/ Language: Deutsch / Genre:sf

Die Gravitationsfalle

Hal Clement


Hal Clement

Die Gravitationsfalle

(BULGE)

GALAXY 13

EINE AUSWAHL DER BESTEN STORIES AUS DEM AMERIKANISCHEN SCIENCE FICTION MAGAZIN GALAXY

HEYNE-BUCH Nr. 3155

Copyright © I964, 1965, 1968 by im Wilhelm Heyne Verlag,

Galaxy Publishing München

Printed in Germany 1969

Auswahl und deutsche Umschlagbild: Karl Stephan,

Übersetzung München von Gesamtherstellung: Weber & Walter Ernsting und Thomas Weidemeyer, Kassel Schlück

1

Als das Bild auf dem Schirm verblaßte und er das Gerät automatisch abgeschaltet hatte, kehrten Mac Hoerwitz’ Gedanken allmählich in die Gegenwart zurück. Den letzten Akt hatte er kaum noch mitbekommen. Wenigstens wußte er es nicht so recht. Er kannte Shakespeares Der Sturm fast auswendig, so daß er nicht sicher sein konnte, ob er die letzten Worte Prosperos wirklich gehört hatte.

Zwei Dinge waren es, die seine Aufmerksamkeit zu sehr in Anspruch genommen hatten. Das eine war der Schmerz an jener Stelle, an der vorher noch der Nagel seines linken Zeigefingers gewesen war. Das andere war die nahezu ernsthafte Beschäftigung mit der Frage, ob Shakespeare jemals einen Charakter wie Mr. Smith geschaffen hatte. Zwischen beiden Problemen bestand ein enger Zusammenhang, wenn es auch nicht Smith gewesen war, der seinen Fingernagel entfernte, sondern Jones, dem er den Befehl dazu erteilt hatte.

Hoerwitz bezweifelte stark, daß Shakespeare mit einem Menschen wie Smith als Schurken zufrieden gewesen wäre — dazu war Smith zu einfach und unkompliziert. Der Kerl wußte, was er wollte, und er kümmerte sich einen Dreck darum, ob sich jemand daran stieß. Er war ein zu groß geratenes Kind, mehr nicht.

Shakespeare hätte ihn glaubhafter gestaltet.

Eine interessante Frage, die ihm jedoch nicht weiterhalf, denn seine augenblickliche Lage erinnerte ihn eher an eine Situation aus einem billigen Melodrama, als an ein sorgfältig durchdachtes Shakespeare-Stück. Der Held, von bewaffneten Banditen gefangengenommen, sah sich in einer aussichtslosen Situation und sollte nun gezwungen werden, bei einem grandiosen Diebstahl mitzuhelfen.

Sicher, nach gewissen literarischen Regeln hätte er jetzt den Helden spielen und sich selbstverständlich weigern müssen, dem Verlangen der Kerle nachzugeben. Aber Hoerwitz war kein Held.

Er war einundachtzig Jahre alt, knapp einsachtzig groß und wog hundert Pfund. Die Schwerkraft der Erde hätte ihn hilflos zu Boden gedrückt.

Trotz der Schmerzen an der linken Hand mußte er lächeln, als er an seine erste Begegnung mit Smith und seinen drei Freunden dachte. Ihre fassungslosen Gesichter würde er nie in seinem Leben vergessen.

Sie hatten sich große Mühe gegeben, möglichst unbemerkt heran-zukommen. Statt sich dem erdnahen Punkt der Station, dem Perigäum, zu nähern, zogen sie es vor, das Apogäum anzufliegen.

Das hatte natürlich zwei gute Gründe: Sie konnten ziemlich sicher sein, daß kein anderes Schiff sie bemerkte, und zweitens war es so gut wie unmöglich, von der Erde aus beobachtet zu werden. Selbst auf eine Entfernung von zweihundertfünfzigtausend Kilometern ist ein Asteroid von nahezu zwei Kilometern Durchmesser mit dem bloßen Auge zu erkennen. Ein Raumschiff aber wird in einem guten Teleskop erst dann sichtbar, wenn man weiß, wo man suchen muß.

Es handelte sich mehr um ein Rendezvous-Manöver als um eine richtige Landung, denn auf dem Asteroiden wog ein Mann nicht mehr als ein paar Gramm, auch wenn er einen schweren Raumanzug trug. Das Manöver war so vorsichtig und behutsam vor sich gegangen, daß Hoerwitz von der Erschütterung nichts merkte. Vielleicht hatte er sich auch zu sehr vom Hamlet fesseln lassen. Das Eindringen der Männer in die Kuppel bedeutete ebenfalls kein Problem, denn die Luftschleuse konnte auch von außen bedient werden — eine Vorsichtsmaßnahme für den Notfall.

Bisher war noch niemand auf die Idee gekommen, eine Asteroidenstation zu berauben.

So also gelangten Smith und seine drei Begleiter in das Innere der Station, segelten den Korridor entlang und kamen schließlich unangefochten bis zum ausgehöhlten Mittelpunkt des kleinen Himmelskörpers. Mac Hoerwitz wurde erst auf die Eindringlinge aufmerksam, als Fortinbras etwas hinter ihm sagte und er das Licht anschaltete.

Hamlet hatte plötzlich vier weitere Zuschauer. Und alle vier waren bis an die Zähne bewaffnet.

Er betrachtete sie verblüfft, und sie schienen genauso überrascht zu sein, als sie seine schmächtige Figur abschätzten.

Offensichtlich hatten sie mit einem kräftigeren Individuum gerechnet — nicht mit einem schmalen, alten Mann.

Smith steckte die Pistole weg, und die anderen folgten seinem Beispiel.

„Tut mir leid, wenn wir Sie stören, Mr. Hoerwitz“, sagte er.

„Ein gutes Stück, wirklich. Bei Gelegenheit werden wir es uns einmal ganz ansehen. Wir haben ja noch Zeit in den nächsten Tagen.“

Es war schwer für Mac, die Höflichkeit des Mannes mit seiner Bewaffnung in Einklang zu bringen.

„Wenn Sie sich nur meine Bildkonserven ansehen wollen, sind die Waffen überflüssig“, sagte er schließlich. „Ich wüßte auch nicht, was ich Ihnen sonst zu bieten hätte — außer einer Unterkunft und einer Funkapparatur. Haben Sie Ärger mit dem Schiff?

Vielleicht habe ich Ihren Notruf überhört? Zugegeben, ich war vielleicht ein wenig abgelenkt…“

„Es wäre eine schöne Enttäuschung für uns gewesen, wenn Sie uns zu früh bemerkt hätten, denn wir haben uns alle Mühe gegeben, so unauffällig wie möglich zu landen. Sie irren noch in einem weiteren Punkt: Sie haben uns mehr zu bieten als nur Unterkunft und Sender. Um es kurz zu machen: Unser Schiff wiegt viertausend Tonnen. Wenn wir diesen Asteroiden verlassen, wird es zehntausend wiegen. Sechstausend Tonnen werden aus Isotopen der Klasse IV bestehen.“

„Sie wollen sechstausend Tonnen nuklearen Treibstoff an Bord nehmen? Sie müssen verrückt geworden sein! Es würde allein sechzig Stunden dauern, alle Konverter umzuprogrammieren, denn nur einer von ihnen erzeugt im Augenblick Isotope der Klasse IV. Die übrigen sind mit anderen Programmen beschäftigt.

Es sind auch nicht genügend Rohstoffe vorhanden — es sei denn, Sie machen sich daran, hier in der Höhle Felsgestein zu schlagen und selbst zu den Konvertern zu bringen. Unter normalen Umständen würde es ein Jahr dauern, die von Ihnen verlangte Menge zu erzeugen, das bürokratische Beiwerk einbezogen.“

„Auf das verzichten wir, wie Sie inzwischen bemerkt haben dürften. Sie werden die Konverter umprogrammieren und uns auch die nötigen Rohstoffe aufbereiten. Ich würde Sie auch noch mit der Spitzhacke losschicken, aber ich gebe zu, daß zwischen Ungesetzlichkeit und Unmöglichkeit ein gewisser Unterschied besteht. Eines aber begreife ich nicht: Wie ist es möglich, daß man ein Wrack wie Sie auf einen so verantwortungsreichen Posten gesetzt hat?“

Mac Hoerwitz errötete. Eine ähnliche Einstellung war er gewohnt, denn er hatte viel mit jungen Menschen zu tun, aber sie verbargen ihr Erstaunen normalerweise unter einer Maske der Höflichkeit.

„Woanders kann ich nicht leben“, erklärte er kurz angebunden.

„Die normale Erdgravitation ist für mein Herz, meine Muskeln und Knochen lebensgefährlich. Andere Leute fürchten sich vor den medizinischen Auswirkungen der Schwerelosigkeit — ich nicht. Muskeln sind mir unwichtig, und mein Familienleben ist schon vor einem halben Jahrhundert zu Ende gegangen. Der Job hier ist gut genug für mich, und ich für ihn. Aus diesem Grund habe ich die Absicht, ihn zu behalten. Ich werde Ihren Wünschen also nicht entsprechen und die Konverter nicht umprogrammieren.

Ich wette, Sie können es ohne meine Hilfe nicht.“

Smith zog seine Pistole und betrachtete sie nachdenklich. Der alte Mann nickte und fuhr fort:

„Das ist natürlich ein Argument, zugegeben. Ich möchte noch nicht sterben, aber wenn Sie mich töten, bringt Sie das auch nicht weiter.“ Mac fand, daß er sich gar nicht so als Held fühlte, wie er sich gab. In seinem Magen zog sich etwas zusammen, als er die Waffe anstarrte. Immerhin mußte er sein Gegenüber überzeugt haben, denn mit einem Seufzer steckte Smith die Waffe wieder fort.

„Sie haben recht“, gab er zu. „Ich habe auch nicht die Absicht, Sie umzubringen, denn ich brauche Ihre Hilfe. Wir haben uns eine bessere Methode ausgedacht. Mr. Jones, würden Sie damit beginnen? Stufe Eins des Überredungsplans.“

2

Fünfzehn Minuten später programmierte Hoerwitz die Konverter um, so gut er das mit der unverletzt gebliebenen Hand konnte.

Smith, der auch während der brutalen Prozedur immer höflich geblieben war, hatte sich vorher davon überzeugt, daß Hoerwitz Rechtshänder war. Er vertrat die Auffassung, daß es einen unnötigen Zeitverlust bedeutet hätte, die Arbeitsfähigkeit des Stationsleiters leichtsinnig zu vermindern. Die rechte Hand hatte Zeit bis später.

