, Master Paul, und schlaft."

    Mit sanfter Stimme fragte dieser dann: "Wo führt ihr mich hin? Was habt ihr mit mir vor?"

    "Werdet alles erfahren, wenn wir morgen den Arkansas erreichen; macht euch keine Sorgen - geschieht euch nichts - wird sich alles aufklären."

    Paul schwieg und sah zu dem Sternenhimmel empor, von dem die fernen Welten in heiterem Glanze herunterleuchteten.

    Ben saß noch aufrecht und starrte vor sich hin.

    Plötzlich unterbrach er die Stille mit den Worten: "Glaubt ihr an Gott, Master Paul?"

    Der Knabe erschrak über die Frage, entgegnete aber dann in einem Tone, aus dem die innigste Überzeugung widerklang: "Oh ja, ich glaube an ihn."

    "Und daß er das Gebet der Unschuldigen hört, und auch erhört, Master?"

    "Auch das, er ist der Ewige, der Allgütige."

    Der Cowboy erwiderte nichts, sandte eine Zeitlang Dampfwolken vor sich hin, die er seiner kleinen Pfeife entlockte; klopfte sie dann aus, und sagte endlich: "Es ist gut, Master Paul", und streckte sich wie sein Gefährte zum Schlafen aus.

    Eine Zeitlang noch saß der Knabe, die Hände auf den Knieen gefaltet, da. Endlich überwältigte auch ihn die Müdigkeit, er hüllte sich in die wollene Decke, und sein Geist wandelte aus der ihn umgebenden trüben Wirklichkeit in das Land der Träume hinüber, die ihm die Heimat, das Elternhaus und all das ruhige Daseinsglück vorgaukelten, denen er rauh entrissen worden war.

    Mitternacht mochte vorüber sein, als der Ben genannte Mann sich geräuschlos erhob und sein Pferd sattelte. Dann nahm er seinem Gefährten den Sattel unter dem Kopf hinweg und legte ihn auf dessen Tier.

    Hierauf weckte er Jim, indem er ihn rüttelte.

    Dieser war rasch auf den Beinen, sein Gefährte forderte ihn leise auf, davonzureiten und dieser, einen Blick auf den ruhig schlafenden Knaben werfend, nickte und bestieg sein Roß, nachdem er die Decke, auf welcher er gelegen, auf dessen Rücken geworfen hatte.

    Ben that das Gleiche und ließ dabei, unbemerkt von dem andern, ein Stück Rauchfleisch fallen.

    Jim nahm das Tier des Knaben am Zügel, und dann ritten sie im Schritt in der Richtung, in der sie gekommen waren, davon.

    Der schlafende Knabe blieb allein in der Wüste zurück.

    In einiger Entfernung ließen die Cowboys die Rosse Galopp ansprengen, und entfernten sich nun schnell von der jetzt einsamen Lagerstätte Pauls.

    Ein dumpfes, knurrendes Geräusch ließ sie aufschauen, und sie gewahrten im Grase, nur undeutlich wahrnehmbar, hin- und hersprengende Tiergestalten.

    "Ah, zum Teufel, der Coyote!" sagte Ben und hielt sein Roß an.

    "Ja", lachte der andre in heiserem Tone, "der Coyote. Glaubst du denn, ich hätte das Milchgesicht lebendig zurückgelassen, wenn ich nicht wüßte, daß der Coyote rasch mit ihm aufräumen würde?"

    "An die Bestie hatte ich nicht gedacht."

    "Aber ich. Sahen ja, was er an dem Büffel für Arbeit gemacht hatte."

    Ben machte Miene, sein Roß zu wenden, doch Jim stieß einen gotteslästerlichen Fluch aus und sagte dann: "Bist du verrückt genug, zurückzureiten, nun, so hol' dich der Teufel. Wirst übrigens wenig mehr von ihm vorfinden." Damit spornte er sein Roß und sprengte weiter.

    Nach kurzem Besinnen jagte der Lange ihm nach, indem er murmelte: "Gott mag's mir verzeihen, ich glaubte es gut zu machen", und beide verschwanden in der Nacht.

    Den fest schlafenden Knaben hatte der Fortgang seiner Begleiter nicht geweckt, er schlummerte ruhig weiter.

    Glänzend schienen die Sterne hernieder auf das einsame Kind, welches nur von dem Auge dessen erschaut wurde, der über uns alle wacht. Wohl eine Stunde mochte so vergangen sein, als heiseres Bellen und Geheul von der Gegend her drang, wo die Reste des Büffels lagen. Eiligst huschte dann ein Tier an dem Schlafenden vorüber. Ein in der Nähe des Knaben laut werdendes Geheul wurde von fernher gellend erwidert:

    War es die Kühle der Nacht, waren es die grimmigen Laute, welche ihn erweckten, der Knabe erwachte und schaute sich um. Finsternis umgab ihn.

    Er horchte - alles war still. Dann richtete er sich halb auf, und rings um ihn stoben heulend die scheuen Wüstenräuber auseinander, welche sich vorsichtig genaht hatten.

    Der Knabe sah sich nach seinen Gefährten um - sie waren verschwunden; - auch sein Pferd war fort - und aus der Dunkelheit starrten ihn die grünlich glänzenden Lichter der Steppenwölfe an.

    Paul erschrak in der Tiefe der Seele, er wußte, welche Gefahr ihm drohte, so feige der Coyote auch, besonders den Menschen gegenüber, für gewöhnlich ist.

    Der Knabe war von Natur mutig, doch lähmte ihn jetzt fast das Entsetzen.

    Heulend umkreisten ihn die Bestien. Er erhob sich ganz, und die scheuen Wölfe wichen zurück.

    Gleich darauf erhob einer seine Stimme, die andern fielen ein, und im wilden Jagen rasten sie in einiger Entfernung um Paul herum.

    Die Bewegungslosigkeit ihres Opfers machte sie dreister; sie kamen näher und näher, immer in der Runde umherjagend, und der Knabe, Todesschrecken im Gebein, unfähig, eine Bewegung zu machen, unfähig fast, zu denken, stöhnte leise: "Gott, Gott, sei mir gnädig!"

    Einer der Wölfe war ihm so nahe gekommen, daß er das Stück Fleisch, das Ben absichtlich hatte fallen lassen, erhaschen konnte und triumphierend davontrug.

    Einige der Tiere stürzten sich auf ihn, ihm die Beute zu entreißen, und bissen sich mit ihm herum - dies erregte augenscheinlich den Blutdurst der andern stärker, und schon schickten sie sich an, in wildem Anlauf ihr Opfer zu überwältigen, als aus ziemlicher Nähe, rasch aufeinanderfolgend, zwei Schüsse krachten, drei der Wölfe sich am Boden wälzten, und die andern in wilder Flucht mit Lauten des Entsetzens davonjagten und in der Nacht verschwanden.

    Der Todesschreck lagerte so bleiern auf dem Knaben, daß das freudige Gefühl, im letzten Augenblicke Rettung aus drohender Gefahr gefunden zu haben, nicht gleich aufkommen wollte. Noch stand er wie versteinert, als eine hohe Gestalt undeutlich sichtbar ward und eine Stimme sagte: "Wen haben wir denn eigentlich hier?" Gleich darauf stand ein Mann neben dem Knaben, ein Mann von ungewöhnlicher Größe, und schaute ihn aufmerksam an.

    "Ein Kind, soll mir Gott helfen; ein Kind. Haben sie dich hier allein gelassen, Junge?"

    Zu antworten vermochte Paul nicht. Das Gefühl des Schreckens, welches ihn lähmte, machte sich zunächst in einem heftigen Thränenstrome Luft.

    Geduldig wartete der Mann und lud währenddes gemächlich seine Doppelbüchse, die er eben auf die Coyotes abgefeuert hatte.

    Endlich rannen des Knaben Thränen sanfter.

    Der Fremde legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte: "Beruhige dich, mein Junge, die kommen nicht wieder."

    Paul hob das Haupt empor und blickte durch seine Thränen in das über ihn gebeugte Gesicht seines Retters, das ihn freundlich anschaute.

    Nun fand er auch Worte: "Gott sei Dank", sagte er aus tiefster Seele - "Gott sei Dank - und Ihnen, Sir, - ah - Sie kamen zur rechten Zeit."

    "Sagst wahr, Kind, eine Minute später durfte ich nicht kommen."

    Paul schauderte, ja - eine Minute später hätte der Mann nicht kommen dürfen.

    "Komm, setz dich neben mich und erzähle mir, wie du in diese Wüste kommst, die selbst der wilde Heide meidet."

    Er ließ sich zur Erde nieder und Paul setzte sich neben ihn.

    Der Fremde fuhr fort: "Sehe da, schon im Abendlicht, drei Reiter in der Steppe, hier - auf diesem Ufer des Arkansas. Wundere mich um so mehr, als zwei augenscheinlich Cowboys waren; konnte aus dem dritten nicht recht klug werden, war doch zu weit davon ab. Schlendere aber langsam nach. Als es dunkel wurde, legte ich mich nieder, wache aber gegen Mitternacht auf, als die zwei Cowboys dicht an mir vorbeigaloppierten. Zwei nur? dachte ich. Wo blieb denn der Dritte. Gehen wunderliche Sachen vor in der Wüste, Kind. War neugierig, zu erfahren, was aus dem Dritten geworden sei, ging in der Richtung, aus welcher die Gesellen kamen, weiter, nun - und kam zur rechten Zeit."

    Der Knabe hatte seine Thränen getrocknet und horchte aufmerksam der Stimme des Fremden, die einen angenehmen Klang hatte.

    Er hatte nach der gewaltigen Erregung, welche die nahe Todesgefahr hervorgerufen hatte, seine Ruhe soweit wiedererlangt, daß er gesammelt antworten konnte: "Diese beiden Menschen haben mich gewaltsam hierhergeführt, Herr - aus welchen Gründen, weiß ich nicht. Was sie mit mir vorhatten, weiß ich nicht -"

    "Viel Gutes gewiß nicht", warf der Fremde ein.

    "Ich fürchtete, sie wollten mich ermorden."

    "War genau dasselbe, indem sie dich hier allein ließen - hätten die Coyotes kurzen Prozeß mit dir gemacht, und wenn die nicht - die auch selten hierherkommen, und nur von dem Büffel, den ich gestern jenseits des Flusses anschoß, hierhergelockt worden sind, so hätte dir der Hunger ein langsames Ende bereitet. Aber warum sollten dich die Burschen ermorden wollen?"

    "Ich weiß es nicht, Herr."

    "Hm, sonderbar. Muß doch einen Zweck haben, einen Jungen so weit in die trostlose Wüste zu führen, um ihn da aus dem Wege zu räumen?"

    "Ich kenne ihn nicht, Herr."

    Der Tag war langsam heraufgestiegen, und sandte bleiche Strahlen über die Steppe. Paul vermochte jetzt seinen Lebensretter genauer zu betrachten. Es war eine riesenhafte Gestalt, welche neben ihm, sich auf den Ellenbogen stützend, ausgestreckt lag. Das mächtige Haupt umgab ziemlich langes, graues Haar, welches unter einer Mütze aus Otterfell herniederfiel, das gebräunte Angesicht, von dichtem Bartwuchs eingerahmt, war gut geformt, wenn es auch die Spuren von Strapazen und eines entbehrungsreichen Lebens trug, aber sein Ausdruck war ehrlich und gutmütig, und der Blick der blauen Augen verstärkte diesen nur.

    Es war ein Gesicht, welches Vertrauen erweckte.

    Wiederum schaute der Fremde forschend in das hübsche, offene Gesicht des Knaben.

    Beide schienen mit den empfangenen Eindrücken zufrieden zu sein.

    "Ja, aber mein Junge", sagte dann der Fremde, "du bist doch alt genug, wie alt bist du denn?"

    "Sechzehn Jahre, Herr."

    "Na, also doch alt genug, um dir Gedanken darüber gemacht zu haben, weshalb man dich entführt hat."

    "Das habe ich auch, Herr. Anfänglich glaubte ich, man wolle ein Lösegeld von meinen Angehörigen erpressen, ob mir gleich das unheimliche Gebaren des einen der beiden, die mich hierherführten, Besorgnis für mein Leben einflößte. Jetzt, da sie mich hier in dieser Wüste allein zurückgelassen haben, bezweifle ich nicht mehr, daß es auf mein Leben abgesehen war. Ohne euer rechtzeitiges Eingreifen, Sir, wäre ich bereits von dieser Erde abgeschieden. Oh, ich danke euch von ganzem Herzen, ich bin doch noch zu jung, um zu sterben."

    "Wen die Götter lieb haben, rufen sie zeitig zu sich", sagte der Fremde so leise vor sich hin, daß ihn Paul nicht verstand.

    Eben leuchtete der erste rötliche Strahl der Sonne über die weite Fläche und überzog die beiden einsam weilenden Gestalten mit goldigem Schimmer.

    Beide schwiegen, ganz in den großartigen Anblick versunken, den das aufsteigende Tagesgestirn gewährte, welches die Steppe zauberisch mit seiner Lichtflut übergoß.

    Nach einer Weile erhob sich der Mann, und jetzt erst im Tageslichte, und da er aufrecht stand, konnte Paul die riesenhafte Größe dieser Gestalt, die mehr als sechs Fuß messen mochte, erkennen. Auch er erhob sich, doch ob er gleich groß für sein Alter war, kam er sich neben seinem Gefährten wie ein Zwerg vor.

    Der Fremde, in ein Jagdhemd von Büffelleder gekleidet, welches so geschmeidig und weich war, daß es sich allen Körperformen anschmiegte, zeigte in seiner äußeren Erscheinung und Bewaffnung den Jäger des Westens. War seine Haltung auch männlich kräftig, so deuteten doch das gefurchte Antlitz wie die Farbe des Haares und Bartes darauf hin, daß er die Mitte des Lebens bereits seit Jahren überschritten hatte.

    Er ließ seine Augen rings über die Prairie fliegen und richtete sie dann auf seinen jugendlichen Schützling.

    "Hast du Kraft, einen kleinen Marsch zu machen, Kind?"

    "Ja, Herr, ich bin bereit."

    "So komm, ich weile ungern hier in der verrufenen Steppe, und nur der Büffel hat mich herübergelockt; ich wollte sein Fell haben, denn ich wußte, daß er nicht weit kommen konnte. Nun haben mich die Wölfe um meine Beute betrogen. Komm, bis zum Flusse sind es nur wenig Meilen, und ich habe drüben ein Shanty. Dort kannst du dich ausruhen und mir dann deine Schicksale erzählen."

    Damit warf er die schwere Büchse über die Schulter und schritt so kräftig aus, daß der Knabe ihm nur mit Anstrengung zu folgen vermochte. Der Riese bemerkte es und mäßigte seinen Gang.

    Schweigend schritten sie eine geraume Weile nebeneinander her, bis sie endlich an das mit Büschen und Bäumen umsäumte Ufer eines breiten Flusses gelangten, der seine trüben, gelblichen Wasser in einer tiefen Einsenkung des Bodens gen Westen wälzte.

    Als sie durch einen schmalen Waldstreifen, der dicht mit Unterholz durchsetzt war, niedergestiegen waren, und am Rande des Wassers standen, gewahrte Paul in einer kleinen Ausbuchtung ein indianisches Kanoe, in welchem einige Büffelfelle lagen. Sie gingen darauf zu, und der Jäger lud durch eine Gebärde den Knaben ein, das ziemlich große Boot zu betreten, und folgte selbst nach. Es bedurfte der gewaltigen Kraft des Mannes, um das Fahrzeug quer über den breiten, rasch dahinflutenden Strom zu treiben. Doch nach kaum einer Viertelstunde landeten sie am jenseitigen Ufer, welches gleichfalls mit Schilf, Büschen und oftmals dichtstehenden Bäumen besetzt war, wie das, welches sie verlassen hatten. Der Trapper zog das Boot aufs Land und befestigte es sorgfältig noch an einem Baume. Dann nahm er die Büffelhäute auf seine mächtigen Schultern, das Ruder gab er Paul zu tragen, und schritt am Ufer hinauf, wo der Knabe nach einiger Zeit eine Blockhütte bemerkte, die von Büschen umstanden und von einigen Fichten beschattet war.

    "Das ist mein Heim", sagte der Jäger, "und nun sollst du bald die Gastfreundschaft der Wüste kennen lernen."

    Er warf die Büffelhäute ab, öffnete die unverschlossene Thür der Hütte, in welcher dem flüchtigen Blicke sich Felle, Waffen, kleine Fässer und Kisten, Blechgeschirre, ein Herd und mannigfache andre Dinge zeigten. Der Trapper wies auf einen Stapel kleingespaltenen Holzes und sagte: "Gib davon her, Junge."

    Dieser gehorchte, und bald loderte auf dem Herd Feuer empor, kochte in einem Kessel Wasser, welches einem nahen Quell entnommen war. Der Trapper langte Thee hervor und goß das kochende Wasser in die Kanne. Er nahm dann Maisbrot und die gebratene Keule einer Antilope aus einem kleinen Verschlage, reichte Paul ein Messer, gab ihm einen Blechbecher, wies auf Kanne und Nahrungsmittel und sagte: "Greife zu, Kind, es wird gern gegeben", und mit herzhaftesten Appetit machten sich beide an das frugale, aber reichliche Frühstück.

    Nachdem der Hunger gestillt war und neues Wohlbehagen den Leib des Knaben durchzog, der seit Tagen nur gedörrtes Fleisch, und das knapp zugemessen, genossen, den Luxus eines warmen, belebenden Getränkes aber entbehrt hatte, legte er das Messer nieder.

    Der Trapper zündete seine Pfeife an und rauchte ruhig vor sich hin.

    Nach einer Weile wandte er sich an den bescheiden harrenden Knaben mit der Frage: "Wie heißest du?"

    "Paul Osborne, Sir."

    Es zuckte wie ein Wetterstrahl über das braune Gesicht des Riesen, und ein dumpfer Laut entfuhr seiner breiten Brust.

    Der Knabe erschrak heftig und fragte nach einer Weile, während der Trapper schwer atmete und dabei die Hand vor das Gesicht geschlagen hielt: "Ist euch nicht wohl, Sir?"

    Es verging Zeit, ehe der Trapper die Hand von seinem Gesicht entfernte und antwortete. Die Züge hatten fast ihren gewöhnlichen Ausdruck, als er sagte: "Es ist nichts, Kind, ein alter Rheumatismus, der mir manchmal zu schaffen macht, zog mir plötzlich durch die Glieder."

    Er zündete die Pfeife, welche ausgegangen war, wieder an und fragte: "Also wie heißest du?"

    "Paul Osborne."

    "Woher?"

    "Arkansas, Sheffieldscounty."

    "Gut. Dein Vater?"

    "Ach, Herr, mein Vater, John Osborne, ist seit drei Monaten tot", entgegnete der Gefragte mit schmerzlicher Betonung. Der Jäger mußte wieder einen Anfall seines Leidens haben, denn von neuem zuckte er zusammen, und im Schmerz bedeckte er wie vorher die Augen mit der Hand. Dann stand er auf und ging hastig hinaus. Der Knabe blieb ratlos, angstvoll harrend sitzen. Endlich öffnete sich die Thür, der Alte kehrte zurück und äußerte: "Man wird ein altes Jammergerippe". Nach einiger Zeit fuhr er fort: "Nun erzähle mir, wie du in die Hände der beiden Banditen gefallen bist, die dich hierhergebracht haben."

    Traurig sagte der Knabe: "Ich war auf der Schule zu Little Rock, als ich die Schreckensnachricht von meines Vaters plötzlichem Tode erhielt. Ich eilte nach Hause und konnte nur noch seine teuren Reste zu Grabe geleiten. Ich stand allein da, verwaist, früh Herr eines großen Vermögens geworden, welches mein lieber Vater für mich erworben hatte. Ach, wie gern wollte ich darauf verzichten, wenn er noch lebte."

    "Bist du der einzige Erbe?"

    "Ja, Herr, ich war das einzige Kind meines Vaters."

    "Bei deinem jugendlichen Alter muß dir doch das Gericht einen Vormund gesetzt haben, wenn nicht einer im Testamente ernannt war."

    "Ein Testament fand sich nicht vor, und zu meinem Vormunde ernannte der Richter einen Bruder meines Vaters."

    "Wen?" schrie der Trapper so laut, daß Paul zusammenzuckte. Dies gewahrend, setzte er hinzu: "Entschuldige, Junge, ich verstand nicht - also wen?"

    "Einen jüngeren Bruder meines Vaters, Mr. James Osborne."

    "Gut, weiter."

    "Ich kannte Onkel James wenig, denn er war früher in Kolorado ansässig gewesen und hatte sich erst wenige Monate vor meines Vaters Tode wieder in unsrer Nähe niedergelassen."

    "Weiter, weiter."

    "Er übernahm die Verwaltung des mir gebliebenen Vermögens, welches in ausgedehnten Ländereien und einer Ziegelei bestand, und ich kehrte nach Little Rock zurück, um meine Studien zu vollenden.

    "Als ich in den Ferien heimkehrte, machte mir der Oheim den Vorschlag, nach den Prairien im Kansasterritorium aufzubrechen."

    "Nach den Prairien? Aus welchem Grunde?"

    "Mein Vater hatte auch dort ansehnliche Länderstrecken erworben und züchtete große Rinderherden, die unter der Aufsicht einiger Cowboys standen. Der Oheim meinte, es sei Zeit, einmal nach meinem Eigentum dort zu sehen. Mir konnte natürlich nichts größere Freude bereiten als ein Ritt in die Steppe, und wir machten uns alsbald auf den Weg.

    "Die Reise wurde, als wir uns von den Ansiedlungen entfernten, immer beschwerlicher, auch die Menschen, denen wir begegneten, zeigten sich immer zügelloser und roher. Zum erstenmal bekam ich dort auch Indianer zu sehen, wild genug aussehende Menschen."

    "Weißt du, von welchem Stamme sie waren?"

    "Die Leute, welche uns begleiteten, meinten, es seien Männer vom Volke der Cheyennes."

    "So? Gut. Weiter."

    "Wir waren seit sechs Tagen in der Steppe, ohne unsre Herden gefunden zu haben, als wir nächtlich in unserm Lager überfallen wurden."

    "Von wem?"

    "Ich glaube, von Indianern. Es war dunkle Nacht, und ich habe wenig gesehen, auch war ich so erschrocken, daß ich kaum etwas von mir wußte. Es war furchtbar. Das wilde Geschrei, das Knallen der Büchsen; es gellt mir noch immer in den Ohren. Ich stürzte in Todesangst fort, in die Steppe hinaus, als ich plötzlich ein Pferd hinter mir schnauben hörte und eine starke Hand mich im Nacken ergriff. Ich war von Todesangst so überwältigt, daß ich nicht einmal einen Ruf auszustoßen vermochte, ich vernahm nur eine rauhe Stimme: 'Töte ihn nicht, Jim', fühlte einen Schmerz auf dem Kopfe und verlor das Bewußtsein. Als ich zu mir kam, graute schon der Tag, und ich befand mich in Gesellschaft der beiden Gesellen, die ihr gestern abend gesehen habt, allein in der weiten Prärie."

    "Hm. So? Nun, und dein Oheim und die andern, was wurde aus denen?"

    "Herr, ich weiß es nicht, weiß nicht, ob sie leben, ob man sie getötet hat", sagte der Knabe schmerzbewegt. "Ich bin aus dem Schlummer aufgeschreckt, schlaftrunken und in Todesangst fortgestürzt. Hatte auch keine Waffe, um mich zu verteidigen."

    "Und was begann man dann mit dir?"

    "Ich ward auf ein Pferd gesetzt, welches einer der beiden mit sich führte, und mußte ihnen in aller Eile folgen."

    "Wie lange warst du bis gestern abend unterwegs?"

    "Vier volle Tage, Herr."

    "Weißt du, aus welcher Himmelsgegend du kamst? Ritten die Kerls in gerader Richtung oder schlugen sie Haken?"

    "Ich nehme an, daß wir den ganzen Ritt in gerader Richtung nach Westen zurückgelegt haben."

    "Nun, und die Burschen, die dich hierherführten, ließen sich die nicht darüber aus, was der Überfall bezweckte, wie er ausgefallen, aus welchem Grunde sie dich so weit in die Wüste schleppten?"

    "Sie beantworteten keine meiner Fragen; der eine nur, Ben genannt, der Lange, meinte, am Arkansas würde ich alles erfahren. Es war ein trauriger Ritt hierher mit diesen so furchteinflößenden Begleitern."

    Paul schauderte in der Erinnerung zusammen, dann sagte er mit Innigkeit: "Doch Gott hat mein Gebet erhört und mir euch als Retter gesandt. Wie darf ich euch nennen, Sir?" fragte er dann bescheiden.

    Der Trapper lachte bei dieser Frage, aber es war ein bitteres Lachen. "Haha! Junge, habe hier in der Steppe der Namen mehrere geführt, die mir die Jäger und Indianer gegeben hatten, hießen mich bald den Büffel, bald Goliath, bald Starkhand und was der Bezeichnungen mehr sind, die man hier in der Wildnis nach seinem Äußern oder seinen Eigenschaften erhält. Seit einigen Jahren, nach einem kleinen Scharmützel mit den Spitzbuben, den Kiowas - das ist ein Indianervolk, welches sich hier in den Steppen am Arkansas umhertreibt - bei welchem ich zwei der Burschen so kräftig die Schädel aneinanderstieß, daß das Hirn umherspritzte, und noch anderweitig unter ihnen aufräumte, nennen sie mich Grizzly, den 'grauen Bären', und unter dieser Firma bin ich jetzt wohl ziemlich allgemein unter Roten und Weißen hier in der Steppe bekannt. Stamme auch aus den Staaten, wie du, Junge, und führte einst einen christlichen Namen, wie andre Leute dort, hm, ist lange her. Wie du mich nennen sollst? Hm, sag einfach Oheim zu mir - hatte einmal einen Bruderssohn, der dir ähnlich sah, erinnerst mich an ihn; sag Oheim, Junge, soll dir keine verwandschaftlichen Verpflichtungen auferlegen", setzte er mit einem Lachen hinzu, welches wie vorher einen bitteren, schmerzlichen Grundton hatte. "Ist kurz und bündig, sag Oheim."

    "Wohl, Oheim", entgegnete Paul, "es sei, wie ihr sagt."

    Nach einer Weile fragte der Knabe dann: "Und ihr wohnt hier allein in der trostlosen Einöde, Oheim?"

    "Trostlose Einöde, Junge? Hm, ja, kennst die Erhabenheit von Gottes freier Schöpfung nicht, weißt nicht, was du sagst. Giebt nichts herrlicheres auf dieser Welt als die endlose Steppe. Einöde? Hier spricht alles, Knabe, zu dem, der eine Seele in der Brust hat. Der Himmel, die Wolken, Sonne und Sterne, der Wind, ob er sanft einherweht, ob er verderbenbringend herniederrast, die Pflanzen und Blumen der Prairie, die Tierwelt, vom winzigen Käfer an bis hinauf zum mächtigen Büffelstier, alles redet vernehmlich zu den Menschen und in einer erhabeneren Weise als in den Ameisenhaufen, Städte genannt, denn es ist Gott selbst, der hier in seinen Werken zu uns spricht. Seit vielen Sommern lebe ich hier, und bin nicht einen Augenblick einsam. Mehrmals im Jahre muß ich freilich zu den Ansiedlungen fahren, um meine Felle abzusetzen und die Dinge einzukaufen, die ich nötig habe für mein Trapperleben, aber ich eile, sobald ich nur kann, zurück in die Wildnis, die mir eine teure Heimat geworden ist. Nach einem unruhevollen Leben habe ich hier endlich Frieden gefunden, und in der Steppe wird hoffentlich auch einst ruhen, was an mir sterblich ist."

    Als der Trapper, dessen ganze Art zu reden, einen Mann von Bildung verriet, so sprach, leuchtete sein großes blaues Auge lebendig auf, und der stumm horchende Knabe fühlte, daß er mit tiefinnerer Überzeugung, mit einer Art Begeisterung sprach.

    "Ja, Junge, das ist die Erhabenheit der Natur, lerne sie kennen wie ich, und du wirst sie lieben wie ich."

    "Ich habe bis jetzt nur traurige Erinnerungen an die Steppe."

    "Wird anders werden, Kind, wirst anders denken. Drüben freilich, jenseits des Flusses, ist salziger Boden, bis zum Canadian-River hin gedeiht nicht Pflanze, nicht Tier, aber auf diesem Ufer herrscht das reichste Naturleben. Wirst wohl einige Zeit bei mir aushalten müssen, ehe ich dich nach den Ansiedlungen zurückzuführen vermag, kann jetzt nicht fort, muß noch manchen Büffel schießen."

    Paul war zu glücklich, den Gefahren, welche sein Leben bedroht hatten, entgangen zu sein, als daß ihm die Aussicht, einige Zeit bei seinem einsam hausenden Retter weilen zu müssen, Betrübnis erregt hätte. Im Gegenteil, jetzt wo er einen Beschützer gefunden hatte, war er mit der Freude der Jugend an ungebundenem Leben und romantischen Begebenheiten, gern bereit, für einige Zeit die Wildnis zu seiner Heimat zu machen, ob ihn gleich ängstliche Befürchtungen um das Geschick seines Oheims James nicht verließen.

    "Ich werde gern bei Ihnen bleiben, Oheim, bis die Umstände Ihnen erlauben, mich zur Heimat zurückzusenden."

    "Ist recht, Kind, denke wirst dich nicht langweilen. Bin auch nicht ganz allein hier; außer meinen Pferden habe ich noch einen wunderlichen Gesellschafter, erschrick nur nicht, wenn du den Kobold siehst, der meinen Aufenthalt und meine Lebensweise teilt."

    Ein kurzer Pfiff ließ sich draußen vernehmen.

    "Da ist er schon, nimm dich zusammen, wenn er kommt."

    Kaum hatte er ausgesprochen, als eine so seltsame Gestalt im Eingang erschien, daß Paul, trotzdem er auf Ungewöhnliches durch seines Gastfreundes Andeutungen vorbereitet war, dennoch mächtig bei ihrem Anblick erschrak.

    In der Thüre stand - war es ein menschliches Wesen, welches er sah, oder eines der Erdmännchen, wie die Märchenbücher sie abbildeten? - ein Wesen von erschreckender Häßlichkeit, fast die Karikatur eines Menschen.

    Auf einem kurzen, gedrungenen Körper, dessen breite Schultern und gewölbte Brust große Stärke verrieten, saß ein umfangreicher Kopf, der durch das dichte, verworrene Haar noch größer erschien, als er war. Die wulstige Nase, der ungewöhnlich breite Mund, der, halb geöffnet, starke weiße Zähne sehen ließ, funkelnde Augen, welche unter hervortretenden Jochbeinen leuchteten, dies alles rief einen unheimlichen Eindruck hervor. Paul schauderte unwillkürlich zusammen, als er diese Gestalt erblickte.

    Der Gnom stand still, als er Paul vor sich sah, und starrte dessen jugendlich schöne Erscheinung mit einem Ausdruck jäher Überraschung an, der sich in einen Blick verwandelte, welcher wenig Wohlwollen verriet. Der Mensch, dessen lange Arme fast bis zum Knie reichten, war wenig höher als vier Fuß, und das um Brust und Hüften schlotternde Jagdhemd ließ ihn noch ungefüger erscheinen, als die Natur ihn gebildet hatte.

    "Nun, mein Puck, mein Staatsbursche", sagte freundlich der Trapper, "sieh dir deinen Gefährten an, habe ihn aufgelesen, wie ich einst dich aufgelesen habe, aber geh freundlich mit ihm um, hörst du", setzte er ernster hinzu - "er ist unser Freund, verstehst du, unser Freund."

    Der verwachsene Mensch stand bewegungslos wie bisher, immerfort Paul anstarrend, dann wandte er das funkelnde Auge - das Auge war das einzig Schöne an ihm - auf den Trapper und fragte, mühsam nur die Laute hervorstoßend: "Bleibt - er - hier?"

    "Nur so lange, Puck, bis ich ihn wieder zu seinen Verwandten nach den Ansiedlungen bringen kann, länger nicht."

    Das finstere Gesicht des Zwerges hellte sich bei diesen Worten auf.

    "Mein guter Puck ist etwas eifersüchtig auf alles, was sich meiner Gunst zu erfreuen scheint", sagte erläuternd der Trapper, "verüble ihm das nicht, Paul, er hat niemand auf der Welt, der sich um ihn bekümmert, als mich. He, Puck, du bist mein Pflegesohn, Bursche, wie?"

    Mit einer Art Geheul, welches gewiß Freude ausdrücken sollte, eilte der Zwerg auf den Trapper zu, faßte seine Hand und küßte sie; der streichelte ihm mit einer rauhen Zärtlichkeit das buschige Haar und sagte: "Na, ist gut, mein Junge, verstehen uns, wie?"

    "Ja, ja", kam es schwerfällig aus des Zwerges Munde. "Puck, Oheim, lieb - ah - lieb!"

    "Weiß schon, weiß schon, mein Junge, bin dir auch gut. Ist ein trefflicher Bursche der Puck, Paul, wenn auch kein Adonis, wirst's schon erfahren und dich mit ihm befreunden."

    Paul dachte, der grauenerregenden Gestalt gegenüber, dies würde wohl schwerlich der Fall sein, er konnte seinen Widerwillen nur mit Mühe bemeistern.

    "Nun, wo kommen wir denn her, Bursche?" wandte sich der Trapper wieder an den Zwerg.

    "Pferde", war die Antwort.

    "'s ist recht, Puck, waren sie alle da?"

    "Alle."

    "Gut. Puck ist mein Gefährte, mein Pferdehirte, mein Ackerbauer, mein Fallensteller, mein Spürhund, mein Koch, mein Schneider - oh, du wirst sehen, wie geschickt er ist."

    Der Zwerg grinste vor innigem Behagen bei diesen Worten und dehnte seinen Mund zu einer bedenklichen Breite aus. "Nur die edle Kunst des Schreibens fiel uns etwas schwer."

    Puck lachte.

    "Nicht schreiben, geht nicht. Puck kann nicht."

    "Mußt schon so verbraucht werden, Junge; die Wissenschaft ist nicht für jeden. Aber du wirst wohl Hunger haben, wie?"

    Der Zwerg nickte.

    Der Trapper gab ihm Fleisch und Brot, und jener ließ sich auf einer Kiste nieder und speiste mit großem Behagen.

    Mit einer Verwunderung, die mit Grauen und Widerwillen gemischt war, sah Paul dem allen zu.

    "Habe den Burschen vor mehr als zwölf Jahren in der Steppe aufgelesen, weit von hier. War da ein Zug Auswanderer des Weges gekommen, die nach Westen zogen, hatten das Kind am Wege liegen lassen. Wie ich glauben will für tot, denn es war sorgsam eingewickelt und ein paar Blumen ruhten auf seiner Brust, wahrscheinlich von einer Mutter darauf gelegt, deren Herz auch an dieser Mißgeburt hing. Ich fand noch ein Fünkchen Leben in dem kleinen Kerl, über den ich erschrak wie du, aber er war dem Verschmachten bereits sehr nahe. Eine Antilope kam mir zum Schuß, ich erlegte sie und flößte dem sterbenden Kinde ihr warmes Blut ein, was geradezu Wunder that und das kleine Monstrum zu neuem Leben weckte. Was thun? Liegen konnte ich das Menschenkind nicht lassen. Ich nahm ihn auf die Schulter und ging den Wagenspuren nach, fand auch die Wagen und Eigentümer.

    "Von den letzteren lagen einige verschmachtet neben den toten Pferden, der Durst hatte sie getötet, die andern hatten sich in der Steppe zerstreut und dort ein schreckliches Ende gefunden, wie so viele zu jener Zeit, welche das Goldfieber durch die Prairien nach Kalifornien trieb. Wer oder was sie waren, konnte ich nicht erfahren, Papiere oder dergleichen trug keiner bei sich, als ich die Leichname untersuchte. Dieses Kind war das einzig überlebende Wesen von jener Karawane. Ich lud mir meinen Findling wieder auf die Schulter und trug ihn davon. Bald darauf ließ ich mich hier nieder, und seit jener Zeit sind wir unzertrennliche Gefährten. Wie nützlich mir der Bursche ist, wirst du bald sehen, er ist das Kind der Prairie und kennt alle ihre Geheimnisse besser als ich."

    Während der Trapper so sprach und Paul aufmerksam zuhörte, hatte Puck seine Mahlzeit vollendet.

    "Nun komm, Paul, du sollst jetzt meine Herrlichkeiten schauen. Verstehst du mit der Büchse umzugehen?"

    "Ich denke wohl", meinte Paul zuversichtlich.

    "Nun, wollen gleich sehen. Zwei Dinge sind vor allem in der Steppe notwendig, gut reiten und gut schießen können. Beides mußt du lernen, denn oft genug hängt das Leben davon ab. Nimm die Büchse da", er deutete auf eine an der Wand hängende Waffe, welche Paul herabnahm, wies dann auf Pulverhorn und Kugelbeutel und forderte ihn auf zu laden. Paul unterzog sich der Aufgabe mit hinreichendem Geschick.

    "Nun, so komm, du auch, Puck", und alle drei begaben sich hinaus.

    Sie schritten an dem Waldsaum, welcher den Fluß einfaßte, an dessen Ufer her, stromauf.

    Bald erreichten sie eine Stelle, wo die Axt Luft und Licht geschafft hatte, und einige eingefenzte Äcker Landes, welche gut von Mais bestanden waren, zeugten von landwirtschaftlicher Thätigkeit.

    "Diese Maisfelder sind Pucks Domäne", äußerte der Trapper; "wenn ich auch die Bäume niedergelegt habe, die Ackerwirtschaft steht in den letzten Jahren nur unter seinem Betriebe."

    Sie gingen durch das Maisfeld.

    "Hier ist Tabak", er deutete auf die jungen Pflanzen, "zwar nicht das beste Kraut, aber immerhin gut genug für die Prairie. Das Pflanzen und Ernten besorgt mein Puck auch. Ja, wir ziehen sogar einige Gemüse", fuhr er weitergehend fort, "deren Samen ich von Osten mitgebracht habe, und mein Elf begriff sehr bald, wie er sie zu pflegen habe."

    "So seid ihr früher Farmer gewesen, Oheim?"

    "Ja, mein Junge, bin auf einer Farm aufgewachsen."

    "Aber wißt ihr, ihr sprecht wie unsre Arkansasmänner, stammt ihr aus dem Staate?"

    "Bin wohl am Arkansas gewesen", sagte der Trapper ernst werdend, "hatte manchen Freund im Staate, bin aber dort nicht geboren."

    "Am Ende kanntet ihr meinen Vater, Sir?" fragte der Knabe lebhaft, "John Osborne?"

    "Hm", entgegnete der Graue Bär, "habe der Osbornes von Arkansas mehrere gekannt, ob deinen Vater, weiß ich nicht. Mit einem Osborne, der auch vom Arkansas stammte, habe ich früher einmal lange Monate gemeinschaftlich gejagt, war ein wilder Geselle, der Edward Osborne."

    Ein scharfer Blick streifte den Knaben bei diesen Worten.

    "Oh, Edward Osborne", sagte Paul betroffen, "so hieß mein Oheim, der seit Jahren verschollen ist. Ich habe ihn nicht gekannt, aber mein Vater sprach oftmals von ihm."

    "War ein Vagabund, he? Machte mir so den Eindruck."

    "Nein, Herr", erwiderte der Knabe mit nachdrucksvollem Ernst, "das war er nicht; mein Vater, der ihn sehr lieb gehabt haben muß und seiner nur mit Wehmut gedachte, sagte, er sei ein wilder Bursche, aber ein Mensch von edler Denkungsart gewesen."

    "So, so", sagte leise, wie vor sich hinsprechend, der Alte, "sagte das John Osborne?" Nach einer Weile fuhr er fort: "Freut mich, das zu hören; ja, war ein wilder Bursche, der Edward Osborne, ist ein Fakt." Hierauf schwieg er.

    Paul bemerkte unter einigen Bäumen eine Erdhütte. Über dem Erdboden bildeten schräg gegeneinander gestellte Balken ein Dach. Dies war mit Erde bedeckt, und lustig sproßte Prairiegras darauf. Durch eine Öffnung im Giebel gelangte man in das unter der Oberfläche liegende Innere.

    "Dies ist Pucks Palast", antwortete der Trapper dem fragenden Blicke des Knaben. "Hier drin schläft er, wenn er nicht, was er bei gutem Wetter gewöhnlich thut, unter freiem Himmel sein Lager aufschlägt. Hier kann er Tag und Nacht, ohne mich zu fragen oder zu stören, aus- und einkriechen, auf die Jagd gehen, auf seinem Pferde umherjagen, wie ihn die Laune ankommt. Dabei bewacht er so aus nächster Nähe unsre Pflanzungen."

    Paul blickte neugierig in die Erdhöhle hinein, bemerkte ein aus Maisstroh und Büffelfellen hergerichtetes Lager, Zaumzeuge und Lassos, welche ringsumherhingen, mehrere Sättel, sowie eine Büchse, Bogen und Pfeile. Auch Äxte und Messer waren an den Wänden aufgehängt.

    "Pucks Haus", erklärte stolz der Zwerg, "er selber gemacht."

    "Der Junge sagt die Wahrheit", bestätigte der Graue Bär, "kein Mensch hat hier Hand angelegt, als er selber."

    Sie gingen weiter, und Paul gewahrte einen hohen Stapel Maisstroh und daneben ein niedriges, rohes Blockhaus, nur mit flachen Balken überdacht, die, gleichwie die Höhle Pucks, mit Erde bedeckt waren.

    "Dies ist unser Kornmagazin, Pelzlager und Stall. Obgleich die Pferde auch im Winter im Freien bleiben können, denn sie finden auch unter dem Schnee Nahrung genug, so kommen doch oft Schneestürme, die sie zu regelloser Flucht zwingen und weit abtreiben. Für solche Fälle haben wir diesen Schuppen und sammeln Vorrat an Stroh und Mais genug, um sie füttern zu können."

    "Wohnt ihr im Winter auch hier?"

    "Gewiß, und es ist behaglich, im warmen Shanty zu sitzen, wenn draußen der Schneesturm heult; ja, auch im Winter ist es schön. Herrlich aber ist der Frühling, der die Prairie in einen Blumenteppich verwandelt."

    Paul staunte; denn in dieser Einöde auch den Winter über zu hausen, schien ihm undenkbar, und noch dazu in Gesellschaft des unheimlichen Zwergs.

    Sie waren langsam am Ufer des Stromes unter den Bäumen einhergewandelt, während sie so sprachen.

    "Nun wollen wir einmal deine Schützenkunst erproben, Junge", sagte der Trapper. "Puck, nimm deine Büchse auch." Der Zwerg sprang mit ganz ungeahnter Geschwindigkeit davon und kehrte, aus den Büschen auftauchend, bald mit seiner Waffe zurück.

    "Blick den Strom hinauf, Paul, dort, wo der große Ahorn sich über das Wasser neigt, siehst du ihn?"

    Der Knabe bestätigte es.

    "Zwischen den Zweigen oben sitzt ein Raubvogel, schieß ihn herunter."

    Paul, nicht ungeübt im Gebrauch der Büchse, hob die Waffe und zielte sorgfältig; neben ihm stand der Zwerg. Der Schuß krachte, und ein Adler erhob sich, durch den Knall aufgeschreckt, rasch in die Lüfte. Da entlud sich auch Pucks Büchse, und durch die Brust geschossen, fiel der Vogel nieder.

    Paul sah verdrießlich drein.

    "Gräme dich nicht, Junge, war ein ganz guter Schuß das, die Kugel schlug einen Fuß neben dem Adler ein, und sind wohl dreihundert Schritt bis dahin. Freilich solche Schützen, wie mein Puck, giebt es wenig in der Prairie, er schießt mitunter besser als ich.

    Puck lachte vergnügt.

    "Er mich gelehrt, Junge", sagte er zu Paul. "Grizzly sehr klug, kann alles."

    "Wirst noch lernen, Paul, auch die flüchtige Antilope mit der Kugel niederzustrecken, wenn du einige Zeit hier bist. Fällt kein Meister vom Himmel."

    Sie gingen bis zu dem Ahorn, auf den der Vogel eingefallen war, und fanden ihn tot zu dessen Fuße.

    "Nimm die Federn, Puck. Können wir sie nicht brauchen, so machen wir unsern roten Freunden ein Geschenk damit. Es ist ein Steinadler und hat sich weit vom Gebirge entfernt; erscheinen selten so weit östlich von den Rocky Mountains."

    "Kommen Indianer zu euch, Oheim?"

    "Das Jagdgebiet der Cheyennes erstreckt sich bis hierher, und wir erhalten deshalb fast alljährlich Besuch von ihnen."

    "Hast du auch schon mit ihnen gefochten?"

    "Mit den Cheyennes? Nein; mit denen stehe ich auf gutem Fuße, doch haben die Roten hie und da den Knall meiner Büchse gehört. Vor drei Jahren wollte uns hier eine Räuberbande von Kiowas, welche Lust nach dem Inhalt meines Shanty verspürten, zu Leibe; haben sie aber gepfeffert, Puck und ich. Kannten den Grizzly und seinen Medizinmann, wie sie Puck allgemein nennen, nicht; mußten hernach sieben der Schufte in den Arkansas werfen. Haben sich nicht wieder hier blicken lassen seit der Zeit."

    Der Verwachsene hatte dem Adler die Schwanz- und Schwungfedern ausgerissen und war zurückgegangen, um sie in seine Behausung zu tragen.

    "Hat der Kleine, der Puck, auch gefochten, Oheim?"

    "Wie ein Teufel, Junge, ist gefährlich, mit ihm anzubinden."

    "Er sieht schrecklich aus."

    "Ja, eine Schönheit ist er nicht", lachte der Trapper gutmütig, "und jeder, der den armen Jungen sieht, erschrickt, Rote noch mehr als Weiße; aber ich bin seit Jahren an sein seltsames Äußere gewöhnt. Übrigens habe ich diesem den Sieg über die Kiowas zu danken."

    Fragend sah ihn Paul an.

    "Nun, sie überfielen uns in tiefem Frieden, wir hatten kaum noch Zeit, uns in mein Shanty zu retten, und fechten können die Roten. Wir machten zwar im ersten Anlauf drei Sättel leer, Puck und ich, dann begannen die Schurken aber, uns mit Feuer auf den Leib zu gehen. Wir schossen zwar noch zwei nieder, ob sie gleich sehr vorsichtig waren; als es uns aber zu heiß drin wurde, stürzten wir hinaus. Mochten wohl mehr als ein gutes Dutzend von der Brut vor uns haben. Wäre uns doch wohl schlimm ergangen. Als aber die Roten Puck erblickten, der mit seinem langen Arm die Holzaxt schwang, überkam sie eine solche Panik, daß sie wie ein Rudel heulender Wölfe davonjagten. Sandte ihnen noch zwei Kugeln nach, die beide auch ihr Ziel erreichten. Du siehst, auch das unglückliche Äußere des Armen hatte sein Gutes."

    Der Knabe staunte über die trockene Ruhe, mit welcher der Mann von einem so verzweifelten, blutigen Kampfe erzählte, so gleichgültig, als ob er von einer Jagdpartie spräche, noch mehr darüber, daß der Zwerg solche Tapferkeit entwickelt hatte. Er sah sich um, und da er Puck nicht gewahrte, sagte er: "Der Mensch ist geistig gestört, nicht wahr?"

    "Ei bewahre, bewahre, Junge", sagte eifrig der Alte, "er ist nicht nur geistig normal entwickelt, sondern besitzt eine nicht gewöhnliche Intelligenz und daneben die Schlauheit eines geriebenen Wilden. Seine Zunge ist schwerfällig und gehorcht ihm nicht immer, er spricht oftmals und besonders wenn er erregt ist, nur mit Mühe, und dies mag wohl den Eindruck hervorrufen, daß es ihm an Verstand fehle; aber unterhalte dich nur öfter mit ihm, und du wirst dich vom Gegenteil überzeugen. Als ich dies arme Menschenkind fand, stammelte es nur unartikulierte Laute, aber ich gewahrte bald, daß eine lebendige Seele in dem mißtgestalteten Körper wohne, daß nur der mangelhafte Bau der Sprachwerkzeuge die Ursache seiner Lautbildung sei, und habe dann viele Tage damit zugebracht, ihn sprechen zu lehren, was auch endlich gelang. Er spricht jetzt alles, wenn auch schwerfällig. An langen Wintertagen, wenn wir hier eingeschneit waren, habe ich ihm mein geringes Wissen beigebracht, ihm von Gott und Jesus Christus erzählt, von Sonne, Mond und Sternen, von fremden Ländern und Menschen, von den Dingen, die uns umgeben, und dies haftet alles fest in seinem Geiste. Lesen kann er längst, nur zum Schreiben wollen sich die Finger nicht bequemen, so redliche Mühe er sich auch gegeben hat. Du wirst finden, daß er für einen Prairiemenschen überraschende Kenntnisse besitzt."

    "Wie wunderbar", sagte Paul.

    "Dabei hängt er mit so treuer Liebe an mir, daß er sich an langsamem Feuer zu Tode rösten ließe, wenn er glaubte, mir damit einen Gefallen zu erweisen."

    "Eine seltsame Erscheinung."

    "Ja, das ist wohl wahr."

    "Und wie alt ist Puck?"

    "Ja, genau weiß ich es nicht. Als ich das jämmerliche, unentwickelte Kind fand, schätzte ich sein Alter auf vier bis fünf Jahre, es kann aber auch wohl möglich sein, daß der verkrüppelte Zwerg damals schon sieben bis acht Jahre zählte, ja es ist sogar das wahrscheinlichere, und dann wäre Puck, wie ich ihn in einem Anfall von Laune nach dem Elf in Shakespeares 'Mittsommernachtstraum' getauft habe, nahezu zwanzig Jahre alt."

    Gleich darauf schloß sich ihnen der Zwerg an.

    Grizzly wandte sich an Puck mit den Worten: "Wollen wir unserm Gast unsern Marstall zeigen?"

    Der nickte, und alle drei wandten sich vom Flusse ab, schritten quer durch den schmalen Waldsaum, und standen bald über dem vertieften Bette des Arkansas auf der Prairie.

    Unweit von ihnen war ein schlankes Pferd an langem Lasso angepflockt und weidete ruhig das Gras ab.

    "Wir lassen die Pferde ganz frei laufen, Paul, doch muß immer eines von ihnen zur Hand sein für den Fall, daß die andern aus weiter Entfernung herbeigeholt werden müssen." Er ließ seine scharfen Augen über die Ebene schweifen. "Dort sind sie, Puck", setzte er, nach Westen deutend, hinzu, "und kaum eine Weile weit."

    Der Zwerg, der seiner geringen Körperlänge wegen nicht so weit sehen konnte, schritt eine leichte Erdanschwellung hinan, wohin ihm die andern folgten.

    In der angegebenen Entfernung sahen sie fünf Pferde weiden. Puck legte die Finger an den Mund und entlockte ihnen einen schrillen, weithin tönenden Pfiff.

    Er drang bis zu den Tieren, denn diese hoben die Köpfe und lauschten.

    Ein zweiter Pfiff, und in raschem Galopp kamen vier der Pferde angesprengt, während das fünfte stehen blieb.

    Ein dritter Pfiff beschleunigte noch die Gangart der Tiere, aber auch er verfehlte seine Wirkung auf das fünfte Roß.

    "Der Blitz gehorcht immer noch nicht, Oheim", wandte sich Puck an den Trapper, auf das ferne Pferd deutend, "ich will ihn lehren."

    Schon nahten im sausenden Galopp die vier Rosse, von denen drei von ungewöhnlicher Größe und Stärke waren, und hielten schnaubend vor der Gruppe an.

    Grizzly und Puck gingen ihnen entgegen und streichelten die schönen, kräftigen Tiere, deren Mähnen und Schweife lang herniederwallten.

    "Oh, Thunder, mein gutes Tier, bist du da?" sagte der Trapper und liebkoste das mächtigste der Rosse, einen isabellfarbigen Hengst. "Nun, Bursche, sollst deine Maiskolben haben."

    Die andern Pferde drängten sich um Puck, augenscheinlich mit großer Anhänglichkeit.

    Paul sprach seine Verwunderung über die Größe der drei Rosse aus.

    "Ja, Lieber, mein Gewicht kann nur ein starkes Tier tragen, und auch das nicht lange; wenn ich zu Pferde jagen gehe, muß ich noch immer ein Reservepferd mitnehmen, um ihnen abwechselnd meine Last aufzubürden. Darum habe ich mit vieler Mühe mir diese starken Tiere aus dem Osten verschafft. Die andern sind Mustangs, von Puck eingefangen und gezähmt."

    Paul freute sich der schönen Tiere.

    "Ich will den Blitz holen", ließ sich Puck vernehmen und schritt auf das angepflockte Roß zu, einen Fuchs von schlanken, edlen Formen.

    Er löste den Lasso vom Boden, trat zu dem ruhig stehenden Tiere, faßte mit der linken Hand die Mähne und schwang sich mit einer staunenswerten Leichtigkeit auf dessen nackten Rücken.

    Ein leichtes Schnalzen mit der Zunge, und im Galopp sprengte das Tier davon.

    Statt auf das entfernte Pferd gerade zuzureiten, ließ Puck seinen Fuchs einen Bogen beschreiben, um jenem näher zu kommen.

    Als er wohl die Hälfte des Weges zurückgelegt hatte, begann das ferne Tier fortzusprengen.

    Puck ließ einen Pfiff hören; das Tier, ein Schimmel, stand, und nun sahen die auf der Erdanschwellung, wie der Zwerg, während er den von dem Halse seines Tieres gelösten Lasso über dem Haupte schwang, in stärkster Karriere auf den Schimmel zujagte.

    Der Schimmel bewegte sich nicht von der Stelle. Dicht vor ihm hielt Puck, warf ihm die Schlinge über den Kopf, schwang sich auf seinen Rücken und kam, gefolgt von dem Fuchs, zurückgeritten.

    "Er hat eine wunderbare Kunst, die wildesten Tiere zu zähmen", sagte der Trapper. "Dieser Schimmel, ein edles Tier, aber von großer Wildheit, welches erst seit wenigen Wochen in unserm Besitz ist, traute sich nicht vom Flecke, als es den gefürchteten Lasso des Kleinen sah, und ich bin überzeugt, ihm steckt der Schreck noch in den Gliedern, wenn es hier ankommt."

    Im wildesten Jagen brauste der Schimmel, den Puck mit seinen Schenkeln wie mit Eisenbändern umklammert hatte, heran. Ein Ruck am Lasso und das herrliche Tier stand, an jeder Muskel zitternd, da. Der Zwerg sprang ab, streichelte und beruhigte sein Pferd mit Schmeichelworten.

    "Der wilde Blitz immer noch nicht Gehorsam lernen; ich werde ihn anpflocken, Oheim."

    "Thue es, wird ihm gut thun; der Fuchs kann mit den andern gehen."

    Sie schritten hierauf, gefolgt von den Pferden, den Schimmel führte Puck am Lasso, nach dem Maisfelde und fütterten sie mit den halbreifen Kolben, einem Leckerbissen für die Tiere.

    "Behalte den Thunder, den Blitz und den Fuchs hier, Puck, wir wollen später einen Ritt in die Prairie unternehmen."

    "Wohl."

    Geschwind lief der Zwerg nach seiner Höhle und kam mit Halftern zurück, die er den bezeichneten Tieren umlegte und an der Fenz, welche das Maisfeld umgab, befestigte; auch warf er ihnen reichlich Mais vor.

    Sie gingen hierauf zu dem Shanty.

    "Bist du nicht müde, Kind?" fragte der Trapper unterwegs.

    "Nein", war Pauls Antwort, "ich bin, seitdem ich in eurer Gesellschaft weile, frisch und kräftig, Oheim."

    "Nun gut, wollen sehen, wie dir ein scharfer Ritt bekommt."

    Es wurden einige Vorbereitungen für den Ausflug getroffen, auch Nahrungsmittel in geeigneter Weise verpackt, um sie mitzunehmen.

    Puck ging, um die Pferde zu satteln, und führte sie dann herbei.

    "Nimm nur die Büchse mit, Paul, mußt lernen, wie man zu Pferde mit ihr umgeht; ist nicht so leicht, als es scheint, sie ohne Beschwerde mitzuführen. Du, Puck, kannst deinen Bogen mitnehmen, damit unser Gast sieht, wie man auf Indianerweise zur Jagd geht."

    Sie schwangen sich dann auf die Rosse, Puck nahm den Schimmel, Paul den Fuchs, während der Trapper das große Tier bestieg. Er und der Kleine führten außer ihren Waffen auch noch den langen Lasso am Sattel.

    Im herrlichen Sonnenschein galoppierten sie in die Prairie hinein, schweigend, sich des zwar nur eintönigen, aber mächtigen Anblicks erfreuend, den die unendlich sich ausdehnende Steppe bot.

    Es zeigte sich, daß Paul ein ganz sattelfester Reiter war, der sein Tier mit Geschick zu behandeln verstand. Gleichsam mit dem Pferd verwachsen, Roß und Reiter das lebendige Bild eines Centauren bietend, saß der Zwerg im Sattel, mit seinen Falkenaugen die weite Steppe überfliegend.

    Man ließ die Tiere im Schritt gehen.

    "Ist es nicht herrlich, Junge, auf dem Rücken eines flinken Rosses so ins Unendliche hineinzufliegen?"

    "Ja, es ist schön, sehr schön."

    Während ihres Rittes hatten sie häufig genug graue Hasen, Kaninchen und Prairiehühner aufgejagt, ohne sie weiter zu beachten.

    Als jetzt auf mehr als fünfzig Schritt Entfernung vor ihnen ein Huhn sich hob, griff Puck hastig zum Bogen und sandte ihm einen Pfeil nach, der dem Tiere den Nacken durchbohrte. Rechts von ihnen ging ein ganzer Flug auf und strich ab, ein zweiter Pfeil vom Bogen Pucks holte neue Beute aus der Luft herab.

    Paul sah mit Staunen diese seltene Geschicklichkeit in der Handhabung einer solch primitiven Waffe.

    "Nicht der geübteste Indianer schießt besser", sagte der Alte.

    "Ja", fügte Paul hinzu, "das ist bewundernswert."

    "Pfeil gut, wenn kein Pulver oder Büchse entzwei", sagte in seiner schwerfälligen Weise der Zwerg.

    "Aber wie hast du diese außerordentliche Geschicklichkeit erworben?"

    "Sehen von rotem Mann, ihm bald nachmachen; alles, was roter Mann kann, kann weißer besser."

    "Auf ihn trifft das zu. Ich hatte vor drei Jahren einige Zeit einen jungen Cheyenne bei mir, den Sohn des ersten Häuptlings dieses Volkes, der Dunklen Wolke. Er war hier in der Nähe mit dem Pferde gestürzt und hatte das Bein gebrochen. In ihrer Not brachten sie den jungen Cayugas zu mir und baten um Hilfe. Es war ein böser Bruch, doch gelang es mir, ihn gut einzurichten und zu schienen, so daß der Jüngling nach wenigen Wochen, die er in meiner Hütte zubrachte, wieder im Besitz eines gesunden, geraden Beines war. Da es noch längere Zeit dauerte, bis seine Leute den jungen Häuptling abholten, lag er Tag und Nacht mit Puck in der Steppe; von dem Cheyenne hat der Junge auch den Bogen handhaben gelernt, und dürfte jetzt wohl besser schießen als sein Lehrmeister."

    "Cayugas klug", sagte Puck, "ich ebenso klug."

    Die beiden erlegten Tiere wurden aufgenommen und an den Sätteln befestigt, und langsam ritt man weiter.

    Der Zwerg, dessen Augen unablässig bald die Prairie überflogen, bald den Boden vor ihnen durchforschten, ließ ein leises Zischen vernehmen und zügelte sein Roß.

    "Was giebt's?" fragte leise der Trapper und griff zur Büchse.

    "Panther!" sagte ebenso leise Puck und deutete auf den Boden.

    "Er wird in der Nacht hier gewesen sein."

    "Nein, er ist noch hier."

    Paul lauschte diesem leisen Zwiegespräch, blickte auf den Boden, ohne auch nur das mindeste zu gewahren, was einer Pantherspur ähnlich gesehen hätte, und dann ringsum. Die Augen des Zwerges wie die des Trappers überflogen die Stelle.

    Der leichte Luftzug strich ihnen entgegen, der Schimmel hob die Nase, sog die Luft ein, spitzte die Ohren und ein leichtes Zittern überflog seine schlanken Glieder.

    "Siehst du, Oheim", flüsterte der Zwerg, "er ist vor uns. Ich will ihn mit dem Lasso fangen."

    "Gut, ich werde dich mit der Büchse decken."

    Der Zwerg gab Büchse, Bogen, seine wollene Decke und den Beutel mit Nahrungsmittel an Paul und löste den Lasso.

    "Bleib hier, Paul", sagte der Trapper, "wirst gleich etwas zu sehen bekommen; aber mach die Büchse schußfertig, man kann nicht wissen, was geschieht."

    Puck trieb jetzt sein Pferd, welches nicht übel Lust zu haben schien, umzukehren, an und ritt langsam nach vorn.

    Mit gespannter Büchse folgte ihm Grizzly.

    Die beiden Reiter hatten wohl an hundertundfünfzig Schritt zurückgelegt, als vor ihnen ein Panther von den Resten einer halbverzehrten Antilope aufsprang und mit gewaltigen Sätzen davoneilte.

    Der Schimmel bäumte sich in jähem Schrecken hoch auf, doch mit gellendem Jagdruf preßte ihm Puck die scharfen Sporen in die Flanken und wie ein Pfeil flog das Tier jetzt dem Panther nach.

    Der Trapper setzte seinen Hengst in Galopp und auch Paul, hingerissen von Jagdlust, gab seinem Fuchse die Haken und folgte in schnellster Gangart. Es war ein prachtvoller Anblick, den Panther über die Prairie setzen und hinter ihm den Schimmel, der durch Sporn und Zuruf zu immer größerer Eile angetrieben wurde, einherjagen zu sehen.

    Puck schwang den sorgfältig zusammengelegten Lasso ums Haupt. Die anfangs so mächtigen Sprünge des Panthers ließen bald nach, und der mit Sturmeseile einhersausende Schimmel gewann jetzt rasch Boden. Immer schwächer wurden die Anstrengungen des Panthers, immer näher kam ihm der verwegene Reiter.

    Der Trapper und Paul jagten, letzterer in großer Aufregung, hinterdrein.

    Es war eine wilde Hatze, und Aufregung bemächtigte sich auch der Pferde.

    Endlich war Puck in Wurfnähe. Dreimal fuhr mit schnellem Schwung der zusammengerollte Lasso um sein Haupt und entflog dann, sich lösend, der Hand.

    Mit einer tödlichen Sicherheit geschleudert, fuhr die Schlinge über des Panthers Kopf und gleichzeitig riß der Zwerg sein Pferd mit einer Kraft und Geschicklichkeit herum, daß es sich auf den Hinterfüßen wie ein Zapfen drehte, die scharfen Sporen und ein gellender Jagdruf beschleunigten seinen Lauf nach einer, von der bisherigen im rechten Winkel abweichenden Richtung.

    Der plötzliche Ruck, den durch die Wendung des Rosses der dahinjagende Panther am Halse von der sich schließenden Schlinge erlitt, warf ihn auf den Rücken. Hoch auf schnellte das zu Tode gehetzte Tier.

    Aber der in wilder Flucht dahinstürmende Schimmel riß den Gefangenen wie einen aufschlagenden Federball sich nach, und in weniger als einer Minute lag die grimmige Bestie regungslos auf der Prairie neben dem schnaubenden und zitternden Pferde.

    Der Trapper und Paul, welche mit leidenschaftlicher Aufmerksamkeit der Jagd gefolgt waren, sprengten heran.

    "Gut gemacht, Puck!" rief jener schon von weitem.

    Paul hatte zwar von der geschickten Anwendung des Lasso gehört und gelesen, aber hier zum ersten Mal eine Probe davon gesehen, die ihm die höchste Bewunderung abnötigte.

    Welch staunenswerte Fertigkeiten, welchen Mut, welche Kraft besaß der verwachsene Mensch, den er anfänglich für blödsinnig gehalten hatte! Der häßliche Gnom, dessen Äußeres ihn erschreckt, ihn mit Widerwillen erfüllt hatte, erschien ihm jetzt, wie er vergnügt auf den besiegten Feind vom schnaubenden Roß herabsah, minder widerwärtig.

    "Gut gemacht, mein Junge", wiederholte der Trapper, als er heranritt. "Alle Wetter, das ist ein gehöriger Bursche", fügte er, das starke Tier betrachtend, hinzu; "es ist gut, daß der aus unsrer Nachbarschaft entfernt worden ist. Was meinst du, Paul, Puck ist ein Steppenjäger, wie?"

    "Ja", sagte der Knabe mit dem Enthusiasmus der Jugend, "ja, Puck ist ein gewaltiger Jäger, ich bewundere ihn."

    Der Zwerg zog angenehm berührt von der so unverhohlenen Anerkennung den Mund in bedenklicher Weise zu einem Lächeln auseinander und sagte: "Nicht viel mit Lasso siegen, fechte mit Panther auch allein mit Messer, ja mit der nackten Hand!" Und er streckte seinen ungewöhnlich langen, sehnigen Arm aus.

