/ Language: Deutsch / Genre:prose_contemporary / Series: Danziger Trilogie

Die Blechtrommel

Günter Grass


Für Anna Grass

Die Blechtrommel

Günter Grass

1974

Inhaltsverzeichnis

I  ERSTES BUCH

1 DER WEITE ROCK

2 UNTERM FLOSS

3 FALTER UND GLÜHBIRNE

4 DAS FOTOALBUM

5 GLAS, GLAS, GLÄSCHEN

6 DER STUNDENPLAN

7 RASPUTIN UND DAS ABC

8 FERNWIRKENDER GESANG VOM STOCKTURM AUS GESUNGEN

9 DIE TRIBÜNE

10 SCHAUFENSTER

11 KEIN WUNDER

12 KARFREITAGSKOST

13 DIE VERJÜNGUNG ZUM FUSSENDE

14 HERBERT TRUCZINSKIS RÜCKEN

15 NIOBE

16 GLAUBE HOFFNUNG LIEBE

II  ZWEITES BUCH

17 SCHROTT

18 DIE POLNISCHE POST

19 DAS KARTENHAUS

20 ER LIEGT AUF SASPE

21 MARIA

22 BRAUSEPULVER

23 SONDERMELDUNGEN

24 DIE OHNMACHT ZU FRAU GREFF TRAGEN

25 FÜNFUNDSIEBENZIG KILO

26 BEBRAS FRONTTHEATER

27 BETON BESICHTIGEN — ODER MYSTISCH BARBARISCH GELANGWEILT

28 DIE NACHFOLGE CHRISTI

29 DIE STÄUBER

30 DAS KRIPPENSPIEL

31 DIE AMEISENSTRASSE

32 SOLL ICH ODER SOLL ICH NICHT

33 DESINFEKTIONSMITTEL

34 WACHSTUM IM GÜTERWAGEN

III  DRITTES BUCH

35 FEUERSTEINE UND GRABSTEINE

36 FORTUNA NORD

37 MADONNA 49

38 DER IGEL

39 IM KLEIDERSCHRANK

40 KLEPP

41 AUF DEM KOKOSTEPPICH

42 IM ZWIEBELKELLER

43 AM ATLANTIKWALL ODER ES KÖNNEN DIE BUNKER IHREN BETON NICHT LOSWERDEN

44 DER RINGFINGER

45 DIE LETZTE STRASSENBAHN ODER ANBETUNG EINES WECKGLASES

46 DREISSIG

Teil I

ERSTES BUCH

Kapitel 1

DER WEITE ROCK

Zugegeben: ich bin Insasse einer Heil- und Pflegeanstalt, mein Pfleger beobachtet mich, läßt mich kaum aus dem Auge; denn in der Tür ist ein Guckloch, und meines Pflegers Auge ist von jenem Braun, welches mich, den Blauäugigen, nicht durchschauen kann.

Mein Pfleger kann also gar nicht mein Feind sein. Liebgewonnen habe ich ihn, erzähle dem Gucker hinter der Tür, sobald er mein Zimmer betritt, Begebenheiten aus meinem Leben, damit er mich trotz des ihn hindernden Guckloches kennenlernt. Der Gute scheint meine Erzählungen zu schätzen, denn sobald ich ihm etwas vorgelogen habe, zeigt er mir, um sich erkenntlich zu geben, sein neuestes Knotengebilde. Ob er ein Künstler ist, bleibe dahingestellt. Eine Ausstellung seiner Kreationen würde jedoch von der Presse gut aufgenommen werden, auch einige Käufer herbeilocken. Er knotet ordinäre Bindfäden, die er nach den Besuchsstunden in den Zimmern seiner Patienten sammelt und entwirrt, zu vielschichtig verknorpelten Gespenstern, taucht diese dann in Gips, läßt sie erstarren und spießt sie mit Stricknadeln, die auf Holzsöckelchen befestigt sind.

Oft spielt er mit dem Gedanken, seine Werke farbig zu gestalten. Ich rate davon ab, weise auf mein weißlackiertes Metallbett hin und bitte ihn, sich dieses vollkommenste Bett bunt bemalt vorzustellen. Entsetzt schlägt er dann seine Pflegerhände über dem Kopf zusammen, versucht in etwas zu starrem Gesicht allen Schrecken gleichzeitig Ausdruck zu geben und nimmt Abstand von seinen farbigen Plänen.

Mein weißlackiertes metallenes Anstaltsbett ist also ein Maßstab. Mir ist es sogar mehr: mein Bett ist das endlich erreichte Ziel, mein Trost ist es und könnte mein Glaube werden, wenn mir die Anstaltsleitung erlaubte, einige Änderungen vorzunehmen das Bettgitter möchte ich erhöhen lassen, damit mir niemand mehr zu nahe tritt.

Einmal in der Woche unterbricht ein Besuchstag meine zwischen weißen Metallstäben geflochtene Stille. Dann kommen sie, die mich retten wollen, denen es Spaß macht, mich zu lieben, die sich in mir schätzen, achten und kennenlernen möchten. Wie blind, nervös, wie unerzogen sie sind. Kratzen mit ihren Fingernagelscheren an meinem weißlackierten Bettgitter, kritzeln mit ihren Kugelschreibern und Blaustiften dem Lade langgezogene unanständige Strichmännchen. Mein Anwalt stülpt jedesmal, sobald er mit seinem Hallo das Zimmer sprengt, den Nylonhut über den linken Pfosten am Fußende meines Bettes. Solange sein Besuch währt — und Anwälte wissen viel zu erzählen — raubt er mir durch diesen Gewaltakt das Gleichgewicht und die Heiterkeit.

Nachdem meine Besucher ihre Geschenke auf dem weißen, mit Wachstuch bezogenen Tischchen unter dem Anemonenaquarell deponiert haben, nachdem es ihnen gelungen ist, mir ihre gerade laufenden oder geplanten Rettungsversuche zu unterbreiten und mich, den sie unermüdlich retten wollen, vom hohen Standard ihrer Nächstenliebe zu überzeugen, finden sie wieder Spaß an der eigenen Existenz und verlassen mich. Dann kommt mein Pfleger, um zu lüften und die Bindfäden der Geschenkpackungen einzusammeln. Oftmals findet er nach dem Lüften noch Zeit, an meinem Bett sitzend, Bindfäden aufdröselnd, so lange Stille zu verbreiten, bis ich die Stille Bruno und Bruno die Stille nenne.

Bruno Münsterberg — ich meine jetzt meinen Pfleger, lasse das Wortspiel hinter mir — kaufte auf meine Rechnung fünfhundert Blatt Schreibpapier. Bruno, der unverheiratet, kinderlos ist und aus dem Sauerland stammt, wird, sollte der Vorrat nicht reichen, die kleine Schreibwarenhandlung, in der auch Kinderspielzeug verkauft wird, noch einmal aufsuchen und mir den notwendigen unlinierten Platz für mein hoffentlich genaues Erinnerungsvermögen beschaffen. Niemals hätte ich meine Besucher, etwa den Anwalt oder Klepp, um diesen Dienst bitten können. Besorgte, mir verordnete Liebe hätte den Freunden sicher verboten, etwas so Gefährliches wie unbeschriebenes Papier mitzubringen und meinem unablässig Silben ausscheidenden Geist zum Gebrauch freizugeben.

Als ich zu Bruno sagte: ≫Ach Bruno, würdest du mir fünfhundert Blatt unschuldiges Papier kaufen?≪ antwortete Bruno, zur Zimmerdecke blickend und seinen Zeigefinger, einen Vergleich herausfordernd, in die gleiche Richtung schickend: ≫Sie meinen weißes Papier, Herr Oskar.≪ Ich blieb bei dem Wörtchen unschuldig und bat den Bruno, auch im Geschäft so zu sagen. Als er am späten Nachmittag mit dem Paket zurückkam, wollte er mir wie ein von Gedanken bewegter Bruno erscheinen. Mehrmals und anhaltend starrte er zu jener Zimmerdecke empor, von der er all seine Eingebungen bezog, und äußerte sich etwas später: ≫Sie haben mir das rechte Wort empfohlen. Unschuldiges Papier verlangte ich, und die Verkäuferin errötete heftig, bevor sie mir das Verlangte brachte.≪

Ein längeres Gespräch über Verkäuferinnen in Schreibwarenhandlungen fürchtend, bereute ich, das Papier unschuldig genannt zu haben, verhielt mich deshalb still, wartete, bis Bruno das Zimmer verlasser hatte, und öffnete dann erst das Paket mit den fünfhundert Blatt Schreibpapier.

Nicht allzu lange hob und wog ich den zäh flexiblen Packen. Zehn Blatt zählte ich ab, der Rest wurde im Nachttischchen versorgt, den Füllfederhalter fand ich in der Schublade neben dem Fotoalbum: er ist voll, an seiner Tinte soll es nicht fehlen, wie fange ich an?

Man kann eine Geschichte in der Mitte beginnen und vorwärts wie rückwärts kühn ausschreitend Verwirrung anstiften. Man kann sich modern geben, alle Zeiten, Entfernungen wegstreichen und hinterher verkünden oder verkünden lassen, man habe endlich und in letzter Stunde das Raum-Zeit-Problem gelöst. Man kann auch ganz zu Anfang behaupten, es sei heutzutage unmöglich, einen Roman zu schreiben, dann aber, sozusagen hinter dem eigenen Rücken, einen kräftigen Knüller hinlegen, um schließlich als letztmöglicher Romanschreiber dazustehn. Auch habe ich mir sagen lassen, daß es sich gut und bescheiden ausnimmt, wenn man anfangs beteuert: Es gibt keine Romanhelden mehr, weil es keine Individualisten mehr gibt, weil die Individualität verloren gegangen, weil der Mensch einsam, jeder Mensch gleich einsam, ohne Recht auf individuelle Einsamkeit ist und eine namen- und heldenlos einsame Masse bildet. Das mag alles so sein und seine Richtigkeit haben. Für mich, Oskar, und meinen Pfleger Bruno möchte ich jedoch feststellen: Wir beide sind Helden, ganz verschiedene Helden, er hinter dem Guckloch, ich vor dem Guckloch; und wenn er die Tür aufmacht, sind wir beide, bei aller Freundschaft und Einsamkeit, noch immer keine namen- und heldenlose Masse. Ich beginne weit vor mir; denn niemand sollte sein Leben beschreiben, der nicht die Geduld aufbringt, vor dem Datieren der eigenen Existenz wenigstens der Hälfte seiner Großeltern zu gedenken. Ihnen allen, die Sie außerhalb meiner Heil- und Pflegeanstalt ein verworrenes Leben führen müssen, Euch Freunden und allwöchentlichen Besuchern, die Ihr von meinem Papiervorrat nichts ahnt, stelle ich Oskars Großmutter mütterlicherseits vor.

Meine Großmutter Anna Bronski saß an einem späten Oktobernachmittag in ihren Röcken am Rande eines Kartoffelackers. Am Vormittag hätte man sehen können, wie es die Großmutter verstand, das schlaffe Kraut zu ordentlichen Haufen zu rechen, mittags aß sie ein mit Sirup versüßtes Schmalzbrot, hackte dann letztmals den Acker nach, saß endlich in ihren Röcken zwischen zwei fast vollen Körben. Vor senkrecht gestellten, mit den Spitzen zusammenstrebenden Stiefelsohlen schwelte ein manchmal asthmatisch auflebendes, den Rauch flach und umständlich über die kaum geneigte Erdkruste hinschickendes Kartoffelkrautfeuer. Man schrieb das Jahr neunundneunzig, sie saß im Herzen der Kaschubei, nahe bei Bissau, noch näher der Ziegelei, vor Ramkau saß sie, hinter Viereck, in Richtung der Straße nach Brenntau, zwischen Dirschau und Karthaus, den schwarzen Wald Goldkrug im Rücken saß sie und schob mit einem an der Spitze verkohlten Haselstock Kartoffeln unter die heiße Asche.

Wenn ich soeben den Rock meiner Großmutter besonders erwähnte, hoffentlich deutlich genug sagte: Sie saß in ihren Röcken — ja, das Kapitel ≫Der weite Rock≪ überschreibe, weiß ich, was ich diesem Kleidungsstück schuldig bin. Meine Großmutter trug nicht nur einen Rock, vier Röcke trug sie übereinander. Nicht etwa, daß sie einen Ober- und drei Unterröcke getragen hätte; vier sogenannte Oberröcke trug sie, ein Rock trug den nächsten, sie aber trug alle vier nach einem System, das die Reihenfolge der Röcke von Tag zu Tag veränderte. Was gestern oben saß, saß heute gleich darunter; der zweite war der dritte Rock. Was gestern noch dritter Rock war, war ihr heute der Haut nahe. Jener ihr gestern nächste Rock ließ heute deutlich sein Muster sehen, nämlich gar keines: die Röcke meiner Großmutter Anna Bronski bevorzugten alle denselben kartoffelfarbenen Wert. Die Farbe muß ihr gestanden haben.

Außer dieser Farbgebung zeichnete die Röcke meiner Großmutter ein flächenmäßig extravaganter Aufwand an Stoff aus. Weit rundeten sie sich, bauschten sich, wenn der Wind ankam, erschlafften, wenn er genug hatte, knatterten, wenn er vorbei ging, und alle vier flogen meiner Großmutter voraus, wenn sie den Wind im Rücken hatte. Wenn sie sich setzte, versammelte sie ihre Röcke um sich.

Neben den vier ständig geblähten, hängenden, Falten werfenden oder steif und leer neben ihrem Bett stehenden Röcken besaß meine Großmutter einen fünften Rock. Dieses Stück unterschied sich in nichts von den vier anderen kartoffelfarbenen Stücken. Auch war der fünfte Rock nicht immer derselbe fünfte Rock. Gleich seinen Brüdern — denn Röcke sind männlicher Natur — war er dem Wechsel unterworfen, gehörte er vier getragenen Röcken an und mußte gleich ihnen, wenn seine Zeit gekommen war, an jedem fünften Freitag in die Waschbütte, sonnabends an die Wäscheleine vors Küchenfenster und nach dem Trocknen aufs Bügelbrett.

Wenn meine Großmutter nach solch einem Hausputzbackwaschundbügelsonnabend, nach dem Melken und Füttern der Kuh ganz und gar in den Badezuber stieg, der Seifenlauge etwas mitteilte, das Wasser im Zuber dann wieder fallen ließ, um sich in großgeblümtem Tuch auf die Bettkante zu setzen, lagen vor ihr auf den Dielen die vier getragenen Röcke und der frischgewaschene Rock ausgebreitet. Sie stützte mit dem rechten Zeigefinger das untere Lid ihres rechten Auges, ließ sich von niemandem, auch von ihrem Bruder Vinzent nicht, beraten und kam deshalb schnell zum Entschluß. Barfuß stand sie und stieß mit den Zehen jenen Rock zur Seite, welcher vom Glanz der Kartoffelfarbe den meisten Schmelz eingebüßt hatte. Dem reinlichen Stück fiel dann der frei gewordene Platz zu.

Jesu zu Ehren, von dem sie feste Vorstellungen hatte, wurde am folgenden Sonntagmorgen die aufgefrischte Rockreihenfolge beim Kirchgang nach Ramkau eingeweiht. Wo trug meine Großmutter den gewaschenen Rock? Sie war nicht nur eine saubere, war auch eine etwas eitle Frau, trug das beste Stück sichtbar und bei schönem Wetter in der Sonne.

Nun war es aber ein Montagnachmittag, an dem meine Großmutter hinter dem Kartoffelfeuer saß. Der Sonntagsrock kam ihr montags eins näher, während ihr jenes Stück, das es sonntags hautwarm gehabt hatte, montags recht montäglich trüb oberhalb von den Hüften floß. Sie pfiff, ohne ein Lied zu meinen, und scharrte mit dem Haselstock die erste gare Kartoffel aus der Asche. Weit genug schob sie die Bulve neben den schwelenden Krautberg, damit der Wind sie streifte und abkühlte. Ein spitzer Ast spießte dann die angekohlte und krustig geplatzte Knolle, hielt diese vor ihren Mund, der nicht mehr pfiff, sondern zwischen windtrocknen, gesprungenen Lippen Asche und Erde von der Pelle blies.

Beim Blasen schloß meine Großmutter die Augen. Als sie meinte, genug geblasen zu haben, öffnete sie die Augen nacheinander, biß mit Durchblick gewährenden, sonst fehlerlosen Schneidezähnen zu, gab das Gebiß sogleich wieder frei, hielt die halbe, noch zu heiße Kartoffel mehlig und dampfend in offener Mundhöhle und starrte mit gerundetem Blick über geblähten, Rauch und Oktoberluft ansaugenden Naslöchern den Acker entlang bis zum nahen Horizont mit den einteilenden Telegrafenstangen und dem knappen oberen Drittel des Ziegeleischornsteines.

Es bewegte sich etwas zwischen den Telegrafenstangen. Meine Großmutter schloß den Mund, nahm die Lippen nach innen, verkniff die Augen und mummelte die Kartoffel. Es bewegte sich etwas zwischen den Telegrafenstangen. Es sprang da etwas. Drei Männer sprangen zwischen den Stangen, drei auf den Schornstein zu, dann vorne herum und einer kehrt, nahm neuen Anlauf, schien kurz und breit zu sein, kam auch drüber, über die Ziegelei, die beiden anderen, mehr dünn und lang, knapp aber doch, über die Ziegelei, schon wieder zwischen den Stangen, der aber, klein und breit, schlug Haken und hatte es klein und breit eiliger als dünn und lang, die anderen Springer, die wieder zum Schornstein hin mußten, weil der schon drüber rollte, als die, zwei Daumensprünge entfernt, noch Anlauf nahmen und plötzlich weg waren, die Lust verloren hatten, so sah es aus, und auch der Kleine fiel mitten im Sprung vom Schornstein hinter den Horizont.

Da blieben sie nun und machten Pause oder wechselten das Kostüm oder strichen Ziegel und bekamen bezahlt dafür.

Als meine Großmutter die Pause nützen und eine zweite Kartoffel spießen wollte, stach sie daneben. Kletterte doch jener, der klein und breit zu sein schien, im selben Kostüm über den Horizont, als wäre das ein Lattenzaun, als hätt’ er die beiden Hinterherspringer hinter dem Zaun, zwischen den Ziegeln oder auf der Chaussee nach Brenntau gelassen, und hatte es trotzdem eilig, wollte schneller sein als die Telegrafenstangen, machte lange, langsame Sprünge über den Acker, ließ Dreck von den Sohlen springen, sprang sich vom Dreck weg, aber so breit er auch sprang, so zäh kroch er doch über den Lehm. Und manchmal schien er unten zu kleben, dann wieder so lange in der Luft still zu stehn, daß er die Zeit fand, sich mitten im Sprung klein aber breit die Stirn zu wischen, bevor sich sein Sprungbein wieder in jenes frischgepflügte Feld stemmen konnte, das neben den fünf Morgen Kartoffeln zum Hohlweg hinfurchte.

Und er schaffte es bis zum Hohlweg, war kaum klein und breit im Hohlweg verschwunden, da kletterten auch schon lang und dünn die beiden anderen, die inzwischen die Ziegelei besucht haben mochten, über den Horizont, stiefelten sich so lang und dünn, dabei nicht einmal mager über den Lehm, daß meine Großmutter wiederum nicht die Kartoffel spießen konnte; denn so etwas sah man nicht alle Tage, daß da drei Ausgewachsene, wenn auch verschieden gewachsene, um Telegrafenstangen hüpften, der Ziegelei fast den Schornstein abbrachen und dann in Abständen, erst klein und breit dann dünn und lang, aber alle drei gleich mühsam, zäh und immer mehr Lehm unter den Sohlen mitschleppend, frischgeputzt durch den vor zwei Tagen vom Vinzent gepflügten Acker sprangen und im Hohlweg verschwanden.

Nun waren alle drei weg und meine Großmutter konnte es wagen, eine fast erkaltete Kartoffel zu spießen. Flüchtig blies sie Erde und Asche von der Pelle, paßte sie sich gleich ganz in die Mundhöhle, dachte, wenn sie dachte: die werden wohl aus der Ziegelei sein, und kante noch kreisförmig, als einer aus dem Hohlweg sprang, sich über schwarzem Schnauz wild umsah, die zwei Sprünge zum Feuer hin machte, vor, hinter, neben dem Feuer gleichzeitig stand, hier fluchte, dort Angst hatte, nicht wußte wohin, zurück nicht konnte, denn rückwärts kamen sie dünn durch den Hohlweg lang, daß er sich schlug, aufs Knie schlug und Augen im Kopf hatte, die beide raus wollten, auch sprang ihm Schweiß von der Stirn. Und keuchend, mit zitterndem Schnauz, erlaubte er sich näher zu kriechen, heranzukriechen bis vor die Sohlen; ganz nah heran kroch er an die Großmutter, sah meine Großmutter an wie ein kleines und breites Tier, daß sie aufseufzen mußte, nicht mehr, die Kartoffel kauen konnte, die Schuhsohlen kippen ließ, nicht mehr an die Ziegelei, nicht an Ziegel, Ziegelbrenner und Ziegelstreicher dachte, sondern den Rock hob, nein, alle vier Röcke hob sie hoch, gleichzeitig hoch genug, daß der, der nicht aus der Ziegelei war, klein aber breit ganz darunter konnte und weg war mit dem Schnauz und sah nicht mehr aus wie ein Tier und war weder aus Ramkau noch aus Viereck, war mit der Angst unterm Rock und schlug sich nicht mehr aufs Knie, war weder breit noch klein und nahm trotzdem seinen Platz ein, vergaß das Keuchen, Zittern und Hand aufs Knie: still war es wie am ersten Tag oder am letzten, ein bißchen Wind klöhnte im Krautfeuer, die Telegrafenstangen zählten sich lautlos, der Schornstein der Ziegelei behielt Haltung und sie, meine Großmutter, sie strich den obersten Rock überm zweiten Rock glatt und vernünftig, spürte ihn kaum unterm vierten Rock und hatte mit ihrem dritten Rock noch gar nicht begriffen, was ihrer Haut neu und erstaunlich sein wollte. Und weil das erstaunlich war, doch oben vernünftig lag und zweitens wie drittens noch nicht begriffen hatte, scharrte sie sich zwei drei Kartoffeln aus der Asche, griff vier rohe aus dem Korb unter ihrem rechten Ellenbogen, schob die rohen Bulven nacheinander in die heiße Asche, bedeckte sie mit noch mehr Asche und stocherte, daß der Qualm auflebte — was hätte sie anderes tun sollen?

Kaum hatten sich die Röcke meiner Großmutter beruhigt, kaum hatte sich der dickflüssige Qualm des Kartoffelkrautfeuers, der durch heftiges Knieschlagen, durch Platzwechsel und Stochern seine Richtung verloren hatte, wieder windgerecht gelb den Acker bekriechend nach Südwest gewandt, da spuckte es die beiden Langen und Dünnen, die dem kleinen aber breiten, nun unter den Röcken wohnenden Kerl hinterher waren, aus dem Hohlweg, und es zeigte sich, daß sie lang, dünn und von Berufs wegen die Uniformen der Feldgendarmerie trugen.

Fast schössen sie an meiner Großmutter vorbei. Sprang nicht der eine sogar übers Feuer? Hatten jedoch auf einmal Hacken und in den Hacken ihr Hirn, bremsten, drehten, stiefelten, standen in Uniformen gestiefelt im Qualm und zogen hüstelnd die Uniformen, Qualm mitziehend, aus dem Qualm und hüstelten immer noch, als sie meine Großmutter ansprachen, wissen wollten, ob sie den Koljaiczek gesehen, denn sie müsse ihn gesehen haben, da sie doch hier am Hohlweg sitze, und er, der Koljaiczek, sei durch den Hohlweg entkommen.

Meine Großmutter hatte keinen Koljaiczek gesehen, weil sie keinen Koljaiczek kannte. Ob der von der Ziegelei sei, wollte sie wissen, denn sie kenne nur die von der Ziegelei. Die Uniformen aber beschrieben ihr den Koljaiczek als einen, der nichts mit Ziegeln zu tun habe, der vielmehr ein Kleiner, Breiter sei. Meine Großmutter erinnerte sich, hatte solch einen laufen sehen, zeigte, ein Ziel ansprechend, mit dampfender Kartoffel auf spitzem Ast in Richtung Bissau, das der Kartoffel nach zwischen der sechsten und siebenten Telegrafenstange, wenn man vom Ziegelschornstein nach rechts zählte, liegen mußte. Ob aber jener Läufer ein Koljaiczek gewesen, wußte meine Großmütter nicht, entschuldigte ihre Unwissenheit mit dem Feuer vor ihren Stiefelsohlen; das gäbe ihr genug zu tun, das brenne nur mäßig, deshalb könne sie sich auch nicht um andere Leute kümmern, die hier vorbeiliefen oder im Qualm stünden, überhaupt kümmere sie sich nie um Leute, die sie nicht kenne, sie wisse nur, welche es in Bissau, Ramkau, Viereck und in der Ziegelei gäbe — die reichten ihr gerade.

Als meine Großmutter das gesagt hatte, seufzte sie ein bißchen, doch laut genug, daß die Uniformen wissen wollten, was es zu seufzen gäbe. Sie nickte dem Feuer zu, was besagen sollte, sie hätte wegen des mäßigen Feuerchens geseufzt und wegen der vielen Leute im Qualm auch etwas, biß dann mit ihren weit auseinanderstehenden Schneidezähnen der Kartoffel die Hälfte ab, verfiel ganz dem Kauen und ließ die Augäpfel nach oben links rutschen.

Die in den Uniformen der Feldgendarmerie konnten dem abwesenden Blick meiner Großmutter keinen Zuspruch entnehmen, wußten nicht, ob sie hinter den Telegrafenstangen Bissau suchen sollten, und stießen deshalb einstweilen mit ihren Seitengewehren in die benachbarten, noch nicht brennenden Krauthaufen. Plötzlicher Eingebung folgend, warfen sie gleichzeitig die beiden fast vollen Kartoffelkörbe unter den Ellenbogen meiner Großmutter um und konnten lange nicht begreifen, warum nur Kartoffeln aus dem Geflecht vor ihre Stiefel rollten und kein Koljaiczek. Mißtrauisch umschlichen sie die Kartoffelmiete, als hätte sich der Koljaiczek in solch kurzer Zeit einmieten können, stachen auch gezielt zu und vermißten den Schrei eines Gestochenen. Ihr Verdacht traf jedes noch so heruntergekommene Gebüsch, jedes Mauseloch, eine Kolonie Maulwurfshügel und immer wieder meine Großmutter, die dasaß wie gewachsen, Seufzer ausstieß, die Pupillen unter die Lider zog, doch das Weiße sehen ließ, die die kaschubischen Vornamen aller Heiligen aufzählte — was eines nur mäßig brennenden Feuerchens und zweier umgestürzter Kartoffelkörbe wegen leidvoll betont und laut wurde.

Die Uniformen blieben eine gute halbe Stunde. Manchmal standen sie fern, dann wieder dem Feuer nahe, peilten den Schornstein der Ziegelei an, wollten auch Bissau besetzen, schoben den Angriff auf und hielten blaurote Hände übers Feuer, bis sie von meiner Großmutter, ohne daß sie das Seufzen unterbrochen hätte, jeder eine geplatzte Kartoffel am Stöckchen bekamen. Doch mitten im Kauen besannen sich die Uniformen ihrer Uniformen, sprangen einen Steinwurf weit in den Acker, den Ginster am Hohlweg entlang und scheuchten einen Hasen auf, der aber nicht Koljaiczek hieß. Am Feuer fanden sie wieder die mehligen, heißduftenden Bulven und entschlossen sich friedfertig, auch etwas abgekämpft, die rohen Bulven in jene Körbe wieder zu sammeln, welche umzustürzen zuvor ihre Pflicht gewesen war.

Erst als der Abend dem Oktoberhimmel einen feinen schrägen Regen und tintige Dämmerung ausquetschte, griffen sie noch rasch und lustlos einen entfernten, dunkelnden Feldstein an, ließen es dann aber, nachdem der erledigt, genug sein. Noch etwas Beinevertreten und Hände segnend übers verregnete, breit und lang qualmende Feuerchen halten, noch einmal Husten im grünen Qualm, ein tränendes Auge im gelben Qualm, dann hüstelndes, tränendes Davonstiefeln in Richtung Bissau. Wenn der Koljaiczek nicht hier war, mußte Koljaiczek in Bissau sein. Feldgendarmen kennen immer nur zwei Möglichkeiten.

Der Rauch des langsam sterbenden Feuers hüllte meine Großmutter gleich einem fünften und so geräumigen Rock ein, daß sie sich in ihren vier Röcken, mit Seufzern und heiligen Vornamen, ähnlich dem Koljaiczek, unterm Rock befand. Erst als die Uniformen nur noch wippende, langsam im Abend zwischen Telegrafenstangen versaufende Punkte waren, erhob sich meine Großmutter so mühsam, als hätte sie Wurzeln geschlagen und unterbräche nun, Fäden und Erdreich mitziehend, das gerade begonnene Wachstum.

Dem Koljaiczek wurde es kalt, als er auf einmal so ohne Haube klein und breit unter dem Regen lag. Schnell knöpfte er sich jene Hose zu, welche unter den Röcken offen zu tragen, ihm Angst und ein grenzenloses Bedürfnis nach Unterschlupf geboten hatten. Er fingerte eilig, eine allzu rasche Abkühlung seines Kolbens befürchtend, mit den Knöpfen, denn das Wetter war voller herbstlicher Erkältungsgefahren.

Es war meine Großmutter, die noch vier heiße Kartoffeln unter der Asche fand. Drei gab sie dem Koljaiczek, eine gab sie sich selbst und fragte noch, bevor sie zubiß, ob er von der Ziegelei sei, obgleich sie wissen mußte, daß der Koljaiczek sonstwoher, aber nicht von den Ziegeln kam. Sie gab dann auch nichts auf seine Antwort, lud ihm den leichteren Korb auf, beugte sich unter dem schwereren, hatte noch eine Hand frei für Krautrechen und Hacke, wehte mit Korb, Kartoffeln, Rechen und Hacke in ihren vier Röcken in Richtung Bissau-Abbau davon.

Das war nicht Bissau selbst. Das lag mehr Richtung Ramkau. Da ließen sie die Ziegelei links liegen, machten auf den schwarzen Wald zu, in dem Goldkrug lag und dahinter Brenntau. Aber vor dem Wald in einer Kuhle lag Bissau-Abbau. Dorthin folgte meiner Großmutter klein und breit Joseph Koljaiczek, der nicht mehr von den Röcken lassen konnte.

Kapitel 2

UNTERM FLOSS

Es ist gar nicht so einfach, hier, im abgeseiften Metallbett einer Heil- und Pflegeanstalt, im Blickfeld eines verglasten und mit Brunos Auge bewaffneten Guckloches liegend, die Rauchschwaden kaschubischer Kartoffelkrautfeuer und die Schraffur eines Oktoberregens nachzuzeichnen. Hätte ich nicht meine Trommel, der bei geschicktem und geduldigem Gebrauch alles einfällt, was an Nebensächlichkeiten nötig ist, um die Hauptsache aufs Papier bringen zu können, und hätte ich nicht die Erlaubnis der Anstalt, drei bis vier Stunden täglich mein Blech sprechen zu lassen, wäre ich ein armer Mensch ohne nachweisliche Großeltern.

Jedenfalls sagte meine Trommel: An jenem Oktobernachmittag des Jahres neunundneunzig, während in Südafrika Ohm Krüger seine buschig englandfeindlichen Augenbrauen bürstete, wurde zwischen Dirschau und Karthaus, nahe der Ziegelei Bissau, unter vier gleichförmigen Röcken, unter Qualm, Ängsten, Seufzern, unter schrägem Regen und leidvoll betonten Vornamen der Heiligen, unter den einfallslosen Fragen und rauchgetrübten Blicken zweier Landgendarmen vom kleinen, aber breiten Joseph Koljaiczek meine Mutter Agnes gezeugt.

Anna Bronski, meine Großmutter, wechselte noch unterm Schwarz der nämlichen Nacht ihren Namen: ließ sich also mit Hilfe eines freigebig mit Sakramenten umgehenden Priesters zur Anna Koljaiczek machen und folgte dem Joseph, wenn nicht nach Ägypten, so doch in die Provinzhauptstadt an der Motto, wo Joseph Arbeit als Flößer und einstweilen Ruhe vor der Gendarmerie fand.

Nur um die Spannung etwas zu erhöhen, nenne ich den Namen jener Stadt an der Mottlaumündung noch nicht, obgleich sie als Geburtsstadt meiner Mama jetzt schon nennenswert wäre. Ende Juli des Jahres nullnull — man entschloß sich gerade, das kaiserliche Schlachtflottenbauprogramm zu verdoppeln — erblickte Mama im Sternzeichen Löwe das Licht der Welt. Selbstvertrauen und Schwärmerei, Großmut und Eitelkeit. Das erste Haus, auch Domus vitae genannt, im Zeichen des Aszendenten: leicht zu beeinflussende Fische. Die Konstellation Sonne in Opposition Neptun, siebentes Haus oder Domus matrimonii uxoris, sollte Verwirrungen bringen. Venus in Opposition zu Saturn, der bekanntlich Krankheit an Milz und Leber bringt, den man den sauren Planeten nennt, der im Steinbock herrscht und im Löwen seine Vernichtung feiert, dem Neptun Aale anbietet und den Maulwurf dafür erhält, der Tollkirschen, Zwiebeln und Runkelrüben liebt, der Lava hustet und den Wein säuert; er bewohnte mit Venus das achte, das tödliche Haus und ließ an Unfall denken, während die Zeugung auf dem Kartoffelacker gewagtestes Glück unter Merkurs Schutz im Haus der Verwandten versprach.

Hier muß ich den Protest meiner Mama einschieben, denn sie hat immer bestritten, auf dem Kartoffelacker gezeugt worden zu sein. Zwar habe ihr Vater — soviel gab sie zu — es dort schon versucht, allein seine Lage und gleichviel die Position der Anna Bronski seien nicht glücklich genug gewählt gewesen, um dem Koljaiczek die Voraussetzungen fürs Schwängern zu schaffen.

≫Es muß in der Nacht auf der Flucht passiert sein oder in Onkel Vinzents Kastenwagen oder sogar erst auf dem Troyl, als wir bei den Flößern Kammer und Unterschlupf fanden.≪

Mit solchen Worten pflegte meine Mama die Begründung ihrer Existenz zu datieren, und meine Großmutter, die es eigentlich wissen mußte, nickte dann geduldig und gab der Welt zu verstehen: ≫Jeweß Kindchen, auf Kastenwagen wird jewaisen sein oder auf Troyl erst, nur nich auf Acker: weil windig war und hat auch jeregnet wie Deikert komm raus.≪ Vinzent hieß der Bruder meiner Großmutter. Nach dem frühen Tode seiner Frau war er nach Tschenstochau gepilgert und hatte von der Matka Boska Czestochowska Weisung erhalten, in ihr die zukünftige Königin Polens zu sehen. Seitdem kramte er nur noch in merkwürdigen Büchern, fand in jedem Satz den Thronanspruch der Gottesgebärerin auf das Reich der Polen bestätigt, überließ seiner Schwester den Hof und die paar Äcker. Jan, sein damals vierjähriger Sohn, ein schwächliches, immer zum Weinen bereites Kind, hütete Gänse, sammelte bunte Bildchen und, verhängnisvoll früh, Briefmarken.

In jenes der himmlischen Königin Polens geweihte Gehöft brachte meine Großmutter die Kartoffelkörbe und den Koljaiczek, daß der Vinzent erfuhr, was geschehen, nach Ramkau lief und den Priester heraustrommelte, damit der ausgerüstet mit Sakramenten komme und die Anna dem Joseph antraue. Kaum hatte Hochwürden schlaftrunken seinen durchs Gähnen in die Länge gezogenen Segen ausgeteilt und mit einer guten Seite Speck versehen den geweihten Rücken gezeigt, spannte Vinzent das Pferd vor den Kastenwagen, packte das Hochzeitspaar hinten darauf, bettete es auf Stroh und leeren Säcken, setzte seinen frierenden, dünn weinenden Jan neben sich auf den Bock und gab dem Pferd zu verstehen, daß es jetzt geradeaus und scharf in die Nacht hineingehe: die Hochzeitsreisenden hatten es eilig.

In immer noch dunkler, doch schon verausgabter Nacht erreichte das Gefährt den Holzhafen der Provinzhauptstadt. Befreundete Männer, die gleich dem Koljaiczek den Beruf der Flößer ausübten, nahmen das flüchtende Paar auf. Vinzent konnte wenden, das Pferdchen wieder gen Bissau treiben; eine Kuh, die Ziege, die Sau mit den Ferkeln, acht Gänse und der Hofhund wollten gefüttert, der Sohn Jan ins Bett gelegt werden, denn er fieberte leicht.

Joseph Koljaiczek blieb drei Wochen lang verborgen, gewöhnte seinem Haar eine neue, gescheitelte Frisur an, nahm sich den Schnauz ab, versorgte sich mit unbescholtenen Papieren und fand Arbeit als Flößer Joseph Wranka. Warum aber mußte Koljaiczek mit den Papieren des bei einer Schlägerei vom Floß gestoßenen, ohne Wissen der Behörden oberhalb Modlin im Fluß Bug ertrunkenen Flößers Wranka in der Tasche, bei den Holzhändlern und Sägereien vorsprechen? Weil er, der eine Zeitlang die Flößerei aufgegeben, in einer Sägemühle bei Schweiz gearbeitet, dort Streit mit dem Sägemeister wegen eines von Koljaiczeks Hand aufreizend weißrot gestrichenen Zaunes bekommen hatte. Gewiß um der Redensart recht zu geben, die da besagt, man könne einen Streit vom Zaune brechen, brach sich der Sägemeister je eine weiße und eine rote Latte aus dem Zaun, zerschlug die polnischen Latten auf Koljaiczeks Kaschubenrücken zu soviel weißrotem Brennholz, daß der Geprügelte Anlaß genug fand, in der folgenden, sagen wir, sternklaren Nacht die neuerbaute, weißgekälkte Sägemühle rotflammend zur Huldigung an ein zwar aufgeteiltes, doch gerade deshalb geeintes Polen werden zu lassen.

Koljaiczek war also ein Brandstifter, ein mehrfacher Brandstifter, denn in ganz Westpreußen boten in der folgenden Zeit Sägemühlen und Holzfelder den Zunder für zweifarbig aufflackernde Nationalgefühle. Wie immer, wenn es um Polens Zukunft geht, war auch bei j enen Bränden die Jungfrau Maria mit von der Partie, und es mag Augenzeugen gegeben haben — vielleicht leben heute noch welche —, die eine mit Polens Krone geschmückte Mutter Gottes auf den zusammenbrechenden Dächern mehrerer Sägemühlen gesehen haben wollen. Volk, das bei Großbränden immer zugegen ist, soll das Lied von der Bogurodzica, der Gottesgebärerin, angestimmt haben — wir dürfen glauben, es ging bei Koljaiczeks Brandstiftungen feierlich zu: es wurden Schwüre geschworen.