„Was ist mit meinen Zehen?“ hatte Hoerwitz in einem Anfall von Sarkasmus gefragt. Er schien das alles noch nicht so richtig ernst zu nehmen.

„Es gilt als erwiesen, daß die Nerven dort nicht so schmerz-empfindlich sind wie an den Fingerspitzen. Aber wenn es notwendig sein sollte, werden wir auch dort eine Operation vornehmen. Fangen Sie mit der linken Hand an, Mr. Jones.“

In diesem Augenblick hatte Mac begriffen, daß die Kerle es ernst meinten, aber es war bereits zu spät. Jones bestand darauf, eine begonnene Arbeit nicht zu unterbrechen, wobei er von Smith unterstützt wurde.

„Es wäre doch zu schade, wenn Sie auf den Gedanken kämen, wir wären zur Durchführung unseres Vorhabens nicht fest entschlossen.“

Während Mac schwerelos vor den Kontrollen schwebte, dachte er fieberhaft nach. Die Räuber würden nicht weit mit ihrer Beute kommen, darüber war er sich im klaren. Bald mußten die ersten Routineanfragen der Kontrollstationen auf der Erde kommen, und wenn sie keine befriedigende Antwort erhielten, schickten sie ein Schiff. Natürlich erst in zwei oder drei Tagen, denn sie wollten bestimmt im Perigäum landen. Atommeiler dieses Umfangs waren auf der Erde noch verboten, aber das bedeutete noch lange nicht, daß sich die Firma nicht um ihre umgebauten Asteroiden kümmerte. Wenn sie Verdacht schöpfte, konnte es sogar sein, daß sie die Raumpolizei bemühte und um Entsendung eines bewaffneten Untersuchungsschiffes bat. Bis Perigäum würde kaum etwas geschehen, aber etwas mußte geschehen, um die Flucht der Räuber zu verhindern.

Dumm war nur, daß ihm das kaum noch etwas nützen würde.

Bis heute hatte es echte Verbrecher für ihn nur auf dem Papier oder in Videofilmen gegeben, von denen er allerdings eine Menge gesehen hatte. Die Situation, in der er sich befand, rollte wie ein Film vor seinen Augen ab. Der Gedanke, daß man ihn vor dem Abflug töten würde, entsprang mehr einem Reflex als einer logischen Überlegung.

Vielleicht warteten sie nicht einmal, bis die Arbeit beendet war.

Die Konverter waren programmiert, und nur dann, wenn etwas schiefging, wurde er wieder gebraucht. Natürlich konnte nichts schiefgehen, aber er hoffte inbrünstig, daß die Banditen innerlich mit Schwierigkeiten rechneten.

Sein Magen zog sich wieder zusammen, als Smith nach der Umprogrammierung der Konverter neben ihn trat. Die Pistole war nicht zu sehen, aber Mac wußte, daß er sie bei sich führte. Dabei war sie überflüssig, denn jeder der vier Männer hätte ihm mit bloßen Händen das Genick brechen können. Aber wie es schien, dachte Smith jetzt nicht an Gewalttätigkeiten. Im Gegenteil, seine Worte klangen sogar ziemlich freundlich. Smith würde sich kaum die Mühe machen, dem Stationschef gute Ratschläge zu geben, wenn er nicht die Absicht hegte, ihn noch eine Weile am Leben zu lassen.

„Da sind noch einige Punkte, die Sie beachten sollten“, begann er.

„Vielleicht nehmen Sie an, daß die Umprogrammierung der Konverter auf der Erde bemerkt wurde. Sie irren sich, Mr.

Hoerwitz. Eine geheimnisvolle Krankheit hat die Monitor-computer der Zentrale auf der Erde befallen. Die Signale der Raum-Meiler fallen zwar ein, aber sie können nicht analysiert werden. Die Techniker sind ganz aus dem Häuschen, aber sie hoffen, den Fehler in einigen Tagen behoben zu haben. Bis dahin kümmert sich niemand um uns — es sei denn, ein offener Notruf träfe ein. Ich glaube fest, daß Sie nicht so dumm sind, an das Absenden einer solchen Meldung zu denken, denn immerhin besitzen Sie noch neun Fingernägel, mit denen sich Mr. Jones beschäftigen könnte. Um Sie jedoch gar nicht erst in Versuchung zu führen, hat Mr. Robinson den Sender der Station bereits unbrauchbar gemacht. Er will sogar ganz sichergehen und kümmert sich auch um die Geräte in den Raumanzügen. Zwar wissen wir, daß die Helmsender zu schwach sind, um die jetzige Entfernung zur Erde zu überbrücken, aber im Perigäum schrumpft sie sehr zusammen, nicht wahr? Übrigens, wenn Sie nach draußen wollen — wir haben nichts dagegen. Vielleicht werde ich Sie sogar einmal auf einem Spaziergang über die Oberfläche des Asteroiden begleiten. Unser Schiff hat früher der Polizei gehört und ist bewaffnet. Einer von uns vieren hat den einzigen Schlüssel zur Schleuse, aber erwarten Sie nicht, daß ich Ihnen mitteile, wer es ist. Doch selbst wenn es Ihnen gelingen sollte, an Bord zu gelangen, was ich nicht für ausgeschlossen halte, wird Ihnen das nur wenig nützen. Die Sender arbeiten nur auf einer bestimmten Frequenz, die von meinen — und nicht von Ihren Freunden abgehört wird. Aber auch wenn Sie mit einem Schiff umgehen und es starten könnten, würden Sie es bestimmt nicht wagen, denn es steht neben den Radiatoren für den radioaktiven Abfall.“

„Sie sind neben den Radiatoren gelandet?“ Zum erstenmal zeigte Mac Anzeichen echter Besorgnis.

„Natürlich nicht, oder halten Sie uns für so dumm? Wir haben neben der Eingangsschleuse zur Station aufgesetzt und das Schiff zu den Radiatoren getragen. Es wiegt hier nur knapp fünfhundert Pfund. Ich fürchte, Sie werden es nicht von der Stelle bewegen können — ganz abgesehen davon, daß ein Start die Radiatoren zerstören würde. Sie könnten es auch nicht fortrollen, denn der Grund dort ist felsig und uneben. Wir haben also keine Befürchtungen. Gehen Sie an Ihre Arbeit oder unternehmen Sie einen Spaziergang, ganz wie Sie wollen. Die Fluchtgeschwindigkeit beträgt etwa dreißig Zentimeter pro Sekunde — Sie könnten also mit einem Sprung dem Gravitationsfeld entfliehen. Wir würden es natürlich zutiefst bedauern, Sie auf diese Art und Weise zu verlieren. Die Entscheidung liegt allerdings nur bei Ihnen. Sie können tun und lassen, was Sie wollen, solange Sie nicht unsere Arbeit behindern. Ehrlich gesagt — wenn ich Sie wäre, würde ich mich zurückziehen und mir das Stück noch einmal ansehen, bei dem wir Sie leider unterbrechen mußten …“

Mac befolgte den Rat, aber es gelang ihm nicht, sich auf den Sturm zu konzentrieren. Einige Bemerkungen Calibans erregten seine Aufmerksamkeit, weil sie in gewisser Weise seine augenblicklichen Gefühle ausdrückten und in ihm von Zeit zu Zeit den Wunsch weckten, einen eigenen Ariel zur Verfügung zu haben.

Aber er war zu alt, sich Wunschträumen hinzugeben, und die einzigen dienstbaren Geister, die es in der Station gab, waren von begrenzter Anwendbarkeit. Er war nicht einmal in der Lage, diese Mechanismen frei zu betätigen — es sei denn, Smith und seine Komplicen waren technisch überhaupt nicht vorgebildet.

Wenn natürlich ein lebenswichtiges Teil ausfiel, mußten ihn die Männer mit der Reparatur beauftragen und ihm vertrauen.

Vielleicht lag hierin eine Möglichkeit …

Was blieb ihm sonst? Gab es überhaupt etwas, das ihm helfen konnte? Die Kraftstation erzeugte Unmengen von Energie, aber damit ließ sich nicht viel anfangen, was seine Absichten anbetraf.

Der Wasserstoff-Kernreaktor hinterließ Tonnen gefährlichen Abfalls, Wasserstoff-Deuterium. Wenn er absichtlich einige Vorsichtsmaßnahmen außer acht ließ, konnte es geschehen, daß der ganze Asteroid in eine glühende Plasmawolke verwandelt wurde. Abgesehen davon, daß einige Menschen auf der Erde blind werden konnten, wenn sie den Asteroiden gerade durch ein Teleskop beobachteten, hatte diese Methode noch andere Nachteile. Einer davon war sicherlich, daß Smith und seine drei Kerle nach Macs Meinung nicht genügend bestraft wurden. Sie starben — und das war alles. Es war aber viel zu wenig, wenn er an seinen höllisch schmerzenden Finger dachte.

Gab es eine andere, bessere Lösung?

Die Konverter formten Materie in Isotope um, die auf der Erde als mehr oder weniger gefährliche Energiequellen benutzt wurden.

Im Augenblick drehte sich alles um die Isotope der Klasse IV, eine schnell zerfallende Substanz, die als Antriebsstoff für Raum-schiffe, als Sprengstoff oder für kriegerische Zwecke Verwendung fand und die Smith haben wollte. Ob Smith Isotope der Klasse IV dazu verwenden wollte, in Banken einzubrechen, einen politischen Umsturz zu erzwingen oder sie auf dem Schwarzen Markt zu verkaufen, war Mac egal. Eine winzige Menge würde ihm jedenfalls Zugang zu dem Schiff verschaffen, wobei er natürlich keine Ahnung hatte, ob es dann noch fliegen würde. Er war Produktionschef, kein nuklearer Sprengstoffspezialist. Vor den Augen der Banditen IK IV beiseite zu bringen, war somit nicht nur gefährlich, sondern auch sinnlos.

Und dann gab es da noch die Radiatoren auf der Oberfläche des Asteroiden, vier gigantische Gebilde von jeweils mehr als hundertfünfzig Metern Durchmesser und Höhe. Ihre Wandung war zylindrisch und enthielt komplizierte Kühlanlagen. Auf der Innenseite der Wände sorgten Kraftfelder dafür, daß sie zu nahezu perfekten Reflektoren wurden. Von diesen Sicherheits-vorkehrungen umgeben, standen die eigentlichen Radiatoren in völliger Isolation im Zentrum der riesigen Zylinderbauwerke — bei einer Temperatur, die sie unter normalen Umständen hätte verdampfen lassen. Die Radiatoren dienten dazu, den nuklearen Abfall unschädlich zu machen.