    "Es ist dem Burschen zuzutrauen, Paul", sagte der Alte; "er ist in der Wüste aufgewachsen und hat sich zum Herrn derselben gemacht. Wirst noch seltsame Dinge von ihm sehen. Doch jetzt wollen wir ein wenig frühstücken; komm herab, Paul, und du, Puck, pflocke die Pferde an. Mein Thunder wird nicht ungehalten sein, wenn ich ihn einige Zeit von meiner Last befreie."

    Er stieg ab, die andern thaten das gleiche, und während der Zwerg die Pferde an den langen Lassoleinen anpflockte, betrachtete Paul aufmerksam das gewaltige Raubtier, welches dem Arm und der Geschicklichkeit des Verfolgers zur Beute gefallen war.

    "'s ist ein nicht ungefährlicher Gegner, nicht wahr? Hatte doch einige Besorgnis wegen Puck, denn er reitet den Schimmel noch nicht lange, und wenn das Pferd im Augenblick, wo die Schlinge fällt, dem Reiter nicht blitzschnell gehorcht, ist er einem Panther gegenüber verloren."

    Puck hatte die Pferde befestigt, seinen Blitz gelobt und geliebkost und kehrte zurück. Man öffnete den Beutel, welcher den Speisevorrat enthielt, und trefflich mundete das Jägermahl inmitten der köstlichen Luft der Prairie.

    Der Alte zündete sich nach vollendetem Mahle seine Pfeife an und sandte blaue Dampfwolken zum Himmel, während Puck sein Messer zog und sich anschickte, dem Panther das prachtvolle Fell abzustreifen.

    Paul, dessen Gedanken, wenn seine Aufmerksamkeit nicht durch die Gegenwart in Anspruch genommen war, unaufhörlich zu den Ereignissen, welche ihn in die Wildnis geworfen hatten, zurückeilten, äußerte Besorgnis um das Schicksal seines Oheims.

    Aber der Trapper, dessen Blicke oftmals mit einer ungewohnten Zärtlichkeit auf den Zügen des Jünglings hafteten, wenn dieser es nicht gewahren konnte, erwiderte rauh: "Sei deswegen ruhig, Junge, wird schon für sich selber gesorgt haben."

    Als von neuem die Gefangennahme des Knaben und ihre mögliche Ursache berührt wurde, sagte der Trapper mit geradezu finsterer Miene: "Wirst das schon erfahren, wenn du heimkehrst. Ich müßte mich sehr täuschen, oder ich kenne die beiden Burschen, welche dich geleiteten, und es wird die Zeit kommen, wo man ein Wörtchen mit ihnen reden kann."

    Er schwieg und rauchte stärker.

    Nach einiger Zeit fragte Paul: "Habt ihr öfters mit Indianern zu thun, Sir?"

    "Kannst es dir denken, Kind. Man lebt nicht seit fast zwanzig Jahren in der Prairie, ohne in Freundschaft und Feindschaft mit den Roten zusammenzukommen."

    "Es sind gefährliche Nachbarn, Oheim, für die einsam wohnenden Weißen, nicht wahr?"

    "Ist nicht so schlimm; leben Trapper genug in der Steppe vom Missouri bis zu den Felsengebirgen, vom Plattefluß hinab bis zum Kolorado, unbelästigt von den Roten. Sind die Leute hier am Kansas und Arkansas ziemlich friedlich gesonnen. Dagegen sind die Sioux im Norden und die Apaches im Süden wahre Mordhunde."

    "Habt ihr gegen sie gefochten, Oheim?"

    "Gegen beide. Kennen den Grizzly im Norden wie im Süden. Habe mich endlich hier niedergelassen, zunächst nur wegen des Jungen da, den ich nicht durch die Steppe schleppen konnte, und schließlich gefiel es mir, auch lebe ich hier zwischen den Jagdgebieten der verschiedenen Völkerschaften gleichsam auf neutralem Boden."

    "Aber ihr erwähntet einen Überfall durch die Kiowas."

    Der Alte lachte. "Ja, Junge, sind mir nicht gut, die Kiowas. Hatte mich früher mit den Cheyennes befreundet, auch oft längere Zeit in ihren Lagern geweilt. Als sie im Jahre 1858 mit den Kiowas zusammengerieten - es war der Jagdgründe wegen - stand ich natürlich auf Seite der Cheyennes. Bekamen damals blutige Hiebe, die Kiowas, und haben mir das nicht vergessen. Habe seit dem Tage, wo sie mich in meinem Shanty überfielen, keinen von der Bande mehr gesehen. Ich denke, sie werden sich wohl hüten, dem Grauen Bär und seinem Medizinmann noch einmal in den Weg zu kommen."

    Als er nach einiger Zeit gewahrte, daß Paul, in Gedanken versunken, traurig vor sich hinblickte, sagte er: "Denke nicht an das Vergangene, Kind, freue dich der Gegenwart, es bringt das Leben Sorge und Jammer genug. Bin drüber weg. Kann mir nichts mehr geschehen, als daß mir eine schuftige Rothaut den Skalp abzieht oder ich auf weiter Steppe meinen Geist aushauche und meine Gebeine dann der Mutter Erde wiedergebe."

    "Nun", sagte der Zwerg, "wenn der Oheim zum großen Geiste geht, wird er nicht allein sein - Puck ist an seiner Seite."

    "Ja, mein guter Junge, das wird wohl nicht gehen, dem Naturgesetze nach werde ich früher abberufen als du, wirst dir dann schon allein durchs Leben helfen müssen."

    Der Zwerg antwortete nichts.

    Der Trapper wechselte den Gegenstand des Gesprächs und fragte: "Dein Vater wohnte am Flusse selbst, Paul?"

    "Ja, Herr, von unsrer Veranda aus blicken wir auf den Strom."

    "Ist dicht besiedelt dort die Gegend, wie?"

    "Das ganze County ist besiedelt und weit und breit angebaut. Auch haben wir die Städte Athen und Monmouth in unsrer Nähe, mit dem Dampfboot leicht zu erreichen."

    "Hat sich gewaltig geändert, seitdem ich den alten Arkansas dort sah, streiften damals nur Jäger und Rothäute an seinen Ufern umher."

    "So erzählte mein Vater, der mit dem Großvater sich vor vielen Jahren dort niedergelassen hat."

    "Und hast die Schule besucht, Master Paul? Bist ein Gelehrter, he?"

    "Nun", lachte der Knabe, "für einen Gelehrten würden mich wohl wenige halten."

    "Hast dir einen Lebensberuf gewählt?"

    "Ich weiß es nicht anders, als daß ich in meines Vaters Fußstapfen trete - freilich glaubte ich nicht", setzte er traurig hinzu, "daß es so bald geschehen werde."

    "Ist denn jemand da, der nach deinem Eigen sieht, außer deinem Oheim?"

    "Ja, Sir, da ist der alte Brown, der mit meinem Vater aufgewachsen ist, der sieht schon nach dem Rechten."

    "So? Hm, gut. Taugt nichts, wenn eine große Farm herrenlos ist."

    Nach einer Weile sagte er: "Verzeih, Kind, wenn ich eine schmerzliche Seite berühre, aber wie starb denn dein Vater?"

    "Ach, Herr, er litt schon längere Zeit an einem Herzübel und ist ihm auch erlegen."

    "So?" Er rauchte stumm weiter. "Ja, Junge", sagte er nach einiger Zeit, "es weiß keiner, wie das Leben mit ihm umspringt und wo und wie er endet. Bin, als ich jung war, auch in den Ansiedlungen gewesen, habe die Städte im Osten gesehen und auch die Schule besucht; wollte mein Alter einen rechten Kerl aus mir machen - und siehst mich heute als Trapper in der Wüste. Aber es ist gut so. Die Stürme des Lebens liegen hinter mir, meine Seele hat Frieden."

    Wiederum versank er in Schweigen, nachdenklich vor sich hinblickend, bis er endlich sagte: "Wir wollen uns auf den Heimweg machen. Hole die Pferde, Puck."

    Dieser ging sofort.

    Leiser fuhr er dann fort: "Ich wünsche, Paul, da wir hier einige Zeit zusammenleben müssen, daß du dich mit dem armen Burschen auf guten Fuß stellst. Er ist ein herzensguter Junge, aber eifersüchtig auf alle, welche meine Teilnahme zu erregen scheinen, und gerät da leicht in eine gereizte Stimmung. Dem jungen Cheyenne, der bei mir weilte, hat er mehrere boshafte Streiche gespielt, so daß der eines Tages mit dem Messer ihm zu Leibe wollte und ich mit aller Macht dazwischen fahren mußte, obgleich der Indianer trotz des Messers sicher den Kürzeren gezogen hätte. Also sei freundlich gegen Puck und trage es ihm nicht nach, wenn er einmal übellaunisch ist."

    "Ich werde gewiß freundlich gegen ihn sein und bewundere aufrichtig seine Kraft, seine Geschicklichkeit, seinen Mut."

    "Gut, mein Sohn."

    Puck führte die Pferde heran; sie schwangen sich in die Sättel und ritten langsam davon.

    Der Trapper äußerte: "Wir müssen für andre Kleider sorgen, Paul, diese werden dir bald in Fetzen von Leibe fallen. Mußt Puck ein gutes Wort geben, der hat bei den Squaws der Cheyennes Unterricht im Gerben der Büffelhaut und im Schneidern genommen; wenn er will, kann er dir zu einem Jagdhemd und langen Gamaschen verhelfen, wie sie die Steppe nötig machen."

    "Es wäre sehr freundlich von Puck, wenn er mir beistehen wollte und ich würde ihm von Herzen Dank wissen."

    Der Zwerg antwortete eine Weile nicht und fragte dann plötzlich: "Wie lange bleibst du hier, Junge?"

    "Nur so lange, bis mich der Oheim zu den Ansiedlungen schicken kann."

    Hierauf sagte Puck: "Es ist gut, ich will dir ein Jagdhemd nähen."

    Befriedigt nickte der Trapper.

    Sie setzten dann ihre Pferde in Galopp und legten in scharfer Gangart eine große Strecke Weges zurück. Paul war jetzt so ermüdet, daß er sich kaum auf dem Sattel zu halten vermochte.

    Als ihren Augen endlich die Wipfel der Bäume im Flußthale sichtbar wurden, sagte Puck: "Indianer!"

    "Wo?" fragte rasch der Trapper.

    "Bei Shanty."

    "Cheyennes?"

    "Ich denke es ist Cayugas"

    "'s ist richtig, dort hält eine Rothaut mit langer Lanze."

    So sehr Paul auch seine Augen anstrengte, er vermochte nichts wahrzunehmen.

    Der Trapper zog ein kleines Teleskop aus der Tasche, reichte es ihm und gab ihm die Richtung an, in welcher er suchen müsse.

    Vor dem Glase erschien denn auch ein Pferdekopf und über ihm das federngeschmückte Haupt eines Indianers, neben dem eine Lanze emporragte. Der Reiter hielt in der Vertiefung.

    Der Alte nahm dann das Glas, sah hindurch und sagte, es einsteckend: "Es ist der junge Häuptling."

    Als sie näher kamen, gewahrten sie endlich Roß und Mann, welche ruhig dort hielten und ihr Herankommen erwarteten.

    Pauls Auge erblickte auf einem nach indianischer Weise reich geschmückten Rosse einen jungen Ureingeborenen, dessen leichte, anmutige Haltung und schön gebildetes Gesicht sehr für ihn einnahm.

    "Der Häuptling der Cheyennes ist willkommen!" rief ihm der Trapper herzlich entgegen.

    Worauf der Indianer heransprengte und, indem er das Haupt neigte, sagte: "Cayugas grüßt den Grauen Bären."

    "Herzlich willkommen, Junge." Und der Trapper reichte ihm die Hand, die der Cheyenne schüttelte.

    Sich zu Puck wendend, fragte der letztere: "Bin ich dem Medizinmann auch willkommen?"

    Puck lachte: "Ja, du bist dem Medizinmann auch willkommen, Cayugas."

    Der Indianer gab ihm die Rechte, und der Zwerg erwiderte seinen Druck.

    Paul wurde von dem Fremden nicht beachtet.

    Sie ritten nach dem Shanty und stiegen von den Pferden. Der Cheyenne sowohl als die andern nahmen ihren Pferden Sattelzeug und Zaum ab und ließen sie laufen, bis auf den Schimmel, welcher angepflockt wurde.

    Sie betraten die Behausung des Trappers, wo Puck alsbald Anstalten traf, den Gast zu bewirten.

    Trotz seiner großen Erschöpfung und der ihn überkommenden Müdigkeit war das Interesse Pauls an der fremdartigen Erscheinung des roten Mannes groß genug, ihn am Einschlafen zu verhindern.

    Auf dem Boden zeigte sich der Indianer, der ganz nach der Art seines Volkes gekleidet war, als ein Jüngling von hoher kraftvoller Gestalt. Auf dem bartlosen, gutgebildeten Gesicht lagerte ein stolzer Ernst, der jetzt durch einen freundlichen Ausdruck gemildert ward. Außer Lasso und Lanze, welche er vor der Hütte gelassen, war er mit einem breiten und langen Messer, welches er am Gürtel trug, einer kurzstieligen Axt und einer schönen Büchse bewaffnet.

    Auf die Einladung des Trappers setzte er sich nieder. Dieser reichte ihm eine Thonpfeife und Tabak; der Indianer zündete sie an, und beide rauchten schweigend eine Weile, während Puck am Herde Wasser zum Sieden brachte, um Thee zu bereiten.

    Als der indianischen Etikette Genüge gethan schien, fragte der Trapper: "Was verschafft mir die Freude, den Großen Springer an meinem Feuer zu sehen?"

    "Die Cheyennes wollen den Büffel am Arkansas jagen, und Cayugas ist vorausgeeilt, um seinen Freund Grizzly zu begrüßen."

    Der Indianer sprach vortrefflich englisch.

    "Und ich danke dir dafür, Cayugas; ich freue mich, dich zu sehen, junger Häuptling. Dein Vater ist gesund?"

    "Die Dunkle Wolke der Cheyennes reitet an der Spitze der Jäger."

    "Freut mich, freut mich."

    Nach einer Weile fuhr er fort: "Haben die Cheyennes den Weg hierher auf diesem Ufer des Arkansas zurückgelegt?"

    "Wir haben ihn vor drei Tagen da, wo er die Biegung nach Norden macht, gekreuzt."

    "Hier wurde erzählt, die Cheyennes hätten vier Tagereisen von hier ein Nachtlager der Weißen überfallen."

    Ein schneller Blick des dunklen Indianerauges traf Paul nach diesen Worten, und mit tiefem Ernst entgegnete er: "Die Cheyennes haben Frieden mit den Weißen."

    "Ich weiß es, Cayugas", sagte der Trapper und reichte ihm die Hand.

    "Hat der junge Häuptling jenseits des Stromes zwei Cowboys gesehen, die nach Osten ritten?"

    "Er hat sie gesehen, es waren die Blutige Hand und der Geier."

    "Hm, habe mich also nicht getäuscht, als ich diese beiden Raubtiere der Wüste zu erkennen glaubte. Du kennst sie also auch?"

    "Die Cheyennes kennen sie."

    Der Trapper gab ihm nun einen Bericht, wie er Paul gefunden und unter welchen Umständen dieser in die Hand der Cowboys geraten war.

    Mit Aufmerksamkeit lauschte der Indianer.

    "Sah der junge Weiße", wandte er sich an Paul, "dort rote Krieger oder hörte er den indianischen Schlachtruf?"

    "Nein, Indianer, ich habe gar nichts gesehen, nur wildes Geschrei und Schüsse gehört."

    "Gab es tote Menschen?"

    "Ich weiß es nicht."

    Der Indianer versank in Nachdenken, welches der Trapper mit den Worten unterbrach: "Es ist dort ein Schurkenstreich verübt worden, welcher, wie ich vermute, diesem Jungen galt. Mehr als wahrscheinlich ist, daß man seinen vermeintlichen Tod, wie den ganzen Überfall den Cheyennes zuschreiben wird. Darum sage ich es dir, damit du deinem Vater darüber berichten kannst. Merke dir den Namen Osborne, Springer."

    "Es wird geschehen, und die Cheyennes werden nach den Cowboys ausschauen."

    "Wie steht ihr mit den Kiowas und den Kaws; haben die roten Leute Frieden?"

    "Sie haben Frieden; die Kaws jagen im Süden nach dem Kansas hin."

    "Es freut mich zu hören, daß die roten Leute nicht in Hader miteinander liegen."

    "Hat mein Vater Spuren der Kiowas gesehen?"

    "Nein, Cayugas. Wir haben uns nach ihnen umgesehen, aber keinen Kiowa oder seine Spur entdeckt."

    "Es ist gut."

    Puck reichte jetzt Blechbecher, mit Thee gefüllt, und Speisen umher. Der Indianer aß und trank mit den übrigen, suchte sich dann eine Lagerstätte, auf welche er sich, in eine Decke gehüllt, niederstreckte. Auch bei Paul machte sich die Abspannung nach dem langen Tage geltend, er versank in einem tiefen Schlummer, aus dem er erst, als die Sonne hoch stand, erwachte. Der Indianer hatte die Hütte bereits wieder verlassen.

Zweites Kapitel

Etwa drei Wochen sind ins Land gegangen seit dem Tage, an dem Paul Osborne in der Hütte des biederen Trappers erschien.

    Der kräftige Knabe hatte nicht nur die Nachwirkungen seines unheimlichen Marsches durch die Wüste überwunden, sondern sich auch mit der Fähigkeit der Jugend, sich rasch in neue Verhältnisse zu finden, bald in der Steppe und zwischen deren einsam hausenden Bewohnern heimisch gemacht.

    An des Zwerges anfänglich so abstoßendes Äußere hatte er sich gewöhnt und zu dem Trapper, der in seiner breiten, mannhaften Brust oft das Herz eines Kindes zu bergen schien, wahrhafte Zuneigung gefaßt, die durch dessen fast väterliche Zärtlichkeit nicht wenig gestärkt wurde. Der von Sonne und Wind gebräunte, hochgewachsene Knabe, mehr Jüngling schon als Knabe, den das büffellederne Jagdhemd, das ihm Puck verfertigt hatte, sehr gut kleidete, war in diesen wenigen Wochen, da er fast von Sonnenaufgang bis zu deren Niedergang zu Pferde saß, ein kühner und geschickter Reiter geworden, wozu freilich auch der Unterricht, den ihm Puck erteilte, wesentlich beigetragen hatte.

    Auch als Schütze hatte er sich sehr vervollkommnet und traf das Huhn jetzt mit der Kugel im Fluge.

    Wiederholt war er mit dem Trapper und Puck auf der Büffeljagd gewesen, und es waren wohl ein Dutzend der gewaltigen Tiere erlegt worden, deren Felle in der Nähe des Shanty trockneten. Paul hatte das Glück gehabt, mit einem wohlgezielten Schusse ein starkes Tier zu erlegen. Weder Cayugas noch einer seiner Stammesgenossen hatten sich in dieser Zeit bei dem Shanty blicken lassen. Nur einmal und zwar vor acht Tagen war ihre Einsamkeit durch den Besuch eines Fremden unterbrochen worden.

    Ein Händler, der mit einigen beladenen Maultieren und seinem Knecht von Norden kam, war auf dem Wege nach Osten zu kurzer Rast bei ihnen eingekehrt.

    Er hatte mit den Kiowas und den nördlicher hausenden Dakotas Handel getrieben und war auf der Heimreise begriffen.

    Der Mann wußte nicht viel zu berichten, doch handelte er seit Jahren mit den Roten und kannte ihre Art und Sitte wohl.

    Im Gespräch äußerte er: "Seid ihr befreundet mit den Kiowas, Grizzly?"

    "Nicht, daß ich wüßte", lachte dieser.

    "Will euch was sagen, Mann", entgegnete hierauf der Kaufmann, "bekümmere mich nicht mehr um Indianerangelegenheiten, als mich und mein Geschäft angeht. Muß als Handelsmann mit allen gut stehen und werde nur die Büchse zur Hand nehmen, wenn es gilt, mein Eigentum oder mein Leben zu verteidigen. Wenn ich aber mit den Kiowas nicht gut stünde, würde ich an eurer Stelle mein Haus etwas weiter nach Osten schieben."

    "Sagt mir, warum."

    "Kenne die Roten seit vielen Jahren und habe noch nie gefunden, daß eine Versammlung am Pigfelsen stattgefunden hätte, ohne daß Unheil für die Weißen die Folge war."

    "Und hat eine solche stattgefunden? Kenne den Pigfelsen recht gut."

    "Vorige Woche sind Häuptlinge der Sioux und Kiowas dort zusammengewesen."

    "Hm", meinte der Trapper, "haben die Sioux möglicherweise mit Uncle Sam [Vereinigte Staaten. Uncle Sam, scherzhafte Bezeichnung nach den Anfangsbuchstaben U.S. United States] ein Wörtchen zu reden. Glaube aber nicht, daß sie während der Jagdzeit Streit anfangen werden, auch nicht, daß sie hierherkommen, wo nichts zu holen ist. Außerdem sind die Cheyennes und ihre Vettern, die Arrapahoes, zahlreich in der Steppe und jagen. Wenn die Versammlung Unheil bedeutet, was noch nicht ausgemacht ist, denn die Roten kommen auch mitunter zur Beratung friedlicher Angelegenheiten am Pigfelsen zusammen, so geht das Wetter nach Nordwesten."

    "Mag sein, aber würde ihm aus dem Wege gehen. Kennt ihr den Häuptling Krähenfeder?"

    "Habe nicht die Ehre."

    "Er ist jetzt nach dem Tode des alten, bedächtigen Manganas das Haupt des Stammes und haßt alle Weißen grimmig. Muß gestehen, war froh, als ich das finstere Gesicht des Mannes nicht mehr zu sehen brauchte."

    "So? Krähenfeder? Wollen uns den Namen merken. Also Cheyennes waren nicht bei der Versammlung?"

    "Nicht einer."

    "Hm. Nun, will nicht viel sagen; kalkuliere, die Sioux wollen die Kiowas für irgend einen Teufelsstreich gewinnen. Hört, Mann, ihr werdet auf eurem Weg sicher die jagenden Cheyennes treffen, es sind meine Freunde, thut mir die Liebe und sagt der Dunklen Wolke oder seinem Sohn Cayugas oder jedem, den ihr vom Stamme antrefft, was ihr mir gesagt habt."

    Der Mann versprach das und setzte seinen Weg nach Osten fort.

    Seitdem waren acht Tage verflossen, und trotz einiger weitausgedehnter Streifereien nach Norden war auch nicht das geringste Zeichen aufgefunden worden, das andeutete, daß die Kiowas etwa ihre Jagdzüge nach Süden zu ausdehnten.

    Die augenblickliche Beunruhigung infolge der Warnung des Händlers war deshalb bald geschwunden.

    Kaum hatte sich heute die Sonne über dem Horizont erhoben, als Paul vor die Blockhütte trat und freudig den frischen Morgen begrüßte.

    Alsbald gesellte sich Puck zu ihm.

    "Hat die Junge Tanne", so hatte der Zwerg den schlanken Knaben getauft, "ausgeschlafen?"

    "Ja, Puck", erwiderte Paul freundlich, "ich habe des Schlafes genug und bin bereit, es mit der Steppe aufzunehmen."

    "Schläft der alte Mann noch?"

    "Nein, der alte Mann schläft nicht mehr, Bursche", ließ sich die Stimme des Trappers vernehmen, und gleich darauf trat er selbst ins Freie. "Bereite Thee, Puck, und wenn ihr heute jagen wollt, müßt ihr allein gehen, ich habe mir gestern, als ich am Ufer des Verdigris herumkletterte, eine Fußsehne etwas gezerrt und will mir ein paar Tage Ruhe gönnen."

    Der Verdigris war ein nördlicher Zufluß des Arkansas, der wenige Meilen oberhalb des Shanty seine klaren Fluten zwischen zerrissenen Felsenufern dem Strome zuführte.

    "Gut, Oheim", sagte der Zwerg - er nannte den Trapper gewöhnlich so - "bleibe zu Hause, wir wollen nach dem Verdigris reiten, und nach dem Panther umschauen, der dort sein Lager hat, dann uns etwas in der Steppe umsehen und sind zu Abend wieder zurück."

    "Reitet, Kinder, und bringt einige Büffelfelle mit; das Jagdergebnis ist nicht günstig bis jetzt. Muß noch ein paar Dutzend Felle haben, ehe ich nach Osten aufbrechen kann."

    "Ich will heute die Wolfsfelle mitnehmen, Oheim; Paul will diese Jagd kennen lernen, und wir kommen auch wohl eher zum Schusse."

    "Thue es. Mag Gott wissen, ob die Büffel seltener werden, oder ob die roten Teufel da im Norden alles verjagen; der Büffel zieht schlecht in diesem Jahre. Wundere mich auch, daß von Cheyennes nichts zu spüren ist, muß bei denen auch nicht gut mit der Jagd stehen."

    Nachdem die drei das Frühstück eingenommen hatten, pfiffen Paul und Puck ihren in der Nähe weidenden Pferden, fütterten sie mit Mais, tränkten sie in dem nahe dem Shanty zu Tage tretenden Quell und sattelten sie. Außer Mundvorrat für den Tag und ihren Büchsen nahmen sie auch noch Bogen und Pfeile mit. Paul hatte sich, nicht ohne Glück, mit dem Bogen versucht. Zwei schön gegerbte Wolfsfelle, in denen die Schädeldecke noch vorhanden war, wurden nicht vergessen und dann galoppierten sie lustig in die Steppe, nach Norden zu, hinein.

    Nach einigen in scharfer Gangart zurückgelegten Meilen ließen sie ihre flinken Rosse im Schritt gehen.

    Außer flüchtigen Antilopen, Prairiehasen und Hühnern hatten sie kein Wild gesehen.

    "Sehnst du dich nicht zurück, Paul, nach deinen Wigwams?" fragte der Zwerg.

    "Nicht sehr, Puck, das wilde Treiben hier gefällt mit ganz gut."

    "Ja, ich glaube es. Der alte Mann sagt, die Steppe sei schöner als alle eure steinernen Wigwams, die so dicht zusammenstehen sollen wie die Bäume am Arkansas."

    "Ja, die Prairie hat ihre großen Reize, man fühlt es von Tag zu Tag mehr, wie groß und erhaben sie ist. Aber sehnst du dich nicht danach, einmal die Ansiedlungen zu sehen?"

    Traurig entgegnete Puck: "Nein, Paul. Der alte Mann hatte mich einmal den Arkansas mit hinabgenommen, weil er mich allein zu lassen fürchtete. Als wir zu den Wigwams kamen, lachten die Leute über mich und verspotteten mich, weil ich nicht so gerade gewachsen bin wie sie, und seit der Zeit nahm der Oheim mich nicht mehr mit hinab, wenn er seine Felle verkaufte. Ich gehöre zur Steppe, Paul, und will von den Ansiedlungen und den Städten nichts wissen."

    Paul fühlte, wie schmerzlich es dem armen Menschen, den die Natur, was Schönheit anbetraf, so stiefmütterlich behandelt hatte, gewesen sein mußte, den rohen Gesellen, die sich an der Grenze der Wüste herumtrieben, zur Zielscheibe ihres Spottes zu dienen.

    Er hatte bald wahrnehmen müssen, daß hier unter einer unschönen Außenseite ein tapferes und edles Herz schlug, wie auch, daß der Zwerg einen scharfen Verstand besaß, wenn auch naturgemäß seine Bildung eine geringe war. Doch hatte der Trapper nicht versäumt, ihm die Welt und ihre Erscheinungen, so weit er konnte, zu erklären, so daß sein geistiger Horizont nicht mit dem der Prairie abschloß.

    Mit überraschender Leichtigkeit hatte Puck in dem sich oft wiederholenden Verkehr mit den Cheyennes - der Graue Bär und sein Medizinmann verbrachten oft mehrere Wochen in deren Lagern - so viel von ihrer Sprache gelernt, daß er sich verständlich darin ausdrücken konnte.

    Auch einige Lieder, welche ihm der Trapper beigebracht hatte, sang er mit ungewöhnlich wohllautender Stimme und merkwürdigerweise, ohne daß sich dabei die Schwerfälligkeit der Zunge bemerklich machte.

    Und oftmals saßen er und Paul an schönen Sommerabenden am stillen Ufer des Arkansas und sangen zur Freude des Trappers zweistimmig ihre schönen Lieder, vor allem das herzige: Home, sweet home (Heimat, süße Heimat), welches Puck sehr liebte.

    Paul änderte das Gespräch und fragte: "Du fühlst dich glücklich hier, wie dein Pflegevater?"

    "Ja", sagte der Zwerg, und sein Auge leuchtete, "wenn ich ein flinkes Roß zwischen den Knieen habe und die endlose Prairie vor mir, bin ich glücklich wie der Adler der Felsengebirge, der über der Wüste schwebt. Nur wenn der alte Mann fort ist, hinab nach den Ansiedlungen, dann sitze ich traurig am Ufer des Arkansas, bis er wiederkehrt."

    "Du hast ihn sehr lieb?"

    Puck richtete einen Blick auf Paul, in welchem deutlich zu lesen stand: Das kannst du fragen? "Sieh, Paul", sagte er dann, "du hast Vater und Mutter gehabt und ein Haus, in dem du wohntest. Ich weiß nichts von allem. Seitdem ich denken kann, sah ich den guten Alten vor mir, der mich liebte und pflegte wie ein Panther sein Junges. Ich habe nur die Prairie als Mutter und den Grauen Bären als Vater. Ich weiß nicht genau, was ihr klugen Menschen aus den Ansiedlungen unter Liebe versteht, aber wenn du damit meinst, daß ich mir Hände, Füße, den Kopf abschlagen, das Herz aus der Brust reißen ließe, wenn ich dem Oheim Leid ersparen kann, so habe ich ihn lieb."

    Es lag eine solche Innigkeit in dem Tone, als der Zwerg langsam so sprach, daß Paul wohl fühlte, wie tief aus dem Herzen die Worte kamen, mit welcher Hingebung Puck seinem väterlichen Freunde ergeben war.

    "Du bist ein guter Mensch, Puck, und hast ein dankbares Herz."

    Beide schwiegen hierauf und setzten dann ihre Pferde in Galopp.

    Nachdem sie eine große Strecke zurückgelegt hatten, sagte Puck: "Dort ist der Verdigris", und deutete auf eine kaum wahrnehmbare dunkle Linie, welche die Schlucht andeutete, durch welche der Fluß seine Wasser sandte. "Wir wollen absteigen und zum Ufer schleichen, vielleicht, daß wir den Panther zu Gesicht bekommen."

    Sie sprangen aus den Sätteln, ließen die gehorsamen Pferde stehen und gingen vorsichtig, die Büchsen in den Händen, nach dem Ufer des Flusses.

    In seiner Nähe angekommen, krochen sie durch das Gras, bis sie über den Schluchtrand in das ziemlich tiefe, felsige Bett hinabzuschauen vermochten. Der Verdigris hatte sich hier vor Jahrtausenden seinen Weg durch den steinigen Untergrund der Prairie gebrochen, er lag so tief, daß er nicht eher wahrzunehmen war, bis man am Rande der Schlucht stand, obgleich das Rauschen seiner Fluten sich weithin vernehmbar machte. Die fast ebene Bodengestaltung ließ auch die Schlucht selbst erst in der Nähe erkennen.

    Zwischen seltsam gezackten Felsenufern floß das klare Wasser rasch dahin, um sich in einigen Meilen Entfernung mit den gelben, sandigen Fluten des Arkansas zu mischen.

    Das an die endlose Ebene gewöhnte Auge wurde durch den Blick in dieses Felsenthal und auf die schäumenden Wellen, die in einer Tiefe von etwa achtzig Fuß dahinrauschten, jäh überrascht. Paul hatte einen lauten Ausruf des Erstaunens nicht unterdrücken können, als Puck ihn vor einigen Wochen, ohne ihn vorbereitet zu haben, über den Schluchtrand schauen ließ.

    Wild zerklüftete Felsen und Höhlen zeigten sich stromauf und stromab; zwerghafte Büsche säumten die Ufer, und brausend, oft hoch aufschäumend, wälzte sich die helle, grünlich schimmernde Flut zu Thal.

    Sie ließen die forschenden Blicke umherschweifen, aber nichts entdeckte das Auge, was auf die Anwesenheit eines Panthers schließen ließ.

    Leise sagte Puck: " Er hat sein Lager in einer der Höhlen drüben, der Felsen hinterläßt nur keine Spur, sonst hätte ich es schon ermittelt."

    Sie schritten scharf auslugend das Ufer entlang, als Puck von einer Erdwelle aus, jenseits des Stromes und einige Meilen stromab, drei weidende Büffel gewahrte.

    "Ha, Paul, sieh, dort sind Felle für den alten Mann. Jetzt hinüber, wir wollen sie beschleichen."

    Sie lockten die Pferde herbei und eilten dann in einiger Entfernung vom Ufer in einer leichten Einsenkung des Bodens den Strom entlang, bis sie ungefähr die Büffel sich gegenüber haben mußten.

    Dann nahmen sie die Wolfsfelle, Bogen und Pfeile und kletterten vorsichtig die Felsen hinab zum Wasser. Sie stiegen hinein, es strömte ziemlich heftig und sie wurden an einigen Stellen von der Flut mit fortgerissen, doch kamen sie glücklich hinüber. Der Anstieg war schwierig, doch Puck entwickelte, indem er Paul unterstützte, eine Behendigkeit und eine Kraft, die beide bald nach oben gelangen ließ.

    Ein vorsichtiger Blick über den Rand zeigte ihnen die drei Büffel in etwa tausend Schritt Entfernung. Das Gras stand hier hoch und gestattete ihnen, unbemerkt auf die Prairie zu klettern.

    Der Wind war so günstig, daß sie sich direkt an das Wild anpirschen konnten.

    Sie zogen die Wolfsfelle über Kopf und Rücken und bewegten sich in gebückter Stellung, oftmals auf Händen und Füßen kriechend, auf die Büffel zu, welche ruhig weideten. Als sie bis auf hundert Schritt herangekommen waren, hob das größte der Tiere einmal die Nase und sicherte, graste aber gleich darauf ruhig fort.

    "Ich nehme den Büffel dort, nimm du das Tier zu seiner Rechten und sende den Pfeil hinter dem Schulterblatt hinein."

    Langsam bewegten sich beide weiter durch das Gras und so vorsichtig, daß nur die Wolfsfelle an dessen Oberfläche auftauchten. Paul war auf zwanzig Schritte an sein ausersehenes Opfer herangekommen, mußte aber einen Bogen machen, um ihm in die Flanke zu kommen. Das Tier war arglos. Endlich stand es ihm schußgerecht, er zog mit aller Kraft den auf der Sehne ruhenden Pfeil an und ließ ihn entschwirren, er saß dicht hinter dem Schulterblatt.

    Das gewaltige Tier zuckte in jähem Schmerz zusammen, die unter dem Stirnhaar funkelnden Augen schienen einen Augenblick den unsichtbaren Gegner zu suchen, dann stürzte es mit zornigem Brummen schwerfällig davon.

    Paul blickte dem fliehenden Tiere nach und gewahrte dabei, wie der Büffel, welchen sich Puck ausersehen hatte, hoch anstieg und dann zusammenbrach.

    Im selben Augenblick erschien auch Pucks Haupt über dem Grase.

    Der von Paul angeschossene Büffel, dies gewahrend, stürzte mit wütendem Anlauf auf Puck zu, der aber augenblicklich im Grase verschwand. Der Büffel trabte weiter. Ein ihm von dem Zwerg nachgesandter Pfeil hemmte seinen Lauf, doch nur für einen Augenblick, dann wandte sich das Tier und rannte mit beschleunigter Eile hinweg.

    Mit Erstaunen sah Paul, wie sich Puck plötzlich mit der Behendigkeit eines Affen auf den Rücken des an ihm vorbeieilenden Büffels schwang, sich mit der einen Hand an dessen zottigem Fell hielt, während die andre das breite Messer wiederholt tief in dessen Nacken stieß.

    Noch einige wilde Sprünge des vor Schmerz und Wut rasenden Tieres, dann brach es, einen Blutstrom aus Mund und Nase ergießend, tot unter dem unheimlichen Reiter zusammen. Puck verließ den zottigen Rücken mit gewaltigem Abschwung und erschien bald darauf bei Paul, der dem Thun des verwegenen Zwergs in steigender Verwunderung zugeschaut hatte.

    "Wie kannst du dich in solche Gefahr begeben, Puck?"

    Der Zwerg lachte.

    "Keine Gefahr. Oft geritten auf Büffel, Büffel dumm."

    Der von dem Kleinen mit einem Pfeilschusse erlegte Büffelstier lag unweit, er hatte den Todesboten im Herzen sitzen und war sofort nach dem Schusse zusammengebrochen. Das dritte Tier hatte das Weite gesucht.

    Beide freuten sich der Beute, und Puck schickte sich sofort an, dem erlegten Wilde die Häute abzuziehen, wozu aber ebensoviel Kraft als Geschicklichkeit gehörte, und Paul half ihm dabei.

    "So", meinte Puck, als die nicht mühelose Arbeit vollbracht war, "zwei schöne Felle, alter Mann sich freuen. Jetzt wollen frühstücken, Büffelhöcker gut. Können unten in der Schlucht Feuer anzünden, ohne daß die Prairie in Brand gerät."

    Während Puck einen der Höcker ausschnitt, der in der That einen überaus trefflichen Braten giebt, fragte Paul: "Aber wie bringen wir die schweren Häute nach dem Shanty? Unsern Rossen dürften sie mit den Reitern zu schwer werden."

    Auf ihren bisherigen Jagden war immer eines der großen Pferde als Saumtier mitgeführt worden, dem man dann zum Rücktransport die Beute aufgeladen hatte.

    "Der Arkansas ist nicht weit. Wir machen dort ein Floß, legen die Häute darauf, lassen es treiben, eilen zu dem Shanty, fangen sie auf, wenn sie kommen; wir sind viel früher da."

    "Das ist eine gute Idee."

    Sie sahen nach ihren Pferden, welche jenseits des Flusses und nicht weit entfernt ruhig weideten und stiegen dann in die Schlucht hinab, bis sie eine geeignete Stelle fanden, um Feuer anzünden zu können.

    Trockene Sträucher waren bald zur Stelle, Feuerzeug führten sie mit, und bald loderte die Flamme empor, sandte der schmorende Höcker seinen einladenden Duft in die Luft.

    Sie schmausten herrlich von dem köstlichen Braten und ließen sich dann nach den Anstrengungen des Tages zur behaglichen Ruhe nieder, unter sich den rauschenden Strom, über sich den blauen sonnigen Himmel.

    Paul überkam eine träumerische Stimmung, als er so aus der Tiefe des felsigen Flußbettes hinaufschaute zu dem Himmelsgewölbe. Er fühlte ganz die Schönheit der Allmutter Erde, wenn sie sich in ihrem Feiergewande zeigt, und er begriff jetzt besser als vor wenigen Wochen die gewaltige Anziehungskraft, welche die einsame Erhabenheit der Wildnis auf den Menschen auszuüben vermag.

    Seine häuslichen Verhältnisse bereiteten ihm wenig Sorge, denn er wußte sein Eigentum, selbst wenn sein Oheim James nicht da war, bei dem alten Brown in guter Obhut.

    Oft hatte er in diesen Wochen über die Umstände nachgedacht, unter welchen er in die Wüste geraten war.

    Aber es kam ihm auch keine andre Lösung des Rätsels als die, welche der Trapper angedeutet hatte, daß die Cowboys ihn als Zeugen einer schwarzen That beseitigen wollten und nicht den Verbrechermut gehabt hatten, ihm eine Kugel durch den Kopf zu jagen.

    Mit freudiger Genugthuung dachte er daran, wenn er, heimkehrend, Freunden und Nachbarn von seinen Abenteuern erzählen und sie staunend seinen Schilderungen lauschen würden.

    Puck, der wie Paul schweigend dagelegen, unterbrach diese Träumerei, indem er seinen Gefährten aufforderte, mit ihm die Felle hinab an das Wasser zu schaffen.

    Rasch erhob sich Paul. Da der Zwerg etwas weiter stromab eine Stelle am felsigen Ufer zu bemerken glaubte, wo der Anstieg bei weitem bequemer war als in ihrer Nähe, schritt er am Wasser hinunter, gefolgt von Paul.

    Sie hatten noch nicht achtzig Schritt zurückgelegt, als Puck stutzte und den leise zischenden Laut ausstieß, den er hören ließ, wenn ihn etwas jäh überraschte.

    "Was giebt's?" fragte der Jüngling.

    Puck antwortete nicht, sondern starrte vor sich nieder und dann, mit der Aufmerksamkeit des suchenden wilden Tieres, ringsum.

    Paul trat zu ihm und gewahrte zwischen den Steinen die Überreste eines Feuers. Er schaute dann den Zwerg an und bemerkte, daß der kleine Mann sehr erregt war.

    "Was giebt's?" fragte er noch einmal.

    Puck deutete stumm auf die verkohlten Holzteile.

    "Was erregt dich so?"

    Mit bebendem Tone war die Antwort gegeben: "Der Kiowa."

    "Fürchtest du Gefahr?"

    "Der Kiowa", wiederholte der Zwerg nachdrücklich, und setzte dann in tief schmerzlichem Ton hinzu: "Gott sei dem Oheim gnädig."

    "Laß mich nicht in Ungewißheit, Puck, was fürchtest du? Und wie kannst du aus diesen Feuerresten auf die Anwesenheit von Kiowas schließen?"

    "Feuer, diese Nacht gebrannt, lagen hier, die Kiowas. Dort Holz gehauen", er zeigte nach den Büschen ringsum, "hier gelagert", und er zeigte Paul mehrere aus Zweigen zubereitete Lagerstätten zwischen den Steinen.

    "O, o, wo waren meine Augen? Gott sei ihm gnädig; es gilt dem Oheim, dem Oheim!"

    Seine Augen blitzten gleich denen eines Panthers, als er die Felsklüfte rings erforschte. Dann zischte er: "Hinüber, zu Pferde! Nach dem Shanty!"

    Paul begriff, daß sein Freund ernste Gefahr für den Trapper sah, und es bemächtigte sich auch seiner große Aufregung. Sie dachten der Büffelhäute nicht mehr, sondern schritten, Puck voran, in das strömende Wasser und kamen, von Fels zu Fels watend, glücklich hinüber. Mit einer Kraft und Gewandtheit stieg Puck aufwärts, die ihn bereits den Schluchtrand erreichen ließen, als Paul noch auf der Hälfte des Weges mühsam emporkletterte.

    Puck pfiff den unweit grasenden Pferden, die gehorsam herbeikamen und schon nahe waren, als Paul endlich aus der Schlucht auftauchte.

    "In den Sattel", stöhnte der Zwerg mehr als er sprach, "und dann reiten, reiten."

    Sie bestiegen die Rosse, sahen nach den Büchsen, und in gestrecktem Galopp jagten sie davon, gerade dem Shanty zu.

    Sie schnitten, in gerader Linie vorwärts rennend, eine weite Biegung des Arkansas ab.

    Stumm ritten sie in immer gleichmäßiger Eile durch die Prairie, Puck mit dem Auge des Falken die Ebene überfliegend.

    Drei Stunden hatten sie in ununterbrochenem Galopp zurückgelegt, als der Fuchs Spuren von Erschöpfung zeigte.

    "Gieb ihm die Sporen, es ist keine Zeit zu verlieren."

    Noch eine halbe Stunde wilden Rittes und sie waren dem Shanty gegenüber angekommen.

    Puck hielt und ließ den Schimmel verschnaufen, ein Gleiches that Paul. Des Zwerges Auge überflog fortwährend unruhig die Steppe und den Rand der Schlucht, in welcher der Arkansas dahinfloß.

    Nach einigen Minuten sagte er zu Paul: "Du hier halten, ich sehen, ob die Kiowas da."

    "Nein, ich reite mit, ich will die Gefahr teilen."

    "Du bleibst hier", sagte der Zwerg streng, "du kannst nicht weiter. Schießen sie auf mich, so reiße dein Roß herum und jage nach Osten. Bleib", wiederholte er noch einmal barsch, und setzte seinen Schimmel in Galopp, gerade auf die Stelle zu, wo das Shanty lag, während Paul ratlos zurückblieb und mit dem Auge dem kühnen Zwerge folgte.

    Nahe der Schlucht galoppierte Puck dieselbe entlang und warf sich gleichzeitig auf die dem Flußufer entgegengesetzte Seite des Pferdes - ein Reiterkunststück, welches er den Indianern, den besten Reitern der Welt, abgesehen hatte.

    Nichts regte sich am Arkansas, kein Schuß folgte.

    Puck jagte zurück, sich auf die andre Seite des Pferdes werfend, hielt, richtete sich auf, stieß einen gellenden Schrei aus und verschwand in der Schlucht.

    Eilig ritt Paul ihm nach, denn ein zweiter gellenderer Schrei des Zwerges erregte seine Unruhe in hohem Grade.

    Er sprang, am Rande angekommen, vom Pferde, und lief durch die Büsche auf die Blockhütte zu.

    Zu seinem Schrecken sah er Puck am Boden auf dem Gesichte liegen, den kurzen, gedrungenen Körper von heftigen Zuckungen erschüttert.

    Ein Blick auf die Hütte, deren Thür geöffnet war, zeigte, daß sie leer sei.

    "Puck, Puck", wandte er sich an diesen - "was giebt's, Puck, was ist geschehen? Was hast du?"

    Der Zwerg hob sein unschönes Antlitz vom Boden empor, es war thränenüberströmt, und heftiges Schluchzen erschütterte den starken Körper.

    Paul erschrak in der Tiefe der Seele.

    Endlich stöhnte Puck, mühsam nur die Laute herauszwängend: "Alter Mann, fort, Vater fort, Kiowas hier", und in wildem Schmerze schlug er die Hände vors Gesicht.

    Der bewegte Knabe legte den Arm um Pucks Schulter und sagte: "Du mußt dich fassen, Puck. Wir sind ganz verloren, wenn du dich der Verzweiflung hingiebst. Wenn dem Oheim etwas geschehen ist, müssen wir ihm doch zu Hilfe kommen, und wer soll ihm beistehen, wenn nicht du?"

    Der Zwerg ließ die Hände sinken und bezwang seinen gewaltigen Schmerz, so gut er es vermochte. "Du, recht, Paul - alten Mann retten oder mit ihm sterben."

    Er erhob sich, winkte Paul, auf seinem Platze zu verharren, und begann, das Auge am Boden, gleich einem Spürhund umherzuschleichen. Er verschwand nach dem Flußufer zu in den Büschen, und kam erst nach einiger Zeit zu dem von Unruhe verzehrten Paul zurück.

    Leise sagte er, die bebende Stimme verriet die innere Erregung: "Sie haben ihn fortgeschleppt, die Hunde, im Kanoe."

    "Wie weißt du das?"

    "Ich lese am Boden. Sie sind den Fluß heruntergekommen, landeten etwas oberhalb, wahrscheinlich in der Nacht. Als wir fort waren, habe sie sich zum Shanty geschlichen und den Grauen Bären überfallen, gebunden und ins Kanoe geschleppt."

    Staunend horchte Paul. "Und der so starke Oheim hat sich wehrlos fangen lassen?"

    "Nein", sagte mit grimmigem Triumphe der Zwerg, "der Graue Bär hat ihnen die Pranken gezeigt, zwei bezahlten den Angriff mit dem Leben."

    "Hast du die Toten gesehen?"

    "Nein, die haben sie mitgenommen."

    "Mein Gott, Puck, woran siehst du das?"

    "Komm!" sagte der Zwerg kurz.

    "Sieh, hier", und er deutete auf den Boden vor dem Shanty, "hier haben sie sich zuerst auf ihn geworfen, indem sie von rechts und links gleich feigen Coyotes über den Arglosen herfielen. Es waren mehr als zwanzig Krieger. Aber der Bär schüttelte sie ab, die Hunde. Sieh, wie sie zu Boden flogen"; er wies auf einige Stellen auf dem mit Gras bewachsenen sandigen Boden. Paul gewahrte weiter nichts, als daß das Gras zerdrückt war. "Einen schleuderte der grimmige Alte dort an den Baum mit dem Kopfe, der wird wohl tot genug sein."

    Er zeigte dem schaudernden Paul den Baum und die Stelle der Rinde, wo der Schädel angeschlagen hatte; die Rinde war etwas eingedrückt, und Blut sowohl als schwarzes Haar darauf wahrnehmbar.

    "Dann ist der Alte nach dem Flusse gelaufen, um sich gleich einem Alligator in denselben zu stürzen. Hätte er ihn erreicht, so könnte der ganze Stamm der Kiowas am Ufer heulen oder nachschwimmen, sie hätten ihn nimmer erreicht, denn er schwimmt und taucht wie ein Otter." Er führte Paul durch die Bäume, ihm Fußspuren zeigend, unter denen die des Trappers deutlich erkennbar war.

    Er machte den Jüngling auf zertretene und verbogene Büsche aufmerksam und auf den zerstampften weichen Boden. Ringsumher auch lagen Federn, wie sie den Indianern zum Hauptschmuck dienen, und Fetzen ihrer Gewänder. "Hier haben sie sich wieder auf ihn geworfen - alle. Einen hat der Oheim gepackt und zu Boden geschleudert. Er lag auf ihm, sieh hier -", Paul gewahrte deutlich die Spuren von Schultern und den Eindruck eines Schädels am Boden, "und die andern wieder auf dem Alten. Hier haben sie ihn gebunden, und dann zum Kanoe getragen. Sie müssen die Waffen abgelegt haben, um so den Alten lebendig zu fangen." Immer wies er dem staunend Horchenden die Spuren, die Paul, so aufmerksam auf alles gemacht, jetzt besser erkannte.

    Sie gingen zum Flußufer. "Hier hat das Kanoe gelegen, ein großes Fahrzeug, und hier haben sie ihn hineingeschleppt."

    Am sandigen Ufer gewahrte man deutlich die Fußspuren und den Eindruck, den das Boot gemacht hatte.

    "Glaubst du, daß der Oheim den Mann, den er erfaßt und zu Boden gedrückt hatte, getötet habe?"

    "Der ist so sicher tot, wie dort der Arkansas fließt; der Graue Bär faßt nicht zweimal zu, wenn er zornig ist", sagte Puck, wie vorher mit grimmigem Lächeln.

    "Aber was werden sie mit dem Alten thun, Puck?"

    "Sie schleppen ihn zu ihrem Lager und werden ihn dort martern."

    "O Gott, mein Gott!" stöhnte tief entsetzt Paul, der vom indianischen Marterpfahl und der Grausamkeit der Wilden gelesen hatte. - Dann sagte er: "Können wir ihm nicht Hilfe bringen, Puck?"

    Der Zwerg sah ihn an.

    "Hat die Junge Tanne Mut?"

    "Ich werde für den, der mir das Leben gerettet hat, das Äußerste thun."

    "Gut, wir wollen ihm helfen."

    "Aber, daß sie uns nicht angegriffen haben, Puck, sie haben uns doch gewiß auf der Prairie gesehen."

    Nach einer Weile sagte der Zwerg: "Sie haben Angst vor mir, Paul, und gehen mir aus dem Wege, wo sie können. Sieh, ich bin nicht wie andre Menschen gebildet, ich weiß es wohl, und alle erschrecken, wenn sie mich sehen. Die Roten glauben deshalb, ich sei ein Medizinmann, d.h. ein Zauberer, der übernatürliche Dinge vollbringen könne, und fürchten mich. Das hat uns gerettet, sonst hingen unsre Skalpe wahrscheinlich schon am Gürtel eines dieser Bluthunde."

    Puck hatte seine erste furchtbare Aufregung bemeistert und sprach ruhig und bestimmt, das letztere sogar gleichgültig.

    "Laß uns gehen; wir wollen sehen, was sie gestohlen haben."

    Sie schritten zum Shanty zurück und traten hinein.

    Die dort sonst herrschende Ordnung war in ein Chaos verwandelt worden, die Roten hatten überall nachgesucht, und alles durcheinander geworfen.

    Die Waffen waren sämtlich verschwunden, Fässer und Kisten waren umgewühlt, Thee, Rum, Tabak, ein großes gefülltes Pulverhorn, Sättel, Zaumzeuge, Lassos, hatten sie mitgeführt.

    "Sieh, wie die Diebe hier gehaust haben. An mein unterirdisches Wigwam haben sie sich nicht gewagt, dort ist alles unberührt. Schade, daß die Doppelbüchse im Besitze der Schurken ist; eine kostbare Waffe, aber wir haben noch eine, und Pulver genug."

    Er setzte sich ruhig nieder und zeigte jetzt einen fast indianischen Gleichmut.

    "Weißt du nun auch gewiß, Puck, daß es Kiowas waren, welche hier gehaust haben?"

    "Knabe, ich bin in der Prairie aufgewachsen, ich kenne den Himmel und die Erde, die Menschen und die Tiere der Ebene und kann einen Kiowa von einem Cheyenne oder Dakota unterscheiden, wenn ich nur die Fährte sehe. Sieh hier", - und er holte das Stück eines mit kleinen Flußmuscheln gezierten indianischen Gürtels hervor und zeigte es Paul - "das trägt nur ein Kiowa. Außerdem haben wir keine Feinde, als diese Schurken."

    "Aber was beginnen wir, Puck?"

    "Was ich beginne, weiß ich - aber du bist ein Kind der Ansiedlungen und nicht gewohnt, die Nacht in der Steppe zu liegen, gleich dem Coyoten. Bleibe du hier, ich werde dem Oheim folgen."

    "Ich gehe mit dir", sagte Paul entschlossen, "und will ertragen, was da kommen wird."

    "Gut, Junge, du wirst den Krieg kennen lernen. Du kannst zeichnen, wie?"

    Paul bejahte.

    "Meine Finger wollen die Feder nicht führen." Er holte geschäftig aus einem Winkel der Hütte einige Bogen Papier und eine Bleifeder.

    "Das hat der alte Mann mitgebracht von den Ansiedlungen, er wollte mich zu einem Gelehrten machen. Nimm und zeichne. Zuerst malst du einen Bären, kannst du das?"

    "Nun soweit, daß man erkennt, was es sein soll, ja."

    "Gut, male einen Bären, über den die Hunde von hinten herfallen, und einen von diesen malst du eine Krähenfeder über das Ohr."

    "Wozu soll das?"

    "Zeichne nur."

    Paul that es, und der Zwerg war mit seiner Kunstleistung, die sich wenig über das erhob, was Knaben, die etwas Zeichnen gelernt haben, leisten können, durchaus zufrieden.

    "Nun zeichne dich und mich zu Pferde, wie wir den Spuren der Kiowas folgen."

    Paul stutzte vor dieser Aufgabe, versuchte aber sie zu lösen, und brachte richtig zwei Pferde und auf ihnen zwei Reiter fertig, denen er einige Fußtapfen vorzeichnete.

    Auch hiermit war Puck zufrieden.

    "So", sagte er, "das nageln wir an die Wand des Shanty, und wenn Cayugas kommt, weiß er alles."

    Jetzt begriff Paul den Zweck der Zeichnungen, und nagelte sie selbst an die Außenseite des Shanty.

    Puck, der jetzt eine Ruhe zeigte, die nur durch ein gelegentliches Aufflackern seines Auges unterbrochen wurde, pfiff den Pferden des Trappers, welche unweit weideten, hieß Paul sie anpflocken, und begab sich zu seiner Erdhütte.

    Paul folgte seinem Auftrag, band die Pferde an, und ging Puck nach, um ihm zu sagen, die Pferde seien da.

    Zu seiner Überraschung erblickte er ihn vor einer Aushöhlung im Boden, welche sauber mit Büffelhäuten ausgelegt, eine Fülle von Dingen enthielt, welche in der Prairie wertvoll waren.

    "Das ist unser Versteck, und das soll selbst die feinste Indianernase nicht finden."

    Er hatte bereits eine schöne neue Doppelbüchse und ein großes Pulverhorn hervorgenommen, daneben einige bunte Tücher und Glasperlen, auch Thee und Kaffee.

    "Hier ist genug, um einen ganzen Stamm zufrieden zu stellen, so habgierig die Schufte auch sind."

    Er deckte das alles mit den Büffelhäuten zu, füllte die sorgfältig auf eine Haut gelegte Erde darauf und stampfte den Boden fest. Dann deckte er noch eine Wolfshaut darüber, und richtete sein Lager, das er beiseite geschoben hatte, wieder über der Öffnung her, so daß nichts zu gewahren war.

    "Sie fürchten des Grauen Bären Doppelbüchse und glauben sich nun in ihrem Besitze unbesiegbar, aber wir haben noch eine, und der Medizinmann kann schießen. Pulver ist hier und Blei für mehrere Jahre. Fülle das Horn und den Kugelbeutel, ich muß jetzt, ehe es dunkel wird, die Spur suchen."

    Dann begab er sich zu dem Shanty, wo die Pferde harrten.

    "Auf dieser Seite des Flusses sind sie nicht heraufgegangen, denn wir hätten sie sehen müssen; auch können sie nicht über den Verdigris mit den Pferden. Meilenweit den Arkansas stromauf zu rudern, ist auch nicht dieser Halunken Sache, welche nur im Sattel zu Hause sind, sie müssen also das jenseitige Ufer angenommen haben, um entweder stromauf zu gehen, bis sie ihn bequem oberhalb des Verdigris kreuzen können, oder sie sind durch die Wüste, jenseits, nach dem Canadian-River, gegangen. Das will ich noch vor Sonnenuntergang erfahren."

    Er nahte sich dem Renner, welcher bei Jagdausflügen des Trappers große Gestalt trug, und schwang sich auf dessen nackten Rücken.

    "Willst du zu Pferde den Fluß überschreiten?"

    "Ja, komm mit, und sieh dir die Furt an, wir müssen beide den Arkansas hernach kreuzen. Nimm deine Büchse, und siehst du drüben etwas Verdächtiges, so feuere sofort darauf. Zwar ist es kaum anzunehmen, daß sie Späher zurückgelassen haben, aber Vorsicht ist geboten."

    Er schärfte Paul noch ein, Nahrungsmittel einzupacken, die Pferde bereit zu halten und ritt dann zum Strom hinab und hinein. Bald mußte das Tier, welches anfänglich Boden fand, schwimmen, kämpfte aber machtvoll und siegreich gegen die schlammige Flut. Eine breite Sandbank inmitten des Stromes erleichterte dessen Überschreiten, und bald erreichte Puck das jenseitige Ufer, wo Roß und Mann in den Büschen verschwanden.

    Paul hatte mit gespannter Büchse und bereit, zu feuern, den Ritt Pucks verfolgt und den Waldsaum drüben beobachtet, ohne etwas zu bemerken, was Besorgnis einflößen konnte, und begab sich jetzt zurück, um alles für den Ritt vorzubereiten.

    Dem einsam zurückbleibenden Jüngling war nicht leicht zu Sinne. Aus dem Vaterhause, dessen verzogener Liebling er war, in die Wildnis geschleudert, hatte er die Nachwirkung der ihn umgebenden Gefahren mit der Spannkraft der Jugend leicht überwunden und sich bald unter dem so wohlwollenden Schutze des Trappers wie in der Gesellschaft des seltsamen Zwerges wohl gefühlt. Die Reize der Wildnis, des ungebundenen Lebens übten ihre Wirkung, und täglich war er mit aufjubelnder Seele in die Prairie geritten, um zu jagen. Jetzt trat eine ernste Gefahr an ihn heran, der er bewußt und kaltblütig entgegengehen sollte. Der Mann, dem er die Rettung seines Lebens verdankte, war in die Hände grimmiger, wilder Feinde gefallen, und es galt, ihm Hilfe zu bringen. Nicht einen Augenblick war Paul unentschlossen, unter des klugen Zwerges Führung sein Bestes zur Rettung des Freundes zu tun, sich den Gefahren auszusetzen, welche sie erwarteten, und seine Büchse, wenn es sein mußte, auch auf Menschen abzufeuern. Mochte es kommen, wie es wollte, er stand in Gottes Hand, und Dankbarkeit und Ehrgefühl geboten ihm, Puck beizustehen.

    Die Sonne wollte eben hinter dem Horizont verschwinden, als der Zwerg auf seinem triefenden Rosse zurückkehrte.

    "Nun?" fragte begierig Paul.

    "Sie sind nach Norden und haben oberhalb des Verdigris den Arkansas auf ihren Pferden gekreuzt."

    "Und was thun wir?"

    "Ich reite ihnen nach. Du kannst, wenn du willst, hier bleiben, bis die Cheyennes kommen."

    "Nein, Puck", entgegnete warmherzig Paul, "ich reite mit dir."

    "Nun, so müssen wir uns auf den Weg machen."

    Er untersuchte jetzt die Pferde, welche sich bereits erholt hatten. Dann bestimmte er: "Du nimmst den Thunder, Paul, denn der alte Mann muß das Pferd haben, wenn er reiten soll, und ich behalte den Blitz. Brauchen wir noch ein Pferd, will ich es schon verschaffen." Hierauf sah er nach, ob alles, Zaum und Sattelzeug, Lasso, Waffen, Munition, Proviant, Decken, vorhanden und in Ordnung war, ergriff die Doppelbüchse und stieg dann mit einem inbrünstigen "Gott sei mit uns" zu Pferde.

    Glücklich gelangten beide trotz der Dunkelheit durch den strömenden Fluß und galoppierten an seinem Ufer hinauf bis oberhalb der Mündung des Verdigris.

    Hier wollten sie bis Tagesanbruch verweilen, sowohl, um den Pferden Rast zu gönnen, als auch, weil Puck Bedenken trug, mit Paul in der Nacht eine ihm unbekannte Stelle des Arkansas zu kreuzen. Sie richteten sich in den Ufergebüschen ein Nachtlager her, wickelten sich in ihre wollenen Decken und schliefen ein, nur bewacht von dem Auge Gottes.

Drittes Kapitel

Noch vor Sonnenaufgang erhob sich Puck, schlich zum Ufer und ließ seine Falkenaugen überall hinschweifen, dann stieg er zur Prairie hinauf und durchforschte diese; nichts Verdächtiges zeigte sich.

    Er sah die Spuren der Pferde der Kiowas und wo sie zum Wasser hinunterführten, und beschloß natürlich, an derselben Stelle überzugehen.

    Er weckte den noch in tiefem Schlafe liegenden Paul; beide bestiegen die Pferde und ritten in den Fluß hinein, als die Sonne ihre ersten Strahlen über den Himmelsbogen sandte.

    Das Wasser war tief und reißend, und es gehörte die Kunst geübter Reiter dazu, den Pferden den Kopf über Wasser zu halten und sie im Kampfe gegen die Strömung zu unterstützen. Doch bald fühlten die Tiere den Boden einer Sandbank unter sich, wie denn der ganze obere Teil des Arkansas mit Sandbänken durchsetzt ist, und schritten darauf weiter.

    Sie waren vielleicht noch hundert Schritt vom Ufer entfernt, als Pucks Hand mit ehernem Griffe Pauls Schulter faßte, ihn mit dem Ausruf: "Herab!" aus dem Sattel riß und sich gleichfalls, wie ein Ball, vom Pferde fallen ließ.

    Im selben Augenblick flog, begleitet von dem Donner eines Büchsenschusses, eine Kugel über sie hinweg.

    Mit Gedankensschnelle fuhr aber die Büchse Pucks, der neben seinem Pferde und gedeckt von diesem im untiefen Wasser stand, an die Wange und entlud sich krachend.

    Er rief Paul zu: "Vorwärts! Schwimm neben dem Pferde her!" zog sein Roß mit sich, und beide tauchten in die Flut. Instinktiv ahmte Paul den Zwerg nach und stürzte sich hinter ihm ins tiefe Wasser.

    Schon war Puck, der wie ein Delphin schwamm, am Ufer, das Pferd war noch im Flusse, und verschwand in den Büschen. Bald folgte ihm Paul, sich, sobald er am Lande war, unruhig nach dem Feinde umschauend.

    Er ließ sein Pferd stehen und warf sich hinter einem Baum nieder, die Büchse, die es ihm gelungen war, trocken durch das Wasser zu bringen, zum Schusse bereit haltend und durchforschte den Wald.

    Während er klopfenden Herzens so lag, bemerkte er vor sich eine Bewegung der Zweige - er faßte die Büchse krampfhaft - jetzt bogen sie sich langsam auseinander und - das Blut stockte ihm im Herzen - er sah das braune Gesicht eines Indianers, dessen funkelnde Augen umherspähten, während er sich langsam dem Flusse zu bewegte.

    Er stand schußgerecht - aber - obgleich eine mörderische Kugel über ihn hinweggeflogen war - Paul schauderte davor zurück, seine Waffe auf einen Menschen abzudrücken.

    Der Wilde stutzte und hob seine Flinte - hatte er ihn gesehen? Ehe der Jüngling noch einen Entschluß zu fassen vermochte, und diese Unentschlossenheit konnte ihm leicht tödlich werden, sah er, wie hinter dem Indianer sich die langen Arme Pucks erhoben, ein Griff der beiden nervigen Hände nach Nacken und Arm des gänzlich überraschten Wilden, und mit einem Aufschrei sank er zu Boden, wehrlos in Pucks Gewalt.

    Das Kind der Prairie war gewohnt, den Panther im Lager zu beschleichen, und hatte sich geräuschlos, gleich der Schlange, dem Indianer genaht.

