/ Language: Deutsch / Genre:prose_contemporary

Hundert Jahre Einsamkeit

Gabriel Márquez


Hundert Jahre Einsamkeit

Gabriel García Márquez

1967 (Deutsch von Curt Meyer-Clason)

Irgendwo in den Urwäldern Kolumbiens, “am Ufer eines Flusses mit kristallklarem Wasser, das dahineilt durch ein Bett aus geschliffenen Steinen, weiß und riesig wie prähistorische Eier”, liegt das imaginäre Dorf Macondo, gegründet und beherrscht von der Familie Buendía.

Von den vitalen Männern und den klugen Frauen dieser Familie, von den Höhepunkten und Katastrophen ihres Lebens über Generationen hin erzählt Gabriel Garcia Márquez, und von diesem Dorf, dessen Bewohner nach einer langen Zeit der Isolation in den Kampf Lateinamerikas um Freiheit und soziale Gerechtigkeit hineingezogen werden. “Macondo” ist zu einem Symbol für den phantastischen Realismus in Lateinamerika und zum Spiegel des Lebens auf diesem Kontinent geworden. Sein Schöpfer hat mit diesem Buch Weltruhm erlangt.

Inhaltsverzeichnis

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Für Jomí Garciá Ascot und María Luisa Elío

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Viele Jahre später sollte der Oberst Aureliano Buendía sich vor dem Erschießungskommando an jenen fernen Nachmittag erinnern, an dem sein Vater ihn mitnahm, um das Eis kennenzulernen. Macondo war damals ein Dorf von zwanzig Häusern aus Lehm und Bambus am Ufer eines Flusses mit kristallklarem Wasser, das dahineilte durch ein Bett aus geschliffenen Steinen, weiß und riesig wie prähistorische Eier.

Die Welt war noch so jung, daß viele Dinge des Namens entbehrten, und um sie zu benennen, mußte man mit dem Finger auf sie deuten. Alljährlich im Monat März schlug eine Familie zerlumpter Zigeuner ihr Zelt in der Nähe des Dorfes auf und gab mit einem gewaltigen Getöse aus Pfeifen und Trommeln die neuesten Erfindungen bekannt. Als erstes zeigten sie den Magneten. Ein massiger Zigeuner mit wildem Bart und Spatzenfingern, der sich als Melchíades einführte, stellte öffentlich das zur Schau, was er das achte Wunder der alchimistischen Weisen Mazedoniens nannte. Zwei Metallbarren hinter sich herschleifend, zog er von Haus zu Haus, und alle erschraken, als sie sahen, wie Kessel, Becken, Zangen und eiserne Tragöfen von ihren Plätzen fielen, wie die Hölzer unter dem verzweifelten Versuch der Nägel und Schrauben, sich ihnen zu entwinden, ächzten, wie sogar langvermißte Gegenstände gerade da auftauchten, wo man sie am heftigsten gesucht hatte, und in lärmender Flucht hinter Melchíades’ Zaubereisen herschleiften. ≫Die Dinge haben ihr Eigenleben≪, verkündete der Zigeuner mit kehliger Aussprache, ≫es kommt nur darauf an, ihre Seelen zu erwecken.≪ José Arcadio Buendía, dessen zügellose Phantasie stets die Erfindungsgabe der Natur übertrumpfte, ja sogar die des Wunders und der Magie, hielt es für möglich, sich dieser unnützen Erfindung zu bedienen, um den Eingeweiden der Erde Gold zu entreißen. Melchíades, ein ehrlicher Mann, warnte ihn: ≫Dazu taugt sie nicht.≪ Doch damals glaubte José Arcadio Buendía nicht an die Ehrlichkeit der Zigeuner, und so handelte er die beiden Zauberstangen gegen einen Maulesel und ein Rudel Ziegenböcke ein. Ursula Iguarán, seine Frau, die damit gerechnet hatte, den kümmerlichen Haushalt mit diesen Tieren aufzupäppeln, vermochte ihn nicht davon abzuhalten.

≫Demnächst werden wir so viel Gold übrig haben, daß wir damit den Boden des Hauses pflastern können≪, erwiderte ihr Mann. Monatelang bemühte er sich, die Richtigkeit seiner Mutmaßungen zu beweisen. Die beiden Eisenbarren hinter sich herzerrend und Melchíades’ Beschwörungsformel laut aufsagend, durchforschte er die Umgebung Handbreit um Handbreit, den Flußboden eingeschlossen. Das einzige, was er zutage förderte, war eine Rüstung aus dem fünfzehnten Jahrhundert mit allen von einer Rostschicht zusammengelöteten Teilen, aus der es wie aus einer riesigen steingefüllten Kalebasse hervortönte. Als es José Arcadio Buendía und den vier Männern seiner Expedition gelang, die Rüstung auseinanderzunehmen, fanden sie darin ein verkalktes Gerippe, das ein kupfernes Medaillon mit der Haarlocke einer Frau darin um den Hals trug.

Im März kamen die Zigeuner wieder. Diesmal brachten sie ein Fernrohr und eine trommelgroße Lupe mit, die sie als die letzte Entdeckung der Amsterdamer Juden ausstellten. Sie setzten eine Zigeunerin an das eine Ende des Dorfs und pflanzten das Fernrohr am Eingang zum Zelt auf. Gegen Zahlung von fünf Reales preßten die Leute das Auge an das Fernrohr und sahen die Zigeunerin zum Greifen nahe. ≫Die Wissenschaft hat die Entfernungen ausgelöscht≪, verkündete Melchíades. ≫In Kürze wird der Mensch alles sehen können, was auf der Erde vor sich geht, ohne sich von der Stelle rühren zu müssen.≪ An einem glutheißen Mittag führten sie mit ihrer Riesenlupe ein überwältigendes Experiment vor: Sie legten einen Haufen dürres Laub auf die Straße und zündeten es an, indem sie die gebündelten Sonnenstrahlen darauf richteten.

José Arcadio Buendía, noch immer untröstlich über den Mißerfolg seiner Magnetbarren, kam auf den Einfall, diese Erfindung als Kriegswaffe zu verwenden. Wieder suchte Melchíades es ihm auszureden. Doch dann nahm er die beiden Magnetstangen und drei Münzen aus der Kolomalzeit im Austausch gegen die Lupe entgegen. Ursula weinte fassungslos. Das Geld stammte aus einem Kästchen voller Goldstücke, die ihr Vater in einem entbehrungsreichen Leben zusammengescharrt und die sie unter dem Bett vergraben hatte in Erwartung einer guten Gelegenheit, sie anzulegen. José Arcadio Buendía versuchte sie nicht einmal zu trösten, so vertieft war er in seine taktischen Versuche, selbstlos wie ein Wissenschaftler und ohne sein eigenes Leben zu schonen. In der Absicht, die Wirkung der Lupe auf feindliche Truppen zu beweisen, setzte er sich selber den gebündelten Sonnenstrahlen aus und erlitt Verbrennungen, die zu Geschwüren wurden und lange nicht heilten. Angesichts der Einwände seiner über eine so gefährliche Erfindungsgabe entsetzten Frau war er nahe daran, das Haus in Brand zu stecken. Lange Stunden verbrachte er in seinem Zimmer und stellte Berechnungen über die strategischen Möglichkeiten seiner neuartigen Waffe an, bis es ihm gelang, ein Handbuch von verblüffender didaktischer Klarheit und unwiderstehlicher Überzeugungskraft zu verfassen. Er ergänzte es durch zahlreiche Zeugnisse über seine Erfahrungen und verschiedene erläuternde Zeichnungen, dann sandte er das Ganze an die Behörden durch einen Boten, der die Sierra überquerte, durch endlose Sümpfe irrte, sich reißende Flüsse hinaufarbeitete und fast ein Opfer der Raubtiere, der Verzweiflung und der Pest wurde, bevor er auf einen Saumpfad stieß, der ihn zur Maultierpost führte.

Obgleich eine Reise zur Hauptstadt in jener Zeit nahezu unmöglich war, versprach José Arcadio Buendía es zu versuchen, sobald die Regierung es ihm befahl, um den Spitzen der Militärs seine Erfindung praktisch vorzuführen und sie persönlich in die komplizierten Künste des Sonnenkrieges einzuweihen. Mehrere Jahre wartete er auf eine Antwort.

Schließlich, des Wartens müde, beschwerte er sich bei Melchíades über seine fehlgeschlagene Unternehmung, und nun lieferte der Zigeuner ihm einen schlagenden Beweis seiner Ehrlichkeit: Er gab ihm die Dublonen gegen das Brennglas zurück und überließ ihm überdies einige portugiesische Landkarten und verschiedene nautische Geräte. Außerdem stellte er ihm eine eigenhändig niedergeschriebene Kurzfassung der Studien des Mönchs Hermann zur Verfügung, damit er sich des Astrolabiums, der Magnetnadel und des Sextanten bedienen konnte. José Arcadio Buendía schloß sich während der Regenmonate in einer Kammer ein, die er im Hinterhaus eingerichtet hatte, um seinen Experimenten ungestört nachgehen zu können. Da er seine häuslichen Obliegenheiten vollständig aufgegeben hatte, verbrachte er Nächte hindurch im Innenhof, beobachtete den Lauf der Sterne und zog sich bei dem Versuch, eine genaue Methode zur Feststellung der Mittagshöhe auszuarbeiten, um ein Haar einen Sonnenstich zu. Als er mit seinen Instrumenten leidlich umzugehen verstand, kannte er sich so weit im Weltall aus, daß er imstande war, unbekannte Meere zu durchschiffen, unbewohnte Gebiete zu besuchen und Beziehungen zu herrlichen Wesen anzuknüpfen, ohne dafür sein Arbeitszimmer verlassen zu müssen. In dieser Zeit gewöhnte er sich daran, Selbstgespräche zu führen, und, niemandes achtend, durchs Haus zu streifen, während Ursula und die Kinder sich im Gemüsegarten bei der Pflege der Bananenstauden und der Malanga, der Jukka- und Yamswurzel, der Ahuyama und Auberginen fast das Kreuz brachen. Plötzlich, ohne vorherige Ankündigung, wich seine fieberhafte Tätigkeit einer Art von Verzauberung. Einige Tage war er wie verhext und murmelte unablässig eine Litanei erstaunlicher Mutmaßungen vor sich hin, ohne der eigenen Einsicht Glauben zu schenken. Endlich, an einem Dienstag im Dezember, brach beim Mittagessen plötzlich seine ganze Qual aus ihm hervor. Seine Kinder sollten sich für den Rest ihres Lebens an die erhabene Feierlichkeit erinnern, mit der ihr Vater fieberschlotternd, aufgerieben von den langen Nachtwachen und seiner schwärenden Phantasie, sich am Kopfende des Tisches niederließ und ihnen seine Entdeckung offenbarte:

≫Die Erde ist rund wie eine Orange.≪

Ursula verlor die Geduld. ≫Wenn du wahnsinnig werden mußt, werde allein wahnsinnig≪, schrie sie. ≫Aber verschone gefälligst die Kinder mit deinen Zigeunerideen.≪ José Arcadio Buendía blieb gleichgültig und ließ sich nicht von der Verzweiflung seiner Frau einschüchtern, die in einem Wutanfall das Astrolabium auf dem Fußboden zerschmetterte.

Er baute ein neues, versammelte in seiner Kammer die Männer des Dorfes und bewies ihnen an Hand von Theorien, die keiner begriff, daß man nur ostwärts zu segeln brauchte, um an den Ausgangspunkt zurückzukehren. Der ganze Ort war überzeugt, das José Arcadio Buendía den Verstand verloren hatte, als Melchíades kam, um die Dinge wieder einzurenken. Vor aller Öffentlichkeit rühmte er die Klugheit des Mannes, der durch reine astronomische Spekulation eine von der Praxis bereits bewiesene, wenngleich in Macondo bisher unbekannte Theorie entwickelt hatte, und machte ihm zum Beweis seiner Bewunderung ein Geschenk, das einen entscheidenden Einfluß auf die Zukunft des Dorfs ausüben sollte: ein alchimistisches Laboratorium.

Mittlerweile war Melchíades erstaunlich rasch gealtert. Bei seinen ersten Reisen schien er das Alter José Arcadio Buendías gehabt zu haben. Doch während dieser seine ungewöhnliche Spannkraft bewahrte, die ihm erlaubte, ein Pferd an den Ohren zu Fall zu bringen, schien der Zigeuner von einem hartnäckigen Leiden ausgehöhlt zu werden. In Wirklichkeit waren vielfältige, seltene Krankheiten daran schuld, die er sich bei seinen zahllosen Reisen um die Welt zugezogen hatte. Wie er selbst José Arcadio Buendía erzählte, während er ihm beim Einrichten des Laboratoriums half, war ihm der Tod allerwärts auf den Fersen und beschnupperte seine Hosenbeine, ohne sich indes entschließen zu können, ihm den Vernichtungsschlag zu versetzen. Er war schon so ziemlich allen Plagen und Verhängnissen entronnen, die je das Menschengeschlecht gegeißelt hatten. Er hatte die Pellagra in Persien überlebt, den Skorbut im Malaiischen Archipel, den Aussatz in Alexandrien, die Beriberi in Japan, die Beulenpest in Madagaskar, das sizilianische Erdbeben und einen Massenschiffbruch in der Magellanstraße. Jene Fabelgestalt, die den Schlüssel des Nostradamus zu besitzen behauptete, war ein trauerumhüllter düsterer Mensch mit einem asiatisch anmutenden Blick, der die andere Seite der Dinge zu kennen schien. Er trug einen großen, schwarzen Strohhut mit Krempen wie Rabenschwingen und eine vom Grünspan der Jahrhunderte patinierte Samtjoppe.

Doch trotz seiner unermeßlichen Weisheit und seiner geheimnisvollen Ausstrahlung lastete Menschliches auf ihm, eine irdische Bedingtheit, die ihn an die kleinsten Gegebenheiten des Alltags fesselte. So klagte er über Altersbeschwerden, litt unter den kleinlichsten Geldnöten und hatte längst das Lachen verlernt, seit der Skorbut ihm die Zähne entrissen hatte. An jenem erstickend heißen Mittag, an dem er José Arcadio Buendía seine Geheimnisse enthüllte, gewann dieser die Gewißheit, daß mit diesem Tag eine große Freundschaft begann. Die Kinder wunderten sich über seine phantastischen Erzählungen. Aureliano, der damals kaum fünf Jahre alt war, sollte sein ganzes Leben nicht mehr vergessen, wie Melchíades an jenem Nachmittag vor der metallisch schillernden Helligkeit des Fensters saß und mit seinem tiefen Orgelbaß die dunkelsten Gebiete der Einbildungskraft erhellte, während die in der Hitze geschmolzene Pomade von seinen Schläfen troff. José Arcadio, sein älterer Bruder, sollte dieses wundersame Bild wie ein Erinnerungserbe seiner ganzen Nachkommenschaft überliefern. Ursula hingegen bewahrte ein böses Andenken an jenen Besuch, weil sie in dem Augenblick ins Zimmer trat, als Melchíades in seiner Zerstreutheit eine Flasche Quecksilberbichlorid zerbrach.

≫Das ist der Gestank des Teufels≪, sagte sie.

≫Keineswegs≪, verbesserte Melchíades. ≫Erwiesenermaßen hat der Teufel schweflige Eigenschaften, und dies ist nichts als ein wenig Quecksilbersublimat.≪

Belehrend wie immer gab er eine wissenschaftliche Darstellung der teuflischen Tugenden des Zinnobers zum besten, doch Ursula beachtete ihn nicht, sondern führte ihre Kinder zum Beten hinaus. Der beizende Geruch, verknüpft mit der Erinnerung an Melchíades, würde für immer in ihrem Geruchssinn haftenbleiben.

Das primitive Laboratorium — abgesehen von einer Unmenge von Pfannen, Trichtern, Retorten, Filtern und Sieben — bestand aus einer primitiven Brunnenröhre, einem lang- und enghalsigen Reagenzglas, Nachbildung des philosophischen Eis, und einem Destillierkolben, den die Zigeuner eigenhändig nach modernen Beschreibungen des Dreihalskolbens der Jüdin Maria hergestellt hatten. Außer diesen Dingen hatte Melchíades Proben der den sieben Planeten entsprechenden sieben Metalle hinterlassen sowie die Rezepte von Moses und Zosimus zur Verdopplung des Goldes, außerdem eine Reihe von Aufzeichnungen und Skizzen zu den Verfahren des Großen Magisteriums, mit denen einer, sofern er sie zu deuten verstand, versuchen konnte, den Stein der Weisen herzustellen.

Von der Einfachheit der Formeln zur Verdopplung des Goldes verführt, umschmeichelte José Arcadio Buendía Ursula manche Woche hindurch, um ihre Erlaubnis zu erlangen, ihre Kolonialmünzen auszugraben und sie so oft zu vervielfältigen, wie Quecksilber sich teilen ließ. Wie immer gab Ursula der unerschütterlichen Hartnäckigkeit ihres Mannes nach. Nun legte José Arcadio Buendía dreißig Dublonen in eine Pfanne und schmolz sie unter Zusatz von Kupferspänen, Operment, Schwefel und Blei. Dann kochte er das Ganze bei starkem Feuer in einem mit Rizinusöl gefüllten Kessel zu einem zähflüssigen, stinkenden Sirup auf, der eher gewöhnlichem Karamel glich als dem prächtigen Gold. Nach gewagten, verzweifelten Destillationsverfahren, nach einer Verschmelzung mit den sieben Planetenmetallen, nach einer Behandlung mit Quecksilber und zyprischem Vitriol, nach nochmaligem Aufkochen in Schweineschmalz mangels Rettichöls blieb von Ursulas kostbarer Erbschaft nur eine verkohlte, am Kesselboden festgebackene Kruste übrig.

Als die Zigeuner wiederkamen, hatte Ursula die ganze Bevölkerung gegen sie aufgehetzt. Doch Neugierde vermochte mehr als Furcht, da die Zigeuner diesmal, mit allen Arten von Musikinstrumenten einen ohrenbetäubenden Lärm vollführend, durch die Gassen zogen, während der Ausrufer die Vorführung der fabelhaftesten Entdeckung der Nazianzener verkündete. So strömte denn alles Volk ins Zelt und erblickte dort gegen Zahlung eines Centavo einen jugendlichen, wiederhergestellten, entrunzelten Melchíades mit neuer schimmernder Zahnreihe. Wer sich an sein vom Skorbut zernagtes Zahnfleisch, seine ausgezehrten Wangen und seine welken Lippen erinnerte, entsetzte sich über diesen schlagenden Beweis der übernatürlichen Kräfte des Zigeuners.

Und das Entsetzen wurde zu panischer Angst, als Melchíades die tadellosen, ins Zahnfleisch eingelassenen Zähne herauszog und sie den Zuschauern einen Augenblick zeigte — einen flüchtigen Augenblick, in dem er wieder der hinfällige Mensch vergangener Jahre wurde —, sie von neuem einsetzte und wiederum im Vollbesitz seiner wiederhergestellten Jugend lächelte. Selbst José Arcadio Buendía war der Meinung, die Kenntnisse des Melchíades hätten die Grenzen des Erträglichen erreicht, war jedoch angenehm enttäuscht, als der Zigeuner ihm unter vier Augen den Mechanismus seines falschen Gebisses erklärte. Dieses kam ihm so einfach und wunderbar zugleich vor, daß er über Nacht jedes Interesse an seinen alchimistischen Untersuchungen verlor; wieder wurde er von Übellaunigkeit befallen, wieder nahm er keine regelmäßigen Mahlzeiten zu sich und verbrachte seine Tage, indem er ruhelos durchs Haus streifte. ≫Unglaubliche Dinge gibt es in der Welt≪, sagte er zu Ursula. ≫In nächster Nähe, auf dem anderen Flußufer, gibt es alle Arten von magischen Apparaten, und wir leben hier noch immer wie die Maulesel.≪ Wer ihn aus der Zeit von Macondos Gründung kannte, staunte, wie sehr er sich unter Melchíades’ Einfluß verändert hatte.

Anfangs war José Arcadio Buendía eine Art jugendlicher Patriarch gewesen, der Anweisungen für die Aussaat und Ratschläge für die Aufzucht von Kindern und Tieren erteilte, der zum Gedeihen der Gemeinde bei allem, auch bei der körperlichen Arbeit, mitwirkte. Da sein Haus von Anfang an das beste des Orts war, wurden die anderen nach seinem Vorbild gebaut. Es hatte ein geräumiges, gut erleuchtetes Wohnzimmer, ein terrassenartiges Eßzimmer mit farbenfrohen Blumen, zwei Schlafzimmer, einen Innenhof mit einer riesigen Kastanie, einen wohlbestellten Gemüsegarten und einen Korral, in dem Ziegen, Schweine und Hühner einträchtig beieinander wohnten. Die einzigen, nicht nur im Hause, sondern im ganzen Dorf verbotenen Tiere waren die Kampfhähne. Ursulas Arbeitseifer war nicht geringer als der ihres Mannes. Tatkräftig, genau, streng, schien diese stahlnervige Frau, die nie jemand singen hörte, allgegenwärtig vom Morgengrauen bis zum Einbruch der Nacht und immer verfolgt vom sanften Geraschel ihrer Leinenröcke. Dank ihrer waren die Fußböden aus gestampfter Erde, die ungekalkten Lehmwände, die ländlichen, selbstgezimmerten Holzmöbel stets sauber, und die alten Truhen, in denen die Wäsche aufbewahrt lag, verströmten den lauen Duft von Basilikum.

José Arcadio Buendía, der unternehmungsfreudigste Mann, der je im Dorf gesehen worden war, hatte die Siedlung so geplant, daß man von jedem der Häuser den Fluß erreichen und mit gleicher Mühe Wasser schöpfen konnte, er hatte auch die Straßen so geschickt gezogen, daß in der Stunde der größten Hitze kein Haus mehr Sonne empfing als ein anderes. In wenigen Jahren war Macondo das ordentlichste und arbeitsamste Dorf von all denen, die seine dreihundert Einwohner bisher gekannt hatten. Es war wahrlich ein glücklicher Ort, in dem niemand älter als dreißig Jahre und in dem noch niemand gestorben war.

Seit den Tagen der Gründung baute José Arcadio Buendía Fallen und Käfige. In kurzer Zeit füllte er nicht nur sein eigenes Haus, sondern auch alle anderen des Dorfes mit Turpialen, Kanarienvögeln, Meisen und Rotkehlchen. Das Konzert so vieler verschiedener Vögel wurde jedoch so betäubend, daß Ursula sich die Ohren mit Bienenwachs zustopfen mußte, um nicht den Sinn für die Wirklichkeit zu verlieren. Das erste Mal, als die Sippe des Melchíades erschien und Glaskugeln gegen Kopfschmerzen feilbot, war jedermann überrascht, daß sie das im brütenden Sumpfland verirrte Dorf hatte finden können, worauf die Zigeuner gestanden, Vogelgesang hätte sie geleitet.

Doch dieser fortschrittliche Gemeinsinn wurde in kurzer Zeit vom Fieber der Magnete, der astronomischen Berechnungen, der Verwandlungsträume und der Begierde, die Wunder der Welt kennenzulernen, verdrängt. Aus einem unternehmungslustigen, säuberlichen Mann verwandelte sich José Arcadio Buendía in einen nachlässig gekleideten Müßiggänger mit wildem Bart, den Ursula nur mühsam mit einem Küchenmesser zu stutzen vermochte. Es fehlten auch nicht solche, die ihn für das Opfer eines absonderlichen Zauberspuks hielten. Doch selbst die von seinem Wahnwitz Überzeugtesten verließen Arbeit und Familie, um ihm zu folgen, als er seine Holzfällerwerkzeuge schulterte und alle anderen aufforderte, beim Schlagen einer Schneise mitzuwirken, die Macondo mit der Welt der großen Erfindungen verbinden würde.

José Arcadio Buendía tappte über die Geographie der Umgebung völlig im dunkeln. Er wußte zwar, daß gen Osten die undurchdringliche Sierra lag und dahinter die alte Stadt Riohacha, in der in vergangenen Zeiten — nach den Erzählungen des ersten Aureliano Buendía, seines Großvaters — Sir Francis Drake sich damit ergötzt hatte, mit Kanonen auf Kaimane zu schießen, die er flicken und mit Stroh ausstopfen ließ, um sie der Königen Elisabeth mitzubringen. In seiner Jugend hatten er und seine Männer mit Frauen, Kindern, Tieren und aller Art von Hausgerät die Sierra auf der Suche nach einem Zugang zum Meer überschritten, hatten jedoch nach sechsundzwanzig Monaten die Unternehmung aufgegeben und Macondo gegründet, um nicht den Rückweg antreten zu müssen. Denn das war eine Strecke, die sie nicht mehr lockte, da sie nur in die Vergangenheit führen konnte. Im Süden lagen die von einem ewigen Pflanzenschleim überzogenen Sümpfe sowie das weite Weltall des großen Moors, das nach der Zeugenaussage der Zigeuner grenzenlos war. Das große Moor verschwamm im Westen mit einer unübersehbaren Wasserfläche, in der zarthäutige Wale mit weiblichem Kopf und Oberkörper hausten, welche die Seefahrer mit dem Zauber ihrer außergewöhnlichen Brüste ins Verderben lockten. Die Zigeuner segelten sechs Monate auf dieser Route, bevor sie den Festlandgürtel erreichten, auf dem die Mauleselpost verkehrte.

Nach José Arcadio Buendías Berechnungen bestand die einzige Möglichkeit, mit der Zivilisation in Verbindung zu kommen, in der Nordroute. Somit versah er eben jene Männer, die ihn auf dem Gründungszug von Macondo begleitet hatten, mit Rodewerkzeugen und Jagdwaffen; seine Orientierungsinstrumente und Landkarten verwahrte er in einem Quersack und unternahm das kühne Abenteuer.

Während der ersten Tage stießen sie auf kein nennenswertes Hindernis. Sie marschierten auf dem steinigen Ufer flußabwärts bis zu der Stelle, an der sie Jahre zuvor die Ritterrüstung gefunden hatten, und betraten auf einem von Waldorangenbäumen gesäumten Saumpfad den Urwald. Nach Ablauf der ersten Woche erlegten und brieten sie einen Hirsch, beschlossen jedoch nur die Hälfte davon zu essen und den Rest für die nächsten Tage zu pökeln. Mit dieser Vorsichtsmaßnahme gedachten sie den Zeitpunkt hinauszuschieben, von dem an sie sich wieder von Guacamayas ernähren mußten, deren bläuliches Fleisch aufreizend nach Moschus schmeckte. Dann sahen sie über zehn Tage lang keinen Sonnenstrahl. Der Erdboden wurde wieder weich und feucht wie vulkanische Asche, der Pflanzenwuchs immer heimtückischer, immer ferner klangen die Vogelschreie und das Gekreisch der Affen, und die Welt wurde für immer trostlos. In jenem Paradies aus Feuchtigkeit und Schweigen vor dem Sündenfall, wo die Stiefel in dampfenden Ölpfützen versanken und die Buschmesser blutende Lilien und goldene Salamander köpften, wurden die Männer der Expedition von ihren ältesten Erinnerungen heimgesucht. Eine Woche lang rückten sie fast wortlos wie Schlafwandler durch ein Weltall des Alptraums, der einzige Lichtschimmer ein schwacher Widerschein von Leuchtkäfern, und ihre Lungen gedrückt von beklemmendem Blutgeruch. Zurück konnten sie nicht, weil die Schneise, die sie im Vorrücken schlugen, sich mit einem unvermuteten Lianengewirr, das sie fast wachsen sahen, rasch hinter ihnen schloß. ≫Macht nichts≪, sagte José Arcadio Buendía. ≫Wichtig ist, daß wir nicht die Orientierung verlieren.≪ Immer dem Kompaß vertrauend, führte er seine Männer unbeirrt dem unsichtbaren Norden entgegen, bis sie endlich aus dem verhexten Waldgebiet herausgelangten. Es war eine finstere, sternlose Nacht, doch die Dunkelheit war von neuer, reiner Luft getränkt. Vom langen Marsch erschöpft, spannten sie die Hängematten auf und schliefen zum erstenmal in zwei Wochen tief. Als sie bei hohem Sonnenstand erwachten, waren sie starr vor Staunen. Dicht vor ihnen, umwachsen von Farnen und Palmen, weiß und staubig im stillen Morgenlicht, lag eine riesige spanische Galeone. Sie war leicht nach Steuerbord geneigt, von ihren ungebrochenen Masten hing zwischen der orchideengeschmückten Takelage das schmutzige Segelwerk. Der mit einem glatten Panzer aus versteinerten Saugfischen und weichem Moos überzogene Rumpf war fest in einen Steinboden gepflanzt. Das ganze Gefüge schien eine eigene Welt zu behaupten, einen Raum aus Einsamkeit und Vergessen, unversehrt von den Lastern der Zeit und den Gewohnheiten der Vögel. Im Schiffsbauch, den die Expeditionsteilnehmer mit verschwiegenem Eifer durchsuchten, fand sich nichts als ein dichter Blumenwald.

Der Fund der Galeone, Anzeichen für die Nähe des Meeres, brach José Arcadios Schwung. Er hielt es für einen schlechten Scherz seines launischen Schicksals, daß er das Meer gesucht hatte, ohne es zu finden, und zwar um den Preis von Opfern und Mühsalen ohne Zahl, und nun, ohne es gesucht zu haben, es fand wie ein unüberwindliches Hindernis, das ihm im Weg lag. Viele Jahre später, als bereits ein regelmäßiger Postverkehr bestand, durchquerte Oberst Aureliano Buendía wieder das Gebiet, und das einzige, was er noch von dem Schiff vorfand, war ein verkohltes Gerippe in einem Mohnfeld.

Erst jetzt davon überzeugt, daß die Geschichte nicht eine Ausgeburt der Phantasie seines Vaters gewesen war, fragte er sich, wie die Galeone so tief ins Festland hatte vorstoßen können. Doch José Arcadio Buendía zerbrach sich nicht den Kopf, als er nach weiteren vier Marschtagen, zwölf Kilometer von der Galeone entfernt, ans Meer stieß. Angesichts dieses aschgrauen, schäumenden und schmutzigen Meeres, das nicht die Gefahren und Opfer seines Abenteuers verdiente, waren seine Träume zu Ende.

≫Verdammt!≪ schrie er. ≫Macondo ist auf allen Seiten von Wasser umgeben.≪

Die Vorstellung von einem Halbinsel-Macondo, hervorgerufen von einer Landkarte, die José Arcadio Buendía willkürlich nach der Rückkehr von seiner Expedition entworfen hatte, wirkte lange bei ihm nach. Er hatte sie wütend gezeichnet und die Schwierigkeiten der Verbindung mit der Außenwelt böswillig übertrieben, wie um sich selbst für seine völlige Willkür bei der Wahl des Orts zu strafen. ≫Wir werden nie im Leben irgendwohin kommen≪, klagte er vor Ursula.

≫Hier werden wir leibhaftig verfaulen, ohne die Wohltaten der Wissenschaft empfangen zu haben.≪ Diese in seiner Laboratoriumskammer monatelang wiedergekäute Gewißheit brachte ihn auf den Gedanken, Macondo an einen geeigneteren Ort zu verpflanzen. Diesmal kam Ursula seinen fieberhaften Plänen zuvor. Mit dem unerbittlich-geheimen Fleiß einer Ameise hetzte sie die Frauen des Dorfs gegen die Gelüste ihrer Männer auf, die sich bereits für den Umzug vorbereiteten. José Arcadio Buendía erfuhr nie, in welchem Augenblick und dank welcher widrigen Kräfte seine Pläne in ein Netz von Vorwänden, Ärgernissen und Ausflüchten gerieten, bis sie sich in eine schlichte, reine Selbsttäuschung verwandelten. Ursula beobachtete ihn mit unschuldiger Aufmerksamkeit und empfand sogar für ihn ein Gran Mitleid an dem Morgen, als sie ihn in seiner Hinterhauskammer antraf, wie er zwischen den Zähnen von seinen Umzugsträumen brummte, während er die Laboratoriumsstücke in ihre Originalkisten packte. Sie ließ ihn zu Ende packen. Sie ließ ihn die Kisten zunageln und seine Initialen mit einem tintengetränkten Wedel daraufschreiben, ohne ihm den geringsten Vorwurf zu machen, jedoch wohl wissend, daß er wußte (hatte sie es ihn doch in seinen dumpfen Selbstgesprächen sagen hören), daß die Männer des Dorfs bei seiner Unternehmung nicht mitmachen würden. Erst als er die Tür der Kammer auszuhängen begann, wagte Ursula die Frage, warum er das tue, worauf er mit einem Anflug von Bitterkeit erwiderte: ≫Und wenn kein Mensch mitgeht, gehen wir allein!≪

Ursula verlor nicht die Fassung.

≫Wir gehen nicht≪, sagte sie. ≫Wir bleiben hier, weil hier unser Sohn geboren wurde.≪

≫Noch ist hier keiner gestorben≪, sagte er. ≫Man ist nirgends zu Hause, solange man keinen Toten unter der Erde hat.≪

Ursula entgegnete mit sanfter Festigkeit:

≫Wenn es not tut, daß ich sterbe, damit ihr hierbleibt, dann sterbe ich.≪

José Arcadio Buendía hätte nie geglaubt, daß der Wille seiner Frau so unbeugsam sein könnte. Er versuchte sie zwar mit der Zaubermacht seiner Phantasie zu verführen, mit der Verheißung einer Wunderwelt, wo man nur ein paar Zaubertropfen in die Erde zu träufeln brauchte, damit die Pflanzen nach Belieben Früchte trugen, und wo alle Arten von schmerzstillenden Apparaten zu Spottpreisen feilgeboten wurden. Doch Ursula war unempfindlich gegen seine Hellsicht.

≫Statt Hirngespinste auszubrüten, solltest du dich lieber um deine Kinder kümmern≪, gab sie zurück. ≫Schau sie dir an, wie sie aussehen, der Güte Gottes überlassen wie die Maulesel.≪

José Arcadio Buendía nahm die Worte seiner Frau wörtlich, schaute zum Fenster hinaus, sah die beiden Kinder barfuß im sonnenheißen Gemüsegarten und hatte den Eindruck, daß sie erst seit diesem Augenblick, erschaffen durch Ursulas Beschwörung, auf der Welt waren. Nun geschah etwas in seinem Innern; etwas Geheimnisvolles und Endgültiges, das ihn der augenblicklichen Zeit entriß und ihn in ein unerforschtes Gebiet seiner Erinnerungen hinabtrieb. Während Ursula ihr Haus weiterfegte in der Gewißheit, es für den Rest ihres Lebens nicht mehr zu verlassen, betrachtete er noch immer gedankenverloren seine Kinder, bis ihm die Augen feucht wurden, die er, einen tiefen Seufzer ausstoßend, mit dem Handrücken trocknete.

≫Gut≪, sagte er. ≫Sag ihnen, sie sollen kommen und mir beim Auspacken der Kisten helfen.≪

José Arcadio, der ältere der beiden Knaben, hatte soeben das vierzehnte Jahr erreicht. Er besaß den viereckigen Schädel, das widerborstige Haar und den Eigensinn seines Vaters. Wenn auch der gleiche Drang nach Wachstum und Körperkraft in ihm wohnte, so zeigte sich schon jetzt, daß er der Einbildungskraft entbehrte. Er war während der mühseligen Überschreitung der Sierra, noch vor der Gründung Macondos, gezeugt und geboren worden, und seine Eltern wußten dem Himmel Dank bei der Feststellung, daß er kein einziges tierisches Organ aufwies. Aureliano, das erste Menschenwesen, das in Macondo geboren wurde, sollte im März das sechste Lebensjahr vollenden. Er war still und in sich gekehrt. Er hatte im Leib seiner Mutter geweint und wurde mit geöffneten Augen geboren. Während man ihm die Nabelschnur abschnitt, bewegte er den Kopf hin und her, erkannte die Dinge des Zimmers und musterte die Gesichter der Menschen mit einer Neugier ohne Staunen. Dann, gleichgültig gegen die, welche näher traten, um ihn kennenzulernen, blickte er aufmerksam auf zur Decke aus Palmblättern, die unter dem gewaltigen Druck des Regens einzustürzen drohte. Ursula erinnerte sich erst wieder an die Eindringlichkeit dieses Blicks, als der kleine Aureliano eines Tages, dreijährig, in dem Augenblick in die Küche trat, als sie einen Topf mit siedender Suppe vom Feuer nahm und auf den Tisch stellte. Der Junge blieb verblüfft an der Tür stehen und sagte: ≫Gleich fällt er ’runter.≪ Der Topf stand genau in der Mitte des Tischs, doch kaum hatte der Junge seine Ankündigung ausgesprochen, bewegte er sich auch schon, wie getrieben von innerer Schwungkraft, unwiderstehlich auf den Tischrand zu und zerschellte am Boden. Bestürzt erzählte Ursula das Geschehen ihrem Mann, doch dieser deutete es als natürliche Erscheinung. So war er immer, Weiten entfernt vom Dasein seiner Kinder, teils, weil er die Kindheit als Zeit geistiger Unzulänglichkeit ansah, teils, weil er stets viel zu versponnen war in seine eigenen grillenhaften Grübeleien.

Doch seit dem Nachmittag, an dem er seine Kinder rief, damit sie ihm beim Auspacken seiner Laboratoriumsgegenstände helfen sollten, widmete er ihnen seine besten Stunden. In der abgelegenen Kammer, deren Wände sich nach und nach mit unwahrscheinlichen Landkarten und fabelhaften Zeichnungen bedeckten, lehrte er sie Lesen, Schreiben und Rechnen und erzählte ihnen von den Wundern der Welt, doch nicht nur, soweit seine Kenntnisse reichten, sondern indem er die Grenzen seiner Phantasie bis zu einem unglaublichen Übermaß ausdehnte. So kam es, daß die Knaben zu guter Letzt lernten, im äußersten Süden Afrikas wohnten so kluge und friedliche Menschen, daß ihre einzige Kurzweil im Dasitzen und Denken bestehe und daß es möglich sei, das Ägäische Meer von Insel zu Insel hüpfend bis zum Hafen Saloniki zu überqueren. Diese betörenden Sitzungen blieben derart im Gedächtnis der Knaben haften, daß der Oberst Aureliano Buendía viele Jahre später, eine Sekunde bevor der Offizier der regulären Streitkräfte dem Erschießungskommando den Befehl zum Feuern gab, wieder den milden Märznachmittag durchlebte, an dem sein Vater die Physikstunde unterbrach und gebannt mit erhobener Hand und reglosen Augen dem fernen Pfeifen, Trommeln und Schellen der Zigeuner lauschte, die wieder einmal ins Dorf kamen, um die letzte überwältigende Entdeckung der Weisen von Memphis zu verkünden.

Es waren neue Zigeuner. Junge Männer und Frauen, die nur ihre eigene Sprache sprachen, schöne Menschenkinder mit olivfarbener Haut und klugen Händen, deren Tänze und Musik auf den Straßen einen Wirbel ausgelassenster Fröhlichkeit entfesselten. Und sie kamen mit ihren buntgefleckten Papageien, die italienische Romanzen aufsagten, mit ihrem Huhn, das zum Klang des Tamburins hundert goldene Eier legte, mit ihrem abgerichteten Affen, der Gedanken lesen konnte, mit der Allerweltsmaschine, die zur gleichen Zeit Knöpfe anzunähen und das Fieber zu senken verstand, und mit dem Apparat zum Vergessen von Erinnerungen, mit dem Pflaster zum Auslöschen der Zeit und mit tausend anderen Erfindungen, so sinnreich und ungewöhnlich, daß José Arcadio Buendía die Gedächtnismaschine hätte erfinden mögen, um sich an alle zu erinnern. Im Handumdrehen verwandelten sie das Dorf. Die Bewohner Macondos, von dem kurzweiligen Jahrmarkt benommen, kannten sich plötzlich in ihren eigenen Straßen nicht mehr aus.

