/ Language: Deutsch / Genre:sf_horror

Die Opferung

Graham Masterton

David Williams hat den Auftrag angenommen eine verrufene Villa aus dem 19. Jahrhundert zu renovieren. Zusammen mit seinem kleinen Sohn Danny zieht er in das alte Gemäuer, doch bereits in der ersten Nacht werden sie von unheimlichen Geräuschen geweckt - etwas Großes und Ruheloses bewegt sich oben auf dem Dachboden. Damit beginnt der Albtraum aber erst: Existiert das Haus tatsächlich, oder ist es nur eine Spiegelung aus der Vergangenheit oder der Zukunft? Und sind es wirklich Geister, die das Haus heimsuchen?David ist gleichermaßen abgestoßen und fasziniert, aber die Wahrheit ist weitaus grausiger als er sie sich je vorzustellen vermochte. Originaltitel: Prey © 1992 by Graham Masterton Aus dem Amerikanischen von Ralph Sander

»Kleiner Junge, aß 'ne Pflaum, Cholera kam, aus der Traum. Größ'rer Junge, Möwennest: Seil gerissen, Leichenfest. Kleines Mädchen, Farbenspaß, leckt am Pinsel, biss ins Gras. All die Kinder, oh du Graus, nunmehr sind sie Jenkins Schmaus.«

 Viktorianischer Kinderreim, 1887

»Das Objekt, das nicht größer als eine ausgewachsene Ratte war und von den Leuten im Dorf >Brown Jenkin< genannt wurde, schien die Folge einer Massenhysterie gewesen zu sein, da 1692 nicht weniger als elf Personen ausgesagt hatten, es gesehen zu haben. Es gab auch Gerüchte jüngeren Datums, die bemerkenswerte und beunruhigende Übereinstimmungen aufwiesen. Zeugen erklärten, es habe langes Haar und die Gestalt einer Ratte gehabt, während das pelzige Gesicht mit seinen spitzen Zähnen etwas bösartig Menschliches aufwies und die Pfoten an winzige menschliche Hände erinnerten. Die Stimme glich einem abscheulichen Kichern, und es konnte in allen Sprachen sprechen. Von allen bizarren Monstrositäten, die Gilman in seinen Träumen sah, erfüllte ihn keine mit größerer Panik und stärkeren Schwindelgefühlen als dieser blasphemische und winzige Hybride. Dessen Bild verfolgte ihn in seinen Visionen tausendmal hasserfüllter als alles andere, was sein Verstand aus den antiken Aufzeichnungen und neuzeitlichen Berichten abgeleitet hatte.«

 H. P. Lovecraft, The Dreams in the Witch-House 

1. Fortyfoot House

Kurz vor Sonnenaufgang wurde ich von einem verstohlenen, schlurfenden Geräusch aus dem Schlaf gerissen. Ich lag da und lauschte. Schlurf. Dann wieder. Schlurf, schlurf, schlurf. Anschließend Stille.

Die dünnen mit Blumenmustern verzierten Vorhänge vor dem Fenster wurden von einer schwachen Brise bewegt, die auch die Fransen des Lampenschirms zucken ließ wie die Beine eines von der Decke herabhängenden Tausendfüßlers. Ich lauschte, so intensiv ich nur konnte, aber ich vernahm nur die rauschende See und das geschwätzige Flüstern der Eichen.

Wieder ein Schlurfen. Diesmal aber so weit entfernt und so schnell, dass es alles Mögliche hätte sein können, vielleicht ein Eichhörnchen auf dem Dachboden oder eine Schwalbe unter dem Dachgiebel.

Ich drehte mich um und vergrub mich tief in die glatte Satinbettwäsche. In fremden Häusern schlafe ich immer schlecht - seit Janie mich verlassen hatte, schlief ich nirgends mehr gut. Nach der gestrigen Fahrt von Brighton, nach dem Übersetzen von Portsmouth hierher und nach einem ganzen Nachmittag, den ich damit verbrachte, Koffer auszupacken, war ich todmüde.

Danny war in der Nacht auch zweimal aufgewacht. Zuerst, weil er Durst hatte, und später, weil er sich fürchtete. Er sagte, er habe irgendetwas auf der anderen Seite seines Schlafzimmers gesehen, etwas Zusammengekauertes und Dunkles, aber es waren nur seine Kleider gewesen, die über der Stuhllehne hingen.

Mir fielen die Augen zu, aber ich konnte nicht einschlafen, so sehr ich auch wollte. Ich hätte alles dafür gegeben, eine Nacht, einen Tag und, ja, noch eine Nacht einfach nur durch—

zuschlafen. Ich döste nur, und einen Moment lang träumte ich, dass ich wieder in Brighton war, dass ich unter einem grauen Himmel durch die Straßen von Preston Park ging, entlang an Terrassen aus roten Ziegelsteinen. Ich träumte, dass ich jemanden aus meiner Parterrewohnung eilen sah, eine große männliche Gestalt mit langen Beinen, die mir ihr spitzes weißes Gesicht zuwandte und mich anstarrte, um dann davonzurennen. >Der Schneider aus dem Struwwelpeter, der dem Daumenlutscher die Daumen abschneidet<, schoss es mir durch den Kopf. >Es gibt ihn wirklich.<

Ich versuchte, ihm nachzulaufen, aber auf irgendeine Weise hatte er es geschafft, auf die andere Seite des Zauns zu gelangen, der sich um den Park zog. Blassgraues Gras, Pfaue, die wie misshandelte Kinder schrien. Ich konnte nichts anderes machen, als auf meiner Seite des Zauns neben ihm herzulaufen und darauf zu hoffen, dass er immer noch in Sichtweite sein würde, wenn ich endlich ein Tor erreichte.

Mein Atem dröhnte wie Donner in meinen Ohren. Meine Füße klatschten wie die eines Clowns auf dem geteerten Weg. Ich sah aufgeblasene Gesichter, weiße Ballons mit menschlichem Antlitz, die mich angrinsten. Und ich hörte ein kratzendes, schlurfendes Geräusch, so als wäre ein Hund dicht hinter mir, dessen Pfoten auf dem Asphalt ein leises Klicken verursachten. Ich drehte mich um, und mit einem Mal war ich wach. Ich hörte ein wildes, lärmendes Umhereilen, viel lauter als von einem Eichhörnchen oder einem Vogel.

Ich befreite mich aus der Decke und setzte mich auf. Die Nacht war heiß gewesen, und meine Laken waren zerknittert und schweißgetränkt. Ein weiteres schwaches, zögerliches Kratzen war zu hören, dann herrschte wieder Stille.

Ich nahm meine Uhr vom Nachttisch. Es war noch nicht hell, aber das wenige Licht genügte, um zu sehen, dass es 5.05 Uhr war. Jesus!

Ich schleppte mich aus dem Bett und ging hinüber zum Fenster und zog die Vorhänge auf. Der Himmel war so weiß wie Milch, und hinter den Eichen zeigte sich auch die See in einer milchig weißen Färbung. Das Fenster meines Schlafzimmers war nach Süden ausgerichtet. Von hier konnte ich den größten Teil des zur See hin abfallenden Gartens sehen, die vernachlässigten Rosenbeete, die Sonnenuhr, dahinter die Stufen, die hinunterführten zum Fischteich, und den Weg, der danach im Zickzack zwischen den Bäumen bis zum hinteren Gartentor verlief.

Danny hatte bereits herausgefunden, dass es von diesem Gartentor bis zur Küste nur ein kurzer, steil abfallender Spaziergang war, der an einer Reihe hübscher kleiner Cottages mit Blumenkästen voller Geranien auf jeder Fensterbank entlangführte. Am Strand: Steine, eine schaumige Brandung, an Land getriebener Tang und ein kühler salziger Wind, der von Frankreich herübergeweht kam. Wir waren am Abend zuvor dort hinabgestiegen, hatten uns dann den Sonnenuntergang angesehen und mit einem Fischer aus dem Dorf gesprochen, der Schollen und Heilbutt fing.

Weiter links vom Garten, am anderen Ufer eines schmalen überwucherten Bachs, stand eine zerfallene Steinmauer, dick mit Moos überzogen. Von der Mauer fast völlig verdeckt wurden sechzig bis siebzig Grabsteine - Kreuze und weinende Engel - und eine kleine gotische Kapelle, deren Fenster kein Glas mehr aufwiesen und deren Dach vor langer Zeit eingestürzt war.

Laut Mr. und Mrs. Tarrant hatte die Kapelle einst Fortyfoot House und dem Dorf Bonchurch gedient, doch mittlerweile fuhren die Bewohner zum Gottesdienst nach Ventnor, falls sie sich überhaupt irgendwohin in eine Kirche begaben. Fortyfoot House stand leer, seit die Tarrants ihr Fliesengeschäft verkauft hatten und nach Mallorca ausgewandert waren.

Ich fand den Friedhof nicht besonders unheimlich, eher traurig, weil man ihn so hatte verkommen lassen. Hinter der Kapelle erhoben sich die dunklen, einer Zirruswolke ähnlichen Umrisse einer riesigen uralten Zeder, einer der

größten, die ich je gesehen hatte. Etwas an diesem Baum verlieh der Landschaft eine Aura der Erschöpfung und des Bedauerns, dass es nie wieder so sein würde wie früher. Aber irgendwie verlieh er auch eine Aura der Kontinuität.

Um diese Zeit am frühen Morgen war der Garten so farblos wie alles andere auch. Fortyfoot House sah so aus wie auf dem alten Schwarzweißfoto von 1888, das im Flur hing. Das Bild zeigte einen Mann, der mit einem schwarzen Zylinder und einem schwarzen Frack im Garten stand. Mir war, als könnte er jeden Augenblick zurückkehren, genau so, wie er dort zu sehen war, farblos, streng, mit einem Backenbart und den Blick starr auf mich gerichtet.

Ich konnte mir eigentlich einen Kaffee machen; sinnlos, zu versuchen, noch etwas länger zu schlafen. Die Vögel hatten zu zwitschern begonnen, und die Finsternis zog sich so rasch zurück, dass ich schon die schlaffen Tennisnetze auf der anderen Seite des Rosengartens, das mit Flechten überzogene Gewächshaus und die verwilderten Erdbeerbeete erkennen konnte, die im Westen an Fortyfoot House grenzten.

»Ich hoffe, dass es Ihnen Spaß macht, Mr. Williams, Ordnung im völligen Chaos zu schaffen«, hatte mich Mrs. Tarrant gefragt und durch ihre kleine Sonnenbrille auf ihren Garten geblickt. Ich hatte den Eindruck gewonnen, dass sie Fortyfoot House nicht sehr mochte, auch wenn sie immer und immer wieder erklärt hatte, wie sehr sie es vermisse.

Ich öffnete vorsichtig die Schlafzimmertür, um Danny nicht aufzuwecken, der im Zimmer nebenan schlief, dann schlich ich leise durch den schmalen Flur im Obergeschoss. Egal, wo ich hinsah, überall entdeckte ich etwas, das für mich Arbeit bedeutete. Feuchtigkeit hatte auf der blassgrünen Tapete große Flecken hinterlassen, die Deckenfarbe schälte sich ab, die Fensterbretter waren verrottet. Die Heizkörper waren undicht, die Ventile mit Kalk überzogen. Das gesamte Haus roch verwahrlost.

Ich erreichte die oberste Stufe der steilen, schmalen Treppe und wollte gerade nach unten gehen, als ich das Schlurfen erneut hörte - es war mehr ein Huschen als ein Schlurfen. Ich zögerte. Es klang so, als komme das Geräusch vom Dachboden. Nicht vom Dachvorsprung, was ich erwartet hätte, wenn es nistende Vögel gewesen wären. Sondern von der Mitte des Dachbodens, fast so, als habe sich etwas diagonal über den Fußboden bewegt.

Eichhörnchen, dachte ich. Ich hasse Eichhörnchen. Sie sind so zerstörerisch, und sie essen ihre Jungen auf. Vermutlich hatten sie den gesamten Dachboden übernommen und ihn zu einem riesigen stinkenden Eichhörnchenreich gemacht.

Neben dem Treppenabsatz gab es eine kleine mit Tapete beklebte Tür, die nicht direkt ins Auge fiel. Mrs. Tarrant hatte mir gesagt, dass dies der einzige Zugang zum Dachboden sei, auf dem sie auch nur wenige Möbelstücke eingelagert hatten.

Ich öffnete die Tür und spähte hinein. Der Speicher war stockfinster, und der Luftzug wehte mir von Trockenfäule geprägte, stickige Luft entgegen. Ich horchte, konnte aber nur den Wind hören, der sich unter den Dachziegeln fing. Das Kratzen war wieder verstummt.

In der Nähe der Tür ertastete ich einen altmodischen braunen Lichtschalter, doch egal, wie oft ich ihn betätigte, es passierte nichts. Entweder war die Glühbirne durchgebrannt oder die Leitungen waren verrostet. Vielleicht hatten auch die Eichhörnchen die Kabel durchgebissen. Am gegenüberliegenden Treppenabsatz sah ich einen großen Spiegel, den ich so ausrichtete, dass er das wenige Sonnenlicht des frühen Morgens reflektierte und wenigstens die ersten Stufen der auf den Dachboden führenden Treppe schwach beleuchtete. Ich fand, dass es eine recht gute Idee war, mich zumindest einmal schnell umsehen, damit ich wusste, mit wem oder was ich es zu tun hatte. Ich hasse Eichhörnchen, aber sie sind mir immer noch lieber als Ratten.

Ich zog den Teppich aus dem Flur herüber, damit er die Tür zum Speicher daran hinderte, hinter mir zuzufallen, dann betrat ich vorsichtig die ersten drei Stufen. Sie waren extrem steil und mit dickem braunen Filz belegt, wie ich ihn seit zwanzig Jahren bestimmt nirgends mehr gesehen hatte. Der Luftzug wehte mir beständig entgegen, aber es war keine frische Luft, eher wie verbrauchter Atem, so als atme der Dachboden aus.

Auf der vierten Stufe hielt ich kurz inne, um wieder zu horchen, gleichzeitig konnten sich meine Augen an den schwachen Lichtschein gewöhnen. Es überraschte mich, dass zwischen den Dachziegeln kein einziger Lichtstrahl hindurchdrang. Offenbar befand sich das Dach noch immer in gutem Zustand. Das bleiche Licht, das der Spiegel reflektierte, war keine große Hilfe, aber ich konnte immerhin einige Umrisse auf dem Dachboden ausmachen. Etwas, das aussah wie ein Sessel. Etwas, das aussah wie ein kleiner Schreibtisch. Im Winkel zwischen Fußboden und Dach etwas, bei dem es sich um einen Berg alter Kleidung handeln mochte, das aber ebenso gut ein sonderbar geformtes Möbelstück unter einem Laken sein konnte.

Es hing Trockenfäule in der Luft. Das roch ich. Aber es war auch noch ein anderer Geruch da. Ein schwacher süßlicher Geruch wie der von Gas oder von einem verwesenden Vogel, der sich in einem Kamin verfangen hatte. Ich konnte nicht sagen, was es war, aber zumindest, dass ich diesen Geruch nicht mochte. Ich beschloss, später noch einmal mit einer Taschenlampe hierher zu kommen, um der Sache auf den Grund zu gehen.

Gerade wollte ich wieder nach unten gehen, als ich erneut das Scharren hörte. Es kam aus der Ecke, die am weitesten von mir entfernt und wo der Dachboden am dunkelsten war. Hier oben war das Geräusch schwerer, es hatte mehr Substanz - nicht das, was ein Eichhörnchen oder ein Vogel verursachen würde. Es ließ eher an einen großen Kater oder eine sehr große Ratte denken oder sogar an einen Hund. Allerdings konnte ich mir nicht vorstellen, wie ein Hund auf den Dachboden hätte gelangen sollen.

»Pssssssttt!«, zischte ich in die Richtung, um das Tier zu erschrecken.

Das Kratzen brach abrupt ab, jedoch nicht, um sich erschrocken und überhastet zurückzuziehen, sondern eher auf eine Weise, als wolle das Geschöpf abwarten, um herauszufinden, was ich als Nächstes machen würde. Ich lauschte intensiv, und einen Augenblick lang glaubte ich, eine raues Almen zu hören, aber das war wohl nur der Wind.

»Pssssssttt!«, wiederholte ich, diesmal noch nachdrücklicher.

Es kam keine Reaktion. Ich hatte keine Angst vor der Dunkelheit, und ich hatte auch keine große Angst vor Tieren, nicht einmal vor Ratten. Ich hatte einen Freund, der in London für Islington Council Ratten fing. Einmal hatte er mich kilometerweit durch die Kanalisation geführt und mir schmierig graue Ratten gezeigt, die durch die Fäkalien der Menschen schwammen. Ich glaube, danach gab es nichts mehr, was mir Angst einjagen konnte.

»Sie haben uns eine Woche lang im Chigwell Reservoir trainieren lassen«, hatte mein Freund gesagt, »damit wir einen menschlichen Körper sofort erkennen können.«

»Ihr braucht eine Woche Training?«, hatte ich ihn ungläubig gefragt.

Ich erklomm die letzte Stufe, machte einen großen Schritt und starrte weiter in die Dunkelheit. Am anderen Ende des I »achbodens konnte ich eine Gestalt ausmachen, aber ganz sicher war ich mir nicht.

Sie war nicht so groß wie ein erwachsener Mann, es konnte gar kein Erwachsener sein, dafür war zwischen Dach und Boden kein Platz mehr. Aber auch kein Kind, denn dafür wirkte sie zu klobig. Andererseits existierte auch keine derart große Katze.

Nein, meine Augen spielten mir sicher einen Streich. Es war vermutlich nichts Unheimlicheres als ein alter Pelzmantel, der über einem Stuhl lag. In der Dunkelheit sah ich Formen und sich bewegende Schatten, wo sich nichts befinden oder bewegen konnte. Ich sah, wie durchsichtige Kügelchen vor meinen Augen hin-und herschwirrten, Staub oder Tränen.

Ich tat noch einen Schritt. Mein Fuß stieß gegen die Kante eines harten rechteckigen Objekts - eine Truhe oder eine Kiste. Ich horchte wieder, während ich leise atmete. Obwohl ich das Gefühl hatte, dass sich etwas auf dem Dachboden befand, das mich beobachtete und darauf wartete, dass ich mich noch weiter vorwagte, kam ich zu dem Entschluss, weit genug gegangen zu sein.

Die Wahrheit war, dass ich sicher war, es sehen zu können. Etwas äußerst Finsteres, Kleines. Es bewegte sich nicht, sondern wartete angespannt, dass ich mich bewegte. Es war mir peinlich, so sicher zu sein. Die Logik sagte mir, dass es schlimmstenfalls eine Ratte sei.

Ich hatte keine Angst vor Ratten. Genauer gesagt, ich hatte keine allzu große Angst vor Ratten. Ich hatte einmal versucht, einen Horrorroman über Ratten zu lesen, der nichts weiter bewirkt hatte, als mich friedlich einschlummern zu lassen. Ratten waren nur Tiere, und sie hatten mehr Angst vor uns als wir vor ihnen.

»Pssssssttt!«, zischte ich etwas vorsichtiger und glaubte, dass es sich im gleichen Moment bewegt hatte.

»Pssssssttt!«

Keine Reaktion. Sogar der Wind schien den Atem anzuhalten. Die Luft auf dem Dachboden war wie erstarrt. Ich trat einen Schritt zurück, dann noch einen und suchte mit der Hand nach dem Treppengeländer. So gleichmäßig wie möglich zog ich mich in Richtung des schwachen Lichtscheins zurück, der vom Spiegel reflektiert wurde.

Ich bekam das Geländer zu fassen. Da hörte ich das Ding wieder rumoren. Es bewegte sich, aber nicht fort von mir. Es zog sich nicht in irgendeine dunkle Ecke zurück, so wie es Ratten tun, sondern kam auf mich zu. Es bewegte sich sehr langsam und verursachte ein Geräusch, das nach Fell und Klauen klang, aber auch noch nach etwas anderem. Etwas, das mir zum ersten Mal seit dem Tag, da ich in die Kanalisation von Islington hinabgestiegen war, wieder Angst einjagte.

»Pssssssttt! Geh weg! Husch!«, rief ich.

Ich kam mir albern vor. Was, wenn da überhaupt nichts war? Ein Berg alter Wäsche, eine Taube, die auf dem Holzboden scharrte. Und überhaupt: Was sollte es sein außer einem Vogel oder einem kleinen Nager? Eine Fledermaus? Vielleicht. Aber Fledermäuse sind ungefährlich, außer sie haben Tollwut. Und Ratten? Die interessieren sich viel mehr für ihr eigenes Überleben, anstatt jemanden anzugreifen - es sei denn, sie sind ausgehungert oder fühlen sich in höchstem Maß bedroht. Ratten sind feige, weiter nichts.

Ich stieß mit dem Rücken gegen das Geländer. So schnell wie möglich wollte ich jetzt den Dachboden verlassen. Als ich die oberste Stufe erreicht hatte, verrutschte der Teppich, der die Tür offen gehalten hatte, und die Tür fiel mit einem leisen Klicken ins Schloss. Ich stand in völliger Finsternis da.

Ich tastete mit meinem Fuß nach der nächsten Stufe, aber egal, wie weit ich ihn nach unten bewegte, ich konnte sie nicht erreichen. Die Treppe kam mir so leer wie ein Aufzugschacht vor. Obwohl ich allmählich in Panik geriet, konnte ich mich nicht dazu durchringen, den Schritt in das scheinbare Nichts zu wagen.

»Danny!«, brüllte ich. »Danny! Ich bin's, Daddy! Ich bin auf dem Speicher!«

Ich lauschte, hörte aber keine Reaktion. Danny war so müde gewesen wie ich, und normalerweise konnte ihn nichts wecken, weder schwere Gewitter noch Musik noch seine Eltern, wenn sie sich lautstark stritten.

»Danny! Ich bin auf dem Speicher! Die Tür ist zugefallen!«

Wieder keine Reaktion. Ich bewegte mich an der obersten Stufe der Treppe entlang und klammerte mich an das Geländer, das meine einzige Orientierung darstellte. Ich versuchte, meine Augen so sehr anzustrengen, wie es mir nur möglich war, aber es gab nicht das mindeste Licht auf dem Dachboden. Es war schwärzer als unter einem Berg von Bettdecken.

»Danny!«, schrie ich, hatte aber nicht die Hoffnung, dass er mich hörte. Warum, zum Teufel, konnte ich die Stufe nicht finden? Ich wusste, dass die Treppe steil war, aber nicht so steil. Ich tastete mit meinem Fuß so tief es nur ging, aber ich fand keinen Halt.

In diesem Moment hörte ich wieder das Schlurfen.

Es war jetzt wesentlich näher. Derart nah, dass ich instinktiv so weit zurückwich, wie es mir möglich war, ohne das Geländer loslassen zu müssen.

»Danny«, sagte ich mit gedämpfter Stimme. »Danny, hier ist Daddy.«

Schlurf.

Mein Herz schlug einen langen, langsamen Takt. Mein Mund war so trocken wie ein Schwamm. Zum ersten Mal seit den Tagen meiner Kindheit wusste ich nicht, was ich tun sollte. Ich glaube, es war das Gefühl der völligen Hilflosigkeit, das mir mehr Angst machte als alles andere.

Schlurf.

Dann hörte ich ein hohes kicherndes Geräusch, als würde jemand in einer fremden Sprache sprechen, die er selbst nicht sehr gut beherrschte. Es war völlig unverständlich. Es konnte ein Mensch gewesen sein, der Thai oder irgendetwas anderes sprach, aber ebenso gut das Quieken eines aufgeregten Tiers, das Blut gerochen hatte.

»Pssssssttt!«, erwiderte ich. Doch das Kichern hörte nicht auf, sondern wurde eher noch schneller und aufgeregter. Ich hatte das unerträgliche Gefühl, jeden Augenblick sterben zu müssen.

DANNY. Hatte ich das laut gesagt? Ich wusste es nicht. DANNY, HIER IST DADDY.

Dann huschte etwas an mir vorbei, etwas, das sich abscheulich, kalt und borstig anfühlte, so groß wie ein zehnjähriges Kind, aber so schwer wie eines mit Ubergewicht. Es kratzte mich mit einer Kralle in den Arm. Ich schrie laut auf, strauchelte und verlor den Halt. Ich stürzte nach hinten, schlug mit der Schulter gegen eine Kiste und hörte das Geschöpf nur Zentimeter von mir entfernt mit einem triumphierenden Zischen vorbeischlurfen.

Hih-hih-hih-hih-hih!

Ich rollte mich zur Seite, stieß mit großer Wucht irgendwo in und fiel die Treppe hinunter. Es war, als würde ich von einem dreißig Meter hohen Gebäude in die Dunkelheit stürzen. Mit meinem Fuß hatte ich die Stufen nicht finden können, aber jetzt fand ich sie - auf schmerzhafte Weise. Bis zum Fuß der Treppe erwischte ich jede einzelne Stufe - mit Kopf, Schulter, Hüfte, Ellbogen. Als ich unten ankam und mit dem Knie gegen die Tür stieß, die sich daraufhin öffnete, fühlte ich mich, als habe mich jemand mit einem Cricketschläger zusammengeschlagen.

Reflektiertes Sonnenlicht blendete mich.

Oh, Herr!«, rief ich aus.

Danny stand auf dem Treppenabsatz in seinem gestreiften Schlafanzug von Marks & Spencer und erwartete mich bereits.

Daddy!«, rief er aufgeregt. »Du bist gefallen!«

Ich lag rücklings auf dem Teppich, meine Füße befanden sich noch auf der Treppe.

»Alles in Ordnung«, beruhigte ich ihn, obwohl ich es eigentlich mehr sagte, um mich selbst zu beruhigen. »Das Licht funktioniert nicht, und ich bin gestolpert.«

Du hast geschrien«, beharrte Danny.

»Ja«, sagte ich und stand auf, um die Tür zum Dachboden zu schließen und zu verriegeln. War da ein Schlurfen zu hören, auch nur ein leichtes Kratzen?

Warum hast du gerufen?«

Ich sah ihn an, dann zuckte ich mit den Schultern. »Die Tür war zugefallen. Ich konnte nichts sehen.«

»Aber du hattest Angst.«

»Wer sagt, dass ich Angst hatte? Ich hatte keine Angst.«

Danny sah mich ernst an: »Du hattest Angst.«

Ich sah die Tür zum Dachboden länger an als nötig.

»Nein«, sagte ich schließlich. »Es ist alles in Ordnung. Es war dunkel, weiter nichts. Ich konnte bloß nichts sehen.« 

2. Das Kapellenfenster

 Wir saßen beim Frühstück in der altmodischen großen Küche zusammen. Der Boden bestand aus paprikaroten unglasierten Fliesen, die lindgrünen Schränke waren von der Art, wie sie in den dreißiger Jahren hochmodern gewesen war. Das flache weiße Spülbecken sah so aus, als habe man es früher einmal für Autopsien benutzt. Durch das Fenster konnte ich den Rest der Turmspitze erkennen, die zu der zerfallenen Kapelle gehörte.

Danny saß am Tisch, vor sich eine Schale Weetabix. Er baumelte mit den Beinen, und die Sonnenstrahlen ließen die Haare auf seinem Kopf wie eine strahlende Pusteblume wirken.

Er sah seiner Mutter so sehr ähnlich - große, braune Augen, dünne Arme, dünne Beine. Er sprach auch wie seine Mutter, schlicht und praktisch. Ich hätte von Anfang an wissen sollen, dass ich niemals allzu lange Zeit mit einer schlichten und praktischen Frau zusammenleben konnte. Dafür war ich viel zu sehr Theoretiker - immer bereit, mich mehr auf meine Inspiration zu verlassen statt auf die Vernunft.

Janie und ich waren uns auf dem Brighton Art College begegnet; ich war im letzten, sie im ersten Jahr gewesen. Sie hatte viel gekichert und ihr Gesicht immer hinter ihren Haaren versteckt, aber sie war so atemberaubend schön, dass ich immer irgendeinen Grund fand, um mit ihr zu reden.

Drei Jahre später begegneten wir uns an einem Sommerabend auf einer Party in Hastings wieder. An jenem Abend trug sie ein langes, lilaweißes Kleid aus feiner indischer Baumwolle und um ihren Kopf ein lila Tuch. Ich hatte mich augenblicklich und unwiderruflich in sie verliebt. Ich liebte sie noch immer, aber auf eine dumpfe, resignierte Art. Zahllose Wutausbrüche und viele lautstarke Diskussionen hatten mir gezeigt, dass sie und ich einfach nicht zusammenbleiben konnten.

Ich betrieb in der North Street in Brighton ein Geschäft für Inneneinrichtung. An einem nasskalten Februarmorgen kam sie zu mir in den Laden, um mir zu sagen, dass sie mich verlässt. Wenigstens besaß sie den Mut, es mir ins Gesicht zu sagen. Sie wollte mit jemandem namens Raymond nach Durham umziehen und dort für den Stadtrat arbeiten. Ob ich ein paar Monate lang auf Danny aufpassen könne?

»Viel Glück«, hatte ich gesagt. »Ich hoffe, du und Raymond werdet unglaublich glücklich miteinander.«

Die Türglocke hatte geklingelt, dann war sie fort. Draußen hatte ein bärtiger, fürsorglich aussehender Mann in einem regennassen beigen Dufflecoat auf sie gewartet. Der verdammte Raymond.

Ich verlor in der Folge völlig das Interesse an der Inneneinrichtung. Stattdessen unternahm ich mit Danny ausgedehnte Spaziergänge an der Küste entlang und ignorierte das Telefon. Nach drei Monaten musste ich meine Tapeten und meine Musterbücher verkaufen und mich nach einer Arbeit umsehen -jedoch ohne großen Erfolg, wie sich herausstellen sollte.

Kurz nach Anfang des Sommers traf ich im King's Head in der Duke Street auf Chris Pert. Chris war einer meiner alten Saufkumpane von der Kunsthochschule, bleiches Gesicht, etwas verschlossen und sonderbar, voll auf dem Zen-Trip und ein fanatischer Träger brauner Kordhosen. Wir spendierten uns abwechselnd einige Runden >Tetley's Bitter< und erzählten uns gegenseitig unser Elend. Seine Mutter war gestorben, woran ich nicht viel ändern konnte. Allerdings schlug ich ihm vor, Madame Tzigane auf dem Brighton Pier aufzusuchen, ihr ein paar Münzen in die Hand zu legen und sie zu fragen, ob er mit seiner Mutter auf der anderen Seite reden könne. Chris konnte mir dagegen sehr helfen. Er war der Stiefneffe von Mr. und Mrs. Bryan Tarrant, den Teppichfliesen-Millionären und Eigentümern des Fortyfoot House auf der

Isle ol Wight. Chris erwähnte, dass die Tarrants ohne großen finanziellen Aufwand das Haus renovieren und reparieren und den Garten von Unkraut befreien lassen wollten, um es dann zu verkaufen. »Insgesamt aufpolieren« war die Formulierung, die er benutzte. Das hörte sieh genau nach dem ruhigen, zurückgezogenen Job an, den ich suchte. Ich konnte den ganzen Sommer mit Danny verbringen, ohne dabei denken zu müssen.

Gestern am späten Nachmittag waren wir mit der Fähre von Portsmouth auf der Isle of Wight angekommen, dann bis zum südlichsten Zipfel der Insel, nach Bonchurch, gefahren. Bonchurch war ein Küstendörfchen, das aus einem typisch britischen Kinderbuch hätte stammen können: ordentliche Cottages und schattige Wege, säuberlich gepflegte Gärten.

Ich war nie zuvor auf der Isle of Wight gewesen. Wenn man nicht gerade seinen Kindern einen billigen Urlaub am Meer bieten wollte - oder wenn man nicht gerade ein Student der viktorianischen Geschichte war, der einen Blick auf Königin Viktorias Haus in Osborne werfen wollte -, dann gab es keinen vernünftigen Grund, auf die Isle of Wight zu reisen. Es handelt sich um eine kleine Insel in der Form eines Diamanten, vor der Südküste Englands gelegen, mit der Autofähre nur zwanzig Minuten von Portsmouth entfernt. Knapp dreißig Kilometer erstrecken sich zwischen der West-und der Ostküste, vom nördlichsten bis zum südlichsten Teil der Insel sind es gerade mal zwanzig Kilometer. Es ist ein verirrtes Fragment der Hampshire Downs, das von den Römern Vectis genannt worden war.

Die meisten Städte und Dörfer sind Touristenfallen, mit Cottages und Puppenmuseen, mit Miniaturdampfloks und Flamingoparks. Doch in Richtung Westen gewinnt die Insel mit ihren von Mauern umgebenen Gärten und ihren Zedern allmählich an Höhe und geht in die Sandsteinklippen von Alum Bay und die kirchturmartigen Dachspitzen von Needles über. Von diesen Klippen und damit weit weg von den Menschenmengen, konnte man die wahre Isle of Wight sehen. Eine idyllische Landschaft, die eine seltsame Aura der Zeitlosigkeit ausstrahlt, eine Aura, die heraufbeschwor, dass hier die Römer an Land gegangen waren, dass die Angelsachsen auf den breiten Hügeln Schafe gezüchtet hatten, dass Viktoria und Albert durch die gepflegten Gärten spaziert waren, dass in den zwanziger Jahren Busse auf ihren Ballonreifen und mit ihren steil aufragenden Windschutzscheiben durch die von Hecken gesäumten Straßen gefahren waren.

Darum gefiel es mir hier, und weil es gemütlich war. Danny gefiel es ebenfalls, und das war das Einzige, was zählte. Vielleicht spürten wir beide, dass wir vor der Realität flohen, die von bankrotten Geschäften und verlorenen Müttern geprägt war, um an einer endlosen goldenen Küste Zuflucht zu suchen, die von Seesternen, Pfützen im Sand und Schaufel und Eimer bestimmt wurde.

Kurz nach unserer Ankunft hatte ich Janie in Durham angerufen und ihr unsere Telefonnummer gegeben und ihr gesagt, dass Danny wohlauf war. »Du hetzt ihn doch nicht gegen mich auf, oder, David?«

»Warum sollte ich das? Er braucht eine Mutter, so wie jeder Junge.«

»Aber du wirst bei ihm nicht den Eindruck erwecken, ich hätte ihn sitzen lassen?«

»Warum sollte ich diesen Eindruck erwecken?Um Himmels willen, Janie, das Gefühl hat er sowieso schon.«

Sie hatte schwer geseufzt: »Du hast versprochen, ihn nicht gegen mich aufzuhetzen.«

»Es geht ihm gut«, hatte ich ihr versichert. Ich wollte mich nicht schon wieder streiten, nicht am Telefon und nicht in diesem Moment. »Ich sehe schon zu, dass ich dich so oft erwähne, wie es angebracht ist.«

»Und wie oft ist das?«

»Janie, hör endlich auf, ja? Ich sage dauernd Dinge wie: >Ich frage mich, was Mom jetzt gerade macht.< Oder: >Ich möchte wetten, dass deine Mom dich gerne in dieser Hose sehen würde.< Was soll ich noch tun?«

Langes Schweigen war die erste Reaktion, dann hatte Janie ernsthaft niedergeschlagen gesagt: »Er fehlt mir so sehr.«

Ich hatte das Gesicht verzogen, was sie natürlich nicht hatte sehen können. Keine sarkastische Grimasse, sondern eine von diesen Mienen, die man macht, wenn man sein Bestes gegeben hat und es immer noch nicht genug ist, wenn man den Rest seines Lebens mit den schmerzhaften Konsequenzen verbringen muss. »Ich weiß«, hatte ich gesagt. »Ich mache morgen Fotos, wenn wir am Strand sind. Ich schicke dir ein paar.«

Ohne ein weiteres Wort hatte Janie den Hörer aufgelegt.

»Also, was sollen wir heute unternehmen?«, fragte ich Danny.

Er stand auf den moosüberzogenen Steinplatten der Veranda an der Rückseite des Hauses, die Beine extrem weit gespreizt, die Hände in die Hüfte gestemmt und die Unterlippe vorgeschoben. Diese Haltung nahm er ein, wenn er erwachsen aussehen wollte. Er trug ein rotgrün gestreiftes T-Shirt und eine rote Sporthose mit Gummizug.

»Erkundungsrundgang«, schlug er vor.

Ich sah mich um und hielt die Hand vor die Augen, um sie vor der Sonne zu schützen. »Ich schätze, du hast Recht. Komm, lass uns einmal ums Haus gehen, damit wir wissen, was zu tun ist.«

»Du hast da einen blauen Fleck«, sagte er und zeigte auf meine linke Wange.

»Ich weiß. Ich bin die Treppe runtergefallen, ich bin mit blauen Flecken übersät.«

»Wir brauchen eine Taschenlampe«, erklärte er.

»Auf jeden Fall. Lass uns die Gegend erkunden, und dann gehen wir los und kaufen die unglaublichste Taschenlampe, die je ein Mensch gesehen hat.«

Danny ging vor mir die Stufen hinunter. Zwischen jedem einzelnen Stein wucherte Gras, das Moos war an manchen Stellen sogar so dick, dass es wie ein tiefer grüner Teppich aussah. Ich erinnerte mich an einen Teppich, der fast genauso ausgesehen hatte. Den hatte man aus einem Haus in Brighton geschleppt, in dem zwei kleine Mädchen bei einem Brand ums Leben gekommen waren.

Danny lief an der Mauer entlang, die die Veranda umgab, und sang >The Grand Old Duke of York<.

»Ich habe gestern mit Mom telefoniert, nachdem du ins Bett gegangen warst«, sagte ich.

Danny ruderte weiter mit den Armen und sang: »He had ten thousand men ...«

»Sie sagt, dass sie dich lieb hat. Und dass sie dich vermisst. Sie sagt, dass sie dich bald besuchen wird.«

»And he marched them down again.«

»Danny ...«

Er blieb am Ende der Mauer stehen. Über seinem Kopf drehte sich eine Möwe im Wind und schrie wie ein Kleinkind. Es war bereits warm, und der blaue Himmel war mit kleinen Wolken übersät, die wie Wattebäusche aussahen.

»Sie hat gesagt, dass sie dich lieb hat und dich vermisst.«

Eine einzelne Träne lief über seine Wange. Ich ging auf ihn zu, um ihn in die Arme zu nehmen, doch er wich einen Schritt zurück. Er wollte nicht in die Arme genommen werden.

»Danny, ich weiß, dass das schwer für dich ist.«

Ich hörte mich an wie ein Figur in einer schlechten australischen Seifenoper. Woher sollte ich wissen, wie schwer es für ihn war? Woher sollte ich wissen, was es für einen Siebenjährigen bedeutet, seine Mutter zu verlieren?

Ich wandte mich hilflos ab und sah hinüber zum Fortyfoot House - zu der Seite des Fortyfoot House, die zum Garten und zur See wies. Da der Garten so abrupt abfiel, wirkten die Mauern unnatürlich hoch. Sie waren mit Ziegelsteinen verkleidet, die so dunkelrot schimmerten, dass sie fast die Farbe von Kastanien hatten. Das riesige missgestaltete Dach war mit moosbewachsenen braunen Ziegeln bedeckt. Ursprünglich waren alle Fensterrahmen aus Eiche gewesen, jedenfalls hatte Mrs. Tarrant das gesagt. In den zwanziger Jahren hatte man sie durch glänzende Metallrahmen ersetzt, die dann schwarz gestrichen worden waren. Eine der ersten Entscheidungen, die ich für das Fortyfoot House getroffen hatte, lautete, alle Metallrahmen wieder weiß zu streichen.

Die Schornsteine hatten alle noch ihre ursprüngliche Höhe und waren so entworfen, dass sie Kohlenfeuer heiß und heftig brennen ließen. Auch wenn jetzt fast subtropisches Klima herrschte, konnte ich mir vorstellen, dass die Winter in Bonchurch äußerst unangenehm werden konnten.

Irgendwann einmal musste die gesamte Rückseite des Hauses mit Kletterpflanzen überzogen gewesen sein, doch waren sie vor langer Zeit verkümmert und abgefallen. Zurückgeblieben waren nur ein paar trockene Ranken, die sich im Mauerwerk verfangen hatten.

Etwas an den Proportionen des Fortyfoot House irritierte mich. Aus irgendeinem Grund schienen die Winkel nicht zu passen. Das Dach wirkte viel zu groß, und es sah so aus, als falle ein Ende viel zu steil ab. Ich ging ein paar Schritte zur Seite, und die Winkel veränderten sich, wollten aber noch immer nicht so richtig zusammenpassen. Fortyfoot House war eines der abnormsten Gebäude, denen ich jemals begegnet war. Ganz egal, aus welcher Richtung man es betrachtete, immer erschien es unangenehm, hässlich und unausgewogen.

Dieses Unangenehme war so allgegenwärtig, dass sich mir fast der Verdacht aufdrängte, der Architekt habe es mit Absicht so entworfen. Von jeder Seite sah es so aus, als bestehe es nur aus einer Fassade, ohne jegliche Tiefe. Mich überkam das Gefühl, dass sich hinter den Wänden, die ich mit meinen eigenen Augen sehen konnte, nichts befand, abgesehen von einem vergessenen, leeren Garten. Es war, als existiere Fortyfoot House nicht wirklich.

Danny wollte nicht an meiner Hand gehen und sprang von der Mauer. Dann trottete er mürrisch vor mir her, vorbei an den blütenlosen Rosensträuchern, und ich folgte. Mir war so schlecht, als hätte ich einen Kater. Wie konnten Janie und ich ihm so ein Elend bereiten? Manchmal hatte ich das Gefühl, es wäre besser gewesen, ihn gar nicht erst zu zeugen. Es war so mies wie die Zucht von Jagdvögeln, nur um sie abzuschießen.

»Ich glaube, auf dem Dachboden ist eine Ratte«, sagte ich zu ihm, während wir auf dem Kiesweg am Strand weitergingen.

Er sagte nichts.

»Wenn wir die Taschenlampe haben, gehen wir nach oben und suchen nach ihr, ja?«

Er blieb stehen, drehte sich um und sah mich finster an. »Ratten können beißen.«

»Ja, sicher. Aber wenn man eine dicke Hose und stabile Handschuhe trägt, kann nicht viel passieren. Außerdem haben sie meistens mehr Angst vor uns als wir vor ihnen. Ich habe mal welche in der Kanalisation gesehen.«

»Ich könnte meine Wasserpistole mitnehmen«, schlug Danny vor.

Ich nahm seine Hand. »Ja, das wäre nicht schlecht«, sagte ich. »Vielleicht kannst du sie mit roter Tinte füllen, so wie in den Comics. Das sieht dann wie Blut aus, wenn du sie triffst. Und wenn wir sie wieder sehen, wissen wir, mit welcher Ratte wir es zu tun haben.«

Danny gefiel diese Idee. Er begleitete mich bis zur Vorderseite des Hauses und begutachtete zusammen mit mir ernsthaft die Rhododendronbüsche. Den Zustand des Dachs kommentierte er mit einigen fachmännischen Lauten. Ich liebte den Jungen.

Er begann, von der Schule zu erzählen und von Button Moon im Fernsehen, und dass er beschlossen habe, bei den Comics auf Beano umzusteigen, weil der jetzt erwachsener war. Er fragte mich, ob es möglich sei, seinen Teddy so hoch zu werfen, dass der in eine Umlaufbahn um die Erde einschwenkte. Wenn er ihn so richtig schnell wirbeln und dann loslassen würde? Er hatte Angst gehabt, es zu versuchen, weil es sein konnte, dass er seinen Teddy für alle Zeit verlieren würde. Seine Mom hatte ihm den Teddy geschenkt, und er wäre am Boden zerstört gewesen, wenn er ihn verloren hätte.

Wir setzten uns auf die weiß lackierte gusseiserne Gartenbank, um über die Gärten in Richtung See zu blicken. Das Gras und das Unkraut waren kniehoch gewuchert. Der Wind wehte uns warm ins Gesicht und zerzauste unser Haar.

»Manchmal können Leute einfach nicht zusammenleben«, sagte ich ihm. »Sie lieben sich, aber sie können nicht zusammen sein.«

»Das ist blöd«, sagte Danny.

»Ja«, stimmte ich ihm zu. »Das ist es.«

Danny sang leise und ließ die Beine baumeln, und ich blickte beiläufig und neugierig hinüber zum Fortyfoot House. Sogar von hier aus schienen die Winkel des Dachs ungewöhnlich. Ich konnte das Dachfenster meines Zimmers sehen, das nach Süden hin lag, und die Ziegel zu beiden Seiten. Das Sonderbare daran war aber, dass die westliche Wand entgegen meinen Erwartungen völlig vertikal verlief, bis hinauf zur Dachkante, obwohl die Decke in meinem Zimmer auf dieser Seite auch abfiel.

Mit anderen Worten: Es gab einen abgeteilten Raum, der wie eine auf den Kopf gestellte Pyramide zwischen meiner geneigten Decke und der vertikalen Außenwand des Hauses lag.

Was diesen Gedanken an einen abgeteilten Raum noch verwirrender machte, war die Tatsache, dass ich unter dem weißen Verputz ganz schwach einen rechteckigen Umriß erkennen konnte, wenn ich meine Augen gegen die Sonne abschirmte. So als habe sich dort einmal ein Fenster befunden, das vor sehr langer Zeit zugemauert worden war. Irgendwann einmal musste mein Zimmer eine gerade Wand nach Westen hin gehabt haben - und ein Fenster, das den Ausblick auf die hohen Fichten ermöglicht hatte, die sich hinter den Erdbeerbeeten erhoben.

Ich konnte mir keinen vernünftigen Grund vorstellen, warum man dieses Fenster zugemauert und die Decke in meinem Zimmer so geneigt hatte, als würde dort das Dach verlaufen. Vielleicht wegen Trockenfäule oder Feuchtigkeit oder wegen eines Baufehlers, der sich auf die Konstruktion auswirkte. Aber ein Fenster zuzumauern, das schien mir nicht der richtige Weg, um solche Probleme zu lösen.

Ich sah das Dach so lange gedankenverloren an, bis Danny aufhörte zu singen und mich fragte: »Was ist los?«

»Nichts«, antwortete ich.

Er blickte ebenfalls hinauf zum Dach. »Da oben war mal ein Fenster«, erklärte er überzeugt.

»Stimmt. Man hat es zugemauert.«

»Warum?«

»Das habe ich auch gerade überlegt.«

»Vielleicht wollten sie nicht, dass jemand rauskommen konnte.«

»Vielleicht«, stimmte ich ihm zu, dann wunderte ich mich: »Wie kommst du auf >rauskommen<?«

»Na ja, das ist zu hoch. Reinkommen kann da keiner«, sagte Danny.

Ich nickte.

Es beeindruckte mich immer wieder aufs Neue, wie analytisch Kinder denken. Sie wischen all die Vorwände und Kompromisse beiseite, die Erwachsene bereitwillig akzeptieren, und sie sehen alles klar und unverfälscht, wie in einem Bilderbuch. Und sie besitzen noch etwas. Einen sechsten Sinn, eine Verbundenheit mit der Natur. Sie können zu den Bäumen und Tieren und Fröschen reden und bekommen manchmal sogar eine Antwort.

»Ich frage mich«, sagte Danny, »wer da in dem Zimmer gelebt hat.«

»Wie meinst du das?«

»Ich meine, wen sie da nicht rauslassen wollten.«

»Ach so. Hmm, irgendjemanden.«

Wir gingen zurück zur Veranda; jeder von uns hatte die Hände auf dem Rücken verschränkt, Vater und Sohn einträchtig nebeneinander.

»Kommt Mom uns hier besuchen?«

»Ich weiß nicht. Wohl eher nicht. Jedenfalls nicht in nächster Zeit. Sie hat viel zu tun, oben in Durham, mit Raymond.«

»Du könntest wieder heiraten«, schlug Danny vor.

Ich sah zu ihm hinunter, lächelte und schüttelte dann den Kopf. »Daran habe ich nicht mal gedacht. Noch nicht.«

»Aber du wirst einsam sein.«

»Wie könnte ich einsam sein, ich habe doch dich.«

Danny griff nach meiner Hand.

»Wollen wir uns den Friedhof ansehen?«, fragte ich. Alles war mir lieber, als um Fortyfoot House herumzuspazieren, dieses Haus mit seinen beunruhigenden Winkeln und dem außergewöhnlichen Eindruck, dass es sich nicht nur hier, sondern auch noch woanders befand. Es war wie bei einem Stock, den man ins Wasser taucht und der dann geknickt zu sein scheint. Welcher Winkel ist der richtige? Welche Welt ist die richtige?

Wir durchquerten den Garten und näherten uns dem kleinen Bach, der unter den überhängenden Farnen viel schneller floss als ich erwartet hatte. Außerdem war er laut und sehr kalt. Danny und ich balancierten über die Steine, die vom Wasser und Moos rutschig waren, dann kletterten wir den steilen Hügel hinauf, der zur Friedhofsmauer führte. Der Wind trug den intensiven Geruch von wildem Thymian mit sich, der mich an irgendetwas erinnerte, was ich vor sehr langer Zeit einmal gekannt hatte. Ein sonderbares Gefühl, kaum zu bestimmen. Und je mehr ich versuchte, mich zu erinnern, umso mehr entglitt mir das Gefühl.

Danny stieg über die eingestürzte Mauer, während ich um sie herumging und das quietschende Eisentor öffnete.

Auf dem Friedhof wehte der Wind nicht mehr und es war deutlich wärmer. Seite an Seite gingen wir durch das hohe trockene Gras. Schmetterlinge tanzten um uns herum, und die riesige Zeder knarrte und stöhnte monoton. Ich verspürte ein überwältigendes Gefühl von Frieden und Zeitlosigkeit. Wir hätten hier an einem beliebigen Sommertag entlanggehen können - oder an allen Sommertagen gleichzeitig. Hier existierte kein Kalender, die Vergangenheit lag hier direkt neben der Zukunft.

Wir erreichten das ersten Grabmal, einen umgestürzten weißen Stein mit einem blinden Engelsgesicht.

>Gerald Williams, im Alter von sieben Jahren von Gott zu sich berufen, 7. November 1886<.

Danny strich mit seinen Fingern über die Buchstaben. »Er ist nicht sehr alt geworden, oder?«

»Nein, er war so alt wie du. Aber früher sind Kinder an Krankheiten gestorben, die heute nicht mehr tödlich sind. So wie Mumps oder Scharlach oder Keuchhusten. Die Leute hatten nicht die Medikamente, um sie zu heilen.«

»Armer Gerald Williams«, sagte Danny gerührt.

Ich legte meinen Arm um seine Schulter, und gemeinsam gingen wir zum nächsten Grab. Der Stein war aus Marmor und hatte die Form einer aufgeschlagenen Bibel.

>Hier ruht in Frieden Susanna Gosling. Gestorben am 11. November 1886 im Alter von fünf Jahren«.

»Noch ein Kind.«

»Vielleicht eine Epidemie«, überlegte ich. »Weißt du, wenn in einer ganzen Stadl oder einem Dorf jeder krank wird.«

Wir gingen weiter zu den nächsten Gräbern. Ein Engel hielt einen Olivenzweig in der Hand. Ein großes keltisches Kreuz. Ein einfaches Rechteck. Wieder lagen dort Kinder begraben. Henry Pierce, zwölf Jahre. Jocasta Warren, sechs Jahre. George Herbert, neun Jahre.

Insgesamt fanden wir auf dem von Unkraut überwucherten Friedhof siebenundsechzig Kindergräber. Keines der Kinder war jünger als vier Jahre oder älter als dreizehn Jahre. Und sie alle waren im November 1886 in einem Zeitraum von zwei Wochen gestorben.

Ich stand neben der halb in sich zusammengefallenen Mauer der Kapelle unter dem leeren gotischen Fenster und sah mich um. »Hier muss irgendetwas wirklich Sonderbares

geschehen sein, dass diese Kinder alle fast zur gleichen Zeit gestorben sind.«

Danny nickte ernst. »Eine Epidemie, hast du doch gesagt.«

»Aber es gibt keine Erwachsenen, die in dieser Zeit gestorben sind. Nicht einen einzigen. Wenn alle diese Kinder an einer Krankheit gestorben wären, dann hätte es zumindest auch einen Erwachsenen treffen müssen.«

»Vielleicht ein Feuer«, sagte Danny. »Bei Lawrence hat es auf einer Geburtstagsparty auch mal gebrannt. Seine Mama hat den Kuchen reingebracht und dabei die Vorhänge in Brand gesteckt. Das wären auch alles Kinder gewesen.«

»Das könnte sein. Aber wenn es wirklich ein Feuer oder irgendeine andere Katastrophe war, dann hätte es doch wenigstens auf einigen Grabsteinen stehen müssen.«

»Wenn ich vom Bus überfahren werde, möchte ich aber nicht, dass das auf meinem Grabstein steht. >Hier liegt Danny, vom Bus platt gemacht<.«

»Das ist was anderes.«

»Ist es nicht.«

»Na gut, dann ist es nichts anderes. Komm, wir sehen uns mal die Kapelle von innen an.«

»Ich dachte, das ist eine Kirche.«

»Ist es auch. So eine Art jedenfalls. Eine Kapelle ist eine kleine Kirche.«

Die von Wind und Wetter ausgeblichenen Türen zur Kapelle waren aus ihren verrosteten Scharnieren gefallen und hatten sich verkantet. Ich drückte meine Schulter gegen den rechten Türflügel und konnte ihn mit etwas Mühe so weit bewegen, dass Danny und ich uns hindurchzwängen konnten.

»Pass auf, dass du nicht mit deinem T-Shirt an dem Nagel da hängen bleibst.«

Es gab kein Dach mehr, seine Überreste lagen auf dem Boden verstreut, Hunderte von zerbrochenen Dachziegeln, die von Gras, Huflattich und Disteln überwuchert wurden. Die Mauern waren noch immer gekalkt, wiesen aber schwarze Flecken auf, die von der Feuchtigkeit herrührten.

Efeu hatte den größten Teil der westlichen Mauer erobert. Wir gingen weiter, und die Dachziegel zerbrachen unter unseren Füßen. Erst als wir den hohen Sandsteinaltar erreicht hatten, sahen wir uns in Ruhe um. Die Kapelle wirkte nicht mehr besonders heilig, nur verfallen. Vögel waren die einzige Kirchengemeinde, und das Stöhnen der Zeder war der einzige Psalm, der zu hören war.

»Hier ist es unheimlich«, fand Danny.

»Das kommt dir nur so vor, weil alles verlassen ist.«

Wir bahnten uns unseren Weg zurück zum Eingang, als Danny plötzlich sagte: »Sieh mal da. Fußabdrücke.«

»Fußabdrücke? Wovon redest du?«

»Sieh doch, hier.«

Er ging hinüber zur westlichen Mauer und zeigte auf den Boden, dicht unter dem überhängenden Efeu. Tatsächlich war dort ein Paar nackter Füße aufgemalt worden.«

»Das ist ein Wandgemälde«, erklärte ich ihm. »Vermutlich eine Station auf dem Kreuzweg.«

»Was ist das?«

»Ich werd's dir zeigen.« Ich nahm den Efeu in beide Hände und schob ihn Stück für Stück zur Seite. Er gab ein Geräusch wie zerreißendes Leinen von sich und klammerte sich so hartnäckig am Mauerwerk fest, als besäße er Finger, mit denen er Halt fand. Schließlich legte ich aber das Wandgemälde schrittweise frei, zuerst ein paar in Weiß gekleidete Beine, dann eine Hand, eine Schärpe und noch eine Hand.

»Da«, sagte ich zu Danny. »Sieht aus wie Jesus.« Doch dann zog ich einen letzten Wust raschelnden Efeus zur Seite und legte das Bild einer Frau mit wallendem rötlichen Haar, einem roten Stirnband und einem außergewöhnlichen, ergreifenden Gesichtsausdruck frei. Ein Großteil der Farbe war vom Wetter und dem austrocknenden Effekt des Efeus ausgeblichen, doch die Frau war noch immer beeindruckend, und das Gemälde war so lebensecht, dass ich fast das Gefühl hatte, die Frau spreche zu uns.

Was mich störte, war nicht die realistische Darstellungsweise der Frau, sondern das, was um ihren Hals lag. Das Gemälde war so blass geworden, dass ich es zuerst für eine dunkle Pelzstola hielt. Aber als ich genauer hinsah, erkannte ich, dass es sich um eine große Ratte handelte - oder um etwas, das einer Ratte sehr ähnlich sah. Das Tier hatte ein weißes längliches Gesicht und schräg stehende Augen, aber der Gesichtsausdruck wirkte eher wie der eines Menschen als der eines Tieres. Spöttisch, berechnend und verschlagen.

»Das ist nicht Jesus«, sagte Danny nachdrücklich.

»Nein.«

»Und wer ist es dann?«

»Ich weiß nicht, ich habe keine Ahnung.«

»Was ist das da auf den Schultern? Dieses hässliche Ding?«

»Vermutlich eine Ratte.«

»Das ist hässlich.«

»Du hast Recht. Komm, wir verdecken es wieder.«

Ich versuchte, den Efeu wieder vor das Gemälde zu ziehen, aber nachdem ich ihn einmal von der Wand gezerrt hatte, weigerte er sich, wieder in seine alte Position zurückzukehren. Schließlich musste ich die Wand freigelegt lassen. Damit blieb die Frau genauso für jedermann sichtbar wie die verschlagen aussehende Ratte. Aus irgendeinem unerklärlichen Grund empfand ich beide als ausgesprochen unangenehm und irritierend, vor allem störte mich die in dem Bild angedeutete unausgesprochene Symbiose zwischen ihnen - die Implikation, dass die Frau die Ratte ebenso benötigte wie umgekehrt.

»Können wir gehen?«, drängte Danny, und ich nickte, auch wenn es mir schwer fiel, meinen Blick von der Frau zu lösen. Danny lief voraus und kletterte auf einen I laufen zerbrochener Dachziegel und Steine, um aus dem leeren gotischen Fenster zu blicken. »Von hier aus kann ich den Strand sehen«, sagte er. »Schau mal, da ist das Gartentor.«

Ich stellte mich neben ihn und stützte meine Ellbogen auf die Fensterbank. Der Ausblick war von hier aus wunderschön - die großen Bäume, die Gärten, der Weg, der langsam zur

See hin abfiel. Aus dieser großen Entfernung wirkten die Gärten bemerkenswert gepflegt. Sogar die Erdbeerbeete schienen frei von Unkraut zu sein, mit Früchten, die rot leuchteten. Der Fischteich glitzerte im morgendlichen Schein der Sonne, auf seiner Oberfläche spiegelten sich die langsam dahintreibenden Wolken.

»Da hinten ist ein Fischerboot«, rief Danny. Durch die Bäume hindurch konnte ich das rostfarbene dreieckige Segel ausmachen, während sich das Boot langsam der Küste näherte.

»Irgendwann werden wir auch mal mit einem Boot aufs Meer hinausfahren«, versprach ich ihm. »Solange du mir versprichst, dass du Schwimmen lernst.«

»Ich kann ja Schwimmflügel anziehen«, schlug er vor.

Ich sah hinüber zum Fortyfoot House. Der Verputz schien im Sonnenlicht viel heller zu sein und die Fenster schienen zu strahlen. Merkwürdig war, dass es von hier aus so wirkte, als befänden sich an jedem Fenster Gardinen, obwohl die einzigen Gardinen im gesamten Haus jene waren, die ich in Dannys und in meinem Schlafzimmer aufgehängt hatte.

Ich legte die Stirn in Falten und kniff die Augen zusammen. Irgendetwas stimmte nicht. Von hier aus war Fortyfoot House nicht das heruntergekommene, von Feuchtigkeit gezeichnete Gebäude, das ich renovieren sollte. Von hier aus waren die Gärten nicht zugewuchert, die ich vom Unkraut befreien sollte. Von hier sah das Fortyfoot House fast aus wie neu, die Gärten waren makellos.

Es sah genauso aus wie auf der alten Fotografie des Hauses, die im Erdgeschoss im Flur hing. Fortyfoot House im Jahre 1888.

Als würde mir Eiswasser über den Rücken geschüttet, wandte ich meinen Blick ab und schaute hinüber zu den Cottages unten am Strand. Sie wirkten nicht so stark verändert, allerdings war von den Dachantennen nichts mehr zu entdecken. Ich konnte sie jetzt auch viel besser sehen, weil nicht so viele Bäume und Hecken die Sicht verdeckten.

Ich blickte nach unten auf den Friedhof; das Gras war ordendich gemäht, Geranien blühten in kreisrunden Beeten. Und es gab keine Grabsteine, nicht einen einzigen konnte ich erkennen.

»Danny«, sagte ich und legte meine Hand auf seine Schulter. »Wir sollten jetzt gehen.«

»Ich möchte nur noch sehen, wie das Fischerboot vor Anker geht.«

»Du kannst auch zum Strand runterlaufen und es dir von dort anschauen.«

Bevor ich hinunterklettern konnte, sah ich im Augenwinkel, dass jemand aus der Küche des Fortyfoot House kam und selbstsicher und ruhig über die sonnenbeschienene Veranda ging. Es war ein Mann in einem schwarzen Frack, er trug einen hohen schwarzen Hut. Während er ging, hielt er sein Revers fest und blickte nach rechts und links, als würde er etwas inspizieren.

Er erreichte die Mitte des Rasens und blieb stehen, verschränkte die Hände auf dem Rücken und genoss offensichtlich die leichte Brise, die von der See herüberwehte.

Während er da stand, sah ich, dass sich noch etwas anderes bewegte. In einem der oberen Fenster des Hauses entdeckte ich ein blasses Gesicht. Ich sah noch einmal genauer hin, und einen Moment lang glaubte ich, die Gesichtszüge jener Ratte wiederzuerkennen, die sich um die Schultern der Frau an der Kapellenmauer gelegt hatte.

Dann war es verschwunden, das Fenster war wieder dunkel.

»Hey!«, rief ich dem Mann auf dem Rasen zu. Falls er real war, falls ich nicht halluzinierte, dann musste er mich hören.

»Hey, Sie da!«, schrie ich. »Ja, Sie da, auf dem Rasen!«

»Wer ist denn das?«, fragte Danny.

»Siehst du ihn auch?«

»Na klar. Er trägt einen lustigen Hut.«

»Sie da!«, rief ich erneut und ruderte mit den Armen.

Der Mann wandte sich um und blickte zur Kapelle. Sein Gesicht hatte einen düsteren, missbilligenden Ausdruck. Er zögerte einen Moment lang, als überlege er, ob er zur Kapelle und damit zu uns kommen solle, doch dann drehte er sich um und ging zügig zurück zum Haus. Bauz! Da geht die Türe auf, Und herein in schnellem Lauf, Springt der Schneider in die Stub´, Zu dem Daumen-Lutscher-Bub.

»Hey«, rief ich ihm nach. »Hey, bleiben Sie stehen!«

Der Mann nahm aber keinerlei Notiz von mir und ging mit weit ausholenden Schritten weiter in Richtung Haus.

»Komm, Danny!«, sagte ich. »Wir müssen ihn einholen.«

Wir stiegen von dem Geröllhaufen und zwängten uns durch die Tür. Als wir draußen standen, stellte ich erstaunt fest, dass der Friedhof wieder überwuchert war. Und die Grabsteine standen dort wie zuvor - umgestürzt, vernachlässigt. Aber sie waren da, sie waren real. Wir eilten den Abhang hinab, balancierten wieder über den Bach, dann liefen wir keuchend über den Rasen in Richtung Veranda. Während wir uns dem Haus näherten, sah ich, dass die Küchentür einen Spaltbreit offen stand. Ich wusste ganz sicher, dass ich sie geschlossen hatte, als wir aus dem Haus gegangen waren.

Ich bedeutete Danny, hinter mir zu bleiben, und näherte mich langsam der Küchentür. Ich versuchte dabei so wenig Geräusche wie möglich zu machen. Ich gab der Tür einen Stoß und ließ sie auffliegen, bis sie gegen die Wand schlug, erzitterte und dann in ihrer Position verharrte.

»Wer ist da?«, rief ich. »Ich warne Sie, dies ist Privatbesitz!«

Keine Antwort. Ich konnte die Muffigkeit der Küche riechen - verstopfte Abflüsse, Schränke, die zu lange geschlossen gewesen waren, und Domestos. Die Sonne, die durch die Fenster fiel, teilte die Küche in kleine Quadrate auf.

Ich hielt inne und lauschte, dann rief ich: »Ich weiß, dass Sie da sind! Kommen Sie raus!«

Du willst, dass er rauskommt ? Dieser finster dreinblickende Mann mit seinem hohen Hut?

»Das ist Privateigentum, ich fordere Sie auf, sofort rauszukommen!«

»Daddy, ist jemand drinnen?«, fragte Danny.

»Ich weiß nicht«, antwortete ich. »Hören kann ich niemanden. Du vielleicht?«

Danny legte eine Hand an sein Ohr. »Ich höre nur das Meer.«

Ich ging zwei oder drei Schritte in die Küche hinein. Von allen Räumen in einem Haus ist in der Küche immer am meisten los, wenn dort eine Familie lebt. Und wenn diese Familie nicht mehr da ist, dann ist es der stillste Raum. Eine Reihe von Küchenutensilien hingen an Haken, eine Schöpfkelle, ein Kartoffelstampfer, eine Vorlegegabel. Die Griffe waren abgenutzt, was darauf hindeutete, wie stark sie beansprucht worden waren. Jetzt aber waren sie nur noch kalt, sauber und unberührt. Utensilien, mit denen höchstens noch Erinnerungen verbunden waren, nicht mehr das Vergnügen einer gemeinsamen Mahlzeit.

»Wenn da jemand ist, dann sollte er besser herauskommen«, warnte ich den unsichtbaren Jemand. »Ich werde die Polizei rufen und Sie wegen Hausfriedensbruch festnehmen lassen.«

Wieder folgte Stille, eine ganze Weile, dann hörte ich plötzlich ein rasches schlurfendes Geräusch aus dem Flur, schließlich öffnete jemand die Vordertür. Ich musste in jenein Moment verrückt gewesen sein, denn ich rannte ohne zu zögern durch die Küche und riss die Tür zum Flur auf, um gerade noch zu sehen, wie eine dunkle Silhouette durch die Vordertür des Hauses verschwand und die steile Einfahrt hinaufeilte.

Ich lief hinterher, wusste aber, dass ich nicht den Mann mit dem Backenbart und dem großen Zylinder verfolgte. Als ich die Straße erreicht hatte, die hinauf nach Bonchurch führte, sah ich, dass ich einer zierlichen jungen Frau folgte — mit strähnig blondem Haar, einem schwarzen Sweatshirt und Baumwollshorts, mit einem randvollen Wäschebeutel über der Schulter. »Stopp«, rief ich außer Atem. »Um Himmels willen, bleib stehen. Ich werde nicht die Polizei rufen.«

Die junge Frau blieb stehen, beugte sich vor, stützte ihre Hände auf die Knie und rang nach Luft. »Tut mir Leid«, japste sie. »Ich wusste nicht, dass in diesem Haus jemand lebt.«

Seite an Seite standen wir in dem Schatten der Ulmen, beide versuchten wir, zu Atem zu kommen. Danny kam durch die Vordertür gelaufen und blieb stehen, um uns zu beobachten.

»Tut mir Leid«, wiederholte die junge Frau. Sie strich mit einer Hand ihre Haare nach hinten und hob den Kopf. »Ich wusste nicht, dass jemand dort wohnt.«

Ich betrachtete sie von oben bis unten. Sie war vielleicht neunzehn oder zwanzig, kaum älter, ihr Gesicht war oval mit sehr großen Augen, deren Farbe sich irgendwo zwischen Blau und Violett bewegte. Sie trug den billigen Silberschmuck, wie ihn vor allem Studenten tragen: Ohrringe mit Halbedelsteinen. Sie sprach in einem recht gebildeten Englisch mit einem Hauch Hampshire-oder Mid-Sussex-Akzent. Auf eine unvollendete Weise war sie ausgesprochen hübsch, jedenfalls unvollendet für einen Mann, der selbst 33 Jahre zählte und einen siebenjährigen Sohn hatte und dessen Ehe ein Scherbenhaufen war. Und sie war recht klein, was ich nicht gewöhnt war, nicht größer als 1,60 Meter, während ihr schwarzes Sweatshirt erkennen ließ, wie vollbusig sie war.

»Was suchen Sie hier?«, fragte ich sie.

»Ich suche gar nichts. Ein Freund hat mir gesagt, das Haus würde leer stehen.«

»Und?«

»Und ich wollte hier für den Sommer unterkommen. Ich kann mir kein Zimmer leisten. Na ja, ich könnte mir ein Zimmer leisten, aber wenn ich Miete bezahlen müsste, dann würde mein ganzes Geld dafür draufgehen.«

»Aha«, sagte ich und sah mich um. »Sie haben nicht zufällig einen Mann im Haus gesehen?«

»Wie? Was für einen Mann?«

»Ein Mann war im Haus, er trug eine dunkle Jacke und einen hohen schwarzen Hut. Er sah ziemlich altmodisch aus.«

Sie schniefte und schüttelte den Kopf. »Nein, ich habe niemanden gesehen.«

»Tut mir Leid, dass ich Sie gejagt habe. Ich hatte einen Mann im Garten gesehen und gedacht, Sie wären er. Ich soll mich um das Haus kümmern und es auf Vordermann bringen.«

»Oh, ich verstehe«, sagte sie.

»Da wartet verdammt viel Arbeit auf mich«, sagte ich ihr.

»Es ist aber ein schönes altes Haus, nicht wahr?«, erwiderte sie.

Ich nickte, und dann zuckte ich mit den Schultern. Im Augenblick wusste ich nicht, was ich von Fortyfoot House halten sollte. Nachdem ich dem Ding auf dem Dachboden begegnet war und den schwarz gekleideten Mann im Garten gesehen hatte, war ich gar nicht so sicher, dass ich hier bleiben wollte.

Die junge Frau warfsich den Wäschebeutel über die Schulter. »Also, ich mache mich dann auf den Weg.«

»Wohin wollen Sie gehen?«

»Oh, in Ventnor gibt es ein leer stehendes Wollgeschäft. Da werde ich mein Glück versuchen.«

»Hören Sie...«, sagte ich, während Danny näher kam. »Wir wollten zum Strand gehen, um was zu trinken. Möchten Sie mitkommen? Ihre Tasche können Sie so lange hier lassen.«

»Das wäre toll«, sagte sie. »Wenn Ihre Frau nichts dagegen hat.«

»Ich lebe getrennt. Danny und ich sind jetzt allein.«

Die Frau lächelte Danny freundlich an. »Hallo, Danny, ich bin Elizabeth. Du kannst mich auch Liz nennen, aber nicht Lizzie. Das hasse ich nämlich.«

»Hallo«, sagte Danny argwöhnisch. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass Danny, wenn er statt Augen Maschinengewehre gehabt hätte, jede Frau, mit der ich mich unterhielt, in dem Moment niedergemäht hätte, als sie den Mund öffnete. Seine Mom war fort, doch er stellte sich immer noch schützend vor sie.

»Elizabeth kommt auf einen Drink mit uns«, eröffnete ich ihm. »Möchtest du ein Eis?«

Danny nickte.

»Ich habe für den Sommer einen Job im Tropical Bird Park. Ihr könnt mich dort besuchen, ich kann euch sogar umsonst reinlasssen. Und...« - zu mir gewandt - »... sag Liz zu mir.«

»Einverstanden«, sagte Danny.

»Gib her«, sagte ich und nahm den Wäschesack, und dann gingen wir gemeinsam zurück zum Haus. »Arbeitest du professionell mit Vögeln?«, fragte ich sie. »Ornithologin oder so

was?«

»Nein, ich studiere Sozialwissenschaften in Essex im dritten Jahr. Ich werde mich nicht mit Vögeln befassen. Ich hasse Vögel, ich kann ihre kleinen Augen nicht ertragen. Ich schmeiße Hamburger auf den Grill.«

Wir gingen ins Haus. Danny lief voraus bis in die Küche.

»Gibt es irgendeinen bestimmten Grund, warum du ausgerechnet zur Isle ofWight gekommen bist?«, fragte ich Liz.

»Ich weiß nicht, es ist eine Insel, weiter nichts. Inseln sind immer anders. Sie sind irgendwie in der Zeit stecken geblieben, weißt du, was ich meine?«

»Ja«, antwortete ich. »Das weiß ich.« Aus irgendeinem Grund munterte sie mich auf. »Du kannst deine Tasche hier abstellen, das Café sollte inzwischen geöffnet sein.«

Sie sah sich um. »Hier hätte ich mich gerne einquartiert. Ziemlich luxuriös im Gegensatz zu dem, was ich sonst gewohnt bin.«

Sie folgte Danny auf die Veranda. Ich blieb in der Küche und sah zu, wie die beiden dort im Sonnenschein standen. Danny sagte etwas, Liz nickte, dann begann sie, ihm irgendwas zu erklären. Sie gestikulierte viel, während Danny sie aufmerksam ansah. In dem Moment wusste ich, dass die beiden sich verstehen würden. Liz war jung und aufgeschlossen, und Danny brauchte unbedingt eine Frau in seinem Leben. Was ich dagegen brauchte, war ein wenig Ausgeglichenheit.

Von der Stelle aus, an der ich stand, konnte ich das Foto des Fortyfoot House sehen, das im Flur an der Wand hing. Ich zögerte einen Moment, dann ging ich hinüber und studierte es genauer.

Es war eines von vielen Bildern, die man dort aufgehängt hatte. Da war ein Ölgemälde des Kashmir-Gebirges, das ein Offizier der indischen Armee aus dem Gedächtnis gemalt hatte. Jedenfalls hatte Mrs. Tarrant das erzählt. Es gab einen Stich, der die Regent Street in London zeigte, und ein Foto von »Master Denis Lithgow<, dem ersten Jungen, der nach Ägypten flog, bei der Ankunft in Alexandria. Und da war >Fortyfoot House, 1888*. Exakt das Haus mit demselben Mann im Garten, in seinem schwarzen Frack und seinem hohen schwarzen Zylinder. Ich betrachtete es sorgfältig. Es gab keinen Zweifel, dass der Garten haargenau so aussah wie durch das glaslose Fenster der Kapelle.

Wenn Danny es nicht auch gesehen hätte, wäre ich Überzeugt gewesen, einer Halluzination erlegen zu sein. Müdigkeit, Stress, der plötzliche Ortswechsel. Aber Danny hatte es auch gesehen. Fortyfoot House, wie es vor über einhundert Jahren einmal ausgesehen hatte.

»Daddy, kommst du?«, rief Danny.

Ich sah mir das Foto ein letztes Mal an, dann ging ich zurück in die Küche. Im selben Moment hörte ich ein Kratzen, so als laufe etwas hinter den Fußleisten entlang. Ich blieb stehen und lauschte.

»Daddy! Komm schon!«, drängte Danny.

»Sekunde noch«, rief ich zurück und horchte«- wieder.

Es befand sich noch immer im Haus. Irgendwo Ich konnte es hören und fühlen. Es rannte durch Hohlräume, Gänge und Tunnels. Ich hatte das schreckliche Gefühl, dass diesem Etwas das Haus gehörte und Danny und ich nichts weiter waren als lästige Eindringlinge.

Und ich hatte das schreckliche Gefühl, dass es sich nicht um eine Ratte handelte, sondern um etwas viel, viel Furcht erregenderes.

3. Das Strandcafe

 Wir spazierten durch den Garten, zwischen den Bäumen hindurch, über eine behelfsmäßige Brücke, die den Bach überspannte, und durch das hintere Gartentor hinaus. Von dort erreichten wir den Trampelpfad, der hinter den zur See gelegenen Cottages verlief. Die Türen der Cottages standen offen, sodass man sehen konnte, dass sie alle mit dunklen Eichenmöbeln eingerichtet waren, die mit glänzenden Messingbeschlägen verziert waren. Auf den Tischen lagen sorgfältig gebügelte Decken. Ein rot getigerter Kater hatte sich müde gegen einige Geranientöpfe gelehnt und blinzelte in die Sonne.

In der letzten steilen Kurve führte der Weg hinab zur Küste, und Danny stürmte nach unten, und seine Sandalen verursachten auf dem heißen Teer ein klatschendes Geräusch. Der Strand eignete sich kaum zum Schwimmen, da er mit Steinen und mit grünlich braunem Seetang übersät war. Aber wenn sich die Flut zurückzog, konnte sich Danny mit den zahlreichen zurückbleibenden Pfützen beschäftigen und Heerscharen kleiner grüner Taschenkrebse fangen.

Wir spazierten bis zum Strandcafe und suchten uns einen Platz in einem kleinen von einer Mauer umgebenen Garten unter einer rot und weiß gestreiften Markise.

Eine mütterliche Frau mit einer weißen Schürze brachte uns zwei Bier und ein Eis für Danny.

»In dieser Saison ist es schrecklich ruhig gewesen«, sagte sie. »Schön, mal ein paar neue Gesichter zu sehen.«

»Ich schätze, dass die Pauschalreisenden in diesem Jahr nach Korfu geflogen sind«, sagte ich. »Machen Sie sich keine Sorgen, nächstes Jahr sind die alle wieder hier. Warten Sie nur ab, bis sie gemerkt haben, wie schlimm es da ist. Souvlaki und Fritten und so viel Tequila, wie man trinken kann.«

»Wie lange werden Sie bleiben?«

»Den ganzen Sommer«, erwiderte ich. »Ich repariere das Fortyfoot House.«

»Tatsächlich? Fortyfoot House? Die Tarrants wollen doch nicht wieder da einziehen, oder?«

»Oh, nein, sie wollen es verkaufen.«

»Na ja, es wird ja auch Zeit, das da mal irgendjemand einzieht. Solange ich das nicht bin.«

»Ach?«

Sie schüttelte den Kopf. Sie erinnerte mich an die Oma der Waltons aus der Fernsehserie.

