/ Language: Deutsch / Genre:prose_contemporary

Hundejahre

Günter Grass


Hundejahre

Günter Grass

1963

Drei Erzähler, drei Dimensionen eines auch im Jahre Null nicht annulierten Deutschland, das selbst Kinder nur schlimme Träume und Spiele bescherte, einen Hund zum Führerhund erhöhte, mit uniformierten Vogelscheuchen unseren Erdteil überzog. Menschenjahre, Hundejahre, Seuchenjahre — was sie waren, was von ihnen blieb: das verbindet Günter Grass mit den scharfen Strichen des Graphikers, mit der schöpferischen Sprache des Lyrikers zu einem episch-makabren und befreiend-humoristischen Panorama.

Inhaltsverzeichnis

I  ERSTES BUCH — FRÜHSCHICHTEN

Erste Frühschicht

Zweite Frühschicht

Dritte Frühschicht

Vierte Frühschicht

Fünfte Frühschicht

Sechste Frühschicht

Siebente Frühschicht

Achte Frühschicht

Neunte Frühschicht

Zehnte Frühschicht

Elfte Frühschicht

Zwölfte Frühschicht

Dreizehnte Frühschicht

Vierzehnte Frühschicht

Fünfzehnte Frühschicht

Sechzehnte Frühschicht

Siebzehnte Frühschicht

Achtzehnte Frühschicht

Neunzehnte Frühschicht

Zwanzigste Frühschicht

Einundzwanzigste Frühschicht

Zweiundzwanzigste Frühschicht

Dreiundzwanzigste Frühschicht

Vierundzwanzigste Frühschicht

Fünfundzwanzigste Frühschicht

Sechsundzwanzigste Frühschicht

Siebenundzwanzigste Frühschicht

Achtundzwanzigste Frühschicht

Neunundzwanzigste Frühschicht

Dreißigste Frühschicht

Einunddreißigste Frühschicht

Zweiunddreißigste Frühschicht

Letzte Frühschicht

II  ZWEITES BUCH — LIEBESBRIEFE

III  DRITTES BUCH — MATERNIADEN

Die erste Materniade

Die zweite Materniade

Die dritte bis vierundachtzigste Materniade

Die fünfundachtzigste und sechsundachtzigste Materniade

Die siebenundachtzigste wurmstichige Materniade

Die achtundachtzigste sterile Materniade

Die neunundachtzigste und die neunzigste Materniade

Die einundneunzigste halbwegs einsichtige Materniade

Die hundertste öffentlich diskutierte Materniade

Eine öffentliche Diskussion

Die fluchtbewegte hundertunderste Materniade

Die hundertzweite feuerfeste Materniade

Die hundertdritte und tiefunterste Materniade

Walter Henn

in memoriam

Teil I

ERSTES BUCH — FRÜHSCHICHTEN

Erste Frühschicht

Erzähl Du. Nein, erzählen Sie! Oder Du erzählst. Soll etwa der Schauspieler anfangen? Sollen die Scheuchen, alle durcheinander? Oder wollen wir abwarten, bis sich die acht Planeten im Zeichen Wassermann geballt haben? Bitte, fangen Sie an! Schließlich hat Ihr Hund damals. Doch bevor mein Hund, hat schon Ihr Hund, und der Hund vom Hund. Einer muß anfangen: Du oder Er oder Sie oder Ich… Vor vielen vielen Sonnenuntergängen, lange bevor es uns gab, floß, ohne uns zu spiegeln, tagtäglich die Weichsel und mündete immerfort.

Der hier die Feder führt, wird zur Zeit Brauxel genannt, steht einem Bergwerk vor, das weder Kali, Erz noch Kohle fördert und dennoch hundertvierunddreißig Arbeiter und Angestellte auf Förderstrecken und Teilsohlen, in Firstenkammern und Querschlägen, an der Lohnkasse und in der Packerei beschäftigt: von Schichtwechsel zu Schichtwechsel.

Unreguliert und gefährlich floß früher die Weichsel. So rief man tausend Erdarbeiter und ließ im Jahre achtzehnhundertfünfundneunzig von Einlage nordwärts, zwischen den Nehrungsdörfern Schiewenhorst und Nickelswalde, den sogenannten Durchstich graben. Der verringerte, indem er der Weichsel eine neue und schnurgerade Mündung gab, die Überschwemmungsgefahr.

Der Federführende schreibt Brauksel zumeist wie Castrop-Rauxel und manchmal wie Häksel. Bei Laune schreibt Brauxel seinen Namen wie Weichsel. Spieltrieb und Pedanterie diktieren und widersprechen sich nicht.

Von Horizont zu Horizont liefen die Deiche der Weichsel und hatten sich, unter Aufsicht des Deichregulierungskommissarius zu Marienwerder, gegen die hochgehenden Frühjahrsfluten und gegen das Dominikswasser zu stemmen. Wehe, wenn Mäuse im Deich waren.

Der hier die Feder führt, dem Bergwerk vorsteht und seinen Namen verschieden schreibt, hat sich mit dreiundsiebzig Zigarettenstummeln, mit der errauchten Ausbeute der letzten zwei Tage, den Lauf der Weichsel, vor und nach der Regulierung, auf geräumter Schreibtischplatte zurechtgelegt: Tabakkrümel und mehlige Asche bedeuten den Fluß und seine drei Mündungen; abgebrannte Streichhölzer sind Deiche und dämmen ihn ein.

Vor vielen vielen Sonnenuntergängen: da kommt der Herr Deichregulierungskommissarius vom Kulmischen her, wo im Jahre fünfundfünfzig bei Kokotzko, auf Höhe des Mennonitenfriedhofes, der Deich brach — noch Wochen später hingen die Särge in den Bäumen —, er aber, zu Fuß, zu Pferde oder im Boot, in seinem Gehrock und nie ohne das Fläschchen Arrak in weiter Tasche, er, Wilhelm Ehrenthal, der in antiken und dennoch humorigen Versen jene »Deichbeschauliche Epistel« geschrieben hatte, die kurz nach Erscheinen allen Deichgräfen, Dorfschulzen und Mennonitenpredigern mit freundlicher Widmung zugestellt wurde, er, hier genannt, um nie wieder genannt zu werden, inspiziert stromauf stromab das Deckwerk, die Rauhwehren und Buhnen, treibt Ferkel vom Deich, weil es nach Feldpolizeiordnung, Paragraph acht, vom November achtzehnhundertsiebenundvierzig, jeglichem Vieh, ob Feder oder Klaue, verboten ist, auf dem Deich zu weiden und zu wühlen.

Linker Hand ging die Sonne unter. Brauxel zerbricht ein Streichholz: Die zweite Mündung der Weichsel entstand ohne Hilfe der Erdarbeiter am zweiten Februar achtzehnhundertvierzig, als der Fluß, weil das Eis sich gestaut hatte, unterhalb Plehnendorf die Nehrung durchbrach, zwei Dörfer wegnahm und die Gründung zweier neuer Flecken, der Fischerdörfer Östlich-Neufähr und Westlich-Neufähr erlaubte. Wir aber haben es, so reich die beiden Neufähr an Geschichten, Dorfklatsch und unerhörten Begebenheiten waren, in der Hauptsache mit den Dörfern östlich und westlich der ersten, wenn auch jüngsten Mündung zu tun: Schiewenhorst und Nickelswalde waren oder sind rechts und links des Weichseldurchstiches die letzten Dörfer mit Fährbetrieb; denn fünfhundert Meter flußabwärts mischt heute noch die offene See ihr nullkommaachtprozentiges Salzwasser mit dem oft aschgrauen, zumeist lehmgelben Ausfluß der weithingelagerten Republik Polen.

Beschwörende Worte: »Die Weichsel ist ein breiter, in der Erinnerung immer breiter werdender, trotz der vielen Sandbänke schiffbarer Strom…« spricht Brauchsel vor sich hin, läßt auf seiner Schreibtischplatte, die zum anschaulichen Weichseldelta wurde, einen Rest Radiergummi zwischen Streichholzdeichen als Fähre verkehren und stellt nun, da die Frühschicht eingefahren ist, da der Tag laut mit Sperlingen beginnt, den neunjährigen Walter Matern — Betonung auf der letzten Silbe — der untergehenden Sonne gegenüber auf die Nickelswaldener Deichkrone; er knirscht mit den Zähnen.

Was geht vor, wenn ein neunjähriger Müllerssohn auf dem Deich steht, dem Fluß zuschaut, der untergehenden Sonne ausgesetzt ist und gegen den Wind mit den Zähnen knirscht? Das hat er von seiner Großmutter, die neun Jahre lang fest im Stuhl saß und nur die Augäpfel bewegen konnte.

Vieles treibt vorbei, und Walter Matern sieht es. Von Montau bis Käsemark Hochwasser. Hier, kurz vor der Mündung, hilft die See. Man sagt, es waren Mäuse im Deich. Immer wenn ein Deich bricht, sagt man, es waren Mäuse im Deich. Katholiken aus dem Polnischen sollen über Nacht Mäuse im Deich angesiedelt haben, sagen die Mennoniten. Andere wollen den Deichgräfe auf seinem Schimmel gesehen haben. Aber die Versicherungsgesellschaft will weder an Wühlmäuse noch an den Deichgräfe von Güttland glauben. Als der Deich, der Mäuse wegen, brach, sprang der Schimmel mit dem Deichgräfe, wie es die Sage vorschreibt, in den hochgehenden Fluß, aber das half nicht viel: Denn die Weichsel nahm alle Deichgeschworenen. Und die Weichsel nahm die katholischen Mäuse aus dem Polnischen. Und sie nahm die groben Mennoniten mit Haken und Ösen aber ohne Taschen, nahm die feineren Mennoniten mit Knöpfen, Knopflöchern und teuflischen Taschen, nahm auch Güttlands drei Evangelische und den Lehrer, den Sozi. Nahm Güttlands brüllendes Vieh und Güttlands geschnitzte Wiegen, nahm ganz Güttland: Güttlands Betten und Güttlands Schränke, Güttlands Uhren und Güttlands Kanarienvögel, nahm Güttlands Prediger — der war grob und hatte Haken und Ösen —, nahm auch des Predigers Tochter, und die soll schön gewesen sein.

Das alles und noch mehr trieb vorbei. Was treibt ein Fluß wie die Weichsel vor sich her? Was in die Brüche geht: Holz, Glas, Bleistifte, Bündnisse zwischen Brauxel und Brauchsel, Stühle, Knöchlein, auch Sonnenuntergänge. Was längst vergessen war, bringt sich bäuchlings und rücklings als Schwimmer und mit Hilfe der Weichsel in Erinnerung: Adalbert kam. Adalbert kommt zu Fuß. Da trifft ihn die Axt. Aber Svantopolk läßt sich taufen. Was wird aus Mestwins Töchtern? Läuft eine barfuß davon? Wer nimmt sie mit? Der Riese Miligedo mit seiner Bleikeule? Der feuerrote Perkunos? Der bleiche Pikollos, der immer von unten nach oben schaut? Der Knabe Potrimpos lacht und kaut seine Weizenähre. Eichen werden gefällt. Die knirschenden Zähne — und Herzog Kynstutes Töchterlein, die ins Kloster ging: zwölf Ritter ohne Kopf und zwölf Nonnen ohne Kopf, die tanzen in der Mühle: die Mühle geht langsam, die Mühle geht schneller, mahlt Seelchen zu Mehl, doch der Schnee fällt viel heller: die Mühle geht langsam, die Mühle geht schneller, sie aß mit zwölf Rittern vom selbigen Teller: die Mühle geht langsam, die Mühle geht schneller, es geigen zwölf Ritter zwölf Nonnen im Keller: die Mühle geht langsam, die Mühle geht schneller, so feiern sie Lichtmeß mit Furz und Geträller: die Mühle geht langsam, die Mühle geht schneller … als aber die Mühle von innen nach außen brannte und Kutschen für kopflose Ritter und kopflose Nonnen vorfuhren, als viel später — Sonnenuntergänge — der heilige Bruno durchs Feuer ging und der Räuber Bobrowski mit seinem Kumpan Materna, von dem alles sich herleitet, Brände in vorher gezinkte Häuser legte — Sonnenuntergänge Sonnenuntergänge — Napoleon vorher und nachher: da wurde die Stadt kunstvoll belagert, denn sie erprobten mehrmals und mit wechselndem Erfolg congrevesche Raketen: in der Stadt aber und auf den Wällen, auf den Bastionen Wolf, Bär, Braunes Roß, auf den Bastionen Aussprung, Maidloch und Kaninchen husteten die Franzosen unter Rapp, spuckten die Polen mit ihrem Fürsten Radzivil, heiserte das Corps des einarmigen Capitaine de Chambure. Doch am fünften August kam das Dominikswasser, erkletterte ohne Leitern die Bastionen Braunes Roß, Kaninchen und Aussprung, machte das Pulver naß, ließ die congreveschen Raketen zischend untergehen und führte viele Fische, besonders Hechte, in die Gassen und Küchen: wunderbar wurden alle satt, obgleich die Speicher längs der Hopfengasse abgebrannt waren — Sonnenuntergänge. Was alles der Weichsel gut zu Gesicht steht, was einen Fluß wie die Weichsel färbt: Sonnenuntergänge, Blut, Lehm und Asche. Dabei sollte der Wind sie haben. Nicht alle Befehle werden ausgeführt; Flüsse, die in den Himmel wollen, münden in die Weichsel.

Zweite Frühschicht

Hier, auf Brauxels Schreibtischplatte, und über den Schiewenhorster Deich rollt sie, jeden Tag. Und auf dem Nickelswaldener Deich steht Walter Matern und knirscht mit den Zähnen; denn sie geht unter. Leergefegt verjüngen sich Deiche. Nur das Rutenzeug der Windmühlen, stumpfe Kirchtürme und Pappeln — die ließ Napoleon für seine Artillerie pflanzen — kleben auf den Deichkronen. Er allein steht. Allenfalls der Hund. Aber der ist weg und mal hier mal dort. Hinter ihm, schon im Schatten und unter dem Spiegel des Flusses, liegt das Werder und riecht nach Butter, Glumse, nach Käsereien, riecht gesundmachend und zum Erbrechen nach Milch. Neunjährig breitbeinig, mit blauroten Märzknien steht Walter Matern, spreizt zehn Finger, schlitzt die Augen, läßt alle Narben seines kurzgeschorenen Kopfes, die von Stürzen, Schlägereien und Stacheldrahtrissen zeugen, anschwellen, Profil gewinnen, knirscht von links nach rechts mit den Zähnen — das hat er von seiner Großmutter — und sucht einen Stein.

Auf dem Deich gibt es keinen Stein. Er aber sucht. Dürre Stöcke findet er. Aber einen dürren Stock kann man nicht gegen den Wind. Er will muß will aber schmeißen. Könnte Senta, mal hier mal weg, heranpfeifen, pfeift aber nicht, knirscht nur — das macht den Wind stumpf — und will schmeißen. Könnte Amsels Blick mit Häh! und Häh! von der Deichsohle auf sich ziehen, hat aber den Mund voller Knirschen und nicht voller Häh! und Häh! — will muß will dennoch, hat aber auch in den Taschen keinen Stein; hat sonst immer in der einen oder in der anderen Tasche einen oder zwei. Steine nennt man hier Zellacken. Die Evangelischen sagen: Zellacken, die paar Katholischen: Zellacken. Die groben Mennoniten: Zellacken. Die feinen: Zellacken. Auch Amsel, der gerne Ausnahmen macht, sagt Zellack, wenn er einen Stein meint; und Senta holt einen Stein, sagt wer zu ihr: Hol einen Zellack. Kriwe sagt Zellacken, Kornelius Kabrun, Beister, Folchert, August Sponagel und die Majorin von Ankum, alle sagen; und der Prediger Daniel Kliewer aus Pasewark sagt zu seiner groben und feinen Gemeinde: »Da häd sech dä klaine David ain Zellack jenomm ond häd dem Tullatsch, dem Goliath…« Denn ein Zellack ist ein handlicher taubeneigroßer Stein.

Jedoch Walter Matern findet weder noch in den Taschen. Rechts nur Krümel und Sonnenblumenkerne, links zwischen Bindfäden und knisternden Heuschreckenüberresten — während es oben knirscht, während die Sonne weg ist, während die Weichsel fließt, etwas aus Güttland, etwas aus Montau vorbeitreibt, Amsel gebückt und immerzu Wolken, während Senta gegen den Wind, die Möwen mit dem Wind, die Deiche sauber zum Horizont, während sie weg weg weg ist — findet er sein Taschenmesser. Sonnenuntergänge dauern in östlichen Gegenden länger als in westlichen: das weiß jedes Kind. Da fließt die Weichsel von einem Himmel zum gegenüberliegenden. Schon macht sich am Schiewenhorster Anleger die Dampffähre los und will schräg und bissig gegen den Fluß zwei Güterwagen der Kleinbahn nach Nickelswalde bringen, aufs Gleis nach Stutthof. Soeben dreht das Stück Leder, Kriwe genannt, sein Rindsledergesicht aus dem Wind und klappert wimperlos die Deichkrone gegenüber ab: bißchen gehendes Rutenzeug und Pappeln zum Abzählen. Hat nun was Starres im Auge, das bückt sich nicht, hat aber die Hand in der Tasche. Und läßt sein Auge von der Böschung rutschen: Da ist was komisch Rundes, das bückt sich, will wohl der Weichsel was wegnehmen. Das ist Amsel, der ist auf Klamotten aus — wofür Klamotten? —, das weiß jedes Kind.

Aber das Leder Kriwe weiß nicht, was Walter Matern, der einen Zellack in der Tasche suchte, in seiner Tasche fand. Während Kriwe sein Gesicht aus dem Wind zieht, wird das Taschenmesser in Walter Materns Hand wärmer. Dieses hat ihm Amsel geschenkt. Drei Klingen, einen Korkenzieher, eine Säge, einen Dorn hat es. Amsel dicklich rötlich und zum Lachen, wenn er weint. Amsel fischt an der Deichsohle im Schlamm, denn die Weichsel reicht, weil von Montau bis Käsemark Hochwasser ist und obgleich sie Fingerbreite um Fingerbreite fällt, bis zur Deichkrone und bringt Sachen mit, die es vorher in Palschau gab.

Weg. Sie ist drüben hinterm Deich und hat ein Rot hinterlassen, welches zunimmt. Da macht — was nur Brauxel wissen kann — Walter Matern eine Faust um das Messer in seiner Tasche. Amsel ist bißchen jünger als Walter Matern. Senta, weit weg und auf Mäuse aus, ist etwa so schwarz, wie der Himmel, von der Schiewenhorster Deichkrone aufwärts, rot ist. Da bleibt eine treibende Katze im Treibholz hängen. Möwen vermehren sich fliegend: gerissenes Seidenpapier knüllt, wird geglättet, klaftert; und die gläsernen Stecknadelkopfaugen sehen alles, was treibt, hängt, rennt, steht oder nur da ist, wie Amsels zweitausend Sommersprossen; auch daß er einen Helm trägt, wie er vor Verdun getragen wurde. Und der Helm rutscht, muß zurück in den Nacken, rutscht wieder, während Amsel Zaunlatten und Bohnenstangen, auch bleischwere Klamotten aus dem Schlamm fischt: Da löst sich die Katze, kreiselt weg, fällt den Möwen zu. Die Mäuse im Deich rühren sich wieder. Und die Fähre nähert sich immer. Da treibt ein toter gelber Hund und dreht sich. Senta steht gegen den Wind. Schräg und bissig bringt die Fähre zwei Güterwagen. Es treibt ein Kalb, das lebt nicht mehr. Jetzt stolpert der Wind, aber schlägt nicht um. Da bleiben die Möwen in der Luft stehn, sie zaudern. Jetzt hat Walter Matern — während Fähre, Wind und Kalb und die Sonne hinterm Deich und die Mäuse im Deich und die Möwen auf einem Fleck — die Faust mit dem Taschenmesser aus der Tasche heraus, hat sie, während die Weichsel fließt, vor den Pullover geführt und läßt, dem zunehmenden Rot gegenüber, alle Knöchel kreidig werden.

Dritte Frühschicht

Alle Kinder zwischen Hildesheim und Sarstedt wissen, was in Brauksels Bergwerk, das zwischen Hildesheim und Sarstedt liegt, gefördert wird.

Alle Kinder wissen, warum das Infanterieregiment hundertachtundzwanzig jenen Stahlhelm, den Amsel trägt, mit anderen Stahlhelmen neben einem Haufen Drillichzeug und einigen Gulaschkanonen in Bohnsack liegenlassen mußte, als es mit der Eisenbahn im Jahre zwanzig wegfuhr.

Die Katze ist schon wieder da. Alle Kinder wissen: Es ist nicht dieselbe Katze, nur die Mäuse wissen nicht und die Möwen wissen nicht. Die Katze ist naß naß naß. Da treibt etwas vorbei, das ist kein Hund und kein Schaf, das ist ein Kleiderschrank. Der Schrank stößt nicht mit der Fähre zusammen. Und als Amsel eine Bohnenstange aus dem Schlamm zieht und Walter Materns Faust über dem Taschenmesser ins Zittern kommt, gibt es Freiheit für eine Katze: Der offenen See, die bis zum Himmel reicht, treibt sie zu. Die Möwen verringern sich, die Mäuse im Deich rühren sich, die Weichsel fließt, die Faust überm Messer zittert, Nordwest heißt der Wind, die Deiche verjüngen sich, die offene See stemmt alles was sie hat gegen den Fluß, noch immer und immerzu geht die Sonne unter, noch immer und immerzu bringt die Fähre sich selber und zwei Güterwagen: Die Fähre kentert nicht, die Deiche brechen nicht, die Mäuse fürchten sich nicht, die Sonne will nicht zurück, die Weichsel will nicht zurück, die Fähre will nicht zurück, die Katze will nicht, die Möwen wollen nicht, die Wolken nicht, das Infanterieregiment nicht, Senta will nicht zu den Wölfen zurück, sondern bravbravbrav… Auch Walter Matern will jenes Taschenmesser, das ihm Amsel dick kurz fett schenkte, nicht in die Tasche zurückkehren lassen; vielmehr gelingt es der Faust über dem Messer, noch einen Anstrich kreidiger zu werden. Und es knirschen oben Zähne von links nach rechts. Es entspannt sich, während es fließt kommt untergeht treibt kreiselt zu- und abnimmt, die Faust über dem Taschenmesser, daß alles vertriebene Blut in die nunmehr locker geschlossene Hand schießt: Walter Matern wirft die Faust um den heißgewordenen Gegenstand hinter sich, steht nur noch auf einem Bein Fuß Ballen, auf fünf Zehen in einem Schnürschuh, hebt ohne Strumpf im Schuh sein Gewicht auf, läßt all sein Gewicht in die Hand hinter sich rutschen, zielt nicht, knirscht kaum; und in jenem fließenden treibenden untergehenden verlorenen Moment — denn auch Brauchsel kann ihn nicht retten, weil er vergaß, etwas vergaß — jetzt also, da Amsel vom Modder der Deichsohle aufblickt, dabei mit linkem Handrücken und einem Teil seiner zweitausend Sommersprossen den Stahlhelm in den Nacken, zu einem anderen Teil seiner zweitausend Sommersprossen schiebt, ist Walter Materns Hand weit voraus, leer, leicht und zeigt nur noch die Druckstellen eines Taschenmessers, das drei Klingen, einen Korkenzieher, eine Säge und einen Dorn hatte; in dessen Gehäuse Seesand, ein Rest Marmelade, Kiefernnadeln, Borkenmehl und eine Spur Maulwurfsblut sich verkrustet hatten; dessen Tauschwert eine neue Fahrradklingel gewesen wäre; das niemand gestohlen, das Amsel mit selbstverdientem Geld im Laden seiner Mutter gekauft, dann seinem Freund Walter Matern geschenkt hatte; das im letzten Sommer an Folcherts Schuppentor einen Schmetterling genagelt, unter der Anlegebrücke von Kriwes Fähre innerhalb eines Tages vier Ratten, in den Dünen beinahe ein Kaninchen und vor zwei Wochen einen Maulwurf getroffen hatte, bevor Senta ihn erwischen konnte. Weiterhin zeigt die Innenfläche der Hand Druckstellen desselben Messers, mit dem sich Walter Matern und Eduard Amsel, als sie acht Jahre alt und auf Blutsbrüderschaft aus waren, den Oberarm ritzten, weil ihnen Kornelius Kabrun, der in Deutsch-Südwest gewesen war und über Hottentotten Bescheid wußte, davon erzählt hatte.

Vierte Frühschicht

Mittlerweile — denn während Brauxel die Vergangenheit eines Taschenmessers aufdeckt und das gleiche Taschenmesser als geworfener Gegenstand der Wurfkraft, der Kraft des gegen ihn angehenden Windes und der eigenen Schwerkraft gehorcht, bleibt Zeit genug übrig, von Frühschicht zu Frühschicht einen Arbeitstag abzubuchen und mittlerweile zu sagen —, mittlerweile also hatte Amsel seinen Stahlhelm mit dem Handrücken in den Nacken geschoben. Er übersprang mit einem Blick die Deichböschung, erfaßte mit demselben Blick den Werfer, schickte den Blick dem geworfenen Gegenstand hinterdrein; und das Taschenmesser hat, behauptet Brauxel, mittlerweile jenen endlichen Punkt erreicht, der jedem aufstrebenden Gegenstand gesetzt ist, hat erreicht, während die Weichsel fließt, die Katze treibt, die Möwe schreit, die Fähre kommt, während die Hündin Senta schwarz ist und die Sonne nicht aufhört mit dem Untergehen.

Mittlerweile — denn wenn ein geworfener Gegenstand jenes Pünktchen erreicht hat, hinter dem der Abstieg beginnt, zaudert er einen Augenblick lang, täuscht Stillstand vor —, während das Taschenmesser also oben still steht, reißt Amsel seinen Blick von dem Pünktchen Gegenstand fort und hat wieder — schon fällt das Messer rasch ruckhaft, weil stärker dem Gegenwind ausgesetzt, dem Fluß zu — seinen Freund Walter Matern im Auge, der immer noch mit Ballen und Zehenspitzen ohne Strumpf im Schnürschuh wippt, die rechte Hand hoch und weit von sich hält, während sein linker Arm rudert und ihm das Gleichgewicht bewahren will.

Mittlerweile — denn während Walter Matern einbeinig wippt und ums Gleichgewicht besorgt ist, während Weichsel und Katze, Mäuse und Fähre, Hund und Sonne, während das Taschenmesser dem Fluß zufällt, ist in Brauchsels Bergwerk die Frühschicht eingefahren, die Nachtschicht ausgefahren und auf Fahrrädern davon, hat der Kauenwärter die Kaue abgeschlossen, haben die Sperlinge in allen Regenrinnen den Tag angefangen… Es gelang damals Amsel, mit kurzem Blick und gleich darauffolgendem Anruf Walter Matern aus dem knapp bewahrten Gleichgewicht zu bringen. Zwar kam der Junge auf der Nickelswaldener Deichkrone nicht zu Fall, geriet aber doch dergestalt wild ins Torkeln und Stolpern, daß er sein Taschenmesser aus dem Auge verlor, bevor es die fließende Weichsel berührte und unsichtbar wurde.

»Häh, Knirscher!« ruft Amsel. »Häst allwedder midde Zähne jeknirscht ond jeschmissen wie neilich?«

Walter Matern, der hier als Knirscher angesprochen wird, steht wieder breitbeinig mit durchgedrückten Knien und reibt sich die Innenfläche seiner rechten Hand, die immer noch nachglühende Profile eines Taschenmessers im Negativ zeigt.

»Häst doch jesehn, daas ech mißt schmeißen, was frägs noch.«

»Häst aber nech middem Zellack jeschmissen.«

»Na wenn hier kain Zellack nech ist.«

»Waas schmeißt denn, wenn kain Zellack nech hass?«

»Na wennech ain Zellack jehabt hädd, häddech och middem Zellack jeschmissen.«

»Wenn hädst de Senta jeschickt, hädse diä och jebracht ain Zellack.«

»Naachhä kann jeder sagen, häddst de Senta jeschickt. Schick du ma ain Gissert, wennä off Mäuse is.«

»Mid waas häst denn jeschmissen, wenn kain Zellack nech jehabt häst?«

»Waas frägs immer. Mid irjend son Dingsdam. Haß doch jesehn.«

»Häst mid main Knief jeschmissen.«

»Wa main Knief. Ond jeschenkt is jeschenkt. Ond wennech ain Zellack jehabt hädd, denn häddech nech middem Knief, denn häddech middem Zellack jeschmissen.«

»Hädst doch waas jesagt, ain Wortchen, daas da kain Zellack nech findst, denn häddech diä raufgeschmissen ainen, wo hier jenug hat.«

»Waas rädst ond schawieterst, wo ä nu weg ist.«

»Vlaicht krieg ech ain neuen Knief off Hemmelfaart.«

»Will aber kain neuen Knief nech.«

»Na wennech diä jäb, wirst schon nähmen.«

»Wätten wä, daas nech?«

»Wätten wä, daas nämmst?«

»Wätten wä?«

»Wätten wä!«

Dann wetten sie mit Handschlag: Husaren gegen Brennglas, indem Amsel seine Hand mit den vielen Sommersprossen den Deich hinaufreicht, Walter Matern seine Hand mit den Druckstellen des Taschenmessers hinunterreicht und mit dem Handschlag Amsel auf die Deichkrone zieht.

Amsel bleibt freundlich: »Du best jenau wie daine Oma inne Miehle. Die knirscht och immer midde paar Zähne, wo se noch hädd. Bloos schmeißen tut se nech. Dafier schlächt se middem Leffel.«

Amsel ist auf dem Deich etwas kleiner als Walter Matern. Während er spricht, zeigt sein Daumen über seine Schulter dorthin, wo hinter dem Deich das Straßendorf Nickelswalde und die Maternsche Bockwindmühle liegen. Die Deichböschung hinauf zieht Amsel ein sperriges Bündel Dachlatten, Bohnenstangen, ausgewrungene Lumpen. Immer wieder muß sein Handrücken den vorderen Rand des Stahlhelms heben. Die Fähre hat an der Nickelswaldener Anlegebrücke festgemacht. Man hört die beiden Güterwagen. Senta wird größer, kleiner, größer, nähert sich schwarz. Wieder treibt totes Kleinvieh vorbei. Breitschultrig fließt die Weichsel. Walter Matern wickelt seine rechte Hand in den unteren ausgefransten Rand seines Pullovers. Senta steht auf vier Beinen zwischen dem einen und dem anderen. Ihre Zunge hängt links heraus und zuckt. Sie hat ihre Augen auf Walter Matern gerichtet, weil der mit den Zähnen. Das hat er von seiner Großmutter, die neun Jahre lang fest im Stuhl und nur die Augäpfel.

Jetzt ziehen sie ab: verschieden groß auf der Deichkrone gegen die Anlegebrücke der Fähre. Schwarz die Hündin. Einen halben Schritt voran: Amsel. Hinterdrein: Walter Matern. Er schleppt Amsels Klamotten. Hinter dem Bündel richtet sich das Gras, während die drei auf dem Deich kleiner werden, langsam wieder auf.

Fünfte Frühschicht

Brauksel hat sich also, wie vorgesehen, übers Papier gebeugt, hat, während die anderen Chronisten sich gleichfalls und termingerecht über die Vergangenheit gebeugt und mit den Niederschriften begonnen haben, die Weichsel fließen lassen. Noch macht es ihm Spaß, sich genau zu erinnern: Vor vielen vielen Jahren, als das Kind zur Welt kam, aber noch nicht mit den Zähnen knirschen konnte, weil es zahnlos wie alle Kinder zur Welt gekommen war, saß die Großmutter Matern in der Hängestube fest im Stuhl, konnte seit neun Jahren nichts als die Augäpfel bewegen, nur blubbern und seibern.

Die Hängestube hing über der Küche, hatte ein Fenster zur Diele, von dem aus die Arbeit der Mägde beobachtet werden konnte, hatte ein Fenster hinten hinaus zur Maternschen Windmühle, die mit dem Stert auf dem Bock saß, also eine original Bockwindmühle war; das war sie schon seit hundert Jahren. Die Materns hatten sie im Jahre achtzehnhundertfünfzehn, kurz nach der Eroberung der Stadt und Festung Danzig durch die siegreichen russischen und preußischen Waffen, erbauen lassen; hatte es August Matern, der Großvater unserer fest im Stuhl sitzenden Großmutter, doch verstanden, während der langwierigen und lustlos geführten Belagerung ein Doppelgeschäft zu unterhalten: Einerseits begann er, gegen gute Konventionstaler, im Frühjahr Sturmleitern herzustellen; andererseits wußte er, gegen Laubtaler und noch bessere Brabanter Währung, in eingeschmuggelten Briefchen dem General Graf d’Heudelet mitzuteilen, daß es doch merkwürdig sei, wenn die Russen im Frühjahr, da man noch keine Äpfel ernten könne, Leitern in Mengen herstellen ließen.

Als schließlich der Gouverneur, Graf Rapp, die Kapitulation der Festung unterschrieben hatte, zählte August Matern im abgelegenen Nickelswalde die Dänischen Spezies und Zweidrittelstücke, die geschwind steigenden Rubel, die Hamburger Markstücke, Laubtaler und Konventionstaler, das Säckchen Holländische Gulden sowie die frischerstandenen Danziger Papiere, fand sich gut versorgt und gab sich der Lust des Wiederaufbaus hin: Die alte Mühle, in der nach Preußens Niederlage die flüchtende Königin Luise übernachtet haben soll, jene historische Mühle, deren Rutenzeug zuerst bei einem dänischen Überfall von der Seeseite her, dann bei nächtlichem Gefecht mit dem ausschwärmenden Freiwilligencorps des Capitaine de Chambure gelitten hatte, ließ er, bis auf den Bock, der noch gut im Holz war, abreißen und erbaute auf altem Bock jene neue Mühle, die immer noch mit dem Stert auf dem Bock saß, als sich die Großmutter Matern fest und unbeweglich in den Stuhl setzen mußte. Hier will Brauxel, bevor es zu spät ist, einräumen, daß August Matern mit den teils mühsam teils leicht erworbenen Mitteln nicht nur die neue Bockwindmühle erbaute, sondern auch dem Kapellchen in Steegen, wo es Katholische gab, eine Madonna stiftete, der es zwar nicht an Blattgold mangelte, die aber weder nennenswerte Pilgerfahrten auslöste noch Wunder wirkte.

Der Katholizismus der Maternschen Familie war, wie es sich bei einer Müllerfamilie gehört, vom Winde abhängig, und da im Werder immer ein brauchbares Lüftchen ging, ging auch das ganze Jahr über die Maternsche Mühle und hielt vom übermäßigen, die Mennoniten verärgernden Kirchgang ab. Allein Kindstaufen wie Begräbnisse, Hochzeiten und die hohen Feiertage trieben einen Teil der Familie nach Steegen; auch wurde einmal im Jahr, anläßlich der Steegener Feldprozession am Fronleichnamstag, der Mühle, dem Bock mit allen Dübeln, dem Mehlbalken wie dem Mahlkasten, dem großen Hausbaum wie dem Stert, besonders aber dem Rutenzeug Segen und Weihwasser zuteil; ein Luxus, den sich die Materns nie in grobmennonitischen Dörfern wie Junkeracker und Pasewark hätten leisten können. Die Mennoniten des Dorfes Nickelswalde jedoch, die alle auf fettem Werderboden Weizen anbauten und auf die katholische Mühle angewiesen waren, zeigten sich als Mennoniten feinerer Art, hatten also Knöpfe, Knopflöcher und richtige Taschen, in die man etwas hineinstecken konnte. Einzig der Fischer und Kleinbauer Simon Beister war ein echter Haken-und-Ösen-Mennonit, grob und taschenlos; deshalb hing über seinem Bootsschuppen ein gemaltes Holzschild, drauf schnörkelige Inschrift:

Mit Haken un Ösen:

Dem ward lieb Gottke erlösen.

Mit Knöpp un Taschen:

Dem ward der Düwel erhaschen.

Doch Simon Beister blieb der einzige Nickelswaldener, der seinen Weizen nicht in der katholischen Mühle, sondern in der Pasewarker mahlen ließ. Dennoch muß nicht er es gewesen sein, der einen verkommenen Melker aus Freienhuben im Jahre dreizehn, kurz vor Ausbruch des großen Krieges anstiftete, mit allerlei Zunder die Maternsche Bockwindmühle in Brand zu stecken. Es päserte schon unterm Bock und Stert, als Perkun, der junge Schäferhund des Mahlknechtes Pawel, den aber alle Paulchen riefen, schwarz und mit gestrecktem Schweif immer engere Kreise um Hügelchen, Bock und Mühle zog und mit trockenem Blaffen Mahlknecht und Müller aus dem Haus trieb.

Pawel oder Paul hatte das Tier aus dem Litauischen mitgebracht und zeigte auf Verlangen eine Art Stammbaum vor, dem jedermann entnehmen konnte, daß Perkuns Großmutter väterlicherseits eine litauische, russische oder polnische Wölfin gewesen war.

Und Perkun zeugte Senta; und Senta warf Harras; und Harras zeugte Prinz; und Prinz machte Geschichte… Doch vorerst sitzt immer noch die Großmutter Matern fest im Stuhl und kann nur die Augäpfel bewegen. Tatenlos muß sie zusehen, wie es die Schwiegertochter im Haus, wie es der Sohn in der Mühle, wie es die Tochter Lorchen mit dem Mahlknecht treibt. Aber den Mahlknecht holt der Krieg, und dem Lorchen verrückt sich der Geist: Fortan ist es im Haus, im Gemüsegarten, in der Mühle, auf den Deichen, in den Brennesseln hinter Folcherts Schuppen, vor und hinter den Dünen, barfuß am Strand und zwischen den Blaubeeren des Strandwaldes auf der Suche nach ihrem Paulchen — von dem nie zu erfahren sein wird, ob ihn die Preußen, ob ihn die Russen unter die Erde kriechen ließen. Einzig der Hund Perkun begleitet das sanft ältliche Mädchen, mit dem er den gleichen Herrn teilte.

Sechste Frühschicht

Vor langer langer Zeit — zählt Brauxel an seinen Fingern ab — als die Welt im dritten Kriegsjahr stand, Paulchen in Masuren geblieben war, Lorchen mit dem Hund herumirrte, der Müller Matern aber weiterhin Mehlsäcke schleppen durfte, weil er beiderseits schlecht hörte, saß die Großmutter Matern eines sonnigen Tages, da Kindstaufe gefeiert werden sollte — der taschenmesserwerfende Bengel vergangener Frühschichten bekam den Namen Walter vorgesetzt —, fest im Stuhl, rollte mit Augäpfeln, blubberte, seiberte und brachte dennoch kein Wort zusammen.

In der Hängestube saß sie und wurde von rasenden Schatten getroffen. Sie blitzte auf, verging im Halbdunkel, saß grell, saß düster. Auch Stücke Möbel, der Aufsatz des Vertikos, der gebuckelte Deckel der Truhe und der rote, seit neun Jahren unbenutzte Sammet des geschnitzten Betschemelchens leuchteten auf, vergingen, zeigten Profile, dunkelten klobig: flittriger Staub, staubloses Dämmern über der Großmutter und ihren Möbeln. Ihr Häubchen und der Pokal, glasblau auf dem Vertiko. Die gefransten Ärmel des Bettjäckchens. Das blindgescheuerte Dielenholz, auf dem die bewegliche, etwa handgroße Schildkröte, die der Mahlknecht Paul ihr geschenkt hatte, von Ecke zu Ecke wechselte, aufleuchtete und den Mahlknecht überlebte, indem sie mit kleinem Biß grünen Salatblättern halbrunde Profile gab. Und alle in der Hängestube verstreuten Salatblätter mit ihren Schildkrötenbißornamenten traf es grell grell grell; denn draußen, hinterm Haus, mahlte die Maternsche Bockwindmühle, bei einer Windgeschwindigkeit von acht Metern pro Sekunde, Weizen zu Mehl und wischte mit ihren vier Flügeln viermal in dreieinhalb Sekunden die Sonne aus.

Um die gleiche Zeit, da es in Großmutters Stube dämonisch grell düster zuging, wurde das Kind auf der Landstraße durch Pasewark, Junkeracker nach Steegen zur Taufe gefahren, wurden die Sonnenblumen am Zaun, der den Maternschen Gemüsegarten zur Landstraße hin abgrenzte, größer und größer, beteten einander an und wurden von der gleichen Sonne, die viermal in dreieinhalb Sekunden vom Rutenzeug der Windmühle ausgelöscht wurde, pausenlos verherrlicht; denn die Bockwindmühle hatte sich nicht zwischen Sonne und Sonnenblumen, nur, und das am Vormittag, zwischen die festsitzende Großmutter und eine Sonne geschoben, die im Werder nicht immer aber oft schien.

Seit wieviel Jahren saß die Großmutter fest?

Neun Jahre Hängestube.

Wie lange schon hinter Astern, Eisblumen, Wicken oder Winden?

Neun Jahre lang grell düster grell seitlich der Bockwindmühle.

Wer hatte sie so fest in den Stuhl gedrückt?

Das hatte die Schwiegertochter Ernestine, eine geborene Stange, ihr zugefügt.

Wie konnte das passieren?

Die Evangelische aus Junkeracker hatte Tilde Matern, die damals noch keine Großmutter, eher rüstig und lautstark gewesen war, zuerst aus der Küche getrieben, sich dann auf der Diele breitgemacht und putzte nun auf Fronleichnam die Fensterscheiben. Als Stine ihre Schwiegermutter aus den Stallungen vertrieb, ging es zwischen den Hühnern, die dabei Federn verloren, zum erstenmal handfest zu: Mit Futterschüsseln schlugen die Frauen aufeinander ein.

Das muß sich, zählt Brauxel nach, im Jahre neunzehnhundertfünf zugetragen haben; denn als zwei Jahre später Stine Matern, geborene Stange, noch immer nicht nach grünen Äpfeln und sauren Gurken verlangte und ihre Tage unerschütterlich nach dem Kalender bekam, sagte Tilde Matern zu ihrer Schwiegertochter, die mit verschränktem Armzeug vor ihr in der Hängestube stand: »Daas hab ech mä emmer schon jedacht, daas de Evangjelschen em Loch drinn dem Deikert sain Mäuschen ham. Ond daas knabbert alls wech, daas nuscht nech mecht rauskommen. Daas stinkt bloos!«

Es kam nach diesen Worten zu einem mit hölzernen Kochlöffeln ausgetragenen Religionskrieg, der für die Katholsche im Stuhl endete: Denn jener eichene Lehnstuhl, der vor dem Fenster, zwischen Kachelofen und Betschemelchen stand, fing eine vom Schlag gerührte Tilde Matern auf. Seit neun Jahren saß sie nun in diesem Gestühl, wenn sie nicht vom Lorchen und den Mägden, der Reinlichkeit wegen, für die Dauer eines Bedürfnisses weggehoben wurde.