So belastet und gesucht der Brandstifter Koljaiczek war, so unbescholten, elternlos, harmlos, ja beschränkt und von niemandem gesucht, kaum gekannt hatte der Flößer Joseph Wranka seinen Kautabak in Tagesrationen eingeteilt, bis ihn der Fluß Bug aufnahm und drei Tagesrationen Kautabak in seiner Joppe mit den Papieren zurückblieben. Und da der ertrunkene Wranka sich nicht mehr melden konnte und niemand nach dem ertrunkenen Wranka peinliche Fragen stellte, kroch Koljaiczek, der die ähnliche Statur und den gleichen Rundschädel wie der Ertrunkene hatte, zuerst in dessen Joppe, sodann in dessen amtlich papierene, nicht vorbestrafte Haut, gewöhnte sich die Pfeife ab, verlegte sich auf Kautabak, übernahm sogar vom Wranka das Persönlichste, dessen Sprachfehler, und gab in den folgenden Jahren einen braven, sparsamen, leicht stotternden Flößer ab, der ganze Wälder auf Njemen, Bobr, Bug und Weichsel zu Tal flößte. So muß auch gesagt werden, daß er es bei den Leibhusaren des Kronprinzen unter Mackensen zum Gefreiten Wranka brachte, denn Wranka hatte noch nicht gedient, Koljaiczek jedoch, der vier Jahre älter war als der Ertrunkene, hatte in Thorn bei der Artillerie ein schlechtes Zeugnis hinterlassen.

Der gefährlichste Teil aller Räuber, Totschläger und Brandstifter wartet, während noch geraubt, totgeschlagen und in Brand gesteckt wird, auf die Gelegenheit eines solideren Metiers. Manchen zeigt sich gesucht oder zufällig die Chance: Koljaiczek war als Wranka ein guter und vom hitzigen Laster so kurierter Ehemann, daß ihn der bloße Anblick eines Streichholzes schon zittern machte. Streichholzschachteln, die frei und selbstgefällig auf dem Küchentisch lagen, waren vor ihm, der das Streichholz hätte erfunden haben können, nie sicher. Zum Fenster warf er die Versuchung hinaus. Mühe hatte meine Großmutter, das Mittagessen rechtzeitig und warm auf den Tisch zu bekommen. Oft saß die Familie im Dunkeln, weil der Petroleumlampe das Flämmchen fehlte.

Dennoch war Wranka kein Tyrann. Am Sonntag führte er seine Anna Wranka zur Kirche in die Niederstadt und erlaubte ihr, die ihm standesamtlich angetraut war, wie auf dem Kartoffelacker vier Röcke übereinanderzutragen. Im Winter, wenn die Flüsse vereist waren und die Flößer magere Zeit hatten, saß er brav im Troyl, wo nur Flößer, Stauer und Werftarbeiter wohnten, und paßte auf seine Tochter Agnes auf, die von der Art des Vaters zu sein schien, denn wenn sie nicht unter das Bett kroch, dann steckte sie im Kleiderschrank, und wenn Besuch da war, saß sie unter dem Tisch und mit ihr ihre Kodderpuppen.

Es kam dem Mädchen Agnes also darauf an, versteckt zu bleiben und im Versteck ähnliche Sicherheit, wenn auch anderes Vergnügen zu finden, als Joseph unter den Röcken der Anna fand. Koljaiczek der Brandstifter war gebrannt genug, um das Schutzbedürfnis seiner Tochter verstehen zu können. Deshalb baute er ihr, als auf dem balkonähnlichen Vorbau der Eineinhalbzimmerwohnung ein Kaninchenstall gezimmert werden mußte, einen extra für ihre Maße gedachten Verschlag. In solch einem Gehäuse saß meine Mama als Kind, spielte mit Puppen und wurde größer dabei. Später, als sie schon zur Schule ging, soll sie die Puppen verworfen und mit Glaskugeln und farbigen Federn spielend, den ersten Sinn für zerbrechliche Schönheit gezeigt haben.

Man mag mir, der ich darauf brenne, den Beginn eigener Existenz anzeigen zu dürfen, erlauben, die Wrankas, deren Familienfloß ruhig dahinglitt, bis zum Jahre dreizehn, da die ≫Columbus≪ bei Schichau vom Stapel lief, unbeobachtet zu lassen; da kam nämlich die Polizei, die nichts vergißt, dem falschen Wranka auf die Spur.

Es begann damit, daß Koljaiczek, wie in jedem Spätsommer so auch im August des Jahres dreizehn, das große Floß von Kijew über den Pripet, durch den Kanal, über den Bug bis Modlin und von dort die Weichsel herunterflößen sollte. Sie fuhren, insgesamt zwölf Flößer, mit dem Schlepper ≫Radaune≪, der im Dienste ihrer Sägerei dampfte, von Westlich Neufähr gegen die Tote Weichsel bis Einlage, dann die Weichsel herauf an Käsemark, Letzkau, Czattkau, Dirschau und Pieckel vorbei und machten am Abend in Thorn fest. Dort kam der neue Sägemeister an Bord, der den Holzeinkauf in Kijew überwachen sollte. Als die Radaune um vier Uhr früh loswarf, hieß es, er sei an Bord. Koljaiczek sah ihn erstmals beim Frühstück auf der Back. Sie saßen sich kauend und Gerstenkaffee schlürfend gegenüber. Koljaiczek erkannte ihn sofort. Der breite, oben schon kahle Mann ließ Wodka kommen und in die leeren Kaffeetassen eingießen. Mitten im Kauen, während am Ende der Back noch eingeschenkt wurde, stellte er sich vor: ≫Damit ihr Bescheid wißt, ich bin der neue Sägemeister, heiße Dückerhoff, bei mir herrscht Ordnung!≪

Die Flißacken nannten auf Verlangen der Reihe nach, wie sie saßen, ihre Namen und kippten die Tassen, daß die Adamsäpfel ruckten. Koljaiczek kippte erst, sagte dann ≫Wranka≪ und fixierte den Dückerhoff dabei. Der nickte, wie er zuvor genickt hatte, wiederholte das Wörtchen Wranka, wie er auch die Namen der anderen Flißacken wiederholt hatte. Dennoch wollte es Koljaiczek vorkommen, als habe Dückerhoff den Namen des ertrunkenen Flößers besonders, nicht etwa scharf, eher nachdenklich betont.

Die Radaune stampfte, Sandbänken geschickt, unterm Beistand wechselnder Lotsen ausweichend, gegen die lehmtrübe, nur eine Richtung kennende Flut. Links und rechts lag hinter den Deichen immer dasselbe, wenn nicht flache, dann gehügelte, schon abgeerntete Land. Hecken, Hohlwege, eine Kesselkuhle mit Ginster, plan zwischen Einzelgehöften, geschaffen für Kavallerieattacken, für eine links im Sand-kasten einschwenkende Ulanendivision, für über Hecken hetzende Husaren, für die Träume junger Rittmeister, für die Schlacht, die schon dagewesen, die immer wieder kommt, für das Gemälde: Tataren flach, Dragoner aufbäumend, Schwertritter stürzend, Hochmeister färbend den Ordensmantel, dem Küraß kein Knöpfchen fehlt, bis auf einen, den abhaut Masoviens Herzog, und Pferde, kein Zirkus hat solche Schimmel, nervös, voller Troddeln, die Sehnen peinlich genau und die Nüstern gebläht, karminrot, draus Wölkchen, durchstochen von Lanzen, bewimpelt, gesenkt und den Himmel, das Abendrot teilend, die Säbel und dort, im Hintergrund — denn jedes Gemälde hat einen Hintergrund — fest auf dem Horizont klebend, schmauchend ein Dörfchen friedlich zwischen den Hinterbeinen des Rappen, geduckte Katen, bemoost, strohgedeckt; und in den Katen, das konserviert sich, die hübschen, vom kommenden Tage träumenden Panzer, da auch sie ins Bild, hinausdürfen auf die Ebene hinter den Weichseldeichen, gleich leichten Fohlen zwischen der schweren Kavallerie.

Bei Wloclawek tippte der Dückerhoff dem Koljaiczek gegen den Rock: ≫Sag’n Se mal, Wranka, ham Se nich vor sounsovüll Jahre uff de Mühle in Schwetz jearbeitet? Is dann hintaher abjebrannt, die Mühle?≪ Koljaiczek schüttelte zäh, wie gegen einen Widerstand den Kopf, und es gelang ihm dabei, traurige und müde Augen zu bekommen, daß Dückerhoff, solchem Blick ausgesetzt, weitere Fragen bei sich hielt.

Als Koljaiczek, wie alle Flißacken es taten, bei Modlin, wo der Bug in die Weichsel mündet und die ≫Radaune≪ einbog, über die Reling gelehnt dreimal spuckte, stand Dückerhoff mit einer Zigarre neben ihm und wollte Feuer haben. Dieses Wörtchen und das Wörtchen Streichholz gingen Koljaiczek unter die Haut. ≫Mann, brauchen Se doch nich rot zu werden, wenn ich Feuer haben will. Sind doch kein Mädchen, oder?≪

Sie hatten Modlin schon hinter sich, da erst verging dem Koljaiczek jene Röte, die keine Schamröte war, sondern ein später Abglanz von ihm in Brand gesteckter Sägemühlen.

Zwischen Modlin und Kijew, also den Bug hinauf, durch den Kanal, der Bug und Pripet verbindet, bis die ≫Radaune≪, dem Pripet folgend, den Dnjepr fand, passierte nichts, was sich als Wechselrede zwischen Koljaiczek-Wranka und Dückerhoff wiedergeben ließe. Auf dem Schlepper, zwischen den Flößern, zwischen den Heizern und Flößern, zwischen Steuermann, Heizern und Kapitän, zwischen dem Kapitän und den ständig wechselnden Lotsen wird sich natürlich, wie es zwischen Männern üblich sein soll, vielleicht sogar ist, mancherlei ereignet haben. Ich könnte mir Händel zwischen den kaschubischen Flißacken und dem aus Stettin gebürtigen Steuermann vorstellen, vielleicht den Anflug einer Meuterei: Versammlung auf der Back, Lose werden gezogen, Parolen ausgegeben, die Poggenkniefe geschliffen.

Lassen wir das. Weder kam es zu politischen Händeln, deutschpolnischen Messerstechereien, noch zur Milieuattraktion einer handfesten, aus sozialen Mißständen geborenen Meuterei. Brav Kohlen fressend machte die ≫Radaune≪ ihren Weg, lief einmal -es war, glaub ich, kurz hinter Plock — auf eine Sandbank, konnte aber mit eigener Kraft wieder freikommen. Ein kurzer, bissiger Wortwechsel zwischen dem Kapitän Barbusch aus Neufahrwasser und dem ukrainischen Lotsen, das war alles — und das Bordbuch wüßte kaum mehr zu berichten.

Müßte und wollte ich ein Bordbuch für Koljaiczeks Gedanken oder gar ein Journal des Dückerhoffschen, sägemeisterlichen Innenlebens führen, gäbe es Wechsel und Abenteuer genug, Verdacht und Bestätigung, Mißtrauen und fast gleichzeitiges, eiliges Beschwichtigen des Mißtrauens zu beschreiben. Angst hatten alle beide. Dückerhoff mehr als Koljaiczek; denn man befand sich in Rußland. Dückerhoff hätte, wie einst der arme Wranka, über Bod fallen können, hätte — und jetzt sind wir schon in Kijew — auf den Holzplätzen, die so groß und unübersichtlich sind, daß man seinen Schutzengel in solch hölzernem Irrgarten verlieren kann, unter einen Stoß sich plötzlich lösende, durch nichts mehr aufzuhaltende Langhölzer geraten — oder auch gerettet werden können. Gerettet von einem Koljaiczek, der den Sägemeister zuerst aus dem Pripet oder Bug gefischt, der den Dückerhoff im letzten Augenblick auf dem schutzengelarmen Holzplatz in Kijew zurückgerissen und dem Verlauf der Langholzlawine entzogen hätte. Wie schön wäre es, jetzt berichten zu können, wie der halbertrunkene oder fast zermalmte Dückerhoff noch schwer atmend und eine Spur Tod im Auge bewahrend, dem angeblichen Wranka ins Ohr geflüstert hätte: ≫Dank Koljaiczek, Dank!≪ dann, nach der notwendigen Pause: ≫Jetzt sind wir quitt — Schwamm drüber!≪

Und sie hätten sich herb freundschaftlich, verlegen lächelnd und fast mit Tränen zwinkernd in die Männeraugen gesehen, hätten einen scheuen, aber schwieligen Händedruck gewechselt.

Wir kennen diese Szene aus betörend gut fotografierten Filmen, wenn es den Regisseuren einfällt, famos schauspielernde, feindliche Brüder zu fortan durch dick und dünn gehenden, noch tausend. Abenteuer bestehenden Spießgesellen zu machen.

Koljaiczek aber fand weder Gelegenheit, den Dückerhoff ertrinken zu lassen, noch ihn den Klauen des rollenden Langhölzertodes zu entreißen. Aufmerksam und um den Vorteil seiner Firma bedacht, kaufte Dückerhoff in Kijew das Holz ein, überwachte noch die Zusammenstellung der neun Flöße, teilte, wie üblich, unter den Flißacken ein ordentliches Handgeld russischer Währung für die Talfahrt aus und setzte sich dann in die Eisenbahn, die ihn über Warschau, Modlin, Deutsch-Eylau, Marienburg, Dirschau zu seiner Firma brachte, deren Sägerei im Holzhafen zwischen der Klawitterwerft und der Schichauwerft lag.

Bevor ich die Flößer nach Wochen ernsthaftester Arbeit von Kijew die Flüsse, den Kanal und endlich die Weichsel bergab kommen lasse, überlege ich mir, ob Dückerhoff sicher war, im Wranka den Brandstifter Koljaiczek erkannt zu haben. Ich möchte sagen, solange der Sägemeister mit dem harmlosen, gutwilligen, trotz seiner Beschränktheit allgemein beliebten Wranka auf einem Dampfer saß, hoffte er, einen zu allem Frevel entschlossenen Koljaiczek nicht zum Reisegenossen zu haben. Diese Hoffnung gab er erst in den Polstern des Eisenbahncoupés auf. Und als der Zug sein Ziel erreichte, im Hauptbahnhof Danzig — jetzt sprech ich es aus — einrollte; hatte Dückerhoff seine Dückerhoffschen Beschlüsse gefaßt, ließ seine Koffer in eine Kutsche packen, nach Hause rollen, ging forsch, weil ohne Gepäck, zum nahen Polizeipräsidium am Wiebenwall, nahm dort springend die Treppen zum Hauptportal, fand nach kurzem sensiblem Suchen jenes Zimmer, welches sachlich genug eingerichtet war, dem Dückerhoff einen knappen, nur Tatsachen nennenden Bericht abzunötigen. Nicht etwa, daß der Sägemeister Anzeige erstattete. Schlicht bat er, den Fall Koljaiczek-Wranka zu prüfen, was ihm von der Polizei versprochen wurde.

Während der folgenden Wochen, da das Holz mit den Schilfhütten und den Flößern langsam flußabwärts glitt, wurde auf mehreren Ämtern viel Papier beschrieben. Da gab es die Militärakte des Joseph Koljaiczek, gemeiner Kanonier im soundsovielten westpreußischen Feldartillerieregiment. Zweimal drei Tage mittleren Arrest hatte der üble Kanonier wegen im Zustand der Trunkenheit lauthals geschrieener, halb polnischer, halb deutscher Sprache zugeordneter anarchistischer Parolen absitzen müssen. Schandflecke waren das, die in den Papieren des Gefreiten Wranka, gedient beim zweiten Leibhusarenregiment in Langfuhr, nicht zu entdecken waren. Rühmlich hervorgetan hatte sich der Wranka, war dem Kronprinzen als Bataillonsmelder beim Manöver angenehm aufgefallen, hatte von jenem, der immer Taler in der Tasche trug, einen Kronprinzentaler geschenkt bekommen. Letzterer Taler war jedoch nicht in der Militärakte des Gefreiten Wranka vermerkt, den gestand vielmehr laut jammernd meine Großmutter Anna, als sie mit ihrem Bruder Vinzent verhört wurde.

Nicht nur mit jenem Taler bekämpfte sie das Wörtchen Brandstifter. Papiere konnte sie vorzeigen, die mehrmals besagten, daß Joseph Wranka schon im Jahre nullvier der Freiwilligen Feuerwehr Danzig-Niederstadt beigetreten und während der Wintermonate, da alle Flößer Pause machten, als Feuerwehrmann manch kleinem und großem Brand begegnet war. Auch eine Urkunde gab es, die bekundete, daß der Feuerwehrmann Wranka während des Großbrandes im Eisenbahnhauptwerk Troyl, anno nullneun, nicht nur gelöscht, sondern auch zwei Schlosserlehrlinge gerettet hatte. Ähnlich sprach der als Zeuge geladene Hauptmann der Feuerwehr Hecht. Der gab zu Protokoll: ≫Wie soll der Brandstifter sein, der da löscht! Seh ich ihn nicht immer noch auf der Leiter, da die Kirche in Heubude brannte? Ein Phönix aus Asche und Flamme tauchend, nicht nur das Feuer, den Brand dieser Welt und den Durst unseres Herrn Jesus löschend! Wahrlich ich sage Euch: Wer da den Mann mit dem Feuerwehrhelm, der die Vorfahrt hat, den die Versicherungen lieben, der immer ein wenig Asche in der Tasche trägt, sei es zum Zeichen, sei’s von Berufs wegen, wer ihn, den herrlichen Phönix einen roten Hahn heißen will, er verdient, daß man ihm einen Mühlstein um den Hals …≪

Sie werden es bemerkt haben, der Hauptmann Hecht der freiwilligen Feuerwehr war ein wortgewaltiger Pfarrer, stand Sonntag für Sonntag auf der Kanzel seiner Pfarrkirche St. Barbara auf Langgarten und verschmähte es nicht, solange die Untersuchungen gegen Koljaiczek-Wranka betrieben wurden, mit ähnlichen Worten Gleichnisse vom himmlischen Feuerwehrmann und dem höllischen Brandstifter seiner Gemeinde einzuhämmern.

Da jedoch die Beamten der Kriminalpolizei nicht in Sankt Barbara zur Kirche gingen, auch aus dem Wörtchen Phönix eher eine Majestätsbeleidigung denn eine Rechtfertigung des Wranka herausgehört hätten, wirkte sich Wrankas Tätigkeit als freiwilliger Feuerwehrmann belastend aus.

Zeugnisse verschiedener Sägereien, Beurteilungen der Heimatgemeinden wurden eingeholt: Wranka erblickte in Tuchel das Licht dieser Welt; Koljaiczek war ein geborener Thorner. Kleine Unstimmigkeiten bei den Aussagen älterer Flößer und entfernter Familienangehöriger. Der Krug ging immer wieder zum Wasser; was blieb ihm übrig, als zu brechen. Als die Verhöre soweit gediehen waren, erreichte das große Floß gerade das Reichsgebiet und wurde ab Thorn unauffällig kontrolliert und bei den Anlegeplätzen beschattet.

Meinem Großvater fielen erst hinter Dirschau seine Beschatter auf. Er hatte sie erwartet. Eine ihm zeitweilig anhaftende Trägheit, die an Schwermut grenzte, mag ihn daran gehindert haben, bei Letzkau etwa oder Käsemark einen Ausbruchversuch zu wagen, der in so vertrauter Gegend mit Hilfe einiger ihm gewogener Flißacken noch möglich gewesen wäre. Ab Einlage, als sich die Flöße langsam und einander stoßend in die Tote Weichsel schoben, lief auffällig unauffällig ein Fischerkutter, der viel zu viel Besatzung an Bord hatte, neben den Flößen her. Kurz hinter Plehnendorf schössen die beiden Motorbarkassen der Hafenpolizei aus dem Schilfufer und rissen, beständig kreuz und quer hetzend, das immer brackiger den Hafen ankündigende Wasser der Toten Weichsel auf. Hinter der Brücke nach Heubude begann die Absperrkette der ≫Blauen≪. Holzfelder gegenüber der Klawitterwerft, die kleineren Bootswerften, der immer breiter werdende, zur Mottlau hindrängende Holzhafen, die Anlegebrücken verschiedener Sägereien, die Brücke der eigenen Firma mit den wartenden Angehörigen und überall ≫Blaue≪, nur drüben bei Schichau nicht, da war alles geflaggt, da war etwas anderes los, da solltewohl etwas vom Stapel laufen, da war viel Volk, das regte die Möwen auf, da wurde ein Fest gegeben — ein Fest für meinen Großvater? Erst als mein Großvater den Holzhafen voller blau Uniformierter sah, als die Barkassen immer unheilverkündender ihren Kurs nahmen und Wellen über die Flöße warfen, erst als er den ganzen kostspieligen Aufwand begriff, der ihm zuteil wurde, da erst erwachte sein altes Koljaiczeksches Brandstifterherz, und er spuckte den sanften Wranka aus, entschlüpfte dem freiwilligen Feuerwehrmann Wranka, sagte sich lauthals und ohne Stocken vom stotternden Wranka los und floh, floh über die Flöße, floh über weite, schwankende Flächen, barfuß über ein ungehobeltes Parkett, von Langholz zu Langholz Schichau entgegen, wo die Fahnen lustig im Winde, über Hölzer vorwärts, wo etwas auf Stapel lag, Wasser hat dennoch Balken, wo sie die schönen Reden hielten, wo niemand Wranka rief oder gar Koljaiczek, wo es hieß: Ich taufe dich auf den Namen SMS Columbus, Amerika, über vierzigtausend Tonnen Wasserverdrängung, dreißigtausend PS, Seiner Majestät Schiff, Rauchsalon erster Klasse, zweiter Klasse Backbordküche, Turnhalle aus Marmor, Bücherei, Amerika, Seiner Majestät Schiff, Wellentunnel, Promenadendeck, Heil dir im Siegerkranz, die Göschflagge des Heimathafens, Prinz Heinrich steht am Steuerrad und mein Großvater Koljaiczek barfuß, die Rundhölzer kaum noch berührend, der Blasmusik entgegen, ein Volk das solche Fürsten hat, von Floß zu Floß, jubelt das Volk ihm zu, Heil dir im Siegerkranz, und alle Werftsirenen und die Sirenen der im Hafen liegenden Schiffe, der Schlepper und Vergnügungsdampfer, Columbus, Amerika, Freiheit und zwei Barkassen vor Freude irrsinnig neben ihm her, von Floß zu Floß, seiner Majestät Flöße und schneiden ihm den Weg ab und machen den Spielverderber, so daß er stoppen muß, wo er so schön im Schwung war, und steht ganz einsam auf einem Floß und sieht schon Amerika, da sind die Barkassen längsseits, da muß er sich abstoßen — und schwimmen sah man meinen Großvater, auf ein Floß schwamm er zu, das in die Mottlau glitt. Und mußte tauchen wegen Barkassen und unten bleiben wegen Barkassen, und das Floß schob sich über ihn und wollte nicht mehr aufhören, gebar immer ein neues Floß: Floß von deinem Floß, in alle Ewigkeit: Floß.

Die Barkassen stellten ihre Motoren ab. Unerbittliche Augenpaare suchten auf der Wasseroberfläche. Doch Koljaiczek hatte sich endgültig verabschiedet, hatte sich der Blechmusik, den Sirenen, den Schiffsglocken und Seiner Majestät Schiff, der Taufrede des Prinzen Heinrich und den irrsinnigen Möwen Seiner Majestät, hatte sich Heil dir im Siegerkranz und der Schmierseife Seiner Majestät für den Stapellauf Seiner Majestät Schiff, hatte sich Amerika und der ≫Columbus≪, hatte sich allen Nachforschungen der Polizei unter dem endlosen Holz entzogen.

Man hat die Leiche meines Großvaters nie gefunden. Ich, der ich fest daran glaube, daß er unter dem Floß seinen Tod schaffte, muß mich, um glaubwürdig zu bleiben, hier dennoch bequemen, all die Versionen wunderbarer Rettungen wiederzugeben.

Da hieß es, er habe unter dem Floß eine Lücke zwischen den Hölzern gefunden; von unten her gerade groß genug, um die Atmungsorgane über Wasser halten zu können. Nach oben hin soll sich die Lücke dergestalt verengt haben, daß es den Polizisten, die bis in die Nacht hinein die Flöße und sogar die Schilfhütten auf den Flößen absuchten, unsichtbar blieb. Dann, im Schutz der Dunkelheit — so hieß es weiter — habe er sich treiben lassen, habe zwar erschöpft, doch mit einigem Glück das andere Mottlauufer und das Gelände der Schichauwerft erreicht, habe dort im Schrottlager Unterschlupf gefunden und sei später, wahrscheinlich mit Hilfe griechischer Matrosen, auf einen jener schmierigen Tanker gelangt, die schon manch einem Flüchtling Schutz geboten haben sollen.

Andere behaupteten: Koljaiczek, der ein guter Schwimmer mit einer noch besseren Lunge war, unterschwamm nicht nur das Floß; auch die beträchtliche restliche Breite der Mottlau durchtauchte er, schaffte mit Glück das Festgelände der Schichauwerft, mischte sich dort, ohne Aufsehen zu erregen, unter die Werftarbeiter und schließlich unters begeisterte Volk, sang mit dem Volk ≫Heil dir im Siegerkranz≪, hörte sich noch beifallsfreudig des Prinzen Heinrich Taufrede auf Seiner Majestät Schiff ≫Columbus≪ an, verdrückte sich nach geglücktem Stapellauf mit der Menge in halb getrockneten Kleidern vom Festgelände und avancierte am nächsten Tag schon — hier trifft sich die erste mit der zweiten Rettungsversion — zum blinden Passagier auf einem der berühmt berüchtigten griechischen Tanker.

Der Vollständigkeit halber sei hier noch die dritte unsinnige Fabel erwähnt, die meinen Großvater gleich Treibholz in die offene See treiben ließ, wo ihn prompt Fischer aus Bohnsack auffischten und außerhalb der Dreimeilenzone einem schwedischen Hochseekutter übergaben. Dort, auf dem Schweden, ließ ihn die Fabel dann langsam und wunderbarerweise wieder zu Kräften kommen, Malmö erreichen — und so weiter, und so weiter.

Das alles ist Unsinn und Fischergeschwätz. Auch gebe ich keinen Pfifferling für die Aussagen jener in allen Hafenstädten gleich unglaubwürdigen Augenzeugen, welche meinen Großvater kurz nach dem ersten Weltkrieg in Buffalo USA gesehen haben wollen. Joe Colchic soll er sich genannt haben. Holzhandel mit Kanada gab man als sein Gewerbe an. Aktien bei Streichholzfirmen. Begründer von Feuerversicherungen. Schwerreich und einsam beschrieb man meinen Großvater: in einem Wolkenkratzer hinter riesigem Schreibtisch sitzend, Ringe mit glühenden Steinen an allen Fingern tragend, mit seiner Leibwache exerzierend, die Feuerwehruniform trug, polnisch singen konnte und Phönixgarde hieß.

Kapitel 3

FALTER UND GLÜHBIRNE

Ein Mann ließ alles zurück, fuhr über das große Wasser, kam nach Amerika und wurde reich. — Ich will es genug sein lassen mit meinem Großvater, ob er sich nun polnisch Goljaczek, kaschubisch Koljaiczek oder amerikanisch Joe Colchic nannte.

Es bereitet Schwierigkeiten, auf einer simplen, in Spielzeugläden und Kaufhäusern erhältlichen Blechtrommel hölzerne, mit dem Fluß fast bis zum Horizont hinlaufende Flöße abzutrommeln. Dennoch ist es mir gelungen, den Holzhafen, alles Treibholz, in Flußbuchten schlingernd, im Schilf verfilzt, mit weniger Mühe die Hellingen der Schichauwerft, der Klawitterwerft, der vielen, teilweise nur Reparaturen ausführenden Bootswerften, das Schrottlager der Waggonfabrik, die ranzigen Kokoslager der Margarinefabrik, alle mir bekannten Schlupfwinkel der Speicherinsel abzutrommeln. Er ist tot, gibt mir keine Antwort, zeigt kein Interesse für kaiserliche Stapelläufe, für den oft Jahrzehnte währenden, mit dem Stapellauf beginnenden Untergang eines Schiffes, das in diesem Fall ≫Columbus≪ hieß, auch der Stolz der Flotte genannt wurde, selbstverständlich Kurs auf Amerika nahm und später versenkt wurde, oder sich selbst versenkte, vielleicht auch gehoben und umgebaut, umgetauft oder verschrottet wurde. Womöglich tauchte sie nur, die ≫Columbus≪, machte es meinem Großvater nach, und treibt sich heute noch mit ihren vierzigtausend Tonnen, mit Rauchsalon, Turnhalle in Marmor, Schwimmbassin und Massagekabinen in, sagen wir, sechstausend Meter Tiefe des Philippinengrabens oder Emdentiefs herum; man kann das nachlesen im ≫Weyer≪ oder in Flottenkalendern — ich glaube, die erste oder zweite ≫Columbus≪ versenkte sich selbst, weil der Kapitän irgendeine mit dem Krieg zusammenhängende Schande nicht überleben wollte.

Einen Teil der Floßgeschichte habe ich Bruno vorgelesen, dann, um Objektivität bittend, meine Frage gestellt.

≫Ein schöner Tod!≪ schwärmte Bruno und begann sofort meinen ertrunkenen Großvater mittels Bindfaden in eine seiner Knotengeburten zu verwandeln. Ich sollte mit seiner Antwort zufrieden sein und nicht mit tollkühnen Gedanken nach USA auswandern und ein Erbe erschleichen wollen.

Meine Freunde Klepp und Vittlar besuchten mich. Klepp brachte eine Jazzplatte mit zweimal King Oliver, Vittlar reichte geziert tuend ein am rosa Band hängendes Schokoladenherz. Sie trieben allerlei Unsinn, parodierten Szenen aus meinem Prozeß, und ich zeigte mich, um ihnen eine Freude zu machen, wie an allen Besuchstagen aufgeräumt und selbst den dümmsten Scherzen gegenüber eines Gelächters fähig. So unter der Hand und bevor Klepp seinen unvermeidlichen Lehrvortrag über die Zusammenhänge zwischen Jazz und Marxismus starten konnte, erzählte ich die Geschichte eines Mannes, der im Jahre dreizehn, also kurz bevor es los ging, unter ein schier endloses Floß geriet, nicht mehr hervorkam; selbst seine Leiche habe man nicht gefunden.

Auf meine Frage hin — ich stellte sie zwanglos, betont gelangweilt — drehte Klepp mißmutig den Kopf über verfettetem Hals, knöpfte sich auf und zu, machte Schwimmbewegungen und tat so, als wäre er unter dem Floß. Schließlich schüttelte er meine Frage ab und gab dem zu frühen Nachmittag die Schuld an der ausbleibenden Antwort.

Vittlar hielt sich steif, schlug die Beine, dabei den Bügelfalten Sorge tragend, übereinander, zeigte jenen feingestreiften, bizarren Hochmut, der nur noch Engeln im Himmel geläufig sein mag: ≫Ich befinde mich auf dem Floß. Hübsch ist es auf dem Floß. Mücken stechen mich, das ist lästig. — Ich befinde mich unter dem Floß. Hübsch ist es unter dem Floß. Keine Mücke sticht mich, das ist angenehm. Es ließe sich, glaube ich, leben unter dem Floß, wenn man nicht gleichzeitig die Absicht hätte, auf dem Floß weilend sich von Mücken stechen zu lassen.≪

Vittlar machte seine bewährte Pause, musterte mich, hob dann, wie immer, wenn er einer Eule gleichen will, seine von Natur aus schon hohen Augenbrauen und betonte scharf theatralisch: ≫Ich nehme an, daß es sich bei dem Ertrunkenen, bei dem Mann unter dem Floß, um deinen Großonkel, wenn nicht sogar Großvater handelte. Da er sich als Großonkel und in weit größerem Maße als Großvater dir gegenüber verpflichtet fühlte, ist er zu Tode gekommen; denn nichts wäre dir lästiger, als einen lebenden ’Großvater zu haben. Du bist nicht nur der Mörder deines Großonkels, du bist der Mörder deines Großvaters! Da jener dich jedoch, wie es jeder echte Großvater gerne tut, ein wenig strafen wollte, ließ er dir nicht die Genugtuung eines Enkelkindes, das auf eine aufgedunsene Wasserleiche stolz hinweist und Worte gebraucht wie: Seht meinen toten Großvater. Er war ein Held! Er ging ins Wasser, als sie ihn verfolgten. — Dein Großvater unterschlug der Welt und seinem Enkelkind die Leiche, damit sich die Nachwelt und das Enkelkind noch lange mit ihm befassen mögen.≪ Dann, aus einem Pathos ins andere springend, ein listiger, leicht vorgebeugter, Versöhnung gaukelnder Vittlar: ≫Amerika, freue dich, Oskar! Du hast ein Ziel, eine Aufgabe. Man wird dich hier freisprechen, entlassen. Wohin, wenn nicht nach Amerika, wo man alles wiederfindet, selbst seinen verschollenen Großvater!≪

So höhnisch und anhaltend verletzend die Antwort Vittlars auch sein mochte, gab sie mir dennoch mehr Gewißheit, als das zwischen Tod und Leben kaum unterscheidende Geraunze meines Freundes Klepp oder die Antwort des Pflegers Bruno, der den Tod meines Großvaters nur deshalb einen schönen Tod nannte, weil kurz nach ihm ≫SMS Columbus≪ vom Stapel lief und Wellen machte. Da lobe ich mir doch Vittlars Großväter konservierendes Amerika, das angenommene Ziel, das Vorbild, an dem ich mich aufrichten kann, wenn ich europasatt die Trommel und Feder aus der Hand geben will: ≫Schreib weiter Oskar, tu es für deinen schwerreichen, aber müden, in Buffalo, USA, Holzhandel treibenden Großvater Koljaiczek, der im Inneren seines Wolkenkratzers mit Streichhölzern spielt!≪

Als sich Klepp und Vittlar verabschiedeten und endlich gingen, wies Bruno durch kräftiges Lüften allen störenden Geruch der Freunde aus dem Zimmer. Darauf nahm ich wieder meine Trommel, trommelte aber nicht mehr die Hölzer todverdeckender Flöße ab, sondern schlug jenen schnellen, sprunghaften Rhythmus, dem alle Menschen vom August des Jahres vierzehn an gehorchen mußten. So wird es sich nicht vermeiden lassen, daß auch mein Text, bis zur Stunde meiner Geburt, nur andeutend den Weg jener Trauergemeinde nachzeichnen wird, welche mein Großvater in Europa zurückließ.

Als Koljaiczek unter dem Floß verschwand, ängstigten sich zwischen den Angehörigen der Flößer auf der Anlegebrücke der Sägerei meine Großmutter mit ihrer Tochter Agnes, Vinzent Bronski und dessen siebzehnjähriger Sohn Jan. Etwas abseits stand Gregor Koljaiczek, der ältere Bruder des Joseph, den man anläßlich der Verhöre in die Stadt gerufen hatte. Jener Gregor hatte vor der Polizei allzeit dieselbe Antwort bereitzuhalten gewußt: ≫Kenne ja meinen Bruder kaum. Weiß im Grunde nur, daß er Joseph heißt, und als ich ihn letztes Mal sah, war er vielleicht zehn oder sagen wir, zwölf. Die Schuhe hat er mir geputzt und Bier geholt, falls Mutter und ich Bier wollten.≪

Wenn sich auch herausstellte, daß meine Urgroßmutter eine Biertrinkerin war, konnte der Polizei mit der Antwort des Gregor Koljaiczek nicht geholfen werden. Dafür aber half die Existenz des älteren Koljaiczek um so mehr meiner Großmutter Anna. Gregor, der in Stettin, Berlin, zuletzt in Schneidemühl Jahre seines Lebens zugebracht hatte, blieb in Danzig, fand Arbeit auf der Pulvermühle bei ≫Bastion Kaninchen≪ und heiratete nach Jahresfrist, nachdem alles Komplizierte, wie die Ehe mit dem falschen Wranka, geklärt und zu den Akten gelegt worden war, meine Großmutter, die nicht von den Koljaiczeks lassen wollte, die den Gregor nie oder nicht so schnell geheiratet hätte, wenn er nicht ein Koljaiczek gewesen wäre.

Die Arbeit auf der Pulvermühle bewahrte Gregor vor dem bunten und bald darauf grauen Rock. Zu dritt wohnten sie in derselben Eineinhalbzimmerwohnung, die dem Brandstifter jahrelang Unterschlupf geboten hatte. Es zeigte sich jedoch, daß ein Koljaiczek nicht wie der nächste Koljaiczek zu sein braucht, denn meine Großmutter sah sich nach einem knappen Jahr Ehe gezwungen, den gerade leerstehenden Kellerladen des Mietshauses im Troyl zu mieten und Krimskrams, von der Stecknadel bis zum Kohlkopf verkaufend, Verdienst zu suchen, weil der Gregor bei der Pulvermühle zwar eine Stange Geld verdiente, dennoch nicht das Nötigste nach Hause brachte, sondern alles vertrank. Während Gregor, wahrscheinlich von meiner Urgroßmutter her, ein Trinker war, war mein Großvater Joseph ein Mann, der ab und zu gerne einen Schnaps trank. Gregor trank nicht, weil er traurig war. Selbst wenn er fröhlich zu sein schien, was selten bei ihm vorkam, weil er der Melancholie anhing, trank er nicht um der Lustigkeit willen. Er trank, weil er allen Dingen auf den Grund ging, so auch dem Alkohol. Niemand hat Gregor Koljaiczek zu Lebzeiten ein halbvolles Gläschen Machandel stehenlassen sehen. Meine Mama, damals ein rundliches, fünfzehnjähriges Mädchen, machte sich nützlich, half im Geschäft, klebte Lebensmittelmarken, trug am Sonnabend die Ware aus und schrieb ungelenke, doch phantasievolle Mahnbriefe, die die Schulden der Pumpkundschaft eintreiben sollten. Schade, daß ich keinen dieser Briefe besitze. Wie schön wäre es, an dieser Stelle einige halb kindliche, halb mädchenhafte Notschreie aus den Episteln einer Halbwaise zitieren zu können, denn der Gregor Koljaiczek gab keinen vollwertigen Stiefvater ab. Vielmehr hatten meine Großmutter und ihre Tochter Mühe, ihre zumeist mit Kupfer und wenig Silber gefüllte Kasse, die aus zwei übereinandergestülpten Blechtellern bestand, vor dem melancholischen koljaiczekschen Blick des immer durstigen Pulvermüllers zu bewahren. Erst als Gregor Koljaiczek im Jahre siebzehn an der Grippe starb, steigerte sich die Verdienstspanne des Trödelladens etwas, doch nicht viel; denn was konnte man im Jahre siebzehn schon verkaufen?