Ein Fehler in der Anlage konnte unangenehme Folgen haben, von denen die Erwärmung des nuklearen Abfalls wohl die geringfügigste war. Die Radiatoren lagen so auf der Oberfläche des Asteroiden, daß sie trotz der Rotation kaum von der Erde aus gesehen werden konnten, wenn sich das auch der exzentrischen Kreisbahn wegen nicht immer ganz vermeiden ließ. Einige Astronomen hatten sich allerdings beschwert und waren auf den Mond oder in noch weiter draußen gelegene Observatorien umgezogen, denn jedesmal, wenn die Radiatoren ins Blickfeld gerieten, störte das Licht, das sie reflektierten.

Immerhin verstrahlten sie eine Unmenge nutzloser Energie, die sich, so dachte Mac Hoerwitz, vielleicht besser verwenden ließ.

Aber wie?

3

Es war schade, daß seine Bibliothek keine Werke über Doktor Fu Man Chu oder Bulldog Drummond enthielt. Hoerwitz benötigte entsprechende Anregungen. Er durchstöberte seine Vorräte und fand einiges, das seinen Wünschen entsprach. Er schaltete das Gerät ein, und während der Bildschirm hell wurde, schwebte er zur Hängematte in der Mitte des Raumes. Flavius sprach auf Roms Bürger ein. Paßt gut, dachte Mac.

Die Iden des März sind nicht mehr weit. Wenn doch nur der verdammte Finger nicht mehr schmerzen würde! Die Musik, die er auswendig kannte, begann ihn einzuschläfern, und die Worte des Flavius kannte er auch im voraus.

Erst als Cinna, der Poet, seine leidenschaftlichen Worte in die Menge schleuderte, öffnete Mac wieder die Augen. Der Luftstrom des Zirkulators drückte ihn mit der Hängematte gegen die Wand.

Die Gravitation, die dem Schiff der Banditen ein Gewicht von fünfhundert Pfund verlieh, blieb innerhalb der Station im Mittelpunkt des Asteroiden unwirksam. Mac ließ sich aus der Hängematte gleiten und schaltete das Gerät ab. Der dritte Akt ging gerade zu Ende, das Stück hatte ihm nicht weitergeholfen.

Vielleicht war es besser, er kümmerte sich wieder ein wenig um den Produktionsprozeß und machte sich etwas Bewegung.

Robinson lungerte im Korridor herum und sagte kein Wort, als er Mac folgte. Er schien die absolute Schwerelosigkeit nicht gewohnt zu sein, denn er stellte sich ziemlich ungeschickt an, während er sich von Handgriff zu Handgriff hangelte. Wenn es den übrigen drei auch so ging, war das eine große Hilfe.

Wie sich später herausstellte, erwies sich Macs Vermutung als richtig.

Smith und Jones hielten sich im Kontrollraum auf. Faul trieben sie sich in der Gegend herum und schienen nicht mehr daran zu denken, daß Hoerwitz ihr Gegner war. Sie schwebten mitten im Raum und besaßen keine Möglichkeit, schnell in Aktion zu treten, wenn es notwendig sein sollte. Sie konnten sich nirgends abstoßen.

Sie schwiegen, als Mac und sein Begleiter in den Kontrollraum kamen, aber sie beobachteten ihn scharf, als er sich geschickt abstieß, an den Kontrollinstrumenten vorbeisegelte, und die Werte gekonnt ablas. Zu seinem Bedauern war alles in bester Ordnung.

Er erreichte das Ende des Raumes und wendete. Eine kleine Kurskorrektur ließ ihn auf die Tür zuschweben. Er kam dabei dicht an Robinson vorbei, der auf einen Wink von Smith die Hand ausstreckte und Mac am Arm festhielt.

Das war ein Fehler.

Das Resultat des Mißgriffs zeigte sich in Form eines Knäuels aus Hoerwitz und Robinson, das in fünf Sekunden einmal rotierte und sich mit einem Viertel der ursprünglichen Geschwindigkeit Macs weiterbewegte. Der alte Mann wartete den richtigen Augenblick ab, um sich aus der Umklammerung zu lösen. Er schwebte plötzlich fast bewegungslos auf der Stelle, keine fünf Meter von der Wand entfernt. Robinson hingegen, der seinen Flug unfreiwillig fortsetzte, knallte mit dem Kopf gegen die Wand neben der Tür.

Es war Mac nicht möglich, Mitleid zu heucheln.

Jones grinste verlegen, Smiths Gesicht blieb ausdruckslos. Sein Befehl, Hoerwitz festzuhalten, war befolgt worden. Die Umstände, unter denen das geschah, interessierten ihn nicht.

„Wie lange wird es noch dauern?“ fragte er.

„Noch fünfzig oder fünfundfünfzig Stunden, das sagte ich Ihnen schon. Es hat sich nichts geändert — es sei denn, Sie oder Ihre Freunde haben an den Kontrollen herumgespielt. Ich weiß, daß Sie das Radio zerstört haben, und wenn Ihr Mann ein Fachmann ist, hat er wirklich nur das Radio außer Betrieb gesetzt, ohne die anderen Prozesse zu beeinflussen.“

„Das ist alles, was ich wissen wollte. Werden Sie die Instrumente noch einmal überprüfen müssen, bevor die Umwandlung beendet ist?“

„Meiner Uhr nach zu urteilen ist es jetzt Nacht. Ich werde mich ein paar Stunden schlafen legen, denn meine Tagesarbeit ist beendet. Wo ich wohne, haben Sie ja inzwischen herausgefunden — was suchten Sie eigentlich? Waffen oder einen Sender? Die einzigen Waffen, die es hier gibt, sind in Ihrem Besitz, und ein Radio ist sicherlich zu groß, um in einem Fotoalbum verborgen zu sein.“

„Es gibt verdammt kleine Radios heute.“

„Ja, in den Raumanzügen.“

„Stimmt. Aber wir wollten ganz sicher sein. Macht es Sie nicht glücklicher, wenn wir uns keine Sorgen mehr um Sie zu machen brauchen?“

Mac verließ schweigend den Kontrollraum.

Smith sah hinter ihm her und sagte zu Brown:

„Stören Sie ihn nacht bei seiner Arbeit, aber lassen Sie ihn auch nicht aus den Augen. Ich weiß nicht, ob wir uns restlos auf ihn verlassen können. Am liebsten hätte ich ihn immer unter Aufsicht, aber der Job ist viel zu wichtig, als daß wir einen Fehler begehen dürfen. Wenn er bei seiner Routine bleibt, kann nichts passieren.“

Brown nickte und folgte Hoerwitz hinaus. Auf dem Gang vor den Wohnräumen bezog er Position, sah auf die Uhr und nahm eine Tablette, die seinem Metabolismus das Ertragen der Schwerelosigkeit erleichterte.

Es war noch immer ›Nacht‹.

Es war Mac völlig ernst gewesen, als er behauptete, er wolle schlafen. In den Jahren auf der Station hatte er sich das viele Schlafen richtig angewöhnt. Es war nicht nur sein hohes Alter, das ihn dazu verführte, sondern vor allen Dingen die Tatsache, daß sein Leben in der Station nicht gerade geeignet war, ihn ständig wachzuhalten. Es gab nur wenige Menschen, die sich freiwillig dazu bereitfanden, auf Asteroidenstationen Dienst zu tun, einsam und allein. So wenig eigentlich, daß eine Menge dieser Stationen lediglich auf ferngesteuerte Automaten angewiesen waren.

Hoerwitz gehörte zu der Sorte von Menschen, die ohne Gesellschaft auskamen und sich mit abstrakten Dingen zu beschäftigen wußten — zum Beispiel mit Büchern, Theaterstücken, Musik oder gar Poesie. Er konnte ein Buch mehrmals lesen und sich immer wieder dasselbe Schauspiel ansehen, so wie andere Leute immer wieder dasselbe Musikstück hören konnten, ohne es leid zu werden. Auf der Erde gab es kaum einen Job, der ihm soviel Freizeit gewährt hätte. Seine Stellung als Stationsleiter befriedigte daher nicht nur ihn, sondern auch seine Vorgesetzten.

Er schlief trotz der ungewöhnlichen Situation schnell ein und wachte erst neun Stunden später erfrischt und tatenfreudig wieder auf. Er hatte einen Plan. Vielleicht war es kein besonders guter Plan, aber immerhin bestand die Möglichkeit, daß er ihn am Leben hielt.

Der Plan bestand aus zwei Teilen.

Die erste Hälfte bestand darin, Smith zu überzeugen, daß die Eindringlinge ihr Schiff ohne Macs Hilfe nicht beladen konnten.

Das durfte ihm eigentlich nicht schwerfallen, denn es entsprach tatsächlich der Wahrheit. Selbst in der nahezu vollkommenen Schwerelosigkeit mußte es den vier Männern unmöglich sein, eine Ladung von zwölf Millionen Pfund von den Konvertern ins Schiff zu schaffen, wenn die Zeit drängte. Die Alternative bestand in der Ladevorrichtung der Station, und es schien unwahrscheinlich, daß einer der Männer sie bedienen konnte. Wenn die Verbrecher begriffen, daß nur er, Hoerwitz, ihnen helfen konnte, würden sie ihn so lange wie möglich am Leben lassen.

Der zweite Teil des Plans umfaßte die Suche nach einem Unterschlupf, der so gut war, daß ihn die Verbrecher in der ihnen zur Verfügung stehenden Zeit nicht finden oder nicht erreichen konnten. Das setzte natürlich voraus, daß sie den Asteroiden nach Beladen des Schiffes so schnell wie möglich verlassen wollten — eine sehr wahrscheinliche Annahme. Die Einzelheiten mußte er noch genauer überdenken. So konnte es zum Beispiel vorteilhafter sein, ein geheimes Versteck zu wählen, anstatt sich in einen Unterschlupf zurückzuziehen, der den Verbrechern zwar bekannt war, in den sie aber ohne beträchtlichen Zeitverlust nicht eindringen konnten.

Letzteres schien ihm sicherer zu sein, aber er konnte sich beim besten Willen keinen Ort vorstellen, der dafür in Frage kam. In der Station gab es nur wenige Türen, von denen sich die wenigsten absichern ließen. Luftschleusen waren zwar zu verschließen, aber einem fachmännischen Angriff hielten sie nicht stand.

Natürlich waren einige Nuklearbehälter vorhanden, die jedem Einbruchsversuch widerstanden hätten; doch Mac Hoerwitz hätte sich ebensogut in einen Vulkankrater oder ein Schwefelsäurebad stürzen können.

Es blieb ihm also nichts anderes übrig, als sich unsichtbar zu machen. Und dafür kam nur die Oberfläche des Asteroiden in Frage.