    Jetzt sprang Paul auf und lief zu Puck.

    Der Wilde lag auf dem Gesicht, und der Zwerg schnürte ihm auf dem Rücken die Arme über den Ellenbogen mit einem Riemen zusammen. Der Indianer, neben dem die entfallene Büchse lag, und der Messer und Tomahawk im Gürtel trug, war unschädlich gemacht.

    "So, Bursche", sagte Puck, "dich haben wir, und nun laß dich einmal besehen."

    Er wandte den Körper, dessen oberer Teil nackt, während der untere Teil mit ledernen Hosen bekleidet war, um.

    Der Gefangene zeigte sich als ein noch junger Mann, in dessen Zügen sich unverkennbares Entsetzen ausprägte, als er in des Zwerges grimmiges Antlitz sah. Sein dunkles Auge wandte sich auf Paul und haftete dann wieder auf Puck.

    Dieser richtete den Gefangenen auf, so daß er saß.

    "Nimm ihm Axt und Messer fort, Paul."

    Der Jüngling, neugierig den schweigenden Gefangenen anstarrend, that es, hob auch die Büchse auf und trug die Waffen zur Seite.

    Puck zog gelassen sein breites, glänzendes Messer und ließ es vor den Augen des Kiowa funkeln.

    "Du sprichst englisch, Rothaut?"

    Der Wilde antwortete nicht.

    "Sprichst du die Sprache der Cheyennes?" fragte er in dieser.

    Auch jetzt erfolgte keine Antwort.

    "Gut, der Kiowa ist stumm. Sein Herz verlangte nach unsern Skalpen, und nun wird er seinen verlieren. Wir wollen diesen Burschen skalpieren und dann seinen Gefährten nachschicken; sein blutiger Schädel wird ihnen sagen, daß des Grauen Bären Medizinmann auf ihrer Fährte ist."

    Er faßte mit einem grimmigen Gesichtsausdruck die Skalplocke des Wilden und fuhr mit der messerbewehrten Hand in die Höhe.

    "Was will der Medizinmann", sagte der Indianer jetzt in verständlichem Englisch, während ein Zittern durch seinen Körper lief.

    "Ah, der Kiowa hat eine Zunge? Gut." Und Puck ließ die Hand sinken. "Wenn du, Bursche, deinen Skalp behalten willst, so beantworte meine Fragen. Ich will hören, ob du die Wahrheit sagst; sobald du lügst, nehme ich dich beim Schopfe."

    "Der Medizinmann frage."

    "Ist der Kiowa hier allein oder kriechen noch andre seines Stammes in den Büschen herum?"

    "Er ist allein."

    "Gut."

    "Wo ist Krähenfeder?"

    Ein leichtes Erstaunen drückte sich in des Indianers Gesicht aus, und er antwortete: "Er reitet über die Prairie."

    "Wo ist das Lager der Kiowas?"

    Erst nach einigem Zögern ließ der Wilde sich vernehmen: "Wird der Medizinmann meinen Skalp nehmen?"

    Puck starrte ihn aus seinen tiefliegenden Augen an und sagte dann noch langsamer als gewöhnlich: "Ich werde deinen Skalp nicht nehmen, wenn du die Wahrheit sagst."

    Die Persönlichkeit des Zwerges schien einen gewaltigen Eindruck auf den jungen Kiowa zu machen, der durch die herkulische Kraft Pucks, die der Gefangene erprobt hatte, wohl noch verstärkt wurde; ja, selbst die schwerfällige Sprache des kleinen Mannes schien dem Wilden zu imponieren.

    Puck hatte lange genug im Verkehr mit den Roten gestanden, um zu wissen, wie man mit ihnen umzugehen habe, und kannte die Wirkung seiner Persönlichkeit wohl.

    Nach der Versicherung, die er dem Gefangenen gegeben hatte, antwortete dieser: "Die Kiowas lagern am Ufer des Ohsonta, da wo er in den großen Fluß mündet, zwischen den Felsen."

    "Es ist gut. Wo ist der Graue Bär?"

    "Er reitet mit Krähenfeder."

    "Gut. Ich wußte, daß ihr kommen würdet, seitdem ich von der Versammlung am Pigfelsen hörte" - der Indianer horchte auf -, "nur sang mir ein falscher Vogel in das Ohr, ihr würdet später kommen. Er hat mich getäuscht und soll es büßen. Bist du als Späher zurückgelassen?"

    "Nein, Mana konnte nicht reiten, die Pranke des Grauen Bären lag zu schwer auf ihm." Der Gefangene deutete an, daß er Verrenkungen erlitten habe, die ihm das Reiten nicht länger gestattet hatten.

    Puck lachte.

    "Hattet ihr mehr als zwei Tote bei dem Kampfe mit dem Grauen Bären?"

    Erstaunt sah ihn der Mann an.

    "Zwei Tote", sagte er dann.

    "Ja, wen der Graue Bär an den Baum schleudert oder an der Kehle faßt und niederwirft, der ist tot genug."

    "Der Medizinmann weiß alles", erwiderte der verblüffte Wilde leise.

    "Gewiß weiß ich alles. Ein böser Geist hatte mein Auge für kurze Zeit geblendet, daß ich die Kiowas nicht zwischen den Felsen des Verdigris lagern und nicht den Arkansas hinabfahren sah. Jetzt sieht mein Auge wieder weit. Wo ist dein Pferd?"

    "Es ist mit den andern gelaufen."

    "Und Mana, der hier verwundet lag, verspürte Lust nach unsern Skalpen?"

    "Ich sah das Blaßgesicht und wurde zornig."

    "Kanntest du des Grauen Bären Medizinmann nicht?"

    "Ich kannte ihn nicht."

    "Nun gut, jetzt kennst du ihn. Geschieht dem Grauen Bären ein Leid, vertilge ich euern ganzen Stamm."

    Der Indianer zuckte zusammen.

    "Wann soll er gemartert werden?"

    "Sobald die Jäger aus dem Norden zurück sind."

    "Gut. Mana sagte die Wahrheit, er wird seinen Skalp behalten."

    Der Gefangene atmete erleichtert auf.

    Puck winkte Paul, der mit tiefer Anteilnahme dieser Unterredung gelauscht hatte, sich mit ihm zu entfernen.

    "Jetzt wissen wir also, wo wir den Oheim zu suchen haben. Der Weg ist weit, aber wir müssen ihn eilig zurücklegen."

    "Aber wie denkst du, Puck, ihm Hilfe zu leisten?"

    "Noch weiß ich es nicht, das wird Gott fügen."

    "Glaubst du, daß der Indianer die Wahrheit gesagt hat?"

    "Ich glaube es, auch kenne ich diesen Lagerplatz der Kiowas. Wesentlich ist es, daß wir für die Cheyennes Zeichen zurücklassen, die ihnen sagen, wo sie uns zu suchen haben."

    "Hoffst du, daß sie uns folgen?"

    "Ich hoffe es. Doch jetzt laß uns essen, wir müssen Kraft haben für einen langen Ritt, die Kiowas haben viel Vorsprung, obgleich der Oheim ihren Pferden viel zu schaffen machen wird", und leise lachte er in sich hinein.

    Puck rief den Thunder, und das Tier kam sofort zwischen den Büschen hervor.

    Sie entnahmen dem Beutel etwas Mundvorrat und gingen zu ihrem Gefangenen zurück.

    "Will der Kiowa essen?"

    Dieser bejahte.

    Puck band ihm die Füße und löste dann die Riemen, welche seine Arme fesselten. Er gab ihm Brot und Fleisch, und alle drei aßen, der Kiowa mit einem, nur durch die Furcht unmännlich zu erscheinen, gemäßigten Heißhunger.

    Puck steckte sein Messer nach beendetem Mahle ein und sagte: "Was beginnen wir nun mit dir, mein brauner Bursche? Den Skalp habe ich versprochen, dir zu lassen, töten will ich dich nicht, denn Blut will ich nur im äußersten Notfall vergießen, aber was beginne ich mit dir, damit du uns nicht schaden kannst?"

    Der Indianer hatte mit großer Aufmerksamkeit gelauscht und wohl begriffen, daß man ihn nicht töten wollte; ein freudiger Zug flog deshalb über sein dunkles Gesicht.

    "Mana wird dem Medizinmann nicht schaden, er kann nicht reiten, nur mit Mühe gehen, er ist lahm."

    "Nun gut; wenn wir fortgaloppieren, wollen wir deine Fesseln lösen."

    "Mana wird verhungern ohne Büchse."

    "Das würde mir sehr leid thun; aber die Büchse kann ich Mana nicht geben, er hat zuviel Verlangen nach Skalpen der Blaßgesichter. Aber drüben, jenseits des Verdigris, liegen zwei tote Büffel, dort wird der Kiowa Nahrung finden, bis er stark genug ist, zu seinen Freunden zu gehen. Der Kiowa hat doch gewiß seinen Lasso?"

    "Er ist mit dem Pferd davongelaufen."

    "Desto schlimmer. Das Messer und den Tomahawk wollen wir dir lassen, dann sieh zu, wie du mit der Steppe fertig wirst. Komm, Paul, wir wollen reiten."

    Er schnitt die Bande durch, welche des Indianers Füße fesselten, dann bestiegen beide die Pferde und ritten zur Prairie hinauf. In die Rinde eines der letzten Bäume schnitt Puck einen Pfeil, dessen Spitze nach Norden zeigte.

    "Warum das?"

    "Er wird Cayugas sagen, wo er uns zu suchen hat; er kennt den Lagerplatz am Ohsonta auch."

    "Aber der Kiowa wird das Zeichen vertilgen."

    "Ich denke nicht. Er wird glauben, es sei eine geheimnisvolle Medizin, wie sie alle Zaubermittel nennen, und es nicht berühren. Doch da ist die Spur breit vor uns, nun wollen wir wie hungrige Wölfe darauf einherjagen."

    Sie ließen die kleine Axt und das Messer des Kiowa hier zurück, und in raschem Galopp, ohne die Pferde anzutreiben, eilten sie die nach Norden führende breite Spur entlang, die einige zwanzig Rosse zurückgelassen hatten. Nach etwa drei Stunden fanden sie ein verendendes Pferd an ihrem Wege.

    Puck hielt und betrachtete das Tier, dem Sattel und Zaum genommen war.

    "Es ist zuschande geritten, der Graue Bär ist zu schwer für diese Rasse. Sie werden noch manches Pferd einbüßen, ehe sie nach dem Ohsonta kommen, wenn sie ihre Eile nicht mäßigen."

    Sie ließen das Tier liegen und ritten weiter.

    Nicht mehr als hundert Schritte mochten sie zurückgelegt haben, als plötzlich, wie der Erde entsteigend, ein indianischer Krieger sich vor ihnen erhob.

    Mit einer unheimlichen Schnelligkeit riß Puck die Büchse empor, welche er quer über den Sattel trug, ließ sie aber sofort wieder sinken.

    "Ah, es ist Cayugas!" Der junge hochgewachsene Cheyenne, der so unerwartet vor ihnen stand, nickte ihm freundlich zu.

    Als sie näher kamen, fanden sie, daß der Cheyennehäuptling samt seinem Rosse in einer Vertiefung gelegen hatte, wie sie die Büffel zahlreich durch Herumwälzen auf der Prairie erzeugen. Das gehorsame Pferd lag noch am Boden. Puck sprang ab und reichte dem Indianer die Hand, hastig dabei fragend: "Wie lange weilst du hier? Was führt dich hierher? Hast du ihn gesehen?"

    "Zuviel fragt der Medizinmann", entgegnete lächelnd der Indianer.

    "Oh, du hast mich verstanden, rede, rede."

    "Cayugas liegt seit drei Tagen im Grase der Prairie, um nach den Kiowas umzuschauen."

    "Und - und - der Alte?"

    "Ich sah den Grauen Bären, er ritt hier vorüber."

    "Welch ein Unglück, Cayugas, welch ein Unglück!"

    "Der Graue Bär hat Freunde."

    "Ja, ich weiß, ich weiß es. Hast du deine Krieger hier?"

    "Ich habe nur zwei Krieger bei mir, sie liegen wie ich in den Vertiefungen. Die Dunkle Wolke hat uns ausgesandt, die Fährten der Kiowas auszuspüren, denn wir wissen, was sie sinnen."

    "Hast du sie nicht nach dem Shanty reiten sehen?"

    "Cayugas kann nicht durch die Erde schauen, er hat sie erst gesehen, als sie mit dem Grauen Bären zurückkehrten. Was führt den Medizinmann und das junge Bleichgesicht in das Land der Kiowas?"

    "Das fragst du? Soll ich zu Hause sitzen, während die Hunde meinen Vater fortschleppen? Aber was wird der Freund des Grauen Bären, was werden die Cheyennes jetzt tun?"

    "Der Medizinmann höre", entgegnete bedächtig der junge Indianer.

    "Die Kiowas haben mit den Sioux und den Kaws am Pigfelsen ein Bündnis geschlossen, die Cheyennes wissen das. Die Dunkle Wolke glaubt nicht, daß das Bündnis den Cheyennes und ihren Freunden, den Arrapahoes, gilt, es ist gegen die Langmesser gerichtet. Die Kiowas hassen den Grauen Bären, aber sie würden nimmer gewagt haben, Hand an ihn zu legen und ihn fortzuführen aus dem Lande der Cheyennes, wenn sie nicht die Sioux und Kaws als Brüder hätten."

    "Aber was werden die Cheyennes jetzt beginnen?"

    "Ich komme vom oberen Laufe des Verdigris, wo wir gejagt haben, und liege seit drei Tagen in der Steppe, um nach den Kiowas zu spähen. Als ich gestern den Grauen Bären gefangen in ihrer Mitte gesehen, sandte ich einen meiner Krieger an die Dunkle Wolke, um es ihr zu berichten. Ich weiß nicht, was die Häuptlinge beschließen werden, ich warte auf Botschaft."

    "Hm", sagte der Zwerg verdrießlich, "das ist eine laue Freundschaft. Der Oheim hat euch geholfen, als die Kiowas über euch herfielen, denke ich."

    "Noch wissen die Cheyennes nicht, daß Grizzly in den Händen der Kiowas ist", erwiderte der Indianer ernst, "und die Cheyennes haben mit den Kiowas Frieden."

    "Du weißt jetzt, wo mein Vater weilt, sie führen ihn nach dem Ohsonta, wo ihr Lager ist."

    "Der Medizinmann weiß das? Gut. Was wird er thun?"

    "Den Spuren des alten Mannes folgen."

    "Man wird den Medizinmann und das junge Blaßgesicht erschlagen und ihre Skalpe nehmen."

    "Nun", brummte Puck, "wir wollen versuchen, es zu verhüten."

    "Aber du reitest am hellen Tage über die Prairie, die Kiowas haben Augen. Ein Prairiekrieger würde das nicht tun."

    Puck hatte sich von seinem Zorn, von seiner Angst um den geliebten Gefangenen hinreißen lassen, und um ihm nur rasch folgen zu können, jede Vorsicht hintangesetzt, er fühlte das Begründete des Vorwurfs und senkte beschämt das Haupt.

    Freundlich fuhr der Cheyenne, der die Gründe, welche den Zwerg zu unüberlegtem Handeln getrieben, wohl zu würdigen wußte, fort: "Puck ist ein großer Jäger, er wird auch ein großer Krieger werden, wenn er sein Herz bezwingen kann."

    "Du hast recht, Cayugas", sagte Puck ganz bescheiden, "aber mich trieb die Besorgnis um den Oheim vorwärts."

    Der Indianer antwortete nicht, sondern richtete einen starren Blick in die Ferne.

    Das Auge Pucks folgte ihm und gewahrte, was nur einem ungewöhnlich scharfen Auge möglich war, in weiterer Entfernung eine Lanze, die hin und her bewegt wurde.

    Die Lanze verschwand, und Cayugas sagte ruhig: "Es kommen sieben Kiowas heran. Es wäre gut, wenn der Medizinmann und sein junger Freund ein Versteck suchen wollten, damit die Cheyennes allein mit den Kiowas reden."

    "Gut, wir werden verschwinden."

    Dieser Teil der Prairie war reich an Erdanschwellungen und Vertiefungen, und Puck zwang sein Pferd in eine solche, worin ihm Paul, welcher schweigend der Unterredung gelauscht hatte, nachahmte. Sie ließen die Tiere sich legen und umwanden ihnen zu größerer Sicherheit die Füße mit den Lassos.

    Cayugas hatte seine lange Lanze aufgenommen und verschiedene Bewegungen mit ihr ausgeführt.

    Hierauf erschienen bald zwei Reiter in geringerer und weiterer Entfernung, welche auf den Cheyennehäuptling zu galoppierten.

    Paul beobachtete das mit Staunen, Puck mit ernster Aufmerksamkeit.

    "Es wird gut sein", sagte Cayugas, "wenn der Medizinmann und das Blaßgesicht sich am Boden niederlassen und die Gewehre fertig machen, für den Fall die Kiowas Verrat üben wollen."

    "Gut. Verlaß dich auf mich, Häuptling", entgegnete Puck, der nun vollständig begriff, "ich liege mit meiner Doppelbüchse im Hinterhalte und werde sie mit Bedacht brauchen; wie ich schieße, weißt du ja."

    "Der Medizinmann wird weise handeln. Die Cheyennes dürfen das Kriegsbeil nicht ausgraben, die Kiowas müssen es thun."

    "Ich verstehe dich und werde kaltblütig sein."

    Er ließ sich mit Paul, unweit des Cheyenne, im Grase nieder.

    Der junge Indianer veranlaßte sein Pferd, sich zu erheben, ergriff die lange Lanze und stieg in den reichgeschmückten Sattel.

    Die beiden Reiter, narbige Krieger, waren kaum bei Cayugas angelangt, als auf einer wohl eine Meile entfernten Erdwelle sieben Indianer erschienen, die sich scharf am Horizont abzeichneten; gleich den Cheyennes hoch zu Roß, führten sie wie diese die lange Lanze.

    Sie hielten wohl eine Minute, wie es schien, sich beratend, und kamen dann, sich in langer Linie ausbreitend, in leichtem Galopp herangeritten.

    Cayugas hatte die Lanze auf den Boden gestützt und erwartete ihr Nahen; seine beiden Krieger hielten neben ihm.

    Puck und Paul lagen gut versteckt, die Büchsen schußfertig. Der Zwerg hatte seinem Gefährten eingeschärft, nicht eher zu schießen, bis er gefeuert habe.

    Die sieben Indianer kamen bis auf fünfzig Schritte heran und hielten. Wie sich jetzt zeigte, waren einige von ihnen auch mit Büchsen bewaffnet.

    Als sie so vor der gedrängten Gruppe der Cheyennes hielten, überflügelten sie dieselben auf beiden Seiten in leicht geschwungenem Bogen. Diese, im Falle eines feindlichen Zusammentreffens für die Minderzahl bedrohliche Stellung war geschickt und mit scheinbarer Absichtslosigkeit erlangt.

    Der durch seinen Federschmuck als Häuptling bemerkliche Kiowa ritt einige Schritte vor und grüßte mit der Hand, was Cayugas höflich erwiderte.

    "Mein junger Freund", begann der Kiowa, ein kräftiger Mann von mittleren Jahren, "weiß gewiß nicht, daß er auf den Jagdgründen der Kiowas weilt."

    Cayugas, der hinreichend verstand, was jener sagte, entgegnete: "Ich weiß nicht, was mein Bruder unter den Jagdgründen der Kiowas versteht. Die Prairie gehört den roten Männern, welches Stammes sie auch seien."

    "Und welchem Stamme gehört der Fremde an?"

    Stolz erwiderte Cayugas: "Meine Adlerfeder und meine Lanze haben dir bereits gesagt, daß du einen Häuptling des großen Cheyennevolks vor dir siehst."

    "Mein junger Bruder sagt gewiß die Wahrheit, und es freut mich, ihn hier zu treffen. Er wird mir gern zu den Häuptlingen meines Stammes folgen, damit er ihnen mitteile, was ihn auf das Jagdgebiet der Kiowas geführt hat."

    Langsam, um seinen Worten Nachdruck zu geben, erhob Cayugas die rechte Hand. "Häuptling der Kiowas", sagte er ernst, "dein Volk und das meine haben Frieden, und es ist nicht gut, wenn die Streitaxt ausgegraben wird zwischen den Leuten roter Farbe. Die Dunkle Wolke, der große Häuptling der Cheyennes, hat mir und allen seinen Kriegern anbefohlen, freundlich den Kiowas zu begegnen, ob wir sie diesseits oder jenseits des Verdigris oder des Arkansas treffen; hast du nicht gleichen Befehl von den Häuptlingen deines Volkes erhalten?"

    "So ist es", entgegnete jener mit einem Lächeln, welches jedem Hofmann Ehre gemacht haben würde, "und deshalb bitten wir die Cheyennes, uns zum Lager des Volkes zu folgen, damit wir ihnen Gastfreundschaft erweisen."

    "Mein Weg liegt nach Süden, Kiowa, wo mich die Jäger der Cheyennes erwarten."

    "Der junge Häuptling thut nicht gut, sich zu weigern, mir zu folgen", entgegnete jetzt drohend der andre, "meine Krieger könnten ungeduldig werden und die Cheyennes mit Gewalt fortführen."

    Die sieben Kiowas waren in einem Bogen aufgestellt, dessen Zentrum ungefähr die drei Cheyennes bildeten. Es war klar, daß diese einem konzentrischen Anlaufe erliegen, oder wenn sie sich zur Flucht wendeten, durch die an den Enden des Bogens vorgeschobenen Reiter eingeholt werden mußten.

    "Der Häuptling der Kiowas", klang Cayugas tiefe Stimme wieder, "bedenke, was er thut, und lasse die Cheyennes friedlich ihres Weges ziehen. Fließt hier Blut, so wird sich die ganze Steppe mit Blut röten."

    Puck, der die Vorgänge mit scharfem Auge und kaltblütig verfolgte, flüsterte Paul zu: "Es wird gleich zum Kampfe kommen. Ich nehme die beiden am Flügel, du nimmst den dritten."

    "Ja", entgegnete der in großer Aufregung leise.

    Cayugas, so unbeweglich er auf seinem Rosse hielt, ließ sich nicht die kleinste Bewegung der Kiowas entgehen. Er hatte seinen Kriegern, die dicht neben ihm weilten, befohlen, sobald die Kiowas ihre Pferde in Bewegung setzten, geschlossen mit ihm ihre Reihe zu durchbrechen.

    Der Kiowahäuptling hielt den Zeitpunkt für gekommen, den Verhandlungen Thaten folgen zu lassen.

    Im barschen Tone rief er: "Wollen die Cheyennes mit uns kommen, oder soll ich nur ihre Skalpe nach den Wigwams der Kiowas bringen?"

    "Hole sie!" rief mit dem Ausdruck der Verachtung Cayugas und hob die Lanze.

    Ein gellender Schrei der Kiowas folgte, und mit eingelegter Lanze sprengten die sieben Krieger heran.

    Cayugas stieß machtvoll den Schlachtruf seines Volkes aus, gab seinem Pferde die Fersen und rannte, seine Krieger neben sich, die Lanzen vorgestreckt, auf die Gegner zu.

    Hierauf waren diese augenscheinlich nicht vorbereitet; sie mußten erwartet haben, daß die Cheyennes die Flucht ergreifen würden, denn nun war es augenscheinlich, daß diese die ausgedehnte Reihe ihrer Gegner durchbrechen mußten, so gewandt auch die Kiowareiter waren.

    Doch ehe sie noch zusammentrafen, fuhren aus dem Grase zwei Feuerströme empor, denen sich der Donner der Büchse zugesellte, und die beiden Kiowas auf dem rechten Flügel des Feindes stürzten von den Pferden.

    Die so tödlich überraschten Angreifer stutzten schreckensvoll; von neuem krachte eine Büchse, es war die Pauls, und das Pferd des dritten Kiowa stieg, in die Brust getroffen, hoch auf und fiel dann nieder, das Bein des Reiters, der nicht rasch genug aus dem Sattel konnte, unter sich begrabend.

    Paul hatte in seiner Aufregung, ob er gleich auf den Mann gezielt hatte, nur den Gaul getroffen.

    In demselben Augenblick, als des Jünglings Waffe sich entlud, fuhr auch die Lanze Cayugas dem Kiowahäuptling, der, von dem so unerwarteten Feuer verblüfft, für einen Augenblick seinen Gegner außer Auge gelassen hatte, in die Brust und schleuderte ihn aus dem Sattel.

    Bei diesem Anblick wandten die drei andern, welche das vernichtende Feuer unsichtbarer Gegner bereits eingeschüchtert hatte, ihre Rosse und jagten in wilder Flucht davon, die Cheyennes ihnen nach.

    "Binde die Pferde los", rief Puck Paul zu, während er eifrig beschäftigt war, seine Büchse zu laden.

    Der Jüngling löste die Lassos von den Füßen der Tiere, Puck und er schwangen sich in die Sättel und jagten hinter den andern her.

    Die flüchtenden Kiowas waren gut beritten und trieben ihre Pferde zum tollsten Laufe an.

    Aber hinter ihnen jagte Cayugas auf seinem Renner einher, die vom Blute des Häuptlings triefende Lanze stoßgerecht in der Hand.

    Seine beiden Krieger blieben aber zurück, da ihre Pferde nicht gleich flüchtig waren.

    Puck auf seinem Schimmel, ihn mit Sporen und Zurufen zur Entfaltung aller Kräfte antreibend, in seiner Rechten den Lasso schwingend, zeigte jetzt seine ganze, unübertreffliche Reiterkunst, welche der ungemeinen Schnelligkeit und Kraft des Tieres zu Hilfe kam.

    Sie flogen über die Steppe, als ob Roß und Mann nur ein Wesen wären.

    Paul, ob er gleich früh reiten gelernt und sich in dieser Kunst während seines Aufenthaltes in der Prairie wesentlich vervollkommnet hatte, vermochte seinem sonst guten Rosse doch nicht annähernd die großen und kleinen Hülfen geben, wie die Centauren vor ihm, und blieb zurück als letzter.

    Nach einigen Minuten des tollsten Rennens waren nur noch Cayugas und Puck dicht hinter den Kiowas.

    Puck hatte vermöge der ungemeinen Schnelligkeit seines Rosses den Cheyennenhäuptling eingeholt und jagte jetzt neben ihm her.

    Er war entschlossen, keinen der Kiowas entkommen zu lassen, denn er wußte, daß seine und Pauls Sicherheit, des Grauen Bären Rettung, davon abhing, daß keine Nachricht von ihrer Anwesenheit in der Steppe zu dem Feinde gelange.

    Während der Indianer sich auf seine Lanze verließ, bereitete sich Puck den Lasso zu schleudern.

    Die flüchtigen Krieger waren vollendete Reiter und ihre Pferde gut.

    Puck bemerkte jetzt, daß der Kiowa vor ihm allgemach sein Pferd nach links wandte und sich so von den andern beiden, welche in gerader Richtung weiter jagten, trennte.

    Er ließ sein Roß dem abschwenkenden Kiowa folgen.

    Nur langsam kam er dem Verfolgten näher, aber er kam näher. Cayugas ritt hinter den beiden Kiowas, und ihm folgten seine beiden Krieger, in weiterer Entfernung spornte Paul sein Roß.

    Endlich war Puck seinem Gegner nahe genug gelangt, um den Lasso schleudern zu können. Aber er hatte einen erfahrenen Krieger vor sich, der die Lanze so aufrecht hielt, daß der Lasso das Haupt nicht treffen konnte, sondern an ihr abgleiten mußte, oder höchstens diese umschlingen konnte.

    Doch in dem Zwerge folgte dem Fliehenden einer derjenigen Steppenjäger, welche den Lasso mit einer unübertrefflichen Meisterschaft handhabten.

    Sausend flog der zusammengerollte Riemen im Kreise um Pucks Haupt, noch einige Sprünge der fast gleichmäßig dahinjagenden Pferde, er entflog der Hand, rollte sich auf, die Schlinge faßte, mit tödlicher Sicherheit geschleudert, des Pferdes rechten Hinterfuß; ein Wurf, der selbst dem Besten nur selten gelang.

    Ein gellender Schrei Pucks, der Schimmel wandte sich, ein furchtbarer Ruck, hoch stieg Pucks Pferd auf - aber das Roß des Indianers stürzte jäh nieder, den Reiter unter sich begrabend. Beide waren eine Strecke weit geschleift, ehe Puck hielt und zur Büchse griff.

    Die zwei Reiter, welche Cayugas vor sich hatte, bogen gleichzeitig mit dem Sturze ihres Gefährten nach rechts und links aus, wandten sich, und ihre Lanzen richteten sich auf den einherstürmenden jungen Häuptling. Cayugas aber, gewandt wie der Panther und seines Pferdes Herr, als ob es ein Teil seines eigenen Leibes wäre, riß seinen Gaul rechts herum, wodurch er dem einen der Verfolger in die Flanke kam, und obgleich dieser, es jetzt gewahrend, seinem Pferde die Sporen gab und es wieder nach vorn trieb, so war es doch zu spät; der Cheyenne trieb sein Tier zu einer Eile, daß es wie der gehetzte Hirsch über den Boden flog, und die mitleidslose Lanze bohrte sich in des Indianers Rücken. Blutüberströmt sank er vom Pferde.

    Auch der andre der beiden Kiowas hatte sich, als er sah, daß sein und seiner Kameraden Manöver vergeblich war, zur Flucht gewandt, doch der kaltblütige Puck hob die todbringende Büchse, und ihre Kugel holte den Mann ein. Er neigte sich, durchs Haupt getroffen, auf den Hals seines Pferdes und stürzte dann schwerfällig herab von dem Tier, welches die Flucht fortsetzte, an dem im Steigbügel haftenden Fuße fortgeschleift.

    Cayugas, Puck, die beiden Cheyennes hielten und überschauten das Schlachtfeld, während Paul noch in einiger Entfernung heranjagte.

    Während sie noch nach dem Rosse, das seinen Reiter schleifte und dem von der Lanze Cayugas getroffenen Feinde sahen, machte sie ein lauter Schrei in ihrem Rücken aufschauen.

    Sie erblickten Paul im Kampfe mit dem Indianer, dessen Pferd durch Pucks Lasso zu Falle gebracht war.

    Pauls Thunder war mit einem Vorderhufe in ein Loch geraten, wie es die Prairiehunde auswühlen, und hatte stolpernd seinen Reiter abgesetzt. Glücklicherweise kam der Jüngling auf die Füße.

    Der Kiowa hatte sich eben unter seinem Pferde hervorgearbeitet und war in wildester Wut, das blitzende Messer in der Hand, auf Paul zugestürzt.

    Rechtzeitig gewahrte ihn dieser, zog, da seine Büchse nicht geladen war, das breite Messer und erwartete festen Fußes den grimmigen Gegner. Der Jüngling war gewandt, stark und entschlossen, sein Leben teuer zu verkaufen.

    Der Wilde, zum äußersten Zorne gereizt durch die blutige Niederlage der Seinen, durch die Schmerzen, welche ihm der Sturz verursachte, kam zornfunkelnden Auges heran, aber mit einem blitzschnellen Griff der linken Hand faßte Paul sein rechtes Handgelenk und stieß ihm gleichzeitig mit aller Kraft sein Messer in den Leib, ehe er nur seine Rechte aus Pauls Griff befreien konnte.

    Mit einem dumpfen Stöhnen, das ein Blick unauslöschlichen Hasses begleitete, sank der Indianer auf die Kniee, während das warme Blut seine Brust überströmte.

    Im selben Augenblick waren auch Puck und Cayugas an Pauls Seite, die Lanze des Indianers bereitete dem Kiowa ein schnelles Ende, während der Zwerg besorgt fragte: "Bist du verwundet?"

    "Nein", sagte der Jüngling, der mit bleichem Angesicht auf den sterbenden Mann blickte, den sein Messer getroffen hatte. Er hatte Menschenblut vergossen, und seine Seele erschauerte vor der raschen That.

    "Was fehlt der Jungen Tanne?"

    "Da - da -", entgegnete bebenden Tones Paul, "ich - habe ihn getötet."

    Ruhig entgegnete der Zwerg: "Und wäre es dir lieber, du lägest an seiner Stelle und dein Skalp zierte seinen Gürtel?"

    "Ja", sagte erleichtert aufatmend der Jüngling, "er strebte nach meinem Herzblut - ich habe nur mein Leben verteidigt, ich konnte nicht anders."

    "Sie strebten alle nach unserm Leben, und es wird ihnen nur zu teil, was sie uns zufügen wollten. Laß die Weichherzigkeit in den Ansiedlungen, wir kämpfen jetzt hier Mann gegen Mann, Leben um Leben; das ist Gebrauch der Prairie."

    Mit großer Kaltblütigkeit schaute der Indianer, auch selbst Puck auf das Schlachtfeld und die Opfer des Kampfes.

    Der Häuptling gab seinen Leuten Befehle, worauf der eine dahin eilte, wo der Kiowa gestürzt war, dessen Pferd Pauls Kugel getroffen hatte, während der andre sich kaltblütig daran machte, den Toten die Kopfhäute abzuziehen, ein Vorgang, dem Paul mit tiefem Widerwillen beiwohnte.

    Aus einiger Entfernung dröhnte ein Schuß. Der Kiowa, der mit gebrochenem Bein neben seinem toten Rosse lag, hatte seine Büchse auf den heranreitenden Cheyennekrieger abgefeuert. Er wußte, daß er keine Gnade zu erwarten hatte, und wollte nicht sterben, ohne einen seiner Feinde mitzunehmen ins Jenseits. Die Lanze des Cheyenne, den die Kugel des verwundeten Mannes nicht getroffen hatte, sandte ihn rasch ins Totenreich, und sein Skalp gesellte sich den andern blutigen Siegeszeichen bei.

    Mit leichter Mühe wurden die Pferde der Kiowas eingefangen, und Cayugas sandte einen seiner Krieger mit diesen und den erbeuteten Waffen an seinen Vater, damit das Haupt der Cheyennes erfahre, was hier geschehen war.

    Hierauf ritten sie langsam, Paul auf seinem glücklicherweise nicht lahmenden Tier, der Stelle zu, an welcher der Cheyenne im Versteck gelegen hatte, stiegen dort ab und ließen sich im Grase nieder, während Cayugas zurückgebliebener Krieger auf einer Anschwellung des Bodens Wache hielt.

    Nach einer Weile sagte der Cheyennehäuptling: "Das Beil ist ausgegraben zwischen den Kiowas und meinem Volke; es waren die Kiowas, welche es thaten."

    "Du hast dich nur gewehrt, Cayugas, und wie ein tapferer Krieger gewehrt."

    "Der Medizinmann hat Cayugas zum Siege verholfen, er wird es nicht vergessen."

    "Aber sage mir, was konnte der Angriff auf dich für einen Zweck haben, Cayugas, noch habt ihr doch Frieden mit den Kiowas?"

    "Sie hassen uns tödlich und wünschen gewiß, uns zu überfallen. Diese Kiowas wußten, daß ich den Grauen Bären als Gefangenen gesehen hatte, der ein Freund der Cheyennes ist. Sie wollten verhüten, daß die Botschaft an mein Volk gelange, um nicht vorzeitig den geplanten Angriff zu verraten."

    "Du wirst recht haben, Häuptling."

    "Was wird der Medizinmann jetzt beginnen?"

    "Er wird der Spur seines Vaters zum Ohsonta folgen."

    "Gut. Der Medizinmann ist tapfer, aber er muß klüger sein. Er kennt die Prairie, er darf sein Gesicht nicht offen zeigen, wenn er den Feind beschleicht, der Kiowa ist schlau."

    "Du sagst wahr, und ich werde vorsichtiger sein. Was wirst du thun?"

    "Ich muß hier bleiben und die Augen offen halten, der Kiowa könnte kommen, um über die Cheyennes herzufallen, ehe sie bereit sind, sie zu empfangen. Der Medizinmann würde gut thun, bei mir zu bleiben."

    "Nein, nein, ich muß meinem Vater folgen, es mag kommen, was da will, ich gehöre zum Grauen Bären wie der Schatten zum Baume."

    "Das junge Bleichgesicht wird ein großer Steppenkrieger werden, aber er ist nicht gewohnt, um die Wigwams der Kiowa zu schleichen."

    "Du sagst wahr, und es macht mir Sorge; am liebsten schickte ich ihn nach den Ansiedlungen."

    "Wenn du mich nicht zurückweisen willst, Puck, so folge ich dir", sagte Paul bestimmt, "ich stehe hier wie dort in Gottes Hand."

    "Wir beide, Paul; du sollst bei mir bleiben." Der junge Cheyenne warf Paul einen freundlichen Blick zu, sagte aber nichts.

    Alle drei schwiegen, sich ihren Gedanken überlassend.

    Hoch horchten sie auf, als plötzlich fernher die Weise eines fröhlichen Liedes an ihr Ohr schlug, wie es an dem Ufer des Arkansas weiter nach Osten zu gesungen wird.

    Sie krochen alsbald aus der Vertiefung, in welcher sie sich niedergelassen hatten, aufwärts, bis sie einen freien Ausblick über die Steppe gewonnen hatten.

    In einigen hundert Schritt Entfernung sahen sie auf einem Maultier einen jungen Gesellen langsam einherreiten, der seinen Weg mit der muntern Weise verkürzte, die soeben zu ihren Ohren gedrungen war. Ein andres, beladenes Maultier leitete er an der Leine neben sich.

    Da sein Weg ihn dicht an ihrem Standpunkt vorbeiführen mußte, ließen sie ihn ruhig herankommen.

    Es war ein junger, kräftig gebauter Bursche, der da nahte, und sein fröhliches Lied verkündete, daß er sich keiner Gefahr bewußt war.

    Er kam so, immer singend, bis in eine Entfernung von ungefähr zwanzig Schritten heran, als sich Puck erhob und die beiden andern seinem Beispiele folgten.

    Der Ankommende verstummte und blickte zu der Gruppe hinauf, indem er sein Tier halten ließ.

    "Segne meine Seele", sagte er dann, und sein frisches, fröhliches, ehrlich dreinschauendes Gesicht überflog ein freudiger Ausdruck, "segne meine Seele, das ist ja der kleine Mann, der meines Vaters Sohn das Leben gerettet hat. Halloh, Sir, freue mich, euer ehrliches Gesicht zu sehen, wenn es gerade auch nicht das schönste ist. Wollte euch einen Besuch machen, hätte aber zu viel Zeit verloren, wenn ich bei euch eingekehrt wäre. Wo ist denn der große Alte, der Grizzly, wie man ihn nennt? Seid gut angeschrieben bei Bill Stone, hat euch nicht vergessen."

    "Steigt ab, Bill Stone", sagte Puck, "und kommt zu uns."

    "Ist ein Wort, Sir, kann eine kleine Rast nichts schaden, ist eine verwünschte Gegend, die Steppe, aber was thut man, man muß leben."

    Er stieg ab und pflockte sein Tier rasch an, dann stieg er zu den Harrenden hinauf und schüttelte Puck die Hand. Sich zu Cayugas wendend, sagte er dann: "Segne meine Augen, Mann, aber muß euch schon gesehen haben, nur daß die roten Gentlemen sich einander so ähnlich sehen wie ein Eichhorn dem andern, kalkuliere, seid von der Nation der Cheyennes?"

    "Es ist Cayugas, der Sohn des großen Häuptlings der Cheyennes, der Dunklen Wolke", beeilte sich Puck zu sagen.

    "Ist so, bei meiner Seele, jetzt erkenne ich euch. Habe voriges Jahr eure Büchse repariert, Sir, hat gut gehalten, die neue Feder, was?"

    "Der Büchsenschmied ist ein geschickter und ehrlicher Mann", entgegnete würdevoll der Indianer. "Die Cheyennes haben ihre Felle nicht fortgeworfen, die sie ihm für seine Mühe gaben."

    "Freut mich, Indianer, daß du das einsiehst. 'Ehrlich währt am längsten', sagte schon mein alter Großvater, kalkuliere, hatte recht, der alte Mann. Freut mich, euch zu sehen, Sir, hat mir gut bei euch gefallen." Er streckte ihm die Hand hin, und drückte die der seinen begegnende des Häuptlings.

    "Nun und du, junges Hühnchen", wandte er sich dann an Paul, den die ganze Weise des Mannes in ihrer frischen Natürlichkeit ansprach und belustigte, "was machst du denn hier in der blutigen Steppe, die für Büffel und Wölfe ein angenehmer Aufenthalt sein mag?"

    "Ich gehe spazieren, Sir."

    "So? Na da mußt du lange Beine haben, mein Bursche, und hättest dir leicht eine andre Gegend dazu wählen können, die etwas anmutiger war, als diese greuliche Einöde."

    "Und was machst du denn hier, Mann?" fragte Paul.

    "Segne meine Seele, alter Junge, repariere den roten Gentlemen die Büchsen, können nicht allein damit fertig werden. Habe das regelrecht gelernt im alten Kentucky, können nicht alle Farmer sein. Sagte mein Vater, der ein merkwürdig gescheiter Mann ist, geh zu den roten Herren in die Steppe, brauchen immer einen Büchsenmacher, gehen mit einer gesegneten Büchse etwas unsanft um; geben dir Felle für deine Arbeit, ist nicht schlecht, das Geschäft. Bin jetzt das drittemal in der Steppe. Die Herren Cheyennes konnte ich nicht finden, mußte ein Haus weiter, zu den Herren Kiowas ziehen. Aber nun sagt mir, kleiner Herr, wo ist denn der große Gentleman, seid ja sonst immer zusammen."

    "Setzt euch, Bill Stone, sollt alles erfahren."

    Alle ließen sich hierauf nieder.

    Der junge Kentuckyer, ein Büchsenschmied seines Zeichens, bereiste, wie mancher seines Gewerbes, die Steppe, um die verschiedenen Indianerstämme zu besuchen und ihnen die unbrauchbar gewordenen Waffen herzustellen.

    Diese Leute kamen den Indianern stets höchlichst willkommen und wurden nicht nur mit der Achtung aufgenommen, welche ihre so wertvolle Kunstfertigkeit verdiente, sondern auch stets reichlich mit wertvollen Fellen oder Pferden für ihre Mühewaltung bezahlt.

    "Soll mich freuen, den alten Gentleman zu sehen; bleichten ohne euch, kleiner Sir, und ihn, meine Knochen in der Prairie, und mein alter Vater könnte lange warten, bis sein Bill heimkäme. - Sage euch, Häuptling, waren da im vorigen Jahre einige Banditen an mir, wie sie sich hie und da in der Wildnis herumtreiben, Spitzbuben und Mörder, auf die der Galgen in den Ansiedlungen wartet. Führte außer meinem Handwerkszeug einige Büchsen bei mir, um sie bei den Roten zu verkaufen. Überfielen mich die Banditen im Schlafe, um mir mein Hab und Gut zu nehmen. Wehrte mich, so gut es ging, und da ich einigen von den Halunken die Zähne eingeschlagen hatte, ehe ich am Boden lag, verspürten die Herren Lust, etwas Kurzweil mit mir zu treiben. Zogen mich nackend aus und banden mir mit langem Lasso die Füße an den Schweif eines Pferdes, um mich ein wenig über die Prairie zu schleifen. War eine böse Sache, dachte, das letzte Stündlein wäre gekommen. Kamen aber zwei Gentlemen des Weges, der eine mächtig wie eine alte Eiche, der andre kurz und kernig wie ein Hickorystamm. Schießt der eine, Gott segne ihn, den Lasso durch, an dem die Halunken meine Füße befestigt hatten, gerade als sie mich schleifen wollten. Und der kleine Herr hier schoß den andern der Burschen nieder, der auf dem Pferd saß, welches mich schleifen sollte, gerade durch den Schädel - rissen die andern aus, als ob das höllische Feuer hinter ihnen wäre, und war Bill Stone gerettet, er und sein Eigentum. Habe im Leben keine größere Freude gehabt, als sich dieses kleinen Herrn Gesicht über mich beugte und den höllischen Lasso durchschnitt. Habe es nicht vergessen, und - werde es nie vergessen. Also, Sir, wo steckt die alte Eiche?"

    Traurig entgegnete Puck: "Die Kiowas haben ihn fortgeschleppt, Büchsenschmied, er ist von den Hunden gefangen worden."

    "Alle Wetter!" fuhr der Kentuckyer auf, "haben den Alten weggeschleppt. Das wäre ..."

    "Sind jetzt auf seiner Spur, ihn zu befreien."

    "Nun, bei Jesus, das ist schlimme Kunde; haben die Kiowas den Frieden gebrochen?"

    Gemessen entgegnete Cayugas: "Sie haben das Kriegsbeil ausgegraben, doch das Blut von sieben ihrer Krieger rötete die Steppe."

    Der junge Mann zeigte nach dieser Äußerung des Indianers ein sehr ernstes Gesicht.

    "Segne meine Seele", sagte er dann, "ist Krieg zwischen den roten Leuten? Hm, dann ist es für meines Vaters Sohn Zeit, umzukehren. Bin ein friedlicher Mann und habe mit Streit und Blutvergießen nichts zu thun, absonderlich nicht, wenn die Indianer eine Sache unter sich auszumachen haben. Kümmere mich nicht um die Angelegenheiten andrer Leute."

    Er schwieg, wie es schien, sehr besorgt. Da keiner der andern das Wort nahm, herrschte zwischen den vier Menschen eine unheimliche Stille.

    Der Indianer sah mit seiner gewöhnlichen Ruhe, Puck finster vor sich hin, während Paul die kräftigen Gliedmaßen des jungen Kentuckyers musterte.

    Endlich sagte Puck: "Als der Büchsenschmied in den Händen der Prairieräuber war, hat der Große Bär nicht so gedacht."

    Bill Stone kratzte sich den buschigen Schopf: "Ist ein Fakt, kleiner Herr, bleichten jetzt meine Knochen auf der Steppe, ohne den alten Mann. Hm, ja - ist ein Fakt. Könnte ich ihn heraushauen, würde ich es thun, dürft's glauben, aber bin ein friedlicher Mensch, und mein Vater, der ein sehr kluger Mann ist, sagte: Laß dich von allen Streitigkeiten weg, Bill, welche die Roten unter sich haben, gehen dich nichts an, Bill."

    "Wohin will der Büchsenschmied seine Schritte lenken?" fragte der Cheyennehäuptling.

    "Ostwärts, zu den Meinen, Indianer, habe nicht Lust, mir hier den Skalp abziehen zu lassen."

    Auf Pauls Antlitz zeigte sich ein Ausdruck herber Verachtung bei diesen Äußerungen des Büchsenschmieds, der diesem nicht entging und ihn augenscheinlich verletzte.

    "Der junge Herr blickt auf mich herunter, wie es scheint, weil ich nicht gleich zur Büchse greife, um über die Kiowas herzufallen. Bin kein Kriegsmann, Master, behaltet eure Gedanken für euch."

    Paul entgegnete ihm ruhig: "Der Graue Bär hat mir das Leben gerettet, wie euch, Sir, und ich bin bereit, meine Dankesschuld abzutragen, auf jede Gefahr hin, was ihr thut, kümmert mich nicht."

    "Hm, braucht nicht so verächtlich dreinzuschauen; fürchtet sich Bill Stone vor niemand - und - hm - ja, der alte Mann, und der kleine Gentleman hier, haben mir das Leben erhalten - ist ein Fakt. Hm ja - aber - was meint ihr denn eigentlich, Sir?"

    "Wenn euch das euer Herz nicht sagt, ich habe nichts zu sagen."

    "Hm, thut mir der alte Mann leid, ist so - würde gerne - die verfluchten roten Hunde", brummte er in sich hinein. "Bin ihm Dank schuldig - und ist gemein, sagt mein Alter, undankbar zu sein - hm, bin ein friedlicher Mann - und ihr", fragte er lebhaft, "und ihr zwei wollt den alten Mann befreien?"

    "Wir werden es versuchen."

    "Hm, Undankbarkeit ist gemein. Könnte mich im alten Kentucky nicht mehr sehen lassen, wenn sie dort erführen, ich hätte einen Mann in Not gelassen, der mir das Leben erhielt - ist ein Fakt. - Wißt, Leute, sind die Kiowas meine Freunde, werde zu ihnen reiten und zu ihnen sagen, daß ich ihnen alle Büchsen repariere, unentgeltlich , wenn sie den alten Mann frei lassen."

    Cayugas entgegnete hierauf mit finsterem Gesichtsausdruck: "Der Büchsenschmied wird keine Waffe der Kiowas heilen."

    "Und warum nicht, wer will mich daran hindern?"

    "Ich", sagte trocken der Indianer.

    Verdutzt schaute ihn der Kentuckyer an.

    "Hm, verstehe - habt Streit mit den Kiowas und seht's nicht gern, wenn ich ihre Büchsen in guten Stand setze. Begreife das. Ist recht, würde es ebenso machen. Möchte dem alten Mann gerne helfen, und würde alles für ihn thun, was ich kann, wenn ich dort wäre - doch, wenn ihr mich nicht reiten laßt, ist's nutzlos davon zu sprechen."

    Nach einiger Zeit sagte Puck in seiner langsamen, aber ausdrucksvollen Weise: "Die Kiowas haben mit den Sioux und den Kaws ein Bündnis geschlossen, nicht um über die Cheyennes herzufallen, denn die Sioux und die Kaws haben keine Feindschaft mit diesen, sondern um die Weißen in den Ansiedlungen zu morden. Willst du, Büchsenschmied, die Waffen liefern, daß diese Bluthunde die Leute unsrer Farbe abschlachten?"

    "Da soll mich Gott vor bewahren", entgegnete der hoch aufhorchende Schmied, "es wird Bill Stone doch kein Verräter an den Leuten seiner Farbe sein. Steht die Sache so?"

    "Die Kiowas würden nimmer gewagt haben, ihre Hand an den Grauen Bären zu legen, wenn ihr Bündnis mit den Sioux nicht den Weißen gälte", fuhr Puck fort.

    "Hm - ist ein Fakt." Er warf dann einen Blick auf den Indianer, der ihn scharf beobachtet hatte und fragte: "Und was thun die Cheyennes?"

    "Die Cheyennes", entgegnete Cayugas, "sind die Freunde des Grauen Bären, der an ihrer Seite gefochten hat, die Freunde der Weißen und die Todfeinde der Kiowas. Sieh, hier hängen ihre Skalpe." Er schlug die wollene Decke, welche ihm über die Schultern fiel, zurück, und der Kentuckyer sah zurückschaudernd die blutigen Kopfhäute der erlegten Feinde an seinem Gürtel hängen. "Damned rascals", murmelte er und wandte das Gesicht ab. "Muß ein blutiger Kampf gewesen sein", sagte er dann.

    "Ist der Indianer Art so, Bill Stone", fügte Puck, dem der Widerwillen des Kentuckyers nicht entgangen war, wie entschuldigend hinzu. "Cayugas wollte dir nur zeigen, daß jetzt Krieg ist zwischen seinem Volke und den Kiowas."

    "Nun, Männer, will euch was sagen", fuhr der Kentuckyer fort, "gehöre dann zu euch, und will mit den Kiowas nichts zu schaffen haben. Hält sein Wort, der Bill Stone, sage ich euch, Männer."

    "Und will der Büchsenschmied immer noch zu den Feinden seines Volkes reiten?" fragte lächelnd der Indianer.

    Bill sah nachdenklich vor sich hin und sagte dann: "Denke so, Mann. Will zu den Kiowas reiten und versuchen, dem Grauen Bären Hilfe zu bringen."

    Mißtrauisch sah ihn Cayugas an, aber Puck griff die Äußerung des Schmiedes freudig auf: "Das ist gut so. Bill Stone erregt keinen Verdacht, er mag zum Ohsonta gehen, und ich folge ihm."

    "Gut", sagte Cayugas, "der weiße Mann ist des Grauen Bären Freund, er mag gehen und ihm sagen, daß der Medizinmann und Cayugas auf der Fährte der Kiowas einherreiten."

    "Und ich gehe mit dem Schmied", sagte da Paul. "Mich kennt niemand dort, und ich werde Mittel finden, dem Oheim zur Flucht zu verhelfen. Dich, Puck, würde ich nur hindern in der Steppe - im Lager der Feinde kann ich nützlicher sein und dir besser in die Hände arbeiten."

    "All right", lachte der Schmied, "ist gut so, der junge Master geht als mein Lehrling mit, soll ein rechter Büchsenschmied werden. Müßte doch schlimm hergehen, wenn wir die Herren dort nicht überlisten sollten."

    "Aber der Schmied", sagte ernst der Cheyennehäuptling, "wird unserm Feinde die Büchsen geben? He?"

    "Nein, nein, roter Gentleman. Ich habe drei Rifles mit", er deutete auf das Maultier, "wollte sie euch zum Kauf anbieten, und da ich euren Stamm in der Prairie nicht fand, führte ich sie selbstverständlich mit mir zu den Kiowas."

    "Die Cheyennes werden dem Büchsenschmied Felle für die Rifles geben."

    "Ist mir recht, habt sie. Geschäft ist Geschäft; habt sie nach alten Preisen. Was nun in dieser Sachlage meine Thätigkeit als Büchsenschmied betrifft, so wird sie den Kiowas wenig Nutzen bringen. Sage euch, Häuptling, bin kein Mann mit zwei Zungen, gehöre zu den Leuten meiner Farbe, zum alten Mann, und zu euch, da ihr zu den Weißen haltet. Bin ein einfacher Bursche, aber Bill Stone hat nur ein Wort."

    "Der Weiße spricht wahr, Cayugas fühlt es - hier", und der Indianer deutete auf das Herz - "er wird zu den Kiowas gehen und in das Ohr des Grauen Bären Worte des Trostes flüstern."

    "So denke ich zu thun. Bin ein friedlicher Mann, mag nichts von Krieg und dergleichen wissen, muß aber gefochten sein, nun so wird Bill Stone seinen Mann stehen, kann mit der Rifle umgehen, ist ein Fakt."

    Die ehrliche, treuherzige Art des jungen Kentuckyers ließen keinen Zweifel an der Redlichkeit seiner Gesinnung aufkommen. In ernster und eingehender Weise wurde nun Rat gehalten, und da Pauls Entschluß, den Büchsenschmied zu begleiten, unerschütterlich war, er in dessen Gesellschaft keine Gefahr lief, jedenfalls im Lager der Kiowas nützlicher für den Zweck der Befreiung des alten Trappers sein konnte als in der Prairie, so wurde beschlossen, daß beide, Stone und Paul, alsbald den Weitermarsch nach Norden antreten sollten, während Puck ihnen mit all der Vorsicht, welche Bodengestaltung und der gefährliche, schlaue Feind nötig machten, folgen würde.

    Der Zwerg, welcher nach dem so blutigen Zusammentreffen mit den Kiowas die Ruhe zurückgewonnen, welche ihm der jähe Schmerz um den Verlust des väterlichen Freundes geraubt hatte, schärfte dem Jüngling Vorsicht ein und sagte ihm, wie er sich zu verhalten habe, um bei den Indianern keinen Verdacht zu erwecken, verabredete auch einige Erkennungs- und Verständigungszeichen mit ihm und Stone, welche den sie umgebenden Naturlauten entlehnt waren.

    Da mit Sicherheit anzunehmen war, daß Puck und Paul von den Kiowas, die das Shanty am Arkansas umschlichen und den Trapper davongeführt hatten, gesehen worden waren, den Indianern also die Anwesenheit eines zweiten Weißen in des Grauen Bären Gesellschaft bekannt war, so dachte man darauf, das Äußere Pauls, den die Wilden nur aus weiterer Entfernung erblickt haben konnten, etwas zu verändern. Glücklich traf es sich, daß der Kentuckyer ihm aus seinem Felleisen ein rotes wollenes Hemd leihen konnte, das Paul sofort mit seinem Jagdhemde, welches er Pucks Kunstfertigkeit verdankte, vertauschte. Sein Haupt deckte er mit der Tuchmütze, die ihm Stone reichte.

    Eine lederne Tasche, welche einiges dem Büchsenmacher nötiges Werkzeug barg, um seine Schultern gehängt, gab ihm ein geschäftsmäßiges Aussehen.

    Auf dem Saumtier des Kentuckyers wurde für ihn Platz geschafft, Pferd und Büchse ließ er zurück, nahm herzlichen Abschied von Puck, schüttelte dem Cheyenne die Hand und ritt mit dem Büchsenschmied dann nach Norden davon, während die andern, ihnen nachschauend, zurückblieben.

    Die gute Laune verließ Bill Stone auch jetzt nicht; er plauderte und sang dazwischen seine lustigen Lieder, während der Jüngling an seiner Seite ernst und gedankenvoll dahinritt.

    Das blutige Zusammentreffen mit den Kiowas, die rücksichtslose Grausamkeit der Wüstenkrieger, das alles hatte die Wirkung auf seine junge Seele nicht verfehlt und stimmte ihn ernst.

    Doch der Entschluß, was in seinen Kräften stand, zur Befreiung des Mannes, der ihm das Leben gerettet hatte, beizutragen, ward durch solche Eindrücke und die Furcht vor Gefahren nicht erschüttert, er war entschlossen, seine Pflicht zu thun.

    Der Mann neben ihm machte durchaus den Eindruck eines ehrlichen, offenen Gesellen, aber dennoch war die Lage, die ihn in seiner Gesellschaft dem Unbekannten entgegenführte, befremdend.

    Er war deshalb schweigsamer, als dem redseligen Kentuckyer lieb war.

    Ohne daß dieser unmittelbare Fragen an ihn richtete, war es doch erkennbar, daß es ihn drängte, zu erfahren, wie sein junger Begleiter in die Wildnis gekommen war.

    Paul teilte ihm darauf mit, wer er sei, und wie es sich zugetragen, daß er in der Prairie weile.

    "Segne meine Seele, Junge", sage der Kentuckyer, der nicht ohne Staunen dem Bericht gelauscht hatte, "sind dieselben Burschen gewesen, die mir ans Leben wollten. Sehe den Kerl mit der Narbe und den andern Halunken noch vor mir, vergißt sich so etwas nicht. Sind Wüstenräuber, schlimmer als hungrige Panther. Kurioses Ding das, daß man euch davongeführt - hm - sehr kurios." Nach einer Weile fuhr er fort: "Also seid ein Muttersöhnchen aus den Staaten? Muß euch fremd vorkommen hier in der blutigen Einöde."

    "Ich habe mich wohlgefühlt bei dem alten Manne, der mich gerettet hat."

    "Hm, ist ein braver Geselle, der Grizzly, ist ein Fakt, ein mächtig braver Geselle. Sollte mir leid thun, wenn die Roten ein Ende mit ihm machten. Bin bisher nur in Freundschaft mit ihnen zusammengetroffen, bin ein friedlicher Mann, und habe ein gutes Geschäft mit ihnen gemacht, aber will den Alten nicht sitzen lassen; hat mir wie euch das Leben gerettet. Vorsichtig müßt ihr sein, in Wort und Miene, ein Blick kann uns verraten, sind geriebene Hunde, die Roten. Am besten, laßt mich reden. Auch macht euch nichts draus, Junge, wenn ich euch einmal anfahre, seid mein Lehrling, wißt ihr."

    Unter Gesprächen solcher Art ritten sie durch die Steppe, bald im Schritt, bald im Galopp.

    Gelegentlich äußerte Stone: "Darf die Kerls an der Ohsontamündung nicht ohne weiteres aufsuchen, darf ja nicht wissen, daß sie dort lagern." Er sah nach dem Kompaß, den er mitführte: "In der Richtung sind wir, aber wir müssen thun, als ob wir keine Ahnung davon hätten, wo sie weilen, sind sehr schlau, die roten Gentlemen, besonders wenn Krieg ist. Verdammt sei die Rasse."

    Sie waren schon viele Meilen geritten, die Sonne neigte sich bereits stark, und Bill Stone sah sich nach einem Lagerplatz für die Nacht um.

    Paul, dessen Augen unaufhörlich die weite Ebene überflogen, machte seinen Gefährten auf zwei dunkle Punkte aufmerksam, welche im Grase einer etwa tausend Schritt entfernten Erdanschwellung sichtbar waren.

    "Sieh nicht weiter hin, Junge, deute nicht drauf, sage mir nur, in welcher Richtung du sie bemerkst", entgegnete der Büchsenmacher rasch.

    "Seht über den Kopf meines Maultieres hinweg, Sir, auf der Höhe dort, die sich gegen den Himmel abhebt, werdet ihr sie gewahren."

    Der Kentuckyer richtete den Blick in die angegebene Richtung.

    "Segne meine Seele, müßt bessere Augen haben als ich, sehe nichts, und mein Glas mag ich nicht brauchen. Laßt uns ruhig zureiten."

    Da erschienen auch schon zwei Reiter auf der Höhe, und zwei bewaffnete Indianer sprengten heran.

    Kaum gewahrte sie Stone, als er ihnen zuwinkte und zurief: "Hallo, Gentlemen, hierher, suche euch schon lange."

    In kurzer Zeit hielten die beiden Indianer, etwa zwanzig Schritt von Paul und dem Kentuckyer entfernt, ihre Pferde an.

    "Immer heran, Gentlemen, freue mich, euch zu sehen. Immer heran, daß ich euch die Hand schütteln kann; 's ist Bill Stone, der Büchsenschmied, der euch die Hand schütteln will", und streckte seine Rechte aus.

    Die Indianer kamen augenblicklich näher, wie es Paul schien, kannten sie seinen Begleiter und waren erfreut, ihn zu sehen.

    "Wenn ich mich nicht irre, habe ich Herren von dem gloriosen Volk der Kiowas vor mir."

    "Kennt der Mann, der die kranken Büchsen heilt, Sanhewas, die Eule der Kiowas, nicht mehr?" entgegnete ihm einer der Wilden, ein noch junger Mann; sein Gefährte war ein schon bejahrter, finster dreinblickender Krieger.

    "Segne meine Augen, Sir, jetzt erkenn' ich euer ehrliches Gesicht, freue mich, euch zu sehen."

    Er reichte dem Indianer die Hand, die dieser nahm und schüttelte.

    "Suche nach eurem Volk in der blutigen Prairie, ist ein Glück, daß ich euch gefunden habe, mir den Weg zu weisen."

    "Von wannen kommst du?"

    "Vom Verdigris, von da, wo er zwischen die Felsen tritt, bin ich nordwärts geritten."

    "Sahst du die Cheyennes?"

    "Well, Sir, sah sie, unweit des Flusses; blieb zwei Tage bei ihnen."

    "Wohin ritten sie?"

    "Ritten nach Osten, Sir, wollten den Büffel jagen."

    "War die Dunkle Wolke bei ihnen."

    "Segne meine Seele, habe das Vergnügen gehabt, den würdigen Herrn zu sehen."

    "Waren der Jäger viel?"

    "Je nun; gezählt habe ich sie nicht, aber so zwei- bis dreihundert schienen es zu sein."

    Ob dem Indianer diese Zahlen etwas sagten, war nicht zu erkennen, so unbeweglich war sein Gesicht.

    "Hat mein Bruder unsern Freund, den Grauen Bären, der am Flusse wohnt, besucht?" fragte mit demselben gleichmäßigen Ausdruck der Indianer.

    Aber Stone war auf derartige Fragen vorbereitet, kannte die listige Art der Roten gut genug und verbarg unter seiner offenen, ehrlichen Miene ein gutes Teil Schlauheit.

    "Wollte wohl, fürchtete aber, würde bei euch zu spät kommen, um eure Waffen für die Jagdzeit in stand zu setzen, ging ihm deshalb vorüber, will ihn auf dem Heimweg besuchen."

    Dies alles kam so natürlich und ungezwungen heraus, daß dem Indianer jeder Verdacht, den er etwa gehegt, schwinden mußte.

    Er sagte dann auch mit freundlicher Gebärde: "Der Büchsenschmied ist willkommen."

    "Sind wir noch weit von eurem Lager entfernt, Eule?"

    "Du wirst es sehen, komm", war die lakonische Antwort.

    Er setzte sein Pferd nach Norden in Bewegung, und die andern schlossen sich ihm an.

    Paul hatte während dieser Unterredung, die ihn die Schlauheit des Kentuckyers bewundern ließ, ruhig auf seinem Maultier gesessen und mit möglichst gleichmütiger Miene der Unterhaltung gelauscht. Jetzt ritt er hinter Bill Stone her.

    Der Kiowa, der sich die Eule genannt hatte, wiederholte, während er neben dem Büchsenmacher herritt: "Der Büchsenschmied ist uns willkommen, er wird zu thun finden im Lager."

    "Habe ich mir doch gedacht", lachte Bill, "ja, gehen die roten Gentlemen etwas rauh mit den Büchsen um. Nun, freut mich, je mehr Arbeit, je mehr Felle."

    "Hatte der Büchsenschmied bei den Cheyennes auch viel Arbeit?"

    "Ging an. War vor vierzehn Tagen schon einer meines Gewerbes bei ihnen gewesen, und hatte mir nicht viel zu thun übriggelassen."

    "Sahst du keine Kiowas auf deinem Wege?"

    "Segne meine Seele, nein. Habe nach Leuten von eurem Volk ausgeschaut wie ein Jäger nach Wild, um zu erfahren, wo ich euch finde, aber vergebens. War ein Glück, daß ich euch getroffen."

    Paul wurde von den Indianern anscheinend gar nicht beachtet.

    "Wie kommt es", fragte der Indianer weiter, "daß das junge Bleichgesicht auf dem Tiere reitet, das die Werkzeuge des Schmiedes trägt?"

