/ Language: Deutsch / Genre:det_classic

Das große Pater-Brown-Buch

G Chesterton


Das große Pater-Brown-Buch

Gilbert Keith Chesterton

1985

1

Inhaltsverzeichnis

I  Das Geheimins des Pater Brown

Das Geheimnis des Pater Brown

Der Spiegel des Richters

Der Mann mit den zwei Bärten

Das Lied an die fliegenden Fische

Das Alibi der Schauspielerin

Vaudreys Verschwinden

Das schlimmste aller Verbrechen

Der Rote Mond von Meru

Der Marquis von Marne

Flambeaus Geheimnis

Cäsars Kopf

II  Das Paradies der Diebe

Das Paradies der Diebe

Die Abwesenheit des Herrn Glaß

Das Duell des Doktor Hirsch

Der Mann in der Passage

Der Fehler der Maschine

John Boulnois’ seltsames Verbrechen

Die purpurfarbene Perücke

Der Fluch auf dem Hause Pendragon

Der Gott des Gongs

Der Salat des Oberst Cray

Pater Browns Märchen

Teil I

Das Geheimins des Pater Brown

Das Geheimnis des Pater Brown

Flambeau, einst der berüchtigtste Verbrecher Frankreichs, später Privatdetektiv in England, hatte beide Beschäftigungen schon seit langem aufgegeben und sich zur Ruhe gesetzt. Das Umsatteln vom Verbrecher zum Detektiv dürfte ihm freilich nicht gerade leichtgefallen sein, und es hieß, er habe aus seinem ersten Beruf so viele Skrupel mitgebracht, daß er in seinem zweiten lange nicht so erfolgreich arbeiten konnte. Jedenfalls war Flambeau nach einem sehr bewegten Leben an einem Plätzchen gelandet, das man wohl als den geeigneten Ort zum Abschluß einer solchen Karriere bezeichnen kann: auf einem Schloß in Spanien. Es war kein großes Schloß, aber doch ein solider Bau; einen beträchtlichen Teil des sonst braunen Berghangs bedeckten die schwarze Erde eines Weinbergs und das leuchtende Grün eines Gemüsegartens. Flambeau hatte es nach all seinen stürmischen Abenteuern fertiggebracht, sich wirklich zur Ruhe zu setzen — so, wie es viele Romanen können, während diese Fähigkeit den Amerikanern beispielsweise fast völlig abgeht. So gibt es bei den romanischen Völkern manch großen Hotelbesitzer, dessen einziger Ehrgeiz es ist, irgendwo in Ruhe als bescheidener, kleiner Landmann zu leben, und viele französische Kaufleute aus der Provinz ziehen sich vom Geschäft zurück, um sich in Frieden ihrer Häuslichkeit und dem Dominospiel zu widmen, und zwar just in dem Augenblick, da sie sich in einen widerlichen Millionär verwandeln und eine ganze Geschäftsstraße aufkaufen könnten. Rein durch Zufall und fast Hals über Kopf hatte sich Flambeau in eine Spanierin verliebt, sie geheiratet und mit ihr eine zahlreiche Familie gegründet, ohne je noch einmal das Verlangen zu zeigen, die Grenzen seines Besitztums zu überschreiten. Eines schönen Morgens jedoch merkte seine Familie, daß er außergewöhnlich unruhig und aufgeregt war. Er erwartete nämlich einen Gast, und als dieser schließlich als kleines, schwarzes Pünktchen in der Ferne auftauchte, stürmte Flambeau bereits, gefolgt von seinen jüngsten Sprößlingen, den Berghang hinunter, um den das Tal heraufwandernden Ankömmling zu begrüßen.

Langsam vergrößerte sich der schwarze Punkt, ohne allerdings sein Aussehen merklich zu verändern; er blieb weiterhin rund und schwarz. Das schwarze Habit der Geistlichen war in dieser Gegend durchaus nichts Ungewöhnliches; die lange, schwarze Soutane des Besuchers hatte jedoch eine gewisse bürgerliche Unauffälligkeit und zugleich doch etwas Flottes an sich, so daß ihr Träger auf den ersten Blick als ein Bewohner der Britischen Inseln zu erkennen war, so deutlich, als träge er ein Plakat mit dem Namen seiner Heimat mit sich herum. In der Hand hatte er einen unförmigen Regenschirm mit keulenartigem Griff. Beim Anblick dieses Schirmes wäre Flambeau fast in Tränen der Rührung ausgebrochen, denn dieses Monstrum hatte ehemals in vielen gemeinsamen Abenteuern der beiden Freunde eine Rolle gespielt. Der Ankömmling war Pater Brown, ein englischer Freund des Franzosen, der endlich seinen langersehnten, aber immer wieder aufgeschobenen Besuch abstattete. Zwar waren die beiden in ständigem Briefwechsel miteinander gestanden, hatten sich aber schon seit Jahren nicht mehr gesehen.

Pater Brown wurde herzlich im Kreise der Familie aufgenommen, die so groß war, daß man immer den Eindruck hatte, sich in einer kleineren Versammlung zu befinden. Er machte Bekanntschaft mit den großen, vergoldeten Holzfiguren der Heiligen Drei Könige, die den Kindern zu Weihnachten Geschenke bringen, denn in Spanien spielen die Kinder im häuslichen Leben eine große Rolle. Dann wurde er dem Hund, der Katze und dem gesamten lebenden Inventar des Hauses vorgestellt. Und schließlich machte er durch Zufall auch noch die Bekanntschaft eines Nachbarn, der gleich ihm in dieses abgelegene Tal die Sitten und Gebräuche ferner Länder getragen hatte.

Drei Tage waren seit seiner Ankunft vergangen, als Pater Brown einen stattlichen Fremden erblickte, der mit Verbeugungen, wie sie kein spanischer Grande zuwege gebracht hätte, der Familie seine Aufwartung machte. Er war groß, hager, grauhaarig und sehr elegant, mit gepflegten Händen, leuchtendweißen Manschetten und blitzenden Manschettenknöpfen. Aber entgegen der Vorstellung, die man sich von einem Herrn mit makellosen Manschetten und manikürten Händen zu machen pflegt, trug sein schmales Gesicht keine Spur von Hochnäsigkeit und schläfriger Langeweile. Im Gegenteil, es war auffallend frisch und beweglich, und in seinen Augen zeigte sich eine so kindliche Neugier, wie man sie bei einem Graukopf nur selten sieht. Dies allein schon hätte einem sagen können, welcher Nation dieser Mann angehörte; hinzu kamen noch der nasale Ton seiner sonst so gepflegten Stimme und seine Gewohnheit, allem Europäischen, das ihm begegnete, auf der Stelle ein gewaltiges Alter zuzuschreiben. Der Besucher war in der Tat kein Geringerer als Mister Grandison Chace aus Boston, der seine Weltreise, auf der er begriffen war, für kürzere Zeit unterbrochen hatte. Aus diesem Grunde hatte er sich das an Flambeaus Besitztum angrenzende Gut gepachtet, das übrigens dem Flambeaus zum Verwechseln ähnlich sah. Mr. Chace hatte eine Riesenfreude an seinem alten Schloß und betrachtete auch seinen Nachbarn als eine Art von örtlicher Sehenswürdigkeit. Flambeau hatte es nämlich, wie wir schon berichtet haben, tatsächlich fertiggebracht, sich richtig zur Ruhe zu setzen; es war, als habe er auf dem Berg bereits Wurzeln geschlagen, als wüchse er schon seit vielen Jahren zusammen mit seinen Rebstöcken und Feigenbäumen aus dieser Erde. Er hatte auch seinen wirklichen Namen Duroc wieder angenommen, denn der Name »Flambeau«, »Fackel«, war nur ein Deckname gewesen, unter dem er seinen Krieg gegen die Gesellschaft geführt hatte. Nun aber war er ein guter Gatte und Familienvater und entfernte sich niemals weiter vom Haus, als ein kleiner Pirschgang es erforderte. In den Augen des Amerikaners war er die Verkörperung jener heiteren bürgerlichen Behaglichkeit, jenes maßvollen Wohllebens, wie sie der Weltenbummler unter den Völkern des Mittelmeers angetroffen hatte, eine Lebenshaltung, die er als kluger Mann sehr bewunderte. Der Mann aus dem Westen, ständig unterwegs, war also recht froh, in dieser altehrwürdigen, von der modernen Hetze noch nicht berührten Gegend für kurze Zeit Ruhe gefunden zu haben.

Mr. Chace hatte auch von Pater Brown schon gehört, und als er sich nun an ihn wandte, trat im Ton seiner Stimme eine leichte Veränderung ein — er sprach, wie man eben mit berühmten Leuten spricht. Taktvoll, aber einfach nicht zurückzuhalten, erwachte in ihm der Fragetrieb. Und ganz vorsichtig begann er, Pater Brown auszuhorchen, nach der unauffälligen, geschickten amerikanischen Methode.

Sie saßen in einer Art halboffenem Vorhof, wie er oft den Eingang zu spanischen Häusern bildet. Die Dämmerung sank schnell herab, und da es in den Bergen nach Sonnenuntergang rasch kühl wird, hatte man einen kleinen Ofen auf die Steinfliesen gestellt, dessen Glut rote Kringel auf den Boden malte und dessen Öffnungen und der Dunkelheit funkelten wie die rotglühenden Augen eines Kobolds. Hin und wieder züngelte der Feuerschein bis an die untersten Steine einer unverputzten braunen Backsteinmauer, die steil in die tiefblaue Nacht emporstieg. Undeutlich sah man im Zwielicht Flambeaus breitschultrige Gestalt und seine langen, wie Kavalleriesäbel gebogenen Schnurrbarthälften. Er zapfte dunklen Wein aus einem großen Faß und reichte ihn herum. Neben ihm wirkte der Priester klein und wie zusammengeschnurrt; er hatte sich ganz an den Ofen hingekauert. Der Amerikaner jedoch hatte sich elegant vorgelehnt und den Ellbogen aufs Knie gestützt; sein feines, scharfgeschnittenes Gesicht war hell beleuchtet, seine Augen waren forschend auf den Priester gerichtet.

»Sie dürfen mir glauben«, begann er, »wir betrachten Ihre Aufklärung des Mondscheinmordes als den größten Triumph, den die Detektivwissenschaft bis zum heutigen Tag zu verzeichnen hat.«

Pater Brown murmelte etwas vor sich hin, ein Gemurmel, das fast wie ein Stöhnen klang.

Aber der Amerikaner ließ sich dadurch nicht aus der Fassung bringen. »Wir alle kennen«, so fuhr er fort, »die angeblichen Leistungen Dupins und anderer Phantasiegestalten der edlen Detektivkunst, wie Lecocq, Sherlock Holmes und Nic Carter. Auffallend ist aber doch, daß Ihre Art, eine Sache aufzugreifen, sehr verschieden ist von den Methoden dieser anderen scharfsinnigen Denker, seien sie nun wirkliche Detektive oder nur Ausgeburten der Phantasie eines Kriminalschriftstellers. Manche Leute gehen sogar so weit, zu behaupten, dieser Unterschied bestehe darin, daß Sie selbst überhaupt keine Methode haben.« Pater Brown schwieg. Dann fuhr er plötzlich auf, fast als wäre er über dem Ofen eingenickt, und sagte: »Entschuldigen Sie, bitte. Jawohl … Keine Methode … Aber leider fehlt es im Augenblick auch ganz an meiner Aufmerksamkeit.«

»Ich meine das Fehlen einer genau festgelegten wissenschaftlichen Methode«, fuhr der wissensdurstige Amerikaner fort. »Edgar Allan Poe hat beispielsweise in einigen kleinen Essays Dupins Methode mit ihren scharf logischen Gedankenverbindungen darzulegen versucht. Doktor Watson wiederum muß den recht exakten Darlegungen der Methode von Sherlock Holmes lauschen, die sich durch subtile Beobachtung kleinster Einzelheiten auszeichnet. Aber niemand scheint es bis heute fertiggebracht zu haben, Ihre Methode, Herr Pater, richtig zu deuten, und ich habe erfahren, daß Sie das Anerbieten, darüber in den Staaten eine Reihe von Vorträgen zu halten, abgelehnt haben.«

»Das stimmt«, antwortete der Priester mit einem unwilligen Blick auf den Ofen, »das habe ich abgelehnt.«

»Nun, Ihre Ablehnung hat eine beträchtliche Anzahl höchst interessanter Diskussionen entfesselt«, bemerkte Chace. »Ich darf Sie vielleicht darauf aufmerksam machen, daß man bei uns verschiedentlich der Auffassung ist, Ihre Methode könne wissenschaftlich gar nicht erklärt werden, weil sie mehr sei als eine auf Naturgesetzen gegründete Wissenschaft. Man glaubt sogar, daß Ihr Geheimnis deshalb nicht erklärt werden könne, weil es im Grunde genommen okkulter Natur sei.«

»Wie, bitte?« fragte Pater Brown scharf.

»Nun, irgendwie esoterischer Natur«, entgegnete der andere. »Sie können mir glauben, Mordfälle wie die an Gallup, Stein, Merton, Gwynne oder der Doppelmord, den der auch in den Staaten nicht unbekannte Dalmon ausgeführt hat, haben die Gemüter reichlich in Wallung gebracht. Man zerbrach sich vergeblich den Kopf, aber plötzlich tauchten Sie auf und erzählten jedem, der es hören wollte, wie der Mord ausgeführt wurde, aber keinem, woher Sie Ihre Kenntnisse hatten. So kam man natürlich auf den Gedanken, daß Sie alles sozusagen mit geschlossenen Augen entdecken. Charlotte Brownson beispielsweise hat einen Vortrag über Hellsehen gehalten, bei dem sie als Beweis für ihre Ausführungen gerade Ihre Fälle angeführt hat. Und die Frauenliga vom Zweiten Gesicht in Indianapolis…«

Pater Brown starrte immer noch in die Ofenglut; dann sagte er, wie zu sich selbst, aber laut und deutlich:

»Guter Gott, so kann das ja nicht weitergehen.«

»Nun, ich wüßte wirklich nicht, wie Sie das verhindern wollen«, meinte Mr. Chace belustigt. »Gegen die Frauenliga vom Zweiten Gesicht werden Sie einen schweren Stand haben. Ich sehe nur einen Weg, diesen ganzen Unfug zu unterbinden: Sie müssen endlich den Schleier Ihres Geheimnisses lüften.«

Pater Brown stöhnte. Er kroch noch mehr in sich zusammen und verbarg sein Gesicht in den Händen. So verharrte er eine ganze Weile, als dächte er angestrengt nach. Schließlich sah er auf und sagte leise: »Es bleibt mir wohl nichts anderes übrig. Ich muß das Geheimnis preisgeben.«

Finster glitt sein Blick über den Hof, über den die Nacht hereinsank, von den rotglühenden Augen des kleinen Ofens zu den dräuenden Schatten der alten Mauer und hinauf zu den leuchtenden Sternen des südlichen Himmels, die immer klarer und heller aus der Nacht hervortraten.

»Das Geheimnis besteht darin…« Er hielt inne, als sei es ihm unmöglich, fortzufahren. Doch schließlich gab er sich einen Ruck und begann von neuem: »Nun, sehen Sie, ich selbst habe all diese Leute umgebracht.«

»Wie?« Die Stimme des Amerikaners klang ganz leise, wie aus unendlichen Fernen.

»Ja, ich selber habe sie alle ermordet«, erklärte Pater Brown geduldig, »und so wußte ich natürlich, wie der Mord vor sich gegangen war.«

Langsam wuchs Grandison Chace aus seinem Sessel empor, als würde er durch eine Explosion im Zeitlupentempo zur Decke emporgetrieben. Mit aufgerissenen Augen starrte er auf den Priester herab und wiederholte fassungslos seine Frage.

»Nun ja, ich habe jedes Verbrechen genau überlegt und geplant«, fuhr Pater Brown fort. »Ich habe mir genau ausgedacht, wie so etwas wohl angepackt werden müßte, in welcher Verfassung ein Mensch sein müßte, der wirklich zu solch einer Tat fähig ist. Und wenn ich ganz sicher war, daß ich mich völlig in den Mörder hineingefühlt hatte, dann wußte ich natürlich auch, wer der Mörder gewesen war.«

Chace, der wie erstarrt dagestanden hatte, atmete erleichtert auf. Es klang wie ein Seufzer.

»Sie haben mir da keinen schlechten Schrecken eingejagt«, gestand er. »Im ersten Augenblick war ich wirklich der Meinung, Sie selbst seien der Mörder gewesen. Schon glaubte ich die Überschriften in allen Zeitungen zu sehen: ›Frommer Heuchler als Mörder entlarvt: Die hundert Verbrechen des Pater Brown.‹ Natürlich, natürlich: Sie haben das lediglich bildlich gemeint und wollten damit nur sagen, daß Sie die psychologischen Hintergründe der Verbrechen rekonstruieren wollten …«

Pater Brown klopfte mit seiner kurzen Pfeife, die er gerade stopfen wollte, heftig an den Ofen. Er regte sich nur selten auf, aber jetzt sah man ihm deutlich an, daß er sich ärgerte. »Nein und abermals nein!« rief er fast wütend. »Was ich gesagt habe, ist nicht nur eine bildliche Redewendung. Aber das kommt dabei heraus, wenn man versucht, über Dinge zu sprechen, die tiefer liegen… Wird man nicht immer mißverstanden, wenn man auch nur den Mund aufmacht? Wenn man einmal über eine rein geistige Wahrheit sprechen will, so glauben die Leute immer, es sei alles nur bildhaft gemeint. Ein leibhaftiger Mann auf zwei Beinen hat einmal zu mir gesagt: ›Ich glaube an den Heiligen Geist nur in geistigem Sinn.‹ Darauf konnte ich ihm selbstverständlich nur erwidern: ›In welch anderem Sinn könnten Sie denn überhaupt an ihn glauben?‹ Und schon meinte er, ich hätte sagen wollen, er brauche nur an die Entwicklungslehre, an die allgemeine Verbrüderung oder an ähnlichen Unsinn zu glauben! … Nein, ich wollte vorhin ausdrücken, daß ich mich höchstpersönlich und mit meinem wirklichen Ich diese Morde begehen sah. Ich habe natürlich diese Menschen nicht in Wirklichkeit ermordet, aber darauf kommt es ja eigentlich auch gar nicht an. Letztlich war es ein Backstein oder irgendein Werkzeug, das ihnen den Tod gebracht hat. Nein, was ich sagen wollte, ist: Ich dachte unablässig nach, wodurch wohl ein Mensch zum Mörder werden könne, bis ich schließlich selbst in einer solchen Verfassung war, daß nur noch der letzte Schritt fehlte. Diese Methode ist mir einst von einem Freund als eine Art religiöse Übung anempfohlen worden. Meines Wissens hat sie dieser Freund von Papst Leo XIII., der schon immer mein Vorbild gewesen ist.«

»Ich fürchte«, sagte der Amerikaner, immer noch etwas zweifelnd und indem er den Priester anstarrte, als habe er ein fremdartiges Tier vor sich, »ich fürchte, Sie werden mir noch vieles erklären müssen, ehe ich verstehe, worauf Sie eigentlich hinauswollen. Die Wissenschaft der Aufklärung von Verbrechen…«

Pater Brown knipste voll lebhaften Unwillens mit den Fingern. »Das ist es ja«, rief er beinahe ungehalten, »das ist ja der Punkt, an dem sich unsere Wege trennen. Wissenschaft ist etwas Großes, wenn sie richtig angewandt wird, ja, einer der größten Begriffe der Welt. Aber was verstehen denn die Menschen heute in neun von zehn Fällen unter diesem Wort? Was meint man denn heute, wenn man die Aufklärung von Verbrechen als eine Wissenschaft bezeichnet, wenn man die Kriminologie eine Wissenschaft nennt? Man versteht darunter, einen Menschen von außen her zu studieren, als wäre er ein riesiges Insekt, und das nennt man dann objektive und unparteiische Betrachtung. Ich möchte das lieber eine mitleidlose Leichensektion nennen! Man versteht darunter, sich möglichst weit von einem Menschen zu entfernen und ihn zu betrachten, als wäre er ein prähistorisches Ungeheuer; seinen ›Verbrecherschädel‹ zu beglotzen, als sei dieser Schädel ein so seltsamer Auswuchs wie das Horn eines Rhinozerosses. Wenn der ›wissenschaftliche‹ Kriminologe non ›Typen‹ spricht, dann meint er natürlich niemals sich selbst, sondern immer seinen Mitmenschen, und meist seinen ärmeren Mitmenschen. Ich leugne nicht, daß eine objektiv, unparteiische Betrachtungsweise manchmal ihr Gutes haben mag, obschon sie in einem gewissen Sinn gerade das Gegenteil von Wissenschaft ist. Nicht nur, daß uns diese Betrachtungsweise keine neuen Erkenntnisse zu vermitteln vermag — nein, oft löscht sie sogar das, was wir bereits wissen, in uns aus. Das bedeutet, daß wir einen Freund wie einen Fremden behandeln, daß wir so tun, als ob etwas uns nahe Vertrautes in Wirklichkeit fern und geheimnisvoll sei. Es ist gerade so, als wolle man bei einem Menschen nicht mehr von einer ›Nase‹, sondern von einem ›Rüssel‹ sprechen, nicht mehr von ›Schlaf‹, sondern von einem alle vierundzwanzig Stunden einmal auftretenden ›Anfall von Empfindungslosigkeit‹. Nun, was Sie als mein ›Geheimnis‹ bezeichnen, ist das genaue Gegenteil einer solchen Betrachtungsweise. Ich versuche nicht, von einem Menschen Abstand zu gewinnen. Ich versuche vielmehr, in die Haut des Mörders hineinzuschlüpfen … Aber das drückt die Sache noch nicht richtig aus. Ich weiß nicht, ob Sie mich verstehen können, aber ich krieche wirklich in einen Menschen hinein, ja, ich stecke tatsächlich in seiner Haut, bewege seine Arme und Beine. Und dann warte ich, bis ich weiß, daß ich in einem Mörder stecke. Ich denke seine Gedanken, kämpfe mit seinen Leidenschaften, bis ich mich ganz in seinen geduckt nach dem Opfer ausspähenden Haß hineinversetzt habe, bis ich die Welt mit seinen blutünterlaufenen, schielenden Augen sehe, dieselben Scheuklappen eines verwirrten Geistes trage und nichts mehr zu sehen vermag als den in meinen Augen brennenden kurzen Weg, der in einer Blutlache endet — bis ich wirklich ein Mörder bin.«

»Oh!« rief Mr. Chace aus, und auf seinem Gesicht malte sich das Entsetzen, »und das nennen Sie eine religiöse Übung?«

»Allerdings«, erwiderte Pater Brown, »das nenne ich eine religiöse Übung.«

Nach kurzem Schweigen fuhr er fort: »Es ist tatsächlich eine so tiefreligiöse Übung, daß ich besser gar nicht darüber gesprochen hätte. Aber andererseits konnte ich doch auch nicht zulassen, daß Sie heimfahren und Ihren Landsleuten womöglich erzählen, mein ›Geheimnis‹ habe irgend etwas mit Hellseherei zu tun. Vielleicht habe ich mich nicht recht glücklich ausgedrückt, aber was ich gesagt habe, ist wahr. Kein Mensch taugt in Wirklichkeit etwas, ehe er nicht weiß, wie schlecht er ist oder doch sein könnte, ehe er nicht einzusehen vermag, daß es vermessen ist, in dieser hochmütigen und verächtlichen Weise über ›Verbrecher‹ zu sprechen, als wären dies Affen in einem zehntausend Meilen entfernten Urwald. Erst muß er sich von dieser elenden Selbsttäuschung, von ›Verbrechertypen‹ und ›anomalen Schädeln‹ zu sprechen, frei machen, sich frei machen von dem ganzen salbungsvollen Pharisäertum, bis er schließlich erkennt, daß jeder Mensch zum Verbrecher werden kann und daß es seine Aufgabe ist, den in ihm schlummernden Verbrecher niederzuhalten und nicht zum Durchbruch kommen zu lassen.«

Flambeau trat aus dem Schatten hervor und füllte seinem Gast einen großen Becher mit spanischem Wein, wie er vorher seinen nachbarlichen Besucher versorgt hatte. Dann griff er zum erstenmal in die Unterhaltung ein.

»Ich glaube, Pater Brown hat seit unserer letzten Begegnung wieder einige recht merkwürdige Geschichten erlebt. Wir haben uns ja erst kürzlich darüber unterhalten, nicht wahr, Mr. Chace?«

»Ja, diese Geschichten kenne ich mehr oder weniger, zumindest den äußeren Hergang, nicht aber den inneren«, meinte Chace, indem er nachdenklich sein Glas hob. »Könnten Sie nicht Ihre Methode vielleicht an ein paar Beispielen erläutern? … Ich meine, haben Sie die letzten Mordfälle auch mit Ihrer introspektiven Methode gelöst?«

Auch Pater Brown hob sein Glas. Im Widerschein des Feuers erglühte der rote Wein wie das prächtig blutrote Glas eines buntfarbigen Kirchenfensters.

Das tiefrote Glühen schien seinen Blick zu bannen und tiefer und tiefer in sich hineinzuziehen, als umfasse der Becher ein mit dem Blut aller Menschen angefülltes tiefrotes Meer, als tauche seine Seele hinab in den Bodensatz aller Niedrigkeit und aller bösen Gedanken, tiefer noch als die Ungeheuer der Tiefsee und als die ältesten Schlammablagerungen des Meeresgrundes.

Wie in einem roten Spiegel sah Pater Brown in dem Glas das Treiben der Welt.

Die Ereignisse, die er jüngst erlebt hatte, bewegten sich vor ihm in karmesinroten Schatten. All die Geschehnisse, von denen er den beiden hier berichten sollte, tauchten vor ihm auf, und all die Geschichten, die dieses Buch erzählt, zogen vor seinem Blick vorüber. Bald sah er im Leuchten des Weines einen Strand, auf dem sich schwarz die Gestalten von Menschen gegen einen in Abendglut getauchten Himmel abhoben; eine dieser Gestalten war zusammengesunken, eine zweite lief auf sie zu. Dann wieder war es, als löse sich das Glühen in einzelne Flecken auf: Rote Lampions erschienen, die, von Baum zu Baum gespannt, sich in einem Teich widerspiegelten. Und dann ballte sich die ganze Farbenpracht zusammen wie zu einem einzigen Kristall, einem Edelstein, der, einer roten Sonne gleich, die ganze Welt erleuchtete, und dunkel hob sich aus diesem Licht die Gestalt eines hochgewachsenen Mannes ab, der einen seltsamen Kopfputz trug, wie er in fernen Zeiten vielleicht von den Priestern längst vergangener Kulturen getragen wurde. Schließlich schmolz der Glanz zusammen, bis nur das Flammen eines wilden, roten Bartes übrigblieb, der im Wind über ein gespenstisch graues Moor wehte. All die Geschehnisse, geweckt von der Frage des Amerikaners, standen in Pater Browns Erinnerung auf und begannen, sich zu einem Bericht zu formen.

»Ja«, sagte er, als er den Becher langsam zu seinen Lippen führte, »ich kann mich noch gut erinnern.«

Der Spiegel des Richters

James Bagshaw und Wilfred Underhill waren alte Freunde. Sie hatten die Gewohnheit, gemeinsam zu nächtlicher Stunde umherzustreifen; in endlosen Gesprächen durchwandelten sie die stillen und wie ausgestorben daliegenden Straßen und Gäßchen des Vorstadtviertels, in dem sie wohnten. James Bagshaw, ein großer, brünetter, gutmütiger Mann mit einem Schnurrbärtchen, war von Beruf Kriminalbeamter; Wilfred Underhill, blond, mit scharfgeschnittenen Gesichtszügen und lebhaftem Blick, spielte gern den Amateurdetektiv. Und ganz im Gegensatz zu dem, was man sonst in Kriminalromanen liest — eifrige Leser von Detektivgeschichten werden es mit Entrüstung vernehmen —, führte der Polizist das Wort, während ihm der Amateur aufmerksam zuhörte.

»Unser Beruf ist der einzige«, meinte Bagshaw gerade, »von dem die öffentliche Meinung behauptet, der Fachmann verstehe sich nicht auf sein Geschäft. Aber zum Kuckuck noch mal, kein Mensch kommt auf den Gedanken, Geschichten zu schreiben, in denen Friseure vorkommen, die nicht Haare schneiden können und es erst von ihren Kunden lernen müssen, oder in denen sich ein Taxifahrer erst von seinem Fahrgast in die Geheimnisse des Autofahrens einweihen lassen muß. Zugegeben, wir neigen oft dazu, uns in ausgefahrenen Geleisen zu bewegen, denn unser Beruf hat all die Nachteile, die das Vorgehen nach einem Schema nun einmal mit sich bringt. Aberdarin tun uns die Romanschreiber unrecht: Sie übersehen ganz, daß methodisches Vorgehen auch sein Gutes hat.«

»Nun«, unterbrach ihn Underhill, »aber auch Sherlock Holmes behauptet doch, daß er nach einer logischen Methode vorgehe.«

»Ganz gewiß«, antwortete Bagshaw, »aber ich verstehe unter Methodik eine kollektive Methodik. Unsere Arbeit gleicht der eines militärischen Stabes: Viele scheinbar unbedeutende Mitteilungen laufen zusammen und werden dann zu einem Gesamtbild vereinigt.«

»Und du glaubst, daß diese Tatsache in den Detektivgeschichten einfach übersehen wird?« fragte sein Freund.

»Nun, denken Wir uns nur einmal einen beliebigen Fall, in dem Sherlock Holmes und Lestrade, der Polizeidetektiv, eine Rolle spielen. Nehmen wir an, Sherlock Holmes könne auf den ersten Blick erkennen, daß ein ihm gänzlich fremder Mensch, der die Straße überquert, ein Ausländer ist, nur weil er sich verkehrt umschaut, weil er gewöhnt ist, daß rechts statt links gefahren wird. Ich will gern zugeben, daß Holmes eine solche Beobachtung durchaus machen kann. Ich bin auch überzeugt, daß Lestrade nichts dergleichen bemerken würde. Aber der Kriminalschriftsteller übersieht ganz dies: Der Polizist vermag wohl den Fremden nicht an seinem Benehmen zu erkennen, aber er kennt ihn vielleicht doch bereits, denn seine Dienststelle hat ja nicht nur auf die Hiesigen aufzupassen, sondern auch die Ausländer zu überwachen. Als Polizist freue ich mich jedenfalls, daß die Polizei soviel weiß, denn schließlich will jeder aus seinem Beruf das Beste machen. Als Bürger allerdings frage ich mich zuweilen, ob die Polizei nicht etwas zuviel weiß.«

»Du willst doch nicht etwa im Ernst behaupten«, meinte Underhill ungläubig, »daß du über einen fremden Menschen in einer fremden Stadt Bescheid weißt? Wenn zum Beispiel da drüben jemand aus dem Haus käme, würdest du ihn tatsächlich kennen?«

»Wenn es der Hausherr wäre, gewiß«, entgegnete Bagshaw.

»Das Haus ist von einem Dichter gemietet, einem Anglo-Rumänen, der gewöhnlich in Paris lebt, sich zur Zeit aber in Engand aufhält, um wegen der Aufführung eines Theaterstückes zu verhandeln. Er heißt Osric: Orm, ist ein moderner Dichter und meines Wissens ziemlich schwer zu lesen.«

»Nun ja, diesen einen kennst du vielleicht. Aber alle Leute, die hier in der Straße wohnen, kennst du bestimmt nicht. Ich dachte gerade, wie fremd, neu und namenlos hier alles aussieht — die hohen, kahlen Mauern, die einsamen Häuser in den großen Gärten. Alle kannst du doch unmöglich kennen.«

»Alle nicht, aber einige kenne ich«, sagte Bagshaw. »Die Gartenmauer, an der wir jetzt entlanggehen, schließt das Besitztum von Sir Humphrey Gwynne ab, besser bekannt unter dem Namen Richter Gwynne; der alte Richter, weißt du, der während des Krieges solch ein Spionenriecher gewesen ist. Das nächste Haus gehört einem reichen Zigarrengroßhändler. Er kommt aus Südamerika und sieht recht braun gebrannt und spanisch aus, obwohl er den gut englischen Namen Bullet führt. Das übernächste Haus…Hast du das gehört?«

Er stand lauschend still. Auch Underhill stutzte.

»Ja, ich habe etwas gehört, habe aber keine Ahnung, was das gewesen sein könnte.«

»Aber ich weiß es«, sagte der Detektiv rasch. »Zwei Schüsse aus einem ziemlich großkalibrigen Revolver und gleich darauf ein Hilferuf. Und der Knall kam aus dem Garten des Richters Gwynne, diesem Paradies des Friedens und der Rechtmäßigkeit.« Gespannt spähte er nach beiden Seiten der Straße, dann fuhr er fort: »Und der einzige Zugang zum Garten ist ein paar hundert Meter entfernt auf der anderen Seite. Wenn bloß die Mauer etwas niedriger oder ich ein bißchen leichter wäre… Na, wir müssen es halt versuchen.«

»Weiter vorn ist sie niedriger«, sagte Underhill, »und da steht auch ein Baum, an dem wir vielleicht hochklettern können.«

Sie liefen rasch an der Mauer entlang und kamen bald an eine Stelle, wo die Mauer plötzlich beträchtlich niedriger war, als sei sie halb in der Erde versunken. Ein Baum, dessen farbige Blüten im Licht einer einsamen Straßenlaterne leuchteten, ragte mit einem niederhängenden Ast aus dem Garten in die Straße hinaus. Bagshaw ergriff den Ast und schwang sich über die Mauer, und im nächsten Augenblick standen sie knietief im dichten Gewächs eines Gartenbeetes.

Der Garten des Richters Gwynne bot zur Nachtzeit einen recht merkwürdigen Anblick. Er war sehr ausgedehnt und lag hier, am Ende der Vorstadt, im Schatten eines großen, dunklen Hauses. Das Haus war in der Tat stockdunkel, alle Fensterläden waren geschlossen, kein Lichtschimmer war zu sehen, wenigstens auf der dem Garten zugekehrten Seite nicht. Die beiden Freunde hatten erwartet, auch den Garten in völliger Dunkelheit vorzufinden. Doch überall verstreut sahen sie Lichter, die aussahen wie die Funken eines niedergehenden Feuerwerks: Es war, als sei eine erlöschende Riesenrakete in die Bäume gefallen. Als sie nun tiefer in den Garten vordrangen, erkannten sie, daß dieses Licht von buntfarbigen Lampen herrührte, die wie Aladins Edelsteinfrüchte in den Bäumen hingen. Mittelpunkt des Lichterkreisés war ein kleiner, runder Teich, dessen Wasser in gedämpften Farben funkelte, als werde es von unten her beleuchtet.

»Vielleicht gibt er ein Gartenfest«, meinte Underhill, »und hat deshalb den Garten illuminiert.«

»O nein«, entgegnete Bagshaw, »diese Illuminierung betreibt er als Liebhaberei und meines Wissens — meist nur dann, wenn er allein ist. In dem kleinen Häuschen da drüben, wo er arbeitet und auch seine ganzen Papiere aufbewahrt, hat er sich eine elektrische Schaltstation eingerichtet. Buller, der gut mit ihm bekannt ist, sagte mir, die farbigen Lampen seien meist ein Zeichen dafür, daß er nicht gestört sein wolle.«

»Sehen eher aus wie Notsignale«, warf Underhill ein.

»Mein Gott! Ich fürchte, es sind wirklich Notsignale!« Und Bagshaw begann zu laufen.

Einen Augenblick später erkannte auch Underhill, was sein Freund gesehen hatte. Der bleiche Lichtring, der wie der Hof des Mondes um die schräg zum Wasser abfallenden Ränder des Teiches lag, wurde von zwei schwarzen Streifen unterbrochen, die sich beim Näherkommen als die langen, schwarzgekleideten Beine eines Mannes erwiesen, der mit dem Kopf im Wasser lag. »Los, komm her!« rief der Detektiv scharf. »Das sieht doch aus, als ob…«

Seine Stimme verlor sich. In großen Sätzen überquerte er den von den Lampen schwach erleuchteten Rasen und eilte auf den Teich und die liegende Gestalt zu. Underhill trabte in derselben Richtung hinter seinem Freund drein, als sich etwas ereignete, das ihn einen Augenblick stutzen ließ. Bagshaw, der wie eine Kugel auf den Teich zugeschossen war, schlug plötzlich einen scharfen Haken und lief mit noch größerer Schnelligkeit auf den dichten Schatten hinter dem Haus zu. Underhill konnte nicht erkennen, was dies bedeuten sollte. Im nächsten Augenblick aber, als der Detektiv im Schatten verschwunden war, hörte er aus der Dunkelheit ein Aufeinanderprallen und einen Fluch, und Bagshaw kehrte in den Garten zurück, einen kleinen, sich heftig sträubenden rothaarigen Mann hinter sich herschleifend. Der Gefangene hatte offenbar versucht, im Schutz der Dunkelheit zu entfliehen, als die scharfen Ohren des Detektivs ihn rascheln hörten wie einen Vogel im Gezweig.

»He, Underhill!« rief Bagshaw, »lauf doch mal zu, und schau schon nach, was unten am Teich los ist. So, und wer sind Sie?« fragte er stehenbleibend. »Wie heißen Sie?«

»Michael Flood«, sagte der Unbekannte kurz angebunden. Er war ein unnatürlich magerer, kleiner Mann mit einer Adlernase, die für sein Gesicht viel zu groß war. Im Verhältnis zu seinem rötlichen Haar wirkte seine Gesichtshaut farblos wie Pergament. »Ich habe mit dieser ganzen Sache nichts zu tun. Ich wollte ihn eigentlich nur für eine Zeitung interviewen, aber als ich hierherkam, fand ich ihn tot daliegen, und darüber bin ich so erschrocken, daß ich weglief.«

»Steigen Sie eigentlich, wenn Sie berühmte Leute interviewen wollen, immer über die Gartenmauer?« fragte Bagshaw ironisch. Und mit grimmiger Miene wies er auf eine Reihe von Fußstapfen hin, die von einem Blumenbeet an der Mauer ausgingen und wieder in dieselbe Richtung zurückführten.

Der Mann, der sich Flood nannte, machte ein ebenso grimmiges Gesicht: »Warum sollte ein Interviewer nicht auch mal über eine Mauer steigen? Ich habe an der Haustür geläutet, aber es hat mir niemand geöffnet. Der Diener war ausgegangen.«

»Woher wissen Sie denn das?« fragte der Detektiv argwöhnisch.

»Weil ich«, entgegnete Flood spöttisch und mit aufreizender Langsamkeit, »nicht der einzige bin, der über Gartenmauern steigt. Wahrscheinlich sind Sie auf dieselbe Weise hier hereingekommen; und den Diener habe ich gerade eben gesehen, wie er auf der anderen Seite des Gartens direkt beim Tor über die Mauer geklettert ist.«

»Warum ging er denn nicht durch das Tor?« fragte der Detektiv.

»Das weiß ich doch nicht«, entgegnete Flood. »Wahrscheinlich ist das Tor geschlossen. Aber fragen Sie ihn doch am besten selbst. Er muß jetzt dicht beim Haus sein.«

Wirklich hob sich im schwachen Licht der bunten Lampen eine schattenhafte Gestalt ab, ein gedrungener Kerl mit einem eckigen Schädel und einer ziemlich schäbigen Livree, deren Hauptbestandteil eine rote Weste bildete. Eilends, doch fast geräuschlos strebte er einem Seiteneingang des Hauses zu, als ihn Bagshaw aufforderte, stehenzubleiben. Sehr zögernd kam er näher, und aus dem Dunkel tauchte sein volles, gelbliches Gesicht auf; es hatte etwas Asiatisches an sich, genauso wie sein glattes, blauschwarzes Haar.

Bagshaw wandte sich wieder dem Mann namens Flood zu. »Ist hier jemand in der Nähe«, fragte er, »der Ihre Identität bezeugen kann?«

»Meine Bekannten sind spärlich gesät«, brummte Flood. »Ich bin erst vor kurzem aus Irland gekommen. Der einzige, den ich kenne, ist der Priester der St.-Dominikus-Kirche, Pater Brown.«

»Das werden wir gleich haben. Sie bleiben mal vorläufig hier«, meinte der Detektiv, und zum Diener gewandt: »Und Sie gehen jetzt ins Haus und rufen die St.-Dominikus-Pfarrei an. Fragen Sie Pater Brown, ob er so gut wäre, sofort hierherzukommen. Aber machen Sie mir bloß keine Dummheiten!«

Während sich der energische Kriminalbeamte mit seinen beiden Gefangenen abgab und mit ihrer Bewachung beschäftigt war, war sein Freund zu der Stelle geeilt, wo sich die Tragödie abgespielt hatte. Ein höchst seltsamer Anblick bot sich ihm dort; wäre das, was passiert war, nicht so tragisch gewesen, hätte die ganze Szene höchst phantastisch gewirkt. Der Tote — denn es erwies sich nach ganz kurzer Untersuchung, daß der Mann wirklich tot war — lag mit dem Kopf im Teich, und das im Wasser sich spiegelnde Licht umgab den Kopf mit einem Strahlenkranz, der wie ein — wenngleich sehr unheiliger — Heiligenschein aussah. Das Gesicht war hager und trug einen ziemlich finsteren Ausdruck, um den kahlen Schädel lagen ein paar spärliche stahlgraue Locken. Trotz der entstellenden Wunde, die die Kugel in die Schläfe geschlagen hatte, erkannte Underhill die ihm von vielen Abbildungen her bekannten Züge von Sir Gwynne. Der Tote war im Abendanzug, seine langen, schwarzen, fast spinnenartig dürren Beine lagen gespreizt am steilen Rand des Teiches, den er herabgefallen war. Mit gespenstischer Langsamkeit sickerte aus der Schläfenwunde das Blut und zog durch das Wasser wie Wolkenstreifen im Rot des Sonnenuntergangs.