Die Kammer der Eineinhalbzimmerwohnung, die seit dem Tod des Pulvermüllers leer stand, weil meine Mama, die Hölle fürchtend, dort nicht einziehen wollte, bezog Jan Bronski, der damals etwa zwanzigjährige Cousin meiner Mama, der Bissau und seinen Vater Vinzent verlassen hatte, um mit einem guten Abschlußzeugnis der Mittelschule Karthaus und nach abgeschlossener Lehrzeit auf der Post des Kreisstädtchens, nun auf der Hauptpost Danzig I die mittlere Verwaltungslaufbahn einzuschlagen. Jan brachte außer seinem Koffer auch seine umfangreiche Briefmarkensammlung in die Wohnung seiner Tante. Er sammelte schon seit frühester Jugend, hatte also zur Post nicht nur ein berufliches, sondern auch ein privates, immer behutsames Verhältnis. Der schmächtige, leicht gebückt gehende junge Mann zeigte ein hübsches, ovales, vielleicht etwas zu süßes Gesicht und blaue Augen genug, daß sich meine Mama, die damals siebzehn war, in ihn verlieben konnte. Man hatte den Jan schon dreimal gemustert, ihn aber bei jeder Musterung wegen seines miesen Zustandes zurückgestellt; was in jenen Zeiten, da man alles nur einigermaßen gerade Gewachsene nach Verdun schickte, um es auf Frankreichs Boden in die ewige Waagrechte zu bringen, allerlei über die Konstitution des Jan Bronski besagte.

Die Liebelei hätte eigentlich schon beim gemeinsamen Besehen der Briefmarkenalben, beim Kopf-an-Kopf-Prüfen der Zahnungen besonders wertvoller Exemplare beginnen müssen. Sie begann aber oder kam erst zum Ausbruch, als Jan zu seiner vierten Musterung bestellt wurde. Meine Mama begleitete ihn, da sie ohnehin in die Stadt mußte, vor das Bezirkskommando, wartete dort neben dem vom Landsturm bewachten Schilderhäuschen und war sich mit Jan darin einig, daß der Jan diesmal nach Frankreich müsse, um seinen kümmerlichen Brustkorb in der eisen- und bleihaltigen Luft jenes Landes kurieren zu können. Vielleicht hat meine Mama des Landsturmmannes Knöpfe mehrmals und mit wechselndem Ergebnis abgezählt. Ich könnte mir vorstellen, daß die Knöpfe aller Uniformen so bemessen sind, daß der zuletzt gezählte Knopf immer Verdun, einen der vielen Hartmannsweilerköpfe oder ein Flüßchen meint: Somme oder Marne.

Als sich nach einer knappen Stunde das zum viertenmal gemusterte Kerlchen aus dem Portal des Bezirkskommandos schob, die Treppen hinunterstolperte und der Agnes, meiner Mama, um den Hals fallend, den damals so beliebten Spruch zuflüsterte: ≫Kein Arsch, kein Gnick, ein Jahr zurück!≪ da hielt meine Mutter den Jan Bronski zum erstenmal, und ich weiß nicht, ob sie ihn späterhin jemals glücklicher gehalten hat. Details jener jungen Kriegsliebe sind mir nicht bekannt. Jan verkaufte einen Teil seiner Briefmarkensammlung, um den Ansprüchen meiner Mama, die einen wachen Sinn fürs Schöne, Kleidsame und Teure hatte, nachkommen zu können, und soll zu jener Zeit ein Tagebuch, geführt haben, das später leider verlorenging. Meine Großmutter schien das Bündnis der beiden jungen Leute — man kann annehmen, daß es übers Verwandtschaftliche hinaus ging — geduldet zu haben, denn Jan Bronski wohnte bis kurz nach dem Kriege in der engen Wohnung auf dem Troyl. Er zog erst aus, als sich die Existenz eines Herrn Matzerath nicht mehr leugnen ließ und auch zugegeben wurde. Jenen Herrn muß meine Mama im Sommer achtzehn kennengelernt haben, als sie im Lazarett Silberhammer bei Oliva als Hilfskrankenschwester Dienst tat. Alfred Matzerath, ein gebürtiger Rheinländer, lag dort mit einem glatten Oberschenkeldurchschuß und wurde auf rheinisch fröhliche Art bald der Liebling aller Krankenschwestern — die Schwester Agnes nicht ausgenommen. Halb genesen humpelte er am Arm dieser oder jener Pflegerin auf dem Korridor und half der Schwester Agnes in der Küche, weil ihr das Schwesternhäubchen so gut zum runden Gesicht stand, auch weil er, ein passionierter Koch, Gefühle in Suppen zu wandern verstand.

Als die Verwundung ausgeheilt war, blieb Alfred Matzerath in Danzig und fand dort sofort Arbeit als Vertreter seiner rheinischen Firma, eines größeren Unternehmens der papierverarbeitenden Industrie. Der Krieg hatte sich verausgabt. Man bastelte, Anlaß zu ferneren Kriegen gebend, Friedensverträge: das Gebiet um die Weichselmündung, etwa von Vogelsang auf der Nehrung, der Nogat entlang bis Pieckel, dort mit der Weichsel abwärts laufend bis Czattkau, links einen rechten Winkel bis Schönfließ bildend, dann einen Buckel um den Saskoschiner Forst bis zum Ottominer See machend, Mattem, Ramkau und das Bissau meiner Großmutter liegen lassend und bei Klein-Katz die Ostsee erreichend, wurde zum Freien Staat erklärt und dem Völkerbund unterstellt. Polen erhielt im eigentlichen Stadtgebiet einen Freihafen, die Westerplatte mit Munitionsdepot, die Verwaltung der Eisenbahn und eine eigene Post am Heveliusplatz.

Während die Briefmarken des Freistaates ein hanseatisch rotgoldenes, Koggen und Wappen zeigendes Gepränge den Briefen boten, frankierten die Polen mit makaber violetten Szenen, die Kasimirs und Batorys Historien illustrierten.

Jan Bronski wechselte zur Polnischen Post über. Sein Übertritt wirkte spontan, desgleichen seine Option für Polen. Viele wollen den Grund für die Erwerbung der polnischen Staatsangehörigkeit im Verhalten meiner Mama gesehen haben. Im Jahre zwanzig, da Marszalek Pilsudski die Rote Armee bei Warschau schlug und das Wunder an der Weichsel von Leuten wie Vinzent Bronski der Jungfrau Maria, von Militärsachverständigen entweder General Sikorski oder General Weygand zugesprochen wurde, in jenem polnischen Jahr also verlobte sich meine Mama mit dem Reichsdeutschen Matzerath. Fast möchte ich glauben, daß meine Großmutter Anna gleich dem Jan mit dieser Verlobung nicht einverstanden war. Sie überließ den Kellerladen auf dem Troyl, der es inzwischen zu einiger Blüte gebracht hatte, ihrer Tochter, zog zu ihrem Bruder Vinzent nach Bissau, also ins Polnische, übernahm wie in vorkoljaiczekschen Zeiten den Hof mit Rüben- und Kartoffeläckern, gönnte dem mehr und mehr von Gnade gerittenen Bruder Umgang und Zwiegespräch mit der jungfräulichen Königin Polens und begnügte sich damit, in vier Röcken hinter herbstlichen Kartoffelkrautfeuern zu hocken und zum Horizont hinzublinzeln, den immer noch Telegrafenstangen einteilten.

Erst als Jan Bronski seine Hedwig, eine Kaschubsche aus der Stadt, die aber in Ramkau noch Äcker besaß, fand und auch heiratete, besserte sich das Verhältnis zwischen Jan und meiner Mama. Bei einem Tanzvergnügen im Cafe Woyke, da man sich zufällig traf, soll sie den Jan dem Matzerath vorgestellt haben. Die beiden so verschiedenen, doch in bezug auf Mama einmütigen Herren fanden Gefallen aneinander, obgleich Matzerath den Übertritt Jans zur Polnischen Post schlankweg und lautrheinisch eine Schnapsidee nannte. Jan tanzte mit Mama, Matzerath mit der starkknochigen, großgeratenen Hedwig, die den unfaßbaren Blick einer Kuh hatte, was ihre Umgebung veranlaßte, in ihr ständig eine Schwangere zu sehen. Man tanzte noch oft miteinander, durcheinander, dachte beim Tanz an den nächsten Tanz, war sich beim Schieber voraus und beim Englischen Walzer enthoben, fand schließlich im Charleston den Glauben an sich selbst und im Slowfox Sinnlichkeit, die an Religion grenzte. Als Alfred Matzerath im Jahre dreiundzwanzig, da man für den Gegenwert einer Streichholzschachtel ein Schlafzimmer tapezieren, also mit Nullen mustern konnte, meine Mama heiratete, war Jan der eine Trauzeuge, ein Kolonialwarenhändler Mühlen der andere. Von jenem Mühlen weiß ich nicht viel zu berichten. Er ist nur nennenswert, weil Mama und Matzerath von ihm einen schlechtgehenden, durch Pumpkundschaft ruinierten Kolonialwarenladen im Vorort Langfuhr zu einem Zeitpunkt übernahmen, da die Rentenmark eingeführt wurde. Innerhalb kurzer Zeit gelang es Mama, die sich im Kellerladen auf dem Troyl geschickte Umgangsformen mit jeder Art Pumpkundschaft erworben hatte, die dazu einen angeborenen Geschäftssinn, Witz und Schlagfertigkeit besaß, das verkommene Geschäft soweit wieder hochzuarbeiten, daß Matzerath seinen Vertreterposten in der ohnehin überlaufenen Papierbranche aufgeben mußte, um im Geschäft helfen zu können.

Die beiden ergänzten sich auf wunderbare Weise. Was Mama hinter dem Ladentisch der Kundschaft gegenüber leistete, erreichte der Rheinländer im Umgang mit Vertretern und beim Einkauf auf dem Großmarkt. Dazu kam die Liebe Matzeraths zur Kochschürze, zur Arbeit in der Küche, die auch das Abwaschen einbezog und Mama, die es mehr mit Schnellgerichten hielt, entlastete.

Die Wohnung, die sich dem Geschäft anschloß, war zwar eng und verbaut, aber verglichen mit den Wohnverhältnissen auf dem Troyl, die ich nur vom Erzählen her kenne, kleinbürgerlich genug, daß sich Mama, zumindest während der ersten Ehejahre, im Labesweg wohlgefühlt haben muß.

Außer dem langen, leicht geknickten Korridor, in dem sich zumeist Persilpackungen stapelten, gab es die geräumige, jedoch gleichfalls mit Waren wie Konservendosen, Mehlbeuteln und Haferflockenpäckchen zur guten Hälfte belegte Küche. Das aus zwei Fenstern auf den sommers mit Ostseemuscheln verzierten Vorgarten und die Straße blickende Wohnzimmer bildete das Kernstück der Parterrewohnung. Wenn die Tapete viel Weinrot hatte, bezog beinahe Purpur die Chaiselongue. Ein ausziehbarer, an den Ecken abgerundeter Eßtisch, vier schwarze gelederte Stühle und ein rundes Rauchtischchen, das ständig seinen Platz wechseln mußte, standen schwarzbeinig auf blauem Teppich. Schwarz und golden zwischen den Fenstern die Standuhr. Schwarz an die purpurne Chaiselongue stoßend, das zuerst gemietete, später langsam abgezahlte Klavier, mit Drehschemelchen auf weißgelblichem Langhaarfell. Demgegenüber das Büfett. Das schwarze Büfett mit von schwarzen Eierstäben eingefaßten, geschliffenen Schiebefenstern, mit schwerschwarzen Fruchtornamenten auf den unteren, das Geschirr und die Tischdecken verschließenden Türen, mit schwarzgekrallten Beinen, schwarz profiliertem Aufsatz — und zwischen der Kristallschale mit Zierobst und dem grünen, in einer Lotterie gewonnenen Pokal jene Lücke, die dank der geschäftlichen Tüchtigkeit meiner Mama später mit einem hellbraunen Radioapparat geschlossen werden sollte.

Das Schlafzimmer war in Gelb gehalten und sah auf den Hof des vierstöckigen Mietshauses. Glauben Sie mir bitte, daß der Betthimmel der breiten Eheburg hellblau war, daß am Kopfende im hellblauen Licht die gerahmte, verglaste, büßende Magdalena fleischfarben in einer Höhle lag, zum rechten oberen Bildrand aufseufzte und vor der Brust soviel Finger rang, daß man immer wieder, mehr als zehn Finger vermutend, nachzählen mußte. Dem Ehebett gegenüber der weiß gelackte Kleiderschrank mit Spiegeltüren, links ein Frisiertoilettchen, rechts eine Kommode mit Marmor drauf, von der Decke hängend, nicht stoffbespannt wie im Wohnzimmer, sondern an zwei Messingarmen unter leichtrosa Porzellanschalen, so daß die Glühbirnen sichtbar blieben, Licht verbreitend: die Schlafzimmerlampe.

Ich habe heute einen langen Vormittag zertrommelt, habe meiner Trommel Fragen gestellt, wollte wissen, ob die Glühbirnen in unserem Schlafzimmer vierzig oder sechzig Watt zählten. Es ist nicht das erste Mal, daß ich diese, für mich so wichtige Frage mir und meiner Trommel stelle. Oft dauert es Stunden, bis ich zu jenen Glühbirnen zurückfinde. Denn müssen nicht jedesmal die tausend Lichtquellen, die ich beim Betreten und Verlassen vieler Wohnungen durch Ein- und Ausschalten der entsprechenden Schaltdosen belebte oder einschlafen ließ, vergessen werden, damit ich durch floskellosestes Trommeln aus einem Wald genormter Beleuchtungskörper zu jenen Leuchten unseres Schlafzimmers im Labesweg zurückfinde?

Mama kam zu Hause nieder. Als die Wehen einsetzten, stand sie noch im Geschäft und füllte Zucker in blaue Pfund- und Halbpfundtüten ab. Schließlich war es für den Transport in die Frauenklinik zu spät; eine ältere Hebamme, die nur noch dann und wann zu ihrem Köfferchen griff, mußte aus der nahen Hertastraße gerufen werden. Im Schlafzimmer half sie mir und Mama, voneinander loszukommen.

Ich erblickte das Licht dieser Welt in Gestalt zweier Sechzig-Watt-Glühbirnen. Noch heute kommt mir deshalb der Bibeltext: ≫Es werde Licht und es ward Licht≪ — wie der gelungenste Werbeslogan der Firma Osram vor. Bis auf den obligaten Dammriß verlief meine Geburt glatt. Mühelos befreite ich mich aus der von Müttern, Embryonen und Hebammen gleichviel geschätzten Kopflage.

Damit es sogleich gesagt sei: Ich gehörte zu den hellhörigen Säuglingen, deren geistige Entwicklung schon bei der Geburt abgeschlossen ist und sich fortan nur noch bestätigen muß. So unbeeinflußbar ich als Embryo nur auf mich gehört und mich im Fruchtwasser spiegelnd geachtet hatte, so kritisch lauschte ich den ersten spontanen Äußerungen der Eltern unter den Glühbirnen. Mein Ohr war hellwach. Wenn es auch klein, geknickt, verklebt und allenfalls niedlich zu benennen war, bewahrte es dennoch jede jener für mich fortan so wichtigen, weil als erste Eindrücke gebotenen Parolen. Noch mehr: was ich mit dem Ohr einfing, bewertete ich sogleich mit winzigstem Hirn und beschloß, nachdem ich alles Gehörte genug bedacht hatte, dieses und jenes zu tun, anderes gewiß zu lassen.

≫Ein Junge≪, sagte jener Herr Matzerath, der in sich meinen Vater vermutete. ≫Er wird später einmal das Geschäft übernehmen. Jetzt wissen wir endlich, wofür wir uns so abarbeiten.≪

Mama dachte weniger ans Geschäft, mehr an die Ausstattung ihres Sohnes: ≫Na, wußt’ ich doch, daß es ein Jungchen ist, auch wenn ich manchmal jesagt hab’, es wird ne Marjell.≪

So machte ich verfrühte Bekanntschaft mit weiblicher Logik und hörte mir hinterher an: ≫Wenn der kleine Oskar drei Jahre alt ist, soll er eine Blechtrommel bekommen.≪

Längere Zeit mütterliches und väterliches Versprechen gegeneinander abwägend, beobachtete und belauschte ich, Oskar, einen Nachtfalter, der sich ins Zimmer verflogen hatte. Mittelgroß und haarig umwarb er die beiden Sechzig-Watt-Glühbirnen, warf Schatten, die in übertriebenem Verhältnis zur Spannweite seiner Flügel den Raum samt Inventar mit zuckender Bewegung deckten, füllten, erweiterten. Mir blieb jedoch weniger das Licht- und Schattenspiel, als vielmehr jenes Geräusch, welches zwischen Falter und Glühbirne laut wurde: Der Falter schnatterte, als hätte er es eilig, sein Wissen loszuwerden, als käme ihm nicht mehr Zeit zu für spätere Plauderstunden mit Lichtquellen, als wäre das Zwiegespräch zwischen Falter und Glühbirne in jedem Fall des Falters letzte Beichte und nach jener Art von Absolution, die Glühbirnen austeilen, keine Gelegenheit mehr für Sünde und Schwärmerei.

Heute sagt Oskar schlicht: Der Falter trommelte. Ich habe Kaninchen, Füchse und Siebenschläfer trommeln hören. Frösche können ein Unwetter zusammentrommeln. Dem Specht sagt man nach, daß er Würmer aus ihren Gehäusen trommelt. Schließlich schlägt der Mensch auf Pauken, Becken, Kessel und Trommeln. Er spricht von Trommelrevolvern, vom Trommelfeuer, man trommelt jemanden heraus, man trommelt zusammen, man trommelt ins Grab. Das tun Trommelknaben, Trommelbuben. Es gibt Komponisten, die schreiben Konzerte für Streicher und Schlagzeug. Ich darf an den Großen und Kleinen Zapfenstreich erinnern, auch auf Oskars bisherige Versuche hinweisen; all das ist nichts gegen die Trommelorgie, die der Nachtfalter anläßlich meiner Geburt auf zwei simplen Sechzig-Watt-Glühbirnen veranstaltete. Vielleicht gibt es Neger im dunkelsten Afrika, auch solche in Amerika, die Afrika noch nicht vergessen haben, vielleicht mag es diesen rhythmisch organisierten Leuten gegeben sein, gleich oder ähnlich meinem Falter oder afrikanische Falter imitierend — die ja bekanntlich noch größer und prächtiger als die Falter Osteuropas sind — zuchtvoll und entfesselt zugleich zu trommeln; ich halte meine osteuropäischen Maßstäbe, halte mich also an jenen mittelgroßen, bräunlich gepuderten Nachtfalter meiner Geburtsstunde, nenne ihn Oskars Meister.

Es war in den ersten Septembertagen. Die Sonne stand im Zeichen der Jungfrau. Von fernher schob ein spätsommerliches Gewitter, Kisten und Schränke verrückend, durch die Nacht. Merkur machte mich kritisch, Uranus einfallsreich, Venus ließ mich ans kleine Glück, Mars an meinen Ehrgeiz glauben. Im Haus des Aszendenten stieg die Waage auf, was mich empfindlich stimmte und zu Übertreibungen verführte. Neptun bezog das zehnte, das Haus der Lebensmitte und verankerte mich zwischen Wunder und Täuschung. Saturn war es, der im dritten Haus in Opposition zu Jupiter mein Herkommen in Frage stellte. Wer aber schickte den Falter und erlaubte ihm und dem oberlehrerhaften Gepolter eines spätsommerlichen Donnerwetters, in mir die Lust zur mütterlicherseits versprochenen Blechtrommel zu steigern, mir das Instrument immer handlicher und begehrlicher zu machen?

Äußerlich schreiend und einen Säugling blaurot vortäuschend, kam ich zu dem Entschluß, meines Vaters Vorschlag, also alles was das Kolonialwarengeschäft betraf, schlankweg abzulehnen, den Wunsch meiner Mama jedoch zu gegebener Zeit, also anläßlich meines dritten Geburtstages, wohlwollend zu prüfen.

Neben all diesen Spekulationen, meine Zukunft betreffend, bestätigte ich mir: Mama und jener Vater Matzerath hatten nicht das Organ, meine Einwände und Entschlüsse zu verstehen und gegebenenfalls zu respektieren. Einsam und unverstanden lag Oskar unter den Glühbirnen, folgerte, daß das so bleibe, bis sechzig, siebenzig Jahre später ein endgültiger Kurzschluß aller Lichtquellen Strom unterbrechen werde, verlor deshalb die Lust, bevor dieses Leben unter den Glühbirnen anfing; und nur die in Aussicht gestellte Blechtrommel hinderte mich damals, dem Wunsch nach Rückkehr in meine embryonale Kopflage stärkeren Ausdruck zu geben. Zudem hatte die Hebamme mich schon abgenabelt; es war nichts mehr zu machen.

Kapitel 4

DAS FOTOALBUM

Ich hüte einen Schatz. All die schlimmen, nur aus Kalendertagen bestehenden Jahre lang habe ich ihn gehütet, versteckt, wieder hervorgezogen; während der Reise im Güterwagen drückte ich ihn mir wertvoll gegen die Brust, und wenn ich schlief, schlief Oskar auf seinem Schatz, dem Fotoalbum.

Was täte ich ohne dieses alles deutlich machende, offen zu Tage liegende Familiengrab? Hundertundzwanzig Seiten hat es. Auf jeder Seite kleben neben- und untereinander, rechtwinklig, sorgfältig verteilt, die Symmetrie hier wahrend, dort in Frage stellend, vier oder sechs, manchmal nur zwei Fotos. Es ist in Leder gebunden und riecht, je älter es wird, um so mehr danach. Es gab Zeiten, da Wind und Wetter dem Album zusetzten. Die Fotos lösten sich, zwangen mich durch ihren hilflosen Zustand, Ruhe und Gelegenheit zu suchen, damit Klebstoff den fast verlorenen Bildchen ihren angestammten Platz sicherte.

Was auf dieser Welt, welcher Roman hätte die epische Breite eines Fotoalbums? Der liebe Gott, der uns als fleißiger Amateur jeden Sonntag von oben herab, also schrecklich verkürzt fotografiert undmehr oder weniger gut belichtet in sein Album klebt, möge mich sicher und jeden noch so genußvollen, doch unschicklich langen Aufenthalt verhindernd, durch dieses mein Album leiten und Oskars Liebe zum Labyrinthischen nicht nähren; ich möchte doch allzu gerne den Fotos die Originale nachliefern. So obenhin bemerkt: da gibt es die verschiedensten Uniformen, da wechseln die Mode und der Haarschnitt, da wird Mama dicker, Jan schlaffer, da gibt es Leute, die kenne ich gar nicht, da darf man raten: wer machte die Aufnahme, da geht es schließlich bergab; und aus dem Kunstfoto der Jahrhundertwende degeneriert sich das Gebrauchsfoto unserer Tage. Nehmen wir jenes Denkmal meines Großvaters Koljaiczek und dieses Paßfoto meines Freundes Klepp. Ein bloßes Nebeneinanderhalten des bräunlich getönten Großvaterporträts und des glatten, nach einem Stempel schreienden Kleppschen Paßfotos macht mir immer wieder deutlich, wohin uns der Fortschritt auf dem Gebiet des Fotografierens gebracht hat. Allein schon das Drum und Dran dieser Schnellfotografiererei. Dabei muß ich mir noch mehr Vorwürfe als Klepp machen, da ich, der Besitzer dieses Albums, verpflichtet gewesen wäre, das Niveau zu wahren. Sollte uns eines Tages die Hölle blühen, wird eine der ausgesuchtesten Qualen darin bestehen, den nackten Menschen mit den gerahmten Fotos seiner Tage in einen Raum zu sperren. Schnell etwas Pathos: Oh Mensch zwischen Momentaufnahmen, Schnappschüssen, Paßfotos! Mensch im Blitzlicht, Mensch aufrecht stehend vor Pisas schiefem Turm, Kabinenmensch, der sein rechtes Ohr belichten lassen muß, damit er paßwürdig wird! Und — Pathos weg: Vielleicht wird auch diese Hölle erträglich sein, weil ja die schlimmsten Aufnahmen nur geträumt, nicht gemacht, oder wenn gemacht, nicht entwickelt werden.

Klepp und ich ließen die Aufnahmen während unserer ersten Zeit in der Jülicher Straße, da wir Spaghetti essend Freundschaft schlössen, machen und auch entwickeln. Ich trug mich damals mit Reiseplänen. Das heißt, ich war so traurig, daß ich eine Reise machen und deshalb einen Paß beantragen wollte. Da ich aber nicht genügend Geld hatte, um eine vollwertige, also Rom, Neapel oder wenigstens Paris einschließende Reise finanzieren zu können, war ich froh über diesen Mangel an Bargeld, denn nichts wäre trauriger gewesen, als in bedrücktem Zustand verreisen zu müssen. Da wir beide aber Geld genug hatten, um ins Kino gehen zu können, besuchten Klepp und ich in jener Zeit Lichtspielhäuser, in denen, Klepps Geschmack folgend, Wildwestfilme, meinem Bedürfnis nach. Streifen gezeigt wurden, auf denen Maria Schell als Krankenschwester weinte und der Borsche als Chefarzt kurz nach schwierigster Operation bei offener Balkontür Beethovensonaten spielte und Verantwortung zeigte. Wir litten sehr unter der nur zweistündigen Dauer der Filmvorführungen. Manches Programm hätte man sich zweimal ansehen mögen. Oftmals erhoben wir uns auch nach Filmschluß, um an der Kasse abermals ein Billett für dieselben Darbietungen zu erstehen. Aber sobald wir den Kinosaal verlassen hatten und die längere oder kürzere Menschenreihe vor der Tageskasse sahen, schwand uns der Mut. Nicht nur vor der Kassiererin, auch vor wildfremden Typen, die wahrhaft unverschämt unsere Physiognomie erwanderten, schämten wir uns zu sehr, als daß wir gewagt hätten, die Reihe vor der Kasse zu verlängern.

So gingen wir damals nach fast jeder Filmvorführung in ein Fotogeschäft in der Nähe des Graf-Adolf-Platzes, um Paßbildaufnahmen von uns machen zu lassen. Man kannte uns dort schon, lächelte, wenn wir eintraten, bat aber freundlich Platz zu nehmen; wir waren Kunden, mithin geachtete Leute. Sobald die Kabine frei war, schob uns nacheinander ein Fräulein, von dem ich nur noch weiß, daß es nett war, in die Kabine, rückte und zupfte erst mich, dann Klepp mit einigen Griffen zurecht, hieß uns, auf einen bestimmten Punkt zu blicken, bis zuckendes Licht und eine mit dem Licht verbundene Klingel verrieten, daß wir nun sechsmal nacheinander auf der Platte waren.

Kaum fotografiert und noch leicht starr in den Mundwinkeln, drückte uns das Fräulein in bequeme Korbstühle und bat nett, nur nett und auch nett gekleidet, um fünf Minuten Geduld. Wir warteten gerne. Schließlich hatten wir etwas zu erwarten: unsere Paßbildchen, auf die wir so neugierig waren. Nach knappen sieben Minuten reichte das immer noch nette, sonst unbeschreibliche Fräulein zwei Tütchen, und wir zahlten. Dieser Triumph in Klepps leicht vortretenden Augen. Sobald wir die Tüten hatten, hatten wir auch den Anlaß, in die nächste Bierschwemme zu gehen; denn niemand betrachtet seine eigenen Paßbildaufnahmen gerne auf offener, staubiger Straße, im Lärm stehend, im Strom der Passanten ein Hindernis bildend. Wie wir dem Fotogeschäft treu waren, besuchten wir auch immer wieder dieselbe Kneipe in der Friedrichstraße. Bier, Blutwurst mit Zwiebeln und Schwarzbrot bestellend, breiteten wir, noch bevor das Bestellte gebracht wurde, die etwas feuchten Aufnahmen, das ganze Rund der hölzernen Tischplatte einbeziehend, aus und vertieften uns bei prompt serviertem Bier mit Blutwurst in die eigenen angestrengten Gesichtszüge.

Immer trugen wir außerdem Aufnahmen bei uns, die anläßlich des letzten Kinotages gemacht worden waren. So bot sich Gelegenheit zum Vergleich; und wo sich Gelegenheit zum Vergleich bietet, darf man auch ein zweites, drittes, viertes Glas Bier bestellen, damit Lustigkeit aufkommt oder, wie man im Rheinland sagt: Stimmung.

Dennoch soll hier nicht behauptet werden, daß es einem traurigen Menschen möglich ist, mittels einer Paßbildaufnahme seiner selbst, die eigene Trauer ungegenständlich zu machen; denn die echte Trauer ist schon an sich ungegenständlich, zumindest meine und auch Klepps ließ sich auf nichts zurückführen und bewies gerade in ihrer nahezu freifröhlichen Ungegenständlichkeit eine durch nichts zu vergrämende Stärke. Wenn es eine Möglichkeit gab, mit unserer Trauer anzubändeln, dann nur über die Fotos, weil wir in serienmäßig hergestellten Schnellaufnahmen uns selbst zwar nicht deutlich, aber, was wichtiger war, passiv und neutralisiert fanden. Wir konnten mit uns beliebig umgehen, Bier dabei trinken, mit Blutwürsten grausam sein, Stimmung aufkommen lassen und spielen. Wir knickten, falteten, zerschnitten mit Scheren, die wir eigens zu diesem Zweck immer bei uns trugen, die Bildchen. Wir setzten ältere und neuere Konterfeie zusammen, gaben uns einäugig, dreiäugig, beehrten uns mit Nasen, sprachen oder schwiegen mit dem rechten Ohr und boten dem Kinn die Stirn. Nicht nur dem eigenen Abbild widerfuhren diese Montagen; Klepp lieh sich Details bei mir aus, ich erbat mir Charakteristisches von ihm: es gelang uns, neue und, wie wir hofften, glücklichere Geschöpfe zu erschaffen. Dann und wann verschenkten wir ein Foto.

Wir — ich beschränke mich auf Klepp und mich, lasse montierte Persönlichkeiten aus dem Spiel — wir hatten es uns zur Gewohnheit gemacht, dem Kellner der Bierschwemme, den wir Rudi nannten, bei jedem Besuch, und die Schwemme sah uns wenigstens einmal in der Woche, ein Foto zu schenken. Rudi, ein Typ, der zwölf Kinder verdient hätte und die Vormundschaft für acht weitere, kannte unsere Not, besaß schon Dutzende Profilaufnahmen und noch mehr Bildchen en face, zeigte doch jedesmal ein anteilnehmendes Gesicht und sagte Dank, wenn wir nach langer Beratung und peinlich gestrenger Auswahl die Fotos überreichten. Der Serviererin am Büfett und dem fuchsigen Mädchen mit dem Zigarettenbauchladen hat Oskar nie ein Foto geschenkt; denn Frauen soll man keine Fotos schenken — sie treiben nur Mißbrauch damit. Klepp jedoch, der bei all seiner Behäbigkeit Frauen gegenüber sich nie genug tun konnte und mitteilsam bis zur Tollkühnheit vor jeder das Hemd gewechselt hätte, er muß eines Tages dem Zigarettenmädchen, ohne mein Wissen, ein Foto geschenkt haben, denn er hat sich mit dem grünen schnippischen Ding verlobt, hat es eines Tages geheiratet, weil er sein Foto wieder zurück haben will.

Ich habe vorgegriffen und den letzten Blättern des Fotoalbums zu viele Worte gewidmet. Die dummen Schnappschüsse verdienen es nicht oder nur im Sinne eines Vergleiches, der klarmachen sollte, wie groß und unerreichbar, ja künstlerisch das Porträt meines Großvaters Koljaiczek auf der ersten Seite des Fotoalbums heute noch auf mich wirkt.

Klein und breit steht er neben einem gedrechselten Tischchen. Leider ließ er die Aufnahme nicht als Brandstifter, sondern als freiwilliger Feuerwehrmann Wranka machen. Es fehlt ihm also der Schnauzbart. Aber die straff sitzende Feuerwehruniform mit Rettungsmedaille und dem das Tischchen zum Altar machenden Feuerwehrhelm ersetzen den Schnauz des Brandstifters beinahe. Wie ernst und um alles Leid der Jahrhundertwende wissend er dreinzublicken weiß. Jener bei aller Tragik noch stolze Blick schien in den Zeiten des zweiten Kaiserreiches beliebt und geläufig gewesen zu sein, zeigt ihn doch gleichfalls Gregor Koljaiczek, der trunkene, auf den Fotos eher nüchtern wirkende Pulvermüller. Mehr mystisch, weil in Tschenstochau aufgenommen, hält es den eine geweihte Kerze haltenden Vinzent Bronski fest. Ein Jugendbildnis des schmächtigen Jan Bronski ist ein mit den Mitteln der frühen Fotografie gewonnenes Zeugnis bewußt schwermütiger Männlichkeit.

Den Frauen jener Zeit gelang dieser Blick über entsprechender Haltung seltener. Selbst meine Großmutter Anna, die doch, bei Gott, eine Person war, ziert sich auf den Aufnahmen vor Ausbruch des ersten Weltkrieges hinter einem dümmlich draufgesetzten Lächeln und läßt nichts von der Asyl bietenden Spannweite ihrer vier übereinanderfallenden, so verschwiegenen Röcke ahnen.

Sie lächelten auch noch während der Kriegsjahre dem knipsknips machenden, unter schwarzem Tuch tänzelnden Fotografen zu. Gleich dreiundzwanzig Krankenschwestern, darunter Mama als Hilfskrankenschwester im Lazarett Silberhammer, habe ich verschüchtert, um einen Halt bietenden Stabsarzt drängend, auf festem Karton von doppelter Postkartengröße. Etwas lockerer geben sich die Lazarettdamen in der gestellten Szene eines Kostümfestes, bei dem auch fast genesene Krieger mitwirkten. Mama riskiert ein zugekniffenes Auge und einen Kußmund, der trotz ihrer Engelsflügel und Lamettahaare sagen will: Auch Engel haben ein Geschlecht. Der vor ihr knieende Matzerath hat eine Verkleidung gewählt, die er allzu gerne zur täglichen Kleidung gemacht hätte: er zeigt sich als löffelschwingender Koch unter gestärkter Kochmütze. Hingegen in Uniform, mit dem Eisernen Kreuz zweiter Klasse behaftet, blickt auch er, den Koljaiczeks und Bronskis ähnlich, tragisch bewußt geradeaus und ist den Frauen auf allen Fotos überlegen.

Nach dem Kriege zeigte man ein anderes Gesicht. Die Männer schauen leicht abgemustert drein, und nun sind es die Frauen, die es verstehen, sich ins Bildformat zu stellen, die den Grund haben, ernst dreinzublicken, die, selbst wenn sie lächeln, die Untermalung gelernten Schmerz nicht leugnen wollen. Sie stand ihnen gut, die Wehmut den Frauen der zwanziger Jahre. Gelingt es ihnen nicht, sitzend, stehend und halb liegend, schwarzhaarige Mondsicheln an die Schläfe klebend, zwischen Madonna und Käuflichkeit eine versöhnliche Bindung zu knüpfen?

Das Bild meiner dreiundzwanzigj ährigen Mama — es muß kurz vor Beginn ihrer Schwangerschaft aufgenommen worden sein — zeigt eine junge Frau, die den runden, ruhig geformten Kopf auf straff fleischigem Hals leicht neigt, den jeweiligen Beschauer ihres Bildes jedoch direkt anblickt, die bloß sinnlichen Konturen mit besagt wehmütigem Lächeln und einem Augenpaar auflöst, das gewohnt zu sein scheint, mehr grau als blau die Seelen der Mitmenschen wie auch die eigene Seele gleich einem festen Gegenstand — sagen wir, Kaffeetasse oder Zigarettenspitze — zu betrachten. Es dürfte das Wörtchen seelenvoll allerdings nicht reichen, setzte ich es dem Blick meiner Mama als Eigenschaftswort davor.

Nicht interessanter, aber leichter zu beurteilen und darum aufschlußreicher sind die Gruppenfotos jener Zeit. Erstaunlich, um wieviel schöner und bräutlicher die Hochzeitskleider waren, als man den Vertrag zu Rapallo unterzeichnete. Matzerath trägt auf seinem Hochzeitsfoto noch einen steifen Kragen. Er sieht gut aus, elegant, fast intellektuell. Den rechten Fuß stellt er vor, möchte vielleicht einem Filmschauspieler seiner Tage, Harry Liedtke etwa, gleichen. Man trug damals kurz. Das bräutliche Kleid meiner bräutlichen Mama, ein weißer, tausendfältiger Plisseerock reicht bis knapp unters Knie, zeigt ihre gutgeformten Beine und zierlichen Tanzfüßchen in weißen Spangenschuhen. Auf anderen Abzügen drängt die ganze Hochzeitsgesellschaft. Zwischen städtisch Gekleideten und Posierenden fallen immer wieder die Großmutter Anna und ihr begnadeter Bruder Vinzent durch provinzielle Strenge und Vertrauen einflößende Unsicherheit auf. Jan Bronski, der ja gleich meiner Mama vom selben Kartoffelacker herstammt wie seine Tante Anna und sein der himmlischen Jungfrau ergebener Vater, weiß ländlich kaschubische Herkunft hinter der festlichen Eleganz eines polnischen Postsekretärs zu verbergen. So klein und gefährdet er auch zwischen den Gesunden und Platzeinnehmenden stehen mag, sein ungewöhnliches Auge, die fast weibische Ebenmäßigkeit seines Gesichtes bilden, selbst wenn er am Rande steht, den Mittelpunkt jedes Fotos.

Schon längere Zeit betrachte ich eine Gruppe, die kurz nach der Hochzeit aufgenommen wurde. Ich muß zur Trommel greifen und mit meinen Stöcken vor dem matten, bräunlichen Viereck versuchen, das auf dem Karton erkennbare Dreigestirn auf gelacktem Blech zu beschwören. Die Gelegenheit für dieses Bild wird sich Ecke Magdeburger Straße — Heeresanger neben dem polnischen Studentenheim, also in der Wohnung der Bronskis ergeben haben, denn es zeigt den Hintergrund eines sonnenbeschienenen, mit Kletterbohnen halb zugerankten Balkons solcher Machart, wie sie nur den Wohnungen der Polensiedlung vorklebten. Mama sitzt, Matzerath und Jan Bronski stehen. Aber wie sie sitzt und wie die beiden stehen! Eine Zeitlang war ich dumm genug, mit einem Schulzirkel, den Bruno mir kaufen mußte, mit Lineal und Dreieck die Konstellation dieses Triumvirates — denn Mama ersetzte vollwertig einen Mann — ausmessen zu wollen. Halsneigungswinkel, ein Dreieck mit ungleichen Schenkeln, es kam zu Parallelverschiebungen, zur gewaltsam herbeigeführten Deckungsgleichheit, zu Zirkelschlägen, die sich bedeutungsvoll außerhalb, also im Grünzeug der Kletterbohnen trafen und einen Punkt ergaben, weil ich einen Punkt suchte, punktgläubig, punktsüchtig, Anhaltspunkt, Ausgangspunkt, wenn nicht sogar den Standpunkt erstrebte.

