/ Language: Deutsch / Genre:prose_contemporary

Der Mann mit dem kleinen Hund

Georges Simenon


Der Mann mit dem kleinen Hund

Georges Simenon

1964

1

Felix Allard, achtundvierzigjährig, einst Philosophie- und Literatur-Student, Bauunternehmer, dann Sträfling, lebt jetzt allein. Er arbeitet in einer Buchhandlung und geht täglich mit Bib, seinem Hund, spazieren. Manchmal versucht er verstohlen, von ferne seine Frau, seine beiden Kinder und Monique zu betrachten, die Witwe seines Freundes Cornille. Aber Allard ist des Lebens müde geworden.

»Cornille hatte nicht das Recht, mir meine Würde und meine Selbstachtung zu nehmen. Niemand hat das Recht dazu, denn ohne diese Selbstachtung hört der Mensch auf, ein Mensch zu sein.«

»Simenon erzählt die triste Geschichte des kleinen Angestellten in einer Buchhandlung, Felix Allard, mit der Meisterschaft eines Autors, der mit psychologisch scharfem Blick in die Abgründe der Seele zu loten versteht.« Neue Zürcher Zeitung

Inhaltsverzeichnis

I  Das blaue Heft

Mittwoch, 13. November

Freitag, 15. November

Samstag, 16. November 2 Uhr morgens

Sonntag, 17. November 11 Uhr vormittags

II  Das gelbe Heft

Montag, 18. November 9 Uhr abends

Mittwoch, 20. November 10 Uhr abends

Donnerstag, 21. November

Montag, 25. November

Teil I

Das blaue Heft

Mittwoch, 13. November

Ob die Begebenheit am letzten Sonntag die Bedeutung hat, die ich ihr beimesse? »Begebenheit« ist eigentlich schon eine Übertreibung. Eine zufällige Begegnung auf der Straße war das, sonst nichts; die Begegnung mit einem unbekannten Paar in der Menge. Ein Blickwechsel, das war alles.

Und doch — seit drei Tagen hat sich meine Gemütsverfassung gewandelt. Entschlüsse, die ich für endgültig gehalten hatte, erscheinen mir mit einem Mal wieder offen …

Ich möchte sie nicht dramatisieren, diese Entscheidungen; ich möchte nicht sentimental werden. Ich bin nur ein Mensch unter Millionen. Ich bin wie alle, die in dem Augenblick leben, geboren werden oder sterben, in dem ich hier sitze und schreibe, ganz zu schweigen von den Hunderten von Milliarden Kreaturen, die mir mehr oder weniger ähnlich sind und die gleiche Erde wie ich bevölkert, die gleiche Luft geatmet und den gleichen Wechsel der Jahreszeiten erlebt haben.

Auch ohne den letzten Sonntag: ich hätte auf jeden Fall etwas aufgeschrieben. Aber ich dachte eher an einen Brief — einen ziemlich langen Brief vielleicht, an keine bestimmte Person gerichtet — ich habe ja niemand, dem ich ihn schicken könnte.

Gestern bin ich dann, nachdem ich den Laden geschlossen hatte, in das gegenüberliegende Papiergeschäft gegangen, um ein Schulheft zu kaufen. Man hat mir blaue, grüne, gelbe und rosa Hefte vorgelegt. Ich habe ein blaues genommen — wegen des blauen Wolkenlochs, denke ich mir, das am Sonntag gegen drei Uhr nachmittags plötzlich über dem Panthéon aufgerissen ist.

Mein Brief wäre im Ton ganz anders ausgefallen als das, was ich jetzt zu schreiben vorhabe. Aber ich habe zugleich keine Ahnung, in welchen Ton ich morgen oder in den kommenden Tagen und Wochen verfallen werde … Ich habe das Gefühl, daß ich mit dieser Sache lange beschäftigt sein und Pausen einlegen werde.

Am Samstag hatte mein Entschluß festgestanden. Ich war ruhig und heiter gewesen und hatte dem Ende mit einer Art Ironie entgegengesehen — eben der Ironie, die zwischen den Zeilen meines Briefes hätte stehen sollen. Ich wußte nur nicht recht, wie ich beginnen sollte.

Ich, Félix Allard, achtundvierzig ]ahre alt, wohnhaft Rue des Arquebusiers 3, Paris iiie Hätte ich, wie in einem Testament, hinzufügen sollen: …im Vollbesitz meiner körperlichen und geistigen Kräfte?

Im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte, ja — davon bin ich überzeugt … Obwohl ich natürlich nicht weiß, was in den Hirnwindungen anderer Leute vor sich geht und es infolgedessen nicht so einfach für mich ist, zu entscheiden, was normal ist und was nicht.

Etwa in diesem Ton wollte ich schreiben: locker, mit einer Messerspitze Sarkasmus hier und da — nur gegen mich, nicht gegen andere gerichtet.

Jetzt, wo ich langsam die erste Seite in diesem Heft vollschreibe, bin ich so ruhig wie immer; ich lächle vor mich hin — und könnte doch zugleich nicht guten Gewissens versichern, daß ich frei von Emotionen wäre … Hat es etwas mit dem seltsamen Paar zu tun, dem ich am Sonntag begegnet bin?

Schon möglich.

Am besten, ich berichte kurz, wie dieser Tag verlaufen ist.

Wie an jedem Morgen bin ich um sechs Uhr aufgewacht. Es war noch dunkel. Und wie an jedem Morgen hat sich Bib, der zu meinen Füßen auf der Bettdecke schläft, zu regen begonnen, sobald ich nach dem Lichtschalter gegriffen habe. Er kriecht dann immer schwanzwedelnd an mir hoch, und wenn er auf Höhe meines Gesichts angekommen ist, kläfft er mich zwei- oder dreimal freudig an.

Dann haben wir beide uns gegenseitig etwas erzählt … Nun ja, wenn ich »erzählen« sage — natürlich kann Bib ebensowenig sprechen wie andere Hunde auch. Es spielt sich so ab, daß ich mit ihm spreche und er mir auf seine Art Antwort gibt. Wenn er zum Beispiel genug hat von unserer morgendlichen Plauderei, dann zerrt er mir zentimeterweise die Decke weg und springt vom Bett.

Ich habe meinen Morgenrock übergezogen, bin in die Sandalen geschlüpft und zur Tür gegangen …Ja, ich weiß schon — die meisten Leute denken sich kaum etwas bei solchen Verrichtungen, die sich täglich zur gleichen Zeit wiederholen; für einen Mann dagegen, der allein lebt, nur mit einem Hund, werden sie zu einem Ritual. Um so mehr, wenn dieser Mann nach reiflicher Überlegung und nach Abwägen des Für und Wider beschlossen hat, alles hinter sich zu lassen.

Das ist nicht immer so gewesen. Früher bin ich vom Kaffeeduft wach geworden, von den Schritten meiner Mutter in der Küche; dann vom Rasseln eines Weckers und später durch die Bewegungen und die Wärme eines weiblichen Körpers neben mir. Babygeschrei hat mich aus dem Schlaf gerissen, das Getrappel von Kinderfüßen im Nebenzimmer. Und noch später … Aber wenn ich erst einmal so anfange, finde im kein Ende mehr. Und es könnte der falsche Eindruck entstehen, daß ich etwas bedauerte.

Nein, ausdrücklich: ich bedauere nichts. Ich bereue auch nichts — wobei mir klar ist, daß ich manche damit vor den Kopf stoße. Aber so sehe ich die Dinge nun mal — im Augenblick wenigstens. Was ich morgen denken werde, versuche ich nicht vorauszusagen — und schon gar nicht, was einmal, wenn überhaupt etwas, unter dem Schlußstrich stehen wird … Unter dem Schlußstrich, der für uns alle unweigerlich der gleiche ist.

Bib läuft vor mir her durch das leere Haus, die alte, ausgetretene Treppe aus schmutziggrauem Holz hinunter, das nie gewachst wird. Wir haben nur zwei Stockwerke bis zur Straße. Das emaillierte Firmenschild im ersten Stock gehört zu einem kleinen Betrieb, der künstliche Blumen herstellt und wochentags etwa fünfzehn junge Mädchen beschäftigt. Im Erdgeschoß: Regenmäntel en gros. Sie kommen aus der Gegend von Montluçon.

Eine Concierge gibt es nicht, andere Mieter auch nicht. Bib und ich, wir sind jeden Abend ab sechs allein im Haus, und sonntags den ganzen Tag.

Ich löse die Kette, schiebe den Riegel zurück und drehe den großen Schlüssel herum, der immer im Schloß steckenbleibt. Ich öffne die Tür, und Bib zwängt sich hindurch, sobald der Spalt breit genug für ihn ist. Er rennt zur gegenüberliegenden Hausecke, wo er sein Geschäft verrichtet.

Es hat geregnet. Nicht stark — nur gerade soviel, daß Straßen und Trottoirs dunkel sind und ein Hauch von Feuchtigkeit in der Luft hängt. Ich bleibe unter der Haustür stehen und stecke mir eine Zigarette an; ich habe immer Zigaretten und Streichhölzer im Morgenmantel. Ich denke an nichts; ich schaue ins Leere. Bib und ich, die Straßenlaterne an der Ecke und die beiden anderen Laternen weiter vorn, wir gehören zu dieser frühen Stunde zwischen Nacht und Morgen einfach zum Straßenbild.

Die Rue des Arquebusiers ist keine Straße wie andere Straßen. Vor allem deshalb nicht, weil sie rechtwinklig abknickt. Sie nimmt am Boulevard Beaumarchais ihren Anfang, ändert nach etwa hundert Metern — genau da, wo ich wohne — ihre Richtung und läuft auf die Rue Saint-Claude zu, wo sie auf die Hausfront dieser Straße srößt.

In der Rue Saint-Claude ist eine Kirche, die Eglise du Saint-Sacrement, deren Glocken ich höre — oder hören könnte; ich achte nicht mehr darauf.

Bib läuft im Zickzack von einem Trottoir zum anderen; er schnüffelt an Mülleimern und den Reifen der geparkten Lieferwagen. Ich lehne die Haustür an und steige langsam wieder zu meiner Wohnung hinauf. Ich öffne die Fensterläden, mache den Gasherd an und setze Wasser auf.

Fast acht Jahre lang hat sich alles so abgespielt — in den beiden ersten Jahren ohne Bib. Die Handgriffe von heute morgen habe ich schon viele tausend Mal ausgeführt. Ich gehe in das winzige Bad, dessen Decke schräg ist — in allen Räumen der Wohnung ist die Decke schräg — und kämme mich vor dem Spiegel, der die nackte elektrische Birne reflektiert.

Mein Haar hat sich gelichtet und eine Farbe angenommen, an die ich mich nicht gewöhnen kann. Es ist nicht mehr blond, hat aber auch nicht das seidige Silbergrau, das man bei Männern meines Alters sieht. Es hat den undefinierbar schmutzigen Farbton eines zu lange benutzten Spüllappens, und es läßt die weiße Kopfhaut durchschimmern.

Ich frage mich, ob andere beim Älterwerden ebenso überrascht sind wie ich, wenn sie morgens in den Spiegel schauen. Ich sehe ein Gesicht, so häßlich, daß ich manchmal eine Grimasse schneide. Möglich, daß es nie schön war; einen großen Teil meines Lebens habe ich meinem Spiegelbild jedoch ohne Widerwillen, vielleicht sogar mit heimlicher Genugtuung gegenübertreten können. Ich war groß und muskulös, mit dem kräftigen Knochenbau der Allards. Bin ich zusammengeschrumpft? Wahrscheinlich. Mein Körper ist schlaff geworden, mein Gesicht ungesund, gedunsen, und meine Augen kommen mir vor wie die Augen eines Schellfischs auf dem Ladentisch eines Fischgeschäfts.

Aber keine Mißverständnisse, bitte: Ich beklage mich nicht. Es wäre ein Irrtum, zu glauben, daß ich Vergangenes bedauerte. Es ist einfach so, daß ich die Dinge sehe, wie sie sind; daß ich mich im Spiegel betrachten und laut zu mir sagen kann: »Du bist häßlich!« Und manchmal füge ich noch hinzu: »Du kotzt mich an!«

Ganz ohne Bitterkeit, ohne jede nostalgische Wehmut. Und vor allem ohne Groll gegen.wen oder was auch immer — Schicksal, menschliche Unzulänglichkeit … Ich habe akzeptiert, schon lange. Akzeptiert ist eigentlich nicht der richtige Ausdruck, da mir ja nichts anderes übriggeblieben ist. Resigniert wiederum gefällt mir nicht. Sagen wir also, ich habe mich arrangiert …

Ich höre in der Küche den. Wasserkessel pfeifen, und ich schütte das Wasser nach und nach in den Kaffeefilter. Ich brauche nicht zum Fenster zu gehen und nach Bib zu sehen. Ich weiß auch so, daß er, nachdem er alles beschnüffelt hat, was es zu beschnüffeln gibt, um neue Erfahrungen bereichert zum Haus zurückkommt und die Haustür mit der Schnauze aufstößt. Danach wird er die Tür auf die gleiche Weise schließen — eine Gewohnheit, die er schon in den ersten Tagen hier angenommen hat —, ehe er die Treppe hinaufläuft. Er ist feucht und riecht wie immer an einem regnerischen Morgen. Er wirft einen Blick zu dem alten Kohleofen, in dem ich heute kein Feuer gemacht habe, weil es draußen mild ist.

Sonst mache ich im Herbst und Winter jeden Sonntag Feuer an; wir verbringen nämlich einen großen Teil des Tages zu Hause. Die Woche über heize ich erst, wenn ich gegen halb sieben abends von der Arbeit zurückkomme … Weiß Bib, daß heute Sonntag ist und fragt er sich, warum es kein Sonntag wie alle anderen ist?

Eigentlich sollte das für uns beide der letzte Sonntag sein. Das hatte ich vor mehreren Wochen so beschlossen.

Zuerst hatte ich noch kein Datum festgesetzt. »Wenn es mit mir soundsoweit gekommen ist …« hatte ich mir vorgenommen — meistens beim Rasieren, wenn ich mich morgens im Spiegel sah. Ich hatte mir darunter eine Zeitspanne von zwei oder drei Monaten vorgestellt … Ich weiß Bescheid über das Stadium, das ich nicht mehr durchmachen will; allerdings ist es nicht leicht exakt zu bestimmen. Durch ständiges Hinauszögern lief ich Gefahr, eines schönen Tages nicht mehr die Kraft und den Willen aufzubringen.

Am Sonntagmorgen glaubte ich noch, endlich klarzusehen, alles über mich zu wissen.

»Heute werden wir einen ganz langen Spaziergang machen, Bib …« Ich betreibe das als Spiel; ich stelle mir vor, daß er alles versteht, was ich sage. Und daß er mir auf seine Art Antwort gibt — mit dem Schwanz, den Ohren und durch Blicke. Das Wort Spaziergang jedenfalls ist ihm vertraut, und er bringt seine Freude dadurch zum Ausdruck, daß er vergnügt hin- und herläuft.

Ich decke den Tisch. Das habe ich so beibehalten, daß ich zum Essen ein Tischtuch auflege; daß ich einen bestimmten Rahmen aufrechterhalte, sozusagen ein Minimum an Würde.

Der Himmel über dem Dachfenster hat schon einen hellen Schimmer angenommen. In fast allen Gebäuden hier in der Straße sind Lagerräume oder Werkstätten; nur sehr wenig Menschen wohnen hier. Und diese wenigen schlafen sich heute bestimmt aus. Auch vom auf dem Boulevard Beaumarchais ist kaum Verkehr — das Wetter verlockt nicht eben zu einem Ausflug.

Eigentlich ein richtiger Novembersonntag, der da anbricht. Allerseelenwetter würde ich sagen, wenn Allerseelen nicht schon vorbei wäre … Dabei fällt mir der Friedhof von Puteaux mit seinem Chrysanthemengeruch ein, und später die Ausflüge in den Bois de Boulogne, eine Kinderhand in meiner Hand.

Ich greife nach der Packung mit dem Zwieback. Das Papier knistert, und Bib wartet auf sein Stück. Die Süßstofftabletten bilden winzige Blasen in meinem Kaffee.

Alles um mich herum ist gedämpft, matt, von einem trüben Grau wie der Himmel. In Tausenden von Küchen sitzen die Leute jetzt beim Frühstück wie ich. Und sie fragen sich, was sie mit diesem Sonntag anfangen sollen.

Ich weiß es.

Zuerst kommen die Routinearbeiten dran, der Haushalt, mit anderen Worten. Außer mir kümmert sich niemand darum. Ich könnte mir eine Aufwartefrau leisten — eine, die jeden Vormittag für ein oder zwei Stunden kommt. Mein Budget würde das ohne weiteres verkraften.

Aber ich mag nicht. Ob es an meiner Abneigung liegt, eine Fremde meine Sachen anrühren zu lassen und ihr auch noch so geringen Zugang zu unserem, zu Bibs und meinem, Leben zu geben? Ich bin mir da nicht ganz sicher. Ich gebe zu, daß es mich mit innerer Befriedigung erfüllt, meinen »Bau« zu reinigen, wie ich das nenne; ihn sauber und ordentlich zu halten, mein Bett zu machen, Staub zu wischen, mit Seifenlauge den roten Kachelboden in Küche und Toilette aufzuwischen und einmal wöchentlich den Dielenboden im Schlafzimmer und im kleinen Zimmer zu wachsen. Außerdem rieche ich das Wachs gern.

Bib folgt mir mit den Augen und macht unaufgefordert Platz, wenn ich in seine Ecke komme. Von Zeit zu Zeit rede ich mit ihm, sage ihm irgend etwas Belangloses.

Wie viele andere Männer habe ich einen Teil meines Lebens mit einer Frau verbracht. Es hat Stunden der Leere gegeben, am Abend und am Sonntagvormittag — vor allem vor der Geburt der Kinder —, die dem heutigen Vormittag gar nicht unähnlich waren. Und wenn ich versuche, mich zu erinnern, was wir uns so zu sagen hatten, dann fällt mir nichts ein, das sich von meiner Konversation mit Bib wesentlich unterscheidet. Auch er will nach einiger Zeit, daß man ihm Beachtung schenkt. »Woran denkst du?« konnte meine Frau bei solchen Gelegenheiten plötzlich fragen, als ob sie gerade aus einem Traum aufgewacht sei.

Ich glaube nicht, daß ich ihr ein einziges Mal gesagt habe, was ich wirklich dachte. Nicht etwa, weil ich das Bedürfnis gehabt hätte, sie anzulügen oder ihr irgend etwas zu verheimlichen, nein: Meine Antwort hätte einfach keinen Sinn ergeben. Und zwar deshalb, weil jeder Gedanke, und sei er noch so banal, irgendwo an anderes anknüpft, an länger oder weniger lang zurückliegende Erinnerungen, flüchtige Eindrücke … Ich habe nie so aus dem Stegreif meine Gedanken analysieren können.

Auch heute — während ich versuche, den Tagesablauf vom letzten Sonntag zu rekonstruieren — bin ich offenbar dazu nicht in der Lage. Dabei ist es erst so kurz her … Es ist Mittwochabend. Ich bin zu Hause und sitze in meiner Kammer, deren Dielen ich am Sonntag früh gebohnert habe — gerade, als Bib beschlossen hatte, daß es Zeit zum Spielen sei. Ich sitze schon lange da und schreibe; die Lampe strahlt mir warm auf die Stirn, der Aschenbecher ist voller Kippen und die Luft dick vom Rauch, der in Schwaden im Raum hängt. — Bib kauert in meinem Sessel und tut so, als schlafe er; wenn er glaubt, daß ich es nicht sehe, blinzelt er zu mir herüber.

Um alles genau und richtig zu beschreiben, müßte ich auf jede Minute eingehen — ich müßte die entsprechende Stimmung mit der jeweiligen Farbe, dem Rhythmus, dem dazugehörigen Klang und den Gerüchen wiedergeben.

Der Tag — dieser Sonntag — ist also angebrochen, und er war von jenem verschwommenen Grau, das ich erwartet hatte. Etwa das Grau eines Grabsteins — was jedoch keine makabre Anspielung sein soll.

Ich sehe Bib vor mir, wie er aus dem Körbchen mit seinen Spielsachen einen roten Gummiball holt — es ist sein Lieblingsball —, ihn sacht zwischen die Zähne nimmt und vor mich hinlegt. »Laß uns spielen!« soll das heißen.

Wir haben dann eine Viertelstunde unten gespielt, während Passanten an uns vorbei zur Kirche eilten.

___________

Eben habe ich wieder eine Viertelstunde Pause gemacht. Natürlich wegen Bib — er wundert sich, daß ich ihm meinen Sessel so lange überlasse. Ich frage mich, ob er mich jemals schreiben gesehen hat. Kaum; ich habe seit Jahren niemand einen Brief geschrieben. Ich spüre, daß er mich beobachtet, daß er herauszufinden versucht, was sich in meinem Verhalten verändert hat.

Meine Kammer ist ein winziger, enger Raum mit schräger Decke, in die eine Dachluke eingelassen ist. Andere Leute nennen so etwas einen abgeteilten Dachbodenraum. Soweit es möglich war, habe ich Regale aus hellem Holz eingebaut, die sich nach und nach mit Büchern gefüllt haben. Als Schreibtisch benutze ich einen ganz gewöhnlichen Tisch, und abgesehen von dem alten Ledersessel, den ich auf einer öffentlichen Versteigerung. erstanden habe, ist ein Rohrstuhl das einzige Möbelstück.

Vor einer Viertelstunde ist Bib unschlüssig auf den Boden gesprungen. Nachdem er zuerst den Kopf an meinen Beinen gerieben hatte, hat er sich auf den Rücken gelegt und den »toten Mann« gemacht — ein Spiel, das ihm nicht neu ist. Wie seine anderen Spiele kannte er es schon, bevor er zu mir kam. Ich habe ihm überhaupt nichts beigebracht — noch nicht einmal das Schließen der Haustür unten. Wenn er sich also stocksteif auf den Rücken legt, dann bedeutet das: »Du hast mich wohl ganz vergessen?« oder »Ich fühle mich einsam Kannst du dich nicht um mich kümmern?«

Sobald ich aufgestanden bin, hat er einen seiner Bälle geholt — Bälle hat er lieber als diese Gummiknochen — und hat ihn mir in die Hand gelegt. Danach ist er in seine Ecke gelaufen und hat sich zur Wand gedreht.

Ich muß dann nebenan im Schlafzimmer einen mehr oder weniger neuen Platz ausfindig machen, an dem ich den Ball verstecke. Es gibt nicht besonders viele Verstecke und er kennt sie im Grunde alle. Deshalb hat er dieses Spiel auch lieber im Freien, auf Straßen oder in Parkanlagen. An der Place des Vosges zum Beispiel, wo sich immer irgendein kleiner Junge findet, der das Verstecken des Balles gern übernimmt.

»Fertig, Bib!«

Zuerst hatte ich gar nicht vor, mir einen Hund zuzulegen. Ich habe hier mehrere Monate lang allein gehaust. Eines Abends habe ich einen Goldfisch in einem Glasgefäß mit nach Hause gebracht und mich wochenlang an seiner stummen Anwesenheit erfreut. Und auch mit diesem Fisch habe ich ab und zu gesprochen wie mit einem menschlichen Wesen. — Als er eines Tages tot war, habe ich mir einen neuen gekauft, und dann noch einen. Obwohl ich die Anweisungen des Verkäufers peinlich genau befolgte, waren die Goldfische jedesmal nach ein paar Wochen tot. Und da ist mir die Idee gekommen, mir einen Hund anzuschaffen.

Ich habe mir einen Nachmittag frei genommen und bin nach Gennevilliers ins Tierasyl gefahren. Ich hatte keine feste Vorstellung von der Rasse, die ich wollte. Im Grunde hätte ich genausogut mit einer Katze nach Hause kommen können.

Manche der Tiere sind unruhig geworden, als ich vor ihren Käfig trat; andere haben mich überhaupt nicht beachtet. Die meisten Hunde waren mittelgroß, ein paar sehr große darunter. Ich sah sogar eine dänische Dogge, die ein Glasauge hatte, wie mir schien.

Dann ist mein Blick auf eine Art Zwergpudel gefallen — kein Rassehund: mit braungrau meliertem Fell und zu kurzen Beinen. Er hat sich vor mir — genau wie eben — auf dem Rücken ausgestreckt, hat die Augen geschlossen, alle viere steif von sich gestreckt und ist wie in Leichenstarre liegengeblieben.

»Das ist so seine Masche«, hat der Wärter erklärt. »Er versucht, sich wichtig zu machen.«

»Ist er noch jung?«

»Hm … Genau kann ich es Ihnen nicht sagen. Den Zähnen nach muß er aber über drei, wenn nicht vier Jahre alt sein. Sollte mich nicht wundern, wenn’s ein Zirkushund gewesen wäre …« Mit einem Fingerschnalzen hat er den Hund aufgefordert: »Zeig Monsieur mal deinen Purzelbaum, Kläffer!«

Das Tier hat gezögert, mich einen Moment beobachtet und sich dann entschlossen, einen riskanten Drehsprung nach rückwärts zu machen.

»Wie — Sie nennen ihn Kläffer?«

»Ich nenn’ sie alle so. Woher soll ich denn wissen, wie sie heißen?«

Wenige Minuten später ist der kleine Hund mit den zu kurzen Beinen an einer Schnur hinter mir hergetrottet. Ich war schon dabei, mit ihm in den Bus zu steigen, als mir gesagt wurde, daß Tiere — wie in der Métro — nur dann zur Fahrt zugelassen sind, wenn sie in einem verschlossenen Korb oder einer Tasche stecken.

In einem Geschäft habe ich eine jener Reisetaschen aus Segeltuch gefunden, wie man sie manchmal bei Fußballern sieht, die zu einem Auswärtsspiel fahren. Ich habe mir eine Schere geliehen und noch im Laden ein paar Löcher in die Tasche geschnitten, die ich später dann mit Gaze wieder verschlossen habe.

Ich mochte nicht Kläffer zu ihm sagen, wie der Wärter zu allen anderen Hunden im Asyl. Am selben Abend noch habe ich in meinem Zimmer, nachdem er es bis in den hintersten Winkel beschnuppert hatte, eine Reihe von Namen an ihm ausprobiert und auf seine Reaktion gelauert. Als ich bei »Bib« war, schien ihm das zu gefallen. Ob das sein früherer Name gewesen ist? Oder ob er einfach den Klang mochte?

Am nächsten Morgen habe ich ihn mit in die Buchhandlung genommen.

»Was ist denn das?« hat Madame Annelet bei seinem Anblick ausgerufen. Sie konnte damals mit Hilfe eines Stocks noch gehen.

»Ein Hund, wie Sie sehen … Er heißt Bib.«

»Haben Sie den auf der Straße aufgelesen?«

»Nein. Ich habe ihn mir im Tierasyl ausgesucht.«

»Ja, wollen Sie den etwa behalten?«

»Ja.«

»Und jeden Tag mit hierher bringen?«

»Sicher.«

Sie hat sich nicht getraut, es mir zu verbieten, denn sie war damals schon auf mich angewiesen. Sie mag Tiere nicht, das merkt man. Sie hat mich mehrmals von Kopf bis Fuß gemustert, als ob sie Maß nehmen wollte: hier ein Mann meiner Statur, dort der winzige Köter …

Schließlich hat sie geseufzt. »Komisch!«

»Wieso? Was ist komisch?«

»Daß Sie sich einen so winzigen Hund ausgesucht haben. Einen Hund für alte Damen … Ein Psychoanalytiker würde da bestimmt allerhand herauslesen.«

Nun — sie ist ja eine alte Frau, und ich bin trotz meines Aussehens ein Mann von erst achtundvierzig Jahren. Wie dem auch sei — die beiden haben sich jedenfalls aneinander gewöhnt. Bib hat rasch begriffen, daß jegliche Vertraulichkeit fehl am Platze war und daß er Abstand wahren mußte. Er hat noch nie Anstalten gemacht, in der Buchhandlung auf einen Sessel zu springen, und erst recht natürlich nicht in Madame Annelets Bett, in dem sie einen großen Teil des Tages verbringt. Er hat ihr auch noch nie die Hand geleckt oder ihr seinen Ball gebracht als Aufforderung, mit ihm zu spielen.

Für gewöhnlich mache ich mir sonntags in aller Ruhe mein Mittagessen zurecht, setze mich damit vors Fenster und gehe erst nachmittags aus dem Haus. Letzten Sonntag nun hat Bib sich gewundert, daß ich kein Feuer angemacht, daß ich mich früher als sonst rasiert und angezogen und ihm schon um elf Uhr befohlen habe, seine Tasche zu holen:

»Deine Tasche, Bib!«

Er hat die braune Reisetasche aus dem untersten Fach eines Regals gebracht, und ich habe unterdessen den Mantel angezogen und den Hut aufgesetzt.

Wenn ich mich so lange bei diesen Nebensächlichkeiten aufhalte, so deshalb, weil ich mich drücken will vor dem, was jetzt kommt — aus einer Art Schamgefühl, aus einem Horror vor Sentimentalitäten — was weiß ich … Dieser sonntägliche Spaziergang sollte für mich so etwas wie eine letzte Wallfahrt werden. Ein letzter Abschied … Ach, lassen wir das!

Ich war weder traurig noch wehmütig. Ich sah die Dinge so, wie sie sind — gewissermaßen als völlig neutrales Kameraauge. Und auch mich selbst sah ich mitleidlos und ohne Nachsicht.

Dies war mein letzter Sonntag, Schluß, aus… Für meinen Vater, meine Mutter und vor ihnen für meine Großväter und Großmütter — für jeden von ihnen ist ein bestimmter Sonntag der letzte gewesen. Das hat sie nicht zu Heiligen oder Märtyrern oder Helden gemacht… Daß ich mir meinen Sonntag selber ausgesucht habe, ist auch nicht umwerfend originell.

Wenn ich — ursprünglich, meine ich — den Entschluß gefaßt hatte, einen Brief zu hinterlassen, für wen auch immer, so hatte ich darin im Grunde nur eine Arabeske gesehen, einen sinnlosen Schnörkel, ein Die-Zunge-Herausstrecken und — ja, doch; das auch: die Gelegenheit, das eine oder andere loszuwerden, das im auf dem Herzen hatte.

Aber habe ich überhaupt noch etwas auf dem Herzen? Ich glaube nicht. Das ist vorbei. Ich bin ganz ruhig; ich sehe mich als einen Menschen, der seine Ruhe gefunden hat … Und die anderen?

Für Madame Annelet, meine Chefin, bin ich Félix; ein Angestellter, auf den sie sich verlassen kann; ich bin ein Mann, dessen Geschichte sie kennt und bei dem sie es doch nicht fertigbringt, ihn mit dem Rest der Sterblichen über einen Kamm zu scheren.

Für andere wieder — die Geschäftsleute hier in der Gegend, für die Inhaber der kleinen Restaurants, in denen ich mir manchmal ein Essen leiste —, für die bin ich Monsieur Félix aus der Rue des Arquebusiers Nr. 3 … Und für die paar Leute, die mich dort zu bestimmten Tageszeiten mit Bib vorbeikommen sehen, bin ich wahrscheinlich einfach der Mann mit dem kleinen Hund.

Für eine Frau bin ich ein Ex-Ehemann; für ein junges Mädchen und einen jungen Mann bin ich ein Vater, an den sie sich kaum erinnern und von dem sie nicht sprechen sollen … Was ich für drei weitere Personen bin, eine Frau und noch zwei Kinder, das weiß ich nicht.

Die Platanen auf dem Boulevard Beaumarchais hatten schon über die Hälfte der Blätter verloren. Auch jetzt noch kamen nur wenige Autos vorüber. Bib und ich, wir sind zu Fuß zur Place de la République gegangen und haben dort auf den Bus gewartet. Als er angehalten hat, brauchte ich Bib nur die geöffnete Tasche hinzuhalten, und er ist in demselben Augenblick hineingesprungen, in dem der Schaffner mir mitteilen wollte, daß Hunde nicht befördert werden, außer wenn … Es macht uns Spaß, damit bis zum letzten Moment zu warten, und es gibt fast immer Fahrgäste, die laut auflachen, wenn der Schaffner dann ein verdutztes Gesicht macht und mitten im Satz steckenbleibt.

Tags zuvor hatte ich zuerst daran gedacht, Puteaux zum Ziel dieses letzten Spaziergangs zu machen. In Puteaux bin ich geboren, und ich habe dort bis zu meinem fünfundzwanzigsten Lebensjahr gewohnt, in der Rue Bourgeoise, gleich bei der Kirche Sainte-Clothilde, die jetzt abgerissen wird. Aber das wäre vielleicht zu sehr auf eine Pilgerfahrt hinausgelaufen. Ich habe Puteaux mehrmals wieder besucht; ich bin auch schon an der Wohnung vorbeigekommen, die ich später in Neuilly, Boulevard Richard—Wallace, bezogen hatte, und ich habe nichts dabei empfunden… Ist es albern, ist es sentimental, festzustellen, daß ich mich dort vergeblich gesucht habe?

Obwohl ich nicht wirklich alt bin, hat es bisher eine ganze Reihe von Félix Allards gegeben, die sich in meinen Augen immer mehr voneinander unterscheiden; darunter sind auch solche, die ich praktisch nicht wiedererkenne. Mehr noch — die ich auch nicht mehr verstehe.

An der Place Blanche sind wir ausgestiegen, und ich habe Bib aus seinem Gefängnis befreit. Später, in der Rue Lepic, habe ich bedauert, daß Sonntag war — ich wäre gern noch einmal an den Marktständen rechts und links der Trottoirs entlanggegangen, hätte den Duft von Obst und Gemüse und am Stand des Metzgers den Geruch von Fleisch in mich aufgenommen, überhaupt den ganzen Marktrummel erlebt. So aber waren wir fast allein auf der Straße. Wir sind zur Place du Tertre hinaufgelaufen und haben jedesmal eine Verschaufpause gemacht, wenn ich außer Atem war.

Warum die Place du Tertre nun letzten Endes zum Ziel meines Ausflugs geworden ist, dafür habe ich keine Erklärung; ich verbinde mit diesem Platz keinerlei besondere Erinnerung, keine denkwürdige Episode in meinem Leben — nichts.

Trotz des spätherbstlichen Wetters war draußen gedeckt. Vor den Kneipen standen Tische mit buntgewürfelten Tischdecken — hier und da war sogar ein Sonnenschirm aufgespannt. Viele Leute waren schon beim Essen: Franzosen — zum größten Teil aus der Provinz —, und Ausländer, die fortwährend von Malern animiert wurden, sich porträtieren zu lassen.

»Mi’ttagessen …?« fragte mich ein mürrischer Kellner.

»Ja.«

»Nehmen Sie einen Apéritif?«

Ich habe auch das bejaht und einen Suze bestellt … Seit Jahren trinke ich weder Wein noch sonstige alkoholische Getränke, weil der Arzt es mir verboten hat. Ich weiß nicht, warum ich diese Diät auch in der letzten Zeit weiter eingehalten habe, als mein Entschluß doch schon gefaßt war. Gewohnheit? Oder der Wunsch, mich indirekt zu bestrafen? Aber wofür? Heute morgen noch habe ich mir Süßstoff in den Kaffee getan statt Zucker, obwohl ich Zucker im Haus habe — für Bib, der ja keine Diät einhalten muß.

Daß ich nun ausgerechnet einen Suze bestellt habe, kommt für mich selbst unerwartet. Das Wort ist mir ganz von selbst über die Lippen gekommen, obwohl ich diesen Apéritif erst einmal im Leben getrunken habe — in einem Dorf, dessen Name mir entfallen ist, irgendwo zwischen Le Mans und Angers.

Ich war mit Anne-Marie im Wagen unterwegs — meinem ersten Cabrio. Ich könnte nicht sagen, ob Anne-Marie damals schn Philippe erwartet hat. Der Gasthof lag außerhalb des Dorfes und sah aus wie ein kleiner Bauernhof, mit einer riesigen Sau in einem Pferch und einer Menge weißem Federvieh, das zwischen den Obstbäumen herumflatterte.

Es war ein sehr heißer Tag. Der düstere Speisesaal mit der niedrigen Decke hatte nach zwei Seiten hin kleine Fenster, zur Straße und auf den Gemüsegarten hinaus. Ich sehe die Bohnenstangen noch vor mir. Die Wirtin hatte einen aufgetriebenen Leib und war in Schwarz.

»Haben Sie ein Mittagessen für uns?«

»Sicher. Warum denn nicht?«

»Was können Sie uns anbieten?«

»Zuerst Pastete … Wenn Sie wollen, mache ich Ihnen auch eine Büchse Sardinen auf. Und hinterher kann ich Ihnen ein Huhn braten.«

»Ausgezeichnet.«

»Nehmen Sie einen Apéritif?« .

Das ganze Leben hindurch hört man Sätze wie diesen, und ein paar davon bleiben, scheinbar grundlos, in einer Gehirnwindung haften.

Auf dem Regal über dem Ausschank standen lauter Flaschen mit Etiketten, die ich nicht kannte. Etwas weiter weg saßen zwei Männer an einem Tisch — ein Viehhändler und ein Bauer, schätzte ich —, und beide hatten eine Flüssigkeit von seltsamer Farbe in ihren Gläsern.

»Sagen Sie, was trinken die Herren dort drüben?«

»Das ist Suze…«

»Das möchte ich auch mal probieren … Und du, Anne-Marie?«

»Gut — ich auch.«

Ein komisches Gefühl ist das plötzlich — der Gedanke, daß ich sie geduzt habe, daß wir jahrelang in einem Bett geschlafen haben und daß sich in den Adern zweier Kinder, die jetzt bald erwachsen sind, unser Blut mischt … Solange alles gutgeht, mißt man solchen Dingen Bedeutung bei, aber eines schönen Tages merkt man, daß nichts davon zurückgeblieben ist. Es ist mir zum Beispiel nicht möglich, mir Anne-Maries Gestalt und ihr Gesicht im Dämmerlicht dieses Lokals zu vergegenwärtigen, das durch den Kontrast zu dem grellen Sonnenlicht draußen noch dunkler wirkte.

Wir haben vermutlich miteinander gesprochen — keine Ahnung worüber. Dagegen sehe ich die Wirtin noch deutlich vor mir, wie sie im Hof inmitten der aufgescheuchten Hühner stand, eines nach dem anderen packte und sich schließlich für ein Huhn entschied; wie sie damit zum Hackklotz ging und dem Tier den Kopf abschlug. Dieses Huhn werden wir gleich essen, dachte ich, während ein Mädchen von etwa zwölf Jahren sich in der Mittagssonne daranmachte, es zu rupfen.

Warum habe ich mir jetzt an der Place du Tertre einen Suze kommen lassen? Nein, Huhn habe ich nicht bestellt, sondern geschnetzelte Kalbsleber mit pommes frites, und eine halbe Flasche Rosé. Bib, der sein Fressen zwar schon zu Hause bekommen hatte, hat trotzdem einen Happen Fleisch abgekriegt. Als er merkte, daß man an den Nachbartischen auf ihn aufmerksam wurde, hat er der Versuchung nicht widerstehen können und ein paar waghalsige Sprünge vorgeführt.

Die Place du Tertre und Sacré-Cœur habe ich vor über dreißig Jahren zum ersten Mal gesehen. Wenn mich die Erinnerung nicht trägt, haben meine Eltern meine Schwester und mich hierhergeführt, um »das Panorama von Paris zu sehen«. Ich war noch in der Volksschule, also noch nicht elf Jahre alt. Es kommt mir vor, als seien damals weniger Tische vor den Restaurants gewesen und weniger Maler mit ihren Staffeleien auf den Trottoirs … Aber ich bin nicht hierhergekommen, um in Erinnerungen zu kramen.

Ich hatte Lust, an meinem letzten Sonntag etwas anderes zu unternehmen als an den anderen Sonntagen; so kam es, daß ich plötzlich auf den Gedanken verfallen bin, Paris noch einmal von oben zu betrachten. Das Mittagessen im Freien hat sich wie von selbst daraus ergeben — das ist alles.

Bib wird sich gefragt haben, warum ich nicht Ballverstecken mit ihm gespielt habe … Aber ich hatte keine Lust, mich zur Schau zu stellen.

»Komm, Bib — wir wollen weiter!«

Ich habe mich ziemlich lange auf der Terrasse von Sacré-Cœur aufgehalten, inmitten der treppauf und treppab strömenden Menge, inmitten der Souvenir- und Postkartenverkäufer, der Ordensschwestern und Geistlichen, die ihrer Obhut anvertraute Kinder beaufsichtigten und in Reih und Glied hielten.