Underhill wußte nicht, wie lang er auf den Toten niedergestarrt hatte. Als er aufblickte, sah er eine Gruppe von vier Männern am Teichrand stehen. Bagshaw und den von ihm festgenommenen Iren erkannte er sogleich, ebenso den Diener mit seiner roten Weste. Die vierte Gestalt paßte in ihrer grotesken Feierlichkeit merkwürdigerweise gut zu dieser unheimlichen Szene. Der Neuankömmling war klein und gedrungen; ein Hut umgab sein rundes Gesicht wie ein schwarzer Heiligenschein. Underhill war sich bald darüber klar, daß er einen Geistlichen vor sich hatte; die Gestalt hatte etwas an sich, das an einen jener seltsamen alten Totentanzholzschnitte erinnerte. Dann hörte er, wie Bagshaw zu dem Geistlichen sagte:

»Es freut mich, daß Sie diesen Mann kennen und Auskunft über ihn geben können; ich muß Ihnen allerdings sagen, daß er nicht ganz unverdächtig ist. Natürlich kann er auch unschuldig sein, aber mir fiel auf, daß er den Garten auf etwas ungewöhnlichem Weg betreten hat.«

»Ich bin fast überzeugt, daß er unschuldig ist«, sagte der kleine Priester mit klangloser Stimme. »Aber natürlich kann ich mich auch irren.«

»Warum sind Sie von seiner Unschuld überzeugt?«

»Gerade deshalb, weil er den Garten nicht auf dem gewöhnlichen Weg betreten hat«, entgegnete der Geistliche. »Schauen Sie, ich zum Beispiel habe den Garten auf gewöhnlichem Wege betreten, aber es sieht fast so aus, ob ich der einzige wäre, der auf diese Weise hierhergekommen ist. Alle feinen Leute scheinen heute über Gartenmauern zu steigen.«

»Was verstehen Sie denn überhaupt unter dem gewöhnlichen Weg?« fragte der Detektiv.

Erstaunt blickte Pater Brown ihn an. Dann meinte er mit ernsthafter Miene: »Nun, ich bin durch die Haustür gekommen. Ich pflege Häuser meistens durch die Haustür zu betreten.«

»Entschuldigen Sie«, fragte Bagshaw irritiert, »aber ist es überhaupt von Bedeutung, wie Sie hier hereingekommen sind, wenn Sie nicht gerade sich selbst als den Mörder bezeichnen wollen?«

»Ja, ich denke schon«, sagte der Priester nachsichtig. »Als ich nämlich das Haus betrat, habe ich etwas bemerkt, das wohl niemand von Ihnen gesehen hat, was aber meines Erachtens wohl etwas mit der Sache zu tun hat.«

»Was haben Sie denn gesehen?«

»Auf dem Flur war ein heilloses Durcheinander. Ein großer Spiegel war zerbrochen, ein kleiner Palmbaum umgestoßen, und die Scherben des Blumenkübels waren über den ganzen Boden verstreut. Da hatte ich gleich so ein Gefühl, daß hier etwas passiert sein müsse.«

»Da haben Sie recht«, sagte Bagshaw nach einer Pause. »Wenn Sie wirklich so etwas gesehen haben, dann hat dies sicherlich mit unserem Fall zu tun.«

»Und wenn dem so ist«, bemerkte der Priester liebenswürdig, »dann ist es auch fast sicher, daß einer unter uns nichts mit der Sache zu tun hat. Ich meine Herrn Michael Flood, der den Garten auf dem ungewöhnlichen Weg über die Mauer betreten und dann versucht hat, ihn auf dieselbe Weise wieder zu verlassen. Ebendies läßt mich an seine Unschuld glauben.«

Bagshaw unterbrach ihn. »Jetzt wollen wir uns doch mal das Haus näher ansehen!«

Der Diener ging voran und führte sie zu einer Seitentür, die auf den Garten ging. Bagshaw blieb einige Schritte zurück, um mit seinem Freund ein paar Worte zu wechseln.

»Mit diesem Diener stimmt etwas nicht«, sagte er. »Er nennt sich Green, obschon er gar nicht so grün aussieht. Allerdings scheint er wirklich Gwynnes Diener zu sein, wohl sein einziger ständiger Diener. Aber er streitet glatt ab, daß sein Herr überhaupt tot oder lebend im Garten gewesen ist. Nach seiner Behauptung ist der alte Richter zu einem großen Juristenbankett eingeladen gewesen und hat erst spät heimkommen wollen. Damit entschuldigt er auch sein Weggehen.«

»Hat er eigentlich auch eine ausreichende Erklärung, warum er bei seiner Rückkehr über die Mauer gestiegen ist?« fragte Underhill.

»Nein, wenigstens kann ich mit dem, was er sagt, nichts anfangen«, entgegnete der Detektiv. »Ich weiß wirklich nicht, was ich von ihm halten soll. Irgend etwas scheint ihm einen mächtigen Schreck eingejagt zu haben.«

Vom Seiteneingang aus kamen sie in den Flur, der sich durch das ganze Haus bis zur Vordertür hinzog. Durch ein halbkreisförmiges, altmodisches Fächérfenster über dieser Tür, das einen recht trostlosen Eindruck machte, sickerte mattes, farbloses Licht; ein trüber Morgen kündigte sich an. Beleuchtet war der Flur von einer gleichfalls altmodischen Schirmlampe, die in einer Ecke auf einer Konsole stand. Im schwachen Schein dieser Lampe konnte Bagshaw die Trümmer erkennen, von denen Pater Brown gesprochen hatte. Eine schlanke Palme mit langen, niederhängenden Blättern lag der ganzen Länge nach auf dem Boden, und der dunkelrote Topf, in den sie eingepflanzt gewesen war, war zerschlagen. Die Scherben und die bleiern schimmernden Bruchstücke eines zertrümmerten Spiegels lagen auf dem Teppich herum; der fast leere Rahmen des Spiegels hing hinter ihnen an der Wand am Ende des Vestibüls. Der Seitentür, durch die sie gekommen waren, direkt gegenüberliegend führte ein ähnlicher Gang im rechten Winkel zu den übrigen Gemächern des Hauses. Ganz am Ende dieses Ganges war das Telefon zu erkennen, das der Diener benützt hatte, um den Priester herbeizurufen. Eine halboffene Tür, durch deren Spalt man die dichtgedrängten Reihen großer, in Leder gebundener Bücher sehen konnte, bildete den Eingang zum Arbeitszimmer des Richters.

Bagshaw betrachtete den zerbrochenen Palmenkübel und die Spiegelscherben. »Sie haben ganz recht«, sagte er dann zu dem Priester, »hier hat ein Kampf stattgefunden, und zwar ein Kampf zwischen Gwynne und seinem Mörder.«

»Ja, ich hatte gleich so den Eindruck«, meinte Pater Brown zurückhaltend, »wie wenn hier etwas passiert wäre.«

»Und mir ist auch völlig klar, wie das Ganze vor sich gegangen ist«, bemerkte der Detektiv. »Der Mörder ist durch die Haustür gekommen und hat Gwynne überrascht. Es ist aber auch durchaus möglich, daß ihn Gwynne selbst hereingelassen hat. Dann begann ein Kampf auf Leben und Tod. Ein vorbeigegangener Schuß hat wahrscheinlich den Spiegel getroffen, aber vielleicht ist dieser auch durch einen Stoß oder sonstwas in Trümmer gegangen. Gwynne ist es dann gelungen, sich loszureißen und in den Garten zu fliehen, doch der Mörder verfolgte ihn und schoß ihn am Teich nieder. So, glaube ich, hat sich das Verbrechen abgespielt aber ich muß erst noch die übrigen Räume besichtigen, ehe ich etwas Endgültiges sagen kann.«

In den anderen Räumen war jedoch nur wenig zu sehen; der einzige Gegenstand von Interesse war ein geladener Revolver, den Bagshaw in einer Schreibtischschublade entdeckte.

»Aha«, sagte er, »das sieht ja ganz so aus, als habe er schon so etwas erwartet. Aber warum hat er dann eigentlich den Revolver nicht mitgenommen, als er auf den Flur ging?«

Schließlich kehrten sie wieder zurück und gingen auf die Haustür zu. Gedankenverloren ließ Pater Brown seinen Blick über den Flur schweifen die grauen, verbliebenen Tapeten, die grüne Patina an der bronzenen Lampe, der mattschimmernde goldene Rahmen des zerbrochenen Spiegels — das war die verstaubte, überladene Pracht der frühviktorianischen Zeit.

»Es soll Unglück bedeuten, wenn ein Spiegel zerbrochen wird«, ‘ meinte er. »Hier sieht es wirklich aus wie in einem Unglückshaus. Schon allein die Einrichtung hat etwas an sich…«

Scharf unterbrach ihn die Stimme Bagshaws. »Das ist doch höchst merkwürdig. Ich dachte, die Vordertür sei verschlossen, sie ist aber nur eingeklinkt.«

Niemand erwiderte etwas. Nacheinander traten sie in den Vorgarten, der nicht sehr groß und in Blumenbeete aufgeteilt war. Auf der einen Seite zog sich eine merkwürdig gestutzte Hecke hin mit einer Öffnung, die aussah wie der Eingang zu einer Höhle. Undeutlich konnte man einige morsche Stufen erkennen. Pater Brown ging auf die Öffnung zu, bückte sich und schlüpft hinein. Er war noch nicht lange verschwunden, als die Zurückgebliebenen zu ihrem Erstaunen seine Stimme über ihren Köpfen vernahmen. Es hörte sich so an, als unterhalte er sich mit jemandem, der im Gipfel des Baumes steckte. Nun kroch auch der Kriminalbeamte in die Öffnung, und plötzlich sah er sich einer versteckten Treppe gegenüber, die zu einer erhöhten Plattform führte. Diese zog sich durch den verlassenen, dunklen Teil des Gartens hin bis um die Ecke des Hauses, und von dort aus konnte man die bunt illuminierten Bäume vor und unter sich sehen. Wahrscheinlich hatte Gwynne einmal vorgehabt, eine Terrasse auf Bogenpfeilern durch den Garten zu führen, später aber diese bauliche Spielerei wieder aufgegeben und die angefangenen Teile einfach stehenlassen. Wirklich ein recht merkwürdiger Aufenthaltsort für jemanden, und besonders zu nachtschlafender Zeit, dachte Bagshaw. Aber er sah sich den Baum nicht näher an, sondern faßte den Mann ins Auge, den Pater Brown hier oben aufgestöbert hatte.

Der Unbekannte stand mit dem Rücken zu ihm. Man konnte nur erkennen, daß er klein war und einen hellgrauen Anzug trug. Ein prächtiger Haarschopf bedeckte sein Haupt, so gelb und leuchtend wie die Blüte eines riesigen Löwenzahns. Die Haare bildeten einen regelrechten Strahlenkranz um sein Haupt, und unwillkürlich dachte man sich ein entsprechendes Gesicht dazu. Aber das Gesicht, das er ihnen jetzt langsam und widerwillig zuwandte, entsprach nicht im mindesten der Vorstellung, die man sich von ihm gemacht hatte. Bagshaw hatte erwartet, ein ovales, mildes Engelsgesicht zu sehen; aber was er erblickte, war ein unregelmäßiges, mürrisches, ältliches Gesicht mit mächtigen Kinnbacken und einer kurzen Nase, die an die eingeschlagene Nase eines Boxers erinnerte.

»Herr Orm, der berühmte Dichter, wenn ich mich nicht irre«, sagte Pater Brown mit einer so selbstverständlichen Ruhe, als stelle er zwei Leute einander im Salon vor.

»Wer dieser Herr auch ist«, meinte Bagshaw, »ich möchte ihn dringend bitten, mit mir zu kommen und mir ein paar Fragen zu beantworten.«

Herr Osric Orm, der Dichter, war durchaus kein Meister des Ausdrucks, wenn es galt, Fragen zu beantworten. Im Winkel des alten Gartens, als das graue Zwielicht der Morgendämmerung sich über die dichten Hecken und die seltsame Aussichtsbrücke zu verbreiten begann, ebenso wie später in den langwierigen Verhören, die eine für ihn immer unheilvollere Wendung nahmen, verweigerte er hartnäckig jede Aussage. Er gab lediglich die Erklärung ab, daß er Sir Humphrey Gwynne einen Besuch habe abstatten wollen, dazu aber nicht gekommen sei, weil sich niemand auf sein Läuten gemeldet habe. Hielt man ihm darauf entgegen, daß die Tür ja praktisch offenstand, dann schnaubte er wütend. Machte man eine Andeutung, daß er die Stunde für seinen Besuch reichlich spät gewählt habe, dann knurrte er. Das wenige, was aus ihm herauszubekommen war, gab keinen rechten Sinn, entweder weil er wirklich kaum Englisch konnte oder weil er es für besser hielt, es nicht zu können. Er war offenbar Nihilist, denn er äußerte ziemlich destruktive Ansichten — eine Tendenz, die man ja auch in seinen Gedichten feststellen konnte, sofern man diese überhaupt verstand. Es schien durchaus nicht unmöglich, daß sein Besuch beim Richter und der Streit mit ihm, dessen er verdächtigt wurde, auf anarchistische Motive zurückgingen. Von Richter Gwynne wußte man, daß er überall kommunistische Agenten zu sehen glaubte, wie er zur Zeit des Ersten Weltkrieges in jedem Unbekannten einen deutschen Spion erkennen wollte. Ein merkwürdiges Zusammentreffen, das sich ereignete, kurz nachdem sie den Garten verlassen hatten, verstärkte Bagshaws Eindruck, daß auf Orm der Hauptverdacht falle. Als sie nämlich durch die Gartentür auf die Straße traten, begegnete ihnen zufällig ein weiterer Nachbar des Richters, der Zigarrenhändler Buller. Er war an seinem braungebrannten, schlauen Gesicht und der kostbaren Orchidee im Knopfloch leicht zu erkennen, denn in der Orchideenzucht hatte er sich einen Namen gemacht. Die anderen waren einigermaßen überrascht, als Buller seinen Nachbarn, den Dichter, mit einer Selbstverständlichkeit begrüßte, als habe er erwartet, ihn hier zu sehen.

»Na, da sind wir ja wieder«, meinte er. »Ziemlich lange mit dem alten Gwynne geschwatzt, wie?«

»Sir Humphrey Gwynne ist ermordet worden«, mischte sich Bagshaw ein. »Ich habe den Fall übernommen und muß Sie bitten, mir zu erklären, was Sie mit dieser Bemerkung meinen.«

Völlig überrumpelt, erstarrte Buller zur Salzsäule. Sein braunes Gesicht lag im Schatten; man konnte nicht erkennen, was darauf vorging. Lediglich das glimmende Ende seiner Zigarre glühte wie im Takt mehrmals auf. Seine Stimme hatte einen völlig veränderten Klang, als er schließlich wieder sprach.

»Ich wollte Herrn Orm nur daran erinnern«, sagte er, »daß er, als ich vor zwei Stunden hier vorbeikam, gerade durch das Tor ging, um Sir Humphrey zu besuchen.«

»Herr Orm behauptet aber, daß er ihn nicht gesehen habe und überhaupt nicht im Haus gewesen sei«, erwiderte Bagshaw.

»So lange pflegt man doch nicht vor einer verschlossenen Türe stehenzubleiben«, bemerkte Bullen.

»So lange pflegt man aber auch nicht auf der Straße herumzustehen«, warf Pater Brown ein.

»Ich bin inzwischen zu Hause gewesen«, entgegnete der Zigarrenhändler. »Ich habe Briefe geschrieben und bin eben unterwegs, sie zum Briefkasten zu bringen.«

»Sie werden später noch Gelegenheit haben, das alles ausführlich zu erzählen«, sagte Bagshaw. »Gute Nacht jetzt, oder besser: guten Morgen.«

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Osric Orm wurde also angeklagt, Sir Humphrey Gwynne ermordet zu haben. Wochenlang füllten die Berichte über die Gerichtsverhandlung die Spalten der Zeitungen. Es ging um das gleiche Rätsel wie bei der kurzen Unterredung, die damals in der grauen Dämmerung der morgendlichen Straße unter der Laterne geführt worden war. Alles drehte sich um die zwei Stunden zwischen dem Zeitpunkt, da Buller den Dichter Orm in das Gartentor hatte treten sehen, und der Minute, als Pater Brown ihn im Garten entdeckte — eine Zeitspanne, für die Orm keinerlei glaubwürdige Aussagen machen konnte. Er hatte sicher Zeit gehabt, sechs Morde zu begehen, und es war eigentlich erstaunlich, daß er sie nicht begangen hatte, denn er mußte sich ja in diesen zwei Stunden schrecklich gelangweilt haben. Einen zusammenhängenden Bericht über sein Tun und Treiben in dieser Zeit konnte der Angeklagte jedenfalls nicht geben. Vom Vertreter der Anklage wurde mit Nachdruck darauf hingewiesen, daß für ihn die Möglichkeit, Sir Humphrey Gwynne zu ermorden, durchaus gegeben war, da die Haustür nicht verschlossen war und die in den großen Garten führende Seitentüre sogar offenstand. Mit großem Interesse folgte der Gerichtshof sodann den Ausführungen Bagshaws, der in knappen, klaren Sätzen den Kampf im Flur an Hand der Spuren rekonstruierte; konstruierte; die Polizei hatte später auch die Kugel entdeckt, die den Spiegel zertrümmert hatte. Und schließlich war es auch höchst verdächtig, daß die Öffnung in der Hecke, durch die Pater Brown dem Angeklagten gefolgt war, durchaus als Versteck angesehen werden konnte. Sir Matthew Blake jedoch, Orms sehr geschickter Verteidiger, verwandte dieses letzte Argument im umgekehrten Sinne und fragte, ob ein Mensch wohl wirklich so dumm sein könne, sich freiwillig selbst an einem Ort einzusperren, der nur einen einzigen Ausgang hatte, wo es doch offensichtlich viel vernünftiger gewesen wäre, sich über die Straße davonzumachen. Vor allem aber war es dem Gerichtshof nicht möglich gewesen, den Schleier des Geheimnisses zu lüften, der über dem Motiv des Mordes lag, eine Tatsache, die der Verteidiger klug zugunsten seines Klienten auszunutzen wußte. In der Frage nach dem Motiv nahmen die Rededuelle zwischen Sir Matthew Blake und Sir Arthur Travers, dem ebenso glänzenden Vertreter der Anklage, eine für den Angeklagten günstige Wendung. Die einzigen Argumente, die Sir Arthur vorbringen konnte, waren wenig überzeugende Andeutungen über eine bolschewistische Verschwörung, der Orm angehört haben könnte. Als es aber galt, Orms geheimnisvolles Benehmen in der Mordnacht zu erklären, gewann der Anklagevertreter wieder die Oberhand über den Verteidiger.

Der Angeklagte ließ sich einem Kreuzverhör unterziehen, hauptsächlich deshalb, weil sein kluger Anwalt glaubte, es werde einen schlechten Eindruck machen, wenn er es nicht täte. Aber der Verteidiger brachte fast ebenso wenig aus ihm heraus wie der Staatsanwalt. Sir Arthur Travers legte dieses hartnäckige Schweigen sogleich zugunsten der Anklage aus, aber selbst dadurch gelang es nicht, dem Angeklagten den Mund zu öffnen.

Sir Arthur war ein langer, hagerer Mann mit einem länglichen, leichenblassen Gesicht; ein auffallender Gegensatz zu der stämmigen Gestalt und dem vogelhellen blick von Sir Matthew Blake. Mußte man bei Sir Matthew an einen fröhlich-frechen Spatzen denken, so hätte man Sir Arthur eher mit einem Kranich oder mit einem Storch vergleichen können. Wie er sich nun vorbeugte, um den Dichter mit seinen Fragen auszuquetschen, wirkte seine lange Nase tatsächlich wie ein langer, spitzer Schnabel.

»Sie wollen doch nicht etwa den Herren Geschworenen erzählen«, fragte er in verletzend ungläubigem Ton, »daß Sie das Haus des Ermordeten überhaupt nicht betreten haben?«

»Habe ich nicht!« antwortete Orm kurz.

»Aber Sie hatten doch die Absicht, Sir Humphrey Gwynne zu besuchen, und der Besuch muß Ihnen sehr wichtig gewesen sein, denn schließlich haben Sie ja zwei Stunden vor der Haustür gewartet — oder nicht?«

»Doch«, entgegnete Orm.

»Und dabei wollen Sie nicht einmal bemerkt haben, daß die Tür offenstand?«

»Nein!«

»Aber hören Sie mal, man stellt sich doch nicht einfach zwei geschlagene Stunden vor die Haustür eines anderen Menschen«, drängte der Stäatsanwalt weiter. »In diesen zwei Stunden haben Sie doch bestimmt etwas getan!«

»Allerdings!«

»Und Sie wollen mir nicht sagen, was Sie getan haben?« fragte Sir Arthur mit beißendem Spott.

»Vor Ihnen ist es ein Geheimnis«, antwortete der Dichter.

Auf dieser Andeutung eines Geheimnisses baute Sir Arthur seine Anklage auf. Die Tatsache, daß ein Motiv für den Mord immer noch nicht gefunden worden war — das stärkste Argument der Verteidigung —, beutete er mit einer Kühnheit, die an Gewissenlosigkeit grenzte, zu seinen Gunsten aus. Er stellte die Sache so dar, als werde hier der Schleier über einer höchst gefährlichen und ausgedehnten Verschwörung gelüftet, in deren Polypenarmen ein aufrechter Patriot sein Leben habe lassen müssen.

»Ja«, rief er mit stahlharter Stimme, »der Herr Verteidiger hat vollkommen recht! Wir wissen nicht genau, weshalb dieser ehrenwerte Mensch ermordet worden ist, der dem Staat so große Dienste geleistet hat. Ebensowenig werden wir den Grund wissen, wenn der nächste Repräsentant der Öffentlichkeit von Mörderhänden gemeuchelt werden wird. Und wenn der Herr Verteidiger selbst schließlich wegen seiner hervorragenden Tüchtigkeit dem Haß, den die höllischen Mächte der Zerstörung gegen die Wächter der Ordnung hegen, zum Opfer fallen wird, dann wird auch er niemals erfahren, weshalb er ermordet wurde. Der halbe Gerichtshof hier wird im Bett ermordet werden, ohne daß wir jemals den Grund dafür wissen. Niemals werden wir es erfahren, und das Gemetzel wird nicht aufhören, bis unser Land entvölkert ist, solange es der Verteidigung erlaubt ist, mit der alten, abgedroschenen Frage nach dem Motiv des Mordes den Lauf der Gerechtigkeit aufzuhalten, während doch alles — die Ungereimtheit der Aussagen des Angeklagten und vor allem sein hartnäckiges Schweigen — uns sagt, daß hier ein Kain vor uns steht.«

»Ich habe Sir Arthur noch niemals so erregt gesehen«, meinte Bagshaw später zu einer Gruppe seiner Kollegen. »Es wurde sogar die Meinung laut, daß er mit seiner Rede zu weit gegangen sei und daß ein Staatsanwalt in einem Mordprozeß nicht derart als Rachegott auftreten dürfe. Gewiß — dieser kleine, merkwürdige Orm mit seinem gelben Haar hat etwas Unheimliches an sich, das Sir Arthur recht zu geben scheint. Wenn ich ihn so sehe, muß ich immer an die Beschreibung denken, die De Quincey von Williams gibt, jenem schrecklichen Verbrecher, der in aller Stille zwei ganze Familien abgeschlachtet hat. Auch Williams’ Haar war von einem auffallend unnatürlichenGelb; De Quincey meint, daß es nach einem indischen Rezept gefärbt gewesen sei, denn in Indien färbt man sogar Pferde grün oder blau. Dazu kam sein sonderbares, steinernes Schweigen, so daß ich schließlich dank dieser Gedankenverbindung beinahe das Gefühl hatte, auf der Anklagebank säße wirklich eine Art Ungeheuer. Wenn allerdings nur Sir Arthurs Beredsamkeit bewirkt hat, daß ich — und mit mir sicherlich auch viele andere — den Angeklagten in diesem Licht sehe, dann hat er mit seiner Leidenschaftlichkeit eine schwere Verantwortung auf sich genommen.«

Underhill sah die Sache von einer anderen Seite. »Schließlich ist der arme Gwynne doch der Freund von Sir Arthur gewesen. Ein Bekannter von mir hat sie noch kürzlich nach einem großen Juristenbankett vergnügt zusammen zechen sehen. Deshalb geht ihm der Fall wahrscheinlich so nahe. Eine andere Frage ist es allerdings, ob sich ein Angehöriger des Gerichts so sehr von seinem persönlichen Gefühl hinreißen lassen darf.«

»Wegen eines rein persönlichen Gefühls würde sich Sir Arthur nicht so sehr ins Zeug legen«, meinte Bagshaw. »Wir dürfen nicht vergessen, daß er von seiner beruflichen Stellung sehr eingenommen ist. Er gehört zu den Männern, deren Ehrgeiz auch dann noch nicht befriedigt ist, wenn sie ihre Ziele längst erreicht haben. Ich kenne niemanden, der sich so viel Mühe geben würde wie er, seine Stellung in den Augen der Welt zu festigen. Nein, seine donnernde Anklage hat sicherlich einen ganz anderen Grund, als du annimmst. Meiner Meinung nach verfolgt er mit seinen leidenschaftlichen Ausbrüchen das Ziel, die Leute vom Bestehen einer politischen Verschwörung zu überzeugen, und dann will er eine Bewegung gegen diese Verschwörung gründen, deren Leitung er zu übernehmen beabsichtigt. Sein Wunsch, Orm zu überführen, und seine Überzeugung, daß ihm dies gelingen wird, müssen ihren tiefen Grund haben. Wahrscheinlich glaubt er, daß die Tatsachen ihm recht geben werden. Seine zuversichtliche Haltung läßt für den Angeklagten nicht viel zu hoffen übrig.«

Er unterbrach seine Rede, denn er hatte in der Gruppe einen unscheinbaren Mann entdeckt. »Nun«, meinte er lächelnd, »was halten Sie von dem Gerichtsverfahren, Pater Brown?«

»Na ja«, entgegnete der Priester ziemlich zerstreut, »am meisten fiel mir dabei auf, wie sehr eine Perücke den Menschen verändern kann. Sie sprachen gerade davon, wie schneidig der Staatsanwalt ist. Aber ich habe zufällig gesehen, wie er seine Perücke abnahm, und da erkannte ich ihn kaum wieder. Wußten Sie übrigens, daß er ganz kahl ist?«

»Aber hören Sie mal, deshalb kann er doch ein schneidiger Staatsanwalt sein«, sagte Bagshaw. »Oder wollen Sie etwa die Verteidigung auf der Tatsache aufbauen, daß der Staatsanwalt eine Glatze hat?«

»Das nun auch nicht gerade«, meinte Pater Brown gutgelaunt. »Um die Wahrheit zu sagen, ich dachte gerade darüber nach, wie wenig wir doch über unsere Mitmenschen wissen. Angenommen, ich käme zu einem fremden Volk, das noch niemals etwas über England und seine Sitten gehört hätte. Angenommen, ich würde diesen Leuten erzählen, daß es bei uns einen Mann gibt, der, ehe er Fragen, bei denen es um Leben und Tod geht, behandelt, sich einen aus Pferdehaar verfertigten, hinten mit kleinen Schwänzchen und an der Seite mit Korkenzieherlocken versehenen Aufbau auf den Kopf stülpt, so daß er aussieht wie eine alte Frau aus der Biederrheierzeit. Diese Leute würden bestimmt glauben, daß ein solcher Mann doch ein recht verschrobener Narr sei; aber er ist durchaus nicht verschroben, denn er handelt ja nur getreu einer alten, erstarrten Tradition. Die Fremden würden das glauben, weil sie eben das englische Gerichtsverfahren nicht kennen, weil sie nicht wissen, was ein Staatsanwalt ist. Aber wie es diesen Leuten mit dem Staatsanwalt geht, so geht es dem Staatsanwalt mit dem Dichter: Auch er weiß nicht, was ein Dichter ist. Er begreift nicht, daß die Überspanntheiten eines Dichters anderen Dichtern in keiner Weise überspannt vorkämen. Er hält es für sonderbar, daß Orm zwei Stunden lang in einem schönen Garten spazierengeht, ohne etwas Bestimmtes zu tun. Du meine Güte! Ein Dichter könnte auch zehn Stunden in einem solchen Garten auf und ab gehen, wenn er gerade mit einem Gedicht beschäftigt ist. Aber selbst Orms Verteidiger hat in dieser Hinsicht versagt. Es kam ihm gar nicht in den Sinn, an Orm eine sehr naheliegende Frage zu richten.«

»Was für eine Frage meinen Sie?« fragte verständnislos der Detektiv.

»Nun, Sir Matthew hätte ihn fragen sollen, welches Gedicht er gerade gemacht hat«, sagte Pater Brown etwas ungeduldig. »Bei welcher Zeile er steckengeblieben ist, welches Beiwort, welche Steigerung er gesucht hat. Wenn nur ein paar einigermaßen gebildete Leute bei Gericht wären, die eine Ahnung von Literatur haben, so hätten sie sofort herausgebracht, ob Orm nicht doch etwas Sinnvolles in jenem Garten zu tun gehabt hat. Wenn er ein Fabrikant wäre, hätten sie ihn gewiß gefragt, wie es mit seiner Produktion steht — aber wie ein Gedicht verfertigt wird, davon hat doch wohl keiner dieser guten Leute auch nur eine Ahnung. Dichten kann man nur in völliger Untätigkeit.«

»Das ist ja alles. recht und gut«, entgegnete der Kriminalbeamte, »aber warum hat er sich dann versteckt? Warum ist er dann jene kleine morsche Treppe hinaufgestiegen, die doch nirgendwo hinführte, warum ist er oben geblieben?«

»Eben weil sie nirgends hinführte«, sagte Pater Brown scharf, unwillig über die Verständnislosigkeit seines Gegenübers. »Jeder, der diese im leeren Raum endigende Treppe sieht, sollte eigentlich wissen, daß sie für jeden Künstler wie für jedes Kind eine große Anziehung haben muß.«

Pater Brown hatte sich sofort wieder gefaßt und sagte entschuldigend: »Verzeihen Sie, aber es scheint mir doch merkwürdig, daß kein Mensch dies zu begreifen vermag. Und dann kommt noch etwas anderes dazu. Wissen Sie nicht, daß es für jeden Künstler stets und bei allem nur einen einzigen Gesichtswinkel gibt, den er gelten läßt? Ein Baum, eine Kuh, eine Wolke bedeuten für sich gar nichts, sie haben einen Sinn nur, wenn sie in Beziehung zu etwas gesetzt werden, wie beispielsweise drei Buchstaben nur in einer ganz bestimmten Anordnung ein Wort ergeben. Nun, für den Dichter konnte der illuminierte Garten nur von der halbzerfallenen Brücke aus richtig gesehen werden. Dieser Gesichtswinkel war für ihn so einzigartig wie etwa die vierte Dimension. Es war eine ganz zauberhafte Perspektive: Es war, als wenn man von oben auf den Himmel niederblickte, die Sterne schienen auf den Bäumen zu wachsen, und der leuchtende Teich sah aus wie ein Märchenmond, der auf die Felder herabgefallen war. Dieses Bild hätte unser Dichter eine Ewigkeit lang betrachten können. Wenn Sie ihm sagen würden, daß der Weg nirgendwo hinführte, so würde er gewiß antworten, daß er ihn ans Ende der Welt geführt habe. Aber erwarten Sie etwa von ihm, daß er diese Aussage vor Gericht macht? Sie können sich ja selbst denken, welche Antwort er hierauf zu erwarten hätte. Man behauptet doch immer, ein jeglicher Mensch dürfe nur durch seinesgleichen gerichtet werden. Warum sitzen dann hier nicht lauter Dichter auf der Geschworenenbank?«

»Sie sprechen ja, als wären Sie selbst ein Dichter«, sagte Bagshaw.

»Danken Sie Ihrem Stern, daß ich keiner bin«, entgegnete Pater Brown. »Danken Sie Ihrem Glücksstern, daß ein Priester barmherziger sein muß als ein Dichter. Großer Gott, wenn Sie wüßten, welch eine zermalmende, grausame Verachtung so ein Dichter für Leute Ihres Schlages hat! Sie würden sich vorkommen, als stünden Sie unter den Niagarafällen.«

»Nun, vielleicht wissen Sie mehr über die Veranlagung eines , Künstlers als ich«, sagte Bagshaw nach kurzer Pause. »Aber so hieb- und stichfest sind Ihre Argumente nun auch wieder nicht. Sie haben nur erklärt, was er hätte tun können, wenn er das Verbrechen nicht begangen hat. Aber ein Beweis dafür, daß er als Täter nicht in Frage kommt, ist das keineswegs. Und wer sollte es denn schließlich sonst gewesen sein?«

»Haben Sie an den Diener Green gedacht?« fragte Pater Brown nachdenklich. »Er hat doch eine recht sonderbare Geschichte erzählt.« »Aha!« rief Bagshaw. »Sie halten also Green für den Täter?«

»Ich bin im Gegenteil fest davon überzeugt, daß er nicht der Täter ist«, entgegnete der Priester. »Ich habe nur gefragt, ob Ihnen an der sonderbaren Geschichte, die er uns erzählt hat, nichts aufgefallen ist. Green ist einer Kleinigkeit wegen ausgegangen; vielleicht hatte er eine Bestellung auszurichten oder wollte schnell ein Glas Bier trinken. Sagte er nicht, daß er den Garten durch das Tor verließ, aber über die Gartenmauer zurückkam? Das bedeutet, daß er das Tor offengelassen hatte, aber als er zurückkehrte, war es geschlossen. Und warum war es geschlossen? Weil inzwischen ein anderer den Garten durch das Tor verlassen hatte.«

»Also der Mörder«, murmelte der Kriminalbeamte, noch nicht sehr überzeugt. »Wissen Sie vielleicht auch, wer der Mörder war?«

»Ich weiß, wie er aussieht«, antwortete Pater Brown ruhig. »Das ist das einzige, was ich mit Sicherheit weiß. Ich sehe ihn fast vor mir, wie er zur Haustür hereinkommt und in den matten Schein der Flurlampe tritt; ich sehe seine Gestalt, seine Kleidung, selbst sein Gesicht!«

»Was soll das heißen?«

»Er sah aus wie Sir Humphrey Gwynne.«

»Zum Teufel noch mal, was wollen Sie damit sagen?« fragte Bagshaw völlig überrascht. »Gwynne lag doch tot im Garten, Sie waren doch dabei, als wir ihn gefunden haben!«

»Ganz richtig«, bemerkte Pater Brown.

Nach einer Weile fuhr er fort: »Kehren wir doch einmal zu Ihrer Theorie zurück, die recht brauchbar war, obschon ich ihr nicht ganz beistimme. Sie nehmen an, daß der Mörder durch die Haustür hereinkam, im Flur auf den Richter stieß, mit ihm kämpfte und dabei den Spiegel zertrümmerte; daß der Richter dann in den Garten floh und dort schließlich erschossen wurde. Ehrlich gesagt, das scheint mir nicht recht plausibel. Wenn Gwynne tatsächlich den langen Hausflur entlang flüchtete, dann stieß er doch am Ende des Flurs auf zwei Türen, die eine zum Garten, die andere ins Zimmer. Warum hat er sich dann nicht in das Zimmer zurückgezogen? Dort hatte er ja seinen Revolver, von dort aus hätte er telefonieren können, und auch seinen Diener mußte er dort vermuten. Selbst seine nächsten Nachbarn wohnen alle in dieser Richtung. Warum sollte er also erst die Gartentür öffnen und in den einsamen, verlassenen Garten fliehen?«

»Aber wir wissen doch, daß er das Haus verlassen hat«, erwiderte Bagshaw verdutzt. »Er wurde doch draußen im Garten gefunden, also muß er das Haus verlassen haben.«

»Wieso denn? Er brauchte das Haus nicht zu verlassen, denn er war gar nicht darin gewesen«, sagte Pater Brown. »Jedenfalls nicht an diesem Abend. Er saß in seinem Gartenhäuschen. Das wußte ich gleich, als ich die bunte Beleuchtung im Garten sah. Die elektrische Schaltanlage befand sich doch in dem Häuschen, und da die Lampen brahnten, muß er dortgewesen sein. Er versuchte also vielmehr, ins Haus und zum Telefon zu gelangen, als ihn sein Mörder am Teich niederschoß.«

»Aber was haben dann die umgeworfene Palme und der zertrümmerte Spiegel zu bedeuten?« rief Bagshaw, der sich darüber ärgerte, daß seine schöne Theorie so widerlegt wurde.

»Sie haben doch schließlich selbst diese Spuren entdeckt und behauptet, daß in dem Flur ein Kampf stattgefunden haben müsse!«

Der Priester dachte angestrengt nach. »Wirklich? Nein, das habe ich bestimmt nicht behauptet; daran habe ich nicht einmal im Schlaf gedacht. Meines Wissens sagte ich nur, daß auf dem Flur etwas passiert sei. Und es ist dort auch etwas passiert. Allerdings war es kein Kampf.«

»Und wie soll dann der Spiegel zerbrochen sein?« fragte Bagshaw etwas pikiert.

»Durch eine Kugel«, antwortete Pater Brown ernst. »Durch eine Kugel, die der Mörder abfeuerte. Und die herabfallenden Scherben haben dann Kübel und Palme umgestürzt.«

»Aber wenn Gwynne nicht im Haus war, auf wen hat dann der Mörder eigentlich geschossen?« fragte der Detektiv.

»Hier ist der Punkt, an dem wir einhaken müssen, um herauszubekommen, wer der Mörder war. Es grenzt beinahe an Metaphysik«, sagte der Priester sehr nachdenklich. »Natürlich schoß der Mörder in einem gewissen Sinn auf Gwynne, obschon Gwynne gar nicht da war. Der Mörder war ganz allein auf dem Flur.«

Er schwieg einen Augenblick, dann fuhr er ruhig fort: »Nun, stellen Sie sich einmal vor, wie es im Flur ausgesehen hat, ehe der Spiegel zertrümmert wurde. Der Spiegel hing ganz am Ende des Flurs, und neben ihm stand die Palme. Die eintönig grauen Wänden wurden vom Spiegel so zurückgeworfen, daß bei dem herrschenden Zwielicht der Eindruck entstehen mußte, als sei der Spiegel nichts anderes als die Rückwand des Flurs. Wenn nun jemand aus einiger Entfernung den Flur entlang in den Spiegel blickte, so sah es aus, als komme jemand aus dem Inneren des Hauses. Und dieser Jemand konnte wie der Herr des Hauses aussehen — wenn nur das Spiegelbild etwas ähnlich war.«

»Moment mal«, unterbrach ihn Bagshaw. »Ich glaube, ich sehe jetzt allmählich…«

»Sie sehen jetzt allmählich«, fuhr Pater Brown fort, »warum alle in diesem Fall verdächtigten Personen unschuldig sein müssen. Nicht ein einziger hätte sein eigenes Spiegelbild für den alten Gwynne halten können. Orm hätte gleich erkennen müssen, daß sein gelber Haarschopf kein Kahlkopf ist. Flood hätte sicherlich seine roten Haare erkannt und Green seine rote Weste. Übrigens sind sie alle von kleiner Statur und reichlich schäbig gekleidet; keiner von ihnen hätte sich einbilden können, er sehe im Spiegel wie ein großer, hagerer, alter Herr im Abendanzug aus. Wir müssen uns schon nach einem anderen Mann umsehen, der ebenso groß und hager ist wie der Richter. Das meinte ich, als ich sagte, ich wisse, wie der Mörder aussieht.«

»Und was folgern Sie daraus?« fragte Bagshaw, ihn fest ansehend.

Der Priester lachte kurz und schneidend auf, ein Lachen, in dem nichts mehr von seiner gewohnten Milde zu hören war.

»Ich folgere daraus eben das, was Sie noch vor wenigen Minuten für so lächerlich und unmöglich gehalten haben.«

»Wie meinen Sie das?«

»Ich werde die Verteidigung auf der Tatsache aufbauen, daß der Staatsanwalt eine Glatze hat!«

»O Gott!« sagte der Detektiv leise. Seine Gestalt straffte sich; er begann zu verstehen.

Pater Brown ließ sich durch das Staunen seines Gegenübers nicht aus der Fassung bringen, und er fuhr in seinem Monolog fort: »Ihr von der Polizei habt in dieser Sache allen möglichen Leuten nachgespürt; ihr habt euch dafür interessiert, was der Dichter, der Diener und der Ire in jener Nacht gemacht haben. Aber über einen habt ihr ganz vergessen, Nachforschungen anzustellen, nämlich über den Ermordeten selbst. Es ist euch gar nicht aufgefallen, daß der Diener ehrlich erstaunt war über die frühe Rückkehr seines Herrn. Der alte Gwynne war zu einem großen Juristenbankett gegangen, hatte es aber plötzlich verlassen und sich heimbegeben. Es kann ihn nicht etwa ein Unwohlsein befallen haben, denn er hat niemanden um Beistand gebeten; es ist also fast sicher, daß er mit irgendeinem anderen Juristen auf dem Bankett eine berufliche Auseinandersetzung gehabt hat. Wir müssen den Mörder demnach unter seinen Kollegen suchen. Sir Humphrey Gwynne kehrte also zurück und schloß sich in sein Gartenhäuschen ein, wo er geheime Papiere und Dokumente mit belastendem Material aufbewahrte. Der Kollege wußte, daß diese Dokumente auch gegen ihn etwas enthielten, und nachdem der Streit ausgebrochen war, mußte er befürchten, daß Richter Gwynne es gegen ihn verwenden würde. So folgte er seinem Feind, auch er im Abendanzug, nur dazu mit einem Revolver in der Tasche. Das ist alles. Kein Mensch hätte dies je erraten können, wenn nicht der Spiegel gewesen wäre.«

Er sah einen Augenblick versonnen vor sich hin, dann fügte er hinzu:

»So ein Spiegel ist doch ein merkwürdiges Ding, ein Rahmen, der Hunderte verschiedener Bilder faßt. Sie leuchten auf und verschwinden dann für immer. Aber mit dem Spiegel, der am Ende des grauen Korridors unter der grünen Palme hing, hatte es eine besondere Bewandtnis. Wie bei einem Zauberspiegel ist das Bild, das er aufgenommen hat, nicht verschwunden; selbst nachdem der Spiegel nicht mehr war hin das Bild noch wie ein Gespenst im Zwielicht des alten Hauses, wie ein geheimes Zeichen. Wir können sogar in dem leeren Rahmen das Bild noch heraufbeschwören, das — Sir Arthur gesehen hat. Übrigens, in einem hatten Sie recht, als Sie vorhin über den Staatsanwalt sprachen.«

»Na also, wenigstens etwas«, sagte Bagshaw, indem er gute Miene zum bösen Spiel machte. »Und womit hatte ich recht?«

»Sie sagten, daß Sir Arthur sicherlich gute Gründe für seinen Wunsch haben müßte, Orm gehängt zu sehen.«

___________

Eine Woche später traf der Priester den Detektiv wieder. Von ihm erfuhr er, das Gericht habe auf Grund der von Pater Brown vorgebrachten Argumente bereits neue Erhebungen angestellt, diese seien aber durch ein aufsehenerregendes Ereignis unterbrochen worden.

»Sir Arthur Travers…« begann Pater Brown.

»Sir Arthur Travers ist tot«, sagte Bagshaw kurz.