    "Ja", lachte Bill, "warum haben eure blutigen Prairien so viel Löcher, welche der Präriehund gräbt. Hatte drei Maultiere, als ich auszog, brach eines den Fuß in solch verwünschtem Locke, mußte es totschießen und meinen Burschen auf das Packpferd setzen."

    Aus all diesen Fragen ging hervor, mit welch mißtrauischer Klugheit die Kiowas jeden äußeren Umstand in Betracht zogen, und Paul wurde dadurch in seinem Vornehmen, die äußerste Vorsicht zu beobachten, nur bestärkt.

    "Der Schmied muß viel Arbeit haben, daß er sich einen Gehilfen mitgebracht hat."

    "Ist so, meiner Seele, werde allein nicht fertig, habe den Burschen mitgenommen, damit es besser vorwärts geht."

    Auf des Indianers gleichmäßigem Gesicht war nicht zu lesen, ob ihn die Erklärungen Bills, die mit der sorglosesten Treuherzigkeit gegeben wurden, befriedigten.

    Der ältere Kiowa, ein Mann von einigen vierzig Jahren, auf dessen Zügen finsterer Ernst lagerte, ritt seit einiger Zeit neben Paul. Bis jetzt war noch kein Wort über seine Lippen gekommen. Der Jüngling erstaunte daher, als der Wilde plötzlich fragte: "Das junge Blaßgesicht kennt den Grauen Bären?"

    Doch schnell gefaßt antwortete er: "Habe in meinem Leben noch keinen gesehen, Indianer", und setzte, sich Stone zum Muster nehmend, lachend hinzu, "möchte auch keinen sehen, wenn er nicht hinter Eisenstangen sitzt."

    Es blieb fraglich, ob ihn der Indianer ganz verstanden hatte. Nach einer Weile fragte der Mann wieder: "Mein junger Freund versteht die kranke Büchse zu heilen?"

    "Einigermaßen ja, doch bin ich noch Lehrling und kann nicht alles reparieren."

    "Chamulpa besitzt eine Flinte, welche nicht mehr spricht, das junge Blaßgesicht wird sie gesund machen."

    "Soll ein Wort sein, Indianer, werde deine Flinte reparieren."

    Die Sonne war untergegangen, und es schien Bill Zeit, ein Nachtlager zu suchen, besonders da die Maultiere ermüdet waren. Eine in diesem Sinne gemachte Äußerung ward von dem Sanhewas genannten Kiowa jedoch nur mit der lakonischen Äußerung "Komm" beantwortet.

    So ritten sie in der immer zunehmenden Dunkelheit weiter.

    Mehr als eine Stunde mochte vergangen sein, während sie schweigend dahin galoppierten, als sie fernen Lichtschein erblickten.

    "Dort die Kiowas", sagte der Indianer.

    Die ermattenden Maultiere wurden angetrieben, und bald sahen die beiden Weißen, während der Lichtschein immer heller ward, eine dunkle Masse sich vom Horizont abheben, welche hoch emporstieg. Näher kommend, erkannten sie, daß es Felsgebilde waren, die aus der Ebene aufstiegen. Durch einen engen Paß ritten sie in ein Felsenlabyrinth ein, dessen in der Dunkelheit sehr verworren erscheinende Gänge hie und da durch Feuer erleuchtet waren, um welche Indianer lagerten.

    Zu einem dieser Feuer, welches am Fuße einer jäh aufsteigenden Felswand brannte, wurden Stone und Paul von ihren roten Begleitern geführt. Sie stiegen ab, entledigten ihre Tiere der Sättel und des Zaumzeugs wie des Gepäcks. Am Feuer machte man ihnen Platz und reichte ihnen von dem dort schmorenden Fleisch. Dies alles geschah fast schweigend, und niemand schien von ihrem plötzlichen Erscheinen überrascht zu sein, kaum daß man einen Blick auf sie warf.

    "Wenn unsre weißen Freunde müde sind, will ich ihnen ihr Nachtlager zeigen", sagte Sanhewas, nachdem sie gegessen hatten.

    Bereitwillig folgten ihm Bill und Paul zu einer nahen Felshöhle, wo sie getrocknetes Prairiegras, das mit einigen Fellen bedeckt war, als Ruhebett aufgehäuft fanden.

    Sättel, Zaumzeug, das Gepäck hatten sie mitgenommen. Der Indianer verabschiedete sich von ihnen, und beide streckten sich, die Sättel als Kopfkissen benützend, auf dem Lager nieder.

    Stone schlief rasch ein, doch Paul fand trotz der Anstrengungen des Tages erst später die Ruhe. Er mußte des Mannes gedenken, der aller Wahrscheinlichkeit nach in ihrer Nähe gefangen gehalten wurde, wie auch die Lage, in der er sich befand, inmitten einer Schar grausamer Wilder, umringt von Gefahren aller Art, sein Gemüt beunruhigte. Doch endlich sank auch auf ihn der Schlaf hernieder. 

Viertes Kapitel

Zwischen den Städten Athen und Monmouth lagen die ausgedehnten Besitzungen des vor einigen Monaten verstorbenen John Osborne, sich weit am linken Ufer des Arkansas hinziehend. Das niedrige, aber umfangreiche Wohngebäude, in einem Stile errichtet, der an das alte Griechenland erinnerte, lag, von Platanen freundlich beschattet, dicht am Ufer des Stromes, und von der von jonischen Säulen getragenen Veranda hatte man einen anmutigen Ausblick über den Fluß hin, dessen gelbe Fluten langsam vorbeirauschten.

    Ralph Osborne, der aus Virginien eingewandert war, hatte diese umfangreichen Ländereien vor mehr als fünfzig Jahren erworben und sich häuslich darauf niedergelassen. Die glückliche Lage am Flusse, das rasche Aufblühen des Staates machte seinen Fleiß fruchtbringend, so daß er als reicher Mann starb.

    Ralph hinterließ drei Söhne, John, Edward und James, denen sein Eigentum zu teil ward. John, der ältere, der bereits selbständig war, als der Vater diese Erde verließ, ein ebenso fleißiger als umsichtiger Geschäftsmann, erwarb, indem er seinen jüngeren Brüdern ihren Anteil in Geld auszahlte, das ganze Gut und steigerte dessen Wert und Ertrag, besonders durch Anlage von Ziegeleien, außerordentlich.

    Er war ein ehrenwerter Mann von freundlicher Gemütsart, und seinen Brüdern mit viel Liebe zugethan. Edward, der zweite Bruder, ein wilder Bursche mit einer lebhaften Neigung zu abenteuerlichem Leben, aber ein ehrlicher, treuherziger Geselle, stand seinem Herzen am nächsten. Mit seinem Anteil am Vermögen war der bald fertig geworden, und so gern ihm der ältere eine Heimat auf der heimischen Scholle bereitet hätte, seine unstete Gemütsart trieb ihn stets wieder in die Weite. Ein Zwist zwischen den beiden Brüdern, dessen Veranlassung niemals aufgeklärt worden war, hatte schließlich eine, wie es schien, unüberbrückbare Kluft zwischen ihnen geöffnet. Edward war gegangen, und nie ward in Woodhouse, so hieß das Gut, wieder etwas von ihm vernommen.

    James, der dritte Bruder, war das gerade Gegenteil Edwards, er war schlau, berechnend, habgierig und unwahr durch und durch. Der harmlose John war bei dem heuchlerischen Wesen des Jüngsten und der aufrichtigen Zuneigung, die er für die Brüder fühlte, über seinen wahren Charakter nie ganz ins klare gekommen, wenn er auch dunkel fühlte, daß derselbe nicht sehr lobenswert sei.

    Trotz seiner Schlauheit hatte James in seinen Unternehmungen Unglück, und dies war vornehmlich seiner blinden Habgier zuzuschreiben, die ihn oft den Schatten der Dinge für deren Wesen nehmen ließ, und auch sein Vermögen war bald durch übel berechnete Spekulationen verzehrt.

    John, dessen Einnahmen sich fortwährend steigerten, hatte ihm wiederholt geholfen, und ihn endlich, mit mehreren Tausend Dollar ausgerüstet, nach Colorado gesandt, wo einiges Kapital sich damals leicht verzehnfachen ließ. Dort schien James endlich Erfolge erzielt zu haben, denn ein Jahr vor dem Tode Johns erschien er in Woodhouse und erstand in dessen Nähe eine kleine Farm, um sie zu bewirtschaften. Auch hierbei unterstützte ihn der großmütige Bruder.

    Kurz nach seinem Zerwürfnis mit seinem Bruder Edward, welches diesen für alle Zeit in die Ferne trieb, heiratete John. Nach einem Jahre ward ihm ein Knabe geboren, der, schwach an Körper, auf den Rat des Arztes auf einer kleinen Farm im Walde, seiner Gesundheit wegen, erzogen wurde und im vierten Lebensjahre durch Nachlässigkeit der Dienstboten seinen Tod in den Fluten des Arkansas fand. Bald darauf wurde Paul geboren, der bald der Stolz und die Freude, ja das ganze Glück des Vaters ward, und dies umsomehr, als ihm die geliebte Lebensgefährtin starb, als das Kind nur wenige Wochen zählte. Paul, ein gut beanlagter Knabe, der sich rasch und kräftig entwickelte, war noch nicht ganz sechzehn Jahre, als, während er in Little Rock, der Hauptstadt des Staates, die Schule besuchte, sein Vater plötzlich von hinnen schied und ihn unter der Vormundschaft seines Oheims James, welche der Richter angeordnet hatte, zum Erben einer großen Besitzung machte.

    Dies war in großen Zügen die Geschichte der Osborne in den letzten Jahrzehnten, und das stattliche Haus am Arkansas war die Heimstätte des jungen Paul, der in so früher Jugend der Herr eines großen Vermögens wurde.

    Die Lage des Hauses war sehr glücklich gewählt; prächtig war der Blick auf den breiten Fluß und das gegenüberliegende Ufer. Wie gewöhnlich, war auch heute der Strom reich belebt von großen und kleinen Kähnen aller Art, deren Segel sich im Wasser widerspiegelten.

    Von Zeit zu Zeit rührten die Schaufelräder eines Dampfers die Fluten zu schäumenden Wellen auf, die in immer leichteren Schwingungen sich fortpflanzend, endlich an den Ufern mit leichter Brandung erstarben.

    Außer dem freundlichen Wohnhaus, das ein wohlgepflegter Garten umgab, boten sich dem Auge Ställe und Vorratshäuser in der Nähe. Felder, welche Mais und Weizen trugen, zeigten sich ringsum, und kleine Gehölze dazwischen brachten angenehme Abwechslung in das Bild.

    Bei den Wirtschaftsgebäuden zeigte sich einiges Leben, mehrere Neger waren dort mit ländlichen Arbeiten beschäftigt, Garten und Wohnhaus aber lagen still und vereinsamt da. Die Jalousien waren herabgelassen und alles machte hier den Eindruck der Verlassenheit.

    Der alte Mann in einfacher Farmertracht, der auf der Veranda saß und in einer Zeitung las, vermochte durch seine Anwesenheit diesen Eindruck nicht zu verscheuchen.

    Er legte die Zeitung fort und blickte über den Strom hinweg sorgenvoll in unbestimmte Ferne, und ein trüber Ernst lagerte auf den derben Zügen des sonngebräunten, von schneeweißem Haar umrahmten Gesichtes.

    Während er so, in Sinnen verloren, an der Brüstung der Veranda stand, öffnete sich eine kleine in das Innere des Hauses führende Thür, und eine dicke Negerin trat heraus. Die Frau war alt, denn das Kopftuch umhüllte graues Haar, doch sah sie noch gut aus, und ihr einfaches Kalikokleid ließ an Sauberkeit nichts zu wünschen übrig.

    Sie warf einen Blick auf den alten Herrn, trat dann auf ihn zu, knixte und sagte: "Alte Corneli doch fragen, ob Masser Brown keine Nachricht von Masser Paul bekommen?"

    Der mit Brown angeredete Mann wendete sich um, und die Negerin erschrak, als sie sein kummervolles Gesicht erblickte.

    "Jesus, Masser Brown, ihr doch nicht bekommen schlechte Nachricht von Paul?"

    "Gott mag wissen, Cornelia, wie es mit dem Jungen steht", entgegnete der Alte betrübt, "längst hätten James Osborne und er zurück sein müssen, längst Nachricht von Paul gekommen sein - und eben lese ich im Little Rock-Observer, daß in Kansas Weiße von Indianern überfallen und gemordet worden sind."

    Die alte Frau fuhr heftig zusammen und fragte mit vor Aufregung zitternder Stimme: "Jessus, Masser Brown, ihr doch nicht glauben, unser Paul von wilden Menschen ermordet?"

    "Ich will's nicht glauben, Cornelia. Mr. Osborne ist ein kluger Mann und begiebt sich nicht leicht in Gefahr - ich will's nicht glauben, kann's nicht glauben; Gott wird ihn schon schützen, den Jungen."

    "Denken auch, Masser Brown, liebe Gott nicht so grausam sein und Paul töten lassen von schlechtem Injin."

    Der Mann schlug heftig mit der Hand auf die Brüstung der Veranda und sagte mit starkem Ausdruck: "Hätte ich den Jungen doch nicht reisen lassen, am wenigsten mit diesem", - er verschluckte ein Wort, "der keinen Finger aufheben würde, um ihn vor Gefahr zu schützen; aber Paul war ja wie versessen darauf, die Prairien zu sehen. Ist ihm ein Unglück begegnet, werde ich es mir zeitlebens nicht verzeihen."

    Die alte Negerin weinte und sagte schluchzend: "Ich mich zu Tode ängstigen um kleinen Masser Paul, er so gutes Kind, ihn lieb haben von ganz klein auf. Ich nicht denken können, daß ihm Unglück widerfahren, er so hübsch und klug, ihm niemand ein Leid thun."

    "Mögest du die Wahrheit sagen, Cornelia. Ist dem Jungen was geschehen, auch mir würde das Herz brechen."

    Die beiden hatten nicht beachtet, daß ein stromaufgehender Dampfer zwei Passagiere abgesetzt hatte, welche ein Boot an das Ufer dicht vor Osbornes Hause führte; erst Schritte, welche sich vor der Veranda hören ließen, machten sie aufmerksam, daß sich jemand nähere.

    Kaum erblickte Brown die Männer, welche sich auf dem Kieswege der Veranda näherten, als er einen lauten Schrei ausstieß: "Mister James". Er ging oder lief vielmehr hinunter, den Ankommenden entgegen: "Wo ist Paul, wo ist Paul, Mr. James?"

    Der so Angeredete, ein Mann von hoher, magerer Gestalt, harten Gesichtszügen und einem Augenpaar, welches wie die Lichter eines Wolfes unter dichten, überhängenden Brauen hervorfunkelte, blieb stehen, zog ein seidenes Taschentuch hervor und verhüllte sich, wie von Schmerz überwältig, das Gesicht.

    Brown wurde bleich, und seine Stimme zitterte, als er die Frage wiederholte: "Wo ist Paul, Mr. James?"

    Mr. James Osborne wischte sich die Augen und winkte dem Alten, ihm zur Veranda zu folgen, auf der die Negerin, die den ganzen Vorgang beobachtet hatte, wie versteinert stand.

    Mr. James ließ sich wie erschöpft in einen Stuhl fallen und seufzte tief.

    Sein Begleiter war im Garten geblieben. Brown starrte den Bruder seines ehemaligen Herrn mit steigendem Entsetzen an, und die Negerin war vor Aufregung und Angst bei diesem sonderbaren Gebahren Osbornes fast grau im Antlitz geworden.

    "Bereitet euch auf das schlimmste vor, guter Brown", sagte Mr. James.

    "Allmächtiger Gott, was giebt's, was hat's gegeben?"

    "Unser lieber Junge ist uns für immer entrissen, Brown", und Mr. Osborne drückte wieder das Taschentuch vor die Augen.

    Der greise Brown zitterte wie Espenlaub, und kein Wort wollte über seine bleichen Lippen.

    Die Negerin aber hatte kaum die Worte vernommen, welche so großes Unheil ankündigten, als sie in ein Jammern und Heulen ausbrach, wie es nur der so leidenschaftlichen Natur der schwarzen Rasse eigentümlich ist.

    "O Gott, o Gott, Jessus, Masser Paul, o Gott, o Gott", schrie und stöhnte sie und stürzte dann, die Schürze über den Kopf werfend, ins Haus hinein.

    Brown ermannte sich so weit, um fragen zu können: "Tot? Paul ist tot?"

    Mr. Osborne nickte stumm.

    Dem alten Mann wankten die Knie, und er hielt sich an dem Tische. Er holte mehrmals tief Atem, fragte dann mit einer seltsamen Ruhe weiter: "Wie ist das gekommen, Mister James?"

    "Ach, das unglückliche, unglückliche Kind. Wie es gekommen ist? Nur mit Entsetzen denke ich an jene Nacht. O, mein Gott!" Wieder führte der würdige Mann das Taschentuch an die Augen. "Wir waren", fuhr er nach einer gemessenen Pause fort, "tiefer in die Prairie geraten, als wir beabsichtigten, da wir die Weideplätze der Herden nicht gleich fanden. Keine Gefahr besorgend, hatten wir ein Nachtlager bezogen und uns dem Schlafe hingegeben. Wir, d.i. Paul, ich und drei Leute, welche ich in einem Platze an der Grenze angeworben hatte, um uns vor den Gefahren der Steppe zu beschützen. Gegen Mitternacht weckten mich Schüsse. Wir waren überfallen von Räubern, roten oder weißen, wahrscheinlich von ersteren. Wir griffen zu den Waffen, und einige Schüsse verscheuchten das Gesindel, welches auf einen energischen Widerstand nicht gefaßt war. Paul, das unglückliche Kind, war aus dem Schlafe aufgescheucht, in sinnbetörender Todesangst in die Prairie hineingelaufen - und dort hat ihn die Kugel eines der Mörder getroffen. Wir fanden den Leichnam erst spät am Tage, nach langem Suchen."

    Es entstand hiernach ein Schweigen, das der alte Mann endlich mit der in scharfem Tone gestellten Frage unterbrach: "Und ihr andern kamt alle mit heiler Haut davon?"

    "Wir hatten uns ins Gras niedergeworfen und feuerten von da, doch waren zwei meiner Begleiter verwundet, und ein Maultier wurde erschossen."

    "Und Pauls Körper?"

    "Er ruht im Schoße der Erde; wir haben ihm, wo wir ihn fanden, das Grab bereitet."

    "Ohne Coroner, ohne Totenjury, Mr. Osborne?"

    "Nicht doch. Ließ den Sheriff holen von dem nicht zu fernen, am Kansas gelegenen Garfield. Kam mit zwei ehrenwerten Bürgern, stellte die Untersuchung an, vernahm uns eidlich, fällte den Spruch: 'Von unbekannter Hand ermordet'. Dann erst übergaben wir Pauls sterbliche Überreste der Erde."

    "Und weiter, Mr. James?"

    "Weiter? O, mein Gott, der Coroner machte Anzeige in Garfield, und man versprach dort, die Mörder, wahrscheinlich Cheyenne-Indianer, zu verfolgen. Ich machte mich schweren Herzens auf die Heimreise."

    "Und das schriftliche Erkenntnis des Coroners?"

    "Legte ich gestern der Behörde in Monmouth vor; diese fand, daß nach dem Gesetze verfahren worden sei. Paul Osborne ist de facto und de jure tot."

    Brown ging einigemal auf der Veranda in erkennbar tiefer, seelischer Erregung auf und ab, dann blieb er mit finsterer Miene vor Osborne stehen und sagte: "Dann seid ihr wohl der Erbe des Jungen, Sir?"

    "O, leider, lieber Brown, der Erbe des hoffnungsvollen Jünglings, der Erbe als der nächste Verwandte."

    "So? Hat der Richter das erkannt?"

    "So ist es, lieber Brown. Bin ein Mann der Ordnung und habe vom Richter Bullstone in Monmouth ein Erkenntnis erwirkt, nachdem ich ihm den Totenschein Pauls und den Spruch der Jury vorgelegt hatte."

    Browns Miene wurde immer finsterer.

    "Nun, James Osborne, so hättet ihr ja endlich euren Willen. Edward, der brave, wilde Edward, verjagt, verschollen, wer weiß, wo dessen Gebeine bleichen, euer Bruder John gestorben, Gott weiß wie, und jetzt der Knabe dahingeschlachtet, nun ist ja alles euer Eigentum."

    "Wollte Gott, es wäre noch das des Knaben", entgegnete in heuchlerischem Tone der Angeredete.

    Jetzt brach aber der greise Mann mit einer mühsam zurückgehaltenen, durch den Schmerz um den Verlust des Jünglings gesteigerten Wut in einem Tone los, der die Veranda erzittern machte.

    "Meinst du denn, elender Heuchler, Schurke und Mörder, ich kenne dich nicht, kenne dein schwarzes Herz nicht von Jugend auf?"

    Jäh sprang Osborne bei diesem Ausbruch empor, und seine grünlich blitzenden Augen waren in unsäglicher Wut auf das zornig erregte Antlitz des alten Mannes gerichtet.

    "Ja, glotze mich an, Schuft; Elieser Brown fürchtet dich nicht, du sollst, Mörder, den Tod des Vaters und des Sohnes büßen, wenn es noch Gerechtigkeit auf Erden und im Himmel giebt."

    Osborne, dessen Gesicht sich in grimmiger Wut zu einer häßlichen Fratze verzogen hatte, hob die gewichtige Faust, um den alten Mann niederzuschlagen. Doch ehe er sie fallen lassen konnte, drängte sich ein halbes Dutzend Neger, Frau Cornelia, welche die Schreckensbotschaft im Hause verbreitet hatte, darunter, heulend aus dem Hause.

    "O, Masser Paul! Unser Masser Paul! Unser Liebling. Wo ist Masser Paul? Masser Paul tot?" schrieen sie in Schmerzenstönen durcheinander.

    "Ruhig, schwarze Bestien!" donnerte James Osborne sie an, "ruhig, oder ich lasse euch peitschen, bis ihr die Seele aushaucht."

    Einen Augenblick herrschte Stille; die Schwarzen waren eingeschüchtert. Dann aber trat Frau Cornelia vor und sagte, zornig erregt: "Ihr lassen schwarze Gentlemen peitschen, weil sie weinen um jungen Massa? So? O, ihr ganz schlechter Mann, Masser James, Cornelia euch kenn von ganz klein auf, ihr schlechter Bruder, ihr schlechter Mann!"

    "Ruhig, Kanaille, oder du spürst die Peitsche zuerst!"

    Die Alte aber stemmte die Hände in die Hüften und sagte keck: "O, ihr lassen schwarze alte Lady auch schlagen? O, ihr kein Gentleman, Masser James, ihr nie ein Gentleman. Pfui!"

    Von neuem hob Osborne die Faust, aber zur Seite der Negerin trat ihr Mann, der alte Scipio, ein großer, starker Neger mit einer Miene, welche des grimmigen Mannes Faust sinken machte.

    "Ihr alte Sip und Missus Corneli schlagen? Ihr bleiben lassen, Masser James. Alte Sip und Corneli freie Leute, das hier sagen. Tote Masser Osborne uns Freibrief gegeben und ein Stück Landes geschenkt, das schriftlich haben; ihr wohl bleiben lassen, freie Nigger zu schlagen. Wir nur bleiben im Hause, weil jungen Masser lieb haben und müssen acht geben auf sein Eigentum und auf ihn selbst, damit nicht in Fluß fällt wie klein Henry. Ich das alles weiß, nur niemand alte Corneli glauben."

    James Osborne starrte mit einem Wutblick die Neger an. Dann sagte er: "Gut, wird sich finden, ihr schwarzen Schurken, einstweilen bin ich der Herr hier."

    "O, noch nicht, Sir", sagte Brown und trat auf ihn zu, "nur der Richter kann euch Woodhouse überliefern, einstweilen bin ich noch der Herr."

    Osborne antwortete mit einem höhnischen Lächeln, wandte sich nach dem Garten und sagte hinab: "Ist es euch gefällig, Herr, hier oben zu erscheinen und eures Amtes zu walten?"

    Der Mann, der mit ihm gekommen war und sich bis jetzt abseits im Garten gehalten hatte, erschien auf der Veranda.

    "Das ist Mr. Heathcot, Mr. Brown, der Sheriff von Sheffielscounty, euch wahrscheinlich bekannt."

    Der Beamte, ein älterer, würdig aussehender Mann, grüßte den Verwalter höflich und setzte hinzu: "Mr. Brown kennt mich, Sir."

    Die Neger standen in einer Ecke der Veranda und starrten mit weit aufgerissenen Augen auf die Gruppe der drei Männer.

    Da sich die Nachricht von dem Tode des unmündigen Eigentümers der Pflanzung mit Windeseile verbreitet hatte, waren bereits auch einige weiße Arbeiter auf der Veranda erschienen und horchten stumm und erstaunt den gewechselten Reden.

    Mr. Heathcot hatte einige Papiere aus seiner Brusttasche genommen, die er öffnete, und erklärte dann, daß kraft Richterspruchs, nach dem beglaubigten Tode des bisherigen Eigentümers der Pflanzung Woodhouse, und nachdem Edward Osborne für tot erklärt worden sei, diese nebst allem beweglichen und unbeweglichen Eigentum in den alleinigen Besitz des nächsten Erben, Mr. James Osborne, des Oheims des verblichenen Paul Osborne, von Stund an überginge und er kraft seines Auftrags diesen hiermit in sein Eigentum einsetze.

    Alle horchten stumm der Verkündigung des Sheriffs.

    Brown hatte sich einigermaßen gefaßt und zeigte größere Ruhe.

    Mr. James Osborne betrachtete ihn mit hohnvollen Blicken.

    "Ihr wißt jetzt, Mr. Brown, wer der Eigentümer von Woodhouse ist?"

    Der Verwalter würdigte ihn keiner Antwort.

    "Wollt mir gefälligst eure Bücher, die Schlüssel zur Kasse und das Verzeichnis des Inventars übergeben, Sir, wollen gleich eine kleine Untersuchung vornehmen."

    "Steht euch alles zu Gebote, Sir", entgegnete Brown mit kalter Ruhe, "aber nur vor Zeugen überliefere ich die Kasse und die abgeschlossenen Bücher, vor ehrenwerten Zeugen; möchte nicht, Sir, daß Gaunerstreiche hinter meinem Rücken verübt würden."

    Da Osborne hierauf nicht gleich eine Antwort fand, herrschte er die Schwarzen an: "Hinaus, und an die Arbeit!"

    Die Neger gingen, zuletzt Cornelia. In der Thüre wandte sie sich noch einmal um und sagte: "Ihr können hier Herr sein, Masser James, weil arme Paul tot, ihr doch nie Gentleman werden." Und mit großer Würde rauschte die dicke Alte hinaus.

    Osborne sandte ihr einen wütenden Blick nach, wandte sich aber gleich darauf höflich an den Sheriff mit den Worten: "Ich hoffe, ihr erzeigt mir die Ehr, mein Gast zu sein, Mr. Heathcot?"

    Kühl antwortete dieser: "Bedaure ablehnen zu müssen, Sir, meine Pflicht ruft mich nach Monmouth zurück." Er reichte dann Brown die Hand. "Wenn ihr den Sheriff zu etwas brauchen könnt, Mr. Brown, steht er euch zu Diensten", sagte er nicht ohne Bedeutung.

    "Hoffentlich brauche ich ihn noch", murmelte der Alte.

    Mr. Heathcot lüpfte grüßend den Hut gegen Osborne mit einem: "Wünsche euch einen Guten Morgen, Sir", und schritt hinab, dem Flusse zu.

    Osborne und Brown waren allein auf der Veranda, auch die weißen Arbeiter hatten sich entfernt.

    Der neue Eigentümer von Woodhouse betrachtete den schlichten Alten mit einem Blick und einem Lächeln, in denen sich ebensoviel Haß als triumphierender Hohn widerspiegelten.

    "Eurer Dienste, Mr. Brown, bedarf ich fortan nicht mehr. Liefert die Kasse und die Papiere aus, dann könnt ihr eures Weges ziehen."

    "Ja, James Osborne, ich werde meines Weges ziehen, aber ich hoffe den Tag noch zu erleben, wo ich dich unter dem Galgen sehe." Osborne lachte höhnisch auf. "Ich war ferne, als mein alter, guter John, der mehr mein Freund, als mein Herr war, starb - am Schlagfuß starb - und auf mein Ansuchen, die Leiche ausgraben und untersuchen zu lassen, ging der Richter nicht ein. Ich schwieg damals, des Kindes wegen, um nicht dessen ganzes Leben durch einen Verdacht zu verbittern, der seinen Oheim zum Brudermörder stempelte; ins Dasein zurückzurufen war der Tote doch nicht mehr. Diese Rücksicht fällt jetzt weg. Was des Jungen Ermordung betrifft, so sollst du sehen, wie ich, einer Rothaut gleich, eine Fährte finden und verfolgen kann. Durch wen der kleine Henry, der dir im Wege zur Erbschaft stand, wie jetzt Paul, sein Ende gefunden, ist mir heute klarer geworden als jemals! Das arme Kind ertrank im Flusse, nicht wahr? Nun, hüte dich, daß ihre Schatten nicht gegen dich zeugen. Wir treffen uns wieder, James Osborne!" Der alte Mann hob drohend die Hand und ging hinaus.

    Mit einem Ausdruck auf seinem Gesichte, in dem Schreck und Grimm sich seltsam mischten, sah ihm Osborne nach.

    "Ah bah, was kann er tun? Tot ist der Junge - und -? Freilich die Totenjury und ihr Spruch? Auf die Schurken dort unten ist kein Verlaß. Wir wollen wir doch ein wenig auf die Schliche passen, alter Fuchs, und wirst du unbequem, Bursche - nun, unsterblich bist du ja auch nicht." Nach einer Weile setzte er hinzu: "Woodhouse ist mein, mein - und den möchte ich sehen, der es mir entreißen will."

    Am andern Tage überlieferte Brown dem neuen Herrn von Woodhouse alles, was er unter seiner Verwaltung gehabt hatte, und verschwand spurlos aus der Gegend.

    Zum großen Erstaunen aller Insassen der Pflanzung trat Mr. James Osborne wenige Tage später, nachdem er einen neuen Verwalter eingesetzt hatte, eine Reise stromauf an. Man wollte wissen, er habe sich nach Kansas begeben, wo er eben unter so traurigen Umständen seinen Neffen begraben hatte.

Fünftes Kapitel

Als der helle Tag in die Höhle schien, erwachte Paul. Es bedurfte einiger Zeit, ehe die Gegenwart klar vor seinem Geiste stand. Unweit von ihm schnarchte Bill Stone noch in erbaulichen Tönen. Paul sprach leise, wie er es zu thun gewöhnt war, sein Morgengebet und erhob sich dann. Er trat hinaus in den goldenen Morgen und blickte sich um. Es hatte in der Nacht stark geregnet, wie er bemerkte, ein Umstand, der, da er ihre von Süden kommenden Spuren vertilgt haben mußte, sehr günstig war. Er befand sich in einem Felsenkessel, dessen zerklüftete Wände hoch aufragten, doch führten auf mehreren Seiten breite Spalten tiefer in dieses groteske Gewirr von Felsmassen. Einige indianische Zelte waren zu erblicken, angepflockte Pferde und wenige Männer, die sich mit den niedergebrannten Feuern beschäftigten. Ringsherum zeigten sich Öffnungen in den Felsen, welche zu Höhlen zu führen schienen und einigen der Indianer auch wohl als Nachtlager gedient haben mochten.

    Da Paul Durst verspürte, ging er auf einen jungen Indianer, den er in seiner Nähe beschäftigt sah, zu und bat um Wasser. Da derselbe augenscheinlich nicht englisch verstand, machte ihm Paul durch Gebärden deutlich, was er wünsche. Der Indianer winkte ihm, mitzugehen, und führte ihn durch einige Felsspalten von ungleicher Weite zu einem größeren Kessel, durch dessen Mitte, wie der Jüngling mit Erstaunen gewahrte, das klare Wasser eines Flusses rann, der wohl siebzig bis achtzig Schritt breit sein mochte. Auf seinem andern Ufer erhoben sich schroffe, zerrissene Felsen, wie auf dem, auf welchem er stand. Die Ufer des Flusses innerhalb des Rondells, welches die Felsen einfaßten, zeigten frisches Gras in saftigem Grün und zwischen einigen Bäumen Buschwerk. Auch hier waren Pferde angepflockt. Paul war eingeschärft worden, in Gegenwart der Indianer auch nicht die geringste Neugierde zu verraten, selbst sorgsam seine Blicke zu wahren, um nicht das Mißtrauen der Wilden zu erwecken, und er war um so vorsichtiger, als es ihm schien, als ob die Kiowas besonders in Bezug auf seine Person nicht ohne Mißtrauen wären. Er sah sich deshalb kaum um, obgleich der junge Kiowa, der ihn hergeführt hatte, durchaus zutrauensvoll und freundlich war. Paul löschte in dem klaren Wasser seinen Durst und dabei überkam ihn der Wunsch, ein Morgenbad zu nehmen. Er verständigte den Wilden durch Gebärden hiervon, indem er die Bewegung des Schwimmens machte. Der Kiowa lachte und nickte und warf rasch seine wenigen Kleider ab. Paul that das gleiche, und beide sprangen in die Flut.

    Die Strömung war nicht stark und erlaubte, gegen sie anzuschwimmen. Paul sowohl als der Indianer waren gute Schwimmer. In der Mitte angekommen warf sich der Jüngling auf den Rücken und musterte nun in dieser Lage die gegenüberliegenden Felsen, welche zerklüftet und ausgehöhlt sich erwiesen, wie die auf der andern Seite. Der Gedanke lag nahe, daß der Trapper, wenn er, was doch mehr als wahrscheinlich war, in diesem Lager verwahrt wurde, in einer der Höhlen jenseits untergebracht sei. Doch gewahrte Paul nichts, was darauf hindeutete, daß drüben Menschen hausten. Er blickte, umherschwimmend, stromauf und stromab. Nach oben hin wurden die Felsen niedriger, doch vermochte er die Prairie, aus welcher der Oshonta kam, nicht zu gewahren, stromab zeigten sich nur starre Felsen, und Paul glaubte das Geräusch eines Wasserfalls zu vernehmen. Als er seinen Blick wieder nach dem Felsen des jenseitigen Ufers richtete, traf sein Auge auf das Haupt eines alten Indianers, der aus einer Felsöffnung hervorlugte. Also war auch das andre Ufer bewohnt. Paul merkte sich die Stelle, wo ihm der Indianer auf einen Augenblick erschienen war.

    Eine rauhe, befehlende Stimme klang von dem Ufer her, wo das Lager war, und Paul sah den älteren der Indianer, die ihn und Stone hiehergeführt hatten, dort stehen und seinem Schwimmgenossen gebieterisch zuwinken. Dieser schwamm hierauf eilig zum Ufer zurück, und Paul tat das gleiche. Kaum hatten sie das Land erreicht, als die beiden Indianer rasch einige Worte wechselten, und Paul wollte es scheinen, als ob der jüngere einen scharfen Verweis erhielte. Während er sich rasch ankleidete, wandte sich der ältere in ganz erträglichem Englisch mit den Worten an ihn: "Der junge Weiße schwimmt wie die Otter."

    "Es geht, Indianer", entgegnete ihm lächelnd der Jüngling, "und ich vergnüge mich gern im Wasser."

    "Es ist gefährlich", sagte ausdrucksvoll der Wilde, "im Oshonta zu baden, die Wachen könnten ein Bleichgesicht im Wasser für einen Feind halten und darauf schießen."

    "O", sagte Paul darauf, "wollt ihr einen Gast, der kommt, euch die Büchsen zu reparieren, für einen Feind halten?"

    "Nicht gut für weißen Mann, im Fluß schwimmen, es gefährlich", wiederholte der Kiowa.

    "Nun, wenn du meinst, will ich es lassen."

    Es war aber klar, daß die Anwesenheit Pauls am Ufer und im Flusse dem Wilden unangenehm war, ein Zeichen mehr, daß der Gefangene jenseits des Flusses bewacht wurde und die Roten nicht wissen lassen wollten, daß sie einen weißen Gefangenen bewahrten.

    Er ging mit dem Indianer zurück nach ihrem Nachtlager und dieser sagte: "Kann das junge Blaßgesicht ebensogut Büchsen heilen als schwimmen?"

    "Wollen sehen, Indianer, einiges verstehe ich davon", erwiderte Paul zuversichtlich.

    Der Kiowa holte im Weitergehen aus einem Wigwam ein Gewehr, gab es dem Jüngling und sagte: "Sieh nach, was ihm fehlt."

    Paul vermutete, daß es auf eine Probe seiner Geschicklichkeit abgesehen sei, um ihn zu prüfen, und beschloß, sein möglichstes zu thun, um seine mangelhaften Kenntnisse nicht zu verraten. Auch kannte er schon von früher her die Konstruktion des Schlosses, verstand, es auseinander zu nehmen und zu erkennen, wo der Fehler steckte, einen leichteren Schaden auch auszubessern. Lernt man das auf dem Lande, wo nicht immer ein Büchsenmacher zur Hand ist, so war es in der Steppe noch mehr geboten, einige Fertigkeit in der Behandlung eines Flintenschlosses zu besitzen. Der Trapper und Puck besaßen nicht nur die einzelnen Schloßteile vorrätig, um eine gesprungene Feder, mangelnde Schrauben ec. ersetzen zu können, sondern verstanden auch trefflich ein Schloß zusammenzusetzen, wie einen Kolben zu schnitzen, und Paul hatte hiervon etwas von ihnen gelernt.

    Das Gewehr, welches der Indianer ihm gab, war eine alte Feuerschloßmuskete, deren Schloß in Unordnung geraten war.

    Paul besah und prüfte sie mit großer Kennermiene unter den beobachtenden Augen des Indianers. Er ging zu der Höhle, in welcher sie geschlafen hatten, wo der Kentuckyer immer noch schnarchte. Ohne ihn in seiner Beschäftigung zu stören, griff Paul nach einem Schraubenzieher und löste das Schloß. Er sah sofort, daß die ziemlich ausgelaufene Nuß die Feder nicht mehr hielt. Das war ein Fehler, der zunächst leicht auszubessern war, wenn auch für andauernde Wirkung eine neue Nuß eingesetzt werden mußte. Paul legte die einzelnen Teile des Schlosses auseinander, griff zur Feile und schärfte die fassenden Vorsprünge der Nuß, bis sie der Feder Widerstand leisteten.

    Der Indianer sah allem mit gespannter Aufmerksamkeit zu.

    Paul ölte dann alles sorgfältig ein, setzte das Schloß zusammen, schraubte es ein und überreichte das Gewehr dem Indianer.

    Der Hahn arbeitete wieder in alter Weise.

    "Gut", sagte Chamulpa in dem tiefen Kehltone dieser Leute, "das junge Blaßgesicht ist ein guter Medizinmann für die Flinte. Es ist gut."

    Paul hatte seine Probe glänzend bestanden, und der Indianer war augenscheinlich höchst befriedigt von dem Erfolge.

    Ein lautes Gähnen und ein starkes Räuspern verrieten, daß der Kentuckyer erwacht sei, und gleich darauf trat auch Stone ins Freie.

    "Segne meine Seele", sagte er und blickte sich um, "kalkuliere, daß ich den schönsten Morgen verschlafen habe. Was machst du denn so früh hier draußen?" fuhr er Paul rauh an, der bei seinem Erscheinen eine ehrfurchtsvolle Haltung angenommen hatte und nun in bescheidenem Tone erwiderte: "Ich wachte früh auf, Master, und wollte euch nicht stören."

    Der Indianer sagte begütigend: "Du nicht zornig, Büchsenschmied, er gut und klug, er heilen Flinte."

    "Zeigt einmal her."

    Stone nahm die Muskete und ließ den Hahn spielen. "Hm, alles in Ordnung. Das hast du gemacht, Junge?"

    "Ja, Master."

    "Na, es ist gut. Künftig weckst du mich, wenn ein roter Gentleman ein Gewehr auszubessern hat, verstehst du?"

    "Ja, Master."

    "Aber nun, alter Junge", wandte er sich an den Indianer, "schaffe etwas zu essen und Feuer und Wasser, daß wir uns eine Tasse Thee machen können."

    Da er das Nötige dafür mitführte, Feuer vorhanden, Wasser leicht herbeigeschafft war, konnte Paul, dem als Lehrling das Amt des Kochs übertragen war, bald mit einem Becher Thee aufwarten, zu welchem Antilopenbraten verzehrt wurde, den der Indianer anbot.

    "So", sagte Stone, "das nenne ich einen guten Untergrund für den Tag legen," - er hatte nicht übel eingehauen - "und nun, mein roter Freund, wollen wir uns einmal nach unsern Tieren umsehen, wenn es dir recht ist. Der Gerechte erbarmt sich seines Viehes."

    Wenn der Indianer Verdacht gehegt hatte, so schien er jetzt geschwunden, und er erklärte sich bereit, Stone zu den Maultieren zu führen. Er ging mit beiden durch die Felsengänge in die Prairie hinaus, wo sie die Maultiere mit wohl dreißig bis vierzig Pferden grasend fanden. Jetzt im Tageslicht sah Paul, wie mächtig diese so überraschend aus der Ebene emporsteigenden Felsgebilde waren, und begriff, daß sie indianischen Horden einen willkommenen Zufluchtsort in Gefahren bieten konnten. Das Ganze, schroff aufsteigend, nur durch wenige schmale, leicht zu verteidigende Schluchten zugänglich, bildete eine natürliche Feste von großer Stärke. Auch bemerkte er, was ihm gestern in der Dunkelheit entgangen war, daß dieser Teil der Prairie mit kleinen Gehölzen durchsetzt war, die ihr den Charakter der Savanne verliehen.

    Sie gingen zurück und fanden vor ihrem Nachtquartier wohl ein Dutzend Kiowakrieger harren, welche ihre Büchsen zur Ausbesserung brachten.

    "Oh", sagte Bill, "da giebt es ja zu thun. Stellt alles hierher, Leute, wollen sehen, wie wir die Gewehre wieder in stand setzen."

    Auf seinen Befehl mußte Paul jetzt das Werkzeug auspacken, einen kleinen Amboß, Schraubstöcke, Feilen von verschiedener Größe, Hammer u.s.w., was eben ein Büchsenmacher braucht, und Bill machte sich sofort daran, die Waffen, unter denen nur einige wirklich gute waren, zu untersuchen.

    Aufmerksam schauten die Wilden dem allen zu, ohne durch ihre Neugierde zu belästigen. Nach und nach zerstreuten sie sich indes, und Bill und Paul waren endlich allein. Letzterer erzählte dem Büchsenmacher von seinen Erlebnissen am Morgen und teilte ihm seine Vermutung über den Aufenthaltsort des Trappers mit.

    "Wird so sein, wie ihr annehmt, Junge - sehe nur einstweilen nicht ab, wie wir dem Alten beispringen können. Müssen's abwarten. Wundere mich übrigens, daß so wenig Leute hier sind."

    "Die Mehrzahl wird in der Steppe sein."

    "Hast's getroffen, kalkuliere, ist so. Wird ein hartes Zusammentreffen mit den Cheyennes geben, nach dem, was da unten geschehen ist, aber ist mir recht, verhindert diese Bande, über die Unsern am Missouri herzufallen. Gott sei denen gnädig, wenn der wilde Sioux über sie hereinbricht." Nach einer Weile, während er sich ruhig mit den Waffen beschäftigte, sagte er leise: "Der junge Cheyenne muß ein Teufelskerl sein. War eine blutige Frolik dort unten."

    Paul schauderte bei der Erinnerung zusammen.

    "Ja", sagte Bill, dies bemerkend, "ist kein Anblick für Leute aus den Städten, sind grausige Hunde, die Roten, alle miteinander."

    Nach einiger Zeit sagte er dann: "Muß mir doch die Ortsgelegenheit etwas ansehen."

    Von den Indianern waren einige während dieser Zeit in die Steppe geritten, andre waren von dort eingetroffen, doch außer einem flüchtigen Blick wandte man den beiden Büchsenmachern, von denen ja Stone vielen der Kiowas von seinen früheren Besuchen bekannt war, keine Aufmerksamkeit zu.

    Als der Kentuckyer den Chamulpa genannten älteren Krieger erblickte, rief er ihn an und machte ihm klar, daß er einer Vorrichtung bedürfe, um den Schraubstock zu befestigen, ohne den er nicht weiterarbeiten könne, und forderte ihn auf, ihm passende Steine, womöglich Holz, den Teil eines Baumstammes, zu diesem Zwecke zu verschaffen.

    Nachdem der Kiowa begriffen hatte, um was es sich handelte, sagte er: "Komm mit zum Oshonta, dort findest du Steine und auch Bäume, sage, was du brauchst."

    Das war's, worauf Bill gerechnet hatte; er wollte das Terrain selbst erkunden, hieß Paul in rauhem Tone weiter arbeiten, nahm die schwere Holzaxt, die er mit sich führte, und folgte dem voranschreitenden Wilden zum Flusse auf demselben Wege, den Paul früher zurückgelegt hatte. Als sie die jenseits liegenden Felsen erblicken konnten, ließ Chamulpa einen Pfiff erschallen, von dem Stone sich sagte, daß er drüben zur Vorsicht mahnen sollte. Er beachtete ihn nicht, warf auch kaum einen Blick über den Fluß und sah sich nur aufmerksam nach Steinen und den Bäumen um. Er bezeichnete einige der Felsbrocken als für seinen Zweck geeignet und begann dann mit der Geschicklichkeit und Kraft eines amerikanischen Waldbewohners auf einen der Bäume loszuhauen. Die Axthiebe weckten das Echo des Felsenthales. "Wenn das der Graue Bär hört", dachte er, "wird ihm das schon sagen, daß ein Weißer hier die Holzaxt handhabt."

    So oft er auch den Blick verstohlen hinübergleiten ließ, zeigte sich doch in den Felsen jenseits nichts Lebendes.

    Er hatte den Baum etwa in der Höhe eines Tisches gekappt und erklärte dem Kiowa nun, er müsse sich des Stumpfes als Werkbank bedienen, um seinen Schraubstock daran zu befestigen. Dies schien dem Wilden nicht angenehm zu sein, doch gab er es zu, da er den Büchsenmacher schon früher hatte arbeiten sehen.

    Paul wurde mit allem Werkzeug nach dem Flusse beordert und die Werkstatt an dem Baumstumpf aufgeschlagen.

    Der Jüngling bewunderte die Schlauheit, mit welcher der Kentuckyer so dem vermutlichen Gefängnisse des Trappers gegenüber sich niedergelassen hatte.

    Als sie allein waren, sagte Stone: "Weiß zwar immer noch nicht, wie ich dem alten Gentleman nützlich werden kann, denn mit den Wilden will ich's nicht ohne Not verderben; möchte mir nicht ohne weiteres die Kehle abschneiden lassen, aber denke, wird schon kommen. Will dem Alten ja gerne helfen, wenn ich es vermag, ohne meinen Hals in Gefahr zu bringen."

    "Wir dürfen hoffen", entgegnete Paul, "daß unsre Freunde draußen nicht unthätig sind. Sehr wesentlich für alles fernere wäre es, festzustellen, wo sich der Oheim befindet."

    "Ist richtig, aber wie?"

    "Ich will in der Nacht hinüberschwimmen und die Höhlen dort untersuchen. Gewiß liegt er da, wo ich den Indianer gesehen habe."

    "Ihr seid es Teufels, Junge. Der Alte wird drüben bewacht, und es werden erfahrene Krieger sein, denen man die Aufgabe anvertraut hat, einen so furchtbaren Gefangenen zu bewachen. Schneiden euch die Kehle ab, ehe ihr nur Pip sagen könnt."

    "Aber wir müssen doch etwas thun", entgegnete Paul hiernach kleinlaut.

    "Alles recht, aber was sollen wir zunächst thun? Kalkuliere, müssen die Gelegenheit abwarten. Damit aber der Graue Bär sicher weiß, daß Weiße hier sind, nimm ein Stück Eisen und verarbeite es ein wenig auf dem Amboß."

    Alsbald weckte Paul mit hellem Amboßklang das Echo. Einige hierdurch herbeigelockte Indianer kehrten wieder um, als sie die Ursache des Tones erkannten.

    Paul machte seinen Gefährten auf das von unterhalb des Felsenkessels herauftönende Geräusch aufmerksam. Stone horchte.

    "Ist richtig, ist ein Wasserfall dort oder eine Stromschnelle."

    Sie arbeiteten noch einige Zeit, dann und wann einen verstohlenen Blick nach den Felsen werfend, als ein wildes Geschrei aus dem Lager sie aufschauen machte.

    Mehrmals wiederholte sich dieses Geheul. Chamulpa erschien eilig und forderte sie auf, ihm zu folgen.

    Als sie in den Felsenkessel traten, sahen sie sich von den wilden Gestalten einer großen Anzahl Kiowas umgeben, die teils zu Pferde saßen, teils umherstanden.

    Chamulpa führte Bill und Paul zu einem Wigwam, vor dessen Eingang ein grimmig dreinschauender Krieger saß. Reicher Schmuck, wie die Würde seiner Haltung, kündeten den Häuptling an. Kaum erblickte ihn der Büchsenmacher, als er mit der biederen Dreistigkeit, die den Mann aus Kentucky auszeichnete, auf ihn zuschritt und sagte: "Segne meine Augen, Herr Krähenfeder, freut mich, Sir, euer ehrliches Antlitz zu sehen", und er streckte ihm die Rechte entgegen.

    Der finster blickende Kiowahäuptling machte keine Miene, sie zu ergreifen, und richtete die dunklen Augen bald auf Stone, bald auf Paul. Der unverfrorene Kentuckyer ließ sich aber nicht verblüffen durch die gemessene Haltung des Mannes, sondern fuhr fort: "Oho, alte Krähenfeder, ist das ein Empfang für einen werten Freund, der die Flinten wiederherstellt, oder seid ihr unzufrieden, Sir, mit meiner Arbeit vom vorigen Jahre? Sprecht euch aus."

    "Der Büchsenschmied mache nicht so viel Worte und antworte, wenn er gefragt wird", entgegnete lakonisch der Häuptling.

    "Nun, segne meine Seele, das nenne ich einen herzlichen Willkommensgruß. Na, dann fragen Euer Gnaden."

    "Wo kommst du her?"

    "Vom Verdigris, Sir."

    "Du sahst die Cheyennes?"

    "Ew. Ehren haben's durchaus getroffen; sah die Herren Cheyennes."

    "Wo, diesseits oder jenseits des Flusses?"

    "Jenseits, Sir."

    "Du sahst diesseits keine mehr?" Des Indianers Augen ruhten mit ernstem, drohendem Ausdruck auf Stone.

    "Segne meine Augen, keine Menschenseele war in der blutigen Steppe, bis mir endlich die beiden roten Gentlemen begegneten, die mich hierherführten."

    Während dieser Unterredung hatte Paul Zeit, den Häuptling zu betrachten. Er war ein kräftig, ja athletisch gebauter Mann mit einem energischen, finsteren Ausdruck auf seinen adlerartigen Zügen, die nur Gefühle des Hasses und des Zornes ausdrücken zu können schienen. Die Erscheinung des Häuptlings der Kiowas hatte etwas Furchteinflößendes.

    Das kecke Auftreten des Kentuckyers verscheuchte indes den Eindruck, den die Persönlichkeit des Häuptlings auf Paul gemacht hatte, und anscheinend gleichmütig stand er da.

    "Der Büchsenschmied sah keine Kiowakrieger in der Prairie?" forschte Krähenfeder weiter.

    "Hatte leider nicht das Vergnügen."

    Die Augenbrauen des Kiowa zogen sich drohend zusammen, als er jetzt fragte: "Du kennst den Grauen Bären?"

    "Ist ein Fakt, Mann, kenne den alten Gentleman; hat mir im verflossenen Jahre das Leben gerettet, als Prairieräuber mich überfielen."

    Plötzlich wandte der junge Indianer die dunklen Augen auf Paul Osborne und fragte: "Und du kennst den Grauen Bären auch? Ich weiß es."

    So sehr der Knabe sich vorgenommen hatte, seine Ruhe zu bewahren, schrak er doch merklich zusammen bei dem Blicke und der unerwarteten Frage des wilden Kriegers. Aber ehe er noch antworten konnte, brach Stone in lautes Lachen aus, und sagte: "Haha! Segne meine Seele, Mann; ist das Muttersöhnchen noch nie aus dem alten Kentucky herausgekommen und säße am liebsten wieder daheim bei seiner Mutter Kochtopf."

    "Ich sah ihn mit dem Medizinmann in der Steppe."

    "Nein, alte Krähenfeder", und Bill schüttelte sich vor Lachen, "diesmal hast du dich bei all deiner Weisheit doch geirrt, der hat noch keinen Medizinmann und keinen Grauen Bären gesehen. Den wollen wir erst besuchen, wenn wir von hier aufbrechen. Mach mir das Söhnchen nicht grauslich, der Junge hat noch keinen großen Häuptling gesehen, weiß gar nicht, was du willst, und ängstigt sich. Wollte, hätte den Burschen zu Hause gelassen, macht mir Ärger und Beschwerden genug."

    Mochte der Indianer die unverkennbare Befangenheit Pauls dem Eindruck seiner Persönlichkeit zuschreiben, mochte dessen so jugendliche Erscheinung oder die dreiste Zuversicht des Kentuckymannes sein Mißtrauen verscheuchen, sein Blick wurde freundlicher.

    Krähenfeder hatte zwar selbst den Angriff auf den alten Trapper, der dessen Gefangennahme zum Zwecke hatte, geleitet, aber Paul dabei nur in weiter Entfernung zu sehen bekommen. Doch wußte er aus dem früheren Berichte eines Spähers, der vor dem Überfall das Heim des Grauen Bären umschlichen hatte, von der Anwesenheit eines jungen Bleichgesichts dort, und sein erwachtes Mißtrauen glaubte in Paul diesen Begleiter des Trappers erblicken zu müssen. Der junge Kiowa, der Paul gesehen hatte, war nicht anwesend, um des Häuptlings Verdacht zu bestätigen oder zu verscheuchen. Die jugendliche Persönlichkeit des knabenhaften Jünglings, die gar nichts Kriegerisches an sich hatte, selbst die Befangenheit, die Paul dem wilden Manne gegenüber nicht zu verbergen vermochte, nebst dem so überaus sicheren Benehmen Stones mochte wohl den Gedanken, in Paul Osborne einen Gefährten des Trappers vor sich zu haben, verscheucht haben.

    Er streckte jetzt die Hand gegen Bill aus und sagte höflich: "Der Büchsenschmied ist im Lager der Kiowas willkommen."

    Der Kentuckyer ergriff die dargebotene Rechte und entgegnete: "Na, so lasse ich es mir gefallen, Häuptling. Denke, Bill Stone ist überall bei den roten Gentlemen willkommen, wo unbrauchbar gewordene Waffen wieder herzustellen sind. War ganz erstaunt, daß du mich so unfreundlich empfingst."

    "Der Büchsenschmied möge es vergessen; es schwebte eine Wolke um Krähenfeders Haupt."

    "Alles recht, alte Rothaut, denke, werden uns vertragen."

    Krähenfeder erhob sich und winkte Bill, mit ihm zur Seite zu treten. Außer Hörweite von den andern sagte der Indianer mit gedämpfter Stimme: "Der Büchsenschmied ist ein ehrlicher Mann und spricht nur mit einer Zunge."

    "Darauf kannst du dich verlassen."

    "Er ist Freund den Kiowas?"

    "Na, natürlich, sonst wäre ich nicht zu euch gekommen."

    "Er ist auch Freund den Cheyennes?"

    "Richtig, ich bin Freund aller derer, welche Arbeit für mich haben und sie anständig mit Fellen und Pferden bezahlen."

    "Er ist auch Freund dem Grauen Bären?"

    "Nun, das versteht sich, Häuptling", entgegnete Bill mit seiner ganzen Treuherzigkeit, "ich sagte dir ja, daß er mir das Leben gerettet hat."

    Noch leiser fuhr der Indianer fort: "Er kennt auch seinen Medizinmann?"

    "Wenn du den kleinen verwachsenen Menschen damit meinst", entgegnete Stone nun auch mit gedämpfter Stimme, "der bei ihm wohnt, ja."

    "Er kann einen starken Zauber machen, wie?"

    "Hm", sagte der schlaue Kentuckyer und blickte sich scheu um, "ob er ein Zauberer ist, das weiß ich nicht, aber ein unheimlicher Geselle ist er jedenfalls."

    "Wie meinst du?" fragte der Indianer, der den Ausdruck unheimlich nicht verstand.

    "Na, weißt du, Krähenfeder, im Bösen möchte ich mit dem Krüppel nicht zusammenkommen, es ist ein furchtbarer Kerl, und du hättest nur sehen sollen, wie die Prairieräuber, die mich im vorigen Jahre überfallen hatten, ausrissen, als sie ihn sahen."

    Krähenfeder war unter denen gewesen, die den Trapper und Puck vor einigen Jahren angegriffen hatten, und der Eindruck, den ihm die seltsame Gestalt des Zwerges damals gemacht hatte, wirkte noch nach.

    Noch leiser fuhr er fort: "Er versteht die Sprache der Tiere, wie?"

    "Ja, Häuptling", sagte der durch die seltsame Frage verblüffte Kentuckyer, "das weiß ich nicht. Ich bin mit den beiden Leuten zu kurze Zeit zusammen gewesen, um Genaueres zu wissen. Er hat mir Gutes gethan, aber ein unheimlicher Bursche ist dieser Puck, dabei bleibe ich, er besitzt eine so übernatürliche Körperkraft, daß man wohl vermuten kann, es ginge nicht mit rechten Dingen zu, ich glaube, er kann mit einer Hand einen grauen Bären erwürgen."

    Krähenfeder sah nachdenklich vor sich hin und äußerte dann: "Es ist gut, ich danke meinem weißen Bruder. Er wird die Waffen der Kiowas zur Jagd tüchtig machen, er ist willkommen."

    Er schritt zu seinen Kriegern, welche lautlos des Endes der Unterredung geharrt hatten, zurück und rief die ältesten um sich. Bill und Paul gingen zum Oshonta hin.

    Als sie allein waren, sagte der Büchsenmacher, und sein sonst so joviales Gesicht war sehr ernst: "Ist das eine bedenkliche Sache, Junge. Haben euch in Gesellschaft des Trappers erblickt, ist ein Fakt. Der Verdacht Krähenfeders mag für einen Augenblick eingeschläfert sein, aber er ruht nicht. Sind gar schlau, die roten Hunde. Wird sein Verdacht Gewißheit, gebe ich für unsre Skalpe keinen Cent. Wollte, hätte mich in die Geschichte nicht eingelassen, und wäre einige hundert Meilen von hier."

    "Stone", sagte Paul, dem nach der Unterredung mit Krähenfeder auch nicht ganz wohl zu Mute war, ernst: "Euer ehrliches, dankbares Herz hat euch angetrieben, den, der euch das Leben gerettet hat, in der Not nicht zu verlassen, und ich hoffe, Gott wird auch uns nicht verlassen."

    "Ist recht, Junge", sagte der Kentuckyer, "ist alles recht, ist ein braver Mann, der Alte, Dankbarkeit ist eine schöne Sache, und möchte ihm helfen, ist ein Fakt, wenn's nur nicht so gefährlich wäre. Denke, Junge, daß wir fort kommen von der Bande hier."

    "Das würde in der That Verdacht erregen, und glaubt ihr, daß man uns ziehen lassen würde, ehe ihr eure Arbeit vollbracht habt?"

    Stone kratzte sich den buschigen Kopf und entgegnete: "Könnt recht haben, Junge, lassen uns nicht fort. Dumme Geschichte, gefährliche Geschichte. Bin ein friedlicher Mann, der sich redlich nährt, kein Rowdy und dergleichen, bin nicht für Streit, wollte, hätte euch gelassen, wo ihr waret, wäre dann ganz ungefährdet hier. Dumme Geschichte."

    Paul, der sich selber sagte, daß ihm die Gefahr, als Gefährte des Trappers erkannt zu werden, nahe drohe, und daß in diesem Falle er sowohl als Stone mindestens in eine sehr schlimme Lage gerieten, wenn nicht verloren waren, wurde durch die kleinmütige Rede des Büchsenschmiedes noch mehr betrübt.

    Verdrossen machte sich dieser wieder an die Arbeit.

    "Ist ein Glück", sagte Stone, "daß der Regen in der Nacht gefallen ist, und so alle Spuren verwischt sind. Lesen diese Roten die Zeichen des Bodens, wie wir die eines Buches. Vermute aus allem, daß sie Nachricht haben von den erschlagenen Kiowas, und daß sie nicht wissen, wem sie die Schuld zuschreiben sollen, ob den Cheyennes, ob dem kleinen Mann, dem Puck, dem Medizinmann. Wunderliches Volk, diese Roten, hassen uns, aber noch mehr ihre nächsten Stammesverwandten. Wollte Junge, wäre erst wieder im alten Kentucky", setzte er seufzend hinzu, und griff wieder zur Feile.

    Unterdessen hielten die Indianer eine Beratung ab. Es war genau, wie Stone vermutete; sie hatten durch einen Späher Nachricht erhalten, daß einige ihrer Brüder erschlagen seien, doch der in der Nacht gefallene Regen hatte alle Spuren verwischt, welche einige Aufklärung über dieses Ereignis hätte geben können.

    Der vor einigen Monaten erst verstorbene Häuptling der Kiowas, Manganna, ein bedächtiger, ruhiger Mann, hatte Frieden mit den Weißen und den benachbarten Stämmen zu halten gewußt. Kaum war aber der wilde und grausame Krähenfeder sein Nachfolger geworden, als er ein Bündnis mit den nördlicher wohnenden Dakotas oder Sioux, wie man sie gemeinhin nannte, schloß, um mit ihnen gemeinsam über die Ansiedlungen am Missouri herzufallen. Dann aber beeilte er sich, den unter dem Schutze der benachbarten Cheyennes stehenden Trapper, den er seit jenem früheren blutigen Zusammentreffen an dessen Shanty, welches so schmachvoll für die Angreifer endete, grimmig haßte, in seine Gewalt zu bringen, um ihn seiner Rache zu opfern. Die zufällige Abwesenheit rettete Puck und Paul vor gleichem Schicksal, vielleicht auch die abergläubische Scheu, welche der Zwerg den Kiowas einflößte.

    Diese Scheu war so groß, daß sie nicht abgeneigt waren, den Tod der Ihren seiner übernatürlichen Kraft zuzuschreiben. An einem Kampfe mit den Cheyennes, so sehr er sie auch haßte, war Krähenfeder im Augenblick, wo er mit den Dakotas gegen die Ansiedlungen ziehen mußte, nichts gelegen, und den Hergang des Gefechtes, der seine Krieger zu Boden warf, kannte er nicht. Daß die Cheyennes die Gefangennahme des Trappers nicht ruhig hinnehmen würden, setzte er zwar voraus, doch war es zweifelhaft, wann ihnen die Kunde davon zukäme, auch hoffte er sie im Notfall besänftigen zu können oder sie durch den mit den Dakotas geschlossenen Bund einzuschüchtern. Der größere Teil seiner Leute war noch nordwärts mit der Büffeljagd beschäftigt, um Vorräte für den Winter einzuheimsen; dies allein hatte auch die sofortige Abschlachtung des Trappers verhindert, der in Gegenwart des ganzen Stammes unter unerhörten Qualen enden sollte.

    Die Nachricht von dem Tode ihrer Brüder hatte die hier anwesenden Kiowas in wildeste Wut versetzt, und es galt um jeden Preis, sich Aufklärung über die näheren Umstände zu verschaffen, besonders darüber, wie weit Cheyennes dabei beteiligt waren.

    Die Beratung Krähenfeders endete damit, daß nach verschiedenen Richtungen Reiter ausgesandt wurden, denen er bald mit sämtlichen anwesenden Kriegern nach Süden folgte.

    Während nun die Häuptlinge und älteren Krieger berieten, waren den beiden Büchsenmachern noch eine Anzahl Gewehre zugestellt worden, die der Ausbesserung bedürftig waren. Unter diesen befand sich, wie Paul mit tiefer Erregung bemerkte, die ihm wohlbekannte Doppelbüchse des Trappers. Er sagte es Stone. "Hm", brummte der, "wollen dem alten Herrn diese Waffe in Ordnung bringen, hoffe, wird sie noch oftmals abfeuern." Es zeigte sich, daß ein festeres Anziehen der Schrauben die Büchse alsbald wieder brauchbar machte.

    Als sie dann trübseligen Sinnes zu ihrem Nachtlager zurückgingen, um einige Speisen zu sich zu nehmen, bemerkten sie, daß nur sehr wenige ältere Männer noch anwesend waren.

    Den ihnen begegnenden Chamulpa redete Stone an: "Nun, sind die Herren Kiowas zur Jagd geritten, alte Rothaut?"

    Dieser nickte mit grimmigem Lächeln, und ging langsam mit ihnen zu der Höhle, die ihnen zum Aufenthalt angewiesen war. Als sie um die Felsecke bogen, sahen sie neben deren Eingang einen jungen Indianer sitzen, der ein wie es schien gänzlich erschöpftes Pferd am Zügel hielt.