Als die neun Jahre vorbei waren und sich erwiesen hatte, daß die Evangelischen im Schoß kein teuflisches Mäuschen, das alles wegfrißt und nichts keimen läßt, beherbergen, daß vielmehr etwas ausgetragen, als Sohn zur Welt gekommen und abgenabelt worden war, saß die Großmutter, während bei günstiger Witterung in Steegen getauft wurde, immer noch und unverrückt fest in der Hängestube. Unter der Stube, in der Küche, lag eine Gans im Backofen und zischelte mit ihrem eigenen Fett. Das tat die Gans im dritten Kriegsjahr des großen Krieges, da Gänse so selten geworden waren, daß man die Gans zu den aussterbenden Tierarten zählte. Lorchen Matern mit dem Muttermal, mit der flachen Brust, mit dem krausen Haar, Lorchen, die keinen Mann bekommen hatte — denn Paulchen war in die Erde gekrochen und hatte nur seinen schwarzen Hund hinterlassen —, Lorchen, die auf die Gans im Ofen aufpassen sollte, war nicht in der Küche, begoß die Gans nie, versäumte, die Gans zu wenden, besprach die Gans mit keinen Sprüchen, stand vielmehr mit den Sonnenblumen in einer Reihe hinter dem Zaun — den hatte der neue Mahlknecht im Frühjahr frisch gekälkt — und sprach zuerst freundlich, dann besorgt, zwei Sätze ärgerlich, gleich wieder vertraulich mit jemandem, der nicht auf der anderen Seite des Zaunes stand, der nicht in gefetteten und gleichwohl knarrenden Stiefeln vorbeiging, der keine Pluderhosen trug und dennoch Paul oder Paulchen genannt wurde und ihr, dem Lorchen Matern mit dem Wasserblick, etwas zurückgeben sollte, das er ihr genommen hatte. Aber Paul gab nicht zurück, obgleich die Stunde günstig — viel Stille, allenfalls Gesumm — und der Wind mit einer Geschwindigkeit von acht Metern pro Sekunde die rechte Schuhgröße hatte, die Mühle auf dem Bock dergestalt zu treten, daß sie eine Spur schneller ging als der Wind und in einem einzigen Mahlgang Miehlkes Weizen — der ließ gerade mahlen — zu Miehlkes Weizenmehl beuteln konnte.

Denn wenn auch ein Müllerssohn in Steegens hölzernem Kapellchen getauft wurde, stand dennoch Materns Mühle nicht still. Wenn Mahlwind war, mußte gemahlen werden. Eine Windmühle kennt nur Tage mit und Tage ohne Mahlwind. Lorchen Matern kannte nur Tage, an denen Paulchen vorbeiging und am Zaun stand, und Tage, da nichts vorbeiging, niemand am Zaun stand. Weil die Mühle mahlte, ging Paulchen vorbei und blieb stehen. Perkun blaffte. Fern hinter Napoleons Pappeln, hinter Folcherts, Miehlkes, Kabruns, Beisters, Momberts und Kriewes Gehöften, hinter der flachen Schule und Lührmanns Krug und Milchzentrale, lösten die Stimmen der Kühe einander ab. Da sagte Lorchen freundlich »Paulchen«, mehrmals »Paulchen«, sagte, während die Gans im Ofen unbegossen, nichtbesprochen und niegewendet immer röscher und sonntäglicher wurde: »Nu jibb mech daas wedder zurick. Ond nu sai doch nech so. Ond nu hab dech nech so. Ond nu jibb mech daas wedder zurick, wo echess breucht neetich. Ond nu jibb, ond nu sai nech, ond mechst mä nech jeben…«

Niemand erstattete etwas. Der Hund Perkun drehte den Kopf auf dem Hals und sah dem Davongehenden leise kujiehnend nach. Unter den Kühen nahm die Milch zu. Die Windmühle saß mit dem Stert auf dem Bock und mahlte. Sonnenblumen beteten einander Sonnenblumengebete vor. Die Luft summte. Und die Gans im Ofen begann zuerst langsam, dann so schnell und brenzlich anzubrennen, daß die Großmutter Matern in ihrer Hängestube über der Küche die Augäpfel schneller kreisen ließ, als es das Rutenzeug der Mühle vermochte. Während in Steegen das Taufkapellchen verlassen wurde, während die Schildkröte in der Hängestube handgroß von einer gescheuerten Diele zur nächsten wechselte, geriet sie jener bis in die Hängestube hinauf brenzlichen Gans wegen grell düster grell ins Blubbern Seibern und Schnauben. Zuerst stieß sie Haare, wie alle Großmütter sie in der Nase haben, durch Naslöcher aus, als aber bitterer Dunst die Stube grell durchzuckt ausmaß und die Schildkröte zaudern, die Salatblätter schrumpfen ließ, entfuhren ihr keine Naslochhaare mehr, sondern Dampf. Neunjähriger großmütterlicher Groll entlud sich: In Fahrt kam die großmütterliche Lokomotive. Vesuv und Ätna. Der Hölle bevorzugtes Element: Feuer ließ die entfesselte Großmutter zucken, trug drachengleich bei zum Grelldüster, und sie versuchte inmitten wechselnder Beleuchtung nach neun Jahren wiederum trockenes Zähneknirschen. Sie hatte Erfolg: Von links nach rechts, durchs Brenzliche stumpf gemacht, rieben sich die letzten ihr verbliebenen Stümpfe; und endlich mischte sich Krachen und Splittern ins Drachenschnauben, Dampfablassen, Feuerspeien, Zähneknirschen: Jener Eichenstuhl, den vornapoleonische Zeiten gefügt hatten, der die Großmutter neun Jahre lang, bis auf die kurzen Pausen der Reinlichkeit wegen, getragen hatte, gab sich auf und zerfiel im Moment, da es die Schildkröte von den Dielen her hoch und auf den Rücken warf. Gleichzeitig sprangen mehrere Kacheln des Ofens netzartig. Unten platzte die Gans und ließ ihre Füllung quellen. Zu pulvrigem Holzmehl, feiner als die Maternsche Bockwindmühle es mahlen konnte, zerfiel das Gestühl, stieg wolkig auf, wucherte als pomphaft belichtetes Denkmal der Vergänglichkeit und verhüllte die Großmutter Matern, die nicht etwa mit dem Stuhl mitgemacht hatte und zu großmütterlichem Staub geworden war. Was da auf schrumpligen Salatblättern, auf der rücklings liegenden Schildkröte, auf Möbeln und Dielen ablagerte, war nur Staub des Eichenholzes; sie, die Schreckliche, lagerte nicht ab, stand knisternd und elektrisch, dabei grelldüster vom Wechselspiel der Windmühlenflügel getroffen, aufrecht inmitten Staub und Moder, knirschte von links nach rechts, machte aus dem Knirschen heraus den ersten Schritt: schritt aus Grellem ins Düstere, schritt grell, schritt düster, überschritt die beinahe mit sich fertige Schildkröte, deren Bauch schwefelgelb und schön war, machte nach neunjährigem Stillsitzen zielbewußt Schritte, glitt nicht auf Salatblättern aus, trat die Tür der Hängestube auf, stieg, ein Ausbund von Großmutter, in Filzschuhen die Stiege zur Küche hinab, war, nun auf Fliesen und Sägespänen, mit zwei Händen in einem Regal und versuchte mit großmütterlichen Kochtricks die bitterlich anbrennende Taufgans zu retten. Und sie rettete auch ein wenig, indem sie das Versengte kratzte und löschte und die Gans umbettete. Doch jedermann in Nickelswalde, der ein Ohr hatte, hörte die Großmutter, während sie rettete, wild und aus ausgeruhter Kehle schrecklich deutlich schreien: »Luder, du Luder! Wo best denn, du Luder! Lorrchen, du Luder. Ech wärd dir, du Luder. Vädammichtes Luder! Luder, du Luder!«

Da war sie schon mit harthölzernem Kochlöffel aus brenzlicher Küche heraus, mitten im summenden Garten, und hatte die Mühle im Rücken. Links trat sie in die Erdbeeren, rechts in den Blumenkohl, blieb nicht in den Stachelbeeren hängen, war seit Jahren erstmals wieder zwischen den Saubohnen, dann aber gleich hinter und zwischen den Sonnenblumen und hieb, rechts hochgeschwungen und vom regelmäßigen Rutenzeug der Bockwindmühle in jeder Bewegung unterstützt, auf das arme Lorchen ein, auch auf die Sonnenblumen, nicht auf Perkun, der schwarz zwischen Saubohnenspalieren davonsprang.

Trotz der Schläge und obgleich ganz und gar ohne Paulchen, wimmerte das arme Lorchen in seine Richtung: »Nu hälf mä doch Paulchen, ond nu hälf mä doch Paulchen…«, aber es kamen ihr nur hölzerne Schläge zu und das Lied der entfesselten Großmutter: »Luder, du Luder du! Vädammichtes Luder du!«

Siebente Frühschicht

Brauksel fragt sich, ob er beim Auferstehungsfest der Großmutter Matern nicht zuviel höllischen Aufwand getrieben hat. Wäre es nicht Wunder genug gewesen, wenn die gute Frau schlicht und etwas steifbeinig aufgestanden und in die Küche gegangen wäre, die Gans zu retten? Mußte Dampf geschnaubt, Feuer gespien werden? Mußten Ofenkacheln springen und Salatblätter schrumpfen? Bedurfte es der sterbenden Schildkröte und des zu Staub zerfallenen Lehnstuhles?

Wenn Brauksel, heute ein nüchterner Mann der freien Marktwirtschaft, dennoch diese Fragen bejahen und auf Feuer und Dampf bestehen muß, wird er Gründe nennen müssen. Es gab und gibt nur einen Grund für das pomphafte Staffieren des großmütterlichen Auferstehungsfestes: Die Materns, besonders der zähneknirschende Zweig der Familie, vom mittelalterlichen Räuber Materna über die Großmutter, die eine echte Matern war — sie hatte ihren Cousin geheiratet —, bis zum Täufling Walter Matern, hatten den angeborenen Sinn für große, ja opernhafte Auftritte; und in Tat und Wahrheit machte sich die Großmutter Matern im Mai des Jahres siebzehn nicht still und wie selbstverständlich auf den Weg und rettete die Gans, sondern brannte zuvor das oben beschriebene Feuerwerk ab.

Zudem muß gesagt werden: Während die Großmutter Matern die Gans zu retten versuchte und gleich darauf dem armen Lorchen mit dem Kochlöffel zusetzte, rollten von Steegen kommend, an Junkeracker, Pasewark vorbei, die drei Zweispänner mit der hungrigen Taufgesellschaft. Und wie es Brauxel auch jucken mag, von dem nun folgenden Taufessen zu berichten — man holte, weil die Gans nicht genug hergab, Weißsauer und Gepökeltes aus dem Keller —, er muß dennoch die Taufgesellschaft ohne Zeugen zu Tische sitzen lassen. Niemand wird jemals erfahren, wie sich Romeikes und Kabruns, wie sich Miehlke und die Witwe Stange mit brenzlicher Gans, Weißsauer, Gepökeltem und Kürbis in Essig mitten im dritten Kriegsjahr vollschlugen. Besonders um den großen Auftritt der entfesselten, neu behenden Großmutter Matern tut es Brauxel leid; einzig die Witwe Amsel darf er aus dörflichem Idyll lösen, denn sie ist die Mutter unseres dicklichen Eduard Amsel, der während der ersten bis vierten Frühschicht Bohnenstangen, Dachlatten und bleischwere Klamotten aus der hochgehenden Weichsel fischte und jetzt, gleich Walter Matern, im Nachtrag getauft werden soll.

Achte Frühschicht

Vor vielen vielen Jahren — denn nichts erzählt sich Brauksel lieber als Märchen — lebte in Schiewenhorst, einem Fischerdorf links der Weichselmündung, der Händler Albrecht Amsel. Petroleum, Segeltuch, Frischwasserkanister, Tauwerk, Netze, Aalkästen, Reusen, jegliches Angelgerät, Teer, Farbe, Glaspapier, Garn, Öltuch, Pech und Talg verkaufte er, führte aber auch Werkzeug, vom Beil bis zum Taschenmesser, hatte kleine Hobelbänke, Schleifsteine, Fahrradschläuche, Karbidlampen, Flaschenzüge, Winden und Zwingen auf Lager. Schiffszwieback stapelte sich vor Korkwesten; ein Rettungsring, der nur noch beschriftet werden mußte, umschloß das große Glas mit den Malzbonbons; ein Kornschnaps, »Brotchen« genannt, wurde aus beleibter grünglasiger Korbflasche abgefüllt; Stoffe als Meterware, Stoffreste, aber auch neue wie getragene Kleider bot er an, dazu Kleiderbügel, gebrauchte Nähmaschinen und Mottenkugeln. Und trotz der Kugeln, trotz Pech und Petroleum, Schellack und Karbid roch es in Albrecht Amsels Laden, einem geräumigen Holzbau auf Betonfundament, der alle sieben Jahre dunkelgrün gestrichen wurde, zuerst und vordringlich nach Kölnisch Wasser und dann erst, noch ehe von Mottenkugeln die Rede sein konnte, nach geräucherten Fischen; denn Albrecht Amsel galt, neben all dem Kleinhandel, als Großeinkäufer der Flußfische wie der Seefische: Kisten aus leichtestem Kiefernholz, goldgelb und gedrängt voll mit Räucherflundern, Räucheraalen, lose und bundweis’ Sprotten, Neunaugen, Dorschrogen und streng wie lieblich geräuchertem Weichsellachs, zeigten an den Stirnbrettern eingebrannt den Namen der Firma A. Amsel — Frische Fische — Räucherfische — Schiewenhorst — Großes Werder — und wurden in der Danziger Markthalle, die zwischen Lawendelgasse und Junkergasse, zwischen der Dominikanerkirche und dem Altstädtischen Graben aus Backsteinen bestand, mit mittleren Stemmeisen aufgebrochen: Trocken knallte das Deckelholz. Quietschend entzogen sich Nägel den Seitenbrettchen. Und aus neugotischen Spitzbogenfenstern fiel Markthallenlicht auf frischgeräucherte Fische.

Obendrein und als weitplanender Händler, dem die Zukunft der Fischräuchereien im Weichseldelta und längs der Nehrung am Herzen lag, beschäftigte Albrecht Amsel einen Kaminmaurer, der von Plehnendorf bis Einlage, also in allen Dörfern entlang der Toten Weichsel, denen die Räuchereikamine ein ruinenhaft bizarres Aussehen gaben, Arbeit genug fand: Da galt es einem Kamin, der schlecht zog, beizukommen; da mußte einer jener mächtigen Räucherkamine, die alle Fliederbüsche und geduckten Fischerhäuser überragten, neu errichtet werden; das alles im Namen Albrecht Amsels, der, nicht ohne Grund, reich genannt wurde. Der reiche Amsel, sagte man — oder: »Der Jud Amsel.« Natürlich war Amsel kein Jude. Wenn er auch kein Mennonit war, nannte er sich doch gutevangelisch, hatte in der Fischerkirche zu Bohnsack einen festen, Sonntag für Sonntag besetzten Platz und heiratete Lottchen Tiede, eine rotblonde, zur Fülle neigende Bauerntochter aus Groß-Zünder; was besagen soll: Wie konnte Albrecht Amsel ein Jude sein, wenn ihm der Großbauer Tiede, der nur vierspännig und in Lackstiefeln von Groß-Zünder nach Käsemark fuhr, der beim Landrat ein und aus ging, der seine Söhne bei der Kavallerie, genauer gesagt, bei den ziemlich teuren Langfuhrer Husaren dienen ließ, dennoch seine Tochter Lottchen zur Frau gab.

Später sollen viele gesagt haben, der alte Tiede habe dem Juden Amsel sein Lottchen nur gegeben, weil er, wie viele Bauern, Händler, Fischer, Müller — so auch der Müller Matern aus Nickelswalde —, beim Albrecht Amsel hoch, für den Fortbestand seines Vierspänners gefährlich hoch in der Kreide gestanden habe. Zudem, sagte man, um etwas beweisen zu wollen, habe Albrecht Amsel, der Provinzial-Marktregulierungskommission gegenüber, die übermäßige Förderung der Schweinezucht eindeutig abgelehnt.

Brauksel, der alles besser weiß, zieht unter allen Vermutungen einen vorläufigen Schlußstrich: Denn ob ihm nun Liebe oder Wechselschulden das Lottchen Tiede ins Haus führten; ob er als getaufter Jude oder getaufter Christ sonntags in der Fischerkirche zu Bohnsack saß; Albrecht Amsel, der rührige Händler vom Weichselufer, ein, nebenbei gesagt, breitschultriger Mitbegründer des Turnvereines Bohnsack 05 e.V. und stimmstarker Bariton im Kirchenchor, brachte es an den Ufern der Flüsse Somme und Marne zum mehrfach dekorierten Reserveleutnant und fiel im Jahre siebzehn, knappe zwei Monate vor der Geburt seines Sohnes Eduard, nahe der Festung Verdun.

Neunte Frühschicht

Walter Matern erblickte im April, vom Widder gestoßen, das Licht dieser Welt. Die Fische des Monats März zogen beweglich und begabt Eduard Amsel aus Mutters Höhle. Im Mai, als die Gans anbrannte und die Großmutter Matern aufstand, wurde der Müllerssohn getauft. Dabei ging es katholisch zu. Schon Ende April wurde der Sohn des toten Händlers Albrecht Amsel in der Fischerkirche zu Bohnsack gutevangelisch und, wie es dort Sitte war, zur Hälfte mit Weichselwasser zur anderen Hälfte mit Ostseewasser besprenkelt.

Was immer die anderen Chronisten, die mit Brauksel seit neun Frühschichten um die Wette schreiben, abweichend von Brauksels Meinung berichten werden, in Sachen des Täuflings aus Schiewenhorst werden sie mir beipflichten müssen: Eduard Amsel oder Eddi Amsel, Haseloff, Goldmäulchen und so weiter ist unter allen Personen, die diese Festschrift — Brauchsels Bergwerk fördert seit bald zehn Jahren weder Kohle, Erz noch Kali — beleben sollen, der beweglichste Held, Brauxel ausgenommen.

Sein Beruf lag von Anfang an im Erfinden von Vogelscheuchen. Dennoch hatte er nichts gegen Vögel; wohl aber hatten die Vögel, gleich welcher Flug- und Federart sie sein mochten, etwas gegen ihn und seinen vogelscheuchenerfindenden Geist. Gleich nach der Taufe — die Glocken waren noch nicht fertig — erkannten sie ihn. Eduard Amsel jedoch lag prall unter straffem Taufkissen und gab nicht zu erkennen, ob Vögel ihm etwas bedeuteten. Die Taufpatin hieß Gertrud Karweise und strickte ihm später Jahr für Jahr Wollsocken, pünktlich zu Weihnachten. Auf ihren kräftigen Armen wurde der Täufling der vielköpfigen, auf ein endloses Taufessen eingeladenen Taufgesellschaft vorangetragen. Die Witwe Amsel, geborene Tiede, war zu Hause geblieben, überwachte das Tischdecken, gab in der Küche letzte Anweisungen und schmeckte die Soßen ab. Aber alle Tiedes aus Groß-Zünder, außer den vier Söhnen, die bei der Kavallerie gefährlich lebten — später fiel der Zweitjüngste —, stapften in gutem Tuch hinter dem Taufkissen. Es ging der Toten Weichsel entlang: die Schiewenhorster Fischer Christian Glomme und Frau Martha Glomme, geborene Liedke; Herbert Kienast und seine Frau Johanna, geborene Probst; Carl Jakob Ayke, dessen Sohn Daniel Ayke auf der Doggerbank, im Dienste der kaiserlichen Marine, zu Tode gekommen war; die Fischerwitwe Brigitte Kabus, deren Kutter ihr Bruder Jakob Nilenz führte; zwischen Ernst Wilhelm Tiedes Schwiegertöchtern, die städtisch in rosa, lindgrün und veilchenblau stöckelten, schwarzblankgebürstet: der alte Pastor Blech — ein Nachfahr jenes berühmten Diakons A.F. Blech, der als Pfarrer zu St. Marien die Chronik der Stadt Danzig von achtzehnhundertsieben bis achtzehnhundertvierzehn, also während der Franzosenzeit, geschrieben hatte. Großräuchereibesitzer Friedrich Bollhagen aus Westlich-Neufähr ging neben dem pensionierten Kapitän Bronsard, der während der Kriegszeit als freiwilliger Schleusenwärter zu Plehnendorf eine Aufgabe gefunden hatte. August Sponagel, den Gastwirt zu Wesslinken, überragte die Majorin von Ankum um Kopfeslänge. Da es Dirk Heinrich von Ankum, Gutsbesitzer zu Klein-Zünder, seit Anfang fünfzehn nicht mehr gab, hielt Sponagel die Majorin am starr rechtwinklig gebotenen Arm. Den Schluß, hinter dem Ehepaar Busenitz, das in Bohnsack eine Kohlenhandlung betrieb, machte der invalide Schiewenhorster Dorfschulze Erich Lau mit seiner hochschwangeren Margarete Lau, die als Tochter des Nickelswaldener Dorfschulzen Momber nicht unter ihre Verhältnisse geheiratet hatte. Der Deichinspektor Haberland hatte sich, weil er streng im Dienst war, schon vor dem Kirchenportal verabschieden müssen. Mag sein, daß noch ein Schock Kinder, alle zu blond und in zu feierlichen Kleidern, den Zug verlängerte.

Über Sandwege, die nur schütter die kriechenden Wurzeln der Strandkiefern bedeckten, ging es am rechten Ufer des Flusses entlang zu den wartenden Zweispännern, zu dem Vierspänner des alten Tiede, den jener sich trotz Kriegszeit und Pferdemangel zu halten wußte. Sand in den Schuhen. Kapitän Bronsard lachte atemlos laut, hustete dann lange. Gespräche wollten erst nach dem Taufessen geführt werden. Der Strandwald roch preußisch. Kaum floß der Fluß, ein toter Arm der Weichsel, der erst weiter unterhalb, durch den Zufluß der Mottlau einigen Antrieb erhielt. Die Sonne schien vorsichtig auf Feiertagskleider. Tiedes Schwiegertöchter fröstelten rosa lindgrün veilchenblau und hätten gerne die Umhängetücher der Witwen gehabt. Mag sein, daß das viele Witwenschwarz, die riesenhafte Majorin und der monumental schwankende Gang des Invaliden ein Ereignis förderten, das sich von Anfang an vorbereitet hatte: Kaum aus der Bohnsacker Fischerkirche heraus, wölken auf dem Kirchplatz die sonst kaum zu rührenden Möwen auf. Keine Tauben, denn Fischerkirchen halten sich Möwen und keine Tauben. Jetzt steigen schräg und steil aus Uferschilf und Entenflott: Dommeln, Seeschwalben, Krickenten. Weg sind alle Haubentaucher. Aus den Kiefern des Strandwaldes hebt es die Krähen. Stare und Amseln geben den Friedhof und die Gärten vor weißgekälkten Fischerhäusern auf. Aus Flieder und Rotdorn: die Stelzen, die Meisen, die Kehlchen, Finken und Drosseln, was alles im Lied vorkommt; wolkenweis Sperlinge aus Rinnen, von Drähten; Schwalben aus Stallungen und Mauerfugen; was der Familie der Vögel zugerechnet wird, bricht auf, zerstiebt, sirrt pfeilschnell, sobald das Taufkissen leuchtet, läßt sich vom Seewind über den Fluß tragen, bildet eine schwarze, entsetzt hin und her gerissene Wolke, in der sich Vögel, die sonst einander meiden, wahllos treffen, vom gleichen Schrecken gehetzt: Möwen und Krähen; das Habichtpärchen inmitten gescheckter Singvögel; die Elster die Elster!

Und fünfhundert Vögel, die Sperlinge nicht gerechnet, flüchten sich als Masse zwischen die Sonne und die Taufgesellschaft. Und fünfhundert Vögel werfen auf die Taufgäste, das Taufkissen und den Täufling einen Schatten, bedeutungsvoll.

Und fünfhundert Vögel — wer will Spatzen zählen? — bewirken, daß die Taufgäste, vom invaliden Dorfschulzen Lau bis zu den Tiedes, zusammenrücken und zuerst schweigend, dann murmelnd und unter starrem Blickewerfen, von hinten nach vorn drängen und dem schnellen, dem hastigen Schritt verfallen. August Sponagel stolpert über Kiefernwurzeln. Zwischen Kapitän Bronsard und Pastor Blech, der nur andeutungsweise die Arme hebt und ein berufsmäßiges Beschwichtigen versucht, stürmt, die Röcke wie beim Platzregen gerafft, die riesige Majorin voran und reißt alle mit: die Glommes und Kienast mit Frau, den Ayke und die Kabus, Bollhagen und das Ehepaar Busenitz; selbst der invalide Lau und sein hochschwangeres Weib, das später nicht etwa schreckhaft, das mit normalem Mädchen niederkommen soll, halten schweratmend Schritt — und nur die Patin mit den starken Armen fällt zurück und erreicht mit Täufling und verrutschtem Taufkissen als letzte die wartenden Zweispänner und den Vierspänner der Tiedes zwischen den ersten Pappeln der Landstraße nach Schiewenhorst.

Schrie der Täufling? Er greinte nicht, schlief aber auch nicht. Löste sich die Wolke aus fünfhundert Vögeln und ungezählten Sperlingen nach dem hastigen und gar nicht festlichen Davonrollen der Wagen sogleich auf? Noch lange fand die Wolke über dem trägen Fluß keine Ruhe: Mal stand sie über Bohnsack, mal spitz überm Strandwald und den Dünen, dann breit und fließend über dem anderen Ufer, und ließ eine Krähe auf eine Sumpfwiese fallen: Dort hob sie sich grau und starr ab. Erst als Zweispänner und Vierspänner in Schiewenhorst einfuhren, zerfiel die Wolke in Vogelarten, fand zum Kirchplatz, Friedhof, in die Gärten, Stallungen, ins Schilf, Fliedergebüsch, in die Kiefern zurück; aber bis zum Abend, als die Taufgesellschaft schon satt und trunken mit Ellenbogen den langen Tisch belastete, blieb die Unruhe in vielen verschieden großen Vogelherzen lebendig; denn Eduard Amsels vogelscheuchenerfindender Geist hatte sich, da er noch im Taufkissen lag, allen Vögeln mitgeteilt. Fortan wußten sie um ihn.

Zehnte Frühschicht

Wer will wissen, ob der Händler und Reserveleutnant Albrecht Amsel vielleicht doch Jude gewesen war? Ganz ohne Grund werden die Leute in Schiewenhorst, Einlage und Neufähr ihn nicht einen reichen Juden genannt haben. Und der Name? Ist der nicht typisch? Was? Aus dem Holländischen soll sich der Vogel herleiten, weil im frühen Mittelalter holländische Siedler die Weichselniederung entwässerten, sprachliche Eigentümlichkeiten, Windmühlen und ihre Namen mitbrachten?

Nachdem Brauksel während abgebuchter Frühschichten mehrmals beteuert hat, A. Amsel sei kein Jude gewesen, wörtlich sagte: »Natürlich war Amsel kein Jude«, kann er jetzt, mit gleichem Recht — denn beliebig ist alle Herkunft — überzeugen wollen: Natürlich war Albrecht Amsel ein Jude. Einer alteingesessenen jüdischen Schneiderfamilie aus Preußisch-Stargard entstammte er, hatte früh, schon als Sechzehnjähriger, Preußisch-Stargard in Richtung Schneidemühl, Frankfurt an der Oder, Berlin verlassen müssen — denn das Haus seines Vaters war voller Kinder — und kam vierzehn Jahre später — gewandelt rechtgläubig wohlhabend — über Schneidemühl, Neustadt, Dirschau an die Weichselmündung. Jener Durchstich, der Schiewenhorst zu einem Dorf am Fluß gemacht hatte, war, als Albrecht Amsel sich günstig einkaufte, noch kein Jahr alt.

Also begann er seinen Handel. Was hätte er sonst beginnen sollen? Also sang er im Kirchenchor. Warum hätte er als Bariton nicht im Kirchenchor singen sollen? Also gründete er mit anderen einen Turnverein und war unter allen Dorfbewohnern derjenige, der am festesten glaubte, er, Albrecht Amsel, sei kein Jude, der Name Amsel komme aus dem Holländischen: viele Leute heißen Specht, und ein berühmter Afrikapionier hieß sogar Nachtigall, nur Adler ist ein typisch jüdischer Name, niemals Amsel: der Schneiderssohn hatte sich vierzehn Jahre lang mit dem Vergessen seiner Herkunft und nur nebenbei aber genauso erfolgreich mit dem Zusammentragen eines gutevangelischen Vermögens beschäftigt.

Da schrieb im Jahre neunzehnhundertdrei ein junger altkluger Mann namens Otto Weininger ein Buch. Dieses einmalige Buch hieß »Geschlecht und Charakter«, wurde in Wien und Leipzig verlegt und gab sich auf sechshundert Seiten Mühe, dem Weib die Seele abzusprechen. Weil sich dieses Thema, zur Zeit der Emanzipation, als aktuell erwies, besonders aber, weil das dreizehnte Kapitel des einmaligen Buches, unter der Überschrift »Das Judentum«, den Juden, als einer weiblichen Rasse zugehörig, gleichfalls die Seele absprach, erreichte die Neuerscheinung hohe, schwindelerregende Auflagen und gelangte in Haushalte, in denen sonst nur die Bibel gelesen wurde. So fand Weiningers Geniestreich auch in Albrecht Amsels Haus.

Vielleicht hätte der Händler das dicke Buch nicht aufgeschlagen, wenn er gewußt hätte, daß ein Herr Pfennig dabei war, den Otto Weininger einen Plagiator zu nennen: Denn schon im Jahre nullsechs erschien eine böse Broschüre, die den toten Weininger — der junge Mann hatte sich eigenhändig ein Ende gesetzt — und Weiningers Kollegen Swoboda grob beschuldigte. Selbst S. Freud, der den verstorbenen Weininger einen hochbegabten Jüngling genannt hatte, konnte, so sehr er den Tonfall der bösen Broschüre mißbilligte, an der verbrieften Tatsache nicht vorbei: Weiningers Zentralidee der Bisexualität war nicht original, sondern war zuerst einem Herrn Fließ eingefallen. — Unwissend also schlug Albrecht Amsel das Buch auf und las bei Weininger — der sich mittels einer Fußnote als zum Judentum gehörig betrachtete: Der Jude hat keine Seele. Der Jude singt nicht. Der Jude treibt keinen Sport. Der Jude muß das Judentum in sich überwinden… Und Albrecht Amsel überwand, indem er im Kirchenchor sang, indem er den Turnverein Bohnsack 05 e.V. nicht nur begründete, sondern sich entsprechend gekleidet in die Turnriege stellte, am Barren, am Reck mitturnte, hoch und weit sprang, den Stafettenwechsel übte und gegen Widerstände — hier abermals Gründer und Pionier — das Schlagballspiel, eine verhältnismäßig junge Sportart, links und rechts aller drei Weichselmündungen beheimatete.

Brauksel, der hier nach bestem Wissen die Feder führt, wüßte gleich den Dorfbewohnern des Werders nichts von dem Städtchen Preußisch-Stargard und Eduard Amsels schneiderndem Großvater, hätte Lottchen Amsel, geborene Tiede, Stille bewahrt. Viele Jahre nach dem tödlichen Tag vor Verdun machte sie ihren Mund auf.

Der junge Amsel, von dem hier fortan, wenn auch mit Pausen, die Rede sein wird, war aus der Stadt ans Sterbebett seiner Mutter geeilt, und sie, der Zuckerkrankheit verfallen, fieberte dem Sohn ins Ohr: »Och Jonkchen. Väzaih dain arme Modder. Dä Amsel, dem de nech kennst, waas abä laibhaftich dain Vadder waar jewesen, daas warren Beschnittner, wie man so secht. Wennse dir nur nech mechten äwischen, wose doch jätz so scharf sind midde Jesätze.«

Eduard Amsel erbte zur Zeit der scharfen Gesetze — die aber im Gebiet des Freistaates noch keine Anwendung fanden — das Geschäft und Vermögen, Haus und Inventar, so auch ein Regal Bücher: Preußens Könige — Preußens große Männer — Der Alte Fritz — Anekdoten — Graf Schlieffen — Der Choral von Leuthen — Friedrich und Katte — Die Barbarina — und Otto Weiningers einzigartiges Buch, das Amsel, während die anderen Bücher nach und nach verlorengingen, fortan mit sich trug. Er las auf seine Art darin, las auch die Randnotizen, die sein turnender singender Vater gemacht hatte, rettete das Buch über schlimme Zeiten hinweg und sorgte dafür, daß es auf Brauxels Schreibtisch heute und jederzeit aufgeschlagen werden kann: Weininger hat dem Federführenden schon manchen Einfall gepfropft. Die Vogelscheuche wird nach dem Bild des Menschen erschaffen.

Elfte Frühschicht

Brauchsels Haare wachsen nach. Während er schreibt oder dem Bergwerk vorsteht, wachsen sie nach. Während er speist, geht, schlummert, atmet oder die Luft anhält, während die Frühschicht einfährt, die Nachtschicht ausfährt und Sperlinge den Tag beginnen, wachsen sie. Ja, während der Friseur mit kalten Fingern Brauksels Haare, weil das Jahr zu Ende geht, wunschgemäß kürzt, wachsen sie ihm unter der Schere nach. Einst wird Brauksel, wie Weininger, tot sein, aber seine Haare, Fußnägel, Fingernägel werden ihn eine Weile überleben — wie dieses Handbuch über den Bau wirksamer Vogelscheuchen gelesen werden wird, wenn es den Federführenden schon lange nicht mehr gibt.

Von scharfen Gesetzen war gestern die Rede. Aber zur Zeit unserer gerade anhebenden Erzählung sind die Gesetze noch milde, bestrafen Amsels Herkunft überhaupt nicht; Lottchen Amsel, geborene Tiede, weiß nichts von der entsetzlichen Zuckerkrankheit; Albrecht Amsel war »natürlich« kein Jude; Eduard Amsel ist gleichfalls gutevangelisch, trägt das schnellwachsende rotblonde Haar seiner Mutter und treibt sich dicklich, bereits im Besitz aller Sommersprossen, zwischen trocknenden Fischernetzen herum und betrachtet die Umwelt mit Vorliebe durch Fischernetze: was Wunder, wenn ihm die Welt bald netzartig gemustert vorkommen will und mit Bohnenstangen verstellt.

Vogelscheuchen! Hier wird behauptet, der kleine Eduard Amsel habe anfangs — und als Fünfeinhalbjähriger etwa baute er seine erste nennenswerte Scheuche — nicht die Absicht gehabt, Vogelscheuchen zu bauen. Leute aus dem Dorf und durchreisende Vertreter, die mit Feuerversicherungen und Saatgutproben das Werder bereisten, Bauern, die vom Notar zurückkamen, alle die ihm zuschauten, wenn er auf dem Deich neben der Schiewenhorster Anlegebrücke seine Figuren flattern ließ, dachten aber in diese Richtung; und Kriwe sagte zu Herbert Kienast: »Liebärchen, nu kick dech ma an, waas dem Amsel sain Jong jemacht häd: laibhaftische Vogelschaichen.« Wie schon nach der Taufe hatte Eduard Amsel auch später nichts gegen die Vögel; aber alles, was sich rechts und links der Weichsel vogelleicht vom Wind tragen ließ, hatte etwas gegen seine Produkte, Vogelscheuchen genannt. Diese, und er baute täglich eine, glichen sich niemals. Was er gestern aus gestreiften Hosen, einem großkarierten jackenähnlichen Fetzen, einem krempenlosen Hut und mit Hilfe einer lückenhaften, dazu brüchigen Leiter und einem Arm frischer Weidenzweige in dreistündiger Arbeit gebaut hatte, riß er am folgenden Morgen nieder und baute aus den gleichen Requisiten ein Unikum anderen Geschlechtes, anderen Glaubens — in jedem Fall aber ein Gebilde, das den Vögeln Distanz befahl.

Wenn all diese vergänglichen Bauwerke immer wieder Fleiß und Anteil der Phantasie des Baumeisters verrieten, war es dennoch Eduard Amsels wacher Sinn für die vielgestaltete Realität, war es sein über feisten Wangen neugieriges Auge, das seine Produkte mit gutbeobachteten Details ausstattete, funktionieren ließ und zu vogelscheuchenden Produkten machte. Sie unterschieden sich von den landläufigen Vogelscheuchen, die rings in den Gärten und Feldern schwankten, nicht nur formal, sondern auch im Effekt: Wenn die x-beliebigen Scheuchen der Vogelwelt gegenüber nur geringe, kaum Achtungserfolge buchen konnten, wohnte seinen Geschöpfen, die ja zwecklos und gegen nichts gebaut waren, die Möglichkeit inne, Panik unter den Vögeln zu bewirken.

Seine Scheuchen schienen lebendig zu sein und waren, wenn man ihnen lange genug zuschaute, schon während des Entstehens, auch als Torso, wenn sie abgerissen wurden, ganz und gar lebendig: Über den Deich spurteten sie, Deichläufer winkten, drohten, griffen an, schlugen zu, grüßten von Ufer zu Ufer, ließen sich vom Wind tragen, unterhielten Gespräche mit der Sonne, segneten den Fluß und seine Fische, zählten die Pappeln, überholten die Wolken, brachen Kirchturmspitzen ab, wollten gen Himmel fahren, die Fähre entern, verfolgen und flüchten, waren nie anonym, sondern bedeuteten den Fischer Johann Lickfett, den Pastor Blech, immer wieder den Fährmann Kriwe, der offenen Mundes den Kopf schräg hielt, Kapitän Bronsard, Inspektor Haberland und wen sonst noch das flache Land zu bieten hatte. So wurde die starkknochige Majorin von Ankum, obgleich sie ihre Klitsche in Klein-Zünder hatte und selten an der Fähre Portrait stand, als vögel- und kinderschreckendes Riesenweib auf dem Schiewenhorster Deich beheimatet und hielt sich dort drei Tage lang.

Wenig später, als für Eduard Amsel die Schule begann, war es Herr Olschewski, der junge Volksschullehrer der Dorfschule Nickelswalde — denn Schiewenhorst unterhielt keine Schule —, der stillhalten mußte, wenn ihn sein sommersprossenreichster Schüler vogelscheuchenleicht auf die große Düne rechts der Flußmündung pflanzte. Zwischen die neun windgebogenen Kiefern auf dem Dünenkamm stellte Amsel des Lehrers Doppelgänger und legte ihm das topfebene Werder, von der Weichsel bis zur Nogat, obendrein die Niederung bis zu den Türmen der Stadt Danzig, bis zu den Hügeln und Wäldern hinter der Stadt, dazu den Fluß von der Mündung bis zum Horizont, die offene See bis zur geahnten Halbinsel Hela, eingeschlossen die Schiffe, die auf der Reede ankerten, anschaulich vor die Füße in Segeltuchschuhen.

Zwölfte Frühschicht

Das Jahr läuft aus. Ein besonderes Jahresende, weil, der Berlinkrise wegen, das Sylvesterfest nur mit Leuchtkörpern und nicht mit Knallkörpern gefeiert werden soll. Zudem hat man hier, im Lande Niedersachsen, kürzlich den Hinrich Kopf, einen naturgetreuen Landesvater, zu Grabe getragen; ein Grund mehr, um Mitternacht keine Knallfrösche springen zu lassen. Vorsorglich hat Brauxel, in Übereinstimmung mit dem Betriebsrat, in der Kaue, im Verwaltungsgebäude, desgleichen auf der Hängebank und am Füllort anschlagen lassen: Arbeitern und Angestellten der Firma Brauxel & Co. — Export Import — wird nahegelegt, das Sylvesterfest still und den ernsten Zeiten gemäß zu feiern. Auch konnte der Federführende nicht umhin, sich selbst zu zitieren, indem er das Sätzchen »Die Vogelscheuche wird nach dem Bild des Menschen erschaffen« geschmackvoll auf Bütten drucken ließ und an Kunden wie Geschäftsfreunde als Neujahrsgruß verschickte.

Das erste Schuljahr bescherte Eduard Amsel allerlei. Lächerlich rund und mit Sommersprossen besprenkelt, wie er nun einmal zwei Dörfern täglich unter die Augen geriet, fiel ihm die Rolle des Prügelknaben zu. Wie die Spiele der Jugend auch hießen, er mußte mitspielen, vielmehr, es wurde ihm mitgespielt. Zwar weinte Klein-Amsel, wenn ihn die Horde in die Brennesseln hinter Folcherts Schuppen zerrte, mit mürbem, nach Teer stinkendem Tauwerk an einen Pfahl fesselte und — wenn schon nicht phantasievoll, so doch schmerzhaft — marterte; aber durch Tränen hindurch, die bekanntlich eine verschwommene und dennoch übergenaue Optik vermitteln, wollten seine in Fett verpackten grüngrauen Äugelchen das Beobachten, Abschätzen, das sachliche Wahrnehmen typischer Bewegungen nicht aufgeben. Zwei drei Tage nach solch einer Prügelei — es mochte vorkommen, daß zwischen zehn Schlägen, neben anderen Schimpfworten und Übernamen, absichtslos absichtsvoll das Wörtchen »Itzig!« ausgestoßen wurde — fand sich im Strandwald, zwischen den Dünen oder direkt am Strand, beleckt von der See, dieselbe Prügelszene in einer einzigen vielarmigen Vogelscheuche abgebildet.

Diesen Prügeleien und nachfolgenden Konterfeis vorangegangener Prügeleien bereitete Walter Matern ein Ende. Er, der geraume Zeit lang mitgeprügelt, sogar das Wörtchen »Itzig« absichtsvoll absichtslos eingeführt hatte, ließ eines Tages, womöglich, weil er am Strand eine zwar zerfledderte, dennoch blindwütig umsichschlagende, ihm nicht unähnliche, ihn vielmehr verneunfachende Vogelscheuche entdeckt hatte, mitten im Prügeln seine Fäuste sinken, ließ beide Fäuste — wenn man so sagen darf — fünf Faustschläge lang nachdenken und prügelte dann abermals: Doch war es fortan nicht mehr Klein-Amsel, der stillhalten mußte, wenn Walter Materns Fäuste sich selbständig machten; den übriggebliebenen Peinigern Amsels setzte er zu, tat das so hingegeben und unter gleichmäßigem Zähneknirschen, daß er noch lange in die weiche Sommerluft hinter Folcherts Schuppen boxte, obgleich niemand außer dem blinzelnden Amsel hinter dem Schuppen verblieben war.