Ich habe nur dagestanden und die Dächer betrachtet, die unter dem bedeckten Himmel die ganze Farbskala der Grau-, Rosa- und Rottöne aufwiesen. Ich ertappte mich dabei, wie ich mechanisch und nach Touristenart den Standort bekannter Baudenkmäler zu ermitteln suchte und dabei an die Generationen dachte, die schon vor mir … Nein, lieber nicht. Solche Gedanken waren mir nicht bekömmlich. Es war besser, mir die Gesichter um mich herum anzusehen. Männer, Frauen, Kinder — leere, ausdruckslose Gesichter zumeist. Ich schnappte Satzfetzen auf :

»Schade, daß die Sonne nicht durchgekommen ist …« — »Man könnte sonst sehen bis…«

Sie sagten alle das gleiche, mehr oder weniger.

Bib war ganz durcheinander durch diesen Ausflug, der so verschieden war von unseren normalen sonntäglichen Spaziergängen. Sonst hatte es immer lange Ruhepausen auf den Parkbänken gegeben und Alleen, in denen man im Kies schauen konnte. Jetzt sah er nur Beine, die sich um ihn herum bewegten; Füße und nochmals Füße, denen er durch geschichte Ausweichmanöver aus dem Weg gehen mußte.

»Hierher, Bib!«

Er hat einen Augenblich geglaubt, ich wolle mit der Kabelbahn hinunterfahren, und sprungbereit zur Tasche geschaut. Ich wollte aber lieber die Treppe hinuntergehen, den Scharen von Menschen entgegen, die langsam nach oben stiegen und zumeist alle paar Stufen zum Verschaufen stehenblieben.

Und da habe ich sie gesehen.

Ich muß an Dutzenden von Paaren vorbeigekommen sein; keines hatte meine Aufmerksamkeit erregt. Diese beiden nun stiegen sehr langsam herauf; von weiter oben wirkten sie noch mißgestalteter, als sie in Wirklichkeit waren. Der Kopf des Mannes ist mir als erstes aufgefallen — ein ungeheuerlicher Wasserkopf wie aus einem medizinischen Fachbuch, mit glatter Haut, rosarot wie bei einem Baby, völlig unbehaart und mit wimpernlosen, hervorquellenden Augen. Unter dem halbwegs normal gebauten Körper entdeckte man zwei kleine, viel zu schwache Beinchen, die aussahen, als seien sie nur angehängt. Der Mann ging mühsam an zwei Krücken; er warf den rechten, dann den linken Fuß nach vorn, als ob jede erklommene Stufe eine Großtat sei. Er senkte jedesmal den Kopf, um einen neuen Anlauf zu nehmen, und hob ihn dann wieder, wenn er die Stufe bewältigt hatte, um die Strecke abzuschätzen, die er noch zurückzulegen hatte — als ob die massige weiße Sacré-Cœur-Kirche da oben sein höchstes Lebensziel sei.

Ich weiß nicht, ob er dreißig oder vierzig Jahre alt war oder noch älter. Er stand außerhalb der Welt der normalen Menschen. Zweifellos war es ein Wunder, daß er überhaupt noch am Leben war.

Seine Gefährtin, eine kleine, dunkle Frau mit unregelmäßigen Gesichtszügen, trug orthopädische Schuhe mit Eisenschienen, die an einem Bein bis zum Knie hinaufreichten. Sie hatte die eine Hand auf den Arm des Mannes gelegt — ganz offensichtlich weniger, um ihn zu stützen, als aus Zärtlichkeit. Jedesmal, wenn er wieder eine Stufe bewältigt hatte, lächelte sie ihm zu, um ihm für seine Anstrengung zu danken oder ihn zu beglückwünschen.

Unsere Begegnung ist in Wirklichkeit ganz kurz gewesen, obwohl ich meine Schritte verlangsamt hatte und absichtlich so lange stehengeblieben war, wie ich brauchte, um mir eine Zigarette anzuzünden.

Ich ging hinunter, und sie stiegen hinauf. Als ich noch wenige Meter von ihnen entfernt war, sind sie stehengeblieben, und der Mann mit dem monströsen Kopf und den schwachen Beinehen hat sich seiner Gefährtin zugewandt.

»Bist du auch nicht zu müde?«

Seine Stimme war überraschend sanft und weich, und er hat ihr dabei zugelächelt. Es war ein Lächeln, wie ich es noch nie auf einem menschlichen Antlitz gesehen hatte; ein Lächeln, das mich an den ekstatischen Ausdruck mancher Buddhafiguren erinnerte.

»O nein — mir geht es gut!« hat sie ihm voller Inbrunst geantwortet.

Sie haben sich angesehen, als ob jeder das Glück des anderen genießen wollte; dann haben sie zur Sacré-Cœur hinaufgeblickt. Darauf haben sie sich umgedreht, Hand in Hand, und Paris betrachtet, das sich zu ihren Füßen erstreckte und in diesem Augenblick ihnen gehörte.

Ich bin leise an ihnen vorbeigegangen.

Als ich mich ein paar Stufen weiter unten nach ihnen umgedreht habe, hatten sie ihren langsamen und beschwerlichen Aufstieg wieder aufgenommen — die hinkende Frau am Arm des wimpernlosen Mannes.

Freitag, 15. November

Gestern habe ich nichts geschrieben, und ich bin darüber enttäuscht und verärgert gewesen. Obwohl — nichts zwingt mich, jeden Abend etwas in das blaue Heft hier zu schreiben; ich habe es mir auch nicht ausdrücklich vorgenommen. Ich hatte mich für frei, für befreit gehalten. Aber es ist schon so: wenn man einmal eine bestimmte Sache öfters zu der und der Zeit erledigt hat, wird daraus rasch eine Gewohnheit, beinahe eine Pflicht.

Nachdem ich das Geschirr abgewaschen und den Zugregler des Ofens für den Abend eingestellt hatte, hat Bib fragend zu mir aufgesehen; sobald er merkte, daß ich in meine Kammer hinüberging, ist er vor mir hergelaufen und in meinen Sessel gesprungen, ohne die Erlaubnis abzuwarten.

Ich hatte ja die Absicht, weiterzuschreiben. Ich habe mich an den Tisch gesetzt, die Lampe in die richtige Entfernung gerückt und das Heft auf der Seite aufgeschlagen, auf der ich am Mittwoch aufgehört hatte. Ich habe die letzten Absätze noch einmal durchgelesen — und das wird der Fehler gewesen sein …

Bist du auch nicht zu müde?

O nein, mir geht es gut!

Darauf bin ich unbeweglich an meinem Tisch sitzengeblieben und habe diese beiden Sätze hin- und hergewälzt. Ich möchte nicht soweit gehen, zu behaupten, daß sie ihren Zauber inzwischen verloren hatten. Die Gesichter der beiden sind wieder vor mir aufgetaucht. Ausgerechnet er, überlegte ich mir, der noch behinderter war als seine Gefährtin, der beinahe ein Ungeheuer und offenbar nur durch ein Wunder über das Kindesalter hinausgelangt war — ausgerechnet er hatte sich um sie besorgt gezeigt.

Was mich an der ganzen Sache störte, mir noch schlechtere Laune machte, war das Gefühl, da irgendwie hineingefallen zu sein. Ich hatte zwei Sätze mitbekommen, die diese beiden gewechselt hatten — na schön. Hinterher hatten sie zu dem massigen weißen Bau von Sacré-Cœur aufgeschaut, als ob sie ihr ganzes Leben lang nur auf diesen Augenblick gewartet hätten. Und dann hatten sie sich umgedreht, Hand in Hand, und auf Paris hinuntergeblickt.

Aber was war davor gewesen? Und was kam danach? An allen anderen Tagen und Stunden? Sie hatten absichtlich nicht die Kabelbahn benutzt; vielleicht sollte es eine Buße sein, oder sie hatten ein Gelübde abgelegt. Oder sie wollten ganz einfach ihre Kräfte erproben. Bis zu dem Augenblick, an dem ich sie aus den Augen verloren hatte, hatten sie gewonnen, ihre Probe bestanden. Aber was war das schon — einige Minuten, einige Stunden der Euphorie … Übertrugen sie ihre ganz persönliche Freude nicht jeweils auf den anderen, so daß sie sich gegenseitig als Zeugen brauchten?

Ich hielt die Feder in der Hand und überlegte mißmutig, was ich schreiben könnte. Aber es fiel mir nichts ein. Die Verbindung dieser beiden, ihr gegenseitiges Durchdringen — ich wollte und konnte es nicht akzeptieren. Ich mußte es um jeden Preis als ein ganz gewöhnliches Phänomen entlarven und wählte in meinem Gedächtnis nach Augenblicken von vergleichbarer Intensität.

Was mag aus dem Mann mit der Kinderhaut geworden sein, überlegte ich mir, wenn er so alt ist wie ich — achtundvierzig? Wahrscheinlich wird er inzwischen gestorben sein. Aber wie und wo? Und mit welchen Gedanken in seinem übergroßen Kopf, mit welchem Ausdruck in den wimpernlosen Augen? — Wird die Frau mit den Beinschienen dann bei ihm gewesen sein und ihm die Hand gehalten haben? Und was wird letzten Endes ihr Los sein? Ich sehe sie vor mir — ein humpelndes altes Weibchen in einer Mansarde wie der meinen, nur noch armseliger. Und zur Gesellschaft nicht einen Hund — der würde sie zu teuer kommen —, sondern ein paar Geranien vor dem Fenster …

Für mich ist die Antwort auf diese Fragen von entscheidender Bedeutung. So sehr, daß es mir leid tut, am Sonntag zum Mittagessen zur Place du Tertre gegangen zu sein. Mein Brief wäre soviel leichter zu schreiben gewesen! Ich wäre ohne Bedauern fortgegangen, das schwöre ich. Um so mehr natürlich ohne Gewissensbisse. Ich war meiner selbst sicher; ich hatte meinen Frieden gefunden. Und ich weiß, was ich da sage, denn ich hatte mehr als andere Menschen Zeit zum Nachdenken; Zeit, meine Gedanken zu ordnen.

Ich habe mir klargemacht, daß ich seit eh und je dem Augenblick gegenüber skeptisch war; ich habe mich im Rahmen des Möglichen immer bemüht, mir das »Nachher« vorzustellen. Denn das Nachher ist es doch, worauf es ankommt, oder nicht?

Seit Sonntag bin ich da nicht mehr so sicher. Ich zweifle, ich bin am Suchen. Und da ist nicht nur Bib, dem mein Verhalten auffällt — der mich erstaunt, um nicht zu sagen vorwurfsvoll ansieht.

Da ist auch Madame Annelet. Gestern, Donnerstag, hat sie mich mehrmals zu sich ins Zwischengeschoß gerufen. Das ist so ihre Art: sobald ich einen Kunden bedient habe und sie das Klingeln der Registrierkasse gehört hat, schellt sie mir. Sie bekommt von da oben alles mit. Eine eiserne Wendeltreppe verbindet den Laden mit ihrem Zimmer, wo sie immer mehr Zeit im Bett zubringt.

»Was war’s, Félix?«

»Eine Kundin. Sie hat ein Buch gekauft. Aus dem Ramschkasten.«

Wir verkaufen nur wenig neue Bücher. Wir hätten gar keinen Platz, alle Neuerscheinungen unterzubringen. Auf dem Firmenschild an der Ladentür steht:

BUCHHANDLUNG

C. ANNELET

ANTIQUARIAT

Ankauf von Bibliotheken

Das C steht für Clarisse, aber sie mag diesen Vornamen ebensowenig wie ich den meinen. Daß meine Eltern ausgerechnet auf Félix verfallen sind! Schließlich hat mein Vater Désiré geheißen und meine Mutter Josephine …

Es ist nun acht Jahre her, daß ich zum ersten Mal hier vorbeigekommen bin. Ich war damals seit vier oder fünf Wochnen wieder in Paris — allein, auf der Suche nach einem Lebensunterhalt. Eines Morgens bin ich an dem schmalen Schaufenster der Buchhandlung vorübergegangen. Auf dem Trottoir vor dem Geschäft stand ein Kasten mit alten Büchern, wie bei den Bouquinisten an den Quais. Auf dem Schaufenster war mit Klebestreifen ein Pappschild angebracht: Junger Mann als Verkäufer gesucht. Näheres im Laden.

Es war mitten im Sommer, und die Sonne warf den Schatten der Platanen auf die Häuser. Ein junges Mädchen in hellem Kleid ist vorbeigekommen, und ich habe ihr nachgeschaut, verwundert über die Selbstsicherheit in ihrem Schritt. Eine Locke war ihr ins Gesicht gefallen, sie hatte Schweißränder unter den Achseln und hielt ihre Tasche gegen die volle Brust gepreßt. Sie ging in Richtung Place de la Bastille, und die Welt gehörte ihr.

Ich weiß nicht, wo sie hingegangen ist und was aus ihr geworden ist. Ich jedenfalls habe die Tür zur Buchhandlung aufgemacht, was ein Klingelzeichen auslöste. Dann bin ich ziemlich lang im Halbdunkel vor dem Ladentisch stehengebliehen und habe gewartet. Schließlich habe ich ein paarmal gehüstelt. Daraufhin wurde ein Vorhang für Blumenmuster zurückgeschlagen, der offenbar den Laden von einem Hinterraum abteilte, und eine ältere Frau ist aufgetaucht. Ihre Gebärden drückten Müdigkeit und Überdruß aus, und ihr durchdringender Blick hatte etwas Hypnotisches.

Mir ist das alles bis in die kleinsten Einzelheiten in Erinnerung. Als erstes ist mir dieser merkwürdige Vorhang aufgefallen: rote Blumen mit grünen Blättern auf gelbem Grund — das hatte etwas Unerwartetes in einer Buchhandlung. Durch die Öffnung im Vorhang erblickte ich einen schlauchartigen Raum mit Fenster zum Hof, wo ein Schreiner vor seiner Werkstatt gerade dabei war, die Füße an einem Stuhl neu zu verleimen. Übrigens geht er dieser Beschäftigung auch heute noch nach …

In dem Hinterzimmer war alles voller Regale mit Büchern, und weitere Bücher stapelten sich auf dem Fußboden. Was mir am meisten auffiel, war eine grellviolette Chaiselongue, die mich ebenso überraschte wie die Blumen auf dem Vorhang.

Die Frau stand nur da und fixierte mich mit ihren schwarzen Augen. Sie kam mir eher wie eine Wahrsagerin vor, nicht wie eine Buchhändlerin. Sie war damals noch besser zu Fuß, aber irgendwie konnte ich sie mir nicht mitten unter gewöhnlichen Straßenpassanten vorstellen. Heute, nach acht Jahren, weiß ich immer noch nicht, wie alt sie ist. Sie könnte eine früh verbrauchte Sechzigerin sein; sie könnte aber auch — und das möchte ich eher annehmen — fünfundsiebzig, wenn nicht achtzig Jahre alt sein; eine Frau, die beschlossen hat, sich selbst zu überleben, und auch die nötige Energie aufbringt.

»Ich habe da gerade Ihr Stellenangebot gelesen«, fing ich an.

Sie musterte mich von Kopf bis Fuß und fand es nicht zum Lachen, daß ein Mann in reiferen Jahren sich um die Stelle eines jungen Verkäufers bewarb… Sie ist kein Mensch, der sich über etwas wundert; sie beobachtet, und sie versucht zu begreifen. Mir war sofort klar, daß sie intensiv gelebt und viele und recht verschiedenartige Männer gekannt hatte, und daß sie die erdrückende Enge ihres Hinterzimmers nicht verlassen mußte, um mit dem Leben in Kontakt zu bleiben.

»Der junge Verkäufer, hm?«

»Ich bin erst vierzig Jahre.«

»Darunter wohl einige, die doppelt zählen …«

Ich muß blaß geworden sein. Ich war sicher, daß sie erraten hatte, woran sie mit mir war. Da ich keine Lust hatte, sie ins Vertrauen zu ziehen, machte ich Anstalten, den Laden zu verlassen.

»Ihre persönlichen Angelegenheiten gehen mich nichts an«, fuhr sie fort, unbeteiligt wie das Orakel zu Delphi. »Das einzige, was mich interessiert: kennen Sie sich mit Büchern aus?«

»Mit Büchern«, hat sie gesagt, nicht »in der Literatur«. Das fand ich sonderbar. »Ich habe drei Jahre lang an der Sorbonne studiert«, sagte ich. »Philologie.«

Jetzt wurde sie unsicher. »Sind Sie Lehrer gewesen?«

»Nein. Nach dem Tod meines Vaters habe ich das Studium abgebrochen und sein Geschäft übernommen.«

Die meisten Leute werfen einem beim Kennenlernen immer wieder einen gewollt flüchtigen, ja verstohlenen Blick zu, oder aber sie bemühen sich — wenn sie einem direkt ins Gesicht sehen —, eine völlig neutrale Miene aufzusetzen, vielleicht auch zu lächeln. Diese Frau aber musterte mich ganz ungeniert. Ich erriet, daß sie das Gefühl hatte, mein Gesicht schon einmal gesehen zu haben.

»Haben Sie in den letzten Jahren stark zugenommen?«

Ich nickte.

»Sie haben in Neuilly gewohnt, und Sie heißen …«

»Félix Allard.«

Schweigen. Sie konnte nicht verhindern, daß sich ein feines Lächeln auf ihre Lippen stahl. »Es geht schon komisch zu im Leben! Kommen Sie herein …«

Sie hat den Vorhang etwas weiter beiseite geschoben, um mich in das unaufgeräumte Hinterzimmer durchzulassen. Auf einem runden Tischchen stand Tee, daneben lagen verschiedene Zeitschriften und ein angebissenes Stück Toast.

»Räumen Sie den Stuhl da ab; die Bücher können Sie auf den Boden legen — egal, wohin. Also, zur Sache … Ich kann in letzter Zeit nicht mehr lange stehen, und deshalb habe ich die Annonce ins Schaufenster gehängt.«

Sie trug ein dunkles Kleid, das ihr überweit um die mageren Schultern hing. Auch Brust und Arme waren von einer Magerkeit, deren Anblick fast wehtat. Von den Hüften an abwärts war sie jedoch in die Breite gegangen. Als sie sich auf die Chaiselongue legte, blieb mein Blick unwillkürlich an ihren stark geschwollenen Beinen hängen. Sie verbarg sie hastig unter einem rotgrundigen Schottenplaid.

»Sie sind zu Ihrer Familie zurückgekehrt?«

»Nein.«

»Ja … Dann leben Sie allein? Haben Sie eine Unterkunft gefunden?«

»Ja. Rue des Arquebusiers, ganz in der Nähe … Über dem Regenmantelgrossisten.«

»Und was empfinden Sie so allein?«

»Eigentlich gar nichts.«

»Und von Ihren Angehörigen … Ihren Freunden … Haben Sie niemand wiedergesehen?«

»Ich hatte nicht das Bedürfnis, jemand wiederzusehen.« Das war nur teilweise richtig. Es kommt eben ganz darauf an, was man sich unter »wiedersehen« verstellt …

Sie steckte sich eine Zigarette an. »Rauchen Sie?« fragte sie und schob mir das Päckchen Gitanes zu. »Sind Sie sicher, daß niemand Sie hierhergeschickt hat?«

»Wie ich Ihnen gesagt habe … Ich habe Ihr Schild zufällig im Vorbeigehen gesehen.«

»Sagen Sie … Was haben Sie für Pläne? Noch einmal von vorn anzufangen — sich eine neue Existenz aufzubauen?«

»Kommt darauf an, was man darunter versteht.«

»Nun ja … Eine Stellung … Freunde … Vielleicht auch eine Frau?«

»Wenn es so wäre, dann säße ich jetzt nicht hier.«

Es fällt mir schwer, zu schildern, was an jenem Morgen vor sich ging. Wir haben, ohne eine Miene zu verziehen, ein paar völlig belanglose Sätze gewechselt, und trotzdem hat bei alledem eine Art tieferer Kontaktaufnahme stattgefunden. Im Grunde kam es auf die Worte gar nicht an: Sie hatte das innere Bedürfnis, mehr über mich zu wissen, mich kennenzulernen — und bei mir war es umgekehrt genauso. Der Unterschied war nur, daß ich mich hier um eine Stelle bewarb, die sie mir geben oder verweigern konnte —, daß ich folglich kein Recht hatte, ihr Fragen zu stellen. Bei mir kam noch hinzu, daß ich den fast leidenschaftlichen Wunsch hatte, von ihr eingestellt zu werden — vor allem, seit ich in dieses dubiose Hinterzimmer vorgelassen werden war.

»Wenn ich recht verstehe, haben Sie sich ans Alleinsein gewöhnt — sich damit abgefunden?«

»So etwa könnte man es ausdrücken, ja.«

»Bei mir ist es genauso.«

Das war das einzige, was ich an diesem Morgen über sie erfuhr.

»Ich nehme an, ich branche keine Angst zu haben, daß Sie sich aus der Ladenkasse bedienen?«

Ich habe mich mit einem Lächeln begnügt. Die Worte wurden immer mehrdeutiger.

»Ich gehe dann auch davon aus, daß Sie keine besonders hohen Anforderungen haben. Sie verstehen — wenn ich einen jungen Mann gesucht habe, so deshalb, weil ich es mir nicht leisten kann, viel zu bezahlen.«

Sie war geizig, das hatte ich mir gleich gedacht. Allerdings nicht aus Geldgier; es war der Geiz jener Menschen, die das Geld entbehrt haben, die wissen, was es bedeutet, keinen Franc in der Tasche und nichts zu essen zu haben … Der Geiz derer, die das bittere Elend kennengelernt haben und von der Angst verfolgt werden, wieder da hineinzugeraten.

»Sind Sie sich darüber im klaren, daß praktisch alle Arbeitgeber Sie nach Unterlagen fragen werden, nach Zeugnissen?«

»Gewiß. Das ist üblich so.«

»Und daß sie es sich zweimal überlegen, Sie einzustellen, sobald sie etwas über Ihre Vergangenheit erfahren?«

»Ich weiß. Die Erfahrung habe ich schon gemacht.«

»Nun ja … Sie scheinen ein ruhiges und ausgeglichenes Wesen zu haben. Das paßt mir — ich hasse Lärm, genauso wie Heiterkeitsausbrüche und Anwandlungen von schlechter Laune. Ich verlange nicht, daß die anderen mich mögen. Es ist mir völlig egal, ob ich meinen Mitmenschen sympathisch bin oder nicht. Die interessieren mich einfach nicht … Mein Ideal wäre es überhaupt, in einem Aquarium zu leben.«

In allen ihren Worten und auch in ihrem Blick war etwas Einfaches, Direktes und zugleich Aggressives. Übrigens frage ich mich heute, ob ich meinen ersten Goldfisch nicht vielleicht deshalb kaufte, weil sie an jenem Morgen von einem Aquarium gesprochen hatte.

»Und noch eine Frage: Wie ist das mit Frauen bei Ihnen?«

Ich wußte nicht gleich, was ich darauf antworten sollte.

»Ich habe nämlich ein Mädchen zum Saubermachen«, fuhr sie fort. »Ein junges Ding von zwanzig, wohlproportioniert, aufreizend … Die Kleine kann obendrein keinen Mann sehen — auch keinen wie Sie —, ohne zu versuchen, sich an ihn heranzumachen. Was sie nachts oben in ihrem Zimmer im sechsten Stadt treibt, das geht mich nichts an. Eines schönen Tages wird sie schwanger sein — wie die anderen auch, die ich hatte. Oder sie geht weg und sucht sich ihr Auskommen auf der Straße, Boulevard Sébastopol… Egal. Aber eines möchte ich nicht: daß man sich hier im Laden hinterherläuft, daß getuschelt wird und man sich womöglich hinter einer Tür abknutscht. — Haben Sie eine feste Freundin?«

»Nein.«

»Dann holen Sie sich welche von der Straße?«

Ich habe mit einer ausweichenden Geste geantwortet; ich fühlte mich gehemmt dieser Frau gegenüber, die sich da als Beichtvater aufspielte.

»Ich glaube, wir könnten miteinander auskommen«, fuhr sie fort; »Ein Versuch kann jedenfalls nicht schaden. Sagen wir, eine Probezeit von vierzehn Tagen. Wann dachten Sie, daß Sie anfangen können?«

»Wann Sie wollen.«

»Schön … Dann fangen Sie sofort an.«

Das ist nun acht jahre her. Wir haben uns sehr gut aneinander gewöhnt, wie sie es vorausgesehen hat. Ich könnte einen Eid darauf ablegen, daß sie von ihrer Chaiselongue oder ihrem Bett aus errät, was ich jeweils gerade tue, ja sogar, was ich denke.

Es kommt vor, daß ich sie insgeheim »die Hexe« nenne. Seit einigen Monaten verläßt sie kaum mehr ihr Zimmer — ihre Beine und Füße sind noch mehr aufgequollen. Sie kommt in keinen Schuh mehr hinein, auch nicht in Pantoffel. Sie muß fast getragen werden.

Ihr Zimmer (es ist übrigens genauso unordentlich wie das Hinterzimmer hier unten) befindet sich, wie gesagt, direkt über dem Laden. Es ist sehr niedrig, die ganze obere Wohnung ist gewissermaßen zwischen Erdgeschoß und erster Etage eingeklemmt und besteht aus einem Bad, das kaum größer ist als meines, einer Küche, einem Eßzimmer und einem weiteren Raum, der als Rumpelkammer dient.

Ich habe nacheinander fünf oder sechs Hausmädchen bei ihr erlebt. Meistens kamen sie aus der Bretagne, wie Renée, das jetzige Mädchen, das erst siebzehn Jahre alt ist. Madame Annelet ist der Ansicht, daß Renée nicht voll ausgelastet ist; deshalb verleiht — oder vielmehr vermietet — sie sie nachmittags für jeweils zwei Stunden an die Mieter im dritten Stadt, ein junges berufstätiges Ehepaar: Er arbeitet im Justizministerium, und sie ist Sekretärin bei einem Anwalt.

Selbst von ihrem Bett aus — ein altes Bettjäckchen um die knochigen Schultern — entfaltet Madame Annelet eine Energie, die immer noch bestürzend ist. Vor fünf Jahren hat sie ihren letzten Arzt vor die Tür gesetzt; sie war derartig in Wut, daß sie ihm die unflätigsten Beschimpfungen nachgerufen hat, die ich jemals aus dem Mund einer Frau gehört habe.

Seither hält sie keinerlei Diät ein, lehnt jedes Medikament ab und ißt gierig und mit Genuß alles, was sie will und soviel sie will. Sie hat stets etwas zum essen in Reichweite — Toast, Kuchen, Bonbons, kandierte Früchte — egal, was, wenn es nur eßbar ist.

Was sie noch braucht, sind Bücher, in die sie sich hingebungsvoll vertieft, sobald sie die neuesten Illustrierten durch hat, die sie von der ersten bis zur letzten Zeile liest.

»Ist sonst nichts da über Marie-Antoinette?« höre ich sie rufen.

Sie weiß über alle Königinnen vergangener Jahrhunderte Bescheid, vor allem über ihre Liebesgeschichten. Es wird immer schwieriger, Bücher für sie aufzutreiben, die ihren Erwartungen gerecht werden.

»Kriege und Politik, das ist nichts für mich«, setzt sie mir auseinander. »Was ich will …«

Ich weiß genau, was sie will. Ich suche überall herum und steige schließlich mit einem Stapel Bücher, die nach Staub und altem Papier riechen, zu ihr hinauf.

Der Laden ist außen blau gestrichen — ein Blau wie das Heft, in das ich schreibe. Ich habe den Schlüssel zum Laden. Jeden Morgen um acht Uhr hole ich die Handkurbel unter dem Ladentisch hervor und gehe damit vor’s Haus, um den eisernen Rolladen hochzukurbeln. Hinterher trage ich mit Renées Hilfe den Ramschkasten hinaus, und wir schieben ein oder zwei Keile darunter, damit er gerade steht.

Bib hat sein Eckchen unter dem Ladentisch — gleich dort, wo die Kurbel liegt. Er hat sich daran gewöhnt, sich nicht von der Stelle zu rühren, wenn ein Kunde oder eine Kundin mit Hund den Laden betritt. Er kommt erst hervor, wenn das andere Tier wieder draußen ist und begnügt sich damit, dessen Spuren zu beschnüffeln.

Madame Annelet hat eine Klingel anbringen lassen, um mich zu sich nach oben rufen zu können. Von ihrem Bett aus sieht sie mich vom Fußboden her auftauchen — Kopf, Schultern und Oberkörper. Manchmal brauche ich gar nicht weiter hinauf. »Ein junger Mann … Montaigne in Taschenbuchausgabe«, informiere ich sie. Sie hört es, hält es nicht immer für nötig, mich anzuschauen und fährt knabbernd in ihrer Lektüre fort.

___________

Bib hat mich wieder einmal unterbrochen — ich hatte mich schon darauf gefaßt gemacht. Er will spielen. Er hat es sich schon zur Gewohnheit gemacht, meine Schreibstunde zu unterbrechen. Beim ersten Mal war ich etwas ungehalten wie früher manchmal bei meinen Kindern, wenn ich ihnen Abend für Abend die gleiche Geschichte erzählen sollte. Aber heute, wo mein Organismus immer weniger Schlaf braucht, habe ich doch alle Zeit der Welt.

Ich habe, glaube ich, schon gesagt, daß es zwar fast nichts gibt, was Madame Annelet nicht über mich wüßte, daß ich meinerseits jedoch sehr wenig über sie weiß … Einmal hat sie mir aber dem etwas über einen Abschnitt in ihrem Leben erzählt. Ich war damals gerade ein paar Monate lang bei ihr in der Buchhandlung.

»Ich war auch einmal verheiratet, Félix«, hat sie mir anvertraut, und ihr Blick und ihre Stimme waren dabei hart und ausdruckslos. »Stellen Sie sich vor: mit fünfunddreißig hatte ich es mir in den Kopf gesetzt, einen gewissen Emile Doyen zu heiraten — einen Mann von vierzig, also etwa in Ihrem Alter. Er sah auch genauso friedfertig aus wie Sie. Und außerdem hatte er einen ruhigen Posten: er war Korrektor bei der Imprimerie du Croissant, wo er umschichtig Tag- und Nachtdienst hatte und in so einer Art Glaskäfig über seinen Fahnenabzügen saß …«

»Hatten Sie damals schon die Buchhandlung?«

»Noch nicht. Aber ich war dabei, mich nach etwas Passendem umzusehen — ich wollte wieder einen kleinen Betrieb eröffnen.«

Keinerlei Andeutung, was sie vorher gemacht hatte; eine Lücke von mindestens fünfunddreißig Jahren, und sie hat mir gegenüber nie den Versuch unternommen, diese Lücke auszufüllen.

»Ich habe mich unter meinem Mädchennamen und ganz auf eigene Rechnung niedergelassen«, fuhr sie fort. »Ich bin ein vorsichtiger Mensch, verstehen Sie … Ich hatte das Geschäft mit meinen persönlichen Ersparnissen erworben … Die eine Woche ist mein Mann morgens aus dem Haus gegangen und abends wiedergekommen, und die andere ist er nach dem Abendessen weg und hat mich in aller Frühe geweckt, wenn er zurückkam.«

Ihre monotone Schilderung und der gleichgültige Gesichtsausdruck sollten offenbar die Stumpfheit ihres Ehelebens charakterisieren. Worte wie Liebe oder Zuneigung sind nicht gefallen. Im ganzen Haus gab es kein Foto von ihrem Mann — übrigens auch keines von ihr oder von ihren Eltern; kein Schnappschuß mit Freunden am Strand oder im Gebirge — nichts.

»Zehn Jahre hat es gedauert.«

»Und dann?« fragte ich höflich.

»Eines Morgens hat er seine Sachen von einem Boten abholen lassen und mir in einem Brief mitgeteilt, daß er beschlossen habe, sich scheiden zu lassen; daß er alle Schuld und die Kosten auf sich nehmen wolle … Es folgten Name und Adresse seines Anwalts.«

Ich habe zwar nicht ihre fast hellseherische Intuition, und wohl auch nicht ihre Lebenserfahrung. Aber ich hatte dennoch den Eindruck, daß sie da gerade den wunden Punkt in ihrem Leben berührt hatte; und diesen Punkt habe ich zum Ausgang genommen, um mir ein Bild von ihrer Lebensgeschichte zu entwerfen. Ob dieses Bild nun richtig ist oder falsch … Ich habe ihre bruchstückhaften Aussagen sozusagen an den Enden zusammengenäht und neige zu der Ansicht, daß meine Vorstellung der Wirklichkeit nahekommt — bis auf ein paar Einzelheiten vielleicht.

»Und was glauben Sie, weshalb er mich verlassen hat — mit fünfzig Jahren?« fuhr sie fort. »Wegen einem jungen Ding von siebzehn, das auf der Straße Zeitungen verkaufte! In Männerkleidung — Männerhosen und eine alte Jacke ihres Vaters … Er hat sie geheiratet, sobald keine legalen Hindernisse mehr bestanden.«

»Was ist aus ihnen geworden?« .

»Keine Ahnung … Ich nehme an, sie sind immer noch zusammen. Sie hat ihm vielleicht Kinder geboren, was weiß ich … Gut möglich,. daß er immer noch seine alte Stelle in der Druckerei hat — in dem Beruf wird man alt.«

Was mich eigenartig berührte, waren weniger die Worte selbst, als der Klang ihrer Stimme. Hinter der trockenen und monotonen Sprechweise spürte man Sarkasmus, hinuntergeschluckte Aggressionen und paradoxerweise zugleich eine Art Teilnahmslosigkeit oder eher Indifferenz, zu der sie sich mühsam durchgerungen haben mußte, weil es für sie notwendig, ja lebenswichtig war.

Als sie mir erzählte, daß sie bei ihrer Hochzeit fünfunddreißig gewesen sei und ihr Mann vierzig, da hat sie mich sicherlich angelogen. Das Gegenteil dürfte der Fall sein. Ich habe ein wenig herumgerechnet und schätze, daß sie damals fünfundvierzig Jahre alt gewesen sein muß.

Sie ist in Paris geboren. Das hat sie mir soundso oft erzählt, und ich glaube es ihr. Aber ich glaube auch, daß sie mehr oder weniger in der Gosse zur Welt gekommen ist. Den Andeutungen, die ihr manchmal herausgerutscht sind, habe ich entnommen, daß das in der näheren Umgebung der Porte Saint-Martin gewesen sein muß.

Ob sie die miesen Hotels dieses Viertels frequentiert hat, vor denen solche Damen auf überhohen Stöckelschuhen Posten zu beziehen pflegen? Oder den Boulevard Sébastopol, auf den sie mehrfach in Zusammenhang mit ihren Hausmädchen zu sprechen gekommen ist?

Sie kennt fast alle Städte im Süden unten. »Als ich in Nizza war«, kann sie zum Beispiel sagen, oder: »Das erinnert mich an Narbonne …« Sie hat eine ganz bestimmte Art, von diesen Städten zu sprechen; sie ist nicht als Tourist dort gewesen, sie hat auch keine Verwandtschaft da unten, und sie hat keine Andenken von dort mitgebracht. Als sie zwanzig, dreißig, ja vierzig Jahre alt war, florierten die geschlossenen Häuser, und kein Mensch dachte daran, sie zu schließen. Ich bin fast sicher, daß ich recht habe, wenn ich sie mir in diesem Milieu vorstelle: zuerst als »aktive Mieterin«, später dann — immer noch appetitlich und kokett, als Assistentin der Leitung des Etablissements.

Wenn sie von Frauen spricht, so tut sie das nicht so wie alle anderen Frauen. Sie hat eine viel intimere, körperlichere Kenntnis von ihrem eigenen Geschlecht. Man ahnt,  daß sie viele Frauen nackt und in entwürdigenden Situationen gesehen hat — wie sie aus dem Zimmer, in dem sich der Klient noch anzog, zum Bad stürzten.

Die verschiedenen Mädchen, die sich in ihrem Haushalt ablösen, sieht sie etwa in der gleichen Art. Ich habe das eines Tages mitbekommen, als sie nicht gemerkt hatte, daß ich auf der Treppe war. »Du hast heut nacht einen Mann gehabt!« habe ich sie zu einer kleinen Braunhaarigen sagen hören, die nur zwei Monate geblieben ist. »Du riechst ja noch danach!«

Nun ja — jeder steigt innerhalb der Hierarchie auf, in die er hineingewachsen ist. Sie hat ihren Aufstieg mit der ganzen ihr zur Verfügung stehenden Energie betrieben. Von der Porte Saint-Martin zu den Häusern in Nizza, Béziers, Avignon … In reiferem Alter hat sie schließlich in Samt und Seide selbst ein Etablissement in der Gegend der Rue de Richelieu oder der Madeleine geleitet …

Zum Abschluß dieser Laufbahn ein »richtiges« Geschäft zu eröffnen — das wird ihr Ziel gewesen sein. Aber dazu brauchte sie ein Aushängeschild. Sie hat sich — unter ihren Kunden oder anderswo — einen biederen und ruhigen Mann ausgesucht, der ihr die erforderliche Achtbarkeit einbrachte. Ich kann mir sogar vorstellen, daß sie Emile Doyen auf dem Weg über die Heiratsanzeigen gefunden hat. Als verheiratete Frau war sie von Amts wegen von der Liste der Prostituierten gestrichen. Sie hatte ein Geschäft, das ihr persönlich gehörte; sie stand hinter dem Ladentisch ihrer eigenen Buchhandlung und beschäftigte ein Hausmädchen.

Alles spricht dafür, daß sie früher einmal schön war. Man braudn: sie nur verächtlich von den »vielen Frauen« reden hören, »die samt und sonders eine schlechte Figur haben …«

Übrigens ist sie keineswegs zartfühlender, was die Anatomie der Männer betrifft. Sie hat auch die Männer nackt gesehen: die verschiedensten Typen, in jedem Alter und in sämtlichen Positionen.

Aber eines Tages ist es dann soweit gewesen, daß sie selbst gealtert ist, daß ihr Gesicht Falten bekommen hat, ihre Brüste schlaff und ihre Beine langsam dicker geworden sind.

Es hat nichts zu sagen, ob alle diese Vermutungen im einzelnen zutreffen … Ich tue mit meinen Überlegungen ja niemand weh, und Madame Annelet selbst wird diese Zeilen bestimmt nicht lesen.

Eine Frau wie sie muß mit Zähnen und Klauen gegen das Altern angekämpft, sich bis zuletzt geweigert haben, es zu akzeptieren, so wie sie sich jetzt noch weigert, die Krankheit zu akzeptieren …

Bis dann dieser Brief kam. Emile Doyen, der friedliche, unbedeutende Doyen, eigens ausgewählt, nüchtern und ohne jede Ambition … Doyen läßt sie sitzen wegen einer kleinen Zeitungsverkäuferin, die er auf der Straße aufgelesen hat — auf der Straße, wo sie selbst einmal angefangen hat …

Ich glaube, daß sie an jenem Tag das Fenster in ihrem Zimmer oben zugemacht hat. Ich meine das im eigentlichen und im übertragenen Sinn. Sie hat nämlich ihr Bett absichtlich in einer Ecke stehen, von der aus sie das Leben und Treiben auf dem Boulevard nicht sehen kann. Was auf der Straße passiert, interessiert sie nicht. Nichts davon soll zu ihr hereindringen — weder die Gerüche noch die Geräusche …

Wenn sie vom ersten Tag an über mich Bescheid gewußt hat, so liegen meinerseits vielleicht die gleichen Gründe vor, warum ich wußte, woran ich mit ihr war: Sie hat sich in sich selbst zurückgezogen und zehrt nur noch von ihrem eigenen Leben, das sie mit den Geschichten von Königinnen, Konkubinen und berühmten Kurtisanen anreichert.

Ich habe vorhin angedeutet, daß meine Vermutungen sich auf allerlei nebensächliche Beobachtungen stützen: als erstes habe ich zum Beispiel hinter den Büchern im allerobersten Fach Erotika gefunden, die nur unter dem Ladentisch verkauft werden. In den ersten zwei Jahren ist es manchmal vorgekommen, daß Kunden den Laden betreten haben, die vom Typ her anders waren: meistens Herren in reiferen Jahren und offensichtlich aus besseren Kreisen, im Gegensatz zu unserer sonstigen Kundschaft. Wenn sie mich dann sahen, stutzten sie meistens, zögerten und fragten leicht geniert:

»Hat das Geschäft den Besitzer gewechselt?« Oder auch: »Ist Madame Annelet nicht mehr da?«

»Madame Annelet ist im Augenblick nicht da; ich bin ihr Angestellter«, habe ich dann geantwortet. Manchmal sagte ich auch, sie fühle sich nicht wohl, sie sei müde gewesen und habe sich gerade hingelegt. Ich war so gut wie sicher, daß sie da oben ganz genau aufpaßte. »Wenn ich Ihnen vielleicht behilflich sein kann …«

»Nein, vielen Dank… Ich komme dann nochmals vorbei.«

Ich wartete schon auf das Klingelzeichen, das mich nach oben rief.