    Kaum erblickte er Paul, als er einen Ruf des Erstaunens hören ließ und rasch einige Worte in indianischer Sprache rief. Er hatte noch nicht ausgesprochen, als die Hand Chamulpas sich mit festem Griff um Pauls Kehle legte und der erschrockene Jüngling in des Wilden grimmiges Gesicht, in dessen wutfunkelnde Augen blickte. Jäh überrascht, entsetzt, zur Verzweiflung getrieben, den nahen Tod vor Augen sehend, griff Paul blitzschnell zum Messer, welches er im Gürtel führte, und bohrte es in des Indianers Seite. Dieser ließ Pauls Kehle los und taumelte zurück; der junge Indianer sprang mit einem gellenden Schrei auf sie zu, aber ein kunstgerechter Faustschlag Bills, zwischen seine Augen mit der ganzen Kraft des Kentuckyers geführt, streckte ihn besinnungslos nieder.

    Dies alles geschah mit einer solchen Schnelligkeit, und so instinktiv, daß sich Bill und Paul ganz erstaunt ansahen, als die ihnen so plötzlich erstandenen Gegner darnieder geschlagen waren.

    "Nun, bei Gott, das ist eine schöne Geschichte. Jetzt ist's vorbei. Aber lebendig sollen sie meines Vaters Sohn nicht haben."

    Er sprang in die Höhle und erschien, während Paul noch immer vor sich hinstarrte, als ob er das Furchtbare nicht fassen könne, mit der Büchse in der einen Hand, Kugelhorn und Pulverhorn in der andern, im Freien.

    "Komm, Junge, jetzt heißt's ums Leben rennen, hinaus zu den Maultieren."

    Mit Staunen hatten zwei in der Nähe weilende Indianer dem allem zugesehen, und schrien jetzt wild auf, als Stone und Bill davonliefen, um in die Prairie zu gelangen. Andre sprangen herbei, und noch ehe die Flüchtlinge um die nächste Ecke biegen konnte, sauste ein Pfeil ihnen nach. Mit Schrecken sahen sie sich vor einer Felswand, sie hatten den Weg verfehlt.

    "Zurück!" schrie Bill, "und drauf, ich bin ein friedlicher Mann, aber muß es gefochten sein, wird meines Vaters Sohn sich wehren."

    Sie stürmten zurück, vier Indianer traten ihnen entgegen; Bill riß die Büchse an die Wange, sie entlud sich donnernd und einer der Männer stürzte nieder, die andern wichen vor den in wilder Aufregung Anstürmenden zur Seite. Nicht rasch genug, daß nicht ein Kolbenschlag Bills einen von ihnen kampfunfähig gemacht hätte. Beide liefen weiter und kamen wieder an den Kessel, an dem ihre Höhle lag.

    "Nach dem Flusse", keuchte Bill. Sie eilten dahin.

    In einer engen Schlucht traten ihnen wieder zwei Indianer entgegen, die wohl noch kaum wußten, was vorgegangen war. Der eine erhielt einen solch furchtbaren Stoß mit dem Büchsenlauf, daß er niedersank, der andre einen Schlag von des Kentuckyers gewaltiger Faust, daß er taumelnd sich an der Felswand hielt.

    Weiter stürmten beide.

    Sie bogen in das Felsenrund ein, welches der Oshonta durchströmte.

    "Nimm des Alten Doppelbüchse." Paul ergriff sie.

    "Ins Wasser, Pulver trocken halten."

    "Hinabschwimmen?"

    "Nein, hinüber - unten ist der Wasserfall."

    "Dann hinüber."

    Beide sprangen in die Flut und teilten sie mit kräftigem Arm. Zwei Indianer erschienen hinter ihnen, aber alle Gewehre, die noch im Lager waren, befanden sich, und zwar unbrauchbar, dort an den Fels gelehnt.

    Der hallende Ruf eines Kiowa lockte auf der gegenüberliegenden Seite einen Indianer aus einer Höhle hervor, der eine Büchse in der Hand trug. Er feuerte hinab und die Kugel schlug neben Bill ins Wasser. Jetzt sind beide drüben am Ufer, sie klettern empor.

    Der friedliche Mann aus Kentucky schreit mit Donnerstimme: "Hurra, alter Bär, wo steckt ihr?"

    "Hier!" tönt des Trappers Stimme von oben.

    "Oheim! Oheim!" jubelte Paul.

    "Hinauf, Junge! Lebendig kriegen sie meines Vaters Sohn nicht."

    Von droben hörte man die grollende Stimme des Trappers. Sie stiegen höher. Zwei Pfeile schlagen neben ihnen in die Felswand; dies beschleunigte ihre Eile noch.

    Im Zickzack führt der Pfad empor. Als sie hinter einem Fels Deckung finden, halten sie atemlos an, und laden ihre Gewehre.

    Trotz aller Eile und Todesangst hatten sie, während sie über den Fluß schwammen, die Büchsen trocken gehalten; das Pulverhorn war so vortrefflich gearbeitet, daß auch nicht die geringste Feuchtigkeit hineingedrungen war.

    Beide waren in der Handhabung der Waffe geübt und luden mit großer Schnelligkeit.

    "Oheim! Wo seid ihr?" ruft Paul.

    "Gott segne dich, Junge, hier in dem Felsloch, kann nicht heraus. Kommt herauf, die Luft ist rein."

    Sie blickten hinab; von den Indianern war nichts zu sehen, sie hatten sich in Deckung begeben.

    Dann kletterten sie empor, und nach zwei Minuten, während dem ihnen die Stimme des Trappers den Weg wies, gelangten sie auf ein kleines Felsplateau und konnten in die Höhle sehen, welche den Gefangenen barg.

    Der Trapper saß am Boden und hatte quer über seine Knie einen Indianer liegen, den er am Genick und an den auf den Rücken gezogenen Händen gefaßt hielt.

    "Oheim!"

    Gott segne dich, Kind, dort liegen Riemen, bindet mir zuerst einmal das Gewürm hier."

    Stumm folgten die beiden dem Befehle und banden dem Wilden, der unter dem eisernen Griff des Trappers kaum noch Lebenszeichen von sich gab, Hände und Füße und wälzten ihn zur Seite.

    "Nun befreit mich, Jungens."

    Die Füße des starken Mannes waren mit Riemen gefesselt, und ein Lasso, der fest um seinen Leib geschlungen war, hielt ihn an einem Felsstück fest.

    Das Messer Pauls durchschnitt den Lasso und die Riemen an den Füßen.

    "So, Gott segne euch, Kinder. Der Spitzbube hatte mir gerade die Hände losgebunden, damit ich essen sollte, als ihr euch hören ließt. Als er mit der abgeschossenen Büchse zurück sprang, kam er unvorsichtig in den Bereich meiner Hände, und da griff ich zu und machte ihn unschädlich. Wo ist Puck, Junge?"

    "Er liegt in der Steppe."

    "Wußte, daß ihr kommen würdet, Kinder, nach dem Alten zu sehen. Wer ist das?"

    "Ich bin Bill Stone, alter Herr, den ihr von den Prairieräubern befreitet."

    "Oho, das ist der lustige Büchsenschmied? Willkommen, Sir. Dank euch, daß ihr das nicht vergessen habt." Der Trapper, der noch immer am Boden saß und sich die Fußgelenke rieb, sprach so ruhig und gleichmütig, als ob er in seinem Shanty weilte.

    Paul gab ihm in beflügelten Worten einen Abriß dessen, was er seit des Trappers Gefangennahme gesehen und erlebt hatte.

    "Seid brave Jungen. Sehe, der alte Gott lebt noch. Hast da meine Doppelbüchse, Kind, wie ich gewahre, freut mich herzlich." Er streckte die Hand aus und nahm die Waffe an sich. "Ist die alte Donnerbüchse ein guter Freund in der Wüste. Blickt einmal hinaus, ob von dem roten Gewürm sich niemand sehen läßt. Werden die paar alten Krüppel, welche zurückgeblieben sind, sich zwar kaum an uns wagen, indes Vorsicht kann nicht schaden."

    Bill ging zum Eingang und blickte hinaus. Mit Staunen sah der tieferregte Paul, wie gleichmütig der Trapper die so äußerst gefährliche Lage, in welcher sie sich befanden, aufnahm.

    Der Alte richtete auf den Jüngling einen Blick, der von innerer Herzensglut strahlte, und streckte die Hand gegen ihn aus, die Paul ergriff: "Gott segne dich, Kind", sagte der Trapper bewegten Tones, "Gott segne dich für deine Treue. Kann ich's dir nicht vergelten, wird's der droben thun."

    "Sind nur wett, Oheim, wenn es mir gelingt, euch Hilfe zu bringen. Leben um Leben."

    Zärtlich streichelte der Trapper des Knaben frische Wange.

    "Nichts zu sehen von den Roten", wandte Stone sich um und fuhr dann fort: "Kalkuliere, alter Gentleman, wir sind in einiger Bedrängnis und unsre Skalpe nicht viel mehr wert. Bin ein friedlicher Mann, Sir, und habe mich in Sachen gemischt, die mich nichts angingen", fuhr er verdrießlich fort. "Sagte mein Vater immer, der ein sehr kluger Mann ist, stelle dich gut, Bill, mit den roten Herren, mit allen, mische dich nicht in ihre Streitigkeiten, gehen uns nichts an. Wir sind friedliche Leute, die ihrem Gewerbe nachgehen und ihre Hand nur erheben, wenn man ihnen nach Eigentum und Leben steht. Habe verspielt, Sir, bin ein Dummkopf gewesen, ist alles verloren, mein Werkzeug, meine Maultiere, der Erlös für meine Arbeit, ist ein großes Kapital, werde auch noch den Schopf verlieren. Wird mein kluger Vater sagen: 'Ist dir recht, Bill, habe dich gewarnt, hättest es mit den roten Gentlemen nicht verderben sollen'."

    Paul, den diese Worte des berechnenden Geschäftsmannes heftig verdrossen, sagte: "Nun, Sir, sollten wir die Heimat wiedersehen, so bin ich reich genug, euch alles, was ihr dadurch, daß ihr mir in der Not beistandet, eingebüßt habt, zehnfach zu ersetzen."

    "Hm, junges Hühnchen", entgegnete der Kentuckyer, "sprecht ein großes Wort. Will euch was sagen, ist der Bill Stone ein ehrlicher Mann, ein friedlicher Mann, Feind allem Streit, und ist in Verlust gekommen ohne seine Schuld. Wenn ihr mir den einfachen Schaden ersetzen wollt zu rechter Zeit, will ich's annehmen, bin Geschäftsmann, wißt ihr, muß zu rechnen verstehen, lacht mich sonst der Alte aus, wenn ich heimkomme."

    Paul mußte jetzt doch darüber lächeln, daß der Kentuckyer in einem Augenblick, der ihrer aller Leben bedrohte, mit einem naiven Egoismus an seine geschäftlichen Verluste dachte und die nahe tödliche Gefahr gar nicht zu beachten schien. Er reichte ihm die Hand und sagte: "Ich bin Paul Osborne, Eigentümer von Woodhouse bei Monmouth in Arkansas, und verpflichte mich, dem Büchsenschmied William Stone aus Kentucky alle Verluste, die er auf seiner Expedition zu den Kiowas erlitten hat, nach ihrem ganzen Umfange zu ersetzen, sobald ich heimkomme."

    "Läßt sich hören, Sir, ist geschäftsmännisches Verfahren; sollt nicht mehr bezahlen, als die Sache kostet. Hätte es am liebsten schriftlich, na, ihr seid ja Zeuge, Grauer Bär, könnt's beschwören, wenn's nötig ist. Ist abgemacht, junger Herr, leistet vollen Schadenersatz."

    "Na, Bill Stone aus Kentucky", sagte der Trapper trocken, "kalkuliere, ist am richtigsten so, sichern uns zunächst einmal unsre Skalpe, die nicht so fest sitzen, als es wünschenswert wäre."

    "Sprecht wie's Evangelium, Sir, kommt aber erst in zweiter Linie; diese Angelegenheit ist Geschäftssache. Geschäft, sagt mein Vater, und das ist ein sehr kluger Mann, kommt immer zuerst, dann erst alles andre. Das Geschäft ist abgemacht, Sir, mit Handschlag, Sir, was nebenher läuft ist Nebensache."

    Der Trapper lachte herzlich: "Seid ein wunderlicher Geselle, Bill Stone, will hoffen, daß wir die Nebensachen ebenso leicht erledigen als den geschäftlichen Teil." Mit diesen Worten erhob er sich. Freilich wankte er noch etwas, denn der so lange gehemmte Blutlauf in den Füßen war noch nicht ganz normal geworden.

    "Hätte ich ein paar Tage länger so gelegen, würden meine Füße mich wohl nimmermehr getragen haben. War Zeit. Aber fühle, es halten die alten Knochen noch."

    Er ging hin und her, und nach einigen Minuten fügten sich Sehnen und Muskeln wieder der natürlichen Lage. Er warf einen Blick zur Höhle hinaus; kein Indianer war zu gewahren.

    "Denke, überlegen jetzt, was zunächst zu beginnen. Also das Lager da unten ist leer?"

    "Sind ausgerückt, Sir, die Kiowas."

    "Und was glaubt ihr, daß zu thun sei?"

    "Denke, Sir, gehen hinab, nehmen Pferde und reiten davon."

    "Ja, mein guter Bursche, glaubt ihr denn, daß diese Spitzbuben das nicht vorhergesehen und die Pferde bei Seite geschafft haben? Kennen den Grauen Bären und wissen, daß er seine Doppelbüchse in der Hand hat. Wieviel Schüsse habt ihr?"

    "Vermute, wird dreißig und mehr geben."

    "Gut. Paul kann die Büchse der Rothaut dort nehmen, der Bursche wird wohl auch noch etwas Pulver und Kugeln haben."

    Paul hob die Büchse des Mannes, eines alten narbigen Kriegers, auf und nahm dessen Kugelbeutel und Pulverhorn an sich, auch das Messer, welches er am Gürtel trug, nahm er ihm fort. Der von des Trappers Fäusten halb erdrosselte Kiowa war wieder bei voller Besinnung und starrte die Gruppe vor ihm mit vor Wut funkelnden Augen an.

    "Ja, alter Bursche", sagte der Trapper zu ihm, "es ist nicht gut, den Pranken des Grauen Bären zu nahe zu kommen. Halte dich ruhig, dann geschieht dir nichts, werde dir nur im äußersten Notfalle den Schädel einschlagen. Kinder", fuhr er, sich zu den jungen Leuten wendend, fort, "hinab wollen wir gehen und uns die Gegend ansehen. Kommt, Stone, teilen wir die Schüsse. Geht ihr voran, ich sichere von hier aus euren Übergang, angesichts meiner Doppelbüchse wird keiner der Roten wagen, auch nur seine Nasenspitze zu zeigen. Drüben nehmt ihr Deckung und sichert so mein Hinüberkommen. Dann wollen wir weiter sehen."

    Sie teilten die Munition; Paul lud die dem Indianer abgenommene Büchse, und während sich der Trapper vor der Höhle hinter einem Felsstück etwas umständlich, um gesehen zu werden, niederließ, stiegen Bill und Paul hinab und kreuzten den Oshonta. Dort nahmen sie Stellungen ein, um die Mündung des Hohlweges, der zum Lager führte, bestreichen zu können. Hierauf ging der Trapper hinab und überschritt den Fluß. Vorsichtig nahten sie dem Eingang und lugten hinein, nichts war vom Feinde zu gewahren.

Langsam, die gespannten Büchsen in den Händen, schritten sie weiter, kein Indianer war zu schauen. Sie kamen in den Felsenkessel, einsam lagen die Wigwams da. Vorwärts schleichend erreichten sie den Ausgang, der zur Prairie führte. Weder innerhalb des Felsenkessels, noch hier in der Prairie war ein Pferd zu schauen, auch die Maultiere waren fort. Aber vor einem etwa eine Meile entfernten Gehölz sahen sie Pferde stehen, und gewahrten dabei einige Indianer. Zugleich aber auch eine hoch aufsteigende dunkle Rauchsäule.

    "Aha, sie rufen Krähenfeder zurück", sagte der Trapper. "Was nun? Die Felsen dürfen wir im Tageslicht nicht verlassen, könnte nichts uns retten, wenn die Roten zurückkommen. Weiß auch nicht, ob diese Felsenwildnis nicht noch andre Eingänge hat als diesen. Den Oshonta hinabgehen?"

    "Stromab muß ein Wasserfall sein, Oheim."

    "Stimmt, Knabe, habe sein Rauschen in stiller Nacht deutlich gehört. Die Felsen drüben sind nicht zu übersteigen, schroffe Wände. Müssen hier in die Prairie entwischen oder den Oshonta stromauf oder stromab gehen. Können vor der Nacht nichts unternehmen, haben Luchsaugen, die Roten. Möchte wissen, wo mein Goldjunge, mein Puck steckt? Hoffe, dieser Sohn der Steppe schlägt den Roten ein Schnippchen, ist klüger und gewandter als die alle."

    "Rechnest du nicht auf die Cheyennes, Oheim?"

    "Ja, Junge, Cayugas wird uns schon beispringen, wenn er kann, ob aber sein Volk dem Kriege geneigt ist, dürfte zweifelhaft sein, und nach allem, was du mir berichtet hast, kann auch den Kiowas jetzt nichts an einem Kampfe mit den Cheyennes gelegen sein. Vermute, ist das Beste, ziehen uns, wenn die Krieger zurückkehren, in meine Höhle zurück und überlassen das Weitere der Nacht und dem Oshonta."

    Mit scharfem Auge überflogen sie fortwährend die Steppe, und Stone brauchte sein Glas zu gleichem Zweck. Die Indianer an dem Gehölze veränderten ihre Stellung nicht, und die Rauchsäule stieg vor wie nach empor.

    Paul, dessen von Natur gutes Auge durch seinen Aufenthalt in der Steppe geschärft war, erblickte zuerst in der Ferne heranjagende Reiter, und das Glas Stones bestätigte seine Wahrnehmung. Auch die Kiowas am Gehölz sahen die Reiter, wie aus ihrem Verhalten hervorging; einer von ihnen jagte den Kommenden entgegen.

    "Na, Jungens, dann auf den Rückzug."

    Sie traten den Rückweg durch das Felsenlabyrinth an. Am Flusse angekommen, warf Stone die dort noch aufgestellten Flinten bis auf eine, die er an sich nahm, ins Wasser, alle drei schwammen hinüber und kletterten zu der Höhle, welche dem Trapper als Gefängnis gedient hatte, empor. Der Indianer lag, wie vorher, in seinen Banden. Seiner erprobten Schlauheit und Erfahrung wegen war ihm die Bewachung des gefährlichen Gefangenen anvertraut worden. Um nicht zu oft den Oshonta kreuzen zu müssen, hatten die Kiowas einen Vorrat von Nahrungsmitteln und Trinkwasser in die Höhle gebracht, was den jetzigen Inhabern zustatten kam. Zu ersteigen war der Fels schwierig, und es konnte angesichts dreier sicherer Büchsen nur mit Opfern von Menschenleben geschehen. Da der Eingang der Höhle von unten und sicher auch von den gegenüberliegenden Felsen aus, wenn diese zu ersteigen waren, bestrichen werden konnte, wälzte der Trapper einige Felsbrocken, welche lose umherlagen, herbei, um ihn zu decken. Sie setzen sich nieder, um der Dinge zu harren, die da kommen sollten. Der Graue Bär zeigte seinen gewöhnlichen Gleichmut, und Paul schöpfte hieraus, wie aus der Hoffnungsfreudigkeit, welche der Jugend eigen ist, Mut, die so gefährliche Lage, in welcher sie sich befanden, kaltblütig hinzunehmen. Nur Stone sah verdrießlich aus.

    "Nun, mein braver Kentuckymann", sagte der Trapper, "was umdüstert euch den Sinn? Seid nicht niedergeschlagen, war schon in ärgerer Gefahr als jetzt, und hat mir Gott immer davongeholfen."

    "Ach, es ist nicht das", entgegnete ihm Stone, "was mir Sorgen macht, aber mir ist eingefallen, daß Paul Osborne noch minderjährig ist und gar keine rechtliche Verpflichtung eingehen kann, daß also der abgeschlossene Kontrakt wertlos ist."

    Der Alte sah ihm einen Augenblick verdutzt in das frische, jetzt grämlich dreinschauende Angesicht und brach dann in ein Lachen aus, das den Felsen erbeben machte.

    "Segne meine Seele, was seid ihr für ein Bursche, Stone - hahaha, sein Geschäft macht ihm Sorgen - hahaha! Na, Junge, ich habe fünf der besten Rosse, die je in der Prairie herumgelaufen sind, habe einen Vorrat an Kattun, Glasperlen, Pulver, Kugeln, Thee, Rum, Kaffee, wollenen Decken, mit dem ich drei Indianerstämme auskaufen kann, außerdem noch vierunddreißig prächtige Büffelhäute, zwei Leopardenfelle und noch manches andere, ich leiste mit meinem ganzen Vermögen Bürgschaft für Paul Osborne."

    Des Büchsenschmieds Gesicht erheiterte sich.

    "Ist ein Wort, Sir?"

    "Das ist's. Paul zahlt oder ich, hier die Hand drauf."

    "Dann ist's recht - bin zufrieden, seid ein Ehrenmann. Nun mögen die Roten kommen. Bin ein friedlicher Bursche, aber mein Skalp ist mir ziemlich wertvoll, möchte ihn gern noch in Louisville zur Schau tragen, ist ein Fakt."

    Paul war von des Büchsenschmieds Sorge um ausreichenden Ersatz für seine Verluste, die in solch grellem Gegensatz zu den Gefahren, welche sie umdrängten, belustigt, gleich dem Trapper, und lachte auch. Der gefangene Kiowa vermochte sein Erstaunen über diese Ausbrüche der Heiterkeit in solch seltsamer Lage nicht ganz zu verbergen.

    "Sage euch, Kinder", äußerte der Trapper, "ist eine goldene Regel: Nimm's kaltblütig. Hat mich durch manche Gefahren geleitet, hat mich hier unter der freundschaftlichen Bewachung des alten Banditen dort", er deutete auf den Kiowa, "vor Verzweiflung geschützt. Nehmt's kaltblütig, wie's auch kommt."

    Ein Geräusch draußen erregte ihre Aufmerksamkeit. Hinauslugend gewahrten sie, wie die Kiowas durch den Felsenpaß große Steine vorwälzten, sorgsam sich gegen etwaige Schüsse vom gegenüberliegenden Ufer deckend.

    "Aha", sagte der Trapper, als er das sah, "sie sind da, gleich wird der Tanz beginnen." Einige Schüsse von unten zeigten, daß die Kiowas zum Angriff vorschritten. Die Kugeln prallten wirkungslos vom Fels ab.

    "Verschwendet euer Pulver nur", brummte Grizzly. Er neigte, um besser sehen zu können, etwas das Haupt vor, doch gleich darauf fuhr eine von unten abgeschossene Kugel durch seine Pelzmütze.

    "Alle Wetter, Krähenfeder hat seine besten Schützen da unten aufgestellt, er meint es ernstlich."

    Der Donner von des Kentuckyers Büchse einte sich mit dem Hall von drei, vier Gewehren, die zu nicht geringer Überraschung der Belagerten von den gegenüberliegenden Felsen abgeschossen wurden. Die Kugeln der auf der Höhe postierten Schützen schlugen dicht neben dem Eingange ein. Aber schnell wie der Blitz riß der Trapper die Doppelbüchse an die Wange, zweimal entlud sie sich, und zweimal ertönte ein Schmerzensschrei von drüben. Auch der Kentuckyer hatte getroffen. Ein Verwundeter, der drüben jäh emporgesprungen war, taumelte nach vorn und blieb dicht am Abgrund liegen, sich mit den Händen an die wenigen dort vorhandenen Grashalme klammernd. Ließ er diesen Halt fahren, stürzte er in beträchtliche Tiefe. Emporzuklettern fehlte ihm augenscheinlich die Kraft. Mit Schaudern sah Paul den Mann über dem Abgrund schweben.

    Während der Trapper und Bill eilfertig luden, erschien auf dem Felsen ein halbes Dutzend dunkler Köpfe, von Büchsenläufen begleitet, und nur die vorgewälzten Felsstücke und die Vorsicht, mit welcher sie sich hinter diesen hielten, schützten die Insassen der Höhle vor Verderben.

    "Schieß, Junge", rief der Alte.

    Paul schoß, aber die in Aufregung abgeschossene Kugel traf den Fels.

    Mit einem Schrei, wie ihn nur die Todesangst auspreßt, stürzte jetzt der verwundete Kiowa in den Abgrund.

    Wieder krachten von gegenüber Schüsse, denen sich solche, die unten abgefeuert waren, beigesellten. Wieder schossen Bill und der Trapper, ob mit Erfolg war nicht zu erkennen. Einen Augenblick herrschte hierauf Totenstille. Durch diese drang ein leises Geräusch zu des Trappers feinem Ohr - er lugte hinab: "Jetzt gilt's, Kentuckyer, das Messer heraus, sie stürmen!"

    Bill und Paul sahen, sich vorneigend, zwanzig Kiowakrieger, welche den Ohsonta herabgeschwommen waren, den Felspfad, der zu ihrer Festung führte, heraufkommen. Die Gewehre der Weißen waren abgeschossen. Von drüben und unten begann wieder das Feuer, das die Belagerten hinderte, irgendeinen Teil ihres Körpers bloßzustellen, und die Stürmenden drangen rasch näher.

    "Na, kommt", sagte der Trapper und reckte die herkulischen Arme, "ihr sollt rasch genug wieder hinuntergelangen."

    Die stürmenden Krieger waren jetzt so weit emporgelangt, daß die Kiowas unten es geraten hielten, ihr Feuer einzustellen.

    Der Trapper, Bill und Paul, waren entschlossen, mit letzter Kraft zu kämpfen.

    Die Vordersten der Kiowas - sie konnten nur hintereinander hinaufgelangen, so eng war der Pfad - zögerten einen Augenblick, dem so gefürchteten Gegner entgegenzutreten.

    Ein gellender Ruf Krähenfeders, der von unten heraufdrang, trieb sie vorwärts.

    Da krachte es von dem stromauf gegenüberliegenden Felsen her zweimal, und die zwei vordersten Kiowas, welche dem Höhleneingang schon sehr nahe gelangt waren, stürzten getroffen nieder. Alles wandte den Blick nach der Stelle, von welcher das Feuer gekommen war. Noch einmal krachte es dort, der Dritte in der Reihe der Kiowas brach zusammen. Da war kein Halt mehr, in wilder Flucht, sich überstürzend, sprangen die Angreifer hinab und verschwanden im Ohsonta.

    Auf dem Felsen drüben aber tanzte eine wilde, groteske Gestalt in wunderlichen Sprüngen umher, und die gewaltige Stimme Pucks drang herüber: "Gieb's ihnen, Oheim, Puck ist da!"

    "Hurra!" erklang des Trappers Stimme mit der Kraft Stentors.

    "Hurra!" wiederholten Paul und Bill.

    "Puck, Herzensjunge, kamst zu rechter Zeit. Hurra!"

    Auf die Kiowas mußte dieser Vorgang einen gewaltigen Eindruck gemacht haben, denn sie waren lautlos verschwunden. Auch Puck war in die Felsen hinabgetaucht. Erblickt hatten ihn, außer den Belagerten, nur die diesen auf den Felsen gegenüber aufgestellten Krieger. Diese waren durch Abgründe von Puck getrennt. So überraschend war das Eingreifen Pucks in das Gefecht, so geheimnisvoll märchenhaft seine so toll auf dem Felsen umherspringende, unförmliche Gestalt, daß keiner der Kiowas zum Schusse sich aufraffte.

    "Mein Junge, mein Goldjunge", sagte der Trapper gerührt, "wußte ja, daß du kamst. - Ruht euch aus, Kinder", wandte er sich an die jungen Leute, "glaube nicht, daß die Kiowas heute zum zweitenmal angreifen. Hat ihnen mein Medizinmann gewaltigen Respekt eingeflößt, halten ihn für einen Zauberer. Will hoffen, daß der Junge dort einen geschützten Zufluchtsort hat. Prachtjunge, der Puck, was, Paul?"

    "Ja, Oheim, ein tapferer, edelmütiger Mensch."

    "Segne meine Seele, ist der kleine Mann ein Schütze", sagte Bill. "Schoß den Lasso durch, mit dem mich die blutigen Prairieräuber schleifen wollten, und jetzt auf fast dreihundert Schritt drei Treffer. Segne meine Seele, kann der Mann schießen. Vermag's ihm nicht nachzutun, ob ich gleich mit der Rifle aufgewachsen bin."

    "Ja, treu wie sein Herz, sind Auge und Hand; er schießt nie fehl. Prachtjunge! Hat den sämtlichen luchsäugigen Kiowas Sand in die Augen gestreut. Er ist schlau genug, sie alle an der Nase herumzuführen. Gott schütze ihn." Nach einer Weile sagte der Trapper: "Daneben übrigens kann eine kleine Mahlzeit nichts schaden, bin gerade im Frühstücken gestört worden, als ihr kamt."

    Ruhig, als ob draußen nicht mordlustige Wilde lauerten, griff er zu den vorhandenen Nahrungsmitteln und speiste mit Appetit, und von diesem Beispiel angeeifert, folgten ihm Paul und Bill darin. Doch vergaßen sie nicht der Vorsicht; von Zeit zu Zeit schlich einer oder der andre zum Eingang und spähte hinaus.

    Als sie gegessen hatten, sagte der Büchsenschmied: "Wird mein Vater sehr ungehalten sein, wenn er erfährt, daß ich mich auf Krieg eingelassen habe, empfahl mir stets, sollte Frieden halten. Bin auch ganz dafür, habe die Notion, ist das richtige."

    "Bin eurer Meinung, Stone, wenn uns die Roten nur in Frieden lassen wollten, wäre mir ganz recht. Habt euch aber wacker gehalten, seid ein furchtloser Geselle."

    "Kalkuliere, Sir, werde meinen Mann stehen. Sagte mein Vater immer: 'Suche keinen Streit, Bill, geht's aber nicht anders, dann hau auch wie ein Tiger hinein.' Ist ein kluger Mann, mein Vater."

    "Was werden wir beginnen, Oheim?" fragte Paul.

    "Hängt davon ab, was Puck vorhat, werden bald von ihm hören, ist listig wie ein Fuchs."

    Der Tag neigte sich, und Dunkelheit brach herein; nichts hatte während dieser Stunden die Stille gestört, als ein schwach von der Stelle, wo Puck erschienen war, herüberdringendes Geschrei und ein Geräusch, wie wenn Steine herniederpolterten.

    Die Nacht brach umso dunkler herein, als der Himmel umzogen war.

    Zur Überraschung der in der Höhle Befindlichen flammte unten Feuerschein auf. Die Kiowas hatten Haufen von dürrem Gras und Holz in der Nähe des Flusses angezündet.

    "O", sagte der Trapper, "sie fürchten, wir werden zu entkommen suchen oder einen Überfall machen."

    "Wäre das letztere nicht übel, Grizzly", meinte Bill, "kämen, glaube ich, leichter aus der Schlinge, als wenn wir den blutigen Wasserfall hinunterrutschen."

    "Ich denke, ihr seid ein friedfertiger Mann, Stone?"

    "Hm, Sir, bin's, aber möchte gerne meinen Skalp behalten."

    "Kommen nicht durch, Junge, sind zu viele, zu viele mit Büchsen da drüben."

    "Könnten wir nicht die Flucht stromauf versuchen, Oheim?"

    "Wäre recht, Paul, aber kannst dich darauf verlassen, daß der Strom besetzt ist."

    Ein Blitz erhellte die Nacht und ferner Donner ließ sich hören. Große Tropfen fielen hernieder, und bald ergoß sich unter leuchtenden Wetterstrahlen und wiederhallenden Donnerschlägen ein strömender Regen, der im Nu die Feuer der Kiowas verlöscht hatte.

    Mit staunender Bewunderung sahen sie oftmals alles um sich her in Feuerschein gehüllt, dessen Glanz selbst durch die herniedersausenden Wassermassen nur wenig gedämpft ward, und gerade die vorübergehende Beleuchtung des Regenstromes verlieh dem Blitz geheimnisvolle Wirkung. Ehrfurchtsvoll schauten sie in das wilde Toben ringsum, lauschten sie der gewaltigen Stimme des Himmels.

    Als eben ein Blitz aufzuckte, erschien im Eingang eine Gestalt; alle griffen zu den Waffen, ein scharfes Zischen ließ der Eindringling hören, und "Halt! Es ist Puck!" schrie der Trapper.

    Puck war es.

    "Puck, mein Junge", sagte der Trapper, aber seine Stimme bebte dabei von innerer Bewegung.

    "Komm, Oheim, es ist Zeit", entgegnete Puck.

    "Wie denn, Kind?"

    "Den Strom hinab."

    "Aber der Wasserfall?"

    "Es sind nur Stromschnellen, der Fall ist weiter. Ich habe ein Floß, und wir müssen fort, ehe der Regen nachläßt. Die Kiowas sind wachsam."

    "Dann voran, Puck, in Gottes Namen. Kommt."

    "Der Gefangene, Oheim?" sagte Paul.

    "Richtig, der Bursche könnte gefährlich werden." Einen Augenblick hatte der Trapper die Absicht, ihm ein Messer ins Herz zu stoßen, doch begnügte er sich damit, dem Gefangenen ein Stück seines Gewandes abzureißen und ihm als Knebel zwischen die Zähne zu pressen. "So, so kannst du wenigstens nicht zu früh Lärm machen."

    Sie traten hinaus. Vom Himmel herab strömte nach wie vor unendlicher Regen hernieder, der sich in Form von Sturzbächen seinen Weg durch die Felsrinnen suchte. Ein Blitz, der das Dunkel für einen Augenblick erhellte, zeigte ihnen den herabführenden Pfad, der zum Wasserfall geworden war.

    Vorsichtig tasteten sie hinab, mehrmals noch erleuchtete ein Blitz ihren Weg und zeigte ihnen unten das Floß. Puck hatte mit einem kleinen indianischen Tomahawk einige Korkeichen gefällt, einen Teil der Äste und Zweige stehen lassen, diese ineinander verflochten und das Ganze mit dem Lasso befestigt. Sie betraten das schwankende Fahrzeug, welches sie mit Leichtigkeit trug; aufrechtstehende Äste boten ihnen einen Halt.

    Als von neuem ein Blitz die Regenströme, welche alles dicht umhüllten, mit rötlichem Lichte durchflutete, stieß Puck, der vorne stand, mit einer langen Stange ab, und das gebrechliche Floß sauste auf der bereits angeschwollenen Flut in die Dunkelheit hinein.

    "Haltet euch fest!" rief Puck.

    Der Trapper hatte sich niedergekauert, die andern standen.

    Blitz auf Blitz zuckte jetzt auf. Das Gewitter hatte seinen Höhepunkt erreicht, Donner auf Donner hallte an den Felsen wieder. Grauenhaft war der Aufruhr der entfesselten Naturgewalten. Nur auf einige Schritte erlaubte selbst der hellste Wetterstrahl umzuschauen. Unter ihnen rauschte dunkel das Wasser. Es war eine furchtbare Fahrt, eine Fahrt in das Unbekannte, vielleicht in die Unterwelt. Sich seiner langen Stange bedienend, hatte Puck das Floß nach dem linken Ufer gedrängt. Jetzt vermischte sich das Brausen der Stromschnellen mit dem des strömenden Regens. "Haltet fest!" schrie Puck.

    Ein greller Blitz zeigte ihnen die Felsmauer dicht an ihrer Linken gespensterhaft vorübersausen; mit rasender Schnelligkeit fuhr das Floß hinab, und der nächste Wetterstrahl beleuchtete rings um die Schiffer schäumende, sprudelnde, sich aufbäumende und überschlagende Wellen, aus denen schwarze Felszacken emporragten. Wild wurde das schwankende Fahrzeug umhergerissen, bald nach rechts, bald nach links, immer mit Pfeilgeschwindigkeit zu Thal sausend. Aber das leichte Holz tanzte in dem sprudelnden Wasser gleich einem Korke umher, die verflochtenen Zweige, der Lasso hielten die Stämme zusammen; die Männer, obgleich oft von schäumenden Wellen überflutet, klammerten sich mit aller Kraft an Balken und Zweige, und nach kurzer Frist glitt das Fahrzeug, zwar immer noch rasch genug, aber doch auf einer gleichmäßigen Strömung dahin.

    Die Schnellen waren hinter ihnen, das Wasser war hier nicht tief; vermittelst seiner Stange hielt Puck das Floß am Ufer und nach wenigen Minuten brachte er es zum Stehen, indem er die Äste eines Baumes, welchen ihm ein Blitz zeigte - der Regen hatte bedeutend nachgelassen - faßte und mit Riesenkraft festhielt.

    "Ans Land!"

    Mit Hilfe der Äste des Baumes gelangten sie ans Ufer, welches hier von Felsen frei war.

    Puck löste, während er sich mit der Linken an den Ästen hielt, mit der Rechten den Lasso von dem Baumstamme, betrat das Land und ließ das Floß mit dem Strome forttreiben.

    Durchnäßt bis auf das Äußerste, standen die vier Männer in dunkler Nacht am Ufer des Oshonta.

    "So", sagte Puck und lachte, "Medizinmann seinen Oheim holen, Kiowa denken, er mit ihm fortfliegen; keine Spur machen."

    "Muß gestehen", sagte der Kentuckyer, "war 'ne tolle Fahrt, kalkuliere, möchte sie niemals zum zweitenmal machen."

    "Was nun, Puck?"

    "Wir gehen dort ins Gehölz, Oheim, dort ist Pucks Wigwam."

    Er ging voran, es regnete nur noch wenig, und seltener erleuchteten ferne Blitze die Nacht, doch in gerader Richtung führte Puck seine Gefährten nach einem unfernen Gehölz. Sie betraten dasselbe und tasteten sich, immer Pucks leisem Rufe folgend, vorwärts. Nach einigen hundert Schritten sahen sie einen leichten Feuerschein durch die Büsche dämmern und standen bald vor der Öffnung im Felsgestein, aus der Lichtschein kam.

    "Eintreten", sagte Puck, "hier sind wir zunächst sicher."

    In einer Ecke glimmte noch Feuer; Holz, das daneben lag, darauf geworfen, fachte es bald zur hellen, wärmenden Flamme an, was bei den so durchnäßten Männern unendlich wohlthuend war. Schweigend ließen alle eine Zeitlang die wohltuende Wärme auf sich wirken.

    Es war eine seltsame, abenteuerliche Lage, in welcher diese Menschen sich befanden, und wunderlich genug sah die Gruppe aus, die sich um das lodernde Feuer gebildet hatte. Der verwachsene kleine Mann, dessen schöne, große Augen mit einem Ausdruck unendlicher Liebe auf das Angesicht des Trappers gerichtet waren, dieser selbst mit verworrenem Haupt- und Barthaar, welches doch das edel geformte, männliche Antlitz nicht zu verunstalten vermochte, der derbe, sorglose Kentuckyer, dessen Kleidung der Regen und das Wasser des Ohsonta übel mitgespielt hatten, der schlanke Knabe mit dem hübschen, offenen Antlitz - alle triefend von Nässe und beleuchtet von rötlichem Feuerschein in wilder Felshöhle; es war ein wildromantisches Bild, welches sich hier bot, des Pinsels eines Salvator Rosa würdig.

    "Will der Oheim nicht Speise nehmen?" fragte Puck, dessen Auge den alten Trapper nicht verließ.

    "Her damit, Junge, wenn deine Burg etwas dergleichen aufzuweisen hat."

    Der Zwerg holte aus einer Ecke große Stücke Antilopenfleisch und begann sie rasch zu rösten. Die angenehme Wärme, welche das lodernde Feuer verbreitete und die Kleider trocknete, der Duft schmorenden Fleisches riefen bald eine behaglichere Stimmung in den Flüchtlingen hervor.

    "Nun, mein Puck", sagte der Trapper, "mein Goldjunge, erzähle uns, was geschehen ist, seit Paul sich von dir trennte, bis dahin weiß ich alles."

    "Sieh, Oheim, da Cayugas sich nicht von der Stelle bewegen durfte, bis seine Boten zurückkamen, und mein Herz voll Sorgen um dich war, zog ich allein zum Ohsonta. Ich ritt des Nachts und verbarg mich am Tage im Grase der Steppe oder in Gehölzen. Diesen Zufluchtsort hier entdeckte mir der Zufall. Ich umschlich nachts die Felsen und erkletterte sie und wußte bald, wo du gefangen lagst. Ich untersuchte im Tageslicht die Stromschnellen und erkannte, daß sie zu passieren waren. Ich fällte oberhalb der Felsen die Bäume mit Cayugas Tomahawk, machte das Floß, und trieb mit ihm hinab. Von der Höhe der Felsen, die ich mit Hilfe meiner langen Arme und des Lassos erkletterte, sah ich Stone und Paul bei dir, sah die Kiowas den Strom abwärts gehen, den Fels erklettern und dich angreifen, und mischte mich dann in den Kampf."

    "Sehr zur rechten Zeit, kleiner Herr", warf Stone ein, "kalkuliere, rösteten sonst unsre Skalpe an einem Kiowafeuer, ohne dies."

    "Nun, und dann kam ich und holte dich, Oheim; das Unwetter hat uns der liebe Gott geschickt", fuhr Puck, ohne Stones Worte zu beachten, fort, "es hüllte uns in Nacht ein, und machte die Feinde blind und taub."

    "Wußte ja, daß mein Junge kommen und den Alten und Paul nicht sitzen lassen würde."

    "Nein, Oheim, wenn du stirbst, sterbe ich mit", sagte der Zwerg mit ergreifender Einfachheit.

    Dem Alten wurde das Auge feucht, er räusperte sich etwas gewaltsam, um seine Rührung zu verbergen, und sagte dann: "Aber wie kamst du von dem Felsen herunter, nachdem dich die Kiowas entdeckt hatten?"

    Puck lachte. "Ich war zwei Tage durch die Felsen gekrochen und geklettert und kannte jeden Spalt und jede Höhle darin, die Kiowas wußten von nichts, sie sind keine Freunde von Felspartien. Als ich geschossen hatte und dadurch meine Anwesenheit verraten war, erstiegen bald einige von ihnen, es mochten wohl zwanzig sein, von seiten der Prairie her die Felsen. Ich hatte an verschiedenen Stellen Steine aufgehäuft und ließ diese, als die Krieger hoch genug hinaufgelangt waren, hinabrollen. Dies brachte sie mit dem Verluste einiger der Ihren zu raschem Rückzug. Ich ließ mich dann am Lasso an Stellen herab, die nie ein Menschenfuß von unten erreichen konnte, und verbarg mich, bis es Zeit war aufzubrechen, in den Felsspalten. Den Kiowas, welche unten auf mich lauerten, mußte es scheinen, als habe mich die Erde verschlungen. Als es dunkel war, holte ich mein gut verstecktes Floß hervor und fuhr zu euch hinab. Gott hat geholfen."

    "Segne meine Seele, seid ihr ein gewaltiger und schlauer Krieger, Sir", äußerte in aufrichtiger Bewunderung der Büchsenmacher.

    "Meine lieben Kinder", sagte der Trapper, und reichte Puck und Paul die Hände, "und ihr, teurer Sir, wie soll ich euch für eine Liebe danken, die euch in Todesgefahren trieb, um mir die Freiheit zurück zu gewinnen."

    Puck und Paul erwiderten den Händedruck des väterlichen Freundes herzlich.

    "Hm, Sir", äußerte Stone, "bin ein Mann des Friedens, Sir, ist ein Fakt, hasse Streit, bringt nichts ein, bin fürs Geschäft. Aber habt meines Vaters Sohn von den Prairiedieben errettet, bleichten sonst längst meine Knochen auf weiter Ebene, konnte nicht umhin, mußte euch auch heraushelfen. Klare Rechnung, Sir, ehrlich Geschäft."

    Der Trapper lächelte über des Kentuckyers Weise. "Seid ein braver Geschäftsmann, Sir, bezahlt die Schulden mit Zinsen, ist auch ein Fakt."

    Sie langten dann wohlgemut zu dem Braten und sättigten sich.

    Als sie geendet, sagte Stone: "Unsre Büchsen sind sämtlich durchnäßt, will darangehen, sie wieder schußfähig zumachen." Und alsbald machte er sich mit einigem kleineren Werkzeug, welches er stets in der Tasche führte, an die Arbeit. Puck hatte auch noch Pauls Büchse mitgeführt und aus ihr den dritten Schuß auf den Fels abgegeben, so daß sie reichlich bewaffnet waren.

    "Also zunächst, Puck, sind wir hier sicher?" fragte der Trapper.

    "Denke so, Oheim. Die Roten können nicht wissen, wo wir geblieben sind; daß wir die Stromschnellen hinabgegangen sein könnten, ist für sie undenkbar, und alle Spuren hat der Regen verwischt. Ich habe Thunder und Blitz hier, Oheim, sie stehen nebenan in der Höhle."

    "Alle Wetter, Junge, das ist herrlich. Den Thunder? Aber wie bekommen wir Pferde für Paul und Stone?"

    "Ich werde sie von den Kiowas holen", meinte Puck trocken.

    "Traue dir's zu, Puck, bist der geborene Prairiekrieger und Jäger, traue dir's zu."

    "Werden auch noch von Cayugas zu hören bekommen, Oheim, wird schon in der Prairie erscheinen."

    "Sitzen wir auf flinken Rossen, Junge, die Büchsen in der Hand, mag der ganze Stamm der Kiowas hinter uns herstürmen, wir wollen ihnen die Zähne zeigen."

    Er erhob sich und ging, von Puck geführt, in die nebenan liegende Höhle, wo die beiden Pferde standen, und liebkoste die Tiere.

    Der Zwerg hatte, für alles sorgend, trockenes Gras in der Höhle aufgehäuft, und alle suchten nach ereignisreichem Tage den Schlaf, Stone erst, nachdem er sämtliche Büchsen in brauchbaren Stand versetzt hatte.

Sechstes Kapitel

In den Teilen der Vereinigten Staaten von Nordamerika, welche sich der Zivilisation erst erschließen, geht man sehr freigebig mit der Bezeichnung Stadt um.

    Hunderte von "Städten" stehen in wohl ausgearbeiteten Plänen, mit imponierenden Straßenfluchten, Kirchen, Schulen, Universitäten u.s.w. auf dem Papiere, und die paar ärmlichen Hütten, welche in Wirklichkeit bestehen, bilden nur eine erheiternde Persiflage auf die glänzenden Entwürfe.

    Diese Städte entstehen, man giebt ihnen irgendeinen wohlklingenden Namen, und die meisten verschwinden eben so rasch, wie sie aufgekeimt sind. Wenigen ist ein weiteres Emporwachsen und eine längere Dauer vergönnt.

    Die wildeste Spekulation macht sich hierbei geltend, und der Auswurf unter den Bewohnern der Union giebt so lange den Ton in jenen an der Grenze der Wildnis gelegenen Distrikten an, bis die nachfolgende bessere Bevölkerung mit nachsichtsloser Strenge dem Gesetze zur Geltung verhilft, und es oftmals selbst ausübend in die Hand nimmt.

    Wie in den älteren Staaten der "Richter Lynch" den Verbrechern zu Leibe ging, wenn dem Staatsgesetze die Macht dazu fehlte, so in jenen, in die Prairie vorgeschobenen Gemeinwesen die Vigilanzkomitees, welche mit eiserner Faust den anständigen Leuten Ruhe vor Dieben und Mördern schafften.

    In beiden Fällen übten die Bürger das Richteramt aus.

    Wie die Lynchjustiz in den weiter östlich gelegenen Staaten, so war die des Vigilanzkomitees in den westlichen von der Verbrecherwelt gefürchtet.

    Das Städtchen Garfield, am Ufer des Kansas gelegen, rings von der Prairie umgeben, existierte erst seit wenigen Monaten. In den Zeitungen angepriesen als die Stadt der Zukunft, deren rasches Emporblühen zur Handelsmetropole des Westens nur die Frage einer kurzen Zeit sei, und die bereits jetzt glänzende Straßen, Kirchen, Verwaltungsgebäude, gastliche Hotels, ein Opernhaus ec. besitze, zeigte sie in Wirklichkeit nur ein wirr durcheinanderstehendes Konglomerat von Holzhäusern, Bretterhütten und Zelten.

    Dennoch zählte das Städtchen fünf- bis sechshundert Einwohner, und es waren bereits bemerkenswerte Versuche gemacht, den fruchtbaren Steppenboden zu bebauen.

    Das ließ darauf schließen, daß ein Teil der Bewohner seßhaft war, während der wahrscheinlich größere Teil, bestehend aus Handelsleuten und Spekulanten aller Art, gewiß jederzeit bereit war, Garfield den Rücken zu kehren, sobald sich erwies, daß es keine Zukunft habe, um ein andres keimendes Stadtwesen, welches einen Schritt weiter in die Wüste hineingedrängt war, mit ihrer Gegenwart zu beglücken.

    Ein lebhafter und für die weißen Händler recht vorteilhafter Handel wurde mit den benachbarten Indianerstämmen getrieben, welche ihre erbeuteten Büffelfelle, die von ihnen erzogenen oder erjagten Pferde hier gegen Stoffe, Waffen, Rum und nichtigen Tand, wie Glasperlen u.s.w., umtauschten. Die Cheyennes, Kiowas und Arrapohoes wurden in Garfield häufig gesehen.

    An einem ziemlich umfangreichen Bretterverschlage, der mit geteerter Leinwand bedacht war, stand mit großen Buchstaben "Union Hotel" angeschrieben, und der wüste Lärm, der aus seinem Innern herausdrang, ließ auf lebhaften Besuch dieses unbedingt ersten Gasthofes von Garfield schließen. Einige gesattelte Pferde waren in seiner Nähe angebunden.

    Eine wild und rauh genug aussehende Gesellschaft hatte sich in diesem "Hotel" eingefunden, welches ein Mann aus Kentucky, namens Taylor, seit einigen Monaten errichtet hatte, der dabei ein gutes Geschäft machte.

    In allen möglichen Trachten saß die ziemlich zahlreiche Gesellschaft umher, vom Jagdhemd dem blauen aus friesartigem Stoffe gefertigten Fracke des Hinterwäldlers, der kurzen Jacke, dem breitrandigen Hute der Cowboys, des Ochsentreibers, dem leichten Sommeranzuge der Städter, bis zum dunklen Rocke des Mannes aus den Neuenglandstaaten. Landleute, Jäger, Kaufleute, Schiffer waren hier vertreten, und dazwischen fand sich abenteuerndes Gesindel aller Art. Bewaffnet waren alle, einige mit Büchsen, andre mit Pistolen, und das lange Messer fehlte wohl keinem.

    An einem Tische saßen zwei Gesellen, von denen der eine, lang und hager, durch eine große Narbe im raubvogelähnlich geformten Gesicht auffiel, während der neben ihm sitzende sich wesentlich nur durch den gemeinen Ausdruck des breit angelegten Antlitzes auszeichnete.

    Der Tracht nach schienen es Cowboys zu sein. Unfern von ihnen saß einsam ein Mann in gleicher Tracht, dessen von Sonne und Wind gebräuntem Antlitz, dessen sehniger, magerer Gestalt man es ansah, daß er sein Leben in der Wildnis zugebracht hatte. Ein Zug ruhiger Entschlossenheit in seinem Gesicht, aus dem zwei graue Augen jetzt nachdenklich vor sich hinblickten, war geeignet, Raufbolde, wie sie die Gesellschaft aufwies, in achtungsvoller Entfernung von ihm zu halten. Der Mann saß schweigend da und trank seinen Thee, ohne der andern um ihn her zu achten.

    Die zwei Cowboys in seiner Nähe unterhielten sich halblaut miteinander.

    In die ruhigen Züge des allein Sitzenden kam Bewegung, als von einem seiner Nachbarn der Name Osborne genannt wurde.

    Er stützte das Gesicht hierauf in die hohle Hand und horchte dann, während es schien, er bekümmere sich um nichts, aufmerksam nach ihnen hin.

    "Sage dir, Jim", äußerte der Lange, "ist ein Schuft, der Osborne, will ehrliche Leute um den sauer verdienten Lohn betrügen, kenne ihn von früher her. Wollte, hätte mich auf die Sache gar nicht eingelassen, ist mir mitunter gar nicht wohl zu Mute, wenn ich an den Jungen denke."

    "Glaube nicht", entgegnete Bill, "daß der Osborne uns betrügen will, wird's nicht wagen. Muß hier irgend etwas vorgefallen sein, daß unser Freund, Richter Johnson, nicht mehr in Garfield anwesend ist. Hätten schon vor vierzehn Tagen hier sein sollen, um das Geld zu erheben. Vermute, hat der Johnson das mitgenommen. Muß hier nicht alles mit rechten Dingen zugegangen sein. Sind überhaupt hier viel fremde Gesichter, seitdem ich zuletzt hier war. Scheue mich, nach Johnson zu fragen, wenn's nicht bei einem alten Freunde geschehen kann, kalkuliere", fuhr er noch leiser fort, "ist mit dem verd- Vigilanzkomitee in Konflikt gekommen, und ich möchte nicht dessen Aufmerksamkeit auch auf mich lenken."

    Sie flüsterten jetzt, und der Cowboy neben ihnen konnte nichts mehr verstehen.

    Ein fast weißhaariger Mann, in der Tracht des wohlhabenden Landmannes jener westlichen Gegenden, trat ein und schaute sich um. Als er den Wirt erblickte, einen Mann von untersetzter Gestalt, dessen breite Schultern und gewaltige Arme ungewöhnliche Kraft verrieten, ging er auf ihn zu und fragte: "Ihr seid John Taylor?"

    "Ist so, Mann", entgegnete der Wirt und schaute aufmerksam in das Gesicht dessen, der ihn angeredet hatte.

    "Habe da ein paar Zeilen von einem eurer Freunde, Sir, werden euch sagen, wer ich bin und welch Geschäft mich herführt."

    Der Wirt nahm den ihm gereichten Brief, las ihn langsam und schaute dann wieder in das Gesicht des Überbringers.

    "Well, setzt euch, Fremder. Seid gut empfohlen. Setzt euch, wollen das Geschäft nachher besprechen. Nehmt einen Toddy, Sir, wird euch gut thun." Er deutete auf einen leeren Holzstuhl und flüsterte dem Alten ins Ohr: "Seid vorsichtig, die Luft ist nicht rein."

    Der Mann setzte sich und nahm den ihm gereichten Toddy.

    Niemand der Anwesenden, die fast sämtlich in lautem Gespräch begriffen waren, hatte dem eben Eingetretenen irgend welche Aufmerksamkeit geschenkt, bis auf den einsam sitzenden Cowboy, der ihn mit scharfen Blicken musterte.

    An einem der Tische ließ sich nach einem derben Fluche eine laute Stimme vernehmen: "Es sind spitzbübische Indianer gewesen, die den Überfall auf Mr. Osborne verübten, hat es mir selbst gesagt."

    "Will gehängt sein, wenn's nicht Prairieräuber waren", sagte ein andrer. "Hat der Osborne in seiner Angst Indianer zu sehen geglaubt. Treibt sich überhaupt wieder viel Gesindel hier herum, hoffe, wird das Vigilanzkomitee Umschau halten. Wollen kurzen Prozeß mit Mördern und Dieben machen."

    "Bleibe dabei, es waren Rote. Hat sich seit der Zeit auch keiner mehr hier blicken lassen."

    "Na, das ist natürlich, halten jetzt ihre großen Jagden, werden schon kommen, wenn die vorüber sind."

    "Scheinst ja sehr für die Herren aus der Steppe eingenommen zu sein."

    "Könnte ich nicht sagen, will nur nicht, daß ihnen unrecht geschieht. Kenne die Leute und handle mit ihnen seit Jahren. Haben Ursache, Frieden mit uns zu halten, und werden ihn gewiß nicht ohne Not brechen. Will dir sagen, die Sache mit dem Überfall auf diesen Mr. Osborne ist eine etwas dunkle Geschichte."

    "Darf ich fragen, Gentlemen", mischte sich der zuletzt gekommene und unweit sitzende alte Farmer ins Gespräch, "von was die Rede ist; bin fremd hier. Ist die Gegend unsicher?"

    "Nicht unsicherer wie überall an der Grenze, Sir, und wird bald ganz friedlich werden, wenn erst noch einige Strolche gehängt worden sind. Was die Sache angeht, von der wir sprachen, so ist da ein Mr. Osborne aus den Staaten, der hier am Kansas Viehherden hat, in der Prairie vor ein paar Wochen überfallen worden."

    "Hm", sagte der alte Herr, "entsinne mich, davon in den Zeitungen gelesen zu haben; sind mehrere Menschen ermordet worden bei jenem Überfall."

    "So viel mir bekannt", entgegnete der andre, ein Kaufmann, der sich in Garfield niedergelassen hatte und mit allem möglichen handelte, "ist nur ein junger Mensch, der Sohn oder Neffe des Osborne, dabei ums Leben gekommen."

    "Hat der Richter sich der Sache angenommen?"

    "Der Richter, Sir? Nun, hatten damals einen Burschen, Johnson, als Richter; sonderbarer Richter, war mit allem Raub- und Diebsgesindel auf du und du. Hatte das Vigilanzkomitee Verdacht gefaßt gegen den Mann, der Recht sprach. Johnson verschwand aber, ehe man gegen ihn vorgehen konnte."

    "Und man weiß nicht, Sir, wer den Überfall ausgeführt hat?"

    Die beiden oben geschilderten Gesellen, wie der einsam sitzende Cowboy lauschten dieser Unterhaltung mit großer Aufmerksamkeit. Auch der Wirt horchte von Zeit zu Zeit hin, und sein Auge überflog dann die Zahl seiner Gäste, blieb aber am häufigsten auf Ben und Jim haften.

    "Nein, Sir, mit Sicherheit nicht. Mr. Osborne kam zurück und machte Meldung beim Richter, der damals der Johnson war; er behauptete, es seien Indianer gewesen."

    "Und was hat der Coroner entschieden?"

    "Coroner, Sir? Glaubt ihr, wir lebten hier in den Staaten? Der Osborne hat den Fall angezeigt, er und seine Begleiter haben ihren Eid abgelegt, und damit gut. Der brave Johnson hat, glaube ich, ein Verdikt abgegeben, der junge Osborne sei zu nächtlicher Zeit in der Steppe von unbekannter Hand getötet worden. Damit war die Sache abgethan."

    "Verzeiht meine Neugierde, Sir, aber mich will bedünken, ich habe den Vater des ermordeten Jünglings gekannt, wenn es Osbornes aus Arkansas waren."

    "Stimmt, Sir, haben große Viehherden hier am Kansas, die Osbornes, waren eben im Begriff, diese zu suchen, als das Unglück eintrat."

    "Und der junge Mann ist hier begraben?"

    "Glaube nicht, vermute, haben ihn draußen eingescharrt."

    "Wenn es die Osbornes aus Arkansas waren, hat der Fall doch großes Interesse für mich. Hat denn keine Untersuchung, keine Verfolgung der Mörder stattgefunden?"

    "Sagte euch schon, Sir, gehörte der Richter wahrscheinlich selbst zu den Räubern, könnt euch also die gerichtliche Prozedur lebhaft vorstellen. Ob unser Vigilanzkomitee sich mit der Sache beschäftigt hat, weiß ich nicht. Daß es aber nicht Indianer waren, glaube ich bestimmt."

    "Waren verdammte Rothäute", schrie der Jim genannte Mann von einem Tische her, "trefft immer einige dieser herumlungernden Vagabunden, wenn ihr euch in die Steppe traut."

    Der Kaufmann warf einen Blick auf die Galgenphysiognomie des Redners und sagte trocken: "Und weiße Vagabunden trifft man sowohl in der Steppe wie in den Städten an."

    Jim wollte etwas entgegnen, aber ein warnender Fußstoß Bens hielt ihn davon zurück, und er brummte nur etwas Unverständliches in sich hinein.

    Der einsam sitzende Cowboy erhob sich jetzt, trat vor und sagte zu dem Kaufmann: "Habt recht, Sir, waren keine Indianer, die Mr. Osborne überfielen, waren weiße Schurken."

    "Ei, wißt ihr das so gewiß, Mann?" fragte der, nach dessen Ansicht Indianer die Schuldigen waren. "Wer seid ihr denn, Sir? He?"

    Ruhig entgegnete der so etwas rauh Angeredete: "Will's euch sagen, Sir, werdet dann begreifen, daß ich ein Interesse an der Sache habe. Bin der erste Rinderhirte John Osbornes seit sieben Jahren." Der greishaarige Farmer machte eine Bewegung lebhaften Erstaunens bei diesen Worten. "Habe in der Wüste erst spät von seinem Tod erfahren, und in voriger Woche erst von dem Raubanfall auf den anderen Osborne. Bin deshalb hergeritten, um Näheres hier zu erkunden."

    "Bei Gott", sagte der Farmer, "es ist Nathan Wild, unser Herdenbewahrer. Freue mich, euch zu sehen, Nathan. Erkennt ihr mich?"

    "Hatte gleich die Notion, ihr wäret Mr. Brown, Osbornes rechte Hand, als ich euch sah. Seid zwar in den Jahren etwas weißhaariger geworden, aber erkannte euch doch."

    Die beiden Männer schüttelten sich die Hände.

    "Ist ein trauriger Fall mit dem jungen Paul, Nathan, sehr traurig. Aber worauf stützt ihr eure Ansicht, daß es nicht Indianer waren, die ihn getötet?"

    "Will's euch sagen, Sir. Möchte, wie der Gentleman da", er deutete auf den Kaufmann, "die Roten in diesem Fall in Schutz nehmen. Brechen nicht auf solche Art den Frieden. Sind auch alle im Norden auf der Jagd. Ist aber noch etwas andres, was mich glauben läßt, daß Prairieräuber ihre Hand im Spiele haben. Hat einer meiner Jungen am Tage nach dem Überfall zwei Strolche durch die Prairie traben sehen, welche einen jungen Menschen zwischen sich hatten. Ist mir das erst verdächtig geworden, als ich von dem Verbrechen erfuhr. Wie war der junge Osborne gekleidet, Sir?"

    "Er trug blaue Jacke und ebensolche Beinkleider und einen Wachstuchhut."

    "Stimmt", sagte der Cowboy, "so schilderte ihn mein Junge."

    "Um Gottes Willen", sagte zitternd vor Aufregung Brown, "Nathan, dann wäre ja das Kind nicht ermordet. Paul, unser Paul, lebte noch. Am Tage nach dem Überfall hat ihn der Junge erblickt? - Ist das sicher?"

    "So sicher wie das Amen in der Kirche."

    "O Herr des Himmels - o Gott, und ich habe den Totenschein gesehen - o Gott."

    Der Wirt war den Redenden näher getreten, als er erfuhr, in welcher Beziehung der alte Farmer und der Cowboy zu einander und dem vielbesprochenen Mordanfall standen; auch die andern hatten ihre Aufmerksamkeit auf die beiden Männer gerichtet und horchten aufmerksam zu.

    "Sage euch, Gentlemen", fuhr der Cowboy mit erhobener Stimme fort, "ist eine unklare Sache mit dem jungen Osborne, kalkuliere aber, die beiden dort", und er zeigte mit der Hand auf Ben und Jim, "können uns mehr davon sagen, haben eben vor meinen Ohren sehr verdächtige Reden geführt."

    Die so bezeichneten Banditen sprangen bei diesen Worten empor, und in eines jeden Hand blitzte ein Messer. Auch die andern erhoben sich.

    In drohender Haltung aber ging der Wirt auf Ben und Jim zu und sagte: "Die Waffen fort, Gentlemen, oder es ergeht euch übel."

    "Begreife nicht, was der Mann von uns will, Sir, sind friedliche Leute und kümmern uns keinen Teufel um andrer Angelegenheiten."

    Der Cowboy aber, in dessen strengen, wetterharten Zügen eine Entschlossenheit sich ausdrückte, die wohl geeignet war Respekt einzuflößen, fuhr fort, indem er Jim ansah: "Glaube, kenne dich, Bursche, bist Richter Lynch drüben entgangen, ob dir gleich die Regulatoren hart auf den Fersen waren. Will euch sagen, Gentlemen, bin hierher gekommen, um etwas zu hören über den Fall Osborne. Habe gehört. Äußerte der da", er wies auf Ben, "indem er den Namen Osborne nannte: 'wollte, hätte mich gar nicht in die Sache eingelassen, ist mir mitunter gar nicht wohl zu Mute, wenn ich an den Jungen denke.' Kalkuliere, wird sich lohnen, die Gesellen dort einem Kreuzverhör zu unterwerfen; wollen doch erfahren, was für eine Sache und was für ein Junge dies waren, die mit dem Namen Osborne zusammenhängen."

    "Möchte den sehen", schrie trotzig Ben, "der einen freien Bürger der Staaten auf solch alberne Anschuldigungen hin vor den Richter bringen wollte."

    "Gentlemen", rief Brown, der gewaltig erregt war, "die da sind's, die unsern Paul davongeführt und ermordet haben, setze meinen Hals zum Pfande, sie sind's."

    "Komm, Jim", sagte der lange Ben, "sind hier in ein Narrenhaus geraten, wollen andre Luft aufsuchen."

    Damit wollten sie davongehen.

    Aber der Wirt trat ihnen entgegen und neben ihm Nathan Wild.

