/ Language: Deutsch / Genre:prose_contemporary

Das zweite Leben

Georges Simenon


Das zweite Leben

Georges Simenon

1968

1

Als sich die zwei befreundeten Ehepaare Dodd und Sanders in Connecticut durch Schneewehen kämpfen, ahnt keiner von ihnen, daß sich ihrer aller Leben binnen Stunden völlig umkrempeln wird — ohne Rücksicht auf alles, was vorher war. Sie haben einen feucht-fröhlichen Abend hinter sich, alle vier sind betrunken, der Schneesturm hat sie überrascht. Als sie vor dem Haus der Dodds anlangen und Ray Sanders fehlt, macht sich Donald Dodd mitten in der Nacht im dichtesten Schneegestöber auf die Suche nach seinem besten Freund. Doch ist Ray Sanders wirklich sein bester Freund? Hat er ihn nicht seit jeher gehaßt, beneidet, diesen Senkrechtstarter der New Yorker Werbeszene, so fragt sich der bescheidene Provinzanwalt aus Connecticut, während er in seiner Scheune Zuflucht vor dem Sturm sucht und Ray Sanders dem sicheren Erfrierungstod überläßt. Vor der drohenden Selbsterkenntnis vermag ihn scheinbar nur die Verführerische Witwe erretten, deren Hand verheißungsvoll immer wieder in Dodds Reichweite verharrt…

»Eine klassische midlife crisis: Ein Mann, Anfang vierzig, verheiratet, zwei Kinder, sehnt sich nach einem neuen Leben. Ein hervorragender Fernsehfilm in der alles in allem sehr gelungenen ZDF-Reihe von neuen Simenon-Verfilmungen.«

Frankfurter Allgemeine Zeitung

Inhaltsverzeichnis

I  1

1

2

3

4

5

II  2

1

2

3

4

Teil I

1

1

Ich saß auf der Bank in der Scheune. Aber nicht genug damit, daß ich mir dessen bewußt war, da zu sitzen, vor der ausgeleierten Tür, die aufging und wieder zuschlug und jedesmal einen hefligen Windstoß mit einer Wolke von Schnee hereinwirbeln ließ — ich sah mich buchstäblich noch, so deutlich wie in einem Spiegel, während ich mir klarmachte, wie ungeheuerlich das war, was ich tat.

Die Bank war eine rotgestrichene Gartenbank. Wir haben drei von der Sorte, die wir mit dem Rasenmäher, den Gartengeräten und den Fliegengittern für die Fenster über Winter hier unterstellen.

Die Scheune, ebenfalls aus rotgestrichenem Holz, war an die hundert Jahre früher eine echte Scheune gewesen, nun aber nur noch ein geräumiger Schuppen.

Wenn ich ausgerechnet mit diesem Augenblick beginne, dann deshalb, weil er so etwas wie ein Erwachen war. Dabei hatte ich gar nicht geschlafen. Trotzdem tauchte ich plötzlich in der Wirklichkeit auf. Oder begann da etwa eine neue Wirklichkeit?

Doch wann beginnt ein Mensch eigentlich zu … Nein! Auf dieses abschüssige Gelände will und werde ich mich nicht begeben. Ich bin Jurist von Beruf und für gewöhnlich sehr genau, in meiner Umgebung wird sogar behauptet, ich sei übertrieben genau.

Dabei wußte ich nicht einmal, wie spät es gewesen sein mochte. Zwei Uhr? Drei Uhr früh?

Zu meinen Füßen, auf dem Boden aus gestampfter Erde, waren noch die rötlichen Glühfäden der kleinen Taschenlampe zu erkennen, die ihr letztes Licht verströmte, ohne noch irgend etwas zu erhellen. Mit vor Kälte klammen Fingern riß ich mühsam ein Streichholz an, um meine Zigarette anzuzünden. Ich hatte das Bedürfnis zu rauchen. Es war wie ein Wink der neu gefundenen Wirklichkeit.

Der Tabakgeruch wirkte beruhigend auf mich, so blieb ich denn da sitzen, nach vorn gebeugt, die Ellbogen auf die Knie gestützt, und stierte die riesige Tür an, die aufschwang und wieder zuschlug und wieder aufschwang und die der Druck des Schneesturms jeden Augenblick zu zerschmettern drohte.

Ich war betrunken gewesen. Wahrscheinlich war ich es in diesem Moment noch immer, obgleich mir das in meinem ganzen Leben bisher erst zum zweitenmal passiert war. Dennoch konnte ich mich an alles erinnern, wie man sich an einen Traum erinnert, dessen Bruchstücke man zusammensetzt.

Die Sanders waren auf dem Rückweg von Kanada übers Wochenende zu uns gekommen. Ray ist einer meiner ältesten Freunde. Wir haben zusammen in Yale Jura studiert, und später, als wir beide schon verheiratet waren, haben wir uns nach wie vor getroffen.

So weit, so gut! An dem Abend also, es war Samstag, der fünfzehnte Januar, und es hatte bereits zu schneien begonnen, da fragte ich Ray:

»Würde es dir etwas ausmachen, mit uns auf ein Glas zum alten Ashbridge mitzukommen?«

»Harold Ashbridge aus Boston?«

»Ja.«

»Ich dachte, er verbringt den Winter auf seinem Landsitz in Florida …«

»Vor ungefähr zehn Jahren hat er zwanzig Meilen von hier entfernt ein Anwesen gekauft, auf dem er den Edelfarmer mimt. Er ist immer über Weihnachten und Neujahr da und geht erst Mitte Januar nach Florida, nach einem großen Empfang…«

Ashbridge ist einer der wenigen Männer, die mich beeindrucken. Ray übrigens auch. Es gibt noch ein paar. Im Grunde sind es gar nicht so wenige. Ganz zu schweigen von den Frauen. Mona zum Beispiel, Rays Frau, die in meinen Augen stets ein kleines, exotisches Geschöpf ist, wenngleich ihre Exotik höchstens in einem Viertel italienischen Bluts in ihren Adern besteht.

»Er kennt mich nicht …«

»Bei Ashbridge braucht man sich nicht zu kennen…«

Isabel hörte wortlos zu. Isabel mischt sich bei solchen Gelegenheiten nie ein. Sie ist die fügsame Ehefrau in Reinkultur. Sie widerspricht nicht. Sie schaut einen nur an und denkt sich ihr Teil.

In dem Moment gab es an meinem Verhalten nichts auszusetzen. Schließlich fahren wir jedes Jahr zu diesem Empfang der Ashbridges, der gewissermaßen eine berufliche Verpflichtung ist. Sie wandte auch nicht ein, daß es heftig schneite und die Straße nach North Hilsdale ihre Tücken hatte. Wie dem auch sei, der Schneepflug war bestimmt schon unterwegs.

»Welchen Wagen nehmen wir?«

»Meinen«, sagte ich.

Dabei hatte ich, das wurde mir erst jetzt klar, einen gewissen Hintergedanken: Ray arbeitet in der Madison Avenue. Er ist dort Teilhaber einer der größten Werbeagenturen. Ich treffe ihn fast jedesmal, wenn ich in New York bin, und ich kenne seine Gewohnheiten.

Er ist zwar kein Trinker, braucht aber wie nahezu alle, die seinem Beruf nachgehen und sich dabei aufreiben, zwei oder drei doppelte Martini vor jedem Essen.

Sollte er bei Ashbridge ein bißchen zu tief ins Glas sehen …

Schon komisch — beziehungsweise tragisch —, wie ich mir einige Stunden später diese Einzelheiten ins Gedächtnis zurückrief. Aus Angst, Ray könnte zuviel trinken, hatte ich dafür gesorgt, daß ich auf der Rückfahrt am Steuer saß. Und dann hatte ich mich betrunken!

Anfangs waren mindestens fünfzig Personen dort gewesen, wenn nicht noch mehr. In der Halle im Erdgeschoß war ein gewaltiges Buffet aufgebaut, aber alle Türen standen offen, es war ein ständiges Kommen und Gehen, sogar in den Räumen im ersten Stock, und überall standen Flaschen und Gläser herum.

»Darf ich vorstellen: Mrs. Ashbridge … Patricia, mein Freund Ray …«

Patricia ist erst dreißig. Sie ist Ashbridges dritte Frau.

Sie ist sehr schön. Nicht schön wie…. Ich werde nicht sagen, wie Isabel…. Meine Frau ist nie wirklich schön gewesen … Doch es fällt mir immer schwer, eine Frau zu beschreiben, deshalb versuche ich dabei ganz unwillkürlich, sie mit meiner eigenen zu vergleichen …

Isabel ist groß, sie hat einen wohlgeformten Körper, ebenmäßige Gesichtszüge und ein leicht gönnerhaftes Lächeln, so als müßte sie ihren jeweiligen Gesprächspartnern etwas nachsehen.

Nun ja, Patricia ist genau das Gegenteil. Eher klein, wie Mona. Sie hat noch dunkleres Haar, aber grüne Augen. Und wenn sie einen anschaut, wie gebannt, dann meint man, sie wünsche sich nichts lieber, als einem ganz nah zu sein oder einem ihr Innerstes zu offenbaren.

Bei Isabels Anblick denkt man nie an ein Schlafzimmer. Patricia dagegen beschwört in mir stets die Vision eines Bettes herauf.

Es gibt allerlei Gerüchte…. Aber ich kümmere mich nicht um das, was die Leute reden. Erst einmal traue ich dem nicht, und dann habe ich einen instinktiven Abscheu vor taktlosem Geschwätz, erst recht vor Verleumdungen.

Die Russels waren da, die Dyers, die Collins, die Greenes, die Hassbergers, die …

»Hallo, Ted …«

»Hallo, Dan…«

Man redete, man trank, man kam und ging, man knabberte an etwas, das nach Fisch, Truthahn oder Fleisch schmeckte … In einer Ecke des kleinen Salons, daran erinnere ich mich noch, hatte ich ein ernsthafles Gespräch mit Bill Hassberger, der mich nach Chicago schicken wollte, damit ich dort eine strittige Angelegenheit für ihn regelte …

Die Hassbergers waren reiche Leute. Die meiste Zeit des Jahres lebten sie, man fragt sich warum, in unserer geruhsamen Gegend von Connecticut, aber sie waren im ganzen Land da und dort an gewinnbringenden Geschäften beteiligt.

An ihnen gemessen war ich ein armer Schlucker. Genauso wie Doktor Warren, mit dem ich ein paar Worte gewechselt hatte. Da war ich noch nicht betrunken gewesen, noch lange nicht. Keine Ahnung, wann es angefangen hat.

Genauer gesagt, seit einigen Sekunden wußte ich es doch, denn auf meiner Bank, auf der ich inzwischen bei meiner mindestens fünften Zigarette angelangt war, sah ich die Dinge plötzlich bemerkenswert klar.

Ohne besonderen Grund war ich, wie andere vor oder nach mir, in den ersten Stock hinaufgestiegen. Ich hatte eine Tür aufgemacht und sie schleunigst wieder geschlossen, allerdings nicht schnell genug, um nicht doch Ray und Patricia zu erkennen. Der Raum war nicht einmal ein Schlafzimmer, sondern ein Bad, und da drinnen liebten sich die beiden, vollständig bekleidet.

Mochte ich auch schon fünfundvierzig Jahre alt sein, dieses Bild hat mich so erschüttert, daß ich es in seinen nichtigsten Einzelheiten wieder vor mir sehe. Patricia hat mich bemerkt, dessen bin ich mir sicher. Ich würde sogar schwören, in ihrem Blick habe nicht Verlegenheit, sondern eine Art belustigte Herausforderung gelegen.

Das ist sehr wichtig. Dieses Bild hat für mich enorme Bedeutung. Auf meiner Bank in der Scheune, da ahnte ich das nur dunkel, aber später hatte ich alle Zeit der Welt, darüber nachzudenken.

Ich behaupte nicht, das hätte mich dazu getrieben zu trinken, dennoch war es etwa die Zeit gewesen, in der ich angefangen hatte, alle Gläser in meiner Reichweite leerzutrinken. Isabel hatte mich dabei ertappt, und ich war, wie könnte es anders sein, rot geworden.

»Es ist warm hier…«, hatte ich gemurmelt.

Sie hatte mich nicht zur Vorsicht gemahnt. Sie hatte nichts gesagt. Sie hatte nur gelächelt, dieses entsetzliche, nachsichtige Lächeln, das …

Das was? Dazu komme ich später. So weit bin ich noch nicht. Es gibt so viele andere Dinge, die ich erst klarstellen muß!

In irgendeinem Sommer hatte ich mich darangemacht, die Scheune zu entrümpeln. Ich wollte alles herausholen, sortieren, Überflüssiges wegwerfen und nur das wieder einräumen, was aufgehoben werden sollte. Erschöpft hatte ich freilich nach einigen Stunden kleinlaut aufgegeben.

Ganz ähnlich hatte ich nun in jener Nacht eine andere Bestandsaufnahme in Angriff genommen, just in derselben Scheune. Nur daß ich, koste es, was es wolle, diesmal bis zum Ende durchhalten würde, was ich auch immer dabei entdecken mochte.

Da war fürs erste dieses Bild, Ray und Patricia, für das ich den richtigen Platz finden mußte. Dann kam irgendwann der Blick des alten Ashbridge dazu. Auch er ist kein Trunkenbold, sondern ein Mann, der in kleinen Schlucken an seinem Glas nippt, besonders nach fünf Uhr nachmittags. Er ist wohlbeleibt, aber nicht dick, und seine großen, hellen Augen schimmern stets ein wenig feucht.

»Na, Donald?«

Wir standen in der Nähe des Buffets, während sich um uns herum die Gäste in kleinen Gruppen lautstark unterhielten. Es waren verschiedene Gespräche zu hören, die sich überlagerten.

Warum kam es mir so vor, als wären wir beide plötzlich allein auf weiter Flur? Miteinander konfrontiert, ist wohl zutreffender, denn seit der Szene im Badezimmer waren kaum fünf Minuten vergangen.

Er betrachtete mich ruhig, aber er betrachtete mich. Ich weiß sehr genau, was ich damit sagen will. Meistens, vor allem bei Geselligkeiten dieser Art, betrachtet man doch den, mit dem man spricht, nicht wirklich. Man weiß, daß er da ist. Man redet. Man hört zu. Man antwortet. Der Blick schweift über ein Gesicht, eine Schulter…

Doch er betrachtete mich, und die zwei Worte, die er von sich gegeben hatte, klangen wie eine Frage:

»Na, Donald?«

Na was? Hatte er es auch gesehen? Wußte er, daß ich es gesehen hatte?

Er machte mir weder einen verdrossenen noch einen bedrohlichen Eindruck. Aber er lächelte auch nicht. War er eifersüchtig? Wußte er, daß es bei Patricia gang und gäbe war… Und ich, ich fühlte mich schuldig, als er fortfuhr:

»Ihr Freund Sanders ist ein bemerkenswerter Junge…«

Die ersten Leute gingen. Man sah sie am Eingang ihre Mäntel anziehen und in ihre Gummistiefel schlüpfen, von denen eine ganze Reihe in einem Regal stand. Wenn sich die Tür öffnete und wieder schloß, wehte jedesmal ein eiskalter Luftzug herein.

Etwas später setzte der Wind ein, anfangs mit monotonem Geräusch, danach in heftigen Böen, und die Gäste begannen, einander fragende Blicke zuzuwerfen.

»Schneit es noch immer?«

»Ja.«

»Dann droht uns wohl ein Blizzard.«

Warum ich entgegen aller Gewohnheit weitertrank, begreife ich noch immer nicht. Ich schlenderte von einer Gruppe zur anderen, und bislang vertraute Gesichter nahmen in meinen Augen auf einmal neue Züge an. Ich glaube, ich habe sogar albern gekichert, und Isabel hat mich dabei ertappt.

Allmählich machte sich eine gewisse Unruhe bemerkbar. Manche wohnten ziemlich weit entfernt, die einen im Staat New York, die anderen in Massachusetts, und sie mußten auf ihrem Heimweg bis zu vierzig Meilen fahren.

Ich ging als einer der letzten. Jedesmal wenn wieder eine Gruppe aufgebrochen und der Wind noch ungestümer ins Haus hereingefegt war, hatte ich das Geschrei und das Gejohle gehört.

»In einer Stunde haben wir einen Meter Schnee …«

Keine Ahnung, wer das gesagt hatte. Da griff Isabel nach meinem Arm, völlig natürlich, wie eine gute Ehefrau, fast beiläufig, zum Zeichen, daß es auch für uns an der Zeit war zu gehen.

»Wo ist Mona?«

»Sie holt gerade ihren Nerz aus Pats Zimmer…«

»Und Ray?«

Ray stand vor mir, der altvertraute Ray, der Ray, den ich seit fünfundzwanzigjahren gut kannte.

»Gehen wir?« fragte er.

»Ich glaube schon …«

»Es scheint, als könnte man keinen Schritt weit sehen …«

Zum Abschied drückte ich Patricias Hand nicht so wie sonst. Ich gestehe, daß ich sie länger festhielt und meine diebische Freude daran hatte. Ob der alte Ashbridge es gemerkt hat?

»Einsteigen, Kinder…«

Es standen nur noch drei oder vier Autos vorm Haus. Auf dem Weg zum Wagen mußten wir die Köpfe einziehen, weil uns der schon heftig tobende Sturm harte Schneekristalle ins Gesicht blies.

Die beiden Frauen ließen sich im Fond nieder. Ich setzte mich ans Steuer, ohne daß Isabel mich fragte, ob ich überhaupt fahren könne. Ich war nicht deprimiert, nicht einmal traurig oder müde. Im Gegenteil, ich fühlte mich angenehm erregt, und das Heulen des Sturms reizte mich zum Singen.

»Und schon ist der nächste in Sicht!…«

»Der nächste was?«

»Empfang … Kommende Woche steht uns noch einer bei den Russels bevor, danach ist bis zum Frühling Ruhe …«

Ab und zu blieben die Scheibenwischer hängen und setzten sich nur mühsam wieder in Gang. Der Schnee zog weiße, fast waagrechte Striche durch die Lichtkegel der Scheinwerfer, und ich orientierte mich an den schwarzen Stämmen der Alleebäurne, denn der Straßenrand war nicht mehr auszumachen.

Hinter mir hörte ich die beiden Frauen, im warmen Auto wohlig in ihre Pelze geschmiegt, Banalitäten austauschen.

»Hast du dich auch nicht zu sehr gelangweilt, Mona?«

»Überhaupt nicht… Patricia ist bezaubernd…. Im übrigen waren alle nett …«

»In drei Tagen baden sie in Florida…«

»Ray und ich wollen im nächsten Monat für ein paar Tage nach Miami …«

Ich beugte mich vor, um überhaupt etwas zu erkennen, und mehrmals mußte ich aussteigen und die Eisschicht abkratzen, die sich auf der Windschutzscheibe gebildet hatte. Beim dritten Mal meinte ich, der plötzliche Windstoß würde mich gleich davonblasen.

Wir haben jeden Winter mehr oder minder heftige Stürme. Deshalb wissen wir schon, wo die kritischen Stellen sind, wo Schneeverwehungen entstehen und welche Straßen wir besser meiden.

Auf welchem Weg waren wir nach Brentwood zurückgekommen? Über Copake oder über Great Barrington? Ich könnte es nicht mehr sagen.

»Ray, mein Alter, der hat’s aber in sich …«

Ein Schneesturm, wie er im Buch steht. Ein richtiger Blizzard. Als ich das Radio einschaltete, wurde er übrigens auch dort schon so bezeichnet. Aus der Gegend um Albany wurden bereits Windgeschwindigkeiten von über sechzig Meilen in der Stunde gemeldet, und Hunderte von Autos waren auf den Straßen im Norden liegengeblieben.

Anstatt mich zu beunruhigen, stachelte mich das erst recht an, als freute ich mich darüber, wenn ein wenig Abwechslung in mein Leben trat.

Ray und ich sprachen nur wenig. Er stierte vor sich hin und runzelte jedesmal die Stirn, wenn die Sicht gleich Null war. Da fuhr ich absichtlich schneller.

Ich hatte ihm nichts heimzuzahlen. Er war mein Freund. Damit, daß er sich mit Patricia eingelassen hatte, war er mir keineswegs zu nahe getreten. Ich war nicht verliebt in sie. Ich war in keine Frau verliebt. Mir genügte Isabel. Was hätte ich ihm also heimzahlen sollen?

Minutenlang war ich damit beschäftigt, eine Schneewehe zu überwinden, wozu ich einen der Sandsäcke zu Hilfe nahm, die wir im Winter immer im Kofferraum haben. Ich hatte Schnee in den Augen, in der Nase, in den Ohren, und er drang mir durch die Nähte der Kleidung.

»Wo sind wir?«

»Noch drei Meilen …«

Es wurde immer schwieriger voranzukommen. Da halfen auch die drei Schneepflüge nichts, denen wir begegneten, denn kaum waren sie vorüber, war die Straße wieder zugeschneit, und die Scheibenwischer streikten endgültig. Ich mußte alle naselang aussteigen und die Windschutzscheibe freikratzen.

»Sind wir noch auf der Straße?«

Isabels Stimme klang gelassen. Sie fragte bloß, weiter nichts.

»Ich nehm’s mal an«, gab ich vergnügt zurück.

Ehrlich gestanden, ich wußte es nicht mehr. Erst als wir die kleine Steinbrücke überquerten, die eine Meile von unserem Haus entfernt ist, fand ich mich wieder zurecht. Nur, nach der Brücke hatte der Schnee eine regelrechte Mauer aufgetürmt, in der das Auto steckenblieb.

»Das war’s, Kinder… Alles aussteigen …«

»Was sagst du?«

»Alles aussteigen… Der Chrysler ist kein Bulldozer, wir müssen zu Fuß weiter…«

Ray sah mich an und fragte sich, ob ich das ernst meinte. Isabel wußte sofort Bescheid, denn das war uns schon zweimal passiert.

»Nimmst du die Taschenlampe mit?«

Ich holte sie aus dern Handschuhfach und schaltete sie ein. Seit Monaten, vielleicht sogar seit Jahren hatten wir sie nicht mehr benutzt, und wie zu erwarten war, verbreitete sie nur noch einen gelblichen Schimmer.

»Dann mal los …«

In dem Moment war es ja noch lustig. Ich sehe die beiden Frauen vor mir, wie sie sich Arm in Arm gegen den Sturm stemmten und durch den Schnee davonstapften. Ich folgte ihnen mit der Taschenlampe, und Ray schritt wortlos neben mir. Im übrigen redete niemand. Es war schon schwierig genug, in dem Blizzard überhaupt Luft zu bekommen, da brauchte man den Atem nicht noch zu vergeuden.

Isabel stürzte, stand aber tapfer wieder auf. Bisweilen entschwanden die zwei Frauen in der Dunkelheit meinen Blicken. Dann hielt ich mir zum Schutz gegen die eiskalte Luft die Hand.vor den Mund und rief:

»Huhu! … Huhu! …«

Und ein kaum hörbares »Huhu!…« schallte wie ein Echo zurück.

Das Licht der Taschenlampe wurde immer schwächer. Als wir nur noch dreihundert oder vierhundert Meter vom Haus entfernt gewesen sein dürften, ging es plötzlich ganz aus.

»Huhu! …«

»Huhu! …«

Ich mußte sehr dicht hinter den Frauen gewesen sein, denn ich hörte den Schnee unter ihren Füßen knirschen. Rechts neben mir hörte ich auch Rays Schritte.

In meinem Kopf begann sich alles zu drehen. Die Energie, die mir der Alkohol verliehen hatte, ließ mich nun im Stich, und ich kam immer mühsamer voran. In meiner Brust, wie mir schien in der Herzgegend, spürte ich einen Schmerz, der mich beunruhigte.

Waren nicht schon Männer in meinem Alter, selbst starke Männer, auf diese Weise in Kälte und Schnee an Herzversagen gestorben?

»Huhu! …«

Mir wurde schwindlig. Es kostete mich Überwindung, die Füße zu heben. Ich sah nichts mehr. Ich hörte nur noch das wütende Heulen des Sturms, und ich war überall voll Schnee.

Ich weiß nicht, wie lange das gedauert hat. Ich kümmerte mich nicht mehr um die anderen. Stumpfsinnig hielt ich noch immer die erloschene Taschenlampe fest, und ich mußte alle zwei oder drei Schritte stehenbleiben, um wieder zu Atem zu kommen.

Endlich tauchte vor mir eine Wand auf, eine Tür, die sich öffnete.

»Herein mit euch …«

Wärme schlug mir aus dem dunklen Haus entgegen.

»Und Ray?«

Ich verstand nicht. Ich wunderte mich nur, warum die Frauen kein Licht gemacht hatten, und streckte die Hand nach dem Schalter aus.

»Es gibt keinen Strom … Wo ist denn Ray?…«

»Er war neben mir…«

An der Türschwelle rief ich:

»Ray! … Hallo, Ray!…«

Mir war so, als hörte ich eine Stimme, aber in einem Blizzard hört man leicht Stimmen.

»Ray …«

»Nimm die Taschenlampe aus dem Nachttisch …«

Wir haben immer eine kleine Taschenlampe im Nachttisch, weil bei uns des öfteren der Strom ausfällt. Ich tastete mich durch die Räume, stieß gegen Möbel, die mir fremd schienen. Dann flackerte hinter mir ein schwaches Licht auf, eine der roten Kerzen aus dem Eßzimmer.

Isabels verschwommene Umrisse nahmen sich in der Dunkelheit seltsam aus, während sie einen silbernen Leuchter schwenkte.

»Hast du sie gefunden?«

»Ja …«

Ich hielt die Taschenlampe in der Hand, aber sie leuchtete kaum heller als die aus dem Auto.

»Haben wir Reservebatterien?«

»Sind keine in der Schublade?«

»Nein …«

Ich hätte gern etwas getrunken, um mich zu stärken, aber ich wagte es nicht. Sie sagten nichts. Sie drängten mich nicht. Dennoch hatte ich den Eindruck, sie erwarteten von mir, daß ich, nur mit einer Lampe ausgerüstet, die ihren Geist schon halb aufgegeben hatte, in den Blizzard hinausging, um Ray zu suchen.

___________

Ich werde alles erzählen — klar, denn sonst wäre es nicht der Mühe wert gewesen, überhaupt damit anzufangen, und ich schicke voraus, daß ich an jenem Abend zu keinem Zeitpunkt vollkommen betrunken war.

Wollte ich versuchen, meinen Zustand so genau wie möglich zu beschreiben, würde ich sagen, meine Fähigkeit, klar zu denken, sei getrübt gewesen. Für mich existierte die Wirklichkeit um mich herum durchaus, und ich hatte auch den Kontakt zu ihr nicht verloren. Ebenso war ich mir dessen, was ich tat, voll bewußt. Nähme ich Papier und Bleistift zur Hand, könnte ich nahezu wortgetreu alle Äußerungen niederschreiben, die ich erst bei den Ashbridges, dann im Auto und danach zu Hause von mir gegeben habe.

Dennoch gelangte ich, so schien es mir, auf meiner Bank, auf der mir die Kälte zusetzte und ich Zigarette um Zigarette anzündete, zu einer neuen, scharfsinnigen Erkenntnis, die mir Unbehagen verursachte und die mich zu erschrecken begann.

Sie ließ sich in einem Wort zusammenfassen, oder vielmehr in vier Wörtern, die ich irgendwoher zu hören meinte:

»Du hast ihn getötet…«

Vielleicht nicht im juristischen Sinn. Und selbst das war fraglich! Ist nicht bei einer Gefahr für Leib und Leben die unterlassene Hilfeleistung dem Verbrechen gleichgestellt?

Als die beiden Frauen mich aus dem Haus geschickt hatten, Ray zu suchen, da war ich sofort nach rechts gegangen. Genauer gesagt war ich für den Fall, daß sie mich durchs Fenster beobachteten und den matten Schein meiner Taschenlampe verfolgten, zuerst einige Meter geradeaus gelaufen, um sie zu täuschen, und erst dann im Schutz der Dunkelheit nach rechts abgebogen, wo ich wußte, daß ich nach ungefähr dreißig Metern auf die Scheune stoßen würde.

Ich war körperlich am Ende, und ich glaube hinzufügen zu dürfen, daß ich es auch seelisch war. Dieser gewaltige Sturm, die aus den Fugen geratene Welt, die mich noch kurz zuvor zu fast hysterischer Heiterkeit gereizt hatte, machten mir pötzlich angst.

Warum waren sie im Haus geblieben? Warum waren sie nicht mitgekommen, ihn zu suchen? Ich sah Isabel wieder vor mir, ungerührt wie eine Statue, mit ihrem silbernen Leuchter, den sie in die Höhe gehalten hatte, etwas höher als ihre Schulter. Monas Züge hatten im Halbdunkel verstört ausgesehen, doch gesagt hatte sie nichts.

Anscheinend hatte weder die eine noch die andere begriffen, daß sich da ein wahres Drama anbahnte und daß sie mich auch noch in Gefahr brachten, wenn sie mich hinausscheuchten. Mein Herz klopfte zu heftig, in unregelmäßigen Schlägen. Immer wieder rang ich nach Luft.

Ich hatte Angst, das sagte ich schon. Ein- oder zweimal hatte ich noch gerufen:

»Ray …«

Es wäre ein Wunder gewesen, wenn er mich gehört hätte, so wie es auch ein Wunder gewesen wäre, wenn er in dem Schneetreiben das viel zu schwache Licht meiner Taschenlampe gesehen hätte. Die Schneeflocken sanken nicht einfach zu Boden, sie jagten fast horizontal über ihn hinweg. Vom Sturm gepeitscht, klatschten sie mir in ganzen Klumpen ins Gesicht und drehten mich zu ersticken.

Ich hörte die Tür zur Scheune knarren, rannte hinein und ließ mich auf die Bank fallen.

Eine rotgestrichene Bank. Eine Gartenbank. Mir wurde klar, wie grotesk die Situation war: mitten in der Nacht, mitten im Blizzard, sitzt da ein Mann von fünfundvierzig Jahren, ein Rechtsanwalt, ein ehrbarer Bürger, auf einer rotgestrichenen Bank und zündet sich mit zitternder Hand eine erste Zigarette an, als ob sie ihn aufwärmen könnte.

»Ich habe ihn getötet …«

Vielleicht noch nicht. Wahrscheinlich lebte er noch, schwebte aber in Lebensgefahr oder rang bereits mit dem Tod. Er kannte die Umgebung des Hauses nicht so gut wie ich, und wenn er nach rechts vom Weg abkam, wenn er sich nur einige Meter von ihm entfernte, dann stürzte er den Felsen hinunter, bis an den zugefrorenen Bach.

Das war mir gleichgültig. Ich brachte es nicht über mich, ihn zu suchen, auch nur das geringste Risiko einzugeben. Im Gegenteil.

So weit war es mit mir gekommen, hatte es wohl kommen müssen. So tief war ich nach und nach in dieser Nacht gesunken, in der Nacht vom fünfzehnten auf den sechzehnten Januar auf meiner Bank in der Scheune: was in diesem Augenblick mit Ray geschah, war mir durchaus recht.

Wäre ich in derselben geistigen Verfassung gewesen, wenn ich bei den Ashbridges nichts getrunken hätte? Schwer zu sagen, und im Grunde spielte es keine große Rolle. Hätte ich aber auch dieselbe perverse Erleichterung empfunden, wenn ich die Tür zum Badezimmer nicht geöffnet und Ray nicht mit Patricia erwischt hätte?

Das ist etwas anderes. Da rühre ich an den Kern meiner dumpfen Grübelei. Denn auf meiner Bank grübelte ich mehr dumpf vor mich hin, als daß ich logisch überlegte.

Was Ray an diesem Abend im Badezimmer getan hatte, mit einer so schönen und begehrenswerten Frau wie Patricia, die er erst seit kaum zwei Stunden kannte, das hatte ich mir hundertmal, tausendmal erträumt.

Er hatte Mona geheiratet, die einen genau wie Patricia stets an ein Bett denken läßt.

Ich hatte dagegen Isabel geheiratet.

Beinahe könnte ich sagen: »Das erklärt alles…«

Aber es erklärte eben nicht alles. Ich hatte, Gott weiß warum, damit begonnen, eine Ecke der Allerweltswahrheit anzuheben, mich in einer anderen Art von Spiegel zu betrachten, und nun ging die ganze alte, mehr oder minder bequeme Wahrheit in die Brüche.

Es hatte in Yale angefangen. Nein, es hatte schon vor Yale angefangen, noch ehe ich Ray gekannt hatte. Im Grunde hatte es in meiner Kindheit angefangen. Ich hatte mir gewünscht… Wie soll ich’s nur ausdrücken! Ich wollte alles tun, alles ausprobieren, mir alle Freiheiten herausnehmen, den Leuten ins Gesicht sehen, ihnen sagen …

Ich wollte die Leute so ansehen wie der alte Ashbridge zum Beispiel, vor dem ich mich an diesem Abend wie ein kleiner Junge gefühlt hatte.

Ergab sich keine Mühe, mit einem zu reden, sich in irgendeiner Weise anzupassen. Er versuchte nicht, Konversation zu machen. Ich hatte vor ihm gestanden. Hatte er vielleicht sogar über mich hinweggesehen? Ich war für ihn völlig bedeutungslos gewesen.

Er war siebzig Jahre alt und nie ein schöner Mann gewesen. Während er still vor sich hin trank, was seinen Augen diesen wässrigen Glanz verlieh, waren Dutzende von Gästen in sein Haus eingefallen.

Machte er sich Gedanken darüber, was sie von ihm hielten? Er gab ihnen zu trinken und zu essen, bot ihnen bequeme Sessel, offene Zimmer, einschließlich des Badezimmers, in dem Patricia …

Wußte er eigentlich, daß seine Frau ihn betrog? Litt er darunter? Oder setzte er sich vielmehr verächtlich über den armseligen Ray hinweg, der nur so vielen anderen nachgeeifert hatte und fünf Minuten später nicht mehr zählen würde, der schon im Augenblick nicht mehr zählte und dem sie vielleicht noch am selben Abend in einem anderen Zimmer oder sogar im selben einen anderen folgen lassen würde?

Ich bewunderte Ashbridge nicht nur deshalb, weil er reich war und weil er, angefangen bei Handelsschiffen bis hin zu Fernsehsendern, an fünfzig verschiedenen Unternehmen beteiligt war.

Als er sich zehn Jahre zuvor in unserer Gegend niedergelassen hatte, da hätte ich ihn gern als Klienten gewonnen und wenigstens einen ganz kleinen Teil seiner Geschäfte betreut.

»Ich muß mich demnächst mal mit Ihnen unterhalten«, hatte er mir damals gesagt.

Die Jahre waren verstrichen, und er hatte sich nie mit mir unterhalten. Ich nahm es ihm nicht übel.

Bei Ray war das etwas anderes, denn Ray und ich waren im gleichen Alter, beinahe gleicher Herkunft, wir hatten dasselbe Studium durchlaufen, in Yale hatte ich sogar glanzvoller abgeschnitten als er, aber er hatte sich zu einem bedeutenden Mann der Madison Avenue gemausert, während ich nur ein biederer kleiner Anwalt in Brentwood in Connecticut geworden war.

Ray war größer als ich, stärker als ich. Schon mit zwanzig konnte er die Leute so ansehen wie der alte Ashbridge.

Ich bin noch mehr Männern von ihrem Schlag begegnet, auch unter meinen Klienten. Meine Gefühle für sie hängen vom jeweiligen Tag und von meiner jeweiligen Stimmung ab. Einmal bin ich überzeugt davon, daß es sich um reine Bewunderung handelt, ein andermal muß ich mir eingestehen, daß ich neidisch bin.

Na schön, jetzt wußte ich es. Auf meiner Bank kam ich dahinter: es war Haß.

Sie machten mir angst. Sie waren zu stark für mich, oder ich war zu schwach für sie.

Ich erinnerte mich an den Abend, an dem Ray mir Mona vorgestellt hatte. Sie trug damals ein schlichtes Kleid aus schwarzer Seide, das einen ahnen ließ, wie das Leben in jeder Faser ihres Körpers pulsierte.

»Warum nicht ich?«

Für mich Isabel. Für ihn Mona.

Aber hatte ich mich nicht gerade deshalb für Isabel entschieden, weil ich mich nie an eine Mona, an eine Patricia oder an irgendeine all dieser Frauen herangewagt hätte, die ich so sehr begehrte, daß ich in ohnmächtigem Verlangen die Fauste ballte?

Der Sturm tobte mit solcher Heftigkeit, daß ich schon befürchtete, die Scheunentür würde gleich davonfliegen. Das obere Scharnier war ausgerissen, und sie hing nun schief, trotzdem schlug sie immer wieder mit dumpfem Dröhnen an die Wand.

Der Schnee, der hereingeweht wurde, reichte fast bis zu meinen Füßen, und in einer Art Wahn, in einem kalten, hellsichtigen Wahn, dachte ich immerzu:

»Ich habe Ray umgebracht …«

Und wenn ich nun hinging und es ihnen sagte, den beiden Frauen, die beim Schein einer Kerze im warmen Haus saßen?

»Ich habe Ray umgebracht …«

Sie würden mir nicht glauben. Mir traute man ja nicht einmal zu, daß ich Ray oder sonst irgendwen töten könnte.

Dennoch hatte ich es soeben getan, und es bereitete mir eine diffuse, sinnliche Freude, so als hätte ich aus einem sehr starken Getränk neue Krafl geschöpft.

Ich erhob mich. Schließlich erwartete man nicht von mir, daß ich stundenlang draußen bleiben würde. Obendrein war ich starr vor Kälte, und ich fürchtete um mein Herz. Ich hatte stets Angst davor gehabt, mein Herz könnte plötzlich zu schlagen aufhören.

Ich stapfte in den Schnee hinaus, der mir ins Gesicht und an die Brust klatschte und der um meine Beine herumwirbelte. Ich mußte mich anstrengen, um erst einen Fuß herauszuziehen und dann den anderen.

»Ray!…«

Ich durfte mich nicht verirren, durfte nicht vom Weg abkommen. Das Haus war nicht zu sehen. Von der Scheune aus hatte ich die Richtung angepeilt. Jetzt brauchte ich nur noch geradeaus zu gehen.

Und wenn ich nun Ray in Gesellschafl der beiden Frauen vorm Kamin im Wohnzimmer antraf? Ich malte mir aus, wie sie mich wie ein Gespenst anstarren und lächelnd fragen würden:

»Warum bist du so lange weggeblieben?«

Das machte mir derart angst, daß es mir die Kraft verlieh, schneller zu gehen, so schnell, daß ich gegen die Hauswand stieß, an der ich mich entlangtastete und den Eingang suchte. Sie hatten mich nicht kommen hören. Ich drehte den Türknauf herum und sah als erstes Holzscheite im Kamin glühen, dann jemand, der in Isabels hellblauem Morgenrock in einem Sessel saß. Es war allerdings nicht Isabel. Es war Mona.