Natürlich gab es noch die vielen Korridore der Station, die eine Art Labyrinth bildeten. Aber sie waren nach einem ganz bestimmten Plan angelegt, der eine systematische Suche erlaubte, und Mac, der diesen Plan kannte, kam nicht auf den Gedanken, daß seine Gegner Schwierigkeiten mit der Orientierung haben könnten. Er hätte auch das Licht ausschalten können, um ihre Suche zu erschweren, doch auch das war keine Lösung, denn zumindest Robinson verstand etwas von Elektrizität. Und selbst für einen Mann wie ihn, dem die Schwerelosigkeit etwas Gewohntes war, konnte sich die Dunkelheit verhängnisvoll auswirken.

Nein, die Oberfläche bot die einzige Möglichkeit.

Der Asteroid hatte nicht die exakte Form einer Kugel, und er bot genügend Verstecke auf seiner unregelmäßig gestalteten Oberfläche. Hinzu kam das Fehlen jeglicher Atmosphäre und die damit verbundenen starken Kontraste zwischen Licht und Schatten. Mac fielen sofort mehrere Verstecke ein; schließlich hatte er die vergangenen Jahre nicht nur in der Station verbracht.

Wenn sich die Gelegenheit bot, hatte er Ausflüge nach draußen unternommen — allerdings nur, wenn ihm ein Begleiter zur Verfügung stand.

Eine bessere Kenntnis des Asteroiden wäre ihm jetzt zugute gekommen, aber immerhin wußte er mehr über ihn als seine Gegner. Vielleicht sollte er eine Bemerkung über seine ausgezeichneten Ortskenntnisse fallen lassen und betonen, daß er jeden Felsbrocken und jede Spalte kannte wie seine Shakespeare-Stücke. Vielleicht ließen sich die Verbrecher dadurch von einer Verfolgung abhalten, wenn er plötzlich verschwunden war. Vorausgesetzt, er paßte den Zeitpunkt genau ab, und vorausgesetzt, er konnte die Station unbemerkt verlassen.

Auch war es wichtig, daß Smith inzwischen seine Meinung nicht geändert hatte, was seinen Spaziergang anbetraf. War das der Fall, genügten fünf Sekunden, um Hoerwitz’ Raumanzug unbrauchbar zu machen und sich eine Beaufsichtigung zu ersparen. Es war zum Verzweifeln, daß alles von den Aktionen dieses Smith abhing, nicht von seiner, Macs, Entschlußkraft, zumal Smith offenbar kein Risiko eingehen wollte. Um diesem Mißtrauen zu begegnen, mußte Hoerwitz einen völlig harmlosen Eindruck machen, wobei es zweckmäßig war, Hamlets Ratschlag zu folgen und seine Rolle nicht zu übertreiben.

Aber das war eine Sache der Einstellung.

Was die Ausführung seines Plans anging, so mußte er noch einen anderen Faktor berücksichtigen. Bei der augenblicklichen Produktion würde die gewünschte Menge an Isotopen der Klasse IV zehn bis zwölf Stunden vor Perigäum fertig sein. Das mußte zugleich der Zeitpunkt sein, an dem Smith und seine Leute verschwinden wollten. Wenn es ihm gelang, den Prozeß hinauszuzögern, blieb ihnen noch weniger Zeit, nach ihm zu suchen. Die Frage war nur, wie er sein Vorhaben durchführen konnte, ohne ihren Verdacht zu erregen. Er kannte die Maschinen, sie nicht. Konnte er die Produktion der Konverter drosseln? Der Schmerz an seiner linken Hand erinnerte ihn daran, daß er sich vorsehen mußte.

Selbstverständlich konnte es eine Störung geben, aber das war ihm in den ganzen Jahren auf der Station noch nicht passiert. Es schien somit zwecklos, darauf zu hoffen — und wenn tatsächlich ein Defekt eintrat, bestand die Möglichkeit, daß die Kerle ihn dafür verantwortlich machten. Es sei denn, er arrangierte etwas, für das Jones offensichtlich verantwortlich war. Oder gar Smith selbst…

Er schüttelte den Kopf. Die Idee war gut — aber das war auch alles. Sie ließ sich nicht realisieren.

Es wurde höchste Zeit, daß er etwas unternahm. Immerhin lebte er noch. Aber je näher der Zeitpunkt des Starts rückte, desto geringer wurden seine Chancen, einen erfolgreichen Schlag gegen Smith zu fuhren. Träume halfen ihm jedenfalls nicht weiter.

Mac Hoerwitz nickte langsam vor sich hin, während ein Plan in seinem Kopf Gestalt anzunehmen begann.

4

Er schwebte zur Küche, um sich etwas zu essen zu machen, und war nicht überrascht, daß die Kerle seine Vorräte geplündert hatten. Für ihn reichte es noch. Wie schade, dachte er, daß ich kein Gift besitze.

Er nahm seine tägliche Ration Null-G-Medizin ein und ver-staute das Geschirr in der Spülmaschine. So schwer die Zube-reitung von Eiern mit Schinken auch sein mochte, hatte er doch bei Antritt seines Postens darauf bestanden, daß ihm normale Vorräte und keine Nahrungspasten zur Verfügung gestellt wurden. Im Verlauf der Jahre hatte er eine eigene Technik darin entwickelt, seine Gerichte auch im schwerelosen Zustand im Topf oder in der Pfanne zu halten und nicht davonschweben zu lassen. Oft genug hatte er sich vorgenommen. einmal ein Buch über die Kunst des schwerelosen Kochens zu schreiben.

Nach dem Essen segelte er in den Kontrollraum und stieß hier auf Brown und Robinson, die recht gelangweilt aussahen.

Robinson hielt sich in der Nähe der Wand auf; vielleicht hatte er gestern etwas gelernt. Hoffentlich nicht, dachte Mac. Brown hingegen schwebte mitten im Raum. Er fiel aus, wenn plötzliches Handeln verlangt wurde.

Wie Mac mit Bedauern feststellte, zeigten die Instrumente normale Werte an. Die zwanzig Konverter arbeiteten programmgemäß. Nur der eine, der auch schon vorher IK IV produziert hatte, mußte vor den anderen aussetzen. Vielleicht war es gut, die Verbrecher darauf hinzuweisen, ehe sie falsche Schlüsse zogen. In einigen Stunden war es soweit.

Er versuchte, es ihnen zu erklären und schloß:

„Ganz gut so, denn Sie können ja doch nicht alles auf einmal machen.“

„Wie meinen Sie das?“ erkundigte sich Brown mißtrauisch.

„Ich habe Ihnen ganz zu Anfang gesagt, daß einer der Konverter bereits auf Klasse IV eingestellt war und mit seiner Produktion also auch früher fertig ist. Sagen Sie Ihrem Boß, daß er in acht Stunden mit dem Verladen beginnen kann. Ich werde Sie zu den Kontrollen für die Ladeeinrichtung führen — oder wollen Sie das Zeug etwa auf dem Buckel tragen? Sie haben ja kaum das Schiff geschafft, und das wiegt hier nur fünfhundert Pfund.“

„Laß die dummen Witze, Alter“, fuhr Robinson dazwischen.

„Kümmere dich um die Lademaschine und zeig uns, wie sie bedient wird. Smith könnte mit deiner Haltung nicht ganz einverstanden sein, und dann wäre es ganz gut, wenn wir mit den Maschinen Bescheid wissen.“

„Schon gut“, knurrte Mac. Solange Smith nicht in Sichtweite war, fühlte er sich sicher. Die anderen würden es nicht wagen, sich an ihm zu vergreifen, solange sie von Smith keinen direkten Befehl erhielten. Gerade die letzte Bemerkung bestärkte ihn in seiner Annahme. „Die Kontrollen sind in der Kuppel auf der Oberfläche. Sie sind so einfach wie ein Schachspiel.“

„Was soll denn das nun wieder?“

„Ein sechsjähriges Kind kann sich mit den Regeln des Schachspiels in einer Stunde vertraut machen, aber das bedeutet nicht, daß es dann auch schon ein guter Schachspieler ist. Ich bin sicher, daß Sie das Mr. Smith nicht extra zu erklären brauchen, wenn Sie ihm vorschlagen, die Ladearbeiten zu übernehmen.“

Die beiden Männer warfen sich einen Blick zu, dann zuckte Robinson die Schultern.

„Trotzdem ist es besser, wenn Sie uns die Kontrollen zeigen und erklären.“ Er war wieder höflicher geworden. „Du bleibst hier, Brown. Ich werde Hoerwitz begleiten, aber der Kontrollraum darf nicht unbewacht bleiben, hat Smith angeordnet. Wenn er zurückkommt und niemanden antrifft, bleibt uns vielleicht keine Zeit mehr, es ihm zu erklären.“

Brown nickte zustimmend.

Macs Gesicht war völlig ausdruckslos, als er voranschwebte und Robinson den Weg wies.

Die Steuerungsanlage für die Lademaschinen war sehr weit von der Kontrollzentrale entfernt. Sie lag an der Oberfläche in der Nähe der Hauptschleuse, ein Viertel der gesamten Äquatorlänge von den Radiatoren entfernt. Die Konverter selbst befanden sich gleichmäßig verteilt unter der Oberfläche. Wenn einer von ihnen explodierte, bestand die Möglichkeit, daß die anderen nicht beschädigt wurden. Ladetunnel verbanden die einzelnen Konverter mit den Materialschleusen. Die Wohnbezirke waren hermetisch abgeschlossen, was natürlich bei einer echten Katastrophe nicht viel nützen würde. Immerhin mußte es auch im Atomzeitalter nicht immer gleich zum Schlimmsten kommen.

Die Kuppel mit den Ladekontrollen bildete einen der wenigen Plätze innerhalb der Station, von denen aus man einen freien Blick auf die Oberfläche hatte. Als man den Asteroiden jenseits der Marsbahn einfing und in Erdnähe brachte, diente sie als Beobachtungskuppel, und selbst heute noch wurde sie manchmal dazu benutzt. Die in die Felsen eingelassenen Treibdüsen waren noch immer betriebsbereit und wurden vor allem dann eingesetzt, wenn eine Kurskorrektur notwendig erschien. Das war oft der Fall, denn die Mondgravitation wirkte sich sehr stark aus. Allerdings hatte Mac nichts damit zu tun, der den Kurs des Asteroiden ebensowenig verändern konnte, wie er in der Lage war, ein Raumschiff zu konstruieren. Nur ein ballistischer Ingenieur vermochte die Verbindung zwischen Kontrollen und Treibdüsen herzustellen.