»So!« Pater Browns Stimme klang etwas heiser. »Hat er…?«

»Ja«, antwortete Bagshaw, »er hat wieder auf denselben Mann geschossen, aber dieses Mal nicht in den Spiegel.«

Der Mann mit den zwei Bärten

Diese Geschichte erzählte Pater Brown dem berühmten Kriminologen Professor Crake nach Tisch in einem Klub, wo sie einander vorgestellt worden waren, weil sie ja beide das Steckenpferd der Beschäftigung mit Mord und Totschlag ritten. Angeregt wurde Pater Brown zu seiner Erzählung durch eine kleine Kontroverse, bei der der Professor mit seinem ganzen wissenschaftlichen Geschütz auffuhr, während der Priester sich reichlich skeptisch zeigte.

»Aber, mein lieber Herr«, sagte der Professor protestierend, »glauben Sie wirklich nicht, daß die Kriminologie eine Wissenschaft ist?«

»Ich möchte es nicht mit Bestimmtheit behaupten«, erwiderte Pater Brown. »Eine Gegenfrage: Glauben Sie, daß die Hagiologie eine Wissenschaft ist?«

»Was soll denn das heißen?« fragte der Verbrecherspezialist in spitzem Ton.

»Nun, nichts für ungut«, meinte der Geistliche lächelnd. »Man versteht darunter das Studium heiliger Personen und Dinge. Das ›finstere Mittelalter‹ hat nämlich versucht, eine Wissenschaft über gute Menschen zu begründen, während unser ach so humanes und aufgeklärtes Zeitalter sich anscheinend nur für schlechte Menschen interessiert. Wir von der Kirche wollen von einem Menschen beweisen, daß er ein Heiliger gewesen ist. Sie hingegen, fürchte ich, legen es darauf an, zu beweisen, daß ein Mensch ein Mörder ist.«

»Nun, jedenfalls glaube ich, daß sich die Mörder ganz gut klassifizieren lassen«, bemerkte Crake. »Das Schema ist zwar etwas umfangreich und trocken, aber es ist, wie ich glaube, durchaus erschöpfend. Zuerst einmal kann man alles Töten in rationales und irrationales einteilen. Nehmen wir das letzte zuerst, weil es bedeutend seltener vorkommt. Es gibt so etwas wie eine abstrakte Mordlust, einen Trieb zum Töten. Es gibt eine Art irrationaler Antipathie, obschon sie selten zu einem Mord führt. Dann kommen wir zu den eigentlichen Motiven, die teilweise wieder weniger rational sein können, weil sie sich entweder auf längst Vergangenes beziehen oder aus einer — sagen wir — überspannten Veranlagung resultieren. Reine Racheakte sind beispielsweise meist völlig sinnlos. So wird ein Liebhaber etwa seinen Nebenbuhler töten, obwohl er genau weiß, daß er nie an dessen Stelle treten wird.

Meist jedoch liegen solchen Morden ganz vernünftige Erwägungen zugrunde, das heißt, die Mörder hoffen, mit ihrer Tat irgendein Ziel zu erreichen. In die zweite Abteilung — Verbrechen aus vernünftiger Überlegung — gehören die meisten Morde. Auch hier gibt es zwei Kategorien: Entweder mordet jemand, um sich den Besitz eines anderen anzueignen, oder er mordet, um den anderen an einem bestimmten Handeln zu hindern, beispielsweise einen Erpresser oder einen politischen Gegner oder auch einen Ehemann oder eine Ehefrau, deren Weiterleben sich mit anderen Interessen nicht mehr vereinbaren läßt. Ich halte diese Klassifizierung für ziemlich lückenlos und glaube, daß sie, richtig angewandt, alle vorkommenden Fälle umfaßt. Aber wenn man das so erzählt, klingt es etwas sehr farblos. Ich hoffe, daß ich Sie nicht langweile.«

»Nicht im mindesten«, entgegnete Pater Brown. »Entschuldigen Sie bitte, wenn ich nicht ganz bei der Sache zu sein schien. Ich mußte nämlich gerade an einen Mann denken, dem ich vor Jahren einmal begegnet bin. Er war ein Mörder; aber leider ist mir nicht ganz klar, in welcher Abteilung Ihres Mördermuseums er Platz finden könnte. Er war weder verrückt, noch machte ihm das Morden Spaß. Er haßte sein Opfer nicht, er kannte den Mann kaum und hatte sicherlich keinen Anlaß, an ihm Rache zu nehmen. Der Ermordete besaß nichts, was den Mörder irgendwie hätte verlocken können, und er stand ihm auch nicht im geringsten im Wege, er konnte ihm weder schaden noch ihn irgendwie behindern. Es war weder eine Frau im Spiel, noch lag ein politischer Beweggrund vor. Dieser Mann hat einen Mitmenschen getötet, der ihm völlig fremd war, und dazu aus einem sehr sonderbaren Beweggrund, der vielleicht in der menschlichen Geschichte einzigartig ist.«

Und so erzählte er in seinem gemütlichen Plauderton folgende Geschichte, die an einem ziemlich respektablen Ort beginnt, nämlich am Frühstückstisch einer in einem Vorort von London wohnenden achtbaren, obschon reichen Familie namens Bankes. Anstatt wie üblich die neuesten Zeitungsmeldungen zu besprechen, unterhielt man sich dort an diesem Tag über ein Ereignis, das in der unmittelbaren Nachbarschaft vorgefallen war. Man sagt solchen Leuten oft fälschlicherweise nach, sie hätten nichts anderes zu tun, als zu klatschen. Aber in diesem Punkt sind sie erstaunlich unschuldig. Auf dem Dorf erzählen sich die Bauern noch wahre oder falsche Geschichten über ihre Nachbarn, aber die merkwürdigen Kulturmenschen der modernen Großstadt, die zwar alles glauben, was in der Zeitung über die Schlechtigkeit des Papstes oder den Heldentod eines Kannibalenhäuptlings steht, erfahren in der Aufregung über so viele interessante Neuigkeiten gar nicht, was im Nachbarhause vor sich geht. Die Nachricht aber, die an diesem Tag soviel Aufregung brachte, stammte nicht nur aus der Zeitung, sie betraf sogar die Familie unmittelbar, war doch in ihrem Leib- und Magenblatt der Stadtteil erwähnt worden, in dem sie wohnten. Jetzt erst waren auch sie etwas, denn der Name ihres Stadtteils hatte in der Zeitung gestanden! Dadurch waren sie genauso gegenständlich und wirklich geworden wie jener Kannibalenhäuptling.

In der Zeitung wurde berichtet, daß ein ehemals berüchtigter Verbrecher, der unter dem Namen Michael Moonshine und mancherlei anderen Namen, auf die er wahrscheinlich ebensowenig Anspruch hatte, vor einigen Jahren die Welt in Atem gehalten hatte, nach Verbüßung einer langjährigen Strafe aus dem Zuchthaus entlassen worden sei. Seinen derzeitigen Aufenthaltsort wisse man nicht, doch nehme man allgemein an, daß er sich in dem fraglichen Stadtteil — sagen wir Chisham — niedergelassen habe. Im Anschluß an diese Notiz folgte eine Zusammenstellung einiger seiner berühmtesten und tollsten Stückchen und Ausbrüche; denn es ist charakteristisch für die Tageszeitung, daß sie stets annimmt, der Leser habe kein Gedächtnis. Es ist ja in der Tat so. Während die Landbevölkerung das Andenken an einen Strauchdieb wie Robin Hood jahrhundertelang bewahrt, wird der Büromensch der Großstadt sich kaum an den Namen eines Verbrechers erinnern, über den er erst vor zwei Jahren in der Straßenbahn oder Untergrundbahn heftig diskutiert hat. Und doch hatte Michael Moonshine auch etwas von der heroisch-frechen Unbekümmertheit eines Robin Hood an sich, und er hätte es durchaus verdient, in die Legende und nicht nur in die Zeitungsspalten einzugehen. Er war als Einbrecher viel zu geschickt, um je zum Mörder zu werden. Seine Bärenkraft, die ihn einen Polizisten wie einen Kegel umwerfen ließ, mit der er seine Opfer bewußtlos schlug, um sie dann zu fesseln und zu knebeln, und die Tatsache, daß er nie jemanden tötete, legten einen Schleier des Geheimnisses und des Grauens um Michael Moonshine. Man hatte beinahe das Gefühl, er würde menschlicher gehandelt haben, wenn er getötet hätte.

Herr Simon Bankes, das Oberhaupt besagter Familie, war besser belesen und nicht so modern vergeßlich wie die anderen Familienmitglieder. Er war von gedrungener Gestalt, trug einen kurzen, grauen Bart und hatte eine von Falten durchzogene Stirn. Ein Freund von Anekdoten, hing er gern und oft vergangenen Dingen nach; noch ganz deutlich erinnerte er sich der Zeit, da Michael Moonshine ganz London in Atem gehalten hatte. Ihm gegenüber saß seine Frau, hager und schwarz. Sie war von einer Art bissiger Eleganz, denn ihre Familie hatte viel mehr Geld als die ihres Mannes, dafür aber auch bedeutend weniger Bildung. Frau Bankes hatte oben in ihrem Zimmer sogar ein sehr kostbares Smaragdhalsband liegen, weshalb sie bei einer Unterhaltung über Diebe das erste Wort führen zu müssen meinte. Ferner war da Opal, ihre Tochter, ebenfalls schwarz und hager; es hieß von ihr, sie sei hellseherisch veranlagt — zumindest hielt sie sich selbst dafür, schon um ihre geringe Neigung zu haushälterischen Pflichten zu rechtfertigen. (Jungen Mädchen, die gern mit der Geisterwelt verkehren, kann man nur den guten Rat geben, sich nicht als Mitglieder einer großen Familie zu materialisieren.) Neben ihr saß ihr Bruder John, ein dicker, stämmiger Bursche, der seine Gleichgültigkeit gegenüber den spirituellen Fähigkeiten seiner Schwester gerne in lärmenden Ausführungen an den Tag legte und sich außerdem nur durch sein Interesse für Autos auszeichnete. Immer war er offenbar gerade dabei, einen alten Wagen zu verkaufen und dafür einen neuen anzuschaffen; durch ein äußerst merkwürdiges, allen volkswirtschaftlichen Theorien hohnsprechendes Verfahren gelang es ihm auch stets, durch den Verkauf eines beschädigten oder außer Mode gekommenen Wagens ein viel besseres, funkelnagelneues Modell einzuhandeln. Der nächste im trauten Familienkreise war sein Bruder Philipp, ein junger Mann mit schwarzem Lockenhaar, der dadurch hervorstach, daß er großen Wert auf tadellose Kleidung legte — was zweifelsohne zu den Pflichten eines Bankangestellten gehört, aber, wie sein Prinzipal oft undnachdrücklich zu betonen pflegte, sicherlich nicht als einzige Aufgabe eines Bankangestellten angesehen werden kann. Schließlich war noch Philipps Freund Daniel Devine anwesend, ebenfalls schwarzhaarig, ebenfalls tadellos gekleidet; er trug jedoch einen Bart, der ziemlich ausländisch und deshalb für manche Leute etwas verdächtig aussah.

Dieser Devine hatte die Zeitungsmeldung aufs Tapet gebracht, um damit taktvoll einer Auseinandersetzung ein Ende zu machen, die wie der Anfang einer kleinen Familienzwistigkeit aussah; denn die medial veranlagte Tochter hatte gerade begonnen, eine ihrer Visionen zu beschreiben: wie in stockdunkler Nacht bleiche Gesichter vor ihrem Fenster hin und her schwebten. Daraufhin hatte ihr Bruder John versucht, diese Offenbarung eines höheren seelischen Zustandes mit noch größerer Herzlichkeit, als man sonst bei ihm gewöhnt war, niederzubrüllen.

Die Zeitungsnotiz jedoch über den neuen und womöglich gefährlichen Nachbarn bereitete dem Streitfall ein rasches Ende.

»Wie schrecklich!« rief Frau Bankes. »Er ist sicherlich erst vor ganz kurzer Zeit in unserem Viertel zugezogen; aber wer könnte es denn sein?«

»Neu ist hier, soviel ich weiß, nur Sir Leopold Pulman in Beechwood House«, bemerkte Herr Bankes.

»Du scherzest wohl, mein Lieber«, erwiderte die Dame des Hauses spitz. »Wie kann man nur so etwas sagen! Sir Leopold!« Und nach einer kurzen Pause setzte sie hinzu: »Verdächtiger erscheint mir eher sein Sekretär — jener Kerl mit dem Backenbart. Seitdem er die Stelle erhalten hat, die eigentlich unser Philipp hätte bekommen sollen, sage ich immer…«

»Nichts zu machen«, steuerte Philipp lässig seinen einzigen Beitrag zur Unterhaltung bei. »War mir nicht gut genug.«

»Ich kenne nur einen Mann, der neu zugezogen ist«, bemerkte Devine, »nämlich jenen Carver, der auf Smith’ Hof beschäftigt ist. Er lebt sehr zurückgezogen, aber man kann sich trotzdem recht gut mit ihm unterhalten. Meines Wissens hat John auch schon mit ihm zu tun gehabt.«

»Er kennt sich ein bißchen in Autos aus«, gab der autobesessene John zu. »Und er wird noch einiges dazulernen, wenn er erst mal in meinem neuen Wagen gesessen hat.«

Devine verzog sein Gesicht zu einem spöttischen Grinsen. Alle waren sie von John mit einer Einladung zu einer Fahrt in seinem neuen Wagen bedroht worden. Dann meinte er nachdenklich: »Ich bin mir nicht ganz im klaren über diesen Mann. Er weiß allerhand vom Autofahren, muß viel gereist sein und kennt sich auch im praktischen Leben aus, und doch geht er nie aus und stolpert nur um die Bienenkörbe des alten Smith herum. Er behauptet, er interessiere sich nur für Bienenzucht und bleibe aus diesem Grunde bei Smith. Für einen Mann seiner Art scheint mir dies ein reichlich langweiliges Hobby zu sein. Aber ich bin sicher, daß Johns Wagen ihn ein bißchen aufmuntern wird.«

Als Devine am späten Nachmittag das Haus verließ, zeigte sich auf seinem dunklen Gesicht der Ausdruck angestrengten Nachdenkens. Wir wollen an dieser Stelle seinen sicherlich recht interessanten Gedankengang nicht weiter verfolgen; auf jeden Fall faßte er schließlich den Entschluß, sofort das Gut des Mr. Smith aufzusuchen, um Herrn Carver einen Besuch abzustatten. Auf dem Wege dorthin begegnete er Herrn Barnard, dem Sekretär von Sir Leopold Pulman. Er erkannte ihn sofort an seiner schmächtigen Gestalt und seinem Backenbart, den Frau Bankes als eine persönliche Beleidigung empfand. Devine und Barnard waren nur oberflächlich miteinander bekannt, und so beschränkte sich ihre Unterhaltung auf wenige Worte. »Verzeihen Sie meine Frage«, wandte sich Devine ohne lange Einleitung an Barnard, »stimmt es, daß Lady Pulman sehr wertvolle Juwelen im Haus hat? Nicht, daß ich die Absicht hätte, gelegentlich nachts einzusteigen, aber ich habe gerade erfahren, daß sich in unserer Gegend ein professioneller Dieb herumtreibt.«

»Ich werde Lady Pulman raten, ein wachsames Auge auf ihren Schmuck zu haben«, entgegnete der Sekretär. »Um Ihnen die Wahrheit zu sagen, ich habe mir bereits erlaubt, sie zu warnen, und hoffe, daß sie sich das zu Herzen genommen hat.«

In diesem Augenblick ertönte hinter ihnen das häßliche Aufheulen einer Autohupe. Unmittelbar neben ihnen kam der Wagen zum Stehen, und Johns grinsendes Gesicht tauchte hinter dem Steuerrad auf. Als er hörte, wohin Devine wollte, behauptete er, auch er habe dasselbe Ziel, doch konnte man ihm deutlich anmerken, daß dies nur ein Vorwand war, ein Opfer für seinen Wagen zu finden. Also stieg Devine ein und mußte nun die ganze Fahrt über die überschwenglichen Lobsprüche Johns auf seinen Wagen anhören, der dieses Mal besonders wegen seiner Wetterfestigkeit gerühmt wurde.

»Schließt so dicht ab wie ein Geldschrank und läßt sich so leicht öffnen, wie — wie man den Mund auftut.«

Devines Mund schien jedoch zu dieser Stunde nicht gerade leicht zu öffnen, und John fuhr in seinem Monolog fort, bis sie auf Smith’ Gut ankamen. Als sie das äußere Tor durchfuhren, wurde Devine sofort des Mannes ansichtig, den er aufsuchen wollte, und so brauchte er nicht erst in das Haus zu gehen. Der Gesuchte ging, die Hände in den Taschen, einen großen, weichen Strohhut auf dem Kopf, im Garten spazieren. Sein Gesicht war schmal, sein Kinn kräftig; die breite Hutkrempe warf auf den oberen Teil seines Gesichtes einen Schatten, der fast wie eine Maske aussah. Im Hintergrund beleuchtete die Sonne eine Reihe von Bienenkörben, an denen ein älterer Mann, vermutlich Herr Smith, in Begleitung eines kleinen, dicken, schwarzgekleideten Geistlichen entlangschritt.

»Hallo!« rief der stürmische John, noch ehe Devine Gelegenheit gehabt hatte, sich mit einer höflichen Begrüßung vorzustellen. »Ich habe jetzt meinen Wagen dabei, da können wir mal ein bißchen durch die Gegend brausen. Sagen Sie selbst, ist das nicht ein tolles Modell?«

Herrn Carvers Mund umspielte ein Lächeln, das wohl liebenswürdig sein sollte, aber ziemlich grimmig aussah: »Ich fürchte, ich werde heute abend zuviel zu tun haben, um eine Spazierfahrt machen zu können.«

»Donnerwetter!« bemerkte Devine. »Ihre Bienen müssen aber gewaltig fleißig sein, wenn Sie sogar des Nachts nicht von den Bienenstöcken wegkommen. Es würde mich doch interessieren…«

»Was?« fragte Carver in kühlem, herausforderndem Ton.

»Nun«, sagte Devine, »ein Sprichwort sagt, man soll Heu machen, solange die Sonne scheint. Vielleicht machen Sie Honig, ‘ während der Mond scheint.«

Im Schatten des breitkrempigen Hutes blitzte es auf, und man sah das Weiße in den Augen des Geheimnisvollen.

»Vielleicht gehört auch Mondschein zu diesem Geschäft«, meinte er. »Aber ich warne Sie: Meine Bienen liefern nicht nur Honig, sie stechen auch!«

»Wollen Sie nun mitfahren oder nicht?« fragte John ungeduldig. Aber Carver, obwohl er jetzt viel freundlicher war und die dunklen Andeutungen, mit denen er Devines Fragen beantwortet hatte, schon wieder vergessen zu haben—schien, blieb fest bei seiner Ablehnung.

»Ich kann jetzt unmöglich weggehen«, sagte er. »Ich habe noch eine Menge zu schreiben. Vielleicht sind Sie aber so freundlich und laden einen der Herren hier ein, wenn Sie schon unbedingt Gesellschaft haben wollen. Da sind sie schon: Herr Smith und Pater Brown.«

»Selbstverständlichl« rief John. »Steigen Sie nur ein, meine Herren!«

»Haben Sie vielen Dank für Ihre freundliche Einladung«, sagte Pater Brown, »aber leider muß ich ablehnen, denn ich muß jetzt gleich zur Abendandacht.«

»Aber Herr Smith wird sicherlich nicht ablehnen«, meinte Carver fast ungeduldig. »Herr Smith wird sich sicher freuen, wenn er mal Auto fahren kann.«

Smith verzog zwar seinen Mund zu einem breiten Lachen, schien aber nicht die geringste Lust zu dieser oder einer ähnlichen Lustbarkeit zu haben. Er war ein rüstiger, kleiner Herr und trug eine jener ehrbaren Perücken, die genausowenig auf dem Kopf gewachsen erscheinen wie ein Hut. Ihre gelbliche Farbe stach stark gegen sein biasses Gesicht ab. Smith schüttelte den Kopf und sagte liebenswürdig, aber entschlossen:

»O danke, nein; ich kann mich noch ganz gut erinnern, wie ich vor zehn Jahren einmal in einem solchen Karren von Holmgate, wo meine Schwester wohnt, hierher gefahren bin. Seither bringen mich keine zehn Pferde mehr in ein solches Vehikel. Mir langt’s noch, wie ich damals durcheinandergerüttelt worden bin.«

»Na ja, vor zehn Jahren!« rief John Bankes geringschätzig. »Ebensogut können Sie sagen, daß Sie vor zweitausend Jahren in einem Ochsenkarren gefahren sind. Glauben Sie denn, die Autos hätten sich in den zehn Jahren nicht verändert? In meinem Straßenkreuzer merken Sie gar nicht, daß sich die Räder drehen. Da meinen Sie direkt, Sie fliegen.«

»Ich bin davon überzeugt, daß Herr Smith gerne einmal fliegen würde«, sagte Carver drängend. »Es ist der Traum seines Lebens. Los, Smith, fahren Sie doch nach Holmgate hinüber, und machen Sie Ihrer Schwester einen Besuch. Sie haben doch schon lange vor, sie einmal zu besuchen. Fahren Sie mit; Sie können ja vielleicht die Nacht über bei Ihrer Schwester bleiben.«

»Ich gehe gewöhnlich zu Fuß nach Holmgate und bleibe auch meist die Nacht über dort«, bemerkte der alte Smith. »Es ist also nicht im mindesten nötig, ausgerechnet heute den Herrn mit seinem Auto zu inkommodieren.«

»Aber bedenken Sie doch, wie sehr sich Ihre Schwester freuen wird, wenn sie Sie in einem Auto ankommen sieht!« rief Carver. »Machen Sie ihr doch die Freude, und seien Sie kein Egoist!«

»Richtig«, stimmte John zu und strahlte den Alten wohlwollend an. »Seien Sie doch kein Egoist, sondern machen Sie Ihrer Schwester die Freude. Es wird Ihnen bestimmt nichts passieren. Oder haben Sie etwa Angst?«

Smith dachte einige Augenblicke lang nach. Dann meinte er: »Na gut, ich will kein Egoist sein, und Angst habe ich auch keine, das können Sie mir glauben. Wenn Sie die Sache so hinstellen, dann komme ich mit.«

Die beiden fuhren ab. Die Zurückbleibenden winkten ihnen nach — anscheinend so fröhlich, als werde ein vergnügliches Ereignis gefeiert. Während aber Devine und der Priester nur aus Höflichkeit mittaten, sah es aus, als ob Carver dem Alten ein endgültiges Lebewohl zuwinkte. Einen Augenblick lang spürten beide die eigentümliche Kraft, die von der Persönlichkeit dieses Mannes ausging.

Sobald der Wagen außer Sicht war, wandte sich Carver ihnen zu und sagte nur kurz und bündig: »So!«

Es war eine herzliche Aufforderung, die aber das genaue Gegenteil einer Einladung darstellte und etwa besagte: Und nun macht, daß ihr wegkommt!

»Ich muß jetzt gehen«, sagte Devine. »Wir dürfen den eifrigen Bienenvater nicht stören. Leider verstehe ich von Bienen nur wenig; ich kann eine Biene kaum von einer Wespe unterscheiden.«

»Ich habe auch schon Wespen gehalten«, antwortete der geheimnisvolle Herr Carver.

Kaum waren sie auf der Straße, als Devine plötzlich zu seinem Begleiter meinte: »Eine recht merkwürdige Sache, finden Sie nicht auch?«

»Ja«, entgegnete Pater Brown. »Was halten Sie eigentlich von der Geschichte?«

Devine sah den kleinen Mann im schwarzen Rock an. Etwas im Blick seiner großen, grauen Augen ließ die Sorge, die er heute schon einmal gehabt hatte, neu aufleben. »Ich glaube«, sagte er, »daß es Carver sehr darum zu tun war, das Haus heute nacht für sich allein zu haben. Ist Ihnen das nicht aufgefallen, und haben Sie sich nicht auch schon Gedanken darüber gemacht?«

»Vielleicht habe ich mir meine Gedanken gemacht«, erwiderte der Priester, »aber ich weiß nicht, ob sie sich in derselben Richtung bewegen wie die Ihrigen.«

___________

Als an diesem Abend das letzte Grau der Dämmerung im Garten in der schwarzen Dunkelheit der Nacht versank, wanderte Opal Bankes durch die finsteren, leeren Räume ihres Elternhauses. Noch mehr als sonst waren ihre Gedanken der Wirklichkeit abgekehrt, und ein aufmerksamer Beobachter hätte bemerkt, daß ihr bleiches Gesicht noch blasser war als gewöhnlich. Das Haus war zwar mit gutbürgerlichem Luxus eingerichtet, wirkte als Ganzes gesehen aber doch trostlos: Es strömte jene geradezu greifbare Melancholie aus, die nicht so sehr von alten, wie von veralteten Sachen ausgeht. Die Räume beherbergten ein Sammelsurium aus der Mode gekommener Dinge in längst überholten Stilen. Hier und da brachten bunte Glasvasen aus der frühviktorianischenzeit einen Farbschimmer in das trübe Zwielicht. Durch die hohen Decken wirkten die langen Zimmer schmal, und am Ende des Raumes, durch den Opal Bankes jetzt gerade ging, war ein rundes Fenster, wie man es in Häusern jener Zeit nicht selten findet. In der Mitte des Zimmers angelangt, blieb sie plötzlich stehen — sie schwankte, als hätte ihr eine unsichtbare Hand ins Gesicht geschlagen.

Einen Augenblick später hörte sie durch die geschlossenen Zimmertüren ein gedämpftes Klopfen an der Haustür. Obwohl sie wußte, daß die übrigen Eamilienmitglieder sich in den oberen Räumen des Hauses aufhielten, fühlte sie sich durch eine ihr selbst unerklärliche Macht getrieben, selbst die Haustür zu öffnen. Auf der Schwelle stand — im Dämmer verschwommen — eine kleine Gestalt in Schwarz. Sofort erkannte Opal den katholischen Priester namens Brown. Sie war mit ihm nur ganz oberflächlich bekannt; immerhin war er ihr nicht unsympathisch. Nicht etwa, daß Pater Brown ihren spiritistischen Neigungen Vorschub geleistet hätte — ganz im Gegenteil. Aber er tat sie nicht lediglich mit einer Handbewegungab als etwas Uninteressantes, sondern schenkte ihnen ernste Beachtung. Es war also nicht so, daß er für ihre Ansichten kein Verständnis hatte, aber er war mit ihnen nicht einverstanden. All diese Gedanken fuhren ihr nun blitzschnell durch den Kopf, als sie, ohne Pater Brown zu begrüßen oder zu fragen, was ihn herführe, ihn ansprach:

»Ich bin so froh, daß Sie gekommen sind. Ich habe einen Geist gesehen.«

»Darüber brauchen Sie nicht beunruhigt zu sein«, entgegnete Pater Brown. »Das passiert oft. Die meisten Geister sind überhaupt keine Geister, und die paar, die vielleicht echt sind, werden Ihnen sicherlich nichts Böses tun. War es ein besonderer Geist?«

»Nein«, gestand sie mit einem vagen Gefühl der Erleichterung. »Die Erscheinung wirkte eigentlich gar nicht wie ein Geist, sondern eher wie eine Verkörperung scheußlicher Verwesung, wie das unheimliche Phosphoreszieren morscher Baumstämme. Es war ein Gesicht. Ein Geist am Fenster. Es glotzte bleich zum Fenster herein und sah aus wie der leibhaftige Judas.«

»Ja, es gibt Leute, die so aussehen«, meinte der Priester nachdenklich, »und sie blicken auch wohl zuweilen ins Fenster. Darf ich hereinkommen und mir das Zimmer einmal ansehen?«

Als sie jedoch mit dem Besucher in das Zimmer zurückkehrte, hatten sich dort schon andere Mitglieder der Familie versammelt, die mit der Geisterwelt nicht auf so vertrautem Fuß standen, und hatten das Licht angedreht. In Gegenwart der Hausfrau befleißigte sich Pater Brown der ausgesuchtesten Höflichkeit und entschuldigte sich wegen seines Eindringens.

»Seien Sie mir bitte nicht böse, gnädige Frau, wenn ich Sie noch zu so später Abendstunde belästige«, sagte er. »Aber ich denke, Sie werden sofort verstehen, daß das, was mich hierherführt, auch Sie betrifft. Ich war eben bei Pulmans drüben, als ich angerufen und gebeten wurde, sofort hierherzugehen, um hier auf einen Mann zu warten, der Ihnen eine für Sie sicherlich wichtige Mitteilung zu machen hat. Ich hätte sonst gewiß nicht mehr gestört, aber anscheinend wünscht man meine Anwesenheit, weil ich zufällig Zeuge der Vorgänge im Hause Pulman gewesen bin. Ich habe nämlich Alarm geschlagen.«

»Was ist denn passiert?« fragte die Dame des Hadses atemlos.

»Es ist drüben ein Einbruch verübt worden«, sagte Pater Brown ernst, »bei dem, wie ich fürchte, Lady Pulmans Juwelen gestohlen worden sind. Und ihr unglücklicher Sekretär, Herr Barnard, ist tot im Garten aufgefunden worden. Offensichtlich hat ihn der Einbrecher niedergeschossen, als Barnard ihn auf der Flucht aufhalten wollte.«

»Aber ich dachte doch«, rief Frau Bankes erstaunt, »daß gerade der Sekretär…«

Sie begegnete dem ernsten Blick des Priesters, und plötzlich verstummte sie.

»Ich habe mich mit der Polizei und mit noch jemandem, der an diesem Fall interessiert ist, in Verbindung gesetzt«, fuhr Pater Brown in seinem Bericht fort. »Wie man mir mitteilte, hat man schon bei einer oberflächlichen Untersuchung Fußspuren und Fingerabdrücke gefunden, die zusammen mit anderen Kennzeichen auf einen wohlbekannten Verbrecher hinweisen.«

An diesem Punkt wurde sein Bericht durch die Rückkehr John Bankes’ unterbrochen. Die Autofahrt schien kein gutes Ende genommen zu haben. Der alte Smith war doch wohl ein recht unerfreulicher Fahrgast gewesen.

»Der feige Kerl hat es mit der Angst bekommen«, verkündete John mit lauter Entrüstung. »Ist ausgenssen, wahrend ich einen Reifen untersuchte So einen dummen Bauern werde ich noch mal mitnehmen…«

Aber niemand schenkte ihm und seinem Lamento Beachtung. Alles stand um den Priester herum und lauschte gespannt seinem Bericht. Pater Brown fuhr mit der gleichen Zurückhaltung fort: »Es wird gleich jemand kommen, der mich hier ablösen wird. Wenn ich Ihnen diesen Mann vorgestellt habe, werde ich meine Pflicht als Zeuge in dieser traumigen Angelegenheit erfüllt haben. Ich möchte nur noch erwähnen, daß mir ein Dienstmädchen im Hause Pulman gesagt hat, sie habe an einem der Fenster ein Gesicht gesehen…«

»Ich habe auch ein Gesicht gesehen, und zwar hier im Haus vor einem unserer Fenster«, sagte Opal.

»Du siehst ja überall Gesichter«, bemerkte ihr Bruder John grob.

»Es ist immer gut, wenn man Tatsachen zu sehen vermag, auch wenn es sich um Gesichter handelt«, sagte Pater Brown, »und ich glaube, das Gesicht, das Sie gesehen haben…«

Er wurde unterbrochen durch ein Klopfen an der Haustür. Bald darauf wurde die Zimmertür geöffnet, und ein weiterer Besucher trat ein. Devine fuhr erstaunt aus seinem Sessel hoch, als er den Neuankömmling erblickte.

Es war ein großer, straff aufgerichteter Mann mit einem schmalen, leichenblassen Gesicht, das in einem mächtigen Kinn endete. Die hohe Stirn und die strahlend blauen Augen waren früher, als Devine den Mann zuerst gesehen hatte, durch einen breitkrempigen Strohhut verdeckt gewesen.

»Bleiben Sie doch bitte ruhig sitzen«, sagte der Mann, der sich Carver nannte, klar und höflich. Aber für den armen, verwirrten Devine hatte die Höflichkeit eine verdächtige Ähnlichkeit mit der eines Straßenräubers, der eine Menschengruppe mit der Pistole in Schach hält.

»Setzen Sie sich doch bitte, Herr Devine«, sagte Carver, »und wenn Frau Bankes erlaubt, werde ich Ihrem Beispiel folgen. Ich möchte Ihnen erklären, warum ich hier bin. Ich glaube, Sie hatten mich im Verdacht, ein berühmter Einbrecher zu sein.«

»Allerdings«, meinte Devine grimmig.

»Wie Sie selbst zu sagen beliebten«, sagte Carver, »ist es nicht immer leicht, eine Wespe von einer Biene zu unterscheiden.«

Nach einer Pause fuhr er fort: »Ich kann wohl von mir sagen, daß ich zu den nützlicheren, wenngleich ebenso lästigen Insekten gehöre. Ich bin Detektiv und habe mich hier aufgehalten, um nach dem Verbrecher zu fahnden, der den Namen Moonshine führt, denn man hatte uns berichtet, er habe seine Tätigkeit wieder aufgenommen. Juwelendiebstähle waren seine Spezialität, und drüben im Hause Pulman ist gerade ein solcher Diebstahl ausgeführt worden. Alle Spuren weisen auf Moonshine als den Täter hin. Nicht nur stimmen die Fingerabdrücke mit den seinen überein; wir haben noch etwas anderes in Erfahrung gebracht, das einwandfrei auf Moonshine hinweist. Vielleicht ist Ihnen bekannt, daß er sich, als er das letzte Mal festgenommen wurde und wahrscheinlich auch schon bei früheren Anlässen, auf eine ebenso einfache wie wirksame Weise unkenntlich gemachthat, nämlich durch einen roten Bart und eine große Hornbrille.«

Opal Bankes lehnte sich mit brennenden Augen vor.

»Ja, das stimmt genau!« rief sie aufgeregt. »Dieses Gesicht habe ich gesehen, ein Gesicht mit einer großen Brille und einem roten, zerzausten Judasbart. Ich habe gemeint, es sei ein Geist.«

»Denselben Geist hat auch das Dienstmädchen bei Pulmans gesehen«, entgegnete Carver trocken.

Er legte einige Papiere und Päckchen vor sich auf den Tisch und begann, sie sorgfältig auseinanderzufalten. »Wie gesagt«, fuhr er fort, »ich wurde hierhergeschickt, um diesem Moonshine nachzuspüren. Darum habe ich mich für die Bienenzucht interessiert und bin zu Herrn Smith gezogen.«

Keiner sagte etwas. Schließlich fuhr Devine auf: »Sie wollen doch nicht im Ernst behaupten, daß dieser nette, alte Mann…«

»Hören Sie mal, Herr Devine«, unterbrach ihn Carver lächelnd, »Sie glaubten, der Bienenstand sei nur ein Versteck für mich gewesen. Warum sollte er nicht auch für ihn ein Versteck sein?«

Devine nickte düster vor sich hin, und der Detektiv wandte sich wieder seinen Papieren zu. »Da ich also Smith im Verdacht hatte, wollte ich ihn aus dem Hause haben, um in Ruhe seine Sachen durchsuchen zu können. Dabei kam mir Herrn Bankes’ freundliche Einladung sehr zustatten, und deshalb habe ich Herrn Smith auch so ermuntert, doch mitzufahren. Als ich nun das Haus untersuchte, fand ich einige Sachen, die man bei einem alten, scheinbar nur an Bienenzucht interessierten Landmann nicht hätte vermuten sollen. Unter anderem habe ich dies hier gefunden.« Und er zog aus einem der Päckchen einen langen, fast scharlachroten Gegenstand hervor — einen Bart, wie er auf der Bühne getragen Wird. Und daneben lag eine alte, schwere Hornbrille.

»Ich habe aber außerdem etwas gefunden«, fuhr Carver fort, »das in engerer Beziehung zu diesem Haus steht und deshalb sicherlich mein Eindringen zu so später Stunde rechtfertigt. Ich fand nämlich eine Aufstellung über die in der Nachbarschaft vorhandenen Schmucksachen und ihren mutmaßlichen Wert. Gleich nach Lady Pulmans Diadem wird ein Smaragdhalsband erwähnt, das sich im Besitz von Frau Bankes befindet.«

Frau Bankes, die bis jetzt die beiden späten Besucher mit hochmütigem Staunen betrachtet hatte, wurde plötzlich aufmerksam. Sie sah sofort erheblich älter und intelligenter aus. Aber noch bevor sie etwas sagen konnte, hatte sich schon der stürmische John wie ein trompetender Elefant zu seiner ganzen Höhe aufgereckt. »Das ist ja gut!« brüllte er. »Das Diadem ist bereits weg. Da muß ich doch gleich nachsehen, ob das Halsband nicht auch schon verschwunden ist!«

»Kein schlechter Gedanke«, sagte Carver, als der junge Mann aus dem Zimmer stürzte. »Natürlich haben wir unsere Augen offengehalten, seit wir hier sind, aber die Entzifferung der chiffrierten Liste hat mich doch etwas aufgehalten. Als Pater Brown mich anrief, war ich gerade damit fertig. Ich bat ihn, sofort hierherzugehen und Sie auf die Gefahr aufmerksam zu machen; ich wollte ihm möglichst schnell folgen, und so…«

Ein schriller Schrei unterbrach seine Erklärungen. Opal war aufgesprungen und zeigte starr auf das runde Fenster.

»Da ist es wieder!« rief sie.

Alle Gesichter flogen herum, und für wenige Sekunden sahen sie wirklich etwas — etwas, das die so oft gegen die junge Dame erhobene Beschuldigung, sie sei eine Lügnerin und ein hysterisches Frauenzimmer, zunichte machte. Vor der schieferblauen Dunkelheit draußen hob sich ein Gesicht ab: leichenblaß. Jedenfalls schien es so, weil es gegen die Scheibe gepreßt war. Die weit aufgerissenen, wie mit Ringen umgebenen Augen ließen an einen Fisch denken, der aus dem dunkelblauen Meereswasser durch das Bullauge eines Schiffes glotzt. Kiemen und Flossen dieses seltsamen Fisches waren kupferrot — die entsetzten Betrachter erkannten den brennendroten Bart. Schon im nächsten Augenblick war das Gesicht verschwunden.

Devine war mit einem einzigen Satz auf das Fenster losgestürzt, als plötzlich ein ohrenbetäubendes Geschrei das Haus erschütterte. Man konnte zwar keine einzige Silbe verstehen, aber Devine erriet sofort, was geschehen war.

»Der Halsschmuck ist weg!« brüllte John Bankes. Er erschien einen Augenblick groß und mächtig in der Tür und verschwand wieder wie ein jagdhund, der die Fährte aufnimmt.

»Den Dieb haben wir eben am Fenster vorbeikommen sehen!« rief der Detektiv, stürzte auf die Tür zu und hinter John her, der bereits im Garten war.

»Vorsicht!« kreischte Frau Bankes. »Diebe haben meistens Waffen bei sich!«

»Ich auch!« kam die Stimme des furchtlosen John aus der Tiefe des Gartens.

Tatsächlich hatte Devine bemerkt, daß der junge Mann drohend einen Revolver in der Hand schwang, als er hinausstürmte, aber er hoffte, er werde es nicht nötig haben, sich zu verteidigen.

Aber kaum war ihm dieser Gedanke durch den Kopf gegangen, als zwei Schüsse aufpeitschten, kurz hintereinander, zuerst der eine, dann der andere. Der stille Vorstadtgarten hallte vom Knall wider, dann wurde es ganz still.

»Ob John… tot ist?« fragte Opal mit leiser, zitternder Stimme. Pater Brown war bereits tiefer in den dunklen Garten vorgedrungen. Hier stand er, den Rücken dem Haus zugekehrt, und sah auf den Boden nieder. Er war es, der schließlich antwortete.

»Nein«, sagte er, »es ist der andere.«

Carver war zu ihm getreten, und die beiden Männer, von denen der eine den anderen weit überragte, entzogen den übrigen den Anblick, den ihnen der bleiche, nur ab und zu hinter den jagenden Wolken hervorbrechende Mond ohnehin schwer genug gewährt hätte. Dann traten sie auf die Seite, und die anderen sahen im Mondlicht eine kleine, hagere Gestalt liegen, im Todeskampf verkrümmt und nun starr. Wie eine Anklage flammte der falsche rote Bart zum Himmel empor, und der Mond spiegelte sich in den großen Brillengläsern des Mannes, der zu Lebzeiten den Namen Moonshine geführt hatte — Mondschein.

»Was für ein Ende«, murmelte der Detektiv Carver. »Nach so vielen Abenteuern fast zufällig von einem Effektenmakler in einem Vorstadtgarten niedergeschossen zu werden!«

Der glorreiche Schütze John jedoch genoß seinen Triumph, stolzgeschwellt, wenngleich er eine gewisse Nervosität nicht verbergen konnte.

»Es blieb mir nichts anderes übrig«, stieß er hervor, noch vor Anstrengung keuchend. »Es tut mir leid, daß ich ihn niederschießen mußte, aber er hat zuerst auf mich geschossen.«

»Es wird natürlich eine gerichtliche Untersuchung geben«, sagte Carver. »Aber ich denke, Sie brauchen sich deswegen nicht zu beunruhigen. Aus dem Revolver, der seiner Hand entfallen ist, ist ein Schuß abgegeben worden, und er hat sicherlich nicht mehr geschossen, nachdem er Ihre Kugel im Leib hatte.«

Währenddessen hatten sie sich schon wieder ins Zimmer zurückbegeben, und der Detektiv packte seine Sachen zusammen. Pater Brown stand ihm gegenüber und blickte, wie in tiefes Nachdenken versunken auf den Tisch. Dann sagte er plötzilich:

»Herr Carver, Sie haben diesen Fall in wirklich überragender Weise geklärt. Ich hatte eigentlich kein allzu großes Vertrauen in Ihr routinemäßiges Vorgehen, aber ich bin erstaunt, wie schnell Sie das alles zu einem einheitlichen Bild zusammengefügt haben — die Bienen, den Bart, die Brille, die chiffrierte Liste, den Halsschmuck und all das andere.«

»Es ist immer befriedigend, wenn man einen Fall richtig abzurunden versteht«, bemerkte Carver.