»Ich würde ja nach Einbruch der Dunkelheit nicht mal den Garten betreten.«

Liz lachte. »Sie glauben doch nicht an Geister, oder?«

»Nein«, entgegnete die Frau. »Aber es gibt da Lichter und Geräusche, und so etwas mag ich nicht.«

»Lichter und Geräusche? Welcher Art?«, wollte ich wissen. Liz lachte noch immer.

»Ach, Sie wollen mich doch jetzt bloß auf den Arm nehmen, was?«, gab die Frau zurück.

»Nein, überhaupt nicht«, sagte ich. »Entschuldigen Sie meine Begleiterin. Sie kommt von der Essex University und ist eine von den skeptischen Intellektuellen.«

»Und Sie?«, fragte mich die Frau.

Ich war es nicht gewohnt, so direkt gefragt zu werden. »Ich bin ... ich weiß nicht, ich mache Gelegenheitsarbeiten. Hier ein Verputz, da ein Anstrich. Das ist alles.«

»Und Sie haben eine Nacht im Fortyfoot House verbrach!?«

»J-a-a«, antwortete ich gedehnt und neugierig.

»Und Sie haben keine Geräusche gehört?«

»Kommt drauf an, was Sie meinen. In jedem alten Haus gibt es Geräusche.«

Die Frau schüttelte den Kopf. »Kein altes I laus ... kein altes Haus auf der ganzen Welt... überhaupt kein alles I laus macht solche Geräusche wie Fortyfoot House.« »Also«, räumte ich ein, »es gab Geräusche. Vor allem auf dem Dachboden. Aber die stammten von Schwalben oder von Eichhörnchen.«

»Hörten Sie ein Kratzen, wie von einer Ratte? Oder Geräusche, für die Sie keine Erklärung hatten?« Die Frau starrte mich durch ihre Brillengläser an. Ihre Augen sahen aus, als würden sie in einem Goldfischglas umherschwimmen. Es war offensichtlich, dass sie mich auf eine zurückhaltende Weise zu provozieren versuchte.

»Nein, es waren eigentlich keine unheimlichen Geräusch. Ich glaube, wir reden aneinander vorbei.«

»Oh«, sagte die Frau. »Haben Sie denn die Lichter gesehen?«

»Keine Lichter. Ich habe nur Geräusche gehört.«

»Wie haben sich die angehört?«, bohrte sie weiter.

»Geräusche von Tieren. Keine Ahnung. Ratten oder Eichhörnchen oder so.«

Sie betrachtete mich eindringlich. »Sie haben niemanden schreien gehört?«

Ich war fast schon entsetzt: »Natürlich nicht!«

»Hört auf, ich zittere ja schon«, sagte Liz mit gespieltem Entsetzen.

»Und Sie sagen, dass Sie auch keine Lichter gesehen haben?«, fragte die Frau, während sie Liz völlig ignorierte.

Ich schüttelte den Kopf.

»Na gut. Vielleicht kommt das erst noch.«

Sie sammelte Gläser ein und war im Begriff, in die Küche zurückzukehren, doch ich rief ihr nach: »Augenblick noch.«

»Ja?«, fragte sie, als sie sich mir wieder zuwandte.

»Erzählen Sie mir was über die Schreie.«

Sie hielt kurz inne, dann schüttelte sie den Kopf. »War nur so eine Idee«, sagte sie dann.

»Erzählen Sie«, beharrte ich. Aber wieder schüttelte sie den Kopf, und ich wusste, dass ich aus ihr nichts herausbekommen würde.

»Das war etwas sonderbar, findest du nicht?«, meinte Liz,

die ihren Bierkrug mit ihren blassen Fingern fest umschlossen hielt.

»Wenn du mich fragst, will sie damit die Touristen unterhalten«, sagte ich. »Eine gute Geistergeschichte gefällt schließlich jedem.«

»Aber du hast doch etwas gehört.«

Ich nickte. »Ja. Ich habe sogar etwas gesehen. Vielleicht ein Eichhörnchen oder eine Ratte. Ich werde nachher mal im Telefonbuch den Kammerjäger heraussuchen, vielleicht kann man mir ja jemanden nach Hause schicken.«

Im gleißenden Licht des Morgens erschien mir das Ding, das auf dem Dachboden an mir vorbeigehuscht war, nicht mehr so Furcht erregend. Immerhin war es da oben stockfinster gewesen. Ich hätte einen Mantel oder einen Vorhangstoff berühren können, das hätte sich mindestens genauso unangenehm angefühlt. Wenn man in Panik gerät, dann kann es sein, dass man sich alle möglichen entsetzlichen Dinge einbildet.

Ich verstand allerdings noch immer nicht, was es mit dem Blick durch das Fenster der Kapelle auf Fortyfoot House auf sich hatte. Allerdings begann ich zu vermuten, dass es sich um irgendeine Art von Illusion handelte, verursacht durch Übermüdung und Stress. Liz hatte den Garten betreten, und ich hatte aus irgendeinem Grund angenommen, es handele sich um den Mann auf dem Foto. Mein Verstand hatte mir einen Streich gespielt.

Ich ging ins Café, um zu bezahlen. Die alte Frau saß an einem der Tische und sortierte 5-und 10-Pence-Münzen. Ich stand da und wartete ab, bis sie fertig war. An der Wand hing ein handgeschriebenes Schild mit der Aufschrift >Fish 'n' Chips<.

»Haben Sie wirklich Lichter gesehen?«, fragte ich schließlich.

Sie blickte zu mir auf. Ein gekrümmtes Abbild der Küste spiegelte sich in ihrem linken Brillenglas. »Ja, das habe ich«, antwortete sie. »Lichter. Und Geräusche habe ich gehört.

Ich möchte nachts nicht mal in die Nähe dieses Hauses kommen.«

»Naja, Mrs. ...?«, begann ich.

»Kemble«, sagte sie. »Aber Sie können mich Doris nennen, wenn Sie wollen. Das macht jeder. Eigentlich heiße ich Dorothy, aber alle nennen mich Doris.«

»Okay, Doris. Ich heiße David.«

»Freut mich, Sie kennen zu lernen«, erwiderte sie, während sie die Münzen zu Ein-Pfund-Stapeln auftürmte.

»Erzählen Sie mir etwas über Fortyfoot House«, bat ich sie.

Sie schürzte die Lippen. »Wenn Sie dort wohnen, ist es besser, dass Sie nichts wissen.«

»Es ist doch nicht gefährlich, oder?«

»Kommt drauf an, was Sie als >gefährlich< bezeichnen.«

»Doris ... ich habe Geräusche auf dem Speicher gehört. Ich habe irgendein Ding gesehen. Ich glaube, es war eine Ratte. Ich hoffe, es war eine Ratte. Aber da ist noch etwas.«

Sie entnahm meinem Tonfall, dass ich es völlig ernst meinte, und sah mich an.

»Heute Morgen habe ich im Garten einen Mann gesehen.«

»Oh, ja? Was für einen Mann? Nicht zufällig Mr. Brough? Er kommt manchmal vorbei, um das Unkraut aus dem Fischteich zu entfernen.«

»Wie sieht er aus?«

»Oh ... er ist so um die fünfundsechzig oder siebzig. Normalerweise trägt er einen weiten Strohhut und Khakishorts.«

»Nein, er war es nicht. Der Mann war viel jünger, er war in Schwarz gekleidet. Und er trug einen hohen schwarzen Hut. Das Merkwürdige daran ist, dass es im Fortyfoot House ein altes Foto gibt, auf dem ein Mann zu sehen ist, der fast genauso aussieht wie der Mann von heute Morgen.«

»Der junge Mr. Billings«, sagte die Frau bestimmt.

»Sie kennen ihn?«, fragte ich überrascht.

»Ja und nein. Ich weiß von ihm. Aber ich kenne ihn nicht in der Weise, dass ich mich mit ihm unterhalten könnte. Das kann man auch nur schlecht, wenn jemand schon tot war,

bevor man selbst auf die Welt kommt. Aber das war auf jeden Fall der junge Mr. Billings.«

In diesem Moment betrat Liz das Café. Mit dem Licht im Rücken sah sie noch zierlicher und strahlender aus als zuvor.

»Danny sagt, er würde gerne was trinken.«

»Wir gehen jetzt gleich zurück zum Haus. Da kann er ein Glas Orangensaft bekommen.«

»Du guckst, als hättest du was verloren«, sagte Liz.

»Vermutlich meinen Verstand. Doris glaubt, dass der Mann, den ich heute Morgen im Garten gesehen habe, jemand mit Namen Billings war, der starb, bevor sie geboren wurde.«

»Was?«, sagte Liz spöttisch, dann an Doris gewandt: »Ich dachte, Sie glauben nicht an Geister.«

»Es war nicht Mr. Brough«, gab Doris zurück.

»Mr. Brough ist der Mann, der den Teich sauber macht«, erläuterte ich.

»Es war der junge Mr. Billings«, wiederholte Doris. Sie stand auf, nahm ein Tablett mit Salz-und Pfefferstreuern und verteilte sie mit viel Lärm auf den Tischen. »Es gab einen alten Mr. Billings und einen jungen Mr. Billings. Der, den Sie gesehen haben, war der junge Mr. Billings.«

»Aber wer sind die beiden?«, wollte ich wissen. »Oder besser gesagt: Wer waren die beiden?«

Doris stellte die letzten Streuer ab und begann, mit einem Plastikkorb voller Besteck noch mehr Lärm zu verursachen. »Der alte Mr. Billings gründete Fortyfoot House, und als er jung starb, übernahm es der junge Mr. Billings. Das hat mir meine Mutter immer erzählt. Meine Mutter hat im Haus sauber gemacht. Das war natürlich lange nachdem auch der junge Mr. Billings gestorben war. Aber zu der Zeit gab es noch viele Leute, die wussten, was sich zugetragen hatte. Vor nicht allzu langer Zeit stand in der Zeitung ein Artikel über Fortyfoot House. Der alte Mr. Billings und der junge Mr. Billings. Es war aber der junge Mr. Billings, der den ganzen Arger ausgelöst hatte.«

»Welchen Ärger?«, fragte ich.

Danny kam herein und sagte: »Daddy ... ich möchte zum Strand runtergehen.«

»Iss erst dein Eis auf. Und zieh dir die Strümpfe aus. Ich weiß gar nicht, warum du überhaupt Strümpfe trägst.«

»Mom sagt, dass ich sie tragen soll, damit meine Füße nicht riechen. Wenn ich nur Sandalen trage, riechen meine Füße.«

»Also gut.« Ich seufzte. »Aber zieh sie aus, bevor du zum Strand runtergehst, klar?«

Doris stand bei uns. Während sie sprach, fingerte sie an ihrem Ehering. Fast so, als sei er ein Rosenkranz und als sage sie ihre Gebete auf. Der Wind wehte warm und roch nach Seetang. Die Sonne wurde in den kleinen Tümpeln reflektiert, so wie Stücke eines zerschlagenen Spiegels.

»Der alte Mr. Billings hat - glaube ich - mit Zucker ein Vermögen verdient. Er war ein Freund von Dr. Barnardo, damals, als Dr. Barnardo noch im London Hospital arbeitete. Als Dr. Barnardo seine ersten Heime für obdachlose Jungs eröffnete, hielt der alte Mr. Billings das für eine so gute Idee, dass er Fortyfoot House baute. Es war ein Waisenhaus, damit arme Kinder aus dem Londoner East End herkommen und am Meer leben konnten.«

»Jetzt, wo Sie es erwähnen, glaube ich, dass ich davon mal gehört habe«, sagte ich zu ihr. »Hieß es zu Beginn nicht Billings Home?«

Doris nickte. »Das ist richtig. Und es hatte auch einen guten Ruf. Sogar Königin Viktoria besuchte es. Aber nach zwei oder drei Jahren starb der alte Mr. Billings, oder er wurde ermordet. Das weiß niemand so genau. Es heißt, dass ihm irgendetwas ganz Entsetzliches zustieß. Der junge Mr. Billings übernahm das Waisenhaus, aber es war nicht mehr so wie zuvor. Bestimmte Leute gingen dort ein und aus. Einen Kerl gab es, der angeblich das Fortyfoot House besucht hatte, der hatte ein Gesicht, das wie mit braunem Fell überzogen war und dessen Anblick niemand aushalten konnte. Jedenfalls sagte das meine Mutter immer. Als ich noch klein war, hat sie mich mit ihren Geschichten fast zu Tode erschreckt.«

Sie machte eine kurze Pause. »Und dann - ich weiß nicht, in welchem Jahr - starben alle Waisenkinder innerhalb von zwei oder drei Wochen. Niemand fand je heraus, was mit ihnen geschehen war. Angeblich soll es eine Nacht gegeben haben, als in dem Haus alle möglichen Geräusche zu hören und seltsame Lichter zu sehen waren. Die Menschen schrien in Sprachen, die niemand verstehen konnte. Am nächsten Morgen wurde der junge Mr. Billings wahnsinnig angetroffen. Es heißt, dass er vollkommen verrückt war. Einfach völlig durchgedreht. Er erzählte, er habe eine andere Welt besucht und Dinge gesehen, die schrecklicher waren als alles, was je ein Mensch gesehen hatte. Und es wurde immer schlimmer, er wurde immer verrückter. Nach drei Jahren wurde er in Newport eingewiesen, aber er erhängte sich in seiner Zelle. Das war zwar sein Ende, aber seitdem hat sich jeder, der in Fortyfoot House gelebt hat, über die Geräusche und die Lichter beklagt. Ich habe sie mit meinen eigenen Augen gesehen. Und ich weiß, warum die Tarrants ausgezogen sind.«

Ich warf Liz einen langen nüchternen Blick zu. Mit jedem weiteren Wort hörte sich die Geschichte immer stärker nach Seemannsgarn an. Gut für die Touristen. Geeignet für einen späten Sommerabend, wenn die Sonne lange Schatten wirft. Ich fühlte mich dagegen in meiner Ansicht bestärkt, dass -sofern überhaupt etwas mit Fortyfoot House nicht stimmte -es seine starke Ausstrahlung war, das intensive Gefühl einer Verbindung zur Vergangenheit. Es hatte nichts mit Geistern oder Lichtern zu tun. Oder mit >Dingen, die schrecklicher sind als alles, was je ein Mensch zuvor gesehen hat<.

Ich gab Doris einen Fünfer und sagte, sie solle das Wechselgeld behalten.

Als wir das Strandcafe verließen, kam sie hinter uns her zum vorderen Ausgang und sagte: »Halten Sie die Augen offen und passen Sie auf sich auf. Wenn Sie ein helles Licht sehen, dann sollten Sie um Ihr Leben rennen. Jedenfalls würde ich das an Ihrer Stelle tun.«

»Danke für den Tip«, sagte ich und ergriff Liz' Hand.

Wir stiegen den steilen Pfad zurück zum Gartentor hinauf. Es war mittlerweile heiß geworden, und die Luft roch intensiv nach frischem Teer und Nesseln. Wir gingen unter den Bäumen hindurch über die Brücke zurück in den Garten. In der sengenden Hitze sah das Haus noch seltsamer aus als zuvor. So als sei es nichts weiter als ein hell beleuchtetes Gemälde.

Liz blieb stehen. »Nimmst du Untermieter auf?«, fragte sie.

»Ich weiß nicht. Ich weiß nicht mal, ob ich das darf.«

»Nein, nein, ich habe nicht meinetwegen gefragt. Ich habe bloß jemanden aus einem der oberen Fenster herausschauen sehen.« Ich blieb stehen und hielt meine Hand über die Augen, um sie gegen die Sonne abzuschirmen. Soweit ich das sehen konnte, waren alle Fenster schwarz und leer. »Welches Fenster war es?«, fragte ich sie.

»Das da, gleich unter dem Dach.«

»Und wie hat dieser Jemand ausgesehen?«

»Ich weiß nicht, irgendwie blass.«

»Blass?«

»Na ja, weiß, richtig weiß. Vielleicht hat sich was gespiegelt.«

Sie sah sich um. »Vielleicht eine Möwe.«

Wir gingen weiter und erreichten schließlich das Haus. Liz streckte mir ihre Hand entgegen. »Na, denn. Danke für das Bier und das übernatürliche Erlebnis. Ich mache mich jetzt besser auf den Weg, bevor mir jemand im Wollgeschäft zuvorkommt.«

Ich wischte mir mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn. »Ich schätze, du kannst auch hier unterkommen.«

Sie schüttelte den Kopf. »Du hast schon deine eigenen Probleme, da kannst du nicht noch meine gebrauchen.«

»Ich weiß nicht, ich könnte ein wenig Gesellschaft brauchen.«

Liz zuckte mit den Schultern. »Ich bin eigentlich nicht auf der Suche nach einer Beziehung. Jedenfalls nicht im Augenblick.«

»Natürlich. Ich auch nicht. Es wäre völlig ohne Verpflichtungen. Nur du und ich und Danny und der junge Mr. Billings.«

»Bitte nicht!«, sagte sie scheinbar entsetzt, um mich dann anzulächeln. »Also gut, das wäre wirklich schön. Ohne Verpflichtungen. Ich kann übrigens kochen. Wenn du die Zutaten bezahlst, kann ich gerne was kochen. Du musst mein Chili probieren.«

»Das wäre mal was anderes. Seit Janie mich verlassen hat, haben wir beide uns von indischem Service-Fraß ernährt.«

Danny kam aus dem Haus gestürmt und wirbelte einen Schneebesen durch die Luft. Entweder stellte dieser ein Motorboot mit zwei Schrauben oder ein doppelläufiges Gewehr dar.

»Danny«, sagte ich. »Was würdest du sagen, wenn Liz bei uns wohnt? Würde dir das was ausmachen.«

Danny blieb stehen, dachte kurz darüber nach und antwortete: »Einverstanden.«

Dann lief er weiter.

Ich nahm Liz am Ellbogen und brachte sie zurück ins Haus. »Jetzt werden wir dir erst mal ein Zimmer suchen.«

Wir gingen nach oben. Es gab insgesamt sieben leer stehende Schlafzimmer, aber nur drei von ihnen verfügten über ein Bett, und nur in zwei Betten lag eine Matratze. Liz ließ sich auf eine der Matratzen fallen und beschloss, das Zimmer zu nehmen, das meinem gegenüberlag. Es gab keine weiteren Möbelstücke dort, wenn man von dem billigen Nachttisch und einem schmuddelig aussehenden Sessel absah. Aber es schien ihr nichts auszumachen. Ich schätzte, dass dies hier immer noch besser war als das leer stehende Wollgeschäft.

»Wir können den Raum herrichten. Anstreichen, ein paar Gardinen aufhängen«, sagte ich. »Siehst du, von hier hast du einen schönen Blick auf den Bereich vor dem Haus und auf die Einfahrt.«

Sie warf ihren Turnbeutel auf das Bett. »Das ist großartig. Ich könnte ein paar Poster aufhängen.«

Gemeinsam kehrten wir in den Korridor zurück. »Weißt du, du hättest das nicht tun müssen«, sagte sie über die Schulter zu mir. »Und wenn ich dir auf die Nerven gehe, dann sei so gut und leide nicht stumm. Sag einfach >Raus< oder >Lebwohl< oder sogar >Zieh Leine<. Das macht mir nichts aus.«

Sie redete weiter und stieg vor mir die Treppe hinunter. Als ich auf der Höhe der kleinen Tür zum Dachboden war, hatte ich das Gefühl, ein Kratzen zu hören, so als habe sich ein schweres Tier von der anderen Seite gegen die Tür gepresst, um schnell und leise nach oben zu eilen, als es gehört hatte, dass wir näher kamen. Nach oben in die völlige Finsternis, wo es wartete und lauschte.

An der obersten Stufe zögerte ich kurz. Das Geräusch hatte bei mir einen kalten Schauder und das Gefühl irrationaler, aber entsetzlicher Abscheu ausgelöst. Es erinnerte mich an die Ratten, die ich in der Kanalisation von Islington gesehen hatte. Aber viel größer und - wenn das überhaupt möglich war - viel schmutziger.

Liz blieb stehen und blickte mich an. »Stimmt was nicht?«, fragte sie. »Du machst einen grimmigen Eindruck.«

»Ich glaube, ich brauche noch was zu trinken«, sagte ich und folgte ihr nach unten in die Küche.

4. Der Rattenfänger 

Vor dem Mittagessen gingen Liz und Danny einkaufen, um Brot, Schinken und Tomaten zu besorgen. Nachdem sie sich auf den Weg gemacht hatten, saß ich eine Weile im riesigen leeren Salon im Sonnenschein, in dem Staubpartikel umhertanzten, und rief die Kreisverwaltung der Isle of Wight an.

»Ich habe hier eine Ratte. Vielleicht auch ein Eichhörnchen. Aber es klingt eher nach einer Ratte.«

»Tja, das tut mir Leid. Schädlinge fallen nicht mehr in unsere Zuständigkeit. Sie wissen schon, wegen der Einsparungen. Sie müssen sich einen privaten Schädlingsbekämpfer suchen.«

»Können Sie mir jemanden empfehlen?«

»In Bonchurch? Sie könnten es bei Harry Martin versuchen. Er lebt in Shanklin Old Village, das ist nicht allzu weil entfernt.«

»Sie haben nicht zufällig seine Telefonnummer?«

»Nein ... um ehrlich zu sein, glaube ich nicht, dass er überhaupt ein Telefon besitzt.«

Liz bereitete ein Picknick aus Sandwiches mit Cheddarkäse und Schinken zu, das wir auf dem Rasen unter einem heißen, diesigen Himmel zu uns nahmen. Liz redete am meisten von uns allen. Sie war offen und direkt, und sie war wirklich witzig. Sie wollte in einer öffentlichen Verwaltung arbeiten. Sie war keine Marxistin-Leninistin, andererseits war sie aber auch keine zweite Margaret Thatcher.

Sie war überzeugt, dass sie etwas bewirken könne. »Daran glaube ich ganz fest«, sagte sie voller Begeisterung. Sie glaubte wirklich daran. In diesem Alter meint jeder, dass er etwas bewirken kann.

»Ich möchte einfach nur ein Genie sein, weiter nichts«, sagte Liz. »Ein berühmtes Genie. Ich möchte im Fernsehen auftreten und mit einem breiten deutschen Akzent reden, während ich über den Zustand der Gesellschaft spreche.«

»Und wie ist dieser Zustand?«

Sie legte sich auf den alten braunen Vorhang, den ich ersatzweise als Picknickdecke aus dem Haus geholt hatte, und trank den kalten Frascati direkt aus der Flasche. »Der Zustand der Gesellschaft ist der, dass die Männer die Frauen wie Göttinnen verehren, bis sie sie in ihre Klauen bekommen haben. Dann nutzen sie sie aus, missbrauchen sie, schlagen sie und schmähen sie. Und je mehr die Frauen ausgenutzt,

missbraucht, geschlagen und geschmäht werden, umso mehr gefällt es ihnen.«

»Gefällt es dir?«, fragte ich sie.

»Nein, beim besten Willen nicht. Andererseits hat mich ja auch noch niemand in seine Klauen bekommen.«

»Nicht alle Männer sind ungehobelt und schlagen ihre Frauen.«

»Die, die es wert sind, leider schon. Das ist die schreckliche Ironie dabei.«

Ich setzte mich auf und sah zu Danny, der am Fischteich spielte. »Pass auf, Danny, das Wasser ist tiefer als es aussieht.«

»Du betest ihn wirklich an, nicht wahr?«, fragte Liz, während sie ein Auge zukniff, um die Sonne abzuwehren.

»Natürlich.«

»Und seine Mutter liebst du nicht?«

»Aul gewisse Weise immer noch. Aber was bringt's? Sie lebt jetzt in Durham. Mit einem bärtigen Kerl namens Raymond.«

Liz nickte. »Ich weiß, was du meinst. Ich kannte auch mal einen Kerl, der Raymond hieß. Er war völlig nutzlos. In der Schule gab er sein Essensgeld an die Bedürftigen, und dann ging er rum und schnorrte den anderen Leuten deren Sandwiches ab. Er hielt sich für einen Heiligen.«

»Vielleicht wärer das ja auch.«

Liz lachte. »Ein schöner Heiliger. Nachdem er von der Schule abgegangen war, wurde er auf dem Dach eines Lagerhauses in South Croydon erwischt, als er Fernseher stehlen wollte.«

Ich aß mein Sandwich zu Ende, nahm die Flasche Wein und trank einen großen kalten Schluck. »Ich muss heute Nachmittag nach Shanklin Village fahren, um mit einem Rattenfänger zu reden. Oder mit einem Schädlingsbekämpfers wie man heute so schön sagt.«

»Darf ich mitkommen?«

»Mir wäre es lieber, wenn du auf Danny aufpassen könntest. Oder würde dir das was ausmachen?«

Liz schüttelte lächelnd den Kopf. »Liebend gerne. Er ist süß. Er hat mich gefragt, ob ich dich liebe. Ich glaube, wir werden sehr gut miteinander auskommen.«

»Hast du jüngere Geschwister?«

Das Lächeln wich aus ihrem Gesicht, während sie ihr Haar zurückstrich. »Ich hatte einen jüngeren Bruder. Marty hieß er. Aber es brach ein Feuer aus. Ein alter Ofen stürzte um, und er verbrannte. Er war gerade vier Jahre alt. Meine Eltern sind darüber fast verrückt geworden.«

»Das tut mir Leid«, sagte ich so sanft ich konnte.

Sie verzog den Mund. »Es ist nicht mehr zu ändern.«

»Was hältst du von der Geschichte, die uns Doris aufgetischt hat?«, wechselte ich das Thema.

»Uber den alten und den jungen Mr. Billings? Das fand ich toll. Aber solche Geschichten hört man immer über alte Häuser. Bei uns in der Straße gab es auch so ein Haus ... >The Laurels< hieß es. Die alte Frau, die dort gelebt hatte, war an Krebs gestorben, und wir Kinder glaubten alle, dass man ihr Gesicht immer noch sehen könne. An eines der oberen Fenster gepresst, ganz blass, mit weißen Haaren, während sie schrie, dass wir Kinder aus ihrem Garten verschwinden sollten. So, wie sie es immer gemacht hatte, als sie noch am Leben gewesen war. Bloß dass man sie hinter dem Fenster nicht hören konnte. Wir haben uns vor Angst verrückt gemacht.«

»Heute Morgen habe ich jemanden gesehen. Ich sah durch das Fenster der Kapelle hierher, und da stand jemand auf der Wiese, exakt hier.«

Liz schloss die Augen. »Komm schon, David. Das kann doch jeder gewesen sein.«

Es war schön zu hören, wie jemand meinen Namen aussprach. Das ist der einzige Luxus, der einem wirklich fehlt, wenn man allein ist.

Danny nannte mich immer >Daddy<, und >Daddy< war ja auch in Ordnung. Aber nichts war so gut wie Liz, wenn sie >David< zu mir sagte.

»Ich mache mich jetzt besser auf den Weg«, sagte ich zu ihr. »Und danke für die Sandwiches.«

Sie ließ sich wieder auf den alten braunen Vorhang sinken und sah mich mit zugekniffenen Augen an. »War mir ein Vergnügen, Monsieur. Was möchtest du zum Abendessen?«

»Wie wär's mit dem Chili, von dem du gesprochen hast?«

»Gerne. Kannst du eine Dose Kidneybohnen holen? Und Kümmel und Chilipulver?«

»Sonst noch was? Etwas Fleisch wäre doch auch nicht verkehrt, oder?«

Sie lachte. Wenn ich heute zurückblicke, dann glaube ich, dass es dieses Lachen gewesen ist, das mich dazu bewegte, meine Liebe zu Janie aufzugeben. Es gab auch noch andere Frauen auf der Welt. Vielleicht nicht unbedingt Liz, sondern andere Frauen, die lachen konnten und die liebenswürdig waren. Und die sich vielleicht auch um Danny kümmern wollten.

»Gehacktes«, sagte sie. »Nicht zu fett.«

Ich ging durch den Garten zum Haus zurück und bemerkte dabei eine fahle Gestalt hinter einem der Fenster im Obergeschoss. Eine fahle Gestalt, die mich beobachtete.

Ich weigerte mich, den Kopf zu heben und diese Gestalt anzusehen. Was Fortyfoot House nötig hatte, war eine gehörige Portion Skepsis - ein Verneinen durch geistig gesunde und sensible Menschen, dass Männer in Frack und hohem Zylinder umherlaufen, wenn sie seit hundert Jahren tot sind, ein Verneinen, dass haarige kichernde Dinge sich auf dem Speicher tummeln oder dass fahle Gesichter durch die Fenster starren.

Was mich anging, war Fortyfoot House nichts weiter als ein Wirrwarr aus Vorwürfen und Erinnerungen und Halluzinationen. Vielleicht war es nicht der geeignetste Platz für mich, wenn man meine Trennung von Janie und meine recht instabile Verfassung berücksichtigte. Aber da gab es nichts Böses oder Verfluchtes. Ich glaubte nicht an das »Böse«, nicht um seiner selbst willen. Und ich glaubte auch nicht an

Gespenster. Ich hatte gesehen, wie mein Vater in seinem Sarg zu den Klängen von The Old Rugged Cross hinter den roten Vorhängen des Worthing-Krematoriums verschwunden war. Und obwohl ich zu Gott gebetet hatte, er möge ihn auferstehen lassen, hatte ich ihn seitdem nirgends entdecken können. Ich war ihm nicht in der Bibliothek von Brighton begegnet und ich hatte ihn nicht mit seinem Bullterrier am Strand entdeckt, wo er immer spazieren gegangen war. Quod erat demonstrandum, dachte ich. Jedenfalls traf das auf mich zu.

Während ich aber im Schein der Sonne, die geradewegs aus 12 Uhr mittags hätte stammen können, die Stufen der Veranda hinaufging, sah ich kurz nach oben. Das blasse Ding war noch immer da. Spiegelte sich dort etwas? War es ein Vorhang?

Ich betrat das Haus und nahm meine Brieftasche und die Schlüssel. Dabei kam ich mir vor wie ein Eindringling, fast schon wie ein Einbrecher. Meine Schritte klangen unnatürlich laut und zaghaft. Fortyfoot House gehörte einem anderen, aber nicht mir oder Danny. Es gehörte nicht mal den Tarranis.

Ich sah mich um, während ich den Staub und die Feuchtigkeit und den Geruch von Schimmelpilzen im Keller einatmete.

»Hallo?«, rief ich. Dann noch einmal, aber lauter: »Hallo?«

Keine Antwort. Ich sprach ein kurzes Gebet, das mir in der Sonntagsschule von Miss Harpole beigebracht worden war, der Lehrerin mit ihrem Dutt wie Olivia Ol und ihrer blinden Brille.

»Jesus, schütz mich vor den Klauen der Dinge aus der Tiefe Grauen. Jesus, schütz, wenn ich nicht wach, mich vor der Hölle Drach'.«

Das Gebet ging noch weiter, aber ich konnte und wollte mich nicht mehr daran erinnern. Um ehrlich zu sein, hatte es mir damals eine Höllenangst verursacht. Die normalen Albträume waren für einen Fünfjährigen schon schlimm genug, ohne dass ihm eine Miss Harpole noch erzählen musste, die Schatten unter seinem Bett wollten ihn in Stücke reißen.

Ich verließ das Haus, ohne die Vordertür hinter mir zuzuziehen. Ich war sicher, dass ich ein schrilles Kratzen hörte, das von einem der Fenster im Obergeschoss kam, doch ich ging unbeirrt weiter zum Wagen und weigerte mich, einen Blick zurückzuwerfen.

Ich startete den Motor. Mein verschossener bronzefarbener Audi war elf Jahre alt und wieherte wie ein Pferd, bis er ansprang. Bevor ich die Handbremse löste, fasste ich genug Mut, um zum Haus zu sehen. Aber außer dunklen Fenstern und einem sonderbar winkligen Dach war da nichts. Ich wartete noch einen Moment länger, dann lenkte ich den Audi hinauf zur Straße.

Ich schaltete das Radio ein, während ich durch die engen schattigen Straßen fuhr, die nach Shanklin Village führten. Cat Stevens sang >I'm being followed by a moonshadow<, und ich stimmte ein: »Moonshadow ... moonshadow!«

Die Sonne blitzte grell zwischen den Blättern hindurch.

Der Rattenfänger lebte in einem kleinen blendend weißen Cottage am Rande von Shanklin Old Village. Im Garten blühten überall rote und gelbe Chrysanthemen und leuchtende Geranien, und er war voll gestellt mit braun lackierten Betoneichhörnchen mit Bernsteinaugen, mit Betongartenzwergen, Beton-Katzen, einer Miniaturwindmühle, einem Miniaturwunschbrunnen, einem Schloss und einem Betonspaniel.

Seine Frau saß auf der Veranda in einem Liegestuhl und strickte an etwas Braunem, Konturlosem. Eine korpulente Frau mit rosafarbenen Plastiklockenwicklern und in einem Baumwollkleid, das über und über mit Ankern bedruckt war. Auf den Fliesen neben ihrem Stuhl standen eine leere Teetasse und ein Tablett mit Biskuits. Ich stand am Gartentor und sah in den Garten, der so klein war, dass ich mich fast hätte vorbeugen und ihr das Strickzeug aus der Hand nehmen können. Sie schaute auf und sagte: »Ja?«, als habe sie mich nicht kommen sehen.

»Ich suche Harry Martin.« »Ach ja? Und wer sucht ihn?«

»Der Landrat sagt, dass er noch immer Ratten fängt.«

»Ach ja? Er ist im Ruhestand.«

»Ist er zu Hause?«

»Er macht sein Nickerchen.«

»Bitte?«

»Seinen Mittagsschlaf. Er ist siebenundsechzig, er braucht das.«

»Oh, sicher. Soll ich später wiederkommen?«

Im selben Moment wurde ich vom Erscheinen eines weißhaarigen Mannes in der Tür unterbrochen. Er stopfte gerade ein Hemd in seine braune Hose. Sein Nase war so verdreht, als sei sie in dem Moment gegen eine Glasscheibe gedrückt worden, in dem der Wind gewechselt hatte. Harry Martin, in voller Lebensgröße.

»Ich habe mitgekriegt, dass Sie nach mir gefragt haben«, sagte er. »Mein Schlafzimmerfenster ist gleich hier oben, da konnte ich Sie gar nicht überhören.«

»Tut mir Leid. Ich wollte Sie nicht stören.«

Er öffnete das Gartentor. »Macht doch nichts. Kommen Sie rein.«

Mrs. Martin machte Platz, während Harry Martin mich ins Wohnzimmer schob. Das Zimmer war chronisch zu klein. Velourstapete, Sessel, über die Schondecken gelegt worden waren, ein Sideboard voller Blechnippes und Porzellanballerinas. Ein riesiger Fernseher füllte eine Wand aus, und auf dem Tisch aus den sechziger Jahren, auf dem er stand, stapelten sich monatealte Ausgaben der TV Times.

»Setzen Sie sich«, sagte er, und ich befolgte seine Aufforderung.

»Ich habe Probleme mit Ratten«, erklärte ich. »Besser gesagt, mit einer Ratte. Einer ziemlich großen.«

»Hmm«, sagte er. »Ich schätze, die Gemeindeverwaltung hat Sie direkt an mich verwiesen.«

»Das stimmt.«

»Einen Vollzeitjob wollen sie mir nicht geben, das können sie sich nicht leisten. Das hat alles mit dieser Kopfsteuer zu tun. Ich habe ihnen gesagt, dass ich keine Ratten mehr fange, aber sie schicken die Leute trotzdem zu mir. Ich mache jetzt in Gartenarbeit, das ist sicherer.«

»Ich würde Sie ja auch bezahlen«, sagte ich.

»12,50 Pfund. Außerdem Materialkosten, wenn ich zum Beispiel ein defektes Abflussrohr ersetzen oder ein Loch schließen muss.«

»Klingt akzeptabel.«

Harry Martin nahm eine Tabakdose vom Tisch neben seinem Sessel, öffnete sie und begann, sich eine Zigarette zu drehen, ohne hinzusehen.

»Und wo steckt Ihre Ratte?«

»Auf dem Dachboden.«

»Ja, aber wo? Auf welchem Dachboden?«

»Oh, entschuldigen Sie. Im Fortyfoot House.«

Harry Martin hatte ein Streichholz angerissen, um seine selbst gedrehte Zigarette anzuzünden, doch als er >Fortyfoot House< hörte, hielt er in seiner Bewegung inne und starrte mich an, während das Streichholz weiterbrannte. Die Zigarette hing unangezündet im Mund.

Erst als ich »Achtung!« rief, bemerkte er es, blies das Streichholz aus und öffnete die kleine Schachtel, um ein neues herauszuholen.

»Ich bin den Sommer über in Fortyfoot House«, erklärte ich. »Mr. und Mrs. Tarrant wollen es verkaufen, und ich erledige einige Reparaturen.«

»Ich verstehe ... und ich hatte davon gehört, dass sie es verkaufen wollten. Wenn Sie meine Meinung hören wollen ... es wäre besser, das ganze verdammte Ding einfach abzureißen.«

»Ich möchte nicht behaupten, dass ich da anderer Meinung bin. Aber ich soll es leer räumen und renovieren, und als Erstes möchte ich diese Ratte loswerden.«

Harry Martin zündete die Zigarette an und blies den dicken aromatischen Rauch in die Luft. »Aber Sie haben sie gesehen, diese Ratte?«

Ich schüttelte den Kopf. »Nur ungenau. Sie sah ziemlich groß aus.«

»Sie ist ziemlich groß«, versicherte er mir.

»Sie wissen davon?«

»Natürlich. Jeder in der Gegend um Bonchurch und Old Shanklin Village weiß davon. Neulinge natürlich ausgenommen.«

Ich war erstaunt. »Jeder weiß davon?«

»Jeder weiß davon, aber niemand redet darüber, das ist alles.«

»Und warum nicht?«

»Wenn man darüber redet, dann muss man auch darüber nachdenken. Und das will keiner.«

»Wie lange ist sie schon da?«, fragte ich beunruhigt.

»Die Ratte war schon da, als ich ein kleiner Junge war«, antwortete Harry Martin schulterzuckend. »Ich bin jetzt siebenundsechzig. Sind Sie gut im Kopfrechnen?«

Ich begann zu vermuten, dass Harry Martin mich auf den Arm nehmen wollte. Bei diesen alten Kerlen muss man auf der Hut sein. Sie lieben es, andere aufzuziehen. Ihre Geschichten werden mit jedem neuen Dreh schräger und schräger, und ehe man sich versieht, grinsen sie einen schelmisch an, bis man erkennt, dass man ihnen auf den Leim gegangen ist.

»Ratten leben normalerweise nicht so lange, oder? Ich bin mal mit einem Freund durch die Londoner Kanalisation gegangen, und er sagte, dass sie meistens nur drei oder vier Jahre alt werden, wenn überhaupt.«

»Fortyfoot House hat nichts mit der Londoner Kanalisation zu tun, stimmt's?«, erwiderte Harry Martin. »Und das hier ist keine normale Ratte. Es gibt sogar einige Leute, die glauben, dass es sich überhaupt nicht um eine Ratte handelt.«

Irgendwie ließ die Normalität des mit Möbeln voll gestellten Salons diese Worte ausgesprochen beunruhigend wirken. Die Sonne schien auf die Oberseite des Fernsehers und beleuchtete ein Schiffssteuerrad mit einem imitierten Aquarium in der Mitte. Bienen flogen durch die geöffneten Fenster ein und aus. »Keine Ratte?<, wunderte ich mich. Wie meinte er das? Möglicherweise nahm er mich auf den Arm. Aber sein von tiefen Falten durchzogenes Gesicht machte einen völlig ernsten Eindruck. Und wenn es ein Witz sein sollte, dann entging mir die Pointe.

»Was ist es dann?«

Harry Martin schüttelte den Kopf. »Keine Ahnung. Ich habe mir auch noch nie die Mühe gemacht, es herauszufinden.«

»Haben die Tarrants Sie nie gebeten, die ... das Ding fortzuschaffen?«

»Die Tarrants waren dafür gar nicht lange genug dort. Sie haben es spottbillig gekauft, weil es so lange Zeit leer gestanden hatte. Sie hatten große Pläne. Ein Swimmingpool, Anbauten, was Sie wollen. Dann erlebten sie einige schlechte Nächte, danach blieben sie nicht mehr so oft da. Und dann gab es eine richtig üble Nacht, und seitdem sind sie nie wieder dort geblieben.«

»Was meinen Sie mit einer »richtig üblen Nacht<?«

Harry Martin blies Zigarettenrauch in die Luft, während sein Gesichtsausdruck nichts davon verriet, was er dachte. »Lichter und Lärm. Grelles Licht. Und Geräusche, die man nicht beschreiben kann. Und Stimmen, die viel lauter waren als normale Stimmen.«

Ich lehnte mich zurück. »Jemand hat mir davon erzählt. Eine Frau namens Doris, unten im Strandcafe.«

»Oh, ja, die arme alte Doris. Sie war eine Belcher, müssen Sie wissen, bevor sie in die Randalls einheiratete.«

»Ich fürchte, dass mir das überhaupt nichts sagt.«

»Das würde es, wenn Sie in Bonchurch geboren wären. Die Belchers waren ein lustiges Völkchen. Mr. Belcher, also der Vater von Doris, war der örtliche Schuldirektor. Und George Belcher - ihr Bruder — machte viel Geld mit irgendeinem patentierten Lack für Boote. Aber er war immer etwas sonderbar. Er sagte, er habe die Ratte am helllichten Tag gesehen, aber natürlich wollte ihm niemand glauben.«

»Lebt er noch?«

»George? Nein, der nicht. Tabletten und Whisky besiegelten sein Schicksal. Tabletten und Whisky.«

Mrs. Martin kam von der Veranda herein und fragte, ob wir eine Tasse Tee haben wollten. Harry Martin sagte ja, ohne mich zu fragen, woraufhin uns Mrs. Martin ein Tablett mit Biskuits und zwei Tassen gesüßten Tee brachte.

»Und was soll ich mit dieser Ratte machen?«, fragte ich Harry Martin. »Immer vorausgesetzt, es ist eine Ratte. Oder auch, wenn es keine ist.«

Harry Martin blies nachdenklich Rauch in die Luft. »Ich schätze, ich könnte mich dazu überreden lassen, mal einen Blick draufzuwerfen.«

Sofort kam Mrs. Martin aus der Küche und herrschte ihn an: »Du jagst keine Ratten mehr, du bist jetzt Gärtner. Ich bin es leid, dass der Landrat dich immer bittet, Ratten zu jagen.«

Harry Martin warf mir über den Rand seiner Teetasse einen bedeutungsvollen Blick von Mann zu Mann zu. »Schätze, du hast Recht«, erwiderte er.

»Natürlich habe ich Recht«, erklärte seine Frau. »Du bist siebenundsechzig. Ich will nicht, dass du auf irgendwelche Dachböden krabbelst und nach Ratten suchst. Damit das ein für allemal klar ist!«

»Ja, ich schätze, du hast recht«, wiederholte Harry Martin und bedachte mich mit einem noch bedeutungsvolleren Blick.

Ich trank meinen Tee aus. Am Tassenboden war eine dicke Schicht Zucker zu sehen, die sich nicht aufgelöst hatte. »Dann mache ich mich wohl besser wieder auf den Weg«, sagte ich. »Vielleicht finde ich in Portsmouth jemanden, der mir helfen kann.«

»Sie können es bei Rentokil in Ryde versuchen«, schlug Mrs. Martin vor.

»Ja, danke. Und danke für den Kuchen.«

»Selbst gemacht«, verkündete sie und schob mich mehr oder weniger nach draußen.

Harry Martin blieb, wo er war, hob aber eine Hand und sagte: »Bis dann.«

Im Garten fasste mich Mrs. Martin unerwartet am Ärmel.

»Hören Sie. Ich möchte nicht, dass Harry hinter dem Ding herjagt. Mehr sage ich dazu nicht.«

»Okay, okay, ich habe verstanden«, beschwichtigte ich sie.

»Das Ding will einfach nur allein gelassen werden, sonst nichts«, sagte sie.

Die Hitze hatte ihr Make-up zum Zerlaufen gebracht, was ihrem Gesicht das glänzende Aussehen einer Plastikpuppe verlieh. Ihre Pupillen waren extrem klein.

»Ich muss das Ding irgendwie loswerden«, sagte ich. »Ich soll Reparaturen ausführen, renovieren und das Haus für die Tarrants fertig stellen, damit sie es verkaufen können.«

Ihr Griff wurde noch fester. »Sie können ein Hause heute reparieren, aber nicht gestern.«

»Ich verstehe nicht.«

»Wenn Sie erst mal lange genug da leben, werden Sie es verstehen. Das Haus ist nicht immer im Hier und Jetzt. Das Haus war, und es wird sein. Sie hätten es nie bauen sollen, aber nachdem es gebaut worden war, konnte niemand mehr etwas daran ändern. Und Sie können daran auch nichts ändern. Und Harry kann daran ebenso wenig ändern. Er hat irgendein persönliches Interesse an dieser Sache, aber fragen Sie mich nicht, was es ist. Und fragen Sie ihn nicht, ob er sich das Ding mal ansieht. Und wenn er das trotzdem will, dann hindern Sie ihn daran.«

»Also gut, ich verspreche Ihnen, dass ich ihn nicht noch mal fragen werde.«

Aus dem Wohnzimmer rief Harry: »Wie wäre es mit noch einem Tee, Vera?«

»Reg dich bloß nicht auf!«, rief Mrs. Martin zurück und wandte sich wieder mir zu. »Schwören Sie, dass Sie sonst der Schlag trifft?«

»Ich schwöre. Ich würde nur gerne wissen, was das für ein Ding ist.« »Eine Ratte, schätze ich.«

»Eine über sechzig Jahre alte Ratte?«

»Eine Laune der Natur. Es gibt auch Hunde mit drei Beinen, zweihundert Jahre alte Schildkröten.«

»Wissen Sie, was es ist?«, fragte ich sie ohne Umschweife.

Ihre Augen zuckten. Sie ließ mich los und wischte sich ihre Hände an ihrer geblümten Schürze ab.

»Sie wissen, was es ist, richtig?«, bohrte ich nach.

»Nicht wirklich. Ich weiß seinen Namen.«

»Es hat einen Namen?«

Sie sah mich an, als sei es ihr ein wenig peinlich, darüber zu reden. »Ich wusste davon schon, als ich noch ein kleines Mädchen war. Meine Mutter hat mir Gutenachtgeschichten darüber erzählt, um mir Angst einzujagen. Sie sagte immer, wenn ich etwas stehlen oder Unsinn erzählen würde, dann würde es in der Nacht zu mir kommen und mich an einen Ort verschleppen, an dem mich nicht mal die Zeit finden würde. Was es mit mir machen würde, wäre so entsetzlich, dass niemand etwas davon wissen wolle.«

»Hat sie Ihnen gesagt, wie es heißt?«

»Jeder kannte seinen Namen. Sogar meine Oma. Es war eins von diesen Dingen, die einfach jeder weiß. Und darum hat auch niemand von uns jemals in der Nähe von Fortyfoot House gespielt. Sie können jeden in Bonchurch fragen, auch die Jüngeren.«

»Und wie heißt es?«

Sie sah mich durchdringend an: »Ich möchte den Namen lieber nicht aussprechen.«

»Sie sind doch bestimmt nicht so abergläubisch?«, zog ich sie auf.

»Oh, ich bin überhaupt nicht abergläubisch. Ich spaziere unter zwanzig Leitern durch, wenn Sie das wollen. Ich verschütte Salz gleich kiloweise, und ich zerschlage den lieben langen Tag über Spiegel - und es kümmert mich überhaupt nicht. Aber ich möchte nicht den Namen dieses Dings aussprechen.«

In dem Moment trat aber Harry Martin auf die Veranda und zündete sich eine weitere selbst gedrehte Zigarette an.

»Das Ding heißt Brown Jenkin«, sagte er.

Mrs. Martin starrte mich an, in ihrem Blick war schiere Verzweiflung zu sehen. Sie schüttelte ganz minimal den Kopf, als versuche sie sich einzureden, nicht zuzuhören und nicht das zu wiederholen, was ihr Mann gerade gesagt hatte.

»Brown Jenkin, jawohl«, wiederholte Harry Martin. Fast schien es, als gefalle es ihm, etwas so Verbotenes laut auszusprechen.

Mrs. Martin legte die Hand vor den Mund. Im gleichen Moment schob sich eine Wolke vor. die Sonne und ließ den Garten grau in grau erscheinen.

5. Die Nacht der Lichter

Am Abend kochte Liz ihr viel gerühmtes Chili. Danny schmeckte es nicht besonders, es war für seinen Geschmack zu viel Pfeffer drin, und die Kidneybohnen fand er »eklig«. Er sortierte sie alle auf eine Seite des Tellers, als wären es kleine Steine.

Für mich dagegen war es eine der besten Mahlzeiten seit Monaten, nicht zuletzt, weil ich sie nicht selbst zubereiten musste. Wir aßen im Wohnzimmer, die Teller balancierten wir auf dem Schoss, während wir uns im Fernsehen Die Brücke am Kwai ansahen.

»Was hat der Rattenmann gesagt?«, fragte Liz. Um ihren Kopf hatte sie einen roten Schal gebunden, und sie trug ein weites Baumwollkleid, das irgendwie wie ein Kaftan wirkte. Ihre nackten Zehen mit den lackierten Nägeln lugten unter dem ausgefransten Saum hervor.

»Er tat ein wenig geheimnisvoll, wenn ich ehrlich sein soll. Er sagte, er kenne diese spezielle Ratte. Genau genommen kenne sie jeder im Dorf. Er sagt, dass sie schon so lange hier lebt, dass sich einfach jeder an sie erinnern kann.«

»Ratten leben doch nicht so lange, oder?«

»Nicht dass ich wüsste«, erwiderte ich schulterzuckend. »Jedenfalls hat er gesagt, dass er im Ruhestand ist und nicht interessiert sei.« Mehr wollte ich nicht sagen, um Danny nicht zu beunruhigen. Er musste nichts hören von grellen Lichtern und schrecklichen Stimmen und von Dingen, die einen dorthin verschleppen, wo einen nicht einmal die Zeit finden kann.

Liz kam zu mir und nahm mir den Teller aus der Hand. »Wie wäre es mit noch etwas Wein?«, schlug sie vor.

»Gerne.« Wir gingen in die Küche, während Danny Alec Guinness beobachtete, der den Japanern trotzte.

Liz kratzte die Reste von den Tellern in den Mülleimer, während ich zwei Gläser Piat D'Or einschenkte.

»Das war ein tolles Abendessen, danke.«

»Danny hat es nicht so geschmeckt, würde ich sagen.«

»Danny ist ein unerschütterlicher Fan von Heinz Spaghetti.«

»Das mit der Ratte ist seltsam. Was wirst du jetzt machen?«

»Ich habe Rentokil in Ryde angerufen; sie schicken morgen Nachmittag jemanden her. Aber es war sehr sonderbar. Die Frau des Rattenfängers hat mir erzählt, die Ratte sei in Bonchurch so bekannt, dass sie sogar einen Namen hat. Sie hatte eindeutig sehr große Angst davor. Ich konnte sie nicht dazu bringen, mir diesen Namen zu sagen. Ihr Mann hat ihn mir dann schließlich gesagt.«

Liz spülte die Teller, ich trocknete ab und stellte sie fort.

»Und?«

»Und was?«

»Wie die Ratte heißt, meine ich.«

»Ach so, Brown irgendwas. Brown Johnson oder so.«

Liz legte die Stirn in Falten. »Komisch, ich bin sicher, dass ich so einen Namen schon mal irgendwo gehört habe.«

»Also, ich kenne eine ganze Menge Leute, die Johnson heißen. Und auch einige Leute, die Brown heißen.«

Wir setzten uns wieder hin und leerten unsere Gläser, während wir zusahen, wie William Holden die Brücke über den Kwai in die Luft jagte. Danny war so müde, dass ich ihn ins Bett tragen und ausziehen musste. Ich sah ihm zu, wie er sich die Zähne putzte. Dabei fiel mein Blick auf mein Spiegelbild im Badezimmerfenster. Ich sah dünner und ausgemergelter aus, als ich gedacht hatte.

Liz schaltete das Licht in Dannys Zimmer aus, und gemeinsam gingen wir wieder nach unten. Ich öffnete eine weitere Flasche Piat D'Or, und wir machten es uns auf dem durchgesessenen braunen Sofa gemütlich, während meine zerkratzte LP mit Smetanas Ma Vlast lief. Die Musik beschrieb genau meine Verfassung: aufgewühlt, gefühlvoll, ein wenig aufgeblasen und fremd.

Liz erzählte, dass sie in Burgess Hill zur Welt gekommen sei, einer kleinen hässlichen Stadt in Mid-Sussex. Ihr Vater leitete ein Bauunternehmen, ihre Mutter hatte einen kleinen Glas-und Porzellanwarenladen. Vor sechs Jahren hatte sich ihre Mutter in einen eleganten Reisekaufmann mit einem kleinen gestutzten Schnauzer verliebt, dessen ganzer Stolz ein neuer Ford Granada war. Ihre Eltern ließen sich daraufhin scheiden. Liz hatte gerade erst verarbeitet, dass sie aus einer zerstörten Familie kam. »Viele andere Studenten reden von >Daddy< und >Mom< und sagen >meine Familie<. Ich habe zwei Jahre benötigt, um den Mut zu finden, anderen zu sagen, dass sich meine Eltern getrennt haben. Es tut weh. Ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr. Das Schlimmste damals war, wie entsetzlich sie sich beschimpft haben.«

»Hast du einen Freund?«, fragte ich.

»Ich hatte einen. Aber er war zu korrekt für mich. Ihm war es peinlich, wenn ich auf einer Mauer balancierte oder auf der Straße tanzte. Ich habe auch dem Sex abgeschworen. Ich habe beschlossen, keusch und heilig zu sein. Die heilige Elizabeth, die Unberührte.«

»Warum hast du dem Sex abgeschworen?«, fragte ich lächelnd.

»Ich weiß nicht, ich glaube, es lag an Robert. Meinem Freund. Bei ihm kam es mir so kompliziert und so mechanisch vor. Ich hatte immer das Gefühl, dass er versuchte, einen Wagen zu warten.«

Ich lachte. »Keusch bist du wahrscheinlich besser dran.«

»Dir fehlt es, verheiratet zu sein, nicht wahr?«

»Ja und nein. Mir fehlt die Gesellschaft, es fehlt mir, mit jemandem reden zu können.«

»Und die Wagenwartung?«

Ich hob mein Weinglas. Durch das gewölbte Glas konnte ich Liz' verzerrtes Gesicht sehen. »Ja, die fehlt mir auch.«

Es war eine Nacht mit hoher Luftfeuchtigkeit, es ging kaum ein Wind. Hinter den Bäumen klang die See wie eine geisterhafte Frau, die langsam in einem Taftkleid durch einen marmornen Korridor lief. Ich stand am Fenster, als Ma Vlast endete und eine Eule ihren Schrei in die Nacht schickte. Ich überlegte, ob diese siebzig Kinder auf dem Friedhof sie auch hören konnten. Weit entfernt zuckten Blitze. Es war eine Nacht voller Elektrizität, voller Hochspannung.

»Ich gehe schlafen, wenn du nichts dagegen hast«, sagte Liz.

Ich nickte. »Was soll ich dagegen haben? Fühl dich hier wie zu Hause. Du kannst schlafen gehen und aufstehen, wann immer du willst. Wann fängst du in diesem Vogelpark an?«

»Übermorgen.«

Sie kam zu mir und legte ihre Hand auf meine Schulter. »Danke, David. Das wird schon werden.«

Ich küsste sie auf die Stirn. »Das glaube ich auch.«

Ich saß allein und ohne Wein da, während ich mir die andere Seite der Platte anhörte. Preludes von Liszt. Aber allein dazusitzen, war nicht das Gleiche. Ich ging in die Küche und stieß auf den Rest eines Notizblockes mit dem Werbeaufdruck vom Schlachter E. Gibson in der High Street in Ventnor. Dann begann ich, Janie einen Brief zu schreiben. Ich schrieb ihr, dass es Danny und mir gut gehe und dass Liz den Sommer bei uns verbringen werde. Ich zögerte einen

Moment lang, dann strich ich den letzten Teil durch. Schließlich zerknüllte ich den ganzen Brief und warf ihn in den Kohleneimer. Es ergab keinen Sinn, alle Brücken hinter mir niederzureißen, wenn es nicht wirklich notwendig war. Immerhin wusste ich nicht, ob Janie und Raymond möglicherweise gar nicht mehr waren als nur gute Freunde.

Du Träumer, dachte ich.

Ich saß noch immer in der Küche vor dem leeren Notizblock, als die Uhr im Flur Mitternacht schlug. Ich musste am nächsten Morgen früh raus, also ging ich von Tür zu Tür, um zu sehen, ob alles verschlossen war; dann schaltete ich das Licht aus. Im Wohnzimmer klapperte ein Fenster. Es war nicht sehr heftig, weil sich die Luft draußen kaum bewegte, aber es war recht laut und unangenehm regelmäßig. Als ich es schließen wollte, sah ich, wie die Blitze über den Horizont zuckten. Die Luft roch nach Ozon.

Von der Decke hörte ich ein leises Kratzen, als würde sich unter den Dielenbrettern im Schlafzimmer etwas schnell und mit Leichtigkeit bewegen, etwas, das Krallen hatte.

Ich möchte den Namen dieses Dings nicht aussprechen.

Ich lauschte, aber das Geräusch war nicht mehr zu hören. Ich schloss und verriegelte das Fenster, sah aber nicht in den Garten. Ich wusste zwar, dass er nicht dort sein würde, ich wusste, dass er nicht mal dort sein konnte - trotzdem wollte ich ihn nicht sehen, den Mann mit dem schwarzen Zylinder, draußen auf der Wiese. Er existierte nicht. Er war nichts weiter als eine optische Täuschung, der Schatten einer vorüberfliegenden Möwe, ein vom Wind mitgerissenes Stück schwarzes Papier.

Ich tastete mich zurück in den Flur, wo durch das Oberlicht über der Eingangstür ein fahler Lichtschein hereinfiel. Ohne das Licht anzuschalten, ging ich auf quietschenden Sohlen bis zum Ende des Flurs gleich neben der Kellertür, wo das Foto hing - Fortyfoot House anno 1888.

Der Mann stand noch immer dort, sein Gesicht ein klein wenig verschwommen, seinen Blick durch mehr als hundert

Jahre hindurch auf mich gerichtet. An dem Tag, an dem er im Garten gestanden hatte, um sich fotografieren zu lassen, hatte Queen Viktoria nur wenige Kilometer entfernt in Osborne residiert, und Oscar Wilde hatte soeben The Happy Prince veröffentlicht.

Eigentlich war es völlig irrational von mir, dass ich nachsah, ob er noch auf dem Bild sei. Aber ich konnte das Gefühl nicht loswerden, dass es ihm irgendwie gelungen war, aus dem Bild zu entkommen, um sich im Fortyfoot House zu verstecken; in seinem schwarzen Anzug, mit bleichem Gesicht und zweidimensional.

Schließlich wandte ich mich von dem Foto ab, doch im gleichen Moment war ich sicher, dass sich das Bild geringfügig verändert hatte. Ich sah wieder hin. Er schien an der gleichen Stelle zu stehen wie zuvor, sein Gesichtsausdruck war unverändert. Aber hatte sein Fuß nicht gerade eben noch ein Stück näher an dem Rosenbeet gestanden?

Zu viel Piat D'Or, sagte ich mir. Zu viel Stress, zu viele Sorgen. Ich fing schon an, Gespenster zu sehen. Es war nicht möglich, dass sich etwas in einem hundert Jahre alten Bild bewegte oder veränderte. Der junge Mr. Billings konnte einfach nicht durch die Flure oder durch den Garten von Fortyfoot House spazieren.

Ich ging die Treppe nach oben, das knochenbleiche Licht in meinem Rücken. Ich erreichte den Treppenabsatz und blieb einen Moment an der Tür zum Dachboden stehen. Sie war fest verschlossen und es war weder ein Schlurfen noch ein Kratzen zu hören. Brown Johnson (oder wie die Leute in Bonchurch ihn nannten) war entweder nicht da oder er schlief. Es gab keinen Grund, Angst zu haben.

Wer hat schon Angst vor einer großen braunen Ratte ?

Ich sah nach Danny, der fest schlief. Sein Haar klebte in Strähnen auf seiner Stirn. Ich gab ihm einen Kuss, woraufhin er sich umherwälzte und »Mom« sagte.

Mom, du armer kleiner Kerl. Mom ist auf und davon, zusammen mit Raymond. Mom will nichts mehr von dir wissen.

Die Tür zu Liz' Zimmer war geschlossen. Einen Sekundenbruchteil lang war ich versucht, sie zu öffnen und ihr eine gute Nacht zu wünschen, aber dann entschied ich mich dagegen. Vielleicht würde sie es falsch auffassen. Ich fand sie hübsch und sexy, und ich liebte ihre nackten Zehen und diesen Geruch einer Neunzehnjährigen, aber ich wollte sie nicht anmachen, wenn sie es nicht wollte. Dafür genoss ich ihre Gesellschaft viel zu sehr, von ihrem Chili ganz zu schweigen. Der Gedanke, den Sommer ohne sie zu verbringen, hatte mit einem Mal etwas Tristes.

Ich zog mich aus, wusch mich, putzte mir die Zähne und legte mich erschöpft schlafen. Im gleichen Moment wünschte ich mir, dass ich das Bett zuvor mit mehr Sorgfalt gemacht hätte. Das Laken war voller Falten, in denen sich überall Toastkrümel fanden. Ich versuchte, eine erträgliche Position zu finden, aber schließlich musste ich wieder aufstehen und das Bett neu beziehen.

Ich war noch immer damit beschäftigt, das Bettlaken unter die Matratze zu stecken, als es an meiner Tür klopfte.

»David? Ich bin's, Liz.«

»Augenblick«, sagte ich und legte mich wieder hin, um sie nicht sehen zu lassen, dass ich nackt war. »Okay, du kannst reinkommen.«

Sie betrat mein Zimmer und schloss schnell die Tür hinter sich, als fürchte sie sich vor etwas, das hinter ihr her war. Ihr Haar hatte sie noch immer mit dem roten Seidenschal zusammengebunden, sonst trug sie ein knappes T-Shirt und einen winzigen weißen Spitzenslip. Sie setzte sich auf den Bettrand, aber ihr Gesicht hatte einen ängstlichen Ausdruck, keinen verführerischen.

»Irgendetwas rennt auf dem Dachboden hin und her, ich höre es. Das muss diese Ratte sein.«

»Heute Nacht habe ich noch nichts gehört«, log ich.

»Ich bin sicher, dass es eine Ratte ist«, beteuerte sie. »Sie rennt direkt über meinem Zimmer von einer Seite zur anderen.«

»Ich kann nichts dagegen machen, jedenfalls nicht im Moment. Der Kerl von Rentokil kommt morgen her.«

»Na gut. Ich wollte dich nicht stören, aber ich kann Ratten nicht ausstehen. Die lösen bei mir Gänsehaut aus.«

»Mir geht's nicht anders. Sag mir Bescheid, wenn du wieder was hörst. Ich könnte nach oben gehen und versuchen, sie mit einem Schürhaken zu erschlagen.«

Tolle Aussicht, dachte ich bei mir. Vor allem nach dem Fiasko von heute Morgen. Was mich angeht, werde ich mich so weit von Brown Johnson fern halten, wie es nur geht.

Liz zögerte, dann sagte sie: »Hör mal ... ich weiß, dass sich das bestimmt wie ein Vorwand anhört, aber Ratten machen mir entsetzliche Angst. Meinst du, ich könnte heute Nacht bei dir schlafen? Ich lege auch ein Kissen zwischen uns.«

»Na klar.« Es machte mir nichts aus. Eigentlich gefiel mir der Vorschlag sogar ausgesprochen gut. Ich hatte seit Monaten nicht mehr mit einer Frau in einem Bett gelegen. Dabei ging es mir nicht mal so sehr um die >Wagenwartung<, sondern ums Reden.

Es ist erstaunlich, wie schnell man es leid wird, alleine zu lachen, zu lesen, Musik zu hören und zu essen. Aber allein zu schlafen ist am allerschlimmsten. Man könnte genauso gut im Sarg liegen, in die Dunkelheit grinsen, mit seinem Schwanz spielen und auf Gott warten.

»Das geht schon klar«, sagte ich. »Wenn du solche Angst hast.«

»Ich verspreche dir auch, dass ich morgen früh aus dem Zimmer verschwinde, bevor Danny aufwacht.«

Sie schloss die Tür, hob das Laken und legte sich neben mir ins Bett. Ich rutschte zur Seite, bis zwischen uns gut zwanzig Zentimeter Abstand waren. Zwar legte ich beide Arme eng an meinen Körper, aber es fiel mir sehr schwer, die Nähe, die Wärme, das Parfüm und die nervös machende Anwesenheit einer hübschen jungen Frau zu ignorieren.

»Wann hast du es gehört?«, fragte ich.

»Als du die Treppe heraufkamst. Sie rannte quer über den

Dachboden. Es klang unglaublich groß und schwer, aber nachts scheinen Geräusche lauter als sonst, oder?«

Ich sah zur Decke. »Ich glaube, sie ist auch groß und schwer.«

»Hör auf, ich kriege Angst.«

Seite an Seite lagen wir da und lauschten. Wir hörten, wie die Uhr unten im Flur halb eins schlug und draußen eine nächtliche Brise aufkam, die dann durchs Haus strich und die verschlossenen Türen in ihren Scharnieren rappeln ließ.

»Wir sollten das Licht ausmachen und versuchen, ein wenig zu schlafen«, schlug ich nach einer Weile vor.

Dann lagen wir in der Finsternis da. In Bonchurch gab es keine Straßenlaternen, im Garten war keine Lampe, und der Mond schien auch nicht, sodass die Dunkelheit nahezu vollkommen war. Es war so, als habe man einem einen schwarzen Samtbeutel über den Kopf gestülpt. Ich war mir auf eine unerträgliche Weise Liz' Busen bewusst, der gegen meine rechte Schulter drückte. Auch wenn sie ein T-Shirt trug, konnte ich spüren, wie sanft und schwer ihr Busen war. Jetzt, da sie keines ihrer weiten Baumwollkleider trug, die ihre Figur mehr oder weniger verborgen hatten, konnte ich nicht darüber hinwegsehen, dass sie für ihre Körpergröße und Statur äußerst große Brüste hatte. So verführerisch ihr Gesicht auch gewesen war, so waren Janies Brüste im Vergleich Mückenstiche gewesen, was nachvollziehbar machte, warum mir Liz' Brüste so sehr auffielen.

»Ich glaube, dass uns das Schicksal immer eine zweite Chance gibt«, sagte Liz. »Manchmal sind wir blind oder zu beschäftigt, um es wahrzunehmen, das ist alles. Findest du nicht auch, dass es eine Tragödie ist, wenn zwei Menschen, die zusammen wirklich glücklich sein könnten, auf der Straße aneinander vorbeigehen — nur Zentimeter voneinander entfernt - und es niemals wissen? Oder wenn zwei Menschen über Tausende von Kilometern immer näher aufeinander zukommen, und dann verpasst einer von ihnen seinen Zug, weil er seine Zeitung hat fallen lassen und zurückgegangen war, um sie aufzuheben. Dadurch begegnen sie sich niemals.«

»So was muss ja ständig passieren, das ist das Wahrscheinlichkeitsgesetz.«

»Wie sind wir beide zum Beispiel zusammengekommen?«, fragte Liz. »Du hättest anderswo einen Job für den Sommer bekommen können. Du hättest dein Geschäft weiterführen können, du hättest mit Janie zusammenbleiben können. Und es war nur ein Zufall, dass mir jemand diese Adresse hier gegeben hat.«

»Schicksal«, sagte ich und lächelte, auch wenn sie es nicht sehen konnte. »Und die eine Sache, die uns immer vorantreibt ... dieser seltene und glorreiche Augenblick, wenn sich das Leben als doch nicht so mies erweist.«

Sie streckte ihre Hand nach mir aus, und ihre Fingerspitzen berührten in der Dunkelheit meine Wange. Sie betastete meine Augen und Nase und Lippen, als sei sie blind. »Ich liebe es, Menschen im Dunkeln zu berühren. Sie fühlen sich ganz anders an, die Proportionen ändern sich, je nachdem, wie man jemanden anfasst. Vielleicht verändern sie sich ja wirklich, wer kann das schon sagen? Du könntest dich durchaus in irgendein entstelltes Monster verwandeln. Man muss das Licht schon sehr schnell anmachen, um das finstere Gesicht eines Menschen erblicken zu können - also das Gegenteil von dem freundlichen Gesicht, das sie aufsetzen, um alle glauben zu lassen, dass sie ganz gewöhnlich und normal sind.«

»Denkst du, dass ich mich in ein Monster verwandle?«

»Vielleicht. Aber vielleicht verwandle ich mich ja auch in ein Monster. Was würdest du dann machen?«

»Wie ein Wahnsinniger wegrennen und hinter mir eine Durchfallspur herziehen.«

Sie küsste mich. »Sei nicht eklig.«

Ich erwiderte ihren Kuss. »Ich werde so lange nicht eklig sein, wie du dich nicht in ein Monster verwandelst. Und das betrifft jede Art von Monster.«

Sie küsste mich abermals, doch ich sagte: »Wir sollten jetzt besser schlafen. Du hast versprochen, die heilige Elizabeth, die Unberührte, zu sein, und ich wollte der heilige David, der Göttliche, sein.«

»Kommt drauf an, worin du göttlich bist.«

Wir schafften es, eine einigermaßen bequeme Schlafposition einzunehmen, schlossen die Augen und taten fast eine Dreiviertelstunde so, als würden wir schlafen. Ich lauschte dem Knarren des Hauses, dem Wind, der durch die Eiche wehte, und dem leisen Rauschen der See. Ich lauschte dem Luftzug, der sich um das Haus bewegte, gegen die Fenster klopfte und an den Schlössern rappelte.

Ich lauschte Liz' gleichmäßigem Atem, der zu jemandem gehörte, der schlafen wollte, aber nicht konnte, und der fast im Begriff war, nach unten zu gehen und eine Tasse Tee aufzugießen.

»Liz?«, fragte ich schließlich. »Schläfst du?«

Sie zog das Laken vom Gesicht. »Mein Verstand kommt nicht zur Ruhe.«

»Woran denkst du? An etwas Bestimmtes?«

»Oh ... eigentlich nicht. Arbeit, das College. Ich habe überlegt, ob ich genug Geld zusammenbekommen kann, um mir ein Auto zu kaufen. Ich bin es leid, immer andere zu fragen, ob ich mitfahren kann.«

Es folgte eine lange Stille, dann sagte ich: »Ich kann auch nicht schlafen.«

»Vielleicht bist du es nicht mehr gewöhnt, mit jemandem im Bett zu liegen.«

»Könnte sein.«

Schließlich sagte sie: »Du darfst mich küssen, weißt du? Wir werden nicht von einem bösen Gott dafür bestraft.«

»Ich weiß nicht. Ich möchte nichts anfangen, was ich nicht zu Ende führen kann.«

»Wer redet davon, irgendwas anzufangen? Und wer redet davon, irgendwas zu Ende zu führen?«

Ich legte meinen Arm um ihre Schulter. »Weißt du, was

Danny mich neulich gefragt hat? >Hat Gott sich selbst geschaffen<«

»Und was hast du geantwortet?«

»Ich habe gesagt, er solle nicht albern sein. Dann wurde mir klar, dass ich die Antwort gar nicht weiß. Ich habe die ganze Nacht lang darüber nachgedacht.«

»Gott war vor allem anderen da. Gott war schon immer.«

»Was ist denn das für eine Antwort? Das ist eine faule Ausrede.«

Liz stützte sich auf einen Ellbogen und küsste mich auf meine Wange, dann auf den Mund. Ihre Zunge wanderte zwischen meinen Zähnen umher. Ich versuchte, den Kuss nicht zu erwidern, doch sie schmeckte so, wie ein Mädchen schmecken sollte ... ein wenig süß, ein wenig salzig, Speichel und Parfüm und Wein, und da war ihre schwere warme unter einem T-Shirt verborgene Brust, die sich gegen meinen nackten Arm drückte. Unsere Lippen waren in einen stummen leidenschaftlichen Ringkampf verwickelt. Ich drückte ihre Brüste durch den Stoff, sie waren enorm, vor allem im Vergleich zu denen von Janie. Sie waren wie ein Wirklichkeit gewordener Penthouse-Traum. Mein Schwanz richtete sich schnell und unwiderruflich auf, und ich konnte nichts dagegen tun. Liz nahm ihn in ihre rechte Hand und umschloss ihn kraftvoll, so wie ein Mädchen, das darin einige Übung hat. Sie schob ihre Hand langsam auf und nieder, auf und nieder, bis er fast unerträglich angeschwollen und vor Gleitflüssigkeit völlig nass war.

Ich ließ in der gleichen Zeit meine Hände unter ihr T-Shirt gleiten und umfasste ihre Brüste; mit Zeigefinger und Daumen massierte ich ihre Brustwarzen, bis sie sich steif aufrichteten. Während sie mich küsste und meinen Penis massierte, sang sie mit einer ganz hohen Stimme ein seltsames Lied, das einem Angst einjagen konnte. Liz drehte sich kurz um und zog ihren Slip aus.

»Kondom«, sagte ich mit erstickter Stimme.

»Ich nehme die Pille.«

»Egal ... wir sollten trotzdem eines benutzen!«

»Ich habe kein AIDS, weißt du?«

Bevor ich noch ein Wort sagen konnte, hatte sie sich rittlings auf mich gesetzt. Meinen Schwanz, den sie noch immer fest umschlossen hatte, dirigierte sie zwischen ihre Schenkel. Sie neckte mich einen Moment lang, indem sie ihn über ihre Schamlippen gleiten ließ, ohne mich eindringen zu lassen. Im nächsten Moment presste sie ihren Unterleib dagegen, und ich drang so tief ein, wie es nur möglich war. Ich schloss die Augen. Nach Monaten der Abstinenz, nach Monaten, in denen ich mir immer wieder eingeredet hatte, dass ich das hier nicht brauchte, war es ein Segen. Ich weiß nicht, ob ich laut aufstöhnte, auf jeden Fall beugte sich Liz vor, küsste mich und sagte: »Ssscht, es ist wundervoll.«

Sie bewegte sich mit einer Geschmeidigkeit auf und nieder, die mich nach und nach immer stärker erregte, aber nicht zu stark. So kam es mir vor, als seien mehrere Stunden vergangen, ehe ich dieses unwiderstehliche Verkrampfen zwischen meinen Beinen verspürte, das mir verriet, dass ich es nicht mehr lange würde aushalten können. Liz begann zu keuchen, ihr T-Shirt klebte auf ihren schweißnassen Brüsten. Ich legte meine Hände fest um ihre Pobacken und presste sie noch stärker auf mich.

In genau dem Augenblick hörten wir auf dem Dachboden ein lautes Poltern. Direkt über uns. So, als habe jemand einen Sessel umgeworfen.

Liz saß wie erstarrt auf mir, meinen Schwanz immer noch tief zwischen ihren Schenkeln vergraben. »Was war das?«, flüsterte sie. »Das war doch keine Ratte?«

»Ich habe doch gesagt, dass sie groß ist.«

»Groß?« In ihrer Stimme schwang Angst mit. »Sie muss ja riesig sein!«

Wir warteten und lauschten, und in dem Moment, als wir im Begriff waren, uns weiter zu lieben, folgte ein weiteres Geräusch: ein entsetzliches Schlurfen, danach ein lautes Gepolter, als sei eine Sammlung Spazierstöcke umgefallen.

Liz erhob sich. Ich spürte den kalten Luftzug zwischen meinen nassen Schenkeln. »Das ist keine Ratte«, sagte sie. »Da oben ist jemand.«

»Ach, komm schon«, protestierte ich. »Warum sollte jemand auf dem Dachboden einen solchen Lärm machen? Es ist eine Ratte. Das klingt nur so schlimm, weil wir uns genau darunter befinden.«

»Vielleicht wohnt da oben jemand, von dem du nichts weißt. Ich habe mal einen Film über einen Mann gesehen, der immer nachts nach unten kam, wenn die Familie schlief, und dann durchs Haus lief.«

»Warum sollte jemand auf einem stockfinsteren Speicher wohnen wollen?«

»Keine Ahnung. Vielleicht hat sich jemand eingenistet, bevor du hergekommen bist. Jetzt versteckt er sich auf dem Dachboden und wartet, bis du wieder gehst.«

Ich schaltete die Nachttischlampe an. »Leute, die sich verstecken, machen für gewöhnlich nicht einen derartigen Lärm.«

»Vielleicht will er dir Angst einjagen«, überlegte Liz.