Die Kuppel war nur klein; sie maß höchstens drei Meter im Durchmesser. Ihre Wände bestanden aus Kontrolltafeln. Ganz unbeabsichtigt hatte Mac ihre Einfachheit stark übertrieben. Das hätte ihm eine Menge Ärger einbringen können, wenn er es nicht gerade mit Robinson zu tun gehabt hätte. Ohne sich über die Folgen im klaren zu sein, weil er sich ihrer nicht bewußt war, begann er zu erklären:

„Mit diesen beiden Hebeln, die auf jeder Kontrolltafel sind, müssen Sie besonders vorsichtig sein. Sie umgehen alle Sicher-heitsvorkehrungen und ermöglichen die sofortige Entleerung eines Konverters, auch wenn seine Ladung noch heiß ist. Im Augenblick könnten Sie grundsätzlich nicht entladen, weil die Konverter noch in Tätigkeit sind — es sei denn, Sie benutzen die bezeichneten Hebel. Im Grunde genommen ist das alles recht einfach. Jede Kontrolltafel bedient einen der Konverter, von denen es zwanzig gibt. Sie sehen alle gleich aus …“

„Dann möchte ich gern wissen, warum nicht eine einzige Kontrolltafel mit Unterteilungen genügt hätte. Eine Art Wähl-scheibe für jeden Konverter.“

Resigniert begann Mac, die Intelligenz Robinsons etwas höher einzuschätzen.

„Es kommt vor, daß gleichzeitig mehrere Schiffe aus verschiedenen Konvertern beladen werden. Da ist es leichter, wenn unabhängige Ladesysteme vorhanden sind. Außerdem arbeitet die Anlage auch im umgekehrten Sinne. Wenn unsere Kunden Rohmaterial anliefern, erhalten sie einen Preisnachlaß. Wir müssen also nach beiden Seiten arbeiten, und dazu noch gleichzeitig mit verschiedenen Maschinen, Konvertern und Schiffen. Ursprünglich war geplant, die Eigenmasse des Asteroiden umzuwandeln, aber es stellte sich heraus, daß dadurch unablässig Kurskorrekturen notwendig sein würden. Aus dieser Zeit stammen noch die vielen Tunnel und Schächte.“

Mac beobachtete sein Gegenüber, während er sprach, aber Robinsons Gesicht blieb ohne jeden Ausdruck. Es war unmöglich festzustellen, was er dachte. Er fuhr also mit seinem Unterricht fort.

Eine Viertelstunde später erschien Smith in der Kuppel und machte keine Anstalten, den Anschauungsunterricht zu unterbrechen. Mac wurde nun noch vorsichtiger, als er ohnehin bereits war. Er hütete sich davor, falsche Informationen zu geben — was, wie sich später herausstellte, sehr klug von ihm war.

Zehn Minuten später beendete er die Lektion.

„Eigentlich benötigten Sie jetzt ein wenig Praxis, aber dazu fehlt uns leider die Gelegenheit. Ich bin nie ein guter Lehrer gewesen, aber die beste Methode, sein eigenes Wissen zu testen, besteht in dem Versuch, es einem anderen weiterzugeben. Ich hoffe, Sie stimmen mir zu, Mr. Smith.“

„Das tue ich allerdings“, sagte Smith, doch seinem Gesichts-ausdruck war nicht zu entnehmen, ob das wirklich seine Meinung war. „Probieren wir also gleich aus, ob Robinson etwas von Ihnen gelernt hat. Sagen Sie, Robinson, wozu ist dieser Hebel da?“ Er deutete auf einen der beiden Nothebel für die heiße Ladung. „Oder hat Mr. Hoerwitz vergessen, Ihnen das zu erklären?“

„O nein, Mr. Smith, den hat er mir zuerst erklärt. Dieser Schalter bewirkt die Entleerung eines Konverters, auch wenn die Produktion noch läuft.“

Auf Smiths Gesicht war für den Bruchteil einer Sekunde so etwas wie Überraschung zu erkennen.

„Und das hat er Ihnen erklärt? Das verwundert mich aber. Ich dachte, er würde solche Dinge übergehen, in der Hoffnung, daß einer von uns einen Fehler begeht, für den wir ihn nicht verantwortlich machen können.“

Mac beschloß, die Bemerkung nicht unerwidert zu lassen.

„Gäbe es überhaupt einen Fehler, für den Sie mich nicht verantwortlich machen würden, Mr. Smith?“

„Wahrscheinlich nicht, darum bin ich froh, daß Sie mich endlich begriffen haben. Ich erspare mir dadurch vielleicht die Notwendigkeit, auch hier einen Wächter zu postieren.“ Er blickte durch die Glaswände der Kuppel zur Erde, die als riesige Sichel am Himmel stand. „Denken Sie nach, Hoerwitz. Gibt es eine Möglichkeit, diese Kuppel zu verschließen, bis die Verladung beginnt? Es wäre für uns beide eine große Erleichterung.“

„Normale Türen haben wir nicht. Aber in den Korridoren der Station gibt es einige Sicherheitsschotte, die man schließen kann.

Sie können manuell bedient werden, wenn sie auch auf eine Veränderung des atmosphärischen Drucks und der Temperatur reagieren. Sie lassen sich allerdings nur schwer wieder öffnen.“

„Hm.“ Smith sah nachdenklich aus. „Gut, ich werde es mir noch überlegen. Robinson, Sie bleiben hier, bis ich mich ent-schieden habe. Sie kommen mit, Hoerwitz.“

Mac gehorchte mit gemischten Gefühlen.

Auf dem Weg in die Wohnquartiere stellte er bedauernd fest, daß sich Smith im schwerelosen Zustand schon ziemlich sicher bewegte. Er machte Fortschritte.

„Sie scheinen wirklich begriffen zu haben, worum es geht“, sagte Smith. „Das ist nur gut für uns beide. Immerhin möchte ich Sie ersuchen, der Kuppel oben fern zu bleiben. Robinson paßt gut auf. Sie werden erst dann wieder in die Kuppel gehen, wenn ich es Ihnen erlaube. Ist das klar?“

„Ganz klar.“

„Gut. Ich persönlich halte nicht viel von Brutalität, aber leider ist unser lieber Jones in diesem Punkt anderer Meinung.

Akzeptieren Sie also die Tatsache, daß ich alle Trümpfe in der Hand halte, dann verderben wir ihm schon den Spaß. Auch klar?“

„Sie haben die Fähigkeit, alles sehr klar auszudrücken, Mr.

Smith. Eine Frage: Wünschen Sie, daß der Konverter sofort nach Produktionsabschluß entladen wird, oder wollen Sie warten, bis auch die anderen soweit sind?“

„Das weiß ich noch nicht. Wohin bringt die Lademaschine übrigens das Material? Nur hier zur Kuppel oder auch an andere Stellen der Oberfläche?“

„Nur zum Landeplatz, tut mir leid. Es wäre ziemlich umständlich, überall Förderbänder zu installieren oder den gefährlichen Stoff gar mit Fahrzeugen in der Gegend herumzukutschieren.“

„Schon gut, mehr wollte ich nicht wissen. Wenn es also sowieso notwendig ist, das Schiff erneut zu verlegen, warten wir noch mit dem Entladen des Konverters. Wir haben dann nur einmal die Arbeit, und außerdem brauche ich das Schiff noch nicht bewachen zu lassen.“

„Sie trauen mir also noch immer nicht, was?“

„Stellen Sie nicht zu viele Fragen, Mr. Hoerwitz. Ich gehe kein Risiko ein, das ist alles.“

Es war durchaus nicht Macs Art, impulsiv zu handeln, aber manchmal tat er es doch.

„Wenn Sie niemals ein Risiko eingehen, dann glaube ich auch nicht, daß Sie mich als einzigen Zeugen Ihres Verbrechens am Leben lassen. Ich müßte meine Mitarbeit eigentlich sofort einstellen und mich erschießen lassen. Das wäre keine sehr erfreuliche Aussicht, Mr. Smith, aber zumindest stürbe ich in der Gewißheit, Ihnen nicht geholfen zu haben.“

„Logisch“, erwiderte Smith mit gerunzelter Stirn. „Ich habe darauf nur zwei Antworten. Die eine kennen Sie: Wir würden Sie nicht einfach nur erschießen. Die zweite wird Sie aufmuntern: Eventuelle Zeugen stören uns nicht. Wahrscheinlich haben Sie zuviele Filme gesehen und zuviel gelesen. Wir haben nun schon einige Tage in dieser Station verbracht. Tragen wir vielleicht Handschuhe, um nirgends unsere Fingerabdrücke zu hinterlassen?

Haben wir die Raumanzüge an, um vielleicht verborgene Film-kameras zu täuschen? Seien Sie unbesorgt, Alter, man wird schon wissen, wer die Station ausgeraubt hat, dazu haben wir schon zuviel auf dem Kerbholz. Wir wollen ungehindert mit unserer Beute fliehen, das ist alles. Ob man uns identifiziert, spielt dabei keine Rolle.“

„Warum aber dann die Namen? Sie wollen mir doch nicht weismachen, daß sie echt sind?“

Zum erstenmal verriet Smith, daß er eines Gefühls fähig war. Er grinste.

„Verschwinden Sie, Hoerwitz, aber schnell! Sehen Sie sich ein Drama von Shakespeare an. Aber vergessen Sie nicht: Halten Sie sich von der Kontrollkuppel fern. Robinson macht kurzen Prozeß.“

5

Hätte sein Finger nicht noch immer geschmerzt, wäre Mac sicherlich ganz glücklich in seinen Wohnraum zurückgekehrt. Er ließ sich vom Luftstrom in seine Hängematte tragen, nachdem er Julius Caesar aus dem Projektor genommen und ein neues Stück eingelegt hatte. Diesmal schlief er nicht dabei ein.

In den folgenden zwei Tagen geschah nichts Außergewöhnliches. Zwischen Mac und den Gaunern entwickelte sich sogar so etwas wie ein freundschaftliches Verhältnis, wenn ihn auch der schmerzende Finger immer wieder an seine wirkliche Lage erinnerte und keine Sympathie für Jones aufkommen ließ.

Manchmal besuchten ihn die Eindringlinge und sahen sich ein Stück an; hinterher diskutierten sie über alles mögliche, nur nicht über Konverter oder Isotope. Smiths psychologisches Spiel schien aufzugehen.

Der große Rückschlag für ihn kam erst zwanzig Stunden vor Perigäum.

Zu dieser Zeit unternahm Mac eine seiner routinemäßigen Kontrollgänge und berichtete, daß der Herstellungsprozeß in zehn bis zwölf Stunden beendet sei. Weiter gab er bekannt, daß er von nun an ständig im Kontrollraum bleiben müsse, weil die Konverter nicht gleichzeitig ausliefen und es besser sei, die automatisch gesteuerte Abkühlung zu überwachen.