»Wie hat er ausgesehen?«

Ich beschrieb den Kunden; ich war sicher, daß sie sofort wußte, um wen es sich handelte. Sie stellte aber keine Fragen und versuchte auch nicht, mir irgendwelche Erklärungen zu geben.

Anfangs habe ich gedacht, der Vorhang zwischen Laden und Hinterzimmer sei gleichzeitig mit der Chaiselongue angeschafft werden als nämlich Madame Annelets Gesundheitszusrmd sich verschlechterte. Aber dann habe ich die Gardinenstange und die Schrauben untersucht, und mir ist klar geworden, daß sie schon vor vielen Jahren angebracht werden sein mußten. Und hinter der Chaiselongue ist die Tapete viel weniger verblaßt als an der restlichen Wand.

Hier sind nicht nur erotische Bücher verkauft worden — der Liebhaber dieser Literaturgattung hatte auch die Möglichkeit, die Bücher in diesem als Boudoir zurechtgemachten Hinterzimmer durchzublättern … In Gesellschaft von Madame Annelet? Oder einer jüngeren Verkäuferin, einem entsprechend dressierten Hausmädchen?

Ich weiß es nicht. Es geht mich nichts an. Unser beider Leben, das ihre und das meine, haben nichts Gemeinsames, abgesehen von dem totalen Bankrott zu einem bestimmten Zeitpunkt und dem daraus resultierenden Bedürfnis, allein zu sein.

Tatsächlich aber spielen wir ein komisches Spielchen miteinander: wir bespitzeln uns gegenseitig; jeder versucht, die Gedanken des anderen zu erraten. Ganz so, wie es am Anfang zwischen Bib und mir war und auch heute noch gelegentlich vorkommt.

Madame Annelet hat keinen Hund; sie hat keine Katze, keinen Goldfisch und keine Geranien auf dem Fenstersims. Sie hat nur ein Dienstmädchen, das sich in ihren Augen in nichts von den nackten und anonymen Mädchen unterscheidet, die sie früher in den Salon geschoben hat.

Der Donnerstag ist einer der Tage, an denen ich am meisten zu tun habe — da ist schulfrei, und die Kinder und Jugendlichen kommen einzeln oder in Gruppen in den Laden. Ich kenne sie fast alle vom Sehen, manche sogar mit Namen. Es sind Kinder wohlhabender Leute aus der Nachbarschaft darunter, die Kredit haben, und deren Eltern ich am Monatsende die Rechnung schicke.

Und dann ist da jemand, der manchmal vor dem Schaufenster vorbeikommt … Ich warte schon lange darauf, daß er die Ladentür aufmacht, aber er tut es nicht. Er wohnt knapp dreihundert Meter von hier entfernt. Ob er seine Bücher deshalb anderswo kauft, weil er weiß, daß ich hinter dem Ladentisch stehe?

Wie immer hat Madame Annelet mindestens zehnmal am Nachmittag nach mir geklingelt. »Was ist los, Félix?«

»Ein Stendhal; eine Garnier-Ausgabe.«

Sie ist es gewöhnt, auf alles ein Auge zu haben. So oder ähnlich wird sie früher einmal ihre Mädchen ausgefragt haben: »Was für spezielle Wünsche hat er gehabt?«

Ich habe um halb sieben, später als an den anderen Wochentagen, geschlossen und die Kurbel geholt, um den eisernen Rolladen herunterzulassen. Nachdem ich den Ramschkasten mit Renées Hilfe wieder hineingetragen hatte, bin ich mit den Tageseinnahmen zu Madame Annelet hinaufgestiegen.

Von der Küche her strömte ein Geruch von Cassoulet. Im Schlafzimmer war es sehr heiß, und Madame Annelets magere Brust war unter dem Bettjäckchen fast nackt. Sie hat die Scheine nachgezählt, und sie in den Umschlag zurückgesteckt. Ohne mich anzusehen — so ganz nebenbei, hat sie unvermittelt gefragt: »Sie haben die Absicht, mich zu verlassen, Félix?« Erst jetzt sah sie mich an.

Ich glaubte, in ihren Augen echte Angst zu lesen. Ich war so überrascht, daß ich nicht gleich antwortete. Und sie fügte mit dem trockenen Lachen, mit dem sie sich immer über sich selbst lustig macht, hinzu:

»Sie wissen doch — ich kann neue Gesichter nicht ausstehen!« Mit einer Kopfbewegung wies sie zur Küche hin, wo das Mädchen geschäftig hin und her lief. »Bei den Mädchen, da ist es mir einerlei. Die sind doch alle gleich … Außerdem würden sie ohnehin unmöglich, wenn sie zu lange hier wären.«

Das konnte ja nur bedeuten, daß es ihr in meinem Fall nicht einerlei war. »Wie kommen Sie darauf, daß ich Sie verlassen will?«

»Ich weiß nicht. Seit einiger Zeit fühle ich das …« Zu meiner größten Verblüffung setzte sie hinzu: »Sagen Sie — wann waren Sie das letzte Mal beim Arzt?«

»Wann ich zuletzt…? Das dürften jetzt bald sechs Wochen her sein.«

»Und was hat dieser Schwachkopf Ihnen gesagt?«

Es war zu spät — ich konnte nicht mehr zurück. Sie hatte mich mit ihren Fragen überrumpelt. Ich versuchte es mit einer ausweichenden Antwort. »Nun ja — eigentlich nichts Neues …«

»Also was?«

Ich hatte den Mantel umgehängt, denn ich war nur für einen Augenblick heraufgekommen. Ich muß eine ziemlich lächerliche Figur abgegeben haben, wie ich aufgedunsen und in voller Größe — ich stieß mit dem Kopf beinahe die Decke — vor dieser Frau mit den gefärbten Haaren stand, die da vor mir im Bett lag.

»Wie lange gibt er Ihnen noch?«

»Zwei Jahre … Vielleicht drei«, habe ich leise und verschämt zugegeben.

»Für alles?«

Sie wußte, daß ich sofort verstehen würde, was sie meinte. Nicht etwa zwei Jahre, bis ich bettlägrig sein würde oder ins Krankenhaus gebracht werden müßte. Nein — zwei Jahre insgesamt, für alles. Zwei Jahre bis zum Ende.

Ich habe genickt. Ich habe förmlich gespürt, wie sie vor Entrüstung zitterte. Auf den Ellbogen aufgestützt, hat sie mich fast angeschrien:

»Und das haben Sie dem abgekauft, ja?« Ihre Stimme war wieder vulgär geworden. »Na, geben Sie’s schon zu!«

»Er hat mir gesagt …«

»Ihr Männer seid doch wirklich alle gleich! Sie haben ihm geglaubt — ich weiß es; Tag für Tag lese ich das auf Ihrem Gesicht. Er hat Ihnen diese Idee in den Kopf gesetzt, und dort bahnt sie sich jetzt ihren Weg … Das spüre ich doch! Ja, wissen Sie denn nicht, Sie Idiot, daß man erst stirbt, wenn man es selber will?«

Diese Worte waren nicht mehr an mich gerichtet; sie waren für sie selbst bestimmt. Sie zitterte jetzt am ganzen Leib. »Haben Sie gehört? Eine Frage des Willens ist das! Ich zum Beispiel will nicht sterben, und ich weiß, daß ich erst sterbe, wenn ich es einmal will. Und das, obwohl ich keines von diesen dreckigen Medikamenten nehme und diese dämlichen Diätvorschriften überhaupt nicht beachte. Und was tun Sie — ein Mannsbild wie Sie? Kreidebleich werden Sie, weil ein diplomierter Kurpfuscher Ihnen eröffnet, daß Sie nur noch zwei Jahre haben! Und das hat Ihnen dieser Komiker vermutlich allen Ernstes gesagt mit seiner Totengräbervisage … Ja, ist Ihnen eigentlich klar, daß das Mord ist?

›Der nächste, bitte… Zeigen Sie mal die Zunge … Was macht denn unser Puls … Wenn ich da draufdrücke, tut Ihnen das weh? Aha — dachte ich mir. Und hier? Tz, tz, tz … Wie steht’s mit dem Stuhlgang? Hm, hm, hm … Wenn Sie dem Autobus hinterherlaufen, bleibt Ihnen dann die Luft weg? Na, dann machen Sie sich mal frei … Sie rauchen natürlich … Und Sie stopfen in sich hinein, was Ihnen Spaß macht — zuviel Fett, zuviel Kohlehydrate — was weiß ich … Na, dann legen Sie sich mal da drauf. So, ja. Jetzt nicht mehr bewegen…‹«

»Wenn ich bloß daran denke, Félix«, fuhr sie fort, »daß Sie sich haben auf die Schippe nehmen lassen wie all die andern! Daß Ihnen der Schweiß ausgebrochen ist; daß Sie versucht haben, einen Blick dieses sauberen Herrn zu erhaschen, als er Ihnen seinen Gummihandschuh-Finger in den Hintern gesteckt hat! Nein, hat er nicht …? Wundert mich aber … Die Sorte bohrt doch mit Begeisterung in sämtlichen Löchern herum …

›Zwei Jahre! Vielleicht drei — wenn Sie keine Zigarette mehr anrühren … Wenn Sie die Mädchen in Ruhe lassen … wenn Sie salzlose Diät einhalten…‹

Wissen Sie, was ich mit den Ärzten mache? Ich setze sie schlicht vor die Tür. Und ich überlebe die ganze Bande, das lassen Sie sich gesagt sein!«

Sie hatte sich wieder entspannt — so urplötzlich, wie sie vorher in Rage geraten war. Jetzt sah sie gleichmütig zur Decke hoch. »Sie haben sich dazu entschlossen?« fragte sie dann mit veränderter Stimme.

Ich habe nicht gefragt, was sie meinte. Ich habe gar nichts gesagt.

»Wann?« fragte sie nach einer Pause.

»Ich weiß noch nicht.« Ich war verlegen. Da stehst du nun wie ein dummer kleiner Junge, dachte ich.

»Schon besser!« Sie lachte auf; wieder war es das schroffe Lachen. »Na schön … Wenn Sie dann soweit sind, Félix, dann seien Sie doch so nett und geben Sie mir eine Woche vorher Bescheid, damit ich Zeit habe, jemand zu suchen, der Ihre Aufgabe übernimmt. Aber eines kann ich Ihnen sagen: Bei dem möchte ich’s vorher schriftlich haben, daß er nicht krank ist …!«

Ob dieses Gespräch schuld daran war, daß ich gestern nicht in der Lage war, etwas in mein Heft zu schreiben? — Am Sonntag, auf dem Montmartre, hatten mich zwei kurze Sätze so aus dem Gleichgewicht gebracht, daß ich alles in Frage stellte, was vorher festgestanden hatte:

Bist du auch nicht zu müde? — 0 nein, mir geht es gut!

Und heute, am Donnerstag, hatte mir die rasende Hexe um die Ohren gehauen:

Ja, wissen Sie denn nicht, Sie Idiot, daß man erst stirbt, wenn man es selber will?

Komm, Bib, Zeit zum Schlafengehen. Morgen ist auch noch ein Tag.

Samstag, 16. November 2 Uhr morgens

Ich bin aufgestanden — es war besser so. Ich bin gegen Mitternacht zu Bett gegangen, und seither habe ich wachgelegen. Selbst wenn ich in eine Art Schlummer hinübergeglitten bin und meine Gedanken die Gestalt von Träumen annahmen, war ich trotz allem bei Bewußtsein; ich war mir darüber klar, daß ich unter der schrägen Decke in meinem Bett lag — ein dicker, ungesunder Mann —, und ich fühlte Bibs Gewicht an meinem linken Bein.

Es kommt häufig vor, daß ich zwischen Wachen und Träumen hin- und herpendle. Es gibt Nächte, in denen ich fünf- oder sechsmal auf die Uhr schaue, um nachzusehen, wieviel Zeit mich noch vom Morgen und von meiner Routine trennt: von der Haustür, die ich einen Spalt öffne, damit Bib hinausschlüpfen und auf die Straße rennen kann.

Ich hatte die Lampe schon eine Zeitlang ausgemacht, als ich dagelegen und über meinen Hund nachgedacht habe. Es widerstrebt mir, in Verbindung mit ihm von »einem Hund« zu sprechen. Ich lebe nun seit fünf Jahren mit ihm. Als ich ihn aus dem Asyl nach Hause brachte, hatte man ihn auf drei oder vier Jahre geschätzt. Er muß demnach jetzt etwa neun sein, und das bedeutet, daß er etwas über die Hälfte der normalen Lebensdauer eines Pudels hinter sich hat.

Wir haben also ungefähr das gleiche Alter, er und ich. Sein Rücken wird allmählich steifer und er setzt etwas Fett an. Er spielt aber trotzdem weiter mit seinen Bällen, er macht auch nach wie vor den »toten Mann« und ab und zu — aber seltener — seinen gefährlichen Purzelbaum nach rückwärts. —

Für den Bruchteil einer Sekunde ist er vor mir aufgetaucht — ebenso groß und breit wie ich. Er hatte seinen dicken Kopf über mein Gesicht gebeugt, das er mit mit mutiger Neugier musterte. Das war übrigens nicht das einzige widerwärtige Bild, das mich in meinem halbwachen Zustand heimgesucht hat. Ich habe auch Madame Annelet gesehen; sie war in ihrem Zimmer oben und hat sich verbissen gegen den Tod zur Wehr gesetzt …

Alles, was sie gegen den Tod sagt — ihre wütend hervorgestoßenen Provokationen —, das beruht auf Angst. Sie wird von Panik ergriffen, wenn sie daran denkt, plötzlich ein lebloses, faulendes Etwas zu sein, das man so schnell wie möglich in die Erde versenkt, um es los zu sein. — Ob sie wohl friedlicher schläft als ich, der ich keine Angst vor dem Sterben habe? Wartet sie auch ungeduldig auf die ersten Zeichen, die ihr den Morgen ankündigen?

Am Donnerstagabend habe ich ihr gegenüber eine klägliche Figur abgegeben. Ich habe nicht gewußt, was ich sagen sollte — wie mir das früher manchmal bei meinem Vater passiert ist … Mein Vater ist vor meinem geistigen Auge aufgetaucht — vielleicht nicht ganz so, wie er wirklich war. Ich habe den Hof unseres Hauses in Puteaux vor Augen gehabt, wo ich stundenlang in der Sonne gesessen und gelesen habe — die Beine gegen die vom Zementstaub weißen Bohlen gestemmt und mit dem Stuhl auf und ab wippend. Félix, du machst den Stuhl kaputt! Die Stimme meiner Mutter. Ich habe auch versucht, meine Mutter vor mir zu sehen …

Warum das alles? Warum? Fragen über Fragen sind auf mich eingestürmt, und ich hatte doch geglaubt, ein für allemal eine Antwort gefunden zu haben. Und in Wirklichkeit? Jede Menge Fragezeichen, sonst nichts …

Ich bin aus dem Bett gestiegen. Ich brauchte kein Licht anzumachen, denn es ist beinahe Vollmond und darum so hell in der Mansarde, daß ich Bibs Umrisse genau erkennen kann und seine halbgeöffneten Augen sehe. Er hat zuerst wohl geglaubt, daß ich auf die Toilette will. Als er gemerkt hat, daß ich zum Fenster ging, hat er gezögert. Er hat mit sich gekämpft — wie mir das früher auch bei meinen Eltern passiert ist. Er war offenbar hin- und hergerissen zwischen Wunsch und Pflicht: dem Wunsch, sich wieder dem Schlaf zu überlassen, und der Verpflichtung (als solche wird er es wohl ansehen), hinter mir herzulaufen.

Ich hatte meinen Vater und meine Mutter gern. Ich habe eine Reihe anderer Leute »gerngehabt«. Aber was bedeutet das wirklich?

Bevor ich mich an den Tisch gesetzt und dies hier niedergeschrieben habe, bin ich etwa eine Viertelstunde lang am Fenster stehengeblieben und habe auf die Straße geschaut: auf die Häuser, die Firmenschilder und die drei Straßenlaternen. Der Himmel ist klar und ohne eine Wolke. Den ganzen Tag über war er einfarbig blaßblau, mit einer kühlen und matten Sonne, die fast keinen Schatten geworfen hat. Jetzt aber ist er wie mit Silber überzogen, der Mond steht riesenhaft über den Dächern; alles erscheint in außerirdischer Starre und ist in ein leblos gleißendes Licht getaucht, das mich an das Licht über einem Zahnarztstuhl erinnert.

Was mich von Madame Annelet unterscheidet … Ich nehme ihr zum Beispiel übel, daß sie einen so breiten Raum in meinen Gedanken eingenommen hat. Ich nehme ihr übel, so über mich zu denken, wie sie das tut. Und ich nehme es ihr weiter übel, daß sie mich so ansieht: mit einer Miene, als ob sie alles erraten könnte. Sie läßt sich obendrein nicht einmal herab, sich bei mir zu erkundigen, ob sie sich täuscht oder nicht.

Meine Mutter war auch so. Dunkel und mager wie sie. Mein Großvater väterlicherseits, Désiré Allard, der noch größer und breiter war als ich, hat es meinem Vater nie verziehen, daß er eine schmächtige und kränkliche Frau geheiratet hatte, die Klavier und Geige spielte. Und ich bin mir nicht sicher, ob es mein Vater auf die Dauer nicht selber bereut hat.

Madame Annelet hat darum gekämpft, aus der breiten Masse herauszukommen, sich einen kleinen Freiraum zu schaffen, wo sie sich endlich nur mit ihrer eigenen Person zu beschäftigen brauchte. Ob ihr bewußt ist, daß fünf Millionen Pariser um sie herum atmen, essen und arbeiten und ihr dabei so nahe sind, daß sie trotz ihrer geschlossenen Fenster gar nicht anders kann, als dieses ganze Leben mit einzuatmen? — Kommt ihr manchmal der Gedanke, daß am anderen Ende der Welt ganze Völker gerade aufwachen, wenn sie sich ans Einschlafen macht? Daß Züge, Schiffe und Flugzeuge in blendender Helle und tiefster Dunkelheit ihren Weg verfolgen?

Nein, ich glaube nicht; sie lebt wirklich ganz für sich.

Mit mir ist das anders. Als ich vorhin die Stirn an die Scheibe gepreßt hatte und die im Mondlicht weißlich-grauen Fassaden, die geschlossenen Fensterläden und die leeren Balkone betrachtete, habe ich gedacht: Menschenschachteln …

Meine Gedanken sind wie von selbst zu einem anderen Haus, einer anderen Fassade gewandert, an der Place des Vosges. Drei Fenster im zweiten Obergeschoß, die etwas niedriger sind als die Fenster im ersten Stock. Ich habe die Wohnung nie betreten. Es werden Möbel darin sein, die ich gekauft, Teppiche, die ich ausgesucht habe. — Soweit ich das von außen beurteilen kann, ist die Wohnung nicht groß: wahrscheinlich zwei Schlafzimmer und ein Wohnzimmer, außerdem Küche und Bad …

Die Kinder sind nicht mehr in dem Alter, in dem sie zusammen in einem Zimmer schlafen können. Falls Philippe also nicht auf der Couch im Wohnzimmer schläft — und das sollte mich wundern —, hat er ein eigenes Zimmer, und das bedeutet wiederum, daß Anne-Marie und Nicole, die diesen Monat vierzehn wird, im selben Raum schlafen … Womöglich in unserem Bett, dem einstigen Ehebett von Anne-Marie und mir? Der Gedanke berührt mich nicht; es ist mir einerlei. Ich sehe diese Menschen in demselben kalten Licht, das in dieser Nacht auf die Dächer von Paris herunterstrahlt. Philippe und Nicole sind meine Kinder. Wie alle Väter bin ich nervös im Krankenhauskorridor auf und ab gegangen, während sie sich in diese Welt durchkämpften.

Da ist noch eine andere Wohnung, an die ich denken muß. Sie liegt noch näher, am Boulevard Beaumarchais; von der Rue des Arquebusiers aus gesehen nicht rechts, wie die Buchhandlung, sondern zur Linken, in Richtung Place de la République.

Sie sind erst vor zwei Jahren dort eingezogen: Monique, die drei Jahre älter ist als Anne-Marie (jetzt also dreiundvierzig), Daniel (siebzehn) und Martine (fünfzehn). Sie wohnen im vierten Stock; ein Balkon läuft über die ganze Front des Gebäudes. Er ist in der Mitte durch ein Gitter aus Eisenstäben geteilt, denn das Haus hat zwei Wohnungen pro Etage.

Drei Menschengrüppchen — sofern man Bib und mich als »Menschengrüppchen« bezeichnen kann … Ach so, ja: da ist auch noch der Laden am Boulevard Beaumarchais, wo ich mit Madame Annelet ja auch so etwas wie ein Grüppchen bilde, ob ich es nun will oder nicht.

Wie aber steht es mit den Querverbindungen? Irgendwie ist das nicht der richtige Ausdruck. Ich möchte lieber von Vibrationen sprechen, von Schwingungen. Am Sonntagnachmittag auf der Treppe Saint-Pierre, da vibrierte etwas zwischen den beiden Krüppeln, als sie wie von Orgelakkorden getragen die Treppe hinaufstiegen.

Sie sind da, alle diese Menschen; sie existieren, jeder in seinem Schubfach. Und auch Renée, das Mädchen von Madame Annelet, in dem ihren, oben im sechsten Stock.

Jeder atmet, jeder träumt — wie Bib, der gerade im Schlaf die Pfoten bewegt und dabei ein paarmal leise gewinselt hat.

Es läuft nicht so, wie ich mir das vorgestellt hatte … Ich spreche jetzt nicht vom Leben, sondern von diesem Heft hier, in dem ich mißmutig und niedergeschlagen Seite um Seite vollkritzle. Als ich damit begann, hatte ich die Absicht, alles klarzumachen — nicht nur anderen, falls andere diese Zeilen je lesen sollten, sondern vor allem mir selbst. Und ich war ziemlich sicher, daß mir das gelingen würde. Es mußte doch genügen, meinen Fall in aller Offenheit — gegebenenfalls mit brutaler Offenheit — darzulegen, um zur Wahrheit zu gelangen.

Erreicht nicht jeder irgendwann im Leben den Punkt, an dem er den mehr oder weniger heftigen Wunsch hat, seinen Standort zu bestimmen? Hat nicht jeder das Gefühl, sich von den anderen zu unterscheiden? Und leidet er nicht darunter, daß man ihn nicht versteht?

Zum Beispiel eine Frau — irgendeine, egal; sie mag noch so intelligent, noch so vernünftig, noch so »anständig« im landläufigen Sinn sein. Sie brauchen sie nur bedeutungsvoll und ein bißchen verwirrt anzusehen — ich habe es ausprobiert; jeder Mann hat es schon ausprobiert:

»Ich möchte zu gern dahinterkommen …«

»Dahinterkommen? Hinter was denn?«

»Ach, Sie wissen schon … Ich bin bestimmt nicht der erste, der Ihnen das sagt!«

Wer immer Sie auch sein mögen — jetzt hört sie zu:

»Sie sind einfach nicht wie alle anderen; Sie haben so etwas an sich …«

Und die Männer? Genau das gleiche. Ob es sich um ein Genie handelt oder um einen besseren Dorftrottel:

»Sagen Sie — warum schreiben Sie eigentlich nicht die Geschichte Ihres Lebens? Gerade Sie …«

Ein ganz kleiner Planet, der unter Millionen anderer kleiner Planeten, wärmerer oder kälterer, dahintreibt in einem Raum, von dem man nicht weiß, woraus er besteht … Ein winziges Individuum, das schon bald nur noch ein Häufchen Materie sein wird, dessen man sich voller Abscheu entledigt … Und dieses Individuum unternimmt es in allem Ernst, die Geschichte seines Lebens zu schreiben.

Ach Gott! Welches Lebens denn schon …

Die Geschichte seines eigenen, seines ganz persönlichen Lebens, zum Teufel! Und alles, was in dem Ding vergeht, das er für sein Gehirn hält … In der Schule zum Beispiel:

»Félix, wenn du glaubst, daß du hier eine Extrawurst gebraten kriegst … Die Spielregeln sind für alle gleich!«

Man hat ihm beigebracht: »Du sollst Vater und Mutter ehren …« Und sie liebhaben. Und ihnen gehorchen … Der Mann und die Frau, die dir da gegenübersitzen und ihre Suppe löffeln, die sind nicht irgendein Mann und irgendeine Frau. Das sind ein Vater und eine Mutter.

Der Großvater hingegen, das ist eine Art Patriarch; so ein Apostel, wie man sie auf den Kirchenfenstern sieht:

»Zeig mir dein Zeugnis … Was? Nur fünfter? Du bist ja schon wieder zurückgefallen!«

Fünfter, ja. Von wie vielen?

»Was ist eigentlich mit dir los? Warum bist du in diesem Quartal so viel schlechter geworden? Ist dir denn nicht klar, daß deine ganze Zukunft, deine Karriere…«

Ja, es stimmt. Man muß an seine Karriere denken, sich einen Beruf aussuchen. Man muß irgendwo unterschlüpfen — ein Zuhause in Puteaux, eine Etage in Neuilly, eine Zelle in der Strafanstalt von Melun, oder eine Mansarde in der Rue des Arquebusiers … Man kann sich auch — wie Madame Annelet — im Süden unten von einem Bordell zum anderen hinaufarbeiten bis zum noblen Stundenhotel in Paris und der Buchhandlung am Boulevard Beaumarchais.

Und dann kommt der Tag oder auch der Abend, an dem man plötzlich nicht mehr allein ist. Man sitzt auf der Terrasse eines Cafés oder auf einer Bank. Man schlendert durch die Straßen, einen Menschen neben sich, den man vor vierundzwanzig Stunden noch nicht gekannt hat.

»Woran denken Sie?«

»An Sie. Daß Sie sonderbar sind …«

»Ich? Wieso?«

»Passiert Ihnen das öfter, daß Sie mit einem jungen Mädchen spazierengehen und dabei so schweigsam sind?«

»Nein … Bisher noch nicht.«

»Und warum dann bei mir?«

»Das verstehe ich selbst nicht recht…«

Weil sie verschieden ist natürlich, weil sie anders ist als die anderen … Schon berichtet sie von sich, erzählt einem von ihrem Leben. Und man kann selber gar nicht schnell genug von seinem eigenen Leben erzählen. Jeder zählt seine Besonderheiten auf, alles, was anders ist … Die Haut ist anders, die Nase, die Augen, die Ohren und vor allem der Mund, den man unbedingt bald näher kennenlernen muß. Dann kommen die Brüste dran, aber dabei kann es natürlich nicht bleiben. Man muß auch intimere Bereiche erkunden — die Art zu seufzen, die auch wieder anders ist…

»Ich liebe dich!«

»Nicht so wie im dich.«

»Ich weiß gar nicht, wie das gekommen ist…«

»So was kann nur Schicksal sein.«

Dieser gräßliche eisige Mond da über mir wird noch dahinschmelzen bei meinen Erinnerungen.

»Ich möchte wissen, was geschehen wäre, wenn wir nicht durch Zufall zueinander gefunden hätten.«

»Mein Leben wäre ganz anders verlaufen.«

»Meines auch …«

»Es wäre leer und inhaltslos gewesen, wie bei den meisten Menschen. Es gibt so wenige, die wirklich erfahren, was Liebe ist!«

»Furchtbar muß das sein …«

»Glücklicherweise wissen die ja nicht, was sie entbehren.«

»Glaubst du?«

»Wenn sie’s wüßten, würden sie sich eine Kugel durch den Kopf jagen!«

»Ja …? Du kannst einem direkt Angst machen!«

»Ich liebe dich …«

Ich halte es für recht unwahrscheinlich, daß mein Vater und meine ‘Mutter auch so miteinander geredet haben könnten. Weil es sich um meinen Vater und meine Mutter handelt … Mein Großvater und meine Großmutter natürlich erst recht nicht.

»Wenn wir dann richtig‘ibeieinander sind …«

Beieinander sein in seiner Wohnung, einem Zimmer, einem Loch … Sich weiter gegenseitig von seinem Leben erzählen, jeder in der Überzeugung, daß seine Geschichte die wichtigere ist.

»Wenn du mich je einmal nicht mehr lieben solltest…«

»Komm, sei still! Nicht auszudenken! Allein bei dem Gedanken, daß ich wieder allein sein könnte …«

Genau das ist es — man will nicht mehr allein sein. Zu zweit sein, um nicht mehr allein zu sein.. Warum dann nicht gleich zu dritt? Zu fünft, zu zehnt, zu hundert?

»Eines Tages, Chérie, wird aus unserer Liebe ein neues Wesen entstehen …«

»Ein Kind — unser Kind! Kannst du dir das vorstellen? Von uns — ganz allein von uns …!«

»Ich liebe dich!«

»Und ich erst!«

Die Menge besteht nicht mehr aus einem feindseligen Gewühl, aus der Masse Mensch, in der jeder selbstsüchtig seinen Platz verteidigt. Nein — sie ist zum Zeugen des eigenen Glücks geworden; sie besteht aus Gesichtern, die sich nach einem eng umschlungenen Paar umdrehen.

»Hast du den fetten Kerl eben gesehen mit seiner Leichenbittermiene? Wie der uns angeschaut hat!«

»Der beneidet uns nur …«

Eine alte Frau schaut uns gerührt an, und ein junger Bengel macht einen blöden Witz.

»Wie sollen wir es nennen?«

»Wenn es ein Junge ist …«

»Aber vielleicht wird es ein Mädchen …«

»Ich will aber, daß es ein Junge ist, und daß er dir ähnlich sieht.«

Ja — wir sind zu dritt. Und zu viert.

Die kalte Wut packt mich, wenn ich bloß daran denke. Die Wut, daß ich es nötig habe, solche Dinge aufzuschreiben.

Da ist eine Frau mit zwei Kindern an der Place des Vosges. Und eine andere — ebenfalls mit zwei Kindern — in einem Haus am Boulevard Beauinarchais. So nahe, daß ich das Dach sehen könnte, wenn mein Haus höher wäre. Und ich bin für die einen wie für die anderen verantwortlichi auf eine Art …

Acht Jahre sind es nun, daß ich keinen Kontakt mit ihnen gehabt habe. Es ist kaum anzunehmen, daß sie wissen, wo ich bin. Auf jeden Fall kümmert es sie nicht — für sie existiere ich nicht mehr. Warum sollten sie dann noch für mich existieren?

»Verantwortlich« habe ich vorhin geschrieben? Was soll das heißen? Für wen und wofür ist man überhaupt verantwortlich? Jeder tut, was er kann; ich genauso wie alle anderen … Auch meine Chefin — da ich ja nun eine Chefin habe —, hat getan, was sie konnte.

»Was ist mit meinem Großvater?« wird einmal ein Kind fragen in einer Zeit, die ich nicht mehr erleben werde.

Ein Philippe von dreißig, oder eine Nicole, die dann kein kleines Mädchen mehr ist, sondern eine Frau, die ihrer Mutter ähnlich sieht, wird eine abwehrende Geste machen.

»Von deinem Großvater wollen wir nicht sprechen, ja?«

»Warum? War der böse?«

Was soll man darauf antworten? Man wird sich schon etwas einfallen lassen:

»Weißt du, dein Großvater, der war nicht so wie andere …«

Vielleicht ist das der Grund, warum ich Bescheid wissen möchte; warum ich möchte, daß auch die anderen Bescheid wissen… Aber ich stelle das nicht richtig an; ich bin ungeschickt bis zum Schluß. Außerdem ist es inzwischen kalt. Ich habe keinen Schlaf und mag mich nicht wieder ins Bett legen. Ich werde den Ofen wieder anmachen, mir eine Tasse Kaffee aufbrühen, mich von neuem an den Tisch setzen und zweifellos die restliche Nacht hier zubringen.

Wie ich diesen Mond hasse, der direkt oberhalb der Dachluke über meinem Kopf hängt! Hoffentlich ist er nachher soviel weiter gewandert, daß ich ihn nicht mehr sehe.

Nein, Bib — es ist noch nicht Zeit zum Aufstehen … Kümmere dich nicht um deinen Herrn.

Schlaf gut, Bib!

___________

An einem Maimorgen gegen elf Uhr habe ich die Strafanstalt von Melun mit einem Koffer in der Hand verlassen. Ich stand plötzlich vor dem Portal der Kirche von Notre-Dame, von der ich vier Jahre lang nur Türme und Dächer gesehen hatte. Es war ein schöner, milder Tag. Der erste Mensch, dem ich begegnet bin, war ein alter Herr mit weißem Schnurrbart, der einen Panamahut trug.

Ich war weder ratlos noch besonders bewegt. Ich habe mir vor allem das Straßenpflaster angesehen, die Trottoirs, die Häuser, und ich habe auf das Geräusch der Schritte gelauscht … Dann habe ich den Platz überquert und bin an der Ecke zu einer schmalen Seitenstraße in ein nettes kleines Lokal gegangen. Der Wirt stand in Hemdsärmeln und blauer Schürze hinter seiner Zinntheke und war dabei, Flaschen einmräumen.

Es hätte genausogut ein Bistro in Puteaux oder im Quartier Latin sein können. Der Geruch war der gleiche, die Farbe des Fußbodens und der paar Tische … Auch der Aushang mit dem Gesetz über Trunkenheit in der Öffentlichkeit hatte an einer der Wände seinen Platz zwischen Reklameschildern für Apéritifmarken.

»Einen Weißwein, bitte.«

»Trocken?«

»Ja, gern.«

Ich war nicht wegen des Weißweins da. Dies war meine erste Kontaktaufnahme mit »draußen«, und der Wirt hat das gewußt. Er hat mich nicht über den Platz kommen sehen, aber er wußte, woher ich kam. Er muß schon mehr von uns zu Gast gehabt haben. Ich kann nicht sagen, woran er uns erkannte. An der Hautfarbe? Am Blick?

»Nun — haben Sie’s überstanden? War es sehr schlimm?«

Ich sagte, es sei nicht so schlimm gewesen. Und das stimmte. Die Zeit ist mir nicht lang vorgekommen; im nachhinein frage ich mich sogar, ob sie mir nicht kürzer vorgekommen ist als während meines übrigen Lebens.

»Paris?«

»Ja.«

»Keiner da, der Sie erwartet?«

»Nein.«

Ich habe mich bei ihm bedankt — nicht für etwas Spezielles, nur so … Daß er mit mir gesprochen hatte vielleicht. Dann habe ich gezahlt und habe mich auf den Weg zum Bahnhof gemacht.

Auf der Seinebrücke bin ich einen Augenblich stehengeblieben und habe ins Wasser hinuntergeschaut. Ich hatte keinerlei Verlangen, mich umzudrehen und einen letzten Blick auf das Gefängnis zu werfen oder zu versuchen, den Gebäudeteil zu entdecken, in dem meine Abteilung untergebracht war.

Am Bahnhof habe ich ziemlich lange auf einen Zug gewartet. Ich habe die Zeit dazu benutzt, ein Schinkenbrötchen zu essen und ein zweites Glas Weißwein zu trinken.

In diesem Moment, glaube ich, habe ich begriffen, daß ich die Menschen und Dinge nicht mehr so sah wie früher. Ich hatte mit das zwar schon so vorgestellt — jetzt machte ich die konkrete Erfahrung. Ich sah Männer, Frauen, Gesichter, Hände; ich sah Gepäck, Elektrokarren, Waggons auf einem Abstellgleis und einen blühenden Fliederstrauch in einem Garten. Ich hörte Geräusche und Stimmengewirr, und ich nahm Gerüche wahr: belegte Brötchen, Bier vom Faß, Wein und Spirituosen. Aber bei alledem blieb ich außerhalb; es betraf mich nicht.

Tatsächlich hatte niemand auf mich gewartet. Wie mag es mit den anderen gewesen sein, überlegte ich mir, all denen, die vor mir entlassen worden waren? Legten sie wirklich soviel Wert darauf, daß jemand vor dem Gefängnistor auf sie wartete? Manche vielleicht schon — solche, die sich gern wichtig nehmen — wie es auch Leute gibt, die vom Bahnhof abgeholt oder hinbegleitet werden möchten.

Auf der Fahrt habe ich durchs Abteilfenster geschaut. Die Gegend hier war mir vertraut: ein Stückchen Seine, das hier und da aufblitzte, eine Schleuse mit Schiffen darin, ein Angler am unteren Rand einer Uferböschung und verschiedene Sandgruben. Es war das letzte Stück der Strecke Côte d’Azur – Paris, die ich früher oft im train bleu zurückgelegt hatte, und ausgerechnet in Melun hatte der Schlafwagenschaffner die Fahrgäste immer geweckt und ihnen eine Tasse Kaffee gebracht.

Man hätte glauben können, daß ich voller Pläne steckte; daß ich reichlich Zeit gehabt hatte, mir Gedanken über meine Zukunft zu machen. Aber das Gegenteil war der Fall. Ich war so leer wie eine weiße Seite in einem Buch; nichts fesselte mich — außer ein paar lächerlichen Einzelheiten: die Zeitung, die mein Nachbar las, die Unterhaltung von zwei Soldaten, die auf Urlaub waren, ein flüchtiger Durchblick auf ein paar Arbeiter in einem großen Gartenbaubetrieb mit Berieselungsanlage.

Es gibt genügend Hotels in der Nähe der Gare de Lyon, aber ich habe die unmittelbare Umgebung von Bahnhöfen nie gemocht. Man ist noch nicht — oder nicht mehr — in der Stadt, und man fühlt sich auch nicht außerhalb.

Ich hatte keinen Grund, mich für ein ganz bestimmtes Stadtviertel zu entscheiden. In Puteaux habe ich niemand mehr; Neuilly ist nicht mehr als eine Erinnerung, und ich habe mich manchmal gefragt, ob tatsächlich ich es war, der dort gewohnt hat.

Ich bin einfach geradeaus gegangen, und das hätte ich auch so gemacht, wenn ich an der Gare du Nord oder der Gare Montparnasse ausgestiegen wäre. Irgendwie war ich an die Quais gelangt, ging am Bassin de l’Arsenal entlang und landete schließlich an der Bastille.

Dort habe ich angefangen, mich nach preiswerten Hotels und Pensionen umzusehen, denn mein Koffer wurde mit allmählich zu schwer, obwohl ich ihn von Zeit zu Zeit immer wieder in die andere Hand genommen hatte. Ich bin schließlich in den weißgetünchten Flur eines Hotels in der Rue Castex, gleich neben der Rue Saint-Antoine eingetreten.

Die Besitzerin hat mich aufmerksam gemustert, während sie ihre Wurstfinger abtrocknete. Es war mir von früher her nicht bewußt, daß die Menschen sich mißtrauisch betrachten, bevor sie miteinander Kontakt aufnehmen.

»Für eine Nacht?« fragte sie dann nach einem Moment gegenseitigen Abtastens und einem mehr oder minder verstohlenen Blickwechsel.

»Wenn es nicht zu teuer ist, würde ich das Zimmer lieber wochenweise nehmen, oder pro Monat.«

»Sie sind Franzose?«

»Ja.«

»Allein?«

»Ja.«

Ich hatte ofienbar etwas an mir, das ihr nicht paßte, das sie nicht verstand. Sie hat mir aber trotzdem ein Zimmer gezeigt, das auf den Hof hinausging.

Ich habe in der Rue Saint-Antoine eine Kleinigkeit gegessen und ein weiteres Glas Weißwein getrunken. Im Hotel habe ich mich dann angezogen aufs Bett gelegt und war erstaunt, daß es schon Nacht war, als ich wieder aufwachte.

Ich bin eine Woche lang in Paris umhergelaufen; ich habe mich mit jedem Mal etwas weiter vorgewagt. Einmal bin ich in den Bus Richtung Place de l’Opéra gestiegen, ein anderes Mal in Richtung Châtelet und dann wieder … Es hat kein einziges Mal geregnet in dieser Woche; das Barometer ist beständig auf »schön« geblieben. Die Frauen trugen helle und leichte Frühjahrskleider. Ich hatte ganz vergessen, daß Frauen, die gerade ihre Wintergarderobe abgelegt haben, eine besondere Art haben, zu gehen, sich zu bewegen … Man könnte meinen, daß ihnen das Gefühl, sozusagen halbnackt zu sein, sexuelle Erregung verschafft und daß sie dadurch provozierend wirken ohne es zu merken.