»Ich bin oben gewesen«, erklärte ich. »Ich habe etwas gesehen, das wie eine Ratte aussah. Es hat eindeutig nicht wie ein Mensch ausgesehen.«

»Also, ich finde, dass es nach einem Menschen klingt.«

Wir warteten wieder. Ich war frustriert und beunruhigt zugleich. Ich verspürte den Wunsch, einen Schürhaken oder einen Cricketschläger zu nehmen und diesen verdammten Brown Johnson totzuschlagen. Ich fragte mich bloß, ob ich das auch wirklich konnte, wenn wir uns von Angesicht zu Angesicht gegenüberstanden. Was, wenn es keine Ratte war? Wenn es ein Hausbesetzer, ein Landstreicher oder sogar ein Psychopath war, der sich vor dem Licht oder vielleicht vor dem Gesetz versteckte? Was, wenn es nichts in dieser Art war, sondern etwas völlig anderes? Etwas so Entsetzliches, dass niemand es beschreiben konnte?

Was immer es war, es musste verschwinden. Ich war mir bloß nicht sicher, ob ich in der Lage war, dieses Etwas aus dem Haus zu jagen. Wenn die Menschen in Bonchurch seit so vielen Jahren davon wussten, warum hatte sich nicht früher jemand darum gekümmert? Warum hatten die Tarrants nicht versucht, das Ding loszuwerden?

Fünf Minuten lang war nichts mehr zu hören, und schließlich nahm ich Liz an der Hand und sagte: »Komm wieder ins Bett. Wir sollten versuchen, ein wenig zu schlafen.«

»Ich gehe besser wieder in mein Zimmer«, sagte sie. »Wir wollen doch nicht, dass Danny mich hier antrifft.«

»Ich glaube nicht, dass es Danny stören würde.«

»Nein, aber es würde mich stören. Ich bin weder seine Mutter noch deine Geliebte. Wir sind einfach nur beim Vögeln gestört worden.«

Ich wusste nicht, was ich darauf sagen sollte. Ich hatte gehofft, dass wir da weitermachen würden, wo wir aufgehört hatten. Oder dass wir vielleicht einen Teil wiederholen würden. Aber offenbar war Liz nicht in der Stimmung dazu. Ich hatte mindestens fünf freche Antworten auf der Zunge, aber ich biss mir auf die Lippen. Vielleicht war sie ja morgen Abend wieder in der richtigen Stimmung.

Sie kletterte aus dem Bett und zog ihr T-Shirt nach unten, aber ich konnte einen kurzen Blick auf ihre glänzenden dunkelroten Schamlippen werfen. Es war eines von diesen Bildern, die nur einen Sekundenbruchteil währen-, die man aber sein Leben lang nicht vergisst.

»Höschen«, sagte ich und hielt ihren Slip hoch.

»Danke«, erwiderte sie lächelnd. »Schlaf gut.«

Sie hauchte mir einen Kuss zu, dann ging sie aus dem Schlafzimmer und schloss leise die Tür hinter sich. Ich blieb, wo ich war, auf einen Ellbogen gestützt, und hatte das Gefühl, dass ich die Frauen niemals verstehen würde. Mein Freund Chris Pert hatte mal gesagt, Frauen seien das einzige unlösbare Problem, das einen sexuell stimulieren könne.

Ich wollte gerade das Licht ausmachen, als sie wieder ins Zimmer zurückkehrte.

»Was ist los?«, fragte ich. Sie sah zutiefst beunruhigt aus, ihre Augen waren weit aufgerissen.

»Vom Dachboden kommt Licht, ein sehr grelles Licht.«

»Da oben gibt es kein Licht. Die Leitungen sind marode.«

»Komm mit und sieh es dir an.«

Ich erhob mich aus dem Bett und griff nach meinen Boxershorts, die so gestreift waren wie Zahnpasta.

»Ich wollte gerade die Tür zumachen, als ich etwas flackern sah. Es sieht so aus, als stimme mit der Elektrik etwas nicht.«

Ich trat in den Korridor, und Liz folgte mir. Es war völlig finster. »Ich kann nichts entdecken«, sagte ich zu ihr. »Wahrscheinlich hat sich nur was gespiegelt, als du die Tür zu deinem Schlafzimmer geöffnet hast. Auf dem Treppenabsatz befindet sich ein Spiegel.«

»Da hat sich nichts gespiegelt«, beteuerte Liz. »Es war blau, wie Elektrizität.«

Ich tastete mich an der Wand entlang bis zum Treppenabsatz. Es war so dunkel, dass es einfacher für mich war, die Augen zu schließen und mich wie ein Blinder vorzutasten. Liz war weiter dicht hinter mir, ihre Hand lag auf meiner Schulter. »Es war nur ein paar Sekunden lang zu sehen. Aber es schien so grell.«

Wir hatten fast den Absatz erreicht, als wir einen schrillen Schrei hörten, wie von einem Kind, das sich in größter Gefahr befand. Meine Nackenhaare richteten sich auf, und ich sagte: »Scheiße, was zum Teufel ist das?« Liz griff verängstigt nach meiner Hand, und ich hielt sie genauso fest.

Das Schreien wurde schriller, während es sich uns näherte, und war so durchdringend wie das Gellen der Pfeife eines herannahenden Zuges. Dann verhallte es allmählich.

Im nächsten Augenblick hörten wir beide ein Geräusch, das an ein tiefes, dröhnendes Grollen erinnerte. Allerdings hörte es sich nicht wie irgendein mir vertrautes Geräusch von einem Tier an, das ich jemals gehört hatte, weder im Zoo noch in einer Tiersendung. Vielmehr klang es wie eine zu langsam abgespielte Aufnahme einer menschlichen Stimme. Tief und verzerrt - und so laut, dass die Fenster vibrierten.

Dann flackerte das Licht und drang durch die Spalten rings um die Tür zum Speicher. Ein grelles blaues Licht, das für einen Augenblick den gesamten Korridor und den Treppenabsatz erhellte. Ich sah Liz' bleiches, entsetztes Gesicht. An der Wand des Flurs entdeckte ich ein Bild des gekreuzigten Jesus.

»Allmächtiger«, flüsterte Liz. »Was ist das?«

Ich nahm eine wenig überzeugende heldenhafte Haltung an und strich ihr über die Hand. »Es gibt eine vernünftige Erklärung dafür«, sagte ich, während mir schauderte. Noch immer trieben die Lichtformen vor meinen Augen umher. »Ein Kurzschluss oder etwas Ähnliches. Vielleicht auch Statik. Das Meer ist nicht weit entfernt, es könnte ein Elmsfeuer sein.«

»Was?«

»Du weißt schon, Elmsfeuer. Manchmal sieht man es an den Schiffsmasten oder an den Spitzen von Tragflächen. Die Seeleute nannten es Elmsfeuer. Nach dem Schutzheiligen der Seeleute im Mittelmeerraum, St. Erasmus.«

Ich hielt inne und sah sie an. Ganz offensichtlich fragte sie sich, woher ich das alles wusste. »Ich hab davon im Eagle Annual Comic gelesen, als ich zwölf war.«

»Oh.« Sie war zu jung, um sich an den Eagle zu erinnern, wie ich ihn noch kannte. »Und die Schreie?«

»Frag mich nicht. Vielleicht war es Luft in den Wasserleitungen. Vielleicht hat sich eine Taube in den Speicher verirrt, und die Ratte hat sich auf sie gestürzt.«

»Tauben schreien nicht. Jedenfalls nicht so.«

»Ich weiß. Aber vielleicht war sie eine Ausnahme.«

Wir warteten in der Dunkelheit. Ich hatte mich noch nie so beunruhigt und wehrlos gefühlt. Liz drückte meine Hand, ich drückte ihre, aber ich wusste nicht, was ich machen sollte. Nicht eine Sekunde lang glaubte ich daran, dass sich auf dem Speicher irgendetwas abspielen könnte, das nicht irdischen

Ursprungs war. Es hatte einen Kurzschluss gegeben, die riesige Ratte schrie und tobte. Noch immer glaubte ich nicht, dass dort oben irgendetwas Übernatürliches vorgehen könnte. Ich fand es so schon unheimlich genug, ohne mir auch noch Gedanken darüber zu machen, dass sich die Geschehnisse jeder natürlichen oder vernünftigen Erklärung entziehen könnten.

»Vielleicht solltest du mal nachsehen«, schlug Liz vor.

»Vielleicht sollte ich mal nachsehen?«

»Du bist der Mann.«

»Das liebe ich«, gab ich zurück, während ich noch immer zitterte. »Du bist wie all die anderen Frauen auch, die ich kenne. Du willst nur dann gleichberechtigt sein, wenn es dir gefällt.«

Trotzdem wusste ich, dass ich auf den Speicher gehen musste, um mich dem zu stellen, das oben wütete. Ich konnte angesichts dieser Lichter, der Schreie und des Gepolters nicht einfach zurück ins Bett gehen. Nicht etwa, weil ich nicht hätte schlafen können, sondern weil diese riesige Ratte meine gesamte Arbeit für diesen Sommer gefährdete. Und auch meine Männlichkeit, meine Glaubwürdigkeit als Mann. Liz sollte nicht glauben, dass ich mich fürchtete. Gerade sie sollte das nicht glauben.

Wieder flackerte das Licht, wenn auch nicht so hell. Es hatte mehr eine orangene Färbung, und Sekunden später war ich sicher, dass ich Brandgeruch wahrnahm.

»Glaubst du, der Dachboden steht in Flammen?«, fragte Liz.

»Keine Ahnung. Aber ich schätze, ich muss wirklich nachsehen.«

Ich blickte mich nach einer geeigneten Waffe um. Im Schlafzimmer neben uns gab es, von viel in dieser Situation unbrauchbarem Gerümpel abgesehen, einen zerbrochenen Küchenstuhl. »Warte«, sagte ich zu Liz, ging in das Zimmer und riss an der Rückenlehne, bis sie lärmend nachgab und ich eines der hinteren Stuhlbeine lösen konnte.

»So«, sagte ich und fuchtelte wie ein Höhlenmensch mit seinem Knüppel. »Ein falsches Wort, und dann setzt es was mit dem Stuhlbein.«

Ich näherte mich der Tür zum Dachboden. Das Flackern war erloschen, aber ich konnte noch immer das unregelmäßige elektrische Zischen und Krachen hören. Ich nahm auch noch den prägnanten säuerlichen Geruch wahr, der von etwas Brennendem stammen mochte, vielleicht aber auch eine ganz andere Ursache hatte. Für etwas Brennendes war der Geruch sogar etwas zu süßlich. Es war schwer, den Geruch einzuordnen. Aus irgendeinem Grund musste ich an den Mief eines antiken Schreibtischs denken, der einem entgegenschlägt, wenn man die Schubladen öffnet.

»Klingt so, als sei Ruhe eingekehrt«, sagte Liz.

»Das beruhigt mich nicht im Geringsten.«

»Nun komm schon«, trieb Liz mich an. »So schlimm kann es ja nicht sein, wenn jeder im Dorf davon weiß.«

»Meinst du?«, sagte ich zweifelnd. »Es könnte auch schlimmer sein. Warum sollte jeder davon wissen, wenn es nicht etwas ganz Schreckliches ist?«

Liz sah mich an, ihr Gesicht verfinsterte sich, während ich sie fragend anblickte, ohne eine Antwort zu bekommen. Es gibt nichts Schlimmeres, als wenn die Frau, die man mag, etwas von einem verlangt, was man hasst.

Schließlich aber schob ich den kleinen Metallriegel zur Seite und öffnete die Tür. Wieder der Geruch von etwas Eingeschlossenem, von ausgeatmeter Luft. Ich konnte den Brandgeruch noch wahrnehmen, aber er war schwächer geworden. Außerdem war kein Rauch zu sehen. Ganz im Gegenteil sogar, denn die Luft war so eisig kalt wie in einem Kühlschrank.

Liz schauderte. »Sieht nicht so aus, als würde es brennen.«

Ich umklammerte mit meiner linken Hand fest das Stuhlbein. »Finde ich auch.«

»Brauchst du eine Taschenlampe?«

»Ich hab keine. Na ja, eigentlich habe ich schon eine, aber die Batterien waren den ganzen Winter über drin und sind jetzt grün und verkrustet. Ich wollte heute eine neue kaufen ...«

Ich schaltete das Licht auf dem Treppenabsatz an. So wie zuvor der Spiegel schaffte das Licht es nur, die ersten Stufen zu beleuchten. Dahinter wurde der braune abgenutzte Filz von der Finsternis geschluckt.

»Na los«, spornte Liz mich an.

»Okay, okay, ich überlege, was ich mache, wenn ich es finde.«

»Mit dem Stuhlbein draufschlagen, was sonst?«

»Und wenn es mich anspringt?«

»Dann halt das Stuhlbein höher.«

Einen Augenblick lang dachte ich nach, dann sagte ich: »Ja, du hast Recht.« Immerhin ging es um eine Ratte. Eine große, viel zu große Ratte, eine Schädlingsversion von General Woundsworth aus Watership Down. Und was das Geschrei anging ... in der Nacht klingt jedes Geräusch zehnmal so schlimm.

Ich zog den Kopf ein und stieg die ersten drei Stufen hinauf, die drei, die ich erkennen konnte. Schließlich erreichte ich den Punkt, an dem ich weit genug oben war, um durch die Stangen des Geländers auf den Speicher zu blicken. Ich erkannte ein paar Formen, die ich schon zuvor gesehen hatte. Bei einigen handelte es sich erkennbar um Möbelstücke, über die zum Schutz gegen Staub ein Laken gelegt worden war. Andere waren Wäscheberge. Es war zu dunkel, um sonst noch viel zu erkennen. Ich drehte mich zu Liz um und flüsterte: »Hier ist nichts, es muss eine Taube gewesen sein.«

»Warte doch einen Augenblick«, ermutigte Liz mich.

Ich schnupperte und sah mich um. Der Brandgeruch war völlig verschwunden. Allmählich gewöhnten sich meine Augen an die Dunkelheit und ließen mich eine Garderobe und einen Spiegel erkennen.

Gerade wollte ich nach unten gehen, als ein durchdringendes elektrisches Knallen zu hören war. Und für den

Bruchteil einer Sekunde war der Speicher in blendendes blaues Licht getaucht.

»David!«, rief Liz. »David, alles in Ordnung?«

Zunächst konnte ich nicht antworten. Ich war nicht sicher, was ich gerade gesehen hatte. In diesem kurzen grellen Aufflackern hatte es wie ein Kind ausgesehen, ein kleines Mädchen, das ein langes weißes Nachthemd trug - das vom Licht erfasst wurde, während es über den Dachboden ging. Das ovale weiße Gesicht war mir zugewandt, und nach dem Blick in den Augen zu urteilen, hatte es mich ebenfalls gesehen.

»David?«, wiederholte Liz.

»Ich ... ich bin nicht sicher, ich glaube, ich habe etwas gesehen...«

»David, komm nach unten.«

»Nein, ich bin sicher. Das ist keine Ratte. Es ist ein kleines Mädchen.«

»Ein kleines Mädchen? Was soll das denn mitten in der Nacht auf dem Speicher suchen?«

Ich strengte meine Augen an, das Licht hatte mich so sehr geblendet, dass ich nicht einmal mehr die Garderobe oder den Spiegel erkennen konnte.

»Wer ist da?«, rief ich, während ich versuchte nicht wütend, sondern vertrauenswürdig zu klingen. »Ist da jemand?« Alles blieb ruhig.

»Du klingst so, als würdest du eine Séance abhalten«, scherzte Liz nervös.

Ich starrte und ich lauschte, aber es waren nur noch die typischen nächtlichen Geräusche zu hören. »Könnte sein«, erwiderte ich.

»Komm nach unten«, beharrte sie.

Ich wartete noch fast drei Minuten. Ich rief wieder und wieder, aber es gab weder weitere Lichtblitze noch Schreie und auch keine Anzeichen für ein kleines Mädchen. Gerade wollte ich mich zurückziehen, als ich ein schwaches, verstohlenes Scharren in einer Ecke des Dachbodens hörte, doch das hätte von allem herrühren können. Langsam stieg ich nach unten, während ich versuchte, nicht zu zeigen, welche Angst ich hatte. Dann schloss ich die Tür hinter mir.

»Und? Was glaubst du, ist es?«, fragte Liz.

Ich schüttelte den Kopf. »Keine Ahnung. >Ich habe mir auch noch nie die Mühe gemacht, es herauszufinden<, hatte Harry Martin gesagt. Vielleicht ist es nur irgendeine elektrische Störung. Wir sind nahe am Meer, vielleicht war es ein Blitz. Ich werde sehen, ob ich im Dorf einen Blitzableiter auftreiben kann.«

»Möchtest du eine Tasse Tee?«, fragte Liz. »Du zitterst ja.«

»Würdest du an meiner Stelle auch«, erwiderte ich. »Ein Tee ist eine gute Idee.«

»Glaubst du wirklich, dass du ein kleines Mädchen gesehen hast?«

»Es sah zumindest so aus wie ein kleines Mädchen. Andererseits könnte es auch ein Stuhl mit einer hohen Rückenlehne sein, über den man ein Laken geworfen hat. Ich glaube, meine Nerven konnten den Unterschied nicht feststellen.«

Aber ich hatte das Gesicht des Mädchens gesehen, ein bestürztes Gesicht, von Zweifeln gezeichnet und durch Vernachlässigung seiner gesunden Farbe beraubt.

Wir gingen gemeinsam nach unten in die Küche. Am Himmel zeigte sich gerade die erste schwache Andeutung eines Sonnenaufgangs. Ich setzte mich an den Küchentisch, während Liz den Wasserkessel auf die Kochplatte stellte.

»Vielleicht sind da oben wirklich Kinder«, sagte Liz. »Vielleicht haben sie sich da oben einquartiert.«

»Oh, ja, und ich bin vielleicht Dschingis Khan. Und wie sollen sie raus-und reinkommen, ohne dass wir das merken? Und falls es sich wirklich um Kinder handelt, dann würden sie nicht einen solchen Lärm machen. Sie würden doch nicht wollen, dass sie entdeckt werden, oder?«

»Würde es dir etwas ausmachen?«, fragte Liz, warf einen Teebeutel in meinen Becher und drückte ihn mit dem Finger ins Wasser. »Autsch, das ist heiß!«

»Würde mir was etwas ausmachen?«

»Würde es dir etwas ausmachen, wenn es richtige Kinder wären? Vielleicht sind sie aus der Gegend und verstecken sich vor ihren Eltern.«

Ich nahm meinen Becher, musste aber ein oder zwei Minuten lang pusten, bevor der Tee so weit abgekühlt war, dass ich einen Schluck nehmen konnte. »Ich bin nicht sicher«, gab ich zurück. »Mir ist es egal, solange sie kein Chaos veranstalten. Und solange sie mich nachts durchschlafen lassen.«

Liz nahm mir gegenüber Platz. Sie trank ihren Tee so dunkel, dass er fast wie Kaffee aussah.

»Ich weiß«, sagte sie. »Warum stellen wir ihnen nicht eine Falle?«

»Eine Falle? Was denn für eine Falle? Wenn es wirklich Kinder sind, können wir ihnen doch nichts antun.«

»Natürlich nicht. Wir müssen nur den Boden mit Papier auslegen und darauf Ruß oder Talkumpuder streuen. Wenn sie durchlaufen, hinterlassen sie einen Fußabdruck. Das haben wir in der Schule gemacht, um festzustellen, ob sich jemand in unser Zimmer geschliche n hatte.«

»Es wäre den Versuch wert.«

Während wir dasaßen und unseren Tee tranken, hatte ich das Gefühl, dass Fortyfoot House ausgiebig erzitterte. Und irgendwo am äußersten Rand meiner Wahrnehmung glaubte ich, ein Kind schreien zu hören. Sobald ich aber darauf achtete, war kein Geräusch mehr da. Nur diese sonderbare Leere, die man wahrnehmen kann, wenn ein gerade noch vorbeirasender Zug bereits außer Hörweite gelangt ist.

Träume, dachte ich. Einbildung. Als ich aber zum Spülbecken ging, um meinen Becher auszuwaschen, bemerkte ich im Garten einen Schatten, der eigentlich kein Schatten war, sondern ein Mann mit einem großen schwarzen Hut, der zwischen den Eichen Schutz suchte - so wie ein Mann, der um sein Leben rennt, ein Mann, der zu entsetzt ist, als dass er sich umdrehen könnte, um einen Blick auf den unvorstellbaren Jäger zu werfen, der hinter ihm her ist.

6. Kopfjäger

 An der Küchentür war ein forsches Klopfen wie von einem Postboten zu hören. Ich blickte vom Daily Telegraph auf, während Danny seine Augen von seiner Schale Honey Nut Loops abwandte. Der Löffel warf einen geschwungenen Lichtreflex auf seine Wange.

Es war Harry Martin, der Rattenfänger. Sein Gesicht war hochrot, er war außer Atem. In seiner Hand hielt er einen Schlapphut. Er trug einen dicken Tweedanzug mit Fischgrätenmuster und hatte einen großen Lederranzen über die Schulter geworfen, in den die Initialen HJM eingebrannt waren.

»Mr. Martin, kommen Sie doch herein.« Er war mir nicht nur willkommen, nach der vergangenen Nacht war ich sogar ausgesprochen froh, ihn zu sehen. »Der Tee ist noch heiß. Oder möchten Sie eine Limonade? Ihr Anzug sieht ja ziemlich dick aus. Ist Ihnen nicht zu warm?«

Er legte seinen Ranzen ab, zog sich einen Küchenstuhl heran und nahm Platz. »Das ist meine Rattenfängerkleidung«, verkündete er. Er zupfte mit Zeigefinger und Daumen am Ärmel. »Gesehen? Es gibt nicht viele Ratten, die sich da durchbeißen können. Das ist nicht so wie diese modernen Nylonoveralls. Hier, fühl mal.« Danny strich widerstrebend über den Stoff. »Und? Was sagst du dazu?«

»Er ist haarig«, sagte Danny.

»Richtig. Er ist haarig. Wie eine Ratte. Ein Rattenanzug, um eine Ratte zu fangen.«

Ich goss ihm eine Tasse Kaffee ein. »Zucker?«, fragte ich.

»Drei Stückchen.«

Er rührte so lange um, bis das Klimpern des Löffels mir so auf die Nerven ging, dass ich ihn fast bitten wollte, endlich damit aufzuhören.

Plötzlich legte er den Löffel fort und sah mich durchdringend an. Ein Auge hatte er zugekniffen, das andere war weit aufgerissen. »Sie hatten letzte Nacht Probleme?«

Ich nickte.

»Ich habe am Himmel das Licht gesehen. Hören konnte ich nichts, weil der Wind in die falsche Richtung wehte. Aber ich dachte mir, dass Sie Probleme haben.«

»Es waren ein paar Geräusche zu hören«, sagte ich und warf Danny einen Blick zu. »Geräusche und auch Licht ... Danny, bist du lieb und frühstückst im Wohnzimmer weiter?«

»Ich sehe gerade Play School.«

Ich schaltete den Fernseher aus. »Du hast Play School gesehen. Jetzt nicht mehr. Und jetzt geh bitte mit deinem Frühstück ins Wohnzimmer, ja?«

»Aber, aber, keinen Streit«, sagte Harry Martin. »Wir können unseren Tee auch im Garten trinken, wir müssen dem jungen Mann doch nicht das Fernsehen vermiesen.«

»Wenn er noch länger fernsieht, bekommt er irgendwann eckige Augen«, entgegnete ich. Trotzdem folgte ich Harry aus der Küche auf die Veranda. Wir setzten uns auf die Mauer, von der aus wir auf den abfallenden Garten und die Sonnenuhr blicken konnten. Die frühe Morgensonne schiert rötlich durch Harrys haarige Ohren. Die See klang sonderbar beruhigend.

»Was für Geräusche?«, fragte Harry.

»Lärmen, Gepolter und Schreie. Schreie von Kindern. Und ein sehr tiefes Geräusch, dass sich anhörte, als rede jemand sehr langsam. Sie wissen schon, wie bei einem Tonband, das zu langsam läuft. Außerdem habe ich ein kleines Mädchen in einem langen Nachthemd gesehen, jedenfalls habe ich das geglaubt. Aber ich schätze, es war wohl nur eine optische Täuschung.«

Ich zögerte. »Zumindest hoffe ich, dass es eine optische Täuschung war.«

Harry holte seine Tabakdose hervor und rollte sich eine Zigarette. »Haben Sie heute Morgen Radio gehört?«

»Nein.«

»Ich höre morgens immer Radio. Leistet mir Gesellschaft, wenn Vera noch schläft.«

»Und?«

»Es kam eine Meldung, dass ein neun Jahre altes Mädchen aus Ryde in der vergangenen Nacht verschwunden ist. Das war mit ein Grund, warum ich zu Ihnen gekommen bin.«

»Ich glaube, ich verstehe nicht ganz.«

Harry zündete die Zigarette an und zog die Nase hoch. »Im Radio haben sie gesagt, dass das Mädchen in sein Zimmer eingeschlossen wurde, weil es zu lange draußen geblieben war. Das Fenster war ebenfalls verriegelt, aber irgendwie ist es ausgebüxt. Im Bett, in dem es geschlafen hatte, war eine Vertiefung, mehr nicht. Und es hatte in der Nacht nur sein Schlafhemd an.«

»Ich kann noch immer nicht folgen.«

»Das ist früher auch schon passiert«, erklärte Harry geduldig. »Wenn im Fortyfoot House Licht zu sehen ist und Geräusche zu hören sind, dann verschwindet jedes Mal ein Kind.«

»Sie sehen da doch keine Verbindung, oder? Ich meine, es verschwinden immer wieder Kinder.«

»Aber nicht so wie diese Kinder verschwinden. Sie sind einfach weg, niemand sieht oder hört je wieder etwas von ihnen. Und eine Leiche wird auch nie gefunden.«

Er sah mich gelassen an. »Glauben Sie mir. Jedes Mal, wenn es im Fortyfoot House Licht und Geräusche gibt, höre ich Radio und lese die Zeitung. Und jedes Mal verschwinden Kinder. Ein Kind, manchmal auch zwei. Und sie verschwinden für immer ... als hätten sie nie existiert.«

»Haben Sie das der Polizei erzählt?«

»Der Polizei? Ich weiß schon gar nicht mehr, wie oft ich das der Polizei erzählt habe. Aber ich werde nur ausgelacht. Man hält mich nur für einen verrückten alten Rattenfänger. Fünfunddreißig Jahre Kriegführung gegen die Ratten haben meine grauen Zellen angegriffen, das sagen sie. Jedes Mal rufe ich sie an und sage es ihnen, und jedes Mal werde ich ausgelacht. Dumm wie Schifferscheiße, diese modernen Bullen.«

Ich drehte mich um und blickte hinauf zum Dach. »Und wer holt sich diese Kinder? Etwa Brown Johnson?«

»Brown Jenkin«, korrigierte er mich. »So heißt es. Brown Jenkin. Ja, es holt sie sich. Diese Geschichte wird seit Jahren in Bonchurch erzählt, um den Kinder Angst einzujagen. Iss deine Möhren auf, sonst kommt Brown Jenkin und holt dich. Sie haben gehört, was meine Doris gesagt hat.«

»Ja. Irgendetwas darüber, irgendwohin gebracht zu werden, wo einen nicht einmal die Zeit finden kann.«

»Genau«, sagte Harry. »In die Zukunft. Oder in die Vergangenheit. Wer weiß das schon? Es heißt, dass es Orte gibt, an denen ist alles so wie hier, nur anders. Als wäre die Queen eine Schwarze und niemand hätte jemals das Fliegen entdeckt.«

»Alternative Wirklichkeiten«, sagte ich. »Darüber habe ich einen langen Artikel im Telegraph gelesen.«

»Halte ich alles für Unsinn«, erwiderte Harry. »Aber diese Kinder verschwinden, und niemand findet jemals etwas von ihnen wieder. Keinen Schuh, keinen Fußabdruck, keinen Fingernagel.«

Liz betrat die Veranda. Sie trug khakifarbene Shorts und ein weißes T-Shirt, durch das ihre Brustwarzen schimmerten. »Noch etwas Tee?«, fragte sie und schirmte mit der Hand ihre Augen gegen die Sonne ab.

Harry schüttelte den Kopf. Liz kam herüber und setzte sich zu uns auf die Mauer. »Sie sind doch nicht gekommen, um unsere Ratte zu fangen, oder?«, fragte sie. Sie hatte ihre Haare gewaschen und roch nach Laura-Ashley-Parfum.

»Ich weiß nicht, ob ich sie heute schon fangen werde, aber ich will mal einen Blick riskieren«, erklärte Harry. »Ich habe schon immer das Verlangen gehabt, Brown Jenkin zu fangen. So wie Captain Ahab das Verlangen verspürte, diesen Moby Dick zu fangen.«

»Ich habe Ihrer Frau versprechen müssen, dass ich Sie das nicht machen lasse«, sagte ich ihm.

»Natürlich. Aber Sie wissen, wie Frauen sind. Sie wissen nicht, was Pflichtgefühl heißt.«

»Was für ein Pflichtgefühl?«, fragte Liz.

»Er ist ein Rattenfänger«, ließ ich sie wissen. »Wenn er Brown Jenkin fängt, dann ist das der krönende Abschluss seiner Karriere. Man wird sich immer an ihn erinnern. Jedenfalls in Bonchurch.«

»Darum geht's nicht«, widersprach Harry. »Ich will keinen Ruhm.«

»Oh«, sagte ich perplex.

Harry zündete die Zigarette wieder an. »Die Art Pflichtgefühl, die ich meine, ist eine Verpflichtung gegenüber der Familie, gegenüber meinem Bruder.«

Wir warteten, während sich Harry räusperte. »Mein jüngerer Bruder William verschwand, als er acht Jahre alt war. Wir haben im selben Zimmer geschlafen, William und ich. Er ist nur für ein Glas Wasser in die Küche gegangen. Das war eine von diesen Nächten, in denen im Fortyfoot House Lichter und Geräusche waren. Ich habe das Licht gesehen, wie es die Wolken beschien. Und ich konnte die Geräusche hören, wie ein unterirdisches Grollen. William war aufgestanden, weil er Durst hatte. Das letzte Mal, dass ich ihn sah, war, als er die Schlafzimmertür öffnete. Ich sehe ihn noch ganz deutlich vor mir, in seinem Schlafanzug, sein rotbraunes Haar, sein dünner Hals. Aber ich kann mich nicht mehr an sein Gesicht erinnern.«

»Und Sie haben ihn nie wieder gesehen?«, fragte ich.

»Nie. Aber die Küchentür war von innen verschlossen, ebenso die Haustür. Nur das Oberlicht in der Vorratskammer war offen, doch da hätte sich nicht einmal eine Katze durchzwängen können.«

»Wie lange ist das her?«

Es folgte eine lange Pause, dann schluckte Harry und antwortete: »Bald sind es sechsundfünfzig Jahre.«

»Und Sie glauben, dass er von Brown Jenkin geholt wurde?«

»Ich habe gehört, wie meine Mutter das dem Vikar sagte. Sie war sich dessen sicher. Sie wollte das Fortyfoot House Stein für Stein abtragen, um unseren William wiederzufinden. Aber mein Vater sagte, sie sei verrückt. Brown Jenkin sei nicht mehr als eine Ratte. Oder vielleicht nicht mal mehr als eine Geschichte über eine Ratte. Der Herr gibt, der Herr nimmt, Ratten nicht. Aber ich wusste, dass das nicht stimmte.«

»Und woher?«, fragte Liz mitfühlend. Es war nicht zu übersehen, dass das Verschwinden seines Bruders Harry Martin noch immer aufregte, auch wenn es über ein halbes Jahrhundert zurücklag.

»Am nächsten Tag entdeckte ich zwei Fußabdrücke im Blumenbeet, direkt auf der anderen Seite der Mauer zur Küche. Abdrücke wie von Rattenpfoten, nur größer, drei-oder viermal größer. Einer von ihnen befand sich mitten in den Stiefmütterchen, der andere war nur ein halber Abdruck, direkt an der Mauer, so als käme er direkt aus der Küchenwand. So, als wäre ein Tier durch die Mauer marschiert, ohne sich überhaupt an ihr zu stören.«

»Haben Sie Ihrem Vater die Abdrücke gezeigt?«

»Das wollte ich, aber er war den ganzen Tag über mit der Polizei unterwegs, um bei den Klippen nach William zu suchen. In der Nacht regnete es dann, und am nächsten Morgen waren die Abdrücke nicht mehr zu sehen. Ich hatte keinen Beweis in der Hand, und darum sagte ich mir, dass ich vergessen musste, was geschehen war. Ich musste Brown Jenkin vergessen, wenn ich nicht verrückt werden wollte, so wie es beinahe meiner Mutter ergangen wäre.«

Ich trank meinen Tee aus. »Sind Sie hergekommen, um nach ihm zu suchen?«

»Falls Sie nichts dagegen haben.«

»Natürlich nicht.« Ich wusste nicht, ob ich glauben sollte, dass Brown Jenkin in der Nacht Kinder raubt. Aber ich glaubte, dass da oben im Speicher des Fortyfoot House irgendetwas sehr Unangenehmes und Beunruhigendes war. Je eher wir es loswurden, desto besser.

»Also gut«, sagte Harry und stand auf. »Dann werde ich mich mal vorstellen.«

»Das Licht auf dem Dachboden ist leider kaputt, und ich habe keine Taschenlampe. Ich wollte gestern eine kaufen, hab's dann aber vergessen.«

»Kein Problem. Ich habe eine in meiner Tasche, zusammen mit dem übrigen Handwerkszeug.«

Er ging zurück ins Haus, nahm seine Ledertasche und öffnete die Verschlüsse. »Ich habe alles Notwendige dabei«, sagte er. »Fallen, Draht, vergiftete Köder. Sogar einen verdammt großen Hammer. Die beste Methode, um eine Ratte zu töten.«

Mit Unbehagen sagte ich: »Ihre Frau hat gesagt, ich solle Sie nicht bitten, nach Brown Jenkin zu suchen. Ich glaube, ich sollte Ihnen das auch nicht gestatten.«

Harry zog eine lange verchromte Taschenlampe hervor. »Sie haben mich nicht gebeten, mein Freund. Und was das Gestatten angeht... Sie sind nicht der Hausherr, Sie sind der Handwerker, mehr nicht. Und was ich tun will, das tue ich auch. Damit sind Sie aus dem Schneider.«

Ich warf Liz einen Blick zu, doch sie reagierte nur mit einem Achselzucken.

»Sie müssen das wirklich nicht machen«, sagte ich. »Im Lauf des Tages kommt jemand von Rentokil.«

Harry legte eine Hand fest auf meine Schulter und sah mich lange an. »Rentokil, mein Freund, ist was für Ameisen und Küchenschaben und Trockenfäule. Das hier ist Arbeit für einen Rattenfänger.« Er tippte sich an seine Stirn. »Gegen eine Kreatur wie Brown Jenkin muss man Psychologie einsetzen. Man muss ihr immer einen Schritt voraus sein.«

»Wenn Sie das sagen.«

In diesem Moment kam Danny mit seiner leeren Schüssel herein. »Was machen Sie mit der Ratte, wenn Sie sie gefangen haben?«, fragte er Harry. »Stecken Sie sie in einen Käfig und halten Sie sie dann als Haustier?«

»Diese Ratte nicht«, sagte Harry.

»Ich wollte mit meiner Wasserpistole auf sie schießen, aber Daddy hat vergessen, eine Taschenlampe zu kaufen.«

Harry bedachte mich mit einem Lächeln. Danny begab sich nach draußen, um zu spielen, während ich Harry voraus nach oben ging. Als seine ledernen alten Hände nach dem Geländer griffen, sah ich, dass an der rechten Hand die Spitzen von Zeige-und Mittelfinger fehlten. Dafür hatte eine Ratte sicherlich einen Schlag mit dem Hammer bekommen.

»Warum sind Sie hergekommen?«

»Ihr Junge«, knurrte er.

»Danny?«

»Genau. Nachdem Sie gestern bei mir gewesen sind, bin ich nach Bonchurch spaziert, um mir das Haus noch einmal anzusehen. Um meine Erinnerung aufzufrischen. Seit zwei oder drei Jahren war ich nicht mehr hier. Vielleicht sogar noch länger. Ich bin am Gartentor stehen geblieben und habe Ihren Sohn am Teich spielen sehen. Er hatte mir den Rücken zugewandt, und für eine Sekunde ...« Er machte eine Pause und schluckte heftig, während sein Adamsapfel auf und ab tanzte. »Für eine Sekunde glaubte ich, er sei mein Bruder William.«

Er musste weiter nichts erklären. Ich öffnete die Tür zum Dachboden, er schaltete seine Taschenlampe ein. »Nach Ihnen«, sagte ich. »Aber passen Sie bloß auf.«

Harry bemerkte den Luftzug, der uns aus der Dunkelheit entgegenschlug. »Ich kann keine Ratte riechen«, sagte er.

»Wie riechen denn Ratten üblicherweise?«

»Oh, das lernt man mit der Zeit. Sie riechen nach Pisse und Sägemehl und irgendetwas anderem, irgendetwas für Ratten Typischem, wie eine Mischung aus Tod und Babys.«

»Benutzen Sie nicht Ihren Hammer?«, fragte ich.

»Nicht jetzt. Jetzt will ich mich nur umsehen. Ich möchte abschätzen, worauf ich mich einstellen muss.«

»Eine verdammt große Ratte, so groß wie ein Cockerspaniel, glauben Sie mir«, warnte ich ihn.

Schwerfällig stieg er die Stufen hinauf und erkundete mit dem Strahl seiner Taschenlampe die Dunkelheit. Ich folgte dicht hinter ihm, auch wenn ich alles darum gegeben hätte, wieder nach unten und raus in den Sonnenschein gehen zu können. Was, wenn das Mädchen noch hier oben war? Wenn es real gewesen war, wenn man es entführt, missbraucht und ermordet hatte? Wie sollte ich das irgendjemandem erklären?

Was, wenn die Geschichten stimmten? Wenn Brown Jenkin eine Bestie war und Kinder verschleppen konnte? Mein einziger Schutz war ein schnaufender 67-jähriger Rattenfänger mit einer Taschenlampe.

Feigling, schimpfte ich mich tonlos aus. Aber dann dachte ich, dass es stimmte. Ich schämte mich nicht dafür, Angst zu haben.

Harry hatte die oberste Stufe erreicht und lehnte sich gegen das Geländer, um sich umzusehen, während der Strahl seiner Taschenlampe jeden Winkel erhellte. Ich entdeckte ein ungesund aussehendes Schaukelpferd, dessen gelbes Glasauge leuchtete, die Mähne war im Lauf der Zeit vom beständigen Zerren durch Kinderhände ausgedünnt worden. Ich sah kleine Tische, auf denen sich alte Bücher stapelten. Von weit weg hörte ich Danny im Garten lachen, während Liz hinter ihm herjagte.

»Letzte Nacht war hier oben die Hölle los«, sagte ich zu Harry. »Lichtblitze, Geräusche ... und das kleine Mädchen. Oder was ich für ein kleines Mädchen gehalten habe.«

Harry griff hinter sich und umfasste meine Hand. »Sie müssen sich nicht entschuldigen, mein Freund. Sie wissen, was real ist und was nicht. So wie ich weiß, was meinen Bruder verschleppt hat. Einige Dinge weiß man einfach, ganz egal, was andere sagen. Vielleicht kann ich keine Ratten riechen, aber ich kann Brown Jenkin riechen.«

»Was wollen Sie unternehmen?«, fragte ich ihn.

»Ich werde mich gründlich umsehen«, antwortete er. »Selbst die klügste Ratte hinterlässt Spuren.«

»Passen Sie bloß auf sich auf, ja?«

Ich wartete auf der Treppe, während Harry über den Dachboden schlurfte, Laken anhob und Möbelstücke zur Seite schob. »Kein Rattendreck«, sagte er nach einer Weile. »Normalerweise findet man ihre Hinterlassenschaften.«

»Vielleicht ist es ja gar keine Ratte«, gab ich zu bedenken.

»Alle Schädlinge hinterlassen ihren Dreck«, erwiderte Harry. »So wie die Menschen immer Müll hinterlassen.«

Mit einem Mal dachte ich an die Verpackung des Schokoriegels, die ich gestern während der Fahrt aus dem Fenster geworfen hatte, und fühlte mich schuldig.

Harry stöberte weiter umher. Sehen konnte ich ihn nicht, er befand sich in der entferntesten Ecke des Dachbodens, über meinem Schlafzimmer. Hin und wieder sah ich den Lichtkegel seiner Taschenlampe, mehr aber auch nicht.

»Augenblick mal«, sagte Harry. »Hier ist ein Dachfenster, aber ich sehe keinen Himmel.«

Ich ging bis zur obersten Stufe, um ihn sehen zu können. Er stand an der Stelle, unter der mein Schlafzimmer lag, und hatte seine Lampe auf ein kleines zweigeteiltes Dachfenster in der abfallenden Decke gerichtet.

»Keine Ahnung, was das ist«, sagte ich. »Wenn man das Haus von außen betrachtet, dann sieht es so aus, als wäre ein Teil des Dachbodens abgetrennt worden.«

Harry dachte über meine Worte nach. »Das heißt, dahinter befindet sich etwas?«

»Offensichtlich ja. Zwischen dem alten und dem neuen Dach.«

»Groß genug, dass sich etwas darin verstecken könnte?«

»Ja, aber keine Ratte. Wie sollte ein Ratte ein Dachfenster öffnen und schließen?«

Harry richtete die Taschenlampe auf sein Gesicht. Es sah gespenstisch aus, wie eine Totenmaske, die mitten in der Dunkelheit schwebte. »Das ist die Frage. Und ich habe noch eine Frage: Wie konnte sich eine Ratte mit meinem Bruder aus dem Staub machen?«

Ich schüttelte den Kopf. Ich wollte, dass er Brown Jenkin so

schnell wie möglich fand. Obwohl ein ständiger Luftzug herrschte, hatte der Speicher etwas unglaublich Erdrückendes an sich. Es war eher so, als würde man sich drei Etagen unter der Erde befinden, nicht über ihr.

Harry stocherte umher und bewegte weitere Möbelstücke. »Sieht so aus, als müssten wir noch mal von vorne anfangen«, sagte er zu mir. »Keine Ratte zu sehen, auch kein Eichhörnchen. Nichts.«

»Ich weiß, dass ich etwas gesehen habe«, beteuerte ich. »Es war struppig und dunkel und ist an mir vorübergehuscht.«

Es folgte eine lange Pause, dann sagte Harry: »Ich glaube Ihnen. Ich kenne einige Leute, die Ihnen nicht glauben würden.«

Über eine Minute lang stand er einfach da und starrte in die Dunkelheit, dann richtete er seine Taschenlampe wieder auf das Dachfenster. »Ich schätze, ich muss da mal einen Blick hineinwerfen. Vielleicht bringt uns das weiter.«

»Ich bezweifle, dass es aufgeht«, sagte ich. Trotzdem zog er eine der Holzkisten zu sich, auf die er klettern konnte, um den altmodischen Riegel am Dachfenster zu erreichen. Zweioder dreimal musste er mit dem Handballen gegen das Dachfenster schlagen, dann sprang es tatsächlich auf. Er öffnete es, so weit es ging, und befestigte es dann an einer rostigen Stange.

»Hier riecht es anders«, meinte er, während er seinen Kopf durch das Dachfenster steckte und mit der Taschenlampe den Raum dahinter beleuchtete. Auch wenn Harry mir die meiste Sicht nahm, konnte ich genug erkennen, um den Eindruck zu gewinnen, dass jemand ohne große Erfahrung im Mauern in aller Eile das Dach zugemauert hatte.

»Die alten Dachziegel sind noch hier«, rief Harry mir zu. »Mir fällt ums Verrecken keine Erklärung ein, warum jemand dieses Stück abgetrennt hat. Scheint einfach keinen Sinn zu ergeben.«

»Ein Schlafzimmerfenster ist ebenfalls zugemauert worden.«

»Ach, verdammt«, sagte Harry. »Ich schätze, wir müssen noch mal ganz von vorne anfangen.«

Er wollte gerade von der Kiste heruntersteigen, als er plötzlich seine Taschenlampe fallen ließ. Sie schlug auf dem Boden auf, ging aber nicht aus. Stattdessen traf ihr Strahl auf die verstaubte Oberfläche eines Spiegels, der das Licht reflektierte und eine Ecke des Dachbodens unheimlich erhellte.

Ich wollte gerade zu ihm gehen und die Taschenlampe aufheben, als er ein ungewöhnliches Geräusch machte, als zerreiße man ein Stück Stoff. Ich sah nach oben und entdeckte zu meinem Entsetzen, dass sich seine Haare verfangen hatten und er erfolglos versuchte, sich zu befreien. Er drehte sich und trat mit einem Bein um sich, woraufhin die Kiste, auf der er stand, ins Wanken geriet und geräuschvoll umkippte.

»Harry!«, schrie ich und versuchte, seine Beine zu fassen und ihn zu stützen.

Mit aufgerissenem Mund starrte er mich an, aber es schien, als könne er nichts sagen.

»Harry? Was ist los?«, fragte ich ihn. Ich bekam sein linkes Bein zu fassen, während er wie verrückt mit dem rechten zappelte. »Versuchen Sie, sich nicht zu bewegen!«

Harrys Kopf wurde hin-und hergerissen, seine Stirn schlug mit großer Wucht gegen den Rahmen. Ich sah Platzwunden und Blut. Dann hörte ich wieder das Geräusch von reißendem Stoff, und im gleichen Moment spannte sich Harrys Gesicht an, seine Augen wurden zu schmalen Schlitzen, seine Nasenlöcher weiteten sich, seine Oberlippe klappte auf groteske Weise nach oben.

»Harry!«, schrie ich außer mir.

Seine Gesichtshaut wurde immer weiter nach oben gezogen, bis er mich schließlich mit einem verzerrten Ausdruck und einem monströsen hämischen Grinsen anstarrte.

Wieder war das durchdringende Krachen und Reißen zu hören, und plötzlich verstand ich, woher es kam. Harrys Haut

wurde nach und nach von seinem Schädel gerissen. Das Krachen stammte vom Fettgewebe und von Knorpeln, die von den Knochen gezerrt wurden. Und das Reißen stammte von den Haarwurzeln.

Ich bekam sein anderes Bein zu fassen und konnte ihn stabilisieren. Langsam zog ich ihn nach unten, um ihn von dem zu befreien, was ihn im Griff hatte. Er schrie aber so gellend, dass ich nicht anders konnte, als ihn loszulassen. Die Haut wurde ihm vom Kopf gerissen, so wie von einem rohen Hühnchen, und ich konnte nichts dagegen machen.

»Liz!«, schrie ich. »Liz!«, Aber sie war draußen im Garten und konnte mich unmöglich hören. In Panik stellte ich die Kiste wieder auf, auf der Harry gestanden hatte, und nahm sein ganzes Gewicht in meine Arme. Er zappelte so heftig, dass ich nicht sehen konnte, was hinter dem Dachfenster vor sich ging. Ich konnte nicht erkennen, was ihn festhielt und wie seine Haut von seinem Schädel gerissen wurde. Dann aber machte er eine heftige Bewegung nach vorne. Klebriges und heißes Blut regnete auf mich herab, doch in dem roten Dickicht seiner Haare sah ich drei geschwungene schwarze Krallen, die wie Klingen glänzten. Sie hatten sich durch seine Kopfhaut gebohrt und dann seinen Skalp immer und immer wieder gedreht, sodass seine Haut von seinem Gesicht gezogen wurde.

»Harry, halten Sie durch«, flehte ich ihn an.

Er starrte mich mit blutunterlaufenen Augen an. Seine Haut war am Kinn aufgerissen, und plötzlich rutschte seine Zunge hinter der losgelösten Haut nach unten und glitt durch die blutige Öffnung unter seine Unterlippe. Es sah so aus, als hätte er auf einmal zwei Münder. Dann schob sich sein ganzes Gesicht mit einem zähen Geräusch nach oben, so wie ein blutiger Handschuh, der abgestreift wird. Ich blickte auf einen haut-und fleischlosen Schädel, Augen ohne Lider, Zähne, die aus dem blutig rohen Kiefer herausragten, um ein letztes Lächeln zu zeigen. Der lebende Tod mit dem gespenstischen Lächeln unerträglicher Qualen, einem wissenden Lächeln, dass der Kampf bald vorüber sein würde.

Ich schwankte, verlor auf der Kiste meinen Halt und musste nach unten springen. Harry hing noch immer an dem Dachfenster, er ruderte mit Armen und Beinen, doch auf eine nachlässige, ergebene Weise. Wie ein Schwimmer, der zu müde ist, um sich über Wasser zu halten. Ich hatte das Gefühl, dass er einfach nur versuchte, das Blut aus seinem verwüsteten Kopf zu pumpen, um endlich zu verbluten, ohne zu viel Schmerzen zu erleiden.

»Liz«, flüsterte ich.

Dann wirbelte Harry herum und sackte zu Boden. Zitternd lag er in seinem Rattenfängeranzug auf der Seite, während ich einen Blick nach oben zum Dachfenster warf. Das Glas war blutüberströmt, und überall an der Decke waren dunkle Blutspritzer zu sehen.

»Harry«, sagte ich und berührte seine blutgetränkte Schulter. »Harry, ich rufe einen Krankenwagen. Bleiben Sie ganz ruhig liegen, Harry. Bewegen Sie sich nicht.«

Er starrte mich mit seinen blutigen Augen an.

»Ich... ich...« Er atmete schwer, während sich seine fleischlosen Lippen schwach bewegten.

»Schon gut, Harry«, versicherte ich ihm. »Alles ist in Ordnung. Aber bleiben Sie bitte ruhig liegen. Ich bin in ein paar Minuten zurück.«

»Ich...«, wiederholte er. Seine Augen waren wie erstarrt, weil er keine Lider mehr hatte, die er über sie hätte gleiten lassen können.

Ich eilte die Speicherstufen nach unten und stürmte in die Küche.

Liz stand in der offenen Tür. »David? Was ist los?«, fragte sie.

»Harry ... der Rattenfänger. Er hatte einen Unfall.« Ich riss den Hörer hoch und tippte den Notruf ein.

»Was kann ich für Sie tun?«, ertönte die Stimme am anderen Ende der Leitung.

»Einen Krankenwagen, schnell! Fortyfoot House in Bonchurch.«

Liz bewegte sich auf die Treppe zu. »Was ist passiert?«, fragte sie. »Soll ich ...« »Nein!«, schrie ich sie an.

Sie blieb stehen, ihre Augen weiteten sich, und dann verstand sie, was geschehen war.

»Sir, geben Sie mir bitte Ihre Nummer?«, forderte die Stimme mich auf. »Sir?«

7. Sweet Emmeline

 Detective Sergeant Miller kam hinaus in den Garten und wischte sich den Staub von seinem zerknitterten grauen Anzug. Er erinnerte eher an einen Museumsdirektor als an einen Polizeibeamten - rosafarbene Haut, schütteres strohblondes Haar, wasserblaue Augen hinter kreisrunden Brillengläsern. Er trug eine Krawatte des Isle of Wight Yacht Club und hatte sich eine rosafarbene Rose ans Revers gesteckt.

Ich weiß nie so recht, was ich von Männern halten soll, die Blumen am Revers tragen - nicht etwa, weil ich sie für schwul halte, sondern weil ich bei ihnen immer den Eindruck habe, dass sie sich die adretten Jungs der fünfziger Jahre zum Vorbild nehmen: schicke Blazer und Seidenkrawatten mit Hufeisenmuster. Die adretten Jungs der fünfziger Jahre (wie mein Vater und mein Onkel Derek) hatten üblicherweise eine von Armut geprägte, unglückliche Kindheit hinter sich und glaubten, dass Blazer und Seidenkrawatten (und Rosen am Revers) sie automatisch zu Männern von Stil machten.

»Sie müssen sich keine Vorwürfe machen, Mr. ... ähm ...?«, sagte er mir, während er sich im Garten umsah. »Es war ein Unfall, weiter nichts.«

»Ich sage Ihnen doch, ich habe Klauen gesehen.«

Mit der Fingerspitze drückte er seine Nase, um ein Niesen zu unterdrücken, aber dann musste er doch niesen. »Tut mir

Leid, Heuschnupfen«, sagte er, während er ein Taschentuch hervorholte.

»Ich weiß nicht, wie das ein Unfall gewesen sein soll«, sagte ich.

Nachdem er seine Nase geschnäuzt hatte, sah er mich so kurz an, als wolle er mir eigentlich nicht in die Augen blicken. »Auf diesem Dachboden gibt es eine ganze Menge hässlicher Haken. Er ist an einem von ihnen hängen geblieben, es war ein Unglück, nichts weiter. Er hat seinen Halt verloren, ist umhergewirbelt und hat sich dabei die Haut vom Kopf gerissen. Das ist alles. So was sehe ich nicht zum ersten Mal. Letztes Jahr ist ein Kerl mit seiner Hand in eine Drehbank geraten, drüben am Blackgang-Sägewerk. Das Ding hat ihm die Haut - ratsch - bis zum Ellbogen abgerissen.«

Ich legte meine Hand vor den Mund. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte.

Ich war sicher, dass ich gesehen hatte, wie sich geschwungene schwarze Klauen in Harrys Kopf gebohrt hatten. Ich war sicher, dass irgendetwas da oben auf dem Speicher war, das ihm die Haut vom Kopf gerissen hatte. Wie sollte das ein Unfall gewesen sein? Wie sollte er sich so verfangen, dass ihm das ganze Gesicht einfach weggerissen wurde?

Ich wusste, dass Brown Jenkin das gemacht hatte, auch wenn ich keine Ahnung hatte, wie er das hatte bewerkstelligen können. Ich hatte versucht, Detective Sergeant Miller zu erklären, dass sich auf dem Speicher möglicherweise eine Art >Hyper-Ratte< befand. Doch Miller hatte mich mit seinen blassblauen Augen angesehen, durch seine kleinen Brillengläser, und er hatte so entschlossen gewirkt, nicht an Brown Jenkin, sondern an einen Unfall zu glauben, dass ich beschlossen hatte, besser den Mund zu halten und lieber dafür zu sorgen, dass Danny und Liz vor den bedrohlichen Dingen geschützt wurden, die sich im Fortyfoot House befinden mochten. Und ich hatte beschlossen, dankbar dafür zu sein, dass die Polizei nicht auf die Idee gekommen war, mich wegen eines tätlichen Angriffs auf Harry Martin festzunehmen.

Die Polizei macht so etwas, wenn man am wenigsten damit rechnet. Manchmal muss man tatsächlich überlegen, ob man sie überhaupt informieren soll.

»Sie bleiben doch in der Gegend, oder?«, fragte mich Detective Sergeant Miller.

»Ja, ja, noch zwei bis drei Monate. Ich soll das komplette Haus renovieren, neue Leitungen verlegen, verputzen, tapezieren. Von allem etwas.«

»Dann kommen die Tarrants also zurück?«

Ich schüttelte den Kopf. »Sie wollen es verkaufen. Sie haben sich nach Mallorca zurückgezogen.«

»Manche Leute haben halt Glück«, meinte Miller. »Sie waren offensichtlich noch nie auf Mallorca.«

Er sah mich lange Zeit an, ohne zu blinzeln. Ich war mir nicht sicher, ob er mir Angst einjagen oder ob er mir auf telepathischem Wege zu verstehen geben wollte, dass er schon mal auf Mallorca gewesen war. Immerhin musste ein Mann mit einer Rose am Revers überall gewesen sein. Oder besser gesagt: Er sollte überall gewesen sein.

»Das wäre es dann für den Augenblick«, sagte er. »Ich gehe davon aus, dass wir uns noch mal bei Ihnen melden. Aber es sieht alles nach Routine aus.«

»Haben Sie den Dachboden abgesucht?«, fragte ich ihn.

Er starrte mich noch immer durchdringend an, während er antwortete: »Ja, wir haben alles abgesucht.«

»Keine Ratten? Auch keine Anzeichen für Ratten?«

»Nein, Mister... ? Keine Anzeichen für Ratten. Nur Haken. Drei verdammt große eiserne Haken. Vermutlich hat man die früher benutzt, um Dinge auf den Dachboden zu hieven. Bevor dieser Teil abgetrennt wurde.«

»Ich werde sie fortschaffen«, versprach ich ihm.

»Haben wir schon erledigt«, sagte er. »Jones ... sorgen Sie dafür, dass die Dinger vom Dachboden geholt werden?«

»Sofort«, sagte der Detective Constable und eilte zurück ins Haus.

Detective Sergeant Miller sagte nichts, bis Jones verschwunden den war. Er sah hinüber zu der verfallenen Kapelle, zu den Grabsteinen, zur See, zur Zeder. Schließlich sagte er: »Wissen Sie, ich habe schon einige Geschichten über dieses Haus gehört. Ich bin aber noch nie zuvor drinnen gewesen.«

»Was für Geschichten?«

Er zuckte mit den Schultern und grinste fast ein wenig albern. »Oh, nichts ... mein Cousin sagte immer, es sei verflucht.«

»O ja, das habe ich auch gehört.«

Er nahm seine Brille ab und steckte sie in seine Brusttasche. »Ich wollte Ihnen nur sagen, Mister, dass wir nicht ganz dumm sind.«

»Wie bitte?«

»Wir sind nicht ganz dumm«, wiederholte er. »Wir kennen alle Geschichten über das Fortyfoot House, vor allem über die Geräusche, die Lichtblitze und die verschwundenen Kinder. Aber man kann ein Geräusch ebenso wenig verhaften wie einen Lichtblitz. Und wenn ein Kind verschwindet und es nicht einmal einen einzigen Fußabdruck gibt ... was soll man dann machen? Für die Ermittlungen in einem Mordfäll werden uns 20.000 Pfund genehmigt. Wenn das Geld aufgebraucht ist, werden die Untersuchungen abgebrochen. Und wenn wir Geister suchen wollen, bekommen wir keinen Penny.«

Ich war sprachlos. Eben erst hatte er beteuert, dass Harry einen Unfall erlitten habe, und jetzt spekulierte er darüber, dass Harry etwas Übernatürlichem zum Opfer gefallen sein könnte. So hatte ich einen Polizisten noch nie reden gehört.

»Sie haben die vermissten Kinder mit dem Fortyfoot House in Verbindung gebracht?«, fragte ich. »Tatsächlich"?«

»Ja, tatsächlich. Harry Martin hat genug Beschwerden eingereicht. Zwei unserer Leute haben auf ihren dienstfreien Abend verzichtet, um das Haus zu beobachten.«

»Und?«

»Nichts war. Die Polizei hat das Fortyfoot House in den letzten drei Jahren zweimal von oben bis unten durchsucht.

Wenn Sie sich die Unterlagen seit dem Krieg ansehen, dann kommen noch sechs oder sieben weitere Durchsuchungen hinzu. Wir sind auch auf dem Dachboden gewesen, ohne Ergebnis. Jedenfalls ohne greifbares Ergebnis. Es gibt da oben nichts, dem man einen Zettel mit der Aufschrift >Beweisstück A< aufkleben kann. Aber das heißt nicht, dass wir es aufgegeben haben. Das heißt nicht, dass wir dumm sind. Das heißt nur, dass wir Beweise haben müssen, bevor wir etwas unternehmen können.«

Ich schüttelte langsam den Kopf. »Wollen Sie mir wirklich sagen, dass Sie an das Übersinnliche glauben?«

Er blinzelte mich auf eine fast herausfordernde Weise an: »Warum nicht?«

»Sie sind Polizist.«

»Viele Polizisten sind Freimaurer, Mister. Sie glauben an den großen Schöpfer. Viele Polizisten sind Fundamentalisten. Sie glauben an Feuer und Schwefel und an die Wiederkunft Christi. Ich bin kein Freimaurer und kein Fundamentalist, aber ich glaube daran, dass man für alles offen sein muss.«

Ich sagte nichts, sondern stand nur da im warmen Wind und wartete, dass er weitersprach.

»Würde ich das Übersinnliche völlig ausschließen«, sagte Miller in einem überzeugten Tonfall, »dann würde ich nicht meinen Pflichten genügen. Natürlich nicht in Bezug darauf, was die Handbücher besagen, wenn Sie wissen, was ich meine. Aber ein guter Officer macht mehr, als nur den Handbüchern zu folgen. Ein guter Detective kombiniert Fakten, Logik und Schlussfolgerungen mit Fantasie und Inspiration.«

»Ich muss sagen, ich bin beeindruckt.«

Detective Sergeant Miller schnäuzte wieder seine Nase. »Seien Sie das besser nicht. Der größte Teil der Polizei besteht nach wie vor aus Schurken und Idioten und Nestbeschmutzern. Aber hin und wieder findet man auch mal einen Profi. Es gibt immer mal ein oder zwei, bei denen befindet sich oberhalb der Schultern tatsächlich ein Gehirn. Allerdings trifft das nicht auf die Übergeordneten zu.«

»Das heißt, Sie können nicht zu Ihren Vorgesetzten gehen und den Gedanken ins Spiel bringen, dass Harry Martin von etwas angegriffen wurde, das nicht von dieser Welt ist.«

Er lachte verbittert. »Mein Chief Inspector glaubt nicht mal seinem Spiegelbild.«

»Aber was würden Sie ihm sagen, wenn Sie so könnten, wie Sie wollten?« Mich interessierte, was Miller wirklich über den grauenhaften Zwischenfall auf dem Dachboden dachte. Hatte sich Harry wirklich in einem Haken verfangen und sich durch sein eigenes Körpergewicht die Haut vom Kopf geschält? Oder gab es etwas Bösartiges auf dem Dachboden? Etwas, das entsetzlich heftig reagierte, wenn es gestört wurde?

»Ich würde ihm einfach sagen, dass Mr. Martin keinen Unfall im üblichen Sinne erlitten hatte und dass es auch kein Angriff im üblichen Sinne war. Mehr nicht.«

»Sie würden keine Theorien entwickeln?«

»Nicht in diesem Stadium.« Er hielt sich zurück. »Es wäre nicht hilfreich.«

»Und was ist mit Ihrem Kollegen? Detective Constable Jones? Werden Sie ihm erzählen, was Sie glauben?«

Miller schüttelte den Kopf. »Jones versteht nur das, was er essen, trinken oder schlagen kann.«

»Das heißt also, Sie wissen, was nicht geschehen ist, aber Sie haben auch keine Ahnung, was passiert ist?«

Er sah mich mit seinen blassen ausdruckslosen Augen an. »Ein guter Ratschlag, Mister. Ich bin hier in der Gegend aufgewachsen. In Whitwell, um genau zu sein. An Ihrer Stelle wäre ich vorsichtig, was das Haus angeht. Als mein Cousin sagte, es sei verflucht ... na ja, das waren nicht nur Geschichten.«

»Glauben Sie, dass es Brown Jenkin wirklich gibt?«

»Ich weiß nicht, was es mit Brown Jenkin auf sich hat. Aber über die Jahre hinweg hat es so viele unerklärliche Zwischenfälle rund um Fortyfoot House gegeben, dass irgendetwas nicht stimmen kann. Kein Rauch ohne Feuer, wenn Sie wissen, was ich meine.«

»Nun ... Danke für die Warnung.«

In dem Moment kam Detective Constable Jones über den Rasen spaziert. Miller sagte: »Es war ein Unfall, mehr nicht. Ein verdammt hässlicher Unfall, das kann man wohl so sagen. Und ein sehr ungewöhnlicher dazu. Aber es war ein Unfall, weiter nichts.«

Er holte eine Visitenkarte aus der Jacke und reichte sie mir. »Sie können mich anrufen, wenn Sie wollen. Diese Woche bin ich tagsüber zu erreichen, nächste Woche habe ich Nachtdienst.«

Detective Constable Jones schnaufte. »Ich habe gerade eine Nachricht vom Krankenhaus erhalten, Sarge. Mr. Martin war bereits tot, als er eingeliefert wurde.«

Miller setzte seine Brille wieder auf. »Ich verstehe. Sehr bedauerlich. Wieder ein Original weniger.«

»Soll ich mit Mrs. Martin sprechen?«, fragte ich. Ich fühlte mich entsetzlich schuldig, weil ich Harry auf den Dachboden gelassen hatte.

»Nein, das erledigen wir schon«, sagte Miller. »Wir schicken jemanden hin, der in solchen Dingen gut ist. Tee und Mitgefühl.«

»Gut, ich ...«

»Es wird eine Untersuchung geben«, unterbrach mich Miller. »Wahrscheinlich werden Sie eine Zeugenaussage machen müssen. Ich werde Sie das frühzeitig wissen lassen.«

»Ja«, sagte ich nur und sah zu, wie sie fortgingen. Liz kam aus dem Haus, nachdem die beiden gegangen waren. Sie brachte zwei Dosen Bier aus dem Kühlschrank mit, hatte einen weißen Schal um den Kopf gebunden und trug ein tief ausgeschnittenes schwarzes T-Shirt, dazu eine schwarze Radlerhose. Seite an Seite saßen wir auf der niedrigen Gartenmauer und öffneten unsere Bierdosen, dann tranken wir.

»Harry ist tot«, sagte ich nach einer Weile.

»Ja, der Detective hat es mir gesagt. Ich kann es nicht glauben.«

»Detective Sergeant Miller glaubt, es war ein Unfall.«

Liz legte die Stirn in Falten. »Wirklich? Er hat immer wieder gesagt, dass es ein Unfall war.«

»Ich glaube, er möchte die ganze Angelegenheit so unbedeutend wie möglich erscheinen lassen, darum sagt er es. Wenn er versucht, irgendeinem von seinen Kollegen zu erzählen, dass sich irgendetwas Sonderbares auf dem Speicher befindet, wird man ihn für verrückt halten.«

»Und was wird er machen? Und was werden wir machen? Wir können doch nicht mit irgendeinem Monster unter einem Dach leben, oder etwa doch?«

Ich blickte hinauf zum Dach des Fortyfoot House. Obwohl die Sonne an einem strahlend blauen Himmel hing, wirkte es so, als verdunkle eine vorüberziehende Wolke das Dach. Das Gebäude sah gehässig aus, so, als beherberge es alles Böse, das es an sich reißen konnte. Ich war sicher, dass ich, falls ich zu einem der oberen Fenster hinaufschaute, dort ein bleiches ovales Gesicht erblicken würde. Doch ich war genauso sicher, dass es nach nichts weiter als einer Spiegelung oder nach einem Muster auf der Tapete im Zimmer dahinter aussehen würde, sobald ich mich dem Haus näherte.

Was mich am stärksten irritierte, waren die Winkel des Dachs. Das Dach schien ein finsteres Zelt zu bilden, für das eigene geometrische Gesetzmäßigkeiten Gültigkeit hatten. Das westliche Ende, das am weitesten von uns entfernt war, wirkte viel höher als das östliche Ende, das uns am nächsten war. Schien die Sonne auf die nach Süden gelegene Seite, veränderten sich die Proportionen völlig. Die südöstliche Regenrinne erweckte den Anschein, als sei sie nach innen gerichtet, nicht nach außen. Insgesamt wirkte es so, als bestehe das gesamte Dach aus einem System von Gelenken und Scharnieren, damit es nach Belieben seine Form verändern konnte.

Der Anblick ließ mich schwanken - ein Gefühl wie nach zu vielen Runden auf einem Karussell.

»Geht es dir gut?«, fragte Liz. »Du siehst ganz blass aus.« »Mir geht's gut. Ich glaube, das ist der Schock.«

»Vielleicht solltest du dich ein wenig hinlegen.«

»Mir geht's gut, verdammt noch mal. Hör auf, so ein Theater zu machen.«

»Du trägst keine Schuld, er war fest entschlossen, da raufzugehen.«

»Ich weiß, aber das ändert nichts.«

Sie legte ihre Hand auf meinen Arm. »Ich mag dich, weißt du?«, sagte sie mit einer fast unmöglichen Direktheit. »Mach dir darüber keine Gedanken. Und wenn du möchtest, dass ich mit dir schlafe, dann werde ich das machen.«

Ich beugte mich zu ihr hinüber und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. »Ich glaube, das ist das Problem.«

»Ah, ich verstehe. Du möchtest eine Frau gerne erobern, richtig?«

»Das meinte ich nicht«, erwiderte ich, obwohl es eigentlich genau das war, was ich gemeint hatte. Ich mochte sie, ich war verrückt nach ihr. Aber im Augenblick genügte das nicht. Ich musste mehr mir selbst beweisen, dass ich in der Lage war, mein Leben in den Griff zu bekommen.

Danny rannte mit ausgestreckten Armen über den Rasen auf den kleinen Bach zu und verursachte einen Lärm wie eine Spitfire.

»Pass auf«, rief ich ihm zu. »Fall nicht rein.«

Vielleicht hatte er mich gehört, vielleicht auch nicht. Er sprang in einem Satz über den Bach, die Arme immer noch ausgestreckt, und schaffte es, das Gleichgewicht zu verlieren, um mit einem Fuß direkt ins Wasser zu treten. Er rannte ungerührt weiter, obwohl ich sogar hören konnte, dass seine Sandalen völlig durchnässt waren.

»Er ist schon ein Kerl, nicht wahr?«, lächelte Liz.

»Ich hoffe nur, dass ihm seine Mutter nicht zu sehr fehlt.«

Wir sahen zu, wie Danny über die Mauer auf den Friedhof kletterte und zwischen den Gräbern umherlief, während er das Geräusch eines Flugzeuges machte.

»Ich habe morgen meinen ersten Arbeitstag«, sagte Liz.

»Ich schätze, du musst morgen auch mit deinem Renovieren weitermachen.«

Ich sah wieder hinüber zum Fortyfoot House. Der Gedanke, das Haus zu renovieren und zu streichen, während sich dieses Ding noch immer auf dem Dachboden aufhielt, erfüllte mich mit großer Unruhe. Zum ersten Mal war ich versucht, einfach alles zusammenzupacken, zu den Maklern zu gehen und ihnen zu sagen, dass sie es vergessen sollten. Das einzige Problem bestand darin, dass sie mir das Gehalt für den ersten Monat im Voraus gezahlt hatten. Ich hatte es ausgegeben ich wusste nicht, wie ich es zurückzahlen sollte, außer durch die Arbeit, die ich zu erledigen hatte. Ich hatte auch einen Teil des Geldes ausgegeben, das sie mir für Farben und Materialien überlassen hatten. Und wenn sie das erführen, würden sie sicher sehr ungehalten sein.

Auswandern schien die einzige Alternative, die mir noch blieb.

Liz zog an meinem Ärmel. »Sieh mal. Wer ist das?«

Ich sah hinüber zur Kapelle auf dem Friedhof. Ich konnte Danny entdecken, wie er zwischen den Grabsteinen umherlief. Aber da war noch ein Kind auf dem Friedhof ... ein Mädchen, vielleicht neun oder zehn Jahre alt, in einem langen weißen Kleid, das im strahlenden Sonnenschein leuchtete, als sei es von einem leichten Nebel umgeben. Das Mädchen stand vor der Tür zur Kapelle, als sei es gerade dort herausgekommen, obwohl sie fest verschlossen war. In den Händen hielt es etwas, das nach einer Girlande aus Gänseblümchen aussah.

»Wohl ein Kind aus der Gegend«, sagte ich.

Etwas am Erscheinungsbild dieses Mädchens störte mich. Es war nicht nur das weiße Kleid - die Kinder in der Gegend trugen fluoreszierende Bermudashorts und Ninja-Turtle-TShirts -, das Kind wirkte auch kränklich. Die Augen sahen aus wie tiefschwarze Flecken, und das Gesicht war so fahl, dass es fast schon grünlich wirkte.

Danny >flog< noch immer mit ausgebreiteten Armen über den Friedhof, begann sich dann aber dem Mädchen zu nähern, senkte die Arme und blieb stehen. Ich konnte sehen, dass sie sich unterhielten.

»Sehr gesund sieht sie nicht gerade aus, wie?«, bemerkte Liz.

Ich stellte meine Bierdose auf die Mauer und stand auf. Danny und das kleine Mädchen waren zu weit entfernt, als dass ich ihre Gesichter deutlich hätte sehen oder hätte hören können, was sie sprachen. Aber mit einem Mal ergriff eine unerklärliche Panik von mir Besitz. »Danny!«, rief ich, während ich über den Rasen zur Kapelle ging.

Danny drehte sich um und sah mich an, dann unterhielt er sich weiter mit dem Mädchen. »Danny!«, brüllte ich, während ich meine Schritte immer mehr beschleunigte.

»Danny, komm her!«

Ich lief an der Sonnenuhr vorbei. Hinter mir hörte ich Liz etwas rufen, aber das Geräusch des Windes und mein eigenes Atmen waren so laut, dass ich zunächst nicht verstand, was sie rief.

Erst als ich den Bach erreicht hatte und wieder zur Kapelle sah, verstand ich, was sie mir hatte sagen wollen. Zwischen den Türen der Kapelle waren die weiße Manschette und der schwarze Ärmel eines Mannes aufgetaucht, dessen Hand auf der Schulter des kleinen Mädchens ruhte. Das Mädchen drehte sich um, hob den Kopf und machte den Eindruck, als sage es etwas. Verstehen konnte ich davon nichts. Danny zog sich zwei, drei Schritte zurück, dann wurde er schneller, bis er in seiner Eile fast über einen Grabstein stolperte.

Ich trat in den eiskalten Bach, kletterte über die moosbedeckte Mauer und sprang in das hohe Gras des Friedhofs.

»Danny!«, rief ich. Er stand ein Stück von mir entfernt, eine Hand hatte er fest auf einen Grabstein gepresst. Er drehte sich um und sah mich ernst an. »Ich bin hier drüben, Daddy.« Die Kapellentüren waren so fest verkantet wie zuvor, doch das kleine Mädchen war verschwunden.

Ich ging zu Danny und legte ihm eine Hand auf die

Schulter. Auf dem Friedhof war es ungewöhnlich ruhig und windstill. Grillen zirpten, blaue Schmetterlinge tanzten um die Kreuze.

»Mit wem hast du geredet?«, fragte ich Danny.

»Mit Sweet Emmeline.«

»Sweet Emmeline? Das ist ein komischer Name.« Ich blickte zurück. Liz kam auch herübergelaufen. »Und wer war der Mann? «

»Der, den wir schon mal gesehen haben. Er hat gesagt: »Komm, Sweet Emmeline, wir müssen jetzt gehen.< Mehr nicht. Er hatte einen Hut auf.«

Oh Gott, nicht der junge Mr. Billings!

»Du meinst den schwarzen Hut? Den hohen schwarzen Hut?«

»Genau«, sagte Danny und hielt seine Hände hoch über den Kopf. »Den großen schwarzen Hut, der wie ein Schornstein aussieht. Sweet Emmeline hat mich gefragt, ob ich mit ihnen spielen will.«

»Mit ihnen? Hat sie gesagt, wer die anderen sind?«

Meine Fragen schienen Danny zu langweilen. Trotzdem schielte er ständig hinüber zur Kapelle, als fürchte er sich vor dem, was plötzlich dort zum Vorschein kommen mochte. Bauz! Da geht die Türe auf, Und herein in schnellem Lauf, Springt der Schneider in die Stub´, Zu dem. Daumen-Lutscher-Bub. Er schien so verwirrt und verunsichert wie ich darüber, dass Sweet Emmeline problemlos durch diese Türen hatte kommen können. Immerhin war das uns beiden nur gelungen, nachdem ich sie mit meiner Schulter und sehr viel Kraft einen Spaltbreit hatte öffnen können.

»Lebt sie im Dorf?«, fragte ich Danny.

»Sie hat nicht gesagt, wo sie lebt.«

»Und sie hat dir nicht gesagt, wer ihre Freunde sind?«

Er schüttelte den Kopf.

»Und sie hat nicht gesagt, wer der Mann ist, der sie mitgenommen hat?«

Wieder ein Kopfschütteln. Aber dann sah er mich an, und ich konnte in seinen Augen Verständnislosigkeit und Beunruhigung erkennen.

»Sie hatte Würmer in ihren Haaren. Als sie sich umgedreht hat, waren rote Würmer in ihren Haaren.«

Oh Jesus, dachte ich. Was ist hier los?

Liz betrat den Friedhof durch das Tor. Ich nahm Danny auf den Arm und drückte ihn an mich. »Wahrscheinlich war Sweet Emmeline ein Zigeunermädchen, weißt du? Die waschen sich nicht sehr gründlich.«

Danny klammerte sich an mich, sagte aber nichts. Liz kam zu uns und sah sich um. »Wo sind sie hin?«

Ich schüttelte den Kopf und versuchte ihr zu bedeuten, dass sie nicht weiterreden sollte. Doch sie verstand mich nicht. Sie ging zur Kapelle und versuchte, die Tür zu öffnen. »Hier durch kann sie wohl kaum verschwunden sein.«

»Danny und ich haben uns auch schon da durchzwängen können, nicht wahr, Danny?« Ich fühlte seinen spitzes kleines Kinn an meiner Schulter, als er nickte.

»Na, dann sollten wir doch mal sehen, ob sie dort sind«, schlug Liz vor.

Wieder wollte ich ihr mit einem lautlosen Nein zu verstehen geben, dass sie aufhören solle, doch Danny drehte sich um und sagte: »Ja, das machen wir.«

»Bist du sicher?«, fragte ich ihn. Wieder nickte er und rieb sich die Augen.