    "Halte euch für genügend verdächtig, Bursche", sagte Taylor, "einmal ein eingehendes Verhör mit euch anzustellen. Müßte mich auch sehr täuschen, wenn euer Signalement, und besonders deine, mein Junge, mit der Narbe, nicht in den Akten des Sheriff zu finden wäre."

    "Segne deine Seele, Mann", schrie Ben, "wirst ein Loch in deiner Haut haben, ehe du Amen sagen kannst, wenn du ehrenwerte Gentlemen verdächtigst! Gieb Raum!" und drohend hob er die Pistole.

    Ein schnell geführter Schlag, mit welchem Nathan Wild mit seinem kurzen Peitschenstiel seine Hand traf, warf die Pistole zur Erde.

    Gleichzeitig traf ein Faustschlag des Wirts Jim, der mit seinem langen Messer herumhantierte, und machte ihn kampfunfähig.

    "Kalkuliere, Gentlemen", sagte er dann ruhig zu den Umstehenden, "sind die beiden genügend verdächtig, um dem Richter vorgeführt zu werden. Bin Magistratsperson, Gentlemen, und fordere euch auf, dem Gesetze Achtung zu verschaffen. Hier, Nathan Wild, ist mir als ehrenwerter Mann bekannt und ebenso Mr. Brown aus Arkansas, der Verwalter der Osborneschen

    Besitzungen; waren mir von guter Hand empfohlen worden. Sind gewichtige Zeugen. Achtung dem Gesetze. Seid verhaftet, ihr beiden."

    Dicht standen die Anwesenden um die beiden Banditen geschart, die, unfähig sich ihrer Waffen zu bedienen, auch gar keinen Widerstand versuchten. Da mit Ausnahme von Ben und Jim alle mit dem Rücken der Thüre zugekehrt standen, hatte niemand gesehen, wie dort ein Mann erschien, der einen Blick des Schreckens auf die Gruppe heftete.

    Als man die verdächtigen Gesellen binden wollte, fiel Bens Auge auf den Fremden, dieser machte ihm ein Zeichen und verschwand, ohne daß ihn jemand außer Ben gesehen hätte.

    Der Bandit, dem augenscheinlich nicht wohl zu Mut war, atmete jetzt, wie es schien, erleichtert auf und sagte zu seinem tückisch dareinschauenden Gefährten: "Komm, Jim, fügen wir uns ins Unvermeidliche. Weißt du, Gesetz ist Gesetz, muß respektiert werden. Wird den Gentlemen hier noch leid thun, zwei ehrenwerte Leute gekränkt zu haben."

    "Hier meine Hände, Sir", sagte er zum Wirt, der Stricke herbeigeholt hatte, "bindet mich; wenn ihr wollt, will euch gern vor den Richter folgen, haben reine Sache."

    "Will euch binden, Bursche", sagte trocken Taylor, "und vor den Richter werdet ihr bald kommen, 's ist aber diesmal nicht euer Spießgeselle, der Johnson."

    Beide wurden gebunden und von einem Teil der Anwesenden, denen sich Nathan Wild anschloß, nach einem Blockhause geführt, welches das Gerichtslokal und Gefängnis enthielt. Dort übergab man sie dem Konstabel.

    Als sie fort waren, sagte Taylor zu Brown: "Ist der Sheriff Heathcot in Monmouth mein Freund, Sir, hat euch an mich empfohlen, seid also auch ihr mein Freund. Freue mich, daß ihr hier seid. Habe wegen dieser Sache mit dem unglücklichen Jungen schon allerlei Bedenken gehabt. Ist eine merkwürdige Geschichte. Also in Monmouth hat der Osborne den Totenschein seines Neffen vorgezeigt?"

    "Ist so, Sir, in aller Form ausgestellt."

    "Hm, nun von den verhafteten beiden Burschen ist wohl allerlei herauszubekommen, sind in eine Pantherfalle hier geraten. Können solch Gesindel gerade noch brauchen."

    Der Cowboy, welcher sich davon überzeugt hatte, daß die beiden verdächtigen Burschen in sicheren Gewahrsam genommen waren, trat wieder ein und gesellte sich schweigend zu den Redenden.

    Brown, dem der Wirt als ein zuverlässiger, ehrenwerter Mann bezeichnet war, und der Nathan Wild als solchen kannte, zögerte nicht, ihnen sein ganzes Herz auszuschütten und den Verdacht, den der gegen James Osborne hegte, deutlich zu äußern.

    "Geht noch zu wild hier zu, Sir", erwiderte ihm hierauf Taylor, "wird das alles schwer zu beweisen sein, um so schwieriger, als der Schuft, der Richter Johnson, davongekommen ist. Woher Zeugen nehmen?"

    "Sagt mir nur eines, Sir, glaubt ihr, nach dem, was der junge Cowboy, der Untergebene Nathan Wilds, in der Steppe gesehen hat, und zu zweifeln ist nicht daran, daß der junge Osborne noch lebt?"

    Taylor schüttelte bedächtig den Kopf und entgegnete ernst: "Glaube nicht, Sir, nach allem, was ihr mir sagt, galt es, den Jungen zu beseitigen. Wir werden wenig aus den beiden Schuften herausbringen, aber ich habe sie verhaften lassen, um den Versuch zu machen, Licht in diese dunkle Affaire zu bringen. Gehöre zum Vigilanzkomitee", setzte er leise hinzu und fuhr wieder laut fort: "Zweifle nicht, daß diese Gesellen bei dem Morde beteiligt sind, und wundere mich, daß sie sich hierher zurückgewagt haben."

    "Nach dem, was ich von ihnen erlauschte", fügte Wild ein, "hofften sie hier auch einen gewissen Johnson zu treffen, auch scheinen sie nicht gut auf Mr. Osborne zu sprechen zu sein."

    "Werden entweder ihr Sündengeld noch nicht haben", meinte Taylor, "oder wollen den Versuch machen, weiteres von Osborne zu erpressen. Wird ja wegen Mangel an Zeugen nichts übrig bleiben, als die Burschen laufen zu lassen, wenn nicht noch etwa eine ältere Sache vorliegt - aber - kommt's euch auf eine Hand voll Dollar an, Sir?" wandte er sich an Brown.

    "Nein, auf mehrere Hände voll nicht, wenn ich Gewißheit über das Schicksal des Jungen erlangen kann."

    "Gut, wollen's versuchen. Will mit dem Richter sprechen und mit den Schuften. Werden sehen."

    Damit schloß die Unterredung. Der Versuch, den Taylor noch am Abend machte, Ben und Jim zum Sprechen zu bringen, mißlang; beide behaupteten keck, nichts von alledem, was ihnen zur Last gelegt werde, zu wissen, obgleich der Richter der Ansicht war, daß er in ihnen zwei höchst gefährliche Prairieräuber vor sich habe. Auch das Anbieten von Geld hatte auf die Schurken keinen Eindruck gemacht.

    Niedergeschlagen suchte Mr. Brown sein Lager. Er sowohl als der Cowboy konnten nicht schlafen; Wild, der gewohnt war, die Nacht unter freiem Himmel zuzubringen, erhob sich, um an die Luft zu gehen, und Brown schloß sich ihm an.

    Ein natürliches Gefühl trieb sie an, nach dem Blockhause zu schlendern, welches die Gefangenen barg.

    Die Nacht war dunkel, und ein feiner Regen fiel hernieder.

    Aus einigen Wirtshäusern drang noch Lärm; auch bei Taylor saßen noch einige Gäste, sonst schien alles in Garfield zu schlafen.

    Als sie sich, langsam in der Dunkelheit hinschreitend, dem Gefängnisse näherten, berührte Pferdewiehern ihr Ohr. Beide standen und lauschten. Dann schlich Wild, mit der Geräuschlosigkeit des Fuchses, sich im Schatten der nächsten Hütten haltend, vor und sein an die Dunkelheit gewöhntes Auge gewahrte bald drei gesattelte Rosse, welche von einem Manne gehalten wurden. Brown war langsam nachgeschlichen und stand neben dem Cowboy. Nach wenigen Sekunden huschten zwei dunkle Gestalten vom Gefängnisse herbei, die von einer gedämpften Stimme mit den Worten begrüßt wurden: "Kommt ihr endlich? 's ist Zeit."

    "Bei Gott", flüsterte Brown dem Cowboy ins Ohr, "das ist Mr. Osborne."

    "Ließ uns nicht früher los, Sir, aber hier sind wir", entgegnete der eine der Kommenden.

    "Waffen, Rationen sind auf den Pferden, hier sind für jeden hundert Dollar, und nun bringt rasch dreißig Meilen zwischen euch und den Galgen."

    "Danken euch, Mr. Osborne, war Zeit."

    Als sie im Begriff waren, sich auf die Pferde zu schwingen, trat Brown, der sich nicht länger zurückzuhalten vermochte, vor und sagte: "Wünsche euch guten Abend, Mr. Osborne, seid ja in guter Gesellschaft hier, wie ich sehe."

    Osborne stieß, so jäh überrascht, als er die Stimme Browns erkannte, einen grauenvollen Fluch aus, und machte eine Bewegung auf den alten Mann zu.

    "Wer sich rührt, dem fährt eine Kugel durch den Kopf", rief Wild und ließ den Hahn seiner Büchse, die er nach alter Gewohnheit mitgenommen hatte, knacken, "hat der Sheriff ein Wort mit euch zu sprechen."

    "Kommt mit, Sir", flüsterte eine Stimme, und zwei Reiter verschwanden eilig im Dunkel. Des Cowboys Büchse krachte, aber die Kugel erreichte kein Ziel.

    Der Knall einer Pistole ließ sich hören, sie sahen das aufflackernde Feuer, und die Kugel sauste an ihnen vorbei. Beide sprangen zur Seite, da jagte auch der dritte Reiter schon davon, den andern nach.

    "Reitet nur, James Osborne", rief Brown mit starker Stimme ihm nach, "der Rächer holt euch ein."

    "Zurück, zu Taylor", sagte Wild, "zu Pferde und ihnen nach."

    Sie gingen zurück. Von verschiedenen Seiten eilten Männer herbei, welche die Schüsse aufgescheucht hatten. Auch der Richter kam.

    Als er erfuhr, daß die Gefangenen entwischt seien, sagte er: "Hoffe, Gentlemen, sind einige unter euch, die dem Gesetze Achtung verschaffen und die Entflohenen verfolgen werden."

    "Habt euch nicht getäuscht, Richter", sagte ein baumlanger Arkansasmann, "soll geschehen. Holla, Boys, zu Pferde, giebt eine lustige Jagd, wollen dem Gesetz Achtung verschaffen."

    Er eilte mit andern davon, um die Pferde zu holen.

    "Kommt vorher zu Taylor", rief ihnen der Richter nach und ging mit Wild und Brown zum Gefängnis, wo es sich herausstellte, daß auch der Konstabel, welcher das Gefängnis bewachte entflohen war, und suchte dann das Unionhotel auf.

    Der Wirt vernahm mit Erstaunen die Anwesenheit Osbornes und die mit dessen Hilfe, sicher durch Bestechung des Gefängnisbeamten, ermöglichte Flucht der Gauner.

    Der Cowboy sattelte eilig sein und Mr. Browns Pferd. Da trabten schon von verschiedenen Seiten die jungen Männer heran, die sich bereit erklärt hatten, die Flüchtigen zu verfolgen.

    "Sind zunächst nach Norden geritten, die Burschen", nahm der Richter das Wort, "wie Mr. Wild sagte, ist die Steppe aber groß, können leicht einen Haken schlagen, ist notwendig, euch zu teilen, Gentlemen."

    "Habt recht, Richter", sagte Wild. "Ich will nach Norden gehen und bin dankbar, wenn sich zwei der Gentlemen mir anschließen."

    "Komm, Jack", sagte der lange Arkansasmann zu einem der Umstehenden, "gehen wir mit ihm nach Norden."

    "Ist recht, meine Jungen", nahm der Richter das Wort, "geht ihr nach Norden und ihr andern teilt euch nach Ost und West. Glaube nicht, daß die Flüchtigen in der Nacht den Fluß zu kreuzen wagen. Wenn ihr den Konstabel seht, bringt ihn auch mit. Hat die Schufte entwischen lassen. Wollen auch mit ihm ein Wörtchen reden."

    Die Verfolger teilten sich und galoppierten in die Nacht hinaus. Brown schloß sich trotz Taylors Abmahnen dem Cowboy an.

    "Glaube, Taylor", sagte der Richter ernst zu dem Wirt, als sie davon waren, "hatten einen guten Fang gemacht, zweifle nicht, daß wir den berüchtigten Prairieräuber, den langen Ben, und den scheußlichen Mordgesellen, den Bloom, bei uns hatten. Und Mr. Osborne? Nun, hoffe, unsre Jungens treffen auf ihre Fährte. Wollen hier schon Ordnung schaffen, Taylor, so daß anständige Menschen frei atmen können. Gute Nacht, Sir!"

Siebtes Kapitel

Schon war die Sonne über dem Horizont erschienen, als Puck und der Trapper erwachten. Beide verließen alsbald die Höhle und schritten vorsichtig, die Büchsen in den Händen, hinaus nach dem Rande des Gehölzes, um von dort aus einen Blick in die Prairie zu werfen. Die Sonne strahlte vom heiteren Himmel hernieder, und nur das niedergebeugte Gras zeugte von den Regengüssen der vergangenen Nacht. Die scharfen und geübten Augen der beiden Männer überflogen die Steppe nach dem Ohsonta und den Felsen hin, doch einsam lag die Fläche vor ihnen da, als ob sie nie ein Menschenfuß betreten hätte. Sie gingen dann nach der andern Seite, doch auch hier gewahrte der Blick nichts, was auf die Anwesenheit der Kiowas schließen ließ.

    Zurück zur Höhle schreitend, trafen sie dort Stone und Paul bereits munter und ersteren beschäftigt, das Feuer anzufachen. Dies verbot aber sofort der Trapper.

    "Geht nicht, Sir, Feuer anzuzünden. Feuer giebt Rauch, den wir in der Höhle nicht zurückhalten können, und die Kiowas haben gute Augen. Werden sich wohl an diesem gesegneten Morgen scharf umsehen, wo der Grizzly und sein Medizinmann geblieben sind."

    "Nun, wenn ihr meint, alter Steppenbär, wollen wir das Frühstück kalt verzehren; wäre nicht das erste Mal, daß meines Vaters Sohn ohne heißen Thee das Tagewerk begann. Wie steht's denn draußen?"

    "Nichts zu sehen, weit und breit. Unsere Spuren werden sie vergeblich suchen, sind vom Regen total verwischt."

    Man sah nach den Pferden und fütterte sie, dann frühstückten die vier Höhlengenossen in gehobener Stimmung, da sie der so drohenden Gefahr des vergangenen Tages glücklich entronnen waren, unbesorgt um die nächste Zukunft.

    Auf des Trappers Rat ward dann beschlossen, sich nach vier Seiten hin am Rande des Gehölzes zu verteilen und für alle Fälle einen wachsamen Ausguck auf die Steppe zu halten. Er selbst wies den drei andern ihre Plätze an, verabredete Warnungszeichen mit ihnen und nahm selbst einen Wachposten ein.

    Der Tag, sonnenhell und heiter, nach dem nächtlichen Gewittersturme, verlief ruhig. Mehrmals wurden zwar Kiowas in der Steppe erblickt, einige, die sich auf das Lager zu bewegten, andre, die von diesem herkamen, doch niemand nahte sich dem Gehölze, welches die Flüchtigen barg, und kein Zeichen deutete darauf hin, daß man es beargwohne.

    Über die Art, wie die Flucht des Trappers ausgeführt worden war, mußten die Indianer gänzlich im unklaren sein. Der Trapper ging mehrmals zu den andern und ließ sich von ihren Wahrnehmungen Bericht erstatten. Doch niemand hatte Auffälliges bemerkt.

    Die Nacht brach herein, und alle vier sammelten sich in der Höhle.

    "Wäre es nicht doch besser, Puck", sagte sorgenvoll der Trapper, "wir nähmen unsre Pferde, Paul setze sich zu mir, Stone ritte mit dir, suchten den Arkansas zu gewinnen, kreuzten ihn entweder oder bauten uns ein Floß, um auf dem Strome hinabzugehen?"

    "Die Kiowas, Oheim, sind in starker Zahl in der Steppe und weit umher zerstreut, es ist undenkbar, daß sie uns nicht morgen erschauen sollten, oder unsre Spuren kreuzen und ihnen folgen. Sobald wir erreicht werden, sind wir verloren, denn zwei Reiter auf einem Pferderücken kommen nicht weit. Es bleibt nichts übrig, als uns alle beritten zu machen, darum will ich gehen, Pferde zu holen. Dann, hoffe ich, legen wir in der Nacht eine Strecke zurück, die uns aus dem Bereiche der Feinde bringt. Mit einzelnen, die uns noch aufstoßen, sprechen wir durch die Büchsen."

    "Ganz gut, Puck, aber ich fürchte Gefahr für dich, wenn du dich jetzt unter die Roten schleichst."

    "Gefahr, Oheim? Kennst du Puck so wenig? Ich beschleiche den Panther im Grase und sollte Gefahr von den Kiowas fürchten?"

    "Und ich gehe mit ihm, Oheim", sagte entschlossen Paul, "und teile seine Gefahr."

    Puck lächelte ihm zu.

    "Du hast zu wenig Erfahrung, Kind."

    "Paul sehr klug", sagte der Zwerg, "und gewandt gleich der Schlange. Müssen zwei gehen, zwei die Pferde reiten."

    "Dann will ich mit dir gehen, Puck."

    "Du bist zu groß, Oheim, und nicht mehr jung genug, um im Grase zu kriechen, und auch zu schwer für ein Indianerpferd. Laß Puck und Paul gehen, Puck ist vorsichtig."

    "Sehe, es muß gewagt werden", sagte ernst der Trapper, "nun, dann geht, Kinder, und Gott schütze euch."

    "Würde gern mit dem kleinen Herrn gehen", äußerte Stone, "verstehe mich aber nur wenig auf die Schliche der Rothäute, und mit meiner Reitkunst ist es auch nicht weit her. Wurde mit einem Maultier schon fertig, aber einen bockbeinigen Prairiemustang zu bändigen, das ist doch eine andre Sache."

    "Dank euch, Sir", sagte der Trapper, "meint es gut, Sir, aber muß es denn sein, so ist es besser, die jungen Leute gehen, sind gewandt wie Katzen und gloriose Reiter."

    Puck nahm seinen Lasso und statt der Büchse Bogen und Pfeil, die er mitgeführt hatte; auf seinen Rat ließ auch Paul die Büchse als unnütz und nur hinderlich zurück.

    Dann gingen die beiden jungen Leute. Der Trapper und Bill Stone begleiteten sie bis zum Rande des Gehölzes.

    "Hier warten wir dein, Puck", sagte Grizzly, "melde dich durch den Eulenruf an, wenn du zurückkommst, und ist Gefahr hinter dir, laß den Schrei des Adlers hören."

    "Gut, Oheim", entgegnete der Zwerg und schritt mit Paul in die Nacht hinein.

    Das Felsenlabyrinth, in welchem die Kiowas sich niedergelassen, war nur wenige Meilen von dem Gehölz entfernt, in welchem die Flüchtlinge Zuflucht gefunden hatten.

    Geräuschlos schritten Puck und Paul durch das hohe gras, mit scharfen Blicken die Nacht durchforschend, ob sie Gefahr berge.

    Der Zwerg hatte einen Pfeil bereit, um ihn, wenn es nötig sein sollte, sofort brauchen zu können.

    Er wußte von seinen nächtlichen Streifereien um das Lager der Feinde, daß ein Teil der Pferde in der Steppe gelassen wurde, angepflockt oder frei weidend. Er wußte auch, daß Wächter dabei waren, und der gestrige Kampf, wie die Kunde von den in der Prairie erschlagenen Kriegern konnte deren Wachsamkeit nur verschärft haben.

    Es hieß also den mit so geschärften Sinnen ausgerüsteten Indianern gegenüber mit der größten Vorsicht zu Werke zu gehen. Puck wählte für ihren Weg die tieferliegenden Stellen des leicht gewellten Bodens, und je mehr sie sich den Felsen näherten, umso vorsichtiger wurde der Gang. Gebückt, Schritt für Schritt, schlichen sie dahin, oftmals haltend und eifrig lauschend. Wolken waren am Himmel aufgezogen und verhüllten der Sterne Licht.

    Als sie auf der Höhe einer leichten Bodenerhebung angelangt waren, erblickten beide ein Feuer, um welches einige Kiowas lagerten.

    Nach kurzer Umschau begannen sie langsam vorwärts zu kriechen. Bald gewahrten sie in der Nähe des Feuers angepflockte Pferde, von denen mehrere zu Pucks Freude gesattelt und gezäumt waren. Langsam, langsam krochen sie näher. Sie hatten die Pferde, deren es wohl einige zwanzig sein mochten, zwischen sich und den Wächtern.

    Auf etwa fünfzig Schritt herangekommen, musterte Puck die Rosse, dann flüsterte er Paul ins Ohr: "Schleiche dich an den Braunen dort rechts, löse erst, wenn du mein Zischen hörst, den Lasso vom Pflock, dann aber hurtig in den Sattel und davon. Ich nehme den Fuchs dort drüben. Entdeckt man dich vorher, dann auf das nächste Pferd und in die Nacht hinein."

    Sie krochen jetzt zwischen die in mehr als zwei Lassolängen voneinander angepflockten Rosse. Die Wächter saßen schweigend an dem Feuer.

    Das erste Pferd, welchem Puck nahte, wich erschreckt vor ihm zurück, aber der Zwerg beruhigte es sofort durch einen Laut, mit welchem die Indianer ihre Tiere zu liebkosen pflegen. Einer von den Wächtern sah auf, als das Roß unruhig wurde, wendete sich aber dann wieder gleichgültig ab.

    Puck erhob sich etwas, als er in der Nähe des Tieres war, welches er sich ausersehen hatte, und sah nach dem Braunen hin, den Paul nehmen sollte. Der Jüngling war in dessen Nähe.

    Ganz unerwartet drang ein gellender Ruf, von dem Felseneingang her, in die Steppe hinaus. Er mußte den Wächtern gelten, denn diese sprangen auf und auf die Pferde zu. Jetzt that Eile not. Puck riß den Lasso, welcher den Fuchs festhielt, aus dem Boden und ließ, um Paul aufmerksam zu machen, daß der entscheidende Moment gekommen sei, ein leises Pfeifen hören. Zu seiner Freude gewahrte er ihn schon im Sattel, sich tief auf den Hals des Pferdes beugend. Er schwang sich sofort auf den Fuchs, sich ebenfalls tief nach vorn neigend. Das Licht, welches von dem Feuer in die Steppe hinausdrang, war zu schwach, als daß sie so gesehen werden konnten. Langsam ließ Puck sein Roß vorwärts gehen, sich fortwährend durch die andern Pferde vor den Blicken der nahenden Wächter deckend, und Paul ahmte ihm hierin nach. Bald aber waren sie beieinander und sprengten nun Galopp an. Die Wächter mußten wohl glauben, daß die Tiere sich losgerissen hatten und in Freiheitslust die Prairie suchten; sie lockten, pfiffen und liefen dann mit großer Geschwindigkeit den Davongaloppierenden nach. Puck wandte sein Pferd um, stieß mit ungestümer Kraft den Schlachtruf der Cheyennes aus und schnellte einen Pfeil ab. Diesen Ruf hörend, zugleich mit dem Zischen des Pfeiles, kehrten die Kiowas um und liefen mit einer Eile davon, welche Puck und Paul ein heiteres Lachen entlockte.

    "Jetzt ist es aber Zeit, Paul, jetzt müssen die Tiere den Raum verschlingen", und dahin sausten sie in vollem Rosseslauf, nach Osten zu. Der Schlachtruf der Cheyennes hatte die Kiowas derartig eingeschüchtert, daß sie mit der Verfolgung zögerten. Erst nach einigen Minuten, welche den Davonjagenden großen Vorsprung gewährten, sprengte eine Schar Kiowas ihnen nach. Nachdem die beiden Reiter eine genügende Strecke nach Osten zurückgelegt zu haben glaubten, wandten sie nach rechts um.

    Bald sahen sie das Gehölz vor sich auftauchen, und der Eulenschrei belehrte den besorgt harrenden Trapper, daß die kühnen Jünglinge glücklich mit der Beute zurückgelangt waren.

    Puck und Paul wurden von dem Alten und Bill beglückwünscht.

    Sie stiegen ab und zogen die Pferde ins Gebüsch.

    Lachend erzählte der Zwerg, wie er die Tiere der Kiowas erbeutet und die Krieger mit dem Schlachtruf der Cheyennes davongejagt habe.

    "Der Kiowa ist in der Steppe, Oheim. Er sucht uns im Osten, laß uns nach Süden reiten."

    "Recht, Junge, wollen uns davon machen."

    Blitz und Thunder wurden herbeigeführt; die Männer nahmen ihre Waffen, Bill Stone erhielt den Fuchs, der unter den gewaltigen Schenkeln Pucks sehr zahm geworden war, Paul behielt den von ihm erbeuteten Braunen.

    Puck und der Trapper bestiegen ihre Rosse, und unter des Zwerges Führung ritten sie in die Prairie hinaus, nach Süden zu.

    Schweigend galoppierten die vier Reiter in der dunklen Nacht einher.

    Von Zeit zu Zeit ließen sie ihre Tiere in Schritt fallen, um sie verschnaufen zu lassen.

    "Wie ist es herrlich, unter Gottes freiem Himmel, umweht von seinem Odem, durch die Steppe zu eilen, doppelt herrlich, wenn man, wie ich, lange Tage in einer dumpfen Höhle gelegen hat", sagte der Trapper, als sie eben langsam einherritten.

    "Vermute, befände mich wohler, wenn ich in den gesegneten Ansiedlungen wäre", brummte der Büchsenmacher, "statt auf dieser unverständigen Bestie in der Prairie umhergerüttelt zu werden. Ist Geschmacksache, Sir, wollte, hätte mein sanftes Maultier und ritte auf schattiger Landstraße einher."

    "Nun, Freund Stone", entgegnete ihm lächelnd der Trapper, "ich hoffe, ihr werdet bald wieder in der Heimat sein und euch dann mit Behagen eurer Strapazen und Abenteuer in der Steppe erinnern."

    "Habe die Notion, alter Herr, werde noch allerlei Abenteuer erleben, ehe die Steppe hinter mir liegt. Sollte mich wundern, wenn die roten Gentlemen uns nicht noch zu schaffen machten."

    "Nun, Bill Stone, seid zwar ein friedlicher Mann, wie ich weiß?"

    "Ist so, Sir."

    "Aber vermute, werdet euch nicht wehrlos abschlachten lassen."

    "Könnt euch darauf verlassen, Sir, ist mir meine Kopfhaut zu lieb, um sie nicht nach Kräften zu verteidigen. Wird mein alter Vater große Augen machen, wenn er erfährt, was ich hier mitgemacht habe, und daß ich sogar einen blutigen Wasserfall auf einem Balken hinabgefahren bin. Wollte, säße bei dem alten Mann, dürft's glauben, Sir."

    "Und sehnst du dich auch aus der Steppe und ihren Gefahren fort, Paul?"

    "Wenn ich aufrichtig sein soll, ja, Oheim; ich wünschte, wir wären alle in Sicherheit, und ich weilte am Arkansas unter der Veranda von Woodhouse. Abenteuer habe ich für dieses Leben genug gehabt."

    "Glaube dir's, Kind; ist wild hergegangen die Tage über, wild. Gab eine Zeit, wo auch ich mich nach dem Heimatherde sehnte, ist längst vorüber, möchte nicht mehr in die Ansiedlungen und Städten leben. Und mein Puck?"

    "Die Prairie ist Pucks Heimat und wird sein Grab. Nur, wenn der Oheim zu den Städten geht, geht Puck mit. Der Graue Bär kann nicht ohne Medizinmann sein."

    "Richtig, Junge, hat das Schicksal uns zusammengeworfen, und nur der Tod kann uns trennen."

    Niemand setzte das Gespräch fort, und bald ließen sie die Pferde wieder Galopp ansprengen.

    Sie hatten bereits eine gute Zahl von Meilen zurückgelegt, als endlich der im Osten sich leicht erhellende Horizont die Wiederkehr der Sonne andeutete. Die Pferde, und besonders Thunder, der die schwere Gestalt des Trappers zu tragen hatte, waren erschöpft.

    Als es lichter wurde, beschloß man, von dem anstrengenden Ritt auszuruhen, und schaute sich nach einer geeigneten Lagerstatt um. Ein glücklicher Zufall wollte, daß sie im grauen Dämmerlichte des Morgens in nicht großer Entfernung ein Gehölz vor sich erblickten, wie sie die Steppe nordwärts, nach dem Ohsonta zu, häufiger aufwies, während sie nach Süden hin immer seltener wurden. Auf dieses ritten sie zu.

    Das Wiehern eines Pferdes zur Linken ihres Weges machte sie plötzlich halten und zu den Waffen greifen. Gleich darauf erschien ein Pferd über dem Grase, dem die hochgewachsene Gestalt eines Mannes folgte.

    Trotz des Halblichts erkannten die Flüchtlinge sofort den Weißen in der so überraschend auftauchenden Gestalt.

    "Halloh, Fremder, was thut ihr hier?"

    "Könnte ich euch auch fragen", entgegnete der Mann trocken, "denke, die Prairie ist frei."

    "Halte die Büchse bereit, Puck", sagte der Trapper leise, "man kann nicht wissen, wen man vor sich hat, und ob er allein ist; ich will ihn näher besehen."

    Damit ritt er gemessen, die Büchse schußfertig, auf den Mann zu, der sein Herankommen, auf seine lange Rifle gelehnt, ruhig erwartete.

    Das Äußere des Fremden zeigte unverkennbar den Jäger des Westens. Der Mann war kräftig gebaut, und das gebräunte Gesicht, das ein kurz gehaltener dunkler Bart umgab, hatte etwas Zutrauen erweckendes.

    Sein Blick war nicht ohne einige Verwunderung auf das ungewöhnlich hohe Pferd und die herkulische Gestalt seines Reiters gerichtet.

    "Kalkuliere, Sir", sagte der Trapper, dem, als er herankam und den Mann näher ins Auge faßte, jede Besorgnis schwand, "kalkuliere, Sir, seid ein Westmann?"

    "Kalkuliert richtig, Grizzly", war die Antwort, und der Ton, in dem sie gegeben wurde, hatte etwas Achtungsvolles.

    "Kennt mich, Mann?"

    "Seh euch heut zum ersten Mal, aber weiß, daß nur einer in der Steppe auf solchem Pferde reitet. Erzählen die Jäger abends an den Feuern von euch und eurem Medizinmann. Seid bekannt in der Prairie, Grizzly."

    "Wundere mich, euch allein hier zu finden in der Öde, Mister -"

    "Sagt Sam Walker, Sir, werdet das richtige treffen."

    "O, Sir, freut mich, kenne euren Namen, freut mich, Sam Walker", und er reichte dem Jäger die Hand, die dieser ergriff und herzhaft schüttelte: "Seid allein?"

    "Bin allein auf dem Wege zum Canadian, wo ich meine Jagdgesellschaft treffen werde, wurde am Missouri aufgehalten, wollen am Canadian Büffel schießen, Sir."

    "Lenket den Kopf eures Pferdes zum Missouri zurück, Mann, ist der Teufel los in der Steppe."

    "Wie?" fragte Walker erstaunt, "sind die Roten aneinander?"

    "Sind, Mann. Haben eine blutige Frolic mit den Kiowas gehabt und sind auf der Flucht vor ihnen, die Roten sind an der ganzen Grenze in Bewegung."

    "Nun, by Jove", erwiderte ernst der Büffeljäger, "das sind schlimme Neuigkeiten, wußte man am Missouri nichts davon, als ich abritt."

    "Werden's dort früher erfahren, als ihnen lieb ist. Doch kommt, Mann, laßt uns die deckenden Büsche dort aufsuchen, ehe die Sonne aufgeht, die Roten haben scharfe Augen. Haben Ruhe nötig, sind die Nacht durch geritten."

    Die andern waren herangekommen, und Walker erschrak sichtlich, als er Pucks Gnomengestalt vor sich sah.

    Der Trapper bemerkte das und sagte: "Ist mein Sohn, Walker, mein lieber Puck."

    Walker bezwang sich und schüttelte dem Zwerg, der an den Eindruck, den seine Persönlichkeit machte, gewöhnt war, die Hand.

    Flüchtig stellte ihm Grizzly auch Bill und Paul vor.

    "Segne meine Seele", sagte der Büffeljäger dann, "hätte mir nicht träumen lassen, daß der Friede in der Steppe gebrochen sei."

    Er pflockte sein Pferd los, lud ihm den Mantelsack und die wollene Decke auf, die ihm als Lagerstatt gedient hatten, und schritt, es am Zügel führend, neben dem Trapper den Büschen zu, die sie bald erreichten.

    Paul und Bill folgten.

    Wie gewöhnlich in diesen Steppenoasen fanden sie auch hier bald einen Quell, dessen Wasser Mensch und Tier sehr willkommen war. Sie ließen die Pferde weiden und stärkten sich an den mitgeführten Nahrungsmitteln. Der Trapper gab dem Büffeljäger während des Mahles einen kurzen Abriß seiner jüngsten Abenteuer, ein Bericht, dem Walker mit hohem Erstaunen lauschte.

    "Hat euch Gott mir in den Weg geführt, Grizzly", sagte Walker, "wäre sonst den blutigen Schurken in die Fänge gelaufen. Gott steh uns bei, die Sioux auf dem Kriegspfade?"

    "Haben die Kiowas und Cheyennes näher auf dem Halse, als die Roten weiter im Norden. Müssen Wachen ausstellen, Puck, denn kreuzen die Kiowas unsre Spur, sind sie gleich Bluthunden hinter uns her. Die Hufe meines Thunder sagen ihnen deutlich genug, wen sie vor sich haben. Hoffe einzig, daß unsre Freunde, die Cheyennes, bald von sich hören lassen."

    "Gut, Oheim, ich werde Wache halten. Paul ist todmüde und ebenso der Büchsenschmied, und du mußt Ruhe haben nach dem langen Ritt."

    "Und du?"

    "Ich bin nicht müde."

    "Wenn euer Puck auf dieser Seite auf die Prairie schauen will, Grizzly", sagte Walker, "so will ich das Gleiche nach Osten hin thun. Ich bin ausgeruht, könnt ruhig schlafen, so lange Sam Walker wacht."

    "Ist recht, Mann, haben Ruhe nötig. Fühle doch, daß acht Tage gebunden in einer Höhle liegen die Körperkraft nicht stärkt. Seht nach Osten aus, Puck wacht hier. Will etwas schlafen, Junge, löse dich hernach ab. Kommt etwas Verdächtiges, laß den Eulenschrei hören."

    Walker nahm seine Büchse und ging an den östlichen Rand des Gehölzes.

    Der Trapper, Bill und Paul streckten sich im Grase aus und waren rasch entschlummert.

    Puck aber nahm seine Büchse, Bogen und Pfeil und ging zum Rande des Holzes, um auf ihrer Spur zurückzuschauen. Er erkletterte einen Baum, der ihm zwischen den Ästen einen erträglichen Sitz bot, hockte dort nieder und ließ den Blick über die Ebene schweifen.

    Dort saß der so mißgestaltete Jüngling, in dessen Körper eine Seele von seltener Reinheit und Schönheit wohnte, und schaute schweigend über seine Heimat, wie er die endlose Prairie nannte, hinweg. Für ihn gab es nichts auf dieser Welt als die Steppe, in der er, wenn auch nicht geboren, doch zu neuem physischen und vor allem zu geistigem Leben erwacht war, und den alten Trapper, dessen rauhe Zärtlichkeit ihn vom Beginn seines neuen Daseins fürsorgend umgeben hatte. Alles, was dieses Herz an Liebe hatte, konzentrierte sich auf den "Oheim", der ihm Vater und Mutter ersetzte. Er kannte ja nichts andres. Von seiner so unglücklichen Körpergestalt, besonders seinem häßlichen Gesicht, wußte er wenig, denn in der Einsamkeit der Wüste kam es ihm kaum zu Bewußtsein. Beides verursachte ihm keinen Kummer. Die Zuneigung des Trappers beeinträchtigte es nicht, und was war ihm an andern gelegen? Ja, er freute sich sogar, wenn Weiße, besonders aber, wenn Indianer vor seiner Erscheinung erschraken. Auch war er an diesen Eindruck seiner Persönlichkeit von Jugend auf gewöhnt. Pauls schöne Gestalt und hübsches Gesicht bewunderte er, ohne es zu beneiden. Auch liebte er den Jüngling und gönnte ihm die Gunst des Trappers, da sich Paul derer nicht lange erfreuen sollte, während er sonst wohl eifersüchtig gewesen wäre.

    Die Zuneigung Grizzlys wollte er mit niemand teilen.

    Der Ideenkreis Pucks war beschränkt. Der Trapper hatte ihn in unsrer Religion unterrichtet und ihm den festen Glauben an Gott und den Heiland gegeben. In der Bibel las Puck mit Andacht die heilige Geschichte. Vorstellungen von den Erscheinungen der Welt hatte ihm sein Pflegevater hervorzurufen gesucht, doch beim Mangel der Anschauung nicht mit Erfolg. Er hatte von der Welt außerhalb der Steppe seine eigenen Ansichten. Puck lebte ein Geistesleben für sich und war glücklich darin. Sorge kannte er so wenig wie Furcht. Der erste gewaltige Schmerz erschütterte seine Seele, als ihm sein Oheim geraubt worden war und in Todesnot schwebte. Doch das war überwunden, unter ihm im Dickicht schlief der alte Mann, bewacht von ihm, und Puck war glücklich.

    Seine Gedanken, während er auf dem hohen Wachtposten weilte, beschäftigten sich nur mit den Gefahren, die den Oheim bedrohen könnten, und unablässig durchmaß sein Auge, scharf gleich dem des Adlers, die weite Fläche vor ihm, die nur selten durch ein Gehölz unterbrochen wurde, ähnlich dem, in welchem sie Schutz gefunden hatten.

    Stundenlang saß er so unbeweglich, unermüdet in seiner Wachsamkeit.

    Da tauchte im Süden etwas auf, was seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Durch einen Eulenschrei lockte er rasch den Trapper herbei, dem Bill und Paul und gleich darauf Walker folgten.

    "Was giebt's, Junge?" fragte Grizzly leise.

    "Eine Rothaut kommt dort von Süden heran."

    "Nur eine?"

    "Sehe nur die eine."

    Grizzly und die andern erkletterten Bäume, da von unten der Wilde zunächst nicht zu sehen war. Von höherem Standpunkte erblickten sie ihn, wie er in leichtem Galopp einhersprengte.

    "Ist es ein Kiowa oder ein Cheyenne, Puck?" fragte der Trapper.

    "Kann es nicht erkennen."

    "Was thun wir, Puck? Er wird auf unsre Spur treffen."

    "Ich will nach ihm sehen, Oheim, und ihn fangen, wenn er ein Kiowa ist."

    Und mit großer Gewandtheit stieg Puck herab.

    "Wie willst du das anfangen, Kind?"

    "Ich schleiche mich an ihn; er ist ganz sorglos, und ist er ein Kiowa, hole ich ihn vom Pferde."

    "Gefährliche Sache."

    "Gefährlich? Für mich?" Puck lachte.

    "Geh, Junge, geh; bist ihm gewachsen, weiß es; geh, es ist wichtig, zu erfahren, ob wir Freund oder Feind vor uns haben. Geh, ehe er davonjagt."

    Puck nahm seinen Lasso, Bogen und Pfeil; die Büchse ließ er zurück.

    Zu Paul sagte er: "Sattle den Blitz und führ ihn hierher. Wenn du siehst, daß der Indianer davonjagt, reite im vollen Laufe auf mich zu und bringe mir das Pferd; haben müssen wir ihn, oder wir sind verraten."

    Paul gehorchte sofort, und Puck ging an den Rand des Gehölzes, warf sich dort nieder und kroch hinaus, lief dann mit großer Schnelligkeit, gedeckt durch eine leichte Erdwelle vor dem Auge des noch entfernten Indianers, nach der Stelle zu, wo der Fremde ihre Spur treffen mußte, und entschwand den Blicken der aufgeregt Nachschauenden. Paul war auf dem gesattelten Blitz erschienen.

    Jetzt wurde den mit gespannter Aufmerksamkeit auf die Prairie Hinausschauenden der Indianer sichtbar. Sorglos, wie es schien, sprengte er in leichtem Galopp dahin. Von Puck war nichts zu gewahren.

    Je mehr sich der Indianer der Stelle näherte, wo Puck liegen mußte, desto größer wurde die Aufregung der Zuschauer.

    Der Wilde hielt sein Roß an und schaute zur Erde nieder, er war an der Stelle angelangt, wo sein Weg die Spur der Flüchtlinge kreuzte. Obgleich es zu weit für einen Schuß war, hob der Trapper unwillkürlich seine Büchse.

    Aller Augen waren mit fieberhafter Spannung auf den roten Krieger gerichtet.

    Jetzt - jählings verschwand der Mann vom Pferde im Grase; nur das Pferd allein war noch sichtbar.

    "Er hat ihn", jubelte der Trapper - "der Goldjunge! Hinaus, Paul, hilf ihm, aber halte die Büchse bereit."

    Und hinaus jagte der Jüngling auf dem Blitz.

    "By Jove!" sagte Walker, "ist der Bursche ein Prairiekrieger."

    "'s ist ein Mann, der kleine Gentleman", lachte Bill Stone, "kenne ihn, 's ist ein richtiger Medizinmann."

    In wenigen Minuten hatte Paul, die gespannte Büchse in der Hand die Stelle erreicht, wo der Indianer verschwunden war.

    "Puck!" rief er.

    "Hier, Junge", hallte es zurück, und der Zwerg erhob sich aus dem Grase. "Komm."

    Paul ritt hin und sah vor sich auf dem Boden den mit dem Lasso fest umschnürten Indianer.

    "Ihn fangen", lachte der Zwerg, "er dumm; junger Krieger, denken nicht, daß der Medizinmann in der Steppe."

    Mit einer bewundernswerten Geschicklichkeit hatte sich Puck im Grase verborgen, gerade da, wo sie nach dem Gehölz umgebogen waren. Als der Indianer, wie er vorausgesehen, der neuen Richtung nachschaute und ihm, haltend, den Rücken kehrte, flog sein unfehlbarer Lasso aus und brachte den Wilden zu Boden. Ehe der, so jählings überrascht und unsanft die Erde berührend, auch nur ein Glied rühren konnte, lag Puck auf ihm und schnürte ihm Arme und Beine mit dem Lasso zusammen.

    Stumm und verstört lag der noch junge Wilde vor Paul da, und mit unverkennbarer Angst weilten seine dunklen Augen auf Puck.

    "Steig ab, Paul, und setze dich zu ihm mit der Büchse, wir müssen das Pferd haben, das darf nicht in der Steppe bleiben."

    Paul sprang vom Rücken seines Tieres, und Puck schwang sich hinauf.

    Des Indianers Pferd hatte sich nicht weit entfernt, und als Puck, den Lasso schwingend, darauf zuritt, blieb es dieser ihm bekannten und gefürchteten Bewegung gegenüber stehen, so daß er es am Zügel ergreifen und rasch zu dem Gefangenen zurückbringen konnte.

    "Richte den Gefangenen auf, Paul."

    Dieser that so; Puck ergriff den Gebundenen und zog ihn mit unwiderstehlicher Kraft quer vor sich auf den Sattel.

    "Besteige sein Pferd, und dann rasch zurück zum Oheim; es ist nicht gut, lange in der Steppe zu weilen."

    Beide sprengten dann auf das Gehölz zu, wo Puck inmitten der staunenden Männer seinen Gefangenen vom Pferde gleiten ließ.

    "Hallo, kleiner Herr", sagte Bill Stone, war ein gewaltig Ding, das ihr vollbracht habt, ist ein Fakt."

    "Hätte ich es nicht mit Augen gesehen, nimmer würde ich es geglaubt haben", versetzte Walker mit ganz unverhohlener Bewunderung.

    Der Alte nickte und reichte dem Zwerge die Hand. "Gut gemacht, Puck."

    Da strahlten dessen Augen freudig auf.

    "Nun wollen wir doch sehen, wen wir da haben", und die Augen richteten sich auf den Gefangenen, dessen Blicke von einem der Anwesenden zum andern wanderten. Der Indianer war ein Jüngling von vielleicht zwanzig Jahren, gekleidet nach der Weise seiner Stammesverwandten. Doch trug er die Skalplocke, zum Zeichen, daß er auf dem Kriegspfade sei.

    "Was denkt ihr, Walker, welchem Stamm der Mann angehört?"

    "Möchte meinen, 's wär ein Kaw, Grizzly", entgegnete dieser, der den Gefangenen aufmerksam betrachtet hatte.

    "Sagt die Wahrheit, ist's nicht so, Puck?"

    "Ist ein Kaw auf dem Kriegspfade."

    "Nun, mein Junge, wo kommst du denn her?" redete ihn der Trapper in der Mundart der Cheyennes an.

    Der Indianer gab keine Antwort, seine Blicke waren mit dem Ausdruck der Furcht auf Puck geheftet.

    "O, der Kawkrieger will nicht antworten", fuhr der Alte fort. "Gut. Puck, häng ihn auf!" Eines der grimmigsten Gesichter schneidend, nahte sich ihm der Zwerg und griff nach seinem Nacken.

    Trotz seines Stoicismus zuckte der Indianer zusammen, wandte dann sein Auge auf den Trapper und sagte: "Schneeflocke will reden, nimm den Medizinmann fort."

    "Oho", lachte der Trapper, "Schneeflocke möchte nicht gern Skalp und Schädel auf einmal verlieren; nun gut, möge er mir meine Fragen beantworten. Also Schneeflocke, welchem Volke gehörst du an?"

    "Schneeflocke ist ein Kaw."

    "Gut, und was thust du mit der Kriegslocke in der Steppe, haben die Kaws den Tomahawk ausgegraben?"

    "Die Kaws haben Krieg."

    "Mit wem?"

    "Mit den Yengees."

    "Ach so, und ihr seid auf dem Wege, euch mit den Kiowas und Dakotas am Ohsonta zu vereinen?"

    Mit merkbarem Erstaunen sah der junge Krieger ihn an, ohne indessen zu antworten.

    "Gut, ich weiß das. habt ihr den Cheyennes auch den blutigen Pfeil geschickt?"

    "Die Cheyennes sind Hunde."

    "Natürlich, natürlich. Es geht nichts über landsmannschaftliche Gefühle. Wie groß ist die Zahl der Kawkrieger?"

    Der Indianer zögerte mit der Antwort.

    "Der Gefangene möge sprechen, und zwar die Wahrheit, der Medizinmann liest in seinem Herzen."

    "Dreihundert Krieger reiten in der Prairie."

    "Gut. Wo sind sie?"

    "Sie kommen von Süden her."

    "Hast du etwas von den Cheyennes gesehen?"

    "Sie sind nach Osten entflohen."

    "Hm, Hm! Na meinetwegen, werden schon von sich hören lassen. Wie kommt denn der junge Kaw allein hier in die Steppe?"

    "Schneeflocke war als Späher ausgesandt."

    "So. Na da haben sie ja gerade den Gescheitesten geschickt."

    Der Trapper hatte von dem Gefangenen erfahren, was er erkunden wollte; von Wert war es ihm, zu wissen, daß die Kaws von Süden herankamen und die Cheyennes im Osten standen.

    "Der junge Krieger hat die Wahrheit berichtet, es ist gut. Wir sind nicht Gegner der Kaws, aber wir wissen nicht, wie sie über uns denken, und müssen Schneeflocke deshalb gefangen halten. Es wird ihm nichts geschehen, wenn er sich ruhig verhält.

    Man fesselte den jungen Mann und ließ ihn sich in die Büsche legen.

    "Jetzt, Puck, mein Junge, legst du dich schlafen, ich und Sam Walker wollen Wache halten. Du, Paul, giebst ein wenig auf den Gefangenen acht." Puck suchte sich ein Ruheplätzchen, während die beiden Prairiejäger sich zu einem Rundgang durch das Gehölz anschickten.

Achtes Kapitel

Etwa sechzig Meilen entfernt von dem Gehölze, welches den Grauen Bären und seine Begleiter barg, und nach Osten zu, lagerten in einer leichten Einsenkung des Bodens, die Ben und Jim genannten Männer mit dem finster dreinblickenden Mr. James Osborne.

    Nach einem längeren Schweigen äußerte Ben, der Mann mit der Narbe und dem adlerartigen Profil: "Seid verdrießlich, Mister Osborne, begreife das, macht aber die Sache nicht besser."

    "Verwünscht", sagte Osborne mit bösem Gesichtsausdruck, "daß uns die Schufte so weit nach Norden getrieben haben, brauche lange Zeit, um wieder nach Hause zu kommen."

    "Immer noch besser, als sie hätten uns erreicht und eine Lassoschlinge um den Hals gelegt und zugezogen", brummte Jim, "macht das Vigilanzkomitee wenig Umstände."

    "Was wollen sie mir denn thun?" fuhr Osborne heftig auf. "Es war eine Thorheit, daß ich mit euch davonjagte; ließ mich verblüffen."

    "Na", lachte Ben, "müßt dem Frieden doch nicht ganz getraut haben, ehrenwerter Sir, waret doch geschwinde genug dabei, fortzurennen."

    "Wollte natürlich mit dem Gesindel nichts zu thun haben, hätten mich vielleicht geteert und gefedert, weil ich zwei braven Gentlemen aus dem Gefängnis geholfen hatte."

    "Schlimme Sache, daß Johnson nicht mehr dort war; war ein Richter nach unserm Herzen", meinte Ben.

    "Ja, schlimm genug", sagte Osborne, "machte mir auch einen Strich durch die Rechnung, daß der ehrliche Johnson fehlte."

    Nach einer Weile fuhr er fort: "Also vor weiterer Verfolgung haltet ihr uns hier sicher?"

    "Denke wohl", meinte Ben, "waren hart hinter uns her, die Bursche von Garfield, aber war ein Glück, daß wir auf die Spuren der Indianer trafen und diese kreuzen konnten. Dürfen jetzt lange suchen, bis sie die Hufe unsrer Pferde von denen der Cheyennes zu unterscheiden vermögen."

    "Nun, einer ist unter den Verfolgern", sagte Osborne und stierte vor sich hin, "der eine Sache nicht so leicht aufgiebt. Aber Leute", fragte er dann, und seine Unruhe ward bemerkbar, "wie wollt ihr mich, und in welcher Zeit, nach Arkansas bringen?"

    "Haben die von Garfield unsre Spur verloren", sagte Jim, "oder die Verfolgung aufgegeben, so schlagen wir einen Haken nach Osten, und ihr könnt in acht bis zehn Tagen in eurem County sein. Aber Sir, kalkuliere, wird euch auch dort der Richter ins Gebet nehmen; die von Garfield kennen euch und werden nicht ruhig bleiben; hat Aufsehen gemacht, das Verschwinden des Jungen."

    "Pah", entgegnete Osborne, "möchte wissen, was man mir anhaben wollte? Mein Neffe ist in der Prairie erschlagen worden. Der Richter von Garfield hat als Coroner sein Verdikt gefällt und den Totenschein ausgestellt, was will man mehr? Zeugen bringen, die anders aussagen? Woher nehmen? Weder Johnson, noch die beiden Burschen, welche ich bei mir hatte, als ihr uns überfielet, sind irgendwo aufzutreiben. Haben die beiden auch beschworen, den Leichnam des Jungen gesehen zu haben. Nein, ist nichts gegen mich zu machen. James Osborne fängt man nicht so leicht. Und daß ich euch aus dem Gefängnis geholfen haben soll? Laßt Sie's doch beweisen, wenn sie können. Weile ich nur erst wieder in meinem Staate, bin ich sicher genug, und da bringt mich so rasch als möglich hin, soll euer Schade nicht sein."

    Ben hatte mit düsterer Stirn vor sich niedergeblickt, als von Osbornes Neffen die Rede war.

    "Wollte, der Junge lebte noch", sagte er dann, und etwas wie ein Seufzer entrang sich seiner Brust.

    Jim lachte: "Wird zuweilen sentimental, der Geier, Mister Osborne, müßt ihm das zu gute halten."

    "Es scheint mir", sagte dieser, "habt schlimmere Dinge auf dem Kerbholz, Ben, als diesem Grünschnabel hingeholfen zu haben."

    "Hol euch der Teufel, Sir", zischte dieser ingrimmig, "wollte, ich hätt's nicht gethan. Habe manches auf dem Kerbholz, sagt wahr, aber nichts, was mich so reut, wie diese That."

    "Na, geschehen ist geschehen, lohnt nicht, darüber nachzudenken. Habe lange genug an der Grenze gelebt, um zu wissen, daß Menschenleben in der Steppe nicht viel gelten."

    "Werdet wohl euer Kerbholz auch reichlich voll haben, Sir", meinte Jim mit rohem Gelächter.

    Osborne warf ihm einen giftigen Blick zu und entgegnete scharf: "Laßt eure unpassenden Bemerkungen, Jim. Ist das der Dank, daß ich euch aus der Schlinge geholfen habe? Wenn der Konstabler recht hatte, hielt man euch für zwei lang gesuchte und sehr wertvolle Vögel. War den Leuten noch gut erinnerlich, die Geschichte von dem erschlagenen Fellhändlern und den hingeschlachteten Auswanderern."

    "Haha!" lachte Jim höhnisch auf, "sage wie ihr, Mister Osborne, erst beweisen, erst beweisen."

    "Denke doch, Leute", meinte ruhig Osborne, "thut gut und zieht ein Haus weiter nach Westen, dürfte euch der Boden hier zu heiß werden, mit der Zeit. Hat im verflossenen Jahre ein Büchsenmacher Anzeige gemacht von einigen Räubern, die ihn angefallen haben, hat ganz gute Signalements von zweien gegeben, vermute, besitzen diese alle Grenzbehörden."

    "Verd-t", knurrte Jim, "erinnert mich nicht an die Geschichte. Sehe noch den höllischen Zwerg und den alten Trapper vor mir. Will mit den beiden nicht wieder zusammenkommen, wenn ich ihnen nicht hinterrücks eine Kugel in den Schädel jagen kann."

    "Also, wird besser sein, wendet euch mehr nach Westen; Kalifornien ist ein schönes Land."

    "Hm, hängen dort so gut wie hier."

    Sie schwiegen eine Weile, und Ben sagte dann: "Wundere mich, daß wir auf so viel Pferdespuren geraten sind, ohne eine einzige Rothaut gesehen zu haben, müssen ja zu Tausenden in der Steppe umherschweifen."

    "Gut genug, daß wir keine getroffen haben; sind uns die Cheyennes nicht sehr gewogen."

    "Denke, Jim", ließ Ben sich wieder vernehmen, "heiraten jeder eine Indianersquaw und lassen uns in die Nation aufnehmen, sind dann sicher genug in der Steppe."

    Jim lachte: "Wird geratener sein, es erst einmal im Goldlande zu versuchen, lohnt sich vielleicht dort das Geschäft unter den Minern. Könnten uns ein paar Goldklumpen nichts schaden. Kalkuliere, wird sich Mister Osborne als Gentleman zeigen, wenn wir ihn zum Arkansas gebracht haben, wird ihm auf ein paar hundert Dollar nicht ankommen."

    "Sollt's haben, Leute, sollt zufrieden sein", sagte Osborne, "habt gesehen, lasse keinen Freund sitzen."

    "Besonders", meinte Jim, "wenn der Freund merkwürdige Dinge von einem Überfall erzählen kann, der einem Jungen, welcher einem Mister Osborne aus Arkansas im Wege war, das Leben kostete."

    "Der Freund", erwiderte Osborne mit hämischem Lächeln, "wird sich wohl hüten, solche Geschichten zu erzählen, die nicht zu beweisen sind, und die am Ende doch niemand glaubt."

    "Hm, ja, Mister Osborne", versetzte Ben, "seid ein ehrenwerter Mann, habt Geld, aber ich wollte", fügte er mit finsterer Miene hinzu, "der Junge läge euch so auf dem Gewissen, wie mir. Kommt mir im Schlafe oft genug vor und höre ihn dann beten."

    "Seid ein zartbesaitetes Gemüt, Ben, solltet Prediger werden, habt Anlage dazu."

    Jim lachte, aber Ben fuhr finster fort: "Wollte manchmal, ich wär's geworden."

    Während die drei Männer sich so unterredeten und ihre erschöpften Pferde unweit grasten, hatten sie, in einer Vertiefung weilend, der Prairie keine Aufmerksamkeit gewidmet, denn sie glaubten sich der Gefahr entronnen, seitdem sie ihre Verfolger durch Kreuzung der Indianerspuren irregeführt hatten.

    Das Schnauben eines der Pferde erregte ihre Aufmerksamkeit, und Ben wollte sich eben erheben, als, wie der Erde entsprungen, ein junger Indianer vor ihnen stand. Ihr Erstaunen war so groß, daß sie wie gebannt sitzen blieben.

    Der Indianer, der eine Büchse in der Hand trug, auch mit Messer und Streitaxt bewaffnet war, grüßte lächelnd mit der Hand und kam vertrauensvoll näher.

    "Nun, by Jove", brummte der überraschte Jim, "hat sich diese diebische Rothaut herangeschlichen wie ein kriechendes Gewürm", und er griff nach seiner neben ihm liegenden Büchse. "Was giebt's, Rothaut?" fragte er dann rauh.

    Höflich entgegnete der Indianer: "Ich sah eure Spur und kam, zu sehen, wer den Cheyennes die Ehre eines Besuches erweist." Er sagte das in gutem Englisch.

    "Sind noch mehr von deinesgleichen da?"

    "Meine Krieger reiten in der Steppe."

    Jim erhob sich und gewahrte in weiterer Entfernung Reiter und grasende Pferde.

    "Also du bist ein Cheyenne?"

    "Du sagst es."

    "Seid ihr hier auf der Jagd?"

    "Wir jagen."

    Obgleich Haltung und Gebärde des jungen, schlanken Cheyenne würdevoll freundlich waren, und seine Worte höflich, überflog sein dunkles Auge die Gestalten der Männer doch in einer Weise, welche besonders den beiden Banditen nicht gefiel. Am längsten weilte sein Blick auf Mr. Osborne.

    "Kommt ihr, die Cheyennes zu besuchen?"

    "Das gerade nicht, Rothaut; wollte diesem Gentleman hier die Steppe zeigen, ihn einen Büffel schießen lassen und dann wieder zurückgeleiten; ist ein Herr aus den Städten."

    "Er ist willkommen im Land der Cheyennes. Ihr kommt von Süden; traft ihr auf unsre Freunde, die Kaws, die mit uns jagen wollen?"

    "Keine Seele haben wir in der Prairie gesehen, weder Rote noch Weiße", sagte Ben.

    "Und ihr seid vom Kansas aus geritten?"

    "Möchtest du uns ins Verhör nehmen, Rothaut?" fragte Jim barsch.

    Doch mit immer gleich ruhiger Höflichkeit erwiderte der Indianer: "Ich möchte nur von euch erfahren, ob man die entdeckt hat, welche dort vor einiger Zeit einen Weißen überfielen und seinen Sohn erschlugen?"

    Alle drei blickten sich betroffen an, und beide Räuber richteten dann finstere Blicke auf den ruhigen Indianer. "Man hat die Cheyennes beschuldigt, die That verübt zu haben, und will so Feindschaft stiften zwischen ihnen und den Weißen. Die Cheyennes waren es nicht, welche friedliche Leute anfielen und einen Knaben mordeten, und es wäre gut, wenn die Weißen es erführen."

    Ben und Jim, welche aus dem so gelassen sprechenden Indianer, der allein vor ihnen stand, nicht klug zu werden vermochten, sahen sich an und warfen dann einen Blick in die Runde.

    Die Gefährten des Cheyenne befanden sich in weiterer Entfernung.

    "Wir wissen nicht, was du meinst, Indianer, und können dir keine Auskunft geben."

    Über dessen Züge flog ein Lächeln.

    "Ich folgte eurer Spur und wußte nicht, wer sie hinterlassen hatte. Nun ich euch gesehen habe, denke ich, die blutige Hand und der Geier werden sagen können, wer den Überfall verübt hat."

    Ben und Jim, die wohl wußten, daß sie unter diesen Namen weithin bekannt waren, sprangen, so angeredet, empor, wilde Drohung in den trotzigen Gesichtern.

    Der Indianer, ruhig, mit funkelnden Augen vor ihnen stehend, zischte, und aus dem Grase ringsum erhoben sich mehr als zwanzig braune Gestalten, welche ihre Büchsen auf die drei überraschten Männer anlegten.

    "Damned!" knurrte Jim. Mr. Osborne ward todbleich, und Ben schaute verblüfft auf den Kreis, der sie so umgab.

    Während die Männer den kecken Indianer noch anstarrten, waren einige seiner Krieger mit einer erstaunlichen Geschwindigkeit herzugesprungen und hatten Jim und Ben gefaßt.

    Mit einem wilden Fluche wollte Jim sich losreißen und zur Wehre setzen, doch ward er sowohl als Ben zur Erde niedergerissen und entwaffnet.

    Mr. Osborne, bleich und zitternd dastehend, machte keinen Versuch, Widerstand zu leisten, und gab seine Waffen, aus Pistole und einem Bowiemesser bestehend, unaufgefordert hin.

    Die Indianer ließen die wehrlos gemachten Leute los, und Jim brummte trotzig: "Nun? Was nun?"

    Ohne seiner zu achten, richtete Cayugas die funkelnden Augen nach Osborne und fragte: "Wie heißest du?"

    "Mein Name ist Osborne aus Arkansas, großer Häuptling", ein leichter Ausruf entfuhr dem Cheyenne, "und ich wundere mich, daß du uns friedlichen Leuten so rauh begegnest. Wir haben doch Freundschaft mit deinen Leuten."

    Mit einem Blick unsagbarer Verachtung auf das Banditenpaar sagte Cayugas: "Freundschaft mit Wölfen und Panthern? Nein, die werden von Weißen und Roten totgeschlagen. Also du bist der, welcher in der Prairie überfallen, dessen Sohn ermordet wurde?"

    "Ja, ich war der Unglückselige."

    "Du hast dir gute Gefährten ausgesucht, um in die Steppe zurückzukehren."

    Osborne war sehr unangenehm überrascht, als er wahrnahm, daß der Indianer seinen Namen und die mit diesem verknüpften Ereignisse kannte. Er mußte sich fassen und konnte erst nach einiger Zeit fragen: "Was willst du mit uns beginnen, großer Häuptling?"

    "Nicht viel", entgegnete Cayugas, "euch nur nach Garfield vor den Richter senden, damit ihr dem erzählt, daß nicht die Cheyennes es waren, welche die Weißen überfielen."

    Tief erschreckt blickten sich die Gefangenen an.

    "Zu Pferde!" rief Cayugas den Seinen zu, "setzt diese Männer auf ihre Rosse und bindet ihnen die Füße zusammen."

    Mit großer Schnelligkeit ward dem Befehl gehorcht, und gleich darauf ritten Osborne, Jim und Ben mit gefesselten Füßen, inmitten einer starken Schar Cheyennes, durch die Steppe.

Neuntes Kapitel

Im Lager der Flüchtlinge ging es still zu. Puck schlief nach den übermäßigen Anstrengungen der letzten Tage, und der Trapper saß in seiner Nähe, nachdenklich vor sich hinblickend und dann und wann einen liebevollen Blick auf den mißgestalteten Pflegesohn richtend.

    Bill Stone hatte sich unweit niedergestreckt und schnitzte sorglos mit seinem Messer an einem Stück Holz herum. Walker und Paul überwachten auf gelegentlichen Rundgängen die Prairie.

    Der nachdenkliche Trapper rief Bill Stone an: "Geh, mein Junge, und hole mir einmal den Sam Walker her, wir müssen eine Art Kriegsrat halten und überlegen, wie wir uns aus der Schlinge ziehen, und Sam ist ein erfahrener Prairiemann."

    "Well, Sir, sollt ihn gleich hier haben." Er ging und kehrte bald mit dem Büffeljäger zurück.

    "Setzt euch, Walker; wir müssen den Fall besprechen."

    Walker setzte sich; auch Bill nahm Platz.

    "Müssen beratschlagen, was zu thun ist, sind in einer nicht ungefährlichen Klemme. Was mein ihr, Sam Walker?"

    "Nach dem, was ich von euch, Grizzly, und dem jungen Kaw gehört habe, denke ich, ist das beste, wir brechen, so bald es dunkel ist, nach Süden auf."

    "Gut, ist eure Meinung, Sir. Haben im Süden den Verdigris. Wenn wir den mit seinen Felshöhlen erreichen, sind wir einstweilen sicher, ist für Pferde nur viel weiter oben zu überschreiten. Könnten in der Nacht, da nicht immer die Sterne sichtbar werden, nur auf gut Glück die Richtung nach Süden einhalten, weiß nur so viel, daß wir im Süden den Verdigris vor uns haben und im Westen den Arkansas. Nun, sagt der Kaw, und ich glaube nicht, daß der Bursche lügt, daß die Krieger seines Volkes von Süden kommen, könnten ihnen leicht in den Rachen laufen."

    "Stimmt, Grizzly, könnte so kommen."