Montag oder Dienstag bin ich schließlich im Vorzimmer von Maître Forniol gelandet, meinem Anwalt, der in einem großbürgerliduen Haus am Boulevard Hausmann seine Kanzlei hat. Ich habe die Sekretärin wiedererkannt — sie war zur Zeit meines Prozesses schn bei ihm. Habe ich mich so verändert, daß sie mich ihrerseits nicht erkannt hat?

»Haben Sie einen Termin?«

»Nein.«

Sie hat mir einen Vordruck und einen Stift hingehalten: Name, Zweck des Besuches etc. Wie bei einer Behörde — mit gepunkteter Linie für die Antwort.

Ich habe nur meinen Namen eingesetzt. »Das dürfte reichen«, habe ich zu ihr gesagt.

Sie hat beim Lesen keine Miene verzogen — als ob der Name ihr gar nichts sagte. »Ich fürchte, Sie werden lange warten müssen«, hat sie gesagt. »Maître Forniol hat eine Besprechung.«

Ich kannte das: Auch ich war früher für bestimmte Besucher immer in einer Besprechung gewesen. »Ich warte«, sagte ich bloß.

Ich habe mich ins Wartezimmer gesetzt. Ich war ganz allein. Ich habe einfach nur dagesessen. Das habe ich nämlich gelernt: sich nicht von der Stelle rühren, leer bleiben … Ich hörte Geräusche hinter der gepolsterten Tür: das Klingeln des Telefons, die Stimme der Sekretärin und eine tiefere Männerstimme. — Irgendwann ist ein junger Mann, den ich von früher nicht kannte, mit einer Menge Aktendeckel unter dem Arm durch das Zimmer gekommen.

»Sie wollen zu Maître Forniol?« Er schien überrascht, daß jemand hier im Zimmer saß.

»Ja.«

»Hat die Sekretärin Sie gesehen?«

»Ja.«

Was ihn dazu veranlaßt hat, bei meinem Anblick die Stirn in Falten zu ziehen — keine Ahnung. Ich hatte keine Fliege auf der Nase, keinen Ruß im Gesicht. Meine Kleidung war ordentlich und korrekt. Ich saß bloß auf meinem Stuhl und wartete.

Er ist durch die gepolsterte Tür ins Vorzimmer gegangen. Gleich darauf ist die Tür kurz aufgegangen und jemand hat zu mir herausgeschaut — von meinem Sitzplatz aus konnte ich jedoch nicht sehen, wer es war. Schließlich ist die Sekretärin — Mademoiselle Irma oder Erma, ich weiß nicht mehr genau — mich holen gekommen.

»Maître Forniol läßt bitten …« Sie hat mich in ein Büro geführt, in dem niemand war, hat mir bedeutet, Platz zu nehmen und ist verschwunden. Die Tür zum Nebenzimmer war nur angelehnt, und von dorther hörte man sprechen.

»Seien Sie ganz beruhigt … Ich werde eine Fristverlängerung von vierzehn Tagen erwirken, und bis dahin bleibt uns genug Zeit, auf den Betreffenden einzuwirken … Aber ja doch, ja! Sie können ganz ruhig sein … Unser Gegner kann gar nichts ausrichten, bevor er nicht…«

Er telefonierte; in der gleichen Tonart hatte er vier Jahre früher auch mit mir gesprochen.

»Nein, leider nicht … Diese Woche bin ich an keinem Abend frei, nein … Meine Empfehlung an Ihre Frau … Und denken Sie daran, sich still zu verhalten, nichts zu unternehmen … Warten Sie weitere Nachricht von mir ab, ja? Es wird alles gutgehen, Sie werden schon sehen …«

Nicht nur der Tonfall, auch die Worte waren gleich, oder doch fast. Jetzt hörte ich, wie er leise ein paar Worte mit jemand wechselte. Kurz darauf ging die Tür auf und er kam herein. Er trug jetzt die ernste und sorgenvolle Miene eines Menschen zur Schau, der schwer unter der Last seiner Verantwortung zu tragen hat, was mit dem zuversichtlichen Ton der Stimme von eben kontrastierte.

Er hat sich nicht verändert. Er ist immer noch jung und elegant. Ich bin vom Stuhl aufgestanden, weil man es sich in Melun unten zur Gewohnheit macht, aufzustehen, sobald die Tür aufgeht.

Er warf mit einen Blick zu und konnte seine Überraschung nicht verbergen. »Da sehen Sie …« fing er an. »Sie haben es überstanden …« Er rechnete im Geist nach, während er hinter seinem Schreibtisch Platz nahm. »Sie haben sogar einen Teil der Strafe erlassen bekommen, ja? Wenn ich mich nicht täusche, sollten Sie freigelassen werden, warten Sie mal, in…«

»In sechs Monaten.«

Er fragte nicht, wie es mir ging und machte erst recht nicht den Versuch, Herzlichkeit vorzutäuschen. »Meine Sekretärin wird Ihnen gesagt haben, daß ich heute vormittag stark …«

»Ich weiß. Sie sind stark in Anspruch genommen. Ich habe auch nicht die Absicht, Sie aufzuhalten.«

Es sah fast so aus, als ob meine Anwesenheit ihn beunruhigte oder unangenehm berührte. Und doch — vor dem Schwurgericht damals hatte er mich vehement, sogar leidenschaftlich verteidigt.

»Was kann ich für Sie tun?«

Ich dachte schon, er wolle seine Brieftasche hervorziehen. »Die Kinder wohnen immer noch bei meiner Frau?« fragte ich.

Er verschloß sich noch etwas mehr, als ob ich nun wirklich zu einem Gegner würde.

»Wieso wollen Sie das wissen?«

»Ist das denn so erstaunlich?«

Er ließ sich plötzlich Zeit, fingerte an einem elfenbeinernen Brieföffner herum und sah mich mißbilligend an.

»Hören Sie zu, Allard … Ich brauche Ihnen doch nicht auseinanderzusetzen, in welcher Lage Sie sind … Ich nehme an, daß man Ihnen zu gegebener Zeit alle Unterlagen ausgehändigt hat.«

Ich blieb unbeweglich sitzen. Ich reagierte nicht.

Er dagegen wurde unsicher und zupfte an seinem Ohrläppchen herum. »Ihre Frau hat damals nicht die Scheidung eingereicht, was ihr ohne weiteres möglich gewesen wäre … Aber sie wollte nicht, daß sie einen anderen Namen trägt als ihre Kinder…«

»Ich hätte ihr auch nach einer Scheidung gestattet, meinen Namen weiterzuführen.«

Er sah mich streng an, als ob es ihn schockierte, daß ich mir eine solche Bemerkung herausnahm. Es paßte nicht in seine Schablone, daß ich überhaupt da war. Seiner Ansicht nach hätte ich den Anstand besitzen müssen, von der Bildfläche zu verschwinden. Um so mehr natürlich, nichts mehr von mir hören zu lassen.

»Wie dem auch sei … Sie hat sich jedenfalls damit begnügt, die Trennung feststellen zu lassen. Hinterher hat sie sich auf Anraten eines meiner Kollegen Ihnen gegenüber abgesichert, indem sie Ihnen kraft Gesetz vom 24. Juli 1889 das elterliche Sorgerecht entziehen ließ.«

Ich rührte mich nicht. Warum sollte ich auch, da ich das doch wußte? Entzug des elterlichen Sorgerechts. Gesetz vom 24. Juli 1889, Artikel 2. Wahrscheinlich hatte er deswegen eben im Nebenzimmer geflüstert: er hatte erst sein Gedächtnis auffrischen müssen …

»Unter diesen Umständen …« Er breitete die Arme aus. Für ihn war die Sache erledigt.

»Wissen Sie, wo sie wohnen?«

Er hatte den Brieföffner wieder zur Hand genommen. »Ich kann Ihnen sagen, daß ich weiß, wo Madame Allard und ihre Kinder wohnen. Ich habe Sie vor weniger als zwei Monaten gesehen, und es geht ihnen gut. Aber jetzt entschuldigen Sie mich; ich habe einen Termin bei Gericht …«

»Sie weigern sich also, mir ihre Adresse zu sagen?«

»Aus welchem Grund möchten Sie sie erfahren? Sie haben weder gesetzlich noch moralisch das Recht, Unruhe in das Leben dieser Menschen zu bringen. Und ich meinerseits fühle mich gebunden durch …«

»Ich werde keine Unruhe in ihr Leben bringen. Ich habe meiner Frau nichts zu sagen. Ich möchte sie nicht sehen und nichts mit ihr besprechen. Ich habe auch nicht die Absicht, plötzlich vor den Kindern aufzutauchen und sie mit der Mitteilung zu überraschen, daß ich ihr Vater sei …« Ich hatte die Stimme nicht erhoben. Ich war weder zornig, noch fühlte ich mich verletzt — alles Begriffe, die für mich ihre Bedeutung verloren haben. »Es könnte sein, daß ich von Zeit zu Zeit mit der gebotenen Vorsicht versuche, die Kinder von ferne zu sehen. Da sie jedoch der Ansicht sind, mir nicht weiterhelfen zu können, werde ich mich anderswo erkundigen.«

Ich nehme an, daß ihn meine Ruhe beeindruckt hat, das Nichtvorhandensein jeglicher Emotion. Vielleicht war es auch der Umstand, daß er in Eile war und fürchtete, ich könnte ihn mit meiner Hartnäckigkeit zurückhalten.

»Sie geben mir Ihr Wort, daß nur das Ihre Absichten sind, und daß Sie sich daran halten?«

Ich stand auf. »Es ist nicht nötig, daß ich Ihnen mein Wort gebe. Vergessen Sie nicht: der Entzug des Sorgerechts… «

»Wenn ich Sie darauf hingewiesen habe, so deshalb, weil…«

»Aber bitte … Das ist Ihr gutes Recht.«

»Hören Sie…« Er stand jetzt auch auf und begleitete mich zur Tür. »Vergessen Sie diesen Besuch«, murmelte er. »Ich habe Sie nicht gesehen, ja? Sie wohnen an der Place des Vosges Nr. 23.«

»Sie haben alles, was sie brauchen?«

»Ja, alles.«

»Ist sie berufstätig?«

»Sie fragen mich wirklich zuviel. Entschuldigen Sie mich jetzt — ich habe schon zehn Minuten Verspätung und muß vorher noch ein Telefongespräch führen.« Er gab mir nicht die Hand. »Irma, seien Sie so nett und führen Sie Monsieur…«

Sie hieß also Irma. Was meinen Namen betrifft, so hat er ihn nicht ausgesprochen, sondern durch drei Pünktchen ersetzt.

Zehn Tage vorher hatte ich mir ein Zimmer in einem kleinen Hotel an der Rue Castex genommen, an der Ecke zur Rue Saint-Antoine. Und da wohnte Anne-Marie mit den Kindern ausgerechnet an der Place des Vosges … Wie weit mochte das sein — vierhundert Meter? Fünfhundert? Einerlei.

Es war völlig überflüssig gewesen, daß Forniol sich gesorgt hatte. Ich habe die Kinder von weitem gesehen — Philippe war inzwischen acht und Nicole sechs Jahre alt. Sie hatten ein Kindermädchen, das sie zur Schule brachte.

Ich habe auch Anne-Marie gesehen; sie hatte ein kleines grünes Auto und hat sich — abgesehen vom Haarschnitt nicht verändert. Sie arbeitete damals in einem Modesalon am Faubourg Saint-Honoré. Inzwischen hat sie eine eigene Boutique in der Nähe von Saint-Philippe-du-Keule, wo sie allerhand Kleinkram und Accessoires verkauft.

Ich bin nicht in Versuchung geraten, mich einem von ihnen zu nähern, und natürlich erst recht nicht, mich zu erkennen zu geben.

Wenn ich von diesen Dingen angefangen habe, jetzt — wo die Nacht fast zu Ende und es bald Zeit ist, Bib unten die Tür aufzumachen — dann deshalb, weil ich auf diesem Umweg auf mich selbst zurückkommen möchte.

Der achtjährige Philippe hat mich nicht interessiert, und seine Schwester noch weniger.

»Es sind deine Kinder …« hatte es früher geheißen.

Aber auch die von Anne-Marie. Gewiß — es hat eine Zeit gegeben, in der sie für uns die Welt bedeuteten.

»Er hat ganz deine Nase…«

»Die Nase vielleicht; aber der Gesichtsausdruck ist von dir…«

Von mir, von dir — immer wieder dasselbe. In einem Dokumentarfilm habe ich einmal gesehen, wie Millionen von Samenfäden wie wild um den ersten Platz gekämpft haben. Der erste, der die Eizelle durchstößt, hat gewonnen; alle anderen sind zu nichts nütze.

Aus diesem Kampf entsteht ein Kind. Meine also — da es ja meine Kinder sind — gehen zur Schule mit anderen Kindern, deren Nase oder Gesichtsausdruck auch von irgendeiner Großmutter oder dem Großvater stammen.

Ich habe mich inzwischen um eine Unterkunft bemüht und hatte das Glück, diese Mansardenwohnung zu entdecken, die ganz nach meinem Geschmack ist und in einem Stadtviertel mit kleinen Handwerksbetrieben und Lagerräumen liegt, ähnlich wie in Puteaux. Links in der Straße sind die Magasins Réunis, die mindestens zwanzig Lieferwagen haben. Auf der anderen Seite werden Wandleuchter hergestellt. Und mir gegenüber ist eine billige Kneipe mit hellblauer Fassade und der Aufsdirift »Chez Rose«.

Eines Tages habe ich dann das Stellenangebot im Schaufenster der Buchhandlung gesehen und mich nach und nach in meiner Wohnung eingerichtet. Ich hatte in Melun bereits zugenommen — ohne konkreten Grund. Weder die Vorschriften der Strafvollzugsbehörden, noch sonst etwas war schuld daran. Ich bin nach meiner Entlassung noch dicker geworden. Ich war immer noch etwas aufgedunsener und häßlicher, vor allem morgens … Aber ich habe mich nicht krank gefühlt.

Ich habe nichts vermißt. Auch nicht den Kontakt mit anderen Menschen. Ich hatte ein Stadium völliger Gelassenheit erreicht. Die Fragen, die ich mir gestellt hatte — ich hatte sie auf eine, wie mir schien, zufriedenstellende Weise beantwortet. Es war nicht nötig, nochmals darauf zurückzukommen.

Was nicht hinderte, daß ich mich von Zeit zu Zeit auf eine Bank an der Place des Vosges setzte und von dort gelegentlich die Kinder zu sehen bekam.

Es wird Winter, es wird Sommer; längere Tage und kürzere Tage… Anderes Obst und anderes Gemüse auf den kleinen Karren der Rue Saint-Antoine oder den Marktständen am Boulevard Richard-Lenoir … Mantel oder Jacke; Osterferien, große Ferien, 15. August, ein neues Schuljahr. Plötzlich werden in der Buchhandlung Bücher über die Jagd oder die Zubereitung von Wild verlangt; kurz darauf werden bereits Weihnachtskarten bestellt. — Von Jahr zu Jahr bleibt Madame Annelet immer weniger lang auf, und sie ißt immer mehr … Ich meine das übrigens gar nicht ironisch.

Ich machte mir jeden Morgen meinen Kaffee, und ich fütterte den Goldfisch, der dann trotzdem einging und wahrscheinlich ziemlich verwundert gewesen wäre, wenn er erfahren hätte, daß ich mir an seiner Stelle einen Hund anschaffen würde. — Wer wird nach mir in meinem Glasgefäß herumschwimmen?

Philippe ist in die höhere Schule gekommen — das Lycée Turgot, Rue de Turbigo. Er hat sich gestreckt — sein Aussehen, sein Gang und sein Blick haben sich verändert. Er wurde hochaufgeschossen und mager, mit den vorstehenden Knochen, die ich in seinem Alter auch hatte.

Das dürfte der Zeitpunkt gewesen sein, in dem er sich seiner selbst bewußt wurde. Bei mir war es in dem Alter jedenfalls so.

Es ging nicht lange — gerade Zeit genug, um sich in Gennevilliers einen Hund auszusuchen, einige Bücher zu verkaufen, morgens den Rolladen hochzukurbeln, mich an neue Hausmäddmen zu gewöhnen und die Tageseinnahmen zu Madame Annelet hinaufzutragen — da war Philippe schon sechzehn und bereitete sich aufs Abitur vor. Seine Mutter hatte ihm zu seinem Geburtstag im April ein Moped geschenkt. In den ersten Tagen konnte er nicht genug davon bekommen, wie eine große, dicke Fliege um die Anlagen der Place des Vosges seine Runden zu brummen. Er hat sich auch eine Lederjacke gekauft. — Donnerstags, wenn schulfrei ist, trifft er sich immer mit anderen Jungen und Mädchen in einem Café in der Nähe der Place de la République, wo sie ganz unter sich sind, Obstsaft trinken und die Music-Box laufen lassen.

Ich hatte zu der Zeit ein Fahrrad, mit dem ich nach Neuilly ins Lycée Pasteur gefahren bin, da es in Puteaux keine Oberschule gab.

Ich und nochmals ich …

Ich schaue sie mir an, meinen Sohn und Daniel … Daniel ist im gleichen Lycée wie Philippe, seit er mit Mutter und Schwester in die Wohnung am Boulevard Beaumarchais eingezogen ist. Sie gehen jedoch nicht in die gleiche Klasse, weil Daniel ein Jahr älter ist. Sie gehören nicht derselben Clique an. Ich weiß nicht, ob sie sich kennen. Ich vergleiche sie miteinander; ich beobachte, ich verstecke mich. Ich frage mich …

Sechs Uhr. Bib hat das gespürt und ist auf den Boden gesprungen. Der Ofen ist wieder aus. Wenn ich Bib unten die Tür aufgemacht habe, setze ich Wasser für den Kaffee auf.

Sonntag, 17. November 11 Uhr vormittags

Seit gestern mittag regnet es; ein starker Regen mit dicken, kalten Tropfen, der die Fassaden der Häuser dunkel färbt, an den Fensterseheiben hinunterläuft und die Dachrinnen zum Überlaufen bringt. Wohin man blickt, hängen die Wolken tief herunter, und es ist so dunkel, daß heute vormittag überall Licht brennt.

Mir ist es ganz recht, wenn es sonntags regnet. Nicht, weil ich die anderen beneide, die sich schon beim ersten Sonnenstrahl hinaus aufs Land stürzen. Ich habe selbst einen Wagen gehabt — sogar mehrere gleichzeitig. Ich kenne den Weg nach Deauville und Le Touquet, die Straße nach dem Süden und die Gasthöfe, wo man unterwegs gut ißt.

Wenn ich es nicht ungern sehe, daß es an dem Tag regnet, an dem die Leute sich ausruheh, so deswegen, weil man dann das Leben in den Häusern pulsieren spürt.

Gestern abend schon waren Bib und ich beinahe die einzigen auf der Straße. Wir sahen nur Gestalten, die das Trottoir rennend überquerten, die sich von der Haustür in den davorstehenden Wagen stürzten, der dann sofort angelassen wurde.

Bei so einem Wetter mußten die Kinds voll besetzt sein; Restaurants und dancings überfüllt… Vor den illuminierten Eingängen auf den Champs-Elysées und den anderen großen Boulevards werden die Menschen in Schlangen angestanden und unter ihren Regenschirmen resigniert darauf gewartet haben, daß sie Einlaß fanden.

In den Hausfassaden die Löcher, das waren die nichterleuchteten Fenster, die Wohnungen, in denen niemand war. Ich habe gesehen, wie Daniel sich an den Hauswänden entlang gedrückt hat und zur Métrostation gegangen ist. Ich nehme an, er wollte ins Kino. Seine Mutter und Schwester sind zu Hause in der Wohnung geblieben: um elf Uhr brannte oben noch Licht, als ich vorbeikam. Ich weiß nicht, was sie gemacht haben.

An der Place des Vosges ist niemand ausgegangen. Mehrere Wagen waren hintereinander neben dem Trottoir geparkt. Ich habe einen Wagen bei dem Haus halten sehen; ein junges Paar ist ausgestiegen. Ob im zweiten Stock ein kleines Fest im Gange war? Anzunehmen, denn hinter den Vorhängen sah man Schatten hin- und hergleiten, als ob getanzt würde.

Ich bin zum Boulevard Beaumarchais zurückgegangen und habe eine ganze Weile im Schutz einer Toreinfahrt gewartet in der Hoffnung, Daniel zurückkommen zu sehen. Bib war völlig durchnäßt und hat schließlich so trübsinnig dreingeschaut, daß ich meinen Warteposten aufgegeben habe.

Heute morgen sind wir wieder ausgegangen. Wir sind in aller Ruhe aufgebrochen und gemächlich durch die leeren Straßen gewandert. Manchmal konnte ich hinter den Fensterstores ein Gesicht erkennen; die Leute haben uns nachgesehen. und sich sicherlich gefragt, was wir bei dem Regen draußen treiben.

Ich nehme an, daß viele ein verregnetes Wochenende wie dieses zum Ausschlafen benutzen — die jedenfalls, die keine Kinder haben, von denen sie schon in aller Frühe geweckt werden. Andere stellen das Radio an und hören zerstreut auf die Musik, die sich mit den Klängen aus der daneben- oder der darüberliegenden Wohnung vermischt.

Philippe benutzt so einen Sonntag bestimmt nicht zum Lesen — dessen bin ich fast sicher.

Das ist mir vorhin in den Sinn gekommen, als ich auf einer nassen Bank an der Place des Vosges saß — weit genug von der Wohnung entfernt, damit Philippes Mutter mich nicht erkennen konnte, falls sie einmal einen Blick aus dem Fenster geworfen hätte. Ich habe Philippe immer nur mit Schulbüchern gesehen, mit anderen nie — im Gegensatz zu Daniel … Ich möchte auch wetten, daß er gestern abend nicht in eine gewöhnliche Kinovorstellung gegangen ist, sondern in ein Studio-Kino. Vielleicht hat er sich auch ein avantgardistisches Theaterstück angesehen…

Der Regen klatscht so heftig auf das Pflaster, daß das Wasser wieder hochspritzt, in die Schuhe dringt und die Socken und den unteren Teil der Hosenbeine durchnäßt.

Ich habe meinen Mantel zum Trocknen an den Ofen gehängt. Dort hat sich auch der nasse Bib hingelegt. Er ist schlechter Laune.

Ich nicht … Ich bin nicht fröhlich; mir ist nicht danach, laut zu singen (— ist mir je danach gewesen?). Aber ich bin doch in einer gedämpft-euphorischen Stimmung — wie soll ich sagen … Ich spüre ein dumpfes Lustgefühl, wie bei manchen physischen Schmerzen, die man schließlich als nicht unangenehm empfindet.

In meiner Kindheit hat es oft geregnet … Das ist eine idiotische Bemerkung; ich will damit sagen, daß in meinen Kindheitserinnerungen viel Regen vorkommt — viele Tage wie der heutige, an denen die ganze Familie zu Hause blieb. Vor allem zu der Zeit, als ich noch ziemlich klein war, als wir noch keinen Lieferwagen und auch keine Zentralheizung hatten und die Kälte uns zwang, alle in dem einzigen beheizten Raum zusammenzurücken.

Ob bei Philippe, Daniel und den beiden Mädchen die Erinnerung an ihre früheste Kindheit auch so verschwommen ist wie bei mir? An mir kann es nicht gelegen haben — man hat mir später erzählt, daß ich ein lebhaftes und aufgewecktes Kind war, das viele, zum Teil verwirrende Fragen gestellt hat …

Ich bin im Januar 1915 geboren, also mitten im ersten Weltkrieg. Mein Vater, der damals um die Dreißig war, wurde als Bauunternehmer nicht eingezogen, sondern dienstverpflichtet und bei den Arbeiten am Verteidigungsring um Paris eingesetzt. Zwei Jahre später — also auch noch im Kriege — ist dann meine Schwester Louise zur Welt gekommen.

Wir bewohnten damals noch das alte Haus mit meinem Großvater, meiner Großmutter und einer meiner Tanten — Tante Léonore, die nicht verheiratet war.

Dem Vernehmen nach war meine Großmutter eine schöne Frau mit üppigen Formen, wie man es damals mochte. Sie war die Tochter eines Gastwirts aus Chatou, wo mein Großvater — der damals noch Vorarbeiter war — sonntags zum Bootfahren hinkam. Wir haben ein Familienalbum mit Kupferbeschlägen, in dem Bilder von beiden eingeklebt sind, übrigens auch von Onkeln, Tanten und Cousins, die ich nicht kenne. Meine Großmutter ist in Chatou »die schöne Joséphine« genannt worden.

Ihr Tod muß nach meiner Geburt der erste Sterbefall in der Familie gewesen sein. Ich war etwa vier Jahre alt. Bei Einbruch der Nacht ist der Pfarrer gekommen, um ihr die Letzte Ölung zu erteilen, aber ich kann mich an nichts mehr erinnern, außer an das Ministrantenglöckchen.

Von der Beerdigung weiß ich nichts, aber ich habe die Arbeiten der Dekorateure verfolgt, die schwarze Behänge mit silbernen Ornamenten anbrachten. Ich habe auch noch die Männer im Sonntagsstaat vor Augen, die am Nachmittag im Salon zusammensaßen, der fast immer geschlossen blieb. Sie tranken aus kleinen Gläsern einen Schnaps, dessen Geruch sich mir eingeprägt hat, rauchten Zigarren und stellten mich vor die Tür, als ich dabeisein wollte.

Jemand sagte zu meinem. Großvater, der mitten unter ihnen saß: »Du mußt dich eben dreinfügen … Du hast ihr ein glückliches Leben und schöne Kinder. gegeben, und ich bin sicher, daß sie dort, wo sie jetzt ist, glücklich ist.«

Die Frauen saßen währenddessen in der Küche zusammen, wo es immer etwas düster war. Sie tranken Kaffee und aßen Kuchen.

Als ich auf der Volksschule angefangen habe, die Geschichte der Gallier zu lernen, habe ich meinen Großvater in Gedanken Vercingetorix getauft — wegen seines dicken Schnauzbarts, der einmal rötlich gewesen sein muß, den ich aber nur noch als weiß in Erinnerung habe.

Es hat dann noch weitere Beerdigungen gegeben. Nicht bei uns, sondern innerhalb der weiteren Familie. Meine Mutter hatte einen Schleier vor dem Gesicht, und mein Vater war meistens in Schwarz, wenn er keine Arbeitskleidung trug.

Die wichtigste Geschichte ist die von dem alten und dem neuen Haus. Mein Großvater hatte auf dem an unseren Hof anschließenden Gelände ein Haus mit Front zur Rue du Four, einer Parallelstraße der Rue Bourgeoise, errichtet. Er hat es bestimmt mit viel Liebe erbaut, da er ja vom Fach war. Die Fenster im Treppenhaus waren in Blei gefaßt, die Backsteinfassade hatte Stuckornamente und das Dach erhielt ein Muster aus hellroten und fast schwarzen Ziegeln.

Ich bringe die Daten leicht durcheinander. Ich könnte sie wieder zusammenbekommen. Meine Schwester Louise kann bestimmt ganz genau sagen, zu welchem Zeitpunkt die oder die Tante geheiratet hat, und wie alt deren Kinder oder sogar irgendein Cousin zum Zeitpunkt ihres Todes waren.

Ich möchte wissen, ob so etwas bei mir damals schon auf Gleichgültigkeit beruhte, oder ob ich schon in meiner Kindheit meine Umwelt betrachtete, ohne mich dazugehörig zu fühlen.

Ich fühlte mich allerdings auch nicht fremd in dieser Welt. Ich war nicht der Typ, der gegen seine Familien oder gegen sein Milieu rebelliert. Ich akzeptierte die innerhalb der Familie und in unserem Stadtviertel üblichen Gebräuche. Ich spielte mit den anderen auf der Straße. Ein paar dieser Spielgefährten habe ich noch deutlich vor Augen; von manchen weiß ich auch noch den Namen, wie bei Popet zum Beispiel.

Ich habe Ball, Reifen und Kreisel gespielt; später war ich ein paar Monate lang in der Fußballmannschaft des Lycée. Ich war kein Eigenbrötler.

»Félix, laß deine Schwester in Ruhe!« — Offenbar war ich nicht besonders nett zu ihr. Ich muß eifersüchtig auf sie gewesen sein und sie absichtlich gestoßen und angerempelt haben. Ich wurde dann in den Hof hinausgeschickt, wo eine Menge Leitern, Säcke und anderes Baumaterial herumlag, oder auf die Straße, wo noch Bauzäune standen.

Die Geschichte von den beiden Häusern ist kompliziert und etwas mysteriös, weil vor uns Kindern nur andeutungsweise darüber gesprochen wurde. Als meine Großmutter gestorben ist, war das neue Haus offenbar gerade fertig geworden. Mein Großvater ist anfangs bei uns im alten Haus geblieben. Das neue wurde von meiner Tante Julie bezogen, die mit einem gewissen Cassegrain verheiratet war — er hatte zwei Lastwagen und ist später ein großer Transportunternehmer geworden.

Cassegrain war ein Schürzenjäger, wie man sagte. Er trank gern, redete sehr laut und ließ keinen als überlegen gelten. Er war ein mit unerhörter Vitalität begabter Dummkopf, dem jeder Widerstand unerträglich war. Ob es stimmt, daß er eines Tages über den Hof kam und — als er meine Mutter allein antraf — versuchte, die Gelegenheit beim Schopf zu packen?

Wochenlang wurde wegen dieser Sache herumgetuschelt — abends, wenn meine Schwester und ich schon im Bett lagen. Manchmal schappte ich eine Bemerkung auf »Arme Julie …! Daß sie so einem Burschen in die Hände fallen mußte! Und dabei hat sie so hübsche Kinder …«

Sie hatte damals zwei; eines davon war noch ein Baby, das in einem Kinderwagen lag, der je nach dem Stand der Sonne immer ein Stückchen weitergeschoben wurde.

Inzwischen redete man nicht mehr miteinander. Wahrscheinlich haben sich noch weitere Zwischenfälle ereignet, denn der Hof wurde in zwei Hälften geteilt. Zuerst durch einen grüngestrichenen Lattenzaun, später dann durch eine richtige Mauer.

Ich weiß nicht genau, wie alt mein Großvater war, als er beschlossen hat, sein Vermögen zwischen seinem Sohn und seinen Töchtern aufzuteilen. Mein Vater erbte das Unternehmen mit gewissen Auflagen — unter anderem hatte er bis zu dessen Tod für den Alten zu sorgen.

All das erscheint mir verzerrt und verschwommen, wie eine Landschaft, die sich in einem Weiher spiegelt. Wann war zum Beispiel die Sache mit Tante Léonore — der einzigen, die unverheiratet geblieben ist? Eines Nachts ist sie weggegangen und hat nur eine kurze Nachricht hinterlassen, daß sie nicht wiederkommen wolle. — Ich für meinen Teil habe sie nie wiedergesehen. Ich habe die Erwachsenen sagen hören, sie sei in Marseille, und dann in Algier.

Vercingetorix hat sich nicht wohl gefühlt bei uns — bei einer mageren Schwiegertochter, die Klavier spielte und ihm Speisen versetzte, die nicht nach seinem Geschmack waren. Es kam zu einem richtigen Familienrat, auf dem diese Dinge zur Sprache gebracht wurden. Schließlich ist der Großvater zu seiner Tochter Julie ins neue Haus übergewechselt, auf die andere Seite der Mauer. In Anbetracht dessen, was sich mit Cassegrain abgespielt hatte, war das ein Verrat. Wir waren von da an in zwei Lager gespalten.

Ich ging zur Schule. Ich war einer der drei besten Schüler in der Klasse, und das erschien mir ebenso natürlich wie meinen Eltern. Mein Hauptkonkurrent um den ersten Platz war ein gewisser Godard, der später Wasserbauingenieur geworden ist. Soviel ich weiß, sitzt er heute im Gemeinderat von Puteaux oder ist sogar Bürgermeister.

Ob es auf Anraten meines Lehrers war, daß ich ins Lycée Pasteur geschickt wurde? Ich habe viel gelesen — das ist mir bei dem Regen gestern und heute wieder in Erinnerung gekommen. Wenn es regnete, kalt war und wir alle im selben Zimmer eingesperrt waren, habe ich mir die Ohren zugehalten, um beim Lesen nicht abgelenkt zu werden.

Bei meinem Großvater mütterlicherseits — Justin Périnel — habe ich Violinstunden genommen. Er hatte einen fiebrigen Blick, rote Backen und Haare, die wie ein Heiligenschein um seinen Kopf standen. Er war ärmer als wir und erteilte seinen Schülern Unterricht in einem Salon, der so überladen und mit Kleinkram und Trödel vollgestopft war, daß ich immer das Gefühl hatte, ich müsse ersticken.

Er ist an Tuberkulose gestorben. Vercingetorix behauptete, daß meiner Mutter das gleiche Schicksal bevorstehe; sie hat aber dennoch bis zum Ende des zweiten Weltkrieges gelebt.

»Was willst du einmal werden, wenn du groß bist?« wurde ich gefragt.

»Professor«, sagte ich kategorisch.

»Professor, so … Und wofür?«

»Das weiß ich nicht.«

Mein Untersuchungsrichter, ein einfühlsamer Mensch, hat sich damals bemüht, die Hintergründe meiner Tat zu begreifen (vielleicht hat er da zuviel begreifen wollen); er hat mir eine Reihe von Fragen über meine Kindheit gestellt — eben, weil mein Fall seiner Ansicht nach nicht so einfach lag, wie es den Anschein hatte. Ungeachtet unserer gegensätzlichen Rollen versuchte er weder seine Sympathie noch seine Neugier zu verbergen. »Was für einen Beruf wollten Sie ergreifen, als Sie jung waren?« hat er mich eines Tages nach einem ziemlich langen Verhör über den Tathergang gefragt.

»Lehrer … Gymnasiallehrer.«

Er hat nicht gefragt, für welche Fächer, aber er wollte wissen, warum. Ich hatte noch nie darüber nachgedacht; für mich war das einfach selbstverständlich … Ganz früher einmal hatte ich davon geträumt, Busschaffner zu werden. Ich erzählte es ihm.

Er setzte eine nachdenkliche Miene auf und fing an, Zusammenhänge zu erläutern.

Ich konnte unschwer erraten, welche Werke über Psychologie er gelesen hatte.

»Finden Sie das nicht merkwürdig?« meinte er. »Ein Lehrer befindet sich in einer Klasse, aber er ist kein Teil davon. Ich möchte damit sagen, daß er nicht auf derselben Stufe steht, nicht mit zu der Gruppe gehört.«

»Das ist mir damals nicht in den Sinn gekommen«, antwortete ich.

»Viele Jungen haben den Wunsch«, hat er lachend gesagt, »einmal Busschaffner oder Polizeibeamter zu werden — wegen der Uniform natürlich … Aber in Ihrem Fall scheint mir ein Faktor dazuzukommen, der auch beim Lehrberuf mitspielt. Der Busschafiner hält sich im Wagen auf — aber auch er gehört nicht zu der Gruppe der ihn umgebenden Fahrgäste.«

Ich möchte Schlußfolgerungen dieser Art anderen überlassen. Ich versuche schon lange nicht mehr, mir aus Büchern Kenntnisse über das Leben oder meine eigene Person anzueignen.

Zu Anfang war es eigentlich gar nicht mein eigener Entschluß, daß ich Latein genommen habe. Meine Mutter hätte es gern gesehen, wenn ich Arzt geworden wäre. Meine Mutter lebte in Angst und Schrecken bei dem Gedanken an Baugerüste, an Mauern, die in den Himmel wuchsen und an die Balken, auf denen mein Vater wie ein Zirkusakrobat herumturnte, wenn er die Arbeiter auf einer Baustelle kontrollierte — unter sich nur Leere.

Zur Zeit meines Großvaters waren es noch sechs oder sieben Arbeiter gewesen; aber bald waren es zwanzig und in der Hauptsaison manchmal dreißig geworden. Mein Vater war immer seltener in Arbeitskleidung — dafür aber um so öfter in seinem kleinen Büro, wo die Zahl der grünen Ordner wuchs und er beim Arbeiten die Jacke auszog, die Hemdsärmel hochkrempelte und die Krawatte lockerte.

Meine Schwester hatte Klavierunterricht und übte mehrere Stunden am Tage. Klavierspiel ist ein Klang, der mir von früh an vertraut ist — wie das Motorengeräusch unseres ersten Lieferwagens, der noch mit einer Handkurbel in Gang gesetzt wurde, was oft schweißtreibend und mit Fehlzündungen verbunden war. Später sind auch auf der Baustelle die Schubkarren durch einen Lastwagen ersetzt werden.

Als ich mich dann für einen bestimmten Zweig entscheiden mußte, habe ich gesagt: »Alte Sprachen — Griechisch, Latein…« Ob ich es deshalb getan habe, weil der Professor darauf hingewiesen hatte, wie schwierig Griechisch ist? Viele sind berufen, wenige aber auserwählt, hatte er gesagt; er schien damit dem Griechischen eine Art Oberhoheit geben zu wollen. Hinzu kam, daß mich diese Sprache wegen ihrer mysteriösen Schrift anzog.

Mein Untersuchungsrichter behauptete, auch das sei für mich ein Trick gewesen, mich dem Leben zu entziehen — dem Leben in einer Gruppe, versteht sich. Griechisch nahmen die wenigsten, und von den Großen, die sich aufs Abitur vorbereiteten, waren es immer nur sechs oder sieben, die aus dem altsprachlichen Zweig im Schulhof beieinander standen und sich von Gleich zu Gleich mit ihrem Professor unterhielten.

Mein Großvater Allard ist gestorben, als ich in der zweiten oder dritten Klasse war. In der letzten Zeit hatte er — trotz der Vorliebe, die er für seine Tochter Julie hatte — aus der Enttäuschung über sein Leben bei den Cassegrains kein Hehl gemacht. Es ging dort laut und lärmend zu, und sein Schwiegersohn war vulgär und unverschämt. Mein Großvater hat sich immer öfter zurück zu uns geflüchtet.

Er hat in seinem Stuhl im Hof gesessen, als er starb — auf der anderen Seite der Mauer. Die Pfeife ist ihm aus der Hand gefallen. Ich glaube, es war von Herzversagen die Rede.

Ich teilte das Leben der anderen im Haus so wenig, daß ich kaum etwas darüber weiß. Wenn ich nicht lernte, las ich. Es ist häufig vorgekommen, daß ich pro Tag ein Buch gelesen habe — in den Ferien auch zwei oder drei.

Ich sah mit Verwunderung, wie aus meiner Schwester ein junges Mädchen wurde, und ich war überrascht, in welcher Art sie von Jungen sprach. In sexueller Hinsicht war ich nicht frühreif. Ein Mitschüler — Ledoux —, der in dieser Hinsicht mehr Initiative entwickelte, hat mich mit zu der ersten Frau geschleppt, als ich fünfzehn war. Es war eine Prostituierte, die wir schon seit Tagen im Auge hatten.

»Wie — alle beide?« hatte sie gerufen. Unsere Naivität hat sie amüsiert. Hinterher sind Ledoux und ich uns aus dem Weg gegangen, als ob es so verabredet gewesen wäre.

Im Jahre 1930 — ich bin fast sicher, daß die Jahreszahl stimmt — sind wir für einen Monat ans Meer gefahren. Mein Vater hat uns nach Dieppe gebracht, wo er in einer Villa ein Stockwerk gemietet hatte. Nach ein paar Tagen jedoch mußte er uns — meine Mutter, meine Schwester und mich — alleinlassen, weil es in seinem Gewerbe den Sommer über am meisten zu tun gibt.

Ich höre den Regen prasseln; es riecht intensiv nach nassem Hund, nassem Mantel und nassem Mensch, denn der Ofen spuckt. Dieser Ofen ist wie der in Puteaux: man kann ihn nie auf die gewünschte Temperatur regulieren.

Es würde mich interessieren, einen Vergleich anzustellen zwischen meinen Erinnerungen und denen, die Philippe und Daniel einmal von diesem Abschnitt ihres Lebens haben. Wird nicht immer wieder behauptet, daß das die Zeit in unserem Leben ist, die am meisten zählt, und daß unser ganzes übriges Leben davon geprägt wird?

Ich für meinen Teil kann mich in dem Oberschüler nicht wiedererkennen, der ich damals war; vielleicht deshalb, weil ich nicht versuchte, ein eigenes Leben zu entwickeln und mich mehr und mehr in die Bücher vergrub.