„Warum diese Umstände?“ erkundigte sich Smith. „Ich denke, es spielt keine Rolle, was anfangs in den Konvertern war. Macht doch nichts, wenn ein Rest übrigbleibt, wenn sie wieder zu arbeiten beginnen.“

„Ganz so einfach ist das Problem nicht. Grundsätzlich haben Sie recht: Wir handeln nicht nur mit reinen Produkten, vielmehr werden unsere Lieferungen weiteren chemischen Prozessen unterworfen. Trotzdem ist es besser, die Konverter restlos zu leeren, bevor ein neuer Arbeitsgang anläuft. Wenn sich zuviel heißes Material ansammelt, dazu zwischen zwei Arbeitsgängen, kann das gefährlich werden. Stellen Sie sich vor, Isotope der Klassen I und II werden mit IK IV verseucht, dann gäbe es Ärger auf der Erde.“

„Aber diesmal haben wir es doch nur mit Klasse IV zu tun!“

sagte Smith erregt. „Wenn Sie uns nicht hereingelegt haben — aber das glaube ich nicht.“

Sein Gesicht hatte sich verhärtet, und Mac hätte sich am liebsten selbst geohrfeigt. An den Trick hatte er überhaupt nicht gedacht, und nun war es zu spät. Wahrscheinlich wäre er damit sogar durchgekommen. Für einen Laien bestand keine Möglichkeit, die einzelnen Isotope zu unterscheiden, schon gar nicht während der Produktion.

„Alles ein und dieselbe Klasse, schon richtig, aber das ist es ja gerade, Mr. Smith. Der Abkühlungsprozeß muß sorgfältiger als sonst überwacht und nachreguliert werden. Ich bin kein Techniker, aber ich kann mir vorstellen, was passieren müßte, wenn etwas von dem Zeug in die Wasserstoff-Reaktoren sickert. Auf dieses Erlebnis möchte ich lieber verzichten.“

„Aber Sie sind genug Techniker, um damit fertig zu werden.“

„Ich bin ein Knopfdrücker, das ist alles. Ein Techniker wäre hier fehl am Platze und außerdem viel zu teuer. Wenn ich meine Sicherheitsvorschriften beachte, kann nichts passieren.“

„Sicherheit! Wenn der Kram hier in die Luft fliegt, würde es ein paar hundert Jahresgehälter eines Technikers kosten, ihn wieder instand zu setzen.“

„Bestimmt. Darum die ganzen Vorschriften.“

„Und trotzdem erinnern Sie mich immer wieder daran, daß etwas passieren könnte. Wissen Sie was, Hoerwitz? Ich traue Ihnen nicht, kein bißchen traue ich Ihnen.“

„So, tun Sie das nicht?“ Mac verlor allmählich die Geduld. „Sie versuchen mich seit Tagen in eine Falle zu locken, die es gar nicht gibt. Ober haben Sie etwa angenommen, ich ließe mich nicht so leicht einschüchtern? Sie sind keine Fachleute und leicht hinters Licht zu führen. Ich bin es nun leid. Finden Sie doch selbst heraus, ob alles stimmt!“

Smith sah den alten Mann eine Weile forschend an, dann wanderte sein Blick zu Jones.

„Mr. Jones, ich würde vorschlagen, daß wir nun mit Stufe Zwei unseres Planes beginnen. Bereiten Sie alles vor. Und Sie, Hoerwitz, können sich darauf verlassen, daß wir dieses Unternehmen sehr sorgfältig geplant und alle Eventualitäten berück-sichtigt haben. Auch die Tatsache, daß wir in technischer Hinsicht keine Experten sind. Aber vergessen Sie auch nicht, daß Ihre Kontaktstelle auf der Erde bisher keinen Verdacht geschöpft hat, obwohl Ihre Routinemeldungen ausgeblieben sind. Für die nächsten beiden Umläufe sind keine Frachter zu erwarten — das wissen wir auch. Natürlich könnte ein unangemeldeter Tramp hier aufkreuzen, um Rohmaterial anzuliefern — deshalb wollen wir auch so schnell wie möglich fertig werden. Unsere Pläne betrafen auch den Mann, den wir hier antreffen würden, und die Tatsache, daß er dreimal so alt ist wie wir annahmen, beeinträchtigt sie keineswegs. Die erste Stufe haben Sie bereits erlebt, und ich hatte gehofft, die zweite würde nicht mehr nötig sein. Ich habe mich geirrt. Es sei denn, Sie können mir beweisen, und zwar sehr schnell beweisen, daß Sie uns nicht hereingelegt haben oder hereinlegen wollen. Aber denken Sie jetzt schnell, Mr. Hoerwitz. Ich glaube, Mr. Jones steht schon bereit.“

Aber Mac konnte nicht mehr schnell denken, vielleicht hätte er es noch vor vierzig oder fünfzig Jahren geschafft. Er war auch kein Held, und als er sprach, klangen seine Worte wenig überzeugend:

„Klasse IV war in Produktion, als Sie landeten. Es ist nun abgekühlt. Sie können eine Probe im Reaktor Ihres Schiffes testen.“

„Nicht gut genug, die Ausrede. Ich zweifle nicht daran, daß ein Konverter bei unserer Landung wirklich IK IV herstellte. Ich benötige die neue Produktion als Beweis, oder den Beweis dafür, daß wirklich alles in die Luft geflogen wäre, wenn Sie die Sicherheitsvorschriften nicht beachtet hätten.“

„Das kann ich nur beweisen, wenn ich tatsächlich eine Not-situation hervorrufe.“

„Ihr Problem, Hoerwitz. Denken Sie schnell. Jones kommt jeden Augenblick, und wenn er erst einmal hier ist, können wir ihn doch nicht enttäuschen. Der Junge will seinen Spaß haben, das müssen Sie verstehen.“

Smith machte wieder in Psychologie. Er wollte den Manager so einschüchtern, daß er keiner überzeugenden Lüge mehr fähig war.

Aber er war nun einmal kein guter Psychologe, ebensowenig wie er ein guter Techniker war. Er erreichte genau das Gegenteil von dem, was er zu erreichen hoffte. Vielleicht rechnete er insgeheim damit, daß Hoerwitz sich in seiner Angst und Panik verraten würde, aber sicherlich nahm er nicht an, daß er von einer Sekunde zur anderen zum Helden werden konnte — zu einem Helden aus Angst. Und zu guter Letzt vergaß er die Umgebung der Schwerelosigkeit, die für den alten Mann bereits zur Gewohnheit geworden war.

Mac tat etwas, das er nie getan hätte, wäre ihm Zeit zum Denken geblieben. Er stieß sich ab und erreichte im gestreckten Flug die Hauptkontrolltafel, ehe ihn jemand daran hindern konnte.

Mit einem Ruck legte er einen deutlich markierten Hebel um — und in der gleichen Sekunde verlor er jedes Panikgefühl. Die Angst aber blieb.

„Immerhin riskieren Sie keine Kugel in die Kontrollen“, sagte er spöttisch. „Soweit glauben Sie mir also. Jetzt haben Sie Ihren Beweis. Ich habe achtzehn Konverter abgeschaltet, die jetzt abkühlen. Die beiden anderen waren bereits fertig. Wenn Sie den Hebel wieder in seine ursprüngliche Lage zurückbringen, werden Sie glauben müssen, was ich Ihnen über die Sicherheitsvorschriften gesagt habe. Na los, legen Sie ihn um! Es wird nichts passieren, außer daß rote Lämpchen aufleuchten und Ihnen anzeigen, daß sich die Sicherheitsschaltung automatisch aktiviert und alle Zuleitungen blockiert hat. Der Arbeitsprozeß in den achtzehn Konvertern muß ganz von vorn beginnen. Ich bin bereit, das Nötige zu veranlassen, wenn Sie mir den Befehl dazu geben.“

Smith nickte langsam. Er hatte seine ruhige Überlegung zu-rückgefunden und schien überzeugt zu sein, daß Mac die Wahrheit sagte.

„Lassen Sie den Herstellungsprozeß wieder anlaufen“, sagte er fast freundlich. „Danach begleiten Sie mich nach oben in die Kuppel. Wir werden die beiden Konverter entladen. Anschließend können Sie von mir aus zu Ihren Theaterstücken zurückkehren.

Also los …“

Mac war von der Reaktion des Verbrechers so überrascht, daß er widerspruchslos gehorchte. Vielleicht fand er bei Shakespeare etwas, das dieser Situation entsprach. Im Augenblick jedenfalls war er sprachlos.

Jones hingegen wirkte enttäuscht, bis Robinson plötzlich sagte:

„Er stellt die Kontrollen anders als beim erstenmal.“

Smith hob die Augenbrauen, aber Mac, der nicht daran gedacht hatte, ihn hereinzulegen, sagte schnell:

„Wir beginnen ja auch anders. Eine gewisse Umwandlung hat bereits stattgefunden.“

Smith sah den alten Mann lange an, dann nickte er.

Und Mac Hoerwitz hatte plötzlich eine Idee.

6

Nachdem er mit Smith in der Kuppel gewesen war und die beiden Konverter entladen hatte, verpuffte der vorher so großartig erscheinende Plan wieder. Er kam sich vor wie eine wandelnde Leiche. Er hatte zuviel übersehen und zu viele Fehler gemacht. Er sah keine Möglichkeit mehr. Müde und abgespannt schwebte er in sein Quartier, völlig demoralisiert und zum erstenmal ohne jede Hoffnung.

Robinsons ausgezeichnetes Gedächtnis mußte ein wesentlicher Faktor in Smiths Plänen gewesen sein. Wenn er, Mac, die Kontrolle der Konverter bedienen konnte, ohne die eigentliche Funktion zu verstehen, mußte das nun auch Robinson möglich sein. Der entsprechende Anschauungsunterricht war lehrreich genug gewesen. Vom Standpunkt der Verbrecher aus gesehen war Mac Hoerwitz damit überflüssig.

Und was noch schlimmer war — er hatte völlig übersehen, wie wenig stichhaltig Smiths Argumente gewesen waren. Konnte es sich der Verbrecher wirklich leisten, einen Zeugen zurückzu-lassen? Gewiß, die Männer trugen keine Handschuhe und kümmerten sich nicht um Fingerabdrücke — aber warum sollten sie auch? Niemand kann solche Spuren feststellen, wenn nur noch eine gewaltige Gaswolke vorhanden ist.