»Wo ist sie?«

»Isabel? … Sie richtet etwas zu essen … Aber… Donald!«

Es klang beinahe wie ein Aufschrei:

»Donald!«

Sie erhob sich nicht aus ihrem Sessel. Sie blickte mich nicht an. Sie stierte auf die Flammen im Kamin. Ihr Gesicht spiegelte keinerlei Empfindung wider, es schien völlig ausdruckslos.

Ganz leise fügte sie hinzu:

»Haben Sie ihn nicht gefunden?«

»Nein …«

»Wenn man bedenkt, wieviel Zeit vergangen ist …«

Ja, während sie gemerkt hatte, wie die Zeit verstrich, da hatte sie angefangen, es zu begreifen.

»Er ist immerhin kräftig«, sagte ich, »kräftiger als ich … Vielleicht…«

»Vielleicht was?«

Wie könnte ich ihr etwas vormachen? Und wie hätte Ray in diesem Meer von Schnee und Eis seinen Weg finden sollen?

Isabel kam herein, ihren Leuchter in der einen Hand, einen Teller mit belegten Broten in der anderen. Sie schaute mich an, wurde noch blasser, und ihre Züge verhärteten sich.

»Iß etwas, Mona…«

Wie lange dauert es, bis man stirbt, wenn man unter Schnee begraben ist? Noch drei bis vier Stunden, dann würde es langsam hell werden.

»Hast du versucht zu telefonieren?« fragte ich.

»Die Leitungen sind alle unterbrochen…«

Sie wies mich mit einem Blick auf ein kleines Transistorradio hin.

»Wir hören jede Viertelstunde die Nachrichten … Anscheinend zieht sich das Unwetter von der kanadischen Grenze bis New York hin… Auf dem Land sind fast überall der Strom und das Telefon ausgefallen …«

Unwillkürlich fügte sie hinzu:

»Ray hätte dich am Arm festhalten sollen, so wie wir beide es gemacht haben …«

»Er ging rechts von mir, ganz in meiner Nähe …«

Mona weinte nicht. Sie hielt ein Sandwich in der Hand und biß schließlich hinein.

»Hast du etwas zu trinken, Isabel?«

»Ein Bier? Oder einen Schnaps? Ich kann dir nichts Heißes machen, weil wir ja einen Elektroherd haben.«

»Einen Whisky …«

»Du solltest auch ein Bad nehmen, Donald… Später gibt es kein warmes Wasser mehr…«

Stimmt, der Ölbrenner schaltete automatisch ab. Alles wurde mit Strom betrieben, sogar die Uhren, mit Ausnahme der kleinen Pendeluhr in unserem Schlafzimmer.

Jetzt verstand ich, warum Mona einen Morgenrock von Isabel trug. Meine Frau hatte ihr eingeredet, ein Bad zu nehmen, damit sie sich entspannte und auch aufwärmte.

»Bist du bis zum Auto gegangen?«

»Ja …«

Von neuem packte mich die Angst. Wenn Ray kreuz und quer durch den Schnee gelaufen war und das Auto wiedergefunden hatte? In dem Fall wäre es am vernünftigsten gewesen, sich da hineinzuflüchten, sich so gut wie möglich zusammenzukauern und abzuwarten, bis es hell wurde.

Unser Haus, die Yellow Rock Farm, liegt nicht direkt an der Straße. Wir haben einen Privatweg, der über eine halbe Meile lang ist. Unsere nächsten Nachbarn sind ungefähr eine Meile von uns entfernt.

»Wie ich Ray kenne …«, setzte meine Frau an, und ich wartete gespannt auf das, was kommen würde.

»… wird er es schon überstehen …«

Ich nicht, aber er. Weil er Ray war. Das war ja etwas anderes, er war kein Donald Dodd.

»Gehst du nicht in die Badewanne? … Nimm die Kerze mit … Es ist besser, wenn wir sparsam mit ihnen umgehen und immer nur eine anzünden … Wir haben hier die Flammen im Kamin …«

Die Heizkörper würden bald auskühlen. Sie wurden bereits kühler. In einigen Stunden würde es nur noch im Wohnzimmer warm sein. Dann würden wir drei wohl möglichst nahe am Feuer eng zusammenrücken müssen.

Nun schwenkte ich auf dem Weg in unser Schlafzimmer den Leuchter. Mich verlangte aufs neue danach, etwas zu trinken. Also kehrte ich um und traf Isabel dabei an, wie sie Mona einen Whisky eingoß.

Ich holte ein Glas aus dem Schrank, griff nun ebenfalls nach der Flasche und deutete den Blick meiner Frau richtig. Noch immer kein Vorwurf. Nicht einmal eine stumme Warnung. Es war etwas anderes. Das ging schon seit Jahren so, wahrscheinlich seit wir uns kannten. Sie führte gewissermaßen Protokoll.

Sie registrierte kommentarlos, wie ohne zu urteilen, indem sie sich selbst sogar jegliches Urteil untersagte. Die Fakten waren dennoch vorhanden, in Kolonnen, fein säuberlich aneinandergereiht.

Es mußten sich Tausende angesammelt haben. Abertausende. In siebzehn Jahren des Zusammenlebens, ein Jahr Verlobungszeit nicht mitgerechnet!

»Auf Ihr Wohl, Mona …«

Das Wort war lächerlich, sie schien es aber nicht zu hören. Ich trank gierig. Wärme breitete sich in meinem Körper aus, und ich spürte erst jetzt, wie durchgefroren ich war.

Das Badezimmer erinnerte mich an das bewußte der Ashbridges und brachte mich auf einen beschämend vulgären Gedanken.

»Wenigstens hatte er noch ein letztes Vergnügen gehabt …«

Warum war ich mir dessen so sicher, daß Ray tot war? Die Möglichkeit, daß er im Auto saß, war doch einleuchtend. Isabel hatte vielleicht recht. Sie wußte ja nicht, daß ich nicht bis dahin gegangen war. Ebenso mochte er, aber das wäre schon schwieriger gewesen, eins der umliegenden Häuser erreicht haben. Die Telefonleitung war unterbrochen, er konnte uns nicht benachrichtigen.

»Ich habe ihn getötet …«

Mona schätzte die Situation genauso ein wie ich, das hatte ich an ihrem Verhalten gemerkt. Liebte sie Ray wirklich? Gibt es Menschen, die sich nach einer Reihe von Jahren immer noch lieben?

Ray und Mona haben keine Kinder. Wir haben zwei, zwei Mädchen, die das Internat Adams in Litchfield besuchen, eins der besten in ganz Connecticut, das von Miss Jenkins geleitet wird.

Ob sie in Litchfield wohl Licht hatten?

Mildred ist fünfzehn Jahre alt, Cecilia zwölf, und sie kommen alle vierzehn Tage über das Wochenende nach Hause. Zum Glück waren sie dieses Wochenende nicht hier.

Das Wasser lief in die Badewanne ein. Ich hielt die Hand rechtzeitig in den Strahl, so daß ich merkte, daß er kalt geworden war, und ich mußte mich mit einer nur zu einem Drittel gefüllten Wanne begnügen.

Es kam mir in jener Nacht seltsam vor, daß ich ein ehrbarer Mann war, einer der beiden Partner der Rechtsanwaltskanzlei Higgins und Dodd, verheiratet, Vater zweier Töchter, Besitzer der Yellow Rock Farm, eines der ältesten und liebenswertesten Häuser von Brentwood, und daran dachte, daß ich soeben einen Menschen getötet hatte.

Zwar nur durch unterlassene Hilfeleistung, aber immerhin! Weil ich ihn nicht gesucht hatte.

Wer weiß, wenn ich stundenlang mit meiner immer schwächer werdenden Taschenlampe durch den Schnee geirrt wäre, hätte ich ihn möglicherweise, höchstwahrscheinlich sogar, auch nicht gefunden.

Hatte ich ihn also in Gedanken getötet? Das traf schon eher zu. Ich hatte nicht gesucht. Sobald man mich vom Haus aus nicht mehr sehen konnte, war ich zur Scheune abgebogen, um mich dort in Sicherheit zu bringen.

Würde Mona sehr verzweifelt sein? Wußte sie, daß Ray mit anderen Frauen geschlafen hatte, sobald sich eine Gelegenheit dazu bot?

Wer weiß, ob sie nicht wie Patricia war. Vielleicht waren Ray und Mona nicht eifersüchtig gewesen und hatten einander ihre Abenteuer erzählt.

Ich nahm mir vor, der Sache auf den Grund zu gehen. Wenn jemand davon profitieren sollte, dann ich …

Beinahe wäre ich in der Badewanne eingenickt, und ich paßte auf, daß ich beim Hinaussteigen nicht ausglitt, denn ich spürte, daß ich nicht sicher auf den Beinen stand.

Was würden wir drei jetzt tun? Bestimmt nicht schlafen gehen. Geht man denn zu Bett, wenn der Ehemann einer Frau, die zu Besuch ist …

Nein. Wir würden nicht schlafen gehen. In den Zimmern war es übrigens eiskalt geworden, und ich schlotterte in meinem Hausmantel. Ich entschied mich für eine graue Flanellhose und für einen dicken Pullover, den ich für gewöhnlich nur zum Schneeschaufeln auf der Einfahrt anzog.

Eine der beiden Kerzen war hinuntergebrannt, und ich zündete die zweite an, schlüpfte in meine Pantoffeln und begab mich ins Wohnzimmer.

»Weißt du, ob noch Holz im Keller ist?«

Er wurde fast nie benutzt. Wir machten nur dann im Kamin Feuer, wenn wir Freunde zu Besuch hatten, und mußten durch eine Falltür und über eine Leiter in den Keller hinuntersteigen, was den Holznachschub schwierig gestaltete.

»Ich glaube, es ist noch was unten…«

Unwillkürlich schaute ich die Whiskyflasche an. Als ich die beiden Frauen verlassen hatte, war die Flasche noch halb voll gewesen. Jetzt war nur mehr ein Rest übrig.

Isabel war meinem Blick gefolgt, natürlich, und, ebenso natürlich, hatte sie ihn verstanden.

Mit einem weiteren, auf Monas Gesicht gerichteten Blick lieferte sie mir die Erklärung. Mona schlief mit hochrotem Kopf in ihrem Sessel, und der Morgenrock, der auseinandergerutscht war, ließ ein nacktes Knie sehen.

2

Als ich die Augen einen Spaltbreit öffnete, lag ich auf dem Wohnzimmersofa, und jemand hatte die rot, blau und gelb karierte Decke über mich gebreitet. Der Tag war schon angebrochen, es sickerte jedoch nur fahles Licht durch die Fensterscheiben, auf denen sich eine dicke, gefrorene Schneeschicht festgesetzt hatte.

Was mir zuallererst entgegenschlug, was mich vielleicht geweckt hatte, war ein vertrauter Geruch, der auch sonst morgens durchs Haus zog: der Geruch von Kaffee.

Die Ereignisse des vergangenen Abends und der Nacht fielen mir wieder ein. Ich fragte mich, ob die Stromleitung schon wieder repariert war. Dann, als ich den Kopf ein wenig umwandte, entdeckte ich Isabel auf Knien vor dem Kamin.

Ich hatte starke Kopfschmerzen, und es widerstrebte mir, mich mit der Wirklichkeit eines neuen Tages auseinanderzusetzen. Ich wäre gern noch einmal eingeschlafen, doch noch ehe ich die Augen wieder schließen konnte, fragte mich meine Frau:

»Hast du dich ein bißchen ausgeruht?«

»Ich glaube …Ja …«

Ich erhob mich und stellte fest, daß ich betrunkener gewesen sein mußte, als ich gedacht hatte. Mein ganzer Körper schmerzte, und mich erfaßte ein Schwindelgefühl.

»Du kriegst gleich Kaffee …«

»Hast du auch geschlafen?« fragte ich zurück.

»Ich habe gedöst …«

Aber nein. Sie hatte über uns gewacht, über Mona und mich. Sie war großartig, wie eh und je. Es lag in ihrer Natur, sich stets untadelig zu benehmen, wie die Umstände auch immer sein mochten.

Ich malte mir aus, wie sie, aufrecht in ihrem Sessel sitzend, uns abwechselnd beobachtet hatte und bisweilen lautlos aufgestanden war, um das Feuer in Gang zu halten.

Dann, beim ersten Lichtstreif der Morgendämmerung, hatte sie die kostbare Kerze gelöscht und eine Kasserolle mit möglichst langem Stiel aus der Küche geholt. Während wir schliefen, hatte sie an den Kaffee gedacht.

»Wo ist Mona?«

»Sie zieht sich gerade an …«

In dem Zimmer am Ende des Flurs, dessen Fenster auf den Teich hinausgingen. Ich erinnerte mich an die zwei blauen Lederkoffer, die Ray tags zuvor hereingetragen hatte, vor dem Empfang bei den Ashbridges.

»Wie geht es ihr?«

»Sie hat sich noch nicht klargemacht, daß …«

Ich horchte auf den Sturm, der noch genauso laut heulte, wie in dem Moment, in dem ich eingeschlafen war. Isabel schenkte mir Kaffee ein, in meiner gewohnten Tasse, denn jeder von uns hat seine eigene Tasse; meine ist ein bißchen größer als ihre, weil ich sehr viel Kaffee trinke.

»Wir müssen Holz heraufholen …«

Es lag kein einziges Scheit mehr in dem Korb, der rechts neben dem Kamin stand, und es würde nicht lange dauern, bis die Scheite, die schon brannten, zu Asche zerfielen.

»Ich geh runter…«

»Soll ich dir nicht helfen?«

»Aber nein …«

Schon verstanden! Zwei oder drei flüchtige Blicke in meine Richtung, und sie wußte, daß ich einen Kater hatte. Sie wußte alles. Wozu sollte ich versuchen, ihr etwas vorzuspielen?

Ich trank meinen Kaffee aus, zündete mir eine Zigarette an und begab mich in den kleinen Raum neben dem Wohnzimmer, den wir Bibliothek nennen, weil eine Wand voller Bücher ist. Ich schlug den ovalen Teppich zurück und legte damit die Falltür frei. Erst als ich sie anhob, fiel mir ein, daß ich eine Kerze brauchte.

Alles war so verworren, gespenstisch.

»Wieviel Kerzen haben wir noch?«

»Fünf. Vorhin habe ich Hartfort im Radio gekriegt …«

Das ist die am nächsten gelegene größere Stadt.

»Die meisten Häuser auf dem Land sind genauso dran wie wir. Überall sind sie dabei, die Leitungen zu flicken, aber an manche Stellen kommt man noch nicht ran …«

Ich stellte mir die Männer vor, die draußen, im Blizzard, an Strommasten emporkletterten, und die Abschleppwagen, die sich einen Weg durch den Schnee bahnten, der immer tiefer wurde.

Mit der Kerze in der Hand stieg ich die Leiter hinunter und ging in den hinteren Teil des Kellers, den man in den Felsen gehauen hat, in diesen gelben Felsen, dem das ehemalige Bauernhaus seinen Namen verdankt. Ich geriet in Versuchung, mich hinzusetzen, um allein zu sein und nachdenken zu können.

Aber worüber sollte ich denn nachdenken? Es war vorbei. Da gab es nichts mehr nachzudenken.

Ich mußte nur noch das Holz hinauftragen …

___________

Dieser Vormittag blieb mir in trüber Erinnerung, so wie manche Sonntage in meiner Kindheit, wenn ich nicht hinauskonnte, weil es regnete, und ich nicht wußte, wohin mit mir. Dann kam es mir so vor, als befänden sich Menschen und Dinge nicht dort, wo sie eigentlich hingehörten, und auch die Geräusche klangen anders, die auf der Straße ebenso wie die im Haus. Ich fühlte mich hilflos und spürte tief in mir drinnen eine leise Angst.

Das ruft mir ein lächerliches Detail ins Gedächtnis. Sonntags blieb mein Vater länger im Bett als an den übrigen Tagen, und ich sah ihm hin und wieder beim Rasieren zu. Er lief in einem alten Morgenrock herum, und er roch anders als sonst, so wie auch das Schlafzimmer meiner Eltern anders roch, was vielleicht daran lag, daß es erst im späteren Verlauf des Tages aufgeräumt wurde.

»Guten Morgen, Donald … Haben Sie ein wenig schlafen können?…«

»Ja, danke … Und Sie?«

»Ich, wissen Sie …«

Sie trug schwarze Hosen und einen gelben Pullover. Bereits frisiert und geschminkt rauchte sie müde und lustlos eine Zigarette, während sie unentwegt mit dem Löffel in ihrer Tasse herumrührte.

»Was machen wir jetzt?«

Sie sagte das, nur um etwas zu sagen, eher halbherzig, und sie stierte dabei in die Flammen.

»Zur Not, glaub ich, kann ich euch Eier braten … Es sind welche im Kühlschrank…«

»Ich habe keinen Hunger…«

»Ich auch nicht … Aber wenn noch Kaffee da ist…«

Kaffee und Zigaretten, das war alles, wonach mir der Sinn stand. Ich öffnete einen Spaltbreit die Tür, die ich gegen einen hefligen Windstoß stemmen mußte, und ich erkannte die Umgebung des Hauses kaum wieder.

Der Schnee hatte über einen Meter hohe Wellen gebildet. Es schneite noch immer, noch genauso dicht wie in der Nacht, und die Scheune, dieses rote Ungetüm, war nur mit Mühe zu erahnen.

»Meinst du, man kann’s probieren?« fragte mich Isabel.

Was? Auf die Suche nach Ray zu gehen?

»Ich ziehe mir nur meine Stiefel und die Pelzjacke an…«

»Ich komme mit …«

»Ich auch …«

Das war doch alles sinnlos, und ich war mir dessen bewußt. Es reizte mich, ihnen in aller Ruhe zu erklären:

»Es hat keinen Zweck, nach Ray zu suchen … Ich habe ihn getötet …«

Denn ich erinnerte mich daran, daß ich ihn getötet hatte. Ich erinnerte mich an alles, was auf der Bank geschehen war, an alles, was ich gedacht hatte. Warum schielte denn meine Frau unablässig zu mir her?

In ihren Augen hatte ich zuviel getrunken, gewiß. Das ist kein Verbrechen. Ein Mann darf sich doch wohl zweimal in seinem Leben betrinken. Ich habe mir nur den falschen Abend ausgesucht, aber das habe ich ja nicht wissen können.

Obendrein war es Rays Schuld. Hätte er Patricia nicht ins Badezimmer im ersten Stock abgeschleppt …

Was soll’s! Würde ich wenigstens so tun als ob. Ich stieg in meine Stiefel und schlüpfte in meine pelzgefütterte Lederjacke. Isabel zog sich ebenfalls an, während sie zu Mona sagte:

»Nein, du bleibst hier. Einer muß das Feuer in Gang halten …«

Wir stapften nebeneinander her, schoben uns gewissermaßen in den Schnee hinein, der sich um so höher vor uns auftürmte, je weiter wir vorzudringen versuchten. Unsere Gesichter wurden in der Kälte starr. Mir drehte sich alles, und ich fürchtete, jeden Augenblick erschöpft zusammenzubrechen, wollte aber nicht als erster aufgeben.

»Es ist sinnlos …« entschied Isabel schließlich.

Bevor wir ins Haus zurückkehrten, kratzten wir die Scheiben eines Fensters frei, damit wir später wenigstens ein bißchen von dem sehen konnten, was sich draußen tat. Mona hatte wieder ihren Platz vorm Feuer eingenommen, und sie stellte uns keine Fragen.

Sie hörte Radio. Hartford meldete, daß es Dächer abgedeckt hatte und daß Hunderte von Autos auf den Straßen liegengeblieben waren. Sie nannten die am schlimmsten heimgesuchten Gegenden, von Brentwood war aber dabei nicht die Rede.

»Wir müssen trotzdem etwas essen …« entschied Isabel, strebte der Küche zu, und Mona und ich blieben Seite an Seite zurück. Ich frage mich, ob das wirklich das erste Mal war, daß wir uns allein in einem Raum befanden. Jedenfalls hatte ich diesen Eindruck, und er bescherte mir ein zweifelhafles Vergnügen.

Wie alt war sie eigentlich? Fünfunddreißig? Älter? Sie war im Theater aufgetreten, früher, und auch ein bißchen im Fernsehen. Ihr Vater war Bühnenautor gewesen, er hatte erfolgreiche Musicals geschrieben und ein ziemlich bewegtes Leben geführt, bis er vor drei oder vier Jahren starb.

Was hatte Mona Geheimnisvolles an sich? Nichts. Sie war eine Frau wie jede andere. Vor ihrer Heirat mit Ray dürfte sie einige Abenteuer gehabt haben.

»Das kommt mir alles so unwirklich vor, Donald …«

Ich betrachtete sie und fand sie rührend. Ich hätte sie gern in die Arme geschlossen, sie an meine Brust. gedrückt und ihr Haar gestreichelt. Benahm sich so ein Donald Dodd?

»Mir auch …«

»Sie haben Ihr Leben aufs Spiel gesetzt, letzte Nacht, als Sie ihn suchen gingen …«

Ich schwieg. Ich schämte mich nicht. Im Grunde genoß ich diesen Augenblick, in dem wir einander so nah waren.

»Ray war ein feiner Kerl …« murmelte sie etwas später.

Sie sprach von ihm wie von jemandem, der schon sehr weit entfernt war, und wie mir schien, mit einer gewissen Gleichgültigkeit.

Nach einem ziemlich langen Schweigen fügte sie hinzu:

»Wir haben uns gut verstanden, wir zwei …«

Isabel kam mit einer Pfanne und Eiern zurück.

»Das ist am einfachsten zu machen. Es ist noch etwas Schinken im Kühlschrank, falls jemand mag …«

Wie am Morgen kniete sie sich vor den Kamin, in dem sie schließlich die Pfanne ausbalancierte.

Was taten die Leute in den anderen Häusern? Wahrscheinlich dasselbe. Nur daß nicht alle einen Kamin und Holz hatten. Die Ashbridges würden wohl ihre Abreise nach Florida verschieben müssen.

___________

Und die Mädchen im Internat Adams? Ob sie dort Brennmaterial hatten, um sich zu wärmen? Ich beruhigte mich damit, daß ich mir sagte, Litchfield sei eine recht große Stadt und es sei nichts über Stromausfälle in den Städten gemeldet werden.

»Der schlimmste Blizzard seit zweiundsiebzig Jahren …«

Nach den Nachrichten ertönte aus dem Radio wieder Musik, und ich schaltete aus.

Wir mußten in unmittelbarer Nähe des Feuers essen, denn nur drei Meter davon entfernt ging einem die Kälte durch und durch.

Warum Isabel? … Wie schon gesagt, seit wir uns kannten, hatte sie eine bestimmte Art, mich unablässig zu beobachten, mir schien es aber an diesem Morgen, als sei daran etwas anders geworden.

Ich hatte sogar irgendwann einmal den Eindruck, ihr Blick bedeute: »Ich weiß Bescheid.«

Ohne Zorn. Nicht wie eine Anklage. Wie eine simple Feststellung.

»Ich kenne dich und ich weiß Bescheid.«

Allerdings machte mir auch mein Kater noch zu schaffen, und mindestens zweimal war ich nahe daran, mein Frühstück zu erbrechen. Ich brannte darauf, etwas zu trinken, um wieder ins Lot zu kommen, traute mich jedoch nicht.

Warum? Immer diese Fragen! Ich habe mein ganzes Leben damit zugebracht, mir Fragen zu stellen, nicht viele, einige, mitunter ziemlich blödsinnige, ohne jemals zufriedenstellende Antworten darauf zu finden.

Ich bin ein Mann. Isabel hatte am vergangenen Abend nichts dabei gefunden, daß an die fünfzig Männer und Frauen maßlos getrunken hatten. Dennoch hatte bei mir nicht viel gefehlt und ich hätte die Gläser auf den Tischen hinter ihrem Rücken eingesammelt und sie klammheimlich geleert.

Warum?

Sie hatte doch nach unserer Rückkehr als erste einen Scotch für Mona eingegossen, die immerhin eine Frau war, und ich hatte lange zugewartet, bis ich es wagte, mir selbst etwas einzuschenken.

Was hinderte mich jetzt daran, den Barschrank zu öffnen, eine Flasche herauszunehmen und mir ein Glas aus der Küche zu holen? Ich hatte es nötig. Ich wankte buchstäblich. Ich hatte keinerlei Lust, mich zu betrinken; ich wollte nur wieder ins Lot kommen.

Über eine halbe Stunde zögerte ich, und dann wandte ich trotzdem noch einen Trick an.

»Möchten Sie einen Scotch, Mona?«

Sie schaute Isabel an, als müßte sie meine Frau um Erlaubnis fragen, als zählte mein Angebot nicht.

»Der würde mir vielleicht ganz guttun.«

»Und du, Isabel?«

»Nein, danke…«

Für gewöhnlich, sofern wir abends nicht eingeladen sind und auch keine Gäste bei uns empfangen, trinke ich nur einen Whisky pro Tag, gleich wenn ich aus dem Büro nach Hause komme, vorm Abendessen. Oft trinkt Isabel einen mit, zugegeben, mit viel Soda.

Sie ist gar nicht so sittenstreng. Sie kritisiert weder die Leute, die trinken, noch diejenigen unserer Freunde, die ein mehr oder minder unstetes Leben führen.

Also, warum dann diese Angst, verdammt noch mal? Denn man könnte meinen, ich hätte Angst vor ihr. Angst wovor? Vor einem Vorwurf? Sie hat mir nie welche gemacht. Also wovor dann? Vor einem scheelen Blick? So wie ich als Kind Angst vor einem scheelen Blick meiner Mutter hatte?

Isabel ist nicht meine Mutter. Ich bin ihr Mann, und wir haben miteinander zwei Kinder in die Welt gesetzt. Nie unternimmt sie etwas, ohne mich um Rat zu fragen.

Sie hat nichts von den starken und dominierenden Ehefrauen an sich, über die so viele Männer klagen, und wenn wir in Gesellschafl sind, überläßt sie das Reden immer mir.

Sie ist ganz einfach ein stiller Typ. Von heiterer Gelassenheit. Sollte das nicht schon alles erklären?

»Auf Ihr Wohl, Mona …«

»Auf das Ihre, Donald … Und auf deins, Isabel …«

Mona versuchte nicht, den großen Seelenschmerz zu mimen. Vielleicht litt sie, aber es dürfte kein herzzerreißendes Leiden gewesen sein. Als ob es aus ihrem tiefsten Inneren käme, hatte sie gesagt:

»Ray war ein feiner Kerl …«

War das nicht aufschlußreich? Das klang nach Kumpel, nach einem guten Freund, mit dem man ein Stück des Wegs auf so angenehme Weise wie möglich durchs Leben gegangen war.

Auch das zog mich an. Seit langem hatte ich zwischen ihnen dieses ungetrübte, nachsichtige Einvernehmen gespürt.

Ray hatte Lust auf Patricia Ashbridge gehabt, und er hatte sie genommen, ohne sich, dessen bin ich mir inzwischen sicher, Gedanken darüber zu machen, ob seine Frau es erfahren würde oder nicht.

»Mir scheint, der Sturm legt sich …«

Unsere Ohren waren so an das Heulen des Orkans gewöhnt, daß die kleinste Veränderung uns überraschte. Es stimmte. Von Windstille noch weit entfernt, hatte das Getöse doch an Heftigkeit verloren, und bei einem Blick durch die Scheibe, die wir, so gut es eben ging, freigekratzt hatten, schien es mir, als fielen die Flocken nun beinahe senkrecht, wenngleich noch genauso dicht.

Überall im Land waren Räumtrupps dabei, die Straßen wieder passierbar zu machen, und die Krankenwagen bahnten sich mühsam ihren Weg, denn es war von zig Verletzten und Toten die Rede.

»Ich frage mich, was nun geschieht…«

Die Frage war von Mona gekommen, so als richte sie sie an sich selbst. Der Schnee würde erst in einigen Wochen schmelzen. Sobald die öffentlichen Straßen geräumt waren, würde man sich auch unserer Zufahrt annehmen. Dann würden wahrscheinlich Suchmannschaften herkommen und nach Rays Leichnam suchen.

Und danach? Die beiden bewohnen ein schönes Appartement in einer der angenehmsten und elegantesten Gegenden von Manhattan, am Sutton Place, am Ufer des East River.

Würde sie dahin zurückkehren und allein dort leben? Würde sie versuchen, wieder Theater zu spielen, im Fernsehen aufzutreten?

Sie hatte recht gehabt, vorhin. All das war unwirklich, absurd. Mir war, während ich auf der Bank in der Scheune vor mich hin gebrütet hatte, nicht einen Augenblick lang der Gedanke an Monas Zukunft durch den Kopf gegangen.

Ich hatte Ray getötet, na wenn schon; ich hatte mich eben gerächt, auf ziemlich schmutzige, ziemlich niederträchtige Weise, und ich hatte mich nicht groß um die Folgen gekümmert.

In Wirklichkeit hatte ich niemanden getötet. Sinnlos, mich dessen zu rühmen. Ich hätte bis zum Morgen im Schnee herumstapfen können ohne eine einzige Chance, meinen Freund zu finden.

Ich hatte ihn in Gedanken getötet. In meinen Absichten. Nein, nicht einmal in meinen Absichten, denn das hätte eine Kaltblütigkeit erfordert, über die ich in dem Moment gar nicht verfügte.

»Wir sollten vielleicht besser Matratzen vor den Kamin legen und versuchen zu schlafen«, schlug Isabel vor. »Nicht du, Mona! Laß uns das machen, Donald und mich …«

Wir holten die Matratzen der beiden Mädchen herunter, die schmaler und leichter waren als unsere, und dann die aus dem Gästezimmer.

Dabei fragte ich mich in aller Einfalt, ob wir sie nebeneinander legen würden, so daß ein extrabreites Bett entstand, auf dem wir dann alle drei schlafen sollten, und ich bin mir sicher, daß Isabel meine Gedanken erraten hat.

Sie ließ zwischen den Matratzen ungefähr den gleichen Abstand, der üblicherweise in einem Doppelbett vorhanden ist, dann ging sie Decken holen.

Kann sein, daß ich mich irre. Wahrscheinlich. Aber mir schien es, als schaute Mona in der kurzen Zeit, die wir beide erneut allein waren, erst mich und dann die Matratzen an.

Fragte sie sich, welche wohl ihre und welche meine sein würde? War sie da vielleicht, wenn schon nicht gerade in Versuchung geraten, so doch auf einen vagen Hintergedanken gekommen?

Als Isabel wieder da war und die Decken ausgebreitet hatte, zögerten wir einen Augenblick. Und diesmal bin ich mir dessen, was ich behaupte, ganz sicher. Es war kein Zufall, daß Isabel sich für die rechte Matratze entschied, die mittlere mir überließ und die linke für Mona vorsah.

Sie gab min absichtlich den Platz zwischen ihnen beiden. Das hieß: »Siehst du, ich habe Vertrauen…«

Zu mir oder zu Mona?

Allerdings konnte es auch heißen: »Ich lasse dirdeine Freiheit … Ich habe sie dir immer gelassen …«

Oder aber: »Du wirst doch nicht wagen …«

Es war kurz nach Mittag, und wir bemühten uns alle drei einzuschlafen. Das letzte, dessen ich mich noch entsinne, war Monas Hand, auf dem Parkettboden, zwischen unseren Matratzen. Diese Hand gewann in meinem Halbschlaf ungeheure Bedeutung. Ziemlich lange fragte ich mich, ob ich es wagen würde, meine Hand vorzuschieben, um wie aus Versehen ihre zu streifen.

Ich war nicht verliebt in sie. Es wäre mir nur auf die Geste angekommen, auf die Kühnheit einer solchen Geste. Mir schien es, als wäre sie eine Erlösung gewesen. Aber mein Verstand dürfte wohl schon umnebelt gewesen sein, denn die Hand verwandelte sich scheinbar in einen Hund, den ich gekannt hatte, in den Hund, der einem unserer Nachbarn gehört hatte, als ich zwölf Jahre alt war.

Dann mußte ich eingeschlafen sein.

___________

Kurz nach zehn Uhr abends hatten wir wieder Strom, und es mutete uns seltsam an, zu sehen, wie alle Lampen im Haus von allein angingen, während die Kerze weiterbrannte und sich mit ihrer rötlichen Flamme beinahe lächerlich ausnahm.

Wir schauten uns an, erleichtert, als ob dies das Ende all unserer Schwierigkeiten, all unserer Nöte bedeutet hätte.

Ich stieg in den Keller hinunter, um die Heizung einzuschalten, und als ich wieder heraufkam, versuchte Isabel zu telefonieren.

»Funktioniert es?«

»Noch nicht …«

Ich stellte mir aufs neue die Männer draußen vor, die an den Strommasten emporstiegen, mit diesen komischen halbrunden Metallbügeln an den Füßen, die es ihnen ermöglichen, zu klettern wie die Affen. Ich habe oft davon geträumt, auf diese Weise Masten zu erklimmen.

»Wo schlafen wir?« fragte Mona.

»In den Zimmern wird es nur langsam wieder warm. Wir müssen noch mindestens zwei oder drei Stunden warten…«

Wir redeten an diesem Sonntag nicht viel, weder tagsüber noch am Abend. Schriebe ich Wort für Wort nieder, was wir insgesamt sprachen, es ergäbe keine drei Seiten.

Keiner von uns machte Anstalten zu lesen. Es konnte erst recht keine Rede davon sein, irgend etwas zu spielen. Zum Glück gab es die Flammen, die im Kamin tanzten, so daß wir uns den Großteil der Zeit damit vertrieben, ihnen zuzusehen.

Wir legten uns vollständig angezogen schlafen, in derselben Reihenfolge wie am Nachmittag, aber diesmal sah ich Monas Hand nicht auf dem Fußboden. Irgendwann hörte ich dann, daß sich um mich herum etwas bewegte. Ich sah Isabel vorm Kamin stehen und eine Decke zusammenfalten.

Ich brauchte mich erst gar nicht danach zu erkundigen, was da vor sich ging. Sie hatte die Frage bereits in meinen Augen gelesen.

»Es ist sechs Uhr. Die Zimmer sind warm. Wir verbringen den Rest der Nacht besser in unseren Betten.«

Mona kniete noch auf ihrer Matratze, mit gerötetem Gesicht und schlaftrunkenem Blick.

Ich half Isabel, Monas Matratze ins Gästezimmer zu tragen, und die beiden machten das Bett wieder zurecht. Ich ging indes in unser Schlafzimmer, zog mich aus, schlüpfte in einen Pyjama und lag bereits, als meine Frau kam.

»Sie nimmt es mit großer Gelassenheit auf«, sagte Isabel.

Dabei sprach sie selbst ganz gelassen, so als stellte sie eine ziemlich belanglose Tatsache fest. Etwas später tippte sie mir auf die Schulter.

»Das Telefon, Donald …«

Zunächst glaubte ich, es versuche jemand bei uns anzurufen und das Telefon habe geklingelt. Ich dachte sofort an Ray. Doch Isabel wollte mir nur sagen, daß das Telefon wieder funktionierte. Die alte Pendeluhr auf der Kommode zeigte auf halb acht. Ich stand auf, ging ins Badezimmer, um ein Glas Wasser zu trinken, und fuhr mir bei der Gelegenheit mit dem Kamm durchs Haar. Dann wählte ich, auf der Kante meines Bettes sitzend, die Nummer der Polizei in Chanaan.

Besetzt… Wieder besetzt… Zehnmal, zwanzigmal ertönte das Besetztzeichen … Endlich meldete sich eine müde Stimme.

»Hier spricht Donald Dodd, aus Brentwood… Ja, Dodd … Der Rechtsanwalt…«

»Ich kenne Sie, Mister Dodd…«

»Wer ist am Apparat?«

»Sergeant Tomasi…. Was haben Sie denn für Kummer?…«

»Ist Lieutenant Olsen da?«

»Er war die ganze Nacht da, wie wir alle … Soll ich Sie mit ihm verbinden?«

»Ja bitte, Tomasi … Hallo! … Lieutenant Olsen?…«

»Ja, hier Olsen …«

»Hier spricht Dodd …«

»Wie geht’s Ihnen?«

Isabel konnte mein Gesicht nicht sehen, weil ich ihr den Rücken zuwandte, aber ich war sicher, daß ihr Blick auf meinem Nacken ruhte, auf meinen Schultern, und daß sie mich ebenso durchschaute, wie wenn sie mich von vorn gesehen hätte.

»Ich muß jemanden als vermißt melden…. Gestern abend … Nein, es war vorgestern abend …«

Mein Zeitgefühl hatte sich verschoben.

»Am Samstag abend waren wir mit einem befreundeten Ehepaar aus New York auf einer Party bei den Ashbridges …«

»Ja, ich weiß …«

Olsen war ein blonder Hüne mit undurchdringlichen Zügen, frischer Gesichtsfarbe und Bürstenhaarschnitt. Nie hatte ich auch nur ein Körnchen Staub oder eine Knitterfalte an seiner Uniform entdeckt. Ich hatte ihn auch nie müde oder ungeduldig erlebt.

»Auf dem Heimweg, spät nachts, sind wir ein paar hundert Meter vorm Ziel im Schnee steckengeblieben … Unsere Taschenlampe hat nicht mehr viel hergegeben… Zu viert, die beiden Frauen vorneweg, mein Freund und ich dahinter, haben wir uns zum Haus durchgekämpft …«

Schweigen am anderen Ende der Leitung, als wäre sie von neuem unterbrochen. Das war mir unangenehm, zumal ich noch immer Isabels Blick im Nacken spürte.

»Sind Sie noch da?«

»Ich höre Ihnen zu, Mister Dodd.«

»Die beiden Frauen sind heil angekommen. Ich habe schließlich auch das Haus erreicht und erst in diesem Moment gemerkt, daß mein Freund nicht mehr neben mir war …«

»Wer ist der Mann?«

»Ray Sanders, von der Werbeagentur Miller, Miller und Sanders in der Madison Avenue …«

»Und Sie haben ihn nicht wiedergefunden?«

»Ich bin ihn suchen gegangen, gewissermaßen ohne Licht … Ich bin durch den Schnee gestapft und habe seinen Namen gerufen …«

»Bei dem Blizzard hätte er schon ganz in Ihrer Nähe sein müssen, um Sie zu hören …«

»Ja… Als ich dann am Ende meiner Kräfte war, bin ich wieder zurück… Gestern früh … Ja gestern, am Sonntag, haben meine Frau und ich versucht, uns auf den Weg zu machen, aber der Schnee war zu hoch …«

»Haben Sie mit Ihren unmittelbaren Nachbarn telefoniert?«

»Noch nicht … Aber ich nehme an, wenn er bei einem von ihnen wäre, hätte er mich bereits angerufen…«

»Wahrscheinlich … Hören Sie, ich werde versuchen, Ihnen ein paar Leute zu schicken … Was wir bräuchten, sind allerdings keine Schneepflüge, sondern Bulldozer… Es ist erst ein Teil der Straße wieder halbwegs frei … Rufen Sie mich an, falls es etwas Neues gibt …«

Alles in allem hatten wir getan, was wir tun konnten. Von den Behörden hatte ich nichts zu befürchten.