Ich sehe noch meinen Vater vor mir — einen robusten Mann mit dunklerem Teint als wir anderen —, wie er eines Abends von einer der Baustellen zurückkam und noch Mörtelstaub auf den Schultern und in den Haaren hatte. Es war im Winter — ich arbeitete nämlich nicht in meinem Zimmer, sondern im Salon, wo geheizt war. Ich war dabei, mich auf eine Griechisch-Arbeit vorzubereiten, und er beugte sich über das Blatt, das ich mit Zeichen beschrieb, die ihm mysteriös waren. Er stand hinter mir und ich konnte ihn nicht sehen. Mir war aber, trotzdem bewußt, daß er mit einem Mal Genugtuung und Stolz, ja sogar eine Art Respekt vor seinem Sohn empfand.

Ich hatte keine unglückliche Kindheit. Sie war auch nicht trüb oder hektisch. Sonnige und verhangene Stunden halten sich in meinem Gedächtnis die Waage: im Hof zum Beispiel, mit einem Buch auf einem hintenübergekippten Stuhl, die Beine gegen die Bohlen gestemmt, während die Geräusche aus dem Haus und der Umgebung sich mit dem Getucker der Schlepper auf der Seine vermischen und sich in meiner Erinnerung festsetzen, ohne daß ich es gewahr werde.

___________

Es ist drei Uhr, und es regnet immer noch. Mein Mantel, der nur langsam trocknet, hat bestimmt das Doppelte seines normalen Gewichts, und da ich keinen zweiten habe, ist an Ausgehen nicht mehr zu denken. Im übrigen glaube ich nicht, daß es nach Bibs Geschmack wäre, noch einmal durch Wasserlachen zu waten.

Es ist nun schon eine Zeitlang her, daß Madame Annelet mich an einem Samstagabend, als ich ihr den üblichen Umschlag mit den Tageseinnahmen nach oben brachte, gefragt hat:

»Was machen Sie sonntags, Félix?«

»Nichts«, habe im bloß geantwortet.

Sie hat mich eindringlich angesehen, woraus ich schließe, daß sie verstanden hat. Sie selbst macht ja auch nichts — übrigens auch nicht die Woche über, außer daß sie Zeitschriften und historische Romane liest. Seit sie praktisch ans Bett gefesselt ist, habe ich jeden Samstagabend den Eindruck, daß sie mich im nächsten Moment zurückruft, wenn ich mich von ihr verabschiedet habe.

Am Sonntagvormittag ist Renée noch bei ihr. Aber nach dem Mittagessen geht sie weg, denn sie hat am Sonntagnachmittag und -abend frei (dazu kommt noch ein weiterer Abend in der Woche). Im Erdgeschoß bleiben die Rolläden geschlossen; ich bin nicht da, und Madame Annelet kann also nicht Zuflucht zu ihrer Klingel nehmen. Ihr Abendessen besteht aus einer kalten Platte, die neben ihr Bett gestellt ist. An einem Tag wie heute dürfte außer dem Geräusch der vorüberfahrenden Busse und dem Geprassel des Regens kein Laut zu ihr dringen.

Bib und ich, wir machen seit einiger Zeit nicht mehr so weite Spaziergänge wie früher. Das hängt mit meiner Gesundheit zusammen. Vor zwei Jahren noch sind wir manchmal an der Seine entlanggegangen, bis hinauf nach Charenton; wir haben uns unterwegs am Quai de Bercy die Fässer in den Weinlagern und die Bord an Bord ankernden Schleppkähne angesehen, und ab und zu sind wir bei einem Angler stehengeblieben.

Wir kennen alle Bänke. Ich kenne auch alle Terrassen der Bistros am Weg, wo ich Rast mache, sobald ein Sonnenstrahl hervorkommt. Ich bestelle mir dann manchmal einen Weißwein, aber er hat nie denselben Geschmack wie das erste Glas, das ich direkt nach meiner Entlassung aus der Strafanstalt getrunken habe.

Ich bin jedesmal verblüfft, wenn ich es mit Daten zu tun habe. Ich bin achtundvierzig Jahre alt, das heißt, ich werde im Januar neunundvierzig. Die meisten Männer in meinem Alter haben sich besser gehalten, und ich bin sozusagen ein frühreifer Greis.

Diese Tatsache steht übrigens in keinerlei Zusammenhang mit einer Frage, die sich mir in der einen oder anderen Form stellt — die Frage nach den letzten dreißig Jahren. Wie ist mein Leben in der Zeit seit dem Abitur und der Immatrikulation an der Sorbonne verstrichen?

Einesteils erkenne ich mich in dem jungen Mann nicht wieder, der ich damals war, und andererseits habe ich die Illusion, es sei erst gestern gewesen. Manchmal habe ich innerlich aufbegehrt bei dem Gedanken, daß ein Leben so wenig einbringt, daß es verstreicht, fast ohne eine Spur zu hinterlassen.

Mit achtzehn, zwanzig Jahren, als ich noch Tagträume hatte, da hatte ich mir eine ganz persönliche Theorie zurechtgebastelt, die weder naturwissenschaftlich noch philosophisch fundiert war, die mir aber sehr gut gefiel: aus dem Physikunterricht hatte ich behalten, daß zwischen Körpern, die in Kontakt zueinander treten, so etwas wie eine Wechselwirkung, ein Austausch stattfindet; daß zum Beispiel Spuren zurückbleiben, wenn sie sich aneinander reiben.

So habe ich mir dann weiterhin vorgestellt, daß wir an allen Stationen unseres Lebens Markierungen hinterlassen, der Spur des Wildes vergleichbar, die der Hund durch Witterung … Nein, es ist kein Geruch; es ist etwas anderes — eine Art Kielwasser, eine spirituelle Fährte, Ektoplasmaspuren …

Ich bin längst dahintergekommen, daß es nicht so ist: daß das einzige Porträt, das uns — ach, welch kurze Zeit! — überlebt, verzerrt im Gedächtnis derer, die uns gekannt haben, verschwimmt — verzerrt oft bis zur Karikatur.

Das ist aber nicht der Grund, warum ich Philippe und Daniel nachspüre. Der Beweis dafür ist, daß ich mich ihnen gar nicht zu erkennen gebe. Als sie mich das letzte Mal gesehen haben, waren sie noch nicht sechs, und ich war damals noch ein gutaussehender und sorgfältig gekleideter Mann ohne Fettansatz.

Ich schaue nur zu, wie sie größer werden — sonst tue ich gar nichts … Ich überzeuge mich, daß sie im Begriff sind, Männer zu werden. Schließlich habe ich in ihrem Alter auch angefangen, mich für einen Mann zu halten.

Meine Immatrikulation an der Universität hat zu keiner Familiendiskussion Anlaß gegeben. Von dem Augenblick an, in dem ich mich für die altsprachliche Richtung — also Griechisch/Latein — entschieden hatte, war das ohnehin der vorgezeichnete Weg, auf dem ich nur weiterzugehen brauchte. Meinem Vater tat es natürlich leid, daß ich als einziger Sohn später nicht sein Geschäft übernehmen würde, aber im Grunde war er stolz auf mich.

Eines Tages habe ich ihn an einem Spätnachmittag mit in die Rue des Ecoles genommen, und er hat ehrfürchtig auf dem alten Pflaster des Hofes gestanden.

»Sieh mal an«, hat er gesagt, »sie haben ein Standbild von Victor Hugo aufgestellt!«

Es gab kaum etwas, das ihn mehr beeindrucken konnte, da Victor Hugo einer der wenigen ihm vertrauten Schriftsteller war. Daß am anderen Ende der Treppenstufen auch noch Pasteur stand, hat ihn vollends beruhigt, als ob ich in Gesellschaft dieser beiden Männer in guten Händen sei. Ich habe ihm noch ein paar Hörsäle gezeigt, und er hat die verschiedenen Namen über den Türen gelesen: Turgot, Richelieu, Guizot … In einem der Hörsäle hat er sich einen Augenblick in eine Bank gesetzt, und obwohl wir völlig allein waren in dem Raum, hat er geflüstert wie in der Kirche.

Ich hätte es ohne weiteres zum Gymnasiallehrer bringen können. Dieser Beruf, für den ich mich in einem Alter entschieden hatte, in dem ich noch nicht einmal den Sinn des Wortes verstand, hätte mir wahrscheinlich zugesagt.

In der Santé, wo ich vor meinem Prozeß in Untersuchungshaft war, hat man mir nahegelegt, jugendlichen Straftätern Unterricht zu erteilen, und ich habe das getan. Aus Gründen, die mir nicht bekannt sind — wahrscheinlich aus Platzmangel — bin ich aber bald nach Fresnes umquartiert worden, wo ich nur ein paar Wochen geblieben bin und nichts anderes zu tun hatte, als mich mit Maître Forniol, meinem Anwalt, zu besprechen.

Nachdem ich dann zu fünf Jahren Zwangsarbeit verurteilt war, wurde ich nach Melun verbracht, wo ich an und für sich sechs Monate Einzelhaft zu verbüßen gehabt hätte. Das ist so vorgeschrieben. Man lebt Tag und Nacht allein in einer Zelle, bekommt nur einmal am Tag den Oberaufseher zu Gesicht und erhält monatlich einmal den Besuch des Geiängnisdirektors, oder seines Stellvertreters. Es besteht Redeverbot.

Bei einem Strafmaß, das länger ist als fünf Jahre, beträgt die Dauer der Einzelhaft ein Jahr; die meisten Häftlinge haben das als einen Alptraum bezeichnet.

Der Gefängnisarzt, der von Zeit zu Zeit zur Visite kam, war überrascht, keine Symptome von Depressionen an mir festzustellen. Meine Gleichgültigkeit schien ihn sogar zu beunruhigen. Wie ich später erfuhr, hat er in meinem Fall sogar eine Sonderüberwachung empfohlen, um zu vermeiden, daß ich mich umbrachte.

»Sie zeigen keinerlei Reaktion, wie mir scheint«, hat er sich eines Tages geäußert. »Schlafen Sie eigentlich normal? Haben Sie nicht manchmal das Gefühl, hier zu ersticken?«

»Nein.«

»Haben Sie Appetit? Essen Sie?«

»Alles, was es gibt.«

»Sie haben keinen Besuch von außerhalb bekommen?«

»Nein.«

»Briefe …?«

»Auch nicht.«

Er wollte, daß ich es sage, um zu beobachten, in welchem Ton ich darüber spreche, denn er kannte meine Akte. Da stand alles drin.

»Keine Schmerzen? Tut es Ihnen irgendwo weh?«

Nein, ich hatte keine Schmerzen. Man hatte mir die Wahl zwischen verschiedenen manuellen Arbeiten gelassen. Da ich kein richtiges Handwerk erlernt hatte, habe ich mich dafür entschieden, Hampelmänner aus Pappe auszuschneiden.

»Sie machen jeden Tag Ihren Spaziergang?«

Der Spaziergang findet im Gefängnishof statt und ist obligatorisch. Man sieht dabei nur Mauern und Ziegelsteine. Beim Gehen hört man, als eine Art Echo, die Schritte der anderen, die in den übrigen Abschnitten des sternförmig abgeteilten Hofes auf- und abgeben. Man kann nur den Wächter sehen, der finster und gleichgültig in der Mitte steht und seine Pflicht tut.

»An Ihrer Stelle würde ich darauf bestehen, von einem Neurologen untersucht zu werden«, beharrte der Arzt. »Sie haben ein Recht darauf. Ich kann Sie natürlich nicht dazu zwingen. Jedenfalls würde das eine dabei herausspringen, daß Sie für ein paar Tage zur Beobachtung auf die Krankenstation verlegt werden.«

»Aber ich bin nervlich in bester Verfassung…« Ich hatte nicht das geringste Bedürfnis, mich von einem Facharzt ausfragen zu lassen. Man hatte mir in den letzten sechs Monaten genug Fragen gestellt; man hatte mich bespitzelt, in mir ein Problem gesehen … Der Gefängnisdirektor interessierte sich ebenfalls für mich. Wie auch den Arzt, machte ihn die Tatsache stutzig, daß ich keine Reaktion zeigte.

Dieses Phänomen der »Reaktion« wird zweifellos dadurch zustande gekommen sein, daß Häftlinge aus einem bestimmten sozialen Milieu die Gewohnheit haben, sich zu beklagen, Vergünstigungen zu fordern und krank zu spielen, wenn sie es nicht tatsächlich werden.

Dabei muß man nur einmal an Mönche denken … Seit Jahrhunderten haben sie ein Leben erwählt, das in seiner Art dem Gefängnisleben sehr ähnlich ist. Und gibt es nicht eine Menge ganz normale Bürger, die sich freiwillig einem Trott unterwerfen, der strenger ist als die Gefängnisdisziplin?

»Ich glaube nicht, daß Sie lange in Einzelhaft bleiben, Allard … In meinem letzten Bericht habe ich Ihre gute Führung hervorgehoben und vorgeschlagen, Sie vorzeitig in Gemeinschaftshaft zu übernehmen.«

Wegen guter Führung … Was hätte ich eigentlich tun sollen? Den Oberaufseher bei seinem täglichen Besuch ins Gesicht schlagen?

»Aus Ihrer Akte geht hervor, daß Sie längere Zeit Literatur studiert haben. Was würden Sie dazu sagen, wenn Sie in der Bibliothek angestellt würden? In den letzten sechs Jahren hatte ein anderer Häftling diese Aufgabe übernommen, aber er wird nächste Woche entlassen. Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß es sich um eine heikle Aufgabe handelt, denn es geht nicht darum, einfach Bücher auszugehen, wie’s gerade kommt … Die Leser — vor allem die jungen — müssen eine Anleitung haben, verstehen Sie?«

Ich habe den Posten beinahe vier Jahre lang innegehabt. Alles in allem lief es ein wenig auf den Lehrerberuf hinaus. Und ich fand hier den gleichen Geruch von altem Papier vor wie in der Bibliothek Sainte-Geneviéve.

Fast alle meine Mithäftlinge haben Besuch bekommen. Ich habe keinen erwartet und in der ganzen Zeit auch kein einziges Mal Besuch bekommen. Es hat mir auch nicht gefehlt — im Gegenteil!

Ich hatte einen sehr monotonen Stundenplan — wie jetzt auch in meinem größeren Gefängnis, das aus der Rue des Arquebusiers, einem Stück des Boulevard Beaumarchais, der Place des Vosges und den Seinequais besteht. Ich beobachte weiterhin die Regeln, die ich mir selber auferlegt habe oder die sich mir auferlegt haben, und ich bleibe von unsichtbaren Mauern umgeben.

Letzten Sonntag habe ich mir einen Abstecher erlaubt, eine Abweichung von meinem Programm; ich habe an der Place du Tertre zu Mittag gegessen. Soweit ich das beurteilen kann, ist es mir nicht sonderlich gut bekommen.

Ist es nicht eigenartig, daß ich auch meine Zeit an der Sorbonne mit Begriffen wie »Disziplin« und »Routine« assoziiere? Und das, obwohl mein Leben dem äußeren Anschein nach so frei war wie nur möglich. Ich hatte das Stadium überschritten, in dem meine Eltern sich noch in meine Angelegenheiten einmischen konnten. Sie wußten nicht, wann und wieviel Stunden ich belegt hatte, und sie wußten erst recht nicht Bescheid über das komplizierte System der verschiedenen Seminararbeiten und Zwischenprüfungen.

Sie vertrauten mir und machten sich meinethalben keine Gedanken. Ihre Sorge galt vielmehr meiner Schwester, die jetzt anfing, auszugehen und auf ihre Unabhängigkeit zu pochen.

»Hoffentlich gerät sie an einen ordentlichen Burschen, der mir hilft und eines Tages den Betrieb übernimmt«, seufzte mein Vater.

Ich habe mich im Jahre 1932 an der Sorbonne immatrikuliert. Ich war ein schlaksiger, hochaufgeschossener junger Mann, bei dessen Anblick niemand auf die Idee gekommen wäre, daß ich eines Tages zu einer Art Fettkloß würde, der kein Kleidungsstück tragen kann, ohne daß es schlecht geschnitten wirkt.

Ich hatte immer noch mein Zimmer im alten Haus; es stand jetzt voller Regale, die mit Büchern vollgestopft waren — wie hier im kleinen Zimmer.

Im Lycée Pasteur war ich ein durchaus glänzender Schüler gewesen, und meine Lehrer hatten nicht an meinem späteren Erfolg gezweifelt. Was ist eigentlich im darauffolgenden Frühjahr — also im Frühjahr 1933 — mit mir passiert?

Ich bin auch heute nicht in der Lage, es zu sagen. Ich hatte die für meine Laufbahn obligatorischen Fächer belegt und mir ein Programm gemacht.

Von Philosophie war ich im Anfang ganz hingerissen. Den ganzen Winter über habe ich weiter Griechisch betrieben. Dazu kam noch Geschichte — Antike und Mittelalter.

Es gab damals noch eine Straßenbahn in die Stadt, die ich frühmorgens mit einem Packen Bücher unter dem Arm bestieg. Auf der Fahrt war ich in die Lektüre vertieft, und in den Vorlesungen machte ich mir Notizen. Zum Mittagessen ging ich meistens in ein billiges Lokal, wo ich blieb, bis es Zeit zur nächsten Vorlesung war.

Als die Tage dann länger wurden und das Wetter warm und schön, habe ich es mir angewöhnt, mich noch auf eine Terrasse oder in den Jardin du Luxembourg zu setzen und erst bei Einbruch der Dunkelheit heimzufahren.

Wenn ich den damaligen Zustand in einem Begriff zusammenfassen soll, so kommt mir keine bessere Bezeichnung in den Sinn als »Eintauchen«.

Ich ging förmlich auf im Frühling, im Licht, in der Wärme, in dem Hin- und Hergewoge der Menge. Ich sah mir die Passanten an und folgte ihnen in Gedanken — wie um ihr Leben nachzuvollziehen.

Ich nehme an, daß ich damals dem, was man »Glück« nennt, äußerst nahe gekommen bin. Ich ließ mich von der ganzen Welt durchdringen, ich nahm alles in mich auf — Sonne und Schatten, die Parkhäume, das ständige Kommen und Gehen auf dem Boulevard Saint-Michel ebenso wie den Geruch von Bier und das Geräusch aneinanderstoßender Billardkugeln.

Zwei Monate lang habe ich nur zerstreut in meinen Büchern herumgeblättert. Ich ließ mich ablenken, sobald ich aufblickte: durch den Anblick eines Bettlers, eines roten oder eines weißen Kleides, eines Spielzeugschiffes, das auf dem Wasser eines Beckens dahinglitt. Ich hätte eine Stunde lang in den Anblick einer Ameise, einer Biene, einer Blume versunken bleiben können, ohne mich zu langweilen. Es genügte, daß ich zusah, wie etwas lebte und atmete.

Ich war in der strengen Disziplin des Lycée aufgewachsen und war nun in eine farbige und bewegte Welt entlassen, in der ich mich tummeln konnte, ohne irgendeinem Menschen Rechenschaft ablegen zu müssen.

In meiner Examensarbeit über französische Literatur hat mir nur ein Punkt zur Mindestnote gefehlt. So aber bin ich durchgefallen, obwohl ich ein einfaches Thema erwischt hatte: das französische Theater in der ersten Hälfte des XVII Jahrhunderts. Zu Hause habe ich nichts davon erzählt.

Ich hatte gerade ein Mädchen kennengelernt — sie war Hausangestellte bei einem Arzt im Faubourg Saint-Germain. Sie war klein und rothaarig, und ich saß abends im siebten Stock oben auf ihrem eisernen Bett und mußte warten, bis sie ihrer Herrschaft das Abendessen serviert und hinterher abgewaschen hatte.

Ihretwegen bin ich in jenem Sommer nur eine Woche mit Mutter und Schwester in Dieppe geblieben. Unter dem Vorwand, eine ganz dringende Arbeit erledigen zu müssen, bin ich dann nach Paris zurückgekehrt. Es war wohl Ironie des Schicksals, daß ich mich wenige Tage darauf mit diesem Mädchen zerstritten habe. Hinterher mußte ich mir in dem urlaubsleeren Paris zwei Wochen lang die Hacken ablaufen, bis ich eine andere gefunden hatte.

In meiner Erinnerung ist dieser Lebensabschnitt in eine Art leuchtenden Nebel getaucht. Es gab nichts, worauf es angekommen wäre; nichts, das wichtig gewesen wäre. Es kam oft vor, daß ich »einfach so« in einen Bus stieg und ohne bestimmtes Ziel auf der Plattform durch Paris fuhr.

Ich bummelte an den Schaufenstern entlang und setzte mich in ein Café. Wenn ich vorhin von Billard gesprochen habe, so deshalb, weil ich zwei oder drei Monate lang im ersten Stock der Brasserie de Cluny Billard gespielt habe.

Zu Hause machten sie sich immer noch Gedanken um meine Schwester. Ich selbst wurde als Erwachsener, als Mann behandelt, und niemand kam auf die Idee, meine Zukunft in Frage zu stellen.

Am Ende meines zweiten Winters an der Sorbonne war ich jedoch so weit, daß ich nur noch daran dachte, die licence és lettres abzulegen, ein philologisches Examen, das jedoch noch keinen Zugang zum Lehrberuf eröffnet.

Das alles schreckte mich aber nicht. Gewiß, wenn ich darüber nachdachte, kam es vor, daß ich vorübergehend von Panik ergriffen wurde. Was willst du später einmal werden? Ich hatte diese Frage dermaßen oft zu hören bekommen!

Nun ja … Von neunzehn bis zwanzigeinhalb habe ich mich um diese Frage herumgedrückt — ich wollte einfach nichts davon wissen. Ich habe mir die Stoffe herausgesucht, wie’s gerade kam und jeder Laune nachgegeben. So habe ich zum Beispiel einmal eine Vorlesung über Soziologie belegt und bin hinterher ganze drei Mal hingegangen. Ein anderes Mal war ich nahe daran, Chinesisch zu lernen.

Die Sorbonne war inzwischen nur noch ein Vorwand; sie gab den Rahmen ab für einen bestimmten Lebensstil.

Bei uns zu Hause hatten wir jahrelang kein Hausmädchen gehabt. Meine Großmutter hatte nie eines, und auch meine Tanten nicht, soviel ich weiß. Es ging dabei weniger ums Geld als um die Tradition, eine Art moralisches Prinzip: die Frau hat ihren Haushalt zu führen und die Mahlzeiten zuzubereiten.

Mein Großvater hatte nach alter Handwerkerart Vorstadthäuschen gebaut — also Stein auf Stein. Mein Vater dagegen hatte sich schon von Anfang an auf Stahlbetonbau umgestellt, und als er dann den Auftrag für die Errichtung eines sechsstöckigen Gebäudes erhielt, hat er seinen Maschinenpark erweitert und am Ortsrand von Puteaux ein Gelände gepachtet.

Es muß mehr oder weniger mit all diesen Veränderungen zusammengehangen haben, daß wir ein Hausmädchen engagierten und einen neuen Wagen kauften. Nicht mehr einen Lieferwagen wie bisher, sondern einen richtigen Pkw mit vier Türen. Da konnte es gar nicht ausbleiben, daß ich darum bat, meinen Führerschein machen zu dürfen, und daß ich hinterher den Wagen immer öfter entlieh.

Ich hatte Kameraden, aber keine Freunde. Ich hatte oft ein Mädchen, aber nie für längere Zeit das gleiche. Ich spielte mich trotz des Wagens nicht auf; meistens hatte ich nicht viel Geld in der Tasche. Und wenn ich auch nichts dagegen hatte, gut angezogen zu sein, so maß ich dem doch keine übertriebene Bedeutung bei.

Ich berichte das alles, weil ich versuchen möchte, diesen Abschnitt von drei Jahren besser zu erfassen. Je länger ich darüber schreibe, desto mehr wundere ich mich, wie wenig ich den Dingen damals ins Auge sah. Es mußte mir doch klargeworden sein, daß ich meinen Eltern früher oder später eingestehen mußte, daß ich ganze zwei Examina — Geschichte des Mittelalters und Allgemeine Geschichte der Philosophie — bestanden hatte. Und mit diesen beiden Prüfungen war im Hinblick auf einen späteren Beruf absolut nichts anzufangen. An eine Lehrtätigkeit war nicht mehr zu denken, und sonst hatte ich nichts gelernt.

Ich war belesen, ja. Ich hatte fast alles gelesen, was von Bedeutung ist. Auf der Terrasse des d’Harcourt oder in dem verräucherten Speisesaal hatte ich stundenlang über alles mögliche diskutiert: über russische, englische und amerikanische Autoren, über das Leben großer Männer und über allgemeine Trends. Über Gott und die Welt sozusagen …

Sonst lebte ich einfach in den Tag hinein; ich stopfte mich förmlich voll mit Eindrücken, Freuden und flüchtigen Vergnügungen. Ich konnte fasziniert sein von dem Leben auf einer Straße, aber ich konnte auch einfach mit halbgeschlosseneh Augen auf einer Parkbank sitzen und die Sonnenstrahlen auf meinen Lidern genießen. — Ich fühlte mich durch und durch glücklich.

Meine Schwester hat sich im Alter von achtzehn Jahren mit einem Handelsvertreter namens Noblet verlobt. Ich glaube, meine Eltern haben bei dem Gedanken, daß sie diese Verantwortung bald los sein würden, erleichtert aufgeatmet.

Wie sehr ich meinem Elternhaus inzwischen entfremdet war, geht daraus hervor, daß ich noch nicht einmal erfahren habe, wo und wie sie ihren späteren Mann kennengelernt hat. Ich erinnere mich nur noch an die Hochzeit und die kleine Wohnung, die sie sich in der Rue Lamarck am Montmartre genommen haben.

Ich weiß auch nicht, ob mein Vater versucht hat, seinen Schwiegersohn dazu zu bewegen, in seinen Betrieb einzutreten. Jedenfalls hat Noblet mehrere Jahre später ein Eisenwarengeschäft in Rouen — warum eigentlich Rouen? — erworben, wo er heute das größte Geschäft für Haushaltswaren am Platze hat.

Sie haben vier Kinder. Ich habe nur zwei davon gesehen: dunkel-, fast schwarzhaarig, wie ihr Vater, aber mit den blauen Augen der Allards.

Einstweilen lag noch der Militärdienst vor mir, von dem ich als Student bisher zurückgestellt werden war. Was außerdem noch vor mir lag: für mein späteres Leben aufzukommen …

Für den Augenblick begnügte ich mich jedoch damit, dieses Leben einzuatmen. Schon als kleines Kind hatte ich offenbar nicht genug davon bekommen können, den Duft einer Orange einzuatmen, und ich soll in Tränen ausgebrochen sein, sobald jemand versucht hat, sie zu schälen.

Teil II

Das gelbe Heft

Montag, 18. November 9 Uhr abends

Gestern habe ich ganz eng schreiben müssen, denn ich war mit meinem Heft zu Ende und hatte kein anderes da. Ich bin heute im Papiergeschäft ein neues kaufen gegangen und habe zur Abwechslung ein gelbes genommen. Es macht mir ein wenig Sorge, daß ich soviel geschrieben habe — das ist mir gar nicht bewußt geworden. Ich möchte nicht, daß diese Beschäftigung zur Manie wird; daß sich zum Schluß die Hefte stapeln. Und ich mag es auch nicht, daß ich mit einemmal soviel Gefallen daran finde, über mich zu berichten. Als ich das gelbe Heft gekauft habe, habe ich mir fest vorgenommen, daß es das letzte sein sollte; daß die von mir beabsichtigte Klarstellung auf keinen Fall zum Vorwand für meine Schreibwut werden dürfe.

Es regnet nicht mehr. In der Nacht ist ein heftiger Wind aufgekommen. Bib und ich, die wir unter dem Dach wohnen, wir bekommen das immer sehr gut mit.

Am nächsten Morgen war der Sturm da. Die Zeitungen berichteten von Schiffen, die im Ärmelkanal in Seenot geraten waren, von Sturmschäden an der Atlantikküste, von einem Fabrikschornstein, der in der Normandie in sich zusammengebrochen war, von Zugverspätungen infolge umgestürzter Bäume und Leitungsmasten.

In unserem Viertel haben ein paar zerbrochene Dachziegel auf den Trottoirs gelegen, und ab und zu fällt auch jetzt noch ein Ziegel herunter. Ein solcher Ausbruch der Naturgewalten hat für mich etwas Stimulierendes. Während ich sonst kaum je einen Blick durch das Schaufenster der Buchhandlung werfe, habe ich heute weiß Gott wie oft auf die Straße hinausgesehen.

Es war faszinierend, die Passanten zu beobachten. Wer in Richtung Bastille ging, hielt sich sehr aufrecht, ging sogar leicht nach hinten geneigt, und der Wind schob ihm den Mantel von rückwärts zwischen die Beine. Wer entgegengesetzt zur Place de la République wollte, machte sich klein und ging stark vornübergebeugt. Mehrere Male hatte ich das gleiche Schauspiel vor Augen: ein Herr rannte hinter seinem Hut her, und gerade als er sich bückte und danach greifen wollte, flog der Hut wieder davon.

Wir hatten wenig Kundschaft, was ich nicht anders erwartet hatte. Madame Annelet übrigens auch nicht. Sie wird vom Wind unruhig und nervös und fühlt sich nicht wohl in ihrer Haut. Sie hat heute ständig nach mir geklingelt.

Renée sieht man es an den Augen an, daß sie in der Nacht nicht geschlafen hat … Dabei fällt mir das kleine rothaarige Mädchen vom Boulevard Saint-Germain ein. Was aus ihr geworden sein mag? Diese Frage betrifft übrigens alle, die mir irgendwann über den Weg gelaufen oder ein Stück weit mit mir gegangen sind im Leben. Es würde mich interessieren, was diese Menschen mir für ein Schicksal zugedacht haben für den Fall, daß auch sie sich in Gedanken mit mir beschäftigen.

Es war genau elf Uhr und sieben Minuten — ich habe zufällig auf die elektrische Uhr über dem geblümten Vorhang geblickt —, als das Telefon läutete. Ich habe den Hörer abgenommen und mich gemeldet.

»Ist dort die Buchhandlung Annelet?«

»Ja.«

Eine weibliche Stimme, die ich nicht erkannt habe. Einige unserer Kunden — wenn auch nicht viele — geben uns ihre Bestellungen telefonisch durch. Meistens erkenne ich sie schon an der Stimme. Ich hatte das Gefühl, als sei eine Art Zögern am anderen Ende.

»Wer ist am Apparat?«

»Ein Angestellter …«

Diesmal war das Zögern so deutlich, daß ich meinerseits gefragt habe: »Sie möchten Madame Annelet sprechen?«

Madame Annelet hat das Telefon neben ihrem Bett. Die beiden Apparate laufen über dieselbe Nummer, so daß sie die Gespräche mithören kann, was sie auch nicht versäumte, wie ich wenig später feststellen konnte.

»Spreche ich mit Monsieur Allard?«

Seit ich aus Melun entlassen bin, hat mich niemand angerufen außer den paar Kunden, die ich vorhin erwähnt habe. Aber für die bin ich Monsieur Félix … Ich habe die Frage widerstrebend bejaht.

»Monsieur Félix Allard?« meldete sich die Stimme wieder.

»Ja.«

Wieder trat Stille ein. Die Verbindung war jedoch nicht unterbrochen, weil ich immer noch atmen hörte. Ein Klicken zeigte mir schließlich an, daß aufgelegt werden war.

Madame Annelet hat mir Zeit gelassen, mich von meiner Überraschung zu erholen, mit mir zu Rate zu gehen und Vermutungen anzustellen. Ich bin überzeugt, daß sie sich sehr zusammennehmen mußte, um nicht sofort nach mir zu klingeln. Sie hat ganze fünf Minuten gewartet, bis sie auf den Klingelknopf gedrückt hat.

Ich bin hinaufgegangen. Renée war dabei, das Zimmer zu machen. Der Staubsauger war offenbar gerade kaputtgegangen.

»Sagen Sie, Félix … Wissen Sie, wer das war?«

Auf die Dauer habe ich mich daran gewöhnt, daß sie mich so ansieht, mit diesem starren Blick, dem nichts entgeht: keine noch so minimale Lüge, kein Zeichen von Verwirrung — überhaupt keine innere Regung, so versteckt sie auch sein mag. Man hat das Gefühl, nackt dazustehen oder in einer erniedrigenden Situation überrascht worden zu sein, zum Beispiel auf der Toilette. Meine Schwester hatte die gräßliche Angewohnheit, unvermittelt die Tür zum Badezimmer aufzureißen, wenn ich auf der Toilette war. Ihr machte es übrigens nichts aus, wenn sie bei dieser Verrichtung gesehen wurde.

»Nein. Ich habe keine Ahnung.«

»Haben Sie die Stimme nicht erkannt?«

»Ich habe es versucht. Ich versuche es noch, aber es kommt nichts dabei heraus.«

»War es nicht die Stimme Ihrer Frau?«

»Bestimmt nicht. Die Stimme meiner Frau ist hoch und spitz.«

»Sie hat ihre Stimme verstellen können…«

»Schon — aber nicht so sehr.«

Es war auch nicht die Stimme von Monique gewesen, Daniels Mutter, die etwas weiter unten am Boulevard Beaumarchais wohnt.

»War da in der letzten Zeit etwas mit einer Frau?«

»Nein. Ich habe seit drei Monaten keine Frau mehr angerührt. Kein Bedarf…«

»Dann hat jemand, der Sie kennt, Sie hier hereinkommen oder hinausgehen sehen. Oder er hat Sie durchs Schaufenster gesehen.«

»Schon möglich.«

»Haben Sie Angst?«

»Wovor?« Trotzdem war ich unruhig und verwirrt, und ich bin es auch jetzt noch.

Madame Annelet hat sich eine Zigarette angezündet. »Es muß sich um jemand handeln«, fuhr sie fort, »der Sie vor langer Zeit gekannt hat und nicht sicher ist, ob Sie es sind — so, wie Sie sich verändert haben. Ich könnte mir denken, daß Sie diese Frau bald treffen … oder daß sie Ihnen schreibt.«

Unten war die Ladentür aufgegangen — einer der wenigen Kunden, die an diesem Tag das Geschäft betraten. Ich bin ihn bedienen gegangen und erst kurz vor dem Mittagessen wieder zu Madame Annelet hinaufgestiegen.

»Félix, sagen Sie mal«, fing sie wieder an. »Ich hätte da eine Frage … Seit Sie mir von Ihrem Vorhaben berichtet haben, läßt mir das keine Ruhe.«

»Was für ein Vorhaben?« Ich war nicht bei der Sache. Ich war so weggetreten wie früher auf einem Klappstuhl im Jardin du Luxembourg.

»Wegzugehen, für immer … Sie werden sich doch Gedanken gemacht haben, wie Sie das anstellen wollen, oder nicht?«

Erstens einmal hatte ich ihr keineswegs von irgendeinem Vorhaben berichtet — aus eigenem Antrieb, meine ich. Ich hatte mir nur die Würmer aus der Nase ziehen lassen … Und zweitens hatte ich etwas dagegen, daß sie im Futurum sprach und nicht im Konjunktiv.

»Haben Sie einen Revolver?« beharrte sie.

Ich habe bloß gelächelt.

Sie aber war völlig ernst, als ob die Sache sie persönlich anginge.

»Oder ist es Gift? Haben Sie sich Gift beschafft?«

Die Frage war genauso taktlos wie das Hineinplatzen meiner Schwester ins Badezimmer. Allmählich komme ich zu der Ansicht, daß Frauen nicht das gleiche Schamgefühl haben wie wir Männer.

»Das kommt darauf an, was man unter Gift versteht«, habe ich ausweichend geantwortet.

»Schlafmittel?«

»Vielleicht. «

»Und Sie sind immer noch fest entschlossen? Sie haben keine Angst, daß Sie Ihre Meinung ändern, wenn es zu spät ist? Daß Sie plötzlich doch Lust bekommen, weiterzuleben? Das muß ja grauenhaft sein! Reglos dazuliegen ohne sich rühren oder jemand rufen zu können … Nur zu warten, ohne genau zu wissen, wie lange es dauert! Furchtbar … Dann gehen Sie mal essen, Félix! Mir haben Sie einstweilen den Appetit verdorben.«

Ich habe »Chez Rose« zu Mittag gegessen; das ist das kleine Lokal gegenüber von meiner Wohnung. Wir sind dort in Gesellschaft von Packern und Lkw-Fahrern, die schon an uns beide gewöhnt sind. Bib kennt sie auch alle und beschnüffelt schwanzwedelnd einen nach dem anderen.

Hinterher haben wir unseren Mittagsspaziergang abgekürzt; der Wind hat mir den Atem benommen, und meine Lippen mußten blau angelaufen sein.

Am Nachmittag hat das Telefon nicht wieder geläutet. Madame Annelet ist auf den vormittäglichen Anruf nicht mehr zu sprechen gekommen, und sie hat auch keine erneuten Anspielungen auf meinen Tod gemacht.

Ich hingegen habe an den Tod gedacht, allerdings nicht an meinen eigenen … Im Zusammenhang mit dem, was ich gestern geschrieben habe, ist mir ein anderer Todesfall in den Sinn gekommen, der mein Schicksal von einem Tag zum andern verändert hat.

Es war an einem 7. Juni — einem der wenigen Daten, bei denen ich nicht überlegen muß. Die Sonne brannte erbarmungslos wie im August, und die Hitze lastete schwer. Alles Leben auf der Straße spielte sich in verlangsamtem Tempo ab; sogar die Busse schienen zu schleichen. Die Farben wirkten schwerer und wuchtiger als sonst, und das Blattwerk der Bäume auf dem Boulevard Saint-Michel war so dunkel und reglos wie bei einer Theaterkulisse.

Um halb elf vormittags saß ich in einem hellen Korbstuhl auf der Terrasse des d’Harcourt, vor mir ein Glas Bier. Weniger als einen Meter von mir entfernt saß eine dunkelhaarige junge Frau am Nebentischchen; sie hatte gerade zwei Croissants gegessen, die sie in ihren Milchkaffee getunkt hatte.

Wir haben uns mehrmals aus den Augenwinkeln einen kurzen Blick zugeworfen — »Fragezeichenblicke« habe ich das genannt. Ich habe dieses Spiel damals gern betrieben. Entweder es funktioniert oder es funktioniert nicht.

In diesem Fall hat es geklappt. Nach ein paar Minuten war sie soweit — sie mußte lachen.

»Sie sind aber komisch«, hat sie gesagt. »Was wollen Sie von mir?«

»Das weiß ich noch nicht.«

Sie sprach mit leicht ausländischem Akzent. Wenig später hatte ich schon erfahren, daß sie Sonia hieß und aus Belgien stammte, wo ihr Vater — ein russischer Ingenieur — beschäftigt war.

Ich hatte den Wagen, und wir sind losgefahren. So gegen zwölf sind Sonia und ich vor einem Gasthaus am Seineufer ausgestiegen, ein paar Kilometer von Corbeil entfernt. Wir haben im Freien zu Mittag gegessen. Nach dem Kaffee bin ich ins Gasthaus gegangen und habe leise mit der Wirtin verhandelt, worauf sie mir einen Schlüssel gegeben hat.

Um zwei Uhr lag Sonia nackt auf einem Eisenbett in einem weißgetünchten Zimmer. Die Fensterläden waren geschlossen; aus der Matratze stieg leichter Schimmelgeruch.

»Hast du eine Freundin?«

»Nein«

»Ach so … Du nimmst lieber die Gelegenheiten wahr, die sich dir bieten — so wie heute? Bist du schon oft in dem Zimmer hier gewesen?«

»Ein einziges Mal.« Das stimmte übrigens.

»Mir scheint, du bist für Abwechslung … Stimmt’s?«

»Kommt drauf an …«

Wir haben uns gegen fünf Uhr wieder angezogen, nachdem wir noch eine Weile gedöst hatten. Sonia hatte Durst, und wir haben uns deshalb wieder auf die Terrasse gesetzt, wo wir eine Flasche Weißwein getrunken haben — einen Saumur, daran erinnere ich mich genau. Ich fühlte mich benommen und schlapp.

Auf dem Heimweg hat sie trotzdem darauf bestanden, daß ich vor einem Gehölz anhielt und Ginsterzweige pflückte. All das ergab ein fast ekelerregendes Gemisch unterschiedlicher Gerüche: ihr Schweiß, der Ginster, der Weißwein, die schimmelnde Matratze …

Ich habe sie gegen sechs Uhr an der Ecke zum Boulevard Raspail abgesetzt und im Rückspiegel gesehen, wie sie mitten auf dem Trottoir frischen Puder auflegte und die Lippen anmalte, während sich die Männer nach ihr umdrehten.

Ich bin nach Puteaux zurückgefahren und habe das Auto im Hof abgestellt. Dann habe ich die Haustür aufgestoßen.