»Sicher«, meinte Pater Brown, noch immer auf den Tisch sehend. »Ich muß sagen, ich bewundere Sie.« Dann setzte er mit einer Ruhe, die einem auf die Nerven gehen konnte, hinzu: »Aber, ehrlich gesagt, ich glaube kein Wort davon.«

Devine wurde plötzlich aufmerksam. Er lehnte sich vor: »Glauben Sie nicht, daß der Einbrecher Moonshine ist?«

»Ich weiß, daß er der Einbrecher ist, aber ich weiß auch, daß er nicht eingebrochen hat«, entgegnete Pater Brown. »Ich weiß, daß er weder zum Haus Pulman noch hierher gekommen ist, um Juwelen zu stehlen oder sich bei ihrem Fortschaffen erschießen zu lassen. Wo sind denn überhaupt die Juwelen?«

»Wahrscheinlich dort, wo sie gewöhnlich in solchen Fällen sind«, sagte Carver. »Er hat sie entweder versteckt oder einem Komplicen übergeben. An diesem Einbruch waren sicherlich mehrere beteiligt. Meine Leute sind eben damit beschäftigt, den Garten zu durchsuchen und die Nachbarn zu warnen.«

»Vielleicht«, äußerte Frau Bankes, »hat der Komplice den Halsschmuck gestohlen, während Moonshine zum Fenster hereinsah.«

»Warum aber hat Moonshine überhaupt zum Fenster hereingesehen?« fragte Pater Brown ruhig. »Welchen Grund könnte er denn gehabt haben, zum Fenster hereinzuschauen?«

»Was glauben Sie denn?« rief John, der seine gute Laune wiedergefunden zu haben schien.

»Ich glaube«, sagte Pater Brown langsam, »daß er niemals die Absicht gehabt hat, zu diesem Fenster hereinzusehen.«

»Na, hören Sie mal, aber er hat doch hereingesehen«, meinte Carver leicht verärgert. »Was reden Sie denn da zusammen? Wir haben es doch schließlich alle gesehen!«

»Ich habe schon vieles gesehen, an dessen Wirklichkeit ich nicht glaube«, entgegnete der Priester. »Und auch Sie werden schon so manches gesehen haben, das nur Theater war — und nicht nur auf der Bühne!«

»Pater Brown«, sagte Devine respektvoll, »wollen Sie uns bitte sagen, warum Sie in diesem Fall nicht Ihren Augen glauben können?«

»Schön, ich will es versuchen«, antwortete der Priester. Dann fuhr er mit großer Milde fort: »Sie kennen mich und meinesgleichen. Wir mischen uns nicht viel in Ihre Angelegenheiten. Wir versuchen, mit allen unseren Mitmenschen gut auszukommen. Aber Sie dürfen deshalb nicht etwa glauben, daß wir nichts tun und nichts wissen. Wir beschränken uns auf unseren Beruf, auf unsere seelsorgerischen Aufgaben, aber diese kennen wir, und wir kennen auch unsere Leute. Auch den Toten draußen habe ich sehr gut gekannt, denn ich war sein Beichtvater und sein Freund. Soweit es einem Menschen überhaupt möglich ist, kannte ich sein Innerstes, und ich kannte es auch, als er heute seinen Garten verließ. Ich kann Ihnen sagen, sein Inneres war wie ein gläserner Bienenkorb voller goldener Bienen. Wenn man sagen würde, seine Bekehrung war aufrichtig, so hätte man noch viel zuwenig gesagt. Er war einer jener großen Büßer, denen die aufrichtige Reue mehr Segen bringt als anderen ihre Tugend. Ich habe gesagt, ich war sein Beichtvater; in Wirklichkeit aber war ich es, der zu ihm ging, um mir bei ihm Trost und Mut zu holen. Es tat mir gut, in der Nähe eines so gütigen Menschen zu sein. Und als ich ihn nun vorhin tot im Garten liegen sah, da war es mir, als hörte ich eine geheimnisvolle Stimme jene alten Worte sprechen, die wir in der Bibel finden. Ja, wenn jemals ein Mensch direkt in den Himmel kam, dann wohl er…«

»Zum Teufel noch mal«, fuhr John Bankes nervös auf, »schließlich war er doch ein auf frischer Tat ertappter Dieb.«

»Das leugne ich nicht«, entgegnete Pater Brown, »aber denken Sie daran: Nur ein überführter und verurteilter Dieb hat einst als einziger Mensch auf dieser Welt das Versprechen gehört: ›Noch heute wirst du bei mir im Paradies sein!‹«

Verlegen schwiegen alle, bis schließlich Devine die Frage stellte: »Aber wie erklären Sie sich denn die ganze Geschichte?«

Der Priester schüttelte den Kopf. »Im Augenblick habe ich überhaupt noch keine Erklärung«, sagte er zurückhaltend. »Es sind mir zwar einige seltsame Sachen aufgefallen, aber ich kann sie noch nicht in Zusammenhang bringen. Bis jetzt habe ich, um die Unschuld dieses Mannes zu beweisen, nur den Toten selbst. Aber ich bin fest davon überzeugt, daß ich mich nicht irre.«

Er seufzte tief auf und griff nach seinem großen schwarzen Hut. Als er ihn gerade aufheben wollte, blieb er plötzlich wie erstarrt stehen, seinen kugelrunden Kopf mit den kurzgeschnittenen Haaren spähend vorgestreckt, die Augen verblüfft aufgerissen. Auch die anderen blickten verwundert auf den Tisch, konnten aber dort nichts sehen als das, was der Detektiv hingelegt hatte: den alten Theaterbart und die Brille.

»Merkwürdig«, murmelte Pater Brown, »der Tote draußen hat doch Bart und Brille an!« Er ging plötzlich auf Devine zu. »Sie haben mich vorhin nach Anhaltspunkten gefragt. Hier haben Sie etwas, das Sie interessieren dürfte: Warum hatte er wohl zwei Bärte?«

Damit verließ er in seiner unkonventionellen Art das Zimmer. Devine, der vor Neugierde fast platzte, folgte ihm in den Garten. »Ich kann Ihnen jetzt noch nichts sagen«, beruhigte ihn Pater Brown. »Noch bin ich nicht ganz sicher, ob meine Vermutung stimmt, und ich weiß auch nicht, was ich unternehmen soll. Besuchen Sie mich doch morgen, dann kann ich Ihnen wohl die ganze Sache erklären. Für mich ist das Rätsel vielleicht jetzt schon gelöst, und… Was ist denn das?«

»Ach, da fährt nur ein Auto weg«, bemerkte Devine.

»Das Auto des Herrn John Bankes«, sagte der Priester. »Soviel ich weiß, ist das ein sehr schneller Wagen.«

»John wenigstens ist dieser Meinung«, meinte Devine lächelnd. »Es wird heute nacht sehr schnell und sehr weit fahren«, sagte Pater Brown.

»Was wollen Sie damit sagen?« fragte der andere.

»Ich will damit sagen, daß John Bankes nicht zurückkehren wird«, antwortete der Priester. »Er hat aus dem, was ich sagte, Verdacht geschöpft. John Bankes ist fort und mit ihm auch die Smaragde und all die anderen Schmucksachen.«

___________

Als Devine am folgenden Tag Pater Brown aufsuchte, fand er ihn vor den Bienenkörben auf und ab gehen. Er trauerte um den Verlust seines Freundes, und doch zeigte sich auf seinen Zügen eine gewisse Heiterkeit.

»Ich habe die Bienen gezählt«, sagte er. »Sie wissen doch, daß man die Bienen zählen muß?« Träumerisch schaute er auf die summenden Bienenkörbe, dann fuhr er fort: »Er wird sich sicher freuen, wenn man nach seinen Bienen sieht.«

»Aber vergessen Sie dabei bitte nicht die Menschen, die schon vor Neugierde brennen«, bemerkte der junge Mann. »Es hat sich herausgestellt, daß Sie ganz recht hatten, als Sie annahmen, John Bankes sei mit den Schmucksachen durchgebrannt. Aber wie haben Sie das herausgebracht, wie sind Sie überhaupt daraufgekommen, daß die Sache nicht stimmte?«

Pater Brown blinzelte wohlgefällig zu den Bienenkörben hin und sagte:

»Man stolpert sozusagen über manche Dinge, und gleich zu Anfang lag so ein Stein des Anstoßes im Wege. Es gab mir zu denken, daß der arme Barnard in Beechwood House getötet worden war. Nun hat aber Michael Moonshine selbst zu einer Zeit, da er der berüchtigte und gefürchtete Meistereinbrecher war, es stets als Ehrensache angesehen, ja, er hat seinen persönlichen Stolz dareingesetzt, seine Einbrüche zu bewerkstelligen, ohne je ein Menschenleben zu gefährden. Es schien mir ganz undenkbar, daß er jetzt, da er doch wirklich ein Heiliger geworden war, plötzlich seine früheren Grundsätze verleugnen und eine Todsünde begehen sollte, die er schon verabscheut hatte, als er noch selbst ein Sünder war. Über alles andere war ich mir bis zuletzt noch nicht im klaren; das einzige, was ich wußte, war, daß die Sache so, wie sie sich zuerst ausnahm, nicht stimmen konnte. Als ich aber den Bart und die Brille auf dem Tisch sah, ging mir schließlich ein Licht auf, denn mir fiel ein, daß der Einbrecher ja auch Bart und Brille getragen hatte, als er tot im Garten lag. Es hätte zwar sein können, daß er die Sachen doppelt besaß; aber es war doch merkwürdig, daß er dann nicht den alten Bart und die alte Brille benutzt hatte, die doch beide noch in gutem Zustand waren. Natürlich wäre es auch denkbar gewesen, daß er die Sachen zu Hause gelassen hatte und so gezwungen war, sich neue zu verschaffen; aber dies schien mir doch recht unwahrscheinlich. Niemand konnte ihn ja zwingen, zu John Bankes ins Auto zu steigen, und selbst dann hätte er leicht seine Ausrüstung in die Tasche stecken können, wenn er wirklich die Absicht gehabt hätte, irgendwo einzubrechen. Und schließlich mußte er sich doch sagen, daß er sich einen solchen Bart und eine solche Brille in der ihm zur Verfügung stehenden Zeit nicht ohne große Schwierigkeiten hätte beschaffen können. Nein — je mehr ich darüber nachdachte, um so mehr hatte ich das Gefühl, daß hier etwas nicht stimmte. Und dann begann mir die Wahrheit, die ich instinktiv bereits geahnt hatte, auch im Verstand heraufzudämmern. Michael hatte, als er in Bankes’ Wagen stieg, nicht im entferntesten die Absicht, seine alte Verkleidung anzulegen. Und er hat sie auch niemals angelegt. Ein anderer, der sie vorher in aller Ruhe nachgeahmt hat, war es, der sie ihm angelegt hat.«

»Ihm angelegt?« wiederholte Devine erstaunt. »Wie hat er denn das tun können?«

»Lassen Sie uns zurückgehen«, sagte Pater Brown, »und die Sache einmal durch ein anderes Fenster betrachten — das Fenster, durch das die junge Opal Bankes den Geist gesehen hat.«

»Den Geist?« warf Devine fragend ein.

»Sie hat ihn für einen Geist gehalten«, meinte der kleine Mann ruhig, »und vielleicht hatte sie damit gar nicht einmal so unrecht. Daß sie mediale Fähigkeiten hat, stimmt schon. Sie begeht dabei nur immer den Fehler zu glauben, daß diese Fähigkeiten eine besondere Vergeistigung verraten. Es gibt aber sogar Tiere, die medial veranlagt sind. Auf jeden Fall aber ist sie sehr sensibel, und sie hatte durchaus recht, als sie meinte, daß das Gesicht am Fenster von schrecklichem Todesgrauen umwittert war.«

»Wollen Sie sagen…« begann Devine.

»Ich möchte damit sagen, daß eine Leiche zum Fenster hereingeschaut hat«, fuhr Pater Brown fort. »Es war ein Toter, der um die verschiedenen Häuser herumgekrochen ist und in mehr als ein Fenster hineingesehen hat. Gräßlich, nicht wahr? Aber es war eigentlich genau das Gegenteil eines Geistes, denn es war nicht die von den Fesseln des Leibes befreite Seele, sondern die leere Hülle eines Körpers, den die Seele verlassen hatte.«

Er blinzelte wieder zu den Bienenkörben hin und setzte hinzu: »Aber die kürzeste Erklärung läßt sich geben, wenn man vom Täter ausgeht. Sie kennen ihn. Es ist John Bankes.«

»Dem hätte ich es am allerwenigsten zugetraut«, antwortete Devine.

»Er war aber der erste, an den ich gedacht habe«, entgegnete Pater Brown, »soweit man überhaupt ohne feste Anhaltspunkte das Recht hat, jemanden zu verdächtigen. Mein lieber Freund, es gibt keine ›guten‹ oder ›schlechten‹ sozialen Typen oder Berufe. Jeder Mensch kann ein Mörder sein wie John Bankes, und jeder Mensch, sogar derselbe Mensch, kann auch ein Heiliger sein wie der arme Michael. Aber wenn es einen Menschentyp gibt, der in Gefahr gerät, nach der schlimmsten Gottlosigkeit hin zu tendieren, so sind es jene Menschen, die einem brutalen und rücksichtslosen Geschäftsgeist verfallen sind. Sie haben keine sozialen Ideale, von Religion ganz zu schweigen, sie haben weder die Kultur eines Gentleman noch das Klassengefühl eines organisierten Arbeiters. Wenn John Bankes sich rühmte, gute Geschäfte gemacht zu haben, so bedeutete dies bei ihm nur, daß er andere übers Ohr gehauen hatte. Sein Spott über die spiritistischen Neigungen seiner Schwester war abscheulich. Natürlich ist ihr Mystizismus heller Unsinn; er aber haßte diese ganze Geisterseherei nur deshalb, weil sie etwas mit Geist zu tun hatte. Auf jeden Fall besteht kein Zweifel daran, daß er der Schurke in dieser Sache ist; interessant ist nur die gemeine Niederträchtigkeit, mit der er zu Werke ging. Er hat Moonshine ermordet aus einem Motiv heraus, das wirklich neu und einzigartig ist. Er mordete, um den Körper des Toten als Staffage, als eine Art schreckliche Geisterpuppe zu gebrauchen. Zuerst hatte er eigentlich nur den Plan gehabt, Michael im Auto zu töten, um dann den Leichnam mit nach Hause zu nehmen und so zu tun, als habe er ihn als Einbrecher im Garten aufgestöbert und erschossen. Daß dieser anfängliche Plan eine so phantastische Erweiterung fand, folgte fast zwangsläufig aus der Tatsache, daß er nachts in seinem geschlossenen Auto den Leichnam eines bekannten und leicht zu identifizierenden Einbrechers zur Verfügung hatte. Er konnte also überall dessen Fingerabdrücke und Pußspuren hinterlassen und das bekannte Gesicht in den Fenstern auftauchen lassen. Sie werden sich erinnern, daß Moonshine gerade am Fenster erschien und verschwand, kurz nachdem John Bankes das Zimmer verlassen hatte, angeblich um nach dem Halsschmuck zu sehen.

Schließlich brauchte der Mörder nur noch den Leichnam auf den Rasen zu werfen und aus jedem Revolver einen Schuß abzufeuern. Die Wahrheit wäre vielleicht nie herausgekommen, wenn mir die zwei Bärte nicht verdächtig vorgekommen wären.«

»Nun würde es mich aber doch noch interessieren«, meinte Devine nachdenklich, »warum Ihr Freund Michael den alten Bart bei sich bewahrt hat.«

»Nun, ich kannte ihn, und mir erscheint das ganz natürlich«, erwiderte Pater Brown. »Er stand zuletzt seinem ganzen früheren Leben so gegenüber wie dem alten falschen Bart. Nicht daß er etwas Falsches vorspiegeln wollte, nicht daß er die alte Verkleidung noch gebraucht hätte — aber er hatte auch keine Angst vor ihr. Er würde es nicht als recht empfunden haben, wenn er den alten Bart vernichtet hätte. Das wäre ihm sicherlich so vorgekommen, als wolle er sich verstecken; aber er versteckte sich nicht, weder vor Gott noch vor sich selbst. Er scheute das Licht des Tages nicht. Er war von einer inneren Fröhlichkeit, die auch dann nicht hätte zerbrochen werden können, wenn man ihn ins Zuchthaus zurückgebracht hätte. Das Urteil der Menschen konnte ihm nichts mehr anhaben. Es war etwas Seltsames um ihn — fast so seltsam wie der groteske Totentanz, den er noch nach seinem Tod hat aufführen müssen. Schon als er sich noch lächelnd hier unter den Bienenstöcken bewegte, war er in einem gewissen Sinn tot. Er war dem Urteil dieser Welt entzogen.«

Es trat eine kurze Pause ein. Dann zuckte Devine die Schultern und sagte: »Ja, das schlimme ist eben, daß sich die Wespen und Bienen in dieser Welt so ähnlich sehen.«

Das Lied an die fliegenden Fische

Für Herrn Peregrinus Smart gab es nur ein einziges in der Welt, das ihm Lebensinhalt und größte Freude war. An und für sich war es ein harmloses Vergnügen; es bestand darin, alle Leute zu fragen, ob sie schon seine Goldfische gesehen hätten. Freilich Waren diese Goldfische auch ein kostspieliges Vergnügen, doch für Herrn Smart bestand das Vergnügen weniger im materiellen Wert seines Schatzes als in der Freude, all seine Bekannten mit der Frage nach seinen Goldfischen zu beglücken. Wenn er nämlich mit seinen Nachbarn ins Gespräch kam, die die neuen, rings um den alten Dorfanger aufgeschossenen Häuser bewohnten, dann versuchte er stets, so schnell wie nur möglich das Gespräch auf seine Liebhaberei zu bringen. Bei Doktor Burdock, einem jungen Biologen mit energisch vorspringendem Kinn und nach deutscher Art zürückgebürstetem Haar, machte er es sich leicht: »Sie interessieren sich doch für Naturgeschichte; haben Sie meine Goldfische schon gesehen?« Einem so orthodoxen Anhänger der Entwicklungstheorie war zwar alle Natur eins; dennoch war die Verbindung zu den Goldfischen leider gar nicht so leicht herzustellen, da er als Spezialist sich gänzlich auf die paläontologische Vorfahrenreihe der Giraffen verlegt hatte. Sprach er mit Pater Brown, dem Pfarrer an einer Kirche der benachbarten Provinzstadt, so machte er in Blitzesschnelle folgenden gewaltigen Gedankensprung: Rom — St. Peter — Fischer — Fische — Goldfische. Im Gespräch mit Herrn Imlack Smith, dem Bankdirektor, einem schmächtigen, gutgekleideten, bleichen Mann von sehr ruhigen gen Umgangsformen, steuerte er die Unterhaltung mit aller Gewalt auf die Goldwährung hin, von der es dann bis zum Goldfisch natürlich nur noch ein kleiner Schritt war. Dem berühmten Orientreisenden und Gelehrten Graf Yvon de Lara — dessen Titel französisch und dessen Gesicht russisch, um nicht zu sagen: tatarisch war — zeigte der gewandte Causeur ein lebhaftes Interesse für den Ganges und den Indischen Ozean, worauf dann ganz von selbst die Rede auf das mögliche Vorhandensein von Goldfischen in jenen Gewässern kam. Aus Herrn Harry Hartopp, einem ebenso reichen wie schüchternen und schweigsamen jungen Herrn, hatte er schließlich nach langer Fragerei die Mitteilung herausgepreßt, daß besagter verwirrter Jüngling sich nicht fürs Fischen interessierte, und ihn umgehend gefragt: »Da wir gerade vom Fischen sprechen — haben Sie eigentlich meine Goldfische schon gesehen?«

Diese vielzitiefien Goldfische hatten die eigentümliche Eigenschaft, daß sie tatsächlich aus Gold bestanden. Sie waren Teil einer exzentrischen, aber kostspieligen Spielerei, die angeblich der Laune eines orientalischen Fürsten entsprungen sein sollte. Herr Smart hatte sie auf einer Auktion oder in einem Antiquitätengeschäft erstanden, denn er liebte es, sein Haus mit allen möglichen ausgefallenen und nutzlosen Dingen vollzustopfen. Sah man dieses sein Spielzeug aus der Ferne, dann erblickte man ein recht ungewöhnlich großes Gefäß, in dem nicht minder ungewöhnlich große Fische herumschwammen. Bei näherem Zusehen erwies es sich jedoch als ein wunderschön geblasenes venezianisches Glas, das mit einer sehr dünnen und zarten Schicht einer schwach leuchtenden Farbe bedeckt war; im Innern hingen groteske Fische mit großen Rubinaugen. Allein das Material hatte bereits einen recht beträchtlichen Wert, ganz zu schweigen von dem Liebhaberwert, den diese kunstvolle Kuriosität bei Sammlern haben mußte. Herrn Smarts neuer Sekretär, ein junger Mann namens Francis Boyle, war, obschon Irländer und nicht gerade als besonders vorsichtig verschrien, doch etwas überrascht, daß Herr Smart so offenherzig über dieses Prunkstück seiner Sammlung sprach, und das gar zu Leuten, die ihm verhältnismäßig fremd waren und sich mehr oder weniger zufällig in der Nachbarschaft angesiedelt hatten; denn Sammler sind doch sonst sehr wachsam und oft äußerst zurückhaltend. Wie er sich aber allmählich in seinen neuen Aufgabenkreis einlebte, entdeckte Herr Boyle, daß er nicht der einzige war, der sich darüber wunderte; die anderen Angehörigen des Haushalts tadelten bereits mit ernster Miene das Betragen ihres Herrn.

»Es ist beinahe ein Wunder, daß man ihm noch nicht die Kehle durchgeschnitten hat«, meinte Harris, Herr Smarts Diener, und fast klang es, als bedaure er, daß es noch nicht geschehen sei.

»Es ist nicht zu glauben, wie er seine Sachen herumstehen läßt«, sagte Jameson, Herr Smarts Buchhalter, der sein Büro für kurze Zeit verlassen hatte, um den neuen Sekretär in sein Amt einzuführen. »Und dabei legt er nicht einmal Wert darauf, daß die alte, baufällige Tür mit den nicht minder baufälligen Eisenstangen verriegelt wird.«

»Bei Pater Brown und dem Doktor geht’s ja noch halbwegs«, setzte Herrn Smarts Haushälterin mit vielsagender Miene, wie sie meist zu sprechen pflegte, hinzu. »Wenn es sich aber um Ausländer handelt, so nenne ich das die Vorsehung herausfordern. Und übrigens meine ich nicht nur den Grafen; auch der Bankmensch sieht mir für einen Engländer viel zu unenglisch aus.«

»Dafür ist der junge Hartopp ein Engländer bis auf die Knochen«, meinte Boyle scherzend. »Er treibt sein Schweigen so weit, daß er gleich gar nichts sagt.«

»Um so mehr denkt er«, entgegnete die Haushälterin. »Er ist vielleicht kein Ausländer, aber so dumm, wie er aussieht, ist er nicht. Wer sich ausländisch benimmt, ist nun einmal für mich ein Ausländer«, schloß sie etwas sibyllenhaft dunkel.

Vielleicht hätte sie ihrer Mißbilligung in noch schärferen Worten Ausdruck verliehen, wenn sie die Unterhaltung hätte hören können, die noch am selben Nachmittag im Salon ihres Herrn geführt wurde. Wie immer sprach man über die Goldfische, aber allmählich schob sich der abenteuerliche Orientreisende mehr und mehr in den Vordergrund. Nicht, daß er viel gesprochen hätte — aber schon sein Schweigen hatte etwas Beredtes und Bedeutendes an sich. Wie ein dunkel dräuender Berg thronte er auf einem Haufen Kissen und wirkte so noch massiger, als er ohnehin schon war. Aus der aufkommenden Dämmerung trat leuchtend sein mongolisches Gesicht hervor wie ein blasser Vollmond. Vielleicht war es auch der Hintergrund, vor dem er saß, der seinem Gesicht und seiner ganzen Gestalt etwas derartig Asiatisches verlieh: Im ganzen Raum häuften sich nämlich mehr oder weniger kostbare Kuriositäten, darunter zahlreiche asiatische Waffen, Pfeifen und Vasen, Musikinstrumente und bunte Handschriften aus dem Fernen Osten. Boyle jedenfalls hatte, je länger die Unterhaltung dauerte, immer mehr das Gefühl, daß die dunkel gegen die Dämmerung sich abhebende Gestalt auf den Kissen allmählich einem riesigen Buddhabild täuschend ähnlich wurde.

Die Unterhaltung war allgemein, denn der ganze kleine Nachbarnkreis hatte sich zusammengefunden. Die Einwohner der vier oder fünf um den Dorfanger stehenden Häuser hatten die Gewohnheit, sich des öfteren gegenseitig zu besuchen, und allmählich hatte sich so eine Art Klub gebildet. Smarts Haus war unter den Gebäuden bei weitem das älteste, größte und malerischste. Es nahm fast eine ganze Seite des Wiesenvierecks ein und ließ nur Platz für eine kleine Villa, die von einem pensionierten Oberst namens Varney bewohnt wurde, der dem Vernehmen nach krank sein sollte. Noch niemand hatte ihn zu Gesicht bekommen. Im rechten Winkel zu diesen beiden Häusern standen zwei oder drei kleine Kaufläden; daran anstoßend erhob sich an der Ecke der Gasthof »Zum blauen Drachen«, in dem Hartopp, der Fremde aus London, zur Zeit wohnte. Auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes standen drei Häuser, von denen das erste von dem Grafen de Lara, das zweite von Doktor Burdock gemietet war, während das dritte noch leerstand. Auf der vierten Seite schließlich befanden sich die Bank und ein Haus, in dem der Bankdirektor wohnte; den Abschluß bildete ein Stück noch unbebautes Land, das durch einen Bretterzaun abgegrenzt war. Der Rand der Dorfwiese war also nicht übermäßig bevölkert, und da sich auf allen Seiten um den Weiler offenes Land erstreckte, waren die Bewohner mehr und mehr auf gegenseitigen gesellschaftlichen Verkehr angewiesen. An diesem Nachmittag jedoch war ein Fremder in ihren Kreis eingebrochen, ein Mann mit scharfgeschnittenen Zügen und buschigen Augenbrauen und einem ebensolchen Schnurrbart. Er war so schäbig gekleidet, daß er entweder ein Millionär oder ein Herzog sein mußte, wenn er wirklich, wie behauptet wurde, hierhergekommen war, um mit dem alten Sammler ein Geschäft zu machen. Aus seinem Namen konnte man allerdings nichts entnehmen, denn er ließ sich im »Blauen Drachen« als »Herr Harmer« ansprechen.

Er hatte soeben das Loblied auf die goldenen Fische über sich ergehen lassen müssen, und man hatte ihm auch die Bedenken mitgeteilt, die hinsichtlich ihrer Bewachung bestanden.

»Man sagt mir immer, ich solle sorgfältiger auf sie aufpassen und sie wegschließen«, bemerkte Herr Smart, indem er mit einem verschmitzten Blick über die Schulter auf Jameson deutete, der mit einigen Geschäftspapieren in der Hand hinter ihm stand. Smart war ein kleiner, rundlicher älter Herr mit einem ebenso rundlichen Gesicht und erinnerte in manchem an einen gerupften Papagei. »Jameson und Harris und die anderen liegen mir immer in den Ohren, ich solle die Tür doch ja mit eisernen Stangen verriegeln, als wäre das Haus eine Burg. Ich dagegen bin der Meinung, daß die alten, verrosteten Stangen doch gar zu mittelalterlich sind, um einen Verbrecher abhalten zu können. Ich vertraue lieber auf das Glück und auf die Polizei.«

»Der beste Verschluß muß nicht unbedingt auch der sicherste sein«, meinte der Graf. »Es kommt ganz darauf an, wer den Versuch unternimmt, ihn zu durchbrechen. Vielleicht kennen Sie die Geschichte jenes Hindu-Eremiten, der nackt in einer Höhle hauste und dem es gelang, durch die drei Armeen, die den Großmogul bewachten, unbemerkt hindurchzukommen, den großen Rubin aus dem Turban des Herrschers zu nehmen und wie ein Schatten zurückzugleiten, ohne daß ihm etwas geschah. Er hatte dem Mächtigen damit lediglich zeigen wollen, wie klein doch die Gesetze von Raum und Zeit sind.«

»Mag sein. Aber wenn man der Sache auf den Grund geht, entdeckt man, wie derartige Tricks gemacht werden«, sagte Doktor Burdock sarkastisch. »Unsere westliche Wissenschaft hat einen großen Teil der östlichen Magie aufgehellt. Zweifellos spielen Hypnose und Suggestion dabei eine wesentliche Rolle, von einfachen Taschenspielertricks ganz zu schweigen.«

»Aber bedenken Sie, daß sich der Rubin nicht im Zelt des Herrschers befand«, warf der Graf ein. »Der Hindu hat ihn trotzdem aus Hunderten von Zelten herausgefunden.«

»Kann das alles nicht einfach durch Telepathie erklärt werden?« fragte der Doktor spitz.

Die Frage klang um so schärfer, als niemand eine Antwort gab. Tiefes Schweigen breitete sich aus — es war, als sei der berühmte Orientreisende mit nicht ganz vollendeter Höflichkeit eingeschlafen.

»Verzeihen Sie«, sagte er schließlich, indem er mit einem plötzlichen Lächeln auffuhr. »Ich hatte ganz vergessen, daß wir hier uns ja mit Worten zu unterhalten pflegen. Im Osten ist das ganz anders. Da sprechen wir mit Gedanken, und deshalb mißverstehen wir uns auch nie. Es ist doch sonderbar, wie ihr Leute aus dem Westen die Worte hochachtet und an Worten Genüge findet. Kommt man aber einer Sache auch nur um ein Haarbreit näher, wenn man sie, anstatt sie wie früher einfach als Humbug zu bezeichnen, jetzt Telepathie nennt? Wenn ein Mensch auf einem Mangobaum in den Himmel klettert, so nannte man das früher Hokuspokus, jetzt sagt man, es sei eine Überwindung der Schwerkraft; aber was hat sich damit geändert? Wenn mich eine Hexe aus dem Mittelalter mit ihrem Zauberstab in einen PaVian verwandeln würde, so würden Sie sagen, das sei nur ein Atavismus.« Der Doktor blickte einen Augenblick lang drein, als wollte er sagen, daß eine solche Veränderung bei dem Grafen schließlich kaum auffallen würde. Aber noch ehe er seinem Ärger in solchen oder ähnlichen Bemerkungen Luft machen konnte, schaltete sich plötzlich der Mann namens Harmer in das Wortgefecht ein. Er meinte wegwerfend:

»Ich will nicht bestreiten, daß diese indischen Beschwörer manchmal recht sonderbare Dinge zuwege bringen, aber mir fällt doch auf, daß das fast ausschließlich in Indien geschieht. Vielleicht arbeiten sie doch mit Helfershelfern, vielleicht ist es auch bloß Massensuggestion. Ich glaube nicht, daß solche Zauberkunststücke je in einem englischen Dorf funktionieren würden, und so dürften Herrn Smarts Goldfische hier ziemlich sicher sein.«

»Ich will Ihnen eine Geschichte erzählen«, sagte de Lara, der noch immer regungslos wie ein Götzenbild dasaß, »eine Geschichte, die sich nicht in Indien zugetragen hat, sondern vor einer englischen Kaserne im modernsten Viertel Kairos. Hinter dem eisernen Gitter, das das Kasernengelände abschloß, stand ein Posten und sah durch die Stäbe auf die Straße. Da erschien vor dem Gitter ein barfüßiger und zerlumpter einheimischer Bettler und verlangte von der Schildwache in auffallend klarem und reinem Englisch ein offizielles Dokument, das aus Sicherheitsgründen in der Kaserne verwahrt wurde. Der Soldat sagte dem Bettler natürlich, daß er nichts in der Kaserne drinnen verloren habe, worauf ihm der Bettler lächelnd antwortete: ›Was ist drinnen, was ist draußen?‹ Der Soldat schaute noch immer verächtlich durch die Gitterstäbe, als ihm langsam zum Bewußtsein kam, daß auf einmal er, obwohl weder er selbst noch das Gittertor sich bewegt hatte, draußen auf der Straße stand und in den Kasernenhof hineinblickte, wo jetzt der Bettler regungslos lächelnd verharrte. Als nun der Bettler sich anschickte, in die Kaserne hineinzugehen, raffte der Soldat das bißchen Verstand, das ihm noch geblieben war, zusammen und alarmierte die Soldaten auf dem Kasernenhof, sie sollten den Bettler festnehmen. Diesem selbst rief er hämisch zu: ›Heraus kommst du jedenfalls nicht mehr!‹ Der Bettler aber antwortete mit einer silberhellen Stimme: ›Was ist draußen, was ist drinnen?‹ Da sah der Soldat, der noch immer durch dieselben Gitterstäbe starrte, daß sich diese wieder zwischen ihm und der Straße befanden, auf der sich der Bettler völlig unbehelligt davonmachte, noch immer lächelnd und das Dokument in den Händen.«

Herr Imlack Smith, der Bankdirektor, starrte gedankenverloren vor sich auf den Teppich. Er hatte seinen schwarzen, glattgekämmten Kopf ein wenig vorgeneigt und mischte sich zum erstenmal an diesem Abend in das Gespräch ein.

»Ist mit dem Dokument irgendwas passiert?«

»Ihr Berufsinstinkt hat Sie auf den rechten Weg gebracht«, sagte der Graf mit grimmiger Verbindlichkeit. »Das Dokument repräsentierte einen Beträchtlichen finanziellen Wert. Die Auswirkungen dieses Diebstahls waren international.«

»Hoffentlich kommen solche Fälle nicht oft vor«, meinte der junge Hartopp melancholisch.

»Ich interessiere mich nicht für die politische Seite dieser Angelegenheit«, sagte der Graf mit heiterer Gelassenheit, »sondern für die philosophische. Der Fall in Kairo zeigt, wie ein weiser Mann hinter Raum und Zeit treten und gleichsam ihre Hebel in Bewegung setzen kann, so daß sich die ganze Welt vor unseren Augen dreht. Aber Menschen wie Sie, meine Herren, vermögen wohl nur schwer zu glauben, daß geistige Kräfte in der Tat mächtiger sind als materielle.«

»Ich erhebe durchaus nicht den Anspruch«, sagte der alte Smart lächelnd, »daß ich eine Autorität auf dem Gebiet geistiger Kräfte sei. Was meinen Sie zu der ganzen Angelegenheit, Pater Brown?«

»Mir fällt nur auf«, antwortete der kleine Priester, »daß all die übernatürlichen Taten, von denen wir gehört haben, Diebstähle zu sein scheinen. Und Diebstahl bleibt Diebstahl, ob er nun mit Hilfe geistiger oder rein materieller Kräfte ausgeführt wird.«

»Pater Brown ist halt doch ein Philister«, bemerkte Smith lächelnd.

»Der Stamm der Philister ist mir gar nicht so unsympathisch«, entgegnete ihm Pater Brown. »Ein Philister ist nichts weiter als ein Mensch, der recht hat, ohne zu wissen, warum.«

»Diese Gespräche gehen über meinen Horizont«, meinte Hartopp aufrichtig.

»Vielleicht«, lächelte Pater Brown, »würden Sie ebenfalls lieber ohne Worte reden, wie der Graf es vorgeschlagen hat. Er würde damit beginnen, bedeutend — nichts zu sagen, und Sie würden ihm mit Schweigsamkeit antworten.«

»Die Musik könnte uns gute Dienste leisten«, murmelte der Graf verträumt vor sich hin. »Sie wäre bestimmt klarer als die vielen Worte, die wir hier machen.«

»Ja, vielleicht würde ich sie auch besser verstehen«, sagte der junge Mann leise.

Boyle hatte die Unterhaltung mit besonderem Interesse verfolgt, denn es war etwas am Benehmen einiger der Anwesenden, das ihm recht eigentümlich erschien. Als jetzt das Gespräch auf Musik kam — eine zarte Aufforderung an den eleganten Bankdirektor, der als Musikdilettant nicht ganz ohne Verdienste war —, erinnerte sich der junge Sekretär plötzlich an seine Pflichten und machte Herrn Smart darauf aufmerksam, daß Jameson noch immer geduldig mit den Papieren in der Hand dastand.

»Ach, das hat Zeit«, sagte Smart leichthin. »Es betrifft nur mein persönliches Konto, ich werde nachher mit Herrn Smith darüber sprechen. Sie sagten doch, Herr Smith, daß das Cello…«

Aber der kalte Hauch geschäftlicher Dinge hatte genügt, den duftigen Schleier transzendentaler Gespräche zu zerreißen, und die Gäste begannen, sich allmählich zu verabschieden. Nur Herr Smith, Bankdirektor und Musikfreund, blieb bis zuletzt als die übrigen gegangen waren, begaben er und Smart sich in das anstoßende Zimmer, in dem die Goldfische aufbewahrt wurden, und machten die Tür hinter sich zu.

Das Haus war langgestreckt und schmal. Im ersten Stockwerk verlief auf der Straßenseite eine gedeckte Veranda. Diesen ersten Stock bewohnte in erster Linie der Hausherr selbst, dort lagen sein Schlaf- und Ankleidezimmer und daran angrenzend ein kleiner Raum, wohin manchmal die besonders wertvollen Stücke seiner Sammlungen, die sonst meist im Erdgeschoß blieben, des Nachts verbracht wurden. Die Veranda bereitete, ebenso wie die unzureichend verschlossene Haustüre, der Haushälterin, dem Buchhalter und den anderen manche bange Stunde und ließ sie über die Sorglosigkeit ihres Herrn jammern. In Wirklichkeit aber war der schlaue alte Herr gar nicht so unvorsichtig, wie es den Anschein hatte. Zwar hielt er nicht viel von den veralteten Sicherungsvorrichtungen, die vor den Augen der nörgelnden Haushälterin dahinrosteten; dafür hatte er sich einen regelrechten strategischen Plan ausgedacht. Er verbrachte nämlich allabendlich seine geliebten Goldfische in das an sein Schlafzimmer angrenzende Gemach, das nur dürch sein Schlafzimmer betreten werden konnte, und bewachte sie so im Schlaf; unter seinem Kopfkissen hatte er außerdem eine Pistole versteckt.

Als Boyle und Jameson, die auf das Ende der Besprechung warteten, schließlich Herrn Smart aus der Tür treten sahen, trug er die große Glasvase so ehrfürchtig, als sei sie eine Reliquie. Während draußen noch der Rand des grünen Dorfplatzes in den letzten Strahlen der untergehenden Sonne aufleuchtete, hatte man im Haus schon eine Lampe angezündet, und in der eigenartigen Mischung des letzten Tagesscheins mit dem künstlichen Licht erglühte die farbige Glaskugel wie ein gewaltiger Edelstein; die phantastischen Umrisse der feuerroten Fische gaben ihr etwas von der geheimnisvollen Kraft eines Talismans und erinnerten an seltsame Formen, wie sie ein Hellseher vielleicht in seiner Kristallkugel sehen mag. Rätselhaft starr wie das Antlitz einer Sphinx erschien über der Schulter des alten Herrn das Gesicht von Herrn Imlack Smith.

»Ich fahre noch heute abend nach London, Herr Boyle«, sagte der alte Smart mit einem bei ihm ungewöhnlichen Ernst. »Herr Smith und ich nehmen den Zug um sechs Uhr fünfundvierzig. Ich möchte Sie, Jameson, bitten, heute nacht in meinem Zimmer zu schlafen. Wenn Sie die Goldfische wie üblich in das hintere Zimmer stellen, dürften sie wohl in Sicherheit sein. Ich glaube allerdings nicht, daß Sie irgend etwas zu befürchten haben.«

»Es kann immer mal etwas passieren«, meinte Herr Smith mit seinem starren Lächeln. »Soviel ich weiß, nehmen Sie doch gewöhnlich einen Revolver mit ins Bett. Vielleicht ist es ratsam, ihn im Hause zu lassen.«

Peregrinus Smart gab hierauf keine Antwort, und bald darauf verließen die beiden das Haus und wanderten auf dem Weg rund um den Dorfplatz dem Bahnhof zu.

Der Sekretär und Herr Jameson schliefen in der kommenden Nacht wie ausgemacht in Herrn Smarts Schlafzimmer. Genauer gesagt, Jameson hatte sich ein Bett im Ankleidezimmer aufstellen lassen, aber die Tür stand offen, so daß die beiden nach vorn hinausgehenden Zimmer praktisch einen Raum bildeten. Nur hatte das Schlafzimmer eine große, auf die Veranda führende Flügeltür, und eineweitere Tür führte aus diesem Zimmer in den hinteren Raum, in dem die Goldfische untergebracht waren. Boyle schob sein Bett quer vor diese Tür, um den Eingang zu versperren; dann legte er den Revolver unter sein Kopfkissen, zog sich aus und begab sich ins Bett mit dem Gefühl, daß er alle nur erdenklichen Vorsichtsmaßnahmen gegen ein Ereignis getroffen hatte, an das ja doch keiner glaubte oder das doch zumindest als höchst unwahrscheinlich gelten durfte. Warum sollte auch ausgerechnet an diesem Tag ein Diebstahl zu befürchten sein? Wenn er jetzt kurz vor dem Einschlafen an die außergewöhnlichen Diebstähle dachte, von denen der Graf de Lara berichtet hatte, so nur, weil diese Erzählungen selbst wie Träume anmuteten und er allmählich in einen tiefen Schlaf versank, der von bunten Träumen erfüllt war. Der alte Buchhalter war ein bißchen unruhiger als gewöhnlich, aber nachdem er ein wenig länger als sonst herumgefuhrwerkt hatte und, wie es seine Art war, über die schlechte Aufbewahrung der Schätze geklagt und zum soundsovielten Male seine schrecklichen Befürchtungen geäußert hatte, legte auch er sich ins Bett und schlief schließlich ein. Der Mond leuchtete strahlend und verblaßte wieder; der grüne Platz und die grauen Häuser lagen still und einsam und scheinbar völlig unbewohnt da. Erst als die Morgendämmerung mit bleichen Fingern am grauen Osthimmel herumgeisterte — da geschah es.

Boyle als der Jüngere hatte natürlich einen gesünderen und tieferen Schlaf als der alte Jameson. So lebendig er war, wenn er wach war — es dauerte doch reichlich lange, bis er aufwachte. Überdies hatte er Träume, die das auftauchende Bewußtsein wie mit Polypenarmen umschlungen hielten und ihn gar nicht recht wach werden ließen. Seine Träume waren kunterbunt, gemischt aus vielerlei Eindrücken, deren letzter der Blick war, den er von der Veranda aus auf die grauen Straßen und den grünen Platz geworfen hatte. Aber die Traumbilder wechselten in schwindelerregender Folge, und immer begleitete sie ein leise mahlendes Geräusch, das sich anhörte wie ein unterirdischer Fluß — vielleicht war dies nur das Schnarchen des alten Jameson, der im Nebenraum schlief. Im Traum aber verknüpften sich dieses Geräusch und die schnell wechselnden Bilder mit den Reden des Grafen de Lara von übernatürlichen Fähigkeiten, mit denen, es möglich sein sollte, über Raum und Zeit zu herrschen und so die Welt zu verändern. Im Traum war es ihm, als ob tatsächlich eine gewaltige, ächzende Maschinerie im Innern der Erde ganze Landschaften hin und her bewegte, so daß plötzlich der Pol der Erde in irgendeinem Vorgarten auftauchte oder dieser Vorgarten über ferne Meere hinweg fortgeschoben wurde.