    "Will euch sagen, wie die Sache stehen wird. Die Sioux sind die unvergleich mächtigste Nation im Nordwesten; stellen leicht sieben- bis achttausend Reiter ins Feld. Glaube nicht, daß die Regierung immer glimpflich mit den Leuten verfahren ist; na, gleichviel aus welcher Ursache, sie brechen wieder einmal den Frieden und stürmen auf den oberen Missouri los. Sie haben, wie ich erfuhr, mit den Kiowas und Kaws am Pigfelsen ein Bündnis geschlossen, obgleich dies höchstens den Zweck haben kann, sich vor einem Flankenangriff der Cheyennes zu schützen, denn diese halten zu uns. Daß die Kiowas auf ein Bündnis eingegangen sind, welches ihnen nur wenig Vorteil bringen kann, ist schwer begreiflich, und ich glaube nicht, daß der frühere Häuptling dieses Stammes, der bedächtige Mangana, sich dazu entschlossen hätte. Doch der jetzt an der Spitze stehende, Krähenfeder, hat sicher die Gelegenheit ergriffen, um den verhaßten Cheyennes einen Schlag beizubringen und - sein Mütchen an mir zu kühlen, von dem er vor einigen Jahren so blutige Hiebe bekommen hat. Der Mann wird jetzt, wo ich ihm unter solchen Umständen entwischt bin, außer sich vor Wut sein, und Sioux Sioux sein lassen, nur um mich in seine Gewalt zu bekommen. Ich bin überzeugt, er stößt zu diesem Zwecke mit seiner ganzen Macht nach Süden. Nun haben wir noch die Cheyennes. Was diese vorhaben, weiß ich nicht, daß sie sich wehren werden, ist unfraglich, und wenn sie ihre Krieger zusammenhaben, dürften sie leicht tausend Krieger und mehr ins Feld stellen können. Der Kaw sagte, sie ständen im Osten, was auch wahrscheinlich ist, da sie da über den Verdigris wechseln können. Das wäre so unsre Lage, wobei nicht ausgeschlossen ist, daß jeden Augenblick eine Bande Kiowas oder Kaws auf uns einbrechen kann."

    Sam Walker wiegte nachdenklich das Haupt: "Ist ne schlimme Sache, sind da in einen Indianerkrieg geraten, ohne eine Ahnung der Gefahr."

    "War gerade so mit mir, Sir", sagte Bill Stone; "bin ein friedlicher Mann und ging ruhig meinem Gewerbe nach, war gut Freund mit all den roten Gentlemen, bin auch in den Krieg gekommen, weiß nicht wie."

    "Durch euer gutes Herz, Stone", sagte der Trapper und reichte ihm die Hand. "Durch euer dankbares, tapferes Herz -"

    "Bin nun einmal drin, ist ein Fakt. Habe mein ganzes Eigentum eingebüßt, wird mir freilich ersetzt, ist auch ein Fakt. Bin ein friedlicher Mann, aber erstens bin ich dankbar für empfangene Wohlthaten, und wenn mir eine Rothaut ans Leben will, wehre ich mich, ist so meine Meinung."

    Puck, in dessen Nähe die Beratung stattfand, war erwacht, hatte still zugehört und richtete jetzt den Blick der schönen großen Augen auf seinen Oheim.

    "Was meinst du, Puck, was wir thun sollen?" fragte ihn der Trapper.

    "Ich will dir sagen, Oheim, wir müssen die Cheyennes aufsuchen; ich will, sobald es dunkel ist, nach Osten reiten und nach ihnen umschauen. Hoffentlich finde ich sie und bringe sie hierher."

    "Gut, Kind, das ist nicht übel, beruht unsre Hoffnung doch nur auf den Cheyennes."

    Die Aufmerksamkeit der Männer wurde durch ein Rauschen der Zweige in dem Gebüsche, wo die Pferde standen, erregt, und lauschend erhoben sich alle und griffen nach den Waffen. Das geübtere Ohr hörte Pferdehufe aufschlagen.

    "Was ist das?"

    Gleich darauf krachte vom Rande des Gehölzes, nach Osten zu, ein Schuß.

    Alle eilten nach der Gegend, von wo der Schuß gefallen war.

    Als der Trapper und seine Begleiter an den Rand des Gehölzes gelangten, fanden sie Paul, der mit einem Ausdruck des Schreckens auf den davonjagenden Indianer deutete. "Ich habe ihn gefehlt, Oheim."

    "Ist es der Gefangene?"

    "Ja. Ich war so überrascht, als ich ihn in die Prairie reiten sah, daß ich fehlschoß."

    "Ich will ihn wieder holen", sagte Puck.

    "Laß es gut sein, Kind, er hat bereits großen Vorsprung und würde dich in einen Hinterhalt locken, laß ihn laufen; wir müssen zusammen bleiben. Der Bursche war doch geschickter, als ich vermutete."

    Der Kaw hatte sich, während die Männer berieten und Paul die Prairie überwachte, mit großer Geschicklichkeit seiner Bande entledigt, sich seines Pferdes bemächtigt und war davongesprengt.

    "Trifft er auf seine Mordbande, haben wir sie heute noch hier. Die Gefahr rückt näher, Walker; jetzt wo dieser Rote in der Steppe ist, müssen wir uns zur Verteidigung anschicken. Habt ihr eine Axt mit?"

    "Ist da, Grizzly."

    "Vorwärts dann, wir müssen Bäume fällen und einen Verhau machen; werden die Roten heute noch auf dem Halse haben."

    Der Trapper nahm die Axt und brachte mit gewaltigen Hieben Baum nach Baum mit einer Geschicklichkeit zu Fall, die sie genau an die gewünschte Stelle auf dem Erdboden gelangen ließ. Ihm folgten hierin mit gleicher Fertigkeit, wenn auch nicht mit gleicher Kraft, Walker und Bill. Puck hieb mit seinem Tomahawk Äste und Zweige ab, und ehe eine Stunde vergangen, war eine respektable Verschanzung hergestellt, mit Raum genug in deren Innern, um auch die Pferde und Maultiere dort unterbringen zu können.

    "So", sagte der Trapper, als die Riesenarbeit vollendet war, "ist nicht viel, aber doch etwas."

    Alle sahen dann nach ihren Büchsen, nach ihrem Pulver und Kugelvorrat.

    Während all dieser Vorgänge hatte Paul am Saume des Gehölzes Wache gehalten. Puck gesellte sich zu ihm. Paul, welcher erkennen mußte, wie nahe seine erfahrenen Begleiter die Gefahr glaubten, war ernst. "Du dich fürchten, Junge?" fragte ihn Puck.

    "Nein, das nicht, ich fürchte mich nicht und werde meine Pflicht thun, aber ich kann nicht umhin, daran zu denken, daß die Gefahren, welche uns bedrohen, wachsen, statt sich zu vermindern."

    "Nun", meinte Puck, "ich denke, in der Höhle am Ohsonta war die Gefahr groß genug für dich."

    "Du sagst wahr, doch ich war in furchtbarer Aufregung, und dachte gar nicht an das, was uns bedrohte."

    "So recht, mußt nicht denken. Nichts geschieht ohne Gottes Willen, nicht wahr?"

    "Gewiß nicht."

    "Nun, siehst du. Ich fürchte nie für mich, nur für den alten Mann, und wenn ich bete, bete ich immer zuerst für ihn." Er richtete den Blick in die Weite und tauchte ihn in das blau sich über der Steppe ausspannende Himmelszelt. Er stand so längere Zeit in Gedanken verloren. Dann äußerte er: "Im Himmel sehen sich die wieder, die hier unten zusammengelebt haben. Paul, so glaubst du auch?"

    "Ja, so glaube ich."

    "Es ist gut, es ist gut", sagte träumerisch der Zwerg mit weicher Stimme.

    Während er noch sinnend so stand und in die Ferne blickte, traf sein Falkenauge auf einen Gegenstand, der sofort seine gespannte Aufmerksamkeit wachrief. "Sieh dort, Paul", und er deutete mit der Hand nach dem Horizont. Ohne die Antwort abzuwarten, erkletterte er einen Baum, um weiteren Ausblick zu haben. Nach kurzer Zeit rief sein Adlerschrei den Trapper herbei, dem Walker und Stone folgten.

    "Kommen Sie, Puck?"

    "Genau kann ich noch nicht erkennen, was dort vorgeht, mir scheinen Verfolgte und Verfolger durch die Prairie zu jagen."

    "Gebt mir einmal euer Glas, Stone", sagte der Alte und stieg mit diesem in die Äste des nächsten Baumes.

    Lange richtete er sein Glas in die Prairie hinaus, dann sagte er: "Es sind Weiße, die dort von einer Schar Wilder gejagt werden."

    "Welche Richtung halten sie, Grizzly?"

    "Sie kommen hierher", entgegnete er sehr ernst.

    Er kam vom Baume herab, und jetzt konnten auch die andern unten bereits gewahren, daß Reiter in wilder Flucht durch die Steppe setzten. Bald erschienen sie für einen Augenblick auf dem Rücken einer Erdwelle, um dann wieder zu verschwinden. Die folgende Bodenanschwellung zeigte sie dem Blick dann in geringerer Entfernung. Bald erkannten die geübten Augen der Männer, daß fünf Reiter von einer großen Schar Indianer verfolgt wurden, und daß die Flüchtigen auf das Gehölz zujagten.

    "Bei Gott", sagte leise der Trapper, "sie bringen uns den Feind hierher."

    Immer näher kamen die Gejagten, die augenscheinlich Rettung unter den Bäumen suchten, welche den Trapper und seine Gefährten bargen.

    Bald erkannte auch das unbewaffnete Auge, daß die Verfolgten Weiße waren.

    Kaum mehr als tausend Schritte entfernt, nahmen sie zum Erstaunen der erregten Zuschauer eine Änderung in der Richtung vor, welche sie an dem Gehölz vorbeiführen mußte, statt in dessen Schatten.

    Ein Blick nach rechts klärte die Männer über die Ursache dieser Bewegung auf, denn auch von der Seite stürmte, wie sie jetzt erst gewahrten, eine Schar Wilder auf eilenden Rossen heran und drohte den Verfolgten den Weg abzuschneiden. An ihr Entrinnen war unter diesen Umständen nicht zu denken.

    "Gleich schießen, Oheim", sagte Puck.

    "Nein, Junge, nein", entgegnete der Trapper traurig, "es darf nicht sein, wir können die nicht retten, und sind selbst mit ihnen verloren."

    Paul, welcher sich einen Augenblick des Glases des Büchsenmachers bedient hatte, schrie laut auf: "Gott, Gott, Oheim - dort reitet mein alter Brown, der Freund meines Vaters, er sucht mich. Rette, Oheim, rette."

    In fast ebenso großer Erregung, wie der Knabe, schrie der Trapper: "Feuert auf die Hunde!"

    Vier Schüsse krachten, vier Sättel in der Schar der von der Seite kommenden Indianer wurden leer.

    "Hierher!" schrieen der Trapper und Paul mit aller Kraft den Verfolgten zu, welche fast am Gehölz vorbei waren. Die Indianer stutzten und hielten an bei diesem überraschenden Feuer. Auch die Flüchtlinge zügelten ihre Pferde und lenkten sie dann um, nach dem Holze zu. Als die Indianer eine Bewegung machten, zu folgen, schossen Puck und der Alte den zweiten Lauf ihrer Doppelbüchsen ab, und wiederum stürzten zwei der Roten vom Pferde.

    Da wandten die Indianer um und jagten zurück, um aus der Schußweite zu kommen. Auch der Haufe, welcher zuerst erblickt war, hielt angesichts des verderblichen Feuers in gemessener Entfernung an.

    Die Verfolgten aber sprengten heran und waren bald dicht vor den Büschen, aus welchen die rettenden Schüsse fielen.

    "Das war Rettung in der Not", sagte der erste, ein Cowboy, und sprang vom Pferde.

    Paul aber stürzte hervor, auf den Mann mit dem weißen Haar, der sich vor Erschöpfung kaum noch auf dem Pferde halten konnte, zu: "Brown! Brown! Lieber, alter Brown!"

    "O, Jesus Christ!" sagte der Greis und wurde bleich, "- o - o - das Kind, das Kind!"

    Aber schon war Paul an seiner Seite und half ihm aus dem Sattel und umarmte und liebkoste ihn: "Brown, lieber, alter Brown!"

    Der alte Mann konnte nicht sprechen, so sehr war er erschüttert von diesem unerwarteten Wiedersehen; er faltete die Hände, und seine Lippen bewegten sich. Dann aber nahm er Paul in die Arme: "Kind, Kind - Gott sei Dank, du lebst - lebst, o, Kind, Kind!"

    Alle sahen trotz des furchtbaren Ernstes der Lage nicht ohne Bewegung diesem Wiedersehen zu, aber am tiefsten war der Trapper erregt.

    Walker unterbrach die augenblickliche Stille mit den Worten: "Herein, Gentlemen, und die Büchsen fertig, sie werden gleich herankommen, die Roten."

    Dies rief allen die Nähe der Gefahr zurück. Nathan Wild, der Cowboy, die drei Arkansasmänner aus Garfield, Brown, seinen Liebling im Arm, traten unter die Büsche und zogen die Pferde nach. Der Trapper, welcher seiner Erregung Meister geworden war, sagte: "Hinüber, Puck, auf die andre Seite, daß sie uns nicht überraschen; ich bleibe hier." Puck ging. "Bindet ihre Pferde an, Walker", fuhr der Alte fort, und der Büffeljäger that es. Die beiden Indianertrupps hatten sich während dessen in einen starken Haufen zusammengezogen, hielten ruhig in einiger Entfernung, und berieten wohl, wie sie angreifen sollten.

    Der Cowboy, Nathan Wild, ging auf den Trapper zu und sagte: "Denke, kennt mich, Grizzly?"

    "Gut genug, Nathan, freue mich, euch zu sehen."

    "War hohe Zeit, daß ihr eure Büchse knallen ließt, wären jetzt bereits skalpiert. Sagt, was geht vor in der Steppe?"

    "Indianerkrieg, Mann; sind die Roten am Werke. Waren die höllischen Sioux, welche die Stämme hier aufgehetzt haben."

    "Gut, daß ich meine Herden nach Osten geschickt, würden den Herren willkommen sein." Nach einer Weile fuhr er fort: "Habt den jungen Osborne gefunden?"

    "Ist so, fand das junge Blut in der Steppe."

    "Hm."

    "Und wie kommt ihr, Nathan, mit dem alten Brown hierher?"

    "Suchten den Jungen, der Brown wollte ihn tot oder lebendig haben. Hatte mein Boy Paul reiten sehen mit zwei Banditen. Ist ein Wunder, Grizzly, daß wir ihn hier gefunden, sage euch, ist ein Wunder."

    Der Trapper nickte ernsthaft: "Weiß seine Stunde zu wählen, der oben."

    "Wollten schon umkehren, hatten die Banditen gejagt, na, Brown wird euch alles erzählen, als diese Bande Kaws uns in den Weg kam und uns nach Norden trieb, hierher zu dem Jungen. Sage, ist ein Wunder."

    Der alte Hüne war sehr nachdenklich und sah vor sich hin.

    "Habe da drei brave Arkansasmänner bei mir, schlossen sich uns in Garfield an, können froh sein, daß wir deren Büchsen haben, denke, wird ein hartes Stück Arbeit geben."

    Wieder nickte der Trapper.

    "Habe gesehen, habt ein Verhau gemacht, ist gut."

    Während dies am Rande des Gehölzes vorging, hatte Paul dem alten Freunde in fliegender Eile seine Abenteuer erzählt, Brown dagegen ihm mitgeteilt, wie es ihm keine Ruhe gelassen, ihn tot oder lebendig aufzufinden.

    "Und mein Oheim James, Brown?"

    Der alte Mann wollte nicht Gift in den Becher der Freude gießen, das jugendliche Gemüt Pauls nicht ohne dringende Not verbittern, und entgegnete nur: "Er ist zurückgekommen und wohl."

    "Nun, Gott sei Dank, ich fürchtete, ihm sei ein Unheil widerfahren. Aber was, was, Brown, konnte die Veranlassung sein, daß diese entsetzlichen Menschen mich in die Wüste führten und dem Tode preisgaben?"

    "Wird alles sich aufklären, Kind, wenn wir erst wieder zu Hause sind." In der Freude dieses so unverhofften Wiedersehens hatte er der sie bedrohenden Gefahr vergessen, jetzt stand sie wieder vor seiner Seele, und mit einem tiefen Seufzer setzte er hinzu: "Wenn wir die Heimat überhaupt wiedersehen?"

    Doch zuversichtlich sagte Paul: "Du hast die größten Krieger der Steppe um dich, Brown, sei unbesorgt."

    "Ich muß nun deinem Retter die Hand drücken, Paul, führe mich zu ihm. Der Jüngling geleitete ihn durch die Büsche zu dem Trapper.

    Als er vor ihm stand, sagte Brown: "Habt unser Kind gerettet, Sir, möchte euch die Hand schütteln."

    Der Alte reichte sie ihm auch, schaute aber dabei in die Steppe hinaus: "Habe nicht viel gethan, Sir, war nur das Werkzeug seiner Rettung."

    Brown hörte kaum, was er sagte, er sah mit auffallender Überraschung in sein Gesicht, der Trapper fuhr aber in etwas rauhem Tone fort: "Werden gleich kommen, die Kaws, ist Zeit, nach den Büchsen zu sehen", und trat in die Büsche zurück.

    Brown sah ihm nach und fragte Paul leise: "Wie heißt der Mann?"

    "Man nennt ihn den Grauen Bären, hier in der Prairie; seinen wirklichen Namen weiß ich nicht."

    "Sonderbar", murmelte Brown, "sonderbar."

    Der Trapper aber rief alle Männer zusammen. Es waren, ihn einbegriffen, zehn Mann zum Kampfe bereit.

    "Könnt ihr eine Büchse abfeuern, Sir?" fragte der Trapper Brown.

    "Denke, Sir, wird noch gehen", entgegnete dieser mit auffälliger Aufmerksamkeit in des Trappers Gesicht schauend.

    "Wohl. Puck, geh mit Mister Brown, Paul, Nathan Wild und einem von euch, ihr Arkansasburschen, hinüber und schaut nach Norden und Osten aus. Walker, Bill Stone und ihr zwei Jungen", er meinte die beiden andern Arkansasmänner, welche mit Brown von Garfield aufgebrochen waren, "bleibt bei mir. Schaut euch um, das Gewürm wird kriechend kommen. Sobald ihr den Adler schreien hört, lauft alle zurück ins Verhau. Schießt langsam und verschwendet kein Pulver."

    Puck, dessen groteskes Äußere in andrer Lage noch mehr Aufmerksamkeit erregt haben würde, als es trotzdem machte, sagte: "Ich möchte bei dir fechten, Oheim."

    "Nein, Junge, mußt mir den Rücken decken, bist mehr wert, als zehn Wilde. Geh."

    Gehorsam ging Puck mit den ihm beigegebenen Waffengefährten.

    "Sucht Deckung, Männer", sagte der Alte zu denen, die bei ihm waren, "und haltet die Augen offen."

    Die Arkansasmänner, Bill und Walker nahmen geschützte Stellungen ein.

    Die Indianer, welche wohl an hundert Mann stark waren, hatten sich in einen weiten Kreis auseinandergezogen, und umgaben so das ganze Gehölz. Mit einemal waren sie sämtlich verschwunden und nur die Pferde noch zu erblicken.

    Ein Teil der Rosse setzte sich jetzt in Bewegung und begann im Galopp von rechts nach links das Gehölz zu umkreisen.

    "Sie hängen auf der Seite der Rosse, die Burschen, und wollen uns mit ihrem Feuer verblüffen, während die andern im Grase heranschleichen", sagte der Trapper zu Walker. "Glauben Kinder vor sich zu haben, statt des Grauen Bären und seines Medizinmannes."

    Wohl zwanzig Pferde, deren Reiter nicht zu erblicken waren, jagten hintereinander am Gehölz vorbei. Plötzlich entluden sich, ohne daß die Tiere ihre Gangart mäßigten, Büchsen, welche vor der Brust der Rosse abgefeuert wurden, und einige Kugeln sausten in die Bäume, zu unsicher gezielt, um gefährlich werden zu können.

    "Wollen ihnen doch ein wenig den Spaß verderben, Walker, können ja rasch genug wieder laden, nehmt ihr den Schimmel dort, ich nehme den Fuchs dahinter. Haltet auf den Hals."

    Sie hoben die Büchsen, zwei Schüsse krachten, und die durch den Hals getroffenen Pferde stiegen hoch an, um dann in die Knie zu sinken und sich umzulegen.

    Von den Reitern war auch hierbei fast nichts zu gewahren. Diese sichern Treffer veranlaßten die Indianer, aus der Nähe solch gefährlicher Büchsen hinwegzugaloppieren.

    "Gebt acht!" rief der Trapper seinen Begleitern zu, "werden gleich kommen."

    "Wollen schon aufpassen, alter Grizzly", sagte Bill Stone.

    Der Alte ließ dann einen weithin hallenden Pfiff ertönen, der Puck zur Vorsicht gemahnen sollte; die Antwort sagte ihm, daß er gehört und verstanden worden sei.

    Die Indianer begannen von neuem, Reiter, welche sich, an der Seite des Pferdes hängend, vor Schüssen deckten, kreisen zu lassen, und wiederum begannen diese zu schießen.

    "Schaut auf die Prairie, Leute!" mahnte der Trapper. Sein immer noch scharfes Auge erhaschte eine Bewegung im hohen Grase, er riß die schwere Büchse an die Wange, schoß, und mit gellendem Schrei sprang ein Indianer empor, um dann auf das Gesicht niederzustürzen.

    Walker schoß mit gleichem Erfolge.

    Auch auf Pucks Seite knallten die Büchsen.

    Mit gellendem Heho sprangen jetzt gleichzeitig an zwanzig bemalte Krieger aus dem Grase auf, Bill Stone, die Arkansasmänner, wackere Burschen, schossen und trafen.

    Aber auch die Indianer schossen, wenn auch in Aufregung und Eile zu hoch zielend, und stürzten dann vor. Ein Schuß des Trappers brachte den Vordersten zu Fall. Doch unaufhaltsam drangen die Kaws heran, und die Männer hatten keine geladenen Gewehre mehr.

    Der Trapper legte die Hand an den Mund und ließ den hellen Schrei des Adlers hören.

    "Zurück, alle ins Verhau."

    Sie gingen zurück, der Alte war der letzte.

    Die Männer hatten ihre Messer gezogen und gingen, langsam sich durch die Büsche windend und die Bäume als Deckung benutzend, zurück.

    Hastig drängten die Indianer, die zum Glück hier im dichten Buschwerk ihre Büchsen nicht brauchen konnten, nach.

    Wiederum ein Adlerschrei des Trappers, der von Puck beantwortet wurde.

    Neben dem Trapper, der sich trotzig wie ein Löwe zurückzog, tauchte ein Indianer auf; ein blitzschnell geführter Faustschlag warf ihn nieder. Einen zweiten traf ein so furchtbarer Stoß des Büchsenlaufes vor die Brust, daß er heulend zusammenbrach. Die Büsche wimmelten von Indianern. Walker, die Arkansasmänner, Bill Stone fochten mit Messer und Büchsenkolben, todverachtend. Einer Meute Bluthunde gleich, stürzten vier Indianer zugleich auf den Trapper, Messer und Tomahawk schwingend, los. Aber der furchtbare Mann, dessen Riesenkraft der Zorn verdoppelte, faßte den ersten am Handgelenk, ein Ruck, und schlaff hing der Arm hernieder, und der Tomahawk entfiel der Hand. Die Büchse fallen lassend, faßte Grizzly den Wilden, hob ihn empor, und schleuderte ihn mit solch furchtbarer Gewalt auf die Nachdrängenden, daß alle drei sich in Schmerzenszuckungen am Boden wanden, der vierte entwich. Rasch sprang der Trapper zurück und vereinte sich mit seinen Freunden, schon erreichten sie den Eingang des Verhaus.

    "Damned your eyes!" brüllte Bill Stone, und ein Kolbenschlag seiner schweren Büchse zerschmetterte einen Schädel.

    Auch von der andern Seite krachten Schüsse, die nur von Indianern abgefeuert sein konnten, da auch gewiß Puck und seine Genossen sich verschossen hatten. Wären die Indianer weniger erpicht darauf gewesen, Gefangene zu machen, wären der Trapper und die andern verloren gewesen. Bill wälzte sich mit einem Kaw in wütendem Ringen am Boden.

    Wieder drangen auf Grizzly zwei grimmig dreinschauende Krieger ein, und diesmal wäre er überwältigt worden, denn er schien erschöpft zu sein, als gleich einem springenden Panther Puck vor seinem Oheim erschien und mit einem Ruf von furchtbarer Gewalt: "Hier der Medizinmann!" mit Bewegungen, dem Blitze gleich, zweimal sein Messer denen, welche den Trapper so nahe bedrohten, in die Brust bohrte.

    Vor dem furchtbaren Äußern des Zwerges, seinen wutfunkelnden Augen, seiner Löwenstimme, bebten die andern Indianer zurück.

    Der gewaltige Widerstand, welchen die Indianer gefunden, der Tod der Ihren, das Erscheinen des furchtbaren Medizinmannes, war zu viel für die Angreifer, und in unüberwindlichem Entsetzen stürzten sie davon.

    "Laden!" kommandierte kaltblütig der Trapper, und mit großer Schnelligkeit luden alle die Waffen, er selbst mühsam, nur allein mit der rechten Hand.

    Brown und Paul waren von Puck, ehe er dem Trapper zu Hilfe kam, in den Verhau gestoßen worden.

    "Vorwärts! Nach!" rief der Trapper, "sonst haben wir sie gleich wieder hier", und ging nach dem Rande des Gehölzes zu.

    Puck und seine Begleiter thaten das gleiche.

    Nur Bill Stone, welcher mit dem starken und gewandten Kawkrieger am Boden gerungen hatte, blieb noch zurück.

    "O nein, Bursche, so geht das nicht", schrie er den von seinen Faustschlägen schon betäubten und regungslosen Wilden an. "Du willst ehrliche Leute, welche dir nie etwas zuleide gethan haben, morden? O, warte du Strolch, du! Bin ein friedlicher Mann, aber muß es sein, wehre ich mich." Und er führte von neuem einen furchtbaren Faustschlag nach des Wilden Kopf, lud dann seine Büchse, fortwährend scheltend und dazwischen versichernd, er sei ein friedlicher Mann, und lief ebenfalls nach dem Rande des Gehölzes, von woher die Schüsse krachten.

    Doch hier, wie auf Pucks Seite, wurden nur flüchtige Wilde gesehen; die Niederlage der Kaws war vollständig, und die ihnen nachgefeuerten Schüsse sollten nur dazu dienen, zu zeigen, daß man zu neuem Kampfe bereit sei.

    Aber die eingeschüchterten Wilden, welche so große Verluste hatten, dachten nicht daran, den Kampf zu erneuern.

    Als der Trapper sich hiervon überzeugt hatte, ersuchte er einen der Arkansasmänner, die Prairie zu bewachen und ging langsam mit Walker und Stone zum Verhau zurück. Hier begegnete ihm schon Puck, der in gleicher Weise und aus gleichem Grunde die fliehenden Feinde beschossen hatte.

    Erschreckt schaute er auf seinen väterlichen Freund, von dessen linker Schulter Blut träufelte: "Der Oheim ist verwundet?"

    "Pah, ein Loch in der Schulter, Junge, macht nichts."

    "Um Gott, Oheim, laß mich dich gleich verbinden."

    "Ja, ja, eine Hand voll Blätter wird's thun."

    Wie es sich jetzt zeigte, waren fast alle, mit Ausnahme von Brown, leicht verwundet. Paul hatte einen Streifschuß bekommen, der ihm die Haut der Wange aufgerissen hatte, doch war die Wunde schon verharscht, und auch Puck war zweimal von Kugeln gestreift worden, doch hatte er schnell Mimosenblätter gekaut und als Heilmittel aufgelegt und schien durch die empfangenen Verletzungen weder in seinen Bewegungen noch in seiner Laune beeinträchtigt zu sein. Der Oheim war nicht in Gefahr, und das machte den Zwerg glücklich, an weiteres dachte er nicht.

    Paul hatte tapfer an Pucks und Browns Seite gekämpft. Alle waren beschäftigt, ihre Wunden zu verbinden. Der Graue Bär aber saß gelassen auf einem Baumstamm und rauchte.

    Brown saß auf einem Baumstamm neben Paul Osborne und verwandte kein Auge von dem Trapper. Dann und wann wechselte er wohl wenige Worte mit dem Jüngling, aber sein Blick kehrte stets zu Grizzlys athletischer Gestalt und dessen ausdrucksvollem Gesicht zurück.

    Walker und Nathan Wild setzten sich zu dem Trapper.

    "Was werden wir beginnen, Grizzly?" fragte der Westmann.

    "Schwer zu sagen: die Kaws werden uns Tag und Nacht so dicht umstellen, daß auch nicht eine Maus hinaus kann, und mehr als wahrscheinlich ist es, daß sie die Dunkelheit benützen werden, sich heranzuschleichen, und dann sind wir verloren. Wir können nicht gegen sechzig rote Teufel Leib an Leib kämpfen."

    "Wie wär's, Oheim", sagte Puck, der bescheiden hinter dem Trapper stand, "wenn wir, statt uns überfallen zu lassen, sie selbst überfielen, sobald die Nacht hereingebrochen ist?"

    Erstaunt über diesen kühnen Vorschlag, sahen Nathan und Walker den verwachsenen Mann an, der Trapper aber lachte, streichelte ihm den buschigen Kopf und sagte: "Sieht ihm ähnlich, meinem Medizinmann, birgt die Steppe kein furchtloseres Herz, als das, welches in dieser Brust schlägt, Gentlemen. Wird nicht gehen, Junge; wir sind zu wenig, wissen das die Roten. Wir schießen vielleicht einige tot, aber überwältigen uns die übrigen."

    Da nichts andres übrig blieb, beschloß man, ruhig die Nacht zu erwarten und das weitere den Umständen zu überlassen.

    Nach der gewaltigen Aufregung, welche der Verzweiflungskampf hervorgerufen, hatte sich aller ein Gefühl der Erschlaffung bemächtigt, auch schmerzten die empfangenen Wunden. Einer nach dem andern streckte sich nieder, um zu ruhen und neue Kraft zu sammeln für den unausbleiblichen Kampf.

    Der alte Trapper saß noch auf seinem Baumstamm und sah trübe vor sich hin. Daß die Wunde schmerzte, achtete er nicht, auch nicht, daß sich bereits Fieber einstellte. Aber es mochten ihm ernste Gedanken durch den Sinn gehen. Er sagte zu Puck: "Geh, mein Junge, und sieh dich ein wenig auf der Prairie um, deinen Falkenaugen traue ich am meisten."

    Puck ging davon.

    Der Trapper winkte Paul, der noch neben Brown saß, zu sich heran.

    Als er neben ihm stand, sagte er mit gedämpfter Stimme: "Höre, Kind, ich muß dir etwas sagen."

    "Ich höre."

    "Ich habe dich so lieb, als ob du meines Blutes wärest, Paul."

    "Ich weiß es, lieber Oheim."

    "Aber auch dem armen, von der Natur so stiefmütterlich behandelten Menschen, meinem Puck, dem Sohne meines Herzens, gilt meine Fürsorge."

    "Ich liebe Puck, als ob er mein Bruder wäre."

    "Recht, Junge, recht, er verdient es. Sieh mal, Paul, die Lage, in der wir uns befinden, ist nicht ungefährlich."

    "Ich weiß, Oheim, ich habe darüber nachgedacht, doch sind wir am Ohsonta und eben hier so wunderbar beschützt worden, daß ich freudige Hoffnung hege, wir werden auch kommenden Gefahren entgehen."

    "Desto besser, wenn deine Hoffnung nicht trügt. Aber wir sind alle sterblich. Sollte mir was Menschliches begegnen, nein, sieh mich nicht so betroffen an, Kind, wir können zu jeder Stunde abgerufen werden, in der Prairie, wie in den Städten - also finde ich mein Ende - jetzt oder später, so nimm dich Pucks an, er ist dann ganz allein auf der Welt."

    Paul war von den ernsten Worten des Trappers so gerührt, daß ihm die Thränen in die Augen traten.

    "In die Ansiedlungen kannst du ihn nicht bringen, er würde dort seines Äußeren wegen viel zu leiden haben, aber siedle ihn nicht zu fern von dir in der Steppe an, und versieh ihn mit allem, was er braucht, denn, ist er auch ein großer Jäger, so versteht er nichts von Handel und Wandel, kennt nicht die Welt, nicht die Menschen, ist ein hilfloses Kind."

    "Mein treuer Oheim, Puck ist mein Bruder, und solange ich etwas habe, beim heiligen Angedenken meines Vaters, teilt er es mit mir."

    "Gut, Paul, wirst's halten, weiß es."

    "Aber warum giebst du dich so trüben Gedanken hin? Du bist der Stärkste von uns, der Erfahrenste, und ohne dich, Oheim, sieht keiner von uns die Heimat wieder."

    "Nun, Paul, werden alle das möglichste thun, uns zu retten, und - haben der Graue Bär und sein Medizinmann schon gewaltige Dinge vollbracht. Ich denke nicht daran zu verzagen, kam mir nur so in den Sinn; weiß keiner, wann seine Stunde kommt!" Er streichelte ihm die Wange und fuhr liebreich fort: "Geh und ruhe, wird eine unruhige Nacht werden."

    Paul ging, und der Trapper saß wieder, in Sinnen verloren, allein da.

    Es war so still und friedlich zwischen den schattigen Bäumen, als ob es keinen blutdürstigen Wilden in der Welt gäbe.

    Auf den nachdenklich gestimmten Trapper trat langsam der alte Brown zu.

    "Möchte ein paar Worte mit euch reden, Sir"; seine Stimme verriet innere Bewegung als er so sprach.

    "Ist mir recht, setzt euch neben mich."

    Brown räusperte sich und schien in einiger Verlegenheit zu sein, wie er beginnen sollte. Dann sagte er: "Wißt wohl nicht, daß ich seit vielen Jahren ein Freund der Osbornes bin?"

    "Habe es von dem Jungen erfahren."

    "Hm", Brown machte eine lange Pause, "wollte euch nur fragen, Sir - seid schon lange Prairiejäger, wie -?"

    "Viele Jahre -"

    "Ist euch in der Wildnis nie ein Edward Osborne aufgestoßen?"

    Seine Augen hafteten bittend an dem ernsten Gesichte des Trappers.

    "Vermutet recht, Sir, habe den Mann gekannt", entgegnete der ruhig.

    "Und -", fragte Brown mit fast zitternder Stimme weiter, "er lebt noch?"

    Mit einer gewissen Schroffheit entgegnete der Trapper: "Tot, seit vielen Jahren tot."

    "Tot?"

    "Nicht wieder zu erwecken."

    Es verging Zeit, ehe der alte Mann wieder begann: "Wenn er noch lebte, würde er gewiß gern erfahren, wie sein Bruder John, nachdem der erste Zorn vorüber war, seiner stets mit inniger Liebe gedachte, ihn viele Jahre hindurch suchen ließ, durch die ganze Union, bis er endlich die Hoffnung aufgab, ihn auf Erden noch wieder zu sehen."

    Der Trapper hatte das Haupt abgewandt, als Brown langsam, mit bewegter Stimme so sprach, und der schräg durch die Zweige fallende Sonnenstrahl spiegelte sich in einer Thräne wieder, die über das braune Gesicht in den grauen Bart herniederrollte.

    Nach längerem Schweigen wandte er seinem Gefährten das Antlitz wieder zu. Eine seltene Milde lag darüber ausgegossen, als er mit weicher Stimme sagte: "Glaube wohl, daß es Edward Osborne Freude gemacht hätte, es zu erfahren. War wild, nicht unedel, der Edward."

    "Das beste, edelste Herz, sagte sein Bruder."

    "Kann euch sagen, Brown, hat seinen Frieden gefunden; ist mit Gott und der Welt im reinen."

    "Wohl ihm."

    Der Trapper dampfte gewaltig aus seiner kurzen Pfeife, und fragte dann, während seine Augenbrauen sich zusammenzogen: "Auf welche Weise ist James Osborne in diese grausige Angelegenheit mit dem Jungen verwickelt, dem Gott mich als Retter sandte?"

    Brown gab einen gedrängten aber klaren Bericht über alle Vorfälle, welche ihm bekannt waren.

    "Der Schurke", murmelte Grizzly, als er geendet, ingrimmig. "Und James ist in der Steppe?"

    "Wir waren hart hinter ihm und den beiden Räubern her, denn Nathan Wild ist ein gewaltiger Steppenmann, aber wir verloren ihre Spuren."

    "Gott wird ihn erreichen, Brown", sagte mit tiefer Stimme der Trapper.

    Er schüttelte dann mit warmer Herzlichkeit dem Alten die Hand: "Wart stets ein Freund der Osbornes und auch des Edwards, weiß es schon lange."

    Brown ging zurück und setzte sich zu Paul.

    "Wie wunderbar sind Gottes Wege", sagte er leise vor sich hin.

    Puck kam zurück und berichtete dem Trapper, daß sich die Zahl der Feinde durch neu eingetroffene Scharen wohl auf das Dreifache erhöht habe.

    "Ziemlich egal, Junge, ob wir mit hundert oder dreihundert fechten."

    Er erhob sich und ging zur Prairie, an ihrer Grenze das Gehölz umschreitend.

    Nach Süden zu waren starke Pferdemengen zu gewahren, die Reiter hatten die Sättel verlassen; auch in Ost und Nord zeigten sich Pferdetrupps und einzelne hin- und herjagende Reiter. Die Sonne sank tiefer, und die Schatten der Dämmerung brachen herein.

    Der Trapper verteilte hierauf die Kämpfer, und schweigend erwartete man, während die Dunkelheit langsam hereinbrach, was die Nacht bringen würde.

Zehntes Kapitel

Langsam bewegte sich ein Trupp von etwa sechzig Cheyennekriegern durch die Steppe, in dessen Mitte Mister Osborne, Ben und Jim mit zusammengebundenen Füßen einherritten. Es war die Schar, welche Cayugas Führung anvertraut war und unter seiner Leitung die drei Männer gefangen genommen hatte. Der junge Häuptling war nicht unter den Reitern; mit einer kleineren Abteilung ausgesuchter Krieger war er davongeritten, um nach der Stellung des Feindes auszuspähen. Mit welch großer Vorsicht die Cheyennes einherzogen, zeigten die weit umher verstreuten einzelnen Reiter, die als Vedetten dienten.

    Verschieden war der Gesichtsausdruck der Gefangenen. Während der Jim genannte Mann grimmig und zugleich trotzig vor sich hinstierte, Ben wenigstens den noch ihm eigenen Zug von Kühnheit wahrte, sah Mr. Osborne sehr niedergeschlagen aus. Er mußte sich sagen, daß jetzt, wo das Streben langer Jahre, sich in den Besitz des Vermögens seines Bruders zu setzen, endlich mit Erfolg gekrönt war, wo er als reicher und angesehener Mann auf einer schönen Besitzung leben konnte, schon seine bald offenkundige Gemeinschaft mit den beiden unheimlichen Gesellen sehr gefährlich für ihn war. Dazu kam noch, daß, wie er mit Schrecken gewahrt hatte, dieser energische alte Mann, der Brown, ihm nachspürte und ihn leider in Garfield erkannt hatte. Selbst wenn der Richter ihm nichts anhaben konnte, was bei den unzuverlässigen Schurken, derer er sich bedient hatte, um seinen Neffen zu beseitigen, doch noch mindestens zweifelhaft war, konnte er in Arkansas nicht bleiben. Durch die Gefangennahme in Gesellschaft der Blutigen Hand und des Geiers, nach dem Vorgange in Garfield, war ihm ein Brandmal aufgedrückt, welches ihn für anständige Gesellschaft unmöglich machte.

    Mr. James Osborne hatte in den Jahren, die er fern von der Heimat zubrachte, ein wildes, abenteuerliches, von verbrecherischen Handlungen nicht freies Leben geführt und in diesem Treiben auch die Bekanntschaft von Ben und Jim gemacht. In Texas, Colorado, selbst in Kalifornien war er, freilich unter verschiedenen Namen als Falschspieler berüchtigt und durfte sein Gesicht dort nicht mehr zu zeigen wagen. Trotz seiner ebenso verwegenen als verfänglichen Spekulationen, seiner Geschicklichkeit im Hazardspiel war es ihm nicht gelungen, wieder emporzukommen. Bei ihm sagte das Sprichwort: "Wie gewonnen so zerronnen" die Wahrheit; nachdem er sich im Westen unmöglich gemacht hatte, suchte er mit dem letzten Reste seiner Barschaft die Heimat wieder auf, wo man keine Kunde von seinem Treiben hatte, und sein gütiger Bruder John half ihm, sich eine neue Existenz zu gründen und sich eine geachtete Stellung zu verschaffen. James Osborne war ein vollendeter Heuchler, er wußte seinen Bruder zu täuschen und zeigte sich der Menge als ehrbarer Bürger und fleißiger Kirchenbesucher. Dabei war er nicht nur grenzenlos habgierig, nein, er besaß auch den Ehrgeiz, eine Rolle im bürgerlichen Leben spielen zu wollen. Wurde er nun mit den beiden berüchtigten Burschen dem Richter vorgeführt, legte der alte Brown, der ihn genauer kannte, als andre, Zeugnis gegen ihn ab, so war der Traum, den großen Herrn in Arkansas zu spielen, ausgeträumt. Unaufhörlich sann er deshalb darüber nach, wie er dieser Gefahr entrinnen könne.

    Aber um ihn ritten die ernsten, schweigsamen Cheyennekrieger; wiederholte Versuche, eine Unterhaltung anzuknüpfen, waren kurz abgewiesen worden. Jetzt war der junge Häuptling, den eine stolze Mannhaftigkeit weit über seine Jahre auszeichnete, dem die Krieger mit ergebenem Gehorsam folgten, abwesend, und er beschloß, einen neuen Versuch zu machen, Unterhandlungen anzuknüpfen.

    Die beiden wüsten Gesellen an seiner Seite waren, wie er, mit Gedanken, auf irgend eine Weise die Freiheit zu gewinnen, beschäftigt. Beiden war in der Mitte dieser schweigenden Cheyennes nicht gut zu Mute, denn sie wußten wohl, daß einem ehrenwerten Richter überliefert, der Strick ihnen sicher war. Ihre Verbrechen ließen sich zu klar erweisen, sobald man sich die Mühe gab, Zeugen herbeizuschaffen. Der häufige Wechsel des Aufenthaltes, das Hin- und Herströmen der mit unsauberen Elementen durchsetzten Bevölkerung der Grenzdistrikte, in welcher sie Helfershelfer fanden, endlich die Zuflucht, welche ihnen die endlose Steppe im Notfall bot, hatten sie bis jetzt vor dem Arm des Gesetzes geschützt.

    "Osborne", sagte Ben halblaut zu ihm; "wird eine unangenehme Sache, wenn wir nach Garfield gebracht werden. Haben Feinde dort, gewissenlose Menschen, die gottlos genug sein werden, falsches Zeugnis gegen uns abzulegen."

    "Wird so kommen. Und mit gefangen mit gehangen, heißt es bei mir, der ich in eurer Gesellschaft ertappt wurde."

    "Will euch was sagen, Gevatter", äußerte der Lange, "kennen uns, wäret längst gehangen, wenn der Richter wüßte, wer den Goldgräber in Western City erschoß."

    "Dummheit."

    "Kalkuliere, seid deshalb mit uns in ganz guter Gesellschaft."

    "Nun, und was weiter?"

    "Wollte euch raten, einen Versuch zu machen, unsre Schlingen zu lösen."

    "Wie denn?"

    "Seid ein reicher Mann, bietet den Cheyennes an, wonach ihr Herz begehrt. Büchsen, Decken, Pulver, Perlen, Zeuge, Rum, sind habgierig genug, die Schelme. Versucht's."

    "Ist mein Gedanke, seitdem der junge Feuerfresser fort ist, will's versuchen."

    "Wundere mich", fuhr Ben fort, "daß man uns nach Westen führt, statt nach Süden, und daß der junge Häuptling davongeritten ist, auch die ungewöhnlichen Vorsichtsmaßregeln, welche die Leute anwenden, um nicht überrascht zu werden, verstehe ich nicht."

    "Ist gleichgiltig. Will mit dem Cheyenne reden."

    Sie ritten einige Zeit schweigend weiter. Als der jetzige Anführer der Schar, ein Mann von mittlerem Alter und hartem Gesichtsausdruck, in seiner Näher war, rief ihn Osborne an.

    "Will der Häuptling mir die Ehre erweisen, einige Worte von mir anzuhören?"

    Der Indianer ritt zu seiner Seite.

    "Das Bleichgesicht möge rede."

    "Was habt ihr mit uns vor? Wo führt ihr uns hin?"

    "Cayugas sagte es; wir bringen euch nach dem Kansas und übergeben euch dem Richter der Weißen dort."

    "Das wäre schon sehr gut, denn der Richter ist unser Freund und wird nicht mit gütigen Augen auf die Cheyennes sehen, weil sie uns in der Prairie gefangen genommen haben."

    "Was thut der weiße Mann in der Prairie?"

    "Ei, ich habe große Rinderherden in der Steppe unter Nathan Wild, dem Cowboy, und kam, nach ihnen zu sehen."

    Dies machte den Cheyenne augenscheinlich stutzen, denn er, wie viele seine Volkes, kannte die Herden Osbornes, der sich bemüht hatte, ein freundliches Einvernehmen mit dem Stamme herzustellen, und auch den Cowboy, der sie hütete.

    "Haben die Blutige Hand und der Geier auch Rinderherden hier?" fragte er dann und lächelte.

    Osborne bemerkte den Spott wohl, aber fuhr, ohne ihn zu beachten, fort, "nein, sie sind meine Führer, die ich annehmen mußte, weil ich mich in der Steppe nicht zurecht zu finden weiß."

    "Das wirst du alles deinen Häuptlingen sagen."

    "Meine Geschäfte rufen mich nach Osten, wo meine Anwesenheit sehr notwendig ist, und ihr führt mich nach Westen; das ist für mich sehr schlimm, und ich würde viel geben, wenn ich meinen Weg fortsetzen könnte. Warum führst du mich, da du mich doch dem Richter bringen willst, nach Westen und nicht zum Kansas gegen Süden?"

    Der Indianer antwortete nicht.

    "Ich bin ein reicher Mann und würde den Cheyennes viel Büchsen, Pulver und Decken geben, wenn sie mich nach Osten reiten ließen."

    Des Cheyennes Augen funkelten bei Aufzählung dieser ihm so begehrenswert erscheinenden Schätze, aber er entgegnete nichts.

    Osborne ließ seine gewichtige goldene Uhrkette und seine Ringe, welche der Wilde schon längst bewundert hatte, in der Sonne spielen.

    "Der junge Häuptling der Cheyennes muß sich geirrt haben, als er uns festhielt, denn wir sind, wie alle Weißen, die Freunde seines Volkes."

    "Der Sohn der Dunklen Wolke weiß, was er thut."

    Leiser fuhr Osborne fort: "Ich würde meinem Freunde diese Kette und die Ringe an meinen Fingern schenken, wenn er gestatten wollte, daß wir nach Osten zu den Unsern reiten, und die Cheyennes sollten viele gute Dinge von mir haben."

    Der Indianer, dessen Augen fortwährend den Horizont der Steppe überflogen, entgegnete ihm nichts und blickte, sich im Sattel aufrichtend, starr nach Norden.

    Gleich darauf brachte sein gellender Ruf die ganze Kriegerschar zum Halten, und alle Blicke waren nach dem nördlichen Horizont gerichtet.

    Bald gewahrten auch die Weißen, wie die nach jener Richtung vorgerückten Reiter sich zurückwandten und auf den Haupttrupp zujagten.

    Der Führer hob seine Lanze hoch empor und bewegte ihre Spitze mehrmals im Kreise, sie dann nach Süden ausstreckend. Erstaunt sahen die Weißen dem zu.

    "Hier ist nicht alles in Richtigkeit", sagte Ben leise zu Osborne. "Jagdsignale sind das schwerlich."

    Der Anführer rief einige der älteren Krieger zu sich und schien mit ihnen eifrig zu beraten; verstohlene Blicke fielen dabei auf Osborne und seine Gefährten.

    Schweigend harrte alles und blickte nach Norden. Als die von dort heranjagenden Vorposten sich näherten, sprengte ihnen der Krieger, welcher mit dem Oberbefehl betraut war, entgegen. Auch bemerkten die Weißen, wie die in Ost und West sichtbaren Reiter sich alle nach Süden bewegten.

    Der Anführer kam zurück und rief der Schar etwas zu, worauf alle ebenfalls nach Süden zu ritten.

    Dann wandte er sich an Osborne, der mit seinen Gefährten jetzt allein hielt.

    "Wenn der Weiße den Cheyennes seinen gelben Schmuck schenken will, mag er es thun, er kann dann nach Osten reiten."

    Erstaunt und erfreut erwiderte ihm dieser: "Gerne, mein Freund", und händigte ihm Kette und Ringe ein, die Uhr zurückbehaltend.

    Begierig griff der Indianer danach und steckte sie in seinen Medizinbeutel, den er am Gürtel trug.

    "Ich darf die Weißen nicht töten", sagte er dann; "kann sie nicht mitnehmen, sie mögen nach Osten reiten, aber rasch, eine Wolke zieht heran."

    Damit ritt er davon, den Seinen nach.

    "Aber unsre Büchsen, Indianer", rief ihm Osborne nach. "Wir sind ja verloren ohne Waffen in der Steppe."

    Der Indianer deutete hierauf als Antwort mit der Hand nach Norden.

    Die drei Männer sahen sich verblüfft gegenseitig an und richteten dann den Blick nach der Himmelsgegend, auf welche der Indianer gedeutet hatte. Ihre Augen waren geübt genug, um zu erkennen, daß von dorther eine starke Reiterschar nahte.

    "Was bedeutet das alles?" fragte Osborne.

    "Fürchte, werden noch wunderliche Dinge erleben", sagte Ben; "scheint nicht alles richtig zwischen den Roten."

    "Der Hund hat uns nicht einmal die Füße frei gemacht", ließ Jim sich ingrimmig vernehmen.

    "Das können wir jetzt leicht haben", tröstete ihn Osborne; "ich trage mein Federmesser in der Tasche.

    "Lassen wir das noch", mahnte Ben, "wollen erst sehen, wer da kommt, Freunde der Cheyennes scheinen es nicht zu sein. Kann uns die Fessel vielleicht zur Empfehlung gereichen."

    Sie blieben ruhig halten, den Blick nach Norden gerichtet, von wo die Reiterschar immer näher kam. Die Cheyennes waren schon im Süden verschwunden.

    In kurzer Zeit brausten in dichtem Schwarm wohl an zweihundert federgeschmückte Wilde heran, deren lange Lanzen sich an den Armriemen schaukelten.

    "By Jove, es ist Krieg zwischen den Roten", sagte Ben. "Sie tragen die Skalplocke."

    Kaum hatte er ausgesprochen, als sich die drei von Reitern mit grimmigen Gesichtern dicht umgeben sahen, deren scharfen Augen nichts in ihrem Äußerem entging.

    "Wer seid ihr?" fragte gebieterisch ein sie mit wenig freundlichen Blicken betrachtender Indianer in englischer Sprache.

    "Wir waren bis vor kurzem Gefangene einer Schar von Cheyennes."

    "Wie kommt das? Die Cheyennes sind die Freunde der Jengees."

    "Wir sind, während ich mit meinen Cowboys meine Herden suchte, von ihnen überfallen, beraubt und gebunden worden. Was sie mit uns vorhatten, weiß ich nicht; gewiß nichts Gutes."

    "Und wie kommt es, daß sie euch zurückließen?"

    "Es überkam sie plötzlich ein panischer Schreck, und sie jagten nach Süden davon, ohne daß wir die Ursache zu erkennen vermochten. Sie riefen uns, zu folgen, doch thaten wir es nicht."

    "War Cayugas bei ihnen?"

    "Wenn du den Sohn ihres Häuptlings meinst, der war heute morgen bei uns, ist aber dann mit etwa dreißig seiner Leute nach Westen geritten."

    "Gut." Ein grimmiger Zug zeigte sich im Gesichte des Indianers, der augenscheinlich der Führer der Schar war.

    Er rief dann seinen Kriegern etwas zu, worauf ein Teil die Verfolgung nach Süden fortsetzte; die andern hielten wie bisher.

    "Sage mir, Häuptling, ist Krieg zwischen den Cheyennes und dir? Und darf ich erfahren, wer du bist?"

    "Du sprichst mit Krähenfeder, dem Haupte des Kiowavolkes", entgegnete der kurz.

    "So sprechen wir mit einem gerechten Krieger, der uns schützen wird gegen die räuberischen Cheyennes."

    "Ihr seid Feinde jener heulenden Hunde, die in eiliger Flucht davonrennen, wenn Krähenfeders Lanzenspitze im Gesichtskreise erscheint?"

    "Gieb mir eine Büchse, Häuptling", rief Jim, "und stelle mich vor einen Haufen dieser Schurken, dann sollst du sehen, ob ich ihr Feind bin."

    Des Kiowahäuptlings klugem Auge war nicht eine Miene, keine Bewegung der drei waffenlosen Männer entgangen, und er war erfahren genug, Osborne von den beiden rohen Cowboys unterscheiden zu können. Er wandte sich wieder an diesen: "Ihr müßt bei uns bleiben, und ich hoffe, du sagtest die Wahrheit, daß Cayugas nach Westen geritten ist."

    "Ich sagte die Wahrheit."

    "Das wird gut für dich sein."

    "Sahest du noch mehr Cheyennes in der Steppe?"

    "Nur die Schar, die uns gefangennahm, und die du verjagt hast."

    "Wie viel Reiter zählte sie?"

    "Vielleicht hundert."

    Krähenfeder befahl hierauf einem Krieger, den Weißen die Fußfesseln zu lösen und sagte: "Ihr sollt Gelegenheit haben, euch an den Cheyennes zu rächen, kommt."

    "Du meinst es gut, großer Häuptling der Kiowas, und wir sind dir Dank schuldig dafür, daß du uns befreit hast, aber unser Weg liegt nach Osten, wo meine Herden weiden, gestatte, daß wir dorthin reiten."

    "Du folgst uns, wir wollen mehr von euch erfahren."

    Auf seinen Ruf setzte sich die ganze Schar nach Westen in Galopp, die Weißen in die Mitte nehmend, die, wie noch eben von den Cheyennes, jetzt von den Kiowas umgeben waren.

    "Kalkuliere", sagte Ben mit bitterem Galgenhumor, "sind aus dem Regen in die Traufe geraten."

Elftes Kapitel

Weiter nach Osten hin, da wo der Verdigris noch sanft zwischen flachen Ufern dahinrinnt, ehe seine Fluten zwischen schroffen zerklüfteten Felswänden dahinschäumen, wie an seinem unteren Laufe, dem Arkansas zu, lagerte die gesamte Streitmacht der Cheyennes. Um zahlreiche Feuer, über deren Glut Büffelfleisch schmorte, hatten sich die Männer niedergelassen, andre saßen in kleinen Kreisen bald schweigsam, bald plaudernd da. Mehr als tausend Pferde weideten, teils unter der Aufsicht junger Leute in der Nähe, oder waren am Rande des Lagers angepflockt. Von Zeit zu Zeit trafen Reiter ein, oder es sprengten solche hinweg, dem Horizonte zu.

    Eine große Anzahl Büffelfelle, welche in der Prairie zum Trocknen ausgebreitet waren, zeigten, daß die Jagden des Volkes nicht unergiebig gewesen waren.

    Einige wenige Fellhütten, wie sie die Indianer zu errichten pflegen, erhoben sich inmitten der lagernden Leute; sie dienten den großen Häuptlingen zur Behausung, während sich die andern mit dem Nachtlager im Freien begnügen mußten.

    Vor einem dieser Wigwams gewahrte man eine auffallende Männergruppe. Zwischen dunkelhäutigen Indianern in ihren Jagdhemden saßen dort auf Sätteln oder wollenen Decken neun weiße Männer in der knappen blauen Uniform der reitenden Staatenpolizei, einer Truppe, welche errichtet worden war, um dem verbrecherischen Treiben an den Grenzen ein Ende zu bereiten.

    Aus zuverlässigen, mit den Gefahren der Prairie vertrauten Leuten von eiserner Körperbeschaffenheit und unerschütterlichem Mute rekrutierte sich diese auserlesene Schar, der die Aufgabe gestellt war, Mörder und Diebe bis in die pfadlose Wüste zu verfolgen. Zu ihr gehörten die Männer, welche hier vor dem ersten Häuptling der Cheyennes, der Dunklen Wolke, versammelt waren, während eine Anzahl untergeordneterer Führer des Volkes zu dessen Seite weilte.

    Die Dunkle Wolke, ein Mann von wohl fünfzig Jahren, von kräftiger Gestalt und würdevoller Haltung, dessen Brust mehrere Medaillen aus Silber und Gold schmückten, blickte, auf hohem Sattel sitzend, wohlwollend auf die vor ihm gelagerten Weißen. Sein Antlitz war edel geformt und trug den Ausdruck einer überlegenen Klugheit; seine ungewöhnlich dunkle Hautfarbe mochte ihm wohl nächst andern Eigenschaften seinen Namen verschafft haben. Ihm gegenüber saß Richard Walpole, Konstabler der Vereinigten Staaten, der Führer des Polizeitrupps, eine magere, sehnige Gestalt, dessen von Wind und Wetter gebräunte Gesicht die Züge energischer Kühnheit und einer derben Ehrlichkeit aufgeprägt waren. Seine Leute waren, wie er, materialische Gestalten von ausgesprochener Mannhaftigkeit.

    In einer bereits länger andauernden Unterredung sagte Walpole: "Das ist eine teufelmäßige Geschichte, Häuptling. Man muß in den Garnisonen des Westens keine Ahnung davon gehabt haben, daß die Sioux einen Angriff vorbereiten, sonst hätte man es in Washington gewußt, und man würde mich von dort aus benachrichtigt haben. Die Grenzoffiziere müssen geschlafen haben, sonst wäre eine solche Überraschung nicht möglich gewesen."

    "Ich selbst", sagte der Häuptling, "habe erst vor kurzer Zeit Kunde von dem Bündnis erlangt, welches zwischen den Dakotas, den Kiowas und Kaws abgeschlossen worden ist, und wußte nicht, was zu thun war; auch waren meine Leute weit über die Prairie zerstreut, um den Büffel zu jagen. Die Kiowas hegen tiefen Groll gegen uns, der streitigen Jagdgründe wegen, wie auch in der Erinnerung an die Niederlage, welche sie erlitten haben, als sie uns vor fünf Jahren überfielen. Ich wußte nicht, welche Anordnungen ich treffen sollte, denn nur Gerüchte trafen mein Ohr, aber ich zog meine Krieger zusammen und sandte unter meines Sohnes Cayugas Befehl einzelne Streifscharen nach Norden. Bald erfuhr ich von ihm, daß der zornige Häuptling Krähenfeder das Beil zwischen uns ausgegraben hatte. Er hat zuerst unsern Freund, den Grauen Bären, in Gefangenschaft geschleppt", - "den alten, braven Grizzly?" unterbrach ihn der Beamte, - "dann Cayugas, obgleich vergeblich, angegriffen und einen unsrer Streiftrupps in einen Hinterhalt gelockt und niedergemacht."

    "Und warum bist du nicht mit deinen zahlreichen Kriegern auf ihn losgegangen, Dark Cloud?"

    "Ehe ich ihn angreifen kann, Konstabler, muß ich wissen, wo die Hauptmacht der Kiowas steht, und vor allem, wo die Krieger der Kaws weilen. Wenn die Kaws nach Norden ziehen wollen, müssen sie entweder den Arkansas oberhalb der Mündung des Verdigris überschreiten, oder über den Verdigris selbst gehen. Das letztere in seinem oberen Laufe möglich; denn von hier aus nach Westen hin kann kein Pferd den Verdigris kreuzen. Deshalb darf ich mich nicht von hier entfernen, ehe ich nicht weiß, wo die Krieger der Kaws reiten. Leicht können sie mir vom Verdigris aus in den Rücken fallen, wenn ich nordwärts gegen den Kiowa zöge."

    "Wie immer der kluge, alte Stratege Dark Cloud", sagte Walpole und fuhr dann teilnahmsvoll fort: "Also den wackeren Grizzly haben diese verräterischen Schufte überfallen? Armer, alter Bursche, werden dir deine letzte Stunde schwer genug gemacht haben. Es ist sehr schlimm, Häuptling, daß die roten Leute nicht Frieden halten können und wiederum die Steppe mit ihrem Blute röten, sehr schlimm, doch noch mehr zu beklagen ist die Verblendung, mit welcher sie von neuem den Kriegspfad gegen uns beschreiten. Nun, so ist mein Geschäft zunächst zu Ende."

    "Was führte dich in die Prairie, Freund Hickory?" Dies war der Name, den die Cheyennes dem Beamten nach dem zähen, knorrigen Baume gegeben hatten.

    "Ich bin ausgeschickt, die zwei blutigsten Schurken, welche die Prairie je getragen hat, zu fangen oder zu vertilgen, die Rote Hand und den Geier. Diese Mörder haben erst vor einigen Wochen einen Ansiedler, der durch die Steppe am Missouri zog, mit Weib und Kind niedergemacht, und ich kehre nicht um, bis ich sie habe, und sollte ich sie bis zum Stillen Ozean verfolgen. Von dem Gelichter soll die Erde gereinigt werden."

    Bedächtig sagte der Häuptling: "Sie haben auch vor wenigen Wochen einen Kaufmann nordwärts von Kansas überfallen und ein Kind in die Wüste geschleppt."

    Der Beamte horchte auf: "Überfallen? Kind in die Wüste geschleppt?"

    "Ja, und sie wollten glauben machen, es seien Cheyennes gewesen, welche die Weißen überfallen haben."

    "Woher hast du die Nachricht, Dark Cloud?"

    "Cayugas hat das Kind gesehen."

    "Also nicht gemordet?"

    "Grizzly hat es gerettet."

    "Gut. O, daß dieser unselige Indianerkrieg mich verhindert, diesen Hunden nachzusetzen."

    "Du kannst jetzt nicht in die Steppe reiten, Konstabler, du mußt bei mir bleiben, bis ich sie von Feinden gesäubert habe."

    "Ich sehe es ein", erwiderte verdrießlich der Beamte. "Doch, was denkst du zunächst zu beginnen, Häuptling?"

    "Ich warte auf Nachrichten. Cayugas ist in der Steppe nach Westen zu, und meine besten Späher durchstreifen sie nach Norden. Nach dem, was sie melden, muß ich meine Maßregeln treffen. Wirst du uns beistehen im Kampfe, Hickory?"

    "Wenn du angreifst, Dark Cloud, nein, da kann ich dir nicht ohne Befehl des großen Vaters in Washington beistehen, wirst du aber angegriffen, so fechten wir an deiner Seite."

    Der Häuptling reichte dem Konstabler die Hand: "Sei es so, ich weiß, du kannst fechten."

    "Ich freue mich", entgegnete der Konstabler, den Händedruck erwidernd, "daß du weise genug bist, treu zur Regierung zu halten; es ist ehrlich und klug zugleich gehandelt. Mag ein Überfall der Indianer noch so viel Unheil über die Grenzen bringen, schließlich bezahlen die Roten doch die Zeche, und vernichten sich selbst."

    Mit tiefem Ernste sagte der Häuptling: "Du sagst wahr, Hickory, die roten Leute vernichten sich selbst, und ich will nicht, daß mein Volk zu Grunde geht, darum halte ich Frieden mit den Weißen und richte gegen die Leute meiner Farbe nur die Lanze, wenn sie mich angreifen. Ich habe das Land der Weißen und ihre Macht gesehen, ich bin in den großen Städten des Ostens gewesen, ich sah Newyork mit seinen großen Wigwams, zahlloser wie die Blätter des Waldes, ich war beim großen Vater in Washington und tauschte mit ihm Worte des Friedens; er war gütig gegen mich. Ich habe lange beraten mit einem großen Friedenshäuptling, Schurz, der es wohlmeint mit den roten Kindern dieser Erde. Ich habe viel gesehen im Lande der Weißen und nachgedacht über das, was ich gesehen und gehört habe, und bin zurückgekehrt zu meinem Volke und habe ihm gesagt: Heil ist für uns nur, wenn wir Freundschaft halten mit den Weißen, und es hat auf meine Worte gehört. Ich habe in gleichem Sinne zu den Häuptlingen der Kiowas und Kaws gesprochen und sie gewarnt vor vergeblichem Kampfe, aber der verlogene Sioux hat in ihre Ohren gesungen, und seine Stimme klang süßer als die der Dunklen Wolke der Cheyennes. Nur mit Trauer im Herzen führe ich Krieg, aber die Cheyennes müssen sich wehren, wenn sie angegriffen werden."

    "Du bist ein großer und gerechter Häuptling, Dark Cloud. Möge dir Gott Sieg geben und dein Volk gedeihen lassen."

    Die umhersitzenden Indianer und Polizeireiter hatten schweigend dieser Unterredung gelauscht und nur gelegentlich den Äußerungen der Redenden ein Zeichen der Zustimmung gegeben.