»Gibt’s was zu essen?« habe ich wie üblich nach drinnen gerufen.

Aber dann war ich augenblicklich still. Vor mir lag die Treppe, die zum ersten Stock hinaufführte, links davon war die Tür zur Küche, die sonst immer offen war, und rechts die Tür zum Salon. Ich kann nicht sagen, wieso mir plötzlich alles leer und erstarrt erschien … Die linke Tür ist daraufhin langsam, gleichsam feierlich aufgegangen und meine Mutter ist auf der Schwelle erschienen. Sie ist einen Augenblick unbeweglich vor mir stehen geblieben, dann hat sie sich mir an die Brust geworfen und zu schluchzen begonnen.

Über ihre Schulter hinweg habe ich in der Küche Leute gesehen, die da nicht hingehörten: meine Schwester und ihren Mann, meine Tante Julie, die seit Jahren keinen Fuß mehr in unser Haus gesetzt hatte, Victor, den Vorarbeiter, eine alte Frau aus der Nachbarschaft und noch andere Leute, die unbeweglich und mit ausdrucksloser Miene herumsaßen oder -standen.

»Dein Vater, Félix!« stieß meine Mutter hervor. »Mein Gott! Wer mir das heute morgen gesagt hätte …! Wo er noch … noch so fröhlich war!«

Es war das erste Mal in meinem Leben, daß ich meine Mutter so in den Armen hielt — nicht als Sohn, sondern so, als ob ich ganz plötzlich an die Stelle meines Vaters gerückt sei.

»Du weißt ja, wie er war … Alles wollte er selber sehen! Und heute, als er irgendwo im fünften Stock auf einem Balken … Komm herein!«

Sie hat behutsam und geräuschlos die Türklinke zum Salon hinuntergedrückt und die Tür sacht geöffnet. Im Halbdunkel des Zimmers lag mein Vater; man hatte ihm schon das Totenhemd angezogen und einen Rosenkranz in die gefalteten Hände gelegt. Zu beiden Seiten des Bettes, das vom Schlafzimmer heruntergeholt werden war, stand eine Kerze, die aber nicht brannte.

»Gib ihm einen Kuß …«, flüsterte sie mir ins Ohr.

Ich glaube, sie mußte mir einen kleinen Stoß geben. Ich habe drei oder vier Schritte nach vorn gemacht, mich über ihn gebeugt und mit den Lippen ganz flüchtig die kalte Stirn berührt.

Was hinterher war, weiß ich nicht mehr genau. Ich bin regelrecht davongelaufen. Ich bin die Treppe hinaufgestürzt und habe mich längelang auf mein Bett geworfen. Ich habe zu weinen versucht, aber es ging nicht. Ich hatte einen Klumpen in der Brust, und ich habe vor Schmerz in die Bettdecke gebissen.

Warum hatte das gerade an so einem Tag passieren müssen, während ich in der Zeit …

»Ich bin schuld, ich, ich …«, stieß ich zwischen den Zähnen hervor. »Wegen mir ist das passiert …«

Ich dachte dabei nicht nur an Sonia, an das Gasthaus und diesen gräßlichen Ginster … Ich dachte an all die Mogelei, an die drei Jahre, die ich gestohlen hatte. Ich hieb mit den Fäusten auf das Bett ein.

»Nein! Nein …! Ich will nicht!«

Eine Hand legte sich mir auf die Schulter.

Ich bin wütend herumgefahren. »Was unterstehst du dich!«

Es war meine Schwester.

»Bitte, Félix, beruhige dich … Du mußt jetzt einfach ruhig sein — wegen Mama, verstehst du? Sie hat furchtbare Stunden hinter sich, und sie war sehr tapfer. Jetzt nimm du ihr nicht das bißchen Kraft, das ihr noch geblieben ist …«

Mit welchem Recht redete Louise eigentlich so mit mir? Sie gehörte doch nicht mehr zur Familie! Sie trug einen anderen Namen und wohnte nicht mehr bei uns.

»Du solltest jetzt lieber hinunterkommen. Mama macht sich schon Gedanken …«

»Was wollen all die Leute unten?«

»Na ja … Die alte Rinquet hat ihn gewaschen und angezogen, nachdem sie ihn vom Krankenhaus zurückgebracht hatten. Mama war ein wenig überfordert, verstehst du …«

»Ach, dann ist er also nicht gleich…« Das Wort wollte mir nicht über die Lippen: »… nicht gleich tot gewesen?«

Warum druckste sie auf einmal so herum?

»Wahrscheinlich doch … Wir wissen es nicht genau. Victor hat ihn gefunden, auf der Baustelle … Der nächste Arzt war nicht zu erreichen, und da hat Victor es fürs beste gehalten, die Polizei zu alarmieren. Und die hat den Krankenwagen geschickt.«

Ich sah sie böse an. »Und dann?«

»Was, und dann … Nichts. Als er im Krankenhaus eingeliefert wurde, war es zu spät, und sie haben ihn hierher zurückgeschickt …«

»Um wieviel Uhr ist er verunglückt?«

»So gegen halb elf … Um zwölf haben sie ihn schon zurückgebracht … Mama hat bei uns angerufen, und wir sind so schnell wie möglich rübergekommen, André und ich. André hat versucht, dich zu erreichen, hat beim Sekretariat der Sorbonne angerufen…«

Ich bin rot geworden; ich hatte Angst vor der Auskunft, die man ihm dort gegeben hatte.

»Sie haben dich nicht gefunden … Kein Mensch hat gewußt, wo du warst…«

Ich wußte es nur zu gut. Als mein Vater im Sterben lag, hatte ich am Boulevard Saint-Michel auf einer Terrasse gesessen, Bier getrunken und einer Fremden am Nebentisch dümmlich zugelächelt … Während man ihn vom Krankenhaus zurückgebracht hatte, waren wir unterwegs zu dem Gasthaus am Seineufer, und während man den Salon als Sterbezimmer herrichtete, da hatte ich mit der Fremden im Bett gelegen.

Meine Hände rochen noch nach Frau und nach Ginster. Ich bin mir die Hände waschen gegangen. Ich hatte das Bedürfnis, ein Bad zu nehmen, mich zu reinigen. So, wie ich war, fühlte ich mich unwürdig.

»Was machst du jetzt?«

»Wieso … Ich gehe runter.«

»Das meine ich nicht. Ich hatte an Mama gedacht, an das Haus, wie es überhaupt weitergehen soll.«

Sie dachte wirklich an alles … Ich dagegen konnte eigentlich nur an die Reaktion meiner Mutter denken, die sich mir wie selbstverständlich an die Brust geworfen hatte — jetzt, wo ihr Mann tot war. Ich war ebenso groß wie mein Vater, wennschon nicht ganz so breit … Ich war wohl auch weicher. Nichtsdestoweniger galt ich von nun an als der Mann in der Familie.

»Ich komme gleich … Geh schon vor.«

Ich trocknete mir die Hände ab und sah im Spiegel über dem Waschbecken ein angespanntes Gesicht und ratlose Augen.

___________

Es war im ersten Jahr der Volksfrontregierung. Ich weiß es so genau, weil der Leichenzug einen Demonstrationszug kreuzte, über dem eine Menge roter Fahnen, Wimpel und Spruchbänder wogten. Die Demonstranten haben fast alle die Mütze abgenommen, als wir vorüberkamen. Ich sehe auch noch die Plakate an den Hauswänden vor mir, auf denen eine hochgereckte Faust abgebildet war.

Meine Schwester hat mit ihrem Mann bei uns übernachtet — ich entsinne mich nicht, welchen Vorwand sie sich dafür ausgedacht hatte. Vielleicht hatte sie Angst, dieser erste Abend könne für meine Mutter zu schlimm werden. Doktor Chollet, der uns von klein auf behandelt hat, war jedoch am Spätnachmittag wie Zufällig vorbeigekommen und hatte meiner Mutter ein Beruhigungsmittel verabreicht.

Infolgedessen war ich mit Louise und meinem Schwager allein; ich mußte mit ihnen zu Abend essen und hinterher noch eine Zeitlang bei ihnen sitzen bleiben. Da erst ist es mir aufgefallen, wie entfremdet ich meinem Elternhaus war. Im letzten Jahr war ich fast nur noch zum Schlafen nach Hause gekommen, und ich hätte die Mahlzeiten zählen können, die ich mit meinen Angehörigen eingenommen hatte.

Ich wunderte mich über Dinge, die mir normalerweise selbstverständlich gewesen wären. Kaum, daß ich unser Mädchen kannte — eine Elsässerin namens Frida. Auch sie hat nach dem Tod meines Vaters begonnen, mich als Hausherrn zu behandeln; man konnte merken, daß sie dem Mann von Louise, der ja nur der Schwiegersohn war, nicht denselben Respekt entgegenbrachte wie mir.

»Hast du dich jetzt entschieden, Félix?«

Ich ging jedoch hartnäckig jeder Diskussion über dieses Thema aus dem Wege.

»Ich muß das wissen«, beharrte sie. »Wenn wir den Betrieb verkaufen müssen, wird Mama doch sicher zu uns ziehen.«

Ob sie dabei irgendwelche Hintergedanken hatte? Ich möchte das lieber offenlassen. Jedenfalls bin ich aus purer Höflichkeit noch eine halbe Stunde bei ihnen sitzen geblieben, habe dann Kopfschmerzen vorgeschützt und bin zu Bett gegangen.

Am nächsten Morgen sind sie wohl ziemlich früh weggegangen — ich weiß es nicht mehr. Aber ich erinnere mich noch genau an das stille Haus, in dem fast alle Fensterläden wegen der Sonne und der brütenden Hitze draußen geschlossen waren.

Meine Mutter und ich, wir haben uns beim Essen zum ersten Mal gegenübergesessen. Ich habe mir überlegt, wie alt sie jetzt war, während ich sie mit ansah. Mein Vater war einundfünfzig gewesen — vier Jahre älter als sie. Sie war also siebenundvierzig, was mir alt vorkam. Seit dem Tod meines Vaters hatte ich mit Überraschung die Leute davon reden hören, daß er schon »so jung« hatte fortgehen müssen … In meinen Augen hatte mein Vater ein ausgefülltes Dasein gehabt; er hatte sein Leben gelebt.

Wie jener Tag dann noch im einzelnen verlaufen ist, könnte ich nicht mehr zusammenbringen. Ich weiß nur noch, daß ich am Nachmittag, als ich aus meinem Zimmer herunterkam, meine Mutter im Büro antraf, einem kleinen, teilweise verglasten Raum, den wir selten betreten hatten.

Ich hatte sie überall im Haus gesucht und war überrascht, sie bei der Durchsicht von Post anzutreffen — um so mehr, als sie ihre Brille aufgesetzt hatte, mit der ich sie bisher kaum je gesehen hatte. Sie hatte sie erst vor einiger Zeit zum Lesen und Schreiben verordnet bekommen.

»Störe ich dich?« habe ich ungeschickt gefragt.

Sie hat ‘mir zugelächelt — es war ein ganz neues Lächeln, das sie bis an ihr Lebensende beibehalten hat. Ein Lächeln, das sanft und bitter zugleich war und mich — vor allem nach ein paar Jahren — mehr als einmal irritiert hat. Ich weiß selbst nicht, warum dieses Lächeln bei mir eine Assoziation zu Altrosa hervorrief — der Farbe, die in meiner Kindheit von den Frauen in Halbtrauer getragen wurde.

»Du weißt doch, daß du mich nie störst«, hat sie gesagt.

»Was suchst du da?«

»Victor braucht einen Brief, der dieser Tage gekommen sein muß.«

»Soll ich dir dabei nicht helfen?« Urplötzlich hatte ich meinen Entschluß gefaßt — in demselben Augenblick, in dem sie zu mir hochschaute; »Weißt du, Mama«, fing ich an, »du kannst dich auf mich verlassen.«

»Was willst du damit sagen?«

»Daß ich hier bleibe. Ich will versuchen, mich einzuarbeiten.«

»Das heißt also … Du würdest den Betrieb deines Vaters übernehmen?«

»Ja. Warum nicht?«

»Und du würdest alles opfern — dein Studium, deine Karriere, all die Mühe, die du dir gegeben hast?«

Wir haben uns beide gegenseitig etwas vorgemacht. Sie tat so, als sei sie von meinem Entschluß überrascht, während sie einen solchen Schritt doch von mir erwartete. Und für mich war das überhaupt der einzige Ausweg.

»Weißt du, soviel bedeutet es mir auch wieder nicht, Lehrer zu werden …«

»Siehst du dich etwa auf ein Gerüst steigen?«

»Das ist vielleicht gar nicht unbedingt nötig. Wir haben Leute, die so was für mich tun, die mir helfen — Victor zum Beispiel. Er wird mir nach und nach alles beibringen.«

»Das tust du mir zuliebe, nicht wahr?«

»Aber nein … Laß doch!« wehrte ich ab.

Das war der Ton, in dem wir von nun an miteinander verkehrten — zehn Jahre lang. Sie hat mich voll überströmender Dankbarkeit geküßt, aber sie hat sich mir nicht mehr an die Brust geworfen.

»Bist du auch sicher, Félix? Vielleicht bereust du es eines Tages …«

»Nein, nein. Morgen schön fange ich an, mit Victor zusammen.«

Er hieß Victor Michou, war etwa im Alter meines Vaters, fast ebenso breit wie hoch, mit Hals, Schultern und Armen eines Ringers. Er war nicht wenig stolz darauf, daß er seinen Beruf erlernt hatte, auf der Wanderschaft durch ganz Frankreich, von Stadt zu Stadt und von Provinz zu Provinz, bis er es schließlich zum Meister gebracht hatte. Er war mit einer Frau verheiratet, die noch schmächtiger war als meine Mutter, und ihr einziger Kummer war, daß sie keine Kinder hatten.

»Sie werden schon sehen, Monsieur Félix!« ermunterte er mich. » Für einen Mann mit Bildung ist das nicht schwer. Wenn Sie mich dagegen nehmen … Ich habe mit zwölf aufgehört auf der Schule, und da hat es Jahre gedauert, bis alles in den Kopf da hineingegangen ist…«

Zu Lebzeiten meines Vaters war ein Buchhalter, Monsieur Beauchef, einmal wöchentlich nachmittags zu uns gekommen und hatte die Buchführung erledigt. Ich konnte erreichen, daß er zuerst einen vollen Tag kam, dann zwei, und zum Schluß hat er überhaupt nur noch für uns gearbeitet.

Wir sind zum Notar gegangen, und ich habe einen Vertrag unterschrieben, worin mir eine Frist von fünf Jahren eingeräumt wurde, um Louise ihren Anteil am Nachlaß auszuzahlen.

Mein Leben war in eine neue Phase eingetreten, die von allem Bisherigen abwich und auch sehr verschieden sein sollte von dem, was hinterher kam.

Zu meinem Erstaunen zeigte meine Mutter nicht nur Interesse an dem Betrieb, sie war auch über die Geschäfte viel besser unterrichtet, als ich es mir vorgestellt hatte. Demnach mußte mein Vater sie informiert haben, wenn er mit ihr allein war; womöglich hat er sie bei Gelegenheit sogar um Rat gefragt. Sie kannte die Namen von Kunden, Lieferanten und Arbeitern. Fachausdrücke, die ich zwar oft gehört, mich aber nie um ihre Bedeutung gekümmert hatte, waren ihr geläufig. Sie wußte über den Fortschritt der Arbeiten auf den einzelnen Baustellen Bescheid und kannte eine ganze Reihe von Architekten.

Ich habe vorhin von dem sanften und zugleich bitteren Lächeln gesprochen. Dieser Ausdruck ist im Grunde ein wenig charakteristisch für unsere damalige Existenz. Unser Leben floß sanft und ruhig dahin; daß gleichzeitig eine Art Bitterkeit zwischen uns aufkam, wäre zuviel gesagt, denn wir mochten uns sehr gern, Mama und ich … Aber ich merkte, daß ich sie eigentlich kaum kannte, und es ist anzunehmen, daß sie in bezug auf mich die gleiche Entdeckung machte.

»Wie soll das mit deinem Militärdienst weitergehen?« fragte sie. »Jetzt, wo du nicht mehr Student bist…«

»Ich bin für ein Jahr zurückgestellt, und das gilt noch. Hinterher werden wir weitersehen.«

Hinterher hat Noblet, der Mann meiner Schwester, mir aus der Patsche geholfen, das muß ich wohl oder übel zugeben. Es ist mir nämlich nicht recht, ihm irgendwie Dank schuldig zu sein. Wir haben uns zwar nie gestritten, haben aber auch nie einen Versuch unternommen, einander näherzukommen. Sagen wir, daß ich es nicht mochte, wenn ein Fremder sich um unsere Familienangelegenheiten kümmerte … Noblet also kannte einen Abgeordneten oder Senator, auf dessen Betreiben hin ich für weitere zwei Jahre zurückgestellt wurde, da ich für den Unterhalt einer Witwe zu sorgen hatte.

Überraschenderweise habe ich mich sehr gut in meinen neuen Beruf eingearbeitet. Dank der Unterstützung von Victor und Monsieur Beauchef war ich rasch soweit, daß ich einen Baukostenvoranschlag erstellen konnte. Auch die Architekten waren mir behilflich.

Später — als die Geschäfte sich weiter ausdehnten, haben wir einen Bauführer eingestellt. Er hieß Fernand Dinaire, war um die Dreißig, aktiv und intelligent und hatte schon mehrere Jahre Berufserfahrung.

»Hast du nicht mal daran gedacht, dich zu verheiraten, Félix? Du kannst doch nicht dein ganzes Leben lang so bleiben…«

Im Grunde war meiner Mutter natürlich überhaupt nichts daran gelegen, daß ich heiratete. Sie und ich, wir bildeten eine Art Hausstand. Sie hatte es sich angewöhnt, mich so zu behandeln, wie sie früher meinen Vater behandelt hatte: mit dem Respekt, den man in bestimmten Kreisen heute noch dem Familienoberhaupt entgegenbringt.

»Warum gehst du abends nicht öfter aus? Da würdest du mal auf andere Gedanken kommen. In deinem Alter muß man sich doch mit Freunden treffen, mit einem Mädchen ausgehen …«

Wenn sie so redete, versuchte sie mich auszuhorchen. Tatsächlich ging ich nämlich ein- bis zweimal pro Woche allein aus; samstags allerdings hatte ich es mir zur Gewohnheit gemacht, meine Mutter ins Kino oder ins Theater auszuführen.

»Schau dir mal das junge Mädchen da oben im dritten Rang an«, konnte sie dann zum Beispiel sagen. »Findest du es nicht hübsch? So ein feines Lächeln!«

Im Jahr 1938 haben wir gemeinsam beschlossen, das Haus außen und innen neu streichen zu lassen, die Küche zu modernisieren, das Büro zu vergrößern und ein zweites Bad einzurichten.

»Ich sehe dich fast nie mehr mit einem Buch … Dabei hast du früher so viel gelesen!«

Es stimmte. Beinahe von einem Tag auf den anderen hatte ich die Lust am Lesen verloren. Die Atmosphäre des Quartier Latin, die Ungebundenheit, das völlige Aufgehen in meiner Umwelt — das alles lag hinter mir. Jetzt ging ich in meiner Arbeit auf, in meinen Geschäften … Ich kann mich offenbar immer nur für eine einzige Sache engagieren.

Ich war ein seriöser Geschäftsmann geworden, und mein Alter stimmte meine Gesprächspartner jetzt nicht mehr skeptisch. Ich kleidete mich auch anders. Ich war mehr in die Breite gegangen, mein Schritt hatte etwas Festes, Männliches bekommen, und meine Ausdrucksweise war selbstsicher, auf der Baustelle im Bedarfsfalle auch derb.

Ich glaube nicht, daß ich damals eine Rolle gespielt habe, daß ich in jedem Abschnitt meines Lebens eine Figur zu verkörpern trachtete. Ich redete mir nicht etwa ein, ich sei jetzt ein Bauunternehmer. Ich war ganz einfach einer — so, wie ich vorher ein echter Student gewesen war.

Obwohl mehrfach verschoben, rückte meine Einberufung zum Militär nun doch heran. Im August 1939 mußte ich einrücken und wurde, wiederum wegen meiner familiären Verpflichtungen, nach Versailles eingezogen. Bei Kriegsausbruch war meine Ausbildung noch nicht beendet; ich konnte kaum richtig mit einem Gewehr umgehen.

Drei Wochen später wurde ich — genau wie mein Vater im Jahre 1914 — nach Puteaux zurückgeschickt und erhielt den Auftrag, Luftschutzräume auszubauen. Ich war weiter in Uniform. Ein paar meiner Arbeiter, die bei der Mobilmachung in alle Winde zerstreut worden waren, wurden als Fachkräfte freigestellt und mir zugeteilt.

Als die Deutschen in Paris einmarschiert sind, haben wir nichts weiter getan als unsere Zivilkleider wieder hervorgeholt. Meine Mutter hatte Angst, ich könne nach Deutschland abtransportiert werden und hat nicht eher geruht, bis sie alle meine Militärsachen verbrannt hatte. Mein Helm und meine Gasmaske müssen noch irgendwo hinter der Brücke flußabwärts in der Seine liegen.

In Paris hatte ein wahrer Exodus stattgefunden; jetzt kamen die Menschen langsam wieder. Man hatte sich an alles gewöhnt: an die Rationierung, die Lebensmittelkarten, die Verdunkelung an den Fenstern, die finsteren Straßen und die bedrückende Atmosphäre überall. Eine Zeitlang hatte man das Gefühl, gleichsam außerhalb des Lebens zu stehen.

Frida vollbrachte die reinsten Wunder, um uns ein wenig Butter und Fleisch vorzusetzen. Ein Ei war ein Luxusobjekt geworden. — Ich für meinen Teil hatte nicht weniger Mühe, ein paar Säcke Kalk oder Zement zu beschaffen.

Es war damals das klügste, möglichst nicht aufzufallen, sich in sich selbst zurückzuziehen.

Ich konnte nicht bauen, da ich kein Material hatte. Victor und die paar Arbeiter, die nicht nach Deutschland gemußt hatten, genügten für die paar Reparatur- und Sanierungsarbeiten, mit denen wir beauftragt wurden.

»Wenn dein armer Vater das erlebt hätte …«

Der Mann von Louise war sehr aktiv. Wir bekamen die beiden — meine Schwester und ihren Mann — nur noch selten zu Gesicht. Trotz der allgemeinen Notlage hatten sie gute Kleider und gutes Schuhwerk; überhaupt sahen sie blühend aus. Ich habe allen Grund zu der Annahme, daß Noblet sich das Geld, mit dem er nach dem Krieg in Rouen ein Geschäft eröffnete, auf dem Schwarzmarkt verdient hat.

Was die im neuen Haus auf der anderen Seite der Mauer betraf, so stellten sie ihren Wohlstand unverhohlen zur Schau (bei der Befreiung sind sie dann rechtzeitig verschwunden, um Schwierigkeiten aus dem Wege zu gehen). Die Lastwagen von Cassegrain waren wie in Friedenszeiten unterwegs, und er hatte sogar zwei neue dazubekommen.

»Es ist bestimmt nicht recht von Julie, wenn sie alledem stillschweigend zusieht, findest du nicht auch? Ich komme von dem Gedanken nicht los, daß das eines Tages schlecht enden wird. Dein Vater und ich, wir sind auch ein wenig schuld daran — wir hätten verhindern sollen, daß sie diesen Burschen heiratet.«

Von meiner Tante Léonore war nur einmal die Rede. Das war am Tag der Landung in Nordafrika »Ich möchte wissen, was jetzt in Algier los ist«, meinte meine Mutter, »und ob Léonore noch dort ist …«

Im Jahre 1943 hatte ich mehrere Monate lang ein Verhältnis mit einem jungen Mädchen, dem ich während eines Fliegeralarms in einem Luftschutzkeller begegnet hin. Sie wirkte unterernährt, in ihren Augen lag dauernd etwas Rastloses — selbst dann noch, wenn wir in einem möblierten Zimmer in der Rue Washington beieinander lagen. Sie hieß Iréne, Iréne Lautier; jedenfalls war das der Name, den sie mit angegeben hatte. Sie fuhr jedesmal in die Höhe, wenn im Treppenhaus Schritte zu hören waren.

»Wovor hast du Angst?«

»Ich … Ich weiß nicht.«

»Auf der Straße hast du immer Angst, daß dich jemand verfolgt, könnte man meinen … Und hier, daß jemand kommt und dich festnimmt …«

»Sei still!«

»Du bist doch keine Jüdin?«

»Und wenn?«

»Du bist kein jüdischer Typ…«

»Würde das für dich einen Unterschied machen?«

»Nein — überhaupt nicht.«

Vor dem Krieg hatte ich mich nie mit Politik befaßt. Ich habe keiner Studentenvereinigung angehört, und die Volksfrontideen haben mich weder begeistert noch abgeschreckt. Sollte das wieder Trägheit gewesen sein bei mir? Oder hing es nicht eher damit zusammen, daß mich alles kalt ließ, was mit Massenbewegung zu tun hatte?

Jetzt — beim Anblick deutscher Uniformen in Paris — fühlte ich mich erniedrigt. Den Berichten über Judenmißhandlungen schenkte ich nur teilweise Glauben; ich war der einen wie der anderen Propaganda gegenüber gleichermaßen mißtrauisch.

»Hör zu, Félix, wenn ich am Dienstag nicht zu unserem Rendezvous komme, bringst du das hier an die Adresse, die ich dir angebe. Geh aber auf keinen Fall vorher hin, und versuch nicht, etwas herauszukriegen…« Sie hatte eine kleine silberne Muttergottesmedaille an einem Halskettchen getragen und überreichte sie mir. »Aber du darfst sie nur eigenhändig dort abgeben, ja?«

Ich habe daraufhin ein mieses Wochenende verbracht, und als ich am nächsten Dienstag an der Métrostation Marbeuf auf sie wartete, habe ich nervös an der kleinen Medaille in meiner Jackentasche herumgefingert.

Iréne ist nicht gekommen. Die von ihr angegebene Adresse war ein großbürgerliches Haus in der Rue de Rennes, vierte Etage links. Das Gebäude war offenbar halb leer — ein Teil der Bewohner hatte sich wohl in das unbesetzte Gebiet ‘oder nach England abgesetzt.

Ich habe dreimal geklingelt, aber hinter der Tür blieb alles still. Einen Augenblick habe ich an eine Falle gedacht. Endlich ist der Türflügel geräuschlos einen Spaltbreit aufgegangen, und ein älterer Mann mit schmutzig-grauem Haar, in Pantoffeln und ohne Schlips und Kragen, hat mich wortlos angesehen.

»Monsieur Demaret?«

»Sie kommen von Iréne?«

»Ja. Sie hat mich gebeten, Ihnen das hier zu geben.«

Er hat mich nicht aufgefordert, in die Wohnung zu kommen. Durch die halbgeöffnete Tür fiel mein Blick in einen Salon mit zusammengerollten Teppichen, abgedeckten Möbeln und einem großen trüben Spiegel über dem Kamin.

Er hat die Zähne zusammengebissen, während er die Hand ausstreckte, ohne hinzusehen, was ich ihm gab. Ich habe gespürt, daß er Mühe hatte, sein »Danke« herauszubringen … Dann hat er die Tür wieder zugemacht und ich habe nichts mehr gehört.

Wenn ich mich nicht irre, hat sich das im Januar 1944 abgespielt. Ein paar Monate später waren die Alliierten gelandet, dann kam die Befreiung von Paris mit den Militärparaden in den Champs-Elysées.

Es muß wohl eine ganze Reihe von Militärparaden gegeben haben; ich für meinen Teil habe nur zwei gesehen, bin aber nicht in der Lage, zu sagen, ob es nun der Défilé de la Victoire oder der Défilé des Américains mit Eisenhower war, der mein Leben ein weiteres Mal veränderte.

Ich weiß nur, daß es diejenige Parade war, die als zweite stattfand. Bei der ersten war ich nämlich noch inmitten der Menge, am Rond-Point des Champs-Elysées. Ich stand ganz hinten, gegen die Hauswand des Figaro gepreßt, und habe fast nichts gesehen.

»Wenn Sie das interessiert«, hat Victor mir am Abend vor der nächsten Parade gesagt, »kann ich Ihnen einen Tip geben. Ich habe von früher her einen Freund, mit dem ich mich noch manchmal treffe. Er ist jetzt zweiter Portier im Hotel Claridge. Wenn Sie ihm einen schönen Gruß von mir ausrichten, führt er Sie bestimmt aufs Dach hinauf, ein großes Flachdach mit einem Geländer rundherum. Dort oben haben Sie ganz Paris zu Ihren Füßen, und Sie können die Parade besser sehen als jeder andere.«

Ich bin hingegangen. Meine Mutter sollte mich zuerst begleiten, hat dann aber im letzten Augenblick aus Angst vor der Menge darauf verzichtet.

Victors Freund hat mich tatsächlich über Personaltreppen und -gänge aufs Dach hinaufgeführt. Das Claridge quoll förmlich über von Uniformen — Generale, Admirale und Stabsoffiziere sämtlicher alliierten Mächte. Zum ersten Mal sah ich auch Russen.

Da waren auch Zivilisten, hochgestellte Persönlichkeiten ohne Zweifel, denn das Hotel war von der Regierung beschlagnahmt worden. Überall an Fenstern und Balkonen prostete man sich mit Whisky oder Champagner zu; überall waren lachende Mädchen, die selbst in Uniform waren oder helle Sommerkleider trugen.

Warum das Dach fast leer war, weiß ich nicht. Die Hotelgäste hatten offensichtlich nicht daran gedacht oder nicht gewußt, wie man hier hingelangte. Wir mögen insgesamt ein Dutzend Personen gewesen sein. Vier Amerikaner in Begleitung von zwei Mädchen, die sie wahrscheinlich eben erst aufgelesen hatten, hatten eine ganze Kiste Chamapagner heraufgeschleppt. Sie hockten auf dem Boden herum, drehten den Champs-Elysées den Rücken zu und waren ausschließlich mit Trinken beschäftigt.

Ziemlich weit weg von mir lehnte ein junges Paar am Geländer, das sich umschlungen hielt.

Ich blickte zu der Menge auf der Straße hinunter, zu den Marschkolonnen der Soldaten, den Panzerwagen, Kanonen und Blaskapellen, während die Flugzeuge kaum zwanzig Meter über meinem Kopf hinwegdonnerten.

Irgendwann merkte ich, daß rechts neben mir noch jemand sein mußte. Ein junges Mädchen in marineblauem Tailleur von fast militärischem Schnitt lehnte nicht weit von mir ebenfalls an der Balustrade und betrachtete versunken das Schauspiel zu unseren Füßen.

Ich habe sie angesprochen. Was ich gesagt habe, ist mir entfallen. Ich werde sie wohl gefragt haben, ob sie Französin sei, und dann, ob sie auch zur Armee gehöre. Sie hat das verneint und mir erzählt, sie sei die Sekretärin eines gewissen Desmarais, mit dem sie vor kurzem aus London zurückgekommen sei. Desmarais hatte den Rang eines Colonel; er schien einen wichtigen Posten zu bekleiden, wenn er ein Appartement im Claridge bekommen hatte.

»Und Sie — wo waren Sie?«

»Bei mir zu Hause, in Puteaux … Sagen Sie, hätten Sie Lust, ein Glas mitzutrinken?«

Wir haben vergebens versucht, uns bis zur Hotelbar durchzukämpfen. Kurz davor schüttete mir noch jemand ein Glas Champagner auf die Hose.

»Gehen wir doch zum Hinterausgang hinaus … In der Rue de Ponthieu wird es ruhiger sein.«

Bevor wir draußen waren, mußte ich sie noch mehrmals vor Zudringlichkeiten bewahren, konnte jedoch nicht verhindern, daß fünf oder sechs Männer sie lüstern umarmten und küßten. Die anderen waren fast alle in Uniform; ich aber war in Zivil. Ich glaube, ich habe sie in diesem Augenblick beneidet.

Wir überquerten die Straße und betraten eine kleine Bar, die im Vergleich dazu ein Hort des Friedens war.

»Was nehmen Sie?«

»Einen Scotch … ohne Eis.«

Sie hieß Anne-Marie Varennes, und sie sollte drei Monate später meine Frau werden.

Mittwoch, 20. November 10 Uhr abends

Ich habe gestern nichts geschrieben. Nicht, daß ich zu träge gewesen wäre oder nichts zu sagen gehabt hätte — im Gegenteil: Gedanken und Erinnerungen habe ich übergenug, und eine fieberhafte Unruhe treibt mich, sie mir von der Seele zu schreiben.

Es ist, als hätte ich eine Vorahnung, daß ich nicht bis zum Schluß komme, daß etwas dazwischenkommt, ein Ereignis, wodurch wieder einmal alles in Frage gestellt wird. Ich weiß nicht, was es sein könnte. Ich fühle Unbehagen in mir aufsteigen, eine undefinierbare Angst … Madame Annelets Blick ist auch nicht dazu angetan, sie zu zerstreuen. Ich könnte schwören, daß sie Bescheid weiß, daß sie neugierig verfolgt, wie es weitergeht mit …

Wie es womit weitergeht? Mit meiner Krankheit? Nein. Ich spreche mit niemand darüber. Ich weigere mich, an sie zu denken. Ich habe Kranksein immer gehaßt — nicht, weil es uns dem Tod näherbringt, sondern weil es uns schwach und unterdrückt, abhängig von anderen macht, uns ihnen ausliefert. Schon während der Schulzeit lehnte sich alles in mir auf gegen diese Vorstellung; ich habe mir gewünscht, lieber bei einem Unfall umzukommen wie mein Vater, als bei lebendigem Leib zu verwesen.

Wenn ich meine Chefin »die Hexe« genannt habe, so geschah das nicht ohne Grund. Auch Katzen sehen so aus, als ob sie Bescheid wüßten. An Hellseherei glaube ich nicht, und dennoch … Ich kann mir einfach nicht vorstellen, daß manche Dinge auf reinem Zufall beruhen sollten. Die Sache gestern morgen zum Beispiel — das mit der Vorladung.

Der Briefträger kommt gegen halb neun vorbei und begrüßt mich immer mit: »Schöner Tag heute!« oder »Sauwetter!« — je nachdem. Gestern war ein schöner Tag. Der Wind hatte nach Osten gedreht, und jetzt brach die Sonne durch, ein wenig blaß noch, aber heiter.

Der Briefträger hat die Post auf den Ladentisch gelegt und ist wieder gegangen. Rechnungen, Kataloge, Werbezettel … Madame Annelet bekommt wenig Briefe. Für mich ist in acht Jahren kein einziger Brief hier in der Buchhandlung eingegangen.

Gestern morgen nun stand doch tatsächlich mein Name auf dem billigen Umschlag mit dem Aufdruck Commissariat de police. Darin steckte ein Formular, ein Vordruck; offengelassene Zeilen waren mit violettem Stift ausgefüllt.

Monsieurdann mein Name violett, handschriftlich, wird gebeten, sich am (violett): 21. NOVEMBER D. JS. … beim Haupteommissariat des 111. Arrondissements, Rue Perrée, einzufinden wegen … (violett) … einer persönlichen Angelegenheit

Diese Vorladung ist mitzubringen.

Ich habe das rötliche Blatt in die Jackentasche geschoben und dann die Rechnungen und Kataloge nach oben gebracht. Nichts hatte Madame Annelet stutzig machen können; das Papier hatte nicht geknistert, und ich hatte zum Öffnen und Lesen nur wenige Sekunden gebraucht … Sie hat nur einen kurzen Blick auf die Post geworfen und hat mich dann angeblickt.

»Ist das alles?«

Ich habe genickt.

»Félix — ist das wirklich alles?«

Mit achtundvierzig Jahren ist es schon recht demütigend, sich wie ein kleiner Junge ertappen zu lassen. Obwohl — ich werde nicht rot, und mein Gesicht ist so schwammig, daß ein Zucken in seiner Faltenlandschaft untergeht.

»Warum verheimlichen Sie mir die Wahrheit?«

Ich habe ihr daraufhin die Vorladung hingestreckt und hatte sie einen Augenblick lang im Verdacht, das Ganze veranlaßt zu haben. Das ist natürlich Unsinn.

»Haben Sie eine Ahnung, was die von Ihnen wollen?«

»Absolut nicht.«

»Wahrscheinlich haben Sie Ihren Hund nicht an der Leine geführt. Oder Sie haben sich irgendeine andere Ordnungswidrigkeit geleistet … Es könnte doch mit dem Anruf am Montag zusammenhängen, hm?«

Wahrscheinlich … Auf alle Fälle hängt es bestimmt mit der Vergangenheit zusammen. Das beweist schon die Tatsache, daß der Wisch in die Buchhandlung geschickt worden ist und nicht an meine Privatadresse. Ich bin ordnungsgemäß gemeldet, bei eben diesem Kommissariat —meine Privatadresse ist folglich dort registriert. Sie haben sich nicht die Mühe gemacht, in ihren Unterlagen nachzusehen; sie haben einfach die Anschrift benutzt, die ihnen irgend jemand gegeben hat … Aber wer?

»Nun ja; am Donnerstag werden Sie es erfahren.«

Aber auch diese Geschichte ist nicht der Grund, weshalb ich gestern nichts in mein Heft geschrieben habe. Ich wollte mir beweisen, daß es sich bei meiner Schreiberei nicht um so etwas wie eine Sucht handelt. Ich bin mit Bib spazierengegangen. Bib gerät immer ganz aus dem Häuschen, wenn ich von der gewohnten Routine abweiche … Nicht nur Madame Annelet sieht meinem Leben zu; auch mein Hund spielt die Rolle eines Zeugen.

Ich habe mich länger als gewöhnlich an der Place des Vosges aufgehalten, was übrigens nach Einbruch der Dämmerung nicht sehr angenehm ist. Die Tore des Gitterzauns, der die Parkanlage umgibt, werden dann abgeschlossen, und es ist keine Bank mehr da, auf die man sich setzen könnte. Bei Anne-Marie oben ist das Licht schon um halb sieben ausgegangen. Das kommt selten vor.

Vielleicht habe ich auch deshalb einen Ruhetag eingelegt, weil ich jetzt zu einem schwierigen Abschnitt komme?

Ich bin vielen Männern begegnet, die — wenigstens dem äußeren Anschein nach — ihre Ansichten über Menschen und Dinge nicht ändern. Oder doch höchstens in großen zeitlichen Abständen, und sie klammern sich dann sofort an ihre neue Überzeugung.

Bei mir ist das nicht so; vor allem nicht seit meinem Prozeß, nach der Zeit in der Santé und in Melun. Ich kann sogar noch weiter zurückgehen. Es muß schon bei Anne-Marie angefangen haben. Ich habe sechs Jahre mit ihr zusammengelebt. Wochen- und monatelang hat sich meine Ansicht über sie nicht geändert. Aber dann genügte irgendein nichtiger Anlaß — ein Wort, eine Geste —, und ich sah sie plötzlich eine Zeitlang mit ganz anderen Augen. Es konnte sogar vorkommen, daß ein solcher Wandel zweimal am Tag eintrat.

Morgens zum Beispiel, wenn ich aufstand, mich rasierte und mich auf den Weg ins Büro oder zu einer meiner Baustellen machte, summte ich glücklich vor mich hin in der Illusion, ihr über den uns trennenden Abstand hinweg zuzulächeln und sie liebevoll zu umarmen. Aber der dann mittags nach Hause kam, das war nicht selten ein verbitterter, desillusionierter Mann, der wie mit Röntgenaugen durch sie hindurchsah und sich fragte, was diese Person eigentlich in seinem Leben zu suchen hatte.

In meinem ersten Heft habe ich mich lustig gemacht über das, was Verliebte so zueinander sagen:

»Warum gerade ich?«

»Weil du anders bist …«

»Du auch, du bist auch anders.«

Und dann — Stunden oder Tage später — geht es von neuem los:

»Ich könnte gar nicht mehr leben ohne dich.«

»Ein Wunder, daß wir uns begegnet sind. Was wäre wohl geschehen, wenn …«

Ein Wunder? Kommt immer auf den Standpunkt an — und der meine hat sich so oft geändert, daß ich mißtrauisch geworden bin. Ich weiß nicht recht, ob meine Anwesenheit auf dem Dach des Claridge am Tag der Militärparade einem Wunder oder einem Fluch zuzuschreiben war.