Nichts ist bei dieser dilettantischen Messerei herausgekommen, als winzige und dennoch störende Löcher, die ich mit der Zirkelspitze den wichtigsten Stellen dieses kostbaren Fotos grub. Was ist besonderes an dem Abzug? Was hieß mich, mathematische und, lächerlich genug, kosmische Bezüge auf diesem Viereck suchen und, wenn man will, sogar finden? Drei Menschen: eine sitzende Frau, zwei stehende Männer. Sie mit dunkler Wasserwelle, Matzeraths krauses Blond, Jans anliegendes, zurückgekämmtes Kastanienbraun. Alle drei lächeln: Matzerath mehr als Jan Bronski, beide die oberen Zähne zeigend, zusammen fünfmal so stark wie Mama, der es nur eine Spur in den Mundwinkeln und überhaupt nicht in den Augen sitzt. Matzerath läßt seine linke Hand auf Mamas rechter Schulter ruhen; Jan begnügt sich mit einer flüchtigen rechtshändigen Belastung der Stuhllehne. Sie, mit den Knien nach rechts, von den Hüften ab frontal, hält ein Heft auf dem Schoß, das ich längere Zeit für eines der Bronskischen Briefmarkenalben, dann für eine Modezeitschrift, schließlich für die Zigarettenbildchensammlung berühmter Filmschauspieler hielt. Mamas Hände tun so, als wollten sie blättern, sobald die Platte belichtet, die Aufnahme gemacht ist. Alle drei scheinen glücklich, einander gutheißend gegen Überraschungen der Art gefeit zu sein, zu denen es nur kommt, wenn ein Partner des Dreibundes Geheimfächer anlegt oder von Anfang an birgt. Zusammengehörend sind sie auf die vierte Person, nämlich auf Jans Frau, Hedwig Bronski, geborene Lemke, die zu dem Zeitpunkt womöglich schon mit dem späteren Stephan schwanger ging, nur insofern angewiesen, als diese den Fotoapparat auf die drei und das Glück dieser drei Menschen richten muß, damit sich dreifaches Glück wenigstens mit den Mitteln der Fotografie festhalten läßt. Ich habe andere Vierecke aus dem Album gelöst und neben dieses Viereck gehalten. Ansichten, auf denen entweder Mama mit Matzerath oder Mama mit Jan Bronski zu erkennen sind. Auf keinem dieser Bilder wird das Unabänderliche, die letztmögliche Lösung so deutlich wie auf dem Balkonbild. Jan und Mama auf einer Platte: da riecht es nach Tragik, Goldgräberei und Verstiegenheit, die zum Überdruß wird, Überdruß der Verstiegenheit mit sich führt. Matzerath neben Mama: da tröpfelt Wochenendpotenz, da brutzeln die Wiener Schnitzel, da nörgelt es ein bißchen vor dem Essen und gähnt nach der Mahlzeit, da muß man sich vor dem Schlafengehen Witze erzählen oder die Steuerabrechnung an die Wand malen, damit die Ehe einen geistigen Hintergrund bekommt. Dennoch ziehe ich diese fotografierte Langeweile dem anstößigen Schnappschuß späterer Jahre vor, der Mama auf dem Schoß des Jan Bronski vor den Kulissen des Olivaer Waldes nahe Freudental zeigt. Erfaßt diese Unfläterei — Jan läßt eine Hand unter Mamas Kleid verschwinden — doch nur die blindwütige Leidenschaftdes unglücklichen, vom ersten Tage der Matzerath-Ehe an ehebrecherischen Paares, dem hier, wie ich vermute, Matzerath den abgestumpften Fotografen lieferte. Nichts wird von jener Gelassenheit, von den behutsam wissenden Gesten des Balkonbildes sichtbar, die sich wahrscheinlich nur dann ermöglichen ließen, wenn beide Männer sich hinter, neben Mama stellten oder ihr zu Füßen lagen, wie im Seesand der Badeanstalt Heubude; siehe Foto.

Da gibt es noch ein Viereck, das die drei wichtigsten Menschen meiner ersten Jahre, ein Dreieck bildend, aufzeigt. Wenn es auch nicht so konzentriert wie das Balkonbild ist, strahlt es dennoch denselben spannungsreichen Frieden aus, der sich wohl nur zwischen drei Menschen schließen und womöglich unterschreiben läßt. Man mag noch soviel über die beliebte Dreiecksthematik des Theaters schimpfen; zwei Personen alleine auf der Bühne, was sollen sie tun, als sich totdiskutieren oder insgeheim nach dem Dritten sehnen. Auf meinem Bildchen sind sie zu dritt. Sie spielen Skat. Das heißt, sie halten die Karten wie wohlorganisierte Fächer, blicken aber nicht, ein Spiel ausreizen wollend, auf ihre Trümpfe, sondern in den Fotoapparat. Jans Hand liegt flach, bis auf den sich richtenden Zeigefinger, neben dem Kleingeld, Matzerath drückt die Fingernägel ins Tischtuch, Mama erlaubt sich einen kleinen und, wie ich glauben möchte, gelungenen Scherz: sie hat eine Karte gezogen, zeigt sie der Linse des Fotoapparates, aber nicht ihren Mitspielern. Wie leicht durch eine einzige Geste, durch das bloße Aufzeigen der Skatkarte Herz Dame, ein gerade noch unaufdringliches Symbol beschworen werden kann; denn wer schwüre nicht auf Herz Dame!

Das Skatspiel — man kann es, wie bekannt sein dürfte, nur zu dritt spielen — war für Mama und die beiden Männer nicht nur das angemessenste Spiel; es war ihre Zuflucht, ihr Hafen, in den sie immer dann fanden, wenn das Leben sie verführen wollte, in dieser oder jener Zusammenstellung zu zweit existierend, dumme Spiele wie Sechsundsechzig oder Mühle zu spielen.

Schluß mit den Drein jetzt, die mich in die Welt setzten, obgleich es ihnen an nichts fehlte. Bevor ich zu mir komme, ein Wort über Gretchen Scheffler, Mamas Freundin, und deren Bäckermeister wie Ehemann, Alexander Scheffler. Er kahlköpfig, sie mit einem zur guten Hälfte aus Goldzähnen bestehenden Pferdegebiß lachend. Er kurzbeinig und auf Stühlen sitzend, nie den Teppich erreichend, sie in selbstgestrickten Kleidern, die sich in Mustern nie genug tun konnten. Später Fotos der beiden Schefflers in Liegestühlen oder vor Rettungsbooten des KdF-Schiffes ≫Wilhelm Gustloff≪, auch auf dem Promenadendeck der ≫Tannenberg≪ vom Seedienst Ostpreußen. Jahr für Jahr machten sie Reisen und brachten Andenken aus Pillau, Norwegen, von den Azoren, aus Italien unbeschädigt nach Hause in den Kleinhammerweg, wo er Semmeln buk und sie Kissenbezüge mit Mausezähnchen versah. Wenn Alexander Scheffler nicht sprach, befeuchtete er unermüdlich mit der Zungenspitze seine Oberlippe, was ihm Matzeraths Freund, der uns schräg gegenüber wohnende Gemüsehändler Greif, als unanständige Geschmacklosigkeit übelnahm.

Obgleich Greff verheiratet war, war er mehr ein Pfadfinderführer denn ein Ehemann. Ein Foto zeigt ihn breit, trocken, gesund in kurz-hosiger Uniform, mit Führerschnüren und dem Pfadfinderhut. Neben ihm steht in gleicher Montur ein blonder, etwas zu großäugiger, vielleicht dreizehnjähriger Junge, den Greff mit linker Hand an der Schulter hält und Zuneigung bezeugend an sich drückt. Den Jungen kannte ich nicht, aber Greff sollte ich durch seine Frau Lina später kennen und begreifen lernen. Ich verliere mich zwischen Schnappschüssen von KdF-Reisenden und Zeugnissen zarter Pfadfindererotik. Schnell will ich einige Seiten überblättern und zu mir, zu meiner ersten fotografischen Abbildung kommen. Ich war ein schönes Kind. Die Aufnahme wurde Pfingsten fünfundzwanzig gemacht. Acht Monate war ich alt und zwei Monate jünger als Stephan Bronski, der auf der nächsten Seite im gleichen Format abgebildet ist und unbeschreibliche Gewöhnlichkeit ausstrahlt. Einen gewellten, kunstvoll gerissenen Rand hat die Postkarte, deren Rückseite fürs Adressieren liniert, wahrscheinlich in größerer Auflage abgezogen wurde und für den Familiengebrauch bestimmt war. Der fotografische Ausschnitt zeigt auf dem breitgezogenen Viereck die Form eines allzu symmetrisch geratenen Eies. Nackt und den Dotter versinnbildlichend liege ich bäuchlings auf weißem Fell, das irgendein arktischer Eisbär für einen auf Kinderfotos spezialisierten osteuropäischen Berufsfotografen gestiftet haben muß. Wie für viele Fotos jener Zeit hat man auch für mein erstes Konterfei jenen unverwechselbaren bräunlich warmen Farbton gewählt, den ich menschlich im Gegensatz zum unmenschlich glatten Schwarzweißfoto unserer Tage nennen möchte. Matt verschwommenes, wahrscheinlich gemaltes Blattwerk erstellt den dunklen, mit wenigen Lichtflecken aufgelockerten Hintergrund. Während mein glatter, gesunder Körper in platter Ruhe leicht diagonal auf dem Fell ruht und die polarische Heimat des Eisbars auf sich wirken läßt, halte ich den platzrunden Kinderkopf angestrengt hoch, blicke den jeweiligen Beschauer meiner Nacktheit mit Glanzlichtaugen an.

Man mag sagen, ein Kinderfoto wie alle Kinderfotos. Betrachten Sie bitte die Hände: Sie werden zugeben müssen, daß sich mein frühestes Konterfei von den ungezählten, immer die gleich niedliche Existenz aufweisenden Blüten diverser Fotoalben einprägsam unterscheidet. Mit geballten Fäusten sieht man mich. Keine Wurstfinger, die selbstvergessen, einem noch dunklen haptischen Trieb gehorchend, mit den Zotteln des Eisbärfells spielen. Ernst gesammelt schweben die kleinen Griffe zu seilen des Kopfes, immer bereit, niederzufallen, den Ton anzugeben. Welchen Ton? Den Trommelton!

Noch fehlt sie, die man mir anläßlich meiner Geburt unter den Glühbirnen zum dritten Geburtstag versprach; doch wäre es einem geübten Fotomonteur mehr als leicht, das entsprechende, also verkleinerte Klischee einer Kindertrommel einzurücken, ohne die geringsten Retuschen an meiner Körperlage vornehmen zu müssen. Nur das dumme, von mir nicht beachtete Stofftier müßte fort. Es ist ein Fremdkörper in dieser sonst gelungenen Komposition, der man jenes scharfsinnige, hellsichtige Alter, da die ersten Milchzähne durchbrechen wollen, zum Thema stellte. Später hat man mich nicht mehr auf Eisbärfelle gelegt. Eineinhalb Jahre alt mag ich gewesen sein, da man mich in einem hochrädrigen Kinderwagen vor einen Bretterzaun schob, dessen Zacken und Querverbindungen von einer Schneeschicht dergestalt deutlich nachgezeichnet sind, daß ich annehmen muß, die Aufnahme wurde im Januar sechsundzwanzig gemacht. Die klobige, nach geteertem Holz riechende Machart des Zaunes verbindet sich mir bei längerer Betrachtung mit dem Vorort Hochstrieß, dessen weitläufige Kasernenanlagen vormals den Mackensen-Husaren, zu meiner Zeit der Schutzpolizei des Freistaates, als Unterkunft dienten. Da ich mich jedoch an keine Person erinnern kann, die in dem so benannten Vorort wohnte, wird die Aufnahme anläßlich eines einmaligen Besuches meiner Eltern bei Leuten, die man später nie wieder oder nur flüchtig sah, gemacht worden sein.

Mama und Matzerath, die den Kinderwagen zwischen sich halten, tragen trotz der kalten Jahreszeit keine Wintermäntel. Vielmehr kleidet Mama eine langärmelige Russenbluse, deren draufgestickte Ornamente sich dem winterlichen Bild den Eindruck erweckend mitteilen: im tiefsten Rußland wird eine Aufnahme der Zarenfamilie gemacht, Rasputin hält den Apparat, ich bin der Zarewitsch und hinter dem Zaun hocken Menschewiki und Bolschewiki, beschließen, Bomben bastelnd, den Untergang meiner selbstherrscherlichen Familie. Matzeraths korrektes, mitteleuropäisches, wie man sehen wird, zukunftträchtiges Kleinbürgertum bricht der im Foto schlummernden Moritat die gewaltsame Spitze ab. Man war im friedlichen Hochstrieß, verließ für einen Augenblick, ohne die Wintermäntel anzulegen, die Wohnung der Gastgeber, ließ sich mit dem kleinen, wunschgemäß drollig blickenden Oskar in der Mitte vom Hausherrn fotografieren, um es gleich darauf bei Kaffee, Kuchen und Schlagsahne warm, süß und vergnügt zu haben.

Es gibt noch ein gutes Dutzend Schnappschüsse des liegenden, sitzenden, kriechenden, laufenden, einjährigen, zweijährigen, zweieinhalbjährigen Oskar. Die Aufnahmen sind mehr oder weniger gut, bilden insgesamt nur die Vorstufe zu jenem ganzfigürlichen Porträt, das man anläßlich meines dritten Geburtstages machen ließ.

Da habe ich sie, die Trommel. Da hängt sie mir gerade, neu und weißrot gezackt vor dem Bauch. Da kreuze ich selbstbewußt und unter ernst entschlossenem Gesicht hölzerne Trommelstöcke auf dem Blech. Da habe ich einen gestreiften Pullover an. Da stecke ich in glänzenden Lackschuhen. Da stehen mir die Haare wie eine putzsüchtige Bürste auf dem Kopf, da spiegelt sich in jedem meiner blauen Augen der Wille zu einer Macht, die ohne Gefolgschaft auskommen sollte. Da gelang mir damals eine Position, die aufzugeben ich keine Veranlassung hatte. Da sagte, da entschloß ich mich, da beschloß ich, auf keinen Fall Politiker und schon gar nicht Kolonialwarenhändler zu werden, vielmehr einen Punkt zu machen, so zu verbleiben — und ich blieb so, hielt mich in dieser Größe, in dieser Ausstattung viele Jahre lang.

Kleine und große Leut’, kleiner und großer Belt, kleines und großes ABC, Hänschenklein und Karl der Große, David und Goliath, Mann im Ohr und Gardemaß; ich blieb der Dreijährige, der Gnom, der Däumling, der nicht aufzustockende Dreikäsehoch blieb ich, um Unterscheidungen wie kleiner und großer Katechismus enthoben zu sein, um nicht als einszweiundsiebzig großer, sogenannter Erwachsener, einem Mann, der sich selbst vor dem Spiegel beim Rasieren mein Vater nannte, ausgeliefert und einem Geschäft verpflichtet zu sein, das, nach Matzeraths Wunsch, als Kolonialwarengeschäft einem einundzwanzigjährigen Oskar die Welt der Erwachsenen bedeuten sollte. Um nicht mit einer Kasse klappern zu müssen, hielt ich mich an die Trommel und wuchs seit meinem dritten Geburtstag keinen Fingerbreit mehr, blieb der Dreijährige, aber auch Dreimalkluge, den die Erwachsenen alle überragten, der den Erwachsenen so überlegen sein sollte, der seinen Schatten nicht mit ihrem Schatten messen wollte, der innerlich und äußerlich vollkommen fertig war, während jene noch bis ins Greisenalter von Entwicklung faseln mußten, der sich bestätigen ließ, was jene mühsam genug und oftmals unter Schmerzen in Erfahrung brachten, der es nicht nötig hatte, von Jahr zu Jahr größere Schuhe und Hosen zu tragen, nur um beweisen zu können, daß etwas im Wachsen sei.

Dabei, und hier muß auch Oskar Entwicklung zugeben, wuchs etwas — und nicht immer zu meinem Besten — und gewann schließlich messianische Größe; aber welcher Erwachsene hatte zu meiner Zeit den Blick und das Ohr für den anhaltend dreijährigen Blechtrommler Oskar?

Kapitel 5

GLAS, GLAS, GLÄSCHEN

Beschrieb ich soeben ein Foto, das Oskars ganze Figur mit Trommel, Trommelstöcken zeigt, und gab gleichzeitig kund, was für längstgereifte Entschlüsse Oskar während der Fotografiererei und angesichts der Geburtstagsgesellschaft um den Kuchen mit den drei Kerzen faßte, muß ich jetzt, da das Fotoalbum verschlossen neben mir schweigt,jene Dinge zur Sprache bringen, die zwar meine anhaltende Dreijährigkeit nicht erklären, sich aber dennoch — und von mir herbeigeführt — ereigneten.

Von Anfang an war mir klar: die Erwachsenen werden dich nicht begreifen, werden dich, wenn du für sie nicht mehr sichtbar wächst, zurückgeblieben nennen, werden dich und ihr Geld zu hundert Ärzten schleppen, und wenn nicht deine Genesung, dann die Erklärung für deine Krankheit suchen. Ich mußte also, um die Konsultationen auf ein erträgliches Maß beschränken zu können, noch bevor der Arzt seine Erklärung abgab, meinerseits den plausiblen Grund fürs ausbleibende Wachstum liefern. Ein sonniger Septembertag, mein dritter Geburtstag. Zarte, nachsommerliche Glasbläserei, selbst Gretchen Schefflers Gelächter gedämpft. Mama am Klavier aus dem Zigeunerbaron intonierend, Jan hinter ihr und dem Schemelchen stehend, ihre Schulter berührend, die Noten studieren wollend. Matzerath schon das Abendbrot vorbereitend in der Küche. Großmutter Anna mit Hedwig Bronski und Alexander Scheffler zum Gemüsehändler Greff hinüberrückend, weil Greff immer Geschichten wußte, Pfadfindergeschichten, in deren Verlauf sich Treue und Mut zu beweisen hatten; dazu eine Standuhr, die keine Viertelstunde des feingesponnenen Septembertages ausließ; und da alle gleich der Uhr so beschäftigt waren und sich vom Ungarnland des Zigeunerbarons, über Greff s Vogesen durchwandernde Pfadfinder eine Linie an Matzeraths Küche vorbei, wo kaschubische Pfifferlinge mit Rührei und Bauchfleisch in der Pfanne erschraken, zum Laden hin durch den Korridor zog, folgte ich, leichthin auf meiner Trommel dröselnd, der Flucht, stand schon im Laden hinter dem Ladentisch : fern das Klavier, die Pfifferlinge und Vogesen, und bemerkte, daß die Falltür zum Keller offen stand; Matzerath, der eine Konservendose mit gemischtem Obst für den Nachtisch hochgeholt hatte, mochte vergessen haben, sie zu schließen.

Es bedurfte doch immerhin einer Minute, bis ich begriff, was die Falltür zu unserem Lagerkeller von mir verlangte. Bei Gott, keinen Selbstmord! Das wäre wirklich zu einfach gewesen. Das andere jedoch war schwierig, schmerzhaft, verlangte ein Opfer und trieb mir schon damals, wie immer, wenn mir ein Opfer abverlangt wird, den Schweiß auf die Stirn. Vor allen Dingen durfte meine Trommel keinen Schaden nehmen, wohlbehalten galt es, sie die sechzehn ausgetretenen Stufen hinab zu tragen und zwischen den Mehlsäcken, ihren unbeschädigten Zustand motivierend, zu placieren. Dann wieder hinauf bis zur achten Stufe, nein, eine tiefer, oder die fünfte täte es auch. Aber Sicherheit und glaubwürdiger Schaden ließen sich von dort herab nicht verbinden. Wieder hinauf, zu hoch hinauf auf die zehnte Stufe, und endlich von der neunten Stufe hinab stürzte ich mich, ein Regal voller Flaschen mit Himbeersirup mitreißend, kopfvoran auf den Zementboden unseres Lagerkellers.

Noch bevor sich meinem Bewußtsein die Gardine vorzog, bestätigte ich mir den Erfolg des Experimentes: die mit Absicht herabgerissenen Himbeersirupflaschen lärmten genug, um Matzerath aus der Küche, Mama vom Klavier, den Rest der Geburtstagsgesellschaft aus den Vogesen in den Laden zur offenen Falltür und die Treppe hinunter zu locken.

Bevor sie kamen, ließ ich noch den Geruch des fließenden Himbeersirups auf mich wirken, nahm auch wahr, daß mein Kopf blutete, und überlegte mir noch, während sie schon auf der Treppe waren, ob wohl Oskars Blut oder die Himbeeren so süß und müde machend rochen, war aber heilfroh, daß alles geklappt und die Trommel dank meiner Vorsicht keinen Schaden genommen hatte.

Ich glaube, Greff trug mich hoch. Im Wohnzimmer erst tauchte Oskar wieder aus jener Wolke auf, die wohl zur Hälfte aus Himbeersirup und zur anderen Hälfte aus seinem jungen Blut bestand. Der Arzt war noch nicht da, Mama schrie und schlug Matzerath, der sie beruhigen wollte, mehrmals und nicht nur mit der Handfläche, auch mit dem Handrücken, ihn einen Mörder nennend, ins Gesicht.

Da hatte ich also — und die Ärzte haben es immer wieder bestätigt — mit einem einzigen, zwar nicht harmlosen, aber doch von mir wohldosierten Sturz nicht nur den für die Erwachsenen so wichtigen Grund des ausbleibenden Wachstums geliefert, sondern als Zugabe und ohne es eigentlich zu wollen, den guten harmlosen Matzerath zu einem schuldigen Matzerath gemacht. Er hatte die Falltür offen gelassen, ihm wurde von Mama alle Schuld aufgebürdet, und er hatte Gelegenheit, Jahre an dieser Schuld, die ihm Mama zwar nicht oft, aber dann unerbittlich vorwarf, zu tragen.

Mir brachte der Sturz vier Wochen Krankenhausaufenthalt ein und danach, bis auf die späteren Mittwochbesuche bei Dr. Hollatz, verhältnismäßige Ruhe vor den Ärzten; schon anläßlich meines ersten Trommlertages war es mir gelungen, der Welt ein Zeichen zu geben, mein Fall war geklärt, bevor die Erwachsenen ihn dem wahren, von mir bestimmten Sachverhalt nach begriffen hatten. Fortan hieß es: an seinem dritten Geburtstag stürzte unser kleiner Oskar die Kellertreppe hinunter, blieb zwar sonst beieinander, nur wachsen wollte er nicht mehr.

Und ich begann zu trommeln. Unser Mietshaus zählte vier Etagen. Vom Parterre bis zu den Bodenverschlägen trommelte ich mich hoch und wieder treppab. Vom Labesweg zum Max-Halbe-Platz, von dort nach Neuschottland, Anton-Möller-Weg, Marienstraße, Kleinhammerpark, Aktienbierbrauerei, Aktienteich, Fröbelwiese, Pestalozzischule, Neuer Markt und wieder hinein in den Labesweg. Meine Trommel hielt das aus, die Erwachsenen weniger, wollten meiner Trommel ins Wort fallen, wollten meinem Blech im Wege sein, wollten meinen Trommelstöcken ein Bein stellen — aber die Natur sorgte für mich. Die Fähigkeit, mittels einer Kinderblechtrommel zwischen mir und den Erwachsenen eine notwendige Distanz ertrommeln zu können, zeitigte sich kurz nach dem Sturz von der Kellertreppe fast gleichzeitig mit dem Lautwerden einer Stimme, die es mir ermöglichte, in derart hoher Lage anhaltend und vibrierend zu singen, zu schreien oder schreiend zu singen, daß niemand es wagte, mir meine Trommel, die ihm die Ohren welk werden ließ, wegzunehmen; denn wenn mir die Trommel genommen wurde, schrie ich, und wenn ich schrie, zersprang Kostbarstes: ich war in der Lage, Glas zu zersingen; mein Schrei tötete Blumenvasen; mein Gesang ließ Fensterscheiben ins Knie brechen und Zugluft regieren; meine Stimme schnitt gleich einem keuschen und deshalb unerbittlichen Diamanten Vitrinen auf und verging sich im Inneren der Vitrinen, ohne dabei die Unschuld zu verlieren, an harmonischen, edel gewachsenen, von lieber Hand geschenkten, leicht verstaubten Likörgläsern.

Es dauerte nicht lange, und meine Fähigkeiten wurden in unserer Straße, vom Brösener Weg bis zur Siedlung am Flugplatz, also im ganzen Quartier bekannt. Sahen mich die Kinder der Nachbarschaft, deren Spiele wie ≫Saurer Hering, eins, zwei drei≪ oder ≫Ist die Schwarze Köchin da≪ oder ≫Ich sehe was, was du nicht siehst≪ — meine Anteilnahme nicht fanden, plärrte auch schon ein ganzer ungewaschener Chor:

Glas, Glas, Gläschen,

Zucker ohne Bier,

Frau Holle macht das Fenster auf

und spielt Klavier.

Gewiß, ein dummer und nichtssagender Kindervers. Mich störte das Liedchen kaum, wenn ich hinter meiner Trommel mitten hindurch, durch Gläschen und Frau Holle stampfte, dabei den einfältigen Rhythmus, der ja nicht ohne Reiz ist, aufnahm und Glas, Glas, Gläschen trommelnd, ohne ein Rattenfänger zu sein, die Kinder nachzog.

Auch heute noch, etwa wenn Bruno die Scheiben meines Zimmerfensters putzt, räume ich diesem Vers und Rhythmus auf meiner Trommel ein Plätzchen ein.

Störender als das Spottlied der Nachbarskinder und ärgerlicher, besonders für meine Eltern, war die kostspielige Tatsache, daß mir oder vielmehr meiner Stimme jede in unserem Viertel von mutwilligen, unerzogenen Rowdys zerworfene Fensterscheibe zur Last gelegt wurde. Anfangs bezahlte Mama auch treu und brav die zumeist mit Katapultschleudern zertrümmerten Küchenfensterscheiben, dann endlich begriff auch sie mein Stimmphänomen, forderte bei Schadenansprüchen Beweise und machte dabei sachlich kühlgraue Augen. Die Leute der Nachbarschaft taten mir wirklich Unrecht. Nichts war zu dem Zeitpunkt verfehlter, als anzunehmen, es besäße mich kindliche Zerstörungswut, ich fände das Glas oder Glasprodukte auf jene unerklärliche Art hassenswert, wie eben Kinder manchmal ihre dunklen und planlosen Abneigungen in wütigen Amokläufen demonstrieren. Nur wer spielt, zerstört mutwillig. Ich spielte nie, ich arbeitete auf meiner Trommel, und was meine Stimme anging, gehorchte diese vorerst nur der Notwehr. Allein Sorge um den Fortbestand meiner Arbeit auf der Trommel hieß mich, meine Stimmbänder so zielstrebig zu gebrauchen. Wenn es mir möglich gewesen wäre, mit den gleichen Tönen und Mitteln etwa langweilige, kreuz und quer bestickte, Gretchen Schefflers Musterphantasie entsprungene Tischtücher zu zerschneiden oder die düstere Politur vom Klavier zu lösen, hätte ich alles Gläserne mit Freude heil und klangvoll belassen. Doch meiner Stimme blieben Tischdecken und Polituren gleichgültig. Weder gelang es mir, mit unermüdlichem Schrei das Tapetenmuster zu löschen, noch mit zwei langgezogenen, auf und ab schwellenden, sich steinzeitlich mühsam aneinander reibenden Tönen Wärme bis Hitze zu erzeugen, endlich den Funken springen zu lassen, der nötig gewesen wäre, die zundertrockenen, tabakrauchgewürzten Gardinen vor den beiden Fenstern des Wohnzimmers zu dekorativen Flammen werden zu lassen. Keinem Stuhl, auf dem etwa Matzerath oder Alexander Scheffler saßen, sang ich das Bein ab. Gerne hätte ich mich harmloser und weniger wunderbar gewehrt, aber nichts Harmloses wollte mir dienen, einzig das Glas hörte auf mich und mußte dafür bezahlen.

Die erste erfolgreiche Darbietung dieser Art bot ich kurz nach meinem dritten Geburtstag. Ich besaß die Trommel damals vielleicht reichliche vier Wochen und hatte sie während dieser Zeit, fleißig wie ich war, kaputtgeschlagen. Zwar hielt die weißrot geflammte Einfassung noch Trommelboden und Trommelfläche zusammen, aber das Loch in der Mitte der tonangebenden Seite ließ sich nicht mehr übersehen, wurde, da ich den Trommelboden verschmähte, auch immer größer, franste aus, bekam zackige, scharfe Ränder, dünngetrommelte Blechteilchen splitterten ab, fielen ins Innere der Trommel, klapperten mißgelaunt bei jedem Schlag mit, und überall auf dem Teppich des Wohnzimmers und auf den rotbraunen Dielen des Schlafzimmers schimmerten weiße Lackpartikel, die es auf meinem gemarterten Trommelblech nicht mehr hatten aushallen wollen.

Man befürchtete, ich würde mich an den gefährlich scharfen Blechkanten reißen. Besonders Matzerath, der nach meinem Sturz von der Kellertreppe Vorsicht mit Vorsicht überbot, riet mir Vorsicht beim Trommeln an. Da ich mit den Pulsadern tatsächlich immer und in heftigster Bewegung dem gezackten Kraterrand nahe war, muß ich zugeben, daß Matzeraths Befürchtungen zwar übertrieben, doch nicht ganz grundlos waren. Nun hätte man mit einer neuen Trommel alle Gefahr aus dem Wege räumen können; sie aber dachten gar nicht an eine neue Trommel, wollten mir mein gutes altes Blech, das mit mir stürzte, ins Krankenhaus kam und mit mir gleichzeitig entlassen wurde, das mit mir treppauf treppab, das mit mir auf Kopfsteinpflaster und Bürgersteigen, durch ≫Saurer Hering, eins, zwei, drei≪ hindurch und an ≫Ich sehe was, was nu nicht siehst≪, an der ≫Schwarzen Köchin≪ vorbei, dieses Blech wollten sie mir wegnehmen und keinen Ersatz heranschaffen. Dumme Schokolade sollte mich ködern. Mama hielt sie und machte einen spitzen Mund dabei. Matzerath war es, der mit gemachter Strenge nach meinem invaliden Instrument griff. Ich klammerte mich an das Wrack. Er zog. Schon ließen meine gerade fürs Trommeln bemessenen Kräfte nach. Langsam entglitt mir eine rote Flamme nach der anderen, schon wollte mir das Rund der Einfassung entschlüpfen, da gelang Oskar, der bis zu jenem Tage als ein ruhiges, fast zu braves Kind gegolten hatte, jener erste zerstörerische und wirksame Schrei: die runde geschliffene Scheibe, die das honiggelbe Zifferblatt unserer Standuhr vor Staub und sterbenden Fliegen schützte, zersprang, fiel, teilweise nochmals zerscherbend, auf die braunroten Dielen — denn der Teppich reichte nicht ganz bis zur Standfläche der Uhr hin. Das Innere des kostbaren Werkes nahm jedoch keinen Schaden: ruhig setzte das Pendel — wenn man so von einem Pendel sagen kann — seinen Weg fort, desgleichen die Zeiger. Nicht einmal das Läutwerk, das sonst empfindlich, ja fast hysterisch auf den geringsten Stoß, auf draußen vorbeirollende Bierwagen reagierte, zeigte sich durch meinen Schrei beeindruckt; allein die Scheibe sprang, jedoch zersprang sie gründlich.

≫Die Uhr ist kaputt!≪ rief Matzerath und ließ die Trommel los. Mit knappem Blick überzeugte ich mich, daß mein Schrei der eigentlichen Uhr keinen Schaden angetan hatte, daß nur das Glas hinüber war. Für Matzerath jedoch, auch für Mama und Onkel Jan Bronski, der an jenem Sonntagnachmittag seine Visite machte, schien mehr als das Glas vorm Zifferblatt kaputt zu sein. Bleich und mit hilflos verrutschenden Blicken äugten sie einander an, tasteten nach dem Kachelofen, hielten sich am Klavier und Büfett, wagten sich nicht vom Fleck, und Jan Bronski bewegte trockene Lippen unter flehentlich verdrehtem Auge, daß ich noch heute glaube, des Onkels Bemühungen galten dem Wortlaut eines Hilfe und Erbarmen fordernden Gebetes, wie etwa: Oh, du Lamm Gottes, du nimmst hinweg die Sünden der Welt — Miserere nobis. Und diesen Text dreimal und hernach noch ein: O Herr, ich bin nicht würdig, daß du eingehst unter mein Dach; aber sprich nur ein Wort…

Natürlich sprach der Herr kein Wort. Es war ja auch nicht die Uhr kaputt, nur das Glas. Es ist aber das Verhältnis der Erwachsenen zu ihren Uhren höchst sonderbar und kindisch in jenem Sinne, in welchem ich nie ein Kind gewesen bin. Dabei ist die Uhr vielleicht die großartigste Leistung der Erwachsenen. Aber wie es nun einmal ist: im selben Maß, wie die Erwachsenen Schöpfer sein können und bei Fleiß, Ehrgeiz und einigem Glück auch sind, werden sie gleich nach der Schöpfung Geschöpfe ihrer eigenen epochemachenden Erfindungen.

Dabei ist die Uhr nach wie vor nichts ohne den Erwachsenen. Er zieht sie auf, er stellt sie vor oder zurück, er bringt sie zum Uhrmacher, damit der sie kontrolliere, reinige und notfalls repariere. Ähnlich wie beim Kuckucksruf, der zu früh ermüdet, beim umgestürzten Salzfäßchen, beim Spinnen am Morgen, schwarzen Katzen von links, beim Ölbild des Onkels, das von der Wand fällt, weil sich der Haken im Putz lockerte, ähnlich wie beim Spiegel sehen die Erwachsenen hinter und in der Uhr mehr, als eine Uhr darzustellen vermag.

Mama, die trotz einiger schwärmerisch phantastischer Züge den nüchternsten Blick hatte, auch leichtsinnig, wie sie sein konnte, jedes vermeintliche Zeichen stets zu ihrem Besten wertete, fand damals das erlösende Wort.

≫Scherben bringen Glück! ≪rief sie fingerschnalzend, holte Kehrblech und Handfeger und kehrte die Scherben oder das Glück zusammen. Ich habe, wenn ich mich auf Mamas Worte berufen will, meinen Eltern, den Verwandten, bekannten und auch unbekannten Leuten viel Glück gebracht, indem ich jedem, der mir meine Trommel wegnehmen wollte, Fensterscheiben, volle Biergläser, leere Bierflaschen, den Frühling freigebende Parfümflakons, Kristallschalen mit Zierobst, kurz, alles was gläsern aus Glashütten dank Glasbläsers Atem hervorgebracht wurde, teils nur mit Glases Wert, teils als künstlerische Gläschen auf den Markt kam, zerschrie, zersang, zerscherbte.

Um nicht allzuviel Schaden anzurichten, denn ich liebte und liebe heute noch schöngeformte Glasprodukte, zermürbte ich, wenn man mir abends meine Blechtrommel nehmen wollte, die ja zu mir ins Bettchen gehörte, eine oder mehrere Glühbirnen unserer viermal sich Mühe gebenden Wohnzimmerhängelampe. So versetzte ich an meinem vierten Geburtstag, Anfang September achtundzwanzig, die versammelte Geburtstagsgesellschaft, die Eltern, die Bronskis, die Großmutter Koljaiczek, Schefflers und Greffs, die mir alles mögliche geschenkt hatten, Bleisoldaten, ein Segelschiff, ein Feuerwehrauto — nur keine Blechtrommel; sie alle, die da haben wollten, daß ich mich mit Bleisoldaten abgäbe, daß ich den Irrsinn einer Feuerwehr spielenswert fände, die mir meine zerschlagene, aber brave Trommel nicht gönnten, die mir das Blech nehmen und dafür das alberne, obendrein unsachgemäß mit Segeln besetzte Schiffchen in die Hände drücken wollten, alle die da Augen hatten, um mich und meine Wünsche zu übersehen, versetzte ich mit einem rundlaufenden, alle vier Glühbirnen unserer Hängelampe tötenden Schrei in vorweltliche Finsternis.

Wie nun Erwachsene einmal sind: nach den ersten Schreckensrufen, fast inbrünstigem Verlangen nach Wiederkehr des Lichtes, gewöhnten sie sich an die Dunkelheit, und als meine Großmutter Koljaiczek, die als einzige außer dem kleinen Stephan Bronski der Finsternis nichts abgewinnen konnte, mit dem plärrenden Stephan am Rock Talgkerzen aus dem Laden holte und mit brennenden Kerzen, das Zimmer aufhellend, zurückkam, zeigte sich die restliche, stark angetrunkene Geburtstagsgesellschaft in merkwürdiger Paarung.

Wie zu erwarten war, hockte Mama mit verrutschter Bluse auf Jan Bronskis Schoß. Unappetitlich war es, den kurzbeinigen Bäckermeister Alexander Scheffler fast in der Greffschen verschwinden zu sehen, Matzerath leckte an Gretchen Schefflers Gold- und Pferdezähnen. Nur Hedwig Bronski saß mit im Kerzenlicht frommen Kuhaugen, die Hände im Schoß haltend, nahe aber nicht zu nahe dem Gemüsehändler Greff, der nichts getrunken hatte und dennoch sang, süß sang, melancholisch, Wehmut mitschleppend sang, Hedwig Bronski zum Mitsingen auffordernd sang. Ein zweistimmig Pfadfinderlied sangen sie, nach dessen Text ein gewisser Rübezahl durchs Riesengebirge zu geistern hatte.

Mich hatte man vergessen. Unter dem Tisch saß Oskar mit dem Fragment seiner Trommel, holte noch etwas Rhythmus aus dem Blech heraus, und es mochte sich ergeben haben, daß die sparsamen, aber gleichmäßigen Trommelgeräusche jenen, die da vertauscht und verzückt im Zimmer lagen oder saßen, nur angenehm sein konnten. Denn wie Firnis verdeckte die Trommelei Schmatz- und Saugtöne, die jenen bei all den fieberhaften und angestrengten Beweisen ihres Fleißes unterliefen.