Einen Jungen an jeder Hand fassend, um sie nicht in dem Getümmel zu verlieren, gegen Gaukler mit goldplombierten Zähnen und sechsarmige Verrenkungskünstler rennend, erstickt vom Geruchsgemisch aus Mist und Sandelholz, das die Menge verströmte, suchte José Arcadio Buendía wie ein Wahnsinniger überall nach Melchíades, damit dieser ihm die unbegrenzten Geheimnisse jenes fabelhaften Alptraums enthülle. Er wandte sich an verschiedene Zigeuner, die seine Sprache nicht verstanden. Endlich kam er an den Platz, an dem Melchíades gewöhnlich sein Zelt aufspannte, und fand einen wortkargen Armenier, der ihm auf spanisch einen Sirup zum Unsichtbarmachen anbot. Er hatte soeben ein Glas des bernsteinfarbenen Stoffs mit einem Schluck geleert, als José Arcadio Buendía sich mit den Ellbogen einen Weg durch die Gruppe bahnte, die versunken dem Schauspiel beiwohnte, und noch gerade seine Frage stellen konnte. Der Zigeuner umhüllte ihn mit seinem rätselhaften Blick, um sich alsbald in eine stinkende, dampfende Teerlache zu verwandeln, über der das Echo seiner Antwort schwebte: ≫Melchíades ist tot.≪ Über die Nachricht bestürzt, blieb José Arcadio Buendía regungslos stehen, bemüht, seinen Schmerz zu überwinden, bis die Menschenschar, von anderem Blendwerk angelockt, sich verlief und die Lache des wortkargen Armeniers zu nichts verdampfte. Später bestätigten ihm andere Zigeuner, Melchíades sei tatsächlich in Singapurs Dünen dem Fieber erlegen, und sein Leichnam sei an der tiefsten Stelle der Java-Bucht versenkt worden. Den Kindern war diese Nachricht gleichgültig. Sie waren wild darauf, vom Vater zu der vielversprechenden Neuigkeit der Weisen von Memphis mitgenommen zu werden, angekündigt am Eingang eines Zeltes, das laut Aussage einst König Salomon gehört hatte. Sie drängten so lange, bis José Arcadio Buendía die dreißig Reales zahlte und sie in die Mitte der Bude führte, wo ein Riese mit zottigem Oberkörper und glattgeschorenem Schädel, einem kupfernen Ring durch die Nase und schweren eisernen Ketten an den Fesseln eine Seeräubertruhe bewachte. Als der Riese den Deckel aufklappte, entströmte der Truhe eisiger Hauch.

Drinnen lag nur ein mächtiger durchsichtiger Block, durchzogen von ungezählten Adern, in denen sich das Dämmerlicht in bunten Sternen brach. Wohl wissend, daß die Knaben eine sofortige Antwort erwarteten, brachte José Arcadio Buendía in seiner Verwirrung nur murmelnd hervor:

≫Das ist der größte Diamant der Welt.≪

≫Nein≪, verbesserte der Zigeuner. ≫Das ist Eis.≪

José Arcadio Buendía streckte verständnislos die Hand nach der Eisscholle aus, doch der Riese schob sie beiseite. ≫Weitere fünf Reales für das Berühren≪, sagte er. José Arcadio Buendía zahlte sie, dann legte er die Hand auf das Eis und ließ sie mehrere Minuten darauf liegen, während sein Herz bei der Berührung des Geheimnisses vor Angst und Jubel schwoll.

Ohne zu wissen, was er sagen sollte, zahlte er weitere zehn Reales, damit seine Söhne auch die wunderbare Erfahrung machen konnten. Der kleine José Arcadio weigerte sich, es zu berühren. Aureliano hingegen machte einen Schritt vorwärts, legte die Hand darauf und zog sie unverzüglich zurück. ≫Es kocht≪, rief er erschrocken. Doch sein Vater achtete nicht auf ihn. Trunken von dem Beweis des Wunders, vergaß er in diesem Augenblick den Fehlschlag seiner Wahnunternehmungen und den dem Heißhunger der Kraken überlassenen Leichnam des Melchíades. Er zahlte weitere fünf Reales und, die Hand auf dem Eisblock ruhen lassend, rief er, als schwöre er bei der Heiligen Schrift:

≫Das ist die größte Erfindung der Welt.≪

2

Als im sechzehnten Jahrhundert der Seeräuber Francis Drake Riohacha überfiel, erschrak Ursulas Urgroßmutter dermaßen über Sturmläuten und Kanonendonner, daß sie die Nerven verlor und sich auf einen brennenden Herd setzte. Die Brandwunden machten sie für den Rest ihres Lebens zu einer untauglichen Ehefrau. Fortan konnte sie nur noch, gebettet auf Kissen, auf einer Seite sitzen, außerdem war wohl ihr Gang in Mitleidenschaft gezogen worden, da sie sich nie mehr gehend in der Öffentlichkeit zeigte. Von der Vorstellung besessen, ihr Körper verströme Brandgeruch, verzichtete sie nunmehr auf jede Art von Geselligkeit. Der Tagesanbruch überraschte sie im Innenhof, wo sie nicht zu schlafen wagte, da sie geträumt hatte, die Engländer brächen mit ihren wütenden Schweißhunden durch ihr Schlafzimmerfenster ein, um sie mit rotglühenden Eisen schamlosen Folterungen auszusetzen. Ihr Mann, ein Händler aus Aragonien, von dem sie zwei Kinder hatte, opferte seinen halben Kramladen für Arzneien und Zerstreuungen, um sie von ihren Schrecknissen zu heilen. Schließlich verkaufte er sein Geschäft und zog mit seiner Familie fort vom Meer in eine am Fuß der Sierra gelegene friedliche Indiosiedlung, wo er für seine Frau ein fensterloses Schlafzimmer baute, in das keine Alptraumpiraten eindringen konnten.

In der abgelegenen Siedlung wohnte seit langer Zeit ein Tabak pflanzender Kreole, Don José Arcadio Buendía, mit dem Ursulas Urgroßvater eine so vorteilhafte Geschäftsverbindung einging, daß sie in wenigen Jahren ein Vermögen anhäuften.

Mehrere Jahrhunderte später heiratete der Ururgroßenkel des Kreolen die Ururgroßenkelin des Aragoniers. Wenn daher Ursula über die Verrücktheiten ihres Mannes aus dem Häuschen geriet, übersprang sie dreihundert Jahre der Zufälligkeiten und verwünschte die Stunde, da Francis Drake Riohacha überfallen hatte. Damit wollte sie ihr Herz nur erleichtern, denn in Wirklichkeit waren sie durch ein stärkeres Band als die Liebe bis zum Tode miteinander verbunden: durch gemeinsame Gewissensbisse. Sie waren direkte Vettern.

Gemeinsam waren sie aufgewachsen in der alten Siedlung, die beider Vorfahren mit ihrer Arbeit und ihrer anständigen Lebensführung in eines der blühendsten Dörfer der Provinz verwandelt hatten. Wenngleich ihre Eheschließung vorauszusehen gewesen war, als sie auf die Welt kamen, suchten ihre eigenen Verwandten diese zu vereiteln, als sie ihren Heiratswunsch kundtaten. Die Verwandten befürchteten, die beiden gesunden Sprosse zweier jahrhundertelang vermischter Geschlechter möchten zur allseitigen Schande Leguane zeugen. Es gab nämlich bereits einen entsetzlichen Präzedenzfall. Eine mit einem Onkel José Arcadio Buendías verheiratete Tante Ursulas hatte einen Sohn, der sein ganzes Leben in weiten, schlenkernden Hosen umherging und an Ausblutung starb, nachdem er zweiundvierzig Jahre in keuschester Jungfräulichkeit gelebt hatte, da er mit einem knorpeligen Korkzieherschwanz mit Pinselende geboren worden und herangewachsen war. Mit einem Schweineschwanz, mit dem er sich nie vor einer Frau sehen ließ und der ihn das Leben kostete, als ein befreundeter Schlachter ihm den Gefallen tat, das Schwanzende mit einem Hackmesser zu entfernen. Mit der Leichtfertigkeit seiner neunzehn Jahre tat José Arcadio Buendía das Problem indes mit einem einzigen Satz ab: ≫Es macht mir nichts aus, Ferkel zu bekommen, solange sie sprechen können.≪ Und so feierten sie mit Musik und Feuerwerk das Hochzeitsfest, das drei Tage dauerte. Sie wären auch vom ersten Tag an glücklich gewesen, hätte Ursulas Mutter sie nicht mit allen Arten von düsteren Voraussagen über ihre Nachkommenschaft geängstigt, mit dem Erfolg, daß die Neuvermählte sich weigerte, die Ehe zu vollziehen. Aus Furcht, der feiste, begehrliche Ehemann möchte sie im Schlaf vergewaltigen, zog Ursula vor dem Schlafengehen ein Paar derbe Hosen an, die ihre Mutter aus Segelzeug geschneidert sowie mit verschränkten Riemen verstärkt hatte und die vorne mit einer robusten Eisenschnalle verschlossen wurden. So lebten sie mehrere Monate. Tagsüber züchtete er seine Kampfhähne, und sie machte Rahmenstickereien mit ihrer Mutter. Nachts kämpften sie mehrere Stunden heftig, begehrlich, und das war schon fast ein Ersatz für den Liebesakt, bis das ahnungsvolle Volk Ungewöhnliches witterte wegen der Impotenz des Mannes und das Gerücht verbreitete, Ursula sei noch ein Jahr nach der Hochzeit Jungfrau. José Arcadio Buendía war der letzte, dem das Gerücht zu Ohren kam.

≫Siehst du, Ursula, was die Leute sagen?≪ sagte er seelenruhig zu seiner Frau.

≫Laß sie reden≪, antwortete sie. ≫Wir wissen, daß es nicht stimmt.≪

So ging es die nächsten sechs Monate weiter bis zu jenem tragischen Sonntag, an dem José Arcadio Buendía gegen Prudencio Aguilar einen Hahnenkampf gewann. Wütend und durch das Blut seines Tieres gereizt, trat der Verlierer ein paar Schritte von José Arcadio Buendía zurück, damit die ganze Arena hören konnte, was er zu sagen hatte.

≫Meinen Glückwunsch!≪ schrie er. ≫Wollen mal sehen, ob dieser Hahn endlich deine Frau befriedigt.≪

Seelenruhig nahm José Arcadio Buendía seinen Hahn an sich. ≫Ich komme gleich wieder≪, sagte er zu allen gewandt.

Und dann zu Prudencio Aguilar:

≫Und du geh nach Hause und bewaffne dich, denn ich werde dich töten.≪

Zehn Minuten später kehrte er mit dem mordgierigen Langspieß seines Großvaters wieder. Am Tor des Kampfplatzes, wo das halbe Dorf zusammengelaufen war, erwartete ihn Prudencio Aguilar. Dieser fand keine Zeit, sich zu verteidigen. José Arcadio Buendías Spieß, mit Stierkraft geworfen und mit der gleichen Zielsicherheit, mit der der erste Aureliano Buendía die Tiger des Gebiets ausgerottet hatte, durchbohrte seine Kehle. In jener Nacht, während man in der Hahnenkampfarena bei der Leiche Totenwache hielt, betrat José Arcadio Buendía das Schlafzimmer, als seine Frau ihre Keuschheitshose anzog. Den Langspieß vor ihr schwingend, befahl er: ≫Zieh das aus!≪ Ursula zweifelte nicht am Entschluß ihres Mannes. ≫Du trägst die Verantwortung für alle Folgen≪, murmelte sie. José Arcadio Buendía rammte den Spieß in den Erdboden.

≫Wenn du Leguane gebärst, werden wir Leguane aufziehen≪, sagte er. ≫Aber deinetwegen soll es keine Toten mehr geben im Dorf.≪

Es war eine schöne kühle Mondnacht im Juni, und ausgelassen blieben sie bis zum Tagesanbruch wach im Bett liegen, unbekümmert um den Wind, der das Wehklagen von Prudencio Aguilars Verwandten durchs Schlafzimmer wehte.

Die Angelegenheit wurde als Ehrenduell angesehen, und doch blieb Unbehagen in beider Gewissen zurück. Eines Nachts, als Ursula nicht schlafen konnte, ging sie in den Patio zum Wassertrinken und sah Prudencio Aguilar am Wasserkrug.

Er war aschfahl, trug einen todtraurigen Gesichtsausdruck zur Schau und versuchte mit einem Bausch Espartogras das Loch in seiner Kehle zu verstopfen. Er erregte keine Angst in ihr, nur Mitleid. Sie ging ins Zimmer zurück und erzählte ihrem Mann das Gesehene, doch der machte sich nichts daraus. ≫Die Toten kehren nicht zurück≪, sagte er. ≫Wir halten nur die Gewissenslast nicht aus.≪ Zwei Nächte danach sah Ursula Prudencio Aguilar von neuem, diesmal im Bad, wie er mit seinem Espartogras das am Hals geronnene Blut abwusch. In einer anderen Nacht sah sie ihn im Regen umhergehen. Erbost über die Wahnvorstellungen seiner Frau, ging José Arcadio Buendía mit seinem Spieß bewaffnet in den Innenhof hinaus.

Dort stand der Tote mit seinem traurigen Gesichtsausdruck.

≫Geh zum Teufel!≪ schrie José Arcadio Buendía. ≫So oft du auch wiederkommst, so oft töte ich dich.≪

Prudencio Aguilar wich nicht von der Stelle, und José Arcadio Buendía wagte auch nicht, den Langspieß nach ihm zu werfen. Von da an schlief er nicht mehr gut. Ihn quälte die ungeheure Trostlosigkeit, mit der der Tote ihn im Regen angeblickt hatte, die tiefe Sehnsucht, die jener nach den Lebenden empfand, die Begierde, mit der er das Haus nach Wasser durchsuchte, um seinen Espartograsbausch zu befeuchten. ≫Er muß arg leiden≪, sagte er zu Ursula. ≫Man sieht, daß er sehr allein ist.≪ Das ging ihr so nahe, daß sie, als sie das nächste Mal den Toten die Kochtöpfe auf dem Herd aufdecken sah, begriff, was er suchte, und danach Wasserbecken im ganzen Haus aufstellte. Eines Nachts, als José Arcadio Buendía ihn in seinem eigenen Zimmer die Wunden waschen sah, hielt es ihn nicht länger.

≫Es ist gut, Prudencio≪, sagte er. ≫Wir gehen fort aus diesem Dorf, so weit fort, wie wir können, und werden nie zurückkehren. Nun geh in Frieden.≪

So traten sie denn die Überquerung der Sierra an. Mehrere Freunde José Arcadio Buendías, jung wie er und angelockt vom Abenteuer, lösten ihren Hausstand auf und machten sich mit ihren Frauen und Kindern auf in das Land, das ihnen niemand verheißen hatte. Vor dem Aufbruch vergrub José Arcadio Buendía den Langspieß im Patio und köpfte seine prachtvollen Kampfhähne einen nach dem anderen im Vertrauen darauf, Prudencio Aguilar auf diese Weise ein wenig Frieden zu schenken. Das einzige, was Ursula mitnahm, war eine Truhe mit ihrer Brautausstattung, ein paar Hausgegenstände und das Kästchen mit den Goldmünzen, die sie von ihrem Vater geerbt hatte. Sie hatten sich keine bestimmte Marschroute vorgenommen und achteten lediglich darauf, die Riohacha entgegengesetzte Richtung einzuschlagen, um weder Spuren zu hinterlassen noch bekannten Leuten zu begegnen. Es war eine widersinnige Reise. Nach vierzehn Monaten, mit einem von Affenfleisch und Schlangensuppe verdorbenen Magen, brachte Ursula einen mit allen menschlichen Organen ausgestatteten Knaben zur Welt. Die Hälfte des Weges hatte sie in einer von zwei Männern an einer Stange getragenen Hängematte zurückgelegt, weil ihre Beine von Schwellungen entstellt waren und ihre Krampfadern wie Wasserbläschen platzten. Selbst wenn die geblähten Leiber und hohlen Augen der Kinder ein Bild des Jammers waren, so hielten diese die Reise dennoch besser aus als ihre Eltern und hatten die meiste Zeit doch ihre Freuden. Eines Morgens nach nahezu zwei Jahren Marsch waren sie die ersten Sterblichen, die den Westhang der Sierra erblickten. Vom nebelverhängten Kamm aus betrachteten sie die gewaltige Wasserfläche des bis ans andere Ende der Welt gebreiteten Großen Moors. Doch das Meer fanden sie nicht. Eines Nachts, nach monatelangem Irrweg durch die Sümpfe, fern der letzten, unterwegs angetroffenen Eingeborenen, lagerten sie am Rand eines steinigen Flusses, dessen Wasser einem Sturzbach aus gefrorenem Glas glich. Jahre später, während des zweiten Bürgerkriegs, versuchte Oberst Aureliano Buendía, genau denselben Marsch zu wiederholen, um Riohacha durch einen Handstreich zu nehmen, begriff jedoch nach sechs Tagen Marsch, daß sein Unternehmen Wahnsinn war. Im übrigen sahen die Kämpfer seines Vaters in der Nacht der Lagerung am Fluß aus wie rettungslose Schiffbrüchige, obgleich ihre Anzahl während der Überfahrt gewachsen war und alle entschlossen waren, alt zu sterben. Was auch allen gelang. In dieser Nacht träumte José Arcadio Buendía, daß just an jenem Ort eine lärmende Stadt mit spiegelwändigen Häusern stehe. Er fragte, welche Stadt dies sei, und erfuhr einen Namen, den er nie gehört, der keinerlei Bedeutung, der indes in seinem Traum einen übernatürlichen Klang hatte: Macondo. Am nächsten Tag überzeugte er seine Männer davon, daß sie nie das Meer erreichen würden. Befahl, Bäume zu fällen, um eine Flußlichtung an der kühlsten Uferstelle zu schlagen; und daselbst gründeten sie das Dorf.

José Arcadio Buendía gelang es nicht, den Traum von den spiegelwändigen Häusern zu enträtseln, bis zu dem Tag, an dem er das Eis kennenlernte. Nun erst glaubte er seinen tiefen Sinn zu verstehen und dachte, daß es in nächster Zukunft möglich sein müsse, Eisblöcke in großem Rahmen herzustellen, und zwar aus einem so alltäglichen Stoff wie Wasser, und mit ihnen die neuen Häuser des Dorfes zu bauen.

Macondo würde aufhören, ein glutheißer Ort zu sein, dessen Scharniere und Sicherheitsriegel sich in der Hitze verbogen, und sich in eine winterliche Stadt verwandeln. Wenn er nicht auf seinen Versuchen beharrte, eine Eisfabrik zu bauen, so deshalb, weil er sich mittlerweile für die Erziehung seiner Söhne buchstäblich begeistert hatte, besonders für die Aurelianos, der vom ersten Augenblick an eine seltene Begabung für Alchimie gezeigt hatte. Das Laboratorium war aus dem Staub erstanden. Melchíades’ Aufzeichnungen in ausgedehnten, geduldigen Sitzungen überprüfend, versuchten sie nunmehr gemeinsam, Ursulas Gold von dem am Kesselgrund festgebackenen Klumpen zu lösen. Der junge José Arcadio beteiligte sich kaum an dem Verfahren. Während sein Vater nur Auge und Ohr war für seine Brunnenröhre, verwandelte sich der eigenwillige Erstgeborene, der für sein Alter immer zu groß gewesen war, in einen überdimensionalen jungen Mann. Seine Stimme brach. Zaghafter Flaum bedeckte seine Oberlippe. Eines Abends trat Ursula in sein Zimmer, als er sich zum Schlafengehen auszog, und empfand ein Gemisch aus Scham und Mitleid: Nach ihrem Ehemann war er der erste Mann, den sie nackt sah, und dieser war fürs Leben so gut ausgerüstet, daß er ihr anormal vorkam. Zum dritten Male schwanger, durchlebte Ursula von neuem die Schrecknisse einer Neuvermählten.

Zu jener Zeit kam eine fröhliche Person ins Haus, eine vorlaute Lästerzunge, die im Haushalt half und die Zukunft aus den Karten zu lesen verstand. Ursula sprach ihr von ihrem Sohn. Sie dachte, sein Unmaß sei etwas so Unnatürliches wie der Schweineschwanz des Vetters. Das Weib ließ ein hemmungsloses Lachen erschallen, das wie Glasklirren durchs Haus hallte. ≫Im Gegenteil≪, sagte sie, ≫er wird glücklich sein.≪ Um ihre Voraussage zu bestätigen, brachte sie ein paar Tage später ihre Kartenspiele mit und schloß sich mit José Arcadio in einer neben der Küche gelegenen Kornkammer ein.

In aller Ruhe breitete sie die Karten auf einem alten Tischlertisch aus und sprach über Beiläufiges, während der junge Mann eher gelangweilt als neugierig neben ihr wartete.

Plötzlich streckte sie die Hand aus und berührte ihn.

≫Donnerwetter≪, sagte sie ehrlich erschrocken, mehr brachte sie nicht heraus. José Arcadio fühlte, daß seine Knochen sich mit Schaum füllten, er fühlte verzehrende Angst und schreckliches Verlangen zu weinen. Die Frau hatte ihn keineswegs herausgefordert. Dennoch suchte José Arcadio sie die ganze Nacht in dem Rauchgeruch ihrer Achseln, der ihm unter die Haut gegangen war. Er wollte alle Augenblicke bei ihr sein, wollte sie zur Mutter haben und nie mehr die Kornkammer mit ihr verlassen, er wollte, sie solle ≫Donnerwetter≪ zu ihm sagen, sie solle ihn von neuem berühren und von neuem ≫Donnerwetter≪ zu ihm sagen. Eines Tages hielt er es nicht länger aus und suchte sie zu Hause auf.

Stattete ihr einen förmlichen, unverständlichen Besuch ab und saß wortlos in ihrem Wohnzimmer. In diesem Augenblick begehrte er sie nicht. Er fand sie verschieden und völlig abweichend von dem Bild, das ihr Geruch hervorrief, als sei sie eine ganz andere. Er trank seinen Kaffee, niedergeschlagen verließ er das Haus. In jener Nacht, im Schrecken des Wachens, begehrte er sie von neuem mit grausamem Drang, doch nun wollte er sie nicht mehr so, wie sie in der Kornkammer gewesen war, sondern wie er sie am Nachmittag gesehen hatte.

Tage später rief die Frau ihn zur Unzeit in ihr Haus, wo sie allein mit ihrer Mutter war, und führte ihn unter dem Vorwand, ihm ein Kartenkunststück zeigen zu wollen, in das Schlafzimmer. Dort berührte sie ihn mit solchem Freimut, daß er nach dem ersten Erschauern eine Enttäuschung erlitt und eher Angst als Vergnügen empfand. Sie bat ihn, er solle sie in der gleichen Nacht abholen. Er stimmte zu, nur um fortzukommen, wohl wissend, daß er außerstande sein würde, hinzugehen. Doch nachts, im blühenden Bett, begriff er, daß er sie holen müsse, auch wenn er dazu nicht imstande war. So zog er sich aufs Geratewohl an, während er im Dunkeln den gleichmäßigen Atem seines Bruders hörte, den trockenen Husten seines Vaters im Nebenzimmer, das Asthma der Hühner im Hof, das Summen der Mücken, das Pochen seines Herzens und das unmäßige Getöse der Welt, das er bis dahin nicht wahrgenommen hatte, und trat auf die schlummernde Straße. Er wünschte von ganzem Herzen, daß die Tür verschlossen wäre und nicht nur angelehnt, wie sie versprochen hatte. Aber sie war offen. Er stieß sie mit den Fingerspitzen auf, die Angeln gaben einen düsteren, deutlichen Klagelaut von sich, der eisig in seinen Eingeweiden widerhallte. Vom ersten Augenblick an, als er jeden Lärm vermeidend sich seitlich hereinschob, spürte er ihren Geruch. Noch stand er in dem Wohnzimmerchen, in dem die drei Brüder der Frau in Hängematten lagen, deren Stellung er nicht kannte und die er in der Dunkelheit nicht erraten konnte, so daß er sich aufs Geratewohl vorwärts bewegte, die Tür zum Schlafzimmer aufstieß und sich dort zurechtfinden mußte, um sich nicht im Bett zu irren. Es gelang. Er stieß gegen die Bügel der Hängematten, die niedriger hingen, als er vermutet hatte, und ein Mann, der bisher geschnarcht hatte, drehte sich im Traum herum und sagte wie enttäuscht: ≫Es war Mittwoch.≪ Als er die Schlafzimmertür aufdrückte, konnte er es nicht vermeiden, auf dem unebenen Fußboden zu scharren. Plötzlich, in der vollkommenen Dunkelheit, begriff er mit unwiderstehlicher Sehnsucht, daß er völlig ratlos war. In dem engen Raum schliefen die Mutter, eine andere Tochter mit Mann und zwei Kindern, sowie die Frau, die ihn womöglich nicht erwartete. Er hätte sich nach dem Geruch richten können, wäre der Geruch nicht im ganzen Haus gewesen, ebenso verführerisch wie unverkennbar, wie er ihn immer unter der Haut gehabt hatte.

Eine lange Weile blieb er regungslos stehen und fragte sich verwundert, wie er in diesen Abgrund von Hilflosigkeit geraten war, als eine im Dunkeln tastende Hand mit weitgespreizten Fingern gegen sein Gesicht stieß. Er war nicht überrascht, denn ohne zu wissen, hatte er genau dies erwartet. Er vertraute sich der Hand an und ließ sich im Zustand schrecklicher Erschöpfung zu einem formlosen Ort führen, wo man ihn auszog, wie einen Kartoffelsack schüttelte und ihn auf den Bauch und auf den Rücken legte, und zwar in einer undurchdringlichen Dunkelheit, in der seine Arme überflüssig waren, wo es nicht mehr nach Frau, sondern nach Ammoniak roch, wo er sich an ihr Gesicht zu erinnern suchte und statt dessen Ursulas Gesicht fand und sich unbestimmt bewußt war, daß er etwas tat, von dem er seit langem wünschte, daß man es tun könne, von dem er sich aber nie vorgestellt hatte, daß man es in Wirklichkeit tun könne, ohne zu wissen, wie er es tat, weil er nicht wußte, wo die Füße und wo der Kopf, auch nicht, wo wessen Füße und wo wessen Kopf waren, und wo er fühlte, daß er nicht länger dem eisigen Rauschen seiner Nieren und der Luft seiner Eingeweide widerstehen könne und der Angst und dem betäubenden Drang zu fliehen und gleichzeitig für immer dabeizubleiben in jener verzweifelten Stille und jener entsetzlichen Einsamkeit.

Sie hieß Pilar Ternera. Sie war bei dem Auszug dabeigewesen, der in der Gründung von Macondo gipfelte, mitgeschleppt von ihrer Familie, um sie von dem Mann zu trennen, der sie mit vierzehn Jahren vergewaltigt hatte und sie bis zu ihrem zweiundzwanzigsten Jahr liebte, sich jedoch nie entschließen konnte, ihre Lage offiziell zu klären, weil er nicht frei war. Er versprach, ihr bis ans Ende der Welt zu folgen, freilich erst später, sobald er seine Angelegenheiten geordnet hatte; sie aber wurde es müde, auf ihn zu warten, weil sie ihn stets mit den großen und kleinen, blonden und dunklen Männern gleichsetzte, die das Kartenspiel ihr auf Land- und Seewegen verhieß, und zwar innerhalb von drei Tagen, drei Monaten oder drei Jahren. Wartend hatte sie die Kraft der Muskeln eingebüßt, die Härte der Brüste, die Übung der Zärtlichkeit, doch unversehrt bewahrte sie den Wahnsinn ihres Herzens. Bezaubert von dem wunderbaren Gesellschaftsspiel, suchte José Arcadio jede Nacht ihre Spur im Labyrinth des Schlafzimmers. Einmal fand er die Tür verriegelt und klopfte mehrmals an, wohl wissend, daß, wenn er den Schneid gehabt hatte, das erstemal zu klopfen, er bis zum letztenmal klopfen mußte, und nach unermeßlich langem Warten öffnete sie die Tür. Tagsüber, sobald er den Traum abgeschüttelt hatte, genoß er insgeheim die Erinnerungen an die vergangene Nacht. Kam sie aber ins Haus, fröhlich, gleichgültig, derb daherschwatzend, brauchte er sich keineswegs anzustrengen, seine Spannung zu verbergen, da diese Frau, deren schallendes Gelächter die Tauben erschreckte, nichts mit der unsichtbaren Macht zu tun hatte, die ihn lehrte, nach innen zu atmen und die Schläge seines Herzens zu beherrschen, und die ihm zu verstehen gab, warum die Menschen vor dem Tode Angst hatten. Er war so in sich gekehrt, daß er nicht einmal die allgemeine Fröhlichkeit begriff, als sein Vater und sein Bruder das Haus mit der Nachricht erfreuten, es sei ihnen gelungen, die Metallhülle zu zerschlagen und damit Ursulas Gold loszulösen.

Tatsächlich hatten sie es nach mehreren Tagen verwickelter, beharrlicher Arbeit fertiggebracht. Ursula war glücklich und dankte sogar Gott für die Erfindung der Alchimie, während die Dorfleute sich im Laboratorium drängten; sie bewirtete sie mit Goiyabapaste und Gebäck, um das Wunder zu feiern, und José Arcadio Buendía zeigte ihnen den Tiegel mit dem wiedergewonnenen Gold, als habe er es gerade erfunden. Vom vielen Vorzeigen stand er zu guter Letzt vor seinem ältesten Sohn, der in der letzten Zeit so gut wie nie im Laboratorium aufgetaucht war. Hielt ihm den trockenen, gelblichen Klumpen dicht vor die Augen und fragte: ≫Wie kommt dir das vor?≪

José Arcadio erwiderte ehrlich:

≫Wie Hundescheiße.≪

Sein Vater schlug ihm mit dem Handrücken so heftig auf den Mund, daß ihm das Blut kam und die Tränen. In jener Nacht legte Pilar Ternera ihm Arnikakompressen auf die Geschwulst, sie erriet in der Dunkelheit Fläschchen und Watte und tat alles, was er wünschte, ohne ihm zur Last zu fallen, um ihn zu lieben, ohne ihm weh zu tun. Dabei erreichten sie einen derartigen Zustand der Vertraulichkeit, daß sie einen Augenblick später, ohne es zu merken, im Flüsterton plauderten.

≫Ich möchte allein mit dir sein≪, sagte er. ≫Eines Tages werde ich allen alles erzählen, und dann hat es mit den Heimlichkeiten ein Ende.≪

Sie suchte ihn nicht zu beschwichtigen.

≫Das wäre sehr gut≪, sagte sie. ≫Wenn wir allein sein werden, wollen wir die Lampe angezündet lassen, damit wir uns gut sehen, damit ich alles herausschreien kann, was ich will, ohne daß sich jemand einmischt, und damit du mir alle Schweinereien ins Ohr sagen kannst, die dir einfallen.≪

Diese Unterhaltung, der nagende Groll, den er gegen seinen Vater empfand, und die bevorstehende Möglichkeit einer ungehemmten Liebe erweckten in ihm Gelassenheit und Mut.

Unwillkürlich, ohne jede Vorbereitung, erzählte er es seinem Bruder. Zunächst begriff der kleine Aureliano nur das Ausmaß des Wagnisses, die ungeheure Möglichkeit der Gefahr, die das Abenteuer seines Bruders einschlossen, doch das Berauschende des Ziels ging ihm nicht ein. Doch nach und nach wurde er von der Begierde angesteckt. Er ließ sich die kleinsten Verhängnisse erzählen, erlebte die Leiden und Freuden des Bruders mit, fühlte mit ihm Bangigkeit und Glück. Hellwach wartete er auf ihn bis zum Morgengrauen in dem einsamen Bett, das einen glühenden Rost zu haben schien, und dann redeten sie schlaflos bis zur Stunde des Aufstehens, so daß sie bald an der gleichen Schläfrigkeit litten, die gleiche Verachtung für die Alchimie und die Weisheit ihres Vaters empfanden und sich gemeinsam in die Einsamkeit flüchteten.

≫Diese Jungen sind wie benebelt≪, sagte Ursula. ≫Sie müssen Würmer haben.≪ Und sie braute ihnen einen widerwärtigen Absud aus gestampften Paicoblättern, den beide mit unvermutetem Gleichmut tranken, und beide setzten sich an einem einzigen Tag zu gleicher Zeit elfmal auf ihre Nachttöpfe und sonderten etliche rosige Schmarotzer ab, die sie frohlockend herumzeigten, weil diese es ihnen ermöglichten, Ursula über den Anlaß ihrer Zerstreutheit und ihrer Mattigkeit im dunkeln zu halten. Nun konnte Aureliano die Erfahrungen seines Bruders nicht nur verstehen, sondern sogar selbst durchleben, denn einmal, als dieser ihm den Mechanismus der Liebe in allen Einzelheiten erklärte, unterbrach er ihn mit der Frage: ≫Was fühlt man?≪ Und José Arcadio antwortete unverzüglich:

≫Es ist wie ein Erdbeben.≪

An einem Donnerstag im Januar gegen zwei Uhr morgens wurde Amaranta geboren. Bevor jemand ins Zimmer treten konnte, untersuchte Ursula sie bis ins kleinste. Sie war federleicht und wasserartig wie eine Mauereidechse, doch alle ihre Organe waren menschlich. Aureliano wurde sich der Neuheit erst bewußt, als sich das Haus mit Menschen füllte. Im Schutz des Durcheinanders machte er sich auf die Suche nach seinem Bruder, der seit elf Uhr nicht mehr in seinem Bett lag; sein Entschluß kam so spontan, daß er nicht einmal Zeit zu der Frage fand, wie er es anstellen sollte, ihn aus Pilar Terneras Schlafzimmer zu schaffen. Privatsignale pfeifend, umschlich er mehrere Stunden das Haus, bis der anbrechende Tag ihn zum Umkehren zwang. Er fand José Arcadio mit dem Gesicht eines Unschuldslamms im Schlafzimmer seiner Mutter, wo er mit dem neugeborenen Schwesterchen spielte.

Ursula hatte gerade ihre vierzigtägige Ruhezeit beendet, als die Zigeuner wiederkamen. Es waren dieselben Gaukler und Gleichgewichtskünstler, die das Eis mitgebracht hatten. Im Gegensatz zu Melchíades’ Sippe hatten sie in kurzer Zeit bewiesen, daß sie keine Fortschrittsherolde waren, sondern Belustigungshausierer. Als sie übrigens seinerzeit das Eis brachten, rühmten sie auch nicht seine Nützlichkeit für das Leben der Menschen, sondern priesen es als reine Zirkusneuigkeit. Diesmal brachten sie unter vielen anderen Zauberstücken eine fliegende Matte mit, die sie freilich nicht als grundlegenden Beitrag zur Entwicklung der Verkehrsmittel, sondern als Gegenstand der Unterhaltung vorstellten. Natürlich gruben die Leute ihre letzten kleinen Goldmünzen aus, um einen kurzen Flug über die Häuser des Dorfes zu genießen.

Beschützt von der köstlichen Straflosigkeit der allgemeinen Unordnung, erlebten José Arcadio und Pilar Stunden der Zwanglosigkeit. Unter all den Menschen waren sie ein glückliches Liebespaar und kamen sogar auf die Vermutung, daß die Liebe ein ruhigeres, tieferes Gefühl sein könne als das berauschende, wiewohl kurz bemessene Glück ihrer geheimen Nächte. Doch Pilar brach den Zauber. Angespornt von der Begeisterung, mit der José Arcadio ihre Gesellschaft genoß, vergriff sie sich in der Form und der Gelegenheit, fiel ihm mit der Tür ins Haus. ≫Nun bist du ein Mann≪, sagte sie. Und da er nicht verstand, was sie damit meinte, erklärte sie es ihm buchstäblich:

≫Du wirst einen Sohn bekommen.≪

Mehrere Tage wagte sich José Arcadio nicht mehr aus dem Haus. Er brauchte nur Pilars zwerchfellerschütterndes Gelächter in der Küche zu hören, um ins Laboratorium zu flüchten, wo dank Ursulas Segenswort die Erzeugnisse der Alchimie wiederauferstanden waren. Freudig empfing José Arcadio Buendía den verlorenen Sohn und weihte ihn in die endlich begonnene Suche nach dem Stein der Weisen ein.

Eines Nachmittags gerieten die jungen Männer in Verzückung über die fliegende Matte, die pfeilgeschwind auf Fensterhöhe des Laboratoriums vorüberglitt, auf ihr der Zigeunerführer und mehrere ausgelassen winkende Dorfkinder, doch José Arcadio Buendía würdigte sie keines Blickes. ≫Laß sie träumen≪, sagte er. ≫Wir fliegen besser als sie, und zwar mit wissenschaftlicheren Hilfsmitteln als einer armseligen Bettdecke.≪ Trotz seines gespielten Interesses verstand José Arcadio keineswegs die Macht des philosophischen Eis, das ihm nichts anderes schien als ein schlechtgeblasener Flakon. Es wollte ihm nicht gelingen, seine Sorgen loszuwerden. Er verlor den Appetit und den Schlaf, verfiel in Übellaunigkeit wie sein Vater, wenn ihm irgendein Unternehmen mißlang, und seine Verstörung steigerte sich so sehr, daß selbst José Arcadio Buendía ihn seiner Laboratoriumspflichten enthob in dem Glauben, der Junge nehme die Alchimie allzu ernst. Aureliano begriff natürlich, daß der Kummer des Bruders nicht in der Suche nach dem Stein der Weisen beruhte, vermochte ihm indes kein Wort des Geständnisses zu entlocken. Er hatte seine einstige Ungezwungenheit vollständig verloren. Aus einem mitteilsamen Mitverschworenen war ein feindseliger Schweiger geworden. Begierig auf Einsamkeit und von wütendem Weltgroll zerfressen, schlüpfte er eines Nachts wie üblich aus dem Bett, strebte aber nicht zu Pilar Terneras Haus, sondern mischte sich in das Getriebe des Marktes. Nachdem er sich zwischen allen Arten von Zauberapparaten herumgetrieben hatte, ohne indes an irgendeinem Gefallen zu finden, blieb sein Blick auf etwas haften, was nichts mit Spielereien zu tun hatte: auf einer blutjungen Zigeunerin, fast ein Kind, überladen mit Glasperlen, das schönste weibliche Wesen, das José Arcadio je in seinem Leben gesehen hatte. Er stand in der Menge, die gerade dem trostlosen Schauspiel eines Menschen beiwohnte, der aus Ungehorsam gegen seine Eltern in eine Schlange verwandelt worden war.