Das erste, was er wieder mit Bewußtsein wahrnehmen konnte, waren die Worte eines Liedes, begleitet von einem feinen, metallischen Ton. Die Worte wurden mit ausländischem Akzent gesungen; die Stimme kam ihm zugleich fremd und doch merkwürdig bekannt vor. Doch er war noch so schlaftrunken, daß er erst überlegen mußte, ob er nicht das Ganze träume:

»Über das Land und über das Meer

Ruf’ ich meine fliegenden Fische her.

Sie hören das Lied, sie kommen gern

Geschwind geflogen zu ihrem Herrn.

Das Lied, das sie weckt, das sie mir erhält,

Es stammt nicht aus dieser kleinen Welt…«

Boyle sprang auf und sah, daß sein Mitwächter bereits aus dem Bett war.

Jameson hatte die Verandatür aufgerissen und fuhr scharf jemanden an, der unten auf der Straße stehen mußte.

»Wer sind Sie?« rief er drohend. »Was wollen Sie?«

Aufgeregt wandte er sich zu Boyle um und sagte: »Da unten treibt sich ein Kerl herum. Ich habe ja immer gesagt, daß mal etwas passieren wird! Und wenn der alte Smart hundertmal meint, daß es nichts nützt: Ich gehe runter und lege die Eisenstangen vor die Haustüre.«

Er stürzte zur Tür und eilte nach unten, und alsbald konnte er das Klirren und Rasseln der Stangen hören. Nun trat auch der junge Sekretär auf die Veranda und blickte auf die lange, graue Straße, die zum Haus führte. Er glaubte noch immer zu träumen.

Auf der Straße, die durch das Moor und den kleinen Weiler führte, stand eine Gestalt, die wie aus fernen Zeiten und fremden Zonen hierherversetzt zu sein schien — eine Gestalt, die aussah, als sei sie aus einer der phantastischen Geschichten des Grafen oder aus Tausendundeiner Nacht lebendig geworden. Das gespenstisch graue Zwielicht, das vor Tagesanbruch die Umrisse aller Dinge schärfer hervortreten läßt, aber gleichzeitig alles seltsam farblos macht, hob sich langsam wie ein grauer Gazeschleier: Da stand wirklich eine seltsame Gestalt in orientalischen Gewändern. Ein Schal von eigentümlich meerblauer Farbe war wie ein Turban um den Kopf und um das Kinn gewickelt, und das Gesicht verschwand darunter wie unter einer Maske, denn der Schal verhüllte es wie ein Schleier. Der Kopf war über ein merkwürdiges Musikinstrument gebeugt, das aus Silber oder Stahl zu sein schien und die Form einer seltsam gekrümmten Geige hatte. Gespielt wurde es mit einem gezackten Stab, ähnlich einem silbernen Kamm, und die Töne waren sonderbar dünn und hell. Bevor noch Boyle den Mund öffnen konnte, ertönte unter dem Burnus wieder dieselbe merkwürdige Stimme, und der geheimnisvolle Unbekannte sang weiter:

»Wie die goldenen Vögel zum Zauberbaum

Fliegen meine Fische durch Zeit und Raum

Zurück zu mir…«

»Hören Sie mal, Sie haben hier nichts zu suchen!« rief Boyle wütend, ohne recht zu wissen, was er überhaupt sagte.

»Ich suche hier meine Goldfische!« rief der Fremde zurück — mit einer Würde, die eher zu König Salomon gepaßt hätte als zu einem barfüßigen Beduinen in einem schäbigen blauen Mantel. »Und ich werde sie bekommen. Kommt!«

Er entlockte seiner seltsamen Geige einen schrillen Ton, und ebenso schrill erhob er seine Stimme bei dem letzten Wort. Dieser Ton ging Boyle durch Mark und Knochen. Wie ein Echo folgte ein leiserer Ton, ein schwirrendes Flüstern. Es kam aus dem dunklen Zimmer, in dem die Vase mit den Goldfischen stand.

Boyle fuhr herum. Im gleichen Augenblick schrillte es im hinteren Zimmer auf wie eine elektrische Klingel, und gleich darauf hörte man ein leises Klirren, als fiele Glas zu Boden. Erst wenige Minuten waren vergangen, seit Boyle den Mann vom Balkon aus gesehen und angerufen hatte, da kam auch schon der alte Buchhalter wieder die Treppen heraufgestiegen. Er war dabei etwas außer Atem gekommen, denn sein Herz war solchen Strapazen nicht gewachsen.

»Die Tür habe ich jedenfalls verriegelt«, stieß er hervor..

»Die Stalltür«, erwiderte Boyle finster aus dem Dunkel des kleinen Raumes heraus.

Jameson folgte ihm nun in dieses Zimmer und fand ihn dort, wie er auf den Boden starrte, der mit bunten Glasstückchen bedeckt war, als sei ein Regenbogen in Stücke zerbrochen.

»Die Stalltür? Was wollen Sie damit sagen?« begann Jameson.

»Ich will damit sagen, daß das Roß gestohlen ist«, entgegnete Boyle. »Die fliegenden Rosse oder, besser gesagt, die fliegenden Fische, denen unser arabischer Freund da draußen nur zu pfeifen brauchte. Er hat sie herausgezogen wie Marionetten an der Schnur.«

»Aber wie war denn so etwas möglich?« stieß der alte Buchhalter aufgeregt hervor. Allmählich dämmerte ihm die Tragweite des Geschehens.

»Jedenfalls sind sie fort«, sagte Boyle kurz angebunden. »Da liegt das zerbrochene Glas. Das Glas sachgemäß zu öffnen hätte einige Zeit in Anspruch genommen; aber indem das Glas zertrümmert wurde, hat es nur einige Sekunden gedauert. Auf jeden Fall sind die Fische verschwunden, und ich habe keine Ahnung, wie das passiert sein kann. Darüber könnte uns nur unser arabischer Freund etwas sagen.«

»Wir vertrödeln hier unsere Zeit«, meinte Jameson unruhig.

»Wir müssen ihm sofort nachjagen.«

»Ich glaube, es ist viel zweckmäßiger, wenn wir sofort die Polizei verständigen«, antworfete Boyle. »Die wird ihm mit ihren Streifenwagen und Telefonverbindungen schon das Leben sauer machen und ihn eher erwischen, als wenn wir ihm im Nachthemd durch das Dorf nachhopsen. Es kann allerdings auch Dinge geben, gegen die selbst Streifenwagen und Telefon machtlos sind.«

Während Jameson aufgeregt mit der Polizei telefonierte, trat Boyle wieder auf die Veranda und warf einen schnellen Blick über die im ersten Morgengrauen daliegenden Straßen. Der Mann mit dem Turban war nirgends mehr zu sehen, die Straßen und Häuser lagen wie ausgestorben da, und nur aus dem Gasthaus »Zum blauen Drachen« konnte ein scharfes Ohr vielleicht einige leise Geräusche hören. Boyle jedoch sah jetzt zum erstenmal etwas mit vollem Bewußtsein, was er unbewußt schon die ganze Zeit über bemerkt hatte. Er war noch immer etwas schlaftrunken, doch er wurde hellwach, als ihm klar wurde, was seine Beobachtung bedeutete: Der graue Platz vor ihm war eigentlich überhaupt nie ganz grau gewesen, denn inmitten der bleichen Farblosigkeit leuchtete ein goldener Fleck: das Licht einer Lampe aus einem der gegenüberliegenden Häuser. Plötzlich sagte etwas in ihm, das mit dem Verstand nicht zu fassen war, daß die Lampe schon die ganze Nacht hindurch gebrannt hatte und erst jetzt im Morgengrauen langsam erlosch. Wessen Haus war es? Er zählte die Häuser, und was er herausbekam, mochte eine Vermutung bestätigen, über die er sich selbst allerdings noch nicht völlig klar war. Es war ganz offensichtlich das Haus des Grafen de Lara.

Inzwischen war Inspektor Pinner mit mehreren Polizeibeamten angekommen und hatte schnell und entschlossen mit seinen Erhebungen begonnen, denn er war sich wohl bewußt, daß gerade wegen der Absonderlichkeit der gestohlenen Gegenstände der Fall in den Zeitungen großes Aufsehen erregen würde. Er hatte alles untersucht, alles gemessen, jedermanns Aussage zu Protokoll genommen, sich jedermanns Fingerabdrücke gesichert, hatte alles auf den Kopf gestellt. Schließlich ergaben alle Fakten eine ihn selbst höchst unwahrscheinlich anmutende Geschichte: Ein Wüstenaraber war die Dorfstraße heraufgekommen bis vor das Haus des Herrn Peregrinus Smart, in dessen hinterem Zimmer ein Behälter mit künstlichen Goldfischen aufbewahrt wurde. Dann hatte er ein Gedichtchen gesungen oder rezitiert, worauf der Glasbehälter wie eine Bombe geplatzt war und die Fische sich in Nichts aufgelöst hatten. Dem Inspektor war es kein Trost und erst recht keine Beruhigung, daß ein ausländischer Graf ihm mit leiser, schnurrender Stimme erzählte, die Grenzen menschlicher Erfahrung würden eben immer weiter hinausgeschoben.

Es war übrigens interessant zu beobachten, wie sich die zu dem kleinen Kreis gehörigen Personen verhielten. Der Hauptbetroffene, Peregrinus Smart, hatte die Nachricht von dem Verlust erfahren, als er am frühen Morgen aus London zurückkam. Natürlich zeigte er sich zuerst sehr erschrocken, aber es war typisch für die Unternehmungslust und Tatkraft, die in dem kleinen, alten Herrn steckte und seiner gedrungenen Figur etwas von einem kecken Kampfhahn gab, daß sein Interesse am Verlauf der Nachforschungen größer war als der Kummer über den Verlust.

Dem Herrn, der sich Harmer nannte und der eigens gekommen war, um die Goldfische zu kaufen, hätte man es nicht übelnehmen können, wenn er sich über das Verschwinden der begehrten Vase geärgert hätte. Aber davon war ihm nichts anzumerken; von den gesträubten Haaren seines Schnurrbartes und seiner buschigen Augenbrauen ging etwas ganz anderes aus; dieselbe argwöhnische Wachsamkeit, die auch in seinen Augen blitzte, mit denen er die Gesellschaft musterte.

Das olivfarbene Gesicht des Bankdirektors, der inzwischen ebenfalls aus London zurückgekehrt war, wenn auch mit einem späteren Zug als Smart, schien diese hellen, suchenden Augen immer wieder wie ein Magnet anzuziehen.

Was die beiden anderen Gestalten des kleinen Kreises anbelangte, so schwieg Pater Brown meistens, wenn man ihn nicht ansprach und um seine Meinung fragte, und der völlig verdatterte Hartopp sagte fast überhaupt nichts, auch wenn man ihn fragte.

Der Graf jedoch war nicht der Mann, eine Gelegenheit ungenutzt vorübergehen zu lassen, die seinen Ansichten recht zu geben schien. Mit dem verbindlichsten Lächeln eines Mannes, der es versteht, die Leute durch seine Liebenswürdigkeit zum Rasen zu bringen, wandte er sich an seinen rationalistischen Widersacher, den Doktor Burdock.

»Sie werden doch zugeben«, meinte er, »daß mindestens einige der Geschichten, die Sie gestern noch für so unwahrscheinlich gehalten haben, nach den Ereignissen von heute nacht etwas glaubhafter klingen. Wenn es einem zerlumpten Bettler möglich ist, mit einem Wort ein festes Gefäß zum Zerspringen zu bringen, das innerhalb der vier Wände des Hauses, vor dem er steht, eingeschlossen ist, dann dürfte dies doch ein geradezu prächtiges Beispiel sein für die Macht geistiger Kräfte.«

»Für mich ist es eher ein Beispiel für meine Behauptung«, fuhr ihm der Doktor scharf in die Rede, »daß bereits eine Handvoll wissenschaftlicher Erkenntnisse genügt, um aufzuzeigen, wie derartige Tricks gemacht werden.«

»Wollen Sie damit etwa sagen«, fragte Smart, der diesen Streit mit lebhaftem Interesse verfolgt hatte, »daß Sie imstande sind, diese geheimnisvolle Geschichte wissenschaftlich zu erklären?«

»Allerdings«, entgegnete Doktor Burdock. »Was der Graf eben als Geheimnis bezeichnet hat, läßt sich mühelos erklären, denn es ist durchaus nicht geheimnisvoll. Was die zerbrochene Vase angeht, so ist die Sache ganz einfach die: Ein Ton ist nichts anderes als eine Schwingungswelle, und gewisse Schwingungswellen können Glas zerbrechen, wenn nur Ton und Glas aufeinander abgestimmt sind. Der Mann stand also nicht einfach auf der Straße herum und dachte vor sich hin, was nach Auffassung des Grafen die ideale orientalische Art der Unterhaltung ist. Er sang vielmehr lauthals heraus, was ihn hierhergeführt hatte, und entlockte dabei seinem Instrument einen schrillen Ton. Die Methode, mit bestimmten Tönen Glas von einer besonderen Zusammensetzung zum Zerspringen zu bringen, ist durchaus nichts Neues.«

»Ist das vielleicht auch nichts Neues«, meinte der Graf, »wenn dabei mehrere Klumpen massiven Goldes verschwinden?«

»Da kommt ja Inspektor Pinner«, sagte Boyle. »Unter uns gesagt, ich glaube, daß er des Doktors natürliche Erklärung ebenso als Märchen betrachten würde wie die übernatürliche Erklärung des Grafen. Dieser Herr Pinner scheint mir ein sehr skeptischer Herr zu sein und besonders, soweit es mich angeht. Ich glaube, er hat mich im Verdacht.«

»Wir werden wohl alle mehr oder weniger verdächtig sein«, lächelte der Graf.

Boyle jedoch nahm die Sache nicht ganz so leicht, und deshalb wandte er sich an Pater Brown, um bei ihm Rat und Hilfe zu ‘ holen.

Längere Zeit wandelten sie um den grasbewachsenen Dorfplatz herum. Der Priester, der bei Boyles Bericht mit gerunzelter Stirn zu Boden geblickt hatte, blieb plötzlich stehen.

»Sehen Sie das da?« fragte er seinen Begleiter. »Hier ist das Pflaster geschrubbt worden — allerdings nur dieser kleine Streifen, gerade vor Oberst Varneys Haus. Es würde mich doch interessieren, ob das schon gestern passiert ist.«

Pater Brown betrachtete nachdenklich das hohe, schmale Haus, dessen buntgestreifte Jalousien stark verschossen waren. Dadurch erschienen die Ritzen, durch die man einen Blick ins Innere der Zimmer werfen konnte, um so dunkler, ja, sie sahen in der von der Morgensonne golden beleuchteten Fassade aus wie schwarze Mauerritzen.

»Das ist doch Oberst Varneys Haus?« fragte Pater Brown. »Soviel ich weiß, kommt auch er aus dem Osten. Was für ein Mensch ist er eigentlich?«

»Ich habe ihn noch nie zu Gesicht bekommen«, antwortete Boyle. »Ich glaube nicht, daß außer Doktor Burdock ihn überhaupt schon jemand gesehen hat, und anscheinend sucht ihn auch der Doktor nur dann auf, wenn es unumgänglich ist.«

»Nun, dann will ich ihm einmal einen kurzen Besuch abstatten«, sagte Pater Brown.

Die große Haustür öffnete sich und verschlang den kleinen Priester. Das war so schnell geschehen, daß Boyle noch ganz verdutzt dastand, als sich die Tür wenige Minuten später wieder öffnete und Pater Brown lächelnd hervortrat. Als wäre nichts geschehen, setzte er seinen langsamen Marsch um die Dorfwiese fort. Es schien, als habe er überhaupt die ganze Angelegenheit schon wieder vergessen, denn er machte gelegentlich Bemerkungen über historische und soziale Fragen oder über die Entwicklungsaussichten des Landkreises. Über eine neuanzulegende Straße plauderte er, die von der Bank ausgehen sollte und zu der schon der Boden ausgehoben war. Dann blickte er mit einem unbestimmbaren Ausdruck über die alte Dorfwiese hin.

»Gemeindeland. Eigentlich sollten die Leute ihre Schweine und Gänse darauf treiben, wenn sie welche hätten. Aber so wachsen nur Disteln und Nesseln darauf. Wie schade, eigentlich sollte es eine große, schöne Wiese sein, aber es ist nur ein Unkrautparadies. Übrigens, gehört das Haus dort drüben nicht Doktor Burdock?«

»Ja«, stotterte Boyle, der bei dieser unerwarteten direkten Frage erschrocken hochgefahren war.

»Aha«, entgegnete Pater Brown. »Gut. Dann wollen wir mal wieder heimgehen.«

Während sie das Smartsche Haus wieder betraten und die Treppen emporstiegen, berichtete Boyle seinem Begleiter nochmals ausführlich über das Drama, das sich zu Tagesanbruch dort abgespielt hatte.

»Sie sind doch nicht etwa wieder eingeschlafen, während Jameson unten die Tür verriegelte, so daß jemand Zeit hatte, auf die Veranda zu klettern?« fragte Pater Brown.

»Nein, ganz sicher nicht. Ich wachte auf, als Jameson den Fremden von der Veranda aus anrief, dann hörte ich, wie er die Treppen hinunterstürzte und die Stangen vorlegte, und mit zwei Sätzen war ich dann selbst auf der Veranda.«

»Wäre es nicht möglich gewesen, daß sich von einer anderen Seite her jemand zwischen Ihnen beiden hätte hindurchschleichen können? Hat das Haus vielleicht noch einen Nebeneingang?«

»Nicht daß ich wüßte«, entgegnete Boyle bestimmt.

»Es ist doch besser, wenn ich selbst nochmals nachsehe«, meinte Pater Brown, und damit schlurfte er wieder die Treppe hinab. Boyie blieb in dem nach der Straßenseite gelegenen Schlafzimmer und sah ihm kopfschüttelnd nach. Doch schon nach verhältnismäßig kurzer Zeit kam das breite, ein wenig bäuerische Gesicht wieder auf der Treppe zum Vorschein. Der Pater hatte seinen Mund verzogen, so daß er aussah wie ein behaglich lächelnder Rübengeist.

»Nichts. Ich glaube, die Frage wegen der Tür ist gelöst«, sagte er wohlgemut. »Und jetzt, da wir all unser Material fein säuberlich zusammenhaben, können wir ans Sichten gehen. Es ist wirklich eine recht merkwürdige Geschichte.«

»Glauben Sie«, fragte Boyle, »daß der Graf oder der Oberst oder sonst einer dieser Ostasienreisenden mit der Sache etwas zu tun hat? Halten Sie das, was in diesem Haus vorgegangen ist, für — übernatürlich?«

»Nun, eines kann ich Ihnen sagen«, antwortete der Priester nachdenklich, »wenn der Graf oder der Oberst oder ein anderer der Nachbarn sich als Araber verkleidet hat und in der Dunkelheit zu diesem Haus hergeschlichen ist, dann… dann handelt es sich tatsächlich um etwas Übernatürliches.«

»Aber wieso denn?«

»Weil der Araber keine Fußspuren hinterlassen hat. Die nächsten Nachbarn sind doch der Oberst und der Bankdirektor. Zwischen diesem Haus und der Bank liegt aber ungepflasterter roter Tonboden, in dem sich bloße Füße wie in Gips abdrücken müßten und hinterher auch überall rote Spuren hinterlassen würden. Ich habe mich aber außerdem — selbst auf die Gefahr hin, daß mich der Obersf mit dem Blitz seines Zornes zerschmettert — vergewissert, daß das Pflaster vor seinem Haus gestern und nicht erst heute geschrubbt worden ist. Also war es auch auf dieser Seite so naß, daß auf der ganzen Straße Spuren zu sehen wären, wenn dort heute nacht jemand gegangen wäre. Wäre der nächtliche Besucher allerdings der Graf oder der Doktor gewesen, so hätten die natürlich auch quer über den Platz kommen können. Aber mit bloßen Füßen wäre dies ein reichlich unangenehmes Unternehmen gewesen, denn der Platz ist, wie ich schon gesagt habe, völlig mit Disteln und Brennesseln bedeckt. Da würde sich der rätselhafte angebliche Araber bestimmt die Füße blutig gerissen und so irgendwelche Spuren hinterlassen haben — es sei denn, er ist tatsächlich, wie Sie sagen, ein übernatürliches Wesen.«

Boyle sah dem kleinen Priester unverwandt in das ernste, unergründliche Gesicht.

»Glauben Sie das?« fragte er schließlich.

»Sie dürfen eines nicht vergessen«, sagte Pater Brown. »Es ist eine bekannte Tatsache, daß uns etwas so nahe sein kann, daß wir es selbst gar nicht mehr sehen. So kann man beispielsweise sein eigenes Ohr nicht sehen, obwohl es doch kaum zehn Zentimeter vom Auge entfernt ist. Oder denken Sie an die Geschichte von dem Mann, der eine winzige Fliege im Auge hatte und durchs Fernrohr schaute, weshalb er glaubte, er habe im Mond einen unglaublich großen Drachen entdeckt. Und wenn man seine eigene Stimme genau wiedergegeben hört, soll sie wie die Stimme eines Fremden klingen. Steht so etwas direkt vor uns im Leben, dann sehen wir es gewöhnlich nicht, und könnten wir es sehen, wir würden es höchst merkwürdig finden. Ist es dann aber von uns weg in eine mittlere Entfernung gerückt, dann kommt es uns vor, als sei es aus weiter Ferne auf uns zugekommen. Bitte, kommen Sie doch noch einen Augenblick mit mir vors Haus. Ich möchte Ihnen zeigen, wie die Sache von unten aussieht.«

Pater Brown erhob sich und ging voran, und während sie die Treppen hinuntergingen, setzte er seine Bemerkungen fort, doch es klang so unzusammenhängend, als dächte er laut.

»Der Graf und die ganze asiatische Atmosphäre passen ganz gut dazu, denn bei einer solchen Sache kommt es hauptsächlich darauf an, daß die Phantasie der Leute erregt wird. Man kann auf diese Weise jemanden so weit bringen, daß er fest davon überzeugt ist, ein ihm auf den Kopf fallender Dachziegel sei ein babylonischer Ziegelstein mit eingeritzter Keilschrift, der aus den Hängenden Gärten der Semiramis herabkommt. In diesem Zustand fällt es dem Betroffenen gar nicht ein, sich den Stein genauer anzusehen, um zu entdecken, daß der Stein nicht anders ist als jeder andere Stein. Ähnlich war es ja in Ihrem Falle —«

»Was ist denn hier los?« unterbrach ihn Boyle und starrte überrascht auf die Haustür. »Die Tür ist ja verriegelt!«

Dieselbe Haustür, durch die sie erst vor kurzem eingetreten waren, war nun durch die großen, rostigen Eisenstangen versperrt — durch die gleichen Stangen, die, wie er sich am Morgen ausgedrückt hatte, die Stalltüre zu spät verriegelt hatten. Es war wie eine Ironie des Schicksals, daß die alten Stangen ihnen nun den Weg nach außen versperrten, als seien sie von selbst vor die Tür geglitten.

»Ach ja«, meinte Pater Brown ganz nebenbei, »die Stangen habe ich eben vorgelegt. Haben Sie es denn nicht gehört?«

»Nein«, antwortete Boyle verdutzt, »nicht das geringste.«

»Das habe ich mir gleich gedacht«, sagte der andere gleichmütig. »Es ist eigentlich auch gar nicht einzusehen, warum man oben im Haus das Vorlegen dieser Stangen hören sollte, denn der Haken paßt ja säuberlich in diese Öffnungen hier. Wenn man ganz nahe dabeisteht, hört man ein dumpfes Geräusch, sobald der Haken einschnappt, aber das ist auch alles. Das einzige Geräusch, das laut genug ist, um oben gehört zu werden, ist dieses.«

Mit diesen Worten zog er den Haken aus der Vertiefung und ließ die Stange klirrend an der Türe niederfallen.

»Man hört es nur, wenn man die Vorlegestangen abnimmt«, sagte Pater Brown ernst, »selbst wenn dies mit größter Vorsicht geschieht.«

»Wollen Sie behaupten…«

»Ich behaupte«, sagte Pater Brown, »daß Jameson die Tür geöffnet und nicht geschlossen hat. Und jetzt wollen wir selbst einmal die Tür öffnen und nach draußen gehen.«

Als sie dann unter der Veranda standen, fuhr der kleine Priester mit seinen Erklärungen so ungerührt fort, als halte er eine Vorlesung über Chemie.

»Wie ich schon sagte, kann man manchmal in einer Verfassung sein, daß man etwas sehr Entferntes zu sehen glaubt, das in Wirklichkeit doch sehr nahe und uns selbst vielleicht ganz ähnlich ist. Als Sie auf die Straße hinuntersahen, erblickten Sie eine seltsame, ausländisch anmutende Gestalt. Sie haben sich aber wahrscheinlich nicht gefragt, was diese wohl sah, als sie zur Veranda aufsah.«

Boyle starrte zur Veranda hinauf, ohne zu antworten, und der Geistliche fuhr fort:

»Sie hielten es sicherlich für höchst erstaunlich und eigenartig, daß ein Araber mit bloßen Füßen durch unser zivilisiertes England hermarschiert kommt. Dabei haben Sie gar nicht daran gedacht, daß Sie im selben Augenblick ja auch bloße Füße hatten.«

Endlich fand Boyle die Sprache wieder, aber nur, um einen Satz zu wiederholen, den der Priester kurz vorher gesagt hatte:

»Jameson hat die Tür geöffnet«, kam es mechanisch von seinen Lippen.

»Ganz richtig. Jameson hat die Tür geöffnet und ist im Nachthemd auf die Straße getreten, gerade als Sie auf die Veranda kamen. Er hatte unterwegs zwei Dinge zusammengerafft, die Sie wohl schon hundertmal gesehen haben: den alten blauen Vorhang, den er um den Kopf schlang, und eines der orientalischen Musikinstrumente, das Sie sicherlich auch schon in der Sammlung gesehen haben. Alles übrige war Sinnestäuschung und Schauspielerei, denn dieser Verbrecher ist ein ganz gerissener Schauspieler.«

»Jameson… ein Verbrecher!« rief Boyle ungläubig aus. »Er war doch ein solch vertrockneter alter Trottel, daß er mir überhaupt nicht aufgefallen ist.«

»Gerade das war auch seine Absicht. Er war früher Schauspieler. Und wenn er fünf Minuten lang einen Zauberer oder einen fernöstlichen Troubadour so vollendet und mit so primitiven Mitteln spielen konnte, glauben Sie dann nicht, daß er fünf Wochen lang auch einen Buchhalter darstellen kann?«

»Aber ich verstehe nicht ganz, welches Ziel er mit der ganzen Schauspielerei verfolgte«, meinte Boyle hilflos.

»Sein Ziel hat er erreicht oder doch beinahe erreicht«, erwiderte Pater Brown. »Er hätte die Goldfische natürlich am liebsten schon längst gestohlen, denn er hatte ja zwanzigmal Gelegenheit dazu. Aber wenn er sie einfach gestohlen hätte, dann würde jeder sofort gemerkt haben, daß gerade er die beste Gelegenheit dazu gehabt hatte. Dadurch jedoch, daß er vom Ende der Welt einen geheimnisvollen Magier herzauberte, hat er die Gedanken aller Beteiligten von sich weg und nach Asien oder Arabien hin gelenkt. Er hat Ihnen ja so den Kopf durcheinandergebracht, daß Sie selbst kaum mehr glauben können, wie sich die Geschichte hier vor dem Haus abgespielt hat. Sie konnten das alles nicht begreifen, weil es Ihnen zu nahe war.«

»Wenn das stimmt«, sagte Boyle, »dann war es für ihn aber doch eine sehr gewagte Sache, und er mußte es außerordentlich schlau anpacken. Jetzt allerdings fällt mir auf, daß der angebliche Mann auf der Straße kein Wort sagte, solange ihn Jameson von der Veranda aus ansprach, und Jameson hatte auch Zeit genug, das Haus zu verlassen, bis ich endlich ganz wach geworden war und aus dem Bett gesprungen bin. Ja, der Schwindel ist durchaus möglich, denn ich bin ja nicht gleich aufgewacht.«

»Ein Verbrechen kommt immer nur dann zustande, wenn jemand nicht rechtzeitig aufwacht«, entgegnete Pater Brown. »Und leider ist es so, daß die meisten Menschen in jedem Sinn zu spät aufwachen. Auch ich bin beispielsweise viel zu spät wach geworden, und sicherlich ist der Kerl inzwischen längst über alle Berge.«

»Jedenfalls sind Sie eher aufgewacht als alle anderen«, sagte Boyle, »und ich, muß ich gestehen, wäre in dieser Sache wohl niemals wach geworden. Jameson war so korrekt und farblos, daß ich mir überhaupt nie Gedanken über ihn machte.«

»Man hüte sich vor dem Mann, an den man nicht denkt«, entgegnete der Pater, »er ist der einzige, der uns wirklich schaden kann. Aber auch ich habe keinen Verdacht auf ihn gehabt, bis Sie mir schließlich erzählten, wie er die Tür versperrte.«

»Jedenfalls verdanken wir die Klärung des Falles ganz Ihnen«, meinte Boyle warm.

»O nein, Sie verdanken sie Frau Robinson«, sagte Pater Brown lächelnd.

»Frau Robinson?« fragte der Sekretär erstaunt. »Sie meinen doch nicht die Haushälterin?«

»Man hüte sich doppelt vor der Frau, an die man nicht denkt«, antwortete Pater Brown. »Der Mann war ein sehr geschickter Verbrecher und als ausgezeichneter Schauspieler auch ein guter Psychologe. Ein Mann wie der Graf hört immer nur seine eigene Stimme: Jameson aber konnte zuhören, wo keiner an ihn dachte, wo alle seine Anwesenheit vergessen hatten, und so das geeignete Material für seinen nächtlichen Auftritt sammeln. So wußte er genau, wie er es anfangen mußte, um Sie alle in die Irre zu führen. Aber er machte einen ganz bösen Fehler: Er setzte den Charakter der Frau Robinson nicht in Rechnung.«

»Das verstehe ich nicht«, meinte Boyle verwirrt. »Was hat denn die mit der Geschichte zu tun?«

»Jameson hat nicht damit gerechnet, daß die Vorlegestangen vor der Tür waren. Er wußte, daß die meisten Menschen, besonders so sorglose Menschen wie Sie und Ihr Arbeitgeber, tage- und wochenlang sich mit dem Vorsatz begnügen können, es solle, müsse und könne etwas geschehen. Aber wenn man erst einmal einer Frau die Meinung in den Kopf: setzt, daß etwas geschehen müsse, dann besteht immer die Gefahr, daß sie es plötzlich tatsächlich tut.«

Das Alibi der Schauspielerin

Der Theaterdirektor Mundon Mandeville durcheilte mit raschen Schritten den Gang, der hinten unter der Bühne entlangführte. Er war elegant und festlich gekleidet, vielleicht ein wenig zu festlich: Festlich war die Blume in seinem Knopfloch, festlich der Glanz seiner wohlpolierten Schuhe — nur sein Gesicht war alles andere als festlich. Er war groß, stiernackig, schwarz und finster, und in diesem Augenblick sah er noch finsterer drein als gewöhnlich. Natürlich hatte er die hundert Sorgen, die ein Theaterdirektor eben hat, große und kleine, alte und neue. Er ärgerte sich über die alte Pantomimenszenerie, die hier unten aufgestapelt lag; denn er hatte vor langer Zeit seine erfolgreiche Laufbahn an dieser Bühne mit sehr volkstümlichen Pantomimen begonnen, sich aber später dazu verleiten lassen, zu ernsteren Stücken und klassischen Dramen überzugehen, was ihn ein gutes Stück Geld gekostet hatte. Als er daher die blauen Tore von Blaubarts blauem Palast oder die Kulissen des verzauberten Orangenhains wiedersah, die, mit Spinnweben bedeckt und von Mäusen angenagt, an der Wand lehnten, fühlte er in sich keineswegs jene rührende Wehmut, die wir eigentlich empfinden sollten, wenn wir wieder einmal einen Blick auf das Wunderland unserer Kindheit werfen dürfen. Aber an diesem Tag hatte er auch gar keine Zeit, eine Träne dort zu verlieren, wo er schon soviel Geld verloren hatte, oder vom Paradies früherer Zeiten zu träumen, denn er war eiligst gerufen worden, um ein sehr gegenwärtiges Problem zu meistern, das dringend sofortige Lösung verlangte — eines jener Probleme, wie sie manchmal in der wunderlichen Welt hinter den Kulissen auftauchen und durchaus ernst genommen sein wollen.

Fräulein Maroni, eine sehr talentierte Schauspielerin italienischer Herkunft, die in dem an diesem Nachmittag zu probenden und am Abend aufzuführenden Stück eine bedeutende Rolle übernommen hatte, hatte sich im letzten Augenblick mit aller Gewalt geweigert, in dem Stück aufzutreten. Dabei hatte Herr Mandeville die launische Dame überhaupt noch nicht gesehen, und da sie sich in ihrer Garderobe eingeschlossen hatte und der Welt durch die Tür Trotz bot, war es auch unwahrscheinlich, daß ihm dies vorerst gelingen würde. Herr Mundon Mandeville als echter Engländer erklärte sich die ärgerliche Sache unter wütendem Gemurmel damit, daß eben alle Ausländer verrückt seien. Aber der Gedanke, daß ihn ein gütiges Geschick auf die einzige geistig normale Insel der Erde versetzt hatte, vermochte ihn ebensowenig zu besänftigen wie die Erinnerung an den verzauberten Orangenhain. All dies mochte gewiß sehr ärgerlich sein; einem aufmerksamen Beobachter aber hätte der Verdacht kommen können, daß Herr Mandeville sich nicht nur darüber ärgerte, sondern daß überhaupt mit ihm etwas nicht ganz stimmte.

Denn er sah schrecklich mitgenommen und abgezehrt aus, soweit es einem wohlgenährten und ansonsten gesunden Mann überhaupt möglich ist, abgezehrt auszusehen. Sein Gesicht war fleischig und rund, aber seine Augen lagen tief in den Höhlen. Seine Lippen zuckten beständig, als versuche er, auf die Enden seines schwarzen Schnurrbarts zu beißen, der für ein solches Vorhaben freilich zu kurz war. Wenn man ihn so sah, konnte in einem der Gedanke aufsteigen, er sei rauschgiftsüchtig geworden, wofür man andererseits durchaus hätte Verständnis aufbringen können: Man sah ihm an, daß er dazu Grund hätte, daß also nicht das Rauschgift Ursache seiner Verfassung, sondern sein Zustand Ursache des Rauschgifts war. Was aber auch immer sein großes Geheimnis war — es steckte offenbar in dem dunklen Ende des langen Ganges, dort, wo sich der Eingang zu seinem eigenen kleinen Zimmer befand. Und als er nun den öden Korridor entlangschritt, warf er dann und wann einen nervösen Blick zurück. Aber Geschäft ist Geschäft, und so eilte er entschlossenen Schrittes zum entgegengesetzten Ende des Ganges, wo Fräulein Maroni den Weg zu sich mit einer glatten, grüngestrichenn Tür versperrt hatte. Hier hatte sich bereits eine Gruppe von Schauspielern und anderen Theaterleuten zusammengefunden. Die ganze Gesellschaft sah drein, als überlege und berate sie, ob man nicht am besten einen Rammklotz in Tätigkeit treten lassen sollte. In der Gruppe fiel eine bekannte Gestalt auf, deren Foto auf manchem Kaminsims und deren Autogramm in manchem Album stand. Norman Knight war zwar noch jugendlicher Held an diesem etwas provinziellen und altmodischen Theater, wo seine Verdienste nicht gebührend gewürdigt wurden, doch war schon deutlich zu erkennen, daß er größeren Triumphen entgegenging. Er sah recht gut aus mit seinem wohlgeformten Kinn und dem blonden, tief in die Stirn gekämmten Haar, das ihm ein ziemlich neronisches Aussehen gab, wozu seine jähen und schnellen Bewegungen allerdings gar nicht paßten. Neben ihm stand Ralph Randall, der meist ältere Charakterrollen spielte. Sein freundliches, scharfgeschnittenes Gesicht war bleich von. Schminke, nur die Wangen zeigten den bläulichen Schimmer der Rasur. Außerdem befand sich in der Gruppe Mandevilles zweiter jugendlicher Held, ein dunkler, kraushaariger Jüngling mit leicht semitischen Zügen, der den Namen Aubrey Vernon trug. Weiter standen da die Garderobiere von Mandevilles Frau, eine sehr imponierende Person mit dichtem, rotem Haar und einem harten, unbeweglichen Gesicht, und zufällig auch Frau Mandeville, die sich ruhig im Hintergrund hielt. Ihr Gesicht war bleich, sie sah geduldig, fast gleichmütig drein, ihre Gesichtszüge hatten eine klassische Ebenmäßigkeit und Strenge, die in ihren jüngeren Jahren noch stärker ausgeprägt gewesen sein mußten. Sie sah um so bleicher aus, als auch ihre Augen völlig farblos waren und ihr hellblondes Haar in zwei Zöpfen um den Kopf gelegt war, womit sie in etwa an eine sehr archaische Madonna erinnerte. Nicht jeder wußte, daß sie früher sehr erfolgreich Ibsen gespielt hatte. Aber ihr Mann hielt nicht viel von Problemstücken, und in diesem Augenblick konzentrierte sich sein ganzes Interesse ohnehin auf das eine Problem, wie man eine ausländische Schauspielerin aus einem verschlossenen Zimmer herausbringen könne.

»Ist sie noch immer nicht herausgekommen?« fragte er, mehr zu der geschäftigen Garderobiere als zu seiner Frau gewandt.

»Nein«, antwortete Frau Sands düster.

»Allmählich werden wir doch etwas unruhig«, meinte der alte Randall. »Sie schien ganz aufgelöst, und wir fürchten beinahe, sie könnte sich etwas antun.«

»Zum Teufel!« sagte Mandeville in seiner einfachen, ungekünstelten Art. »Reklame ist ja ganz gut, aber für diese Art Reklame haben wir hier keine Verwendung. Ist denn niemand von euch mit ihr befreundet? Gibt es denn niemanden, der einen Einfluß auf sie hat?«

»Jarvis meint, der einzige, der mit ihr fertig werden kann, sei ihr Priester von der Kirche gleich um die Ecke«, entgegnete Randall. »Ich hielt es für das beste, ihn sofort herholen zu lassen, falls sie wirklich die Absicht hat, sich aufzuhängen. Jarvis holt ihn eben, und… Ach, da kommt er ja auch schon!«

Zwei weitere Gestalten täuchten in dem unterirdischen Gang hinter der Bühne auf. Der erste war Ashton Jarvis, ein lustiger Geselle, der gewöhnlich Bösewichter darstellte, gegenwärtig dieses hohe Fach aber an den kraushaarigen Jüngling mit der semitischen Nase abgegeben hatte. Sein Begleiter war klein, kugelrund und ganz in Schwarz gekleidet — es war Pater Brown von der nahe gelegenen Kirche.

Pater Brown schien es für ganz natürlich und selbstverständlich zu halten, daß man ihn herbeigerufen hatte, um sich das seltsame Benehmen eines seiner Schäfchen anzusehen und sich darüber klarzuwerden, ob es sich um ein schwarzes Schaf oder nur um ein verlorenes Lamm handele. Er glaubte allerdings nicht im geringsten daran, daß es zu einem Selbstmord kommen könnte.

»Sie wird wohl einen guten Grund haben, warum sie so wütend ist«, sagte er. »Hat jemand von Ihnen eine Ahnung, worum es sich handeln könnte?«

»Ich glaube, sie ist mit ihrer Rolle unzufrieden«, antwortete der ältere Schauspieler.

»Das sind sie immer«, brummte Herr Mundon Mandeville.

»Ich dachte, meine Frau hätte dafür gesorgt, daß alles klappt.«

»Dazu kann ich nur sagen«, bemerkte Frau Mandeville mit ziemlich müder Stimme, »daß ich ihr die meiner Meinung nach beste Rolle gegeben habe. Schließlich wollen ja solch ehrgeizige junge Scihauspielerinnen immer die schöne junge Heldin spielen, die in einem Blumenregen und unter dem stürmischen Beifall der Galerie den schönen jungen Helden heiratet; und diese Rolle habe ich ihr auch gegeben. Frauen meines Alters müssen sich damit begnügen, ehrenwerte Matronen darzustellen, und ich habe es mir auch gar nicht einfallen lassen, andere Wünsche zu hegen.«

»Es wäre jetzt sowieso praktisch unmöglich, die Rollenverteilung nochmals zu ändern«, sagte Randall.

»Daran ist überhaupt nicht zu denken«, erklärte Norman Knight bestimmt. »Vielleicht könnte ich ja versuchen… Aber nein, jetzt ist es auf jeden Fall zu spät.«

Pater Brown war vorsichtig an die verschlossene Tür getreten und lauschte.

»Ist nichts zu hören?« fragte der Direktor besorgt und setzte dann mit leiserer Stimme hinzu: »Glauben Sie, daß sie sich etwas angetan haben kann?«

»Man hört etwas«, antwortete Pater Brown ruhig. »Nach den Geräuschen zu urteilen, ist sie gerade damit beschäftigt, Fenster oder Spiegel einzuschlagen, wahrscheinlich mit den Füßen. Nein, ich glaube nicht, daß die Gefahr eines Selbstmords besteht. Zumindest wäre das Zerschmettern von Spiegeln eine recht ungewöhnliche Vorbereitung zu einem Selbstmord. Wenn sie eine Deutsche wäre, die sich zurückgezogen hätte, um über Metaphysik und Weltschmerz zu meditieren, dann allerdings wäre ich dafür, die Tür aufzubrechen. Aber Italienerinnen sterben nicht so schnell und haben auch durchaus nicht die Gewohnheit, sich gleich umzubringen, wenn sie mal einen Wutanfall haben. Eher bringen sie dann einen anderen um… Es dürfte ratsam sein, die üblichen Vorsichtsmaßnahmen zu ergreifen, wenn sie mit einem Satz aus dem Zimmer herausgestürzt kommt.«

»Sie sind also nicht dafür, daß man die Tür aufbricht?« fragte Mandeville.

»Wenn Sie wollen, daß sie heute abend auftritt, dann lieber nicht«, entgegnete Pater Brown. »Wenn Sie die Tür aufbrechen, wird sie noch mehr rasen und sich weigern, auch nur einen Augenblick länger zu bleiben; wenn Sie sie aber in Ruhe lassen, wird es ihr wahrscheinlich zu langweilig werden, und sie wird schon aus reiner Neugier zum Vorschein kommen. An Ihrer Stelle würde ich lediglich jemanden vor der Tür lassen, der ein wenig aufpaßt, und erst einmal ein oder zwei Stunden abwarten.«

»In diesem Fall«, meinte Mandeville, »können wir nur die Szenen proben, in denen sie nicht auftritt. Meine Frau wird alles Nötige veranlassen. Schließlich ist ja auch der vierte Akt die Hauptsache im Stück. Am besten fangt ihr gleich damit an.«

»Aber keine Kostümprobe«, sagte Frau Mandeville.