Ich blieb auch unter dem Tisch, als meine Großmutter kam, mit den Kerzen einem zornigen Erzengel glich, im Kerzenschein Sodom besichtigte, Gomorrha erkannte, mit zitternden Kerzen Krach schlug, das alles eine Sauerei nannte und die Idylle wie Rübezahls Spaziergänge durch das Riesengebirge beendete, indem sie die Kerzen auf Untertassen stellte, Skatkarten vom Büfett langte, auf den Tisch warf und, den immer noch greinenden Stephan tröstend, den zweiten Teil der Geburtstagsfeier ankündigte. Bald darauf schraubte Matzerath neue Glühbirnen in die alten Fassungen unserer Hängelampe, Stühle wurden gerückt, Bierflaschen schnalzten aufspringend; man begann über mir einen Zehntelpfennigskat zu kloppen. Mama schlug gleich zu Anfang einen Viertelpfennigskat vor, aber das war dem Onkel Jan zu riskant, und wenn nicht Bockrunden und ein gelegentlicher Grand mit Viern den Einsatz dann und wann beträchtlich erhöht hätten, wäre es bei der Zehntelpfennigfuchserei geblieben.

Ich fühlte mich wohl unter der Tischplatte, im Windschatten des herabhängenden Tischtuches. Leichthin trommelnd begegnete ich den über mir Karten dreschenden Fäusten, ordnete mich dem Verlauf der Spiele unter und meldete mir nach einer knappen Stunde Skat: Jan Bronski verlor. Er hatte gute Karten, verlor aber trotzdem. Kein Wunder, da er nicht aufpaßte. Hatte ganz andere Dinge im Kopf als seinen Karo ohne Zweien. Hatte sich gleich zu Anfang des Spiels, noch mit seiner Tante redend, die kleine Orgie von vorher banalisierend, den schwarzen Halbschuh vom linken Fuß gestreift und mit graubesocktem linken Fuß am meinem Kopf vorbei das Knie meiner Mama, die ihm gegenüber saß, gesucht und auch gefunden. Kaum berührt, rückte Mama näher an den Tisch heran, so daß Jan, der gerade von Matzerath gereizt wurde und bei dreiunddreißig paßte, den Saum ihres Kleides lüpfend erst mit der Fußspitze, dann mit dem ganzen gefüllten Socken, der allerdings vom selben Tage und beinah frisch war, zwischen ihren Schenkeln wandern konnte. Alle Bewunderung für meine Mama, die trotz dieser wollenen Belästigung unter der Tischplatte oben auf strammem Tischtuch die gewagtesten Spiele, darunter einen Kreuz ohne Viern, sicher und von humorigster Rede begleitet, gewann, während Jan mehrere Spiele, die selbst Oskar mit schlafwandlerischer Sicherheit nach Hause gebracht hätte, unten immer forscher werdend, oben verlor.

Später kroch noch das müde Stephanchen unter den Tisch, schlief dort bald ein und begriff vorm Einschlafen nicht, was seines Vaters Hosenbein unterm Kleid meiner Mama suchte.

Heiter bis wolkig. Leichte Schauer am Nachmittag. Am nächsten Tag schon kam Jan Bronski, holte sein für mich bestimmtes Geburtstagsgeschenk, das Segelschiff ab, tauschte das dürftige Spielzeug beim Sigismund Markus in der Zeughauspassage gegen eine Blechtrommel ein, kam leicht verregnet am späten Nachmittag mit jener mir so vertraut weißrot geflammten Trommel zu uns, hielt sie mir hin, faßte gleichzeitig das gute alte Blechwrack, dem nur Fragmente weißroten Lackes geblieben waren. Und während Jan das müde Blech, ich das frische faßten, blieben Jans, Mamas, Matzeraths Augen auf Oskar gerichtet — fast mußte ich lächeln — ja dachten die denn, ich klebte am Althergebrachten, nährte Prinzipien in meiner Brust?

Ohne den von allen erwarteten Schrei, ohne den glastötenden Gesang laut werden zu lassen, gab ich die Schrotttrommel ab und widmete mich sogleich mit beiden Händen dem neuen Instrument. Nach zwei Stunden aufmerksamster Trommelei hatte ich mich eingespielt.

Doch nicht alle Erwachsenen meiner Umgebung zeigten sich so einsichtig wie Jan Bronski. Kurz nach meinem fünften Geburtstag im Jahre neunundzwanzig — man erzählte sich damals viel von einem New Yorker Börsenkrach, und ich überlegte, ob auch mein mit Holz handelnder Großvater Koljaiczek im fernen Buffalo Verluste zu erleiden hatte — begann Mama, durch mein nun nicht mehr zu übersehendes, ausbleibendes Wachstum beunruhigt, mich bei der Hand nehmend, mit den Mittwochbesuchen in der Praxis des Dr. Hollatz im Brunshöferweg. Ich ließ mir die überaus lästigen und endlos währenden Untersuchungen gefallen, weil mir die weiße, dem Auge wohltuende Schwesterntracht der Schwester Inge, die dem Hollatz helfend zur Seite stand, schon damals gefiel, an Mamas im Foto festgehaltene Krankenschwesternzeit während des Krieges erinnerte, und es mir durch intensive Beschäftigung mit dem immer neuen Faltenwurf der Pflegerinnentracht gelang, den röhrenden, betont kraftvollen, dann wieder unangenehm onkelhaften Wortschwall des Arztes zu überhören.

Mit den Brillengläsern das Inventar der Praxis spiegelnd — es gab da viel Chrom, Nickel und Schleiflack; dazu Regale, Vitrinen, in denen sauber beschriftete Gläser mit Schlangen, Molchen, Kröten, Schweine-, Menschen- und Affenembryonen standen — diese Früchte im Spiritus mit dem Brillenglas einfangend, schüttelte Hollatz nach den Untersuchungen bedenklich und in meiner Krankengeschichte blätternd den Kopf, ließ sich immer wieder von Mama meinen Sturz von der Kellertreppe erzählen und beruhigte sie, wenn sie Matzerath, der die Falltür offen gelassen hatte, hemmungslos beschimpfte und für alle Zeiten schuldig sprach.

Als er mir nach Monaten anläßlich eines Mittwochbesuches, wahrscheinlich um sich, vielleicht auch der Schwester Inge den Erfolg seiner bisherigen Behandlung zu beweisen, meine Trommel nehmen wollte, zerstörte ich ihm den größten Teil seiner Schlangen- und Krötensammlung, auch alles was er an Embryonen verschiedenster Herkunft zusammengetragen hatte.

Von gefüllten, aber nicht abgedeckten Biergläsern abgesehen und Mamas Parfümflakons ausgenommen, war es das erste Mal, daß Oskar sich an einer Menge gefüllter und peinlich verschlossener Gläser versuchte. Der Erfolg war einzigartig und für alle Beteiligten, selbst für Mama, die ja mein Verhältnis zum Glas kannte, überwältigend, überraschend. Gleich mit dem ersten noch sparsam beschnittenen Ton schnitt ich die Vitrine, in der Hollatz all seine ekelhaften Merkwürdigkeiten verwahrte, der Länge und Breite nach auf, ließ sodann eine nahezu quadratische Scheibe aus der Ansichtsseite der Vitrine vornüber klappen und auf den Linoleumfußboden fallen, wo sie platt auf dem Boden, die quadratische Form bewahrend, tausendmal zersprang, gab dann dem Schrei etwas mehr Profil und eine geradezu verschwenderische Dringlichkeit, besuchte mit diesem so reich ausgerüsteten Ton ein Reagenzglas nach dem anderen.

Die Gläser sprangen knallend. Der grünliche, teilweise eingedickte Alkohol spritzte, floß, seine präparierten, blassen, etwas vergrämt dreinschauenden Einschlüsse mit sich führend über den roten Linoleumboden der Praxis und füllte mit, möchte sagen, greifbarem Geruch den Raum dergestalt, daß Mama übel wurde und Schwester Inge die Fenster zum Brunshöferweg hin öffnen mußte. Dr. Hollatz verstand es, den Verlust seiner Sammlung in einen Erfolg umzubiegen. Wenige Wochen nach meinem Attentat erschien von seiner Hand in der Fachzeitschrift ≫Arzt und Welt≪ ein Aufsatz über mich, das glaszersingende Stimmphänomen Oskar M. Die dort auf über zwanzig Seiten vertretene These des Dr. Hollatz soll in Fachkreisen des In- und Auslandes Aufsehen erregt, Widerspruch, aber auch Zuspruch aus berufenem Munde gefunden haben. Mama, der mehrere Exemplare der Zeitschrift zugeschickt wurden, war auf eine mich nachdenklich stimmende Art über den Aufsatz stolz und konnte es nicht lassen, den Greffs, Schefflers, ihrem Jan und immer wieder nach Tisch ihrem Gatten Matzerath daraus vorzulesen. Selbst die Kunden des Kolonialwarengeschäftes mußten sich Lesungen aus dem Artikel gefallen lassen und bewunderten auch Mama, die die Fachausdrücke zwar falsch, aber phantasievoll betonte, nach Gebühr. Mir selbst sagte die Tatsache, daß da mein Vorname zum erstenmal in einer Zeitung Platz fand, so viel wie gar nichts. Meine schon damals hellwache Skepsis ließ mich das Werkchen des Dr. Hollatz als das werten, was es, genau besehen, darstellte: als das seitenlange, nicht ungeschickt formulierte Vorbeireden eines Arztes, der auf einen Lehrstuhl spekulierte.

Heute, in seiner Heil- und Pflegeanstalt, da seine Stimme nicht mal sein Zahnputzglas zu rühren vermag, da ähnliche Ärzte wie jener Hollatz bei ihm ein und aus gehen, sogenannte Rorschachversuche, Assoziationsversuche und sonstige Tests mit ihm anstellen, damit seine Zwangseinweisung endlich einen klingenden Vornamen bekommt, heute denkt Oskar gerne an die archaische Frühzeit seiner Stimme zurück. Wenn er in jener ersten Periode nur notfalls, dann allerdings gründlich Quarzsandprodukte zersang, machte er später, während der Blüte- und Verfallszeit seiner Kunst, Gebrauch von seinen Fähigkeiten, ohne äußeren Zwang zu verspüren. Aus bloßem Spieltrieb, dem Manierismus einer Spätepoche verfallend, dem l’art pour l’art ergeben, sang Oskar sich dem Glas ins Gefüge und wurde älter dabei.

Kapitel 6

DER STUNDENPLAN

Klepp schlägt zeitweise Stunden mit dem Entwerfen von Stundenplänen tot. Daß er während des Entwerfens ständig Blutwurst und angewärmte Linsen in sich hineinschlingt, bestätigt meine These, die schlankweg behauptet: Träumer sind Fresser. Daß Klepp beim Ausfüllen der Rubriken nicht ohne Fleiß ist, gibt meiner anderen These recht: Nur wahre Faulpelze können arbeitsparende Erfindungen machen.

Auch in diesem Jahr gab sich Klepp über vierzehn Tage lang Mühe, seinen Tag in Stunden zu planen. Als er mich gestern besuchte, tat er erst längere Zeit geheimnisvoll, fischte dann das neunmal gefaltete Papier aus der Brusttasche, reichte es mir strahlend, schon selbstgefällig; er hatte wieder einmal eine arbeitsparende Erfindung gemacht.

Ich überflog den Zettel, viel Neues brachte er nicht: Um zehn Frühstück, bis zum Mittagessen Nachdenken, nach dem Essen ein Stündchen Schlaf, dann Kaffee — wenn möglich ans Bett, im Bett sitzend eine Stunde Flöte, aufstehend und umhermarschierend eine Stunde Dudelsack im Zimmer, eine halbe Stunde Dudelsack im Freien auf dem Hof, jeden zweiten Tag wechselnd, entweder zwei Stunden Bier und Blutwurst oder zwei Stunden Kino, in jedem Fall aber vor dem Kino oder beim Bier unauffälliges Werben für die illegale KPD — halbe Stunde — nicht übertreiben! Die Abende füllte an drei Wochentagen Tanzmusik-Machen im ≫Einhorn≪ aus, am Sonnabend wurde das Nachmittagsbier mit KPD-Werbung auf den Abend verlegt, weil der Nachmittag für das Bad mit Massage in der Grünstraße reserviert war; und danach ins ≫U 9≪, ein Dreiviertelstündchen lang Hygiene mit Mädchen, dann mit demselben Mädchen und Freundin des Mädchens bei Schwab Kaffee und Kuchen, noch kurz vor Geschäftsschluß Rasieren, wenn nötig Haareschneiden, schnell Foto machen lassen bei Fotomaton, dann Bier, Blutwurst, KPD-Werbung und Behaglichkeit.

Ich lobte Klepps säuberlich hingemaltes Maßwerk, bat ihn um eine Abschrift, wollte wissen, wie er gelegentliche tote Punkte überwinde. ≫Schlafen oder an KPD denken≪, gab mir Klepp nach kürzestem Sinnen zur Antwort.

Ob ich ihm erzählte, wie Oskar Bekanntschaft mit seinem ersten Stundenplan machte?

Es begann harmlos mit Tante Kauers Kindergarten. Hedwig Bronski holte mich jeden Morgen ab, brachte mich mit ihrem Stephan zur Tante Kauer in den Posadowskiweg, wo wir mit sechs bis zehn Gören — einige waren immer krank — bis zum Erbrechen spielen mußten. Zum Glück galt meine Trommel als Spielzeug, und es wurden mir keine Bauklötze aufgezwungen und Schaukelpferde nur dann untergeschoben, wenn man einen trommelnden Reiter mit Papierhelm brauchte. Als Trommelvorlage diente mir Tante Kauers schwarzseidenes, tausendmal geknöpftes Kleid. Getrost kann ich sagen, es gelang mir auf meinem Blech, das dünne, nur aus Fältchen bestehende Fräulein mehrmals am Tage an- und auszuziehen, indem ich sie trommelnd auf- und zuknöpfte, ohne eigentlich ihren Körper zu meinen.

Die Spaziergänge am Nachmittag durch Kastanienalleen zum Jeschkentaler Wald, den Erbsberg hoch, am Gutenbergdenkmal vorbei, waren so angenehm langweilig und unbeschwert albern, daß ich mir heute noch Bilderbuchspaziergänge an Tante Kauers Papierhand wünsche.

Ob wir acht oder zwölf Gören waren, wir mußten ins Geschirr. Dieses Geschirr bestand aus einer hellblauen, gestrickten, eine Deichsel meinenden Leine. Sechsmal ergab sich links und rechts dieser Wolldeichsel wollenes Zaumzeug für insgesamt zwölf Gören. Alle zehn Zentimeter hing eine Schelle. Vor Tante Kauer, die die Zügel führte, trotteten wir klingelingeling machend, plappernd, ich zähflüssig trommelnd, durch herbstliche Vorortstraßen. Dann und wann stimmte Kauer ≫Jesus dir leb’ ich, Jesus dir sterb’ ich≪ an oder auch, ≫Meerstern ich dich grüße≪, was die Straßenpassanten rührte, wenn wir ≫Oh Maria hilf≪ und ≫Gottesmutter, suhühühüße≪ der klaren Oktoberluft anvertrauten. Sobald wir die Hauptstraße überquerten, mußte der Verkehr aufgehalten werden. Straßenbahnen, Autos, Pferdefuhrwerke stauten sich, wenn wir den Meerstern über den Fahrdamm hinübersangen. Jedesmal bedankte sich dann Tante Kauer mit knisternder Hand bei dem uns das Geleit gebenden Verkehrspolizisten.

≫Unser Herr Jesus wird Ihnen den Lohn geben≪, versprach sie und raschelte mit dem Seidenkleid.

Eigentlich, habe ich es bedauert, als Oskar im Frühjahr, nach seinem sechsten Geburtstag, Stephans wegen und mit ihm zusammen das auf- und zuknöpfbare Fräulein Kauer verlassen mußte. Wie immer, wenn Politik im Spiele ist, kam es zu Gewalttätigkeiten. Wir waren auf dem Erbsberg, Tante Kauer nahm uns das Wollgeschirr ab, das Jungholz glänzte, in den Zweigen begann es sich zu mausern. Tante Kauer saß auf einem Wegstein, der unter wucherndem Moos verschiedene Richtungen für ein- bis zweistündige Spaziergänge angab. Gleich einem Mädchen, das nicht weiß, wie ihm im Frühling ist, trällerte sie mit ruckhaften Kopfbewegungen, die man sonst nur noch bei Perlhühnern beobachten kann, und strickte uns ein neues Geschirr, verteufelt rot sollte es werden, leider durfte ich es nie tragen: denn da gab es Geschrei im Gebüsch, Fräulein Kauer flatterte auf, stöckelte mit Gestricktem, roten Wollfaden nach sich ziehend, dem Geschrei und Gebüsch zu. Ich folgte ihr und dem Faden, sollte sogleich noch mehr Rot sehen: Stephans Nase blutete heftig und einer, der Lothar hieß, gelockt war und blaue Äderchen an den Schläfen zeigte, hockte dem windigen und so wehleidigen Kerlchen auf der Brust und tat, als wollte er dem Stephan die Nase nach innen schlagen.

≫Pollack≪, zischte er zwischen Schlag und Schlag. ≫Pollack!≪ Als Tante Kauer uns fünf Minuten später wieder im hellblauen Geschirr hatte — nur ich lief frei und wickelte den roten Faden auf —, sprach sie uns allen ein Gebet vor, das man normalerweise zwischen Opfer und Wandlung hersagt: ≫Beschämt, voll Reue und Schmerz …≪

Dann den Erbsberg hinunter und vor dem Gutenbergdenkmal Halt. Auf Stephan, der sich wimmernd ein Taschentuch gegen die Nase drückte, mit langem Finger weisend, gab sie mild zu verstehen: ≫Er kann doch nicht dafür, daß er ein kleiner Pole ist.≪ Stephan durfte auf Anraten Tante Kauers nicht mehr in ihren Kindergarten. Oskar, obgleich kein Pole und den Stephan nicht besonders schätzend, erklärte sich mit ihm solidarisch. Und dann kam Ostern, und man versuchte es einfach. Dr. Hollatz befand hinter seiner mit breitem Horn eingefaßten Brille, es könne nicht schaden, ließ den Befund auch laut werden: ≫Es kann dem kleinen Oskar nicht schaden.≪

Jan Bronski, der seinen Stephan gleichfalls nach Ostern in die polnische Volksschule schicken wollte, ließ sich davon nicht abraten, wiederholte meiner Mama und Matzerath immer wieder: Er sei Beamter in polnischen Diensten. Für korrekte Arbeit auf der polnischen Post bezahle der polnische Staat ihn korrekt. Schließlich sei er Pole und Hedwig werde es auch, sobald der Antrag genehmigt. Zudem lerne ein aufgewecktes und überdurchschnittlich begabtes Kind wie Stephan die deutsche Sprache im Elternhaus, und was den kleinen Oskar betreffe — immer wenn er Oskar sagte, seufzte er ein bißchen — Oskar sei genau wie der Stephan sechs Jahre alt, könne zwar noch nicht recht sprechen, sei überhaupt reichlich zurück für sein Alter, und was das Wachstum angehe, versuchen solle man es trotzdem, Schulpflicht sei Schulpflicht — vorausgesetzt, daß die Schulbehörde sich nicht dagegenstelle.

Die Schulbehörde äußerte Bedenken und verlangte ein ärztliches Attest. Hollatz nannte mich einen gesunden Jungen, der dem Wachstum nach einem Dreijährigen gleiche, geistig jedoch, wenn er auch noch nicht recht spreche, einem Fünf- bis Sechsjährigen in nichts nachstehe. Auch sprach er von meinen Schilddrüsen.

Ich verhielt mich bei all den Untersuchungen, während der mir zur Gewohnheit gewordenen Testerei ruhig, gleichgültig bis wohlwollend, zumal mir niemand meine Trommel nehmen wollte. Die Zerstörung der Hollatzschen Schlangen-, Kröten- und Embryonensammlung war allen, die mich da untersuchten und testeten, noch gegenwärtig und fürchtenswert.

Nur zu Hause, und zwar am ersten Schultag, sah ich mich gezwungen, den Diamanten in meiner Stimme Wirkung zeigen zu lassen, da Matzerath, gegen bessere Einsicht handelnd, von mir verlangte, daß ich den Weg zur Pestalozzischule gegenüber der Fröbelwiese ohne meine Trommel zurücklege und sie, meine Blechtrommel, auch nicht in die Pestalozzischule hineinnehme.

Als er schließlich handgreiflich wurde, nehmen wollte, was ihm nicht gehörte, womit er gar nicht umgehen konnte, wofür ihm der Nerv fehlte, schrie ich eine leere Vase entzwei, der man Echtheit nachsagte. Nachdem die echte Vase in Gestalt von echten Scherben auf dem Teppich lag, wollte mich Matzerath, der sehr an der Vase hing, mit der Hand schlagen. Doch da sprang Mama auf, und Jan, der mit Stephan und Schultüte noch schnell und wie zufällig bei uns vorbeischaute, trat dazwischen.

≫Ich bitte dich, Alfred≪, sagte er in seiner ruhig salbungsvollen Art, und Matzerath ließ, von Jans blauem und Mamas grauem Blick getroffen, die Hand sinken und steckte sie in die Hosentasche.

Die Pestalozzischule war ein neuer, ziegelroter, mit Sgraffitos und Fresken modern geschmückter, dreistöckiger, länglicher, oben flacher Kasten, der auf lautes Drängen der damals noch recht aktiven Sozialdemokraten hin vom Senat der kinderreichen Vorstadt gebaut wurde. Mir gefiel der Kasten, bis auf seinen Geruch und die sporttreibenden Jugendstilknaben auf den Sgraffitos und Fresken, nicht schlecht.

Unnatürlich winzige und obendrein grün werdende Bäumchen standen zwischen schützenden, dem Krummstab ähnlichen Eisenstäben im Kies vorm Portal. Aus allen Richtungen drangen Mütter vor, die bunte spitze Tüten hielten und schreiende oder musterhafte Knaben nach sich zogen. Noch nie hatte Oskar so viele Mütter in eine Richtung streben sehen. Es mutete an, als pilgerten sie einem Markt zu, auf dem ihre Erst- und Zweitgeburten feilgeboten werden sollten.

Schon in der Vorhalle dieser Schulgeruch, der, oft genug beschrieben, jedes bekannte Parfüm dieser Welt an Intimität übertrifft. Auf den Fliesen der Halle standen zwanglos angeordnet vier oder fünf granitene Becken, aus deren Vertiefungen Wasser aus mehreren Quellen gleichzeitig hochsprudelte. Von Knaben, auch solchen in meinem Alter umdrängt, erinnerten sie mich an die Sau meines Onkels Vinzent in Bissau, die sich manchmal auf die Seite warf und einen ähnlich durstig brutalen Andrang ihrer Ferkel erduldete.

Die Knaben beugten sich über die Becken und senkrechten, ständig in sich zusammenfallenden Wassertürmchen, ließen die Haare vornüberfallen und sich von den Fontänen in geöffnete Münder fingern. Ich weiß nicht, ob sie spielten oder tranken. Manchmal richteten sich zwei Knaben fast gleichzeitig und mit geblähten Backen auf, um sich unanständig laut das sicher mit Speichel gemischte und von Brotkrümeln durchsetzte, mundwarme Wasser ins Gesicht zu prusten. Ich, der ich beim Eintritt in den Vorraum leichtsinnigerweise einen Blick in die links anschließende, offene Turnhalle geworfen hatte, verspürte, das lederne Langpferd, die Kletterstangen und Kletterseile, das entsetzliche, immer eine Riesenwelle abverlangende Reck sichtend, einen echten, durch nichts zu überredenden Durst und hätte gleich den anderen Knaben gerne einen Schluck Wasser zu mir genommen. Es war mir aber unmöglich, Mama, die mich an der Hand hielt, zu bitten, Oskar, den Dreikäsehoch, über solch ein Becken zu heben. Selbst wenn ich mir meine Trommel untergestellt hätte, die Fontäne wäre mir unerreichbar geblieben. Als ich jedoch leicht springend einen Blick über den Rand eines dieser Becken warf und bemerken mußte, wie fettige Brotreste den Abfluß des Wassers beträchtlich blockierten und also in der Schale eine üble Brühe stand, verging mir der Durst, den ich mir zwar in Gedanken, aber dennoch leibhaftig zwischen Turngeräten in einer Turnhallenwüstenei irrend, angespeichert hatte.

Mama führte mich monumentale, für Riesen geschlagene Treppen hoch, durch hallende Korridore in einen Raum, über dessen Tür ein Schildchen mit der Aufschrift 1a hing. Der Raum war voller Knaben in meinem Alter. Die Mütter der Knaben drückten sich an die Wand gegenüber der Fensterfront und hielten die traditionellen spitzbunten, oben mit Seidenpapier verschlossenen, mich überragenden Tüten für den ersten Schultag hinter verschränkten Armen. Mama trug auch solch eine Tüte bei sich.

Als ich an ihrer Hand eintrat, lachten das Volk und gleichfalls des Volkes Mütter. Einem dicklichen Knaben, der mir auf meine Trommel pauken wollte, mußte ich, um nicht Glas zersingen zu müssen, mehrmals gegen das Schienbein treten, woraufhin der Bengel umfiel, mit der Frisur gegen eine Schulbank schlug, weshalb ich von Mama eins auf den Hinterkopf bekam. Der Bengel schrie. Natürlich schrie ich nicht, denn ich schrie nur, wenn man mir meine Trommel wegnehmen wollte. Mama, der dieser Auftritt vor den anderen Müttern peinlich war, schob mich in die erste Bank der Bankabteilung neben den Fenstern. Selbstverständlich war die Bank zu groß. Doch weiter nach hinten hin, wo das Volk immer gröber und sommersprossiger wurde, waren die Bänke noch größer.

Ich gab mich zufrieden, saß ruhig, weil ich keinerlei Grund zur Beunruhigung hatte. Mama, die mir immer noch verlegen zu sein schien, drückte sich zwischen die anderen Mütter. Wahrscheinlich schämte sie sich meiner sogenannten Zurückgebliebenheit wegen vor ihren Artgenossinnen. Die taten, als wenn sie Grund gehabt hätten, auf ihre, für mein Gefühl viel zu schnell gewachsenen Lümmel stolz zu sein.

Ich konnte nicht aus dem Fenster auf die Fröbelwiese blicken, da mir die Höhe des Fensterbordes genauso wenig angemessen war wie die Größe der Schulbank. Dabei hätte ich gerne einen Blick auf die Fröbelwiese geworfen, auf der, wie ich wußte, Pfadfinder unter der Leitung des Gemüsehändlers Greff Zelte bauten, Landsknecht spielten und, wie es sich für Pfadfinder gehört, Gutes taten. Nicht etwa, daß ich an dieser übertriebenen Verherrlichung des Lagerlebens Anteil genommen hätte. Nur die Figur des kurzbehosten Greff interessierte mich. War seine Liebe zu schmalen, möglichst großäugigen, wenn auch bleichen Knaben doch so groß, daß er ihr die Uniform des Boy-Scout-Erfinders Baden-Powell gegeben hatte.

Durch eine infame Architektur um einen lohnenden Ausblick gebracht, schaute ich mir nur noch den Himmel an und fand schließlich darin Genüge. Immer neue Wolken wanderten von Nordwest nach Südost aus, als hätte jene Richtung den Wolken etwas Besonderes zu bieten gehabt. Meine Trommel, die bisher keinen Schlag lang ans Auswandern gedacht hatte, klemmte ich. mir zwischen die Knie und das Fach der Schulbank. Die für den Rücken bestimmte Lehne schützte Oskars Hinterkopf. Hinter mir schnatterten, brüllten, lachten, weinten und tobten meine sogenannten Mitschüler. Man warf mit Papierkugeln nach mir, aber ich drehte mich nicht, hielt vielmehr die zielbewußten Wolken für ästhetischer als den Anblick einer Horde Grimassen schneidende, völlig überdrehte Rüpel. Es wurde ruhiger in der Klasse 1a, als eine Frau eintrat, die sich hinterher Fräulein Spollenhauer nannte. Ich brauchte nicht ruhiger zu werden, da ich zuvor schon still und fast in mich gekehrt auf kommende Dinge gewartet hatte. Um ganz ehrlich zu sein: Oskar hatte es nicht einmal für nötig befunden, auf Kommendes zu warten, er bedurfte ja keiner Zerstreuung, wartete also nicht, sondern saß, nur seine Trommel spürend, im Schulgebänk und hatte es vergnügt mit den Wolken hinter oder vielmehr vor den österlich geputzten Schulfensterscheiben.

Fräulein Spollenhauer trug ein eckig zugeschnittenes Kostüm, das ihr ein trocken männliches Aussehen gab. Dieser Eindruck wurde noch durch den knappsteifen, Halsfalten ziehenden, am Kehlkopf schließenden und, wie ich zu bemerken glaubte, abwaschbaren Hemdkragen verstärkt. Kaum hatte sie in flachen Wanderschuhen die Klasse betreten, wollte sie sich sogleich beliebt machen und stellte die Frage: ≫Nun, liebe Kinder, könnt ihr auch ein Liedchen singen?≪

Als Antwort wurde ihr Gebrüll zuteil, welches sie jedoch als Bejahung ihrer Frage wertete, denn sie stimmte geziert hoch das Frühlingslied ≫Der Mai ist gekommen≪ an, obgleich wir Mitte April hatten. Kaum hatte sie den Mai verkündet, brach die Hölle los. Ohne auf das Zeichen zum Einsatz zu warten, ohne den Text recht zu kennen, ohne das geringste Gefühl für den simplen Rhythmus dieses Liedchens, begann die Bande hinter mir, den Putz an den Wänden lockernd, durcheinander zu grölen.

Trotz ihrer gelblichen Haut, trotz Bubikopf und unterm Kragen vorlugendem männlichen Schlips tat mir die Spollenhauer leid. Von den Wolken, die offensichtlich schulfrei hatten, mich losreißend, raffte ich mich auf, zog mit einem Griff die Stöcke unter meinen Hosenträgern hervor und trommelte laut und einprägsam den Takt des Liedes. Aber die Bande hinter mir hatte keinen Sinn und kein Ohr dafür. Nur Fräulein Spollenhauer nickte mir aufmunternd zu, lächelte die an der Wand klebende Mütterschar an, blinzelte besonders zu Mama hinüber und veranlaßte mich, dieses als Zeichen zu ruhigem, schließlich kompliziertem, alle meine Kunststücke aufzeigendem Weitertrommeln zu werten. Längst hatte die Bande hinter mir aufgehört, die barbarischen Stimmen zu mischen. Schon bildete ich mir ein, meine Trommel unterrichte, lehre, mache meine Mitschüler zu meinen Schülern, da stellte sich die Spollenhauer vor meine Bank, blickte mir aufmerksam und nicht einmal ungeschickt, vielmehr selbstvergessen lächelnd auf Hände und Trommelstöcke, versuchte sogar, meinen Takt mitzuklopfen, gab sich für ein Minütchen als ein nicht unsympathisches älteres Mädchen, das, seinen Lehrberuf vergessend, der ihm vorgeschriebenen Existenzkarikatur entschlüpft, menschlich wird, das heißt, kindlich, neugierig, vielschichtig, unmoralisch.

Als es dem Fräulein Spollenhauer jedoch nicht gelang, meinen Trommlertakt sogleich und richtig nachzuklopfen, verfiel sie wieder ihrer alten gradlinig dummen, obendrein schlechtbezahlten Rolle, gab sich den Ruck, den sich Lehrerinnen dann und wann geben müssen, sagte: ≫Du bist sicher der kleine Oskar. Von dir haben wir schon viel gehört. Wie schön du trommeln kannst. Nicht wahr, Kinder? Unser Oskar ist ein guter Trommler?≪

Die Kinder brüllten, die Mütter rückten enger zusammen, die Spollenhauer hatte sich wieder in der Gewalt. ≫Doch nun≪, fistelte sie, ≫wollen wir die Trommel im Klassenschrank verwahren, sie wird müde sein und schlafen wollen. Nachher, wenn die Schule aus ist, sollst du deine Trommel wiederbekommen.≪

Noch während sie diese scheinheilige Rede abspulte, zeigte sie mir ihre kurzbeschnittenen Lehrerinnenfingernägel, wollte sich an der Trommel, die, bei Gott, weder müde war noch schlafen wollte, zehnmal kurzbeschnitten vergreifen. Vorerst hielt ich fest, schloß die Arme in Pulloverärmeln um das weißrotgeflammte Rund, blickte sie an, bückte dann, da sie unentwegt den uralten schablonenhaften Volksschullehrerinnenanblick gewährte, durch sie hindurch, fand im Inneren des Fräulein Spollenhauer Erzählenswertes genug für drei unmoralische Kapitel, riß mich aber, da es um meine Trommel ging, von ihrem Innenleben los und registrierte, als mein Blick zwischen ihren Schulterblättern hindurchfand, auf guterhaltener Haut einen guldenstückgroßen, langbehaarten Leberfleck.

Sei es, daß sie sich von mir durchschaut fühlte, tat es meine Stimme, mit der ich ihr warnend, keinen Schaden anrichtend, am rechten Brillenglas kratzte: sie gab die nackte Gewalt, die ihr die Knöchel schon weiß kreidete, auf, vertrug wohl das Schaben am Glas nicht, das befahl ihr eine Gänsehaut, fröstelnd ließ sie von meiner Trommel ab, sagte: ≫Du bist aber ein böser Oskar≪, warf meiner Mama, die nicht wußte, wo hinblicken, einen vorwurfsvollen Blick zu, ließ mir meine hellwache Trommel, machte kehrt, marschierte mit flachen Absätzen zum Pult, kramte aus ihrer Aktentasche eine andere, wahrscheinlich die Lesebrille hervor, nahm sich jenes Gestell, an dem meine Stimme geschabt hatte, wie man mit Fingernägeln an Fensterscheiben schabt, mit entschiedener Bewegung von der Nase, tat so, als hätte ich ihr die Brille geschändet, setzte sich, den kleinen Finger beim Aufsetzen wegspreizend, das zweite Gestell auf die Nase, straffte dann ihre Figur, daß es knackte, und gab, während sie abermals in die Aktentasche langte, zu verstehen: ≫Ich lese euch jetzt den Stundenplan vor.≪

Einen Stoß Zettel fischte sie aus dem Schweinsleder, hob einen Zettel für sich ab, gab den Rest an die Mütter, so auch an Mama weiter und verriet endlich den schon unruhig werdenden Sechsjährigen, was der Stundenplan zu bieten hatte. ≫Montag: Religion, Schreiben, Rechnen, Spielen; Dienstag: Rechnen, Schönschreiben, Singen, Naturkunde; Mittwoch: Rechnen, Schreiben, Zeichnen, Zeichnen; Donnerstag: Heimatkunde, Rechnen, Schreiben, Religion; Freitag: Rechnen, Schreiben, Spielen, Schönschreiben; Sonnabend: Rechnen, Singen, Spielen, Spielen.≪

Das verkündigte Fräulein Spollenhauer wie ein unabänderliches Schicksal, gab diesem Produkt einer Volksschullehrerkonferenz ihre gestrengte, keinen Buchstaben verschmähende Stimme, wurde dann, sich ihrer Seminarzeit erinnernd, fortschrittlich milde, jauchzte, in erzieherische Lustigkeit ausbrechend: ≫Das, liebe Kinder, wollen wir nun alle zusammen wiederholen. Bitte — Montag?≪

Die Horde brüllte Montag.

Sie darauf: ≫Religion?≪ Die getauften Heiden brüllten das Wörtchen Religion. Ich schonte meine Stimme, trommelte dafür die religiösen Silben aufs Blech.

Hinter mir schrien sie, durch die Spollenhauer veranlaßt: ≫Schreiben!≪ Zweimal gab meine Trommel Antwort. ≫Rech — nen!≪ Abermals zwei Schläge.

So ging das Geschrei hinter mir, das Vorbeten der Spollenhauer vor mir weiter, und ich schlug mäßig, gute Miene zum läppischen Spiel machend, die Silben auf meinem Blech an, bis die Spollenhauer — ich weiß nicht auf wessen Geheiß — aufsprang, offensichtlich erbost — doch nicht etwa wegen der Lümmel hinter mir wurde sie sauer — ich gab ihr hektisches Wangenrot, Oskars harmlose Trommel war ihr Stein des Anstoßes genug, einen taktsicheren Trommler ins Gebet zu nehmen.

≫Oskar, du wirst jetzt auf mich hören; Donnerstag: Heimatkunde?≪ Das Wörtchen Donnerstag ignorierend, schlug ich viermal für Heimatkunde, fürs Rechnen und Schreiben je zweimal, der Religion widmete ich, wie es sich gehört, nicht etwa vier, sondern drei dreieinige, alleinseligmachende Trommelschläge.

Aber die Spollenhauer bemerkte die Unterschiede nicht. Ihr war alle Trommelei gleich zuwider. Zehnmal zeigte sie mir, wie schon vorher, die abgehacktesten Fingernägel und wollte zehnmal zugreifen.

Doch bevor sie noch mein Blech berührte, ließ ich schon meinen glastötenden Schrei los, der den drei übergroßen Klassenfenstern die oberen Scheiben nahm. Einem zweiten Schrei fielen die mittleren Fenster zum Opfer. Ungehindert drang die milde Frühlingsluft in den Klassenraum. Daß ich mit einem dritten Schrei auch die unteren Fensterscheiben tilgte, war im Grunde überflüssig, ja reiner Übermut, denn die Spollenhauer zog schon beim Versagen der oberen und mittleren Scheiben ihre Krallen ein. Anstatt sich aus reinem und künstlerisch fragwürdigem Mutwillen an den letzten Scheiben zu vergehen, hätte Oskar weiß Gott klüger gehandelt, wenn er die zurücktaumelnde Spollenhauer im Auge behalten hätte.

Weiß der Teufel, wo sie den Rohrstock hergezaubert haben mochte. Jedenfalls war er auf einmal da, zitterte in jener sich mit der Frühlingsluft kreuzenden Klassenluft, und durch diese Luftmischung ließ sie ihn sausen, ließ ihn biegsam sein, hungrig, durstig, auf platzende Haut versessen sein, auf das Sssst, auf die vielen Vorhänge, die ein Rohrstock vorzutäuschen vermag, auf die Befriedigung beider Teile. Und sie ließ ihn auf meinen Pultdeckel knallen, daß die Tinte im Fäßchen einen violetten Sprung machte. Und sie schlug, als ich ihr die Hand nicht zum Draufschlagen anbieten wollte, auf meine Trommel. Auf mein Blech schlug sie. Sie, die Spollenhauersche, schlug auf meine Blechtrommel. Was hatte die zu schlagen? Gut, wenn sie schlagen wollte, warum dann auf meine Trommel? Saßen nicht gewaschene Lümmel genug hin ter mir? Mußte es unbedingt mein Blech sein? Mußte sie, die nichts, rein gar nichts von der Trommelei verstand, sich an meiner Trommel vergreifen? Was blitzte ihr da im Auge? Wie hieß das Tier, das schlagen wollte? Welchem Zoo entsprungen, welche Nahrung suchend, wonach läufig? — Es kam Oskar an, es drang ihm, ich weiß nicht aus welchen Gründen aufsteigend, durch die Schuhsohlen, Fußsohlen, fand hoch, besetzte seine Stimmbänder, ließ ihn einen Brunstschrei ausstoßen, der gereicht hätte, eine ganze herrliche, schönfenstrige, lichtfangende, lichtbrechende, gotische Kathedrale zu entglasen.