José Arcadio achtete nicht darauf. Während das traurige Verhör des Schlangenmenschen vor sich ging, hatte er sich durch die Menge einen Weg bis zur ersten Reihe gebahnt, wo die Zigeunerin stand, und blieb hinter ihr stehen. Er drückte sich an ihren Rücken. Die junge Frau wollte sich losmachen, doch José Arcadio preßte sich stärker an sie. Nun fühlte sie ihn und blieb unbeweglich an ihn gelehnt stehen, zitternd vor Überraschung und Schrecken, ohne dem Augenschein glauben zu können, doch schließlich wandte sie den Kopf und blickte ihn unsicher lächelnd an. In diesem Augenblick trieben die beiden Zigeuner den Schlangenmenschen in seinen Käfig und zogen diesen ins Innere des Zeltes. Der Zigeuner, der das Schauspiel leitete, verkündete:

≫Und nun, meine Damen und Herrn, zeigen wir Ihnen das fürchterliche Kunststück der Frau, die einhundertfünfzig Jahre hindurch jede Nacht zu dieser Stunde enthauptet wird, als Strafe dafür, daß sie gesehen hat, was sie nicht sehen sollte.≪

José Arcadio und das junge Mädchen wohnten nicht der Enthauptung bei. Sie gingen in ihr Zelt, wo sie, während sie sich entkleideten, einander mit verzweifeltem Begehren küßten. Die Zigeunerin entledigte sich ihrer übereinandergezogenen Mieder, ihrer zahlreichen gestärkten Spitzenröcke, ihres unnützen drahtverstärkten Korsetts, ihrer Glasperlenlast und stand plötzlich da, gewissermaßen zu nichts verwandelt. Sie war ein froschartiges Geschöpfchen mit kaum sichtbaren Brüsten und spillerigen Beinchen, die nicht einmal den Durchmesser von José Arcadios Armen erreichten; dafür war sie von einer Entschlossenheit und Heißblütigkeit, die ihre Zerbrechlichkeit wettmachten. Im übrigen konnte José Arcadio nicht ihren Erwartungen entsprechen, weil sie sich in einer Art öffentlichem Zelt befanden, wo die Zigeuner sich mit ihren Zirkusgegenständen aufhielten, ihre Angelegenheiten regelten und sogar in der Nähe des Bettes stehenblieben, um ein Würfelspielchen einzulegen. Die am Mittelpfosten hängende Lampe erleuchtete den ganzen Raum. In einer Kosepause streckte José Arcadio sich nackt auf dem Bett aus, unschlüssig, was er tun sollte, während das hübsche Kind ihn zu ermutigen suchte. Kurz darauf trat eine üppig gewachsene Zigeunerin in Begleitung eines Mannes ein, der nicht zu den Komödianten, aber auch nicht zum Dorf gehörte, und schon begannen beide, sich vor dem Bett auszuziehen. Unbeabsichtigt blickte die Frau auf José Arcadio und musterte mit einer Art leidenschaftlichen Eifers sein prachtvolles, in Ruhe befindliches Tier.

≫Junger Mann≪, rief sie aus, ≫möge Gott dir das bewahren.≪

José Arcadios Gefährtin bat die anderen, sie in Ruhe zu lassen, und das Paar legte sich in nächster Nähe des Betts auf den Erdboden nieder. Die Leidenschaft der beiden weckte José Arcadios Fieber. Bei der ersten Berührung schienen die Knochen des jungen Mädchens unregelmäßig zu rasseln wie ein Dominokästchen, ihre Haut schien sich in bleichen Schweiß aufzulösen, ihre Augen füllten sich mit Tränen, und ihr ganzer Körper verströmte einen düsteren Klagelaut und einen vagen Schlammgeruch. Doch sie ertrug den Anprall mit Charakterfestigkeit und bewunderungswürdiger Tapferkeit.

Nun fühlte José Arcadio sich in einen Zustand seraphischer Erleuchtung erhoben, in dem sein Herz in einem Born zärtlicher Schamlosigkeiten zerfloß, die ins Ohr der jungen Frau glitten und, in ihre Sprache übersetzt, aus ihrem Munde tönten. Es war Donnerstag. Am Samstagabend band sich José Arcadio einen roten Fetzen um den Kopf und machte sich mit den Zigeunern auf den Weg.

Als Ursula seine Abwesenheit entdeckte, suchte sie ihn im ganzen Dorf. Von dem abgebrochenen Zeltdorf der Zigeuner war nichts übrig als eine Abfallrinne zwischen der noch immer rauchenden Asche der erloschenen Feuerstellen. Jemand, der unter dem Unrat Glasperlen suchte, sagte Ursula, in der vergangenen Nacht habe er ihren Sohn im Trubel der Schmierenspieler gesehen, wie er einen Handkarren mit dem Käfig des Schlangenmenschen schob. ≫Er ist Zigeuner geworden!≪ schrie sie ihren Mann an, der angesichts seines verschwundenen Sohnes nicht die geringste Beunruhigung zur Schau stellte.

≫Hoffentlich ist es wahr≪, sagte José Arcadio Buendía, während er in seinem Mörser den tausendmal gestampften, wieder erhitzten und von neuem zu stampfenden Stoff zerstampfte. ≫So lernt er, ein Mann zu werden.≪

Ursula fragte, wohin die Zigeuner gezogen seien. Sie fragte auf dem Weg, den man ihr gewiesen hatte, immer wieder und entfernte sich in dem Glauben, sie könne sie noch einholen, immer weiter von dem Dorf, bis sie einsah, daß sie schon so weit entfernt war, daß sie nicht mehr an Rückkehr denken konnte. José Arcadio Buendía entdeckte das Fehlen seiner Frau erst um acht Uhr abends, als er seinen Stoff, der in einem Dungbad schmorte, sich selbst überließ, und nun schaute er bei der kleinen Amaranta herein, die heiser war vom Weinen. In wenigen Stunden trommelte er einen Trupp gutausgerüsteter Männer zusammen, legte Amaranta in die Hände einer Frau, die sich erbot, das Kind zu stillen, und verlor sich in unsichtbaren Wildpfaden auf der Suche nach Ursula. Aureliano ging mit. Etliche einheimische Fischer, deren Sprache sie nicht verstanden, bedeuteten ihnen im Morgengrauen durch Zeichen, daß sie keine Fremde hatten vorbeikommen sehen. Nach drei Tagen nutzlosen Suchens traten sie den Rückweg zum Dorf an.

Mehrere Wochen hindurch war José Arcadio Buendía reichlich niedergeschlagen. Wie eine Mutter umsorgte er die kleine Amaranta. Badete sie und zog ihr frische Wäsche an, brachte sie viermal am Tag zum Stillen und sang ihr sogar abends die Lieder vor, die Ursula nie hatte singen können. Bei einer bestimmten Gelegenheit erbot sich Pilar Ternera, den Haushalt bis zu Ursulas Rückkehr zu führen. Aureliano, dessen geheimnisvolles Ahnungsvermögen sich im Unglück geschärft hatte, hatte eine blitzschnelle Eingebung, als er die Frau eintreten sah. Plötzlich wußte er, ohne es sich erklären zu können, daß sie an seines Bruders Flucht und folglich an dem Verschwinden seiner Mutter schuld war, und begegnete ihr mit so stummer erbarmungsloser Feindseligkeit, daß sie nicht wiederkam.

Mit der Zeit renkten sich die Dinge wieder ein. José Arcadio Buendía und sein Sohn wußten nicht, von welchem Augenblick an sie von neuem im Laboratorium standen, Pulver schüttelten, Feuer unter der Brunnenröhre machten und sich von neuem geduldig der Handhabung der seit Monaten in ihrem Dungbett schlafenden Materie widmeten. Sogar Amaranta in ihrem Weidenkörbchen beobachtete neugierig die anspruchsvolle Arbeit ihres Vaters und ihres Bruders in der vom Quecksilberdunst vernebelten Kammer. Einmal, Monate nach Ursulas Aufbruch, begannen merkwürdige Dinge zu geschehen. Eine lange Zeit in einem Schrank vergessene leere Flasche wurde mit einemmal so schwer, daß sie sich unmöglich fortrücken ließ. Ein auf dem Arbeitstisch stehender Wasserkessel kochte ohne Feuer eine halbe Stunde lang, bis das Wasser vollständig verdampft war. José Arcadio Buendía und sein Sohn beobachteten diese Erscheinungen mit erschrockenem Frohlocken, ohne sie sich erklären zu können, deuteten sie jedoch als Bekundungen der Materie. Eines Tages setzte sich Amarantas Körbchen selbsttätig in Bewegung und beschrieb zu Aurelianos Bestürzung, der es hastig anhielt, in der Kammer einen vollständigen Kreis. Doch sein Vater blieb ungerührt. Stellte das Weidenkörbchen wieder an seine Stelle und band es an einem Tischbein fest, überzeugt, daß das erwartete Ereignis bevorstand. Bei dieser Gelegenheit hörte Aureliano ihn sagen:

≫Wenn du Gott nicht fürchtest, so fürchte wenigstens die Metalle.≪

Plötzlich, fast fünf Monate nach ihrem Verschwinden, kehrte Ursula zurück. Sie kam in gehobener Stimmung, verjüngt, in neuen Kleidern eines im Dorf unbekannten Stils. Mühsam widerstand José Arcadio Buendía dem Schock. ≫Das war es!≪

schrie er. ≫Ich wußte, daß es kommen mußte.≪ Und er glaubte es wirklich, denn in seiner langen Zurückgezogenheit, während er seinen Stoff behandelte, hatte er im Grunde seines Herzens gebetet, das erwartete Wunder möge nicht der Fund des Steins der Weisen sein, nicht die Befreiung vom Hauch, der den Metallen Leben einflößt, nicht die Fähigkeit, die Scharniere und Schlösser des Hauses in Gold zu verwandeln, sondern genau das, was jetzt eintraf: Ursulas Rückkehr. Sie indes teilte nicht seine Freude. Sie gab ihm einen förmlichen Kuß, als sei sie kaum eine Stunde fortgewesen, und sagte:

≫Geh an die Tür.≪

José Arcadio Buendía brauchte lange, um sich von seiner Verblüffung zu erholen, als er auf die Straße hinaustrat und die Menschenmenge sah. Es waren keine Zigeuner. Es waren Männer und Frauen wie sie selber, mit losem Haar und dunkler Haut, die ihre eigene Sprache sprachen und über die gleichen Beschwerden klagten. Sie brachten proviantbeladene Maulesel mit, Ochsenkarren mit Mobiliar und Hausrat, schlichtes, harmloses, irdisches Zubehör, das sie ohne die Gebärdensprache der Hausierer alltäglicher Wirklichkeit feilboten. Sie kamen vom anderen Ende des nur zwei Tagereisen entfernten Moors, wo Dörfer lagen, die jeden Monat Post bekamen und die Maschinen des Wohlstands kannten. Ursula hatte die Zigeuner nicht eingeholt, war jedoch auf die Straße gestoßen, die ihr Mann in seiner gescheiterten Suche nach den großen Erfindungen verfehlt hatte.

3

Pilar Terneras Sohn wurde zwei Wochen nach seiner Geburt ins Haus der Großeltern gebracht. Ursula nahm ihn widerwillig auf und ließ sich nur wieder einmal von der Starrköpfigkeit ihres Mannes überzeugen, der den Gedanken, ein Sproß seines Blutes könne seinem Schicksal überlassen werden, nicht ertragen konnte; jedoch stellte sie die Bedingung, dem Kind müsse seine wahre Herkunft verheimlicht werden. Obgleich es den Namen José Arcadio erhielt, nannte man es schließlich schlicht Arcadio, um Verwechslungen zu vermeiden. Zu jener Zeit gab es im Dorf so viel Umtrieb und im Haus so viel Trubel, daß die Betreuung der Kinder ins Hintertreffen geriet.

Diese wurde Visitación übertragen, einer Guajira-Indiofrau, die auf der Flucht vor einer Schlaflosigkeitsplage, die ihren Stamm seit Jahren geißelte, mit ihrem Bruder ins Dorf gekommen war.

Beide waren so gefügig und diensteifrig, daß Ursula sich ihrer annahm, damit sie ihr im Haushalt hülfen. So kam es, daß Arcadio und Amaranta die Guajira-Sprache vor dem Spanischen sprachen, so wie sie Eidechsensuppe und Spinneneier zu essen bekamen, ohne daß Ursula es merkte, da sie mit einem vielversprechenden Geschäft von Karameltierchen beschäftigt war. Macondo war verwandelt.

Die Leute, die mit Ursula angekommen waren, verkündeten bald die gute Beschaffenheit seines Bodens und die außergewöhnlich günstige Lage im Hinblick aufs Moor, so daß der bescheidene Flecken früherer Zeiten sich sehr rasch in ein emsiges Dorf mit Läden und Werkstätten verwandelte; außerdem hatte es eine zuverlässige Handelsstraße, auf der die ersten Araber mit Pantoffeln und Ohrringen ankamen, um Glasperlenhalsbänder gegen Papageien einzuhandeln. José Arcadio Buendía fand keine Ruhepause mehr. Überwältigt von einer unmittelbaren Wirklichkeit, die ihn phantastischer anmutete als das weite Weltall seiner Einbildungskraft, verlor er jedes Interesse an seinem alchimistischen Laboratorium, ließ die von langen Monaten der Behandlung erschöpfte Materie ruhen und wurde wieder der unternehmungslustige Mensch der ersten Zeit, der die Anordnung der Straßen und die Stellung der neuen Häuser bestimmte, damit niemand Vorrechte genoß, die nicht der Allgemeinheit offenstanden. Er erwarb so viel Ansehen unter den Neuankömmlingen, daß ohne seine Zustimmung weder Grundmauern gelegt noch Zäune gezogen wurden, und so wurde beschlossen, daß er die Verteilung des Landes leiten solle. Als die Zigeunerkomödianten mit ihrem nunmehr in einen riesigen Betrieb von Glücks- und sonstigen Spielen umgewandelten Wandermarkt wiederkamen, wurden sie freudig empfangen, weil man dachte, José Arcadio würde vielleicht mitkommen. Doch José Arcadio kehrte nicht zurück, und auch der Schlangenmensch, der nach Ursulas Ansicht als einziger über ihres Sohnes Verbleib Auskunft hätte geben können, war nicht dabei, so daß man den Zigeunern untersagte, sei es, sich im Dorf niederzulassen, sei es, in Zukunft wiederzukehren, weil man sie als Boten der Lüsternheit und der Entartung betrachtete. José Arcadio Buendía wies übrigens ausdrücklich darauf hin, daß dagegen der alten Stammessippe des Melchíades, der mit seiner tausendjährigen Weisheit und seinen sagenhaften Erfindungen so viel zur Entwicklung des Dorfes beigetragen hatte, die Tore des Dorfes jederzeit offenstünden. Doch Melchíades’ Stamm war laut Aussage der Weltenbummler wegen Übertretung der Grenzen menschlichen Wissens vom Antlitz der Erde verschwunden.

Wenigstens vorübergehend von den Qualen der Phantasie befreit, erzwang José Arcadio Buendía in kurzer Zeit einen ordnungs- und arbeitsfördernden Zustand, in dem nur etwas erlaubt war: die Vögel zu befreien, die seit der Gründung die Zeit mit ihrem Flöten versüßten, und an ihrer Stelle in allen Häusern Musikuhren aufzustellen. Es waren kostbare geschnitzte Holzuhren, welche die Araber gegen Papageien tauschten und deren Schlagwerk José Arcadio Buendía mit solcher Genauigkeit gleichzuschalten verstand, daß das Dorf sich jede halbe Stunde an den fortschreitenden Akkorden eines einzigen Stückes erfreute, bis mit dem vollständigen Walzer der Höhepunkt eines genauen, einstimmigen Mittags erreicht war. Es war auch José Arcadio Buendía, der in jenen Jahren entschied, in den Dorfgassen seien Mandelbäume statt Akazien zu säen, und der die niemandem offenbare Methode entdeckte, sie ewig zu machen. Viele Jahre später, als Macondo eine Siedlung weißblechgedeckter Holzhäuser war, standen noch in den ältesten Gassen die verkommenen, staubigen Mandelbäume, wenngleich niemand wußte, wer sie gesät hatte.

Während sein Vater Ordnung im Dorf schuf und seine Mutter mit ihrer wunderbaren Industrie von Zuckerhähnen und —

fischen, die, auf Rohrstöcke gespießt, zweimal täglich das Haus verließen, den Hausbesitz mehrte, verbrachte Aureliano endlose Stunden in dem verlassenen Laboratorium und erlernte auf dem reinen Forschungswege die Kunst der Silber- und Goldschmiedearbeit. Er war so schnell gewachsen, daß er nach kurzer Zeit die von seinem Bruder zurückgelassene Kleidung ablegte und die väterliche anzuziehen begann, doch mußte Visitación Falten in die Hemden und Säume in die Hosen nähen, weil Aureliano nicht die Schwerleibigkeit der anderen geerbt hatte. Die Jünglingszeit hatte ihm die Weichheit der Stimme geraubt und ihn überdies wieder schweigsam und einsam gemacht, hatte ihm aber dafür den tiefen Ausdruck der Augen wiedergegeben, den er bei der Geburt gehabt hatte. Er war derart vertieft in seine Goldschmiedeversuche, daß er das Laboratorium nur zu den Mahlzeiten verließ. Über seine Vereinsamung besorgt, gab José Arcadio Buendía ihm die Hausschlüssel und etwas Geld, weil er dachte, daß ihm vielleicht eine Frau fehle. Doch Aureliano gab das Geld für Salzsäure aus, um Königswasser herzustellen, und verschönte die Schlüssel in einem Goldbad. Seine Übertreibungen waren nur mit denen von Arcadio und Amaranta zu vergleichen, die bereits die Milchzähne verloren und noch den ganzen Tag am Rockzipfel der Indios hingen, hartnäckig gewillt, kein Spanisch und nur die Guajira-Sprache zu sprechen. ≫Du brauchst dich nicht zu beklagen≪, sagte Ursula zu ihrem Mann. ≫Die Kinder erben die Narrheiten der Eltern.≪ Und während sie ihr böses Geschick beklagte, überzeugt, daß die Überspanntheiten ihrer Söhne ebenso schlimm seien wie ein Schweineschwänzchen, heftete Aureliano einen Blick auf sie, der sie ins Ungewisse stürzte.

≫Es wird jemand kommen≪, sagte er.

Wie jedes Mal, wenn er eine Prophezeiung äußerte, suchte sie ihn mit ihrer hausbackenen Logik zu entmutigen. Es war normal, daß jemand kam. Dutzende von Fremden zogen Tag für Tag durch Macondo, ohne Unruhe zu erwecken oder sich im voraus insgeheim anzukündigen. Doch ungeachtet aller Logik war Aureliano seiner Vorahnung sicher.

≫Ich weiß nicht, wer es ist≪, beharrte er. ≫Jedenfalls ist der Betreffende bereits unterwegs.≪

In der Tat kam am Sonntag Rebeca. Sie war kaum elf Jahre alt. Sie hatte die beschwerliche Reise von Manaure mit etlichen Fellhändlern zurückgelegt, die zwar den Auftrag erhalten hatten, sie mit einem Brief im Hause José Arcadio Buendías abzuliefern, aber nicht genau erklären konnten, wer sie um diesen Gefallen gebeten hatte. Ihr ganzes Gepäck bestand aus der kleinen Wäschetruhe, einem hölzernen, blumenbemalten Schaukelstühlchen und einem Segeltuchsack, der dauernd klock-klock-klock machte und die Knochen ihrer Eltern beherbergte. Der an José Arcadio Buendía gerichtete Brief war in höchst liebevollen Tönen abgefaßt von jemandem, der diesen trotz Zeit und Ferne in lieber Erinnerung bewahrte und sich durch ein urtümliches Gefühl der Menschlichkeit dem Akt der Nächstenliebe verpflichtet fühlte, ihm dieses schutzlose Waisenkind zu schicken, das Ursulas Kusine ersten Grades war und folglich auch eine wiewohl fernere Verwandte José Arcadio Buendías, denn sie war die Tochter des unvergeßlichen Freundes Nicanor Ulloa und seiner hochwohllöblichen Gemahlin Rebeca Montiel, die Gott in sein heiliges Reich aufgenommen hatte und deren sterbliche Reste er mitschickte, damit man ihnen ein christliches Begräbnis gewähre. Die erwähnten Namen wie die Unterschrift des Briefes waren durchaus lesbar, doch weder José Arcadio Buendía noch Ursula erinnerten sich, Verwandte mit diesem Namen gehabt zu haben, auch kannten sie niemanden, der wie der Absender hieß und schon gar nicht in der entlegenen Ortschaft Manaure. Auch von der Kleinen war keine ergänzende Auskunft zu erhalten. Vom ersten Augenblick ihrer Ankunft an setzte sie sich daumenlutschend in ihr Schaukelstühlchen und beobachtete alle Anwesenden mit ihren großen erschrockenen Augen, ohne zu erkennen zu geben, daß sie verstand, was sie gefragt wurde. Sie trug ein zerschlissenes, schräggestreiftes schwarzes Kleidchen und ein Paar rissige Lacklederstiefeletten. Ihr Haar war hinter den Ohren zu schwarzbebänderten Zöpfen geflochten. Sie trug ein Skapulier mit schweißverwischten Bildern und am rechten Handgelenk einen kupfergefaßten Raubtierzahn als Amulett gegen den bösen Blick. Ihre grünliche Haut, ihr runder und paukenpraller Leib ließen auf eine schlechte Gesundheit und einen Hunger schließen älter als sie selbst, doch als man ihr zu essen gab, hielt sie den Teller auf den Knien fest, ohne von ihm zu kosten.

Man vermutete sogar, sie sei taubstumm, bis die Indios sie in ihrer Sprache fragten, ob sie Wasser wolle, und sie bewegte die Augen, als habe sie jene erkannt, und sagte ja mit dem Kopf.

Man nahm sie an, weil es keine andere Lösung gab. Man beschloß, sie Rebeca zu nennen, dem Brief zufolge der Name ihrer Mutter, weil Aureliano die Geduld besessen hatte, ihr das gesamte Kirchenhandbuch vorzulesen, ohne zu erreichen, daß sie auf irgendeinen Heiligennamen einging. Da es zu jener Zeit keinen Friedhof in Macondo gab, da bis dahin niemand gestorben war, bewahrten sie den Knochensack auf in der Erwartung, daß sich ein würdiger Beerdigungsplatz finde, und lange Zeit stand er ihnen denn auch allenthalben im Wege und tauchte da auf, wo man ihn am wenigsten vermutete, immer mit seinem glucksenden Gegacker von Bruthennen. Viel Zeit verging, ehe Rebeca sich im Familienleben zurechtfand. Immer saß sie im entlegensten Winkel des Hauses fingerlutschend auf ihrem Schaukelstühlchen. Nichts fesselte ihre Aufmerksamkeit, ausgenommen die Uhrmusik, die sie jede halbe Stunde mit schreckhaften Augen suchte, als habe sie sie irgendwo in der Luft erwartet. Mehrere Tage lang nötigte man sie vergebens zum Essen. Niemand begriff, daß sie nicht längst Hungers gestorben war, bis die Eingeborenen, die alles merkten, weil sie auf ihren schweigsamen Sohlen unablässig durchs Haus huschten, entdeckten, daß Rebeca nur die feuchte Erde des Innenhofs aß und Kalkkuchen, die sie mit den Fingernägeln von den Wänden kratzte. Es war offensichtlich, daß ihre Eltern oder wer sie aufgezogen hatte, sie wegen dieser Gewohnheit gescholten hatten, denn sie tat es heimlich und schuldbewußt und suchte ihre Rationen zu verstecken, um sie unbeobachtet zu verzehren. Seither unterwarf man sie einer unerbittlichen Überwachung. Man schüttete Kuhgalle in den Innenhof und bestreute die Wände mit pikantem Pfefferstaub im Glauben, mit diesen Maßnahmen ihr das schädliche Laster auszutreiben, doch sie legte bei der Suche nach Eßerde so viel Durchtriebenheit und Erfindungsgabe an den Tag, daß Ursula sich zur Anwendung drastischerer Maßnahmen gezwungen sah. So stellte sie einen Topf mit rhabarbervermischtem Orangensaft die ganze Nacht ins Freie und gab ihr am nächsten Morgen das Gebräu auf leeren Magen zu trinken. Wenngleich ihr niemand gesagt hatte, daß das die besondere Arznei gegen das Laster des Erdessens sei, dachte sie, auf irgendwelchen bitteren Stoff auf leeren Magen müsse die Leber reagieren.

Rebeca war trotz ihrer Magerkeit so rebellisch und stark, daß man sie wie ein Kalb festhalten mußte, um ihr die Medizin einzuflößen. Auch wurde man nur mühsam ihres Stampfens Herr und ertrug kaum ihr aufsässiges Kauderwelsch, mit dem sie ihr Beißen und Gespucke unterbrach und das nach den Aussagen der empörten Einheimischen die in ihrer Sprache erdenklich größten Unanständigkeiten waren. Als Ursula das erfuhr, ergänzte sie die Behandlung durch Riemenhiebe. Es wurde nie festgestellt, ob der Rhabarber oder die Schläge die erhoffte Wirkung taten oder etwa beides zusammengenommen, jedenfalls gab Rebeca binnen weniger Wochen die ersten Anzeichen der Besserung. So nahm sie teil an den Spielen Arcadios und Amarantas, die sie wie eine ältere Schwester aufnahmen, aß mit Appetit und bediente sich manierlich der Bestecke. Bald stellte sich auch heraus, daß sie das Spanische mit ebenso großer Leichtigkeit wie die Indiosprache beherrschte, daß sie eine bemerkenswerte Geschicklichkeit in Handarbeiten besaß und den Walzer mit einem höchst anmutigen, selbsterfundenen Wortlaut sang. Binnen kurzem wurde sie als Familienmitglied angesehen. Sie zeigte eine Zuneigung zu Ursula, wie ihre eigenen Kinder es nie getan hatten, und nannte Amaranta und Arcadio Brüderchen und Schwesterchen, Aureliano Onkel und José Arcadio Buendía Großväterchen. So verdiente sie sich schließlich wie die anderen den Namen Rebeca Buendía, den einzigen, den sie je besaß und den sie bis zu ihrem Tod mit Würde tragen sollte.

Eines Abends, in der Zeit, als Rebeca vom Laster des Erdessens genas, wachte die Indiofrau, die bei ihnen schlief, zufällig auf und hörte ein seltsames, unregelmäßiges Geräusch im Winkel. Bestürzt richtete sie sich auf im Glauben, ein Tier sei ins Zimmer gedrungen, und nun sah sie Rebeca in ihrem Schaukelstuhl, fingerlutschend und mit leuchtenden Augen wie Katzenaugen im Dunkeln. Von Entsetzen gepackt, gepeinigt vom Verhängnis ihres Schicksals, erkannte Visitación in diesen Augen die Anzeichen der Krankheit, deren Bedrohung sie und ihren Bruder gezwungen hatte, sich für immer aus einem tausendjährigen Reich zu verbannen, in dem sie Fürsten gewesen waren. Es war die Pest der Schlaflosigkeit.

Cataure, der Indio, erwartete nicht den Morgen im Haus.

Seine Schwester blieb, weil ihr schicksalverhaftetes Herz ihr sagte, das tödliche Leiden werde sie auf jeden Fall bis in den letzten Winkel der Erde verfolgen. Niemand begriff Visitacións Bestürzung. ≫Wenn wir nicht mehr schlafen, um so besser≪, sagte José Arcadio Buendía gut gelaunt. ≫Auf diese Weise wird uns das Leben mehr geben.≪ Doch die Indiofrau erklärte ihnen, das schlimmste an der Schlaflosigkeitskrankheit sei nicht die Unmöglichkeit, zu schlafen, denn der Körper fühle kein Schlafbedürfnis, sondern die Tatsache, daß sie unweigerlich zu einer weit kritischeren Ausdrucksform führe: zum Vergessen.

Mit anderen Worten: sobald der Kranke sich an den Zustand des Wachens gewöhnt habe, begännen seine Kindheitserinnerungen zu verblassen, bald darauf vergesse er seinen Namen und die Bezeichnungen der Dinge, zu guter Letzt den Namen der Menschen und sogar das Bewußtsein des eigenen Ich, bis er einer Art von vergangenheitslosem Stumpfsinn verfalle. José Arcadio Buendía lachte sich halbtot und fand, hier handle es sich um eine der zahllosen, vom Eingeborenenaberglauben erfundenen Gebrechen. Ursula jedenfalls war vorsichtig genug, Rebeca von den anderen Kindern abzusondern.

Nach Ablauf mehrerer Wochen, als Visitacións Schrecken abgeebbt zu sein schien, ertappte José Arcadio Buendía sich eines Nachts dabei, wie er sich schlaflos im Bett wälzte.

Ursula, die gleichfalls erwacht war, fragte, was er habe, und er antwortete: ≫Ich denke wieder an Prudencio Aguilar.≪ Zwar taten sie kein Auge mehr zu, fühlten sich jedoch am nächsten Tag so ausgeruht, daß sie die böse Nacht vergaßen.

Verwundert erwähnte Aureliano beim Mittagessen, er fühle sich so wohl, obgleich er die ganze Nacht im Laboratorium mit dem Vergolden einer Brosche zugebracht habe, die er Ursula an ihrem Geburtstag zu schenken gedenke. Erst am dritten Tag, als sie beim Schlafengehen keine Müdigkeit spürten, beunruhigten sie sich und machten sich klar, daß sie seit fünfzig Stunden kein Auge geschlossen hatten.

≫Auch die Kinder sind wach≪, sagte die Indiofrau mit ihrer schicksalsergebenen Überzeugung. ≫Wer einmal das Haus betritt, entgeht nicht der Pest.≪

In der Tat hatten sie die Schlaflosigkeitskrankheit bekommen. Ursula, die von ihrer Mutter den Arzneiwert der Pflanzen erlernt hatte, mischte ein Gebräu aus Eisenhut, das alle trinken mußten, doch niemand konnte schlafen, sondern jeder verbrachte den ganzen Tag traumwachend. In diesem Zustand sinnvernebelter Hellsicht sahen sie nicht nur die Bilder der eigenen Träume, sondern die einen sahen auch die Traumbilder der anderen. Es war, als habe sich das Haus mit Besuchern gefüllt. Auf ihrem Schaukelstuhl in einer Küchenecke sitzend, träumte Rebeca, ein ihr sehr ähnlicher Mann in weißem Leinen und in einem am Hals mit einem goldenen Knopf verschlossenen Hemd bringe ihr einen Strauß Rosen. Ihn begleitete eine Frau mit feingliedrigen Händen, die eine Rose herausnahm und sie der Kleinen ins Haar steckte.

Ursula begriff, daß der Mann und die Frau Rebecas Eltern waren, doch wenngleich sie sich übermäßig anstrengte, sie zu erkennen, fühlte sie sich in ihrer Gewißheit bestärkt, daß sie das Elternpaar nie gesehen hatte. Mittlerweile wurden die hausgemachten Karameltierchen auf Grund eines Versehens, das José Arcadio Buendía sich nie verzieh, nach wie vor im Dorf verkauft. Entzückt lutschten Kinder und Erwachsene die köstlichen, schlaflosgrünen Hähnchen, die erlesenen schlaflosrosenroten Fische und die zarten schlaflosgelben Pferdchen, mit dem Erfolg, daß der anbrechende Montag das ganze Dorf in wachem Zustand überraschte. Zunächst erschrak kein Mensch. Im Gegenteil, man freute sich darüber, nicht geschlafen zu haben, da es zu jener Zeit in Macondo so viel zu tun gab, daß die Zeit kaum ausreichte. Man arbeitete so fleißig, daß bald nichts mehr zu tun war, und ertappte sich um drei Uhr in der Frühe mit verschränkten Armen und zählte die Anzahl der Noten, die der Uhrenwalzer hatte. Wer schlafen wollte, nicht etwa aus Müdigkeit, sondern aus Sehnsucht nach den Träumen, nahm seine Zuflucht zu allen Arten der Erschöpfung.

Man setzte sich zu endlosen Unterhaltungen zusammen, man wiederholte Stunden um Stunden dieselben Witze, man dehnte die Geschichte vom Kapaunhahn bis zu den Grenzen der Verzweiflung aus: Dies war ein endloses Spiel, bei dem der Erzähler fragte, ob sie wünschten, daß er ihnen die Geschichte vom Kapaunhahn erzähle, und wenn sie ja antworteten, sagte der Erzähler, er habe nicht verlangt, daß sie ja sagten, sondern daß sie wünschten, er solle ihnen die Geschichte vom Kapaunhahn erzählen, und wenn sie nein antworteten, sagte der Erzähler, er habe nicht verlangt, daß sie nein sagten, sondern daß sie wünschten, er solle ihnen die Geschichte vom Kapaunhahn nicht erzählen, und wenn sie stumm blieben, sagte der Erzähler, er habe nicht verlangt, daß sie stumm blieben, sondern daß sie wünschten, er solle ihnen die Geschichte vom Kapaunhahn erzählen, und es durfte auch niemand fortgehen, weil der Erzähler sagte, er habe nicht verlangt, daß sie fortgingen, sondern daß sie wünschten, er solle ihnen die Geschichte vom Kapaunhahn erzählen, und so weiter in einem Teufelskreis, der sich nächtelang hinzog.

Als José Arcadio Buendía bewußt wurde, daß die Pest ins Dorf eingedrungen war, berief er die Familienvorstände, um ihnen zu erklären, was er von der Schlaflosigkeitskrankheit wußte, und man besprach Maßnahmen, um zu verhindern, daß die Plage auf andere Siedlungen des Moors übergriff. So nahm man denn den Ziegenböcken die kleinen Schellen ab, welche die Araber gegen die Papageien geliefert hatte, und stellte sie am Dorfeingang denjenigen zur Verfügung, welche die Ratschläge und Bitten der Wachtposten in den Wind schlugen und darauf bestanden, das Dorf zu besuchen. Jeder Fremde, der zu jener Zeit Macondos Gassen durchwanderte, mußte seine Schelle erklingen lassen, damit die Kranken wußten, daß er gesund war. Während seines Aufenthalts durfte er weder essen noch trinken, da kein Zweifel darüber bestand, daß die Krankheit sich nur durch den Mund übertrug und daß alles Eß—

und Trinkbare von der Schlaflosigkeit angesteckt war. Auf diese Weise wurde die Plage auf den Umkreis des Dorfes beschränkt. Die Quarantäne war wirksam, so wirksam, daß der Tag kam, an dem der Notstand als etwas Natürliches galt und das Leben sich so einrenkte, daß die Arbeit ihren Rhythmus wiederfand und niemand mehr der überflüssigen Gewohnheit des Schlafens nachtrauerte.

Aureliano ersann als erster die Formel, welche die Einwohner mehrere Monate hindurch gegen den Gedächtnisschwund verteidigen sollte. Er entdeckte sie zufällig. Da er als einer der ersten von dem Leiden heimgesucht worden war, hatte er als erfahrener Schlafloser die Silberschmiedekunst bis zur Vollkommenheit erlernt. Eines Tages suchte er das kleine Eisending, das er zum Auswalzen des Metalls verwendete, und besann sich nicht mehr auf dessen Namen. Sein Vater nannte ihn ihm: ≫Amboß≪.

Aureliano schrieb den Namen auf einen Zettel und klebte ihn an den Fuß des kleinen Eisendings: Amboß. So war er gewiß, ihn zukünftig nicht wieder zu vergessen. Dabei fiel ihm nicht auf, daß dies der erste Ausdruck des Vergessens war, weil der Gegenstand einen schwer zu behaltenden Namen besaß. Doch wenige Tage darauf entdeckte er, daß es ihm schwerfiel, sich an nahezu alle Dinge des Laboratoriums zu erinnern. Dann bezeichnete er sie mit dem entsprechenden Namen, so daß er nur die Beschriftung zu lesen brauchte, um sie benennen zu können. Als sein Vater ihm seine Bestürzung darüber mitteilte, er habe sogar die eindrucksvollsten Begebenheiten seiner Kindheit vergessen, erklärte Aureliano ihm seine Methode, und José Arcadio Buendía wandte sie im ganzen Haus an und machte sie später für das ganze Dorf zur Pflicht. Mit einem tintenfeuchten Dorn beschriftete er jedes Ding mit seinem Namen: Tisch, Stuhl, Uhr, Tür, Wand, Bett, Topf. Er ging in den Pferch und zeichnete alle Tiere und Pflanzen: Kuh, Ziegenbock, Schwein, Huhn, Jitkka, Malanga, Bananenbaum.

Nach und nach wurde ihm beim Studium der unendlichen Möglichkeiten des Vergessens bewußt, daß man die Dinge eines Tages zwar an ihren Inschriften erkannte, sich jedoch vielleicht nicht mehr an ihre Nützlichkeit erinnerte. Nun wurde er genauer. Das Schild, das er der Kuh um den Hals hing, wurde ein Vorbild für die Art und Weise, nach der Macondos Bewohner gegen das Vergessen anzukämpfen gewillt waren: Das ist die Kuh, die man jeden Morgen melken muß, damit sie Milch gibt, und die Milch muß man aufkochen, um sie mit Kaffee zu mischen und damit Milchkaffee zu machen. So lebten sie in einer schlüpfrigen Wirklichkeit dahin, die sie vorübergehend mit dem Wort festhielten, die ihnen jedoch unrettbar entglitt, sobald sie den Wert des geschriebenen Buchstabens vergaßen.

Am Eingang zum Moorweg hatte man ein Schild mit der Aufschrift GOTT EXISTIERT aufgestellt. Alle Häuser waren mit Schlüsselwörtern zum Memorieren der Gegenstände und Gefühle beschriftet. Doch das System erforderte so viel Wachsamkeit und so große moralische Stärke, daß viele dem Zauber einer eingebildeten, selbsterfundenen Wirklichkeit anheimfielen, die sie weniger praktisch als tröstlich anmutete.

Pilar Ternera trug am meisten zur Verbreitung dieser Vernebelung bei, als sie den Kunstgriff ersann, die Vergangenheit in den Karten zu lesen, so wie sie daraus vorher die Zukunft gelesen hatte. Mit diesem Hilfsmittel begannen die Schlaflosen in einer von der unzuverlässigen Wahl der Kartenspiele erbauten Welt zu leben, in der man sich an den Vater nur wie an den dunkelhäutigen Mann erinnerte, der Anfang April gekommen war, in der man sich an die Mutter nur wie an die brünette Frau erinnerte, die einen goldenen Ring an der linken Hand trug, in der ein Geburtsdatum sich auf den letzten Dienstag beschränkte, an dem die Lerche im Lorbeerbaum gesungen hatte. Von diesen Praktiken der Tröstung vernichtet, beschloß José Arcadio Buendía, die Gedächtnismaschine zu bauen, die er sich einst gewünscht hatte, um sich an die wunderbaren Erfindungen der Zigeuner erinnern zu können. Die Zaubermaschine fußte auf der Möglichkeit, jeden Morgen die Gesamtheit der im Leben erworbenen Kenntnisse von Anfang bis zu Ende an sich vorbeiziehen zu lassen. Er sah den Apparat als ein drehbares Wörterbuch, das von der Achse aus mit einem Hebel zu bedienen war, so daß ein Mensch die lebensnotwendigsten Kenntnisse in wenigen Stunden Revue passieren lassen konnte.

Er hatte etwa vierzehntausend Karten ausgefüllt, als auf dem Moorweg ein wunderlicher Greis mit dem trostlosen Glöckchen der Schläfer erschien, der einen strickverschnürten bauchigen Handkoffer schleppte und ein mit schwarzen Stoffetzen beladenes Kärrchen zog. Dieser begab sich unmittelbar zu José Arcadio Buendías Haus.

Visitación kannte ihn beim Öffnen der Tür nicht und dachte, er wolle etwas verkaufen und wisse nur nicht, daß in einem Dorf, das unrettbar im Zitterboden des Vergessens versank, nichts zu verkaufen sei. Der Mann war hinfällig. Wenn auch seine Stimme vor Unsicherheit zu splittern und seine Hände am Dasein der Dinge zu zweifeln schienen, kam er offensichtlich aus jener Welt, in der die Menschen noch schlafen und sich erinnern konnten. José Arcadio Buendía fand ihn im Wohnzimmer sitzend, wo er sich mit seinem geflickten schwarzen Strohhut fächelte, während er die an den Wänden hängenden Schilder mit mitleidiger Aufmerksamkeit las. Er begrüßte ihn mit übertriebener Herzlichkeit, aus Furcht, ihn womöglich früher gekannt zu haben, sich jetzt aber nicht mehr auf ihn zu besinnen. Doch der Besucher merkte seine Heuchelei. Er fühlte sich vergessen, doch nicht mit dem wiedergutzumachenden Vergessen des Herzens, sondern mit einem anderen, grausameren, unwiderruflichen Vergessen, das er sehr gut kannte, weil es das Vergessen des Todes war. Nun begriff er. Er öffnete den mit unentzifferbaren Gegenständen vollgestopften Handkoffer und förderte dazwischen eine mit Fläschchen angefüllte Handtasche zutage. Er gab José Arcadio Buendía eine Substanz von einnehmender Farbe zu trinken, und es wurde Licht in seiner Erinnerung. Seine Augen wurden feucht von Tränen, bevor er sich selbst in einem widersinnigen Wohnzimmer sah, in dem die Gegenstände beschildert waren, bevor er sich über die an die Wände gepinselten feierlichen Torheiten schämen konnte, und sogar noch, bevor er den Neuankömmling im betörenden Widerschein der Freude erkennen konnte. Es war Melchíades.