»Einverstanden«, bemerkte Knight. »Wozu Kostümprobe? Die Kostüme sind ohnehin lästig genug.«

»Wie heißt denn eigentlich das Stück?« fragte der Priester, der nun doch etwas neugierig wurde.

»›Die Lästerschule‹«, antwortete Mandeville. »Es mag ja ein ganz gutes literarisches Stück sein, aber ich habe doch lieber Stücke, in denen mehr Handlung und mehr Schwung ist. Meine Frau liebt die klassischen Komödien, die aber leider meist mehr klassisch als komisch sind.«

In diesem Augenblick watschelte der alte Pförtner Sam, der einzige Bewohner des Theaters in den Stunden, da nicht gespielt und geprobt wurde, auf Mandeville zu, überreichte ihm eine Karte und bestellte, Lady Miriam Marden wünsche ihn zu sprechen. Mandeville verließ die Gruppe und wandte sich seinem Zimmer zu; Pater Browns Blick blieb jedoch noch ein paar Sekunden auf Mandevilles Frau hängen, und er sah auf ihrem bleichen Gesicht ein schwaches Lächeln — ein durchaus nicht angenehmes Lächeln.

Nun verließ auch Pater Brown die kleine Gruppe, begleitet von dem jungen Mann, der ihn geholt hatte. Dieser hatte, was unter Schauspielern durchaus nicht ungewöhnlich ist, die gleiche Weltanschauung wie der Pater. Im Weggehen hörte er, wie Frau Mandeville der Garderobiere, Frau Sands, mit ruhiger Stimme die Anweisung gab, an der verschlossenen Tür aufzupassen.

»Frau Mandeville scheint eine recht intelligente Frau zu sein«, sagte der Priester zu seinem Begleiter, »wenn sie sich auch ziemlich im Hintergrund hält.«

»Sie ist sogar eine hochintelligente Frau und war früher auch nicht unbekannt«, meinte Jarvis melancholisch. »Aber man sagt wohl nicht zuviel, wenn man behauptet, daß sie durch die Heirat mit diesem Hohlkopf von Mandeville ziemlich abgestiegen ist. Wie Sie schon gehört haben, hat sie hohe künstlerische Ideale, die sie aber bei ihrem Herrn und Meister natürlich nur selten durchsetzen kann. Wissen Sie auch, daß er tatsächlich von einer solchen Frau verlangt hat, bei einer Pantomime in einer Hosenrolle aufzutreten? Er streitet ja durchaus nicht ab, daß sie eine große Schauspielerin ist, aber er meint, daß Pantomimen eine bessere Kasse bringen. Aus dieser Äußerung können Sie sich schon ein Bild machen über sein Einfühlungsvermögen und sein Verständnis für die Künstlernatur seiner Frau. Trotzdem hat sie sich niemals beklagt. Sie sagte einmal zu mir: ›Klagen kommen wie ein Echo vom Ende der Welt zurück, aber Schweigen stärkt uns.‹ Hätte sie doch nur jemanden geheiratet, der sie verstünde — sie wäre vielleicht eine der größten Schauspielerinnen unserer Zeit geworden. Aber auch heute noch wird sie von maßgebenden Kritikern hochgeschätzt. Es ist ewig schade, daß sie mit einer solchen Null verheiratet ist.«

Dabei zeigte Jarvis auf den breiten, schwarzen Rücken Mandevilles. Der Direktor unterhielt sich gerade mit den Damen, die ihn ins Vestibül gebeten hatten. Lady Miriam war eine hochgewachsene, elegante Dame mit einem maßlos gelangweilten Gesichtsausdruck. Sie war nach der neuesten Mode gekleidet, einer Mode, deren Schöpfer sich wohl von ägyptischen Mumien hatten inspirieren lassen. Ihr schwarzes Haar war helmförmig zugestutzt, ihre stark bemalten, aufgeworfenen Lippen gaben ihrem Gesicht einen Ausdruck, als blicke sie ständig verachtungsvoll auf die Welt herab. Ihre Begleiterin war eine sehr lebhafte Dame mit einem trotz seiner Häßlichkeit anziehenden Gesicht und grau gepudertem Haar. Sie nannte sich Miss Theresa Talbot und redete wie ein Wasserfall, während ihre Begleiterin anscheinend zu müde oder zu bequem war, auch nur den Mund aufzutun. Immerhin brachte Lady Miriam, gerade als die beiden Männer vorübergingen, die Energie auf, zu sagen:

»Theaterstücke langweilen mich fürchterlich, aber ich habe noch nie eine Probe in Straßenkleidern gesehen. Das könnte eigentlich ganz lustig sein. Man sieht heutzutage kaum noch etwas Neues, alles hat man schon gesehen.«

»Also, Herr Mandeville«, sagte Fräulein Talbot und tätschelte dem Direktor mit freundschaftlichem Nachdruck den Arm, »Sie lassen uns doch bestimmt bei der Probe zusehen? Wir können heute abend nicht kommen und haben übrigens auch gar keine Lust dazu. Aber wir möchten gerne einmal all diese komischen Leute ohne Kostüme spielen sehen.«

»Ich kann Ihnen gern eine Loge zur Verfügung stellen«, sagte Mandeville eifrig. »Wollen die Damen die Güte haben, mir zu folgen.« Und er führte sie durch einen anderen Gang hinweg.

»Es würde mich doch interessieren«, meinte Jarvis nachdenklich, »ob etwa Mandeville diese Art Frauen vorzieht.«

»Haben Sie einen Grund, das anzunehmen?« fragte sein Begleiter.

Jarvis sah ihm einen Augenblick fest in die Augen, ehe er ernst fortfuhr: »Mandeville ist uns allen ein Geheimnis. Ich weiß wohl, daß er sich äußerlich in nichts von jedem harmlosen Biedermann unterscheidet, der sonntags die Straßen entlangbummelt. Und doch ist wirklich ein Geheimnis um ihn. Es muß ihn irgend etwas bedrücken. Irgendein Schatten liegt auf seinem Leben. Und ich glaube, dies hat mit galanten Abenteuern ebensowenig zu tun wie mit seiner armen, vernachlässigten Frau. Wenn aber doch, dann steckt mehr hinter der Sache, als man auf den ersten Blick vermutet. Durch einen Zufall weiß ich mehr darüber als irgendein anderer. Aber auch ich kann mit dem, was ich weiß, nichts anfangen, es bleibt für mich nach wie vor ein Rätsel.«

Er blickte rasch um sich, um nachzusehen, ob sie allein seien; dann fuhr er leise fort:

»Ihnen kann ich es ja sagen, denn von Ihnen weiß ich, daß Sie ein Geheimnis für sich behalten können. Da habe ich doch neulich eine recht merkwürdige Sache erlebt, und nicht nur einmal, sondern schon wiederholt. Wie Sie wissen, arbeitet Mandeville in dem kleinen Zimmer am Ende des Ganges, unmittelbar unter der Bühne. Zufällig kam ich mal an diesem Zimmer vorüber, als wir alle glaubten, er sei allein, und, was wichtiger ist, als ich mit Sicherheit wußte, daß alle Schauspielerinnen und alle Frauen, die möglicherweise mit ihm zu tun haben konnten, entweder nicht im Haus oder auf ihren üblichen Posten waren.«

»Was heißt hier ›alle Frauen‹?« fragte Pater Brown verwundert.

»Es war nämlich eine Frau bei ihm«, sagte Jarvis fast flüsternd. »Es muß eine Frau geben, die ihn ständig besucht, eine Frau, die keiner von uns kennt. Ich weiß nicht einmal, wie sie zu ihm gelangt, denn sie kommt nie durch den Korridor hier. Ich glaube allerdings, einmal eine verschleierte oder verhüllte Frauengestalt im Zwielicht hinten aus dem Theater wie einen Geist verschwinden gesehen zu haben. Natürlich war das kein Geist. Aber auch um eine gewöhnliche Liebschaft kann es sich nicht handeln. Mit Liebe hat die Sache kaum zu tun. Ich glaube vielmehr, daß Mandeville erpreßt wird.«

»Wie kommen Sie auf diese Vermutung?« fragte Pater Brown.

Jarvis’ Gesicht wurde noch ernster. »Ich habe einmal gehört, wie drinnen heftige Worte gewechselt wurden; es war ein regelrechter Streit. Und dann sagte die fremde Frau mit einer metallischen, drohenden Stimme vier Worte: ›Ich bin deine Frau.‹«

»Glauben Sie, daß er in Bigamie lebt?« fragte Pater Brown nachdenklich. »Bigamie und Erpressung gehen natürlich oft Hand in Hand. Aber vielleicht war die Frau auch bloß hysterisch oder regelrecht verrückt. Theaterleute haben ja oft mit solchen Menschen zu tun. Sie mögen recht haben, aber ich würde doch lieber mit solchen Schlußfolgerungen etwas vorsichtiger sein… Doch da fällt mir gerade ein: Sie gehören ja auch zur Truppe. Hat die Probe nicht schon begonnen?«

»Ich trete in dieser Szene nicht auf«, antwortete Jarvis lächelnd. »Sie proben jetzt nur einen Akt, bis Ihre italienische Freundin wieder zu Verstand gekommen ist.«

»Da Sie gerade von meiner italienischen Freundin sprechen — es würde mich doch interessieren, ob sie sich inzwischen wieder beruhigt hat.«

»Wir können ja zurückgehen und mal nachsehen«, sagte Jarvis. So wandelten sie den langen Korridor wieder zurück, an dessen einem Ende sich das Zimmer des Theaterdirektors, an dessen anderem sich die verschlossene Tür der Signorina Maroni befand. Die Tür war offensichtlich noch immer verschlossen, und Frau Sands saß mit grimmiger Miene davor, bewegungslos wie ein hölzernes Götzenbild.

Sie sahen gerade noch, wie am anderen Ende des Ganges einige Schauspieler die Treppe zur Bühne hinaufstiegen. Vernon und der alte Randall liefen rasch voraus, Frau Mandeville in ihrer ruhigen, würdevollen Art hatte es anscheinend nicht so eilig, und Norman Knight schien etwas zurückzubleiben, um mit ihr zu sprechen. Ein paar Worte drangen zu den Ohren der unfreiwilligen Lauscher.

»Glauben Sie mir doch«, rief Knight aufgeregt, »er hat Frauenbesuch!«

»Pst!« sagte Frau Mandeville mit ihrer silberhellen Stimme, die einen stahlharten Beiklang hatte. »Sie dürfen nicht so reden. Bedenken Sie doch, daß er mein Mann ist.«

»Ich wollte, ich könnte es vergessen«, entgegnete Knight und stürzte davon, die Treppe zur Bühne hinauf.

Frau Mandeville folgte ihm, bleich und unbewegt wie immer.

»Es weiß also doch noch jemand davon«, sagte der Priester ruhig, »aber das kann uns ja eigentlich gleichgültig sein.«

»Nun ja«, murmelte Jarvis, »anscheinend weiß jeder etwas, aber niemand etwas Genaueres.«

Sie schritten den Gang entläng bis zu der verschlossenen Tür, vor der Frau Sands immer noch regungslos saß.

»Nein, sie ist noch nicht zum Vorschein gekommen«, sagte sie in ihrer mürrischen Art. »Tot ist sie nicht, denn ich habe sie umhergehen hören. Ich möchte nur wissen, was sie eigentlich vorhat.«

»Wissen Sie vielleicht«, fragte Pater Brown höflich, aber kurz, »wo sich Herr Mandeville augenblicklich befindet?«

»O ja«, erwiderte sie prompt. »Ich habe ihn eben erst gesehen, wie er in sein kleines Zimmer am anderen Ende des Ganges trat, gerade bevor die Probe begann. Er muß noch drinnen sein, denn ich habe ihn nicht mehr herauskommen sehen.«

»Sein Zimmer hat also keinen zweiten Eingang?« fragte Pater Brown so ganz nebenbei. »Die Probe scheint ja jetzt in vollem Gange zu sein, auch wenn die Signorina schmollt.«

»Ja«, bemerkte Jarvis nach kurzem Schweigen. »Man kann die Stimmen von der Bühne bis hier hören. Der alte Randall hat ein recht kräftiges Organ.«

Sie lauschten eine kleine Weile, und in der Stille konnte man tatsächlich die Stimme des Schauspielers ziemlich deutlich vernehmen. Aber noch bevor einer von ihnen wieder etwas sagen konnte — ehe sie recht zur Besinnung gelangt waren, drang ein anderer Laut an ihre Ohren, ein dumpfer, schwerer Fall. Das Geräusch kam aus Mandevilles Privatzimmer.

Wie ein vom Bogen geschnellter Pfeil sauste Pater Brown den Gang entlang und rüttelte bereits heftig an der Türklinke, noch ehe Jarvis überhaupt klargeworden war, was los war.

»Die Tür ist verschlossen«, rief Pater Brown, dessen Gesicht ein wenig bleich geworden war. »Und diesmal bin ich der Meinung, daß es notwendig ist, die Tür einzudrücken.«

»Meinen Sie«, fragte Jarvis, der inzwischen gefolgt war und in dessen Augen Angst aufstieg, »daß die unbekannte Besucherin wieder bei ihm ist? Glauben Sie, daß es etwas… Ernstliches ist?« Und er fügte hinzu: »Vielleicht kann ich den Riegel von außen zurückstoßen, ich kenne den Mechanismus dieser Schlösser.«

Er kniete nieder, zog ein Taschenmesser mit einer langen Stahlklinke hervor und arbeitete eine Weile an dem Schloß herum, bis die Tür tatsächlich aufsprang. Auf den ersten Blick konnten sie sehen, daß das Zimmer keine zweite Tür hatte, ja nicht einmal ein Fenster; das Licht kam allein von einer großen elektrischen Tischlampe. Aber noch etwas anderes sprang ihnen sofort in die Augen: Mitten im Zimmer lag Mandeville, das Gesicht nach unten gekehrt. Blutfäden, die in dem künstlichen Licht unheimlich aussahen wie Siegellack, sickerten unter seinem Gesicht hervor. Sie wußten nicht, wie lange sie sich gegenseitig angestarrt hatten. Endlich wagte Jarvis aufzuatmen, und nun fand er auch die Worte wieder, um auszusprechen, was er schon die ganze Zeit gedacht hatte: »Wenn die Fremde irgendwie hereingekommen ist, so ist sie jetzt auf jeden Fall wieder verschwunden.«

»Vielleicht denken wir zuviel an die Fremde«, erwiderte Pater Brown. »In diesem seltsamen Theater gibt es so viele merkwürdige und fremde Dinge, daß man leicht einige davon vergißt.«

»Was meinen Sie damit?« fragte der Schauspieler.

»Nun, denken Sie zum Beispiel an die andere Tür, die ebenfalls verschlossen ist.«

»Aber die Tür der Maroni ist doch tatsächlich verschlossen«, rief Jarvis erstaunt.

»Trotzdem haben Sie sie vergessen«, meinte Pater Brown.

Nach einer Weile setzte er nachdenklich hinzu:

»Diese Frau Sands ist doch ein reichlich brummiges, unfreundliches Wesen.«

»Glauben Sie«, fragte sein Begleiter leise, »daß sie uns anlügt und die Italienerin inzwischen doch ihr Zimmer verlassen hat?«

»Keineswegs«, entgegnete der Priester ruhig. »Das war nur so nebenbei gemeint, als Charakterstudie.«

»Sie wollen doch nicht etwa sagen«, rief der Schauspieler erstaunt, »daß Frau Sands als Täterin in Frage kommt?«

»Ich habe nicht gesagt, daß sich die Charakterstudie auf sie bezog.«

Während sie diese kurzen Bemerkungen austauschten, war Pater Brown neben Mandeville niedergekniet und hatte festgestellt, daß jede Spur von Leben aus dem Körper gewichen war. Neben der Leiche lag, von der Tür aus nicht sofort sichtbar, ein Dolch, wie er auf der Bühne verwendet wird; er lag da, als sei er aus der Wunde oder aus der Hand des Mörders gefallen. Jarvis, der den Dolch eingehend in Augenschein nahm, meinte, das Mordwerkzeug könne sicher nicht viel zur Ermittlung des Täters beitragen, falls nicht zufällig Fingerabdrücke darauf seien; es handle sich um einen Requisitendolch, der dem Mörder zufällig in die Hände gekommen sein dürfte. Der Priester stand auf und sah sich nachdenklich im Zimmer um.

»Wir müssen sofort die Polizei verständigen«, sagte er, »und einen Arzt holen lassen, wenn auch der Arzt natürlich zu spät kommt … Übrigens, wenn ich mir das Zimmer so ansehe, dann verstehe ich nicht, wie unsere Italienerin das zuwege bringen konnte.«

»Die Italienerin?« rief der Schauspieler. »Wieso gerade die Italienerin? Wenn einer von uns ein Alibi hat, dann doch wohl sie. Überlegen Sie mal: zwei getrennte Zimmer, beide verschlossen, an den entgegengesetzten Enden eines langen Korridors gelegen, und vor der einen Tür noch dazu eine Aufpasserin.«

»Das Alibi ist durchaus nicht ganz lückenlos«, sagte Pater Brown. »Zwar ist es mir nicht recht klar, wie sie hierhergekommen sein könnte. Aber ich glaube, sie ist aus ihrem Zimmer ausgebrochen.«

»Und warum glauben Sie das?«

»Ich sagte Ihnen doch, daß es sich anhörte, als werde drinnen Glas zerbrochen, ein Spiegel oder das Fenster. Dummerweise vergaß ich dabei eine Tatsache, die mir gut bekannt ist, daß Fräulein Maroni nämlich sehr abergläubisch ist. Es ist also kaum anzunehmen, daß sie einen Spiegel zerbrochen hat, und deshalb dürfte es ein Fenster gewesen sein. Allerdings liegen die Zimmer im Kellergeschoß; es könnte sich also höchstens um einen Lichtschacht handeln. Aber… es scheint hier ja gar keine Lichtschächte zu geben.« Der Pater starrte eine ganze Zeit lang nachdenklich zur Decke empor.

Plötzlich kam er mit einem Ruck wieder in Bewegung. »Wir müssen hinaufgehen, telefonieren und den traurigen Fall bekanntgeben. Es ist wirklich eine traurige Sache… Mein Gott, hören Sie, wie die Schauspieler da oben noch immer deklamieren und herumtoben? Die Probe ist noch im Gange. Etwas Derartiges meint man wohl, wenn man von tragischer Ironie spricht.«

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Als das Theater auf diese Weise in einen Ort der Trauer verwandelt war, hatten die Schauspieler beste Gelegenheit, die echten Tugenden ihres Standes zu zeigen und zu beweisen. Nicht alle unter ihnen hatten Mandeville geschätzt oder ihm Vertrauen geschenkt, aber sie alle wußten nun genau das zu sagen, was die Gelegenheit erforderte. In ihrer Haltung gegenüber der Frau des Ermordeten bewiesen sie nicht nur Sympathie, sondern auch feines Taktgefühl. Sie war in einem neuen und ganz anderen Sinn eine Tragödin geworden; ihr geringstes Wort war Befehl, und während sie traurig umherwandelte, bemühten sich die Schauspieler, ihr jeden Wunsch von den Augen abzulesen und ihr Los zu erleichtern, so gut es nur ging.

»Sie ist schon immer ein starker Charakter gewesen«, sagte der alte Randall mit etwas heiserer Stimme. »Keiner von uns war so klug wie sie. Der arme Mandeville konnte es natürlich, was Bildung und ähnliches angeht, nicht mit ihr aufnehmen, aber dennoch hat sie immer voll und ganz ihre Pflicht erfüllt. Es griff einem ans Herz, wenn sie manchmal seufzend den Wunsch äußerte, es möge ihr ein Dasein gegeben sein, das auch dem Geist wenigstens etwas böte; aber Mandeville — nun, nil nisi bonum, wie der Lateiner sagt.« Und der alte Schauspieler schüttelte traurig den Kopf und zog sich zurück.

»Nil nisi bonum, das ist ja gut!« wiederholte Jarvis grimmig. »Randall jedenfalls scheint von der Geschichte mit der fremden Dame noch nichts gehört zu haben. Was ich sagen wollte: Glauben Sie nicht, daß diese fremde Dame vielleicht die Täterin ist?«

»Das kommt ganz darauf an«, meinte der Priester, »wen Sie mit dieser fremden Dame meinen.«

»Natürlich nicht die Italienerin«, beeilte sich Jarvis zu sagen. »Übrigens haben Sie vorhin ganz richtig geraten. Als man die Tür aufbrach, war das Lichtschachtfenster zertrümmert und das Zimmer leer. Aber soviel die Polizei feststellen kann, ist sie ganz einfach heimgegangen. Nein, ich meine die Frau, die ihn bei jener geheimen Unterredung bedroht und sich als seine Frau bezeichnet hat. Glauben Sie, daß sie wirklich seine Frau gewesen ist?«

»Das ist durchaus nicht ausgeschlossen«, sagte Pater Brown, der völlig geistesabwesend ins Leere starrte.

»Dann wäre ja das Motiv zum Mord klar: Eifersucht wegen seiner Wiederverheiratung, denn ein Raubmord liegt nicht vor. Man braucht also keine verbrecherischen Angestellten oder irgendeinen abgebrannten Schauspieler zu verdächtigen. Was die Schauspieler angeht, so ist Ihnen doch sicherlich etwas aufgefallen, was den Fall recht merkwürdig macht.«

»Mir sind verschiedene merkwürdige Sachen aufgefallen. Was meinen Sie mit Ihrer Andeutung?«

»Ich meine, daß alle Personen ein Alibi haben«, entgegnete Jarvis. »Es’ dürfte wohl nicht oft vorkommen, daß praktisch eine ganze Gruppe von Personen ein solches Alibi hat. Die Bühne war hell erleuchtet, und jeder konnte den anderen sehen. Es war auch ein glücklicher Zufall, daß Mandeville diese beiden spleenigen Damen in die Loge gesetzt hat, damit sie der Probe beiwohnen konnten. Sie können bezeugen, daß der ganze Akt in einem Zug durchgespielt worden ist und sich alle Schauspieler auf der Bühne befanden. Die Probe hatte schon begonnen, als wir Mandeville sahen, wie er sein Zimmer betrat. Und sie spielten noch fünf oder zehn Minuten, nachdem wir beide die Leiche gefunden hatten. Es waren also in dem Augenblick, da wir Mandeville fallen hörten, alle auf der Bühne.«

»Das ist sicher sehr wichtig und vereinfacht auch die Untersuchung«, meinte Pater Brown. »Nun wollen wir aber doch nochmals einzeln die Personen durchgehen, auf die sich dieses Alibi erstreckt. Zuerst Randall. Meiner Meinung nach hat Randall den Direktor aufrichtig gehaßt, Wenn er auch jetzt seine Gefühle recht gut verbirgt. Aber er kommt nicht in Frage, denn wir haben ja im entscheidenden Augenblick seine Stimme von der Bühne herabdonnern hören. Dann ist da unser jugendlicher Held, Herr Knight. Ich habe guten Grund anzunehmen, daß er in Mandevilles Frau verliebt ist und dieses Gefühl wahrscheinlich nicht so gut zu verstecken wußte, wie es wohl wünschenswert für ihn geweseh wäre. Aber auch er kommt nicht in Betracht, denn er war ja auf der Bühne als Partner von Randall, ihm galt nämlich die laute Rede des Schauspielers. Auch der liebenswürdige jüdische Jüngling Aubrey Vernon scheidet aus. Es bleibt nur noch Frau Mandeville übrig, die ebenfalls nicht in Frage kommt. Dieses Gesamtalibi hängt allerdings hauptsächlich von der Aussage der Lady Miriam und ihrer Freundin ab; aber man nimmt ja sowieso an, daß der Akt, wie es bei solchen Proben üblich ist, ohne Unterbrechung durchgespielt worden ist. Dennoch werden vor Gericht wahrscheinlich Lady Miriam und ihre Freundin, Miss Talbot, als Zeuginnen auftreten. Gegen sie haben Sie doch sicherlich nichts einzuwenden?«

»Gegen Lady Miriam?« fragte Jarvis überrascht. »O ja, ich weiß wohl, Sie meinen, weil sie ein wenig wie ein Vamp aussieht? Aber Sie haben ja keine Ahnung, wie selbst Damen aus den besten Familien heutzutage herumlaufen. Haben Sie übrigens Anlaß, die Aussagen der beiden Damen anzuzweifeln?«

»Eigentlich nicht, aber damit sind wir beide in einer verzwickten Lage. Wie Sie sehen, werden alle außer uns durch das gemeinsame Alibi gedeckt. Diese vier Personen waren zur fraglichen Zeit die einzigen anwesenden Schauspieler: Personal war kaum da, nur der alte Sam am Haupteingang und die Frau, die vor Fräulein Maronis Tür saß. Bleiben also nur noch wir beide übrig. Es ist gar nicht ausgeschlossen, daß wir beide des Verbrechens angeklagt werden, besonders da wir die Leiche gefunden haben. Die anderen, die ja alle ein Alibi haben, dürften als Verdächtige wohl ausscheiden. Sie haben ihn doch nicht zufällig umgebracht, während ich gerade meine Augen anderswo hatte?«

Erschrocken fuhr Jarvis hoch und starrte ihn entgeistert an, aber gleich zog wieder ein Lächeln über sein gebräuntes Gesicht. Er schüttelte den Kopf.

»Sie waren es also nicht«, fuhr Pater Brown fort, »und wir wollen einmal annehmen, daß auch ich es nicht gewesen bin. Da die Schauspieler, die mit der Probe beschäftigt waren, nicht in Fräge kommen, bleiben wirklich nur die Signorina hinter der verschlossenen Tür, die Schildwache vor ihrer Tür und der alte Sam übrig. Oder haben Sie etwa die beiden Damen in der Loge im Verdacht? Sie könnten natürlich die Loge auf einen Augenblick unbemerkt verlassen haben.«

»Das glaube ich nicht«, entgegnete Jarvis. »Ich denke an die unbekannte Dame, die sich als Mandevilles Frau bezeichnet hat.«

»Vielleicht war sie’s auch«, sagte der Priester, und seine Stimme hatte einen so sonderbaren Klang, daß Jarvis wieder hochfuhr. »Richtig«, bemerkte er leise und aufgeregt, »Wir haben ja schon vorhin darüber gesprochen, daß diese erste Frau auf Mandevilles zweite Frau eifersüchtig gewesen sein könnte.«

»Nein«, sagte der Priester. »Sie hätte vielleicht auf die Italienerin oder auf Lady Miriam Marden eifersüchtig sein können, aber bestimmt nicht auf die zweite Frau.«

»Und warum nicht?«

»Weil es keine zweite Frau gibt. Herr Mandeville scheint mir das genaue Gegenteil eines Bigamisten gewesen zu sein — ein höchst monogam veranlagter Mensch. Seine Frau war sogar fast zu viel um ihn herum, so viel, daß Sie alle barmherzigerweise annehmen, es müsse noch eine zweite Frau im Spiel sein. Aber ich verstehe nicht, wie sie bei ihm sein konnte, als er getötet wurde, denn wir sind uns darüber einig, daß sie die ganze Zeit über oben auf der Bühne war und dazu noch eine wichtige Rolle spielte…«

»Meinen Sie wirklich«, rief Jarvis, »daß die Unbekannte, die zu ihm kam wie ein Geist, niemand anders war als Frau Mandeville, die wir doch alle kennen?« Aber er erhielt keine Antwort, denn Pater Brown starrte völlig geistesabwesend mit einem beinahe idiotischen Ausdruck ins Leere — er sah immer am idiotischsten aus, wenn er die klügsten Gedanken hatte.

Im nächsten Augenblick erhob er sich. Sein Gesichtsausdruck wurde immer gequälter und betrübter. »Scheußlich«, sagte er. »Es sieht fast so aus, als sei dies der unangenehmste Fall, mit dem ich je zu tun gehabt habe. Aber ich muß damit fertig werden. Seien Sie doch bitte so freundlich, und fragen Sie Frau Mandeville, ob ich sie einmal unter vier Augen sprechen könnte.«

»Aber gerne«, antwortete Jarvis und wandte sich zur Tür. »Sagen Sie mal, was ist eigentlich los mit Ihnen?«

»Ich ärgere mich nur, weil ich solch ein Narr bin, eine sehr weit verbreitete Klage in diesem Tal der Tränen. Wie konnte ich auch nur vergessen, daß das gespielte Stück ›Die Lästerschule‹ war!« Unruhig ging er im Zimmer auf und ab, bis Jarvis wieder erschien. Sein Gesichtsausdruck war jetzt ganz anders als vorher; er war sichtlich beunruhigt.

»Ich kann sie nirgendwo finden«, sagte er. »Niemand scheint sie gesehen zu haben.«

»Norman Knight dürfte wohl auch verschwunden sein?« fragte Pater Brown sarkastisch. »Nun, auf diese Weise bleibt mir wenigstens die peinlichste Unterredung meines Lebens erspart. Gott sei mir gnädig, aber ich habe doch beinahe Angst vor dieser Frau gehabt. Doch auch sie hatte Angst vor mir, Angst vor etwas, das ich gesehen oder gesagt hatte. Knight lag ihr schon immer in den Ohren, sie solle mit ihm fliehen. Jetzt hat sie’s getan, und er tut mir wirklich leid.«

»Er?« fragte Jarvis.

»Nun, es ist sicherlich kein besonders angenehmes Gefühl, mit einer Mörderin davonzulaufen«, entgegnete Pater Brown ruhig. »Aber sie ist noch weit schlimmer als eine Mörderin.«

»Und was gibt es Schlimmeres?«

»Sie ist eine Egoistin«, sagte Pater Brown. »Sie gehört zu den Menschen, die immer zuerst in den Spiegel schauen, ehe sie aus dem Fenster sehen, und das ist das schlimmste Unglück, das uns Sterblichen passieren kann. Der Spiegel hat ihr Unglück gebracht, aber eben deshalb, weil er nicht zerbrochen ist.«

»Ich verstehe kein Wort, was das alles bedeuten soll«, meinte Jarvis. »Jeder hielt sie für eine Frau von hohen Idealen, die auf einer höheren geistigen Ebene lebt als wir übrigen…«

»Sie hat sich selbst in diesem Licht gesehen und hat es auch verstanden, allen anderen die gleiche Meinung beizubringen. Ich habe mich wahrscheinlich deshalb nicht von ihr täuschen lassen, weil ich sie noch nicht lange genug kannte. Aber fünf Minuten nachdem ich sie zum erstenmal gesehen hatte, wußte ich, was für ein Mensch sie ist.«

»Seien Sie doch gerecht«, rief Jarvis. »Überlegen Sie, wie rücksichtsvoll sie sich der Italienerin gegenüber benommen hat.«

»Sie hat sich immer tadellos benommen. Jeder hat mir hier berichtet, wie fein und vornehm und geistig überlegen sie Mandeville gegenüber war. Aber wenn man der Sache auf den Grund geht, dann bleibt eigentlich nur eines: Sie war sicher eine Lady, er aber keineswegs ein Gentleman. Ich weiß jedoch nicht, ob Petrus am Himmelstor nur darauf sieht. Und was das übrige angeht«, fuhr er mit steigender Lebhaftigkeit fort, »so erkannte ich schon an ihren ersten Worten, daß sie trotz der zur Schau getragenen kalten Hochherzigkeit der armen Italienerin gegenüber sich durchaus nicht fair verhielt. Und als ich erfuhr, daß es sich bei dem zu spielenden Stück um ›Die Lästerschule‹ handelt, da habe ich sie endgültig durchschaut.«

»Das geht mir viel zu schnell«, stöhnte Jarvis in hilfloser Verwirrung. »Was hat denn das Stück damit zu tun?«

»Sie erinnern sich doch, wie sie sagte, sie habe der Italienerin die Rolle der schönen Heroine gegeben und sich mit der Rolle einer Matrone begnügt. Bei fast jedem anderen Theaterstück wäre dies eine hochherzige Rollenverteilung gewesen, aber gerade bei diesem Stück liegen die Dinge anders. Sie kann nur gemeint haben, daß sie dem Mädchen die Rolle der Maria zugeteilt hat, die kaum eine Rolle zu nennen ist. Und die Rolle der sich angeblich im Hintergrund haltenden verheirateten Frau, von der sie sprach, kann nur die Rolle der Lady Teazle gewesen sein, die einzige, die jede Schauspielerin zu erhalten wünscht. Wenn also die Italienerin tatsächlich eine erstklassige Schauspielerin ist, der man eine erstklassige Rolle versprochen hatte, so war dies durchaus eine Entschuldigung oder doch ein guter Grund für ihre italienische Raserei. Wenn Italiener aus der Ruhe geraten, dann haben sie meistens einen guten Grund, denn sie sind ein recht logisches Volk. Ebendieser scheinbar unbedeutende Umstand sagte mir, wie es um ihre Großherzigkeit bestellt sein muß. Aber da war noch etwas anderes, das mir gleich aufgefallen ist. Sie haben gelacht, als ich sagte, das mürrische Gesicht der Frau Sands sei für mich eine Charakterstudie, aber keine Studie über den Charakter der Frau Sands. Diese meine Bemerkung war mein voller Ernst. Wenn man über eine Frau wirklich Bescheid wissen will, so darf man nicht sie selbst betrachten, denn sie kann einen täuschen. Man darf auch nicht die Männer betrachten, von denen sie umgeben ist, denn diese können in sie vernarrt sein. Aber sehen Sie sich eine Frau an, die immer in ihrer Nähe ist, und besonders eine Frau, die unter ihr steht. In diesem Spiegel werden sie ihr wirkliches Gesicht erblicken; und das Gesicht; das sich in Frau Sands’ Zügen spiegelte, war sehr häßlich.

Und wie steht es mit meinen anderen Eindrücken? Alle sagten, wie wenig der alte Mandeville doch ihrer wert gewesen sei — eine Einschätzung, die meines Erachtens von ihr verbreitet wurde. Das war mir sofort klar, denn da jedermann hier so sprach, mußte sie offensichtlich bei jedem über ihre geistige Vereinsamung gestöhnt haben. Sie selbst haben gesagt, sie beklage sich niemals, und dann haben Sie ihre Worte über die Seelenstärke klaglosen Schweigens zitiert. Das ist unverkennbar der Stil dieser Egoisten. Leute, die klagen, sind liebenswerte, schwache Menschenwesen, die man bedauern kann. Aber Leute, die klagen, daß sie niemals klagen — die sind des Teufels. Sie sind selbst wahrhafte Teufel, denn ist dieser großtuerische Stoizismus nicht der Angelpunkt des Byronschen Satanskults? Ich habe mir all das angehört, aber so weit ich auch meine Ohren aufgesperrt habe, so konnte ich doch nicht entdecken, worüber sie sich eigentlich zu beklagen hatte. Niemand behauptete, daß ihr Mann trank oder sie schlug oder ihr kein Geld gab oder untreu war — wenn man nicht das Gerücht über seine geheimen Zusammenkünfte so auslegen will, und auch dieses Gerücht hat sie selbst durch ihre pathetische Gewohnheit verschuldet, ihm in seinem Arbeitszimmer Gardinenpredigten zu halten. Wenn man sich aber losmacht von dieser vagen Vorstellung eines Märtyrerdaseins, die sie bei allen hervorzurufen versucht hat, wenn man einmal die Tatsachen als solche betrachtet, dann erhält man ein ganz anderes Bild. Mandeville hat seine geldbringenden Pantomimen aufgegeben und sein Geld für die Aufführung klassischer Dramen geopfert, nur um ihr damit einen Gefallen zu erweisen. Sie richtete Stück und Ausstattung ganz nach ihrem Belieben ein. Sie wollte Sheridans Stück aufführen, und sie durfte es auch, sie wollte die Rolle der Lady Teazle spielen, und sie hat sie bekommen, sie wünschte gerade zu dieser Stunde eine Probe ohne Kostüme, und die Probe hat stattgefunden. Und ebendieser merkwürdige Wunsch einer Probe ohne Kostüme verdient besondere Aufmerksamkeit.«

»Aber was soll denn dieser ganze Vortrag?« fragte der Schauspieler, der kaum jemals seinen geistlichen Freund so viel Worte hatte machen hören. »Mit diesen psychologischen Erklärungen kommen wir doch nur immer weiter vom Mord weg. Sie mag mit Knight durchgebrannt sein, sie mag Randall und mich zum Narren gehalten haben, aber ihren Mann kann sie nicht ermordet haben, denn es steht doch fest, daß sie während des ganzen Aktes auf der Bühne gewesen ist. Sie mag schlecht und durchtrieben sein, aber zaubern kann sie doch nicht!«

»Nun, so bestimmt will ich das nicht behaupten«, meinte Pater Brown lächelnd. »Aber abgesehen davon — es bedurfte in diesem Fall gar keiner Zauberei. Ich weiß jetzt, daß sie den Mord ausgeführt hat, und die Ausführung war ganz einfach.«

»Warum sind Sie dessen so sicher?« fragte Jarvis verwundert.

»Weil das geprobte Stück ›Die Lästerschule‹ war«, entgegnete Pater Brown. »Und dann gerade dieser eine Akt der ›Lästerschule‹. Ich möchte Sie daran erinnern, wie ich eben sagte, daß sie bei der Inszenierung völlig freie Hand hatte und die Kulissen und die Einrichtung stellen konnte, wie es ihr paßte. Sie dürfen auch nicht vergessen, daß die Bühne ursprünglich für Pantomimen gebaut und benützt wurde, daß also sicher Falltüren und allerlei Versenkungen vorhanden sind. Und wenn Ihrer Meinung nach die beiden Damen bezeugen können, daß alle Schauspieler sich auf der Bühne befunden haben, so möchte ich Sie daran erinnern, daß in der Hauptszene des Stückes eine der Hauptpersonen nach der Regieanweisung zwar auf der Bühne bleibt, aber für beträchtliche Zeit nicht sichtbar ist. Theoretisch befindet sie sich also auf der Bühne, aber in Wirklichkeit kann sie während dieser Zeit ganz woanders sein. Das ist das Versteck der Lady Teazle und damit zugleich das Alibi von Frau Mandeville.«

Völlig verblüfft stand Jarvis da. Dann meinte er: »Sie glauben also, daß sie, gedeckt durch eine Kulisse, durch eine Falltür ins Zimmer des Direktors gelangt ist?«

»Wahrscheinlich«, sagte Pater Brown. »Das ist mir schon aus dem Grund wahrscheinlich, weil sie eine Probe ohne Kostüme angesetzt hat. Ich vermute, daß sie dies alles bis ins einzelne vorausgeplant hat. Hätte sie nämlich eine Kostümprobe veranstaltet, dann wäre es für sie reichlich schwierig gewesen, im Reifrock des achtzehnten Jahrhunderts durch die Falltür zu kommen. Es ist natürlich noch eine ganze Reihe kleinerer Unklarheiten da, aber ich denke, sie werden im Laufe der Zeit ihre Aufklärung finden.« Jarvis dachte angestrengt nach; stöhnend stützte er den Kopf auf die Hände. »Aber mir ist es immer noch nicht klar, wie eine so starke, ernste Frau derartig ihr inneres Gleichgewicht verlieren und all ihre moralischen Hemmungen über Bord werfen konnte. Gibt es überhaupt ein Motiv, das sie zu einer solchen Tat befähigte? War denn ihre Liebe zu Knight so groß?«

»Ich möchte es wünschen«, entgegnete Pater Brown, »denn das wäre noch die menschlichste Entschuldigung. Aber ich muß leider sagen, daß ich meine Zweifel habe. Sie wollte einfach ihren Mann los sein, der ihr ein zu rückständiger Provinzler war und ihr nicht einmal genug Geld verdiente. Sie wollte als die Frau eines glänzenden und rasch berühmt werdenden Schauspielers Karriere machen. Sie hat ihren Mann nicht aus einer menschlich-leidenschaftlichen Aufwallung heraus ermordet, sondern aus kühler Überlegung, weil sie an seiner Seite nicht die Rolle spielen konnte, die sie erträumt hatte. Sie setzte ihrem Mann ständig im geheimen zu, er solle sich scheiden lassen oder ihr sonstwie den Weg freigeben, und da er sich weigerte, mußte er schließlich seine Weigerung mit dem Tod bezahlen.

Und Sie müssen sich noch etwas anderes vor Augen halten. Sie verehrten diese Frau wegen ihrer philosophischen und literarischen Neigungen. Aber ihre ganze Philosophie drehte sich nur um den Willen zur Macht und das Recht auf Leben und Erlebnisse … Alles verdammter Unsinn und mehr als das — Unsinn, der zur Verdammnis führt.«

Zornig runzelte Pater Brown die Stirn, was bei ihm selten vorkam, und mit finsterem Gesicht setzte er seinen Hut auf und schritt hinaus in die Nacht.

Vaudreys Verschwinden

Sir Arthur Vaudrey, in einem hellgrauen Sommeranzug, den weißen Hut in keckem Schwung auf das Haupt gedrückt, spazierte vergnügt und raschen Schrittes die Straße längs des Flusses daher, die von seinem Haus zu der kleinen Gruppe winziger, fast wie Nebengebäude seiner prächtigen Villa wirkender Häuschen führte, betrat die kleine Siedlung und — war verschwunden, wie vom Erdboden verschluckt.

Dieses plötzliche Verschwinden war um so unerklärlicher, als die Örtlichkeiten aber auch gar nichts Geheimnisvolles an sich hatten und die Begleitumstände alles andere als kompliziert waren. Die Siedlung konnte man beim besten Willen nicht als Dorf bezeichnen; sie bestand eigentlich nur aus einer schmalen Straße mit kleinen Häusern, die einsam und verlassen in der weiten Flur dalagen. Es gab da vier oder fünf Läden, in denen die Bewohner der Gegend, ein paar Bauern und die Insassen des großen Hauses, das Allernotwendigste kaufen konnten. Gleich an der Ecke befand sich ein Metzgerladen, vor dem, wie sich später herausstellte, Sir Arthur zuletzt gesehen worden war, und zwar von zwei jungen Leuten, die in seinem Haus wohnten: von Evan Smith, der als sein Sekretär fungierte, und von John Dalmon, der, wie man allgemein annahm, sich demnächst mit Sir Arthurs Mündel verheiraten sollte. Gleich daneben lag ein kleiner Laden, in dem alles mögliche zu haben war, wie das oft in Dörfern der Fall ist: eine alte Frau verkaufte hier Schokolade und Bonbons, Spazierstöcke und Golfbälle ebenso wie Leim, Schnur und vergilbtes Schreibpapier. Es folgte ein Tabakladen, zu dem sich die beiden jungen Männer gerade begaben, als sie Sir Arthur vor dem Metzgerladen zum letztenmal erblickten. Daneben betrieben in einem armseligen Häuschen zwei unscheinbare Damen ein Konfektionsgeschäft. Den Schluß bildete ein düsterer, schäbiger Laden, in dem man eine wäßrige, grünliche Limonade in großen Gläsern eretehen konnte, denn das einzige richtige Gasthaus stand noch ein gutes Stück weiter an der Landstraße abwärts. Zwischen dem Gasthaus und der Siedlung lag eine Straßenkreuzung, an der ein Polizist und ein uniformierter Angestellter eines Automobilklubs sich die Zeit vertrieben. Beide sagten übereinstimmend aus, daß Sir Arthur diesen Punkt der Straße nicht passiert habe.