Ich ließ Danny wieder zu Boden und ging auf die Doppeltür der Kapelle zu. Liz hielt Danny an der Hand und lächelte ihm zu. Sie schien beruhigend auf ihn zu wirken. Sie wirkte auch auf mich beruhigend, weil sie nett war und weil sie hübsch war. Und weil das Leben ohne Frau immer unvollständig ist. Während ich meine Schulter gegen die Türflügel drückte, wusste ich, dass es mir bei ihr nicht nur um Sex ging, sondern dass ich ihre Weiblichkeit brauchte, so wie Danny auch.

»Drücken!«, sagte Liz, und ich drückte. Der rechte Türflügel gab ein wenig nach, und während ich ihn aufhielt, zwängten sich Liz und Danny durch die entstandene Öffnung. Ich folgte ihnen und riss mir an einem Nagel die Haut am Ann auf. Eine dünne Spur aus tiefrotem Blut bildete sich auf meiner Haut.

Die Kapelle war verlassen, sie war ein Meer aus grauen zerbrochenen Dachschindeln. Wir stapften umher, doch von Sweet Emmeline war nichts zu sehen. Auch nicht vom jungen Mr. Billings. Wie auch? Der junge Mr. Billings war seit über hundert Jahren tot, und nach Dannys Beschreibung zu urteilen, war Sweet Emmeline ebenfalls tot. Sehr tot. Tot und verwest, und in ihrem Haar hatten sich Würmer eingenistet.

Liz kam zu mir und sah mich an. »Irgendetwas stimmt hier nicht, oder? Irgendetwas ist hier sehr seltsam.«

Ich sah nach oben, wo eine 737 der British Airways über den morgendlichen Himmel donnerte, bis auf den letzten Platz besetzt mit Touristen, die auf dem Flug nach Malaga oder Kreta oder wer weiß wohin waren. Ich blickte nach unten auf den Boden der Kapelle und hinüber zu den leeren Fenstern und dem raschelnden Efeu. Es war schwer zu sagen, in welcher Zeit ich mich eigentlich befand.

»Ja«, erklärte ich. »Ich weiß nicht, was es ist, aber etwas stimmt wirklich nicht. Das ganze Haus ist seltsam. Es sieht schon seltsam aus, ist dir das aufgefallen? Es verändert ständig seine Form.«

Liz senkte den Blick. Ihre Haut hatte den unschätzbaren Glanz der Jugend, nur mit ein paar Sommersprossen gesprenkelt, so wie ein Hauch Zimt. »Wärst du sauer, wenn ich sagen würde, dass ich ausziehen möchte?«

»Willst du die Wahrheit hören?«

»Natürlich.«

»Okay, ich wäre sauer.«

Liz' Blick trübte sich, als erinnere sie sich an eine frühere ähnliche Begebenheit. Oder vielleicht sogar Dutzende Begebenheiten dieser Art. Sie war eine von diesen Frauen, die sich nie ganz einem Mann hingeben konnten. Sie war eine von diesen Frauen, die irgendwann in Selbstgespräche vertieft, einsam und mit Wärmflasche in irgendeinem Altersheim sterben würden. Scheiße, ich hasste es, darüber nachzudenken. Aber ich musste schon auf mich selbst und auf Danny aufpassen, ich konnte nicht auch für jeden anderen die Verantwortung übernehmen, schon gar nicht für eine Frau wie Liz und für die Toten wie den jungen Mr. Billings, Sweet Emmeline und Harry Martin — mein Gott, wie musste Harry gelitten haben.

Danny zertrat die Schindeln mit einem Geräusch, das so klang wie der Knorpel, der von Harrys Knochen gerissen wurde.

»Aber ...«, sagte ich dann, »falls du wirklich gehen möchtest.«

Lange Zeit sagte sie nichts. Dann schließlich: »Nein, nein, ich bleibe. Ich kann nicht mein Leben lang vor allem davonlaufen, das mir nicht passt.«

»Hör zu. Ich möchte nicht, dass du hier gezwungenermaßen bleibst. Oder aus Mitleid. Harry Martin wurde das komplette Gesicht weggerissen, also ist irgendetwas da oben auf dem Speicher. Egal, ob es real ist oder nur Einbildung oder was auch immer. Also bleib nicht, weil du Mitleid mit mir hast. Die Welt ist voll von allein stehenden Männern mit siebenjährigen Söhnen.«

»Ich möchte bleiben«, beteuerte sie.

»Nein, das sagst du jetzt nur. Geh! Es ist besser für dich!«

»Hör mal, nur weil ich mit dir letzte Nacht ins Bett gegangen bin ...«

»Das hat damit überhaupt nichts zu tun! Das schwöre ich! Wir waren beide fertig mit der Welt, wir waren müde und wir hatten beide etwas zu viel getrunken.«

»Also, mir hat es gefallen«, sagte sie spitz. »Mir hat es gefallen, und ich möchte mehr. Und darum werde ich bleiben.«

Trotz allem Schrecklichen, das geschehen war, schüttelte ich den Kopf und begann zu lachen. Worüber streiten Menschen, wenn es wirklich darauf ankommt? Liebe, Lust, Unsicherheit, Frustration und Angst. Mein alter Freund

Chris Pert sagte mal, dass ein Mann und eine Frau, die den gleichen Geschmack bei TV-Komödien und bei chinesischem Essen haben, in einer himmlischen Beziehung leben.

»Guck mal, Daddy. Blut«, sagte Danny.

Ich hörte sofort auf zu lachen. Danny stand auf der anderen Seite der Kapelle vor dem Wandgemälde der Frau mit dem roten wallenden Haar. Ich ging zu ihm, Liz folgte mir.

Die Frau zeigte ein exzentrisches Lächeln - freudig erregt, erotisch und eine ganz kleine Spur verrückt. Ihre Augen erschienen mir strahlender als zuvor. Doch das rattenähnliche Ding, das sie wie eine Stola um ihren Hals gelegt trug, machte mir Angst. Die Augen dieses Dings waren hämisch und triumphierend, und aus seinem Maul tropfte Blut.

Vorsichtig berührte ich das Blut mit meiner Fingerspitze.

»liihh«, sagte Liz und rümpfte die Nase.

Ich hob meinen Finger. »Es ist nicht frisch. Es ist nicht mal Blut, es ist bloß Farbe.«

»Die ist aber zuletzt nicht da gewesen«, sagte Danny.

»Nein«, musste ich ihm zustimmen. »Das war sie auch nicht. Vielleicht haben irgendwelche Kinder es aus Spaß hingemalt.«

Liz konnte ihren Blick nicht von der an die Wand gemalten Frau lösen. »Toller Spaß«, gab sie von sich. »Wen stellt das dar?«

»Ich weiß nicht, wir haben es erst gestern entdeckt. Es muss seit Urzeiten von dem Efeu verdeckt gewesen sein.«

Liz näherte sich dem Wandgemälde. »Wie bösartig diese Frau blickt«, flüsterte sie.

Ich schaute sie an. »Wieso sagst du das?«

»Keine Ahnung. Sieh sie dir doch an, sie ist so bösartig! Und dieses entsetzliche Rattending da um ihre Schultern!«

Wir betrachteten das Gemälde und gingen im Kreis durch die Kapelle, weil wir keine Ahnung hatten, was wir machen sollten. Irgendein unwirkliches Phänomen bedrohte uns, das uns im Grunde überhaupt nichts anging. Ich wusste, dass es für uns alle am besten gewesen wäre, unsere Sachen zu packen und mich von den Maklern vor Gericht zerren zu lassen, damit sie das Geld einklagen konnten, das sie mir im Voraus gegeben hatten. Die Tarrants hatten offensichtlich erkannt, dass das Fortyfoot House verflucht war oder dass zumindest irgendetwas mit ihm nicht stimmte. Sie hätten mich nicht einfach mit der Renovierung beauftragen, sondern mich warnen sollen, dass hier Leute verschwanden, dass Leute wahnsinnig geworden waren und dass hier Leute ihr Leben verloren hatten.

Zum Teufel mit ihnen, dachte ich. Ich haue ab.

In dem Moment rief Danny: »Sie ist da, Daddy! Sie ist da! Sweet Emmeline ist da!«

Er stand an dem Fenster der Kapelle und zeigte hinüber in den Garten. Ich lief zu ihm und stellte mich neben ihn.

Er hatte Recht. Das kleine Mädchen in dem langen weiten Kleid lief durch den Garten, nahe der Sonnenuhr. Das Mädchen näherte sich dem Haus, die Küchentür öffnete sich wie aus eigener Kraft. Es war zu weit entfernt, als das ich hätte Einzelheiten hätte erkennen können, doch ich könnte schwören, dass ich etwas Dunkles, Haariges von der Tür forteilen sah, als sich Sweet Emmeline näherte. Vielleicht hatte ich mich aber auch geirrt, vielleicht war es nur Sweet Emmelines Schatten gewesen. Doch Danny stand da und starrte mit offenem Mund aus dem Fenster, und ich wusste, dass er mehr gesehen hatte, als jeder Siebenjährige sehen sollte.

»Jetzt reicht's«, sagte ich zu Liz. »Wir reisen ab. Tut mir Leid, tut mir wirklich Leid. Aber ich weiß nicht, was hier los ist, und ich will es auch gar nicht wissen. Glaubst du, dass du irgendwo unterkommst?«

»Ich schätze schon. Ich werde mich umhören. Aber was werdet ihr machen?«

»Zurück nach Brighton vermutlich. Ich habe Freunde, bei denen wir eine Weile bleiben können. Ich gebe dir meine Adresse.«

»Ich dachte, der Polizeibeamte wollte nicht, dass du die Insel verlässt.«

»Sein Problem. Ich reise ab. Kann ich dich ein Stück mitnehmen? Wie lange brauchst du, um zu packen?«

Wir verließen den Friedhof und ließen das Tor hinter uns offen stehen. Wir überquerten den Bach und gingen zurück zum Haus. Die Wolken zogen sich zusammen, und wenn ihre Schatten über die Spitzen des Dachs und die Schlafzimmerfenster hinwegglitten, wirkte das Haus fast so, als verziehe es missbilligend das Gesicht. Ich spürte, wie mein Herz immer heftiger zu schlagen begann, je näher wir dem Haus kamen. Es verströmte eine solch bösartige Atmosphäre, dass ich kaum noch rational denken konnte. Ich wollte nur unsere Kleidung in den Koffer werfen, in den Wagen steigen und so viel Abstand zwischen das Fortyfoot House und uns bringen, wie es nur möglich war.

Danny zögerte und sah hinüber zum Meer. »Der Strand hat mir gefallen«, sagte er traurig.

Ich legte meine Hände auf seine Schultern. »Ich weiß. Mir auch. Aber wir müssen fort von hier, ich mag diese Geräusche nicht. Und ich mag keine Mädchen mit Würmern im Haar.«

»Was ist mit dem Mann passiert, der Ratten fängt?«, fragte Danny.

»Er hat sich oben auf dem Speicher verletzt. Das ist noch ein Grund, warum ich abreisen möchte. Ich will nicht, dass dir oder Liz oder mir etwas zustößt.«

»Kann ich meine Krebse mitnehmen?«, wollte Danny wissen. Er hatte ein halbes Dutzend kleiner grüner Taschenkrebse in einem Eimer gesammelt, der vor der Küchentür stand.

»Nein, leider nicht. Wir werden bei Mike und Yolanda wohnen, da ist kein Platz für Krebse. Warum bringst du sie nicht zurück zum Strand und veranstaltest ein Wettrennen, welcher von ihnen zuerst das Meer erreicht?«

»Darf ich wenigstens zwei mitnehmen?«

»Nein, die paaren sich und dann hast du tausende von ihnen.«

»Einen? Bitte!«

»Nein, er würde sich einsam fühlen.«

Widerstrebend nahm Danny den Eimer und marschierte in Richtung Strand davon. Mir war es lieber, wenn er nicht im Haus war, während wir packten. Ich hatte in letzter Zeit so häufig Koffer gepackt, dass es zu einem festen Bestandteil meines fehlgeschlagenen Lebens geworden war. Wenn man erst einmal mit dem Packen angefangen hat, findet man kein Ende mehr.

In der Küche nahm Liz meine Hand. »Das war's dann wohl mit unserem idyllischen gemeinsamen Sommer«, sagte sie mit einem traurigen Lächeln.

»Es tut mir Leid, aber ich kann es nicht zulassen, dass Danny oder du verletzt werden oder dass irgendetwas noch Schlimmeres geschieht.«

Sie sah sich um. »Was, glaubst du, stimmt mit diesem Haus nicht?«

»Ich weiß es wirklich nicht. Ich glaube aber auch nicht, dass ich das wirklich erfahren will. Jedenfalls nicht im Moment.«

»Vielleicht solltest du mit einem Priester reden. Du weißt schon, einem Exorzisten oder so etwas.«

»Ich glaube, das würde nichts bringen. Ich habe allmählich das Gefühl, dass dieses gesamte Haus mit einer ganz bestimmten Absicht errichtet wurde. Es ist nicht ganz hier, aber auch nicht ganz woanders.«

»Willst du noch ein Bier, während wir packen?«, fragte Liz, woraufhin ich nickte.

»Ich hätte dich wirklich lieben können«, sagte sie ehrlich. »Zu einer anderen Zeit, an einem anderen Ort.«

Ich warf ihr einen ironischen Blick zu. »Vor allem an einem anderen Ort.«

Wir tranken unser Bier aus, als es an der Tür klingelte. Wir erschraken beide.

»Himmel, ich bin ja zu Tode erschrocken!«, japste Liz.

»Ich glaube, dass weder Brown Jenkin noch Mr. Zylinder sich die Mühe machen und klingeln würden«, sagte ich und ging zur Tür.

Es war der Rentokil-Mann aus Ryde. Ein hitzköpfiger junger Mann mit Kurzhaarfrisur und Ohrring. Er trug einen glänzenden blauen Nylonoverall und Doc-Marten's-Stiefel. »Mr. Williams? Rentokil, ich bin hier wegen Ihrer Ratte.«

»Oh, Gott, das hatte ich ganz vergessen. Entschuldigung, aber es gab ein Problem.«

»Aha?«, sagte der junge Mann unbeeindruckt.

»Die Ratte ... na ja, heute können Sie wegen der Ratte nichts unternehmen. Es gab einen Unfall im Haus, die Polizei war hier.«

»Aha? Tja, aber Sie wissen ja, dass wir auf jeden Fall die Anfahrt berechnen.«

»Das geht in Ordnung, schicken Sie die Rechnung.«

»Dann müssen Sie hier unterschreiben.« Er trat in den Flur und holte ein Auftragsformular hervor, um eine Bestätigung zu erhalten, dass er mir einen Besuch abgestattet hatte."

Er reichte mir einen Kugelschreiber mit angeknabberter Spitze, und ich unterschrieb.

»Was war denn das für ein Unfall?«, fragte er und riss das oberste Blatt des Formulars ab, um es dann zusammenzufalten. »Irgendwas mit Ihrem Wagen?«

Ich sah ihn verständnislos an. »Mit meinem Wagen? Nein, damit hatte es nichts zu tun.«

»Oh«, sagte er. »Ich dachte nur, weil er so ramponiert aussieht.«

»Was meinen Sie mit ramponiert?«

»Der Audi da draußen, in der Einfahrt.«

Ich hatte keine Ahnung, was er meinte.

»Ja«, sagte ich. »Das ist mein Wagen. Zugegeben, er ist nicht im Bestzustand ...«

Er lachte in einem unangenehmen Stakkato wie ein Hooligan. »Das können Sie laut sagen.«

Ich schob ihn zur Seite und ging zur Vordertür. Ich konnte nicht glauben, was ich sah. Mein Wagen war ringsum verbeult, alle Scheiben waren eingeschlagen, die Reifen waren platt, die vordere Stoßstange war abgerissen worden. In der Nähe stand Vera Martín, Harry Martins Witwe, die offenbar auf mich wartete. Sie trug einen schwarzen Pullover, dazu ein einfaches graues Kleid. Neben ihr stand ein kleiner stiernackiger junger Mann mit schwarzem öligen Haar. Er trug eine grüne Tweedjacke, und in der Hand hielt er einen Vorschlaghammer.

Zuerst wunderte ich mich, dass ich davon nichts gehört hatte, aber dann wurde mir klar, dass es ein weiter Weg bis zur Kapelle war. Zudem kam der Wind von See und trug das Rauschen der Brandung mit sich. Aber selbst falls ich etwas gehört hätte, wäre ich nicht auf die Idee gekommen, dass jemand meinen Wagen demolierte.

Ich ging zu meinem Audi, hob die Stoßstange auf, ließ sie dann aber wieder fallen. Da gab es nichts zu reparieren, der Wagen war hinüber.

»Was um alles in der Welt soll das?«, wollte ich wissen.

»Nennen Sie es Rache, wenn Sie wollen«, sagte Vera Martin, die mit verschränkten Armen dastand.

»Rache? Für was?«

»Für Harry«, sagte der junge Mann zornig. »Für ihn.«

»Wer ist das?«, fragte ich Vera.

»Keith Belcher, der jüngste Sohn meiner Schwester Edie. Es war nicht seine Idee, sondern meine. Aber er hat sich freiwillig gemeldet.«

Ich ging um meinen Wagen herum, um den Schaden zu begutachten. Keith Belcher hatte verdammt gute Arbeit geleistet. Es gab keinen Quadratzentimeter Blech, der vor dem Hammer verschont geblieben war. Er hatte es sogar geschafft, eine Beule ins Lenkrad zu schlagen.

»Mrs. Martin, ich habe Ihren Mann nicht umgebracht. Es war ein Unfall, nichts anderes.«

»Im Fortyfoot House gibt es keine Unfälle«, gab sie zurück.

»Es ist ein böser Ort für böse Menschen. Sie und dieses Ratten-Ding, Sie beide haben sich das verdient. Ich hoffe, Sie werden glücklich.«

»Ja, hoffentlich werden Sie zusammen scheißglücklich«, warf Keith Belcher ein und legte den Griff seines Vorschlaghammers so in die Handfläche, als wolle er mich auffordern, ihm das Werkzeug abzunehmen.

»Mrs. Martin, Sie verstehen nicht. Ich wollte ihn aufhalten, aber er ließ es sich nicht ausreden.«

»Ich habe Sie angefleht«, sagte sie, und mit einem Mal schossen ihr Tränen in die Augen. »Ich habe Sie wieder und wieder angefleht. Lassen Sie ihn nicht zu dem Ratten-Ding, habe ich Ihnen gesagt. Lassen Sie es nicht mal zu, wenn er es unbedingt will. Und jetzt? Er ist tot. Und alles nur Ihretwegen. Gott allein weiß, was ihm Schreckliches zugestoßen ist. Im Krankenhaus haben sie mich nicht mal zu ihm gelassen.«

Ich trat gegen einen der platten Reifen. »Tja ...«, sagte ich. »Sieht so aus, als hätten Sie erledigt, wozu Sie hergekommen sind.«

»Seien Sie bloß froh, dass es nur Ihr Auto war, nicht Ihr Kopf«, warf Keith ein.

»Darüber bin ich froh, das können Sie mir glauben.«

Ich sah ihnen nach, wie sie sich entfernten. Der Rentokil-Typ hatte die ganze Zeit über neben seinem Van gestanden. Er grinste mich freundlich an und sagte: »Ich hoffe, Sie haben eine gute Werkstatt, Kumpel.« Dann stieg er in seinen Wagen und führ ab. Am liebsten hätte ich ihm einen Ziegelslein hinterhergeworfen.

Liz kam nach draußen und trat neben mich. »Und was machst du nun?«, fragte sie.

»Nichts. Was soll ich machen? Ich kann eine Werkstatt anrufen und hören, ob noch was zu retten ist.«

»Willst du immer noch abreisen?«

»So bald wie möglich. Aber heute klappt es ja wohl nicht. Sieh dir nur dieses Meisterwerk an. Er hat sogar das Armaturenbrett zertrümmert.«

»Willst du nicht die Polizei anrufen?«

Ich schüttelte den Kopf. »Sie hat gerade ihren Mann verloren, ich will ihr nicht noch mehr Kummer bereiten.«

»Aber dein Wagen. Was ist mit der Versicherung?«

Ich zuckte mit den Schultern. Ich wollte ihr nicht sagen, dass ich gar keine Versicherung hatte. »Ich werde sagen, dass ich mich überschlagen habe und dass niemand sonst darin verwickelt war.«

Liz sah zurück zum Fortyfoot House. »Dann sieht es nach einerweiteren Nacht in der Herberge zum fröhlichen Stöhnen aus.«

»Du musst nicht bleiben, wenn du nicht möchtest.«

»Oh«, sagte sie nachdenklich. »Ich glaube doch, dass ich bleibe. Wir beide haben ja noch so etwas wie eine offene Rechnung, meinst du nicht auch?«

Ich sah ebenfalls zum Haus. Vielleicht hatte sie ja Recht, was die offene Rechnung anging. Ich dachte dabei nicht nur daran, mit ihr zu schlafen, sondern auch daran, dass es vielleicht gar kein Zufall war, der Danny und mich ins Fortyfoot House verschlagen hatte. Vielleicht war das unsere Bestimmung gewesen.

Vielleicht war der Zeitpunkt gekommen, an dem Danny und ich entscheiden mussten, wer wir waren und welches Leben wir führen wollten. Vielleicht war das auch der Zeitpunkt, an dem all diese seltsamen Gestalten, die rund um das Fortyfoot House auftauchten und wieder verschwanden, entscheiden mussten, in welche Realität sie gehörten.

»Es könnte gefährlich sein, hier zu bleiben«, sagte ich, doch Liz schien mich nicht zu hören. Sic hatte sich abgewandt und blickte hinüber zu den verfallenen Ställen, die von Efeu überwuchert waren. Ihr Profi vor dem Hintergrund des Gartens war präzise und vollkommen. Ich hatte das Gefühl, Liz sehr nah und doch sein lern zu sein - so, als würde sie mein gesamtes Leben und alle meine Geheimnisse in ihrem Herzen bewahren.

Danny trat mit einem leeren Eimer nach draußen. »Ich habe den Krebsen alle Beine abgemacht und sie ins Wasser geworfen«, verkündete er.

»Oh, Danny«, schimpfte ich. »Das ist widerlich! Und grausam!«

»Der Fischer hat mir gesagt, dass Krebse alles fressen, auch wenn es lebt. Der Fischer hat gesagt, dass die Krebse deine Füße und deine Ohren und alle weichen Stellen auffressen, wenn du zu lange am Strand liegst. Sie fressen zuerst immer die weichen Stellen.«

»Geh und wasch dir die Hände, es gibt bald Abendessen«, sagte ich ihm.

»Reisen wir nicht ab?«, fragte er, sah dann aber den Wagen. Sein Unterkiefer fiel nach unten, seine Augen weiteten sich.

»Was ist mit dem Auto passiert?«, fragte er fassungslos.

»Es hatte einen Streit mit einem Vorschlaghammer«, antwortete ich. »Darum bleiben wir.«

8. Ordensschwester oder Nonne

Als es fast schon zu dunkel war, um noch etwas erkennen zu können, kam ein riesiger Kerl in einem schmierigen braunen Overall zum Haus, um sich meinen Wagen anzusehen. Mit den Händen in den Taschen stand er da, betrachtete den Wagen, dann sagte er schließlich: »Ich geh Ihnen dreißig Pfund für den Schrotthaufen.«

»Ich möchte keine dreißig Pfund haben, ich möchte, dass er wieder fährt, sonst nichts. Er soll nicht wie neu aussehen, die Beulen kümmern mich nicht. Aber wenn Sie was mit den Reifen, den Fenstern und dem Lenkrad machen können. Der Drehzahlmesser ist auch nicht wichtig, aber den Tacho brauche ich.«

Er schüttelte den Kopf so heftig hin und her, als hätte er Wasser im Ohr. »Lohnt sich nicht, Kumpel. Ist die Mühe nicht wert. Ein neuer wäre besser. Das hier kostet Sie dreihundert Pfund. Mindestens. Und das nur für die Ersatzteile.«

»Oh, Scheiße«, erwiderte ich.

Er trat gegen einen der platten Reifen. »In meiner Werkstatt steht ein 78er Ford Cortina, den können Sie für dreihundert haben. Er ist nicht im Bestzustand, aber fahrbereit.«

»Ich weiß nicht. Ich habe keine dreihundert Pfund übrig, jedenfalls nicht im Moment.«

Der riesige Kerl zuckte mit den Schultern. »In dem Fall kann ich Ihnen auch nicht helfen.«

Er fuhr mit seinem Pick-up fort und hinterließ eine Rußwolke. Eine Weile stand ich dort in der Dämmerung und lauschte den Bäumen und dem Flattern der Fledermäuse. Schließlich ging ich zurück ins Haus, wo Liz in der Küche auf mich wartete. Sie bereitete eine Hühnchenkasserolle vor, die köstlich duftete. Aber ich war nicht sicher, ob ich wirklich Hunger hatte. Ich lauschte, ob ich ein Kratzen und Schlurfen hörte oder ferne Geräusche und Stimmen, die nicht menschlichen Ursprungs waren. Ich erschrak über mein eigenes Spiegelbild in den Fensterscheiben und in den gerahmten Fotos im Flur.

Danny kniete auf einem der Küchenstühle und malte mit Buntstiften ein Bild. Ich beugte mich über ihn und sah, dass er ein mageres Mädchen in einem weißen Nachthemd gemalt hatte, mit dünnen roten Fäden auf dem Kopf und blassgrünen Wangen. Sweet Emmeline.

»Komm und spiel mit uns«, ahmte Danny ihre hohe Stimme nach. »Wir sind so viele und wir können so viel Spaß haben.

»Danny«, warnte ich ihn. »Nicht.«

Er sah mich mit weit aufgerissenen Augen an, die so sonderbar leuchteten, als habe er geheult. Nach einem langen Moment des Schweigens widmete er sich wieder seinem Bild. Ich betrachtete ihn mit einem Gefühl der Hilflosigkeit, als sei er aus irgendeinem Grund meiner Kontrolle entglitten.

Liz schob den Schmortopf zurück in den Ofen und sagte: »Und?« Ihr Ton hatte etwas von einer Ehefrau, die von ihrem Mann eine Information erwartete.

»Und was?«

»Und was kann er mit dem Wagen machen?«

»Oh, der Wagen. Nichts, was nicht wenigstens dreihundert Pfund kostet. Er meinte, ich solle mir besser einen neuen kaufen.«

»Und was wirst du jetzt tun?«

»Was soll ich schon tun? Ich muss so lange weiterarbeiten, bis ich mir einen neuen leisten kann.«

»Ich meine immer noch, dass du zur Polizei hättest gehen sollen. Dieser Brecher, oder wie der Typ heißt, gehört hinter Gitter.«

»Belcher«, berichtigte ich sie. Ich ging zum Kühlschrank, nahm eine große Flasche Soave heraus und goss uns zwei Gläser ein.

»Vielleicht hast du Recht. Aber das hätte mir ein paar Unannehmlichkeiten bescheren können. Zum Beispiel die Frage, warum die Steuerplakette abgelaufen war. Und warum der Wagen nicht versichert war.«

»Nicht versichert?«, wiederholte Liz ungläubig.

»Konnte ich mir nicht leisten. Janie hatte das Geschäftskonto komplett geplündert.«

»So eine Kuh.«

»Ja, so eine Kuh. Aber vielleicht habe ich das ja auch so verdient. Ich habe sie nicht sehr gut behandelt.«

Liz nahm einen Schluck Wein und sah mich mit Augen an, die älter schienen, als sie selbst an Jahren zählte. »Du hast sie doch nicht geschlagen?«

»Nein, ich habe sie ignoriert. Ich glaube, manchmal ist es schlimmer, jemanden zu ignorieren, als wenn man ihn schlägt.«

»Vielleicht hättest du sie schlagen sollen.«

Ich setzte mich hin. »Keine Ahnung. Vielleicht habe ich sie auch gar nicht richtig geliebt. Wenn ich so drüber nachdenke, bin ich gar nicht mal so sicher, ob ich weiß, was Liebe eigentlich ist. Du weißt schon, richtige Liebe. Die Liebe, für die man sogar sein Leben geben würde.«

»Ich glaube, das geht den meisten so«, sagte Liz. Sie lächelte, dann sprach sie weiter. »Ich war so etwa neun Jahre alt, als ich einen Goldfisch hatte. Ich habe ihn wirklich geliebt. Er hieß Billiam. Ich sagte meiner Mutter, dass ich mich umbringen würde, wenn Billiam eines Tages stürbe. Als er dann wirklich starb, hat meine Mutter mir nichts davon gesagt. Stattdessen hat sie mir erzählt, er sei abgehauen. Ich war so dumm und habe ihr geglaubt. Ich habe allen meinen Klassenkameraden erzählt, dass derjenige zehn Pence Finderlohn bekommt, der ihn mir wiederbringt. Und die waren sogar so dumm, dass sie nach ihm gesucht haben.«

»Und was willst du mir damit sagen?«, wollte ich wissen. »Dass man sich in nichts und niemanden verlieben soll? Nicht mal in einen Goldfisch?«

Sie zuckte mit den Schultern, sagte »Keine Ahnung« und begann zu lachen.

In dem Moment kam Danny zurück in die Küche. Ich hatte nicht mal gemerkt, dass er hinausgegangen war. Er trug sein Malbuch unter dem Arm und machte einen irritierten Eindruck.

»Wo ist der Mann hin?«, fragte er verwundert.

»Du meinst den Mann von der Werkstatt?«

»Nein, den Mann auf dem Bild.«

»Auf welchem Bild?«

»Draußen. Ich male ein Bild von Sweet Emmeline und von dem Mann mit dem Schornsteinhut. Ich wollte auf dem Bild nachsehen, wie er aussieht, damit ich ihn richtig male. Aber

er ist weg.«

Ich erschrak. Es geht wieder los ... das Haus bewegt sich ... Schatten zucken umher ... leise Stimmen murmeln etwas in den Zimmern im Obergeschoss. Aus irgendeinem Grund kam mir ein längst vergessener Reim in den Sinn. »Die: Wände samt bespannt, so schwarz wie Sünde und so fein ... Und kleine Zwerge kriechen raus und kriechen rein.«

Als kleiner Junge glaubte ich immer, der Reim würde das beschreiben, was mit meinem Schrank passiert, sobald es dunkel ist. Ich hatte mich immer entsetzlich gefürchtet. Kleine böse Leute trieben ihr Unwesen zwischen meiner Kleidung. Jeden Abend überprüfte ich zweimal, ob die Tür zu meinem Kleiderschrank auch wirklich zu war und dass der Stuhl sie zusätzlich blockierte. Und selbst dann konnte ich hören, wie sich die kleinen Zwerge in meinem Schrank bewegten und wie sie die Kleiderbügel ganz sanft schaukeln ließen.

Ich war der Ansicht gewesen, dass ich dieses Gefühl der Hilflosigkeit lange hinter mir gelassen hatte, das jene Worte damals in mir ausgelöst hatten. Aber als Danny »Er ist weg« sagte, da brach die Erinnerung über mich herein, und einen Moment lang konnte ich nichts sagen.

»Er kann nicht weg sein«, brachte ich schließlich mühsam hervor. Meine Zunge schien angeschwollen, mein Hals war trocken.

»Er ist nicht mehr auf dem Bild.«

Ich folgte ihm in den Flur und schaltete das Licht an. Am anderen Ende des Flurs hing das Foto. >Fortyfoot House, 1888<. Ich ging darauf zu, Liz dicht hinter mir, und beugte mich vor.

Danny hatte Recht. Der junge Mr. Billings war nicht mehr zu sehen. Sein Schatten war allerdings noch da und lag wie ein achtlos weggeworfener Umhang auf dem Rosenbeet, aber von dem Mann war nichts mehr zu sehen.

»Das ist doch irgendein Trick«, sagte ich. »Leute verschwinden nicht einfach aus einem Foto, das ist schlicht unmöglich.«

»Komm, wir sollten uns das bei mehr Licht ansehen«, schlug Liz vor, nahm das Bild von der Wand und brachte es in die Küche. Dort angekommen blieb sie unter der hellen Deckenlampe stehen. Wir starrten eindringlich auf die Stelle, an der bis vor kurzem noch der junge Mr. Billings gestanden hatte. Das Glas über dem Foto war verstaubt und praktisch frei von Fingerabdrücken, abgesehen von Liz' und von meinen. Als ich das Bild umdrehte, gab es keinen Hinweis darauf, dass das braune Papierklebeband, mit dem das Bild im Rahmen gehalten wurde, aufgeschnitten worden war. Das gravierte Schild des Rahmenbauers war auch immer noch dort: Rickwood & Sons, Picture Framers & Restorers, Ventnor, Isle of Wight.

Ich drehte das Bild wieder um, und wir betrachteten das Foto eine Weile, bis Danny plötzlich sagte: »Guck mal! Was ist das?«

Kinderaugen sehen immer mehr und besser. Sie können Formen, Zeichen und Omen viel besser erkennen als ein Erwachsener. Ich sah auf die Stelle, auf die Danny zeigte, und erkannte etwas. Dort, wo der Rasen in Richtung Gartentor und See abfiel, war gerade eben das leicht gekippte schwarze Rechteck eines Zylinders zu sehen. Der junge Mr. Billings war noch immer auf dem Foto, aber er hatte einen Spaziergang unternommen.

Liz schüttelte ihren Kopf. »Ich glaube das nicht. Das muss ein Trick sein. Ich möchte wetten, dass es mehrere Fotos mit der gleichen Ansicht gibt und dass irgendjemand sie austauscht.«

»Wer?«, fragte ich. »Und vor allem: Warum?«

»Hausbesetzer«, sagte Liz. »Ich hab dir doch gesagt, dass bestimmt Hausbesetzer oder obdachlose Kinder oben auf dem Dachboden leben. Vermutlich haben sie auch Harry Martin so zugerichtet.«

»Schhh«, machte ich und deutete auf Danny. Zum Glück schien er ihre Bemerkung entweder nicht gehört oder deren Bedeutung nicht verstanden zu haben.

»Du meinst, sie wollen uns aus dem Haus jagen?«, fragte ich. »So wie in einem dieser Filme mit Bette Davis, in dem die Kinder versuchen, sie in den Wahnsinn zu treiben, damit sie alles von ihr erben?«

»Naja, möglich wäre es doch, oder? Klingt jedenfalls plausibler als Geister. David, ich habe immer wieder darüber nachgedacht. Wie sollten es Geister gewesen sein? Es gibt keine Geister.«

»Und die Geräusche? Und die Lichter?«

»Tonbänder? Halogenscheinwerfer?«

»Also gut. Nehmen wir mal an, es wäre ein Trick. Wo sollen dann diese Hausbesetzer sein? Die Polizei hat das ganze Haus abgesucht, auch den Speicher.«

»Sie haben nicht das zugemauerte Stück neben deinem Schlafzimmer durchsucht.«

»Aus einem einfachen Grund: Dort kann niemand hineinkommen. Und auch nicht herauskommen.«

»Vielleicht gibt es eine Geheimtür.«

»Ach, Liz, hör auf. Da ist nirgendwo Platz für eine Geheimtür. Und selbst wenn, wohin sollte sie führen?«

Sie richtete sich auf. »Dann bist du also überzeugt, dass es Geister sind.«

»Ich weiß es nicht. Vielleicht nicht gerade Geister in dem Sinn, dass sie mit einem Laken über dem Kopf herumlaufen. Aber ich bin sicher, was diese Sache mit der Zeit angeht. Jemand hat mal gesagt, dass Geister nicht wirklich Geister sind, sondern Menschen, die man nur vage sehen kann, wenn sich das Heute und das Gestern sozusagen überlappen. Das würde doch Sinn ergeben, nicht wahr?«

Liz nahm wieder das Foto an sich. »Wenn das Sinn ergeben soll, dann tut es mir Leid. Dann muss ich dir nämlich sagen, dass du Unsinn redest. Ich glaube nach wie vor, dass uns jemand hier raustreiben will. Ein menschlicher Jemand, kein Geist. Das kommt mir alles viel zu sehr wie in mysteriösen Spielfilmen vor.«

Nachdem Danny ins Bett gegangen war, hatten wir den Wein fast ausgetrunken und uns aufs Sofa geflegelt, um John Hiatts Stolen Moments anzuhören. Ich fühlte bei dem Song ein gewisses Mitleid mit den sieben kleinen Indianern, die in einem Ziegelsteinhaus an der Central Avenue lebten, wo -allen erbaulichen Geschichten ihres Vaters zum Trotz, die davon erzählten, dass sich alles zum Guten wenden werde -»immer das Gefühl vorherrschte, als würde sich jemand nähern, der sie töten will«.

Es war so gegen elf Uhr, als ich mit leichten Kopfschmerzen und dem Geschmack von zu viel Soave aufstand und sagte: »Ich gehe ins Bett. Kommst du?«

»War das eine Einladung?«

Ich sah sie an, lächelte und sagte: »Ja.« Ich schaffte es gerade noch rechtzeitig, mir ein »wenn du willst« zu verkneifen.

Ich ging in die Küche, um die tropfenden Wasserhähne zuzudrehen und das Licht auszumachen. Das Foto >Fortyfoot House, 1888< lag noch immer mit dem Glas nach unten auf dem Tisch. Ich griff danach, unmittelbar bevor ich den Lichtschalter umlegte, und klemmte es unter den Arm. Ich wollte es auf dem Weg nach oben wieder im Flur an die Wand zurückhängen. Aber mit einem Mal schaltete ich das Licht wieder an und hielt das Foto hoch, um es mit wachsendem Entsetzen zu betrachten.

Der Kopf des jungen Mr. Billings war nun zu sehen, so als würde er sich allmählich nähern. Direkt neben ihm befand sich irgendeine kleine dunkle Gestalt mit zwei Auswüchsen, die wie spitze Ohren aussahen.

Ich kniff die Augen zu, dann öffnete ich sie wieder, nur um sicher zu sein, dass sie mir keinen Streich spielten. Aber das Foto hatte sich nicht verändert. Der Rosengarten, in dem der einsame Schatten des jungen Mr. Billings noch immer wie hingeworfen dalag, die Sonnenuhr, der abfallende Rasen. Und das deutlich erkennbare Gesicht des Hausherrn, der von einem Spaziergang am Meer zurückkehrte - in Begleitung von ... was nur?

»Kommst du oder bleibst du heute Nacht in der Küche?«, rief Liz. »Auf dem Treppenabsatz ist das Licht kaputt.«

»Ich komme«, sagte ich nachdenklich. Wieder knipste ich das Licht in der Küche aus, ging durch den Flur und hängte das Bild zurück an seinen angestammten Platz. Ich weiß nicht, warum, aber ich hatte das Gefühl, dass es das Sicherste sei, was ich machen konnte. Nein, um ganz genau zu sein, hatte ich das Gefühl, dass es das war, was der junge Mr. Billings bevorzugt hätte. Und ich hatte kein Verlangen danach, den jungen Mr. Billings zu verärgern, erst recht nicht wegen einer so albernen Sache wie der, ihn mit dem Gesicht nach unten auf dem Küchentisch zurückzulassen.

Gütiger Gott, schoss es mir durch den Kopf. Ich verliere den Verstand. Ich hänge ein Bild an die Wand, nur weil ich glaube, dass es den Leuten auf dem Bild so lieber wäre!

Liz beugte sich über das Geländer, ihre Brüste drückten gegen den Handlauf. »Nun komm schon. Baden können wir auch morgen früh.«

Ich schaltete das Licht im Flur aus, im gleichen Moment lag die Treppe in völliger Dunkelheit da. Und kleine Zwerge kriechen raus und kriechen rein. Ich tastete mich die Treppe hinauf, während ich vor mir Liz hören konnte, wie sie an den Geländerslangen entlangstrich, um zu merken, wohin sie gehen musste.

»Ich will nur hoffen, dass wir heute Nacht nicht schon wieder dieses Stöhnen hören werden«, sagte sie. »Sonst ziehe ich wirklich aus, das sage ich dir.«

Als ich die Kehre der Treppe erreicht hatte, sah ich den fahlen silbrigen Schein des Spiegels. Ich zögerte und verlor in der Dunkelheit fast das Gleichgewicht. Während ich stolperte, hörte ich hinter der Fußleiste ein Kratzen und dann ein hastiges Schlurfen, das sich über die gesamte Länge des Hauses zog.

»Hast du das gehört?«, fragte ich Liz.

Sie hatte die oberste Stufe erreicht und blieb stehen. Ich wusste, dass sie sich auf dem Treppenabsatz befand, weil sie den Lichtschein des Spiegels blockierte.

»Nein ... ich hab nichts gehört.«

»Dann hab ich's mir wohl nur eingebildet.«

»Solange es weiter nichts ist.«

Wir tasteten uns durch den Korridor voran. Ich hatte schon wieder vergessen, eine verdammte Taschenlampe zu kaufen. Im Küchenschrank gab es ein paar Kerzen, aber ich war nicht auf die einfache Idee gekommen, eine von ihnen anzuzünden und mit nach oben zu nehmen. Das allmähliche Nahen des jungen Mr. Billings und seines haarigen Gefährten hatte mich zu sehr beschäftigt. Und die kleinen Zwerge aus meiner Kindheit hatten auch noch ihren Teil dazu beigetragen. Ich fragte mich, ob meine Mutter etwas davon gewusst hatte, welche Panik ich vor den elenden kleinen Kreaturen empfand, die nachts meine Kleidung heimsuchten. Ich verfluchte es, dass die Erinnerung mich eingeholt hatte, und ich wünschte, diese Gedanken endlich wieder verdrängen zu können.

Schließlich aber hatten wir es bis zu meinem Schlafzimmer geschafft. Durch die Vorhänge schien ein schwaches Licht, das vom Meer reflektiert wurde und das Zimmer gerade genug erhellte, um das Bett und die Garderobe zu erkennen.

»Ich sehe nur noch mal schnell nach Danny«, sagte ich zu Liz, die gerade ihr T-Shirt über den Kopf zog und dabei für einen kurzen Moment ihre Brüste anhob, die auf eine erregende Weise zurückfielen.

»Mach nicht zu lange«, erwiderte sie. »Und wenn du irgendwelche Geräusche hörst, ignorier sie einfach.«

Ich überquerte den Korridor und sah in die alles verschluckende Finsternis von Dannys Zimmer. Ich konnte ihn riechen, und ich konnte ihn atmen hören. Ich konnte hören, dass eines seiner Nasenlöcher leicht verstopft war. Ich fragte mich, wovon er wohl träumte. Von Krebsen, vom Zirkus oder vielleicht von seiner Mutter? Manchmal tat er mir so unendlich Leid, aber ich konnte nicht mehr tun, als das, was ich für ihn tat.

Ich schloss die Tür und ertastete meinen Weg zurück. Ich hätte ins Badezimmer gehen und mir die Zähne putzen sollen, aber ich hatte keine Lust, noch länger durch die Dunkelheit zu stolpern. Liz lag bereits im Bett. Sie war nackt und sie wartete auf mich. Wenn sie sich keine Gedanken darüber gemacht hatte, ob sie sich die Zähne putzen sollte, warum sollte ich das dann machen? Trotzdem hasste ich den Geschmack von abgestandenem Soave.

Ich zog mich aus und glitt unter die Bettdecke. Liz kuschelte sich an mich, und ich konnte ihre Brustwarzen fühlen, ihre Hüften und ihr feuchtes Schamhaar. Sie küsste mich auf die Stirn, dann auf die Augen und schließlich auf die Nase. »Ich kann dich nicht sehen«, sagte sie glucksend. »Es ist hier so verdammt dunkel.«

Ich erwiderte ihre Küsse, und unsere Zähne schlugen aneinander. Die Geschehnisse in Fortyfoot House hatten uns zutiefst beunruhigt. Wir waren beide müde und ein wenig überdreht. Ob die Geräusche und die Lichter von Geistern, Ratten oder Hausbesetzern stammten, war ganz egal. Auf jeden Fall waren sie Furcht erregend. Das Schlimmste war aber, dass wir nichts dagegen machen konnten, von einer Abreise einmal abgesehen. Die Polizei hatte schon nichts finden können, wie sollten wir da erfolgreicher sein?

Wir liebten uns schnell und heftig, weil wir für ein paar Minuten an nichts anderes als an Sex denken wollten. Liz setzte sich wieder auf mich, so wie in der Nacht zuvor. Doch diesmal rollte ich herum, sodass sie unter mir auf dem Rücken lag.

Sie legte ihre Beine fest um meine Hüften, während ich in sie eindrang. Ich glaube, wir wussten beide, dass dies nichts mit Liebe zu tun hatte, nicht einmal mit Leidenschaft. Aber wir mochten einander. Und ich entdeckte etwas von mir in Liz, während sie etwas von sich in mir sah. Ich glaube, dass wir auf unsere unterschiedliche Art beide eine Warnung für den jeweils anderen waren.

Liz griff zwischen ihre Beine und zog ihre Schamlippen weit auseinander, damit ich noch tiefer eindringen konnte. Sie begann zu keuchen, was mich noch mehr erregte. Meine Stöße wurden härter und härter, und dann begann das Bett zu quietschen, bis ich schließlich langsamer werden und die Position meines Knies verändern musste, weil mich das Geräusch so sehr störte.

»Warte ...«, flüsterte sie. »Schhht...«

Sie drückte mich sanft zurück, bis ich wieder auf dem Rücken lag. Sie küsste mich, auf meine Lippen, auf meine Brust und meinen Magen, und dann nahm sie meinen Penis in den Mund und begann gleichmäßig zu saugen. Gegen das Licht vom Fenster konnte ich den Umriss ihres Kopfes sehen, der sich auf und nieder bewegte. Ich sah die Umrisse ihrer Lippen, wie sie sich über meinen steil in die Höhe ragenden Schaft schoben.

Einen Moment lang zögerte sie, und ich fühlte ihre scharfen Zähne auf meiner Haut. Der Moment zog sich in die Länge, der Druck ihrer Zähne wurde fester, und einen Augenblick lang glaubte ich, dass sie mit dem Gedanken spielte, meine Eichel abzubeißen.

»Liz ...«, sagte ich leise, während in mir Panik aufstieg. Doch dann hörte ich sie mit vollem Mund lachen, und sie fuhr fort, meinen Schwanz mit ihrer Zungenspitze und ihren Lippen zu bearbeiten. Gegen meinen Willen spannten sich meine Muskeln an und ich kam zum Höhepunkt. Liz hielt die ganze Zeit über ihren Mund fest um den Schaft geschlossen und schluckte alles, was mein Körper in dem Augenblick hergab. Als sie fertig war, setzte sie sich auf und gab mir einen Kuss. Ihre Lippen waren trocken.

»Vielleicht ein anderes Mal«, flüsterte sie mir ins Ohr. »Auf jeden Fall aber an einem anderen Ort.«

Seite an Seite lagen wir in der fast völligen Dunkelheit. Liz schlief rasch ein, ich spürte ihren Atem auf meiner nackten Schulter. Ich fühlte mich leer und traurig und fehl am Platz, so als habe mich die ganze Welt im Stich gelassen. So als wisse jeder Mensch auf der Welt von einem Geheimnis, das mir niemand verraten wollte. Ich hörte die See, wie sie sich heimlich selbst etwas zuflüsterte, und die Vögel, die in der Regenrinne stocherten. Ich dachte an das Foto von Fortyfoot House, das unten im Flur an der Wand hing. Und ich betete, dass der junge Mr. Billings nicht näher gekommen war.

Ich kam zu dem Entschluss, dass ich am Morgen noch einmal zum Strandcafe gehen und mich mit Doris Kemble unterhalten wollte. Vielleicht konnte sie mir etwas mehr über den jungen Mr. Billings erzählen, irgendetwas, das erklärte, warum er so unablässig immer wieder im Garten auftauchte. Die spirituelle Unruhe im Fortyfoot House schien in Bonchurch so zum Alltag zu gehören, dass sie vielleicht vergessen hatte, mir etwas Wichtiges zu erzählen.

Gegen zwei Uhr in der Nacht öffnete ich die Augen. Der Mond war aufgegangen und tauchte das Zimmer in silbernes Licht. Liz presste sich noch immer an meine Schulter. Das Laken war verrutscht und machte aus ihrem nackten Rücken und ihrem wohlgeformten Po eine geschwungene erotische Landschaft, die wie die Dünen der Nefud-Wüste bei Nacht war. Ich lauschte, doch das Haus war ungewöhnlich stumm. Kein Kratzen, kein Schlurfen. Keine knarrenden Holzbohlen. Vielleicht hatte das Etwas Harry Martin als Opfer angenommen und vielleicht war sein Hunger für den Augenblick gestillt. In diesem Moment mitten in der Nacht war ich bereit, so ziemlich alles zu glauben.

Ich wünschte, ich hätte schlafen können. Ich war so verdammt müde. Ich versuchte, einen Ausweg zu finden, wie ich mit irgendeinem Job den Maklern das Geld zurückzahlen konnte, damit ich Fortyfoot House endlich verlassen konnte, ohne ihnen etwas zu schulden. Ich überlegte, wie ich an einen neuen Wagen kommen sollte. Vielleicht konnte ich bei Großmutter ein wenig Geld borgen. Das Problem war nur, dass sie 88 Jahre alt und fast blind war und ihr Vormund wie der schärfste Wachhund der Welt ihr Vermögen hütete. Ich besaß nichts, was ich hätte verkaufen können.

Ich versuchte, nicht an diese kleinen Zwerge zu denken, die raus-und reinkrochen.

Liz' Idee von den Besetzern, die sich im Haus versteckten, war weit hergeholt, aber nicht völlig abwegig. Es war niemand auf dem Dachboden. Detective Sergeant Miller hatte das erklärt. Aber da war immer noch das abgetrennte Stück unmittelbar darunter, gleich neben diesem Schlafzimmer.

Dieser Teil musste einmal ein Fenster aufgewiesen haben, das zur Westseite des Gartens und zu den Erdbeerbeeten zeigte, und er war groß genug, um drei oder vier Menschen Platz zu bieten, vielleicht sogar mehr. Aber es gab keinen Zugang, weder von hier, vom Schlafzimmer, noch vom Dachboden aus, soweit ich das hatte erkennen können, und auch nicht von außen.

Ich betrachtete die ungewöhnlichen Winkel der Decke, die dadurch entstanden waren, dass man einen Teil dieses Zimmers abgetrennt hatte. Sie waren in keiner Weise symmetrisch. In nördliche Richtung schienen sie stärker abzufallen als auf der nach Süden weisenden Seite. Und die Wand zur Westseite hin - die abgeteilte Wand - stieß in einer so irritierenden und betonten Diagonale auf sie, dass ich kaum glauben konnte, dass es sich dabei bloß um einen Zufall handeln sollte. Diese Wände waren so extrem schief, dass eine Absicht dahinterstecken musste. Jemand hatte sie aus einem bestimmten Grund so angeordnet. Vielleicht aus demselben Grund, aus dem auch die gesamte Dachkonstruktion des Fortyfoot House in einer Art und Weise errichtet worden war, dass sie sich den Gesetzen der Perspektive zu entziehen schien. Manche Häuser wurden nach einem schlechten Plan erbaut, aber so schlecht konnte kein Plan sein.

Ich starrte die Winkel an der Decke noch immer an, als mir bewusst wurde, dass sie auf mehr als nur zufällige Weise zusammenliefen. Es war sehr schwierig zu beschreiben, aber mir kam es so vor, als könne ich dahinterblicken, als könne ich diese Seite und die andere Seite der Decke gleichzeitig sehen. Ich rieb mir die Augen, aber als ich sie wieder öffnete, war der Eindruck stärker als zuvor. Ich hatte das untrügliche Gefühl, dass ich durch die Decke hindurch in den abgetrennten Bereich sah.

In diesem Moment tauchte eine verschwommene Form auf, zu einer Seite geneigt. Sie flackerte ein wenig, so wie die Lichtreflexe eines Schwarzweißfernsehers, durch den Wohnzimmervorhang betrachtet. Die Form befand sich in der südwestlichen Ecke des Zimmers, dort, wo die Winkel zusammenliefen. Sie war der Decke näher als dem Boden und schwebte minutenlang auf einer Stelle, während ich angsterfüllt im Bett lag und überlegte, was wohl als Nächstes geschehen würde.

Allmählich wurden die Konturen schärfer, obwohl ich noch immer nicht erkennen konnte, um was es sich handelte. Eine Spiegelung? Ein Irrlicht? Ich hatte davon gehört, dass in alten Häusern manchmal Gas aus defekten Leitungen entwich. In der viktorianischen Zeit waren regelmäßig Haushälterinnen an den Folgen von ausströmendem Gas erkrankt und gestorben.

Einen Sekundenbruchteil lang glaubte ich zu erkennen, worum es sich bei der Form handelte. Sie sah aus wie eine Frau, die eine Haube mit weißen Spitzen trug. Ich glaubte zu sehen, dass sie den Kopf drehte. Ich glaubte, ihre Augen zu sehen.

In diesem Moment schrie ich laut auf, und im gleichen Augenblick verschwand die Form in dem Winkel der Wand, als habe jemand einen Staubsauger auf sie gerichtet.

Liz wachte auf und fragte: »Was? David, was ist?«

Ich sprang aus dem Bett und riss die Vorhänge auf. Dann schlug ich im letzten Schein des Mondes dort gegen die Decke, wo der Schemen zum ersten Mal aufgetaucht war. Ich fühlte nur die feste feuchte Wand.

»David, was ist los mit dir?«

»Ich habe etwas gesehen. Es kam aus der Decke. Wie ... wie ein Geist. Ich weiß nicht. Es sah aus wie eine ... eine Nonne. Oder eine Krankenschwester.«

»David, du hast geträumt.«

Zornig schlug ich gegen die Wand und rief in einem wütenden Stakkato: »Ich habe nicht geträumt, ich war wach!«

»Ja, okay, ist gut«, besänftigte mich Liz. »Du warst wach. Aber jetzt ist das ... das Ding weg, nicht? Also komm zurück ins Bett und beruhige dich.«

Ich rannte im Schlafzimmer umher und schlug immer wieder mit der flachen Hand auf die Stelle, an der ich die Erscheinung zum ersten Mal gesehen hatte.

»Ich kann mich nicht beruhigen! Ich war wach und ich habe es gesehen!«

»David, seit du hier bist, sind entsetzliche Dinge geschehen ... vielleicht halluzinierst du.«

»Nein! Ich habe eine Nonne gesehen, hier an dieser gottverdammten Wand!«

Liz wartete geduldig, bis mein Wutanfall vorüber war. Ich hatte sie nicht anbrüllen wollen. Ich schrie mich selbst an, und Janie und Raymond, und Harry Martin und Brown Jenkin und alles andere, was mich in dieses Haus gebracht hatte. Ich glaube, sie wusste das auch. In gewisser Weise benutzte sie mich ebenfalls, das verriet ihre Art, mit mir zu schlafen. Es war körperlich sehr intim. Ich hätte alles mit ihr machen können, so wie sie im Gegenzug alles für mich getan hätte. Aber ihre Gefühle waren nicht im Spiel. Mit wem auch immer sie schlief, ich war jedenfalls nicht derjenige. Wahrscheinlich war ich nur der Platzhalter für jemanden, der ihr sein wehgetan halte. Ein Platzhalter im Bett zu sein, ist nicht gerade sehr aufregend, aber manchmal nimmt man, was man bekommen kann.

Schließlich hatte ich mich wieder unter Kontrolle und kehrte zurück ins Bett. Liz schmiegte sich eng an mich und legte ihren Arm um mich.

»Du zitterst ja«, sagte sie.

Ich konnte mich nicht von den Winkeln der Decke losreißen, sie flößten mir noch immer Angst ein. »Ich habe eine Frau gesehen, die sich vorbeugte. Ich schwöre es. Eine Krankenschwester. Oder eine Nonne. Sie war genau dort!«

»David, das kann doch nicht sein.«

»Ich werde diesen Artikel im National Geographie heraussuchen, und ich werde mit Doris Kemble unten im Café sprechen.«

»Du solltest besser mit deiner Bank sprechen und dir Geld für einen neuen Wagen leihen.«

Ich ließ meinen Kopf auf das Kissen sinken. Ich wusste nicht, warum, aber auf einmal liefen mir Tränen übers Gesicht. Ich dachte an den alten Countrysong I've Got. Tears In My Ears Front Lying On My Back And Cryin' Over You. Liz lutschte meine Schulter und küsste mich auf die Wange, während ihre Finger durch meine Haare fuhren. Aber ich war zu müde und zu verstört. Und Sex war nicht die Antwort, die ich jetzt brauchte. Schließlich setzte sie sich auf und lehnte sich über mich, nahm meinen Augen den Blick auf den letzten Rest Mondlicht, um mir einen zarten, flüchtigen Kuss auf die Stirn zu geben.

»Du bist hoffnungslos«, sagte sie.

»Nein, eigentlich nicht«, erwiderte ich, während ich mir die Augen rieb. »Ich bin nur pleite und verängstigt, und ich mache mir Sorgen um meinen Sohn. Davon abgesehen, bin ich ein großartiger Typ.«

Sie lachte und küsste mich. Ich hielt sie in meinen Armen, bis der Mond verschwand und es sehr dunkel wurde. Ich versuchte zu schlafen, aber ich konnte meinen Blick nicht von den Winkeln der Decke nehmen, obwohl ich sie gar nicht sehen konnte.

Liz schlief. Aber im Fortyfoot House veränderten Dinge ihre Positionen mit hohem Tempo. Bloße Füße huschten fast lautlos über die Dachsparren, pelzige Dinge rannten blind und schnell durch die Hohlräume hinter den Wänden. Der junge Mr. Billings kam näher, dessen war ich sicher. Und begleitet wurde er von ... von was bloß? Als ich aufwachte, schien die Sonne. Ich nahm an, dass mich das letzte Nachhallen eines Kinderschreis aus dem Schlaf gerissen hatte.

Liz öffnete die Augen und sah mich an. Es war ein warmer Morgen, und die Fransen des Lampenschirms bewegten sich leicht in der Brise wie die Beine eines von der Decke herabhängenden Tausendfüßlers.

Sie küsste mich auf die Schulter, dann auf die Lippen.

»Soll ich dir mal was sagen?«, fragte sie. »Du siehst beschissen aus.«

9. Der Priester

 Am Morgen aß Liz zwei Weetabix und kippte einen großen Becher Kaffee in sich hinein, um sich auf den Weg zum Tropical Bird Park zu machen. Ich versprach ihr, dass wir sie um fünf Uhr mit dem Bus abholen würden. An der Tür gab sie mir einen Kuss, der keuscher nicht hätte ausfallen können und den Danny im Flur stehend mit einer Mischung aus Nachdenklichkeit und unterdrückter Freude beobachtete. Ich glaube, er begann sich an die Tatsache zu gewöhnen, dass seine Mutter und ich nicht wieder zusammenkommen würden. Ich glaube sogar, dass er allmählich zu vergessen begann, wie sie aussah und wie sie sich anfühlte. Außerdem mochte er Liz sehr.

Mein Gott, dachte ich, während Liz zur Straße ging. Vergib uns unsere Verfehlungen und vergib uns, dass wir so verdammt stur und egoistisch sind.

»Ich würde sagen, dass wir als Erstes in der Küche die alte Farbe abkratzen«, sagte ich zu Danny. »Wir können in der Küche anfangen und uns dann vorarbeiten.«

»Kann ich nicht wieder Krebse suchen?«

»Ich dachte, du würdest mir bei der Arbeit helfen.«

Danny machte einen unerfreuten Eindruck. »Ja ... aber ich kann nicht gut kratzen.«

»Na gut. Aber bleib in der Nähe vom Strandcafe. Lauf nicht weg und geh nicht ins Wasser. Du kannst ein wenig plantschen, aber mehr nicht.«

Er nickte, ohne mich anzusehen. Vielleicht hörte er mir gar nicht zu. Oder er hörte mir zu und verstand bloß nicht alles, was ich ihm sagte. Wenn man erwachsen ist, setzt man so viele Dinge voraus. Man setzt voraus, dass man es schon schaffen wird, dass man attraktiv ist, dass die Kinder einen verstehen, wenn man ihnen etwas sagt. Vermutlich hatte

Danny irgendetwas gehört, was dem entsprach, was er am liebsten machen wollte.

Ich sah ihm nach, wie er über den Rasen lief, vorbei am Fischteich und durch das Gartentor. Ich sah, wie die Sonne sein frisch gewaschenes Haar leuchten ließ, während er auf dem Weg an den Cottages entlang weiterlief. Man bekommt nicht oft die Gelegenheit, jemanden so sehr zu lieben wie den eigenen Sohn. Ich hatte diese Chance, und dafür war ich dankbar.

Den ganzen Morgen über verbrachte ich damit, die Fensterrahmen mit beißendem gelblichen Lösungsmittel zu bestreichen und in mühseliger Kleinarbeit uralte Farbe abzulösen. Unter der obersten schwarzen Farbschicht waren mindestens vier bis fünf alte Lagen Farbe, die ich alle abtrug - grün, beige, sonderbar rosa, bis ich das nackte graue Metall erreicht hatte. Diese monotone Arbeit hatte etwas sehr Therapeutisches an sich. Gegen elf Uhr war der größte Teil des großen Rahmens fertig, und ich beschloss, mich mit einem Bier und einem Sandwich zu belohnen.

Am Strand entdeckte ich Danny. Er hatte offenbar verstanden, was ich ihm gesagt hatte, weil er nur wenige Meter vom Strandcafé vor einem Tümpel zwischen den Felsen hockte und Krebse mit einem Stock ärgerte. Ich würde ihm eine Predigt halten müssen, dass man Tieren gegenüber keine Grausamkeiten begehen soll. Ich betrat den Garten des Cafés und wählte einen Tisch, von dem aus ich Danny sehen konnte. Kurz darauf kam Doris Kemble nach draußen.

»Was soll's sein?«

»Ein Lager und eines Ihrer Garnelensandwiches, bitte. Ach ja ... und einen Käsetoast für Sindbad den Seefahrer. Und eine Coca Cola.«

Sie notierte meine Bestellung auf einem kleinen Block. Ohne mich anzusehen, sagte sie: »Sie hatten Schwierigkeiten im Haus.«

»Ja«, sagte ich. »Sie haben bestimmt das mit Harry Martin gehört.«

»Ich habe auch gehört, was Keith Belcher mit Ihrem Wagen gemacht hat.«

Ich verzog das Gesicht. »Ich habe versucht, Harry davon abzuhalten, sich auf dem Speicher umzusehen. Aber er hat nicht auf mich hören wollen. Er sagte, Brown Jenkin habe seinen Bruder geholt, und darum sei er im Recht.«

Doris Kemble schauderte sichtlich. Dann setzte sie sich zu mir an den Tisch, als könne sie sich nicht länger auf den Beinen halten.

»Gesehen haben Sie Brown Jenkin nicht etwa?«

»Ich weiß nicht, vielleicht schon«, sagte ich vorsichtig. »Ich weiß, dass ich irgendeine Ratte gesehen habe.«

»Eine sehr große Ratte? Mit einem menschlichen Gesicht? Und menschlichen Händen?«

»Doris«, erwiderte ich und hielt ihre Hand. »Keine Ratte auf der ganzen Welt sieht so aus.«

»Brown Jenkin ist keine Ratte. Jedenfalls nicht das, was Sie als Ratte bezeichnen würden.«

»Und als was würden Sie ihn sonst bezeichnen?«, fragte ich, dann wandte ich mich kurz ab und rief: »Danny! Beeil dich! Mittagessen!«

Danny stand auf. Er bildete eine schmale Silhouette vor dem glitzernden Sonnenlicht, das vom Sand, von den Pfützen und den Wellen reflektiert wurde.

»An Ihrer Stelle«, sagte Doris Kemble, während das Sonnenlicht jedes Staubkorn auf ihren Brillengläsern erkennen ließ, »würde ich den Jungen nehmen, und dann würde ich das Haus verlassen. Ich würde es denjenigen überlassen, die wissen, wie man mit Geistern und solchen Dingen umgeht. Die sollten das Haus niederbrennen und das weihen, was dann noch von ihm übrig ist. Es führt nichts Gutes im Schilde, darum. Und ich muss Vera Martin beipflichten, dass sie Ihren Wagen zertrümmert hat, so Leid es mir tut, das zu sagen. Aber Sie hätten niemals zulassen dürfen, dass Harry nach Brown Jenkin sucht.«

Ich musste mich sehr zusammenreißen, um nicht die

Geduld zu verlieren und ihr zu sagen, was für ein dämliches altes Tratschweib sie war. Aber ich wusste, dass ich mehr von ihr hatte, wenn ich tolerant und reuig blieb.

»Ich schätze, Sie haben Recht«, sagte ich, während ich meinen Blick auf Danny gerichtet hielt, der über die Steine in Richtung Promenade stieg. »Ich hätte Harry nicht ins Haus lassen dürfen.«

»Er hat immer gesagt, dass Brown Jenkin seinen Bruder geholt hat«, sagte Doris und schüttelte den Kopf. »Er hat es so oft gesagt, dass Vera es ihm verbieten musste. Sie hatte ihm gedroht, zu gehen und nie wiederzukommen, wenn er noch einmal davon sprach.«

»Doris«, beteuerte ich. »Es ist nicht meine Schuld. Keine zehn Pferde hätten ihn davon abhalten können.«

»Tja. Jetzt ist es zu spät. Der arme Harry ist tot, und das war's. Keine Krittelei dieser Well wird ihn zurückbringen.«

Ich wartete eine Weile, dann sagte ich: »Wenn jeder in Bonchurch sich schon immer solche Sorgen wegen Brown Jenkin gemacht hat... warum hat dann noch niemals jemand etwas unternommen?«

Doris Kemble reagierte mit einem bitteren Lächeln. »Man kann nur schwer eine Kreatur fangen, die nicht immer vorhanden ist.«

»Ich verstehe nicht.«

»Könnten Sie heute Mittag zum Bahnhof gehen und den Zug von gestern erwischen?«

»Natürlich nicht.«

»Könnten Sie heute Mittag zum Bahnhof gehen und den Zug von morgen erwischen?«

»Nein.«

»Genau deshalb können Sie auch nicht Brown Jenkin fangen. Er war und er wird sein. Aber er ist nur sehr selten.«

»Doris, können Sie mir irgendetwas über den jungen Mr. Billings erzählen?«

»Was?«, fragte sie mit einem aggressiven Unterton.

»Sie sagten, dass Ihre Mutter viel über die Billings wusste.«

»Ja, sicher. Ich habe gesagt, dass sie im Fortyfoot House geputzt hat. Und was sie nicht über die Billings wusste, war es auch nicht wert, gewusst zu werden.«

»Hat sie jemals Brown Jenkin erwähnt?«

»Nicht oft. Sie machte das nicht so gerne. Jeder in Bonchurch weiß von Brown Jenkin. Einige sagen, dass es stimmt, andere halten es für Unsinn. Wir haben hier ein Sprichwort, wenn jemand zu viel getrunken hat: >Er hat Brown Jenkin gesehen.< Sie wissen schon, anstelle von rosa Elefanten.«

»Und was glauben Sie?«

Doris nahm ihre Brille ab. Ihre Augen wirkten müde und matt, ihre Wangen waren rissig. »Ich habe Brown Jenkin nie selbst zu Gesicht bekommen. Aber als ich jung war, sagten viele meiner Freunde, sie hätten ihn gesehen. Und dann war da noch Helen Oakes, meine beste Freundin zu jener Zeit. Eines Tages verschwand sie, und niemand wusste, was mit ihr geschehen war. Man gab ihrem Vater die Schuld, er wurde zweimal verhört, aber niemand konnte irgendetwas beweisen. Also ließen sie ihn wieder laufen. Es hat ihn trotzdem in den Ruin getrieben. Er musste sein Geschäft verkaufen und wegziehen. Ich habe gehört, dass er sich kurz nach dem Krieg erhängt haben soll.«

»Aber was hat es mit dem jungen Mr. Billings auf sich?«, hakte ich nach.

Sie machte eine Pause und dachte nach, dann schüttelte sie den Kopf. »Es bringt nichts, Geschichten über Leute zu erzählen, die seit langem tot sind. Vor allem Geschichten aus zweiter und dritter Hand. Das bringt ganz und gar nichts.«

»Vielleicht doch«, sagte ich. »Ich glaube, wenn wir verstehen könnten, was in der Vergangenheit geschehen ist, dann sind wir vielleicht auch in der Lage zu verstehen, was heute im Fortyfoot House geschieht.«

Doris Kemble setzte ihre Brille wieder auf und sah mich eindringlich an. »Meine Mutter hat gesagt, dass der junge Mr. Billings Dinge wusste, die er nicht hätte wissen sollen. Er ist an Orte gereist, an die kein Mensch jemals reisen sollte. Und er hat Dinge gesehen, die kein Mensch jemals sehen sollte. Er hat irgendeinen Pakt geschlossen, der mit dem Leben unschuldiger Kinder bezahlt werden musste. Darum wollte ich als Kind nie in der Nähe des Fortyfoot House spielen, und darum gehe ich auch heute noch niemals dorthin.«

»Hat Ihre Mutter gesagt, was das für ein Pakt war und mit wem er ihn geschlossen haben könnte? Hat sie Ihnen irgendeinen Hinweis gegeben?«

Doris Kemble sagte: »Ich mache jetzt Ihre Sandwiches fertig. Da kommt Ihr Junge.«

Ich umfasste ihr Handgelenk.

»Bitte, Doris. Nur ein Ja oder ein Nein. Hat Ihre Mutter Ihnen gesagt, was das für ein Pakt war?«

Sie wartete geduldig, bis ich sie wieder losließ. »Jeder hat nur geraten, es war ein Rätsel. Einige sagten, es sei der Teufel gewesen, aber andere glauben, es sei etwas viel Schlimmeres gewesen. Keiner weiß etwas Genaues.«

Ich ließ sie los. »Tut mir Leid«, sagte ich.

»Keine Ursache«, erwiderte sie. »Das Haus kann jeden verrückt machen.«

Danny kam zum Tisch und setzte sich. »Ich habe sechs Krebse gefangen. Ich habe sie wieder laufen lassen und ich habe ihnen nicht die Beine ausgerissen.«

Ich strich durch sein Haar. »Du warst ja richtig gnädig. Wie wär's mit einem Käsetoast?«

Wir aßen zu Mittag und sahen hinunter zum Strand. Wir sprachen nicht viel, stattdessen genossen wir den Wind und das Meeresrauschen. Nur Doris Kemble verdarb mir die Laune, weil sie mich unablässig so stechend ansah, als wolle sie mir unbedingt noch etwas sagen. Zweimal ertappte ich sie dabei, wie sie zu mir sah und sich auf die Unterlippe biss.

Als wir fertig waren, bezahlte ich und sagte: »Wenn Ihnen sonst noch etwas einfällt, werden Sie es mir doch sagen, oder?«

Sie nickte. Sie tippte die Preise für unser Essen in die

Kasse, und als sie mir das Wechselgeld reichte, sagte sie mit zitternder Stimme: »Es heißt, dass der junge Mr. Billings verheiratet war. Jedenfalls sagte meine Mutter das. Er war mit einer sehr jungen Frau verlobt, die sein Vater aus London mitgebracht hatte, einer Waise, Familienname Mason. Ein sehr sonderbares, wildes Mädchen.«

Ich wartete, das Wechselgeld noch immer in der Hand. »Und?«, fragte ich schließlich.

»Es war so ... der junge Mr. Billings hatte einen Sohn. Aber mit dem Sohn stimmte etwas nicht. Niemand hat ihn jemals gesehen. Die meisten hier dachten, er sei tot, aber niemand hat gesehen, dass er beerdigt wurde. Einige Leute haben getuschelt, dass der Sohn des jungen Mr. Billings behaart und seltsam war. Einige meinten, er sehe wie eine Ratte aus. Manche Leute sagten, der Kerl mit dem braunen Fell im Gesicht, das sei sein Junge, aber genau wusste das niemand.«

»Brown Jenkin«, sagte ich fast tonlos.

Doris Kemble nickte, ihre Lippen hatte sie fest zusammengepresst. Ihr Gesicht glich einer zerschlagenen Fensterscheibe.

»Meine Mutter hat oft davon erzählt, bevor sie starb. Sie war 84, und sie war ein wenig daneben. Sie dachte immer, sie befinde sich wieder in der Zeit, als sie das Haus sauber machte. Der junge Mr. Billings war da ja schon lange tot. Aber die Geschichten, die die Leute ihr erzählten ... Ich würde schon sagen, dass sie bei ihr einen ziemlichen Eindruck hinterlassen haben. Manchmal sprach sie so über den jungen Mr. Billings, als habe sie ihn sehr gut gekannt. Und Brown Jenkin ebenfalls. Brrrr! Mich schaudert, wenn ich nur daran denke.«

»Das kann wohl sein«, pflichtete ich ihr bei. Zur gleichen Zeit dachte ich darüber nach, ob es stimmen konnte, dass das Ratten-Ding der Sohn des jungen Mr. Billings war.

»Können wir gehen?«, fragte Danny ungeduldig.

Aus irgendeinem Grund sah ich aber nicht zu ihm, sondern zu den Cottages, die die Küste säumten und von denen das Strandcafe das letzte Gebäude in der Reihe war. Am Ende des steilen Weges, der vom Fortyfoot House hinabführte, glaubte ich, im Schatten der Bäume einen Mann zu sehen, einen Mann mit einem blassen Gesicht, der komplett in Schwarz gekleidet war. Er sah eindringlich zu uns herüber, seine Augen hatte er zusammengekniffen, damit er uns auf die große Entfernung deutlicher sehen konnte.

Doris Kemble hob den Kopf und bemerkte meine Blickrichtung. Sie drehte sich in die gleiche Richtung, doch genau in dem Augenblick verschwand der Mann, als sei er nichts weiter gewesen als eine optische Täuschung.

Im gleichen Moment kippte direkt hinter Doris' Kopf ein Krug im Regal um und fiel zu Boden, wo er in Stücke zersprang. Eine beunruhigende innere Stimme sagte mir, dass es zwischen dem Verschwinden des Mannes und dem zerbrochenen Krug einen Zusammenhang gab.

Ich nahm den Nachmittag frei, um mit Danny zusammen einige Nachforschungen anzustellen. Hand in Hand spazierten wir auf der kilometerlangen Promenade bis nach Ventnor. Es war ein erfreulicher warmer Tag, das Meer war strahlend blau, und die Möwen kreisten laut schreiend über den Klippen. Wir gingen einen steilen Pfad hinauf, der durch Büsche und Kalkstein führte, bis wir einen Parkplatz und die ersten Seitenstraßen von Ventnor erreichten.

Ventnor hatte nicht viel zu bieten: eine typische britische Küstenstadt mit Bushaltestelle und einem Kino, aus dem man eine Bingohalle gemacht hatte, mit Geschäften, die prallvoll gefüllt waren mit Wasserbällen und Strohhüten und Eimer-und-Schaufel-Sets. Aber es gab eine Pfarrkirche, St. Michael's, und eine Bibliothek - und mehr brauchte ich nicht.

In der engen sonnendurchfluteten und viel zu warmen Bibliothek, die nach Lavendelbohnerwachs roch, saß ich in einer Ecke und studierte das Fach GEISTER und OKKULTE PHÄNOMENE. Ich las über das schottische Schloss im Königreich Fife, in dem einmal im Jahr Blut über die Steintreppe strömte und die große Halle überflutete. Ich las über den

Mann ohne Gesicht, der den Trost seiner vor langer Zeit verstorbenen Mutter suchte und deshalb in einem kleinen Cottage in Great Ayton in Yorkshire erschien.

Ich suchte auch unter ZEIT und REIATTVITAT. Das meiste, was ich entdeckte, war so geheimnisvoll, dass ich es nicht mal im Ansatz verstand, auch wenn sich in The Arrow of Time einige interessante Passagen über alternative Realitäten fanden und darüber, warum es wissenschaftlich gesehen möglich ist, dass ein und dasselbe kosmische Szenario mehrere verschiedene, aber parallele Konsequenzen haben kann. Mit anderen Worten: Die Indianer hätten sich zur Wehr setzen und Amerika für sich behalten können. Und Hitler hätte ein weiset und gütiger Kanzler sein können, der Europa Frieden und Wirtschaftswachstum bescherte.

Ganz am Ende des Regals zum Thema ZEIT stieß ich auf eine von Eselsohren geprägte Ausgabe von National Geographie. Sie war vom Juni 1970, in Plastik eingeschlagen und trug einen gelben Aufkleber mit der Aufschrift ZEIT & SUMERISCHE ANTIKE, S. 85. Ich schlug die Zeitschrift auf und suchte den Artikel - >Zikkurat-Magie im antiken Sumer< von Professor Henry Coldstone II. Es ging um die Zikkurats von Babylon, die terrassenartig angelegten Türme, die rund um Ur am Euphrat erbaut worden waren.

Nicht das Thema das Artikels weckte meine Aufmerksamkeit, sondern ein grobkörniges Schwarzweißfoto mit der Unterzeile: >Sumerischer Tempel, der im August 1915 von den Türken niedergerissen wurde, weil seine Form den örtlichen Bey störte.<

Vom Tempel war wegen der schlechten Qualität des Fotos kaum etwas zu erkennen. Aber etwas an seiner Silhouette war äußerst vertraut, an der Art, wie seine Winkel dem Auge einen Streich spielten, und an den finsteren und unnatürlichen Perspektiven.