Während Macondo die Wiedergewinnung der Erinnerungen feierte, schüttelten José Arcadio Buendía und Melchíades den Staub von ihrer alten Freundschaft. Der Zigeuner war bereit, im Dorf zu bleiben. Er war in der Tat im Tod gewesen, war jedoch zurückgekehrt, weil er die Einsamkeit nicht ertragen konnte. Von seiner Sippe verbannt, als Strafe für seine Treue zum Leben jeder übernatürlichen Fähigkeiten beraubt, beschloß er in den vom Tod noch unentdeckten Winkel der Welt zu flüchten und dort ein Laboratorium der Daguerreotypie zu eröffnen. José Arcadio Buendía hatte nie von dieser Erfindung gehört, doch als er sich selbst und seine ganze Familie in einem ewigen Alter auf eine schillernde Metallplatte gebannt sah, war er stumm vor Staunen. Aus dieser Zeit stammte der oxydierte Daguerreotyp, auf dem José Arcadio Buendía zu sehen war mit gesträubtem, aschgrauem Haar, mit gestärktem, von einem Kupferknopf verschlossenen Hemdkragen und einem Gesichtsausdruck von verdutzter Feierlichkeit, und den Ursula, halbtot vor Lachen, als ≫erschrockenen General≪ beschrieb. In Wirklichkeit war José Arcadio Buendía an jenem durchsichtigen Dezembermorgen, an dem der Daguerreotyp gemacht wurde, nur so verschreckt, weil er dachte, man verbrauche sich nach und nach, sobald man sein Abbild auf Metallplatten übertragen habe. Durch eine merkwürdige Umkehrung der Gewohnheit schlug Ursula ihm diese Idee aus dem Kopf, wie auch sie es war, die ihren alten Groll vergaß und beschloß, Melchíades solle fortan bei ihnen wohnen, wenngleich sie nie erlaubte, daß ein Daguerreotyp von ihr gemacht wurde, weil sie (ihren eigenen Worten gemäß) nicht wünschte, zum Gespött ihrer Enkelkinder zu werden. An jenem Morgen zog sie ihren Kindern den Sonntagsstaat an, puderte ihnen das Gesicht und flößte einem jeden von ihnen einen Löffel Marksaft ein, damit sie sich vor Melchíades’

eindrucksvoller Kamera zwei Minuten lang vollkommen unbeweglich verhalten konnten. Auf dem Familiendaguerreotyp, dem einzigen, das je gemacht wurde, erschien Aureliano ganz in schwarzem Samt zwischen Amaranta und Rebeca. Er trug die gleiche Mattigkeit und den gleichen hellsichtigen Blick zur Schau, den er Jahre später vor dem Erschießungskommando zur Schau tragen sollte. Doch noch hatte er keine Vorahnung seines Schicksals. Er war ein erfahrener, im ganzen Moorgebiet wegen seiner kostbaren Arbeiten geschätzter Goldschmied. In der Werkstatt, die er mit Melchíades teilte, hörte man ihn kaum atmen. Er schien in eine andere Zeit geflüchtet, während sein Vater und der Zigeuner schreiend die Voraussagen des Nostradamus deuteten, mit Gläsern klapperten, Säuren verschütteten und durch das gegenseitige Gepuffe mit Ellbogen und Füßen Silberbromid vergeudeten. Der Arbeitseifer und der hohe Verstand, mit denen er seinen Interessen nachging, hatten es Aureliano ermöglicht, in kurzer Zeit mehr Geld zu verdienen als Ursula mit ihrer köstlichen Karameltierwelt, und doch wunderte sich jedermann, daß er bereits ein fix und fertiger Mann war, ohne — so schien es — je Frauen gekannt zu haben. In der Tat hatte er bislang keine derartige Bekanntschaft gemacht.

Monate später kehrte Francisco-der-Mann wieder, ein uralter Landstreicher von nahezu zweihundert Jahren, der häufig durch Macondo kam und dabei seine selbstkomponierten Lieder zum besten gab. In ihnen erzählte Francisco-der-Mann eingehend von den in den Dörfern seines Wanderwegs geschehenen Neuigkeiten, von Manaure bis zu den Rändern des Moors, so daß der, welcher eine Botschaft zu übermitteln oder eine Begebenheit bekanntzumachen hatte, ihm zwei Centavos zahlte, damit er sie in sein Vortragsprogramm aufnahm. So kam es, daß Ursula eines Abends, als sie in der Hoffnung, etwas über ihren Sohn José Arcadio zu hören, den Liedern lauschte, durch reinen Zufall vom Tod ihrer Mutter erfuhr.

Francisco-der-Mann, so genannt, weil er den Teufel in einem Wettstreit des Stegreifgesangs geschlagen hatte, und dessen wirklichen Namen niemand kannte, verschwand aus Macondo während der Schlaflosigkeitspest und tauchte eines Nachts ohne Vorankündigung in Catarinos Zelt wieder auf. Das ganze Dorf lief zusammen, um zu hören, was sich mittlerweile in der Welt zugetragen hatte. Diesmal kam er in Begleitung einer Frau, die so dickleibig war, daß sie von vier Indios in einem Schaukelstuhl getragen werden mußte, sowie einer halbwüchsigen Mulattin von hilflosem Aussehen, die sie mit einem Regenschirm gegen die Sonne schützte. An diesem Abend suchte Aureliano Catarinos Zelt auf. Er fand Francisco-den-Mann, der wie ein monolithisches Chamäleon inmitten von Gaffern saß. Mit seiner alten, verstimmten Stimme besang er die Neuigkeiten und begleitete sich auf demselben uralten Akkordeon, das Sir Walter Raleigh ihm in Guayana geschenkt hatte, während er mit seinen salpeterzerfressenen Siebenmeilenfüßen den Takt dazu schlug. Vor einer Hintertür, durch die etliche Männer ein- und austraten, saß die Schaukelstuhlmatrone und fächelte sich schweigsam. Catarino, eine Filzrose hinter dem Ohr, verkaufte den Zuschauern Becher mit gegorenem Zuckerrohrsaft und nutzte die Gelegenheit, sich den Männern zu nähern und ihnen die Hand auf unerlaubte Stellen zu legen. Gegen Mitternacht wurde die Hitze unerträglich. Aureliano hörte den Nachrichten bis zum Ende zu, ohne daß irgendeine für seine Familie von Belang gewesen wäre. Schon schickte er sich zum Gehen an, als die Matrone ihm winkte.

≫Komm doch auch rein≪, sagte sie, ≫es kostet nur zwanzig Centavos.≪

Aureliano warf eine Münze in die Sparbüchse, welche die Matrone zwischen den Knien hielt, und betrat, ohne zu wissen, wozu, die Kammer. Die junge Mulattin mit ihren Hundetitten lag nackt auf dem Bett. Vor Aureliano waren am selben Abend bereits dreiundsechzig Männer durch die Kammer geschleust worden. Die Luft des Raumes war so schlierig und zäh von Schweiß und Gestöhn, daß sie bereits Schlamm zu werden begann. Das junge Weib zog das durchnäßte Leintuch ab und bat Aureliano, es auf einer Seite anzufassen. Es wog so schwer wie Segeltuch. Gemeinsam wrangen sie es aus und drehten die Enden so lange, bis es sein natürliches Gewicht wiedererlangt hatte. Dann wendeten sie die Matte um und ließen den Schweiß abtropfen. Aureliano wünschte, diese Vorkehrungen würden nie enden. Theoretisch kannte er die Mechanik der Liebe, hielt sich jedoch wegen seiner schwachen Knie kaum auf den Beinen, und obgleich er eine heiße Gänsehaut hatte, konnte er dem Drang, die Last seiner Eingeweide loszuwerden, kaum widerstehen. Als die Junge ihr Bett gemacht hatte und ihm befahl, sich auszuziehen, erklärte er töricht: ≫Man hat mich hergeschickt. Hat mir gesagt, ich solle zwanzig Centavos in die Sparbüchse zahlen und solle nicht trödeln.≪ Die Junge verstand seine Verwirrung. ≫Wenn du beim Hinausgehen weitere zwanzig Centavos zahlst, kannst du etwas länger bleiben≪, sagte sie sanft. Aureliano zog sich schamgequält aus, ohne die Vorstellung loszuwerden, daß seine Nacktheit keinen Vergleich mit der seines Bruders aufnehmen könne. Trotz der Bemühungen der Jungen fühlte er sich immer gleichgültiger und furchtbar einsam. ≫Ich zahle zwanzig Centavos mehr≪, sagte er mit trostloser Stimme. Die Junge dankte stumm. Ihr Rücken war wund, ihre Haut klebte an ihren Rippen, und ihr Atem stockte vor unermeßlicher Erschöpfung. Vor zwei Jahren, sehr weit weg, war sie einmal eingeschlafen, ohne die Kerze zu löschen, und war dann flammenumlodert aufgewacht.

Das Haus, in dem sie mit ihrer Großmutter, die sie aufgezogen hatte, wohnte, brannte zu Asche herunter. Seit jenem Tag schleppte die Großmutter sie von Dorf zu Dorf und bot sie für zwanzig Centavos feil, um den Wert des abgebrannten Hauses zurückzugewinnen. Nach den Berechnungen der Jungen fehlten noch etwa zehn Jahre mit siebzig Männern jede Nacht, weil sie überdies für die Reisekosten, die Ernährung beider und das Gehalt der schaukelstuhltragenden Indios aufkommen mußte. Als die Matrone zum zweitenmal an die Tür klopfte, verließ Aureliano dem Weinen nahe erfolglos die Kammer. Die ganze Nacht tat er kein Auge zu und dachte an die Junge mit einem Gemisch aus Begierde und Mitleid. Er empfand das unwiderstehliche Bedürfnis, sie zu lieben und zu beschützen.

Bei Tagesanbruch, erschöpft von Schlaflosigkeit und Fieber, beschloß er gelassen, sie zu heiraten, um sie von der Ausbeutung der Großmutter zu befreien und jede Nacht die Befriedigung zu genießen, die sie siebzig Männern schenkte.

Als er aber am nächsten Morgen um zehn Uhr zu Catarinos Zelt kam, hatte die Junge bereits das Dorf verlassen.

Die Zeit besänftigte zwar sein törichtes Vorhaben, verschlimmerte indes sein Gefühl des Scheiterns. So flüchtete er sich in die Arbeit. Er fand sich damit ab, sein ganzes Leben ein Mann ohne Frau zu sein, um das Beschämende seiner Nutzlosigkeit zu verbergen. Währenddessen hielt Melchíades alles auf seinen Platten fest, was in Macondo festzuhalten war, und überließ das Laboratorium der Daguerreotypie José Arcadio Buendía, der beschlossen hatte, damit den wissenschaftlichen Beweis für die Existenz Gottes zu erbringen. Durch ein verwickeltes Verfahren übereinandergeschobener, an mehreren Stellen des Hauses vorgenommener Belichtungen war er gewiß, Gott, sofern er existiert, früher oder später daguerreotypisch aufnehmen oder mit der Mutmaßung seiner Existenz ein für alle Male aufräumen zu können. Melchíades vertiefte sich in die Deutungen des Nostradamus. Abends blieb er lange auf, erstickte fast in seiner verfärbten Samtweste und bekritzelte Zettel mit seinen winzigen Spatzenfingern, deren Ringe ihren einstigen Glanz verloren hatten. Eines Nachts glaubte er eine Weissagung über Macondos Zukunft gefunden zu haben. Es würde eine leuchtende Stadt sein mit großen Glashäusern, in denen keine Spur vom Stamm der Buendías übrig sein würde.

≫Irrtum≪, donnerte José Arcadio Buendía. ≫Es werden keine Glas-, sondern Eishäuser sein, so wie ich es geträumt habe, und es wird immer einen Buendía geben, durch alle Jahrhunderte hindurch.≪ In jenem überspannten Haus kämpfte Ursula für die Aufrechterhaltung des gesunden Menschenverstandes und hatte ihr Geschäft mit den Karameltierchen durch einen Backofen erweitert, der die ganze Nacht Körbe um Körbe Brot backte, außerdem eine fabelhafte Vielfalt von Aufläufen, Schaumgebäck und Kekssorten, die in wenigen Stunden auf den verzweigten Wegen des Moors verschwanden. Zwar hatte sie ein Alter erreicht, in dem sie Anrecht auf Ruhe hatte, aber dennoch wurde sie immer tätiger. Sie war so beschäftigt mit ihren einträglichen Unternehmungen, daß sie eines Nachmittags aus Zerstreutheit in den Innenhof blickte, während die Indiofrau ihr beim Süßen des Teigs half, und zwei unbekannte, bildschöne junge Mädchen sah, die beim Dämmerlicht auf Rahmen stickten. Es waren Rebeca und Amaranta. Beide hatten gerade die Trauer um ihre Großmutter abgelegt, die sie drei Jahre hindurch mit unbeugsamer Strenge getragen hatten, und nun schien die bunte Kleidung ihnen einen neuen Platz in der Welt anzuweisen. Rebeca war wider Erwarten die Schönere. Sie hatte eine durchscheinende Haut, große, ruhevolle Augen und Zauberhände, die den Rahmen mit unsichtbaren Fäden zu besticken schienen. Amaranta, der jüngeren, fehlte es ein wenig an Anmut, dafür besaß sie aber die natürliche Hoheit und den inneren Stolz der toten Großmutter. Neben ihnen war Arcadio ein Knabe, obwohl er bereits das körperliche Ungestüm seines Vaters verriet. Eifrig hatte er das Goldschmiedehandwerk bei Aureliano erlernt, der ihm auch Lesen und Schreiben beigebracht hatte. Ursula wurde plötzlich bewußt, daß das Haus voller Menschen war, daß ihre Kinder nahezu reif waren zum Heiraten und Kinderkriegen und mangels Wohnraum gezwungen sein würden, das Weite zu suchen. Daher nahm sie ihre in langen Jahren harter Arbeit angesammelten Ersparnisse, lieh sich Geld bei ihren Kunden und machte Pläne für den Ausbau des Hauses. Dieses sollte ein offizielles Besuchszimmer umfassen, ein zweites bequemeres, kühleres für den täglichen Gebrauch, ein Eßzimmer mit einem Tisch von zwölf Plätzen für die ganze Familie und alle Gäste, neun Schlafzimmer mit Fenstern auf den Innenhof und eine gegen den Glast des Mittags von einem Rosengarten geschützte, lange Veranda mit Balustrade zum Aufstellen von Kübeln mit Farnkräutern und Töpfen mit Begonien. Auch die Küche sollte für den Einbau von zwei Backöfen vergrößert werden, die alte Kornkammer, in der Pilar Ternera José Arcadio die Zukunft aus den Karten gelesen hatte, sollte abgerissen und durch den Neubau einer zweimal so großen ersetzt werden, damit es im Hause nie an Lebensmitteln fehle.

Im Innenhof sollten im Schatten der Kastanie ein Frauenbad und ein Männerbad gebaut werden, sowie ganz hinten ein geräumiger Pferdestall, ein drahtumflochtener Hühnerstall, ein Melkstall und ein nach allen Himmelsrichtungen geöffneter Vogelkäfig, damit ziellose Vögel sich nach Lust und Laune einnisten konnten. Mit ihrem Gefolge von Dutzenden von Maurern und Zimmerleuten, als sei sie vom betörenden Fieber ihres Gatten angesteckt, bestimmte Ursula den Einfall des Lichts und die Wärmegrade der Temperatur, sie verteilte den Raum ohne den geringsten Sinn für Grenzen. Der ursprüngliche Bau der Gründer füllte sich mit Werkzeug und Baustoffen, mit schweißgelähmten Arbeitern, die jedermann anflehten, ihnen doch nicht in die Quere zu kommen, ohne daran zu denken, daß gerade sie den anderen in die Quere kamen, erbittert über den Sack mit Menschenknochen, der sie mit dumpfem Geklapper allerwärts verfolgte. Kein Mensch, der in dieser Unbehaglichkeit ungelöschten Kalk und Teermelasse einatmete, begriff eigentlich, wie aus dem Schoß dieser Erde zum einen das größte Haus erstehen konnte, das je das Dorf erleben sollte, und zum anderen das gastfreieste und kühlste, das je im Umkreis des Moors gestanden hatte. José Arcadio Buendía, bemüht, mitten im reinsten Zusammenbruch noch die himmlische Vorsehung zu überraschen, verstand am allerwenigsten. Das neue Haus war fast fertig, als Ursula ihn seiner Schimärenwelt entriß, um ihm mitzuteilen, daß sie Anweisung gegeben habe, die Fassade blau zu streichen und nicht weiß, wie alle es gewünscht hatten. Sie zeigte ihm die offizielle schriftliche Anweisung. Ohne zu begreifen, was seine Frau sagte, entzifferte José Arcadio Buendía die Unterschrift.

≫Wer ist der Kerl?≪ fragte er.

≫Der Landrichter≪, sagte Ursula untröstlich. ≫Es heißt, er sei ein Beamter, den die Regierung geschickt hat.≪

Don Apolinar Moscote, der Landrichter, war lautlos nach Macondo gekommen. Er war im Hotel Jacob abgestiegen —–

gegründet von einem der als erste eingewanderten Araber, die Flitterkram gegen Papageien eintauschten — und hatte am darauffolgenden Tag ein zwei Blocks von Buendías Haus entferntes, auf die Straße gehendes Zimmerchen gemietet. Er hatte einen bei Jacob erstandenen Tisch und Stuhl hineingestellt, das mitgebrachte Wappen der Republik an die Wand geheftet und die Aufschrift Landrichter an die Tür gemalt. Sein erster Erlaß bestand in der Anweisung, die Häuser müßten zur Geburtstagsfeier der nationalen Unabhängigkeit blau gestrichen werden. José Arcadio Buendía, die Abschrift des Befehls in der Hand, traf ihn an, als er in einer in der armseligen Kanzlei aufgespannten Hängematte seinen Mittagsschlaf hielt. ≫Haben Sie dieses Papier unterschrieben?≪

fragte er. Don Apolinar Moscote, ein reifer, schüchterner Mensch mit durchbluteter Haut, antwortete: ≫Ja.≪ — ≫Mit welchem Recht?≪ fragte wieder José Arcadio Buendía. Don Apolinar Moscote kramte ein Schriftstück aus der Tischschublade hervor und zeigte es ihm: ≫Ich bin zum Landrichter dieses Dorfes bestellt worden.≪ José Arcadio Buendía würdigte die Ernennungsurkunde keines Blickes.

≫In diesem Dorf wird nicht mit Papieren befohlen≪, sagte er, ohne die Ruhe zu verlieren. ≫Und damit Sie ein für allemal Bescheid wissen: Wir brauchen keinen Landrichter, denn hier gibt es nichts zu richten.≪

Angesichts der Unerschrockenheit Don Apolinar Moscotes erstattete er, noch immer ohne die Stimme zu erheben, ihm einen eingehenden Bericht über die Gründung des Ortes, über die Aufteilung des Landes, über die Eröffnung der Straßen und die Einführung der notwendig gewordenen Verbesserungen, ohne je irgendeine Regierung belästigt zu haben oder von irgend jemandem belästigt worden zu sein. ≫Wir sind so friedlich, daß wir nicht einmal eines natürlichen Todes gestorben sind≪, sagte er. ≫Sie sehen, daß wir noch keinen Friedhof haben.≪ Dabei beschwere er sich nicht über die Nichthilfe der Regierung. Im Gegenteil, er freue sich, daß man sie bislang habe in Ruhe wachsen lassen, und er hoffe, daß man das auch in Zukunft tue, denn sie hätten kein Dorf gegründet, damit der erste beste ihnen sage, was sie zu tun hätten.

Mittlerweile hatte Don Apolinar Moscote eine Drillichjacke angezogen, die weiß war wie seine Hose, ohne einen Augenblick die Makellosigkeit seiner Manieren zu verlieren.

≫Wenn Sie also hierbleiben wollen wie jeder andere beliebige Bürger, sind Sie herzlich willkommen≪, schloß José Arcadio Buendía. ≫Wenn Sie aber Unordnung stiften wollen, indem Sie die Leute zwingen, ihre Häuser blau zu streichen, können Sie Ihren Kram packen und sich dahin scheren, woher Sie gekommen sind. Denn mein Haus soll weiß sein wie eine Taube.≪

Don Apolinar Moscote erbleichte, trat einen Schritt zurück und preßte die Kiefern zusammen, um bekümmert zu sagen:

≫Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß ich bewaffnet bin.≪

José Arcadio Buendía wußte nicht, in welchem Augenblick ihm jene jugendliche Kraft in die Arme stieg, mit der er ein Pferd zu Boden werfen konnte. Er packte Don Apolinar Moscote an den Rockaufschlägen und hob ihn auf die Höhe seiner Augen.

≫Ich tue das≪, sagte er, ≫weil ich Sie lieber lebend trage, als daß ich Sie für den Rest meines Lebens tot tragen muß.≪

So trug er ihn an seinen Rockaufschlägen mitten auf die Straße, bis er ihn auf dem Moorweg auf seine beiden Füße stellte. Eine Woche später war er mit sechs barfüßigen, zerlumpten, musketenbewaffneten Soldaten wieder da und einem Ochsenfuhrwerk, auf dem seine Frau und seine sieben Töchter reisten. Später kamen zwei weitere Karren mit den Möbeln, den Truhen und dem Hausrat nach. Während er ein Haus beschaffte und im Schutz seiner Soldaten die Kanzlei eröffnete, brachte er seine Familie im Hotel Jacob unter.

Entschlossen, die Eindringlinge zu vertreiben, stellten sich Macondos Gründer mit ihren erwachsenen Söhnen José Arcadio Buendía zur Verfügung. Doch er nahm ihr Anerbieten nicht an, da, wie er erläuterte, Don Apolinar Moscote mit Frau und Töchtern zurückgekommen und es eines Mannes unwürdig sei, einen anderen Mann vor seiner Familie zu demütigen.

Daher beschloß er, die Angelegenheit gütlich zu regeln.

Aureliano begleitete ihn. Schon damals hatte er seinen mit pomadisierten Zwirbelspitzen geschmückten schwarzen Schnurrbart zu kultivieren begonnen und befleißigte sich einer leidlichen Stentorstimme, die ihn im Krieg auszeichnen sollte.

Unbewaffnet und ohne auf die Wachsoldaten zu achten, betraten sie die Kanzlei des Landrichters. Don Apolinar Moscote verlor nicht die Ruhe. Er stellte ihnen zwei seiner zufällig anwesenden Töchter vor: Amparo, sechzehnjährig, dunkel wie ihre Mutter, und die kaum neunjährige Remedios, ein köstliches kleines Geschöpf mit Lilienhaut und grünen Augen. Beide waren graziös und wohlerzogen. Noch bevor die Mädchen vorgestellt waren, boten sie den kaum Eingetretenen Stühle zum Sitzen an.

≫Gut, mein Freund≪, sagte José Arcadio Buendía. ≫Sie bleiben also hier. Doch nicht etwa, weil diese beiden Wegelagerer vor der Tür stehen, sondern dank Ihrer Frau Gemahlin und Ihrer Töchter.≪

Don Apolinar Moscote schien die Fassung zu verlieren, doch José Arcadio Buendía ließ ihm keine Zeit zu antworten. ≫Wir stellen Ihnen nur zwei Bedingungen≪, fügte er hinzu. ≫Die erste: Ein jeder darf sein Haus anmalen, wie er will. Die zweite: Die Soldaten gehen sofort heim. Wir bürgen für die Ordnung.≪ Der Landrichter hob die weitgespreizte rechte Hand. ≫Ehrenwort?≪

≫Feindeswort≪, sagte José Arcadio Buendía. Und fügte bitter hinzu: ≫Denn eines will ich Ihnen sagen: Sie und ich bleiben Feinde.≪

Noch am selben Nachmittag zogen die Soldaten ab. Wenige Tage später besorgte José Arcadio Buendía dem Landrichter für seine Familie ein Haus. Jedermann hatte seinen Frieden, ausgenommen Aureliano. Das Bild von Remedios, der jüngsten Tochter des Landrichters, die dem Alter nach seine Tochter hätte sein können, schmerzte irgendwo in seinem Körper. Es war eine körperliche Empfindung, die ihn beim Gehen belästigte wie ein Steinchen im Schuh.

4

Das neue taubenweiße Haus wurde mit einem Ball eingeweiht. Ursula war auf den Einfall an jenem Nachmittag gekommen, als sie Rebeca und Amaranta zu heranwachsenden jungen Mädchen verwandelt gesehen hatte; man kann also fast sagen, daß der Hauptgrund für den Neubau ihr Wunsch war, den jungen Mädchen eine würdige Stätte für den Empfang von Besuchern zu schaffen. Damit es ihrem Vorhaben nicht an Glanz fehlte, arbeitete sie wie ein Galeerensklave, während die Umbauten im Gang waren, so daß sie bereits vor deren Beendigung kostspielige Geräte für die Ausschmückung und Bedienung bestellt hatte, darunter jene herrliche Erfindung, die das Staunen des Dorfes und den Jubel der Jugend auslösen sollte: das Pianola. Es kam in Teilen, kistenweise verpackt, und wurde zusammen mit den Wiener Möbeln ausgeladen, dem böhmischen Kristall, dem Porzellan der Indischen Kompagnie, dem holländischen Tischzeug und einer reichen Auswahl von Lampen, Kandelabern und Blumenvasen, Putz und Teppichen.

Die Importfirma schickte auf eigene Rechnung einen italienischen Fachmann, Pietro Crespi, der das Pianola zusammensetzte, stimmte, die Käufer in der Handhabung anleitete und sie lehrte, nach den neuesten, auf sechs Papierrollen gestanzten Melodien zu tanzen.

Pietro Crespi war jung und blond, der hübscheste, besterzogene Mensch, der bislang in Macondo gesehen worden war, und sein Anzug war so gepflegt, daß er trotz der erstickenden Hitze in seinem Brokatkamisol und der dicken schwarzen Tuchjoppe arbeitete. Schweißverklebt und ehrerbietigen Abstand von der Herrschaft des Hauses haltend, schloß er sich ebenso hingebungsvoll wie Aureliano in seiner Goldschmiedewerkstatt mehrere Wochen im Wohnzimmer ein.

Eines Morgens, ohne die Tür zu öffnen, ohne zu dem Wunder einen Zeugen zu berufen, spannte er die erste Rolle in das Pianola ein, und das ohrenbetäubende Hämmern und unablässige Dröhnen der Holzlatten verstummte aus Staunen über die Harmonie und Reinheit der Musik. Alle stürzten ins Wohnzimmer. José Arcadio Buendía schien überwältigt, nicht etwa von der Schönheit der Melodie, sondern von den selbsttätigen Tasten des Pianola, und stellte sofort Melchíades’

Kamera im Zimmer auf, in der Hoffnung, einen Daguerreotyp von dem unsichtbaren Spieler aufnehmen zu können. An jenem Tag speiste der Italiener mit der Familie zu Mittag. Rebeca und Amaranta, die bei Tisch bedienten, fühlten sich eingeschüchtert durch die Behendigkeit, mit der dieser engelhafte Mensch mit seinen bleichen, ringlosen Fingern die Bestecke handhabte.

Dann lehrte Pietro Crespi sie in dem neben dem Besuchszimmer gelegenen Wohnzimmer tanzen. Er zeigte ihnen die Schritte, ohne sie zu berühren, gab mit einem Metronom den Takt an, alles unter der liebenswürdigen Wachsamkeit Ursulas, die den Raum während des Tanzunterrichts keinen Augenblick verließ. Pietro Crespi trug in jenen Tagen besondere, ebenso dehnbare wie enge Hosen, sowie Lackpantoffeln. ≫Du brauchst dich nicht zu sorgen≪, sagte José Arcadio Buendía zu seiner Frau. ≫Dieser Mann ist doch ein Süßling.≪ Sie aber ließ nicht ab von ihrer Wachsamkeit, solange die Tanzstunden nicht vorüber waren und der Italiener nicht Macondo verlassen hatte. Nun begannen die Festvorbereitungen. Ursula stellte eine strenge Gästeliste zusammen, in die nur Nachfahren der Gründer aufgenommen wurden mit Ausnahme der Familie von Pilar Ternera, die bereits zwei andere Kinder von unbekannten Vätern gehabt hatte. Es war wahrhaftig eine erlesene, nur von Freundschaftsgefühlen bestimmte Auswahl, denn die Begünstigten waren nicht nur die ältesten Verwandten der Familie José Arcadio Buendía aus der Zeit vor dem Auszug, der in Macondos Gründung gipfelte, auch waren ihre Söhne und Enkel seit ihrer Kinderzeit Aurelianos und Arcadios vertraute Gespielen, und ihre Töchter waren die einzigen, die das Haus besuchten, um mit Rebeca und Amaranta zu sticken.

Don Apolinar Moscote, der gütige Gouverneur, dessen Tätigkeit sich darauf beschränkte, mit seinen spärlichen Mitteln die beiden mit Holzknüppeln bewaffneten Polizisten zu unterhalten, war eine schmuckvolle Autorität. Um den Haushalt zu bestreiten, eröffneten seine Töchter eine Nähstube, in der sie sowohl Filzblumen anfertigten als auch Goiyabapaste und Liebesbriefe auf Bestellung. Doch wenngleich sie gesittet und gefällig waren, als die Schönsten im Dorf und die Geschicktesten bei den neuen Tänzen galten, so gelang es ihnen nicht, von den Festteilnehmern gewürdigt zu werden.

Während Ursula und die jungen Mädchen Möbel auspackten, Bestecke putzten und Gemälde mit Jungfrauen in rosenbeladenen Booten aufhängten, Bilder, die damit den von den Maurern errichteten nackten Wänden einen Hauch neues Leben einflößten, gab José Arcadio Buendía, von seiner Nichtexistenz überzeugt, die Verfolgung des Abbilds Gottes auf und nahm das Pianola auseinander, um seine geheime Magie zu enträtseln. Zwei Tage vor dem Fest, in einer Sintflut aus überzähligen Klappen und Hämmern ertrinkend, in einem Gewirr von Saiten herumpfuschend, die sich an einem Ende aufrollten, wenn er sie am anderen abrollte, gelang es ihm zu guter Letzt, das Instrument eher schlecht als recht zusammenzusetzen. Nie hatte das Haus so viel Trubel und Gerenne erlebt wie in jenen Tagen, und doch gingen die neuen Teerlampen zur vorherbestimmten Stunde und Minute an.

Noch nach Harz und feuchtem Kalk riechend, öffnete sich das Haus, und die Kinder und Enkel der Gründer lernten die Veranda der Farne und Begonien kennen, die stillen Wohnräume, den von Rosenduft getränkten Garten, und sie versammelten sich im Besuchszimmer vor der mit einem weißen Tuch bedeckten Erfindung. Wer das in anderen Moordörfern beliebte Pianoforte kannte, fühlte sich ein wenig betrogen, doch am bittersten war die Enttäuschung Ursulas, als sie die erste Rolle einspannte, damit Amaranta und Rebeca den Ball eröffneten, und der Mechanismus nicht gehorchte. So nahm der fast erblindete und vor Altersschwäche fast zerfallende Melchíades Zuflucht zu den Künsten seiner uralten Weisheit, um es wieder in Gang zu bringen. Endlich gelang es José Arcadio Buendía aus Versehen, einen verhakten Hebel zu lockern, und die Musik ließ sich, zunächst ruckweise, doch gleich darauf in einer Springflut von umgekehrten Noten vernehmen. Auf die ohne Sinn und Verstand gespannten, tollkühn gestimmten Saiten einschlagend, sprangen die Hämmer aus den Angeln. Doch die starrköpfigen Abkömmlinge der einundzwanzig Furchtlosen, welche die Sierra auf der Suche nach dem Meer durchstoßen hatten, überlisteten die Fallen des musikalischen Spielverderbers, und der Ball zog sich bis in die Morgenstunden hinein.

Pietro Crespi setzte das Pianola von neuem zusammen.

Rebeca und Amaranta halfen ihm beim Ordnen der Saiten und begleiteten sein Gelächter über die auf den Kopf gestellten Walzerweisen. Er war äußerst liebenswert und von so ehrbarer Lebensart, daß Ursula ihre Wachsamkeit aufgab. Am Vorabend seiner Abreise wurde mit Hilfe des wiederhergestellten Pianolas ein Abschiedsball aus dem Stegreif veranstaltet, bei dem er mit Rebeca virtuos moderne Tänze vorführte. Arcadio und Amaranta taten es ihnen in Anmut und Geschicklichkeit gleich. Doch die Vorstellung wurde unterbrochen, weil Pilar Ternera, die mit den Gaffern an der Tür stand, sich plötzlich kratzend und beißend mit einer Frau in den Haaren lag, die es wagte, über Arcadios Weiberhintern zu spotten. Gegen Mitternacht verabschiedete sich Pietro Crespi mit einer kurzen gefühlsseligen Rede und versprach, recht bald wiederzukommen. Rebeca begleitete ihn zur Tür und ging gleich nach dem Abschließen des Hauses und dem Löschen der Lampen in ihr Zimmer und weinte. Sie weinte untröstlich und weinte so mehrere Tage, und nicht einmal Amaranta erfuhr den Grund. Ihre Wortkargheit war nicht verwunderlich.

Wenngleich sie mitteilsam und herzlich schien, hatte sie dennoch einen zur Einsamkeit neigenden Charakter und ein undurchdringliches Herz. Sie war ein prachtvolles junges Geschöpf von schlankem, festem Knochenbau, hatte sich jedoch in den Kopf gesetzt, das hölzerne Schaukelstühlchen zu benützen, das sie mit ins Haus gebracht hatte und das inzwischen mehrfach verstärkt und seiner Lehnen beraubt worden war. Niemand hatte entdeckt, daß sie noch in ihrem Alter am Daumen lutschte. Daher verlor sie keine Gelegenheit, sich im Bad einzuschließen, und hatte die Gewohnheit angenommen, mit dem Gesicht zur Wand zu schlafen. Wenn sie an Regennachmittagen mit einer Gruppe von Freundinnen in der Begonienveranda stickte, verlor sie leicht den Faden der Unterhaltung, und eine Träne der Sehnsucht versalzte ihr den Gaumen, wenn sie die von den Würmern des Gartens gebauten feuchten Erdgänge und Kothügelchen sah. Diese einst durch ein Orangen- und Rhabarbergemisch verdrängten Gelüste brachen als unwiderstehliches Begehren auf, sobald sie weinte.

Wieder aß sie Erde. Das erstemal tat sie es fast aus Neugierde, gewiß, der üble Geschmack würde die beste Arznei gegen die Versuchung sein. Und in der Tat vertrug sie die Erde im Mund nicht. Doch vom wachsenden Drang bezwungen, ließ sie nicht locker, und allmählich stellte sich ihr alter Appetit wieder ein, ihr Geschmack an primären Mineralien, die lückenlose Befriedigung an Urnahrung. Nun steckte sie sich Händevoll Erde in die Taschen und aß sie krumenweise, ohne gesehen zu werden, mit einer wirren Empfindung von Glück und Wut, während sie ihre Freundinnen die schwierigsten Stiche lehrte und von anderen Männern sprach, die nicht das Opfer verdienten, daß man ihretwegen den Kalk der Wände aß.

Die Häufchen Erde machten den einzigen Mann, der diese Entwürdigung wert war, weniger fern und greifbarer, so, als übermittle der Boden, den er mit seinen feinen Lackschuhen an einer anderen Stelle der Welt trat, ihr die Last und die Temperatur seines Blutes in einem mineralischen Geschmack, der auf ihrer Zunge ein Aroma bitterer Asche und einen Niederschlag von Frieden in ihrem Herzen hinterließ. Eines Nachmittags bat Amparo Moscote ohne bestimmten Grund um die Erlaubnis, das Haus kennenzulernen. Amaranta und Rebeca, über den unerwarteten Besuch aus dem Konzept gebracht, begegneten ihr mit gefühlloser Förmlichkeit. Sie zeigten ihr das umgebaute Herrenhaus, spielten ihr die Rollen des Pianola vor und boten ihr Orangensaft und Gebäck an.

Amparo gab ihnen eine Unterrichtsstunde der Würde und des persönlichen Charmes, des guten Benehmens, die Ursula während der kurzen Augenblicke, in denen sie dem Besuch beiwohnte, tief beeindruckten. Nach zwei Stunden, als die Unterhaltung zu erschlaffen begann, nutzte Amparo eine Unaufmerksamkeit Amarantas und übergab Rebeca einen Brief. Sie konnte noch den Namen der hochwohlgeborenen Señorita Doña Rebeca Buendía lesen, geschrieben mit der gleichen methodischen Handschrift, mit der gleichen grünen Tinte und der gleichen gesuchten Wortwahl, mit denen die Gebrauchsanweisung des Pianola abgefaßt war, und sie faltete den Brief mit den Fingerspitzen zusammen und schob ihn in ihr Mieder, während sie Amparo Moscote mit dem Ausdruck des unbegrenzten und unbedingten Danks anblickte, aber auch mit dem stummen Versprechen einer bis zum Tode dauernden Mitverschworenheit.

Die plötzliche Freundschaft Amparos und Rebecas weckte Aurelianos Hoffnungen. Die Erinnerung an die kleine Remedios quälte ihn zwar, doch bot sich ihm keine Gelegenheit, sie zu sehen. Wenn er mit seinen besten Freunden, Magnifico Visbai und Gerineldo Márquez — Söhne der gleichnamigen Gründer — im Dorf spazierenging, suchte sein ängstlicher Blick sie in der Nähstube und sah immer nur ihre älteren Schwestern. Amparo Moscotes Anwesenheit im Haus wirkte auf ihn wie eine Vorahnung. Sie muß mit ihr kommen, flüsterte Aureliano sich selber zu. Sie muß kommen.

Er wiederholte sich diese Worte so oft und mit so viel Überzeugungskraft, daß er eines Nachmittags, als er in seiner Werkstatt ein Fischchen aus Gold schmiedete, die Gewißheit verspürte, daß sie seinen Ruf erwidert habe. Kurz darauf hörte er in der Tat das Kinderstimmchen, und als er mit angstkaltem Herzen den Blick hob, sah er das kleine Mädchen in der Tür in einem Kleidchen aus rosafarbenem Organza und mit weißen Stiefelchen.

≫Da darfst du nicht hineingehen≪, hörte er Amparo Moscotes Stimme im Hausgang. ≫Dort wird gearbeitet.≪

Aber Aureliano ließ ihr keine Zeit, dem Verbot zu gehorchen. Er hob das goldene Fischchen an dem im Fischmaul befestigten Kettchen hoch und sagte:

≫Komm herein.≪

Remedios trat näher und stellte ein paar Fragen über das Fischchen, die Aureliano nicht beantworten konnte, weil ein plötzlicher Anfall von Asthma ihn daran hinderte. Immer wollte er in der Nähe dieser Lilienhaut bleiben, bei diesen Smaragdaugen, in nächster Nähe dieser Stimme, die mit der gleichen Ehrerbietung, mit der sie ihren Vater anredete, ≫Señor≪ zu ihm sagte. Melchíades saß an seinem Schreibtisch in der Ecke und kritzelte unentzifferbare Zeichen. Aureliano haßte ihn. Er konnte nichts tun, außer Remedios sagen, daß er ihr das Fischchen schenken wolle, und das kleine Mädchen erschrak dermaßen über das Geschenk, daß es fluchtartig die Werkstatt verließ. An jenem Nachmittag verlor Aureliano seine heimliche Geduld, mit der er auf die Gelegenheit einer Begegnung gewartet hatte. Er vernachlässigte seine Arbeit.