Es war ein strahlender Sommermorgen, als der alte Herr, fröhlich ausschreitend, seinen Spazierstock schwingend und seine gelben Handschuhe durch die Luft wirbelnd, die Straße zur Siedlung entlangmarschierte. Er hatte viel von einem Dandy an sich, war aber für sein Alter doch recht kräftig und lebhaft. Sein körperlicher Zustand war bemerkenswert, und wenn man ihn so sah, wußte man nicht recht, war sein Haar wirklich weiß oder war es nur so blond, daß es weiß erschien. Sein glattrasiertes Gesicht war ebenrnäßig und angenehm; er hatte eine Adlernase wie der Herzog von Wellington. Das hervorstechendste Merkmal an ihm waren jedoch seine Augen, und das nicht nur in bildlichem Sinn. Sie wölbten sich geradezu aus ihren Höhlen und waren so das einzige Unregelmäßige in seinen sonst so ebenmäßigen Gesichtszügen. Seine Lippen waren voll, aber eigenwillig fest zusammengepreßt. Der ganze Grund und Boden ringsum gehörte ihm und die Siedlung natürlich auch. In einem solchen Dörfchen kennt nicht nur jeder jeden, sondern jeder weiß meist auch von jedem, wo er sich in jedem Augenblick befindet. Sir Arthurs Spaziergang wäre normalerweise so verlaufen: Er wäre ins Dorf gegangen, hätte dem Metzger oder wen er gerade aufsuchen wollte, gesagt, was er zu sagen hatte, und wäre in einer halben Stunde wieder zu Hause gewesen wie die beiden jungen Männer, die sich im Tabakladen Zigaretten gekauft hatten. Aber als die beiden wieder heimwärts gingen, sahen sie keinen Menschen auf der Straße außer einem weiteren Gast Sir Arthurs, einem gewissen Doktor Abbott, der, seinen breiten Rücken ihnen zugewandt, geduldig am Flußufer saß und angelte.

Als die drei sich zum Frühstück versammelt hatten, machten sie sich kaum Gedanken darüber, daß Sir Arthur noch nicht da war; als der Tag jedoch fortschritt und er auch zum Mittagessen nicht erschienen war, begannen sie sich natürlich allmählich den Kopf zu zerbrechen, und Sybil Rye, die dem Haushalt vorstand, fing an, sich ernsthaft zu ängstigen. Man suchte nach ihm, entdeckte aber keinerlei Spuren des Verschwundenen, und als es schließlich Abend wurde, war alles in heller Aufregung. Sybil hatte Pater Brown, den sie gut kannte, um seinen Beistand gebeten, und da die Sache offensichtlich eine bedenkliche Wendung nahm, hatte er eingewilligt, bis zur Lösung des Rätsels im Haus zu bleiben.

Als nun auch bei Anbruch des kommenden Tages noch keine Nachricht von dem Verschwundenen gekommen war, zog Pater Brown in der ersten Morgendämmerung los, um auf eigene Faust Nachforschungen anzustellen. Seine schwarze, untersetzte Gestalt tauchte auf dem Gartenweg dicht am Flußufer auf, und seine kurzsichtigen Augen schweiften unaufhörlich über die Landschaft. Da bemerkte er, daß noch jemand, noch unruhiger als er selbst, am Ufer auf und ab ging: Evan Smith, der Sekretär. Der Pater rief ihn laut an.

Evan Smith, ein großer, blonder junger Mann, war ziemlich verstört und beunruhigt, was bei der Ungewißheit, die alle bedrückte, durchaus nicht verwunderlich war. Aber etwas von dieser Unruhe war immer an ihm. Vielleicht fiel das an ihm besonders auf, weil er die athletische Gestalt, das ruhige Wesen und das hellblonde Löwenhaar hatte, die nun einmal — in Romanen immer und manchmal sogar in Wirklichkeit — zu einem frisch-fröhlichen »englischen Jüngling« gehören. Aber er hatte tiefliegende Augen und einen unruhigen, flackrigen Blick, und dieser Kontrast zu seiner wohlgebauten Gestalt und dem blonden Haar war irgendwie unheimlich. Pater Brown jedoch lächelte ihm freundlich zu und sagte dann, ernster werdend: »Das ist eine recht heikle Sache.«

»Besonders für Fräulein Rye ist es schlimm«, antwortete der junge Mann finster. »Für mich ist dies das Schlimmste an der ganzen Sache, und ich sehe nicht ein, warum ich es verbergen sollte, auch wenn sie mit Dalmon verlobt ist. Nun sind Sie wohl entsetzt, wie?«

Pater Brown sah nicht gerade entsetzt aus, aber bei ihm konnte man oft nicht erkennen, woran man war. Er sagte nur nachsichtig:

»Natürlich geht uns allen ihre Angst und Besorgnis zu Herzen. Sie haben wohl auch nichts Neues erfahren? Haben Sie sich schon eine Ansicht über Sir Arthurs Verschwinden gebildet?«

»Nein, mit Neuigkeiten kann ich nicht aufwarten, ich habe auch nichts weiter gehört. Und meine Meinung über die ganze Angelegenheit…« Er verfiel in nachdenkliches Schweigen.

»Es würde mich sehr interessieren, wie Sie darüber denken«, sagte der kleine Priester freundlich. »Seien Sie mir nicht böse, aber ich glaube, Sie haben etwas auf dem Herzen.«

Der junge Mann öffnete den Mund, schloß ihn aber wieder und sah den Priester mit zusammengezogenen Augenbrauen, die einen dunklen Schatten über seine tiefliegenden Augen warfen, fest an.

»Ja, Sie haben recht«, sagte er schließlich. »Ich glaube, es ist am besten, ich schütte jemandem mein Herz aus. Und bei Ihnen scheinen mir meine Geheimnisse am besten aufgehoben.«

»Wissen Sie, was Sir Arthur zugestoßen ist?« fragte Pater Brown ruhig, als handle es sich um die nebensächlichste Frage der Welt.

»Ja«, sagte der Sekretär mit heiserer Stimme, »ich glaube, ich weiß, was Sir Arthur zugestoßen ist.«

»Ein herrlicher Morgen«, sagte plötzlich eine weiche Stimme ganz in der Nähe. »Ein herrlicher Morgen, der gar nicht zu einem so traurigen Anlaß paßt.«

Wie von einer Schlange gebissen, fuhr der Sekretär herum, als nun der breite Schatten Doktor Abbotts im hellen Schein der bereits hoch stehenden Sonne über den Weg fiel. Doktor Abbott hatte noch seinen Morgenrock an, einen prächtigen orientalischen Morgenrock, der, über und über mit farbigen Blumen und Drachen bedeckt, aussah wie ein in glühender Sonne leuchtendes, üppiges Blumenbeet. Er trug dazu große, flache Pantoffeln, die es ihm wahrscheinlich ermöglicht hatten, sich so ungehört zu nähern. Eigentlich paßte dieses Heranschleichen gar nicht zu ihm, denn er war ein sehr großer, breiter und schwerer Mann mit einem kräftigen, gutmütigen, sonnenverbrannten Gesicht, das von einem altmodischen, grauen Kinn- und Backenbart umrahmt war. Üppig gewachsene, lange graue Locken umrahmten sein ehrfurchtgebietendes Haupt. Seine zusammengekniffenen grauen Augen blickten reichlich schläfrig drein, was bei einem so alten Mann, der sich zu so früher Stunde erhoben hatte, schließlich nicht verwunderlich war. Aber er sah trotz seines Alters sehr robust und abgehärtet aus, wie ein alter Bauer oder Matrose, der bei jedem Wetter im Freien gewesen ist. Von all den Gästen Sir Arthurs war er der einzige Freund und Altersgenosse des Gastgebers.

»Ich kann es wirklich nicht verstehen«, sagte er kopfschüttelnd. »Diese kleinen Häuser sind doch wie Puppenstuben die ganze Zeit über vorn und hinten offen, und wenn man darin jemanden verbergen wollte, so wäre dies bei dem wenigen Platz ja kaum möglich. Abgesehen davon — ich wüßte nicht, warum ihm jemand übelwollte. Dalmon und ich haben gestern alle Bewohner der Siedlung gesprochen; es sind meistens kleine alte Frauen, die keiner Fliege etwas zuleide tun könnten. Die Männer sind fast alle bei der Ernte, außer dem Metzger, und Arthur wurde zum letztenmal gesehen, als er aus dem Metzgerladen herauskam. Auf dem Rückweg längs des Flusses kann ihm auch nichts zugestoßen sein, denn ich habe den ganzen Vormittag am Ufer gesessen und geangelt.«

Dann sah er Smith an, und dabei sahen seine schmalen Augen gar nicht mehr verschlafen aus; für kurze Sekunden blitzte darin etwas Hinterhältiges auf. »Sie und Dalmon werden es ja bezeugen können«, sagte er, »daß Sie mich die ganze Zeit über hier haben sitzen sehen, sowohl als Sie ins Dorf gingen, als auch als Sie zurückkamen.«

»Allerdings«, erwiderte Smith kurz angebunden. Er schien sich über die lange Unterbrechung ziemlich zu ärgern.

»Ich kann mir die Sache nur so vorstellen …« fuhr Doktor Abbott langsam fort, wurde aber nun seinerseits unterbrochen. Eine geschmeidige, aber kräftige Gestalt tauchte zwischen den Blumenbeeten auf und überquerte schnell den Rasen. Es war John Dalmon, der, ein Stück Papier in der Hand, auf sie zueilte. Er war elegant gekleidet, sein markantes, an Napoleon erinnerndes Gesicht war tiefbraun, und seine Augen hatten einen so traurigen Ausdruck, daß sie einem beinahe tot vorkamen. Er stand offenbar in der Blüte der Jahre, doch war sein schwarzes Haar an den Schläfen vorzeitig ergraut.

»Ich habe soeben von der Polizei dieses Telegramm erhalten«, sagte er. »Ich habe gestern abend noch telegrafiert, und jetzt erhielt ich die Nachricht, daß man sofort jemanden hersenden wird. Herr Doktor Abbott, wissen Sie vielleicht noch jemanden, den wir verständigen müssen? Etwaige Verwandte oder Bekannte?«

»Vor allem müssen wir seinen Neffen Vernon Vaudrey benachrichtigen«, sagte Doktor Abbott. »Wenn Sie mit mir kommen wollen, ich glaube, ich kann Ihnen seine Adresse geben … und Ihnen etwas sehr Merkwürdiges über ihn erzählen.«

Doktor Abbott und Dalmon gingen zum Haus zurück, und als sie außer Hörweite waren, sagte Pater Brown, als wären sie in ihrem Gespräch nie unterbrochen worden:

»Ja und?«

»Sie haben einen kühlen Kopf«, sagte der Sekretär erstaunt.

»Das kommt wohl vom Beichtehören. Und mir ist auch zumute, als wollte ich eine Beichte ablegen. Allerdings hat mir dieser alte Elefant, der wie eine Schlange herangeschlichen kam, beinahe die Stimmung, in der man zu Geständnissen aufgelegt ist, wieder genommen. Aber es ist vieileicht besser, wenn ich mich trotzdem nicht abhalten lasse, obschon es in Wirklichkeit gar nicht meine Beichte ist, sondern die eines anderen.« Er steckte einen Augenblick, zog die Bremen zusammen, strich über seinen Schnurrbart und stieß dann plötzlich hervor: »Ich glaube, Sir Arthur ist entflohen, und ich denke, ich weiß auch den Grund.«

Pater Brown sagte kein Wort, und Evan Smith fuhr nach einer kurzen Pause hastig fort: »Ich bin in einer gräßlichen Lage, und viele würden mein Handeln verurteilen. Ich werde in der Rolle eines hinterhältigen Angebers erscheinen, und doch glaube ich, damit nur meine Pflicht zu tun.«

»Das müssen Sie selbst am besten wissen«, entgegnete Pater Brown ernst. »Aber warum halten Sie es für Ihre Pflicht?«

»Ich bin in der ganz scheußlichen Lage, einen Nebenbuhler, und noch dazu einen erfolgreichen Nebenbuhler, anschwärzen zu müssen«, sagte der junge Mann bitter. »Aber ich sehe keinen anderen Weg. Sie haben mich gefragt, ob ich mir Vaudreys Verschwinden erklären könne. Ich bin unbedingt davon überzeugt, daß die Erklärung bei Dalmon liegt.«

»Sie meinen also«, sagte Pater Brown, ohne großes Staunen zu zeigen, »daß Dalmon Sir Arthur ermordet hat?«

»Aber nein!« fuhr Smith verwundert auf. »Nein und hundertmal nein! Was Dalmon auch sonst verbrochen haben mag — das hat er bestimmt nicht getan! Was er auch sonst sein mag — ein Mörder ist er nicht. Er hat das denkbar beste Alibi, die positive Aussage eines Menschen, der ihn haßt. Ich werde sicherlich nicht aus Liebe zu Dalmon einen Meineid leisten, und ich könnte jederzeit beschwören, daß er gestern dem alten Mann nichts angetan haben kann. Dalmon und ich waren den ganzen Tag über — oder doch zumindest in der fraglichen Zeit — ständig beisammen, und er hat im Dorf nichts getan, als Zigaretten zu kaufen. Ich bin zwar davon überzeugt, daß er ein Verbrecher ist, aber ermordet hat er Vaudrey nicht. Ich möchte sogar sagen: Eben weil er ein Verbrecher ist, hat er Vaudrey nicht ermordet.«

»Nun gut«, sagte Pater Brown geduldig, »und was wollen Sie damit sagen?«

»Ich will sagen«, antwortete der Sekretär, »daß er ein anderes Verbrechen begeht, das nur verübt werden kann, wenn Vaudrey am Leben bleibt.«

»Ich verstehe«, sagte Pater Brown.

»Ich kenne Sybil Rye ziemlich gut, und ihr Charakter spielt in dieser Geschichte eine große Rolle. Sie ist in doppelter Bedeutung des Wortes ein feiner Charakter, das heißt, sie ist von vornehmer, aber auch sehr empfindlicher Art. Sie gehört zu jenen Menschen, die schrecklich gewissenhaft und peinlich genau sind, ohne jedoch den aus Gewohnheit und nüchternem Verstand geschmiedeten Panzer zu besitzen, den sich viele dieser so gewissenhaften Menschen mit der Zeit umlegen. Sie ist fast krankhaft empfindlich und zugleich völlig selbstlos. Ihre Lebensgeschichte ist recht seltsam. Sie war eine Waise, und wie ein Findelkind besaß sie buchstäblich keinen einzigen Pfennig. Sir Arthur hat sie in sein Haus aufgenommen und mit einer Achtung behandelt, die viele Leute in Erstaunen gesetzt hat, denn, ohne ihm etwas Böses nachsagen zu wollen, es lag ihm nicht sehr, andere auf diese Weise zu behandeln. Als sie aber etwa siebzehn Jahre alt war, bekam sie plötzlich eine überraschende Erklärung für Sir Arthurs Verhalten: Ihr Vormund hielt um ihre Hand an. Nun komme ich zum springendem Punkt dieser Geschichte. Zufällig hatte Sybil durch irgend jemanden — wahrscheinlich durch den alten Abbott — erfahren, daß Sir Arthur Vaudrey in seinen wilden Jugendjahren irgendein Verbrechen oder wenigstens ein großes Unrecht begangen hatte — eine Tat, durch die er mit dem Gesetz in ernstlichen Konflikt gekommen war. Was es war, weiß ich nicht. Aber dem jungen, empfindlichen Mädchen erschien die Tat ganz schrecklich; Sir Arthur kam ihr wie ein Ungeheuer vor, und es war ihr einfach unvorstellbar, daß sie mit ihm eine Ehe eingehen sollte. Es ist typisch für sie, wie sie sich in dieser Lage verhielt. In hilflosem Schrecken und mit heroischem Mut sagte sie ihm mit zitternden Lippen die Wahrheit. Sie gestand, daß ihre Abneigung vielleicht krankhaft sei, sie gab sie offen zu wie eine verborgengehaltene Verrücktheit. Zu ihrer Erleichterung und Überraschung nahm Sir Arthur ihr Geständnis ruhig und höflich entgegen und kam niemals wieder auf seinen Antrag zurück. Und sein Verhalten bei einer späteren Gelegenheit verstärkte in ihr noch den Eindruck von seinem Edelmut. In ihr einsames Leben war nämlich ein ebenso einsamer Mann getreten. Wie ein Einsiedler hauste er draußen auf einer der Flußinseln, und wahrscheinlich fühlte sie sich von seinem geheimnisvollen Wesen angezogen, obwohl ich zugeben muß, daß er schon rein äußerlich als Mann gesehen anziehend genug ist. Von besten Umgangsformen, sehr geistreich, aber mit einem melancholischen Einschlag, was wohl den romantischen Eindruck noch verstärkt. Sie werden schon wissen, wen ich meine: Dalmon. Aber ich weiß heute noch nicht, ob sie ihn wirklich liebt; auf jeden Fall hat sie ihm erlaubt, bei ihrem Vormund um ihre Hand zu bitten. Ich kann mir gut vorstellen, daß sie das Ergebnis dieser Aussprache mit Zittern und Beben erwartet und sich gefragt hat, wie der alte Geck wohl das Auftauchen eines Nebenbuhlers aufnehmen würde. Aber auch jetzt mußte sie entdecken, daß sie ihm offenbar unrecht getan und ihn falsch eingeschätzt hatte. Sir Arthur begrüßte den Jüngeren mit großer Herzlichkeit und schien sich über das zukünftige Glück des jungen Paares ehrlich zu freuen. Er ging zusammen mit Dalmon auf die Jagd und zum Fischen, und die beiden waren offensichtlich die besten Freunde. Da erlebte sie eines Tages eine neue Überraschung. Zufällig entschlüpfte Dalmon bei einer Unterhaltung die Bemerkung, daß sich der Alte in den letzten dreißig Jahren nicht sehr verändert habe, und mit einem Schlag verstand sie die Ursache für die merkwürdige Vertrautheit der beiden Männer. Das ganze Kennenlernen und die freundliche Aufnahme waren nur Theater gewesen; die beiden kannten sich offenbar von früher her. Deshalb also war der Jüngere so heimlich in die Gegend gekommen. Deshalb war auch der Ältere so schnell bereit gewesen, zu der Verbindung mit seinem Mündelkind seine Zustimmung zu geben. Nun, was halten Sie davon?«

»Was Sie davon halten, ist mir völlig klar«, sagte Pater Brown lächelnd, »und Ihr Schluß scheint auch ganz logisch zu sein. Auf der einen Seite haben wir Vaudrey mit irgendeinem dunklen Punkt in seiner Vergangenheit, auf der anderen einen geheimnisvollen Fremden, der sich an ihn heranmacht und unter Ausnützung seiner Kenntnis dieses dunklen Punktes von ihm bekommt, was er haben will. Mit anderen Worten: Sie halten Dalmon für einen Erpresser.«

»Allerdings«, entgegnete Smith, »und das ist ein scheußlicher Gedanke.«

Pater Brown überlegte einen Augenblick und sagte dann: »Ich halte es für das beste, ich gehe jetzt ins Haus und rede mal ein Wörtchen mit Doktor Abbott.«

Als er nach einigen Stunden wieder aus dem Haus trat, konnte er zwar init Doktor Abbott gesprochen haben, er kam jedoch nicht mit ihm, sondern mit Sybil Rye heraus, einem blassen Mädchen mit rötlichem Haar und einem zarten, sehr sensitiven Gesicht. Wenn man sie so sah, konnte man sofort verstehen, was der Sekretär von ihrer mimosenhaften Zartfühligkeit berichtet hatte. Man mußte an die berühmte Lady Godiva und an gewisse Legenden von jungfräulichen Märtyrinnen denken; nur derartig scheue Menschen können um ihres Gewissens willen so schamlos und schonungslos werden. Smith ging ihnen entgegen, und sie blieben eine Weile auf dem Rasen stehen. Die Sonne, die am frühen Morgen strahlend aufgegangen war, brannte jetzt glühend hernieder, aber immer noch trug Pater Brown in der Hand seinen schwarzen Schirm und auf dem Kopf den schwarzen Hut, der mit seinem breiten Rand wie ein aufgespannter Schirm aussah. Es war, als habe er sich für ein Unwetter gerüstet, und — obwohl er sich dessen wahrscheinlich gar nicht bewußt war — auch sein Gesicht sah nach Sturm aus.

»Was ich am meisten hasse, ist das Gerede, das bereits beginnt«, sagte Sybil leise. »Jeder wird verdächtigt. John und Evan können ja füreinander einstehen, aber Doktor Abbott hat mit dem Metzger eine stürmische Auseinandersetzung gehabt. Der Metzger glaubt, daß man ihn verdächtigt, und streut nun seinerseits alle möglichen Verdächtigungen aus.«

Evan Smith war es deutlich anzusehen, daß es ihm in seiner Haut nicht recht wohl war. Er platzte heraus:

»Schau mal, Sybil, ich kann nicht viel sagen, aber wir halten dieses ganze Getue für unnötig. Die Sache ist schlimm genug, aber an eine — Gewalttat glauben wir nicht.«

»Sie haben also schon eine Erklärung für das Verschwinden?« fragte Sybil Rye und richtete ihre Augen sofort auf den Priester.

»Ich habe eine Erklärung gehört«, sagte dieser, »die mir recht plausibel klingt.«

Gedankenverloren sah er zum Fluß hinüber, während das Mädchen und Smith sich leise in schnellen Worten unterhielten. Vor sich hinsinnend, ging der Priester langsam das Ufer entlang und verschwand dann in einem Gebüsch an einer Stelle, wo das Ufer steil zum Fluß hin abfiel. Die glühende Sonne brannte auf dem dünnen Schleier der kleinen, tanzenden Blättchen, so daß diese aussahen wie grüne Flämmchen. Kurze Zeit später hörte Smith, wie aus der grünen Tiefe des Dickichts leise, aber deutlich sein Name gerufen wurde. Rasch eilte er in die Richtung, aus der der Ruf gekommen war, und sah Pater Brown aus dem Gebüsch wieder auftauchen. Hastig zog ihn der Priester zur Seite und flüsterte ihm zu:

»Sorgen Sie dafür, daß Fräulein Rye nicht hierherkommt. Können Sie sie nicht irgendwie loswerden? Schicken Sie sie weg, sie soll telefonieren oder sonstwas tun, und kommen Sie dann sofort zurück.«

Evan Smith versuchte verzweifelt, sich nichts anmerken zu lassen, als er sich nun wieder Fräulein Rye zuwandte, aber da sie ein Mensch war, der gern für andere etwas besorgte, war sie sehr bald im Haus verschwunden.

Pater Brown war bereits wieder in dem Dickicht untergetaucht, als Smith zurückkehrte. Direkt unterhalb des Gebüsches befand sich eine kleine Bucht; hier zog sich das grasbewachsene Steilufer bis zum Plußsand hinab. Am Rand dieser schmalen Bucht stand Pater Brown und blickte auf den Sand hinunter, und obwohl die Sonne glühend auf seinen Kopf herniederbrannte, hielt er — entweder aus Gedankenlosigkeit oder absichtlich — seinen Hut in der Hand.

»Es ist besser, wenn zwei Zeugen dies sehen«, sagte er todernst. »Aber machen Sie sich auf etwas Schreckliches gefaßt.«

»Auf etwas Schreckliches?« fragte der andere schaudernd.

»Auf den schrecklichsten Anblick, den ich je in meinem Leben gehabt habe«, sagte Pater Brown.

Evan Smith trat an den Rand des grasbewachsenen Ufers. Entsetzt fuhr er zurück, und nur mit Mühe konnte er einen lauten Aufschrei unterdrücken.

Sir Arthur Vaudrey starrte ihm grinsend entgegen. Gräßlich — das Gesicht war so dicht vor ihm, daß er seinen Fuß hätte daraufsetzen können; der Kopf war zurückgeworfen, der Schopf des weißlich-hellen Haares dem Beschauer zugekehrt, so daß man das Gesicht von unten her sah. Das machte den Anblick noch grausiger, denn es sah aus, als sei der Kopf verkehrt herum auf den Körper gesetzt. Was tat er da nur? War es möglich, daß Vaudrey wirklich so herumkroch, sich in dieser kleinen, grasbewachsenen Bucht verbarg Und in dieser unnatürlichen Stellung zu ihnen hinaufsah? Der Körper war eigenartig verkrümmt, wie verkrüppelt oder verstümmelt, und erst bei näherem Zusehen erkannte man, daß dieser Eindruck nur durch den Gesichtswinkel entstand, aus dem man den zusammengesunkenen Körper sah. War Sir Arthur etwa verrückt geworden? Je mehr Smith hinsah, desto steifer und unnatürlicher erschien ihm die ganze Haltung.

»Von dort aus, wo Sie stehen, können Sie es wahrscheinlich nicht erkennen«, sagte Pater Brown. »Man hat ihm die Kehle durchgeschnitten.«

Smith schauderte zusammen. »Ich glaube Ihnen gern, daß dies der schrecklichste Anblick ist, den Sie je gehabt haben«, sagte er. »Wahrscheinlich sieht es deshalb so gräßlich aus, weil man das Gesicht verkehrt herum erblickt. Ich habe dieses Gesicht zehn Jahre lang Tag für Tag bei jeder Mahlzeit mir gegenüber gesehen, und immer sah es freundlich und liebenswürdig aus. Man braucht so ein Gesicht nur einmal umgekehrt zu sehen, und schon sieht es aus wie das Gesicht eines bösen Menschen.«

»Das Gesicht lächelt«, sagte Pater Brown trocken, »eine Tatsache, die ich mir nicht erklären kann. Es gibt nicht viele Leute, die lächeln, wenn man ihnen die Kehle durchschneidet, selbst dann nicht, wenn sie es selbst tun. Dieses Lächeln, und dazu seine hervortretenden Augen, die ja schon immer aussahen, als wollten sie aus dem Kopf kommen, dürfte wohl erklären, warum der Anblick so grausig ist. Aber Sie haben recht, es sieht alles anders aus, wenn man es umdreht. Künstler stellen ihre Bilder oft auf den Kopf, um zu prüfen, ob die Zeichnung richtig ist. Manchmal, wenn es Schwierigkeiten macht, den Gegenstand selbst auf den Kopf zu stellen — wie zum Beispiel beim Matterhorn —, pflegen sie sich selbst auf den Kopf zu stellen oder versuchen, zwischen den Beinen durchzusehen.«

Der Priester, der munter drauflosredete, um die Nerven seines Begleiters zu beruhigen, schloß in ernsterem Ton mit den Worten: »Ich verstehe recht gut, daß dieser Anblick Sie erschüttert hat. Unglücklicherweise ist dadurch noch etwas anderes erschüttert worden.«

»Etwas anderes? Wie meinen Sie das?«

»Unsere ganze schöne Theorie, die so überzeugend schien«, antwortete Pater Brown und kletterte das Ufer hinab zu dem schmalen Sandstreifen, der sich am Fluß entlangzog.

»Vielleicht hat er selbst Hand an sich gelegt«, meinte Smith plötzlich. »Vielleicht war es der einzige Ausweg, den er noch vor sich sah; das würde recht gut zu unserer Theorie passen. Er suchte einen abgelegenen Platz, kam hierher und schnitt sich die Kehle durch.«

»Er ist aber nicht hierhergekommen«, sagte Pater Brown, »wenigstens nicht lebend und nicht vom Land her. Hier hat er seinen Tod nicht gefunden, dafür sind nicht genug Blutspuren vorhanden. Die heiße Sonne hat sein Haar und seine Kleidung bereits fast völlig getrocknet; aber am Sand können Sie noch deutlich erkennen, wie hoch das Wasser gestanden hat. Bis hierher etwa kommt die Flut vom Meer herauf und erzeugt einen Strudel, der den Leichnam in diese kleine Bucht hineingeschwemmt hat, wo er dann liegenblieb, als sich der Wasserspiegel bei Ebbe wieder senkte. Zunächst allerdings muß der Körper den Fluß hinuntergespült worden sein, wahrscheinlich von der Siedlung her, denn die Häuschen stehen ja unmittelbar am Fluß; der arme Vaudrey hat sicherlich dort seinen Tod gefunden, aber ich glaube nicht, daß er Selbstmord begangen hat. Die Frage ist nur: Wer in der winzigen Siedlung könnte ihn ermordet haben?«

Und er begann mit der Spitze seines kurzen Regenschirms allerlei merkwürdige Linien in den Sand zu zeichnen.

»Wir wollen einmal sehen. Wie folgen doch die Läden aufeinander? Zuerst kommt der Metzgerladen. Ein Metzger mit einem langen Schlachtmesser wäre natürlich ein geradezu idealer Halsabschneider. Aber Sie haben doch selbst gesehen, wie Vaudrey aus dem Laden gekommen ist, und überdies ist es nicht sehr wahrscheinlich, daß er ruhig im Laden stehenblieb, während der Metzger sagte: ›Guten Morgen. Gestatten Sie bitte, daß ich Ihnen die Kehle durchschneide. So, danke sehr. Der nächste, bitte.‹ Sir Arthur scheint mir durchaus nicht der Mann gewesen zu sein, der so etwas freundlich lächelnd mit sich geschehen ließe. Schließlich war er kräftig genug und hatte ein ziemlich heftiges Temperament. Aber wer außer dem Metzger hätte es mit ihm aufnehmen können? Der nächste Laden gehört einer alten Frau. Dann kommt der Tabakladen. Der Inhaber ist zwar ein Mann, aber, wie ich höre, ein kleines, schüchternes Kerlchen. Das Konfektionsgeschäft gehört zwei alten Damen, die beide unverheiratet sind, und in dem Laden mit den Erfrischungen bedient die Frau des Inhabers, da der Mann gegenwärtig im Krankenhaus liegt. Die zwei oder drei Burschen, die als Gehilfen oder Laufjungen beschäftigt sind, hatten gestern zufällig alle auswärts Besorgungen zu erledigen. Der Erfrischungsladen ist das letzte Haus an der Straße, darüber hinaus liegt nur noch das Gasthaus, aber dazwischen stand ja ein Polizist.«

Er drückte mit der eisernen Spitze seines Regenschirms ein Loch in den Sand, das den Polizisten darstellen sollte, und blickte nachdenklich den Fluß hinauf. Plötzlich fuhr er mit der Hand durch die Luft, trat schnell zu dem Leichnam und beugte sich über ihn.

»Aha!« sagte er, richtete sich auf und holte tief Luft. »Der Tabakladen! Wie konnte ich das nur vergessen!«

»Was ist denn mit Ihnen los?«’ fragte Smith verblüfft, denn Pater Brown rollte die Augen und murmelte Unverständliches vor sich hin, und das Wort »Tabakladen« hatte einen unheimlichen Beiklang gehabt, als enthielte es einen vernichtenden Urteilsspruch.

»Ist Ihnen an seinem Gesicht nicht etwas sehr Merkwürdiges aufgefallen?« fragte der Priester nach einer Pause.

»Etwas Merkwürdiges? Sie sind ja gut«, sagte Evan, dem noch der Schreck in allen Gliedern steckte. »Schließlich hat man ihm doch die Kehle…«

»Ich sagte: an seinem Gesicht«, bemerkte Pater Brown ruhig. »Sehen Sie übrigens nicht, daß er sich an der Hand verletzt hat und einen kleinen Verband trägt?«

»Oh, das hat mit der Sache nichts zu tun«, sagte Evan Smith schnell. »Diese kleine Wunde hat er sich rein zufällig und noch vor der Ermordung zugefügt. Er hat sich die Hand an einem zerbrochenen Tintenfaß verletzt, als wir zusammen arbeiteten.«

»Und doch hat das etwas mit seinem Tod zu tun«, erwiderte Pater Brown.

Lange Zeit schwiegen beide, und der Priester ging nachdenklich, seinen Regenschirm hinter sich nachziehend, auf dem Sandstreifen auf und ab, ständig vor sich hinmurmelnd. Immer wieder war das Wort »Tabakladen« zu hören, so daß Smith schließlich kalte Furcht überrieselte, so unheimlich wirkte das Wort auf ihn. Dann hob Pater Brown plötzlich den Regenschirm und zeigte auf ein Bootshaus, das zwischen dem Schilf sichtbar war.

»Das Bootshaus gehört doch zum Haus Vaudrey?« fragte er. »Es wäre mir lieb, wenn Sie mich den Fluß hinaufrudern würden. Ich möchte gerne einmal diese Häuser von hinten sehen. Wir haben keine Zeit zuverlieren. Vielleicht wird in der Zwischenzeit der Leichnam hier gefunden, aber darauf müssen wir es ankommen lassen.«

Sie waren schon eine ganze Zeit in dem kleinen Boot unterwegs, das Smith mit kräftigen Ruderschlägen flußaufwärts lenkte, ehe Pater Brown wieder etwas sagte.

»Ich habe übrigens vom alten Abbott erfahren, was der arme Vaudrey sich früher hat zuschulden kommen lassen. Es ist eine höchst merkwürdige Geschichte. Ein ägyptischer Beamter hatte ihm gegenüber die beleidigende Äußerung getan, ein guter Moslem meide Schweinefleisch und Engländer; wenn er aber wählen müsse, so würde er den Schweinen den Vorzug geben. So oder ähnlich war die taktvolle Bemerkung. Dieser Streit lebte anscheinend einige Jahre später, als dieser Ägypter nach England kam, wieder auf, und Vaudrey in seiner leidenschaftlichen Rachsucht schleppte den Mann in einen Schweinestall, der zu seinem Haus gehörte, und warf ihn mit solcher Wucht hinein, daß der sich einen Arm und ein Bein brach. In diesem Zustand ließ er ihn bis zum nächsten Morgen liegen. Die Geschichte erregte seinerzeit natürlich großes Aufsehen; viele Leute waren allerdings der Auffassung, Vaudrey habe in einer verzeihlichen patriotischen Aufwallung gehandelt. Auf keinen Fall aber glaube ich, daß sich ein Mensch wegen einer solchen Tat jahrelang stillschweigend erpressen lassen würde.«

»Dann glauben Sie also nicht, daß diese Geschichte mit unserer Theorie etwas zu schaffen hat?«

»Ich glaube, mit meiner Theorie, die ich jetzt aufgestellt habe, hat sie sogar sehr viel zu schaffen«, entgegnete Pater Brown.

Das Boot zog an der niedrigen Mauer vorüber, die den von der Hinterfront der Häuser steil zum Ufer abfallenden Streifen Gartenland abschloß. Pater Brown zählte die Häuser mit erhobenem Regenschirm, und als er zum dritten kam, sagte er:

»Der Tabakladen! Es würde mich doch interessieren, ob der Inhaber… Aber das werde ich ja leicht erfahren können. Jetzt will ich Ihnen auch sagen, was mir an Sir Arthurs Gesicht aufgefallen ist.«

»Was denn?« fragte sein Begleiter und hielt gespannt im Rudern inne.

»Er hat doch stets so großen Wert auf seine äußere Erscheinung gelegt. Aber sein Gesicht — war nur halb rasiert… Könnten Sie hier einen Augenblick halten? Am besten binden wir das Boot an den Pfosten hier.«

Ein paar Minuten später waren sie schon über die kleine Mauer gestiegen und kletterten den schmalen, steilen, mit Kieselsteinen belegten Gartenweg hinauf, der von Blumen- und Gemüsebeeten gesäumt war.

»Dachte ich es mir doch gleich«, bemerkte Pater Brown. »Der Tabakhändler zieht also Kartoffeln. Und wo es viele Kartoffeln gibt, gibt es auch bestimmt viele Kartoffelsäcke. Diese kleinen Krämer auf dem Land haben noch nicht alle ländlichen Gewohnheiten aufgegeben: Meist üben sie noch zwei oder drei Berufe gleichzeitig aus. Und in den Tabakläden auf dem Land wird seit eh und je noch ein zweiter wichtiger Beruf ausgeübt, an den ich erst dachte, als ich Vaudreys Kinn sah. Man kann hier nicht nur Tabak kaufen, man kann sich hier auch rasieren lassen. Sir Arthur hatte sich in die Hand geschnitten und konnte sich deshalb nicht selbst rasieren; also ging er hierher. Fällt Ihnen dabei nicht etwas ein?«

»Man kann auf alle möglichen Gedanken kommen«, erwiderte Smith, »aber ich glaube, daß mein Gedankenflug bei weitem nicht so schnell ist wie Ihrer.«

»Mir fällt bei dieser Gelegenheit ein, daß es nur eine einzige Gelegenheit gibt, bei der ein kräftiger und ziemlich temperamentvoller Mann lächeln könnte, wenn ihm die Kehle durchgeschnitten wird.«

Im nächsten Augenblick hatten sie bereits den dunklen Flur des Hinterhauses durchschritten und gelangten in den rückwärtigen Ladenraum; er war nur spärlich durchtrübes Licht erhellt, das matt von draußen hereinsickerte und von einem schmutzigen, von Rissen durchzogenen Spiegel zurückgeworfen wurde. Es war ein Licht, ähnlich dem grünlichen Zwielicht eines Brunnenschachts, aber doch immerhin hell genug, um in Umrissen die Einrichtung einer Barbierstube und das bleiche, schreckverzerrte Gesicht des Barbiers und Tabakhändlers Wicks erkennen zu lassen.

Pater Browns Auge schweifte im Zimmer umher, das anscheinend erst vor kurzem gereinigt und aufgeräumt worden war, bis sein Blick in einer staubigen Ecke unmittelbar hinter der Tür etwas entdeckte. An einem Kleiderhaken dort hing ein Hut — ein weißer Hut, den jedes Kind im Dorf kannte. Auf der Straße hatte ihn jeder schon von weitem erkannt, hier aber war er als unbedeutende Nebensächlichkeit von dem Mann vergessen worden, der offensichtlich so peinlich den Boden geschrubbt und alle Blutspuren aus der Kleidung und vom Boden entfernt hatte.

»Sir Arthur Vaudrey ist hier gestern vormittag rasiert worden«, sagte Pater Brown, ohne die Stimme zu heben.

Der Barbier, ein kleines, unscheinbares, bebrilltes Männlein, war über das plötzliche Auftauchen dieser beiden Gestalten entsetzt, als sehe er zwei Gespenster, die vor seinen Augen aus einem Grab stiegen. Man merkte es ihm auf den ersten Blick an, daß er kein gutes Gewissen haben konnte. Er kroch, er schrumpfte sozusagen in eine Ecke des Raumes zusammen, bis von dem ganzen Männlein nicht viel mehr als nur noch die großen Brillengläser übrig zu sein schienen.

»Sagen Sie mir eines«, sagte der Priester ruhig, »hatten Sie Grund, Sir Arthur zu hassen?«

Das Männlein in der Ecke stammelte etwas, das Smith nicht verstehen konnte, aber der Priester nickte.

»Ich wußte es«, sagte er. »Sie haben ihn gehaßt, und deshalb weiß ich auch, daß Sie ihn nicht ermordet haben. Wollen Sie uns erzählen, wie sich die Sache zugetragen hat, oder soll ich es tun?«

Der Barbier schwieg. Main hörte nichts als das leise Ticken einer Uhr, das aus der Küche drang. Schließlich fuhr Pater Brown fort: »Der Hergang war so: Herr Dalmon kam in Ihren Laden und verlangte eine bestimmte Zigarettenmarke, die im Schaufenster ausgestellt war. Sie gingen einen Augenblick auf die Straße hinaus, um nachzusehen, welche Marke Herr Dalmon genau meinte. In diesem Augenblick sah Dalmon hier im Hinterzimmer das Rasiermesser, das Sie gerade aus der Hand gelegt hatten, und den über die Sessellehne zurückgebeugten weißblonden Haarschopf von Sir Arthur. Wahrscheinlich fiel gerade die Sonne schräg durch jenes Fenster und ließ Messer und Haare hell aufleuchten. Er brauchte nur einen Augenblick, um das Messer zu ergreifen, die Kehle zu durchschneiden und in den Laden zurückzukehren. Weder das Messer noch die Hand, die es führte, schreckten Sir Arthur aus seinem Träumen auf. Er starb, während er über seine Gedanken schmunzelte — und über was für Gedanken! Auch Dalmon, glaube ich, war völlig ruhig. Er hatte die Tat so schnell und geräuschlos vollbracht, daß Sie, Herr Smith, vor Gericht hätten schwören können, die ganze Zeit über mit ihm zusammengewesen zu sein. Ein anderer aber war mit Recht erschreckt und aufgeregt, und das waren Sie, Herr Wicks. Sie hatten mit Sir Arthur wegen rückständiger Pachtzinsen und ähnlicher Dinge Streitereien gehabt. Und nun kamen Sie in Ihre Rasierstube zurück und entdeckten, daß Ihr Feind in Ihrem Sessel und mit Ihrem Rasiermesser ermordet worden war. Es ist durchaus erklärlich, daß Ihnen Zweifel kamen, ob Sie Ihre Unschuld würden beweisen können, und so zogen Sie es vor, die Spuren der Tat zu beseitigen, den Boden zu schrubben und den Leichnam in einem lose zugebundenen Sack nachts in den Fluß zu werfen. Es traf sich glücklich, daß Ihre Barbierstube nur zu bestimmten Zeiten geöffnet ist, denn so hatten Sie Zeit genug dazu. Sie scheinen an alles gedacht zu haben, nur nicht an den Hut… Sie brauchen keine Angst zu haben, ich werde alles vergessen, auch den Hut.«

Und damit ging Pater Brown ruhigen Schrittes durch den Tabakladen hinaus auf die Straße, gefolgt von dem staunenden Smith, während der Barbier ihnen fassungslos nachstarrte.

»Sehen Sie«, sagte der Pater zu seinem Begleiter, »hier haben wir einen der Fälle, wo wir den Mörder nicht ohne weiteres durch die Frage nach dem Motiv überführen können, wo diese Frage aber doch ermöglicht, einen Menschen als unschuldig zu erkennen. Ein kleiner, zappliger Mann wie der Tabakhändler wäre sicherlich der letzte, der einen großen, kräftigen Mann wegen einer Geldstreitigkeit wirklich umbringen würde. Aber als erster hat er Angst, er würde beschuldigt werden, die Tat begangen zu haben… Nein, der Mann, der Sir Arthur umgebracht hat, hatte ein ganz anderes Motiv.« Und er verfiel wieder in tiefes Nachdenken und starrte gedankenverloren ins Leere.