Ich formte mit anderen Worten einen Doppelschrei, der beide Brillengläser der Spollenhauer wahrhaft zu Staub werden ließ. Mit leicht blutenden Augenbrauen und aus nunmehr leeren Brillenfassungen blinzelnd, tastete sie sich rückwärts, begann schließlich häßlich und für eine Volksschullehrerin viel zu unbeherrscht zu greinen, während die Bande hinter mir ängstlich verstummte, teils unter den Bänken verschwand, teils die Zähnchen klappern ließ. Einige rutschten von Bank zu Bank den Müttern entgegen. Die jedoch, da sie den Schaden begriffen, suchten den Schuldigen und wollten über meine Mama herfallen, wären wohl auch über meine Mama hergefallen, hätte ich mich nicht, meine Trommel greifend, aus der Bank geschoben.

An der halbblinden Spollenhauer vorbei fand ich zu meiner von Furien bedrohten Mama, faßte sie bei der Hand, zog sie aus dem zugigen Klassenzimmer der Klasse 1a. Hallende Korridore. Steintreppen für Riesenkinder. Brotreste in sprudelnden Granitbecken. In der offenen Turnhalle zitterten Knaben unterm Reck. Mama hielt noch immer das Zettelchen. Vor dem Portal der Pestalozzischule nahm ich es ihr ab und machte aus einem Stundenplan eine sinnlose Papierkugel.

Dem Fotografen jedoch, der zwischen den Säulen des Portals auf die Erstkläßler mit den Schultüten und Müttern wartete, erlaubte Oskar, eine Aufnahme von ihm und seiner bei all dem Durcheinander nicht verlorengegangenen Schultüte zu machen. Die Sonne kam hervor, über uns summten Klassenzimmer. Der Fotograf stellte Oskar vor die Kulisse einer Schultafel, auf der geschrieben stand: Mein erster Schultag.

Kapitel 7

RASPUTIN UND DAS ABC

Meinem Freund Klepp und dem mit halbem Ohr hinhörenden Pfleger Bruno, Oskars erste Begegnung mit dem Stundenplan erzählend, sagte ich soeben: Auf jener Schultafel, die dem Fotografen den traditionellen Hintergrund für postkartengroße Aufnahmen sechsjähriger Knaben mit Tornistern und Schultüten abgab, stand geschrieben: Mein erster Schultag.

Selbstverständlich war dieses Sätzchen nur den Müttern leserlich, die hinter dem Fotografen standen und aufgeregter als ihre Knaben taten. Die Knaben vor der Tafel mit Inschrift konnten allenfalls ein Jahr später, entweder bei der österlichen Einschulung der neuen Erstkläßler oder auf den ihnen gebliebenen Fotos entziffern, daß jene bildschönen Aufnahmen anläßlich ihres ersten Schultages gemacht worden waren.

Sütterlinschrift kroch bösartig spitzig und in den Rundungen falsch, weil ausgestopft, über die Schultafel, kreidete jene, den Anfang eines neuen Lebensabschnittes markierende Inschrift. In der Tat läßt sich gerade die Sütterlinschrift für Markantes, Kurzformuliertes, für Tageslosungen etwa, gebrauchen. Auch gibt es gewisse Dokumente, die ich zwar nie gesehen habe, die ich mir dennoch mit Sütterlinschrift beschrieben vorstelle. Ich denke da an Impfscheine, Sporturkunden und handgeschriebene Todesurteile. Schon damals, da ich Sütterlinschrift zwar durchschauen, aber nicht lesen konnte, wollte die Doppelschlinge des Sütterlin M, mit dem die Inschrift begann, tückisch und nach Hanf riechend, mich ans Schafott gemahnen. Dennoch hätte ich’s gerne Buchstabe für Buchstabe gelesen und nicht nur dunkel geahnt. Es soll ja niemand glauben, ich hätte meine Begegnung mit dem Fräulein Spollenhauer von so hoher Warte aus glaszersingend gestaltet und als revoltierende Protesttrommelei betrieben, weil ich des ABC mächtig gewesen wäre. O nein, ich wußte allzu gut, daß es mit dem Durchschauen der Sütterlinschrift nicht getan war, daß mir das simpelste Schulwissen fehlte. Es konnte dem Oskar leider nicht die Methode gefallen, mit der ihn ein Fräulein Spollenhauer zum Wissenden machen wollte.

Demnach beschloß ich keinesfalls beim Verlassen der Pestalozzischule: Mein erster Schultag soll auch mein letzter sein. Die Schule ist aus, jetzt gehn wir nach Haus. Nichts dergleichen! Schon während der Fotograf mich für immer ins Bild bannte, dachte ich: Du stehst hier vor einer Schultafel, stehst unter einer wahrscheinlich bedeutenden, womöglich verhängnisvollen Inschrift. Du kannst zwar dem Schriftbild nach die Inschrift beurteilen und dir Assoziationen wie Einzelhaft, Schutzhaft, Oberaufsicht und Alle-an-einem-Strick aufzählen, aber entziffern kannst du die Inschrift nicht. Dabei hast du bei all deiner zum halbbewölkten Himmel schreienden Unwissenheit vor, diese Stundenplanschule nie wieder zu betreten. Wo, Oskar, wo willst du das große und das kleine ABC lernen?

Daß es ein großes und ein kleines ABC gab, hatte ich, dem eigentlich ein kleines ABC genügt hätte, unter anderem der unübersehbaren, nicht aus der Welt zu denkenden Existenz großer Leute entnommen, die sich selbst Erwachsene nannten. Man wird schließlich nicht müde, die Existenzberechtigung eines großen und kleinen ABC durch einen großen und kleinen Katechismus, durch ein großes und kleines Einmaleins zu belegen, und bei Staatsbesuchen spricht man, je nachdem wie groß der Aufmarsch dekorierter Diplomaten und Würdenträger ist, von einem großen oder kleinen Bahnhof.

Weder Matzerath noch Mama kümmerten sich während der nächsten Monate um meine Ausbildung. Das Elternpaar ließ es mit dem einen, für Mama so anstrengenden und beschämenden Einschulungsversuch genug sein. Sie taten es dem Onkel Jan Bronski gleich, seufzten, wenn sie mich von oben her betrachteten, kramten alte Geschichten, wie meinen dritten Geburtstag aus: ≫Die offene Falltür! Du hast sie offen gelassen, stimmt’s! Du warst in der Küche und vorherim Keller, stimmts! Du hast eine Konservendose mit gemischtem Obst für den Nachtisch hochgeholt, stimmts! Du hast die Falltür zum Keller offen gelassen, stimmts!≪

Es stimmte alles, was Mama dem Matzerath vorwarf, und stimmte dennoch nicht, wie wir wissen. Aber er trug die Schuld und weinte sogar manchmal, weil sein Gemüt weich sein konnte. Dann mußte er von Mama und Jan Bronski getröstet werden, und sie nannten mich, Oskar, ein Kreuz, das man tragen müsse, ein Schicksal, das wohl unabänderlich sei, eine Prüfung, von der man nicht wisse, womit man sie verdiene.

Von diesen schwergeprüften, vom Schicksal geschlagenen Kreuzträgern war also keine Hilfe zu erwarten. Auch Tante Hedwig Bronski, die mich oft holen kam, damit ich mit ihrer zweijährigen Marga im Sandkasten des Steffensparkes spielte, schied als Lehrerin für mich aus: sie war zwar gutmütig, aber himmelblau dumm. Gleichfalls mußte ich mir die Schwester Inge des Dr. Hollatz, die weder himmelblau noch gutmütig war, aus dem Sinn schlagen: denn die war klug, keine gewöhnliche Sprechstundenhilfe, sondern eine unersetzliche Assistentin und hatte deshalb auch keine Zeit für mich.

Ich bewältigte mehrmals am Tage die über hundert Treppenstufen des vierstöckigen Mietshauses, trommelte Rat suchend auf jeder Etage, roch, was es bei neunzehn Mietparteien zu Mittag gab, und klopfte dennoch an keine Tür, weil ich weder im alten Heilandt, noch im Uhrmacher Laubschad, schon gar nicht in der dicken Frau Kater oder, bei aller Zuneigung, in Mutter Truczinski meinen künftigen Magister erkennen wollte.

Da gab es unter dem Dach den Musiker und Trompeter Meyn. Herr Meyn hielt sich vier Katzen und war immer betrunken. Tanzmusik spielte er auf ≫Zinglers Höhe≪, und am Heiligen Abend stampfte er mit fünf ähnlich Betrunkenen durch Schnee und Straßen und kämpfte mit Chorälen gegen gestrengen Frost an. Ihm begegnete ich einmal auf dem Dachboden: in schwarzer Hose, weißem Extrahemd lag er auf dem Rücken, rollte mit unbeschuhten Füßen eine leere Machandelflasche und blies ganz wunderschön Trompete. Ohne sein Blech abzusetzen, nur leicht die Augen verdrehend, nach mir, der ich hinter ihm stand, schielend, respektierte er mich als ihn begleitenden Trommler. Es war ihm sein Blech nicht mehr wert als mein Blech. Unser Duo trieb seine vier Katzen aufs Dach und ließ die Dachpfannen leicht vibrieren.

Als wir die Musik beendeten, das Blech sinken ließen, holte ich unter meinem Pullover eine alte ≫Neueste Nachrichten≪ hervor, glättete das Papier, kauerte mich neben den Trompeter Meyn, hielt ihm die Lektüre hin und verlangte Unterrichtung im großen und kleinen ABC.

Aber Herr Meyn war aus seiner Trompete heraus sogleich in den Schlaf gefallen. Es gab für ihn nur drei wahre Behältnisse: die Machandelflasche, die Trompete und den Schlaf. Zwar haben wir noch oftmals, genau gesagt, bis er in die Reiter-SA als Musiker eintrat und für einige Jahre den Machandel aufgab, Duette, ohne vorher zu üben, auf dem Dachboden den Kaminen, Dachpfannen, Tauben und Katzen vorgespielt, aber zum Lehrer wollte er nicht taugen.

Ich versuchte es mit dem Gemüsehändler Greff. Ohne meine Trommel, denn Greff hörte nicht gerne das Blech, besuchte ich mehrmals den Kellerladen schräg gegenüber. Die Voraussetzungen für ein gründliches Studium schienen gegeben: lagen doch überall in der Zweizimmerwohnung, im Laden selbst, hinter und auf dem Ladentisch, sogar in dem verhältnismäßig trockenen Kartoffelkeller lagen Bücher, Abenteuerbücher, Liederbücher, der Cherubinische Wandersmann, des Walter Flex Schriften, Wiecherts einfaches Leben, Daphnis und Chloe, Künstlermonographien, Stapel Sportzeitschriften, auch Bildbände mit halbnackten Knaben, die aus unerfindlichen Gründen, zumeist zwischen Dünen am Strand, Bällen nachsprangen und geölt glänzende Muskeln dabei zeigten.

Greff hatte schon zu jener Zeit viel Ärger im Geschäft. Prüfer vom Eichamt hatten beim Kontrollieren der Waage und Gewichte einiges zu bemängeln gehabt. Das Wörtchen Betrug fiel. Greff mußte eine Buße zahlen und neue Gewichte kaufen. Sorgenvoll wie er war, konnten ihn nur noch seine Bücher und die Heimabende und Wochenendwanderungen mit seinen Pfadfindern aufheitern.

Kaum bemerkte er meinen Eintritt ins Geschäft, schrieb weiter Preisschildchen, und ich griff mir, die günstige Gelegenheit der Preisschildchenschreiberei nutzend, drei, vier weiße Pappen, dazu einen Rotstift und versuchte eifrig tuend, die schon beschrifteten Schildchen, Sütterlin imitierend, als Vorlage zu benutzen und dadurch Greffs Aufmerksamkeit zu erregen.

Oskar war ihm wohl zu klein, nicht großäugig und bleich genug. So ließ ich also vom Rotstift, wählte mir einen Schmöker voller dem Greff ins Auge springender Nackedeis, tat auffallend mit dem Buch, hielt Fotos sich bückender oder dehnender Knaben, von denen ich annehmen konnte, daß sie dem Greff etwas bedeuteten, schräg und auch ihm zur Ansicht. Da der Gemüsehändler, wenn nicht gerade Kundschaft im Laden war und rote Rüben verlangte, allzu exakt an den Preisschildchen herumpinselte, mußte ich schon geräuschvoll mit den Buchdeckeln klappen oder die Seiten rasch und knisternd bewegen, damit er aus seinen Preisschildchen auftauchte und Anteil an mir, dem Leseunkundigen, nahm.

Um es gleich zu sagen: Greff begriff mich nicht. Wenn Pfadfinder im Laden waren — und nachmittags waren immer zwei oder drei seiner Unterführer um ihn — bemerkte er Oskar überhaupt nicht. War Greff jedoch alleine, konnte er nervös streng und der Störungen wegen verärgert aufspringen und Befehle erteilen: ≫Laß das Buch liegen, Oskar! Kannst ja doch nichts damit anfangen. Biste viel zu dumm für und zu klein. Wirste noch kaputtmachen. Hat über sechs Gulden gekostet. Wenn du spielen willst, da sind Kartoffeln und Weißkohlköppe genug!≪

Dann nahm er mir den Schmöker weg, blätterte darin, ohne das Gesicht zu verziehen, und ließ mich zwischen Wirsingkohl, Rosenkohl, Rotkohl und Weißkohl, zwischen Wruken und Bulven stehen, vereinsamen; denn Oskar hatte seine Trommel nicht bei sich.

Zwar gab es noch die Frau Greff, und ich schob mich auch zumeist nach der Abfuhr durch den Gemüsehändler ins Schlafzimmer des Ehepaares. Frau Lina Greff lag zu dem Zeitpunkt schon wochenlang zu Bett, tat kränklich, roch nach faulendem Nachthemd und nahm alles mögliche in die Hand, nur kein Buch, das mich unterrichtet hätte.

Leichten Neid kauend, sah Oskar in der folgenden Zeit gleichaltrigen Knaben auf die Schultornister, an deren Seiten Schwämme und Läppchen der Schiefertafeln wippten und wichtig taten. Trotzdem kann er sich nicht erinnern, jemals Gedanken gehabt zu haben wie: du hast es dir selbst eingebrockt, Oskar. Hättest gute Miene zum Schulspiel machen sollen. Hättest es nicht mit der Spollenhauer auf alle Zeiten verderben sollen. Die Bengels überholen dich! Die haben entweder das große oder das kleine ABC intus, während du nicht einmal die ≫Neuesten Nachrichten≪ richtig zu halten weißt. Leichter Neid, sagte ich soeben, mehr war es nicht. Bedurfte es doch nur einer flüchtigen Geruchsprobe, um von der Schule endgültig die Nase voll zu haben. Haben Sie einmal an den schlechtausgewaschenen, halbzerfressenen Schwämmen und Läppchen jener abblätternd gelbumrandeten Schiefertafeln geschnuppert, die im billigsten Leder der Schultornister die Ausdünstungen aller Schönschreiberei, den Dunst des kleinen und großen Einmaleins, den Schweiß quietschender, stockender, verrutschender, mit Spucke befeuchteter Griffel aufbewahren? Dann und wann, wenn aus der Schule heimkehrende Schüler in meiner Nähe die Tornister ablegten, um Fußball oder Völkerball zu spielen, bückte ich mich zu den in der Sonne dörrenden Schwämmen und stellte mir vor, daß ein eventuell vorhandener Satan in seinen Achselhöhlen dererlei säuerliche Wolken züchte.

Die Schule der Schiefertafeln war also kaum nach meinem Geschmack. Oskar will aber nicht behaupten, daß jenes Gretchen Scheffler, das bald darauf seine Ausbildung in die Hand nahm, ihm gemäßen Geschmack verkörperte.

Alles Inventar der Schefflerschen Bäckerwohnung im Kleinhammerweg beleidigte mich. Diese Zierdeckchen, wappenbestickten Kissen, in Sofaecken lauernden Käthe-Kruse-Puppen, Stofftiere, wohin man auch trat, Porzellan, das nach einem Elefanten verlangte, Reiseandenken in jeder Blickrichtung, angefangenes Gehäkeltes, Gestricktes, Besticktes, Geflochtenes, Geknotetes, Geklöppeltes und mit Mausezähnchen Umrandetes. Zu dieser süßniedlichen, entzückend gemütlichen, erstickend winzigen, im Winter überheizten, im Sommer mit Blumen vergifteten Behausung fällt mir nur eine Erklärung ein: Gretchen Scheffler hatte keine Kinder, hätte so gerne Kinderchen zum Bestricken gehabt, hätte, ach lag es am Scheffler, lag es an ihr, so zum Auffressen gerne ein Kindchen behäkelt, beperlt, umrandet und mit Kreuzstichküßchen besetzt.

Hier trat ich ein, um das kleine und große ABC zu lernen. Mühe gab ich mir, daß kein Porzellan oder Reiseandenken zu Schanden wurde. Meine glastötende Stimme ließ ich sozusagen zu Hause, drückte ein Auge zu, wenn das Gretchen befand, es sei nun genug getrommelt worden, und mir mit Gold- und Pferdezähnen lächelnd die Trommel von den Knien zog, das Blech zwischen Teddybären legte.

Ich befreundete mich mit zwei Käthe-Kruse-Puppen, drückte die Bälge an mich, klimperte wie verliebt mit den Wimpern der immer erstaunt blickenden Damen, damit diese falsche, doch deshalb um so echter wirkende Freundschaft mit Puppen das zwei glatt, zwei kraus gestrickte Herz des Gretchens bestricke.

Mein Plan war nicht schlecht. Schon beim zweiten Besuch öffnete Gretchen ihr Herz, das heißt, sie ribbelte es auf, wie man Strümpfe aufribbelt, zeigte mir den ganzen langen, an einigen Stellen schon Knötchen zeigenden fadenscheinigen Faden, indem sie alle Schränke, Kisten und Schächtelchen vor mir aufschloß, den mit Perlen besetzten Plunder vor mir ausbreitete, Stapel Kinderjäckchen, Kinderlätzchen, Kinderhöschen, die für Fünflinge gereicht hätten, mir anhielt, anzog und wieder abnahm. Dann zeigte sie Schefflers im Kriegerverein erworbene Schützenabzeichen, Fotos danach, die sich zum Teil mit unseren Fotos deckten, und endlich, da sie den Babykram noch einmal anfaßte und irgend etwas Strampeliges suchte, da endlich kamen Bücher zum Vorschein; hatte Oskar doch fest damit gerechnet, Bücher hinter dem Babykram zu finden; hatte Oskar sie doch mit Mama über Bücher sprechen hören; wußte er doch, wie eifrig die beiden, da sie noch verlobt und schließlich fast gleichzeitig jung verheiratet waren, Bücher getauscht, Bücher aus der Leihbücherei am Filmpalast entliehen hatten, um mit Lesestoff vollgepumpt der Kolonialwarenhändlerehe und Bäckerehe mehr Welt, Weite und Glanz vermitteln zu können.

Viel war es nicht, was Gretchen mir zu bieten hatte. Sie, die nicht mehr las, seitdem sie nur noch strickte, mochte wohl wie Mama, die wegen Jan Bronski nicht mehr zum Lesen kam, die stattlichen Bände der Buchgemeinschaft, deren Mitglieder beide längere Zeit waren, an Leute verschenkt haben, die noch lasen, weil sie nicht strickten und auch keinen Jan Bronski hatten.

Auch schlechte Bücher sind Bücher und deshalb heilig. Was ich da fand, stellte Kraut und Rüben dar, stammte wohl zum guten Teil aus der Bücherkiste ihres Bruders Theo, der auf der Doggerbank den Seemannstod gefunden hatte. Sieben oder acht Bände Köhlers Flottenkalender voller Schiffe, die längst gesunken waren, die Dienstgrade der kaiserlichen Marine, Paul Benecke, der Seeheld — das durfte wohl kaum die Speise gewesen sein, nach der Gretchens Herz verlangte. Erich Keysers Geschichte der Stadt Danzig und jener Kampf um Rom, den ein Mann namens Felix Dahn mit Hilfe von Totila und Teja, Belisar und Narses geführt haben mußte, hatten wohl gleichfalls unter den Händen des zur See gefahrenen Bruders an Glanz und Buchrückenhalt verloren. Gretchens Büchergestell sprach ich ein Buch zu, das über Soll und Haben abrechnete, und etwas über Wahlverwandtschaften von Goethe sowie den reichbebilderten dicken Band: Rasputin und die Frauen.

Nach längerem Zögern — die Auswahl war zu klein, als daß ich mich hätte schnell entscheiden mögen — griff ich, ohne zu wissen, was ich griff, nur dem bekannten inneren Stimmchen gehorchend, zuerst den Rasputin und dann den Goethe.

Dieser Doppelgriff sollte mein Leben, zumindest jenes Leben, welches abseits meiner Trommel zu führen ich mir anmaßte, festlegen und beeinflussen. Bis zum heutigen Tage — da Oskar die Bücherei der Heil- und Pflegeanstalt bildungsbeflissen nach und nach in sein Zimmer lockt — schwanke ich, auf Schiller und Konsorten pfeifend, zwischen Goethe und Rasputin, zwischen dem Gesundbeter und dem Alleswisser, zwischen dem Düsteren, der die Frauen bannte, und dem lichten Dichterfürsten, der sich so gern von den Frauen bannen ließ. Wenn ich mich zeitweilig mehr dem Rasputin zugehörig betrachtete und Goethes Unduldsamkeit fürchtete, lag das an dem leisen Verdacht: der Goethe hätte, hättest du, Oskar, zu seiner Zeit getrommelt, in dir nur Unnatur erkannt, dich als leibhaftige Unnatur verurteilt und seine Natur — die du schließlich’ immer, selbst wenn sie sich noch so unnatürlich spreizte, bewundert und angestrebt hast — sein Naturell hätte er mit übersüßem Konfekt gefüttert und dich armen Tropf wenn nicht mit dem Faust dann mit einem dicken Band seiner Farbenlehre erschlagen.

Doch zurück zu Rasputin. Er hat mir mit Gretchen Schefflers Hilfe das kleine und große ABC beigebracht, hat mich gelehrt, die Frauen aufmerksam zu behandeln, und hat mich getröstet, wenn Goethe mich kränkte.

Es war gar nicht so einfach, das Lesen zu lernen und dabei den Unwissenden zu spielen. Das sollte mir schwerer fallen als das jahrelange Vortäuschen eines kindlichen Bettnässens. Galt es beim Bettnässen doch, allmorgendlich einen Mangel zu demonstrieren, der mir im Grunde entbehrlich gewesen wäre. Den Unwissenden spielen, hieß jedoch für mich, mit meinen rapiden Fortschritten hinter dem Berg zu halten, einen ständigen Kampf mit beginnender intellektueller Eitelkeit zu führen. Daß die Erwachsenen in mir einen Bettnässer sahen, nahm ich innerlich achselzuckend hin, daß ich ihnen aber jahraus, jahrein als Dummerjan herhalten mußte, kränkte Oskar und auch seine Lehrerin.

Gretchen begriff, sobald ich die Bücher aus der Babywäsche gerettet hatte, auf der Stelle und heiter jauchzend ihren Lehrberuf. Es gelang mir, die gänzlich verstrickte Kinderlose aus ihrer Wolle zu locken und beinahe glücklich zu machen. Eigentlich hätte sie es lieber gesehen, wenn ich Soll und Haben zu meinem Schulbuch gemacht hätte; aber ich bestand auf Rasputin und wollte Rasputin, als sie zur zweiten Unterrichtsstunde ein richtiges Büchlein für ABC-Schützen gekauft hatte, und entschloß mich endlich zum Sprechen, als sie mir immer wieder mit Bergbauerromanen, Märchen wie Zwerg Nase und Däumeling kam. ≫Rapupin!≪ schrie ich oder auch: ≫Rasdvuschin!≪ Zeitweilig tat ich ganz und gar albern: ≫Raschu, Raschu!≪ hörte man Oskar plappern, damit das Gretchen einerseits begriff, welche Lektüre mir angenehm war, andererseits aber im unklaren blieb über sein erwachendes, Buchstaben pickendes Genie.

Ich lernte rasch, regelmäßig, ohne mir viel dabei zu denken. Nach einem Jahr fühlte ich mich in Petersburg, in den Privatgemächern des Selbstherrschers aller Russen, im Kinderzimmer des immer kränklichen Zarewitsch, zwischen Verschwörern und Popen und nicht zuletzt als Augenzeuge Rasputinscher Orgien wie zu Hause. Das hatte ein mir zusagendes Kolorit, da ging es um eine zentrale Figur. Das sagten auch die im Buch verstreuten zeitgenössischen Stiche, die den bärtigen Rasputin mit den Kohleaugen inmitten schwarze Strümpfe tragender, sonst nackter Damen zeigte. Rasputins Tod ging mir nach: man hat ihn mit vergifteter Torte, vergiftetem Wein vergiftet, dann, als er mehr von der Torte wollte, mit Pistolen erschossen, und als ihn das Blei in der Brust tanzlustig stimmte, gefesselt und in einem Eisloch der Newa versenkt. Das taten alles männliche Offiziere. Die Damen der Metropole Petersburg hätten ihrem Väterchen Rasputin niemals giftige Torte, sonst aber alles gegeben, was er von ihnen verlangte. Die Frauen glaubten an ihn, während die Offiziere ihn erst aus dem Weg räumen mußten, um wieder an sich selbst glauben zu können.

War es ein Wunder, daß nicht nur ich Gefallen am Leben und Ende des athletischen Gesundbeters fand? Das Gretchen tastete sich wieder zur Lektüre ihrer ersten Ehejahre zurück, löste sich während des lauten Vorlesens gelegentlich auf, zitterte, wenn das Wörtchen Orgie fiel, hauchte das Zauberwort Orgie besonders, war, wenn sie Orgie sagte, zur Orgie bereit und konnte sich dennoch unter einer Orgie keine Orgie vorstellen.

Schlimm wurde es, wenn Mama in den Kleinhammerweg mitkam und in der Wohnung über der Bäckerei meinem Unterricht beiwohnte. Das artete manchmal zur Orgie aus, das wurde Selbstzweck und kein Unterricht für Klein-Oskar mehr, das gab bei jedem dritten Satz zweistimmiges Gekicher, das ließ die Lippen trocken und rissig werden, das rückte die beiden verheirateten Frauen, wenn Rasputin es nur wollte, immer näher zusammen, das machte sie unruhig auf Sofakissen, das brachte sie auf den Gedanken, die Schenkel zusammenzupressen, da wurde aus anfänglichem Gekalber schlußendliches Seufzen, da hatte man nach zwölf Seiten Rasputinlektüre, was man vielleicht gar nicht gewollt, kaum erwartet hatte, aber am hellen Nachmittag gerne mitnahm, wogegen Rasputin sicher nichts einzuwenden gehabt hätte, was er vielmehr gratis und bis in alle Ewigkeit austeilen wird.

Schließlich, wenn beide Frauen achgottachgott gesagt hatten und sich verlegen in den verrutschten Frisuren nestelten, gab Mama zu bedenken: ≫Ob Oskarchen auch wirklich nichts davon versteht?≪ ≫Aber wo doch≪, beschwichtigte dann das Gretchen, ≫ich geb’ mir ja soviel Mühe, aber er lernt und lernt nich’, und Lesen wird er wohl nie lernen.≪

Um von meiner durch nichts zu erschütternden Unwissenheit Zeugnis abzulegen, fügte sie noch dazu: ≫Stell dir nur vor, Agnes, die Seiten reißt er aus unserem Rasputin raus, zerknüllt sie und nachher sind sie weg. Manchmal möcht’ ich es aufgeben. Aber wenn ich dann seh’, wie glücklich er ist überm Buch, laß ich ihn reißen und kaputtmachen. Ich hab Alex schon gesagt, er soll uns’n neuen Rasputin auf Weihnachten schenken.≪ Es gelang mir also — Sie werden es bemerkt haben — nach und nach, im Verlauf von drei oder vier Jahren — so lange und noch länger unterrichtete mich das Gretchen Scheffler — über die Hälfte der Buchseiten aus dem Rasputin herauszutrennen, vorsichtig, dabei Mutwillen vortäuschend, zu zerknüllen, um dann hinterher, zu Hause, in meiner Trommlerecke, die Blätter unter dem Pullover hervorzuziehen, sie geglättet und gestapelt zur heimlichen, von Frauen ungestörten Lektüre zu verwenden. Ähnlich verfuhr ich mit dem Goethe, den ich anläßlich jeder vierten Unterrichtsstunde, ≫Döte≪ rufend, dem Gretchen abforderte. Allein auf Rasputin wollte ich mich nicht verlassen, denn allzubald wurde mir klar, daß auf dieser Welt jedem Rasputin ein Goethe gegenübersteht, daß Rasputin Goethe oder der Goethe einen Rasputin nach sich zieht, sogar erschafft, wenn es sein muß, um ihn hinterher verurteilen zu können.

Wenn Oskar mit seinem ungebundenen Buch auf dem Dachboden oder im Schuppen des alten Herrn Heilandt hinter Fahrradgestellen hockte und die losen Blätter der Wahlverwandtschaften mit einem Bündel Rasputin mischte, wie man Karten mischt, las er das neu entstandene Buch mit wachsendem, aber gleichwohl lächelndem Erstaunen, sah Ottilie züchtig an Rasputins Arm durch mitteldeutsche Gärten wandeln und Goethe mit einer ausschweifend adligen Olga im Schlitten sitzend durchs winterliche Petersburg von Orgie zu Orgie schlittern.

Doch noch einmal zurück in meine Schulstube am Kleinhammerweg. Das Gretchen hatte, auch wenn ich keine Fortschritte zu machen schien, die mädchenhafteste Freude an mir. Sie blühte in meiner Nähe, auch unter der segnenden, zwar unsichtbaren, aber dennoch behaarten Hand des russischen Gesundbeters mächtig, selbst ihre Zimmerlinden und Kakteen mitreißend, auf. Hätte der Scheffler nur in jenen Jahren dann und wann die Finger aus dem Mehl gezogen und die Semmeln der Backstube gegen ein anderes Semmelchen vertauscht. Das Gretchen hätte sich gerne von ihm kneten, walken, einpinseln und backen lassen. Wer weiß, was aus dem Ofen herausgekommen wäre? Am Ende etwa doch noch ein Kindchen. Es wäre dem Gretchen diese Backfreude zu gönnen gewesen.

So aber saß sie nach angeregtester Rasputinlektüre mit feurigem Auge und leicht wirrem Haar da, bewegte ihre Gold- und Pferdezähne, hatte aber nichts zu beißen, sagte achgottachgott und meinte den uralten Sauerteig. Da Mama, die ja ihren Jan hatte, dem Gretchen nicht helfen konnte, hätten die Minuten nach diesem Teil meines Unterrichtes leicht unglücklich enden können, wenn das Gretchen nicht ein so fröhliches Herz gehabt hätte.

Schnell sprang sie dann in die Küche, kam mit der Kaffeemühle wieder, nahm die wie einen Liebhaber, sang, während der Kaffee zu Schrot wurde, wehmütig leidenschaftlich und von Mama unterstützt ≫Schwarze Augen≪ oder ≫Der rote Sarafan≪, nahm die schwarzen Augen in die Küche mit, setzte dort Wasser auf, lief, während sich das Wasser auf der Gasflamme erhitzte, hinunter in die Bäckerei, holte dort, oft gegen Schefflers Einspruch, Frisch- und Altgebackenes, deckte das Tischchen mit geblümten Sammeltassen, Sahnekännchen, Zuckerdöschen, Kuchengabeln und streute Stiefmütterchen dazwischen, goß dann den Kaffee ein, lenkte zu Melodien aus dem ≫Zarewitsch≪ über, reichte Liebesknochen, Bienenstiche, Es steht ein Soldat am Wolgastrand, und mit Mandelsplittern gespickten Frankfurter Kranz, Hast du dort droben viel Englein bei dir, auch Baiser mit Schlagsahne so süß, so süß; und kauend kam man wieder, doch jetzt mit dem nötigen Abstand, auf Rasputin zu sprechen, konnte sich alsbald, nach kurzer, kuchengesättigter Zeit ehrlich über die so schlimme und abgrundtiefverdorbene Zarenzeit entrüsten.

Ich aß in jenen Jahren entschieden zuviel Kuchen. Wie man auf Fotos nachprüfen kann, wurde Oskar davon zwar nicht größer, aber dicker und unförmig. Oft wußte ich mir nach allzu süßen Unterrichtsstunden im Kleinhammerweg nicht anders zu helfen, als daß ich im Labesweg hinter dem Ladentisch, sobald Matzerath außer Sicht war, ein Stück trockenes Brot an einen Bindfaden band, in das norwegische Fäßchen mit eingelegten Heringen tunkte und erst herauszog, wenn das Brot von der Salzlauge bis zum Überdruß durchtränkt war. Sie können sich nicht vorstellen, wie nach dem unmäßigen Kuchengenuß dieser Imbiß als Brechmittel wirkte. Oftmals gab Oskar, um abzunehmen, auf unserem Klosett für über einen Danziger Gulden Kuchen aus der Bäckerei Scheffler von sich; das war damals viel Geld.

Mit noch etwas anderem mußte ich dem Gretchen die Unterrichtsstunden bezahlen. Sie, die so gerne Kindersachen nähte und strickte, machte mich zur Ankleidepuppe. Kittelchen, Mützchen, Höschen, Mäntelchen mit und ohne Kapuzen mußte ich mir in jeder Machart, in allen Farben, aus wechselnden Stoffen anpassen und gefallen lassen.

Ich weiß nicht, ob es Mama, ob es Gretchen war, die mich anläßlich meines achten Geburtstages in einen kleinen, erschießenswerten Zarewitsch verwandelte. Damals erreichte der Rasputinkult der beiden Frauen seinen Höhepunkt. Ein Foto jenes Tages zeigt mich neben dem Geburtstagskuchen, den acht nicht tropfende Kerzen umzäunten, in besticktem Russenkittel, unter keß schief sitzender Kosakenmütze, hinter gekreuzten Patronengurten, in gepluderten weißen Hosen und kurzen Stiefeln stehend.

Ein Glück, daß meine Trommel mit ins Bild durfte. Welch weiteres Glück, daß Gretchen Scheffler, womöglich auf mein Drängen hin, mir ein Kostüm zuschnitt, nähte, schließlich verpaßte, das biedermeierlich und wahlverwandt genug, heute noch in meinem Fotoalbum den Geist Goethes beschwört, von meinen zwei Seelen zeugt, mich also mit einer einzigen Trommel in Petersburg und Weimar gleichzeitig zu den Müttern hinabsteigen, mit Damen Orgien feiern läßt.

Kapitel 8

FERNWIRKENDER GESANG VOM STOCKTURM AUS GESUNGEN

Fräulein Dr. Hornstetter, die fast jeden Tag auf eine Zigarettenlänge in mein Zimmer kommt, als Ärztin mich behandeln sollte, doch jedesmal von mir behandelt weniger nervös das Zimmer verläßt, sie, die so scheu ist und eigentlich nur mit ihren Zigaretten näheren Umgang pflegt, behauptet immer wieder: ich sei in meiner Jugend kontaktarm gewesen, habe zu wenig mit anderen Kindern gespielt.

Nun, was die anderen Kinder betrifft, mag sie nicht ganz unrecht haben. War ich doch so durch Gretchen Schefflers Lehrbetrieb beansprucht, so zwischen Goethe und Rasputin hin und her gerissen, daß ich selbst beim besten Willen keine Zeit für Ringelreihn und Abzählspiele fand. Sooft ich aber gleich einem Gelehrten die Bücher mied, sogar als Buchstabengräber verfluchte und auf Kontakt mit dem einfachen Volk aus war, stieß ich auf die Gören unseres Mietshauses, durfte froh sein, wenn es mir nach einiger Berührung mit jenen Kannibalen gelang, heil zu meiner Lektüre wieder zurückzufinden.

Oskar konnte die Wohnung seiner Eltern entweder durch den Laden verlassen, dann stand er auf dem Labesweg, oder er schlug die Wohnungstür hinter sich zu, befand sich im Treppenhaus, hatte links die Möglichkeit zur Straße geradeaus, die vier Treppen hoch zum Dachboden, wo der Musiker Meyn die Trompete blies, und als letzte Wahl bot sich der Hof des Mietshauses. Die Straße, das war Kopfsteinpflaster. Auf dem gestampften Sand des Hofes vermehrten sich Kaninchen und wurden Teppiche geklopft. Der Dachboden bot, außer gelegentlichen Duetten mit dem betrunkenen Herrn Meyn, Ausblick, Fernsicht und jenes hübsche, aber trügerische Freiheitsgefühl, das alle Turmbesteiger suchen, das Mansardenbewohner zu Schwärmern macht.

Während der Hof für Oskar voller Gefahren war, bot ihm der Dachboden Sicherheit, bis Axel Mischke und sein Volk ihn auch dort vertrieben. Der Hof hatte die Breite des Mietshauses, maß aber nur sieben Schritte in die Tiefe und stieß mit einem geteerten, oben Stacheldraht treibenden Bretterzaun an drei andere Höfe. Vom Dachboden aus ließ sich dieses Labyrinth gut überschauen: die Häuser des Labesweges, der beiden Querstraßen Hertastraße und Luisenstraße und der entfernt gegenüberliegenden Marienstraße schlössen ein aus Höfen bestehendes beträchtliches Viereck ein, in dem sich auch eine Hustenbonbonfabrik und mehrere Krauterwerkstätten befanden. Hier und da drängten Bäume und Büsche aus den Höfen und zeigten die Jahreszeit an. Sonst waren die Höfe zwar in der Größe unterschiedlich, was aber die Kaninchen und Teppichklopfstangen anging, von einem Wurf. Während es die Kaninchen das ganze Jahr über gab, wurden die Teppiche, laut Hausordnung, nur am Dienstag und Freitag geklopft. An solchen Tagen bestätigte sich die Größe des Hofkomplexes. Vom Dachboden herab hörte und sah Oskar es: über hundert Teppiche, Läufer, Bettvorleger wurden mit Sauerkohl eingerieben, gebürstet, geklopft und zum endlichen Vorzeigen der eingewebten Muster gezwungen. Hundert Hausfrauen trugen Teppichleichen aus den Häusern, hoben dabei nackte runde Arme, bewahrten ihr Kopfhaar und dessen Frisuren in kurz geknoteten Kopftüchern, warfen die Teppiche über die Klopfstangen, griffen zu geflochtenen Teppichklopfern und sprengten mit trockenen Schlägen die Enge der Höfe.