Freundschaften, die während oder nach Prügeleien geschlossen wurden, müssen sich, das wissen wir alle aus atemberaubenden Filmen, noch oft und atemberaubend bewähren. Auch der Freundschaft Amsel-Matern werden in diesem Buch — allein deswegen wird es sich in die Länge ziehen — noch viele Proben auferlegt werden müssen. Schon zu Beginn gab es, zum Nutzen der jungen Freundschaft, für Walter Materns Fäuste viel zu tun, weil die Fischer- und Bauernrüpel den jäh geschlossenen Freundschaftsbund nicht begreifen wollten und den zappelnden Amsel, kaum war die Schule aus, gewohnheitsgemäß hinter Folcherts Schuppen zerrten. Denn langsam floß die Weichsel, langsam verjüngten sich die Deiche, langsam wechselten die Jahreszeiten, langsam zogen Wolken, langsam mühte sich die Fähre, langsam ging man auf plattem Land von der Petroleumlampe zum elektrischen Licht über, nur zögernd wollte man in den Dörfern rechts und links der Weichsel begreifen: Wer zu Klein-Amsel will, muß zuerst mit Walter Matern ein Wörtchen sprechen. Das Geheimnis der Freundschaft begann langsam Wunder zu wirken. Ein Bild, stellvertretend für viele und farbige Situationen junger Freundschaft auf dem Lande, zwischen den feststehenden Figuren des Landlebens — Bauer, Knecht, Pastor, Lehrer, Posthalter, Hausierer, Käsereibesitzer, Inspektor des Milchgenossenschaftsverbandes, Forsteleve und Dorftrottel — hielt sich in seiner Einmaligkeit viele Jahre lang, ohne fotografiert zu werden: Irgendwo in den Dünen, den Strandwald mit seinen Schneisen im Rücken, arbeitet Amsel. Ausgebreitet und übersichtlich geordnet liegen Bekleidungsstücke verschiedener Machart. Keine Mode herrscht vor. Mit Sandhäufchen und Treibholz beschwert, werden das Drillichzeug des untergegangenen preußischen Heeres und die gescheckte steiftrockene Ausbeute des letzten Hochwassers am Davonflattern gehindert: Nachthemden, Gehröcke, Hosen ohne Plafond, Küchenschlunzen, Wämse, geschrumpfte Ausgehuniformen, Gardinen mit Gucklöchern, Leibchen, Lätzchen, Kutscherröcke, Bauchbinden, Brustwickel, zerkaute Teppiche, Krawattengedärm, Fähnchen vom Schützenfest und eine Aussteuer Tischdecken riechen und ziehen Fliegen an. Die vielgliedrige Raupe aus Filz- und Velourshüten, Mützen, Helmen, Kappen, Nachthauben, Käppis, Baretten und Strohtöpfen windet sich, will sich selbst in den Schwanz beißen, bietet jedes Glied ihrer Länge an, liegt mit Fliegen bestickt und wartet auf ihre Verwendung. Sonnenschein läßt alle in den Sand gespießten Zaunlatten, Leiterfragmente, Bohnenstangen, die glatten und knorrigen Spazierstöcke, die simplen Knüppel, wie See und Fluß sie anschwemmen, verschieden lange, wandernde und die Zeit mitrückende Schatten werfen. Dazu ein Berg Bindfäden, Blumendraht, halbfaules Tauwerk, brüchiges Lederzeug, verfilzte Schleier, Wollgekröse und Strohfaschinen, wie sie faulig geschwärzt aus den zerfallenden Dächern der Feldscheunen rutschen. Bauchige Flaschen, bodenlose Melkeimer, Pißkacheln und Suppentöpfe liegen für sich. Und zwischen all den Vorräten, überraschend behende: Eduard Amsel. Schwitzt, tritt barfuß auf Stranddisteln, merkt aber nichts, stöhnt, grunzt, kichert bißchen, pflanzt hier eine Bohnenstange, wirft ihr quer eine Dachlatte dagegen, wirft Draht hinterdrein — er bindet ja nicht, sondern wirft aneinander, und es hält wunderbar —, läßt einen rotbraunen, silberdurchwirkten Vorhang dreieinhalbmal um Bohnenstange und Dachlatte klettern, erlaubt Strohfaschinen, in sich verfilzt, überm Senffäßchen zum Kopf zu werden, gibt einer Tellermütze das Vorrecht, tauscht den Studentendeckel gegen den Quäkerhut ein, bringt die Raupe aus Kopfbedeckungen, gleichfalls die bunten Strandfliegen durcheinander, will kurze Zeit lang eine Nachthaube siegen lassen und bestätigt endlich einem Kaffeewärmer, dem das letzte Hochwasser eine straffere Form verliehen hat, die Funktion überm Scheitel. Rechtzeitig begreift er, daß dem Ganzen noch eine Weste und zwar eine Weste, die hinten blank ist, fehlt, wählt aus den Pracherfleppen und muffigen Plunsen und wirft, halb über die Schulter und ohne recht hinzuschauen, dem Geschöpf unterm Kaffeewärmer die Weste an. Schon pflanzt er ein müdes Leiterchen links, kreuzweis zwei mannshohe Knüppel rechts, verschränkt ein dreizaunlattenbreites Stück Gartenzaun zu einer geschraubten Arabesque, zielt kurz, wirft, trifft mit steifem Drillich, vermittelt mit knarrendem Koppelzeug, gibt dieser Figur, dem Vorreiter seiner Gruppe, mit Hilfe des Wollgekröses einige militärische Befehlsgewalt und ist gleich darauf stoffbeladen, lederbehängt, tauwerkumschlungen, siebenmalbemützt und fliegenumjubelt vor, seitlich, südöstlich und steuerbord seines verlorenen Haufens, der mehr und mehr zur vogelscheuchenden Gruppe wird; denn aus den Dünen, dem Strandhafer, den Kiefern des Strandwaldes hebt es gewöhnliche und — ornithologisch gesehen — seltene Vögel. Ursache und Wirkung: zu einer Wolke, hoch über dem Arbeitsplatz des Eduard Amsel, ballt es sie. Mit Vogelschrift schreiben sie ihre Angst immer enger, steiler und krauser durcheinander. Dieser Text birgt die Wurzel Krah, treibt den Waldtaubenzweig Marukruh, hört, wenn er aufhört, mit Pih auf, hat aber viele Uebü, viel Oekk, das Stockenten-Räätsch und das Ochsengebrüll der Rohrdommeln als Ferment. Keinen Schrecken gibt es, der, von Amsels Produktion gefördert, nicht Ausdruck fände. Wer aber macht über rieselnde Dünenkämme hinweg seine Runde und erhält der vogelscheuchenden Arbeit des Freundes den notwendigen Frieden?

Diese Fäuste gehören Walter Matern. Sieben Jahre ist er alt und blickt grau über die See, als gehöre sie ihm. Die junge Hündin Senta bellt die kurzatmigen Ostseewellen an. Perkun gibt es nicht mehr. Eine der vielen Hundekrankheiten nahm ihn hinweg. Perkun zeugte Senta. Senta, vom Stamme Perkun, wird Harras werfen. Harras, vom Stamme Perkun, wird Prinz zeugen. Prinz, vom Stamme Perkun Senta Harras — und ganz am Anfang bellt die litauische Wölfin —, wird Geschichte machen … doch zur Zeit bellt Senta die schwache Ostsee an. Er aber steht barfuß im Sand. Durch bloßen Willen und durch leichtes Vibrieren, von den Knien zu den Sohlen herab, vermag er sich tiefer und tiefer in die Düne zu bohren. Bald wird der Sand die gekrempelten, vom Seewasser steifen Cordhosen erreichen: Da springt Walter Matern aus dem Stand heraus, gibt Sand an den Wind, ist weg von der Düne, Senta weg von den kurzen Wellen, haben wohl beide was spitzbekommen, werfen sich, er braun und grün in Cord und Wolle, sie schwarz und gestreckt, über den nächsten Dünenkamm in den Strandhafer, tauchen hintereinander ganz woanders — und nachdem sechsmal die lahme See den Strand klatschte — langsam gelangweilt wieder auf. Es war wohl nichts. Luftklöße. Windsuppen. Nicht mal ein Kaninchen.

Oben aber, wo aus der Putziger Ecke ziemlich gleichgroß geratene Wolken vor blauem Waschkleid in Richtung Haff schwimmen, wollen schrill heiser die Vögel nicht aufhören, Amsels fast fertige Vogelscheuchen als schon fertige Vogelscheuchen zu bestätigen.

Dreizehnte Frühschicht

Es blieb zum Jahresende dankenswert ruhig auf dem Betriebsgelände. Die Lehrlinge, unter Aufsicht des Steigers Wernicke, schickten vom Förderturm einige hübsche Raketen hoch, die unser Firmenzeichen, das bekannte Vogelmotiv, nachbildeten. Leider hing die Wolkendecke zu tief, als daß sich der Zauber recht hätte entfalten können.

Figurenmachen: dieses Spiel in den Dünen, auf der Deichkrone oder inmitten einer blaubeerenreichen Lichtung des Strandwaldes, bekam einen zusätzlichen Sinn, als eines Abends — die Fähre hatte schon ihren Betrieb eingestellt — der Fährmann Kriwe den Dorfschulzen zu Schiewenhorst mit rotweißkariertem Töchterchen an den Waldrand führte, wo Eduard Amsel, immer behütet von seinem Freund Walter Matern und der Hündin Senta, vor steil beginnenden Walddünen sechs oder sieben Ergebnisse letzter Produktion aufgereiht hatte, ohne sie in Reih und Glied gestellt zu haben.

Über Schiewenhorst ließ sich die Sonne fallen. Die Freunde warfen langgezogene Schatten. Wenn dennoch Amsels Schatten fülliger blieb, mag hier die absackende Sonne den Beweis antreten, wie dick der Bengel war; später wird er noch dicker werden.

Beide rührten sich nicht, als der schiefe lederne Kriwe und der invalide Bauer Lau mit nachgezogenem Töchterchen und drei Schatten ankamen. Senta wartete ab und hechelte kurz. Mit leerem Blick — das hatten sie oft geübt — guckten beide vom Dünenkamm über die gereihten Scheuchen hinweg, über die abfallende Wiese, in der die Maulwürfe hausen, in Richtung Maternsche Bockwindmühle. Die saß mit dem Stert auf dem Bock, wurde insgesamt von einem runden Hügelchen in den Wind gehoben, ging aber nicht.

Wer aber stand am Fuß des Hügels und hielt rechts einen Sack, der über der Schulter knickte? Das war der weiße Müller Matern, der unterm Sack stand. Auch er, wie das Rutenzeug, wie die beiden auf dem Dünenkamm, wie Senta starr, wenn auch aus anderen Gründen.

Kriwe streckte langsam den linken Arm mit knotigem lederbraunem Finger. Hedwig Lau, selbst werktags sonntäglich gekleidet, bohrte mit schwarzem Lackspangenschuh im Sand. Kriwes Zeigefinger wies auf Amsels Ausstellung: »Liebärchen. Daas send se nu, wo ech häd gemaint.« Und sein Finger wanderte gründlich von Scheuche zu Scheuche. Des Bauern Lau etwa achteckiger Kopf folgte ruckend dem ledernen Finger und blieb bis zum Schluß der Vorstellung — es waren sieben Scheuchen — um zwei Scheuchen im Rückstand.

»Dä Bengel maacht Schaichen Liebärchen, da blaibt diä kain Vegelchen nech.«

Weil der Lackspangenschuh bohrte, ging die Bewegung auf den Saum des Kleides und die Zopfschleifen vom gleichen Stoff über. Der Bauer Lau kratzte sich unter der Mütze und klabasterte, nun schon feierlich langsam, die sieben Scheuchen in umgekehrter Reihenfolge noch einmal ab. Amsel und Walter Matern hockten auf dem Dünenkamm, ließen die Beine ungleichmäßig baumeln und hatten den Blick im starren Rutenzeug der Bockwindmühle hängen. Amsels Kniestrümpfe mit Gummizug schnürten unterm Knie die dicklichen Waden ab: Rosa Fleisch warf ein Puppenwülstchen. Starr blieb der weiße Müller am Fuß des Hügels. Seine rechte Schulter ließ den Zentnersack knicken. Sehen konnte man den Müller; aber er war ganz woanders. »Ech kennt, Liebärchen, wännde mechst, dem Bengel ma fragen, waas sone Schaiche mecht kosten, wennse waas kosten mecht.« Langsamer kann niemand nicken, als der Bauer und Dorfschulze Erich Lau es tat. Sein Töchterchen hatte immer Sonntag. Senta war mit schräggehaltenem Kopf allen Bewegungen hinterdrein und zumeist voraus; denn die Hündin war zu jung, um unbeeilten Hinweisen nicht voraus sein zu müssen. Als Amsel getauft worden war und die Vögel ein erstes Zeichen gegeben hatten, schwamm Hedwig Lau noch im Fruchtwasser. Seesand schadet Lackspangenschuhen. Kriwe drehte sich in Holzschuhen halb zum Dünenkamm, spuckte seitlich braunen Saft weg, der im Sand zur Kugel wurde: »Nu heer Jonkchen, da mecht wär wessen, waas sone Schaiche forn Jarten mecht kosten, wennse mecht waas kosten.«

Der ferne weiße Müller mit dem geknickten Sack ließ den Sack nicht fallen, Hedwig Lau zog den Lackspangenschuh nicht aus dem Sand, aber Senta sprang kurz und stäubte, als sich Eduard Amsel vom Dünenkamm fallen ließ. Zweimal rollte es ihn. Gleich darauf, und mit dem Schwung der beiden Rollen, stand er zwischen den beiden Männern in Wolljacken, kurz vor dem bohrenden Spangenschuh der Hedwig Lau.

Da begann der ferne weiße Müller Schritt für Schritt den Mühlenhügel zu ersteigen. Der Spangenlackschuh bohrte nicht mehr, und ein semmelbröseltrockenes Kichern begann das rotweißkarierte Kleid und die rotweißkarierten Zopfschleifen zu rühren. Ein Kauf sollte getätigt werden. Amsel ließ seinen Daumen verkehrt herum auf die Lackspangenschuhe zeigen. Des Bauern Lau zähes Kopfschütteln machte die Schuhe unverkäuflich oder zog sie vorläufig aus dem Handel. Das Tauschangebot wurde vom Klimpern harter Währung abgelöst. Während Amsel und Kriwe, selten der Dorfschulze Erich Lau, rechneten und dabei Finger wegdrückten und auferstehen ließen, saß Walter Matern immer noch auf dem Dünenkamm und hatte, dem Geräusch nach, das er mit seinen Zähnen verursachte, Einwände gegen einen Handel, den er später »Geschachere« nannte.

Kriwe und Eduard Amsel wurden schneller einig, als der Bauer Lau nicken konnte. Die Tochter bohrte schon wieder mit dem Schuh. Eine Scheuche sollte fünfzig Pfennige kosten. Der Müller war weg. Die Mühle mahlte. Senta bei Fuß. Für drei Scheuchen verlangte Amsel einen Gulden. Obendrein verlangte er, nicht ohne Grund, denn der Handel sollte erweitert werden, pro Scheuche drei Stück Lumpen und als Draufgabe die Lackspangenschuhe der Hedwig Lau, sobald sie als abgetragen bezeichnet werden konnten.

Oh, nüchterner und feierlicher Tag, da ein Geschäft sich erstmals tätigt! Mit der Fähre ließ der Dorfschulze am nächsten Morgen die drei Scheuchen über den Strom nach Schiewenhorst bringen und in seinen Weizen hinter der Bahnlinie pflanzen. Da Lau, wie viele Bauern im Werder, entweder Eppschen Weizen oder kujawischen Weizen, also zwei grannenlose und deshalb dem Vogelfraß ausgesetzte Sorten anbaute, hatten die Scheuchen vollauf Gelegenheit, sich zu bewähren. Mit ihren Kaffeewärmern, Strohfaschinenhelmen, gekreuzten Riemen mochten sie als die letzten drei Grenadiere des ersten Regiment Garde nach der Schlacht bei Torgau gelten, die, wie Schlieffen sagt, mörderisch gewesen war. So früh schon ließ Amsel seine Vorliebe fürs preußisch Exakte Gestalt gewinnen; jedenfalls machten die drei Kerle ihren Effekt: Totenstill wurde es in dem ausreifenden Sommerweizen, über dem zuvor vogelleicht und laut geplünderten Feld.

Das sprach sich herum. Bald kamen Bauern von beiden Ufern, aus Junkeracker und Pasewark, aus Einlage und Schnakenburg, weit aus dem Innern des Werders: aus Jungfer, Scharpau und Ladekopp. Kriwe vermittelte; aber Amsel schlug vorerst nicht die Preise auf und nahm, nachdem Walter Matern ihm Vorhaltungen gemacht hatte, nur jeden zweiten, dann jeden dritten Auftrag an. Sich und allen Kunden sagte er, er wolle keinen Pfusch machen und nur eine, höchstens zwei Scheuchen pro Tag in die Welt setzen. Hilfe lehnte er ab. Nur Walter Matern durfte helfen, indem er Rohmaterialien von beiden Ufern des Flusses herbeischaffte und mit zwei Fäusten und einem schwarzen Hund weiterhin den Künstler und sein Werk schützte.

Zu berichten wüßte Brauxel noch, daß Amsel bald die Mittel hatte, gegen geringen Zins Folcherts zwar zerfallenen aber immerhin abschließbaren Schuppen zu mieten. In diesem Holzverschlag, der als verrufener Ort galt, denn irgendwer hatte sich an irgendeinem seiner Balken aus irgendwelchen Gründen irgendwann erhängt, unter einem Dach also, das jeden Künstler inspiriert hätte, lagerte alles, was unter Amsels Hand als Scheuche lebendig werden sollte. Bei Regenwetter wurde der Schuppen zur Werkstatt. Zünftig ging es in ihm zu, denn Amsel arbeitete mit seinem Kapital und hatte im Laden seiner Mutter, also zum Einkaufspreis, Hämmer, zwei Fuchsschwänze, Bohrer, Zangen, Stemmeisen und jenes Taschenmesser gekauft, das drei Klingen, einen Dorn, einen Korkenzieher und eine Säge hatte. Er schenkte es Walter Matern. Und Walter Matern warf es zwei Jahre später, als er auf der Nickelswaldener Deichkrone keinen Stein fand, an Stelle eines Steines in die hochgehende Weichsel. Wir hörten davon.

Vierzehnte Frühschicht

Die Herren sollten sich Amsels Diarium als Beispiel nehmen und ordentlich Buch führen. Wie oft hat Brauchsel beiden Mitautoren den Arbeitsvorgang beschrieben? Zwei Reisen, auf Geschäftskosten der Firma, führten uns zusammen und gaben während einer Zeit, da es den Herren an nichts fehlte, Gelegenheit, Notizen zu machen und einen Arbeitsplan sowie etliche Schemata auszuarbeiten. Statt dessen häufen sich Rückfragen: »Wann muß das Manuskript vorliegen? Soll eine Manuskriptseite dreißig oder vierunddreißig Zeilen zählen? Sind Sie mit der Briefform auch wirklich einverstanden, oder soll ich einer modernen Form, etwa neue französische Schule, den Vorzug geben? Genügt es, wenn ich den Strießbach als ein Rinnsal zwischen Hochstrieß und Leegstrieß beschreibe? Oder müssen historische Bezüge, wie der Grenzstreit der Stadt Danzig mit dem Zisterzienserkloster Oliva, erwähnt werden? Etwa der Bestätigungsbrief des Herzog Svantopolk, Enkel Subislav des Ersten, der das Kloster gründete, aus dem Jahre zwölfhundertfünfunddreißig? Dort wird der Strießbach im Zusammenhang mit dem Sasper See ›Lacum Saspi usque in rivulum Strieza…‹ erwähnt. Oder die Bestätigungsurkunde Mestwin des Zweiten vom Jahre zwölfhundertdreiundachtzig, in der der Grenzbach Strießbach wie folgt geschrieben wird: ›Praefatum rivulum Striesz usque in Vislam…‹? Oder der Bestätigungsbrief aller Besitzungen der Klöster Oliva und Sarnowitz aus dem Jahre zwölfhunderteinundneunzig? Dort wird der Strießbach einmal ›Stricze‹ geschrieben, und an anderer Stelle heißt es: ›…prefatum fluuium Strycze cum utroquelittore a lacu Colpin unde scaturit descendendo in Wislam…‹«

Der andere Herr Mitautor spart gleichfalls nicht mit Rückfragen und streut in alle Briefe den Wunsch nach Vorschuß: »…darf vielleicht darauf hinweisen, daß mündlich abgemacht wurde: Jeder Mitautor erhält bei Beginn der Arbeit am Manuskript…« Es soll der Herr Schauspieler seinen Vorschuß erhalten. Es sollte den Herren aber auch Amsels Diarium, wenn nicht als Original, dann als Fotokopie heilig sein.

Das Bordbuch wird ihn angeregt haben. Auf allen Schiffen, selbst auf einer Fähre, muß eines geführt werden. Kriwe: ein rissiges, fettarmes Leder, mit Augen märzgrau, wimpernlos und leicht übereck, die ihm dennoch erlaubten, die Dampffähre schräg gegen den Strom, also gleichfalls übereck, von Anlegebrücke zu Anlegebrücke zu führen. Fuhrwerke, Fischweiber samt Flunderkörben, den Pastor, Schulkinder, Durchreisende, Vertreter mit Musterkoffern, die Personen- und Güterwagen der Werderkleinbahn, Schlachtvieh und Zuchtvieh, Hochzeitsgesellschaften und Begräbnisse mit Sarg und Kränzen schielte der Fährmann Kriwe über den Fluß und trug alle Vorkommnisse im Bordbuch ein. Zwischen Anlegebrücke und blechbeschlagenem Fährenbug konnte man keinen Pfennig schieben, so dicht und ohne Gebumse konnte Kriwe anlegen. Zudem war er den Freunden Walter Matern und Eduard Amsel die längste Zeit lang ein verläßlicher Handelsvertreter, der keine Prozente und kaum Tabak für getätigte Geschäftsabschlüsse verlangte. Er führte, wenn die Fähre ihren Betrieb eingestellt hatte, die beiden an Orte, die nur Kriwe kannte. Er legte Amsel nahe, das Schreckenerregende einer Weide zu studieren; gingen doch Kriwes und Amsels Kunsttheorien, die später alle ins Diarium fanden, darauf hinaus: »Es sollen die Modelle mit Vorzug der Natur entnommen werden.« Unter dem Namen Haseloff erweiterte Amsel nach Jahren das Sätzchen im gleichen Diarium: »Alles, was sich ausstopfen läßt, gehört der Natur an: die Puppe etwa.«

Aber die hohle Weide, zu der Kriwe die Freunde führte, schüttelte sich und war noch nicht ausgestopft. Die Mühle, flach im Hintergrund, mahlte. Langsam fuhr die letzte Kleinbahn in der Kurve und läutete schneller, als sie fuhr. Die Butter schmolz dahin. Milch wurde sauer. Vier Barfüße, zwei Transtiefel. Zuerst Grasnarbe und Brennesseln, dann Klee. Über zwei Zäune, drei Gatter offen, noch ein Zaun überstiegen. Zu beiden Seiten des Baches traten die Weiden ein Schrittchen vor, ein Schrittchen zurück, drehten sich, hatten Hüften, Bauchnabel; und eine Weide — denn selbst unter Weiden gibt es die eine Weide — war hohl hohl hohl, bis drei Tage später Amsel sie ausfüllte: hockt dicklich freundlich auf beiden Hacken, studiert das Innere einer Weide, weil Kriwe gesagt hat… Und aus der Weide heraus, in der er hockt und neugierig ist, mustert er die Weiden links und rechts des Baches aufmerksam; besonders eine dreiköpfige, die einen Fuß im Trocknen hält und den anderen Fuß im Bach kühlt, weil der Riese Miligedo, der mit der Bleikeule, ihr vor Zeiten auf den Weidenfuß trat, wertet Amsel als Modell. Und sie hält still, obgleich es aussieht, als wolle die Weide davonlaufen, zumal nun Bodennebel — so früh ist es, ein Jahrhundert vor Schulbeginn — vom Fluß her über die Wiesen robbt und den Weiden am Bach die Rümpfe wegfrißt: Bald wird nur noch der dreiköpfige Kopf der Modellstehenden auf dem Nebel schwimmen und Zwiesprache halten.

Da verläßt Amsel sein Gehäuse, will aber nicht nach Hause zu seiner Mutter, die im Schlaf ihre Geschäftsbücher wälzt und alles noch einmal durchrechnet, will nun, um die Stunde der Milchtränke, von der Kriwe sprach, Zeuge sein. Walter Matern will auch. Senta ist nicht dabei, weil Kriwe sagte: »Liebärchen, nähmt nuä nech dem Gissert midd, wo mecht kujiehnen ond sech väfaiern, wänns losjeht.«

Also ohne. Ist ein Loch zwischen den beiden, das hat vier Beine und einen Schwanz. Schleichen barfuß über graue Wiesen, blicken hinter sich in verhedderten Dampf, wollen schon pfeifen: Hierher! Bei Fuß! Bei Fuß! bleiben aber tonlos, weil Kriwe sagte… Denkmäler vor ihnen: Kühe in wabernder Suppe. Nahe den Kühen, genau zwischen Beisters Flachs und den Weiden beiderseits des Baches, liegen sie im Tau und warten. Das Grau von den Deichen, vom Strandwald her, stuft sich ab. Überm Dampf und den Pappeln der Chaussee nach Pasewark, Steegen, Stutthof kreuzt sich das Rutenzeug der Maternschen Bockwindmühle. Eine flache Laubsägearbeit. So früh mahlt kein Müller Weizen zu Mehl. Noch kein Hahn, aber bald. Schattenhaft und nah gerückt die neun gleichmäßig und windgerecht von Nordwest nach Südost gebogenen Strandkiefern auf der großen Düne. Kröten — oder sind es Ochsen? — Kröten oder Ochsen brüllen. Die schlankeren Frösche beten. Mücken in einer Stimmlage. Irgendwas, aber kein Kiebitz, lockt oder meldet sich. Immer noch ohne Hahn. Die Kühe, Inseln im Dampf, atmen. Amsels Herz läuft über ein Blechdach. Walter Materns Herz tritt eine Tür ein. Eine Kuh muht warm. Die anderen Kühe stubenwarm aus dem Bauch. Welch ein Lärm im Nebel: die Herzen auf Blech gegen Türen, was lockt wen, neun Kühe, Kröten Ochsen Mücken… Und plötzlich — denn kein Zeichen wurde gegeben — Stille. Frösche weg, Kröten Ochsen Mücken weg, nichts lockt hört antwortet wem, Kühe legen sich, und Amsel und Freund, fast ohne Herzschlag, pressen die Ohren in den Tau, in den Klee: Sie kommen! Vom Bach her Schlurfen. Wischlappen schluchzen so, aber geregelt und ohne Steigerung: plüff plüff pschisch — plüff plüff pschisch. Etwa Bammelmänner? Nonnen ohne Kopf? Gakkos Schrate Barstucken? Geht wer um? Balderle Aschmatei Beng? Der Ritter Peege Peegood? Der Brenner Bobrowski und sein Kumpan Materna, von dem alles herkommt? Kynstutes Töchterchen, das hieß Tulla? — Da glänzen sie auf: voller Grund, reich an Modder, elf fünfzehn siebzehn braune Flußaale wollen im Tau baden, haben jetzt ihre Stunde, schieben drücken schnellen sich übern Klee und fließen in Richtung. Gedrückt bleibt der Klee unter glibbriger Spur. Immer noch starr sind die Kehlen der Kröten Ochsen Mücken. Die schlanken Frösche enthalten sich. Da nichts lockt, folgt nichts. Warm liegen Kühe auf schwarzweißer Seite. Euter preisen sich an: fahl gelblich morgendlich prall: neun Kühe, sechsunddreißig Zitzen, achtzehn Aale. Die finden hin und saugen sich fest, verlängern braunschwarz rosagefleckte Zitzen: Sückeln Labbern Nuckeln Durst. Anfangs zittern die Aale. Lust wer wem? Dann lassen die Kühe nacheinander die Köpfe übergewichtig in den Klee fallen. Milch fließt. Aale schwellen. Wieder brüllen die Kröten. Mücken heben an. Die leichten Frösche. Zwar immer noch kein Hahn, aber Walter Matern hat eine gequollene Stimme. Er möchte hin und mit der Hand fangen. Leicht wäre das, kinderleicht. Aber Amsel will nicht, hat anderes vor und entwirft schon. Da fließen die Aale zurück zum Bach. Die Kühe seufzen. Der erste Hahn. Die Mühle geht langsam. Die Kleinbahn läutet in der Kurve. Amsel beschließt, eine neue Scheuche zu bauen.

Und die wurde anschaulich: Eine Schweinsblase ließ sich, weil Lickfetts geschlachtet hatten, gegen nichts auftreiben. Prall ergab sie das Euter. Die geräucherte Haut richtiger Aale wurde mit Stroh und gewundenem Draht ausgestopft, zugenäht und der Schweinsblase angesetzt: verkehrt herum, daß die Aale sich, dicken Haaren gleich, in der Luft schlängelten, kopfstanden auf dem Euter. So wurde das Medusenhaupt von zwei gegabelten Stangen über Karweises Weizen gehoben.

Und genau wie Karweise die Scheuche gekauft hatte — später bekam sie das löchrige Fell einer verendeten Kuh mantelgleich über beide gegabelten Stangen gehängt —, zeichnete Amsel die neue Scheuche einmal als Entwurf — ohne Mantel und eindrucksvoller —, einmal als fertiges Produkt, mit läppischem Fell, in sein Diarium.

Fünfzehnte Frühschicht

Der Herr Schauspieler macht Schwierigkeiten! Während Brauxel und der junge Mann tagtäglich schreiben — der eine über Amsels Diarium, der andere über und an seine Cousine —, hat jener sich zum Jahresanfang eine leichte Grippe eingefangen. Muß aussetzen, hat nicht die rechte Pflege, ist um diese Jahreszeit immer schon anfällig gewesen, bittet nochmals, an den versprochenen Vorschuß erinnern zu dürfen. Ist angewiesen, Herr Schauspieler! Begeben Sie sich in Quarantäne, Herr Schauspieler; die wird Ihrem Manuskript nützlich sein. Oh, nüchterne Lust, fleißig sein zu dürfen: Es gab ein Diarium, darin Amsel mit wunderschönen und frischerlernten Sütterlinbuchstaben niederschrieb, was er, zwecks Herstellung von Garten- und Feldvogelscheuchen, ausgegeben hatte. Die Schweinsblase kostete nichts. Das nichtsnutze Kuhfell vermittelte ihm Kriwe gegen zwei Stangen Kautabak.

O Saldo, schönes rundes Wort: Es gab ein Diarium, darin Amsel mit bauchigen und eckigen Zahlen buchte, was er beim Verkauf diverser Garten- und Feldvogelscheuchen — die Aale am Euter brachten einen harten Gulden — eingenommen hatte.

Eduard Amsel führte dieses Diarium etwa zwei Jahre lang, zog senkrechte und waagerechte Linien, malte Sütterlin spitzig, Sütterlin schleifenreich, gab etlichen Vogelscheuchen Konstruktionsskizzen und Farbstudien bei, verewigte beinahe alle Scheuchen, die er verkauft hatte, nachträglich und gab sich und seinen Produkten mit roter Tinte Zensuren. Später, als Gymnasiast, verlegte er das mehrmals geknickte Heftchen in brüchigem schwarzem Wachstuch und fand es nach Jahren, als er aus der Stadt an die Weichsel eilen mußte, um seine Mutter zu beerdigen, in einer Kiste, die als Sitzbank diente. Zwischen den Hinterlassenschaften seines Vaters, den Büchern über Preußens Schlachten und Helden, unter dem dicken Buch des Otto Weininger lag das Diarium und hatte noch ein gutes Dutzend freie Seiten, die Amsel später, als Haseloff und Goldmäulchen, unregelmäßig, mit Jahren Schweigen dazwischen, sentenzenreich füllte.

Heute besitzt Brauxel, dem ein Prokurist und sieben Büroangestellte die Bücher führen, das rührende Heftchen in Wachstuchfragmenten. Nicht, daß er das empfindliche Original als Gedächtnisstütze benutzt! Es liegt mit Verträgen, Wertpapieren, Lizenzen und den durchkonstruierten Betriebsgeheimnissen im Safe, während eine Fotokopie des Diariums zwischen dem gespickten Aschenbecher und der Tasse lauem Morgenkaffee als Arbeitsmaterial dient.

Die erste Seite des Heftes füllt, mehr gemalt als geschrieben, das Sätzchen: »Scheuchen gemacht und verkauft von Eduard Heinrich Amsel.«

Darunter als quasi Motto, kleiner gemalt und ohne Datum: »Fing an auf Ostern weil man nichts vergessen soll. Hat Kriwe gesagt neulich.«

Nun ist Brauksel der Meinung, es habe wenig Sinn, die bräsigwerdersche Schreibart des achtjährigen Schülers Eduard Amsel diesem Manuskript zu übertragen; allenfalls ließe sich der Reiz dieser Sprache, die bald, mit den Flüchtlingsverbänden, aussterben wird, also als tote Sprache, etwa wie Latein, der Wissenschaft nützlich sein könnte, im Verlauf der Niederschrift bei direkter Rede anwenden. Nur wenn Amsel, sein Freund Walter, Kriwe oder die Großmutter Matern werdersch den Mund aufmachen, sollte Brauchsel bräsig mitschreiben. Beim Zitieren des Diariums jedoch darf, da nach seiner Meinung der Wert des Heftes nicht in des Schülers kühner Rechtschreibung, vielmehr in den frühen und zielstrebigen Bemühungen um die Entwicklung der Vogelscheuche zu suchen ist, Eduards Dorfschülerstil nur stilisiert, also halb bräsig halb künstlich wiedergegeben werden, etwa so: »Heute nachem Melken 1 Gulden mehr für Scheuche wo auf ein Bein steht und anderes schräg hält hat Wilhelm Ledwormer genommen. Gab noch ein Helm von Ulanen und Stück Futter was mal Ziege gewesen.«

Redlicher versucht Brauksel die Beschreibung der dazugehörigen Skizze zu leisten: Mit vielerlei Buntstiften, Braun Zinnober Lila Saftgrün Preußischblau, die aber nie mit reinem Strich ihre Farbkraft zeigen, sondern schichtweise übereinander die Hinfälligkeit abgetragener Kleider bestätigen müssen, ist jene Scheuche, »…wo auf ein Bein steht und anderes schräg hält…«, nachträglich und nicht als Vorstudie festgehalten worden. Neben der Buntstiftzeichnung überrascht die eigentliche, mit wenigen schwarzen Strichen hingeworfene und heute noch frische Konstruktionsskizze: Die Position »…wo auf ein Bein steht…« wird durch eine leicht nach vorn geneigte Leiter, der zwei Sprossen fehlen, angedeutet; die Position »…und anderes schräg hält…« kann nur jene Stange sein, die in einem Winkel von siebenundvierzig Grad eine Attitude versucht, indem sie sich von der Leitermitte nach links tänzerisch wegspreizt, während die Leiter leicht nach rechts tendiert. Besonders die Konstruktionsskizze, aber auch die nachträgliche Buntstiftzeichnung konterfeit einen Tänzer, der den späten Abglanz einer Montur an sich kleben hat, die einst Musketiere im Infanterieregiment des Prinzen von Anhalt-Dessau während der Schlacht bei Liegnitz trugen.

Rund heraus: Es wimmelt in Amsels Diarium von uniformierten Scheuchen: da stürmt ein Grenadier des dritten Bataillons Garde den Leuthener Friedhof; der arme Mann von Toggenburg steht im Infanterieregiment von Itzenplitz; es kapituliert ein Bellingscher Husar bei Maxen; blauweiße Natzmer-Ulanen und Schorlemer-Dragoner fechten zu Fuß; blau mit rotem Futter überlebt ein Füsilier vom Regiment des Baron de la Motte Fouqué; kurz, was sich sieben Jahre lang und schon zuvor zwischen Böhmen, Sachsen, Schlesien und Pommern getummelt hatte, bei Mollwitz davonkam, bei Katholisch-Hennersdorf den Tabaksbeutel verlor, bei Pirna auf Fritz vereidigt wurde, bei Kolin überlief und bei Roßbach zu schnellem Ruhm kam, wurde unter Amsels Händen lebendig, mußte aber keine bunte Reichsarmee, sondern die Vögel des Weichseldeltas vertreiben. Während Seydlitz den Hildburghausen — »…voilà au moins mon martyre est fini…« — über Weimar, Erfurt, Saalfeld bis an den Main jagen mußte, waren die Bauern Lickfett, Mommsen, Beister, Folchert und Karweise schon zufrieden, wenn Amsels im Diarium belegte Scheuchen die Vögel des Weichseldeltas aus dem Eppschen grannenlosen Weizen hoben und in die Kastanien, Weiden, Erlen, Pappeln und Strandkiefern verwiesen.

Sechzehnte Frühschicht

Er bedankt sich. Er telefoniert, R-Gespräch natürlich, gute sieben Minuten lang: Das Geld sei angekommen, schon gehe es ihm wieder besser, die Grippe habe ihren Höhepunkt überschritten, befinde sich im Abklingen, morgen, spätestens übermorgen wolle er wieder an die Maschine; wie gesagt, leider müsse er sofort in die Maschine schreiben, denn er sehe sich nicht befähigt, seine eigene Schrift zu lesen; aber ausgezeichnete Gedanken hätten ihn während des Grippeanfalls besucht… Als ob Einfälle, die ein Fieber hat keimen lassen, bei normaler Temperatur als Einfälle gelten könnten. Der Herr Schauspieler hält wenig von doppelter Buchführung, obgleich Brauxel ihm nach jahrelangem Aufrechnen peinlicher Bilanzen zu peinlichem Saldo verhalf.

Mag sein, daß sich Eduard Amsel die Praxis des Buchführens nicht nur in Kriwes Bordbuch, sondern auch bei seiner Mutter, die bis in die Abendstunden über Geschäftsbüchern zu seufzen hatte, begabt abguckte: womöglich half er ihr beim Ablegen, Einheften, Nachrechnen.

Lottchen Amsel, geborene Tiede, verstand es, trotz der wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Nachkriegsjahre, die Firma A. Amsel lebendig zu halten, sogar, was der selige Amsel in Krisenzeiten nie gewagt hätte, den Betrieb umzugestalten und zu erweitern. Sie begann mit Kuttern, frisch von der Bootswerft Klawitter, auch mit alten, die sie auf Strohdeich überholen ließ, zudem mit Außenbordmotoren zu handeln. Sie verkaufte die Kutter oder vermietete sie — was einträglicher war — an Jungfischer, die gerade geheiratet hatten.

Wenn Eduard pietätvoll genug war, seine Mama nie, auch nicht andeutungsweise als Scheuche abzubilden, kopierte er um so hemmungsloser etwa vom achten Lebensjahr an ihre Geschäftspraktiken: Wenn sie Fischkutter verlieh, verlieh er besonders stabile, extra für den Verleih angefertigte Vogelscheuchen. Mehrere Seiten des Diariums weisen nach, wie oft und an wen Scheuchen verliehen wurden. In steiler Rubrik rechnet Brauxel zusammen, was sie Amsel einbrachten, indem sie scheuchten: ein hübsches Sümmchen. Hier kann nur eine Leihscheuche erwähnt werden, die zwar keine besonders hohen Gebühren eintrieb, aber die Handlung unserer Erzählung, und damit die Entwicklung der Vogelscheuchen, aufschlußreich beeinflußte.

Nach schon erwähntem Studium der Weiden am Bach, nachdem Amsel eine Scheuche bei Verwendung des Motives »Milchtrinkende Aale« erbaut und verkauft hatte, erstand, einerseits nach den Maßen einer dreiköpfigen Weide, andererseits nach dem Vorbild der löffelschwingenden und mit den Zähnen knirschenden Großmutter Matern, ein Modell, das auch in Amsels Diarium seinen Niederschlag fand; aber neben der Konstruktionsskizze stand ein Sätzchen, das dieses Produkt von allen anderen Produkten abhob: »Muß nu kaputt gemacht werden heute weil Kriwe sagt bringt nur Ärger.«

Max Folchert, der der Maternschen Familie nicht grün war, hatte die Scheuche, halb Weide halb Großmutter, bei Amsel gegen Gebühr ausgeliehen und in seinem Garten, der an die Chaussee nach Stutthof grenzte und dem Maternschen Gemüsegarten gegenüberlag, knapp am Zaun aufgestellt. Es zeigte sich bald, daß die Leihscheuche nicht nur Vögel vertrieb; Pferde ließ sie scheuen und funkenschlagend durchgehen. Kühe, auf dem Weg zum Stall, versprengte es, sobald die löffelschwingende Weide ihren Schatten warf. Zu all dem verwirrten Vieh gesellte sich das arme Lorchen mit dem krausen Haar, das tagtäglich unter der echten löffelschwingenden Großmutter zu leiden hatte. Nun wurde es von einer weiteren, dazu dreiköpfigen und weidenmäßig aufgeputzten Großmutter erschreckt und dergestalt in die Zange genommen, daß es windig und aufgelöst durch die Felder und den Strandwald, über die Dünen und Deiche, durch Haus und Garten irrte und einmal beinahe in das gehende Rutenzeug der Maternschen Bockwindmühle geraten wäre, hätte Lorchens Bruder, der Müller Matern, Lorchens Schürze nicht zu fassen bekommen. Auf Kriwes Rat, und gegen den Willen des alten Folchert, der später prompt einen Teil der Leihgebühr zurückverlangte, mußten Walter Matern und Eduard Amsel die Scheuche über Nacht zerstören. Es hatte also ein Künstler zum erstenmal begreifen müssen, daß seine Werke, wenn sie nur intensiv genug der Natur entnommen waren, nicht nur Macht über die Vögel unter dem Himmel hatten, sondern auch Pferden und Kühen, desgleichen dem armen Lorchen, also dem Menschen, die ländlich ruhige Gangart stören konnten. Dieser Erkenntnis opferte Amsel eine seiner gelungensten Scheuchen, nahm ferner keine Weiden mehr zum Modell, wenn er auch gelegentlich, bei Bodennebel, in einer hohlen Weide Platz fand oder die durstigen Aale auf dem Weg vom Bach zu den liegenden Kühen bemerkenswert nannte. Vorsichtig vermied er, Mensch und Baum zu kuppeln, und wertete, in freiwilliger Selbstkontrolle, nur noch die vierkanten und harmlosen, als Scheuchen aber ausreichend effektvollen Werderbauern als Modelle. Als des Preußenkönigs Grenadiere, Füsiliere, Gefreitenkorporale, Standartenjunker und Officiers, ließ er das Landvolk über Gemüsegärten und Weizen wie Roggen schweben. Ruhig vervollkommnete er sein Ausleihsystem und machte sich, ohne daß es zum Nachspiel kam, der Bestechung schuldig, indem er einen Schaffner der Werderkleinbahn durch gutverpackte Geschenke bewegte, Amsels Leihscheuchen — oder Preußens nutzbar gemachte Historie — im Güterwagen der Werderkleinbahn kostenlos zu transportieren.

Siebzehnte Frühschicht

Der Schauspieler protestiert. Die ausklingende Grippe hat ihn nicht hindern können, Brauxels Arbeitspläne, die an alle Mitautoren verschickt wurden, genau zu studieren. Es paßt ihm nicht, daß der Müller Matern während dieser Frühschicht ein Denkmal erhalten soll. Er findet, ihm komme das Recht zu. Brauksel, der um den Zusammenhalt seines Autorenkollektivs fürchtet, verzichtet auf das breitangelegte Bild, muß aber darauf bestehen, jenen Teil des Müllers widerzuspiegeln, der schon auf Amsels Diarium Abglanz geworfen hatte.

Wenn der Achtjährige auch mit Vorliebe Preußens Schlachtfelder nach herrenlosen Monturen absuchte, gab es doch ein Modell, den besagten Müller Matern, der direkt, ohne preußische Zutat, mit dem Mehlsack auf der Schulter abgebildet wurde.