»Es ist einfach gräßlich«, stöhnte Evan Smith. »Ich habe Dalmon zwar schon vor einigen Stunden als Erpresser und Schurken bezeichnet, aber ich bin doch tief erschüttert bei dem Gedanken, daß er wirklich den Mord begangen haben soll.«

Der Priester wandelte immer noch wie ein Träumender, wie in Trance; er machte den Eindruck eines Menschen, der in einen tiefen Abgrund starrt. Schließlich bewegten sich seine Lippen, und er murmelte etwas vor sich hin, das wie ein Stoßseufzer klang: »Barmherziger Gott, was für eine schreckliche Rache!«

Evan Smith, der noch immer verzweifelt versuchte, zu verstehen, was der Priester meinte, sah ihn fragend an. Aber Pater Brown schien ihn gar nicht zu sehen und fuhr wie im Selbstgespräch fort: »Welch entsetzlicher Haß! Wie kann nur ein sterblicher Erdenwurm an einem anderen solch eine gräßliche Rache nehmen! Werden wir jemals die Abgründe eines Menschenherzens erhellen können, in denen solch schreckliche Gedanken reifen konnten! Gott bewahre uns vor Hochmut, aber ich kann mir von einem solchen Haß und einer solchen Rache immer noch keine rechte Vorstellung machen.«

»Mir ergeht es genauso«, sagte Smith. »Ich kann mir nicht vorstellen, warum Dalmon überhaupt Vaudrey getötet hat. Wenn er ein Erpresser war, dann wäre es doch eher verständlich, wenn Sir Arthur ihn umgebracht hätte. Wie Sie sagen, diese durchgeschnittene Kehle… war entsetzlich, aber…«

Pater Brown fuhr auf und blinzelte wie jemand, der aus tiefem Schlaf erwacht. »Ach, das meinen Sie!« unterbrach er Smith schnell. »Nein, daran habe ich jetzt nicht gedacht. Ich habe nicht den Mord in der Barbierstube gemeint, als ich von der schrecklichen Rache sprach. Dieser Teil der Geschichte ist zwar scheußlich genug, aber ich dachte an etwas noch viel Gräßlicheres. Der Mord an und für sich ist viel begreiflicher; den hätte fast jeder begehen können. Dieser Mord war beinahe ein Akt der Notwehr.«

»Wie?« rief der Sekretär verblüfft aus, und auf seinem Gesicht malte sich ungläubiges Staunen. »Wenn ein Mensch sich von hinten an einen anderen heranschleicht, während dieser in einem Barbierstuhl friedlich zur Decke emporschmunzelt, und ihm den Hals durchschneidet, dann nennen Sie das Notwehr?«

»Ich habe nicht gesagt, daß es gerechte Notwehr gewesen sei«, erwiderte Pater Brown. »Ich sagte nur, daß auch andere zu dieser Tat hätten getrieben werden können, um sich vor einem schrecklichen Unglück zu schützen, das überdies ein furchtbares Verbrechen war. Und an dieses andere Verbrechen habe ich vorhin gedacht. Um mit der Frage zu beginnen, die Sie mir soeben gestellt haben: Warum sollte der Erpresser der Mörder sein? Nun, über eine Frage wie diese herrschen meist ganz falsche Vorstellungen.« Er hielt inne, als müsse er sich nach dem grauenerregenden Blick, den er soeben in den Abgrund des menschlichen Herzens getan hatte, erst wieder sammeln. Dann aber fuhr er in seinem gewöhnlichen Tonfall fort:

»Was haben Sie also an Fakten beobachtet? Zwei Männer, ein älterer und ein jüngerer, stecken viel beisammen und werden sich über ein Heiratsprojekt einig. Ein dunkler Punkt: Der Ursprung ihrer Vertraulichkeit liegt lange zurück und wird geheimgehalten. Der eine ist reich, der andere arm; und deshalb schließen Sie auf Erpressung. Bis hierher haben Sie auch ganz recht. Ihr großer Irrtum liegt darin, daß Sie den Erpresser in der falschen Person suchen: Sie nehmen an, daß der Arme den Reichen erpreßte. In Wirklichkeit aber war es umgekehrt.«

»Aber das ist doch absolut widersinnig«, warf der Sekretär ein.

»Es ist noch viel schlimmer, und dabei ist es etwas, was alles andere als selten ist«, entgegnete Pater Brown. »Heutzutage besteht ja sogar die Politik zur Hälfte aus Erpressungen, die die Reichen am Volk verüben. Ihre Meinung, das sei Unsinn, beruht ruht auf zwei Illusionen, die selbst unsinnig sind. Zum ersten nehmen Sie an, daß reiche Leute niemals noch reicher zu sein wünschen, und zum anderen glauben Sie, daß man nur Geld erpressen könne. Und den zweiten Fall haben wir hier. Sir Arthur Vaudrey handelte nicht aus Habsucht, sondern aus Rachsucht. Und er plante die gräßlichste Rache, von der ich je gehört habe.«

»Aber welchen Grund hatte er denn, an John Dalmon Rache zu nehmen?« fragte Smith.

»Er wollte sich gar nicht an Dalmon rächen«, antwortete der Priester ernst.

Beide schwiegen, und als Pater Brown fortfuhr, schien er von etwas ganz anderem sprechen zu wollen. »Als wir den Leichnam fanden, sahen wir das Gesicht umgedreht, und Sie sagten, es sehe aus wie das Gesicht eines bösen Menschen. Haben Sie daran gedacht, daß der Mörder, als er von hinten an den Barbierstuhl herantrat, das Gesicht ebenso gesehen haben muß?«

»Ach, das habe ich nur so im ersten Schreck dahergesagt«, erwiderte sein Begleiter. »Wenn ich früher das Gesicht jeden Tag sah, konnte ich niemals etwas Ungewöhnliches daran entdecken.«

»Aber vielleicht haben Sie das Gesicht gar nie richtig gesehen«, sagte Pater Brown. »Ich habe Ihnen schon gesagt, daß die Maler ein Bild auf den Kopf stellen, wenn sie es richtig sehen wollen. Vielleicht haben Sie sich in den ganzen Jahren an das Gesicht eines bösen Menschen gewöhnt.«

»Worauf wollen Sie denn eigentlich hinaus?« fragte Smith ungeduldig.

»Ich spreche in Gleichnissen«, entgegnete Pater Brown finster. »Natürlich war Sir Arthur kein gewöhnlicher Hasser; sein Charakter wurde durch eine Anlage bestimmt, die ihn auch zum Guten hätte führen können. Schon seine vorstehenden, mißtrauischen Augen, seine zusammengepreßten, nervös zitternden Lippen hätten Ihnen einiges sagen können, wenn Sie daran nicht so sehr gewöhnt gewesen wären. Wie Sie wissen, gibt es körperliche Wunden, die nie mehr heilen. Und so etwas gibt es auch bei der Seele. Es gibt Menschen mit einer Gemütsverfassung, die ein vermeintliches oder wirkliches Unrecht nie vergessen kann. Ein solches Gemüt hatte Sir Arthur — ein Gemüt gleichsam ohne Haut. Seine Eitelkeit lag ständig auf der Lauer. Aus seinen vorstehenden Augen spähte unablässig ein Egoismus, der nicht zuließ, daß sie sich ruhig schließen konnten. Natürlich braucht Empfindsamkeit durchaus nicht immer Selbstsucht zu sein; auch Sybil Rye ist so veranlagt und dennoch fast eine Heilige. Bei Vaudrey jedoch wurde alles zu einem Hochmut voller Gift, einem Hochmut, der ihn nicht einmal seiner selbst sicher sein ließ. Jedes noch so kleine Ritzchen, das seine Seele verwundete, wurde deshalb zum eiternden Geschwür. Erst wenn Sie dies wissen, werden Sie die alte Geschichte von dem Ägypter und dem Schweinestall richtig verstehen können. Hätte er den Ägypter sofort, nachdem ihn dieser beleidigt hatte, in den Schweinestall geworfen, so könnte man das als verzeihlichen Jähzorn verstehen und entschuldigen. Aber es war gerade kein Schweinestall da, und so fehlte die rechte Pointe. Viele Jahre hindurch schleppte Vaudrey diese törichte Beleidigung mit sich herum und wartete auf eine Gelegenheit — und sei sie noch so unwahrscheinlich —, bis er den Ägypter tatsächlich in der Nähe eines Schweinestalls antraf. Und jetzt erst nahm er die Rache, die er als einzig angemessen und sinnreich betrachtete … O Gott, und so wollte er seine Rache immer haben!«

Smith sah ihn voll höchster Spannung an. »Sie denken jetzt nicht an die Geschichte mit dem Schweinestall«, sagte er.

»Nein, ich denke an die andere Geschichte.«

Man merkte seiner Stimme an, wie sehr Pater Brown aufgewühlt war. Aber er hatte sich bald wieder gefaßt und fuhr fort:

»Jahrelang hatte also Vaudrey sein Sinnen und Trachten darauf gerichtet, eine der Beleidigung seiner Meinung nach angemessene Rache zu nehmen. Und nun zu unserem Fall: Kennen Sie vielleicht noch jemanden, der Vaudrey beleidigte oder ihm etwas zugefügt hatte, das in seinen Augen eine tödliche Beleidigung war? Allerdings … Ein weibliches Wesen hatte ihn beleidigt.«

Jetzt begann Evan Smith zu verstehen, und Entsetzen packte ihn. Er lauschte gespannt.

»Ein Mädchen, wenig mehr als ein Kind, weigerte sich, ihn zu heiraten, weil er wegen der dem Ägypter zugefügten Körperverletzung kurze Zeit im Gefängnis gesessen hatte. Und darauf beschloß dieser Wahnsinnige in seinem teuflischen Herzen: ›Sie soll einen Mörder heiraten.‹«

Sie schlugen den Weg zum Haus ein und gingen eine ganze Weile schweigend am Fluß entlang, ehe Pater Brown wieder sprach.

»Vaudrey war also der Erpresser, denn er wußte, daß Dalmon einen Mord auf dem Gewissen hatte. Dalmon dürfte übrigens nicht der einzige der früheren Freunde Vaudreys gewesen sein, der einen Mord begangen hat, denn Vaudreys Freundeskreis damals war eine recht wüste Gesellschaft. Wahrscheinlich hat Dalmon in wilder Leidenschaft gemordet, vielleicht war es gar ein Totschlag, der milde Richter gefunden hätte. Auf jeden Fall war Dalmon durchaus kein Scheusal — er sieht mir aus wie ein Mensch, der weiß, was Reue ist, und der es sogar bereuen wird, daß er Vaudrey gemordet hat. Aber er befand sich in Vaudreys Gewalt und mußte tun, was dieser von ihm forderte. Die beiden lockten das Mädchen sehr geschickt in die Verlobung hinein, Dalmon ohne jeden Hintergedanken, denn er liebte Sybil ehrlich, und der andere tat so, als wolle er großmütig das junge Glück fördern. Die ganze Zeit über wußte Dalmon nicht, was der alte Teufel in Wirklichkeit im Schilde führte.

Aber vor einigen Tagen machte dann Dalmon eine schreckliche Entdeckung. Er hatte Vaudrey gehorcht, und durchaus nicht widerwillig. Doch er war nichts als ein Werkzeug gewesen, und nun mußte er plötzlich entdecken, daß dieses Werkzeug zerbrochen und weggeworfen werden sollte. Er fand in Vaudreys Bibliothek Schriftstücke, die, so vorsichtig sie auch abgefaßt waren, ihm verrieten, daß Vaudrey beabsichtigte, die Polizei auf ihn aufmerksam zu machen. Mit einem Schlag durchschaute er Vaudreys Absicht, und sicherlich war er ebenso erschüttert über diese abgrundtiefe Bosheit, wie ich es gewesen bin, als ich den Plan erstmals erkannt hatte. Vaudrey hatte einen teuflischen Plan ausgeheckt: Sobald das Paar verheiratet war, sollte der Mann verhaftet, abgeurteilt und gehängt werden. Die anspruchsvolle Dame, die einen Mann nicht hatte heiraten wollen, nur weil er einmal im Gefängnis gesessen hatte, sollte nun einen Mann haben, der am Galgen baumelte. Das also war die ›angemessene‹ Rache, die Vaudrey an dem Mädchen nehmen wollte.«

Evan Smith war totenbleich; dieser gräßliche Bericht hatte ihm die Rede verschlagen. In der Ferne sahen sie auf der menschenleeren Straße die breite Gestalt Doktor Abbotts auf sich zukommen. Trotz der großen Entfernung konnten sie erkennen, daß der Mann mit dem großen Hut ziemlich aufgeregt war. Aber sie waren beide selbst noch völlig erschüttert von dem, was sie in den vergangenen Stunden erlebt hatten.

»Sie haben recht, Haß ist etwas Fürchterliches«, sagte Evan Smith schließlich, »und ich atme auf, weil ich fühle, daß mein ganzer Haß gegen den armen Dalmon von mir gewichen ist — jetzt, da ich weiß, daß er ein zweifacher Mörder ist.«

Schweigend gingen sie weiter, bis sie auf Doktor Abbott stießen. Dessen grauer Bart war vom Wind zerzaust, und mit einer verzweifelten Gebärde warf er seine großen, behandschuhten Hände in die Luft.

»Ich bringe Ihnen schreckliche Nachrichten!« rief er. »Man hat Arthurs Leiche gefunden. Er scheint im Garten Selbstmord verübt zu haben.«

»Was Sie nicht sagen!« sagte Pater Brown mechanisch. »Das ist ja schrecklich!«

»Und dann ist noch etwas passiert«, fuhr Doktor Abbott atemlos fort. »John Dalmon ist fortgefahren, um Vernon Vaudrey, Arthurs Neffen, zu benachrichtigen, aber Vernon hat nichts von ihm gehört; Dalmon ist wie vom Erdboden verschwunden!«

»Wirklich?« sagte Pater Brown. »Wie eigenartig!«

Das schlimmste aller Verbrechen

Pater Brown pilgerte durch eine Gemäldegalerie, aber es war ihm deutlich anzumerken, daß er nicht hergekommen war, um sich die Bilder anzusehen. Er hatte wirklich nicht das geringste Verlangen, die Bilder zu betrachten, obschon er sonst ein großer Kunstliebhaber war. Nicht daß er etwa an diesen hochmodernen Gemälden und Zeichnungen etwas Unmoralisches oder Umziemliches festzustellen gehabt hätte — O nein, wer durch diese Darstellungen unterbrochener Spiralen, umgestülpter Kegel und zerfetzter Zylinder, mit denen die Kunst der Zukunft die Menschheit beglückt oder bedroht, sich etwa zu sündhaften Leidenschaften angeregt fühlen würde, müßte in der Tat ein leichtentzündliches Temperament haben. Pater Brown wandelte vielmehr nur deshalb zwischen diesen bildgewordenen Alpträumen umher, weil er eine junge Bekannte suchte, die ihm diesen reichlich ausgefallenen Treffpunkt angegeben hatte, da sie selbst etwas futuristisch veranlagt war. Die junge Dame war zugleich mit ihm verwandt — eine der wenigen Verwandten, die er besaß. Sie hieß Elizabeth Fane, wurde aber meist nur Betty genannt und war die Tochter einer seiner Schwestern, die in eine vornehme, aber verarmte Landadelsfamilie eingeheiratet hatte. Da der Landjunker nunmehr außer der Armut auch den Tod kennengelernt hatte, war Pater Brown nicht nur ihr Onkel und Seelsorger, sondern auch ihr Beschützer und Vormund geworden. In diesem Augenblick betätigte er sich jedoch in keiner dieser vier Rollen, sondern richtete seine kurzsichtigen Augen auf die einzelnen in der Galerie herumstehenden und dahinwandernden Grüppchen, ohne allerdings das vertraute braune Haar und das freundliche Gesicht seiner Nichte zu erblicken. Was er sah, waren ein paar Leute, die er kannte, und viele, die er nicht kannte, und unter diesen wieder so manche, die er aus einer instinktiven Abneigung heraus gar nicht kennenzulernen wünschte.

Unter den Leuten, die er nicht kannte, die aber sein Interesse erweckten, war ein schlanker, behender junger Mann. Er war elegant gekleidet und sah wie ein Ausländer aus, denn sein Bart war viereckig zugestutzt wie bei einem alten Spanier, während sein schwarzes Haar so kurz geschnitten war, daß man es für eine enganliegende kleine Kappe hätte halten können. Unter den Leuten, auf deren Bekanntschaft der Priester keinen großen Wert gelegt haben würde, befand sich eine sehr imponierende, in auffallendes Rot gekleidete Dame, deren blonder Haarschopf zu lang war, um noch als Bubikopf gelten zu können, aber auch zu kurz und ungebändigt, um irgendeine andere Bezeichnung zu verdienen. Sie hatte ein energisches, ziemlich fülliges Gesicht von bleicher, ungesunder Farbe, und wenn sie jemanden ansah, so gab sie sich alle Mühe, den Zauber eines Basiliskenblicks spielen zu lassen. Als ihren gehorsamen Diener zog sie einen kleinen, rundlichen Mann mit einem mächtigen Bart, sehr breitem Gesicht und schläfrig zusammengekniffenen Augen hinter sich her. Sein Gesichtsausdruck war heiter und wohlwollend, und wenn man ihn so sah, hatte man das Gefühl, als sei er gar nicht richtig wach; erblickte man ihn aber von hinten, so wirkte er mit seinem Stiernacken etwas brutal.

Pater Brown betrachtete die Dame mit dem Gefühl, daß das Erscheinen seiner Nichte ein angenehmer Kontrast sein würde. Und doch wandte er seine Augen nicht von ihr ab, bis er schließlich so weit war, daß ihm der Anblick eines jeden beliebigen Menschen ein erfreulicher Gegensatz gewesen wäre. Er drehte sich daher, als er seinen Namen nennen hörte, mit einem Gefühl der Erleichterung wenn auch etwas wie ein aufgescheuchter Träumer, um und fand sich einem bekannten Gesicht gegenüber.

Es war das scharfgeschnittene, aber nicht unfreundliche Gesicht eines Rechtsanwalts namens Granby, dessen graumeliertes Haar man beinahe für eine gepuderte Perücke hätte halten können, so wenig paßte es zu seinen jugendlich energischen Bewegungen. Er war einer jener Citymänner, die in ihren Büros und auf der Straße wie Schuljungen herumlaufen. Ganz so konnte er sich in der Galerie allerdings nicht tummeln, aber er sah aus, als habe er große Lust dazu, und aufgeregt und unruhig schaute er nach links und rechts, offenbar einen Bekannten suchend.

»Ich wußte gar nicht«, sagte Pater Brown lächelnd, »daß Sie ein Freund der neuen Kunst sind.«

»Ebensowenig wußte ich das von Ihnen«, entgegnete der andere. »Ich bin hierhergekommen, um hier jemanden zu treffen.«

»Hoffentlich haben Sie Glück«, meinte der Priester. »Ich warte auch auf jemanden.«

»Sagte mir, er wäre auf der Durchreise nach dem Kontinent«, brummte der Anwalt, »und ich möchte ihn in diesem verrückten Laden hier treffen.« Er überlegte einen Augenblick, dann sagte er plötzlich: »Ich weiß, daß Sie ein Geheimnis für sich behalten können. Kennen Sie Sir John Musgrave?«

»Nein«, antwortete der Priester. »Aber ich kann mir kaum denken, daß er ein Geheimnis sein soll, obgleich man sagt, er vergrabe sich in seinem Schloß. Ist das nicht jener sagenhafte Alte, über den so verrückte Geschichten erzählt werden — er soll in einem Turm hinter einem wirklichen Fallgitter und einer Zugbrücke wohnen und äußerst wenig Neigung zeigen, aus dem dunklen Mittelalter ins helle Licht der Neuzeit zu kommen? Ist er einer Ihrer Klienten?«

»Nein«, erwiderte Granby kurz. »Sein Sohn, Hauptmann Musgrave, hat uns aufgesucht. Aber der Alte spielt in dieser Geschichte eine wichtige Rolle, und dabei habe ich keine Ahnung, wie und wer er ist. Das ist für mich der springende Punkt. Ich sagte Ihnen ja schon, die Sache ist vertraulicher Natur, aber ich weiß, daß ich mich auf Sie verlassen kann.« Er dämpfte seine Stimme und zog seinen Freund in eine verhältnismäßig leere Seitengalerie.

»Der junge Musgrave«, sagte er, »will von uns eine große Summe entleihen, die er nach dem Tod seines alten, in Northumberland lebenden Vaters zurückzahlen will. Der alte Musgrave ist schon weit über die Siebzig, es ist also anzunehmen, daß er eines Tages das Zeitliche segnen wird. Die Frage ist nur, ob er auch seinen Sohn segnen wird. Was wird nach seinem Tod mit seinem Barvermögen, mit den Schlössern, Fallgittern und all dem übrigen Zeug geschehen? Es ist ein sehr schönes Besitztum und sicherlich eine ganze Menge wert, aber sonderbarerweise ist es kein Fideikommiß. Sie sehen also, wie wir stehen. Und nun ist die Frage: Wie steht der Alte zu seinem Sohn?«

»Steht er gut mit ihm, so steht es um Sie desto besser«, bemerkte Pater Brown. »Aber ich fürchte, ich kann Ihnen in dieser Sache auch nicht weiterhelfen. Ich habe Sir John Musgrave nie kennengelernt, und wie man hört, ist es heute so gut wie unmöglich, zu ihm vorzudringen. Aber Sie müssen sich natürlich in diesem Punkt Klarheit verschaffen, bevor Sie dem jungen Herrn das Geld Ihrer Firma leihen. Gehört er vielleicht zu jener Sorte von Söhnen, die Aussicht haben, enterbt zu werden?«

»Das weiß ich eben nicht«, antwortete der Rechtsanwalt. »Er ist bekannt und beliebt und überdies ein ausgezeichneter Gesellschafter, aber er ist viel im Ausland, und zu allem ist er auch einmal Journalist gewesen.«

»Nun, das ist doch kein Verbrechen«, schmunzelte Pater Brown, »oder doch nur in den seltensten Fällen.«

»Unsinn!« fuhr Granby dazwischen. »Sie wissen schon, wie ich, das meine. Er ist ein ewig unruhiger Geist, ist Journalist, Vortragskünstler und Schauspieler gewesen und noch anderes mehr. Ich muß genau wissen, wie ich mit ihm dran bin… Na, da ist er ja endlich!«

Und der Anwalt, der ungeduldig in der fast menschenleeren Galerie auf und ab gewandelt war, drehte sich plötzlich zur Tür und eilte in den stärker besuchten Hauptraum. Er lief auf den großen, elegant gekleideten jungen Mann mit dem kurzen Haar und dem spanischen Bart zu, der Pater Brown schon vor einiger Zeit aufgefallen war.

Nach kurzer Begrüßung gingen die beiden in angeregter Unterhaltung fort. Pater Brown sah ihnen mit seinen zusammengekniffenen kurzsichtigen Augen nach. Sein Blick wurde jedoch durch die Ankunft seiner Nichte Betty von ihnen abgelenkt; sie war ganz außer Atem und begrüßte ihn mit einem Schwall von Worten. Zur Überraschung ihres Onkels zog sie ihn sofort in den Nebenraum zurück und drückte ihn auf einen Stuhl nieder.

»Ich muß dir etwas erzählen«, sagte sie. »Es ist so verrückt, daß ein anderer es gar nicht verstehen wird.«

»Du machst mich aber neugierig«, meinte Pater Brown. »Handelt es sich um die Sache, die mir deine Mutter angedeutet hat? Verlobung und dergleichen?«

»Du weißt«, sagte sie, »daß sie mich mit Hauptmann Musgrave verloben will.«

»Davon hatte ich keine Ahnung«, sagte Pater Brown resigniert, »aber Hauptmann Musgrave scheint heute ein sehr beliebtes Gesprächsthema zu sein.«

»Du weißt ja, daß wir sehr arm sind, und es hat keinen Zweck, vor dieser Tatsache die Augen zu verschließen.«

»Möchtst du ihn eigentlich gern heiraten?« fragte Pater Brown, sie aus halbgeschlossenen Augen ansehend.

Ihre Stirn umwölkte sich, sie sah zu Boden und antwortete leise: »Bis vor kurzem ja. Wenigstens glaube ich es. Aber inzwischen ist etwas passiert, das mir einen gehörigen Schreck eingejagt hat.«

»Was denn?«

»Ich habe ihn lachen hören.«

»Was ist denn da schon dabei?«

»Ach, du verstehst mich nicht. Es war kein gewöhnliches Lachen. Es war für mich direkt unheimlich.«

Sie hielt einen Augenblick inne. Dann fuhr sie fort:

»Ich bin schon ziemlich früh hierhergekommen. Da sah ich ihn ganz allein in der Galerie vorn sitzen, in der die modernen Bilder hängen Der Raum war noch ganz leer. Er hatte keine Ahnung, daß noch jemand außer ihm in der Galerie war. Ganz allein saß er da und lachte.«

»Nun, das ist doch kein Wunder«, sagte Pater Brown. »Ich bin zwar kein Kunstsachverständiger, aber wenn man sich die Bilder so ansieht…«

»Oh, du willst mich nicht verstehen«, unterbrach sie ihn fast zornig. »So klang das Lachen nicht. Die Bilder hat er sich gar nicht angesehen. Er starrte zur Decke empor, aber seine Augen schienen nach innen gekehrt, und er lachte, daß es mir kalte Schauder über den Rücken jagte.«

Der Priester hatte sich erhoben und ging, die Hände auf den Rücken gelegt, im Saal auf und ab.

»Du darfst in einem solchen Fall nicht vorschnell urteilen und verurteilen«, begann er. »Es gibt zwei Arten von Menschen … Aber wir können uns jetzt kaum über ihn unterhalten, denn da kommt er selbst.«

Elastischen Schrittes betrat Hauptmann Musgrave den Raum und überflog ihn mit einem Lächeln. Granby, der Rechtsanwalt, folgte ihm auf dem Fuße, sein strenges Juristengesicht trug einen Ausdruck der Erleichterung und Befriedigung.

»Ich nehme alles zurück, was ich über Musgrave erzählt habe«, sagte er zu dem Priester, als sie zusammen der Tür zu gingen. »Er benimmt sich recht vernünftig und versteht meinen Standpunkt durchaus. Er fragte mich selbst, warum ich nicht nach Northumberland führe und mit seinem alten Vater spräche, dann könnte ich ja aus dessen eigenem Mund hören, wie es mit der Erbschaft bestellt sei. Das ist doch ein sehr vernünftiger Vorschlag, nicht wahr? Aber er hat es so eilig, zu Geld zu kommen, daß er mir sogar anbot, mich in seinem eigenen Wagen nach Schloß Musgrave Moss zu fahren. Ich habe ihm vorgeschlagen, daß wir beide vielleicht zusammen fahren könnten. Damit ist er einverstanden, und morgen früh geht es los.«

Während sie so sprachen, erschienen Betty und der Hauptmann in der Türe und gaben in diesem Rahmen ein Bild ab, das so manches empfindsame Gemüt sicherlich den Kegeln und Zylindern vorgezogen hätte. Was die zwei auch sonst gemeinsam haben mochten — sie sahen beide gut aus. Der Rechtsanwalt wollte gerade über diese nicht wegzuleugnende Tatsache eine entsprechende Bemerkung machen, als sich die Szene plötzlich änderte.

Hauptmann Musgrave sah in den Hauptsaal zurück. Und da fielen seine triumphierend lachenden Augen auf etwas, das ihn mit einem Schlag zu verwandeln schien. Auch Pater Brown blickte wie in einer Vorahnung in dieselbe Richtung — und sah das gesenkte Gesicht der in Rot gekleideten Frau, das unter ihrer blonden Löwenmähne jetzt fast totenbleich erschien. Leicht vornübergebeugt stand sie da — wie ein Stier, der seine Hörner zum Angriff senkt —, und der Ausdruck ihres bleichen, teigigen Gesichts war so grausam, so hypnotisierend, daß man neben ihr den kleinen Mann mit dem großen Bart kaum noch bemerkte.

Ganz automatisch, einer aufgezogenen Laufpuppe gleich, glitt Hauptmann Müsgrave auf die Rote zu. Leise sagte er ihr einige Worte ins Ohr, die die übrigen nicht verstehen konnten. Sie antwortete nicht, aber dann wandten sie sich beide um und gingen den langen Saal hinunter. Sie schienen miteinander zu streiten. Der kleine, stiernackige Mann schlich wie ein grotesker, koboldhafter Page hinter ihnen drein.

»Gott sei uns gnädig!« murmelte Pater Brown, der ihnen mit zusammengezogenen Augenbrauen nachsah. »Wer mag diese Frau wohl sein?«

»Meine Freundin ist sie gottlob nicht«, erwiderte Granby mit grimmigem Humor. »Sieht so aus, als ob schon ein kleiner Flirt mit ihr unheilvoll enden könnte, nicht wahr?«

»Ich glaube nicht, daß er mit ihr flirtet«, sagte Pater Brown.

Kaum hatte er dies gesagt, als auch schon die seltsame Gruppe sich am Ende des Saales trennte und Hauptmann Musgrave mit hastigen Schritten zu ihnen zurückkam.

»Es tut mir außerordentlich leid«, sagte er in ganz natürlichem Ton, der aber wenig zu seiner veränderten Gesichtsfarbe paßte, »aber ich kann leider morgen nicht mit Ihnen nach Northumberland fahren, Herr Granby. Sie können natürlich trotzdem meinen Wagen haben. Ich möchte Sie sogar darum bitten, denn ich brauche ihn nicht. Ich — ich muß einige Tage in London bleiben. Wenn Sie Gesellschaft haben wollen, so nehmen Sie doch bitte jemanden mit.«

»Mein Freund, Pater Brown…« begann der Rechtsanwalt.

»Wenn Herr Musgrave nichts dagegen hat, fahre ich gern mit«, sagte Pater Brown ernst. »Ich darf vielleicht bemerken, daß ich meinerseits ein gewisses Interesse an Herrn Granbys Erkundigungen habe, und es würde mir recht gut passen, wenn ich mitfahren könnte.«

So kam es, daß am nächsten Tag ein sehr eleganter Wagen mit einem ebenso eleganten Chauffeur über die weiten Moorflächen Yorkshires nach Nordenschoß, besetzt mit zwei recht ungleichen Fahrgästen, einem Priester, der wie ein schwarzes Stoffbündel aussah, und einem Rechtsanwalt, der es gewohnt war, seine eigenen Füße zu gebrauchen, anstatt auf den Rädern fremder Leute einherzujagen.

Sie unterbrachen ihre Fahrt in einem der großen Flachtäler von West Riding, stärkten sich mit einer ausgezeichneten Mahlzeit und schliefen in einem behaglichen Gasthof. Am nächsten Morgen brachen sie sehr früh auf und fuhren die Küste von Northumberland entlang, bis sie eine Landschaft erreichten, die ein buntes Gemisch von Sanddünen und üppigen Weiden war; im Herzen dieser Landschaft lag das alte Schloß, das als ein einzigartiges Denkmal uralter Grenzkriege übriggeblieben war. Sie folgten einer Straße, die eine tief ins Landesinnere vorstoßende Meeresbucht begleitete, und dann einem halbzerfallenen Kanal, der im Wallgraben des Schlosses endete. Das Schloß war eine richtige, viereckige, zinnenbewehrte Burg, die typische Normannenburg, wie man sie von Palästina bis hinauf nach Schottland findet. Und wahrhaftig — da waren auch ein Fallgitter und eine Zugbrücke, die wie ein Überbleibsel aus dem Mittelalter dräuend emporragte und schuld war, daß ihre Fahrt vor dem Wallgraben vorerst einmal ein unvorhergesehenes Ende fand.

Der Pater und der Anwalt wateten durch langes, hartes Gras und Disteln bis zum Rand des Grabens, dessen morastiges Wasser, von welken Blättern und träg dahinziehenden Blasen bedeckt, wie ein Band aus goldgeschmücktem Ebenholz die Mauern umschloß. Der Wassergraben war fast zwei Meter breit, und auf der anderen Seite, jenseits eines grünen Rasenstreifens, ragten die mächtigen Pfeiler der Toreinfahrt empor. Aber anscheinend stand diese einsame Burg so wenig mit der Außenwelt in Verbindung, daß die auf das ungeduldige Rufen Granbys hinter dem Fallgitter undeutlich sichtbar werdenden Gestalten offenbar die größte Mühe hatten, die rostige Zugbrücke überhaupt in Bewegung zu setzen. Sie ratterte halbwegs herunter, schwankte wie ein gewaltiger fallender Turm über dem Graben und blieb dann stecken.

Granby, der ungeduldig am Grabenrand auf und ab lief, rief seinem Begleiter zu:

»Diese langweilige Wirtschaft geht mir auf die Nerven! Ich denke, es ist einfacher, wenn wir über den Graben springen.«

Und mit jugendlichem Schwung setzte er zum Sprung an und kam trotz leichten Strauchelns sicher am anderen Ufer an. Pater Brown war mit seinen kurzen Beinen weniger zum Springen geschaffen, aber er wollte nicht zurückbleiben und — landete mit einem Plumps in dem reichlich schlammigen Wasser. Nur durch das schnelle Zufassen seines Begleiters entging er einem allzu nassen Bad. Kaum hatte ihn dieser aber das grüne, glitschige Ufer emporgezogen, als der Priester sich auch schon niederbückte und eine ganze Weile auf einen bestimmten Punkt am Abhang starrte.

»Botanisieren Sie etwa?« fragte Granby verärgert. »Nach Ihrem mißglückten Versuch, als Taucher die Wunder der Tiefe zu erforschen, haben wir jetzt keine Zeit mehr, seltene Pflanzen zu sammeln. Kommen Sie, dreckig oder nicht, wir müssen dem Baron unsere Aufwartung machen.«

Sie gingen weiter und kamen in den Schloßhof. Dort wurden sie von einem alten Diener, dem einzigen lebenden Wesen, das zu sehen war, mit geziemender Höflichkeit empfangen und, nachdem sie ihm den Zweck ihres Besuches auseinandergesetzt hatten, in ein großes, eichengetäfeltes Zimmer geführt, dessen mittelalterliche Fenster vergittert waren. Waffen aus verschiedenen Jahrhunderten hingen, symmetrisch angeordnet, an den dunklen Wänden, und eine vollständige Rüstung aus dem vierzehnten Jahrhundert stand wie eine Schildwache neben dem großen Kamin. Durch die halboffene Tür des anstoßenden Raumes konnte man die stark nachgedunkelten Porträts der Ahnengalerie sehen.

»Ich komme mir vor, als sei ich in einen Ritterroman und nicht in ein bewohntes Haus geraten«, sagte der Rechtsanwalt. »Ich hatte keine Ahnung, daß es heutzutage noch Leute gibt, die in solch einer Umgebung leben.«

»Ja, der alte Herr führt seinen historischen Spleen mit großer Konsequenz durch«, entgegnete Pater Brown. »Und überdies sind all diese Sachen echt. Man sieht, sie sind nicht von jemandem aufgestellt, der glaubt, alle Menschen des Mittelalters hätten zur gleichen Zeit gelebt. Manchmal setzen unerfahrene Sammler solche Rüstungen aus Teilen ganz verschiedenen Alters zusammen, nur um sie komplett zu haben. Und dabei vergessen sie völlig, daß diese Stücke oft nur einzelne Körperteile bedeckt haben. Diese Rüstung hier bedeckte allerdings ihren Träger von Kopf bis Fuß. Es ist eine richtiggehende Turnierrüstung aus dem späten Mittelalter.«

»Apropos spät: Der Baron scheint es gar nicht eilig zu haben, uns zu empfangen«, brummte Granby. »Er läßt uns ja schon eine ganz schöne Zeit warten.«

»An einem solchen Ort muß man darauf gefaßt sein, daß alles etwas langsam vor sich geht«, sagte Pater Brown. »Ich finde, es ist dem alten Herrn schon hoch anzurechnen, daß er uns überhaupt empfängt: zwei Menschen, die ihm gänzlich fremd sind und die ihn über sehr persönliche Dinge ausfragen wollen.«

Und wirklich, als der Herr des Hauses endlich erschien, konnten sie sich über ihren Empfang nicht beklagen. Es war erstaunlich zu sehen, wie er in dieser barbarischen Einsamkeit und nach so vielen Jahren ländlicher Zurückgezogenheit und griesgrämigen Brütens die angeborene und überlieferte Kultur des gesellschaftlichen Umgangs so würdevoll und mühelos pflegen konnte. Der Baron schien über den seltenen und sicherlich unerwarteten Besuch weder überrascht noch verwirrt zu sein. Es mochte sein, daß er ein halbes Menschenalter hindurch keinen Gast mehr im Hause gehabt hatte, und doch war sein Benehmen so, als habe er erst im Augenblick zuvor Herzoginnen zur Tür hinauskomplimentiert. Er war weder verschlossen noch ungehalten, als sie auf den sehr heiklen und sehr privaten Grund ihres Besuches zu sprechen kamen. Nach kurzer, ruhiger Überlegung schien er ihre Neugierde als gerechtfertigt anzuerkennen. Der Baron war ein hagerer, scharfäugiger alter Herr mit dichten, schwarzen Augenbrauen und einem langen Kinn, und wenn auch sein sorgfältig gekräuseltes Haar zweifellos eine Perücke war, so war er doch so verständig, die graue Perücke eines älteren Mannes zu tragen.

»Was die Frage anbetrifft, die Sie unmittelbar angeht«, sagte er, »so ist die Antwort in der Tat sehr einfach. Ich habe die feste Absicht, mein gesamtes Eigentum meinem Sohn zu hinterlassen, wie ich es von meinem Vater geerbt habe, und nichts — ich sage ausdrücklich: nichts — könnte mich veranlassen, meinen Entschluß zu ändern.«

»Ich bin Ihnen für diese Auskunft zu tiefem Dank verpflichtet«, antwortete der Rechtsanwalt. »Aber Ihre Liebenswürdigkeit ermutigt mich, zu bemerken, daß ich es ungewöhnlich finde, wie Sie Ihre Zusage ohne jede Bedingung erteilen. Es liegt mir durchaus fern, als möglich zu unterstellen, daß das Benehmen Ihres Sohnes Sie doch noch veranlassen könnte, Ihren Entschluß zu ändern, weil er Ihnen vielleicht als Erbe nicht würdig erschiene. Aber andererseits könnte er…«

»Ganz richtig«, unterbrach ihn Sir John Musgrave sarkastisch. »Er könnte. Der Potentialis dürfte in diesem Fall sogar eine Unterschätzung vorhandener Möglichkeiten sein. Wollen Sie die Güte haben, mit mir einen Augenblick in das nächste Zimmer zu kommen.«

Und er führte sie in den großen Raum mit der Ahnengalerie, die sie schon flüchtig durch die halboffene Tür gesehen hatten, und blieb mit feierlichem Ernst vor einer Reihe der geschwärzten, rissigen Porträts stehen.

»Dies hier ist Sir Roger Musgrave«, sagte er und zeigte auf einen Mann mit langem Gesicht und schwarzer Perücke. »Er war einer der gemeinsten Lügner und größten Schurken in der doch gewiß schurkischen Zeit Wilhelms von Oranien. Er hat zwei Könige verraten und zwei Frauen ermordet oder doch wenigstens zu Tode befördert. Dies hier ist sein Vater, Sir Robert, ein alter Ritter ohne Furcht und Tadel. Und dieses ist sein Sohn, Sir James, einer der edelsten Streiter, die unter Jakob II. für ihren Glauben das Leben gelassen haben, und einer der ersten, die den Versuch gemacht haben, für die Kirche und die Armen eine Wiedergutmachung des ihnen zugefügten Unrechts durchzusetzen. Sie sehen also, die Tatsache, daß die Macht, die Ehre, das Ansehen des Hauses Musgrave von einem guten Menschen zum anderen durch einen schlechten Menschen weitergegeben worden sind, ist, im großen gesehen, unwesentlich. Eduard I. hat England gut regiert. Eduard III. hat das Land mit Ruhm bedeckt. Und doch stand zwischen diesen beiden der schändliche, unfähige Eduard II., der vor Gaveston kroch und vor Bruce davonlief. Glauben Sie mir, Herr Granby, die Größe eines großen Hauses mit einer großen Geschichte ist mehr als diese vergänglichen Einzelpersonen, die vom Schicksal beauftragt sind, die große Tradition weiterzutragen, auch wenn sie selbst völlig versagen. Unser Besitz ist stets vom Vater auf den Sohn vererbt worden, und so soll es auch bleiben. Sie können versichert sein, meine Herren, und Sie können auch meinem Sohn diese Versicherung geben, daß ich mein Geld nicht in alle vier Winde verstreuen werde. Bis der Himmel einstürzt, soll es jeder Musgrave einem Musgrave hinterlassen.«

»Ja«, sagte Pater Brown nachdenklich, »ich verstehe, was Sie damit sagen wollen.«

»Und es wird uns ein besonderes Vergnügen sein«, fügte der Anwalt hinzu, »diese frohe Botschaft Ihrem Sohn übermitteln zu dürfen.«

»Jawohl, Sie können ihm das ausrichten«, sagte der Baron ernst. »Er wird auf jeden Fall das Schloß, den Titel, das Land und das Geld bekommen. Unter diese Zusage ist nur noch eine kleine Fußnote rein privater Natur zu setzen. Unter keinen Umständen werde ich, solange ich lebe, ihn jemals empfangen oder mit ihm sprechen.«

Der Rechtsanwalt verharrte in derselben respektvollen Haltung, nur in seinen Augen machte sich ein höfliches Erstaunen bemerkbar: »Aber was hat er denn nur…«

»Ich bin nicht nur der Bewahrer einer großen Erbschaft«, unterbrach ihn Musgrave, »sondern ich bin schließlich auch noch ein Mensch und ein Gentleman. Mein Sohn aber hat etwas so Entsetzliches getan, daß er aufgehört hat — das Wort ›Gentleman‹ will ich in diesem Zusammenhang gar nicht in den Mund nehmen —, daß er aufgehört hat, ein menschliches Wesen zu sein. Er hat das schlimmste aller Verbrechen begangen. Erinnern Sie sich, was Douglas sagte, als Marmion ihm die Hand geben wollte?«

»Ja«, antwortete Pater Brown.

»›Meine Schlösser gehören von der Zinne bis zum Grundstein meinem König, aber meine Hand gehört mir‹«, sagte Musgrave.

Er führte seine ziemlich verdutzten Besucher wieder in das andere Zimmer zurück.

»Sie nehmen doch eine Kleinigkeit zu sich?« fragte er in derselben gleichmütigen Art. »Wenn Sie nicht sofort wieder abzureisen gedenken, würde es mir ein Vergnügen sein, Sie für die Nacht im Schloß zu beherbergen.«