Ich weiß nur, daß ich am anderen Tag gegen zehn Uhr morgens nach Puteaux zurückgekommen bin. Ich war damals dreißig Jahre alt, und es war auch nicht das erste Mal, daß ich nachts nicht nach Hause gekommen war. Meine Mutter hat sich jeden Kommentars enthalten. Sie hat mich nur gleich gefragt:

»Hast du schon gefrühstückt?«

Neben dem Eingang zum Claridge ist eine Café-Bar; dort hatte ich Kaffee getrunken und Croissants gegessen. Ich wußte, daß ich verändert aussah, daß mein Gesicht nicht mein Alltagsgesicht war. Ich hatte fieberhaft glänzende Augen und gerötete Wangen. Ich versuchte, meine innere Erregung zu verbergen.

»Hast du dich gut amüsiert?«

»Sehr gut.«

Es war nicht das richtige Wort, und meine Mutter merkte das auch. Heute bin ich sicher, daß sich von diesem Augenblick an ein Wandel zwischen uns vollzog und daß sie vorausgesehen hat, wie es weitergehen würde, während ich hingegen keinerlei konkrete Vorstellung hatte.

Die Champs-Elysées und die nähere Umgebung waren ein einziger, riesiger Jahrmarkt gewesen in dieser Nacht. Wir hatten uns hineingestürzt, Anne-Marie und ich; wir hatten viel getrunken, alles mögliche durcheinandergegessen und auch viel geredet.

Was anderswo in Paris vor sich gegangen ist, weiß ich nicht, denn wir haben uns immer nur im Kreis gedreht und uns nicht um die anderen gekümmert — Gruppen, die immer ausgelassener wurden und uns in ihre Runde hineinzuziehen versuchten.

Um sie vor Zudringlichkeiten zu schützen, habe ich sie bald um die Taille gefaßt; wir sind Seite an Seite gegangen und bald in Gleichschritt gefallen. Ab und zu blickten wir uns an, und jeder sah in den Augen des anderen sein eigenes Entzücken gespiegelt.

Sie hieß Varennes mit Nachnamen. Sie war in Lyon geboren; vor dem Krieg war ihr Vater dort Journalist gewesen. Er hatte bereits beim Einmarsch der Deutschen in Holland erkannt, was die Zukunft bringen würde, und war mit seiner Familie nach London übergesiedelt.

Anne-Marie war das einzige Kind. 1940 war sie siebzehn gewesen, und sie hatte noch den zweiten Teil ihres Abiturs vor sich. Sie haben in London im Stadtviertel Pimlico eine Zweizimmerwohnung gefunden, direkt über einem großen Marktplatz, der sich offenbar nicht besonders von den Pariser Märkten unterschied. Ihr Vater hat für die BBC gearbeitet, und ihre Mutter gab Französischunterricht.

In meiner Vorstellung verband sich das alles mit der Truppenparade, der wir vorher zugesehen hatten. Auch die Luftangriffe; sie erzählte viel von den Luftangriffen, von Fliegeralarm, dem Lärm der Flugzeuge am Himmel, von Bomben und von Häusern, die in sich zusammenstürzten, nachdem sie einen Augenblick lang geschwankt hatten.

»Und Sie? Was haben Sie getrieben?« Ich duzte sie noch nicht. Das Du ist erst zwischen vier und fünf Uhr morgens gekommen.

»Ich habe Englisch gelernt. Mein Vater hatte mir versprochen, mich bei France Libre unterzubringen.«

Er hat keine Zeit mehr dazu gefunden. Zusammen mit seiner Frau und anderen Leuten ist er unter den Trümmern einer Kirche begraben werden, an der er auf dem Weg zum nächsten Luftschutzraum vorbeikam.

»Ich hatte sie eigentlich begleiten sollen«, erzählte Anne-Marie. »Aber dann habe ich es mir in letzter Minute anders überlegt — ich weiß auch nicht, warum.«

Ich wollte alles erfahren, stellte ihr Fragen über Fragen. Wir liefen herum, bis uns die Füße weh taten. Dann sind wir in eine Bar gegangen und haben getrunken. Um uns herum ging der Reigen weiter, und obwohl wir für uns blieben, übertrug sich der Rhythmus auf uns, teilte sich uns die allgemeine Erregung mit.

»Damals hat mir Monsieur Desmarais weitergeholfen, ein guter Bekannter meines Vaters, der eine ganze Dienststelle unter sich hatte. Er hat mir einen Job in einem seiner Büros verschafft.«

»Wie alt ist dieser Monsieur Desmarais?«

Sie mußte lachen. »Ich weiß es nicht. Danach habe ich ihn nicht gefragt.«

»Ist er alt, oder ist er jung?«

»Weder noch … Vielleicht so um die fünfunddreißig.«

»War seine Frau auch mit in London?«

»Nein. Er hat sich gleich zu Anfang in Calais eingeschifft, und seine Frau konnte nicht nachkommren.«

»Und er hat Sie als seine Sekretärin engagiert?«

»So schnell ist das nicht gegangen; das hat ein paar Monate gedauert.«

Ich habe ihn nie gesehen, und ich kann wohl mit Sicherheit davon ausgehen, daß ich ihm nie begegnen werde. Ich weiß nicht, was aus ihm geworden ist. Ich habe nicht die geringste Vorstellung von seinem Äußeren — ob er groß oder klein, blond oder dunkel ist … Und dennoch hat dieser Mann mich jahrelang am meisten beschäftigt. Heute noch bin ich nicht sicher, ob ich ihn nicht hasse.

Zur Zeit der Militärparaden und des Claridge war er Colonel und Leiter irgendeiner Dienststelle. Später ist er Unterstaatssekretär geworden, aber ich habe nie ein Foto von ihm in der Zeitung gesehen. Und dann ist er schon beim ersten Regierungswechsel von der politischen Bühne verschwunden.

Es wurde immer später, aber die Bars blieben voller Menschen, und die Begeisterung schlug immer neue Wellen. Irgendwann haben wir auch einmal getanzt wie die anderen.

Als die Umrisse der Dächer sich dann gegen den helleren, schwach rötlich schimmernden Himmel abzuzeichnen begannen, waren wir wieder auf der Straße draußen.

Ich wagte nicht, sie danach zu fragen; sie muß ja auch selber daran gedacht haben. Ich war überzeugt, daß alles zu Ende wäre, wenn wir jetzt einfach auseinandergingen. Daß mir dann nur die Erinnerung an eine Nacht bleiben würde, die ein wenig verrückt gewesen war.

»Sind Sie müde?«

»Nein — überhaupt nicht.«

Ich war nahe daran, ihr vorzuschlagen, im Bois de Boulogne zusammen den Morgen heraufdämmern zu sehen. Wir gingen vor dem Claridge auf und ab, verschoben die Entscheidung immer wieder von neuem und fielen dem Portier auf, der uns nachzuglotzen begann.

»Gräßlicher Mensch!« hat sie plötzlich hervorgestoßen. »Man könnte ja direkt meinen, er wartet darauf, ob wir uns entscheiden…«

Ich habe sie sanft zu der Drehtür hingeschoben, und wir standen in der leeren Hotelhalle.

»Welches Stockwerk?« hat der Liftboy gefragt.

»Sechstes …«

Ich hatte Angst — eine körperlich schmerzende Angst, daß etwas geschehen könnte, was uns daran hinderte, bis zum Letzten zu kommen. Wir sind Korridore entlanggegangen, die nach und nach immer enger wurden und in den hinteren Teil des Hotels führten. Ich besah mir im Vorbeigehen die Schuhe vor den Türen.

Sie hat mich einmal am Ärmel gezupft und auf ein Paar amerikanische Armeeschnürstiefel gewiesen, die neben einem Paar überhoher Stöckelschuhe standen.

»Wer ist das?« habe ich gefragt.

Sie hat nur mit den Achseln gezuckt.

»Möglicherweise ein General…«

Sie hat die Tür zu ihrem Zimmer aufgeschlossen. Ich habe sie hinter ihr zugemacht und mich ohne ein weiteres Wort auf sie geworfen. Ob auch sie geahnt hat, daß das wichtig war — daß alles, was jetzt passierte, unser beider Leben verändern würde?

Mir war das zwar auch nicht bewußt, aber ich war angespannt, wild, beinahe grausam. Ich wollte ihr weh tun und hielt sie umklammert, als ob ich sie vernichten wollte.

Hinterher haben wir uns angesehen, als ob wir uns alle beide die gleiche Frage stellten. Wir waren blaß vor Erregung. Wir lächelten uns an, aber es lag keine Unbeschwertheit in diesem Lächeln.

»In welchem Stadt wohnt Desmarais?«

»Im zweiten, aber das weiß man nie so genau … Das ändert sich, sobald hohe Würdenträger oder neue Delegationen hier eintreffen … Wenn man morgens aus dem Zimmer geht, kann man nie wissen, ob man am Abend seine Sachen noch im selben Zimmer vorfindet.«

»Ist er schon mal hier heraufgekommen?«

Sie hat gleich geschaltet.

»Nein.«

»Und in London?«

»Ja.«

»Als du siebzehn warst?«

»Nein — ein wenig später.«

»Im Büro …?«

»In seinem Zimmer im Savoy.«

»War es das erste Mal?«

»Ja … Ich hatte vorher noch nie einen Mann gehabt.«

»Nur das eine Mal oder ist es weitergegangen?«

»Es hat ein paar Monate gedauert.«

Ich hatte einen Klumpen im Hals, und in meiner Brust zog sich etwas zusammen. »Und hinterher? Hast du noch andere gehabt?«

»Ja, natürlich.«

»Und was ist jetzt?«

Sie hat zur Seite geblickt. Wir lagen nebeneinander im Bett, und ich hielt sie bei der Hand.

»Man könnte meinen, daß dir das weh tut. Und in Wirklichkeit hat das doch so wenig Bedeutung.«

»Bei uns auch?«

»Ich weiß noch nicht. Vielleicht ist es was anderes mit uns.«

Gewiß doch … Wie alle Welt kamen wir zu dem Punkt, wo wir meinten, bei uns sei alles anders. Die Nacht, die wir verbracht hatten, sie war anders gewesen. Wir waren miteinander ins Bett gegangen, und wir hatten uns geliebt, wie alle Welt das tat — aber bei uns war es eben aus anderen Gründen geschehen.

»Wann hast du’s das letzte Mal …?«

»Letzte Woche. Am Mittwoch.«

»Mit Desmarais?«

»Nein. Mit einem englischen Flieger.«

»Ist er noch in Paris?«

»Nein. Er ist am Tag darauf zu seiner Staffel zurück.«

Der englische Flieger und die anderen waren mir schnuppe. »Und mit Desmarais?« beharrte ich.

»Das ist schon lange zu Ende.«

»Warum? Aus welchem Grund?«

»Es hat keinen bestimmten Grund gegeben. Eines Tages war einfach Schluß.«

»Wie ist es mit mir? Möchtest du mich wiedersehen?«

»Ich hab ein wenig Angst davor…«

Ich weiß nicht, wie aufrichtig sie bei alledem war. Andererseits — wie aufrichtig war ich selbst? Wieviel war dem Alkohol zuzuschreiben? Wieviel der Atmosphäre, die durch die Parade und die Horden losgelassener Soldaten geschaffen worden war?

Wir redeten, ohne daß wir unsere gegenseitige Neugier befriedigt hätten. Als wir uns dann von neuem umarmt und geliebt hatten, taten wir es feierlich, irgendwie auch ein wenig traurig.

»War das damals auch so mit …?«

Sie wußte, welchen Namen ich aussprechen würde. Sie legte mir rasch den Finger auf die Lippen, schüttelte nur den Kopf und mußte dabei gegen die Tränen ankämpfen.

Später habe ich dem Zimmerkellner geläutet und uns eine Flasche Whisky und Soda heraufkommen lassen. Es war inzwischen schon ganz hell. Das Zimmer war klein und ohne jeden Komfort — eines von den Zimmern, in denen in einem Hotel wie diesem normalerweise der Chauffeur eines Gastes untergebracht wird.

»Warum bist du nicht verheiratet?«

»Ich habe bisher noch keine Frau getroffen, die ich gern geheiratet hätte.«

»Lebst du ganz allein?«

»Ich wohne bei meiner Mutter.«

Ich habe vergessen, was uns wieder zum Lachen gebracht hat — so, wie wir den Abend über schon gelacht hatten. Wir haben uns lachend ein letztes Mal einander hingegeben, während das Hotel wach wurde und auf den Gängen ein reges Kommen und Gehen einsetzte.

»Da siehst du! Ich bin nicht mehr eifersüchtig. Ich liebe dich ja!«

Ich wollte gar nicht wissen, ob es stimmte oder nicht.

»Ich auch.« Sie hat mich dabei ebenso intensiv angesehen wie ich sie.

»Bis heute abend?«

»Vielleicht.«

»In unserer kleinen Bar in der Rue de Ponthieu?«

Ja — wir hatten bereits unsere kleine Bar; die erste, in die wir am Abend zuvor gegangen waren.

»Also dann — um acht Uhr?«

In Pyjama und Morgenrock — blau mit weißen Tupfen — hat sie mich noch bis zum Fahrstuhl begleitet. —

»Du wirst dich wohl hinlegen wollen?« hat meine Mutter zu Hause zu mir gesagt.

Ich fand keinen Schlaf. Ich war immer noch aufgekratzt. Schließlich bin ich aber trotzdem eingeschlafen, und als ich gegen drei Uhr nachmittags aufwachte, hatte ich einen entsetzlichen Kater.

___________

Armer alter Bib … Ich muß dich um Verzeihung bitten. Nachdem ich deinen Ball zweimal gelangweilt versteckt habe, ohne mir die Mühe zu machen, einen schwierigen Ort auszudenken, habe ich so getan, als verstände ich nicht, daß du noch weiterspielen willst … Du hast nicht darauf bestanden, hast dich aber auch nicht wie sonst zum Bösen aufs Bett gelegt, sondern unter den Tisch zu meinen Füßen hingestreckt. Ich spüre, wie dich dieses Abweichen von der gewohnten Routine beunruhigt. Ob du dich wie ein Mensch fragst, was dir die Zukunft bringen wird?

Du bist mein Hund. Ist dir bewußt, daß du mir gehörst? Oder glaubst du, ich sei nur für dich da — um dich zu füttern, mit dir spazierenzugehen und zu spielen? So lächerlich ist die Frage gar nicht. Ich habe mir schon viel komischere Fragen gestellt.

Übrigens, was deine Kunststückchen betrifft, die du so gern vorführst … Sie amüsieren mich, gewiß, aber eben fällt mir ein, daß sie dir ein anderer als ich beigebracht hat. Du hast einen anderen Herrn gehabt; einen, der sich das Vergnügen oder "die Mühe gemacht hat, dich das alles zu lehren. Aber ich bin noch nie auf den Gedanken gekommen, auf ihn eifersüchtig zu sein.

Ich will sie für mich haben!

Seit dem dritten, dem zweiten, vielleicht dem ersten Tag wollte ich sie für mich haben. Wütend und mit geballten Fäusten … Das ging soweit, daß ich x-beliebige Straßenpassanten scheel ansah, als ob sich die ganze Welt verschworen hätte, sie mir wegzunehmen.

Was bedeutete das eigentlich — für mich … Das ausschließliche Recht an ihrem Körper? Ich hätte eine solche Definition entrüstet zurückgewiesen. Ich wollte sie ganz und gar — ich wollte nicht nur die Frau, die sie jetzt war, ich wollte auch die Frau von gestern und übermorgen.

Es kam vor, daß ich auf ihren Vater eifersüchtig war, weil er sie als kleines Mädchen gekannt hatte, und weil sie mit Bewunderung und Zärtlichkeit von ihm sprach.

»Papa war genauso wie du — ruhig und stark. Man hatte das Gefühl, daß einem nichts passieren konnte, solange er da war.«

Ruhig und stark — das war der Eindruck, den ich stets auf meine Mitmenschen machte.

Ich will sie für mich haben!

»Hast du ihn gesehen?« fragte ich sie argwöhnisch, sobald sie nach Dienstschluß zum Rendezvous in unsere kleine Bar kam.

»Ja … Er hat mir eine Stunde lang Briefe diktiert.«

»Sonst nichts?«

»Aber nein …«

Desmarais, immer wieder Desmarais. Heute bin ich nicht sicher, ob ich nicht ein anderes Schreckgespenst erfunden hätte, wenn es Desmarais nicht gegeben hätte.

Wie sollte ich es anstellen, daß sie mir noch mehr gehörte? Daß ich die Gewißheit hatte, sie wirklich zu besitzen? Ich tat ihr weh, ich machte sie fertig, und ich quälte mich selbst dabei. Ich hatte gar nichts dagegen, wenn sie im Morgengrauen übel zugerichtet vor mir lag: verheult, die Stimme rauh vom Schluchzen, das Gesicht verschwollen, bleich, fleckig.

Was wollte ich eigentlich noch von ihr — außer dem, was sie mir ohnehin gab? Gerade habe ich mein Leben vor mir ablaufen lassen wie einen Film; ich habe mich bemüht, ein möglichst getreues Bild zu vermitteln. Trotzdem braucht das alles nicht zu stimmen. Ich bin hier der einzige Zeuge, und ich bin mir hie und da der vollen Wahrheit nicht immer sicher. Wenn ich noch zehn, zwanzig Jahre zu leben hätte, würde mir die Vergangenheit wahrscheinlich wieder anders erscheinen.

»Erzähl mir von deinem Leben in Lyon.«

»Wann? In welchem Alter?«

Ich wollte über jedes Alter Bescheid wissen, einfach alles …

Wie kommt es, gütiger Himmel, daß man so verzweifelt einen anderen Menschen sein eigen nennen möchte? Und sie? Mußte ich ihr dann umgekehrt nicht auch gehören? Würde sie nicht auf meine Mutter eifersüchtig werden, mit der ich ja weiter zusammenwohnte?

Sie war es später, aber aus anderen Gründen.

»Hör zu, Anne-Marie … Wenn ich dich bäte, ihn zu verlassen?«

Desmarais natürlich. Desmarais, der die Vergangenheit verkörperte, den Feind, das Hindernis, das ich überwinden mußte.

»Wie — ich soll mir eine andere Stelle suchen?«

»Nein.«

Eine Stelle, das bedeutete andere Männer, oder doch einen anderen. Es bedeutete, daß sie mir tagsüber eine Zeitlang entzogen war — in einer Umgebung, die ich nicht kannte.

»Ich möchte, daß du meine Frau bist.«

»Bin ich das etwa nicht?«

»Daß du vor dem Gesetz meine Frau bist … Daß wir zusammen leben und immer zusammenbleiben.«

»Hast du keine Angst, Félix?«

»Wovor denn?«

»Dich zu irren …Du kennst mich seit genau acht Tagen!«

»Ich liebe dich … Ich weiß, daß ich nicht mehr ohne dich leben kann.«

Natürlich! Wie bei allen anderen auch. Und es war wahrscheinlich eine genau so außergewöhnliche Liebe wie die der anderen. Es gab nichts, was sonst noch Bedeutung gehabt hätte. Meine Mutter seufzte, wenn sie mich beobachtete. Sogar die Arbeiter Zwinkerten sich hinter meinem Rücken zu — kein Wunder bei einem Chef, dessen Stimmungsbarometer derart zwischen zwei Extremen hin und her pendelte.

»Wann kannst du von ihm weg?«

»Wann ich will. Er braucht mich hier nicht mehr; er hat so viele Kräfte, wie er nur will.«

»Also morgen dann?«

»Ich muß zuerst mit ihm reden — morgen vormittag meinetwegen.«

»Ich suche dir ein Zimmer, in Neuilly … Da brauche ich nur über die Brücke, wenn ich zu dir will.«

»Meine Eltern haben mir etwas Geld hinterlassen, Félix. Auszuhalten brauchst du mich nicht, weißt du…«

Sie hatte dabei gelacht, aber das Wort »aushalten« hatte schon ausgereicht, bei mir eine neue Krise auszulösen.

»Du vergißt, daß du zu mir gehörst!«

»Aber das bedeutet doch nicht …«

Was eigentlich? — Ich bat Anne-Marie, mir zwei Monate Zeit zu lassen, um meine Mutter auf alles vorzubereiten (als ob sie das nicht schon selber getan hätte), um im alten Haus eine hübschere Wohnung einzurichten und das Aufgebot zu bestellen. So, wie die Dinge lagen, war es doch völlig unwichtig, wer von uns beiden die Miete für ihr Zimmer bezahlte.

»Mama, ich muß dir’was sagen …«

»Daß du dich verheiraten willst.«

»Ach … Das hast du erraten?«

»Wann?«

»Sobald wie möglich. In sechs Wochen.«

»Hast du vor, dir eine andere Wohnung zu nehmen?«

»Warum? Wir können doch hier oben wohnen … Wenn du nichts dagegen hast, natürlich.«

»Wann stellst du sie mir vor?«

»Wann du willst … Wenn ich sie nicht schon früher mitgebracht habe, so deshalb, weil sie Angst vor dir hat. Sie ist schüchtern, verstehst du?«

»Ach ja …?«

Meine Mutter hatte Tag für Tag mitbekommen, wie unsere Beziehungen sich entwickelt hatten. Sie wußte, daß ich Anne-Marie bei unserem ersten Zusammensein um halb zehn Uhr morgens verlassen hatte; und sie wußte auch, daß ich fast jede Nacht auswärts schlief — selbst wenn ich der Form halber frühmorgens nach Hause geschlichen kam und mein Bett aufdeckte …

Trotzdem — ich habe meiner Mutter die Ironie übelgenommen, die in ihrem Lächeln lag, und von diesem Augenblick an war etwas zwischen uns zerbrochen.

Das Treffen ist in aller Form über die Bühne gegangen. Allerdings auch ohne Wärme; beide haben sich zurückgehalten.

»Wenn Sie in England gelebt haben, werden Sie gern Tee trinken … Mit Milch oder mit Zitrone?«

Ich saß dabei und zitterte bei dem Gedanken an einen Zwischenfall, an eine Ungeschicklichkeit, die einer von beiden passieren könnte.

»Wie findest du sie, Mama?«

»Nett … So hatte ich sie mir nicht vorgestellt.«

»Wie denn?«

»Blond und größer, ich weiß nicht, wieso … Sie ist auch geschmackvoll angezogen.«

»Ja, aber trotzdem einfach.«

Wir haben im kleinsten Kreis geheiratet, ohne die ganze Familie zusammenzutrommeln. Wir haben noch nicht einmal meine Schwester Louise und ihren Mann eingeladen. Ich habe darauf bestanden, Victor zum Trauzeugen zu haben; der von Anne-Marie war unser Bauführer.

Anne-Marie hat keine Angehörigen in Paris, und außer ihrem ehemaligen Chef und den Leuten, die aus London mitgekommen sind, kennt sie hier niemand. Vor dem Krieg war sie nur einmal mit ihrem Vater und ihrer Mutter hier, als sie fünfzehn war.

Wir sind für zwei Wochen an die Cöte d’Azur gefahren, und als wir wieder zu Hause waren, haben wir uns darangemacht, unser neues Leben zu organisieren.

Es hat keine Zusammenstöße und keine Beschwerden gegeben. An der Oberfläche ist alles glattgegangen. Wir haben unsere Mahlzeiten zusammen mit meiner Mutter eingenommen. Anne-Marie hatte sich erbeten, im Büro mitzuhelfen, aber man hat ihr rasch zu verstehen gegeben, daß sie da nichts verloren hatte.

Wir sind viel ausgegangen — manchmal sogar, wenn wir gar keine Lust dazu hatten. Aber wir waren dann wenigstens allein. Zwar hat sich meine Mutter uns nicht aufgedrängt zu Hause — im Gegenteil. Sie war allzu rücksichtsvoll, wodurch ihre Anwesenheit uns um so mehr bewußt wurde. Ich könnte das mit Bibs Verhalten vergleichen, der mich dadurch bestraft, daß er sich unter den Tisch zum Schlafen gelegt hat — wo ich ihn nicht sehen kann —, statt auf seinen gewohnten Platz auf dem Bett.

»Sag mal, Félix … Hast du vor, dein ganzes Leben lang in Puteaux zu bleiben?«

»Darüber habe ich noch nicht nachgedacht.«

»Ist das für deine Geschäfte unbedingt nötig?«

»Ja und nein … Beim augenblicklichen Stand nicht so sehr, denn ich habe genügend auswärtige Baustellen.«

Ich hatte beständig Angst, sie zu verletzen, ihr weh zu tun oder mich so zu verhalten, daß sie sich zurückgesetzt fühlte.

Ihr ging es andererseits genauso. »Bist du auch glücklich, Félix?« fragte sie manchmal.

»Natürlich! Ich bin der glücklichste Mann von der Welt. Wo du mich doch liebst!«

»Zweifelst du etwa daran?«

»Nein.«

Ja … Nein … Ja. Es hat Augenblicke gegeben, da war ich gar nicht so weit entfernt davon, mich der Meinung meiner Mutter über Anne-Marie anzuschließen. Das heißt, eine richtige Meinung hat sie eigentlich über Anne-Marie nicht abgegeben, aber ihre Haltung, ihre Blicke und vor allem ihr Schweigen waren beredter als Worte.

Du wirst schon sehen, mein Sohn, daß du bald nicht mehr Herr im eigenen Haus bist. Sie macht jetzt schon mit dir, was sie will. Und das ist erst der Anfang … So oder ähnlich sollte das wohl heißen.

Was hinterher kam — hat Anne-Marie das wirklich gewollt?

Wir saßen beim Abendessen in einem Restaurant, als plötzlich eine blonde junge Frau auf Anne-Marie zugestürzt kam und ihr um den Hals gefallen ist.

»Anne-Marie …! Du!«

»Monique!«

»Ich hab mir so oft überlegt, was aus dir geworden ist!«

»Monique — das ist mein Mann…«

»Augenblick! Ich hole erst meinen dazu!«

Sie ging zu dem Tisch zurück, an dem ihr Mann saß. Sie kamen beide zu uns herüber. Er hieß Cornille, und man sah ihm sofort an, daß er sich überall wohl fühlte.

»Stell dir vor, Fernand … Das ist Anne-Marie Varennes, von der ich dir so oft erzählt habe. Meine beste Freundin aus der Kinderzeit. Wir haben in Lyon direkt nebeneinander gewohnt, als wir nicht größer waren als so…« Sie machte eine entsprechende Handbewegung. »Ach, entschuldige — du bist ja auch verheiratet. Wie heißt du denn jetzt?«

»Allard … Das ist Félix, mein Mann.«

Wir haben daraufhin zu viert am selben Tisch gegessen.

»Erzähl doch mal! Was hast du gemacht, seit wir uns aus den Augen verloren haben?«

Für mich gab es wieder etwas zu leiden — wie jedesmal, wenn von London die Rede war.

Cornille überließ die beiden Frauen ihren Erinnerungen. »In welcher Branche sind Sie tätig«? wandte er sich mir zu.

»Im Baugewerbe…«

»Ausgezeichnet! In Frankreich wird jetzt eine Bautätigkeit einsetzen wie zu Zeiten Haussmanns … Und wie damals werden die Unternehmer ein Vermögen verdienen.«

Er war viel pariserischer als ich, und ich beneidete ihn um seine Gewandtheit.

»Wenn ich in der Werbung stecke«, fuhr er fort, »dann deshalb, weil das ein Sprungbrett ist für das große Geschäft. Wir wissen immer als erste, woher der Wind weht …«

Sie hatten eine moderne Wohnung am Quai de Passy. Wir haben es uns angewöhnt, zusammen auszugehen — ins Theater und hinterher zum Essen in ein Nachtlokal, wo Cornille stets irgendwelche bekannten Persönlichkeiten begrüßte und den Damen galant die Hand küßte.

Die beiden Frauen telefonierten schon am Vormittag miteinander und trafen sich nachmittags, um die verschiedenen Boutiquen abzuklappern.

»Magst du Monique sehr?«

»Ja, sicher … Ich bin froh, daß wir uns wieder getroffen haben.«

»Weil dich das an Lyon erinnert?«

»Aber ich bitte dich, Félix … Du wirst doch nicht noch auf Lyon eifersüchtig sein! Damals waren wir ja noch Kinder!«

»Mit vierzehn oder fünfzehn — warst du da nicht mal in jemand verliebt?«

»Doch, ja. In meinen Zeichenlehrer! Einen weißhaarigen Herrn, der immer einen breitrandigen Hut getragen und meistens nach Knoblauch gerochen hat.«

Schon geht’s los, stand in den Augen meiner Mutter.

___________

»Wie wäre es eigentlich, wenn wir uns duzten?« fing Cornille eines Abends an.

»Ja — warum nicht?«

»Macht es dir nichts aus, wenn ich zu deiner Frau Anne-Marie sage?«

Eine Viertelstunde später tanzte er mit ihr, und ich tanzte mit Monique.

»Eifersüchtig, ja?«

»Wieso … Merkt man das?«

»Na ja … Aber wegen meines Mannes’ brauchen Sie sich keine Gedanken zu machen. Bei ihm sieht es immer so aus, als ob er hinter den Frauen her ist. Das ist so seine Art; er muß das Gefühl haben, Wellen zu schlagen, verstehen Sie?«

Er war beredter als ich, geistreicher, spritziger … Ich hätte so sein wollen wie er; ich hätte wie er mit dem Leben und den Menschen jonglieren wollen.

»Ach, daß ich es nicht vergesse, Félix … Ich hätte in den nächsten Tagen etwas mit dir zu besprechen. Ich habe da so eine Idee … Die Sache will mir nicht aus dem Kopf. Wir könnten es alle beide weit bringen, wenn es klappt … Schau doch mal zu mir rein, wenn du durch die Champs-Elysées kommst — du wolltest dir ja ohnehin mal mein Büro ansehen.«

Er mußte mich mehrere Male drängen; eines Morgens hat er mich dann angerufen und mir gesagt, daß er mich unbedingt um drei Uhr sprechen müsse.

Als ich in seinem Büro ankam, habe ich einen kleinen, schwarzgekleideten Herrn vorgefunden, der in einem der Klubsessel aus hellem Leder saß. Er wirkte schlecht gepflegt, war fett und speckig und hatte seine spärlichen schwarzen Haare so eigenartig über den Schädel gezogen, daß es aussah wie schwarze Pinselstriche.

»Das ist Monsieur Allard, ein guter Freund von mir … Félix, das ist mein Freund Mimieux. Du kennst ihn noch nicht, aber du wirst schon sehen — er gehört zu den Leuten, die am besten Bescheid wissen über alles, was in Paris vor sich geht: in den Redaktionen, den Banken und Ministerien, rien, im Stadtparlament … Eine Art grauer Eminenz, verstehst du?«

Nein, ich verstand noch nichts. Mimieux hatte gelblich unterlaufene Basedowaugen. Er war wohl leberkrank, und er roch nach Schweiß.

»Du weißt doch, daß es für die Entflechtung von Paris unbedingt erforderlich ist …«

Ich hielt das immer noch für Geschwätz, für Hirngespinste.

»Du kennst doch sicher die Gegend von Montesson, das Gebiet um Carriéres-sur-Seine?«

»Ja, ich bin da schon durchgekommen.«

Eine Viertelstunde später waren Pläne auf dem Schreibtisch ausgebreitet, und Cornille redete auf mich ein. Ich habe noch den Straßenlärm aus den Champs-Elysées im Ohr, denn es war Ende Juni, und die Fenster standen offen.

»Siehst du dieses Areal hier? Darauf haben wir eine Option. Hier sollen mehrere Wohngebäude entstehen — eine Luxusanlage mit Schwimmbad, die wir Résidence de la Tour taufen wollen. Die Bauarbeiten sollen noch in diesem Halbjahr beginnen. Stell dir vor: Vierundfünfzig Wohnungen vom Plan weg noch vor dem ersten Spatenstich verkauft! Der Architekt — übrigens einer der besten von Paris — arbeitet an dem Projekt. Und Mimieux übernimmt es, die notwendigen Genehmigungen beim Ministerium und den betreffenden Gemeindebehörden einzuholen, denn das Gelände fällt in das Gebiet von zwei verschiedenen Gemeinden.« Er blid;te auf. »Wir wollten dich fragen, ob du da mitmachen willst. Du kannst dir ja denken, daß es sich um einen fetten Brocken handelt, bei dem auch ein fetter Gewinn rausspringt … Deine Aufgabe wäre zunächst einmal, den Maschinenpark und die ganzen Arbeitskräfte zu beschaffen — und wenn du sie aus dem Ausland heranschalfen mußt. Wenn dies hier dann fertig ist, werden wir weitere Anlagen errichten.«

»Tja … Du fällst da etwas mit der Tür ins Haus…«

»Ich wollte dir den Vorzug geben. Wann kann ich mit deiner Antwort rechnen?«

»Heute in einer Woche?«

»Sagen wir lieber Montag. Du hast also vier Tage lang Zeit zum Überlegen. Am Sonntag fahren wir zusammen mit unseren Frauen hin und sehen uns das Gelände an. Wenn du mitmachst, brauchst du natürlich auch neue Büros, am besten in der Stadt … Mimieux wird schon etwas Geeignetes für dich finden.«

Als ich nach Hause kam, wurde mir klar, daß Anne-Marie noch vor mir informiert worden war.

»Haben sie mit dir über das Tour-Projekt gesprochen«? hat sie mich begrüßt.

»Ja.«

»Und? Was hast du ihnen für eine Antwort gegeben?«

»Einstweilen noch gar keine.«

»Monique versichert mit, daß es eine seriöse Sache ist; daß eine große Privatbank mit von der Partie ist … Aber du bist ja gar nicht bei der Sache! Woran denkst du denn?«

»An gar nichts.«

»Du hast noch Bedenken?«

»Ich weiß nicht.«

»Fällt es dir schwer, von Puteaux wegzugehen?«

Das war also auch schon besprochen werden. Ich sollte nicht nur neue Büros bekamen — ich sollte auch eine neue Wohnung haben. Und ohne meine Mutter, natürlich …

»Übrigens …Weißt du, daß Monique ein Kind erwartet?«

»Nein. Ihr Mann hat mir nichts davon gesagt.«

»Sie hat es mir gestern erzählt. Sag mal — möchtest du nicht, daß wir beide auch ein Kindchen hätten?«

Man kann die meisten Dinge so oder so auslegen. »Biest« — hätte meine Mutter vor sich hingebrummelt. Und manchmal kam mir der gleiche Gedanke, aber ich nahm mir das sofort übel und vollzog sogleich eine Kehrtwendung: Eine Frau, die mir gehört … Ein Kind, das mir gehört …

»Félix?«

»Ja?«

»Ich liebe dich.«

»Ich dich auch.«

»Was meinst du — sollen wir’s gleich machen?«

Sie lachte, aber wir waren doch ein wenig außer Fassung, als wir uns aufs Bett fallen ließen.

»Pst! Nicht so laut! Deine Mutter ist doch direkt unter uns.«

Um zwei Uhr morgens hatten wir die Whiskyflasche fast leergetrunken und besprachen, in welchem Stadtviertel wir uns eine Wohnung nehmen sollten. —

___________

Morgen, Donnerstag, um vier Uhr werde ich erfahren, was sie auf dem Kommissariat von mir wollen.

Donnerstag, 21. November

Uber eines haben sie sich am meisten gewundert: daß ich mit einem Hund bei ihnen aufgetaucht bin. Nicht nur diese Uniformierten — die Polizisten, die sich hinter einer graugestrichenen Barriere, einer Art Theke, aufhielten, sondern auch die Leute, die auf den Bänken längs der Wände saßen und warteten. Es waren etwa ein Dutzend Männer und Frauen.

Alle Blicke setzten unten an — bei dem zottigen Knäuel von Bib, bei meinen Füßen und Beinen. Sie wanderten bis zu meinem Bauch hoch und blieben dann starr an meinem Gesicht hängen, bevor sie wieder zu dem Hund zurückkehrten.

Was wunderte, was schockierte sie?

Ich streckte einem der Beamten die rosa Vorladung entgegen. Das Blatt wanderte von einem zum anderen, und jeder, der es in die Hand bekam, zog die Augenbrauen zusammen und blickte rasch ein paar Mal zu mir hinüber. Schließlich ging einer damit in den nächsten Raum.

»Nehmen Sie Platz…«

Wenn Bib jetzt bloß nicht anfing, den »toten Mann« oder andere Kunststückchen zu machen! Eine unsichtbare Schranke trennte mich von den anderen Wartenden. Sie verhielten sich zwar neutral, bildeten aber dennoch einen relativ homogenen Block, wie sie da alle nebeneinander saßen. Ich dagegen stand außerhalb.

»Du bist nicht wie die anderen…«

Ich war es sehr wohl — damals, als es mir noch schmeichelte, wenn man mir so etwas sagte. Jetzt allerdings bin ich nicht mehr wie die anderen, und sie spürten es alle, während wir gemeinsam auf derselben Seite der Barriere warteten und alle miteinander von dem unbestimmten Unbehagen und der Furcht befallen waren, die man in einer solchen Umgebung empfindet.

Für mich hat diese Prüfung nur fünf Minuten gedauert. Die anderen konnten weiß Gott wie lang vor mir dagewesen sein — als die gepolsterte Tür aufging, hat ein Beamter in Zivil meinen Namen aufgerufen.

Ich bin aufgestanden, und Bib trottete an der Leine hinter mir her. Wieder wurden wir befremdet gemustert — auch von dem Beamten in Zivil und gleich darauf vom Commissaire, der hinter seinem Schreibtisch thronte.

Man hat es ihm angesehen, daß er wegen des Hundes eine Bemerkung auf der Zunge hatte, aber dann hat er es sich anders überlegt und mir bedeutet, Platz zu nehmen.

»Ihr Name ist Félix Allard? Sie waren es doch, der seinerzeit zu soundsoviel Jahren Zwangsarbeit verurteilt wurde, nicht wahr? Wegen Mord, wenn ich mich nicht irre…«

Es ging wieder los — wie damals zur Zeit meines Prozesses. Ich hatte es mit Leuten zu tun, die sich von Berufs wegen mit Kriminellén befassen. »Krimineller« ist nun mal der gängige Ausdruck, um den auch ich nicht herumkomme.

Sie hatten sich damals bemüht, völlig ungezwungen mit mir zu sprechen, gleichsam als ob ich zu ihnen gehörte. Vor allem der Untersuchungsrichter, der aus seiner Sympathie mir gegenüber gar kein Hehl machte. Eine Sympathie, in die sich Neugier mischte, kein Widerwille. Widerwille oder Abscheu habe ich zu jener Zeit nicht zu spüren bekommen. Am ehesten vielleicht Unbehagen; das Bedürfnis, Abstand zu wahren.

Ein Mensch, der getötet hat, ist in den Augen der anderen nicht mehr ihresgleichen. Es ist fast so, als ob er aufgehört habe, ein richtiger Mensch zu sein.

»Wie konnte er das tun? Was empfindet so einer, was denkt er?«

Mag sein, daß ich überempfindlich geworden bin und daß ich mich täusche. Und doch …

Warum sehen alle mich an, als ob ich ihnen durch meine bloße Anwesenheit lästig falle — fremde Passanten auf der Straße, die gar nichts von meiner Vergangenheit wissen, irgendwelche Leute, die in einem Polizeikommissariat sitzen und warten?

Es gibt noch mehr Männer in meinem Alter, denen man ansieht, daß sie krank sind, und ich bin nicht der einzige, der einen kleinen Hund spazierenführt. In meinem Gesicht ist nichts, was besonders auffällig wäre.

»Sie arbeiten, wenn ich recht informiert bin, als Verkäufer in der Buchhandlung Annelet, Boulevard Beaumarchais?«

»Ja. Seit acht Jahren. Ein paar Wochen nach meiner Entlassung aus Melun habe ich dort angefangen.«

Es macht mich nervös, wenn man mich so ansieht.

»Sie leben allein?«

»Ja. Ich habe nur den Hund hier.«

»Und haben Sie einen festen Wohnsitz?«

»In der Rue des Arquebusiers, in der Nähe der Buchhandlung. Ich habe mich gleich nach meinem Einzug polizeilich gemeldet und bin hier bei Ihnen registriert.«

Er hält den Blick starr auf mich gerichtet, während er über Haustelefon nachfragt:

»Sehen Sie gleich mal nach, ob ein gewisser Félix Allard — ja, Allard, ohne H … Ob er mit Wohnsitz Rue des Arquebusiers hier eingetragen ist. Danke … Sagen Sie, Monsieur Allard«, wendet er sich mir wieder zu, »Sie waren verheiratet und Vater von zwei Kindern, nicht wahr?«

»Ja — das bin ich immer noch. Ich bin ja nicht geschieden.«

»Nachdem Sie wieder in Freiheit waren, sind Sie nicht zu Ihrer Frau zurückgekehrt. Ist diese Entscheidung von Ihnen ausgegangen?«

»Nein.«

»Sie haben Ihre Frau nicht wiedergesehen?«

»Doch — aber nur von weitem.«

»Haben Sie versucht, sie wiederzusehen?«

»Das ist nicht der richtige Ausdruck. Ich habe sie eines Tages an der Place des Vosges gesehen und erfahren, daß sie mit meinem Sohn und meiner Tochter dort wohnt.«

»Wann war das?«

»Nicht lange nach meinem Einzug in der Rue des Arquebusiers.«

»Ist es nicht vielleicht so, daß Sie sich dieses Stadtviertel ausgesucht haben, um in der Nähe der Place des Vosges zu sein?«

»Nein.«

»Hatten Sie nicht den Wunsch, Ihre Kinder wiederzusehen?«

»Doch, vielleicht … Aber nur von weitem.«

Jede meiner Antworten verblüffte ihn und brachte ihn etwas mehr von dem effektiven Sachverhalt ab.