Oskar haßte diese einmütige Hymne an die Sauberkeit. Auf seiner Trommel kämpfte er gegen den Lärm an und mußte sich dennoch, auch auf dem Dachboden, der ja Distanz bot, seine Ohnmacht den Hausfrauen gegenüber eingestehen. Hundert teppichklopfende Weiber können einen Himmel erstürmen, können jungen Schwalben die Flügelspitzen stumpf machen und brachten Oskars in die Aprilluft getrommeltes Tempelchen mit wenigen Schlägen zum Einsturz.

An Tagen, da keine Teppiche geklopft wurden, turnten die Gören unseres Mietshauses an der hölzernen Teppichklopfstange. Selten war ich auf dem Hof. Nur der Schuppen des alten Herrn Heilandt bot mir dort einige Sicherheit, denn der Alte ließ nur mich in seine Rumpelkammer und erlaubte den Gören kaum einen Blick auf die verrotteten Nähmaschinen, unvollständigen Fahrräder, Schraubstöcke, Flaschenzüge und in Zigarrenschachteln aufbewahrten krummen und wieder gerade geklopften Nägel. Das war so eine Beschäftigung: wenn er nicht Nägel aus Kistenbrettern zog, klopfte er am Vortag gezogene Nägel auf einem Amboß gerade. Abgesehen davon, daß erkeinen Nagel verkommen ließ, war er auch der Mann, der bei Umzügen half, der vor Festtagen die Kaninchen schlachtete, der überall auf dem Hof, im Treppenhaus und auf dem Dachboden seinen Kautabaksaft hinspuckte.

Als die Gören eines Tages, wie Kinder es tun, neben seinem Schuppen eine Suppe kochten, bat Nuchi Eyke den alten Heilandt, dreimal in den Sud zu spucken. Der Alte tat es von weit herholend, verschwand dann in seinem Kabuff und klopfte schon wieder Nägel, als Axel Mischke der Suppe eine weitere Zutat, einen zerstoßenen Ziegelstein, beimengte. Oskar sah diesen Kochversuchen neugierig zu, stand aber abseits. Aus Decken und Lumpen hatten Axel Mischke und Harry Schlager so etwas wie ein Zelt errichtet, damit ihnen kein Erwachsener in die Suppe gucken konnte. Als das Ziegelsteinmehl aufkochte, entleerte Hänschen Kollin seine Taschen und stiftete zwei lebende Frösche für die Suppe, die er am Aktienteich gefangen hatte. Susi Kater, das einzige Mädchen in dem Zelt, zeigte sich um den Mund herum enttäuscht und bitter, als die Frösche so sang- und klanglos, auch ohne jeden letzten Sprungversuch in der Suppe untergingen. Zuerst machte Nuchi Eyke seine Hose auf und pinkelte, ohne auf Susi Rücksicht zu nehmen, in das Eintopfgericht. Axel, Harry und Hänschen Kollin taten es ihm nach. Als Klein-Käschen es den Zehnjährigen zeigen wollte, gab sein Schnibbel nichts her. Alle blickten nun Susi an, und Axel Mischke reichte ihr einen persilblau emaillierten, an den Rändern bestoßenen Kochtopf. Eigentlich wollte Oskar sofort gehen. Aber er wartete noch, bis sich Susi, die wohl keine Höschen unter dem Kleid trug, niederhockte, dabei die Knie umklammerte, sich zuvor den Topf unterschob, mit glatten Augen vor sich hinsah, dann die Nase krauste, als der Topf blechern klingelnd verriet, daß Susi etwas für die Suppe übrig hatte.

Ich lief damals davon. Ich hätte nicht laufen, sondern ruhig gehen sollen. Weil ich aber lief, blickten mir alle nach, die zuvor mit den Augen noch in dem Kochtopf gefischt hatten. Ich hörte Susi Katers Stimme, ≫Da will uns väpetzen, was scheest ä so!≪ in meinem Rücken, das stach mich noch, als ich schon die vier Treppen hochstolperte und erst auf dem Dachboden wieder zu Atem kam.

Siebeneinhalb war ich. Susi zählte vielleicht neun. Klein-Käschen war knapp acht. Axel, Nuchi, Hänschen und Harry zehn oder elf. Es gab noch Maria Truczinski. Die war etwas älter als ich, spielte jedoch nie im Hof, sondern mit Puppen in Mutter Truczinskis Küche oder mit ihrer erwachsenen Schwester Guste, die im evangelischen Kindergarten aushalf.

Was Wunder, wenn ich es heute noch nicht anhören kann, wenn Frauen auf Nachttöpfen urinieren. Als Oskar damals die Trommel rührend sein Ohr besänftigt hatte, sich auf dem Dachboden der unten brodelnden Suppe entrückt fühlte, kamen sie alle, barfuß und in Schnürschuhen, die da zur Suppe beigesteuert hatten, und Nuchi brachte die Suppe mit. Sie lagerten sich um Oskar, als Nachzügler kam Klein-Käschen. Sie stießen einander an, zischten: ≫Nu mach!≪ bis Axel den Oskar von hinten packte, ihn, seine Arme zwängend, gefügig werden ließ und Susi, mit feuchten, regelmäßigen Zähnen, mit der Zunge dazwischen lachend, nichts dabei fand, wenn man es tue. Nuchi nahm sie den Löffel ab, wischte das Blechding an ihren Schenkeln silbrig, tauchte das Löffelchen in den dampfenden Topf, rührte langsam, den Widerstand des Breies auskostend, einer guten Hausfrau gleich, darin herum, pustete kühlend in den gefüllten Löffel und fütterte endlich Oskar, mich fütterte sie, ich habe so etwas nie wieder gegessen, der Geschmack wird mir bleiben.

Erst als mich jenes um mein Leibeswohl so übermäßig besorgte Volk verlassen hatte, weil es Nuchi in den Topf hinein übel wurde, kroch auch ich in eine Ecke des Trockenbodens, auf dem damals nur einige Bettlaken hingen, und gab die paar Löffel rötlichen Sud von mir, ohne im Ausgespieenen Froschreste entdecken zu können. Auf eine Kiste unter der offenen Bodenluke kletterte ich, schaute auf entlegene Höfe, ließ Ziegelsteinrückstände zwischen den Zähnen knirschen, verspürte den Drang nach einer Tat, musterte die fernen Fenster der Häuser an der Marienstraße, blinkendes Glas, schrie, sang fernwirkend in jene Richtung, konnte zwar keinen Erfolg beobachten und war dennoch von den Möglichkeiten des fernwirkenden Gesanges so überzeugt, daß mir der Hof und die Höfe fortan zu eng wurden, daß ich nach Ferne, Entfernung und Fernblick hungernd jede Gelegenheit wahrnahm, die mich alleine oder an Mamas Hand aus dem Labesweg, dem Vorort führte und den Nachstellungen aller Suppenköche auf unserem engen Hof enthob.

Am Donnerstag jeder Woche machte Mama Einkäufe in der Stadt. Meistens nahm sie mich mit. Immer nahm sie mich mit, wenn es galt, beim Sigismund Markus in der Zeughauspassage am Kohlenmarkt eine neue Trommel zu kaufen. In jener Zeit, etwa von meinem siebenten bis zum zehnten Lebensjahr schaffte ich eine Trommel in glatt vierzehn Tagen. Vom zehnten bis vierzehnten Jahr bedurfte es keiner Woche, um ein Blech durchzuschlagen. Später sollte es mir gelingen, einerseits eine neue Trommel an einem einzigen Trommlertag zu Schrott zu machen, andererseits, bei ausgeglichenem Gemüt, drei oder vier Monate lang achtsam und dennoch kräftig zu schlagen, ohne daß meinem Blech, bis auf einige Sprünge im Lack, ein Schaden anzusehen gewesen wäre.

Doch hier soll die Rede von jener Zeit sein, da ich unseren Hof mit der Teppichklopfstange, mit dem Nägel klopfenden alten Heilandt, den Suppen erfindenden Gören verließ und mit meiner Mama alle vierzehn Tage beim Sigismund Markus eintreten, im Sortiment seiner Kinderblechtrommeln ein neues Blech aussuchen durfte. Manchmal nahm mich Mama auch mit, wenn die Trommel noch halbwegs heil war, und ich genoß diese Nachmittage in der farbigen, immer etwas musealen, ständig mit diesen oder jenen Kirchenglocken lärmenden Altstadt.

Zumeist verliefen die Besuche in angenehmer Gleichmäßigkeit. Einige Einkäufe bei Leiser, Sternfeld oder Machwitz, dann wurde der Markus aufgesucht, der es sich zur Gewohnheit gemacht hatte, meiner Mama aussortierte und schmeichelhafteste Artigkeiten zu sagen. Ohne Zweifel machte er ihr den Hof, ließ sich aber, soviel ich weiß, zu größeren Ovationen, als die heiß ergriffene, goldeswert genannte Hand meiner Mama lautlos zu küssen, nie hinreißen — den Kniefall jenes Besuches ausgenommen, von dem hier die Rede sein soll.

Mama, die von der Großmutter Koljaiczek die stattliche, füllig stramme Figur, auch liebenswerte Eitelkeit, gepaart mit Gutmütigkeit, mitbekommen hatte, ließ sich den Dienst des Sigismund Markus um so eher gefallen, als er sie hier und da mit spottbilligen Nähseidesortimenten, im Ramschhandel erworbenen, doch tadellosen Damenstrümpfen eher beschenkte als belieferte. Ganz zu schweigen von meinen, für einen lächerlichen Preis in vierzehntägigen Abständen über den Ladentisch gereichten Blechtrommeln.

Während jedes Besuches bat Mama den Sigismund pünktlich um halb fünf am Nachmittag, mich, den Oskar, bei ihm im Geschäft seiner Obhut überlassen zu dürfen, da sie noch wichtige eilige Besorgungen zu machen habe. Merkwürdig lächelnd verbeugte sich dann der Markus und versprach Mama mit floskelreicher Rede, mich, den Oskar, wie seinen Augapfel zu hüten, während sie ihren so wichtigen Besorgungen nachgehe. Ein ganz leichter, doch nicht verletzender Spott, der seinen Sätzen eine auffallende Betonung gab, ließ Mama gelegentlich erröten und ahnen, daß der Markus Bescheid wußte.

Aber auch ich wußte um die Art der Besorgungen, die Mama wichtig nannte, denen sie allzu eifrig nachkam. Hatte ich sie doch eine Zeitlang in eine billige Pension der Tischlergasse begleiten dürfen, wo sie im Treppenhaus verschwand, um eine knappe Dreiviertelstunde wegzubleiben, während ich bei der meist Mampe schlürfenden Wirtin hinter einer mir wortlos servierten, immer gleich scheußlichen Limonade ausharren mußte, bis Mama, kaum verändert, wiederkam, der Wirtin, die von ihrem Halb und Halb nicht aufblickte, einen Gruß sagte, mich bei der Hand nahm und vergaß, daß die Temperatur ihrer Hand sie verriet. Heiß Hand in Hand suchten wir dann das Cafe Weitzke in der Wollwebergasse auf. Mama bestellte sich einen Mokka, Oskar ein Zitroneneis und wartete, bis prompt und wie zufällig Jan Bronski vorbeikam, der sich zu uns an den Tisch setzte, sich gleichfalls einen Mokka auf die beruhigend kühle Marmorplatte stellen ließ.

Sie sprachen vor mir ganz ungeniert und ihre Reden bestätigten, was ich schon lange wußte: Mama und Onkel Jan trafen sich fast jeden Donnerstag in einem auf Jans Kosten gemieteten Zimmer der Pension in der Tischlergasse, um es eine Dreiviertelstunde lang miteinander zu treiben. Wahrscheinlich war es Jan, der den Wunsch äußerte, mich nicht mehr in die Tischlergasse und anschließend ins Cafe Weitzke mitzunehmen. Er war mitunter sehr schamhaft und schamhafter als Mama, die nichts dabei fand, wenn ich Zeuge einer ausklingenden Liebesstunde war, von deren Rechtmäßigkeit sie immer, auch hinterher, überzeugt zu sein schien.

So blieb ich, auf Jans Wunsch, fast jeden Donnerstag nachmittag von halb fünf bis kurz vor sechs beim Sigismund Markus, durfte das Sortiment seiner Blechtrommeln betrachten, benutzen, durfte — wo wäre das Oskar sonst möglich gewesen — auf mehreren Trommeln gleichzeitig laut werden und dem Markus ins traurige Hundegesicht blicken. Wenn ich auch nicht wußte, wo seine Gedanken herkamen, ahnte ich, wo sie hingingen, daß sie in der Tischlergasse weilten, dort an numerierten Zimmertüren schabten oder sie hockten gleich dem armen Lazarus unter dem Marmortischchen des Cafe Weitzke, worauf wartend? Auf Krümel?

Mama und Jan Bronski ließen kein Krümelchen übrig. Die aßen alles selbst auf. Die hatten den großen Appetit, der nie aufhört, der sich selbst in den Schwanz beißt. Die waren so beschäftigt, daß sie die Gedanken des Markus unter dem Tisch allenfalls für die aufdringliche Zärtlichkeit eines Luftzuges genommen hätten.

An einem jener Nachmittage — es wird im September gewesen sein, denn Mama verließ den Laden des Markus im rostbraunen Herbstkomplet — trieb es mich, da ich den Markus versunken, vergraben und wohl auch verloren hinter dem Ladentisch wußte, mit meiner gerade neuerstandenen Trommel hinaus in die Zeughauspassage, den kühldunklen Tunnel, an dessen Seiten sich ausgesuchteste Geschäfte, wie Juwelierläden, Feinkosthandlungen und Büchereien, Schaufenster an Schaufenster reihten. Mich hielt es jedoch nicht vor den sicher preiswerten, mir dennoch unerschwinglichen Auslagen; vielmehr trieb es mich aus dem Tunnel hinaus auf den Kohlenmarkt. Mitten hinein in staubiges Licht stellte ich mich vor die Fassade des Zeughauses, deren basaltfarbenes Grau mit verschieden großen Kanonenkugeln, verschiedenen Belagerungszeiten entstammend, gespickt war, damit jene Eisenbuckel die Historie der Stadt jedem Passanten in Erinnerung riefen. Mir sagten die Kugeln nichts, zumal ich wußte, daß sie nicht von alleine stecken geblieben waren, daß es einen Maurer in dieser Stadt gab, den das Hochbauamt in Verbindung mit dem Amt für Denkmalschutz beschäftigte und bezahlte, damit er die Munition vergangener Jahrhunderte in den Fassaden diverser Kirchen, Rathäuser, so auch in der Front- wie Rückseite des Zeughauses einmauerte.

Ich wollte ins Stadttheater, das zur rechten Hand, nur durch eine schmale, lichtlose Gasse vom Zeughaus getrennt, sein Säulenportal zeigte. Da ich das Stadttheater, wie ich es mir gedacht hatte, um diese Zeit verschlossen fand — die Abendkasse machte erst um sieben auf — trommelte ich mich unentschlossen, schon einen Rückzug erwägend, nach links, bis Oskar zwischen dem Stockturm und dem Langsamer Tor stand. Durch das Tor in die Langgasse und dann links einbiegend in die Große Wollwebergasse wagte ich mich nicht, denn da saßen Mama und Jan Bronski, und wenn sie noch nicht saßen, so waren sie in der Tischlergasse vielleicht gerade fertig oder schon unterwegs zu ihrem erfrischenden Mokka am Marmortischchen.

Ich weiß nicht, wie ich über die Fahrbahn des Kohlenmarktes kam, auf der ständig Straßenbahnen entweder durchs Tor wollten oder sich aus dem Tor klingelnd und in der Kurve kreischend zum Kohlenmarkt, Holzmarkt, Richtung Hauptbahnhof wanden. Vielleicht nahm mich ein Erwachsener, ein Polizist womöglich bei der Hand und leitete mich fürsorglich durch die Gefahren des Verkehrs. Ich stand vor dem steil gegen den Himmel gestützten Backstein des Stockturms und klemmte eigentlich nur zufällig, aus aufkommender Langeweile meine Trommelstöcke zwischen das Mauerwerk und den eisenbeschlagenen Anschlag der Turmtür. Sobald ich den Blick am Backstein hochschickte, war es schwierig, ihn an der Fassade entlanglaufen zu lassen, weil sich ständig Tauben aus Mauernischen und Turmfenstern abstießen, um gleich darauf auf Wasserspeiern und Erkern für kurze, taubenbemessene Zeit zu ruhen, dann wieder abfallend vom Gemäuer meinen Blick mitzureißen.

Mich ärgerte das Geschäft der Tauben. Mein Blick war mir zu schade, ich nahm ihn zurück und benutzte ernsthaft, auch um meinen Ärger loszuwerden, beide Trommelstöcke als Hebel: die Tür gab nach und Oskar war, ehe er sie ganz aufgestoßen hatte, schon drinnen im Turm, schon auf der Wendeltreppe, stieg schon, immer das rechte Bein vorsetzend, das linke nachziehend, erreichte die ersten vergitterten Verliese, schraubte sich höher, ließ die Folterkammer mit ihren sorgfältig gepflegten und unterweisend beschrifteten Instrumenten hinter sich, warf beim weiteren Aufstieg — er setzte jetzt das linke Bein vor, zog das rechte nach — einen Blick durch ein schmalvergittertes Fenster, schätzte die Höhe ab, begriff die Dicke des Mauerwerkes, scheuchte Tauben auf, traf dieselben Tauben eine Drehung der Wendeltreppe höher wieder an, setzte abermals rechts vor, um links nachzuziehen, und als Oskar nach weiterem Wechsel der Beine oben war, hätte er noch lange so weiter steigen mögen, obgleich ihm das rechte wie linke Bein schwer waren. Aber die Treppe hatte es vorzeitig aufgegeben. Er erfaßte den Unsinn und die Ohnmacht des Turmbaues. Ich weiß nicht, wie hoch der Stockturm war und noch ist, denn er überdauerte den Krieg. Auch habe ich keine Lust, meinen Pfleger Bruno um ein Nachschlagewerk über ostdeutsche Backsteingotik zu bitten. Ich schätze, er wird bis zur Turmspitze gut und gerne seine fünfundvierzig Meter gehabt haben.

Ich, und das lag an der zu schnell ermüdenden Wendeltreppe, hatte auf einer Galerie haltmachen müssen, die den Turmhelm umlief. Ich setzte mich, schob die Beine zwischen die Säulchen der Balustrade, beugte mich vor und blickte an einer Säule, die ich mit dem rechten Arm umklammert hielt, vorbei und hinunter auf den Kohlenmarkt, während ich mich links meiner Trommel vergewisserte, die den ganzen Aufstieg mitgemacht hatte.

Ich will Sie nicht mit der Beschreibung eines vieltürmigen, mit Glocken läutenden, altehrwürdigen, angeblich noch immer vom Atem des Mittelalters durchwehten, auf tausend guten Stichen abgebildeten Panoramas, mit der Vogelschau der Stadt Danzig langweilen. Gleichfalls lasse ich mich nicht auf die Tauben ein, auch wenn es zehnmal heißt, über Tauben könne man gut schreiben. Mir sagt eine Taube so gut wie gar nichts, eine Möwe schon etwas mehr. Der Ausdruck Friedenstaube will mir nur als Paradox stimmen. Eher würde ich einem Habicht oder gar Aasgeier eine Friedensbotschaft anvertrauen als der Taube, der streitsüchtigsten Mieterin unter dem Himmel. Kurz und gut: auf dem Stockturm gab es Tauben. Aber Tauben gibt es schließlich auf jedem anständigen Turm, der mit Hilfe seiner ihm zustehenden Denkmalpfleger auf sich hält.

Auf etwas ganz anderes hatte es mein Blick abgesehen: auf das Gebäude des Stadttheaters, das ich, aus der Zeughauspassage kommend, verschlossen gefunden hatte. Der Kasten zeigte mit seiner Kuppel eine verteufelte Ähnlichkeit mit einer unvernünftig vergrößerten, klassizistischen Kaffeemühle, wenn ihm auch am Kuppelknopf jener Schwengel fehlte, der nötig gewesen wäre, in einem allabendlich vollbesetzten Musen- und Bildungstempel ein fünfaktiges Drama samt Mimen, Kulissen, Souffleuse, Requisiten und allen Vorhängen zu schaurigem Schrot zu mahlen. Mich ärgerte dieser Bau, von dessen säulenflankierten Foyerfenstern eine absackende und immer mehr Rot auftragende Nachmittagssonne nicht lassen wollte.

Zu jener Stunde, etwa dreißig Meter über dem Kohlenmarkt, über Straßenbahnen und Büroschluß feiernden Angestellten, hoch überm süßriechenden Ramschladen des Markus, über den kühlen Marmortischchen des Cafe Weitzke, zwei Tassen Mokka, Mama und Jan Bronski überragend, auch unser Mietshaus, den Hof, die Höfe, verbogene und gerade Nägel, die Kinder der Nachbarschaft und deren Ziegelsuppe unter mir lassend, wurde ich, der ich bislang nur aus zwingenden Gründen geschrien hatte, zu einem Schreier ohne Grund und Zwang. Hatte ich bis zur Besteigung des Stockturmes meine dringlichen Töne nur dann ins Gefüge eines Glases, ins Innere der Glühbirnen, in eine abgestandene Bierflasche geschickt, wenn man mir meine Trommel nehmen wollte, schrie ich vom Turm herab, ohne daß meine Trommel im Spiel war.

Niemand wollte Oskar die Trommel nehmen, trotzdem schrie er. Nicht etwa, daß ihm eine Taube ihren Dreck auf die Trommel geworfen hätte, um ihm einen Schrei abzukaufen. In der Nähe gab es zwar Grünspan auf Kupferplatten, aber kein Glas; Oskar schrie trotzdem. Die Tauben hatten rötlich blanke Augen, aber kein Glasauge äugte ihn an; dennoch schrie er. Wohin schrie er, welche Distanz lockte ihn? Sollte, was auf dem Dachboden, nach dem Genuß der Ziegelmehlsuppe planlos über Höfe hinweg versucht wurde, hier zielstrebig demonstriert werden? Welches Glas meinte Oskar? Mit welchem Glas — und es kam ja nur Glas in Frage — wollte Oskar Experimente anstellen?

Es war das Theater der Stadt, die dramatische Kaffeemühle, die meine neuartigen, erstmals auf unserem Dachboden ausprobierten, ich möchte sagen, ans Manierierte grenzenden Töne in ihre Abendsonnenfensterscheiben lockte. Nach wenigen Minuten verschieden geladenen Geschreis, das jedoch nichts ausrichtete, gelang mir ein nahezu lautloser Ton, und mit Freude und verräterischem Stolz durfte Oskar sich melden: zwei mittlere Scheiben im linken Foyerfenster hatten den Abendsonnenschein aufgeben müssen, lasen sich als zwei schwarze, schleunigst neu zu verglasende Vierecke ab.

Es galt, den Erfolg zu bestätigen. Gleich einem modernen Kunstmaler produzierte ich mich, der seinen einmal gefundenen, seit Jahren gesuchten Stil zeitigt, indem er eine ganze Serie gleichgroßartiger, gleichkühner, gleichwertiger, oftmals gleichformatiger Fingerübungen seiner Manier der verblüfften Welt schenkt.

Es gelang mir, innerhalb einer knappen Viertelstunde alle Fenster des Foyers und einen Teil der Türen zu entglasen. Vor dem Theater sammelte sich eine, wie es von oben aussah, aufgeregte Menschenmenge. Es gibt immer Schaulustige. Mich beeindruckten die Bewunderer meiner Kunst nicht besonders. Allenfalls veranlaßten sie Oskar, noch strenger, noch formaler zu arbeiten. Gerade wollte ich mich anschicken, mit einem noch kühneren Experiment das Innere aller Dinge freizulegen, nämlich durchs offene Foyer hindurch, durchs Schlüsselloch einer Logentür in den noch dunklen Theaterraum hinein einen speziellen Schrei schicken, der den Stolz aller Abonnenten, den Kronleuchter des Theaters mit all seinem geschliffenen, spiegelnden, lichtbrechend facettierten Klimborium treffen sollte, da erblickte ich einen rostbraunen Stoff in der Menge vor dem Theater: Mama hatte vom Cafe Weitzke zurückgefunden, hatte den Mokka genossen, Jan Bronski verlassen.

Es sei aber zugegeben, daß Oskar dennoch einen Schrei auf den Protzlüster losschickte. Er schien jedoch keinen Erfolg gehabt zu haben, denn die Zeitungen berichteten am nächsten Tage nur von den aus rätselhaften Gründen zersprungenen Foyer- und Türscheiben. Halbwissenschaftliche und auch wissenschaftliche Untersuchungen im feuilletonistischen Teil der Tagespresse breiteten noch wochenlang spaltenreichen phantastischen Unsinn aus. Die ≫Neuesten Nachrichten≪ wußten von kosmischen Strahlen zu erzählen. Leute von der Sternwarte, also hochqualifizierte Geistesarbeiter, sprachen von Sonnenflecken.

Ich fand damals, so schnell es meine kurzen Beine erlaubten, die Wendeltreppe des Stockturmes hinunter und erreichte einigermaßen atemlos die Menge vor dem Theaterportal. Mamas rostbraunes Herbstkomplet leuchtete nicht mehr, sie mußte im Laden des Markus sein, berichtete vielleicht über Schäden, die meine Stimme verursacht haben mußte. Und der Markus, der meinen sogenannten zurückgebliebenen Zustand, auch meine diamantene Stimme wie das natürlichste Geschehen hinnahm, würde mit der Zungenspitze wedeln, so dachte Oskar, und die weißgelblichen Hände reiben.

Im Ladeneingang bot sich mir ein Bild, das sofort alle Erfolge des scheibenvernichtenden Ferngesanges vergessen ließ. Sigismund Markus kniete vor meiner Mama, und all die Stofftiere, Bären, Affen, Hunde, sogar Puppen mit Klappaugen, desgleichen Feuerwehrautos, Schaukelpferde, auch alle seinen Laden hütenden Hampelmänner schienen mit ihm aufs Knie fallen zu wollen. Er aber hielt mit zwei Händen Mamas beide Hände verdeckt, zeigte hellbeflaumte, bräunliche Flecken auf den Handrücken und weinte.

Auch Mama blickte ernst und der Situation entsprechend beteiligt. ≫Nicht Markus≪, sagte sie, ≫bitte nicht hier im Laden.≪

Doch Markus fand kein Ende, und seine Rede hatte einen mir unvergeßlichen, beschwörenden und zugleich übertriebenen Tonfall: ≫Machen Se das nich mä middem Bronski, wo er doch bei de Post is, die polnisch is und das nich gut geht, sag ich, weil er is midde Polen. Setzen Se nicht auf de Polen, setzen Se, wenn Se setzen wollen, auf de Deutschen, weil se hochkommen, wenn nich heil dann morgen; und sind se nich schon wieder bißchen hoch und machen sich, und de Frau Agnes setzt immer noch auffen Bronski. Wenn Se doch würd setzen auffen Matzerath, den Se hat, wenn schon. Oder wenn Se mechten setzen gefälligst auffen Markus und kommen Se middem Markus, wo er getauft is seit neilich. Gehn wä nach London, Frau Agnes, wo ich Lait hab drieben und Papiere genug, wenn Se nur wollten kommen oder wolln Se nich middem Markus, weil Se ihn verachten, nu denn verachten Se ihn. Aber er bittet Ihnen von Herzen, wenn Se doch nur nicht mehr setzen wollen auffen meschuggenen Bronski, da bei de polnische Post bleibt, wo doch bald färtich is midde Polen, wenn se kommen de Deitschen ! ≪

Gerade als auch Mama, von soviel Möglichkeiten und Unmöglichkeiten verwirrt, zu Tränen kommen wollte, erblickte mich Markus in der Ladentür und wies, Mamas eine Hand freilassend, mit fünf sprechenden Fingern auf mich: ≫No bittschen, den werden wä auch mitnehmen nach London. Wie Prinzchen soll er es haben, wie Prinzchen!≪

Nun blickte mich auch Mama an und kam zu einigem Lachern. Vielleicht dachte sie an die scheibenlosen Foyerfenster des Stadttheaters, oder die in Aussicht gestellte Metropole London stimmte sie heiter. Zu meiner Überraschung schüttelte sie dennoch den Kopf und sagte leichthin, als würde sie einen Tanz ausschlagen: ≫Ich danke Ihnen, Markus, aber es geht nicht, wirklich nicht — wegen Bronski.≪

Des Onkels Namen wie ein Stichwort wertend, erhob sich Markus sogleich, klappmesserte eine Verbeugung und ließ hören: ≫Verzeihn Se dem Markus, hattä sich doch gleich gedacht, daß es wegen dem nich mecht sein.≪

Als wir den Laden in der Zeughauspassage verließen, schloß der Händler, obgleich noch nicht Geschäftsschluß war, von außen ab und begleitete uns zur Haltestelle der Linie Fünf. Vor der Fassade des Stadttheaters standen noch immer Passanten und einige Polizisten. Ich fürchtete mich aber nicht und hatte meine Erfolge dem Glas gegenüber kaum noch gegenwärtig. Markus beugte sich zu mir, flüsterte mehr zu sich als zu uns: ≫Was er nich alles kann, der Oskar. De Trommel schlägt er und macht Skandal vorm Theater.≪

Mamas angesichts der Scherben aufkommende Unsicherheit beschwichtigte er mit Handbewegungen, und als die Bahn kam und wir in den Anhänger einstiegen, beschwor er noch einmal leise, eventuelle Zuhörer fürchtend: ≫No, denn bleiben Se gefälligst bei dem Matzerath, den Se haben und setzen Se nich merr auf Polen.≪ —

Wenn Oskar heute in seinem Metallbett liegend oder sitzend, in jeder Lage aber trommelnd, die Zeughauspassage, die Kritzeleien auf den Kerkerwänden des Stockturmes, den Stockturm selber und seine geölten Folterinstumente, die drei Foyerfenster des Stadttheaters hinter den Säulen und wieder die Zeughauspassage und den Laden des Sigismund Markus aufsucht, um Einzelheiten eines Septembertages nachzeichnen zu können, muß er auch gleichzeitig das Land der Polen suchen. Sucht es womit? Er sucht es mit seinen Trommelstöcken. Sucht er das Land der Polen auch mit seiner Seele? Mit allen Organen sucht er, aber die Seele ist kein Organ.

Und ich suche das Land der Polen, das verloren ist, das noch nicht verloren ist. Andere sagen: bald verloren, schon verloren, wieder verloren. Hierzulande sucht man das Land der Polen neuerdings mit Krediten, mit der Leica, mit dem Kompaß, mit Radar, Wünschelruten und Delegierten, mit Humanismus, Oppositionsführern und Trachten einmottenden Landsmannschaften. Während man hierzulande das Land der Polen mit der Seele sucht — halb mit Chopin, halb mit Revanche im Herzen — während sie hier die erste bis zur vierten Teilung verwerfen und die fünfte Teilung Polens schon planen, während sie mit Air France nach Warschau fliegen, und an jener Stelle bedauernd ein Kränzchen hinterlegen, wo einst das Getto stand, während man von hier aus das Land der Polen mit Raketen suchen wird, suche ich Polen auf meiner Trommel und trommle: Verloren, noch nicht verloren, schon wieder verloren, an wen verloren, bald verloren, bereits verloren, Polen verloren, alles verloren, noch ist Polen nicht verloren.

Kapitel 9

DIE TRIBÜNE

Indem ich die Foyerfenster unseres Stadttheaters zersang, suchte und fand ich zum erstenmal Kontakt mit der Bühnenkunst. Mama muß trotz starker Beanspruchung durch den Spielzeughändler Markus an jenem Nachmittag mein direktes Verhältnis zum Theater bemerkt haben, denn während der folgenden Weihnachtszeit kaufte sie vier Theaterkarten, für sich, für Stephan und Marga Bronski, auch für Oskar, und nahm uns drei am letzten Adventssonntag zum Weihnachtsmärchen mit. Zweiter Rang Seite, erste Reihe saßen wir. Der Protzlüster, über dem Parkett hängend, tat, was er konnte. So war ich froh, daß ich ihn vom Stockturm herab nicht zersungen hatte.

Es gab damals schon viel zu viel Kinder. Mehr Kinder als Mütter gab es auf den Rängen, während sich das Verhältnis von Kind zu Mutter im Parkett, wo die Begüterten und im Zeugen Vorsichtigeren saßen, ungefähr die Waage hielt. Daß Kinder nicht ruhig sitzen können! Marga Bronski, die zwischen mir und dem verhältnismäßig sittsamen Stephan saß, rutschte vom Klappolster, wollte wieder hinauf, fand es sogleich schöner, vor der Rangbrüstung zu turnen, klemmte sich fast im Klappmechanismus, schrie aber im Vergleich zu den anderen Schreihälsen um uns herum noch erträglich und kurzfristig, weil ihr Mama den törichten Kindermund mit Bonbons stopfte. Lutschend und durch die Rutscherei auf dem Polster vorzeitig ermüdet, schlief Stephans kleine Schwester kurz nach Vorstellungsbeginn ein, mußte nach den Aktschlüssen fürs Klatschen, was sie auch fleißig besorgte, geweckt werden.

Es wurde das Märchen vom Däumeling gegeben, was mich von der ersten Szene an fesselte und verständlicherweise persönlich ansprach. Man machte es geschickt, zeigte den Däumeling gar nicht, ließ nur seine Stimme hören und die erwachsenen Personen hinter dem unsichtbaren, aber recht aktiven Titelhelden des Stücks herspringen. Da saß er dem Pferd im Ohr, da ließ er sich vom Vater für schweres Geld an zwei Strolche verkaufen, da erging er sich auf des einen Strolches Hutkrempe, sprach von dort oben herab, kroch später in ein Mauseloch, dann in ein Schneckenhaus, machte mit Dieben gemeinsame Sache, geriet ins Heu und mit dem Heu in den Magen der Kuh. Die Kuh aber wurde geschlachtet, weil sie mit Däumelings Stimme sprach. Der Magen der Kuh aber wanderte mit dem gefangenen Kerlchen auf den Mist und wurde von einem Wolf verschluckt. Den Wolf aber lenkte Däumeling mit klugen Worten in seines Vaters Haus und Vorratskammer und schlug dort Lärm, als der Wolf zu rauben gerade beginnen wollte. Der Schluß war, wie’s im Märchen zugeht: der Vater erschlug den bösen Wolf, die Mutter öffnete mit einer Schere Leib und Magen des Freßsacks, heraus kam Däumeling, das heißt, man hörte ihn nur rufen: ≫Ach, Vater, ich war in einem Mauseloch, in einer Kuh Bauch und in eines Wolfes Wanst: nun bleib ich bei Euch.≪

Mich rührte dieser Schluß, und als ich zu Mama hinaufblinzelte, bemerkte ich, daß sie die Nase hinter dem Taschentuch barg, weil sie gleich mir die Handlung auf der Bühne zum eigensten Erlebnis gemacht hatte. Mama ließ sich gerne rühren, drückte mich während der folgenden Wochen, vor allen Dingen, solange das Weihnachtsfest dauerte, immer wieder an sich, küßte mich und nannte Oskar bald scherzhaft, bald wehmütig: Däumling. Oder: Mein kleiner Däumling. Oder: Mein armer, armer Däumling.

Erst im Sommer dreiunddreißig sollte ich wieder Theater geboten bekommen. Durch ein Mißverständnis meinerseits ging die Sache zwar schief, beeindruckte mich aber nachwirkend. So tönt und wogt es noch heute in mir, denn es ereignete sich in der Waldoper Zoppot, wo unter freiem Nachthimmel Sommer für Sommer Wagnermusik der Natur anvertraut wurde.

An sich hatte nur Mama etwas für Opern übrig. Für Matzerath waren selbst Operetten zu viel. Jan richtete sich nach Mama, schwärmte für Arien, obgleich er trotz seines musikalischen Aussehens vollkommen harthörig für schöne Klänge war. Dafür kannte er aber die Brüder Formella, ehemalige Mitschüler aus der Mittelschule Karthaus, die in Zoppot wohnten, die Beleuchtung des Seesteges, des Springbrunnens vor dem Kurhaus und Kasino unter sich hatten und gleichfalls als Beleuchter bei den Festspielen in der Waldoper wirkten.

Der Weg nach Zoppot führte über Oliva. Ein Vormittag im Schloßpark. Goldfische, Schwäne, Mama und Jan Bronski in der berühmten Flüstergrotte. Dann wieder Goldfische und Schwäne, die Hand in Hand mit einem Fotografen arbeiteten. Matzerath ließ mich, während die Aufnahme gemacht wurde, auf den Schultern reiten. Ich stützte die Trommel auf seinen Scheitel, was allgemein, auch später, als das Bildchen schon im Fotoalbum klebte, Gelächter hervorrief. Abschied von Goldfischen, Schwänen, von der Flüstergrotte. Nicht nur im Schloßpark war Sonntag, auch vor dem Eisengitter und in der Straßenbahn nach Glettkau und im Kurhaus Glettkau, wo wir zu Mittag aßen, während die Ostsee unentwegt, als hätte sie nichts anderes zu tun, zum Baden einlud, überall war Sonntag. Als uns die Strandpromenade nach Zoppot führte, kam uns der Sonntag entgegen, und Matzerath mußte für alle Kurtaxe zahlen.

Wir badeten im Südbad, weil es dort angeblich leerer als im Nordbad war. Die Herren zogen sich im Herrenbad um, Mama führte mich in eine Zelle des Damenbades, verlangte von mir, daß ich mich nackt im Familienbad zeigte, während sie, die damals schon üppig über die Ufer trat, ihr Fleisch in ein strohgelbes Badekostüm goß. Um dem tausendäugigen Familienbad nicht allzu bloß zu begegnen, hielt ich mir meine Trommel vors Geschlecht und legte mich später bäuchlings in den Seesand, wollte auch nicht ins einladende Ostseewasser, sondern meine Scham im Sand aufbewahren und Vogelstraußpolitik betreiben. Matzerath, auch Jan Bronski sahen mit ihren beginnenden Schmerbäuchen so lächerlich und beinahe bedauernswert armselig aus, daß ich froh war, als am späten Nachmittag die Badekabinen aufgesucht wurden, wo jeder seinen Sonnenbrand eincremte und nivea-gesalbt wieder in die sonntägliche Zivilkleidung schlüpfte.

Kaffee und Kuchen im Seestern. Mama wollte ein drittes Stückchen von der fünfstöckigen Torte. Matzerath war dagegen, Jan dafür und dagegen zugleich, Mama bestellte, gab Matzerath einen Happen ab, fütterte Jan, stellte ihre beiden Männer zufrieden, bevor sie sich den übersüßen Keil Löffelchen für Löffelchen in den Magen rammte.