Ich hätte alles Geld - das ich nicht mehr besaß - darauf verwetten können, dass es sich um ein Foto des Dachs von Fortyfoot House handelte.

Ich überflog den Rest des Artikels in aller Eile. Die Bibliothek wurde jeden Moment geschlossen, während eine üppige Frau in einem grauen Twinset und mit Brille mich vom Tresen aus beobachtete, als wolle ich ein Buch stehlen.

Professor Coldstone stellte die These auf, dass im antiken Irak mehrere bedeutende Zikkurats errichtet worden waren, die - obwohl aus massivem Stein gebaut - in der Lage waren, ihre räumlichen Dimensionen zu ändern, und die die Babylonier benutzt hatten, um von einer Welt in die andere zu reisen.

Die Babylonier glaubten an die Existenz unendlich vieler antiker Zivilisationen, in die man sich unter Anwendung bestimmter astrogeometrischer Formeln begeben konnte, die auf den Mustern der wichtigsten Konstellationen basierten. Mathematiker der Neuzeit waren trotz des Einsatzes von Computern, die präzise Bewegungen quer durch das gesamte Universum berechnen konnten, bislang nicht in der Lage gewesen, diese Formen wieder zu erschaffen, weil sie so viele scheinbar absurde und mathematisch unmögliche Faktoren enthielten.

Professor Coldstone führte aus, dass »die Zivilisation der Sumerer auf Wissen basierte, das von einer anderen Welt jenseits der Zikkurats stammte«. Die Keilschrift der Sumerer wies keinerlei Übereinstimmungen mit irgendeiner anderen Schrift dieser Erde auf, auch wenn viktorianische Übersetzer versucht hatten, zu zeigen, dass es sich um nichts anderes als gekippte vereinfachte Piktogramme handelte. Die Götter der Sumerer und ihre Legenden zeigten keine religiösen oder anthropologischen Verbindungen zu irgendeiner anderen menschlichen Religion oder Glaubensrichtung. Bereits um 3500 vor Christus berichteten sie mit einer unheimlich anmutenden Selbstverständlichkeit von einem Ort, »an dem keine Tage gezählt werden« - ein Ort, den ihre Priester und Gelehrten vergleichsweise problemlos erreichen konnten, wenn auch nicht immer ohne Risiken. Einige der Priester verfielen durch das, was sie jenseits der Zikkurats zu sehen bekamen, dem Wahnsinn. Es gab sogar ein spezielles Symbol für den, »der gesehen hat, was jenseits wartet«. Nicht, was jenseits »liegt« oder »lebt«, sondern »wartet«. Worauf dieses Unbekannte wartete, dazu sagte Professor Coldstone nichts.

Über den von den Türken zerstörten Tempel fand ich nur wenig, lediglich eine Notiz des Bey, die besagte: »Er ist ein Zentrum des Unbehagens. In der Nacht sehen wir Lichter und hören Stimmen in Sprachen, die wir nicht verstehen können. Da sein Fortbestand die türkische Kontrolle über dieses Gebiet zu gefährden droht, habe ich angeordnet, den Tempel zu sprengen.«

Ich bat die Frau im grauen Anzug, mir den Artikel zu kopieren. »Sieht interessant aus«, sagte sie, während das grelle Licht des Kopierers die Abstellkammer beleuchtete, in der er gleich neben der Spüle, dem Wasserkessel und einem halben Dutzend Tassen aufgestellt worden war. »Zikkurats.«

»Also eigentlich sind die ziemlich langweilig«, sagte ich, während ich erfolglos versuchte, ein Lächeln zustande zu bringen. Aufgewirbelter Papierstaub sank von der Nachmittagssonne beschienen zu Boden. In der Kinderecke der Bibliothek saß Danny im Schneidersitz auf dem Boden und las eine Kinderfassung von Dracula. »Warum trinken Vampire das Blut von anderen Leuten?«, fragte er mich, während wir die Stufen von der Bibliothek hinuntergingen.

»Weil sie keinen Fischgeruch mögen.«

»Nein, wirklich. Warum trinken sie Blut?«

»Das ist nur eine Geschichte, die dir Angst einjagen soll.«

»Was passiert denn, wenn ein Vampir von jemandem Blut trinkt, der AIDS hat?«

Ich blieb an der Ecke stehen, während ein Bus an uns vorbeifuhr, und sah ihn an. »Wie alt bist du?«

»Sieben.«

»Dann erzähl nicht solche Dinge. Du musst dir keine Gedanken über AIDS machen. Noch nicht, jedenfalls.«

»Aber wenn mich ein Vampir beißt, und der Vampir hat AIDS von jemandem, den er vorher gebissen hat?«

»Und was ist, wenn du mir so viele Fragen stellst, dass mein Kopf explodiert?«

Wir erreichten St. Michael's, eine bescheidene viktorianische Kirche, umgeben von Steinmauern und mit Zypressen im Kirchhof. Es war erkennbar, dass die Kirche einmal auf einem weitläufigeren Grundstück gestanden hatte. Doch ein großer Teil davon war aufgegeben worden, um die Hauptstraße zu verbreitern. So drängten sich zwanzig oder dreißig Grabsteine wie eine Zahnreihe an die Mauer, die dank der größten Bäume im Schatten lag.

In der Kirche, in der es überraschend kalt war, warf jeder unserer Schritte ein lautes Echo. Eine ältliche Frau war mit einer Blumendekoration beschäftigt, der Vikar stand auf einer Holzleiter und tauschte die Nummern der Kirchenlieder aus. Ich ging zu ihm hinüber und sagte: »Guten Morgen.«

Er schob seine Brille so weit herunter, dass er mich über den Rand ansehen konnte. Nach dem ersten Eindruck zu urteilen, schien er nicht älter als vielleicht fünfundvierzig oder fünfzig, aber er war auf dem besten Weg zur Glatze und besaß all die betulichen, übertriebenen Verhaltensweisen eines Mannes im Rentenalter. Er trug eine dicke Tweedjacke und eine abgewetzte grüne Kordhose.

»Bin sofort bei Ihnen«, sagte er, während er die letzte Karte einschob. Dann stieg er von der Leiter und sah mich an. »Kommen Sie wegen der Abflussrohre?«

»Nein, ich wollte Sie nur fragen, ob ich einen Blick auf die Aufzeichnungen der Pfarrei werfen dürfte.«

»Die Aufzeichnungen? Also, das wird ziemlich viel Arbeit werden. Abgesehen von diesem und vom letzten Jahr befinden sie sich alle im Vikariat. Kommt drauf an, welches Jahr Sie suchen.«

»Ich bin nicht sicher, aber ich nehme an, dass es vor 1875 sein muss.«

»Darf ich fragen, was genau Sie suchen, Mr. ...?«

»Williams, David Williams. Ja ... ich suche Daten über eine Hochzeit.«

»Ich verstehe. Vorfahren von Ihnen?«

»Nein, aber Leute, über die ich etwas weiß und über die ich etwas mehr wissen möchte.«

»Das waren doch Leute von hier, oder?«, fragte der Vikar. Dann wandte er sich der alten Frau zu, die noch immer mit den Blumenarrangements beschäftigt war. »Nicht zu viele Gladiolen vor der Kanzel, Mrs. Willis. Ich möchte noch meine Gemeinde sehen können«, rief er ihr so laut zu, dass seine Worte noch geraume Zeit nachhallten.

»Ja, sie waren von hier«, erklärte ich. »Sie lebten in Bonchurch.«

»Und Sie sind sicher, dass sie hier geheiratet haben? Sie hätten auch in Shanklin heiraten können.«

»Richtig, aber ich dachte mir, dass ich einfach hier anfange.«

Er sah auf seine Uhr. »Ich gehe jetzt zurück ins Vikariat. Wenn Sie wollen, können Sie sofort mitkommen.«

Wir verließen die Kirche, überquerten die Straße und gingen dann durch eine schmale Gasse zu einem großen spätviktorianischen Haus, das von Lorbeerhecken und einem beschädigten Holzzaun umgeben war. Zwischen den Steinplatten in der Einfahrt wucherte Unkraut, und die braune Farbe an den Türen und den Fensterrahmen blätterte ab.

»Ich fürchte, es sieht alles ein wenig schäbig aus«, sagte der Vikar, während er die Haustür öffnete. »Für einen Luxus wie Farbe ist heutzutage nicht mehr viel Geld übrig.«

Er führte uns in den Flur mit Kachelboden und brauner Holzvertäfelung.

Ein starker Geruch von Fleisch und Kohl zog durchs Haus, woraufhin Danny die Nase rümpfte und sagte: »Schulessen.«

Ich sagte ihm, er solle ruhig sein, doch der Vikar lachte. »Stimmt genau«, sagte er. »Mir hat das Schulessen immer geschmeckt.«

Eine Frau mit einer geblümten Schürze kam aus der Küche und trug ein Goldfischglas. Ihr Gesicht war so ausdruckslos wie ein Teller.

»Mrs. Pickering«, stellte der Vikar vor, woraufhin die Frau flüchtig lächelte.

»Sie können die Bibliothek benutzen«, fuhr der Vikar fort, während er weiter durch den Flur ging. »Die Aufzeichnungen befinden sich alle dort, allerdings nicht in der chronologischen Reihenfolge. Sie sagten 1875?«

»Um 1875. Ich bin nicht ganz sicher.«

»Kennen Sie die Namen der Eheleute?«

»Ja. Der Bräutigam hieß Billings, die Braut Mason.«

Er blieb stehen. »Billings sagten Sie? Und Mason? Aus Bonchurch?«

»Genau, das Fortyfoot House.«

»Oh«, sagte er abweisend. »Das ist allerdings etwas anderes. Sie ... schreiben darüber?«

»Nein, nein, ich bin Handwerker, ich schreibe nichts. Ich wohne zurzeit im Fortyfoot House. Ich soll es ein wenig flottmachen, damit die Eigentümer es verkaufen können.«

»Sie ... was? Sie machen es ... flott?«

»Sie wissen schon, streichen, tapezieren, renovieren.«

»Ach so«, sagte der Vikar. »Entschuldigen Sie bitte, dass ich so reagiert habe. Es ist nur so, dass ich gelegentlich äußerst unerwünschte Anfragen über Fortyfoot House erhalte ... von den weniger seriösen Zeitungen, Sie wissen schon. Und von Leuten, die Bücher über schwarze Magie und okkulte Geheimnisse schreiben. Ich versuche nach Kräften, sie davon abzubringen.«

»Ich wusste nicht, dass Fortyfoot House so bekannt ist.«

»Ich glaube, >berüchtigt< wäre das passendere Wort«, erwiderte er. Er öffnete die Tür zur Bibliothek und ließ uns hinein. In dem Raum war es stickig und heiß, und es herrschte eine entsetzliche Unordnung. In Leder gebundene Bücher, Fotoalben und vergilbte Pfarrzeitungen stapelten sich in jedem der Regale, und auf dem ausgefransten Teppich fanden sich noch höhere Türme aus Büchern und Zeitschriften. Eine Katze lag zusammengerollt auf der Fensterbank, das Maul leicht geöffnet, während sie wie im Koma schlief. Gleich lieben ihr stand eine leere Flasche Moet & Chandon, daneben eine afrikanische Elfenbeinstatuette.

»Sie wohnen dort?«, fragte der Vikar.

»Richtig. Mr. und Mrs. Tarrant wollen es so schnell wie möglich in einem verkaufsfähigen Zustand haben.«

»Ah, ja. Tja, das ist auch verständlich. Dieses Haus scheint jedem Unglück zu bringen, der es besitzt.«

»Haben Sie eine Ahnung, warum das so ist?«

Der Vikar nahm seine Brille ab und rieb sich mit dem Handrücken über die Augenbrauen. »Ich habe mich selbst einmal damit beschäftigt. Ich habe mich schon immer für die örtliche Geschichte und für Aberglauben interessiert. Aber über dieses Haus gibt es so viele widersprüchliche Geschichten, dass man nur schwer sagen kann, welche man glauben soll.«

»Aber Sie haben vom jungen Mr. Billings gehört und von der Frau, die er geheiratet hat, dieser Frau namens Mason. Und Sie wissen von Brown Jenkin, oder?«

Mit gesenkter Stimme erwiderte der Vikar: »Wenn man in Ventnor lebt, dann weiß man auch von ihnen. Das ist ein Teil der lokalen Mythologie.«

»Haben Sie dort jemals irgendetwas gesehen? Irgendetwas, das Sie dazu bringen könnte, einiges davon für wahr zu halten?«

Er sah mich eindringlich an: »Darf ich aus Ihrem besonderen Interesse schließen, dass Sie etwas gesehen haben?«

Danny stand am Fenster und streichelte die Katze. »Ich bin nicht sicher, was ich gesehen habe«, antwortete ich dem Vikar. »Mit im Haus lebt zurzeit eine junge Frau. Sie hat sich fast einreden können, dass es Hausbesetzer sind, die sich auf dem Dachboden verstecken und die versuchen, uns Angst einzujagen.«

»Aber Sie glauben das nicht«, sagte der Vikar und strich sein weniges Haar zurück.

»Ich muss sagen, dass es mir schwer fällt, das zu glauben.«

»Sie haben Stimmen gehört? Sie haben grelle, unerklärliche Lichter gesehen?«

»Mehr noch. Ich habe etwas gesehen, das wie eine Ratte aussieht, aber keine Ratte ist. Und ich habe ein Mädchen in einem Nachthemd gesehen, das den Eindruck machte, als sei es tot. Und ich habe jemanden gesehen, der Billings sein könnte; ich bin sogar sicher, dass er es ist. Das Problem ist, das alles wirkt wie eine Halluzination. Es ist immer im gleichen Augenblick wieder vorbei, und ich bin mir nie sicher, ob ich wirklich etwas gesehen oder gehört habe oder ob ich ...«

»... verrückt werde«, führte der Vikar den Satz für mich zu Ende.

»Ja. Ich meine, mein Sohn hat Billings ebenfalls gesehen. Und auch das Mädchen mit dem Nachthemd. Liz ebenfalls. Aber ... ich weiß nicht...«

»Glauben Sie, dass Sie alle die gleichen Halluzinationen haben könnten? Eine Art kollektive Wahnvorstellung?«, fragte der Vikar.

»Ich schätze schon. Ich kenne mich nicht sehr gut mit übernatürlichen Dingen aus oder mit dem Leben nach dem Tod.«

»Tja, so geht es uns allen«, räumte der Vikar ein. »Ach, übrigens, ich heiße Dennis Pickering, aber nennen Sie mich bitte Dennis. Das macht jeder hier. Möchten Sie einen Tee? Meine Frau macht einen schrecklich guten Kümmelkuchen. Und Ihr Sohn ... möchte er vielleicht einen Orangensaft?«

Danny rümpfte die Nase. Für einen Jungen, der mit Pepsi Light und Lucozade Sport groß geworden war, hatte die Vorstellung eines lauwarmen Orangensafts etwas äußerst Unappetitliches.

»Vielleicht möchtest du lieber einen Joghurt?«, schlug Dennis Pickering vor.

Dannys Gesichtsausdruck wechselte von leicht angewidert zu etwas, das an den Glöckner von Notre Dame erinnerte.

»Er hat gerade gegessen«, erklärte ich.

Pickering räumte einen Stapel Papiere und Bücher zur Seite, und wir nahmen Knie an Knie auf dem Rand des verstaubten braunen Ledersofas Platz.

»Da ist noch etwas«, sagte ich ihm. »Etwas, das nur ich gesehen habe und das mich an der Theorie der Massenhysterie zweifeln lässt. Letzte Nacht so gegen zwei Uhr sah ich etwas in einer Ecke an der Decke in meinem Schlafzimmer. Es war zuerst nur ein verschwommenes Licht, aber dann veränderte es sich langsam zu einer Ordensschwester oder einer Nonne. Es war nicht richtig klar zu sehen. Es hat mich zu Tode erschreckt, um ehrlich zu sein. Ich schrie dieses ... dieses Etwas an, und dann verschwand es.«

Pickering nickte nachdenklich. Er legte seine knochigen Hände aneinander, als wolle er beten. Und lange Zeit sagte er gar nichts.

»Sie glauben mir doch, oder?«, fragte ich und lachte nervös. Mit einem Mal kam mir der Gedanke, dass er mir womöglich nicht glaubte und nur überlegte, ob er die Polizei oder die nächste Klapsmühle anrufen sollte.

»Guter Mann!« Er schlug seine Hand auf mein Knie, zog sie dann aber schnell zurück, als er erkannte, dass seine Geste falsch ausgelegt werden könnte. »Ja ... ja, ich glaube Ihnen. Alle meine Vorgänger wussten davon, dass es im Fortyfoot House etwas gibt, was man als »spirituelle Unregelmäßigkeiten bezeichnen könnte. Ich habe lediglich überlegt, was ich Ihnen raten kann und was ich eigentlich tun kann.«

»Gibt es überhaupt irgendetwas, was Sie tun können? Könnte man Fortyfoot House beschwören? Oder können all diese Geister ruhig gestellt werden? In den Filmen geht so was immer.«

Pickering seufzte und sagte: »Ja, in den Filmen geht das immer. Aber das hier ist die Wirklichkeit, Mr. Williams. Die Rastlosen und die, die tot sein sollten, sind in der Realität nicht so einfach zu besänftigen wie in der Fantasie.«

»Haben Sie irgendeine Vorstellung davon, was diese Störungen verursacht?«, fragte ich ihn.

Er schüttelte fast bedauernd seinen Kopf. »Ich kenne die Geschichte des Fortyfoot House sehr gut. Und ich habe auch Lichter gesehen und Geräusche gehört, die man übernatürlichen Einflüssen zuschreiben könnte. Aber was sie genau sind und was sie wollen ... tja, da habe ich absolut keine Vorstellung. Und auch keiner meiner Vorgänger in dieser Pfarrei konnte etwas dazu beitragen. Es ist so, als lebe man gleich neben einem aktiven Vulkan. Es behagt einem vielleicht nicht, aber man muss sich damit abfinden.«

Ich holte die Kopie hervor, die die Frau in der Bibliothek für mich gezogen hatte. »Ich habe da eine Theorie, na ja, es ist weniger eine Theorie, es ist mehr so ein Gefühl, dass Fortyfoot House an zwei Orten gleichzeitig existiert. Genauer gesagt, in zwei Zeiten gleichzeitig. Hier, sehen Sie. Die alten Sumerer bauten Zikkurats, die ihnen angeblich den Zugang zu einer anderen Welt ermöglichten, die der gleiche Ort war, nur noch viel älter.«

Dennis Pickering faltete die Kopie auseinander. »Das ist äußerst interessant«, sagte er. »Ich habe davon gehört. Angeblich soll es nicht nur eine prähistorische, sondern sogar eine >vormenschliche< Zivilisation in Arabien gegeben haben, die Mnar, deren Hauptstadt Ib war. Einigen Historikern zufolge, wie beispielsweise Dr. Randolph Carter... ah, ja, sehen Sie doch, hier unten wird Carter sogar erwähnt... also, es heißt, dass die Sumerer in der Lage gewesen sein sollen, in der Zeit zurückzureisen, um nach Ib zu gelangen. Möglich gemacht wurde ihnen das angeblich durch bestimmte mathematische Formeln und ungewöhnliche architektonische Strukturen. Es ist faszinierend, wenn auch ein wenig überholt. Ich habe das meiste darüber auf dem College gelernt. Aber es ist meiner Meinung nach sehr suspekt.«

Er nahm seine Brille ab und sah mich an. »Ich kann allerdings nicht sehen, wo der Zusammenhang zum Fortyfoot House sein soll. Meiner Meinung nach ist Fortyfoot House einfach nur eines von diesen Gebäuden, die von der Verderbtheit derer heimgesucht werden, die dort einmal gelebt haben. Und von der Tragödie derjenigen, die dort gestorben sind. Ein klassischer Fall von Heimsuchung. Ich habe sogar selbst schon einen kleinen Artikel darüber geschrieben, Die

Heimsuchung von Fortyfoot House. Er wurde Anfang der siebziger Jahre in der Church Tines veröffentlicht.«

Er gab mir die Kopie zurück. »Reverend John Claringbull war der Vikar von St. Michael's, als Fortyfoot House gebaut wurde. Er kannte Mr. Billings sehr gut. Den alten Mr. Billings, nicht den jungen Mr. Billings. Der alte Mr. Billings war ein bekannter Menschenfreund. Als er beschloss, Fortyfoot House zu bauen, um Waisenkinder aus dem Londoner East End aufzunehmen, stellte ihm Reverend Claringbull jede erdenkliche paslorale Unterstützung zur Verfügung. Es ist alles in seinen Tagebüchern festgehalten, die noch immer hier im Vikariat sind, wo sie auch hingehören. Mit dem Bau von Fortyfoot House lief alles nach Plan, bis der alte Mr. Billings eines Tages aus London ein elternloses Mädchen mitbrachte, das sein Dienstmädchen und seine Köchin und Putzfrau werden sollte. Mr. Billings betrachtete die moralische Errettung dieses Mädchens als eine der größten Herausforderungen seines Lebens - eine Herausforderung, wie sie sich ihm noch nie gestellt hatte. Das Mädchen war vierzehn Jahre alt und hatte seit dem zehnten Lebensjahr als Prostituierte gearbeitet. Dieses Mädchen ... diese junge Frau war jenseits aller Vorstellungskraft verdorben. Es hieß, dass sie in den finstersten Straßenzügen der Londoner Docks aufgewachsen war, zwischen Ratten, Huren, Kriminellen und anderen Menschen, deren moralische Verwerflichkeit Sie sogar noch heute schockieren würde.«

Er machte eine kurze Pause, dann fuhr er mit seinen Schilderungen fort: »Laut Mr. Billings hatte Dr. Barnardo diese junge Frau aus der Obhut eines namenlosen und verdreckten Wesens gerettet, das im Zentrum aller Rattennester in den Londoner Kaianlagen lebte. Er konnte nicht sagen, ob es sich dabei um eine Frau oder einen Mann handelte, nicht mal, ob es überhaupt menschlich war. In Dr. Barnardos Tagebüchern können Sie nachlesen, dass es in fast völliger Dunkelheit dasaß, umgeben von den Kadavern Tausender großer Kanalratten, von denen einige so alt waren, dass sie schon zu Staub zerfallen waren, während andere erst vor relativ kurzer Zeit ihr Leben gelassen hatten und teilweise mumifiziert waren. Diese junge Frau hatte zu Füßen dieses Wesens gesessen, sie war in schmutzigen Samt gekleidet und hatte - laut Dr. Barnardo - einen grotesken und gutturalen Gesang rezitiert, immer und immer wieder. Auch wenn er den Text nicht verstehen konnte, verspürte Dr. Barnardo unglaubliches Entsetzen, fast so, als sei es ein Gebet an Gevatter Tod persönlich.«

Pickering sah mich nachdenklich an, während er abermals eine Pause machte. »Die junge Frau setzte sich heftig zur Wehr«, sprach er dann weiter, »als Dr. Barnardo sie mitnehmen wollte. Schließlich holte er sich aber Unterstützung in Gestalt von zwei kräftigen jungen Freunden, und sie erwischten sie eines Nachts in der Slugwash Lane, um sie zu Mr. Billings Haus in London zu bringen. Obwohl sie eingeschlossen wurde, versuchte sie zweimal zu entkommen. Schließlich entschied der alte Mr. Billings, sie mit auf die Isle of Wight zu nehmen, auch wenn Fortyfoot House noch längst nicht fertig gestelll war. Er wollte sie nur so weit wie möglich von London fortbringen. Er glaubte, dass er gemeinsam mit Mr. Claringbull aus der Hafendirne eine saubere, anständige und folgsame junge Frau machen könnte.«

»Das Pygmalion-Syndrom«, warf ich ein. »Aus einem Blumenmädchen eine Dame von Welt machen. >Es grünt so grün, wenn Spaniens Blüten blühn.<«

»Ja, genau«, pflichtete Pickering mir bei. »Leider verliefen die Bemühungen des alten Mr. Billings, die Rolle des Professor Higgins zu spielen, gründlich verkehrt. Ist Ihr Junge sicher, dass er keinen Joghurt möchte? Meine Frau macht ihn selbst.«

»Nein, danke, wirklich nicht.«

»Also, ich muss sagen, dass ich es ihm nicht verübeln kann. Ich hasse ihren Joghurt.«

»Was lief zwischen dem alten Mr. Billings und der jungen Frau aus dem Ruder?«, hakte ich nach.

»Alles, guter Mann, einfach alles! Die junge Frau war so entschlossen und verschlagen und charakterstark, dass Mr. Billings ¿Ar nach kurzer Zeit buchstäblich aus der Hand fraß. Und Mr. Claringbull brachte sie dazu, ihm widerspruchslos zur Seite zu stehen. In Mr. Claringbulls Aufzeichnungen ist das alles sehr lebhaft geschildert. Ihre Lektüre ist wirklich sehr nervenaufreibend. Laut Mr. Claringbull bestand sie fast vom ersten Augenblick darauf, dass Billings Hunderte von Guineen für edle Kleidung und für Schmuck ausgab, und auch wenn sie erst vierzehn war, kleidete und schminkte sie sich wie eine Erwachsene. Sie verlangte, dass er ihr Brandy kaufte, was er auch tat. Und Morphium. Das beschaffte er sich bei Dr. Bartholomew in Shanklin. Sie schlief mitjedem Mann und jedem Jungen, der ihr gefiel. Und sogar« - er senkte seine Stimme so sehr, dass sie kaum noch hörbar war - »mit Ponys und Hunden.«

»Mein Gott«, sagte ich. Ich hatte keine Ahnung, welche Reaktion er von mir erwartete.

»Das Sonderbarste aber war, dass sie unverrückbar darauf beharrte, dass er die Architektenpläne für das Dach des Fortyfoot House änderte. Sie präsentierte Zeichnungen und Berechnungen, die die Architekten in Erstaunen versetzten. Die weigerten sich im Übrigen, sie umzusetzen, weil sie aus ihrer Sicht technisch nicht korrekt waren. Ihrer Meinung nach konnte man ein solches Dach nicht bauen. Aber die junge Frau war so beharrlich in ihrer Überzeugung, dass der alte Mr. Billings schließlich einlenkte - so wie immer. Die Handwerker befolgten exakt ihre Pläne und bauten das Dach so, wie Sie es heute kennen. Wie Sie sehen, war es möglich, das Dach zu bauen. Warum sie aber so sehr darauf bestanden hatte, dass es geändert wurde, und wieso sie in der Lage war, die notwendigen Zeichnungen zu erstellen, das hat niemand jemals erfahren. Mr. Claringbull sah den alten Mr. Billings immer seltener, und wenn er ihm begegnete, dann wirkte er erschöpft und gereizt. Weder wusste er, welcher Tag noch welcher Monat war.«

Pickering ließ seine Worte eine Weile wirken, dann sprach er weiter: »Jedes Mal, wenn Mr. Claringbull die junge Frau zu Gesicht bekam, fühlte er einen kalten Hauch, für den er keinerlei Erklärung finden konnte. Wenn er sich mit ihr in einem Raum aufhielt, verließ er ihn nahezu augenblicklich mit einem schuppigen Ausschlag, wie trockene Ekzeme. Und wenn er zum Abendessen ins Fortyfoot House eingeladen wurde und neben ihr sitzen musste, zog er sich nach der Tomatensuppe zurück und verbrachte den größten Teil des Abends damit, sich im Garten zu übergeben. >Ich erbrach Dinge, die ich nicht gegessen hatte<, schrieb er. >Ich erbrach Dinge, die sich aus eigener Kraft bewegten, Dinge, die im Gras zuckten und zappelten und dann zur schützenden Hecke davonkrochen.<«

Wieder machte Pickering eine Pause und sah von links nach rechts, als befürchte er, von einem Geist belauscht zu werden, der sich an ihm rächen könnte.

»Das war natürlich Mr. Claringbulls Version der Geschichte. Wenn Sie sie so betrachten, dann ist es wirklich eine entsetzliche und beunruhigende Geschichte. Aber es gab andere, die sich nicht so sicher waren, ob Mr. Claringbull völlig bei Verstand war.« Er beugte sich zu mir herüber und flüsterte: »Wenn Sie die Aufzeichnungen des Küsters lesen und wenn Sie die Begabung haben, zwischen den Zeilen zu lesen, dann könnte man sehr wohl zu dem Schluss kommen, dass Mr. Claringbull gar nicht von Mr. Billings'jungem weiblichen Schützling abgestoßen wurde, sondern sich vielmehr so sehr zu ihr hingezogen fühlte, dass seine heftige körperliche Reaktion durch seine eigenen Scham-und Schuldgefühle ausgelöst wurde. Mr. Claringbull war verheiratet, aber nach allen Berichten über seine Frau zu urteilen, litt sie ewig unter Rückenschmerzen. Das führte zwangsläufig dazu, dass Mr. Claringbull weit weniger ... ähem, eheliche Gefälligkeiten erhielt, als er sich gewünscht hätte.«

Danny drehte sich plötzlich um und lächelte ihn freundlich an. Dennis Pickering war peinlich berührt und lief rot an, während er das Lächeln erwiderte.

»Schon gut«, beschwichtigte ich. »Sie müssen nicht in Rätseln sprechen. Danny weiß bereits alles über das Paarungsverhalten von Amöben, Seegurken und Wüstenrennmäusen. Glauben Sie mir, das, was erwachsene Menschen machen, wird ihn nicht wirklich verderben. Wahrscheinlich würde es ihn nicht mal interessieren.«

»Ja, ich glaube, Sie haben Recht«, stimmte Pickering mir zu und lehnte sich zurück. »Nehmen Sie Schnupftabak?«

»Noch nie probiert.«

»Gut, das sollten Sie auch nicht.«

Er holte eine kleine Schnupftabaksdose hervor und begann - von Danny völlig fasziniert beobachtet - mit jedem Nasenloch ein wenig Pulver zu inhalieren und anschließend zu niesen. Dann saß er da, während seine Augen zu tränen begannen.

Während er einen erneuten Niesreiz zu unterdrücken versuchte, sagte ich: »Mrs. Kemble vom Strandcafé hat mir gesagt, dass der alte Mr. Billings schließlich getötet wurde.«

»Oh, Mrs. Kemble! Sie hat am Fortyfoot House einen Narren gefressen. Warum, weiß ich allerdings nicht. Einmal bat sie mich, das Gartentor zu segnen, erklärte mir aber nicht den Grund dafür. Sonderbare Frau. Ihr Mann war eine Art Kriegsheld, er fiel in Dieppe. Sie betreibt ein ziemlich gutes Café.«

»Sie wissen nicht, wie der alte Mr. Billings starb?«

Pickering schnäuzte seine Nase in drei Tonlagen und hörte sich dabei an wie die Hupe eines Maserati. »So wie bei allem, was Fortyfoot House angeht, gibt es viele verschiedene Geschichten. Ich glaube, die am weitesten verbreitete besagt, dass der alte Mr. Billings von einem Blitz getroffen wurde. Das ereignete sich aber erst lange nach der Fertigstellung des Waisenhauses, zu einer Zeit, als sein Sohn ihm bereits half. Das nächste Mal tauchte der Name Billings in den Aufzeichnungen der Pfarrei auf, als der junge Mr. Billings Mr. Claringbull bat, ihn mit dieser jungen Frau zu vermählen. Das war auch das erste Mal, dass ihr Name irgendwo Erwäh-nung fand: Kezia Mason. Mr. Claringbull musste einen langen Brief schreiben, um der Diözese zu erklären, dass Kezia Masons gottloses Verhalten eine kirchliche Trauung zu einem Ding der Unmöglichkeit machte. Daneben gab es Gerüchte im Dorf, der junge Mr. Billings sei selbst in irgendeinen gottlosen Geheimbund verwickelt und die Kapelle im Fortyfoot House werde für Tieropfer und schwarze Messen benutzt. Diese Gerüchte wurden ohne Zweifel durch die merkwürdigen Gestalten geschürt, die sich im Fortyfoot House aufhielten, nachdem der junge Mr. Billings die Leitung übernommen hatte. »Gesuchte Mörder und zweifelhafte Charaktere<, hatte Mr. Claringbull sie genannt.«

Pickering warf Danny einen kurzen Blick zu. »Mr. Claringbull behauptete in seinem Brief, der junge Mr. Billings verfüge über magische Kräfte. Einmal soll er ihn klar und deutlich an einem Fenster des Fortyfoot House gesehen haben, und keine halbe Minute später habe er auf dem Weg hinunter zur Küste vor ihm gestanden. Dieser Brief an den Bischof besiegelte Mr. Claringbulls Schicksal. Verständlicherweise glaubte man, er sei verrückt geworden. Er wurde als Vikar von St. Michael's abberufen - zunächst wurde er zwangsbeurlaubt und dann nach Parkhurst als Assistent des Gefängnisgeistlichen versetzt. Nach nur einem Jahr wurde er von einem Gefangenen erstochen, der sagte, er sei der Teufel, dessen Augen in der Dunkelheit rot glühten.«

»Mein Gott«, sagte ich wieder.

»Ja ... Es war ein schreckliches Ende.«

»Und was ist mit dem jungen Mr. Billings? Was können Sie mir über ihn erzählen?«

»Nur wenig, fürchte ich. Mr. Claringbulls Nachfolger war Geoffrey Parsley, der allem Anschein nach ein sehr direkter Kerl war, der sich mehr für Hunde und neue Kartoffeln interessierte als für das Werk des Teufels. Er nahm von den Gerüchten über Fortyfoot House kaum Notiz. Einmal notierte er allerdings in seinem Tagebuch, er sei an einem Sommermorgen dem jungen Mr. Billings und Kezia Mason auf dem

Weg in die Stadt begegnet und habe einen äußerst kalten Hauch gefühlt, als sie an ihm vorübergingen. >Als sei der Fischwagen voller Eis und Heilbutt<«

»Mrs. Kemble sprach davon, dass der junge Mr. Billings einen Sohn hatte.«

»Das wurde erzählt. Kezia Mason wurde in hochschwangerem Zustand gesehen, und zu der Zeit, da man annehmen konnte, dass die Geburt unmittelbar bevorstand, war die Kutsche eines Doktors wiederholt vor dem Fortyfoot House gesehen worden. Aber das Baby hat niemand je zu Gesicht bekommen.«

»Was ist mit Brown Jenkin?«, fragte ich. »Mrs. Kemble sagte etwas in der Art, dass Brown Jenkin und der Sohn des jungen Mr. Billings - sofern er je einen hatte - ein und dieselbe Person gewesen sein könnten.«

»Das ist mir auch zu Ohren gekommen. Aber Brown Jenkin soll doch angeblich eine Ratte sein, oder nicht? Ganz egal, wie missgestaltet ein Kind auch ist, man wird es bestimmt nicht mit einer Ratte verwechseln können.«

»Wird das Kind nicht in den Aufzeichnungen erwähnt?«

»Mit keinem Wort.«

»Es muss aber doch irgendwelche Aufzeichnungen über gestorbene Kinder geben.«

Dennis Pickering nickte mit finsterer Miene. »Oh, ja. Natürlich. Darüber hat Geoffrey Parsley mehr als genug geschrieben. Das war ... warten Sie ...«

»1886«, half ich ihm auf die Sprünge. »Jedenfalls steht das auf allen Grabsteinen.«

»Ja, sie haben Recht, das muss 1886 gewesen sein. Nicht nur auf der Insel hat man darüber gesprochen. Dr. Barnardo begab sich persönlich ins Fortyfoot House, um zu sehen, ob er irgendetwas tun konnte, doch alle Kinder starben.«

»Haben Sie eine Ahnung, warum sie starben? Auf den Grabsteinen steht darüber nichts geschrieben.«

Pickering schüttelte knapp den Kopf. »Keine Ahnung. Es gab damals alle möglichen Epidemien. Wir vergessen gerne, wie anfällig die Menschen seinerzeit für Krankheiten waren, die wir heute als nebensächlich betrachten. Vor dem Krieg war mein Großvater mit Dr. Leonard Buxton befreundet, dem Quästor des Exeter College. 1939 starben Buxton und seine Frau innerhalb von nicht einmal 36 Stunden an Lungenentzündung, obwohl sie beide erst um die vierzig waren. Heute ist so etwas unvorstellbar.«

Wieder schüttelte er seinen Kopf. »Ich glaube, es wurde davon gesprochen, dass die Kinder durch Scharlach dahingerafft wurden. Der junge Mr. Billings rief einen Spezialisten aus London herbei. Er machte viel Wirbel darum, wohl, um allen im Distrikt zu zeigen, dass er den Kindern die beste Hilfe bot. Aber dieser Spezialist war laut Geoffrey Parsley ein höchst rätselhafter Typ. Ein sehr verschwiegener Mann namens Mazurewicz, der kaum ein Wort Englisch sprach und die untere Hälfte seines Gesichts stets mit etwas bedeckte, das wie ein verschmutzter weißer Verband aussah. Ob er nun ein Spezialist war oder nicht - die Kinder starben alle innerhalb einer Woche und wurden neben der Kapelle von Fortyfoot House beigesetzt. Aber das wissen Sie ja. Niemand machte viel Wirbel um diese Sache. Schließlich war es normal, dass Kinder an solchen Krankheiten starben - auch in so großer Zahl. Es gab viele Internate, die sogar komplett geschlossen werden mussten, weil sich Scharlach oder Pfeiffersches Drüsenfieber dort ausgebreitet hatten. Und zudem waren es Waisen aus dem East End, die keine Verwandten hatten, die sich um ihr Schicksal kümmerten.«

»Mrs. Kemble sagte, der junge Mr. Billings habe schließlich den Verstand verloren«, warf ich ein.

»Darüber gibt es auch viele verschiedene Geschichten. Die Leute sagten, dass er verschwand und wieder auftauchte. Angeblich wurde er zur gleichen Zeit an zwei Orten gesehen - in Old Shanklin Village und in Atherfield Green. Ich glaube, die Fantasie der Bewohner war ein wenig überreizt.«

»Und was geschah mit Kezia Mason?«

»Um sie ranken sich gleichfalls zahlreiche fantastische

Schilderungen. Letztlich schien es aber nur so zu sein, dass sie vom Leben im Fortyfoot House gelangweilt war und daraufhin verschwand. Ihr Verschwinden könnte aber durchaus zum Nervenzusammenbruch des jungen Mr. Billings geführt haben. Er hatte mehreren Menschen, darunter auch Mr. Claringbull, erklärt, er liebe sie mehr als seinen gesunden Menschenverstand. Offenbar trank er sehr viel und nahm Morphium. Neben der Tragödie im Waisenhaus könnte der Verlust von Kezia Mason ihm den Rest gegeben haben. Er beging schließlich Selbstmord.«

Ich sah auf meine Uhr. Es war schon fast halb vier. Zeit, um zum Fortyfoot House zurückzukehren und noch ein wenig Farbe abzulösen, bevor mir der Makler einen Besuch abstattete und feststellte, dass ich gar nicht dort war.

»Ich muss gehen«, sagte ich zu Pickering. »Aber ich muss unbedingt wissen, was ich unternehmen kann. Ich war schon drauf und dran, alles zu packen und abzureisen. Aber falls Sie diese Geister besänftigen können ...?«

»Sind Sie wirklich davon überzeugt, dass Ihre Fantasie Ihnen keinen Streich gespielt hat?«, fragte Pickering.

»Absolut. Ich habe nicht den leisesten Zweifel.«

»Nun ... ich muss sagen, dass ich es nicht für eine Lösung halte, beim ersten Anzeichen von Geistern davonzulaufen«, sagte er. »In den meisten Fällen sind diese Geister nichts weiter als unsere eigenen Ängste, die sich in visuellen Täuschungen ausdrücken. Die wenigen >echten< Geister sind vielleicht Furcht erregend, aber normalerweise harmlos. Nur wenn gewaltige und entsetzliche Schandtaten begangen worden sind, kann das Haus die Aura des Bösen annehmen. Eine Aura, die jeden bedrohen oder belasten kann, der später in diesem Haus lebt.«

»Glauben Sie, dass das auf Fortyfoot House zutrifft?«, fragte ich ohne Umschweife.

»Ja, ich vermute schon«, erwiderte er.

»Was kann ich tun? Ich muss dort wohnen und arbeiten. Mein Sohn muss auch dort wohnen und Liz ebenfalls.«

»Ich schätze, ich könnte vorbeikommen und mich dort umsehen«, sagte er, klang aber nicht allzu begeistert.

»Das wäre machbar?«, fragte ich ermutigt. »Ich kenne außer Ihnen niemanden, an den ich mich wenden könnte. Der arme alte Harry Martin konnte mir nicht helfen, und ich glaube, Rentokil kann auch nicht wirklich etwas erreichen.«

Pickering reagierte mit einem ironischen Lächeln. »Ich hätte nicht gedacht, dass einmal der Tag kommt, an dem die Kirche um geistigen Beistand gebeten wird und es dabei nur auf den dritten Platz nach einem Rattenfänger und einem landesweit arbeitenden Kammerjäger schafft.«

»Tut mir Leid. Ich habe eine Weile gebraucht, bevor ich an Geister oder Phantome oder >spirituelle Unregelmäßigkeiten< glauben konnte.«

Pickering führte uns durch den Flur, in dem es immer noch nach Schulessen roch. »Wie wäre es heute Abend, nach dem Abendgebet?«, schlug er vor. »Halb neun?«

»Das klingt gut. Es macht Ihnen doch nichts aus, einen Blick auf den Dachboden zu werfen, oder? Ich werde auch noch eine brauchbare Taschenlampe kaufen.«

»Sie könnten es mit einem kleinen Gebet versuchen«, sagte Pickering, während er uns die Haustür öffnete. »Nicht nur für sich selbst, sondern auch für die Seelen derjenigen, die das Fortyfoot House heimsuchen.«

»Ja, ich glaube, das ist machbar.«

Er reichte erst mir die Hand, dann Danny.

Während wir über die Einfahrt gingen, fragte mich Danny: »Warum hat der Mann Staub in seine Nase getan?«

»Das war Schnupftabak. Anstatt zu rauchen, atmet man ihn ein.«

»Warum?«

Ich ging noch zwei oder drei Schritte weiter, dann blieb ich stehen. »Das weiß allein der liebe Gott«, sagte ich schließlich zu Danny.

10. Die Abendflut

Wir trafen Liz um kurz nach fünf an der Bushaltestelle vor dem Tropical Bird Park. Ganze Busladungen von Touristen strömten in Scharen auf den Parkplatz. Wie Scherenschnitte tanzten ihre Schatten über den Asphalt. Väter mit Bierbauch und Baseballkappe mit dem Aufdruck >Born to Kill<, in fluoreszierende Shorts und viel zu enge TShirts gekleidet. Blonde Mütter mit schlecht sitzender Dauerwelle, in hautengen Radlerhosen, auf kleinen weißen Stilettos. Schwitzende, übergewichtige Kinder mit >New Kids on the Block<-TShirts, grauen Socken und Sportschuhen. Durch das monotone Gewummer der Autoradios konnten wir die lauten und durchdringenden Schreie der verschiedenen Vögel hören, die aus dem Park nach draußen schallten.

Ich fand, dass Liz müde und ein wenig ... na ja, aufgewühlt aussah, als beschäftige sie sich in Gedanken mit irgendeiner Sache. Sie hatte dunkle Ringe unter den Augen, und immer wieder strich sie ihre Haare aus der Stirn, als leide sie unter Kopfschmerzen.

»Wie war's?«, fragte ich sie, nachdem wir im Bus einen Platz gefunden hatten.

»Oh, schrecklich. Man sollte alle Touristen erschießen.«

»Na, hör mal. Keine Touristen, kein Job.«

Sie rang sich zu einem schiefen Lächeln durch. »Stimmt schon. Ich fühle mich heute nur ein wenig daneben. Ist nicht meine Periode oder so. Ich bin einfach nur müde.«

»Fortyfoot House ist ja auch nicht gerade der beste Platz für einen festen Schlaf.«

Danny ließ seine Beine schaukeln und sah in das Flackern, als die Äste der Bäume vor der Sonne vorüberhuschten. Er war noch nicht sehr oft Bus gefahren, und daher war das hier für ihn etwas Besonderes. Etwas Besonderes, dachte ich sarkastisch.

Wenn ich niemanden fand, der meinen Wagen reparieren konnte, würden wir für den Rest des Sommers mit dem Bus fahren müssen. In Ryde gab es einen Audi-Händler. Vielleicht sollte ich morgen zu ihm fahren und sehen, ob ich ihm nicht ein paar Ersatzteile abschwatzen konnte. Im Grunde benötigte ich nur eine Windschutzscheibe, Lampen, Reifen und einen Tacho. Alles andere konnte ich später in Angriff nehmen.

An der grasbewachsenen dreieckigen Verkehrsinsel, von der es nach Bonchurch ging, stiegen wir aus dem Bus. Es war ein ruhiger Spaziergang, vorbei am Dorfladen und an einem Café mit Strohdach und einem Garten voller Stockrosen. Auf der linken Straßenseite befand sich ein großer Teich, in dem Enten umherschwammen. Die Spätnachmittagswolken spiegelten sich in der Wasseroberfläche wie die Wolken über einem ertrunkenen mittelalterlichen Königreich. Ich sah zu Liz, um etwas zu diesem Anblick zu sagen, doch im gleichen Augenblick verspürte ich einen kalten Hauch, und aus irgendeinem Grund wusste ich, dass sie nicht interessiert sein würde. Und ich hätte wie ein Narr dagestanden.

Danny lief voraus, hüpfte über die Risse im Asphalt und sang einen Kinderreim. Es war ein Anblick wie auf einer Ansichtskarte, außer dass wir auf dem Weg zurück zum Fortyfoot House waren und Liz gereizt war. Und ich hatte mit einem Mal das Gefühl, die Kontrolle über meine gesamte Existenz zu ver lieren. Vielleicht hatte ich sie auch schon vor langer Zeit verloren und es jetzt erst bemerkt.

An der Steinmauer, die im Schatten des überhängenden Lorbeers lag, bogen wir um die Ecke und sahen das Tor zu Fortyfoot House, die leicht abfallende Einfahrt, die zur Haustür führte - und ich fühlte eine Angst, wie ich sie noch nie erlebt hatte: Angst vor dem, was sich in diesem Haus verbar g und dem ich mich würde stellen müssen.

Ich nahm Liz am Arm. »Hör mal«, sagte ich, »warum gehen wir nicht runter zum Strandcafe, um erst: noch was zu trinken? Zur Entspannung, meine ich. Du hattest einen schweren Tag.«

Sie sah erst mich, dann das Haus an. Wir näherten uns aus nördlicher Richtung der Seite, die im Schatten lag. Alle Fenster waren dunkel. Ich konnte die Anspannung in ihren Muskeln fühlen. Ich spürte ihre Müdigkeit und ihre Kälte, als wären wir eine einzige Person. Wir waren uns nah, sehr nah. Aber warum war da keine Leidenschaft? Vereinfacht gesagt: Wenn sie krank gewesen wäre, hätte ich sie ausziehen und baden können, aber ich konnte sie nicht lieben, nicht wirklich.

Wir ließen das Haus aus und gingen zwischen den Gärten hindurch nach unten. Danny sprang auf die Sonnenuhr und rief: »Es ist halb sechs.«

»Das kann er gut«, sagte Liz. »Ich konnte die Uhr nicht lesen, bis ich zehn war.«

Ich ging zur Sonnenuhr. Der Zeiger war ein einfaches Dreieck aus Bronze. Es war deutlich zu erkennen, dass die Spitze des Zeigers abgebrochen war und sich verfärbt hatte. Nein, abgebrochen war sie nicht, eher geschmolzen. Und die einst scharfen Kanten waren von Blasen verunstaltet worden, die das Metall geworfen hatte. Ich berührte die Stelle und glaubte zu wissen, was damit geschehen war. Ein schwaches knisterndes Gefühl. Ein Gefühl von Höhenangst, als hätte ich den Boden verlassen und würde immer weiter emporgewirbelt.

Liz stand ein Stück von mir entfernt und hielt sich wegen der tief stehenden Sonne die Hand vor ihre Augen. »Was ist?«, fragte sie mich.

Ich trat von der Sonnenuhr weg und folgte Liz über den Rasen. »Ich weiß nicht, nur so ein Gefühl.«

»Ich glaube, wir lassen uns von diesem Ort einschüchtern«, sagte sie. »Wir hätten gestern abreisen sollen. Egal, ob hier Hausbesetzer, Geister oder wer auch immer am Werk sind.«

»Glaubst du immer noch an Hausbesetzer?«

Sie warf mir einen knappen, fast vorwurfsvollen Blick zu. »Schon gut. Nein, das glaube ich nicht mehr. Aber ich glaube auch nicht an Geister. Glaubst du an Geister? Um Himmels willen, David! Ich weiß nicht, was es ist. Ich habe den ganzen

Tag darüber nachgedacht. Ich bin nicht mal sicher, ob ich wissen will, was es ist.«

»Wenn du möchtest, können wir morgen auch noch abreisen«, erwiderte ich. Ich versuchte, aufmunternd zu sein. Aber wer konnte das schon angesichts von Geräuschen und Lichtern, von blassen toten Kindern im Nachthemd und dunklen Gestalten, die sich in Fotografien bewegten?

»Ich weiß nicht«, sagte sie. Sie klang gereizt und deprimiert.

»Ich habe mir heute ein wenig freigenommen und bin zum Vikar gegangen.«

»Was? Soll das ein Witz sein?«

»Warum sollte ich Witze machen? Wenn ein Rohr platzt, lässt man einen Klempner kommen. Und wenn das Haus voller unruhiger Geister ist, ruft man einen Vikar. Du hast es selbst vorgeschlagen, weißt du noch? Ich sollte das Haus beschwören lassen, hast du mir empfohlen. Erstaunlicherweise weiß dieser Vikar verdammt viel über Fortyfoot House und die Billings und Brown Jenkin. In den Aufzeichnungen der Pfarrei ist einiges darüber niedergeschrieben.«

»Und?«

Ich zuckte mit den Schultern. »Ich weiß nicht, ob er mir geglaubt hat - du weißt schon, das mit den Lichtern und mit Sweet Emmeline.«

Emmeline ..., dachte ich. Emmeline ... hat seil über einer Woche niemand gesehen ... sie verschwand zwischen ...

»Was?«, fragte Liz. »Wovon redest du?«

Ich blinzelte sie an. »Was ... was meinst du?«

»Du hast irgendwas gesagt von Emmeline hat seit über einer Woche niemand gesehen.«

»Ich wusste nicht, dass ich das laut ausgesprochen hatte.«

Liz seufzte. »David Williams, ich glaube, du hast es bald hinter dir.«

»Das ist von A. A. Milne«, erklärte ich ihr. »Du weißt schon, der Kerl, der auch Winnie Puh geschrieben hat. Emmeline ... hat seit über einer Woche niemand gesehen ... sie verschwand zwischen. ... den beiden großen Bäumen am Ende des Rasens ... wir haben sie alle gesucht. >Emmeline!< Dieses Gedicht hat mir früher immer Angst eingejagt. Es gab eine Zeichnung, zwei Bäume, die an einem Zaun standen. Ich dachte immer, dass niemand zwischen diesen Bäumen verschwinden könne, es sei denn ...«

»Es sei denn was, David? Allmählich mache ich mir Sorgen um dich.«

»Es sei denn ... keine Ahnung. Es sei denn, dass sich Emmeline am selben Ort aufhielt, aber in einer anderen Zeit. Sie war eine Woche lang weg? Ohne etwas zu essen? Ohne zu schlafen? Und wo ist sie gewesen? Das hat mir immer Angst eingejagt.«

»Himmel, David! Das ist ein Kinderbuch.«

»Vielleicht. Aber irgendetwas hat mich daran erinnert. Vielleicht will mir mein Unterbewusstsein irgendetwas sagen. Emmeline ... am selben Ort, in einer anderen Zeit.«

»Ich glaube, dein Unterbewusstsein will dir sagen, dass du nicht länger im Fortyfoot House übernachten sollst. Das glaube ich ganz sicher.«

»Und falls der Vikar das alles klären kann?«, erwiderte ich.

»David, was kümmert es dich, was er machen kann und was nicht? Das hier ist nicht dein Problem. Und mein Problem ist es auch nicht, das kannst du mir glauben.«

»Natürlich ist es mein Problem. Ich möchte nicht um jeden Preis Geld ausgeben, um woanders zu wohnen. Außerdem bin ich bereits dafür bezahlt worden, um das Haus in Schuss zu bringen.«

»Stimmt genau«, sagte Liz. »Du wirst bezahlt, um das Haus zu renovieren, nicht um es zu beschwören. Warum sagst du den Maklern nicht, dass es verflucht ist und dass du erst wieder arbeiten wirst, wenn es ... >entflucht< ist?«

»Ja, sicher, und sie werden mir natürlich glauben.«

»Jeder hier scheint zu glauben, dass Fortyfoot House verflucht ist. Ich glaube ja bald schon selbst daran, und ich glaube eigentlich überhaupt nicht an solche Dinge.«

»Liz, ich kann es ja wenigstens versuchen.«

Sie schüttelte fassungslos ihren Kopf. »Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass dieser Vikar irgendetwas erreichen kann, oder etwa doch?«

»Er kommt heute Abend vorbei, um zu sehen, ob er herausfinden kann, was hier nicht stimmt, weiter nichts. Vielleicht kann er uns ja auch nicht helfen. Vielleicht hat das alles überhaupt nichts mit Satan zu tun. Aber wenn es eine Chance gibt, dass hier Ruhe einkehrt, dann ist das einen Versuch wert. Für jemanden, der sich mit Geistern auskennt, könnte es ein ganz gewöhnliches Problem sein. Vielleicht sind nur die richtigen Gebete erforderlich.«

»So wie bei deiner Ehe«, sagte Liz mit ihrer Begabung, abrupt das Thema zu wechseln. Sie erwischte mich kalt.

»Meine ... was?«, fragte ich sie. »Meine Ehe? Was hat meine Ehe damit zu tun?«

»Alles und nichts. Vielleicht hat sie nichts mit Fortyfoot House zu tun, aber sie hat sehr viel mit uns beiden zu tun.«

»Um ganz ehrlich zu sein, glaube ich nicht, dass es jemals ein >wir beide< gegeben hat.«

»Oh ja, und ich habe wohl mit irgendeinem von diesen Geistern geschlafen, oder? Es hätte ein >wir beide< geben können. Es könnte immer noch ein >wir beide< geben. Aber du kannst dich ja nicht entscheiden. Du weißt nicht, ob du Fortyfoot House verlassen willst oder nicht. Gehen - bleiben - gehen - bleiben. Du bist wie dieser Song von Jimmy Durante. Du kannst dich nicht entscheiden, ob du dich von Janie scheiden lassen willst oder nicht. Du weißt nicht, ob du mit mir schlafen willst oder nicht. Du hast so große Angst davor, die falsche Entscheidung zu treffen, dass du dich am Ende gar nicht mehr entscheiden kannst. David, um Himmels willen, entscheide dich doch endlich mal!«

»Tut mir Leid«, sagte ich.

»Es soll dir nicht Leid tun!«, gab sie zurück. »Ich will nicht, dass es dir Leid tut! Ich will, dass du dein Leben wieder in den Griff bekommst, ob nun mit mir oder mit einer anderen. Du kannst mit keiner anderen Frau eine Beziehung eingehen, solange du nicht Janie hinter dir lässt. Du musst dich von ihr scheiden lassen, David, und dann musst du sie vergessen. Wahrscheinlich wirst du ihr dann aber trotz allem jahrelang hinterhertrauern. Du musst das mal aus meiner Sicht sehen. Es ist nicht sehr schmeichelhaft, mit einem Mann ins Bett zu gehen, der so tut, als wäre ich seine Ex, und der dann schlappmacht.«

Ich blieb stehen, mein Gesicht zur Hälfte von meiner Hand verdeckt, damit die Sonne mich nicht blendete. Wahrscheinlich sah ich aus wie das Phantom der Oper mit dieser halben Maske. Sie hatte natürlich Recht, größtenteils jedenfalls. Dass ich keine Leidenschaft empfand, hatte nicht nur mit Janie zu tun. Fortyfoot House hatte damit auch etwas zu tun. Aber in erster Linie lag es an Janie. Ich hing immer noch zu sehr an den Erinnerungen an unsere gemeinsame Zeit, und ich war rasend eifersüchtig auf Raymond. Die Eifersucht war schlimmer als das Nicht-loslassen-Wollen. Das kann mit der Zeit nachlassen. Aber die Eifersucht muss sofort mit einem glutroten Eisen ausgebrannt werden, so wie eine Schusswunde in einem Film mit John Wayne. Ein Zischen, ein Aufschrei, und das war's dann.

»Tut mir Leid«, wiederholte ich. Und weil es mir wirklich Leid tat, sagte ich noch einmal: »Tut mir Leid.«

Liz trat vor mich, vergrub ihre Finger in meinen Haaren und küsste mich. Sie war ziemlich klein, viel kleiner als Janie, und auch viel sanfter und klüger als Janie. Sie drückte ihr Gesicht gegen meine Schulter, und ich nahm sie in die Arme. Danny stand auf der kleinen Holzbrücke, die den Bach überspannte, die Wolken zogen gemächlich vorüber, als ...

... als ich mich zur Sonnenuhr umdrehte und sah, wie eine massige in einen schwarzen Anzug gekleidete Gestalt langsam um sie herumwirbelte, in der Horizontalen, als sei sie ein riesiger Propeller. Eine Hand war schmerzhaft zur Spitze des Zeigers ausgestreckt. Ihre Haare waren steil aufgerichtet und rauchten, ihre Rockschöße flatterten wild umher.

»Jesus! Siehst du auch, was ich ...« Ich versuchte, Liz' Kopf anzuheben, damit sie sehen konnte, was ich sah ...

Tausende Volt Elektrizität bahnten sich ihren Weg aus dem Zeiger der Sonnenuhr. In einem wilden Funkenregen bohrten sie sich unter die bebenden Fingernägel des Mannes. Ich konnte den Geruch von Ozon und verbrannten Nägeln wahrnehmen. Ich konnte riechen, wie das Blut kochte. Ich konnte hören, wie der Mann unverständliche Worte schrie. N'ggaaa nngggaa sothoth nyaa - völlig ungewöhnliche, erstickte, gutturale Laute, die meine Nackenhaare sich steil aufrichten ließen. Dann brüllte er: »Lass mich sterben, du Miststück. Lass mich sterben. Oh, verdammt, verdammt, lass mich sterben.«

»Liz, sieh doch!«, sagte ich. Sie blickte zu mir auf und legte die Stirn in Falten, als könne sie mich nicht verstehen. Als sie sich endlich zur Sonnenuhr umdrehte, war die Gestalt verschwunden. Zurückgeblieben waren nur ein paar Schwaden dünnen blauen Rauchs, die sich rasch entwirrten und von der steifen Seebrise fortgeweht wurden.

»Was ist los?«, fragte sie. »Stimmt was nicht?«

»Ich dachte, ich ...« Ich presste meine Fingerspitzen gegen die Stirn. »Ich dachte, ich hätte etwas gesehen. Ich weiß nicht, was. Wahrscheinlich bin ich nur übermüdet.«

»Dir geht es so wie mir. Ich wäre heute fast eingeschlafen, als ich den Tee aufbrühen sollte. Die Chefin meinte, sie werde mich feuern, wenn ich mich nicht zusammenreiße. Es geht doch nichts darüber, gleich am ersten Tag die Kündigung zu erhalten, was?«

Ich sah wieder zur Sonnenuhr. Was hatte Reverend Dennis Pickering gesagt? Der alte Mr. Billings war von einem Blitz getroffen worden? Vielleicht hatte ich soeben den Tod des alten Mr. Billings mit angesehen, so als wäre ich tatsächlich Zeuge davon geworden, wie er auf diesem Grund und Boden ums Leben kam, der jetzt und damals gleichzeitig zu existieren schien.

»Komm, wir gehen jetzt was trinken«, sagte ich.

Wir überquerten die Brücke und gingen an den Bäumen entlang und durch das Gartentor hinaus. Wie üblich lief

Danny auf dem Weg zur See voraus. Es herrschte Ebbe, und der Strand war geprägt von zahllosen Wasserlachen und angespültem Seetang, der sich an den Felsen festklammerte. Der Geruch des Seetangs war sehr intensiv, und Dutzende von Möwen zogen an der Küste ihre Kreise, um sich auf die winzigen grünen Taschenkrebse und die durchscheinenden Krabben zu stürzen.

Wir erreichten das Strandcafé und nahmen Platz. Erstaunlicherweise war Doris Kemble nirgends zu sehen. Genau genommen war überhaupt niemand zu sehen. Im Garten gleich neben dem Café schaukelten riesige Sonnenblumen gemächlich in der leichten Brise, und eine kleine hölzerne Windmühle quietschte unablässig vor sich hin.

Ich ging ins Café und sah den Tisch, an dem Mrs. Kemble sonst saß und ihr Geld zählte. Die verschiedenen Münzen waren ordentlich aufgetürmt worden. Es waren insgesamt wohl rund dreißig oder vierzig Pfund, an denen sich jeder hätte bedienen können. Eine Tasse mit kaltem Tee stand außerdem auf dem Tisch.

»Mrs. Kemble?«, rief ich, erhielt aber keine Antwort. »Mrs. Kemble?« Wieder nichts. Ich lief wieder nach draußen, wo Liz auf der Mauer saß und Danny von den Papageien im Tropical Bird Park erzählte. »Du hättest die Aras sehen müssen, die sind schrecklich. Und ein Papagei sagt immer: >Benimm dich.< Der kann einen wirklich verrückt machen.«

»Kann ich morgen mitkommen?«, fragte Danny.

»Es ist niemand hier«, sagte ich zu Liz. »Sie hat ihr Geld auf dem Tisch liegen lassen, aber von ihr selbst fehlt jede Spur.«

»Vielleicht musste sie noch irgendetwas einkaufen gehen«, überlegte Liz. »Brot. Oder Salatdressing. Oder irgendwas anderes.«

»Kann ich denn morgen mit zu den Vögeln gehen?«, nervte Danny noch immer.

»Vielleicht am Freitag«, antwortete ich, während ich den Strand absuchte. Niemand war zu sehen, von einem einsamen

Fischer in einem kleinen Boot weit draußen auf dem Meer abgesehen.

»Das ist sehr seltsam«, sagte ich.

Liz sah mich an. »Was sollen wir machen? Bis nach Ventnor zum nächsten Pub gehen?«

»Ich schätze, wir müssen uns aus Mrs. Kembles Kühlschrank selbst bedienen und ihr das Geld hinlegen.«

»Eine gute Idee.« Sie zog einen der roten Plastikstühle nach hinten, setzte sich und zog ihre Schuhe aus. »Sieh dir das an. Doppelt so groß wie normal. Ich hätte die Schuhe in der nächstkleineren Größe nehmen sollen.«

Ich ging zum Kühlschrank und holte zwei Harp Lager und eine Coca-Cola heraus, öffnete sie und nahm sie mit nach draußen. Von unserem Tisch aus beobachteten wir die Möwen, wie sie ihre Kreise zogen, und sahen zu, wie die Sonne sich allmählich dem Horizont näherte. In der Ferne konnte ich einen Öltanker ausmachen, der nach Westen in Richtung Kanal fuhr. Die See stimmte mich immer nostalgisch, obwohl ich als kleiner Junge keine besonders schönen Erlebnisse mit ihr verband.

Danny hatte seine Coke ausgetrunken und begann zu zappeln. »Möchtest du an den Strand gehen?«, fragte ich. »Du kannst doch noch ein Krebsrennen veranstalten. Der schnellste Krebs kommt in den Eimer und geht morgen wieder an den Start.«

Wir sahen zu, wie er auf die Felsen kletterte und bis zum Wasser balancierte, das fast hundert Meter entfernt war. Ich lehnte mich zurück und trank einen Schluck Lager.

»Wann kommt denn der Exorzist vorbei?«, fragte Liz.

»Du meinst Reverend Pickering? Er kommt nur vorbei, um sich umzusehen.«

»Glaubst du wirklich, dass er irgendetwas machen kann?«

»Ich habe nicht die leiseste Ahnung. Er hat selbst gesagt, dass echte Geister nichts mit den Geistern im Kino zu tun haben. Sie verschwinden nicht einfach, nur weil jemand es ihnen befiehlt. Ich meine, wir haben es hier nicht mit Linda

Blair oder Patrick Swayze zu tun.« Ich musste wieder an diese massige schwarze Gestalt denken, die sich langsam um die Sonnenuhr drehte, mit rauchendem Haar, das Gesicht schmerzverzerrt. N'gciaa nngggaa sothoth nggaaa. Es war eine Täuschung gewesen. Es musste eine gewesen sein. Aber was wäre geschehen, wenn ich nach ihm gegriffen hätte, während er an mir vorbeikam? Hätte ich ihn wirklich spüren können? Oder wären seine Beine einfach durch mich hindurchgegangen?

»Ich meine immer noch, dass wir ausziehen sollten«, sagte Liz. »Wir könnten uns einen Wohnwagen auf dem Shanklin Caravan Park mieten. Das kostet nicht viel, und du könntest trotzdem deine Arbeit hier erledigen, oder?«

»Ich glaube schon«, antwortete ich. Aber da nun Dennis Pickering vorbeikommen wollte, war ich zuversichtlicher, dass wir die Geister im Fortyfoot House zur Ruhe kommen lassen konnten. Die Erscheinungen waren wirklich beängstigend gewesen, vor allem in der Nacht. Doch abgesehen von Harry Martin - und, mal ehrlich, das musste doch wirklich ein Unfall gewesen sein - war niemandem etwas zugestoßen.

»Warum hören wir uns nicht erst an, was der Vikar zu sagen hat, und entscheiden dann?«, schlug ich vor. »Es sind nur Geister, im Grunde sind es nur Bilder. Und dazu noch von Menschen, die vor über hundert Jahren gestorben sind. Sie sind ... ich weiß nicht ... so etwas wie lebende Fotografien. Wie sollen die uns etwas antun?«

»Ich glaube kaum, dass ich das herausfinden möchte«, sagte Liz. Sie klang überraschend entschlossen.

Ich sah sie aufmerksam an: »Du meinst, du willst nicht mal heute Nacht bleiben?«

»David, es tut mir wirklich Leid. Aber mir fällt es ohnehin schwer genug, meine Gedanken zusammenzuhalten, da brauche ich nicht noch Lichter und Geräusche in der Nacht.«

»Was ist los mit dir?« Ich wusste, dass ihre Stimmung ständig schwankte, aber das hatte ich auf ihr Alter geschoben oder auf ihre Monatsblutung oder auf den puren Schrecken der Ereignisse um uns herum.

Geistesabwesend streichelte sie mein Knie. »Ach, ich weiß nicht. Ich glaube, ich bin nicht besser als du. Ich kann mich auch nicht entscheiden, was ich sein will. Ich kann mich ja nicht mal entscheiden, wer ich sein will. Und dass ich hierher gekommen bin, hat die Antwort nicht leichter gemacht. Eigentlich ist es jetzt nur noch schlimmer.«

»Ich verstehe nicht.«

Sie lächelte mich an. »Ich glaube, ich habe ein Identitätskrise«, sagte sie schließlich. »In der einen Minute fühle ich mich stark und unabhängig, und dann fühle ich mich wieder so schwach wie ein kleines Kätzchen. Einmal glaube ich, dass ich mein Leben völlig unter Kontrolle habe, dann wieder scheint alles in die Brüche zu gehen. Mal glücklich, mal traurig. Heute Morgen habe ich meine Augen geöffnet und ich kam mir so vor, als sei ich jemand anderes. Ich kann es nicht beschreiben. Aber es hilft mir nicht, wenn ich hier bleibe.«

»Du willst wirklich abreisen?«

Sie nickte. Sie sah zwar müde aus, aber auch sehr hübsch. Ich legte meine Hand auf ihre.

»Allen Ernstes«, sprach sie weiter. »Das Letzte, was ich jetzt gebrauchen kann, sind seltsame Geräusche, riesige Ratten und arme alte Männer, denen der Kopf abgerissen wird.«

»Da haben wir ja was gemeinsam«, sagte ich.

»Ja«, stimmte sie mir zu. »Aber ich brauche keinen Mann, der sich ebenfalls nicht entscheiden kann.«

»Da muss ich dir wohl beipflichten.«

Ich sah mich um. Von Mrs. Kemble war noch immer nichts zu sehen. Eine dünne Gestalt kam aus Richtung Ventnor am Strand entlanggelaufen. Etwa eine halbe Meile entfernt. Bauz! Da geht die Türe auf, Und herein in schnellem Lauf... Aber als ich eine Hand über meine Augen hielt, konnte ich sehen, dass es sich nur um einen alten Mann handelte, der mit seinem schwarzweiß gefleckten Hund spazieren ging.

Die Sonne stand noch immer recht hoch, aber die Schatten wurden allmählich länger, und die Brise von der See her war ungewöhnlich frisch. Ich konnte nicht verstehen, warum Mrs. Kemble so spät am Nachmittag ihr Café verließ, ohne zu schließen.

In dem Moment hörte ich ein hohes, pfeifendes Geräusch vom Strand her. Zunächst konnte ich es nicht definieren; es klang wie eine Flöte oder eine Pfeife. Ich kniff die Augen zusammen und konzentrierte mich auf den Bereich nahe am Wasser, wo die Möwen hartnäckig kreisten. Ich sah Danny zwischen den Felsen und winkte ihm zu, aber er winkte nicht zurück. Stattdessen stand er in einer sonderbar gebückten Haltung da, wie erstarrt, die Fäuste geballt. Allmählich wurde mir klar, dass er dieses Geräusch verursachte. Er schrie!

»Danny!« Ich hechtete über die Mauer, die das Café umgab, und landete im Sand. Mit meinem Knöchel stieß ich gegen einen schlüpfrigen Felsen, fand dann aber mein Gleichgewicht wieder und sprang einer Gemse gleich von einem Fels zum nächsten. Zwischendurch glitt ich aus und trat in eine Wasserlache. Einmal fiel ich hin und zog mir eine Abschürfung an der Hand zu, aber dann hatte ich endlich ein ebenes Stück Strand erreicht und rannte in Richtung Meer. Das Wasser spritzte an mir hoch, während mein Herz raste und der Wind in meinen Ohren donnerte.

Danny stand neben einem flachen bräunlichen Felsen. Er schrie nicht mehr, aber sein Gesicht war noch immer angstverzerrt. Er musste mir gar nicht erst erzählen, was ihm solche Angst eingejagt hatte, ich konnte es mit eigenen Augen sehen. Ich schnappte mir Danny, nahm ihn auf den Arm und ging sofort durch den nassen Sand zurück in Richtung Promenade.

Liz war mir gefolgt und stand nach Luft schnappend vor mir. »Kannst du Danny zurück ins Café bringen? Ruf von Mrs. Kembles Apparat die Polizei an.«

»Was ist passiert?«, fragte sie mit weit aufgerissenen Augen.

»Es ist Mrs. Kemble«, sagte ich.

Ich setzte Danny ab, Liz nahm ihn sofort an die Hand. »Daddy«, sagte er jämmerlich.

»Ich weiß, Danny«, sagte ich. »Ich sehe nur nach, ob ich noch irgendetwas mitnehmen muss, bevor die Flut kommt. Danach komme ich sofort ins Café zurück.«

»Ist sie tot?«, fragte Liz mit gesenkter Stimme.

Ich nickte. »Dauert nicht lange.«

Widerwillig ging ich zurück zu den Felsen. Der Wind riffelte das klare Meerwasser, das gerade begonnen hatte, sich wieder voranzukämpfen. Über mir kreischten die Möwen. Mrs. Kemble lag auf dem Rücken, sie war nackt, abgesehen von der zerrissenen Strumpfhose, die bis zu ihren Knien heruntergezogen worden und voller Sand und Tang war. Ihre Kopf lag in einer flachen Aussparung eines Felsens, ihr graues Haar war strähnig und nass wie ein Mopp. Ihre dünnen Unterarme waren beide angewinkelt, als würde sie noch immer versuchen, sich gegen jemanden zur Wehr zu setzen. Ihre Haut war weiß und vom Meerwasser aufgeschwemmt.

Am schlimmsten aber war, dass sich die Krebse an ihr zu schaffen gemacht hatten. Ich hatte schon den einen oder anderen Heilbutt gesehen, der von Fischern zu lange im Netz gelassen und von Krebsen angefressen worden war. Aber ich hatte mir nicht vorstellen können, wie brutal Krebse einen menschlichen Körper angreifen konnten. Mrs. Kembles Gesicht war von einem kleinen grünen Taschenkrebs, der jetzt mit ihrer Augenhöhle beschäftigt war und bereits ihre Lippen und ihre rechte Wange zur Hälfte aufgefressen hatte, in eine geisterhafte Karikatur verwandelt worden. Mrs. Kembles dritte Zähne waren zu einem gespenstischen Grinsen freigelegt worden.

Sie hatten auch ihren Bauch aufgerissen, sodass die gesamte Bauchhöhle nur noch eine zappelnde Masse aus zahllosen kleinen Taschenkrebsen war, deren Schalen und Scheren wie Kastagnetten unablässig gegeneinander schlugen. Einige Krebse krabbelten bereits durch die zur Hälfte weggefressene Öffnung zwischen ihren Beinen und bearbeiteten das zarte weiße Fleisch ihrer Schenkel.

Meine Kehle schnürte sich zu, in meinem Mund sammelte

sich warmes bitter schmeckendes Lager. Auf den ersten Blick war nicht zu erkennen, wie Mrs. Kemble ums Leben gekommen sein mochte. Die Taschenkrebse hatten schon zu viel weggefressen. Noch während ich daneben stand, bahnte sich einer von ihnen den Weg aus ihrem Mund heraus, um sich mit zwei oder drei anderen um die gräuliche Haut ihres Zahnfleischs zu streiten.

Ich sah mich um. Die Flut hatte bereits eingesetzt, das Meer begann wieder, das Land für sich zu beanspruchen, und spülte Schaum und Treibholz und regenbogenfarbene Ölflecken an den Strand.

Von Mrs. Kembles Kleidung war nichts zu sehen, auch nicht von ihrer Handtasche. Nichts, was der Polizei einen Hinweis daraufgeben konnte, wie sie ums Leben gekommen war. Ich überlegte, ob ich ihre Leiche weiter auf den Strand ziehen sollte, aber ich wusste, dass ich mich nicht überwinden und sie anfassen konnte. Außerdem hätte ich auf diese Weise jede Spur verwischen können, die die Taschenkrebse vielleicht noch nicht vernichtet hatten. Jedenfalls redete ich mir das ein. In Wahrheit hatte ich nur panische Angst, dass bei dem Versuch, sie an Land zu ziehen, die Armknochen aus den Schultergelenken reißen konnten. So wie die Schenkel bei einem Hühnchen, das man zu lange kocht. Ich kehrte zum Strand zurück. Ich hatte vielleicht sechs oder sieben Schritte zurückgelegt, als mir der Geruch von Meerwasser, Ol und von einem gerade geöffneten menschlichen Körper entgegenschlug. Mein Magen verkrampfte sich und ich übergab mich lange und heftig. Es dauerte eine Weile, ehe ich mich so weit erholt hatte, dass ich wieder aufstehen konnte. Ich ging zurück zum Strandcafe.

Detective Sergeant Miller kam in die Küche und stellte sich in den kalten Lichtschein der Deckenlampe.

Er sah mich auf die gleiche Weise an, wie ich meinen zertrümmerten Wagen angestarrt hatte. Seine Augen vermitteilen die Müdigkeit eines Mannes, der zu viele Dinge dieser Art gesehen hat, um noch schockiert zu reagieren.

»Das schlägt einem so richtig auf den Magen«, sagte er schließlich.

»Ja«, erwiderte ich. »Einen Drink?«

»Nein danke. Aber ich nehme eine Tasse Tee, wenn das keine große Mühe macht.«

Ich stand auf und stellte den Kessel auf den Herd. Miller zog sich einen Stuhl heran, setzte sich an den Küchentisch und holte seinen Notizblock hervor. Er hatte seine Notizen in einer winzigen Schrift verfasst und dabei einen Füllfederhalter benutzt, der eine solche Seltenheit darstellte, dass er fast etwas Affektiertes an sich hatte.

»Zwei Todesfälle in zwei Tagen«, sagte er. »Zwei hässliche Todesfälle in zwei Tagen.«

»Ich weiß. Und bis vor zwei Tagen hatte ich noch nie einen Toten gesehen.«

»Sie Glücklicher«, meinte Miller. »Sie haben Mrs. Kemble zuletzt heute Mittag gesehen?«

Ich nickte. »Sie machte einen ganz normalen Eindruck. Wir haben über Fortyfoot House gesprochen, über früher. Sie war ziemlich besessen davon ... Nein, besessen ist das falsche Wort. Eher verärgert. Sie erzählte mir, dass ihre Mutter hier als Putzfrau gearbeitet hat, als sie noch ein kleines Mädchen war. Ihre Mutter hatte ihr immer irgendwelche Geschichten über das Flaus erzählt. Aber sie wirkte gut gelaunt.«

»Haben Sie sonst noch jemanden gesehen? Jemanden, der irgendwie verdächtig ausgesehen haben könnte?«

Den jungen Mr. Billings mit seinem schwarzen Hut und seinem, bleichen Gesicht, wie er im Schatten der Bäume stand und zu ihr blickte. Aber wie sollte ich Miller erzählen, dass ich einen Geist gesehen hatte? Und dass der Geist möglicherweise Mrs. Kemble auf dem Gewissen hatte? Miller war sehr aufgeschlossen, er war sogar bereit, an das Übernatürliche zu glauben. Aber wenn ich ihm auch nur ein Wort von Halluzinationen und

Erscheinungen erzählte, dann hätte er gar keine andere Wahl, als mich festzunehmen. Mord in geistiger Umnachtung. Für den Rest des Lebens nach Broadmoor eingewiesen, zusammen mit all den anderen Psychopathen und Mördern und sonstigen Gestörten.