Das ergab eine schiefe Scheuche, denn der Müller war ein ganz und gar schiefer Mann. Weil er rechtsschultrig die Korn- und Mehlsäcke trug, war diese Schulter um eine Handfläche breiter, so daß jedermann, der den Müller frontal sah, den unbändigen Wunsch bekämpfen mußte, des Müllers Kopf mit beiden Händen fassen und in Ordnung rücken zu wollen. Da er sich weder Arbeitskittel noch Sonntagskleider nach Maß schneidern ließ, wirkte alles, was er als Rock, Kittel oder Mantel trug, verzogen, warf um den Hals Falten, hatte rechts einen zu kurzen Ärmel und permanent geplatzte Nähte. Ständig kniff er das rechte Auge. Auf gleicher Gesichtshälfte zog es ihm, auch wenn kein Zentnersack auf rechter Schulter knickte, den Mundwinkel hoch. Die Nase gehorchte. Obendrein — und deswegen wird dieses Portrait gezeichnet — klebte sein rechtes Ohr zerdrückt zerknüllt, seit Jahrzehnten von tausend und mehr Zentnern seitlich belastet, dicht am Kopf, während sein linkes Ohr vergleichsweise, aber von Natur her, mächtig abstand. Eigentlich hatte der Müller Matern, frontal angeschaut, nur ein einziges Ohr; aber das fehlende oder nur noch im Relief erkennbare Ohr war das bedeutsamere.

Er paßte nicht ganz, doch immerhin mehr als das arme Lorchen, in diese Welt. Man munkelte in den Dörfern, die Großmutter Matern habe ihm als Kind den Kochlöffel zu oft als Maß angelegt. Vom mittelalterlichen Räuber und Brenner Materna, der mit seinem Kumpan im Stockturm endete, wurde das Schlimmste hergeleitet. Die groben und feinen Mennoniten zwinkerten sich zu, und der grobe taschenlose Mennonit Simon Beister eiferte, der Katholizismus bekomme den Maternschen nicht; besonders das Bengelchen, das immer mit dem dicken Amsel von drüben herumstreiche, habe es auf katholisch teuflische Art mit dem Zähneknirschen; man müsse sich nur den Hund angucken, schwärzer könne selbst die ewige Verdammnis nicht sein. Dabei hatte der Müller Matern eher ein sanftes Gemüt und — gleich dem armen Lorchen — in allen Dörfern kaum Feinde aber die Menge Spötter.

Des Müllers Ohr — und wenn des Müllers Ohr gesagt wird, ist immer das rechte anliegende, das mehlsackbelastete gemeint —, des Müllers Ohr also ist zweimal erwähnenswert: zuerst, weil Amsel es in einer Scheuche, die als Konstruktionsskizze ins Diarium fand, kühn wegließ, zum zweitenmal, weil dieses Müllerohr zwar allem üblichen Geräusch, wie Husten Sprechen Predigen, dem Kirchenlied, dem Kuhglockenläuten, dem Hufeisenschmieden, allem Hundsgebell Vogelsang Grillenton gegenüber taub war, dafür überdeutlich und bis ins Flüstern, Tuscheln und Geheimnisvolltun hinein alles verstand, was im Innern eines Getreidesackes, eines Mehlsackes verhandelt wurde. Ob nackter oder bespelzter Weizen, der im Werder kaum angebaut wurde; ob aus zäher ob aus spröder Ährenspindel gedroschen; ob Brauweizen, Grießweizen, Backweizen, Nudel- und Stärkeweizen, glasig, halbglasig, mehlig: des Müllers sonst taubes Ohr lauschte jedem Zentner ab, wieviel Prozent Wickensamen, brandige Körner oder gar keimende Körner er enthielt. Auch die Sorte lauschte er unbesehenen Proben ab: blaßgelber Frankensteiner, bunter kujawischer, rötlicher Probsteiner, roter Blumenweizen, der auf Lehmboden gute Brauware liefert, englischer Dickkopfweizen und zwei Sorten, die versuchsweise im Werder angebaut wurden: Urtobaweizen, sibirisch winterfest, und Schliephackes Weißweizen, Sorte Numero fünf.

Noch hellhöriger erwies sich des Müllers sonst taubes Ohr dem Mehl gegenüber. Während er als Ohrenzeuge dem Kornsack entnahm, wieviel Kornkäfer, Puppen und Larven mitgerechnet, wieviel Schlupfwespen und Schmalkäfer in ihm wohnten, konnte er, mit dem Ohr am Sack, auf die Zahl genau angeben, wieviel Mehlwürmer — Tenebrio molitor — sich in einem Zentner Weizenmehl befanden. Auch — und das ist in der Tat erstaunlich — war er dank seines platten Ohres sogleich oder nach Minuten hellhörigem Lauschen unterrichtet, wieviel tote Mehlwürmer die lebenden Mehlwürmer im Sack zu beklagen hatten, weil, wie er mit rechtem verkniffenem Auge, rechts hochgezogenem Mundwinkel und gehorchender Nase, nicht ohne Verschlagenheit meinte, der Lärm, den lebende Mehlwürmer verursachten, verrate, wie hoch der Verlust an totem Gewürm sei.

Die Babylonier bauten Weizen mit erbsgroßen Körnern an, sagt Herodot; aber kann man Herodot Glauben schenken?

Der Müller Anton Matern machte detaillierte Aussagen über Korn und Mehl; wurde dem Müller Matern geglaubt?

In Lührmanns Krug, zwischen Folcherts Hof und Lührmanns Käserei, wurde die Probe gemacht. Der Krug eignete sich zum Probemachen und hatte auf diesem Gebiet sichtbare Vergangenheit. Da war erstens im hölzernen Schanktisch ein zölliger, angeblich zweizölliger Nagel zu bewundern, den Erich Block, Braumeister zu Tiegenhof, vor Jahren zur Probe mit bloßer Faust und einmaligem Hieb in die Bohle getrieben hatte; da zeigte zweitens die gekälkte Decke des Schankkruges Beweise anderer Art: Stiefelabdrücke, etwa ein Dutzend, erweckten den fatalen Eindruck, jemand, sukkubischer Herkunft, habe, mit dem Kopf nach unten, Spaziergänge über die Krugdecke gemacht. Dabei ging es nüchtern kraftprotzend zu, als Hermann Karweise einen Vertreter der Feuersozietät, der Karweises Muskelkraft nicht Glauben schenken wollte, Scheitel gegen die Dielen, Schuhsohlen himmelwärts, mehrmals gegen die Decke schleuderte und den Mann wieder auffing, damit er keinen Schaden nahm und hernach begutachten konnte, wie sich die Beweise einer werderschen Kraftprobe, die Abdrücke seiner Vertreterschuhe, auf der Krugdecke ausnahmen.

Als Anton Matern geprüft wurde, ging es kaum kraftvoll — der Müller wirkte schmächtig — eher geheimnisvoll geistreich zu: Sonntag ist es. Tür und Fenster geschlossen. Draußen bleibt der Sommer. Nur vier Fliegenfänger erinnern laut und verschiedengestimmt an die Jahreszeit. Im Schanktisch der zöllige Nagel, Schuhabdrücke auf grauer, einst weißgekälkter Decke. Die üblichen Schützenfestfotos und Schützenfestpreise. Nur wenige grünglasige Flaschen, mit Inhalt aus Korn gebrannt, auf dem Regal. Knaster, Schuhwichse und Molke riechen gegeneinander, knapp gewinnt Fuselatem, der schon am Sonnabend Anlauf genommen hat. Sie reden kauen wetten. Karweise, Momber und der junge Folchert setzen ein Fäßchen Neuteicher Bockbier aus. Still, über einem Gläschen Kurfürstlichem — das kippt hier niemand außer den Städtischen — setzt der Müller Matern ein gleiches Fäßchen dagegen. Lührmann, hinter dem Schanktisch, holt von hinten das Zwanzigpfundsäckchen und hält sich mit dem Mehlsieb für die Gegenprobe bereit. Zuerst liegt das Säckchen, der Besinnlichkeit wegen, auf den Händen des ganz und gar schiefen Müllers, dann bettet er das Kissen am platten Ohr. Sogleich, und weil keiner mehr kaut, bräsig daherredet, kaum Fusel atmet, tönen lauter die Fliegenfänger: Was wiegt der Gesang sterbender Schwäne im Theater gegen den Abgesang bunter Fliegen auf plattem Lande!

Lührmann hat dem Müller eine Schiefertafel mit angebundenem Griffel unter die freie Hand geschoben. Drauf steht, denn es soll ja Bestand aufgenommen werden: Erstens Larven. Zweitens Puppen. Drittens Würmer. Noch lauscht der Müller. Die Fliegen dröhnen. Molke und Schuhwichse herrschen vor, weil kaum einer Fusel zu atmen wagt. Da kriecht die ungeschickte Hand, denn rechts stützt der Müller leicht das Säckchen, über den Schanktisch zur Schiefertafel: Hinter Larven knirscht der Griffel eine steife Siebzehn. Zweiundzwanzig Puppen schrillt er. Die löscht der Schwamm; und je mehr der nasse Fleck trocknet, um so deutlicher wird, daß es nur neunzehn Puppen sind. Acht lebende Würmer sollen im Säckchen wohnen. Und als Zugabe, denn die Wettbestimmung verlangt es nicht, meldet der Müller auf lauter Tafel: »Tote Würmer sind fünf im Sack.« Gleich darauf schluckt Fuselatem vorherrschende Schuhwichse und Molke. Jemand hat den Abgesang der Fliegen leiser gestellt. Lührmann mit dem Mehlsieb bekommt Gewicht.

Um es kurz zu machen: Auf die Zahl genau stimmte das vorausgesagte Soll pergamentharter Larven, weicher, nur an den Spitzen horniger Puppen, ausgewachsener Larven, Mehlwürmer genannt. Nur ein totes Würmchen, von den veranschlagten fünf toten Mehlwürmern, fehlte; vielleicht oder sicher hatte es, ausgetrocknet und fragmentarisch, durch das Mehlsieb finden können.

So bekam der Müller Anton Matern sein Fäßchen Neuteicher Bockbier und gab allen Anwesenden, besonders Karweise, Momber und dem jungen Folchert, die ja das Bier ausgesetzt hatten, als Trost und Zugabe eine Prophezeiung auf den Heimweg. So nebenbei und während er das Fäßchen dort schulterte, wo eben noch der befragte Mehlbeutel gelegen hatte, plauderte er wie vom Hörensagen: Er, der Müller mit dem platten Ohr, habe, als die zwanzig Pfund ihm seitlich lagen, mit plattem Ohr deutlich vernommen, wie sich mehrere Mehlwürmer — er könne nicht genau sagen, wie viele, sie sprachen durcheinander — über die Ernteaussichten geäußert hätten. Man möge, nach Ansicht der Mehlwürmer, die Eppsche Sorte eine Woche vor Sieben Brüder und den kujawischen Weizen, wie Schliephackes Sorte Numero fünf, zwei Tage nach Sieben Brüder schneiden.

Es bürgerte sich, Jahre bevor Amsel eine Scheuche nach dem hellhörigen Müller baute, die Redensart und Begrüßungsformel ein: »Dag och Liebärchen, waas secht dem Matern sain Mehlworm allwedder.«

So oder so gelächelt: Viele befragten den Müller, damit er ein pralles Säckchen befrage, das Auskünfte gab, wann man den Winterweizen, wann den Sommerweizen anbauen sollte, das ziemlich genau wußte, wann geschnitten, wann eingefahren werden mußte. Noch bevor er als Scheuche gebaut und als Konstruktionsskizze in Amsels Diarium gezeichnet worden war, gab der Müller weitere und düstere Voraussagen von sich, die sich bis heute, da der Schauspieler von Düsseldorf aus dem Müller ein Denkmal bauen will, mehr düster als heiter bewahrheitet haben.

Denn er sah nicht nur drohende giftige Mutterkornplage, versicherungswürdigen Hagelschlag, Unmengen Feldmäuse in naher Zukunft, sondern orakelte auf den Tag genau Kurseinbrüche auf der Berliner oder Budapester Getreidebörse, Bankkräche ums Jahr dreißig, Hindenburgs Tod, die Abwertung des Danziger Guldens im Mai fünfunddreißig; auch den Tag, da die Waffen zu sprechen begannen, weissagten ihm die Mehlwürmer.

Natürlich wußte er kraft seines platten Ohres auch von der Hündin Senta, die Harras warf, mehr, als der Hündin, die schwarz neben dem weißen Müller stand, anzusehen gewesen wäre.

Nach dem großen Krieg aber, als der Müller mit seinem Flüchtlingsausweis A zwischen Krefeld und Düren hauste, konnte er immer noch aus einem Zwanzigpfundbeutel, der Flucht und Kriegswirren mitgemacht hatte, weissagen, wie sich in Zukunft… Doch davon darf, laut Vereinbarung des Autorenkollektivs, nicht Brauxel, darüber wird der Herr Schauspieler berichten.

Achtzehnte Frühschicht

Krähen im Schnee — welch ein Thema! Der Schnee bemützt die verrosteten Schrapperkästen und Haspeln kalifördernder Zeiten. Brauxel wird den Schnee verbrennen lassen, denn wer kann das ansehen: Krähen im Schnee, die sich nach längerem Hinsehen zu Nonnen im Schnee wandeln: Der Schnee muß weg. Die Leute der Nachtschicht sollen, bevor sie sich in die Kaue drücken, eine bezahlte Überstunde machen; oder Brauksel läßt die neuen, schon getesteten Modelle von der Siebenhundertneunzigmetersohle fördern und auf verschneitem Gelände in Betrieb setzen: Perkunos, Pikollos, Potrimpos — dann sollen Krähen wie Nonnen sehen, wo sie bleiben, und der Schnee muß nicht verbrannt werden. Unbesprenkelt wird er vor Brauchsels Fenster liegen und sich beschreiben lassen: Und die Weichsel fließt, und die Mühle mahlt, und die Kleinbahn fährt, und die Butter schmilzt, und die Milch wird dick, bißchen Zucker drauf, und der Löffel steht, und die Fähre kommt, und die Sonne weg, und die Sonne da, und der Seesand geht, und die See leckt Sand… Barfuß laufen die Kinder und finden Blaubeeren und suchen Bernstein und treten auf Disteln und graben Mäuse aus und klettern barfuß in hohle Weiden… Doch wer Bernstein sucht, auf die Distel tritt, in die Weide springt und die Maus ausgräbt, wird im Deich ein totes und ganz vertrocknetes Mädchen finden: Tulla Tulla, das ist des Herzog Svantopolk Töchterchen Tulla, das immer im Sand nach Mäusen schaufelte, mit zwei Schneidezähnen zubiß, nie Strümpf nie Schuhe trug: Barfuß laufen die Kinder, und die Weiden schütteln sich, und die Weichsel fließt immerzu, und die Sonne mal weg mal da, und die Fähre kommt oder geht oder liegt fest und knirscht, während die Milch dick wird, bis der Löffel steht, und langsam die Kleinbahn fährt, die schnell in der Kurve läutet. Auch knarrt die Mühle, wenn der Wind acht Meter in der Sekunde. Und der Müller hört, was der Mehlwurm spricht. Und die Zähne knirschen, wenn Walter Matern von links nach rechts mit den Zähnen. Desgleichen die Großmutter: quer durch den Garten hetzt sie das arme Lorchen. Schwarz und trächtig bricht Senta durch ein Spalier Saubohnen. Denn sie naht schrecklich, hebt winklig den Arm: Und in der Hand am Arm steckt der hölzerne Kochlöffel, wirft seinen Schatten auf das krause Lorchen und wird größer, immer fetter, mehr und mehr… Aber auch Eduard Amsel, der überall zuschaut und nichts vergißt, weil sein Diarium alles behält, verlangt jetzt etwas mehr, verlangt einen Gulden zwanzig für eine einzige Vogelscheuche.

Das kommt davon. Seitdem Herr Olschewski in niedriger Schule von all den Göttern spricht, die es früher mal gegeben, heute noch gibt, damals schon gab, hat sich Amsel der Mythologie ergeben.

Es begann damit, daß der Schäferhund eines Kornschnapsbrenners mit seinem Herrn von Stutthof auf der Kleinbahn nach Nickelswalde fuhr. Das Tier hieß Pluto, hatte einen Stammbaum ohne Makel und mußte Senta decken, was auch anschlug. In niedriger Schule wollte Amsel wissen, was Pluto heiße und bedeute. Herr Olschewski, ein reformsüchtiger Junglehrer, der sich gerne von fragenden Schülern anregen ließ, füllte fortan Unterrichtsstunden, die als Heimatkunde im Stundenplan vorgemerkt waren, mit wortreichen Geschichten, in denen zuerst Wotan, Baldur, Frija, Fafnir, dann Zeus, Juno, Pluto, Apoll, Merkur und die ägyptische Isis walteten. Besonders lief er an Beredsamkeit über, wenn er altpreußische Götter, Perkunos, Pikollos, Potrimpos, im Geäst knarrender Eichen hausen ließ.

Natürlich hörte Amsel nicht nur zu, er setzte, was im Diarium skizziert wurde, kunstvoll um: Den feuerroten Perkunos belebte er mit mürben Inletts, die er aus Häusern erhielt, in denen Leute gestorben waren. Ein klaffendes Eichenscheit, dem Amsel links rechts abgelaufene Hufeisen gekeilt, in dessen Risse er Schwanzfedern geschlachteter Hähne gepfropft hatte, galt als Kopf des Perkunos. Nur kurze Zeit stand die Scheuche, glühend, ganz und gar Feuergott, auf dem Deich zur Ansicht, da wurde sie schon für einen Gulden zwanzig losgeschlagen und verzog ins Werderinnere, nach Ladekopp.

Der bleiche Pikollos, von dem es hieß, er schaue immer von unten nach oben, der deshalb in heidnischen Zeiten die Geschäfte des Todes besorgt hatte, wurde nicht etwa aus den zurückgebliebenen Bettbezügen verstorbener junger und alter Leute angefertigt, indem allzu simpel Sterbetücher den Todesgott zu kostümieren hatten, sondern — ein Umzug verhalf zur Staffage — mit einem stockig gelblichen, brüchigen, nach Lavendel Moschus und Mäusedreck riechenden Brautkleid aufgeputzt. Diese Garderobe, männlich drapiert, machte Pikollos fürchterlich ansehnlich; und der Gott brachte, als die bräutlich tödliche Scheuche nach Schusterkrug in eine Großgärtnerei verkauft wurde, runde zwei Gulden ein.

Potrimpos aber, der immer lachende Knabe mit der Weizenähre zwischen den Zähnen, trug, so bunt und leichthin Amsel ihn auch vollendete, nur einen einzigen Gulden ein, obgleich Potrimpos Winter- und Sommersaat vor der bösen Kornrade, vor Ackersenf und Hederich, vor Quecken, Wicken, Knöterich und vor dem giftigen Mutterkorn schützte. Über eine Woche stand die jugendliche Scheuche, ein stanniolversilberter Haselstrauchleib, den Katzenfelle schürzten, als Angebot auf dem Deich und schepperte lockend mit safrangefärbten Eierschalen, dann erst kaufte ihn ein Bauer aus Fischer-Babke. Seine Frau, die schwanger und deshalb der Mythologie geneigter war, fand die früchteverheißende Scheuche hübsch und zum Kichern: Wochen später kam sie mit Zwillingen nieder.

Aber auch Senta hatte vom Segen des Knaben Potrimpos abbekommen: Genau nach vierundsechzig Tagen warf die Hündin unter dem Bock der Maternschen Windmühle sechs blinde aber stammbaumgerecht schwarze Welpen. Alle sechs wurden eingetragen und nach und nach verkauft; darunter ein Rüde, Harras, von dem im nächsten Buch noch oft die Rede sein wird; denn ein Herr Liebenau kaufte Harras als Wachhund für seine Tischlerei. Auf eine Annonce hin, die der Müller Matern in den »Neuesten Nachrichten« aufgegeben hatte, fuhr der Tischlermeister mit der Kleinbahn nach Nickelswalde und wurde handelseinig.

Am dunklen Anfang gab es, soll es, hat es im Litauischen eine Wölfin gegeben, deren Enkel, der schwarze Hund Perkun, zeugte die Hündin Senta; und Pluto deckte Senta; und Senta warf sechs Welpen, darunter den Rüden Harras; und Harras zeugte Prinz; und Prinz wird in Büchern, die Brauxel nicht schreiben muß, Geschichte machen.

Aber Amsel hat nie nach dem Bild eines Hundes, auch nach Senta nicht, die zwischen ihm und Walter Matern hin und her strich, eine Vogelscheuche entworfen. In seinem Diarium lehnen sich alle Scheuchen, bis auf die eine mit den milchtrinkenden Aalen und die andere — halb Großmutter halb dreiköpfige Weide — an Menschen und Götter an.

Parallel zur Schulstunde, dem Lehrstoff angepaßt, den der Lehrer Olschewski durch Fliegen- und Sommergebrumm über dösende Schüler hinwegstreute, entstanden nacheinander vogelscheuchende Gebilde, die außer den Göttern die Reihe der Hochmeister des deutschen Ritterordens, von Hermann Balke über Konrad von Wallenrod bis zu dem von Jungingen, als Modell wertete: Da schepperte viel rostiges Wellblech, und an nagelgespickten Faßdauben schlitzten sich weiße Ölpapiere schwarze Kreuze. Kniprode, Letzkau und dem von Plauen gegenüber mußten dieser und jener Jagiello, der große Kasimir, der berüchtigte Räuber Bobrowski, Beneke, Martin Bardewiek und der arme Leszcynski herhalten. Nicht sattwerden konnte Amsel an preußisch-brandenburgischer Geschichte; von Albrecht Achilles bis Zieten klabasterte er die Jahrhunderte ab und kelterte aus dem Bodensatz osteuropäischer Geschichte Vogelscheuchen gegen die Vögel des Himmels.

Etwa um die Zeit, da Harry Liebenaus Vater, der Tischlermeister, dem Müller Anton Matern den Hund Harras abkaufte, die Welt aber weder Harry Liebenau noch seine Cousine Tulla registriert hatte, konnte, wer lesen konnte, im Heimatteil der »Neuesten Nachrichten« einen Artikel lesen, der sich lang, breit und poetisch das Große Werder zum Thema genommen hatte. Land und Leute, die Besonderheiten der Störchennester und Bauernhäuser, etwa die Pfosten der Vorlauben, wurden kenntnisreich beschrieben. Und im Mittelteil dieses Aufsatzes, den Brauksel sich im ostdeutschen Zeitungsarchiv hat fotokopieren lassen, hieß und heißt es sinngemäß: »Wenn auch sonst im Großen Werder alles seinen gewohnten Gang geht und die alles wandelnde Technik noch nicht ihren Einzug gefeiert hat, macht sich dennoch, auf einem vielleicht nebensächlichen Gebiet, erstaunlicher Wechsel bemerkbar: Die Vogelscheuchen in den weithinwogenden Weizenfeldern des weiten herrlichen Landes — noch vor wenigen Jahren banal nützlich, allenfalls ein wenig komisch und traurig, aber immer den Vogelscheuchen anderer Provinzen und Ländereien verwandt — zeigen nun, zwischen Einlage, Jungfer und Ladekopp aber auch hoch bis Käsemark und Montau, vereinzelt sogar bis in die Gegend südlich Neuteich, ein neues abwechslungsreiches Gesicht: Phantastisches mischt sich mit uraltem Volksbrauch; ergötzliche aber auch unheimliche Gestalten stehen in flutenden Feldern, in den gesegneten Gärten; sollte man nicht jetzt schon die zuständigen Heimatmuseen oder das Landesmuseum auf diesen Schatz naiver und dennoch formsicherer Volkskunst aufmerksam machen? Dünkt es uns doch, es blühe inmitten alles verflachender Zivilisation noch einmal oder wiederum nordisches Erbe auf: Wikingergeist und christliche Einfalt in ostdeutscher Symbiose. Besonders eine Dreiergruppe in einem weithinwogenden Weizenfeld zwischen Scharpau und Bärwalde, die in schlichter Eindringlichkeit an die Kreuzigungsgruppe des Kalvarienberges, an den Herrn und die beiden Schächer erinnert, ist von einfältiger Frömmigkeit, greift dem Wanderer, der zwischen flutenden, weithingesegneten Feldern fürbaß schreitet, ans Herz — und er weiß nicht warum.«

Nun soll niemand glauben, Amsel hätte die Gruppe — im Diarium war nur ein Schächer skizziert — kindlich fromm und um Gotteslohn hergestellt: Laut Diarium brachte sie zwei Gulden zwanzig ein.

Was geschah mit dem vielen Geld, das die Bauern des Landkreises Großes Werder bereitwillig oder nach kurzem Handel in die flache Hand zahlten? In einem Beutelchen aus Leder bewahrte Walter Matern den wachsenden Reichtum auf. Er bewachte ihn finster über den Augenbrauen und nicht ohne Zähneknirschen. Ums Handgelenk geschlungen trug er den Beutel voller freistaatlicher Silberwährung zwischen den Pappeln der Chaussee, durch windige Strandwaldschneisen, ließ sich mit ihm über den Fluß setzen, schlenkerte ihn, schlug ihn gegen Gartenzäune, herausfordernd gegen das eigene Knie und öffnete ihn umständlich, wenn ein Bauer zum Kunden wurde.

Nicht Amsel kassierte. Walter Matern hatte, während Amsel gleichgültig tat, den Kaufpreis zu nennen, den Kauf durch Handschlag nach Viehhändlermanier zu besiegeln und die Münzen einzustreichen. Zudem war Walter Matern für den Transport der verkauften wie der ausgeliehenen Scheuchen zuständig. Er geriet in Abhängigkeit. Amsel machte ihn zum Paslack. In kurzatmigen Revolten versuchte er auszubrechen. Die Geschichte mit dem Taschenmesser war solch ein ohnmächtiger Versuch; denn Amsel blieb ihm, so kurzbeinig dicklich er durch die Welt kugelte, immer voraus. Wenn die beiden über den Deich liefen, hielt sich der Müllerssohn, nach Art der Paslacken, einen halben Schritt hinter dem Erbauer immer neuer Vogelscheuchen. Auch schleppte der Paslack dem Herrn die Materialien: Bohnenstangen und nasse Lumpen, was alles die Weichsel angeschwemmt hatte.

Neunzehnte Frühschicht

»Paaslak Paaslak!« lästerten die Kinder, wenn Walter Matern seinen Freund Eduard Amsel bepaslackte. Viele, die Gott lästern, werden bestraft; wer aber wird alle die ranzigen Salbentöpfchen, die täglich den Teufel lästern, mit dem Gesetz verfolgen? Die beiden — Brauksel meint jetzt den Müllerssohn und den dicken Bengel von gegenüber — waren, wie der liebe Gott und der Teufel, dergestalt ineinander vergafft, daß die Lästerei der Dorfjugend ihnen allenfalls Honig bedeutete. Zudem hatten die beiden sich, ähnlich wie Teufel und Gott, mit dem gleichen Messer geritzt.

So einig — denn das gelegentliche Paslacken war Liebestat — saßen die Freunde oft in der Hängestube, deren Lichtverhältnisse von der Sonne und dem Rutenzeug der Maternschen Bockwindmühle bestimmt wurde. Auf Fußbänkchen hockten sie nebeneinander zu Füßen der Großmutter Matern. Draußen war später Nachmittag. Die Holzwürmer schwiegen. Die Schatten der Mühle fielen woanders hin. Der Hühnerhof auf ganz leise gestellt, weil das Fenster geschlossen. Nur am Fliegenfänger starb übersüß eine Fliege und konnte nicht aufhören. Zwei Etagen unterhalb der Fliege, mürrisch, als wäre kein Ohr gut genug für ihre Geschichten gewesen, erzählte die Großmutter immer dieselben Värtellchens. Mit knochigen Altfrauenhänden, die alle in den Erzählungen vorkommenden Größenmaße angaben, bot sie Hochwasservärtellchens, Värtellchens von behexten Kühen, die üblichen Aalgeschichten, der einäugige Schmied, das dreibeinige Pferd, wie Herzog Kynstutes Töchterlein ausging, Mäuse zu graben, und die Geschichte vom Riesentümmler, den die Sturmflut unterhalb Bohnsack an Land geworfen hatte, just in dem Jahr, als Napoleon ins Russische zog.

Immer aber — und sie mochte noch so lange Umwege machen — geriet sie, von Amsel mit geschickten Zwischenfragen geködert, in die finsteren Gänge und Verliese der endlosen, weil heute noch nicht abgeschlossenen Geschichte von den zwölf kopflosen Nonnen und den zwölf Rittern mit Kopf und Helm unterm Arm, die in vier Kutschen — zwei weißbespannt, zwei schwarzbespannt — durch Tiegenhof über klirrendes Pflaster fuhren, vor einem leeren Gasthaus hielten, dort zwölf und zwölf einkehrten: Musik brach los. Gepfiffenes Geblasenes Gezupftes. Dazu Zungenflattern und geübtes Näseln. Schlimme Lieder mit schlimmen Kehrreimen aus männlichen Kehlen — das waren die Köpfe und Helme unter gewinkelten Ritterarmen — wechselten ab mit dünnem geistlichem Gesang, wie fromme Frauen ihn singen. Dann waren es wieder kopflose Nonnen, die aus vorgehaltenen Köpfen schlüpfrige Worte nach schlüpfriger Melodie mehrstimmig quellen ließen, zu der getanzt und gestampft wurde unter Kreischen und Schwindligtun. Und zwischendurch warf eine demütige, kaum vom Fleck kommende Prozession zwölf und zwölf kopflose Schatten durch die Gasthausfenster aufs Kopfsteinpflaster, bis abermals Gibbern, Sirren, Zungenschlag und Dielenkrachen dem Haus Mörtel und Dübel lockerten. Endlich gegen Morgen, kurz vor den Hähnen, fuhren kutscherlos die vier Kutschen schwarzbespannt weißbespannt vor. Und es verließen zwölf scheppernde Ritter, von denen der Rost stäubte, oben vom Schleier umwallt, mit engerlingbleichen Nonnengesichtern das Gasthaus zu Tiegenhof. Und es verließen zwölf Nonnen, die aber Ritterhelme mit geschlossenem Visier überm Ordenskleid trugen, das Gasthaus. In die vier Kutschen, Schimmel davor Rappen davor, stiegen sie sechs und sechs und sechs und sechs, doch nicht gemischt — sie hatten ja schon die Häupter gewechselt — und fuhren durch den geduckten Ort, dessen Pflaster abermals klirrte. — Noch heute soll, sagte die Großmutter Matern, bevor sie die Geschichte weiterspann und die Kutschen in andere Orte lenkte, vor Kapellen und Schlössern halten ließ, noch heute sollen in dem wüsten Gasthaus, das niemand bewohnen mag, frommer Gesang und lästerliche Gebete, die achterkatz ausfahren, im Kamin zu hören sein.

Daraufhin wären die beiden Freunde gerne nach Tiegenhof gezogen. Doch wenn sie sich auf den Weg machten, kamen sie immer nur bis Steegen, allenfalls nach Ladekopp. Erst im folgenden Winter, der für einen Vogelscheuchenbauer naturgemäß die stille, die wahrhaft schöpferische Zeit sein mußte, fand Eduard Amsel an Ort und Stelle Gelegenheit, den Kopflosen Maß zu nehmen: So baute er seine ersten mechanischen Scheuchen, wobei ein beträchtlicher Teil des Vermögens im Ledersäckchen abgehoben werden mußte.

Zwanzigste Frühschicht

Tauwetter treibt Brauxel ein Loch in den Kopf. Dabei tropft es auf die Zinkverkleidung vor seinem Fenster. Da im Verwaltungsgebäude auch fensterlose Räume leer stehen, könnte Brauksel diese Therapie vermeiden; aber Brauchsel bleibt und wünscht sich das Loch in den Kopf: Zelluloid Zelluloid — wenn schon Puppe, dann mit Löchlein in trockener Zelluloidstirn. Denn Brauxel erlebte schon einmal Tauwetter und wandelte sich unterm Schmelzwasser des abnehmenden Schneemannes; doch zuvor, vor vielen vielen Schneeschmelzen, floß die Weichsel unter einer dicken, von Pferdeschlitten befahrenen Eisdecke. Die Dorfjugend anliegender Fischerdörfer versuchte sich im Eissegeln auf Kurvenschlittschuhen, Schlaifjen genannt. Zwei ließen ein Bettuchsegel, das an Dachlatten genagelt worden war, vom Wind füllen und scharf vorantreiben. Jeder Mund dampfte. Schnee lastete und mußte geschaufelt werden. Hinter den Dünen trug unfruchtbares und fruchtbares Land denselben Schnee. Schnee auf beiden Deichen. Der Schnee des Strandes ging über in den Schnee der Eisfläche, die auf der randlosen See und ihren Fischen lag. Mit verrutschter Schneekappe, von Osten her angeschneit, stand die Maternsche Bockwindmühle x-beinig auf rundem weißem Hügelchen, inmitten weißer Wiesen, die nur durch harte Zäune ihr Gesicht bewahrten, und mahlte. Napoleons Pappeln verzuckert. Den Strandwald hatte ein Sonntagsmaler mit Deckweiß aus Tuben beschmiert. Als der Schnee grau wurde, machte die Mühle Feierabend und wurde aus dem Wind gedreht. Müller und Mahlknecht gingen nach Hause. Der schiefe Müller trat in die Fußstapfen des Mahlknechtes. Die schwarze Hündin Senta, nervös, seitdem man ihre Welpen verkauft hatte, drückte eigene Spuren und biß in den Schnee. Der Mühle schräg gegenüber, auf einem Zaun, dem sie zuvor mit Stiefelabsätzen den Schnee abgeklopft hatten, saßen Walter Matern und Eduard Amsel in dickem Zeug mit Fausthandschuhen.

Zuerst schwiegen sie geradeaus. Dann sprachen sie dunkel und technisch miteinander. Von Mühlen mit einem Mahlgang, holländischen Mühlen, ohne Stert, ohne Bock aber mit drei Mahlgängen und einem Spitzgang, vom Rutenzeug sprachen sie, vom Windbrett, das sich bei zunehmender Windgeschwindigkeit selbst reguliert. Mehlschnecken, Mehlzylinder, Mehlbalken, Mehlleisten gab es. Zwischen Sattel und Bremse bestanden Beziehungen. Nur Kinder singen unwissend: Die Mühle geht langsam, die Mühle geht schneller. Amsel und Walter Matern sangen nicht, sondern wußten warum und wann eine Mühle: Die Mühle geht langsam und die Mühle geht schneller, wenn die Rutenwelle kaum oder scharf durch die Bremse gehemmt wird. Auch wenn Schnee fiel, aber der Wind dennoch seine acht Meter pro Sekunde machte, mahlte die Mühle gleichmäßig im unregelmäßigen Gestöber. Nichts auf der Welt gleicht einer mahlenden Mühle bei Schneefall; auch die Feuerwehr nicht, die bei Regen den brennenden Wasserturm löschen muß.

Als aber die Mühle Feierabend hatte und das Rutenzeug ausgesägt im Gestöber stillhielt, zeigte sich — und nur weil Amsel die Äugelchen verkniff —, daß die Mühle noch keinen Feierabend hatte. Lautlos trieb Schnee, mal grau mal weiß mal schwarz, von der Großen Düne herüber. Die Chausseepappeln schwebten. In Lührmanns Krug brannte dottergelb Licht. Keine Kleinbahn läutete in der Kurve. Der Wind wurde bissig. Gesträuch winselte. Amsel glühte. Sein Freund döste. Amsel sah was. Sein Freund sah nichts. Amsels Fingerchen rieben sich in den Fäustlingen, schlüpften aus, suchten und fanden in linker Joppentasche den rechten Lackspangenschuh: Strom in der Leitung! Kein Schneeflock hielt sich auf Amsels Haut. Sein Mund spitzte sich, und in verkniffene Äugelchen fand mehr hinein, als sich auf einmal sagen läßt: Hintereinander fahren sie vor. Kutscherlos. Und die Mühle starr. Vier Schlitten, zwei weißbespannt — das hebt sich auf — zwei schwarzbespannt — das hebt sich ab — und steigen aus und sind einander behilflich: zwölf und zwölf, kopflos alle. Und ein kopfloser Ritter führt eine kopflose Nonne in die Mühle. Insgesamt führen zwölf kopflose Ritter zwölf Nonnen ohne Kopf — aber Ritter wie Nonnen tragen ihre Häupter unter dem Arm oder vor sich her — hinein in die Mühle. Zeigen sich aber kompliziert auf dem Trampelpfad; denn trotz der Gleichheit von Schleier und Schleier, Rüstung und Rüstung verblieben ihnen Händel von früher her, da sie das Lager in Ragnit auflösten, zwischen den Zähnen: Die erste Nonne spricht mit dem vierten Ritter nicht. Aber beide plaudern gern mit dem Ritter Fitzwater, der das Litauische kennt wie die Löcher in seinem Kettenhemd. Im Mai hätte die neunte Nonne niederkommen sollen, kam aber nicht, weil der achte Ritter — heißt Engelhard Rabe — ihr und der sechsten Nonne, die Sommer für Sommer zu viele Kirschen gegessen hatte, mit dem Schwert des dicken, des zehnten Ritters, der auf dem Balken hockte und hinter geschlossenem Visier einem Hühnchen das Fleisch von den Knochen zerrte, die Köpfe, den neunten, den sechsten Schleier abhieb. Und alles nur, weil das Banner des heiligen Georg nicht fertig gestickt war und der Fluß Szeszupe schon günstig gefroren. Während die restlichen Nonnen um so schneller stickten — fast schloß sich das letzte rote Feld — kam die dritte wächserne Nonne, die immer im Schatten dem elften Ritter folgte, und brachte die Schüssel, unter das Blut zu stellen. Da lachten die siebte, die zweite, die vierte, die fünfte Nonne, sie warfen das Stickzeug hinter sich und hielten dem achten Ritter, dem schwarzen Engelhard Rabe, Häupter und Schleier hin. Der, nicht faul, hob erst dem zehnten Ritter, der auf dem Balken abprotzte mit Hühnchen hinterm Visier, Haupt, Hühnchen und Helm mit Visier ab, gab dem sein Schwert: und der dicke kopflose, dennoch kauende Zehnte half dem achten Schwarzen, half der zweiten, der dritten wächsernen, die sich immer im Schatten gehalten hatte, sogleich auch der vierten und fünften Nonne, Häupter, Schleier und Engelhard Rabes Haupt abzulegen. Schoben sich lachend die Schüssel zu. Stickten nur wenige Nonnen am Georgsbanner, obgleich die Szeszupe günstig gefroren, obgleich die Englischen unter Lancaster schon im Lager waren, obgleich die Wegeberichte vorlagen, Fürst Witowd sich fern halten wollte und Wallenrod schon zur Tafel rief. War aber die Schüssel nun voll und schwappte über. Mußte die zehnte, die dicke Nonne — denn wie es einen dicken Ritter gab, gab es eine dicke Nonne —, die mußte gewackelt kommen, durfte noch dreimal die Schüssel heben, das letzte Mal, als die Szeszupe schon eisfrei war und Ursula, die achte Nonne, die aber überall kurz und zärtlich Tulla gerufen wurde, mit Flaum auf dem Nacken knien mußte. Hatte im März erst ihr Gelübde getan und schon zwölfmal gebrochen. Wußte aber nicht mit welchem und in welcher Folge, da alle nur mit geschlossenem Visier; und nun auch die Englischen unter Heinrich Derby; erst frisch im Lager und doch schon eilig. War auch ein Percy dabei, aber nicht Henry, sondern Thomas Percy. Für ihn hatte Tulla ein Extrabanner, obgleich Wallenrod Extrabanner verboten hatte, feingestickt. Hinter dem wollten Jacob Doutremer und Peege Peegood. Am Ende trat Wallenrod dem von Lancaster entgegen. Aus dem Wind schlug er des Thomas Percy Taschenformatbanner, ließ den von Hattenstein das knapp fertige Georgsbanner über den eisfreien Fluß tragen und befahl der achten Nonne, Tulla gerufen, niederzuknien, während die Brücke geschlagen wurde, wobei vier Pferde und ein Knecht ersoffen. Schöner sang sie, als vor ihr die elfte und zwölfte Nonne gesungen hatten. Sie konnte Näseln, Zirpen und gleichzeitig die hellrote Zunge in dunkelroter Mundhöhle flattern lassen. Der von Lancaster weinte hinterm Visier, denn er wäre lieber zu Hause geblieben, hatte aber Stunk mit der Familie und wurde später trotzdem König. Plötzlich und weil niemand mehr über die Szeszupe wollte, alle nur weinerlich lieber nach Hause, sprang der jüngste Ritter aus einem Baum, in dem er geschlafen hatte, und machte federnde Schrittchen hin zum Flaum auf dem Nacken. War von Moers heraufgezogen und hatte Barten bekehren wollen. Waren aber schon alle bekehrt und Bartenstein gegründet. Blieb nur noch das Litauische übrig, zuvor Flaum auf Tullas Nacken. Den traf er überm letzten Wirbel, warf gleich sein Schwert in die Luft und fing es mit eigenem Nacken auf. So geschickt war der sechste, der jüngste Ritter. Das wollte der vierte Ritter, der nie mit der ersten Nonne sprach, ihm nachmachen, hatte aber kein Glück und trennte beim ersten Versuch der zehnten dicken, beim zweiten Versuch der strengen ersten Nonne, das feiste, das strenge Haupt ab. Da mußte der dritte Ritter, der nie das Kettenhemd wechselte und als weise galt, die Schüssel holen, weil keine Nonne mehr da war.

Eine kleine Reise machten die restlichen Ritter mit Kopf, gefolgt von den Englischen ohne Banner, den Hanauern mit dem Banner und den Gewaffneten von Ragnit ins wegelose Litauen. Herzog Kynstute gluckerte in den Mooren. Unter Riesenfarnen meckerte seine Tochter. Überall unkte es und ließ Pferde straucheln. Am Ende war Potrimpos immer noch nicht begraben; Perkunos wollte nicht brennen; und ungeblendet schaute Pikollos weiterhin von unten nach oben. Ach! Einen Film hätten sie drehen sollen. Waren ja Komparsen genug da, und Natur die Menge. Zwölfhundert Beinschienen, Armbrüste, Brustharnische, faulende Halbstiefel, zerkautes Zaumzeug, siebzig Ballen Steifleinen, zwölf Tintenfässer, zwanzigtausend Fackeln, Talglichte, Pferdestriegel, Rollen Packzwirn, Stangen Süßholz — Kaugummi des vierzehnten Jahrhunderts — rußige Schwertfeger, Koppeln Hunde, Deutschherren beim Brettspiel, Harfner Gaukler Lasttiertreiber, Gallonen Gerstenbier, Bündel Wimpel, Pfeile, Lanzen und Bratenwender für Simon Bache, Erik Cruse, Claus Schone, Richard Westrall, Spannerle, Tylman und Robert Wendell beim Brückenschlag, Übergang, im Hinterhalt, Dauerregen: Bündel Blitze, Eichen splittern, Rosse scheuen, Eulen äugen, Füchse wechseln, Pfeile sirren: Deutschherren werden nervös; und im Erlengebüsch ruft die blinde Seherin »Wela! Wela!« Zurück zurück … aber erst im Juli drauf sahen sie wieder jenes Flüßchen, das heute noch der Dichter Bobrowski dunkel besingt. Die Szeszupe floß klar und klingelte sich über Ufersteine. Auch alte Bekannte die Menge: saßen da die zwölf kopflosen Nonnen, hielten links ihre Köpfe im Schleier und schöpften mit rechter Hand das Wasser der Szeszupe auf heiße Gesichter. Im Hintergrund standen mürrisch die kopflosen Ritter und wollten sich nicht abkühlen. Da beschlossen die restlichen Ritter, sich mit den bereits kopflosen gemein zu machen. Nahe Ragnit hoben sie sich Häupter und Helme gegenseitig und gleichzeitig ab, spannten ihre Pferde vor vier grobe Fuhrwerke und fuhren mit Rappen und Schimmeln durchs bekehrte wie unbekehrte Land. Sie erhöhten Potrimpos, ließen den Christ fallen, blendeten abermals Pikollos vergeblich und nahmen wieder das Kreuz auf. In Gasthöfen, Kapellen und Mühlen stiegen sie ab, kamen mit Kurzweil durch die Jahrhunderte: erschreckten Polen, Hussiten und Schweden, sie waren bei Zorndorf dabei, als Seydlitz mit seinen Schwadronen über den Zabern-Grund setzte, und fanden, als der Korse eilig zurückmußte, vier herrenlose Kutschen auf seinem Weg. Die tauschten sie gegen Kreuzritterfuhrwerke und waren in gefederten Kutschen Zeugen der zweiten Schlacht bei Tannenberg, die genauso wenig wie die erste bei Tannenberg stattfand. Inmitten der heillosen Reiterhaufen Budjonnys konnten sie gerade noch wenden, als Pilsudski, mit Hilfe der Jungfrau Maria, im Weichselbogen siegte; und pendelten während der Jahre, da Amsel Vogelscheuchen baute und zum Verkauf anbot, ruhelos zwischen Tapiau und Neuteich. Zwölf und zwölf hatten vor, solange ruhelos zu bleiben, bis ihnen Erlösung zuteil wurde und jeder sein Haupt oder jeder Rumpf jedes Haupt tragen konnte.