»Kommen sie?« fragte die ausdruckslose Stimme meiner Frau.

»Es ist erst ein Teil der Straße frei. Er sagt, sie bräuchten keine Schneepflüge, sondern Bulldozer. Er versucht, uns ein paar Leute zu schicken, weiß aber noch nicht wann …«

Sie begab sich in die Küche und machte Kaffee, während ich unter die Dusche ging und dann dieselben Sachen anzog wie tags zuvor, meine graue Flanellhose und meinen alten, braunen Pullover.

Isabel hatte für uns beide Eier mit Schinken gebraten, und da Monas Platz leer blieb, sagte sie:

»Sie schläft …«

Ich glaube, daß selbst sie von Monas Reaktion, oder vielmehr vom Ausbleiben ihrer Reaktion, einigermaßen überrascht war. Hätte sich Isabel anders benommen, wenn ich im Schnee verschwunden wäre?

Da wurde mir plötzlich klar, warum es mir so seltsam still vorkam, seit meine Frau mir an die Schulter getippt und mich damit geweckt hatte: der Wind hatte sich gelegt. Das Universum war zur Ruhe gekommen, zu einer Ruhe, die mir nach den Stunden des Getöses, die wir durchlebt hatten, unnatürlich erschien.

Ich schaltete den Fernsehapparat ein. Ich sah abgedeckte Dächer, eingeschneite Autos, umgeknickte Bäume, einen in Hartford mitten auf der Straße umgekippten Omnibus, und ich sah die Straßen von New York, die man zu räumen versuchte und in denen vereinzelte Gestalten wie dunkle Schemen auf den Gehsteigen im Schnee versanken.

Von mehreren Schiffen auf See fehlte jede Nachricht. Ein Haus hatte der Wind umgeweht. Ein anderes stand schief, nur von einem Schneeberg gestützt.

Vor unserer eigenen Tür lag der Schnee einen Meter hoch, und wir konnten nichts anderes tun als abwarten.

Ich führte drei Telefongespräche: mit Lancaster, dem Elektriker, dessen Haus eine halbe Meile Luftlinie von unserem entfernt ist, mit Glendale, dem Wirtschaftsprüfer, und schließlich noch mit einem Kerl, den ich nicht mag, einem gewissen Cameron, der sich mit undurchsichtigen Immobiliengeschäften befaßt.

»Hier ist Donald Dodd … Verzeihen Sie bitte, daß ich Sie störe … Hat vielleicht zufällig ein Freund von mir bei Ihnen Zuflucht gesucht?…«

Keiner der drei hatte Ray gesehen. Allein Cameron fragte, bevor er antwortete:

»Wie sieht er aus?«

»Groß, brünettes Haar, um die vierzig…«

»Wie heißt er?«

»Ray Sanders … Haben Sie ihn gesehen?«

»Nein … Ich hab niemanden gesehen …«

Als ich in die Küche zurückkehrte, saß Mona dort und frühstückte gerade. Im Gegensatz zu Isabel hatte sie sich weder gewaschen noch gekämmt, und die Haare hingen ihr ins Gesicht. Sie roch nach Bett. Isabel riecht nie nach Bett, sondern sie riecht, wie meine Mutter zu sagen pflegte, stets frisch gewaschen. Dieser unordentliche Eindruck, den Mona machte, diese animalisch anmutende Art, sich gehen zu lassen, verwirrten mich ebenso wie der fragende Blick, den sie mir gleichmütig zuwarf, ehe sie sich widerstrebend erkundigte:

»Wann kommen sie?«

»Sobald sie können. Sie sind schon auf dem Weg, müssen allerdings abwarten, bis die Straße geräumt ist …«

Isabel betrachtete uns abwechselnd, aber ich bin außerstande zu sagen, was sie dachte. Obgleich sie immer die Gedanken der anderen erriet, war es unmöglich, ihre eigenen zu erraten.

Dabei hatte sie das offenste Gesicht von der Welt. Sie flößte allen Vertrauen ein. Bei den Wohltätigkeitsveranstaltungen, denen sie sich widmete, übertrug man ihr die heikelsten und mühsamsten Aufgaben und sie nahm sie mit ihrem unbeirrbaren Lächeln hin.

»Isabel ist immer da, wenn man sie braucht …«

Um zu raten, zu trösten, zu helfen … Abgesehen von einer Putzfrau, die drei Stunden täglich und einmal in der Woche für einen ganzen Tag kommt, kümmert sie sich allein um Haus und Küche. Sie war es auch, die sich um unsere Töchter kümmerte, bis die beiden ins Internat Adams eintraten, weil es in Brentwood keine geeignete Schule für sie gab.

Mag sein, daß da ein Hauch Snobismus hineinspielte. Auch Isabel hatte das Internat Adams in Litchfield besucht, das als eines der elitärsten Institute in ganz Connecticut gilt.

Dabei ist Isabel kein Snob. Ich lebe seit siebzehn Jahren mit ihr zusammen. Siebzehn Jahre lang haben wir im selben Zimmer geschlafen. Vermutlich haben wir uns in dieser Zeit einige tausendmal geliebt. Dennoch gelingt es mir nicht, mir ein klares Bild von ihr zu machen.

Ich kenne ihre Züge, den Farbton ihrer Haut, den blonden Schimmer ihres Haars, das einen Stich ins Rötliche hat, ihre breiten Schultern, die sie allmählich ein wenig hängen läßt, ihre ruhigen Bewegungen, ihren Gang.

Sie trägt oft Hellblau, ihre Lieblingsfarbe ist indes das Blaßlila der Hortensien.

Ich kenne ihr Lächeln, das nie sehr ausgeprägt ist, ein etwas verharztes Lächeln, das aber nichtsdestoweniger ihr schon von Natur aus heiteres Gesicht noch weiter aufheitert.

Aber was denkt sie zum Beispiel den ganzen Tag lang? Was denkt sie über mich, ihren Ehemann und den Vater ihrer Töchter? Welche Gefühle hegt sie wirklich für mich?

Was dachte sie in diesem Augenblick über Mona, die gerade den letzten Bissen ihrer Frühstückseier verspeiste?

Eigentlich konnte sie Mona nicht mögen, die sich zu sehr von ihr unterschied, die den Dingen ihren Lauf ließ, die Unordnung und Gott weiß was verkörperte.

Monas Vergangenheit war nicht so klar und einfach wir ihre eigene. Es hatte da eine mehr oder weniger unergründliche Zeit gegeben, die Nächte am Broadway, die Welt hinter den Theaterkulissen, die Garderoben der Schauspieler und Schauspielerinnen und ihren Vater, der sich nicht gescheut hatte, seine Tochter bald dieser und bald jener seiner Mätressen anzuvertrauen.

Mona hatte nicht geweint. Sie war nicht niedergeschlagen. Sie erweckte eher den Eindruck einer Frau, die allmählich findet, daß sich die Dinge in die Länge ziehen.

Ihr Mann lag irgendwo im Schnee, hundert oder zweihundert Meter vom Haus entfernt, von einem Haus, das nicht das ihre war, mit dem sie nicht vertraut war und in dem sie sich wie eine Gefangene fühlen mußte.

Jetzt, da der Blizzard vorüber war und es aufgehört hatte zu schneien, da es wieder Licht gab, man wieder telefonieren und die Welt wieder auf dem Bildschirm des Fernsehapparats verfolgen konnte, mußte sie noch warten, bis ein Räumtrupp aus Chanaan eintraf und sich daranmachte, Tausende von Kubikmetern Schnee zu bewegen.

»Mir sind die Zigaretten ausgegangen …« erklärte sie, während sie ihren Teller zurückschob.

Ich holte ihr ein Päckchen aus dem Barschrank. Plötzlich fiel mir auf, daß wir in der Küche gegessen hatten, wogegen wir sonst, wenn wir Freunde zu Besuch hatten, unsere Mahlzeiten, einschließlich des Frühstücks, immer im Eßzimmer einnahmen.

Selbst wenn Isabel und ich allein waren, benutzten wir mittags und abends das Eßzimmer.

Die Matratzen der Mädchen waren wieder in den ersten Stock hinaufgebracht werden, und die schmutzigen Gläser waren verschwunden.

»Ich mache mich mal ein bißchen nützlich …«

Mona trug wieder ihre schwarze Hose und den kanariengelben Pullover. Sie half meiner Frau beim Geschirrspülen, und ich wußte nicht, wohin mit mir. Ich dachte zuviel nach. Ich stellte mir zu viele Fragen, die mir Unbehagen verursachten.

Diese Fragen konnten nicht alle auf der Bank in der Scheune zum erstenmal aufgetaucht sein. Ich hatte doch nicht siebzehn Jahre zugebracht, ohne daß ich mir die eine oder andere nicht schon einmal gestellt hätte.

Wie kam es, daß sie mich bisher nicht aus der Ruhe gebracht hatten? Ich mußte sie wohl ganz mechanisch mit den Antworten abgespeist haben, die in das Schema paßten, das man schon in der Schule lernt: Vater, Mutter, Kinder, Liebe, Ehe, Treue, Güte, Aufopferung …

Stimmt, so hatte ich bislang gelebt. Sogar als Bürger hatte ich meine Pflichten ebenso ernst genommen wie Isabel.

War es denn möglich, daß ich mir nie klargemacht hatte, daß ich mich selbst belog und im Grunde nicht an diese erhebenden Bilder glaubte?

In unserer Anwaltskanzlei befaßt sich mein Sozius Higgins, den ich immer den alten Higgins nenne, obwohl er erst sechzig ist, mit dem Kauf oder Verkauf von Eigentum, mit Hypotheken, Firmengründungen und zumeist mit allem Technischen.

Er ist ein rundlicher, gerissener Kerl, der in früheren Zeiten auf Jahrmärkten Lebenselixiere hätte verkaufen können. Er ist eher schmuddelig, ungepflegt, und ich hege den Verdacht, daß er sich so übertrieben gewöhnlich gibt, um seine Umwelt besser hinters Licht führen zu können.

Er glaubt an nichts und niemanden und stößt mich mit seinem Zynismus öfter vor den Kopf.

Ich bin dagegen mehr für den privaten Bereich zuständig, denn ich beschäftige mich mit Testamenten, Erbschaften und mit Scheidungsangelegenheiten. Ich habe Hunderte abgewickelt, zumal unsere Klientel ziemlich weit über Brentwood hinausreicht und in dieser Gegend viele reiche Leute wohnen.

Strafsachen sind bei uns nicht der Rede wert. Ich habe kaum zehnmal vor einem Schwurgericht plädieren müssen.

Eigentlich sollte ich die Menschen kennen. Die Männer und die Frauen. Ich glaubte auch, sie zu kennen, und dennoch, in meinem Privatleben führte ich sozusagen ein Bilderbuchdasein.

Im Grunde bin ich ein Pfadfinder geblieben.

Erst auf der Bank …

Ich weiß nicht, wo sich die beiden Frauen in diesem Moment aufhielten, wahrscheinlich im Gästezimmer, während ich allein im Wohnzimmer und in der Bibliothek herumlungerte und Gedanken wiederkäute, auf die ich nicht eben stolz war.

Ich, der ich meinte, einen klaren Verstand zu besitzen! Der Anblick eines Mannes und einer Frau, die sich in einem Badezimmer lichten, hatte ausgereicht …

Denn das war wohl der Ausgangspunkt gewesen. Zumindest der scheinbare Ausgangspunkt. Es mußte noch andere Gründe gegeben haben, die weiter zurücklagen und die ich erst später herausfinden würde.

Erst auf der roten Bank in der Scheune, deren Tür in den Angeln hin und her schwang, offenbarte sich mir eine Wahrheit, die alles veränderte:

»Ich hasse ihn…«

Ich hasse ihn, und ich lasse ihn sterben. Ich hasse ihn, und ich töte ihn. Ich hasse ihn, weil er stärker ist als ich, weil er eine Frau hat, die begehrenswerter ist als meine, weil er ein Dasein führt, wie ich es gern geführt hätte, weil er durchs Leben geht, ohne sich Gedanken um diejenigen zu machen, die er auf seinem Weg überrennt …

Ich bin kein Schwächling. Ich bin auch kein Versager. Das Leben, das ich führe, habe ich mir selbst erkoren, so wie ich mir auch Isabel erkoren habe.

Auf die Idee, Mona zu heiraten, wäre ich, wenn ich sie damals schon gekannt hätte, nie gekommen. Ebensowenig wie darauf, in ein Werbebüro in der Madison Avenue einzusteigen.

Meine Entscheidung habe ich indes weder aus Feigheit noch aus Trägheit getroffen.

Die Sache war viel komplizierter. Ich rührte da an einen Bereich, in dem mir wohl noch unliebsame Entdeckungen bevorstanden.

Nehmen wir zum Beispiel Isabel. Ich habe sie auf einem Ball kennengelernt, ausgerechnet in Litchfield, wo sie bei ihren Eltern wohnte. Ihr Vater war der Chirurg Irving Whitaker, der oft bei schwierigen Fällen in Boston oder anderswo hinzugezogen wurde. Ihre Mutter war eine geborene Clayburn, eine der Clayburns, deren Vorfahren mit der Mayflower ins Land gekommen waren.

Mich hat weder der Ruf ihres Vaters noch der Name ihrer Mutter beeinflußt. Auch nicht Isabels Schönheit oder ihre sinnliche Anziehungskraft.

Ich begehrte andere Mädchen viel mehr als sie.

War es ihre Ruhe, diese heitere Gelassenheit, die sie schon damals ausstrahlte? Ihre Sanflmut? Ihre Nachsicht?

Aber warum hätte ich Nachsicht suchen sollen, wenn ich doch nichts Böses tat?

Im Grunde brauchte ich harmonische, wohlgeordnete Verhältnisse. Obwohl ich ein unbändiges Verlangen nach einer Frau wie Mona hatte, die genau das Gegenteil verkörperte!

»Es kommt darauf an«, pflegte mein Vater zu sagen, »sich von Anfang an richtig zu entscheiden …«

Er meinte damit nicht nur die Frau, sondern auch Beruf, Lebensart und Denkweise.

Ich hatte geglaubt, mich zu entscheiden. Ich hatte mein Bestes getan. Ich hatte mich dabei aufgerieben, mein Bestes zu tun.

Und nach und nach hatte ich es dahin gebracht, nach der Zustimmung in Isabels Blick zu schielen.

Letzten Endes hatte ich mich nur dafür entschieden, einen Zeugen zu haben, einen wohlwollenden Zeugen, jemanden, der mir mit einem flüchtigen Blick zu verstehen gab, daß ich mich auf dem rechten Weg befand.

All das war in einer einzigen Nacht zusammengebrochen. Worum ich Ray oder einen Ashbridge beneidete, war die Tatsache, daß sie niemanden brauchten, von niemandes Zustimmung abhängig waren.

Für Ashbridge spielte es keine Rolle, daß sich die Leute über ihn lustig machten, weil die drei Frauen, die er nacheinander geheiratet hatte, ihn betrogen. Er nahm sich junge, schöne, sinnliche Frauen, und er wußte im voraus, was er von ihnen zu erwarten hatte.

Machte es ihm wirklich nichts aus?

Und Ray, hatte er Mona geliebt? War es ihm gleichgültig gewesen, daß sie, bevor sie ihn kennengelernt hatte, durch die Arme so vieler Männer gegangen war?

Waren sie die Starken und ich der Schwache, weil ich versucht hatte, mit mir selbst in Frieden zu leben?

Na gut, ich hatte diesen Frieden nicht gefunden. Ich hatte so getan als ob. Siebzehn Jahre meines Lebens hatte ich damit zugebracht, so zu tun als ob.

Ich horchte aufmerksam auf ein noch weit entferntes Brummen, und als ich die Tür öffnete, wurde es lauter.

Da begriff ich, daß sich die Maschinen unserem Haus näherten, und mir schien es sogar, als könnte ich in der Ferne schon die Stimmen der Männer hören.

Würden sie Ray heute noch finden? Wohl kaum. Mona würde also mindestens noch eine Nacht bei uns verbringen, und ich bedauerte, daß es nicht, wie in der ersten Nacht, auf einer Matratze im Wohnzimmer sein würde.

Ich sah wieder ihre Hand auf dem Fußboden vor mir, diese Hand, die ich so gern berührt hätte, als wäre sie zu einem Symbol geworden.

Ich versuchte zu fliehen. Aber wovor wollte ich fliehen?

Seit etwas mehr als vierundzwanzig Stunden wußte ich, daß ich in Wirklichkeit grausam war, daß ich dazu imstande war, mich über den Tod eines Menschen zu freuen, den ich stets als meinen besten Freund betrachtet hatte, daß ich dazu imstande war, diesen Tod notfalls zu verschulden.

»Du läßt uns hier noch erfrieren…«

Ich schloß hastig die Tür und entdeckte die beiden Frauen, die sich umgezogen hatten. Mona trug ein rotes Kleid, meine Frau ein blaßblaues. Man hätte meinen können, sie gäben sich Mühe, ins Alltagsleben zurückzukehren.

Dennoch blieb das alles nur aufgesetzt.

3

Gegen vier Uhr nachmittags sahen wir durchs Fenster die Maschinen, die sich langsam durch den Schnee kämpften und einen Graben aushoben, dessen Wände so steil wie Kreidefelsen aufragten. Es war faszinierend. Wir sagten nichts. Wir schauten zu, ohne zu denken. Ich jedenfalls, ich dachte nicht. Seit Samstag nacht hatte ich die Pfade meines alltäglichen Lebens verlassen, gleichsam die Pfade des Lebens schlechthin.

Woran ich mich am besten erinnere, war die Anwesenheit einer fast animalischen Frau im Haus. Man sollte meinen, ich witterte Mona, wie ein Hund, ich suchte sie, sobald ich sie aus den Augen verloren hatte, ich strich um sie herum und wartete nur auf eine Gelegenheit, sie zu berühren. Ich empfand ein rasendes, instinktives, triebhaftes Verlangen danach, sie zu berühren. Merkte Mona es? Sie sprach nicht von Ray, höchstens zwei- oder dreimal. Ich frage mich, ob sie nicht auch auf eine Möglichkeit sann, sich körperlich abzureagieren.

Und da war Isabels Blick, der uns beide beobachtete, ohne Besorgnis, nur mit ein wenig Verwunderung. Sie war mit dem Mann, der ich so viele Jahre lang gewesen war, derart vertraut, daß sie mich kaum noch anzusehen brauchte.

Doch nun spürte sie die Veränderung. Unmöglich, daß sie sie nicht spürte. Ebenso unmöglich, daß sie sie auf Anhieb verstand.

Ich sehe noch den riesigen Schneepflug vor mir, wie er wenige Meter vorm Haus auftauchte und sich vorwärtsarbeitete, als wollte er seinen Weg quer durchs Wohnzimmer fortsetzen. Das Ungetüm blieb rechtzeitig stehen. Ich öffnete die Tür.

»Kommen Sie herein und trinken Sie etwas …«

Sie waren zu dritt. Zwei weitere Männer folgten in einem anderen Fahrzeug. Sie traten alle fünf ein und wirkten in ihren pelzgefütterten Lederjacken und den schweren Stiefeln unbeholfen. Einer von ihnen hatte Eis an seinem Schnurrbart. Allein durch ihre Anwesenheit verbreiteten sie Kälte im Raum.

Isabel holte Gläser und den Whisky. Von der trauten, ruhigen Atmosphäre des Hauses überrascht, sahen sie sich um. Dann schauten sie Mona an. Nicht Isabel, sondern Mona. Spürten auch sie nach ihrem stummen Kampf gegen den Schnee die Wärme des Weibes?

»Auf Ihr Wohl … Und danke, daß Sie uns erlöst haben …«

»Der Lieutenant wird bald eintreffen … Er weiß Bescheid, daß die Straße jetzt geräumt ist …«

Es waren Leute, wie man sie nur selten zu Gesicht bekommt, wie die Schornsteinfeger, Leute, die sonst Gott weiß wo steckten. Es war nur einer dabei, dessen Züge mir bekannt schienen, aber mir fiel nicht ein, wo ich ihn schon gesehen hatte.

»Na denn, vielen Dank. Der macht einem wieder warm …«

»Noch einen?«

»Da sagt keiner gern nein, aber wir müssen wieder an die Arbeit…«

Die Ungeheuer setzten sich in einem Wirbel aus weißem Pulver langsam wieder in Bewegung, und bald danach, als die Nacht hereinzubrechen begann, tauchten in dem Graben, den sie ausgehoben hatten, die fahlen Scheinwerfer eines Autos auf.

Zwei Männer in Uniform stiegen aus, Lieutenant Olsen und ein Polizist, den ich nicht kannte. Ich öffnete ihnen die Tür, während die beiden Frauen in ihren Sesseln sitzen blieben.

»Guten Tag, Lieutenant. Es tut mir leid, daß ich Ihnen Umstände mache …«

»Haben Sie nichts von Ihrem Freund gehört?«

Er verneigte sich vor Isabel, der er schon des öfteren begegnet war, und ich stellte ihm Mona vor.

»Die Frau meines Freundes Ray Sanders …«

Er nahm auf dem Stuhl Platz, den ich ihm hingeschoben hatte, und sein Begleiter, ein sehr junger Mann, setzte sich ebenfalls.

»Gestatten Sie, Mrs. Sanders? …«

Er zog ein Notizbuch und einen Füller aus der Tasche.

»Ray Sanders haben Sie gesagt … Welche Adresse?…«

»Wir wohnen am Sutton Place in Manhattan.«

»Was ist Ihr Mann von Beruf?«

»Er leitet eine Werbeagentur in der Madison Avenue: Miller, Miller und Sanders …«

»Schon lange?«

»Er war zunächst der Rechtsberater der Millers, und seit drei Jahren ist er Teilhaber …«

»Rechtsberater…« wiederholte Olsen wie zu sich selbst.

»Ray und ich haben zusammen in Yale studiert …« erklärte ich. »Er war mein ältester Freund…«

Das hatte nichts zu sagen.

»Waren Sie auf der Durchreise?« wandte er sich an Mona.

Ich antwortete an ihrer Stelle: »Ray und seine Frau haben auf der Rückfahrt von Kanada einen Abstecher zu uns gemacht. Sie wollten übers Wochenende bleiben.«

»Kommen sie oft?«

Die Frage brachte mich aus der Fassung, weil mir nicht klar war, was sie bezwecken sollte. Jetzt antwortete Mona für mich.

»Zwei- oder dreimal im Jahr…«

Er betrachtete sie aufmerksam, so als wäre ihr Äußeres von Bedeutung.

»Wann sind Sie und Ihr Mann eingetroffen?«

»Am Samstag, gegen zwei Uhr nachmittags …«

»Hat Ihnen unterwegs der Schnee nicht zu schaffen gemacht?«

»Ein bißchen, aber wir sind langsam gefahren.«

»Mister Dodd, Sie haben mir doch erzählt, Sie hätten Ihre Freunde zu den Ashbridges mitgenommen, nicht wahr?«

»So ist es.«

»Kannten sie einander?«

»Nein, aber Sie dürften ja wissen, wenn der alte Ashbridge einen Empfang gibt, kommt es ihm auf ein paar Leute mehr oder weniger nicht an…«

Ein leises Lächeln spielte um die Lippen des Lieutenants, der anscheinend über die Abendgesellschaften bei den Ashbridges recht gut im Bilde war.

»Hat Ihr Mann viel getrunken?« fragte er Mona.

»Ich war nicht dauernd in seiner Nähe… Aber mir scheint, er hat einiges getrunken, ja…«

Und mir schien, daß Olsen sich bereits darüber informiert hatte; wahrscheinlich hatte er verschiedene Leute angerufen.

»Und Sie, Mister Dodd.’…«

»Ich habe auch getrunken, ja…«

Isabel beobachtete mich, die gefalteten Hände auf den Knien.

»Mehr als sonst?«

»Ich muß zugeben, sehr viel mehr als sonst …«

»Waren Sie betrunken?«

»Nicht vollkommen, aber ich war nicht in dem Zustand, in dem ich normalerweise bin…«

Warum empfand ich das Bedürfnis noch zu sagen:

»Das ist mir in meinem ganzen Leben erst zweimal passiert…«

War es ein Bedürfnis nach Aufrichtigkeit? Oder eine Herausforderung?

»Zweimal!« rief Olsen aus. »Das ist wirklich nicht oft.«

»Nein.«

»Hatten Sie einen besonderen Grund, soviel zu trinken?«

»Nein … Ich habe mit zwei oder drei Whisky angefangen, um mich in Stimmung zu bringen, dann habe ich mich darangemacht, alle Gläser zu leeren, die mir in die Finger kamen … Sie wissen ja, wie das so geht …«

Ich war ganz ich selbst, ganz der Anwalt, ich drückte mich klar und deutlich aus.

»Hat Ihr Freund Ray mit Ihnen gemeinsam getrunken?«

»Wir sind uns mehrmals über den Weg gelaufen…. Bisweilen haben wir uns in derselben Gesprächsrunde getroffen, ein paar Worte miteinander gewechselt und uns dann wieder getrennt. Das Haus der Ashbridges ist groß, und es waren überall Gäste …«

»Und Sie, Mrs. Sanders?«

Sie schaute mich an, als wollte sie mich um Rat fragen, dann schaute sie Isabel an.

»Ich habe auch getrunken …« gab sie zu.

»Viel?«

»Ich glaube ja … Eine Zeitlang war ich mit Isabel zusammen…«

»Und mit Ihrem Mann?«

»Ihn habe ich eigentlich nur ab und zu von weitem gesehen …«

»Mit wem war er zusammen?«

»Mit verschiedenen Leuten, die ich nicht kannte… Er hatte ein ziemlich langes Gespräch mit Mister Ashbridge, daran erinnere ich mich noch. Die beiden haben sich in eine Ecke zurückgezogen, um sich zu unterhalten …«

»Kurz und gut, hat sich Ihr Mann so benommen, wie er sich für gewöhnlich bei solchen Anlässen benimmt?«

»Ja… Warum? …«

Erstaunt sah sie von neuem mich an.

»Ich muß Ihnen diese Fragen stellen, das ist reine Routine, wenn jemand verschwindet …«

»Aber es ist ein Unfall…«

»Das bezweifle ich nicht, Madam… Ihr Mann hatte doch wohl keinen Anlaß dazu, Selbstmord zu begehen, nicht wahr?«

»Nein, keinen …«

Sie machte große Augen.

»Auch keinen, spurlos zu verschwinden?«

»Warum hätte er diese Absicht haben sollen?«

»Haben Sie Kinder?«

»Nein.«

»Sind Sie schon lange verheiratet?«

»Zwölf Jahre …«

»Hat Ihr Mann bei den Ashbridges alte Bekannte wiedergetroffen?«

Ich fühlte mich allmählich unbehaglich.

»Nicht daß ich wüßte.«

»Eine Frau vielleicht?«

»Ich habe ihn in Gesellschaft verschiedener Frauen gesehen … Er ist immer sehr umschwärmt …«

»Irgendein Streit? Irgendein Ereignis, das Ihnen wieder einfällt?«

Mona errötete leicht, und ich vermutete, daß sie wußte, was zwischen Ray und Patricia vorgefallen war. Hatte sie wie ich die Badezimmertür aufgemacht? Hatte sie die beiden herauskommen sehen?

»Sie sind fast bis zum Schluß geblieben?«

Jetzt stand fest, daß der Lieutenant Erkundigungen eingeholt hatte.

»Nach uns waren nur noch ein halbes Dutzend Leute dort …«

»Wer ist gefahren?«

»Ich.«

»Ich muß zugeben, bei dem Wetter haben Sie sich Wacker geschlagen … Noch vierhundert Meter, und Sie wären zu Hause gewesen…«

»Hinter der kleinen Brücke bilden sich immer Schneewehen …«

»Ich weiß …«

Seit einigen Minuten hörte ich draußen erneut ein Brummen. Als ich mich zum Fenster umwandte, entdeckte ich in der Dunkelheit, die inzwischen undurchdringlich geworden war, einen Schaufelbagger, der im Licht eines Scheinwerfers arbeitete.

Olsen verstand meine unausgesprochene Frage.

»Ich habe angeordnet, auf alle Fälle mit der Suche zu beginnen, auch wenn es finster ist… Man kann nie wissen…«

Was? Ob Ray noch lebte?

»Nachdem Sie also aus dem Auto ausgestiegen waren, gingen Sie im Dunkeln zu Fuß weiter…«

»Die Taschenlampe tat fast nicht mehr. Deshalb war es mir lieber, daß die Frauen vorneweg gingen …«

»Das war vernünftig.«

Isabel, die reglos in ihrem Sessel saß, beobachtete uns abwechselnd, sie las jedem das, was er sagte, nahezu von den Lippen ab: es war ein wenig so, als stricke sie mit den Augen. Sie strickte einzelne Bilder, die eines Tages vielleicht ein wohlgeordnetes Ganzes ergeben würden.

»Wir haben uns aneinander festgehalten …« erklärte sie.

»Waren die Männer weit hinter Ihnen?«

»Nein, ganz dicht … Aber der Wind heulte so laut, daß wir sie kaum hörten, wenn sie uns riefen…«

»Hatten Sie keine Mühe, das Haus zu finden?«

»Eigentlich wußte ich nicht genau, wo ich war… Ich glaube, mich hat mein Instinkt hierhergeführt …«

»Konnten Sie denn, wenn Sie sich umdrehten, das Licht nicht sehen?«

»Am Anfang schon, ein bißchen…. Aber es wurde schnell schwächer, dann erlosch es …«

»Wie lange nach Ihnen traf Ihr Mann ein?«

Sie sah mich an, als wollte sie mich um meine Meinung fragen. Sie war nicht verunsichert. Sie schien auch nicht zu finden, daß diese Fragen unter den gegebenen Umständen recht seltsam klangen.

»Vielleicht eine Minute. Ich wollte Licht machen und merkte, daß wir keinen Strom hatten. Ich fragte Mona, ob sie Streichhölzer habe. Dann tastete ich mich Richtung Eßzimmer, um an einem der Leuchter eine Kerze anzuzünden, und da kam Donald herein…«

Was mochte sich der Lieutenant wohl notieren, und wozu sollte es ihm nützen? Nun wandte er sich mir zu.

»Haben Sie das Haus leicht gefunden?«

»Ich bin buchstäblich drangestoßen, während ich geglaubt habe, ich wäre noch ein Stück davon entfernt. Ich hatte mich schon gefragt, ob ich mich nicht verlaufen habe…«

»Und Ihr Freund?«

»Ich dachte, er sei neben mir…. Ich meine, nur ein paar Meter entfernt … Von Zeit zu Zeit habe ich ›Huhu!‹ gerufen …«

»Hat er geantwortet?«

»Mehrmals habe ich geglaubt, ihn zu hören, aber der Sturm war so laut…«

»Und dann?«

»Als ich merkte, daß Ray nicht kam …«

»Wie lange haben Sie gewartet?«

»Ungefähr fünf Minuten.«

»Hatten Sie noch eine Taschenlampe im Haus?«

»Ja, in unserem Schlafzimmer… Weil wir sie aber so gut wie nie benutzen, kontrollieren wir die Batterien nicht, und die waren auch fast leer…«

»Sind Sie allein losgegangen?«

»Meine Frau und Mona waren erschöpft …«

»Und Sie?«

»Ich auch …«

»Wie haben Sie sich orientiert?«

»So gut ich eben konnte. Ich wollte im Kreis gehen, erst in einem engen und dann in immer größeren …«

»Hatten Sie nicht Angst, den Felsen hinunterzustürzen?«

»Ich habe mir zugetraut, das zu vermeiden … Wenn man fünfzehn Jahre an einem Ort wohnt… Ich bin mehrmals auf die Knie gefallen …«

»Sind Sie bis zu Ihrem Auto gegangen?«

Ich schaute die beiden Frauen an. Ich erinnerte mich nicht mehr daran, was ich ihnen erzählt hatte. Ich hatte eine Art Gedächtnislücke. Da setzte ich alles auf eine Karte.

»Ich habe es zufällig erreicht…«

»Und natürlich war es leer?«

»Ja. Dort, im Schutz des Autos, habe ich mich einen Moment ausgeruht …«

»Und die Scheune? Haben Sie sich vergewissert, daß er nicht in der Scheune ist?«

Ich hatte Angst, zum erstenmal seit Beginn dieses unerwarteten Verhörs. Man hätte meinen können, Olsen wisse etwas, irgend etwas, was ich nicht wußte, und stelle mir mit Unschuldsmiene Fallen, während er unentwegt in sein Notizbuch kritzelte.

»Die Scheune habe ich gefunden, weil die Tür so laut geklappert hat… Ich habe seinen Namen gerufen, aber nichts gehört…«

»Sind Sie hineingegangen?«

»Na ja, zwei oder drei Schritte wohl…«

»Ich verstehe …«

Schließlich klappte er sein Büchlein wieder zu und erhob sich, sehr militärisch.

»Ich danke Ihnen allen dreien und bitte um Entschuldigung, daß ich Sie mit meinen Fragen behelligt habe. Die Arbeit wird die ganze Nacht fortgesetzt, falls die Witterungsverhältnisse es zulassen…«

Und zu Mona gewandt:

»Sie bleiben doch sicher hier, Madam?«

»Aber… Selbstverständlich…«

Wo hätte sie auch hingehen sollen, während man in Bergen von Schnee nach der Leiche ihres Mannes suchte?

Wir aßen zu Abend. Ich entsinne mich noch, daß Isabel Dosenspaghetti mit Fleischklößchen aufgewärmt hat.

Welcher Wochentag war das? Montag. Ich hatte den ganzen Tag nichts getan, nur herumgelungert. Ich war nicht ins Büro gefahren, weil das gar nicht möglich gewesen wäre, und dennoch fühlte ich mich deshalb schuldig.

Für gewöhnlich hole ich morgens die Post aus dem Schließfach. Meine Tage laufen nach einer genau festgelegten Routine ab, an der ich hänge. Es gibt für alles eine bestimmte Zeit, fast für jeden einzelnen Handgriff.

Ich spürte immerzu Monas Anwesenheit und fragte mich, ob es passieren würde. Wahrscheinlich nicht hier…

Warum eigentlich nicht? Sie hatte soeben ihren Mann verloren, dessen Leiche die schemenhaften Gestalten da draußen mit ihren Maschinen suchten.

»Ray war ein feiner Kerl …«

Seit Samstag nacht lebten wir unter größter nervlicher Anspannung, sie besonders. Ist das nicht ein Moment, in dem man das Bedürfnis empfindet, sich jemandem an die Brust zu werfen?

Im Krieg schaffen sich die Männer ihre Ängste durch sexuelle Ausschweifungen vom Hals.

Wären wir lange genug allein in einem Raum und sicher gewesen, daß Isabel uns nicht stören würde …

Es war nichts passiert. Wir schauten vom Fenster aus dem Schaufelbagger zu, und dabei schaffte ich es kaum, auch nur Monas Ellbogen zu streifen.

Wir gingen zu Bett, Mona ganz allein, Isabel und ich in unserem Schlafzimmer.

»Was hältst du von Olsen?«

Die Frage überraschte mich, denn sie verriet, in welche Richtung die Gedanken meiner Frau gingen. Nun, ich dachte auch gerade an Olsen.

»Er ist ein sehr guter Mann. Es heißt allgemein, daß er sein Handwerk versteht.«

Ich hoffte, sie würde weitersprechen, doch Isabel ließ es dabei bewenden, ohne sonst noch etwas von dem preiszugeben, was ihr durch den Kopf ging.

Erst später, kurz bevor wir das Licht löschten, murmelte sie: »Ich glaube nicht, daß Mona sehr leidet…«

Darauf antwortete ich ausweichend:

»Das kann man nicht wissen …«

»Dabei schienen sie sehr aneinander zu hängen …«

Das Wort erschreckte mich. Aneinander hängen! Der Ausdruck ist geläufig, ich weiß, aber ich vermute, die Leute, die ihn benutzen, haben inzwischen seinen Sinn vergessen. Menschliche Wesen, zwei menschliche Wesen »hängen aneinander« …

Warum sind sie nicht gleich aneinander gefesselt?

»Gute Nacht, Isabel.«

»Gute Nacht, Donald …«

Sie stieß, wie jeden Abend, einen Seufzer aus, der den Schlußpunkt unter ihren Tag setzte und die Nachtruhe einleitete. Fast unmittelbar danach war sie eingeschlummert, während ich noch über eine Stunde lang keinen Schlaf fand.

Mona war allein im Gästezimmer. Woran sie wohl dachte? Wie mochte sie liegen? Ich horchte auf das Scheppern des Baggers und stellte mir die Männer vor, die gewissermaßen den Schnee durchsiebten.

Mitten in der Nacht schreckte ich hoch, und da ich nichts mehr hörte, überlegte ich, ob sie Ray vielleicht gefunden hatten. Aber warum waren sie dann nicht gekommen, um uns Bescheid zu sagen?

Ich rührte mich nicht. Ich fragte mich, ob Isabel nicht noch im Schlaf gespürt hatte, daß ich aufgewacht war, und ob sie nicht ebenfalls zu horchen begonnen hatte. Sie bewegte sich nicht, jedoch ihr Atem war leiser geworden. Alles blieb ruhig, nur aus weiter Ferne, aus der Richtung, in der die Post lag, drang das Geräusch eines Motors bis zu uns.

Mir wurde angst, ohne jeden Grund. Diese unerwartete Stille erschien mir wie eine Bedrohung, und ich war erleichtert, als ich hörte, wie die Maschine sich plötzlich wieder in Bewegung setzte.

Hatte sie einen Defekt gehabt? Hatten sie etwas nachstellen oder schmieren müssen? Oder hatten die Männer einfach das Bedürfnis gehabt, einmal einen Schluck zu trinken?

Ich schlief wieder ein, und als ich die Augen erneut aufschlug, war es bereits hell. Der Duft von Kaffee zog schon durchs Haus, allerdings noch nicht der von gebratenen Eiern und Schinken.