Wenn es Robinson nicht gelang, die Sicherheitsschaltungen zu umgehen und eine Katastrophe direkt auszulösen, ließ sich das gleiche Ergebnis noch mit einer Tonne IK IV erzielen. Zwar erreichten diese Isotope nicht die höchsten Verschmelzungswerte, aber für den gewünschten Zweck mochten sie ausreichen. Und dann nützte das beste Versteck nichts mehr.

Von seinem ursprünglichen Plan blieb also nur noch der Wunsch, die Verbrecher davon zu überzeugen, daß er nicht um sein Leben fürchtete. Solange sie das glaubten, erwarteten sie von ihm keine Panikhandlungen und würden ihn bis zum Schluß unbehelligt lassen. Kamen sie aber dahinter, daß er mit seiner Ermordung rechnete, würde Smith ihn von Jones erledigen lassen, um kein Risiko einzugehen.

Jetzt mußte er sein Schauspieltalent beweisen. Es hatte wenig Sinn so zu tun, als habe er alles vergessen, was inzwischen geschehen war. Das mußte wenig überzeugend wirken. Auch daß er ihnen verzieh, würden sie ihm nicht abnehmen, schon gar nicht Jones. Auf der anderen Seite war es ebenso gefährlich, nicht vorbehaltlos mit ihnen zusammenzuarbeiten. Vielleicht sollte er sich Hamlet noch einmal ansehen und genau zuhören, was dieser zu den Schauspielern sagte, bevor sie ihr Stück aufführten. Aber sinnlos; er kannte die Szene, Wort für Wort. Außerdem war er wirklich kein guter Schauspieler.

Draußen auf dem Korridor hatte wieder jemand Wache bezogen, was jedoch nichts zu sagen hatte. Es war reine Routine.

Mac schaltete Julius Caesar ein — und zwar dort, wo er zuletzt aufgehört hatte —, und es dauerte nur wenige Minuten, bis Brutus das ganze Problem für ihn gelöst hatte.

Großartig! Kein langes Nachdenken, keine komplizierten Überlegungen, kaum ein Risiko! Macs Bewunderung für Shakespeare stieg ins Unermeßliche, als er bedachte, daß der Meister vier Jahrzehnte vor Isaac Newtons Geburt so etwas geschrieben hatte.

Er schaltete ab. Da noch Zeit blieb, bis er seinen Plan in die Tat umsetzen konnte, beschloß er zu schlafen. Er mußte ausgeruht sein, denn ihm stand eine schwierige Arbeit bevor.

Als er erfrischt aufwachte, bereitete er sich eine kräftige Mahlzeit und hatte schließlich noch sieben Stunden Zeit, bis das Perigäum erreicht war.

Er überprüfte die Kontrollinstrumente, wobei er die Wache vor seiner Tür und im Kontrollraum ignorierte. Die Konverter arbeiteten einwandfrei, aber diesmal ärgerte er sich nicht darüber.

Von ihm aus konnte die Produktion programmgemäß ablaufen — es machte keinen Unterschied mehr.

Fast wäre er automatisch in die Kuppel hinaufgestiegen, aber im letzten Augenblick dachte er an das strikte Verbot. So verzichtete er auf den Blick zur Erde und vertraute auf seine Uhr.

Noch sechs Stunden bis Perigäum.

Erst in viereinhalb Stunden konnte er in Aktion treten. Mac war der Gedanke unangenehm, bis zum letzten Augenblick warten zu müssen, zumal er nicht wußte, wie Smith auf die entscheidende Frage reagieren würde, aber ihm blieb keine andere Wahl. Noch schlimmer wäre es, zu früh damit anzufangen.

Ein Theaterstück ließ drei Stunden verrinnen, aber er hätte später nicht mehr sagen können, was er gesehen hatte. Schließlich aß er noch etwas. Er würde eine Zeitlang außer Tubennahrung nichts mehr zu essen bekommen, wenn alles gut verlief. Wenn es nicht klappte, war dies ohnehin seine letzte Mahlzeit. Er zögerte einen Augenblick vor dem Abspülen, doch es hatte wenig Sinn, seine Gewohnheiten noch zu ändern. Smith war schon mißtrauisch genug.

Nun noch eine letzte Kontrolle, die natürlich ganz normal wirken mußte. Robinson und Brown waren im Kontrollraum und beobachteten ihn. Als er fertig war, wandte er sich um.

„Wo steckt der Boß?“

„Er wird wohl schlafen“, sagte Robinson. „Warum?“

„Er hat mir mal versprochen, ich könnte nach draußen auf die Oberfläche gehen, wenn ich wollte. Ich möchte die Erde beobachten. Wir sind gleich im Perigäum. Aber ich möchte mich natürlich vergewissern, daß er seine Meinung inzwischen nicht geändert hat.“

„Können Sie die Erde nicht von der Kuppel aus sehen?“

„Das schon, aber Smith hat mir den Zutritt verboten. Außerdem ist die Erde von draußen besser zu beobachten, weil sie relativ schnell über den Himmel wandert und bald unter den Horizont sinkt. Ich möchte zum Nordpol des Asteroiden. Dort kreist die Erde praktisch um einen herum, ein wundervoller Anblick. Wenn Smith mir einen Begleiter mitgibt, wird dieser den Ausflug nicht bereuen. Vielleicht kommt er sogar selbst mit.“

„Fragen kostet nichts“, sagte Robinson zweifelnd. „Ich nehme an, das mit der Erde passiert bald …“

„Sehr bald.“ Mac war froh, unauffällig auf die Uhr schauen zu können. „Wir müssen die Raumanzüge noch überprüfen. Und vergessen Sie nicht: Draußen auf der Oberfläche kommen wir nur langsam voran.“

„Wie könnte ich das vergessen! Gut, warten Sie hier mit Brown. Ich frage Smith.“

„Haben Sie außer dem Radio an meinem Anzug nichts beschädigt?“

„Nichts. Sie können ihn ja überprüfen.“

Robinson verschwand, und Mac sagte zu Brown: „Wie wäre es? Um Zeit zu sparen, könnten wir schon zur Luftschleuse gehen und mit der Überprüfung der Anzüge beginnen.“

„Geht nicht.“ Brown nickte in Richtung der Kontrolltafeln.

„Ich muß hierbleiben.“

Mac sah ein, daß jede weitere Debatte sinnlos war. Es dauerte auch nicht lange, bis Smith in Begleitung von Robinson erschien.

Sekunden später kam auch Jones in den Kontrollraum geschwebt.

Smith verlor keine Sekunde.

„Also gut, Mr. Hoerwitz, ich werde Sie begleiten. Haben Sie Ihren Anzug überprüft?“

„Noch nicht.“

„Dann wollen wir uns beeilen. Erklären Sie mir unterwegs, was es draußen zu sehen gibt. Sie haben kein Helmradio und werden einen schlechten Fremdenführer abgeben, wenn wir die Station erst verlassen haben.“

Mac wiederholte seine Schilderung und war gerade fertig damit, als sie die Schleuse betraten. Mit größter Sorgfalt überprüfte er insbesondere die Lufterneuerungsanlage und die Reservetanks, auf die er sich in den nächsten Stunden verlassen mußte. Er hoffte, lange genug damit auszukommen. Der Anzug war in Ordnung.

„Ich habe nur den Spaziergang zum Nordpol erwähnt, weil ich kaum annehme, daß Sie mit etwas anderem einverstanden wären, das ich oft getan habe. Aber jetzt muß ich es Ihnen mitteilen, damit Sie nicht auf falsche Gedanken kommen. An der Stelle, an der die Erde im Perigäum senkrecht über der Oberfläche steht, habe ich einen Spiegel installiert. Damit signalisiere ich manchmal meinen Freunden auf der Erde. Der Spiegel reflektiert die Sonnenstrahlen.

Man kann die Reflexion auf der Erde sogar bei hellem Tageslicht erkennen, natürlich nur dann, wenn die Sonne entsprechend steht.

Das ist heute nicht der Fall, Sie haben also nichts zu befürchten, Mr. Smith.“

„Es war aber sehr klug von Ihnen, mich darauf aufmerksam zu machen, Mr. Hoerwitz. Ich glaube kaum, daß Sie viel unbeobachtet herumwandern werden, und wenn Sie Ihrem Spiegelreflektor fernbleiben, wird Mr. Jones keinen Grund zum Eingreifen haben.

Er wird immer in Ihrer Nähe bleiben, denken Sie daran. Und vergessen Sie auch nicht, daß es nahezu unmöglich ist, einen Mann wiederzufinden, der allein im Weltraum treibt.“

„Die Chance steht zehntausend zu eins, aber ich würde es nicht darauf ankommen lassen“, gestand Mac Hoerwitz. „Was ist, werden Sie mich denn nicht begleiten?“

„Ich habe es mir anders überlegt. Mr. Jones geht mit Ihnen.“

Mac fragte sich, ob er einen Fehler begangen hatte. Er hatte bisher eigentlich nur zwei Unwahrheiten in seine Behauptungen eingestreut, aber es wäre offensichtlich gewesen, wenn Smith Verdacht geschöpft hätte. Andererseits hatte er angenommen, daß Smith ihn nicht nach draußen lassen würde, ohne selbst mitzu-kommen. Wenn Smith also in der Station blieb, warum ließ er den Ausflug überhaupt zu? Aus Menschenfreundlichkeit?

Offensichtlich nicht.

Einen Augenblick lang wünschte sich Mac, die letzte Mahlzeit nicht zu sich genommen zu haben, denn ihm wurde schlecht, als er zu ahnen begann, was Smith plante. Aber dann überkam ihn eine gewisse Resignation, und er sagte:

„Jones, es ist mir ziemlich egal, was draußen mit Ihnen passiert, aber wenn ich an Ihrer Stelle wäre, würde ich auf einen guten Rat hören.“

„Und der wäre?“ erkundigte sich Jones mit verschlußbereitem Helm.

„Wenn Sie glauben, auf mich schießen zu müssen, dann überzeugen Sie sich zuerst davon, daß Sie einen festen Halt haben — oder schießen Sie senkrecht nach oben.“

„Warum denn das?“

„Wie Mr. Smith neulich ganz richtig feststellte, beträgt die Fluchtgeschwindigkeit dieses Asteroiden etwa dreißig Zentimeter pro Sekunde. Soweit ich mich erinnere — ich bin kein Waffenspezialist — erzeugt ein normaler Pistolenschuß einen Rückschlag, der — umgerechnet auf einen Mann im Raumanzug —

eine Fluchtgeschwindigkeit von etwa zehn Sekundenzentimeter erreicht. Sie würden also nicht gerade ins All hinausgeschleudert, aber es könnte schon einige Zeit dauern, bis Sie wieder gelandet sind. Und dann der Ärger, wenn Sie mich beim ersten Schuß verfehlen! Ich habe Sie jedenfalls gewarnt.“

Und er klappte den Helm herunter, ohne eine Antwort abzu-warten, betrat die Luftschleuse und drehte sich um. Er sah, daß Smith und Jones heftig miteinander diskutierten. Wenn er jetzt schnell handelte und die innere Tür schloß, wenn die Luft schnell genug abgesaugt wurde und er schnell genug die äußere Luke öffnen konnte, hatte er mindestens zwei Minuten Vorsprung — Zeit genug, um auf der unregelmäßigen Oberfläche des Asteroiden zu verschwinden.