»Es war völlig ruhig, außer uns war niemand da. Ach ja, und der Typ, der jeden Nachmittag an den Strand kommt, um seine Fischernetze vorzubereiten.«

»Ja, mit ihm habe ich schon gesprochen.«

Der Wasserkessel begann zu pfeifen. Ich warf einen Teebeutel in den Becher und goss das Brühwasser darüber. »Keinen Zucker«, sagte Miller, während er etwas aufschrieb.

»Wissen Sie, wie sie umgekommen ist?«, fragte ich vorsichtig.

Er blickte nicht auf. »Noch nicht endgültig. Das ist immer so, wenn die Taschenkrebse sich an dem weichen Gewebe zu schaffen machen. Aber beide Ellbogen waren mehrfach gebrochen. Darum auch ihre Armhaltung. Wie ein Grashüpfer. Wir haben noch keine Ahnung, was diese Verletzungen hervorgerufen hat, aber ich kann mit Sicherheit sagen, dass sie angesichts der Umstände nicht auf natürliche Weise ums Leben gekommen ist.«

»Das klingt so richtig nach Polizeijargon«, sagte ich.

»Das lernt man in Mount Browne. Das war noch zu der Zeit, als ich bei der Polizei von Surrey war.«

»Warum haben Sie sich versetzen lassen?«

Er klappte das Notizbuch zu. »Ich dachte, hier werde es ruhiger zugehen. Meine Frau war der Meinung, dass es hier viel zu ruhig war, und hat mich verlassen. Und jetzt sitze ich hier und habe es mit zwei brutalen Todesfällen in nur zwei Tagen zu tun.«

»Stellen Sie mir keine weiteren Fragen?«

»Nicht nötig. Ein Nachbar von Mrs. Kemble hat sie noch lebend gesehen, nachdem Sie und Danny gegangen waren. Und Reverend Pickering hat Ihren Besuch bei ihm bestätigt. Wenn Sie nicht gerade in der Lage sind, sich an zwei Orten gleichzeitig aufzuhalten, dann ist es einfach unmöglich, dass Sie Mrs. Kemble etwas angetan haben.«

Miller trank seinen Tee in kleinen Schlucken aus, dann stand er auf, stellte den Becher ins Spülbecken und sagte: »Vielleicht komme ich noch mal wieder. Sie bleiben doch noch hier, oder?«

Ich war sicher, dass ich ein schwaches pelziges Rascheln hinter der Fußleiste hörte. Hatte Detective Sergeant Miller es auch wahrgenommen?

»Ja«, antwortete ich. »Ich bin vorläufig noch hier. Sie haben ja bemerkt, wie mein Wagen aussieht.«

»Das wollte ich Sie ohnehin noch fragen«, sagte Miller, während ich ihn zur Haustür brachte.

»Höhere Gewalt.«

»Hmh«, machte er. Während er fortging, hörte ich hinter mir wieder dieses Scharren.

11. Der Garten von gestern

Um kurz vor acht rief Reverend Pickering an, um zu sagen, dass er sich ein wenig verspäten würde. Zwischen seinen Damen, die für die diesjährige Erntedankfeier die Kirche dekorierten, hatte es einen Streit gegeben. »Ich fürchte, einige meiner Frauen sind sehr entschlossen. Fast wie Walküren.«

Ich stand im Flur und blickte währenddessen auf das Foto >Fortyfoot House, 1888<. Der junge Mr. Billings hatte mittlerweile die halbe Strecke über den Rasen zurückgelegt und näherte sich der Stelle, an der sein Schatten auf ihn wartete. Neben ihm befand sich eine dunkle kleine Gestalt, die schlichtweg alles hätte sein können. Ein Fleck auf dem Negativ, ein Tintenklecks, ein Schatten. Oder Brown Jenkin, das Rattenwesen, das durch Fortyfoot House rannte und suchte ... aber nach was? Auf dem Dachboden gab es nichts zu essen, und es gab keine Anzeichen dafür, dass Ratten an den Möbelstücken genagt oder nach einem Weg in die Vorratskammer gesucht oder sich Nester aus alten Zeitungen gebaut hatten.

Falls Brown Jenkin eine Ratte war, dann eine verdammt seltsame. Wir hatten über Nacht in der Küche Käse offen herumliegen lassen, der nicht angerührt worden war. Es hatte auch keine Versuche gegeben, die Vorratskammer zu plündern. Allerdings fanden sich darin in erster Linie Corned-Beef-Dosen und Spaghetti-Packungen. Entweder war Brown Jenkin gar keine Ratte, oder er bevorzugte anderes Essen.

Wir aßen Lasagne und Salat und tranken den Wein aus. Danny war schläfrig, sodass ich ihn gegen Viertel nach neun huckepack nahm und nach oben brachte. Nachdem ich ihn zugedeckt hatte, sagte er: »Diese Taschenkrebsc können doch nicht an Land kommen, oder?«

Ich schüttelte den Kopf. »Ganz bestimmt nicht.«

»Kann ich das Licht anlassen?«

»Natürlich.«

»Die Taschenkrebse können nicht ins Haus kommen, oder?«

»Nein, das können sie nicht. Sie müssen im Wasser bleiben, sonst sterben sie. Hör mal, Danny, du hast heute etwas Schreckliches gesehen, aber die Taschenkrebse haben Mrs. Kemble nicht getötet. Sie hat sich das Genick gebrochen, vermutlich ist sie von den Felsen gestürzt. Die Taschenkrebse machen keinen Unterschied darin, welches Fleisch sie essen. Sie essen tote Vögel, Muscheln, eigentlich alles. Manchmal ist die Natur grausam.«

Ich strich sein Haar zurück und gab ihm einen Kuss auf die Stirn. »Schlaf gut«, sagte ich. »Und dass du mir ausschließlich von einer großen Tüte Lakritz träumst.«

»Lakritz mag ich nicht mehr.«

»Na, dann träum von etwas, was du magst.«

»Ich mag Frauen.«

»Frauen ? Oh, du meinst sicher Mädchen?«

»Nein, Frauen. Ich hasse Mädchen.«

Oha, dachte ich, während ich die Tür leise zuzog. Wie der Vater, so der Sohn. Ich blieb einen Moment lang im Flur stehen und lauschte auf das verstohlene Scharren hinter den Fußleisten. Oder auf diese tiefen unverständlichen Gesänge. Doch heute Nacht schien Fortyfoot House besonders ruhig zu sein, als habe es sich heimlich in zwei Meter dicke Watte eingepackt.

Ich ging nach unten. Liz saß im Wohnzimmer im Schneidersitz auf dem Sofa und sah fern. »Haben wir noch Wein?«, fragte sie.

Ich schüttelte den Kopf.

»Und was sollen wir dann Reverend Pickering anbieten?«

»Tee, dachte ich. Vikare trinken doch immer Tee, oder?«

»Nicht die, die ich kenne.«

»Na gut«, erwiderte ich. »Dann gehe ich noch mal zum Laden. Ich glaube, ich habe noch genug Geld für eine Magnumflasche Plonko de France.«

Der Abend war warm, also verzichtete ich auf einen Mantel. Ich zog die Haustür leise ins Schloss, damit Danny nicht hörte, dass ich wegging.

Wenn man den Großteil seines Lebens in dem 24-stün-digen Verkehrslärm von London oder Brighton verbracht hat, dann können Städtchen wie Bonchurch in der Nacht beunruhigend still sein. Auf der anderen Seite kann man aber auch höchst unerwartete Geräusche wahrnehmen, die so klingen, als stürze eine tote Eule durch die Zweige eines Baums zu Boden und reiße dabei vertrocknetes Laub mit. Ein Krachen und Knacken, Büschel von Federn und Fell.

Ich lief dicht an der Mauer entlang, die zum Dorfladen führte. Ich drehte mich nur einmal nach Fortyfoot House um, konnte aber hinter den Tannen nur die buckligen, verwinkelten Umrisse des Dachs sehen, das von hier aus wiederum völlig anders wirkte, fast so, als habe es mir den Rücken zugewandt. Ich hatte noch niemals ein Haus gesehen, das eine so düstere und wechselhafte Persönlichkeit besaß. Es kam nie zur Ruhe. Es war immer in Bewegung und - soweit man das von einem Haus denn behaupten konnte - zu den hässlichsten Dingen fähig. Manche Häuser sind angenehm und bequem und tun ihren Bewohnern nichts. Aber im Fortyfoot House blieb ich ständig am Treppengeländer hängen, ich riss mir die Haut an überstehenden Nägeln auf, ich stieß mir den Kopf an Tür-und Fensterrahmen. Selbst wenn Harry Martin durch einen Unfall ums Leben gekommen sein sollte, war das nur ein Beispiel für die Aggressivität des Hauses.

Ich versuchte mir einzureden, dass uns keine Gefahr drohe und dass Geister nicht gefährlicher seien als Erinnerungen. Aber eine tief sitzende Furcht sagte mir, dass ich mir etwas vormachte - oder dass eine finstere und übellaunige Macht mir etwas vormachte.

Der Dorfladen war gerade im Begriff zu schließen, als ich ankam. Der Ladenbesitzer trug Kisten mit Gurken und neuen Kartoffeln in sein Geschäft und schien nicht besonders erfreut, mich zu sehen. Der Laden war nur schlecht beleuchtet und roch nach Waschpulver und Cheddarkäse. Ich ging zum Weinregal und entschied mich für eine große Flasche Piat D'Or.

»Es geht also mal wieder los«, bemerkte der Besitzer, während er meinen Wein einpackte. Im Licht der Neonröhren glänzte sein mit Pomade zurückgekämmtes graues Haar.

»Bitte?«

»Sie sind doch der junge Mann, der im Fortyfoot House arbeitet, oder?«, fragte er.

»Ja, das stimmt.«

»Das passiert immer, wenn die Leute versuchen, dem Haus beizukommen.«

» Was passiert immer?«

»Unfälle, Pechsträhnen. So wie beim armen alten Harry Martin.«

»Nun, ich muss zugeben, dass es eine gewisse ... Atmosphäre besitzt.«

»Atmosphäre?«, erwiderte er. »Keine zehn Pferde würden mich in das Haus kriegen. Das kann ich Ihnen sagen. Nicht mal hundert Pferde.«

Während er den Preis in die Kasse tippte, warf ich einen Blick auf die Straße. Es war schwierig, klar und deutlich zu sehen, weil mein Abbild und das des Ladens sich in der Schaufensterscheibe spiegelten, aber ich glaubte, eine Gestalt in braunem Umhang und mit brauner Kapuze in Richtung Fortyfoot House eilen zu sehen. Der Vikar konnte es nicht sein, dafür war die Gestalt zu klein, außerdem hatte sie sich mehr wie eine Frau bewegt. Irgendetwas an ihr erinnerte mich auf eine unbehagliche Weise an Liz.

»Warten Sie einen Moment«, sagte ich zu dem Händler und ging nach draußen. Die Gestalt hatte sich bereits etliche Meter auf der Straße weiterbewegt und wurde fast von der Dunkelheit verschluckt.

Doch als ich auf die Straße trat, drehte sie sich kurz um, und ich konnte ein blasses Gesicht sehen. Ich war nicht sicher, aber sie sah so sehr nach Liz aus, dass ich rief: »Liz! Liz?«

Doch die Gestalt drehte sich nicht noch einmal um, sondern lief weiter, bis sie mit der Dunkelheit eins wurde.

Ich ging zurück ins Geschäft, wo der Ladenbesitzer mit meinem Wechselgeld und völlig desinteressiertem Gesichtsausdruck auf mich wartete. »Kann ich jetzt schließen?«, fragte er.

»Tut mir Leid«, entschuldigte ich mich. »Ich dachte, ich hätte jemanden gesehen, den ich kenne.«

Er erwiderte nichts, folgte mir aber auf dem Fuß zur Tür und schloss sie ab, sobald ich das Geschäft verlassen hatte. Ich drehte mich im Weitergehen um und sah, wie er dastand und mich beobachtete. Sein Gesicht war zur Hälfte verdeckt von einem Schild mit der Aufschrift Sorry, wir haben geschlossen! Auch wenn Sie Brooke Bond Tea haben möchten! Seine Augen glänzten hinter seinen Brillengläsern wie gerade geöffnete Austern.

Ich ging durch die Dunkelheit zurück, während die Steinmauern, die zu beiden Straßenseiten standen, ein lautes Echo meiner Schritte warfen. Je länger ich darüber nachdachte, umso sicherer war ich, dass ich Liz an dem Geschäft hatte vorbeilaufen sehen. Oder jemanden, der ihre Zwillingsschwester hätte sein können. Aber was sollte Liz hier auf der Straße gemacht haben, noch dazu in einem langen braunen Umhang? Und wie sollte sie mich überholt haben, während ich von Fortyfoot House zum Geschäft gegangen war? Dass sie mich nicht überholt hatte, war sicher.

Als ich die letzte Biegung der Straße erreicht hatte, tauchte hinter den Bäumen Fortyfoot House auf. Eine Ansammlung von Dreiecken, Buckeln und Vielecken, aus dem Schornsteine sich wie schwere kopflastige Spitzen in den Himmel streckten. Während ich mich dem Haus näherte, stellte ich fest, dass ich immer intensiver auf das Muster starrte, zu dem sich das Dach formte. Allmählich erreichte es eine Form, die mir vertraut war. Und genauso allmählich wurde mir die Bedeutung dieses außergewöhnlichen und sonderbaren Designs bewusst. Ich blieb stehen und betrachtete das Dach, und mit einem Mal wusste ich, dass ich die Bedeutung von Fortyfoot House von Anfang an richtig eingeschätzt hatte, als sei ich auf meine Ankunft vorbereitet worden, lange bevor ich auch nur eine Ahnung hatte, dass ich herkommen würde.

Von hier aus bildete das Dach exakt die Form des sumerischen Tempels in der Ausgabe von National Geographie, jenes Tempels, den die Türken abgerissen halten. Die gleichen Kanten, die gleichen Spitzen, die gleichen unmöglichen Perspektiven.

Wenn Kezia Mason wirklich selbst dieses Dach entworfen hatte, dann hatte der alte Mr. Billings viel mehr als nur ein verzogenes Mädchen aus dem East End ins Fortyfoot House gebracht. Er hatte einer jahrhundertealten Intelligenz Zutritt verschafft, die wusste, wie man Bauwerke errichtet, die auf eine übernatürliche Weise von den normalen Grenzen von Raum und Zeit befreit sind.

Ich stand wie erstarrt da und sah das zusammengekauerte Profil des Hauses an, während ich das Gefühl hatte, entweder von einer genialen Erkenntnis oder vom Wahnsinn erfüllt zu sein. Saul auf dem Weg nach Tarsus. Es war ein gewaltiges Gefühl, ein Gefühl, das mir ein Rauschen in den Ohren bescherte, als würde ich ins Vakuum des Alls geschleudert und könnte plötzlich Gott verstehen.

Ich kehrte zum Haus zurück. Ein beiger Renault Kombi parkte gleich neben dem Wrack meines Audi. Reverend Pickering war also angekommen.

Liz öffnete die Haustür, während ich noch nach meinem Schlüssel suchte. »Der Vikar ist hier«, sagte sie. »Was ist?«, fragte sie dann, als sie bemerkte, dass ich sie offenbar etwas seltsam ansah.

»Bist du noch mal rausgegangen?«, fragte ich.

»Raus? Natürlich nicht. Ich habe darauf gewartet, dass du den Wein bringst. Wieso?«

Ich schüttelte den Kopf. »Ist nicht so wichtig.«

Sie nahm mir die Weinflasche ab, während ich ins Wohnzimmer ging. Dennis Pickering hatte in einem der alten Sessel Platz genommen und unterhielt sich mit Danny, der wieder aufgestanden war. Als ich hereinkam, erhob sich Pickering und gab mir die Hand. Er sah ein wenig müde aus, und auf dem Revers seiner grünen Tweed-Sportjacke war ein Fleck Tomatensuppe zu sehen.

»Wie wäre es mit einem Glas Wein?«, fragte ich.

»Vielleicht später«, sagte er und sah sich um. »Ich muss gestehen, David, dass dieses Haus mich unruhig werden lässt. Reine Einbildung, aber in meiner Branche muss man sich schon eine Menge einbilden können. Vom Glauben mal ganz abgesehen.«

»Ich nehme an, Sie haben gehört, was Mrs. Kemble zugestoßen ist«, sagte ich.

Er nickte. »Bedauerlicherweise ja. Eine meiner Damen hat mich angerufen. Das ist schrecklich. Tragisch. Die Polizei scheint zu glauben, dass sie auf den Felsen spazieren gegangen und dann ausgerutscht ist. Sie hat sich wohl den Kopf gestoßen und ist dann ertrunken. Das ist nicht besonders schwierig, vor allem für eine Frau in ihrem Alter. Außerdem kann man ohne weiteres in nur wenige Zentimeter tiefem Wasser ertrinken. Ein kleiner Junge aus Shanklin ist letzten Sommer fast an derselben Stelle ertrunken.«

»Heute Abend haben wir noch keine Geräusche gehört«, sagte ich. »Außer, es sind welche zu hören gewesen, als ich den Wein gekauft habe.«

Danny schüttelte den Kopf. »Ich bin nur aufgewacht, weil ich dachte, ich hätte die Ratte gehört. Sonst war nichts.«

»Und wo hast du sie gehört?«

»Oben auf dem Dachboden.«

»Vielleicht sollten wir auf dem Dachboden anfangen«, schlug ich Pickering vor.

»Ja, warum nicht?«, sagte er und rieb sich die Hände. »Jede Reise beginnt mit dem ersten Schritt.«

»Ich wusste gar nicht, dass die anglikanische Kirche die Lehren des Vorsitzenden Mao verbreitet«, sagte ich lächelnd.

»Darf ich mitkommen?«, bettelte Danny.

»Nein, das geht nicht«, erwiderte ich. »Ich glaube zwar nicht, dass es gefährlich wird, aber es könnte zu unheimlich sein.«

»Das macht mir nichts aus.«

»Aber mir macht es was aus, und jetzt ist Schluss.«

»Ich kann die Taschenlampe halten«, sagte Danny.

»Ich habe >nein< gesagt. Du bleibst hier und kannst den Fernseher anmachen. Wir gehen nur nach oben auf den Speicher.«

»Vielleicht ein kurzes Gebet?«, fragte Pickering.

Ich warf Liz einen unbehaglichen Blick zu. »Wenn Sie glauben, dass das hilft«, erwiderte ich.

Er lächelte mich an. »Auf jeden Fall kann es nicht schaden.«

Er faltete die Hände und schloss die Augen. »O Herr, beschütze uns in dieser Zeit des Unglücks. Beschütze uns vor dem Bösen, bekannt oder unbekannt. Und bring uns sicher aus der Dunkelheit, aus Furcht und Ungewissheit ins unfehlbare Licht deiner heiligen Wahrheit.«

»Amen«, murmelten wir.

Zunächst zeigte ich Pickering das Bild im Flur. Noch bevor wir uns genähert hatten, konnte ich erkennen, dass der junge Mr. Billings an seine ursprüngliche Position zurückgekehrt war. Die schattenhafte haarige Kreatur, die ihn über den Rasen begleitet hatte, war verschwunden. Fast verschwunden, wie ich feststellen musste. Denn als wir näher kamen, bemerkte ich, dass die hintere Tür von Fortyfoot House ein wenig geöffnet war und dass der winzige Teil eines Schattens dort verschwand. Der Schwanz von Brown Jenkin?

Dennis Pickering beugte sich vor und betrachtete das Foto aufmerksam. »Ja«, sagte er, »das ist Billings der Jüngere. Ohne Zweifel.«

»Seit gestern hat er ständig seine Position gewechselt.«

Pickering sah mich fragend an. »Bitte? Sie meinen, das Foto hing woanders?«

»Nein, nein, der junge Mr. Billings hat seine Position verändert. Er bewegt sich in dem Foto hin und her. Gestern ging er da hinten über den Rasen und hielt die Hand oder Klaue von irgendetwas, das wie Brown Jenkin aussah.«

Pickering sah sich noch einmal das Foto an. »Sind Sie da ganz sicher?«

»Ganz sicher.«

»Und was ist mit Ihnen, Liz?«, wollte er wissen. »Haben Sie das auch gesehen?«

»Ich bin nicht sicher«, antwortete sie.

Ich warf ihr einen ärgerlichen Blick zu: »Du bist nicht sicher ?«

Sie sah fort. »Mir fällt es sehr schwer, das alles zu verstehen. Ich weiß nicht, ob ich meinen Augen glauben kann oder nicht.«

»Aber er war doch fast völlig aus dem Bild verschwunden!«, protestierte ich.

»Ich weiß nicht, mir kommt das alles wie ein böser Traum vor«, sagte Liz.

»Schon gut, schon gut, wir brauchen nicht noch mehr Unruhe«, sagte Pickering beschwichtigend. »Ich schlage vor, dass wir nach oben gehen und uns umsehen.«

Ich versuchte, Liz' Hand zu nehmen, während wir durch den Flur zurückgingen, doch sie entzog sich meinem Griff.

»Stimmt was nicht?«, flüsterte ich.

»Nein«, beteuerte sie.

»Irgendetwas stimmt doch nicht.«

»Es ist nichts. Ich möchte bloß nichts mehr mit all diesen Dingen zu tun haben. Und ich weiß auch nicht, warum du dich damit beschäftigen sollst. Es ist nicht dein Haus und damit nicht dein Problem.«

Ich blieb stehen. »Bist du sicher, dass du heute Abend das Haus nicht verlassen hast?«

»Da bin ich verdammt sicher. Warum fängst du damit schon wieder an?«

»Können wir?«, fragte Pickering ein wenig ungeduldig.

Wir stiegen die Stufen bis zum Treppenabsatz hinauf, dann öffnete ich die Tür zum Speicher. Wieder schlug mir dieser hartnäckige abgestandene Luftzug entgegen. Ich schaltete die Taschenlampe ein und leuchtete nach oben, als ich bemerkte, dass der Dachboden bereits in ein schwaches gräuliches Licht getaucht war. Ich sah zu Liz und sagte: »Sieh dir das an, da oben ist Licht. Vielleicht haben die elektrischen Leitungen beschlossen, sich selbst zu reparieren.«

Pickering ging vor mir die kurze Treppe hinauf, dann blieb er abrupt stehen, ohne etwas zu sagen und ohne sich zu bewegen. Schließlich sagte er: »Ich komme wieder nach unten.« Im nächsten Moment stand er neben mir auf dem Absatz und sah bleich aus.

»Was ist los? Was ...«

»Da oben ist ein Licht«, antwortete er, während sich seine Stimme fast überschlug.

»Und?« »Ich befürchte, es ist Tageslicht.«

»Wieso Tageslicht? Draußen ist es stockfinster.«

»Es ist Tageslicht, glauben Sie mir. Sie sollten besser diese Tür verschließen. Ich werde mich sofort mit Stiftsherr Earwaker in Verbindung setzen.«

»Sie müssen sich irren. Da oben kann kein Tageslicht sein. Es gibt keine Fenster da oben, von dem Dachfenster abgesehen. Und das ist zugeklebt.«

Ich nahm die erste Stufe der Treppe, aber Pickering packte mich am Ärmel und schrie mich fast an: »Nein! Das dürfen Sie nicht!«

»Mr. Pickering, um Himmels willen. Da oben kann es kein Tageslicht geben!«

»Es ist Tageslicht«, wiederholte er nahezu außer sich, während er noch stärker an meinem Ärmel zerrte. »Das ist Teufelswerk, glauben Sie mir doch. Gehen Sie um keinen Preis nach oben.«

»Tut mir Leid, aber das muss ich machen.«

»David!«, mischte sich Liz ein. »Geh nicht!«

Diesen Gesichtsausdruck hatte ich bei ihr noch nicht gesehen. Er war sehr merkwürdig, und auch ihr Tonfall war ungewöhnlich. Sie hatte sich angehört, als habe sie eine sehr gute Vorstellung von dem, was Pickering solche Angst eingejagt hatte. Als wisse sie, warum der Speicher so aussah, als sei er in Tageslicht getaucht.

Ich schob Dennis Pickering behutsam zurück. »Es tut mir Leid«, wiederholte ich, »aber ich muss da einfach raufgehen. Ich kann hier in Fortyfoot House nichts tun, wenn ich nicht ein für allemal diesen Lichtern und Geräuschen auf den Grund gehe.«

»Dann komme ich mit Ihnen«, beharrte Pickering, auch wenn er aufgeregt atmete und seine Hände zitterten.

»Sie müssen nicht, wenn es Ihnen Angst einjagt«, sagte ich.

»Es ist meine priesterliche Pflicht. Und es ist meine Pflicht als Mensch.«

»Glauben Sie wirklich, dass da oben der Teufel lauert?«

»Sie können es nennen, wie Sie wollen. Aber es ist dort. Und es ist so real wie Sie und ich. Können Sie nicht das Böse riechen? Es ist die Essenz des Bösen!«

Ich schnupperte.

»Ich kann einen schwefeligen Geruch feststellen, ein wenig verbrannt. Weiter nichts.«

»Die Essenz des Bösen«, sagte Pickering, während er mit dem Kopf nickte. »Der Gestank der Hölle.«

»Egal«, entschied ich. »Ich gehe jetzt trotzdem nach oben.«

Liz warf mir einen geringschätzigen Blick zu, obwohl sie der Hauptgrund dafür war, dass ich auf den Speicher steigen wollte. Wenn ich nicht klärte, was es mit den Geräuschen und Lichtern im Fortyfoot House auf sich hatte, konnte ich nicht von ihr erwarten, dass sie blieb. Und außerdem hatte ich bei unserem Gespräch am Nachmittag, bevor wir Doris Kemble gefunden hatten, gemerkt, wie sehr ich wollte, dass sie blieb, und wie sehr ich sie brauchte.

Obwohl die Treppe von dem Licht auf dem Dachboden erhellt wurde, nahm ich die Taschenlampe mit. Wenn die Lampen sich aus eigener Kraft reparieren konnten, dann konnten sie auch wieder ausfallen, und ich wollte nicht noch einmal in völliger Dunkelheit auf dem Dachboden stehen. Früher hatte ich in der Dunkelheit keine Angst gehabt, aber Fortyfoot House hatte das grundlegend geändert.

Ich erreichte die oberste Stufe und sah mich um. Langsam wurde mir klar, dass Dennis Pickering Recht hatte, so wenig ich das auch glauben wollte. Der Speicher war tatsächlich in Tageslicht getaucht. Kaltes, graues, herbstliches Licht, als hätten wir nicht Juli, sondern Mitte November. Aber nicht nur das - der Speicher war auch so gut wie leer. Kein Schaukelpferd, keine Möbel, keine zusammengerollten Teppiche, keine Bilder, über die man Tücher geworfen hatte. Nur ein paar staubige Bastkörbe und Hutschachteln, und eine altmodische Nähmaschine.

Das Dachfenster war nicht abgedeckt, zudem stand es offen. Daher kam also der modrige Luftzug, der sich auf dem Dachboden breitmachte - obwohl ich keine Ahnung hatte, wie der Zug hereinkommen sollte, wenn das Dachfenster doch eigentlich verschlossen und das Dach nach außen hin versiegelt worden war.

»Gleicher Ort, andere Zeit«, sagte ich. Es war Furcht erregend und verwirrend, aber der Gedanke, dass wir über die Treppe zum Speicher ins Fortyfoot House des Jahres 1880 gelangt waren, hatte auch etwas Aufregendes.

»Ich glaube nicht, dass wir noch weiter gehen sollten«, warnte Pickering mit düsterem Gesichtsausdruck, während er sich am Treppengeländer festhielt.

»Ich will nur aus dem Dachfenster sehen«, rief ich ihm zu. Ich bemerkte Wolken, die vorüberzogen, ich hörte die See und das leise Rascheln von trockenem Laub. Nicht nur das Jähr und die Tageszeit hatten sich geändert, es war auch eine andere Jahreszeit.

Pickering zitterte wie ein Mann, der eine schwere Grippe hatte, und obwohl er der anglikanischen Kirche angehörte, bekreuzigte er sich zweimal. »Das ist eindeutig Teufelswerk. Wenn Sie durch dieses Dachfenster blicken, David, dann werden Sie direkt in den Schlund der Hölle sehen.«

»Halten Sie bitte die Taschenlampe«, sagte ich und ging über den Speicherboden, bis ich unter dem Dachfenster stand. Der Himmel sah ganz normal aus. Es war ein windiger Tag an der Küste, ich sah ein paar Möwen vorüberziehen und einige braune Blätter, die vom Wind fortgetragen wurden. Was ich nicht entdecken konnte, waren die qualmenden Schlote der Hölle, Fledermäuse und Hexen auf ihren Besen.

»Ich flehe Sie an«, sagte Pickering.

»Nur ein Blick«, versicherte ich.

Er schüttelte ungläubig seinen Kopf.

So wie Harry Martin kurz vor seinem Tod zog ich eine schwarze hölzerne Kiste über den Boden, bis sie direkt unter dem Dachfenster stand. Dann stieg ich hinauf und sah vorsichtig aus dem offenen Fenster. Der Wind wehte mir kräftig ins Gesicht und ließ meine Augen tränen. Ich wandte mich ab und sah, dass Dennis Pickering sich mir angeschlossen hatte. Erstaunen und Neugier hatten über seine Angst gesiegt.

»Vielleicht ist es gar kein Teufelswerk«, sagte er. »Es ist so außergewöhnlich ... dann kann es eigentlich nur ein Werk des Herrn sein.«

»Vielleicht ist es auch das Werk von Menschen«, gab ich zu bedenken und sagte ihm, wie ähnlich das Dach den sumerischen Zikkurats war. »Vielleicht ist es das Werk von Kezia Mason.«

»Ich weiß nicht«, sagte Pickering. »Zum ersten Mal in meinem Leben fühle ich Angst. ... Nein, keine Angst, eher Unsicherheit. Ich verstehe das nicht. Es ist so ... fremd. Wissen Sie ... mit jeder Minute, die verstreicht... bin ich umso überzeugter, dass das hier etwas anderes ist. Kein Werk des Teufels oder des Herrn. Sondern etwas anderes. Etwas völlig anderes.«

Er dachte weiter laut nach, während ich noch einmal durch das Dachfenster sah. Ich konnte den Rosengarten an der Stelle stehen, an der er zur Sonnenuhr hin abfiel. Der Rasen war gründlich gemäht, die Rosen waren alle zurückgeschnitten worden. In der Ferne sah ich zwischen den Bäumen das Glitzern des Kanals im Sonnenschein.

»So wie die Zikkurats, sagten Sie?«, fragte Pickering. »Was können Sie sehen? Die gleiche Aussicht? Den Garten?«

»Es ist der Garten«, erwiderte ich. »Aber er sieht etwas anders aus. Viel gepflegter. Und die Bäume unten am Bach sind noch viel kleiner. Einige sind nicht viel mehr als Schösslinge.«

»Dann sind wir in der Vergangenheit?«, fragte Dennis Pickering.

Ich sah nach links zur Kapelle. Sie war in bester Verfassung, die Bleiglasfenster spiegelten das Licht, der Friedhof war gemäht. Ich konnte nur gut ein Dutzend Gräber erkennen, die erst vor kurzem ausgehoben worden waren und richtige Grabsteine aufwiesen, nicht nur einfache Holzkreuze.

»Ja«, sagte ich schließlich. »Ich glaube, wir sind in der Vergangenheit.«

»Glauben Sie, ich könnte es mir selbst ansehen?«, fragte Pickering nervös. »Nur ein Blick ... es ist so bemerkenswert.«

»Aber sicher«, antwortete ich. Gerade wollte ich jedoch von der Kiste heruntersteigen, als ich zwei Schatten bemerkte, die durch den Rosengarten huschten. Es war schwierig, sie zu erkennen, weil sie sich so schnell bewegten, dass es aussah, wie etwas, das man an sich vorbeihuschen sieht, wenn man aus dem Fenster eines fahrenden Zugs blickt. Dann kamen sie aber auf den kreisförmig gemähten Rasen rund um die Sonnenuhr. Eine der Gestalten erkannte ich sofort. Sie war groß, mit buschigem Backenbart, einem schwarzen Frack und einem Zylinder. Der junge Mr. Billings, mit blassem Gesicht und erregtem Ausdruck, zu seiner Linken begleitet von einer kleineren Gestalt in braunem Umhang mit Kapuze, einer Gestalt, die geduckt umhersprang, als vollführe sie irgendeinen außergewöhnlichen Tanz.

Ich musste mich daran erinnern, dass ich kein Foto sah, sondern einen realen Nachmittag beobachtete, auch wenn der vor über hundert Jahren stattgefunden hatte. Da war der junge Mr. Billings, lebendig und sehr verärgert. Und da war das kleine haarige schlurfende Ding, das Brown Jenkin sein musste.

Hier vom Dach aus konnte ich kaum dahinterkommen, was der junge Mr. Billings tat oder sagte. Er gestikulierte mit seinem rechten Arm, als sei er ein Metzger, der einen Ochsenschwanz zerlegt. Er schien sehr wütend zu sein, doch die kleine in braun gekleidete Gestalt schien nicht willens zu sein, ihm zuzuhören. Sie kreiste um ihn herum, eilte und rannte, sprang und duckte sich, womit sie es dem jungen Mr. Billings unmöglich machte, zu ihr aufzuschließen, außer er vollzog einen ähnlich wirren Tanz.

Zwischen dem Pfeifen des Windes und dem monotonen Kreischen der Möwen konnte ich nur Bruchstücke hören: »... egal, was sie will ... vereinbart ... du kannst nur so viele nehmen, wie du ...«

»Bitte«, sagte Pickering, doch ich blieb, wo ich war, um zu hören, was der junge Mr. Billings und die in braun gehüllte Gestalt sprachen. Der junge Mr. Billings klang, als belle er einen Hund an, während die kleine Gestalt weiter umhertänzelte, als würde es sie nicht interessieren. Ab und zu ließ sie ein schrilles, abgehacktes Lachen erschallen. Es war wie ein Traum oder ein Albtraum, diesen großen Mann zu beobachten, wie er etwas anschrie, das weniger wie ein Mensch wirkte, sondern eher wie ein buckliges und viel zu großes Nagetier.

»Wir haben eine Vereinbarung, schlicht und einfach!«, rief der Mann heiser.

In dem Moment tauchte direkt unter mir eine Frau auf. Sie musste aus der Küche oder um das Haus herumgekommen sein. Ihr Gesicht konnte ich nicht erkennen, weil sie mit dem Rücken zu mir stand, doch ich erkannte das wallende rote Haar wieder. Es war die Frau, deren Bild man an die Wand in der Kapelle gemalt hatte. Sie trug ein dünnes weißes Kleid, das im Wind flatterte. Obwohl es kalt war, stand sie barfuß im Garten.

An der Hand hielt sie ein Mädchen von vielleicht zehn oder elf Jahren, das ebenfalls ein dünnes weißes Kleid trug. Das Mädchen trug einen Kranz aus Palmen-und Lorbeerblättern im Haar.

Es wurde geschrien, während das Rattending hin und her sprang. Wieder und wieder sagte der Mann: »Wir haben eine Vereinbarung, schlicht und einfach!« Die in Weiß gekleidete Frau nahm ihn aber einfach nicht wahr.

Der Mann mit dem schwarzen Zylinder unternahm einen tolpatschigen Versuch, die Hand des Mädchens zu fassen zu bekommen, als versuche er, es der Frau zu entreißen. Das Rattending sprang ihn an, bleckte gleich mehrere Reihen geschwungener gelber Zähne und ließ seine lilafarbene Zunge hervorschießen.

Der Mann trat sofort einen Schritt zurück und hob seinen linken Arm, als wäre es ihm lieber, dass ihm seine Hand, nicht aber sein halbes Gesicht fortgerissen würde.

Sofort drehte sich die Frau um und ging zurück zum Haus. Der Mann zögerte, versuchte dann aber, ihr zu folgen. Der Wind trug die gellenden Schreie des Kindes zu mir herauf.

»Was ist los?«, wollte ein äußerst aufgeregter Reverend neben mir wissen.

»Sieht so aus, als hätte der junge Mr. Billings Streit mit Brown Jenkin«, antwortete ich und stieg von der Kiste herunter. Hastig nahm Pickering meinen Platz ein und sah hinaus in den Garten.

»Ja, Sie haben Recht! Mein Gott, das ist der junge Mr. Billings! Und das ist zweifellos Brown Jenkin! Und die Frau muss Kezia Mason sein!«

»Aber was machen sie?«, wollte ich von ihm wissen. Er streckte seine Hand aus und ich half ihm von der Kiste. »Kezia Mason nimmt das Mädchen mit. Gott weiß, warum sie das macht. Aber wenn dies das Jahr 1886 ist, in dem alle Kinder im Fortyfoot House starben oder verschwanden, dann können Sie sicher sein, dass diesem Mädchen etwas äußerst Unerfreuliches widerfahren wird.«

»Können wir es nicht retten?«, überlegte ich.

Pickering sah wieder zum Dachfenster und wirkte unentschlossen. »Ich nehme an, dass wir es versuchen könnten. Aber an Ihrer Stelle würde ich mich von Brown Jenkin fernhalten.«

Ich ging rasch zur Treppe und sah nach unten, wo Liz noch immer auf uns wartete. Sie stand in der Dunkelheit da, womit klar war, dass wir auf diesem Weg nicht den Garten des Jahres 1886 erreichen konnten.

»Wir könnten aus dem Dachfenster klettern«, schlug Pickering vor, ohne allzu begeistert zu klingen.

»Das nützt nichts«, sagte ich ihm. »Von diesem Teil des Dachs aus geht es nirgendwohin. Da geht es nur steil runter bis zur Veranda.«

»Warten Sie«, sagte er und berührte meinen Arm. »Ist das da im Boden nicht eine Klapptür?«

Ich drehte mich um und musste ihm Recht geben. Sie war fast völlig von einem staubigen Laken verdeckt, aber ich konnte ein Scharnier und eine Ecke des nicht richtig sitzenden Rahmens erkennen. Ich trat das Laken zur Seite und sah eine Klapptür, die groß genug für einen erwachsenen Menschen war. Es sah so aus, als habe man sie irgendwann nach der Fertigstellung des Hauses nachträglich in den Boden eingelassen. Handwerklich war es das Werk eines Amateurs, wenn man sie mit den anderen im Haus ausgeführten Arbeiten verglich. Die Nägel und Scharniere waren bereits verrostet.

Mir fiel auf, dass die Riegel, die die Klapptür geschlossen hielten, nicht zurückgezogen waren und sich auf dieser Seite befanden, anstatt auf der anderen, mir abgewandten Seite. Das konnte nur bedeuten, dass verhindert werden sollte, dass jemand heraufkommen konnte.

Jemand. Oder etwas.

Ich kniete nieder und presste mein Ohr gegen die Klapptür. Aus einem der unter mir liegenden Räume konnte ich das Mädchen schreien hören.

»Sind Sie bereit dafür?«, fragte ich den Reverend. Mein Herz raste wie wahnsinnig. »Es könnte sein, dass wir uns in etwas einmischen, obwohl wir das gar nicht sollten. Das ist Ihnen doch bewusst, oder?«

Dennis Pickering schluckte schwer. »Wenn die Unschuldigen um Hilfe rufen, müssen wir etwas unternehmen«, sagte er dann. »Da bedeutet es keinen Unterschied, ob es 1886 oder 1992 ist.«

»Amen«, sagte ich und öffnete die Klapptür.

Während ich in das winterliche Tageslicht spähte, wurde mir plötzlich klar, dass diese Klapptür in mein Schlafzimmer führte ... das jetzt ein Zimmer war, bei dem die Decke nicht abgetrennt worden war. Das war mein Schlafzimmer, bevor man nahezu ein Drittel des Raums abgeteilt hatte. Das

Zimmer war dementsprechend größer und luftiger, und es verfügte über ein zweites Fenster mit Blick auf die Erdbeerbeete. Direkt unter der Klapptür stand ein Stuhl, zu dem ich mich hinunterhangelte, um dann auf den nackten Fußboden hinabzusteigen. Ich rief leise nach Dennis Pickering, damit er mir folgte.

Es war faszinierend, wie mein Schlafzimmer ohne die schräg nach unten verlaufende Decke wirkte. Erst jetzt wurde mir bewusst, wie groß der Teil war, den man abgetrennt hatte. Am zweiten Fenster stand ein einfaches Metallbett, das olivgrün gestrichen war, sich aber in einem heruntergekommenen Zustand befand. Auf dem Metallgestell lagen eine unbequeme Rosshaarmatratze und ein gelbliches Bettlaken, weiter nichts. Ein Tablett aus verfärbtem Kupfer lag unter dem Bett, außerdem eine zusammengelegte Schürze, die mit rostigen Flecken übersät und mit ihren eigenen Schnüren fest zusammengebunden war.

»Sehen Sie doch«, sagte Pickering plötzlich und lenkte meine Aufmerksamkeit auf ein Kruzifix, das an der Wand vor dem Bett hing. Es war ein großes Kruzifix, mit großem Geschick aus dunkel lackiertem Holz geschnitzt, mit einer Christus-Figur aus Elfenbein und mattiertem Silber. Christus sah mit Augen voller Selbstaufopferung und Schmerz ins Nichts. Was aber so unangenehm an dem Kreuz war, das war die Tatsache, dass es auf dem Kopf hing und an einer verdrehten Kordel aus zerfasertem Hanf und vertrockneten Kastanienblüten befestigt war.

»Was bedeutet das?«, fragte ich.

»Ich weiß nicht, vielleicht Satansjünger. Oder Anhänger des Antichristen. So etwas habe ich noch nie gesehen. Es könnte sich um irgendeinen Kult handeln, von dem wir noch nie etwas gehört haben. Ende des neunzehnten Jahrhunderts gab es viele Randgruppen, die sich mit Schwarzer Magie und Teufelsanbetung beschäftigten-.«

»Hören Sie!«

Wieder waren die Schreie des kleinen Mädchens zu hören.

Es klang danach, als habe man das Kind in den Raum gebracht, der heute das Wohnzimmer war. Die Schreie hörten sich nicht mehr so hysterisch an, dafür elender, als hätte sich das Mädchen in sein Schicksal ergeben, sei aber dennoch todunglücklich.

»Möge Gott uns die Kraft geben, die wir brauchen«, hauchte Dennis Pickering und ging vor mir zur Treppe.

Das Haus hatte sich zwischen 1886 und 1992 kaum verändert. Entlang der Treppe und im Flur war allerdings alles mit dunklem Holz vertäfelt, außerdem waren die Wände oberhalb der Vertäfelung tapeziert. Ein durchdringender Geruch von feuchtem Verputz, gekochtem Fisch und Lavendelbohnerwachs hing im Haus.

Im Flur hingen viel mehr Fotos und Zeichnungen an den Wänden, aber natürlich fehlte »Fortyfoot House, 1888<. Während Pickering und ich uns vorsichtig auf die geöffnete Tür zum Wohnzimmer zubewegten, fiel mein Blick auf seltsame Stahlstiche von mysteriösen Gärten, die von Tieren bevölkert wurden, die die Größe von Wild mit Insektenbeinen und Panzern hatten.

Es gab minutiös gezeichnete Darstellungen von mutierten Tieren und medizinische Darstellungen von schwangeren Frauen, die aus achteckigen Glasbehältern Chloroform einatmeten. Andere Bilder zeigten beunruhigend detaillierte Zeichnungen von Frauen, deren Inneres mit Lampen erhellt und untersucht wurde.

Ich konnte mir nicht jedes Bild ansehen, aber ich hätte mir keine Sammlung vorstellen können, die noch ungeeigneter für ein Waisenhaus gewesen wäre als diese hier. Jedes einzelne von ihnen war bizarr oder Furcht erregend oder schonungslos gynäkologisch. Es gab den Furcht einflößenden Stich mit dem Titel >Soldatenfrau, die ihrem Ehemann in die Schlacht folgt, von einer Kanonenkugel in zwei Hälften gespalten wird und noch im gleichen Moment ein lebendes Kind zur Welt bringt<.

Der Reverend hob eine Hand, um mir zu bedeuten, dass ich stehen bleiben und mich ruhig verhalten solle. Wir waren noch etwa einen Meter von der Wohnzimmertür entfernt und konnten nun ganz genau das atemlose hohe Jammern des Mädchens und das verzerrte Kichern von Brown Jenkin und die monotone Stimme des jungen Mr. Billings hören. Das graue Herbstlicht fiel auf den rotbraun gemusterten Teppich, der von Tausenden von Tritten lederbesohlter Schuhe glänzend geworden war. Irgendwo hinter uns, vielleicht aus der Küche, hörte ich klappernde Geräusche. Jemand sang Two Litlle Girls In Blue.

»Was sollen wir jetzt am besten machen?«, zischte Pickering mir zu. Sein Atem roch nach zu vielen Tassen Tee. So viel zu Liz' Äußerung, Vikare würden üblicherweise Alkohol trinken.

»Ich weiß nicht. Was können wir machen?« In diesem Moment musste ich an das denken, was Liz gesagt hatte: >Du kannst dich nie entscheiden. Gehen - bleiben - gehen -bleiben. David, um Himmels willen, entscheide dich doch endlich einmal.«

Ich überlegte immer noch, wie wir vorgehen sollten, als ich eine schneidende überhebliche Stimme hörte, die mich innehalten ließ. Es war die Stimme einer Frau mit einem Cockney-Akzent, der mit dem heutigen genuschelten Cockney kaum etwas gemein hatte. Ohne jeden Zweifel musste das Kezia Mason sein - Schützling des alten Mr. Billings, Geliebte des jungen Mr. Billings.

»Na, komm schon, du kleines Luder. Der Alte Freund wartet auf dich.«

Wieder schrie das Kind auf, dann sagte der junge Mr. Billings: »Kezia, das war nicht vereinbart. Zwölf, hast du gesagt, mehr nicht. Zwölf würden genügen. Und bei Gott, zwölf waren schon schlimm genug. Aber nicht mehr als zwölf.«

»Wann habe ich etwas von zwölf gesagt, mein Liebster?«

»Du hast von zwölf gesprochen, als wir uns zuerst geeinigt hatten. Jenkin hat ebenfalls zwölf gesagt. Nicht mehr.«

»Ich sagte zwölf in den Tagen von Queen Dick.«

»Kezia, du kannst nicht noch mehr nehmen. Was wird Barnardo sagen?«

»Wir lassen Mazurewicz kommen. Er wird bestätigen, dass sie alle an der Reihe waren.«

»Verdammt, Kezia, du kannst sie nicht alle haben!«

»Der Alte Freund nimmt, was er braucht«, erwiderte Kezia. Das Kind schrie unterdessen, ohne Luft zu holen.

Ich flüsterte Pickering zu: »Klingt so, als ob sie auf uns zukommen. Ich schnappe mir das Kind, und Sie brüllen ihnen etwas entgegen, irgendwas, Gebete, Flüche, einfach gentig, um sie aus der Fassung zu bringen.«

Uberraschend griff der Reverend nach meiner Hand: »Wenn wir sie mit auf den Speicher nehmen ... in unsere Zeit ... glauben Sie, dass sie überleben wird?«

»Wie meinen Sie das?«

»Wir befinden uns im Jahr 1886, das Kind ist jetzt und hier zehn oder elfjahre alt. Wenn wir es mit ins Jahr 1992 nehmen, wäre es dort über hundert Jahre alt. Vielleicht bringen wir es im Grunde ebenso um, wie Kezia Mason es macht! Vielleicht sogar auf noch grausamere Weise!«

Das Kind schrie inzwischen noch lauter, und ich wusste, dass wir irgendetwas unternehmen mussten. »Um Himmels willen, Dennis. Wir haben es hierher geschafft in eine Zeit, in der wir noch nicht auf der Welt sind! Dann wird das umgekehrt genauso funktionieren!«

Reverend Pickering legte kurz die Hände aneinander und sprach das schnellste Gebet in der Geschichte des Christentums. Dann öffnete er die Augen und sagte: »Also gut, David, wir werden es wenigstens versuchen. Möge Gott mit uns sein!«

Das Mädchen schrie und schrie. Ich gab Pickering mit der flachen Hand einen Stoß, und dann stürmten wir zusammen durch die Tür ins Wohnzimmer.

12. Der Teufelsdaumen

 Niemals werde ich den albtraumhaften Anblick, der sich uns bot, als wir in das Zimmer stürzten, vergessen - vieles erinnert mich daran: meine Träume, Schatten, Spiegelbilder, die man nur flüchtig sieht, ein kaum hörbares Flüstern. Es genügt der Blick auf einen viktorianischen Stuhl mit hoher Rückenlehne bei einem Antiquitätenhändler, ein bestimmter grau getönter Herbsthimmel, ein brauner Teppich, der Geruch von Staub und Möbelpolitur aus Bienenwachs. In dem Moment, in dem Dennis Pickering und ich das Wohnzimmer betraten, wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass wir in eine Zeit zurückgereist waren, in die wir nicht gehörten. Und ich erkannte, dass das Grauen, dem wir gegenüberstanden, keine Geister oder sich bewegende Fotos waren oder Produkte unserer überanstrengten Fantasie, sondern reale Personen, die lebten und atmeten und die vom Geruch der Hölle umgeben waren.

Der junge Mr. Billings stand am weitesten von uns entfernt, seinen Arm hatte er halb erhoben. Er war viel größer, als ich ihn mir vorgestellt hatte, und sein schwarzer Hut und sein schwarzer Frack waren viel besser gearbeitet. Doch seine Wangen waren faltig, seine Augen waren blutunterlaufen, und er sah aus wie ein Mann, dessen innerer Zusammenbruch sich unerbittlich auf seinem Gesicht manifestiert hatte.

Kezia Masons Bild an der Wand der Fortyfoot-Kapelle wurde ihr nicht gerecht. Sie war zierlich und zart, fast schon hübsch. Vielleicht sogar mehr als hübsch, auch wenn sich in ihren Augen eine sonderbare, deplatziert wirkende Wildheit zeigte, die sogar den forschesten Mann erschreckt hätte. Auf jeden Fall erschreckte sie mich. Ihre Haare waren unglaublich. Sie waren von einem leuchtenden Rot, und sie standen so ab, als wären sie elektrisch geladen. Um ihre Schultern hatte sie ein locker gewebtes Tuch aus ungebleichter Wolle gelegt, und sie trug ein weites Kleid aus sehr feinem weißen Schleier, der hier und da mit Augen, Händen und Sternen bestickt war. Das Kleid war so durchsichtig, dass ich ihren dünnen, fast schon magersüchtigen Körper sehen konnte, der stramm in Schnüre und Bandagen gewickelt war. Ihre Füße waren nackt und schmutzig, blaue Adern hoben sich deutlich von der fahlen Haut ab.

Sie zischte, als sie uns sah.

Was mich aber regelrecht erstarren ließ, war mein erster ungehinderter Blick auf Brown Jenkin. Er war das Rattending von unbekannter Herkunft, das in den Straßen der Londoner Docklands zur Welt gekommen sein konnte. Oder das ein verheerender genetischer Unfall von Billings und Kezia Mason war. Oder einfach nur aus einer Ratte entstanden, und das jetzt als Monstrosität vor mir stand, bucklig, eine Parodie auf einen menschlichen Knaben, auf ein Tier, das ein wenig süßlich, aber nach Verwesung roch.

Brown Jenkin maß kaum 1,20 Meter, sein Kopf war schmal und lief spitz zu, so wie bei einem Nagetier, glich aber mehr einem grotesk in die Länge gezogenen menschlichen Gesicht als dem einer Ratte. Die Augen waren weiß, sogar die Iris war weiß. Die Nase war gespalten wie bei einer Ratte, doch ihre großen Nasenlöcher, die die Schleimhäute freilegten, machten sie einem Menschen ähnlicher als einem Tier. Sein Mund war geschlossen, die Lippen hatten eine gräulichschwarze Färbung, und ich konnte zwei scharfe Zahnspitzen erkennen, die unter der Oberlippe hervorlugten.

Er trug ein schmutziges weißes Halsband, sein Hals war mit ebenso verdreckten Bandagen umwickelt. Sein missgestalteter Körper war in einen langen Mantel oder eine Jacke aus abgewetztem braunen Samt gekleidet, dessen Vorderseite mit Suppe und Ei und unzähligen anderen Essensresten übersät war. Aus den viel zu langen Ärmeln ragten weiße Hände mit langen Fingern heraus, die zwar menschlich aussahen, deren Nägel aber schwarz und gekrümmt waren, so wie die Klauen einer Ratte. Unter dem Saum des Mantels, der auf dem

Teppich hing, konnte ich ein Paar schmale Füße erkennen, die wie der Hals der Kreatur mit schmutzigen weißen Bandagen umwickelt waren.

Brown Jenkin hatte seine Klauen durch den Latz des kleinen Mädchens gebohrt und hielt es an seinem ausgestreckten Arm so in die Höhe, dass ihre Füße in der Luft baumelten. Das Mädchen selbst war starr vor Schreck, ihre Fäuste zusammengeballt, der Kopf eingezogen und das Gesicht bleich. Ihr kupferbraunes Haar war ordentlich geflochten worden, aber mittlerweile war einer der Zöpfe aufgegangen und bedeckte halb ihr Gesicht, was sie noch verrückter und verzweifelter aussehen ließ.

Einen Augenblick lang erstarrte die Szenerie und wirkte wie ein Foto, auf dem wir alle dastanden und uns einfach nur überrascht anstarrten.

Kezia Mason wich einen Schritt nach hinten und zischte weiter. Der junge Mr. Billings brüllte: »Kezia! Wer sind diese Leute? Welches Spiel treibst du mit mir?« Er eilte quer durch das Zimmer und griff nach einem schwarzen Stock mit silbernem Griff, der an einen der Sessel gelehnt war. Im gleichen Augenblick hob Pickering seine Hände und schrie: »Im Namen des Herrn!«

»Ein Priester!«, zischte Kezia Mason, als könne sie riechen, dass er ein Priester war.

»Im Namen des Herrn, lassen Sie das junge Mädchen in Ruhe!«, herrschte Pickering sie an. Er ging mit erhobenen Händen einen Schritt nach vorn.

Der junge Mr. Billings ließ seinen Stock irritiert sinken, und sogar Kezia Mason schien zurückzuweichen.

»Derjenige, der diesem jungen Menschen auch nur ein Haar krümmt, wird sich vor mir rechtfertigen müssen, sagt der Herr!«, rief Dennis so voller Eifer, dass er ein paar Speicheltropfen spuckte.

Ich war fest davon überzeugt, dass wir sie durch die schiere Autorität eingeschüchtert hatten, als Kezia Mason vortrat, den durchscheinenden Stoff ihres Kleids anhob und Dennis

Pickering einen herausfordernden, stechenden Blick zuwarf.

»Vor dem Herrn rechtfertigen, was, Trottel?«, äffte sie ihn nach. »Also, an deiner Stelle würde ich daran denken, dass mein Alter Freund Gevatter Tod das nicht so einfach hinnimmt. An deiner Stelle würde ich zum Haus des Heiligen Geistes zurückkehren!«

»Ich befehle es!«, sagte der Reverend bebend. »Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes!«

Ich versuchte, hinter Pickering in die Nähe des Mädchens zu kommen, um es Brown Jenkin zu entreißen. Doch als der das bemerkte, zog er das Kind hinter sich her in den Schutz des Sofas. Das Kind schrie nicht mehr, aber es war noch immer wie erstarrt und gab hin und wieder ein leises Wimmern von sich. Es schien nicht zu erkennen, dass Pickering und ich versuchten, es zu retten. Es ließ nicht mal erkennen, dass es uns überhaupt wahrgenommen hatte.

Der junge Mr. Billings hob seinen Stock, als wolle er Pickering damit auf den Kopf schlagen, doch Kezia Mason hielt ihn zurück und sagte: »Nein!« Dann legte sie eine Hand vor ihre Augen und sang mit schriller Stimme: »Du wirst sehen, was ich sehe! Alles, was ich sehe, sei deins! Sieh, was ich sehe!«

Dann richtete sie den rechten Zeigefinger auf Dennis Pickerings Gesicht und schrie: »Sadapan, Quincan, Dapanaq, Can! Panaqan, Naqacan, Quacanac, Can!«

In dem Moment begann auch Dennis zu schreien, allerdings nicht triumphierend. Seine Augen traten einen Moment lang aus ihren Höhlen hervor, und im Bruchteil einer Sekunde wurden sie ihm förmlich aus dem Kopf gerissen und flogen in hohem Bogen durch das Zimmer, während sich überall Blutspritzer verteilten. Ein Auge fiel in die Asche des Kamins, das andere kollidierte mit einem Stuhl und rutschte langsam an dessen Bein nach unten, so wie eine Schnecke, während es eine blutige Spur hinter sich herzog.

Ich war so sehr von Panik erfüllt, dass ich nicht wusste, was ich machen sollte.

Brown Jenkin kicherte und sang: »Eyes, pies! Yeux, peur! Augen, Angst!«

In dem Moment dachte ich: David, wir stecken verdammt tief in der Scheiße. Ich wollte Pickerings Hand ergreifen, um ihn aus dem Zimmer zu bringen, doch Kezia Mason teilte die Finger, die ihre Augen bedeckten, und zischte mich an: »Nein, Kumpel, du fasst ihn nicht an. Nicht jetzt.«

Ich machte einen weiteren vorsichtigen Schritt auf Pickering zu, der immer noch mit erhobenen Händen dastand und schwieg. Blind und stumm, schockiert über die Gewalt, die so plötzlich über ihn hereingebrochen war. Sein ganzes Leben lang wusste er von der Hölle, sprach über sie, kannte ihre Geschichte. Aber er hatte nicht wirklich gewusst, ob es die Hölle gab. Und jetzt war die Hölle auf ihn eingestürzt und hatte ihm die Augen herausgerissen.

Diesmal bleckte Kezia Mason ihre Zähne und warnte mich: »Noch ein Schritt, Mr. Tunichtgut, und deine Augen gehen auch auf Wanderschaft.«

Ich trat zurück und schluckte. Mein Versuch, mich aus dem Zimmer zu retten, wurde von Kezia Mason zu schnell erkannt, woraufhin sie schrie: »So auch nicht! Klappe zu!« Sie fuchtelte mit ihrer Hand, und gleichzeitig fiel die Tür mit einem lauten Knall ins Schloss. Ich versuchte, die Klinke herunterzudrücken, doch Kezia Mason schrie: »Davonstehlen willst du dich, stimmt's?« Aus dem Griff wurde eine Hand, die meine eigene Hand so kraftvoll umschloss und drückte, dass ich Schwierigkeiten hatten, mich zu befreien.

Ich wandte mich ihr wieder zu, während ich nach Luft schnappte und meine Hand massierte.

»Ich weiß, wer Sie sind«, warnte ich sie.

»Na, das ist ja eine Ehre, Trottel«, erwiderte sie, nickte mir zu und lächelte mich gefährlich an. Aus dem Augenwinkel sah ich, dass Pickerings Augapfel inzwischen an dem Stuhlbein bis auf den Teppich gerutscht war, doch ich konnte mich nicht überwinden, direkt dorthin zu sehen.

»Keiner von Ihnen kommt hier so ohne weiteres raus«, sagte ich mit hoher Stimme. »Oben warten Leute auf uns, und wenn wir nicht in ein paar Minuten zurück sind ...«

»Sie brauchen uns nicht zu drohen, mein Freund«, sagte der junge Mr. Billings. Er klang traurig und müde, als habe er früher einmal so gekämpft, wie ich es jetzt tat, das aber vor langer Zeit resigniert aufgegeben. »Meine Gefährten können von niemandem aufgehalten oder verhaftet werden. Wenn Sie sich mit dieser Tatsache erst einmal abgefunden haben, werden Sie merken, dass Sie mit ihnen viel besser zurechtkommen.«

»Gut gesprochen«, sagte Kezia Mason und schenkte mir ein Lächeln, das auf eine ironische Weise betörend sein sollte.

Das Mädchen begann wieder zu wimmern, dann stieß es kurzatmige leise Schreie aus.

»Was haben Sie mit ihr vor?«, fragte ich.

»Glauben Sie, dass Sie das irgendetwas angeht?«, erwiderte der junge Mr. Billings.

»Ich lebe hier, ich soll auf dieses Haus aufpassen.«

»Aber dieses ... dieses Kind ... hat mit Ihnen überhaupt nichts zu tun.«

Plötzlich stöhnte Pickering: »Hilf mir, Gott! Oh Gott! Hilf mir!« Dann sank er auf die Knie. Kezia Mason warf ihm einen desinteressierten Blick zu und wandte sich wieder mir zu.

»Nichts als Gossenschlampen hier, weißt du das nicht, Trottel? Nichts, worüber du dir den Kopf zerbrechen musst.«

»Was haben Sie mit ihr vor?«, wiederholte ich meine Frage, hörte aber, wie sehr meine Stimme zitterte.

»Sie geht zu einem Picknick«, sagte Kezia Mason. »Das ist alles. Nichts, worüber du dich aufregen musst. Ein Picknick. Das ist die ganze Wahrheit.«

»Mr. Billings?«, fragte ich.

Der junge Mr. Billings senkte den Kopf und vermied es, mir in die Augen zu sehen. »Ja, das ist korrekt. Sie geht zu einem ... Picknick.« Das letzte Wort spie er aus, als klebe es wie dreckiger Schlamm in seinem Mund. Er machte sich keine

Mühe, sein Unbehagen zu verbergen, dass er an einer offen-sichtlichen Lüge beteiligt war.

Ich deutete wütend auf Brown Jenkin. »Und das da? Geht das da mit zum Picknick?«

Augenblicklich zuckte Brown Jenkins Nase, und er gab ein schreckliches Kreischen von sich. Er bohrte seine Klauen in die Rückenlehne eines Stuhls und riss den Stoff auf, sodass die Füllung herauskam. Einen entsetzlichen Moment lang dachte ich, er würde das Mädchen fallen lassen und sich auf mich stürzen.

»Das da?«, fauchte er. »Was denkst du, Dummkopf? Bastardbastard parle comme ca!«

Ich trat etwas zurück und sah, dass sich auch der junge Mr. Billings mit erhobenem Stock zurückzog. Doch Brown Jenkins Kreischen holte das Mädchen aus der Erstarrung, das mich ansah und mit einem Mal verstand. Es schrie los und streckte mir die Arme entgegen. Brown Jenkin, der bereits vor Wut kochte, schüttelte das Kind mit roher Gewalt und kreischte es an: »Silenzio! Double-whore! Tais-toi! Ich reiße dir die Speiseröhre raus!«

Ich kann nicht sagen, dass ich daran dachte, irgendetwas Mutiges zu tun. Ich dachte nicht mal: Was soll's? Ich stieß einfach nur Kezia Mason mit meiner Schulter aus dem Weg, sprang auf das Sofa und versetzte Brown Jenkin einen Tritt in die Gegend seines Schlüsselbeins.

Brown Jenkin ließ das Kind fallen und kreischte noch entsetzlicher, während er mich mit seinen völlig weißen Augen anstarrte. Seine Nasenlöcher blähten sich auf, er fletschte die Zähne. Ich sprang wieder auf den Fußboden und lief schwer atmend um das Sofa. Ich wusste nicht, was ich als Nächstes machen sollte, aber ich ging davon aus, dass Brown Jenkin eine sehr konkrete Vorstellung davon hatte, was er mit mir anstellen wollte. Er fletschte seine Zahnreihen, die lückenhaft und verfärbt, aber offensichtlich scharf genug waren, um sich durch Fleisch und Knochen zu beißen. Ich sprang von einem Fuß auf den anderen, während ich versuchte, das Sofa zwischen ihm und mir zu haben, was nicht so einfach war. Brown Jenkin bewegte sich so rasch von einer Seite des Sofas zur anderen, dass ich das Gefühl hatte, zu halluzinieren. Oder zu träumen.

»Bastardbastard, rantipole-rider, oui ? Paviansäugling! Ich reiße dir deine Speiseröhre raus, ja? Ja? I slice you, yes? Zerschneiden, ja?«

Dieses kaum verständliche, aber hasserfüllte Kauderwelsch wurde von einem plötzlichen Vorstürmen dieses entsetzlichen Brown Jenkin begleitet, das mich dazu veranlasste, drei Schritte nach hinten zu machen. Dabei trat ich mit dem Absatz so gegen den Rand des Kamins, dass die Schüreisen mit einem verheerenden Lärm durch die Luft wirbelten.

»Zurück!«, befahl Kezia Mason Brown Jenkin. »Er gehört mir, er gefällt mir.«

Doch Brown Jenkin schnaubte und kicherte und schlug nach mir. Seine Klauen bohrten sich durch meinen Pullover und rieben wie Stacheldraht über meine Haut. Der Schmerz war so durchdringend, dass ich dachte, er habe mir den Arm abgerissen. Als ich meine Hand hob und vor lauter Schmerzen nach Luft rang, erkannte ich, dass er aber gerade mal meine Haut angeritzt hatte.

»David?«, stöhnte Reverend Pickering, der mit leeren Augenhöhlen noch immer auf dem Teppich kniete. »David, sind Sic verletzt?«

»Mir geht's gut, Dennis. Ich komme Ihnen gleich zu Hilfe.«

»Was passiert hier, David? Sie müssen uns hier rausbringen, hören Sie mich? Wir müssen hier weg! Das hier ist Teufelswerk! «

»Ach, halt deine verdammte Klappe, du alter Klepper«, herrschte Kezia Mason ihn an. »Wie würde es dir gefallen, wenn dir dein Hirn aus den Ohren geschossen kommt?«

Trotz Kezias Warnung folgte Brown Jenkin mir kichernd und immer wieder nach mir schlagend. In meiner Panik griff ich hinter mich und bekam einen der schweren Schürhaken zu fassen, zog ihn aus dem Feuer und verbreitete einen Ascheregen auf dem Boden - und traf Brown Jenkin an der Schulter. Es gab einen dumpfen Aufprall, so als würde man ein dickes Samtkissen treffen, und ohne Vorwarnung rieselte ein Schauer aus gelblich weißen Läusen aus seinem Mantel auf den Teppich.

»Aggh, fucker-fucker!«, schrie Brown Jenkin, während er aufstampfte und umherwirbelte. »Tu as my Schulterblatt gebroch'!«

Ich holte noch einmal mit dem Schürhaken aus, doch in dem Moment, in dem sich das schwere Eisen über meinem Kopf befand, hob Kezia Mason eine Hand. Der Haken wurde mir aus den Fingern gerissen und quer durch das Zimmer geschleudert. Er bohrte sich tief in die Tür, wo er vibrierend stecken blieb.

»Du bist jetzt ruhig, Brown Jenkin«, warnte Kezia Mason ihn. »Sonst lasse ich meinem Arm freien Lauf, Versager. Dieser Gentleman gehört mir.«

Brown Jenkin reagierte mit einem abscheulichen Durcheinander aus Kichern, Schnaufen und Spucken, dann schleppte er sich widerwillig fort von mir, während er sich mit seinen entsetzlichen klauenartigen Fingern hinter dem Ohr kratzte. »Ich habe sore now, bellissima. Je suis malade. Show me pity, yes? Hall, hah, hah!«

»Verzieh dich, du und deine kleinen Begleiter!«, zischte Kezia Mason ihm zu. Sie zischte wie der Kessel einer Dampflok, und zum ersten Mal bemerkte ich, dass sich Brown Jenkin vor ihr fürchtete.

In genau diesem Augenblick machte ich etwas, was ich noch im gleichen Moment fast bedauerte. Ich warf mich mit aller Kraft gegen Brown Jenkin. Allmächtiger, zwanzig Jahre war es her, dass ich zum letzten Mal Rugby gespielt hatte, aber ich hatte es nicht verlernt. Mit einem unglaublich harten Rugbystoß brachte ich Brown Jenkin zu Fall und trat ihm in sein spitzes Gesicht, bis ich den Halt verlor, weitersprang und das Mädchen zu fassen bekam.

Es war wesentlich schwerer, als ich erwartet hatte. Ich verlor das Gleichgewicht und stolperte gegen die Vorhänge, dann fiel ich zu Boden. Dieser Sturz rettete mir wahrscheinlich das Leben, denn der junge Mr. Billings holte mit seinem Stock aus, schlug nach mir und traf die Wand nur wenige Zentimeter über meinem Kopf.

»Bleib, wo du bist!«, gellte Kezia Masons Stimme durch das Zimmer. Während sie auf mich zukam, wehte ihr weißes Kleid im Luftzug. Dennis Pickering schlug sich mit seinen Fäusten gegen die Brust und schrie: »Gott, warum hast du mich verlassen? Warum nur?«

Kezia Mason zögerte, und im gleichen Moment bekam Pickering ihr Kleid zu fassen, während er blindlings mit den Armen ruderte.

»Lass los, du Tölpel!«, brüllte Kezia Mason ihn an. »Was willst du, das ich mit dir mache? Soll ich deine Pumpe zermatschen?«

»Du gottlose Kreatur!« Pickering holte nach ihr aus. Sein Gesicht sah schrecklich aus, grau, ausgezehrt, leere dunkelrote Augenhöhlen und blutverschmierte Wangen. Aber er zerrte weiter an ihrem Kleid und robbte ihr auf den Knien nach, während sie versuchte, sich von ihm loszureißen.

»David!«, rief er. »David, bringen Sie sich in Sicherheit! Und retten Sie das kleine Mädchen!«

»Gott steh mir bei, bist du nicht der heilige Märtyrer?«, zog Kezia Mason ihn auf. »Jetzt lass mich los, Priester, bevor ich deine Eier losschicke, damit sie nach deinen Augen Ausschau halten!«

»Oh Herr«, schrie Pickering. »Oh Herr, lass das einen Albtraum sein!«

Mit diesen Worten erhob er sich und fiel gegen Kezia Mason, sodass beide den Halt verloren und zu Boden stürzten. Kezias Kleid riss vom Hals bis zum Saum auf, und als sie versuchte, wieder aufzustehen, und dabei Pickering ins Gesicht und gegen die Schultern trat, riss es immer weiter auf. In einem Wutanfall griff sie sich an den Kragen und riss das letzte Stück Stoff durch, um sich von Pickering zu befreien und aufzuspringen. Der Reverend blieb auf dem Fußboden liegen, umgeben von der wallenden durchsichtigen Baumwolle, während er auf den Teppich schlug, um festzustellen, wohin sich Kezia zurückgezogen hatte. Verzweifelt schüttelte er seinen augenlosen, blutüberströmten Kopf.

Kezia Mason strich sich ihr feuriges Haar aus dem Gesicht. Sie trug jetzt nichts weiter als eine außergewöhnliche Anordnung aus Bandagen, Knoten und bestickten Schals, die kreuz und quer über ihre Brüste gebunden waren und so stramm ins Fleisch drückten, dass es völlig blutleer schien. Die Bandagen waren so fest um ihren erschreckend dünnen Körper gebunden, dass ihre Rippen hervortraten, während die Binden um ihren Bauch mit Metallstücken und dunklen Haarbüscheln und mit Dingen gespickt waren, die wie getrocknete Pilze aussahen, die aber genauso gut menschliche Ohren hätten sein können. Zwischen ihren dünnen weißen Schenkeln trug sie nur einen gedrehten Schal, der tief ihre flachen Pobacken und ihr Schamhaar in zwei rote Flammenzungen zerteilte.

Sie versetzte Pickering einen weiteren Tritt, dann wandte sie sich wieder mir zu, während ich versuchte, mich mit dem kleinen Mädchen in Richtung Tür zu bewegen. Sie war vom Zorn entstellt. Ihre Augen starrten mich wie wahnsinnig an, ihre Mundwinkel waren vor Hass tief nach unten gezogen.

»Du hast keine Ahnung, mit wem du es zu tun hast, Trottel«, sagte sie verächtlich. »Du spielst mit den Zeiten, mit der Angst und mit deinem eigenen Leben.«

Das kleine Mädchen in meinen Armen begann zu zappeln und zu wimmern. Offensichtlich verstand es nicht, dass ich es retten wollte. Für das Kind war ich nur ein weiterer brüllender, lärmender Erwachsener, und einen Moment lang dachte ich, es könnte sich aus meinem Griff winden. »Nicht!«, rief ich.

In diesem Augenblick stürzte sich ein hasserfüllter Dennis Pickering auf Kezia Mason. »Hexe!«, brüllte er sie an. »Ich weiß, was du bist! Eine Hexe! Die Braut des Satans!«

»Narr!«, schrie Kezia zurück. »Glaubst du, deinesgleichen könnte meinesgleichen einfach so beschimpfen? Du bekommst den Teufelsdaumen, du fetter Priester!«

Mit einer rasend schnellen Bewegung sprang Brown Jenkin über das Sofa und bewegte sich dann über den Teppich bis zu Pickering. Er packte ihn an seinem Hemd und riss den Stoff auf, um die haarlose Brust und den rundlichen weißen Bauch des Reverend freizulegen.

»Oh Gott, beschütze mich!«, schrie Pickering auf.

»Dieu-dieu sauve-moü«, äffte Brown Jenkin ihn nach.

»Lass ihn in Ruhe!«, rief ich mit hoher Stimme.

Doch Brown Jenkin öffnete lüstern und begeistert den Gürtel von Pickerings Hose. Dann holte er ohne Zögern mit seinem rechten Arm aus und bohrte alle fünf Klauen so tief in das weiche Fleisch des Unterbauchs, dass Pickering laut schrie: »Nein! Oh Gott, nein!« Er versuchte, Brown Jenkins Hand abzuschütteln, doch der holte erneut aus und schnitt ihm in Wange und Brust, wobei er eine Arterie zerfetzte. Das Blut spritzte durch das ganze Zimmer, ein regelrechter Wolkenbruch aus Blut, der sich über den Teppich und das Sofa ergoss und gegen die Fenster prasselte. Ich bekam einige Spritzer ins Gesicht, die mich unter anderen Umständen an einen warmen Sommerregen erinnert hätten.

»Blut und Tränen!«, rief Brown Jenkin. »Je sais qui my Redeemer liveth!«

»Der Teufelsdaumen!«, sagte Kezia Mason triumphierend. »Es wird blutig werden!«

Brown Jenkin erhob sich in eine halb stehende, halb kauernde Haltung. Er legte eine Klauenhand auf Pickerings Schulter, um Halt zu finden, dann zog er die andere Hand nach oben und öffnete den Bauch des Vikars mit fünf parallelen Schnitten. Pickering schrie weiter, während er den Kopf in unerträglichem Schmerz schüttelte. Brown Jenkin zischte ihn an: »Was ist los, Pfarrer? Pourquoi-pourquoi crie-toi?«

Mit Genuss drehte er seine blutige Klaue und zog die Innereien hervor, die zuvor von der Bauchdecke an ihrem Platz gehalten worden waren. Die Organe glitten mit einem plötzlichen Ruck aus der Bauchhöhle. Heiße, blutige, gelbliche Innereien, ein blutroter Magen, der sich weiter zusammenzog, eine dunkellila Leber und ein ganzer Berg von dampfenden schwammigen Dingen, die ich nicht erkennen konnte. Das Schlimmste war der intensive Geruch von Blut und menschlichen Innereien. Meine Kehle zog sich zusammen, während sich das Mädchen plötzlich an mich klammerte.

Mit einem Mal hörte Pickering auf zu schreien. Er griff nach unten und tastete seinen Bauch ab, unfähig zu verstehen, was mit ihm geschehen war. Seine Finger umschlossen seine eigenen Eingeweide. Einen schrecklichen Augenblick lang musste ich an diese afrikanischen Medizinmänner denken, die aus den Eingeweiden menschlicher Opfer die Zukunft voraussagten. Dennis Pickering musste in dem gleichen Augenblick seine Zukunft erkannt haben. Eigentlich war er schon tot. Er warf den Kopf nach hinten und stieß einen Schrei der Verzweiflung und Furcht aus, den ich so noch nie in meinem Leben gehört hatte.

»Halt die Klappe, Pfaffe!«, brüllte Kezia Mason.

Brown Jenkins schmaler Kopf schoss nach vorne und biss Pickering in den Mund, um den Schrei auf der Stelle zu ersticken. Eine Sekunde lang sah es so aus, als tauschten Dennis und Brown Jenkin einen abscheulichen Kuss aus. Dann aber schüttelte Brown Jenkin seinen Kopf wie wild und riss dem Reverend Lippen, Wangen und einen Großteil seiner Zähne und des Zahnfleischs fort. Ich konnte seinen blutverschmierten Kiefer sehen, aus dem noch Zähne herausragten.