Ich stand auf, zog meinen Morgenmantel an, putzte mir die Zähne, fuhr mir rasch mit dem Kamm durchs Haar und begab mich, in Pantoffeln, in die Küche, in der allerdings niemand war. Es war auch weder im Eßzimmer noch im Wohnzimmer jemand.

Ich nahm an, Isabel sei vielleicht bei Mona, und so schaute ich eine Weile dem Bagger zu, der um den Felsen herumgefahren war und sich nun an dessen Fuß befand.

Kurz darauf zeichneten sich in der Nähe der Scheune die Umrisse einer Gestalt ab, und starr vor Schreck erkannte ich meine Frau. Sie hatte meine Pelzjacke, aber ihre eigenen Stiefel angezogen und stapfte, so gut sie eben konnte, durch die Schneemassen zum Haus zurück.

Hatte sie mich hinter der Fensterscheibe entdeckt? Im Wohnzimmer war es nicht sehr hell, und ich hatte die Lampen nicht eingeschaltet. Ich weiß nicht, warum ich lieber nicht da sein wollte, wenn sie den Raum betrat. Dieser Besuch in der Scheune roch nach dunklen Machenschaften und stand offenbar mit den Fragen des Lieutenants oder mit meinen Antworten in Zusammenhang.

Ich zog mich zurück, erreichte wieder unser Schlafzimmer und ließ Badewasser einlaufen.

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Ohne allzu sehr daran zu glauben, hoffte ich, Isabel würde zu mir ins Badezimmer kommen, weil ich es auf einmal eilig hatte, sie von nahem zu sehen, um festzustellen, ob sich in ihrem Blick etwas verändert hatte.

Sie hatte gehört, daßdas Wasser lief. Wahrscheinlich hatte sie auch Mona aufstehen hören, denn als ich wieder in die Küche kam, standen die Eier mit Schinken für uns drei auf dem Herd, und im Eßzimmer war der Tisch gedeckt.

»Guten Morgen, Mona …«

An diesem Tag trug sie ein schlichtes, sehr eng anliegendes, schwarzes Kleid, und möglicherweise deshalb, weil ihr Gesicht müde aussah, hatte sie sich stärker geschminkt als sonst, vor allem die Augen, was ihren Ausdruck veränderte.

»Guten Morgen, Donald!«

Ich küßte meine Frau auf die Wange.

»Guten Morgen, Isabel!«

Sie erwiderte meinen Kuß nicht. Das war bei uns so üblich. Ich habe keine Ahnung mehr, wann oder wie diese Tradition entstanden war. Sie erinnerte mich an meine Mutter, die mich nie geküßt, mir aber mechanisch ihre Wange oder ihre Stirn hingehalten hatte.

Ich wußte sofort, daß Isabel mich durchschaut hatte. Seit dem vergangenen Abend, seit Lieutenant Olsen uns verhört hatte, wußte ich nämlich auch, welchen Fehler ich gemacht hatte.

Während der ganzen Zeit, die ich in der Scheune geblieben war, auf meiner rotgestrichenen Bank, hatte ich Zigarette um Zigarette geraucht, eine an der anderen angezündet, die Kippen einfach auf den Boden aus gestampfter Erde fallen lassen und sie mit der Fußspitze ausgetreten. Ich hatte mindestens zehn Zigaretten geraucht.

Das hatte Isabel, meinen Schlaf nutzend, in der Scheune finden wollen: den Beweis dafür, daß ich dort gewesen war, daß ich mich sehr lange dort verborgen hatte, anstatt wie erwartet die ganze Zeit über nach Ray zu suchen.

Sie wußte Bescheid. Dennoch sprach keinerlei Anklage aus ihren blauen Augen, keine neue Härte. Nur Verwunderung und Neugierde.

Sie blickte mich auch nicht wie einen Fremden an, weil ich das getan hatte, aber ich war für sie ein anderer geworden, jemand, den sie seit langem kannte, ohne seinen wahren Charakter zu ahnen.

Beim Essen hörten wir die Männer am Fuße des Felsens arbeiten. Mona, die unser Schweigen stutzig machte, schaute von einem zum anderen, und vielleicht fragte sie sich, ob meine Frau etwa eifersüchtig sei.

Das verriet ein kurzer Satz:

»Es ist mir peinlich, daß ich euch so lange zur Last falle …«

»Sie sind verrückt, Mona … Sie wissen doch genau, daß Sie, Ray und Sie, für uns zur Familie gehören …«

Ich aß hastig, und mir war unbehaglich zumute. Im Aufstehen erklärte ich: »Ich will mal sehen, ob ich das Auto herholen kann…«

Ich schlüpfte in meine Stiefel und in die dicke Jacke und setzte mir die Pelzmütze auf. Ich hatte den Eindruck, Mona würde im nächsten Augenblick vorschlagen, mich zu begleiten, um etwas Abwechslung zu haben, sie traute sich jedoch nicht.

Die Männer arbeiteten unten behutsamer, weil sie allmählich die Stelle erreichten, an der sie die größte Chance hatten, die Leiche zu finden.

Ich wanderte durch die Schneeschlucht, deren gefrorener Boden glatt geworden war, und fühlte mich wie befreit, weil ich an der frischen Luft sein konnte und wieder eine Landschaft um mich hatte, die zwar verändert aussah, mir aber dennoch vertraut war.

Sie hatten mein Auto an die vereiste Seitenwand geschoben, und es war noch mit Schnee bedeckt. Ich mußte die Windschutzscheibe freikratzen. Ich fragte mich, ob der Motor überhaupt anspringen würde. Mir schien es, als wäre seit der letzten Fahrt eine lange Zeit verstrichen und als hätten sich inzwischen grundlegende Umwälzungen vollzogen.

Der Chrysler schnurrte indes sofort, und vorsichtig lenkte ich ihn vor die Garage, einen kleinen, weiß gestrichenen Holzbau gegenüber der Scheune.

Ich mußte ein Stück freischaufeln, damit ich die Tür aufmachen konnte, und vor mir stand das Lincoln Cabrio, mit dem Ray und Mona am Samstag nachmittag aus Kanada gekommen waren.

Einige Minuten später betrat ich die Scheune, deren großes Tor nach außen hing. Am Eingang zog sich ein breiter Streifen aus Schnee entlang, der aber nicht bis an die Bank heranreichte. Ich sah mich auf dem Boden um.

Die Zigarettenkippen waren verschwunden.

___________

Wieder im Haus, suchte ich sofort Isabels Blick, und sie wandte den Kopf nicht ab. Sie sah mich offen an, völlig ruhig. Was stand nun in ihren Augen geschrieben?

»Tja, so ist das nun mal…. Ich weiß Bescheid … Ich habe es ja geahnt… Als du auf Olsens Frage nach der Scheune geantwortet hast, da ist es mir klargeworden … Deshalb bin ich nachschauen gegangen und habe dafür gesorgt, daß es sonst niemand erfährt…«

Damit sie nicht merken, daß ich ein Feigling bin? Glaubte sie denn, es wäre Feigheit gewesen, ich hätte mich aus Angst, daß ich mich im Schneesturm verirren könnte, in die Scheune geflüchtet?

Warum lag dann keinerlei Verachtung in ihrem Blick? Und auch kein Mitleid. Kein Zorn. Nichts.

Etwas doch: Neugierde!

Scheinheilig fragte sie:

»Hast du Probleme mit dem Auto gehabt?«

»Nein …«

»Fährst du nicht ins Büro?«

»Ich rufe Helen gleich an, daß sie die Post holen soll … Es wird ja kaum was da sein, denn die Postautos sind wahrscheinlich gar nicht durchgekommen …«

Nichts als leere Worte! Sie hatte mich in die Scheune hineingehen sehen. Mir konnte also nicht verborgen geblieben sein, daß sie die Zigarettenstummel beseitigt hatte.

Das Geschirr war bereits gespült. Wir schauten uns alle drei an und wußten weder, wo wir uns aufhalten, noch, womit wir uns beschäftigen sollten. Mona spürte mehr denn je, daß etwas im Busch war, und leicht betreten erklärte sie:

»Ich gehe mein Zimmer aufräumen …«

Die Putzfrau war nicht gekommen. Sie wohnte jenseits des Hügels, und die Straße, die quer durch den Wald in unser Dorf führte, war sicher noch nicht geräumt.

»Ich mache mich wohl doch besser auf den Weg ins Büro …«

Es war unerträglich, hier drinnen festzusitzen und darauf zu warten, daß die Männer den Leichnam fanden.

Ich holte das Auto, das ich kaum hineingestellt hatte, wieder aus der Garage heraus.

Als ich erst einmal unser Grundstück verlassen hatte, stieß ich auf die gründlicher geräumte Landstraße, auf der mehrere Spuren davon zeugten, daß schon etliche Autos hier entlanggefahren waren. Abgesehen von den hohen Schneewällen links und rechts der Fahrbahn bot die Hauptstraße einen fast normalen Anblick.

Die meisten Ladenbesitzer schwangen die Schaufeln und schippten einen Zugang zu ihren Geschäften frei.

Das Postamt war geöffnet, ich trat ein und winkte dem Schalterbeamten wie üblich zu, so als ob nichts geschehen wäre.

In unserem Schließfach fand ich nur einige Briefe und eine Handvoll Prospekte vor. Dann steuerte ich die Kanzlei an.

Auch hier hatte sich nichts verändert. Higgins saß in seinem Büro und blickte mich etwas überrascht an.

»Na, haben sie ihn endlich gefunden?«

Ich runzelte die Brauen.

»Ihren Freund Sanders…. Oder buddeln sie immer noch im Schnee rum? …«

Fünf Jahre zuvor hatten wir an der Stelle der alten Büros ein schmuckes Haus aus rosa Ziegeln bauen lassen, dessen Fenster mit weißen Steinen eingefaßt waren. Die Eingangstür war ebenfalls weiß. Rund um das Gebäude dehnte sich ein gepflegter Rasen aus, der im Moment selbstverständlich nicht zu sehen war, den die Sonne aber jedes Jahr ab Mitte oder Ende März wieder zum Vorschein brachte.

Helen, unsere Sekretärin, tippte in ihrem Büro auf der Schreibmaschine, und sie unterbrach ihre Arbeit nicht, um mich zu begrüßen.

Alles war ruhig, wohlgeordnet, und meine juristischen Fachbücher standen an ihrem Platz in den Mahagoniregalen. Die Zeiger der elektrischen Uhr rückten lautlos vorwärts.

Ich setzte mich in meinen Sessel und öffnete die Briefe, einen nach dem anderen.

»Helen …«

»Ja, Mister Dodd …«

Sie war fünfundzwanzig Jahre alt und ziemlich hübsch. Sie war die Tochter eines Klienten, eines Bauunternehmers, und erst seit sechs Monaten verheiratet.

Würde sie bei uns bleiben, wenn sie ein Kind bekam? Sie behauptete ja. Doch ich war mir dessen nicht so sicher und befürchtete schon, daß ich eine Nachfolgerin für sie würde suchen müssen.

Ich diktierte drei belanglose Briefe.

»Die anderen sind für Higgins…«

Ob Isabel einen Schock erlitten hatte? Würde das unser Leben aus seiner Bahn werfen? Ich fragte mich das, ohne zu wissen, ob ich es mir wünschte oder nicht. Inzwischen war der Sturm der Gefühle, der in der Scheune über mich hereingebrochen war, abgeklungen, hatte sich aber noch nicht ganz gelegt.

Meine Frau hatte allen Grund dazu, mich voller Neugierde zu beobachten. Ich war nicht mehr derselbe Mann. Higgins hatte nichts davon gemerkt. Meine Sekretärin auch nicht. Doch früher oder später würde auch ihnen die Verwandlung zu Bewußtsein kommen.

Ich sah auf die Uhr, als ob ich verabredet wäre. In gewisser Weise war ich das ja auch. Nur war der Termin nicht festgesetzt. Ich konnte es kaum erwarten, daß dieses Suchen rund um die Yellow Rock Farm ein Ende nahm, daß sie Rays Leichnam entdeckten. Ich konnte es kaum erwarten, ihn loszuwerden.

Was würde man mit ihm tun, wenn man ihn endlich fand? Das ging mich nichts an. Das war Monas Angelegenheit. Sie vertrieb sich die Stunden damit, ihr Bett zu machen und das Zimmer aufzuräumen.

Es gab keine Zeitungen. Der Zug aus New York war nicht eingetroffen. Viel schneller, als ich es gedacht hatte, legte mir Helen die drei Briefe zur Unterschrift vor.

»Ich fahre wieder nach Hause … Falls etwas sein sollte, brauchen Sie mich nur anzurufen…«

Ich schaute bei Higgins rein und drückte ihm die Hand.

Draußen sagte ich mir, daß es vielleicht keine schlechte Idee wäre, Fleisch einzukaufen, und so betrat ich den Supermarkt.

»Hat man Ihren Freund gefunden, Mister Dodd?«

»Noch nicht…«

»Wenn man sich vorstellt, daß so etwas direkt neben einem passiert, ohne daß man was davon merkt … Ist bei Ihnen etwas kaputtgegangen? …«

»Nur die Scheunentür…«

»In Cresthill hat es ein Haus umgeweht … Ein Wunder, daß dabei niemand ums Leben gekommen ist …«

Unsere Putzfrau wohnte in Cresthill.

Mochte ich auch mit noch so vielen Leuten reden, die Dinge um mich herum betrachten und ganz Alltägliches tun, ich fragte mich dennoch unablässig: »Was denkt sie?«

Wie ich sie kannte, würde sie nicht mit mir darüber sprechen. Das Leben würde weitergehen wie bisher, mit diesem Geheimnis zwischen uns. Von Zeit zu Zeit würde ich ihren Blick auf mir ruhen spüren, immer noch mit diesem Ausdruck von Verwunderung.

Als ich nach links in unsere Zufahrt einbog, stellte ich fest, daß der Bagger nicht mehr arbeitete, und gleich darauf sah ich von weitem die beiden Frauen in Stiefeln und dicken Jacken aus dem Haus kommen. Am Fuß des Felsens standen die Männer um eine ausgestreckte Gestalt herum.

Sie hatten Ray gefunden. Ich fuhr das Auto in die Garage. Ich war ruhig. Ich hatte keine Gewissensbisse. Ich empfand vielmehr eine ungeheure Erleichterung.

Die Frauen warteten auf mich, dann stiegen wir gemeinsam den Abhang hinunter. Wir hatten uns an den Händen gefaßt, trotzdem rutschten wir aus, und die Männer mußten uns auf die Beine helfen.

Ray schien unter der dünnen Schneeschicht, die noch auf seinem Gesicht lag und sein Haar weiß aussehen ließ, zu lächeln. Sein rechtes Bein war verdreht, und einer der Männer erklärte uns, daß es gebrochen war.

Ich fragte mich, was Mona tun würde. Sie stürzte sich nicht auf den Toten. Vielleicht war ihr einen Moment lang danach zumute, denn sie ging zwei oder drei Schritte auf ihn zu. Dann blieb sie stehen und betrachtete ihn schaudernd. Meine Frau stand rechts von ihr, ich links.

Sie neigte sich kaum merklich in meine Richtung, gerade so weit, daß sie meine Schulter und meine Hüfte berührte, so als hätte sie ein Bedürfnis nach meiner Wärme.

Da legte ich ihr, mit einem Seitenblick auf Isabel, einen Arm um die Schultern.

»Nicht verzagen, Mona …«

Es war eine ganz natürliche Geste. Sie war die Frau; meines besten Freundes. Die Männer um uns herum würden daran nichts auszusetzen haben. Auch Mona nicht. Im Gegenteil. Sie war drauf und dran, sich noch enger an mich zu schmiegen.

Nur ich hielt es für nötig, Isabel einen trotzigen Blick zuzuwerfen.

Für mich war das ein weiterer Schritt, als gäbe ich ihr mit dieser scheinbar schlichten Geste zu verstehen, daß ich mich von ihr lossagte.

Sie zuckte mit keiner Wimper und wandte sich von neuem dem Toten zu, den sie andächtig betrachtete, mit gefalteten Händen, so wie man auf dem Friedhof den Sarg betrachtet, der ins Grab hinuntergelassen wird.

»Würden Sie ihn bitte ins Haus bringen?«

Der Einsatzleiter trat einen Schritt vor.

»Der Lieutenant hat uns aufgetragen, nichts zu unternehmen, bevor er da ist …«

»Haben Sie ihn angerufen?«

»Ja. Ich hatte meine Anweisungen.«

Wir konnten nicht hier in der Kälte stehen bleiben, mit den Beinen im Schnee versinken und warten, bis der Lieutenant aus Chanaan eintraf.

»Kommen Sie, Mona …«

Ich glaubte, sie würde protestieren, doch sie ließ sich widerspruchslos wegführen. Als wir den Abhang hinaufkletterten, mußten wir uns gegenseitig helfen. Ich legte ihr meinen Arm nicht mehr um die Schultern, aber ich hatte es einmal getan. Das war ein Sieg.

»Sicher ist er abgerutscht«, sagte sie, als wir oben waren. »Armer Ray …«

Wir stapften durch den Schnee, drei düstere Gestalten im Weiß der Landschaft, und mir schien das alles ziemlich grotesk. Unten setzten die Männer ihre Maschine wieder in Gang, um sie hier abzuziehen und höchstwahrscheinlich anderswo weiterzuarbeiten.

»Würdest du bitte Kaffee machen, Isabel…«

Wir folgten ihr in die Küche, wo sie das Wasser aufsetzte und schließlich fragte:

»Was gedenkst du jetzt zu tun, Mona?«

»Ich weiß es nicht.«

»Hat er noch Angehörige?«

»Einen Bruder, der Botschaftsattaché in Deutschland! ist …«

»Hat er nie etwas gesagt?«

»Worüber?« »Was du unternehmen sollst, falls …«

Stille, sie suchte nach Worten und fand sie auch.

»… falls ihm etwas zustoßen sollte…«

»Darüber hat er nie gesprochen …«

»Es geht darum, was jetzt geschehen soll«, fuhr Isabel fort und nahm damit die undankbarste Rolle auf sich. »Glaubst du, er hat ein Testament hinterlassen?«

Im selben Moment, in dem Mona nein sagte, sagte auch ich nein und erklärte:

»Wenn Ray ein Testament aufgesetzt hätte, dann hätte er das mit mir gemacht und es auch bei mir hinterlegt …«

»Mona, meinst du, er hätte sich einäschern lassen wollen?«

»Ich weiß es nicht…«

Wir trugen unsere Kaffeetassen ins Wohnzimmer. Durchs Fenster sahen wir ein Polizeiauto verfahren und den Lieutenant mit einem anderen Mann in Uniform zum Fuß des Felsens hinuntersteigen.

Knapp zehn Minuten später erschien der Lieutenant allein an der Tür und nahm seine Dienstmütze ab.

»Herzliches Beileid, Mrs. Sanders …«

»Danke …«

»Es ist wohl so, wie Sie vermutet haben, Mister Dodd … Er ist vom Weg abgekommen, an den Rand des Felsens geraten und abgerutscht. Bei dem Sturz hat er sich noch ein Bein gebrochen …«

Hatte ich ihm das erzählt? Ich konnte mich nicht mehr daran erinnern. Mir kam es so vor, als sähe auch er mich anders an als sonst.

»Ich lasse den Leichnam ins Beerdigungsinstitut bringen, Sie brauchen nur Ihre Anweisungen zu geben …«

»Ja …« murmelte Mona, die nicht zu begreifen schien, was man von ihr erwartete.

»Wo gedenken Sie, ihn bestatten zu lassen?«

»Ich weiß es nicht …«

Da schlug ich vor:

»Vielleicht in Pleasantville …«

Das war der große Friedhof von New York.

»Ja, wahrscheinlich…«

»Hat er noch Angehörige?«

»Einen Bruder, in Deutschland…«

Alles begann von neuem. Worte. Lippen, die sich bewegten. Doch ich hörte nicht mehr auf die Worte. Ich beobachtete nur die Augen. Ich glaube, daß ich seit eh und je die Augen der Menschen beobachtet habe. Oder vielmehr, daß ich seit eh und je ein wenig Angst vor ihnen habe.

Da waren die Augen von Isabel. Die kannte ich. Ich wußte, welche Verwunderung seit dem Morgen aus ihnen sprach.

Und dennoch belauerte sie nun den Lieutenant. Sie hatte gemerkt, daß er von Zeit zu Zeit einen verstohlenen Blick in meine Richtung warf, so als ließe ihm irgend etwas an der ganzen Sache keine Ruhe.

Ich war überzeugt davon, wenn der Lieutenant mich angegriffen hätte, wäre sie mir zu Hilfe gekommen. Man hätte meinen können, sie wartete förmlich auf diese Gelegenheit.

Mona wiederum wandte sich jedesmal, wenn ihr eine Frage gestellt wurde, mir zu, als wäre ich ihre natürliche Stütze geworden. Das war so offensichtlich, und es lag so viel Vertrauen, eine solche Selbstaufgabe in ihrem Verhalten, daß Olsen denken mußte, zwischen uns bestünden sehr innige Beziehungen.

Benahm er sich deshalb mir gegenüber nicht so herzlich? Ein wenig herablassend, wie mir schien.

»Alles Weitere liegt nun bei Ihnen. Für uns ist der Fall abgeschlossen. Es tut mir leid, Mrs. Sanders, daß sich dieses Drama bei uns ereignet hat …«

Er stand auf, verneigte sich vor den zwei Frauen, und mir reichte er schließlich die Hand. Leichten Herzens? Ich war mir dessen nicht so sicher.

Ich witterte ein Geheimnis. Entweder hatten seine Männer etwas Ungewöhnliches entdeckt, was mich in eine heikle Lage brachte, oder Olsen verachtete mich, weil er mich für den Liebhaber der Frau meines besten Freundes hielt.

Hegte er etwa den Verdacht, ich hätte die Gelegenheit ausgenutzt und Ray vom Felsen gestoßen?

Daran hatte ich noch gar nicht gedacht. Das war so einleuchtend, es wäre so leicht gewesen. Warum hatte ich denn von vornherein die beiden Frauen vorausgehen lassen, während ich doch die einzige Lampe trug, die wir zur Verfügung hatten, wie schwach sie auch immer gewesen sein mochte?

Den Felsen kannte ich besser als irgend jemand sonst, da er sich auf meinem Grundstück befand, direkt vor meinen Fenstern. Ich hätte Ray am Arm packen, ihn nach rechts abdrängen und ihn im geeigneten Augenblick hinunterstoßen können …

Ich erschrak bei dem Gedanken, daß Olsen die Zigarettenstummel vor der Bank in der Scheune hätte finden können. Hätte er daraus dieselben Schlüsse gezogen wie Isabel?

Und welche Schlüsse zog Isabel überhaupt? Was bewies mir denn, daß sie eigentlich nicht glaubte, ich hätte Ray hinuntergestoßen?

Unter diesen Umständen erwuchs aus ihrem Schweigen eine Art Komplizenschaft: … Zur Verteidigung ihres Heims, unserer beiden Kinder…

Sie folgte mir mit den Augen, als ich den Barschrank öffnete.

»Etwas zu trinken tut Ihnen jetzt sicher gut, Mona … Möchtest du auch etwas, Isabel? …«

»Nein danke …«

Ich holte Eis und Gläser aus der Küche. Als ich Mona ihr Glas reichte, sagte ich:

»Kopf hoch, meine liebe Mona …«

Als ob ich von ihr Besitz ergriffe! Diesmal merkte sie es und stutzte einen Moment. Ich hatte sie noch nie »meine liebe Mona« genannt.

»Ich rufe mal das Beerdigungsinstitut an«‘ erklärte Isabel und begab sich in die Bibliothek, in der einer unserer beiden Telefonapparate stand.

Wollte sie uns allein lassen?

Mona wandte sich, nachdem sie einen Schluck getrunken hatte, mir zu, und ein etwas trauriges Lächeln spielte um ihre Lippen.

»Sie sind nett, Donald …«

Dann, nach einem Blick in die Richtung, in der Isabel verschwunden war, wollte sie noch etwas hinzufügen, besann sich jedoch anders und schwieg.

4

Die Beisetzung fand Donnerstag vormittag statt und verlief nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte, als wir noch zu dritt in der Abgeschiedenheit unseres Hauses gewesen waren.

Mit Katastrophen verhält es sich wohl so wie mit Krankheiten. Man stellt sich vor, daß es lange dauern würde, sie zu überwinden, daß das Leben nicht mehr so sein würde wie vorher, und dann entdeckt man, daß die alltägliche Routine wieder ihre Rechte fordert.

Um zehn Uhr standen vor Fred Dowlings Beerdigungsinstitut, das kaum hundert Meter von meiner Kanzlei entfernt lag, mehr als zwanzig Autos, und in zweien saßen Journalisten und Fotografen aus New York.

Einige waren schon tags zuvor ins Haus gekommen. Sie hatten darauf bestanden, daß Mona sich an der Stelle fotografieren ließ, an der man Rays Leiche gefunden hatte.

Bob Sanders war am Abend vor der Beisetzung aus Bonn eingetroffen. Isabel hatte ihm vorgeschlagen, im Zimmer einer unserer Töchter zu übernachten, doch er hatte sich bereits ein Zimmer im »Hotel Turley« reservieren lassen.

Er war größer, hagerer und lässiger als Ray. Er trat noch zwangloser auf als sein Bruder, und mir gefiel sein selbstgefälliges Lächeln nicht.

Während des Studiums war ich ihm mehrmals begegnet, weil er aber viel jünger war als wir, hatte ich ihn kaum beachtet.

Mona gegenüber befleißigte er sich nicht gerade großer Liebenswürdigkeit.

»Wie ist denn das passiert? Hatte er getrunken?«

»Nicht mehr als gewöhnlich …«

»Hat er in letzter Zeit viel getrunken?«

Ray war fünf Jahre älter gewesen als er, und er sprach von ihm wie ein Richter, der ein Urteil fällen sollte.

»Nein … Zwei oder drei Martini vorm Essen …«

Er war in der Nähe von New Haven geboren und kannte unser Klima. Gewiß hatte er auch Schneestürme erlebt, die zwar nicht so heftig gewesen waren wie der vom vergangenen Samstag, die aber nichtsdestoweniger jegliche Aktivität lahmgelegt hatten. Dennoch fragte er:

»Wie kommt es, daß man ihn nicht schneller gefunden hat?«

»An manchen Stellen lagen über zwei Meter Schnee …«

»Welche Maßnahmen haben Sie getroffen?«

Er konnte mich ebenfalls nicht ausstehen. Von Zeit zu Zeit betrachtete er mich stirnrunzelnd, vielleicht fand er, ich hätte es sehr eilig, Mona unter meine Fittiche zu nehmen.

Denn genau das tat ich, in aller Offenheit und mit Bedacht. Ich wich nicht von ihrer Seite. Die meisten Fragen beantwortete ich, und ich merkte, daß das Bob Sanders in Wut versetzte.

»Wen haben Sie benachrichtigt?«

»Seine Teilhaber selbstverständlich…«

»Haben Sie die Zeitungen alarmiert?«

»Nein… Das muß jemand aus dem Dorf gewesen sein, vielleicht einer der Polizisten … Einen Scotch?«

»Nein danke … Ich trinke nicht …«

Er hatte sich am Flugplatz einen Leihwagen ohne Chauffeur genommen. Er war verheiratet. Seine Frau und seine drei Kinder lebten bei ihm in Bonn. Gekommen war er indes allein. Vermutlich hatte er Ray sogar jahrelang nicht mehr gesehen.

Die Gebrüder Miller bequemten sich hingegen nicht zu einem Besuch in unserem Haus. Erst in der Aufbahrungshalle traten sie auf Mona zu und bekundeten ihr Beileid.

Einen von ihnen, Samuel, kannte ich, weil ich einmal mit ihm und Ray in New York zu Mittag gegessen hatte; ein Mann um die Sechzig, kahlköpfig und jovial.

Er kam auf mich zu und fragte mich leise:

»Wissen Sie, wer sich um den Nachlaß kümmert?«

»Das ist Monas Angelegenheit …«

»Hat sie mit Ihnen nicht darüber gesprochen?«

»Bis jetzt noch nicht…«

Er redete auch mit Rays Bruder, dem er wohl dieselbe Frage stellte, denn Bob Sanders schüttelte den Kopf.

Mona fuhr mit ihrem Auto, weil sie von Pleasantville direkt nach New York zurückkehren wollte. Ich hatte ihr vorgeschlagen, daß Isabel sich ans Steuer setzen sollte, aber das hatte sie abgelehnt. Sie war allerdings damit einverstanden, daß Isabel mit ihr mitfuhr.

Dem Wagen mit den beiden Frauen folgte das Auto des Bruders, dann kam meins und dahinter die von einem Chauffeur gesteuerte Limousine der Gebrüder Miller, die wie Zwillinge aussahen.

An dem Trauerzug nahmen noch mehr Leute aus der Madison Avenue teil, unter ihnen Rays Sekretärin, eine hochgewachsene Rothaarige mit üppigen Formen, der das alles näherzugehen schien als Mona.

Viele Menschen, die ich nicht kannte. Man hatte keine Todesanzeigen verschickt, Zeit und Ort der Beisetzung waren jedoch in den Zeitungen bekanntgegeben worden.

Links und rechts der Straße lagen noch Schneehaufen, und als wir einige Kilometer zurückgelegt hatten, brach die Sonne durch.

Mona hatte mir tags zuvor, als wir beide gerade allein im Wohnzimmer waren, während Isabel zum Einkaufen gefahren war, ein seltsames Geständnis gemacht.

»Sie sind der einzige, mit dem ich darüber reden kann, Donald… Ich frage mich nämlich, ob Ray es nicht absichtlich getan hat…«

Sie hätte sich nichts ausdenken können, was mich ebenso überrascht hätte.

»Wollen Sie damit sagen, er hätte Selbstmord begangen?«

»Ich mag dieses Wort nicht… Aber es wäre möglich, daß er dem Schicksal nachgeholfen hat…«

»War er in Schwierigkeiten?«

»Nicht geschäftlich…. Auf diesem Gebiet war er erfolgreicher, als er es sich je erhofft hatte …«

»Privat?«

»Auch nicht… Wir waren gute Freunde, wir beide … Er hat mir alles erzählt… Oder fast alles … Wir haben uns ja nicht voreinander gebrüstet …«

Was sie da eben gesagt hatte, verblüffte mich. Es gab also Leute, die ganz offen miteinander reden konnten, Auge in Auge? War es das, was Isabel seit so vielen Jahren in meinem Blick suchte? Daß ich mich ihr anvertraute? Daß ich ihr ein einziges Mal gestand, was ich auf dem Herzen hatte?

»Er hat sich viele Abenteuer geleistet … Angefangen bei seiner Sekretärin, der langbeinigen, rothaarigen Hilda…«

Das war das Mädchen, das im Trauerzug ein Stück hinter mir fuhr.

»Es ist schwer zu erklären, Donald…« war Mona fortgefahren. »Aber ich frage mich, ob er Sie nicht beneidet hat …«

»Mich?«

»Sie haben dasselbe Studium absolviert … Er hätte auch Anwalt werden können … Das hatte er übrigens im Sinn gehabt, als er in New York anfing … Aber dann ist er Rechtsberater in diesem Werbebüro geworden … Er hat begonnen, viel Geld zu verdienen, und ihm ist klargeworden, daß er mit der Vermittlung von Verträgen noch mehr verdienen würde …

Verstehen Sie, was ich damit sagen will? … Er ist ein Geschäftsmann geworden … Wir haben eins der schönsten Appartements am Sutton Place gemietet, und dort haben wir jeden Abend Gäste empfangen oder wir sind ausgegangen …

Am Ende hing ihm das alles zum Hals heraus …«

»Hat er Ihnen das gesagt?«

»Eines Abends, als er betrunken war, da hat er mir gestanden, daß er es über kurz oder lang satt haben würde, den Hampelmann zu spielen… Sie wissen ja, welches Ende sein Vater genommen hat …«

Und ob ich das wußte! Ich hatte Herbert Sanders sehr gut gekannt, denn während ich in Yale war, hatte ich oft das Wochenende bei ihm verbracht.

Rays Vater war Buchhändler gewesen, ein Buchhändler von recht eigenwilligem Zuschnitt. Er hatte keinen Laden in der Stadt, sondern bewohnte an der Straße nach Ansonia ein Haus im reinsten Neuengland-Stil, in dessen Räumen im Erdgeschoß alle Wände voller Bücher waren.

Seine Besucher kamen sowohl aus New Haven als auch aus Boston, aus New York und von noch weiter her, und obendrein erhielt er zahlreiche schriftliche Bestellungen.

Er stand mit Leuten aus fast allen Ländern der Welt in Briefwechsel und hielt sich über alles auf dem laufenden, was auf dem Gebiet der Paläontologie, Archäologie und der Kunst, vor allem der prähistorischen Kunst, geschrieben wurde.

Darüber hinaus hatte er noch zwei Steckenpferde: Prachtbände über Venedig und Bücher über Gastronomie, von denen er, wie er sich rühmte, über einhundertsechzig verschiedene Bände in seinen Regalen hatte.

Ein seltsamer Mann, den ich noch vor mir sah: jungenhaft, temperamentvoll, mit einem wohlwollenden und zugleich ironischen Lächeln.

Seine erste Frau, die Mutter von Ray und Bob, hatte ihn verlassen, um einen texanischen Großgrundbesitzer zu heiraten. Danach hatte er jahrelang allein gelebt und in dem Ruf gestanden, ein Schürzenjäger zu sein.

Dann heiratete er aus heiterem Himmel eine Polin, die keiner gekannt hatte, eine strahlende Schönheit von achtundzwanzig Jahren.

Er war damals fünfundfünfzig gewesen. Drei Monate nach der Hochzeit schoß er sich eines Abends, als seine Frau nicht zu Hause war, eine Kugel in den Kopf, inmitten seiner Bücher und ohne einen Brief oder irgendeine Erklärung zu hinterlassen.

Mona hatte mich noch einmal gefragt:

»Verstehen Sie, was ich meine?«

Doch ich weigerte mich, diese Möglichkeit zu akzeptieren. Ray mußte so bleiben, wie ich ihn gesehen hatte: hart gegen sich selbst und gegen andere, kalt und ehrgeizig, der starke Mann, an dem ich mich für alle starken Männer dieser Erde gerächt hatte.

Ich wollte keinen vom Geld und vom Erfolg angewiderten Ray.

»Sie müssen sich irren, Mona… Ich bin davon überzeugt, daß Ray glücklich war… Wenn man ein bißchen zuviel getrunken hat, neigt man leicht zu romantischen Vorstellungen…«

Sie hatte mich beobachtet und sich gefragt, ob sie mir glauben sollte oder nicht.

»Er hat es allmählich satt gehabt…«, behauptete sie beharrlich. »Deshalb trank er auch immer mehr… Und ich habe angefangen, mit ihm mitzutrinken…«

Zögernd hatte sie noch hinzugefügt:

»Hier habe ich mich nicht getraut, wegen Isabel …«

Dann hatte sie sich auf die Lippen gebissen, als hätte sie befürchtet, mich gekränkt zu haben.

»Lassen Sie sich von Isabel beeindrucken?«

»Sie nicht? Ray war auch von ihr beeindruckt. Er hat Sie bewundert …«

»Mich hat er bewundert?«

»Er hat immer gesagt, Sie wüßten genau, was Sie tun, Sie hätten sich Ihr Leben umsichtig aufgebaut, Sie hätten es nicht nötig, sich ständig zu benebeln, jeden Abend auszugehen, sich in Abenteuer zu verstricken …«

»Hat er sich da nicht über mich lustig gemacht?«

Ich war entgeistert gewesen. Das hatte die Dinge völlig auf den Kopf gestellt.

»Er war der Meinung, ein Mann, der imstande war, Isabel zu heiraten, Tag für Tag mit ihr zu leben …«

»Warum? Hat er Ihnen gesagt warum?«

»Verstehen Sie das denn nicht?«

Sie hatte sich über meine Einfältigkeit gewundert, und ich hatte auf einmal Monas Verhalten mir gegenüber im Laufe dieser letzten Tage begriffen. Für sie war nicht Ray der starke Mann, sondern ich.

Und so suchte sie, wie selbstverständlich, bei mir Schutz. Wenn sie mich aus der Tiefe ihres Sessels anblickte, wenn sie meine Schulter streifte, dann beruhte das nicht nur auf einem nahezu animalischen Instinkt.

»Ich habe Sie beide oft beobachtet, Donald… Isabel kann man nichts vormachen…. Neben ihr kann man sich auch nicht gehenlassen, unter sein gewohntes Niveau absinken, und sei es nur für einen Augenblick…. Sie ist eine außergewöhnliche Frau, und man muß selbst ebenso außergewöhnlich sein, um an ihrer Seite zu leben …«

Das hatte mich derart aus der Fassung gebracht, daß ich an dem Abend mehr als zwei Stunden brauchte, bis ich einschlafen konnte.

»Ray, der hatte seine Höhen und Tiefen, wie jeder… Sagen Sie, Sie werden mich doch nicht fallenlassen, jetzt, wo er nicht mehr da ist…«

»Aber Mona, im Gegenteil, ich wünsche mir nichts lieber, als…«

Beinahe wäre ich aufgestanden, auf sie zugeeilt und hätte sie in die Arme geschlossen. Ich war verwirrt gewesen, ja erregt, außer mir.

»Pst… Da kommt sie …«

Im Schnee war der kleine Volkswagen aufgetaucht, den ich meiner Frau für ihre Besorgungen in der Umgebung gekauft hatte. Von weitem hatte ich Isabel mit dem Einkaufsnetz in der Hand aus der Garage kommen sehen, hatte ihr ausdrucksloses Gesicht gesehen, ihren hellen, an den Wangenknochen immer ein wenig rosigen Teint und die blauen Augen, die einem weder eine kleine Mogelei noch eine Lüge durchgehen ließen.

Ich mußte nun alles wieder in Frage stellen. Ray hatte mich bewundert. Das war die überwältigendste Neuigkeit.

Mona bewunderte mich ebenfalls, das hatte sie auf ihre Art eingestanden. Und ich, ich armseliger Trottel, hatte am ersten Tag nicht gewagt, meine Hand auf dem Fußboden auszustrecken, um ihre Hand zu berühren, die mich so sehr in Versuchung geführt hatte.

Was Mona nicht wußte, als sie von meinem Verhältnis zu Isabel gesprochen hatte, war die Tatsache, daß ich mich inzwischen von meiner Frau losgesagt hatte. Auch ich hatte sie einmal bewundert. Ich hatte sogar Angst vor ihr gehabt, Angst vor einem Stirnrunzeln, vor einem Schatten, der sich in ihren wasserhellen Augen zeigen könnte, vor einer unausgesprochenen Verurteilung.

Denn sie hatte nie ihr Mißfallen ausgedrückt. Sie hatte mir nie einen Vorwurf gemacht.