    Durch die ringsum sich lagernden Cheyennes kamen eilig zwei junge Indianer, die soeben aus der Steppe angelangt waren, auf die Gruppe der Häuptlinge zu. Sie blieben vor der Dunklen Wolke stehen und neigten grüßend das Haupt.

    Mit unbeweglichem Gesicht sagte der Häuptling nach einem kurzen Schweigen zu dem einen der Jünglinge: "Warunga möge reden."

    "Die Kaws haben den Arkansas oberhalb des Verdigris überschritten und stehen im Westen."

    "Gut. Weißt du, wie viele Lanzen sie zählen?"

    "Es mögen dreimal hundert sein."

    "Gut. Hast du noch etwas zu sagen?"

    "Cayugas hat die Rote Hand, den Geier und das Schlangenauge in der Steppe gefangen genommen."

    "Hat er sie getötet?"

    "Nein, er will sie den Häuptlingen der Weißen überliefern."

    "Gut. Wo weilt Cayugas?"

    "Er reitet nach Westen, den Kaws entgegen."

    "Gut."

    "Warunga hat gesagt, was er zu sagen hatte."

    "Warunga ist klug, ich bin zufrieden mit ihm."

    Augenscheinlich erfreut neigte der Indianer wieder das Haupt und trat zurück.

    "Und was sagt Mahoti?"

    "Die Kiowas ziehen mit all ihren Kriegern nach Süden, dem Verdigris zu. Sie sind zahlreich, Mahoti konnte sie nicht zählen, sie sind zahlreicher als die Cheyennes."

    Nachdenklich schaute der Häuptling vor sich hin und sagte dann zu den um ihn sitzenden Führern: "Die Kiowas werden sich mit den Kaws vereinigen und dann hierher reiten, um den Verdigris zu überschreiten."

    Die erfahrenen Krieger bestätigten diese Ansicht.

    "So mögen meine Häuptlinge erwägen, ob es nicht geboten ist, die Cheyennes nach Norden zu führen, um den Feinden, wenn sie kommen, in die Flanke zu fallen, oder ob es geraten erscheint, über den Verdigris zurückzugehen und drüben den Feind zu erwarten."

    "Wir wollen beraten, Dunkle Wolke", sagten die Angeredeten, erhoben und entfernten sich.

    Diese Unterredung wurde in der Sprache der Cheyennes geführt. Als dann der Konstabler durch den Häuptling erfuhr, daß die von ihm gesuchten Banditen von dem jungen Cayugas gefangen worden seien, war er höchlichst erfreut.

    "Ein trefflicher Junge, dein Sohn, Dark Cloud; weiß, was er zu thun hat."

    Bald kehrten die Häuptlinge zurück und teilten der Dunklen Wolke mit, daß sie sämtlich der Ansicht seien, daß es geboten sei, im Norden des Verdigris zu bleiben, schon um Cayugas und seine Schar nicht in die Gewalt der Feinde zu geben.

    Da dies durchaus der Auffassung des ersten Führers der Cheyennes entsprach, wurde der Aufbruch befohlen, und nach kaum einer Stunde bewegte sich eine Reitermasse, wohl tausend Pferde stark, nach Norden. Der Konstabler und seine Polizeireiter mitten unter ihnen.

Zwölftes Kapitel

Die Nacht hatte in ihren dichten Schleier das Gehölz eingehüllt, welches den Trapper und seine Freunde barg. Der Himmel war mit Wolken bedeckt, kein Stern schaute freundlich hernieder, und dunkel und geheimnisvoll lag die Steppe da. Schweigend lauschten die Männer, die Büchsen in der Hand, in die Prairie hinaus, und ihre Augen suchten die Finsternis zu durchdringen.

    Der Trapper stand mit Wild und Walker zusammen.

    "Was denkt ihr, was zu thun sei, Grizzly?"

    "Ist nur eine Möglichkeit, Männer, unsre Skalpe zu behalten, müssen im rechten Augenblick davonreiten. Den Platz gegen dreihundert Mann zu halten, ist unmöglich. Sie schleichen in der Dunkelheit heran und stechen uns mit ihren Messern nieder."

    "Sie greifen selten in der Dunkelheit an, Grizzly", sagte Walker.

    "Weiß, glauben, daß der, welcher bei Nacht fällt, auch im Jenseits von ewiger Nacht umgeben ist. Aber was thut ihr, wenn sie heranschleichen und Salve auf Salve aus gedeckter Stellung in die Büsche feuern und dabei uns durch ihre schleichenden Helden am Boden suchen lassen? Sind zu viel der Hunde, brauchen uns nur die Pferde lahm zu schießen, und wir sind rettungslos in ihrer Hand."

    "Habt recht, Grizzly", äußerte Nathan, "bin für den Ritt; die Nacht deckt uns wie jene."

    "Werden uns schon dicht genug umstellt haben", ließ sich Walker wieder vernehmen, "glaube an keinen Erfolg."

    "Müssen's versuchen, Walker, wollen aber vorher meinen Medizinmann hören; ist schlauer als der schlaueste Indianer."

    Er ließ ein scharfes Zischen hören, und alsbald drängte sich Puck durch die Büsche.

    "Was giebt's, Oheim?"

    "Was denkst du, Puck, wie entkommen wir?"

    "Wir reiten, Oheim."

    "Gut, aber wann und wie?"

    "Ich schleiche hinaus und scheuche ihre Pferde davon, dann reiten wir."

    "Kind, jetzt zwischen die Hunde da draußen gehen, ist ein Todesgang", sagte ernst und traurig der Trapper.

    "Gott wird mich schützen, Oheim, Gott und meine Mutter, die Prairie."

    Nach einer Weile fuhr der alte Mann fort: "Es mag sein, ich sehe keine andre Rettung. Versuche es, Puck, sei vorsichtig und Gott sei mit dir."

    Puck war aus den Büschen auf die Prairie getreten, hatte sich am Boden niedergekauert und legte zuweilen sein Ohr an die Erde, dann erhob er sich wieder und suchte mit seinen Adleraugen die Nacht zu durchdringen. Der ununterbrochene Verkehr mit der Natur hatte seine Sinne außerordentlich geschärft.

    Plötzlich horchte er hoch auf und griff zur Büchse, angestrengt lauschend. Ein leises Zischen, das Zischen der Klapperschlange, traf sein Ohr; Puck zuckte jäh überrascht zusammen, ahmte aber dann das leise lockende Pfeifen des Prairiehundes nach, und gedämpft klang darauf sein Name durch die Nacht.

    Ebenso leise flüsterte Puck freudig erregt: "Hier, Cayugas", und aus dem Grase erhob sich, schattenhaft nur wahrnehmbar, eine schlanke Gestalt und war mit eiligem Schritt dicht bei Puck.

    "Willkommen, Häuptling", sagte der Zwerg freudigen Tones, "ich wußte, daß du uns nicht verlassen würdest."

    "Wo ist der Graue Bär?"

    "Er ist hier, Cayugas; wir haben ihn befreit."

    "Es ist gut, der Medizinmann ist ein großer Krieger."

    "Aber, wie hast du uns aufgefunden, Cayugas?"

    "Ich habe Schneeflocke, den jungen Kaw, gefangen; er zittert noch vor dem fremden Medizinmann und sagte mir, wo sich die Weißen befänden. Er hat die Wahrheit gesagt und soll seinen Skalp behalten."

    "Rüsten sich die Kaws zum Angriff?"

    "Sie sind Prairiehasen und verstecken sich; doch führe mich zum Grauen Bären."

    "Komm", sagte Puck, und vorsichtig schlichen sie durch die Büsche.

    Sie trafen den Trapper auf der Wache auf der andern Seite des Gehölzes. Er stieß einen Ruf des Erstaunens aus, als er Cayugas erkannte.

    "Alle Wetter, Junge, Cayugas, wo kommst du her?"

    "Ich suchte in der Prairie nach dem Grauen Bären."

    "Nun, es freut mich, daß du uns nicht vergessen hast."

    "Nicht vergessen; Freund nie vergessen."

    "Wie steht es draußen?"

    "Die Kaws wissen nicht, was sie thun sollen."

    "Ja, sie haben gefühlt, daß Grizzly und sein Medizinmann hier weilen, und wagen sich nicht heran. Hast du ihre Stellung erkundet, Cayugas?"

    "Sie weilen in kleinen Trupps ringsum; die Häuptlinge sind im Süden versammelt."

    "Bist du allein oder hast du Krieger bei dir?"

    "Ich habe nur dreißig Mann bei mir, sie liegen nach Osten in der Steppe."

    "Und wo ist dein Vater?"

    "Er weilt mit allen Cheyennes am oberen Verdigris."

    "Und ihr habt Krieg?"

    "Das Beil ist ausgegraben; die Kiowas haben das Blut der Cheyennes vergossen."

    "Wo sind die Kiowas?"

    "Ich suche sie, um der Dunklen Wolke sagen zu können, wo sie reiten."

    "Gut, mein junger Freund. Was rätst du uns nun zu thun?"

    "Der Graue Bär möge die Nacht benützen und mit seinen Freunden zu den Cheyennes reiten."

    "Ganz meine Meinung."

    "Wie ist der Große Bär den Kiowas entkommen?"

    Der Trapper gab ihm einen kurzen Bericht seiner Befreiung.

    Ein Ausruf der Bewunderung entfuhr dem jungen Krieger, als der Heldenthaten Pucks gedacht wurde.

    "O Medizinmann, großer Krieger. Und die junge Tanne auch gefochten?"

    "Auch Paul hat sich als Mann gezeigt."

    "Sagtest du nicht, daß die Blutige Hand und der Geier ihn in die Steppe geführt haben?"

    "Ja, so sagte ich", antwortete der Trapper, überrascht von der Frage.

    "Und die Weißen nennen den Knaben Osborne?"

    "Ganz recht, wie kommst du darauf?"

    "Du wirst es erfahren."

    Cayugas hielt es noch nicht an der Zeit, um die Gefangennahme der Banditen zu berichten, und der Trapper wußte, daß es vergeblich sein, einen Indianer nach etwas zu fragen, was er verschweigen will.

    "Also augenblicklich siehst du keine Gefahr für uns?"

    "Die Kaws werden nicht eher angreifen, bis die Sterne zu erbleichen beginnen", sagte zuversichtlich der junge Cheyenne.

    "Wo hast du dein Pferd?"

    "Es liegt in der Prairie."

    Der Trapper ließ jetzt durch Puck alle seine Gefährten zusammenrufen. Erstaunt blickten die, welche von der Anwesenheit des Cheyenne noch nichts wußten, den Indianer.

    Paul reichte erfreut Cayugas die Hand: "So, hast du uns doch nicht verlassen, o, das ist schön."

    "Segne meine Seele", rief der Kentuckyer, "das ist ja unser rothäutiger Freund mit den Skalpen. Willkommen, Sir, freut mich, euer ehrliches Angesicht zu sehen."

    Auch er schüttelte dem Cheyenne die Hand.

    Cayugas wandte sein Auge auf Brown, die Arkansasmänner und nickte dann Nathan Wild zu.

    "O, der Cowboy ist da, es ist gut, er ist Freund der Cheyennes."

    "Ja, junger Häuptling, haben immer gute Freundschaft mit euch gehalten, ist am besten so, wollen sie auch ferner halten!" und auch er schüttelte Cayugas die Hand.

    "Sind Pferde für alle da?"

    Die Frage wurde bejaht.

    Puck, welcher neben Cayugas stand, sagte zu ihm: "Weißt du, Cayugas, wir wollen den Panther spielen, um uns den Weg freizumachen."

    In des Cheyenne Gesicht erschien ein Lächeln: "O, gut, Puck großer Panther, gut."

    Er wußte, wie täuschend der Zwerg mit seiner gewaltigen Stimme das Gebrüll des Panthers nachahmen konnte.

    Im Scherze hatten sie auf ihren früheren gemeinschaftlichen Jagden oft Mensch und Tier damit erschreckt.

    Es ward nun beschlossen, die Pferde an das östliche Ende des Gehölzes zu führen, damit von da aus, sobald der Indianer und Puck zurück wären, die Flucht ausgeführt werden könne.

    Cayugas hatte seine Waffen bis auf das Messer abgelegt, ein gleiches hatte Puck gethan, der freilich für die Büchse den Bogen genommen hatte, und beide traten in die Prairie hinaus.

    Vorsichtig schlichen sie nach Süden zu, wo der Haupttrupp der Kaws stand.

    Es war so dunkel, daß sie sich nur auf kurze Entfernung erblicken konnten.

    Schon hatten sie eine gute Strecke zurückgelegt, ohne etwas vom Feinde zu gewahren, und lauschten angestrengt, um die Stellung der Feinde zu ermitteln, als unerwartet unweit von ihnen eine Stimme laut wurde. Beide sanken lautlos ins Gras nieder.

    In der Sprache der Kaws, die mit dem Cheyennedialekt genügend verwandt ist, um von den Lauschern verstanden zu werden, klang es zu ihnen her: "Wir müssen die Skalpe der weißen Hunde haben oder diese selbst, es ist Blut der Kaws geflossen. Wenn die Sterne bleich werden, greifen wir an."

    "Aber Krähenfeder erwartet uns, Häuptling, und leicht kann es sein, die Cheyennes jagen ihn nach Norden zurück, wenn wir nicht da sind, ihm zu helfen, und dann stehen wir allein zwischen Arkansas und Verdigris."

    "Wir reiten erst, wenn es Tag ist, nach dem blutigen Grunde und können die Kiowas noch am Abend erreichen. Die Cheyennes sind weit, sie fürchten sich, ihre Skalplocken zu zeigen."

    "Aber die Dunkle Wolke ist ein erfahrener und kluger Krieger, und die Jengeese haben ihm viel Büchsen und Pulver gegeben."

    "Die Cheyennes sind mit Blindheit geschlagen, sie glauben uns in ihrem Rücken, südwärts des Verdigris, und wagen sich nicht von dessen Ufer fort. Sie können nicht denken, daß wir durch die Einöde über den Arkansas gekommen sind. Wir reiten erst, wenn die Sonne hell scheint und wir der Weißen Skalpe haben."

    Die Redenden, die nur undeutlich den im Grase Verborgenen sichtbar geworden waren, entfernten sich.

    Cayugas und Puck setzten dann ihren Weg mit noch größerer Vorsicht fort.

    Ein leises Pferdegewieher traft ihr Ohr, jetzt wußten sie, wo die Rosse der Kaws, wahrscheinlich aber auch die Krieger, weilten.

    Bald trafen sie auf einige Indianer, die sich im Grase ausgestreckt hatten, und nur die größte Vorsicht verhinderte es, mit ihnen in Berührung zu kommen.

    Deutlicher hörten sie jetzt das Schnauben und Stampfen der Pferde. Sie machten einen Bogen, um den Tieren sich zu nahen, welche, wie aus dem Geräusch zu schließen war, auf einem Haufen stehen mußten.

    Nach kurzer Zeit erreichten sie sie und erkannten bald, daß die Pferde nur zusammengekoppelt waren, wohl um sie zu augenblicklichem Gebrauch bereit zu haben.

    Sie krochen auf etwa zehn Schritte heran und überzeugten sich, daß keine Krieger in der Nähe waren.

    Ein dumpfes Knurren klang aus dem Grase hervor, die Tiere zitterten - dann erschütterte das furchtbare Gebrüll des zornigen Panthers die Luft.

    Mit unwiderstehlicher Gewalt rissen sich die von Todesangst erfaßten Tiere voneinander los und jagten in wilden Sprüngen davon, in die Nacht hinein. Die Indianer sprangen empor, schrien durcheinander, und viele liefen den Tieren nach, ihnen pfeifend und lockend, doch unaufhaltsam jagte die Herde davon.

    Cayugas und Puck waren sofort nach dem so gelungenen Pantherschrei in großer Eile zurückgekrochen und suchten nun in demselben Bogen, in dem sie gekommen waren, auf die andre Seite des Lagers zu gelangen.

    Deutlich vernahmen sie die befehlende Stimme des Häuptlings, die sie schon vorher gehört hatten: "Das war kein Panther, sucht im Grase nach, ein Feind ist herangeschlichen." Doch die Dunkelheit war so undurchdringlich, daß alles Suchen vergeblich war. Zweimal kamen streifende Kaws in ihre Nähe, doch wenn diese sie bemerkten, wurden sie wohl für Gefährten gehalten.

    Puck und Cayugas hielten die Messer in den Händen, um jeden, der sie bedrohte, niederzustechen. Doch da das Panthergebrüll von der dem Gehölz entgegengesetzten Seite gekommen war, suchte man die Feinde dort und nicht in der Richtung, die sie wirklich eingeschlagen hatten.

    Immer ferner tönte der Galopp der geängstigten Tiere.

    Als sie weit genug von dem Lagerplatz entfernt waren, begannen beide nach dem Gehölze zu laufen, welches sie in einigen Minuten erreichten.

    Mit ängstlicher Spannung hatte man dort auf den Erfolg der mit so viel Gefahr verbundenen Expedition gelauscht und mit Freuden das Davonjagen der Tiere vernommen.

    Sie standen alle neben den gesattelten Pferden.

    Vorsichtig führte man diese in die Prairie. Puck und Bill halfen dem verwundeten Trapper, der seinen Schmerz in der Schulter tapfer verbiß, in den Sattel des Thunder; alle bestiegen die Rosse.

    Da die nächste Gefahr von den Reiterhaufe zu fürchten war, welche nordwärts des Gehölzes standen, richtete man nach dieser Seite alle Aufmerksamkeit.

    Man ließ die Pferde im Schritt gehen. Cayugas ging voran, und hinter ihm ritt Puck auf dem Blitz. Paul ritt neben Brown, um im Notfall dem alten, wenn auch noch sehr rüstigen Manne beistehen zu können.

    Doppelte Wachsamkeit war nötig, da die zu ihrer Linken weilenden Kawscharen gewiß durch das Davonjagen der Pferde aus dem Hauptlager aufmerksam und mißtrauisch geworden waren.

    Das Gehölz war schon lange nicht mehr zu gewahren, und vorsichtig ließen sie ihre Tiere langsam weiterschreiten.

    Keiner sprach ein Wort, alle lauschten nur und suchten mit ihren Blicken die Dunkelheit zu durchdringen.

    Schattenhaft, mit unhörbaren Schritten ging der Indianer voran, trotz der Finsternis in gerader Linie. Sein feines Ohr vernahm, daß Reiter ihnen entgegen kamen. Leise gebot er Halt, und alle nahmen die Waffen zur Hand.

    Cayugas begab sich an Pucks Seite.

    Ein Trupp der Feinde sprengte auf ihrer Linken in einiger Entfernung vorbei. Schon glaubten sie unbemerkt geblieben zu sein, als ein einzelner Reiter, der der Schar folgte, in größter Nähe an den Flüchtlingen vorüberkam und die Haltenden gewahrte. Allen war auf das Strengste eingeschärft worden, das tiefste Schweigen zu bewahren, und erst Feuer zu geben, wenn Cayugas oder Grizzly es gebieten würden. Puck hielt seinen Bogen bereit.

    Der einzelne Indianer rief ihnen etwas zu und sprengte heran.

    "Schieß, Puck!" flüsterte der Cheyenne. Die Sehne knarrte, als der Mann auf zehn Schritt heran war, und der Pfeil fuhr ihm tief in die Brust. Er stieß einen gellenden Schrei aus.

    Mit einem Satze war Cayugas auf der Kruppe von Pucks Pferde, und rief, sich an dem Zwerge haltend; "Reiten!"

    Im Galopp sprengten alle davon, der Blitz, welcher die zwei Reiter gut trug, voran.

    Ringsum wurden Rufe laut, dann ward wildes Einhersprengen von Reiterscharen zu hören, doch die Dunkelheit war so undurchdringlich, daß nur das Ohr die Feinde wahrnahm, die zur Freude der Flüchtlinge sich in ihrem Rücken befanden.

    Ein gellender Kommandoruf hallte durch die Nacht, und augenblicklich verstummte das Geräusch galoppierender Pferde. Es war klar, die Kaws wollten sich durchs Ohr überzeugen, wo die so überraschend in ihrer Mitte aufgetauchten Gegner ritten.

    "Halten", rief Cayugas, und alle zügelten ihre Rosse.

    Ein Augenblick tiefer Stille lagerte auf der weiten Prairie.

    Wiederum wußten die Kaws nicht, wo sie ihre Feinde zu suchen hatten.

    Das Schweigen wurde durch einige laute Rufe unterbrochen, und der Hufschlag galoppierender Pferde ließ sich von neuem, von rechts und links her vernehmen.

    "Reiten", klang des Cheyennes Stimme wieder, und vorwärts jagte die kleine Kavalkade im vollsten Rosseslauf, wie bisher von Cayugas in gerader Richtung geführt.

    Von Zeit zu Zeit ließ der junge Häuptling ein leises, doch durchdringendes Pfeifen hören.

    Endlich antwortete diesem ein freudiges Wiehern.

    "Ha, mein Pferd", sagte Cayugas, gebot Halt und sprang vom Blitz herunter.

    Gleich darauf erschien er hoch zu Roß, die lange Lanze in der Hand, neben Puck. Sein wohlgeschultes Pferd hatte geduldig des Herrn geharrt.

    Während des durch den Cheyenne veranlaßten Haltes hatten alle aufmerksam gelauscht. Es wurde ihnen durch das Geräusch, welches die einhergaloppierenden Rosse der Gegner verursachten, klar, daß die Kaws sich zusammengzogen hatten und jetzt sämtlich auf ihrer rechten Seite ritten, und zwar in nicht zu großer Entfernung.

    Zu sehen waren sie nicht.

    Das Ziel der Verfolger lag im Osten, und die gleiche Richtung hielten auch die Verfolgten augenblicklich inne. Der Gedanke lag nahe, für kurze Zeit die Richtung nach Norden zu nehmen, doch Cayugas lehnte einen solchen Vorschlag mit der Begründung ab, sie ritten dann den Kiowas entgegen und könnten leicht zwischen zwei Feuer kommen. Auch drohte dann die Gefahr, daß ihnen der Weg nach Osten ganz verlegt würde.

    So beschloß man, in der bisherigen Richtung weiter zu reiten. Sie galoppierten dahin, während zu ihrer Seite in unbekannter Entfernung die Kaws sich bewegten, die etwas voraus sein mußten.

    Einige Meilen mochten sie in schneller Gangart zurückgelegt haben, immer ein klein wenig nach links abhaltend, als unerwartet die Kaws dicht an ihrer Rechten hörbar wurden. Sie mußten nach Norden umgelenkt haben, um ihre Gegner dort zu suchen.

    Als die Verfolgten dies erkannten, leider nicht früh genug, um der Bewegung ausweichen zu können, waren Grizzly und der Cheyenne entschlossen zu kämpfen. Rasch verständigten sie sich darüber und gleichzeitig, daß sie den Schlachtruf der Cheyennes beim Zusammentreffen hören lassen wollten. Man hielt die Pferde an und von Mund zu Mund lief das Wort: "Feuern, sobald der Ruf ertönt".

    Die Kaws sausten in großer Eile heran. Die Flüchtlinge wurden gesehen.

    "Wer reitet da?" rief eine laute Stimme in der Sprache der Kaws zu ihnen herüber.

    "Feuer!" rief Grizzly. Alle schossen, und mit ungestümer Kraft stießen Cayugas, Puck und der Trapper den Kriegsruf der Cheyennes aus.

    Der so ganz unerwartete Angriff mußte die Kaws aufs tiefste erschrecken, umsomehr, als sie nicht wissen konnten, wie stark die Zahl der Angreifer war.

    Die Indianer jagten in Eile zurück.

    "Schnell geladen!" rief der Trapper, und man beeilte sich, dem Rufe zu folgen.

    Drüben blitzten jetzt Büchsen auf, aber vergeblich war es, in dieser Nacht ein Ziel, welches nicht ganz nahe war, zu nehmen, die Kugeln zischten vorüber.

    "Reiten!" rief Cayugas, und die Pferde wurden angetrieben.

    Die Gefahr nahte aber jetzt von rechts in ernsthafter Gestalt, denn der Hufschlag einer starken Rosseszahl, die ihm schnellsten Laufe herankam, erschütterte den Boden. Die Kaws hatten den ersten Schreck überwunden und jagten zum Angriff vor.

    Es wäre nutzlos gewesen, auf eine geschlossen heranbrausende Reitermasse, welche nicht mehr durch ein unerwartetes Feuer zu überraschen und einzuschüchtern war, einzelne Schüsse abzugeben. Sobald sie erreicht wurden, war das Verderben der Flüchtlinge unabwendbar, wie wurden ohne weiteres überritten.

    "Nach links!" rief der Trapper mit Stentorstimme.

    Ehe aber die Pferde herumgerissen waren, klang Hufschlag vernehmbar auch von Osten her; jeder sah sein letztes Stündlein nahen.

    Wildes Geschrei erhoben die Kaws, dem Cayugas herausfordernd mit dem Schlachtruf der Cheyennes antwortete und seinen Namen hinzu setzte: "Hier Cayugas, der Springer!"

    Ein gellender Jubelruf, der aus der von Osten herankommenden Schar hervorklang, und der darauffolgende Kriegsschrei der Cheyennes belehrten die Flüchtlinge, daß es die Krieger des jungen Häuptlings waren, die ihnen entgegenjagten.

    "Hierher!" schrie Cayugas, "reitet die Hunde nieder", und mit einigen Sätzen seines Pferdes war er an ihrer Spitze.

    Hell erklang der Schlachtschrei der Cheyennes, den Puck, der Trapper, die Arkansasmänner und Paul, mit aller Kraft einstimmend, verstärkten.

    Dies, und besonders der Name des Sohnes der Dunklen Wolke, machten die Kaws doch stutzig, und sie hielten. Die Flüchtlinge hatten sich bereits mit den Kriegern Cayugas vereinigt und machten die Waffen zum Schießen fertig.

    Stille herrschte nach den wilden Kriegsrufen; hie und drüben lauschte man angestrengt nach dem Gegner hin. Leise befahl Cayugas der Hälfte seiner Leute, im Schritt eine Strecke nach Süden zu reiten und von da von neuem den Kriegsruf zu erheben.

    Ein Teil der Cheyennes bog ab, während die andern alle langsam nach Osten ritten.

    Die Kaws ließen nichts von sich hören. Von Süden her klang plötzlich Schlachtgeschrei, und die Feinde, welche aus der Anwesenheit des jungen Häuptlings, des Sohnes der Dunklen Wolke, auf eine starke Anzahl von Kriegern schließen und befürchten mochten, umringt zu werden, jagten, wie der Hufschlag der Rosse lehrte, nach Westen davon.

    Erst als er aus weiter Entfernung klang, forderte der junge Häuptling zur Fortsetzung des Rittes auf. In leichtem Galopp sprengten sie dahin. Auch die abgesandten Cheyennes hatten sich wieder angeschlossen.

    Der Himmel war in den letzten Minuten etwas lichter geworden, und im Osten waren die Sterne zu erblicken.

    Nachdem sie schweigend eine große Strecke zurückgelegt hatten, ließen unsre Freunde die Pferde im Schritt gehen.

    "Diesmal sind wir davongekommen, Junge", sagte Puck vergnügt zu dem neben ihm reitenden Paul.

    "Ja, Gott sei geprießen", entgegnete dieser aus dankbarem Herzen.

    Alle fühlten in dieser Freude, daß sie der Gefahr entronnen, daß sie gerettet waren.

    "Ich muß euch gestehen, Grizzly", sagte Bill Stone, "ich habe dieses Fechten, Schießen, Hauen und Stechen und vor allem das Gebrüll der blutigen Wilden satt."

    "Seid ein friedlicher Mann, Bill, weiß schon."

    "Ist ein Fakt, Sir. Macht kein Spaß, dieses Herumbalgen mit den Roten. Wollte, ich wäre zu Hause geblieben, ist mein ganzes Geschäft mit den Gentlemen der Prairie verdorben. Wird mein Alter scheel sehen."

    "Nun, Bill Stone, wollen dem Alten einen Brief schreiben, wollen ihm erzählen, wäret ein äußerst friedlicher Bursche, der nur dreinhieb, wenn's ihm ans Leben ging, dann aber auch wie ein alter Kentuckyer."

    "Ist recht, Sir, wird den alten Mann beruhigen, meint sonst, ich hätte Streit gesucht."

    "Kommen wir glücklich zur Heimat, Bill Stone", nahm Paul das Wort, "sollt ihr euch über geschäftliche Verluste nicht beklagen, ich werde euch andre Erwerbsquellen erschließen."

    "Ist mir recht, junger Herr, werde mich wohl in der Steppe nicht mehr sehen lassen dürfen."

    Sie ritten langsam weiter, Puck um seinen verwundeten Oheim beschäftigt, dem der Ritt nicht wenig Schmerzen verursachte, und Paul um den alten Brown.

    Sie bewegten sich in wechselndem Tempo nach Osten fort, bis die Sterne zu erbleichen begannen, dann ordnete Cayugas Rast an, und alle verließen die Sättel.

    Puck, der Trapper, Brown und Paul ließen sich zusammen nieder, an Schlafen dachte keiner, zu nahe war doch die Gefahr an ihnen vorübergegangen.

    Immer heller wurde es im Osten, die ersten rötlichen Lichter zuckten dort empor und spiegelten sich wieder in Millionen Tautropfen, welche an den Gräsern hingen. Der ganze Horizont, den leichter Nebeldunst einhüllte, erglühte in Feuer, und einer riesigen Kugel gleich erhob sich der Sonnenball über dem Rande der Prairie. Mit Bewunderung und innerer Andacht wohnten alle diesem erhabenen Schauspiel bei.

    Höher stieg die Sonne, und eine Flut von Licht erfüllte die weite Ebene.

    Der unermüdliche Cayugas stand schon auf einer Erhöhung und ließ sein scharfes Auge in der Runde schweifen, doch nichts gewahrte er, was die Sicherheit der Reisenden hätte gefährden können. Die Steppe war leer, so weit sein Blick reichte.

    Da die Pferde weiden mußten und der Ruhe bedurften - auch die Reiter hatten sie nötig - wurde an Aufbruch noch nicht gedacht.

    "Wo reiten wir hin, Cayugas?" fragte ihn Grizzly, als der Häuptling zurückkam.

    "Wir müssen nach Osten reiten, bis wir die Späher der Cheyennes treffen, die Dunkle Wolke weiß, von wo Cayugas kommt."

    "Es ist gut, mein wackerer Junge, du hast dich als großer Krieger und guter Freund gezeigt, dir danken wir die Rettung aus dringender Gefahr; Grizzly wird das nie vergessen."

    Dankend neigte der junge Indianer das Haupt.

    Der alte Trapper versank in Nachdenken. Dann und wann richtete er einen Blick auf Brown, den die anstrengenden Parforceritte sehr angegriffen hatten.

    Endlich ließ er sich vernehmen: "Ihr habt mir gestern von Edward Osborne gesprochen, Mister Brown."

    "O ja, Sir, o ja", entgegnete dieser lebhaft.

    "Es geht mir durch den Sinn, als ob man den Mann beschuldigt hätte, aus Rache seines Bruders Heimwesen angezündet zu haben?"

    "So ist es, Sir, doch hat sein Bruder John es nie geglaubt, und ich", setzte der finster hinzu, "weiß, wer der Brandstifter war, wer den Verdacht auf Edward lenkte."

    Der Trapper nickte befriedigt, wie es schien.

    "Endlich wird das Maß überlaufen", setzte er mit tiefer Stimme hinzu.

    Paul hatte mit Teilnahme diesen Reden gelauscht und sagte jetzt: "Mein lieber Vater hing mit großer Zärtlichkeit an meinem Oheim Edward."

    Liebevoll nahm ihn der alte Trapper in den Arm und sagte leise: "Weiß es, bist sein Ebenbild, Kind."

    Überrascht sah Paul in sein so gutes Gesicht.

    Doch Grizzly beachtete es nicht, seine Gedanken weilten in weiter Ferne.

    Nach und nach hatte doch Müdigkeit auch die andern überwältigt, auch Brown hatte sich zur Ruhe ausgestreckt, nur der Trapper saß noch aufrecht und ließ die Bilder vergangener Tage an sich vorüberziehen.

    Als die Sonne schon ziemlich hoch stand, gab Cayugas das Zeichen zum Aufbruch. Die Schlafenden wurden geweckt, und bald saß alles zu Pferde und ritt in nordöstlicher Richtung weiter, Cayugas hatte weit voraus Späher geschickt, um vor jeder Überraschung sicher zu sein.

    Es war ein heller, sonniger Tag, und alle waren nach der überstandenen Gefahr in gehobener, freudiger Stimmung.

    Paul und Puck sangen, da sie sich ganz sicher wußten, zum Entzücken aller Hörer, selbst der Indianer, zweistimmig das herrliche Lied: Home, sweet home (Heimat, süße Heimat), welches sie so oft an den Wassern des Arkansas an stillen Sommerabenden gesungen hatten. Alle bewunderten Pucks herrliche Stimme.

    "Du, Puck, und der Oheim, ihr kommt zu mir nach Woodhouse und lebt bei mir", sagte Paul.

    Lachend entgegnete der Zwerg in seiner schwerfälligen Weise, welche doch so vollständig verschwand, sobald er sang:

    "Wenn der Oheim geht, gehe ich natürlich mit, Paul, wo er geht, da gehe auch ich. Aber es ist nicht gut, ich darf meine Mutter, die Prairie, nicht verlassen, es wäre undankbar, sie hat mich lieb -"

    "Nun, wir werden sehen, Puck."

    In der heitersten Laune ritten alle dahin, jede Furcht vor Gefahr war verschwunden.

    Der Trapper war in einer weichen Stimmung und unterhielt sich oft mit Brown.

    Bei diesem aber kam, als nach überstandenen Gefahren Ruhe in die Seele eingekehrt war, die ganze Freude über die so glückliche, so wunderbare Rettung Pauls zum Ausbruch.

    "Er ist ein gutes Kind, Mister Grizzly, er war seines Vaters Liebling, ist der meinige, und unsre Schwarzen ließen sich sämtlich für ihn totschlagen; Gott muß ihn auch lieb haben, sonst hätte er euch nicht zur Rettung herbeigerufen."

    "Ja, Brown, er ist ein guter Junge, und ich wünsche von Herzen, daß in ihm das Geschlecht der Osbornes neu emporblüht."

    "Und gedenkt ihr nicht", fragte dann Brown zögernd, "nach der Heimat - nach dem zivilisierten Leben zurückzukehren, Sir?"

    "Nein, Brown, ich bin glücklich hier und will hier leben, bis mir mein Medizinmann, der Sohn meines Herzens, die Augen zudrückt."

    Bill Stone war in ausgelassener Laune und beteuerte wiederholt, der Grizzly, der kleine Herr, und Master Paul seien die gentilsten Burschen, die ihm je vorgekommen seien; "ist'n Fakt", setzte er hinzu.

    Bis gegen Mittag hatte die Reise in vergnüglicher Weise gedauert, als der am weitesten vorgeschobene Reiter Zeichen mit der Lanze machte.

    "Oh", sagte Cayugas, "die Cheyennes sind dort", und in beschleunigter Gangart bewegten sie sich vorwärts, um nach einer Stunde angestrengten Reitens die Cheyennes, welche in der Prairie lagerten, zu erreichen. Cayugas suchte sofort seinen Vater auf und gab ihm Bericht über das, was er gesehen, erlebt und gehört hatte.

    Ernst hörte der alte Häuptling zu, und sagte nur: "Im Blutigen Grunde sammeln sie sich? Gut. - Die Dunkle Wolke ist mit Cayugas zufrieden."

    Ein Lächeln freudigen Stolzes zog bei diesem Lobspruch über des Jünglings Gesicht.

    Die Weißen, welche langsam nachgeritten kamen, erschienen vor dem obersten Häuptling der Cheyennes.

    "Mein alter Freund Grizzly ist willkommen", sagte dieser und reichte dem Trapper die Rechte.

    "Weiß das, Dark Cloud; sind alte Freunde. Darfst auf den jungen Häuptling der Cheyennes stolz sein, ist ein tapferer und edler Junge."

    Trotz der würdevollen Selbstbeherrschung des Häuptlings zeigte sich hierbei doch in seinem Auge ein freudiges Aufleuchten. Er begrüßte dann Puck und ließ sich die Begleiter des Trappers vorstellen. Freundlich weilte sein Auge auf Paul, von dessen Schicksal er durch Cayugas unterrichtet worden war, und äußerte: "Es ist gut, daß die Junge Tanne den Wölfen der Prairie entkommen ist."

    Alle hieß er darauf willkommen an den Feuern der Cheyennes.

    Cayugas erfuhr hier von dem Unterführer der von ihm in die Steppe geführten Abteilung, welche sich den Kiowas glücklich entzogen und dem Häuptling wieder angeschlossen hatte, wie er die Gefangenen habe ihrem Schicksal überlassen müssen. Mit Bedauern hatte das schon der Anführer der Grenzreiter, der so eifrig nach den Banditen spähte, hören müssen.

    Walpole suchte, als er von der Ankunft der Weißen erfuhr, diese auf und begrüßte den ihm wohlbekannten Trapper herzlich und wünschte ihm Glück zu seiner Rettung. Ein großes Interesse hatte für ihn auch Paul Osborne, den er nach allem fragte, was seine Gefangennahme anging. Höchlichst erstaunt aber war er über die ihm vertraulich gemachten Mitteilungen Browns.

    "Nun", sagte der Beamte endlich, "am besten wäre es, die Kiowas hätten die Schufte niedergemacht, sparten dem Henker die Stricke. Also Mister James Osborne vom Arkansas? Wunderbar."

    Brown bat ihm, nichts von diesem vor Pauls Ohren verlauten zu lassen, und der Beamte versprach das.

    Unsre Freunde ließen sich am Feuer nieder und wurden von den Cheyennes gastfreundlich bewirtet.

    Deren Häuptlinge aber traten zusammen, vernahmen die Nachrichten, welche Cayugas mitgebracht hatte, und hielten Kriegsrat.

    Von den Kaws hatten sie in ihrem Rücken jetzt nichts mehr zu fürchten, aber der Frontangriff drohte von den vereinigten Stämmen, und es galt, diesen zurückzuweisen, in einer Stellung, welche den Übergang über den Verdigris deckte; die Dörfer der Cheyennes mußten geschützt werden vor feindlichem Überfall.

    Als Resultat der Beratung machten die Cheyennes noch am selben Abend eine Bewegung nach vorwärts und lagerten an einer Reihe niedriger Hügel, deren Gipfel sie sofort mit Schützen besetzten, während weit vorgesandte Reiter vor Überraschung durch den Feind sicherten.

Dreizehntes Kapitel

Nach ruhig in tiefem Schlafe vollbrachter Nacht erwachten der Trapper und seine Freunde neugestärkt im Sonnenscheine. Grizzlys Wunde schmerzte weniger, und auch das Fieber hatte nachgelassen. Puck hatte sich mehrmals in der Nacht leise erhoben und nach seinem Oheim gesehen, ihn zugedeckt mit der wollenen Decke, um ihn vor der Nachtluft zu schützen, und sich erst wieder hingelegt, wenn ihn dessen gleichmäßiges Atmen überzeugte, daß er ruhig schlief.

    Die Cheyennes waren sämtlich munter und hielten ihre Pferde bereit. Einige von ihnen brachten den Weißen gebratenes Büffelfleisch, das allen trefflich mundete.

    Cayugas nahte, in Begleitung des Konstablers, der mit seinen Leuten unweit gelagert hatte, wandte sich an den Trapper und sagte: "Die Kiowas werden die Cheyennes angreifen; wollen die weißen Freunde mit uns fechten?"

    "Was meine Doppelbüchse nützen kann, Junge, soll euch zu teil werden, zu Pferde kann ich nicht kämpfen."

    "Es ist gut, der Graue Bär ist ein gewaltiger Schütze, seine Büchse wird zu thun bekommen. Und der Medizinmann?"

    "Wenn des Oheims Büchse knallt, Cayugas, das weißt du wohl, läßt meine sich auch hören."

    "Will euch was sagen, werter Sir", ließ Bill Stone sich vernehmen, "wißt wohl, bin ein friedlicher Mann, habe nichts mit Streit zu thun, kommt mir aber einer von den Schuften der Kiowas zu nahe, soll er sich in acht nehmen, sage weiter nichts."

    Auch die Arkansasmänner erklärten sich bereit, sich am Gefecht zu beteiligen, sobald es nötig wäre.

    Walpole sagte: "Ich habe Dark Cloud schon meine Unterstützung zugesagt, wenn er angegriffen wird."

    "Die Weißen sind große Schützen", äußerste Cayugas, "sie sollen die Kiowas vor die Büchse bekommen. Die Dunkle Wolke läßt die weißen Freunde bitten, hinter diesem Hügel sich versteckt zu halten, und wenn die Feinde nahen, zu schießen."

    "Gut", sagte der Trapper, "ich verstehe, so soll es sein; locke sie hierher, Cayugas, und sie werden zwanzig der besten Büchsen knallen hören, welche je in der Prairie von den Händen tapferer Leute geführt wurden."

    Cayugas entfernte sich.

    "Ihr werdet etwas zu sehen bekommen", wandte sich Grizzly an seine Begleiter. "Dark Cloud ist der größte Reiterführer der Steppe, und diese Roten sind die besten Reiter der Welt."

    Sie begaben sich sämtlich auf den Rücken des Hügels vor ihnen und blickten von dort hinab. Die Cheyennekrieger hatten zum größeren Teile die Hügelkette überschritten und hielten in einzelnen Trupps vor dieser in der Ebene. Ein Drittel ihrer Streitmacht blieb als Reserve hinter den Erdanschwellungen, welche von dünnem Buschwerk gekrönt waren, zurück. In der Mitte, auf deren höchstem Punkte, hielt Dark Cloud auf dem Rosse und überblickte die Prairie, und um ihn hielten einige seiner erfahrensten Krieger.

    Die Cheyennes, die etwa tausend Mann stark sein mochten, erwarteten lautlos die Befehle des Führers.

    Die Schlacht konnte beginnen, der strategische Aufmarsch war vollzogen.

    Es war ein malerischer Anblick, die federngeschmückten Kriegerscharen mit den langen Lanzen auf schönen, kräftigen Rossen halten zu sehen, bereit zum Kampfe.

    Die Stellung war überaus klug gewählt, denn von den Hügeln herab konnte aus gedeckter Stellung auch ein scharfes Feuergefecht von Fußkämpfern geführt werden.

    Die Späher der Cheyennes gaben Zeichen mit den erhobenen Lanzen und zogen sich auf die Hauptstellen zurück.

    "Sie kommen", sagte der Trapper.

    Alle Blicke suchten den Feind in der Ferne. Endlich gewahrten sie ihn; in langer, dunkler Linie kamen die Kiowas und Kaws angeritten.

    Die Cheyennes hielten bewegungslos; die Führer der einzelnen Haufen wandten ihre Blicke zuweilen nach dem Hügel, wo Dark Cloud hielt.

    "Wir Cayugas' Vater auch kämpfen, Oheim?" fragte Paul.

    "Vorerst gewiß nicht", sagte der. "Er führt von dort die Schlacht vermittelst eines Stückes Spiegelglas."

    "Wie?" Paul erstaunte über die Antwort.

    "Er leitet seine Reiter durch ein Zeichen, welches er mit einem glänzenden Spiegel giebt, und bewahrt seine das Schlachtfeld überragende Stellung, um dies mit Vorteil thun zu können. Diese Zeichen sind nur seinen Kriegern verständlich und werden überaus geheim gehalten, du wirst sehen, wie er seine Linie lenkt."

    "Wunderbar."

    "Es giebt keine gewaltigeren Reiter, als diese Steppenindianer, und geradezu staunenswert ist es, wie sie den Zeichen des Häuptlings folgen."

    Die Kiowas kamen, noch immer in langer Linie, näher, und hielten in etwa einer Meile Entfernung an.

    Die Cheyennes regten sich nicht.

    Die Kiowas, welche an Zahl ihre Gegner übertrafen, sandten jetzt drei Haufen, welche sich aus der Linie gebildet hatten, vor, während noch eine starke Reserve zurückblieb.

    "Ah", meinte Walpole, "Krähenfeder ist weniger unvorsichtig, als ich glaubte, er wird wohl wissen, mit wem er zu kämpfen hat."

    Bill, der durch sein Glas die Bewegungen der Reiterscharen verfolgte, sagte: "Da kämpfen drei Weiße gegen uns."

    "Wo?" fragte der Konstabler begierig.

    Der Büchsenmacher bezeichnete den Haufen, in welchem er sie gewahrt hatte, und reichte Walpole das Glas, daß dieser durchschaue. Der richtete es auf die bezeichnete Stelle und gab es nach eifrigem Gebrauche Bill zurück.

    "Es sind die Galgenvögel, welche ich suche; hoffentlich fasse ich sie", murmelte er. Von jetzt ab folgte er den Vorgängen unten mit viel größerer Aufmerksamkeit, als bisher.

    Die Kiowas kamen näher.

    Jetzt hob Dark Cloud zum erstenmal die rechte Hand, in welcher er ein weithin leuchtendes Stück Spiegelglas hielt.

    Die Cheyennes sprangen von den Pferden, die Pferde legten sich nieder, und aus dem Grase entluden sich die Büchsen, mit welchen sämtliche Krieger bewaffnet waren.

    Dieser so unerwarteten Bewegung gegenüber, welche ihnen bei dem ziemlich gut gezielten Feuer Leute kostete, schwenkten die drei Haufen der Kiowas nach links ab und vereinigten sich.

    Kaum war dies geschehen, als sie einer Windsbraut gleich heranrasten.

    Dark Cloud bewegte den Arm, und mit unvergleichlicher Schnelligkeit sprangen seine Krieger in den Sattel und jagten den Feinden entgegen.

    Eine Bewegung mit dem Spiegelglase nach der Rückseite der Hügel, und vierhundert der dort aufgestellten Reiter sprengten nach dem rechten Flügel. Unter wildem Geschrei trafen dort die Kiowas und Cheyennes zusammen, und ein wildes Durcheinanderwogen von Rossen, malerischen Kriegergestalten, langen Lanzen bot sich den Blicken der Zuschauer. Inmitten des heißesten Kampfes brausten die zweihundert Cheyennes der Reserve um den Hügel herum und fielen den Kiowas mit eingelegten Lanzen in den Rücken.

    Darauf wendeten diese und jagten zurück. Die Cheyennes verfolgten sie. Doch eine Bewegung des Spiegels, welchen Dark Cloud in der Hand hielt, ließ sie halten und dann langsam zurückreiten. Reiterlose Pferde liefen umher, und verwundete und sterbende Kämpfer deckten den Boden.

    Der erste wuchtige Angriff der Kiowas war abgeschlagen. Sie hatten herbe Verluste erlitten, doch sammelten sie sich rückwärts zu neuem Vorstoß. In großer Aufregung folgten die Weißen den Wechselfällen dieses mörderischen Kampfes.

    In voller Bewunderung äußerte der Trapper: "Dark Cloud ist ein Meister, und nur ein solch anerkannter Führer kann diese wilde Herde", er meinte die Cheyennekrieger, "in siegreichem Vordringen aufhalten und zum Zurückgehen durch eine Bewegung seiner Hand bringen. Aber es ist richtig; seine Reiter wären bei weiterem Vordringen von den viel zahlreicheren Kiowas erdrückt worden. Nur in dieser meisterhaft gewählten Stellung konnte Dark Cloud den Kampf aufnehmen."

    Erst in der Entwicklung des Gefechtes hatte sich gezeigt, daß die Feinde mit stärkerer Übermacht auftraten, als die Führer der Cheyennes vermutet hatten.

    Es war klar, daß noch ein hartes Ringen in Aussicht stand.

    Mit Besorgnis gewahrten die auf dem Hügel, an der linken Flanke der Aufstellung der Cheyennes weilenden Weißen mit einemmal, daß von Westen her Reitergeschwader heranjagten.

    Man richtete die vorhandenen Gläser dorthin, und Grizzly sowohl als Walker, der Konstabler und Puck erklärten nach aufmerksamer Prüfung, daß dies die Kaws seien, die sich anschickten in die Schlacht einzugreifen, während man angenommen hatte, daß sie sich bereits mit den Kiowas vereinigt hätten. Dadurch wurde die Übermacht des Feindes noch größer.

    "Sie haben erst ihre Pferde suchen müssen, die der Panther verscheucht hatte", sagte Puck und lachte.

    Dark Cloud hatte sein Auge dem neu auftauchenden Feinde zugewandt.

    "Jetzt, Kinder, werden wir zu thun bekommen", sagte der Trapper, "da kommen unsre Freunde, die Kaws."

    Dark Cloud führte mit seinem Spiegelglas verschiedene Bewegungen aus, und mit staunenswertem Verständnis und sklavischem Gehorsam folgten die Scharen unten den so gegebenen Anordnungen.

    Eine Reiterabteilung bewegte sich nach rechts und nahm Aufstellung da, wo die kleine Hügelkette endete, die andre stieg ab und ließ sich im Zentrum der Stellung im Grase nieder.

    "Aha", sagte Grizzly, "Dark Cloud will's mit der Büchse versuchen."

    Gleichzeitig stiegen zu den Weißen hundert mit Büchsen bewaffnete Krieger von der Reserve herauf und nahmen zu beiden Seiten gedeckte Stellungen ein, während die andern unten in geschlossener Formation zu Pferde blieben.

    Ein Blick auf die Kiowas lehrte, daß sie zu neuem Angriff vorrückten.

    In drei starken Geschwadern zogen sie heran, und die eine suchte augenscheinlich die am rechten Flügel aufgestellten Cheyennereiter zu umgehen.

    Es war ein prachtvoller Anblick, als die Kiowas, die lange Lanze schwingend, in vollem Rosseslaufe herankamen.

    Aber die Aufmerksamkeit des Trappers und seiner Freunde wurde durch die bereits nahen Geschwader der Kaws, deren Angriff unzweifelhaft dem Hügel galt, in Anspruch genommen.

    "Jetzt wird's ernst", sagte Grizzly.

    Von unten herauf tönte das gellende Angriffsgeheul der Kiowas, der Schlachtruf der Cheyennes und starkes Büchsenfeuer.

    Neben dem Trapper lag ein alter, markiger Krieger im Grase, diesen fragte er: "Wird mein Bruder seine Leute alle auf einmal feuern lassen?"

    "Sie schießen in zwei Abteilungen."

    "Gut. Erst schießen die Cheyennes, dann die Weißen."

    Die Kaws hielten in etwa dreihundert Schritt Entfernung und stellten sich in Linie in zwei Gliedern auf.

    Dann begannen sie zu schießen, und ein hier und da ertönender Schmerzensruf zeigte, daß sie auch getroffen hatten. Doch kein Schuß fiel von den Cheyennes.

    Zur Überraschung derer, welche indianische Taktik nicht kannten, lösten sich die Linien der Kaws in einen ziemlich weit ausgedehnten Halbkreis auf, dessen Zentrum die Stellung der Weißen war.

    "Jetzt kommen sie", rief der Trapper, "kein Schuß eher, als ich es sage, Kinder."

    Aus dem Zentrum und vom rechten Flügel tönte ununterbrochen Kampflärm.

    Die Kaws setzten sich in Bewegung zu konzentrischem Angriff.

    Als sie in rasendem Rosseslauf unter wildem Geschrei auf etwa sechzig Schritte genaht waren, rief der Häuptling, der neben Grizzly lag: "Feuer!"

    Fünfzig Büchsen entluden sich, Reiter, Pferde stürzten und wälzten sich am Boden. Schmerzensrufe ertönten, aber weiter sausten die Reiter.

    "Feuer!" klang es zum zweitenmal, den Lärm übertönend. Wiederum krachten fünfzig Büchsen der Cheyennes, wieder stürzten Rosse und Menschen, aber auch das brachte die vor Wut halb wahnsinnigen Roten, welche Rache für die Verluste am Gehölz nehmen wollten, nicht zum Stehen, sie sprengten herauf: "Feuer!" schrie der Trapper, "Feuer!" der Konstabler, und die Büchsen der Weißen entluden sich mit grauenhaftem Erfolge.

    Auch Brown und Paul hatten geschossen.

    Gleich einem höllischen Knäuel wälzten sich Pferde und Menschen durch und über einander, aber die Nachfolgenden setzten über die Gefallenen hinweg.

    Alle, Cheyennes und die Weißen, erhoben sich, um den Tomahawk, das Messer, die umgekehrte Büchse in der Hand, ihr Leben wenigstens teuer zu verkaufen.

    Höllisches Geschrei, das Schnaufen der Pferde, Wehlaute mischten sich durcheinander, die langen Lanzen der Kaws stachen alles Erreichbare vor sich nieder.

    Mit Todesverachtung kämpften die Cheyennes mit Messer und Beil. Schon sind die ungestümen Reiter vor den Weißen. Walpole und seine Polizeireiter haben die Säbel gezogen, nachdem sie auch ihre Pistolen abgefeuert hatten.

    Stone braucht Messer und Büchse, ebenso die Arkansasmänner. Nathan Wild sucht Brown und Paul zu decken. Wie ein Rasender ficht Puck, Pfeil auf Pfeil von seinem Bogen absendend.

    Hoch ragt des Trappers gewaltige Gestalt über alle hinweg und sein grauer Bart flattert im Winde. Einem Riesen der Vorzeit gleich, schwingt er die lange, schwere Büchse mit furchtbarer Kraft ums Haupt, alles was sie trifft, zerschmetternd. Er steht fast allein im Feindesgedränge. In todbringender Wut dringen die Roten auf ihn ein, - er fällt - auf seine Brust richtet sich die Lanze des Häuptlings, da stürzt mit einem Sprunge, wie ihn der Löwe in Todesangst thut, Puck vor ihn und empfängt den tödlichen Stoß in die unbewehrte Brust.

    Gellende Rufe, untermischt mit Wehgeheul, scharfes Büchsenfeuer klingen von unten herauf, und die Kaws wenden, jagen in schreckenvoller Flucht zurück, den Hügel mit Sterbenden und Toten bedeckt hinter sich lassend.

    Im letzten Augenblicke hat die Reserve todesmutig eingegriffen, ist Cayugas, der Krähenfeder nach hartem Kampfe zurückgeworfen und getötet hat, dem linken, von den Kaws so hart bedrängten Flügel zu Hilfe gekommen.

    Die Kiowas sind mit furchtbaren Verlusten unter dem verheerenden Büchsenfeuer der Cheyennes überall gewichen; im letzten Augenblick hatte sich Dark Cloud in die Schlacht gestürzt. Die weite Prairie zeigte nur Leichen von Menschen und Pferden - flüchtende und verfolgende Indianer. Der Tag ist nach blutigem Ringen für die Cheyennes gewonnen, die Feinde sind total geschlagen.

***

    Wenig war die Sonne weiter gerückt. Hinter der Hügelreihe, welche den Cheyennes zum Stützpunkte gedient hatte, sitzen, gebunden, umgeben von den Polizeireitern, Mr. James Osborne, Jim und Ben, die im Kampfe gefangen genommen wurden.

    Der Konstabler hatte seine Aufgabe nicht aus dem Auge verloren. Sobald die Kaws und Kiowas sich zur Flucht wandten, war er mit dem Reste seiner Mannschaft - drei der Leute waren gefallen - auf den Pferden und setzte seinem Wild nach. Es gelang ihm, die drei flüchtenden Verbrecher einzuholen und festzuhalten.

    Zu seinem Erstaunen erkannte er auch in Osborne einen lang gesuchten Verbrecher, nach welchem die Gerechtigkeit seit Jahren eifrig fahndete.

    Jetzt saßen sie als Gefangene da.

    Osborne, bleich, erschöpft, Jim trotzig, roh wie immer, Ben war schwer verwundet.

    Vor den Gefangenen stand, trotz dem Lanzenstich, den er ins Bein erhalten hatte, hoch aufgerichtet, auf seine Büchse gelehnt, der Trapper, neben ihm Brown und der sehr bleiche Paul, der mit Entsetzen seinen Oheim in Gesellschaft der Banditen gefesselt vor sich sah.

    "Kennst du mich, James?" klang des Trappers Stimme gleich der Posaune des Weltgerichts in Mr. Osbornes Ohr.

    Osborne warf einen Blick auf den Trapper und sank mit dem Ausruf: "Edward, mein Bruder!" zurück. Dem Entsetzen des Jünglings gesellte sich maßloses Staunen bei diesen Worten.

    "Ja, dein Bruder, den du Schlange gegen den Erstgeborenen, den guten, edlen John hetztest, ihm mit giftiger Rede vormalend, wie er uns um unser Erbteil betrogen habe, mich durch deine aufhetzenden Lügen zu so wilder Wut treibend, daß ich dem Bruder, gleich Kain, mit dem Messer in der Hand gegenüberstand. Gott hat damals verhütet, daß ich zum Brudermörder ward. Aber gleich Kain stürzte ich hinaus, in die weite Welt, Verzweiflung im Herzen, gejagt von den Furien des Gewissens, ein verlorener, mit sich selbst zerfallener Mensch. Das war dein Werk. Spät erst erfuhr ich, daß du mich auch der Brandstiftung beschuldigtest, die du verursacht hast. Die Hand Gottes hat dich endlich erreicht. Gegen dich schreit das Blut des Erstgeborenen Johns, des kleinen Henry, der dir damals im Wege stand, um in den Besitz von Woodhouse zu gelangen, wie jetzt Paul. Ja, ich fürchte, du hast deine Hand auch gegen unsern gütigen John, den Vater dieses Knaben erhoben und ihn mit Gift hinweggeräumt. Diesen Knaben", er legte die Hand auf des bleich und zitternd dastehenden Pauls Schulter, "hat Gott durch mich von deiner Mörderfaust gerettet. Durch dich, James, bin ich einst namenlos elend, bin ich zum heimatlosen Flüchtling auf Erden geworden, aber ich verzeihe dir, denn Gott hat es gefügt, daß ich in aufrichtiger Reue den Frieden meines Herzens wiederfand. Auch Paul wird dir vergeben, daß du nach seinem Leben strebtest. Was du aber sonst auf deinem Gewissen hast, mußt du hier mit der irdischen Gerechtigkeit und dann vor dem höchsten Richter verantworten. - Wir beide haben auf dieser Welt nichts mehr miteinander zu thun, fahre hin und möge Gott dir gnädig sein."

    Stumm und totenbleich lauschte James Osborne den furchtbaren Anklagen, welche sein heldenhafter Bruder mit der Unerbittlichkeit des Richters ihm entgegen schleuderte; er fand nicht Antwort und schlug verzweifelnd die gefesselten Hände vor das Gesicht.

    Der Trapper, der lang verschollene Edward Osborne, wandte sich mit Brown und Paul, welcher von den entsetzlichen Enthüllungen, wie sie die Worte des Trappers brachten, auf das tiefste erschreckt war, zum Gehen, als Ben, der einen Schuß in die Brust bekommen hatte, leise und bittend sagte: "Master Paul."

    Der Jüngling wandte sich zu ihm.

    "Ich habe oft an Gottes Gerechtigkeit und Güte gezweifelt", fuhr Ben mit schwacher Stimme fort, "seitdem ich gesehen habe, daß er euch gerettet hat, zweifle ich nicht mehr. Ich freue mich, daß ihr davon gekommen seid und ich nicht euern Tod auf dem Gewissen habe. Meine Stunden sind gezählt, ich werde bald vor dem Allgerechten stehen und wollte, ich könnte es mit reinem Herzen; seid gütig, Master Paul, und verzeiht mir."

    "Es ist euch längst verziehen, auch der Vater im Himmel wird barmherzig sein."

    Er und Brown führten den Trapper davon. Jim, ein bereits rechtskräftig zum Tode verurteilter Mörder, wurde am Abend erschossen, und Ben starb in der Nacht an seiner Wunde. Auf dem Transport nach den Staaten entsprang James Osborne den Polizeireitern und hat irgendwo sein Ende gefunden. Man hat nichts mehr von ihm gehört.

***

Auf dem Hügel, der den heißen Kampf gegen die Kaws gesehen hatte, lag, auf wollenen Decken gebettet, Puck, und der Todesengel stand zu seinen Häupten; der Lanzenstich, den er für seinen Oheim empfangen hatte, war tödlich. Walpole hatte ihn verbunden, aber gleich gesagt, daß sein Leben nur noch nach Stunden zählen könne.

    Um sein Sterbelager saßen Cayugas, der Trapper, Paul, Bill Stone, Walker, Wild und andre. Cayugas still und ernst, während Edward Osborne und Paul die Thränen heiß über die Wangen rannen.

    Bill Stone, der zwei Wunden empfangen hatte, sagte: "Ich wollte mein ganzes Eigentum darum geben, wenn ich den kleinen Mann wieder gesund machen könnte; ist ein Fakt."

    Puck sah sehr bleich aus, aber der nahende Tod verschönte seine Züge. Er lag still und ruhig mit sanftem Gesichtsausdruck da. Dann schlug er die gesenkten Lider auf, und die schönen Augen richteten sich mit dem Ausdruck der innigsten Liebe auf den Trapper.

    "Nicht weinen, Oheim, du machst mir das Sterben schwer." - Nach einer Pause fuhr er fort: "Du bist der einzige, der Puck geliebt hat, auf der weiten Welt, und ich bin glücklich, o so glücklich, daß ich mein Leben für dich geben konnte."

    "Herzensjunge, Herzenskind", stöhnte der Trapper im tiefsten Schmerze, und Pauls Thränen flossen reichlicher.

    Nach einer Weile feierlichen Schweigens fragte Puck: "Komme ich in den Himmel, Oheim?"

    "Ja, ja, Kind", schluchzte dieser, "wenn einer in den Himmel kommt, dann bist du es." Der Sterbende lächelte glückselig.

    "Und du kommst auch zu mir in den Himmel?"

    "Ich hoffe es, Kind, ich hoffe es. Gott wird mir ein gnädiger Richter sein."

    "Ich werde ihn bitten, daß er dich bald zu mir kommen läßt, was soll ich ohne dich?"

    Der Trapper nickte: "Bitte ihn nur, Kind, ich bin bereit zu gehen."

    Kein Auge blieb trocken bei diesen Äußerungen des sterbenden Jünglings, selbst der stoische Indianer konnte seine Rührung nicht ganz verbergen.

    Puck schien zu schlafen, dann schlug er die Augen wieder auf und sagte: "Im Himmel muß es schön sein. Horch - die Engel singen, sie singen von der ewigen Heimat." Die Augenlider sanken nieder und leise - leise, wie aus weiter Ferne, klang es von den Lippen des Sterbenden - "Home, sweet home" - und mit dem letzten, kaum hörbar verhallenden Tone stieg seine Seele aufwärts zum ewigen Vater.

    Man bereitete ihm auf dem Hügel, auf dem er für seinen Oheim die Todeswunde empfangen, die letzte Ruhestätte. Alle Weißen und die Häuptlinge der Cheyennes standen um das schlichte Grab. Als es geschlossen war, sagte aus tiefstem Herzen der Trapper: "Nie schlug in eines Menschen Brust ein edleres Herz, als in der dieses armen Jünglings. Die Seele hat die rauhe Hülle abgestreift, um hinaufzuschweben in ewiger Schöne zum Throne Gottes. Was sterblich an ihm war, ruht im Schoße seiner Mutter, der Prairie, in unsern Herzen aber wird er fortleben, solange sie noch schlagen. Auf Wiedersehen, mein Herzensjunge - drüben."

    Der furchtbare Angriff, den die Sioux unter ihrem Häuptling Joseph im Jahre 1860 auf die Ansiedlungen am obern Missouri machten, der tausenden von Menschen den Tod brachte, wurde endlich unter starkem Aufgebot militärischer Macht niedergeschlagen. Die Kiowas erholten sich von ihrer Niederlage im "Blutigen Grund" nicht wieder.

***

Längst wohnt Paul Osborne wieder in Woodhouse am Arkansas; der alte Brown ist sein Vormund, und die schwarzen Gentlemen und Ladies tragen ihren jungen Herrn auf den Händen. Bill Stone, der Mann des Friedens, hat sich mit Hilfe Pauls in Monmouth als Büchsenmacher niedergelassen und macht ein glänzendes Geschäft. Einige Meilen von Woodhouse, in einer einsamen Savanne, haust der "Grizzly" genannte ehemalige Trapper. Seinen wirklichen Namen kennt man nicht. Die Steppe war öde für ihn geworden, als ihm der Sohn seines Herzens fehlte, und er siedelte sich in der Nähe der ehemaligen Heimat, in der Nähe seines Neffen an. Oftmals sucht Paul, der mit großer Liebe an ihm hängt, ihn auf, und hie und da kommt der Alte auch nach Woodhouse. Und dann erinnern sie sich gemeinsamer Abenteuer in der fernen Steppe am Verdigris und Ohsonta und denken des Jünglings, in dessen unscheinbarer Hülle ein solch reines, edles Herz schlug, um dort für ewig still zu stehen.

    Unter einer Traueresche, deren Zweige im schattigen Teile des Gartens tief herniederhängen, hat Paul einen einfachen Obelisk aus dunklem Granit errichten lassen, der in goldenen Buchstaben die Inschrift trägt: "Dem Kinde der Prairie."

    Manchmal sah man im Abendscheine den alten Trapper sinnend vor dem Steine stehen, und seine Augen waren feucht, wenn er sich langsam hinwegwandte, um sein abgelegenes Heim aufzusuchen.