Verzweifelt zwang er sich zur Konzentration und rief sie mehrere Male, doch Remedios antwortete nicht. Er suchte sie in det Nähstube ihrer Schwestern, hinter jedem Vorhang des Hauses, in der Kanzlei ihres Vaters, fand sie aber nur in dem Bild, das seine eigene schreckliche Einsamkeit sättigte.

Stunden verbrachte er mit Rebeca im Wohnzimmer beim Anhören der Pianola-Walzer. Diese lauschte den Walzerklängen, weil es die Musik war, zu denen Pietro Crespi ihr das Tanzen beigebracht hatte. Aureliano hingegen hörte einfach zu, weil alles, sogar Musik, ihn an Retnedios erinnerte.

Das Haus füllte sich mit Liebe. Aureliano drückte sie in Versen aus, die weder Anfang noch Ende hatten. Er schrieb sie auf rauhes Pergament, das Melchíades ihm schenkte, auf die Wände des Badezimmers, auf die Haut seiner Arme, und überall erschien Remedios verklärt; Remedios in der einschläfernden Luft von zwei Uhr nachmittags, Remedios im stummen Atem der Rosen, Remedios in der geheimem Wasseruhr des Holzwurms, Remedios im Brotduft des Tagesanbruchs, Remedios überall und Remedios für immer.

Rebeca erwartete, am Fenster stickend, die Liebe um vier Uhr nachmittags. Sie wußte, daß der Post-Maulesel nur alle vierzehn Tage kam, sie aber erwartete ihn immer, überzeugt, daß er versehentlich an irgendeinem Tag kommen würde.

Genau das Gegenteil erfolgte: einmal kam der Maulesel nicht am vorgesehenen Tag. Wahnsinnig vor Verzweiflung stand Rebeca mitten in der Nacht auf und aß im Garten mit selbstmörderischer Gier, weinend vor Schmerz und Zorn, Händevoll Erde, kaute zarte Würmer und zermalmte sich die Backenzähne an Schneckenhäusern. Dann übergab sie sich bis zum Morgengrauen. Sie verfiel in einen Zustand fieberhafter Niedergeschlagenheit, verlor das Bewußtsein, und ihr Herz erschloß sich schamlosem Taumel. In ihrer Empörung erbrach Ursula das Schloß der Truhe und fand tief unten siebzehn parfümierte, mit einer rosafarbenen Schleife verschnürte Briefe, guterhaltene Gerippe von Blättern und Blüten in alten Büchern wie auch getrocknete Falter, die beim Berühren zu Staub zerfielen.

Aureliano als einziger verstand so viel Trostlosigkeit. An jenem Nachmittag, während Ursula Rebeca dem Wirrsal des Wahns zu entreißen suchte, machte Aureliano sich mit Magnifico Visbai und Gerineldo Márquez zu Catarinos Butike auf. Das Etablissement war durch eine Galerie von Holzkammern erweitert worden, in denen alleinstehende, nach toten Blumen riechende Frauen hausten. Eine Musikkapelle aus Akkordeon und Trommeln spielte die Lieder Francisco-des-Mannes, der seit mehreren Jahren aus Macondo verschwunden war. Die drei Freunde tranken gegorenen Zuckerrohrsaft.

Magnifico und Gerineldo, zwar Altersgenossen Aurelianos, jedoch gewandter in den Dingen der Welt, winkten Weiber heran, setzten sie sich auf den Schoß und tranken fleißig. Eine von ihnen, verwelkt und goldzähnig, liebkoste Aureliano in aufreizender Weise. Er stieß sie zurück. Er hatte entdeckt, daß, je mehr er trank, er desto mehr an Remedios dachte, dabei aber die Qual seiner Erinnerung besser ertrug. Er wußte nicht, in welchem Augenblick er zu schweben begann. Er sah, wie seine Freunde und die Frauen in schillerndem Widerglanz segelten, gewichts- und körperlos, wie sie Wörter sprachen, die nicht ihren Lippen entglitten, und geheimnisvolle Zeichen machten, die nicht ihren Gebärden entsprachen. Catarino legte ihm eine Hand auf die Schulter und sagte: ≫Es geht auf elf.≪ Aureliano wandte den Kopf, sah das riesige entstellte Gesicht mit einer Blume hinter dem Ohr und verlor das Gedächtnis wie in den Zeiten des Vergessens und fand es an einem fremden Morgengrauen in einer Kammer wieder, die ihm völlig unbekannt war, und darin Pilar Ternera in Unterwäsche, barfuß, zerzaust, die ihm mit ungläubig aufgerissenen Augen eine Lampe vors Gesicht hielt.

≫Aureliano!≪

Aureliano raffte sich auf, hob den Kopf. Zwar wußte er nicht, wie er dorthin gelangt war, er wußte aber, was der Zweck war, weil er ihn seit seiner Kindheit im unverletzlichen Hort seines Herzens verborgen trug.

≫Ich will mit dir schlafen≪, sagte er.

Seine Kleidung war mit Kot und Auswurf beschmutzt. Pilar Ternera, die damals nur mit ihren beiden kleineren Kindern zusammen wohnte, stellte keine Frage. Sie führte ihn ins Bett.

Wusch ihm das Gesicht mit einem nassen Lappen, entkleidete ihn, zog sich selbst vollkommen aus und schlug das Moskitonetz herunter, damit ihre Kinder sie nicht sahen und auch nicht aufwachten. Sie war müde vom Warten auf den Mann, der nicht gekommen war, auf die Männer, die gegangen waren, die ungezählten Männer, die, von der Ungewißheit der Karten verwirrt, den Weg zu ihrem Haus verfehlt hatten. Und vom Warten war ihre Haut rissig geworden, ihre Brüste hatten sich entleert, die Glut ihres Herzens war erloschen. Sie suchte Aureliano im Dunkeln, legte ihm die Hand auf den Bauch und küßte ihn mit mütterlicher Zärtlichkeit auf den Hals. ≫Mein armer Junge≪, murmelte sie. Aureliano erzitterte. Mit gelassener Gewandtheit ließ er ohne das geringste Straucheln die Schluchten des Schmerzes hinter sich und fand Remedios in einen horizontlosen Sumpf verwandelt, nach einem rohen Tier und frisch gebügelter Wäsche riechend. Als er wieder an die Oberfläche kam, weinte er. Zuerst war es ein unfreiwilliges, abgehacktes Schluchzen. Dann aber fühlte er, wie ein schmerzhaftes Geschwür in ihm aufbrach und sich als enthemmte Springflut entleerte. Sie wartete, dann kraulte sie ihm den Kopf mit ihren Fingerspitzen, bis sein Körper den dunklen Stoff abstieß, der ihn nicht leben ließ. Nun fragte Pilar Ternera: ≫Wer ist es?≪ Aureliano sagte es. Und sie stieß ihr Lachen aus, das in anderen Zeiten die Tauben erschreckt hatte und das nun nicht einmal mehr ihre Kinder weckte. ≫Du mußt sie erst noch aufziehen≪, spottete sie. Doch hinter ihrem Spott entdeckte Aureliano stillschweigendes Einverständnis. Als er das Zimmer verließ, in dem er nicht nur die Ungewißheit seiner Männlichkeit zurückließ, sondern auch die bittere Last, die er so lange Monate im Herzen getragen hatte, versprach Pilar Ternera ihm unvermittelt:

≫Ich werde mit der Kleinen reden. Du wirst sehen, ich kredenze sie dir auf einem Tablett.≪

Sie hielt ihr Versprechen. Jedoch in einem üblen Augenblick, weil das Haus den Frieden früherer Tage eingebüßt hatte. Als Amaranta Rebecas Leidenschaft entdeckte, die sie wegen ihres Gejammers nicht geheimzuhalten vermochte, erlitt sie einen Fieberanfall. Auch sie litt am Stachel einer einsamen Liebe. Im Badezimmer eingeschlossen, entledigte sie sich der Qual einer hoffnungslosen Leidenschaft durch die Niederschrift fieberhafter Briefe, die sie entsagungsvoll in der Tiefe ihrer Truhe verwahrte. Ursula kam kaum der Betreuung der beiden Kranken nach. Selbst in ausgedehnten, hinterlistigen Verhören wollte es ihr nicht gelingen, die Ursachen von Amarantas Niedergeschlagenheit herauszubringen. Schließlich erbrach sie in einem neuen Moment der Erleuchtung das Schloß der Truhe und fand die an Pietro Crespi gerichteten und nie abgesandten, durch frische Lilien angeschwollenen und noch tränenfeuchten, mit rosenroten Bändchen gebündelten Briefe. Vor Wut weinend, verfluchte sie die Stunde, in der ihr der Gedanke gekommen war, das Pianola zu kaufen, verbot jeden Stickunterricht und bestimmte eine Art Trauerzeit ohne Tote, bis ihre Töchter ihre Hoffnungen aufgäben. Die Einmischung José Arcadio Buendías, der seinen ersten Eindruck über Pietro Crespi berichtigt hatte und seine Geschicklichkeit in der Handhabung musikalischer Maschinen bewunderte, erwies sich als nutzlos. Als daher Pilar Ternera Aureliano sagte, Remedios sei heiratsbereit, begriff dieser, daß die Nachricht seine Eltern betrüben müsse. Zu einer offiziellen Besprechung ins Besuchszimmer gebeten, hörten José Arcadio Buendía und Ursula unerschrocken die Erklärung ihres Sohnes an. Als José Arcadio Buendía indessen den Namen der Braut erfuhr, wurde er puterrot vor Empörung. ≫Die Liebe ist eine Landplage≪, donnerte er. ≫Wo es so viele hübsche anständige Mädchen gibt, mußt du unbedingt auf die Idee verfallen, die Tochter unseres Feindes zu heiraten.≪ Ursula hingegen war mit der Wahl einverstanden. Sie bekannte ihre Zuneigung zu den sieben Töchtern Moscotes wegen ihrer Schönheit, ihrem Arbeitseifer, ihrer Sittsamkeit und ihrer guten Erziehung und pries ihres Sohnes glückliche Hand. Von der Begeisterung seiner Frau gewonnen, stellte José Arcadio Buendía allerdings eine Bedingung: Rebeca, deren Liebe erwidert werde, solle in diesem Fall auch Pietro Crespi heiraten. Sobald sie Zeit habe, solle Ursula mit Amaranta in die Provinzhauptstadt reisen, damit die Bekanntschaft mit feinen Menschen sie von ihrer Enttäuschung heile. Rebeca wurde gesund, sobald sie von der Vereinbarung erfuhr, und schrieb ihrem Bräutigam einen Jubelbrief, den sie ihren Eltern zur Prüfung vorlegte und dann ohne Liebesboten der Post übergab. Amaranta fügte sich zum Schein der Entscheidung und erholte sich nach und nach von ihrem Fieber, schwor sich jedoch, Rebeca solle nur über ihre Leiche heiraten.

Am darauffolgenden Samstag zog José Arcadio Buendía seinen schwarzen Anzug, den Zelluloidkragen und die Sämischlederstiefel an, die er am Festabend eingeweiht hatte, und verließ das Haus in der Absicht, um Remedios Moscotes Hand zu bitten. Der Landrichter und seine Gattin empfingen ihn geschmeichelt und zugleich beklommen, weil sie die Absicht des unerwarteten Besuchs nicht kannten, dann aber glaubten, er habe den Namen der Umworbenen verwechselt.

Um seinen Irrtum aufzuklären, weckte die Mutter Remedios und brachte das schlaftrunkene Kind auf den Armen ins Wohnzimmer. Man fragte an, ob es wirklich heiraten wolle, worauf es wimmernd erwiderte, man solle es doch schlafen lassen. José Arcadio Buendía, der die Bestürzung der Moscotes begriff, kehrte um und besprach sich mit Aureliano. Als er zurückkam, hatte das Ehepaar Moscote förmliche Kleidung angelegt, die Möbel umgestellt, frische Blumen in die Blumenvasen gesteckt und erwartete ihn in Gesellschaft ihrer älteren Töchter. Erschöpft durch die peinliche Situation und den unbequemen steifen Kragen, bestätigte José Arcadio Buendía, Remedios sei in der Tat die Erwählte. ≫Das hat doch keinen Sinn≪, entgegnete fassungslos Don Apolmar Moscote.

≫Wir haben noch sechs andere Töchter, alle unverheiratet und alle heiratsfähig, und diese wären entzückt, die ehrenwerte Ehefrau eines so zuverlässigen, fleißigen Kavaliers wie Ihres Sohnes zu werden, aber Aureliano scheint ausgerechnet sein Auge auf die einzige geworfen zu haben, die noch ins Bett macht.≪ Seine Gemahlin, eine guterhaltene Frau mit kummervollen Lidern und Gebärden, warf ihm mangelnde Wohlanständigkeit vor. Als die Fruchtspeise verzehrt war, hatte man befriedigt Aurelianos Entschluß angenommen. Nur bat Señora Moscote um die Gunst, ein privates Wort mit Ursula zu wechseln. Einerseits neugierig, andrerseits einwerfend, man verwickle sie in Männerangelegenheiten, in Wirklichkeit jedoch von Erregung eingeschüchtert, besuchte Ursula sie am nächsten Tag. Eine halbe Stunde später kehrte sie mit der Nachricht zurück, Remedios sei noch nicht geschlechtsreif. Aureliano sah darin kein ernstes Hindernis. Er hatte so lange gewartet, so daß er warten konnte, bis seine Braut das empfängnisfähige Alter erreicht haben würde. Die wiedergewonnene Eintracht wurde nur durch Melchíades’ Tod unterbrochen. Wenn das Ereignis auch absehbar gewesen war, so waren es nicht die Umstände. Wenige Monate nach seiner Rückkehr alterte er so rasch und ausweglos, daß er bald für einen jener wertlosen Urgroßväter gehalten wurde, die, die Füße nachziehend, wie Schatten durch die Schlafzimmer schleichen und mit vernehmlicher Stimme besseren Zeiten nachtrauern, die niemand betreut und niemand bedenkt bis zu dem Tag, an dem sie eines Morgens tot in ihrem Bett aufgefunden werden. Anfangs begeistert über die Neuigkeit der Daguerreotypie und die Prophezeiungen des Nostradamus, hatte José Arcadio Buendía ihm in seinen Obliegenheiten zur Seite gestanden. Doch nach und nach überließ er ihn der Einsamkeit, weil der Gedankenaustausch mit ihm immer schwieriger wurde. Denn da er Gesicht und Gehör verloren hatte, schien er seine Gesprächspartner nunmehr mit Menschen zu verwechseln, die er in früheren Menschheitsepochen gekannt hatte, und beantwortete Fragen nur noch in einem verworrenen Sprachenkauderwelsch. So schlurfte er umher, die Luft betastend, wenngleich er mit unglaublicher Behendigkeit zwischen den Dingen umherging, als sei er mit einem auf unmittelbaren Vorahnungen fußenden Ortssinn ausgestattet.

Eines Tages vergaß er sein Gebiß einzusetzen, das er abends neben dem Bett in ein Wasserglas legte, und setzte es fortan nicht mehr ein. Als Ursula die Vergrößerung des Hauses plante, ließ sie ihm fern vom häuslichen Trubel und Lärm neben Aurelianos Werkstatt ein eigenes Kämmerchen mit einem lichtdurchfluteten Fenster und einem Bücherbord anbauen, auf dem sie eigenhändig die von Staub und Motten fast zerfressenen Bücher einordnete, die mit unentzifferbaren Zeichen bedeckten spröden Papiere sowie das Glas mit seinem Gebiß, das mittlerweile von Wasserpflanzen mit winzigen gelben Blüten überwachsen war. Die neue Behausung schien Melchíades zu gefallen, da er sich nie mehr im Eßzimmer sehen ließ. Er ging nur noch in Aurelianos Werkstatt, wo er Stunden um Stunden seine rätselhafte Literatur auf Pergamente kritzelte, die er mitgebracht hatte und die aus einem so brüchigen Stoff hergestellt schienen, daß sie wie Blätterteig zerbröselten. Doch verzehrte er das Essen, das Visitación ihm zweimal am Tag brachte, wenngleich er in der letzten Zeit den Appetit verloren hatte und nur noch Gemüse anrührte. Bald nahm er denn auch das Vegetariern eigene wehrlose Aussehen an. Seine Haut überzog sich mit einer zarten Moosschicht, die auf seiner anachronistischen Weste gedieh, die er nie mehr auszog, und sein Atem verströmte den Geruch eines schlafenden Tiers. Der mit seinen Versen beschäftigte Aureliano vergaß ihn zu guter Letzt ganz, doch bei einer bestimmten Gelegenheit glaubte er etwas von seinen gemurmelten Selbstgesprächen zu verstehen und schenkte ihm Aufmerksamkeit. Doch das einzige, was er in dem kehligen Gebrumm unterscheiden konnte, war das aufsässige Gehämmer des Wortes Tagundnachtgleiche, Tagundnachtgleiche, Tagundnachtgleiche, sowie der Name Alexander von Humboldt. Arcadio kam ihm etwas näher, als er Aureliano beim Goldschmieden half. Melchíades ging auf seine Annäherungsversuche ein und ließ gelegentlich ein paar Worte auf spanisch fallen, die wenig mit der Wirklichkeit zu tun hatten. Eines Nachmittags hingegen schien er von plötzlicher Ergriffenheit erleuchtet. Jahre später sollte Arcadio sich vor dem Erschießungskommando der schaudernden Stimme erinnern, mit der Melchíades ihm einige Seiten aus seiner unergründlichen Schrift vorlas, von der er natürlich kein Wort verstand, die aber, vernehmlich vorgetragen, nach psalmodierten Enzykliken klang. Gleich darauf lächelte er zum erstenmal nach langer Zeit und sagte auf spanisch: ≫Wenn ich sterbe, dann brennt drei Tage lang Quecksilber in meinem Zimmer ab!≪ Arcadio erzählte es José Arcadio Buendía, und dieser erheischte eine genauere Auskunft, erhielt jedoch nur folgende Antwort: ≫Ich habe die Unsterblichkeit erreicht.≪ Als Melchíades’ Atem zu stinken begann, nahm Arcadio ihn jeden Donnerstagmorgen zum Flußbad mit. Das schien zu helfen. Er zog sich nackt aus und stieg mit den jungen Leuten ins Wasser, und sein geheimnisvoller Ortssinn befähigte ihn, tiefe und gefährliche Stellen zu meiden. ≫Wir gehören zum Wasser≪, sagte er einmal. So verging viel Zeit, ohne daß ihn jemand im Haus sah außer abends, wenn er rührende Versuche machte, das Pianola zusammenzusetzen, oder den Totumakürbis und sein in ein Handtuch gewickeltes Stück Palmseife unter dem Arm mit Arcadio zum Fluß schritt. Eines Donnerstags, bevor man ihn zum Flußbad rief, hörte Aureliano ihn sagen: ≫Ich bin in den Sümpfen von Singapur am Fieber gestorben.≪ An jenem Tag stieg er an einem ungünstigen Zugang in den Fluß und wurde erst am nächsten Morgen mehrere Kilometer stromabwärts gefunden; er war an einer besonnten Krümmung hängengeblieben; ein Aasgeier hockte auf seinem Bauch.

Gegen die empörten Einsprüche Ursulas, die ihn schmerzvoller beweinte als ihren eigenen Vater, widersetzte sich José Arcadio Buendía seinem Begräbnis. ≫Er ist unsterblich≪, sagte er. ≫Er selber hat mir die Formel der Auferstehung verraten.≪ Er ließ die vergessene Brunnenröhre Wiederaufleben und einen Kessel Quecksilber neben dem Leichnam abbrennen, der sich nach und nach mit bläulichen Bläschen bedeckte. Don Apolinar Moscote wagte darauf hinzuweisen, daß ein unbegrabener Ertrunkener eine Gefahr für die öffentliche Gesundheit darstelle. ≫Nichts dergleichen, er lebt doch!≪ lautete die Erwiderung José Arcadio Buendías, der die bereits zweiundsiebzig Stunden lang dauernde Quecksilberkur beendete, als die Leiche in aschgraues Blühen auszubrechen begann, dessen leises Zischen das Haus mit Pesthauch durchdrang. Erst jetzt gestattete er die Beerdigung, doch nicht etwa irgendwie, sondern mit den Macondos größtem Wohltäter vorbehaltenen Ehren.

Es war das erste und meistbetrauerte Begräbnis, welches das Dorf erlebte, und wurde ein Jahrhundert später nur noch von der Karnevalsleichenbestattung der Großen Mama übertroffen.

Er wurde in einer in der Mitte des für den Friedhof bestimmten Geländes errichteten Grabstätte beerdigt, und auf dem Grabstein stand das einzige, was von ihm bekannt war: MELCHÍADES. Er bekam eine neunnächtige Totenwache. Im Gedränge der Menschen, die im Innenhof Kaffee tranken, Witze rissen und Karten spielten, fand Amaranta Gelegenheit, ihre Liebe Pietro Crespi zu beichten, der sich wenige Wochen zuvor mit Rebeca verlobt hatte und gerade ein Geschäft für Musikinstrumente und Aufziehspiele einrichtete, und zwar im gleichen Viertel, in dem die Araber hausten, die in früherer Zeit Papageien gegen Flitterkram eingehandelt hatten, ein Ortsteil, der bei den Dorfbewohnern als Türkenstraße bekannt war. Der Italiener, dessen pomadiger Krauskopf bei den Frauen ein unwiderstehliches Bedürfnis nach Seufzern hervorrief, behandelte Amaranta wie ein launisches Kind, das man nicht ernst zu nehmen braucht.

≫Ich habe einen jüngeren Bruder≪, sagte er. ≫Er wird mir im Laden helfen.≪

Amaranta fühlte sich gedemütigt und bedeutete Pietro Crespi mit sichtlichem Groll, sie sei gewillt, die Hochzeit ihrer Schwester zu verhindern, auch wenn sie ihren eigenen Leichnam über die Türschwelle werfen müsse. Den Italiener beängstigte die leidenschaftliche Drohung dergestalt, daß er der Versuchung nicht widerstand, sie Rebeca zu hinterbringen. So kam denn Amarantas infolge Ursulas Obliegenheiten immer wieder hinausgeschobene Reise in weniger als einer Woche zustande. Amaranta widersetzte sich nicht, doch als sie Rebeca zum Abschied küßte, flüsterte sie ihr ins Ohr:

≫Gib dich keinen Illusionen hin. Auch wenn man mich bis ans Ende der Welt schleppt, werde ich Mittel und Wege finden, deine Ehe zu vereiteln, und müßte ich dich dafür umbringen.≪

Mit der Abwesenheit Ursulas, mit der unsichtbaren Anwesenheit des Melchíades, der nach wie vor schweigsam durch die Zimmer schlich, schien das Haus riesengroß und leer.

Rebeca hatte die Leitung des Haushalts übernommen, während die Indiofrau sich um die Bäckerei kümmerte. Gegen Abend, wenn Pietro Crespi, angekündigt durch einen frischen Hauch von Lavendel, in der Hand das unvermeidliche Geschenk eines Spielzeugs, das Haus betrat, empfing seine Verlobte ihn im Hauptsalon, dessen Türen und Fenster offenstanden, damit von vornherein jeder Argwohn ausgeschaltet werde. Das war eine überflüssige Vorsichtsmaßnahme, denn der Italiener hatte so viel Ehrerbietung bewiesen, daß er nicht einmal die Hand der Frau berührte, die noch vor Ablauf eines Jahres seine Ehefrau werden sollte. Dank dieser Visiten füllte sich das Haus mit Spielzeug. Die aufziehbaren Tänzerinnen, die Musiktruhen, die Turnaffen, die trabenden Pferdchen, die tamburinspielenden Clowns, die reichhaltige, wundersame mechanische Fauna, die Pietro Crespi mitbrachte, verscheuchten José Arcadio Buendías Kummer über Melchíades’ Tod und führten ihn von neuem in seine alten Alchimistenzeiten zurück. Nun lebte er in einem Paradies ausgeweideter Tiere, auseinandergenommener Mechanismen, die er mit dem System des auf dem Uhrpendel fußenden Perpetuum mobile zu vervollkommnen suchte.

Aureliano seinerseits hatte seine Werkstatt vernachlässigt, um der kleinen Remedios Lesen und Schreiben beizubringen.

Anfangs zog die Kleine ihre Puppen dem Manne vor, der jeden Nachmittag ankam und schuld daran war, daß man sie von ihren Spielsachen fortriß, um sie zu waschen, anzuziehen, und sie dann zum Empfang ihres Besuches in den Salon setzte.

Doch Aurelianos Geduld und Hingabe verführten sie schließlich dazu, daß sie Stunden mit ihm verbrachte, um in einem Heft mit Buntstiften die Bedeutung der Buchstaben zu erlernen und Häuschen und Pferche mit Kühen zu zeichnen und runde Sonnen mit gelben Strahlen, die sich hinter Hügeln verbargen.

Nur Rebeca war über Amarantas Drohungen unglücklich.

Sie kannte den Charakter ihrer Schwester, den Stolz ihres Gemüts, und die Heftigkeit ihres Grolls erschreckte sie.

Daumenlutschend verbrachte sie ganze Stunden im Badezimmer und strengte ihren Willen aufs äußerste an, um nicht Erde zu essen. Erleichterung für ihre Qual suchend, rief sie Pilar Ternera, damit diese ihr die Zukunft lese. Nach einer langen Litanei althergebrachter Ungenauigkeiten prophezeite Pilar Ternera:

≫Solange deine Eltern nicht beerdigt sind, wirst du nicht glücklich werden.≪

Rebeca erbebte. Wie in einer Traumerinnerung sah sie sich als kleines Mädchen mit ihrer Truhe, dem hölzernen Schaukelstühlchen und einem Sack, dessen Inhalt sie nie gesehen hatte, das Haus betreten. Sie erinnerte sich an einen kahlköpfigen Kavalier in einem Leinenanzug und einem am Hals mit einem goldenen Knopf verschlossenen Hemd, der nichts mit dem Herzkönig zu tun hatte. Sie erinnerte sich an eine blutjunge, bildschöne Frau mit sanften, duftenden Händen, die nichts zu tun hatten mit den rheumatischen Händen der Karodame, und die ihr Blumen ins Haar steckte, um sie nachmittags zu einem Spaziergang in einem Dorf mit grünen Gassen abzuholen.

≫Ich verstehe das nicht≪, sagte sie.

Pilar Ternera schien fassungslos:

≫Ich auch nicht. Doch das sagen die Karten.≪

Rebeca ließ sich von dem Rätsel dergestalt beunruhigen, daß sie es José Arcadio Buendía erzählte, und dieser schalt sie, Kartenprophezeiungen Glauben zu schenken, widmete sich dann aber der verschwiegenen Aufgabe, auf der Suche nach dem Knochensack Schränke und Truhen zu durchstöbern, Möbel zu verrücken, Betten umzudrehen und Fußböden aufzustemmen. Er erinnerte sich daran, den Sack seit der Zeit des Umbaus nicht gesehen zu haben. Heimlich rief er die Maurer, und einer unter ihnen enthüllte ihm, er habe den Sack in einem der Schlafzimmer eingemauert, weil er beim Arbeiten gestört habe. Nach mehreren Tagen aufmerksamen Abklopfens der Wände vernahmen sie ein tiefes Klockklock. Sie durchbohrten die Wand, und da waren denn auch die Knochen in ihrem unbeschädigten Sack. Noch am selben Tag begruben sie sie in einem neben Melchíades’ Grabstätte notdürftig ausgehobenen gedenksteinlosen Grab, und José Arcadio Buendía kehrte ins Haus zurück, befreit von einer Bürde, die einen Augenblick lang so schwer auf seinem Gewissen gelastet hatte wie die Erinnerung an Prudencio Aguilar. Beim Durchschreiten der Küche küßte er Rebeca auf die Stirn.

≫Schlag dir alle bösen Gedanken aus dem Kopf≪, sagte er.

≫Du wirst glücklich werden.≪

Rebecas Freundschaft eröffnete Pilar Ternera die ihr seit Arcadios Geburt verschlossenen Türen des Hauses. Sie kam zu jeder beliebigen Stunde des Tages wie eine Herde Ziegen und entfaltete ihren fieberhaften Tatendrang bei den schwersten Obliegenheiten. Mitunter ging sie in die Werkstatt und half Aureliano mit einer Tüchtigkeit und Zartheit, die ihn schließlich verwirrten, die Platten des Daguerreotyps lichtempfindlich zu machen. Diese Frau verblüffte ihn. Die Hitze ihrer Haut, ihr Rauchgeruch, ihr unvermitteltes Lachen in der düsteren Kammer störten seine Aufmerksamkeit und verleiteten ihn zu Ungeschicklichkeiten bei der Arbeit.

Einmal war Aureliano mit einer Goldschmiedearbeit beschäftigt, und Pilar Ternera stützte sich auf den Tisch, um seinen geduldigen Arbeitseifer zu bewundern. Plötzlich geschah es. Aureliano merkte, daß Arcadio in dem dunklen Raum stand, noch bevor er den Blick hob und den Augen Pilar Terneras begegnete, deren Gedanken wie im Mittagslicht völlig sichtbar waren.

≫Schön≪, sagte Aureliano. ≫Sag, was du auf dem Herzen hast.≪

Pilar Ternera biß sich traurig lächelnd auf die Lippen.

≫Daß du gut für den Krieg bist≪, sagte sie. ≫Wohin du das Auge setzt, setzt du das Blei.≪

Der Beweis der Voraussage erleichterte Aureliano. Wieder wandte er sich seiner Arbeit zu, als sei nichts geschehen, und seine Stimme gewann Ruhe und Festigkeit.

≫Ich erkenne ihn an≪, sagte er. ≫Er soll meinen Namen tragen.≪

José Arcadio Buendía bekam endlich, was er suchte: Er verband eine aufziehbare Tänzerin mit dem Uhrwerk, und nun tanzte das Spielzeug ununterbrochen zum Takt seiner eigenen Musik drei Tage hindurch. Diese Leistung erregte ihn viel mehr als jede seiner kopflosen Unternehmungen. Er aß nicht mehr. Er schlief nicht mehr. Ohne Ursulas Bewachung und Betreuung ließ er sich von seiner Einbildungskraft in einen Zustand des Dauertaumels hineinreißen, von dem er sich nie wieder erholen sollte. Die Nächte verbrachte er damit, daß er in seinem Zimmer kreisum lief, laut dachte und nach einem Mittel suchte, die Grundsätze des Pendels auf die Ochsenwagen, die Pflugscharen anzuwenden, auf alles, was, sofern in Bewegung gesetzt, Nutzen bringen konnte. Das Fieber der Schlaflosigkeit ermüdete ihn dergestalt, daß er den weißhaarigen wackeligen Greis, der eines Morgengrauens in sein Zimmer trat, nicht erkannte. Es war Prudencio Aguilar. Als er ihn endlich erkannte, verwundert, daß auch Tote alterten, wurde José Arcadio Buendía von Sehnsucht geschüttelt. ≫Prudencio≪, rief er aus, ≫wieweit bist du gelaufen!≪ Nach vielen Todesjahren war das Verlangen nach den Lebenden so tief, das Bedürfnis nach Gesellschaft so dringend, so entmutigend die Nähe jenes zweiten Todes, der innerhalb des ersten existierte, daß Prudencio Aguilar schließlich seinem schlimmsten Feind wohlwollte. Vermutlich suchte er ihn seit langem. Er hatte die Toten von Riohacha nach ihm gefragt, die Toten, die aus dem Upar-Tal kamen, die, welche vom Moor kamen, und niemand hatte ihm Auskunft geben können, weil Macondo für die Toten ein unbekanntes Dorf war, bis Melchíades kam und es auf den buntscheckigen Landkarten des Todes mit einem schwarzen Pünktchen einzeichnete. José Arcadio Buendía unterhielt sich mit Prudencio Aguilar bis zum Tagesanbruch. Wenige Stunden danach, erschöpft von der Nachtwache, trat er in Aurelianos Werkstatt ein und fragte: ≫Welcher Tag ist heute?≪ Aureliano antwortete, es sei Dienstag. ≫Das dachte ich auch≪, sagte José Arcadio Buendía. ≫Doch plötzlich ist mir aufgegangen, daß es nach wie vor Montag ist, wie gestern. Sieh den Himmel, sieh die Wände, die Begonien. Auch heute ist Montag.≪ Der an sein Spintisieren gewöhnte Aureliano beachtete ihn nicht. Am nächsten Tag, dem Mittwoch, kam José Arcadio Buendía wieder in die Werkstatt. ≫Es ist ein Verhängnis≪, sagte er.

≫Sieh die Luft, hör das Summen der Sonne, genau wie gestern und vorgestern. Auch heute ist Montag.≪ In jener Nacht traf Pietro Crespi ihn im Hausgang, hilflos wimmernd wie alte Leute, Prudencio Aguilar beweinend, Melchíades, Rebecas Eltern, seinen Papa und seine Mama, alle, auf die er sich besinnen konnte und die nun allein waren im Tod. Er schenkte ihm einen aufziehbaren Bären, der mit zwei Pfoten auf einem Seil spazierte, doch er vermochte ihn nicht von seiner Besessenheit abzulenken. Fragte ihn, was aus seinem ihm vor Tagen auseinandergesetzten Plan geworden sei, jene Möglichkeit, eine Pendelmaschine zu bauen, die dem Menschen als Flugapparat dienen könne, und er erwiderte, er sei nicht auszuführen, weil das Pendel zwar x-beliebiges in die Luft heben könne, aber nicht sich selber. Am Donnerstag erschien er von neuem mit dem jämmerlichen Aussehen verwüsteter Erde in der Werkstatt. ≫Die Zeitmaschine ist auseinandergebrochen≪, schluchzte er fast. ≫Und Ursula und Amaranta sind so weit weg!≪ Aureliano schalt ihn wie ein Kind, und schon machte er ein fügsames Gesicht. Sechs Stunden lang musterte er die Dinge und suchte einen Unterschied zu ihrem Aussehen vom vorhergegangenen Tag festzustellen, bemüht, an ihnen irgendeine Veränderung zu entdecken, die den Ablauf der Zeit offenbarte. Die ganze Nacht lag er mit offenen Augen im Bett und rief Prudencio Aguilar, Melchíades, alle Toten, damit sie seinen Kummer teilten. Doch niemand eilte herbei. Am Freitag, noch bevor jemand aufstand, beobachtete er wiederum den Anschein der Natur, bis nicht der geringste Zweifel mehr für ihn bestand, daß es immer noch Montag war. Dann packte er einen Türriegel, und mit der geballten Gewalt seiner ungewöhnlichen Körperkräfte zerschlug er seine alchimistischen Apparate und sein Daguerreotypie-Kabinett zu Staub sowie die Goldschmiedewerkstatt, wie ein Besessener in einer hochtönenden, flüssigen, jedoch völlig unverständlichen Sprache zeternd. Schon schickte er sich an, den Rest des Hauses zu zerstören, als Aureliano die Nachbarn zu Hilfe rief.

Zehn Männer waren nötig, um ihn niederzuringen, vierzehn, um ihn zu fesseln, zwanzig, um ihn zur Kastanie des Innenhofs zu schleppen, wo man ihn mit grünschäumenden Lippen in fremden Zungen bellend angebunden zurückließ. Als Ursula und Amaranta zurückkehrten, stand er noch immer mit Füßen und Händen an den Stamm der Kastanie gefesselt, regendurchnäßt und im Stand vollkommener Unschuld. Sie sprachen ihn an, und er blickte sie an, erkannte sie jedoch nicht wieder und murmelte nur Unverständliches. Ursula befreite seine vom Druck der Stricke geschwollenen Hand- und Fußgelenke und ließ ihm nur die um die Gürtellinie geschlungene Fessel. Später bauten sie ein Palmendach, um ihn gegen Sonne und Regen zu schützen.

5

Aureliano Buendía und Remedios Moscote heirateten an einem Märzsonntag vor dem Altar, den Pater Nicanor Reyna im Besuchszimmer aufstellen ließ. Das war der Höhepunkt von vier Wochen der Aufregung im Haus Moscote, denn die kleine Remedios erreichte die Geschlechtsreife, bevor sie die Gewohnheiten der Kindheit überwunden hatte. Obwohl ihre Mutter sie über die Veränderungen der Jugend belehrt hatte, kam sie eines Februarnachmittags unter Schreckensschreien ins Wohnzimmer, wo ihre Schwestern mit Aureliano plauderten, gerannt und zeigte ihnen ihre von einer schokoladeartigen Paste verklebte Unterhose. Die Hochzeit wurde auf einen Monat später anberaumt. Mehr Zeit, als sie zu lehren, sich allein zu waschen und anzuziehen und die elementarsten Fragen des Haushalts zu begreifen, stand nicht zur Verfügung.

Man ließ sie auf heißen Fliesen urinieren, um ihr das Bettnässen abzugewöhnen. Es kostete Mühe, sie von der Unverletzlichkeit des Ehegeheimnisses zu überzeugen, denn Remedios war so überwältigt und so verwundert über die Offenbarung, daß sie darauf brannte, allen Leuten ihre Hochzeitsnacht in allen Einzelheiten zu schildern. Es waren erschöpfende Anstrengungen, doch am anberaumten Tag war das kleine Mädchen ebenso bewandert in den Dingen der Welt wie irgendeine ihrer Schwestern. Don Apolinar Moscote geleitete sie am Arm durch die blumen- und girlandengeschmückte Straße, während die Knallkörper krachten und mehrere Musikkapellen aufspielten, und sie hob grüßend die Hand und dankte lächelnd den ihr aus den Fenstern Glück Wünschenden. Aureliano, ganz in Schwarz und in denselben mit Metallhaken versehenen Lackstiefeln, die er wenige Jahre später vor dem Erschießungskommando tragen sollte, trug tiefe Blässe zur Schau und spürte einen zähen Kloß in der Kehle, als er seine Braut an der Haustür in Empfang nahm und zum Altar führte. Sie indes gab sich so natürlich und so bescheiden, daß sie nicht einmal die Haltung verlor, als Aureliano den Trauring, den er ihr anstreifen wollte, fallen ließ.

Unter Getuschel und einem Anflug von Verwirrung der Hochzeitsgäste hielt sie die mit einem Halbhandschuh aus Spitzen bekleidete Hand mit dem freien Ringfinger hoch, bis es dem Bräutigam gelang, den Ring mit dem Stiefel anzuhalten, damit er nicht bis zur Türe rollte; dann kehrte er schamrot zum Altar zurück. Ihre Mutter und Schwestern fürchteten so sehr, die Kleine könne während der Trauung einen Schnitzer machen, daß sie zu guter Letzt die Taktlosigkeit begingen und sie auf den Arm nahmen, um ihr einen Kuß zu geben. Schon an jenem Tag traten das Verantwortungsbewußtsein, die natürliche Anmut, die ruhige Beherrschung zutage, die Remedios stets angesichts widriger Umstände bewahren sollte.

So war sie es, die aus eigenem Antrieb das größte Stück, das sie von der Hochzeitstorte abschnitt, beiseite legte und auf einem Teller mit einer Gabel José Arcadio Buendía brachte.