Gelang es Smith und Jones jedoch, den Ausschleusvorgang rechtzeitig zu unterbrechen, war ihm eine Kugel sicher.

Sein Raumanzug war zwar mit Material für das Abdichten von Löchern ausgerüstet, aber schußfest war er bestimmt nicht.

Vielleicht hätte er auf die Gefahr von Querschlägern hinweisen sollen, von denen in der engen Schleuse Schützen und Opfer gleichermaßen bedroht waren. Aber dazu war es zu spät.

Wenn Mac noch ein oder zwei Minuten Zeit zum Nachdenken gehabt hätte, wäre vielleicht alles ganz anders gekommen, aber so beendeten die beiden Verbrecher ihre Unterhaltung, und Jones verschraubte endgültig seinen Helm und blickte zur Schleuse. In diesem Augenblick kam den drei Männern zu Bewußtsein, daß sowohl Smith als auch Jones keinerlei Abstoßmöglichkeit hatten.

Sie ›standen‹ zwar auf dem Boden, hatten jedoch keine Chance, sich schnell genug in Bewegung zu setzen, um die Schleusenkontrollen noch rechtzeitig zu erreichen. Nur ein erfahrener Null-g-Mann hätte sich helfen können.

Ohne zu überlegen, stieß sich Hoerwitz ab und zog den Hebel nach unten, der den Ausschleusvorgang einleitete.

7

Jones zog seine Waffe und hätte geschossen, wenn ihn die unbedachte Bewegung nicht aus dem Gleichgewicht gebracht hätte. Er drehte sich um sich selbst und versuchte, wieder festen Stand zu gewinnen. In diesem Augenblick leuchtete das rote Schleusenlicht auf. Das Absaugen der Luft begann.

Es dauerte fast sechzig Sekunden, bevor sich die Außenluke öffnete.

Mac wäre am liebsten sofort nach draußen gestürmt, aber wenn man mit einem Energieaufwand, der einen Menschen auf der Erde höchstens um einen Millimeter gehoben hätte, ins All hinausspringen konnte, mußte man auch als Experte vorsichtig sein. Hinzu kam, daß er ohne jeden Halt treibend ein viel zu gutes Ziel bot. Das Problem war nicht, möglichst schnell eine große Entfernung zurückzulegen, sondern einfach zu verschwinden.

Man konnte die Oberfläche des Asteroiden nicht gerade als porös bezeichnen, aber die vielen Kollisionen in den vergangenen hundert Millionen Jahren hatten sie gezeichnet. Es gab zahlreiche Krater und Einschnitte, außerdem von Menschen gesprengte Löcher, die noch aus der Pionierzeit stammten.

Mac segelte kaum fünf Meter von der Luftschleuse entfernt in eine Spalte und war spurlos verschwunden.

Er sah sich nicht um. Es war ihm völlig gleichgültig, ob er verfolgt wurde oder nicht. Vielleicht versuchten es die Männer gar nicht. Auf jeden Fall würde Smith zwei Mann aussenden, um den natürlich nicht existierenden Spiegel zu zerstören und das Schiff zu bewachen. Mac hoffte inständig, daß niemand auch nur ahnte, was er mit dem Schiff vorhatte.

Da er sein Ziel vor ihnen erreichen wollte, mußte er sich beeilen. Hastig arbeitete er sich voran, wobei ihm seine Gewichtslosigkeit zugute kam. Eigentlich war er zu schwach für diese Art von körperlicher Betätigung, aber er hoffte, daß seine Geschicklichkeit den Nachteil wieder ausglich.

Von der Luftschleuse aus gesehen, stand die Erde hoch im westlichen Zenit und hatte ihren Wendepunkt somit fast erreicht.

Die Zeit wurde knapp.

Wenn sie wieder nach Osten zu wandern begann, war der Asteroid noch etwa hundert Grad vom Perigäum entfernt — ein Bogen, für den er in dieser Phase seiner exzentrischen Umlaufbahn etwa eine Dreiviertelstunde benötigte.

Das Vorwärtskommen wurde beschwerlicher, als der Planet hinter ihm hinabzusinken begann. Das Roche’sche Gesetz sah für einen Körper von der Masse und Dichte des Asteroiden eine Grenze von zwanzigtausend Kilometern vor, vom Erdmittelpunkt aus gemessen, und der unsichtbare und unwägbare Einfluß des irdischen Kraftfeldes, in dem der Asteroid herumschwang, mußte ihm bald immer stärker entgegenwirken. Er wollte das Schiff erreichen, ehe dieser Einfluß zu lange angehalten hatte.

Die letzten dreihundert Meter hätten eigentlich die schlimmsten sein müssen, doch eine nicht sehr angenehme Entdeckung erleichterte ihm die weitere Annäherung sehr. Er stellte fest, daß die Männer zwischen Luftschleuse und Schiff ein Kabel gezogen hatten.

Auf diese Weise konnten sie viel schneller vorankommen als er, so daß er vielleicht schon überholt worden war. Entsetzt hangelte sich Hoerwitz an dem Kabel entlang, bis das Raumboot in Sicht kam.

Es war kein Mensch zu sehen, doch der untere Teil des Schiffes lag im Schatten, so daß er nicht sicher sein konnte. Entschlossen hangelte er weiter auf das Schiff zu. Jeden Augenblick rechnete er damit, von einer Kugel getroffen zu werden, aber nichts geschah.

Er war allein.

Das Schiff begann schon zu schweben und stand fast einen halben Meter über der felsigen Oberfläche. Die Gravitationswelle hatte es erreicht und verkehrte sein Gewicht ins Gegenteil. Mac kroch unter die Hülle und stemmte sich mit dem Rücken gegen das abgerundete Metall. Mit aller Kraft, die ihm zur Verfügung stand, drückte er das Schiff nach oben.

Es dauerte eine Minute, bis das Schiff zwei Meter Höhe gewann und er nicht mehr nachhelfen konnte. Immerhin betrug seine Steiggeschwindigkeit nun etwa fünf Zentimeter pro Sekunde, und sie wurde ständig größer.

Zum Glück gab es überall an der Hülle Handgriffe. Mac klammerte sich fest und ließ sich mit dem Schiff in die Höhe tragen. Smith hatte recht gehabt, als er sagte, daß es unmöglich sei, einen im Raum treibenden Mann wiederzufinden. Diese Theorie stimmte natürlich nicht mehr, wenn es sich um ein treibendes Schiff handelte. Wenn er sich weit genug vom Asteroiden entfernte, war er in Sicherheit.

Langsam gewann das Schiff an Höhe. Die Erde kam wieder in Sicht, ein wunderbarer Anblick. Der Asteroid schien zuerst genau auf ihren Mittelpunkt zuzufliegen, aber dann zeigte die Verlängerung seiner Bahn mehr auf den Rand der blau-weiß gesprenkelten Scheibe.

Hoerwitz war hundertundfünfzig Meter hoch, als unten eine Gestalt im Raumanzug sichtbar wurde. Sie hielt sich an dem Seil fest, entdeckte offenbar aber erst jetzt, was geschehen war. Wer immer es auch war — Smith, Jones, Robinson oder Brown, er war so überrascht, daß er das Kabel fahren ließ. Im ersten Augenblick nahm Mac an, daß der Mann verloren sei.

Es schien sich jedoch um Robinson zu handeln, denn er reagierte schnell und intelligent. Er zog seine Pistole und feuerte ins All hinaus. Jeder Schuß erzeugte einen Rückstoß, der den Mann dem Asteroiden entgegentrieb. Schließlich gelangte er in die unmittelbare Nähe eines Radiators und klammerte sich an irgend etwas fest, das Mac nicht erkennen konnte.

Der Mann sah nach oben und entdeckte das treibende Schiff.

Mac war sicher, daß der Bandit keinen direkten Sprung riskieren würde. Wenn sein Empfänger noch funktionierte, hätte er jetzt hören können, was er sagte — sicherlich etwas sehr Interessantes, wenn ihn auch die anderen wahrscheinlich aufgrund der großen Entfernung nicht verstehen konnten. Auch hätte Hoerwitz gern gewußt, ob man ihn auf der Schiffshülle erkennen konnte.

Eigentlich war das anzunehmen, denn der grelle Widerschein der Erde fiel voll auf ihn. Er wurde nicht beschossen, aber das lag wahrscheinlich daran, daß das Magazin leer war.

Mac war enttäuscht, als der Mann am Seil wieder in Richtung Luftschleuse verschwand.

Er atmete trotzdem erleichtert auf. Nun konnte er nur noch warten, nicht mehr. In ein oder zwei Stunden würde man das treibende Schiff bemerken, falls das noch nicht geschehen war.

Eigentlich ein enttäuschender Ausgang des Abenteuers, dachte Mac. Shakespeare hätte das Ende sicherlich dramatischer gestaltet.

Als Smith hörte, was geschehen war, legte er hastig seinen Raumanzug an und ging an die Oberfläche. Er sah das Schiff, berechnete den Kurs und stieß sich kräftig vom Boden ab.

Natürlich hatte er die Umdrehung des Asteroiden und die Gravitationswelle nicht richtig berechnet, und so geriet er vom Kurs ab.

Er verfeuerte seine Patronen bis auf eine, und es gelang ihm schließlich, seine Geschwindigkeit der des Schiffes anzugleichen, wobei er nur fünfzig Meter von ihm entfernt war.

Er konnte Mac Hoerwitz ganz deutlich sehen.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er nicht die Absicht gehabt, den alten Mann zu töten oder gar die Station in die Luft zu jagen, aber das änderte sich nun. Hoerwitz war schuld, daß er sein Schiff verlor, und nicht nur das.

Als das Polizeiaufgebot mit einem schnellen Kreuzer eintraf, wußte Smith noch immer nicht, wie er sich entscheiden sollte.

Er wußte nicht, ob er auf Hoerwitz oder in die entgegengesetzte Richtung schießen sollte.

Mac Hoerwitz selbst konnte ihm keinen Rat geben.

Er hing zwischen den Haltegriffen und schlief.

ENDE