Zuletzt hatten sie sich in Scharpau, danach in Fischer-Babke gemein gemacht. Schon trug die erste Nonne zeitweilig des vierten Ritters Antlitz, sprach aber immer noch nicht mit ihm. Da fuhren sie, zwischen Dünen und der Chaussee nach Stutthof, übers Feld, hielten — nur Amsel sah sie — vor der Maternschen Mühle und stiegen aus: Gerade ist zweiter Februar oder Mariä Lichtmeß, die wollen sie feiern. Helfen einander aus Kutschen, das Hügelchen hinauf, in die Bockwindmühle hinein. Ist aber gleich darauf — nur Amsel hört es — Mahlboden und Sackboden voller Gesumms, Gleischbern, Kurzgeschrei, Brockenfluchen und Rückwärtsbeten. Gezirpt wird und auf Eisen gepfiffen, während der Schnee von der Düne her womöglich vom Himmel fällt. Amsel glüht und reibt den Lackspangenschuh in tiefer Tasche, aber sein Freund bleibt abseits und döst nach innen. Halbzeit, denn drinnen wälzen sie sich im Mehl, reiten den Hausbaum, klemmen die Fingerchen zwischen Sattel und Bremse, drehen, weil’s Lichtmeß ist, die Mühle in den Wind: langsam geht sie, noch launisch; da stimmen zwölf Köpfe die süße Sequenz an: Christi Mutter stand in Schmerzen — O Perkoll, wie kalt sind Sieben von uns Zwölfen kalt geblieben — juxta crucem lacrimosa — O Perkun, wir brennen Zwölfe, werd ich Asche, bleiben Elfe — Dum pendebat filius — O Potrimp, beim Mehlzerstäuben woll’n wir Christi Blut bereuen… Da endlich, während der Mahlkasten Kopf und Helm des achten, des schwarzen Ritters mit dem dick freundlichen Kopf der zehnten Nonne rüttelt, geht die Maternsche Bockwindmühle schneller und schneller, obgleich jeder Wind ausbleibt. Schon wirft der jüngste, der Ritter vom Niederrhein, seinen singenden Kopf mit weitoffnem Visier der achten Nonne zu. Die stellt sich unwissend, will nicht erkennen, heißt Ursula und nicht Tulla, hat an sich selbst genug und reitet jenen Stöpsel, mit dem der Mahlbalken festgestellt ist. Nun schlottert er: Die Mühle geht langsam, die Mühle geht schneller; sauer grölen die Köpfe im Mahlkasten; trockenes Japsen auf hölzernem Stöpsel; Krähen im Mehl; die Dachrähme ächzt und die Sperriegel wandern; Rümpfe treppauf und treppab; vom Sackboden zum Mahlboden wird Wandlung betrieben: schon verjüngt sich die alte Maternsche Bockwindmühle unter Jibbern und heller Anbetung, wird — nur Amsel mit seinem Lackspangenschuh sieht es — zum Ritter mit dem Stert auf dem Bock, der um sich schlägt und den Schneefall trifft; wird — nur Amsel begreift mit dem Schuh — zur Nonne, die in weitem Ordenskleid, gebläht von Bohnen und Ekstase, die Ärmel kreisen läßt: Windmühlenritter Windmühlennonne: Armut Armut Armut. Aber gegorene Stutenmilch wird gesoffen. Saft aus Kornrade gebrannt. Schneidezähne benagen Fuchsknöchlein, während die Rümpfe immer noch darben: Armut Süßholz. Dann doch Rüberziehen, Unterschieben, Köpfe beiseite; und aus großem Aufskreuzlegen steigt reinstimmig Askese, Wegnahme, wasserhell das Hohelied gottwohlgefälliger Geißel: Windmühlenritter schwingt Windmühlengeißel; Windmühlengeißel trifft Windmühlennonne — Amen — oder noch kein Amen; denn während lautlos und ohne Leidenschaft Schnee vom Himmel fällt, Amsel mit verengten Augen auf dem Zaun hockt, den rechten Lackspangenschuh der Hedwig Lau in linker Joppentasche spürt und schon seinen kleinen Plan macht, ist jenes Flämmchen erwacht, das in jeder Windmühle schläft.

Und sie verließen, nachdem die Köpfe wahllos zu Rümpfen gefunden hatten, die zäher, bald kaum gehende Mühle. Die aber begann, während sie in vier Kutschen stiegen und gegen die Dünen davonglitten, von innen nach außen zu brennen. Da rutschte Amsel vom Zaun und riß seinen Freund mit. »Is päsert, is päsert!« riefen sie zum Dorf hin: war aber nichts mehr zu retten.

Einundzwanzigste Frühschicht

Endlich sind die Graphiken angekommen. Brauksel hat sie sogleich unter Glas legen und hängen lassen. Mittelgroße Formate: »Nonnenanhäufung zwischen dem Kölner Dom und dem Kölner Hauptbahnhof. Eucharistischer Kongreß München. Nonnen und Krähen und Krähen und Nonnen.« Dann die großformatigen Blätter, DIN A1, schwarze Tusche, zum Teil ausgezogen: Einkleidung einer Novizin; Große Äbtissin; Hockende Äbtissin — ein gelungener Wurf. Fünfhundert DM verlangt der Künstler. Angemessen, durchaus angemessen. Das Blatt kommt sogleich ins Konstruktionsbüro. Wir nehmen leise Elektromotoren: Windmühlennonne schwingt Windmühlengeißel…

Denn während noch die Polizei die Brandstätte untersuchte, weil man Brandstiftung vermutete, baute Eduard Amsel seine erste und im Frühjahr drauf, als aller Schnee seinen Sinn verlor und sich erwies, daß der Mennonit Simon Beister die katholische Bockwindmühle aus religiösen Gründen in Brand gesteckt hatte, seine zweite mechanische Vogelscheuche. Viel Geld, das Geld aus dem Lederbeutelchen, steckte er in das Geschäft. Nach Skizzen im Diarium fertigte er einen Windmühlenritter und eine Windmühlennonne, ließ beide mit kostümgerechtem Rutenzeug auf dem Bock sitzen und dem Wind gehorchen; aber sowohl der Bockwindmühlenritter als auch die Bockwindmühlennonne wurden, wenn sie auch schnell Käufer fanden, nicht das, was die Schneenacht um Mariä Lichtmeß Eduard Amsel eingegeben hatte: Der Künstler blieb unzufrieden; und auch die Firma Brauxel & Co. wird die mobile Versuchsreihe kaum vor Mitte Oktober abschließen und für die Serienproduktion freigeben können.

Zweiundzwanzigste Frühschicht

Nach dem Brand der Mühle brachte die Fähre, danach die Werderkleinbahn den taschen- und knopflosen, also groben Mennoniten, Kleinbauern und Fischer Simon Beister, der aus Gründen der Religion Feuer gelegt hatte, in die Stadt, sodann ins städtische Gefängnis Schießstange, das auf Neugarten, am Fuße des Hagelsberges lag und während der nächsten Jahre dem Simon Beister zum Wohnort wurde.

Senta, vom Stamme Perkun, die sechs Welpen geworfen hatte, deren Schwärze sich immer so schön vom weißen Müller abgehoben hatte, zeigte, sobald alle Welpen verkauft waren, Zeichen hündischer Nervosität und geriet nach dem Brand der Mühle dergestalt schadenbringend durcheinander — sie riß wolfsmäßig ein Schaf und fiel einen Vertreter der Feuer-Sozietät an —, daß der Müller Matern seinen Sohn Walter zu Erich Lau, dem Dorfschulzen zu Schiewenhorst, schicken mußte: Der Vater der Hedwig Lau besaß ein Gewehr.

Auch den Freunden brachte der Brand der Mühle einigen Wechsel. Aus dem zehnjährigen Walter Matern und dem zehnjährigen Eduard Amsel machte das Schicksal, besser gesagt, machten der Dorfschullehrer, die Witwe Amsel und der Müller Matern sowie der Studiendirektor Dr. Battke zwei Gymnasiasten, denen es gelang, auf derselben Schulbank zu sitzen. Während noch an der neuen Maternschen Bockwindmühle gebaut wurde — das Projekt einer holländischen Mühle, gemauert mit drehbarer Kappe, mußte aufgegeben werden, weil die historische Form der Luisenmühle gewahrt werden sollte —, ereignete sich, begleitet von mäßigem Hochwasser, beginnender Mäuseplage und jähem Aufbrechen der Weidenkätzchen, das Osterfest; und bald nach dem Fest trugen Walter Matern und Eduard Amsel die grünen Sammetmützen des Realgymnasiums Sankt Johann. Beide hatten die gleiche Kopfgröße. Beide hatten die gleiche Schuhgröße, nur war Amsel viel dicker, viel dicker. Zudem hatte Amsel nur einen Haarwirbel. Walter Matern hatte zwei, was, wie man sagt, auf einen frühen Tod schließen läßt.

Der Schulweg von der Weichselmündung zum Realgymnasium Sankt Johann machte die Freunde zu Fahrschülern. Fahrschüler erleben und lügen viel. Fahrschüler können im Sitzen schlafen. Fahrschüler sind Schüler, die ihre Schularbeiten in der Eisenbahn machen und sich dadurch eine zittrige Handschrift angewöhnen. Auch in späteren Jahren, wenn keine Schularbeiten mehr gemacht werden müssen, lockert sich ihr Schriftbild kaum, allenfalls verliert sich das Zittrige. Deshalb muß der Schauspieler sein Manuskript direkt in die Maschine tippen; als ehemaliger Fahrschüler schreibt er noch heute verkrampft unleserlich, von imaginären Schienenstößen geschüttelt.

Die Kleinbahn fuhr vom Werderbahnhof, den die Städter »Bahnhof Niederstadt« nannten, über Knüppelkrug, Gottswalde und wurde bei Schusterkrug mit Fährbetrieb über die Tote Weichsel, bei Schiewenhorst, mit Hilfe der Dampffähre, über den sogenannten Durchstich nach Nickelswalde geführt. Sobald die Kleinbahnlokomotive jeden der vier Kleinbahnwagen einzeln den Weichseldeich hochgezogen hatte, fuhr sie, nachdem Eduard Amsel in Schiewenhorst, Walter Matern in Nickelswalde ausgestiegen waren, über Pasewark, Junkeracker, Steegen zur Endstation der Kleinbahnlinie, nach Stutthof.

Alle Fahrschüler stiegen in den ersten Wagen hinter der Lokomotive. Aus Einlage kamen Peter Illing und Arnold Mathrey. In Schusterkrug stiegen Gregor Knessin und Joachim Bertulek zu. In Schiewenhorst ließ sich an jedem Schultag Hedwig Lau von ihrer Mutter zur Bahn bringen. Oft hatte das Kind Mandelentzündung und kam nicht. War es nicht ungehörig, daß die schmalbrüstige Kleinbahnlokomotive auch ohne Hedwig Lau davonzog? Des Dorfschulzen Töchterlein saß gleich Walter Matern und Eduard Amsel seit Ostern in der Sexta. Später, von der Quarta an, wurde sie robuster, hatte keine Mandelentzündungen mehr und wurde, da niemand mehr um ihr Fortleben zittern mußte, so langweilig, daß Brauxel sie auf diesem Papier bald nicht mehr nennen muß. Zur Zeit aber hat Amsel noch einen Blick übrig für ein stilles bis verschlafenes, hübsches, vielleicht nur küstenmäßig hübsches Mädchen. Mit etwas zu hellem Haar, etwas zu blauen Augen, übertrieben frischer Haut und aufgeschlagenem Englischbuch sitzt es ihm gegenüber.

Hedwig Lau trägt Hängezöpfe. Auch wenn sich die Kleinbahn der Stadt nähert, riecht sie nach Butter und Molke. Amsel verkneift die Äugelchen und läßt das Küstenblond der Zöpfe flimmern. Draußen, hinter Klein-Plehnendorf, beginnt mit den ersten Gattersägen der Holzhafen: Möwen lösen Schwalben ab, die Telegraphenstangen bleiben. Amsel schlägt sein Diarium auf. Die Hängezöpfe der Hedwig Lau hängen frei und schwingen knapp überm aufgeschlagenen Englischbuch. Amsel strichelt einen Entwurf in sein Diarium: lieblich, lieblich! Aus Hängezöpfen, die er aus formalen Gründen ablehnen muß, entwickelt er zwei Haarschnecken, die ihre durchbluteten Ohren bedecken sollen. Aber nicht, daß er sagt: mach so, so sieht besser aus, Zöppe sind blöd, Schnecken mußte tragen; nein, während draußen Kneiab beginnt, schiebt er sein Diarium wortlos über ihr aufgeschlagenes Englischbuch, und Hedwig Lau betrachtet, nickt sodann mit Wimpern Zustimmung, beinahe Gehorsam, obgleich Amsel nicht das Aussehen eines Jungen hat, dem Schulmädchen zu gehorchen pflegen.

Dreiundzwanzigste Frühschicht

Brauxel hegt einen nicht zu entschärfenden Widerwillen gegen unbenutzte Rasierklingen. Ein Faktotum, das früher, zu Zeiten der Burbach-Kali AG, als Hauer ergiebige Salzlager angeschossen hat, weiht Brauchsel Rasierklingen ein, bringt sie ihm nach dem ersten Schnitt, und Brauksel muß keinen Widerwillen überwinden, der gleichstark, wenn auch nicht gegen Rasierklingen gerichtet, Eduard Amsel angeboren war. Er hatte etwas gegen neue, neuriechende Kleider. Auch der Geruch frischer Wäsche zwang ihn, gegen beginnende Übelkeit anzukämpfen. Solange ihn die Dorfschule aufgenommen hatte, waren seiner Allergie natürliche Grenzen gesetzt gewesen, denn der Schiewenhorster wie Nickelswaldener Nachwuchs drückte in ausgebeuteltem, oftgeflicktem, dünngesessenem Zeug die Schulbänke. Aber das Realgymnasium Sankt Johann verlangte andere Kluft. Neu und neuriechend ließ seine Mutter ihn einkleiden: Die grüne Sammetmütze wurde schon genannt, dazu kamen Polohemden, sandgraue Kniehosen aus teurem Tuch, eine blaue Affenjacke mit Perlmuttknöpfen und — womöglich auf Amsels Wunsch — Lackspangenschuhe; denn Amsel hatte nichts gegen Spangen und Lack, nichts gegen Perlmuttknöpfe und Affenjacke, nur die Aussicht, daß all dieses neue Zeug auf seiner Haut, die ja die Haut eines Vogelscheuchenbauers war, kleben sollte, ließ ihn erschauern, zumal er mit juckenden Ekzemen auf frische Wäsche und ungetragene Kleider reagierte; wie auch Brauxel nach einer Rasur mit neuer Klinge das Auftreten der scheußlichen Bartflechte befürchten muß.

Zum Glück konnte Walter Matern seinem Freund helfen. Seine Schulkleidung war aus gewendetem Tuch geschneidert worden, seine Schnürschuhe waren schon zweimal beim Schuster gewesen, die Gymnasiastenmütze hatte Walter Materns sparsame Mutter alt gekauft, und so begann die Kleinbahnfahrt der Fahrschüler gute vierzehn Tage mit gleichbleibender Zeremonie: In einem der Güterwagen, zwischen arglosem Schlachtvieh, wechselten die Freunde ihre Schulkleidung: das ging leicht, was Schuhe und Mütze betraf, aber Jacke, Kniehose und Hemd des gewiß nicht schmächtigen Walter Matern waren dem Freund eng, unbequem und dennoch ein Labsal, weil sie getragen und gewendet waren, weil sie alt und nicht neu rochen. Unnütz zu sagen, daß Amsels neue Kleider dem Freund schlottrig anhingen, auch standen ihm Lack und Spangen, Perlmuttknöpfe und das lächerliche Affenjäckchen fremd zu Gesicht. Amsel, der mit den Füßen eines Vogelscheuchenbauers im groben und von Gehfalten zerklüfteten Schuhzeug steckte, war dennoch hell entzückt über den Anblick seiner Lackschuhe an Walter Materns Füßen. Er mußte sie eintragen, bis Amsel sie getragen nannte und ähnlich rissig fand wie jenen rissigen Lackspangenschuh, der in seinem Tornister lag und etwas bedeutete.

Dieser Kleiderwechsel, das sei vorweggenommen, war während Jahren ein Bestandteil, wenn nicht Bindeglied der Freundschaft zwischen Walter Matern und Eduard Amsel. Selbst Taschentücher, die ihm die Mutter frisch, und Naht auf Naht gefaltet, fürsorglich in die Tasche gesteckt hatte, mußte der Freund einweihen, desgleichen Strümpfe und Söckchen. Auch blieb es nicht beim Wechsel der Kleidung: ähnlich empfindlich zeigte sich Amsel neuen Bleistiften und Federhaltern gegenüber: Walter Matern mußte anspitzen, dem neuen Radiergummi die Fasson nehmen, Sütterlinfedern einschreiben — gewiß hätte er auch, wie Brauksels Faktotum, Rasierklingen als erster zur Rasur ansetzen müssen, wenn damals schon rötlicher Flaum auf Amsels Sommersprossengesicht gereift wäre.

Vierundzwanzigste Frühschicht

Wer steht da, hat sich nach dem Frühstück erleichtert und betrachtet seinen Kot? Ein Mensch, nachdenklich und besorgt, der Vergangenheit hinterdrein. Warum immer nur den blanken und leichten Totenschädel beäugen? Theaterluft Hamletgerede Schauspielergesten! Brauxel, der hier die Feder führt, hebt den Blick, zieht die Wasserspülung und hat sich, während er betrachtete, einer Situation erinnert, die beiden Freunden, Amsel eher nüchtern, Walter Matern schauspielerhaft, Gelegenheit gab, Betrachtungen anzustellen, Theaterluft wehen zu lassen.

Das Gymnasium in der Fleischergasse befand sich abenteuerlich und unübersichtlich verteilt in den Räumen eines ehemaligen Franziskanerklosters, hatte also Vorgeschichte und war für beide ein ideales Gymnasium, weil es in den Räumen des ehemaligen Klosters eine Menge Zugänge zu Verstecken gab, die weder den Lehrern noch dem Pedell bekannt waren.

Brauksel, der einem Bergwerk vorsteht, das weder Kali, Erz noch Kohle fördert und dennoch bis zur Achthundertfünfzigmetersohle in Betrieb ist, hätte gleichfalls an dem unterirdischen Wirrwarr seine kleine Freude gehabt: Denn unter allen Klassenräumen, unter der Turnhalle und dem Pissoir, unter der Aula, sogar unter dem Konferenzzimmer der Studienräte zogen sich Kriechgänge hin, die zu Verliesen, Schächten, auch im Kreis und in die Irre führten, wenn man ihnen nachging. Als nach Ostern die Schule begann, betrat Amsel als erster das Klassenzimmer im Erdgeschoß. Kurzbeinig und in Walter Materns Schuhen machte er Schrittchen über geölte Dielen, schnupperte ein bißchen mit rosa Naslöchern: Kellermief Theaterluft! blieb stehen, verankerte die fetten Fingerchen ineinander, federte auf den Schuhspitzen und machte, nachdem er hier und dort gefedert und geschnuppert hatte, auf einem der Dielenbretter mit rechter Schuhspitze ein Kreuz. Da die Zinke nicht mit verständnisvollem Pfeifen quittiert wurde, blickte er auf gepolstertem Hals hinter sich: Dort stand Walter Matern in Amsels Lackspangenschuhen, begriff nicht, bot nur sein bullig verschlossenes Gesicht, begriff dann von der Naswurzel aufwärts und pfiff endlich verständnisvoll durch die Zähne. Weil es unter den Dielen hohl und verworren zuging, fühlten sich beide im Klassenzimmer der Sexta sogleich heimisch, wenn auch vor den Fenstern des Klassenzimmers keine Weichsel breitschultrig zwischen Deichen floß.

Aber nach einer Woche Gymnasium hatten die beiden, da sie nun mal auf Flüsse aus waren, den Zugang zu einem Flüßchen und Weichsel-Ersatz gefunden. Im Umkleideraum der Turnhalle, die zu Franziskanerzeiten Bibliothek gewesen war, mußte ein Deckel gehoben werden. Die in die Dielen eingelassene Vierung, deren Fugen mit den Überresten jahrzehntelanger Sauberkeit gekittet, aber für Amsels Blick nicht getarnt waren, lüftete Walter Matern: Kellermief Theaterluft! Sie hatten den Anfang eines trocken muffigen Kriechganges gefunden, der sich von den anderen Kriechgängen unter den Klassenzimmern unterschied, indem er auf die städtische Kanalisation stieß und mit Kanälen zur Radaune führte. Das Flüßchen mit dem geheimnisvollen Namen kam von den Radauneseen im Kreis Berent fisch- und krebsreich daher und näherte sich, an Petershagen vorbei, seitlich des Neumarktes der Stadt. Teils sichtbar, teils unterirdisch schlängelte es sich durch die Altstadt und mündete, oft überbrückt und mit Schwänen und Trauerweiden ansehnlich gemacht, zwischen Karpfenseigen und Brabank in die Mottlau, kurz bevor sie sich mit der Toten Weichsel mischte.

Amsel und sein Freund konnten also, sobald der Umkleideraum zeugenlos war, die Vierung aus den Dielen heben — das taten sie — durch einen Kriechgang kriechen — beide krochen — etwa auf Höhe des Pissoirs einen Schacht hinabsteigen — auf regelmäßig eingemauerten Steigeisen kletterte Walter Matern zuerst — auf dem Schachtgrund eine rostige Eisentür ohne Mühe öffnen — Walter Matern öffnete — und durch einen trocknen, übelriechenden und rattenbelebten Kanal laufen — den durchliefen sie in vertauschten Schuhen. Um genau zu sein: unter dem Wiebenwall, Karrenwall mit dem Gebäude der Landesversicherung, unter den städtischen Gartenanlagen, unter den Eisenbahngleisen zwischen Petershagen und Hauptbahnhof führte der Kanal zur Radaune. Gegenüber dem Sankt-Salvator-Friedhof, der zwischen Grenadiergasse und Mennonitenkirche am Fuße des Bischofsberges lag, fand der Kanal seinen geräumigen Ausfluß. Seitlich der Öffnung ragten abermals Steigeisen aus steil gemauertem Ufer hoch bis zum verschnörkelten Geländer. Dahinter eine Aussicht, wie Brauxel sie von vielen Stichen her kennt: aus jungen maigrünen Parkanlagen hebt sich ziegelrot das Panorama der Stadt: vom Olivaer Tor bis zum Leegen Tor, von Sankt Katharinen bis Sankt Petri am Poggenpfuhl bezeugen viele verschieden hohe und verschieden dicke Türme, daß sie nicht gleich alt sind.

Diesen Ausflug durch den Kanal machten die Freunde zwei- oder dreimal. Walter Matern erschlug dabei ein gutes Dutzend Ratten. Als sie beim zweitenmal über der Radaune ans Licht kamen, wurden sie von Rentnern, die in den Parkanlagen die Zeit verplauderten, beobachtet aber nicht angezeigt. Schon hatten sie genug — denn die Radaune war nicht die Weichsel —, da stießen sie unterhalb der Turnhalle, aber noch vor dem Schacht zur städtischen Kanalisation, auf eine mit Backsteinen flüchtig zugestellte Abzweigung. Amsels Stablampe entdeckte sie. Einem abzweigenden Kriechgang mußte gefolgt werden. Der Gang hatte Gefälle. Der mannshohe gemauerte Kanal, auf den der Kriechgang stieß, war kein Kanal der städtischen Kanalisation, sondern führte brüchig rieselnd mittelalterlich unter die ganz und gar gotische Trinitatiskirche. Sankt Trinitatis lag neben dem Museum, keine hundert Schritt vom Realgymnasium entfernt. An einem Sonnabend, da die beiden Freunde nach vier Stunden Unterricht schulfrei hatten, zwei Stunden vor Abfahrt der Werderkleinbahn, machten sie jene Entdeckung, von der hier nicht nur erzählt wird, weil mittelalterliche Kriechgänge gut zu beschreiben sind, sondern weil die Entdeckung dem Sextaner Eduard Amsel betrachtenswert war und dem Sextaner Walter Matern Anlaß zum Schauspielern und Zähneknirschen gab. Zudem kann sich Brauxel, der einem Bergwerk vorsteht, unter Tage besonders gewählt ausdrücken.

Der Knirscher — Amsel hat den Namen erfunden, Mitschüler sprechen ihn nach —, der Knirscher also geht voran. Links hält er die Stabtaschenlampe, während er rechts einen Knüppel führt, der die Kanalratten aufscheuchen und gegebenenfalls erschlagen soll. Es gibt nicht viele Ratten. Das Mauerwerk faßt sich rauh bröselig trocken an. Die Luft kühl aber nicht grabeskalt, eher zugig, wenn auch nicht deutlich wird, woher es zieht. Kein Schrittecho wie in den städtischen Kanälen. Gleich dem Kriechgang und Zubringer hat der mannshohe Gang starkes Gefälle. Walter Matern trägt seine eigenen Schuhe, denn Amsels Lackspangenschuhe hatten in den Kriechgängen genug gelitten: Jetzt läuft er in getragenen Schuhen. Von daher die Zugluft und gute Wetterführung: aus dem Loch heraus! Beinahe wären sie vorbei, wenn Amsel nicht. Links von ihnen. Durch die Lücke, sieben Ziegel hoch, fünf Ziegel breit, schiebt Amsel den Knirscher. Schwieriger ist es mit Amsel. Die Stabtaschenlampe quer zwischen den Zähnen, zerrt er Amsel durch das Loch und hilft, Amsels beinahe neue Schulkleidung in übliche Schulklamotten zu verwandeln. Beide stehen und schnaufen kurz. Sie befinden sich auf der geräumigen Sohle eines runden Schachtes. Sogleich zieht es ihnen die Blicke nach oben, denn von oben sickert verwaschenes Licht: Das durchbrochene, kunstvoll geschmiedete Gitter über dem Schacht ist im Steinfußboden der Trinitatiskirche eingelassen; das werden sie später nachprüfen. Mit dem dünner werdenden Licht klettern vier Augen wieder den Schacht hinunter, und unten, die Stabtaschenlampe zeigt es ihnen, liegt vor vier Schuhspitzen das Skelett.

Gekrümmt liegt es, unvollständig, mit vertauschten oder ineinander geschobenen Details. Das rechte Schulterblatt hat vier Rippen eingedrückt. Das Brustbein mit dem Fortsatz spießt die rechten Rippen. Links fehlt das Schlüsselbein. Die Wirbelsäule knickt überm ersten Lendenwirbel. Arme und Beine fast vollständig zwanglos versammelt: ein gestürzter Mensch.

Der Knirscher steht starr und läßt sich die Stabtaschenlampe abnehmen. Amsel beginnt das Skelett auszuleuchten. Licht- und Schatteneffekte ergeben sich, ohne daß Amsel es darauf anlegt. Mit der Spitze eines Lackspangenschuhes — den Lack kann sich Brauxel bald sparen — zieht er durch den mehligen nur oberflächlich verkrusteten Dreck der Schachtsohle eine um alle gestürzten Glieder laufende Spur, nimmt Abstand, läßt den Lichtkegel der Stabtaschenlampe der Spur nachlaufen, verkneift, wie immer, wenn er etwas Modellhaftes sieht, die Augen, hält den Kopf schräg, läßt die Zunge spielen, verdeckt ein Auge, dreht sich auf der Stelle, blickt über die Schulter hinter sich, zaubert ein Taschenspiegelchen von irgendwoher, jongliert mit Licht, Skelett und Spiegelbild, läßt die Taschenlampe unter gewinkeltem Arm hinter sich Licht machen, verkantet das Spiegelchen leicht, geht, um den Radius zu vergrößern, auf die Zehenspitzen, schnell und vergleichsweise in die Knie, steht ohne Spiegelchen wieder frontal, korrigiert die Spur hier und dort, übertreibt mit zeichnendem Spangenschuh die Gestik des Gestürzten, nimmt sie mit spurenlöschendem und neuzeichnendem Schuh wieder zurück, harmonisiert, steigert, besänftigt, will Statik Movens Ekstase, ist insgesamt darauf aus, eine Skizze nach dem Skelett zu entwerfen, im Gedächtnis zu bewahren und daheim im Diarium zu verewigen. Kein Wunder, daß Amsel, nachdem alle Vorstudien beendet sind, den Wunsch hat, jenen Schädel, der dem Skelett zwischen den unvollständigen Schlüsselbeinen steckt, aufzuheben und sachlich in seinen Schultornister, zu Büchern und Heften, zum brüchigen Schuh der Hedwig Lau zu stecken. An die Weichsel will er den Schädel tragen und einer seiner noch gerüsthaften Scheuchen, womöglich aber der soeben im Staub entworfenen Scheuche draufsetzen. Schon ist seine Hand mit den fünf dicken, drollig gespreizten Fingern über den Schlüsselbeinresten, will in die Augenhöhlen greifen und den Schädel auf sichere Art lüpfen, da beginnt der Knirscher, der sich lange starr und kaum anwesend gegeben hat, mit mehreren Zähnen zu knirschen. Er tut es wie immer: von links nach rechts. Aber die Akustik des Schachtes höht und verbreitert das Geräusch dergestalt vorwarnend, daß Amsel mitten im Greifen einhält, über runden Rücken hinter sich blickt und die Stabtaschenlampe auf seinen Freund richtet.

Der Knirscher spricht nicht. Das Zähneknirschen soll deutlich genug sein. Es besagt: Amsel darf keine Fingerchen spreizen. Amsel darf nicht mitnehmen. Der Schädel ist nicht zum Mitnehmen. Stör ihn nicht. Rühr nicht dran. Schädelstätte. Golgatha. Hünengrab. Zähneknirschen.

Doch Amsel, dem es immer an bezeichnenden Versatzstücken und Requisiten, also am Notwendigsten fehlt, will die Hand schon wieder in Richtung Schädel schicken und zeigt — denn einen Schädel findet man nicht alle Tage — abermals die gespreizte Hand im staubwimmelnden Lichtausfluß der Stabtaschenlampe. Da trifft ihn ein-, zweimal jener Knüppel, der zuvor nur Ratten getroffen hat. Und die Akustik des Schachtes steigert ein Wort, zwischen Schlag und Schlag ausgestoßen: »Itzich!« Walter Matern nennt seinen Freund so »Itzich!« — und schlägt zu. Amsel fällt seitwärts neben das Skelett. Staub pufft auf, legt sich umständlich. Amsel kommt wieder hoch. Wer kann so dicke, stoßweis rollende Tränen weinen? Außerdem kann Amsel, während es aus beiden Augen kullert und im Staub auf der Schachtsohle zu Staubperlen wird, gutmütig bis spöttisch grinsen: »Walter is a very silly boy.« Mehrmals wiederholt er den Sextanersatz und imitiert dabei den Englischlehrer; denn immer, auch während Tränen fließen, muß er jemanden, notfalls sich selber imitieren: »Walter is a very silly boy.« Und gleich darauf, wie man im Werder spricht: »Daas hiä is main Deetz. Dem Deetz hab ech jefunden. Mecht bloß ma probieren dem Deetz. Dänn bring ech ihm allwedder hier.«

Aber der Knirscher ist nicht anzusprechen. Der Anblick der gewürfelten Gebeine läßt sein Gesicht zur Augenbrauenwurzel hin schrumpfen. Er verschränkt die Arme, stützt sich auf den Stock, versteinert in Betrachtung. Wenn immer er etwas Totes sieht: eine ersoffene Katze, Ratten, die er eigenhändig erschlagen, Möwen, die sein geworfenes Messer aufgeschlitzt hat, wenn er einen gedunsenen Fisch sieht, den kleine Wellen am Strand wälzen, oder weil er das Skelett sieht, dem Amsel den Schädel nehmen will, muß er mit den Zähnen von links nach rechts. Sein bulliges Jungengesicht verzieht sich zur Grimasse. Der Blick, sonst dösig bis stupid, wird stechend, verdunkelt sich, läßt richtungslos Haß vermuten: Theaterluft weht in den Gängen, Verliesen und Schächten unter der gotischen Trinitatiskirche. Zweimal hämmert der Knirscher mit eigener Faust die eigene Stirn, beugt sich, greift, hebt den Schädel zu sich und seinen Gedanken hoch, betrachtet ihn, während Eduard Amsel sich seitlich niederhockt.

Wer hockt da und muß sich erleichtern? Wer steht da und hält einen fremden Schädel weit von sich? Wer blickt neugierig hinter sich und betrachtet seinen Kot? Wer starrt einen blanken Schädel an und will sich erkennen? Wer hat keine Würmer, hatte aber mal welche, vom Salat? Wer hält den leichten Schädel und sieht Würmer, die einst den seinen? Wer? Wer? Zwei Menschen: nachdenklich und besorgt. Jeder hat Gründe. Beide sind Freunde. Walter Matern legt den Schädel nieder, wo er ihn fand. Amsel kratzt schon wieder im Dreck mit dem Schuh und sucht und sucht und sucht. Walter Matern spricht laut und ins Leere große Worte: »Jähn wä nu. Hiä is daas Raich dä Dooten. Vlaicht isses dä Jan Bobrowski odä Materna, wo unsre Famielche härkämmt.« Amsel fehlt jedes Ohr für nur vermutende Worte. Er kann nicht glauben, daß der große Räuber Bobrowski oder der Räuber, Brenner und Vorfahr Materna dem Skelett einmal Fleisch gegeben haben soll. Er klaubt etwas Metallenes, kratzt daran herum, spuckt drauf, reibt ab und zeigt einen Metallknopf vor, den er mit Sicherheit als den Knopf eines Napoleonischen Dragoners bezeichnet. Zweite Belagerungszeit, datiert er den Knopf und gibt ihn seiner Tasche. Der Knirscher protestiert nicht, hat kaum zugehört, ist immer noch beim Räuber Bobrowski oder beim Vorfahr Materna. Der abkühlende Kot treibt die beiden Freunde durch das Mauerloch. Walter Matern macht den Anfang. Amsel zwängt sich rückwärts, die Stabtaschenlampe auf den Dootendeetz gerichtet, durch die Lücke.

Fünfundzwanzigste Frühschicht

Schichtwechsel bei Brauxel & Co.: Die Freunde hatten es eilig mit dem Rückweg. Die Kleinbahn auf dem Bahnhof Niederstadt wartete nie länger als zehn Minuten.

Schichtwechsel bei Brauxel & Co.: Heute feiern wir des Großen Friedrich zweihundertfünfzigsten; Brauxel sollte eine der Firstenkammern ausschließlich mit Friderizianischem füllen: ein Königreich Preußen unter Tage!

Schichtwechsel bei Brauxel & Co.: Im Umkleideraum neben der Turnhalle des Realgymnasiums Sankt Johann paßte Walter Matern die Vierung wieder in die Dielenbretter. Sie klopften sich gegenseitig den Staub ab.

Schichtwechsel bei Brauxel & Co.: Was wird uns die Große Konjunktion vom vierten zum fünften Februar bringen? Im Zeichen des Wassermann nimmt Uranus eine nicht exakte Opposition ein, während Neptun eine Quadratur dazu bildet. Zwei mehr als kritische Aspekte! Werden wir, wird Brauksel die Große Konjunktion ohne Schaden überstehen? Wird diese Schrift, die von Walter Matern, der Hündin Senta, der Weichsel, Eduard Amsel und seinen Vogelscheuchen handelt, zu Ende geführt werden können? Brauksel, der hier die Feder führt, will, trotz der kritischen Aspekte, den apokalyptischen Tonfall vermeiden und das folgende Geschehen besonnen niederschreiben; wenngleich ein Autodafé der kleinen Apokalypse naheliegt.

Schichtwechsel bei Brauxel & Co.: Nachdem sich Walter Matern und Eduard Amsel den mittelalterlichen Staub gegenseitig abgeklopft haben, ziehen sie los: die Katergasse hinunter, die Lastadie hinauf. Sie folgen der Ankerschmiedegasse. Hinter dem Postscheckamt liegt das neue Bootshaus der Schülerrudervereine: Boote werden aufgebockt. Sie warten, bis die aufgezogene Kuhbrücke wieder geschlossen wird, und spucken im Gehen mehrmals von der Brücke in die Mottlau. Möwengeschrei. Pferdefuhrwerke auf Holzbohlen. Bierfässer werden gerollt, ein betrunkener Stauer hängt an einem nüchternen Stauer, will einen Salzhering ganz und gar… »Wätten wä. Wätten wä!« Quer durch die Speicherinsel: Erich Karkutsch — Mehl, Saaten, Hülsenfrüchte; Fischer & Nickel — Treibriemen, Asbestfabrikate; über Eisenbahngleise, Grünkohlreste, Kapokflocken. Bei Eugen Flakowski, Bedarfsartikel für Sattler und Tapezierer, bleiben sie stehen: Ballen Seegras, Indiafasern, Jutefließ, Roßhaar, Rollen Markisenschnur, Porzellanringe und Quasten, Posamenten Posamenten! Schräg durch die Pferdepisse der Münchengasse, über die Neue Mottlau. Mattenbuden gehen sie hoch, steigen in den Anhänger der Straßenbahn, Richtung Heubude, fahren aber nur bis zum Langgarter Tor und erreichen rechtzeitig den Bahnhof jener Kleinbahn, die nach Butter und Molke riecht, die langsam in der Kurve schnell läutet und ins Werder fährt. Immer noch hält Eduard Amsel den Knopf des Napoleonischen Dragoners heiß in der Tasche.

Die Freunde — und beide blieben trotz Dootendeetz und des Wortes Itzig unzertrennliche Blutsbrüder — sprachen nicht mehr von dem Skelett unter der Trinitatiskirche. Nur einmal, in der Milchkannengasse, zwischen dem Sportgeschäft Deutschendorff und einer Valtinat-Milchfiliale, vor dem Schaufenster eines Geschäftes, das ausgestopfte Eichkater, Marder, Eulen, balzende Auerhähne und einen Adler zeigte, der ausgestopft flügelschlagend ein ausgestopftes Lämmchen in den Krallen hielt, vor einem Schaufenster, dessen treppenartiges Regal bis dicht vor die Schaufensterscheibe treppab stieg, vor Rattenfallen, Fuchseisen, Packungen Insektenpulver, Tütchen Mottenvernichtungsmittel, vor Mückentod Schabenfeind Rattengift, vor dem Werkzeug der Kammerjäger, vor Vogelfutter, Hundekuchen, leeren Aquarien, vor Döschen voller getrockneter Fliegen und Wasserflöhe, vor Fröschen, Molchen und Schlangen in Gläsern und Spiritus, vor unglaublichen Schmetterlingen unter Glas, Käfern mit Geweihen, behaarten Spinnen und den üblichen Seepferdchen, vor dem menschlichen Skelett, rechts neben dem Regal, vor dem Skelett des Schimpansen, links neben dem Treppenregal, vor dem Skelett einer laufenden Katze, zu Füßen des kleineren Schimpansen, vor der obersten Stufe des Regals, auf der lehrreich die Schädel des Mannes, des Weibes, des Greises, des Kindes, der Frühgeburt und der Mißgeburt ausgestellt waren, vor diesem weltumfassenden Schaufenster — im Innern des Ladens konnte man junge Hunde kaufen und junge Katzen von staatlich geprüfter Hand ersäufen lassen —, vor wöchentlich zweimal geputztem Schaufensterglas schlug Walter Matern seinem Freund unvermittelt vor, man könne mit dem restlichen Geld im Ledersäckchen diesen oder jenen Totenschädel kaufen und beim Vogelscheuchenbau verwenden. Amsel winkte ab, sagte betont kurz, doch nicht mit der Kürze eines Beleidigten, eher kurz und überlegen, das Thema Dootendeetz sei zwar nicht überholt und aus der Welt geschafft, dennoch nicht brennend genug, als daß man mit verbliebenem Geld einkaufen müsse; wenn schon kaufen, dann könne man bei den Bauern und Geflügelzüchtern des Werders billig und pfundweise Gänse-, Enten- und Hühnerfedern minderer Qualität erstehen; er, Amsel, habe vor, etwas Widerspruchsvolles zu tun: Einen Riesenvogel werde er als Vogelscheuche erstehen lassen — das Schaufenster in der Milchkannengasse voller ausgestopft Animalischem habe ihn angeregt, besonders der Adler auf dem Lamm.

Heilig lächerlicher Moment der Inspiration: Engel tippt gegen Stirn. Musen mit ausgefranstem Kußmund. Planeten im Wassermann. Ein Ziegelstein fällt. Das Ei hat zwei Dotter. Der Aschenbecher ist überfüllt. Es tropft vom Dach: Zelluloid. Kurzschluß. Hutschachteln. Was um die Ecke biegt: Der Lackspangenschuh. Was ohne Klopfen eintritt: Die Barbarina, Eiskönigin, die Schneemänner. Was sich ausstopfen läßt: Gott, Aale und Vögel. Was aus Bergwerken gefördert wird: Kohle Erz Kali Vogelscheuchen Vergangenheit.

Diese Scheuche entsteht wenig später. Auf Jahre ist sie die letzte, die Amsel baut. Denn als Schlußstück ist sie unter dem wohl ironisch gemeinten Titel »Großer Vogel Piepmatz« — nicht Amsel, sondern der Fährmann Kriwe hat den Namen, laut Vermerk, vorgeschlagen — in jenem Diarium als Konstruktionsskizze und Farbstudie überliefert, das in Brauxels Safe heute noch relativ sicher ist.

Lumpen — so ungefähr heißt es in dem Diarium — müssen mit Pech oder Teer bestrichen werden. Mit Teer oder Pech bestrichene Lumpen müssen von außen, und wenn genug da ist, auch von innen, mit großen und kleinen Federn beklebt werden. Aber unnatürlich, nicht natürlich.