Am Stamm der Kastanie vertäut und auf einem Holzbänkchen unter dem Palmendach zusammengekauert, ließ der von Sonne und Regen verfärbte gewaltige Greis ein vages Lächeln des Dankes erkennen und aß die Tortenschnitte mit den Fingern, während er einen unverständlichen Psalm wiederkäute. Der einzige unglückliche Mensch bei dieser lärmenden Feier, die sich bis ins Morgengrauen des Montags hinzog, war Rebeca Buendía. Es war ihr gescheitertes Fest. Auf Grund von Ursulas Abmachung hätte ihre Hochzeit am selben Tag begangen werden sollen, doch Pietro Crespi erhielt am Freitag einen Brief, der ihm den bevorstehenden Tod seiner Mutter mitteilte.

So wurde die Verehelichung verschoben. Pietro Crespi reiste eine Stunde nach Erhalt des Briefes in die Provinzhauptstadt und fuhr unterwegs an seiner Mutter vorbei, die pünktlich am Samstag abend ankam und an Aurelianos Hochzeit jenes wehmütige Lied sang, das sie für die Hochzeit ihres Sohnes einstudiert hatte. Pietro Crespi kehrte um Mitternacht des Sonntags zurück, nur um die Asche des Festes fortzufegen, nachdem er beim Versuch, rechtzeitig zu seiner eigenen Hochzeit anzukommen, unterwegs fünf Pferde zu Schanden geritten hatte. Es wurde nie ermittelt, wer den Brief geschrieben hatte. Von Ursula bedrängt, heulte Amaranta empört los und schwor auf ihre Unschuld vor dem Altar, den die Zimmerleute noch nicht abgebaut hatten.

Pater Nicanor Reyna — den Don Apolinar Moscote für die Traupredigt aus dem Moor geholt hatte — war ein vom Undank seines Berufs verhärteter Greis, seine über fast blanke Knochen gespannte Gesichtshaut war grau, sein Bauch war prall und hervorstehend, und er hatte den eher unschuldigen als gütigen Gesichtsausdruck eines gealterten Engels. Er hatte beabsichtigt, nach der Hochzeitsfeier in seine Pfarrei zurückzukehren, entsetzte sich jedoch über die seelische Dürre der Einwohner von Macondo, die im Ärgernis zu gedeihen schienen und nur dem Naturgesetz gehorchten, ohne ihre Kinder zu taufen und die Feiertage zu heiligen. Der Meinung, daß kein Stückchen Erde des Samens Gottes mehr bedürfe als dieses, beschloß er, noch eine Woche dazubleiben, um Beschnittene und Heiden zu Christen zu bekehren, wilde Ehen dem Gesetz zu unterwerfen und Sterbenden das Sakrament zu spenden. Doch niemand achtete seiner. Man erwiderte ihm, man habe viele Jahre hindurch ohne Priester gelebt, habe die Geschäfte der Seele unmittelbar mit Gott verhandelt und habe die Bosheit der Todsünde verloren. Zu müde, um in der Wüste zu predigen, schickte Nicanor sich an, den Bau eines Tempels zu unternehmen, des größten der Welt mit Heiligen in Lebensgröße und Glasfenstern in den Mauern, damit Leute aus Rom kämen und Gott mitten in der Unfrömmigkeit ehrten. Er hastete hierhin und dahin und bettelte mit einem Kupfertellerchen um Almosen. Man gab ihm viel, doch er forderte mehr, da ein Tempel eine Glocke brauche, deren Geläut die Ertrinkenden an die Oberfläche zurückbrächte. Er flehte so heftig, daß er seine Stimme einbüßte. Seine Knochen begannen sich mit Lauten zu füllen. Eines Samstags — er hatte noch nicht einmal den Wert der Türen gesammelt — verfiel er der Verzweiflung. So baute er einen Behelfsaltar auf dem Dorfplatz, lief am Sonntag mit einer Schelle durchs Dorf wie zu den Zeiten der Schlaflosigkeit und rief zur Feldmesse. Viele kamen aus Neugierde. Andere aus Sehnsucht. Dritte, damit Gott die Mißachtung, der sein Mittler sich ausgesetzt sah, nicht als persönliche Beleidigung auffasse. So fand sich denn gegen acht Uhr morgens das halbe Dorf auf dem Platz ein, wo Pater Nicanor mit seiner vom vielen Betteln zerstörten Stimme die Evangelien sang. Endlich, als die Anwesenden sich zu zerstreuen begannen, hob er Aufmerksamkeit heischend die Arme.

≫Einen Augenblick≪, rief er. ≫Jetzt wollen wir einem unwiderleglichen Beweis von Gottes unendlicher Macht beiwohnen.≪

Der Junge, der bei der Messe geholfen hatte, reichte ihm eine Tasse mit dicker, dampfender Schokolade, die er, ohne Luft zu holen, austrank. Dann wischte er sich mit einem Taschentuch, das er aus einem Ärmel zog, die Lippen ab, breitete die Arme aus und schloß die Augen. Nun hob Pater Nicanor sich zwölf Zentimeter über den Erdboden. Das war ein überzeugendes Mittel. Mehrere Tage lang ging er in die Häuser, wiederholte mit dem Reizmittel der Schokolade den Beweis der Levitation, während sein Chorknabe so viel Geld in einem Sack einsammelte, daß er in weniger als einem Monat mit dem Bau der Kirche beginnen konnte. Niemand bezweifelte den göttlichen Ursprung des Beweises, ausgenommen José Arcadio Buendía, der unbeirrt die Menschenmenge beobachtete, die sich eines Morgens um den Kastanienbaum scharte, um wieder einmal der Offenbarung beizuwohnen. Er streckte sich lediglich auf dem Bänkchen und zog die Schultern ein, als Pater Nicanor sich mitsamt dem Stuhl, auf dem er saß, vom Boden zu erheben begann.

≫Hoc est simplicissimum≪, sagte José Arcadio Buendía, ≫homo iste statum quartum materiae invenit.≪

Pater Nicanor hob die Hand, und schon landeten die vier Stuhlbeine auf der Erde.

≫Nego≪, sagte er. ≫Factum hoc existentiam Dei probat sine dubio.≪

So erfuhr man, daß José Arcadio Buendías verteufeltes Kauderwelsch Lateinisch war. Pater Nicanor nutzte als einziger, der mit ihm sprechen konnte, die Gelegenheit, seinem verstörten Gehirn Glauben einzuflößen. Jeden Nachmittag setzte er sich vor die Kastanie und predigte José Arcadio Buendía auf lateinisch, doch dieser wehrte sich hartnäckig gegen rhetorische Umwege und Umsetzung von Schokolade und forderte als einzigen Beweis den Daguerreotyp Gottes.

Nun brachte Pater Nicanor ihm Medaillen und Heiligenbildchen, ja sogar eine Reproduktion des Schweißtuchs der Veronika mit, doch José Arcadio Buendía lehnte sie als kunsthandwerkliche Gegenstände ohne wissenschaftliche Grundlage ab. Dabei zeigte er sich so halsstarrig, daß Pater Nicanor auf seine Absichten der Evangelisation verzichtete und ihn nur noch aus Gründen der Menschlichkeit besuchte. Doch jetzt drehte José Arcadio Buendía den Spieß um und versuchte den Glauben des Priesters mit verstandesmäßigen Listen zu brechen. Einmal, als Pater Nicanor ein Tablett und ein Kästchen Spielmarken zum Kastanienbaum brachte, um ihn zu einem Spielchen Dame aufzufordern, lehnte José Arcadio Buendía dankend ab, weil er, wie er sagte, nie den Sinn eines Kampfes zwischen Gegnern hatte begreifen können, die grundsätzlich übereinstimmten.

Pater Nicanor, der das Dame-Spiel nie unter diesem Gesichtspunkt betrachtet hatte, konnte nie wieder spielen.

Zunehmend von José Arcadio Buendías Hellsicht verblüfft, fragte er ihn, wie es käme, daß man ihn an einen Baum gebunden habe.

≫Hoc est simplicissimum≪, erwiderte er. ≫Ich bin verrückt.≪

Fortan besuchte der um seinen eigenen Glauben besorgte Priester ihn nie wieder und widmete sich ausschließlich dem Bau der Kirche. Rebeca fühlte ihre Hoffnung von neuem wachsen. Ihre Zukunft hing von der Beendigung des Baus ab, seit Pater Nicanor eines Sonntags im Hause zu Mittag gespeist und die ganze bei Tisch sitzende Familie von der Feierlichkeit und dem Glanz gesprochen hatte, welche die Andachten nach Beendigung des Kirchenbaus umstrahlen würden. ≫Die Glücklichste wird Rebeca sein≪, sagte Amaranta. Und da Rebeca nicht verstand, was sie meinte, erklärte sie ihr mit unschuldigem Lächeln:

≫Dir wird die Aufgabe zufallen, die Kirche mit deiner Hochzeit einzuweihen.≪

Rebeca suchte allen Bemerkungen zuvorzukommen. Bei der augenblicklichen Bauweise würde die Kirche nicht vor Ablauf von zehn Jahren fertiggestellt sein. Pater Nicanor war anderer Meinung: die wachsende Freigebigkeit der Gläubigen ließ optimistischere Berechnungen zu. Angesichts der dumpfen Empörung Rebecas, die das Mittagsmahl nicht zu Ende essen konnte, pries Ursula Amarantas Idee und trug mit einer beträchtlichen Stiftung zur Beschleunigung der Bauarbeiten bei. Pater Nicanor meinte, mit einer zweiten, ähnlichen Hilfeleistung würde die Kirche binnen drei Jahren stehen.

Fortan richtete Rebeca nie mehr das Wort an Amaranta, überzeugt, ihre Worte seien weit weniger harmlos gewesen, als sie vorzutäuschen vermocht hatte. ≫Das war für mich noch die harmloseste Lösung≪, erwiderte Amaranta in dem heftigen Streitgespräch, das sie an jenem Abend führten. ≫Auf diese Weise brauche ich dich in den nächsten drei Jahren nicht umzubringen.≪ Rebeca nahm die Herausforderung an.

Als Pietro Crespi von dem neuen Aufschub erfuhr, war er furchtbar enttäuscht, doch Rebeca gab ihm einen endgültigen Beweis ihrer Treue. ≫Wir fliehen, wann du willst≪, sagte sie.

Pietro Crespi indessen war kein Mensch für Abenteuer. Ihm fehlte das Impulsive seiner Braut, und er betrachtete die Achtung vor dem verpfändeten Wort als ein Kapital, das man nicht vergeuden durfte. Nun nahm Rebeca ihre Zuflucht zu kühneren Methoden. Plötzlich löschte ein geheimnisvoller Wind die Lichter des Besuchszimmers, und Ursula überraschte die Verlobten, wie sie sich im Dunkeln küßten. Pietro Crespi stammelte wirre Erklärungen über die Mangelhaftigkeit moderner Teerlampen und half sogar bei der Einrichtung eines zuverlässigeren Beleuchtungssystems im Wohnzimmer. Doch wiederum versagte der Brennstoff, oder aber die Dochte verrußten, so daß Ursula Rebeca ertappte, wie sie auf dem Schoß ihres Verlobten saß. Schließlich ließ sie sich keine Entschuldigung mehr gefallen. Sie übertrug der Indiofrau die Verantwortung für die Bäckerei und setzte sich in einen Schaukelstuhl, um das Stelldichein des Brautpaares zu überwachen, entschlossen, sich nicht von Machenschaften übertölpeln zu lassen, die schon in ihrer Jugend veraltet waren.

≫Arme Mama≪, sagte Rebeca mit spöttischer Empörung, als sie Ursula bei den langweiligen Verlobtengesprächen gähnen sah.

≫Wenn sie stirbt, wird sie noch in diesem Schaukelstuhl büßen.≪ Nach drei Monaten des überwachten Idylls und verärgert über die Langsamkeit des Baus, den er jeden Tag prüfte, beschloß Pietro Crespi Pater Nicanor den für die Beendigung der Kirche fehlenden Betrag zu zahlen. Amaranta verlor nicht die Geduld. Während sie mit ihren Freundinnen, die täglich in die Veranda zum Sticken kamen, die Nachmittage verplauderte, ersann sie neue Kriegslisten. Doch ein Rechenfehler machte diejenige zunichte, die sie für die wirksamste gehalten hatte: die Naphthalinkugeln wegzunehmen, die Rebeca auf ihr in der Schlafzimmerkommode verwahrtes Brautkleid gelegt hatte. Sie tat es, als knapp zwei Monate bis zur Fertigstellung der Kirche fehlten. Doch Rebeca wartete mit derartiger Ungeduld auf die Hochzeit, daß sie ihr Kleid früher fertig sehen wollte, als Amaranta geahnt hatte. Als sie nun die Kommode öffnete, erst das Umschlagpapier entfernte und dann die schützende Leinwand, fand sie den Atlas des Kleides, den Spitzenschleier und sogar den Orangenblütenkranz von Motten zu Staub zerfressen. Obgleich sie sicher war, zwei Handvoll Mottenkugeln in der Hülle versteckt zu haben, wirkte das Verhängnis so zufällig, daß sie nicht wagte, Amaranta zu beschuldigen. Zwar fehlte weniger als ein Monat bis zur Hochzeit, doch Amparo Moscote verpflichtete sich, ein neues Kleid binnen einer Woche zu nähen. Amaranta fühlte ihre Kräfte schwinden, als Amparo an jenem regnerischen Mittag spitzenschaumumhüllt ins Haus trat, um mit Rebeca zum letzten Mal anzuprobieren. Ihre Stimme versagte, während ein Faden eisigen Schweißes an ihrer Wirbelsäule herunterrann.

Lange Monate hatte sie angstzitternd jene Stunde erwartet, denn wenn ihr auch kein endgültiges Hindernis für Rebecas Hochzeit einfiel, so war sie gewiß, daß sie im letzten Augenblick, wenn alle Hilfsmittel ihrer Phantasie versagt hätten, genügend Mut aufbringen würde, sie zu vergiften. An jenem Nachmittag, während Rebeca in der Atlasrüstung, die Amparo Moscote mit tausend Nadeln und unendlicher Geduld an ihrem Körper feststeckte, vor Hitze fast erstickte, vergriff Amaranta sich mehrmals beim Sticken und stach sich in den Finger, kam jedoch eiskalt zu dem Schluß, daß erstens der Stichtag der letzte Freitag vor der Hochzeit und daß zweitens die Lösung ein Schuß Laudanum im Kaffee sein müsse. Ein größeres, ebenso unüberwindliches wie unvorhergesehenes Hindernis zwang zu einem neuen, unbegrenzten Aufschub.

Eine Woche vor dem anberaumten Hochzeitstag erwachte die kleine Remedios um Mitternacht, gebadet von einem heißen Absud, der mit herzzerreißendem Rülpsen aus ihren Eingeweiden hervorbrach, und drei Tage später starb sie an der eigenen Blutvergiftung und an quer in ihrem Leib verklemmten Zwillingen. Amaranta erlitt eine Gewissenskrise. Sie hatte mit solcher Inbrunst zu Gott gebetet, er möge etwas Schlimmes eintreten lassen, damit sie Rebeca nicht zu vergiften brauche, daß sie sich an Remedios’ Tod schuldig fühlte. Das war nicht das Hindernis, das sie so innig erfleht hatte. Remedios hatte einen Hauch der Fröhlichkeit ins Haus gebracht. Sie hatte sich mit ihrem Mann in einem neben der Werkstatt gelegenen Alkoven eingerichtet, den sie mit den Puppen und Spielsachen ihrer jüngsten Kindheit verzierte, und ihre fröhliche Lebendigkeit trat über die vier Wände des Alkovens und durchdrang wie ein Windstoß guter Gesundheit die Begonienveranda. Früh beim ersten Sonnenstrahl begann sie zu singen. Sie war der einzige Mensch, der bei Rebecas und Amarantas Streitereien zu vermitteln suchte. Sie lud sich die mühselige Arbeit auf, José Arcadio Buendía zu betreuen.

Brachte ihm sein Essen, half ihm bei seinen täglichen Bedürfnissen, wusch ihn mit Seife und Waschlappen, säuberte ihm Haar und Bart von Läusen und Nissen, hielt sein Palmendach in Ordnung und verstärkte es bei Gewittern mit wasserdichtem Segeltuch. In ihren letzten Monaten hatte sie gelernt, sich mit ihm in primitivem Latein zu unterhalten. Als Aurelianos und Pilar Terneras Sohn geboren, ins Haus gebracht und bei einer familiären Zeremonie auf den Namen Aureliano José getauft wurde, entschied Remedios, er solle als ihr ältester Sohn behandelt werden. Ihr Muttertrieb überraschte Ursula.

Aureliano seinerseits fand in ihr die Rechtfertigung, die ihm zum Leben fehlte. Er arbeitete jeden Tag in der Werkstatt, und Remedios brachte ihm während des Vormittags eine Tasse Kaffee ohne Zucker. Abends besuchten sie gemeinsam die Moscotes. Aureliano spielte mit dem Schwiegervater endlose Partien Domino, während Remedios mit ihren Schwestern schwatzte oder mit ihrer Mutter Erwachsenengespräche führte.

Die Verbindung mit den Buendías festigte Don Apolinar Moscotes Autorität im Dorf. Bei häufigen Reisen in die Provinzhauptstadt erwirkte er bei der Regierung den Bau einer Schule, damit Arcadio, der Großvaters Lehreifer geerbt hatte, sie besuche. Er erreichte durch Überredung, daß die Mehrzahl der Häuser zur Feier der nationalen Unabhängigkeit blau angestrichen wurde. Auf Betreiben Pater Nicanors führte er den Umzug von Catarinos Butike in eine entlegene Straße durch und ließ mehrere ärgerniserregende Orte, die mitten im Dorf blühten, schließen. Einmal kam er mit sechs gewehrbewaffneten Polizisten zurück, denen er die Aufrechterhaltung der Ordnung übertrug, ohne daß auch nur ein Mensch an die ursprüngliche Vereinbarung gedacht hätte, wonach das Dorf keine Bewaffneten unterhalten dürfe.

Aureliano freute sich an der Betriebsamkeit seines Schwiegervaters. ≫Du wirst ebenso fett werden wie er≪, sagten seine Freunde zu ihm. Doch das seßhafte Leben, das seine Backen aufschwemmte und den Glanz seiner Augen vertiefte, vermehrte nicht sein Gewicht und änderte auch nicht seinen knauserigen Charakter, vielmehr verhärtete es auf seinen Lippen die strenge Linie der einsamen Meditation und der unerbittlichen Entschlußkraft. So tief war die Zuneigung, die er und seine Gattin in beiden Familien erweckt hatten, daß, als Remedios verkündete, sie bekomme ein Kind, sogar Rebeca und Amaranta einen Waffenstillstand schlossen, um Babyzeug zu stricken, und zwar in blauer Wolle, sofern es ein Junge, und in rosafarbener, sofern es ein Mädchen werden würde. Sie war der letzte Mensch, an den Arcadio wenige Jahre später vor dem Erschießungskommando denken sollte.

Ursula ordnete Trauer mit geschlossenen Türen und Fenstern an, damit das Haus nur im äußersten Notfall betreten oder verlassen würde; sie verbot für ein Jahr lautes Sprechen und stellte Remedios’ von einem schwarzen Flor umkränzten und von einem ewigen Lämpchen beleuchteten Daguerreotyp in dem Raum auf, in dem die Totenwache gehalten wurde.

Künftige Geschlechter, die das Lämpchen nie ausgehen ließen, sollten außer Fassung geraten über dieses Kind im Faltenrock, in weißen Stiefeletten und einer Organzaschleife im Haar, das sie nicht mit dem erwarteten Bild einer Urgroßmutter in Übereinstimmung zu bringen vermochten. Amaranta nahm sich Aureliano Josés an. Sie betrachtete ihn wie einen Sohn, der ihre Einsamkeit teilen und von dem unbeabsichtigten Laudanum erleichtern sollte, das ihre unsinnigen Gebete in Remedios’

Kaffee geschüttet hatten. Abends kam Pietro Crespi auf Zehenspitzen mit einem schwarzumflorten Hut und stattete einer in ihrem schwarzen, langärmeligen Kleid blutleer wirkenden Rebeca seinen Besuch ab. Der bloße Gedanke an einen neuen Hochzeitstermin wäre so unehrerbietig gewesen, daß die Verlobung in einen Dauerzustand überging, in eine erschlaffte Liebe, die niemand mehr beachtete, als wären die Verliebten, die in vergangenen Tagen die Lampen beschädigten, um sich küssen zu können, der Willkür des Todes zum Opfer gefallen. Richtungslos und völlig ratlos aß Rebeca von neuem Erde.

Plötzlich — als die Trauerzeit schon so lange dauerte, daß die Kreuzstichnachmittage wiederaufgenommen worden waren — stieß jemand in der tödlichen Stille der Hitze gegen zwei Uhr nachmittags die Haustür auf, und die Türpfosten zitterten so stark im Zement, daß Amaranta und ihre in der Veranda stickenden Freundinnen, daß die im Schlafzimmer am Daumen lutschende Rebeca, daß Ursula in der Küche, Aureliano in seiner Werkstatt und sogar José Arcadio Buendía unter der einsamen Kastanie den Eindruck hatten, ein Erdbeben hebe das Haus aus den Angeln. Ein ungewöhnlicher Mensch war angekommen. Seine kantigen Schultern gingen kaum durch die Türen. Er trug ein kleines Medaillon der Jungfrau-von-den-Heilmitteln um seinen Bisonhals, Arme und Brust waren vollständig mit geheimen Tätowierungen bedeckt, und sein rechtes Handgelenk umspannte der enge Kupferreif der Kinder-am-Kreuz. Seine Haut war vom Salz der Unwetter gegerbt, sein Haar war kurz und borstig wie die Mähne eines Maulesels, seine Kiefern waren eisern und sein Blick traurig.

Sein Gürtel war doppelt so dick wie der Sattelgurt eines Pferdes, seine Stiefel waren mit Gamaschen, Sporen und eisenbeschlagenen Absätzen versehen, und seine Gegenwart wirkte erschütternd wie ein Erdbebenstoß. Etliche halbzerfetzte Quersäcke tragend, durchschritt er Besuchs- und Wohnzimmer und erschien mit Donnergetöse in der Begonienveranda, wo Amaranta und ihre Freundinnen, ihre Sticknadeln zückend, wie gelähmt saßen. ≫Guten≪, sagte er mit erschöpfter Stimme, warf die Säcke auf den Arbeitstisch und schritt auf die hinteren Räume des Hauses zu. ≫Guten≪, sagte er zu der erschrockenen Rebeca, die ihn an ihrer Schlafzimmertür vorbeigehen sah.

≫Guten≪, sagte er zu Aureliano, der mit hellwachen fünf Sinnen an seinem Goldschmiedetisch saß. Er unterhielt sich mit niemandem und ging unmittelbar in die Küche, und dort hielt er zum erstenmal am Ende einer Reise inne, die er am anderen Ende der Welt begonnen hatte. ≫Guten≪, sagte er.

Ursula blieb für den Bruchteil einer Sekunde der Mund offenstehen, dann blickte sie ihm in die Augen, stieß einen Schrei aus und hängte sich vor Freude schreiend und weinend an seinen Hals. Es war José Arcadio. Er kehrte so arm zurück, wie er ausgezogen war, und zwar so arm, daß Ursula ihm zwei Pesos geben mußte, damit er das Mietpferd bezahlen konnte.

Er sprach ein mit Seemannssprache untermischtes Spanisch.

Man fragte ihn, wo er ewesen sei, und er antwortete:

≫Dortwo.≪ Er spannte seine Hängematte in der ihm zugewiesenen Kammer auf und schlief drei Tage lang. Als er erwachte und nachdem er sechzehn rohe Eier verspeist hatte, schritt er unmittelbar zu Catarinos Butike, wo seine monumentale Korpulenz unter den Weibern panikhafte Neugierde auslöste. Er bestellte auf seine Rechnung Musik und Schnaps für alle. Er schloß mit fünf Männern gleichzeitig Kraftwetten ab. ≫Unmöglich≪, sagten sie, als sie sich davon überzeugten, daß es ihnen nicht gelang, seinen Arm von der Stelle zu bewegen. ≫Er hat Kinder-am-Kreuz.≪ Catarino, der nicht an Kraftproben glaubte, wettete zwölf Pesos darauf, daß er nicht die Theke würde fortschieben können. José Arcadio riß sie von ihrem Platz weg, hob sie freihändig über seinen Kopf in die Höhe und trug sie auf die Straße. Elf Männer waren notwendig, um sie wieder hereinzutragen. In der Hitze des Feierns präsentierte er auf der Theke seine unwahrscheinliche Männlichkeit, die über und über mit einem blau-roten Wortgeflecht in mehreren Sprachen tätowiert war. Die Weiber, die ihn mit ihrer Lüsternheit belagerten, fragte er, wer von ihnen am meisten zahle. Die, welche am meisten besaß, bot zwanzig Pesos. Daraufhin schlug er vor, die Nummer für zehn Pesos unter allen zu verlosen. Das war ein gewaltiger Preis, da die meistbegehrte Frau acht Pesos in der Nacht verdiente, doch alle waren einverstanden. Sie schrieben ihre Namen auf vierzehn Zettel, die sie in einen Hut warfen, und jede Frau zog einen. Als nur noch zwei Zettel übrig waren, wurden die Eigentümer festgestellt.

≫Weitere fünf Pesos für jede≪, schlug José Arcadio vor, ≫und ich teile mich in beide.≪

Davon lebte er. Als Mitglied einer heimatlosen Schiffsbesatzung war er fünfundsechzigmal um den Erdball gefahren. Die Frauen, die sich in jener Nacht in Catarinos Butike zu ihm legten, trugen ihn nachts in die Tanzdiele, um feststellen zu können, daß jeder Millimeter seines Körpers vorn und hinten, vom Hals bis zu den Fußspitzen, tätowiert war.

Sich in seiner Familie einzuleben, war ihm unmöglich. Er schlief den ganzen Tag und verbrachte die Nacht im Vergnügungsviertel bei Kraftwetten. Bei den wenigen Gelegenheiten, wo Ursula ihn an den Familientisch brachte, stellte er ein bezwingendes Wesen zur Schau, besonders wenn er von seinen Abenteuern in fernen Ländern erzählte. Er war nach einem Schiffbruch zwei Wochen ziellos in der Japanischen See getrieben und hatte sich vom Leib eines Gefährten ernährt, der einem Sonnenstich erlegen war und dessen gesalzenes und wiedergesalzenes und an der Sonne gekochtes Fleisch körnig-süßlich schmeckte. An einem strahlenden Mittag im Golf von Bengalen hatte sein Schiff einen Meerdrachen bezwungen, in dessen Bauch sie den Helm, die Schnallen und die Waffen eines Kreuzfahrers fanden. Er hatte im Karibischen Meer das Gespenst von Victor Hughes Korsar gesehen; die Segel waren vom Todeswind zerfetzt, das Mastwerk von Meerschaben zerfressen, und der Kurs auf Guadeloupe war für immer verfehlt. Ursula weinte bei Tisch, als läse sie die nie angekommenen Briefe, in denen José Arcadio von seinen Taten und Fehlschlägen berichtete. ≫Und dabei haben wir hier soviel Platz, mein Sohn≪, schluchzte sie.

≫Und dabei ging soviel Essen hinaus zu den Schweinen!≪

Doch im Grunde konnte sie sich nicht vorstellen, daß der junge Bursche, den die Zigeuner mitgenommen hatten, der gelbe Schnapphahn war, der zum Mittagessen ein halbes Spanferkel verspeiste und von dessen Blähungen die Blumen welkten. Der übrigen Familie ging es nicht viel anders. Amaranta vermochte ihren Ekel nicht zu verbergen, den ihr sein bestialisches Rülpsen bei Tisch verursachte. Arcadio, der nie das Geheimnis seiner Abstammung erfahren hatte, beantwortete kaum die Frage, die er ihm mit der offensichtlichen Absicht stellte, seine Zuneigung zu erobern. Aureliano suchte die Zeit wieder zu durchleben, in der sie im gleichen Zimmer geschlafen hatten, er versuchte die alte Kindergemeinsamkeit wiederherzustellen, doch José Arcadio hatte beides vergessen, weil das Seemannsleben die Erinnerung mit zu vielen erinnerbaren Dingen gesättigt hatte. Nur Rebeca erlag dem ersten Eindruck.

An dem Nachmittag, an dem sie ihn an ihrem Schlafzimmer vorbeigehen sah, dachte sie, Pietro Crespi sei nichts als ein Zuckermandelgeck neben diesem Proto-Mann, dessen vulkanischer Atem im ganzen Haus zu hören war. So suchte sie seine Nähe unter jedwedem Vorwand. Einmal betrachtete José Arcadio ihren Körper mit schamloser Aufmerksamkeit und sagte: ≫Bist ein Mordsweib, Schwesterchen.≪ Rebeca verlor die Selbstbeherrschung. Wieder aß sie mit der Gier vergangener Tage Erde und Kalk von den Wänden und lutschte so begehrlich am Daumen, daß sie eine Hornhaut bekam.

Erbrach eine grüne, mit toten Blutegeln vermischte Brühe.

Verbrachte wache Nächte, fieberschlotternd, gegen das Delirium ankämpfend und wartend, bis im Morgengrauen das Haus bei José Arcadios Rückkehr zitterte. Eines Nachmittags, als alle ihr Schlummerstündchen genossen, hielt sie es nicht länger aus und ging in sein Schlafzimmer. Sie fand ihn in Unterhosen wach in der mit Schiffstauen an den Balken festgespannten Hängematte liegen. Seine riesige, vierschrötige Nacktheit beeindruckte sie dermaßen, daß sie den Rückzug antreten wollte. ≫Verzeihung≪, sagte sie. ≫Ich wußte nicht, daß Sie da sind.≪ Dabei senkte sie die Stimme, um niemanden zu wecken. ≫Komm her≪, sagte er. Rebeca gehorchte. Blieb an der Hängematte stehen, Eis schwitzend und spürend, wie sich ihre Eingeweide verknoteten, während José Arcadio mit den Fingerspitzen ihre Knöchel, dann ihre Waden und schließlich ihre Schenkel streichelte und murmelte: ≫Ach Schwesterchen, ach Schwesterchen.≪ Sie mußte sich übernatürlich anstrengen, um nicht zu sterben, als eine verblüffend beherrschte Zyklonenkraft sie an der Taille hochhob, sie mit drei Griffen ihrer Unterwäsche entledigte und sie zermalmte wie ein Vögelchen. Sie konnte noch gerade Gott für ihre Geburt danken, bevor sie in dem unbegreiflichen Genuß jenes unerträglichen Schmerzes das Bewußtsein verlor, während sie in dem dampfenden Sumpf der Hängematte plantschte, welche die Explosion ihres Blutes wie Löschpapier verschluckte.

Drei Tage später heirateten sie während der Fünfuhrmesse.

José Arcadio war am Tage zuvor in Pietro Crespis Laden gegangen. Er hatte ihn beim Zitherunterricht angetroffen und daher nicht auf die Seite gerufen. ≫Ich heirate Rebeca≪, sagte er. Pietro Crespi erbleichte, übergab die Zither einem seiner Schüler und erklärte die Unterrichtsstunde für beendet. Als sie in dem von Musikinstrumenten und Aufziehspielzeug wimmelnden Salon allein waren, sagte Pietro Crespi:

≫Sie ist Ihre Schwester.≪

≫Ist mir gleichgültig≪, erwiderte José Arcadio.

Pietro Crespi wischte sich mit einem lavendelbesprengten Taschentuch über die Stirn.

≫Es ist gegen die Natur≪, erklärte er. ≫Und außerdem verbietet es das Gesetz.≪

José Arcadio Buendía verlor die Geduld, doch weniger über Pietro Crespis Einwände als über dessen Blässe.

≫Ich scheiß zweimal auf die Natur≪, sagte er. ≫Und ich komme eigens her, es Ihnen zu sagen, damit Sie sich nicht die Mühe machen und Rebeca Fragen stellen.≪

Doch sein brutales Verhalten sank sofort in sich zusammen, als er Pietro Crespis feuchte Augen sah.

≫Wenn Ihnen aber die Familie zusagt≪, sagte er in verändertem Tonfall, ≫ist noch Amaranta da.≪

In seiner Sonntagspredigt offenbarte Pater Nicanor, daß José Arcadio und Rebeca keine Geschwister seien. Ursula verzieh nie das, was sie einen unbegreiflichen Mangel an Respekt nannte, und verbot den Neuvermählten nach der Rückkehr aus der Kirche, jemals wieder die Schwelle ihres Hauses zu betreten. Für sie war es, als seien sie tot. So mieteten sie ein Häuschen vor dem Friedhof und richteten sich darin ohne Möbel außer José Arcadios Hängematte ein. In der Hochzeitsnacht wurde Rebecas Fuß von einem Skorpion gebissen, der in ihren Pantoffel geschlüpft war. Ihre Zunge schlief ein, doch das hinderte das Paar nicht, aufsehenerregende Flitterwochen zu feiern. Die Nachbarn erschraken von den Schreien, die das ganze Viertel bis zu achtmal in der Nacht und bis zu dreimal im Mittagsschlummer weckten, und beteten, daß eine so entfesselte Leidenschaft nicht den Frieden der Toten störe.

Aureliano war der einzige, der sich um sie kümmerte. Er kaufte ihnen ein paar Möbel und verschaffte ihnen Geld, bis José Arcadio den Sinn für die Wirklichkeit wiederfand und das an den Innenhof des Hauses grenzende Niemandsland bestellte.

Amaranta hingegen vermochte nie ihren Groll gegen Rebeca zu überwinden, wenngleich ihr das Leben eine nie erträumte Genugtuung bescherte: auf das Betreiben Ursulas, die nicht wußte, wie sie die Beschämung wiedergutmachen sollte, aß Pietro Crespi, der sein Fiasko mit besonnener Würde überwunden hatte, dienstags im Hause zu Mittag. Er trug weiterhin den schwarzen Trauerflor um den Hut, zum Zeichen, wie sehr er die Familie schätzte, und gefiel sich darin, Ursula seine Zuneigung durch exotische Mitbringsel zu beweisen: portugiesische Sardinen, Türkenrosenpaste und bei einer besonderen Gelegenheit einen hinreißenden Manilaschal.

Amaranta kam ihm mit liebevoller Beflissenheit entgegen. Sie erriet seine Vorlieben, riß die zerfaserten Fäden an seinen Hemdmanschetten ab und schenkte ihm zu seinem Geburtstag ein Dutzend Taschentücher mit eigens eingesticktem Monogramm. Dienstags nach dem Mittagessen, während sie in der Veranda stickte, leistete er ihr fröhliche Gesellschaft. Für Pietro Crespi war diese Frau, die er stets als Kind betrachtet und behandelt hatte, eine Offenbarung. Wenngleich sie der Anmut entbehrte, besaß sie seltene Empfindsamkeit, die Dinge der Welt einzuschätzen, und dazu eine geheime Zärtlichkeit.

Eines Dienstags, als niemand mehr zweifelte, daß dies früher oder später eintreten würde, bat Pietro Crespi sie, ihn zu heiraten. Sie unterbrach nicht ihre Arbeit. Sie wartete, bis die heiße Röte ihrer Ohren geschwunden war, und verlieh ihrer Stimme den Unterton besonnener Reife.

≫Natürlich, Crespi≪, sagte sie. ≫Doch erst, wenn wir uns besser kennen. Es ist nie gut, die Dinge zu übereilen.≪

Ursula war beunruhigt. Trotz ihrer Wertschätzung für Pietro Crespi konnte sie nicht mit sich ins reine kommen, ob seine Entscheidung nach der langen, lauten Verlobungszeit mit Rebeca vom moralischen Standpunkt aus gut oder schlecht war. Doch zu guter Letzt nahm sie es als eine wertfreie Tatsache hin, weil niemand ihre Zweifel teilte. Aureliano, der Herr des Hauses, brachte sie mit seiner rätselhaft-endgültigen Meinung vollends aus der Fassung:

≫Die Zeiten sind nicht danach, ans Heiraten zu denken.≪

Diese Meinung, die Ursula erst einige Monate später verstand, war die einzige aufrichtige, die Aureliano in jenem Augenblick äußern konnte, nicht nur im Hinblick auf die Eheschließung, sondern auch auf irgendeine Angelegenheit, die nicht den Krieg betraf. Er selbst sollte vor dem Erschießungskommando nicht sonderlich gut die Verkettung jener Reihe von feinen, aber unwiderruflichen Zufällen begreifen, die ihn bis zu diesem Punkt geführt hatten.

Remedios’ Tod hatte in ihm nicht die Erschütterung ausgelöst, die er befürchtet hatte. Es war eher ein dumpfes Gefühl der Wut gewesen, die allmählich zu einer einsamen, leidvollen Empfindung des Scheiterns zerfloß, ähnlich jener, die er in Zeiten durchlebt hatte, als er sich mit einem Leben ohne Frau abgefunden hatte.

Wieder stürzte er sich in die Arbeit, bewahrte aber die Gewohnheit, mit seinem Schwiegervater Domino zu spielen. In einem trauergelähmten Haus befestigten die abendlichen Unterhaltungen die Freundschaft der beiden Männer. ≫Heirate wieder, Aurelito≪, riet der Schwiegervater. ≫Ich habe sechs Töchter zur Auswahl.≪ Bei einer bestimmten Gelegenheit, am Vorabend der Wahlen, kehrte Don Apolinar Moscote, besorgt über die politische Lage des Landes, von einer seiner häufigen Reisen zurück. Die Liberalen waren entschlossen, sich in den Krieg zu stürzen. Da Aureliano zu jener Zeit ziemlich wirre Vorstellungen von den Unterschieden zwischen Konservativen und Liberalen hatte, erteilte sein Schwiegervater ihm schematischen Unterricht. Die Liberalen, so sagte er, seien Freimaurer; Leute von schlechtem Charakter, die folglich dafür stimmten, Priester aufzuhängen, die standesamtliche Trauung und die Scheidung einzuführen, außerehelichen Kindern die gleichen Rechte wie rechtmäßigen einzuräumen und das Land in ein Föderalsystem zu zerstückeln, das die höchste Machtbefugnis aller Rechte entkleiden würde. Die Konservativen dagegen, welche die Macht unmittelbar von Gott empfangen hatten, kämpften für die Beständigkeit der öffentlichen Ordnung und der Familienmoral; sie waren die Verfechter des Glaubens an Christus, des Autoritätsprinzips und waren nicht bereit, die Aufteilung des Landes in autonome Einheiten zu gestatten. Aus humanitären Gründen liebäugelte Aureliano mit der liberalen Einstellung im Hinblick auf die Rechte der unehelichen Kinder, begriff jedoch keineswegs, daß man sich wegen Dingen, die nicht mit Händen zu greifen waren, zu einem Krieg versteigen konnte. Es kam ihm überhaupt übertrieben vor, daß sein Schwiegervater für die Wahlen eines von politischen Leidenschaften unberührten Dorfs sechs von einem Sergeanten befehligte gewehrtragende Soldaten kommen ließ. Diese kamen nicht nur an, sondern zogen auch noch von Haus zu Haus und beschlagnahmten alle Jagdwaffen, Buschmesser und sogar Küchenmesser, bevor sie unter alle Männer über einundzwanzig Jahre blaue Zettel mit den Namen der konservativen Kandidaten und rote Zettel mit den Namen der liberalen Kandidaten verteilten. Am Vorabend der Wahlen verlas Don Apolinar Moscote höchstpersönlich eine Verordnung, die von Samstag mitternacht an achtundvierzig Stunden lang den Verkauf alkoholischer Getränke und Versammlungen von mehr als drei nicht derselben Familie angehörigen Personen verbot. Die Wahlen verliefen ohne Zwischenfälle. Am Sonntagmorgen um acht Uhr stand auf dem Platz die von den sechs Soldaten bewachte Holzurne. Es wurde in aller Freiheit gewählt, wie Aureliano sich selbst überzeugen konnte, der fast den ganzen Tag mit seinem Schwiegervater aufpaßte, daß keiner mehr als einmal wählte. Um vier Uhr nachmittags verkündete ein Trommelwirbel auf dem Platz das Ende des Wahltags, und Don Apolinar Moscote versiegelte die Urne mit einem eigenhändig unterzeichneten Etikett. An jenem Abend, während er mit Aureliano Domino spielte, befahl er dem Sergeanten, das Etikett aufzubrechen und die Stimmen zu zählen. Es waren fast ebenso viele rote wie blaue Zettel vorhanden, doch der Sergeant zählte nur zehn rote und ergänzte die Differenz mit blauen. Dann versiegelten sie die Urne mit einem neuen Etikett, und am nächsten Tag nahmen die Soldaten sie in aller Herrgottsfrühe in die Provinzhauptstadt mit. ≫Die Liberalen werden in den Krieg gehen≪, sagte Aureliano. Don Apolinar wandte seine Aufmerksamkeit nicht von den Dominosteinen.