Ich hatte mich ihr oder unseren Kindern gegenüber bestimmt bisweilen widerwärtig, ungerecht, lächerlich oder was weiß ich wie benommen.

Doch kein Wort. Ihr Lächeln wich nie aus ihren Zügen. Da gab es nur ihre Augen. Und niemand sonst hätte ihnen etwas angesehen. Ihre Augen blieben genauso klar, genauso heiter.

Was hätte Mona davon gehalten, wenn ich ihr gestanden hätte: »Ich habe keine Frau geheiratet, sondern einen Richter…«

War es nicht das, was Ray gespürt hatte, und bedauerte und bewunderte er mich nicht gleichermaßen? Es sei denn, er hatte sich von Grund auf geirrt.

Er hatte geglaubt, ich sei diese Ehe mit Isabel eingegangen, weil ich stark war und mich dem Kampf gewachsen fühlte.

Das Gegenteil war der Fall. Bei ihr lebte ich, als hinge ich nach wie vor an den Rockschößen meiner Mutter. Ich ging immer noch zur Schule. Ich war ein Pfadfinder geblieben.

Pech für Ray. Ich bedauerte nichts, außer daß er mich um meine Schuld brachte. Ich wollte ihn getötet, seinen Tod herbeigesehnt, im Rahmen meiner Möglichkeiten dem Schicksal nachgeholfen haben.

Hatte Ray sich nicht gewehrt, hatte er den Tod mit Erleichterung hingenommen, dann ergab das Drama, das sich in jener Nacht auf meiner Bank in der Scheune in mir abgespielt hatte, keinen Sinn mehr.

Für mich war es wichtig, daß meine Revolte nicht geschmälert wurde, daß ich aus eigenem Antrieb aufbegehrt hatte.

Ich war nicht das Schaf, für das die Leute mich hielten. Ich war grausam, zynisch und dazu imstande, meinen besten Freund sterben zu lassen, ohne ihm die Hand zu reichen.

Und während er, mit einem gebrochenen Bein, im Schnee allmählich mit dem Tod rang, rauchte ich Zigaretten und dachte an all die Male, die er mich gedemütigt hatte, ohne es zu merken … Und nicht nur er! … Auch Isabel … Die Bilder verschmolzen ein wenig in meinem Kopf…

Der Trauerzug mußte ab und zu langsamer fahren. Ich versuchte, vor dem Auto von Rays Bruder, das uns trennte, das von Mona zu sehen.

War ich in Mona verliebt?

Mittlerweile brachte ich es fertig, mir freimütig Fragen zu stellen, ohne mich selbst zu belügen‘ ohne mir etwas vorzumachen.

Die Antwort lautete nein. Verliebt war ich nicht. Hätte ich am nächsten Tag die Möglichkeit dazu gehabt, ich hätte sie nicht geheiratet. Ich verspürte auch keinerlei Lust, Tag und. Nacht mit ihr zusammenzuleben, mein Leben mit ihrem zu verbinden.

Was ich wollte, was auch sicher bald passieren würde, war nur, mit ihr zu schlafen.

Nicht zärtlich. Nicht leidenschaftlich. Wer weiß, ob es überhaupt in einem Bett sein mußte? Vielleicht würden wir es im Stehen machen, wie Ray und Patricia im Haus vom alten Ashbridge.

Ich begehrte eine sinnliche Frau, einfach so, ohne viel Aufhebens, und in meinen Augen war Mona eine wahrhaft sinnliche Frau.

Wir trafen auf dem Friedhof ein. Die Autos fuhren durch mehrere Alleen dieser riesigen Totenstadt, und wir gelangten schließlich in ein neues Viertel, auf dem Hügel.

Überall lag Schnee. Die Tannen glichen Weihnachtsbäumen. Da niemand warme Winterstiefel anhatte, traten wir alle vor Kälte von einem Fuß auf den anderen, als der Sarg ans Grab getragen wurde.

Der Pfarrer faßte sich kurz. Weitere Reden wurden nicht gehalten. Die Gebrüder Miller drängten sich in die erste Reihe, wegen der Fotografen, während ich mich dicht neben Mona stellte und sanft nach ihrem Ellbogen griff, um sie zu stützen.

Bob Sanders merkte es. Er war einen Kopf größer als ich und blickte mich von oben herab an, voll hochmütiger Verachtung, wie mir schien.

Noch wenige Tage vorher hätte ich mich deshalb in Grund und Boden geschämt. Aber in diesem Moment war es mir gleichgültig. Ebenso gleichgültig war es mir auch, daß meine Frau mich mit gewissem Staunen beobachtete, denn die Kühnheit meiner Geste mußte sie einfach erstaunen.

Wir begaben uns wieder zu den Autos. Ich ging neben Mona, und obgleich sie vollkommen ruhig war, hielt ich noch immer ihren Arm, als ob sie dessen bedurft hätte. Bob Sanders, der sie mit großen Schritten eingeholt hatte, nahm von meiner Anwesenheit keine Notiz.

»Ich muß mich jetzt gleich entschuldigen«, erklärte er, »denn mein Flugzeug startet in weniger als zwei Stunden … Falls Sie irgend etwas brauchen, falls noch Formalitäten zu erledigen sind, hier ist meine Adresse in Bonn…«

Er reichte ihr eine Visitenkarte, die er bereits vorher gezückt hatte und die sie in ihre Handtasche gleiten ließ.

»Nur Mut…«

Er drückte ihr mit fast militärischer Strenge die Hand und eilte davon. Sein Auto war das erste, das den Friedhof verließ.

»Sieht aus, als würde er Sie nicht gerade lieben…«

Er hatte es vermieden, sich von mir zu verabschieden.

»Tut er auch nicht … Vermutlich reimt er sich irgendwelche Dinge zusammen …«

Isabel tauchte neben uns auf.

»Fährst du allein nach New York zurück, Mona?«

»Warum nicht?«

»Wird es nicht zu schwer für dich sein, in die leere Wohnung zu kommen?«

»Janet, das Hausmädchen, erwartet mich …«

Isabel schaute mich an. Es schien fast so, als baue sie mir eine Brücke. Ich hätte ja anbieten können, Mona zu begleiten und abends mit dem Zug nach Hause zu fahren.

Doch ich lud sie nicht einmal ein, mit uns noch irgendwo einen Happen zu essen. Dagegen küßte ich sie, als sie sich anschickte, in ihren Lincoln einzusteigen, auf beide Wangen und drückte dabei ihre Arme ganz fest.

»Auf Wiedersehen, Mona …«

»Auf Wiedersehen, Donald … Danke…. Ich nehme an, ich werde Sie noch brauchen, für die Formalitäten, für die Fragen im Zusammenhang mit dem Nachlaß und was weiß ich …«

»Sie können mich jederzeit in meinem Büro anrufen …«

»Auf Wiedersehen, Isabel … Auch dir vielen Dank … Ich weiß nicht, was ich ohne euch gemacht hätte…«

Die beiden Frauen umarmten sich. Einer der Gebrüder Miller kam auf mich zu, kaum daß sich Monas Auto entfernte.

»Sind Sie nun ihr Anwalt?«

»Ich denke schon…«

»Es werden da komplizierte Fragen zu klären sein … Würden Sie mir bitte Ihre Telefonnummer geben? …«

Ich überreichte ihm eine Visitenkarte.

Und schon saßen Isabel und ich allein im Chrysler.

»Möchtest du unterwegs Mittag essen?«

»Nein. Ich habe keinen Hunger.«

»Ich auch nicht.«

Ich saß am Steuer, sie neben mir, wie gewöhnlich, und aus dem rechten Augenwinkel heraus sah ich ihr tief nachdenkliches Gesicht.

Eine gute Viertelstunde fuhren wir schweigend dahin, dann fragte Isabel:

»Was hältst du davon, wie sich das abgespielt hat?«

»Die Beerdigung?«

»Ja…. Ich weiß nicht genau, was mich daran gestört hat … Ich möchte mal sagen, die Leute wirkten so teilnahmslos, alles war so konfus … Ich habe keinerlei Rührung gespürt … Ich glaube, es war niemand wirklich bewegt, nicht einmal Mona … Sie hat es freilich noch nicht ganz begriffen…«

Ich sagte nichts und zündete mir eine Zigarette an.

»Für sie wird es am schlimmsten sein, wenn sie nach Hause kommt…«

Ich hielt noch immer den Mund. In dem Augenblick war sie diejenige, die das Schweigen nicht ertrug.

»Ich habe mich ja gefragt, ob es nicht besser gewesen wäre, wenn du mit ihr mitgefahren wärst…«

»Sie wird sehr gut allein damit fertig werden.«

»Wirst du dich um den Nachlaß kümmern?«

»Sie hat mich darum gebeten. Die Millers wollen sich ebenfalls mit mir in Verbindung setzen …«

»Glaubst du, sie wird genug zum Leben haben?«

»Sie wird ihr gutes Auskommen haben, davon bin ich überzeugt…«

War ich stark? War ich schwach? War ich schlau? War ich einfältig? War ich grausam? War ich feige? Das versuchten sie nun alle herauszufinden. Sogar Isabel, die mich nicht mehr wiedererkannte und sich wohl wunderte, warum ich mich nach der Sache mit den Zigarettenstummeln nicht demütiger gab, wenn ich schon nicht vor Angst schlotterte.

Wieder daheim, begnügten wir uns damit, ein Sandwich in der Küche zu essen. Es war drei Uhr.

»Gehst du noch weg?« erkundigte ich mich.

»Ich fahre nachher noch einkaufen …«

Mich mutete es seltsam an, daß wir uns wieder allein im Haus befanden. In so wenigen Tagen war ich aus der Übung gekommen, und ich fragte mich, wie wir uns denn künftig benehmen würden, wenn wir nur zu zweit waren.

Ich fuhr dann noch ins Büro. Higgins erwartete mich.

»Sie haben doch hoffentlich die Verwaltung des Sanders-Nachlasses an Land gezogen?«

»Ich werde sicher Mona Sanders mit meinem Rat zur Seite stehen, aber rein privat und ohne Honorar.«

Higgins verzog das Gesicht.

»Schade … Das dürfte ein ziemlich großer Brocken sein…«

»Keine Ahnung…. Es ist allerdings möglich, daß sich die Gebrüder Miller wegen der Auflösung ihres Gesellschaflsvertrags an mich wenden, und das wäre etwas anderes…«

»Ist alles gut abgelaufen?«

»Wie so etwas eben für gewöhnlich abläuft…«

Ich wäre wohl nicht imstande gewesen, zu erzählen, was sich auf dem Friedhof zugetragen hatte, einfach deshalb, weil mich meine Gedanken, die ausschließlich um Mona kreisten, abgelenkt hatten.

Kaum daß ich in meinem Büro war, hätte ich beinahe den Telefonhörer abgenommen und sie angerufen, um sie zu fragen, ob sie gut nach Hause gekommen war, vor allem um ihre Stimme zu hören.

Dabei war ich, ich betone es noch einmal, nicht verliebt in sie. Ich weiß, daß das schwer zu begreifen ist, aber vielleicht gelingt es mir ja noch, es zu erklären.

Gut zwei Stunden lang habe ich gearbeitet, ausgerechnet an einem Nachlaß. Der Erblasser hatte seine Vorkehrungcn, dem Fiskus zu entwischen, so umsichtig getroffen, daß es nahezu unmöglich war, den genauen Wert seines Vermögens zu ermitteln, um es unter den Erben zu verteilen. Ich studierte das Aktenbündel schon seit Wochen.

Dann diktierte ich Helen einige Briefe und fragte mich dabei, warum ich vor ihrer Heirat nie auf die Idee gekommen war, ihr den Hof zu machen. Ich hatte einen Blick für hübsche Mädchen, gewiß, und auch für die Frauen mancher Freunde. Bisweilen begehrte ich auch die eine oder andere. Aber das blieb sozusagen blanke Theorie.

Es war verboten. Wodurch? Von wem? Diese Frage hatte ich mir nie gestellt.

Ich war verheiratet. Da gab es Isabel und ihre Augen von einem so durchsichtigen Blau, ihren so ruhigen und so leichtfüßigen Schritt.

Isabel und unsere Töchter. Ich liebte unsere beiden Töchter sehr, Mildred und Cecilia, und als Mildred uns als erste verlassen hatte, um ins Internat zu ziehen, da hatte ich es vermißt, abends nicht mehr an ihr Bett gehen und ihr einen Gutenachtkuß geben zu können.

Außer an zwei Wochenenden im Monat hatte ich nun keinen Anlaß mehr, in den ersten Stock hinaufzusteigen. Mildred war fünfzehn Jahre alt.

Sollte sie jung heiraten, würde in drei oder vier, höchstens fünf Jahren das erste Zimmer im Haus leerstehen.

Danach würde Cecilia bald an der Reihe sein, denn die Zeit verstrich immer schneller. Die letzten fünf Jahre zusammen waren mir zum Beispiel nicht so lang vorgekommen wie ein einziges damals, als ich zwischen zehn und zwanzig war.

Lag es daran, daß sie weniger erfüllt waren?

Ich diktierte. Ich dachte nach. Ich betrachtete Helen und fragte mich dabei, ob sie vielleicht schon schwanger war, und wenn ja, wen wir wohl als Ersatz für sie finden würden. Ray hatte mit seiner Sekretärin geschlafen. Er hatte mit allen Frauen geschlafen, die ihm über den Weg gelaufen waren.

Dennoch hatte Mona ihn bedauert. Er war es leid gewesen, im Leben nicht das gefunden zu haben, was er sich erhofft hatte. Also hatte er getrunken und war den Frauen nachgelaufen … Armer Ray! …

War sich Helen dessen bewußt, daß das ein anderer Mann war, der ihr da gegenübersaß? Und Higgins? Würden all jene, denen ich sonst noch begegnete, merken, daß sie einen anderen Donald Dodd vor sich hatten?

Meine Gestik, mein Verhalten hatten sich nicht verändert. Meine Stimme natürlich auch nicht. Aber mein Blick? War es möglich, daß mein Blick derselbe geblieben war?

Ich stellte mich im Waschraum vor den Spiegel. Meine Augen waren ebenfalls blau, von einem dunkleren Blau als die Augen Isabels, mit einem Stich ins Braune, während ihre wirklich die Farbe hatten, die der Frühlingshimmel hat, wenn kein bißchen Feuchtigkeit in der Luft ist.

Ich machte mich über mich lustig.

»Schön weit hast du’s gebracht… Und was wirst du jetzt tun?«

Nichts, weitermachen wie bisher. Mit Mona schlafen, sicher, aber ohne daß das irgendwelche Folgen haben würde.

Samstag morgen oder schon Freitag abend würden wir die Mädchen in Litchfield abholen, entweder Isabel oder ich oder wir beide zusammen. Im Auto würden wir das Bild einer harmonischen Familie abgeben.

Nur, ich hatte meinen Glauben an die Familie verloren. Ich glaubte an gar nichts mehr. Weder an mich noch an die anderen. Im Grunde glaubte ich nicht einmal mehr an den Menschen schlechthin, und ich begann zu verstehen, warum Rays Vater sich eine Kugel in den Kopf geschossen hatte.

Wer weiß, ob es mit mir nicht auch eines Tages so weit kommen würde? Es war tröstlich, einen Revolver in der Schublade des Nachtschränkchens zu haben.

Eine einfache Bewegung an dem Tag, an dem ich es satt haben würde, gegen Windmühlenflügel anzukämpfen, und es war vorbei.

Isabel würde sich mit den Mädchen sehr gut zurechtfinden, und sie würden von der Versicherung eine ziemlich stattliche Summe erhalten.

Niemand las mir diese Gedanken am Gesicht ab. Man gewöhnt sich so sehr an den Anblick von Menschen, daß man sie fortwährend so sieht, wie man sie zum erstenmal gesehen hat.

War ich mir denn dessen bewußt, daß Isabel die Vierzig überschritten hatte und ihr Haar allmählich grau wurde? Es kostete mich Mühe, mir klarzumachen, daß wir beide den Zenit des Lebens überschritten hatten und nun schnell alte Leute werden würden.

War ich für meine Töchter nicht schon jetzt ein alter Mann? Kämen sie je auf die Idee, daß ich Lust darauf hatte, mit einer Frau wie Mona ins Bett zu gehen? Ich wette, sie waren der Meinung, daß auch ihre Mutter und ich nicht mehr miteinander schliefen und daß sie deshalb nicht einen Haufen Geschwister hatten.

Ich fuhr nach Hause und traf Isabel beim Kochen an. Sie beugte sich über den Herd, und ich streifte ihre Wange flüchtig mit meinen Lippen, wie gewöhnlich, dann vertauschte ich mein Sakko mit einer alten Hausjacke aus weichem Tweed mit lederbesetzten Ellbogen.

Ich öffnete den Barschrank und rief:

»Möchtest du auch einen?«

Sie wußte, was ich damit meinte.

»Nein danke … Oder doch, einen ganz schwachen…«

Ich bereitete ihr einen stark verdünnten Scotch zu und goß mir einen viel stärkeren ein.

Sie kam zu mir ins Wohnzimmer. Sie hatte das geblümte Kleid an, das sie bei der Hausarbeit zu tragen pflegte.

»Ich habe mich noch nicht umgezogen …«

Ich reichte ihr das Glas.

»Auf dein Wohl …«

»Auf deins, Donald …«

Mir schien es, als läge ein besonderer Ernst in ihrer Stimme, so etwas wie eine Botschaft.

Ich sah ihr lieber nicht in die Augen, weil ich befürchtete, in ihnen einen anderen Ausdruck als den üblichen zu entdecken. Dann setzte ich mich in meinen Sessel in der Bibliothek, während sie zu ihrer Arbeit zurückkehrte.

Was mochte sie sich gedacht haben, als sie die Zigarettenstummel fand? Wußte sie nicht bereits auf dem Weg in die Scheune, daß sie dort, wenn schon nicht die Kippen, so doch zumindest irgendwelche Spuren meiner Anwesenheit finden würde?

Was hatte sie argwöhnen lassen, daß ich, als ich aus dem Haus gegangen war, um Ray zu suchen, nicht die Absicht gehabt hatte, mich dem Blizzard auszusetzen?

Sie hatte doch nicht gesehen, daß ich eine andere Rich tung einschlug, dazu war die Nacht zu finster. Bei dem Heulen des Sturms hätte sie mich auch nicht rufen hören können.

Ich selbst war ja in dem Moment, in dem ich hinausging, noch unschlüssig. Ich war erst nach einigen Schritten abgebogen.

Wußte sie, daß ich lasch war? Denn das war es ursprünglich gewesen. Eine unüberwindliche körperliche Laschheit. Ich war am Ende meiner Kräfte und mußte, koste es, was es wolle, dem Unwetter entrinnen.

Konnte sie es erraten haben? Mir wurde doch erst auf der Bank klar, daß ich mich über Rays Verschwinden freute, darüber, daß er wahrscheinlich sterben würde, wenn er nicht durch ein Wunder den Weg wiederfand.

Hatte sie auch das begriffen? Und was empfand sie unter diesen Umständen für mich? Verachtung? Mitleid? Ich hatte nichts dergleichen in ihren Augen gelesen. Nichts als Neugierde.

Mir kam eine andere Idee, eine, die noch abwegiger war. Sie war auch Olsen durch den Kopf gegangen, das erklärte manche seiner Fragen, aber Olsen kannte mich nur flüchtig, und er hatte die Geisteshaltung eines Polizisten.

Der Lieutenant hatte abwechselnd Mona und mich beobachtet und sich dabei gefragt, ob zwischen uns geheime Bande bestanden. Dessen bin ich mir sicher. Ich würde jede Wette eingehen, daß er diskrete Erkundigungen eingeholt hat. Während des Abends bei den Ashbridges hatte es der Zufall jedoch gewollt, daß ich mich fast nie in Monas Nähe aufhielt.

Stellte Isabel sich vor, daß Mona und ich uns heimlich trafen?

Ich fuhr durchschnittlich einmal pro Woche nach New York und verbrachte den ganzen Tag dort. Mitunter blieb ich sogar über Nacht. Ray war oft auf Reisen gewesen, denn seine Agentur unterhielt auch Büros in Los Angeles und in Las Vegas.

Als meine Frau mich allein zurückkommen sah, war sie da, und sei es nur für einen Augenblick, auf den Gedanken verfallen, ich hätte mir diese Schreckensnacht zunutze gemacht, um Ray loszuwerden?

Jetzt, da ich nüchtern darüber nachdenke, erscheint mir das nicht ausgeschlossen. Ich glaube wirklich, würde sie erfahren, daß ich einen Menschen getötet hätte, sie würde nicht anders reagieren, sie würde weiterhin an meiner Seite leben und mich so ansehen, wie sie mich ansieht, neugierig und mit der Hoffnung, mich zu verstehen.

Wir aßen zu zweit, im Eßzimmer, und die beiden silbernen Leuchter standen wie gewöhnlich auf dem Tisch, jeder mit seinen zwei roten Kerzen. Das war bei ihr Tradition. Ihr Vater, der Chirurg, hatte ziemlich viel für Prunk übrig.

Bei mir zu Hause, über der Druckerei und den Büros des Citizen, lebte man viel schlichter.

Da fiel mir ein, daß mein Vater mich gar nicht angerufen hatte, um sich nach Rays Unfall zu erkundigen. Dabei gab er immer noch sein Wochenblatt in Torrington heraus, eins der ältesten von ganz Neuengland, das schon seit über hundert Jahren existierte.

Seit dem Tod meiner Mutter lebte er allein. Er hatte wieder die Gewohnheiten eines Junggesellen angenommen, und wenn er nicht im Restaurant gegenüber aß, in dem er seinen Stammplatz hatte, dann bereitete er sich seine Mahlzeiten gern selbst zu. Die Frau, die jeden Morgen die Büros putzte, ging auch hinauf, um den ersten Stock in Ordnung zu halten und ihm das Bett zu machen.

Wir wohnten nur etwa dreißig Meilen voneinander entfernt, und trotzdem besuchte ich ihn höchstens einmal alle zwei, drei Monate. Zumeist betrat ich sein verglastes Büro, in dem er in Hemdsärmeln arbeitete, und er blickte von seinen Papieren auf, scheinbar überrascht, mich zu sehen.

»Guten Tag, Sohn…«

»Guten Tag, Vater…«

Er hörte nicht auf, zu schreiben oder Druckfahnen zu korrigieren oder zu telefonieren. Ich setzte mich in den einzigen Sessel im Raum, der schon am selben Platz gestanden hatte, als ich noch ein Kind war.

»Bist du zufrieden?« fragte er mich schließlich.

»Ja, ist alles in Ordnung.«

»Und wie geht’s Isabel?«

Er hatte eine Schwäche für sie, obgleich sie ihn ein wenig einschüchterte. Mehrmals hatte er mir schon scherzend gesagt:

»Eine Frau wie sie hast du gar nicht verdient…«

Worauf er jedesmal der Form halber hinzugefügt hatte:

»Ebensowenig wie ich deine Mutter verdient hatte …«

Sie war vor drei Jahren gestorben.

»Was machen die Töchter?«

Er war sich über ihr Alter nie ganz im klaren und schätzte sie in der Regel viel jünger ein, als sie waren.

Er selbst war neunundsiebzig, lang und hager und ein wenig gebeugt. Ich hatte ihn von jeher ein wenig gebeugt in Erinnerung, immer hager und mit kleinen, grauen, sehr listigen Augen.

»Und die Geschäfte?«

»Ich kann nicht klagen …«

Er schaute zum Fenster hinaus.

»Nanu, du hast ja ein neues Auto …«

Er hatte seins seit über zehn Jahren. Allerdings benutzte er es kaum. Er gab den Citizen fast allein heraus, und seine wenigen Mitarbeiter leisteten ihre Dienste unentgeltlich.

Eine Frau von etwa sechzig Jahren, Mrs. Fuchs, die ich auch von jeher kannte, bemühte sich darum, Werbeinserate zu beschaffen.

Mein Vater druckte Visitenkarten, Familienanzeigen, Prospekte und Kataloge für die Händler am Ort. Er hatte nie versucht, seine Druckerei zu vergrößern, und jetzt schränkte sie ihren Betrieb sogar immer weiter ein.

»Woran denkst du?« fragte Isabel plötzlich.

Wie schuldbewußt hob ich den Kopf, als wäre ich bei einer Missetat ertappt worden. Reine Gewohnheit!

»An meinen Vater… Mir ist eben eingefallen, daß er uns gar nicht angerufen hat…«

Isabel hatte keine Eltern mehr, nur noch zwei Brüder, die sich beide in Boston niedergelassen hatten, und eine in Kalifornien verheiratete Schwester.

»Ich muß ihn eben demnächst mal vormittags besuchen…«

»Du warst schon seit über einem Monat nicht mehr bei ihm…«

Ich nahm mir vor, nach Torrington zu fahren. Es reizte mich, meinen Vater und unser Haus mit neuen Augen wiederzusehen.

Ich kehrte in die Bibliothek zurück, wo ich überlegte, ob ich Zeitung lesen oder fernsehen sollte. Schließlich schlug ich die Zeitung auf, und eine Viertelstunde später, als ich bereits das Brummen der Geschirrspülmaschine vernahm, gesellte sich Isabel zu mir.

»Glaubst du nicht, daß du Mona anrufen solltest?«

War das eine Falle? Sie erweckte wie immer den Anschein, es aufrichtig zu meinen. Wäre sie zu einer Unaufrichtigkeit imstande gewesen?

»Warum?«

»Du warst der beste Freund ihres Mannes. In New York dürfte sie keine echten Freunde haben, und Bob Sanders ist wieder abgeflogen, ohne sich dazu durchzuringen, auch nur einen Tag länger zu bleiben …«

»Bob ist halt so …«

»Sie muß sich einsam fühlen in dem großen Appartement … Wird sie eine so teure Wohnung halten können? …«

»Ich weiß es nicht …«

»Hatte Ray Geld?«

»Er hat eine Menge verdient…«

»Aber er hat sicher auch viel ausgegeben, oder?…«

»Das nehme ich an … Sein Anteil in der Firma Miller und Miller dürfte allerdings eine hübsche Summe ausmachen …«

»Wann gedenkst du, sie zu besuchen?«

Das war kein Verhör. Sie redete ganz zwanglos, wie eine Frau eben mit ihrem Mann redet.

»Ruf sie an … Glaub mir, das wird ihr guttun…«

Ich wußte Rays Nummer auswendig, weil ich ihn von Zeit zu Zeit getroffen hatte, wenn ich in New York war. Ich wählte die Nummer und hörte das Klingelzeichen, das ziemlich lange ertönte.

»Anscheinend ist sie nicht da…«

»Es sei denn, sie hat sich hingelegt…«

In dem Moment meldete sich Monas Stimme.

»Hallo! … Wer ist am Apparat?«

»Donald …«

»Das ist aber nett, daß Sie mich anrufen, Donald … Wenn Sie wüßten, wie verloren ich mich hier fühle…«

»Deshalb rufe ich Sie ja an… Es war Isabels Idee…«

»Sagen Sie ihr, ich lasse mich bedanken …«

Ich meinte, einen ironischen Unterton aus ihrer Stimme herauszuhörén.

»Wenn Sie nicht so weit weg wären, würde ich Sie bitten, herzukommen und den Abend mit mir zu verbringen…. Meine brave Janet tut, was sie kann … Ich wandere kreuz und quer durch die Räume und weiß nicht, wohin mit mir…. Ihnen ist das wohl noch nie passiert?…«

»Nein…«

»Haben Sie ein Glück … Der Vormittag war schrecklich … Dieser Leichenzug, der nicht von der Stelle kam … Dann diese Leute auf dem Friedhof … Wenn Sie nicht dagewesen wären…«

Also hatte sie gemerkt, daß ich ihren Arm genommen hatte.

»Ich hätte mich auf den Boden werfen können, vor Erschöpfung… Und dieser affektierte Bob mit seinem formvollendeten Abgang, bevor er Richtung Flugplatz davonrauschte …«

»Ich weiß …«

»Haben die Millers mit Ihnen gesprochen?«

»Sie haben mich gefragt, ob ich Ihre Erbansprüche vertrete.«

»Und was haben Sie ihnen geantwortet?«

»Daß ich Ihnen im Rahmen meiner Möglichkeiten helfen werde… Verstehen Sie mich nicht falsch, Mona, ich möchte mich nicht aufdrängen…. Ich bin nur ein Kleinstadtanwalt…«

»Ray hielt Sie für einen Juristen ersten Ranges…«

»Es gibt in New York viel tüchtigere als mich …«

»Mir liegt aber daran, daß Sie es machen … Es sei denn, daß Isabel…«

»Nein … Sie hat nichts dagegen, im Gegenteil …«

»Haben Sie am Montag Zeit?«

»Wann?«

»Wann immer Sie wollen… Sie brauchen ungefähr zwei Stunden für die Fahrt … Ist Ihnen elf Uhr recht? …«

»Ich werde kommen …«

»Jetzt werde ich das tun, was ich schon nachmittags um fünf tun wollte: zwei Schlaftabletten schlucken und mich ins Bett legen … Wenn ich nur achtundvierzig Stunden durchschlafen könnte…«

»Gute Nacht, Mona …«

»Gute Nacht, Donald … Bis Montag … Und danken Sie Isabel noch in meinem Namen…«

»Das mache ich sofort …«

Ich legte auf.

»Mona läßt dir danken …«

»Wofür?«

»Erst einmal für alles, was du für sie getan hast … Und dann dafür, daß du damit einverstanden bist, daß ich mich um den Nachlaß kümmere …«

»Aus welchem Grund sollte ich etwas dagegen haben? Habe ich denn jemals etwas dagegen gehabt, wenn du dich einer Sache angenommen hast? …«

Das stimmte. Ich mußte lachen. Das war nicht ihre Art. Sie gestattete sich nie, eine Meinung zu äußern. Sie warf mir höchstens unter Umständen einen zustimmenden Blick zu oder andernfalls einen etwas ausdruckslosen, der schon Warnung genug war.

»Fährst du am Montag nach New York?«

»Ja.«

»Mit dem Auto?«

»Das hängt von der Wettervorhersage ab…. Wenn neue Schneefälle angekündigt werden, nehme ich den Frühzug …«

Na also, es war doch ganz einfach. Wir redeten miteinander wie ein gewöhnliches Paar, in aller Ruhe, mit schlichten Worten. Hätten andere uns gesehen und gehört, sie hätten uns für mustergültige Eheleute halten können.

Dabei betrachtete Isabel mich, je nach Lust und Laune, entweder als Feigling oder als Mörder. Und ich, ich hatte beschlossen, sie am Montag mit Mona zu betrügen.

Das Haus machte die vertrauten Geräusche, denn es hatte ein Eigenleben, das vielleicht daher rührte, daß es schon sehr alt war und so vielen Menschen Obdach gewährt hatte. Die Räume hatten sich mit der Zeit vergrößert. Fenster waren zu Türen umgebaut worden. Man hatte neue Zwischenwände errichtet und andere abgetragen. Kaum sechs Meter vom Schlafzimmer entfernt war ein Swimmingpool in den Fels gehauen werden.

Das Haus atmete. Ab und zu hörte man, wie sich im Keller der Ölbrenner einschaltete. Mal gab ein Heizkörper einen metallenen Ton von sich, und mal knackte da die Holzverkleidung eines Zimmers oder dort einer der Balken. Bis in den Dezember hinein hatte eine Grille in unserem Kamin gehaust.

Isabel faltete ihre Zeitung auseinander und putzte ihre Brille, denn seit ein paar Jahren brauchte sie zum Lesen eine. Sie veränderte ihren Blick, ließ ihn weniger selbstsicher, weniger klar, beinahe scheu erscheinen.

»Wie geht es Higgins?«

»Sehr gut …«

»Hat seine Frau sich von ihrer Grippe erholt?«

»Danach hab ich ihn nicht gefragt …«

Wir waren im Begriff, für den Rest des Abends beschaulich in unseren Sesseln zu kleben, und so hatte ich siebzehn Jahre lang gelebt.

5

Es kam, wie ich es erwartet hatte, und ich glaube nicht, daß Mona überrascht war. Ich bin mir sogar beinahe sicher, daß auch sie es erwartet, daß sie es sich gewünscht hatte, was indes nicht hieß, daß sie in mich verliebt gewesen wäre. Doch bevor es so weit war, hatten wir zu Hause das übliche Wochenende mit unseren Töchtern verbracht. Wir hatten sie in Litchfield abgeholt, Isabel und ich, und wir hatten auch das Plauderviertelstündchen mit Miss Jenkins nicht versäumt, deren kleine, schwarze Augen funkeln und die beim Sprechen spuckt.

»Wenn nur unsere Schülerinnen alle so sein könnten wir Ihre Mildred…«

Im Grunde verabscheue ich Schulen und vor allem die Anlässe, bei denen die Eltern dort mit ihren Kindern versammelt sind. Zunächst sieht man sich selbst in allen Altersstufen wieder, was schon ein gewisses Unbehagen auslöst. Dann denkt man unwillkürlich an die erste Schwangerschaft zurück, an den ersten Schrei des Babys, an die ersten Windeln und schließlich an den Tag, an dem man das Kind in den Kindergarten gebracht hat und allein wieder von dannen gezogen ist.

Die Jahre verstreichen, durch Preisverleihungen und Ferien in Etappen unterteilt. Es schleifen sich Traditionen ein, von denen man meint, sie seien unwandelbar. Ein zweites Kind wird geboren, durchläuft dieselben Rituale, stößt auf dieselben Lehrer.

Unversehens steht man dann einer Tochter von fünfzehn und einer von zwölf gegenüber und ist ein Mann geworden, der seine beste Zeit schon hinter sich hat.

Es ist wie in dem Lied von Jimmy Brown: Glockengeläute am Beginn des Lebens, Hochzeitsglocken, Sterbeglöckchen. Dann fängt alles aufs neue an, mit anderer Besetzung.

Kaum daß Mildred im Auto saß, war ihre erste Frage: »Mama, darf ich bei Sonia übernachten?«

Sie fragten immer ihre Mutter um Erlaubnis, als ob ich nicht zählte. Sonia war die Tochter von Charles Brawton, einem Nachbarn, mit dem wir lose befreundet waren.

»Hat sie dich eingeladen?«

»Ja. Bei ihr gibt’s morgen abend ein kleines Fest, und sie hat darauf bestanden, daß ich bei ihr schlafe…«

Mildred hatte ein zum Anbeißen frisches Gesicht. Ihre Haut war hell, wie die ihrer Mutter, aber unter den Augen und auf der Nase mit Sommersprossen gesprenkelt. Sie war unglücklich darüber, dabei verliehen gerade sie ihr ihren Charme. Ihre Züge waren noch recht kindlich, ebenso wie ihr Körper, der wie der Körper einer Puppe anmutete.

»Was hältst du davon, Donald?«

Ich muß zugeben, daß Isabel es nie unterlassen hat, mich um meine Meinung zu fragen. Aber hätte ich unseligerweise abgelehnt, dann hätte ich die Kinder gegen mich gehabt, so daß ich immer ja sagte.

»Und was ist mit mir?« rief Cecilia. »Soll ich etwa allein zu Hause bleiben?«

Denn nur mit uns zusammen zu sein hieß allein sein! Gelobt sei die Familie, die enge Beziehung zwischen Eltern und Kindern! Cecilia war erst zwölf, und sie redete schon von Einsamkeit.

Allerdings war ich in ihrem Alter auch so gewesen. Ich erinnere mich noch an trostlose, nicht enden wollende Sonntage mit meinen Eltern, vor allem wenn es regnete.

»Wir laden eine deiner Freundinnen ein …«

Also hängten sich die Eltern ans Telefon. Man tauschte praktisch die Kinder aus.

»Könnte Mabel vielleicht übers Wochenende zu uns kommen?…«

Am Sonntag um elf Uhr trafen wir uns dann alle vier wieder, um zum Gottesdienst zu gehen. Auch dort sieht man die Leute von Jahr zu Jahr älter werden.

»Stimmt es, daß dein Freund Ray in unserem Garten gestorben ist?«

»Ja, mein Liebling…«

»Zeigst du mir die Stelle?«

Wir haben sie ihnen nicht gezeigt. Kindern gegenüber tut man so, als gebe es den Tod nicht, als seien es immer nur die anderen, die aus dem Leben scheiden, die Unbekannten, Menschen, die weder zur Familie noch zu dem kleinen Kreis der eigenen Freunde gehören.

Sei’s drum. Das tut nichts zur Sache. Bemerkenswert ist hingegen, daß Cecilia beim Mittagessen am Sonntag plötzlich fragte:

»Bist du traurig, Mama?«

»Aber nein …«

»Ist es wegen Ray?«

»Nein, mein Liebling … Ich bin wie immer…«

Die beiden Mädchen schlagen eher ihrer Mutter nach als mir, aber bei Cecilia macht sich noch ein anderer Einschlag bemerkbar. Ihre Haare sind fast brünett, ihre Augen haselnußbraun, und als sie noch ganz klein war, da hat sie schon Überlegungen angestellt, die uns überrascht haben.

Sie grübelt anscheinend sehr viel und muß ein Seelenleben haben, das wir nicht einmal erahnen.

»Bringt ihr beide uns zurück?«

»Frag deinen Vater…«

Ich sagte ja. Am Sonntag abend fuhren wir sie zurück. Genaugenommen hatten wir sie kaum zu Gesicht bekommen.

Danach sah ich fern. Ich könnte nur mit Mühe sagen, was Isabel machte. Sie ist immer mit irgend etwas beschäftigt.

Unsere Putzfrau hat ihre Arbeit wiederaufgenommen. Sie heißt Dawling. Ihr Mann ist ein in der ganzen Gegend bekannter Trunkenbold, ein richtiger Säufer, der sich jeden Samstagabend in den Kneipen herumprügelt und der danach auf einem Gehsteig oder an irgendeinem Straßenrand liegt.

Er hat sich in allen möglichen Berufen versucht und ist überall wieder hinausgeworfen worden. Seit kurzem züchtet er Schweine in einem Verschlag aus alten Brettern, den er im hinteren Teil seines Grundstücks gebaut hat. Die Gemeindeverwaltung versucht, ihn davon abzubringen, weil sich alle Leute darüber beschweren.

Die Dawlings haben acht Kinder, lauter Jungen, die alle dem Vater ähnlich sehen und der Schrecken der ganzen. Gegend sind. Man nennt sie die Rotschöpfe, ohne sie auseinanderhalten zu können, zumal es auch zumeist zwei im selben Alter gibt, da Mrs. Dawling fast immer mit Zwillingen niedergekommen ist.