Dem geteerten und gefederten Großen Vogel Piepmatz standen, als er übermannshoch fertig war und auf dem Deich Aufsehen erregte, wahrhaft unnatürlich die Federn zu Berge. Er sah insgesamt gruslig aus. Die ausgekochtesten Fischerweiber flüchteten, weil sie meinten, man könne sich an dem Biest vergucken, einen Kropf, ein starres Auge oder eine Fehlgeburt bekommen. Die Männer blieben zwar steif und vierkant auf ihrem Fleck, ließen aber die Pfeifen kalt werden. Johann Lickfett sagte: »Liebärchen, däm mecht ech nech jeschänkt jekriecht kriechen.«

Schwer fand sich ein Käufer. Dabei war er trotz Teer und Federn nicht teuer. Einsam und gegen den Himmel stand er am Vormittag auf dem Nickelswaldener Deich. Erst wenn die Fahrschüler aus der Stadt zurück waren, kamen einige wie zufällig den Deich entlang, machten aber in gehöriger Distanz halt, schätzten ab, waren der Meinung, schawieterten und wollten nicht kaufen. Keine Möwen vor wolkenlosem Himmel. Mäuse im Deich siedelten um. Die Weichsel konnte keinen Bogen machen, sie hätte sonst. Überall Maikäfer, nur nicht in Nickelswalde. Als der immer schon ein wenig überspannte Lehrer Olschewski, mehr aus Spaß am Vergnügen als um seine zwanzig Quadratmeter Vorgarten zu schützen, viel zu laut lachend Interesse zeigte — er nannte sich einen aufgeklärten Menschen —, mußte der Große Vogel Piepmatz weit unter dem festgesetzten Preis verramscht werden. Transport auf Olschewskis Leiterwägelchen.

Zwei Wochen lang stand das Untier im Vorgarten und warf seinen Schatten auf das flache weißgetünchte Lehrerhäuschen. Kein Vogel wagte Piep zu machen. Seewind plusterte geteerte Federn. Die Katzen wurden hysterisch und mieden das Dorf. Die Schulkinder machten Umwege, träumten nachts feucht und erwachten mit Geschrei und weißen Fingerspitzen. In Schiewenhorst bekam Hedwig Lau schlimme Mandeln und obendrein plötzliches Nasenbluten. Dem alten Folchert sprang beim Holzhacken ein Scheit ins Auge. Das wollte lange nicht besser werden. Als es die Großmutter Matern mitten auf dem Hühnerhof hinwarf, sagten viele, das habe der Große Vogel bewirkt; dabei schleppten die Hühner und auch der Hahn seit Wochen Stroh im Schnabel hin und her: was immer schon einen Todesfall vorausgesagt hatte. Jedermann im Müllerhaus, zuerst das arme Lorchen, hatten den Holzwurm, die Totenuhr gehört. Die Großmutter Matern nahm alle Zeichen wahr und bestellte für sich die Sterbesakramente. Versorgt starb sie zwischen strohschleppenden Hühnern. Im Sarg sah sie eigentlich friedlich aus. Sie trug weiße Handschuhe und hielt zwischen krummgefalteten Fingern ein lavendelduftendes Spitzentaschentuch. Das blühte, wie es sich gehört. Leider vergaß man, ihr die Haarnadeln aus dem Haar zu ziehen, bevor der Sarg geschlossen wurde und in katholisch geweihte Erde kam. Auf dieses Versäumnis lassen sich jene Kopfschmerzen stechender Art zurückführen, die sogleich nach dem Begräbnis die Müllerin Matern, eine geborene Stange, überfielen und nie mehr aufhören wollten.

Als die Leiche in der Hängestube aufgebahrt lag, die Leute in steifen Kleidern in der Küche, auf der Treppe zur Hängestube drängten und ihr »Nu esse nech mä!« ihr »Nu breucht se nech mä schawietern!« ihr »Nu häd se ausjesorcht ond jeht enne äwje Ruhe ain!« über die Leiche hinwegsprachen, bat der Fährmann Kriwe, einen seiner wenigen Zähne, der seit Tagen Schmerzen zog und im Eiter stand, mit dem rechten Zeigefinger der Toten berühren zu dürfen. Der Müller, zwischen Fenster und Lehnstuhl, ganz fremd in Schwarz und ohne Sack und Mehlwurm, dabei von keinem Lichtwechsel betroffen, denn die neue Mühle ging noch nicht, nickte langsam: Sacht wurde der Großmutter Matern der rechte Handschuh ausgezogen, und Kriwe führte den schlimmen Zahn an die Kuppe ihres krummen Zeigefingers: heilig lächerlicher Moment wunderbarer Heilung: Engel tippt, legt Hand auf, streicht gegen den Strich und kreuzt Finger. Krötenblut Krähenaugen Stutenmilch. In den Zwölf Nächten, dreimal über die linke Schulter, siebenmal gegen Osten. Haarnadeln. Schamhaare. Nackenflaum. Ausgraben, in den Wind streuen, vom Seich trinken, über die Schwelle gießen, nachts allein, noch vorm Hahnenschrei, auf Matthäi. Gift aus Kornrade. Fett eines Neugeborenen. Totenschweiß. Totenlaken. Totenfinger: denn tatsächlich soll der Eiter, in dem Kriwes Zahn stand, nach der Berührung mit dem gekrümmten rechten Zeigefinger der toten Großmutter Matern zurückgegangen sein, auch soll der Schmerz, streng nach dem Aberglauben, Totenfinger heilt wehen Zahn, nachgelassen und aufgehört haben.

Als der Sarg aus dem Haus getragen wurde und an Folcherts Hof, dann an des Lehrers Häuschen und Vorgarten vorbeischwankte, stolperte einer der Sargträger, weil der Große Vogel Piepmatz immer noch gruslig im Vorgarten des Lehrers stand. Stolpern bedeutet etwas. Stolpern ist Vorzeichen. Das Stolpern des Sargträgers gab den Ausschlag: Die Bauern und Fischer mehrerer Dörfer machten beim Lehrer Olschewski eine Eingabe und drohten, beim Schulrat eine noch strengere zu machen.

Den Montag drauf, als Amsel und Walter Matern mit der Kleinbahn aus der Schule kamen, erwartete sie der Lehrer Olschewski an der Anlegebrücke Schiewenhorst. Er stand in Knickerbockern, in großkariertem Sportjackett, in Segeltuchschuhen unterm Strohhut. Während die Kleinbahn rangiert wurde, sprach er, unterstützt vom Fährmann Kriwe, auf die beiden ein. Er sagte, es gehe nicht mehr, gewisse Eltern hätten sich beschwert, hätten vor, dem Schulrat zu schreiben, in Tiegenhof habe man schon Wind bekommen, sicher spiele der übliche Aberglaube eine gewisse Rolle, zudem begründe man den bedauerlichen Tod der Großmutter Matern — »Eine vortreffliche Frau!« —, das alles im aufgeklärten zwanzigsten Jahrhundert, aber niemand, besonders hier in den Weichseldörfern, könne gegen den Strom, es sei wohl so: So schön die Scheuche aussehe, stelle sie dennoch an die Bewohner eines Dorfes, besonders an die Bewohner eines Werderdorfes zu hohe Ansprüche.

Wörtlich sagte der Lehrer Olschewski zu seinem ehemaligen Schüler Eduard Amsel: »Mein Junge, du gehst jetzt aufs Gymnasium, hast einen beachtlich weiten Schritt in die große Welt getan. Das Dorf wird dir fortan zu eng sein. Mag sich dein Fleiß, das Künstlerische in dir, diese, wie man so sagt, Gottesgabe, draußen neu bewähren. Hier aber laß es genug sein. Du weißt, ich meine es gut mit Dir.«

Tags drauf ging es leicht apokalyptisch zu: Amsel löste sein Lager in Folcherts Schuppen auf. Das heißt, Matern schloß das Vorhängeschloß auf, und erstaunlich viele Hilfswillige trugen die Materialien des Posamentenmachers — so wurde Amsel in den Dörfern genannt — an die frische Luft: vier angefangene Scheuchen, Bündel Dachlatten und Blumenleisten. Kapok wurde zerrupft. Matratzen erbrachen Seegras. Roßhaar sprang aus Sofakissen. Die Sturmhaube, die schöne Allongeperücke aus Krampitz, der Tschako, die Kiepenhüte, Plumagen, Schmetterlingshauben, Filz-Stroh-Velourshüte, der Kalabreser und der Wellingtonhut, die Tiedes aus Groß-Zünder gespendet hatten, alles, was einen Scheitel schützen mag, wanderte von Kopf zu Kopf aus dem Schuppendämmer in honiggelben Sonnenschein: »Posamentenmacher Posamentenmacher!« Amsels Kiste, deren Inhalt hundert putzsüchtige Dienstbolzen närrisch gemacht hätte, goß Rüschen, Pailletten, Straßperlen, Bordüren, Spitzengewölk, Sofaschnüre und nelkenduftende Seidenquasten aus. Was Beine und Arme hatte, alle, die dem Posamentenmacher helfen wollten, zogen an und aus, warfen auf den Haufen: Jumper und Sakkos, Pantalons und die laubfroschgrüne Litewka. Ein durchreisender Molkereivertreter hatte Amsel die Zuavenjacke geschenkt und ein pflaumenblaues Gilet. Hiiih, das Korsett, das Korsett! Zwei wickelten sich in den Blüchermantel. Tanzwütige Bräute in Lavendel atmendem Brautstaat. Sackhüpfen in Beinlingen. Lindgrün schrie das Chemisenkleid. Der Muff ein Ball. Junge Mäuse im Cape. Ecklöcher. Kragenlos. Beffchen und Schnurrbartbinden, Stoffveilchen, Wachstulpen, Papierrosen, Schützenfestorden, Hundemarken und Stiefmütterchen, Schönheitspflästerchen, Mottensilber. »Posamentenmacher Posamentenmacher!« Wem das Schuhzeug paßte und nicht paßte, der schlüpfte oder zwängte sich in Galoschen, Laschenschuhe, Buschetten, Schnürzug- und Stulpenstiefel, trat mit Schnabelschuhen durch tabakbraune Gardinen, sprang schuhlos aber mit Gamaschen versehen durch die Vorhänge einer Gräfin, Fürstin oder gar Königin. Preußisches, Kujawisches, Freistädtisches fiel zuhauf: Welch ein Fest in den Brennesseln hinter Folcherts Schuppen: »Posamentenmacher Posamentenmacher!« Und zuoberst, auf dem immer noch mottenspendenden Klumpatsch, stand, bohnenstangengestützt, das öffentliche Ärgernis, der Kinderschreck, Baal, geteert und gefedert, der Große Vogel Piepmatz.

Fast senkrecht scheint die Sonne. Von Kriwes Hand mit Kriwes Sturmfeuerzeug entzündet, greift das Feuer schnell um sich. Alle treten paar Schrittchen hinter sich, bleiben aber und wollen Zeuge der großen Verbrennung sein. Während Walter Matern, wie immer bei Staatsaktionen, geräuschvoll tut und durch bloßes Zähneknirschen das Prasseln zu übertönen versucht, steht Eduard Amsel, »Posamentenmacher« genannt und von Zeit zu Zeit, auch während der lustigen Verbrennung, »Itzich« gerufen, lässig auf Sommersprossenbeinen, reibt eifrig die gepolsterten Handballen aneinander, verkneift die Äugelchen und sieht etwas. Kein grüngelber Qualm, kein schmorendes Lederzeug, kein glühender Funken- und Mottenflug zwingt ihn, aus runden Augen quere Sehschlitze zu machen; vielmehr beschenkt ihn der vielzüngig brennende Vogel, dessen Qualm niederschlägt und über Brennesseln kriecht, mit quicken Ideen und ähnlichen Rosinen. Denn wie das entzündete Tier, Geburt aus Lumpen, Teer und Federn, sprühend, prasselnd und höchst lebendig einen letzten Flugversuch macht, dann stiebend in sich zusammenfällt, hat Amsel bei sich und in seinem Diarium beschlossen, später, wenn er mal groß ist, die Idee des Vogel Piepmatz wieder aufzunehmen: Einen Riesenvogel will er bauen, der immerzu brennt, päsert und funkert, der dennoch nie verbrennt, sondern ewig, immer und von Natur, apokalyptisch und dekorativ zugleich, brennt, päsert und funkert.

Sechsundzwanzigste Frühschicht

Wenige Tage vor dem vierten Februar, bevor die kritische Sternstunde diese Welt in Frage stellen wird, beschließt Brauxel, sein Warenangebot oder Pandämonium um eine Katalognummer zu bereichern: Das von Amsel angeregte brennende Perpetuum mobile in Vogelform will er konstruieren lassen. So reich ist diese Welt nicht an Ideen, als daß man auf eine der hübschesten Inspirationen, selbst sollte die Welt nach wenigen Frühschichten, der Sternstunde wegen, untergehen, kopfhängerisch verzichten könnte; zumal Eduard Amsel nach dem Autodafé hinter Folcherts Schuppen ein Beispiel stoischer Haltung bot, indem er mithalf, Folcherts Schuppen, der durch Funkenflug Feuer gefangen hatte, zu löschen.

Wenige Wochen nach der öffentlichen Verbrennung Amselscher Vorräte und des letzten vogelscheuchenden Modells, nach einem Brand, der, wie wir sehen werden, in Amsels Köpfchen allerlei Zunder entzündete und ein Päserchen legte, das nicht mehr zu löschen war, erhielten die Witwe Lottchen Amsel, geborene Tiede, und Herr Anton Matern, Müller zu Nickelswalde, blaue Briefe, denen zu entnehmen war, an welchem Tage und zu welcher Stunde der Herr Studiendirektor Dr. Battke eine Unterredung im Direktorzimmer des Realgymnasiums Sankt Johann angesetzt hatte.

Mit immer ein und derselben Kleinbahn fuhren die Witwe Amsel und der Müller Matern — sie saßen einander gegenüber und hatten Fensterplätze — in die Stadt. Am Langgarter Tor nahmen sie die Straßenbahn bis zur Milchkannenbrücke. Weil sie zeitig eintrafen, konnte noch einiges Geschäftliche erledigt werden. Sie mußte zu Hahn & Löchel, danach zu Haubold & Lanser; er mußte, wegen der neuen Mühle, zur Baufirma Prochnow in der Adebargasse. Auf dem Langen Markt trafen sie sich, tranken bei Springer ein Gläschen, nahmen dann, obgleich sie gut hätten zu Fuß gehen können, ein Taxi — und kamen zu früh in der Fleischergasse an.

Um eine runde Zeit zu nennen: zehn Minuten lang mußten sie im Vorzimmer des Dr. Rasmus Battke warten, bis sich der Studiendirektor in hellgrauen Schuhen, auch sonst sportlich gekleidet, gewichtig, brillenlos im Vorzimmer zeigte. Mit kleiner Hand an kurzem Arm bat er beide in sein Zimmer, und als sich die Leute vom Lande nicht in die Clubsessel zu setzen wagten, rief er leichthin: »Nur keine Umstände bitte. Es freut mich aufrichtig, die Eltern zweier so hoffnungsvoller Schüler kennenlernen zu dürfen.«

Drei Wände Bücher, eine Wand Fenster. Sein Pfeifentabak roch englisch. Schopenhauer ergrimmte zwischen Bücherborden, weil Schopenhauer… Wasserglas, Wasserkrug, Pfeifenreiniger auf schwerrotem Schreibtisch, den grüner Filz abdeckte. Vier verlegene Hände auf ledernen Armpolstern. Der Müller Matern zeigte dem Direktor sein abstehendes und nicht das dem Mehlwurm hörige Ohr. Die Witwe Amsel nickte nach jedem Nebensatz des fließend sprechenden Direktors. Zur Sprache kam erstens: die wirtschaftliche Lage auf dem Lande, also die notwendige, der polnischen Zollgesetze wegen, zu erwartende Marktregulierung, und die Probleme der Käsereien im Großen Werder. Zweitens: das Große Werder überhaupt und besonders die wogenden, weithin wogenden, im Winde wogenden Weizenfelder; die Vorzüge der Eppschen Sorte und der winterfesten sibirischen Sorte; der Kampf gegen die Kornrade — »aber ein weites gesegnetes Land, jaja…« — Drittens hieß es bei Dr. Rasmus Battke: Zwei so gut veranlagte, wenn auch gänzlich verschieden veranlagte Schüler — dem kleinen Eduard falle ja alles nur so zu —, zwei so produktiv befreundete Schüler — wie rührend schütze der kleine Matern seinen Freund vor den gewiß nicht böswilligen Hänseleien der Mitschüler —, kurzum, zwei so freundlicher Förderung würdige Schüler wie Eduard Amsel aber auch Walter Matern seien durch die lange Eisenbahnfahrt mit der fatalen, wenn auch höchst amüsanten Kleinbahn mehr als behindert, ihre volle Leistungskraft erproben zu können; er, der Direktor der Anstalt, ein alter Schulhase, wie man glauben möge, und seit Jahren im Umgang mit Fahrschülern gewitzt und erprobt, schlage deshalb vor, beide Knaben, noch ehe die Sommerferien ins Land kämen, kurzum, zum kommenden Montag umzuschulen. Das Conradinum in Langfuhr, dessen Direktor, ein alter Freund, schon Bescheid wisse und durchaus einverstanden sei, verfüge über ein Alumnat, auf gut deutsch, über ein Schülerwohnheim, in welchem eine beträchtliche Zahl Alumnen, auf gut deutsch Schülerheimbewohner, gegen angemessenes Entgelt — das Conradinum profitierte von einer honorigen Stiftung — wohnen, essen, schlafen können; mit einem Wort, beide seien dort gut aufgehoben, er, als Direktor der Anstalt, könne nur zuraten.

So tauschten am folgenden Montag Eduard Amsel und Walter Matern die grünen Sammetmützen von Sankt Johann gegen die roten Mützen des Conradinums ein. Sie und ihre Koffer verließen mit Hilfe der Kleinbahn die Weichselmündung, das Große Werder, die Deiche von Horizont zu Horizont, Napoleons Pappeln, die Fischräuchereien, Kriwes Fähre, die neue Mühle auf neuem Bock, die Aale zwischen Weiden und Kühen, Vater und Mutter, das arme Lorchen, die groben und feinen Mennoniten, Folchert, Kabrun, Lickfett, Momber, Lührmann, Karweise, den Lehrer Olschewski und den Geist der Großmutter Matern, der im Haus spukte, weil man vergessen hatte, das Leichenwasser kreuzweis über die Schwelle zu gießen.

Siebenundzwanzigste Frühschicht

Die Söhne der Großbauern, die Söhne der Gutsbesitzer, die Söhne westpreußischen, leichtverschuldeten Landadels, die Söhne kaschubischer Ziegeleibesitzer, der Sohn des Apothekers zu Neuteich, der Sohn des Pfarrers zu Hohenstein, der Sohn des Landrates zu Stüblau, Heini Kadlubek aus Otroschken, der kleine Probst aus Schönwarling, die Brüder Dyck aus Ladekopp, Bobbe Ehlers aus Quatschin, Rudi Kiesau aus Straschin, Waldemar Burau aus Prangschin und Dirk Heinrich von Pelz-Stilowski aus Kladau an der Kladau; also die Söhne von Bettelmann, Edelmann, Bauer, Pastor wurden, nicht alle gleichzeitig, aber zumeist kurz nach Ostern, Alumnen des Alumnates neben dem Conradinum. Das Realgymnasium hatte sich jahrzehntelang mit Hilfe der Conradischen Stiftung als private Bildungsstätte halten können, aber als Walter Matern und Eduard Amsel zu Conradinern wurden, gab schon die Stadt kräftige Zuschüsse. Deshalb mußte das Conradinum ein städtisches Gymnasium genannt werden. Nur das Alumnat war noch nicht städtisch, sondern immer noch Conradisches Privatvergnügen und Zuschußobjekt.

Der Schlafsaal für Sextaner, Quintaner, Quartaner, der auch der kleine Schlafsaal genannt wurde, lag zu ebener Erde und hatte die Fenster zum Schulgarten hin, also in Richtung Stachelbeeren. Immer gab es einen Bettnässer. Nach dem roch es und nach Seegrasmatratzen. Die beiden Freunde schliefen Bett neben Bett unter einem Öldruck, der das Krantor, die Sternwarte und die Lange Brücke im Winter bei Eisgang zeigte. Beide näßten ihre Betten nie oder kaum. Die Taufe der Neulinge, ein Versuch, Amsel mit Schuhwichse den Hintern zu schwärzen, wehrte Walter Matern im Handumdrehen ab. Auf dem Pausenhof standen beide unter demselben Kastanienbaum und blieben für sich. Allenfalls durften der kleine Probst und Heini Kadlubek, Sohn eines Kohlenhändlers, zuhören, wenn Walter Matern lange finster geradeaus schwieg, wenn Eduard Amsel seine Geheimsprache ausbaute und die neue Umgebung neu benannte.

»Eid Legöv reih nellafeg rim ginew.«

Die Vögel hier gefallen mir wenig.

»Egnilreps ni red Tdats dnis eniek Egnilreps fua med Dnal.«

Sperlinge in der Stadt sind keine Sperlinge auf dem Land.

»Draude Lesma teder sträwkcür.«

Mühelos und flüssig stellte er lange und kurze Sätze Wort für Wort auf den Kopf und war sogar in der Lage, die neue rückläufige Sprache bräsigwerdersch zu betonen: Aus Dootendeetz wurde Zteednetood. Ein unbequemes c, ein unaussprechliches ps, das heikle sch, ein halsbrecherisches nr verschliff er mit Hilfe plattredender Zunge und sagte statt »Liebärchen« vereinfacht »Nehkräbeil«. Walter Matern verstand ihn sinngemäß, gab auch kurze, gleichfalls verdrehte, zumeist fehlerlose Antworten: »Machen wir — Nehkam riw!« War immer entschieden: »Nien redo aj?« Der kleine Probst staunte. Heini Kadlubek, »Kebuldak« gerufen, war im Rückwärtsnachplappern nicht ungeschickt.

Viele Erfindungen, Amsels Sprachkünsten ebenbürtig, wurden schon auf den Pausenhöfen dieser Welt gemacht, gerieten später in Vergessenheit und werden am Ende von kindischen Greisen in städtischen Parkanlagen, die als Pendant der Schulpausenhöfe gedacht sind, fleißig ausgegraben und weiterentwickelt. Als Gott noch zur Schule ging, fiel ihm auf himmlischem Pausenhof ein, mit seinem Schulfreund, dem kleinen begabten Teufel, die Welt zu erschaffen: Am vierten Februar dieses Jahres, liest Brauxel in vielen Feuilletons, soll diese Welt untergehen; so wurde auf Pausenhöfen beschlossen.

Zudem haben Pausenhöfe mit Hühnerhöfen eines gemeinsam: Das Stolzieren des diensttuenden Hahnes gleicht dem Stolzieren des aufsichtführenden Lehrers. Auch Hähne halten beim Schreiten die Hände auf dem Rücken, wenden unvermittelt und blicken sich strafend um.

Studienrat Oswald Brunies — das Autorenkollektiv hat vor, ihm ein Denkmal zu bauen — tut hier, da er die Aufsicht führt, dem Erfinder des Hahn- und Hühnerhofvergleiches einen sinnfälligen Gefallen: Alle neun Schritte scharrt er mit der linken Schuhspitze im Schulhofkies; mehr noch, er winkelt das Lehrerbein — eine Gewohnheit, nicht ohne Bedeutung —, Studienrat Oswald Brunies sucht etwas: kein Gold, kein Herz, nicht Glück Gott Ruhm, seltene Kieselsteine sucht er. Der Pausenhof glimmert kiesbestreut.

Was Wunder, wenn nacheinander, manchmal zu zweit, Schüler kommen und ihm ernstgemeint, oder vom üblichen Schülerwitz gebissen, banale Kiesel vorweisen, die sie vom Boden klaubten. Aber jeden, auch den armseligsten Bachrutscher nimmt Studienrat Oswald Brunies zwischen Daumen und Zeigefinger der linken Hand, hält ihn gegen das Licht, dann ins Licht, zieht rechts eine an Gummi befestigte Lupe aus dem Brusttäschchen seiner torfbraunen stellenweis blanken Jacke, bewegt die Lupe am nachgebenden Gummi fachgerecht und gemessen zwischen Kiesel und Auge, läßt die Lupe elegant, und in vollem Vertrauen auf das Gummiband, ins Brusttäschchen zurückschnellen, hat gleich darauf den Kiesel in der linken Handfläche, läßt ihn dort zuerst mit winzigem Radius rollen, dann gewagter, hart bis an den Rand des Handtellers kreisen und verwirft ihn, indem er mit der freien rechten Hand unter seine Linke schlägt. »Hübsch aber überflüssig!« sagt Studienrat Oswald Brunies und ist mit der gleichen Hand, die eben noch den überflüssigen Kiesel kreisen ließ, in einer Tüte, die immer und so oft hier von Oswald Brunies erzählt werden wird, braun zerknautscht aus seitlicher Jackentasche wuchert. Auf ornamentalen Umwegen, wie Priester sie während der Messe beschreiten, führt er einen Malzbonbon aus dem Tütenpapier seinem Mund zu: zelebriert, lutscht, sückelt, vermindert, quirlt Saft zwischen tabakbraunen Zähnen, läßt aus einer Backe in die andere umziehen, läßt, während die Pause schrumpft, während die Angst vor dem Ende der Pause im wirren Inneren vieler Schüler zunimmt, während Sperlinge in Kastanien das Ende der Pause ersehnen, während er stolziert, im Pausenhofkies scharrt und überflüssige Kiesel verwirft, den Malzbonbon kleiner und glasiger werden.

Kleine Pause, Große Pause. Pausenspiele, Pausengeflüster. Pausenbrot und Pausennot: Angst, meint Brauksel: gleich wird die Klingel…

Leere Pausenhöfe, die den Sperlingen gehören. Tausendmal gesehen und gefilmt, wie der Wind ein Butterbrotpapier auf einem leeren, melancholischen, preußischen, humanistischen, kiesbestreuten Pausenhof bewegt.

Der Pausenhof des Conradinums bestand aus dem kleinen, quadratischen Pausenhof, den alte Kastanien unregelmäßig beschatteten, also in einen lichten Kastanienwald verwandelten, und einem länglichen, links zaunlos angrenzenden Großen Pausenhof, den junge Linden, die sich an stützenden Stöcken hielten, in regelmäßigen Abständen einfaßten. Die neugotische Turnhalle, das neugotische Pissoir und das neugotische, vierstöckige, mit einem glockenlosen Glockenturm bestückte, altziegelrote und efeuüberkletterte Schulgebäude begrenzten drei Seiten des Kleinen Pausenhofes und schützten ihn vor Winden, die über den Großen Pausenhof aus östlicher Ecke Staubtüten schickten; denn nur der niedrige Schulgarten mit seinem engmaschigen Drahtzaun und das zweistöckige, gleichfalls neugotische Alumnat stellten sich dem Wind in den Weg. Bis man später, hinter dem Südgiebel der Turnhalle, einen modernen Sportplatz mit Aschenbahn und Rasen anlegte, mußte der Große Pausenhof während der Turnstunden als Spielfeld dienen. Erwähnenswert ist noch ein geteertes fünfzehn Meter langes Holzgestell, das zwischen den jungen Linden und dem Schulgartenzaun stand. Das Vorderrad hoch, konnten in diesem Schuppen die Fahrräder eingestellt werden. Ein Spielchen: sobald die hochgestellten Vorderräder mit flachen Handschlägen zum freien Lauf gebracht wurden, löste sich Kies, der nach kurzer Fahrt über den Großen Pausenhof haften geblieben war, von der Bereifung und prasselte in die Stachelbeersträucher des Schulgartens hinter dem Maschendrahtzaun.

Wer jemals auf einem kiesbestreuten Turnplatz Handball, Fußball, Völkerball, Faustball oder gar Schlagball spielen mußte, wird später, sobald er auf Kies tritt, all der zerschundenen Knie gedenken müssen, jener Schürfwunden, die schlecht heilen, krustig verschorfen und alle kiesbestreuten Turnplätze zu blutgetränkten Turnplätzen machen. Nur weniges auf dieser Welt prägt sich so ewiglich ein wie Kies.

Ihm aber, dem Hahn auf dem Pausenhof, dem stelzenden, sückelnden Studienrat Oswald Brunies — ein Denkmal wird ihm gesetzt werden —, ihm, mit der Lupe am Gummi, mit klebriger Tüte in klebriger Jackentasche, ihm, der Steine und Steinchen, seltene Kiesel, mit Vorliebe Glimmergneise — Muskovit Biotit —, der Quarz, Feldspat und Hornblende sammelte, betrachtete, verwarf oder aufhob, ihm war der Große Pausenhof des Conradinums kein wundenreißendes Ärgernis, sondern dauernder Anlaß zum Scharren mit der Schuhspitze nach neun Hahnenschritten. Denn Oswald Brunies, der so ziemlich alles unterrichtete — Erdkunde, Geschichte, Deutsch, Latein, notfalls Religion —, war nicht jener überall gefürchtete Turnlehrer mit der schwarzkrausen Brust, mit den schwarzbewimperten Beinen, mit Trillerpfeife und Schlüssel zum Geräteraum. Nie hat Brunies einen Knaben unterm Reck zittern, auf den Holmen des Barrens leiden, an den heißen Kletterseilen weinen lassen. Nie hat er von Amsel den Felgaufschwung oder den Hechtsprung über das immer zu lange Langpferd verlangt. Nie hat er Amsel und Amsels fleischige Knie über den bissigen Kies gehetzt.

Ein Fünfziger mit Bärtchen, zigarrenversengt, auf der Oberlippe. Süß alle Barthaarspitzen vom immer neuen Malzbonbon. Auf rundem Kopf grauer Filz, in dem oft, einen Vormittag lang, angeworfene Kletten hingen. Gezwirbelte Haarbüschel aus beiden Ohren. Ein Gesicht, durchsponnen von Lach-Kicher-Schmunzelfalten. Eichendorff nistete in zerzausten Augenbrauen. Mühlrad, rüstge Gesellen und phantastische Nacht um immer bewegliche Nasenflügel. Und nur in den Mundwinkeln, auch quer über der Nasenwurzel, ein paar Mitesser: Heine, das Wintermärchen und Raabes Stopfkuchen. Dabei beliebt und nie ernstgenommen. Junggeselle mit Bismarckhut und Klassenleiter der Sexta: darin Walter Matern und Eduard Amsel, die Freunde von der Weichselmündung. Nur noch leise riechen die beiden nach Kuhstall, geronnener Milch und Räucherfischen; auch ist der Brandgeruch verflogen, der nach der öffentlichen Verbrennung hinter Folcherts Schuppen in ihren Haaren und Kleidern hing.

Achtundzwanzigste Frühschicht

Nach pünktlichem Schichtwechsel und geschäftlichem Ärger — die Brüsseler Agrarverträge werden der Firma Brauxel & Co. Absatzschwierigkeiten bereiten — zurück zum Pausenhofkies. Die Schulzeit der beiden Freunde versprach, heiter zu werden. Kaum hatte man sie von Sankt Johann aufs Conradinum umgeschult, kaum hatten sie sich in dem muffigen, nach üblen Knaben stinkenden Alumnat eingewöhnt — wer kennt keine Alumnatsgeschichten? —, kaum hatte sich ihnen der Kies des Großen Pausenhofes eingeprägt, da hieß es: In einer Woche geht die Sexta für vierzehn Tage nach Saskoschin. Studienrat Brunies und der Turnlehrer, Studienrat Mallenbrandt, werden die Aufsicht führen.

Saskoschin! Welch ein zärtliches Wort.

Das Landschulheim lag im Saskoschiner Forst. Das nächste größere Dorf hieß Meisterswalde. Dorthin brachte der Postautobus die Klasse mit beiden Lehrern über Schüddelkau, Straschin-Prangschin, Groß-Salau. Ein Haufendorf. Der sandige Marktplatz breit genug für einen Viehmarkt. Daher rundum hölzerne Pflöcke mit alteisernen Ringen zum Anketten. Blanke Pfützen, die jeder Windstoß rillte: Kurz vor Ankunft des Postautobusses war ein Platzregen niedergegangen. Aber keine Kuhfladen, Pferdeäpfel, dennoch mehrere Treffen Sperlinge, die sich dauernd umgruppierten und ihren Lärm ins Quadrat setzten, als Amsel den Autobus verließ. Niedrige Bauerngehöfte, teils strohgedeckt, säumten kleinfenstrig den Marktplatz. Einen zweistöckigen unverputzten Neubau, das Kaufhaus Hirsch, gab es. Fabrikneue Pflüge, Eggen, Heuwender wollten gekauft werden. Wagendeichseln ragten gen Himmel. Schräg gegenüber eine ziegelrote Fabrik, die ausgestorben, mit vernagelten Fenstern frontal lag. Erst Ende Oktober sollte die Zuckerrübensaison Leben, Gestank und Verdienst in den Kasten bringen. Die übliche Filiale der Sparkasse der Stadt Danzig, zwei Kirchen, die Milchzentrale, ein Farbfleck: der Briefkasten. Und vor dem Laden des Friseurs ein zweiter Farbfleck: die honiggelbe, im Wind schräg hängende Messingscheibe gab bei wechselnder Bewölkung Lichtsignale. Ein kaltes baumloses Dorf.

Meisterswalde, wie alles Land südlich der Stadt, gehörte zum Kreis Danziger Höhe. Ein armseliger Boden, verglichen mit dem Marschland der Weichselniederung. Rüben, Kartoffeln, polnischer unbegrannter Hafer, glasiger Landroggen. Jeder Schritt stieß einen Stein. Bauern, die über Feld gingen, bückten sich zwischen Schritt und Schritt, klaubten einen aus dem Volk vieler, warfen ihn blindwütend: Und er fiel auf fremde Äcker. Diese Gesten auch am Sonntag: Bauern gehen unter schwarzen Mützen, deren Lackschirme glänzen, quer durch die Rüben, halten links Regenschirme, bücken sich, um aus dem Acker zu klauben, werfen in jede Richtung: und die Steine fallen: versteinerte Sperlinge, gegen die niemand, kein Eduard Amsel, Steinscheuchen zu erfinden verstand.

Also hieß Meisterswalde: schwarze gebuckelte Rücken, drohende Regenschirmspitzen gegen den Himmel, Klauben und Werfen, und die Erklärung für so viele Steine: Es soll der Teufel, als man ihm verweigerte, was man unter Eid versprochen hatte, den Bauern den Wortbruch vergolten haben, indem er eine Nacht lang über Land fuhr und die Seelen der Verdammten, die gehäuft in seinem Magen lagen, über Äckern und Wiesen erbrach. Da zeigte es sich, daß die Seelen der Verdammten Steine waren, nicht mehr aus der Welt zu schaffen, es mochten die Bauern klauben und werfen, so alt und krumm sie wurden.

Drei Kilometer weit mußte die Klasse in lockerer Ordnung, mit dem Studienrat Brunies an der Spitze, mit dem Studienrat Mallenbrandt am Schluß, zuerst über gehügeltes Land, auf dem, links und rechts der Chaussee, knickrig halbhoher Roggen zwischen der Steinsaat stand, dann durch den beginnenden Saskoschiner Forst laufen, bis hinter Buchen weißgekälktes Gemäuer das Landschulheim ankündigte.

Mager, mager! Brauxel, der hier die Feder führt, leidet unter der Unfähigkeit, menschenleere Landschaften beschreiben zu können. Es mangelt ihm nicht an Ansätzen; aber sobald er einen leichtgewellten Hügel, also das satte Grün und die vielen Stifterschen Abstufungen der Hügel dahinter, bis zum fernen Graublau unterm Horizont hintuscht, alsdann die unvermeidlichen Feldsteine der Gegend um Meisterswalde, wie dazumal der Teufel, in den noch ungestalten Vordergrund streut, auch den Vordergrund festigende Büsche setzt, also sagt: Wacholderbusch, Haselnuß, Ginster blankgrün, Kusseln, Gebüsch, kugelig, kegelig, kusselig den Hügel hinab, den Hügel hinauf: dürrer Busch, Dornenbusch, Busch im Wind, Flüsterbusch — denn in dieser Gegend windet es immer —, juckt es ihn schon, in Stifters Einöde Leben zu pusten. Brauksel sagt: Und hinter dem dritten Busch von links gezählt, drei Daumensprünge oberhalb der eineinhalb Morgen Futterrüben, nein, nicht der Haselstrauch — Oh, dieses Strauchzeug! —, dort dort dort, unterhalb des schönen großen festliegenden moosbelaxelten Feldsteines, jedenfalls hinterm dritten Busch von links hält sich, inmitten menschenleerer Landschaft, ein Mann versteckt.

Kein Sämann. Nicht der auf Ölbildern beliebte pflügende Bauer. Mann Mitte Vierzig. Bleich braun schwarz verwegen versteckt hinterm Busch. Hakennase Löffelohren Ohnezahn. More der Mann hat Angustri, den Ring, am kleinen Finger und wird während kommender Frühschichten, während die Schüler Schlagball spielen und Brunies seinen Malzbonbon lutscht, Bedeutung gewinnen, weil er ein Bündelchen bei sich trägt. Was steckt in dem Bündelchen? Wie heißt der Mann?

Das ist der Zigeuner Bidandengero, und das Bündelchen greint.

Neunundzwanzigste Frühschicht

Schlagball hieß der Sport jener Schuljahre. Schon auf dem kiesbestreuten Großen Pausenhof des Conradinums war eine Kerze, dergestalt trefflich geschlagen, daß, während der Ball den Himmel anbohrte, dann ledern fiel, ein Teil der Kerzenschlägermannschaft fächerförmig zu den beiden Ticks im Spielfeld hinlaufen, ohne bedrängt zu werden, zurücklaufen und Punkte sammeln konnte, eine Großtat, an der gemessen fünfundfünfzig Kniewellen oder siebzehn Klimmzüge Alltäglichkeiten waren. Im Landschulheim Saskoschin wurde vor- und nachmittags, eingerahmt von wenigen Unterrichtsstunden, Schlagball gespielt. Mit dreimal verschiedenen Augen sahen Walter Matern, sein Freund Eduard Amsel und Studienrat Mallenbrandt dieses Spiel.

Für Mallenbrandt war das Schlagballspiel Weltanschauung. Walter Matern war ein Meister der Kerze. Er schlug und fing Kerzen mit lockerer Hand und warf das Leder sogleich aus dem Fang heraus einem Mitspieler zu: was seiner Mannschaft Pluspunkte einbrachte.

Eduard Amsel jedoch kugelte sich durchs Schlagballfeld wie durchs Fegefeuer. Dicklich und kurzbeinig bot er das ideale Ziel beim Einkesseln und Abwerfen. Er war die verletzliche Stelle seiner Mannschaft. Auf ihn wurde Jagd gemacht. Sie zingelten ihn ein und umtanzten ihn zu viert mit mittanzendem Lederball. Genüßliche Finten wurden über ihn weg geübt, bis er sich wimmernd im Gras wälzte und das volle Leder schon spürte, bevor der Lederball kam.

Rettung brachte der Ball nur, wenn Amsels Freund ihn zur Kerze schlug; und Walter Matern schlug eigentlich nur Kerzen, damit Amsel unter dem Schutz des gen Himmel fahrenden Lederballes seinen Weg übers Schlagballfeld wagen konnte. Dennoch verblieben nicht alle Kerzen lange genug in der Luft: Schon nach wenigen Tagen regelrecht gespielter Weltanschauung blühten auf Amsels gesprenkeltem Fleisch mehrere blauschwarze Monde, die lange nachwelkten.

Damals schon Schichtwechsel: Nachdem Amsel links und rechts der Weichsel eine milde Kindheit gehabt hatte, begannen, fern der Weichsel, Amsels Leiden. Die werden sobald nicht aufhören. Denn Studienrat Mallenbrandt galt als Experte und hatte ein Buch oder ein Kapitel in einem Buch über deutsche Schülerkampfspiele geschrieben. Darin ließ er sich knapp und lückenlos über das Schlagballspiel aus. Im Vorwort war er der Meinung, die völkische Eigenart des Schlagballspielens trete ganz besonders im Gegensatz zum allvölkischen Fußballspiel zu Tage. Dann legte er Punkt für Punkt Regeln fest: Ein einfacher Pfiff besagt: Der Ball ist tot. Der gültige Treffer wird vom Schiedsrichter durch einen Doppelpfiff festgestellt. Mit dem Ball darf nicht gelaufen werden. Überhaupt Bälle: Steilbälle, Kerzen genannt, gab es, Weitbälle, Flach-Eck-Kurzbälle, Fehlkerzen, Roller, Kriecher, Wanderbälle, Stehbälle, Treffbälle und Dreiläuferbälle. Den Ball trieben Steilschläge, Weitschläge, durch Streckschlag oder Schwungschlag ausgeführt, Flachschläge mit Unterarmschwung und der Zweihänderschlag, bei dem der Ball anfangs schulterhoch geworfen werden muß. Beim Fangen des Steilballes, Kerze genannt, müssen das Auge des Fängers, seine fangbereite Hand und der fallende Ball eine Linie bilden, sagte Mallenbrandt. Zudem, und das machte den Studienrat berühmt, wurde auf seinen Vorschlag hin die Laufstrecke bis zu den Ticks um fünf Meter auf fünfundfünfzig Meter verlängert. Diese Spielerschwerung — Amsel bekam sie zu spüren — wurde von fast allen Gymnasien Ost- und Norddeutschlands übernommen. Er war ein erklärter Feind des Fußballspieles, und viele hielten ihn für einen strengen Katholiken. Um den Hals und vor der haarigen Brust hing ihm die metallene Trillerpfeife: Ein einfacher Pfiff besagte: Der Ball ist tot. Ein Doppelpfiff besagte: Soeben wurde der Schüler Eduard Amsel gültig getroffen. Oft genug pfiff er Kerzen ab, die Walter Matern für seinen Freund geschlagen hatte: Übergetreten!

Doch seine nächste Kerze sitzt. Und die übernächste auch. Aber die folgende Kerze verrutscht: Der Ball, aus verkanteter Stellung des Schlägers geschlagen, treibt vom Spielfeld ab und geht in dem das Spielfeld begrenzenden Mischwald prasselnd und laubreißend nieder. Auf Mallenbrandts Pfiff hin — Der Ball ist tot! — hetzt Walter Matern hin zum Zaun, ist schon drüber, sucht im Moos und Gebüsch des Waldrandes; da wirft ihm ein Haselstrauch den Ball zu.

Fangen und Aufblicken: aus verzweigten Blättern wächst Kopf und Oberkörper eines Mannes. Am Ohr, am linken, schaukelt ein Messingring, weil er lacht, lautlos. Dunkel bleich braun. Hat keinen Zahn im Mund. Bidandengero, das heißt, der Zahnlose. Der hat ein greinendes Bündelchen unterm Arm. Walter Matern, mit dem Lederball in zwei Händen, drückt sich rückwärts aus dem Wald. Niemandem, auch Amsel nicht, erzählt er von dem lautlosen Lacher hinterm Strauch. Schon am nächsten Vormittag, gleichfalls am Nachmittag, schlug Walter Matern absichtlich je eine schräge, über dem Laubwald niedergehende Fehlkerze. Noch bevor Mallenbrandt pfeifen konnte, hetzte er über Spielfeld und Zaun. Kein Busch und kein Unterholz warfen ihm den Ball zu. Den einen Lederball fand er nach langem Suchen unterm Farn; den anderen mochten die Waldameisen verschleppt haben.

Dreißigste Frühschicht

Fleißige Bleistiftstriche und Sperlinge: Schattieren und Aussparen; Sichvermehren und Explodieren.