≫Wenn du das wegen der Vertauschung der Zettel sagst, so sage ich dir: Sie werden nicht gehen≪, sagte er. ≫Man läßt ein paar rote Zettel, damit es keine Anstände gibt.≪ Aureliano begriff die Nachteile der Opposition. ≫Wäre ich liberal≪, sagte er, ≫ich ginge wegen dieser Zettel in den Krieg.≪ Sein Schwiegervater blickte ihn über den Brillenrand an.

≫Ach, Aureliano≪, sagte er. ≫Wenn du liberal wärst, hättest du die Vertauschung der Zettel nicht gesehen, selbst wenn du mein Schwiegersohn bist.≪

Was wirklich im Dorf Empörung hervorrief, war nicht das Wahlergebnis, sondern die Tatsache, daß die Soldaten die Waffen nicht zurückgaben. Eine Gruppe Frauen sprach mit Aureliano, damit er bei seinem Schwiegervater die Rückerstattung der Küchenmesser erwirke. Don Apolinar Moscote erklärte ihm streng vertraulich, die Soldaten hätten die beschlagnahmten Waffen als Beweis dafür mitgenommen, daß die Liberalen sich für den Krieg rüsteten. Der Zynismus dieser Erklärung bestürzte ihn. Zwar äußerte er sich nicht dazu, doch eines Nachts, als Gerineldo Márquez und Magnifico Visbai mit anderen Freunden über den Vorfall mit den Messern sprachen, fragten sie ihn, ob er liberal oder konservativ sei. Aureliano zauderte nicht: ≫Wenn es etwas sein muß, dann liberal≪, sagte er, ≫weil die Konservativen Schwindler sind.≪

Am nächsten Tag besuchte er auf Betreiben seiner Freunde Dr. Alirio Noguera, damit dieser seine angeblichen Leberbeschwerden behandle. Er hatte keine Ahnung, was diese Lüge zu bedeuten hatte. Dr. Alirio Noguera war vor wenigen Jahren nach Macondo gekommen, ausgerüstet mit einer von geschmacklosen Arzneikügelchen angefüllten Hausapotheke und einem ärztlichen Wahlspruch, der niemanden überzeugte:

≫Ein Nagel zieht einen zweiten aus.≪

In Wirklichkeit war er ein Scharlatan. Hinter der harmlosen Fassade eines ruhmlosen Arztes verbarg sich ein Terrorist, der mit halbhohen Stiefeln die Narben an seinen Fesseln verbarg, die fünf Jahre Block hinterlassen hatten. Beim ersten föderalistischen Abenteuer gefangengenommen, entkam er nach Curaçao, verkleidet mit dem Gewand, das er am meisten auf der Welt verabscheute: eine Soutane. Nach langer Verbannung, aufgestachelt von den übertriebenen Nachrichten, welche die Verbannten des gesamten Karibischen Meers mitbrachten, schiffte er sich in einem Schmuggelschoner ein und tauchte mit den Pillenfläschchen, die nichts enthielten als Zuckerraffinade, und einem eigenhändig gefälschten Diplom der Universität Leipzig in Riohacha auf. Dort weinte er vor Enttäuschung. Der föderalistische Eifer, den die Exilierten als jeden Augenblick platzbereites Pulverfaß beschrieben, hatte sich in eine vage Wählerillusion aufgelöst. Über den Fehlschlag verbittert und begierig auf ein Plätzchen, an dem er beruhigt dem Alter entgegensehen konnte, flüchtete der falsche Homöopath nach Macondo. In dem mit leeren Flakons vollgestopften engen Zimmerchen, das er neben dem Dorfplatz gemietet hatte, lebte er mehrere Jahre von den hoffnungslosen Kranken, die, nachdem sie alles versucht hatten, sich mit Zuckerkügelchen trösteten. Sein Agitationstrieb ruhte, solange Don Apolinar Moscote eine dekorative Autorität war. Die Zeit verging ihm mit Erinnerungen und beim Bekämpfen seines Asthmas. Die bevorstehenden Wahlen waren der Faden, der ihn von neuem zum Knäuel der Auflehnung führte. So näherte er sich den jungen Leuten des Dorfes, die jeder politischen Bildung entbehrten, und begann eine stillschweigende Aufhetzungskampagne. Die zahlreichen roten Zettel, die in der Urne lagen und die Don Apolinar Moscote der den Jugendlichen eigenen Neuerungssucht zuschrieb, gehörten zu seinem Plan: er zwang seine Schüler zu wählen, um sie zu überzeugen, daß die Wahl eine Posse war. ≫Das einzig Wirksame≪, sagte er, ≫ist die Gewalt.≪ Die Mehrheit von Aurelianos Freunden war von dem Gedanken, die konservative Ordnung zu beseitigen, begeistert, doch keiner von ihnen hatte gewagt, ihn in ihre Pläne einzuschließen, nicht nur wegen seiner Verbindung mit dem Landrichter, sondern auch wegen seines einsiedlerischen, menschenscheuen Wesens. Überdies wußte man, daß er auf Anweisung seines Schwiegervaters blau gewählt hatte. So hatte er rein zufällig seine politischen Gefühle geäußert, und reine Neugierde hatte ihn auf den verrückten Einfall gebracht, den Arzt aufzusuchen, um sich von einer Beschwerde heilen zu lassen, an der er nicht litt. In dem nach Kampfer riechenden Spinnwebenloch traf er eine Art von staubbedecktem Leguan, dessen Lungen beim Sprechen zischten. Bevor er eine Frage stellte, zog der Arzt ihn zum Fenster und klappte sein unteres Augenlid um. ≫Da ist nichts≪, sagte Aureliano weisungsgemäß. Dann stieß er sich mit den Fingerspitzen in die Leber und fügte hinzu: ≫Hier habe ich Schmerzen, die mich nicht schlafen lassen.≪ Worauf der Doktor Noguera unter dem Vorwand des starken Sonnenlichts das Fenster schloß und ihm in schlichten Worten erklärte, daß es eine patriotische Pflicht sei, die Konservativen zu ermorden.

Mehrere Tage hindurch trug Aureliano ein Fläschchen in der Hemdtasche. Alle zwei Stunden zog er es hervor, tat drei Kügelchen auf die Handfläche und kippte sie ruckartig auf die Zunge, wo er sie langsam zergehen ließ. Don Apolinar Moscote spottete über seinen Glauben an die Homöopathie, die Mitglieder des Komplotts hingegen erkannten daran einen der ihren. Fast alle Söhne der Gründer waren verwickelt, wenn auch niemand genau wußte, worin die Verschwörung bestand, die sie im Schilde führten. Im übrigen zog sich Aureliano an dem Tag, als der Arzt ihm das Geheimnis anvertraute, aus der Verschwörung zurück. Wenn er auch von der Dringlichkeit, das konservative Regime zu stürzen, überzeugt war, so löste der Plan in ihm dennoch Abscheu aus. Doktor Noguera war ein Mystiker des persönlichen Attentats. Sein System beschränkte sich auf die Verbindung einer Reihe von Einzelaktionen, die mit einem meisterlichen Schlag von nationaler Tragweite die Beamten des Regimes mit ihren Familien, insbesondere mit ihren Kindern beseitigen sollte, um damit den Konservativismus mit der Wurzel auszurotten. Natürlich standen Don Apolinar Moscote, seine Frau und seine sechs Töchter auf der Liste.

≫Sie sind weder ein Liberaler noch sonst etwas≪, sagte Aureliano, ohne sich zu erregen. ≫Sie sind nichts als ein Schlachter.≪

≫In diesem Fall≪, antwortete der Arzt ebenso ruhig, ≫kannst du mir das Fläschchen zurückgeben. Dann brauchst du es nicht mehr.≪

Erst sechs Monate später erfuhr Aureliano, daß der Arzt ihn als Mann der Aktion aufgegeben hatte, weil er ihn für einen zukunftslosen Schwärmer von schwachem Charakter und ausgesprochener Neigung zur Einsamkeit hielt. Man versuchte ihn zu beschatten, aus Furcht, er könne die Verschwörung verraten. Doch Aureliano beruhigte sie: er würde kein Wort sagen, aber in der Nacht, in der es ihnen einfallen sollte, einen Mordanschlag auf die Familie Moscote zu verüben, würde er als Verteidiger auf der Schwelle ihres Hauses stehen. Dabei legte er eine so überzeugende Entschlußkraft an den Tag, daß der Plan auf unbestimmte Zeit verschoben wurde. In jenen Tagen bat Ursula ihn um seine Meinung über Pietro Crespis und Amarantas Hochzeit, und er erwiderte, die Zeiten seien nicht danach, um an dergleichen zu denken. Seit einer Woche trug er eine altertümliche Pistole unter dem Hemd. Er überwachte seine Freunde. Besuchte nachmittags José Arcadio und Rebeca, die ihr Haus einzurichten begannen, zur Kaffeestunde und spielte von sieben Uhr abends ab mit seinem Schwiegervater Domino. Beim Mittagessen plauderte er mit Arcadio, der bereits ein hochgeschossener Junge war, und fand ihn von Mal zu Mal erregter wegen der drohenden Kriegsgefahr. In der Schule, wo Arcadio Schüler, die älter waren als er, zusammen mit Buben unterrichtete, die gerade sprechen lernten, war das liberale Fieber erwacht. Man sprach davon, Pater Nicanor zu erschießen, die Kirche in eine Schule umzuwandeln, die freie Liebe einzuführen. Aureliano suchte sein Ungestüm zu dämpfen, empfahl ihm Zurückhaltung und Vorsicht. Taub für seine besonnenen Vernunftgründe, für seinen Wirklichkeitssinn, warf Arcadio ihm in aller Öffentlichkeit Charakterschwäche vor. Aureliano wartete.

Endlich, Anfang Dezember, kam Ursula ganz verstört in die Werkstatt gestürzt.

≫Der Krieg ist ausgebrochen!≪

Tatsächlich war er vor drei Monaten ausgebrochen. Im ganzen Land herrschte das Standrecht. Der einzige, der es rechtzeitig erfuhr, war Don Apolinar Moscote, doch dieser gab die Nachricht nicht einmal an seine Frau weiter, während die Abteilung Soldaten einrückte, die das Dorf im Handstreich besetzen sollte. Mit zwei von Mauleseln gezogenen leichten Feldkanonen marschierten sie vor Tagesanbruch lautlos ein und bezogen Quartier in der Schule. Um sechs Uhr abends war Zapfenstreich. Die diesmal befohlene Requisition wurde strenger, von Haus zu Haus vorgenommen, so daß sogar Handwerkszeug beschlagnahmt wurde. Gewaltsam schleppten die Soldaten den Doktor Noguera aus seinem Haus, fesselten ihn an einen Baum des Dorfplatzes und erschossen ihn standrechtlich. Pater Nicanor versuchte die Militärbehörden mit dem Wunder der Levitation zu beeindrucken, worauf ein Soldat ihm mit dem Gewehrkolben über den Kopf schlug. Die liberale Erregung erlosch in stummem Schrecken. Aureliano, bleich, verschlossen, spielte nach wie vor Domino mit seinem Schwiegervater. Er begriff, daß Don Apolinar Moscote trotz seiner augenblicklichen Stellung als Zivil- und Militäroberhaupt des Orts von neuem eine dekorative Autorität geworden war. Die Entscheidungen traf ein Hauptmann des Heeres, der jeden Morgen eine Sonderabgabe für die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung erhob. Auf seinen Befehl entrissen vier Soldaten eine Frau, die von einem tollwütigen Hund gebissen worden war, ihren Angehörigen und erschlugen sie auf offener Straße mit Gewehrkolbenhieben.

Eines Sonntags, zwei Wochen nach der Besetzung, betrat Aureliano das Haus von Gerineldo Márquez und bat wortkarg wie üblich um eine Tasse Kaffee ohne Zucker. Als die beiden allein in der Küche waren, verlieh Aureliano seiner Stimme eine Autorität, die man nie an ihm gekannt hatte. ≫Bring die Jungens auf den Trab≪, sagte er. ≫Wir ziehen in den Krieg.≪

Germeldo Márquez traute seinen Ohren nicht.

≫Mit was für Waffen?≪ fragte er.

≫Mit den ihren≪, erwiderte Aureliano.

Dienstag um Mitternacht nahmen einundzwanzig mit Tischmessern und geschliffenen Eisenbolzen bewaffnete, noch nicht dreißig Jahre alte Männer unter Aureliano Buendías Anführung die Garnison durch einen halsbrecherischen Handstreich, bemächtigten sich der Waffen und erschossen im Innenhof den Hauptmann und die vier Soldaten, die besagte Frau ermordet hatten.

In derselben Nacht, während die Salven des Erschießungskommandos erschallten, wurde Arcadio zum Zivil- und Militärchef des Platzes ernannt. Die verheirateten Aufrührer hatten kaum Zeit, Abschied zu nehmen von ihren Frauen, die sie ihrem eigenen Schicksal überlassen mußten.

Bejubelt von der von der Schreckensherrschaft befreiten Bevölkerung zogen sie im Morgengrauen ab, um sich den Streitkräften des Revolutionsgenerals Victorio Medina anzuschließen, der letzten Nachrichten zufolge in Richtung Manaure marschierte. Vor dem Auszug zerrte Aureliano Don Apolinar Moscote aus einem Wandschrank. ≫Verhalten Sie sich ruhig, Herr Schwiegervater≪, riet er ihm. ≫Die neue Regierung gewährleistet auf Ehrenwort die Sicherheit Ihrer Person und Ihrer Familie.≪ Don Apolinar Moscote fand es nicht leicht, den Verschwörer mit hohen Stiefeln und einem über die Schulter geschlungenen Gewehr mit dem Menschen in Einklang zu bringen, der mit ihm bis neun Uhr abends Domino gespielt hatte.

≫Das ist eine Dummheit, Aurelito≪, rief er aus.

≫Keineswegs≪, antwortete Aureliano. ≫Das ist Krieg. Und nennen Sie mich nicht mehr Aurelito, denn jetzt bin ich Oberst Aureliano Buendía.≪

6

Der Herr Oberst Aureliano Buendía zettelte zweiunddreißig bewaffnete Aufstände an und verlor sie allesamt. Er hatte von siebzehn verschiedenen Frauen siebzehn Söhne, die einer nach dem anderen in einer einzigen Nacht ausgerottet wurden, bevor der älteste das fünfunddreißigste Lebensjahr erreichte. Er entkam vierzehn Attentaten, dreiundsiebzig Hinterhalten und einem Erschießungskommando. Er überlebte eine Ladung Strychnin in seinem Kaffee, die genügt hätte, ein Pferd zu töten. Er lehnte den Verdienstorden ab, den der Präsident der Republik ihm verleihen wollte. Er wurde sogar Oberbefehlshaber der Revolutionsstreitkräfte, der die Rechtsprechung und Befehlsgewalt von einer Grenze zur anderen innehatte, überdies wurde er der von der Regierung gefürchtetste Mann, ließ jedoch niemals zu, daß er fotografiert wurde. Er lehnte die lebenslängliche Pension, die man ihm nach dem Krieg anbot, ab und lebte bis ins hohe Alter von den Goldfischchen, die er in seiner Werkstatt in Macondo herstellte. Wenngleich er stets an der Spitze seiner Truppen kämpfte, fügte er sich die einzige Wunde, die er je erhielt, nach der Unterzeichnung der Kapitulation von Neerlandia, die nahezu zwanzig Jahre Bürgerkrieg beendete, selbst zu: Er schoß sich eine Pistolenkugel in die Brust, doch das Geschoß kam im Rücken heraus, ohne ein lebenswichtiges Organ verletzt zu haben. Das einzige, was von dem Ganzen zurückblieb, war eine nach ihm benannte Straße in Macondo.

Im übrigen erwartete er nach eigenen, wenige Jahre vor seinem durch Altersschwäche erfolgten Tod gemachten Aussagen nicht einmal das an jenem Tagesanbruch, als er mit seinen einundzwanzig Männern auszog, um sich mit General Victorio Medinas Streitkräften zu vereinigen.

≫Wir lassen dich, Macondo≪, war alles, was er vor dem Abmarsch zu Arcadio sagte. ≫Wir lassen dich wohlgeordnet zurück, sieh zu, daß wir dich wohlgeordneter wiederfinden.≪

Arcadio deutete diese Empfehlung auf sehr persönliche Weise. Er erfand sich eine Uniform mit Marschallstressen und -Schulterstücken, zu der ihn eine Abbildung aus einem von Melchíades’ Büchern angeregt hatte, und band sich an seinen Gürtel den mit einer goldenen Quaste geschmückten Degen des erschossenen Hauptmanns. Er postierte die zwei Feldkanonen am Dorfeingang, steckte seine von seinen anfeuernden Aufrufen aufgewiegelten früheren Schüler in Uniform und ließ sie bewaffnet durch die Gassen patrouillieren, um die Fremden mit ihrer Unbezwinglichkeit einzuschüchtern. Das war eine zweischneidige List, weil die Regierung zehn Monate lang nicht wagte, die Garnison anzugreifen, doch als sie es dann tat, setzte sie eine so unverhältnismäßig starke Streitmacht ein, daß sie den Widerstand in einer halben Stunde brach. Vom ersten Tag seiner Vollmacht an offenbarte Arcadio seine Vorliebe für Erlasse. Bis zu vier Bekanntmachungen ließ er täglich ausrufen, um all das zu befehlen und anzuordnen, was ihm durch den Kopf ging. So führte er den Zwangsmilitärdienst vom achtzehnten Lebensjahr an ein, erklärte die Tiere, die nach sechs Uhr abends in den Straßen gesehen wurden, zum Gemeinbesitz und verpflichtete alle mündigen Männer, eine rote Armbinde zu tragen. Pater Nicanor erlegte er unter Androhung des Erschießens Hausarrest im Pfarrhaus auf und verbot ihm, die Messe zu lesen und die Glocken zu läuten — es sei denn, um Siege der Liberalen zu feiern. Damit niemand an der Strenge seiner Absichten zweifle, ließ er ein Erschießungskommando auf dem öffentlichen Platz auf eine Vogelscheuche Zielübungen machen. Anfangs nahm ihn niemand ernst. Schließlich waren es ja nur Schuljungen, die Erwachsene spielten. Doch eines Nachts, als Arcadio in Catarinos Butike trat, begrüßte der Trompeter der Kapelle ihn mit einem Fanfarenstoß, der das Gelächter der Kundschaft entfesselte, worauf Arcadio ihn wegen Mißachtung der Autorität erschießen ließ. Wer Einspruch erhob, wurde bei Wasser und Brot an den Fußknöcheln in den Block geworfen, den er in einem Klassenzimmer der Schule aufstellen ließ. ≫Du bist ein Mörder!≪ schrie Ursula ihn jedesmal an, wenn ihr eine neue Tat der Willkür hinterbracht wurde. ≫Wenn Aureliano das erfährt, wird er dich erschießen lassen, und ich bin die erste, die frohlocken wird.≪ Doch es war alles umsonst. Arcadio zog die Schrauben einer unnötigen Strenge immer mehr an, bis er zum grausamsten Statthalter wurde, der je in Macondo geherrscht hatte. ≫Nun könnt ihr den Unterschied spüren≪, sagte Don Apolinar Moscote einmal. ≫Das also ist das liberale Paradies.≪ Arcadio erfuhr es. An der Spitze seiner Patrouille überfiel er das Haus, zerschlug alle Möbel, verprügelte die Töchter und schleppte Don Apolinar Moscote mit. Als Ursula in den Kasernenhof stürzte, nachdem sie ≫Schande≪ schreiend und einen geteerten Ochsenziemer schwingend durchs Dorf gerast war, schickte sich Arcadio an, dem Erschießungskommando höchstpersönlich Befehl zum Feuern zu erteilen.

≫Wage es, Bastard!≪ schrie Ursula.

Bevor Arcadio Zeit zu einer Regung fand, versetzte sie ihm den ersten Peitschenhieb. ≫Wage es, du Mörder!≪ schrie sie.

≫Und bring auch mich um, Sohn einer schlechten Mutter. Dann werde ich keine Augen mehr haben, um über die Schande zu weinen, ein Ungeheuer aufgezogen zu haben.≪ Und ihn erbarmungslos peitschend, verfolgte sie ihn bis in den Innenhof hinein, wo Arcadio sich wie eine Schnecke zusammenrollte.

Don Apolinar Moscote hing bewußtlos an dem Pfosten, vor dem die von den Schüssen des Übungsschießens zerfetzte Vogelscheuche gestanden hatte. Die jungen Leute des Trupps zerstreuten sich aus Furcht, Ursulas Unmut könne sich schließlich an ihnen auslassen. Sie gönnte ihnen jedoch keinen Blick, überließ den in seiner zerfetzten Uniform vor Schmerz und Wut tobenden Arcadio seinem Schicksal und band Don Apolinar Moscote los, um ihn nach Hause zu bringen. Bevor sie die Kaserne verließ, ließ sie die im Block Stöhnenden frei.

Fortan regierte sie im Dorf. Sie führte die Sonntagsmesse wieder ein, schaffte den Gebrauch der roten Armbinden ab und setzte die gallensüchtigen Erlasse außer Kraft. Doch trotz ihrer Stärke beweinte sie nach wie vor das Unglück ihres Schicksals.

Sie fühlte sich so einsam, daß sie die nutzlose Gesellschaft ihres unter dem Kastanienbaum vergessenen Ehemanns suchte.

≫Sieh, wohin wir gekommen sind≪, sagte sie, während der Juniregen das Palmendach einzudrücken drohte. ≫Sieh das leere Haus, unsere Söhne sind in alle Welt zerstreut, und wir beide allein wie zu Anfang.≪ José Arcadio Buendía, abgesunken in einen Abgrund der Unbewußtheit, war taub für ihre Klagen. Zu Beginn seines Wahnsinns hatte er seine täglichen Bedürfnisse mit ungeduldigen lateinischen Brocken verständlich gemacht. Damals, als Amaranta ihm sein Essen brachte, hatte er ihr in flüchtigen Blitzen der Hellsicht seine drückendsten Beschwerden mitgeteilt und sich demgemäß ihren Schröpfköpfen und Senfpflastern gefügt. Doch jetzt, da Ursula sich bei ihm beschwerte, hatte er jede Berührung mit der Wirklichkeit verloren. Körperteil um Körperteil wusch sie den noch immer auf seinem Bänkchen Hockenden, während sie ihm von der Familie berichtete. ≫Aureliano ist seit mehr als vier Monaten im Krieg, seitdem haben wir nichts mehr von ihm gehört≪, sagte sie, während sie ihm den Rücken mit einem Seifenlappen schrubbte. ≫José Arcadio ist wieder da, ein Mannsbild größer als du und ganz mit Kreuzstich bestickt, aber er ist nur gekommen, um unserem Haus Schande zu bringen.≪

Immerhin glaubte sie zu beobachten, daß die schlechten Nachrichten ihren Mann betrübten. Nun entschloß sie sich, ihn anzulügen. ≫Glaub nicht, was ich dir erzähle≪, sagte sie, während sie Asche auf seine Exkremente schüttete, um sie auf der Schaufel wegzutragen. ≫Gott wollte, daß José Arcadio und Rebeca heirateten, und nun sind sie glücklich.≪ Sie brachte ihre Schwindeleien so aufrichtig vor, daß sie selber in ihren Lügen Trost fand. ≫Arcadio ist ein zuverlässiger Mann≪, sagte sie.

≫Sehr tapfer und ein braver Junge mit seiner Uniform und seinem Säbel.≪ Es war, als spräche sie mit einem Toten, denn José Arcadio Buendía schwebte bereits jenseits aller Sorgen.

Doch sie ließ nicht locker. Sie sah ihn so zahm, so gleichgültig gegen alles, daß sie beschloß, ihn loszubinden. Doch er rührte sich nicht von seinem Bänkchen. Blieb weiter Sonne und Regen ausgesetzt, als seien die Stricke überflüssig gewesen, weil eine allen sichtbaren Fesseln überlegene Macht ihn am Stamm der Kastanie festgebunden hielt. Um den Monat August, als der Winter seßhaft zu werden begann, konnte Ursula ihm endlich eine Nachricht geben, die Wahrheit schien.

≫Stell dir vor, das Glück läßt uns nicht in Frieden≪, sagte sie.

≫Amaranta und der Italiener des Pianola wollen heiraten.≪

Amaranta und Pietro Crespi hatten im Vertrauensschutz Ursulas, die es diesmal nicht für nötig fand, Crespis Besuche zu überwachen, ihre Freundschaft vertieft. Es war eine dämmrige Verlobungszeit. Eine Gardenie im Knopfloch, kam der Italiener gegen Abend und übersetzte Amaranta Petrarcas Sonette in der von Majoran- und Rosenduft betäubten Veranda; und so las er vor, und sie webte Klöppelspitzen, bis die Mücken sie zwangen, im Wohnzimmer Zuflucht zu suchen.

Amarantas Empfindsamkeit, ihre verhaltene und doch bestrickende Zärtlichkeit hatten um den Verlobten ein unsichtbares Spinnennetz gewebt, das er buchstäblich mit seinen bleichen ringlosen Fingern auseinanderziehen mußte, um das Haus um acht Uhr verlassen zu können. Sie hatten mit Pietro Crespis aus Italien erhaltenen Postkarten ein kostbares Album angelegt. Es waren Bilder von Liebespaaren in einsamen Parks, geschmückt mit Vignetten aus pfeildurchbohrten Herzen und von Taubenschnäbeln gehaltenen goldenen Schleifen. ≫Ich kenne diesen Park in Florenz≪, sagte Pietro Crespi beim Durchblättern der Postkarten. ≫Man braucht nur die Hand auszustrecken, und die Vögel kommen und picken daraus.≪ Bisweilen, angesichts eines Aquarells von Venedig, verwandelte die Sehnsucht den Gestank der nach Schlamm und faulen Seemuscheln riechenden Kanäle in zartes Blumenarom. Amaranta seufzte, lachte, träumte von einem zweiten Vaterland mit schönen Männern und Frauen, die eine Kindersprache sprachen, von uralten Städten, von deren vergangener Größe nur Katzen zwischen Ruinen übriggeblieben waren. Nachdem er auf der Suche nach ihr den Ozean durchschifft, nachdem er die Liebe mit Rebecas heftigen Umarmungen verwechselt hatte, war Pietro Crespi das Geschenk der Liebe zuteil geworden. Das Glück zog den Wohlstand nach. Sein Ladengeschäft nahm schon fast einen Häuserblock ein, es war eine Winterweide der Phantasie mit Abbildungen des Campanile von Florenz, welcher die Uhrzeit mit einem Glockenkonzert einläutete, mit Musiktruhen aus Sorrent und Puderkästchen aus China, die eine fünftönige Melodie spielten, sobald sie geöffnet wurden, mit allen nur erdenklichen Musikinstrumenten und allen nur erträumbaren Aufziehkunstwerken. Bruno Crespi, sein jüngerer Bruder, führte den Laden, weil er kaum noch den Anforderungen seiner Musikschule nachkam. Dank seiner verwandelte sich die Türkenstraße mit seiner atemberaubenden Ausstellung von Nippessachen in einen stillen Winkel, in dem man Arcadios Willkür und den fernen Alptraum des Krieges vergessen konnte. Als Ursula wieder die Sonntagsmesse einführte, schenkte Pietro Crespi ihr für die Kirche ein deutsches Harmonium, rief einen Kinderchor ins Leben und stellte ein gregorianisches Repertoire zusammen, das Pater Nicanors stummem Ritual eine glänzende Note verlieh.

Niemand bezweifelte, daß er aus Amaranta eine glückliche Gattin machen würde. Ohne ihre Gefühle zu überfordern und sich ganz dem natürlichen Strom ihres Herzens überlassend, gelangten sie zu einem Punkt, wo sie nur noch den Hochzeitstag festzusetzen brauchten. Widerstände waren nicht zu befürchten. Ursula, die sich innerlich vorwarf, Rebecas Schicksalsweg durch wiederholten Aufschub verändert zu haben, war nicht gewillt, Gewissensbisse anzusammeln.

Infolge der Qualen des Krieges, Aurelianos Ferne, Arcadios Grausamkeit sowie José Arcadios und Rebecas Vertreibung war die tiefe Trauer um Remedios’ Tod auf den zweiten Platz gerückt. Angesichts der bevorstehenden Hochzeit hatte sogar Pietro Crespi durchblicken lassen, er wolle Aureliano José, für den er eine fast väterliche Zuneigung nährte, als seinen ältesten Sohn ansehen. Alles ließ vermuten, Amaranta sei im Begriff, einem Glück ohne Hemmnisse entgegenzugehen. Doch im Gegensatz zu Rebeca stellte sie keinerlei Ungeduld zur Schau.

Ebenso geduldig, wie sie Tischtücher bunt bestickte, Kleinode der Posamentierarbeit wirkte und Pfauen in Kreuzstich zauberte, wartete sie, daß Pietro Crespi dem Drängen seines Herzens nicht mehr widerstehe. Seine Stunde kam mit dem schlimmen Oktoberregen. Pietro Crespi zog den Stickrahmen von ihrem Schoß und preßte ihre Hand mit seinen Händen.

≫Nun kann ich nicht länger warten≪, sagte er. ≫Wir wollen nächsten Monat heiraten.≪ Amaranta zitterte nicht bei der Berührung seiner eiskalten Hände. Sie entzog ihm ihre Hand wie ein flüchtendes Tierchen und machte sich wieder an ihre Arbeit. ≫Sei doch nicht einfältig, Crespi≪, sagte sie lächelnd.

≫Nicht einmal tot heirate ich dich.≪ Pietro Crespi verlor die Selbstbeherrschung. Er weinte hemmungslos, riß sich fast, aber auch nur fast, seine Finger vor Verzweiflung aus. ≫Verlier deine Zeit nicht≪, war alles, was Amaranta sagte. ≫Wenn du mich wirklich liebst, so komm nicht mehr in dieses Haus.≪

Ursula glaubte vor Beschämung wahnsinnig zu werden. Pietro Crespi erschöpfte alle Mittel des Bittens und Flehens. Ja, er ging bis zum Äußersten der Selbsterniedrigung. Er weinte den ganzen Nachmittag in Ursulas Schoß, die ihre Seele verkauft hätte, um ihn zu trösten. In Regennächten sah man ihn mit einem seidenen Regenschirm ums Haus schleichen, um einen Lichtschein in Amarantas Schlafzimmer zu erhaschen. Nie war er sorgfältiger angezogen als zu jener Zeit. Sein erhabenes, gemartertes Kaiserhaupt gewann eine seltene Aura von Größe.

Er belästigte Amarantas Freundinnen, die mit ihr in der Veranda stickten, damit sie jene umstimmten. Er vernachlässigte sein Geschäft. Verbrachte den Tag im rückwärtigen Kontor und schrieb unsinnige Briefchen, die er Amaranta zusammen mit getrockneten Blütenblättern und gepreßten Faltern zukommen ließ und die sie ungeöffnet zurückschickte. Er schloß sich Stunden um Stunden zitherspielend ein. Eines Nachts sang er. Macondo erwachte betört, wie im siebten Himmel, vom Zitherspiel, das nicht wie von dieser Welt klang, außerdem von einer so glutvollen Stimme, wie sie auf Erden nie vernommen worden war. Nun sah Pietro Crespi Licht in allen Häusern des Dorfes, doch keines in Amarantas Fenster. Am zweiten November, dem Totensonntag, machte sein Bruder den Laden auf und fand alle Lampen brennend, alle Musiktruhen angestellt und alle Uhren auf ein nicht enden wollendes ein Uhr angehalten — und inmitten dieses wirren Konzerts fand er Pietro Crespi im rückwärtigen Kontor mit durchgeschnittenen Pulsadern und beiden Händen in einem benzolgefüllten Becken liegend.

Ursula bestimmte, daß die Totenwache im Hause gehalten werde. Pater Nicanor widersetzte sich der kirchlichen Totenfeier und der Beerdigung in geheiligter Erde.

Ursula bot ihm die Stirn. ≫Auf irgendeine Weise, die weder Sie noch ich verstehen können, war dieser Mann ein Heiliger≪, sagte sie. ≫Dann begrabe ich ihn gegen Ihren Willen neben Melchíades’ Grab.≪ Sie tat es unter Unterstützung des ganzen Dorfs mit einer prächtigen Totenfeier. Amaranta verließ nicht ihr Schlafzimmer. Vom Bett aus hörte sie Ursulas Weinen, die Schritte und das Gemurmel der Menge, die ins Haus strömte, das Heulen oder Klagen der Weiber und gleich darauf eine tiefe, nach zertrampelten Blumen riechende Stille. Lange Zeit spürte sie noch gegen Abend Pietro Crespis Lavendelatem, besaß jedoch Kraft genug, um nicht dem Taumel zu verfallen.

Ursula wandte sich von ihr ab. Sie hob nicht einmal die Augen, um sich ihrer zu erbarmen, als Amaranta eines Nachmittags in die Küche kam und die Hand auf die Herdglut legte, bis sie so schmerzte, daß sie keinen Schmerz mehr spürte, sondern nur noch den Pesthauch ihres versengten Fleisches. Das war eine Pferdekur gegen Gewissensbisse. Mehrere Tage lang ging sie durchs Haus, die Hand in einen Topf Eiweiß getaucht, und als ihre Brandwunden geheilt waren, schien es, als hätte das Eiweiß auch die Schwären ihres Herzens vernarbt. Die einzige äußere Spur, welche die Tragödie hinterlassen hatte, war die schwarze Gazebinde, die sie um die verbrannte Hand legte und die sie bis zu ihrem Tod tragen sollte.

Arcadio zeigte seltene Großzügigkeit, als er mit einem Erlaß offizielle Trauer für Pietro Crespi verordnete. Ursula deutete dies als Rückkehr des verlorenen Schafs. Doch darin irrte sie.

Sie hatte Arcadio nicht erst verloren, seitdem er Uniform angezogen hatte, sondern schon immer. Sie glaubte ihn wie einen Sohn aufgezogen zu haben, so wie Rebeca, ohne Vorrechte, aber auch ohne Benachteiligungen. Dennoch war Arcadio ein einsames, verschrecktes Kind, und zwar ebenso während der Schlaflosigkeitspest, mitten in Ursulas Nützlichkeitsfieber, wie auch zur Zeit von José Arcadio Buendías Delirium, von Aurelianos Verschlossenheit, bei der mörderischen Rivalität zwischen Amaranta und Rebeca.

Aureliano lehrte ihn lesen und schreiben und dachte dabei an anderes, genau wie es ein Fremder getan hätte. Er gab ihm seine Anzüge, damit Visitación sie kürzer mache, als sie bereits verbraucht waren. Arcadio litt an seinen viel zu großen Schuhen, an seinen geflickten Hosen, an seinem weiblichen Gesäß. Mit niemandem kam er zu einem vertrauten Verhältnis, das er mit Visitación und Cataure in deren Sprache genossen hatte. Melchíades war der einzige, der sich wahrhaft um ihn gekümmert hatte, der ihm seine unverständlichen Schriften vorgelesen und ihn in die Kunst der Daguerreotypie eingeweiht hatte. Niemand konnte sich vorstellen, wie tief und heimlich er dessen Tod beweinte und wie verzweifelt er ihn durch das nutzlose Studium seiner Papiere wieder zum Leben zu erwecken versuchte. Erst die Schule, in der er beachtet und geachtet wurde, und dann die Macht mit seinen eindeutigen Erlassen und seiner ruhmvollen Uniform vermochten ihn von der Last alter Bitternis zu befreien. Eines Nachts in Catarinos Butike wagte jemand zu ihm zu sagen: ≫Du verdienst deinen Zunamen nicht.≪ Wider alle Erwartung ließ er ihn nicht erschießen.

≫Das ehrt mich≪, antwortete er. ≫Ich bin kein Buendía.≪ Wer das Geheimnis seiner Abkunft kannte, mußte angesichts seiner Erwiderung annehmen, daß auch er Bescheid wußte, doch in Wirklichkeit sollte er es nie erfahren. Pilar Ternera, seine Mutter, die im Atelier der Daguerreotypie sein Blut zum Sieden gebracht hatte, war für ihn ein Gegenstand ebenso unwiderstehlicher Besessenheit, wie sie es zuerst für José Arcadio und später für Aureliano gewesen war. Obgleich sie ihre Anziehungskraft und den Glanz ihres Lachens eingebüßt hatte, suchte er sie und fand sie auf der Spur ihres Rauchgeruchs. Kurz vor dem Krieg, eines Mittags, als sie ihren jüngeren Sohn später als gewöhnlich an der Schule abholte, wartete Arcadio auf sie in dem Zimmer, in dem er seine Mittagsruhe abzuhalten pflegte, in jenem, in dem er später den Block aufstellen ließ. Während das Kind im Innenhof spielte, wartete er in der Hängematte, zitternd vor Begierde und wohl wissend, daß Pilar Ternera vorbeikommen mußte. Sie kam.

Arcadio packte sie am Handgelenk und wollte sie in die Hängematte zerren. ≫Ich kann nicht, ich kann nicht≪, sagte Pilar Ternera entsetzt. ≫Du kannst dir nicht vorstellen, wie gerne ich dir zu Willen wäre, aber Gott ist mein Zeuge, daß ich nicht kann.≪ Mit seiner ererbten Wahnsinnskraft packte er sie um die Taille und fühlte, wie bei der Berührung ihrer Haut die Welt vor ihm verschwamm. ≫Spiel nicht die Heilige≪, sagte er.

≫Schließlich weiß jedermann, daß du eine Hure bist.≪ Pilar überwand den Ekel, den ihr jammervolles Geschick in ihr hervorrief.

≫Die Kinder werden es merken≪, flüsterte sie. ≫Lieber heute nacht, schließe deine Tür nicht ab.≪

Vor Fieber schlotternd, erwartete Arcadio sie in jener Nacht in seiner Hängematte. Er wartete schlaflos, hörte die lärmenden Grillen des endlosen Morgengrauens und den unerbittlichen Stundenplan der Rohrdommeln, immer noch davon überzeugt, daß er hintergangen worden war. Plötzlich, als seine Begierde in Wut umgeschlagen war, ging die Tür auf. Wenige Monate später sollte Arcadio vor dem Erschießungskommando wieder die irrenden Schritte im Klassenzimmer durchleben, das Stoßen an die Schulbänke, endlich das Dichte eines Körpers im Halbdämmer eines Zimmers und das Pochen eines heftig pumpenden Herzens, das nicht ihm gehörte. Er streckte die Hand aus und fand eine andere Hand mit zwei Ringen am selben Finger, die im Dunkeln zu schwanken schien. Er fühlte den Nervenbau ihrer Adern, den Pulsschlag ihres Unglücks, er fühlte die feuchte Handfläche, deren Lebenslinie am Ansatz des Daumens von der Pranke des Todes durchrissen war. Nun begriff er, daß es nicht die Frau war, die er erwartete, denn diese roch nicht nach Rauch, sondern nach Veilchenpomade, sie hatte geschwollene, blinde Brüste mit Männerwarzen, ein steinernes rundes Geschlecht wie eine Nuß und außerdem die wüste Zärtlichkeit aufgeregter Unerfahrenheit. Sie war Jungfrau und besaß den unwahrscheinlichen Vornamen Santa Sofía von der Frömmigkeit. Pilar Ternera hatte ihr fünfzig Pesos bezahlt, die Hälfte ihrer lebenslangen Ersparnisse, damit sie das tue, was sie jetzt tat. Arcadio hatte sie häufig gesehen, während sie das Lebensmittellädchen ihrer Eltern führte, doch sein Blick war nie auf ihr haftengeblieben, weil sie die seltene Tugend besaß, nur im geeigneten Augenblick ganz dazusein.