Diese Leute stellen eine eigenständige Gruppe dar, eine Sippe, die am Rande der Gesellschafl lebt, zu der allein die arme Mrs. Dawling als Putzfrau Zutritt hat. Sie spricht nur wenig. Ihr Mund ist verkniffen, und sie betrachtet jeden voll Mißtrauen.

Sie arbeitet gern, aber sie macht sich trotzdem ihre Gedanken.

»Meinst du, daß du in New York übernachtest? Soll ich dir einen Koffer packen?«

»Nein…. Ich werde ziemlich sicher bis zum Abend fertig sein…«

Ihr Blick regte mich allmählich auf. Ich wußte nicht mehr so recht, was sich dahinter verbarg. Es war nicht Ironie, und dennoch schien er auszudrücken: »Ich kenne dich, glaub mir’s! Ich weiß alles…. Du kannst dich noch so anstrengen, mir verheimlichst du nichts …«

Doch andererseits lag auch Neugierde in diesem Blick. Man hätte meinen können, sie frage sich unablässig, wie ich im nächsten Moment reagieren, was ich tun würde.

Sie hatte einen anderen Mann vor sich, und vielleicht war sie sich nicht sicher, ob sie schon alle Seiten an ihm er forscht hatte.

Sie wußte, daß ich nach New York fuhr, um Mona zu besuchen. Hatte sie denn in den Tagen, in denen sie im Haus war, nicht gespürt, daß ich sie begehrte? Ahnte sie nicht, was passieren würde?

Sie achtete sorgsam darauf, sich keinerlei Eifersucht anmerken zu lassen. Am Donnerstag hatte sie mir abends geraten, am Sutton Place anzurufen. Am Sonntagabend bot sie an, mir einen Koffer zu packen, als wäre es selbstverständlich, daß ich die Nacht in New York verbringen würde.

Mitunter fragte ich mich, ob sie mich nicht absichtlich dazu trieb. Aber warum? Um zu verhindern, daß ich meuterte? Um zu retten, was noch zu retten war?

Sie wußte genau, daß wir uns seit einer Woche fremd geworden waren. Zwei Fremde, die miteinander lebten, die Tisch und Bett miteinander teilten und sich voreinander auszogen. Fremde, die miteinander sprachen wie Mann und Frau.

Würde ich überhaupt noch mit ihr schlafen können?

Wahrscheinlich nicht.

Warum? Irgend etwas war in die Brüche gegangen, als ich Zigaretten rauchend auf der roten Bank in der Scheune gesessen hatte.

Das hatte nichts mit Mona zu tun, was auch immer Isabel darüber denken mochte.

Der Himmel war am Sonntag abend verhangen, also kündigte ich an:

»Ich fahre mit der Bahn …«

Ich stand am Montag um sechs Uhr auf. Der Himmel war zwar inzwischen etwas klarer geworden, doch mir schien es, als rieche die Luft nach Schnee.

»Soll ich dich zum Bahnhof bringen?«

Sie fuhr mich im Chrysler hin. Der Bahnhof von Millerton ist ein kleiner Holzbau, in dem nie mehr als drei oder vier Leute auf den nächsten Zug warten, auf einen Zug, in dem jeder jeden vom Sehen kennt. Unser Schuster, der ebenfalls nach New York wollte, grüßte mich.

»Du brauchst nicht zu warten…. Fahr ruhig schon nach Hause … Ich ruf dich an und sag dir Bescheid, mit welchem Zug ich zurückkomme…«

Es schneite nicht. Im Gegenteil, je mehr wir uns New York näherten, desto schöner wurde das Wetter, und die Wolkenkratzer hoben sich gegen einen sehr blanken Himmel ab, an dem nur noch ein paar Dunstschleier golden schimmerten.

Ich trank erst einmal einen Kaffee. Es war noch zu früh, um schon zu Mona zu gehen, und nachdem ich den Bahnhof verlassen hatte, schlenderte ich die Park Avenue hinauf. Auch ich könnte in New York leben, ein Büro in einem dieser Glaspaläste haben, mit Kunden oder Freunden zu Mittag essen und nach getaner Arbeit meinen Aperitif in einer lauschigen, nur spärlich beleuchteten Bar schlürfen.

Wir könnten abends ins Theater oder in ein Nachtlokal tanzen gehen …

Wir könnten …

Wie war das noch, was hatte Mona zu diesem Thema genau gesagt? Daß Ray mich beneidet hatte, daß ich der Stärkere von uns beiden wäre, daß ich meine Wahl mit Vernunft getroffen hätte! Ein Ray, der in allem Erfolg gehabt und der dennoch davon gesprochen hatte, sich eine Kugel in den Kopf zu jagen.

Quatsch!

Starrten mich die Passanten wirklich an? Ich habe immer den Eindruck, daß die Leute mich anstarren, als hätte ich einen Fleck mitten im Gesicht oder als wäre ich lächerlich angezogen. Schon als Kind und später als junger Mann hatte ich dieses Gefühl. Das ging so weit, daß ich vor Schaufenstern stehenblieb, um mich zu vergewissern, daß an meinem Äußeren nichts Ungewöhnliches war.

Um halb elf hielt ich ein Taxi an und ließ mich zum Sutton Place fahren. Ich kannte das Gebäude, die orangefarbene Markise, den Portier in seiner mit Tressen geschmückten Uniform, die Halle mit den Ledersesseln und, rechts vom Eingang, den Empfang.

Der Mann am Empfangsschalter kannte mich ebenfalls…

»Wollen Sie zu Mrs. Sanders, Mister Dodd? Soll ich Sie anmelden?…«

»Das ist nicht nötig. Sie erwartet mich …«

Der Fahrstuhlführer trug weiße Handschuhe. Er ließ mich im einundzwanzigsten Stockwerk aussteigen, und ich wußte längst, an welcher der drei Mahagonitüren ich klingeln mußte.

Janet machte mir auf. Sie sah anziehend aus in ihrer Stubenmädchentracht aus schwarzer Seide mit der hübschen gestickten Schürze, und für gewöhnlich lachte sie über das ganze Gesicht.

An diesem Tag glaubte sie wohl, sie müßte eine den Umständen angemessene Miene aufsetzen, und sie murmelte so etwas wie:

»Wer hätte das gedacht …«

Nachdem sie mir Hut und Mantel abgenommen hatte, führte sie mich in den Salon, in dem mich jedesmal ein leichtes Schwindelgefühl erfaßte. Es war ein riesiger, ganz in Weiß gehaltener Raum, dessen zwei sehr breite Fenster auf den East River hinausgingen. Ich hatte Ray lange genug gekannt, um zu wissen, daß er die Einrichtung nicht nach seinem Geschmack ausgesucht hatte.

Dieser Salon war eine Herausforderung. Er wollte Reichtum zur Schau stellen, mit der Mode gehen, in Staunen versetzen. Die Möbel, die Gemälde an der Wand, die Skulpturen auf ihren Sockeln, das alles erweckte eher den Eindruck, als sei es für eine Filmkulisse ausgesucht worden, und nicht, um darin zu leben, und die Ausmaße des Raums ließen keinerlei Gedanken an Geborgenheit aufkommen.

Da öffnete sich eine Tür, die zu einem kleinen Salon führte, der »Boudoir« genannt wurde, und von weitem rief mir Mona zu:

»Kommen Sie hierher, Donald …«

Ich war mir nicht schlüssig, ob ich meinen Aktenkoffer mitnehmen sollte. Schließlich ließ ich ihn auf dem Sessel, auf dem ich ihn abgestellt hatte.

Ich ging auf sie zu. Es lagen beinahe zehn Meter zwischen uns. Sie blieb in der Türöffnung stehen, ganz in dunkles Blau gehüllt. Abwartend blickte sie mir entgegen.

Sie ließ mich vorbei, ohne mir die Hand zu reichen, dann schloß sie hinter mir die Tür.

Erst da, als wir uns gegenüberstanden, blickten wir uns zaghafi in die Augen.

Ich legte ihr die Hände auf die Schultern und küßte sie zunächst auf die Wangen, wie zu Rays Zeiten. Dann, plötzlich, ohne noch länger abzuwarten, preßte ich meine Lippen auf ihre und drückte dabei ihren Körper an mich.

Sie wehrte sich nicht, sie stemmte sich nicht gegen mich. Sie sah mich nur mit einer gewissen Verwunderung an.

Wußte sie etwa nicht, daß das passieren würde? War sie erstaunt, daß es so schnell ging? Oder war es meine Erregung, meine Ungeschicklichkeit, was sie überraschte?

Ich begann am ganzen Leib zu zittern. Ich vermochte meinen Mund nicht von ihrem zu lösen, meinen Blick nicht von ihr abzuwenden.

Ich glaube, ich hätte am liebsten geweint.

Das blaue Gewand, das sie trug, war ein Morgenmantel aus sehr weicher Seide, und ich spürte, daß sie darunter nichts anhatte.

War das Absicht? Oder hatte sie keine Zeit gehabt, sich anzuziehen, weil ich zehn Minuten zu früh gekommen war?

Ich murmelte nur:

»Mona…«

Und sie sagte:

»Komm …«

Wir hielten uns immer noch umschlungen, und sie zog mich zu einem Diwan, auf den wir gleichzeitig niedersanken.

Ich fiel buchstäblich über sie her, ohne Vorwarnung, ungestüm, fast gewaltsam, und für einen kurzen Augenblick stand Angst in ihren Augen.

Als ich mich wieder aufrichtete, erhob sie sich rasch und knotete den Gürtel ihres Morgenmantels neu.

»Verzeih mir, Mona …«

»Du brauchst nicht um Verzeihung zu bitten …«

Sie lächelte mich an, noch mit Lust in den Augen, aber um ihre stark aufgeworfenen Lippen zeichnete sich ein Anflug von Melancholie ab.

Da gestand ich ihr:

»Ich hatte mich so danach gesehnt!«

»Ich weiß … Was möchtest du trinken, Donald?…«

In einem Louis-quinze-Schränkchen war eine kleine Bar eingebaut, die riesige Bar im Salon dagegen stand protzig im Raum.

»Dasselbe wie du …«

»Also dann einen Scotch … Mit Eis?…«

»Ja bitte …«

»Hat Isabel etwas gesagt?«

»Worüber?«

»Über diese Fahrt und unser Rendezvous…«

»Im Gegenteil … Sie hat mir doch geraten, dich anzurufen …«

Mich überkam ein merkwürdiges Gefühl, wie ich es noch nie zuvor empfunden hatte. Wir hatten uns eben stürmisch geliebt, und auf Monas Gesicht waren noch die Spuren davon zu sehen. Auf meinem vielleicht auch?

Dennoch, von dem Augenblick an, in dem wir wieder aufgestanden waren, sprachen wir im Tonfall alter Freunde miteinander. Wir fühlten uns beide sehr wohl, an Leib und Seele. Meine Augen dürften gelacht haben.

»Auf dein Wohl, Donald…«

»Auf deins …«

»Sie ist eine seltsame Frau … Sie schüchtert mich immer noch ein … Allerdings hast du mich auch lange Zeit eingeschüchtert…«

»Ich?«

»Wundert dich das? … Bei den meisten Leuten weiß man, wo man sie packen kann… Man merkt sofort, worin ihre Schwäche liegt … Aber du, du hast keine…«

»Du hast doch eben den Beweis des Gegenteils erlebt …«

»Nennst du das Schwäche? …«

»Vielleicht schon … Weißt du, daß ich an dem Nachmittag, an dem wir auf Matratzen am Fußboden geschlafen haben, von deiner Hand, die auf dem Parkett lag, wie hypnotisiert war? … Ich hatte wahnsinnige Lust, sie zu berühren, nach ihr zu greifen … Ich frage mich, was passiert wäre, wenn ich es getan hätte? …«

»Vor Isabel?«

»Notfalls vor der ganzen Welt … Ist das vielleicht keine Schwäche?…«

Sie überlegte eine Weile, während sie sich auf einen zierlichen Sessel setzte. Als sie sich streckte, verrutschte ihr Morgenmantel und entblößte fast einen ganzen Oberschenkel, doch das machte weder sie noch mich verlegen. Wir achteten gar nicht darauf.

»Nein …«, erklärte sie schließlich.

»Habe ich dich nicht schockiert, weil ich so unbeherrscht war?«

»Ich gebe zu, daß ich etwas irritiert war…«

Wir konnten offen darüber sprechen, ohne romantisches Getue, wie gute Freunde, wie Komplizen, die sich ihre Schwächen eingestehen.

»Es mußte sein, sonst hätten wir einen Tag verbracht, an dem ich mich nur lächerlich gemacht hätte, weil ich an nichts anderes gedacht hätte…«

»Magst du mich ein bißchen, Donald?«

»Sogar sehr.«

»Das werde ich brauchen … Ich möchte nicht die untröstliche Witwe spielen, im übrigen wäre das in diesem Moment geschmacklos…. Ich habe Ray sehr gern gehabt, das weißt du … Wir zwei waren echte Freunde …«

Ich saß vor ihr, und auch hier ging das breite Fenster auf den sonnenüberfluteten East River hinaus.

»Als ich am Donnerstag nach Hause kam, hätte ich dich beinahe angerufen … Die Wohnung schien mir zehnmal größer zu sein, als sie in Wirklichkeit ist, und ich fühlte mich hier verloren … Ich wanderte auf und ab und faßte Möbelstücke und andere Dinge an, als müßte ich mich davon überzeugen, daß sie wirklich existierten … Dann fing ich an zu trinken … Als du mich am Abend angerufen hast, hat man da meiner Stimme nicht angehört, daß ich getrunken hatte?…«

»Ich war zu aufgeregt, um auch nur irgend etwas zu merken … Isabel hat mich dabei beobachtet …«

In diesem Moment beobachtete Mona mich, zunächst schweigend, aber dann sagte sie:

»Ich werde sie nie verstehen…«

Sie rauchte nachdenklich.

»Verstehst du sie?«

»Nein …«

»Glaubst du, daß sie leiden könnte, daß irgend etwas, was immer es sei, sie wirklich erschüttern könnte?«

»Ich weiß es nicht, Mona…. Ich habe siebzehn Jahre zugebracht, ohne mir diese Frage zu stellen…«

»Und jetzt?«

»Ich stelle sie mir seit einer Woche…«

»Macht sie dir nicht ein bißchen angst?«

»Ich war daran gewöhnt… Ich glaubte immer, es sei ganz einfach …«

»Glaubst du es nicht mehr?«

»Sie beobachtet mich aufmerksam, kennt meine leisesten Regungen und wahrscheinlich auch meine nichtigsten Gedanken … Aber sie läßt nie ein Wort fallen, aus dem man darauf schließen könnte… Sie bleibt ruhig und gelassen…«

»Noch immer?«

»Warum fragst du das?«

»Weil sie es begriffen hat… Eine Frau täuscht sich darin nie…«

»Was hat sie begriffen?«

»Daß das, was eben passiert ist, früher oder später passieren würde … Du hast vorhin die Matratzen erwähnt … Das hatte sie absichtlich so eingefädelt, daß du neben mir gelegen hast …«

»Um nicht den Anschein zu erwecken, sie sei eifersüchtig?«

»Nein … Um dich auf die Probe zu stellen … Ich würde wetten, es war noch hintergründiger… Sie wollte dich in Versuchung führen, dich aus der Fassung bringen …«

Ich bemühte mich, das zu begreifen, Isabel in dieser neuen Rolle zu sehen.

»Mindestens zweimal hat sie es so eingerichtet, daß wir allein waren, und sie hat genau gewußt, wie gern ich mich dir in die Arme geworfen hätte. Ich brauchte jemanden, der mich tröstete, jemanden, der stark war und an den ich mich anlehnen konnte …«

»Und ich bin dir nicht entgegengekommen…«

»Nein … Zuerst habe ich geglaubt, du hast Angst vor ihr…«

Das traf es nicht ganz. Ich hatte nie Angst vor Isabel gehabt. Nur Angst davor, sie zu kränken, sie zu enttäuschen, der Vorstellung, die sie sich von mir gemacht hatte, nicht gerecht zu werden.

Solange meine Mutter am Leben war, habe ich mich davor gefürchtet, ihr Kummer zu bereiten, und wenn ich mich jetzt in der Druckerei meines Vaters unbehaglich fühle, dann deshalb, weil ich nicht möchte, daß er mein Mitleid spürt.

Er ist, wie man so sagt, nur noch ein Schatten seiner selbst. Aber trotzig bietet er seine gesamte Kraft auf und gibt, koste es, was es wolle, seine Zeitung heraus, die keine tausend Leser mehr hat.

Nach wie vor trägt er die Ironie zur Schau, die sein ganzes Leben lang für ihn bezeichnend gewesen ist, dabei weiß er durchaus, daß man ihn über kurz oder lang ins Krankenhaus bringen wird, es sei denn, er bricht vorher in seinem Zimmer oder in seinem Büro tot zusammen.

Kann ich ihn merken lassen, daß ich mir Sorgen um ihn mache und mich jedesmal, wenn ich mich von ihm verabschiede, frage, ob ich ihn noch einmal lebend wiedersehe?

Mona Schaute auf eine kleine, vergoldete Standuhr.

»Ich wette, inzwischen ist ihr vollkommen klar, was soeben passiert ist…«

Sie war wieder bei Isabel, die ihr keine Ruhe ließ, und ich fragte mich warum.

Wäre es eine andere Frau gewesen, hätte ich gemeint, sie hoffte darauf, daß ich mich scheiden ließ, um sie zu heiraten. Bei diesem Gedanken schnürte es mir fast die Kehle zu, und ich stand auf, um die Gläser nachzufüllen.

»Ich habe dich hoffentlich nicht schockiert, Donald?«

»Nein.«

»Du liebst sie noch immer, nicht wahr?«

»Nein.«

»Aber du hast sie doch sehr geliebt?«

»Ich glaube nicht …«

Sie trank ihren zweiten Scotch in kleineren Schlucken als den ersten und beobachtete mich unverwandt.

»Ich möchte dich küssen«, murmelte sie schließlich und erhob sich.

Ich erhob mich ebenfalls. Ich schlang meinen Arm um sie, aber anstatt ihr meinen Mund zu bieten, legte ich nur meine Wange an ihre. So blieben wir lange ste-hen, und ich sah dabei aus dem Fenster und betrachtete die Landschaft.

Ich war sehr traurig.

Dann schlug diese Traurigkeit in eine weniger trübe Stimmung um und ließ nur eine leise Bitterkeit zurück. Während sie sich aus meiner Umarmung löste, sagte sie:

»Es ist wohl doch besser, wenn ich mich vor dem Essen anziehe …«

Ich sah ihr nach, als sie auf eine Tür zuging, hinter der, wie ich wußte, das Schlafzimmer lag. Widerstrebend war ich im Begriff, mich wieder hinzusetzen und die Wartezeit mit einer Zeitung zu überbrücken. Meine Enttäuschung mußte mir im Gesicht gestanden haben, denn sie fügte mit ganz natürlicher Stimme hinzu:

»Wenn du lieber mitkommen möchtest…«

Ich folgte ihr ins Schlafzimmer, in dem ein Bett ungemacht war. Die Tür zum Bad stand offen, und das Wasser auf dem mit Fliesen ausgelegten Boden verriet mir, daß sie kurz vor meiner Ankunft ein Bad genommen hatte. Sie ließ sich vor ihrem Frisiertisch nieder und bürstete erst ihr Haar, bevor sie sich zu schminken begann.

Fasziniert verfolgte ich ihre Bewegungen und die Lichtreflexe auf ihrer Haut. Wenngleich wir eben miteinander geschlafen hatten, so war mir doch die Tatsache, daß sie mich hier, im Allerheiligsten einer Frau, duldete, fast noch kostbarer.

»Du amüsierst mich, Donald…«

»Warum?«

»Du siehst aus, als würdest du zum erstenmal einer Frau dabei zuschauen, wie sie sich zurechtmacht…«

»Das stimmt auch …«

»Aber Isabel …«

»Das ist etwas anderes …«

Ich hatte Isabel selten vor ihrem Frisiertisch sitzen sehen, und der barg auch nur wesentliche Dinge anstelle all der Töpfchen und Flakons, die ich bei Mona zu Gesicht bekam.

»Hast du etwas dagegen, mit mir hier Mittag zu essen? Ich habe Janet gebeten, eine Kleinigkeit vorzubereiten …«

Ich erinnerte mich an zwei junge Löwen im Zoo, die sich in blindem Vertrauen zueinander freundschafllich gebalgt hatten. Dem kam das Gefühl ziemlich nahe, das ich in diesem Moment für Mona empfand.

Sie stand auf, um sich aus einem Schrank ihre Wäsche zu holen. Ohne Scheu legte sie den Morgenmantel ab, und auch ihre Blöße wirkte nicht aufreizend. Sie zog sich ebenso unbefangen an, wie wenn sie allein gewesen wäre, und ich wandte den Blick nicht von ihr, um mir keine ihrer Bewegungen entgehen zu lassen.

Stimmte es immer noch, daß ich nicht in sie verliebt war? Ich glaube schon. Ich kam nicht auf die Idee, mit ihr leben, mein Schicksal mit ihrem verbinden zu wollen, wie ich es seinerzeit mit Isabel gewollt hatte.

Ich sah Rays unberührtes Bett, und es störte mich nicht, es erweckte keinerlei unliebsame Vorstellungen in mir.

Es gab noch zwei weitere Zimmer im Appartement, das wußte ich. In einem von ihnen hatte ich einmal geschlafen, weil ich meinen Zug verpaßt hatte. Janet bewohnte das andere, das kleiner war und näher bei der Küche lag.

Seltsamerweise gab es kein Eßzimmer, wahrscheinlich deshalb, weil man allen verfügbaren Raum für den Salon hatte nutzen wollen.

»Geht das? Bin ich nicht zu feingemacht?«

Sie hatte sich für ein Kleid aus dünnem, schwarzem Wollstoff entschieden, dem sie mit einem Gürtel aus geflochtenem Silber die Strenge nahm. Sie mußte gewußt haben, daß ihr Schwarz gut stand.

»An dir ist absolut nichts auszusetzen, Mona…«

»Wir müssen nachher ernsthaft miteinander reden … Ich frage mich, was ich ohne dich täte, bei all den Problemen, die auf mich zukommen …«

Janet hatte einen kleinen Tisch neben einem der riesigen Fenster gedeckt, und auf ihm stand, in einem Eiskübel, auch eine langhalsige Flasche Rheinwein.

»Ich muß umziehen, ich muß eine kleinere Wohnung finden … Im Grunde haben wir diese nie richtig gemocht, weder Ray noch ich. Er hatte den Leuten Sand in die Augen streuen wollen … Es galt, seine Kunden zu beeindrucken … Ich glaube, es hat ihm auch eine Zeitlang Spaß gemacht, Gäste zu empfangen, mitanzusehen, wie sich viele Menschen um ihn scharten, wie sich Intrigen entspannen und wie so mancher nach und nach seine Würde ablegte …«

Plötzlich sah sie mich nachdenklich an.

»Dich habe ich eigentlich noch nie betrunken erlebt, Donald …«

»Dennoch war ich’s schon in deinem Beisein … An dem Samstagabend bei den Ashbridges …«

»Warst du da betrunken?«

»Hast du das nicht gemerkt?«

Sie zögerte.

»In dem Moment nicht …«

»Wann denn?«

»Ich weiß nicht … Ich bin mir nicht sicher… Nimm es mir nicht übel, wenn ich mich irre … Aber als du von deiner Suche nach Ray zurückgekommen bist, da schien es mir, als wärst du anders als sonst …«

Ein Hummer und kalter Braten standen auf einem Beistelltisch bereit, an dem wir uns selbst bedienen konnten. Mir war soeben das Blut in den Kopf geschossen.

»Das hat allerdings nichts damit zu tun gehabt, daß ich betrunken war«, sagte ich.

»Womit dann?«

Egal, was passieren mochte, ich hatte meinen Entschluß gefaßt, ihr reinen Wein einzuschenken.

»Um dir die Wahrheit zu sagen, ich habe ihn überhaupt nicht gesucht. Ich war zu erschöpft. Ich bekam in dem Sturm keine Luft mehr, und ich hatte das Gefühl, mein Herz würde jeden Augenblick zu schlagen aufhören. Außerdem hatte ich keine Chance, ihn in der Dunkelheit zu finden, zumal mir der Schnee derart ins Gesicht klatschte, daß ich die Augen nicht einmal offenhalten konnte.

Und da bin ich in die Scheune gegangen.«

Sie hatte zu essen aufgehört und starrte mich so erstaunt an, daß ich beinahe meine Aufrichtigkeit bedauert hätte.

»Dort habe ich mich auf eine Bank gesetzt, die wir über Winter hineingestellt hatten, und habe mir eine Zigarette angezündet …«

»Bist du die ganze Zeit dortgeblieben?«

»Ja … Am Boden sammelten sich neben meinen Füßen allmählich die Kippen an. Ich habe mindestens zehn Zigaretten geraucht…«

Sie war verwirrt, aber sie war mir nicht böse. Schließlich streckte sie den Arm aus, um nach meiner Hand zu greifen, und sagte:

»Danke, Donald …«

»Wofür?«

»Dafür, daß du Vertrauen zu mir hast … Daß du mir die Wahrheit gesagt hast … Ich habe gespürt, daß irgend etwas passiert war, aber ich wußte nicht was … Ich habe mich sogar einen Moment lang gefragt, ob du dich nicht mit Ray gestritten hattest…«

»Warum hätte ich denn mit Ray streiten sollen?«

»Wegen dieser Frau…«

»Welche Frau meinst du?«

»Mrs. Ashbridge … Patricia… Als Ray mit ihr verschwunden ist, da hast du so ausgesehen, als wärst du eifersüchtig …«

Ich war wie vor den Kopf gestoßen, als ich hörte, daß sie Bescheid wußte.

»Hast du sie ertappt?« fragte ich.

»Als sie herauskamen … Ich war ihnen nicht nachgegangen … Es war purer Zufall, daß ich sie gesehen habe … Warst du nicht eifersüchtig auf Ray?«

»Ihretwegen nicht.«

»Meinetwegen?«

Sie stellte die Frage ohne jede Koketterie. Wir redeten wirklich ganz offen miteinander. Es war nicht wie mit Isabel ein Kampf der Blicke.

»Wegen allem… Ich habe diese Tür aufgemacht, aus der du sie hast herauskommen sehen … Ich war nicht darauf gefaßt gewesen. Ich hatte mehr als üblich getrunken … Ich habe sie dabei überrascht … Da packte mich urplötzlich, so wie einem eine Hitzewallung urplötzlich in den Kopf steigt, ein schrecklicher Neid auf Ray …

In Yale habe ich regelrecht gebüffelt, und man hat mich für eine viel größere Leuchte gehalten als ihn, entschuldige bitte, daß ich das selbst sage.

Als er sich dann entschlossen hat, nach New York zu gehen, da habe ich ihn noch gewarnt, daß er Gefahr laufen würde, lange Zeit kümmerlich dahinzuvegetieren…

Ich habe mich statt dessen in Brentwood vergraben, kaum dreißig Meilen von meinem Elternhaus entfernt, als hätte ich Angst davor gehabt, schutzlos zu sein… Und fast unmittelbar danach, als wollte ich mich noch weiter absichern, habe ich Isabel geheiratet …«

Mona hörte mir bestürzt zu, dann hob sie ihr Glas und deutete auf meins.

»Trink etwas …«

»Jetzt habe ich dir alles gesagt … Den Rest kannst du dir selbst denken, alles, was mir an diesem Samstag sonst noch durch den Kopf gegangen ist… Ray hat dich gekriegt, er ist der Teilhaber von Miller und Miller geworden … Und die ganze Zeit über konnte er sich noch seelenruhig mit Frauen wie Patricia vergnügen…«

Da sagte Mona sehr langsam:

»Und er hat dich beneidet!…«

»Bist du nun von mir enttäuscht, Mona?«

»Im Gegenteil …«

Sie war bewegt. Ihre Oberlippe zitterte.

»Wie hast du nur den Mut aufgebracht, mir das zu erzählen?«

»Du bist die einzige, mit der ich darüber reden kann …«

»Du hast Ray gehaßt, nicht wahr?«

»In dieser Nacht auf meiner Bank schon …«

»Und vorher?«

»Vorher habe ich ihn als meinen besten Freund betrachtet, … Aber, immer noch auf meiner Bank, da habe ich herausgefunden, daß ich mich selbst belogen hatte …«

»Was wäre gewesen, wenn du die Möglichkeit gehabt hättest, ihn zu retten?…«

»Keine Ahnung… Wahrscheinlich hätte ich es getan, widerstrebend … Aber inzwischen zweifle ich an allem, Mona… Weißt du, ich habe mich in einer einzigen Nacht sehr verändert …«

»Das habe ich gemerkt… Isabel übrigens auch…«

»Ja, sie hat etwas gewittert, und zwar so deutlich, daß sie sogar in die Scheune gegangen ist und die Zigarettenstummel gefunden hat…«

»Hat sie mit dir darüber geredet?«

»Nein … Aber sie hat sie verschwinden lassen… Sicher aus Angst, daß Lieutenant Olsen sie entdecken könnte …«

»Glaubt Isabel nicht vielleicht, daß du… daß du etwas anderes getan hast?…«

Ich sprach es lieber unverblümt aus.

»Daß ich Ray vom Felsen gestoßen habe? … Ich weiß nicht… Seit einer Woche schaut sie mich an, als erkenne sie mich nicht wieder, als versuche sie zu begreifen…. Begreifst du es denn? …«

»Ich glaube…«

»Bist du nicht enttäuscht?«

»Im Gegenteil, Donald…«

Ich bekam zum erstenmal einen mitfühlenden Blick einer Frau zu spüren.

»Ich habe mich gefragt, ob du mit mir darüber sprechen würdest … Ich wäre ein bißchen traurig gewesen, wenn du es nicht getan hättest… Wenngleich das Mut erfordert hat …«

»Weißt du, an dem Punkt, an dem ich jetzt angelangt bin …«

»An welchem Punkt bist du denn angelangt?«

»Ich habe siebzehn Jahre, was sage ich, fünfundvierzig Jahre meines Lebens begraben … Das ist alles Schnee von gestern … Apropos gestern, gestern habe ich mich vor meinen Töchtern geschämt, weil ich mich wie ein Außenseiter gefühlt habe… Trotzdem werde ich weiterhin dieselben Dinge tun, dieselben Worte sagen…«

»Muß das sein?«

Ich schaute sie an. Ich schwankte. Es wäre leicht gewesen. Wenn ich nun schon unter alles einen Schlußstrich gezogen hatte, durfte ich da nicht anderswo neu beginnen? Mona saß ernst und zitternd vor mir.

Diese Minute war entscheidend. Wir aßen, wir tranken Rheinwein, mit dem Blick auf den East River, der weit unter uns dahinfloß.

»Ja«, murmelte ich. »Es muß sein …«

Ich weiß nicht warum. Bei diesem »Ja« saß mir ein Kloß im Hals, und ich sah sie aufmerksam an. Ich war auf dem besten Wege, mich… Nein, noch nicht, aber ich hätte mich sehr schnell in sie verlieben können. Ich hätte nach New York ziehen können, ja auch ich… Wir hätten…

Ich weiß nicht, ob sie verletzt war. Sie hat sich nichts anmerken lassen.

»Danke, Donald …«

Sie stand auf und schüttelte die Krümel von ihrem Kleid.

»Möchtest du Kaffee?«

»Ja bitte… ‘«

Sie klingelte nach Janet.

»Wo hältst du dich lieber auf? Hier oder im Boudoir?«

»Im Boudoir…«

Diesmal nahm ich meinen Aktenkoffer mit. Dann schritt ich neben ihr, langsam, mit meiner Hand auf ihrer Schulter.

»Du verstehst mich doch, Mona, nicht wahr? Du spürst doch auch, daß es nicht gehen würde …«

Da grifi sie nach meiner Hand, um sie zu drücken, und ich sah wieder ihre Hand vor mir, auf dem Fußboden unseres Wohnzimmers, im Schein des Kaminfeuers.

Ich fühlte mich entspannt. Kurz darauf setzte ich mich an einen kleinen, antiken Tisch, auf den ich Papier und einen Bleistift legte.

»Also, zunächst einmal, hast du einen Überblick über deine finanzielle Situation?«

»Nein, ich habe keine Ahnung … Ray hat mir nichts von seinen geschäftlichen Angelegenheiten erzählt…«

»Kommst du an Geld ran?«

»Wir haben ein gemeinsames Bankkonto…«

»Weißt du, wie hoch das Guthaben auf diesem Konto ist?«

»Nein.«

»Hatte Ray eine Lebensversicherung?«

»Ja …«

»Weißt du über seine Abmachungen mit den Millers Bescheid?«

»Er war Gesellschafter, aber noch nicht mit voller Beteiligung, wenn ich es recht verstanden habe … Sein Anteil sollte mit jedem Jahr anwachsen …«

»Hat er kein Testament hinterlassen?«

»Nicht, daß ich wüßte.«

»Hast du seine Papiere durchgesehen?«

»Ja…«

Ich ging mit ihr in Rays Büro, und wir nahmen uns gemeinsam seine Papiere vor. Es gab keine Mißstimmung zwischen uns, keinerlei Hintergedanken.

Die Versicherungspolice zu Monas Gunsten lautete auf zweihunderttausend Dollar.

»Hast du die Versicherungsgesellschaft benachrichtigt?«

»Bis jetzt nicht.«

»Die Bank auch noch nicht?«

»Nein. Ich bin praktisch seit Donnerstag nicht aus dem Haus gegangen. Nur am Sonntag morgen bin ich draußen auf dem Platz auf und ab gelaufen, um ein bißchen Luft zu schnappen.«

» Gestattest du, daß ich ein paar Telefonate führe?«

Ich war ganz in meinem Element als Anwalt und Notar. Sie hörte mir beim Telefonieren zu und wunderte sich, daß alles so reibungslos verlief.

»Möchtest du, daß ich in deinem Auftrag die Gebrüder Miller aufsuche?«

»Ja, sei so gut und tu das.«

Ich rief bei den Millers an und kündigte ihnen meinen Besuch an.

»Danach komme ich wieder her…«, versprach ich Mona.

Ich nahm meinen Aktenkoffer mit. Im Salon wandte ich mich zu ihr um, und wie ich es erwartet hatte, schmiegte sie sich ganz selbstverständlich an mich und küßte mich.

Die Büros der Gebrüder Miller nahmen zwei Etagen in einem der neuen Hochhäuser an der Madison Avenue in der Nähe der grauen, verwitterten Gebäude des erzbischöflichen Palais ein. Allein in einem riesigen Saal arbeiteten mehr als fünfzig Angestellte, jeder an seinem Schreibtisch, mit ein oder zwei Telefonapparaten in Reichweite, und im Vorbeigehen bekam ich flüchtig ein ebensolches Gewimmel im Zeichenatelier zu Gesicht.

Sie waren beide da und erwarteten mich, David und Samuel, klein und wohlbeleibt und einander so ähnlich, daß Leute, die sie nicht sehr gut kannten, sie verwechselten.

»Wir sind froh, Mister Dodd, daß Mrs. Sanders sich für Sie entschieden hat. Wenn sie es nicht schon getan hätte, dann hätten wir uns für Sie entschieden, wie ich es Ihnen ja bereits auf dem Friedhof angekündigt habe …«

Das Büro war geräumig, behaglich, aber nicht prunkvoller eingerichtet, als es einem so seriösen Unternehmen angemessen war.

»Was darf ich Ihnen anbieten? Einen Scotch?…«

Hinter einer Mahagoniwand verbarg sich eine Bar.

»Ich nehme an, Sie wissen im großen und ganzen über die Situation Bescheid … Hier ist unser Gesellschaftsvertrag, so wie wir ihn vor drei Jahren aufgesetzt haben …«

Er umfaßte etwa zehn Seiten, die ich nur überflog. Über den Daumen gepeilt mochte Rays Anteil am Unternehmen sich auf ungefähr eine halbe Million Dollar belaufen.

»Hier sind die letzten Abrechnungen… Sie können sich Zeit lassen und diese Unterlagen in Ruhe studieren und dann wieder mit uns in Verbindung treten … Wann fahren Sie nach Brentwood zurück? …«

»Wahrscheinlich morgen …«

»Könnten wir zusammen Mittag essen?«

»Ich rufe Sie morgen im Lauf des Vormittags an …«

»Bevor Sie gehen, wäre es mir lieb, wenn Sie noch einen Blick in das Büro unseres armen Freundes werfen und nachsehen könnten, ob vielleicht Privatpapiere oder persönliche Gegenstände da sind, die Sie mitnehmen sollten …«

Rays Büro war fast genauso groß wie das, aus dem ich eben gekommen war, und im Vorzimmer saß seine hübsche, rothaarige Sekretärin an einem Schreibtisch und arbeitete. Sie erhob sich, um mir die Hand zu geben, wenngleich ich den Eindruck hatte, daß sie sich über meinen Besuch nicht gerade freute.

Ich kannte sie, weil ich Ray manchmal in seinem Büro abgeholt hatte.

»Miss Tyler, wissen Sie, ob Ray Privatpapiere hier aufbewahrt hat?« ,

»Das hängt davon ab, was man privat nennt… Schauen Sie selbst nach …«

Sie öffnete die Schubladen und überließ es mir, die Aktenordner durchzublättern. Auf dem Schreibtisch stand eine silbergerahmte Fotografie von Mona.

»Die nehme ich wohl besser mit, nicht wahr?«

»Ja, ich denke schon …«

»Ich komme morgen wieder her… Würden Sie so freundlich sein und seine persönlichen Gegenstände zusammenzusuchen…«

»Da hängt noch ein Mantel im Schrank …«

»Ich danke Ihnen…«

Darauf ließ ich mich zur Bank fahren und dann zum Sitz der Versicherungsgesellschafiz. Ich tilgte nicht nur die Vergangenheit eines Mannes, sondern den Mann selbst. Ich war dabei, seine Existenz rechtmäßig streichen zulassen, so wie die Gebrüder Miller ihn aus ihrem Firmennamen strichen.

Es war sechs Uhr, als ich wieder am Sutton Place eintraf. Mona öffnete mir die Tür, und wir küßten uns, als wäre es zu einem Ritual geworden.

»Bist du sehr müde?«

»Nein … Ich habe morgen noch viel zu tun… Es wäre besser, wenn du zu den Millers mitkommen könntest…«

Ohne zu fragen, goß sie uns etwas zu trinken ein.

»Wo möchtest du …«

Erneut wollte sie sich danach erkundigen, ob ich den Salon oder das Boudoir vorzog.

»Das weißt du doch…«

Wir begannen zu trinken, alle beide, ohne viel zu reden.