Bienenfleiß Ameisenfleiß Leghornfleiß: Fleißige Sachsen und fleißige Waschfrauen.

Frühschichten Liebesbriefe Materniaden: Brauxel und seine Mitautoren gingen bei jemandem in die Schule, der zeit seines Lebens fleißig war, auf lackiertem Blech.

Und die acht Planeten? Sonne Mond Mars Merkur Jupiter Venus Saturn Uranus, zu denen sich, so munkeln schrecklich die astrologischen Kalender, der geheime Mond Lilith gesellen könnte? Waren sie doch zwanzigtausend Jahre lang fleißig unterwegs, damit ihnen übermorgen die schlimme Konjunktion im Zeichen Wassermann gelingt?

Nicht alle Steilbälle gelangen. Deshalb mußte das Kerzenschlagen, auch das Schlagen schräger, absichtlich verrutschter Kerzen, fleißig geübt werden.

Ein offener Holzbau, die Liegehalle, grenzte die Nordseite der Wiese ab. Fünfundvierzig hölzerne Pritschen, fünfundvierzig am Fußende der Pritschen korrekt zusammengelegte, rauhhaarige und sauer atmende Decken waren täglich bereit für die eineinhalbstündige Mittagsruhe der Sextaner. Und nach der Mittagspause übte Walter Matern östlich der Liegehalle das Kerzenschlagen.

Das Landschulheim, die Liegehalle, die Schlagballwiese und den von Ecke zu Ecke laufenden Maschendrahtzaun umschloß allseitig dicht, reglos oder rauschend der Saskoschiner Forst, ein Mischwald mit Wildschweinen, Dachsen, Kreuzottern und einer Staatsgrenze, quer durch den Forst hindurch. Denn der begann im Polnischen, fing auf den öden Sandflächen der Tuchler Heide mit Kusseln und Kiefern an, bekam auf den Bodenwellen der Koschneiderei Birken und Buchen dazwischengemischt, schob sich nach Norden ins mildere Küstenklima: Mischwald wuchs auf Geschiebemergel und hörte über der Küste als reiner Laubwald auf.

Manchmal wechselten Waldzigeuner über die Grenze. Sie galten als harmlos und ernährten sich von Wildkaninchen, Igeln und vom Kesselflicken. Das Landschulheim belieferten sie mit Steinpilzen, Pfifferlingen und Blutreizkern. Der Förster brauchte ihre Hilfe, wenn sich, nahe den Waldwegen, Wespen und Hornissen in hohlen Baumstämmen eingenistet hatten und Pferde vor Holztransporten scheuen ließen. Sie nannten sich Gakkos, sprachen sich an: More! wurden allgemein als Mängische bezeichnet, auch als Ziganken.

Und einmal warf ein Gakko einem Sextaner einen Schlagball zu, der als mißglückte Kerze im Mischwald niedergegangen war. More lachte lautlos.

Da übte der Sextaner das Fehlkerzenschlagen, nachdem er bisher nur das Kerzenschlagen geübt hatte.

Es gelang dem Sextaner, zwei Fehlkerzen zu schlagen, die im Mischwald niedergingen, aber kein Mängischer warf ihm einen Lederball zu.

Wo übte Walter Matern das Kerzenschlagen und Fehlkerzenschlagen? Am Ende der Liegehalle, gegen Osten, befand sich ein Schwimmbecken, etwa sieben mal sieben, in dem niemand schwimmen konnte, denn es war kaputt verstopft durchlässig; allenfalls Regenwasser verdunstete in dem rissigen Betonquadrat. Wenn auch keine Schüler in dem Becken baden konnten, hatte es dennoch immer Besuch: malzbonbongroße, kühl lebendige Poggen hüpften dort fleißig, als übten sie Hüpfen — seltener die großen schweratmenden Kröten — immer aber Poggen, ein Kongreß Poggen, ein Pausenhof Poggen, ein Ballett Poggen, ein Spielplatz Poggen; Poggen, die man mit Strohhalmen aufblasen konnte; Poggen, die man jemandem in den Hemdkragen stecken konnte; Poggen zum Zertreten; Poggen zum in die Schuhe stecken; in die immer leicht angebrannte Erbsensuppe konnte man Poggen werfen, Poggen ins Bett, Poggen ins Tintenfaß, Poggen im Briefkuvert; Poggen zum Kerzenschlagenüben.

Jeden Tag übte Walter Matern im trockenen Schwimmbassin. Glatte Poggen griff er aus unerschöpflichem Vorrat. Dreißig graublaue Poggen mußten, wenn er dreißigmal traf, ihr kühles junges Leben lassen. Zumeist mußten nur siebenundzwanzig braunschwarze Poggen dran glauben, wenn Walter Matern sein zielstrebiges Exerzitium herunterbetete. Seine Absicht war nicht, die grüngrauen Poggen hoch, höher als die Bäume des rauschenden oder schweigenden Saskoschiner Forstes zu treiben. Auch übte er nicht das simple Treffen einer ordinären Pogge mit irgendeiner Stelle des Schlagholzes. Nicht im Schlagen von Weitbällen, Flachbällen, tückischen Kurzbällen wollte er sich vervollkommnen — im Weitballschlagen war ohnehin Heini Kadlubek treffsichrer Meister —, vielmehr wollte Walter Matern die verschieden getönten Poggen mit jener Stelle des Schlagholzes treffen, die, wenn das Schlagholz vorschriftsmäßig von unten den Körper entlang steil nach oben geführt wurde, das Gelingen einer mustergültigen, knapp senkrechten, nur mäßig dem Wind gehorchenden Kerze versprach. Hätte an Stelle der changierenden Poggen der stumpfbraune, nur an den Nähten blanke Lederschlagball dem dicken Ende des Schlagholzes Widerstand geleistet, wären Walter Matern innert einer mittäglichen halben Stunde zwölf extraordinäre und fünfzehn bis sechzehn passable Kerzen gelungen. Der Gerechtigkeit halber muß noch gesagt werden: trotz Fleiß und Kerzenschlagen wurden die Poggen im wasserlosen Schwimmbassin nicht weniger: munter hüpften sie ungleich weit und ungleich hoch, während Walter Matern mitten unter ihnen als Poggentod stand. Sie begriffen nicht oder waren sich ihrer Vielzahl — darin den Sperlingen verwandt — dergestalt bewußt, daß im Schwimmbassin keine Poggenpanik ausbrechen konnte.

Bei feuchter Witterung fanden sich in dem todesschwangeren Bassin auch Molche, Feuersalamander und simple Eidechsen. Diese beweglichen Tierchen hatten jedoch das Schlagholz nicht zu fürchten; denn es bürgerte sich bei den Sextanern ein Spiel ein, dessen Regeln den Molchen und Salamandern nur die Schwänze kosteten.

Eine Mutprobe wird abgelegt: Es gilt, jene zuckenden, irre tuenden Schwanzenden, die Molche und Salamander abstoßen, wenn man sie mit der Hand greift — man kann sie ihnen auch mit hartem Finger abschlagen —, lebendige Fragmente also gilt es, in mobilem Zustand zu verschlucken. Nach Möglichkeit sollen mehrere, sich vom Beton schnellende Schwänze nacheinander verschluckt werden. Wer das tut, ist ein Held. Auch müssen die drei bis fünf aufgeregten Schwänze hinunter, ohne daß mit Wasser nachgespült, mit Brotkanten nachgestopft werden darf. Wer in seinem Inneren drei bis fünf auch im Inneren unermüdliche Schwänze, Molch, Salamander oder Eidechse, beherbergt, dem ist dennoch verboten, das Gesicht zu verziehen. Amsel kann das. Der beim Schlagballspiel gehetzte und gemarterte Amsel erkennt und begreift beim Molchschwanzschlucken seine Chance: Nicht nur, daß er sieben quicke Schwänze nacheinander seinem runden Körper auf kurzen Beinen einverleibt, er ist auch in der Lage, sobald man verspricht, ihn vom drohenden Schlagballspiel des Nachmittags zu befreien und den Kartoffelschälern des Küchendienstes zuzuordnen, die Gegenprobe zu liefern. Eine Minute, nachdem er siebenmal geschluckt hat, kann er, ohne den Finger in den Hals führen zu müssen, kraft starken Willens und mehr noch aus ohnmächtiger Angst vor dem ledernen Schlagball, die sieben Schwänze wieder von sich geben: Und siehe, sie zucken immer noch, wenn auch weniger lebendig, weil mitgeflossener Schleim sie hemmt, auf dem Beton des Schwimmbassins, inmitten hüpfender Poggen, die nicht weniger geworden sind, obgleich Walter Matern kurz vor Amsels Molchschwanzschlucken und der nachfolgenden Gegenprobe das Kerzenschlagen übte.

Die Sextaner sind beeindruckt. Immer wieder zählen sie die sieben auferstandenen Schwänze, klopfen Amsel den runden Sommersprossenrücken und versprechen, wenn Mallenbrandt nichts dagegen habe, auf ihn als nachmittägliches Schlagballopfer zu verzichten. Sollte aber Mallenbrandt etwas gegen Amsels Küchendienst einwenden, so wollen sie mit dem Schlagball nur so tun als ob.

Diesem Handel hören viele Poggen zu. Die sieben geschluckten und wieder gespienen Molchschwänze schlafen langsam ein. Walter Matern steht mit stützendem Schlagholz am Maschendrahtzaun und starrt in die Büsche des rundum ragenden Saskoschiner Forstes. Sucht er etwas?

Einunddreißigste Frühschicht

Was blüht uns? Brauksel wird morgen, der vielen Sterne wegen, die über uns einen gärenden Klumpatsch bilden, mit der Frühschicht einfahren und unter Tage, im Archiv auf der Achthundertfünfzigmetersohle — einst lagerten dort die Sprengstoffe der Schießhauer —, seinen Bericht abschließen: immer bemüht, mit Gleichmut die Feder zu führen.

Ihm vergeht die erste Ferienwoche im Landschulheim Saskoschin unter Schlagballspielen, geordneten Spaziergängen und milden Unterrichtsstunden. Regelmäßiger Poggenverschleiß und gelegentliches, vom Wetter abhängiges Molchschwanzschlucken auf der einen Seite; abendliches Liedersingen, ums Lagerfeuer geschart — kalter Rücken, erhitzte Gesichter —, auf der anderen Seite. Jemand reißt sich das Knie auf. Zwei haben einen schlimmen Hals. Zuerst hat der kleine Probst ein Gerstenkorn, danach hat Jochen Witulski ein Gerstenkorn. Ein Füllfederhalter wird gestohlen, oder Horst Behlau hat ihn verloren: langweilige Untersuchungen. Bobbe Ehlers, ein guter Tickspieler, muß vorzeitig nach Quatschin zurück, weil seine Mutter ernsthaft erkrankt ist. Während der eine der Brüder Dyck, der im Alumnat den Bettnässer abgegeben hatte, im Landschulheim Saskoschin Trockenbett melden kann, beginnt sein Bruder, bislang trocken, regelmäßig sein Landschulheimbett, auch die Pritsche der Liegehalle, zu nässen. Halbwacher Mittagsschlaf in der Halle. Die Schlagballwiese flimmert unbespielt. Amsels Schlaf treibt Perlen auf glatter Stirn. Mit Augen hin und her klabastert Walter Matern den fernen Maschendrahtzaun, den dahinter stehenden Wald ab. Nichts. Wer Geduld hat, sieht Hügel aus der Schlagballwiese wachsen: Maulwürfe wühlen auch über Mittag. Erbsen mit Speck — immer leicht angebrannt — hat es um zwölf gegeben. Zum Abendbrot soll es gebratene Pfifferlinge und hinterher Blaubeersuppe mit Grießpudding geben, es gibt aber was anderes. Und nach dem Abendbrot werden Postkarten nach Hause geschrieben.

Kein Lagerfeuer. Einige spielen Menschärgerdichnicht, andere Mühle oder Dame. Im Eßsaal versucht das trockene Arbeitsgeräusch des Tischtennisspiels gegen das Rauschen des nachtdunklen Forstes aufzukommen. In seinem Zimmer ordnet Studienrat Brunies, während ein Malzbonbon kleiner wird, die Ausbeute eines Sammlertages: die Gegend ist reich an Biotit und Muskovit: das stößt gneisig aneinander. Glimmer silbert, wenn Gneise knirschen; kein Glimmer silbert, wenn Walter Matern mit den Zähnen knirscht.

Am Rande der nachtschwarzen Schlagballwiese sitzt er auf dem Betonwulst des poggenreichen und wasserarmen Schwimmbassins. Neben ihm Amsel: »Mi Dlaw tsi se leknud.«

Walter Matern starrt gegen die nahe, näher rückende Wand des Saskoschiner Forstes.

Amsel reibt Stellen, die am Nachmittag der Schlagball traf. Hinter welchem Busch? Ob er lautlos lacht? Ob das Bündelchen? Ob Bidandengero?

Keine Glimmergneise; Walter Matern knirscht von links nach rechts. Schweratmende Kröten antworten ihm. Der Wald mit seinen Vögeln stöhnt. Es mündet keine Weichsel.

Zweiunddreißigste Frühschicht

Unter Tage führt Brauxel die Feder: Huch, wie ist es im deutschen Wald so dunkel! Das Barbale geht um. Schrate betuppen sich. Huch, wie ist es im polnischen Wald so dunkel! Gakkos wechseln, die Ballertmenger. Aschmatei! Aschmatei! Oder Beng Dirach Beelzebub, den die Bauern Deikert nennen. Dienstmädchenfinger, die einst zu neugierig, Spuckkerzen nun, Schlaflichterchen: soviel brennen, soviel schlafen. Balderle tritt auf Moos: Efta mal Efta zählt neunundvierzig. — Huch! Aber am dunkelsten ist es im deutsch-polnischen Wald: da krümmt sich Beng, Balderle fliegt auf, Schlaflichter wehen, Oichterles wandern, Bäume belaxeln sich, Mängische wechseln: Leopolds Bibi und Bibi die Muhme und Bibi die Schwester und Esterswehs Bibi und Hites Bibi, Gaschparis Bibi, alle alle alle lassen die Fulminantes springen, geben ein Päserchen, bis sie sich zeigt: die reine Maschari weist dem Bub des Zimmermanns, wo ihr aus gänseweißem Geschirr die Milch.

Und die fließt grün, ist geharzt und versammelt die Schlangen, neunundvierzig, Efta mal Efta.

Im Farn läuft die Grenze auf einem Bein. Hier und drüben: weißrote Pilze kämpfen mit schwarzweißroten Ameisen. Estersweh Estersweh! Wer sucht da sein Schwesterchen? Eicheln fallen ins Moos. Ketterle ruft, weil’s flimmert: Gneis liegt neben Granit und reibt sich. Glimmer stiebt. Schiefer knirscht. Wer hört das schon?

Romno, der Mann hinterm Busch. Bidandengero, ohne Zahn, hört aber gut: Eicheln kullern, Schiefer rutscht, Schnürschuh stößt, Bündelchen kusch, Schnürschuh kommt, die Pilze suppen, ins nächste Jahrhundert gleitet die Schlange, Blaubeeren platzen, Farne zittern vor wem? Da dringt Licht durchs Schlüsselloch, steigt treppab in den Mischwald, Ketterle ist die Elster — Por, ihre Feder, fliegt. Schnürschuhe knarren unbezahlt. Da kichert der Schaller, der Bimser, der Bohmeier, Lehrer — Brunies, Brunies! Oswald Brunies! —, weil sie sich reiben, bis sie stieben: gneisig schiefrig körnig schuppig knotig: Zweiglimmergneise, Feldspat und Quarz. Selten, höchst selten, sagt er und stellt den Schnürschuh vor, zieht seine Lupe am Gummi und kichert unterm Bismarckhut.

Auch einen schönen schönen, rötlichen Glimmergranit hebt er, dreht ihn unterm Mischwald in die treppab steigende Sonne, bis alle Spiegelchen piiih sagen können. Er verwirft ihn nicht, hält ins Licht, betet mit und dreht sich nicht um. Er geht vor sich hin und brabbelt vor sich hin. Er hält seinen Glimmergranit ins nächste und nächste und übernächste Licht, damit wieder die tausend Spiegelchen piiih sagen können, einer nach dem anderen und nur wenige gleichzeitig. Er tritt mit dem Schnürschuh ganz dicht heran an den Busch. Dahinter sitzt ohne Zahn, Bidandengero, und ist ganz still. Auch das Bündelchen kusch. Nicht mehr ist Romno die Elster. Ketterle ruft nicht mehr. Por, ihre Feder fliegt nicht mehr. Weil ganz nah der Schaller, der Bimser, Bohmeier, Lehrer, Oswald Brunies.

Im tiefen Wald lacht er unterm Hut, denn er fand im deutsch-polnischen Saskoschiner Forst, wo er am dunkelsten ist, einen höchst seltenen fleischfarbenen Glimmergranit. Weil aber die tausend Spiegelchen nicht aufhören wollen mit vielstimmigem Piiih, wird es dem Studienrat Oswald Brunies bitter und trocken im Mund. Reisig und Tannenzapfen muß er zusammentragen. Aus drei großen Steinen, die nur armselig glimmern, muß er einen Herd erstellen. Fulminantes müssen aus schwedischen Döschen ein Päserchen schlagen, mitten im tiefen Wald; daß gleich darauf wieder Ketterle ruft: Por — die Elster verliert eine Feder.

Eine Pfanne hat der Studienrat in seinem Beutel. Sie ist fettig, schwarz, mit Glimmerspiegelchen besetzt, weil er in seinem Beutel nicht nur die Pfanne, sondern auch Glimmergneise und Glimmergranit, sogar die seltenen Zweiglimmergneise bewahrt. Aber des Lehrers Beutel gibt außer Pfanne und Glimmergestein noch diverse braune und blaue Tütchen verschiedener Größe her. Zudem eine Flasche ohne Etikett und eine Blechdose mit abschraubbarem Deckel. Trocken knistert das Päserchen. Harz schmurgelt. Glimmerspiegel springen in heißer Pfanne. Die Pfanne erschrickt, als er aus der Flasche in sie hineingießt. Das Päserchen prasselt zwischen drei Steinen. Sechs gehäufte Kaffeelöffel voll aus der Blechdose. Gemessenes Schütten aus der großen blauen und aus der spitzen braunen Tüte. Einen Löffelstiel voll hebt er aus kleiner blauer, eine Prise aus kleiner brauner Tüte. Rührt dann links rum und pudert linkshändig mit winzigem Streudöschen. Rührt rechts herum, während schon wieder die Elster, während fern und jenseits der Grenze immer noch Estersweh gesucht wird, obgleich kein Wind trägt.

Auf die Lehrerknie geht er und pustet, bis es auflebt und päsert. Rühren muß er, bis der Brei langsam einkocht, zäher und verschlafener wird. Die Lehrernase, mit langen Haaren aus beiden Naslöchern, führt er über dem dampfenden blubbernden Pfännchen hin und her: Tropfen hängen in seinem versengten Bart über der Oberlippe, kandieren, werden glasig, indem er gegen den Brei rührt. Aus allen Richtungen kommen die Ameisen. Unentschlossen kriecht der Qualm übers Moos, verheddert im Farnkraut. Unter wanderndem schrägen Licht schreit der große Glimmersteinberg — Wer mag den gehäuft haben? — laut durcheinander: piiih piiih piiih! Da brennt der Brei überm Päserchen an, muß aber nach Rezept anbrennen. Bräune muß in ihm steigen. Ein Pergament wird gebreitet und gefettet. Zwei Hände heben die Pfanne: Ein satter müder Teig fließt braun blasig lavabreit übers gefettete Papier, bekommt sogleich eine glasige Haut, dann Runzeln unter jäher Kühle und dunkelt. Schnell, bevor er erkaltet, teilt ein Messer in des Studienrats Hand den Fladen in bonbongroße Quadrate; denn was der Studienrat Oswald Brunies mitten im dunkel deutsch-polnischen Wald, unter den Bäumen des Saskoschiner Forstes, zwischen Estersweh und Ketterles Schrei gebraut hat, sind Malzbonbons.

Weil ihm nach Süßem gelüstet. Weil sein süßer Vorrat erschöpft war. Weil sein Beutel immer voller Tütchen und Dosen ist. Weil in den Tüten, Dosen und in der Flasche Malz und Zucker, Ingwer, Anis und Hirschhornsalz, Honig und Bier, Pfeffer und Hammeltalg immer bereit sind. Weil er mit winzigem Streudöschen — das ist sein Geheimnis — gestoßene Nelke über zähwerdenden Brei stäubt: Nun duftet der Wald, und die Pilze, Blaubeeren, das Moos, jahrzehntealtes Laub, Farne und Harz geben es auf, dagegen zu duften. Irre gehen die Ameisen. Die Schlangen im Moos kandieren. Verändert schreit Ketterle. Por, ihre Feder, klebt. Wie soll Estersweh gesucht werden? Den süßen oder den sauren Weg? Und wer weint hinterm Busch und schnupft hinterm Busch, weil er im brenzligen Qualm saß? Hat das Bündelchen etwa Mohn bekommen, weil es so still blieb, als der Lehrer, ganz ohne Gehör, die erkalteten Lavareste mit schrillem Löffelstiel aus der Pfanne sprengte?

Was von den Splittern nicht ins Moos fiel und zwischen die Glimmersteine sprang, führt sich Studienrat Oswald Brunies unter den übersüßen Schnurrbart: sückelt, zieht Saft, läßt vergehen. Mit klebrigen Fingern, die zwischen sich unermüdlich Ameisen zerreiben müssen, hockt er neben dem zusammengesunkenen, nur noch dünn qualmenden Päserchen und bricht den harten, glasig braunen Fladen auf gefettetem Papier in etwa fünfzig vorgezeichnete Viertelchen. Mit Bruch und zu Bonbon gewordenen Ameisen füllt er den süßen Brassel in eine große blaue Tüte, die vor dem Bonbonkochen voller Zucker gewesen war. Alles, die Pfanne, die zerknüllten Tütchen, die Tüte mit dem frischgewonnenen Bonbonvorrat, die Blechdose, die leere Flasche, auch das winzige Streudöschen, wandert wieder zu den Glimmergneisen im Beutel. Schon steht er und hält den braunüberkrusteten Löffel im Lehrermund. Schon schreitet er in Schnürschuhen unterm Bismarckhut übers Moos. Nur das fette Papier und winzige Splitter läßt er hinter sich. Da kommen schon die Schüler laut durch die Blaubeeren zwischen den Stämmen des Mischwaldes. Der kleine Probst weint, weil er zwischen Waldwespen geraten ist. Sechs haben ihn gestochen. Vier Sextaner müssen ihn tragen. Studienrat Oswald Brunies begrüßt seinen Kollegen Studienrat Mallenbrandt.

Als die Klasse fortzog, nicht mehr da war, nur noch aus Rufen, Lachen, Geschrei und den Stimmen der Schaller, der Bimser, Bohmeier, der Lehrer bestand, rief dreimal die Elster. Por: wieder flog ihre Feder. Da verließ Bidandengero seinen Busch. Auch die anderen Gakkos: Gaschpari, Hite und Leopold lösten sich aus Büschen, glitten von Bäumen. Bei dem fetten Papier, das dem Bonbonfladen als Unterlage gedient hatte, trafen sie aufeinander. Schwarz von Ameisen war es und bewegte sich in polnische Richtung. Da gehorchten die Gakkos den Ameisen: Hite, Gaschpari, Leopold und Bidandengero huschten lautlos übers Moos, teilten Farn: Richtung Süden. Als letzter wurde Bidandengero zwischen den Baumstämmen kleiner. Ein dünnes Wimmern, als hätte sein Bündelchen, ein Babetuttchen, ein hungriges zahnloses Grams, als hätte Estersweh geweint, nahm er mit sich.

Aber die Grenze war nahe und erlaubte schnellen Wechsel hin und her. Zwei Tage nach dem Bonbonkochen im tiefen Wald schlug Walter Matern, der breitbeinig im Schlagraum stand, ganz gegen seine Gewohnheit und nur, weil Heini Kadlubek gesagt hatte, er könne nur Kerzen und keine Weitbälle schlagen, einen Weitball über die beiden Ticks hinweg, über den Schrägraum und über das poggenreiche und wasserlose Schwimmbassin. In den Wald hinein schickte Walter Matern den Schlagball. Er mußte, bevor Mallenbrandt kam und die Bälle nachzählte, dem Leder hinterdrein, über den Maschendrahtzaun in den Mischwald.

Aber er fand den Ball nicht und suchte immer dort, wo es keinen gab. Jeden Farnwedel hob er. Vor einem halbzerfallenen Fuchsbau, von dem er wußte, daß er unbewohnt war, ging er auf die Knie. Mit einem Ast stocherte er in dem rieselnden Loch. Schon wollte er sich auf den Bauch legen und mit langem Arm in den Fuchsbau hinein, da schrie die Elster, die Feder flog, das Leder traf ihn: Welcher Busch hatte geworfen?

Der Busch war der Mann. Das Bündelchen verhielt sich stille. Der Messingring am Ohr des Mannes schaukelte, weil der Mann lautlos lachte. Hellrot flatterte seine Zunge im zahnlosen Mund. Eine fasrige Schnur schnitt den Stoff über seiner linken Schulter. Vorne hingen drei Igel an der Schnur. Die bluteten aus spitzen Nasen. Als der Mann sich wenig drehte, hing hinten ein Säckchen als Gegengewicht an der Schnur. Die langen, schwarz geölten Schläfenhaare hatte der Mann zu kurzen, steif abstehenden Zöpfen geflochten. Das hatten schon Zietens Husaren getan.

»Sind Sie Husar?«

»Bißchen Husar, bißchen Ballertmenger.«

»Wie heißen Sie eigentlich?«

»Bi — dan — den — gero. Hab keinen Zahn mehr.«

»Und die Igel?«

»Zum Schmausen im Lehm.«

»Und das Bündel vorne?«

»Estersweh, kleines Estersweh.«

»Und der Beutel hinten? Und was suchen Sie hier? Und womit fangen Sie die Igel? Und wo wohnen Sie? Und heißen Sie wirklich so komisch? Und wenn Sie der Förster erwischt? Und stimmt das, daß die Ziganken? Und der Ring am kleinen Finger? Und das Bündelchen vorne?«

Por — da rief wieder die Elster aus dem Inneren des Mischwaldes. Bidandengero hatte es eilig. Er sagte, er müsse zur Fabrik ohne Fenster. Da sei der Herr Lehrer. Der warte auf wilden Honig für seine Bonbons. Auch wollte er dem Herrn Lehrer Glimmerchen bringen und sonst ein Geschenkchen.

Mit dem Lederball stand Walter Matern und wußte nicht, welche Richtung, was tun. Endlich wollte er doch zurück über den Maschendrahtzaun, aufs Schlagballfeld — denn das Spiel ging ja weiter —, da kugelte Amsel aus Büschen, stellte keine Fragen, hatte alles gehört und kannte nur eine Richtung: Bidandengero… Seinen Freund zog er hinter sich her. Sie folgten dem Mann mit den toten Igeln, und wenn sie ihn verloren hatten, fand sich auf Farnwedeln helles Igelblut aus drei spitzen Igelschnauzen. Diese Spur lasen sie. Und als die Igel an Bidandengeros Schnur saftlos schwiegen, schrie die Elster für sie: Por — Ketterles Feder flog voraus. Dichter wurde der Wald, rückte zusammen. Zweige schlugen Amsels Gesicht. Auf den weißroten Pilz trat Walter Matern, fiel ins Moos und schlug seine Zähne in das Kissen. Ein Fuchs versteinerte. Bäume schnitten Fratzen. Mit Gesichtern durch Spinnweben. Finger verharzt. Borke schmeckte säuerlich. Mischwald rückte auseinander. Treppab stieg die Sonne auf des Lehrers gehäufte Steine. Konzert am Nachmittag: Gneise, Augit dazwischen, Hornblende, Schiefer, Glimmer, Mozart, Zwitscherkastraten vom Kyrie bis zum Rundgesang Dona nobis: vielstimmiges Piiih — aber kein Lehrer unterm Bismarckhut.

Nur die kalte Feuerstätte. Fort war das gefettete Papier. Und erst als die Buchen hinter der Lichtung wieder zusammenrückten und den Himmel abschirmten, überholten sie das Papier: Schwarz von Ameisen war es unterwegs. Die wollten, wie Bidandengero mit seinen Igeln, die Beute über die Grenze retten. Blieben achterkatz, wie auch Walter Matern und sein Freund achterkatz schnürten, der lockenden Elster hinterdrein: Hier hier hier! Durch kniehohen Farn. Durch sauber versammelte Buchenstämme. Durch grünes Kirchenlicht. Wieder verschluckt, fern, wieder da: Bidandengero. Doch nicht mehr allein. Ketterle hatte die Gakkos gerufen. Gaschpari und Hite, Leopold und Hites Bibi, die Tante Bibi und Leopolds Bibi, alle die Mängischen, Ballertmenger und Waldhusaren hatten sich unter Buchen im leisen Farn um Bidandengero versammelt. Gaschparis Bibi zog Bartmann, die Ziege.

Und als sich der Wald abermals lichtete, verließen acht oder neun Gakkos mit Bartmann, der Ziege, den Wald. Bis zu den Bäumen tauchten sie ins ausgeschossene Gras der muldigen baumlosen, nach Süden hin weitläufigen Waldwiese: Und in offener Wiese steht die Fabrik und flimmert.

Ausgebrannt das eine längliche Stockwerk. Unverputzter Ziegelbau, rußgeschwärzt um leere Fensterlöcher. Von der Sohle bis zur halben Höhe klafft der Schornstein, ein lückenhaftes Ziegelgebiß. Steht dennoch im Lot und mag knapp Buchen überragen, die dicht bei dicht die Waldwiese umstehen. Ist aber kein Ziegeleischornstein, obgleich die Gegend reich an Ziegeleien ist. Hat früher den Rauch einer Spritbrennerei abgelassen und trägt nun, da die Fabrik tot, der Schornstein kalt ist, ein breitausladendes Storchennest. Aber auch das Nest ist tot. Schwärzlich faules Stroh deckt den geborstenen Kamin und flimmert leer.

Sie nähern sich fächerförmig der Fabrik. Keine Elster schreit mehr. Gakkos schwimmen im hohen Gras. Schmetterlinge torkeln über der Waldwiese. Amsel und Walter Matern erreichen den Waldrand, legen sich flach, spähen über die zitternden Spieße und sehen, wie alle Gakkos gleichzeitig aber durch verschiedene Fensterhöhlen in die tote Fabrik steigen. Gaschparis Bibi hat Bartmann an einen Mauerhaken gebunden.

Eine weiße langhaarige Ziege. Nicht nur die Fabrik, das schwärzliche Stroh auf geborstenem Schornstein und die Wiese flimmern, auch Bartmann löst sich im Licht auf. Es ist gefährlich, torkelnden Schmetterlingen zuzusehen. Sie haben einen Plan ohne Bedeutung.

Amsel ist nicht sicher, ob sie schon im Polnischen sind. Walter Matern will in einem Fensterloch Bidandengeros Kopf erkannt haben: die öligen Zöpfchen nach Husarenart, Messing am Ohr, wieder fort.

Amsel will den Bismarckhut erst in dem einen, dann kurz im nächsten Fensterloch gesehen haben.

Keiner sieht die Grenze. Nur foppende Kohlweißlinge. Und über Hummeln in verschiedener Tonlage wabert von der Fabrik her auf- und abschwellendes Brabbeln. Kein deutliches Johlen, Fluchen oder Geschrei. Eher ein zunehmendes Gleischbern und Fisteln. Die Ziege Bartmann meckert zwei trockene Salven gen Himmel.

Da springt aus dem vierten Fensterloch links der erste Gakko: Hite zieht Hites Bibi nach sich. Die bindet Bartmann los. Wieder einer, jetzt springen zwei in bunten Pracherfleppen: Gaschpari und Leopold, dessen Bibi in vielen Röcken. Keiner durchs offene Tor, alle Ziganken durch Fensterlöcher, als letzter, Kopf voran, Bidandengero.

Denn alle Mängischen haben bei der Maschari geschworen: Niemals durch Türen, immer durch die Feneten.

Fächerförmig wie sie gekommen, schwimmen die Gakkos durchs Zittergras dem Wald zu, der sie schluckt. Noch einmal die weiße Ziege. Ketterle ruft nicht. Por, ihre Feder fliegt nicht. Stille, bis das Summsumm der Waldwiese wieder aufkommt: Schmetterlinge foppen. Hummeln gleich Doppeldeckern, Libellen beten, kostbare Fliegen, Wespen und ähnliche Fechtbrüder.

Und wer schlug das Bilderbuch zu? Wer träufelte Zitrone auf hausbackene Juniwolken? Wer ließ die Milch grützig werden? Wie kam es, daß Amsels Haut und Walter Materns Haut porig wurden, wie mit Graupeln beworfen?

Das Bündelchen. Das Babetuttchen. Das zahnlose Grams. Estersweh schrie aus toter Fabrik über die lebendige Wiese. Nicht die dunklen Fensterlöcher, das schwarze Tor spuckte den Bismarckhut unter den Himmel. Der Schaller, der Bimser, Bohmeier, Lehrer: Oswald Brunies stand mit dem schreienden Bündel unter der Sonne, wußte nicht, wie er es halten sollte, und rief: »Bidandengero Bidandengero!«, aber der Wald antwortete nicht. Weder Amsel noch Walter Matern, die vom Geschrei gehoben und schrittweise durch zischelndes Gras zur Fabrik geschleust wurden, weder der Studienrat Brunies mit dem Bündelchen lauthals noch die Bilderbuchwelt der Waldwiese zeigten sich erstaunt, als sich abermals Wunderbares ereignete: Von Süden her, aus dem Polnischen, strichen Störche mit gemessenem Flügelschlag über die Wiese. Zwei zogen feierlich Schleifen und ließen sich nacheinander in das schwärzlich zerzauste Nest auf dem geborstenen Fabrikschornstein fallen.

Sogleich klapperten sie. Alle Augen, die des Lehrers unter dem Bismarckhut, die der Schüler kletterten den Schornstein hinauf. Das Babetuttchen brach sein Geschrei ab. Adebar Adebar. Einen Glimmergneis — oder war es ein Zweiglimmergneis? — fand Oswald Brunies in seiner Tasche. Den sollte das Grams zum Spielen haben. Adebar Adebar. Jenen ledernen Schlagball, der den weiten Weg mitgemacht, bei dem alles angefangen hatte, wollte Walter Matern dem Bündelchen geben. Adebar Adebar. Aber das halbjährige Mädchen hatte schon etwas zum Fingern und Spielen: Angustri, Bidandengeros Silberring.

Den mag Jenny Brunies heute noch an sich tragen.

Letzte Frühschicht

Es war wohl nichts. Keine Welt ging spürbar unter. Brauxel darf wieder übertage schreiben. Allein einen Vorteil bewies das Datum des vierten Februar: Alle drei Manuskripte wurden termingerecht fertig; Brauchsel kann die Liebesbriefe des jungen Harry Liebenau auf seinem Packen Frühschichten ablegen; und auf »Frühschichten« und »Liebesbriefe« wird er des Schauspielers Bekenntnisse stapeln. Sollte ein Schlußwort wünschenswert sein, wird Brauksel es schreiben, denn er steht dem Bergwerk und dem Autorenkollektiv vor, er zahlt die Vorschüsse, bestimmt die Termine und wird die Korrekturen lesen.

Wie war es, als der junge Harry Liebenau zu uns kam und sich um die Autorenschaft des zweiten Buches bewarb? Brauxel examinierte ihn. Bis dato hatte er Lyrik geschrieben und veröffentlicht. Seine Hörspiele sind alle gesendet worden. Schmeichelhafte und ermunternde Kritiken konnte er vorweisen. Sein Stil wurde zupackend, erfrischend und unausgeglichen genannt. Brauchsel fragte ihn zuerst über Danzig aus: »Wie, junger Freund, hießen die Verbindungsgassen zwischen der Hopfengasse und der neuen Mottlau?«

Harry Liebenau schnurrte sie herunter: »Kiebitzgasse, Stützengasse, Mausegasse, Brandgasse, Adebargasse, Münchengasse, Judengasse, Milchkannengasse, Schleifengasse, Turmgasse und Leitergasse.«

»Wie, junger Mann«, wollte Brauksel wissen, »wollen Sie uns erklären, wie die Portechaisengasse zu ihrem hübschen Namen gekommen ist?«

Harry Liebenau erklärte etwas umständlich, in jener Gasse hätten im achtzehnten Jahrhundert die Sänften vornehmer Patrizier und Damen gestanden, Taxis jener Zeit, mit denen man, ohne Schaden an kostbaren Gewändern zu nehmen, durch Kot und Pestilenz getragen werden konnte.

Auf Brauxels Frage, wer im Jahre neunzehnhundertsechsunddreißig den modernen italienischen Gummiknüppel bei der Danziger Schutzpolizei eingeführt habe, antwortete Harry Liebenau frei heraus wie ein Rekrut: »Das tat der Polizeipräsident Friboess!« Doch ich gab mich noch immer nicht zufrieden: »Wer war, junger Freund — Sie werden sich kaum erinnern —, der letzte Vorsitzende der Zentrumspartei in Danzig? Wie hieß der ehrenwerte Mann?« Harry Liebenau hatte sich gut vorbereitet, selbst Brauxel lernte dazu: »Der Geistliche Studienrat Dr. theol. Richard Stachnik wurde neunzehnhundertdreiunddreißig Vorsitzender der Zentrumspartei und Abgeordneter des Volkstages. Neunzehnhundertsiebenunddreißig wird er, nach Auflösung der Zentrumspartei, ein halbes Jahr lang inhaftiert; neunzehnhundertvierundvierzig deportiert man ihn in das Konzentrationslager Stutthof, aber nach kurzer Zeit darf er das Lager wieder verlassen. Zeit seines Lebens beschäftigte sich Dr. Stachnik mit dem Heiligsprechungsprozeß der seligen Dorothea von Montau, die sich neben dem Dom zu Marienwerder im Jahre dreizehnhundertzweiundneunzig hatte einmauern lassen.«

Mir fielen noch eine Menge kniffliger Fragen ein. Den Verlauf des Strießbaches, die Namen aller Langfuhrer Schokoladenfabriken, die Höhe des Erbsberges im Jäschkentaler Wald wollte ich wissen und bekam zufriedenstellende Antworten. Als Harry Liebenau auf die Frage: Welche bekannten Schauspieler begannen ihre Karriere im Danziger Stadttheater? sofort die frühverstorbene Renate Müller und den Filmliebling Hans Söhnker nannte, gab ich in meinem Lehnstuhl zu erkennen, daß die Prüfung beendet und bestanden sei.

So kamen wir nach drei Arbeitssitzungen überein, Brauxels »Frühschichten« und die »Liebesbriefe« des Harry Liebenau mit einem Übergang zu koppeln. Hier liegt er vor:

Tulla Pokriefke wurde am elften Juni neunzehnhundertsiebenundzwanzig geboren.

Als Tulla geboren wurde, war das Wetter veränderlich, meist wolkig. Später kam Neigung auf zu Niederschlägen. Schwache umlaufende Winde bewegten die Kastanien im Kleinhammerpark.

Als Tulla geboren wurde, landete der Reichskanzler a.D. Dr. Luther, von Königsberg kommend und unterwegs nach Berlin, auf dem Flugplatz Danzig-Langfuhr. In Königsberg hatte er auf einer Kolonialtagung gesprochen; in Langfuhr nahm er im Flughafen-Restaurant einen Imbiß ein.

Als Tulla geboren wurde, veranstaltete die Kapelle der Danziger Schutzpolizei, unter Leitung von Obermusikmeister Ernst Stieberitz, ein Konzert im Zoppoter Kurgarten.

Als Tulla geboren wurde, begab sich der Ozeanflieger Lindbergh an Bord des Kreuzers »Memphis«.

Als Tulla geboren wurde, nahm die Polizei, laut Polizeibericht vom elften des Monats, siebzehn Personen fest.

Als Tulla geboren wurde, traf die Danziger Delegation zur fünfundvierzigsten Tagung des Völkerbundsrates in Genf ein.

Als Tulla geboren wurde, bemerkte man auf der Berliner Börse Käufe des Auslandes in Kunstseide und Elektropapieren. Zu Kurssteigerungen kam es bei Essener Steinkohle: viereinhalb Prozent; bei Ilse und Stolberger Zink: plus drei Prozent. Ferner wurden einige Spezialwerte gesteigert. So setzte Glanzstoff um vier Prozent höher ein, Bemberg um zwei Prozent.

Als Tulla geboren wurde, lief im Odeon-Theater der Film »Sein größter Bluff« mit Harry Piel in seiner Glanz- und Doppelrolle.

Als Tulla geboren wurde, rief die NSDAP, Gau Danzig, zu einer Großkundgebung auf im Sankt Josephshaus, Töpfergasse fünf bis acht. Über das Thema »Deutsche Arbeiter der Faust und der Stirn — vereinigt euch!« sollte der Parteigenosse Heinz Haake aus Köln am Rhein sprechen. Am Tage, der Tullas Geburt folgte, sollte die Veranstaltung unter dem Motto »Volk in Not! Wer rettet es?« im Roten Saal des Zoppoter Kurhauses wiederholt werden. »Erscheint in Massen!« unterschrieb ein Herr Hohenfeld, Mitglied des Volkstages, den Aufruf.

Als Tulla geboren wurde, lag der Diskontsatz der Bank von Danzig unverändert bei fünfeinhalb Prozent. Der Danziger Roggenrentenbrief notierte pro Zentner Roggen neun Gulden sechzig: Geld.

Als Tulla geboren wurde, war das Buch »Sein und Zeit« noch nicht erschienen, aber schon ausgedruckt und angekündigt.

Als Tulla geboren wurde, hatte Dr. Citron seine Praxis noch in Langfuhr; später mußte er nach Schweden flüchten.

Als Tulla geboren wurde, spielte das Glockenspiel im Rathausturm, wenn gerade Stunden angeschlagen werden sollten, »Allein Gott in der Höh’ sei Ehr«’, bei ungeraden Stunden »Aller Engel himmlisch Heer«. Das Glockenspiel zu Sankt Katharinen ließ alle halbe Stunde hören: »Herr Jesu Christ, dich zu uns wend«’.

Als Tulla geboren wurde, lief der schwedische Dampfer »Oddewold« von Oxelösund kommend leer ein.

Als Tulla geboren wurde, lief der dänische Dampfer »Sophie« nach Grimsby mit Holz aus.

Als Tulla geboren wurde, kosteten im Kaufhaus Sternfeld, Langfuhr, Kinder-Rips-Kleidchen zwei Gulden fünfzig. Mädchen-Prinzeß-Röcke kosteten zwei Gulden fünfundsechzig. Eimerchen zum Spielen kosteten fünfundachtzig Guldenpfennige. Gießkannen einen Gulden fünfundzwanzig. Und Trommeln aus Blech, lackiert, mit Zubehör, wurden für einen Gulden und fünfundsiebzig Pfennige feilgeboten.

Als Tulla geboren wurde, war es Sonnabend.

Als Tulla geboren wurde, ging die Sonne um drei Uhr elf auf.

Als Tulla geboren wurde, ging die Sonne um acht Uhr achtzehn unter.

Als Tulla geboren wurde, war ihr Cousin Harry Liebenau einen Monat und vier Tage alt.

Als Tulla geboren wurde, adoptierte der Studienrat Oswald Brunies ein halbjähriges Findelkind, dem die Milchzähne durchbrachen.