Oh, heilige Buttercreme, du mit Puderzucker bestäubter, heiter bis wolkiger Sonntagnachmittag! Polnische Adlige saßen hinter blauen Sonnenbrillen und intensiven Limonaden, die sie nicht berührten. Mit violetten Fingernägeln spielten die Damen und ließen uns den Mottenpulvergeruch ihrer Pelzcapes, die sie jeweils für die Saison ausliehen, mit dem Seewind zukommen. Matzerath fand das affig. Mama hätte sich gerne gleichfalls und wenn nur für einen Nachmittag solch ein Pelzcape ausgeliehen. Jan behauptete, die Langeweile des polnischen Adels stehe momentan so in Blüte, daß man trotz wachsender Schulden nicht mehr Französisch spreche, sondern aus lauter Snobismus gewöhnlichstes Polnisch.

Man konnte nicht im Seestern sitzen bleiben und unentwegt polnischen Adligen auf blaue Sonnenbrillen und violette Fingernägel schauen. Meine mit Torte gefüllte Mama verlangte nach Bewegung, Es nahm uns der Kurpark auf, ich mußte auf einem Esel reiten und abermals für ein Foto stillhalten. Goldfische, Schwäne — was der Natur nicht alles einfällt — und abermals Goldfische und Schwäne, Süßwasser wertvoll machend.

Zwischen frisiertem Taxus, der aber nicht flüsterte, wie man immer behauptet, trafen wir die Brüder Formella, die Kasinobeleuchter Formella, die Beleuchter der Waldoper, Formella. Der jüngere Formelle mußte erst immer alle Witze loswerden, die ihm bei seinem Beruf als Beleuchter zu Ohren kamen. Der ältere Bruder Formella kannte die Witze und lachte dennoch aus brüderlicher Liebe ansteckend an den richtigen Stellen und zeigte dabei einen Goldzahn mehr als sein jüngerer Bruder, der nur drei hatte. Man ging bei Springer ein Machandelchen trinken. Mama war mehr für Kurfürsten. Dann, immer noch Witze vom Vorrat verschenkend, lud der spendable jüngere Formella zum Abendessen im ≫Papagei≪ ein. Dort traf man Tuschel, und Tuschel gehörte halb Zoppot, dazu ein Stück Waldoper und fünf Kinos. Auch war er der Chef der Formellabrüder und freute sich, wie wir uns freuten, uns kennengelernt, ihn kennengelernt zu haben. Tuschel drehte unermüdlich einen Ring an seinem Finger, der aber dennoch kein Wunschring oder Zauberring sein konnte, denn es passierte rein gar nichts, außer daß Tuschel seinerseits anfing, Witze zu erzählen, und zwar dieselben Formellawitze von vorher, nur umständlicher, weil über weniger Goldzähne verfügend. Dennoch lachte der ganze Tisch, weil Tuschel die Witze erzählte. Nur ich hielt mich ernst und versuchte mit starrer Miene Pointen zu töten. Ach, wie die Lachsalven, wenn auch nicht echt, doch ähnlich den Butzenscheiben an der Fensterfront unserer Freßecke, Gemütlichkeit verbreiteten. Der Tuschel zeigte sich dankbar, erzählte immer noch einen Witz, ließ Goldwasser kommen, drehte glücklich, in Gelächter und Goldwasser schwimmend, plötzlich den Ring anders herum, und es passierte wirklich etwas. Tuschel lud uns alle in die Waldoper ein, da ihm ja ein Stückchen der Waldoper gehöre, er könne leider nicht, Verabredung und so, aber wir möchten doch mit seinen Plätzen vorlieb nehmen, wäre Loge, gepolstert, Kindchen könnte schlafen, wenn müde; und er schrieb mit silbernem Drehbleistift Tuschelworte auf Tuscheis Visitenkärtchen, das würde Tür und Tor öffnen, sagte er — und so war es dann auch.

Was sich ereignete, wird mit wenigen Worten zu sagen sein: Ein lauer Sommerabend, die Waldoper voll und ganz ausländisch. Schon bevor es losging, waren die Mücken da. Aber erst als die letzte Mücke, die immer ein wenig zu spät kommt, das vornehm findet, ihre Ankunft blutrünstig sirrend verkündete, ging es wirklich und gleichzeitig los. Es wurde der Fliegende Holländer gegeben. Ein Schiff schob sich mehr waldfrevelnd als seeräubernd aus jenem Wald, welcher der Waldoper den Namen gegeben hatte. Matrosen sangen die Bäume an. Ich schlief ein auf Tuscheis Polster, und als ich erwachte, sangen noch immer Matrosen oder schon wieder Matrosen: Steuermann halt die Wacht…aber Oskar entschlief abermals, freute sich im Entschlummern, daß seine Mama solchen Anteil an dem Holländer nahm, wie auf Wogen glitt und wagnerisch ein- und ausatmete. Sie merkte nicht, daß Matzerath und ihr Jan hinter vorgehaltenen Händen verschieden starke Bäume ansägten, daß auch ich immer wieder dem Wagner aus den Fingern rutschte, bis Oskar endgültig erwachte, weil mitten im Wald ganz einsam eine schreiende Frau stand. Gelbhaarig war die und schrie, weil ein Beleuchter, wahrscheinlich der jüngere Formella, sie mit einem Scheinwerfer blendete und belästigte. ≫Nein!≪ schrie sie, ≫Weh mir!≪ und: ≫Wer tut mir das an?≪ Aber der Formella, der ihr das antat, stellte den Scheinwerfer nicht ab, und das Geschrei der einsamen Frau, die Mama hinterher als Solistin betitelte, ging in ein dann und wann silbern aufschäumendes Gewimmer über, das zwar die Blätter an den Bäumen des Zoppoter Waldes vorzeitig welken ließ, aber Formellas Scheinwerfer nicht traf und erledigte. Ihre Stimme, obgleich begabt, versagte. Oskar mußte einspringen, die unerzogene Lichtquelle ausfindig machen und mit einem einzigen, fernwirkenden Schrei, die leise Dringlichkeit der Mücken noch unterbietend, jenen Scheinwerfer töten.

Daß es Kurzschluß, Finsternis, springende Funken und einen Waldbrand gab, der zwar eingedämmt werden konnte, dennoch Panik hervorrief, war nicht von mir beabsichtigt, verlor ich doch im Gedränge nicht nur Mama und die beiden unsanft geweckten Herren; auch meine Trommel ging in dem Durcheinander verloren.

Diese, meine dritte Begegnung mit dem Theater brachte Mama, die nach dem Waldopernabend Wagner, leicht gesetzt, in unserem Klavier beheimatete, auf den Gedanken, mich im Frühjahr vierunddreißig mit der Zirkusluft bekanntzumachen.

Oskar will hier nicht von silbernen Damen am Trapez, von den Tigern des Zirkus Busch, von geschickten Seehunden plaudern. Es stürzte niemand aus der Zirkuskuppel. Keinem Dompteur wurde etwas abgebissen. Auch taten die Seehunde, was sie gelernt hatten: jonglierten Bälle und bekamen lebendige Heringe als Belohnung zugeworfen. Ich verdanke dem Zirkus vergnügliche Kindervorstellungen und jene für mich so wichtige Bekanntschaft mit Bebra, dem Musikalclown, der ≫Jimmy the Tiger≪ auf Flaschen spielte und eine Liliputanergruppe leitete.

Wir begegneten einander in der Menagerie. Mama und ihre beiden Herren ließen sich vor dem Affenkäfig beleidigen. Hedwig Bronski, die ausnahmsweise mit von der Partie war, zeigte ihren Kindern die Ponys. Nachdem mich ein Löwe angegähnt hatte, ließ ich mich leichtsinnigerweise mit einer Eule ein. Ich versuchte den Vogel zu fixieren, doch der fixierte mich: und Oskar schlich betroffen, mit heißen Ohren, im Zentrum verletzt davon, verkrümelte sich zwischen den blauweißen Wohnwagen, weil es dort außer einigen angebundenen Zwergziegen keine Tiere gab.

Er ging in Hosenträgern und Pantoffeln an mir vorbei und trug einen Wassereimer. Flüchtig nur kreuzten sich die Blicke. Dennoch erkannten wir uns sofort. Er stellte den Eimer ab, legte den großen Kopf schief, kam auf mich zu, und ich taxierte, daß er etwa neun Zentimeter größer war als ich. ≫Schau, schau!≪ knarrte es neidisch zu mir herunter. ≫Heutzutage wollen die Dreijährigen schon nicht mehr wachsen.≪ Da ich nicht antwortete, kam er mir nochmals: ≫Bebra, mein Name, stamme in direkter Linie vom Prinzen Eugen ab, dessen Vater der vierzehnte Ludwig war und nicht irgendein Savoyarde, wie man behauptet.≪ Da ich immer noch schwieg, nahm er neuen Anlauf: ≫Unterbrach an meinem zehnten Geburtstag das Wachstum. Etwas spät, aber immerhin!≪

Da er so offen sprach, stellte ich mich meinerseits vor, flunkerte aber keinen Stammbaum zusammen, nannte mich schlicht Oskar. ≫Sagen Sie, bester Oskar, Sie dürfen jetzt vierzehn, fünfzehn oder gar schon sechzehn Jährchen zählen. Nicht möglich, was Sie sagen, erst neuneinhalb?≪ Jetzt sollte ich ihn schätzen und tippte vorsätzlich zu niedrig.

≫Sie sind ein Schmeichler, junger Freund. Fünfunddreißig, das war einmal. Im August feiere ich mein Dreiundfünfzigstes, ich könnte Ihr Großvater sein!≪

Oskar sagte ihm einige nette Dinge über seine akrobatischen Leistungen als Clown, nannte ihn hochmusikalisch und führte, leicht vom Ehrgeiz gepackt, ein Kunststückchen vor. Drei Glühbirnen der Zirkusplatzbeleuchtung mußten dran glauben, und Herr Bebra rief bravo, bravissimo und wollte Oskar sofort engagieren.

Manchmal tut es mir heute noch leid, daß ich ablehnte. Ich redete mich heraus und sagte: ≫Wissen Sie, Herr Bebra, ich rechne mich lieber zu den Zuschauern, laß meine kleine Kunst im verborgenen, abseits von allem Beifall blühen, bin jedoch der letzte, der Ihren Darbietungen keinen Applaus spendet.≪ Herr Bebra hob seinen zerknitterten Zeigefinger und ermahnte mich: ≫Bester Oskar, glauben Sie einem erfahrenen Kollegen. Unsereins darf nie zu den Zuschauern gehören. Unsereins muß auf die Bühne, in die Arena. Unsereins muß vorspielen und die Handlung bestimmen, sonst wird unsereins von jenen da behandelt. Und jene da spielen uns all zu gerne übel mit!≪

Mir fast ins Ohr kriechend, flüsterte er und machte uralte Augen: ≫Sie kommen! Sie werden die Festplätze besetzen! Sie werden Fackelzüge veranstalten! Sie werden Tribünen bauen, Tribünen bevölkern und von Tribünen herunter unseren Untergang predigen. Geben Sie acht, junger Freund, was sich auf den Tribünen ereignen wird! Versuchen Sie, immer auf der Tribüne zu sitzen und niemals vor der Tribüne zu stehen!≪

Dann griff Herr Bebra, da mein Name gerufen wurde, seinen Eimer. ≫Man sucht Sie, bester Freund. Wir werden uns wiedersehen. Wir sind zu klein, als daß wir uns verlieren könnten. Zudem sagt Bebra immer wieder: Kleine Leute wie wir finden selbst auf überfülltesten Tribünen noch ein Plätzchen. Und wenn nicht auf der Tribüne, dann unter der Tribüne, aber niemals vor der Tribüne. Das sagt Bebra, der in direkter Linie vom Prinzen Eugen abstammt.≪

Mama, die Oskar rufend hinter einem Wohnwagen hervortrat, sah gerade noch, wie mich Herr Bebra auf die Stirn küßte, dann seinen Wassereimer ergriff und mit den Schultern rudernd auf einen Wohnwagen zusteuerte.

≫Stellt euch nur vor≪, empörte sich Mama später Matzerath und den Bronskis gegenüber, ≫bei den Liliputanern war er. Und ein Gnom hat ihn auf die Stirn geküßt. Hoffentlich hat das nichts zu bedeuten!≪

Bebras Stirnkuß sollte mir noch viel bedeuten. Die politischen Ereignisse der nächsten Jahre gaben ihm recht: die Zeit der Fackelzüge und Aufmärsche vor Tribünen begann.

Wie ich den Ratschlägen des Herrn Bebra Folge leistete, beherzigte Mama einen Teil der Ermahnungen, die ihr Sigismund Markus in der Zeughauspassage gegeben hatte und anläßlich der Donnerstagbesuche immer wieder hören ließ. Wenn sie auch nicht mit dem Markus nach London ging — ich hätte nicht viel gegen den Umzug einzuwenden gehabt —, blieb sie dennoch bei Matzerath und sah Jan Bronski maßvoll gelegentlich, das heißt, in der Tischlergasse auf Jans Kosten und beim Familienskat, der Jan immer teurer wurde, weil er ständig verlor. Matzerath aber, auf den Mama gesetzt hatte, auf dem sie, des Markus Rat befolgend, ihren Einsatz, ohne ihn zu verdoppeln, liegen ließ, trat im Jahre vierunddreißig, also verhältnismäßig früh die Kräfte der Ordnung erkennend, in die Partei ein und brachte es dennoch nur bis zum Zellenleiter. Anläßlich dieser Beförderung, die wie alles Außergewöhnliche Grund zum Familienskat bot, gab Matzerath erstmals seinen Ermahnungen, die er Jan Bronski wegen der Beamtentätigkeit auf der polnischen Post schon immer erteilt hatte, einen etwas strengeren, doch auch besorgteren Ton.

Sonst änderte sich nicht viel. Über dem Piano wurde das Bild des finsteren Beethoven, ein Geschenk Greffs, vom Nagel genommen und am selben Nagel der ähnlich finster blickende Hitler zur Ansicht gebracht. Matzerath, der für ernste Musik nichts übrig hatte, wollte den fast tauben Musiker ganz und gar verbannen. Mama jedoch, die die langsamen Sätze der Beethovensonaten sehr liebte, zwei oder drei noch langsamer als angegeben auf unserem Klavier eingeübt hatte und dann und wann dahintropfen ließ, bestand darauf, daß der Beethoven, wenn nicht über die Chaiselongue, dann übers Büfett käme. So kam es zu jener finstersten aller Konfrontationen: Hitler und das Genie hingen sich gegenüber, blickten sich an, durchschauten sich und konnten dennoch aneinander nicht froh werden.

Nach und nach kaufte sich Matzerath die Uniform zusammen. Wenn ich mich recht erinnere, begann er mit der Parteimütze, die er gerne, auch bei sonnigem Wetter mit unterm Kinn scheuerndem Sturmriemen trug. Eine Zeitlang zog er weiße Oberhemden mit schwarzer Krawatte zu dieser Mütze an oder eine Windjacke mit Armbinde. Als er das erste braune Hemd kaufte, wollte er eine Woche später auch die kackbraunen Reithosen und Stiefel erstehen. Mama war dagegen, und es dauerte abermals Wochen, bis Matzerath endgültig in Kluft war.

Es ergab sich mehrmals in der Woche Gelegenheit, diese Uniform zu tragen, aber Matzerath ließ es mit der Teilnahme an sonntäglichen Kundgebungen auf der Maiwiese neben der Sporthalle genug sein. Hier erwies er sich jedoch selbst dem schlechtesten Wetter gegenüber unerbittlich, lehnte auch ab, einen Regenschirm zur Uniform zu tragen, und wir hörten oft genug eine Redewendung, die bald zur stehenden Redensart wurde. ≫Dienst ist Dienst≪, sagte Matzerath, ≫und Schnaps ist Schnaps!≪ verließ, nachdem er den Mittagsbraten vorbereitet hatte, jeden Sonntagmorgen Mama und brachte mich in eine peinliche Situation, weil Jan Bronski, der ja den Sinn für die neue sonntägliche politische Lage besaß, auf seine zivil eindeutige Art meine verlassene Mama besuchte, während Matzerath in Reih und Glied stand.

Was hätte ich anderes tun können, als mich verdrücken. Es lag weder in meiner Absicht, die beiden auf der Chaiselongue zu stören, noch zu beobachten. So trommelte ich mich, sobald mein uniformierter Vater außer Sicht war und die Ankunft des Zivilisten, den ich damals schon meinen mutmaßlichen Vater nannte, bevorstand, aus dem Haus in Richtung Maiwiese.

Sie werden sagen, mußte es unbedingt die Maiwiese sein? Glauben Sie mir bitte, daß an Sonntagen im Hafen nichts los war, daß ich mich zu Waldspaziergängen nicht entschließen konnte, daß mir das Innere der Herz-Jesu-Kirche damals noch nichts sagte. Zwar gab es noch die Pfadfinder des Herrn Greff, aber jener verklemmten Erotik zog ich, es sei hier zugegeben, den Rummel auf der Maiwiese vor; auch wenn Sie mich jetzt einen Mitläufer heißen.

Es sprachen entweder Greiser oder der Gauschulungsleiter Löbsack. Der Greiser fiel mir nie besonders auf. Er war zu gemäßigt und wurde später durch den forscheren Mann aus Bayern, der Forster hieß und Gauleiter wurde, ersetzt. Der Löbsack jedoch wäre der Mann gewesen, einen Forster zu ersetzen. Ja hätte der Löbsack nicht einen Buckel gehabt, wäre es für den Mann aus Fürth schwer gewesen, in der Hafenstadt ein Bein aufs Pflaster zu bekommen. Den Löbsack richtig einschätzend, in seinem Buckel ein Zeichen hoher Intelligenz sehend, machte ihn die Partei zum Gauschulungsleiter. Der Mann verstand sein Handwerk. Während der Forster mit übler bayrischer Aussprache immer wieder ≫Heim ins Reich≪ schrie, ging Löbsack mehr ins Detail, sprach alle Sorten Danziger Platt, erzählte Witze von Bollermann und Wullsutzki, verstand es, die Hafenarbeiter bei Schichau, das Volk in Ohra, die Bürger von Emmaus, Schidlitz, Bürgerwiesen und Praust anzusprechen. Hatte er es mit bierernsten Kommunisten und den lahmen Zwischenrufen einiger Sozis zu tun, war es eine Wonne, dem kleinen Mann, dessen Buckel durch das Uniformbraun besonders betont und gehoben wurde, zuzuhören.

Löbsack hatte Witz, zog all seinen Witz aus dem Buckel, nannte seinen Buckel beim Namen, denn so etwas gefällt den Leuten immer. Eher werde er seinen Buckel verlieren, behauptete Löbsack, als daß die Kommune hochkomme. Es war vorauszusehen, daß er den Buckel nicht verlor, daß an dem Buckel nicht zu rütteln war, folglich behielt der Buckel recht, mit ihm die Partei — woraus man schließen kann, daß ein Buckel die ideale Grundlage einer Idee bildet.

Wenn Greiser, Löbsack oder später Forster sprachen, sprachen sie von der Tribüne aus. Es handelte sich um jene Tribüne, die mir der kleine Herr Bebra angepriesen hatte. Deshalb hielt ich längere Zeit den Tribünenredner Löbsack, bucklig und begabt, wie ersieh auf der Tribüne zeigte, für einen Abgesandten Bebras, der in brauner Verkleidung seine und im Grunde auch meine Sache auf der Tribüne verfocht.

Was ist das, eine Tribüne? Ganz gleich für wen und vor wem eine Tribüne errichtet wird, in jedem Falle muß sie symmetrisch sein. So war auch die Tribüne auf unserer Maiwiese neben der Sporthalle eine betont symmetrisch angeordnete Tribüne. Von oben nach unten: sechs Hakenkreuzbanner nebeneinander. Dann Fahnen, Wimpel und Standarten. Dann eine Reihe schwarze SS mit Sturmriemen unterm Kinn. Dann zwei Reihen SA, die während der Singerei und Rederei die Hände am Koppelschloß hielten. Dann sitzend mehrere Reihen uniformierte Parteigenossen, hinter dem Rednerpult gleichfalls Pg’s, Frauenschaftsführerinnen mit Müttergesichtern, Vertreter des Senates in Zivil, Gäste aus dem Reich und der Polizeipräsident oder sein Stellvertreter.

Den Sockel der Tribüne verjüngte die Hitlerjugend oder, genauer gesagt, der Gebietsfanfarenzug des Jungvolkes und der Gebietsspielmannszug der HJ. Bei manchen Kundgebungen durfte auch ein links und rechts, immer wieder symmetrisch angeordneter gemischter Chor entweder Sprüche hersagen oder den so beliebten Ostwind besingen, der sich, laut Text, besser als alle anderen Winde fürs Entfalten von Fahnenstoffen eignete.

Bebra, der mich auf die Stirn küßte, sagte auch: ≫Oskar, stelle dich niemals vor eine Tribüne. Unsereins gehört auf die Tribüne!≪

Zumeist gelang es mir, zwischen irgendwelchen Frauenschaftsführerinnen Platz zu finden. Leider unterließen es diese Damen nicht, mich während der Kundgebung aus Propagandazwecken zu streicheln. Zwischen die Pauken, Fanfaren und Trommeln am Tribünenfuß konnte ich mich meiner Blechtrommel wegen nicht mischen; denn die lehnte die Landsknechtpaukerei ab. Leider ging auch ein Versuch mit dem Gauschulungsleiter Löbsack schief. Ich täuschte mich schwer in dem Mann. Weder war er, wie ich gehofft hatte, ein Abgesandter Bebras, noch hatte er, trotz seines vielversprechenden Buckels, das geringste Verständnis für meine wahre Größe.

Als ich ihm anläßlich eines Tribünensonntages kurz vor dem Rednerpult entgegentrat, den Parteigruß bot, ihn zuerst blank anblickte, dann mit dem Auge zwinkernd zuflüsterte: ≫Bebra ist unser Führer!≪ ging dem Löbsack nicht etwa ein Licht auf, sondern er streichelte mich genau wie die NS-Frauenschaft und ließ schließlich Oskar — weil er ja seine Rede halten mußte — von der Tribüne weisen, wo ihn zwei BdM-Führerinnen in die Mitte nahmen und während der ganzen Kundgebung nach ≫Vati und Mutti≪ ausfragten.

So kann es nicht verwundern, wenn mich die Partei schon im Sommer vierunddreißig, doch nicht vom Röhmputsch beeinflußt, zu enttäuschen begann. Je länger ich mir die Tribüne, vor der Tribüne stehend, ansah, um so verdächtiger wurde mir jene Symmetrie, die durch Löbsacks Buckel nur ungenügend gemildert wurde. Es liegt nahe, daß meine Kritik sich vor allen Dingen an den Trommlern und Fanfarenbläsern rieb; und im August fünfunddreißig ließ ich mich an einem schwülen Kundgebungssonntag mit dem Spielmanns- und Fanfarenzugvolk am Fuß der Tribüne ein.

Matzerath verließ schon um neun Uhr die Wohnung. Ich hatte ihm noch beim Wichsen der braunen Ledergamaschen geholfen, damit er rechtzeitig aus dem Haus kam. Selbst zu dieser frühen Tagesstunde war es schon unerträglich heiß, und er schwitzte sich dunkle, wachsende Flecken unter die Ärmel seines Parteihemdes, bevor er im Freien war. Punkt halb zehn stellte sich in luftig hellem Sommeranzug mit durchbrochenen, feingrauen Halbschuhen, einen Strohhut tragend, Jan Bronski ein. Jan spielte ein bißchen mit mir, konnte aber beim Spiel die Augen nicht von Mama lassen, die sich am Vorabend die Haare gewaschen hatte. Recht bald bemerkte ich, daß meine Anwesenheit das Gespräch der beiden hemmte, ihr Handeln steif und Jans Bewegungen behindert wirken ließ. Offensichtlich wurde ihm seine leichte Sommerhose zu eng, und ich trollte mich davon, folgte den Spuren Matzeraths, ohne in ihm ein Vorbild zu sehen. Vorsichtig vermied ich Straßen, die voller in Richtung Maiwiese strebender Uniformierter waren, und näherte mich erstmals dem Kundgebungsfeld von den Tennisplätzen her, die neben der Sporthalle lagen. Diesem Umweg verdankte ich die Hinteransicht der Tribüne.

Haben Sie schon einmal eine Tribüne von hinten gesehen? Alle Menschen sollte man — nur um einen Vorschlag zu machen — mit der Hinteransicht einer Tribüne vertraut machen, bevor man sie vor Tribünen versammelt. Weir jemals eine Tribüne von hinten anschaute, recht anschaute, wird von Stund an gezeichnet und somit gegen jegliche Zauberei, die in dieser oder jener Form auf Tribünen zelebriert wird, gefeit sein. Ähnliches kann man von den Hinteransichten kirchlicher Altäre sagen; doch das steht auf einem anderen Blatt.

Oskar jedoch, der immer schon einen Zug zur Gründlichkeit hatte, ließ es mit dem Anblick des nackten, in seiner Häßlichkeit tatsächlichen Gerüstes nicht genug sein, er erinnerte sich der Worte seines Magisters Bebra, ging das nur für die Vorderansicht bestimmte Podest von der groben Kehrseite an, schob sich und seine Trommel, ohne die er nie ausging, zwischen Verstrebungen hindurch, stieß sich an einer überstehenden Dachlatte, riß sich an einem bös aus dem Holz ragenden Nagel das Knie auf, hörte über sich die Stiefel der Parteigenossen scharren, dann die Schühchen der Frauenschaft und kam endlich dorthin, wo es am drückendsten und dem Monat August am meisten gemäß war: vor dem inwendigen Tribünenfuß fand er hinter einem Stück Sperrholz Platz und Schutz genug, um den akustischen Reiz einer politischen Kundgebung in aller Ruhe auskosten zu können, ohne durch Fahnen abgelenkt, durch Uniformen im Auge beleidigt zu werden.

Unter dem Rednerpult hockte ich. Links und rechts von mir und über mir standen breitbeinig und, wie ich wußte, mit verkniffenen, vom Sonnenlicht geblendeten Augen die jüngeren Trommler des Jungvolkes und die älteren der Hitlerjugend. Und dann die Menge. Ich roch sie durch die Ritzen der Tribünenverschalung. Das stand und berührte sich mit Ellenbogen und Sonntagskleidung, das war zu Fuß gekommen oder mit der Straßenbahn, das hatte zum Teil die Frühmesse besucht und war dort nicht zufriedengestellt worden, das war gekommen, um seiner Braut am Arm etwas zu bieten, das wollte mit dabeisein, wenn Geschichte gemacht wird, und wenn auch der Vormittag dabei draufging.

Nein, sprach sich Oskar zu, sie sollen den Weg nicht umsonst gemacht haben. Und er legte ein Auge an ein Astloch der Verschalung, bemerkte die Unruhe von der Hindenburgallee her. Sie kamen! Kommandos wurden über ihm laut, der Führer des Spielmannszuges fuchtelte mit seinem Tambourstab, die hauchten ihre Fanfaren an, die paßten sich das Mundstück auf, und schon stießen sie in übelster Landsknechtmanier in ihr sidolgeputztes Blech, daß es Oskar weh tat und ≫Armer SA-Mann Brand≪, sagte er sich, ≫armer Hitlerjunge Quex, ihr seid umsonst gefallen!≪

Als wollte man ihm diesen Nachruf auf die Opfer der Bewegung bestätigen, mischte sich gleich darauf massives Gebumse auf kalbsfellbespannten Trommeln in die Trompeterei. Jene Gasse, die mitten durch die Menge zur Tribüne führte, ließ von weit her heranrückende Umformen ahnen, und Oskar stieß hervor: ≫Jetzt mein Volk, paß auf, mein Volk!≪

Die Trommel lag mir schon maßgerecht. Himmlisch locker ließ ich die Knüppel in meinen Händen spielen und legte mit Zärtlichkeit in den Handgelenken einen kunstreichen, heiteren Walzertakt auf mein Blech, den ich immer eindringlicher, Wien und die Donau beschwörend, laut werden ließ, bis oben die erste und zweite Landsknechttrommel an meinem Walzer Gefallen fand, auch Flachtrommeln der älteren Burschen mehr oder weniger geschickt mein Vorspiel aufnahmen. Dazwischen gab es zwar Unerbittliche, die kein Gehör hatten, die weiterhin Bumbum machten, und Bumbumbum, während ich doch den Dreivierteltakt meinte, der so beliebt ist beim Volk. Schon wollte Oskar verzweifeln, da ging den Fanfaren ein Licht auf, und die Querpfeifen, oh Donau, pfiffen so blau. Nur der Fanfarenzugführer und auch der Spielmannszugführer, die glaubten nicht an den Walzerkönig und schrien ihre lästigen Kommandos, aber ich hatte die abgesetzt, das war jetzt meine Musik. Und das Volk dankte es mir. Lacher wurden laut vor der Tribüne, da sangen schon welche mit, oh Donau, und über den ganzen Platz, so blau, bis zur Hindenburgallee, so blau und zum Steffenspark, so blau, hüpfte mein Rhythmus, verstärkt durch das über mir vollaufgedrehte Mikrophon. Und als ich durch mein Astloch hindurch ins Freie spähte, doch dabei fleißig weitertrommelte, bemerkte ich, daß das Volk an meinem Walzer Spaß fand, aufgeregt hüpfte, es in den Beinen hatte: schon neun Pärchen und noch ein Pärchen tanzten, wurden vom Walzerkönig gekuppelt. Nur dem Löbsack, der mit Kreisleitern und Sturmbannführern, mit Forster, Greiser und Rauschning, mit einem langen braunen Führungsstabschwanz mitten in der Menge kochte, vor dem sich die Gasse zur Tribüne schließen wollte, lag erstaunlicherweise der Walzertakt nicht. Der war gewohnt, mit gradliniger Marschmusik zur Tribüne geschleust zu werden. Dem nahmen nun diese leichtlebigen Klänge den Glauben ans Volk. Durchs Astloch sah ich seine Leiden. Es zog durch das Loch. Wenn ich mir auch fast das Auge entzündete, tat er mir dennoch leid, und ich wechselte in einen Charleston, ≫Jimmy the Tiger≪, über, brachte jenen Rhythmus, den der Clown Bebra im Zirkus auf leeren Selterwasserflaschen getrommelt hatte; doch die Jungs vor der Tribüne kapierten den Charleston nicht. Das war eben eine andere Generation. Die hatten natürlich keine Ahnung von Charleston und ≫Jimmy the Tiger≪. Die schlugen — oh guter Freund Bebra — nicht Jimmy und Tiger, die hämmerten Kraut und Rüben, die bliesen mit Fanfaren Sodom und Gomorrha. Da dachten die Querpfeifen sich, gehupft wie gesprungen. Da schimpfte der Fanfarenzugführer auf Krethi und Plethi. Aber dennoch trommelten, pfiffen, trompeteten die Jungs vom Fanfarenzug und Spielmannszug auf Teufel komm raus, daß es Jimmy eine Wonne war, mitten im heißesten Tigeraugust, daß es die Volksgenossen, die da zu Tausenden und Abertausenden vor der Tribüne drängelten, endlich begriffen: es ist Jimmy the Tiger, der das Volk zum Charleston aufruft!

Und wer auf der Maiwiese noch nicht tanzte, der griff sich, bevor es zu spät war, die letzten noch zu habenden Damen. Nur Löbsack mußte mit seinem Buckel tanzen, weil in seiner Nähe alles, was einen Rock trug, schon besetzt war, und jene Damen von der Frauenschaft, die ihm hätten helfen können, rutschten, weit weg vom einsamen Löbsack, auf den harten Holzbänken der Tribüne. Er aber — und das riet ihm sein Buckel — tanzte dennoch, wollte gute Miene zur bösen Jimmymusik machen und retten, was noch zu retten war.

Es war aber nichts mehr zu retten. Das Volk tanzte sich von der Maiwiese, bis die zwar arg zertreten, aber immerhin grün und leer war. Es verlor sich das Volk mit ≫Jimmy the Tiger≪ in den weiten Anlagen des angrenzenden Steffensparkes. Dort bot sich Dschungel, den Jimmy versprochen hatte, Tiger gingen auf Sammetpfötchen, ersatzweise Urwald fürs Volk, das eben noch auf der Wiese drängte. Gesetz ging flöten und Ordnungssinn. Wer aber mehr die Kultur liebte, konnte auf den breiten gepflegten Promenaden jener Hindenburgallee, die während des achtzehnten Jahrhunderts erstmals angepflanzt, bei der Belagerung durch Napoleons Truppen achtzehnhundertsieben abgeholzt und achtzehnhundertzehn zu Ehren Napoleons wieder angepflanzt wurde, auf historischem Boden also konnten die Tänzer auf der Hindenburgallee meine Musik haben, weil über mir das Mikrophon nicht abgestellt wurde, weil man mich bis zum Olivaer Tor hörte, weil ich nicht locker ließ, bis es mir und den braven Burschen am Tribünenfuß gelang, mit Jimmys entfesseltem Tiger die Maiwiese bis auf die Gänseblümchen zu räumen.

Selbst als ich meinem Blech schon die langverdiente Ruhe gönnte, wollten die Trommelbuben noch immer kein Ende finden. Es brauchte seine Zeit, bis mein musikalischer Einfluß nachzuwirken aufhörte.

Dann bleibt noch zu sagen, daß Oskar das Innere der Tribüne nicht sogleich verlassen konnte, da Abordnungen der SA und SS über eine Stunde lang mit Stiefeln gegen Bretter knallten, sich Ecklöcher ins braune und schwarze Zeug rissen, etwas im Tribünengehäuse zu suchen schienen: einen Sozi womöglich oder einen Störtrupp der Kommune. Ohne die Finten und Täuschungsmanöver Oskars aufzählen zu wollen, sei hier kurz festgestellt: sie fanden Oskar nicht, weil sie Oskar nicht gewachsen waren.

Endlich war Ruhe im Holzlabyrinth, das etwa die Größe jenes Walfisches hatte, in welchem Jonas saß und tranig wurde. Nein nein, Oskar war kein Prophet, Hunger verspürte er! Es war da kein Herr, der sagte: ≫Mache dich auf und gehe in die große Stadt Ninive und predige wider sie!≪ Mir brauchte auch kein Herr einen Rizinusbaum wachsen lassen, den hinterher, auf des Herren Geheiß, ein Wurm zu tilgen hatte. Ich jammerte weder um jenen biblischen Rizinus noch um Ninive, selbst wenn es Danzig hieß. Meine Trommel, die nicht biblisch war, steckte ich unter den Pullover, hatte genug mit mir zu tun, fand, ohne mich zu stoßen oder an Nägeln zu reißen, aus den Eingeweiden einer Tribüne für Kundgebungen aller Art, die nur zufällig die Proportionen des prophetenschlingenden Walfisches hatte.

Wer achtete schon auf den kleinen Jungen, der da pfeifend und dreijährig langsam am Rand der Maiwiese in Richtung Sporthalle stiefelte? Hinter den Tennisplätzen hüpften meine Burschen vom Tribünenfuß mit vorgehaltenen Landsknechttrommeln, Flachtrommeln, Querpfeifen und Fanfaren. Strafexerzieren, stellte ich fest und bedauerte die nach der Pfeife ihres Gebietsführers Hüpfenden nur mäßig. Abseits von seinem gehäuften Führungsstab ging Löbsack mit einsamem Buckel auf und ab. An den Wendemarken seiner zielbewußten Laufbahn war es ihm, der auf den Stiefelabsätzen kehrtmachte, gelungen, alles Gras und die Gänseblümchen auszumerzen.

Als Oskar nach Hause kam, stand das Mittagessen schon auf dem Tisch: Falschen Hasen gab es mit Salzkartoffeln, Rotkohl und zum Nachtisch Schokoladenpudding mit Vanillesoße. Matzerath ließ kein Wörtchen hören. Oskars Mama war während des Essens mit den Gedanken woanders. Dafür gab es am Nachmittag einen Familienkrach wegen Eifersucht und polnischer Post. Gegen Abend bot ein erfrischendes Gewitter mit Wolkenbruch und wunderschön trommelndem Hagel eine längere Vorstellung. Oskars erschöpftes Blech durfte ruhen und zuhören.

Kapitel 10

SCHAUFENSTER

Längere Zeit lang, genau gesagt, bis zum November achtunddreißig habe ich mit meiner Trommel unter Tribünen hockend, mehr oder weniger Erfolg beobachtend, Kundgebungen gesprengt, Redner zum Stottern gebracht, Marschmusik, auch Chorale in Walzer und Foxtrott umgebogen.

Heute, als Privatpatient einer Heil- und Pflegeanstalt, da das alles schon historisch geworden ist, zwar immer noch eifrig, aber als kaltes Eisen geschmiedet wird, habe ich den rechten Abstand zu meiner Trommelei unter Tribünen. Nichts liegt ferner, als in mir, wegen der sechs oder sieben zum Platzen gebrachten Kundgebungen, drei oder vier aus dem Schritt getrommelten Aufmärsche und Vorbeimärsche, nun einen Widerstandskämpfer zu sehen. Das Wort ist reichlich in Mode gekommen. Vom Geist des Widerstandes spricht man, von Widerstandskreisen. Man soll den Widerstand sogar verinnerlichen können, das nennt man dann: Innere Emigration. Ganz zu schweigen von jenen bibelfesten Ehrenmännern, die während des Krieges wegen nachlässiger Verdunklung der Schlafzimmerfenster vom Luftschutzwart eine Geldstrafe aufgebrummt bekamen und sich jetzt Widerstandskämpfer nennen, Männer des Widerstandes.

Wir wollen noch einmal einen Blick unter Oskars Tribünen werfen. Hat Oskar denen was vorgetrommelt? Hat er, dem Rat seines Lehrers Bebra folgend, die Handlung an, sich gerissen und das Volk vor der Tribüne zum Tanzen gebracht? Hat er dem so schlagfertigen und mit allen Wassern gewaschenen Gauschulungsleiter Löbsack das Konzert vermasselt? Hat er an einem Eintopfsonntag im August des Jahres fünfunddreißig zum erstenmal und später noch einige Male bräunliche Kundgebungen auf einer zwar weißroten, dennoch nicht polnischen Blechtrommel wirbelnd aufgelöst?

Das habe ich alles getan, werden Sie zugeben müssen. Bin ich, der Insasse einer Heil- und Pflegeanstalt, deshalb ein Widerstandskämpfer? Ich muß diese Frage verneinen und bitte auch Sie, die Sie nicht Insassen von Heil- und Pflegeanstalten sind, in mir nichts anderes als einen etwas eigenbrötlerischen Menschen zu sehen, der aus privaten, dazu ästhetischen Gründen, auch seines Lehrers Bebra Ermahnungen beherzigend, Farbe und Schnitt der Uniformen, Takt und Lautstärke der auf Tribünen üblichen Musik ablehnte und deshalb auf einem bloßen Kinderspielzeug einigen Protest zusammen trommelte.

Damals konnte man noch den Leuten auf und vor Tribünen mit einer armseligen Blechtrommel beikommen, und ich muß zugeben, daß ich meinen Bühnentrick ähnlich wie das fernwirkende Glaszersingen bis zur Perfektion trieb. Ich trommelte nicht nur gegen braune Versammlungen. Oskar saß