Brown Jenkin wollte ihn erneut beißen, als der junge Mr. Billings rief: »Genug! Um Gottes willen, töte ihn, dann ist es endlich vorüber!«

Kezia Mason drehte sich um und sah ihn feindselig an. »Was hast du gegen ein wenig Blut, Mr. Langweiler?«

Dennis Pickering stürzte zur Seite und lag zuckend auf dem Teppich, während sein Kopf zur Hälfte von einem der Sessel verdeckt wurde.

»Töte ihn doch, um Gottes willen«, wiederholte der junge Mr. Billings und trat vor. Aber Brown Jenkin wischte sich sein blutverschmiertes Gesicht mit einem verschmutzten Taschentuch ab, ohne etwas zu unternehmen.

In diesem Augenblick beschloss ich, die Flucht zu ergreifen.

Ich wusste, dass sich Kezia in den nächsten Sekunden wieder mir zuwenden würde. Und wenn das der Fall war, war ein Entkommen für mich völlig unmöglich.

Ich legte das Mädchen so über meine Schulter, wie Feuerwehrleute das machen, und rannte zur Tür, um nach dem Griff zu fassen, bevor Kezia ihn wieder mit einem Fluch belegen konnte.

»Komm her!«, kreischte sie. Die Tür schlug zu, aber diesmal einen Moment zu spät. Sie traf mich an der Schulter und brachte mich aus dem Gleichgewicht, doch ich konnte mich wieder fangen. Hinter mir hörte ich Kezia so schreien, dass meine Ohren schmerzten, während plötzlich das Mädchen zu heulen begann.

»Es regne Glas, es regne Scherben!«, schrie Kezia Mason, und augenblicklich wurden alle Drucke und Gemälde von der Wand gerissen, um in einem Sperrfeuer aus scharfkantigen Rahmen und Glassplittern auf meinen Kopf, mein Gesicht und meine Schultern niederzuprasseln. Irgendwie gelang es mir, nur ein paar Schnitte abzubekommen, dann hatte ich das Ende des Flurs erreicht und stürmte mit einer Energie die Treppe hinauf, die mich selbst in Erstaunen versetzte.

Ich erreichte den Treppenabsatz und die Tür zum Dachboden. Einen Moment lang war ich versucht, gleich nach oben auf den Speicher zu rennen. Doch ich nahm an, dass ich damit immer noch in der Zeit von Brown Jenkin sein würde. Um in meine eigene Zeit zurückkehren zu können, musste ich die Klapptür benutzen, durch die ich auch hergekommen war.

Ich hörte Brown Jenkin durch den Flur rennen, ich hörte Kezia Mason schreien. »Hol ihn zurück, Jenkin, du verdammter Tölpel, sonst hole ich mir dein Gekröse!«

Ich erreichte mein Schlafzimmer, schlug die Tür hinter mir zu und drehte den Schlüssel um. Das würde mir die ein oder zwei Minuten geben, die ich brauchte. Ich schnappte nach Luft und setzte das Mädchen ab, das mich mit aufgerissenen Augen zitternd ansah.

»Es ist alles in Ordnung«, sagte ich. »Du bist, gleich in Sicherheit.«

Ich zog den Stuhl heran und stieg auf ihn, um dann das Mädchen hochzuheben. »Hier, versuch mal, die Klapptür zu fassen ... genau so ... halt dich fest.«

Das Mädchen wimmerte, während es versuchte, durch die Klapptür zu klettern. »Komm schon«, drängte ich. »Du musst dich nur hochziehen.«

Das Kind bemühte sich noch immer, als ich im Korridor das laute Scharren von Klauen hörte, gefolgt von einem gewaltigen Knall, als sic h Brown Jenkin mit aller Kraft gegen die Tür warf. Der Türrahmen bebte, und der Schlüssel fiel aus dem Schloss.

»Ouvrez! Ouvrez!«, kreischte Brown Jenkin. »Mach die Tür auf, fucker-fucker!«

Das Mädchen verkrampfte sich und verlor den Halt, rutschte zu einer Seite weg und hätte mich fast vom Stuhl geworfen.

»Open up bastard merde!«, tobte Brown Jenkin, während er brutal am Türgriff riss und gegen das Holz trat. Als eine der unteren Vertäfelungen zersplitterte und nachgab, trat Brown Jenkin noch einmal dagegen.

»Beeil dich!«, trieb ich das Mädchen an und hob es wieder hoch. Das Kind war vielleicht zehn oder elf Jahre alt und ziemlich unterernährt, trotzdem war es schwer genug, um mich außer Atem zu bringen.

»Ich reiße deine Speiserühre raus, Bastard!« Brown Jenkin bearbeitete mit brutaler Gewalt die Tür, bis auch eine der oberen

Vertäfelungen zu splittern begann. In dem Augenblick dankte ich Gott dafür, dass er viktorianische Türen so stabil hatte konstruieren lassen.

Das Mädchen versuchte nochmals, sich durch die Klapptür nach oben zu ziehen. Ich hob es so hoch, wie ich konnte, während sein Unterrock mich fast erstickte, der süßlich sauer nach Lavendel und angespitzten Bleistiften roch.

»Mach schon«, flehte ich das Kind an. »Du kannst es, wenn du dir wirklich Mühe gibst!«

Es schien aber völlig kraftlos und willenlos zu sein. Als Brown Jenkin dann die nächste Vertäfelung zerschmetterte, ließ das Mädchen die Arme schlaff herabhängen und senkte den Kopf, als habe es sich bereits damit abgefunden, in Stücke gerissen zu werden.

»Versuch es, um Gottes willen«, brüllte ich es an. »Sonst fängt er uns!«

Bauz! Da geht die Türe auf, Und herein in schnellem Lauf, Springt der Schneider in die Stub'.

Ich sah, dass Brown Jenkins Krallen sich durch das splitternde, berstende Holz bohrten. Er ging fast selbstmörderisch daran, uns einzuholen. Ich wusste, dass er uns noch schlimmer behandeln würde als Reverend Pickering. Er würde uns gnadenlos in Stücke reißen.

»Versuch es doch bitte!«, sagte ich zu dem kleinen Mädchen, aber es reagierte nicht. Viel länger würde ich es nicht mehr halten können. Ich dachte an Danny, Janie und auch an Liz. Der unwürdige und feige Gedanke kam mir in den Sinn, dass ich das Kind würde zurücklassen müssen, um wenigstens mein eigenes Leben zu retten.

Immerhin: Was hatte Dennis Pickering noch gleich gesagt? >Wenn wir es mit ins Jahr 1992 nehmen, wäre es dort über hundert Jahre alt. Vielleicht bringen wir es im Grunde ebenso um, wie Kezia Mason es macht! Vielleicht sogar auf noch grausamere Weise !<

Ein Teil der Tür wurde herausgeschlagen, und als ich mich umdrehte, sah ich, wie Brown Jenkin aus der Dunkelheit des

Korridors zu mir herüberblickte. Die Augen wie Pfeilspitzen, die Zähne wie zerbrochene Milchflaschen. Seine Klaue schob sich durch das Loch in der Tür und begann, nach dem Griff zu suchen. »Mach schon«, schrie ich das kleine Mädchen an. »Um Himmels willen, mach endlich!«

In dem Augenblick geschah ein Wunder. In der Klapptür über mir tauchte Liz' Gesicht auf. »David?«, fragte sie. »Was ist los? Ich habe dich schreien gehört.«

»Hilf ihr rauf«, sagte ich, während Brown Jenkin wie wild an dem Türgriff riss.

»Was?«

»Sie kann nicht raufklettern, sie hat die Nerven verloren! Bitte, zieh sie rauf!«

Liz schob sich vor und bekam die Handgelenke des Mädchens zu fassen. »Na komm«, sagte sie aufmunternd. »Du kannst das.«

»Liz!«, brüllte ich sie an. »Beeil dich doch!«

»Ich tue, was ich kann«, schrie sie zurück. »Ich bin nicht Arnold Schwarzenegger!«

Wie ein Sack Reis ließ sich das Mädchen von Liz hochziehen, während ich Liz die Arbeit ein wenig erleichterte, indem ich das Kind nach oben hob, um sein Gewicht zu verringern. Einen Moment lang befürchtete ich, Liz könnte es nicht schaffen, immerhin war sie selbst nicht viel größer und schwerer als das Kind. Aber dann ließ sie sich nach hinten fallen und zog das Mädchen nach oben, das sich zwar an der Klapptür die Knöchel abschürfte, aber in Sicherheit und am Leben war.

»Bastard - cunt - ich - töte — dead - you - now!«, kreischte Brown Jenkin.

Ich sprang hoch und bekam den Rahmen zu fassen. Einige Sekunden lang schaukelte ich hin und her und fühlte mich zu alt und zu ungeübt, um mich nach oben zu ziehen. Als ich gerade meine Ellbogen auf dem Rahmen aufstützen konnte, gab die Tür mit einem grässlichen Geräusch nach. Brown Jenkin stürmte in das Zimmer und schlug mit seinen Klauen nach mir. Ich hatte nichts gemerkt, aber als ich nach unten sah, bemerkte ich, dass seine Klauen sich seitlich durch meinen braunen Doc-Marten's-Stiefel gebohrt hatten und mein Blut auf den Stuhl und auf Brown Jenkin tropfte.

Ich trat um mich, während Brown Jenkin auf den Stuhl sprang und versuchte, meine Beine aufzureißen. Wieder trat ich um mich, und diesmal verlor er das Gleichgewicht, um mit einem lauten Knall auf den Speicherboden zu stürzen.

»Je tué you bastard, have no Zweifel!«

In der Zwischenzeit schaffte ich es, ein Knie auf den Speicherboden zu bekommen, und hatte endlich genug Halt, um mich seitlich wegrollen zu lassen. Sofort sprang ich auf und ließ die Klapptür zufallen, verriegelte sie, ohne noch einen Blick in das Zimmer darunter zu werfen.

Im gleichen Moment war der Speicher in Finsternis getaucht. Ich kniete noch immer neben der Klapptür, hatte aber bereits wahrgenommen, dass der Dachboden wieder mit allem Gerümpel voll gestellt war, das ich zuvor schon gesehen hatte. Vielleicht wurde die Tür ins Jahr 1886 nur geöffnet, wenn die Riegel der Klapptür zurückgezogen wurden, vielleicht auch erst, wenn man die Klapptür anhob. Was immer es auslösen mochte ... ich wollte es gar nicht wissen. Ein Besuch in der Welt von Brown Jenkin und Kezia Mason und Mr. Billings war mehr als genug gewesen.

Erschöpft stand ich auf, atmete einmal tief durch und schleppte mich dann zur Treppe. Zum Glück war es nicht völlig dunkel. Liz hatte die Tür zum Speicher aufgesperrt, doch nach dem hellen Tageslicht des Jahres 1886 fiel es mir schwer, mich an das schwache Licht zu gewöhnen. Ich trat hinaus auf den Treppenabsatz und schloss die Speichertür hinter mir. Liz stand dort und wartete auf mich. Sie hielt die Hand des kleinen Mädchens, während Danny ein Stück entfernt stand.

»Und?«, sagte Liz zitternd.

»Und was?«

»Geht es dir gut? Bist du verletzt?« »Nein, ich hin in Ordnung. Ach so, mein Fuß hat etwas abbekommen, aber das ist alles. Gut, dass ich Doc Marten's trage.«

»Wo ist der Vikar?«

»Bitte?«

»Der Vikar, Mr. Twittering oder wie er heißt.«

»Oh ... Pickering. Dennis Pickering.«

»Na gut, dann eben Dennis Pickering. Wo ist er? Und was war das für ein Ding da unten? Dieses schreckliche kreischende Ding? War das Brown Jenkin?«

»Ja, das war Brown Jenkin. Er hat sich über mich geärgert, weiter nichts.«

»Jesus, wenn er da nur verärgert war, dann möchte ich ihn aber nicht erleben, wenn er wirklich sauer ist.«

»Es ist schon okay, ehrlich. Er ist wie ein Wachhund, ein wenig wild.«

»Du zitterst.«

»Nein, nein, es geht mir gut.«

»Also, wo ist Reverend Pickering?«

»Ihm geht's gut. Er...«, begann ich, bemerkte dann aber, wie durchdringend Danny mich ansah und wie aufmerksam er zuhörte. Wenn ich ihm erzählt hätte, was wirklich geschehen war, dann wäre er für den Rest seines Lebens wahrscheinlich von Albträumen verfolgt worden. So wie ich auch. Wie könnte ich jemals diesen unfassbaren Anblick vergessen?

»... er wollte noch bleiben«, erklärte ich. »Er kann gut mit Kindern umgehen, weißt du?«

»Und wie lange wird er bleiben?«

»Ich ... ähm ... ich erzähle dir das gleich, wir sollten uns erst mal um die Kinder kümmern.«

»David«, fragte Liz. »War das wirklich Tageslicht?«

»Ja, das war Tageslicht. Und es war wirklich Herbst. Und soweit ich das sagen kann, war es wirklich das Jahr 1886. Es ist kein Trick, Liz. Man kann vielleicht unheimliche Geräusche verursachen, aber man kann weder die Tageszeit noch die Jahreszeit verändern.«

Sie sah nervös zur Speichertür. »Kann irgendwas von da nach hier kommen?«

»Ich weiß es nicht. Ich verstehe es ja nicht mal.«

Ich verschloss die Tür und schob den Riegel vor. Wahrscheinlich würde sich Brown Jenkin nicht davon aufhalten lassen, wenn er durch diese Tür wollte. Aber wenigstens würde uns der Lärm vorwarnen.

Ich kniete neben dem Mädchen nieder. Sein Gesicht war sehr bedrückt und seine Augen hatten die blasse Farbe von Achat. Dennis Pickering hatte sich geirrt. Die Reise vom Jahr 1886 ins Jahr 1992 hatte ihr nicht geschadet, jedenfalls konnte ich davon nichts feststellen. Aber es war schon ein außergewöhnliches Gefühl, mir vorzustellen, dass dieser Mensch eigentlich über achtzig Jahre älter war als ich. War das ein Werk Gottes oder des Teufels? Oder war es etwas völlig anderes?

»Wie heißt du?«, fragte ich, bekam aber keine Antwort.

»Du kannst mir doch bestimmt sagen, wie du heißt.«

Noch immer keine Reaktion. Danny kam näher und betrachtete den Besucher. »Woher kommt sie?«, fragte er. »Sie sieht eigenartig aus, so wie Sweet Emmeline.«

»Ich glaube, sie ist eine Freundin von Sweet Emmeline«, antwortete ich, dann fragte ich das Mädchen: »Kennst du Sweet Emmeline?«

Das Mädchen nickte. Na, wenigstens ein kleiner Fortschritt hatte sich eingestellt.

»Was ist mit Sweet Emmeline passiert?«, fragte ich.

»Brown Jenkin«, kam eine geflüsterte Antwort, gefolgt von etwas, das ich nicht verstehen konnte.

»Brown Jenkin? Brown Jenkin hat etwas gemacht? Was denn?«

»Brown Jenkin hat sie mitgenommen.«

»Oh mein Gott«, sagte Liz. »Ich glaube, wir sollten die Polizei anrufen.«

»Augenblick«, hielt ich sie zurück. »Wohin hat er sie denn mitgenommen?«

Das Mädchen bedeckte mit der linken Hand seine Augen, während es mit den Fingern der rechten Hand eine sonderbare Bewegung andeutete, so als würden die sich auf einer Treppe nach oben bewegen.

»Brown Jenkin hat sie mit nach oben genommen?« Das Mädchen nickte wieder, hielt sich aber immer noch die Augen zu.

»Also gut. Und was hat Brown Jenkin dann gemacht?«

»Sein Gebet gesprochen.«

»Ich verstehe.«

»Er hat sein Gebet gesprochen, dann ist er mit Sweet Emmeline nach oben gegangen, dann dort entlang, da durch und da runter.« Das Mädchen beschrieb etwas, das es vor seinem geistigen Auge sehen, das ich aber nicht nachvoll-ziehen konnte.

»Mit »nach oben<, meinst du da den Dachboden?«

Wieder nickte das Kind.

»Und wohin dann?«

Es atmete rasch durch. »Dort entlang, da durch und da runter.«

»Ich verstehe«, sagte ich, obwohl ich es nicht tat. >Dort entlang, da durch und da runter« konnte so ziemlich alles bedeuten, vor allem, da Brown Jenkin offenbar die Fähigkeit besaß, ohne Mühe von einem Jahr in ein anderes zu wechseln.

»Weißt du, warum er sie mitgenommen hat?«, wollte ich wissen.

»Er hat sie zum Picknick mitgenommen.«

»Er wollte dich auch zum Picknick mitnehmen, richtig?«

Das Mädchen nickte.

»Hast du ihm das nicht geglaubt?«

»Ich weiß nicht. Edmond hat gesagt, dass Brown Jenkin einen mitnimmt und da versteckt, wo einen die Zeit nicht linden kann.«

Emmeline ... hat seit über einer Woche niemand gesehen ...

»Und wo ist das?«

»Ich weiß es nicht.«

»Liebe Güte, David, wir sollten Sergeant Miller anrufen«, sagte Liz. »Ich weiß nicht, was diese Leute machen, aber wir können das nicht allein in die Hand nehmen.«

»Leute?«, fragte ich und drehte mich zu ihr um.

»Geister, Ratten, was immer sie sind.«

Mit einem Mal sah ich wieder vor mir, wie Brown Jenkin Pickerings Bauch aufschlitzte. Ich glaubte nicht, dass das Mädchen davon etwas mitbekommen hatte. Und wenn doch, dann hatte es vielleicht nicht wirklich verstanden, was geschehen war. Es war zu plötzlich geschehen; in einem Moment sah man Pickerings plumpen weißen Bauch, im nächsten war daraus eine herausquellende Masse seiner Eingeweide geworden.

Ich sagte mir, dass er tot war. Er musste tot sein. Aber wann? Wenn er noch im Jahr 1886 war, dann war er lange vor seiner Geburt gestorben, während dieses kleine Mädchen lebte, obwohl es schon längst hätte tot sein müssen. Als ich noch zur Schule ging, hatte ich in Science-Fiction-Geschichten davon gelesen, dass die Zeitreise voller Paradoxa steckte, wenn Menschen in die Vergangenheit reisten und ihr jüngeres Ich trafen. Oder wenn sie ihre eigenen Eltern umbrachten oder an ihrem eigenen Grab standen. Doch bis zu diesem Augenblick hatte ich nie begriffen, wie verwirrend diese Dinge in Wirklichkeit waren.

Vom Dachboden hörte ich ein leises Kratzen, gefolgt von einem leisen Schleifen, dann wieder ein Kratzen. »Wir sollten besser nach unten gehen«, sagte ich, da mich der Gedanke an einen über den Speicherboden schleichenden Brown Jenkin mit Angst erfüllte.

Auf dem Weg in die Küche warf ich einen kurzen Blick auf das Foto, das wieder so aussah wie zuvor. Vorausgesetzt, es hatte sich überhaupt verändert. Alkohol und Stress können die seltsamsten Dinge hervorrufen.

Ich öffnete den Kühlschrank, nahm die Weinflasche und zog den Korken heraus. Erst als ich ein Glas eingoss, bemerkte ich, wie sehr meine Hände zitterten.

»Und dem Vikar geht es gut, meinst du?«, fragte Liz.

»Ja, ja, natürlich.«

»Aber was macht er eigentlich genau dort? Ich meine, wie ist es dort überhaupt?«

Ich füllte ein Glas bis zur Hälfte und trank es aus, während meine Hände wie verrückt zitterten. »Eigentlich so wie hier. Nicht richtig anders. Andere Möbel, der Garten sieht gepfleg-ler aus. Die Wände sind getäfelt, aber das ist es auch schon.«

»Bist du irgendjemandem begegnet außer dem Mädchen? Und natürlich außer Brown Jenkin.«

»Dem jungen Mr. Billings.«

»Du hast ihn getroffen? Hast du dich mit ihm unterhalten?«

»Nur kurz. Er schien ... in Gedanken. Weißt du, nicht so ganz bei der Sache.«

»Aber du hast mit ihm gesprochen. Das ist unglaublich.«

»Ja, es ist unglaublich. Ich kann es selbst kaum glauben.«

Liz fragte das Mädchen, ob es Milch und ein paar Kekse haben wolle. Das Mädchen nickte, und Danny half ihm, am l isch Platz zu nehmen.

»Was hast du gemacht, um Brown Jenkin so zu verärgern?«, fragte Liz, während sie zwei Gläser Milch eingoss. Das Mädchen schien fasziniert von der Milch im Karton, und der Kühlschrank begeisterte es offenbar restlos. Mir wurde plötzlich klar, dass ich ein Kind aus einer Zeit mitgebracht hatte, in der Radio, Fernsehen, Autos, Flugzeuge, Plastik, umfassende elektrische Beleuchtung und all die anderen Dinge nicht existierten, die für uns selbstverständlich waren.

Ich saß am Küchentisch und sah dem Mädchen zu, wie es aß und trank. Der Schock über Pickerings Tod begann mir ein taubes, dumpfes Gefühl zu geben, als wäre ich überhaupt nicht hier. Liz hörte sich an, als spreche sie aus einem anderen Zimmer zu mir.

»Ich möchte im Augenblick wirklich nicht über Brown Jenkin reden«, sagte ich. »Er ist nicht gerade der Typ, der für schöne Träume sorgt.«

»Ist er eine Ratte?«, fragte Danny.

Ich schüttelte den Kopf und wünschte mir, mich nicht so taub zu fühlen. »Er sieht aus wie eine Ratte, aber er ist wie ein Junge angezogen. Er ist schmutzig, er stinkt, und er ist ziemlich abscheulich. Ich bin nicht sicher, was er ist. Aber er redet ein Mischmasch aus Englisch, Französisch und Deutsch. Also muss er ein Mensch sein.«

»Ich wollte nicht zum Picknick gehen«, sagte das Mädchen nachdrücklich.

»Warum nicht?«, fragte Danny. »Ich mag Picknicks.«

Das Mädchen schüttelte den Kopf. »Wenn du mit Brown Jenkin zum Picknick gehst, kommst du niemals zurück. Und dann schaufeln sie dir ein Grab aus.«

»Ich habe doch gesagt, dass wir mit dem Sergeant reden sollten«, sagte Liz. »Wenn sie Kinder entführen, dann müssen wir sie aufhalten.«

»Stimmt«, sagte ich. »Stimmt vollkommen. Aber wann entführen sie die Kinder? Heute? Gestern? Morgen? Vor hundert Jahren?«

»Was ist mit dem kleinen Mädchen, das in Ryde verschwunden ist? Was ist mit dem Bruder von Harry Martin?«

»Und was ist damit, Detective Sergeant Miller davon zu überzeugen, dass ich nicht völlig übergeschnappt bin? Es gibt keinen Beweis, oder? Und solange wir keinen Beweis haben, wird die Polizei als Erstes glauben, dass ich diese Kinder entführt habe. Ich habe hier ja schon ein unbekanntes Mädchen. Ich kann nicht erklären, woher es kommt und was es hier macht. Ich weiß ja nicht mal, wie es heißt.«

»Charity«, sagte das Mädchen laut und deutlich. »Charity Welbeck.«

»Na, das ist ja schon mal was«, sagte ich. »Hallo und willkommen, Charity Welbeck. Darf ich dich mit der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts bekannt machen?«

»Bleibt sie bei uns?«, fragte Danny.

»Ich weiß nicht. Ich glaube schon, ich wüsste nicht, wo sie hin sollte.«

»Ich kann ihr beibringen, wie man fischt. Wir könnten Taschenkrebsrennen veranstalten.«

»Warum denken wir darüber nicht morgen früh nach?«, schlug ich vor. »Es ist jetzt Zeit, ins Bett zu gehen.«

Liz stand auf. »Ich lasse ihnen ein Bad einlaufen. Charity kann eine von meinen Blusen als Nachthemd nehmen.«

Danny kam um den Küchentisch herum und gab mir einen Kuss. »Gute Nacht, Zacko McWhacko«, sagte ich zu ihm. Normalerweise hätte ich gelächelt, aber ich war nicht in der Stimmung dazu. Dennis Pickering war ermordet worden, und ich hatte Charity nur um Haaresbreite retten können. Und mir selbst hatte eine Kreatur im Nacken gesessen, die abscheulicher war als jeder Albtraum.

Ich saß mit verkrampften Muskeln am Küchentisch und wusste einfach nicht, was ich machen sollte.

13. Die Erscheinung

Ich klebte gerade das größte Pflaster, das ich hatte finden können, auf meinen Fuß, als Liz ins Badezimmer kam. Sie trug ein Nachthemd von Marks & Spencer mit Minnie Mouse auf der Vorderseite.

»Das sieht nicht gut aus«, sagte sie.

Ich zog das Pflaster noch einmal ab, um ihr die Verletzung zu zeigen. Zwei von Brown Jenkins klauenartigen Fingernägeln hatten sich wie Kreissägen durch meinen Stiefel gebohrt und mir zwei Schnittwunden zugefügt, die knapp einen Zentimeter lang waren. Die Wunden brannten, und ich hatte last eine Stunde benötigt, um die Blutung zu stoppen.

»Du solltest dir eine Tetanusspritze geben lassen«, sagte Liz. »Wenn Brown Jenkin so dreckig ist, wie du gesagt hast, dann könnte sich das entzünden.«

»Ich sehe es mir morgen früh an«, versprach ich.

Sie zog ihr Nachthemd aus und beugte sich über die Badewanne.

»Das kocht ja fast«, sagte sie. »Du musst eine Haut aus Leder haben.«

»Die Japaner baden immer in kochend heißem Wasser.«

»Ja, und sie essen auch rohen Tintenfisch. Aber das heißt noch lange nicht, dass ich das auch machen muss.«

Sie ließ kaltes Wasser nachlaufen, dann stieg sie in die Wanne.

»Schlafen die Kinder?«, fragte ich sie.

»Wie tot. Die arme Charity ist sofort eingeschlafen, als ihr Kopf das Kissen berührte.«

»Ich wünschte, ich wüsste, was ich mit ihr machen soll.«

Liz seifte sich Schultern und Nacken ein. »Ich weiß nicht, warum du sie überhaupt erst mitgebracht hast. Sie gehört doch gar nicht hierher.«

»Brown Jenkin wollte sie mit zum Picknick nehmen, darum habe ich sie mitgebracht.«

»David, du kannst doch nicht in Raum und Zeit eingreifen. Du kannst nicht Gott spielen. Ich weiß nicht, wie du das gemacht hast und ob du es überhaupt gemacht hast, aber du hast ein Mädchen aus der viktorianischen Zeit ins Jahr 1992 gebracht. Wie soll Charity damit zurechtkommen? Im Moment geht es ihr gut, aber sie hat noch keinen Fernseher gesehen. Und was glaubst du, was sie denken wird, wenn ein Jumbojet übers Haus fliegt?«

Ich stand auf und humpelte zum Waschbecken. Im beschlagenen Spiegel sah ich nicht ganz so müde aus, wie ich mich fühlte. Mit dem Finger malte ich meinem Spiegelbild eine Brille auf das Glas.

»Wie lange wird Reverend Pickering dort bleiben?«

Zuerst antwortete ich nicht, sondern starrte weiter mein Spiegelbild an, während ich dem Plätschern des Badewassers lauschte.

»Ich habe gelogen«, räumte ich schließlich ein. »Dennis Pickering ist tot.«

»Was? David! David, sieh mich an! Was soll das heißen? Er ist tot?«

»Es heißt genau das. Er ist tot. Brown Jenkin hat ihn umgebracht. Er hat ihn regelrecht aufgeschlitzt, es war entsetzlich.«

»Oh mein Gott, David! Das sind ja schon drei Tote!«

»Ich habe immer wieder versucht, mir einzureden, dass Harry Martin und Doris Kemble durch einen Unfall ums Leben gekommen sind. Aber ich habe mit meinen eigenen Augen gesehen, wie Brown Jenkin Dennis Pickering getötet hat. Und ich glaube, dass er auch Harry Martin und Doris Kemble ermordet hat. Harrys Gesicht, das ihm vom Kopf gerissen wurde ... Das waren keine Haken. Doris Kemble, die aufgeschlitzt war wie eine Weihnachtsgans. Sie ist nicht einfach von einem Felsen gestürzt. Und jetzt Reverend Pickering ... Gott stehe ihm bei.«

»Rufst du die Polizei an?«

Ich drehte mich um zu ihr. »Warum? Was soll ich denn erzählen? Der Vikar ist vor über hundert Jahren ermordet worden!«

»Dann werde ich es ihnen erzählen.«

»Ach ja? Und dann fragen sie dich, wo er denn ermordet wurde.«

»Und wo wurde er ermordet?«

»Im Wohnzimmer. Danach fragen sie dich, wer ihn ermordet hat. Und du sagst, dass es ein Rattending war. Und dann fragen sie, wann er ermordet wurde. Und dann erklärst du ihnen, dass es 1886 geschehen ist. Ach, übrigens: Wir haben auch ein Waisenkind aus dem Jahr 1886 mitgebracht, das noch nie ein Flugzeug gesehen hat und das nicht weiß, wer die Teenage Mutant Ninja Turtles sind.«

Liz seifte langsam ihre Brüste ein. Sie hielt inne und sah mich wortlos an.

»Tut mir Leid«, sagte ich. »Aber wenn ich schon nicht glauben kann, was passiert ist, wie sollen wir dann die Polizei davon überzeugen? Wir können keinen einzigen Blutfleck auf dem Teppich vorweisen, von der Leiche ganz zu schweigen.«

»Auch nicht, wenn wir noch mal durch die Klapptür hinuntersteigen? «

»Oh, nein!«, sagte ich entschieden. »Durch diese Klapptür werden wir niemals wieder steigen. Die ist zu und bleibt zu.«

»Aber vielleicht könnten wir den Leichnam holen. Sic können ihn doch noch nicht beerdigt haben. Dann können wir beweisen, dass er tot ist. Und dass er ermordet wurde. Und dass wir es nicht waren.«

»Nein, wir gehen nicht wieder durch diese Klapptür. Ende der Diskussion.«

Viel mehr gab es nicht zu sagen. Das Erlebnis hatte mich endgültig davon überzeugt, dass wir Fortyfoot House schon längst hätten verlassen müssen. Was immer hier geschah, es entzog sich meiner Kontrolle, und es ging mich auch nichts an, auch wenn ein Vikar, ein Rattenfänger und eine Cafebesitzerin tatsächlich ermordet worden waren. Und auch wenn Charity und die anderen Waisenkinder im Fortyfoot House talsächlich in Lebensgefahr waren.

Ich zog meine Pyjamahose an und öffnete leise die Schlafzimmertür. Aus Dannys Zimmer waren Stimmen zu hören -er und Charity unterhielten sich. Ich schlich mich durch den Korridor und drückte mein Ohr an die Tür.

»... in Whitechapel, als ich noch ganz klein war. Dann hat mich Mrs. Leyton gefunden und zu Dr. Barnardo gebracht. Der hat mich dann hierher geschickt.«

»Keine ... Eltern?«, hörte ich Danny fragen.

»Ich hab sie nie gekannt. Manchmal meine ich, dass ich mich daran erinnern kann, wie meine Mutter für mich ein Lied singt. Und ich kann ihre schwarzen Stiefel sehen. Aber dann kann ich sie wieder nicht hören und auch nicht sehen. Ich glaube, dass ich das nur träume.«

»Musst du wieder zurückgehen?«

»Ich weiß nicht. Ich verstehe nicht, was los ist. Ich dachte, ich wäre immer noch hier. Aber ich bin nicht mehr hier. Ich meine, es ist dasselbe Haus, aber meine Freunde sind nicht da, und alles ist irgendwie anders.«

Ich hörte den beiden noch eine Weile zu und stellte erstaunt fest, wie schnell sie auf Spiele und Spielzeug zu sprechen kamen. Danny versuchte, ihr zu erklären, was ein Transformer ist. »Das ist ein Roboter, nur dass er ein Raumschiff ist.«

»Was ist ein roh Botter?«

»Das ist ein Mann aus Metall. Und wenn du klick-klick-klick machst, dann verwandelt er sich in einen intergalaktischen Sternenkreuzer.«

»Einen was?«, kicherte Charity. Als ich sie dann richtig lachen hörte, wusste ich, dass es richtig war, sie zu retten. Außerdem war ich der festen Überzeugung, dass ich sie um jeden Preis hier behalten und beschützen musste.

Liz war schon im Bett, als ich zurückkam. Sie saß da und las Narziss und Goldmund von Hermann Hesse. Ich legte mich zu ihr und sah ihr eine Weile zu.

»Liest du das wirklich mit Vergnügen?«, fragte ich schließlich.

Sie lächelte, ohne aufzublicken. »Hör dir das an: >Glaub mir, ich würde zehntausendmal lieber deinen Fuß streicheln als ihren. Dein Fuß hat mich nie unter dem Tisch gefragt, ob ich lieben könnte.< Weißt du, wovon er redet? Fußfetischismus!«

»Die Kinder sind noch wach«, sagte ich. »Sie reden. Sie scheinen sich gut zu verstehen.«

Eine Zeit lang schwieg Liz, dann klappte sie ihr Buch zu.

Was wirst du machen, David? Du wirst doch nicht länger hier bleiben, oder? Wenn dieser Brown Jenkin Menschen Töten kann ...«

»Keine Sorge«, erwiderte ich. »Ich habe mich schon entschieden.«

»Das ist ja mal was anderes.«

»Ich habe mir deine Kritik zu Herzen genommen, darum. Du hattest völlig Recht, ich habe die Dinge vor mir herge-s< hoben. Ich nehme an, dass ich geglaubt habe, durch eine positive Entscheidung mich immer weiter von der Zeit mit Janie zu entfernen. Inzwischen ist mir klar, dass diese Zeit schon hinter mir liegt, auch wenn ich keinen Entschluss lasse. Auch wenn ich den ganzen Tag im Bett liege und gar nichts mache.«

»Und was wirst du machen?«

»Ich bringe Danny und Charity zu meiner Mutter nach Horley, und dann komme ich zurück und brenne dieses Haus nieder.«

Liz starrte mich fassungslos an: »Du willst was machen? Das kannst du nicht!«

»Das kann ich und das werde ich. Dieses Haus ist besessen oder verflucht. Ich weiß nicht, was der junge Mr. Billings und Kezia Mason vorhatten, ich weiß nicht, wer oder was Brown Jenkin ist oder wer Mazurewicz war. Ich weiß nicht, was dem alten Mr. Billings zugestoßen ist, außer dass er vom Blitz getroffen wurde. Aber dieser Ort steckt voller Geister und Unrast und Geräuschen und Gott weiß was noch alles. Jetzt ist Reverend Pickering tot, und jetzt reicht es. Es muss Schluss sein.«

»Und wenn man dich schnappt?«

»Man wird mich nicht schnappen. Ich werde nicht mal meine Bezahlung einbüßen. Ich werde einfach sagen, dass meine Lötlampe einen Fensterrahmen in Brand gesetzt hat und dann das ganze Haus abgebrannt ist. Großer Gott, das hätte man schon Vorjahren machen sollen.«

»David, das ist ein historisches Bauwerk - du kannst es doch nicht einfach niederbrennen.«

»Das Leben von Menschen ist wichtiger als ein historisches Haus. Und Leute, die tot sein sollten, aber nicht tot sind ... die sind auch wichtiger als dieses Haus.«

Liz legte ihr Buch auf die Decke und ließ sich nach hinten auf ihr Kissen sinken. Ich fand sie mit jedem Augenblick, der verstrich, immer attraktiver. Ich liebte die Art, wie sie aussah, ihre üppigen Brüste, ihren sauberen, seifigen Geruch. Das Einzige, was mir noch immer nicht ganz klar war, betraf die Frage, wie sie wirklich über mich dachte und warum sie hier blieb. Manchmal war sie unnahbar und ungeduldig, dann wieder rücksichtslos kritisch, mal witzig, mal leidenschaftlich. Aber stets kam es mir so vor, als würde sie über einen Witz lachen, den ich nicht richtig verstanden hatte. Und als würde sie Sex nur in ihrem eigenen Kopf erleben, ohne ihre Gefühle mit mir zu teilen.

Sie hatte mir inzwischen einmal einen geblasen, als ich noch im Halbschlaf war. Sie hatte dabei den Kopf weggedreht und alles geschluckt, ohne eine Spur von Lust oder wenigstens Vergnügen zu zeigen.

»Denk morgen drüber nach«, sagte sie.

»Ich habe darüber nachgedacht, und außerdem ist es bereits morgen.«

»Und was wird aus mir?«

»Ich finde schon eine Unterkunft für dich.«

»Und aus uns?«

»Ich weiß nicht. Wir sollten uns damit beschäftigen, wenn es so weit ist. Ich möchte erst Fortyfoot House hinter mich bringen.«

Sie drehte sich um und sah mich ohne zu blinzeln an. In der Iris ihres linken Auges bemerkte ich einen winzigen orangenen Funken. »Ich bin nicht sicher, dass ich das so gemeint habe, als ich dir gesagt habe, du solltest entschlussfreudiger sein.«

»Unangenehme Probleme machen unangenehme Lösungen notwendig.«

»Hmm«, sagte sie und wandte mir demonstrativ den Rücken zu.

Ich griff nach ihrem Buch und las laut vor: »Eines Tages zeigte sie ihm ihre Brüste. Schüchtern öffnete sie ihr Mieder, um ihn die kleine weiße Frucht sehen zu lassen, die darunter verborgen war.«

»Ich wusste, dass du die versauten Stellen sofort finden würdest«, sagte Liz.

Sie drehte sich wieder um zu mir. Der orangene Punkt in ihrer Iris funkelte wie ein Feuer. »Überstürz nichts, David. Ich mache mir etwas aus dir.«

»Wenn das so ist, dann wirst du mir helfen.«

Ich träumte einen finsteren, anziehenden Traum, in dem ich wie ein Drache über einen abfallenden Strand glitt. Das Meer unter mir war schwarz und gallertartig, eher ein Sirup als ein Meer. Ich wusste, dass das Meer voller Taschenkrebse war, Millionen und Abermillionen, die unablässig umherkrabbelten. Der Himmel war schwarzbraun, und ein dröhnender Gong ließ mich fast taub werden.

Die Welt, wie sie war; die Welt, wie sie ist; die Welt, wie sie sein wird.

Ich war noch nicht allzu weit auf die offene See geweht worden, als ich erkannte, dass ich allmählich an Höhe verlor. Ich versuchte, die Beine anzuziehen, damit meine Füße nicht das Wasser berührten, aber der Wind wurde immer schwächer, während ich ständig tiefer sank. Schließlich tauchten meine Füße ins Wasser ein, dann meine Beine, bis ich bis zu meiner Leistengegend eingetaucht war. Das Wasser war eisig kalt, und ich konnte die Taschenkrebse spüren, die auf meinen Füßen, meinen Beinen und meinem Bauch umherkrabbelten.

Ich schrie auf, und im nächsten Moment war ich wach. Mir wurde plötzlich klar, dass ich mir in meine Pyjamahose gemacht hatte, aber zum Glück nicht ins Bett. Schwitzend und zitternd kletterte ich aus dem Bett, um ins Badezimmer zu gehen, wo ich mich auszog und wusch. Im Spiegel sah mein Gesicht verzerrt und hager aus, als habe jemand das Glas zerschlagen.

Während ich mich abtrocknete, vernahm ich wieder das schlurfende, kratzende Geräusch in den Wänden und dann über den Boden des Speichers. Ich hielt inne, um das Geräusch genauer hören zu können, doch im gleichen Augenblick war es schon wieder verstummt. Nur noch das leise Pfeifen des Windes, das Rascheln der Bäume und das mürrische Rauschen der See waren zu hören.

Ich trank zwei Gläser kaltes Wasser und verließ das Badezimmer. Danny und Charity waren inzwischen wohl eingeschlafen, jedenfalls konnte ich sie nicht reden hören. Ich wollte eigentlich nach ihnen sehen, doch die Tür zu ihrem

Zimmer knarrte so laut, dass ich sie vermutlich aufgeweckt hätte.

Gerade wollte ich die Tür zu meinem Schlafzimmer öffnen, als ich bemerkte, dass unter dem Türspalt ein bläuliches Licht flackerte. Ich blieb stehen und wunderte mich. Es war ganz sicher nicht die Nachttischlampe, sondern wirkte mehr wie das Flackern eines Fernsehers in einem ansonsten völlig dunklen Zimmer. Bloß ... im Schlafzimmer stand kein Fernseher. Vielleicht waren es Blitze, die durch die Vorhänge leuchteten. Das Wetter war in den letzten Tagen ungewöhnlich unbeständig gewesen, und wiederholt hatte ich fernes Donnergrollen gehört, das vom Kanal herüberkam. Es hatte mich an die Berichte erinnert, die besagten, dass die Urlauber an der Südküste Englands im Ersten Weltkrieg das Artilleriefeuer aus Frankreich hatten hören können. Das hatte ich immer als sehr beunruhigend empfunden.

Wieder hörte ich ein Kratzen und Schlurfen, woraufhin mir ein Schauder über den nackten Rücken lief, der mir wie ein leichter Stromschlag vorkam.

Anstatt ins Schlafzimmer zu gehen, kniete ich mich vor die Tür und warf einen Blick durch das Schlüsselloch. Der Luftzug ließ mein Auge tränen, aber trotzdem konnte ich die dunklen Umrisse des Betts erkennen, Liz' Kopf auf dem Kissen und einen Teil des Fensters.

Erneut flackerte das Licht, aber es war ganz sicher kein Blitz. Die Lichtquelle befand sich im Raum, in der gegenüberliegenden oberen Ecke. Das Flackern wurde heller, und jetzt konnte ich Liz deutlich erkennen. Gleichzeitig ertönte ein tiefes, verzerrtes Singen - so tief, dass ich die Vibrationen in meinem Kiefer fühlen konnte. Ygggaaa sotholh nggaaa. Auch wenn es tief und verschwommen war und mehr an eine Orgelpfeife als an eine menschliche Stimme erinnerte, fielen mir Ähnlichkeiten zu den Worten auf, die der alte Mr. Billings im Garten geschrien hatte, als er von der Sonnenuhr mit einem Stromschlag getötet wurde. Nnggg-nggyyaaa nnggg sothoth.

Ich wusste nicht, was diese Worte bedeuten sollten, aber sie wurden auf eine so beharrliche, beschwörende Weise gesungen, dass sie in mir eine irrationale Furcht auslösten, die fast an Panik grenzte. Jemand oder etwas wurde ins Fortyfoot House gerufen - aber wer oder was, das konnte ich mir nicht vorstellen. Ich war nicht mal sicher, ob ich es mir überhaupt vorstellen wollte.

Diesmal flackerte das Licht sehr grell. Ich war erstaunt, dass es Liz noch nicht geweckt hatte. Ich beschloss, die Tür zu öffnen, doch als ich meine Hand um den Türgriff legte, kam die Lichtquelle in mein Blickfeld, und ich blieb wie erstarrt stehen.

Die Schwester oder Nonne, die ich über mir hatte schweben sehen, hatte mitten im Raum Form angenommen. Eine große schimmernde Gestalt mit einem weiten Schleier und gehüllt in ein blaues Licht, das sich wie eine phosphoreszierende Reihe verblassender Eindrücke auf und ab bewegte.

Der Gesang hielt an. NggGGGaa - sothoth - gnoph-hek -nggaaAA ... Obwohl diese Worte keinerlei Ähnlichkeit zu irgendeiner mir bekannten Sprache aufwiesen, hatte ich das Gefühl, nahe daran zu sein, ihren Sinn zu verstehen. Ihre Bedeutung lag mir förmlich auf der Zunge, nur konnte ich sie nicht in Worte fassen.

Die Nonne glitt über den Fuß des Bettes, hielt einige Zeit inne und schien die schlafende Liz zu beobachten. Dann lehnte sie sich über das Bett. Sie beugte sich nicht vor, sondern veränderte ihre Position zu einem unmöglichen Winkel, bis sie nur noch wenige Zentimeter von der Decke entfernt war.

Ich sah, dass Liz sich umherwälzte. Ich wusste nicht, wie gefährlich diese Erscheinung war und was sie wollte, aber mir war klar, dass ich nicht länger untätig zusehen konnte. Ich riss die Tür mit solcher Gewalt auf, dass sie mit Wucht gegen die Wand schlug - nicht so sehr, um die Gestalt zu erschrecken, sondern um mir selbst Mut zu machen. Als ich dann aber splitternackt vor dem Bett stand, zog sich meine

Kehle zusammen und erlaubte mir nicht mehr als ein heiseres, hohes: »Aaahh!«

Mit einem donnernden Getöse begann sich die Gestalt über dem Bett umzudrehen, und unter dem Schleier konnte ich ein Gesicht erkennen, eine Totenmaske mit leeren Augenhöhlen, eingefallenen Wangen und bösartig aussehenden Zähnen. Meine Kehle schnürte sich völlig zu, und ich konnte nichts anderes machen, als dazustehen und die Gestalt entsetzt anzustarren.

Ich hörte ein Geräusch, das so klang, also würden sich tausende Liter Wasser auf einmal aus einer riesigen Zisterne ergießen, ein rauschendes, donnerndes, wegtreibendes Geräusch. Die Erscheinung schien in der Decke aufzugehen, die Arme verschmolzen mit Liz' Armen, das abscheuliche Gesicht glitt in Liz' Gesicht. Einen Moment lang richteten sich Liz' Haare auf und waren von winzigen Funken umgeben. Sie öffnete die Augen, die für den Bruchteil einer Sekunde rot aufflackerten.

Dann kehrte Ruhe ein, unheimliche Stille. Sogar der Wind gab keinen Laut mehr von sich, und das Meer flüsterte nicht mehr. Liz sah mich mit weit aufgerissenen Augen an, während ich sie anstarrte.

»Was ist los?«, fragte sie schließlich. »Warum stehst du da?«

»Ich ... habe was getrunken.«

»Wo ist dein Schlafanzug, dir muss eiskalt sein.«

»So kalt ist es nicht.«

»Na gut, aber würdest du wieder ins Bett kommen, oder willst du die ganze Nacht dastehen und mir Angst einjagen?«

»Ich ... ja, natürlich«, sagte ich, während ich sie immer noch durchdringend ansah. »Geht es dir gut?«

»Sicher, warum sollte es mir nicht gut gehen?«

»Ich meine, fühlst du dich gut?«, fragte ich.

Sie lachte mit einem ungeduldigen Unterton. »Natürlich. Warum auch nicht?«

Ich legte mich wieder ins Bett, und sofort legte sie ihren Arm um mich und presste sich an mich. Ihre Brüste an meiner

Seite, ihre Hüften gegen meine Waden. Sie nahm meine rechte Brustwarze zwischen Zeigefinger und Daumen.

»Ich dachte, dir wäre nicht kalt«, sagte sie spielerisch.

»Ist es auch nicht. Ich habe mich nur erschrocken, weiter nichts.«

»Erschrocken? Wieso?«

»Dieses Ding, das ich schon mal gesehen hatte ... diese Nonne. Ich sah sie im Zimmer, als du geschlafen hast. Sie hatte sich irgendwie über dich gebeugt.«

»Was meinst du damit?«, fragte sie lächelnd.

»Ich weiß nicht, ich habe es einfach nur gesehen. Sie beugte sich über dich, und dann verschwand sie.«

Sie ließ ihre Finger an meiner Seite nach unten wandern und traf einen Nerv, der mich aufzucken ließ. »Ich glaube, du hast zu viel getrunken.«

»Liz, ich habe es gesehen. Es war direkt hier über dem Bett.«

Sie streichelte und kniff mich und fuhr mit ihren Nägeln über meine Schenkel, und dann begann sie, meinen Penis zu massieren. Ich griff nach ihrer Hand und stoppte sie. »Nicht. Mir ist jetzt nicht danach.«

Sie küsste mich, wollte aber nicht aufhören. Sobald ich ihr Handgelenk losließ, begann sie wieder, mich zu massieren. Heftig anstatt leidenschaftlich bohrte sie ihre Fingernägel tief in meine Haut.

»Das tut weh«, protestierte ich.

»Ach, Liebster«, zog sie mich auf. »Kannst du nicht ein klein wenig Schmerz ertragen? Ich dachte, Männer lieben den Schmerz.«

Sie machte weiter und wurde dabei immer gröber, bis ich schließlich erneut ihre Hand nahm und festhielt. »Liz, es tut mir weh. Genug ist genug.«

»Sag mir nicht, dass es dir nicht gefällt. Du hast einen Ständer wie ein Besenstiel.«

»Es tut mir weh, und ich bin nicht in der Stimmung dafür.«

Sie stieß einen Lacher aus, der so schrill war, dass er sich last wie ein Schrei anhörte. Ich hatte sie noch nie so lachen hören und spürte, wie eine Gänsehaut meinen Körper überzog. Sie zog die Decke fort und hockte sich auf meinen Oberkörper, ihre Knie presste sie gegen meine Rippen, und ihre Hände drückten meine flach auf das Bett. Auch wenn sie so zierlich war, fühlte sie sich doch kraftvoll an. Es war so dunkel, dass ich kaum ihr Gesicht sehen konnte, aber ich erkannte ihre strahlenden Zähne und ihre leuchtenden Augen. Sie atmete schwer und tief, ihr Brustkorb hob und senkte sich, und mit ihm ihre vollen Brüste.

»Liz?«, rief ich vorsichtig. Ich hatte das Gefühl, sie nicht mehr zu kennen.

»Warum bist du geblieben?«, fragte sie außer Atem.

»Was? Wovon redest du?«

»Warum bist du geblieben? Warum bist du nicht abgereist, als du gemerkt hast, dass etwas nicht stimmt?«

Ich versuchte mich aufzurichten, doch sie drückte mich zurück auf das Kissen.

»Liz«, sagte ich. »Bist du das, oder ist das jemand anderes?«

Erneut lachte sie so schrecklich. »Nach wem sehe ich denn aus? Mein Gott, David, du bist so ein Dummkopf!«

Ich atmete tief ein und bemühte mich, ruhig und vernünftig zu bleiben. Es fiel mir schwer, weil ich schon immer dazu geneigt hatte, mit der Tür ins Haus zu fallen. »Liz ...«, begann ich, aber sie drückte ihre Fingerspitzen auf meine Lippen und sagte: »Psscht, du verstehst das nicht, und du musst es auch nicht verstehen.«

»Verstehen? Was muss ich nicht verstehen? Liz, das ist ja lächerlich!«

Aber sie beugte sich vor und küsste mich einfach, auf ineine Augenlider, auf den Mund, dann fuhr sie mit ihrer Zunge an meinen Lippen entlang. Aus irgendeinem Grund war ich mit einem Mal ruhig, als sei es egal, was sie sagte oder tat. Als sei es einfacher, liegen zu bleiben und das zu tun, was sie von mir verlangte. Ihre Zunge erkundete meine Zähne, und dann berührten sich unsere Zungenspitzen. Im gleichen

Moment fühlte ich, dass etwas Unbeschreibliches zwischen uns ausgetauscht wurde, so wie ein tiefes Geheimnis, das man mit einem anderen Menschen teilt.

Für einen Moment sah ich in ihren Augen das rötliche Leuchten, und ich verstand Dinge, die ich niemals hätte verstehen sollen. Es gibt keinen Gott, es hat ihn nie gegeben, es wird ihn nie geben, aber es gab immer die Großen ... einige strahlend in ihrer Güte, einige zurückgezogen und distanziert, einige zu abscheulich und Furcht erregend, als dass ein menschliches Wesen sie verstehen könnte. Liz richtete sich auf, und im gleichen Augenblick verschwand dieses Verstehen. Aber ich hatte das Gefühl, dass etwas Gewaltiges und Dramatisches geschehen und dass ich Teil davon sein würde.

Liz rutschte weiter nach oben, bis ihre Knie zu beiden Seiten meines Kopfs ruhten und ihre Scham nur ein paar Zentimeter von meinem Mund entfernt war. Sie verströmte das starke unverkennbare Aroma von Sex. Ich sah zu ihr hinauf. Mit beiden Händen hatte sie sich am Kopf des Betts aufgestützt, und aus meiner Blickrichtung war ihr Gesicht von dem v-förmigen Tal ihrer Brüste und dem glänzenden Dreieck ihres Schamhaars eingerahmt.

»Du zögerst, David«, sagte sie in einem ungewöhnlichen Tonfall. »Warum? Magst du den Geschmack nicht?«

»Liz«, setzte ich an, doch mein Verstand war in einem langsamen Wirbel aus Gefühlen, Angst und Verlangen gefangen. Stell dir vor, du würdest eine Frau treffen, die alles machen würde, was du möchtest ... absolut alles. Hatte ich das gesagt? Oder Liz? Ich war nicht sicher. Doch wie sie da über meinem Gesicht hockte, sah ich mich selbst, wie ich mit ihr Dinge tat, die Janie niemals zugelassen hätte. Ich sah schwarze Nylonstrümpfe, weiße Schenkel, feuchte Lippen, volle Brüste, durchnässte Seide.

Mit einer unerträglich langsamen rotierenden Bewegung senkte sich Liz auf meinem Mund herab. Ich erlebte einen warmen, triefnassen Kuss, der mich fast erstickte. Meine Zunge erkundete langsam ihre Schamlippen, spielte mit ihrem Kitzler und glitt dann tief in ihre Vagina. Lippen wurden gegen Lippen gedrückt, der Kuss war vollkommen. Während sie sich noch heftiger auf mich drückte, kreiste meine Zunge tief in ihrem Unterleib.

Obwohl Liz ekstatische Schreie ausstieß und obwohl ich in Speichel und Gleitflüssigkeit fast ertrank, hatte das hier mit Sex oder Liebe nichts zu tun. Das geschah nicht um der Liebe willen, nicht mal um der Lust willen. Es war etwas anderes. Auch wenn ich es nicht wirklich verstand, kam es mir vor wie die Zeugung eines Kindes.

Oder die Zeugung von etwas ... etwas anderem.

Ich erinnere mich, dass sich Liz schließlich von meinem Gesicht erhob. Sie kniete lange Zeit auf dem Bett und beobachtete mich, während mein Kopf auf dem Kissen ruhte und die warme Nachtluft meine Lippen trocknete. Ab und zu berührte sie meine Brust und zeichnete irgendwelche Muster, die mir wie Blumen oder Kleeblätter oder Sterne vorkamen.

»Weißt du was?«, sagte sie leise. »Als ich noch klein war, hat mich meine Mutter immer zu meinem Bruder in die Schule geschickt, damit ich ihm das Essen brachte. Draußen sah ich stets die kleinen Kinder spielen, und ich stellte mir immer vor, dass ich selbst gerne ein Baby hätte.«

Ich schloss die Augen, weil ich mich unerträglich müde fühlte. Auch wenn Fortyfoot House es nicht geschafft hatte, mich umzubringen, so hatte es mir doch alle Kräfte geraubt. »Ich muss einfach schlafen, ich kann nicht mehr«, murmelte ich.

Liz machte unterdessen mit diesem Muster weiter: »Ich habe immer meinen Bruder gehört, wenn er sang: >Tu, ta, ti; bu, ba, bi ... ubanu, am-matu, ganu, ashlu.<«

Ich schlief, aber ich hörte noch immer ihre Stimme. Es war, als könnte sie ihre Stimme in meinem Kopf ertönen lassen, ob ich nun schlief oder wach war. Ich träumte, dass ich wieder an einem düsteren und windstillen Tag über den Ozean glitt. Liz stand am Strand, und obwohl ich ziemlich schnell flog, blieb sie immer gleich weit von mir entfernt und redete weiter, während ihr Gesicht halb unter Verbänden verdeckt war. »Tu, ta, ti; bu, ba, bi...«

Dann - ohne Vorwarnung — war es Morgen, die Sonne schien unbarmherzig grell ins Zimmer. Liz schlief noch, sie hatte den Mund geöffnet, ihr Haar war zerzaust. Ich verließ vorsichtig das Bett und ging zum Fenster. Die See glitzerte im Schein der Sonne.

Während ich dastand und aus dem Fenster sah, war ich fast im Begriff, mir einzureden, dass es ein Verbrechen wäre, Fortyfoot House niederzubrennen. Aber so schön es auch gelegen war, so war das Haus selbst bösartig und beunruhigend. Und es hatte die entsetzlichsten Folgen für jeden, der versuchte, etwas dagegen zu unternehmen. Ich war sicher, dass ich das nächste Opfer sein würde, wenn ich es nicht in Brand steckte.

14. Unter dem Fußboden

Nach einer Portion Müsli und einem Becher unglaublich schwarzen Kaffee ging ich nach draußen, um zu sehen, ob ich den Wagen vielleicht doch irgendwie zum Laufen kriegen konnte. Obwohl er nicht mal richtig laufen musste. Es hätte schon genügt, wenn er gehumpelt wäre. Liz hatte sich bereits auf den Weg zum Tropical Bird Park gemacht. Sie trug ein sehr enges schwarzes T-Shirt, dazu einen äußerst kurzen kanariengelben Rock und gelbe hohe Stiefel. Ich wusste nicht, ob sie mich scharf machen oder ob sie mir zeigen wollte, dass ich mindestens zehn Jahre älter war als sie. Vielleicht war sie auch einfach nur pervers.

An der Küchentür hatte sie mir dann aber einen Kuss gegeben, ohne die Augen zu schließen, und mir in den Schritt gegriffen, während sie >danke< hauchte. Ich blieb mit dem Gefühl zurück, dass ich ihr irgendetwas gegeben hatte, was sie hatte haben wollen.

Ich sah nach Danny und Charity. Beide schliefen immer noch fest. Nachdem ich Charity gebadet und ihr die Haare gewaschen hatte und sie eine Bluse von Liz trug, sah sie nicht mehr wie aus einem anderen Jahrhundert aus. Fast kam es mir unmöglich vor, dass ich sie aus dem Jahr 1886 hergeholt hatte.

Ich ging aus dem Haus, und das Erste, was mir in die Augen fiel, war der Renault von Dennis Pickering, der neben meinem demolierten Audi geparkt war. Oh Gott! Ich hatte seinen Wagen völlig vergessen! Ich fühlte mich schrecklich schuldig und entsetzt. Schuldig, weil seine Frau längst außer sich sein musste, da er noch nicht nach Hause gekommen war. Entsetzt, weil die Polizei unweigerlich den vor Fortyfoot House geparkten Wagen sehen und zwangsläufig (und in gewisser Weise sogar zu Recht) auf den Gedanken kommen würde, dass Liz und ich etwas mit seinem Verschwinden zu tun haben könnten.

Ich ging um den Wagen und stellte fest, dass er nicht abgeschlossen war. Die Schlüssel hatte Pickering aber nicht stecken lassen. Ich hätte die Handbremse lösen und den Wagen außer Sichtweite schieben können, aber was hätte ich dann mit ihm anfangen sollen? Ich hatte keine Ahnung, wie man einen Wagen kurzschließt. Und abgesehen davon musste die gesamte Bevölkerung von Bonchurch und Ventnor den Wagen kennen. Ich hätte keine hundert Meter mit ihm fahren können, ohne von irgendeinem Aufpasser gesehen zu werden.

Ich versuchte noch immer, eine Lösung für das Problem zu finden, als überraschend der Rover von Detective Sergeant Miller in der Einfahrt auftauchte. Miller stieg aus. Er hatte ein Hemd mit kurzen Ärmeln an und trug eine Sonnenbrille. Als er sie abnahm, wirkte er so erschöpft wie nach drei Tagen ohne Schlaf. Detective Constable Jones folgte ihm auf dem Fuß und wirkte munter. Er roch intensiv nach Brut 33.

»Aha, hier hält sich also der vermisste Mr. Pickering auf«, sagte Miller, ging zum Renault und trat gegen das Hinterrad.

»Tja, also ... genau genommen ist er nicht hier«, erwiderte ich. Ich wusste, dass ich meine Worte sorgfältig wählen musste.

»Wie bitte?«, fragte Miller in einem seltsamen Tonfall.

»Er kam her, das ist richtig. Aber er ist jetzt nicht hier.«

»Sein Wagen ist aber noch hier«, bemerkte Jones.

»Ja«, erwiderte ich.

»Aber er nicht?«

»Nein, er hatte gestern Abend ... ein paar Gläser getrunken. Er wollte zu Fuß nach Hause gehen.«

»Wie viel sind >ein paar Gläser<?«, hakte Miller nach.

»Vielleicht sechs oder sieben Gläser Wein. Wir haben uns unterhalten, wir haben alle etwas zu viel getrunken. Ich glaube, keiner von uns hat wirklich mitgezählt.«

»Oh«, sagte Miller. »Das ist schade. Wann ist er denn aufgebrochen? «

»Schwer zu sagen. Vielleicht um halb elf.«

Miller setzte seine Sonnenbrille wieder auf und stand da, die Arme in die Hüften gestemmt, und schien Löcher in die Luft zu starren. Obwohl die Sonne schien, wirkte Fortyfoot House hinter ihm kalt und dunkel und in sich gekehrt, so wie ein alter Verwandter, der bei einer Familienfeier wortlos dasitzt und nur an früher und an die denkt, die damals lebten, die er kannte und die ihn liebten und die alle seit langer Zeit tot waren.

»Mr. Pickering hatte seiner Frau versprochen, dass er sie gegen elf Uhr anrufen wollte«, sagte Miller.

»Tatsächlich?«

»Er hatte ihr gesagt, dass er erst hierher kommt und dann nach Shanklin Old Village gehen wollte, um Mrs. Martin zu besuchen.«

»Davon hat er mir nichts gesagt.«

Miller nickte, sagte aber weiter nichts. Jones versetzte dem Reifen des Renault noch einen Tritt, was Miller mit einem missbilligenden Blick konterte. »Sieht ein bisschen platt aus«, erklärte Jones und errötete ein wenig.

In dem Moment tauchten Danny und Charity an der Tür auf. Danny trug seinen Schlafanzug, Charity hatte Liz' Bluse an.

»Daddy!«, rief Danny. »Charity möchte wissen, was sie anziehen soll.«

»Einen Augenblick bitte«, sagte ich zu Miller.

»Keine Ursache. Sie haben ja wohl alle Hände voll zu tun. Wer ist denn die Kleine?«

»Meine Nichte«, log ich. »Die jüngste Tochter meiner Schwester.«

»Tja, es geht nichts über einen Urlaub am Meer mit einem Onkel«, sagte Miller und wandte sich ab. »Sie melden sich doch, wenn Mr. Pickering kommt, um seinen Wagen abzuholen? Ich vermute, er ist einfach abhanden gekommen. Offenbar hat er das schon früher gemacht. Mrs. Pickering sagt, er hatte schon mal Schwierigkeiten mit seiner sexuellen Identität.«

»Ein heimlicher Transvestit, mit anderen Worten«, warf Jones ein.

Miller warf ihm einen flüchtigen verärgerten Blick zu. »Mrs. Pickering sagte uns, er spaziere am Strand auf und ab und rede mit Gott.«

»Und dabei versucht er, nicht an die knackigen Arsche seiner Chorknaben zu denken«, sagte Jones und ergab sich ganz seinen Vorurteilen.

»Würden Sie die Klappe halten, Jones?«, forderte Miller ihn auf.

»'tschuldigung«, erwiderte dieser grinsend.

Die beiden kehrten zum Rover zurück und waren nur noch Sekunden davon entfernt, die Türen zuzuschlagen, als Charity mit durchdringender Stimme rief: »Sir! Sir! Können wir wirklich zwei Eier zum Frühstück haben? Danny sagt, das geht!«

Miller zögerte einen Moment lang, dann stieg er aus, nahm erneut seine Sonnenbrille ab und fragte mich mit der

Gelassenheit eines erfahrenen Polizisten: »Wie heißt das Mädchen?«

»Charity«, antwortete ich. »Wieso?«

Ohne auf meine Frage zu reagieren, rief Miller: »Charity? Komm doch mal bitte her, Charity!«

Charity eilte barfuß über den Kies, ohne einen Augenblick zu zogern. Sie war es gewohnt, auf der Stelle zu reagieren, wenn Erwachsene etwas von ihr wollten. Sie lief zu Miller und machte einen Knicks.

Miller sah Charity mit offensichtlicher Irritation an.

»Ist er dein Onkel?«, fragte er und deutete mit der Brille auf mich.

Charity sah mich ängstlich an, woraufhin ich versuchte, ihr ein >Ja< zu suggerieren, ohne dabei meinen gelassenen Gesichtsausdruck zu verändern, den ich angenommen hatte, als Miller noch einmal aus dem Wagen gestiegen war. Ich weiß nicht, wie mein Gesicht in jenem Moment aussah, auf jeden Fall musste es sonderbar genug sein, damit Charity mich perplex ansah und schließlich sagte: »Nein, Sir, er ist nicht mein Onkel.«

»Ooh«, brachte Miller nachdenklich heraus. »Er isl nicht dein Onkel?«

»Aber er ist ein mutiger Gentleman. Er hat mich gerettet, bei sich aufgenommen und mich gebadet.«

»Ach, er hat dich gebadet?«

»Oh, um Gottes willen, Sergeant«, warf ich ein. »Liz hat sie gebadet.«

»Aber Sie sind nicht ihr Onkel.«

»Ich benutze lieber das Wort Onkel.«

»Aber Sie sind es nicht.«

»Nein.«

»Na gut«, sagte Miller mit dieser schrecklichen, unerträglichen Geduld in seinem Tonfall, den die Polizei anwandte, um Verdächtige so sehr zu langweilen, dass sie schließlich ein Geständnis ablegten. »Wenn er nicht dein Onkel ist, wer ist er dann?« »Er ist Dannys Papa. Er hat mich gerettet und bei sich aufgenommen. Der Gentleman Reverend wurde getötet, aber er hat mich gerettet.«

»Der Gentleman Reverend wurde getötet?«

»Hören Sie nicht auf sie«, sagte ich und machte eine abfällige Handbewegung. »Sie hat eine zu rege Fantasie. Geburtsfehler, um ehrlich zu sein.«

Miller blieb aber hartnäckig: »Und wer hat den Gentleman Reverend umgebracht, mein Liebling?«

»Sie sollten wirklich nicht auf sie hören«, warf ich ein.

Charity machte einen besorgten Gesichtsausdruck. »Der Gentleman hat ihn nicht umgebracht, Sir. Der Gentleman hat mich gerettet. Umgebracht hat ihn ...«

Sie legte die Hände so vor ihr Gesicht, dass nur noch ihre Augen unbedeckt waren, um verstohlene, umherhuschende Blicke anzudeuten. Dann krümmte sie ihre Fingerspitzen, bis sie aussahen wie-Zähne, und machte einen Buckel, der auf eine abscheulich beschwörende Weise an Brown Jenkin erinnerte. Schließlich hüpfte sie vor dem Detective Sergeant so hin und her, dass er vor Beunruhigung regelrecht erstarrte.

»Sir«, flüsterte Jones. »Was in drei Teufels Namen soll denn das sein?«

»Brown Jenkin«, sagte Miller, dessen Gesicht kreidebleich geworden war.

»Was, Sir?«

»Ich sagte: Ich denke nach.«

»Oh, gut, Sir. Sehr gut, Sir.«

Miller bückte sich zu Charity hinab, fasste sie an den Händen und sah ihr direkt in die Augen. »Charity, wo wurde der Gentleman Reverend ermordet?«

»Im Wohnzimmer, Sir.«

»Er ist aber nicht mehr dort, oder?«

»Nicht jetzt, Sir.«

Miller war aufmerksam genug, um die ungewöhnliche Betonung des Wortes >jetzt< zu bemerken, aber offenbar verstand er nicht dessen wirkliche Bedeutung. Wer hätte das auch schon gekonnt? Selbst Charitys altmodisches Benehmen hätte keinen halbwegs vernünftigen Polizisten auf den Gedanken bringen können, dass ich sie erst vor kurzem aus dem Jahr 1886 mitgebracht hatte. Ich konnte es ja selbst kaum glauben. Es war wie ein Traum oder wie ein Film.

Miller richtete sich wieder auf und sah mich geduldig an. »Ich glaube, Sie sollten mir besser erzählen, was geschehen ist«, sagte er, während er so dicht neben mir stand, dass Jones ihn nicht verstehen konnte. »Meine Vorgesetzten werden es wohl kaum glauben, ebenso Jones. Aber ich glaube es, und ich sage Ihnen, dass dem Ganzen ein Ende gesetzt wird, bevor noch mehr Menschenleben zu beklagen sind.«

»Ich bin nicht sicher, ob ich Ihnen helfen kann«, erwiderte ich.

Ich hatte meine eigenen Pläne für Fortyfoot House, ich wollte nicht, dass Detective Sergeant Miller alles nur noch komplizierter machte.

»Warum sollte mir dieses Mädchen wohl erzählen, dass Mr. Pickering umgebracht wurde?«, fragte er.

»Lebhafte Fantasie, würde ich sagen.«

»Aber ... wir könnten uns ja mal im Haus umsehen, oder?«

»Natürlich. Wenn Sie das möchten.«

Miller drehte sich um und nahm Charity an die Hand. »Warum zeigst du mir nicht, wo der Gentleman Reverend ermordet wurde, Charity?«

Sie führte ihn gehorsam zum Haus. Jones und ich folgten den beiden. »Kinder«, sagte Jones. »Ich hasse Ermittlungen mit Kindern. Man weiß nie, wie viel wahr ist, wie viel sie dazu-dichten und wie viel sie aus dem Fernsehen haben.«

Ich sagte nichts. Mir schien es am sichersten, den Mund zu halten.

Miller ging bis ins Wohnzimmer und schlich herum. Natürlich sah der Raum anders aus als 1886. Die Holzvertäfelung war verschwunden, die Möbel waren durch moderneres Mobiliar ersetzt worden. Der Kamin war noch an seinem Platz, doch den viktorianischen Stil hatte man in den dreißiger Jahren mit beigefarbenen Kacheln modernisiert.

»Also ... Zeichen für einen Kampf kann ich nicht sehen«, sagte Miller. »Wo genau wurde der Gentleman Reverend denn umgebracht?«

Charity deutete auf die Stelle, wo gestern vor 106 Jahren Brown Jenkin Dennis Pickering auf unglaublich brutale Weise getötet hatte.

»Aha«, machte Miller. »Und wie wurde er umgebracht?«

Charity formte aus ihrer Hand eine Kralle und deutete eine aufwärts gerichtete aufreißende Bewegung an.

»Er hat sich zu Tode gekratzt«, meinte Jones.

Miller sagte nichts, kreiste aber weiter durch den Raum und inspizierte jeden Quadratzentimeter. Dann wandte er sich wieder Charity zu und fragte: »Was hat man denn mit dem Gentleman Reverend gemacht, nachdem er tot war?«

Charity schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht. Wir sind weggelaufen. Dannys Papa hat mich nach oben gebracht und mich gerettet.«

Jones warf Miller einen geringschätzigen Blick zu. »Um ehrlich zu sein, Sir, klingt das für mich schwer nach einem Märchen.«

»Hier müsste literweise Blut zu finden sein«, sagte Miller.

»Literweise«, stimmte ich ihm zu. Ich begann zu schwitzen, obwohl ich nicht wusste, warum. Miller schaffte es, dass ich mich schuldig fühlte, dabei hatte ich überhaupt nichts getan.

»Es macht Ihnen doch nichts aus, wenn ich einen Blick unter den Teppich werfe?«, fragte Miller.

»Fühlen Sie sich wie zu Hause«, erwiderte ich.

Jones kippte den Sessel ein wenig, sodass Miller den Teppich darunter fortziehen konnte, um ihn dann ordentlich aufzurollen, damit er die Dielenbretter in der Mitte des Raums begutachten konnte. Er hatte ja eigentlich Recht, der ganze Boden war mit Pickerings Blut bedeckt worden, aber im Lauf von hundert Jahren war das zu einem dunklen, rostigen Rorschach-Muster geworden.

Miller kniete nieder und strich über den Boden. » Hier ist zwar etwas verschüttet worden, aber nicht in jüngerer Zeit.« Jones gesellte sich zu ihm: »Sehen Sie hier, Sir. Der Boden ist irgendwann mal geöffnet worden. Das ist allerdings auch schon sehr lange her, aber es ist nicht ordentlich ausgeführt worden ...«

Millers Blick war so giftig, als wolle er mich auf der Stelle umbringen. Er machte kein Hehl daraus, dass ich seiner Ansicht nach mehr über Pickerings Verschwinden wusste, als ich ihm verriet. Dennoch war ich ziemlich sicher, dass er mich nicht für einen Mörder hielt. Anders als seine Kollegen war er bereit, an die Geräusche und die Lichter und die übernatürlichen Kräfte zu glauben, die den Frieden in Fortyfoot House störten. Sein einziges Problem war, Beweise zu erbringen.

»Würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn wir ein paar Bohlen herausnehmen, um zu sehen, was sich darunter befindet?«, fragte er mich.

»Es ist nicht mein Haus, da sollten Sie besser mit den Maklern sprechen.«

»Wir werden auch nichts beschädigen.«

»Trotzdem sollten Sie erst mit den Maklern reden. Dunn & Michael in Ventnor.«

Miller zuckte mit den Schultern. »Na gut, Mr. Williams. Wenn Sie das für erforderlich halten, werden wir das machen.«

»Ich will Sie nicht in Ihrer Arbeit behindern. Aber wenn irgendetwas beschädigt wird ... na ja, dann trage ich die Verantwortung.«

»Ich verstehe«, sagte Miller beschwichtigend. »Wir sind ungefähr in einer halben Stunde wieder da. Können wir den Teppich so liegen lassen?«

»Aber natürlich.«

Miller und Jones verließen Fortyfoot House ohne ein weiteres Wort. Ich stand vor der Tür und sah zu, wie sie abfuhren, dann wandte ich mich an Danny und Charity und sagte: »Warum geht ihr nicht runter zum Strand und spielt dort eine Weile? Danny, du kannst Charity zeigen, wie man ein Taschenkrebsrennen veranstaltet. Danach mache ich euch Frühstück.«

»Aber ich habe jetzt Hunger«, beschwerte sich Danny.

»Danny, bitte. Du weißt, dass es im Moment nicht ganz einfach für mich ist. Kommt in ... na, sagen wir, in zwanzig Minuten zurück. Komm, ich leihe dir auch meine Uhr.«

Ich nahm meine durchsichtige Swatch ab und legte sie um Dannys dünnes Handgelenk. Seit fast sechs Monaten hatte er mich bearbeitet, damit er so eine Uhr bekam, wie ich sie hatte, und jetzt war er so begeistert, dass er sein Grinsen gar nicht mehr abstellen konnte. Charity sah fasziniert auf die Uhr, aber Danny legte seinen Arm um ihre Schultern und sagte: »Komm, Charity! Lass uns Taschenkrebse suchen.« Dann rannten sie aus der Küche nach draußen in den Garten.

Während ich den beiden nachsah, wünschte ich mir die Unschuld dieser Zeit zurück. Für mich und Janie. Und für mich und Liz.

Ich nahm das kurze Stemmeisen aus meiner Werkzeugkiste und brachte es ins Wohnzimmer. Wenn irgendjemand oder irgendetwas unter diesen Dielen versteckt worden war, dann wollte ich es als Erster finden. Ich steckte das flache Ende des Stemmeisens zwischen zwei Bretter und bewegte es vorsichtig nach oben, um nicht zu deutliche Spuren zu hinterlassen. Zunächst wollten die Bretter aber nicht nachgeben. Sie saßen zwar locker und rutschten hin und her, wenn man auf sie trat, doch die Nägel, mit denen man sie befestigt hatte, waren mit großer Kraft eingeschlagen worden. Es würde erhebliche Mühen kosten, sie zu lockern.

Ich begann vorsichtig, doch nach sechs oder sieben erfolglosen Versuchen gab ich diesen Plan fast auf. Was sollte es auch? Ich sollte Fortyfoot House renovieren, und wenn ich dabei den Fußboden im Wohnzimmer aufreißen wollte, dann konnte ich das verdammt noch mal auch machen. Ich konnte immer noch sagen, dass ich Trockenfäule gerochen hätte.

Schließlich gelang es mir, von einem gequälten Knarren begleitet, einen der längsten Nägel aus dem Holz zu ziehen. Und mit ein wenig Anstrengung gab dann auch noch das Brett seinen Widerstand auf.

Darunter war es finster, aber trocken. Ich hatte meine Taschenlampe auf dem Treppenabsatz gelassen, aber ich wusste auch ohne sie, dass sich etwas unter diesem Fußboden befand.

Als ich ein weiteres Brett entfernte, sah ich, was Fortyfoot House seit Jahren unter seinem Fußboden verbarg: einen aschfahlen mumifizierten Körper, sorgfältig zwischen den Querbalken des Bodens verstaut. Die Haut war völlig trocken und hatte die Farbe von Mahagoni, die Arme waren wie Hühnerklauen angewinkelt, die Augenhöhlen waren leer, der Bauch war geöffnet worden und sah, nachdem er über viele Jahre hinweg getrocknet war, eher wie ein Wespennest aus.