Als Tulla geboren wurde, war Harras, der Hofhund ihres Onkels, ein Jahr und zwei Monate alt.

Teil II

ZWEITES BUCH — LIEBESBRIEFE

Liebe Cousine Tulla,

man rät mir, Dich und Deinen Rufnamen an den Anfang zu setzen, Dich, da Du überall Stoff warst, bist und sein wirst, formlos anzusprechen, als beginne ein Brief. Dabei erzähle ich mir, nur und unheilbar mir; oder erzähle ich etwa Dir, daß ich mir erzähle? Eure Familie, die Pokriefkes und die Dams, stammte aus der Koschneiderei.

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Liebe Cousine,

da jedes meiner Worte an Dich verloren ist, da alle meine Worte, selbst wenn ich mir, mit starrem Willen mir erzähle, nur Dich meinen, wollen wir endlich papierenen Frieden schließen und meinem Broterwerb und Zeitvertreib ein schmales Fundament betonieren: Ich erzähle Dir. Du hörst nicht zu. Und die Anrede — als schriebe ich Dir einen und hundert Briefe — wird der formale Spazierstock bleiben, den ich jetzt schon wegwerfen möchte, den ich oft und mit Wut im Arm in den Strießbach, in die See, in den Aktienteich werfen werde: Aber der Hund, schwarz auf vier Beinen, wird ihn mir abgerichtet zurückbringen.

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Liebe Tulla,

meine Mutter, eine geborene Pokriefke und Schwester Deines Vaters August Pokriefke, stammte, wie alle Pokriefkes, aus der Koschneiderei. Am siebenten Mai, als Jenny Brunies etwa ein halbes Jahr alt war, wurde ich regelrecht geboren. Siebzehn Jahre später nahm mich jemand mit zwei Fingern und setzte mich als Ladeschütze in einen naturgetreuen Panzer. Mitten im Schlesischen, in einer Gegend also, die ich im selben Maße nicht kenne, wie mir die Koschneiderei südlich Konitz vertraut ist, ging der Panzer in Stellung und schob sich, aus Gründen der Tarnung, rückwärts in einen Holzschuppen, den schlesische Glasbläser mit ihren Produkten vollgestellt hatten. Während ich bis dahin ohne Unterlaß ein Reimwort auf Dich, Tulla, gesucht hatte, bewirkten der in Stellung gehende Panzer und die aufschreienden Gläser, daß Dein Cousin Harry zu reimloser Sprache kam: Fortan schrieb ich einfache Sätze und schreibe nun, da mir ein Herr Brauxel rät, einen Roman zu schreiben, einen richtigen reimlosen Roman.

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Liebe Cousine Tulla,

vom Bodensee und den Mädchen dort weiß ich nichts; aber von Dir und der Koschneiderei weiß ich alles. Du wurdest am elften Juni geboren. Die Koschneiderei liegt dreiundfünfzigeindrittel Grad nördlich und siebzehneinhalb Grad östlich. Du warst vier Pfund und dreihundert Gramm schwer bei Deiner Geburt. Zur eigentlichen Koschneiderei gehören sieben Dörfer: Frankenhagen, Petztin, Deutsch-Cekzin, Granau, Lichtnau, Schlangenthin und Osterwick. Deine beiden älteren Brüder Siegesmund und Alexander wurden noch in der Koschneiderei geboren; Tulla und ihr Bruder Konrad wurden in Langfuhr eingetragen. Der Name Pokriefke findet sich schon vor siebzehnhundertzweiundsiebzig im Kirchenbuch zu Osterwick. Die Dams, Familie Deiner Mutter, werden Jahre nach den Polnischen Teilungen, zuerst in Frankenhagen, dann in Schlangenthin genannt; wahrscheinlich sind sie aus dem preußischen Pommern zugezogen, denn daß sich Dams von dem erzbischöflichen Damerau herleitet, möchte ich bezweifeln, zumal Damerau mit Obkass und Groß Zirkwitz bereits zwölfhundertfünfundsiebzig dem Erzbischof von Gnesen geschenkt wurde. Damerau hieß damals Louisseva Dambrova, gelegentlich Dubrawa, es gehört nur uneigentlich zur Koschneiderei: Die Dams sind Zugewanderte.

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Liebe Cousine,

in der Elsenstraße kamst Du auf die Welt. Wir wohnten im selben Haus. Das Mietshaus gehörte meinem Vater, dem Tischlermeister Liebenau. Schräg gegenüber, im sogenannten Aktienhaus, wohnte mein späterer Lehrer, der Studienrat Oswald Brunies. Er hatte ein Mädchen adoptiert, das er Jenny nannte, obgleich in unserer Gegend nie jemand Jenny hieß. Der schwarze Schäferhund auf unserem Tischlereihof hieß Harras. Du wurdest auf den Namen Ursula getauft, aber von Anfang an Tulla gerufen. Wahrscheinlich leitet sich dieser Rufname von dem Koschnäwjer Wassergeist Thula her, der im Osterwicker See wohnte und verschieden geschrieben wurde: Duller, Tolle, Tullatsch, Thula oder Dul, Tul, Thul. Als die Pokriefkes noch in Osterwick wohnten, saßen sie als Pächter auf dem Mosbrauchsbäsch nahe dem See, an der Landstraße nach Konitz. Osterwick wurde von der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts bis zu Tullas Geburtstag, im Jahre siebenundzwanzig, so geschrieben: Ostirwig, Ostirwich, Osterwigh, Osterwig, Osterwyk, Ostrowit, Ostrowite, Osterwieck, Ostrowitte, Ostrów. Die Koschnäwjer sagten: Oustewitsch. Die polnische Wurzel des Dorfnamens Osterwick, das Wort ostrów, bedeutet Flußinsel oder Insel in einem See; denn das Dorf Osterwick hatte sich ursprünglich, also im vierzehnten Jahrhundert, auf der Insel im Osterwicker See befunden. Erlen und Birken umstanden das karpfenreiche Gewässer. Außer Karpfen und Karauschen, Plötzen und dem obligaten Hecht befanden sich in dem See ein rotblessiges Kalb, das um Johannes reden konnte, eine sagenhafte lederne Brücke, zwei Sack voll gelbem Gold aus der Zeit der Hussiteneinfälle und ein launischer Wassergeist: Thula Duller Tul.

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Liebe Tulla,

mein Vater, der Tischlermeister, sagte gerne und oft: »Die Pokriefkes werden hier nie auf ‘nen grünen Zweig kommen. Die hätten bleiben sollen, wo sie herkommen, bei ihrem Kabuster.«

Die Anspielungen auf den Koschnäwjer Weißkohl waren für meine Mutter, die geborene Pokriefke, bestimmt; denn sie hatte ihren Bruder mit Frau und zwei Kindern aus der sandigen Koschneiderei in den städtischen Vorort gelockt. Auf ihren Wunsch hin hatte der Tischlermeister Liebenau den Kätner und Landarbeiter August Pokriefke als Hilfsarbeiter in der Tischlerei angestellt. Meine Mutter hatte meinen Vater überreden können, der vierköpfigen Familie — schon ging Erna Pokriefke mit Tulla schwanger — die freigewordene Zweieinhalbzimmerwohnung, eine Etage über uns, günstig zu vermieten.

Für all diese Wohltaten hat Deine Mutter meinem Vater wenig Dank gesagt. Vielmehr gab sie bei jedem Familienkrach ihm und seiner Tischlerei die Schuld an der Taubheit ihres taubstummen Sohnes Konrad. Die von früh bis Feierabend röhrende, unsere nur gelegentlich verstummende Kreissäge, die alle Hunde des Viertels und unseren Harras mitheulen und heiser werden ließ, soll bewirkt haben, daß die winzigen Ohren des noch nicht ausgetragenen Konrad welk und taub wurden.

Der Tischlermeister hörte Erna Pokriefke gelassen zu, denn sie schimpfte auf Art der Koschnäwjer. Wer konnte das verstehen? Wer konnte das aussprechen? Die Bewohner der Koschneiderei sagten für Kirchhof: »Tchätchhoff.« Bäsch war Berg — Wäsch war Weg. Die »Preistewäs« war die Wiese des Priesters zu Osterwick, etwa zwei kulmische Morgen groß. Wenn August Pokriefke von seinen Wanderungen zwischen den Dörfern der Koschneiderei, also von seinen winterlichen Hausiererwegen nach Cekzin, Abrau, Gersdorf, Damerau und Schlangenthin erzählte, hörte sich das so an: »Äsch oppn Wäsch na Cetchzia. Äsch oppn Wäsch na Obrog, na Tjesdöep, oppn Wäsch na Domärog, Wäsch na Slagentin.« Beschrieb er eine Eisenbahnfahrt nach Konitz, so hieß die Eisenbahnstrecke: »Isäbonsträtch vä Kauntz.« Wurde er von Spöttern befragt, wieviel Morgen Land er in Osterwick besessen habe, gab er hundertzwölf kulmische Morgen an, verbesserte sich aber zwinkernd, indem er auf den berüchtigten Flugsand der Koschneiderei anspielte: »U hunnet Moj sint imme ünewajet.«

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Du wirst zugeben, Tulla,

Dein Vater war ein schlechter Hilfsarbeiter. Nicht einmal an die Kreissäge konnte ihn der Maschinenmeister stellen. Abgesehen davon, daß ihm ständig der Treibriemen abrutschte, verhunzte er mit nagelgespicktem Verschalungsholz, das er für sich zu Brennholz schnitt, die teuersten Sägeblätter. Nur einer Aufgabe kam er pünktlich und zu aller Gesellen Zufriedenheit nach: Der Leimtopf auf dem eisernen Ofen des Stockwerkes überm Maschinenraum stand für fünf Tischlergesellen an fünf Hobelbänken immer heiß und bereit. Blasen warf der Leim, blubberte mürrisch, konnte honiggelb, lehmtrüb, konnte zur Erbsensuppe werden und Elefantenhäute ziehen. Teils erkaltet, teils zäh weiterfließend überkletterte Leim den Topfrand, zog Nasen über Nasen, ließ keinen Splitter Emaille offen und erlaubte nicht, in dem Leimtopf die vormalige Natur eines Kochtopfes zu erkennen. Der kochende Leim wurde mit dem Abschnitt einer Dachlatte gerührt. Aber auch das Holz setzte Haut über Haut an, schwoll bucklig ledern faltenwerfend, wog immer schwerer in August Pokriefkes Hand und mußte, sobald die fünf Gesellen das hornige Ungetüm einen Elefantenpümmel nannten, gegen einen neuen Abschnitt immer der gleichen, schier endlosen Dachlatte eingetauscht werden.

Knochenleim Tischlerleim! Auf einem schiefen, fingerdick staubbeladenen Regal stapelten sich die braunen profilierten Leimtafeln. Von meinem dritten bis zu meinem siebzehnten Lebensjahr trug ich treu ein Stückchen Tischlerleim in der Hosentasche; so heilig war mir der Leim; einen Leimgott nannte ich Deinen Vater; denn der Knochenleimgott besaß nur über und über leimige Finger, die, sobald er sie bewegte, spröde knisterten, er gab auch von seinem Geruch, den er überall mit sich trug, überall ab. Eure Zweieinhalbzimmerwohnung, Deine Mutter, Deine Brüder rochen nach ihm. Am großzügigsten aber behängte er seine Tochter mit seinem Dunst. Mit Leimfingern tätschelte er sie. Mit Leimpartikelchen übersprühte er das Kind, sobald er ihm Fingerspiele vorgaukelte. Kurzum, der Knochenleimgott verwandelte Tulla in ein Tischlerleimmädchen; denn wo Tulla ging stand lief, wo Tulla gestanden hatte, wo sie gegangen war, welche Strecke sie laufend durcheilt hatte, was Tulla anfaßte, wegwarf, kurz lange berührte, worin sie sich wickelte kleidete versteckte, womit sie spielte: Hobelspäne Nägel Scharniere, jedem Ort und Gegenstand, dem Tulla begegnet war, blieb ein flüchtiger bis infernaler und durch nichts zu übertönender Knochenleimgeruch. Auch Dein Cousin Harry klebte an Dir: Etliche Jahre hingen wir zusammen und rochen übereinstimmend.

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Liebe Tulla,

als wir vier Jahre alt waren, hieß es, Du seist kalkarm. Ähnliches wurde von dem Mergelboden der Koschneiderei behauptet. Der Geschiebemergel diluvischer Zeiten, da sich die Grundmoränen bildeten, enthält, wie man weiß, kohlensauren Kalk. Nur die verwitterten und vom Regenwasser ausgelaugten Mergelschichten auf den Äckern der Koschnäwjer waren kalkarm. Da half kein Dünger und staatlicher Zuschuß. Keine Feldprozessionen — die Koschneider waren allesamt katholisch — impften den Äckern Kalk ein; aber Dir gab Doktor Hollatz Kalktabletten: Und bald, mit fünf Jahren, warst Du nicht mehr kalkarm. Keiner Deiner Milchzähne wackelte. Deine Schneidezähne standen leicht vor: Die sollten Jenny Brunies, dem Findelkind von schräg gegenüber, bald fürchterlich werden.

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Tulla und ich haben nie geglaubt,

daß Zigeuner und Störche mitspielten, als Jenny gefunden wurde. Eine typische Papa-Brunies-Geschichte: nichts ging bei ihm natürlich zu, überall witterte er verborgene Mächte, immer verstand er es, im diffusen Licht der Verschrobenheit zu wandeln, ob er nun seinen Glimmergneisfimmel mit immer neuen und oft prächtigen Exemplaren fütterte — es gab ähnliche Käuze im kauzigen Deutschland, mit denen er Briefwechsel führte —, ob er sich auf der Straße, auf dem Pausenhof oder in seiner Klasse wie ein altkeltischer Druide, wie ein pruzzischer Eichengott oder wie Zoroaster gab — man hielt ihn für einen Freimaurer —, immer ließ er Eigenschaften spielen, die alle Welt an ihren Originalen liebt. Aber erst Jenny, der Umgang mit dem puppigen Kleinkind, machte den Studienrat Oswald Brunies zu einem Original, das nicht nur im Umkreis des Gymnasiums, sondern auch in der Elsenstraße und ihren Quer- und Parallelstraßen, im großen kleinen Vorort Langfuhr Geltung gewann.

Jenny war ein dickes Kind. Selbst wenn Eddi Amsel um Jenny und Brunies herumstrich, wirkte das Kind keine Spur graziler. Von ihm und seinem Freund Walter Matern — beide waren Schüler des Studienrats Brunies — wurde behauptet, sie seien Zeugen gewesen, als Jenny auf wunderbare Weise gefunden wurde. Jedenfalls machten Amsel und Matern die Hälfte jenes Kleeblattes aus, das in unserer Elsenstraße und in ganz Langfuhr belächelt wurde.

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Für Tulla mal ich ein frühes Bild:

Einen knollennasigen tausendfältigen Herrn zeige ich Dir, der auf eisgrauem Filzhaar einen breitrandigen Schlapphut trägt. In Radmänteln aus grünem Loden stolziert er. Links und rechts von ihm versuchen zwei Schüler Schritt zu halten. Eddi Amsel ist das, was man landläufig einen dicken Bengel nennt. Platzvoll spannen seine Kleider. Grübchen markieren seine Knie. Wo sein Fleisch sichtbar ist, geht eine Saat Sommersprossen auf. Insgesamt wabbelt es knochenlos. Anders sein Freund: starkknochig unbeteiligt hält er sich neben Brunies und tut, als seien der Lehrer, Eddi Amsel und die pummelige Jenny seine Schutzbefohlenen. Immer noch liegt das fünfeinhalbjährige Mädchen in einem großen Kinderwagen, weil es Schwierigkeiten mit dem Laufen hat. Brunies schiebt. Manchmal schiebt Eddi Amsel, selten schiebt der Knirscher. Und am Fußende knüllt eine halboffene braune Tüte. Die Gören des halben Quartiers folgen dem geschobenen Kinderwagen; sie sind auf Bonbons aus, die sie »Lubberchen« nennen.

Aber erst vor dem Aktienhaus, unserem Haus gegenüber, bekamen Tulla, ich und die anderen Kinder, sobald Studienrat Brunies den hochrädrigen Wagen zum Stillstand gebracht hatte, eine Handvoll aus brauner Tüte, wobei er nie vergaß, sich selber zu geben, selbst wenn er mit dem glasigen Rest in mümmelndem Altmännermund noch nicht fertig war. Manchmal lutschte Eddi Amsel einen Bonbon zur Gesellschaft. Nie sah ich Walter Matern einen Bonbon annehmen. Aber Jennys Finger klebten ähnlich zäh vom vierkantigen Malz, wie Tullas Finger vom Knochenleim klebten, den sie zu Murmeln rollte; sie spielte damit.

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Liebe Cousine,

wie ich mit Dir und Deinem Tischlerleim ins klare kommen will, so soll es auch mit den Koschneidern oder Koschnäwjern geschehen. Es bleibt widersinnig, die Bezeichnung Koschnäwjer mit einer angeblich historischen aber immer noch unbelegten Erklärung begründen zu wollen. So heißt es, die Koschneider hätten sich während der Polenaufstände zu gewalttätigem Deutschenhaß hinreißen lassen, deshalb könne man den Sammelbegriff Koschneider von dem Sammelbegriff Kopfschneider herleiten. Wenn ich auch allen Grund habe, mir diese Auslegung zu eigen zu machen — Du, die ausgemergelte Koschnäwjerin, hattest alle Anlagen zu diesem Handwerk —, will ich mich dennoch an die zwar nüchterne aber vernünftige Erklärung halten, ein Starosteibeamter in Tuchel, Kosznewski mit Namen, habe im Jahre vierzehnhundertvierundachtzig eine Urkunde unterzeichnet, die die Rechte und Pflichten aller Dörfer von Amts wegen festlegte, die später nach ihm, dem Unterzeichner der Urkunde, Koschnäwjerdörfer genannt wurden. Ein Rest Ungewißheit bleibt. Orts- und Flurbezeichnungen mögen sich auf diese Art difteln lassen; aber Tulla, mehr ein Etwas als ein Mädchen, läßt sich durch den ordentlichen Starosteibeamten Kosznewski nicht enträtseln.

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Tulla,

mit weißer Haut straff bespannt, konnte an der Teppichklopfstange mit dem Kopf nach unten hängen — eine halbe Stunde lang — und dabei durch die Nase singen. Überall blaugestoßene Knochen, Muskeln, von keinem Polster Fett behindert, machten Tulla zu einem immer laufenden, springenden, kletternden, insgesamt fliegenden Etwas. Da Tulla die tiefliegenden, eng beieinander kleingeschnittenen Augen ihrer Mutter hatte, waren die Naslöcher das Größte in ihrem Gesicht. Wenn Tulla böse wurde — und mehrmals am Tage wurde sie hart, starr und böse —, verdrehte sie die Augen, bis nur noch äderchendurchwirktes Augapfelweiß aus Sehschlitzen schimmerte. Ausgestochenen Augen, den Augen der Pracher und Dörgen, die sich als blinde Bettler geben, glichen ihre verdrehten und bösen Augen. Wir sagten, wenn sie starr wurde und ins Zittern geriet: »Dä Tulla zaicht allwedder ainjetäpperte Feneten.«

Immer schon war ich hinter meiner Cousine her, genauer gesagt: zwei Schritte hinter Dir und Deinem Knochenleimgeruch versuchte ich, Dir zu folgen. Deine Brüder Siegesmund und Alexander waren schon schulpflichtig und gingen eigene Wege. Nur der taubstumme Lockenkopf Konrad schloß sich uns an. Du und er, ich geduldet. Wir saßen im Holzschuppen unterm Teerdach. Die Bohlen rochen, und ich wurde zum Taubstummen gemacht; denn Du und er, Ihr konntet mit den Händen sprechen. Das Wegdrücken oder Kreuzen bestimmter Finger bedeutete etwas und machte mich mißtrauisch. Du und er, Ihr habt Euch Geschichten erzählt, die Dich zum Kichern brachten und ihn lautlos schüttelten. Du und er, Ihr habt Pläne geschmiedet, deren Opfer zumeist ich war. Wenn überhaupt jemanden, dann hast Du ihn geliebt, das Lockenköpfchen; während Ihr mich dahin brachtet, meine Hand unter Dein Kleid zu halten. Heiß war es unterm Teerdach des Holzschuppens. Sauer roch das Holz. Salzig schmeckte meine Hand. Ich konnte nicht weg, klebte: Dein Knochenleim. Draußen sang die Kreissäge, wummerte die Hobelmaschine, heulte der Gleichrichter. Draußen kujiehnte Harras, unser Hofhund.

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Hör zu, Tulla,

das war er: ein langgestreckter schwarzer Schäferhund mit Stehohren und langer Rute. Kein langhaariger belgischer Groenendael, sondern ein deutscher stockhaariger Schäferhund. Mein Vater, der Tischlermeister, hatte ihn, kurz bevor wir geboren wurden, in Nickelswalde, einem Dorf an der Weichselmündung, als Welpe gekauft. Dreißig Gulden verlangte der Besitzer, dem die Luisenmühle zu Nickelswalde gehörte. Einen kräftigen Fang mit trockenen, gut schließenden Lefzen hatte Harras. Dunkle, leicht schrägliegende Augen folgten unseren Schritten. Straff der Hals, ohne Wamme und lockere Kehlhaut. Um sechs Zentimeter überragte die Rumpflänge die Schulterhöhe: Ich habe es nachgemessen. Von allen Seiten konnte man Harras betrachten: Immer standen die Läufe gerade. Gut schlossen die Zehen. Ordentlich hart die Ballen. Seine lange, leicht abfallende Kruppe. Schultern Keulen Sprunggelenke: kräftig, gut bemuskelt. Und jedes einzelne Haar gerade, fest anliegend, harsch und schwarz. Auch die Unterwolle schwarz. Keine dunkel gefärbte Wolfsfärbung auf grauem oder gelbem Grund. Nein, überall, bis in die stehenden, knapp nach vorne geneigten Ohren, auf tiefer gewirbelter Brust, längs den mäßig behosten Keulen, glänzte sein Haar schwarz, regenschirmschwarz, priesterschwarz, witwenschwarz, schutzstaffelschwarz, schultafelschwarz, falangeschwarz, amselschwarz, othelloschwarz, ruhrschwarz, veilchenschwarz, tomatenschwarz, zitronenschwarz, mehlschwarz, milchschwarz, schneeschwarz.

Harras suchte, fand, schlug an, apportierte und leistete Fährtenarbeit mit tiefer Nase. Bei einem Preishüten auf Bürgerwiesen versagte er. Harras war Deckrüde und stand im Zuchtbuch. Mit der Leinenführung haperte es bei ihm: Er zog. Gut im Verbellen aber mäßig im Ausarbeiten fremder Spuren. Der Tischlermeister Liebenau hatte ihn bei der Schutzpolizei in Hochstrieß abrichten lassen. Dort trieben sie ihm das Fressen der eigenen Losung aus: eine Unart junger Hunde. Seiner Hundemarke war die Zahl fünfhundertsiebzehn eingestanzt: Quersumme dreizehn.

Überall in Langfuhr, auf Schellmühl, in der Schichau-Kolonie, von Saspe bis Brösen, den Jäschkentaler Weg hinauf, Heiligenbrunn hinunter, rings um den Heinrich-Ehlers-Sportplatz, hinter dem Krematorium, vorm Kaufhaus Sternfeld, am Aktienteich, in den Zingelgräben der Schutzpolizei, an bestimmten Bäumen des Uphagenparkes, an bestimmten Linden der Hindenburgallee, an die Sockel ereignisverkündender Litfaßsäulen, an die Fahnenmaste vor der kundgebungssüchtigen Sporthalle, an die noch unverdunkelten Laternen des Vorortes Langfuhr setzte Harras seine Duftmarken: Denen blieb er treu, hundejahrelang.

Bis zum Widerrist maß Harras vierundsechzig Zentimeter. Die fünfjährige Tulla maß einen Meter und fünf Zentimeter. Ihr Cousin Harry war vier Zentimeter größer. Sein Vater, der stattlich gewachsene Tischlermeister, maß morgens einen Meter dreiundachtzig und nach Feierabend zwei Zentimeter weniger. August und Erna Pokriefke sowie Johanna Liebenau, geborene Pokriefke, maßen alle nicht über einen Meter zweiundsechzig: ein kleiner Schlag, die Koschnäwjer!

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Liebe Cousine Tulla,

was ginge mich die Koschneiderei an, kämet Ihr, die Pokriefkes, nicht von dort her. So aber weiß ich: Die Dörfer der Koschneiderei gehörten von zwölfhundertsiebenunddreißig bis dreizehnhundertacht den Herzögen von Pommerellen. Nach deren Aussterben zahlten die Koschneider bis vierzehnhundertsechsundsechzig dem Deutschen Ritterorden Zins. Bis siebzehnhundertzweiundsiebzig nahm sie das Königreich Polen auf. Während europäischer Auktion wurde die Koschneiderei den Preußen zugeschlagen. Die hielten Ordnung bis neunzehnhundertzwanzig. Ab Februar zwanzig waren die Dörfer der Koschneiderei Dörfer der Republik Polen, bis sie vom Herbst neununddreißig an, als Teil des Reichsgaues Danzig-Westpreußen, zum Großdeutschen Reich gehörten: Gewalt. Verbogene Sicherheitsnadeln. Fähnchen im Winde. Einquartierungen: Schweden Hussiten Waffen-SS. Wenndunichtdann. Mitstumpfundstiel. Abheutefrühvieruhrfünfundvierzig. Zirkelschläge auf Meßtischblättern. Schlangenthin im Gegenstoß genommen. Panzerfeindspitzen auf der Straße nach Damerau. Unsere Truppen halten massivem Druck nordwestlich Osterwick stand. Entlastungsangriffe der zwölften Luftwaffenfelddivision bleiben südlich Konitz stecken. Im Zuge der Frontbegradigung wird die sogenannte Koschneiderei geräumt. Restverbände nehmen Aufstellung südlich Danzig. Angstmacher, Buhmänner, schreckliche Spaßmacher schütteln schon wieder den Briefbeschwerer, die Faust…

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O Tulla,

wie soll ich Dir von der Koschneiderei, von Harras und seinen Duftmarken, von Knochenleim, Malzbonbons und dem Kinderwagen berichten können, wenn auf die Faust zu starren zum Zwang wird! — Dabei muß er rollen. Es rollte einmal ein Kinderwagen. Vor vielen vielen Jahren rollte ein Kinderwagen auf vier hohen Rädern. Auf vier altmodisch hohen Rädern rollte er schwarzlackiert und brüchig in allen Falten. Die verchromten Radspeichen, die Federn, der Bügel, den Wagen zu schieben, zeigten abgeblätterte graublinde Stellen. Diese vergrößerten sich von Tag zu Tag unmerklich: Vergangenheit: Es war einmal: Als im Sommer des Jahres zweiunddreißig: Damals damals damals, als ich ein fünfjähriger Junge war, zur Zeit der Olympiade in Los Angeles gab es schon Fäuste, die schnell trocken und irdisch bewegt wurden; und dennoch, als merkten sie nichts von dem Luftzug, wurden gleichzeitig Millionen Kinderwagen auf hohen und niedrigen Rädern in die Sonne, in den Schatten geschoben.

Auf vier altmodisch hohen Rädern rollte im Sommer zweiunddreißig ein schwarzlackierter, leicht brüchiger Kinderwagen, den der Gymnasiast Eddi Amsel, der alle Trödelläden kannte, in der Tagnetergasse eingehandelt hatte. Abwechselnd schoben er, der Studienrat Oswald Brunies und Walter Matern das Vehikel. Die geteerten, geölten und dennoch trockenen Bretter, auf denen der Kinderwagen geschoben wurde, waren die Bretter des Brösener Seesteges. Der freundliche Badeort — seit achtzehnhundertdreiundzwanzig Seebad — lag mit geducktem Fischerdorf und kuppeltragendem Kurhaus, mit den Pensionen Germania, Eugenia und Else, mit halbhohen Dünen und dem Strandwäldchen, mit Fischerbooten und dreiteiliger Badeanstalt, mit dem Wachturm der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft und dem achtundvierzig Meter langen Seesteg genau zwischen Neufahrwasser und Glettkau am Strand der Danziger Bucht. Der Brösener Seesteg war zweistöckig und zweigte zur rechten Hand einen kurzen Wellenbrecher gegen die Wellen der Ostsee ab. An zwölf Fahnenmasten ließ der Brösener Seesteg Sonntag für Sonntag zwölf Fahnen zerren: anfangs nur die Fahnen der Ostseestädte — nach und nach: mehr und mehr Hakenkreuzfahnen.

Unter Fahnen auf Brettern rollt der Kinderwagen. Studienrat Brunies, viel zu schwarz angezogen und beschattet vom Schlapphut, schiebt jetzt und wird sich vom dicken Amsel oder vom bulligen Matern ablösen lassen. Im Wagen sitzt die bald sechsjährige Jenny und darf nicht laufen.

»Wolln wir Jenny nich mal laufen lassen? Bitte, Herr Studienrat. Nur versuchen. Wir halten sie links und rechts.«

Jenny Brunies darf nicht. »Soll das Kind etwa verlorengehen? Geschubst werden im sonntäglichen Gedränge?« Das kommt und geht, trifft trennt verbeugt übersieht sich. Das winkt, hakt sich ein, weist zur Mole, nach Adlerhorst, füttert Möwen mit Mitgebrachtem, begrüßt erinnert ärgert sich. Und alle Leute so fein gekleidet: das Großgeblümte für den besonderen Anlaß. Ärmelloses und Saisonbedingtes. Tennisdreß und Seglerkluft. Krawatten bei Ostwind. Unersättliche Fotoapparate. Strohhüte mit neuem Schweißband. Zahnpastaweiße Leinenschuhe. Hohe Absätze fürchten die Ritzen zwischen den Seestegbrettern. Pseudokapitäne haben Ferngläser in Anschlag gebracht. Oder Hände überdachen fernblickende Augen. So viele Matrosenanzüge, so viele Kinder: laufen, spielen, verstecken und ängstigen sich. Ich sehe was, was Du nicht siehst. Enemenemingmang. Saurer Hering eins zwei drei. Dort, der Herr Anglicker vom Neuen Markt mit seinen Zwillingen. Sie tragen Propellerschleifen und lecken mit blassen Zungen gleichlangsam Himbeereis. Herr Koschnick aus der Hertastraße mit Frau und Besuch aus dem Reich. Herr Sellke läßt seine Söhne nacheinander durchs Glas blicken: Rauchfahne, Deckaufbauten, die »Kaiser« kommt auf. Herr und Frau Behrendt haben keinen Möwenkuchen mehr. Frau Grunau, der die Wäschemangel auf dem Heeresanger gehört, mit ihren drei Lehrmädchen. Der Bäcker Scheffler vom Kleinhammerweg mit lachender Frau. Heini Pilenz und Hotten Sonntag ohne Eltern. Und dort Herr Pokriefke mit den geleimten Fingern. An seinem Arm hängt sein hutzliges Weib, das muß immerzu und rattenschnell den Kopf bewegen. »Tulla« muß es rufen. Und: »Alexander hierher!« Und »Siegesmund, paß auf Konrad auf!« Denn auf dem Seesteg sprechen die Koschneider nicht wie Koschnäwjer, obgleich der Tischlermeister Liebenau und seine Frau nicht zugegen sind. Er muß am Sonntagvormittag in der Werkstatt stehen und aufreißen, damit der Maschinenmeister am Montag weiß, was in die Kreissäge soll. Sie geht ohne ihren Mann nie aus. Aber sein Sohn ist da, weil Tulla da ist. Jünger als Jenny sind beide und dürfen laufen. Dürfen auf einem Bein hinter dem Studienrat Brunies und seinen leicht genierten Schülern überkreuzspringen. Dürfen den Seesteg entlang, bis er aufhört und ein spitzes windiges Dreieck bildet. Dürfen die Treppen links rechts hinunter ins Untergeschoß, wo die Angler hocken und Stuchel fangen. Dürfen auf schmalen Laufstegen sandalenschnell rennen und im Gebälk des Seesteges, unter fünfhundert Sonntagsschuhen, leicht angestoßenen Spazierstöcken und Sonnenschirmen, heimlich wohnen. Dort ist es kühl schattig grünlich. Keine Wochentage gibt es dort unten. Das Wasser riecht streng und ist durchsichtig bis zu den Muscheln und Flaschen, die auf dem Grund rollen. An den Pfählen, die den Seesteg und das Volk auf dem Steg tragen, wehen Tangbärte unentschlossen: hin und her Stichlinge, silbern beflissen alltäglich. Es fallen Zigarettenstummel vom oberen Steg, lösen sich bräunlich auf, locken fingerlange Fische, stoßen sie ab. Ruckartig reagieren Schwärme, schnellen voran, zaudern, wenden, lösen sich auf, sammeln sich eine Etage tiefer und wandern aus: wo andere Tangbärte wehen. Ein Korken schaukelt. Ein Butterbrotpapier wird schwer, windet sich. Zwischen geteerten Balken rafft Tulla Pokriefke ihr Sonntagskleidchen, das hat schon Teerflecken. Ihr Cousin soll die flache Hand drunter halten. Aber er will nicht und guckt weg. Da will muß kann auch sie nicht mehr und springt aus gekreuzten Balken auf den Laufsteg und rennt mit knallenden Sandalen, läßt Zöpfe fliegen und Angler erwachen, ist schon die Treppe zum Seesteg, die Treppe zu den zwölf Fahnen, Treppe zum Sonntagvormittag hinauf; und ihr Cousin Harry folgt ihrem Knochenleimdunst, der den Geruch der Tangbärte, Geruch der geteerten und dennoch faulenden Balken, Geruch der windtrockenen Laufstege, der die Seeluft laut übertönt.

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Und Du, Tulla,

sagtest an einem Sonntagvormittag: »Laßt sie doch mal. Das will ich sehn, wie die läuft.«

Wunderbarerweise nickt Studienrat Brunies, und Jenny darf auf den Brettern des Brösener Seesteges laufen. Einige lachen, viele lächeln, weil Jenny so dick ist und auf zwei Fettsäulen, die in weißen, Wülstchen schnürenden Kniestrümpfen und in Lackspangenschuhen stecken, über die Seestegbretter läuft.

»Amsel!« sagt Brunies unter schwarzem Filzhut. »Hast du als Kind, sagen wir als sechsjähriges Kind unter deiner, nennen wir es getrost Dickleibigkeit leiden müssen?«

»Nicht besonders, Herr Studienrat. Der Matern hat immer aufgepaßt. Nur in der Schulbank fiel mir das Sitzen schwer, weil die Bank zu eng war.«

Brunies bietet Bonbons an. Der leere Kinderwagen steht abseits. Matern führt Jenny ungeschickt vorsichtig. Die Fahnen zerren in eine Richtung. Tulla will Jenny führen. Hoffentlich rollt der Kinderwagen nicht davon. Brunies lutscht Malzbonbons. Jenny will nicht mit Tulla, will beinahe weinen, aber Matern ist da, und Eddi Amsel imitiert schnell und genau einen Hühnerhof. Tulla dreht auf den Absätzen. Vor der Seestegspitze sammelt sich Volk: Es soll gesungen werden. Tullas Gesicht wird dreieckig und so klein, daß die Wut übermächtig wird. Auf der Seestegspitze singen sie. Tulla verdreht die Augen: eingetäpperte Feneten. Jungvolk steht vorne im Halbkreis. Ausgemergelte Koschnäwjerwut: Dul Dul, Tuller. Nicht alle Jungs haben Uniform an, aber alle singen mit, und viele hören zu und nicken zustimmend. »Wirliebendiestürme…« singen alle, und der einzige Nichtsänger hält einen schwarzen Dreieckwimpel mit draufgenähter Rune angestrengt gerade. Verlassen leer steht der Kinderwagen. Jetzt singen sie: »Unddiemorgenfrühedasistunserezeit.« Danach was Lustiges: »Einmanndersichkolumbusnannt.« Die Zuhörer werden von einem fünfzehnjährigen Krauskopf, der den rechten Arm, womöglich weil er wirklich verletzt ist, in einer Binde trägt, halb befehlsmäßig halb verlegen aufgefordert, das Kolumbuslied, zumindest den Kehrreim des Liedes, mitzusingen. Junge Mädchen, die sich eingehakt haben, und mutige Ehemänner, darunter Herr Pokriefke, Herr Berendt und der Kolonialwarenhändler Matzerath, singen mit. Der Nordost richtet die Fahnen aus und verschleift falsche Töne des lustigen Gesanges. Wer genau hinhört, hört mal unter mal über dem Gesang eine Kinderblechtrommel. Das wird der Sohn des Kolonialwarenhändlers sein. Der ist nicht ganz richtig. »Gloriaviktoria« und »Wiedewiedewittjuchheirassa« heißt der Kehrreim des schier endlosen Liedes: Mitsingen wird langsam zur Pflicht. Umblicken: »Warum der noch nicht?« Seitliches Schielen: Herr und Frau Ropinski singen auch. Sogar der alte Sawatzki, durch und durch Sozi, hält mit. Nun los doch. Nur Mut! Wo doch Herr Zureck und der Postsekretär Bronski mitsingen, obgleich beide am Heveliusplatz arbeiten. »Wiedewiedewittbumbum.« Und der Herr Studienrat? Kann er nicht wenigstens seinen ewigen Malzbonbon verdrängen und so tun als ob? »Gloriaviktoria!« Abseits und leer steht der Kinderwagen auf vier hohen Rädern. Er glänzt schwarz und rissig. »Wiedewiedewittjuchheirassa!« Papa Brunies will Jenny auf den Arm nehmen und ihre Fettsäulchen in Lackspangenschuhen entlasten. Aber seine Schüler — »Gloriaviktoria!« —, besonders der Gymnasiast Walter Matern, raten ihm ab. Eddi Amsel singt mit: »Wiedewiedewittjuchheirassa!« Er hat, weil er ein dicker Junge ist, einen schönen sammetweichen Knabensopran, der bei bestimmten Stellen des Kehrreimes, so beim »…juchheirassaaaah«, silbern überschäumt. Oberstimme nennt man das. Viele blicken sich um und wollen sehen, wo das helle Wässerchen sprudelt.

Nun singen sie, weil wider Erwarten das Kolumbuslied eine letzte Strophe hat, ein Erntelied: »Habmeinwagenvollgeladen.« Nun singen sie, obgleich sich so etwas besser am Abend singt: »Keinschönerlandindieserzeit.« Eddi Amsel läßt seinen Dickenknabensopran kopfstehen. Brunies lutscht offensichtlich und setzt Spottlichterchen auf. Matern verfinstert sich unter wolkenlosem Himmel. Einen einsamen Schatten wirft der Kinderwagen…

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Wo ist Tulla?

Ihr Cousin hat sechs Strophen des Kolumbusliedes mitgesungen. Während der siebenten Strophe hat er sich weggewischt. Nur noch Seeluft kein Knochenleimdunst mehr; denn August Pokriefke steht mit Frau und taubstummem Konrad auf der Westseite der Seestegspitze, und der Wind ist von Nordost auf Ost umgesprungen. Pokriefkes drehen der See den Rücken zu. Sie singen. Auch Konrad öffnet an den richtigen Stellen den Mund, spitzt ihn tonlos und verpaßt, als der Kanon »Meisterjakobmeisterjakob« mit wenig Glück versucht wird, keinen Einsatz.

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Wo ist Tulla?

Ihre Brüder Siegesmund und Alexander haben sich verdrückt. Ihr Cousin Harry sieht beide auf dem Wellenbrecher. Dort wagen sie Kopfsprünge. Siegesmund übt den Überschlag und den Sprung aus dem Handstand heraus. Die Kleider der Brüder liegen, von Schuhen beschwert, auf dem windigen Ableger des Seesteges. Tulla ist nicht dabei. Vom Seesteg Glettkau — man kann sogar den großen Zoppoter Seesteg ausmachen — nähert sich der planmäßige Ausflugsdampfer. Er ist weiß und hat eine große schwarze Rauchfahne, wie sie Dampfer auf Kinderzeichnungen haben. Wer mit dem Dampfer von Brösen nach Neufahrwasser will, drängt an der linken Flanke der Seestegspitze. Wo ist Tulla? Das Jungvolk singt noch, aber niemand hört mehr zu, weil der Dampfer immer größer wird. Auch Eddi Amsel hat seine Oberstimme zurückgezogen. Die Kindertrommel hat den Liederrhythmus aufgegeben und verfällt dem Maschinenstampfen: Es ist der Dampfer »Hecht«. Aber der Dampfer »Schwan« sieht genauso aus. Nur der Raddampfer »Paul Beneke« sieht anders aus. Erstens hat er Schaufelräder; zweitens ist er größer, viel größer; und drittens verkehrt er zwischen Danzig-Langebrücke, Zoppot, Gdingen und Hela — nach Glettkau und Brösen kommt er überhaupt nicht. Wo ist Tulla? Zuerst sieht es aus: der Dampfer »Hecht« will gar nicht am Brösener Seesteg anlegen, dann dreht er bei und ist schneller längsseits, als man denkt. Nicht nur an Bug und Heck schäumt er. Zaudernd tritt er auf der Stelle und quirlt die See. Leinen werden geworfen: Poller knirschen. Tabakbraune Scheuerkissen an der Steuerbordseite dämpfen den Stoß beim Anlegen. Alle Kinder und einige Frauen fürchten sich, weil der Dampfer »Hecht« sogleich tuten wird. Kinder halten Ohren zu, öffnen Münder, zittern im voraus: Da tutet er mit dunkler, zum Schluß heiser überschlagender Stimme und liegt festgezurrt. Wieder werden Eiswaffeln geleckt, aber einige Kinder auf dem Dampfer und auf dem Steg weinen, decken noch immer die Ohren ab und starren auf den Schornstein, weil sie wissen, der Dampfer »Hecht« wird, bevor er ablegt, noch einmal tuten und weißen Dampf ablassen, der nach faulen Eiern stinkt.

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Wo ist Tulla?

Schön ist ein weißer Dampfer, wenn er keine Rostflecken hat. Der Dampfer »Hecht« zeigt keinen einzigen, nur die Flagge des Freistaates am Heck und der Wimpel der Reederei »Weichsel« sind verblichen und ausgefranst. Was von Bord geht — was an Bord geht. Tulla? Ihr Cousin blickt hinter sich: Auf der rechten Seite des Seesteges steht nur und ewig der Kinderwagen auf vier hohen Rädern. Er wirft einen verzogenen Elfuhrschatten, der sich nahtlos mit dem Schatten des Seesteggeländers verbindet. Diesem Schattengewirr nähert sich ein magerer unverzweigter Schatten: Tulla kommt von unten. Sie war bei den wehenden Tangbärten, verzauberten Anglern, exerzierenden Stichlingen. Knochig kommt sie in kurzem Kleid die Treppe hoch. Ihre Knie stoßen den angehäkelten Saum. Vom Treppenansatz will sie direkt auf den Wagen zu. Die letzten Fahrgäste gehen an Bord des Dampfers »Hecht«. Einige Kinder weinen noch immer oder schon wieder. Tulla hat die Arme auf dem Rücken verflochten. Obgleich sie im Winter blauweißhäutig ist, wird sie schnell braun. Ein trockenes Gelbbraun, Tischlerleimbraun spart ihre Impfmale aus: Eins zwei drei vier Inseln auf linkem Oberarm bleiben kirschgroß fahl und un