»Du bist reich, meine liebe Mona …«‘ sagte ich schließlich. »Wenn man die Lebensversicherung mitrechnet, wirst du über siebenhunderttausend Dollar verfügen können…«

»So viel?«

Die Summe überraschte sie, aber es war zu spüren, daß sie keine klare Vorstellung davon hatte, was das bedeutete.

»Darf ich zu Hause anrufen?«

Isabel meldete sich sofort.

»Du hast recht gehabt… Ich werde heute abend nicht nach Brentwood zurückfahren können … Ja, ich war bei den Millers, und ich muß für morgen die Unterlagen durchsehen, die sie mir ausgehändigt haben …«

»Bist du bei Mona?«

»Ich bin gerade wieder hier eingetroffen…«

»Hast du vor, im ›Algonquin‹ zu übernachten?«

Das war das alte Hotel, in dem wir für gewöhnlich abstiegen, wenn wir eine Nacht in New York verbrachten. Es lag im Theaterviertel, und ich war erst acht Jahre alt gewesen, als ich zum erstenmal mit meinem Vater dort war.

»Ich weiß es noch nicht …«

»Ich verstehe …«

»Ist zu Hause alles in Ordnung?«

»Hier gibt’s nichts Neues …«

»Gute Nacht, Isabel …«

»Gute Nacht, Donald … Grüß Mona von mir…«

Ich wandte mich zu ihr um und wiederholte laut:

»Meine Frau läßt Sie grüßen.«

»Danke, und grüßen Sie sie zurück.«

Als ich den Hörer wieder aufgelegt hatte, sah sie mich fragend an.

Ich begriff, daß sie ans »Algonquin« dachte.

»Wegen Janet…«, murmelte ich.

»Glaubst du nicht, daß Janet es ohnehin schon weiß?«

Ihr Blick streifte den Diwan.

»Laß uns doch zum Abendessen in ein kleines, nicht so bekanntes Restaurant gehen und dann hier schlafen!«

Sie füllte die Gläser wieder.

»Ich muß mir angewöhnen, weniger zu trinken. Ich trinke viel zuviel, Donald…«

Dann, nachdem sie eine Weile nachgedacht hatte, fragte sie, wie von einem plötzlichen Einfall beunruhigt:

»Meinst du, Isabel versucht, dich im ›Algonquin‹ anzurufen?«

Lächelnd antwortete ich:

»Glaubst du nicht, daß sie es auch schon weiß?«

Ich überlegte, ob ich in Rays Bett würde schlafen müssen. Doch letzten Endes drängten wir uns in Monas Bett eng aneinander, während das Bett nebenan unberührt blieb.

Teil II

2

1

Isabel beobachtet mich nach wie vor. Sie stellt keine Fragen. Sie macht mir keine Vorwürfe. Sie weint nicht. Sie gibt sich nicht den Anschein, ein Opfer zu sein.

Das Leben geht weiter wie bisher. Wir schlafen immer noch im selben Raum, benutzen dieselbe Badewanne, essen gemeinsam, und abends, sofern ich keine Arbeit nach Hause mitgebracht habe, lesen wir oder sehen fern.

Die Töchter kommen alle vierzehn Tage übers Wochenende, und ich glaube, sie merken nichts. Allerdings sind sie auch mehr mit ihrem eigenen Leben beschäftigt als mit unserem.

Im Grunde interessieren wir sie schon nicht mehr, jedenfalls soweit es Mildred betrifft. Über den Bruder einer ihrer Freundinnen, der zwanzig ist, macht sie sich mehr Gedanken als über uns.

Tag für Tag, morgens, mittags und abends, betrachtet Isabel mich mit ihren blaßblauen Augen, daß ich förmlich den Eindruck habe, mich an ihrem Blick zu stoßen, und letzten Endes nicht mehr weiß, was diese Augen ausdrücken.

Manchmal frage ich mich, ob es vielleicht eine Botschaft ist:

»Vorsicht, mein armer Donald…«

Nein. Dafür sind sie nicht warm genug. Oder etwa:

»Falls du glaubst, daß ich nicht weiß, was gespielt wird …«

Gewiß will sie mir zu verstehen geben, daß sie scharfsinnig ist, daß ihr nichts entgeht, nie etwas entgangen ist.

»Du steckst in einer Krise, die fast alle Männer in deinem Alter durchmachen…«

Sollte sie das meinen, irrt sie sich. Ich kenne mich. Ich leide keineswegs an den schwärmerischen Gefühlsausbrüchen eines alternden Mannes. Im übrigen bin ich ja nicht einmal verliebt. Ich fröne auch keiner krankhaften Sexualität.

Ich bewahre meine Kaltblütigkeit und beobachte aufmerksam, was in mir und um mich herum vorgeht, und wahrscheinlich weiß nur ich allein, daß an meinen düsteren Gedanken nichts Neues ist, es sei denn die Tatsache, daß ich sie nicht länger unterdrücke und daß ich wage, mich ihnen zu stellen.

Also, was wollen mir diese Augen sagen?

»Du tust mir leid …«

Das leuchtet mir eher ein. Sie hat schon immer das Bedürfnis gehabt, mich zu beschützen oder den Anschein zu erwecken, daß sie mich beschützt, so wie sie sich vorstellt, daß sie unsere Töchter beschützt und daß sie die Seele all der Wohltätigkeitsveranstaltungen ist, deren sie sich annimmt.

So bescheiden und zurückhaltend sie auch auftreten mag, sie ist dennoch die entschieden hochmütigste Frau, der ich je begegnet hin. Sie läßt keinen Makel sichtbar werden, keine der kleinen menschlichen Schwächen.

»Ich werde immer zur Stelle sein, Donald…«

Auch das verheißt ihr Blick: die treue Gefährtin, die sich bis zuletzt aufopfert!

Aber wenn man’s ganz genau nimmt, ist da noch etwas herauszulesen:

»Du bildest dir ein, du hättest dich befreit… Du glaubst, du bist ein anderer Mann geworden… In Wirklichkeit bist du der kleine Junge geblieben, der mich braucht, und du wirst nie deine Freiheit erlangen…«

Ich weiß nicht mehr, was ich davon halten soll. Mal neige ich zu einer Vermutung, mal zu einer anderen. Ich lebe unter ihren Blicken wie eine Mikrobe unter dem Mikroskop, und bisweilen hasse ich sie.

Drei Monate sind vergangen, seit ich auf der Bank in der Scheune saß. Sie steht nicht mehr dort, sondern hat wieder ihren Platz im Garten eingenommen, ausgerechnet in der Nähe des Felsens, von dem Ray gestürzt ist. Die wiedererwärmte Erde hat die letzten Schneereste aufgesogen, und die Narzissen bilden da und dort gelbe Kleckse.

Im ersten Monat bin ich mitunter zweimal in der Woche nach New York gefahren und habe fast jedesmal dort übernachtet, denn Rays Nachlaß und die damit verbundenen Formalitäten erfordern viel Zeit und eine Menge Lauferei.

»Wo soll ich dich anrufen, falls ich heute abend irgend etwas Dringendes mit dir besprechen muß?«

»Bei Mona.«

Ich mache kein Hehl daraus. Im Gegenteil, ich spiele gewissermaßen ostentativ mit offenen Karten, und wenn ich aus New York zurückkehre, freue ich mich darüber, Monas Duft noch auf meiner Haut zu riechen. Das Wetter ist kein einziges Mal mehr so schlecht gewesen, daß ich den Zug hätte nehmen müssen. Ich fahre die Strecke mit dem Auto. Vor Monas Haus gibt es einen Parkplatz. Oder vielmehr, dort gab es einen, denn seit vierzehn Tagen wohnt sie nicht mehr am Sutton Place.

Über Freunde hat sie ein Appartement in der sechsundfünfzigsten Straße gefunden, zwischen der Fifth und der Madison Avenue, in einem dieser schmalen Häuser in holländischem Stil, die soviel Charme haben.

Im Erdgeschoß ist ein französisches Restaurant, in dem es einen köstlichen Coq au Vin gibt. Das Apparte— ment liegt im dritten Stock, und es ist selbstverständlich viel kleiner als das alte.

Auch behaglicher, intimer. Für das Wohnzimmer hat sie die Möbel des Boudoirs behalten, auch den mit goldgelber Seide bezogenen Diwan.

Das Bett ist neu, ein breites, sehr niedriges Bett für zwei Personen, aber den Frisiertisch und den zierlichen Polstersessel hat sie ebenfalls mitgenommen.

Das Eßzimmer bietet nur noch für höchstens sechs oder acht Personen Platz, aber Janet schaltet und waltet in einer ziemlich geräumigen Küche, und sie hat ein hübsches Zimmer.

Ich weiß nicht, welche Freunde diese Wohnung für sie gefunden haben. Zu Rays Zeiten verkehrten sie mit vielen Leuten, fast jeden Abend empfingen sie Gäste oder gingen aus.

Doch das ist eine Welt, zu der ich keinen Zutritt habe. Wie in gegenseitigem Einverständnis sprechen wir darüber nicht. Ich habe keine Ahnung, mit wem sie sich trifft, wenn ich nicht in New York bin und ob sie einen oder mehrere Liebhaber hat.

Es ist durchaus möglich. Sie gibt sich gern hin, ohne Romantik, ich möchte fast sagen ohne Leidenschaft, wie aus Kameradschaft.

Jedesmal wenn ich komme, treffe ich sie im Morgenmantel an und ziehe sie ganz selbstverständlich zu dem Diwan, auf dem ich sie zum erstenmal genommen habe.

Danach gießt sie uns etwas zu trinken ein, trägt die beiden Gläser ins Schlafzimmer und beginnt, sich zurechtzumachen.

»Wie geht es Isabel?«

Bei jedem meiner Besuche redet sie mit mir über meine Frau.

»Sagt sie noch immer nichts?«

»Sie beobachtet mich…«

»Das ist Taktik.«

»Wie meinst du das?«

»Wenn sie dich andauernd schweigend beobachtet, ohne dir Vorwürfe zu machen, dann bringt sie es so weit, daß du am Ende ein schlechtes Gewissen bekommst.«

»Nein.«

»Aber darauf verläßt sie sich.«

»Mag sein, aber dann irrt sie sich.«

Isabel läßt Mona keine Ruhe, und ihre Art beeindruckt sie nach wie vor.

Für mich ist das die schönste Zeit des Tages, ja der ganzen Woche. Sie widmet sich ihrer Toilette, und ich schwelge genüßlich in dieser Atmosphäre inniger Vertrautheit wie in einem warmen Bad.

Ich kenne jede ihrer Bewegungen, ich weiß, wie sie das Gesicht verziehen kann, wie sie die Lippen vorschiebt, um sie zu schminken.

Wenn sie ein Bad nimmt, verfolge ich die Wassertropfen, die im Zickzack über ihre dunkle Haut perlen, denn sie hat keine rosig schimmernde weiße Haut wie Isabel, sondern eher eine goldbraun glänzende.

Sie ist sehr klein und wiegt fast nichts.

»Hat Löwenstein sich entschieden?« frage ich.

Denn wir sprechen immerhin auch über ihre Angelegenheiten, sogar sehr oft. Löwenstein ist der Innenarchitekt, der vorgeschlagen hat, mit Ausnahme der wenigen Möbel, die Mona behalten wollte, die gesamte Einrichtung der Wohnung am Sutton Place zu übernehmen.

Es galt nur noch, den Preis auszuhandeln. Das ist inzwischen geschehen, und sie ist an einen Schauspieler vermietet werden, der vor kurzem von Hollywood an den Broadway gekommen ist.

Die Vereinbarungen mit den Millers stehen kurz vor ihrem Abschluß, und der Name Sanders ist seit langem von den Scheiben gekratzt, auf denen er hinter Miller und Miller gestanden hatte. Es sind nur noch einige Einzelheiten zu klären.

Ich habe Mona nie gefragt, was sie mit Rays Garderobe, mit seinen Golfschlägern und mit einer Reihe anderer persönlicher Gegenstände gemacht hat, die ich nicht mehr sehe.

Oft gehen wir zum Mittagessen in das kleine Restaurant im Erdgeschoß hinunter, wo wir uns immer in dieselbe Ecke setzen. Der Wirt begrüßt uns mit einem Händedruck, und man behandelt uns wie ein Ehepaar, was uns stets amüsiert.

Am Nachmittag muß ich meistens mal hierhin, mal dorthin, sei es wegen Monas Angelegenheiten, sei es wegen meiner eigenen. Wir verabreden uns in einer Bar, in der wir Martini trinken, denn als abendlichen Aperitif haben wir uns sehr trockenen Martini angewöhnt.

Wir trinken ziemlich viel, vielleicht zu viel, aber wir sind nie richtig betrunken.

»Wo wollen wir essen?«

Wir ziehen auf gut Glück zu Fuß los, und es kommt vor, daß Mona, die auf ihren hohen Absätzen über den Gehsteig stöckelt, sich bei mir einhängt. Einmal sind wir Justin Greene aus Chanaan begegnet, ausgerechnet einem der Gäste des alten Ashbridge, die an jenem denkwürdigen Abend anwesend waren. Er war sich nicht schlüssig, ob er uns grüßen sollte oder nicht, und ich drehte mich genau in dem Moment nach ihm um, in dem er sich ebenfalls umdrehte, was ihm anscheinend peinlich war.

Mittlerweile dürfte ganz Brentwood, vielleicht sogar die ganze Gegend wissen, daß ich ein Verhältnis in New York habe. Ob er Mona erkannt hat? Schon möglich, wenngleich unwahrscheinlich, denn sie betrat damals zum erstenmal das Haus der Ashbridges und fiel kaum auf.

»War das einer deiner Klienten?«

»Ein entfernter Bekannter… Er wohnt in Chanaan…«

»Stört es dich nicht, daß er uns gesehen hat?«

»Nein …«

Im Gegenteil! Mit diesen Leuten bin ich fertig. Eines Tages werden sie schon merken, daß ich nicht mehr an das alte Spiel glaube, auch wenn ich noch so tue, als spielte ich es mit.

An einem Samstag bin ich nach Torrington gefahren. Es ist eine ruhige Kleinstadt mit nur zwei Einkaufsstraßen, die von Wohnvierteln umgeben sind.

Im Westen hat sich ein wenig Industrie angesiedelt, aber Industrie mit beinahe handwerklichem Charakter, eine Uhrenfabrik zum Beispiel, dann noch eine, eine ganz neue, in der winzige Teile für elektronische Geräte hergestellt werden.

Das Haus, in dem ich geboren bin, steht in der Hauptstraße, an der Ecke einer Sackgasse, und an seiner Fassade prangt in gotischen Lettern die Aufschrift The Citizen. Die meisten Arbeiter der Druckerei sind schon seit über dreißig Jahren bei meinem Vater beschäftigt. Alles ist ein bißchen veraltet, einschließlich der Maschinen, die mich als Kind so fasziniert haben.

Weil Samstag war, hatte die Druckerei geschlossen. Doch mein Vater saß trotzdem in seinem Glaskasten, und man sah ihn von der Straße aus, wie gewöhnlich in Hemdsärmeln.

Er arbeitete seit eh und je an diesem Platz, als wollte er jedem zeigen, daß die Zeitung nichts zu verbergen hatte.

Die Tür war nicht zugeschlossen. Ich trat ein, nahm auf der anderen Seite seines Schreibtisches Platz und wartete, bis mein Vater den Kopf hob.

»Ach du bist’s!«

»Entschuldige bitte, daß ich in der letzten Zeit nicht hergekommen bin…«

»Das heißt, daß du etwas anderes zu tun hattest. Es besteht also kein Grund dazu, dich zu entschuldigen…«

So war mein Vater eben. Ich glaube nicht, daß er mich jemals geküßt hat, nicht einmal als ich noch ein Kind war. Damals hielt er mir abends nur die Stirn hin, wie Isabel. Ich habe allerdings auch nie gesehen, daß er meine Mutter geküßt hätte.

»Was macht die Gesundheit?«

Ich antwortete, daß es mir gut ginge, und stellte im selben Augenblick fest, daß mein Vater innerhalb weniger Wochen sehr gealtert war. Sein Hals war so mager, daß sich die Sehnen abzeichneten, und es sah aus, als wären seine Pupillen wässrig geworden.

»Deine Frau war vor ein paar Tagen da…«

Mir hatte sie nichts davon erzählt.

»Sie hat hier Besorgungen gemacht, ich glaube, sie hat bei Tibbits, diesem alten Gauner, Porzellan eingekauft …«

Ein Geschäft, das schon in meiner Jugend existiert hatte und in dem Porzellan und Silberwaren verkauft wurden. Ich hatte noch den alten Tibbits gekannt und dann seinen Sohn, der nun ebenfalls schon ein alter Mann war.

Zur Zeit unserer Hochzeit hatten wir unser Tafelgeschirr bei Tibbits erstanden, und sobald zu viele Teile zu Bruch gegangen waren, kam Isabel nach Torrington, um sie nachzukaufen.

»Bist du immer noch zufrieden?«

Das Verhältnis zwischen meinem Vater und mir war so verhalten, daß ich nie wußte, wie ich seine Fragen auslegen sollte. Er erkundigte sich oft, ob ich zufrieden sei, so wie er sich nach Isabels Gesundheit oder nach unseren Töchtern erkundigte.

Aber ging diesmal die Frage nicht darüber hinaus? Hatte sich meine Frau nicht ihm anvertraut? Waren denn die Gerüchte noch nicht bis zu ihm gedrungen?

Er ließ seinen Blick weiterhin über die Druckfahnen schweifen und strich da und dort ein Wort aus, für das er ein anderes an den Rand schrieb.

Hatten wir uns jemals etwas zu sagen gehabt? Ich saß da, sah ihm zu und wandte von Zeit zu Zeit den Kopf, um auf die Straße hinauszuschauen, auf der sich das Treiben seit meiner Kindheit verändert hatte. Damals konnte man die Autos zählen und noch überall parken.

»Wie alt bist du jetzt eigentlich?«

»Fünfundvierzig …«

Er schüttelte den Kopf und murmelte wie zu sich selbst:

»Das ist natürlich noch jung …«

Er ging auf die Achtzig zu. Er hatte spät geheiratet, erst nach dem Tod seines Vaters, der schon den Citizen geleitet hatte. Seine Laufbahn hatte er in Hartford begonnen, danach war er, nur wenige Monate, bei einer Tageszeitung in New York gewesen.

Ich habe einen Bruder gehabt, Stuart, der wahrscheinlich die Druckerei übernommen hätte, wenn er nicht im Krieg ums Leben gekommen wäre. Er war meinem Vater ähnlicher als ich, und mir schien es, daß die beiden sich gut verstanden hatten.

Wir verstanden uns zwar auch gut, aber es fehlte die innige Beziehung.

»Es ist schließlich dein Leben …«, brummelte er.

Ich hätte vergeben können, es nicht verstanden zu haben. Wäre es besser gewesen, das Thema fallenzulassen und von etwas anderem zu reden?

»Spielst du auf Mona an?«

Mein Vater schob seine Brille zurecht und musterte mich.

»Ich wußte nicht, daß sie Mona heißt …«

»Hat Isabel dir das nicht gesagt?«

»Isabel hat mir gar nichts gesagt … Sie ist keine Frau, die über ihre Angelegenheiten spricht, nicht einmal mit ihrem Schwiegervater…«

In seiner Stimme lag unverhohlene Bewunderung. Man hätte meinen können, die beiden wären blutsverwandt, Isabel und er.

»Von wem hast du dann erfahren, daß ich eine Geliebte habe?«

»Die Leute reden darüber… So ziemlich alle … Angeblich soll es die Witwe deines Freundes Ray sein …«

»Stimmt.«

»Von dem, der in der Nacht des Schneesturms auf deinem Grundstück verunglückt ist, nicht wahr?«

Ich wurde rot, weil ich aus seinen Worten eine unausgesprochene Anklage heraushörte.

»Nicht, daß ich da einen Zusammenhang herstellte, Sohn … Aber die Leute tun’s…«

»Welche Leute?«

»Deine Freunde in Brentwood, in Chanaan, in Lakeville… Manche fragen sich, ob du dich scheiden läßt und nach New York ziehst …«

»Bestimmt nicht …«

»Ich frage dich nicht danach, aber ich bin gefragt worden und habe nur geantwortet, daß mich das nichts anginge …«

Auch er machte mir keine Vorwürfe. Er erweckte den Eindruck, als verfolge er keinerlei Hintergedanken, ganz wie Isabel. Er stopfte seine alte, geschwungene Pfeife mit dem versengten Kopf und steckte sie bedächtig an.

»Bist du hergekommen, um etwas mit mir zu besprechen?«

»Nein …«

»Hast du in Torrington zu tun gehabt?«

»Auch nicht … Ich hatte einfach Lust, dich zu besuchen …«

»Möchtest du hinaufgehen?«

Er hatte begriffen, daß ich nicht gekommen war, um nur ihn wiederzusehen, sondern auch das Haus, kurz und gut, daß ich hier war, um meiner Jugend gegenüberzutreten.

Ich wäre wirklich gern hinaufgegangen, hätte mich gern wieder in der Wohnung von einst umgesehen, in der ich über den Boden gekrabbelt war, als ich mich noch nicht auf den Beinen halten konnte und meine Mutter mir wie ein riesenhaftes Wesen erschienen war.

Ich sah noch ihre ewig gleiche Schürze mit den kleinen Karos vor mir, wie die Frauen sie zu jener Zeit noch zu tragen pflegten.

Nein. Jetzt konnte ich nicht mehr hinaufgehen. Nicht nach dem, was mein Vater mir soeben gesagt hatte.

Ich konnte auch nicht den Kontakt zu ihm herstellen, nach dem ich mich insgeheim sehnte.

Was wollte ich dann eigentlich hier?

»Weißt du, oben dürfte auch eine gewisse Unordnung herrschen, weil die Putzfrau samstags und sonntags nicht kommt …«

Ich malte mir den alten Mann allein in seiner Wohnung aus, in der wir einst zu viert gelebt hatten. Er zog langsam an seiner Pfeife, die ihr vertrautes Glucksen von sich gab.

»Die Zeit vergeht, mein Sohn… Für alle, vergiß das nicht! Du hast die Hälfte des Wegs hinter dir…. Ich habe allmählich das Ende vor Augen…«

Das war kein Selbstmitleid, es hätte auch nicht zu seinem Wesen gepaßt. Ich spürte, daß er das meinetwegen gesagt hatte, daß er versucht hatte, seine Denkweise an mich weiterzugeben.

»Isabel hat damals da gesessen, wo du jetzt sitzt…. Als du sie uns vorgestellt hast, da waren deine Mutter und ich nicht sehr begeistert von ihr…«

Ich mußte lächeln. Sie stammte aus Litchfield, und in unserer Gegend sagte man den Leuten aus Litchfield nach, sie seien Snobs, die sich für etwas Besseres hielten.

Breite Boulevards, viel Grün, wohlproportionierte Häuser und vor allem morgens Männer und Frauen, die zu ihrem Vergnügen ausritten.

Isabel hatte ein eigenes Pferd gehabt.

»Man täuscht sich manchmal in den Menschen, weißt du, selbst dann, wenn man sie zu kennen glaubt. Sie ist eine prima Frau.«

Wenn mein Vater von jemandem behauptete, er sei prima, dann war das das größte Kompliment, das er machen konnte.

»Aber wie schon gesagt, es ist deine Angelegenheit …«

»Ich bin nicht verliebt in Mona, und wir haben auch keine gemeinsamen Pläne für die Zukunft.«

Er begann zu husten. Seit einigen Jahren litt er an einer chronischen Bronchitis und bekam von Zeit zu Zeit quälende Anfälle.

»Verzeihung…«

Sein körperlicher Verfall demütigte ihn. Er verabscheute es, wenn er anderen diesen Anblick nicht ersparen konnte. Ich glaube, deshalb wäre es ihm lieber gewesen, wenn wir ihn nicht mehr besucht hätten.

»Was hast du gesagt? … Ach ja …«

Er zündete seine Pfeife wieder an, und während er den Rauch vor sich hin blies, erklärte er mit Pausen zwischen den einzelnen Silben:

»Dann ist es noch schlimmer…«

___________

Dieser Besuch bei meinem Vater war ein Fehler. Ich bin sicher, daß ich ihn enttäuscht habe. Und ich war ebenfalls enttäuscht. Wir haben keinen Kontakt zueinander bekommen, wogegen ich dem wenigen, was er gesagt hatte, entnehmen konnte, daß zwischen ihm und Isabel dieser Kontakt bestand.

Als ich in mein Auto eingestiegen bin, habe ich durchs Fenster gesehen, daß er mir nachgeschaut hat, und wahrscheinlich hat er wie ich gedacht, daß das vielleicht das letzte Gespräch war, das wir miteinander geführt haben.

Auf dem ganzen Weg habe ich sein verbrauchtes Gesicht vor mir gesehen, seine melancholische Würde, und ich habe mir so manche Fragen gestellt. Hat er sich wirklich bis zum Ende sein Vertrauen in die Menschheit bewahrt, und würde er sich noch in dem Augenblick, in dem er abtreten mußte, Illusionen machen?

Glaubte er an die Nützlichkeit dieser kleinen Zeitung, die vor hundert Jahren, ja noch vor sechzig Jahren gegen Mißstände angeschrieben hatte und jetzt nur noch der Eitelkeit der Leute schmeichelte, indem sie über Verlobungen, Hochzeiten, Empfänge und belanglose Ereignisse in der Region berichtete?

Er hat ihr sein Leben mit solchem Ernst gewidmet, als hätte er für eine große Sache gekämpft, und er klammerte sich bis zum letzten Tag an sie.

Genauso wäre es meinem Bruder ergangen, wäre er nicht an der Front getötet werden. War es mir, von kleinen Unterschieden abgesehen, nicht ebenso ergangen bis zu dem Augenblick, in dem ich mir auf der Bank in der Scheune die erste Zigarette anzündete?

Irgendwann bin ich langsamer gefahren. In letzter Zeit passiert es mir manchmal, daß mich ein plötzliches Schwindelgefühl befällt. Dabei bin ich nicht krank. Es ist auch keine Übermüdung, denn ich arbeite nicht mehr als früher.

Ist es das Alter? Zugegeben, ich bin mir jetzt meines Alters bewußt, über das ich mir nie Gedanken gemacht habe, und der Anblick meines Vaters hat dieses Bewußtsein noch verstärkt.

Ich hätte ihm gern meine Beziehung zu Mona erklärt. Ich habe es versucht. Aber hätte er begriffen, daß sie für mich vor allem ein Symbol ist?

Wir schlafen nicht aus Liebe miteinander. Ich bin mir nicht sicher, ob ich überhaupt an die Liebe glaube, zumindest nicht an die Liebe, die ein Leben lang währt.

Wir schlafen miteinander, weil uns das die Gewißheit verschafft, uns hautnah zu spüren, im gleichen Rhythmus zu leben. Näher können sich zwei Wesen in ihrer Vereinigung nicht kommen.

Wir brauchen jemanden. Ich habe auch Isabel gebraucht, wenngleich auf andere Art. Ich habe sie als Zeugin gebraucht, als Schutzschild, ich weiß nicht mehr genau als was. Es ist schon so lange her, daß ich selbst nicht mehr begreife, was ich in ihr gesucht habe, und sie zu hassen beginne.

Ihr Blick versetzt mich in Wut. Er verfolgt mich. Obwohl ich weder von Torrington noch von meinem Vater gesprochen habe, hat sie mich, als ich nach Hause kam, gefragt:

»Wie geht es ihm?«

Es war leicht zu erraten, na schön! Es gibt schließlich gewisse Anhaltspunkte. Aber ich habe immer das Gefühl, an einem Faden zu hängen. Wohin ich auch gehe, was ich auch tue, stets kommt es mir ein bißchen so vor, als bohrten sich ihre Augen in meinen Rücken.

Ich fahre nur noch einmal in der Woche nach New York, denn der Nachlaß ist geregelt und ich brauche selbst Mona gegenüber einen Vorwand. Ich darf nicht mehr so werden wie früher. Ich würde es nicht mehr ertragen. Hat man erst einmal gewisse schmerzliche Entdeckungen gemacht, ist eine Umkehr nicht mehr möglich.

Ich brauche Mona, zugegeben, ich brauche ihre Gegenwart, eine fast animalische Vertrautheit. Ich liebe es, wenn sie nackt oder halbnackt Toilette macht, ohne sich um mich zu kümmern. Ich liebe es, im Bett ihre Haut an meiner Haut zu spüren.

Aber darüber hinaus, ist da unser Versuch nicht gescheitert? Ich habe die Restaurants erwähnt, in denen wir zu Mittag und zu Abend essen, die kleinen Bars, in denen wir am späten Nachmittag unsere zwei Martini trinken.

Wir sind gute Freunde geblieben, gewiß. Wir kommen einander nicht ins Gehege. Aber, um die Wahrheit zu sagen, ich fühle mich mit ihr nicht geistig verbunden, und mir ist es schon passiert, daß ich nach einem Gesprächsthema gesucht habe. Ihr übrigens auch.

Trotzdem verkörpert sie all das, was ich fünfundvierzig Jahre lang nicht besessen habe, alles, wovor ich aus Angst auf der Hut gewesen bin.

Die Mädchen waren wieder da. Ich habe Mildred aufmerksam beobachtet. Ich mag ihren Teint, der einen an warmes Brot denken läßt, und die Art, wie sie beim Lächeln die Nasenflügel kräuselt. Sie hat angefangen, sich zu schminken, sicher nicht in der Schule, wo ihnen das untersagt sein dürfte, aber zu Hause.

Ob sie meint, daß wir es nicht merken? Sie hat den Sonntagnachmittag bei ihrer Freundin verbracht, bei der, die einen zwanzigjährigen Bruder hat. Ihn wird sie wahrscheinlich später als ihre erste Liebe bezeichnen. Sie ahnt nicht, daß die Erinnerung an diese verstohlenen Blicke, an dieses Erröten, an diese Hände, die sich wie zufällig streifen, sie ihr Leben lang verfolgen wird.

Sie wird nicht anziehend im üblichen Sinn des Wortes werden. Sie ist auch nicht schön. Welcher Sorte von Mann wird sie begegnen, und welches Leben wird sie mit ihm führen?

Ich stelle sie mir als Mutter vor, als eine dieser Frauen, die ich zu denen zähle, die nach Backwerk riechen.

Bei Cecilia bin ich mir nicht im klaren. Sie bleibt mir ein Rätsel, und es würde mich nicht wundern, wenn sie eine sehr ausgeprägte Persönlichkeit entwickelte. Sie beobachtet unser Leben, und ich bin mir fast sicher, daß sie es nicht gutheißt, daß sie für uns sogar eine gewisse Verachtung empfindet.

Seltsam, jahrelang stellt man sich so auf seine Kinder ein, daß das eigene Tun von ihnen bestimmt wird. Das Haus wird für sie eingerichtet, die Sonntage, die Ferien werden nach ihren Bedürfnissen gestaltet, und dann, eines schönen Tages, steht man sich wie fremd gegenüber, wie ich meinem Vater.

Ich sage mir immer wieder, daß es ein Fehler war, zu ihm zu fahren. Dieser Besuch hat einen Pessimismus verstärkt, in den ich nur allzu leicht verfalle, wenn ich nicht in New York bin.

Und selbst dann, wenn ich dort hin, von gewissen Momenten abgesehen, die man nach Minuten zählen könnte.

Man müßte mich nicht sehr dazu drängen, und ich spräche von einer Verschwörung. Schon allein zwischen Isabel und meinem Vater. Warum ist sie nach Torrington gefahren? Ist es so dringend gewesen, ein paar Teller zu ersetzen, wenn wir bei Tisch doch meistens nur zu zweit sind? Seit sechs Monaten haben wir niemanden mehr eingeladen.

Mein Vater behauptet, sie habe mit ihm weder über mich noch über Mona geredet. Meinetwegen! Ich muß es wohl glauben. Aber er, hat er nicht mit ihr darüber geredet? Selbst wenn er es nicht getan hat, sie brauchten einander doch nur anzusehen.

»Also, wie steht’s mit Donald?«

Sie dürfte gelächelt haben, ein fahles Lächeln, wie die Sonne nach einem Regen.

»Machen Sie sich um ihn keine Sorgen…«

Wachte sie denn nicht über mich? Wachte sie nicht jeden Tag, jede Stunde über mich?

Und dann die Leute in der Nachbarschaft, die ihre Nase in meine Angelegenheiten stecken und tuscheln, sobald ich vorübergehe. Endlich haben sie etwas zu klatschen…. Donald Dodd, Sie wissen doch, der Anwalt, der seine Kanzlei gleich gegenüber der Post hat… der Sozius vom alten Higgins, ja… der, der so eine nette, sanfte, selbstlose Frau hat… also der, der hat ein Verhältnis in New York! …

Selbst Higgins macht das Spiel mit. Wenn ich ihm ankündige, daß ich am nächsten Tag nach New York fahre, fragt er mich:

»Bleiben Sie zwei Tage?«

»Nein, diesmal nicht…«

Dabei sollte Higgins eigentlich zufrieden sein, denn die Gebrüder Miller haben uns für die Arbeit, die ich geleistet habe, ein mehr als erkleckliches Honorar überwiesen. Ich hätte es ja umsonst gemacht, um Mona zu helfen, doch sie haben darauf bestanden.

Warren, der unser Hausarzt und zugleich mein Klient ist, hat mich in meinem Büro aufgesucht, um mich wegen seiner Steuern etwas zu fragen. Während wir miteinander sprachen, beobachtete er mich eingehend, und ich hegte den Verdacht, daß sein Steuerproblem nur ein Vorwand war.

Wäre es Isabel nicht zuzutrauen gewesen, daß sie ihn angerufen hatte? Hatte sie ihm nicht vielleicht gesagt:

»Hören Sie, Warren … Ich mache mir Sorgen … Seit einiger Zeit ist Donald nicht mehr er selbst … Seine Gemütsverfassung hat sich verändert … Er ist so sonderbar geworden.«

Ich sah ihn plötzlich scharf an. Er ist ein alter Freund von uns. Am fünfzehnten Januar war er ebenfalls bei den Ashbridges.

»Was ist, finden Sie mich auch sonderbar?«

Er war so bestürzt, daß er seine Brille zurechtrücken mußte.

»Was wollen Sie damit sagen?«

»Genau das, was ich gesagt habe …Die Leute neigen in letzter Zeit dazu, sich nach mir umzudrehen und zu tuscheln … Isabel schaut mich an, als frage sie sich, was mich wohl anficht, und ich habe den starken Verdacht, daß sie Sie hergeschickt hat…«

»Ich versichere Ihnen, Donald…«

»Bin ich sonderbar, ja oder nein? … Sehe ich so aus, wie ein Mann, der nicht mehr voll zurechnungsfähig ist? …«

»Sie scherzen, nicht wahr?«

»Nicht im geringsten…. Stellen Sie sich nur vor, ich treer mich bisweilen in New York mit einer Freundin, zu der ich sexuelle Beziehungen unterhalte…«

Ich sprach diese Worte mit vor Ironie triefender Stimme aus.

»Überrascht Sie das?«

»Warum sollte mich das überraschen?«

»Wußten Sie es also schon?«

»Ich habe davon gehört …«

»Na, sehen Sie … Und was hat man Ihnen sonst noch erzählt?«

So verlegen, wie er sich fühlte, tat es ihm bestimmt leid, daß er gekommen war.

»Weiß ich nicht mehr… Daß Sie gewisse Entschlüsse fassen könnten…«

»Zum Beispiel?«

»Künftig in New York zu leben …«

»Und mich scheiden zu lassen?«

»Vielleicht.«

»Hat Isabel auch mit Ihnen darüber gesprochen?«

»Nein …«

»Haben Sie sie in jüngster Zeit gesehen?«

»Das hängt davon ab, was Sie ›in jüngster Zeit‹ nennen …«

»Innerhalb eines Monats? …«

»Ich glaube…«

»War sie bei Ihnen in der Sprechstunde?«

»Sie vergessen die ärztliche Schweigepflicht, Donald …«

Er versuchte zu lächeln und diesen Einwand möglichst unbefangen vorzubringen. Darauf erhob er sich, aber ich ließ noch nicht locker.

»Wenn sie bei Ihnen war, dann bestimmt nicht ihrer Gesundheit wegen. Sie ist zu Ihnen gekommen, um mit Ihnen über mich zu sprechen, um Ihnen zu sagen, daß sie sich Sorgen mache, daß ich nicht mehr ich selbst sei.«

»Mir gefällt die Richtung nicht, die dieses Gespräch nimmt…«

»Mir auch nicht, aber ich bin es langsam leid, ein Objekt der Neugier zu sein … Ich habe Sie nicht gerufen. Sie sind hergekommen, unter einem fadenscheinigen Vorwand, um mir auf den Zahn zu fühlen, gewissermaßen meine Temperatur zu messen …

Gibt es irgendwelche Tests, denen Sie mich unterziehen wollen … Oder haben Sie genug gesehen, um meine Frau zu beruhigen? … Erscheine ich Ihnen auch sonderbar, weil ich beginne, den Leuten zu sagen, was ich auf dem Herzen habe? …

Sie sind bei weitem mehr der Freund Isabels als meiner… Das trifft auf all unsere Freunde zu … Isabel ist eine großartige Frau von mustergültigem Pflichteifer, unerschöpflicher Güte …

Na gut, mein lieber Warren, aber mit Pflichteifer und Güte schläft man nicht … Ich habe es zu lange getan, um es nicht satt zu haben … Ich werde nach New York oder sonstwohin fahren, wann es mir paßt, was auch immer die ehrbaren Bürger hierzulande davon halten mögen …

Und was Isabel betrifft, falls sie sich Sorgen macht, beruhigen Sie sie … Ich habe nicht die Absicht, mich scheiden zu lassen und anderswo ein neues Leben anzufangen … Ich werde weiterhin in diesem Büro arbeiten und brav nach Hause gehen …

Also, finden Sie mich immer noch sonderbar?«

Er schüttelte mit betrübter Miene den Kopf.

»Ich weiß nicht, was in Sie gefahren ist, Donald… Haben Sie getrunken? …«

»Noch nicht … Aber ich werde es gleich tun…«

Ich war außer mir. Ich frage mich, warum mich auf einmal diese Wut gepackt hat. Besonders bei dem armen Warren, der allemal der letzte ist, gegen den ich etwas haben könnte.

Pillendoktor nennen die Kinder ihn. Zu seinen Hausbesuchen schleppt er eine Arzttasche mit, die wie der Musterkoffer eines Handlungsreisenden aussieht. Eine ganze Innenseite ist mit Fläschchen und Glasröhrchen bestückt, und sobald er seinen Patienten untersucht hat, läßt er den Blick über seine Kollektion schweifen, sucht ein Fläschchen aus und entnimmt ihm jeweils zwei, vier oder sechs Pillen, die er in eine kleine Tüte gleiten läßt.