»Sie haben nicht versucht, die Kinder anzusprechen?«

»Nein, nie.«

»Ihre Frau auch nicht?«

»Nein.«

»Weil Sie Angst hatten, abgewiesen zu werden?«

»Nein.«

Es klopfte. Der Beamte, der mich hereingeführt hatte, legte einen Bogen auf den Schreibtisch und ging wieder hinaus. Wahrscheinlich die Bestätigung meiner polizeilichen Anmeldung.

»Soso … Nun ja … Demnach war es auch keine Absicht, daß Sie sich in der Nähe einer anderen Frau … Sie erraten, um wen es sich handelt?«

Ich rührte mich nicht, aber ich fühlte mich mit einem Mal sehr elend.

»Der Zufall, das muß ich ja nun wohl glauben, hat es gewollt, daß diese andere Frau ganz in Ihrer Nähe eine Wohnung bezogen hat … Sie hat ebenfalls zwei Kinder, einen Jungen und ein Mädchen. Würden Sie mir bitte erklären, Monsieur Allard, warum sie ihnen immer wieder auf der Straße hinterherlaufen und vor dem betreffenden Haus auf der Lauer liegen?« Er sah mich scharf an. »Nachdem Madame Cornille am Montag Gewißheit darüber hatte, wo Sie arbeiteten, hat sie sich entschlossen, mich aufzusuchen. Sie neigt nicht zu überstürzten Handlungen, das wissen Sie doch auch, nicht wahr? Als ihre Tochter ihr von dem fremden Mann erzählt hat, der immer wieder am Weg stand und sie ansah, als ob er sie kennte, da hat Madame Cornille die Sache zuerst auf die Phantasie eines halbwüchsigen Mädchens geschoben … Aber Sie sind auch dem älteren Bruder bis zum Lycée Turgot nachgegangen, und Sie haben dann mehrmals in einem kleinen Café gewartet, bis er wieder aus der Schule kam … Streiten Sie das ab?«

»Nein.«

»Dann erklären Sie mir doch mal, welche Gründe Sie für diese Art von Spionage haben.«

»Das ist keine Spionage … Ich möchte einfach zusehen, wie sie leben.«

»Warum?«

»Ich möchte wissen, was aus ihnen wird.«

»Speziell aus ihnen?«

»Ja.«

»Aus den Kindern des Mannes, den Sie umgebracht haben?«

Ich hielt es für angemessen, den Kopf zu senken — eine Haltung, die allgemein von mir erwartet wird, wie man mir beigebracht hat.

»Dann mächten Sie wohl auch wissen, was aus der Frau wird, die durch Sie zur Witwe wurde?«

»Bitte entschuldigen Sie …«

»Wieso? Was soll ich entschuldigen?«

»Ich hatte angenommen, daß sie mich nicht erkennen würde in der Menge. Ich habe mich stark verändert in den dreizehn Jahren.«

»Madame Cornille hat Sie auch in der Rue du Bao bemerkt, unter dem Anwaltsbüro, in dem sie arbeitet.«

»Es war nie meine Absicht …«

Ich fand keine Worte. Ich war vernichtet. Wenn Anne-Marie sich wegen meines Verhaltens beklagt hätte, dann hätte mich das nicht weiter berührt. Aber so …

»Ja bitte? Was haben Sie dazu zu sagen, Monsieur Allard?«

»Ich habe nichts mehr zu sagen … Ich bitte nochmals um Entschuldigung. Von jetzt an werde ich darauf achten, ihnen aus dem Weg zu gehen.« Meine Stimme kam von sehr weit her, und ich erkannte sie kaum wieder.

»Das möchte ich Ihnen auch dringend empfehlen. Sie werden sich doch darüber klar sein, nehme ich an, daß es für diese Frau und die Kinder peinlich ist, der Anwesenheit des Mannes ausgesetzt zu sein, der schuld daran ist…«

»Ich bitte Sie …«

Ich fühlte, wie mir die Tränen kamen, aber ich wollte nicht weinen. Er wußte ja nicht, daß er mir gerade das Wenige weggenommen hatte, das mir geblieben war. Er stellte sich wahrscheinlich vor, daß meine Schuld mich bedrückte.

»Ich gebe zu, daß es Ihnen schwerfallen dürfte, eine neue Stelle zu finden und in ein anderes Stadtviertel zu ziehen … Um so mehr muß ich darauf drängen, daß Sie aufhören, diese Familie zu belästigen. Sie haben ihnen schließlich schon genug Kummer bereitet! Ich kann mich also darauf verlassen?«

»Ich verspreche, daß…«

»Ich hoffe, Sie halten Wort. Andernfalls würde ich mich gezwungen sehen, Ihnen gegenüber energisch durchzugreifen.«

Er stand auf — seiner selbst offenbar nicht so sicher, wie er es gewünscht hätte.

»Ich danke Ihnen …« stotterte ich und stand ebenfalls auf. Zum ersten Mal, hätte ich Bib vergessen, wenn er nicht hinter mir hergelaufen wäre; die Leine schleifte hinter ihm am Boden.

Ich bin durch das Vorzimmer gegangen, wo die anderen Leute warteten und mir nachsahen, bis ich zur Tür draußen war. Der Commissaire hat mir nicht auf Wiedersehen gesagt, fällt mir eben ein. Auch er hat wortlos hinter mir hergesehen.

Ich hatte Madame Annelet versprochen, nachher in den Laden zurückzukommen, wo Renée mich in der Zwischenzeit vertreten hat. Sie muß bei jedem Buch erst zu Madame Annelet hinauf, um zu fragen, was es kostet.

Ich habe unterwegs haltgemacht und ein Glas Schnaps getrunken. Da ist mein Blick auf Bib gefallen, und man hätte meinen können, ich sähe ihn zum ersten Mal.

Ich habe meinen Mantel im Hinterzimmer aufgehängt. Der Hund hat sich an seinen Platz unter dem Ladentisch geflüchtet. Ich bin langsam nach oben gestiegen, und sie hat mich nicht sofort ausgefragt. Ich fühlte mich nicht mehr in vertrauter Umgebung — ich war ein Fremder, dessen letzte Bande gerade zerschitten worden waren.

»Nun … War es Ihre Frau?«

Ich habe den Kopf geschüttelt.

»Dann die andere?«

Ich habe mich verblüfft zu ihr umgewandt. Ich hatte ihr nie etwas davon erzählt, daß Monique, Daniel oder Martine hier in der Nähe wären.

»Woher wissen Sie das?«

»Ich bin schließlich in der Lage, etwas in einem Telefonbuch nachzusehen. Als das angefangen hat — ich meine, als Sie angefangen haben, sich zu verändern …«

Inwiefern sollte ich mich verändert haben?

»… da habe ich mir überlegt, was los sein könnte. Später hat Renée gesehen, wie Sie vor einem bestimmten Haus Posten bezogen hatten … Worüber beklagt sie sich?«

»Ich weiß nicht.«

»Haben Sie jemals Anstalten gemacht, sie anzusprechen? Oder die Kinder?«

»Nein, nie.«

Ich war im Gegenteil ganz sicher gewesen, daß Daniel eines Tages den ersten Schritt machen würde. Ich hätte schwören können, daß er mich erkannt hatte, daß er genauso darauf brannte, mich kennenzulernen wie ich ihn.

»Hat sie es Ihnen noch nicht verziehen?«

»Das hat man mir nicht gesagt.«

»Warum hat sie sich an die Polizei gewandt?«

»Damit ich aufhöre, hinter ihnen herzulaufen …«

Ich habe zu viele Verhöre über mich ergehen lassen: ich gebe Dinge, die man letzten Endes doch aus mir herauspreßt, sofort zu.

Ich wehre mich nicht mehr. Ich gebe immer gleich nach; vielleicht auch aus Trägheit. Jetzt wäre ich am liebsten weggelaufen; ich hatte Angst. Ich ahnte schon, worauf Madame Annelet hinauswollte.

Sie hat nicht viel Umstände gemacht. »Sind Sie in sie verliebt, Félix?«

Warum mußte sie alles kaputtmachen? Der Commissaire eben, der hatte nur seine Pflicht getan, und ich nahm es ihm nicht übel. Sie aber — wie sie da vor mir lag mit ihren skelettartigen Schultern, dem dick aufgetragenen Make-up einer Wahrsagerin und den stechenden schwarzen Augen — sie machte das absichtlich.

Ob sie nicht eine Schrecksekunde gehabt hat? Ich hatte die Zähne aufeinandergepreßt und sah sie starr an; ich bin nahezu sicher, daß ich einen Moment in Versuchung war, ihr meine dicken Hände um den Hals zu legen und zuzudrücken.

»Vorher schon?« beharrte sie.

Sie ließ mir nichts — noch nicht einmal das Recht, zu träumen … Ich habe ihr keine Antwort gegeben. Ich bin wieder nach unten gegangen. Um ein Haar wäre ich einfach weggelaufen — ohne Mantel, wie ich auf dem Kommissariat vorhin beinahe ohne Bib gegangen wäre. Aber dann habe ich doch hinter dem Ladentisch gewartet, bis es sechs Uhr fünfundzwanzig war und bin dann brav die Wendeltreppe hinaufgestiegen, um ihr den Umschlag zu überreichen.

»Hören Sie, Félix …«

»Bitte …?«

»Sehen Sie mich mal an. Hören Sie mir überhaupt zu?«

»Ja..«

»Versprechen Sie mir, morgen früh hier zu sein.«

Wovor hatte sie Angst? Sie konnte beruhigt sein … Das hatte ich nicht vor.

»Wieso?«

»Weil ich Sie brauche.«

Wie anders die gleichen Worte klingen können, wenn man sie im Abstand von ein paar Jahren wiederhört!

»Du verläßt mich doch nie?« hatte ich früher zu Anne-Marie gesagt.

»So eine Frage! Wie kannst du so eine blöde Frage stellen?«

»Weil ich dich brauche.«

»Ich auch, Félix … Ich brauche dich auch …«

Das traf zwar auf keinen von uns beiden zu, aber wir wußten es nicht.

Heute abend habe ich nichts gegessen. Ich hätte das Fleisch nur kurz überbacken und die am Morgen gekaufte Dose mit Gemüse warm zu machen brauchen. Aber ich konnte mich nicht dazu aufraffen. Und mich in ein Restaurant zu setzen in der Gewißheit, daß alle Welt mich beobachtete, dazu hatte ich auch keine Lust. Außerdem hatte ich keinen Hunger. Bib allerdings — dem mein Verhalten immer rätselhafter vorkommt — hat sein Fressen bekommen.

Am besten, ich gebe es gleich zu, denn man wird es doch merken, falls eines Tages jemand diese Zeilen lesen sollte: ich habe mir auf dem Heimweg eine Flasche Schnaps gekauft, einen Marc aus, der Bourgogne. Die kleinen Krämerläden hier in der Gegend, die abends noch geöffnet sind, führen nämlich keinen Whisky.

Ich habe das erste Glas ausgetrunken, und. das zweite steht hier vor mir. Ein einziges Mal — in meiner sogenannten Studentenzeit — habe ich mir mit anderen jungen Leuten zusammen einen Marc-Rausch angetrunken, und ich habe mich nie wieder so elend gefühlt wie am nächsten Morgen. Außer vielleicht am Tag nach meiner Begegnung mit Anne-Marie auf dem Dach des Claridge.

Was sollte mich vom Trinken abhalten? Sorge um meine Gesundheit? Nein … Hat nicht auch der Alkohol uns zusammengeführt, Anne-Marie und mich? Und haben wir nicht fleißig weitergetrunken, alle beide? Meine berühmten Eifersuchtsszenen, während deren ich ihr wehgetan, sie in den Dreck gezogen habe — die-habe ich ihr doch immer dann geliefert, wenn ich betrunken war!

Ich bin versucht, diese beiden Hefte zu verbrennen und ganz von vorn anzufangen. Aber dann der Wahrheit wirklich auf den Grund zu gehen, sozusagen das Skelett freizulegen … Und zwar nicht nur der Wahrheit über mich — auch der Wahrheit über die anderen.

Aber das würde niemand verstehen — höchstens einer, dem es gelänge, in meine Haut zu schlüpfen. Aber wer möchte das schon? Ich fühle mich selbst nicht wohl in dieser schlaffen und fahlen Hülle, die mir überhaupt nicht mehr paßt.

Ob Madame Annelet sich eigentlich klarmacht, was sie mir heute angetan hat?

Ich habe das zweite Glas ausgetrunken. Da ich seit dreizehn jahren fast nur noch Wasser trinke, spüre ich schon die Wirkung. Es dreht sich mir ein wenig im Kopf, und ich sehe alles, was ich hier aufschreibe, wie durch eine schlecht geputzte Brille.

Ich habe noch nicht von dem Félix Allard der Jahre 1946–1951 berichtet. Das ist ein Mensch, den ich kaum wiedererkenne; ich schäme mich sogar, auf ihn zu sprechen zu kommen. Ist das nun seine Schuld? Und wenn nicht — wessen Schuld ist es dann?

Soll ich mal verraten, was dieser Idiot als erstes im Sinn hatte? Cornille nach der Adresse seines Schneiders zu fragen, um sich neue Anzüge machen zu lassen! Weil man sich in den Kreisen, zu denen er jetzt Zugang hatte, anders anzog… »Anderssein« — darauf läuft es doch immer wieder hinaus, nicht wahr? Ob es nun bei Fouquet, im Maxim oder in einem anderen Lokal war, das gerade en vogue war — immer wurde man zuerst einmal danach taxiert, wie man angezogen war.

Natürlich auch nach dem Wagentyp und nach der Art, das Lokal zu betreten, sich zu einem Tisch zu begeben, etwaigen Bekannten lässig zuzuwinken, sich über die Speisekarte zu beugen und dem Oberkellner seine Bestellung aufzugeben …

Meine Rolle als Musterschüler und später als Student war nicht einstudiert. Ich war beides. Ich habe so etwas schon einmal geschrieben, aber das macht nichts. In Puteaux habe ich ja auch nicht den etwas derben Bauunternehmer markiert, ebensowenig wie den von Eifersucht zerfressenen Liebhaber und Ehemann.

Alles übrige hatte ich ja wohl auch in mir, wie ich annehmen möchte. Ich kam mir sehr wichtig vor; ich habe jede Menge Geschäfte abgewickelt. Ich hatte in einem der modernen Wohnhäuser von Neuilly — direkt gegenüber von Puteaux — eine Wohnung, wie sie von Filmproduzenten, von Schauspielern und Großindustriellen bewohnt wird, und solche Leute waren auch meine Nachbarn.

Ich traf sie überall wieder: im Theater und in superfeinen Restaurants … Zu Weihnachten und Neujahr in Megéve; zu Ostern in Cannes oder Antibes, später in Deauville und schließlich, zur Eröffnung der Jagd, in Sologne.

Ja — ich bin tatsächlich zur Jagd gegangen! Anne-Marie und ich, wir haben bei Gastinne-Renette Gewehre erstanden, und man hat uns im Souterrain gezeigt, wie man damit umgeht. Ich habe auch Bridge und Pokerspielen gelernt. Einen Sommer lang habe ich sogar Reitstunden im Bois de Boulogne genommen.

Meine Büros waren in der Rue Marbeuf, und ich hatte dort die gleichen Sessel wie Cornille. Als Philippe geboren wurde, bekam er ein Kindermädchen, das die Tracht einer englischen Nurse trug …

Fünf Jahre ist das so gegangen — und es ist schnell vorübergegangen.

___________

Ich muß jetzt doch einen Moment mit Bib spielen. Ich habe kein Recht, ihn so zu enttäuschen, und vielleicht brauche ich ihn noch.

»Fragen Sie Mimieux…«

»Mimieux wird das schon einrichten …«

»Mimieux kann das übernehmen…«

Er erinnerte an eine Kröte. Seine Hand war ständig feucht; sie schien in der eigenen Hand dahinzuschmelzen.

Er wohnte irgendwo am oberen Ende des Boulevard Voltaire, aber ich glaube nicht, daß er jemals einen Menschen bei sich zu Gast hatte.

Es existierte zwar eine Madame Mimieux, die man jedoch nie zu Gesicht bekam. Wahrscheinlich war sie ebenso häßlich wie er. Sie hatten keine Kinder.

Mimieux hatte keinen Wagen und fuhr stets mit der Métro, weshalb er seine Verabredungen immer pünktlich einhalten konnte. Er pflegte seine Uhr aus der Westentasche zu ziehen, den Deckel aufspringen und ihn dann mit einem kleinen trockenen Geräusch wieder zuschnappen zu lassen. Ich habe ihn immer nur in demselben schwarzen Anzug gesehen. Sollte er je neue Schuhe getragen haben, so merkte man nichts davon.

»Das Wichtigste ist, erst einmal eine Aktiengesellschaft zu bilden.«

»Aber …«

»Moment — lassen Sie mich Ihnen zuerst erklären, wie das funktioniert. Sie werden dann bestimmt einsehen…«

Er hat mit sechzehn Jahren in einer Kanzlei eines Winkeladvokaten in der Rue Coquilliére in der Nähe der Halles begonnen. Er hat im ganzen Leben ein einziges. Buch gelesen — den Code Civil, den er auswendig kann, und er gilt als einer der besten Kenner des Gesellschaftsrechts einschließlich seiner Lücken.

Er hat mich überzeugen können, und ich bin nach Puteaux gegangen, um mit meiner Mutter zu reden.

»Hör mal zu, Mama …«

»Du willst ausziehen, ich weiß … Und wann?«

»Darum dreht es sich im Augenblick gar nicht … Du wirst verstehen, daß ich bestrebt bin, unser Unternehmen auszuweiten. Das hat Vater doch auch getan, als Großvater sich zurückgezogen hatte, nicht wahr? Wir kommen jetzt in ein Stadium …«

»Wo willst du dich niederlassen?«

»Die Büros müssen unbedingt in Paris sein … Die alten Lagerräume hier können wir beibehalten — auch wenn ich eventuell anderswo noch welche einrichten muß. Wenn du Wert darauf legst, kann ich dir ein paar Arbeiter und einen Vorarbeiter dalassen…«

»Lieb von dir, daß du daran gedacht hast, aber ich bin müde, und die Ruhe wird mir guttun.«

»Was nun unsere Vereinbarungen betrifft…«

»Schon gut, Félix. Solange du mir das Haus läßt und mir soviel gibst, daß ich bis zu meinem Lebensende hier wohnen kann…«

»Ich habe mich erkundigt, Mama — bei Leuten, die etwas davon verstehen … Es ist unbedingt nötig, eine Aktiengesellschaft zu gründen, wenn ich die erforderlichen Mittel, vor allem Bankkredite, bekommen will. Du wirst selbstverständlich deinen Anteil an Aktien bekommen …«

»Nein, Félix. Schönen Dank, aber damit möchte ich lieber nichts zu tun haben.«

Das war das erste Alarmzeichen. Ich habe es nicht wahrgenommen. Das zweite kam von Monsieur Beauchef, meinem Buchhalter.

»Nehmen Sie mir das bitte nicht krumm, Monsieur Félix«, hat er gesagt. »Aber in Ihrem neuen Unternehmen würde ich mich nicht wohl fühlen.«

»Wo wollen Sie denn hin?«

»Ich wende mich einfach wieder an meine früheren Auftraggeber — kleine Handwerker und Kaufleute, die mich einmal in der Woche brauchen.«

Monique sah der Geburt ihres Kindes entgegen; Anne-Marie dagegen war noch nicht schwanger. Wir gingen weiterhin zu viert aus. Cornille tanzte mit meiner Frau; Monique und ich, wir spielten Mauerblümchen, was mir nichts ausmachte, da ich nie ein begeisterter Tänzer gewesen bin.

»Anne-Marie ist von einer Vitalität! Umwerfend!«

Genau wie Fernand, lag es mir auf der Zunge. Aber ich sprach es nicht aus;

Sie hatten die gleiche Art von Glut in sich, und der Kontakt mit anderen Menschen — ganz gleich mit wem — wirkte als zündender Funke. Ein Restaurant zu betreten, auf der Straße einem Bekannten zu begegnen — das genügte schon, um sie in Fahrt zu bringen. Von einem Moment zum anderen sprühten sie nur so vor Geist und Witz.

»Hat Mimieux mit dir gesprochen wegen der Aktien?«

»Ja; gestern.«

»Ünd was hältst du davon?«

»Du weißt doch, daß ich nichts davon verstehe.«

Wenn Mimieux einem erläuterte, wie dieses oder jenes Geschäft abzuwickeln war, dann schien alles immer klar und völlig in Ordnung zu sein. Jedenfalls fiel mir kein plausibles Gegenargument ein. Zweifel und Skrupel kamen mir immer erst am Abend, vor dem Einschlafen.

»Aber schließlich hat er bei mehr als vierzig Firmengründungen mitgewirkt und es hat nie Ärger gegeben.«

Als selbständiger Bauunternehmer war ich nicht namentlich in der Immobiliére de la Tour vertreten, wie wir die Gesellschaft genannt hatten. Ein pensionierter General hatte den Vorsitz im Verwaltungsrat. Ich hielt aber trotzdem ein Drittel der Aktien der Gesellschaft.

Als Gegenleistung war allerdings ein Aktienpaket meiner Baufirma bei der Bank eingefroren. Ich hatte deswegen zu meiner Schwester nach Rouen fahren müssen, da ihr Erbteil noch nicht voll ausgezahlt war.

Alle diese Geschäftspraktiken kamen mir damals ganz normal vor. Alles war normal — so auch, daß ich am Boulevard Richard-Wallace wohnte.

Mimieux (— immer Mimieux —!) hatte für mich zwei Planierraupen, einen Kran und einen Bagger aufgetrieben, die von der amerikanischen Armee für den Ausbau von Feldflugplätzen nach Frankreich transportiert worden waren.

»Diesmal hat’s geklappt, Félix! Du kannst eine Flasche Champagner aufmachen!«

»Wieso … Was ist los?«

»Errätst du es nicht?«

Ich habe Anne-Marie genauer angesehen. »Tatsächlich — du kriegst ein Kind?«

Ich liebte sie. Es hatte gar nicht anders kommen können. Wir haben verrückt gespielt, haben die Cornilles angerufen und dort den restlichen Abend verbracht.

Ich hatte einen dicken amerikanischen Wagen, mit dem ich jeden Tag zum Tour fuhr, wo die Bauarbeiten weiter fortschritten. Cornille hatte die Idee gehabt, in den Champs-Elysées einen Schaukasten zu mieten, wo wir ein kleines Modell der geplanten Anlage ausstellten. Vier Monate später waren alle Wohnungen verkauft, während ich gerade dabei war, die Decke der zweiten Etage zu betonieren und den Aushub für das Schwimmbad zu machen.

Ich habe Anne-Marie ein kleines Auto geschenkt. Als Philippe geboren wurde, habe ich meiner Frau einen Diamanten gekauft und für meinen Sohn einen schönen englischen Kinderwagen. Von unserer Wohnung aus konnten wir sie bald sehen: das Kindermädchen mit unserem Jungen, den sie jenseits des Parkgitters im Bois de Boulogne spazierenführte. Wenn ich mich aus dem Fenster beugte, erblickte ich unter mir meinen Wagen, einen riesigen Schlitten, und dahinter das niedliche Wägelchen von Anne-Marie.

»Bist du glücklich?«

»Und du?«

Ich sagte ihr, daß ich glücklich sei, selbstverständlich … Ich hatte gar keine Zeit, nicht glücklich zu sein. Der Tag war restlos ausgefüllt mit Verabredungen und der Beaufsichtigung der Baustelle. Ich hatte sechs Angestellte in meinen Büros. Zum Mittagessen blieb ich oft in der Stadt; ich aß dann mit einem Architekten, einem Lieferanten oder mit Cornille.

»Hallo? Anne-Marie? Entschuldige bitte, chérie, aber ich kann heute nicht Zum Essen kommen…«

»Du solltest nicht soviel schuften, Liebling… Aber heute abend klappt es doch, ja?«

Es klappte, gewiß doch … Jeder Abend war ausgebucht — wir hatten eine Einladung zum Abendessen, wir gingen zur Eröffnung eines neuen Clubs oder zu einer Galavorstellung. Es war immer etwas los.

Ich liebte sie. Wie hätte es anders sein können, da ich doch eifersüchtig war!

Während ihrer Schwangerschaft hatte sie mehrmals gesagt: »Wie machst du das, Félix, du Ärmster…«

Die Ärzte hatten uns nämlich davon abgeraten, nach dem dritten Monat intime Beziehungen zu unterhalten.

»Ach, laß nur … Ich denke einfach nicht daran.«

»Bestimmt? Hast du nicht ab und zu Lust, zu einer anderen Frau zu gehen?«

Ich ging zu anderen Frauen. Zum Beispiel habe ich mit der Sekretärin eines Architekten geschlafen, weil sie große Brüste hatte. Und ich war ziemlich platt gewesen, als sie in dem Augenblick, in dem sie den Höhepunkt erreichte, von einem Lachkrampf geschüttelt wurde … In der Gegend der Madeleine kannte ich außerdem die eine oder andere unauffällige Bar, wo jederzeit hübsche Mädchen anzutreffen waren.

»Glaubst du, du kannst bis zum Schluß darauf verzichten?«

»Da bin ich ganz sicher.«

Warum hatte ich das Bedürfnis, sie anzulügen?

Sie gehört mir!

Ich komme immer wieder auf diesen Punkt zurück. Theoretisch gehörte ich natürlich auch ihr, und Philippe gehörte uns beiden. Später dann Nicole, die auch wieder ein paar Monate nach dem zweiten Kind der Cornille’s geboren wurde. Es war das reinste Wettrennen zwischen den beiden Familien. Wir haben uns gegenseitig damit aufgezogen.

»Das nächste Mal machen wir aber den Anfang!«

Zu Weihnachten bekam Anne-Marie ihren ersten Nerz; Monique hatte schon seit einem Jahr einen. Inzwischen war ich Stammkunde in Geschäften, in die ich mich früher nie hineingewagt hätte, am Fauborg Saint-Honoré, an der Place Vendöme … Hemden und Pyjamas bestellte ich gleich dutzendweise; Ich stellte einen Scheck nach dem anderen aus.

»Geh doch einfach zu Mimieux«, sagte Cornille, wenn ich einmal in Verlegenheit kam.

Und die Sache wurde zurechtgebogen. Alles wurde immer wieder zurechtgebogen.

Für die zweite Wohnanlage, die in einem Parkgelände in der Nähe von Versailles errichtet werden sollte, hatten wir in den großen Zeitungen ganzseitige Annoncen aufgegeben. Wir brauchten neues Kapital für die letzten Arbeiten am Tour, wo wir die Voranschläge weit überschritten hatten.

Aber das betraf Mimieux. Wir dagegen lebten in einer anderen Welt — abends jedenfalls, am Wochenende und in den Ferien. Soll ich sagen, in der Welt der oberen Zehntausend? Egal, wie viele … Es waren meistens Industrielle, Ärzte, Rechtsanwälte und Geschäftsleute, die nach oben durchgestiegen waren.

Und wir waren nach oben durchgestiegen. Cornille hat in Ingrammes, im Wald von Orléans, eine Jagd gepachtet. Er hat dort eine moderne Villa mit riesigem Hundezwinger und Stallungen errichten lassen. Wir sind immer schon am Samstag nachmittag hinausgefahren; später sogar am Freitagabend.

All das erscheint mir schillernd und irreal, vielleicht, weil ich ein viertes Glas Marc getrunken habe. Ich drehe mich im Kreise. Seit ich diese Hefte angefangen habe, habe ich tatsächlich insofern einen Zeitgewinn für mich herausgeschlagen, als ich mich bisher um den wahren Kern der Sache herumgedrückt habe.

Bis zum Alter von dreißig Jahren hatte das Wort »Liebe« keine Bedeutung für mich. Hinterher hat es jene Art von Fieber bedeutet, das mich nach meiner Begegnung mit Anne-Marie ergriffen hatte, und die Qualen, die ich mir durch meine Eifersucht auferlegte. Ihr auch übrigens, und ich frage mich heute, mit welchem Recht …

Was ging mich ihre Vergangenheit an? Wieso kam ich dazu, Rechenschaft von ihr zu fordern? War ich vielleicht bei ihr gewesen während der Luftangrifie in London, als sie von einem Tag auf den anderen völlig auf sich selbst gestellt war? Und was tat ich denn selber? Immer wieder, auch nachdem ihre Schwangerschaft vorüber war?

Trotzdem habe ich ihr während meiner Eifersuchtsanfälle Ausdrücke wie »unwürdig« und »verkommen« an den Kopf geworfen und alles daran gesetzt, ihr jede Selbstachtung zu nehmen.

»Bitte, verzeih mir, Félix. Es tut mir so weh, wenn ich daran denke, daß du wegen mir leidest…«

Und während sie mit Cornille tanzte oder die beiden spät in der Nacht eine ihrer nicht endenwollenden Unterhaltungen anfingen, haben wir uns verständnisinnige Blicke zugeworfen, Monique und ich. Wir müssen wie Verschworene ausgesehen haben. Wir waren wie zwei Mütter, die gerührt die Spiele ihrer Kinder beaufsichtigen.

»Sie können nicht genug kriegen, alle beide …«

Für sie waren die Abende nie lang genug. Ich aber hatte Schlaf nötig, denn ich stand morgens früh auf, und Monique ging es genauso. Wir faßten uns in Geduld und ertrugen es in stillschweigender Übereinkunft. Ich liebte Anne-Marie, und Monique liebte ihren Fernand.

»Er kann nichts dafür«, konstatierte sie gelassen, wenngleich init einem Anflug von Resignation. »Er braucht das — er muß Leben um sich herum spüren. Er ist derart energiegeladen!«

Sie war die Tochter eines inzwischen pensionierten Geschichtsprofessors in Lyon, der jetzt dabei war, ein umfassendes Werk über die Merowinger zu schreiben. Also gewissermaßen die Laufbahn, die mir ursprünglich vorgeschwebt hatte. Ich erblickte darin eine Gemeinsamkeit mehr zwischen ihr und mir.

»Mein ganzes Leben lang werde ich mich fragen, warum er gerade mich geheiratet hat … Wo ich doch, na — so bürgerlich bin!«

Ich wartete fast darauf, daß sie dazusagte: »Eine Frau wie Anne-Marie, das wäre das Rechte für ihn gewesen!«

Auch mir ist das oft in den Sinn gekommen. Ich sah das jedoch nicht als konkrete Möglichkeit, sondern eher als etwas Theoretisches. Und während ich bei der bloßen Nennung des Namens Desmarais außer Rand und Band geriet, brachte mich der Gedanke an eine solche Möglichkeit nicht aus der Ruhe.

Wie es wirklich war, hat glücklicherweise niemand gemerkt. Niemand hat es erraten — außer Madame Annelet, dieser gräßlichen Hexe.

Nicht einmal Monique selbst; seit heute bin ich mir dessen praktisch sicher. Wir waren gute Freunde, die sich ohne viel Worte und auf einen Blick hin verstanden.

»Wenn ich daran denke, daß Fernand die hübschesten Mädchen von Paris haben könnte!«

Daran fehlte es ihm zwar nicht, aber es stand mir nicht zu, ihn zu verraten. Er erzählte mir von seinen Abenteuern, und er benutzte mich auch oft als Alibi.

»Es macht dir doch nichts aus, wenn ich Monique anrufe und ihr sage, daß ich mit dir zu Mittag esse?«

Er griff zum Hörer und zwinkerte mir beim Telefonieren zu.

»Hast du die kleine Dunkle gesehen gestern, in der Nouvelle Eve? Ich hab’s geschafft, sie nach ihrer Telefonnummer zu fragen; ich hab sie für heute zum Essen eingeladen. Aber erzähl Anne-Marie nichts davon, hörst du? Unter Frauen weiß man nie …«

Ich habe Anne-Marie nichts davon erzählt. Wir haben eine Villa in Deauville gemietet.

Das alles hat fünf Jahre gedauert, und ich frage mich, was heute aus mir geworden wäre, wenn es so weitergegangen wäre.

Meine Mutter war krank geworden. Ich kam von Zeit zu Zeit zu Besuch ins alte Haus, wo ihr meine Tante Julie oft Gesellschaft leistete, nachdem sich die beiden wieder miteinander versöhnt hatten. Anne-Marie hielt es für taktvoller, mich nicht zu begleiten, außer zum traditionellen Neujahrsbesuch.

»Immer noch glücklich, Félix?«

»Aber ja, Mama … Um mich brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Aber wie geht’s denn dir? Was machen deine Nierengeschichten?«

»Mal besser, mal schlechter… Weißt du, wer mich behandelt, seit der alte Chollet nicht mehr am Leben ist? Sein Sohn! Er war Arzt in einem Krankenhaus und hat jetzt die Praxis seines Vaters übernommen.«

»Ist es schlimm?« fragte ich ihn, als er einmal zur Visite kam, während ich da war. Er war ein großer und ernster junger Mann, der etwas linkisch wirkte.

»Leider ja … Ich habe Ihre Frau Mutter von einem meiner ehemaligen Professoren untersuchen lassen; er rät von einer Operation ab. Man würde sie nur unnötig quälen. Sie würde bestenfalls ein oder zwei Monate länger zu leben haben.«

Sie hat sich noch ein Jahr lang dahingeschleppt, mit Frida und Tante Julie, die ihr zur Seite standen. Tante Julie mußte wegen der Mauer im Hof immer außenherum über die Rue Voltaire.

Zur Beerdigung war auch Monsieur Beauchef gekommen, wie ich zu meiner Überraschung feststellte. Ich hatte ihm keine Todesanzeige geschickt, weil ich seine neue Adresse nicht kannte.

Ich drehe mich schon wieder im Kreis. Der Pegelstand in der Flasche ist stark gesunken. Ich hatte gedacht, der Alkohol werde mich anregen, mir Auftrieb geben; er werde auf jeden Fall Schranken und Hemmungen abbauen.

Ich habe mich jedoch noch nie so elend und kraftlos gefühlt wie im Augenblick. Ohne diesen Ausspruch von Madame Annelet, der mir immer noch im Kopf herumspukt, würde ich sofort zu den beiden Schlafmittelröhrchen greifen, die ja schon bereitliegen, und das ganze Theater wäre zu Ende.

Dieses Miststück hat es doch tatsächlich geschafft, mir Angst einzujagen! Bei dem Gedanken, ich könne es mir anders überlegen, wenn es zu spät ist … Ganz besonders natürlich in einem Haus wie diesem hier, wo nach Geschäftsschluß keiner da ist außer Bib und mir.

Es regnet. Ich höre, wie über mir die Tropfen auf das Dachlukenfenster fallen.

Der Commissaire war nicht allzu streng mit mir. Offenbar hat er bei meinem Anblick Mitleid gehabt. Monique hat ihn also aufgesucht und ihn gebeten, er solle mich zur Rede stellen … Anne-Marie dagegen hat sich nicht beklagt, obwohl ich mir kaum vorstellen kann, daß sie niemals auf mich aufmerksam geworden ist an der Place des Vosges.

Warum sollte sie sich auch um mich kümmern? Sie hat sich auf ihre Art eine neue Existenz aufgebaut. Eine Anne-Marie bleibt doch nicht in der Klemme! An der Place des Vosges ist sie eine geachtete Mutter von zwei Kindern, und in ihrer Boutique hat sie einen vier oder fünf Jahre jüngeren Mann zu ihrem Partner gemacht.

Ich habe die beiden gesehen, Ich weiß Bescheid. Es ist mir gleichgültig. Sie ist jung geblieben, aber auch sie wird bald die Schwelle zum Alter überschreiten, und dann wird das Drama seinen Lauf nehmen, wie einst bei Madame Annelet. Sie wird sich wohl noch heftiger dagegen zur Wehr setzen als die Buchhändlerin.

Das ist nun die Frau, die mir gehören sollte, mir ganz allein. Ihre Kinder sind die meinen — das heißt, manchmal habe ich an meiner Vaterschaft gezweifelt. Aber das war wohl nur eine Ausrede, die ich vor mir selbst brauchte, weil ich sie immer mit solcher Neugier betrachtete.

Philippe sieht ähnlich aus wie ich im entsprechenden Alter, und ich empfinde eher Unbehagen als Freude darüber. Auf wen Nicole einmal herauskommt, kann man noch nicht sagen … Im Augenblick erinnert sie mich an meine Schwester Louise.

Daniel ist ganz die Mutter; auch die ruhige Art und das Lächeln hat er von ihr. Das wird auch mit der Grund sein, warum ich immer gehofft hatte, er werde einmal die Tür zur Buchhandlung aufmachen und mich nach irgendeinem Buch fragen, um so Gelegenheit zu haben, mich mehr aus der Nähe zu betrachten. Ich war ziemlich sicher, daß er mich erkannt hatte, und zwar lange vor der Unterredung beim Commissaire. Obwohl … Daniel war erst fünf, als es passiert ist.

Ich habe ihn auf den Knien schaukeln lassen, wie Cornille es auch mit meinen Kindern gemacht hat.

Ich stinke nach Marc. Ich habe das Gefühl, aus allen Poren Marc zu schwitzen. Mein Mund ist pelzig und meine Hand ist schwer. Wirre Gedanken schießen mir durch den Kopf. Ich bin betrunken. Ein alter, kranker, besoffener Mann, der schreibend unter einer Dachluke sitzt, durch die manchmal ein dicker, kalter Wassertropfen herunterfällt. Die können mich doch alle mal … Mein Hund, Madame Annelet, Anne-Marie, die Kinder und Monique. Jawohl! Monique kann mich mal …!

Ich stelle sie mir auf dem Kommissariat vor; ruhig und sachlich, wie sie auf ihr Recht pocht. Klar — wo sie doch bei einem Anwalt arbeitet! Ob sie auch mit ihm schläft — wie Anne-Marie mit ihrem Freund und Partner? Mit diesem Antonio, wie der doch tatsächlich heißt!

»Tut mir leid, wenn ich Ihre Hilfe in Anspruch nehmen muß, Monsieur le Commissaire. Aber da treibt sich ein Mann bei uns in der Gegend herum …«

Biest! Weiß sie es nicht, nein? Hat sie nichts kapiert? Bin ich ihr wirklich so auf die Nerven gefallen? Hat sie sich etwa vorgestellt, ich könne durch meine bloße Anwesenheit die Luft verpesten oder Daniel und Martine infizieren?

»… der geht abends immer mit seinem Hund auf dem gegenüberliegenden Trottoir auf und ab und schaut andauernd zu unserer Wohnung hoch. Wenn es regnet, stellt er sich in einer Toreinfahrt unter …«

Es war alles, was mir geblieben war.

Scheiße, Scheiße, gottverdammte Scheiße! Ich muß kotzen, und dieser dämliche Bib wird mich wieder vorwurfsvoll ansehen.

Montag, 25. November

Ich habe zweieinhalb Tage im Bett verbracht und drei volle Tage lang keine Zeile geschrieben. Zeitweise war ich soweit, daß ich kein einziges Wort mehr in diese Hefte schreiben wollte. Ich wollte sie vernichten.

Als ich behauptete, nicht zu wissen, für wen diese Aufzeichnungen bestimmt sind, bin ich nicht ganz aufrichtig gewesen. Im Grunde dachte ich an Monique. So albern das auch klingen mag — es war als eine Art Liebeserklärung gedacht ,— die Erklärung einer Liebe, die nun wirklich nichts mit dem zu tun hat, was man gemeinhin als Liebe bezeichnet … Ich hätte auch nichts dagegen gehabt, wenn Daniel eines Tages diese Hefte gelesen hätte.

Jetzt habe ich meine Ruhe, meine Gelassenheit — genauer gesagt, meine Gleichgültigkeit wiedergefunden. Ich glaube, daß ich jetzt wieder fähig bin, mich zu betrachten — nicht von innen, nicht aus meiner subjektiven Sicht, s