Trotz des Mumifizierungsprozesses war sofort zu erkennen, um wen es sich handelte: Dennis Pickering, den man vor über 100 Jahren getötet und unter dem Fußboden begraben hatte. Die trockene Luft unter dem Fußboden hatte seinen Körper und seine Kleidung weitestgehend konserviert, und das, was von ihm übrig war, genügte für Detective Sergeant Miller, um ihn zu identifizieren. Wie Miller allerdings eine gut hundert Jahre alte Mumie in Hush Puppies und Unterwäsche von Marks & Spencer erklären wollte, war mir nicht klar, und ich wollte es auch nicht wissen. Sobald Miller mit Fortyfoot House fertig war, würde ich das Haus bis auf die Grundmauern abbrennen. Mit ein wenig Glück würde es uns alle von Brown Jenkin, vom jungen Mr. Billings und von Kezia Mason sowie von allen anderen Geistern befreien, die Bonchurch seit dem Tag heimgesucht hatten, an dem Fortyfoot House erbaut wurde.

Lange Zeit starrte ich Pickerings geschrumpften Leichnam an. Es war unvorstellbar, dass ich erst gestern noch mit ihm gesprochen hatte, und jetzt lag er dort vor mir wie ein Ausstellungsstück aus dem British Museum.

»Armes Schwein«, sagte ich tonlos. Noch nie hatte mir ein Mensch so Leid getan. Und das Schlimmste war, dass ich seiner Frau nicht mal sagen konnte, was ihm wirklich zugestoßen und wo er abgeblieben war.

Ich musste die Mumie loswerden, bevor Miller zurückkehrte, wusste aber nicht, wie ich das anstellen sollte. In der Gartenlaube gab es eine große altmodische Schubkarre, mit der ich ihn in den Garten hätte bringen und unter einem Komposthaufen verstecken können. Aber abgesehen von der Tatsache, dass er zu Staub zerfallen konnte, sobald ich ihn berührte, war das Risiko immens. Wenn Miller mich dabei erwischte, wie ich Pickerings Leiche beerdigte, würde er sofort und zu Recht annehmen, dass ich etwas über seinen Tod wusste. Dabei genügte es schon, dass er mir den Tod von Harry Martin und das unerklärliche Auftauchen von Charity hätte anhängen können.

Ich ging durch die Küche zurück. Ich wollte einen kurzen Blick auf den Komposthaufen werfen, um zu prüfen, ob ich Pickering darin verstecken konnte. Als ich aber die Haustür öffnete, sah ich, wie ein Streifenwagen neben meinem Audi hielt. Ein uniformierter Polizist stieg aus und setzte seine Mütze auf, um sich dann mit hinter dem Rücken verschränkten Armen neben seinen Wagen zu stellen. Miller hatte offensichtlich den Mann herbestellt, damit er ein Auge auf mich hatte.

Verdammt, was sollte ich jetzt tun? Die Situation wurde mit jeder Sekunde komplizierter. Wenn ich sicher gewesen wäre, dass Miller mir jedes Wort geglaubt hätte, dann hätte ich ihm die Wahrheit erzählt. Aber so sehr er auch an Geister, an Brown Jenkin und an die übernatürlichen Mächte in Fortyfoot House glauben mochte, musste er doch seinen Vorgesetzten einen Bericht vorlegen. Und wenn Pickerings

Leiche gefunden wurde, dann musste er mich unter Mordverdacht festnehmen. Dennis Pickering war immerhin der Vikar, nicht irgendein Penner oder ein besoffener Tourist. Natürlich konnte er nicht beweisen, dass ich etwas getan hatte, weil dem einfach nicht so war. Aber er konnte mich für Monate hinter Gitter und Danny zurück zu Janie oder zu einer Pflegefamilie bringen. Und Liz würde ich auch nie wiedersehen.

Ich ging zurück ins Wohnzimmer und betrachtete die mumifizierte Leiche. Ich konnte sie nicht hier und jetzt aus dem Haus schleppen, selbst wenn ich den Mut gefunden hätte, sie anzufassen. Aber was war, wenn ich sie damals, 1886, aus dem Haus brächte, nachdem Kezia Mason und Brown Jenkin Pickering begraben hatten?

Wenn ich es damals machte, dann würde der Tote jetzt nicht hier sein. Allerdings ging mir der Gedanke durch den Kopf, dass er möglicherweise aus dem Grund hier war, weil ich es 1886 nicht geschafft hatte, ihn aus dem Haus zu bringen. Könnte ich wirklich die Geschichte ändern? Könnte ich zurückreisen und dafür sorgen, dass man Pickerings Leiche niemals fand? Könnte ich vielleicht sogar verhindern, dass er überhaupt getötet wurde? Die Möglichkeiten erschienen mir unendlich. Vielleicht konnte ich ja dafür sorgen, dass Kezia Mason gar nicht erst ins Fortyfoot House gebracht wurde, dass der alte Mr. Billings nicht von einem Blitz getroffen wurde. Vielleicht konnte ich die Geschichte sogar dahingehend verändern, dass Brown Jenkin nie gezeugt wurde.

Ich setzte die Dielenbretter wieder ein und trat sie fest, dann schlug ich die Nägel wieder ein und nahm eine Hand voll Staub und Asche aus dem Kamin, um sie in die Spalten zwischen den Brettern zu reiben, damit sie so aussahen, als hätte sie seit hundert Jahren niemand mehr angerührt. Sehr überzeugend sah meine Arbeit nicht aus, aber falls Miller die Bretter schnell genug heraushebeln ließ, ohne sie erst gründlich zu studieren, dann war es denkbar, dass ihm nichts auffiel.

Ich sah aus dem Fenster nach Danny und Charity, die bei der Sonnenuhr spielten. Charity saß auf dem Gras und flocht ein Stirnband aus Gänseblümchen, während Danny auf einem Bein um sie herumhüpfte. Es sprach nichts dagegen, sie ein paar Minuten unbeobachtet zu lassen, damit ich über den Speicher gehen und Dennis Pickerings Leiche wegschaffen konnte.

Ich lief natürlich Gefahr, Brown Jenkin oder Kezia Mason zu begegnen, aber wenn ich vorsichtig war und ihnen aus dem Weg ging oder wenn ich wenigstens schnell genug rennen konnte, dann hatte ich durchaus eine Chance. Immerhin war ich diesmal auf das vorbereitet, was mich erwartete. Ich nahm mein Stemmeisen, ging auf den Speicher und lauschte. Einen Moment lang glaubte ich, Stimmen zu hören, aber dann wurde mir klar, dass es nur der Wind war, der sich am Dach fing. Ich hatte gehofft, dass noch immer Tageslicht zu sehen sein würde, doch es war stockfinster. Ich schaltete meine Taschenlampe an und suchte den Speicher ab ... aber nach was?

Zwar war es auf dem Speicher dunkel, aber ein ganz schwacher bläulicher Lichtschein fiel durch das Fenster herein. Es war noch immer der Dachboden des Jahres 1886. Nur war es diesmal mitten in der Nacht. Ich ging an dem Dachfenster vorüber und warf einen Blick nach draußen. Ich konnte die Sterne am Himmel und davor eine dünne Schicht grauer Wolken sehen.

Ich richtete den Strahl der Taschenlampe auf die Klapptür. Sie war nach wie vor von der Speicherseite aus verriegelt, aber einer der Bolzen hatte sich gelockert, als hätte jemand von unten mit unvorstellbarer Kraft immer und immer wieder dagegen geschlagen.

Ich zögerte einen Augenblick, doch dann ging ich hinüber und schob die Riegel vorsichtig zurück. Als ich so weit war, hielt ich den Atem an und lauschte bestimmt eine halbe Minute lang, ob ich unter mir jemanden hören konnte. Wenn ich eines nicht wollte, dann war das, von Brown Jenkin die Beine zerfetzt zu bekommen, während ich mich in mein Schlafzimmer hangelte.

Ich öffnete die Klapptür und sah vorsichtig nach unten. Der Raum war dunkel, aber ich konnte die fahlen Umrisse des bezogenen Betts erkennen. Brown Jenkin musste den Stuhl weggetreten haben, da ich nur eines der Stuhlbeine erkennen konnte. Ich würde also direkt auf den Boden springen müssen, ohne zu viel Lärm zu machen. Ich lauschte wieder, konnte aber keine Stimmen hören. Das Einzige, was an meine Ohren drang, war das Schlagen einer Tür. Natürlich hatte ich keine Ahnung, welche Tageszeit es 1886 war. Ich wusste ja nicht einmal, ob ich an demselben Tag des Jahres 1886 zurückgekehrt war. Vielleicht war es jetzt eine Woche früher oder eine Woche später oder sogar das Jahr 1885 oder 1887. Es gab keinen Anhaltspunkt dafür, dass Brown Jenkin vor ein paar Stunden gegen den Stuhl getreten hatte. Er konnte genauso gut seit Monaten dort liegen, Fortyfoot House mochte längst verlassen sein.

Ich konnte nur darauf hoffen, dass die beiden Zeiten parallel verliefen, während ich mich in das Schlafzimmer hinabließ und das letzte Stück sprang. Nachdem ich gelandet war, stand ich eine Weile wie erstarrt da und horchte, um sicher zu sein, dass niemand mich gehört hatte. Das Schlafzimmer sah noch genauso aus wie bei meinem letzten Besuch. Von unten hörte ich die Standuhr elf Uhr schlagen.

Die Schlafzimmertür stand einen Spalt offen. Ich schlich langsam weiter, stets darauf bedacht, möglichst keine Geräusche zu verursachen. Eines der Bretter knarrte leise unter meinem Gewicht, aber insgesamt war der Fußboden recht stabil. Mein Herz raste und ich atmete so heftig wie ein Seiltänzer. Es konnte durchaus sein, dass Brown Jenkin im Korridor nur auf mich wartete oder dass Kezia Mason meine Anwesenheit spüren konnte.

Die Wände mit Samt bespannt, so schwarz, wie Sünde und so fein, hörte ich mich im Geiste sagen. Und kleine Zwerge kriechen raus ...

Ich zog die Schlafzimmertür auf und blickte in den Korridor, in dem es noch viel dunkler war. Ich wartete und lauschte, bis meine Ohren vor Anstrengung schmerzten.

In diesem Moment schälten sich aus der Dunkelheit erst eine kleine weiße Gestalt und dann weitere. Ich war so in Panik, dass ich mich nicht bewegen konnte. Ich schaffte es nicht mal, mein Stemmeisen zu heben. Die Gestalten kamen immer näher, verursachten aber fast keine Geräusche.

Zwerge, die aus dem Schrank entkommen waren, Geister, die ihrem Grab entstiegen waren. Oder ...

15. Die Wahrnung

Die kleinen Gestalten kamen mir immer näher, und im fahlen Schein aus dem Schlafzimmer konnte ich erkennen, dass es sich um Kinder handelte, die lange weiße Nachthemden trugen. Ihre Augen waren von Erschöpfung und Unterernährung gezeichnet, ihre Haare waren zerzaust, aber sie waren weder Zwerge noch Geister, sondern einfach nur Kinder - zwei Mädchen und ein Junge.

»Wer sind Sie?«, fragte eines der Mädchen mit dem gleichen Akzent wie Kezia Mason. Es war recht hübsch, aber so dünn, dass es schmerzte, das Kind anzusehen. »Ich habe Sie hier noch nicht gesehen. Weiß der Leiter, dass Sie hier sind?«

Ich schüttelte den Kopf. »Nein. Und ich möchte auch nicht, dass er es weiß.«

»Woher kommen Sie?«, wollte der kleine Junge wissen.

»Brighton.«

»Meine Mama ist mal mit mir im Zug nach Brighton gefahren.«

»Du hast gar keine Mama«, warf das andere Mädchen ein.

»Hab ich wohl. Sie ist mit mir mal nach Brighton gefahren. Dann bekam sie noch ein Kind und ist gestorben.« »Pscht!«, machte ich. »Wir wollen doch niemanden aufwecken, nicht wahr?«

»Was machen Sie dann hier?«, fragte das erste Mädchen. »Sie sind doch kein Skinner, oder? Brown Jenkin mag keine Skinner.«

»Was ist ein Skinner?«, erwiderte ich.

»Sie wissen schon. Einer von den Ärzten oder Reverends, vor denen man sich ausziehen muss, damit sie einen angucken können.«

»Nein, nein, ich bin kein Skinner. Ich suche nur einen Freund.«

»Sie müssen aufpassen, damit Brown Jenkin Sie nicht erwischt«, warnte mich das zweite Mädchen.

»Ich kenne Brown Jenkin«, erklärte ich ihr. »Ich kenne auch Kezia Mason.«

»Wenn Sie Ihren Freund gefunden haben, werden Sie dann wieder fortgehen?«, wollte der kleine Junge wissen.

»Oh, ja, ich werde mich direkt wieder auf den Weg machen.«

»Würden Sie uns mitnehmen?«

»Euch mitnehmen? Euch alle? Ich weiß nicht, aber ich glaube nicht, dass das geht. Warum eigentlich?«

»Weil viele von uns sterben. Darum. Mr. Billings guckt dich an und sagt, dass du krank bist und dass du behandelt werden musst. Dann nimmt dich Brown Jenkin mit zum Picknick, und danach sieht dich niemand wieder, bevor du begraben wirst.«

»Aber wir sind nicht krank«, erklärte das erste kleine Mädchen. »Mr. Billings gibt uns nicht viel Essen, immer nur Brot und Reste. Darum haben wir alle Hunger. Aber wir sind nicht krank. Nur Billy ist krank. Er hat Keuchhusten. Er hat immer Keuchhusten.«

»Wie viele Kinder sind noch hier?«, fragte ich ihn.

»Einunddreißig, aber Charity fehlt. Niemand weiß, was mit ¿Ar passiert ist.«

Ich wusste natürlich, wo Charity war, sagte aber nichts davon. Ich war nicht hergekommen, um all diese East End-Gören aus Mr. Billings' Waisenhaus zu holen. Ich hatte weder Zeit noch die selbstlose Opferbereitschaft, das zu tun. Was als Versuch begonnen hatte, mehr über die Vorgänge in Fortyfoot House zu erfahren, entwickelte nun alle Kennzeichen der Herberge zur sechsten Glückseligkeit. Wenn ich nicht aufpasste, hätte ich bald einen Treck von Waisenkindern hinter mir und würde durch das Jahr 1886 ziehen.

Im Augenblick ging es mir nur darum, Pickerings Leichnam unter den Fußboden hervorzuholen und fortzuschaffen.

»Hört mal«, sagte ich zu den drei Kindern. »Ich muss unten etwas Wichtiges erledigen. Wenn ich damit fertig bin, komme ich wieder rauf und spreche mit euch. Wo schlaft ihr?«

Das erste kleine Mädchen deutete auf die nächste Tür im Flur. Das Zimmer, in dem in meiner Zeit nur kaputte Stühle, Kisten und Bücher untergebracht waren.

»Also gut«, flüsterte ich, »ich bin in zwanzig Minuten zurück. Versucht, wach zu bleiben.«

»Das werden wir.« Die drei drehten sich um und begannen, wieder in der Dunkelheit zu verschwinden, als das erste Mädchen noch mal zu mir zurückkam und wisperte: »Kommen Sie mit.«

Ihre eiskalten und dünnen Finger umschlossen meine Hand, während sie mich zu dem Zimmer führte, in dem Liz geschlafen hatte, bevor sie in mein Zimmer gezogen war. Sehr vorsichtig drückte das Mädchen die Klinke herunter und öffnete leise die Tür.

»Wessen Zimmer ist das?«, fragte ich.

»Pschht«, zischte das Mädchen nur.

Als die Tür weit genug geöffnet war, spürte ich, wie mir eine eisiger Schauder über den Rücken lief. Ein Teil des Zimmers wurde von einem hohen Holzbett dominiert, auf dem drei oder vier Wolldecken lagen. Auf der linken, vom Fenster abgewandten Seite lag Mr. Billings auf dem Rücken, die Augen geschlossen, den Mund weit geöffnet und die

Arme an seinen Körper gelegt. Er schnarchte sehr laut und hörte sich so an, als würde er sich jeden Augenblick verschlucken. Neben ihm lag Kezia Mason, deren rotes Haar wie eine sich ausbreitende Flamme auf dem Kissen verteilt war. Zu meinem Entsetzen hatte sie die Augen geöffnet und starrte zur Decke.

Das Mädchen spürte, wie sich meine Finger versteiften. »Alles in Ordnung«, flüsterte sie. »Sie ist nicht wach. Sie schläft immer mit offenen Augen.«

»Jesus«, sagte ich. Es war ein erschreckender Anblick, Kezia Mason so starr und mit offenen Augen daliegen zu sehen. Ich wollte fast nicht glauben, dass sie schlief und uns nicht sehen konnte.

Das kleine Mädchen zog die Tür wieder zu.

»Wo ist Brown Jenkin?«, fragte ich.

»Ich weiß nicht. Bestimmt irgendwo draußen.«

»Draußen?«

»Er schläft nie. Ich sehe ihn nie schlafen. Er rast immer hierhin und dahin. Ich hasse ihn.«

»Wer ist er eigentlich genau? Er sieht mehr nach einer Ratte als nach einem Jungen aus.«

»Ja, aber er ist mehr ein Junge als eine Ratte.«

Das kleine Mädchen ging zurück zum Schlafzimmer und öffnete die Tür. »Übrigens, mein Name ist Molly.«

Ich musste sofort an einen der Grabsteine denken, die ich rund um die Kapelle gesehen hatte. Ein einfacher Stein mit der Inschrift >Molly Bennett, 11 Jahre alt, Zur rechten Hand von Christus<. Ich konnte Molly einfach nicht fragen, ob sie mit Nachnamen möglicherweise Bennett hieß. Die Vorstellung, dass Brown Jenkin dieses kleine Mädchen in Kürze zu einem seiner üblen >Picknicks< mitnehmen würde ... Ich strich über ihr zerzaustes Haar. Sie war völlig real, auch wenn zwischen uns über hundert Jahre lagen. Wenn ich in den letzten Tagen eines gelernt hatte, dann war es die Tatsache, dass die Zeit auf die Realität der menschlichen Existenz keinen Einfluss hatte. Wenn wir einmal da sind, sind wir immer da.

Es war ein seltsamer Gedanke, der mich ein wenig traurig stimmte, aber auch tröstete.

»Ich bin in ein paar Minuten zurück«, sagte ich zu Molly. Dann ging ich die Treppe hinunter und durch den Flur, vorbei an den sonderbaren Aquarellen und Stichen. Ich konnte sie in dem schwachen Lichtschein, der durch das Oberlicht der Haustür fiel, schwach erkennen. Jetzt wirkten sie allerdings noch obszöner und mysteriöser, ein Bildkatalog gynäkologischer Grässlichkeiten. Ich sah verzweifelte Gesichter und entsetzliche Chirurgeninstrumente, sterbende Mütter, die in Stücke geschnitten wurden, um ihre lebenden Kinder zu retten. So schnell ich konnte, lief ich an diesen Bildern vorbei.

Die Tür zum Wohnzimmer stand offen. Es gab keine Lampen, und es war niemand da. Aber an der Art, wie die Möbel im Raum standen, konnte ich erkennen, dass seit meinem ersten Besuch nur wenige Stunden vergangen waren. Der Kamin war sauber gemacht worden, der Teppich war wieder gerade gerückt worden, aber das waren auch schon die einzigen Hinweise darauf, dass jemand begonnen hatte, hier aufzuräumen.

Ich ging bis zur Mitte des Zimmers und erreichte die Stelle, an der Dennis Pickering ermordet worden war. Der Boden war feucht und roch streng nach Seife. Offenbar hatte ihn jemand gewischt. Aber Seife und Wasser hatten nicht ausgereicht, um den großen dunklen Blutfleck zu entfernen. 106 Jahre später war er immer noch da, wie ich vor gerade mal einer halben Stunde festgestellt hatte.

Ich kniete nieder und begann, mit meinem Stemmeisen die Dielenbretter zu lösen, musste dabei aber äußerst vorsichtig vorgehen, da die Nägel ein lautes quietschendes Geräusch machten.

Dennis Pickering war erst an diesem Nachmittag getötet worden, aber schon jetzt war der Verwesungsgeruch unerträglich. Ich verstand nicht, warum der junge Mr. Billings und Kezia Mason ihn nicht irgendwo draußen begraben hatten,

aber vielleicht hatten sie das gleiche Problem wie ich. Vielleicht wurden sie von der Polizei oder eher von aufmerksamen Nachbarn beobachtet. Bonchurch war 1992 eine eng verbundene Gemeinde, das musste 1886 noch viel schlimmer gewesen sein: Immerhin war die Einwohnerzahl damals nur halb so groß.

Ich löste erst ein Brett, dann ein zweites. Der arme Pickering lag zusammengekauert in der Position da, in der ich ihn hundert Jahre später vorfinden sollte. Ich spürte, wie sich der Inhalt meines Magens in meiner Speiseröhre nach oben schob, doch ich wusste, dass ich den Leichnam hier rausschaffen musste. Ich musste es für mich tun, für Danny und vielleicht auch für Pickerings eigene unsterbliche Seele. Niemand verdiente es, ohne eine Totenmesse unter einem Fußboden verscharrt zu werden.

Eine Sache machte mir allerdings zu schaffen: die Frage, ob ich in die Geschichte eingriff. Es erschien mir völlig paradox, dass er hier tot vor mir lag, obwohl er eigentlich nicht mal gezeugt worden war. Wenn die Zeit aber mehr wie in einer Geschichte oder in einem Film verlief, dann gab es vielleicht kein echtes Paradox. Nur, wer war der wirkliche Dennis Pickering? Der, der hier tot lag, oder der, der erst noch geboren werden würde?

Mir begann schwindlig zu werden — aus Angst und Verwirrung. Ich musste die Augen schließen und mir befehlen, nicht darüber nachzudenken, sondern einen Schritt nach dem anderen zu tun.

Schließlich fand ich die Kraft, um mich nach vorne zu beugen und meine Hände unter Pickerings Schultern zu schieben. Schwer atmend zog ich ihn an den Schultern und seinem linken Arm aus dem Loch im Boden, bis ich ihn in eine halb sitzende Position gebracht hatte. Seine Hand schlug laut auf den Boden, seine leeren Augenhöhlen waren schwarz von getrocknetem Blut, das auch auf seinen Wangen klebte. Vielleicht war das Blut, das auf dem Wandgemälde aus dem Maul von Brown Jenkin getropft war, so etwas wie eine Warnung gewesen, dass ich mich nicht einmischen sollte.

Ich richtete mich auf und griff unter Pickerings Arme, um ihn aus seinem Grab zu ziehen und auf den Boden zu legen. Zu meinem Glück hatte Brown Jenkin Pickerings innere Organe wieder zurück in die Bauchhöhle geschoben und sein blutgetränktes Hemd zugeknöpft, sodass seine Innereien einigermaßen zurückgehalten wurden. Doch allein der Gedanke ließ mich wieder und wieder schlucken, während ich versuchte, meinen Geist mit irgendetwas anderem zu beschäftigen.

Ich zog ihn hinüber bis zum Fenster, dann ging ich zurück und legte die Dielenbretter wieder an ihren Platz. Nachdem ich die Tür geschlossen hatte, benutzte ich einen Hammer, den ich am Kamin entdeckt hatte, um die Nägel wieder einzuschlagen. Ich legte ein Kissen vom Sofa dazwischen, um das Geräusch zu dämpfen. Zwar hörte es sich in meinen Ohren an, als klopfe Satan an die Tore zur Hölle, aber ich nahm an, dass es nicht allzu laut war.

Halb trug ich Pickering nach draußen, halb zog ich ihn hinter mir her, während ich ihn aus dem Haus schaffte und über die Veranda brachte. Seine Fersen rutschten holpernd über die Steinstufen. Dann zog ich ihn über den Rasen, vorbei am Teich, über die Brücke und zwischen den Bäumen hindurch, die den Weg zum hinteren Gartentor säumten.

Ich wollte ihn hinunter zum Strand bringen und so weit wie möglich ins Meer schleppen, damit ihn die Taschenkrebse zu fassen bekamen. Jeder, der ihn am nächsten Morgen finden würde, sollte denken, dass es sich bei ihm einfach nur um einen ertrunkenen Fischer handelte. Obwohl das im Jahr 1886 eigentlich völlig egal war, schließlich kannte hier niemand einen Dennis Pickering.

Die Mauer am Strand war anders, als ich sie kannte. Es gab eine Reihe von Holzstufen, die zu den Felsen hinunterführten. Mir fielen die Stahlstifte auf, mit denen man diese Stufen an den Felsen befestigt hatte. Sie waren mir vertraut, nur dass im Jahr 1992 nichts mehr von den Stufen übrig war. Ich hatte mich immer gewundert, welchem Zweck diese Stifte gedient hatten — jetzt wusste ich es.

Ich schleppte Pickering zum Strand. Es war gerade Ebbe, sodass ich gut zweihundert Meter auf einem schmalen sandigen Pfad zwischen den Felsen zurücklegen musste. Schließlich hatte ich die ersten Wellen erreicht. Sie umspülten meine Hosenbeine und drangen in meine Schuhe ein. Pickerings Leichnam begann allmählich zu treiben, doch ich zog ihn weiter, bis ich bis zur Hüfte im Wasser watete. Ich versetzte ihm einen Stoß und sah zu, wie er davontrieb, bis nur sein heller Kragen in der Dunkelheit zu sehen war. Ich kannte kein Gebet, sondern dachte mir einfach eines aus. Unter diesem viktorianischen Himmel, in einer Welt, in der Großbritannien immer noch über Indien herrschte, in der die Zaren in Moskau das Sagen hatten, in der Präsident Cleveland in Washington an der Macht war ... in dieser Zeit schickte ich einen Mann aus einer anderen Zeit auf seine letzte Reise, auf dass er seinem Schöpfer begegnete. Ich watete zurück ans Ufer.

1886 gab es noch kein Strandcafe, sondern eine Reihe von Cottages, die genauso peinlich sauber und gepflegt wirkten wie 1992. Ich ging den steilen Pfad hinauf, der zurück zum Fortyfoot House führte. Er war nicht geteert, stattdessen knirschten unter meinen Schuhsohlen kleine Steine und lockerer Kies. In der Ferne hörte ich einen Hund bellen, und als ich Lichter blinken sah, wurde ich fast von der Unwirk-lichkeit meiner Situation überwältigt.

Ich näherte mich dem Gartentor, als ich eine düstere Gestalt bemerkte, die nahe der Hecke stand. Ihr Gesicht war hinter dem überhängenden Efeu verborgen. Ich blieb stehen und starrte in die Finsternis, um festzustellen, ob es sich vielleicht um Brown Jenkin handelte. Wenn er es wirklich war, konnte ich nur die Flucht ergreifen und versuchen, auf einem anderen Weg ins Fortyfoot House zurückzukehren.

Aber die Gestalt wirkte größer und massiger als Brown Jenkin. Sie gab keinen Laut von sich, während sie da im Schatten des Efeus stand, und hielt die Hände in einer Geste größter Geduld verschränkt.

»Wer ist da?«, fragte ich schließlich.

Die Gestalt trat einen Schritt nach vorn, ihr Gesicht wurde von einer Kapuze verdeckt, die der einer Mönchskutte glich. Ich war bereit, sofort loszurennen, als mein Gegenüber die Kapuze nach hinten schob. Es war der junge Mr. Billings, seine Wangen ein wenig narbig. Er roch nach Gin und irgendeinem süßlichen Rasierwasser. Nach einem Moment räusperte er sich. »Erkennen Sie mich nicht?«, fragte er ruhig.

»Natürlich«, sagte ich.

»Ich habe Sie beobachtet«, fuhr er fort. »Ich habe gesehen, was Sie da unten am Strand gemacht haben. Indem Sie hergekommen sind, Sir, sind Sie ein großes Risiko eingegangen. Indem Sie zurückgekommen sind, haben Sie das Risiko nur noch größer werden lassen.«

»Sie und Kezia Mason haben ihn ermordet«, sagte ich mit etwas zittriger Stimme. »Er hatte etwas Besseres verdient, als unter dem Fußboden begraben zu werden.«

»Oh ... etwas Besseres, sagen Sie? Sie meinen, von Taschenkrebsen gefressen zu werden?«

»Taschenkrebse, Würmer, was macht das schon? Wenigstens habe ich für ihn gebetet.«

»Gut für Sie«, sagte der junge Mr. Billings, während er langsam um mich herumging und mich von oben bis unten ansah. »Natürlich hat Ihre barmherzige Tat nichts damit zu tun, dass die Polizei nicht die Leiche von Reverend Pickering in dem Haus finden soll, in dem Sie der einzige denkbare Verdächtige wären.«

»Das vielleicht auch.«

Der junge Mr. Billings hielt inne und sah mich an. »Ich habe zwar meine Seele verkauft, Sir, aber ich bin kein Narr.«

»Das habe ich auch nicht gesagt.«

Eine Weile dachte er nach, dann sagte er: »Was soll ich Ihrer Meinung nach mit Ihnen machen?«

»Mein Sohn wartet auf mich«, erwiderte ich.

»Natürlich. Und Charity wartet auch auf Sie.«

»Brown Jenkin wollte sie töten.«

»Sie müssen mir nicht sagen, was Brown Jenkin will.«

»Haben Sie sich deswegen mit ihm im Garten gestritten?«

Er senkte den Blick. »Sie haben schon so viele genommen. Vermutlich werden Sie es mir nicht glauben, aber es bricht mir das Herz.«

Dieses plötzliche Bedauern kam für mich völlig überraschend. Bislang hatte ich geglaubt, dass der junge Mr. Billings und Brown Jenkin - auch wenn sie vielleicht gar nicht miteinander verwandt waren - Hand in Hand gearbeitet hatten.

»Was haben Sie mit den Kindern gemacht?«, fragte ich ihn. »Doch sicher nicht einfach nur getötet?«

»Natürlich nicht«, entgegnete Billings. »Aber es ist nicht so einfach zu erklären. Es hat mit Dingen zu tun, die die meisten Menschen nur schwer verstehen können. Wie Zeit und Realität. Und auch Moral. Und ob ein Menschenleben mehr wert ist als ein anderes.«

Ich warf einen Blick in Richtung Fortyfoot House. »Kann uns Brown Jenkin hier nicht finden?«

»Warum? Beunruhigt er Sie so sehr?«

»Es wäre eine Untertreibung, wenn ich sagen würde, er verfolgt mich in meinen schlimmsten Albträumen.«

»Nun, vielleicht wird er uns hier finden. Vielleicht auch nicht. Vielleicht muss ich auch nach ihm pfeifen.«

»Was ist er?«, fragte ich.

»Brown Jenkin ist alles, was er zu sein scheint. Ein boshafter kleiner Kerl, ein von Ungeziefer geplagter Nager, ein entsetzlicherjunge. Was Sie in ihm sehen, ist er auch.«

»Woher kommt er? Jemand hat mir erzählt, er sei Ihr Sohn.«

»Mein Sohn? Brown Jenkin? Ich würde mich gekränkt fühlen, wenn es nicht so albern wäre. Nein, Sir, er ist nicht mein Sohn. Er ist irgendwie Kezias Nachkomme, nachdem sie zurückgegangen war zu dieser ... dieser Kreatur Mazurewicz.« Nach dem letzten Wort spuckte er aus und wischte sich mit dem Handrücken den Mund ab.

»Was um alles in der Welt geht in diesem Haus vor sich?«, wollte ich wissen. »Seit meiner Ankunft habe ich Geräusche gehört und Lichter gesehen, ich habe Stöhnen gehört, ich habe Brown Jenkin herumlaufen gesehen, zwei unschuldige Menschen sind ermordet worden.«

Billings dachte einen Augenblick lang nach, dann sagte er: »Nein, Sie würden es nicht verstehen.«

»Versuchen Sie es.«

Er begann, hin und her zu laufen. »Ich soll es versuchen? Na gut, wie Sie wollen.« Er blieb abrupt stehen, holte eine Taschenuhr hervor und hielt sie dicht vor sein linkes Auge, um in der Dunkelheit die Zeit erkennen zu können. Auf der Uhr konnte ich für einen Moment eine Gravur sehen, die an einen Tintenfisch erinnerte. »Es ist schon spät. Für den Fall, dass wir gestört werden, möchte ich Ihnen zuerst eine Warnung mit auf den Weg geben.«

»Eine Warnung?«

»Es geht um Ihre Liz. Ihr Mädchen ... das Mädchen, das einmal Ihr Mädchen war.«

»Erzählen Sie«, forderte ich ihn auf. »Was ist mit ihr?«

»Wenn Sie nicht aufpassen, Sir, wird Ihre Liz Ihnen drei Söhne schenken, einen vom Blut, einen von der Saat und einen vom Speichel.«

»Was?«, sagte ich ungläubig. »Wovon reden Sie? Wir wollen überhaupt keine Kinder haben, außerdem nimmt sie die Pille. Sie wissen, was die Pille ist?«

Billings nickte: »Ich weiß einiges über Ihre Zeit.«

»Zumindest hoffe ich, dass sie die Pille nimmt. Ich habe gesehen, wie sie sie schluckt.«

»Es würde nichts ändern«, sagte Billings. »Keine Pille auf der ganzen Welt kann die Zeugung dieser drei Söhne verhindern, mein Freund. Denn diese drei Söhne werden drei in einem sein, die verkehrten drei in einem, die Unselige Dreifaltigkeit. Wenn sie gewachsen sind, werden sie gemeinsam die große Bestie zeugen, und dann wird die Tür zu der Welt geöffnet werden, die einmal war. Alle Vorstellungen der Menschheit von der Hölle werden dann Wirklichkeit werden , hier auf der Erde. In unseren Städten, in unseren Meeren.«

Er klammerte sich an das Geländer, das entlang des Pfads verlief, während ich zu glauben begann, sodass er völlig wahnsinnig sei. Aber er sprach ganz ruhig und gleichmäßig, ohne ein Anzeichen für Hysterie. Außerdem hatte ich schon genug Wahnsinniges in Fortyfoot House erlebt, dass ich wenigstens an ein gewisses Maß Wahrheit in seinen Worten glauben konnte. Wenn ich mit Kindern sprechen konnte, die seit hundert Jahren tot waren, wenn ich eine Ratte gesehen hatte, die sich benahm wie ein Mensch, wenn ich eine Erscheinung sehen konnte, die in den Körper einer schlafenden Frau eindringen konnte - dann konnte ich mir auch anhören, was der junge Mr. Billings zu sagen hatte.

»Was wissen Sie über Frauen, die man Hexen nennt?«, fragte er.

»Hexen?« Ich schüttelte den Kopf. »Nicht viel. Nur das, was ich aus Märchen kenne. Ich glaube, ich habe mal auf BBC 2 eine Sendung zu dem Thema gesehen. Es ging um weiße Hexen, die Torten schweben lassen und Warzen heilen konnten. Aber das ist auch schon alles. Sie konnten nicht auf einem Besen reiten.«

»Ich möchte Ihnen etwas sagen, was Sie glauben können, wenn Sie wollen«, sagte Billings. »Kezia Mason ist das, was Sie als Hexe bezeichnen würden.«

»Ich schätze, dass ich Ihnen das ohne weiteres glauben kann. Ich habe gesehen, wie sie die Wohnzimmertür geschlossen hat, ohne sie anzufassen. Und ich habe gesehen, wie sie Reverend Pickering das Augenlicht geraubt hat.«

»Das war nur ein Bruchteil dessen, wozu sie fähig ist«, erklärte Billings. »Sie ist kein lebendes Wesen so wie wir. Sie ist nicht mal ein Mensch. So wie alle Hexen ist sie ein Wesen aus einer Zeit lange vor der Existenz der Menschheit. Aus den lagen, als die Erde von einer anderen Zivilisation bevölkert wurde. Sie ist ein uralter Geist, wenn das verständlicher ist.«

»Ein Geist? Ein Gespenst?«

»Nein, nein, kein Gespenst. Nicht in dem Sinn, wie Sie es meinen. Mehr wie eine ... eine Seele.«

»Aber ich habe sie gesehen und gespürt. Sie war aus Fleisch und Blut.«

»Das ist richtig. Aber es ist nicht ihr Fleisch und Blut. Nicht mal der Name Kezia Mason gehört ihr. Sie lebt im Körper von Kezia Mason, aber sie ist so etwas wie ein Kuckuck, sie sitzt in einem angenehm warmen Nest aus menschlichem Fleisch. Alles, was einmal Kezia Mason war - ihre Erinnerungen, ihre Gedanken, ihre Persönlichkeit -, wurde aus dem Nest geschmissen wie ein junger Vogel. Wenn Kezia Mason stirbt oder zu alt wird, wird sie sie töten und einen anderen Körper übernehmen. Sie ist ein Parasit, wenn man so will.«

»Wissen Sie was?«, sagte ich kopfschüttelnd. »Ich glaube, einer von uns beiden ist verrückt.«

Billings war nicht verärgert, sondern sprach weiter: »Wieso glauben Sie das? Sie sind nicht verrückt, und ich kann nicht verrückt sein, weil ich die Wahrheit sage. Ich muss die Wahrheit sagen, sonst wüsste ich nicht, wer Sie sind. Und ich wüsste nichts über Ihren kleinen Jungen. Dies ist das Jahr 1886, und keiner von Ihnen beiden ist geboren. Es wird noch lange dauern, ehe das geschieht.«

»Na gut«, sagte ich schließlich. »Sie sagen die Wahrheit. Aber können Sie mir bitte erklären, was hier los ist?«

»Nun denn«, stimmte der junge Mr. Billings zu. »Um es so kurz zu machen, wie es mir nur möglich ist: Es war zunächst einmal der Fehler meines Vaters. Er verbrachte viele Jahre im Londoner East End, in den Slums, um verlassenen Kindern zu helfen. Er hat viele wunderbare Dinge geleistet, glauben Sie mir. Aber es erfüllt mich mit Schande, sagen zu müssen, dass er nicht aus reiner Menschenliebe handelte.«

»War er ein Skinner?«, fragte ich.

Billings warf mir einen bohrenden Blick zu: »Mit wem haben Sie sich unterhalten? Charity?«

»Ist nicht so wichtig. Erzählen Sie weiter.«

»Sie haben nicht ganz Unrecht. Er hatte eine Vorliebe für sehr junge Mädchen. Als er Kezia Mason zum ersten Mal im Haus von Dr. Barnardo sah, war er völlig hingerissen von ihr. Er wollte Kezia sofort mit in sein Waisenhaus nehmen, aber der Doktor war sehr vorsichtig im Umgang mit Männern seiner Art. Außerdem war Dr. Barnardo offenbar der Ansicht, dass Kezia nicht das war, was sie zu sein schien. Soweit er das beurteilen konnte, hatte sie Körper und Seele einem Geschöpf namens Mazurewicz versprochen, das in einem riesigen Rattennest unter einer der heruntergekommensten Londoner Kaianlagen lebte. Unter größter Gefahr für sein eigenes Leben hatte Dr. Barnardo Kezia Mason wieder und wieder von Mazurewicz weggeholt, aber sie war immer wieder geflohen und zu diesem ... diesem Ding zurückgekehrt. Dr. Barnardo sagte, das sei die unheiligste Beziehung, die er jemals erlebt habe. Ein Geschöpf, das wie der König der Ratten lebte und aussah, und das hübscheste Cockney-Mädchen, das ihm je begegnet sei.«

Obwohl ich alles dafür gegeben hätte, so schnell wie möglich ins Fortyfoot House und damit ins Jahr 1992 zurückzukehren, wo Danny und Charity immer noch im Garten spielten und auf ihr Frühstück warteten, konnte ich nicht anders, als noch eine Weile zu bleiben. Billings war erwacht, hatte sein Bett verlassen und war mir zum Strand gefolgt, um mir alles zu erzählen. Wie hätte ich da aufbrechen können?

Er hustete einmal, nahm sein Taschentuch und wischte sich den Mund. »Was aber weder Dr. Barnardo noch mein armer Vater zu irgendeiner Zeit erkannt hatten, war die Tatsache, dass Kezia Mason nichts weiter war als das sterbliche Abbild eines hübschen Cockney-Mädchens. Äußerlich war sie dieses Mädchen, doch in ihrem Inneren war sie ein Wesen, das zehntausendmal seltsamer und gefährlicher war als Mazurewicz. Viel später - als es schon zu spät war - kam ich dahinter, dass es in Wahrheit Mazurewicz war, der ihr diente, nicht umgekehrt. Jedes Mal, wenn sie zu ihm zurückkehrte, verfolgte sie eine bestimmte Absicht. Die Geschichte von Mazurewicz ist sehr unzusammenhängend und abstrus. Von meinem Vater habe ich gehört, dass er um 1850 aus den Slums von Danzig nach London gekommen sein soll. Angeblich war seine Mutter eine hübsche polnische Primaballerina, die sehr sonderbare sexuelle Neigungen gehabt haben soll. Mit wem oder was sie es getrieben hatte, konnte niemand sagen. Aber es gibt Fälle von Kreuzungen zwischen Mensch und Tier, so sehr Wissenschaftler und Theologen das auch bestreiten. Frauen haben Hunde und Schweine und sogar Ponys zur Welt gebracht. Es gibt Dutzende Fälle, die bekannt sind, und vermutlich Tausende von unbekannten Fällen, von denen niemand etwas weiß, weil sie sich irgendwo auf dem Land abspielten und die Monstrosität bei der Geburt ums Leben kam.«

»Und was geschah?«, fragte ich. »Brachte Ihr Vater Kezia Mason ins Fortyfoot House?«

»Ja. Ganz plötzlich willigte sie ein. Mein Vater war begeistert. Er kaufte ihr Kleider und lehrte sie lesen, er behandelte sie wie eine Prinzessin. Er überredete sie, für ihn Modell zu stehen, damit er sie malen und fotografieren konnte. Rückblickend war sie wahrscheinlich diejenige, die ihn in Versuchung führte. Im Gegenzug für ihre Dienste kaufte mein armer Vater ihr Schmuck und Pelze, Brandy, Morphium - alles, was sie haben wollte. Natürlich beklagte er sich nicht, er vergötterte sie nach wie vor. Allmächtiger Gott, er hatte nicht die mindeste Ahnung, was sie war!«

»Wie kamen Sie dahinter?«, fragte ich misstrauisch.

»Ich? Ich erwischte sie dabei, wie sie in der Bibliothek meines Vaters die Figuren in einem Ölgemälde dazu brachte, sich zu bewegen. Sie ließ die Wolken weiterziehen, die Windmühlen drehten sich. Das ganze Bild war mit Leben erfüllt. Von dem Moment an war ich davon überzeugt, dass sie eine Hexe war.«

»Und was haben Sie dann gemacht?«

»Das Gleiche wie Sie, als Sie mehr über Fortyfoot House erfahren wollten. Ich ging in die Bibliothek. Damals war das noch anders, es war eine private Bibliothek, und sie war sehr klein. Aber der alte Mr. Bacon konnte alles finden, was man suchte. Ich las über die wahre Geschichte der Hexen, und sie hat mich zutiefst beunruhigt. Das können Sie mir glauben, Sir. Ich hatte sie nie für real gehalten, ganz gleich, in welcher Form. Ich meine, jeder von uns kennt irgendeine alte Schachtel, eine arme alte Frau, der man die Schuld gibt, wenn die Hennen keine Eier legen oder die Milch sauer wird. Aber hier ging es um wahre Hexen, ein Wort, das es mehr als 3500 Jahre vor Christus bereits gegeben hatte.« Billings machte eine kurze Pause, als wolle er seine Worte wirken lassen.

»Die alten Ägypter haben ihre Pyramiden nach hoch entwickelten mathematischen Berechnungen gebaut, sodass sie in der Lage waren, die Zeit langsamer verlaufen zu lassen, damit die Körper ihrer heiligen Pharaonen niemals zerfielen. Die Macht der Pyramiden ist ja weithin bekannt. Viele angesehene Winzer lagern ihre Weine in pyramidenförmigen Kisten, um den Reifeprozess zu verlangsamen. Die Sumerer benutzten die gleichen Berechnungen, um etwas zu erreichen, was die Ägypter nie gewagt hatten. Sie entwickelten Zikkurats, mit denen sie so weit in der Zeit zurückreisen konnten, dass sie die Erde in einer Epoche besuchen konnten, bevor die Menschheit existierte. Einer Epoche, in der die Welt von einer Art bevölkert wurde, die als die Großen Alten bezeichnet wurde. Es handelte sich um eine Zeit, in der gewaltige mysteriöse Städte den Nahen Osten prägten. Es gibt zahlreiche Aufzeichnungen darüber, dass diese Städte existierten. Sie müssen sich nur einmal im British Museum umsehen. Dem Anschein nach wurden sie von Bestien bewohnt, deren Gesichter wie Rauch aussahen und aus denen sonderbare Tentakel herausragten. Und von Wesen aus Schaum. Und von unbeschreiblichen bösartigen Organismen, die wie strahlende Lichtkugeln aussahen. Es gab Wesen, die aus der ursprünglichen Finsternis erschaffen worden waren, aus der auch das Universum besteht. Sie waren fremdartiger und bedrohlicher als alles, was man sich vorstellen kann.«

»Und Sie wollen mir sagen, dass Kezia Mason eines von diesen Wesen ist?«

Billings nickte.

»Niemand weiß, wie viele Hexen es gibt, es könnten Tausende sein, vielleicht aber auch nur zwei-bis dreihundert. Wenn ein menschlicher Wirt stirbt oder erhängt, ertränkt oder gepfählt wird, dann bleibt dieses Wesen an der Stelle zurück, an welcher der Wirt ums Leben gekommen ist, tarnt sich und wartet auf den nächsten Wirt. Auf diese Weise werden dieselben Hexen immer und immer wieder zum Leben erweckt.«

Plötzlich musste ich an die flackernde Vision der Nonne denken, die ich in meinem Schlafzimmer gesehen hatte. Ein düsteres Gefühl von Furcht und Misstrauen begann von mir Besitz zu ergreifen, so wie eiskaltes Wasser, das sich in einen Teppich saugt.

»Soweit ich weiß«, fuhr der junge Mr. Billings fort, »entkamen diese Wesen aus dem Pleistozän, als die sumerischen Priester sie besuchten. Die Priester reisten in der Zeit zurück, um Sarnath zu besuchen, eine der größten Städte der Alten. Es gibt sechs oder sieben voneinander unabhängige Berichte darüber, wie ihnen das gelang. Es war ein unglaublicher Triumph der Mathematik. Von dem immensen Wagemut will ich gar nicht erst sprechen. Aber die Priester machten einen grundlegenden und schrecklichen Fehler. Als sie Sarnath erreichten, glaubten sie, eine Zivilisation in ihrer Blütezeit zu erblicken. Ich nehme an, das war verständlich, wenn man bedenkt, wie primitiv ihnen im Vergleich ihre eigenen Städte vorkommen mussten. Tatsächlich aber waren die Alten vom Aussterben bedroht. Sie hatten versäumt, sich an die Veränderungen des Erdklimas anzupassen, und jeder Einzelne von ihnen hatte so lange existiert, dass sie viele ihrer Überlebenstechniken vergessen hatten. Schlimmer aber war noch, dass sie sich gegenseitig seit so langer Zeit bekämpft hatten, dass sie niemandem vertrauten, um gemeinsam am Akt der Erneuerung teilzuhaben. Das ist ein Akt, bei dem in gewissen zeitlichen Abständen alle drei Hauptspezies der Alten im Wirtskörper eines Tieres, das auf dem Planeten Erde heimisch ist, wieder gezeugt und ausgetragen werden müssen.«

»Ich glaube nicht, dass ich das wirklich verstehe«, gab ich zu.

»Nun ... ich auch nicht, wenn ich ehrlich sein soll«, sagte Billings. »Ich konnte Kezia nie dazu bewegen, klar und deutlich über diese Dinge zu sprechen. Aber es scheint, dass die Alten überhaupt nicht von dieser Welt stammten und dass sie sich durch regelmäßige Erneuerungsakte nach und nach an die Erde anpassen mussten. Ein Wirt wurde ausgesucht und von jeder der drei Hauptspezies befruchtet ... den Tentakelwesen, den Schaumwesen und den Wesen, die als Kugeln aus strahlendem Protoplasma erscheinen. In der Geschichte der Menschheit muss es unzählige Fälle gegeben haben, in denen Frauenkörper gefunden wurden, die auf entsetzliche Weise zerrissen worden waren. Es sind Fälle, die den Eindruck erwecken, dass ein Ding oder Dinge aus ihnen herausplatzten. 1801 entdeckten Förster in Sibirien den gefrorenen aufgeplatzten Kadaver eines weiblichen Mastodons. Es bestand kein Zweifel daran, dass das Tier von innen auf das Heftigste attackiert worden war. Sie sagten, es habe ausgesehen, als hätte das Tier Dynamit gefressen. 1823 wurde eine Bäuerin auf einem Weingut in der Nähe von Epernay gefunden. Ihr Körper war in Stücke gerissen worden - und über fast einen Hektar Land verstreut. Ein kleiner Junge, der ihren Tod mit angesehen hatte, berichtete von tiefen Stimmen und grellen Lichtern. 1857 wurde eine siebzehnjährige Frau in Nightmute in Alaska von ihrem Ehemann entdeckt. Sie sah aus, als wäre sie explodiert. Der Verschlag, in dem sie gefunden wurde, war dabei mit solcher Heftigkeit durchgeschüttelt worden, dass er sich über fünf Meter von seinem Fundament fortbewegt hatte. Mazurewicz zeigte mir Bücher, in denen diese Berichte festgehalten worden waren. Es gab auch Zeichnungen der Augenzeugen. Glauben Sie mir, Sir, ich hatte danach wochenlang Albträume.«

»Und Sie meinen, das wird auch Liz widerfahren?«, fragte ich entsetzt.

Der junge Mr. Billings nickte. »Ja, ich fürchte, das wird geschehen.«

»Sie wird sterben müssen?«

»Es tut mir Leid, aber ich konnte dagegen nichts unternehmen .«

»Aber wieso?«, fragte ich.

Billings sah mich ernst an. »Ich bedaure, dass ich Ihnen das sagen muss, aber die Hexen-Wesenheit hat bereits von Liz Besitz ergriffen.«

Oh Gott! Die Nonne!

»Das habe ich mit angesehen«, sagte ich. »Das glaube ich jedenfalls. Es war eine flackernde Gestalt, sie sah aus wie eine Nonne.«

»Ja«, stimmte er mir zu. »Die Seele dieser vormenschlichen Kreatur, die in der Gestalt von Kezia Mason ins Fortyfoot House kam. Sehen Sie, Kezia Mason ist hier gestorben. Ich weiß das sicher, weil ich sie selbst habe sterben sehen. Ich habe ihre Überreste in unserem Schlafzimmer in einem Teil des Dachs versteckt. Also in Ihrem Schlafzimmer. Darum wird es in Ihrer Zeil ein zugemauertes Fenster geben, und die Decke in Ihrem Schlafzimmer wird so sonderbar abgeschrägt sein. Die Hexe hat in Ihrem Zimmer gewartet, als Sie eintrafen. Sie hat zwar geschlafen, aber sie war in der Lage, zu erwachen, sobald ein geeigneter Wirt, in ihre Nähe kam. Sie wird beginnen, Ihre Liz zu beeinflussen. Sie hat es bereits getan. Vielleicht haben Sie schon ungewöhnliche Stimmungsschwankungen bemerkt, irrationale Argumente und so weiter.«

»Ja«, sagte ich benommen.

»Wenn«, fuhr Billings fort, »die Hexe davon überzeugt ist, dass Ihre Liz ein geeigneter Wirt ist, tritt sie aus dem Gemäuer hervor und lässt sich in ihrem Körper und Geist nieder. Das heißt, aus Ihrer Sicht hat sie das bereits getan.«

»Und dann?«

»Dann wird ihre vorrangige Aufgabe darin bestehen, sich von einem menschlichen Wesen befruchten zu lassen. In dem Fall sind Sie dieses menschliche Wesen. Sie werden sie dreimal befruchten: oral mit Samen, vaginal mit Speichel und rektal mit Blut. Diese drei Befruchtungen werden dazu führen, dass in ihrem Körper die Embryonen der drei verschiedenen Spezies der Alten heranwachsen können. In Ihrer Zeit sind zwei dieser drei Akte bereits abgeschlossen. Nur der dritte steht noch aus.«

»Wie lange dauert es, bis diese Dinger ...« - ich suchte nach den richtigen Worten - »... aus ihr herausplatzen?«

»Sechs bis sieben Monate. In dieser Zeit wird sich Liz so sehr verändern, dass Sie sie kaum wiedererkennen können. Sie wird sich körperlich verändern, und sie wird einen immensen und sonderbaren Appetit entwickeln. Für Sie und für Ihren Sohn wäre es besser, wenn Sie sich so weil von ihr entfernen wie möglich. Aus Kezia wurde ... ich möchte nicht darüber nachdenken, wie sehr sich Kezia verändert hat. Oder besser gesagt, verändern wird.«

»So ist auch Kezia gestorben? Als sie diese Dinge zur Welt gebracht hat?«

»Leider ja. Und es war sehr grässlich.«

Ich hielt lange inne und grübelte.

Schließlich fragte ich: »Können Sie mir sagen, ob noch irgendetwas von Liz übrig ist? Oder hat dieses Hexending alles vernichtet, was einmal Liz war?«

»Ich weiß es wirklich nicht«, antwortete Billings. »Manchmal, wenn ich mit Kezia rede, dann sehe ich in ihr noch etwas von dem reizenden jungen Mädchen, das sie einmal gewesen sein muss. Aber ob man dieses junge Mädchen jemals wieder erreichen kann ... ich kann es Ihnen einfach nicht sagen.«

»Ich denke an Liz«, sagte ich. »Wenn sie immer noch Liz ist, dann wäre es doch einen Versuch wert, sie von dem Hexen-Ding zu befreien, oder nicht?«

»Das können Sie nicht. Wenigstens ist mir keine Methode bekannt, wie man die Hexe austreiben kann.«

»Was ist, wenn ich nicht noch einmal mit ihr schlafe? Was, wenn der dritte Sohn nicht gezeugt wird?«

»Die beiden anderen werden trotzdem wachsen, wenn auch viel langsamer. Aber wenn sie schließlich zur Welt kommen, werden sie gewalttätig genug sein, um sie auch ohne die Hilfe ihres Bruders zu töten.«

»Was wäre mit einer Teufelsaustreibung?«

Billings schüttelte den Kopf. »Sie können nichts machen, Sir. Überhaupt nichts. Wir haben es hier nicht mit dem Teufel zu tun, sondern mit realen Wesen, mit Dingen, die Substanz haben und die hochintelligent sind. Sie haben in Kleinasien und in der Antarktis Städte errichtet, sie haben Millionen von Jahren über die Welt geherrscht. Sie haben auf dieser Welt Spuren hinterlassen, die niemals verwischt werden können.«

»Und deswegen soll ich es zulassen, dass Liz, in Stücke gerissen wird?«

»Es hat nichts mit >zulassen< zu tun. Sie können es einfach nicht verhindern.«

Ich biss mir auf die Unterlippe. Ich wusste nicht, was ich machen sollte. Vielleicht log mich der junge Mr. Billings an. Auf der anderen Seite passte seine Geschichte zu den meisten Fakten, auf die ich auch ohne ihn gestoßen war. Vor allem die Tatsache, dass er die sumerischen Zikkurats erwähnt hatte, brachte mich zu der Überzeugung, dass er die Wahrheit sprach. Ich hatte selbst gesehen, wie sehr das Dach des Fortyfoot House - dieses unmögliche Dach, das eine Waise aus dem East End entworfen hatte - den Winkeln entsprach, die die Sumerer benutzt hatten, um durch die Zeit zu reisen.

»Was geschieht, wenn diese drei Kreaturen geboren werden?«, fragte ich mit einem flauen Gefühl im Magen.

»Sie schließen sich zusammen. Jedenfalls hat Kezia mir das gesagt. Sie bilden die große Unselige Dreifaltigkeit, sie werden zu einem allmächtigen Hermaphroditen, der mit einer Ameisenkönigin verglichen werden kann und der Tausende und Abertausende neue Wesen aller drei Spezies der Alten zeugt und für Jahrtausende beherrscht.«

»Aber Sie sagten, dass sie möglicherweise nicht überleben würden ...«

»Das ist riskant. Nicht einmal in Ihrer Zeit sind die klimatischen Bedingungen für sie geeignet. Die Alten benötigen Luft, die reich an Schwefelgasen ist, der Himmel muss frei von Insekten und Vögeln sein, in den Ozeanen darf es weder Fische noch Korallen noch Plankton geben. Sie benötigen eine Welt, wie sie in der Zeit vor den Menschen war. Ohne tierisches und pflanzliches Leben, nur giftig und öd. Seit die Alten ausgestorben sind, versuchen die wenigen überlebenden Hexen, die Rasse wiederzubeleben. Sie hoffen, dass irgendwann einmal die Welt so sehr verschmutzt ist, dass ihre Lebensbedingungen erfüllt werden. Die Luftverschmutzung und die wachsende Sterilität des Meeres in Ihrer Zeit ist für sie da sogar sehr ermutigend. Wie Kezia immer wieder zu mir sagt, begehrt sie den Atem der Hölle.«

»Das heißt, dass diese Wesen zwar Liz umbringen werden, dass sie aber selbst nicht überleben werden.«

Billings nickte zustimmend. »Jedenfalls nicht lange. Vielleicht ein paar Minuten, dann lösen sie sich auf. Aber zwanzig oder dreißig Jahre später kann die Welt schon wieder völlig anders aussehen. Wenn die Menschen die Luft fast nicht mehr atmen können, wird sie für die Alten der reine Nektar sein.«

Ich wollte Mr. Billings fragen, ob es Sinn ergab, Liz in eine Abtreibungsklinik zu bringen, als ich im Gebüsch ein leises aufgeregtes Rascheln hörte.

Billings hatte es auch gehört und hob die Hand. Einen Moment lang lauschten wir intensiv, dann sagte er. »Nichts. Jedenfalls nicht Brown Jenkin.«

»Was genau ist Brown Jenkin eigentlich?«, wollte ich wissen.

»Er ist Kezias familiar«, antwortete Billings. »Hexen haben einen Nachteil. Weil sie bereits in der Zeit deplatziert sind, können sie nicht die Durchgänge der Sumerer benutzen, um von einer Zeit in die andere zu wechseln, wie Menschen wie Sie und ich das können. Wenn sie einen sumerischen Durchgang durchschreiten würden, fänden sie sich in der vormenschlichen Zeit wieder, in die sie eigentlich auch gehören. Darum bringen Hexen immer einen Angehörigen zur Welt, der für sie Dinge erledigt und von einer Zeit in die andere wechselt. Manchmal sind es Katzen, meist aber Hunde oder Zwerge. In Kezias Fall ist es Brown Jenkin. Sie ist eine sehr perverse Hexe, sie ist sehr seltsam und sehr mächtig. Sie hat mir einmal ihren vormenschlichen Namen genannt, aber ich habe ihn mir nicht ganz merken können. Irgendetwas wie-Sothoth.«

Ich dachte an den alten Mr. Billings, der um die Sonnenuhr gewirbelt wurde und N'gaaa nngggg sothoth n'ggggaaAAA geschrien hatte.

Ich bekam eine Gänsehaut.

»Brown Jenkin ist immer in der Zeit vorausgereist«, erklärte Billings weiter, »um die nächste Erneuerung vorzubereiten, bis die Alten schließlich siegreich sein werden und die Welt so beherrschen können, wie es ihrer Meinung nach immer hätte sein sollen. Nicht mal die sumerischen Durchgänge können Sie weiter als in diese Zeit bringen. Es ist der äußerste Punkt der Evolution dieser Welt. Die Grenze der Zeit, wenn Sie so wollen. Nach Ihren Maßstäben, Sir, würden Sie sie als sehr düster betrachten. Die Luft ist gelb, die Meere sind schwarz. Und alle Männer und Frauen sind unfruchtbar, was durch Strahlung und rasch um sich greifenden Krebs verursacht wird.«

Er machte eine Pause. »Es wird keine Kinder geben«, sagte er dann. Es klang auch so dramatisch genug, ohne dass er es noch betonen musste.

Ich warf ihm einen fragenden Blick zu. »Das ist schrecklich, aber warum sagen Sie das mit den Kindern so nachdrücklich?«

»Kennen Sie nicht die Märchen der Gebrüder Grimm?«, fragte er mich. »Kinder sind ein unverzichtbarer Bestandteil eines Märchens. Sie sind notwendig, damit die Hexen überleben können, sie sind die wichtigste Nahrung einer Hexe.«

»Das müssen Sie mir erklären«, sagte ich. »Wollen Sie sagen, dass Brown Jenkin zwischen jetzt und der fernen Zukunft hin-und herreist, um entführte Kinder in die Zukunft zu bringen, damit sie dort als Nahrung zur Verfügung stehen?«

Billings blieb ganz ruhig. Seine Stimme war sanft und beherrscht. »Ohne lebende Kinder würde die vormenschliche Kreatur in Kezia Mason sterben. Sie sieht aus wie eine junge Frau, aber sie ist eine unbeschreibliche Abscheulichkeit, die keine irdische Gestalt besitzt. Erst wenn die Alten erneuert sind, können sie von Gasen und Mineralien leben. In dieser Form benötigen sie Fleisch.«

»Und das hat Kezia Ihnen alles erzählt?«

»Sie musste es. Sie benötigte meine Hilfe. Brown Jenkin hatte herausgefunden, dass sie zur Zeit der nächsten Erneuerung die einzige noch lebende Hexe sein wird. Alle anderen sind verhungert oder an neuen Krankheiten ums Leben gekommen. Ihr zukünftiges Ich ist eine Frau hier aus dem Ort. Sie heißt Vanessa Charles, und sie ist schwanger und wartet auf den großen Augenblick. Aber ihr zukünftiges Ich muss ernährt werden. Sie muss für vier essen, wenn man es so ausdrücken will.«

Er schluckte trocken, dann fuhr er fort. »Mein Vater hatte sich geweigert, ihr auch nur eines der Kinder aus Fortyfoot House zu geben, also hat sie ihn getötet, wie ich später herausgefunden habe. Bevor ich verstand, was sie wirklich ist, war ich genauso von ihr fasziniert wie vor mir mein Vater. Wie Sie wissen, heirateten wir sogar. Körperlich war nichts an ihr, womit sie sich verraten hätte. Mit ihr zu schlafen war besser als mit jeder anderen Frau, die ich vor ihr gekannt hatte. Sie machte mich vermögend und erfolgreich, sie schaffte es, dass ich mich unglaublich euphorisch fühlte. Dann, eines Tages, verschwand eines unserer Kinder, der kleine Robert Philips. Er war gerade mal sechs Jahre alt. Gott steh mir bei. Ich fand seine Überreste im Wald zwischen Bonchurch und Old Shanklin Village. Seine zerstückelten, verbrannten, angefressenen Überreste. Ich werde nie den Anblick von menschlichen Gebissspuren an seinem abgenagten Hüftknochen vergessen. Am nächsten Tag entdeckte ich seine Pfeife und ein blutverschmiertes Taschentuch zwischen Kezias Sachen. In dem Moment wusste ich, dass ich etwas sehr Bösartiges geheiratet hatte.«

Der junge Mr. Billings schwieg so lange, dass ich bereits befürchtete, er wolle nicht weitersprechen. Dann endlich sagte er: »Sie versprach mir Geld, wenn ich den Mund hielt. Sie drohte, mich zu verstümmeln oder sogar umzubringen. Dann erzählte sie mir alles. Ihr ging es darum, dass Fortyfoot House so lange wie möglich geöffnet blieb, damit die Kinder frisch waren, wenn sie sie benötigte. Wenn es auch nur einen winzigen Hinweis darauf gegeben hätte, dass im Fortyfoot House Kinder missbraucht oder sogar getötet wurden, wären alle Kinder abgeholt und das Waisenhaus geschlossen worden. Um es ganz drastisch zu sagen, Sir, ist Fortyfoot House nichts weiter als ein Vorratslager für die unheimlichste und grässlichste Kreatur, die jemals auf dieser Erde existiert hat. Es ist ein Vorratsschrank voll mit lebenden Kindern.«

16. Zähne und Klauen

Ich starrte den jungen Mr. Billings an, während er mich mit ernstem Gesichtsausdruck betrachtete. Das Schamgefühl schien zu viel für ihn, also wandte er sich von mir ab. »Ich muss jetzt gehen«, sagte ich. »Ich weiß nicht, ob ich

Ihnen für das danken soll, was Sie mir gesagt haben, oder ob ich Sie verfluchen soll.«

»Sie können wenigstens Charity retten«, sagte er. »Bringen Sie sie so weit weg von Fortyfoot House wie möglich. Und sich selbst ebenfalls. Brown Jenkin kann Ihnen nicht sehr weit folgen.«

»Was ist mit den anderen Kindern? Ich bin vorhin einigen von ihnen begegnet.«

»Oh, ja. Ihr Geflüster und Umherlaufen hat mich aufgeweckt. Sie können sie nicht mitnehmen, fürchte ich. Wenn Sie es doch nur könnten. Aber Brown Jenkin würde vor Wut mindestens doppelt so viele Kinder ermorden. Er handelt völlig irrational.«

»Aber die Kinder werden so oder so sterben. Ich habe die Grabsteine gesehen.«

»Das Schicksal ist nicht unveränderlich, Sir, wie Sie selbst bereits festgestellt haben. Was wäre, wenn Sie Ihren Freund, den Reverend, unter dem Fußboden gelassen hätten? Was, wenn Sie mit ihm niemals durch den Durchgang gekommen wären? Unser Schicksal hat schon immer in unserer eigenen Hand gelegen. Das einzige Paradox ist, dass wir unser Leben nicht ändern, wenn wir die Chance dazu haben.«

Er ergriff meine Hand und hielt sie fest umschlossen. Es war ein unbeschreiblich seltsames Gefühl. Hier stand ich und hielt die Hand eines Mannes, der seit über hundert Jahren tot war. Ich fühlte mich wie auf einer Achterbahn kurz vor dem Sturz ins absolute Nichts. Ich konnte mit einem Mal verstehen, warum Menschen den Verstand verloren.

»Ich hatte Brown Jenkin sechs Kinder zugestanden«, sagte er. »Ich dachte mir, dass sie ohnehin verhungert, an einer Krankheit oder durch brutalen sexuellen Missbrauch gestorben wären, wenn sie im Londoner East End geblieben wären. Aber dann bedrängte mich Kezia weiter, und ich ließ es zu, dass er weitere sechs Kinder nehmen konnte. Mir wurde dabei die Fadenscheinigkeit meiner anfänglichen Rechtfertigung bewusst. Und jetzt will sie, dass er noch einmal sechs

Kinder bekommt. Ich weiß, wo das enden wird, wenn ich nicht drastische Maßnahmen ergreife.«

»Was werden Sie machen?«

»Ich reise in die Zukunft«, sagte Billings. »Ich reise bis zum äußersten Zeitpunkt und halte diese Monstrosität unmittelbar vor der Erneuerung auf, bevor die Welt für immer verdammt ist.«

Ich sah auf meine Uhr und bemerkte, dass ich seit mindestens einer halben Stunde hier gewesen sein musste. Die Kinder würden sich Sorgen über meinen Verbleib machen. »Ich kehre jetzt besser zurück«, sagte ich. »Ich weiß nicht, ob ich das wirklich alles verstehe. Ich weiß noch immer nicht, warum Brown Jenkin nicht aus der Zukunft zurückkommen und Kezia vor dem warnen wird, was Sie vorhaben.«

»Weil dies hier, November 1886, meine echte Zeit ist. Sie können durch den Durchgang gehen, und wenn Sie morgen zurückkehren, sind hier genauso viele Stunden verstrichen wie in Ihrer Zeit.«

»Ich glaube, ich bin verwirrter als zuvor.«

»Glauben Sie mir«, sagte Billings. »Wir können die Kinder retten, wenn wir es nur versuchen. Ich bin sicher. Und wenn wir das nicht können, dann verdiene ich alles, was Gott für mich als Strafe vorgesehen hat.«

»Würden Sie das gerne wissen?«

Er schüttelte den Kopf. »Ich kann es mir nur zu gut vorstellen. Vermutlich Wahnsinn und dann Tod. Ich spüre, wie die beiden schon jetzt an mir nagen. Aber ich möchte es nicht von jemandem hören, der es mit Sicherheit weiß.«

Ich öffnete das Gartentor und schritt durch die Dunkelheit unter den Bäumen. Fortyfoot House hob sich pechschwarz vom Nachthimmel ab und wirkte sonderbar unenglisch, eher wie eine türkische Festung oder eine Klippe auf einer fernen Welt. Ich ging den Weg hinauf, überquerte die kleine Brücke, lief dann über den Rasen, der zur Rückseite des Hauses führte. Der Fischteich wirkte wie ein silbernes Fenster in der Finsternis, durch das ich direkt in einen schrecklichen uner-reichbaren Abgrund starrte. Wenn man durch dieses Fenster fiel, würde man geradewegs nach unten in den Himmel stürzen.

Ich eilte an der Sonnenuhr vorbei, als ich ein scharfes, krachendes Geräusch hörte. Ich sah hinüber zur Sonnenuhr und bemerkte, dass ein feiner gleißend blauer Funkenregen aus dem Zeiger kroch und die römischen Ziffern umspielte. Rasch warf ich einen Blick auf die Schatten im Garten, die alle etwas Bedrohliches ausstrahlten. Wenn Funken flogen, dann war Kezia Mason nicht weit entfernt. Und mit ihr war auch Brown Jenkin nicht mehr weit. Ich lief schneller, aber einen Moment später schoss ein Blitz aus dem Zeiger der Sonnenuhr und traf mich an der Schulter. Die Nerven und Muskeln in meinem linken Arm reagierten so heftig, dass meine Faust ungewollt nach oben ausschlug. Dann spürte ich etwas Brennendes, und ich bemerkte, dass eine Rauchwolke aus meinem Poloshirt aufstieg.

Von den Stufen zur Veranda vor mir trat Kezia Mason vor, dicht gefolgt von Brown Jenkin. Kezia war in ein exzentrisches, arabisch anmutendes Kostüm gehüllt, das aus verschmutzten, zerrissenen Bettlaken bestand, die sie zu einem monströsen Burnus um ihren Kopf gewickelt hatte, der nur ihre Augen unbedeckt ließ. Die Laken waren auf ihren Schultern aufgetürmt und mit einer Vielzahl verknoteter Schnüre befestigt. Vom Brustkorb an abwärts bis zu den Knien war sie nackt, wenn man von einem Beutel absah, der um ihre Hüfte gebunden war und mit welkem Eichenlaub und Rosenblättern und Mistelzweigen und sogar mit einem halb mumifizierten Spatz bestückt war. Ihre Schienbeine waren ebenfalls mit zerrissenen Laken umwickelt, ihre Füße waren bloß. Allerdings hatte sie um jeden Zeh ein Stück Schnur gebunden.

Die Laken sahen aus, als seien sie mit Blut und Urin verschmutzt, und obwohl sie noch fünf oder sechs Meter von mir entfernt stand, konnte ich den Gestank des Todes wahrnehmen. Kezia Mason und Brown Jenkin waren der Tod ... der Tod und sein schlurfender Gefährte.

»Bonsoir bastard, comment ca vaf«, kicherte Brown Jenkin und sprang auf dem Rasen von Schatten zu Schatten, bis ich nicht mehr wusste, was Schatten und was das Ratten-Ding war. »We were so traurig bastard-bastard. But so happy now, dass wir deine lunchpipes riechen können! I hook out your derriere-ring avec meinen Klauen, ja!«

Die ganze Zeit über kroch und tanzte Brown Jenkin durch die Dunkelheit, während Kezia Mason langsam um mich herumging. Ihre Laken raschelten, ihr Beutel prallte sanft von ihrem nackten Schoss ab.

»Was hat dich wieder hergeführt, Mr. Einmischer?«, fragte sie mich. »Keine Lust mehr zu atmen? Was hast du denn mit dem Heiligen gemacht? In die Brandung geworfen?«

»Ha! Ha! Tekeli-li! Tekeli-li!«, kreischte Brown Jenkin, bis Kezia Mason mit einem starren Zeigefinger auf ihn deutete.

»Ruhig, Jenkin! Du siehst aus, als hätte dich der Teufel im Galopp verloren!«

Sie schnippte mit den Fingern, und im gleichen Moment platzte eine Ader in Brown Jenkins rattenähnlichem Nasenloch. Blut spritzte auf seine Schnurrhaare und seinen hochgeschlagenen Kragen. Er fasste sich an die Nase und rannte maulend über das Gras.

»Also?«, forderte Kezia, während sie sich mir näherte. Ich konnte den stechenden süßlichen Geruch kaum ertragen, und ich spürte, wie sich mein Magen umzudrehen begann. »Was willst du hier, Trottel? Du siehst ein bisschen blass um die Kiemen herum aus, nicht? Bist du für was Unanständiges gekommen? Oder um Arger zu machen? Oder für beides?«

Ich hatte keine Ahnung, was ich ihr sagen sollte. Ich verstand ja kaum, was sie eigentlich von mir wollte. Außerdem war meine Kehle vor Furcht und Abscheu so zugeschnürt, dass ich mir nicht vorstellen konnte, überhaupt einen Ton herauszubringen. Ich sah zur Seite, um sicher zu sein, dass Brown Jenkin nicht hinter mir lauerte, doch im gleichen Moment streckte sie die Hand aus und bekam mein Gesicht mit allen fünf Fingern zu fassen. Sie bohrte den kleinen

Finger tief in meine Wange, schob den Ringfinger in meinen Mund, den Mittelfinger drückte sie in meine Nase, und mit Daumen und Zeigefinder kniff sie mich so fest in die andere Wange, dass ich vor Schmerz aufschrie.

»Hee-hee, fly-blow bastard!«, kicherte Brown Jenkin. »Bargearse fucker! Je mange tes fries!«

Kezias Finger schmeckte abscheulich, wie abgestandenes Blut. Mein Magen zog sich zusammen, und ich konnte nicht anders, als zu würgen.

»Wie wäre es, wenn ich dir deine Zunge rausreiße?«, fragte sie. »Ich kann das, das weißt du! Ein Ruck, und weg ist sie. Du wärst dann natürlich noch nicht tot. Zu früh für die Kiste! Aber stell dir vor, du müsstest ohne Lippen, ohne Nase und mit Rattenlöchern in deinen Wangen leben. Und kein Mensch könnte dich ansehen, ohne sich in die Hosen zu scheißen! ... Wenn ich so drüber nachdenke, siehst du schon jetzt beschissen aus!«

»Lass mich ihn rip open!«, zischte Brown Jenkin. Ich spürte seine Klauen an meinem Hosenbein. Kezia hielt jedoch mein Gesicht so fest, dass ich nur zittern konnte. Ich vermute, ich hätte nach ihr treten oder nach ihrer Hand schlagen können, aber irgendetwas an ihr gab mir das Gefühl, dass ich so kraftlos sei, dass ich nicht mal einer Fliege etwas hätte zuleide tun können.

Brown Jenkins Klaue bewegte sich weiter an meinem Hosenbein entlang, dann zwickte er mich kurz zwischen den Beinen. »Ah oui-oui, we can rip them off«, wieherte das Ratten-Wesen. »Zwei porky Eierfor supper, oui? Nicht vergessen Abendessen!«

Kezia beugte ihren mit Laken umwickelten Kopf vor und flüsterte in einem heißen Hurrikan stinkenden Atems: »Soll ich dir die Nase abreißen, Trottel?«

»Tear off his Rüssel!«, schrie Brown Jenkin.

Doch in dem Moment hörte ich Billings rufen: »Warte, Kezia! Warte!«

»Warten? Worauf?«, erwiderte sie. »Auf den Sankt-Nimmer-leins-Tag?«

Billings kam über den Rasen gelaufen und stellte sich zu uns. Aus dem Augenwinkel sah ich, dass er auf Distanz zu uns blieb. Vielleicht wollte er bloß keine Blutspritzer auf seinen Anzug bekommen.

»Kezia, er muss dir erst noch den Sohn des Blutes geben«, sagte Billings.

Kezia reagierte auf diese Nachricht, indem sie ihren Griff nur noch verstärkte. Ich fühlte, wie meine Unterlippe aufplatzte und Blut über mein Kinn lief.

»Es ist die Wahrheit, Kezia! Du kannst diesmal nichts mit ihm anstellen! Erst, wenn er das gemacht hat, was das Schicksal für ihn vorherbestimmt hat.«

»Du redest wieder Unsinn«, entgegnete Kezia, doch an ihrem Tonfall konnte ich merken, dass sie von ihren Worten nicht völlig überzeugt war.

»Glaub, was du willst«, sagte Billings achselzuckend. »Aber falls du die Erneuerung nicht noch länger hinauszögern möchtest, dann solltest du ihn gehen lassen.«

»Er hat Charity mitgenommen«, erwiderte sie. »Er ist ein Heide, sonst nichts!«

»Vielleicht hat er Charity mitgenommen«, sagte Billings besänftigend. »Aber Jenkin kann sie für dich zurückholen, nicht? Das ist überhaupt kein Problem. Nun komm schon, Kezia, er ist der Vater ... und er hat dir zwei geschenkt. Aber zwei sind so gut wie nichts.«

»Dann kann ich ihm später sein Dessert geben«, sagte Kezia, lockerte aber nicht ihren Griff.

»Genau, Kezia, das kannst du später immer noch machen.«

»Rip him now!«, drängte Brown Jenkin. »Rip off sa tête and tirer ses Leber durch seine Kehle!« Wenn ich das mit Kichern durchsetzte Mischmasch richtig verstand, wollte Brown Jenkin meinen Kopf abreißen