Seit jenem Tag indes rollte sie sich wie eine Katze in der Wärme seiner Achselhöhle zusammen. Mit Zustimmung ihrer Eltern, denen Pilar Ternera die andere Hälfte ihrer Rücklagen gegeben hatte, kam sie in der Stunde des Mittagsschlafs in die Schule. Später, als die Regierungstruppen sie aus ihrer Bleibe vertrieben, liebten sie sich zwischen Butterkanistern und Maissäcken des Ladens. Zu der Zeit, als Arcadio zum Zivil-und Militärchef ernannt wurde, bekamen sie eine Tochter.

Die einzigen Verwandten, die es erfuhren, waren José Arcadio und Rebeca, mit denen Arcadio damals weniger auf Verwandtschaft, als auf Mitwisserschaft gegründete vertraute Beziehungen unterhielt. José Arcadio hatte unter dem Ehejoch den Nacken gebeugt. Rebecas Charakterstärke, der Heißhunger ihres Leibes, ihr beharrlicher Ehrgeiz saugten die ungewöhnliche Energie des Ehemanns auf, der aus einem Tagdieb und Schürzenjäger zu einem schwerfälligen Arbeitstier wurde. Sie hatten ein reinliches, ordentliches Haus.

Bei Tagesanbruch öffnete Rebeca es sperrangelweit, und der Wind der Gräber wehte durch die Fenster herein und wehte durch die Türen des Innenhofs hinaus und weißte die Wände und gerbte die Möbel mit dem Salpeter der Toten. Der Hunger nach Erde, die klappernden Knochen ihrer Eltern und die Ungeduld ihres Bluts gegenüber Pietro Crespis Teilnahmslosigkeit waren auf dem Dachboden der Erinnerung verstaut. Den ganzen Tag stickte sie am Fenster, fern vom Kriegslärm, bis die Keramiktöpfe in der Kredenz zu zittern begannen und sie aufstand, um das Essen aufzuwärmen, lange bevor die kotbedeckten Jagdhunde angehetzt kamen und gleich darauf der Koloß eintrat mit seinen Ledergamaschen, Sporen und einer Doppelflinte, der mitunter einen Hirsch über der Schulter trug und fast immer eine Schnur voller Hasen oder Wildenten. Eines Nachmittags, zu Beginn seiner Regierung, besuchte Arcadio sie unerwartet. Sie hatten ihn nicht gesehen, seit sie das Haus verlassen hatten, doch er gab sich so liebevoll und vertraulich, daß sie ihn einluden, den Schmorbraten mit ihnen zu teilen.

Erst beim Kaffee offenbarte Arcadio den Anlaß seines Besuchs: Er hatte eine Anzeige gegen José Arcadio erhalten.

Es hieß, dieser habe zuerst seinen Innenhof bebaut und gleich hinterher das angrenzende Land, habe mit seinen Ochsen Gehege umgebrochen und Hütten eingerissen, bis er sich die besten Höfe der Umgebung gewaltsam angeeignet hatte. Den Bauern, die er nicht enteignet hatte, weil ihm nichts an ihrem Land gelegen war, hatte er eine Abgabe auferlegt, die er jeden Samstag mit seinen Jagdhunden und seiner Doppelflinte eintrieb. José Arcadio leugnete nicht. Er gründete sein Recht darauf, die angeeigneten Ländereien seien von José Arcadio Buendía zur Zeit der Gründung verteilt worden, und glaubte beweisen zu können, daß sein Vater seit jener Zeit wahnsinnig sei, da er einen Besitz vergeben habe, der in Wirklichkeit Familienbesitz war. Das war eine überflüssige Rechtfertigung, da Arcadio nicht gekommen war, Gerechtigkeit walten zu lassen. Er erbot sich lediglich, eine Kanzlei zur Eintragung des Landbesitzes zu eröffnen, damit José Arcadio sein Eigentumsrecht auf das beschlagnahmte Land legalisieren könne, allerdings unter der Bedingung, daß er der Ortsgewalt das Recht zur Eintreibung der Abgaben übertrage. Man einigte sich. Jahre später, als Oberst Aureliano Buendía die Eigentumsurkunden prüfte, stellte er fest, daß auf den Namen seines Bruders alles Land eingetragen war, das vom Hügel seines Innenhofs bis zum Horizont zu sehen war, einschließlich des Friedhofs, und daß Arcadio in den elf Monaten seines Mandats nicht nur den Erlös der Abgaben eingesteckt hatte, sondern auch das Geld, das er bei den Dorfbewohnern für das Recht erhob, ihre Toten auf José Arcadios Gelände zu beerdigen.

Ursula erfuhr erst Monate danach, was bereits jedermann wußte, weil die Leute es ihr verheimlichten, um sie nicht noch mehr zu betrüben. Doch bald schöpfte sie Argwohn. ≫Arcadio baut ein Haus≪, vertraute sie ihrem Mann mit geheucheltem Stolz an, während sie ihm einen Löffel Totumakürbissaft einzuflößen suchte. Dennoch seufzte sie unwillkürlich: ≫Ich weiß nicht, warum mir das so weh tut.≪ Später, als sie erfuhr, das Arcadio nicht nur den Hausbau beendet, sondern Wiener Möbel bestellt hatte, fand sie ihren Verdacht bestätigt, daß er öffentliche Mittel ausgab. ≫Du bist ein Schandfleck auf unserem Namen≪, zeterte sie eines Sonntags nach der Messe, als sie ihn im neuen Haus mit seinen Offizieren Karten spielen sah. Arcadio beachtete sie nicht. Erst jetzt erfuhr Ursula, daß er eine sechs Monate alte Tochter hatte und daß Santa Sofía von der Frömmigkeit, mit der er unverheiratet zusammenlebte, wiederum schwanger war. So beschloß sie, an Oberst Aureliano Buendía zu schreiben, wo immer er sich auch befinden mochte, um ihn über die Lage aufzuklären. Doch die Ereignisse, die sich in jenen Tagen überstürzten, vereitelten nicht nur ihre Absicht, sondern brachten sie auch dazu, sie zu bereuen. Der Krieg, der bis dahin nur ein Wort gewesen war, um einen unbestimmten, fernen Zustand zu benennen, verdichtete sich zu einer dramatischen Wirklichkeit. Ende Februar kam nach Macondo eine Greisin von aschgrauem Aussehen, die auf einem bürstenbeladenen Maulesel ritt. Sie wirkte so harmlos, daß die Spähtrupps sie ohne Fragen weiterreiten ließen, wie einen der zahlreichen fahrenden Händler, die nach und nach aus den Moordörfern zugereist waren. Sie ritt unmittelbar zur Kaserne. Arcadio empfing sie in dem früheren, mittlerweile in ein Nachschublager umgewandelten Klassenzimmer, wo in den Ecken Matratzen, Gewehre und Karabiner gestapelt lagen, wo endlich sogar der Boden mit Jagdflinten besät war. Erst grüßte die Greisin militärisch, dann gab sie sich zu erkennen:

≫Ich bin Oberst Gregorio Stevenson.≪

Er brachte schlechte Nachrichten. Die letzten liberalen Widerstandsherde waren ihm zufolge soeben vernichtet worden. Oberst Aureliano Buendía, der, als Stevenson ihn verließ, gerade in Richtung Riohacha zurückfiel, hatte ihm die Mission anvertraut, mit Arcadio zu sprechen. Er solle den Standort ohne Widerstand übergeben, unter der Bedingung, daß Leben und Besitz der Liberalen auf Ehrenwort geachtet würden. Mitleidig musterte Arcadio den fremden Boten, der einer flüchtenden Großmutter zum Verwechseln ähnlich sah.

≫Sie haben natürlich einen schriftlichen Auftrag bei sich≪, sagte er.

≫Natürlich≪, erwiderte der Abgesandte, ≫habe ich nichts dergleichen bei mir. Es versteht sich von selbst, daß man unter den augenblicklichen Umständen nichts Belastendes mitführt.≪

Während er sprach, zog er aus seiner Weste ein Goldfischchen und legte es auf den Tisch. ≫Ich glaube, das genügt≪, sagte er. Arcadio stellte fest, daß es tatsächlich eines der von Oberst Aureliano Buendía geschmiedeten Fischchen war. Freilich hätte es jemand vor dem Krieg kaufen oder stehlen können, so daß es folglich nicht den Wert eines Geleitbriefs besaß. Der Bote verletzte sogar ein Kriegsgeheimnis, um seinen Namen glaubhaft zu machen. Er enthüllte, daß er in geheimer Mission nach Curaçao unterwegs sei, wo er Verbannte des ganzen Karibischen Meers anzumustern sowie Waffen und genügend Kriegsbedarf zu erwerben hoffte, um gegen Jahresende eine Landung wagen zu können. Auf diesem Plan fußend, sei Oberst Aureliano Buendía in diesem Augenblick nicht dafür, unnütze Opfer zu bringen.

Doch Arcadio war unbeugsam. Er ließ den Boten einsperren, während er seinen Namen überprüfte, und beschloß, seine Garnison bis zum letzten Mann zu verteidigen.

Er brauchte nicht lange zu warten. Die Nachrichten von der Niederlage der Liberalen erwiesen sich als immer zutreffender.

Ende März, an einem von vorzeitigem Regen heimgesuchten Tagesanbruch, endete die gespannte Ruhe der vergangenen Woche jäh mit einem verzweifelten Trompetenstoß, gefolgt von Geschützbeschuß, der den Kirchturm umriß. In Wirklichkeit war Arcadios Wille zum Widerstand reiner Wahnsinn. Verfügte er doch nicht über mehr als fünfzig höchstens mit je zwanzig Schuß ausgerüstete Waffenträger.

Allerdings befanden sich unter ihnen seine einstigen, von flammenden Aufrufen erhitzten Schüler, die bereit waren, ihre Haut für eine verlorene Sache zu Markt zu tragen. Inmitten von Stiefelgetrappel, widersprechenden Befehlen, erderschütterndem Kanonendonner, kopflosem Geschieße und sinnlosen Trompetensignalen gelang es dem angeblichen Oberst Stevenson mit Arcadio zu sprechen. ≫Ersparen Sie mir die Würdelosigkeit, in diesem Block mit Weiberfetzen am Leib zu sterben≪, sagte er. ≫Wenn ich sterben soll, dann bitte kämpfend.≪ Sein Überredungsversuch gelang. Arcadio befahl, man solle ihm eine Waffe mit zwanzig Patronen aushändigen und ihm mit fünf Soldaten die Verteidigung der Kaserne übergeben, während er selbst sich mit seinem Generalstab zu den Widerstandslinien begeben wollte. Er kam nicht einmal bis zum Moorweg. Schon waren die Barrikaden niedergerissen, und die Verteidiger schlugen sich ohne Deckung in den Gassen, zunächst solange ihre Gewehrkugeln reichten, danach mit Pistolen gegen Gewehre und endlich Mann gegen Mann.

Angesichts der drohenden Niederlage stürzte eine mit Stöcken und Küchenmessern bewaffnete Handvoll Weiber auf die Straße. In dieser Verwirrung fand Arcadio Amaranta, die ihn wie eine Wahnsinnige suchte, im Nachthemd, zwei alte Pistolen José Arcadio Buendías in den Fäusten. Er übergab sein Gewehr einem Offizier, der im Nahkampf entwaffnet worden war, und floh mit Amaranta durch eine Seitengasse, um sie nach Hause zu bringen. Ursula stand wartend an der Tür, gleichgültig gegen die Salven, die in die Fassade des Nachbarhauses eine Schießscharte geschlagen hatten. Der Regen hatte nachgelassen, doch die Straßen waren schlüpfrig und aufgeweicht wie zerlaufene Seife, und es war schwierig, die Entfernungen in der Dunkelheit abzuschätzen. Arcadio ließ Amaranta bei Ursula zurück und versuchte zwei Soldaten die Stirn zu bieten, die von der Ecke aus aufs Geratewohl losfeuerten. Die viele Jahre in einem Kleiderschrank aufbewahrten Pistolen versagten ihren Dienst. Arcadio mit ihrem Leib schützend, versuchte Ursula ihn ins Haus zu zerren.

≫Komm, um Gottes willen!≪ schrie sie. ≫Genug des Wahnsinns!≪

Die Soldaten legten auf beide an.

≫Lassen Sie den Mann los, Señora≪, schrie einer von ihnen.

≫Sonst übernehmen wir keine Verantwortung!≪

Arcadio drängte Ursula gegen das Haus und ergab sich. Kurz darauf endete die Schießerei, und die Glocken begannen zu läuten. Der Widerstand war in weniger als einer halben Stunde gebrochen worden. Nicht einer von Arcadios Männern hatte den Überfall überlebt, doch bevor sie fielen, hatten dreihundert Soldaten des Gegners ins Gras beißen müssen. Das letzte Bollwerk war die Kaserne. Noch vor dem Angriff ließ der vermeintliche Oberst Gregorio Stevenson die Gefangenen frei und befahl seinen Männern, den Straßenkampf aufzunehmen.

Die außerordentliche Beweglichkeit und Feuersicherheit, mit der er seine zwanzig Patronen durch die verschiedenen Fenster verschoß, erweckten den Eindruck, die Kaserne sei gut besetzt, so daß die Angreifer sie mit Geschützbeschuß in Stücke reißen mußten. Der die Operation befehligende Hauptmann wunderte sich, die Ruinen verlassen vorzufinden, bis auf einen einzigen Toten in Unterhosen, dessen entladenes Gewehr noch immer von der Faust seines vom Rumpf getrennten Armes umfaßt war. Im Nacken hing ihm eine dichte, von einem Aufsteckkamm zusammengehaltene Frauenperücke, um den Hals trug er ein Skapulier mit einem goldenen Fischchen daran.

Als der Hauptmann ihn mit der Stiefelspitze umdrehte, um ihm ins Gesicht zu leuchten, rief er verdutzt: ≫Scheiße.≪ Andere Offiziere traten näher.

≫Seht nur, wo dieser Mann plötzlich auftaucht≪, sagte der Hauptmann. ≫Es ist Gregorio Stevenson.≪

Bei Tagesanbruch, nach einem raschen Kriegsrat, wurde Arcadio vor der Friedhofsmauer erschossen. In den letzten Stunden seines Lebens begriff er nicht mehr, warum die Angst geschwunden war, die ihn seit seiner Kindheit gequält hatte.

Gleichgültig und ohne die Absicht, seinen jüngst gezeigten Mut weiterhin an den Tag zu legen, hörte er die endlosen Beschuldigungen der Anklage an. Er dachte an Ursula, die wohl zu dieser Stunde bei José Arcadio Buendía unter der Kastanie Kaffee trank. Dachte an seine acht Monate alte Tochter, die noch keinen Namen hatte, und an das Kind, das im August geboren werden sollte. Dachte an Santa Sofía von der Frömmigkeit, die er am Vorabend verlassen hatte, wie sie einen Hirsch für das Samstagmittagessen einsalzte, und sehnte sich nach ihrem auf die Schultern herabfallenden Haar, nach ihren künstlich wirkenden Wimpern. Dachte ohne Gefühlsseligkeit an seine Leute, an eine strenge Abrechnung mit dem Leben und begann zu begreifen, wie sehr er die Menschen, die er am tiefsten gehaßt hatte, in Wahrheit liebte.

Der Vorsitzende des Kriegsgerichts begann seine Abschlußansprache, bevor es Arcadio aufging, daß mittlerweile zwei Sunden vergangen waren. ≫Selbst wenn die erwiesenen Anschuldigungen nicht stichhaltig genug wären≪, sagte der Vorsitzende, ≫hätte der Angeklagte für die unverantwortliche, verbrecherische Tollkühnheit, mit der er seine Untergebenen in einen sinnlosen Tod trieb, die Todesstrafe verdient.≪ In der halbzerstörten Schule, wo er zum erstenmal die Sicherheit der Macht erlebt, wenige Meter von der Kammer, in der er die Unsicherheit der Liebe kennengelernt hatte, fand Arcadio die Förmlichkeit des Todes lächerlich. In Wahrheit war ihm nicht der Tod wichtig, sondern das Leben, daher empfand er bei der Urteilsverkündung nicht etwa Angst, sondern Sehnsucht. Er blieb stumm, bis er nach seinem letzten Willen gefragt wurde.

≫Sagen Sie meiner Frau≪, antwortete er vernehmlich, ≫sie soll das Kind Ursula nennen.≪ Er machte eine Pause und betonte: ≫Ursula wie die Großmutter. Und sagen Sie ihr auch, wenn das neue Kind ein Junge wird, soll es José Arcadio heißen, doch nicht nach dem Onkel, sondern nach dem Großvater.≪ Bevor er an die Wand gestellt wurde, bot Pater Nicanor ihm seinen Beistand an. ≫Ich habe nichts zu bereuen≪, sagte Arcadio, und nachdem er eine Tasse schwarzen Kaffee getrunken hatte, stellte er sich dem Erschießungskommando.

Der auf Blitzerschießungen spezialisierte Chef des Kommandos hatte einen Namen, der nicht ganz zufällig war: er hieß Hauptmann Roque Fleischer. Auf dem Weg zum Friedhof beobachtete Arcadio in dem beharrlichen Nieselregen, daß am Horizont ein strahlender Mittwoch aufging. Die Sehnsucht schwand mit dem Nebel und gab statt dessen einer gewaltigen Neugier Raum. Erst als man ihm befahl, sich mit dem Rücken zur Mauer zu stellen, sah Arcadio Rebeca mit nassem Haar und einem rosafarbenen Blumenkleid, wie sie das Haus weit öffnete. Er machte Anstrengungen, damit sie ihn erkenne. In der Tat blickte Rebeca zufällig zur Mauer herüber, blieb schreckgelähmt stehen und konnte nur ein knappes Abschiedszeichen winken. Arcadio antwortete auf gleiche Weise. In diesem Augenblick zielten die rauchgeschwärzten Gewehre auf ihn, und er hörte Buchstabe für Buchstabe Melchíades’ gesungene Enzykliken und spürte die verlorenen Schritte der Jungfrau Santa Sofía von der Frömmigkeit im Klassenzimmer und fühlte in der Nase die gleiche eisige Härte, die ihm an der Nasenhöhle von Remedios’ Leichnam aufgefallen war. Verdammt! dachte er noch, ich habe vergessen zu sagen, wenn es ein Mädchen wird, soll es Remedios heißen.

Dann, wie zermalmt von einem zerfleischenden Tatzenhieb, fühlte er von neuem all den Schrecken, der ihn im Leben gepeinigt hatte. Der Hauptmann gab den Befehl zum Feuern.

Arcadio fand kaum Zeit, die Brust zu blähen und den Kopf zu heben, ohne zu begreifen, woher die glühende Flüssigkeit floß, die ihm die Oberschenkel verbrannte.

≫Hahnreie!≪ schrie er. ≫Es lebe die liberale Partei!≪

7

Im Mai endete der Krieg. Zwei Wochen vor der durch einen hochtrabenden Aufruf bekanntgemachten Regierungserklärung, welche die erbarmungslose Bestrafung der Aufrührer verhieß, fiel Oberst Aureliano Buendía in Gefangenschaft, als er sich anschickte, in der Verkleidung eines eingeborenen Zauberkünstlers die westliche Grenze zu überschreiten. Von den einundzwanzig Männern, die ihm in den Krieg gefolgt waren, waren vierzehn im Kampf gefallen, sechs waren verwundet, und nur einer begleitete ihn im Augenblick der endgültigen Niederlage: Oberst Gerineldo Márquez. Die Nachricht von seiner Gefangennahme wurde in Macondo durch einen Sondererlaß bekanntgegeben. ≫Er lebt≪, sagte Ursula zu ihrem Mann. ≫Bitten wir Gott, damit seine Feinde Milde walten lassen.≪ Nach drei Tagen des Wehklagens, eines Nachmittags, an dem sie eine Karamelspeise in der Küche schlug, hörte sie deutlich die Stimme ihres Sohnes nahe am Ohr. ≫Es war Aureliano≪, schrie sie und lief zum Kastanienbaum, um die Nachricht ihrem Mann zu übermitteln.

≫Ich weiß nicht, wie das Wunder geschah, aber er lebt, und wir werden ihn sehr bald sehen.≪ Für sie stand es fest. Sie ließ die Zimmerböden scheuern und die Möbel umstellen. Eine Woche danach bestätigte ein unergründliches Gerücht, das keine Bekanntmachung verbreiten sollte, ihre Vorahnung auf dramatische Weise. Oberst Aureliano Buendía war zum Tode verurteilt worden, und das Urteil würde als abschreckendes Beispiel für die Bevölkerung in Macondo vollstreckt werden.

Eines Montags gegen zehn Uhr zwanzig vormittags, als Amaranta gerade Aureliano José anzog, hörte sie fernes Getrappel und ein Trompetensignal, genau eine Sekunde bevor Ursula ins Zimmer stürzte mit dem Schrei: ≫Sie bringen ihn!≪

Der Trupp tat alles, die kochende Menge mit Kolbenstößen in Schach zu halten. Ursula und Amaranta bahnten sich mit Ellbogen bis zur Ecke einen Weg und sahen ihn. Er sah aus wie ein Landstreicher. Seine Kleider waren zerschlissen, Haupt-und Barthaar verfilzt, er selbst barfuß. Er ging, ohne den glühenden Staub zu fühlen, seine Hände waren auf dem Rücken mit einem Strick gefesselt, den ein berittener Offizier an seinem Sattelknauf befestigt hatte. Neben ihm, gleichfalls abgerissen und zerschlagen, wurde Oberst Gerineldo Márquez geführt. Sie wirkten nicht trostlos. Sie schienen eher von der Menge verwirrt, die der Truppe alle möglichen Schimpfworte zujohlte.

≫Mein Sohn!≪ schrie Ursula inmitten des Aufruhrs und versetzte dem Soldaten, der sie zurückhalten wollte, einen Hieb. Das Pferd des Offiziers scheute. Nun blieb Oberst Aureliano Buendía stehen, zitternd, wich den Armen seiner Mutter aus und blickte sie hart an.

≫Geh nach Hause, Mama≪, sagte er. ≫Bitte die Behörden um Erlaubnis, mich im Kerker zu besuchen.≪

Er blickte Amaranta an, die sich unschlüssig zwei Schritte hinter Ursula hielt, und fragte lächelnd:

≫Was hast du an der Hand?≪ Amaranta hob die Hand mit der schwarzen Binde. ≫Eine Brandwunde≪, sagte sie und zog Ursula beiseite, damit die Pferde sie nicht niedertrampelten.

Wieder setzte sich der Trupp in Bewegung. Eine Sonderwache umringte die Gefangenen und brachte sie im Trab in die Kaserne.

Gegen Abend besuchte Ursula Oberst Aureliano Buendía im Gefängnis. Sie hatte die Erlaubnis durch Don Apolinar Moscote zu erwirken gesucht, doch dieser hatte vor der Allgewalt der Militärs jede Autorität verloren. Pater Nicanor lag mit einer Leberentzündung darnieder. Die Eltern von Oberst Gerineldo Márquez, der nicht zum Tode verurteilt war, versuchten ihn zu sehen und wurden mit Kolbenhieben zurückgewiesen. Angesichts der Unmöglichkeit, Mittelsmänner zu finden, und überzeugt, daß ihr Sohn im Morgengrauen erschossen werden würde, packte Ursula die Dinge ein, die sie mitnehmen wollte, und machte sich allein zur Kaserne auf.

≫Ich bin die Mutter von Oberst Aureliano Buendía.≪ So stellte sie sich vor.

Die Wachposten verwehrten ihr den Eintritt. ≫Ich komme trotzdem hinein≪, warnte sie sie. ≫Wenn Sie also Feuerbefehl haben, können Sie gleich anfangen.≪ Sie schob den einen mit einem Puff beiseite und betrat das alte Klassenzimmer, wo ein Haufen nackter Soldaten ihre Waffen einfetteten. Ein errötender Offizier in Felduniform mit dicken Augengläsern und förmlichem Gebaren wies die Posten mit einem Wink hinaus.

≫Ich bin die Mutter von Oberst Aureliano Buendía≪, wiederholte Ursula.

≫Sie wollen sagen≪, berichtigte der Offizier mit liebenswürdigem Lächeln, ≫daß Sie die Mutter von Señor Aureliano Buendía sind.≪

Ursula erkannte an seiner gesuchten Redeweise den trägen Tonfall der Leute von der Hochebene der Gecken.

≫Wie Sie meinen, Señor≪, räumte sie ein. ≫Solange Sie mich zu ihm führen.≪

Höchstem Befehl zufolge durften die zum Tode Verurteilten keinen Besuch empfangen, doch der Offizier übernahm die Verantwortung, ihr ein Gespräch von fünfzehn Minuten zu gestatten. Ursula zeigte ihm, was ihr Paket enthielt: frische Unterwäsche, die Stiefel, die ihr Sohn an der Hochzeit getragen hatte, und die Karamelcreme, die sie seit dem Tag, als sie seine Rückkehr geahnt hatte, für ihn aufbewahrte. Sie fand Oberst Aureliano Buendía im Block-Zimmer mit ausgestreckten Armen auf einer Pritsche liegend, weil seine Achselhöhlen von Furunkeln übersät waren. Man hatte ihm erlaubt, sich zu rasieren. Der dichte Zwirbelschnurrbart unterstrich seine kantigen Wangen. Auf Ursula wirkte er blasser als bei seinem Weggang, etwas größer und noch einsamer als je. Er war über die häuslichen Geschehnisse im Bilde: über Pietro Crespis Selbstmord, über die erlittene Willkür und Arcadios Erschießung, über José Arcadio Buendías Unerschrockenheit unter der Kastanie. Er wußte, daß Amaranta ihre jungfräuliche Witwenschaft der Erziehung von Aureliano José widmete und daß dieser Zeichen von gesundem Menschenverstand gab und zugleich mit dem Sprechen auch Lesen und Schreiben lernte.

Vom ersten Augenblick an, als Ursula den Raum betrat, fühlte sie sich von der Reife ihres Sohnes beengt, von seiner beherrschenden Aura, der seiner Haut entströmenden Autorität.

Sie staunte, wie gut er Bescheid wußte. ≫Sie wissen doch, daß ich Seher bin≪, scherzte er. Und fügte ernsthaft hinzu: ≫Als man mich heute früh herbrachte, hatte ich den Eindruck, all das bereits erlebt zu haben.≪ Tatsächlich war er, als die Menge ihn umjohlte, in Gedanken versunken gewesen, entsetzt darüber, wie gealtert das Dorf nach einem Jahr aussah. Das Blattwerk der Mandelbäume war zerfetzt, die blaugestrichenen Häuser, die bald darauf rot, dann wieder blau gestrichen worden waren, hatten schließlich eine unbestimmbare Färbung angenommen.

≫Was hast du erwartet?≪ seufzte Ursula. ≫Die Zeit vergeht.≪

≫So ist es≪, räumte Aureliano ein. ≫Aber doch nicht ganz so.≪

Auf diese Weise brachte der so lange erwartete Besuch, für den beide ihre Fragen vorbereitet und sogar ihre Antworten vorbedacht hatten, wieder nur die altgewohnte Alltagsunterhaltung. Als der Wachposten das Ende des Gesprächs ankündigte, zog Aureliano unter der Pritschenmatte eine Rolle schweißgetränkter Papiere hervor. Es waren Verse.

Die ihm von Remedios eingegebenen, die er beim Abmarsch mitgenommen hatte, außerdem die später in den gefahrvollen Kriegspausen niedergeschriebenen Verse. ≫Versprechen Sie mir, daß sie niemand zu sehen bekommt≪, sagte er. ≫Zünden Sie damit heute abend den Ofen an.≪ Ursula versprach es und stand auf, um ihm einen Abschiedskuß zu geben.

≫Ich bringe dir einen Revolver≪, murmelte sie.

Oberst Aureliano Buendía stellte fest, daß der Posten nicht in Sicht war. ≫Er nützt mir nichts≪, erwiderte er leise. ≫Aber lassen Sie ihn mir da für den Fall, daß man Sie beim Hinausgehen untersucht.≪ Ursula zog den Revolver aus ihrem Mieder und schob ihn unter die Matte der Pritsche. ≫Sagen Sie mir nicht Lebewohl≪, schloß er mit betonter Ruhe. ≫Bitten Sie um nichts und entwürdigen Sie sich nicht. Nehmen Sie an, man hätte mich schon lange erschossen.≪ Ursula biß sich auf die Lippen, um nicht zu weinen.

≫Leg dir heiße Steine auf die Furunkel≪, sagte sie.

Sie machte kehrt und verließ die Kammer. Nachdenklich blieb Oberst Aureliano Buendía stehen, bis die Tür sich hinter ihr geschlossen hatte. Dann legte er sich wieder mit ausgestreckten Armen nieder. Von Jugend an, als er sich seiner Vorahnungen bewußt zu werden begann, dachte er, der Tod müsse sich mit einem bestimmten, unmißverständlichen, unwiderruflichen Zeichen ankündigen, doch nun fehlten nur wenige Stunden bis zu seinem Tod, und das Zeichen wollte sich nicht einstellen. Einmal war eine wunderschöne Frau in sein Lager bei Tucurmca gekommen und hatte die Wachposten gebeten, ihn sehen zu dürfen. Man hatte sie durchgelassen, weil man den Fanatismus einiger Mütter kannte, die ihre Töchter in die Schlafkammern der vornehmsten Krieger schickten, um, wie sie selber sagten, ihre Rasse zu veredeln. Oberst Aureliano Buendía beendete in jener Nacht gerade das Gedicht eines Mannes, der sich im Regen verirrt hat, als die junge Frau eintrat. Er kehrte ihr den Rücken, um das Blatt in seine verschließbare Versschublade zu legen. Da fühlte er es. Ergriff die Pistole in der Schublade, ohne den Kopf zu wenden.

≫Schießen Sie bitte nicht≪, sagte er.

Als er sich mit der Pistole im Anschlag umdrehte, hatte das Mädchen die seine gesenkt und wußte nicht, was es tun sollte.

Auf ähnliche Weise hatte er vier von elf Anschlägen vereiteln können. Dagegen schlich einer, der nie gefangengenommen wurde, eines Nachts in die Revolutionskaserne von Manaure und erstach seinen engen Freund, Oberst Magnifico Visbai, dem er sein Feldbett geliehen hatte, um darin sein Fieber auszuschwitzen. Er, der wenige Meter entfernt in derselben Kammer in einer Hängematte schlief, merkte nichts. Seine Bemühungen, Vorahnungen systematisch zu erarbeiten, waren vergeblich. Sie kamen plötzlich in einem Sturmwind übernatürlicher Hellsicht wie eine unbedingte, augenblickliche, wiewohl ungreifbare Überzeugung. Gelegentlich waren sie so natürlich, daß er sie erst als Vorahnungen erkannte, wenn sie sich bewahrheiteten. Dann wieder waren sie deutlich und erfüllten sich nicht. Häufig waren sie nichts als gewöhnliche Anfälle von Aberglauben. Doch als er zum Tode verurteilt und um Bekanntgabe seines letzten Wunsches gebeten wurde, fand er nicht die geringste Schwierigkeit, die Vorahnung zu erkennen, die ihn antworten hieß:

≫Ich bitte darum, das Urteil in Macondo zu vollstrecken.≪

Der Vorsitzende des Gerichts wurde unmutig.

≫Keine Schlaubergereien, Buendía≪, sagte er. ≫Das ist doch nur eine List, um Zeit zu gewinnen.≪

≫Wenn Sie ihn nicht erfüllen wollen, liegt es bei Ihnen≪, antwortete der Oberst. ≫Aber es ist mein letzter Wunsch.≪

Seither verließen ihn die Vorahnungen nicht. Am Tag, als Ursula ihn im Kerker besuchte, gelangte er nach reiflicher Überlegung zu dem Schluß, daß der Tod sich vielleicht diesmal nicht ankündigen werde, weil er nicht mehr vom Zufall abhing, sondern vom Willen seiner Henker. Wegen seiner schmerzenden Furunkel verbrachte er die Nacht in qualvollem Wachen. Kurz vor Tagesanbruch hörte er Schritte im Gang. Sie kommen, sagte er sich und dachte grundlos an José Arcadio Buendía, der in jenem Augenblick unter dem düsteren Morgengrauen der Kastanie an ihn dachte. Er spürte keine Angst, keine Sehnsucht, nur tiefinnerste Wut bei dem Gedanken, daß dieser künstliche Tod ihm nicht erlaubte, so viele unbeendete Dinge bis zu Ende kennenzulernen. Die Tür ging auf, und der Wachposten kam mit einer Tasse Kaffee herein. Am nächsten Tag zur selben Stunde schlug er sich nach wie vor mit dem Achselschmerz herum, und wieder geschah genau das gleiche. Am Donnerstag teilte er die Karamelcreme mit den Wachposten und zog das ihm zu enge frisch gewaschene Zeug und die Lackstiefel an. Am Freitag war er noch immer nicht erschossen worden.

In Wirklichkeit wagte man nicht, das Urteil zu vollstrecken.

Der Volksaufruhr ließ die Militärs befürchten, die Erschießung Oberst Aureliano Buendías würde schwerwiegende politische Folgen zeitigen, nicht nur in Macondo, sondern im ganzen Moorgebiet, so daß sie die Behörden der Provinzhauptstadt befragten. Am Samstagabend, während man auf die Antwort wartete, ging Hauptmann Roque Fleischer mit anderen Offizieren zu Catarinos Butike. Nur eine Dirne, und auch nur, weil sie bedroht wurde, wagte, ihn in ihre Kammer zu lassen.

≫Man schläft nicht gerne mit einem Mann, von dem man weiß, daß er sterben wird≪, gestand sie. ≫Niemand weiß, was geschehen wird, aber alle sagen, daß der Offizier, der Oberst Aureliano Buendía erschießt, daß alle Soldaten des Kommandos, einer nach dem anderen, früher oder später ermordet werden, und wenn sie sich am Ende der Welt verstecken.≪ Hauptmann Roque Fleischer berichtete das Gehörte den anderen Offizieren, und diese berichteten es ihren Vorgesetzten. Am Sonntag, wenngleich es niemand frei heraussagte, wenngleich kein militärischer Akt die gespannte Stille jener Tage getrübt hatte, wußte das ganze Dorf, daß die Offiziere bereit waren, die Verantwortung für die Vollstreckung mit allen Mitteln abzuschütteln. Mit der Montagspost traf der offizielle Befehl ein: das Urteil solle binnen vierundzwanzig Stunden vollstreckt werden. An jenem Abend warfen die Offiziere sieben mit ihren Namen beschriftete Zettel in eine Mütze, und Roque Fleischers ungnädiges Schicksal erkor ihn zum Gewinner. ≫Pech kennt keine Fehlschläge≪, sagte er mit tiefer Verbitterung. ≫Ich bin als Hurensohn geboren worden und sterbe als Hurensohn.≪ Um fünf Uhr morgens ließ er das Erschießungskommando auslosen, im Innenhof antreten und weckte den Todeskandidaten mit dem Warnungsruf:

≫Los, Buendía, unsere Stunde ist gekommen!≪

≫Das war es also≪, erwiderte der Oberst. ≫Mir träumte, meine Furunkel seien aufgebrochen.≪

Seit sie wußte, daß Aureliano erschossen werden würde, stand Rebeca Buendía um drei Uhr morgens auf und beobachtete durchs halbgeöffnete Fenster des dunklen Schlafzimmers die Friedhofsmauer, während das Bett, auf dem sie saß, von José Arcadios Schnarchen erbebte. Mit der gleichen versteckten Hartnäckigkeit, mit der sie einst Pietro Crespis Briefe erwartet hatte, wartete sie die ganze Woche.

≫Man wird ihn nicht hier erschießen≪, sagte José Arcadio zu ihr. ≫Man wird ihn um Mitternacht in der Kaserne erschießen, damit niemand erfährt, aus wem das Erschießungskommando bestand, und wird ihn auch dort beerdigen.≪ Rebeca wartete.

≫Sie sind so blöd, daß sie ihn hier erschießen werden≪, sagte sie. Sie war ihrer Sache so sicher, daß sie sich bereits überlegt hatte, wie sie die Türe öffnen würde, um ihm Lebewohl zu winken. ≫Man wird ihn≪, beharrte José Arcadio, ≫nicht nur mit sechs verschreckten Soldaten, die wissen, daß die Leute zu allem fähig sind, durch die Straßen führen.≪ Ungerührt von der Logik ihres Mannes hielt Rebeca am Fenster aus.

≫Wirst schon sehen, daß sie so blöd sind≪, sagte sie.

Am Dienstag um fünf Uhr morgens hatte José Arcadio Kaffee getrunken und die Hunde losgemacht, als Rebeca das Fenster schloß und sich am Kopfende des Bettes festhielt, um nicht zu fallen. ≫Sie bringen ihn≪, stöhnte sie. ≫Wie schön er ist!≪ José Arcadio lief zum Fenster und sah ihn, zitternd in der Helligkeit des Tagesanbruchs, in ein paar Hosen, die in seiner Jugend ihm gehört hatten. Er stand mit dem Rücken zur Mauer und stemmte die Hände in den Gürtel, weil die blühenden Knoten in den Achselhöhlen ihn daran hinderten, die Arme fallenzulassen. ≫Sich so ficken lassen!≪ brummte Oberst Aureliano Buendía. ≫Sich so ficken lassen, daß man von sechs Hinterladern umgelegt wird, ohne einen Finger rühren zu können!≪ Er wiederholte es mit einer Wut, die fast wie Inbrunst klang, und Hauptmann Roque Fleischer befiel Rührung, weil er glaubte, er bete. Als das Kommando auf ihn anlegte, hatte sich seine Wut zu einer zähen, bitteren Masse verdichtet, die seine Zunge lähmte und ihn zwang, die Augen zu schließen. Dann verschwand der Aluminiumglanz des Morgens, und er sah sich selbst als Kind in kurzen Hosen mit einem Band um den Hals, sah seinen Vater an einem wunderschönen Nachmittag, der ihn in ein Zelt führte. Er sah das Eis. Als er den Schrei hörte, glaubte er, es sei der Feuerbefehl. Er öffnete die Augen, mit eisdurchzuckter Neugierde darauf gefaßt, die weißglühende Bahn der Geschosse zu sehen, doch er sah Hauptmann Roque Fleischer mit hocherhobenen Armen und José Arcadio, der die Straße mit seiner schrecklichen schußbereiten Muskete überquerte.

≫Schießen Sie nicht≪, rief der Hauptmann José Arcadio zu.

≫Sie sind ein Bote der göttlichen Vorsehung.≪

Damit begann ein neuer Krieg. Hauptmann Roque Fleischer und seine sechs Männer machten sich mit Oberst Aureliano Buendía auf, den in Riohacha zum Tode verurteilten Revolutionsgeneral Victorio Medina zu befreien. Sie glaubten Zeit zu gewinnen, wenn sie die Sierra auf dem Weg überschritten, den José Arcadio Buendía eingeschlagen hatte, um Macondo zu gründen, überzeugten sich jedoch vor Ablauf