Er hat Pillen in allen Farben: rote, grüne, gelbe und solche, die wie ein Regenbogen gestreift sind, die meine Töchter, als sie noch klein waren, natürlich allen anderen verzogen.

»Da…. Nehmen Sie eine Viertelstunde vor dem Abendessen eine und eine weitere vor dem Schlafengehen … Morgen früh…«

Armer Warren! Ich habe ihn völlig aus der Fassung gebracht, und mein Zorn legte sich ebenso schnell, wie er gekommen war.

»Ich bitte Sie um Entschuldigung, mein Lieber…. Aber wenn Sie an meiner Stelle wären, würden Sie mich verstehen…. Was meinen Geisteszustand betrifft, glaube ich, daß Sie sich noch keine Sorgen zu machen brauchen… Oder doch? …«

»Ich habe nicht einen Augenblick lang gedacht …«

»Schon möglich, aber andere haben stellvertretend für Sie daran gedacht… Beruhigen Sie Isabel… Aber sagen Sie ihr nicht, daß ich Sie darum gebeten habe…«

»Sind Sie mir wirklich nicht böse?«

»Nein …«

Ich war ihm nicht böse, aber ich war bedrückt, denn ich fragte mich, ob ich da nicht eben herausgefunden hatte, warum im Blick meiner Frau Besorgnis lag.

Sie war sich meiner und dessen, was sie für seelische Ausgeglichenheit gehalten haben dürfte, immer so sicher gewesen, daß sie sich einen bewußt vollzogenen Wandel einfach nicht vorstellen konnte.

Mir fielen wieder die Zigarettenstummel ein, die sie beiseitigt hatte. War es möglich, daß sie gedacht hat, ich hätte Ray vom Felsen gestoßen?

Erschienen ihr meine Fahrten nach New York und meine enge Beziehung zu Mona, aus der ich in fast unverschämter Weise seit dem Tod meines Freundes kein Hehl machte, nicht als eine Bestätigung dafür?

Wenn das der Fall war, dann konnte ich ja nicht ganz richtig im Kopf sein. Für sie war das die einzig denkbare Erklärung für mein Verhalten …

Ich hatte angekündigt, daß ich etwas trinken würde. So ging ich denn tatsächlich über die Straße, um mir in der Kneipe gegenüber, in der hauptsächlich Fernfahrer verkehren und die ich fast nie betrete, einen Scotch zu genehmigen.

»Noch einen, bitte …«

Auch hier starrte man mich natürlich an, und wäre Lieutenant Olsen hereingekommen, hätte ihm mein Verhalten sicher zu denken gegeben.

Einer mehr, der seine Zweifel hat. Es wundert mich, daß er keinen neuen Angriff gestartet hat. War er davon überzeugt, daß ein simpler Unfall an Rays Tod schuld war?

Es mußte sich zu ihm herumgesprochen haben, daß ich Monas Liebhaber bin und daß man uns in New York bisweilen Arm in Arm antrifft.

Ich trank kein drittes Glas mehr, obwohl ich Lust darauf hatte, sondern überquerte erneut die Fahrbahn und kehrte in mein Büro zurück.

»Fahren Sie diese Woche nach New York?« wollte Higgins wissen.

»Warum fragen Sie?«

»Weil ich Sie, falls Sie hinfahren, bitten möchte, für mich etwas zu erledigen … In welcher Gegend steigen Sie ab?«

»In der sechsundfünfzigsten Straße …«

»Es handelt sich um ein Dokument, das im belgischen Konsulat, im Rockefeller Center, zu Protokoll genommen werden sollte…«

»Vielleicht fahre ich am Donnerstag…«

»Hören Sie, Sie haben den armen Warren ja ganz schön fertiggemacht … Wenn ich es auch noch so gern vermieden hätte, ich kam nicht umhin, alles mitanzuhören .«

»Finden Sie mich denn auch sonderbar?«

»Sonderbar nicht, aber verändert haben Sie sich schon. Sogar so sehr, daß ich mich bereits gefragt habe, ob Sie hierbleiben würden oder ob ich mir vielleicht einen neuen Partner würde suchen müssen… Für mich wäre das eine Katastrophe… Könnten Sie sich etwa vorstellen, daß ich in meinem Alter noch einen Jungen einarbeite? Haben Ihnen die Millers nicht angeboten, bei ihnen einzusteigen? …«

»Nein …«

»Das wundert mich …«

Ich sagte nicht die Wahrheit. Es stimmte zwar, daß sie mir keinen konkreten Vorschlag gemacht hatten, dennoch hatten sie sich nach meinen Plänen erkundigt, nach meinem Leben in Brentwood, und ich hatte begriffen, worauf sie hinauswollten.

Auch sie täuschten sich in meinen Beziehungen zu Mona. Sie glaubten, es sei die große Liebe, und meinten, ich würde mich binnen weniger Wochen in New York niederlassen, um mit ihr zusammenzuleben und sie zu heiraten.

Dann wäre ich wirklich in Rays Fußstapfen getreten!

»Auf jeden Fall bin ich froh, daß Sie bleiben …«

Aus seinem Büro mit Blick auf die Straße hatte er mich in die Kneipe gegenüber gehen sehen, was keineswegs zu meinen Gepflogenheiten gehörte.

Was mochte sich dieser alte Schlaufuchs, der eher wie ein gerissener Viehhändler als wie ein Anwalt aussah, dabei gedacht haben?

Sei’s drum! Sollten sie alle miteinander doch denken, was sie wollten, Isabel natürlich eingeschlossen, nein, Isabel allen voran!

Als ich nach Hause kam, empfing sie mich mit süßlichem Lächeln, als wäre ich ein beklagenswerter oder kranker Mensch.

Das ist ein Spiel, das ich allmählich nur schwer ertrage und an das ich mich erst gewöhnen mußte. Ich sollte mich ein für allemal dazu durchringen, mich nicht mehr um ihre Blicke zu kümmern.

Sie spielt es mit Bedacht. Es ist ihre Geheimwaffe. Sie weiß, daß ich es zu durchschauen versuche, daß es mir Unbehagen verursacht und mir mein Selbstvertrauen raubt.

Sie verfügt über eine ganze Skala von Blicken, deren sie sich wie ausgeklügelter Werkzeuge bedient. Auf Worte könnte ich antworten, aber man antwortet nicht auf Augen.

Würde ich sie fragen: »Warum siehst du mich so an?« Sie würde mit einer Gegenfrage antworten: »Wie sehe ich dich denn an?« Auf alle möglichen Arten. Das ändert sich von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde. Manchmal sind ihre Augen ganz leer, und das irritiert mich vielleicht am meisten. Sie sitzt da. Wir essen. Ich lasse ein paar Worte fallen, damit kein peinliches Schweigen aufkommt.

Und sie stiert mich geistesabwesend an. Sie stiert auf meine Lippen, die sich bewegen, wie man auf das Maul eines Fisches stiert, das er in seinem Glas aufmacht und wieder zuklappt.

Ein andermal kneift sie dagegen die Augen zusammen und fixiert mich, als stelle sie sich eine beängstigende Frage.

Was für eine Frage? Hatte sie nach siebzehn Jahren immer noch welche?

Ihre Haltung, ihre Posen, ihre Art, den Kopf nach links zu neigen, der Anflug eines Lächelns, das um ihre Lippen spielt, das alles ändert sich nicht, bleibt immer gleich. Sie ist wie eine Statue.

Unglücklicherweise ist diese Statue meine Frau, und sie hat Augen.

Am seltsamsten ist es, wenn ich mich morgens und abends über sie beuge und ihre Stirn oder ihre Wange mit meinen Lippen streife. Da rührt sie sich nicht, zuckt nicht zusammen.

»Guten Morgen, Isabel…«

»Guten Morgen, Donald…«

Es ist nicht anders, als wenn ich eine Zehn-Cent-Münze in den Schlitz eines Opferstocks in der Kirche stecke.

In jüngster Zeit achtete ich darauf, mich nicht mehr vor ihr zu entkleiden. Es hätte mich ebenso verlegen gemacht, wie es mich verlegen machte, sie halbnackt zu sehen.

Sie tat es nach wie vor. Absichtlich. Nicht schamlos. Sie ist stets sehr schamhaft gewesen. Es war, als beharrte sie auf einem angestammten Recht.

Es gab nur zwei Männer auf der Welt, vor denen sie sich ausziehen durfte: ihren Ehemann und ihren Arzt.

Hatte Warren sie nach unserem Streit angerufen? Hatte er sie beschwichtigt? Hatte er ihr erzählt, was sich abgespielt hatte?

Es gab Momente, in denen ich gern Krach geschlagen hätte, wie an jenem Morgen im Büro. Ich hielt mich zurück. Diese Genugtuung gönnte ich ihr nicht. Denn sie hätte es ausgekostet.

Nicht genug, daß sie intelligent, edel, selbstlos, duldsam und, was weiß ich, was sonst noch war, aber damit hätte ich ihr obendrein die Palme des Martyriums überreicht.

Ich haßte sie wirklich. Und mir wurde klar, daß das nicht einmal so sehr ihre Schuld war. Meine auch nicht. Sie verkörperte einfach all das, worunter ich gelitten hatte, die erstickende Enge meines Lebens, diese Demut, die ich mir selbst auferlegt hatte.

»Bohr nicht in der Nase …«

»Alte Menschen muß man ehren …«

»Wasch dir die Hände, Donald…«

»Man stützt sich nicht mit den Ellbogen auf den Tisch …«

Diese Sätze hatte nicht Isabel gesprochen. Sie stammten von meiner Mutter. Aber Isabels Blicke hatten mir siebzehn Jahre lang genau dasselbe gesagt.

Ich weiß, daß ich das nur mir selbst vorzuwerfen habe, denn ich hatte sie mir selbst erkoren.

Und, was am schlimmsten war, ich hatte es mit voller Absicht getan.

Damit sie über mich wachte? Damit sie über mich richtete? Damit sie mich daran hinderte, zu große Dummheiten zu begehen?

Schon möglich. Es fällt mir schwer, mich in die Stimmung zurückzuversetzen, in der ich war, als ich sie kennenlernte. Ich war damals unschlüssig, ob ich mich Ray in New York anschließen sollte. Es war auch die Rede von einer Stelle in Los Angeles, die mich reizte.

Was hätte aus mir werden können? Was wäre ohne Isabel aus mir geworden?

Hätte ich eine Mona geheiratet?

Hätte ich wie Ray viel Geld verdient und mich dabei so verachtet, daß ich von Selbstmord gesprochen hätte?

Ich weiß es nicht. Mir ist es lieber, es nicht zu wissen, mir keine Fragen mehr zu stellen. Ich hätte wohl gern eine Akte anlegen wollen, sehr sauber, sehr ordentlich, ohne verwischte Stellen.

Ich bin weit davon entfernt.

Und, in meinem Alter, spähe ich immer noch nach den Blicken meiner Frau!

2

Die Osterferien verliefen unerquicklich. Das Wetter war strahlend, jeden Tag schien, noch ein wenig krafllos, die Sonne, und es zeigten sich nur einige golden schimmernde Wolken am Himmel. Auf dem felsigen Gelände unter den Fenstern des Wohnzimmers wimmelte es von Blumen, und das Summen der Bienen erfüllte die Luft.

Obwohl es noch kühl war, badeten die Mädchen im Swimmingpool, und auch ihre Mutter wagte sich zwei- oder dreimal hinein. Wir machten einen Ausflug auf die Halbinsel Cape Cod, wo wir am Strand eines nur leicht gekräuselten Meers stundenlang barfuß durch den Sand liefen.

Im Grunde fühlte ich mich nicht mehr als Ehemann und auch nicht mehr als Vater. Ich war gar nichts mehr. Eine leere Hülle. Ein Automat. Selbst mein Beruf als Anwalt interessierte mich nicht mehr, und ich sah die Durchtriebenheit meiner Klienten nur allzu deutlich.

Doch ich war nicht mehr wert als sie. Ich hatte nichts unternommen, um zu verhindern, daß Ray am Fuße des Felsens im Schnee starb. Es kam nicht darauf an, ob mein Einsatz an seinem Schicksal etwas geändert hätte oder nicht. Die nackte Tatsache war, daß ich mich auf die rote Bank in der Scheune gesetzt hatte.

Und nach und nach, während ich vor dem Blizzard geschützt meine Zigaretten rauchte, hatte ich bei dem Gedanken, daß er vielleicht schon tot war oder bald sterben würde, eine sinnliche Befriedigung empfunden, und in meiner Brust war ein Gefühl der Wärme aufgestiegen.

In jener Nacht hatte ich herausgefunden, daß ich ihn, — seit ich ihn kannte, unablässig beneidet hatte und daß ich ihn eigentlich nicht hatte ausstehen können.

Ich war weder der Freund noch der Ehemann, der Vater oder der Bürger, deren Rolle ich gespielt hatte.

Das war nur eine Fassade gewesen. Der ausgebleichte Sarg der Heiligen Schrift.

Und was blieb übrig?

Diese ganze Ferienzeit, die mir kein Entrinnen ermöglichte, nutzte Isabel dazu, mich aufmerksamer denn je zu beobachten.

Man hätte meinen können, sie freue sich über meine Verstörtheit. Sie wäre nicht auf die Idee gekommen, mir zu helfen. Im Gegenteil, sie schaffte es auf teuflische Weise, meinen Kopf unter Wasser zu halten.

So versuchte ich zum Beispiel ein paarmal, ein Gespräch mit Mildred anzuknüpfen. Sie ist allmählich alt genug, ernsthafte Themen anzuschneiden. Doch jedesmal lähmte mich Isabels Blick.

Dieser Blick schien zu sagen:

»Armer Donald … Siehst du denn nicht, daß du nichts erreichen wirst, daß deine Töchter keinerlei Kontakt zu dir haben?…«

Dabei hatte dieser Kontakt bestanden, als sie noch klein waren. Damals waren sie eher zu mir als zu ihrer Mutter gekommen.

Welches Bild machen sie sich jetzt von mir? Ich zähle nicht mehr. Wenn man mich nach meiner Meinung fragt, wartet man meine Antwort nicht ab.

Ich bin der Herr, der seine Tage in einem Büro zubringt, um das nötige Geld zu verdienen, ein Herr, der in die Jahre kommt, dessen Züge sich zu zerfurchen beginnen, der nicht mehr spielen und nicht mehr lachen kann.

Ist Isabel sich dessen bewußt, daß sie sich in Gefahr begibt? Schon möglich. Ich gestehe, daß ich es nicht mehr weiß. Ich bin es langsam leid, ihre Blicke zu deuten, ihre auf mich gerichteten Augen zu beobachten.

Mit den Kindern ist sie vergnügt, da steckt sie voller Pläne. Jeden Morgen dachte sie sich eine angenehme Beschäftigung für den Tag aus. Angenehm für sie und die beiden Mädchen, wohlgemerkt.

Wir unternahmen mehrere Ausflüge, davon zwei in die Berge. Ich habe einen Abscheu vor Ausflügen, Picknicks, langen Wanderungen im Gänsemarsch, bei denen man mechanisch am Wegrand Wildblumen abreißt.

Isabel strahlte. Wenigstens dann, wenn sie sich unseren Töchtern zuwandte. Sobald sie mich anschaute, mit mir sprach, wurde sie wieder wie eine Mauer.

Hat sie die Absicht, mich fertigzumachen? Mir scheint es, als wolle sie bis zum Äußersten gehen, um mir dann vielleicht die Hand zu reichen und dabei zu murmeln:

»Armer Donald …«

Ich bin nicht der arme Donald. Ich bin ein Mann, ein Mann mit Fug und Recht, aber das würde sie nie anerkennen.

Die Kinder müssen diese Spannung gemerkt haben.

Ich spüre bei meinen Töchtern eine gewisse Zurückhaltung, eine Art Mißbilligung, besonders dann, wenn ich mir etwas zu trinken eingieße.

Wie von ungefähr antwortet Isabel zur Zeit jedesmal, wenn ich ihr einen Scotch anbiete, züchtig:

»Nein, danke…«

Ich muß allein trinken. Ich übertrieb kein einziges Mal. In meinem Benehmen gab es nie auch nur die geringste Entgleisung. Ich hatte keine schwere Zunge, und ich war nie überdreht.

Dennoch beobachten mich meine Töchter, sobald ich ein Glas in der Hand habe, als beginge ich eine Sünde.

Das ist neu. Sie haben ihre Mutter und mich oft das eine oder andere Glas trinken sehen. Ob Isabel etwas zu ihnen gesagt hat?

Zwischen ihnen besteht so etwas wie ein geheimes Einverständnis, das gleiche Einverständnis wie zwischen Isabel und meinem Vater. Ihr ist es von Natur aus gegeben, sympathisch zu sein, Bewunderung und Vertrauen hervorzurufen.

Sie ist ja so edel, so verständnisvoll!

Sie täte besser daran, auf der Hut zu sein, denn über kurz oder lang könnte ich es satt haben. Ich habe mir eine bestimmte Verhaltensweise angeeignet. Danach richte ich mich, aber allmählich beginne ich mit den Zähnen zu knirschen.

Ich fuhr die Mädchen nicht nach Litchfield zurück, das überließ ich meiner Frau. Absichtlich. Damit sie ihnen in aller Ruhe die Ohren vollsingen konnte. Im Grunde genommen tat ich es aus Trotz.

»Ihr braucht euch wegen der Schrullen eures Vaters nichts zu denken, Kinder… Er macht eine schwere Zeit durch…. Der Unfall von Ray hat ihn sehr mitgenommen, und seine Nerven haben sich davon noch nicht erholt …«

»Aber warum trinkt er denn, Mama?«

Sie könnte ihnen antworten, daß ich nicht mehr trinke als jeder x-beliebige unserer Freunde. Sicher tut sie das nicht.

»Na eben wegen seiner Nerven … Um sich wieder auf den Damm zu bringen …«

»Manchmal schaut er uns an, als würde er uns kaum kennen …«

»Ich weiß…. Er verkriecht sich in sich selbst…. Ich habe mit Doktor Warren darüber gesprochen, und er hat ihn aufgesucht …«

»Ist Dad krank?«

»Es ist keine Krankheit im eigentlichen Sinn…. Es hat mit seinem Gemüt zu tun … Er macht sich allerlei Gedanken…«

»Ist es das, was man Neurasthenie nennt?«

»Vielleicht… So etwas Ähnliches … Das kommt bei Männern in seinem Alter oft vor…«

Reden die drei in dieser Weise über mich? Ich würde darauf schwören. Ich kann sie direkt hören. Isabels sanfte, geduldige Stimme, während sie ihren Kindern einen innigen Blick schenkt.

Wie beruhigend, so angesehen zu werden! Man hat den Eindruck, von einer edlen, unverdorbenen Seele, der die Jahre nichts anhaben können, förmlich überspült zu werden.

Ich werde wütend. Im Büro fängt jetzt auch meine Sekretärin an, mich mit Besorgnis zu beobachten.! Wenn das so weitergeht, werden bald alle Leute mit mir Mitleid haben.

Ist es Mitleid oder Angst?

Ich merke, daß selbst Higgins befremdet ist. Für diesen alten Gauner ist das Leben einfach. Jeder steht für sich allein. Alle Schläge sind erlaubt, solange das Gesetz gewahrt bleibt. Und es gibt tausend legale Möglichkeiten, das Gesetz zu verdrehen.

Das ist sein Beruf. Er übt ihn mit ungebrochener Dreistigkeit aus, ohne die leisesten Gewissensbisse.

Lieutenant Olsen fuhr an mir vorbei, als ich auf dem Weg zur Post war, und er winkte mir vom Steuer des Polizeiautos aus flüchtig zu. Ob er immer noch über Ray nachdenkt? Leute seines Schlags, wenn die sich etwas in den Kopf gesetzt haben …

Na schön! Wenn schon! Ich rief Mona vom Büro aus an. Ohne mich zu genieren. Meine Sekretärin und Higgins konnten hören, was ich sagte, denn wir pflegten unsere Türen offenzulassen, es sei denn, einer von uns hatte einen Klienten zu Besuch.

Als das Telefon lange klingelte, befürchtete ich schon, sie wäre von Long Island noch nicht zurück gekommen, wo sie ein paar Tage bei Freunden verbracht hatte, die dort ein Anwesen mit Pferden und einer Yacht besaßen. Ich kannte sie nicht. Sie hatte mir auch deren Namen nicht gesagt, und ich hatte sie nicht danach gefragt.

Ray und sie hatten viele Freunde gehabt. Sie hatte schon viele gehabt, bevor sie Ray kennenlernte. Wenn wir durch die Straßen gingen, begrüßten sie oft Leute mehr oder minder freundschaftlich, manche riefen ihr zu:

»Hallo, Mona…«

Da ich nun mal mit ihr zusammen unterwegs war, grüßte ich dann auch, etwas linkisch, aber ich stellte ihr keine Fragen. Bisweilen sagte sie mir, als ob das schon alles erklärte:

»Das ist Harris …«

Oder:

»Das ist Helen …«

Welcher Harris? Welche Helen? Wahrscheinlich Bekannte vom Theater, vom Film oder vom Fernsehen. Ray hatte sich bei den Millers viel mit der Finanzierung von Fernsehproduktionen beschäftigt. Darauf hatte er sich spezialisiert, und wahrscheinlich hatte er deshalb seine Frau gebeten, nicht mehr zu spielen. Das hätte ihn in eine heikle Lage bringen können.

Aber jetzt? Würde sie nicht Lust bekommen, wieder zu arbeiten? Darüber sprach sie mit mir nicht. Auf diesem Gebiet pflegten wir keine Vertraulichkeiten. Es gab in ihrem Leben einen großen Bereich, von dem ich nichts wußte.

»Hallo, Mona? …Ja, hier ist Donald…«

»Wie hast du die Ferien verbracht?«

»Schlecht … Und du, auf Long Island?…«

»Ein bißchen hektisch… Ich habe nicht eine Minute für mich allein gehabt … Jeden Tag sind andere Freunde gekommen, bis zu zehn oder zwanzig auf einmal…«

»Bist du geritten?«

»Ich bin sogar vom Pferd gefallen, zum Glück habe ich mich nicht verletzt …«

»Warst du auch auf der Yacht?«

»Zweimal … Ich bin ganz braungebrannt …«

»Hast du morgen Zeit?«

»Moment mal… Welchen Wochentag haben wir heute? …«

»Mittwoch.«

»Um elf Uhr?«

»Gut, ich bin um elf bei dir…«

Das war unsere Zeit, die Zeit, in der sie Toilette machte und die ich am meisten genoß, selbstvergessen, in einem Gefühl ungetrübter Vertrautheit.

Am nächsten Tag war der Himmel klar, lavendelfarben, und nur über den Bergen hingen die golden schimmernden Wölkchen, die wie auf einem Gemälde ein für allemal dort hingetupft schienen. Es gab nur wenige Abende, an denen diese Wölkchen verschwanden oder sich zu langen, fast roten Streifen ausdehnten.

Ich machte mich beschwingt auf den Weg.

»Kommst du heute abend zurück?«

»Wahrscheinlich …«

Wunderte sich Isabel, warum ich immer seltener in New York übernachtete? Stellte sie sich vor, daß sich zwischen Mona und mir etwas verändert hatte? Oder daß ich anfing, mich zu besinnen, daß ich vermeiden wollte, noch mehr ins Gerede zu kommen?

Ich hasse sie.

Ich hatte lange nach einem Parkplatz gesucht, bevor ich das Haus in der sechsundfünfzigsten Straße betrat.

Ich stürzte auf den Fahrstuhl zu. Ich klingelte. Die Tür öffnete sich augenblicklich, und vor mir stand Mona in einem leichten smaragdgrünen Kostüm und mit einem kleinen weißen Hut auf dem Kopf, der über dem linken Ohr etwas tiefer saß.

Ich blieb sprachlos stehen. Sie gab sich überrascht, als wäre sie auf diese Reaktion nicht gefaßt gewesen.

»Mein armer Donald …«

Ich mag nicht der arme Donald sein, nicht einmal für sie. Ich konnte sie nicht so in die Arme schließen, wie wenn sie mich im Morgenmantel empfangen hätte.

»Enttäuscht?«

Wir küßten uns trotzdem. Ihr Gesicht war wirklich braungebrannt, was sie verändert aussehen ließ.

»Ich habe Lust gehabt, heute morgen mit dir im Central Park spazierenzugehen … Hast du etwas dagegen?«

Meine Miene hellte sich auf. Das war eine hübsche Idee. Das Wetter war dafür wie geschaffen, und wir hatten ohnehin den Frühling noch nicht gemeinsam begrüßt.

»Möchtest du etwas trinken, bevor wir losgehen?«

»Nein …«

Sie wandte sich zur Küche.

»Janet, ich werde zum Mittagessen nicht da sein …«

»Ist gut, Madam …«

»Falls ich am Telefon verlangt werde, sagen Sie, daß ich so gegen zwei oder drei Uhr zurückkomme …«

Es war nicht das erste Mal, daß wir über die Gehsteige schlenderten, aber diesmal war die Luft milder als sonst, das Licht war sehr sanft, und zwischen den Wolkenkratzern leuchtete der Himmel erstaunlich klar.

Vor dem »Hotel Plaza« sahen wir die wenigen Fiaker, die auf Touristen und Liebespaare warteten. Für einen Augenblick kam mir der Gedanke, in einen einzusteigen. Doch Mona beachtete sie nicht. Ihre Hand lag leicht und locker auf meinem Arm.

»Wie geht es Mildred und Cecilia?«

»Sehr gut… Sie haben die Ferien mit uns verbracht…. Wir haben mehrere Ausflüge gemacht, und wir sind sogar nach Cape Cod gefahren …«

Wir steuerten langsam auf das Wasserbecken zu, auf dem Ray und ich im Winter einmal Schlittschuh gelaufen waren, als wir noch Studenten gewesen waren und uns eine Nacht in New York geleistet hatten.

Ich nahm auf meinem Arm einen etwas stärkeren Druck der Finger im weißen Handschuh war.

»Ich muß mit dir reden, Donald…«

Komisch. Nicht im Rücken, sondern im Kopf spürte ich einen kalten Lufthauch, und mit einer Stimme, die ich kaum selbst wiedererkannte, sagte ich:

»Ja?«

»Wir sind doch alte Freunde, nicht wahr? … Du bist der beste Freund, den ich je gehabt habe…«

Mütter paßten auf Kinder auf, die noch auf unsicheren Beinen standen. Ein zerlumpter Mann, der nichts mehr zu erhoffen hatte, schlief auf einer Bank und sah so erbärmlich aus, daß man unweigerlich den Blick abwenden mußte.

Wir gingen langsam. Mit gesenktem Kopf sah ich die Kieselsteine unter meinen Schuhsohlen verschwinden.

»Kennst du John Falk?«

Ich hatte seinen Namen schon irgendwo gelesen. Er schien mir sogar ziemlich vertraut, im Moment konnte ich ihn jedoch nirgends einordnen. Ich versuchte es auch nicht. Ich erwartete den Urteilsspruch. Denn all das würde unausweichlich in einen Urteilsspruch münden.

»Er ist der Produzent der drei besten Serien im CBS …«

Darauf wußte ich nichts zu sagen. Ich hörte die Geräusche des Parks, die Vögel, die Kinderstimmen, den Verkehrslärm, der von der Fifth Avenue herüberdrang. Ich sah Enten auf dem Rasen ihr Gefieder glätten und andere, die auf dem Wasser schwammen und deren Kielwasser Dreiecke formte.

»John und ich kennen uns schon lange … Er ist vierzig… Er ist seit drei Jahren geschieden und hat eine kleine Tochter…«

Und um es hinter sich zu bringen, fügte sie schnell hinzu:

»Wir wollen heiraten, Donald …«

Ich sagte nichts. Ich hätte nichts sagen können.

»Bist du traurig?«

Beinahe hätte ich über dieses Wort gelacht. Traurig? Ich war am Boden zerstört. Ich war…. Das läßt sich nicht erklären … Für mich war nun alles aus, das war’s …

Bisher hatte ich mir noch etwas bewahrt, mir war Mona geblieben, selbst wenn unsere Beziehung nur lose war, selbst wenn zwischen uns von Liebe keine Rede sein konnte.

Ich sah das Boudoir wieder vor mir, die Bewegung, mit der sie ihre Lippen vorwölbte, um sie zu schminken, den Morgenmantel, den sie hinter sich zu Boden gleiten ließ.

»Verzeih mir…«

»Was denn?«

»Daß ich dir weh tue … Ich spüre, daß ich dir weh tue …«

»Ein bißchen schon«, sagte ich schließlich und benutzte selbst auch einen lächerlich untertriebenen Ausdruck.

»Ich hätte schon früher mit dir darüber sprechen sollen… Seit einem Monat zögere ich es hinaus… Ich wußte nicht, wofür ich mich entscheiden sollte … Ich hatte sogar mit dem Gedanken gespielt, eine Begegnung zwischen dir und John zu arrangieren und dich dann um Rat zu fragen …«

Wir sahen uns nicht an. Damit hatte sie wohl gerechnet. Deshalb hatte sie mich in den Park geschleppt. Wenn man sich inmitten all der Spaziergänger bewegt, muß man sich beherrschen.

»Wann habt ihr vor…«

»Oh, nicht gleich… Es gibt ja gesetzliche Fristen, die einzuhalten sind … Außerdem müssen wir erst eine andere Wohnung finden, denn Monica wird bei uns leben …«

Die kleine Tochter hieß also Monica.

»Ihr Vater hat das Sorgerecht zugesprochen bekommen… Er betet sie an…«

Aber ja! Warum auch nicht! Und inzwischen kam dieser John Falk wohl, denn so hieß er ja, und schlief schon in dem breiten Bett in der sechsundfünfzigsten Straße.

Wahrscheinlich. In aller Kameradschaft, wie Mona zu sagen pflegte. Nein, bei ihnen war es nicht Kameradschaft, zumal sie ja heiraten wollten.

»Es tut mir sehr leid, Donald … Aber wir bleiben doch gute Freunde, nicht wahr? …«

Und sonst?

»Ich habe John von dir erzählt.«

»Hast du ihm die Wahrheit gesagt?«

»Warum denn nicht? Er hält mich nicht für eine Jungfrau…«

Dieses Wort, hier im sonnenüberfluteten Park so unerwartet ausgesprochen, schockierte mich. Ich war in Mona nicht verliebt, ich schwöre es. Das wird mir zwar niemand glauben, aber es ist dennoch die Wahrheit.

Es war nicht nur die Frau, die ich in ihr sah, es war …

Es war einfach alles. Und nichts. Man muß wohl annehmen, daß es nichts bedeutet hatte, wenn sie das Band so leicht zerschneiden konnte.

Sie würde wieder im Fernsehen auftreten. Ich würde sie auf meinem Bildschirm sehen können, drüben in Brentwood, Seite an Seite mit Isabel in der Bibliothek.

»Ich habe mir gedacht, wir essen irgendwo, wo du möchtest, miteinander zu Mittag …«

»Ist er derjenige, der nach zwei oder drei Uhr anrufen soll?«

»Ja …«

»Weiß er, daß ich hier bin?«

»Ja …«

»Weiß er, daß du mit mir in den Central Park gegangen bist?«

»Nein … Auf die Idee bin ich erst gekommen, während ich mich anzog…«

Während sie sich nicht vor mir anzog, wie sie es bisher gelassen und ohne jede Scheu zu tun pflegte. Während sie sich allein anzog! Oder vielleicht in Gesellschaft von Janet.

»Das wird hart werden, Janet …«

»Er wird es verstehen, Madam …«

»Sicher wird er es verstehen, aber er wird trotzdem darunter leiden …«

»Wenn man sich alles versagen müßte, worunter andere leiden…«

Mona zündete sich eine Zigarette an, schielte dabei aus dem Augenwinkel nach mir, und ich lächelte ihr zu. Jedenfalls sollte es ein Lächeln sein.

»Wirst du mich besuchen?«

»Ich weiß es nicht …«

Das hieß nein. Mich verband nichts mit Mr. und Mrs. Falk. Auch nicht mit dem kleinen Mädchen, das Monica hieß.

Mädchen hatte ich selbst zwei.

Mir schien es, als brenne die Sonne gnadenloser als in den vergangenen Tagen. Wir betraten eine Bar des »Plaza«.

»Zwei doppelte Martini …«

Ich hatte sie nicht danach gefragt, was sie wollte. Ob sie mit Falk etwas anderes trank? Ein letztes Mal behielt ich unsere Gewohnheit bei.

»Auf dein Wohl, Donald …«

»Auf deins, Mona …«

Das war am schwersten. Als ich ihren Namen aussprach, hätte ich beinahe hemmungslos zu schluchzen begonnen. Diese zwei Silben…

Wozu sollte ich versuchen, es zu erklären? Ich sah mich zwischen den Flaschen im Spiegel.

»Wo möchtest du zu Mittag essen?«

Sie überließ die Wahl mir. Das war mein Tag. Mein letzter Tag. Also kam es darauf an, daß alles so gut wie möglich verlief.

»Wir könnten in unser kleines französisches Restaurant gehen…«

Ich schüttelte den Kopf. Ich zog es vor, in einer Menschenmenge unterzutauchen, an einem Ort ohne Erinnerungen.

Wir aßen im »Plaza«, und der große Speisesaal war vollbesetzt. Wie zum Hohn schlug ich Gänseleberpastete vor, und sie stimmte zu. Dann Hummer. Das reinste Galadiner!

»Möchtest du zum Nachtisch Crêpes Suzette?«

»Warum nicht?«

Sie glaubte, mir mit ihrer Zustimmung eine Freude zu machen. Doch ich merkte wohl, daß sie von Zeit zu Zeit auf die Uhr schaute.

Ich nahm es ihr nicht übel. Sie hatte mir gegeben, was sie mir hatte geben können, bezaubernd, mit animalischer, rührender Zärtlichkeit, und ich stand dafür in ihrer Schuld.

Irgendwann sah ich ihre Hand auf dem Tischtuch liegen, genau so, wie ich sie an jenem Januartag auf dem Fußboden gesehen hatte, und mich überkam dasselbe Verlangen, meinen Arm auszustrecken und nach dieser Hand zu greifen …

»Nur Mut, Donald …«

Sie merkte es.

»Wenn du wüßtest, wie schwer mir das fällt …«, sagte sie seufzend.

Dann gingen wir zu Fuß bis zu ihrem Haus. Ich hätte gern gestammelt:

»Ein letztes Mal, ja? …«

Mir schien es, als wäre es danach leichter gewesen.

Ich blickte zu den Fenstern im dritten Stock hinauf, dann betrat ich die Eingangshalle.

»Auf Wiedersehen, Donald …«

»Leb wohl, Mona…«

Sie warf sich in meine Arme, und ohne sich um ihr Make-up zu kümmern, küßte sie mich sehr lange, sehr innig….

»Ich werde dich nie vergessen…«, versicherte sie atemlos.

Dann öffnete sie sehr schnell, fast fieberhafl die Tür zum Fahrstuhl.

3

Seither ist ein Monat verstrichen, und mein Haß auf Isabel hat sich nur noch vergrößert. Wie zu erwarten stand, hat sie es sofort gemerkt, als sie mich nach Hause kommen sah. Dabei bin ich nicht einmal betrunken gewesen. Ich hatte gar nicht das Bedürfnis gehabt, etwas zu trinken.

Während ich mein Auto über den Taconic Parkway steuerte, skizzierte ich in Gedanken das Leben, das mir nun vom Aufwachen bis zum Schlafengehen bevorstand: jeden einzelnen Handgriff, das Hin und Her von einem Zimmer zum anderen, das Postamt, das Büro, meine Sekretärin, die uns bald verlassen würde, das Mittagessen, wieder das Büro, meine Klienten, die Post, das Glas Scotch beim Nachhausekommen, das Abendessen zu zweit, die Zeit vorm Fernsehapparat, mit einer Zeitung oder mit einem Buch …

Ich ließ keine Einzelheit aus. Im Gegenteil, ich arbeitete jede fein säuberlich aus, wie mit Tusche.

Oder wie einen Kupferstich, ein ganzes Album voller Kupferstiche über das Leben eines Mannes namens Donald Dodd.

Isabel hat nichts gesagt, das wußte ich im voraus. Ebenso hatte ich vorhergesehen, daß in ihr kein Mitleid aufkommen würde, doch das hätte ich auch nicht gewollt. Es gelang ihr immerhin, ihren Triumph zu verbergen, die Ausdruckslosigkeit ihrer Augen beizubehalten.

Dann, in den darauffolgenden Tagen, fing sie wieder an, mich zu beobachten, wie man einen Kranken beobachtet, während man sich fragt, ob er sterben oder genesen würde.

Ich starb nicht. Mein Mechanismus funktionierte reibungslos. Ich war gut dressiert. Meine Bewegungen blieben dieselben, ebenso die Worte, die ich sprach, mein Verhalten bei Tisch, im Büro und abends in meinem Sessel.

Warum belauerte sie mich immer noch? Was erhoffte sie sich?

Sie war nicht zufrieden, das spürte ich. Sie hätte etwas anderes gebraucht. Meinen vollständigen Zusammenbruch?

Ich brach nicht zusammen. In der darauffolgenden Woche war Higgins überrascht, als er merkte, daß ich nicht nach New York fuhr. Meine Sekretärin auch.

Noch eine Woche später war er erleichtert, weil er begriffen hatte, daß das, was er vermutlich »mein Verhältnis« genannt hatte, zu Ende war.

Ich würde also in die Welt der ehrbaren Leute, der normalen Menschen zurückkehren. Ich hatte eine Art moralischer Grippe durchgestanden, von der ich mich ganz langsam wieder erholte.

Er behandelte mich liebenswürdig, aufmunternd und kam mehrmals am Tag in mein Büro, um mit mir Dinge zu besprechen, über die er mir sonst nur ein paar Worte im Vorübergehen gesagt hätte.

Mußte man mir nicht dazu verhelfen, wieder Geschmack am Leben zu finden? Ich begegnete auch Warren wieder, auf dem Postamt, wo viele Leute morgens ihre Post abholten. Eingedenk des Empfangs, den ich ihm zuletzt bereitet hatte, zögerte er, auf mich zuzugehen, entschloß sich dann aber doch dazu.

»Sie sehen gut aus, Donald …«

Na also!

Ich vermied es, nach New York zu fahren, selbst wenn es zweckmäßig gewesen wäre, und bemühte mich, alles telefonisch oder schriftlich zu regeln. Eines Tages, als meine Anwesenheit unerläßlich schien, bat ich Higgins, mich zu vertreten, und er willigte hastig ein.

Das bedeutete doch, daß ich genesen oder fast genesen war!

Hätten sie alle miteinander n